Read the book: «Lusakata»
Lusakata
Inhalt
1. Jetzt
2. Winter zuvor
3. Wundervolle Zeiten
4. Ein wahres Meisterwerk
5. Kein Entkommen
6. Unbekannte Wege
7. Wahrheit ohne Zuversicht
8. Beginn und Neuanfang
9. Unheilvolle Botschaft
10. Täuschung und Begegnung
11. Ein Nest im Kurisbaum
12. Zeit für Antworten
13. Das stumme Mädchen Ajundis
14. Euras Haus
15. Serula - die Kräuterfrau
16. Arcadia Lusakata reputaja
17. Die Richtungsweisen
18. Aufstieg in die Erudis
19. Gefallene Sterne
20. Stille Schatten
21. Fährfrau Calanta
22. Florania - ein Hoffnungsschimmer
23. Gestraft und verwurzelt
24. Wasser der Erinnerung
25. Die blauen Feuer Luxuria
26. Berittene Wächter
27. 120 Monde
28. In Gefangenschaft
29. Ein heimtückischer Plan
30. Im Wald jenseits des Flusses
31. Ein armseliger Verräter
32. Aljetra und Abschied
33. Taktik und Verwirrung
34. Eine wahre Geschichte
Nachwort
Danksagung
Links und mehr
Lusakata
Abenteuerroman
N.D. Bennett
Texte: © 2020 by Nina Klimanek
Covergestaltung: © 2021 by Nina Klimanek
Coverillustrationen: © shutterstock.com
Verlag:
Nina Klimanek
Am Freikamp 11
27793 Wildeshausen
N.D.Bennett@gmx.net
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Internet: https://www.ndbennett.com
Das Werk, einschließlich seiner Werke ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische und sonstige Vervielfältigung, Übersetzung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Erstellt mit Vellum
Dieses Buch widme ich meiner Familie.
Ihr habt immer an mich geglaubt
und mich darin bestärkt,
meinen Traum nie
aufzugeben.
Jetzt
Sie sind wieder da. Ich spüre sie dicht über mir. Ihr Kreischen und lautes Schreien machen mir Angst. Ich halte mir die Ohren zu und mache mich ganz klein. Eiskalter Wind streicht über meinen Nacken.
Fortlaufen möchte ich, nur fort, doch es gelingt mir nicht. So kauere ich mich noch tiefer in das feuchte Gras. Dunkel ziehen sie über mich hinweg.
Sie sind auf der Suche.
Winter zuvor
Ein lautes Krächzen durchdringt die frostige Stille. Der Mann auf der Bank schaut kurz auf, dann zieht er sich seinen schwarzen Hut tiefer ins Gesicht und lässt den Kopf wieder zur Brust hinabsinken.
Mit verschränkten Armen sitzt er da, dösend, als sei es ein herrlicher Sommertag. Er hört die Jungen nicht kommen.
Sie kriechen über den schneebedeckten Boden und nähern sich ihm langsam. Vorfreude spiegelt sich in ihren rotwangigen Gesichtern.
Jetzt sind sie dicht genug. Der eine unter einem verschneiten Rhododendron kauernd, der andere etwas weiter entfernt hinter einem Schneehügel versteckt.
Sie nicken einander zu. Geschickt formt einer der beiden einen Schneeball in seinen Händen. Er zielt auf den Hut des Mannes und wirft.
Doch der Schneeball verfehlt sein Ziel und endet an einem Baumstamm.
Jetzt versucht es der andere Junge. »Warte nur, meiner trifft!«, denkt er sich siegesgewiss und schleudert sein kaltes Geschoss in Richtung der Parkbank. Doch auch sein Schneeball bleibt ohne Wirkung. Zu früh fällt er herab und versinkt im Schnee.
»Verflucht!«, ärgert sich der Junge, da trifft es ihn plötzlich selbst mit voller Wucht.
»Autsch«, stöhnt er leise und wischt sich den nassen Schnee aus dem Gesicht. Mit geballter Faust droht er in Richtung seines Komplizen. Doch der zuckt nur mit seinen Schultern.
»Na warte, nicht mit mir!« Erneut gräbt er seine Hände in den Schnee und formt einen weiteren Ball. Wütend feuert er ihn ab, doch schon nach halber Strecke fällt er taumelnd wie ein angeschlagenes Insekt zu Boden. Ein anderer Schneeball hat ihn im Flug erwischt.
Irritiert schaut der Junge zu dem Mann auf der Bank. Doch dieser hat sich keinen Zentimeter bewegt.
Wieder zischt ein Schneeball auf den Jungen zu. Gerade noch rechtzeitig kann er sich ducken. Grinsend kommt er hoch, doch er hat sich zu früh gefreut, ein weiterer kommt geflogen und trifft ihn mitten im Gesicht. Nun reicht es ihm. Entnervt springt er aus seiner Deckung hervor und rennt davon.
Sein Freund, der alles beobachtet hat, blickt sich suchend um. Doch außer ihm und dem Mann auf der Bank scheint niemand da zu sein.
»Wie in aller Welt macht er das?« Kaum hat der Junge zu Ende gedacht, da werden die schneebedeckten Baumzweige über ihm getroffen. Im nächsten Augenblick prasselt eine weiße Lawine auf ihn herab, die ihn vollständig unter sich begräbt. Mit beiden Armen und Beinen zugleich rudernd, wühlt er sich wie ein hilflos auf dem Rücken liegender Käfer aus dem kalten Nass. Auch er hat nun genug und läuft über beide Beine stolpernd davon.
Der Mann auf der Bank schiebt seinen Hut aus dem Gesicht und lächelt.
»Du kannst aus deinem Versteck kommen, die Jungen sind weg.«
Für einen Moment bleibt es still, dann raschelt es in einem Strauch, und da stehe ich, nass bis auf die Haut, aber zufrieden mit mir selbst.
»Woher haben Sie gewusst, dass ich hier bin?«, frage ich den Mann und schüttele meine Mütze aus.
»Ich habe gute Ohren«, erwidert der Mann und beginnt zu lachen. Er lacht und klopft sich dabei auf die Schenkel. »Du kannst erstaunlich gut werfen - oh ja, das kannst du wirklich gut«, stellt er amüsiert fest.
Ich kichere und erkläre stolz: »Das sagen die Jungen in meiner Klasse auch, für ein Mädchen sehr respektabel, sagen sie.«
»Damit haben sie allerdings recht«, stimmt mir der Mann zu.
Dann wird er ernst und fragt: »Ich möchte gern wissen, wer mir gerade so exzellent zur Seite gestanden hat. Ich stelle mich natürlich auch vor! Gestatten, mein Name ist Sedanius!« Schwungvoll zieht er seinen Hut vom Kopf.
»Ich heiße Anne, Anne Lusott.«
»Nun, Anne Lusott, kannst du genauso gut zuhören wie du werfen kannst?« Erwartungsvoll schaut Herr Sedanius mich an. Ich nicke und setze mich zu ihm auf die Bank.
Die Sonne erscheint hinter einer grauen Wolke und wärmt mein Gesicht. Gebannt lausche ich seinen Worten, die mein Leben für immer verändern sollten.
Wundervolle Zeiten
»Früher war hier kein Park, sondern ein Wald. Er war durchzogen von wildem Gestrüpp. Brennnesseln und Dornen machten ihn nur schwer zugänglich. Dennoch hielt es uns Kinder nicht davon ab, ihn zu durchstreifen, in der Hoffnung, etwas Neues zu entdecken. Manchmal gelangten wir tief im Inneren des Waldes an fast verwunschen wirkende Orte. Es waren wunderbare Zeiten voller Abenteuer, bis zu jenem Tag, als der Wald zum Revier der Kjerobande wurde. Von diesem Zeitpunkt an änderte sich alles.«
Herr Sedanius machte eine Pause und seine Gesichtszüge verdüsterten sich. Ungeduldig wartete ich, bis er weiter sprach.
»Es waren fünf Jungen. Sie traten immer zusammen auf, nie ließ sich einer allein blicken, das machte sie stark. Karl war ihr Anführer, ein ruppiger, großer Kerl mit einem breiten Grinsen im Gesicht, welches immer dann in Erscheinung trat, wenn er anderen Kindern das Leben schwer machen konnte. Die anderen Jungen hießen Jakob, Edgar, Ronny und Oskar. Sie taten stets das, was Karl ihnen sagte.
Ja, und dann gab es da noch Alexander, einen kleinen, schmächtigen Jungen, der ihr liebstes Opfer war.«
Ein wahres Meisterwerk
Lange hatte er mit all seinem Können daran gearbeitet, und nun hatte er es endlich geschafft.
Federleicht lag der aus Balsaholz gefertigte Flieger in seiner Hand. Er war schon fast ein kleines Meisterwerk und das mit Abstand Großartigste, was Alexander bisher erschaffen hatte. Jetzt musste er nur noch den Himmel erobern.
Alexander war gespannt und voller Zuversicht, wie er es sonst nur selten war.
Wer ihn näher kannte, wusste ihn sehr zu schätzen. Denn er war ein guter und fleißiger Schüler und immer zur Stelle, wenn er gebraucht wurde.
Doch die meisten machten sich nicht die Mühe, das herauszufinden, und so galt er gemeinhin als still und eigenbrötlerisch.
Aufgrund seiner fehlenden Größe, Alexander war der Kleinste in seiner Klasse, konnte es auch schon mal passieren, dass er von den anderen übersehen wurde. Nicht aber von der Kjerobande. Die Jungen fanden, dass Alexander ein ausgeprägter Schwächling war, und so ließen sie es sich nicht nehmen, ihm regelmäßig nach der Schule aufzulauern, um ihre Gemeinheiten an ihm auszulassen.
Darin waren sie wirklich gut, doch all das kümmerte Alexander in diesem Augenblick herzlich wenig. Wie ein Flugpionier der ersten Stunde fieberte er dem Jungfernflug seiner Konstruktion entgegen.
Eilig verließ er die Wohnung. Nach einem kurzen Fußweg erreichte Alexander den Rand des Waldes.
Einige Tage zuvor hatte er darin eine Lichtung entdeckt, die ihm wie geschaffen für sein Vorhaben erschien. Dort angekommen, zögerte er keine Sekunde. Er hob seinen Flieger in die Luft und rannte los.
Der Wind pfiff ihm um die Ohren und begann, heftig an der zarten Holzkonstruktion in seiner Hand zu zerren. Mit einem ordentlichen Schubs entließ er seinen Flieger in die Freiheit. Steil schoss dieser in den Himmel hinauf. Alexander stoppte.
Voller Freude über den meisterlichen Start sah er dem Gleiter hinterher. Der Wind nahm ihn mit sich, höher und höher. Es schien, als würde er tänzelnd auf unsichtbaren Wellen fortgetragen, bis er einige Augenblicke später wieder sanft im Gras landete.
Außer sich vor Glück rannte Alexander zu ihm. Das Flugzeug hatte seine Feuertaufe unbeschadet überstanden. Plötzlich hörte er ein lautes Knacken von Zweigen. Es schien aus einem Gebüsch ganz in seiner Nähe zu kommen. Sofort ging Alexander in Deckung, doch alles blieb ruhig. Dann vernahm er Stimmen. Ein lauter werdendes Johlen und Lachen drang zu ihm herüber. Instinktiv duckte sich Alexander noch tiefer, denn er wusste sofort, mit wem er es zu tun hatte.
Grölend schlenderte die Kjerobande über die Wiese. Doch ihre Ausgelassenheit fand ein jähes Ende, als ein lautes »Heda, holla!« ertönte.
Wieder knackte es im Gebüsch, dann raschelte es verdächtig, und ein kleiner, dunkelhaariger Junge kam zum Vorschein, der unbeholfen auf die Wiese stolperte.
»Heda hab ich gesagt, seid ihr schwerhörig, oder habt ihr Fell in den Ohren?«, schimpfte der Junge. Diese Worte zeigten Wirkung. Alle Jungen der Kjerobande drehten sich zugleich um.
»Hat hier etwa jemand mit uns gesprochen, Freunde? Ich sehe niemanden, ihr etwa?«, fragte Karl hämisch und schaute demonstrativ über den Jungen hinweg. Die anderen schüttelten begeistert die Köpfe.
»Seid ihr denn von allen guten Wichteln verlassen?«, rief der fremde Junge wütend und hüpfte empört auf und ab. Karl senkte seinen Blick. Dann schaute er dem Kleinen direkt in die Augen und zischte: »Was willst du?«
Der fremde Junge versuchte, sich ein wenig größer zu machen, räusperte sich und sprach: »Ich brauche Hilfe. Seid ihr mutig und schlau und in der Lage, kurzfristig mitzukommen? Es ist etwas kompliziert, wisst ihr...«
Während der Junge immer aufgeregter erzählte, begann die Bande unbemerkt einen Kreis um den kleinen Kerl zu ziehen. Alexander hielt den Atem an. Aus eigener Erfahrung wusste er genau, was dem Jungen nun blühte. Angespannt verharrte er am Boden. Dann traf er eine Entscheidung.
Mit einem Satz sprang er aus seiner Deckung hervor und rannte mit lautem Gebrüll auf die Bande zu. Blitzschnell durchbrach er ihren Kreis, packte den fremden Jungen und schrie: »Los doch, lauf!« Nur kurz nahm er die verdutzten Gesichter der anderen wahr, sie schienen nicht glauben zu können, was gerade geschah. So schnell er konnte, lief Alexander, den Jungen hinter sich herziehend, davon.
Doch es dauerte nicht lange, da hörte er ein lauter werdendes Keuchen und Pusten hinter sich. Es wurde immer heftiger, bis es schließlich Alexander zwang, sein Tempo zu verringern.
»Na endlich nimmt der Langstreckenkönig auch mal etwas Rücksicht auf die Kurzbeinigen! Unerhört ist es, so durch den Wald zu flitzen!«, beschwerte sich sein Begleiter motzig. Alexander blieb abrupt stehen. Der Junge hinter ihm reagierte zu spät, prallte mit voller Wucht gegen seinen Rücken und landete unsanft auf dem Boden.
»Ich habe gerade einen Haufen blauer Flecken riskiert, und das ist der Dank dafür?«, schimpfte Alexander wütend.
»Wie bitte?«, entgegnete ihm der fremde Junge verständnislos. »Auf die fünf von eben lasse ich nichts kommen! Ich hatte sie schon fast so weit, aber dann musstest ja du auftauchen! Zugegeben, sie wirkten auf mich zwar etwas schwer von Begriff, ansonsten gibt es aber keinen Grund, schlecht über sie zu sprechen.«
»Windelweich hätten sie dich geprügelt! Glaube es mir, das hätten sie!«, erwiderte Alexander und schüttelte verärgert den Kopf.
Der fremde Junge zog die Mundwinkel hoch und zuckte mit seinen Schultern. Dann musterte er Alexander neugierig. »Was starrst du mich so an?«, fragte dieser ihn misstrauisch. Sein Begleiter runzelte nachdenklich die Stirn und antwortete: »Ich war auf der Suche nach Hilfe, denn die benötige ich wirklich dringend! Wenn es aber so ist, wie du sagst, dann scheinst du auch ein recht schlaues Kerlchen zu sein. Schnell bist du obendrein, das kann nie schaden. Ein bisschen kleiner als gewünscht vielleicht, aber was macht das schon? Ich heiße übrigens Mattis.« Fröhlich streckte ihm der Junge die Hand entgegen.
»Mein Name ist Alexander«, antwortete der widerwillig. »Und was die Größe angeht, bin ich ja wohl mindestens einen Kopf größer als du!«, fügte er mit Nachdruck hinzu.
Ein Rufen in der Ferne ließ ihn augenblicklich wieder wachsam werden. Er schaute zu allen Seiten und zog Mattis näher an sich heran.
»Wir können hier nicht länger bleiben, hier ist es nicht sicher genug. Wenn sie uns finden, ist es aus und vorbei! Also komm, wir müssen weiter«, forderte Alexander ihn auf.
Notgedrungen setzte sich Mattis in Bewegung. Nach einigen Metern blieb er jedoch wieder stehen und fragte maulend: »Was glaubst du, wie lange dauert es noch? Ich habe Hunger und werde bereits daheim erwartet.«
»Unglaublich, worüber du dir Gedanken machst! Als hätten wir keine größeren Probleme«, entgegnete Alexander verständnislos. Er hatte gerade zu Ende gesprochen, da ertönte auch schon Karls hämisches Lachen. Siegesgewiss hatte er sich hinter den beiden Jungen aufgebaut.
»Nun werden wir wohl improvisieren müssen«, flüsterte Mattis hinter vorgehaltener Hand. »Taktik und Verwirrung sind die besten Mittel!«
»Und, was schlägst du vor?« drängte Alexander.
»Hier ist mein Plan, der einzige und beste für den Augenblick - wir laufen!«, rief Mattis und ehe sich Alexander versah, war Mattis auch schon losgesaust. Er schlug einige kurze Haken und verschwand im dichten Gebüsch.
»Was für ein genialer Plan!«, brummelte Alexander, der Karl nun ganz allein gegenüberstand. Schäbig grinsend rieb sich dieser die Hände und schlenderte selbstgefällig auf Alexander zu.
»Und? Was machst du nun, du Wurm? Da hat dein neuer Freund wohl die Kurve gekratzt! Macht aber nichts, jetzt bin ich ja da. Wir werden uns sicher auch gut verstehen!«, spottete Karl.
Alexander schluckte schwer. Eines war sicher, die Chance, ihm eine gehörige Abreibung zu verpassen, würde Karl sich nicht entgehen lassen.
»Das wird verdammt übel enden«, dachte Alexander, während Karl immer näher kam. Hastig wich er zurück und stolperte dabei über einen dicken Ast, der hinter ihm auf dem Boden lag. Er taumelte, schaffte es aber noch, sich auf den Beinen zu halten.
»Na? Nimmst du mir schon die Arbeit ab?«, kommentierte Karl Alexanders Missgeschick abfällig und schritt nun mit Tempo auf ihn zu. Alexander machte einen Satz zurück, wurde dabei aber von einem jungen Bäumchen gestoppt, das kaum höher als er selbst gewachsen war. Karl nutzte die Gelegenheit und packte ihn am Kragen.
»Habe ich dich endlich, du Kröte!«, schrie er lachend und drückte seinen Widersacher mit aller Kraft in das Bäumchen hinein. Alexander hoffte, dass es ihn halten würde, während es sich immer weiter nach hinten bog. Wild schnaubend hing Karl über ihm.
»Bring es endlich zu Ende«, dachte Alexander, als Karl sich plötzlich merkwürdig verhielt. Er spitzte seinen Mund und kniff die Augen fest zusammen. Dann rümpfte er seine Nase, bis beide Nasenflügel schließlich zu flattern begannen.
»Herrje, er wird mich doch wohl nicht küssen wollen!«, dachte Alexander, als er plötzlich realisierte, was sich da vor ihm anbahnte. Schnell rollte er sich zur Seite und plumpste zu Boden. Das Bäumchen, das ihn bis dahin gehalten hatte, schnellte mit aller Wucht vor und klatschte genau in der Sekunde in Karls Gesicht, als sich daraus ein ohrenbetäubender Nieser löste.
»Autsch, das hat weh getan!«, dachte Alexander, während Karl angeschlagen umhertaumelte.
Doch dann erkannte Alexander seine Chance. Blitzschnell sprang er auf seine Beine und rannte davon. Schon bald verlangsamte er aber wieder sein Tempo. War Karl noch hinter ihm? Wo war Mattis? Hatten sie ihn etwa erwischt? Aufmerksam horchte Alexander in die Umgebung hinein. Und tatsächlich hörte er etwas. Es waren die Rufe der Kjerobande. Weit waren sie nicht entfernt.
Hektisch schaute Alexander sich um. Wohin nur? Sollte er auf einen Baum klettern oder weiterlaufen?
Da entdeckte er am knorrigen Wurzelwerk eines mächtigen Baumes einen aufgeworfenen Erdhaufen.
Schnell lief er zu ihm und stellte fest, dass hier jemand ein tiefes Loch in die Erde gebuddelt hatte. Alexander ging in die Hocke und blickte in die Öffnung. Viel konnte er aber nicht erkennen. Schon nach wenigen Metern verschwand alles in nachtschwarzer Dunkelheit. Alexander neigte sich etwas vor.
»Komm zu mir..., komm«, drang es aus der Tiefe lockend an sein Ohr. Alexander schreckte zurück. Ihm stockte der Atem. Er wusste nicht was, aber irgendetwas war dort unten. Erneut wagte sich Alexander ein Stück vor.
»Mattis, bist du das?«, fragte er in die Schwärze, doch er erhielt keine Antwort. Dann legte er sich auf den Bauch und glitt vorsichtig ein Stück in das Loch hinein. So sehr er sich jedoch bemühte, erkennen ließ sich nichts. Allmählich lief Alexander die Zeit davon. Schon bald würden Karl und die anderen Jungen ihn eingeholt haben. Flink drehte er sich herum und schob sich mutig in den dunklen Gang. Auf seine Ellenbogen gestützt, stemmte er sich Stück für Stück tiefer in das feuchtkalte Loch hinab.
Der Gang wurde eng und enger. Beklemmung kam in ihm auf. Er fühlte sich ausgeliefert wie ein gejagtes Tier, das seinem unausweichlichen Ende entgegensah. Regungslos verharrte er einen Augenblick und horchte hinaus. Draußen war es still.
»Vielleicht sind sie weg?«, hoffte Alexander, doch dann hörte er sie wieder, sie waren jetzt ganz nah.
»Na, wo bist du denn, du mutiger Held? Retter der Schwachköpfe und Dummschwätzer«, hörte er Karls hämische Worte. »Wartet, Freunde, ich rieche etwas! Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es ist der Geruch von Angst - ja, tatsächlich, es ist Angst, die ich rieche - und zwar genau hier!«
Bewegungslos lag Alexander im sandigen Boden des dunklen Ganges und hoffte, dass noch ein Wunder geschah. Plötzlich gab es eine Erschütterung. Erde rieselte auf seinen Kopf herab. Alexander wagte es nicht, sich zu bewegen.
»Sind die da oben von allen guten Geistern verlassen? Wenn hier alles einstürzt, ist es aus mit mir!« Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da gab es eine weitere Erschütterung. Erdklumpen lösten sich aus den Wänden heraus und prasselten auf ihn nieder.
»Na, was glaubt ihr, Freunde, ist unser Held wohl da unten? Komm schon, du Feigling! Komm hervor und kämpfe wie ein Mann!«, versuchte Karl, Alexander zu provozieren.
»Hört endlich auf, da oben so herumzuspringen!«, schrie Alexander aufgebracht. Doch die Jungen schien das nicht zu kümmern. Sie trampelten und stampften weiter mit ihren Füßen, bis sich schließlich die Erde über Alexanders Kopf zu senken begann.
»Na, wie findest du das? Komm raus aus deinem Bau, Kaninchen, komm schon, komm. Wir kriegen dich ja doch!«, brüllte Karl.
Plötzlich packte etwas Alexanders Beine. Es zog sich fest um seine Knöchel und zerrte daran. Panik überkam ihn. Alexander versuchte, sich zu wehren, doch die Enge des Ganges machte es ihm unmöglich. Auf einmal gab es einen Ruck, und mit aller Kraft riss es ihn hinab. Dann wurde es schwarz.
Kein Entkommen
Ein dumpfes Geräusch drang an sein Ohr. Es roch nach Erde, und frische Luft füllte seine Lungen. Als Alexander die Augen öffnete, blickte er in ein vertrautes Gesicht.
»Da schaut her, der schnelle Fuß gönnt sich eine Mütze voll Schlaf«, scherzte Mattis und grinste. Alexander setzte sich schwankend auf und blickte sich um.
»Wo sind wir, und was ist überhaupt passiert?«
»Nun, so wie es aussieht, hat Galania dich wohl verschluckt und hier anscheinend wieder ausgespuckt!«, antwortete ihm Mattis.
»Wie bitte, was redest du da? Was ist mit Karl und den anderen Jungen? Sind wir ihnen entkommen?«, wollte er rasch wissen.
»Denen haben wir es richtig gezeigt!«, schwärmte Mattis zufrieden. »Du weißt ja, zwei helle Köpfe wie wir. Naja, jedenfalls habe ich dich gesucht und hier im Dreck gefunden. Friedlich geschlafen hast du!« Alexander rappelte sich hoch. Er klopfte sich die Hose ab und schüttelte sich die Erdklumpen aus den Haaren.
»Vermutlich ist der Gang eingestürzt. Sicherlich haben die Jungen einen Riesenschreck bekommen und mussten mich wieder ausbuddeln. Feige wie sie sind, haben sie sich dann ganz schnell aus dem Staub gemacht!«, mutmaßte Alexander.
Mattis zuckte mit den Schultern. »Nun ja, jedenfalls bist du jetzt hier. Wir müssen weiter, also los! Nur keine Müdigkeit vorschützen!« Mattis sprang auf und zog Alexander am Ärmel hinter sich her.
Schon bald verließen sie den Wald und gelangten auf einen Pfad, der sie in eine üppige Wiesen- und Weidelandschaft führte.
»Hm, sind wir hier wirklich richtig?«, wunderte sich Alexander, der bis dahin gar nicht darauf geachtet hatte, wohin sie eigentlich gingen.
Mattis winkte ab: »Klar doch, das sind wir, du wirst schon sehen!«
Es dauerte nicht lange, dann tauchten auch schon die ersten Häuser in der Ferne auf.
»Endlich, da vorn beginnt die Stadt!« Alexander war erleichtert.
»Ja, und genau dort wohnen die nettesten Bewohner weit und breit!«, fügte Mattis begeistert hinzu und deutete mit leuchtenden Augen auf ein kleines Haus mit grünen Fensterläden und schmalen Fensterbänken. An der Vorderseite befand sich eine Veranda, auf der eine Menge Zeugs herumstand. Als sie näher kamen, erkannte Alexander zwei Stühle, einige Töpfe mit grünen Kräutern und zwei Paar Stiefel, ein großes und ein kleines.
Mühelos sprang Mattis die Stufen zur Eingangstür hinauf und verkündete stolz: »Hier wohne ich!« Dann zog er an einer Schnur, die neben der Tür hing. Im selben Augenblick ertönte im Haus eine krächzende Stimme: »Besuch ist da! Besuch ist da!« Eilig öffnete Mattis die Tür. Ein graugefiederter, kleiner Vogel, der aufgeregt in einem heftig schaukelnden Käfig saß, hieß die Jungen willkommen.
»Hallo Kokobal, du kleiner Schelm!«, rief Mattis. Er wandte sich Alexander zu und bemerkte: »Kokobal ist die zuverlässigste Türglocke, die ich kenne.«
Erst jetzt registrierte Alexander die Schnur, die von der Haustür draußen nach drinnen zum Käfig führte.
»Komm herein!«, forderte Mattis ihn auf. Kurz zögerte Alexander, dann folgte er ihm schließlich ins Haus. Mattis nahm ein paar Brotkrumen, die in einer Schale neben dem Käfig lagen und fütterte Kokobal damit. Alexander sah sich um. Die Innenwände des Häuschen waren lehmverputzt und der Fußboden mit Dielenbrettern ausgelegt.
In einer Ecke weiter hinten stand ein Ofen. Er besaß mehrere kleine und eine große Herdplatte, auf der ein Kessel stand, in dem es lebhaft köchelte. Direkt daneben befand sich ein gekachelter Schrank. Auf ihm waren verschiedenste Küchenutensilien aufgebaut.
Ein großer, runder Tisch stand in der Mitte des Raumes.
»Ah, wir werden schon erwartet!«, rief Mattis erfreut, und eh sich Alexander versah, hing Mattis auch schon mit seiner Nase am dampfenden Kessel.
»Bäh! Da hat Onkel Jogasch doch wieder eine dieser ganz fürchterlichen Suppen gekocht!«, beklagte sich Mattis und machte einen Schritt zurück. »Je schlimmer sie stinken, desto wirksamer sind sie, sagt er immer.« Mattis winkte Alexander zu sich und öffnete eine ovale Holztür, die in ein weiteres Zimmer führte.
»Etwas altmodisch, aber gemütlich«, dachte Alexander. Seine Blicke wanderten umher. An den Wänden befanden sich Regale, die mit dicken und dünnen Büchern vollgestopft waren. Die meisten von ihnen wirkten schon sehr alt.
»Onkel Jogasch, Onkel Jooogaaasch, wo bist du?«, rief Mattis.
Durch einen offenen Rundbogen gelangte man in den hinteren Teil des Raumes, in dessen Mitte ein gemütlicher Schaukelstuhl in gleichmäßigen Bewegungen vor- und zurückschwang. Darin saß ein kleiner, dicklicher Mann mit einer qualmenden Pfeife, die aus seinem bärtigen Mundwinkel hing. Er hatte die Augen geschlossen und trug eine Brille, welche ziemlich schief auf seiner knolligen Nase saß.
»Ah, da bist du ja, Onkel Jogasch! Schau nur, ich habe jemanden mitgebracht!« Doch der bärtige Mann reagierte nicht.
Sein gleichmäßiges Schnarchen erfüllte den ganzen Raum. Ungeduldig rüttelte Mattis an seinem Arm.
»Chrrr, chrrr..., huch..., oh, Mattis, mein Junge, wo hast du denn nur so lange gesteckt?« Hastig setzte sich der Alte auf, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel und rückte sich seine Brille zurecht. Während er dies tat, murmelte er: »Ich lese gerade wichtige, sehr wichtige Dinge, weißt du.«
Mattis schob Alexander nach vorn. »Schau, Onkel Jogasch, das ist Alexander!«
»Ah, du hast einen Freund mitgebracht? Wunderbar, wunderbar«, antwortete der alte Jogasch und ließ seine Blicke nur flüchtig über Alexander schweifen.
»Ihr habt bestimmt Hunger, nicht wahr? Kommt, Kinder, ich mache gerade Suppe. Mit knurrenden Mägen lässt es sich doch nur halb so gut erzählen! Und zu erzählen habt ihr, das sehe ich euch doch an den Nasenspitzen an!«, rief er vergnügt und rieb sich voller Vorfreude die Hände.
Gemeinsam gingen alle drei zurück in die Küche. Der alte Jogasch rührte einmal kräftig im Kessel.
Mattis und Alexander nahmen am Tisch Platz.
»Das riecht aber lecker!«, stellte Alexander fest und konnte so gar nicht nachvollziehen, was Mattis an der Suppe seines Onkels auszusetzen hatte.
»Ja, ja natürlich!«, antwortete Jogasch und stellte eine prall gefüllte Schüssel auf den Tisch.
Freundlich wandte er sich an Alexander: »Greif zu, mein Junge, du siehst aus, als käme dir meine Suppe gerade recht.«
Alexander bedankte sich höflich und nahm sich einige Kellen davon. Schlürfend löffelte er sie in seinen Mund hinein. »Wie gut das schmeckt«, dachte Alexander und schon bald spürte er, wie die Suppe ihn munter zu machen schien. »Die ist ja wirklich ganz ausgezeichnet, Herr Jogasch! Wenn Sie nichts dagegen haben, dann würde ich gerne noch nachnehmen!«
»Aber natürlich, mein Junge«, freute sich Onkel Jogasch und sorgte für Nachschub. Unterdessen schaufelte Mattis seine Suppe so eilig in sich hinein, dass es ein wahres Wunder war, dass er sich nicht daran verbrühte.
»Nun ihr beiden, erzählt doch mal, was hat sich bei euch denn so zugetragen?«, erkundigte sich Jogasch, während er mit der Suppenkelle wild in der Luft herumfuchtelte.
»Also, du wirst es kaum glauben, Onkelchen!«, begann Mattis geheimnisvoll zu berichten. »Da waren die fünf Jungen, ich hatte sie gerade erst kennengelernt, doch dann tauchte auch schon Alexander auf und zapperapp - riss er mich mit sich!«
Alexander verschluckte sich und musste heftig husten.
»Oh, entschuldige bitte vielmals! Es war sicherlich nicht meine Absicht, deine nette Kennenlernrunde zu stören!«, empörte er sich. »Beulen und blaue Flecke hätten sie dir mit Freude verpasst - ist bei denen so eine Art Begrüßungsritual! Naja, wer‘s mag«, spottete er weiter.
»Schon gut, du hast ja recht«, gestand Mattis einsichtig und hob bedeutungsvoll seinen Zeigefinger.
»Es waren wahrscheinlich die fünf stärksten und gemeinsten Jungen, die ich je auf einem Haufen gesehen habe, Onkel! Doch wer braucht die denn schon, wenn es einen Alexander gibt, der es mit allen fünfen gleichzeitig aufnimmt!«, verkündete Mattis voller Begeisterung. Ungläubig hob Alexander seine Augenbraue.
»Und rennen kann er, das hättest du wirklich mal sehen sollen!«, plapperte Mattis weiter. »Dank mir und meines klugen Köpfchens konnten wir sie dann aber abschütteln!«, feierte Mattis sich selbst.
Zweifelnd blickte Alexander Mattis an. Es war allerhöchste Zeit, das übertriebene Gehabe zu beenden.
»Vielen Dank für die köstliche Suppe, Herr Jogasch, doch ich muss nun gehen. Meine Mutter fragt sich bestimmt schon, wo ich denn bleibe.« Kaum hatte er den Satz beendet, da begann sich alles in seinem Kopf zu drehen. Alexander kniff seine Augen fest zu und öffnete sie wieder.
»Geht es dir auch gut, mein Junge? Du siehst ein wenig blass aus«, fragte Jogasch stirnrunzelnd. Alexander erhob sich von seinem Platz.
»Nein, nein - danke, es geht schon. Sagen Sie bitte, wie komme ich denn am schnellsten in den Holler Weg?«
Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da musste er sich schon wieder setzen.
Alexander hatte das Gefühl, dass der Boden unter seinen Füßen schwankte, und alles um ihn herum leise und dumpf klang. Verzweifelt versuchte er, sich auf den Beinen zu halten. Onkel Jogasch sprang sofort auf. Er nahm ein Fläschchen von seinem Gürtel und verabreichte Alexander ein paar Tropfen daraus.
Alexander war augenblicklich wieder hellwach und klar im Kopf. Der Schwindel war wie weggepustet.
»Das ist aber eine äußerst wirksame Medizin, Herr Jogasch!«, stellte Alexander verblüfft fest.
Der alte Mann nickte nachdenklich. »Aber ja doch, natürlich ist sie das, daran besteht kein Zweifel. Wirksam scheint aber auch mein Süppchen gewesen zu sein.« Mit prüfenden Blicken musterte Jogasch Alexander. Dann wich er zurück.
»Ich denke, es ist nun allerhöchste Zeit für dich zu gehen!«, erklärte Jogasch beunruhigt.
»Aber Onkel…!«, versuchte Mattis zu protestieren, doch es half nichts, und so fügte sich Mattis schweigend. Der Alte klopfte Alexander aufmunternd auf die Schulter und schob ihn in Richtung Tür.
»Gehe einfach den Weg, den du gekommen bist, dann findest du zurück! Aber beeile dich, mein Junge!«
Ehe sich Alexander versah, war er auch schon draußen und die Tür hinter ihm geschlossen.
»Manieren sind das!«, dachte er und wollte gerade gehen, da öffnete sich ein Fenster, und Mattis steckte seinen Kopf hinaus. »Wiedersehen, Alexander, und wenn du es dir anders überlegst, bist du immer willkommen!«
Alexander nickte irritiert, während Mattis wieder nach drinnen verschwand.
»Sonderbar, äußerst sonderbar«, dachte Alexander und ging.
Unbekannte Wege
Die Sonne stand schon tief am Himmel, als Alexander die Stadt erreichte.
»In diesem Viertel bin ich noch nie gewesen«, stellte er verblüfft fest. Die Häuser hier waren viel einfacher gebaut, als er es kannte. Sie waren kleiner und etwas windschief. Dennoch wirkten sie einladend und gemütlich.
Alexander kam an einem Garten vorbei, in dem eine Frau unter einem Apfelbaum stand. Sie hatte lange, glatte Haare, die ihr bis zu den Waden hinunterreichten. Als sie Alexander erblickte, grüßte sie ihn freundlich. Dann wandte sie sich wieder dem Baum zu und murmelte leise etwas vor sich hin. Wenige Augenblicke später fiel ein Apfel herab, der direkt in ihren Händen landete. Zärtlich strich sie darüber und verschwand zufrieden in ihrem Haus.
»Wie verrückt ist denn das? So etwas würde ich auch gern können«, stellte Alexander verdutzt fest und schwankte dabei zwischen Belustigung und Bewunderung. »Einen Apfel durch bloßes Zureden zum Fallen zu bringen - das ist schon etwas ganz Besonderes!«
Gedankenversunken setzte Alexander seinen Weg fort. Kurze Zeit später fiel sein Blick auf ein Haus, das an eine Wiese grenzte, deren saftiges Grün durch unzählige Maulwurfshügel fast verschwunden war.
Ein Surren ertönte, das Alexander augenblicklich aufhorchen ließ. Suchend blickte er umher. Auf dem Dachfirst eines kleinen Nebengebäudes entdeckte er zwei ältere Herren, die dort recht munter mit Angelruten in ihren Händen saßen.
Ein freudiges »Hopplahopp!« rief der eine lauthals und warf seine Angel aus. »Zum donnernden Wurzelgnom, dieser Volltreffer geht an mich!«, lachte er, als sein Wurf direkt einen Maulwurfshügel traf.
Amüsiert beobachtete Alexander die beiden Herren bei ihrem seltsamen Wettbewerb. Nach einer Weile aber zog es ihn weiter. Der Weg wand sich und führte zu einem Abzweig. Die Häuser waren nun enger beieinander gebaut. Angelehnt an einer Hauswand stand ein junger Mann, der auf einem Stöckchen kaute. Er grüßte Alexander freundlich.
Über der Eingangstür neben ihm hing ein Schild mit der Aufschrift: Traumsucher. Alexander überlegte kurz, welchen Weg er einschlagen sollte.
»He, Junge, pass doch auf! Geh zur Seite, mach Platz für die Windfänger und Fahnenträger!«
Überrascht sprang Alexander zur Seite und sah eine Gruppe von Männern vorüberziehen, die mit Stangen und Tüchern aller Art bepackt waren. Einige von ihnen hatten lange, geflochtene Bärte, und alle trugen sie die gleichen Gewänder aus dünnen, flatternden Stoffen, die bis auf den Boden reichten. Er folgte den Männern durch einige Gassen hindurch, bis er zu einem großen Platz kam. Dort herrschte geschäftiges Treiben.
Frauen und Männer liefen eilig umher. Einige von ihnen bauten lange Reihen von Bänken und Tischen auf, während andere damit beschäftigt waren, diese mit Blumen und Stoffen zu schmücken. Es schien eine Art Fest vorbereitet zu werden, vielleicht zu einem mittelalterlichen Thema. Das würde jedenfalls so einiges erklären, fand Alexander und schaute sich neugierig um. Weiter hinten auf dem Platz entdeckte er einen Mann, der damit beschäftigt war, kleine Steinchen auf dem Boden aneinanderzureihen. Alexander ging zu ihm.
»Was soll denn das werden?«, fragte er ihn interessiert. Der Mann verließ augenblicklich seine gebückte Haltung und richtete sich auf.
»Das wird ein Steinbild«, antwortete er lächelnd. Er merkte, wie sehr sich Alexander anstrengte, um in dem Muster auf dem Boden etwas erkennen zu können.
»Klettere auf die Holztrabenale, dort drüben. Von dort aus hast du einen guten Blick. Komm schon, versuch es einmal!«, forderte der Mann ihn auf.
Alexander war schon sehr gespannt und folgte seinem Ratschlag. Über eine hölzerne Treppe gelangte er auf eine Art Tribüne, von der aus er einen guten Blick über den Marktplatz hatte. Er schaute zu der Stelle am Boden, an der die Steine ausgelegt waren. Alexander staunte, denn was er nun erkennen konnte, war das Bild eines jungen Mädchens, kaum älter als er selbst. Die vielen bunten Steinchen, aus denen es bestand, funkelten im warmen Gelb der untergehenden Sonne. Noch nie zuvor hatte Alexander etwas so Schönes gesehen.
»Wer ist sie?«, rief Alexander zu dessen Schöpfer hinab. Dieser war unten an die Treppe getreten und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Du meinst, du erkennst sie nicht?«, rief er ein wenig verärgert und stapfte sogleich zu Alexander hinauf. »Hm, nun gut, ich gebe dir recht, die Haare sind noch nicht lang genug«, murmelte er und kletterte behände die Stufen wieder hinab, um seinem Werk den nötigen Feinschliff zu verpassen. Alexander folgte ihm.
Die Menschenmenge auf dem Marktplatz hatte sich erheblich vergrößert. Ein Durchkommen wurde immer schwerer. Alexander war klar, dass er sich sputen musste, um noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause zu kommen. Unvermittelt wich er einer Frau aus, die einen schweren Blumenkübel trug. Sie musterte ihn kurz, nickte ihm freundlich zu und zog an ihm vorbei. Alexander bog in eine Seitengasse ab. Hier herrschte bedeutend weniger Trubel.
Die Gasse schien jedoch aus der Stadt hinauszuführen, denn in der Ferne ließ sich schon wieder der Wald erkennen.
»Hier bin ich auf gar keinen Fall richtig!«, dachte Alexander und kehrte um. Er durchlief noch weitere Straßenzüge in der Hoffnung, den richtigen Weg zu finden, doch es war wie verhext. Sämtliche Gassen, die vom Marktplatz wegführten, führten auch dorthin wieder zurück. Andere wiederum verliefen hinaus aus der Stadt, direkt auf Wald- und Wiesenpfade.
Immer, wenn er jemanden ansprach, um nach dem Weg zu fragen, zuckte dieser entweder ratlos mit den Schultern oder wies ihm den falschen Weg. Alexander begann zu verzweifeln und blieb stehen.
Da spürte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. Er erschrak und wollte sich umdrehen, doch in dem Augenblick packte die Hand fester zu und eine Stimme zischte: »Dreh dich nicht um, Junge. Hör mir einfach nur zu. Du bist fremd hier, nicht wahr? Keine Angst, ich verrate es niemandem. Doch ich gebe dir einen guten Rat: Verschwinde von hier so schnell du kannst! Gehe dorthin zurück, wo du hergekommen bist, sonst wird es böse enden!«
Als die Hand wieder von ihm wich, wagte er es nicht, sich zu bewegen. Seine Knie zitterten wie Espenlaub. Eine Menge Leute waren um ihn herum. Misstrauisch musterte Alexander sie.
Da entdeckte er nur für einen kurzen Augenblick ein vertrautes Gesicht. Es war Mattis.
Alexander konnte sein Glück kaum fassen und versuchte, wild winkend Mattis auf sich aufmerksam zu machen. Als das nichts nützte, schob er sich energisch durch das Gedränge.
Endlich bemerkte Mattis ihn. Als sie schließlich einander erreicht hatten, waren beide erleichtert.
»Bin ich froh, dass du da bist, Mattis!«, sprach Alexander und fuhr hastig fort: »Da war jemand! Gerade eben erst, und er hat mir gedroht! Er sagte, er wüsste, dass ich nicht von hier sei, und ich soll schnell von hier verschwinden, sonst würde etwas Schlimmes geschehen!«
Mattis wurde blass. »Konntest du erkennen, wer es war?«
»Nein«, antwortete Alexander.
»Das ist nicht gut, gar nicht gut«, murmelte Mattis nachdenklich und begann, nervös an seinen Fingerkuppen zu kauen.
»Ich hatte schon die Befürchtung, dass dir etwas geschehen könnte, als ich sah, dass du in Richtung der Stadt fortgingst.«
»Durch den Wald wollte ich nicht zurück«, entgegnete ihm Alexander, »und nun bin ich hier. Aber hier ist wirklich gar nichts normal, das sage ich dir! Schau dich doch nur mal um!«
»Komm, ich muss dir etwas zeigen!«, sprach Mattis. Energisch packte er Alexander am Arm und zog ihn mit sich.
Über Kopfsteinpflaster ging es vorbei an Häuserreihen, raus aus dem Getümmel der Stadt.
An einer mächtigen Steinmauer blieben sie schließlich stehen. Alexander hob seinen Blick und erkannte, dass es sich um die Außenmauer eines hohen Turmes handelte.
»Hier müssen wir rauf«, erklärte Mattis und öffnete eine massive hölzerne Tür. »Warum?«, wollte Alexander wissen. »Weil du es verstehen sollst«, erwiderte Mattis, »also komm jetzt!«
Keuchend stiegen die beiden die steile Turmtreppe empor. Oben angelangt, öffnete Mattis eine weitere Tür. Die Jungen traten hindurch und fanden sich draußen in luftiger Höhe wieder.
Ein warmer Wind wehte zart, und der Himmel war in ein tiefes Abendrot getaucht. Die Wiesen und Felder, auf die sie blickten, erschienen rotglühend. Überwältigt von der Aussicht vergaß Alexander für einen Augenblick all seine Zweifel und Sorgen.
Mattis trat an die Brüstung der Turmmauer und winkte ihn zu sich. Sie schauten hinab auf die Stadt mit all den niedlichen Häuschen, die dichtgedrängt den Marktplatz umsäumten. Auch in der Ferne waren noch vereinzelt Häuschen zu erkennen. Ein Fluss schlängelte sich durch die Landschaft und verlor sich schließlich darin. Den Horizont begrenzten Bergketten, die majestätisch und dunkel emporragten.
Alexander wechselte auf die andere Seite des Turmplateaus. Auch hier zogen sich Bergketten am Horizont entlang. Alles war von ihnen umgeben.
Doch wie war das möglich? Die Landschaft, auf die er blickte, hatte nichts mit dem Ort gemein, der sein Zuhause war. Alles wirkte völlig fremd.
»Wo um alles in der Welt sind wir, Mattis?«, fragte Alexander irritiert.
»Du bist in Lusakata!«, platzte es aus Mattis heraus.
»Und das war, mit Verlaub gesagt, nur meinem unglaublichen Können zu verdanken!« Stolz schlug sich Mattis auf die Schulter.
»Was ist Lusakata? Bin ich etwa tot?«
Alexander erinnerte sich an die letzten Momente im Wald, wie er in dem Erdloch gesteckt und schließlich das Bewusstsein verloren hatte.
»Hier, spürst du das?« »Aua!«, rief Alexander, als Mattis ihm mit voller Wucht auf den Fuß trat.
»Siehst du, du bist so lebendig, wie man lebendig nur sein kann!«, erklärte Mattis ihm fröhlich.
»Schon gut, du Schlaumeier, das hat wirklich wehgetan! Vielleicht kannst du mir ja endlich mal erklären, was hier eigentlich los ist.«
»Eins nach dem anderen, Alexander, eins nach dem anderen! Erst will ich dir etwas zeigen. Schau mal, dort unten, siehst du den Fluss?« Alexander neigte sich vor und betrachtete das Gewässer, das in der Dämmerung förmlich zu leuchten schien.
Tausend tanzende Lichter spiegelten sich in ihm. Darüber waren die Umrisse eines Gebäudes zu erkennen, dessen Mauersteine magisch schimmerten. Es war einfach in seiner Bauweise und wirkte, als würde es über dem Fluss schweben.
»Es sind die Nachtsteine, die den Palast zum Leuchten bringen. Ist er nicht wunderschön?«
Alexander nickte schweigend.
»Dort wohnt Raja, die Prinzessin«, fuhr Mattis fort.
»Bald feiern wir ein Fest ihr zu Ehren. Doch seit einiger Zeit passieren furchtbare Dinge hier. Ich musste dringend etwas unternehmen, damit das ein Ende hat, weißt du.«
»Stopp mal, das geht mir jetzt aber ein bisschen zu schnell! Raja, Prinzessin? Was soll ein Ende haben? Und was um Himmels willen habe ich damit zu tun?«, fragte Alexander verwirrt.
»Ich habe dich nach Lusakata geholt, weil hier irgendetwas vor sich geht - etwas ganz Furchtbares, und es muss schnellstens aufhören! Ich werde dir alles ganz genau erzählen, Alexander, das verspreche ich dir! Aber nun müssen wir schleunigst zurück! Es ist Zeit, Onkel Jogasch wartet bereits auf uns!«
Er drehte sich um und eilte mit großen Schritten die Turmtreppe hinunter. Alexander folgte ihm. Unten angekommen, redete Mattis hektisch weiter: »Weißt du, Alexander, ich kann sehr gut verstehen, dass du nach Hause möchtest! Aber es ist…, wie soll ich sagen - schwierig - nein…, doch eher unmöglich! Und glaube mir, die einbrechende Dunkelheit ist dabei sicherlich das geringste Problem!«
Alexander packte Mattis bei der Schulter: »Was soll das heißen? Was meinst du mit unmöglich? Sag mir sofort, wie ich zurückkomme!« Doch Mattis blieb ihm die Antwort schuldig. In diesem Moment hörten sie ein leises Schluchzen.
»Da weint doch jemand, oder?«, stellte Mattis verwundert fest. Alexander horchte auf und nickte. Vorsichtig ging Mattis in die Richtung, aus der das Weinen zu kommen schien. Doch plötzlich verstummte es.
»Ist da jemand?«, flüsterte Mattis leise.
»Ich bin hier«, antwortete eine zaghafte Stimme. Im faden Licht der einsetzenden Dunkelheit zeichneten sich die Umrisse eines kleinen Kindes ab.
»Wer bist du?«, wollte Mattis wissen.
»Ich bin Jaspin«, antwortete der Junge schüchtern.
Mattis hockte sich neben ihn und streichelte seinen Kopf. »Ich bin Mattis, und das ist Alexander.«
»Was macht dich denn nur so traurig, Jaspin?«, erkundigte sich Alexander besorgt.
Mit stockender Stimme begann der Junge zu erzählen: »Wir waren Blumen pflücken, am Waldrand, meine Schwester Jesehma und ich. Da hörten wir einen fürchterlichen Schrei, der aus dem Wald kam. Jesehma wollte nach dem Rechten sehen, aber sie kam nicht wieder.«
Hastig wischte sich Jaspin ein paar Tränen aus dem Gesicht. Dann fuhr er schluchzend fort: »Plötzlich hörte ich noch einen Schrei. In den Bäumen begann es zu rauschen. Es wurde immer lauter! Mit einem Mal war da ein kräftiger Wind, und es schrie überall um mich herum! Dann sah ich wie etwas Riesiges, Schwarzes den Himmel verdunkelte und immer näher kam. Ich schloss die Augen und hielt mir fest die Ohren zu! Kurz darauf war alles wieder still und der Himmel hell. Seitdem warte ich auf Jesehma.«
»Siehst du, Alexander, das ist es, was ich meine! Das muss doch endlich aufhören!«, brach es vorwurfsvoll aus Mattis heraus. Mitfühlend schaute Alexander zu Jaspin. »Wohnst du hier in der Nähe?«, erkundigte er sich bei dem Kleinen.
»Ich weiß, wo er wohnt!«, warf Mattis ein. »Es ist alles gut, Jaspin. Alexander und ich werden dich nach Hause bringen. Komm!«, sprach er dem Jungen ermutigend zu und reichte ihm seine Hand.
Alexander war nachdenklich geworden. Was in aller Welt geschah hier nur? Bei dem Gedanken an Jesehmas Verschwinden schauderte es ihn. Wie schlimm mussten die vergangenen Stunden für Jaspin wohl gewesen sein?
Alexander und Mattis nahmen den Kleinen in ihre Mitte. Es war an der Zeit, ihn seiner Mutter zurückzubringen.
Wahrheit ohne Zuversicht
Im Schein der Straßenlaternen liefen Mattis und Alexander durch die nächtlichen Gassen Lusakatas.
Jaspin war wieder daheim, und sie sputeten sich, um noch vor Einbruch der Nacht wieder bei Onkel Jogasch zu sein. Ihre Rückkehr wurde von Kokobals müdem Krächzen angekündigt. Jogasch öffnete ihnen die Tür. Schweigend schaute er von einem zum anderen, dann trat er einen Schritt zur Seite. »Kommt herein!« Mattis und Alexander folgten seiner Aufforderung.
Drinnen standen bereits zwei Becher mit heißem Tee auf dem Tisch. Die Jungen nahmen Platz. Mattis nahm seinen Becher und begann, schlürfend daraus zu trinken. Alexander beobachtete Jogasch, der unruhig im Zimmer auf und ab ging und an seiner Pfeife zog.
In kleinen Wölkchen stieß er den Qualm wieder zum Mund hinaus. Dann begann er zu erzählen: »Seltsame Dinge geschehen hier, lieber Alexander. Es ist, als läge ein Schatten über unserem Land. Das Unheil ist spürbar wie ein nahendes Gewitter, das bald hereinbricht. Eigentlich ist Lusakata kein Land voller Gefahren oder düsterer Geheimnisse. Wir führen hier ein beschauliches und friedliches Leben. Jeder ist auf seine ganz besondere Art wichtig. Alles gehört zusammen.«
Jogasch räusperte sich, war es doch nicht leicht für ihn, einem Fremden Lusakata mit nur wenigen Worten zu erklären.
Nachdenklich zog er wieder an seiner Pfeife, dann schritt er zum Fenster, öffnete es und langte nach einem Kräutertopf, der draußen auf der Fensterbank stand. Er stellte das Gewächs in die Mitte des Tisches und schaute Alexander erwartungsvoll an.
Nach kurzem Schweigen und ohne wirklich zu wissen, was der Alte von ihm wollte, bemerkte Alexander höflich: »Ein schöner Topf ist das.«
Jogasch schmunzelte. »Deine Meinung, mein lieber Junge. Aber so schön ist der Topf nun wirklich nicht. Vielmehr geht es mir um das Kraut darin. Auch wenn es im ersten Moment etwas unscheinbar wirkt, so gibt es doch einiges daran zu entdecken. Schau es dir doch mal genauer an. Die Blätter zum Beispiel, wirken sie nicht schön und vollkommen, jedes auf seine Weise? Eines etwas grüner, ein anderes etwas zarter, kannst du die feinen Unterschiede erkennen?«
Vorsichtig nahm Alexander zwei Blätter zwischen die Finger, betrachtete sie und nickte. Jogasch wirkte zufrieden.
»Jedes ist einzigartig, nicht wahr? Eine Pflanze besteht aber nicht nur aus Blättern. Einiges von ihr strebt der Sonne entgegen, anderes fühlt sich wohler in der dunklen Erde. Und doch machen sie nur zusammen einen Sinn. Keine Pflanze ohne Wurzeln, Blüten und Blätter. Sie alle sind wichtige Teile des Ganzen.«
»Also damit bin ich nicht einverstanden!«, fiel ihm Mattis ins Wort. »Ein langweiliges Kräutergewächs! Na, ich weiß nicht. Hättest du da nicht wenigstens etwas Interessantes wählen können? Einen Strauch mit saftigen Früchten oder ein emsiges Bienenvolk, das für leckeren Honig sorgt?«
Jogasch sah Mattis nachsichtig an. »Das ist ein berechtigter Einwand, mein Junge. Ich möchte aber noch zu einem ganz anderen Punkt kommen.«
Mit ernstem Ton fuhr er fort: »Etwas hat sich verändert in Lusakata, und es ist schwer zu sagen, wann es begann.«
Onkel Jogasch blieb vor Alexander stehen. Er beugte sich vor, so dass seine Nase fast Alexanders Gesicht berührte. Der Atem des Alten roch stark nach Tabak.
»Sie verschwinden! Zwölf sind es schon an der Zahl! Männer, Frauen und Kinder. Niemand weiß, was mit ihnen geschehen ist. Unheil liegt über unserem Land. Ich kann es spüren wie das Alter in meinen Knochen. Etwas schleicht umher, abwartend, lauernd und dann - vollkommen unerwartet - schlägt es zu!«
Krachend donnerte Jogasch seine Faust auf den Tisch. Die Jungen zuckten erschrocken zusammen.
»Je mehr es von uns mit sich nimmt, desto stärker werden Misstrauen, Furcht und Trübsinn«, sprach Jogasch und schwieg. Er hatte genug erzählt.
»Leute verschwinden? Einfach so?« Alexander wurde es mulmig zumute. »Vorhin trafen wir Jaspin. Seine Schwester Jesehma scheint ebenfalls verschwunden zu sein.«
Jogasch nickte gedankenversunken. Es wirkte, als wüsste er es schon.
»Auch der Pflüger Notos ist weg, genauso wie der Feuerschmied Boreas und Eura, die Besprecherin des Wassers und Bewahrerin des Morgentaus«, plapperte Mattis und rutschte dabei unruhig auf seinem Stuhl hin und her. »Und niemand ist bisher zurückgekehrt?«, hakte Alexander nach. »Nein, niemand!«, antwortete ihm Jogasch.
»Das ist ja furchtbar! Aber was habe ich damit zu tun?«, wollte Alexander wissen.
»Weißt du, wir haben hier ein Buch, ein goldenes Buch. Darin ist das gesamte Wissen Lusakatas niedergeschrieben. Wir nennen es LIBRA. Mein Onkel wacht über alle Bücher unseres Landes«, erklärte ihm Mattis. »Einmal hat er mir eine Geschichte von sich erzählt, die mir nicht mehr aus dem Kopf wollte. Er war noch sehr jung, als er seiner Bestimmung folgte, über die Bücher Lusakatas zu wachen. Eines Tages nahm er LIBRA und begann, in ihm zu lesen. Darin stand unter anderem geschrieben, wie man zu euch in die Caleida, die Länder außerhalb, kommt.«
An dieser Stelle unterbrach Jogasch Mattis und fuhr nun selbst in der Erzählung fort: »Ich war damals ein ehrgeiziger junger Mann und wollte alles wissen. Also sprach ich die Worte, und so öffnete ich die Grenzen zwischen unserer und eurer Welt. Doch ich rechnete nicht mit dem, was ich sah. Männer hockten in Gräben, sie trugen Helme auf ihren Köpfen. Überall war Rauch und Feuer! Einige von ihnen schrien und sanken blutig verletzt zu Boden! Ich sah Leid und Gewalt und hoffte inständig, dass sich die Grenze schnell wieder schließen möge. Doch das geschah nicht sofort. Es dauerte einige Zeit.«
Jogasch räusperte sich kurz, dann sprach er weiter:
»Noch lange danach verfolgten mich die Bilder in meinem Kopf. Nachts kam ich nicht zur Ruhe. Immer wieder musste ich an das fürchterliche Elend dieser Männer denken. Du siehst, die Versuchung, heimlich etwas zu probieren, kann verheerende Folgen haben! Als Mattis mir alt genug schien, entschied ich mich, ihm von meinen Erlebnissen zu berichten. Es sollte ihn Weisheit und Vorsicht lehren. Doch anscheinend war dies nicht der Fall, sonst hätte er sicherlich anders gehandelt.«
Mattis unterbrach den Alten. »Niemand außer mir unternimmt hier etwas! Alle warten nur ab! Da musste ich doch etwas tun. Jemanden aus Caleida zu uns zu holen, der unerschrocken ist und sich mit Gefahren auskennt, hielt ich für das einzig Richtige! Also habe ich mir LIBRA genommen und darin nach den Worten gesucht, die mir den Weg weisen würden. So kam ich zu dir, Alexander, in deine Welt und holte dich in meine, nach Lusakata!«
Alexander wurde ganz anders zumute. »Das war aber doch zu einer vollkommen anderen Zeit, Mattis! Damals herrschte Krieg, doch nun ist es friedlich dort, wo ich herkomme! Ich habe also nicht den blassesten Schimmer, wie ich euch helfen kann. Ich bin kein Held, sondern nur ein Junge und kein besonders mutiger dazu! Ich möchte nur eines - heim!«
Jogasch sah Mattis an, der betreten zu Boden schaute und legte seine Pfeife auf den Tisch.
Dann wandte er sich Alexander zu und sprach mitfühlend: »Mein lieber Junge, es tut mir sehr leid, aber ganz offensichtlich hat Mattis das Kapitel über den Zauber, dessen er sich bedient hat, wohl sehr oberflächlich gelesen. Hätte er dieses etwas gewissenhafter getan, dann wäre ihm sicherlich bewusst gewesen, dass die Grenze nur eine bestimmte Zeit geöffnet bleibt. Danach ist sie für 60 Monde geschlossen! Es sind die Elemente, die dies bestimmen: Wega, die das Wasser befehligt, Oxya, die die Winde strömen lässt, Ferex, die das Feuer bändigt und zu guter Letzt Galania, die über den Erdboden wacht und dich zu uns führte. Sie ermöglichen eine Verbindung und zwar auf ganz unterschiedliche Weise. Manches Mal zeigen sie sich als Wasserlauf oder Windstrom. Dann wiederum als Feuerkreis oder, wie in deinem Fall, als Erdloch. Sie sind es, die unser Land vor Gefahren schützen. So ist es und so muss es bleiben.«
Alexander verspürte einen Kloß im Hals. Fragend blickte er zu Jogasch: »Soll das etwa bedeuten, ich kann nicht zurück? Die Grenze ist doch noch geöffnet, oder?« Jogasch schüttelte mitfühlend den Kopf und erklärte: »Nachdem Mattis den Zauberspruch verwendet hat, verging viel Zeit - zu viel Zeit. Wie es aussieht, gibt es für dich im Moment kein Zurück. Du wirst wohl vorerst hier bleiben müssen.«
Alexander schluckte. »Wie lang sind 60 Monde?«, fragte er mit dünner Stimme.
Mattis ergriff das Wort. »Ziemlich lang«, antwortete er schuldbewusst. »So lange wie die ersten Blumen aus dem Schnee wachsen, die Sonne am Himmel länger steht, die Blätter fallen und der Schnee wiederkommt. So lang sind 60 Monde.«
Beginn und Neuanfang
Die Nacht hatte sich über Lusakata gelegt. Alexander spürte bleierne Müdigkeit.
Er lag auf einer Pritsche in Mattis‘ Zimmer und lauschte dessen gleichmäßigen Atemzügen. Die Ereignisse des Tages ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Heute Mittag war noch alles in bester Ordnung gewesen. Niemals hätte er gedacht, dass er am selben Tag der Kjerobande eins auswischen, um ein Haar lebendig begraben und dann noch in ein völlig fremdes Land gebracht werden würde. Und nicht zu vergessen, wäre da ja auch noch die Sachen mit den Verschwundenen.
»Alexander, bist du noch wach?«, flüsterte Mattis. Alexander bejahte leise.
»Weißt du, es tut mir leid, dass du hier bei uns in Lusakata festsitzt. Ich bin mir aber ganz sicher, dass ich das Richtige getan habe. Du wirst uns helfen, das weiß ich. Ein Gefühl tief in meinem Bauch sagt mir das. Und auf dieses Gefühl kann ich mich immer verlassen! Ich werde dir Lusakata zeigen, und du wirst sehen, es wird dir gefallen.«
Schwermütig entwich Alexander ein leiser Seufzer. Noch nie war er länger von zu Hause fort gewesen, ohne Bescheid zu sagen.
Doch er erinnerte sich an die aufmunternden Worte des alten Jogaschs: »Sorge dich nicht, mein Junge! Alles wird sich fügen, vertraue mir. Du wirst nicht oft an zu Hause denken, das ist gewiss!«
Die Worte verhallten in Alexanders Kopf. Seine Gedanken flogen mehr und mehr davon, bis sie so weit entfernt waren, dass er sie nicht mehr greifen konnte, und er schließlich einschlief.
In der Nacht träumte er von hohem Gras, in dem er hockte. Alles um ihn herum war in schwärzeste Dunkelheit getaucht. In der Ferne rief jemand seinen Namen, doch er konnte nicht antworten. Dann hörte er ein Wehklagen, und Stimmen riefen: »Alexander ist verschwunden, er ist nicht mehr da!« Und eine weitere Stimme flüsterte ihm zu: »Du bist fremd hier, kehr heim, kehr heim!«

Als Alexander am nächsten Morgen aufwachte, sah er Mattis, der neben ihm auf der Pritsche saß. »Na, du Langschläfer, heute ist es soweit! Heute werde ich dir Lusakata zeigen!«
Etwas träge rappelte sich Alexander auf und blickte in Richtung Fenster.
Die aufgehende Sonne schien ihm warm ins Gesicht. Der Himmel war klar und frei von Wolken. Alexander fühlte sich gut an diesem Morgen. Seine Neugierde auf Lusakata war geweckt, und die Zweifel vom Vorabend waren wie weggeblasen.
Onkel Jogasch stand vor dem Ofen und hantierte mit einem alten, gusseisernen Teekessel. Als er die Jungen sah, rief er gutgelaunt: »Guten Morgen, ihr zwei! Alexander, ich hoffe, du hast wohl geruht?« Alexander nickte noch etwas schläfrig.
Daraufhin hielt ihm der alte Mann einen dampfenden Becher mit heißem Tee unter die Nase.
»Hier, nimm einen Schluck, er wird dir den Schlaf aus den Gliedern treiben und deinen Geist beleben!« Dankend nahm Alexander den Becher mit dem angenehm duftenden Trank entgegen.
»Wo du schon dabei bist, von meinen Amarklößen musst du ebenfalls probieren. Sie sind mit Lorbeeröl beträufelt!«
»Gerne«, meinte Alexander und nahm einen Bissen davon. Auch Mattis konnte es kaum abwarten, etwas in seinen Bauch zu bekommen.
Mit dicken Backen schlang er Happen für Happen hinunter, als wäre dies seine letzte Mahlzeit.
Onkel Jogasch wandte sich Alexander zu: »Ach, bevor ich es vergesse, möchtest du mich heute zum Palast begleiten? Ich muss dort einige Bücher abgeben, um die ich mich in den vergangenen Tagen gekümmert habe.«
Alexander bekam leuchtend große Augen. »Oh, ja natürlich, wenn ich darf?«
»Und du, mein lieber Mattis, kannst in der Zwischenzeit die Dinge erledigen, um die ich dich schon vor Tagen gebeten hatte«, bemerkte Jogasch freundlich.
Mattis schien von dieser Idee wenig begeistert, stieß einige tiefe Seufzer aus und murmelte: »Ach, wie gern würde ich mit euch gehen! Wenn ich an all die Köstlichkeiten denke, die in der Palastküche zubereitet werden...«
Alexander kicherte und hob warnend den Zeigefinger: »Weißt du, Mattis, was meine Großmutter immer sagt? Sie sagt, wenn das Schwein am fettesten ist, hat es den Metzger am meisten zu fürchten!«
»Nun, dem ist gewiß nichts hinzuzufügen«, sprach Jogasch amüsiert, während er zu den Bücherregalen nebenan schlurfte und aus einer ungeordneten Ablage einige staubige Bücher herauszog.
»Ich bin soweit! Meinetwegen können wir jetzt aufbrechen«, bemerkte der Alte.
»Prima!«, rief Alexander begeistert.
»Ja, prima!« brummelte Mattis.
»So soll es denn sein!«, verkündete Onkel Jogasch und entledigte sich seiner Pantoffeln, indem er einen kurzen Hüpfer tat. Dann eilte er in großen Schritten zur Tür und schlüpfte aus einer gekonnten Drehung heraus in ein Paar feste Schuhe hinein.
Unter den krächzenden Rufen Kokobals: »Auf Wiedersehen…, auf Wiedersehen!«, verließen die drei das Haus.
Sie nahmen den gleichen Weg, den Alexander mit Mattis am Tag zuvor gegangen war. Das Licht der Sonne fiel in zarten Strahlen durch die Kronen der Bäume, die frisch begrünt den Weg säumten. Die Häuser, an denen sie vorbeispazierten, wirkten hell und einladend. Alexander fand, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts darauf hindeutete, dass hier etwas Bedrohliches vor sich ging.
Schon bald bogen sie in eine der Gassen ein, die in die Stadt führte. Hier trennten sich Jogasch und Alexander von Mattis. Je näher sie dem Marktplatz kamen, desto lebhafter wurde es. Holzlatten wurden herbeigeschleppt sowie große Körbe voll Obst und Gemüse. Einige Bewohner standen in Gruppen und gestikulierten wild. Andere hingegen sägten und hämmerten Hölzer zusammen. Wieder andere schnitten farbenprächtige Stoffe zurecht.
Alexander sah das bunte Treiben und fand, dass die Bewohner Lusakatas keinesfalls traurig wirkten. Ganz im Gegenteil, sie schienen sich auf das bevorstehende Fest zu freuen.
»Herr Jogasch, wie kann es denn nur sein, dass jeder hier so fröhlich ist? Ist ihnen denn nicht bewusst, was in Lusakata vor sich geht?«, fragte Alexander erstaunt. Der alte Mann hielt inne und überlegte kurz.
Nachdenklich antwortete er: »Es ist nicht so, dass alle die ganze Zeit trauern. Vielen ist der Ernst der Lage nicht bewusst, weißt du. Sie glauben, dass nichts in Lusakata verloren geht. Andere dagegen haben das Verschwinden der Leute erst gar nicht bemerkt. Es werden ja auch nicht plötzlich von einem Tag auf den anderen gleich ein Dutzend Bewohner vermisst. Und nicht alle von ihnen stammen aus der Stadt. Sie kommen aus den umliegenden Gegenden, dem Südlich, dem Nördlich, dem Östlich und auch dem Westlich. Allerdings wird gegenwärtig mehr getuschelt als sonst, und auch die Blicke der Leute sind nicht mehr so offen und vertrauensvoll wie früher. Aber das bevorstehende Fest für die Prinzessin ist wirklich ein Grund zur Freude, du wirst schon sehen!«
Jogasch lachte fröhlich, als gäbe es keine Sorgen und Nöte.
»Guten Tag, Zauberer Jogasch!«, rief eine Frauenstimme.
»Ja schau, wen sehe ich da, Toleija Sari!«, begrüßte Jogasch eine junge Frau von schlanker Gestalt. Ihr auffallend helles Haar trug sie zu einem kunstvoll gebundenen Zopf, der ihr locker über die Schulter fiel. Alexander war fasziniert von den Augen der Fremden, sie waren bernsteinfarben und hatten etwas Katzenartiges.
»Sag nur, liebe Toleija, wirst du auf dem Fest für uns auf deiner Rubebe spielen?«, wollte Jogasch wissen.
»Natürlich werde ich das!«, antwortete sie strahlend. »All die vielen Melodien, die meine Träume mir so wunderbar in unzähligen Nächten sangen, dürfen doch nicht ungehört bleiben!«
Plötzlich fiel ihr Blick auf Alexander, der bis dahin versucht hatte, sich so unauffällig wie möglich im Hintergrund zu halten. Neugierig betrachtete Toleija ihn und fragte: »Hallo, wen haben wir denn da?«
Noch bevor Alexander auf diese Frage antworten konnte, ergriff Jogasch schnell das Wort: »Das ist Alexander, Alexander Turius, er kommt aus dem Nördlich. Er ist ein Freund von Mattis, und sie werden beide von Meister Jengus unterrichtet. Er bleibt eine Weile bei uns zu Besuch.«
»Sehr erfreut, Alexander. Sage mir, bist du interessiert an der Musik? Hm, lass doch mal sehen, vielleicht schlummern ja verborgene Melodien in dir!« Anmutig umkreiste Toleija den Jungen und musterte ihn dabei eindringlich. Nach einem kurzen Augenblick fragte sie ihn schließlich: »Was meinst du, soll ich dir zeigen, wie man sie einfängt?«
»Ich..., äh..., ich weiß noch nicht, vielleicht später?«, stammelte Alexander verunsichert.
Jogasch ergriff wieder das Wort: »Sei uns nicht böse, Toleija, aber wir müssen jetzt weiter. Über dein großzügiges Angebot wird Alexander gewiss nachdenken.« Er hob die Hand zum Abschied und schob Alexander voran.
»Zugegeben, sie ist schon etwas besonders, in Acht nehmen musst du dich vor ihr aber nicht«, flüsterte Jogasch hinter vorgehaltener Hand.
»Die Musik ist ihr Ein und Alles. Wenn sie auf der Rubebe spielt, dann ist es, als sängen Himmelswesen. Wunderbare Töne kann sie ihrem Instrument entlocken, und die Melodien findet sie in ihren Träumen«, schwärmte Jogasch. Dann ermahnte er Alexander mit ernster Stimme: »Du weißt nun um deinen Namen, und woher du kommst. So vermeiden wir unnötiges Aufsehen.«
Alexander nickte. Etwas schien ihn jedoch zu beschäftigen. »Herr Jogasch - warum hat Toleija Sari Sie einen Zauberer genannt?«
Der alte Mann schmunzelte. »Nun, weil ich doch einer bin«, antwortete er. »Viel wichtiger für dich ist es allerdings zu wissen, wer du von nun an bist!«
Alexander staunte nicht schlecht. Nie hätte er auch nur im Traum daran gedacht, irgendwann einmal einen echten Zauberer zu treffen. Was für eine Neuigkeit! Je länger er aber darüber nachdachte, desto mehr Fragen hatte er auch.
»Zaubern ist sicherlich eine sehr spannende Aufgabe, Herr Jogasch. Doch warum über Bücher wachen, Melodien in Träumen finden oder andere seltsame Tätigkeiten ausüben? Bei uns zu Hause machen die Berufe einen Sinn, sie sind wichtig für unser Leben. Es gibt Handwerker, Apotheker, Straßenarbeiter... «
Erwartungsvoll schaute Alexander den Alten an. Der lächelte und antwortete: »Auch hier macht alles, was wir tun, einen Sinn. Unser Aljetra ist es, das dafür sorgt. Es ist so etwas wie ein verborgenes Talent, das in jedem von uns schlummert. Es wartet nur darauf, entdeckt zu werden. Hat ein Kind sein Aljetra erst einmal gefunden, so wird es dieses sorgsam entwickeln und mit viel Leidenschaft versuchen, es immer weiter zu vervollkommnen. Es kann kaum etwas Besseres geben, als genau das zu tun, was einem besonders liegt und wofür man sich begeistert, nicht wahr?«
Jogasch hielt kurz inne und nickte in Richtung eines Mannes, der damit beschäftigt war, ein Seil an einer Fahne auszutauschen.
»Das ist übrigens Meister Jengus. Er ist Seilbinder und fertigt alle Arten von Zug- und Klettergeschirr an. Dafür benötigt er vor allem Ausdauer und Fingerfertigkeit. Diese Fähigkeiten können Kinder bei ihm lernen. Und alles, was ein Kind lernt, hilft ihm, dem eigenen Aljetra ein Stück näher zu kommen. Für uns Ältere ist es immer eine große Freude zu beobachten, wie die Kinder ihre Begabung entdecken. Denn jede neu entwickelte Fähigkeit eines Einzelnen ist zugleich eine Bereicherung für uns alle - vielleicht nicht immer auf den ersten Blick, da gebe ich dir recht, Alexander, doch am Ende fügt sich alles zu einem großen Ganzen - das ist das Geheimnis des Lebens hier in Lusakata.«
Die Worte des alten Mannes klangen noch eine Weile in Alexanders Ohren nach.
Irgendwie ergab das Sinn und fühlte sich richtig an. Doch im Leben kann man sich nicht alles aussuchen - das jedenfalls war die Ansicht der Erwachsenen in seiner Welt.
»Gibt es nicht auch Aufgaben hier, die niemand gerne erledigt, obwohl sie wichtig wären?«, wollte Alexander wissen.
Der Zauberer nickte kurz und antwortete: »Sicher doch, da hast du wohl recht! Vor einigen Jahren gab es niemanden mit der Leidenschaft für die Braukunst. So geschah es, dass 70 Monde lang kein Hopfengetränk gebraut wurde. Das waren schwere Zeiten, denn oft habe ich diesen angenehmen Trank schmerzlich vermisst. Aber es nutzte ja nichts. In solchen Situationen müssen wir einfach Geduld haben, bis wieder jemand kommt, der die notwendigen Fähigkeiten und die Begeisterung mit sich bringt. Schließlich soll es ja auch schmecken, nicht wahr?«
»Weiß nicht«, antwortete Alexander.
Sie gingen weiter und folgten dem Fluss, der sich behäbig durch die Stadt in Richtung des Palastes schlängelte.
Dann passierten sie eine prachtvoll gearbeitete Brücke, die bogenförmig in das Innere der Palastmauern führte. Zwei Männer kamen ihnen entgegen.
»Schau nur, dort kommen Tokull und Roschka«, stellte Jogasch erfreut fest. »Die beiden sind Brüder und verstehen sich außerordentlich auf dem Gebiet der Farbenkunst! Ihre Bilder verzaubern jeden, und die Prinzessin gehört zu ihren größten Bewunderern.«
Alexander nahm beide in Augenschein. Die langen, braunen Haare der Männer schwangen verwegen im Rhythmus ihres Ganges, während ihre durchdringenden, fast schwarzen Augen befremdlich, aber fesselnd zugleich wirkten.
Tokull war der redselige, Roschka der eher ruhige und ernster wirkende von beiden.
»Ich grüße Euch, Meister Jogasch!«, rief Tokull erfreut.
»So tue ich es denn auch!«, antwortete Jogasch.
»Darf ich vorstellen, Alexander, das sind Tokull und Roschka, die beiden größten Farb- und Formschöpfer weit und breit!«
»Nun, wenn Ihr es sagt, Meister Jogasch. Tatsächlich hat Roschka erst kürzlich wieder einen völlig neuen Farbton entdeckt!«, merkte Tokull stolz an.
»Das ist ja kaum zu glauben! Ich staune immer wieder, wie ihr es schafft, eine neue Farbschattierung ins Licht zu holen, die wir sonst nie zu Gesicht bekommen hätten. Fabelhaft ist das!«, kommentierte Jogasch begeistert.
Alexander sah zu Roschka hinüber. Dieser wirkte missmutig und schien im Augenblick auch kein Interesse an einer Unterhaltung zu haben.
Da bemerkte Alexander einen schwarzen Stoffzipfel, der seitlich aus seiner ledernden Umhängetasche hing.
»Reesa hat mir davon erzählt. Schlimme Geschichte, wirklich schlimm!«, klagte Tokull und rang dabei um Fassung. »Wenn ich das Untier nur zu packen bekäme, das unsere lieben Männer und Frauen raubt!«, ereiferte er sich weiter.
Da wandte sich Roschka seinem Bruder zu und bemerkte mürrisch: »Woher willst du wissen, dass es ein Tier ist? Vielleicht geschieht hier ja etwas ganz anderes!«
Während er das sagte, schaute er Alexander zum ersten Mal direkt in die Augen. Erschrocken blickte Alexander zur Seite.
Glücklicherweise ergriff in diesem Augenblick Jogasch das Wort: »Nun, wie auch immer, die Zukunft wird zeigen, was mit Lusakata geschieht. Wir müssen noch ein paar Schriftwerke zurück in die königliche Bibliothek bringen, die Zeit drängt! Lasst es euch wohl ergehen und auf Wiedersehen!«
Ehe sich Alexander versah, hatte Jogasch den beiden Brüdern auch schon den Rücken zugekehrt und eilte davon. Alexander musste sich sputen, denn Jogasch wartete nicht.

Es war bereits früher Nachmittag, als die beiden wieder heimkehrten.
Draußen war ein Unwetter aufgezogen. Dicke Regentropfen fielen vom Himmel herab. Nass bis auf die Haut betraten Alexander und Onkel Jogasch die Stube. Das Feuer im Kamin knisterte leise. Hin und wieder sprang zischend ein Funke daraus hervor.
Mattis hatte es sich in einem Sessel in der Wohnstube gemütlich gemacht.
»Da seid ihr ja endlich!«, rief er. »Und, Alexander, sag schon, wie hat es dir gefallen?«
Schlotternd trat Alexander näher an den Kamin heran und wärmte sich am Feuer. Ungeduldig fragte Mattis nach: »Und? Komm schon, erzähl!«
»Es war einfach klasse!«, begann Alexander seine Schilderung.
»Der Wasserfall im Palasteingang - so etwas habe ich noch nie gesehen! Und das Kuppelzimmer! Von dort aus soll man nachts den besten Blick auf die Sterne haben!«
»Ja, ja, weiß ich doch!«, fiel Mattis ihm ins Wort.
»Hast du Raja gesehen?«, löcherte er Alexander ungeduldig.
»Raja, die Prinzessin? Nein, die war nicht dort«, antwortete er ihm.
»Und das Beste von allem? Seid ihr auch in der Palastküche gewesen? Blaubeerpudding, Vanilleeis und kleine Birnenküchlein, Mandelkrapfen und Säfte aus den erlesensten Früchten gibt es dort zum Naschen!« Mattis rückte sich im Sessel zurecht und wartete mit weit aufgerissenen Augen auf eine Antwort.
»Nein, dort waren wir nicht, dafür aber in der Palastbibliothek«, entgegnete ihm Alexander.
»Hast du LIBRA gesehen?«, bohrte Mattis nach. »Nein. Aber denk nur, dein Onkel hat dort Bücher von einem Ort zum anderen bewegt, ohne sie überhaupt nur zu berühren! Er musste lediglich auf eines in den Regalen zeigen, und schon kam es herbeigeschwebt. Wie wild begann es, in seinen Seiten zu blättern. Als er dem Buch dann zunickte, stoppte es sofort, und er konnte in Ruhe darin lesen - unglaublich, oder?«, erläuterte Alexander fasziniert.
Mattis gähnte laut.
Für einen kurzen Augenblick drang ein kleiner Sonnenstrahl durch das Fenster und landete auf seinem Gesicht. Er musste blinzeln.
»Ach ja«, fuhr Alexander fort, »dann begegneten wir noch dem Magier Kigur und Arnas, dem krüppeligen Palastdiener. Der war vielleicht unheimlich, sage ich dir - egal, wohin mich dein Onkel im Palast auch führte, Arnas war jedes Mal vor uns dort!«
»Wie du siehst, ist der Palast ein bemerkenswerter Ort, nicht wahr, Alexander?«, fügte Jogasch bedeutsam an. Dann ging er zum Fenster und blickte hinaus. Es hatte aufgehört zu regnen. Nachdenklich strich sich der alte Mann über seinen grauen Bart.
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