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Nadja Christin
Samuel, der Tod
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Impressum neobooks
Kapitel Eins
An einem grauen Novembermorgen eilt Maurice DuMont zu seiner Arbeitsstelle, völlig in Gedanken versunken und nicht ahnend, dass er sein Ziel niemals erreichen wird.
Monsieur DuMont ist ein stattlicher Mittvierziger, dessen bisheriges Leben wie ein schlechter Traum an ihm vorüber zog. Seine Frau, eine ewig nörgelnde, falsche Blondine, die mit den Jahren immer griesgrämiger wurde, sitzt zuhause ihren breiten Hintern auf geerbten Esszimmerstühlen platt. Nur Maurices Kinder sind sein ganzer Lebensinhalt. Die Zwillingsmädchen Anne und Marie geben ihm einen Grund, wieso er sich jeden Morgen aus dem Bett schält und zur Arbeit geht.
Die großen Hallen des Elektronikkonzerns NEC Corporation sind nur einige Gehminuten von seinem schmucken Häuschen entfernt, somit brauchen die DuMonts nur ein Auto, was wiederum dem Haushaltsbudget zugutekommt. Nicht, dass Maurice wenig Geld verdienen würde, immerhin ist er im Vorstand von NEC, wenn auch auf einer der untersten Stufen. Aber Florence, seine Frau, kann nicht genug Euros zwischen ihren gierigen Wurstfingern spüren, auch, wenn sie es sofort wieder für irgendeinen Schnickschnack ausgibt.
In Gedanken ganz mit seinen kleinen Mädchen beschäftigt, blickt Maurice nicht links noch rechts, eilt nur den feuchten Gehweg entlang, die heiligen Hallen der NEC in einiger Entfernung vor sich.
Plötzlich hinter ihm ein Rascheln, Maurice hebt den Kopf, ohne seinen schnellen Schritt zu verlangsamen, sieht er sich um. Doch er kann nichts entdecken.
»Maurice DuMont?«, erklingt es mit einem Mal laut hinter ihm.
Erschrocken dreht er sich um, gerät beinahe ins Straucheln, hält an. Aber vor ihm liegt nur die graue Straße, ein wenig Dunstschleier, sonst ist nichts zu sehen.
»Ich hätte schwören können …«, murmelt er und sieht genauer hin.
Der dunstige Nebel scheint sich zu verdichten, beginnt Formen anzunehmen. Zuerst ist es nicht ganz klar, was sich daraus ergeben könnte, aber mit der Zeit ist sich Maurice sicher, dass es eine menschliche Gestalt darstellen könnte.
»H-Hallo? Wer ist da? «, fragt er leise in den milchigen Schleier hinein.
Der Nebel verschwindet genauso rasch, wie er gekommen ist. Einen Moment stiert Monsieur DuMont nach vorne, dann schnauft er entrüstet. Ich bin wohl noch nicht ganz wach, denkt er und will sich gerade umdrehen, als jemand in sein Ohr flüstert:
»Ich bin der Tod, Maurice. Deine Zeit neigt sich dem Ende zu.«
Entsetzt wirbelt DuMont herum. Dicht vor ihm steht jemand. Ein schwarzer Umhang verhüllt die gesamte Gestalt, sodass Maurice nicht einmal genau bestimmen könnte, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Eine große Kapuze verhüllt den Kopf und das Gesicht liegt im Schatten. Nur zwei rote, glühende Punkte leuchten ihn aus dem Dunklen heraus an. Wie hypnotisiert starrt er auf diese feurigen Kohlenstücke.
»W-Wer sind Sie?«, fragt Monsieur DuMont, er verspürt kaum Furcht, nur eine eigenartige Mischung aus Faszination und Schrecken.
»Ich sagte es bereits.« Die Stimme des Fremden klingt dunkel und scheint in Maurices Kopf einen seltsamen Nachhall zu erzeugen.
»Ich bin der Tod und deine Zeit ist abgelaufen, Maurice DuMont.«
»Nein …«, haucht er und alles an ihm scheint zu zittern.
Auch wenn Maurice bisher mit beiden Beinen fest im Leben stand, und weder an Gott noch an die andere Seite glaubte, so weiß er doch mit einem Mal, dass der leibhaftige Sensenmann vor ihm steht und seine Seele will. Er erkennt es mit der gleichen Klarheit, wie er auch weiß, dass ihm graue Haare aus den Ohren wachsen, oder er drei Muttermale an der rechten Schulter hat, die zusammen ein beinahe perfektes Dreieck bilden.
Die Erkenntnis schießt auf ihn zu, wie ein tosender Hurrikan: Ich muss jetzt sterben.
Er kann nicht ausweichen, oder Schutz suchen, die Worte treffen ihn wie ein Schlag mit dem Hammer. Immer wieder schwirrt der Satz durch seinen Kopf, so lange, bis sich die einzelnen Worte vereinen und nur noch einen völligen Blödsinn ergeben.
»Nein!«, ruft er erneut, nun schon lauter. Er versucht nach hinten auszuweichen, aber kaum hat dieser Plan in seinem Kopf Gestalt angenommen, schon schießt ein Arm unter dem dunklen Umhang hervor und packt ihn am Handgelenk. Mit weit aufgerissenen Augen starrt Maurice auf die Hand des Fremden.
Er sieht seine eigene, rot und rau vor Kälte, seine Manschettenknöpfe und die Ärmel seines grauen Anzuges. Aber all das ist es nicht, das ihm einen solchen Schrecken versetzt.
Es ist die Hand des Fremden. Keine Haut umspannt sie, kein Fleisch, keine Muskeln sind zu sehen. Nur die blanken Knochen und weiße Sehnen, die den skelettierten Arm zusammen halten. Ein grausamer Schauer läuft über Maurices Rücken, alle Nackenhaare stellen sich auf. Er will flüchten, am liebsten so weit weg, wie es nur geht. Aber auch diesmal ist der Tod schneller.
Der seltsame Fremde packt Maurices zweiten Arm und zieht ihn unbarmherzig zu sich heran.
»Du wirst jetzt einen Blick in meine Augen werfen«, sagt der Tod. »Hab keine Furcht, es ist schnell vorbei.«
Monsieur DuMont hebt vom Boden ab, der Fremde zieht ihn zu sich hoch, sodass sie auf Augenhöhe sind. Seine Füße baumeln beinahe einen halben Meter über dem Asphalt. Maurice startet einen letzten, verzweifelten Versuch, sich aus dieser ausweglosen Situation zu befreien.
»Bitte … Bitte. Ich will noch nicht sterben … Ich bin verheiratet, habe zwei süße kleine Kinder … die … die brauchen mich doch … BITTE …«
In seiner Verzweiflung fängt der dicke Monsieur zu weinen an. Er heult so sehr, dass ihm ein wahrer Wasserfall die Wangen hinunter rinnt.
»Bitte … nicht …«
Er schluchzt und zieht die Nase hoch.
»Ich soll dich verschonen, weil du … kleine Kinder hast?«, ertönt es spöttisch aus der Kapuze heraus.
Hektisch nickt Maurice mit dem Kopf, Tränen und Rotz fliegen um ihn herum.
»Ja, ja. Genau … bitte … ich bin noch zu jung zum sterben. Meine Mädchen sind erst zehn Jahre, sie brauchen mich doch noch.«
Hart stellt der Tod den Menschen auf den Gehweg zurück. Beinahe wäre Maurice hingefallen, da seine Beine einfach nachgeben wollten, mit letzter Kraft hält er sich aufrecht.
»Zehn Jahre«, sagt der Tod düster und beugt sich näher zu Maurice. »Zehn lausige Jahre gebe ich dir. Mach das Beste daraus. Sonst …«
Monsieur DuMont faltet die Hände, als wollte er beten, in seinem Kopf erklingt nur der eine Satz: zehn Jahre. Er hat einen Aufschub bekommen. Innerlich jubelt er bereits.
Da zieht der Fremde seine Kapuze zurück. Was zum Vorschein kommt, lässt Maurices Herz beinahe stillstehen. Den Mund zu einem stummen ›O‹ geformt, starrt er sein Gegenüber an.
Der blanke Knochenschädel glänzt hell im trüben Morgenlicht. Aus den Augenhöhlen starren unerbittlich zwei glühenden Kohlestücke auf ihn herab. Als der Totenschädel spricht, hat Maurice das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Der knochige Kiefer bewegt sich nur ein wenig, im Inneren ist keine Zunge zu sehen. Also, überlegt Maurice flüchtig, womit spricht dieser Kerl denn eigentlich.
»Ich hole dich vor deiner endgültigen Stunde, wenn ich sehe, dass du deine Zeit nicht sinnvoll nutzt.«
»Ja … ja … ja«, erneut wackelt DuMont hektisch mit dem Kopf, als wollte er ihn sich selbst von den Schultern schleudern.
Ohne ein weiteres Wort dreht der Tod sich um und geht den Weg, den Maurice gekommen ist.
Monsieur DuMont lässt langsam die Atemluft entweichen, er ist sich nicht sicher, ob er das gerade alles nur geträumt hat, oder ist er wirklich soeben dem Tod von der Schippe gesprungen. Er sieht an sich herab, alles wirkt normal. Nur an seinem Handgelenk ist die Haut ein wenig rot. Probehalber bewegt Maurice das Gelenk, so als wollte er jemandem winken, alles gut, scheint nichts gebrochen oder verstaucht zu sein, nichts, was ihn heute von der Arbeit abhalten könnte.
Schon strafft er die Schultern, hebt den Fuß an, um sich endlich in Richtung Arbeit aufzumachen.
Vor sich sieht er, durch den leichten Dunst hindurch, den Rücken einer bekannten Gestalt. Sein Arbeitskollege, Henri Sabatier. Vielleicht nicht gerade sein Lieblingskollege, aber jetzt wäre ihm sogar seine Schwiegermutter recht – Hauptsache ein Mensch.
Maurice hebt einen Arm, vollendet seinen letzten Schritt und öffnet bereits den Mund, um Henri lautstark zu begrüßen.
Da schießt etwas von links auf ihn zu, stößt ihn weiter hinter die Büsche. So unerbittlich und schnell, dass Maurice es noch nicht einmal richtig mitbekommt. Er ist nicht mehr in der Lage einen Schrei hinaus zubrüllen.
Bei dem Zusammenstoß bricht mit einem leisen Knacken sein Genick. Das erleichterte Lächeln, über Henris Auftauchen, noch auf den Lippen, die Luft noch in seinen Lungen, stirbt Monsieur Maurice DuMont einen raschen Tod. Ohne zu erfahren, wer oder was ihn tötete.
Henri Sabatier dreht sich flüchtig um, runzelt die Stirn. Ihm ist so, als habe er irgendetwas gehört.
Aber hinter ihm ist nur die leere und dunstige Straße. So zuckt er mit den Schultern, schimpft sich selbst einen ängstlichen Idioten und schwört sich, zum wiederholten Mal, ab morgen mit dem Trinken aufzuhören.
*
Das Ding unterdessen, zieht und zerrt den toten Maurice tiefer in die dicht bewachsene Vegetation hinein. Langsam und genussvoll beginnt es den Menschen aufzufressen.
Niemandem, der an diesem trüben Novembermorgen den gleichen Weg wie der arme Monsieur DuMont nimmt, fallen die seltsamen Geräusche auf, die das fellüberzogene Monster verursacht, als es Maurices Kopf wie eine Walnuss knackt.
Erst als helles Blut über den Gehsteig rinnt und sich mit der Nässe vereint, lässt das Tier von seiner Beute ab.
Satt und zufrieden legt es den massigen Kopf in den Nacken und lässt ein schauriges Heulen erklingen. Dann verschwindet es im dunstigen Frühnebel, so als hätte es nie existiert.
DuMonts Blut fließt über den Weg, in den Rinnstein und von dort in einen Abwasserkanal.
Die Dunkelheit legt sich bereits wie eine undurchdringliche Decke über das Land, als sich ein Paar Scheinwerfer durch die engen Straßen der kleinen Gemeinde schneiden.
Cisai-Saint-Aubin bietet einem Reisenden nicht viel, weder im Sommer, noch jetzt, im kalten und tristen November. Das kleine Dorf hat eine überschaubare Anzahl von Einwohnern, ein Geschäft und eine Schankstube, eine Handvoll Sehenswürdigkeiten und das war es bereits. Nichts, das einen Touristen lange aufhält. Saint Aubin liegt abseits der Bundesstraßen, auf halber Strecke von Paris nach Caen, nur für jene zu finden, die es auch finden wollen.
Zielsicher biegt der Fahrer von der Le Bourg in eine kleine Seitenstraße ein, parkt nahe der Mauer und stellt den Motor ab.
Einen Moment verharrt er im Wagen, legt die Hände auf das Lenkrad und starrt durch die Frontscheibe.
Wie schnell doch ein Jahr vergeht, denkt er und verzieht den Mund zu einem flüchtigen Lächeln.
Ein Blick auf seine Armbanduhr verrät ihm, dass es bis 20.00 Uhr noch drei Minuten sind. Er wird pünktlich sein, wie die vergangenen vierzig Jahre auch.
Jedes Jahr im November wiederholt sich die Szene. Er bleibt die letzten drei Minuten wartend in seinem Wagen sitzen, begutachtet seine Finger, prüft, ob die Krawatte richtig gebunden ist und das kein Fleck die Hose verunstaltet. Beinahe so, als besuche er seine Mutter, die ihm mit einem angefeuchteten Taschentuch einen unsichtbaren Fleck aus dem Mundwinkel wischt. Dabei trifft er nur einen Freund, wenn auch einen langjährigen und sehr guten Freund.
Ein rascher Seitenblick auf die Uhr, noch eine Minute.
Er begutachtet sich selbst im Rückspiegel, streicht sich über die kurzen dunklen Haare und holt eine Sonnenbrille aus der Halterung.
Trotz der Dunkelheit, die draußen herrscht, muss er seine Augen verbergen. Zu schrecklich wäre die Reaktion der Menschen, wenn sie einen Blick auf diese feurigen, roten Augen werfen könnten. Auch dass es bereits schon spät ist, schützt ihn keineswegs, die Vergangenheit hat ihm gezeigt, dass man sich auf vieles verlassen kann, nur nicht auf das Verhalten eines fleischigen Lebewesens.
Entschlossen steigt er aus, schließt leise die wuchtige Autotür und drückt den Schlüssel. Ein kurzes Piepen, die Lichter blinken für eine Sekunde, dann ist alles wieder still.
»Auf ein Neues«, murmelt er vor sich hin.
Er geht die kurze Treppe hoch, an der Zypressengruppe vorbei und biegt rechts ab. Wie immer steht er viel zu schnell vor dem großen Gotteshaus. Die schwere Doppeltür ragt vor ihm in die Höhe, er streckt die Hand aus, legt sie auf die eiserne Klinke. Ein letztes Mal atmet er tief durch, dann betritt er die kleine Kirche von Saint Aubin.
*
Pfarrer Francesco sieht verstohlen auf seine Armbanduhr. Gleich ist es bereits acht Uhr, überlegt er, ich muss mich sputen, er wird wie immer pünktlich sein. Der Pfarrer streicht sich über den Kopf und die spärlichen Haare, die ihm noch geblieben sind. Man darf mit Gott nicht zürnen, wenn man mit großen Schritten auf die siebzig zugeht, selbst der Heilige Vater kann einem in dem Alter keine volle Haarpracht mehr versprechen.
Mit zittrigen Fingern wischt er sich über die Soutane, zupft einen unsichtbaren Fussel weg und zieht sie anschließend glatt.
Auch wenn Francesco nahe der siebzig ist, so wirkt er doch, als sei er höchstens fünfzig, mit einem sportlichen Körperbau, geschmeidigen Bewegungen und einer sanften Stimme, die jeden in seinen Bann zieht.
Francesco wirft einen Blick durch seine kleine Kirche, obwohl sie eigentlich bereits geschlossen ist, so halten sich hier doch noch drei Gläubige auf.
Eine ältere, vertrocknete Dame, die bei den Trauerkerzen betet, ein junger Mann, der in den Bankreihen scheinbar etwas verloren geglaubtes am Boden sucht, und eine Hausfrau, die die Statue der Jungfrau Maria anbetet.
Der Pfarrer hofft inständig, dass die drei bald diese Kirche verlassen werden, denn er erwartet heute hohen Besuch. Sein Gast kommt jedes Jahr zur gleichen Zeit und nur zu einem Zweck: um zu beichten.
Seit nun schon vierzig Jahren nimmt Pfarrer Francesco seinem alten Freund die Beichte ab. Jedes Jahr ist er aufs Neue entsetzt von den Dingen, die er ihm berichtet und doch werden dem Büßer jedes Mal die schrecklichsten Sünden vergeben.
Der Geistliche blickt auf seine Uhr, Punkt acht Uhr.
Mit einem heiseren Quietschen schwingt die Doppeltüre auf, kalte Novemberluft strömt in die Kirche, lässt die drei Gläubigen erschauern. Als packe sie etwas im Genick, drehen sie ihre Köpfe gleichzeitig in Richtung Tür, wer mag zu so später Stunde noch die Kirche heimsuchen?
Auch Francesco sieht seinem späten Besucher entgegen, sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Er hat sich wahrlich kein bisschen verändert, denkt der Pfarrer, er sieht noch genauso aus, wie vor vierzig Jahren:
Die schlanke Gestalt, das schmale Gesicht, braune Haare, alles noch wie damals, er ist kein bisschen gealtert. Nur die Sonnenbrille, stellt Francesco schmunzelnd fest, ist diesmal eine andere. Er passt sie der jeweiligen Mode an und die besagt in diesem Jahr, dass sie schmal und länglich zu sein hat.
Selbst an seiner Kleidung hat der späte Besucher nichts verändert. Der lange Wollmantel verbirgt die schmale Gestalt, darunter, kaum noch sichtbar, ein maßgeschneiderter, grauer Anzug, mit unauffälliger Krawatte und schwarzen Schuhen.
Kaum hat die alte Dame, nahe den Trauerkerzen, einen Blick auf den späten Gläubigen geworfen, schlägt sie ein Kreuzzeichen, erhebt sich und verlässt eiligst die Kirche, dabei versucht sie möglichst zu verhindern, dass sich ihr Weg und der des Neuankömmlings kreuzen.
Ebenso die dicke Hausfrau, die beim Blick auf den Fremden ein leises Keuchen erklingen lässt, schlägt das Kreuz vor der Jungfrau und strebt eiligst dem Ausgang zu.
Nur der junge Mann, in den Bänken, scheint immer noch etwas Wichtiges am Boden zu suchen.
Erleichtet, da sein Gotteshaus nun fast leer ist, geht Francesco auf seinen Besucher zu, streckt die Hände aus, um ihn zu begrüßen.
»Mein Sohn«, sagt er und ergreift die kalten Hände seines Gegenübers.
»Sei mir gegrüßt. Es ist lange her, seit du das letzte Mal den Weg zu mir fandest.«
»Francesco«, es klingt so, als könnte seine Stimme Glas zerschneiden. »Es freut mich, dich wohlbehalten anzutreffen.«
Jetzt endlich scheint auch der junge Mann in den Sitzreihen aufmerksam geworden zu sein. Erst zieht er den Kopf zwischen die Schultern, als wehe erneut ein eisiger Wind durch die Kirche, dann dreht er sich mit einem entsetzten Gesichtsausdruck um. Seine Augen zucken zwischen dem Pfarrer und dem Fremden hin und her. Der leibhaftige Teufel ist in diese Kirche eingedrungen, stellt der Mann voller Panik fest. Wieso unternimmt Pfarrer Francesco nichts dagegen?
Rasch erhebt er sich, strauchelt und fällt beinahe zwischen die Bänke.
»P-Pfarrer«, stottert er und kann sich nur mit Mühe auf den Beinen halten.
»Pfarrer, seid auf der Hut. Er … er ist der Leibhaftige.« Der junge Mann stolpert aus den Bankreihen, fällt auf den Mittelgang. Auf allen Vieren bewegt er sich rückwärts von Francesco und seinem Gast weg. Immer wieder zeigt er auf den Fremden und stottert:
»Er ist es … der Leibhaftige … der Tod … er wird uns alle holen.«
»Was redest du denn heute für wirres Zeug, Anton?«, sagt Francesco mit milder Stimme, »das ist ein guter Freund von mir.«
Mit einem Ruck hilft er dem jungen Mann auf die Beine.
»Es ist besser, du gehst nun nach Hause, Anton. Deine Mutter wird bereits auf dich warten und sich sorgen.«
Anton nickt wie ein Besessener, seine Augen immer noch zwischen dem Pfarrer und dem Fremden hin und her werfend.
»Ja, ja … nach Hause … nur weg hier.«
Er reißt sich von Pfarrer Francesco los und rennt stolpernd und strauchelnd zum Ausgang.
Mit einem lauten Knall, der in der gesamten Kirche wiederhallt, schließt sich hinter ihm die große Flügeltür.
Der Besucher hebt fragend eine Augenbraue.
»Das war Anton«, meint der Pfarrer, auf die ungestellte Frage hin. »Er ist ein bisschen … nun ja, anders, drücken wir es mal so aus. Geistig nicht ganz auf der Höhe, aber sonst ein gütiges Mitglied dieser Gemeinde, immer hilfsbereit und …«
Der Fremde hebt eine Hand, was den Redefluss des Pfarrers sofort stoppt.
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Francesco. Ich bin es, der dich um Verzeihung bitten sollte. Immerhin räume ich deine Kirche, alleine mit meinem Auftauchen.«
Gnädig winkt der Pfarrer ab. »Sie werden alle wiederkommen, so wie es auch die Lämmer zur Schlachtbank zieht. Sie sind nichtsahnend und … und dumm. Sorge dich nicht um mich und meine Kirche, mein Sohn.«
»Ich sorge mich nicht, Francesco. Höchstens, dass es zu spät für meine Beichte wird.« Damit streckt er seine schlanken Finger aus und zeigt auf den reichverzierten Beichtstuhl, der an der linken Seite unschuldig auf seine Büßer wartet.
»Pater Francesco, nehmt mir die Beichte ab, auf dass mir die Sünden der Vergangenheit vergeben werden.«
Der Pfarrer schmunzelt erneut.
»Mein Sohn«, meint er. »Dazu bist du doch hier.«
Gemeinsam begeben sie sich zu dem großen Beichtstuhl, der wie ein riesiger Schrank wirkt, das Eichenholz auf Hochglanz poliert, die reichen Verzierungen glänzen matt im spärlichen Licht der Kirche. Der Pfarrer nimmt auf der linken Seite Platz, schließt die Türe und schiebt das Gitter zur Seite. Sein Besuch muss sich auf seiner Seite auf die Knie begeben. Vor dem vergitterten Trennfenster faltet er die Hände, schließt die Augen und atmet einmal tief durch.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Meine letzte Beichte ist genau ein Jahr her, Francesco. Auch heute möchte ich den Heiligen Vater erneut um Vergebung meiner Sünden bitten.«
»Dies sei dir gewährt, Samuel«, murmelt der Pfarrer. »Doch bitte ich dich zuvor, dass du in diesem Heiligen Stuhl deine Brille abnimmst. Ich möchte dir gerne in die Augen blicken, während du bereust.«
»Francesco, du weißt genau …«
»Bitte«, unterbricht der Pfarrer ihn. »Sei nicht albern. Jedes Jahr das Gleiche? Das ist doch nicht dein ernst.«
Nur zögernd nimmt Samuel seine Sonnenbrille ab, verstaut sie in der Manteltasche. Den Blick gesenkt, auf seine gefalteten Hände, beginnt er seine Beichte:
»Ich bereue, dass ich Böses getan und Gutes unterlassen habe. Erbarme dich meiner, Herr.«
Francesco seufzt leise.
»Wie oft im letzten Jahr hast du gesündigt, mein Sohn?«
»Einhundert zwanzig Mal«, antwortet Samuel.
»Oh«, meint der Pfarrer erstaunt. »Das ist viel weniger als sonst.«
Samuel hebt langsam den Kopf, sieht durch das vergitterte Fenster direkt in Francescos blaue Augen.
Auch wenn sie schon lange befreundet sind, so scheint es dem alten Mann doch, als bohre sich der Blick in ihn hinein. Als wühle sich eine gewaltige Kraft durch seine Eingeweide, auf der Suche nach seinem Herzen, um es unbarmherzig zu zerquetschen.
Francesco schnappt ein paar Mal nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er kann seine Augen einfach nicht aus Samuels Blick lösen, so gerne er das auch möchte. Ein lautes Keuchen entschlüpft ihm und er sinkt auf seinem harten Stuhl in sich zusammen.
»Verzeih«, murmelt Samuel und sieht erneut auf die gefalteten Hände. »Ich vergesse immerzu, dass du nur ein Mensch bist.«
»Schon gut«, Francesco räuspert sich verhalten. »Ich … ich habe selbst schuld.«
Ein leichtes Lächeln überzieht das Gesicht seines Freundes. »Da gebe ich dir recht.«
»Also, wo waren wir?«, der Pfarrer streicht sich über das spärliche Haar, versucht sich zu sammeln.
»Du wolltest wissen, warum es im letzten Jahr so wenig Sündenfälle waren«, erinnert ihn Samuel.
»Ach ja«, Francesco hat das merkwürdige Gefühl, völlig neben sich zu stehen. »Also? Wieso so wenige?«
»Ich begann die größte Sünde, in dem ich gegen meinen eigenen Kodex verstieß«, antwortet Samuel leise. »Ich ließ sehr viele Anwärter einfach ziehen. Kinder, ganze Familien, junge Männer, auf die zu Hause eine kleine Kinderschar wartete … nun ja«, Samuel zuckt flüchtig mit den schmalen Schultern. »Eben solche Menschen.«
»Du … du hast sie verschont?« Francesco ist völlig erstaunt.
»Ja«, sagt sein Freund schlicht.
»Verzeih mir die Frage, mein Sohn. Aber … wieso hast du das getan?«
Ein weiteres Mal zuckt Samuel mit den Schultern.
»Einen genauen Grund kann ich nicht angeben.
Es …«, er seufzt kurz. »Ich habe mich einfach besser dabei gefühlt.«
»Besser gefühlt?«, wiederholt Francesco leise den Satz. Dann schüttelt er ungläubig den Kopf.
»Ich verstehe nicht«, sagt er nach einigen Sekunden. »Du lässt sie einfach … gehen? Meinst du das so?«
»Ich gebe ihnen einen Aufschub«, antwortet Samuel. »Zehn Jahre. Sie sollen ihre zusätzliche Zeit weise nutzen.«
Völlig fasziniert schüttelt der Geistliche erneut seinen fast kahlen Schädel.
»Pater Francesco«, sagt sein Freund in seine angestrengten Überlegungen hinein. »Sprecht mich bitte von meinen Sünden los.«
»Nennt mich nicht immer Pater, Samuel. Ich bin nur Pfarrer, aber das habe ich dir bereits hundertmal gesagt.«
Ein leichtes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
»Weißt du noch, wie oft du einen der Anwärter laufen ließt?«
Der Büßer hebt den Kopf, rasch blickt Francesco auf seine Hände, die gefaltet in seinem Schoß ruhen. Nicht noch einmal will er in diese roten Augen sehen, dieses Glühen, das anscheinend direkt aus der Hölle entsprungen zu sein scheint, diesmal wird es ihn umbringen.
»Es hält sich ungefähr die Waage, mein Freund«, sagt Samuel.
Also darum ist in diesem Jahr die Zahl so niedrig, denkt Francesco. Er erinnert sich an all die Jahre davor, da belief sich die Zahl von Samuels Opfer auf mindestens drei-oder vierhundert.
Dem Pfarrer fällt noch etwas anderes auf, sein Freund ist noch wortkarger, als sonst. Samuel hat noch nie viel gesprochen, aber heute muss er ihm jeden Satz förmlich aus der Kehle zerren.
»Samuel, was ist los mit dir? Bedrückt dich etwas? Sprich mit mir, du weißt, dass du mir alles anvertrauen kannst.«
»Es ist … nichts. Ich bin nur müde«, erwidert er.
Der Geistliche lässt ein heiseres Kichern vernehmen.
»Müde? Du?«, er schlägt sich eine Hand vor den Mund, um einen Lachanfall dahinter zu ersticken. Es ist aber auch zu komisch, da sitzt der Tod persönlich in seinem Beichtstuhl und behauptet müde zu sein. Ein Dämon, der bereits seit Anbeginn der Zeit existiert. Rasch denkt Francesco an etwas anderes, er kennt seinen Freund, ausgelacht zu werden gehört nicht gerade zu den Dingen, die er gut ertragen kann.
Der Pfarrer stellt sich Jesus vor, wie er in den Himmel auffährt und von Engelsposaunen dort begrüßt wird. Langsam lässt der Drang zu Lachen nach. Niemand ist darüber erfreuter, als er.
»Verzeih«, flüstert Francesco und räuspert sich unauffällig.
»Es freut mich, dass ich dich erheitern konnte, Pater«, meint Samuel und lächelt schief. »Aber können wir jetzt bitte fortfahren?«
»Sicher«, verstohlen hüstelt der Geistliche in seine Faust.
»Bereust du deine Sünden, mein Sohn?«
»Natürlich«, antwortet der Tod. »Jede einzelne davon. Aus tiefstem Herzen.«
»Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden.
Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Der Pfarrer vollzieht das Kreuzzeichen, ohne Samuel anzublicken. Er hat Angst, sich in den Höllenaugen zu verlieren und selbst in die ewige Verdammnis hinab gezogen zu werden.
Mit rauer Stimme antwortet Samuel:
»Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.«
Auch er bekreuzigt sich.
»Danket dem Herrn, denn er ist gütig«, Francesco schiebt eine Kunstpause ein, aber der Tod nickt nur.
»Der Herr hat dir deine Sünden vergeben. Geh hin in Frieden.«
»Amen«, meint Samuel und erhebt sich rasch.
»Bis zum nächsten Jahr, Francesco.« Samuel schließt die Beichtstuhltüre hinter sich und will so schnell es geht, diese Kirche verlassen. Er fühlt sich heute hier nicht wohl, hat ein merkwürdiges Gefühl, ganz so, als geschieht in absehbarer Zeit etwas Grausames, etwas Schlimmes und das genau vor seinen Augen.
»Warte, mein Sohn.«
Der Pfarrer beeilt sich aus dem Beichtstuhl heraus zu kommen, läuft hinter Samuel her und packt ihn am Arm. Er sieht, dass sich Muskeln und Fleisch unter seiner Hand befinden, dennoch hat er das seltsame Gefühl, als spürte er unter dem Mantel nur einen dürren Knochen. So als umgebe den Tod lediglich eine, für Menschen sichtbare Hülle, bestehend aus Haut, Muskeln und Fleisch.
Irritiert zieht Francesco seine Hand zurück, sieht auf Samuels Arm und kann es kaum fassen was er gerade fühlte.
»Was wolltest du noch, Pater?« Der Tod ignoriert Francescos verunsicherten Blick.
»Ich … ich weiß es nicht mehr«, murmelt der Pfarrer. Er hat wirklich vergessen, warum er seinen alten Freund aufgehalten hat. Mit dem Griff an seinen Arm scheinen alle Erinnerungen, Wünsche und Hoffnungen, aus Francesco gewichen zu sein.
»Wie gesagt«, sagt Samuel und wendet sich um. »Bis zum nächsten Jahr, Pater Francesco.«
»Hm«, murmelt der Pfarrer vor sich hin und stiert weiter auf seine eigene Hand, fährt mit dem Daumen über die Finger.
Er kann es immer noch nicht glauben, was gerade geschah.
Erst, als sich mit einem lauten Geräusch die Kirchentüre schließt, erwacht der Geistliche aus seiner Starre.
Mit einem leisen Aufschrei sieht er sich um, er ist völlig alleine.
Ein Seufzer der Erleichterung erklingt aus seinem Mund. Er strafft seine Schultern und begibt sich in sein eigenes, heiliges Zimmer, um sich an einer guten Flasche Scotch zu vergreifen.
Erst als die Flasche bereits zur Hälfte geleert ist, gestattet sich Francesco, erneut darüber nachzudenken, dass der Tod scheinbar anfängt, die Totgeweihten zu verschonen.
Tief in seinem Sessel vergraben, das spärliche Haar wirr um seinen Schädel, und ein Glas mit köstlicher, bernsteinfarbener Flüssigkeit gefüllt, wirft er den Kopf in den Nacken und lacht laut und herzhaft.
Kapitel Zwei
Nachdem das Tier seine Mahlzeit beendet hat, schlägt es sich tiefer in die Büsche. Dort hat es seine Anziehsachen versteckt. Es versucht sich zu konzentrieren, aber es will nicht recht gelingen. Sein Magen ist voll und der Geist viel zu überladen mit Eindrücken und Empfindungen, sodass es ihm schwerfällt, sich in seine menschliche Gestalt zurück zu verwandeln.
Nach einigen Anstrengungen gelingt es dem Tier dann doch. Sein gesamter Körper verändert sich. Wird kürzer. Die Schultern wandern an ihre ursprüngliche Stelle, die krallenbewehrten Pranken, mit denen es eben noch Maurices kalten Körper festhielt, verschwinden und formen sich zu ganz normalen Händen. Das riesige Maul, mit den messerscharfen Zähnen, scheint zu schrumpfen und verformt sich zu einem normalen Kopf. Zuletzt verschwindet das braune, zerrupfte Fell und zum Vorschein kommt die helle und reine Haut eines Mädchens.
Rasch schlüpft sie in ihre bereitliegenden Sachen, bindet sich die langen Haare zu einem Pferdeschwanz und geht leise pfeifend durch das Gebüsch in Richtung Straße.
Kurz vor dem Haus der DuMonts tritt sie aus dem Buschwerk und schlendert wie ein ganz normaler Passant auf dem Gehweg entlang.
Das Mädchen sieht so völlig normal und uninteressant aus, dass weder Madame DuMont, noch der Postbote, der gerade heftig mit Madame flirtet, sie beachten.
Du wirst gleich eine schreckliche Nachricht erhalten, denkt das Mädchen gehässig.
Denn ihrem aufmerksamen Gehör, ist nicht der leise Schrei entgangen, der die Auffindung von DuMonts angefressenem Leichnam begleitete. Gleich ist es aus, mit dem Flirten.
Schon sind die hektischen Schritte auf dem Asphalt zu hören, die Madame die grausige Nachricht überbringen werden. Aber bis Florence DuMont aufseufzend in die dargebotenen Arme des Postboten sinken darf, vergehen noch ein paar Minuten und bis dahin wird Alice bereits über alle Berge sein.
Es ist zehn Uhr vormittags, als das Mädchen die Tür zu ihrem Laden aufdrückt. Die nostalgische Klingel über dem Eingang gibt ein heiseres Gebimmel vom sich.
Ein junger Kerl, der gerade in einer großen Kiste mit Büchern wühlt, hebt den Kopf.
»Na endlich, das wurde auch mal Zeit«, begrüßt er sie rüde und erhebt sich.
Lässig geht er auf sie zu, drückt ihr einen Kuss auf die Wange.
»Hey, lass das, Liam«, sagt Alice und drückt ihn an den Schultern zurück. »Ich mag das nicht, wie oft soll ich dir das noch sagen?«
Der junge Mann feixt und meint:
»Noch fünfhunderttausend Mal, Alice. Ich kann es nicht oft genug hören.«
»Du bist ja völlig bescheuert«, murmelt sie und geht zu der Bücherkiste, die der Junge bei ihrem Eintreten so aufmerksam durchwühlte.
»Klar«, erwidert Liam. »Würde ich sonst hier arbeiten? Hier muss man ja auch total durch geknallt sein.«
Alice ignoriert seine Antwort und sieht stattdessen die einzelnen Buchtitel durch.
»Ist was Interessantes dabei?«, fragt sie ihn und kniet sich vor die gigantische Holzkiste.
»Nicht wirklich.«
Liam geht hinter die lange Theke, die den kleinen Laden beinahe in zwei Hälften teilt. Er öffnet einen winzigen, unter dem Tresen verborgenen, Kühlschrank und nimmt sich nach einigem Herumwühlen einen der darin befindlichen Blutbeutel. Mit der Schere schneidet er eine Ecke des Kunststoffbeutels ab und gießt den Inhalt in ein großes Glas. Mit einem Plastiklöffel rührt er um und gibt das Ganze in eine Mikrowelle. Begierig starrt er auf den sich drehenden Teller, wartet geduldig die fünfzehn Sekunden ab, die das Blut braucht, um sich auf Körpertemperatur zu erwärmen. Das leise Pling ist kaum verklungen, als er bereits die Türe öffnet und das Getränk heraus nimmt. Sachte schwenkt er das Glas, die rote Flüssigkeit hinterlässt an den Rändern einen öligen Film.
»Das ist doch das Beste auf der Welt«, flüstert Liam vor sich hin. Er setzt das Glas an seine Lippen und stürzt in einem gewaltigen Schluck das Blut hinunter. Lautstark stellt er den Trinkbecher auf die Theke zurück, wischt sich mit dem Handrücken über den Mund und schließt für einen Moment die Augen.
Auch wenn es lediglich ein Erythrozyten-Konzentrat war, welches nur aus den roten Blutkörperchen des Spenders besteht, so weiß Liam doch sofort, dass es von einer Frau stammt, die allerhöchstens zwanzig Jahre alt ist, bereits ein Kind geboren hat und gelegentlich einen Joint raucht, aber sonst kaum einem Laster frönt. Er ahnt, dass sie blondes Haar hat und wahrscheinlich groß ist, ausgestattet mit langen Beinen. Zu gerne würde er ihr jetzt auf der Stelle begegnen, aber das ist leider nicht möglich, da die Konserven allesamt aus England stammen, auch ist das Blut schon ein paar Monate alt.
Wenn der Zufall nicht gerade seine schmierigen Finger nach Liam ausstreckt, dann wird ihr und sein Weg sich niemals kreuzen. Und das ist auch gut so, der Blutsauger würde kurzen Prozess mit ihr machen und seine scharfen Zähne in die junge Frau schlagen, nur um ihr das gesamte Blut aus dem schönen Körper zu saugen.
»Hey, Liam«, Alice reißt den Vampir aus seinen schönen Vorstellungen. »Wach wieder auf und steck das Zeug gefälligst weg.«
Er reißt mit einem Ruck die Augen auf und blickt sich um.
Tatsächlich, er steht immer noch in dem schäbigen Bücherladen, namens Alices Wunderland, in der Rue Denfert Rochereau, in Boulogne-Billancourt, einer kleinen Gemeinde, unweit von Paris.
Vor ihm steht die schöne Alice, mit einem Stapel Bücher in der Hand und blickt ihn wütend an.
»Stell dir vor, es kommt jemand rein. Wie zum Teufel soll ich das denn erklären?« Sie zeigt auf die Dinge, die verstreut auf der Theke, inmitten einiger Blutflecke liegen.
»Ja, ja«, knurrt Liam. Er ärgert sich, dass sie ihn so abrupt aus seinen Tagträumen gerissen hat.
»Ich mach das schon.«
Er wischt die Flecken weg, spült die Schere unter fließendem Wasser ab, wirft den Beutel in den Müll und stellt das Glas in die Spülmaschine.
Ein flüchtiger Rundumblick, er hebt die Arme an.
»Bist du nun zufrieden?«
»Nein!«, antwortet Alice. »Zufrieden bin ich erst, wenn ich wieder zurück in England wäre.«
Nicht schon wieder das, denkt sich Liam und wendet sich demonstrativ den Büchern in ihrem Arm zu.
»Hast du da was Interessantes gefunden?« Er greift blindlings nach einem der Wälzer, die Alice auf die, nun wieder saubere Theke, legt.
Die Bücher sind allesamt gebraucht, aber noch in einem guten Zustand. Sie werden hier abgegeben, meist geschenkt, oder für einen solch lächerlich geringen Preis von Alice gekauft, dass Liam sich manchmal für diese fiese Geschäftspraktik schämt. Immerhin verkauft das Mädchen sie zu einem recht ordentlichen Preis wieder weiter. Ihre Gewinnspanne beträgt gut und gerne bis zu dreihundert Prozent. Das muss der Vampir dem Mädchen lassen, geschäftstüchtig ist sie. In Alices Wunderland gibt es schließlich nicht nur Bücher zu kaufen, sie bestreitet ihren Lebensunterhalt mit allerlei Kuriositäten: Kleinkram, besonders zu Halloween, Geschenkartikel, vom Nippes bis zur Schwarzwälder Kuckucksuhr, esoterisches Zeug, vor allem Heilsteine und Tarot. Auch alte Waffen, Heilkräuter und eben auch jede Menge antike Bücher, finden in dem kleinen Laden ihren Platz.
Liam kennt die kleine Alice bereits seit über zwanzig Jahren, da war ihr Geschäft noch nicht so vollgestopft, sie hielt sich beinahe ausschließlich an den Verkauf von Büchern. Er war damals auf der Suche nach einem ganz speziellen Wälzer und suchte es ausgerechnet in ihrem Laden.
Der Vampir fand das Buch und verlor gleichzeitig sein Herz an die kleine Schwarzhaarige mit dem frechen Mundwerk. Leider beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit, aber Liam blieb dennoch in ihrer Nähe. Sie freundeten sich an, und als die Zeit reif war und Alice einen Partner für ihr Geschäft brauchte, sagte der Junge sofort zu.
Obwohl sie nun täglich aufeinander hockten, bemerkte der Vampir erst nach ein paar Jahren, was Alice in Wirklichkeit war. Bis dahin hatte er sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, sie einfach nur so akzeptiert, wie sie war. Dass in dem zarten Mädchen ein waschechter Werwolf stecken soll, konnte Liam zuerst gar nicht glauben. Bis ihn eines Nachts die Wahrheit beinahe zerfleischte.
Seit dem hält er etwas Abstand zu ihr und geht lieber wieder seine eigenen Wege. Immerhin ist auch er, trotz seiner einhundert zwanzig Jahre, ein verdammt gutaussehender Blutsauger. Groß gewachsen, schlank, mit kurzen schwarzen Haaren und solch dunklen Augen, dass sich bisweilen der Mond darin spiegelt.
Die Tatsache, dass Alice einige Dinge auch unter dem Ladentisch verkauft, hat Liam fast mehr geschockt, als die Werwolfsache. Das Mädchen verteilt doch wirklich scharfe Waffen, und Drogen an diverse Dämonen. Auch der Vampir war in seinem vergangenen Dasein alles andere als nett, aber die Menschen mit einer Ingram 10, MP-5 oder gar einer Glock Kaliber 40 Smith & Wesson umzubringen, davon hält er herzlich wenig. Liam ist immer noch für die altmodische Methode: Ein beherzter Biss in den Hals und alles wird gut – Jedenfalls für ihn selbst.
Als er mitbekam, dass sie an Dämonen Drogen verkauft, war er kurz davor alles hinzuschmeißen, und Alice und dem Laden Lebewohl zu sagen.
Aber das Mädchen bat ihn doch zu bleiben und so konnte er nur über seinen Schatten springen und weiter mitmachen.
Das Teufelszeug, dass sie verkauft heißt: Sanguinem Medicamento, es bedeutet so viel wie ›BlutDroge‹, auch kurz Samento. Allerdings nennen es die Süchtigen nur Das höllische S.
Es besteht aus drei Blutsorten und ruft eine starke halluzinogene Veränderung, einen extremen Rauschzustand und das Gefühl zu fliegen, hervor. Das ist im Prinzip nichts Neues, viele Drogen wecken solche Empfindungen. Aber da es nur an Dämonen verkauft wird, wirkt es bei ihnen gänzlich anders, als bei einem Menschen. Ihre Kunden sind Untote, Vampire, Gestaltwandler und einige mehr.
Es hat ein paar Jahre gedauert, bis sie sich in dieser Welt einen Namen machte, aber heute zählt sie zu dem einzigen Vertreiber von Samento.
Alice kam eigentlich nur durch Zufall darauf, dass sie drei Sorten von Blut zusammen mischen muss um diese Wirkung zu erhalten.
Man nimmt zu gleichen Teilen den Lebenssaft von einem Vampir, einem Gestaltwandler und einem Werwolf. Es wird getrocknet, zu Pulver verarbeitet und in kleine Flakons gefüllt. Man kann es entweder durch die Nase ziehen oder mit reinem Wasser vermischen und sich spritzen. S macht schon nach dem ersten Versuch süchtig. Allerdings ist es nicht ein Verlangen, welches man durch eine kurze Abstinenz wieder los wird. Es ist eine Sucht, als hinge das eigene Leben davon ab, die Junkies können gar nicht anders, als sich die nächste Portion zu verschaffen, weil sie einfach die grausame Empfindung haben, ansonsten qualvoll zu sterben.
Liam erkundigte sich vor ein paar Jahren einmal danach, wie Alice das alles mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, immerhin verseucht sie ihre eigene Spezies. Doch Alice antwortete nur spöttisch: »Was sind sie schon? Dämonen, die Menschen töten. Warum soll ich nicht ein wenig nachhelfen, dass die Bevölkerung weiterhin in Ruhe leben kann? Ein süchtiger Vampir hat kaum noch die Zeit, sich an einem Menschen zu vergreifen, er ist immer auf der Jagd nach dem nächsten Tropfen S. Ein Gestaltwandler kann sich nicht mehr in ein Raubtier verwandeln, weil er ständig auf Wolke sieben schwebt und auch die Ghoule interessieren sich nicht mehr sonderlich für menschliche Wesen, sondern nur noch für die Drogen.« Sie zuckte mit ihren schmalen Schultern. »Also, was soll‘s.«
Über solche Kaltblütigkeit konnte Liam nur den Kopf schütteln. Er schwor sich, dass er niemals auch nur ein Körnchen von diesem Teufelszeug probiert, er wollte seine Eigenständigkeit und seinen Willen gerne behalten. Auch Alice verfiel nie dem höllischen S.
Alices Wunderland ist beinahe rund um die Uhr geöffnet, was Tagsüber ein schäbiger Kuriositätenladen ist, verwandelt sich des Nachts in eine kleine Schenke. Kurz nach Dunkelwerden kommen die ersten Dämonen und trinken hier etwas, oder kaufen heimlich ihr höllisches S.
Der größte Wunsch der Werwölfin ist, dass sie genug Geld zusammenspart, um sich in England ein Haus zu kaufen und dort, ohne zu arbeiten, gut lebt. Jede noch so kleine Einnahme, die sie nicht an Liam oder einen ihrer zahlreichen Lieferanten auszahlen muss, trägt die kleine Wölfin auf ihr Sparbuch. Sie hat schon eine beträchtliche Summe zusammen, aber für den Lebensabend, der ihr vorschwebt, reicht es noch lange nicht. Der Vampir hofft, dass Alice ihm dann ihr Geschäft überschreibt, er würde sich in Paris gerne niederlassen, er will nie wieder nach England zurückkehren. Hier fühlt er sich wohler, seine Freunde wohnen in Frankreich und die Menschen sind einfach netter und schmecken besser.
Alice hält ihm ein dickes Buch unter die Nase.
»Das stellen wir ins Fenster, das wird sofort weg sein.«
Liam wirft nur einen Blick auf das Cover und den Namen des Autors. Er ist derselben Meinung wie die Werwölfin, Stephen King verkauft sich immer gut und sein Bestseller ›ES‹ wird wahrscheinlich noch heute einen Abnehmer finden.
»Ist von King noch was dabei?«, fragt der Vampir, weiß aber im gleichen Augenblick, dass das nicht der Fall ist. Hat er doch selbst bereits die Kiste durchwühlt.
»Nein«, erwidert Alice auch einige Sekunden später. »Sonst keins mehr. Aber hier sind noch ein paar DVDs von Hitchcock, die kannst du auch in die Auslage legen. Alles für je einen Fünfer, dann sind wir sie schnell los.«
»Okay«, Liam nimmt ihr das Buch und die drei CD-Hüllen aus der Hand und geht zum Fenster. Nach einigen Überlegungen räumt er die Bücher, die sich dort bereits wundliegen weg und ersetzt sie durch den Roman und die DVDs. Auf kleinen Zetteln schreibt er Fünf Euro und legt sie jeweils vor die Artikel.
Er geht durch die Eingangstür und prüft von außen, ob alles so liegen bleiben kann.
In diesem Moment fährt jemand aus der Garage heraus, die ihrem Geschäft gegenüberliegt.
Liam hat den Kerl in seinem Mercedes bereits ein paar Mal gesehen, und er musste sich eingestehen, dass ihm jedes Mal ein Schauer den Rücken herunter läuft. Der Wagen ist das neuste Modell, aber daran liegt es nicht, dass der Vampir sich bei seinem Auftauchen so unwohl fühlt. Es ist eher der Fahrer, der angsteinflößend ist. Obwohl er ganz normal aussieht, schlank mit dunklen Haaren, so löst er doch bei dem Vampir einen sofortigen Fluchtreflex aus. Liam muss sich zusammen nehmen, um nicht laut zu knurren. Dabei würdigt der Fahrer ihn noch nicht einmal eines Blickes. Rasch zieht er sich wieder zurück in den Laden, schließt hastig die Türe hinter sich, als wäre der Teufel persönlich scharf auf ihn. Die Türklingel stößt nur ein heiseres Krächzen aus, zu mehr ist sie nicht fähig.
»Was ist denn mit dir?«, fragt Alice amüsiert. »Hast du ein Gespenst gesehen?«
»So etwas Ähnliches«, Liam atmet laut und keuchend. »Unser Nachbar scheint wegzufahren und das ausgerechnet, wenn ich mal draußen bin.«
»Was hast du denn gegen ihn?«
»Nichts«, meint der Vampir. »Er ist nur …«, hilflos zuckt er mit den Schultern.
»Ich weiß nicht. Er ist mir einfach unheimlich.«
Alice lacht hinter vorgehaltener Hand.
»Dir? Das ist ja zu komisch.«
Liam gibt ein abfälliges Schnaufen von sich und beginnt die Bücher aus der riesigen Holzkiste in die Regale einzuräumen.
Alice kichert noch ein wenig vor sich hin, dann meint sie langsam:
»Ich kenne den Typen, der mit ihm zusammenwohnt. Der war schon mal hier.«
Liam hebt interessiert den Kopf.
»Ach ja? Und?«
Die kleine Werwölfin zuckt mit den Schultern.
»Nichts und … er ist ein Mensch. Ich glaube, er heißt Charles, oder so ähnlich. Ich weiß auch nicht, was er macht, aber, er scheint nett zu sein.«
Der Vampir überlegt einen Moment.
»Woher weißt du eigentlich, dass der Blutsack bei dem unheimlichen Kerl wohnt?«
Auf Alices Gesicht erscheint ein breites Grinsen.
»Madame Geraldine«, sagt sie lachend.
Liam stimmt in ihr Lachen ein.
Madame Luisa Geraldine ist eine alte Frau, die zwei Häuser weiter wohnt. Sie hat für ihre Mitmenschen nichts als Spott übrig und ist die größte Klatschtante, der gesamten Rue Denfert Rochereau. Sie weiß alles von jedem und wenn sie etwas nicht weiß, dann erfindet sie es einfach.
Sie war es auch, die Alice erzählte, dass die beiden Männer sich eine Wohnung teilen. Sie berichtete es in einem verschwörerischen Flüsterton und hinter vorgehaltener Hand, so als wolle sie Alice das bestgehütete Geheimnis der Welt anvertrauen. Die Kleine zuckte auf diese Offenbarung hin, nur die Schultern. Eine Reaktion, mit der Madame Geraldine nicht gerechnet hatte. Aber da sie wollte, dass Alice genauso entsetzt darüber war, wie sie, legte Madame noch einen drauf.
»Aber«, krächzte sie heiser und rückte noch näher an Alice heran. »Stellen Sie sich vor … sie haben sogar ein Schlafzimmer … zusammen.«
Triumphierend sah die Alte Alice an. Ganz so, als wollte sie noch hinzufügen: Na, was sagst du jetzt, Mädchen.
»Waren Sie schon einmal bei den jungen Männern in der Wohnung?«, fragte Alice und sah Madame neugierig an.
»Nein. Nein, natürlich nicht«, rief sie entsetzt und beugte sich nach hinten. Die Hände auf ihren mächtigen Busen gedrückt, die Augen aufgerissen sah sie die Jüngere furchtsam an.
Es machte schon länger die Runde in der Straße, dass Madame Geraldine sich das ein oder andere Mal gewaltsam Zutritt zu einer Wohnung verschafft hatte, nur um ihre persönliche Neugierde zu stillen. Ob an dem Gerücht etwas Wahres dran war, wusste Alice nicht genau, aber vorstellen konnte sie es sich durchaus.
Um das Gespräch zu beenden, zuckte die Werwölfin ein weiteres Mal mit den schmalen Schultern und sagte abweisend:
»Und wenn schon, dann schlafen sie eben zusammen … ich denke nicht, dass uns das was angeht. Die können machen, was sie wollen.«
Verärgert runzelte Madame ihre Stirn und wechselte rasch das Thema.
»Ich denke nicht, dass sie ein Paar sind«, sagt Alice und schüttelt wie zur Bekräftigung den Kopf.
»Egal, was das Klatschmaul Geraldine sagt. Der Typ kam mir viel zu männlich vor und außerdem hat er ein bisschen mit mir geflirtet.«
Liam wendet sich wieder seinen Büchern zu. Er will nicht, dass Alice sieht, wie sehr ihn ihr letzter Satz getroffen hat.
»Das denke ich auch nicht.« Mit Schaudern erinnert er sich an den Kerl in seinem neuen Mercedes. Nein, überlegt er den Satz weiter, der steht mit Sicherheit auf Mädchen … das, und auf Blut und Fleisch und … auf die Hölle.
Kapitel Drei
Es ist tiefste Nacht, als Samuel seinen Mercedes in die Garage lenkt.
Er fuhr nicht sofort von der kleinen Kirche aus nach Hause, unterwegs hielt er noch an einem Rastplatz an. In der hintersten Ecke parkte er seinen Wagen, stellte den Motor ab und dachte nach. Sein Nacken ruhte auf der Kopfstütze und die Augen hielt er geschlossen, kein Atmen hob seinen Brustkorb, kein Muskel regte sich an ihm. Wenn ein nächtlicher Besucher des Rastplatzes ihn entdeckt hätte, so wäre dieser schreiend davon gelaufen, nur um möglichst rasch die nächste Polizeistreife anzuhalten, und ihnen stotternd mitzuteilen, dass ein Toter in einem nagelneuen Mercedes liegt.
Aber zum Glück störte Samuels Gedanken kein noch so aufmerksamer Passant. Erst drei Stunden später wachte er aus seiner Lethargie auf und trat den Heimweg an.
Als er über die A13 in Richtung Paris fuhr, umspielte seine Lippen bereits ein leises Lächeln. Er lenkte den Wagen weiter auf der Rue de Normandie, schenkte den hellen Lichtern, wofür diese Stadt so berühmt ist, keinerlei Aufmerksamkeit.
Erst als er endlich in die Rue Denfert Rochereau einbog, war seine Laune wieder hergestellt.
Selbst die Garageneinfahrt, die sich so anfühlt, als führe sie senkrecht in die Hölle, kann ihn heute nicht verärgern.
Er freut sich auf einen schönen alten Whisky, der so wunderbar nach Holz und Rauch schmeckt und einem knisternden Feuer im Kamin.
Als er seine Wohnung im zweiten Stock aufschließt, schlägt ihm grausam laute Rockmusik, aber auch ein herrlicher Geruch nach Schweinebraten, Kartoffeln und einem süßen Dessert, entgegen.
»Ah, hier bin ich richtig«, sagt er leise und grinst nur noch breiter. So mies der Tag auch angefangen hat, umso besser scheint er zu enden.
»Charlie?«, ruft Samuel laut durch die große helle Wohnung.
»Hey, Alter«, erklingt es munter zurück. »Bin in der Küche.«
Samuel hängt seinen Mantel in die Garderobe, zieht die Schuhe aus und streckt sich kurz.
Bin ich froh, wenn ich aus den Klamotten rauskomme, denkt er und geht mit einem Lächeln in das große Esszimmer.
Überall sind Lichter eingeschaltet. Deckenfluter, Strahler, und Lichtbänder, die knapp unter der Decke verlaufen und ein diffuses, blassblaues Licht aussenden. In jeder Ecke scheint eine Lampe zu stehen, es gibt kaum einen Platz, der nicht grell erleuchtet wird.
Vor die riesige Fensterfront wurden gelbe Vorhänge geschoben. In einem schlichten, aber überbreiten Kamin, der in die Wand eingebaut wurde, knistert ein herrliches Feuer.
Der Fernseher läuft und gibt dröhnende Musikfetzen zum Besten.
Ein großer, sechseckiger Esstisch ist mit alten Tellern gedeckt, er wirkt wie eine altmodische Insel, in dieser hochmodernen Wohnung.
»Setz dich, Junge. Essen ist gleich fertig.«
Samuel dreht sich um und sieht in die Durchreiche, die den Blick auf eine lindgrüne Küche freigibt.
In ihr hantiert ein junger Kerl mit Töpfen und Pfannen und grinst ihn frech an.
»Wie lange habe ich noch, Charlie?«
»Hm«, der Junge öffnet den Backofen, wirft einen raschen Blick hinein und meint dann:
»Umziehen, Whisky einschütten, Kippe anmachen … Essen fertig.«
Samuel lacht laut auf. »Okay, dann weiß ich Bescheid.«
Er geht in sein eigenes Schlafzimmer, zieht sich den Anzug, die Krawatte und das Hemd aus, hängt alles sorgfältig zurück in den Schrank. Er schnappt sich ein altes T-Shirt und eine Jeans, darin fühlt er sich wohler, als in der steifen Garderobe.
Jetzt fehlt nur noch die Zigarette und der Schnaps, genau wie Charlie sagte.
Als Samuel zurück ins Wohnzimmer kommt, steht bereits ein gefülltes Glas auf dem kleinen Wohnzimmertisch, neben einer frischen Packung Gauloises Blau.
»Danke, Charlie«, ruft Samuel in Richtung Küche.
Umständlich holt er sich eine Zigarette aus der Packung, steckt sie sich zwischen die Lippen und zündet sie mit einem Zippo an. Er wirft einen Blick auf das Feuerzeug, das ihm unbekannt vorkommt. Es stellt den Ghostrider dar, der auf seiner Harley scheinbar aus dem Zippo heraus, auf einen zufährt.
»So ein Blödsinn«, murmelt er vor sich hin und wirft das Feuerzeug zurück auf den Tisch.
Mit Genuss inhaliert er den Rauch tief und lässt ihn stoßweise wieder entweichen, dabei produziert er fast perfekte Rauchkringel, die sich nur zögernd auflösen.
Samuel greift nach dem Glas, lässt die Eiswürfel gegeneinander klicken und beobachtet den bernsteinfarbenen Whisky, wie er sachte hin und her schwingt. Erst nach einem weiteren, gewaltigen Zug an der Zigarette nimmt er einen großen Schluck Whisky. Ölig läuft der Alkohol ihm über die Zunge, löst einen kleinen Waldbrand in seiner Kehle aus.
»Ah …« Samuel streckt die langen Beine von sich.
Mit einem Mal steht Charlie neben ihm und nimmt sich ebenfalls eine Gauloises. Allerdings inhaliert er nicht so tief wie Samuel, die Erfahrung hat er einmal gemacht, auf eine Wiederholung ist er nicht scharf.
Kein Mensch sollte versuchen einen Sensenmann nachzuahmen, das kann nur schlecht enden.
Eigentlich sollte überhaupt kein Mensch dem leibhaftigen Tod zu nahe kommen, doch Charlie ist froh, dass er Samuel vor etlichen Jahren traf.
Er war von London nach Paris gekommen, der Liebe wegen.
Auf einem Ausflug lernte er ein junges Ding kennen, die bei einer Londoner Familie das Au-Pair-Mädchen spielte. Sie verliebten sich in einander und als die Kleine zurück sollte, zog Charlie einfach mit. Das Ganze ging nur ein paar Monate gut und das Mädchen setzte ihn wegen eines Anderen vor die Tür.
Da stand der Junge nun, ohne Wohnung, ohne Geld und ohne einen Funken Hoffnung. In England hatte er alle Brücken hinter sich abgebrochen, er konnte nicht zurück. In Paris hatte er noch nicht richtig Fuß fassen können. Zuerst zog er von Unterkunft zu Unterkunft, besorgte sich Hilfsarbeiterjobs und mogelte sich irgendwie durch. Dann endlich hatte er genug Geld zusammen, dass er die Kaution für eine Wohnung und die erste Miete aufbringen konnte.
Auf dem Weg zu seinem Vermieter, um den Vertrag zu unterzeichnen, wurde er überfallen. Die Kerle schlugen ihn Krankenhausreif und stahlen ihm seine gesamte Barschaft.
Nun sah Charlie wirklich keine Lösung und keine Hoffnung mehr. Beladen mit Krankenhausschulden, ohne Job und Dach über dem Kopf, gab es für ihn nur noch einen Ausweg: Er besuchte seine alte Flamme ein letztes Mal, doch sie warf ihn gleich aus der Wohnung.
Wie ein Sünder schlich er des Nachts zum Eiffelturm und stürzte sich von dem berühmten Bauwerk.
Sein Flug schien eine Ewigkeit zu dauern, er dachte in seinen letzten Sekunden nur darüber nach, wie es sich wohl anfühlen wird, wenn er auf dem unerbittlichen und harten Asphalt aufschlägt. Wird sein Körper aufplatzen, wie eine übervolle Tüte? Werden seine Gedärme umher spritzen und die Straße besudeln? Wird es sehr schmerzhaft sein? Er machte sich innerlich für den Aufprall bereit.
Was er aber dann spürte, verwunderte Charlie so sehr, dass er einen hohen Schrei ausstieß.
Er landete in den Armen von Samuel, anderthalb Meter über dem harten Boden, über den er schon sein Blut fließen sah. Der Tod stellte ihn wieder auf seine Beine, die ihn gar nicht tragen wollten, so zitterig und weich waren sie. In kurzen Worten erzählte Samuel, wer er ist und dass Selbstmord keine Lösung, aber vor allem eine Todsünde sei. Sie redeten die ganze Nacht und als der Morgen graute, war Charlie wieder so weit hergestellt, dass er zumindest einwilligte, bei Samuel mindestens eine Woche zu bleiben. Dann würden sie weitersehen.
Aus der Woche sind inzwischen zehn Jahre geworden. Charlie hat einen guten Job als Koch in einer Kantine. Zuerst blieb er bei Samuel wohnen, aber nach zwei Jahren zog er mit seiner neuen Freundin zusammen. In der Zeit blieb er dennoch immer mit dem Tod in Kontakt, sie wurden gute Freunde. Erst als nach fünf Jahren auch diese Beziehung in die Brüche ging, zog er wieder bei seinem alten Freund ein.
Es ist schwierig, in Paris ein gutes und bezahlbares Zuhause zu bekommen und Sam ist nicht abgeneigt, von seinen Aufträgen in eine aufgeräumte Wohnung zurückzukehren und wenn es noch ein gutes Essen gibt, ist er mehr als erfreut.
Charlie nimmt die Fernbedienung und dreht Alice Cooper mitten im Satz den Saft ab. Nun rockt der alte Musiker nur noch stumm über die Mattscheibe.
Fasziniert starrt Samuel auf den Fernseher, obwohl er nichts mehr vom Coop hört, so wäre er doch in der Lage, jede Textzeile von Feed my Frankenstein mitzusingen, wenn ihm danach zu Mute ist.
»Hey, der Song war gut.«
Charlie zeigt mit dem Daumen hinter sich.
»Essen ist fertig, Sam. Kommst du, oder soll ich es … an Frankenstein verfüttern?« Er grinst breit.
»Okay.«
Ächzend erhebt sich Samuel und gemeinsam setzen sie sich an den gedeckten Tisch.
Sein Geruchssinn hat ihn nicht getäuscht, Charlie hat Schweinebraten, Kartoffeln und dazu einen Salat angerichtet, nur das süße Dessert fehlt noch auf dem Tisch.
Mit Heißhunger fällt der Tod über das köstliche Nachtmahl her, er hatte ganz vergessen, dass er so einen großen Hunger hatte.
»Schmeckt köstlich, Charlie«, meint er irgendwann zwischen zwei Bissen.
Der Junge beobachtet ihn genau, er kennt Samuel nun schon eine geraume Zeit, aber mit so einem Appetit hat er ihn selten essen sehen.
»Ist es heute nicht so gut gelaufen?«, erkundigt er sich, als er schon lange satt ist und Samuel sich seine dritte Portion aufdeckt.
Mit vollem Mund schüttelt er nur den Kopf, spült mit einem Mineralwasser den Rest hinunter.
»Nein, Charlie, nicht wirklich. Selbst bei Francesco hatte ich das Gefühl, als läuft irgendwas furchtbar schief.«
Der Junge zündet sich eine Zigarette an.
»Was hat der alte Pfaffe denn gesagt?«
Ein strafender Blick aus Samuels feurigen Augen trifft ihn. Aber auch wenn der Tod es wollte, so könnten seine höllischen Augen dem Jungen nichts anhaben – Der ist längst für die Hölle bestimmt, nur den Zeitpunkt kennt niemand, noch nicht einmal der Tod selbst.
Um einer gottesfürchtigen Diskussion aus dem Weg zu gehen, fragt Charlie rasch:
»Lust auf einen Nachtisch, Sam?«
»Was hast du denn anzubieten?«
Grinsend steht Charlie auf, nimmt die Teller mit und werkelt in der Küche herum.
»Lass dir Zeit«, meint Samuel. »Ich rauche erst noch eine.«
Gerade als er die Zigarette wieder ausdrückt, kommt Charlie zurück und serviert einen riesigen französischen Eierflan.
Die Lampe, die knapp über dem Esstisch hängt, spiegelt sich in der glänzenden, karamellisierten, Schicht des Flans. Die Vanillecreme biegt sich unter der dicken Karamelldecke.
»Wow«, sagt Samuel. »Wie kommst du denn darauf?«
Charlie zuckt mit den Schultern.
»Hab ich im Internet gelesen, ich wollte es mal ausprobieren.«
Mit einem scharfen Messer schneidet er ein großes Stück für seinen Freund ab und legt es auf einen Teller.
Sein eigenes Stück ist um ein vielfaches kleiner.
»Willst du mich mästen?«, fragt Samuel empört und schlägt sich selbst auf den flachen Bauch.
»Quatsch nicht. Los! Probieren!«
Samuel schiebt sich unter Charlies aufmerksamen Augen den ersten Löffel Eierflan in den Mund. Die Karamellmasse kracht und knackt, er hört es sogar in seinen Ohren, die Vanillemilch läuft cremig über seine Zunge. Zusammen ergibt das eine herrliche Komposition.
Dennoch meint Samuel nach dem ersten Löffel:
»Mach demnächst wieder was Englisches … das kannst du besser.«
»Echt? Ist er so mies?« Hastig stopft er sich den ersten Bissen in den Mund.
Samuel grinst über das ganze Gesicht.
»Das nennt man wohl eine Verarschung.«
»Arfoch …«
Charlie versucht zu lachen, aber mit vollem Mund geht das genau so wenig, wie sprechen.
*
Kurz nach Sonnenuntergang treffen die ersten Kunden ein, das Wunderland füllt sich langsam. Alice und Liam bedienen und unterhalten ihre Gäste, zwischendurch können sie noch einiges an den Mann bringen. So findet in dieser Nacht das King Buch und die gesamte Hitchcock Serie ihre Abnehmer.
Erst gegen acht Uhr morgens, müssen die beiden die letzten Gäste förmlich hinauskehren.
Liam spült die Gläser und räumt sie ordentlich in die Schränke, während Alice die Einnahmen zählt. Gewissenhaft legt sie das Geld für die alkoholischen Getränke, die Blutbeutel und das rohe Fleisch in eine Kassette. Von dem restlichen Geld zweigt sie einen Anteil für Liam ab, legt es ihm auf die Theke und besieht sich das kleine Bündel Scheine in ihrer Hand. Das ist herzlich wenig, überlegt sie, diesmal bringe ich es nicht zur Bank. Ich werde mir davon etwas Neues zum Anziehen kaufen.
Mit einem Lächeln meint sie zu dem Vampir:
»Pass mal kurz auf den Laden auf, ich komme gleich wieder.«
»Wo gehst du denn hin?« Liam stellt das letzte Glas in den Schrank und schließt die Tür.
»Shoppen.« Mit einem Zwinkern nimmt Alice ihre kleine Handtasche, verstaut das kleine Bündel Scheine darin und zieht die Türe auf.
»Na dann bis Morgen.« Liam grinst von einem Ohr zum anderen.
Das heisere Klingeln des Glöckchens übertönt Alices leises Kichern. Sie besieht sich die Auslage des Wunderlandes von außen und murmelt:
»Das müssen wir aber noch dringend neu machen. Er hat die verkauften Sachen gar nicht ersetzt, sieht schlimm aus.«
Gegenüber, an einem Mehrfamilienhaus, geht in diesem Augenblick die Eingangstür auf.
Ein Mann tritt auf den Gehsteig, sieht links und rechts, bevor er die Rue Denfert Rochereau überquert. Alice wirft nur einen flüchtigen Blick auf den Unbekannten. Er kommt ihr riesengroß vor und auf eine merkwürdige Weise angenehm. Er trägt Jeans und eine leichte Lederjacke. Alltagsklamotten, denen Alice keine sonderliche Beachtung schenkt. Wer allerdings eine Sonnenbrille, um kurz nach neun am Vormittag und das noch im November trägt, der fällt ihr auf. Schmunzelnd geht sie um die Ecke und verschwindet aus dem Blickfeld des Unbekannten.
Einen Moment denkt sie noch darüber nach, ob er wohl gestern zu viel getrunken hat, und seine Augen deshalb das Tageslicht nicht vertragen, aber dann nimmt das hübsche, schwarze Kostüm, das sie letztens bei Carven‘s gesehen hat, ihre gesamten Gedanken ein.
Alice möchte heute Abend ausgehen und dazu will sie sich hübsch machen. Auch wenn sie nur vorhat, den größten Drogendealer von ganz Paris zu treffen, um ihn zu töten, so will sie dabei doch bezaubernd aussehen.
*
Es ist neun Uhr morgens, als Charlie aus seinem Zimmer in das gemeinsame Wohnzimmer schlurft. Es ist zwar ein Samstag und er muss nicht arbeiten, dennoch hat er sich den Wecker gestellt, um noch einige Einkäufe zu erledigen. In der Zeit, die Samuel hier alleine wohnte, ging nur eines niemals aus und das war der Whisky, etwas Essbares suchte man hier vergeblich. Aber Charlie ist ein Mensch und noch dazu einer, der für sein Leben gerne gut isst. Als Ausgleich geht er drei Mal die Woche ins Fitnessstudio, damit er bloß kein Gramm zunimmt.
»Guten Morgen, Charlie«, erklingt es vom Fenster her. Der Junge zuckt erschrocken zusammen. Er hat Samuel, der einen Vorhang zurückgezogen hat und aus dem Fenster blickt, nicht bemerkt.
»Morgen«, gibt er undeutlich zurück. »Stehst du schon die ganze Nacht hier?«
»Du bist doch erst um vier ins Bett, Junge«, erwidert Samuel. »Wie spät ist es denn jetzt?«
»Neun … oder so« Charlie gähnt ausgiebig und wankt in Richtung Badezimmer.
Dann steh ich doch schon fünf Stunden hier, überlegt der Tod, ist mir gar nicht so lange vorgekommen. Er trinkt sein Glas leer und stellt es auf den Esstisch. Mit einem Blick auf die Flasche ruft er laut:
»Du musst dringend was zu trinken mitbringen.«
»Steht schon auf meiner Liste«, erwidert Charlie mit dem Mund voller Zahnputzschaum.
Samuel gießt sich den restlichen Whisky ein und stellt sich auf die gewohnte Stelle vor dem Fenster.
Nach ein paar Minuten kommt sein Freund aus dem Badezimmer, frisch geduscht und warm angezogen geht er in die Küche.
»Kaffee?«
Der Tod schüttelt den Kopf und hebt sein Glas an. Interessiert beobachtet er die Leute auf der Straße, vor und gegenüber seinem Haus.
Dem kleinen, schäbigen Laden, namens Alices Wunderland sollte er auch beizeiten mal einen Besuch abstatten. Ihn gibt es schon so lange und noch nie war er da drin. Wie er letzte Nacht festgestellt hat, gehen dort einige Anderswesen des Nachts ein und aus. Er wohnt nun bereits seit Jahren hier, aber bis heute wusste er noch nicht, dass das Wunderland auch nachts geöffnet hat, geschweige denn, dass es von Dämonen heimgesucht wird. Das interessiert den Tod, er will wissen, was in seiner unmittelbaren Nachbarschaft geschieht und wer dort wohnt.
»Was gibt’s denn da so Geheimnisvolles zu sehen?« Charlie steht mit einer großen Tasse heißem Milchkaffee neben ihm.
Samuel zeigt auf das Geschäft gegenüber.
»Kennst du den Laden?«
Sein Freund nickt mit dem Kopf und trinkt vorsichtig einen Schluck Kaffee.
»Ja, ich war schon mal drin. Die haben nur Bücher und jede Menge anderes Zeugs. Nutzloser Ramsch.«
»Hm.« Samuel überlegt einen Moment.
»Ich glaube, ich muss da mal hin.«
»Wieso? Du liest doch nichts, außer der Bibel und sonst haben die echt nichts Interessantes.«
»Dennoch«, Samuel wiegt seinen Kopf hin und her. »Ich habe das unbestimmte Gefühl, ich sollte dem Wunderland mal einen Besuch abstatten.«
»Tu was du nicht lassen kannst.« Charlie zuckt mit den Schultern und stellt seine leere Kaffeetasse auf den Esstisch.
»Ich geh jetzt einkaufen und hinterher noch ins Studio. Bist du heute Abend da?«
Er blickt fragend zu Samuel, der weiterhin aus dem Fenster starrt.
Der schüttelt nur den Kopf. »Nein, wahrscheinlich nicht.«
»Gut«, meint Charlie und zieht sich eine Jacke an. »Ich hab nämlich heute Abend eine Verabredung. Wird bestimmt spät.«
»Okay«, murmelt der Tod geistesabwesend. »Viel Spaß.«
Ohne ein weiteres Wort zieht Charlie die Tür hinter sich ins Schloss.
Irgendwas an dem Laden ist merkwürdig, überlegt Samuel, es ist einfach nicht zu erfassen. Von Alices Wunderland geht eine Macht aus, die selbst der Tod nicht ganz begreifen kann.
»Ich muss es wissen«, sagt Samuel zu sich selbst. »Und zwar jetzt sofort.«
Energisch stellt er sein halbvolles Glas auf den Tisch, zieht sich Turnschuhe an, schlüpft in die Lederjacke und setzt sich die Sonnenbrille auf.
Ohne weiter darüber nachzudenken, greift er sich die Schlüssel, zieht die Türe hinter sich zu und geht die paar Stufen hinunter.
Auf der Straße angekommen, beobachtet er zuerst das Geschäft von außen, besieht sich auch die Auslagen. Aber das ist es nicht, das den Tod so in Aufregung versetzte.
Es muss aus dem Inneren kommen, oder von seinem Besitzer.
Samuel betritt das Wunderland, die kleine Glocke über der Türe gibt ein heiseres Krächzen von sich.
Beinahe wäre er rückwärts wieder aus dem Geschäft gefallen. Der Geruch, der ihm wie eine Wolke entgegen schwebt, ist eine Mischung, bestehend aus den verschiedenen Dämonen, die in der letzten Nacht diesen Laden betreten haben. Diese Geruchsvielfalt trifft Samuel wie ein Schlag mit dem Hammer.
Anderswesen, denkt er entsetzt, so viele und das alles genau vor meiner Nase.
*
Liam wischt über die Theke, beseitigt die Spuren der letzten Nacht.
Insgeheim hofft er, dass Alice wirklich bis zum nächsten Morgen auf Shoppingtour geht, zu gerne möchte er auch mal eine Nachtschicht alleine übernehmen. Bisher hat die Werwölfin ihm das noch nicht zugetraut. Wahrscheinlich auch, weil jede Nacht ihre süchtige Kundschaft hier antrabt und nach Nachschub schreit. Liam ist sich nicht sicher, ob er dieses Teufelszeug ohne Gewissensbisse an seine Kollegen verkaufen kann. Auch wenn Alice ihn an ihrem Gewinn teilhaben lässt, ihm wäre wohler, wenn sie ihre Drogengeschäfte einstellen würde.
Er sieht sich im Wunderland um. Ja, denkt er, nun ist alles wieder in Ordnung, die normale Kundschaft kann kommen.
Er hat den Satz kaum zu Ende gedacht, als die Tür aufgeht und das Glöckchen heisere, verzweifelte Laute von sich gibt.
Mit einem Lächeln hebt der Vampir den Kopf, will den neuen Kunden begrüßen.
Aber jedes Wort bleibt ihm im Hals stecken. Mit einem Schlag fühlt er seine Beine nicht mehr, über seine Haut fließt ein eisiger Schauer, so als habe ihm jemand einen Eimer mit Eiswasser übergegossen. Liam spürt, wie ihm alle Nackenhaare zu Berge stehen, sein Kopf schreit laut: Lauf! Renn um dein Dasein! Nur ein kleiner Teil seines Verstandes, der nicht heulend und wimmernd in der Ecke hockt, sagt ihm, dass er vernünftig mit dem Kerl reden muss, dann wird schon alles gut werden.
Der Vampir ist sich nicht sicher, auf wen er hören soll.
Ängstlich betrachtet er den Fremden, der selbst auch einige Probleme zu haben scheint. Er sieht so aus, als wollen seine Füße ebenfalls den Rückzug antreten, dennoch geht er mutig weiter in das Wunderland hinein. Er löst die Hand von der Tür, die mit einem erneuten, heiseren Gebimmel ins Schloss fällt.
Nun ist Liam zu Mute, als wäre er mit dem Teufel persönlich in der Hölle eingesperrt.
»B-Bon jour Monsieur«, stottert Liam, er räuspert sich.
»Ce que je peux faire pour vous?«
»Du bist ein verfluchter Blutsauger«, antwortet Samuel mit donnernder Stimme, ohne auf Liams Frage, nach seinen Wünschen, einzugehen.
Der Vampir schluckt trocken und geht einen Schritt zurück. Er stößt gegen die Schränke, in denen Tassen und Gläser untergebracht sind, sie klirren leise gegeneinander.
»Wer … bist du?«, fragt er heiser.
Samuel geht mit steifen Schritten auf die Theke zu, stützt seine Ellenbogen auf die Holzplatte und beugt sich zu Liam hin. Betont langsam nimmt er die Sonnenbrille ab, lässt sie einfach fallen. Seine feurigen Augen fixieren den Vampir, der verzweifelt versucht, seinen Blick nicht zu erwidern.
Liam weiß sich nicht mehr zu helfen, er dreht den Kopf so weit wie möglich von Samuel weg und kneift seine Augen zu.
»Ich bin der Tod«, grollt Samuel und seine Stimme scheint sich in dem kleinen Geschäft zu vervielfältigen. Wenn es der Vampir nicht besser wüsste, so würde er behaupten, vor ihm stehen mehr als eine Person.
Samuel lehnt sich noch weiter nach vorne, seine Hand schießt vor und packt den Vampir am Hemd. Mit einer unglaublichen Kraft zieht er ihn zu sich, zerrt ihn halb über die hölzerne Theke.
Liam ist so erschrocken, dass er entsetzt die Augen aufreißt.
»Sieh mich an, Blutsauger«, sagt der Tod und zieht den Dämon noch ein Stück näher. »Blicke in meine toten Augen und … stirb.«
»NEIN!«, schreit Liam und hält sich mit einer Hand die Augen zu. Die andere tastet hilflos unter dem Tresen umher.
Mit einem Mal spürt er etwas zwischen den Fingern, kalter Stahl. Liam weiß, was das ist. Er schließt seine Hand um den Griff, zieht sie langsam unter dem Tresen hervor.
»Wage es ja nicht…«, meint Samuel, noch bevor Liam sein Vorhaben zu Ende gedacht hat.
Blitzschnell nimmt der Vampir die Hand von seinen Augen, wirft das Messer von der rechten in die linke Hand und stößt es Samuel tief in die Halsseite.
Der Tod ist so überrascht, dass er den Vampir tatsächlich loslässt. Der bückt sich rasch, springt zur Seite und taucht in der nächsten Sekunde mit einer Pump-Gun wieder auf.
Liam lädt das Gewehr durch, es hört sich, in dem kleinen Geschäft, bedrohlich laut an.
Samuel beachtet ihn überhaupt nicht, er packt den Griff des Messers, es entsteht ein reißendes und fast knarrendes Geräusch, als er die Waffe aus der enormen Wunde herauszerrt.
Angewidert verzieht Liam sein Gesicht. Es fließt kein Blut und die Wunde verschließt sich in Sekundenschnelle.
Samuel besieht sich kurz die Waffe, es ist ein kleines Bowiemesser, mit einer zwanzig Zentimeter langen Klinge und frisch geschliffen.
Der Tod wirft es in die Luft, fängt das Messer geschickt an seiner Spitze wieder auf und schleudert es in Liams Richtung. Wenn er ein Mensch wäre, so hätte er in der nächsten Sekunde blutend und wahrscheinlich sterbend auf dem Boden gelegen, aber so vollführt der Vampir lediglich einen kurzen Ausfallschritt und das Messer bohrt sich hinter ihm in den Schrank. Erneut klirren die Gläser hilflos gegeneinander.
»Verschwinde von hier, Totengräber.« Liam gibt sich alle Mühe seiner Stimme einen Befehlston zu verleihen, aber so ganz will ihm das nicht gelingen. Zu tief steckt in ihm die Furcht, vor diesem Jäger der Anderswesen.
Ohne den Vampir aus den Augen zu lassen, zieht sich Samuel die Lederjacke aus, lässt sie achtlos hinter sich fallen. Liam ahnt, was als nächstes folgt.
Er drückt ab. Die Waffe vibriert, der Knall ist unerträglich laut und der Rückstoß reißt ihm das Gewehr beinahe aus den Händen. Samuel wird herumgerissen, aber eine Lidschlaglänge später, steht er bereits wieder dem Vampir gegenüber. Sein Hemd ist an der linken Schulter versengt und hängt in Fetzen herunter, sein Fleisch wird darunter sichtbar.
Verkohlt wie ein Schweinebraten, der zu lange im Backofen verbrachte, doch immer noch kein Blut. Samuel wirft einen Blick auf die Wunde, dann sieht er Liam böse an.
»Das war nicht nötig«, knurrt er.
Rasch lädt Liam die Pump erneut durch.
»Ich sagte: verschwinde von hier«, ruft er. »Das nächste Mal treffe ich deinen Kopf, Totengräber. Dann fährst du in die Hölle zurück, wo du hingehörst.«
Betont langsam knöpft sich Samuel das Hemd auf. Er fixiert den Vampir und sagt:
»Und ich sah ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war Tod und die Hölle folgte ihm nach. Und ihm ward die Macht gegeben zu töten.«
Liam packt das Gewehr fester, lehnt es sich gegen die Wange. Er fühlt den kalten und tödlichen Stahl, das gibt ihm Kraft.
»Deine Bibelsprüche werden dir nichts nützen«, meint er laut. Dann erinnert er sich selbst an einen der Verse aus dem neuen Testament.
Er kneift ein Auge zu, zielt auf Samuels Kopf und sagt.
»Der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus. Doch sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken. Sie fanden ihr Ende im Feuersee.«
Samuel duckt sich rasch. Keine Sekunde zu spät, die Schrotkugeln zischen knapp über ihn hinweg. Aus seiner geduckten Haltung springt er den Vampir an, packt den Lauf der Pump und Liams Schulter. Samuel rammt den Blutsauger förmlich in den Gläserschrank hinein.
Liam gibt ein erschrecktes Keuchen von sich.
»Du bist ein Anderswesen«; schreit Samuel ihn an. »Du wagst es und nimmst Gottes geheiligte Worte in dein abstoßendes Maul? Dafür wirst du bezahlen.«
Samuel reißt den Mund auf, stößt einen heiseren Schrei aus. Aus seiner Kehle quillt Rauch, selbst aus seinen Nasenlöchern und den Ohren beginnt es zu qualmen. Liam kann die Hitze, die von dem Tod ausgeht, spüren, er versucht verzweifelt sich aus der stählernen Umklammerung zu befreien. Feuer ist das Einzige, das einen Vampir vom Diesseits ins Jenseits befördern kann.
Ein Feuerstrahl schießt aus Samuels geöffneten Mund, legt sich wie eine Decke über ihn, hüllt ihn ein. Liam gibt seine Befreiungsversuche auf und starrt fasziniert auf das Schauspiel vor ihm. Die Feuerdecke verbrennt Samuels Hemd, legt sich wie glühende Lava auf seinen nun nackten Oberkörper. Frisst sich durch die Haut, verbrennt und verzehrt alles, bis nur noch die blanken Knochen zu erkennen sind. Dann erlischt das Feuer von selbst.
Was zurückbleibt ist ein skelettierter Oberkörper und ein Knochenschädel, von dem noch Rauch aufsteigt. Der Geruch nach verbranntem Fleisch und Haaren hängt satt in der Luft, wie bei einem Barbecue, bei dem niemand auf die Steaks achtet.
Aus den schwarzen Augenhöhlen glühen zwei feurige, rote Klumpen, Kohlenstücken gleich. Sie funkeln Liam wütend an.
»Sieh in meine Augen und fahr zur Hölle, Blutsauger.«
Samuels Stimme vervielfältigt sich in Liams Kopf, beinahe so, als habe der Vampir ein Echo in seinem Schädel.
Auch wenn er sich noch so sehr dagegen wehrt, er schafft es einfach nicht, die Augen geschlossen zu halten. Wie in Zeitlupe öffnet er sie, dreht den Kopf noch vorne und sieht in die Augen des Todes.
»Nein …«, haucht er tonlos und ist doch nicht mehr Herr seiner Gedanken und Gefühle.
»Bitte …«
In diesem Moment geht mit Schwung die Eingangstüre auf. Das Glöckchen bimmelt heftig und noch bevor die Türe wieder ins Schloss zurückfallen kann, ruft jemand laut:
»Was zum Teufel ist denn hier los?«
Mit einem wütenden Brüllen, lässt Samuel sein Opfer los und dreht sich um.
Liams Beine geben nach, er rutscht langsam an den Schränken entlang zu Boden, wo er mit geschlossenen Augen sitzen bleibt.
Vor dem Tod steht ein Mädchen, lange schwarze Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden sind, sie ist klein und von schmaler Statur, aber die Wut, die in diesem Moment von ihr ausgeht, lässt sie viel größer erscheinen, als sie ist. Sie hebt den Arm, zeigt mit ihren schmalen Fingern auf Samuel und brüllt mit einer solch lauten Stimme, die man ihr gar nicht zutraut:
»DU! … Raus hier!«
Innerhalb von Sekunden verwandelt sich Samuel. Es ist so, als gebe das alles zerfressende Feuer ihm sein Fleisch, seine Haare und die Haut zurück. Nur sein Hemd bleibt verschwunden, das kann das Feuer ihm nicht mehr wiedergeben.
Alice atmet erschrocken ein, aber sie versucht sich diese kurze Schwäche nicht anmerken zu lassen.
Auch Samuel ist über ihr Auftauchen erschrocken, er runzelt für eine Sekunde nachdenklich die Stirn, dann bückt er sich, hebt seine Lederjacke auf und streift sie sich über. Als er Alice wieder ansieht, lächelt er schief.
»Verzeiht mir, Eure Hoheit. Ich vermutete Gefahr.« Mit dem Daumen zeigt er hinter sich, in die ungefähre Richtung, wo Liam noch immer stumm und wie tot gegen die Schränke gelehnt auf dem Boden sitzt. »Ausgehend von diesem Tier.«
Alice schüttelt den Kopf. Ihr ist so, als stehe sie neben sich und beobachtet eine völlig überzogene Theaterszene. Noch einmal schüttelt sie mit dem Kopf, um wieder klarer denken zu können.
Sie blickt Samuel direkt ins Gesicht.
Was für angenehme Augen er doch hat, denkt sie, selten habe ich jemanden getroffen, dessen Augen so wunderschön sind.
Dieses Blau, wie ein Gebirgsbach so rein, wie die See so tief und dunkler als ein nächtlicher, sternenübersäter Himmel.
Dann setzt sich Samuel die Sonnenbrille auf und der Augenkontakt reißt ab. Alice fühlt sich, als werde sie zurück in ihren Körper katapultiert, als fliege ihr Geist zu ihr zurück. Sie kann sich an die vergangenen Sekunden kaum noch erinnern.
Samuel deutet eine kleine Verbeugung in Alice Richtung an und sagt:
»My Lady. Ich wünsche Euch einen schönen Tag.«
Die Werwölfin antwortet nicht, sieht Samuel erstaunt hinterher, wie er in einem kleinen Bogen, um sie herum, dem Ausgang entgegen geht.
Er öffnet die Türe nur einen Spalt breit, gerade weit genug, damit er hindurch passt. So berührt die Oberkante der Tür die kleine Glocke nicht und sie muss keine weiteren Laute ausstoßen. Samuel dreht sich ein letztes Mal um, bevor sich die Türe hinter ihm ganz geschlossen hat. Aber Alice beachtet ihn überhaupt nicht, sie hockt bereits vor Liam und versucht ihn wieder von den Toten aufzuwecken.
Die Tür fällt ins Schloss, Samuel überquert die Straße und geht in sein Haus.
Erst als er versucht seine Wohnungstür aufzuschließen, fällt die ganze Anspannung von ihm ab. Seine Hände zittern, er trifft das Schloss kaum. Verdammt, reiß dich zusammen, redet er sich selbst gut zu. Und tatsächlich, nach ein paar Sekunden hat er sich soweit beruhigt, dass er wenigstens aufschließen kann. Er donnert die Tür hinter sich zu, sodass es im gesamten Treppenhaus nachhallt. Schwer atmend lehnt er sich dagegen.
Das darf doch alles nicht wahr sein, denkt er, zuerst finde ich dieses … dieses Wesen, den verdammten Blutsauger, und dann holt mich auch noch meine Vergangenheit ein. Er stößt sich ab und eilt ins Esszimmer. Dort hat er eben ein halbvolles Whiskyglas stehen gelassen. Er nimmt es und stürzt die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem Schluck hinunter. Verzweifelt greift er nach der Flasche, schüttet den restlichen Inhalt in sein Glas. Es ist nicht mehr viel, knapp einen Fingerbreit, aber es wird reichen, um seine Seele wieder zu beruhigen. Samuel hängt die Jacke über die Stuhllehne und setzt sich an den Esstisch. Düster starrt er durch das Fenster, in den trüben Himmel.
Dass sie aber auch ausgerechnet jetzt und hier auftauchen muss, überlegt er wütend, dabei kann die Kleine gar nichts dafür. Doch sie sieht ihr so verdammt ähnlich, selbst ihr Geruch ist derselbe. Wenn ich nicht genau wüsste, dass sie damals starb, würde ich schwören können …
Samuel schüttelt den Kopf und trinkt sein Glas leer. Aber ich weiß es, weil ich sie selbst getötet habe.
Aufseufzend nimmt er sich eine Zigarette aus dem Päckchen, seine Hand, die das Feuerzeug hält, zittert immer noch ein wenig. Tief inhaliert er den Rauch, lehnt sich zurück und stößt kleine Rauchkringel in die Luft.
Meine süße, kleine Emilia, erinnert er sich, in meinem Leben habe ich schon viele Schandtaten begannen, aber dich zu töten, war wohl das Schlimmste, das ich je vollbrachte. Dabei warst du so zart und noch so jung und dabei so verflucht … schuldig.
Aber mein Herz brannte lichterloh, meine gequälte Seele schrie immerzu deinen Namen, doch mein grausamer Verstand hörte nicht zu und stieß dich in die ewige Verdammnis. Einhundert Jahre büßte ich für meine Tat, ich zog als Tod durch die Gegend, verwandelte mich in all der Zeit nicht mehr zurück. Sprach mit niemandem, lachte nicht, trank und aß nichts.
Ein gesamtes Jahrhundert hindurch, bereute ich, bedauerte und beweinte dich, meine kleine Emilia. Mein süßes Kind, meine Geliebte, meine Freundin. Wieso war nur deine Zeit so kurz bemessen? Die Sanduhr des Todes, sie war viel zu rasch für dich abgelaufen. Und warum musste ausgerechnet ich dein Todesengel sein. Samuel ballt die Hände zu Fäusten, dass es nur so knackt, er hat für seine unbändige Wut kein Ventil, so lässt er die Fäuste krachend auf den Tisch donnern. Das leere Glas hüpft hoch und kippt auf die Seite. Langsam rollt es umher und beschreibt dabei einen Kreis. Samuels Finger tippen das Glas an und es dreht es sich schneller um die eigene Achse. Nach ein paar Minuten wird dem Tod dieses Spiel zu langweilig. Er stellt das Glas wieder aufrecht hin, geht in sein Schlafzimmer, nimmt sich frische Anziehsachen aus dem Schrank und verschwindet im Bad. Er dreht die Dusche auf die höchste Stufe, zieht sich die Jeans aus und seine Short. Er stellt sich unter den heißen Wasserstrahl, lässt ihn sich über die Schultern und in den Nacken prasseln.
Während sich das kleine Badezimmer in eine dampfende Sauna verwandelt, denkt der Tod an alte, längst vergangene Jahrhunderte zurück und an die einzige Liebe seines Daseins und dass er sie am Ende tötete.
*
Alice schlägt dem Vampir mit Wucht auf die Wange.
»Liam, verdammt. Komm wieder zu dir.«
Seine Lider flattern, die Lippen zucken leicht. Er reißt die Augen weit auf, setzt sich mit Schwung aufrecht hin. Seine Arme wirbeln umher, als wollte er einen unsichtbaren Gegner abwehren.
»Hey, ist schon gut«, meint Alice sanft. »Er ist längst weg.«
Liam wirft ihr einen Blick zu, atmet erleichtert aus.
»So ein Glück«, sagt er keuchend.
Die Werwölfin zerrt ihn hoch, er stütz sich an der Theke ab, als überkommt ihn ein Schwindelanfall.
»Was zum Teufel war hier los?«, fragt Alice. Sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum Liam mit dem gut aussehenden Kerl in Streit geraten ist.
»Ich … weiß es nicht«, erwidert Liam und versucht krampfhaft, sich zu beruhigen. In seinem ganzen Dasein kam er der ewigen Verdammnis noch niemals so nah, wie eben, als der Tod ihn einen Blick in die Hölle werfen ließ. Es war ein scheußliches Gefühl, und wenn Alice nicht dazwischen gekommen wäre, so hätte er sich ergeben um mitten unter den Kreaturen des Abgrundes sein weiteres Dasein zu fristen.
»Was wollte der Kerl denn von dir?«
Der Vampir zuckt mit den Schultern.
»Er wollte mich töten, was denn sonst. Immerhin war das der Tod.«
»Aber…« Alice denkt einen Moment nach.
Sie wusste sofort, dass er ein Sensenmann ist, aber dennoch kam er ihr so vertraut und liebenswürdig vor. Nichts war an ihm, vor dem sie sich fürchten müsste. Vor allem nicht diese herrlichen, blauen Augen, die wie tiefe Seen wirken, in die man gefahrenlos hinab tauchen kann.
»Ich verstehe das nicht«, beendet sie ihren Satz nachdenklich.
Liam schnaubt abfällig. »Ich auch nicht. Dennoch haben wir den verdammten Tod gegenüber wohnen. Und ich denke, er wird wiederkommen. Wir müssen von hier verschwinden.«
»Was?«, ruft Alice aufgeregt. »Niemals werde ich mein Geschäft im Stich lassen. Nicht in hundert Jahren.«
Der Vampir fletscht die Zähne.
»Er wird auch dich holen, immerhin bist du auch ein Anderswesen.«
Energisch schüttelt die kleine Wölfin mit dem Kopf, ihre langen Haare fliegen um sie herum.
»Nein, Liam. Er war nur hinter dir her. Du kannst ja gehen, aber ich bleibe hier. Schluss. Aus. Ende. Ich bleibe.«
Unmöglich kann der Vampir seine Freundin alleine lassen. Er hat zwar Angst vor dem Sensenmann, aber noch größer ist seine Furcht, dass Alice etwas zustoßen könnte. So springt er ein weiteres Mal über seinen Schatten, nickt kleinlaut und meint:
»Du hast ja recht, Alice. In Ordnung … ich bleibe.«
»Gut«, sagt sie schlicht und geht hinter die Theke.
»Ich bin nur zurückgekommen, weil ich etwas vergessen habe.«
Sie schließt eine der unteren Schubladen mit einem kleinen Schlüssel auf und entnimmt einen winzigen Flacon. Rasch lässt sie das Fläschchen in ihrer Handtasche verschwinden. Liam hat es dennoch gesehen.
»Ah, du belieferst also auch schon tagsüber deine Junkies?«
Ohne ein Wort zu sagen, zuckt Alice mit den Schultern und geht zur Türe.
»Ich bin bald wieder zurück«, sagt sie. »Versuche bitte, dich in der Zeit nicht umbringen zu lassen.«
»Ja, ja.« Der Vampir winkt ab.
Kaum ist das helle Klingeln verstummt, begibt er sich hinter die Theke um sich ein großes Glas mit Blut aufzuwärmen.
Das brauche ich jetzt, denkt er, und dann werde ich überlegen, wie ich diesen verdammten Jäger loswerde.
*
Charlie kommt mit großen Papiertüten beladen nach Hause.
Pfeifend schließt er die Wohnungstüre auf, zieht sich umständlich die Turnschuhe aus, indem er jeweils auf die Ferse des anderen tritt. Die Jacke behält er an, weil er sonst die Tüten abstellen müsste, jedoch befürchtet, dass sie dann reißen könnten.
Wie immer ist sein Einkauf viel zu üppig ausgefallen, wie meistens konnte er sich nicht beherrschen. Charlie ist ein leichtes Opfer für jeden halbwegs geschickten Verkäufer.
Der junge Mann ist für beinahe alles zu begeistern, nur zu gerne probiert er neue Sachen aus, kostet den allerneusten Käse, nimmt den hippen Energie Drink mit, ist mit Begeisterung der erste Kunde, der genau diese Salami testen muss. Der Kühlschrank und seine eigenen Schränke quellen über vor lauter neuem Zeug. Das meiste braucht er gar nicht und das wenige, das er essen würde, will er nicht. Auch heute wieder hat sein Einkauf viel länger gedauert, als er geplant hat, somit fiel der Besuch im Fitnessstudio auch seiner Shoppinglust zum Opfer.
Schwer atmend stellt er die Tüten ab, genau in diesem Moment reißt das minderwertige Papier und eine Flut von Lebensmittel ergießt sich über die Arbeitsplatte und den Fußboden.
»Verdammt!«, flucht er vor sich hin und versucht, die Orangen aufzuhalten, die der Schwerkraft folgen wollten.
»Ich hoffe für dich, dass der Whisky überlebt hat«, sagt Samuel düster vom Esstisch aus.
Charlie zuckt erschrocken zusammen, er hat seinen Freund nicht bemerkt.
Die Orangen haben den Kampf gegen die Schwerkraft verloren, rollen um Charlies Hüften herum und platschen auf dem Fussboden auf. Nur eine Frucht hüpft wie ein Ping-Pong-Ball zurück, bevor auch sie still liegen bleibt.
Samuel verdreht die Augen und erhebt sich.
Charlie schiebt die zerstörte Tüte mit den Einkäufen zurück, weit entfernt vom drohenden Abgrund und der unweigerlichen Zerstörung der Lebensmittel.
»Nur keine Sorge«, meint Charlie. »Der Schnaps ist bestimmt noch heil geblieben.«
»Glück für dich.« Charlie sieht seinen Freund neugierig an. Er erscheint ihm noch übler gelaunt, als sonst, irgendetwas muss mit ihm geschehen sein, in der Zeit als er seine Einkäufe tätigte.
»Was ist los mit dir?«, fragt er neugierig und beginnt die Lebensmittel vom Boden aufzuheben.
Samuel kramt in den restlichen Papiertüten.
»Wo hast du ihn denn…« Etwas klirrt laut gegeneinander.
»Ah, ich dachte schon, du hättest ihn vergessen.« Er zieht eine rechteckige Flasche heraus und hält sie gegen das Licht. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit verwandelt das simple Sonnenlicht, das durch die Fenster fällt, in ein Feuermeer, beinahe so, als hielte der Tod einen Klumpen Sonnengold in den Händen.
»Wie kannst du nur so etwas denken«, murrt Charlie und wirft einen zerstörten Joghurtbecher in den Abfall. Samuel grinst ihn an und geht, mit seiner frischen Flasche, ins Esszimmer. Dort füllt er sein Glas beinahe bis zum Rand. Staunend sieht Charlie ihm dabei zu, wie er die Flasche sorgsam verschließt, vorsichtig das Glas nimmt und erst daran riecht, bevor er es in einem gewaltigen Schluck bis zur Hälfte leert.
Kopfschüttelnd wendet Charlie sich ab, wenn er es nicht besser wüsste, müsste er zwangsläufig vermuten, dass sein alter Freund das typische Verhalten eines Alkoholikers zeigt.
»Ah«, stößt Samuel aus und wischt sich mit der Hand über den Mund. »Jetzt geht es mir schon um Längen besser.«
Munter hilft er Charlie die Einkäufe zu verstauen.
Erst als auch Charlie mit einem Glas Whisky am Tisch sitzt, erzählt Samuel ihm die ganze Geschichte.
Als er damit fertig ist, schüttet er sich bereits das dritte Glas ein.
»Entschuldige«, beginnt Charlie nachdenklich. »Ich wusste gar nicht, dass du mal ein Mädchen hattest. Niemals hast du auch nur ein Wort über sie verloren.«
Der Tod zuckt mit den Schultern.
»Es ist nichts, was ich herausschreien möchte. Eher wollte ich diese Sache vergessen … sie vergessen.«
»Und du meinst wirklich, die Kleine von dem Laden sieht genauso aus wie deine … eh, wie hieß sie doch gleich nochmal?«
»Emilia«, sagt Samuel und es scheint, als ließe er sich den Namen auf der Zunge zergehen. Verträumt starrt er ins Leere, dann nimmt er noch einen kräftigen Schluck und sagt zu Charlie:
»Ja. Sie gleicht ihr bis aufs Haar, wie man so schön sagt. Sie könnten Zwillingsschwestern sein.«
Sein Freund schüttelt den Kopf, nimmt sich eine Zigarette aus dem Päckchen und zündet sie sich an.
»Wie kommt das nur?«, fragt er und stößt eine Qualmwolke in die Luft.
»Ich weiß es nicht, Charlie.«
Auch Samuel nimmt sich eine der bereitliegenden Zigaretten. »Ich hätte noch nicht einmal eine Vermutung. Außer, dass sie vielleicht aus einer Vererbungslinie stammen könnten, oder …« Nachdenklich tippt er sich mit dem Filter der Zigarette gegen die Lippen.
»Ach, das ist alles völliger Blödsinn«, sagt er nach ein paar Sekunden aufbrausend und zündet sich endlich die Zigarette an.
Eine Frage brennt Charlie bereits seit einigen Minuten unter den Nägeln, erst jetzt ist er bereit sie laut auszusprechen.
»Ist sie denn auch ein … Anderswesen? Oder ein Mensch?«
Sachte schüttelt der Tod den Kopf.
»Auch diese Frage kann ich dir nicht beantworten, Junge. Ich wollte nur eines, so rasch wie möglich dort weg.« Samuel nimmt sich erneut sein Glas, schwenkt die bernsteinfarbene Flüssigkeit langsam umher.
»Es ist nicht meine Art, mich mit nacktem Oberkörper, fremden Frauen zu präsentieren.«
Charlie legt den Kopf in den Nacken und beginnt lauthals zu lachen. Er kann gar nicht mehr aufhören, erst als dicke Tränen seine Wangen herunterlaufen und er einen Schluckauf bekommt, ebbt der Lachanfall langsam wieder ab.
Schief lächelnd, den Kopf mit einer Hand abgestützt, betrachtet Samuel ihn.
»Entschuldige bitte«, meint Charlie immer noch kichernd. »Aber diese Vorstellung vor meinem geistigen Auge… das … das war einfach zu komisch.« Ein weiterer Lachanfall bahnt sich an.
Samuel wirft einen Blick auf die Wanduhr.
»Hattest du nicht eine Verabredung heute?«
Charlies Kopf ruckt herum, er starrt auf die Uhr.
»Ja, verdammt. Ich muss mich beeilen.«
Er springt von seinem Stuhl hoch, rennt in sein eigenes Zimmer.
Innerlich zählt Samuel die Sekunden, bis sein Freund wieder raus kommt.
Er ist erst bei fünf angekommen, als Charlie bereits, mit einem Arm voller Klamotten, in Richtung Badezimmer sprintet.
»Hey, neuer Rekord«, ruft Samuel sarkastisch. »Fünf Sekunden nur. Das Mädchen scheint ja hübsch zu sein.«
»Ja, ist sie«, brüllt Charlie aus dem Badezimmer. »Das ist unser erstes Date … ich darf nicht zu spät…«
Der Rest geht im lauten Prasseln der Dusche unter.
Geh nur, überlegt Samuel, es ist besser, wenn du heute Nacht nicht hier bist. Ich werde diesem widerlichen Vampir nochmals einen Besuch abstatten, und nicht nur ihm, der ganze Laden wird vor Anderswesen nur so wimmeln. Das wird ein Fest werden. Er erhebt sich und stellt sich an seine gewohnte Position, neben dem Fenster, den Vorhang ein wenig beiseitegeschoben und blickt auf das Geschäft herab. In dieser Nacht werden unzählige Dämonen den Tod finden und der Tod selbst, wird sich an ihren Schreien erfreuen.
Es ist bereits seit Jahrhunderten so, dass sich Sensenmänner nicht nur für Menschen interessieren, wann immer sie auf Anderswesen treffen, versuchen sie auch diese zu erledigen.
Die menschlichen Seelen, die sie den Sterbenden nehmen, nähren die Sensenmänner nur wenig, sie erledigen ihre Arbeit, weil sie dazu auserkoren wurden. Niemand von ihnen hat sich je freiwillig für diese Drecksarbeit gemeldet, es wurde ihnen befohlen, ohne eine Chance sich dem zu widersetzten. Jeder der vielen hundert Sensenmänner, die auf der gesamten Erde verstreut sind, ist bereits seit unendlichen Jahrhunderten dabei, und sie werden ihre Arbeit wohl noch verrichten, wenn die Welt mit einem Seufzer und einem lauten Knall einfach verpufft. Auch Samuel ist seit Anbeginn der Zeit dabei, niemals hat er seine Arbeit in Frage gestellt oder sich dagegen gewehrt, erst in der letzten Zeit, da scheint es ihm, als könne er dem Schicksal ein wenig nachhelfen. Er begann Menschen zu verschonen, denen, die es in seinen Augen verdient haben, ein wenig Aufschub zu gewähren. Zehn lausige Jahre, was ist das schon? Ein Nichts, im Dasein eines Sensenmannes ein Fingerschnippen lang, ein Lidschlag, ein Atemzug. Nichts, womit man etwas anfangen könnte.
Dennoch waren die Menschen ihm dankbar und, wie er bis jetzt sieht, lohnt es sich für die menschliche Rasse. Wenn sie genau wissen, wann sie der Tod ereilt, ist ihre restliche Zeit auf Erden eine produktive, bessere und liebevollere.
Samuel ist kein Narr, er weiß genau, dass er sich auf etwas Verbotenes einlässt.
Keiner der Sensenmänner darf sich in das Schicksal einmischen, oder gar einen Totgeweihten laufen lassen und sei es auch nur für läppische zehn Jahre.
Die Obersten, sie werden Superior genannt, bestehen aus noch älteren und weiseren Sensenmännern. Sie würden Samuel zur Rechenschaft ziehen, ihn bestrafen und vielleicht sogar töten lassen. Aber bis heute ist sein kleines Geheimnis scheinbar noch nicht zu ihnen durchgedrungen.
Bis jetzt ist der Tod sicher.
Kapitel Vier
Pfarrer Francesco schließt aufatmend die schwere Kirchentüre. Er lechzt nach einem Whisky. Gedanklich sitzt er bereits in seinem bequemen Sessel, mit einem randvoll gefüllten Glas in der einen und einer Zigarre in der anderen Hand.
Seit Samuel vor zwei Tagen hier war, hat Francesco sich jeden Abend betrunken. Nur um nicht über den Tod und seine merkwürdigen Machenschaften nach denken zu müssen. Der Pfarrer wünscht sich sehnlichst, dass der Tod nicht Jahr für Jahr zur Beichte ausgerechnet zu ihm kommt. Am liebsten hätte er Samuel niemals kennengelernt.
Die Furcht kriecht ihm noch heute den Rücken hinauf, wenn er an seine erste Begegnung mit dem Leibhaftigen denkt. Francesco wusste sofort, dass mit Samuel etwas nicht stimmt, dazu musste dieser noch nicht mal einen Fuß in die Kirche setzen. Der Pfarrer brauchte keinen Blick in diese feurigen, alles verschlingenden Augen zu werfen, er wusste es einfach instinktiv. Jeder, der Samuel genauer ansieht, weiß sofort, dass er kein Mensch ist. Man kann es riechen, fühlen, vielleicht sogar schmecken.
Die Eingeweide ziehen sich zusammen, das Herz verkrampft sich, ganz so, als lege sich eine eiserne Hand darum und drücke unbarmherzig, das verzweifelt schlagende Organ, zusammen. Man schnappt nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen, versucht zu flüchten, nur weg von diesem Dämon, seine eigene Haut retten.
Aber wenn der Tod dich ausgewählt hat, gibt es kein Entrinnen, du hast noch Zeit für einen letzten Atemzug, aber dann ist es rasch vorbei mit deinem Dasein.
Nur ungern erinnert sich Francesco daran, wie er um sein Leben winselte, wie er den Tod anflehte, ihn doch zu verschonen, und an das erstaunte Gesicht von Samuel und sein hämisches Lachen.
»Ich will nichts von dir, alter Mann«, meinte der Tod. »Du sollst mir nur die Beichte abnehmen. Mehr nicht.«
Noch niemals zuvor in seinem Leben war der Pfarrer so erleichtert, wie in diesem Augenblick. Er ließ Samuel seine Fehler gestehen, betete mit ihm und entließ ihn frei von Sünde, mit einem reinen Gewissen.
Das war der erste Abend, an dem Francesco sich sinnlos betrank. Er erwachte erst am nächsten Morgen, auf dem Boden liegend, umgeben von Erbrochenem, die Hosen voller Urin und die Bibel fest in seiner Hand. Es folgten noch einige Abende dieser Art. Aber irgendwann gewöhnte sich der Pfarrer an die Tatsache, dass der Tod persönlich, jedes Jahr seine kleine Kirche heimsuchte.
Seit vierzig Jahren betritt Samuel pünktlich im November den Beichtstuhl. Doch so unheimlich, wie bei seinem letzten Besuch, war dem Pfarrer noch nie zumute. Das Gefühl, als er Samuels Arm anfasste, das war beinahe schlimmer, als sterben. Er schwor sich, nie wieder den Tod zu berühren.
Um das Erlebte zu vergessen, versucht er es einfach im Whisky zu ertränken. Francesco schätzt, dass er noch einige Flaschen braucht, um die Erinnerungen erfolgreich zu verdrängen.
Der Pfarrer dreht den Schlüssel herum und rüttelt an der Türe, ob sie auch wirklich fest verschlossen ist. Er löscht noch einige Kerzen, die in Wandhaltern stecken, aber beinahe niedergebrannt sind. Sie können kein Feuer entfachen, doch ihr Wachs ist auf dem alten Steinboden nur schwer wieder zu entfernen. Francesco geht das Mittelschiff entlang, auf seine privaten Gemächer zu. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen, beinahe kann er schon den Whisky auf seiner Zunge schmecken, fühlt, wie er ihm ölig die Kehle hinabfließt.
Abrupt bleibt er stehen.
Eine Vorahnung befällt ihn, ein seltsames Gefühl, als geschehe gleich etwas Ungeheuerliches. Francesco streckt die Hand aus, sie zittert leicht, er stützt sich an der dritten Sitzreihe ab, horcht in sich hinein. Aber es ist nur dieses seltsame Gefühl, das seine Eingeweide zusammenzieht und ein Kribbeln über seinen Körper jagt. Die Haare stellen sich auf, die Haut wird kalt und Schweiß drückt sich durch die Poren.
Wie in Zeitlupe dreht sich Francesco um, wirft einen Blick auf die verschlossene Kirchentüre. Sie wölbt sich nach innen, so als drücke etwas von außen mit einer enormen Kraft dagegen. Der Pfarrer hält den Atem an, fasziniert starrt er auf die Tür, sie zittert, sie ächzt und knarrt und wölbt sich immer mehr.
»Was in Gottes Namen ist das«, flüstert Francesco heiser. Dann beginnt das Holz zu glühen, feurig rot und orange leuchtet es von der Mitte her auf, zieht kreisförmige Bahnen und hinterlässt schwarzes, verkohltes Holz.
Francesco hält sich die Hand vor Mund und Nase, der Geruch nach verbranntem Holz mischt sich mit Schwefelgestank und etwas, das ihn an einen Wohnungsbrand erinnert, zu dem er vor zwei Jahren gerufen wurde, um drei, in den Flammen umgekommenen Kindern, die letzte Ölung zu erteilen. Die zwei Mädchen und das Baby waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, sahen aus, wie Steaks, die jemand auf dem Grill vergessen hatte und sie stanken bestialisch. Ein Geruch, der an einem haften bleibt, wie oft man sich auch duscht und den man sein Lebtag nicht vergisst, egal, wie viel man trinkt.
Francesco spürt die Übelkeit, seine Beine geben nach. Gerade noch rechtzeitig wendet er sich ab und erbricht sich lautstark zwischen den Sitzreihen.
Mit zitternder Hand wischt er sich über den Mund, wirft einen weiteren Blick auf die schwelende Kirchentür. Sie ist nahezu komplett verbrannt. Francesco zwinkert einmal, dann explodiert die Türe vor seinen Augen.
Doch es ertönt kein lauter Knall, wie er es erwartet hätte. Die schwere Kirchenpforte zerfällt beinahe lautlos in Millionen einzelne Holzsplitter.
Der Pfarrer traut seinen Augen nicht. Wie kleine Geschosse fliegen die Splitter in seine Kirche und auch um ihn, herum. Einer landet auf seinem Arm. Francesco betrachtet ihn, hellgrauer Qualm steigt von dem Holz auf. Angewidert schüttelt er ihn ab. Es dauert nur Sekunden, bis die Fragmente sich verteilt haben und der Rauch sich verzieht, aber Francesco kommt es wie Stunden vor. Er will gar nicht auf die Stelle blicken, wo einst die Türe war, um seine Kirche gegen ungebetenen Besuch zu schützten. Aber er kann einfach nicht anders, als dreht jemand gewaltsam seinen Kopf in die Richtung, und zwingt ihn, das Schauspiel zu betrachten.
Draußen ist es bereits dunkel, ein schwarzes Rechteck, wie das Maul eines gierigen Monsters, prangt mitten in der Wand.
Dort steht jemand. Francesco kann ihn sehen, doch nicht erkennen, wer das sein soll, er nimmt nur die Umrisse wahr.
Scheinbar ein Mann, groß, mit einem langen Mantel und breitem Hut bekleidet. Sein Gesicht wird völlig von der Dunkelheit verborgen. Der Pfarrer zwinkert ein paar Mal, er versucht verzweifelt das was er sieht, auch zu glauben. Es wirkt wie ein Film, als sehe Francesco sich einen billigen Western an. Jetzt fehlt nur noch ein Recorder, der im Hintergrund Spiel mir das Lied vom Tod abspielt, denkt er und unterdrückt krampfhaft ein hysterisches Kichern, das seine Kehle emporsteigen will.
Die Gestalt geht einen Schritt nach vorne.
Dem Pfarrer ist einen Moment so, als könnte er sogar das Klirren von Sporen hören und Leder, wie es gegeneinander reibt und dabei ein leises Quietschen ertönen lässt. Der lange Mantel weht um den Körper des Eindringlings.
Er vollführt einen weiteren Schritt in die Kirche hinein. Jetzt trifft ihn das helle Licht und Pfarrer Francesco kann seinen ungebetenen Besucher endlich richtig sehen.
Aber der Geistliche wünscht sich nichts sehnlicher, als das er das nicht könnte, dass er jetzt nicht erkennt, WER ihn da heimsucht. Mit zitternden Lippen betet Francesco das Vater Unser und wünscht sich blind zu sein.
»Guten Abend, Pater«, sagt der Fremde und zieht den Hut von seinem Kopf.
Darunter kommen blonde, feine Haare zum Vorschein, die seinen schmalen Kopf wie eine Gardine umgeben. Sie fallen ihm über die glutroten Augen und verbergen sie beinahe. Dennoch erkennt der Pfarrer, durch die blonden Strähnen hindurch, das Feuer.
Er blickt rasch zu Boden, kneift die Lider fest zusammen, um nur nicht in diese grausamen und alles verschlingenden Augen sehen zu müssen.
»Wisst Ihr wer ich bin?« fragt der Eindringling. Francesco hört, wie er langsam auf ihn zukommt, doch er ist unfähig, sich zu bewegen, geschweige denn wegzurennen, oder etwas zu erwidern.
Kurz ist es still in der kleinen Kirche, Francesco ist schon versucht, seine Augen zu öffnen, um nachzusehen, ob der Dämon verschwunden ist.
Vielleicht war das ja alles nur ein böser Traum, überlegt der Pfarrer, möglich, dass ich in den letzten Tagen einfach dem Whisky zu sehr vertraut habe. Genau in der Sekunde, als der Geistliche schon seine Lider einen Spalt breit öffnen will, ertönt erneut das seltsame Klirren, wie von Sporen, unmittelbar vor ihm.
Rasch kneift er die Augen noch fester zusammen.
Bedauernd schnalzt der Fremde dreimal mit der Zunge.
»Was sind denn das für Sitten?«, fragt er leise, seine Stimme bohrt sich regelrecht in Francescos Ohren. Lässt ihn den Kopf noch weiter zwischen die Schulter ziehen. Er wünscht sich, der Boden würde sich unter ihm auftun, um ihn zu verschlingen.
»Heißt es nicht, die Kirche steht jedem offen?« Die Worte dringen in den Pfarrer ein, er ist jedoch nicht fähig, darauf zu antworten.
Francesco fühlt, wie sich eine Hand auf seine linke Schulter legt, er stößt ein erschrecktes Keuchen aus.
»Wieso also schließt Ihr dieses Gotteshaus ab?«
Die Hand presst die Schulterknochen zusammen.
»Was fürchtet Ihr so sehr, dass Ihr Eure Kirche verschließt?«
Der Druck auf Francescos Schulter wird unerträglich, der Daumen des unheimlichen Kerls, drückt gegen das Schlüsselbein. Der Pfarrer stöhnt laut auf, er erwartet jeden Moment, dass seine Schulter wie ein trockener Ast einfach bricht. Ich darf nicht schreien, ermahnt sich Francesco selbst, ich darf nicht zeigen, dass er mir Schmerzen zufügt, das darf ich nicht. Ich nähre nicht seine Gier nach Leid.
»Oder sollte ich besser sagen: WEN fürchtet Ihr?«
Es erschallt ein hohles Knacken.
Auch wenn Francesco sich noch so sehr vorgenommen hat, nicht zu schreien, dieser Schmerz ist mit nichts zu vergleichen. Der Pfarrer reißt die Augen auf, lässt sich fallen und brüllt seinen Schmerz, seine Qualen hinaus. Als er auf dem harten Steinboden landet, durchzuckt ihn eine erneute Schmerzenswelle. Er greift mit der Hand an seine Schulter, der Schmerz rast durch seinen Körper, konzentriert sich in der linken Schulter und scheint dort, wie eine Bombe, einfach zu explodieren. Das Echo von Francescos erstem Schrei ist noch nicht ganz verklungen, als er bereits weitere Schmerzenslaute ausstößt. Sie prallen von den Wänden ab, kommen vervielfältigt zu ihnen zurück, um sofort wieder auf die Reise geschickt zu werden.
Es dauert ein paar Minuten, bis Francesco sich etwas beruhigt hat. Er hat gehofft, durch die Qualen ohnmächtig zu werden, um sich so weiteres Leid zu ersparen, aber dieser Gefallen wurde ihm nicht gewährt.
Die linke Schulter fest umklammert, öffnet der Pfarrer langsam die Augen.
Der Fremde steht über ihn gebeugt, die blonden Haare hängen wild um seinen Kopf, um den Mund spielt ein spöttisches Lächeln, mit glutroten Augen blickt er den Pfarrer an.
»Wer … sind … Sie?« Francescos Stimme ist rau und heiser vom Schreien.
»Ich heiße Gerome«, antwortet der Mann und beugt sich noch etwas tiefer. Seine blonden Haare berühren beinahe Francescos schweißnasses Gesicht. Die feurigen Augen bohren sich in den Blick des Geistlichen.
»Was ich bin, brauche ich Euch wohl nicht zu erklären.«
Gerome packt den Pfarrer mit einer Hand am Hals, zieht ihn langsam hoch. Francesco lässt seine schmerzende Schulter los, legt sie auf das Handgelenk und will so den Griff um seinen Hals ein wenig lockern. Aber der Fremde stellt den Pfarrer lediglich auf die Füße, bevor er ihn loslässt. Laut keuchend taumelt Francesco einige Schritte zurück, fasst sich zuerst an den Hals, dann an seine schmerzende Schulter. Sein linker Arm hängt wie leblos an ihm herab, er kann ihn nicht mehr bewegen und spürt ihn auch nicht mehr.
Gerome beobachtet den Geistlichen genau, beim geringsten Anzeichen einer Flucht, wird er erneut zupacken. Das wird jedoch das Letzte sein, das der Pfarrer spüren wird.
Soweit möchte es der Fremde nicht kommen lassen, zuerst benötigt er noch einige Informationen von dem Pfaffen, was dann mit ihm geschieht, wird sich zeigen.
»Was wollen Sie von mir?«
Panisch hält Francesco Ausschau nach einem Fluchtweg, obwohl er ahnt, dass ein Entkommen nicht möglich ist. Er kann sich ausmalen, dass er diesen Abend nicht gemütlich bei etlichen Gläsern Whisky beschließt, eher wird gleich sein Blut über den heiligen Boden spritzen. Mit viel Glück wird es rasch zu Ende sein. Daran glaubt Francesco, darauf hofft er. Ist sein Glaube doch das Einzige, das ihn im Moment noch aufrecht hält.
»Ich benötige einige Informationen von Euch.« Die Stimme des Fremden ist leise und beinahe freundlich.
Francesco runzelt fragend die Brauen.
»I-I-Informat-t-tionen?«, stottert er. »Was könnte ich schon wissen? Ich bin nur Pfarrer einer kleinen Gemeinde, ich weiß gar …«
»Schweig!« Unterbricht ihn Gerome mit donnernder Stimme, die sich in der Kirche sofort in ein dröhnendes Echo verwandelt. Augenblicklich presst Francesco die Lippen zusammen, zieht ängstlich den Kopf zwischen die Schultern, ignoriert dabei den grausamen Schmerz.
Gerome schließt für einen kurzen Moment die Lider, fährt sich mit beiden Händen durch die blonde Mähne, bevor er die glühenden Augen erneut auf Francesco richtet.
»Ich bin auf der Suche nach einem Abtrünnigen«, meint er mit leiser Stimme und so geduldig, als erklärt er einem Kind den Weg der Welt.
»Einem Verräter unter den Meinigen. Du verstehst?« Bedeutungsvoll sieht Gerome den Geistlichen an.
Der begreift nicht sofort, aber nach ein paar Sekunden nickt Francesco eifrig mit dem Kopf.
»E-Einem Verräter unter den … den Sensenmännern.«
»Ja, genau.« Gerome verzieht den schmalen Mund zu einem Lächeln. Das gibt seinem harten Gesicht etwas Weiches und lässt es bedeutend freundlicher erscheinen. Für den Bruchteil von einer Sekunde verändern sich seine Augen. Sie wechseln von diesem glühenden Rot zu einem schönen Dunkelblau. Es geht so rasch vor sich, dass sich Francesco nicht sicher ist, ob das gerade eine Einbildung war.
»Ihr habt es erfasst, Pater.« Seine Stimme klingt erfreut.
»Warum sollte ich etwas über einen Verräter wissen?«
Der Pfarrer versucht Zeit zu schinden, er ahnt, dass der Fremde niemand anderen als Samuel meint, dennoch befürchtet er, dass der Sensenmann kurzen Prozess mit ihm macht, sobald er die gewünschten Informationen von ihm erhält.
Gerome verschränkt die Arme vor seinem schmalen Körper, erneut hört Francesco dieses leise Geräusch, das er anfangs für das Klirren von Sporen gehalten hat. Jetzt erkennt er den wahren Ursprung des Tones.
Um Geromes Handgelenk, das so schmal ist, das es wie eine Skeletthand wirkt, hängt locker eine silberne Kette. Deren dicke Glieder und die vielen Anhänger, schlagen leise klirrend gegeneinander.
»Er war hier«, meint der Sensenmann schlicht.
»Ich kann ihn noch riechen und auch fühlen.«
Gerome geht einen Schritt auf Francesco zu, dieser weicht ängstlich keuchend nach hinten aus.
»Also«, meint Gerome leise, aber mit drohendem Unterton. »Werdet Ihr mir jetzt sagen, was er hier wollte und wo er hiernach hingegangen ist? Oder muss ich Euch auch noch die andere Schulter brechen?«
Der Fremde hebt seinen Arm an, der Pfarrer weicht kreischend einen Schritt nach hinten aus.
»Nein!«, schreit er laut, »Bitte, alles, nur das nicht. Ich … ich will ja alles sagen.«
Francesco stolpert über seine eigenen Füße. Reflexartig versucht er seinen Fall abzubremsen. Als seine linke Hand den Boden berührt, löst das eine erneute, grausame Schmerzenswelle aus. Der Pfarrer hält sich die Schulter, lässt sich gänzlich auf den Steinboden fallen. Wimmernd bleibt er liegen, Tränen fließen wie Sturzbäche aus seinen Augen, verwischen seinen Blick, der gerade anfängt, an den Rändern schwarz zu werden. Francesco erwartet diese Ohnmacht voller Freude, er möchte sich in sie hineinstürzen, wie in einen herrlich klaren See.
Als Francesco aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, findet er sich, zu seinem Erstaunen, in seinen eigenen Gemächern wieder. Er liegt auf dem Sofa, lang ausgestreckt. Einen Augenblick überlegt der Pfarrer, dass das alles vielleicht nur ein böser Traum gewesen sein könnte, aber im selben Moment durchschießt ihn der Schmerz seiner gebrochenen Schulter und Francesco weiß, dass es leider die Realität ist.
»Ah, ich habe schon befürchtet, dass Ihr sterbt, bevor Ihr mir etwas erzählen könnt.«
Erschrocken dreht Francesco sich um.
Gerome lehnt lässig gegen den Wohnzimmerschrank, ein Glas, mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, in der einen und einem Bilderrahmen in der anderen Hand.
»Wer ist das?« Der Sensenmann dreht die Fotografie um und zeigt sie Francesco. Das Lächeln, des blonden Mädchens auf dem Bild, scheint etwas gezwungen, ganz so, als sitzt sie bereits seit Stunden vor der Kamera.
Der Geistliche schlägt beschämt die Augen nieder. »Niemand. Das … das Bild war da schon drin, als ich den Rahmen kaufte.«
Laut lachend stellt Gerome den Bilderrahmen zurück ins Regal.
»Ihr stellt Euch also ein Symbolbild ins Zimmer, nur damit Ihr euch mit einem Weibsbild schmücken könnt? Ich dachte, Ihr müsst enthaltsam leben.«
Erneut dieses Lächeln, das sein Gesicht weicher und liebenswürdiger erscheinen lässt.
Stöhnend versucht Pfarrer Francesco sich in eine sitzende Position zu erheben.
»Ich wollte nur ein freundliches Gesicht in meinem Zimmer haben.« Erklärt er fast entschuldigend.
»Ihr Menschen seid doch alle gleich«, meint Gerome abfällig. »Nun wieder zurück, zu unserem eigentlichen Thema«. Der Sensenmann wedelt mit einer Hand locker durch die Luft.
»Also, ich will wissen wer von den Meinigen bei Euch war und zu welchem Zweck. War etwa Euer Dasein abgelaufen aber er hat Euch weiterkeuchen lassen? Und in welches Mauseloch ist er hinterher verschwunden.« Bevor Francesco antworten kann, fügt Gerome noch hinzu:
»Und es wäre besser für Euch, wenn Ihr mir diesmal antwortet.«
Beschwichtigend hebt der Pfarrer die rechte Hand, seine andere gehorcht ihm nicht, sie hängt bloß wie ein totes Stück Fleisch an ihm herunter.
»Er heißt Samuel und kommt seit nunmehr 40 Jahren jedes Jahr im November zur Beichte in meine Kirche. Wo er herkommt und wohin er geht, weiß ich leider nicht.« Francesco zuckt vorsichtig mit seiner heilen Schulter.
»Ich glaube, er kommt aus Paris, aber genau weiß ich das auch nicht.«
»Und zu welchem Zweck besucht er Euch Jahr für Jahr?«
»Das sagte ich doch bereits. Ich nehme ihm die Beichte ab.«
Gerome reißt erstaunt die feurigen Augen auf.
»Er beichtet … bei Euch. In … einer Kirche?«
Langsam nickt der Pfarrer.
»Der Tod beichtet seine Sünden.« Francesco ist sich nicht sicher, ob das eine Frage oder eine Feststellung sein soll. Dennoch nickt er ein weiteres Mal vorsichtig mit dem Kopf.
»Ja. Aber dieses Jahr war etwas anders als sonst.«
Der Sensenmann kneift die Augen zusammen, sieht den Pfarrer lauernd an.
»Und das wäre?«
Francesco denkt einen Moment nach, Samuel ist zwar sein Freund und das bereits seit vier Jahrzehnten, aber hier geht es um sein eigenes kümmerliches Leben und das ist Francesco bereit zu beschützen, mit allem was ihm zur Verfügung steht.
Außerdem würde er jetzt und hier einen Eid drauf schwören, wenn Samuel den Befehl bekäme, den Pfarrer der kleinen Gemeinde Cisai-Saint-Aubin ins Jenseits zu befördern, dann würde er auch keine Sekunde zögern – Freunde hin oder her.
»Ich warte«, unterbricht Gerome unwirsch seine Gedanken.
Francesco öffnet den Mund, schließt ihn wieder, um ihn eine Sekunde später erneut zu öffnen.
Wie ein Wasserfall ergießt sich die Geschichte um Samuel, den gläubigen Tod, und dass er in letzter Zeit die Menschheit verschont, aus dem Munde des Pfarrers. Gerome hört mit einem spöttischen Grinsen auf den Lippen interessiert zu. Als der Geistliche seine Erzählung beendet hat, schüttelt der Sensenmann bedauernd mit dem Kopf.
»Samuel«, meint er leise. »Er war der Letzte, an den ich dabei dachte. Ich habe ihn bereits seit … hm, an die vierhundert Jahre muss es jetzt her sein, seit ich ihn zuletzt sah.« In seinen Erinnerungen versunken, lächelt Gerome vor sich hin.
»Ja, genau. Die große Pest von London, da hatten wir zu tun, wie nie. Das muss so sechzehnhundert … hm, ich denke 1665 war das. Das waren noch Zeiten.« Gerome sieht den Pfarrer grinsend an.
»Samuel war der Schlimmste von uns. Die Pestis war gegen ihn nur ein leichter Infekt. Er mordete, schändete und quälte seine Opfer wo er nur konnte, als galt es, ein schauriges Wettrennen gegen den Schwarzen Tod zu gewinnen.«
Durchdringend blickt der Sensenmann zu Francesco, der wie ein Häuflein Elend auf seinem Sofa sitzt.
»Ihm fielen mehr Menschen zum Opfer, als es die Pest je vermochte. Die Seuche war gar nicht so schlimm. Er. Samuel war um ein vielfaches böser und auch grausamer.«
»W-Was geschah dann?«, fragt der Pfarrer neugierig.
Gerome zuckt mit den Schultern, sieht an Francesco vorbei, fixiert irgendeinen Punkt hinter ihm.
»Er verliebte sich, der Idiot. Und das ausgerechnet in eine Todgeweihte. Das Letzte was ich von ihm hörte, war, dass er nach Italien ging und sich dort in der Provinz Lecce niedergelassen haben soll. Aber diese Information ist wohl auch bereits überholt, wie man sieht.«
Gerome deutet eine leichte Verbeugung an und meint:
»Ich danke Euch, Pater, für die neusten Informationen. Nun kann ich meinen Auftrag erfüllen.«
»Auftrag?«, fragt Francesco entsetzt. »Wie lautet denn Ihr Auftrag. Was wollen Sie mit Samuel machen?«
»Oh, verzeiht mir«, meint der Sensenmann lakonisch. »Ich dachte, das wäre klar. Ich werde ihn selbstverständlich töten müssen. Wie das bereits seit Menschengedenken mit Verrätern geschieht.«
»Aber … aber, das können Sie doch nicht machen. Er …« Irritiert verstummt Francesco. Er weiß nicht genau, wie er Gerome sagen soll, dass er nicht möchte, dass seinem Freund ein Leid zugefügt wird. Wie sagt man dem Tod, dass er niemanden töten soll. Das ist völlig absurd.
»Bitte«, setzt er erneut an. »Es muss doch einen anderen Weg geben. Schon in der Bibel steht geschrieben, du sollst nicht …«
»Schweig. Pfaffe!« Unterbricht ihn der Sensenmann.
»Ich hatte noch niemals etwas für die Kirche übrig und habe weder die Christen noch ihren seltsamen Gott verstanden. Also fangt nicht ausgerechnet jetzt an, mich zu bekehren. Dazu ist es zu spät, Pater. Mein Weg ist gewählt und das bereits seit Jahrhunderten.«
»Aber Samuel hat einen anderen Pfad eingeschlagen. Auch Sie werden das können. Sie müssen nur glauben …«
Gerome bewegt sich langsam auf den Pfarrer zu, die Augen glühen im feurigsten Rot, sie scheinen Blitze zu verschießen. Ängstlich drückt sich Francesco tiefer in die Kissen.
»Glaube!« Der Sensenmann spuckt ihm das Wort förmlich vor die Füße.
»Glaube ist etwas für Versager und Schwächlinge. Ich glaube nur an mich und an meine Fähigkeiten. Das reicht mir zum überleben.«
»I-In Ordnung«, versucht der Geistliche einzulenken und wünscht sich insgeheim, er hätte mit dem Sensenmann niemals ein Wort gewechselt.
»Nichts ist in Ordnung, Pfaffe«, zischt Gerome und stürzt sich voller Wut auf den wehrlosen Pfarrer. Francescos gequälte Schreie hallen laut in der Kirche wieder.
Kapitel Fünf
Das schwarze Kostüm bei Carven’s entpuppte sich als langweiliger Fetzen. Alice wollte bereits den Laden verlassen, als ihr ein Kleid auffiel, das etwas unordentlich an einer gesichtslosen Schaufensterpuppe hing. Es hatte kurze Ärmel und war ultraknapp. Beides ein Schnitt, der zurzeit in Paris nicht von Erfolg gekrönt ist. Alice allerdings gefiel das schlichte Kleidchen. Sie zog es dem stummen Mannequin über den Kopf und verzog sich in eine der unzähligen Umkleidekabinen. Es passte der jungen Frau wie auf den Leib geschneidert. Alice bezahlte für das bisschen Stoff, die unglaubliche Summe von 650 Euro, bedauerte es aber nur kurz und verließ mit einem Lächeln auf den Lippen das Geschäft.
Jetzt fehlten ihr zu dem raffinierten Kleid noch die passenden Schuhe. Sie betrat ein renommiertes Schuhgeschäft und suchte sich ein Paar Stiefeletten zum Schnüren und mit flachem Absatz aus. High Heels hätten bestimmt besser zu dem kurzen Kleidchen gepasst, doch Alice geht heute Abend zu keinem Date, sie will sich ihre Konkurrenz vom Hals schaffen, und da ist es wichtig, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Das beinhaltete auch, in bestimmten Situationen einfach wegzulaufen, was mit hochhackigen Schuhen nur sehr schwer zu bewerkstelligen ist.
Nachdem sie auch die Schuhe bezahlt hat, trifft sie sich an der Metro Station Franklin D. Roosevelt mit einem ihrer ältesten Kunden.
Tomek ist ein Gestaltwandler und bereits von Anfang an ein zuverlässiger Abnehmer von Samento. Früher war er ein großer, starker Kerl, der die Menschen in allen Teilen der Erde jagte. Unerbittlich und grausam ging er dabei zu Werke.
Das ging solange, bis er auf die kleine Alice traf und dem höllischen S verfiel. Heute ist er nur noch ein billiger Abklatsch von einem Wandler. Er konzentriert sich nicht mehr auf Menschen, jagt und tötet nicht mehr. Er interessiert sich eigentlich nur noch für eine Sache: Woher er den nächsten Schuss Samento bekommt und womit er es bezahlen soll.
Alice mag vielleicht schwach aussehen, sie ist es aber nicht. In ihren Geschäftspraktiken ist sie unerbittlich, hart und nicht selten auch grausam. Sollte Tomek sein S nicht bezahlen können, so würde die kleine Werwölfin keine Sekunde zögern, ihm nichts zu verkaufen, völlig egal, wie er betteln und schreien würde. Ware nur gegen Geld, das ist ihr Motto. Sie weiß, dass sie sich damit nicht unbedingt Freunde unter den Anderswesen macht, doch es beschert ihr nicht nur den Ruf, eine gute und knallharte Geschäftsfrau zu sein, es füllt auch ihr Sparbuch. Und Geld ist das Einzige, das die kleine Schwarzhaarige interessiert.
Heute jedoch, möchte sie von Tomek keinen Cent für seine Portion Samento haben. Heute bittet sie vielmehr um seinen Schutz. Zuerst sträubt sich der Gestaltwandler gegen Alices Pläne, als sie ihm aber eine Wochenration höllisches S als Bezahlung in Aussicht stellt, willigt er gierig ein. Sieben Tage lang, nicht ständig auf der Jagd nach Euros zu sein, um seine Drogensucht zu finanzieren, ist für Tomek ein schier unvorstellbarer Traum.
Konzentriert hört er ihren Ausführungen zu, stellt nur hin und wieder eine Frage. Zum Schluss greift er sich rasch das hingehaltene, winzige Fläschchen Sanguinem Medicamento und verschwindet in Windeseile auf dem Herrenklo der Metro-Station.
Alice dreht sich angewidert um und hält nach einem Taxi Ausschau. Inständig hofft sie, dass Tomek in ein paar Stunden noch weiß, was er zu erledigen hat, nicht das er sich mit dem Schuss, den er sich gerade auf der Toilette setzt, sein letztes bisschen Verstand wegspritz. Aber dieses Risiko muss sie eingehen, wenn sie sich auf einen Junkie verlässt.
Als Alice endlich in ihrem Wunderland ankommt, ist es bereits später Nachmittag. Liam steht immer noch nachdenklich hinter der kleinen Verkaufstheke und starrt düster vor sich hin.
»Oh, du bist ja noch am Leben«, begrüßt das Mädchen den Vampir. »Damit hatte ich gar nicht gerechnet.« Sie grinst ihn unverschämt an.
Aber Liam reagiert nicht, er blickt weiter düster vor sich hin. Alice zuckt mit den Schultern, begibt sich durch eine Verbindungstür zum Treppenhaus, und geht in den ersten Stock, in ihre eigene kleine Wohnung.
Sie nimmt ein ausgiebiges Bad, setzt sich, nur in Unterwäsche und mit einem viel zu großen Shirt bekleidet, auf das Sofa und beginnt ihre Waffe zu reinigen. Die Werwölfin ist schon lange im Besitz einer Glock 19. Bisher hat sie die Pistole noch nicht gebraucht, aber sie ahnt, dass heute der Tag sein wird, an dem die kleine Handfeuerwaffe eine bessere Rückversicherung als eine Werwolfverwandlung sein wird. Alfons Martinez wird mit Sicherheit nicht alleine erscheinen, überlegt Alice, er wird seinen Schlägertrupp dabei haben. Das Mädchen schätzt, dass mindestens vier Mann den größten Drogendealer von Paris begleiten und auch beschützen werden.
Tomek ist nur ihr Ass im Ärmel und auch ihre Werwolfgestalt, wird sie lediglich im Notfall einsetzen. Sie traut sich zwar zu, mit fünf Kerlen gleichzeitig fertig zu werden, sollte jedoch nur einer von ihnen entkommen, um ihr Geheimnis in die Welt hinauszuposaunen, dann steht es nicht nur um sie, sondern auch um alle Anderswesen schlecht. Das einigermaßen friedliche Zusammenleben wäre mit einem Schlag vorbei. Die Menschen würde die Anderswesen jagen, sie töten, oder noch schlimmeres mit ihnen anstellen. Das darf einfach nicht geschehen.
Nachdem die Glock gereinigt und geladen ist, zieht sich Alice das neue Kleid und die Schuhe an. Ein paar Mal dreht sie sich zufrieden vor dem Spiegel hin und her.
Die Pistole verstaut sie in ihrer Handtasche und legt auch noch ein Ersatzmagazin dazu.
Alice geht zurück in ihr Geschäft, Liam steht noch in derselben Position da, den Kopf in die Hände gestützt, die Ellenbogen auf der Glasplatte.
Sie schiebt ihm einen kleinen Schlüssel über die Theke, zuerst sieht er auf den Gegenstand, dann in ihr Gesicht.
»Was soll das?«, fragt er scharf.
»Ich gehe heute Abend aus und du wirst den Laden hier alleine schmeißen. Sollte einer nach Samento fragen, wirst du es ihm verkaufen. Hundert pro Fläschchen und lass dich nicht erweichen. Nur Bares ist wahres. Okay?«
»Nein«, erwidert der Vampir empört. »Nichts ist okay. Das … das mache ich nicht. Ich unterstütze deine verdammten Drogengeschäfte nicht. Das habe ich dir schon vor langer Zeit gesagt.«
»Es ist doch nur für heute. Liam, bitte.« Alice sieht ihren Geschäftspartner flehend an. Er weicht ihrem Blick aus.
»Hör auf damit«, meint er ärgerlich. »Das ist furchtbar.«
Alice lächelt gewinnend, sieht sie doch, wie Liam nach dem Schlüssel greift und ihn eingehend betrachtet.
»Du lässt mich also ganz alleine deinen heiligen Laden führen?«, fragt er.
»Sicher«, antwortet sie und zieht sich eine kurze Jacke über die nackten Arme. »Ich vertraue dir. Wenn heute allerdings zu viel los ist, dann hol dir doch Josephine oder Éloise dazu. Die können dir helfen.«
Breit grinsend nickt der Vampir. Die Vorstellung, dass einer der beiden Mädchen ihm zur Hand gehen könnten, weckt in ihm eine ungeheure Gier.
Josephine und Éloise sind eineiige Zwillinge, beide blond, mit endlosen Beinen und einer Figur, die jedes Pariser Model zur Weißglut treibt, und vor Neid erblassen lässt. Und sie sind Vampire.
»Vielleicht frage ich auch beide«, sagt Liam und merkt nicht, dass vor Begierde und Verlangen seine Eckzähne zu spitzen Dolchen werden und in seinen Augen ein teuflisches Feuer wütet.
Alice ignoriert das alles, sie dreht sich um und meint nur:
»Ich wünsch dir viel Spaß. Warte nicht auf mich. Bis dann.«
»Ja, ja. Bis dann.« Liam ist völlig in seiner Vorstellung versunken, in der die Vampirzwillinge eine sehr pikante Rolle spielen.
*
Gerome wäscht sich an einem Brunnen, der mitten im Dorfkern von Cisai-Saint-Aubin steht, das Blut aus seinem Gesicht und von den Händen. Mit einem Taschentuch versucht er, auch seinen Mantel und das Hemd darunter zu reinigen. Doch die dicken Klumpen, die kleinen Fetzen Haut mit spärlichen Haaren daran, wollen sich nicht entfernen lassen. Nach ein paar Minuten gibt er auf, wirft das blutige Taschentuch ins Wasser und sieht zu, wie es langsam versinkt.
Gerome stützt sich am Brunnen ab, schüttelt den Kopf und denkt: Samuel also. Ich hatte jeden in Verdacht, nur ihn nicht. Dabei lag es so nahe, dass er der Verräter ist, nur habe ich es nicht gesehen. Der Sensenmann schlägt voller Wut auf den steinernen Rand. »Verdammt!«, flucht er laut. »Wieso ausgerechnet er?«
Der verzierte Wasserspeier gibt ihm keine Antwort, so verlässt Gerome den Dorfplatz und wendet sich in Richtung Le Bourg.
Kurz vor der A28 wird er einen Wagen anhalten müssen. Wenn der Fahrer Glück hat, wird er nur einen wortkargen Anhalter bis vor die Stadtgrenze von Paris mitnehmen. Wenn er Gerome allerdings reizt, und sei es nur mit einer völlig unverfänglichen Aussage, dann wird der Fahrer einen schrecklichen Tod finden – blutiger und grausamer, als es sein Schicksal je vorausahnen könnte.
*
So glücklich war Alice noch nie über ihre Schuhwahl, wie an diesem Abend. Sie rennt um ihr Leben, läuft wie eine Wildgewordene die Avenue d’léna hinunter, in Richtung Seine.
Fieberhaft überlegt sie, wo sie sich verstecken könnte, wie sie ihren Verfolgern entkommen kann.
Tomek war ihr keine große Hilfe, liegt der Gestaltwandler doch blutend und sterbend am Fuße der George Washington Statue.
Alice ahnte ja bereits, dass Martinez mit seinen vier Lakaien am Treffpunkt auftauchen wird, dass er aber auch noch Leute im Hintergrund platzierte, damit hatte die Werwölfin nicht gerechnet.
Also war Paris‘ größter Drogenboss auch nicht nur zu einem kleinen Plausch an ihrem Treffpunkt erschienen. Scheinbar hatte er, genauso wie Alice, vor, seinen schärfsten Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.
Noch heute Mittag war Alice der Meinung, dass Martinez nur Heroin, Koks und Pillen an Menschen verkauft. Aber seit einer knappen Stunde weiß sie, dass es ihm irgendwie gelungen ist, ihr Samento nachzumachen. Zuerst dachte sie noch, dass es ein künstlich hergestelltes Zeug ist, aber als Alfons Martinez ihr seine wahre Gestalt offenbarte, da wusste sie plötzlich genau, dass es echt ist und was er von ihr wollte.
Eigentlich war es nicht verwunderlich, dass einer, der schon so lange die Drogenszene beherrschte, ein Vampir war. Das Alices Geschäftspraktiken bis zu ihm durchgedrungen sind, war dann auch keine Überraschung mehr. Nur woher Martinez das Blut eines Werwolfes nahm, war Alice völlig schleierhaft. Hatte sie selbst doch in ihrem ganzen Dasein noch keinen anderen Werwolf getroffen – sie galten als ausgerottet.
Noch bevor Martinez ganz am Ende seiner weitschweifigen Erzählungen und Erklärungen angekommen war, begannen seine versteckten Gorillas damit, das Feuer zu eröffnen. Allerdings nicht auf sie, sondern auf den armen Tomek, der, wie verabredet, sich mit seiner Uzi im Anschlag auf sie zubewegte. Leider verursachte er dabei so viel Lärm, wie eine Pferdeherde, die durch die Camargue prescht.
Alice erinnert sich noch an ihr Entsetzen, und das dieses Treffen einen Verlauf nahm, den sie so nicht geplant hatte.
Sechs Augenpaare verfolgten den sterbenden Tomek, der von unzähligen Kugeln getroffen wurde. Er schaffte es noch bis auf die Stufen der Statue, wo er röchelnd liegenblieb.
Dann schien die Hölle loszubrechen.
Die vier Lakaien zogen ihre Waffen aus den Schulterholstern, gleichzeitig holte Alice die Glock hervor. Für die Männer von Alfons, die im Hintergrund lauerten, stand die Werwolfin zu ungünstig, sie kamen nicht richtig zum Schuss, die Statue von George Washington war zwischen ihnen.
Alice kam dazu, zwei Schüsse abzugeben, bevor sie sich nach links wandte um hinter einem Kiosk Schutz zu suchen. Auch Martinez und seine Bodyguards suchten eine Deckung. Alice feuerte noch einmal, aber dann wurde ihr die Glock aus der Hand geschossen. Sie schrie auf, vor Überraschung, aber auch vor Schmerz. Kurz hielt sie sich die blutende Hand, dann rannte sie einfach los.
Ihr Herz hämmert wild, sie fühlt sich wie ein verfolgtes Kaninchen und ist einer Panik nahe. Dankbar über ihre Schuhwahl läuft sie die Avenue d’léna hinunter, überquert die Albert de Mun, und rennt, unter lautem Hupkonzert, die Avenue des Nations Unies weiter. Endlich tauchen die ersten großen Bäume auf, Alice schießt förmlich in den großen und weitläufigen Park hinein.
Hinter großen Büschen versucht sie wieder zu Atem zu kommen und hält nach ihren Verfolgern Ausschau. Sie braucht nicht lange zu warten, da erscheinen Martinez und seine vier Lakaien. Er schickt seine Männer in einem Abstand von fünf Metern durch den Park. Ganz so wie bei einer Treibjagd, die kleine Werwölfin hat nicht den Hauch einer Chance zu entkommen.
Geduckt läuft sie weiter, in Richtung Straße. Instinktiv hat sie das Gefühl, dass sie sicherer ist, wenn sie im Gewimmel der Autos und Menschen untertauchen kann.
Der Suchtrupp hat sie mit einem Mal tatsächlich überholt, ohne sie zu entdecken. Alice hebt den Kopf, die Kerle sind weiter vorne, am Anfang des Parks und rufen sich etwas zu. Sie kann keine genauen Worte verstehen, aber sie klingen wütend. Einer der Bodyguards dreht sich um, sieht genau in ihre Richtung. Alice duckt sich rasch und versteckt sich hinter einem Ilex Strauch.
Vorsichtig linst sie an dem Busch vorbei, sieht voller Erleichterung, dass der breite Kerl sie nicht entdeckt hat. Er setzt seine Suche nach ihr fort.
Alice entspannt sich ein wenig, überlegt, wie sie jetzt weiter vorgehen soll.
Mit einem Mal hört sie etwas.
»Hey, Psst«, ruft jemand hinter ihr.
Das Mädchen zuckt erschrocken zusammen. Sie haben mich erwischt, schreit es tief in ihr drin.
Voller Panik dreht sie sich um.
*
Charlie schlendert die Avenue Kléber entlang, die Hände tief in den Hosentaschen seiner Jeans vergraben, ist er auf dem Weg zur Seine. An ihrem Ufer möchte er sich auf eine Bank setzten, den Schiffen zusehen und einfach nur die Zeit verstreichen lassen. Der junge Mann ist zutiefst endtäuscht, verletzt und auch wütend. Er weiß nur nicht, ob auf sich selbst, oder auf das Mädchen, das ihn heute sitzenließ.
Nachdem Charlie in Windeseile geduscht, sich rasiert und angezogen hatte, verließ er die Wohnung. Nach ein paar Minuten merkte er, dass er seinen Anorak vergessen hatte. Aber seine Vorfreude, die Erwartungen und seine Angst, zu spät zu kommen, ließen ihm keine Zeit mehr, zurückzulaufen um sich eine warme Jacke zu holen. So hielt er in der Rue du Cháteau ein Taxi an und ließ sich zur Avenue des Champs Élysées ins Le Queen’s fahren.
Als er endlich dort ankam waren es immer noch zehn Minuten bis zum vereinbarten Termin, er war also pünktlich. Nur seine heiße Flamme kam einfach nicht. Es verging eine Stunde und noch eine. Als die dritte Stunde anbrach und Charlie sich an seinem vierten Glas Noilly Prat festhielt, hatte er einfach keine Lust mehr. Er war müde und frustriert. Er bezahlte und begab sich auf den Heimweg. Auf keinen Fall wollte er nochmal ein Taxi nehmen. Zuviel hatte ihn bereits dieses nicht zustande gekommene Date gekostet. Außerdem tat inzwischen der Wermut seine Wirkung. Er wärmt ihn nicht nur, er verleiht ihm auch einen etwas schiefen Gang, der an einen Matrosen auf hoher See erinnert. Er freut sich auf die Seine und die Beleuchtung, wobei der Eiffelturm wie eine hell glühende Kerze aus diesem Lichtermeer heraussticht. Er würde sich einen Moment auf eine Parkbank setzten, die knutschenden Pärchen versuchen zu ignorieren und nur das Licht, die Luft und die Tatsache, dass er am Leben ist, genießen.
Charlie überquert raschen Schrittes die Avenue de New York, atmet erleichtert aus, als er endlich auf dem Fußgängerweg am Ufer der Seine steht.
Was für ein herrliches Panoramabild, denkt er und starrt auf die Lichter und den beleuchteten Eiffelturm in einiger Entfernung. Selbst in diesem Moment, da Charlie verärgert und auch ein wenig deprimiert ist, kann er immer noch nicht nachvollziehen, wieso er vor zehn Jahren sich von La Tour Eiffel in den Tod stürzte. Er ist Samuel zu großem Dank verpflichtet. Verdankt er ihm nicht nur sein Leben, auch gehörten die letzten Jahre eindeutig zu den Besten seines bisherigen Daseins.
Der junge Mann fragt sich gerade, ob sein Kumpel wohl zu Hause sein wird, wenn er endlich dort ankommt. Er hätte große Lust, sich gemeinsam mit Samuel bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, und über alte Zeiten zu reden, solange seine Zunge ein ordentliches Gespräch zulässt.
Schon überlegt Charlie, wo die nächste Metro Station ist, oder ob er sich doch ein Taxi gönnt. Er will jetzt so schnell es geht nach Hause, sich einen Whisky einschütten, die Beine in Richtung Kamin ausstrecken und nicht an den Kater denken, der ihn unweigerlich am nächsten Morgen quälen wird.
Er geht gerade an einem kleinen Park vorbei, der lediglich von der de New York her beleuchtet wird. Aus den Augenwinkeln sieht er eine Bewegung, nur ein Schatten, der so schnell wieder verschwindet, dass Charlie sich nicht sicher ist, ob er sich das nicht alles nur eingebildet hat. Dennoch blickt er genauer hin, tastet mit den Augen den dunklen Park ab. Tatsächlich sieht er einige Männer aufgeregt zwischen den Bäumen hin und her laufen. Charlie kann nicht verstehen, was sie einander zurufen, zu dröhnend ist der Lärm der Autos und Schiffe. Aber es kommt ihm so vor, als suchen die Gestalten etwas, oder auch jemanden.
Kurz bevor die Avenue de New York teilweise im Boden verschwindet, überquert er die Straße erneut. Die heiseren Rufe der Männer haben seine Aufmerksamkeit erregt.
Weiter vor sich sieht Charlie eine weitere dunkle Silhouette durch den Park huschen, sie nutzt scheinbar die Deckung der Büsche und Bäume aus. Charlie ist sich sicher, dass die kleine, schwarze Gestalt der Grund für die Unruhe ist. So unauffällig wie möglich, läuft er parallel zur Straße, am Park entlang, auf sein Ende zu.
Hinter einem buschig gewachsenen Ilex Strauch hat der Gejagte Schutz gesucht. Erst jetzt erkennt Charlie, dass es sich um eine junge Frau handelt, in einem enganliegenden, schwarzen Kleid, das ihre schmale Figur nur noch mehr zur Geltung bringt. Im gleichen Moment weiß der junge Mann auch wer das ist. Er wirft einen raschen Blick in den Park hinein, vergewissert sich, dass die Kerle weit genug weg sind.
»Hey, Psst«, ruft er in Alices Richtung. Das Mädchen dreht sich erschrocken um, fixiert ihn eine Lidschlaglänge, dann hat sie ihn scheinbar erkannt. Ein flüchtiges Lächeln huscht über ihr Gesicht.
»Kann ich dir helfen?« ruft Charlie gedämpft. Er wartet keine Antwort ab, sondern winkt ihr und setzt sich gleichzeitig in Bewegung. Vom Place de Varsovie her, biegt gerade ein Taxi in die Avenue de New York ein. Wie wild rudert Charlie mit den Armen durch die Luft, er will den silbernen Mercedes anhalten, auch wenn das auf der vielbefahrenen Avenue ein halsbrecherischer Vorgang ist. Zu seinem Glück ist der Taxifahrer geldgierig genug, er bremst sein Fahrzeug ab und hält trotz Hupkonzert neben Charlie an. Der reißt die hintere Tür auf und winkt ein weiteres Mal nach Alice. Das Mädchen gibt sich einen Ruck, löst sich aus ihrem sicheren Versteck und rennt geduckt zum wartenden Taxi.
Wie ein Gefängnisflüchtling springt sie auf den Rücksitz, rutscht beinahe in den Fußraum. Charlie ist sofort neben ihr, schlägt die Türe zu und raunzt den Fahrer mit herrischer Stimme an:
»Fahren Sie los! Schnell.«
Der Chauffeur gibt langsam Gas, fädelt sich wieder in den Verkehr ein. Er wirft einen Blick in den Rückspiegel.
»Wo solls denn hingehen?«
»Fahren Sie erst mal«, meint Charlie und beobachtet die Männer im Park, die immer noch aufgeregt hin und her hetzen.
»Zur Rue Denfert Rochereau, bitte.« Sagt Alice und schiebt sich zurück auf den Sitz.
»Welche?«, fragt der Fahrer. »In Saint-Denis?«
»Nein«, antwortet Alice, »in Boulogne-Billancourt.«
»In Ordnung«, sagt der Fahrer und konzentriert sich wieder auf den Straßenverkehr, der an einem Samstag und um diese Uhrzeit, immer noch ziemlich dicht ist.
Alice streicht sich die langen Haare zurück und lächelt Charlie an.
»Das war knapp«, meint sie leise und wirft ihm eine Kusshand zu. »Vielen, vielen Dank, du hast mich gerettet … Charles.«
Charlie hustet sich verlegen in die Faust.
»Nicht der Rede wert«, murmelt er. »Aber mein Name ist Charlie, nicht … Charles.«
Alice tippt sich mit einem Finger gegen die zierliche Nase.
»Ich hätte schwören können, als du seinerzeit in meinen Laden kamst, hast du gesagt, dein Name sei Charles. Aber …« Sie zuckt mit den Schultern. »Ich kann mich auch irren. Verzeih mir. Also, nochmals Danke schön, Charlie.«
Der junge Mann kann fühlen, wie ihm das Blut in den Kopf steigt.
Selbstverständlich hat die Kleine recht, Charlie hat sich damals tatsächlich als Charles vorgestellt.
Er war einfach der Meinung, dass sich dieser Name männlicher und nicht so sehr nach einem getigerten, fetten Hauskater anhören würde. Immerhin hat er damals heftig mit der schwarzhaarigen Ladenbesitzerin geflirtet. Wie schnell kann da ein verniedlichter Name alles kaputtmachen. Allerdings fehlt Charlie, wie vielen erfolglosen Lügnern, das gute Gedächtnis. Er hat schlichtweg vergessen, dass er damals einen etwas abgewandelten Vornamen benutze. Gleichzeitig freut er sich diebisch darüber, dass Alice ihn scheinbar nicht völlig vergessen hat, sie kann sich sogar noch an seinen Namen erinnern.
Grinsend lehnt er sich in die dicken Polster zurück und sucht fieberhaft nach einem geeigneten Gesprächsthema. Er möchte ihr imponieren, mit ihr flirten, sie packen und am liebsten nie wieder loslassen – jedenfalls nicht heute Nacht. Es interessiert ihn gar nicht so sehr, vor wem Alice geflohen ist, er ahnt, dass sie ihm darauf entweder gar keine Antwort geben wird, oder nur eine völlig nichtssagende. Charlie wirft einen Blick in ihre dunklen Augen. Plötzlich fällt ihm sein Gespräch mit Samuel ein, und das die Kleine einer von seinen ehemaligen Geliebten zum Verwechseln ähnlich sieht. Eine Sekunde hadert er noch mit sich, dann fasst er den Entschluss, dass das Wort ehemalig hier den Ausschlag gibt und stürzt sich in ein witziges Gespräch mit der kleinen Alice.
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Gerome öffnet die Fahrertüre und zerrt den Leichnam aus dem Volvo.
Achtlos lässt er den Mann fallen, setzt sich hinter das Steuer und zieht die Türe zu. Mit einem Tuch, das er im Handschuhfach entdeckt, versucht er die Frontscheibe zu reinigen. Aber das Blut hinterlässt einen schmierigen Film. Erst als er einige alkoholgetränkte Einmaltücher benutzt, gelingt es Gerome, die Scheibe soweit zu säubern, dass er hindurchsehen kann. Er drückt den Fensterheber, wirft den blutdurchtränkten Lappen und die Feuchttücher aus dem Fenster. Sie landen genau auf dem toten Fahrer.
»Deine Mutter hat mich einen Dreck interessiert«, sagt Gerome leise. »Ich wollte nur nach Paris, und das möglichst schnell und leise. Du hättest besser dein Maul gehalten.«
Der Sensenmann hatte Glück, bereits auf der Le Choisel hielt ein Wagen neben ihm. Der Fahrer war bereit, ihn bis nach Paris mitzunehmen. Musste er doch, wie er Gerome sofort munter erzählte, in Paris nach seiner alten Mutter sehen, die erst letzten Monat einen schlimmen Herzinfarkt überlebt hatte. Sie fuhren gerade auf die A28 auf, als Geromes Geduld bereits sein Ende fand. Er wollte in Ruhe nachdenken, wie er seinen ehemals besten Freund findet und ihn vernichten kann. Mit Sicherheit wollte er nichts über eine alte Frau hören, welche munter im Bett lag, verbotener Weise Kekse aß und dabei versaute Witze riss.
Gerome deutete auf ein Parkplatzschild.
»Fahren Sie hier ab«, sagte er mürrisch. »Ich muss mal kurz austreten.«
»Aber sicher«, antwortete der Volvofahrer. Grinsend setzte er hinzu:
»Ich hoffe, Sie müssen nicht oft auf unserer Fahrt. Sonst kommen wir ja nie in Paris an. Oder haben Sie eine Blasenentzündung?«, fragend sah der Mann Gerome an. Ohne eine Antwort abzuwarten sprach er einfach weiter.
»Also meine Mutter hatte ja mal eine Blasenentzündung. Mein Gott, war das eine Schweinerei. Ich konnte sie gar nicht so oft auf den Topf setzten, wie die musste.« Er bestätigte den Blinker und fuhr auf den kleinen Parkplatz.
»Ich hätte ihr damals einfach eine Windel anziehen sollen.« Der Fahrer lenkte den Volvo in eine der Parklücken und hielt an. Er stellte die Automatik auf Parken.
Gerome drehte sich etwas in seinem Sitz.
»Aber stellen Sie sich vor«, redete der Mann unbeirrt weiter. »Meine Mutter wehrte sich wie verrückt gegen diese Babydinger. Da konnte ich nichts anderes machen, als ständig ihre Pisse wegz…«
Geromes Hand schoss vor und packte den Fahrer am Hals.
»Ich kann es nicht mehr hören«, rief er wütend.
Er presste seine Finger zusammen, der Mann gab ein heiseres Röcheln von sich. Seine Augen wurden größer, Entsetzen lag darin und die Erkenntnis, dass er jetzt sterben musste. Gerome spannte seine Muskeln an und drehte den Arm ein wenig.
Es gab ein knirschendes Geräusch, als der Kehlkopf des Mannes brach. Eine Blutfontäne schoss aus seinem Mund, traf die Frontscheibe, ergoss sich über das Lenkrad und die Armaturen. Der Sensenmann zog mit einem Ruck seine Hand zurück, Hautfetzen, der abgerissene Kehlkopf und ein großer Teil der Speiseröhre ragten aus seiner Faust. Der Kopf des Fahrers sank nach vorne, Blut strömte aus der enormen Wunde, wie aus einem aufgeschlitzten Gartenschlauch.
Gerome stieg aus und ließ die Überreste einfach fallen.
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Samuel wartet, verborgen hinter dem Vorhang, mit einem Glas Whisky in der Hand, und starrt auf die Rue Denfert Rochereau und auf Alices Wunderland. Es ist kurz vor zehn in der Nacht, der Laden ist fast voll, die Gäste drängen und quetschen sich durch die Tür. Jedes Mal, wenn sich der Eingang öffnet, dringt bis zu Samuel, lautes Gejohle, Musikfetzen und eigenartiges Gekreische, hinauf.
Geduldig wartet der Tod, bis das Geschäft vor Anderswesen nur so überquillt. Er will heute Nacht so viele wie nur möglich von diesen Biestern erledigen. Wenn er auch bei den Menschen Erbarmen zeigt und manchen von ihnen einen Aufschub gewährt, mit den Anderswesen kennt er keine Gnade oder gar Mitleid. Sie zu töten, wird ihm ein persönliches Vergnügen bereiten.
Samuel stellt sein leeres Glas auf dem Tisch ab und zündet sich eine Zigarette an. Er überlegt kurz, ob er sich sofort verwandeln soll, oder erst im Laden seine wahre Gestalt zu erkennen gibt. Doch jemand könnte ihn die Straße überqueren sehen, das würde nur weiteren Ärger bedeuten, dieses Risiko will er nicht eingehen.
Die Bewahrung seines Geheimnisses ist ein verbranntes Hemd mehr oder weniger schon wert. Aber er lässt seine Sonnenbrille und die Lederjacke zurück.
Rasch geht er die Stufen hinunter, öffnet die Haustüre, überquert die Straße und betrachtet das Wunderland von außen. Samuel ist immer noch erstaunt darüber, dass er in all den Jahren, die er in der Rue Denfert Rochereau bereits wohnt, noch niemals bemerkt hat, was in diesem unscheinbaren Geschäft vor sich geht.
Wie konnte ich nur so blind sein, denkt er und stößt mit Schwung die Eingangstüre auf.
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Alice hält sich eine Hand vor den Mund, versucht dahinter ein lautes Lachen zu dämpfen. Sie schenkt Charlie einen bewundernden Augenaufschlag, der ihm weiche Knie beschert. Der Junge ist froh, dass er im Taxi sitzt, denn diese Augen könnten ihn dazu veranlassen, sich irgendwo festhalten zu müssen, damit er nicht umkippt. Auf Charlies Gesicht erscheint ein breites Grinsen.
»Aber es ist die Wahrheit, Alice. Das hat die alte Geraldine wirklich gesagt.«
»Ich glaube dir ja, Charlie«, antwortet Alice immer noch kichernd. »Jedes Wort. Ich kenne das Klatschmaul. Über euch hat sie auch schon so einiges verlauten lassen.«
»Echt?« Charlie ist sichtlich erstaunt. »Was hat sie denn erzählt?«
Einen kurzen Augenblick zögert sie noch, dann aber berichtet sie dem Jungen die Gerüchte, die Madame Geraldine über ihn und den anderen, mit dem er zusammen wohnt, verbreitete.
Charlie lacht laut auf. Er ist belustigt aber gleichzeitig auch empört, darüber, dass jemand ihm zutraut auf Kerle zu stehen.
»Selbstverständlich habe ich keine Sekunde daran gedacht, dass an ihrer Quatscherei auch nur ein Körnchen Wahres dran ist«, meint Alice, sie blickt ihn fragend an. Es ist offensichtlich, dass sie nach einer ehrlichen Antwort lechzt.
Energisch schüttelt Charlie den Kopf.
»Ich steh total auf Mädchen und Samuel …«, Charlie runzelt flüchtig die Stirn, bevor er seinen Satz zögernd beendet: »Er natürlich auch.«
»Aha«, meint die Werwölfin. »Jetzt weiß ich sogar mehr, als die alte Geraldine. Bis jetzt schien noch niemand seinen Namen zu kennen. Du bist bekannter in der Denfert Rochereau als dein Kumpel. Er ist eher wie ein … hm.« Flüchtig denkt sie an Liam und wie er bei seinem Auftauchen panisch in den Laden floh.
»Na ja, wie ein Geist«, sie nickt mit ihrem Kopf. »Ja, genau. Wie eine Spukgestalt.«
Erneut lacht Charlie, aber es klingt schon unsicherer. Er ist sich nicht sicher, ob Samuel das gut oder schlecht finden wird, dass man ihn in der Straße für ein Gespenst hält. Zu gerne hätte er dem jungen Mädchen von Samuels wahrer Gestalt berichtet, aber im letzten Moment kann er sich noch zügeln. Alice ist zwar taff, aber die Tatsache, dass der leibhaftige Tod genau gegenüber wohnt, dürfte, nach Charlies Meinung, selbst das stärkste Mädchen aus den Strümpfen hauen. So lächelt er nur unverbindlich und meint dann:
»Ich kann dir versichern, weder er noch ich sind schwul. Wir wohnen nur zusammen, weil wir gute Freunde sind. Versuch mal in Paris eine gute und billige Wohnung zu bekommen, dann weißt du, was ich meine.«
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