Read the book: «Soad und das Militär»
NAJEM WALI
SOAD
UND DAS MILITÄR
ROMAN
Aus dem Arabischen
ins Deutsche übertragen
von Christine Battermann
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Soad wa al-Askar –
–«.
© 2020 Darstoor, Bagdad
Die vorliegende deutsche Ausgabe wurde
in Zusammenarbeit mit dem Autor vollständig überarbeitet.
Erste Auflage
© 2021 by Secession Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Christine Batterman
Lektorat: Christian Ruzicska,
unter Mitarbeit von Barbara Wahlster
Korrektorat: Peter Natter
www.secession-verlag.com
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde im Rahmen des Programms »NEUSTART KULTUR« aus Mitteln der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Typographische Gestaltung: Erik Spiekermann, Berlin
Satz: Marco Stölk, Berlin
Herstellung: Daniel Klotz, Berlin
ISBN: 978-3-996639-035-4
eISBN: 978-3-96639-036-1
Für die Wiedergabe der Zitate verwendete Übersetzungen:
William Shakespeare: Hamlet. Prinz von Dänemark. Tragödie. Übersetzt von August Wilhelm Schlegel. Herausgegeben von Dietrich Klose, Stuttgart 2001
Rimbaud: Sämtliche Werke. Französisch und deutsch. Übertragen von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann, Frankfurt 1992
Denis Dawydow: zit. nach Henri Troyat: Kopf in den Wolken, München 1979
Die Bibel nach Luthers Übersetzung. Lutherbibel. Revidiert 2017
Die reizende Ophelia. – Nymphe schließ’
In dein Gebet all meine Sünden ein!
SHAKESPEARE, HAMLET
Ophelia ist niemals ertrunken.
Sie liegt als unversehrtes Juwel unter den Trümmern.
MALLARMÉ, DIVAGATIONS
Auf stiller, schwarzer Flut, in der die Sterne schweben, Treibt, einer Lilie gleich, Ophelia entlang, Sehr langsam treibt sie hin, von Schleiern weiß umgeben …– Vom fernen Walde hört man eines Jagdhorns Klang.
RIMBAUD, OPHELIA
Zu viel hab ich geweint um eine Schöne, Zu viel geweint in meinen Nächten ohne Schlaf.
DENIS DAWYDOW
FÜR S. H. – in Erinnerung an einen Frühling, der nicht kam.
Inhalt
AM ANFANG WAR KAIRO
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
EINE ART NACHWORT
AM ANFANG WAR KAIRO
BIS ZU DEM AUGENBLICK, da ich mich von meinem koptischen Freund Mina Roxy Thomas verabschiedet und die Saraya-al-Azbakiya-Straße im Zentrum hinter mir gelassen hatte, hätte meine letzte Kairo-Reise noch als Routinetrip gelten können. Alles war wie bei meinen früheren Besuchen auch. Weder hatte ich etwas erlebt, was es wert gewesen wäre, nun davon zu berichten, noch war in der Stadt irgendetwas vorgefallen, was ihr einen Platz in den internationalen Nachrichten eingeräumt hätte. Von drei kleinen Explosionen einmal abgesehen – einer am Stadtrand, genauer gesagt in Gizeh, und einer weiteren vor dem Justizministerium. Bei der dritten handelte es sich um einen Knallkörper, den irgendjemand in Zamalek vor der Lufthansa-Niederlassung in der Straße des 26. Juli gezündet hatte. Die Warnung des deutschen Außenministeriums Ende Januar 2014, drei Tage vor meiner Abreise, war mir demnach höchst übertrieben erschienen, hatte man deutschen Touristen doch nicht nur geraten, am ägyptischen Wochenende, freitags und samstags also, im Hotel zu bleiben, sondern sich auch noch unter der Woche an einen sicheren Ort zurückzuziehen. Komische Idee, dachte ich, wer verreist denn schon, um seine Zeit im Hotel zu verbringen?
Mein Aufenthalt war von Anfang an wie geplant verlaufen. Ich war für einen deutschen Autor eingesprungen, der seine Lesung im Goethe-Institut Kairo aus Angst kurzfristig abgesagt hatte. Zunächst wohnte ich im Stadtzentrum in der Talaat-Harb-Straße und traf mich dort mit ein paar Freunden. Tagsüber fanden wir uns in der Innenstadt im Café Zahrat el-Bustan zusammen oder im Café Riche, zwei bekannten Treffpunkten für junge und ältere ägyptische Intellektuelle. Abends waren wir meist im Greek Club am Maidan Talaat Harb oder im Restaurant Le Grillon etwas trinken. Ich sah mir die Buchmesse in Nasr City an und spazierte durch Abbasiya, durch Dokki und Bab al-Louk, durch Azbakiya, Tawfikeya und Al-Hussain. Dann folgte mein Umzug ins Hotel Longchamps in Zamalek und die Lesung im Goethe-Institut mit anschließendem Abendessen im Restaurant Aperitivo. Die Lesung war gut besucht, die Präsentation meines neuen Romans ein Erfolg. Er handelt von der Freundschaft zweier Soldaten, eines Amerikaners und eines Irakers, die sich während des Kuwaitkrieges zufällig begegnen. Das Publikum zeigte sich an der Diskussion sehr interessiert, die sich hauptsächlich um die Rolle des Militärs im Allgemeinen drehte. Das Motiv meines Romans schien wie zugeschnitten auf die momentane Lage in Ägypten. Nur ein kleiner Teil der Besucher hielt sich mit Fragen zurück. Am nächsten Tag lud mich Mina Roxy Thomas zum Abendessen ins Hotel Windsor im Stadtzentrum ein, unweit des verkehrsreichen und belebten Maidan Ataba und doch recht abgelegen in einer Nebenstraße. Bei alledem war nichts geschehen, was ich unbedingt jemandem erzählen müsste. Selbst dass meine frühere Geliebte Kismet mich nicht hatte treffen wollen, obwohl wir uns während der gut sechs Jahre seit meinem letzten Aufenthalt in Kairo nicht mehr gesehen hatten – selbst diese Zurückweisung hatte nicht viel zu bedeuten. Dass eine Frau ihrem ehemaligen Freund ein Wiedersehen verweigert, kann einem in jeder beliebigen Stadt der Welt passieren.
Als man mich eingeladen hatte, die Lesung im Goethe-Institut zu übernehmen, fühlte ich eine angenehme Erregung und war neugierig zu sehen, wie mich Kairo diesmal empfangen werde. Seit meinem letzten Besuch 2008 war, wie man so sagt, viel Wasser den Nil hinuntergeflossen. Die ersten drei jener sechs Jahre, die noch der Ära Mubarak angehörten, waren relativ ruhig verlaufen, doch in den drei Folgejahren, genauer vom 25. Januar 2011 bis hin zu meiner Reise, hatten sich die Ereignisse überstürzt. Die Revolution, der sogenannte Kairoer Frühling, war über die Stadt hereingebrochen, aufregend für die Jugend, die, wie es schien, bereit und verzweifelt genug war, den Protest als eine Art Action zu betrachten, mit der sie nachholen konnte, was ihr unter Mubarak verboten war. Ich hatte die Ereignisse über die Medien verfolgt, und jetzt, als ich die Stadt durchstreifte, war ich enttäuscht. Was nicht etwa daran lag, dass ich auf der Suche nach außergewöhnlichen Geschichten zur Revolution keine einzige starke gefunden hätte, nein, es lag an mir selbst. Von mir war ich enttäuscht, weil ich mich unbewusst meiner Angst überlassen hatte, als wäre ich ein Tourist, der der Warnung des deutschen Außenministeriums brav Folge leistete. Die Nächte in meinem Hotel im Stadtzentrum, jeweils etwa zweihundert Meter vom Maidan Tahrir und dem Maidan Talaat Harb entfernt, verbrachte ich größtenteils wach, auf jeden Schritt lauschend und stets die Tür im Auge. Nie werde ich den Moment vergessen, als ich wegen eines Geräusches hochschreckte, das ich für eine nahe Explosion gehalten hatte, dann aber auflachen musste, als ich ein paar Katzen fauchen hörte, die beim gemeinsamen Kampf aufs Blechdach des Nebengebäudes gesprungen waren. Auch ich übertreibe also, sagte ich mir, genau wie jene Journalisten, die von der »spürbaren Gefahr und Anspannung« geschrieben hatten, die sie in den Straßen wahrnahmen. Das gestand ich dann auch am nächsten Abend meinem koptischen Freund Mina Roxy Thomas, der mit zwei Bekannten im Restaurant des Windsor auf mich wartete. Der eine von ihnen, ein britischer Mittdreißiger namens Samuel Horokis, arbeitete in einem Städtebauunternehmen. Die andere, Irina, war gerade dreißig geworden und russischer Abstammung, besaß jedoch die französische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitete damals für eine christliche Organisation, die sich Asmaa nannte, was »Namen« bedeutet, und Familien frühgeborener Kinder fachlichen Rat und pädagogische Betreuung anbot. Ich sei selbst überrascht, wie sehr ich mich von den Übertreibungen, mit denen die Medien die Situation in Ägypten und speziell in Kairo schilderten, hätte beeinflussen lassen, erklärte ich den dreien offenherzig. »Deine Reise ist ja noch nicht zu Ende, warte mal ab!«, sagte Mina Roxy Thomas daraufhin. Ich wusste nicht, ob dieser Satz als Kommentar oder Warnung gedacht war. Doch als Mina mir an der Kreuzung Mohammed-Bek-Al-Alfi und Zakareya-Ahmed zum Abschied die Hand reichte, um anschließend in Richtung Orabystraße zu verschwinden, wiederholte er seine Aussage. Kaum aber hatte ich die Saraya-al-Azbakiya-Straße mit ihren zahlreichen Cafés und Restaurants hinter mir gelassen, um auf die Straße des 26. Juli zuzugehen, geschah, was alle meine bisherigen Überlegungen zu der Reise über den Haufen warf. Ich hörte hinter mir Schritte.
Zunächst vermutete ich, zu viel getrunken zu haben, und hielt diese Schritte, die auf dem Weg quer durch die sich auf beiden Straßenseiten drängenden fliegenden Händler ihren Rhythmus dem meinen anzupassen suchten, für die eines jener Touristenjäger, die in den späten Abendstunden immer unterwegs waren. Doch waren solche Leute für gewöhnlich nicht eher an Frauen interessiert? Hatte sich Irina nicht eben noch über derartige Belästigungen beklagt und Mina Roxy Thomas gebeten, ihr ein paar ägyptische Schimpfwörter auf einen Pappkarton zu schreiben, den sie bei Bedarf ihren Nachstellern unter die Nase halten wollte? Obwohl doch niemand von diesem mageren, scheuen und höflichen jungen Mann verlangen konnte, irgendwelche Schimpfwörter niederzuschreiben! Dies und Ähnliches schoss mir nun durch den Kopf. Auf jeden Fall fragte ich mich, ob diese Schritte, die mich zu verfolgen schienen, nicht einfach von einem der Tausenden von Marktbesuchern stammen mochten, auch wenn das rhythmische Geräusch auf dem Gehsteig gutes Schuhwerk verriet. Aber warum sollte dessen Besitzer nicht etwa ein wohlhabender Ägypter sein? Und warum sollte der nicht auch, genau wie ich, Richtung Maidan Falaki in Bab al-Louk gehen, um seinen Abend in einem Café zu beschließen, zum Beispiel im El Horryia, das spätabends immer rappelvoll war?
Natürlich dachte ich darüber nach, mich umzudrehen und einen Blick auf die Person zu werfen, die ihre Schritte den meinen rhythmisch anglich. Beinahe hätte ich meinen Gang beschleunigt, wäre ich mir nicht lächerlich vorgekommen. »So weit ist es also schon gekommen mit deinen Halluzinationen!«, dachte ich. Als sich die Schritte aber nun regelrecht an meine Fersen hefteten und ich die Geräusche der fremden von denen meiner eigenen Schuhe kaum mehr unterscheiden konnte, hörte ich plötzlich eine Stimme, die mir vertraut erscheinen wollte, deren Besitzer ich aber nicht sogleich identifizieren konnte, etwas in mein Ohr flüstern. Ich war also nicht betrunken, es ging tatsächlich um mich, und dieser Mann forderte mich nun auf, links in die nächste Gasse einzubiegen! Wie seltsam, dachte ich mir. Und hätte ich mich nicht an die Stimme erinnert, wäre ich wahrscheinlich losgerannt oder hätte um Hilfe gerufen. Zumindest aber wäre ich seiner Aufforderung, ihm einfach zu folgen, gewiss nicht nachgekommen. Dank einer schwach glimmenden Laterne, die in jener engen Gasse brannte, konnte ich Gesicht und Statur des Mannes genauer in Augenschein nehmen und fand mich in meiner Vermutung bestätigt.
Es war Simon Syros, der mysteriöse Amerikaner, wie er bei all seinen Bekannten hieß. Ich hingegen hatte damals, als wir uns kennengelernt hatten, nichts Mysteriöses an ihm gefunden und ihn auch nie so genannt.
Ja, Simon und kein anderer stand in jener Nacht vor mir. Weder der Mantel, den er trug und der in Wahrheit einem Dschilbab ähnelte, noch der um seinen Hals geschlungene braune Schal, weder die dunkle Brille, noch die gestreifte Kappe auf seinem Kopf, die mich an ägyptische Schwarz-Weiß-Filme aus den Sechzigerjahren denken ließ, ja, nicht einmal der Bart, den er sich hatte stehen lassen, noch seine leicht verstellte Stimme – alles in allem, wie ich bald erfahren sollte, Versuche einer Tarnung – hatten mich daran gehindert, ihn wiederzuerkennen.
Ein paar Sekunden verharrten wir in jener kleinen Gasse. Wir umarmten einander, schließlich hatten wir uns gut dreizehn Jahre nicht gesehen. Allerdings vollkommen geräuschlos. Wer uns dort hätte stehen sehen, hätte sich gewundert, dass wir, anders als üblich, keinerlei Überschwang der Wiedersehensfreude zeigten. Simon flüsterte mir nur ins Ohr, dass er sich nicht länger in der Gegend aufhalten könne und dass wir besser seine Unterkunft aufsuchen sollten. Bevor ich, in der Annahme, er wohne noch immer in Zamalek, erwidern konnte, dass wir uns doch ein Taxi nehmen sollten, gebot er mir mit dem Zeigefinger zu schweigen. Dann zog er mich mit sich fort.
Wir ließen erst eine Gasse hinter uns, dann die nächste, bogen in zwei weitere ab, hier links, hier rechts, wieder rechts und wieder links, immer weiter durch die Nacht. Er ging schnell, zügig, zielstrebig, während ich mich an seiner Seite zu halten suchte. Ich hatte keine Ahnung, welchen Weg wir nahmen oder wo wir schließlich landen würden, und verließ mich auf seine Führung. Er kannte sich in dieser Gegend aus, vor allem kannte er die Lokale. Auch wenn er die meisten von ihnen in jener Zeit, als wir uns kennengelernt hatten, nie frequentierte, hatte er gern in einem von ihnen, dem Restaurant Arabesque mit seiner angeschlossenen Bar, Klarinette gespielt. Gewohnt hatte Simon damals stets in Gegenden, die von hier, wo wir jetzt herumliefen, weit entfernt lagen. Das Viertel hatte sich seitdem stark verändert. Wer in diese Gassen vordringen wollte, musste vor allem seine Sinne schärfen. Simons Art, sich fortzubewegen, sein wiederholtes Umwenden, deutete darauf hin, dass er erwog, verfolgt zu werden. Er hatte sich eine innere Landkarte erschaffen und im Gedächtnis bewahrt. Wie ein Schachprofi konnte er Dutzende Züge kombinieren. Kairo hatte im Auge dessen, der die Stadt nach einer gewissen Zeitspanne wieder aufsuchte, einen enormen Wandel erlebt. Einzig seine Einwohner hatten diese Veränderung erst vor drei Jahren wirklich wahrgenommen, als sie sich, eines Morgens beim Aufwachen, plötzlich ohne die Ordnungskräfte des Staates wiederfanden. Meine persönlichen Erinnerungen an Kairo erschienen mir nun wie ein Fotoalbum aus längst vergangenen Zeiten, in denen junge Paare Hand in Hand über die Nil-Promenade flanierten, die Mädchen in kurzen Röcken, die jungen Männer mit langem Haar und in engen Jeans. Man saß damals auf den Terrassen der offenen Cafés, lachte und genoss seine Freizeit. Heute war alles anders. Der religiöse Fanatismus hatte inzwischen das Land wie eine Epidemie überfallen, und zugleich glichen die Straßen, Gassen und Gässchen, durch die wir gerade zogen, einem offenen Markt, wo fliegende Händler von jedem noch so kleinen Stück Gehsteig Besitz ergriffen hatten. Wer für seinen Tisch keinen Platz mehr hatte finden können, musste improvisieren und Plastikplanen, große Tücher oder Pappstücke direkt auf den Boden ausbreiten, um seine Ware feilzubieten. Verkauft wurden Kleidung, Spiele und Elektroartikel, hier und da Dosen mit Softdrinks oder Esswaren, vor allem Ful und Taamiya. In dieser Gegend war die Landflucht der Ägypter mit Händen zu greifen. Aber, anders als ich zunächst vermutet hatte, war diese nicht der Grund dafür, dass die Einwohnerzahl Kairos in den letzten Jahren um ein Vielfaches angewachsen war, die Menschen hatten sich früher schlichtweg auf Friedhöfen, Müllkippen und den ringsum liegenden Hügeln niedergelassen und es nur selten gewagt, bis in die Stadt vorzudringen. In den letzten drei Jahren jedoch war dies vermehrt geschehen. Im Stadtzentrum war der Staat abwesend, seine Machtstrukturen zerfallen, die Polizei kaum präsent. Allein das Militär und seine Panzer waren überall gegenwärtig. Die Militärs hatten zunächst nicht in die Proteste eingegriffen und abgewartet, bis der Hass der Jugend gegen die Muslimbrüder aufgeflammt war. Damit war ihr Moment gekommen. Sie hatten das Vakuum genutzt, die Schwäche des Staates und der Polizei, um ihre Macht zu demonstrieren und als Beschützer der Protestierer auf den Plan zu treten.
Als wir nun endlich in eine menschenleere, enge dunkle Gasse traten, in der ein einziger Lichtstrahl von einem Balkon auf uns herableuchtete, blieb Simon stehen. »Komm mit hinauf!«, sagte er mit seiner nun natürlichen Stimme und wies auf ein Hotelschild an dem besagten Balkon. »Exquisite Getränke habe ich keine zu bieten, aber wir teilen, was ich habe.«
Das Layali al-Qahira gehört zu jenen Hotels, für die Kairo einst berühmt war. Die meisten dieser Etablissements belegen den ersten, zweiten oder noch höher gelegenen Stock eines in einer Sackgasse errichteten Gebäudes. Unterkünfte wie diese des Nachts zu betreten, ist für jemanden, der Kairo nicht kennt, beängstigend. Tagsüber lässt es sich vermeiden, mit dem alten, meist Angst einflößenden Lift nach oben zu fahren. Nachts allerdings wird es schwierig, die Treppen zu nutzen, auf denen die Bawwabs der Firmenbüros schlafen, die mehrere Stockwerke eines solchen Gebäudes belegen. Diese Häuser wurden Ende des neunzehnten oder Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet – geräumig, bequem und größtenteils vornehm gestaltet. Doch der einsetzende Tourismus mit seinen neuen Reisezielen zu diversen Badeorten und den Ufern des Nils sorgte dafür, dass die Hotels im alten Kairo ihren Glanz verloren und ihr Niedergang einsetzte. Sie füllten sich allmählich mit Gästen, die vom Land kamen oder als ledig lebende Angestellte aus Kairo selbst stammten oder als alleinstehende Frauen aus anderen Städten der Arbeit wegen hergezogen waren. Im Zuge dessen teilte man die alte Architektur neu auf, verkleinerte die einst großzügig gehaltenen Räume, riss Wände ein und baute zusätzliche Zimmer auf den Fluren, den Dächern, den Balkonen. Das Vienna Hostel etwa, meine Unterkunft während der ersten Tage meiner Reise, und das Windsor, wo ich noch ein, zwei Stunden zuvor etwas getrunken hatte, liefern Beispiele für das Leben im alten Kairo. Hier hatten sich bis in die Achtzigerjahre hinein die Vergnügungslokale und Bars aneinandergereiht, Seite an Seite mit Nachtclubs, in denen auf Bühnen gesungen und getanzt wurde, während die Gäste im Zuschauerraum vor ihren Getränken und Appetithäppchen saßen und zuhörten.
Das Hotel Layali al-Qahira wirkte, als könne es jeden Moment in sich zusammenbrechen. Selbst die steinernen Stufen, die zu Simons Zimmer hinaufführten, schienen unter unseren Tritten zu zerbröseln. Glücklicherweise ließen die vier oder fünf Männer, die sich in ihren oberägyptischen Dschilbabs und Kufijas mit Pappen als Betten auf den Treppenabsätzen schlafen gelegt hatten, den Gästen des Hotels einen kleinen Durchgang. Vielleicht war ihnen auch bewusst, dass der Aufzug nicht funktionierte – falls es überhaupt einen gab, mir war jedenfalls bei meinen beiden Besuchen dort keiner aufgefallen. Als wir die Treppen hinaufgingen, wirbelten wir mit jedem Tritt eine kleine Staubwolke auf, sodass ich mir größte Mühe geben musste, nicht zu niesen. Selbst die Wände und Decken im Hotel waren von einer dichten Staubschicht überzogen.
Simons Zimmer schließlich ähnelte einer Gefängniszelle, wie man sie aus dem Kino kennt oder einige von uns sie auch tatsächlich erlebt haben. Der Raum war klein und dunkel. Das Bett, auf dessen Rand ich mich setzte, besaß keine Pfosten, die Matratze war nicht bezogen, die drei kleinen Kissen und die Bettdecke ebenso wenig. In einer Ecke befand sich ein winziger Tisch. Toilette und Bad lagen auf dem Gang. Dass Simon, der früher höchst komfortabel in einer mehr als hundert Quadratmeter großen Wohnung in Zamalek gelebt hatte, deren Architektur dem Pariser Jugendstil verpflichtet war, nun in diesem Hotel in einem solchen Zimmer nächtigte, wunderte mich. Was mich allerdings noch mehr erstaunte, war der kleine Kocher auf dem Tischchen. Alles deutete darauf hin, dass er es vermied auszugehen und sich sein Essen selbst zubereitete. Die wenigen Teller und Löffel, die Gewürze und zwei angebrochene Tüten Zucker und Salz verstärkten diesen Eindruck.
»Nun siehst du, wohin es deinen Freund verschlagen hat«, sagte er und stellte sich ans Fenster, von dem sich, als er es öffnete, Staub erhob. »Hätte ich es dir in einem Café erzählt, hättest du mir nicht geglaubt.«
»Wie dem auch sei«, antwortete ich, »nun sehe ich es ja.«
»Wie dem auch sei«, nahm er meinen Satz auf Hocharabisch auf, »wir müssen unser Wiedersehen nach all den Jahren feiern.«
»Das machen wir, mein Freund!«, erwiderte ich lächelnd und neugierig darauf, was er in den vergangenen dreizehn Jahren erlebt haben mochte.
Am letzten Abend, an dem ich Simon gesehen hatte, war ich, wie an den Abenden zuvor auch, wegen meiner Geliebten Kismet ins Restaurant Arabesque gegangen. Sie sang hier hin und wieder mit einer Band aus drei Instrumentalisten, die Riq, Gitarre und Klarinette spielten. Mit Ausnahme des Klarinettisten, Simon, weiß ich ihre Namen nicht mehr, ich hatte aber auch kaum Kontakt zu ihnen. Wie gewöhnlich saßen Kismet und ich an jenem Abend an einem reservierten Tisch und warteten auf Simon, der sich noch schnell von seinen Kollegen verabschieden wollte. Als er wenige Minuten später erschien, sah ich ihn jedoch direkt auf einen an der Bar sitzenden elegant gekleideten Mann zusteuern, der, was mir merkwürdig erschien, der schummrigen Beleuchtung zum Trotz eine dunkle Sonnenbrille trug. Sein Alter war schwer zu schätzen, auf jeden Fall war Simon deutlich jünger als er. Tatsächlich hatte ich diesen Mann hier noch nie gesehen. Bei einem Getränk unterhielten sich die beiden. Der Mann hatte ein Glas Orangensaft vor sich stehen, Simon hingegen trank, wie üblich, ein Glas Rotwein. Während ihres gesamten Gesprächs kehrten uns die beiden den Rücken zu. Waren die Handbewegungen des Mannes aufgeregt? Ich bin mir nicht sicher. Dann sah ich plötzlich, wie er Simon am Arm festhielt und die Rechnung unterschrieb. Anschließend verließen sie gemeinsam die Bar.
Das hatte sich, soweit ich mich erinnere, im Frühjahr 2001 zugetragen. Ich hielt mich damals wegen einer Recherche über Tabus im arabischen und europäischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts etwas länger in Kairo auf. Nach besagtem Abend rief ich Simon mehrmals an, aber er nahm nie ab. Als ich schließlich seine Wohnung in Zamalek aufsuchte, sagte man mir, er lebe dort nicht mehr. Wohin er gezogen war, konnte mir der Bawwab nicht sagen. Die Concierge jedoch, Sitt Inayat, die zufällig zugegen war, ließ, als sie meine Frage vernahm, eine Bemerkung fallen: »Vielleicht arbeitet er ja heute bei Gott.« Hätte Kismet mir daraufhin nicht versichert, es sei dies nicht das erste Mal, dass Simon verschwunden war, hätte ich die Polizei gerufen oder gleich die amerikanische Botschaft alarmiert. Kismet hatte damals seit zwei oder drei Jahren schon an manchen Abenden mit der Band gesungen, wie sie mir sagte, und sie und ihre Musiker waren mindestens zweimal von Simons Abwesenheit überrascht worden: »Ganz plötzlich war er verschwunden, ohne ein Wort zu sagen!« Und jedes Mal hatte Simon tags darauf eine knappe Nachricht hinterlassen, dass er in ein paar Wochen zurück sei, wobei er auch nach seiner jeweiligen Rückkehr keinen überzeugenden Grund für sein plötzliches Verschwinden genannt hatte. Als Entschuldigung musste stets das Wörterbuch herhalten, an dem er seit Jahren arbeitete. Es habe ihn, so Kismet, gezwungen, hin und wieder zu verreisen. »So ist es halt mit ihm, er kommt und geht, wie er will«, seufzte sie. Wenn ich mich dann, bei meinen weiteren Kairo-Reisen, nach ihm erkundigte, machte sie nie einen Hehl aus ihrer Verwunderung über sein Benehmen. Ich erinnere mich noch an eine ihrer Bemerkungen, die mir lange in den Ohren nachklang und mich vorsichtig hatte werden lassen, vor allem, da die Beziehung zwischen ihr und mir gerade in eine kritische Phase getreten war: »Frag nicht nach ihm, sonst heißt es noch, du bist ein amerikanischer Spion!«
Und jetzt, nach all den Jahren, sah ich ihn wieder, Simon, den mysteriösen Amerikaner! Er hatte den Geschichten anderer gelauscht, nie jedoch etwas von sich selbst preisgegeben. Vielleicht lag darin der Grund, dass man ihn den mysteriösen Amerikaner nannte. Ich hätte ihn damals höchstens »Simon, den Dandy« genannt, da er stets einen weißen Anzug trug, ein weißes Hemd, ein weißes Einstecktuch und rote, auf Hochglanz polierte italienische Schuhe, und weil er nie, auch an den heißesten Sommertagen nicht, ohne eine entsprechend elegante Krawatte zu sehen war.
Mir war es, was er auch wusste, nie verdächtig vorgekommen, dass er neben seiner Tätigkeit als Verfasser eines Wörterbuchs noch weitere Berufe ausübte. Es hatte damals geheißen, er habe im Café Riche mit Leuten zusammengesessen, die in Nagib Mahfus’ Romanen Harafisch genannt werden, womit jene Clique gemeint ist, zu der Schauspieler, Dichter, Künstler, Ex-Militärs und andere zählten, die sich in ihren Freiheiten nicht beschränken lassen wollten. Was mich betraf, so fand ich sein Verhalten manchmal ein wenig sonderbar, weiter ging ich in meinen Interpretationen nicht. Als hätte ich auf diesen heutigen Moment gewartet, als hätte ich damals schon gewusst, dass der uns bekannte Simon, der anderen immer zugehört und die Menschen, die er kennenlernte, immer voller Neugier darum gebeten hatte, ihre Seelen vor ihm auszubreiten, eines Tages selbst an der Reihe sein würde, von sich zu erzählen.
Ich fragte ihn nicht, wo er all die Jahre gewesen sei, da ich ahnte, dass er mich gesucht und gefunden hatte, um es mir mitzuteilen.
»Tut mir leid, dass du in solch einer Lage bist«, meinte ich mit einem Seitenblick auf einige verstreut auf seinem Bett liegende ägyptische Zeitschriften. Was wohl eine Verlegenheitsbemerkung meinerseits war, da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, und fürchtete, dass unsere Blicke sich kreuzen könnten. Damit er den Satz nicht als Mitleidsbekundung verstand und sich ganz gegen meine Absicht gedemütigt fühlte, fügte ich hinzu: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dich nach all diesen Jahren wiederzusehen!«
Wohl weil er nicht wollte, dass ich mich von den Schlagzeilen der offen daliegenden Zeitschriften ablenken ließ, die über die Öffnung und Durchsuchung des Grabes einer bekannten Schauspielerin berichteten und den Diebstahl eines einzigartigen Gemäldes aus einer Londoner Galerie erwähnten, sammelte er sie rasch ein und legte sie auf die kleine Kommode neben dem Bett. Doch statt ihn zu fragen, seit wann er denn Boulevardmagazine und Promiklatsch lese, musste ich plötzlich laut auflachen. Als er mich daraufhin erstaunt anblickte, wies ich darauf hin, dass er in seinen Kleidern wie ein oberägyptischer Bawwab aussah.
»Besser gesagt wie ein Bettler«, lachte er nun seinerseits und legte Mantel und Kopfbedeckung ab, sodass sein blondes Haar zum Vorschein kam. In mein Sichtfeld geriet auch eine kleine Pistole, die er wie die Geheimagenten im Film unter der Achsel trug. Es störte ihn offensichtlich nicht, dass ich die Waffe sah, vielmehr nahm er sie aus dem Holster und legte sie wie selbstverständlich aufs Bett. Anschließend entnahm er einem Schränkchen, das unter dem Kocher stand, eine Flasche Johnnie Walker Black Label, goss uns davon zwei Gläser ein, reichte mir eines und stieß mit mir an.
»Wie in alten Zeiten!«, sagte er charmant, als wolle er mir zu verstehen geben, trotz seiner Lage von seinem Leichtsinn nichts verloren und unsere Freundschaft nicht vergessen zu haben. »Nur ohne Eis«, fügte er noch lächelnd hinzu, und spielte damit auf den Scotch an, mein bevorzugtes Getränk, das er damals in seiner Wohnung gern für mich bereitgehalten hatte.
Simon allerdings begnügte sich nicht mit einem einzigen Glas, sondern schenkte uns immer wieder nach, bevor wir überhaupt ausgetrunken hatten. Als Trinker kannte ich ihn nicht. Früher, in der Bar Arabesque, hatte er gern Rotwein bestellt, nur in seiner Wohnung in Zamalek hatte er, mir zuliebe, meist Whisky getrunken. Ich hatte plötzlich wieder seine kleine Bar mit ihren diversen Getränken vor Augen, die kaum angerührt waren. Damals hatte er das mit der Erklärung kommentiert, Amerikaner und Engländer würden sich solche Flaschen als Anlass für ein Gespräch hinstellen, um über die Art der Getränke zu reden, ihre Jahrgänge und wo man sie erstanden hat. Er hatte nie ein besonderes Faible für Whisky oder andere harte Getränke, für Wein aber schon. Und jetzt? Jetzt trank er seinen Whisky wie Wasser. Eine gute halbe Stunde lang kippte er ein Glas nach dem anderen in sich hinein, während ich noch immer bei meinem zweiten war. Erst nach seinem fünften Glas offenbarte er mir, worum es ging.
»Ich bin in Gefahr, mein Lieber«, sagte er ganz unvermittelt. Der Anflug von Trauer, der in seiner Stimme mitschwang, spiegelte sich auch in seinen Zügen wider. »Ich kenne außer dir niemanden, der mir noch helfen kann«, sagte er dann sehr leise. »Dass ich dich getroffen habe, ist ein Geschenk des Himmels.«
»Wie hast du mich überhaupt gefunden?«, fragte ich, während er mir mein nicht einmal halbleeres Glas wieder füllte. Er blickte mich an. Einen Moment lang glaubte ich in seinen Augen jenen Menschen zu erkennen, den ich von früher her kannte: den Klarinettisten und Lebenskünstler Simon Syros.
»Ich habe im Internet von deiner Lesung erfahren«, sagte er und schenkte sich das nächste Glas ein. Er habe dann, so führte er aus, mehrere Tage auf die Gelegenheit gewartet, allein mit mir zu sprechen. Genau gegenüber dem Goethe-Institut habe er im Café Zahrat al-Bustan gesessen und auf das Ende der Veranstaltung gewartet, schließlich sei er uns mit einem Taxi gefolgt, bis wir ausstiegen und ins Restaurant Aperitivo gingen. Dabei habe er an ein dreizehn Jahre zurückliegendes Treffen mit mir im selben Gebäude denken müssen, das jedoch nicht im Aperitivo stattgefunden hatte, sondern in der Bar La Bodega, im selben Stockwerk gegenüber, einer Bar, die seit geraumer Zeit renoviert wurde. Er wusste, dass das Goethe-Institut seine Gäste im Hotel Longchamps unterbrachte, und er wusste auch, dass ich das Hotel nicht vor zehn Uhr morgens, wenn die Frühstückszeit endete, verlassen würde. Seit zwei Tagen war er mir auf Schritt und Tritt gefolgt, ohne dass ich ihn bemerkt hätte. Die beste Gelegenheit hatte sich für ihn an diesem Abend ergeben, im Gewimmel des belebten Marktes, inmitten der fliegenden Händler, im wirren Netz der engen Gassen. Auf meine Frage, warum er nicht zu meiner Lesung gekommen sei, lächelte er über meine »Naivität«, wie er es nannte, und fragte zurück: »Wie hätte ich das tun können, wo allein an diesem Abend drei Geheimagenten anwesend waren: einer von der Nationalen Sicherheit, ein zweiter vom Militärnachrichtendienst und ein dritter von der Geheimpolizei.« Und das habe auch für das Café Zahrat al-Bustan gegolten, für das Restaurant Estoril, ja selbst für die Stella Bar beziehungsweise den »Sumpf«, wie einige Literaten sie nennen, ganz zu schweigen vom Le Grillon, dem Treffpunkt zahlreicher Künstler, Autoren und Intellektueller.
»Du kennst diese Typen nicht«, sagte er, »aber glaube mir, ich kenne sie genau.«
Wir schwiegen eine Weile. Als die Flasche leer war, stand Simon auf und ging wieder zu dem Schränkchen. Anders als ich vermutet hatte, entnahm er ihm aber keine weitere Flasche, sondern ein Päckchen, das sorgfältig in violettes Papier eingeschlagen und mit einem schwarzen Band umwickelt war.
»Nimm das, du weißt, was mit diesen Aufzeichnungen zu tun ist«, sagte er, und streckte mir das Päckchen entgegen. »Wenn du sie gelesen hast, wirst du wissen, warum mein Leben in Gefahr ist. Und wenn du sie nicht liest, möchte ich dich bitten, sie wenigstens aufzubewahren.« Er nahm die leere Flasche und warf sie in einen kleinen Abfallbeutel. Dann sah er mich an und sagte: »Jetzt musst du gehen, sonst wird es zu spät. In Gegenden wie dieser hier ist es nachts gefährlich. Es ist anders als früher. Falls du bemerkst, dass dir jemand folgt, nimm ein Taxi und verschwinde nach Zamalek!«
»Heißt das, wir sehen uns nicht wieder?«, fragte ich verunsichert.
»Das hängt von dir ab«, entgegnete er und sah mich an, als wolle er sich meiner alten Neugier vergewissern. Auf meine vielleicht von Verwunderung oder aber auch von Stolz über das mir entgegengebrachte Vertrauen gezeichnete Frage, warum eine weitere Begegnung nur von mir abhing, wo ich doch in drei Tagen abreisen wollte, sagte er schlicht: »Mach dir keine Sorgen!«, und wiederholte dann noch einmal, dass es »ein Geschenk des Himmels« für ihn sei, mich gefunden zu haben. Seine Augen ruhten noch immer auf mir, und dann, nach einer kurzen Pause, setzte er hinzu: »In drei Tagen werde ich abends um sieben Uhr im Café El Horryia auf dich warten, natürlich in der Hoffnung, dass dein Flug erst spät geht.«
»Sehr spät sogar, um halb drei nachts«, log ich.
»Wunderbar!« – er lächelte mich an und zitierte anschließend einen meiner klassischen Lieblingsdichter, Tarafa ibn al-Abd: »Die Tage werden dir sagen, wovon du nichts wusstest.»
Und damit schloss er unsere Unterhaltung, ganz so, als verstünde es sich von selbst, dass ihm, jetzt, da ich im Besitz des Päckchens war, keine Gefahr mehr drohte. Als ich Simon am Ende des langen dunklen Flurs vor seiner Tür umarmte, hatte ich den merkwürdigen Eindruck, dass er nicht mehr die Züge eines leichtsinnigen Kindes besaß, die ich früher an ihm gekannt hatte. Das Leuchten in seinen grünen Augen war erloschen. Er war gealtert, Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben. Seine Art, mich zu umarmen, das Zittern seiner Hände, als er nach der Pistole gegriffen hatte, um sie wieder unter seine Achsel zu schieben, bevor wir uns schließlich verabschiedeten, weckten in mir die Gewissheit, von ihm tatsächlich eine Geschichte zu erfahren, und mir war plötzlich klar, dass ich nichts anderes zu tun hatte, als ihm zuzuhören. Kairo hatte sich verändert, und Simon Syros auch!
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ZUM ERSTEN MAL hatte ich Simon Syros Ende der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts während meines zweiten, für sechs Monate geplanten Aufenthalts in Kairo getroffen. Kurz zuvor, drei Wochen nach meiner Ankunft, hatte ich Kismet kennengelernt, was mich schließlich dazu bewog, meinen Aufenthalt um mehr als ein Jahr zu verlängern. Nie zuvor war es mir in den Sinn gekommen, eine Beziehung zu einer arabischen Frau einzugehen, geschweige denn zu einer verheirateten! Kismet und ihr Mann lebten in Helwan, einer Stadt unweit von Kairo. Hin und wieder besuchten die beiden das Restaurant Le Grillon im Zentrum. Als ich Kismet, die ganz natürlich als schöne dreißigjährige Frau im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ihrer Tischnachbarn stand, dort zum ersten Mal sah, dachte ich noch, sie und ihr Mann hätten zufällig am gleichen Tisch Platz genommen, an dem auch ich gemeinsam mit ein paar ägyptischen Bekannten saß. Dass Kismet unbedingt darauf bestand, neben mir Platz nehmen zu wollen, hielt ich, ein Fremder und der einzige Nichtägypter in der Runde, zunächst für eine Form des Respekts und der Gastfreundschaft. Später jedoch, wir hatten inzwischen zusammengefunden, gestand sie mir, es sei für sie Liebe auf den ersten Blick gewesen, sie habe mich schon beim Betreten des Restaurants erspäht und zu ihrem Mann gesagt: »Wir müssen uns an diesen Tisch setzen!« Und dies, obgleich die beiden mit einem Sänger verabredet waren, der sich mit einer Stunde Verspätung noch zu uns gesellte. Damals war es mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass wir uns ineinander verlieben und eine Beziehung eingehen könnten, wie sie dann, mit all ihrer Sinnlichkeit, Zuneigung und Leidenschaft, über mehrere Jahre Bestand haben sollte. Ich sah Kismet nur selten an, und wenn sich mir die Gelegenheit bot, sprach ich mit ihr. Ja, ich beneidete ihren Ehemann Mamduh um diese schöne Frau, und mir fiel auf, dass Kismet die Männer an unserem Tisch faszinierte: Jede Bemerkung, jedes Lächeln, jeder Blick, alles zielte auf sie. Und sie war zu allen freundlich, blieb aber auf charmante Weise distanziert, und damit erinnerte sie mich an jenen Typ Frauen, der selbst bestimmt, von wem sie begehrt werden wollen. Etwas Ähnliches habe ich wohl, wenn auch nur dunkel, an jenem Abend gespürt, als Kismet neben mir Platz genommen hatte. Dass ich wegen einer Recherche über Tabus in der Literatur nach Kairo gekommen war und mich noch etwas länger hier aufhalten wollte, griff sie als Gelegenheit auf, mich wiederzusehen. Sie wollte mir, wie sie sagte, eine interessante Persönlichkeit vorstellen und schlug mir vor, doch Ende der Woche im Restaurant Arabesque zu einem Konzert zu kommen.
Mir war nicht klar, dass Kismet, die an einem Mädchengymnasium unterrichtete, hin und wieder in vornehmen Restaurants als Sängerin auftrat. Die meisten Ägypter mussten sich wegen der niedrigen Gehälter etwas hinzuverdienen, und Kismet hatte eine schöne Stimme. Die Band, mit der sie auftrat, spielte »niveauvolle, moderne« Lieder und bestand aus drei Musikern »aus aller Welt«. Der erste, ein Nigerianer, spielte Riq, der zweite, ein Spanier, Gitarre, und der dritte, ein Amerikaner, ein »netter junger Mann namens Simon Syros«, Klarinette. »Der wird dir gefallen.« Und »der« war auch derjenige, den sie mir vorstellen wollte. »Ein Sprachforscher wie du«, meinte sie. »Jung« war Simon Syros damals allerdings schon nicht mehr. Er hatte wenige Wochen zuvor seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert. Doch wenn man ihn traf und mit ihm sprach, versprühte er eine gewisse Jugendlichkeit. Er ähnelte, wie man bei uns sagt, einem jungen Mann, der die Welt auf die leichte Schulter nimmt. Er war, dies erfuhr ich gleich an unserem ersten Abend nach dem Konzert im Arabesque, Linguist und hatte zahlreiche Sprachen studiert, darunter Arabisch. Hier in Kairo wollte er einen Traum verwirklichen, auf den er seit Jahren hingearbeitet hatte: die Herausgabe eines Weltwörterbuches.
Damit war mein Interesse an ihm geweckt, und so fragte ich nach, für welches Fachgebiet dieses Wörterbuch denn sein sollte und was er mit »Welt« meinte. Es gehe, so erläuterte er mir, um die Sprache von Soldaten aus verschiedenen Ländern, um deren Übereinstimmungen und Abweichungen. Genauer erklärte er sich nicht. Er sprach an diesem Abend nur von einem »großen Vorhaben«. Ich drang diesbezüglich auch nicht weiter in ihn, mir reichte das zarte Gefühl der Freundschaft, das uns vom ersten Moment an verband, und zwar nicht allein wegen unseres gemeinsamen Interesses an Sprachen, wie Kismet vermutet hatte.
Nach jenem ersten Konzert saß ich häufig als Gast im Arabesque und hörte der Band zu, und anders als seine beiden Kollegen, die nach ihrem Auftritt meist weiterzogen, um in der Al-Haram-Straße zu spielen oder nach Alexandria zu fahren, wo sie bei Tagesanbruch in einer der dortigen Bars musizierten, leistete Simon Kismet und mir dann gerne noch Gesellschaft. Hin und wieder verließen wir das Restaurant auch gemeinsam, um den Abend woanders fortzusetzen. Manchmal gingen wir in seine Wohnung in Zamalek, jenem eleganten, von reichen Ägyptern, Europäern und Amerikanern bewohnten Viertel, das wegen seines Flairs und der vielen luxuriösen Bars und Restaurants berühmt ist, seltener auch in meine Wohnung in Dokki, einer populären Gegend, bekannt für ihre einfachen, aber schönen Märkte.
Während unserer jahrelangen Freundschaft kam Simon kein einziges abschätziges Wort zu meiner Beziehung mit Kismet über die Lippen. Im Gegenteil, er warnte uns manchmal, wenn er vom Besitzer des Arabesque erfahren hatte, dass ihr Mann dort auftauchen würde. Einmal äußerte er sich mir gegenüber mit der Bemerkung, Mamduh trete in die Fußstapfen des Pelzhändlers aus Lawrence Durells berühmtem Roman Das Alexandria-Quartett. Als ich ihn fragte, worauf er anspiele, sagte er leichthin: »Nun, er macht es wie dieser und läuft vor lauter Eifersucht mit einer Pistole hinter dir her. Aber sei beruhigt, denn es gibt da noch eine Übereinstimmung: Die Pistole ist nicht geladen!«
Kaum war ich aus der Tür des Hotels Layali al-Qahira getreten, ging ich durch die Straßen und Gassen als trüge ich eine Zeitbombe unterm Arm. Ganz zu schweigen von der angstvollen Vorahnung, die mich auf Schritt und Tritt verfolgte, man könne mich aufhalten und festnehmen, von der Angst, in eine Geschichte hineingezogen zu werden, deren Folgen ich nicht absehen konnte, von der Angst, in die Fänge von Häschern zu geraten, deren Ziel ich aus einem anderen Land nur allzu gut kannte, einem Land, das ich längst hinter mir gelassen habe, und diese Angst, sie ließ mich selbst dann nicht los, als ich in Bab al-Louk in ein Taxi stieg. Und während ich den Fahrer bat, doch loszufahren und mich nach Zamalek ins Hotel Longchamps zu bringen, starrte ich ihn an, als vermutete ich in ihm einen jener Hintermänner der Macht, die möglicherweise in dieser Nacht meine Verfolgung aufnehmen würden. Bei meiner Ankunft im Hotel ließ meine Furcht nicht nach. Von meinem Schlaf in jener Nacht wollen wir erst gar nicht reden.
Drei Tage lang blieb das kleine, elegante Päckchen unangetastet auf dem Tisch in meinem Hotelzimmer liegen, wo ich es in der Nacht nach meiner Begegnung mit Simon abgelegt hatte. So neugierig ich auch gewesen sein mochte: Ich zögerte, es zu öffnen. Das zarte violette Papier, das schmale schwarze Band, die Sorgfalt, mit der es verpackt war – keinen Moment zweifelte ich daran, dass dies das Werk der Hände einer Frau war. Doch wer konnte diese Frau sein? Seit ich Simon kannte – kannte ich ihn denn? -, hatte ich kein einziges Mal mitbekommen, dass er eine Freundin gehabt oder von einer Frau gesprochen hätte. Unsere einstigen Gespräche hatten sich um fast alles gedreht: um Bücher, den Unterschied zwischen dem Leben im Westen und im Osten, die Lebensweise in Amerika und Ägypten, um New York und Kairo, Manhattan und Zamalek, die Begeisterung der Europäer für Länder, deren junge Bewohner bei erstbester Gelegenheit in den Westen abhauen, um den Krieg zwischen den USA und dem Irak, diejenigen zwischen Arabern und Israelis und die zahlreichen anderen Kriege auf dieser Welt und all die widerwärtigen Waffenhändler, die diese erst ermöglichen, um die europäische, die nordamerikanische und die aus dem Orient stammende Literatur, vor allem um deren Romane, denn, meinte Simon, über Lyrik zu reden, sei sinnlos, »Lyrik«, sagte er im gleichen Atemzug, »schreibt man, aber man spricht nicht darüber«, womit nicht gesagt war, dass er selbst Gedichte verfasste, nein, »Lyrik« betonte er, »ist ein inneres Bedürfnis, das sich dem Verstehen widersetzt«, aber bei all diesen Gesprächen, in denen wir meist unterschiedlicher Meinung waren, erwähnte er kein einziges Mal eine Frau, eine Freundin, eine Geliebte, eine Ehefrau oder wenigsten eine frühere Beziehung. Nur von seinen beiden Schwestern sprach er hin und wieder. Die eine hatte einen Rabbiner geheiratet und war zum Judentum konvertiert, die andere einen gläubigen Iraner und war Muslima oder Khomeini-Anhängerin geworden. Aber abgesehen von seinen beiden Schwestern und von seiner Mutter hatte Simon mir gegenüber nie eine Frau in seinem Leben erwähnt. Seine Mutter, wie er mir einmal erzählte, hatte nicht aufhören wollen, unter dem für sie befremdlichen Verhalten ihrer Kinder zu leiden, was nach dem Tod ihres Mannes, den ein Herzinfarkt dahingerafft hatte, nur noch schlimmer wurde, weil sie den Schock, von dem ihr Mann erfasst worden war, als er begriffen hatte, wohin es mit der Familie Syros gekommen war, für sein Herzversagen verantwortlich machte.
Tatsächlich hat es genau zwei Frauen gegeben, die ich je in Simons Begleitung getroffen habe. Die eine, Sarah, war eine ziemlich unglückliche Mittdreißigerin aus Australien. Sie war, wie sie mir an einem Abend im Restaurant Estoril erzählte, ursprünglich nach Kairo gekommen, um einen Film über weibliche Genitalverstümmelung zu drehen. Sie hatte sich in einen jungen ägyptischen Journalisten namens Hamdi verliebt, der sie nach sechs Monaten sitzengelassen hatte. Sie wollte ihn unbedingt zurückgewinnen, war überzeugt, dass ihre Geschichte noch nicht vorbei war. Die Monate gingen ins Land, ihre Produktionsfirma kündigte ihr per Brief den Vertrag, »da Sie nun nach einem Jahr mit den Filmaufnahmen noch nicht einmal begonnen haben«, woraufhin sie schockartig begriff, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war und dass sie selbst keinen Cent mehr in der Tasche hatte und nicht mehr in ihr Land zurückkonnte. Sie weinte viel. Sie weinte ganze Tage lang. Sie weinte auch, als sie mir an jenem Abend im Estoril ihre Geschichte erzählte. Wie ein Bruder habe Simon ihr immer wieder zur Seite gestanden, sagte sie. An eine Rückkehr nach Australien mochte sie nicht denken, bevor die Geschichte mit Hamdi nicht abgeschlossen war. Dabei wusste sie, dass diese Geschichte bereits seit zwei Jahren abgeschlossen und ihr Kampf vergeblich war. Wir saßen damals zusammen, kurz nachdem Hamdi wütend das Restaurant verlassen hatte. »Nicht einmal seine Rechnung hat er bezahlt«, klagte sie unter tränenerstickten Seufzern, während sie mit hoffnungsleeren Augen Richtung Ausgang blickte.
Die zweite der beiden Frauen war Mrs Rose, eine Britin der alten Garde, Ende siebzig oder vielleicht sogar schon über achtzig. Ihr genaues Alter war schwer zu schätzen, was ebenso gut an ihrer Lebhaftigkeit liegen mochte wie an ihrer aristokratischen Eleganz, die an das Kleiderangebot für ältere Damen im Londoner Kaufhaus Harrods erinnerte. Mrs Rose – denn mit »Miss« wollte sie nicht angesprochen werden – bewohnte eine Suite in einem alten Kairoer Hotel, ich glaube, dem Lotus in der Talaat-Harb-Straße. Zwei- oder dreimal hatte ich sie in Simons Begleitung in der Bar des Windsor gesehen. Ich erinnere mich, dass sie sich jedes Mal mit einem Glas Martini und einer Bloody Mary begnügte und anschließend darauf bestand, die Rechnung für unseren Tisch zu übernehmen. Während unserer Unterhaltung sprach sie nie über die Gegenwart. Ihre Äußerungen drehten sich allein um die Vergangenheit, um das Kairo von einst, um die gute alte Zeit, wo Frauen mit schönen Frisuren und schicken Kleidern auf den Boulevards promenierten und man auch unter den Gästen der Clubs oder bei den legendären Konzerten von Sitt Um Kulthum noch Frauen hatte finden können. Bei keinem Gespräch versäumte sie es, ein paar alte, teilweise schon recht zerknitterte Schwarz-Weiß-Fotos hervorzukramen, um ihre Gesprächspartner von dem Glanz vergangener Zeiten zu überzeugen. Selbst die britischen Pfundnoten, mit denen sie in der Bar bezahlte, waren alte Geldscheine, die in Großbritannien nicht mehr gedruckt wurden. Mrs Rose war Anfang der Fünfzigerjahre, wenige Wochen vor der Julirevolution, mit ihrem Ehemann, my darling, auf Hochzeitsreise nach Ägypten gekommen. James war damals Mitte zwanzig gewesen und hatte als Bauingenieur gearbeitet, während sie, gerade achtzehn geworden, in der Firma ihres Vaters beschäftigt war, die sich auf den Export von Whisky spezialisiert hatte. Am zweiten Tag ihres Besuchs waren die beiden zu den Pyramiden gefahren. Die Straße dorthin war damals nur von Pflanzungen gesäumt. Bei ihrer Ankunft in Gizeh waren außer ihnen keine Touristen zugegen. Mrs Rose’ geliebter James jedoch, ein Spaßvogel, der sie gern ein wenig foppte, lief, kaum waren sie am Eingang zu den Pyramiden angekommen, von ihr fort, erklomm die kleine Anhöhe zur Sphinx und verschwand hinter dem Steinbild. Mrs Rose hörte ihn noch rufen, doch je näher sie der Anhöhe kam, desto ferner klang seine Stimme, bis sie schließlich ganz verstummte. Unglücklicherweise folgte ein heftiger Sandsturm. Doch was hatte das mit James’ Verschwinden zu tun? Mrs Rose wusste es nicht. »Suddenly my darling disappeared«, sagte sie nur. Ganz allein musste sie mit dem Buick, Baujahr 1950, den sie gemietet hatten, zurück ins Hotel fahren. Zunächst hatte sie noch gedacht, ihr geliebter James wolle sie nur wieder einmal necken und werde später wieder im Hotel auftauchen. Was er aber weder an jenem Tag noch an einem der folgenden, weder in jener Woche noch in einer der folgenden, weder in jenem Monat noch in einem der folgenden, weder in jenem Jahr noch in einem der folgenden tat. Seitdem saß sie in Kairo und harrte seiner Rückkehr. Trotz verschiedener Anträge hatte sie nie wieder geheiratet. Das Andenken an die Flitterwochen mit James durfte unter keinen Umständen getrübt werden. In der Hotelsuite, die sie vor einem halben Jahrhundert gemietet hatten, wartete sie auf seine Rückkehr. »James will come back, you know«, sagte sie, nachdem sie ihre Geschichte mit trauriger, doch verträumter Stimme zu Ende erzählt hatte.
»Ja«, sagte ich tröstend, »eines Tages wird er wiederkommen.«
Mit Ausnahme dieser beiden Frauen, die eine jung, die andere betagt, die junge unglücklich, die betagte zwar mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen in ihrer eigenen Vergangenheit, aber doch voller Leben und stets mit einem Lächeln auf den Lippen, welches daher rühren mochte, dass sie mit der Erinnerung an eine erfüllte Liebe lebte – mit Ausnahme dieser beiden hatte ich Simon nie in Begleitung einer Frau gesehen. Selbst bei Kismets und meinen Besuchen bei ihm zu Hause war uns nichts aufgefallen, was auch nur auf die sporadischen Besuche einer Frau hingedeutet hätte. Für Kismet war dies gleich augenfällig, auch wenn sie es mir erst kurz vor unserer Trennung offenbarte, als sie mich doch tatsächlich fragte, welche Art Freundschaft mich mit Simon verband. Eine, ehrlich gesagt, böse Frage, doch ich fand darauf nur eine spöttische Antwort, schließlich betrachtete ich die Abwesenheit von Frauen in Simons Leben als seine Privatangelegenheit, die mich nichts anging.
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich vor dem Tisch saß oder ihn umkreiste, das Päckchen ansah und überlegte, was für eine Überraschung es wohl bergen mochte. Ich wusste, dass es Aufzeichnungen enthielt, aber ich wusste nicht, in welcher Beziehung Simon zu diesen Papieren stand, die, da war ich mir sicher, nicht von ihm stammten. Er hatte versucht, mich in seine Angelegenheiten hineinzuziehen. Auch wenn er wusste, dass dies gefährlich war. Oder gerade deswegen. In dem Versuch, die Angst, die mich gepackt hatte, zu zerstreuen, blieb ich vor dem Tisch stehen und fixierte das Päckchen nicht nur, sondern betastete es von Zeit zu Zeit, drückte mit den Fingern darauf, als könnte eine Berührung mir etwas über dessen Inhalt verraten. Solange das Päckchen verschlossen auf dem Tisch lag, konnte ich, falls mich jemand fragen sollte, schlicht und einfach antworten: »Es liegt da an seinem Platz, nehmen Sie es doch einfach mit!« Aber was, wenn ich es einmal geöffnet hatte? Bedeutete dies nicht, dass ich zum Zeugen einer Geschichte geworden wäre, bevor ich sie überhaupt kannte?
Tag für Tag treffen wir auf zahlreiche Menschen, sei es im Haus, in dem wir wohnen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder Spazierengehen, im Büro, beim Arzt oder auch in der Schlange vor einem Kino oder Theater, und sicher hat jeder Einzelne von ihnen seine eigene, besondere Geschichte zu erzählen. Man bräuchte den Menschen nur ein Ohr zu leihen, um Erzählungen zu vernehmen, auf die man nie gekommen wäre. Ungeachtet dessen, wie stark, wie wichtig oder berührend diese Geschichten sein mögen, beginnen die Leute sie mitzuteilen, sobald man ihnen zuhört. Allerdings verblassen sie dann meist auch wieder genauso schnell, wie sie vernommen wurden, nur selten bleibt von ihnen etwas in der Erinnerung lebendig. Das Ohr, das sie gehört hat, empfängt eine weitere, andere, neue Geschichte, die die Spuren der alten löscht. Anders aber verhält es sich mit jenen raren Erzählungen, die uns aufgebürdet werden, wenn jemand, den wir kennen, auf uns zukommt und uns bittet, seine Geschichte nicht nur anzuhören, sondern an ihr teilzuhaben.
Wie sehr ich doch an jenen drei Tagen versuchte, das Päckchen, zumindest zeitweise, zu ignorieren! Ich ließ es auf dem Tisch liegen, damit es mir so vertraut würde wie die übrige Einrichtung des Zimmers. Ich legte es nicht an einen geheimen Ort, wo meine Hände unvermutet darauf hätten stoßen können und ich mich folglich mit ihm hätte beschäftigen müssen. Wer verborgen sein will, darf sich nicht verbergen, das weiß man gut. Dann aber war da noch eine andere Erkenntnis: Dieses Päckchen bewirkte anscheinend, dass ich unruhig schlief, früher als sonst aufstand, zeitiger frühstückte und – ganz gegen meine Gewohnheit bei anderen Reisen und Hotelaufenthalten – nicht erst eine halbe Stunde vor Ende der Frühstückszeit aus dem Bett kam. Um das Päckchen also zeitweise zu vergessen, vermied ich es, im Zimmer zu bleiben. Ansonsten starrte ich das Päckchen ständig an, und ich fragte mich, ob ich dies eher mit dem Blick eines Arztes tat, der seinen Patienten in Augenschein nimmt, oder mit dem eines Spezialisten für die Räumung von Kampfmitteln. Zugleich war ich mir der Verantwortung bewusst, die Simon mir aufgebürdet hatte.
Ich war also viel in Kairo unterwegs und besuchte Viertel und Cafés, in denen ich nie zuvor gewesen war. So frei umherzustreifen erlaubte mir, Kairo im Abglanz seines revolutionären Frühlings zu sehen. In den Straßen hingen Transparente mit Lobpreisungen des Militärs und immer wieder auch große Porträts von dessen Führer mit Sonnenbrille, auf denen er dazu ermuntert wurde, sich doch bei den nächsten Wahlen um die Präsidentschaft zu bewerben. Im Stadtzentrum, vor allem in der Gegend um den Maidan Tahrir, um das Ägyptische Museum und die Garden City, wo sich neben der amerikanischen Botschaft auch die Amerikanische Universität befindet, drängten sich Militärkolonnen und Polizeikräfte der Inneren Sicherheit.
Simon wusste um meine Neugier. Bis jetzt hatte ich niemanden enttäuscht, der mir seine Geschichte anvertrauen wollte. Warum sollte ich da ihn im Stich lassen? Uns verband eine Freundschaft, die ich als sehr besonders empfand, und dies verlieh mir die Gewissheit, dass er mit seinen Bemühungen, mich auf die Seite jener Frau zu ziehen, die ihm dieses Päckchen überlassen hatte, Erfolg haben werde.
Nun gut, nachdem ich das Päckchen drei Tage lang auf dem Tisch im Zimmer meines Hotels hatte liegenlassen, war es zum Mittelpunkt meines Lebens geworden. Ich verpasste meinen Abreisetermin und öffnete es.
2
ERSTES HEFT
Verlorene Kindheit
ANFANGS GEFIEL ES GAWAHIR GAR NICHT, ihre Töchter mit dem Vater ausgehen zu lassen. Das war nichts Neues, denn sie wusste bereits seit ihrer Scheidung, dass das einzige Mittel, ihren Mann zu bestrafen, darin bestand, irgendwie zu verhindern, dass er seine Töchter sah. Weil jedoch die drei Mädchen selbst, vor allem Soad, die mittlere, ihre Mutter so sehr bedrängten, gab diese schließlich nach und bat ihren Ex-Mann nur, sich diesmal vor den Militärfahrzeugen in Acht zu nehmen: »Die Leute sagen, sie haben die Straßen besetzt.« Mit dieser Warnung lag Gawahir nicht falsch. Zum vielleicht ersten Mal versuchte sie ihre Töchter nicht daran zu hindern, auszugehen, weil sie sich an deren Vater rächen wollte, sondern weil sie sich tatsächlich Sorgen um ihr Wohlergehen machte.
Es war ein heißer Julitag. Seit die Einwohner Kairos drei Tage zuvor von einer ungewöhnlichen Bewegung in den Straßen erwacht waren, hörten sie im Radio nur noch Militärmärsche. Man sprach von einem historischen Tag, von der Revolution der Freien Offiziere im Namen des Volkes. Die Stadtmitte war noch voller Armeefahrzeuge, erzählten sich die Menschen, die von dort kamen, weil sie ihre Arbeitsplätze verlassen hatten, um zu Hause Schutz zu suchen. Nie zuvor hatten sie so viel Militär in den Straßen gesehen. Selbst die Gesichter der Älteren, die noch den Ersten Weltkrieg miterlebt hatten, wirkten verängstigt. Niemand wusste, wer für und wer gegen die Revolution war. Was das Militär betraf, so war klar, dass seine Aufgabe darin bestand, zu kämpfen. Aber bewaffnete Zivilisten? An welcher Front sie standen, vermochte niemand zu sagen. Zwar versicherten sie den Menschen, ihnen würde nichts geschehen, sie sollten nur umsichtig und ruhig bleiben, doch der Anblick, den die Stadt bot, war beängstigend.
Anders sah es in Bulaq aus. Im Viertel war es völlig ruhig, als stünde es in keinerlei Beziehung zum Rest der Stadt, als sei es seit seiner Entstehung am Ostufer des Nils ein von ihr losgelöster Hafen. Der Verkehr lief normal, die Autos fuhren wie gewohnt durch die Straßen, die Passagierboote und Lastkähne pflügten durch den Fluss wie an allen anderen Tagen auch. Selbst am Ufer von Bulaq hatte es in den letzten zweiundsiebzig Stunden keine ungewöhnlichen Bewegungen gegeben. Tags zuvor erst waren die Mädchen in der Abenddämmerung mit ihrer Mutter und deren neuem Ehemann, dem Schulrat Abd al-Mazhar Hafiz, spazieren gegangen. Wie stets zur Zeit des Sonnenuntergangs war das Nilufer zur Promenade von Liebespaaren und Familien geworden, die den Wind des kühler werdenden Tages genossen. Auch am dritten Tag nach der Revolution hatte man wie sonst gearbeitet. Sogar die einundzwanzig Salutschüsse der militärischen Artillerie hatte man vernommen. Es hieß, ein neues Zeitalter habe begonnen, der König sei abgesetzt und außer Landes gebracht worden. Im Land herrsche eine neue Regierung und mir ihr neue Gesetze. Man sprach von einer Republik, von einer geplanten Landreform, von der Abschaffung des Kolonialismus, von der Errichtung einer starken Armee, von sozialer Gerechtigkeit und von einem gesunden demokratischen Leben.
Die Nachrichten, die sich in diesen Tagen überschlugen, hatten Bulaq offenbar noch nicht erreicht. Hier lag der aus den Gassen dringende Rauch der Haschischzigaretten in der Luft, hier hatten die Eiscafés ihre Türen geöffnet, was auch der Grund sein mochte, warum die drei Mädchen so versessen darauf waren, mit dem Vater auszugehen. Seit sie nicht mehr mit ihm zusammenlebten, hatte ihre Mutter ihnen immer wieder eingebläut: »Wenn euer Vater, dieser Verräter, kommt, geht ihr nicht mit ihm mit!«
Letztendlich jedoch hatte sie ihre Töchter nicht überzeugen können, und zwar nicht, weil der Vater ihnen stets ein Eis versprach, sondern weil die drei Mädchen sich jeden Abend vor dem Einschlafen geschworen hatten, selbst zu entscheiden, ob sie mit dem Vater mitgingen oder nicht. Der Vorschlag dazu stammte von Kauthar, der Ältesten, und Soad hatte ihm gleich zugestimmt. Nur auf Sabah mussten sie intensiver einwirken, denn sie war noch zu klein, um solche Dinge zu verstehen, und außerdem ziemlich faul. Die Mädchen gingen davon aus, dass sie auch diesmal an vielen Kneipen und Bars auf ihrem Weg Halt machen würden, bei der San James Bar etwa oder dem Solt, wo ihr Vater, das wussten die Mädchen, besonders gern länger verweilte. Er legte dort immer eine Pause ein, holte sein altes Akkordeon aus dem Kasten, begann zu spielen und forderte seine Töchter auf zu singen. Das Solt war sowohl Restaurant und Konditorei als auch Ausschank. Deshalb musizierte der Vater dort am liebsten. Er selbst bekam ein alkoholisches Getränk – an den Tagen, an denen der Inhaber gut gelaunt war, auch zwei – und die Mädchen so viele Süßigkeiten, wie sie wollten. Doch zu ihrer Überraschung ging der Vater in dieser Julihitze einfach daran vorbei. Soad dachte zuerst, es sei ja noch mitten am Tag und der Vater mache hier lieber erst am Abend Halt, zwischen zehn und ein Uhr nachts, wenn die Bar zum Treffpunkt eines ganz speziellen Typs von Männern wurde. Der Vater bezeichnete diese Männer als große Literaten, Dichter, Intellektuelle und Journalisten. Am deutlichsten erinnerte sich Soad an einen freundlichen Glatzkopf mit Brille. Er hieß Si Chamis. Später sollte sie erfahren, dass er tatsächlich ein großer Poet war. Er hatte sich einmal lobend über ihre Stimme geäußert und gesagt: »Dieses Mädchen wird einmal ganz groß herauskommen!«
Zu ihrer großen Überraschung aber blieben sie diesmal weder vor dem Solt stehen noch vor dem al-Mahrusa, einer berüchtigten Quelle für Pressenachrichten und bevorzugter Treffpunkt der Notabeln aus den Familien Yakan und al-Manistrali, noch vor der Petersburg-Bar gleich gegenüber. Nicht einmal vor den Cafés hielten sie wie sonst auf ihren Rundgängen an, dem Port Fuad etwa, wo die Gäste an Tischen auf dem Gehsteig saßen, oder dem Port Nur an der Ecke Bulaq- und Soliman-Pascha-Straße. Das war seltsam, ebenso seltsam wie die Tatsache, dass ihr Vater nicht wie sonst von der Mutter verlangt hatte, ihnen alte, abgerissene, aber saubere Kleider anzuziehen, um seine Kunden mitleidig zu stimmen. An diesem heißen Julitag hatte er die Mutter aufgefordert, ihre Töchter baden zu lassen, sie hübsch anzuziehen und mit ihrem besten Parfum zu besprühen. Sie sollten aussehen »wie Prinzessinnen«. Gawahir war wütend geworden und hatte ihn angefahren: »Meine Töchter sind Prinzessinnen!« Als sie schließlich das Haus verlassen hatten und nicht mehr unter der Aufsicht der Mutter standen, trieb ihr Vater sie unaufhörlich an. Warum er heute so nervös war, wusste Soad nicht, und genauso wenig wusste sie, warum er solchen Wert auf hübsche Kleidung gelegt hatte.
An diesem Tag, der für Soads künftiges Leben bestimmend sein sollte, ahnte sie nichts von dem, was sie und ihre Schwestern erwartete, als sie das große Gebäude an der Corniche in Zamalek, gleich in der Nähe des alten Ankerplatzes, erreichten. Obwohl sie schon fast neun Jahre alt war, konnte sie weder lesen noch schreiben. Hätte sie eine reguläre Schule besucht oder wäre ihre Ausbildung nicht allein ihrer Mutter überlassen gewesen, hätte sie das Schild vor dem Gebäude lesen können, auf dem in breiten Lettern geschrieben stand: »Offiziersclub der Streitkräfte«. So jedoch war es für sie nur ein Gebäude, vor dessen Eingang scharenweise Militär stand. Anfangs hatte sie Angst verspürt, doch ihr Vater zog sie mit sich. Sie hörte, wie er den bis an die Zähne bewaffneten Soldaten und Wachtposten, die eine Eintrittserlaubnis verlangten, erklärte: »Sagen Sie seiner Exzellenz, dem Pascha, ich bin der kurdische Kalligraf!«, als seien alle von seinem Kommen unterrichtet. Kaum waren sie in einen großen Saal getreten, erblickten sie mehrere Offiziere, die Weingläser in der Hand hielten und dort standen, als hätten sie nur auf sie gewartet. Die Mädchen erhielten viele Komplimente, so mancher erlaubte sich sogar, ihnen über den Kopf zu streichen. Plötzlich sah Soad einen Offizier im Alter ihres Vaters, also gut Mitte dreißig, auf diesen zugehen und ihm die Hand reichen. Ihr schien, als würden die beiden einander gut kennen.
Captain Samah zeigte keinerlei Interesse an den drei Mädchen, er sah sie kühl und distanziert an, selbst sein kleines Lächeln wirkte gezwungen. »Alles in Ordnung?«, fragte er den Vater, und ohne dessen Antwort abzuwarten, setzte er sich eilig in Bewegung und forderte ihn und seine Töchter auf, ihm zu folgen. Sie gingen durch einen langen Flur, eine Art Tunnel beinahe, und je weiter sie sich vom großen Saal entfernten, desto stiller wurde es. Schließlich gelangten sie ganz am Ende des Gebäudes zu einem kleinen Raum, dessen Tür offenstand. Kaum waren sie eingetreten, erblickte Soad einen jungen Offizier, den Captain Samah fragte: »Ist alles bereit, Scharif?«, woraufhin dieser knapp und gehorsam antwortete: »Ja, Captain, alles bereit.«
Soad verstand nicht, wovon die beiden sprachen, sah aber in ihrer kindlichen Neugier den Vorgängen zu, als wäre sie beim Versteckspiel mit ihren Schwestern auf den Straßen in Bulaq.
Was auch immer Soad in ihrem Leben vergessen sollte, die Zeit, die sie in jenem kleinen Raum verbrachte, blieb ihr in Erinnerung. Noch Jahre später hatte sie die Tonbandgeräte, die hier bereitstanden, ebenso vor Augen wie jenen seltsamen Moment, wo sich ihr Blick mit dem des jungen Leutnants kreuzte. Sie sah ihn an und er sie. Das Lächeln, mit dem sie das seine beantwortete, war nichts weiter als der Versuch, sich von ihrer Verlegenheit und dem Gefühl zu befreien, seine Gegenwart löse etwas Ungutes bei ihr aus.
Leutnant Scharif war ein ansehnlicher Mann. Seine Uniform, sein kurzes, gepflegtes schwarzes Haar ließen ihn ebenso elegant erscheinen wie die vielen Herren in den Bars und Cafés von Bulaq. Er zeigte sich freundlich, wenn er mit Soad sprach, abgesehen von den kurzen Momenten, in denen sich sein Gesicht verdüsterte, als fühle er sich bedroht. Dann lag unvermittelt etwas Lauerndes, Kaltes in seinen Augen, das Soad erschauern ließ. Es war, als hätte sie intuitiv wahrgenommen, was geschehen würde, wäre er länger als eine Viertelstunde mit ihr allein im Raum gewesen. Sie bemerkte, dass er schwitzte und beim Sprechen schwer atmete. Mehrmals bat er sie, die Stücke, die er von ihr aufnahm, zu wiederholen. Sie wusste nicht, ob er vergessen hatte, das Aufnahmegerät einzuschalten, oder ob er es mit Absicht nicht getan hatte. Anders als bei ihr machte er von ihren Schwestern nur kurze Aufnahmen, von der Ältesten vielleicht zwei, bestenfalls drei Minuten, bevor er sie bat, den Raum zu verlassen, von der kleinen Sabah gar nur eine knappe Minute. Dann schickte er auch sie und ihren Vater hinaus.
Soad bekam Angst, wagte aber nicht, etwas zu sagen. Sie schöpfte Mut aus der Tatsache, dass ihr Vater und Captain Samah gleich hinter der Tür auf sie warteten. Vor allem die Anwesenheit von Captain Samah beruhigte sie.
Trotz ihres jungen Alters und obwohl sie sich mit militärischen Hierarchien nicht im Geringsten auskannte, war Soad klar, dass Scharif während jenes Tages wie auch während der folgenden, regelmäßigen Treffen nichts anderes tat, als die Befehle seines Vorgesetzten auszuführen. Selbst als Captain Samah zu Scharif gesagt hatte: »Starten Sie die Aufnahme!«, war dies im Tonfall eines Befehls geschehen. Und er hatte nicht ohne drohenden Unterton hinzugefügt: »Machen Sie uns keine Schande!«
So hatten die Militärs mit der Aufnahme jenes Liedes begonnen, das man später die Hymne der Revolution nennen sollte, der Revolution vom 23. Juli 1952: Gott erhalte deine Armee, mein geliebtes Ägypten!
Den Anfang dieses Liedes sang Soads ältere Schwester, während sie selbst einen Vers mehrmals wiederholte, der sich zu einer Art persönlichem Fluch entwickeln und später wie ein Albtraum auf ihr lasten sollte: Die Armee ist es, die uns schützt, mein geliebtes Ägypten.
Das neunjährige Mädchen aber, das sie war und das später als »Goldkind« und »Zuckerpüppchen« und noch sehr viel später als »die Cinderella« bekannt werden sollte, ahnte davon zu jenem Zeitpunkt noch nichts.
»Das war’s!«, freute sich der Vater, als er mit seinen Töchtern aus dem Gebäude des Offiziersclubs wieder zurück in die Tageshitze trat. »Von nun an wird nicht mehr in den Straßen und Bars gesungen. Ab morgen wird alles anders!«
Und er wusste nicht, wie recht er damit haben sollte.
3
LANGSAM ZOG SICH DER TAG DAHIN. Anfangs wusste ich nicht, was ich tun sollte. Als ich das erste Heft ausgelesen hatte, lag die Abflugzeit meines Fluges gute zwei Stunden zurück. Ja, ich hatte Simon angelogen, hatte ihm erzählt, mein Flug ginge nach Mitternacht. Aber ich denke, er wusste, dass ich nicht die Wahrheit sagte, schließlich war er über all meine Schritte in der Stadt informiert, warum also nicht auch über meine Abflugzeit? Gut möglich sogar, dass er sich heimlich amüsiert hatte, da er wusste, dass ich nur zu meinem Schutz log. Ein Mensch mit meiner Neugierde würde sich eine solche Verabredung auf keinen Fall entgehen lassen. Es wird ihm nicht schwergefallen sein, meine Gedanken zu lesen. Das Auge ist verräterisch, und er musste mir in die Augen geblickt haben.
Stundenlang war ich durch die Stadt gezogen, noch immer unentschlossen, ob ich wirklich zum vereinbarten Treffpunkt gehen sollte, oder, falls ich doch entschlossen gewesen sein sollte, so war ich vielleicht nicht wirklich sicher, ob diese Entscheidung richtig war. Ich weiß es nicht mehr, angesichts einer solchen Situation ist es nicht leicht, sich an die genaue zeitliche Abfolge der Dinge zu erinnern. Was nicht nur für die Straßen, Viertel, Stadtteile, Gassen, Läden und Cafés gilt, an denen ich nach der Lektüre des ersten Heftes und vor dem Treffen mit Simon im Café El Horryia vorbeigegangen war, oder in denen ich mich für eine gewisse Zeit niedergelassen hatte, nein, ich erinnere mich auch nicht mehr, ob ich meinen Koffer schon gepackt hatte, als ich das Päckchen öffnete, oder erst damit begann, nachdem ich von meinem Rundgang zurückgekehrt war. Woran ich mich erinnere, ist allein die Tatsache, dass ich keinerlei Ziel vor Augen hatte. Sollte ich das zweite Heft aufschlagen und weiterlesen, oder es lieber lassen und mich mit dem ersten zufriedengeben? Ich fühlte mich wie gelähmt.
Der Koffer, das weiß ich noch, lag aufgeklappt vor mir auf dem Bett, verstreut neben ihm meine Kleider und Toilettenartikel, all die Dinge, die man auf eine Kurzreise mit sich nimmt. Ich war gerade aus dem Bad gekommen und hatte beschlossen, das Ganze zusammenzupacken. Warum sollte ich nicht ins nahegelegene Reisebüro gehen und mich nach dem nächsten Flug erkundigen? In einem wenigstens hatte ich Simon nicht angelogen: Die Flüge der meisten europäischen Linien gingen in den späten Abendstunden. Es lag an mir. Es war ausschließlich meine Entscheidung. Ich konnte eine Fluggesellschaft anrufen, und am nächsten oder spätestens übernächsten Tag abreisen. Nichts zwang mich, zu unserer Verabredung zu erscheinen.
Rasch stopfte ich Kleider und Badartikel in den Koffer, zog Armbanduhr und Schuhe an, sah mich im Zimmer um, ob ich etwas vergessen hatte, und erst als ich im Begriff war, den Raum endgültig zu verlassen und die Tür hinter mir zuzuziehen, ich war schon mit einem Fuß im Flur, fiel mir das Päckchen wieder ein. Mein Gott, ich hatte es nicht in den Koffer gepackt! Ich hatte es geöffnet auf dem Tisch liegen lassen, und das erste Heft, das ich eben gelesen hatte, lag daneben. Ich sah auf die Uhr, mir blieb noch Zeit. Ich musste mir für das Päckchen einen Plan zurechtlegen.
Ich legte das erste Heft wieder obenauf und steckte den ganzen Stoß in eine Stofftasche, die ich immer im Seitenfach meines Koffers aufbewahrte und normalerweise zum Einkaufen benutzte. Ich beschloss, den Koffer im Zimmer zu lassen und ging hinaus. Ob nun zu meinem Unheil oder Simons Glück – kaum, dass der Rezeptionist des Hotels mich die Treppe herunterkommen sah, lächelte er mich an und sagte: »Guten Morgen, Doktor! Wusste ich’s doch, dass der Aufenthalt in Kairo Ihnen gefallen hat und Sie noch zwei, drei Tage länger bei uns bleiben!« Er klang von dem, was er sagte, vollkommen überzeugt, und ich weiß nicht, ob es an diesem Umstand lag oder eher an meiner dem Bündel geschuldeten Nervosität, dass ich ihm sofort bestätigend zunickte und lächelnd bei ihm den Eindruck erweckte, seinen Worten beizupflichten, bevor ich schließlich wortlos das Hotel verließ.
Es war ein warmer, strahlender Morgen, die Sonne schien, kein Wind war zu spüren, die Luft war allein vom Gezwitscher der Vögel erfüllt, die mit Tagesanbruch aktiv geworden waren und auf der Suche nach Nahrung immer wieder von einem Baum zum nächsten flogen. Dieser besondere Februartag war wie für mich geschaffen, er kam mir regelrecht vertraut vor. Allerdings hegte ich nicht den geringsten Zweifel, dass sich wegen des Bündels jemand an meine Fersen heften würde. Drei Tage lang hatte diese Vorstellung mich verfolgt, und heute, nachdem ich das erste Heft gelesen hatte, war sie noch intensiver geworden.
Ich dachte daran, mir die erstbeste Telefonzelle zu suchen, bei der Auskunft die Nummer des Hotels Layali al-Qahira zu erfragen, um Simon zu kontaktieren und ihm zu erklären, dass ich abreisen würde, ohne die Hefte gelesen zu haben, und dass es besser wäre, wenn wir uns jetzt sofort träfen, damit er sie von mir wieder in Empfang nehmen könnte. Mein Flug, hätte ich ihm sagen wollen, gehe am Abend, ich hätte nicht mehr genügend Zeit, sie ihm vorbeizubringen. Und ich tat es auch. Es steht in den Sternen geschrieben, warum der Angestellte des Layali al-Qahira, der meinen Anruf entgegennahm, nicht verstand, was ich von ihm wollte. »Wen?«, stammelte er. »Si …, wer? Si … Mon? Amri … Kana, wie bitte?«, und bevor ich meinen Wunsch wiederholen konnte, hatte er wieder aufgelegt. Abgesehen von einem kaum wahrnehmbaren kurzen Flüstern in der Leitung kam nichts mehr. Ich hängte ein. Die Stofftasche hatte ich in der Hand, die Straße lag offen vor mir, ich verließ die Telefonzelle, rechts und links zogen Menschen an mir vorüber, die Geschäftigkeit des Tages hatte begonnen, alles bewegte sich, wie es schien, nach einem festen Plan, selbst die Vögel flogen von einer bestimmten Stelle zu einer anderen, nur ich stand da: ohne jegliches Ziel.
An jenem Morgen, ich habe es erwähnt, machte ich mich zu einem langen Fußmarsch auf, einem Pilger ähnlich, der die Welt durchwandert. Ich glaube, dieses ziellose Umherstreifen verschaffte mir Zeit, darüber nachzudenken, was ich im Ernstfall tun würde. Falls es so weit kommen sollte, dass sie mich aufgriffen, hatte ich mir im Kopf tatsächlich einen Satz zurechtgelegt: »Seht Ihr denn nicht, dass ich unterwegs bin, im Freien, und mich nicht im Hotel, in einem geschlossenen Raum aufhalte, wo ich verbotenes Wissen lesen könnte? Ja, sicher, die Hefte, ich habe sie bei mir, hier, in dieser Tasche, aber bislang habe ich mich nicht festgelegt, was ich unternehmen soll. Ich weiß, dass es in den Heften um eine ganz besondere Frau geht, eine berühmte Schauspielerin und Sängerin. Ich habe allerdings bis jetzt nur das erste Heft gelesen. Das ist kein Verbrechen, denke ich!« Merkwürdig, sagte ich zu mir selbst, wie komme ich denn darauf, mit der Lektüre des Heftes, dessen Verfasserin es vorgezogen hatte, in der dritten Person über sich zu berichten, ein Verbrechen begangen zu haben? War etwa auch sie, die Verfasserin, der Meinung, dass das, was sie enthüllen würde, ein Verbrechen sei? Und war sie deshalb darauf verfallen, in der dritten Person zu schreiben und die Perspektive eines auktorialen Erzählers einzunehmen? Wo in diesen Heften begann die Fiktion und wo die Wahrheit? Und wer entschied am Ende darüber, wie sie einzuordnen waren? Simon Syros? Ich selbst? Oder etwa der Soldat, der Polizist oder der Agent, der mich festnehmen würde?
Die Tasche mit den Heften in der Hand, den Kopf voller Gedanken, lief und lief ich einfach vor mich hin. Bis zu unserer Verabredung am Abend war noch viel Zeit. Und nichts verpflichtete mich bislang, sie überhaupt wahrzunehmen. Überdies gab es auch keinen wirklichen Anlass, der mich zwang, mein Hotelzimmer zu meiden und durch die Straßen zu ziehen, von einem Ort zum nächsten zu marschieren und mich so zu verausgaben. Doch ich lief einfach weiter. Währenddessen fiel mir ein, dass irgendwer einmal einen Roman darüber geschrieben hat, wie er sich als junger Soldat fühlte, nachdem er verbotene Literatur gelesen hatte. Ich erinnere mich nicht mehr, ob der Schriftsteller in Lima oder Bogotá, in Santiago oder Bagdad lebte, ich weiß nur, dass in der Erzählung sein Land mit einem Nachbarland in einen Krieg getreten war. All das ist meiner Meinung nach aber auch unwichtig. Worauf es ankommt: Mir war im Gedächtnis geblieben, wie in etwa er die Lektüre eines verbotenen Buches in einem Land unter autokratischer Herrschaft, in einer Diktatur, beschrieb:
Nachdem ein Freund dafür gebürgt hatte, dass ich Stillschweigen über das Ganze wahren würde, erwarb ich in einer Druckerei im Stadtzentrum eine Kopie von dem Roman dieses Autors und ging damit geradewegs in mein Zimmer in dem alten Hotel am Fluss. Mit der Vorsicht eines Heroinschmugglers in einem Geheimdienststaat holte ich dort das Buch heraus, schloss die Zimmertür ab, und das Zittern meiner Hände war noch für die Spatzen auf dem Hoteldach vernehmbar … Je weiter ich in die unverhüllte Darstellung des Lebens und der konkreten Umstände im Inneren jenes Landes vordrang, desto stärker bebten sie … Die Romanfiguren waren unserem Leben, meiner Angst in dem finsteren Zimmer dieses elenden Hotels so ähnlich, dass ich begann, mich vor seinem Betreiber zu fürchten. Wenn es an der Tür klopfte, versteckte ich das Buch sofort unter dem Kopfkissen. Die Menschen im Roman standen am Rande des Lebens, aber der Erzähler war bestrebt, sie mitten hinein zu versetzen, um einem das Gefühl zu vermitteln, man befinde sich ebenfalls darin … Es war bereits das zweite Mal, dass ich das Gefühl hatte, eine Figur in einem Roman zu sein, den ich gerade las. Zum ersten Mal hatte ich dies bei dem Roman 25 Uhr erlebt, und nun bei diesem hier … Eine Furcht, die durch meine Lektüre und meine Eile, das Buch auszulesen und mich von ihm freizumachen, noch bedrängender wurde. Doch das Gesicht des Autors sollte unter den Lidern meiner Erinnerungen verborgen bleiben. Dieselben Gefühle, die den Protagonisten des Romans beherrschten, beherrschten auch mich. Bei ihm handelte es sich ebenfalls um einen zögerlichen Menschen … – Ich habe den Roman ausgelesen und werde anfangen, ihn zu zerreißen, nachdem ich ihn mir ins Herz und Gedächtnis eingeprägt habe. Ich werde ihn zerreißen, in eine Tüte sammeln und im Morgengrauen zu dem Schriftsteller hinuntergehen … Dasselbe passierte mir mit seinem zweiten Roman. Vier Jahre lagen zwischen dem ersten Roman, den ich von jenem Schriftsteller las, und dem zweiten. Dieser zeitliche Abstand reichte, die Furcht zu zerstreuen, in die er mich in jener kalten Nacht im Hotel am Fluss versetzt hatte … Jetzt bin ich zu Hause, es herrscht eine wundervolle Sommernacht, die Sterne senden ihr Licht hinab auf die Gesichter meiner Kinder, und ich erwache voller Glück, eine Kopie des zweiten Romans dieses Autors in meinem Besitz zu haben. Aber bei sämtlichen Lesern kopierter Bücher hat sich herumgesprochen, dass alles, was dieser Autor schreibt, hier verboten ist, und sollte es sich um romantische Gedichte handeln.
Mehrmals versuchte ich erfolglos zu imitieren, was »unser Mann in der Hauptstadt der Geheimdienste« getan hatte: die Hefte zu zerreißen, das Bündel im Ganzen oder in Form von Papierschnipseln in den Nil zu werfen, damit die Wellen es verschlangen. Falls mich dann jemand dazu befragt hätte, hätte ich dasselbe zur Antwort gegeben wie der indische Priester seinem Schüler, nachdem er einen von zwei unschätzbar wertvollen Juwelen in genau den Fluss geworfen hatte, in dem sein Schüler stand. Als dieser ihm daraufhin zurief: »Was hast du getan, mein Priester! Wie soll ich das wertvolle Juwel nur wiederfinden?«, warf der Priester auch das zweite Juwel ins Wasser und rief seinem Schüler zu: »Suche da, wo auch dieses liegt!« Doch nein, ich lief mit der Tasche umher, und das Bildnis dieser besonderen Frau und Verfasserin der Hefte unter meinen Lidern verlangte von mir, ihre Aufzeichnungen zurück ins Hotelzimmer zu bringen. Als hätte sie zu frieren begonnen, so wie ich. Nach dem stundenlangen Herumlaufen machte mir das Gefühl von Kälte zu schaffen. Ich glaube nicht, dass es einen Wetterumschwung gegeben hatte, verändert hatte sich wohl meine Körpertemperatur. So wie die Frau, fror auch ich. Die Angst, die damit einhergeht, eine Entscheidung treffen zu müssen, lässt unsere Körper des Winters noch heftiger frieren und im Sommer stärker schwitzen. Und es war noch Winter, damals, im Februar 2014. Es war zwar nicht so kalt wie sonst zu dieser Jahreszeit in Kairo, aber die Menschen liefen in Winterkleidung durch die Straßen, trugen hier und da sogar einen Mantel. Ich wusste, sie übertrieben. Fielen die Temperaturen auch nur ein wenig, zogen die Wohlhabenderen sich sofort ihre Kaschmirmäntel über, die sie auf ihren Reisen nach Europa erstanden hatten. Was mich betrifft, so hat sich, in den vielen Jahren, die ich nun schon in Europa lebte, das Verhältnis meines Körpers zur Außentemperatur gewandelt. Was die Menschen in Kairo für Kälte halten, ist für mich nur eine Übertreibung ihrerseits. Komisch, sagte ich mir, dem Wetter passt sich der Körper an, aber seine Reaktion auf autokratische Regime bleibt sich doch gleich, sein Verhältnis zur Geheimpolizei und zur Armee bleibt sich gleich, da gibt es keine Veränderung, keine Gewöhnung.
Die Angst, eventuell der Polizei in die Hände zu fallen, die Furcht, das Bündel Hefte könne mich in etwas hineinziehen, für das ich nicht verantwortlich war, fühlte sich für mich gleichsam wie eine altbekannte ungeliebte Routine an. Jedes Mal, wenn dieses Gefühl in mir wach wurde, dachte ich daran, ins Hotel zurückzukehren. Und das Päckchen? Ja, was ist mit dem Päckchen?, überlegte ich. Ich musste eine Lösung finden. Das Militär verstand, sobald es selbst betroffen war, keinen Spaß! Von einer außergewöhnlichen Frau, von einem Wunderkind namens Soad, durfte in den Heften ohne Weiteres berichtet werden, selbst wenn die Hefte in der ersten Person abgefasst worden wären, also als persönliche Erinnerungen einer berühmten Sängerin und Schauspielerin, als die Memoiren einer Ausnahmekünstlerin, das hätte nichts und niemandem geschadet und wäre erlaubt gewesen – unter der Bedingung allerdings, dass das Wort Militär nicht auftauchte. Hätten die Hefte nur den Titel Soad getragen, hätte es gar kein Problem gegeben, ganz egal, was ihr Inhalt besagte, ganz egal, was für Geheimnisse enthüllt wurden. All dies wäre kein Vergehen oder Verbrechen gewesen. Doch ihr Titel lautete Soad und das Militär, und das, das war ein Verbrechen! Ein Verbrechen, für das das Gesetz Rechenschaft verlangte, ganz gleich, ob der Inhalt dieser Hefte nun von der Wahrheit diktiert war oder von der Fantasie. Wichtig allein war der Titel: Soad und das Militär!
Statt also ins Hotel zu gehen, eine Option, die ich mir tatsächlich überlegt hatte, beschloss ich, das Gegenteil zu tun. Ich lief, und diesmal schnell, in Richtung des Soliman-Gawhar-Marktes im Stadtteil Dokki. Dort kannte ich noch von meinem ersten Aufenthalt in Kairo ein berühmtes Ful-Lokal. Es hatte damals zu den mir liebsten Freuden gehört, in diesem Lokal zum Frühstück einen Teller exzellent zubereitetes Ful zu mir zu nehmen, bei einem Glas Tee die mit Olivenöl, Essig, Zwiebeln, Tomaten und gehackter Minze angemachten dicken Bohnen zu genießen und mich auf einer kleinen Couch zu ein paar einfachen Leuten zu setzen, die ihrerseits ihr Ful verspeisten. Das ganze Volk hat man dort bei einem Gericht zur Seite, das in Ägypten bevorzugt als Frühstück eingenommen wird, in Kairo darüber hinaus aber als Speise gilt, die die Armen zu allen Tageszeiten sättigt. Solange der Tag in Kairo mit seiner Geschäftigkeit anhält, gibt es in dieser Stadt Ful und dazu »genau richtig«, das heißt auf den Punkt gesüßten Tee. All dies war, das wusste ich nun, das richtige Rezept für jenen Tag. Eine solche Mahlzeit inmitten der Menschen dieser Stadt sollte mich meine vom vielen Umherlaufen herrührende Erschöpfung, meine Sorge um die Hefte und meine Angst vor dem, was noch folgen mochte, vergessen lassen. Ich weiß nicht, wie lange ich dort gesessen habe, doch als ich aufstand, um beim Inhaber des Lokals zu zahlen, war mein Körper von Glückseligkeit erfüllt. Der Mann trug eine Gallabiya und um den Kopf gewunden einen Schal. Er erinnerte mich an die Figur des »Muallim« in alten ägyptischen Filmen, eines im Viertel höchst respektierten Handwerksmeisters. »Kommt nicht in Frage, mein Herr«, sagte er zu mir, als ich zahlen wollte, »dieses Mal geht es auf uns!« Was für eine Gastfreundschaft, dachte ich mir, bedankte mich höflich bei dem Alten und drückte dem Jungen, der ihm zur Hand ging, ein Bakschisch in die Hand.
Ich hatte mich bereits gut hundert Meter, möglicherweise auch etwas weniger oder bereits viel weiter vom Lokal entfernt, als ich plötzlich die Stimme dieses Jungen vernahm. Er kam hinter mir hergelaufen und winkte mir lächelnd mit etwas, das er in den Händen hielt. »Mein Herr, sehr geehrter Herr!«, rief er mich mit lauter Stimme in einem Ton voller Glückseligkeit darüber, etwas Wertvolles gefunden zu haben, das er seinem Eigentümer zurückgeben konnte. »Sie haben Ihre Tasche vergessen!«
Anfangs begriff ich nicht, um was für eine Tasche es sich handeln sollte, dann schoss es mir blitzartig in den Kopf und ich dankte dem Jungen herzlich, gab ihm noch einmal ein Bakschisch und setzte meinen Weg fort.
Mein Gott, dachte ich, wie gut, dass dieser Junge nichts davon ahnte, dass eine solche Tasche zu tragen als Verbrechen gilt!
Als ich schließlich wieder mein Hotel betrat, saß an der Rezeption noch immer derselbe Mann wie am Morgen. »Sie bereiten uns eine große Freude, mein Herr! Offenbar möchte der Herr noch länger bei uns in Ägypten verweilen«, sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen und fragte höflich nach: »Ist es nicht so?«
Ich nickte erneut und stieg die Treppenstufen zu meinem Zimmer hinauf, ohne ihm zu sagen, für wie viele Tage.
Im Zimmer stellte ich die Tasche auf den Tisch, ging ins Bad, wusch mir das Gesicht und sah mich im Spiegel an. Dann verließ ich das Bad wieder und blickte auf die Uhr. Bis zum geplanten Treffen mit Simon blieben noch zwei Stunden. Ich überlegte mir, meinen Aufenthalt hier ganz einfach als Urlaub zu betrachten, ganz gleich, ob ich Simon nun treffen würde oder nicht. Und noch im selben Augenblick öffnete ich den Koffer, nahm die Kleider wieder heraus und räumte sie zurück in den Schrank. Dann setzte ich mich an den Tisch. Ich griff nach der Tasche, entnahm ihr das Bündel und legte es wieder auf die Tischplatte. Diesmal war ich mir sicher: Noch heute Nacht würde ich mit der Lektüre des zweiten Hefts beginnen und womöglich mehr als nur dieses lesen.
Ich war nun bereits involviert, mochten also die Ereignisse ihren Lauf nehmen!
4
ZWEITES HEFT
Anfang
IHREN ERSTEN AUFTRITT hatte Soad bereits lange vor der Revolution, zu einer Zeit, als auf dem ägyptischen Thron noch ein junger König saß. Sie war damals gerade fünf Jahre alt und auf Fürsprache ihres Schwagers, der als Musikinspizient im Bildungsministerium arbeitete, in den dortigen Kinderchor aufgenommen worden. Der Chor trat hin und wieder einmal im Rundfunk auf, war aber ansonsten nicht weiter bemerkenswert. Eines sonnigen Frühlingstages allerdings erklärte der Chorleiter, Onkel Bascharu, den Kindern, sie würden zum Schamm-al-Nasim-Fest ein paar Lieder beitragen, und zwar nicht wie in den vergangenen Jahren im El-Horryia-Park auf der Nilinsel, sondern in den königlichen Gärten. »In Anwesenheit des Königs samt seiner Familie und all seiner Gäste«, betonte er und verlangte, dass jeder von ihnen, Junge wie Mädchen, als Geschenk für den König ein Lied einstudieren sollte.
Als Soad am nächsten Tag vors Mikrofon trat und ihr Lied anstimmte, ein Lied, dessen Zeilen – Soad bin ich, Schwester des Mondes / für meine Schönheit allseits bekannt / nur einen Zoll groß, von Angesicht klar wie der Vollmond / mein Gesang betört einen jeden … – sie ihr Leben lang nicht vergessen sollte, da konnte niemand unter den Anwesenden sein Erstaunen verhehlen, und zwar nicht allein über die angenehme und kräftige Stimme des Mädchens, das tatsächlich nur einen Zoll groß war, aber dafür außerordentlich hübsch, sondern auch aus Respekt vor dem Selbstvertrauen dieser Kleinen, die noch nicht einmal zur Schule ging. Der Erste unter allen Bewunderern allerdings war der König selbst. Weswegen sich auch der Chorleiter Onkel Bascharu, der sich ziemlich lange nervös gezeigt hatte, wieder hatte beruhigen können. Hatte er doch tatsächlich befürchtet, der König, der unter seinem Gefolge und seinen Gästen Platz genommen hatte und aus ihrer Mitte heraus auf die im Park errichtete große Bühne blickte, auf der sich die Sänger und Sängerinnen nacheinander die Ehre gaben, könnte sich durch Soads Lied provoziert fühlen. Zumal alle anderen Chorkinder Loblieder auf den König vorgetragen hatten, den auch die erwachsenen Sänger und Sängerinnen hochleben ließen. Allein Soad besang nicht den Monarchen, und auch nicht ihr Heimatland Ägypten, nein, sie besang sich selbst. Und so blieb Onkel Bascharu, der zugleich ein wichtiger Inspektor im Erziehungsund Bildungsministerium war, nichts anderes übrig, als auf das Ende ihres Auftritts zu warten, um ihr dann, ob der peinlichen Lage, in die sie ihn versetzt hatte, einen Verweis zu erteilen. Er hatte sogar schon vorwurfsvolle Blicke mit dem Bildungsminister gewechselt, der nahe dem König seinen Platz eingenommen hatte. Als er dann auch noch mitansehen musste, wie der König sich an seinen Minister wandte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, meinte Onkel Bascharu, das Problem sei nun offenkundig, und dachte schon darüber nach, das Mädchen von der Bühne zu zerren. Als er aber den König, kaum hatte die Kleine ihr Liedchen beendet, lächeln, ja, applaudieren und sie sogar auffordern sah, ihren Vortrag noch einmal zu wiederholen, atmete er auf und spürte erleichtert, dass seine Nerven ihm wieder gehorchten.
Um des Tages Herrlichkeit vollkommen zu machen, lud der König den Kinderchor samt seiner Aufseher ein, zu bleiben und am Gastmahl teilzunehmen, das im Anschluss vom Palast veranstaltet wurde. Man hatte im Park des Schlosses eine lange Tafel errichtet, auf der mit verschiedensten Speisen gefüllte Schüsseln standen, Reis und Fleisch waren angerichtet worden, aber auch Äpfel, Orangen, Bananen, Ananas, Trauben und Erdbeeren, zudem wurden mehrere verschiedene Kuchen aufgetischt, die meist mit Schokolade überzogen oder mit Nüssen und Pistazien gespickt waren, es wurden allerlei Getränke gereicht, vor allem der von Soad so sehr geliebte Guavensaft. Die Gäste hatten mit dem Essen zu warten, bis der Zeremonienmeister des königlichen Palastes ihnen ein Zeichen gab, und dieser wiederum wartete ab, bis am Kopfende der langen Haupttafel, die sich durch die Parkmitte zog, der König selbst Platz genommen hatte. Soad hatte eigentlich gar keinen Appetit, und hätte ihr Vater, der sie an diesem Tag begleitet hatte, sie nicht an die Hand genommen und gesagt: »Setzen wir uns hier ans Tischende!« – also genau dem König gegenüber, in die Nähe des Parkeingangs –, sie hätte niemals damit gerechnet, dass sie tatsächlich bleiben würde. Sie wollte auch nichts von der mit Schüsseln überladenen Tafel nehmen, außer einem Glas Guavensaft. Und sie hatte keine Ahnung, warum der König sich von einem Diener zeigen ließ, wo sie saß. Sie beobachtete, wie er anschließend den Zeremonienmeister herbeiwinkte, ihm etwas ins Ohr flüsterte und dabei in ihre Richtung wies. Kurze Zeit später erschien dieser vor ihr und ihrem Vater und erklärte feierlich: »Der König wünscht, dass Sie neben ihm Platz nehmen.« Für Soad war dies alles sehr aufregend, für ihren Vater jedoch war es ein riesiger Triumph. Für ihn, den bis dahin einfachen Bürger, war es eine außerordentliche Ehre, vom König zum Tischnachbarn erkoren worden zu sein.
Als die beiden nun dem Monarchen gegenüberstanden, grüßte der Vater diesen mit einer respektvollen Verbeugung. Doch wie sehr überraschte es ihn, als der König ihm und seiner Tochter jeweils einen Teller mit besonderen Speisen zusammenstellen und servieren ließ: Seefisch und Hummer, das Lieblingsgericht des Königs, wie Soad später erfahren sollte, dazu Platten mit verschiedenen Früchten und diversen, ihr völlig unbekannten Süßigkeiten. Der Vater dankte dem König und berichtete ihm auf dessen Aufforderung hin, doch ein wenig von sich zu erzählen, von seinem Leben und seiner Arbeit. Und so erzählte Soads Vater, was für ein großer Damaszener Kalligraf er sei, bekannt für seinen stark reformerischen Stil, der sich durch ganz besondere Buchstabenligaturen auszeichnete. In Damaskus hatte er auch seinen ersten Unterricht erhalten. Von Jugend an liebte er die Kalligrafie und hatte zunächst Schriften von Künstlern imitiert, die zu jener Zeit berühmt waren. Dann war er beim großen Kalligrafen Yusuf Rasa in die Lehre gegangen, der vom osmanischen Sultan Abdülhamit nach Damaskus entsandt worden war, um bei der Restaurierung der dortigen Umayyadenmoschee die Kalligrafien anzufertigen. Der König stellte ein paar Fragen, und so fühlte Soads Vater sich ermutigt, weiter auszuholen: Er stammte ursprünglich aus Syrien, war aber vor sechsunddreißig Jahren, zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach Ägypten ausgewandert und sein Leben lang Kalligraf gewesen. Sein jugendliches Alter hatte es ihm damals ermöglicht, zwischen verschiedenen Steindruckereien zu pendeln, um dort die jeweils benötigten Kalligrafien zu malen. Er arbeitete immer sehr schnell. »Und als Gott sich mir gewogen zeigte«, erklärte er dem König, habe er sich ein Haus im Khan al-Khalili gekauft, wo er dann auch seiner Tätigkeit nachgegangen sei, bis er nach ungefähr zehn Jahren ein eigenes Büro samt Werkstatt für Stiche und Heliogravüren eröffnet habe. Auf diese Weise ließ er sich vor dem König aus in der Annahme, dieser höre ihm auch zu. Der König aber wandte sich an Soad, strich ihr übers Haar und erklärte ihr, sie werde später einmal ein großer Star sein. Man werde ihre Lieder überall singen, alle Herzen würden ihr zufliegen und die Menschen sich vor ihr verneigen. Vielleicht verstand Soad die Worte des Königs nicht, vielleicht kam ihr das Ganze auch eher wie ein Zirkus vor. Ihr Vater jedoch errötete, als hätte er in seiner Tochter plötzlich eine Rivalin erkannt. Der König bewunderte sie. Dabei hatte sie nichts weiter getan, als zu singen, was ihr Freude bereitete. Nachdem Onkel Bascharu den Kindern tags zuvor erklärt hatte, sie sollten am Schamm-al-Nasim-Fest im königlichen Garten teilnehmen, hatte sie über ein angemessenes Lied nachgedacht. Die Nacht über hatte sie kaum ein Auge zugetan. Mehrmals war sie kurz eingeschlafen, gleich darauf aber wieder aufgewacht, bis schließlich ihre Mutter sie besorgt zum Schlafen drängte. »Du sollst morgen singen, da darfst du nicht so lange wachbleiben!« Bevor sie schließlich der Mutter gehorchte und sich wieder schlafen legte, fragte sie, ob sie vor Publikum sagen dürfe, dass sie hübsch sei, schöner als der Vollmond. Als ihr die Mutter mit einem Lächeln zur Antwort gab, damit habe sie doch ganz recht, sie sei tatsächlich schöner als der Mond, wusste Soad, was sie auf dem Fest singen würde.
Bis zum Ende ihres Auftritts an jenem sonnigen Frühlingstag hatte sie allerdings nicht damit gerechnet, den König so zu beeindrucken. In ihrem zarten Alter hatte sie zwar noch kein wirklich klares Bild davon, was es bedeutete, König zu sein, doch in einer Sache war sie sicher: Der junge, erst acht- undzwanzigjährige Monarch hatte auf sie bekümmert gewirkt. Nach der Feier, während einer Unterhaltung zwischen ihrem Vater und dem Chorleiter Onkel Bascharu, erfuhr sie, dass dieser Kummer wohl dem Tod einer damals sehr bekannten Gesangsdiva geschuldet sein musste, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Zwar lag dieser Unfall zum Zeitpunkt der Schamm-al-Nasim-Festivitäten in den königlichen Gärten schon drei Jahre zurück, doch die Leute redeten noch immer über die Sängerin und darüber, was ihr Tod für das Leben des Königs bedeutete. Gerüchte wollten, dass im königlichen Palast Differenzen herrschten. Die Königin sei nicht glücklich, und der König habe, kaum dass er vom Tod der Sängerin erfahren hatte, kein Auge mehr zugetan. Von ihrer Mutter und deren Schwestern, die genau jene damals gängigen Ansichten vertraten, hörte Soad später auch von einer Liebschaft zwischen dem jungen König und der Sängerin.
Diese Dinge blieben ihr im Gedächtnis, genau wie Onkel Bascharus Frage an ihren Vater: »Haben Sie gesehen, welche Unmenge Essen der König auf seinen Teller geladen hatte? Allein an jenem Abend«, fuhr er fort, »hat der König ein Dutzend Austern, einige Langusten, zwei Scheiben Kalbfleisch mit Bratkartoffeln und jede Menge mit Marmelade und Früchten gefüllter Kuchen gegessen. Und das soll sein übliches Leibgericht sein! Eine Form von Selbstmord, möchte man meinen!« – »Vorsicht, bitte, sagen Sie das nicht laut«, hatte ihm Soads Vater daraufhin erwidert. Nach jenem Tag in den königlichen Gärten jedoch hatte sie nur ein Bild vom König vor Augen: Wie freundlich er mit ihr gesprochen, wie liebenswürdig er sich von ihr verabschiedet und dass er ihr viel Erfolg für ihr künftiges Leben gewünscht hatte. Anschließend hatte er noch ihren Vater, als habe er geahnt, was in dessen Kopf vorging, zu sich herangezogen und ihm coram publico eine kleine Rede gehalten, mit der er klarstellte, dass ihm sehr wohl bewusst sei, wie ungern es in vielen ägyptischen Familien gesehen werde, wenn eine Frau ein Studium aufnehme und dass man ihr dies sogar häufig verweigere, weil man Angst um sie habe, wenn sie Umgang mit Fremden pflege. Und dann hatte er noch gemahnt: Falls Soads Vater dies bei ihren älteren Schwestern auch so handhaben sollte, müsse er bei diesem kleinen Mädchen aber unbedingt eine Ausnahme machen. »Sie muss lernen!« Und zwar nicht nur den üblichen schulischen Lernstoff, nein, sie müsse vor allem Musik studieren. Und falls es ihm, dem Vater an Geld mangele – er, der König, sei bereit, für die Ausbildung dieses Mädchens aufzukommen! Seiner Meinung nach konnte »Ägypten auf ein so selbstbewusstes Mädchen stolz sein«. Ein Mädchen, das so aufrecht dastehe, in vollem Bewusstsein seiner Schönheit und Anziehungskraft, und sich beim Singen weder von der Anwesenheit des Königs noch von der seines großen Gefolges aus dem Konzept bringen lasse, habe dies verdient. Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, wies der König seinen Sekretär an, Vater und Tochter zum königlichen Diwan zu begleiten und ihnen eine Geldsumme in Höhe von 1000 Pfund auszuhändigen.
1000 Pfund waren zu jener Zeit sehr viel Geld. Kein Wunder, dass sie, obgleich doch für Soads Studium bestimmt, den tagtäglichen Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern zusätzliche Streitigkeiten hinzufügten. Für Soad selbst war der Wert dieser Summe damals schwer zu begreifen, sie erblickte in ihr eher einen Ausdruck der Bewunderung für ihren Gesang. Und dieses Selbstvertrauen wäre ihr ein Leben lang erhalten geblieben, hätte sie nicht zwei heftige Rückschläge verkraften müssen.
Der erste war der Tatsache geschuldet, dass ihr Vater das Geld für sich behielt und die königliche Anweisung nicht in die Tat umsetzte, obwohl die Mutter ihm mehrmals angedroht hatte, zum königlichen Diwan zu gehen und sich dort über ihn zu beschweren, da er sich dem Gebot des Königs widersetzte. Den zweiten Rückschlag bildete die Scheidung ihrer Eltern. Soads Trauer über den Auszug ihres Vaters hielt jedoch nicht wirklich lange an. Dies hatte weniger damit zu tun, dass sie und ihre Schwestern zwei Jahre später, kaum dass die Eltern ihren Streit beigelegt und sich beide neu verheiratet hatten, mit ihrem Vater wieder ausgehen durften, nein, es war der glücklichen Fügung geschuldet, dass gerade diese Trennung ihr, Soad, dank des zweiten Ehemanns ihrer Mutter, Professor Abd al-Mazhar Hafiz, einem Schulrat im Erziehungs- und Bildungsministerium, der von nun an ihre Ausbildung übernahm, die Möglichkeit zum Lernen bot. Er beschaffte ihr den Lernstoff für die Primarschule. Zugleich begann ihre ältere Schwester Samira, die später eine berühmte Künstlerin werden sollte, sie mit den Grundlagen der Malerei vertraut zu machen, während deren Ehemann, der sie bereits zuvor in den Kinderchor aufgenommen hatte, für die Fundamente einer Musik- und Gesangsausbildung sorgte.
Alles deutete damals darauf hin, dass ihr das Glück zur Seite stand. Von nun an lachte das Leben sie an!
5
WER VERSTEHEN WILL, warum so viele Ausländer nach Kairo kommen, wer sich einen ersten Eindruck von ihnen verschaffen möchte, von ihrem Leben und ihrem Tun fern ihrer Heimat und ihrer Angehörigen, braucht nur das Café El Horryia am Maidan Falaki in Bab al-Louk aufzusuchen. Dieses Café, wo tagsüber Tee und Kaffee serviert werden, verwandelt sich abends in eine Bar, die hauptsächlich Bier ausschenkt, meist die in Ägypten hergestellte Marke Stella. Und weil ein halber Liter davon nur elf ägyptische Pfund kostet, also gerade mal fünfzig Cent, wimmelt es dort bis in die späten Nachtstunden von jungen Leuten. Sie stammen von überall her, kommen aus allen erdenklichen Ländern der Welt. Und jeder von ihnen hat seine eigenen Gründe, die ihn nach Kairo geführt haben. Was für den einen gilt, trifft nicht automatisch auf die anderen zu. Die jungen Spanier beispielsweise sind zumeist Bauingenieure, haben ihr Studium an einer Universität ihrer Heimat absolviert, anschließend aber keine Arbeit gefunden. Auf dem Höhepunkt des Immobilienbooms in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts konnten sich die meisten Familien dort für ihre Kinder nichts Besseres vorstellen als ein Studium des Bauingenieurwesens. Und eines Tages wachten diese Kinder auf und mussten feststellen, dass der Boom in dem Berufsfeld, das sie sich ausgesucht hatten, in Wirklichkeit eine Blase war. Einige von ihnen brachen daraufhin ins europäische Ausland auf, während es andere, und zwar nicht wenige, in den Orient zog, zum Beispiel nach Kairo. Dort trifft man sie allabendlich in großer Zahl, gemeinsam mit ihren italienischen und portugiesischen Schicksalsgenossen, Bier trinkend in besagtem Café. Hinzu kommt eine Gruppe vornehmlich junger Frauen, die hergekommen sind, um ein orientalisches Musikinstrument wie Ud, Kanun oder Santur zu erlernen. Wer die jungen Leute dort so laut und begeistert reden hört, wer ihr Lachen vernimmt, das mit dem Zigarettenrauch in die Luft steigt, wird voller Neid sagen: »Was sind das für glückliche Menschen!« Als hätten sie diesen Ort nur erwählt, um sich frei zu fühlen. Es gibt wohl keine größere Freiheit als die, fern seiner Heimat und Familie zu leben, wo selbst die Sprache, die man spricht, von niemandem ringsum verstanden wird. Der Besitzer des Cafés hatte genau darauf gesetzt und diesen Eindruck vermitteln wollen. Er hatte Bretter vor die Fensterscheiben genagelt, um das, was nachts dort im Inneren vor sich geht, vor den Augen der Passanten zu verbergen, beziehungsweise, um seinen Gästen das Gefühl zu vermitteln, sie befänden sich auf einer entlegenen, weltentrückten Insel oder in einer nur für sie bestimmten Oase der Freiheit. Wer sie reden hört, kann feststellen, dass sich ihre Gespräche um alles Mögliche drehen, nur nicht um die Situation in Kairo und Ägypten.
Ihr Leben vollzieht sich ausschließlich in Bab al-Louk oder an den nahegelegenen Maidans, Talaat Harb und Tahrir, während sie von den Projekten träumen, die sie hier verwirklichen wollen.
Und hatte es sich bei Simon nicht ebenso verhalten?
Ich kannte dieses Café von früheren Reisen, meine Besuche dort ließen sich aber an den Fingern einer Hand abzählen. Und sie hatten immer nur tagsüber stattgefunden, wenn ich im nahegelegenen Restaurant Nile auf der anderen Seite des Platzes Fisch gegessen hatte. Hätte Simon mir nicht vorgeschlagen, uns in diesem Café zu treffen, wäre ich gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, dass irgendetwas daran für mich interessant oder bedeutsam hätte sein können. Zwar war es nur einer von mehreren Orten, an denen wir uns unterhalten sollten (immer auf Simons Vorschlag hin), doch das Café war unser erster Treffpunkt, und er hatte es, wie er mir versicherte, nicht zufällig gewählt. Vielmehr handelte es sich um jenes Café, das er vor Jahren bei seiner Ankunft in Kairo als erstes aufgesucht hatte. Allerdings war es damals wohl noch nicht so voll gewesen wie in jüngster Zeit, weshalb ich auch regelrecht Mühe hatte, ihn zu finden. Was nicht etwa daran lag, dass er diesmal einen schwarzen Anzug, Hut und eine dunkle Brille trug – tatsächlich war sein Aufzug dazu angetan, alle Blicke auf sich zu ziehen, obgleich er wohl gedacht haben musste, sich auf diese Weise unkenntlich zu machen –, nein, ich konnte ihn deshalb so schwer ausmachen, weil er in einer abgelegenen Ecke ganz hinten im Café saß. Er war schon vor mir eingetroffen und hatte bereits im Voraus ein paar Flaschen Bier geordert, die er auf dem Tisch bereitgestellt hatte, um nicht später auf den Kellner warten zu müssen, der angesichts der Vielzahl an Gästen, die etwas von ihm wollten, seine Schwierigkeiten hatte, alle Wünsche zügig zu erfüllen. Außerdem wollte Simon verhindern, dass wir von jemandem unterbrochen wurden. Dass das Bier nicht kühl bliebe, sei nicht weiter schlimm, meinte er und griff nach einer Flasche, warmes Bier sei schließlich gesund.
»Auf deine Entscheidung«, sagte er, während wir anstießen, »Du hast mich also nicht enttäuscht, sondern bist geblieben. Genauso kenne ich dich! Danke dir!«
»Der Dank gebührt dir«, erwiderte ich freundlich, »ich bin sehr neugierig, was auf mich zukommt. Auf jeden Fall bleiben wir optimistisch«.
Nachdem wir einen Schluck getrunken hatten, erklärte ich – vielleicht, um ins Gespräch zu kommen, einer von uns musste ja schließlich den Anfang machen –, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, ihn an irgendeinem öffentlichen Ort zu treffen, da dies für ihn ja gefährlich sein könnte. Er lächelte, bedankte sich, dass ich mir solche Sorgen machte, und gab mir zu verstehen, es sei ihm vor allem um die Schriftstücke gegangen. »Und da die jetzt bei dir in Sicherheit sind, ist mir alles andere egal.« Für ihn bleibe nun nichts weiter zu tun, als ein wenig Vorsicht walten zu lassen. »Den Rest überlassen wir dem Zufall.«
Dann forderte er mich auf, ihm gut zuzuhören, da er nun noch einige über die Hefte hinausgehende Dinge ansprechen wolle. Vor allem aber, bat er eindringlich, dürfe niemand hier den Namen der Verfasserin mitbekommen. »Du weißt, wen ich meine«, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.
»Ich habe bis jetzt nur die ersten beiden Hefte gelesen«, erklärte ich und sagte mit einem Lächeln: »Siehst du, einmal habe ich meinen Aufenthalt wegen Kismet um ein Jahr verlängert, und jetzt weiß ich nicht einmal, wie lange ich bleibe. Und beide Male wegen einer Frau. Cheers!« Ich hob meine Bierflasche.
»Ich verstehe«, sagte er, »du hast also bis jetzt erst zwei der Hefte gelesen. Doch was ich dir nun erzählen werde, wird dich bestimmt dazu bringen weiterzulesen.«
Der Beginn seiner Geschichte, erklärte er, liege in ferner Vergangenheit, genauer, in der Zeit seines Studiums an der University of Michigan.
»Erinnerst du dich noch an unser erstes Treffen?«, fragte er und vergewisserte sich nach allen Seiten blickend, dass uns niemand im Café beobachtete. »Weißt du noch, wie ich dir damals von meiner Arbeit an dem Wörterbuch erzählt habe?« Ihm war natürlich klar, dass ich mich noch daran erinnerte. Das Wörterbuchprojekt war seine Lebensaufgabe, sagte er nun. Früher hatte ich gar nicht nachvollziehen können, wie die Arbeit an einem Wörterbuch zu einer solchen Leidenschaft hatte werden können. Oft hatte er mir zu verstehen gegeben, dass dieses Wörterbuch, an dem er gearbeitet hatte und vielleicht noch immer arbeitete oder das er aufgrund der Dinge, die ihm in den letzten Jahren widerfahren waren, liegengelassen hatte, sich wesentlich von allen anderen Wörterbüchern unterschied. »Leider habe ich dir die Hintergründe damals nicht genauer erläutert, ich habe dummerweise nur ganz allgemein davon gesprochen. Vielleicht hatte ich Angst, du klaust mir die Idee, wer weiß!«, sagte er, seine Bierflasche noch immer in der Hand. Erneut stießen wir an.
»Cheers«, sagte ich, und er begann zu erzählen.
Sein Bruder Gerry, der vor Jahren Rabbiner geworden war, und zuvor als Offizier bei den Marines gedient hatte, war zehn Jahre älter als Simon. Doch trotz Simons Jugend, er war damals vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, war ihm etwas an der Art und Weise aufgefallen, wie sein Bruder redete, wenn er auf Urlaub nach Hause kam. Doch wenn er seinen Bruder nach diesen Ausdrücken fragte, die ihm unklar und neu erschienen, lachte dieser nur und sagte, so sprächen sie eben bei den Marines.
Simon wusste nicht mehr, wann er begonnen hatte, sich für die Frage zu interessieren, ob denn alle Soldaten weltweit solch eine eigene Sprache besäßen. Doch er erinnerte sich, dass ihn diese Frage lange umgetrieben hatte. Manchmal hatte er nächtelang nicht schlafen können. Als er sich ein kleines Heft anschaffte, um hier und da ein Wort zu notieren, das er von seinem Bruder aufgeschnappt hatte, war ihm noch nicht bewusst, dass sein Wortschatz mit der Zeit immer weiter anwachsen und dieses kleine Heft von zahlreichen größeren abgelöst werden sollte. Sein Bruder hatte sich nicht geizig gezeigt und ihn mit sämtlichen Wörtern versorgt, die ihm geläufig waren. Und als Simon schließlich auf die Universität kam, sollte er Linguistik studieren und sich auf die Sprache der Soldaten spezialisieren.
So hatte das Ganze seinen Anfang genommen, und im Laufe der Zeit hatte er begonnen, Abhandlungen über die Soldatensprache zu schreiben: Flüche in der Soldatensprache, Erotik in der Soldatensprache, Humor in der Soldatensprache und andere Titel mehr. Sein Professor hatte es anfangs als eher befremdlich empfunden, dass er sich allein mit solchen Themen beschäftigte, und darin nur eine vorübergehende Liebhaberei erblickt, wie sie in den ersten Universitätsjahren bei Studenten zuweilen vorkommt. Simon allerdings hatte unbeirrt an seinem Lieblingsthema weitergeforscht, war ganz darin aufgegangen, weshalb ihn sein Professor schließlich zu einer Unterredung in sein Büro bat. Er war ein kritischer Geist, wie die meisten seiner Professorenkollegen an der University of Michigan in Ann Arbor, die der Generation der Studentenbewegung der Sechzigerjahre angehört hatten und für jedes neue Thema ein offenes Ohr zeigten. Zwischen den beiden hatte sich ein tiefgreifendes Gespräch entsponnen. Der Professor hatte Simon nach seinen Quellen gefragt und den Grund wissen wollen, warum ihn die Soldatensprache so beschäftige. Und Simon hatte ihm nicht nur alles ausführlich erläutert, sondern sich darüber hinaus unbeschreiblich glücklich gefühlt, den Professor auf sein Thema aufmerksam gemacht zu haben. »Sie glauben also, die Soldaten haben eine eigene Sprache?«, hatte ihn der Professor gefragt. »Ja, das ist meine Überzeugung. Und meine Forschungen bestätigen es«, lautete die Antwort des jungen Studenten. Während des Gesprächs notierte sich der Professor immer mal wieder ein paar Wörter, die Simon erwähnt hatte, darunter vor allem jene, die er in seinen Studien zitierte. Bevor Simon schließlich nach einer mehr als zweistündigen Unterhaltung das Büro verließ, äußerte der Professor, dass ihn tatsächlich einige Wörter stutzig gemacht hätten, weil er sie nicht verstanden habe. Sie seien sicherlich Teil des Wortschatzes der Marines, weshalb es ihn sehr freue, wenn Simon sie ihm übersetzen würde. Und in diesem Moment war Simon blitzartig die Idee gekommen: ein Wörterbuch!
Eine Soldatensprache, dachte er, muss es in der übrigen Welt gewiss auch geben, und wenn er verschiedene Sprachen studierte, könnte er ein wirklich umfassendes Wörterbuch zusammenstellen. Er erstellte eine Liste und einen Arbeitsplan, um jene Sprachen zu lernen, die in den Konfliktregionen seiner Zeit gesprochen wurden.
»Was meinst du?«, fragte er und sah mich an, als wolle er sich vergewissern, dass die Überraschung, die er mir bereiten wollte, ihre Wirkung nicht verfehlt hatte. »Heutzutage ist es schwierig, eine einzige Region auszumachen, die konfliktreicher ist als die übrigen, denn an vielen Orten der Welt herrscht Krieg, ob nun im Kleinen oder im Großen.« Aber damals, Anfang, Mitte der Achtzigerjahre, welche Sprache habe da an erster Stelle gestanden? Nun? Doch wohl Arabisch, dann Hebräisch und in einem gewissen Sinne auch Farsi. – Und so hatte er sich parallel zur Linguistik auch noch für Nahoststudien eingeschrieben.
Bei seiner Ankunft in Kairo war es Spätherbst. Seinen Abschluss in Linguistik und Nahoststudien hatte er in der Tasche. Vom ersten Studienjahr an war ihm klar, dass man, um eine Sprache zu beherrschen, auf Reisen gehen und sie an Ort und Stelle studieren muss. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, in Kairo seine Arabischkenntnisse zu vertiefen, sich mit den Ägyptern in ihrer Sprache zu unterhalten und von ihnen zu lernen, um sich anschließend der Herausgabe seines Wörterbuchs zu widmen. Für all dies hatte er höchstens ein Jahr eingeplant, und zwar nicht, weil das ihm zur Verfügung stehende Geld nicht länger gereicht hätte, sondern um sich auch mit jenen anderen Sprachen zu befassen, die er für sein Weltwörterbuch benötigte, wie etwa das Persische oder Hebräische. Zwar hatte er große Lust gehabt, in den Iran zu gehen, seine Hebräisch-Studien aber hatten sich von Kairo aus leichter weiterverfolgen lassen, schließlich grenzt Israel an Ägypten und war diesem nach dem Staatsbesuch des ägyptischen Präsidenten und der Unterzeichnung eines Friedensvertrags genau vier Jahre vor Simons Ankunft und infolge der anschließenden Grenzöffnung näher gerückt. Simon hatte sich nun leichter auf dem Landweg zwischen Tel Aviv und Kairo hin und her bewegen können und sich nicht mehr gezwungen gesehen, über Zypern nach Israel einzureisen. Während jenes Jahres, von dem er gedacht hatte, es werde sein einziges sein und er würde danach, gleich im Anschluss an die Fertigstellung seiner Studien, nach Michigan zurückkehren, tat er alles ihm erdenklich Mögliche, um bloß nicht den Verdacht zu erwecken, sich nicht allein aus literarischen Gründen mit der arabischen Sprache zu beschäftigen, sondern tatsächlich wegen seiner Arbeit an einem Wörterbuch, das mit dem Militär in Beziehung stand. Er musste also zunächst einmal Soldaten finden, sich mit ihnen unterhalten und sie, wenn auch indirekt, befragen. Damals hatte er zufällig vom Café El Horryia gelesen, und was er da gelesen hatte, hatte ihm den Weg zu seinem Ziel gewiesen.
»Weißt du, dass dieses Café seit seiner Eröffnung 1936 der Lieblingstreffpunkt der Ausländer in Ägypten ist?«, fragte er mich und zog einen alten Zeitungsausschnitt aus der Tasche, den er aufbewahrt hatte. »Was für ein Zufall!«, dachte ich, als ich den Papierfetzen, den er mir unter die Nase hielt, in Augenschein nahm und überflog. Das Viertel Bab al-Louk war zu jener Zeit, als das Café eröffnete, nahezu unbewohnt. Es lag an einem Platz, den man damals noch Maidan al-Zuhur nannte, Platz der Blumen. Weil es so abgelegen lag, hatte mit Ausnahme einiger englischer Soldaten niemand den Weg dorthin gefunden. Zunächst brachte das Café seinen Besitzern auch nichts als gewaltige Verluste ein. Doch mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stockte Großbritannien seine Truppen in Kairo auf, die britischen Soldaten zeigten eine besondere Vorliebe für dieses Café, dessen zunehmende Beliebtheit unter den Briten dann auch Paschas, Polizisten, Soldaten und Künstler anzog. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass genau an der Stelle, wo sich heute das Café befindet, früher das Haus des berühmten ägyptischen Politikers Ahmad Urabi gestanden hat. Von hier aus war er mit seinen Unterstützern zum Abdin-Palast gegen den Khediven, den ägyptischen Herrscher, gezogen, um Freiheit für das Volk einzufordern. Nach dem Scheitern der Revolution, der Gefangennahme Urabis und seiner Verbannung auf die Insel Ceylon wurde auch sein Haus zerstört. An dessen Stelle errichtete man ein neues Gebäude in englischem Stil mit dem Café El Horryia im Erdgeschoss. Es gab also keinen besseren Vorwand als den der Erforschung der Geschichte dieses Cafés, um sich mit ehemaligen Militärführern zu treffen, die hier regelmäßig verkehrten. Eigenartige Ausdrücke und sprachliche Wendungen ließen sich mit ihrer Hilfe leicht belegen. Nur durfte Simon keinen Argwohn bei ihnen erwecken, wollte er nicht Gefahr laufen, als Spion verdächtigt zu werden. Er musste die Kontaktaufnahme vorsichtig angehen, seine Gesprächspartner zunächst fragen, welche Zeit sie erlebt, welche Sprache sie verwendet hatten und wie sich diese von der zeitgenössischen unterschied.
Dank der Zuarbeit dieser alten ägyptischen Militärs erwarb sich der junge Simon Syros, der in seiner Energie und Neugier keinen Deut nachließ und keine Langeweile kannte, mit seinen Besuchen im Café El Horryia schon nach drei Monaten eine Fülle an Informationen. Er brauchte die Männer nur an vergangene Zeiten zu erinnern, schon begannen sie begeistert zu erzählen.
Binnen kurzem war Simons Name im Café in aller Munde: »Der Amerikaner, der fließend Arabisch spricht, sogar ägyptischen Dialekt, und die Erinnerungen des Cafés aufschreibt«, so nannte man ihn dort. Manch einer war sogar, noch ehe Simon sich an ihn gewandt hatte, von sich aus auf ihn zugekommen und hatte ihm Vorwürfe gemacht: Warum er sich nicht zuerst an ihn gewandt habe? Er habe einen ganzen Vorrat an Geschichten, Simon hätte viel zu verlieren, wenn er nichts davon erführe! Damit hatte Simon nicht gerechnet. Einer der Gäste des Cafés, ein Mann, der auf den ersten Blick wie Anfang dreißig wirkte, tatsächlich aber, wie Simon später herausfand, Mitte, Ende vierzig gewesen sein musste – er war allemal eine elegante Erscheinung und trug eine dunkle Sonnenbrille –, saß immer allein in einer Ecke und beobachtete Simon bei allem, was er tat. Simon, dem dies aufgefallen war, entschied zu warten, ob nicht auch dieser Mann sich ihm eines Tages vorstellen würde.
Es musste am ersten März gewesen sein, einem relativ milden Tag – allerdings war gerade der Chamsin-Wind aufgekommen und hatte Sand und Staub mit sich geführt. Simon konnte sich noch so gut an jenen Tag erinnern, da er nicht wie üblich am Eingang des Cafés gesessen, sondern einen Platz in einer weiter hinten liegenden Ecke eingenommen hatte, genau an jener Stelle, die er nun auch für unser Gespräch gewählt hatte. Plötzlich war der elegante Mann auf ihn zugekommen und hatte sich ihm als Salim Adli vorgestellt. Simon musste immer lachen, wenn er an diesen Namen dachte, ausgerechnet Salim in Kombination mit Adli, war doch dieser Mann alles andere als salim – untadelig – oder adil – gerecht. Bis er den wirklichen Namen des Mannes erfuhr, sollte noch viel Zeit vergehen, in der die beiden einander mehrmals sahen, was am Ende zu einer gewissen Vertrautheit zwischen ihnen führte. An jenem Tag im März jedoch hatte er nicht einen Moment an dem Namen gezweifelt. Es war ja auch einerlei, ob er nun Salim oder Fathi hieß, Izzat oder Mahmud – lauter Namen, die ihm dieser Mann später genannt hatte, zum Spaß oder unter den heiligsten Schwüren, die Wahrheit zu sagen. Welche Namen auch immer Simon von ihm hörte, spielt letztlich keine Rolle: Der Mann blieb für ihn, selbst als sein richtiger Name und seine Identität ans Tageslicht gekommen waren, doch immer nur Salim Adli.
Er arbeitete, wie er Simon erklärte, in einem Filmunternehmen. Er sei auf Simon aufmerksam geworden und fragte sich, was dieser junge Amerikaner wohl von all den pensionierten Soldaten in Kairo wollte. Mit einem Augenzwinkern bat er Simon, nicht zu glauben, dass ihm sein Tun verdächtig vorkomme oder er ihn etwa der Spionage bezichtige, um Gottes willen, nein, schließlich sei Kairo, und darauf sei er stolz, ein Attraktionspunkt für Studierende von nah und fern. »Nehmen Sie sich allerdings in Acht!«, sagte Salim Adli noch und sah Simon dabei an, als wollte er die Wirkung seiner Worte auf dessen Mienenspiel studieren, während er ihn gleichzeitig am Arm packte und ihm versicherte: »Ich möchte Ihnen schließlich helfen!« Das allerdings nur, wenn er, Simon, seine Hilfe auch wirklich wünsche, fügte er gleich noch hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten. Anschließend erklärte er, dass es ihm nur darum gehe, Simon mit einem bedeutenden Offizier bekannt zu machen, der damals etwa zweiundsechzig Jahre alt war und lange in der Armee gedient hatte, bis ihm das Schicksal einen Streich gespielt hatte. »Eine Prüfung Gottes«, sagte Salim Adli in einem deutlich bekümmerten Tonfall. »Denn der Herr ist krank.« Er sei ans Bett gefesselt, erfuhr Simon nun, weshalb er ihn auch nicht im Café antreffen könne. Salim Adli jedoch war bereit, ihn zu ihm bringen, und war sich sicher, dass der ehemalige Offizier Simon bei all seinen Forschungen nützlich sein könnte.
Damals, am ersten März jenes Jahres, war Simon mitnichten bewusst, dass er im Begriff war, einen enormen Fehler zu begehen, als er Salim Adlis Vorschlag, den kranken Offizier zu besuchen, annahm. Im Nachhinein betrachtet aber bewies jeder einzelne Augenblick jenes Tages, wie begriffsstutzig er doch gewesen war: zunächst der Augenblick, als er sich von seinem Platz erhob, dann derjenige, als er das Café verließ und schließlich der darauf folgende, als er »mit diesem Salim Adli« in einen großen Mercedes stieg. Und ebenso die Minuten, die er unterwegs mit diesem Mann verplauderte, der sich nicht scheute, sich nach einer so kurzen Bekanntschaft als sein neuer Freund zu bezeichnen; dann der Augenblick ihrer Ankunft vor dem Haus des kranken Offiziers, den kennenzulernen Simon so neugierig war, dann der danach, als Salim Adli, ohne zu läuten, vor Simon das Haus betrat, anschließend derjenige, als Simon Salim ins Haus folgte, und schließlich jener letzte Augenblick, als die Gattin des Offiziers, eine schöne, kräftig gebaute, hochgewachsene Frau mit blondem Haar, die beiden in einem nachthemdartigen Hauskleid und mit finsterem Gesichtsausdruck im Salon begrüßte. Iatidad lautete ihr Name, wie Simon sich erinnerte. Sie wirkte, als wäre sie schockiert, die beiden zu sehen, genauer, Salim Adli zu sehen. Denn kaum war ihr Blick auf Simon gefallen, der hinter dem größeren Salim Adli verdeckt gestanden hatte wie dessen Schatten oder Diener, hatte sie ihn angelächelt. Simon erinnerte sich noch, wie sie auf ihn zugekommen war und ihn zunächst auf Englisch willkommen geheißen hatte. »Sorry, excuse me!«, hatte sie dann noch gesagt. Als Simon ihr jedoch auf Arabisch antwortete, sprach sie in ägyptischem Dialekt weiter. Ihre Entschuldigung bezog sich auf die Hauskleidung, die sie trug. »Ihr Besuch kommt sehr überraschend«, hatte sie leicht irritiert gesagt und noch hinzugefügt, dass es mit Si Samahs Gesundheit – auf diese Weise hatte Simon auch den Namen des Offiziers erfahren – seit den frühen Morgenstunden immer weiter bergab gegangen sei. Eben erst habe sie den diensthabenden Militärarzt angerufen, damit er ihn ins Krankenhaus einweise oder herkomme, um ihn zu behandeln. Sie wisse nicht, ob Si Samah überhaupt zu einem Gespräch in der Lage sei. Jedenfalls erinnerte sich Simon, dass sich der Gesichtsausdruck dieser Frau sekündlich veränderte, sobald sie den anderen anblickte, der wiederum seinerseits keinerlei Mühe darauf verwendete, seine verächtlichen Blicke zu verhehlen. Warum war Simon nicht wenigstens in jenem Moment auf die Idee gekommen, dass da etwas nicht stimmte? Als sie schließlich – Salim und er, denn die Frau ging nicht mit hinein – zu dem kranken, bettlägerigen Offizier ins Zimmer traten und sich die Salontür hinter ihnen schloss, fand er sich einem vollkommen zusammengesunkenen Mann gegenüber, der kaum in der Lage war zu sprechen, einem Mann, der so hinfällig wirkte, als hätte er kürzlich erst eine Embolie, einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder einen Nervenzusammenbruch erlitten und würde nur noch von seiner Neugier auf Simon Syros am Leben erhalten. Und das war es dann auch, was ihm Si Samah nun erklärte, der jedes einzelne Wort schwer atmend hervorpresste. Er habe Simons Kommen inständig herbeigesehnt, sagte er, und schließlich notgedrungen Salim Adli befohlen, ihn herzubringen. Dann also war es gar nicht so, wie Salim Adli es erzählte, dachte Simon damals im Stillen. Bei allem, was Salim Adli nun tat, wirkte er wie ein Untergebener Si Samahs, auch wenn man dies aus ihrem Äußeren nicht unbedingt schließen konnte: Si Samah hatte einen dunklen Teint, Salim dagegen war hellhäutig, Si Samah war klein, vielleicht nicht größer als einen Meter sechzig, und mager, während Salim groß und kräftig war. Trotzdem verhielt sich Salim, als wäre er Si Samah unterstellt und handele nur auf dessen Anweisung. Besser gesagt, es war eine sonderbare Beziehung, die über die Beziehung zwischen Vorgesetztem und Untergebenem, Herrn und Diener hinausging. Den Kopf stets gesenkt, den Blick auf Si Samah gerichtet, hatte Salim kein einziges Wort mehr gesagt, nachdem Si Samah zu sprechen begonnen hatte. Dieser redete, als hielte er eine lange Ansprache, sozusagen ein Abschiedswort an die Welt, als wüsste er, dass seine Tage gezählt seien. Er sagte sogar, er habe darauf bestanden, dass Simon Syros an jenem Tag zu ihm nach Hause kommen sollte, bevor es zu spät wäre. »Wie Sie sehen, schwinden meine Kräfte«, sagte er. »Und bevor sie mich gänzlich verlassen und ich nicht mehr sprechen kann, wollte ich Ihnen noch zu Ohren kommen lassen, was gesagt werden muss.« Er versank fast in dem dicken Sofa, auf dem er lag, und war mit einer Bettdecke zugedeckt, die die gleichen Streifen trug wie sein Pyjama, von dem nur der oberste Teil zu sehen war. Beides wirkte wie Requisiten aus einem Gefängnisfilm. Trotzdem bestand der Mann darauf, seine Rede zu halten.
Nachdem er Simon begrüßt hatte, erklärte er, er wisse alles über ihn. Anders als Simon selbst von sich oder andere von ihm behaupteten, sei er mitnichten ein Amerikaner, der die Geschichte des Cafés El Horryia niederschreibe. »Blödsinn! Lassen Sie doch diesen Quatsch! Damit Sie wissen, wie viel ich über Sie weiß, werde ich Ihnen von der Universität berichten, an der Sie studiert haben, und von Ihrer Stadt Ann Arbor. Sie sind ein Absolvent der University of Michigan in Ann Arbor, mein Freund!« Und damit zog er mehrere Papiere unter seinem Kopfkissen hervor, darunter offenbar einen Bericht mit den Informationen, die er über Simon gesammelt hatte, und bat Salim Adli vorzulesen, was darin geschrieben stand. »Ann Arbor ist eine Stadt im US-Bundesstaat Michigan. Gegründet wurde sie im Jahr 1824. Eine Theorie besagt, dass sie sehr wahrscheinlich nach den Ehefrauen der beiden Stadtgründer John Allen und Elisha Walker Rumsey benannt wurde. Was die University of Michigan betrifft, so wurde sie 1824 von Detroit nach Ann Arbor verlegt. Damit setzte im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert ein Wachstum der Stadt ein. Während der Siebziger- bis zu Beginn der Neunzigerjahre unserer heutigen Zeit gewann die Stadt große Popularität durch linke Aktivitäten, denn sie war ein Zentrum liberaler Politik und wurde schließlich wegen ihrer aktiven Rolle im Civil Rights Movement und der Studentenbewegung zu einem Kristallisationspunkt politischer Aktivitäten im Westen …« Bevor Salim Adli mit dem Verlesen des gut fünfseitigen Berichts, der wie eine Akte über Simon Syros begann, fortfahren konnte, wurde er von Si Samah unterbrochen. »Das reicht«, sagte er. Anschließend richtete er sich auf und sah Salim Adli an. »Mit diesem Bericht wollte ich unserem amerikanischen Freund nur einen Eindruck davon vermitteln, dass ich alles über ihn, seine Stadt und seine Universität weiß. Es genügt, dass sie ein Zentrum des Liberalismus ist, dieses Gifts, das uns nichts als Probleme und Zerstörung gebracht hat. Jemand wie er, ein Absolvent dieser linken oder liberalen Universität – denn das ist das Gleiche, Liberalismus und linke Politik sind Zwillinge, und für beide ist in unseren Regionen kein Platz – ist mit einem ganz anderen Ziel hergekommen, nämlich diese destruktiven Ideen hier zu verbreiten.« Nun richtete er seine Worte direkt an Simon. »Haben Sie mich verstanden?« Zur Erklärung fügte er mit derselben schwachen, aber entschlossen klingenden Stimme hinzu: »Sie sind Absolvent der University of Michigan, Institute of Advanced Studies, Branch of Middle Eastern Studies. Einigen wir uns also zunächst einmal darauf, dass Sie mit Ihrem Besuch etwas anderes bezwecken, als eine Studie über das Café El Horryia zu schreiben. Ist das richtig?« Dann schwieg er, möglicherweise, weil er auf eine Antwort von Simon wartete, vielleicht aber war die Sache für Si Samah damit, dass sie sich geeinigt hatten, auch einfach erledigt.
Erst als Simon mir die Geschichte im Café El Horryia erzählte, fiel ihm ein, dass die Art und Weise, wie der kranke Offizier den Namen des Cafés, Horryia – Freiheit –, ausgesprochen hatte, nicht der Ironie entbehrte. Damals jedoch, vor dem auf dem breiten Sofa hingestreckten Körper, hatte Simon sich ganz den Gepflogenheiten entsprechend verhalten, er hatte den Gruß des Offiziers höflich erwidert und dabei nicht einmal vergessen, sich ägyptischer Ausdrücke zu befleißigen. »Sie sprechen Arabisch wie ein Ägypter?«, hatte der Offizier ihn daraufhin gefragt, eine Frage, die eher einer Bestätigung glich. »Ja, mein Herr«, hatte Simons Antwort gelautet.
»Gib mir mal das Album, Mahmud!«, hatte Si Samah daraufhin Salim Adli befohlen, und das Fotoalbum auf dem Tischchen gemeint, das sich nun zwischen den beiden Männern und Simon befand, da sich Salim Adli, kaum hatte er dem Kranken das Album gereicht, auf den Rand des Sofas gesetzt hatte. Simon wusste nicht, ob er darüber lachen sollte, dass sein Begleiter mit einem Mal Mahmud hieß. Warum bloß hatte er sich in jenem Moment nicht entschuldigt, war aufgestanden und hatte gesagt, dass er gehen müsse? Reichte es ihm nicht, Salim Adlis neuen Namen zu hören? Welcher normale Mann ließ sich denn am selben Tag mit zwei verschiedenen Namen anreden? Warum hatte er dies Salim Adli damals nicht einfach ins Gesicht gesagt? Er wusste es nicht. Alles, was er wusste und woran er sich noch erinnerte, war, dass er wie betäubt auf seinem Platz sitzen geblieben war und sich den zweiten Teil von Si Samahs Rede angehört hatte. Oder auch nur einen Teil dieses Teils, denn kaum hatte Si Samah wieder das Wort ergriffen, bemerkte Simon, wie sich die Salontür ihm gegenüber leise öffnete und Iatidad in deren Rahmen erschien. Zuerst drückten nur ihre Fingerspitzen die Tür einen kleinen Spaltbreit auf, dann aber sah er, wie sie ihren Körper zur Hälfte in den Schlitz schob und ein Stück Pappe in die Höhe hielt, auf dem geschrieben stand: »Glauben Sie diesen Lügnern nicht!« Gleich darauf war sie wieder verschwunden. Simon musste grinsen. Das Ganze hatte kaum ein paar Sekunden gedauert, doch der seltsame Anblick hatte ausgereicht, ihn von dem abzulenken, was Si Samah von sich gab. Nur Fragmente, Bruchstücke, Satzfetzen, die er sich erst wieder zusammensetzen musste, waren ihm im Gedächtnis geblieben. So erfuhr er beispielsweise, dass Si Samah einer der ersten Offiziere gewesen war, die sich an dem Umsturz gegen König Faruk beteiligt hatten; dass er das Bataillon Nummer 13 angeführt hatte, dessen Kameraden größtenteils den sogenannten Freien Offizieren angehörten, welche die Bewegung vom 23. Juli 1952 ins Leben gerufen und die Monarchie abgeschafft hatten. Ein Jahr später hatte Si Samah die Leitung des Geheimdienstes übernommen. Ein Jahrzehnt lang war er dessen Chef gewesen. Für den Aufbau des ägyptischen Geheimdienstes hatte man gewaltige Finanzmittel und Erfahrungen anzapfen müssen. Noch notwendiger aber war die Bereitstellung qualifizierter Kräfte gewesen. Ihre Ausbildung war das schwierigste Problem, vor dem der neu zu erschaffende Apparat gestanden hatte. Doch Si Samahs direkte Kontakte zu den Geheimdienstchefs verschiedener Länder in aller Welt waren ihm, so sagte er stolz, eine große Hilfe gewesen.
Das Finanzierungsproblem hatte er gelöst, indem er mit einem Grundkapital von 300.000 Ägyptischen Pfund eine Transportfirma gründete, die ihre Gewinne an den Geheimdienstapparat überwies. Als er dem Staatspräsidenten von dieser Firma berichtete, forderte dieser ihn auf, das Kapital zu erhöhen, und kam mit ihm darin überein, sich selbst mit 100.000 Pfund vom Präsidentenkonto zu beteiligen, und zwar unter der Maßgabe, dass die Armee eine weitere Summe einzahlte und die Gewinne der Gesellschaft auf alle drei Beteiligten aufgeteilt wurden.
Von diesem Moment an waren Geheimdienst und Armee Verbündete. Der Fortbestand des einen entschied über den Fortbestand der anderen, die Macht des einen über die der anderen. Sämtliche Versuche, die beiden auseinanderzudividieren, waren gescheitert, erklärte Si Samah und erinnerte Simon zugleich daran, wer dies alles bereits versucht hatte: Israel, die Sowjets, Deutschland. Doch sie waren samt und sonders gescheitert. »Diese Lektion sollten Sie sich hinter die Ohren schreiben!«, sagte er. Ungefähr gegen Ende dieses Satzes konzentrierte sich Simon wieder stärker auf seinen Gesprächspartner. Ihm blieb auch nichts anderes übrig, denn angesichts dessen, was der Mann nun von ihm forderte, saß er plötzlich wie angewurzelt da, als wäre er mit einem Mal gelähmt. Der alte Mann sagte geradeheraus, er sei wirklich froh, Simon getroffen zu haben, und verlange von ihm nicht mehr, als das, was er ihm nun anvertrauen werde, an seine Untergebenen im amerikanischen Geheimdienst, dem CIA, weiterzuleiten. Liberalismus sei Unsinn, sollte er ihnen sagen, die Armee und die Geheimdienste in Ägypten seien die einzigen Garanten für regionale und weltweite Stabilität. Falls sie Zweifel daran hätten, sollten sie ihn nur baldmöglichst kontaktieren, dann würde er ihnen den Gedanken einer Zusammenarbeit mit dem CIA erläutern, welche die Gründung eines globalen Geheimdienstapparates mit Zentren an verschiedenen Orten der Welt beinhalte, von denen sich eines in Kairo befinden müsse. Leider habe seine Krankheit ihn arbeitsunfähig gemacht und gezwungen, sich von den Zentren der Macht fernzuhalten. Trotzdem habe er nach wie vor Männer im Apparat, die ihm vertrauten und eher für ihn als für die neue Führung arbeiteten. Ihre Loyalität ihm gegenüber bestehe seit geraumer Zeit, was auch kein Wunder sei, da er selbst sie geschult habe, und nicht nur sie, sondern auch ihre Ehefrauen. Nur gemeinsam mit ihm, erklärte er, könne der amerikanische Nachrichtendienst erfolgreich arbeiten. Diese Botschaft müsse Simon übermitteln. »Haben Sie mich verstanden?«, fragte Si Samah, eher zur Bekräftigung seiner Worte, als um sich zu erkundigen. Die Sache war erledigt, Simon Syros war ein Agent des CIA, der sich nur als Forscher ausgab.
Simon kam dies alles ausgesprochen grotesk vor, er musste über diese verrückte, beinahe schon paranoide Vorstellung beinahe lachen. Okay, der Typ mag verrückt sein, dachte er sich dann, aber vielleicht ist er auch gefährlich.
Auf diese Weise verlief der Abschied zwischen Simon und dem kranken Mann, der, kaum hatte er seinen Satz beendet, in tiefen Schlaf sank. Und so war es Salim Adli, der Simon dann bat, doch aufzustehen, damit sie die Villa verlassen konnten, ohne allerdings zu wissen, dass die Rede, die Si Samah eben gehalten hatte, auch seine letzte war. Am selben Tag noch wurde er ins Kairoer Militärkrankenhaus transportiert. Um seine Gesundheit war es tatsächlich äußerst schlecht bestellt. Seit gut fünfzehn Jahren hatte er, nachdem den damals erst Neunundvierzigjährigen eine Koronarembolie niedergestreckt hatte, unter dieser Krankheit gelitten. Diesmal sollten ihm nur noch vier Tage bleiben. Am fünften des Monats verstarb er.
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DRITTES HEFT
Soad im Griff des Militärs Viele Superlative. Etwas weniger Mond
ES GAB KAUM EINEN BEDEUTENDEN ANLASS, der mit dem Militär zu tun hatte, zu dem man nicht Soad um einen Auftritt gebeten hätte. Seit sie mit ihrem Lied Gott erhalte Deine Armee, geliebtes Ägypten! berühmt geworden war, war sie eine der gefragtesten Sängerinnen des Militärs. Ob zu einer kleineren oder größeren Feier im Offiziersclub der Streitkräfte oder zu welcher Gelegenheit auch immer, Soad hatte in ihrer ganzen Pracht zu erscheinen. Ihre Mutter sparte keine Mühe, sondern tat alles ihr erdenklich Mögliche, damit das Mädchen tatsächlich »wie der Mond« strahlte. Und für die Soldaten war sie tatsächlich der Abglanz des leuchtenden Mondes. In jenen Jahren waren Soad und das Militär zwei so eng miteinander verbundene Wesen, dass die eine nicht ohne das andere vorstellbar war. Selbst als die Militärs, genauer, die Mitglieder des sogenannten Revolutionären Kommandorats, sich entzweiten und infolgedessen im Frühjahr des Jahres 1954 die wohl befremdlichsten Demonstrationen der ägyptischen Geschichte auf Kairos Straßen die Abschaffung von Demokratie und Parteiensystem und die reaktionären Kräfte feierten, als es zu riesigen Volksaufläufen vor dem Parlament, dem Präsidentenpalast und dem Staatsrat kam, während derer eine äußerst groteske Mischung von Rufen skandiert wurde, Rufe wie: »Fort mit der Demokratie, fort mit der Freiheit!«, oder der berühmt gewordene Appell: »Keine Parteien, kein Parlament mehr!« – selbst an jenem Tag erschienen mehrere uniformierte Männer in Begleitung von Soads Vater bei ihr zu Hause und forderten sie auf mitzukommen. Sie ließen sie in einer eleganten Limousine Platz nehmen, und vor lauter Freude über die weichen Ledersitze fiel Soad gar nicht auf, dass der Streik der Beschäftigten des Verkehrswesens jede Bewegung in der Stadt zum Stillstand gebracht hatte. Irritierend fand sie nur, dass sie nicht wie üblich vor einem aus Militärs bestehenden Publikum oder in einem Studio singen sollte, wie man es sonst immer für sie angemietet hatte, nein, nun sollte sie unter freiem Himmel auftreten, auf dem Platz vor dem Parlamentsgebäude vor einer riesigen, ausschließlich aus Zivilisten bestehenden Menschenmenge. Aber sie nahm das in Kauf, ging es ihr doch in erster Linie darum, singen zu dürfen, zu singen war ihr einziges Glück. Auch jetzt sollte sie ihr bekanntes Lied Gott erhalte Deine Armee, geliebtes Ägypten! vortragen, was ihr nicht weiter wichtig war, wichtig war ihr allein, dass sie, dass ihr Vater, ihre Mutter, die Menschen glücklich waren. Dass auch Scharif über ihren programmatischen Auftritt glücklich war, und sogar so glücklich, dass man es ihm förmlich vom Gesicht ablesen konnte, bedeutete ihr dagegen kaum etwas. Ihm gegenüber erfüllte sie eine Pflicht, und genau darin bestand ihre Beziehung zu ihm: in reiner Pflichterfüllung. Und so, wie sie diese Beziehung als reine Pflichterfüllung wahrnahm, schien auch er dies zu tun, als hätte ihn jemand beauftragt, sich um sie zu kümmern, stets in ihrer Nähe zu bleiben, regelrecht an ihr zu kleben und sie unter keinen Umständen alleinzulassen – selbst wenn seine Kameraden ihn aufgrund dieses Verhaltens, das ihnen wohl übertrieben erschienen sein musste, immer wieder einmal kritisiert hatten. Und kritisiert hatten sie ihn auch an jenem sonnigen Frühlingstag: »Der Befehl lautet«, sagten sie zu Scharif, »dass wir uns von der Demonstration fernhalten sollen. Niemand soll Zweifel daran hegen, dass dieser Protest aus der Mitte des Volkes kommt, eines Volkes, das gegen den Beschluss des Parlaments, den Revolutionären Kommandorat aufzulösen und demokratische Wahlen zu veranlassen, Sturm läuft. Wenn wir Uniformierte da auftauchen, wäre dies ein unübersehbarer Hinweis darauf, dass hinter den Demonstrationen Offiziere stecken. Lass doch das Mädchen allein aufs Podium steigen und vor den Demonstranten singen, was schadet das? Warum sorgst du dich so sehr um sie? Ihr wird gewiss nichts geschehen.« So redeten sie auf ihn ein, weil sie der Meinung waren, Scharifs Verhalten entspringe einer wirklichen Sorge um Soad. Ihre Bemühungen, ihn zu überzeugen, blieben jedoch vergeblich. Er wich Soad nicht von der Seite, achtete allerdings darauf, sich hinter ein paar Leuten zu verbergen, die gemeinsam mit ihr auf der Bühne standen. Wer ihn jedoch hätte sehen wollen, hätte ihn sehen können.
Soad, anders als die Kameraden vom Militär, war weder an jenem Tag noch sonst irgendwann der Meinung, dass der »Herr Offizier Scharif«, wie sie ihn gern nannte, irgendwie übertrieb. Dieser fesche Offizier preschte in seiner schicken Uniform, wann immer die Soldaten, ob nun mit oder ohne Soads Vater, zu ihr nach Hause kamen, einfach vor, manches Mal sogar noch vor ihrem Vater, ganz so, als wolle er dessen Platz einnehmen. Stets war er es, der an der Tür läutete und auch als Erster das Wort an Soad richtete – an Soad oder ihre Mutter, falls diese geöffnet hatte. Bei solchen Gelegenheiten, etlichen in jener Zeit, vor allem aber im Jahr 1954, war er stets voller Elan bei der Sache. Soad war das mehrfach aufgefallen, an der Art etwa, wie er aus dem Auto sprang, oder auch am Klang seiner Stimme, wenn er seinen Untergebenen Befehle erteilte. Selbst Soads Mutter hegte ein gewisses Wohlwollen für ihn, und wäre da nicht ein deutlicher Altersunterschied gewesen, sie hätte ihn bestimmt als möglichen Bräutigam für Soad in Erwägung gezogen. Vielleicht tat sie dies sogar insgeheim und wollte geduldig die nächsten vier, fünf Jahre abwarten, bis ihre Tochter reifer geworden wäre. Gewiss dachte sie auch, dass es Soad nicht schaden würde, mit sechzehn einen Mann zu ehelichen, der älter war als sie. Und die Mutter war möglicherweise nicht die Einzige, die Scharif als Bräutigam für Soad in Erwägung zog, ihr Vater dachte vielleicht ebenso darüber nach. Die Ära der Militärs hatte gerade begonnen, da konnten Eltern ohne Weiteres froh darüber sein, ihre Tochter mit einem Mann verheiratet zu sehen, der als Soldat auch noch der Regierungsspitze nahestand. Hatte ihr Vater nicht mit eigenen Augen gesehen, wie glücklich Scharif der Anblick seiner Tochter machte? Soad selbst bemerkte auch, wie froh der »Herr Offizier Scharif« war, wenn er sie zu Hause antraf. Wenn sie dann ins Auto stiegen, um zur Aufnahme eines neuen »patriotischen« Liedes zu fahren, wie Scharif all diese Stücke nannte, selbst wenn es sich nur um Kinderlieder handelte, bestand er stets darauf, dass sie neben ihm Platz nahm. »Setzen Sie sich meinetwegen nach vorn!«, sagte er dann zu ihrem Vater. Seine drei oder vier Offizierskameraden, mit denen er meist auftauchte, saßen in einem zweiten Wagen, und wenn sie dann alle losfuhren, sang oder summte Scharif leise vor sich hin. Manchmal sprach er auch, sagte zum Beispiel, wie glücklich er sei, dass sie ein neues Lied singen werde, und nahm ihre Hände zwischen die seinen, wobei er ihr versicherte, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche, dass der Komponist im Studio auf sie warte, und er selbst die Verse des Liedes bei sich habe. »Der Text ist nicht schwer, du wirst ihn rasch auswendig können.« Im Studio blieb er dann eng an ihrer Seite, stets darum bemüht, alles so einzurichten, dass sie das Lied innerhalb kürzester Zeit aufnehmen konnten. Wer ihn bei all dem beobachtete, musste den Eindruck gewinnen, Scharif, und nicht ihr Vater, der meist in einem anderen Raum zu warten hatte, sei für Soad verantwortlich. Wollten einige seiner Kameraden das kleine Mädchen, das in Armeekreisen bis hinunter zur Militärakademie inzwischen recht berühmt war, mit eigenen Augen sehen oder vielleicht sogar mit ihr sprechen, so wurde sie Zeugin, wie er mit ihnen umging. Alles musste über ihn laufen. Nicht einmal dem Toningenieur gestattete Scharif, mit Soad direkt zu sprechen. Heutzutage ist jeder Künstler froh, wenn er solch einen Menschen zum Manager hat, damals aber konnte man die Manager für Künstler an den Fingern einer Hand abzählen. Das Beste, was ein externer Beobachter über Scharif hätte sagen können, hätte sich in der Aussage, dass er Soads Talent förderte, zusammenfassen lassen. Als sei sie eine seltene Perle, die er, ganz im Sinne ihrer Kariere, zur Schau stellte.
Soads Vater hörte gar nicht auf zu unterstreichen, dass Scharif für seine Familie eine Gnade Gottes sei. Die wahren Umstände, die zur ersten Begegnung zwischen Scharif und ihrem Vater geführt hatten, hielt er aber vor Soad geheim. Die Details dieses Treffens erzählte Scharif ihr selbst Jahre später, als Soad eine erwachsene Frau war und er sicher sein konnte, dass sie ihm nicht davonlaufen würde, wenn sie hörte, was sich bei jenem Treffen zwischen Scharif und ihrem Vater abgespielt hatte.
Sie reagierte perplex, aber ruhig, als sie von Scharif erfuhr, dass er ihren Vater bereits am zweiten Tag der Revolution, einen Tag vor der Absetzung und Exilierung des Königs durch das Militär, persönlich aufgesucht hatte. Er hatte salutiert, sich vorgestellt und erklärt, er wolle nicht viele Worte machen, sondern direkt zur Sache kommen. Und damit hatte er einen kleinen Aktenordner vor Soads Vater ausgebreitet und schlicht gesagt: »Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr! All diese Klagen hier hat Ihre Frau gegen Sie eingereicht.« Soads Vater wusste von diesen Klagen, seine Frau hatte sie schließlich nicht vor ihm geheim gehalten. Vielmehr hatte sie ihn mehrfach an seinem Arbeitsplatz aufgesucht und gezetert, er solle endlich die eintausend Pfund herausrücken, die ihrer gemeinsamen Tochter zustanden. Doch obwohl er nicht einen Moment gezweifelt hatte, dass sie ihre Drohungen wahr machen und ihn verklagen würde, hätte er nie damit gerechnet, dass jemand die Klage einer Frau ernst nehmen würde. All dies war für ihn wirklich merkwürdig und neu, wahrscheinlich hatte es mit der neuen Zeit zu tun. Sein Gast gestattete ihm jedoch nicht, länger nachzudenken, sondern sagte, indem er mit der Hand auf die Akte wies, »die Zeiten, in denen der Mann die Frau unterdrückte, sind vorbei«. Die Revolution könne vor seinen Verfehlungen gegenüber seiner Frau und seiner Tochter nicht länger die Augen verschließen. Unrecht, erklärte er ihm lapidar, werde nicht mehr geduldet. »Wir leben in einer Zeit der Revolution, die Probleme des Volkes sind unsere Probleme. Seien Sie auf der Hut, mein Herr!«, hatte Scharif gesagt, mit besonderem Nachdruck auf das Wort Revolution. »Wir hegen die Absicht, sämtliche Akten, die, aus welchen Gründen auch immer, unerledigt liegengeblieben sind, einer Revision zu unterziehen.« Er könne, so hatte er weitergesprochen, in keiner Weise nachvollziehen, dass ein Mann wie er so lange habe in Freiheit leben können, ohne auch nur mit Ermittlungen konfrontiert worden zu sein, von einer gerechten Strafe ganz zu schweigen. Nun gut, die alte Zeit sei nun einmal gewesen wie sie war, ihm falle keine andere Erklärung für das Geschehene ein als Bestechung. Aber wie auch immer, jetzt seien den Männern der Revolution sämtliche Akten in die Hände gefallen, und jedes Unrecht werde bestraft. So überraschend die Worte des Offiziers auch klangen, Soads Vater hörte Scharifs Stimme doch an, dass dieser etwas im Schilde führte, auch wenn er selbst vor Furcht zitterte, man könnte von ihm verlangen, die Summe zurückzuzahlen. Ihm aber blieb gar keine Zeit, seinen Mutmaßungen nachzuhängen, da dieser merkwürdige Offizier – der er ja bis zu jenem Zeitpunkt für den Vater war – unvermittelt erklärte, er, der Vater, könne von Glück reden, dass Scharif selbst zu ihm gekommen sei und nicht etwa Captain Samah persönlich. »Mit Samah ist nicht zu spaßen, nehmen Sie sich vor dem in Acht!« Und dann fuhr Scharif, etwas milder im Ton, mit einigen Erklärungen fort, dass etwa ein Mann wie Samah keinerlei Milde gegenüber den Feinden der Revolution kenne, dass er, Scharif, hingegen ihm, dem Vater, von Herzen zugetan sei, und fest daran glaube, Menschen, die einen Fehler begangen hätten, müssten auch die Chance erhalten, diesen wieder gutzumachen. Schließlich handelten manche ganz unbewusst. »Haben Sie Sigmund Freud gelesen?«, fragte er selbstsicher, um sogleich, ohne etwa die Entgegnung des Vaters abzuwarten, der »Nein, mein Herr, von diesem Mann habe ich noch nie gehört«, hatte sagen wollen, seine Frage selbst zu beantworten: »Dieser Sigmund Freud, der aus der österreichischen Hauptstadt Wien stammte, hat sich viel mit dem Unbewussten beschäftigt. Er behauptet, es allein bestimme das Verhalten des Menschen.« Daraufhin schwieg Scharif eine Weile und sah den Vater an, als wolle er dessen Reaktion überprüfen, bevor er in einem nun noch liebenswürdigeren Tonfall weitersprach: »Deshalb handeln die meisten Menschen, ohne zu wissen, wer sie überhaupt sind.« Und da dieser Grundsatz ihm, Scharif, doch sehr einleuchte, setze er sich nun mit aller Kraft für die Rettung dieser fehlgeleiteten Sorte Mensch ein. Manchmal habe er zwar den Eindruck, ihr fehlerhaftes Verhalten nicht nachvollziehen zu können, doch er vertraue darauf, dass sie ihre Ausrutscher korrigierten. Und noch bevor der Vater ihn fragen konnte: »Wie denn das?«, erklärte er ihm schon, dies sei ganz einfach. »Genau dafür«, sprach er voller Güte, »gibt es die Revolution, sie bietet den Bürgern Gelegenheit, sich wieder richtig zu verhalten. An oberster Stelle steht die Treue zur Revolution, das ist die erste Prüfung, der sich jeder Bürger zu unterziehen hat!« Und damit waren sie also auf den Zweck seines Besuchs zu sprechen gekommen. »Sehen Sie das hier?«, fragte Scharif und blätterte in der Akte, auf deren Umschlag die Namen von Soad und ihrem Vater prangten. Um ihn zu beruhigen, sagte er, werde er diese Akte vor seinen eigenen Augen zerreißen und in den Müll werfen. »Sehen Sie?«, sagte er noch einmal und setzte in die Tat um, was er angekündigt hatte. Er zerriss die Akte und warf sie anschließend in den Müll. »Und jetzt, jetzt nehmen wir das Problem in Angriff!«, erklärte er daraufhin und sah den Vater aufmerksam an. »Ja, Sie haben richtig gehört!« Er wusste, wie er an den Nerven seines Gegenübers zerren konnte. Soads Vater starrte Scharif an und wusste nicht, was er sagen sollte.
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