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Mitra Devi
DER BLUTSFEIND
Mitra Devi
DER BLUTSFEIND
Nora Tabanis fünfter Fall
Appenzeller Verlag
Die Autorin dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia
für die grosszügige Förderung ihrer Arbeit an diesem Buch.

1. Auflage, 2012
© Appenzeller Verlag, CH-9101 Herisau
Alle Rechte der Verbreitung,
auch durch Film, Radio und Fernsehen,
fotomechanische Wiedergabe,
Tonträger, elektronische Datenträger und
auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Eliane Ottiger
Umschlagbild: Bea Huwiler
ISBN eBook: 978-3-85882-647-3
ISBN Buch: 978-3-85882-636-7
www.appenzellerverlag.ch
eBook-Herstellung und Auslieferung:
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07.00
Als der Wecker schrillte, griff Parker nach seiner Pistole.
Der durchdringende Ton bohrte sich in seine Ohren und machte ihn schlagartig wach. Er setzte sich auf, schwang seine Füsse aus dem Bett und klatschte sie aufs Parkett.
Er starrte auf die Taurus in seiner Faust. Es war das PT908-Modell. 9 Millimeter Para-Kaliber, schwarz und schwer. Nick, der Typ, von dem er die Knarre hatte, hatte seine Ex damit umlegen wollen, eine Irre, die ihn mit ihrer Eifersucht in den Wahnsinn getrieben habe, wie er sagte. Nick hatte ihr in den Kopf geschossen. Sie hatte überlebt und vegetierte in einem Heim vor sich hin, während er mehrere Jahre wegen versuchten Mordes gesessen hatte. Die Waffe sei verflucht, behauptete Nick. Parker hatte sie fast umsonst gekriegt. Er glaubte nicht an verfluchte Waffen. Auch nicht ans Schicksal oder an Gerechtigkeit. Das ganze Leben war nichts als absolute Willkür. Bis jetzt hatte er, verdammt nochmal, mehr als genug Pech gehabt. Irgendwann musste sich das Ganze zum Besseren wenden.
Nein, nicht irgendwann. Heute.
Er drückte den Sicherungshebel der Taurus nach unten und löste das Magazin aus dem Schaft. Es glitt in seine Hand. Er drehte es, nahm den metallischen Geruch wahr, fühlte die Macht, die die Waffe ihm gab. Neun Kugeln. Neunmal die Möglichkeit, jemanden auszulöschen. Nicht, dass es bei seinem Plan darum ging, möglichst viele Leute kaltzumachen. Aber wenn er gezwungen würde zu töten, würde er es tun.
Er schob das Magazin zurück. Klickend rastete es ein. Dann zog er den Schlitten am Lauf ruckartig nach hinten. Die Pistole war schussbereit. Er drehte sich um und zielte auf den Spiegel an der Wand. Die Mündung war auf seine Stirn gerichtet.
«Peng», sagte er.
Er betrachtete sich selbst, den athletischen Mann Mitte dreissig in glänzenden Boxershorts. Drei Narben zeichneten seinen Körper. Die hässlichste, ein dunkelroter Wulst, der sich über die rechte Schulter zog, stammte vom Feuerhaken seines Vaters, mit dem dieser ihn traktiert hatte. Die zweite Narbe – quer über dem Fuss – war das Überbleibsel einer Verletzung, die Parker sich beim Fluchtversuch aus der mexikanischen Strafanstalt «San Miguel José Cristóbal de Alcázar» zugezogen hatte. Die dritte hatte er sich selbst zugefügt. Die feine Linie, die vom Handgelenk bis fast zur Armbeuge reichte, war kaum mehr zu sehen. Gillette extra sharp – fuhr durch Fleisch wie durch Butter. Parker war in letzter Minute gefunden und der klaffende Schnitt mit zwanzig Stichen genäht worden.
Noch immer richtete er die Waffe auf sein Spiegelbild. Auf seiner Brust glänzte ein Schweissfilm. Bizeps und Trizeps zeichneten sich deutlich ab. Kein Fett, alles Muskeln, durch jahrelanges Training aufgebaut. Parker fixierte seine dunklen, dichten Haare, die braunen Augen, blieb an den zusammengekniffenen Brauen hängen, die ihm ein diabolisches Aussehen hätten verleihen sollen.
Taten sie aber nicht.
Andere konnte Parker täuschen, sich selbst nicht. Andere sahen Gefahr und Grausamkeit in seinem Blick. Parker sah Schmerz. Sah Tausende von Erniedrigungen, die ihre Spuren hinterlassen hatten. Und hasste sich dafür.
Er liess den Arm sinken, sicherte die Waffe und legte sie auf die Matratze. Erst dann stellte er den Wecker ab.
07:51
Vorsichtig hielt Nora Tabani die Heuschrecke zwischen Zeigefinger und Daumen, um sie nicht zu verletzen. Was unsinnig war. In wenigen Sekunden wäre das Insekt in einem gierigen Rachen verschwunden. Es zappelte mit seinen giftgrünen Beinchen und hatte hoffentlich keine Ahnung, was auf es zukam. Hätte Nora einen Hund oder eine Katze besessen, hätte sie mit gutem Gewissen eine Futterdose öffnen können, und der Inhalt wäre tot gewesen. Doch sie nannte ein verwöhntes Chamäleon ihr Eigen, das seit neuestem darauf bestand, seine Nahrung lebendig zu verspeisen. Zuerst hatte sie auf seine Macke nicht eingehen wollen, doch dann war ihr nichts anderes übriggeblieben, als nachzugeben, denn Gregor hatte angefangen zu kränkeln.
Das schillernde Reptil hob den Blick, als sie den Terrariumdeckel zur Seite schob. Sie setzte die Heuschrecke auf ein Rindenstück neben dem Wassertrog.
«Hier, mein Kleiner», gurrte Nora, «dein Frühstück.»
Dass sie für ihn je etwas anderes sein würde als eine Fütterungsmaschine, glaubte sie nicht mehr. Sie hatte alles versucht. Leises Zureden, exotische Delikatessen, eine wärmere Temperatur. Einmal hatte sie sogar homöopathische Globuli, welche die Kommunikation zwischen Tier und Mensch fördern sollten, unter sein Fressen gemischt – es hatte nichts genützt. Ihr Chamäleon war und blieb verstockt.
In Sekundenschnelle schoss Gregors imposante Zunge aus seinem Maul und heftete sich an das Insekt. Dann zog er die Beute in seinen Schlund und sah Nora auffordernd an. Nora wiederholte die Prozedur mit drei weiteren armen Kreaturen, die sich Gregor ohne Anzeichen schlechten Gewissens einverleibte. Als er merkte, dass nichts mehr folgte, kletterte er auf seinen Lieblingsast und kehrte ihr das Hinterteil zu.
«Bitte, gern geschehen», sagte Nora.
Gregor enthielt sich einer Antwort, rollte seinen Schwanz ein und verfärbte sich blau.
Nora schloss das Terrarium.
Sie sah zum Bistrotischchen in ihrer Küche hinüber, wo neben einer angebissenen Tafel Schokolade und dem aufgeschlagenen «Züritipp» das Couvert lag, das sie gestern erhalten hatte. Es war nicht per Post gekommen, jemand hatte es in den Briefkasten gelegt. Ohne Marke, ohne Absender. Auf einer weissen Karte stand die Nachricht: «Ich möchte Sie engagieren. Treffen Sie mich morgen um 9 Uhr beim Hauptsitz der Zurich Credit Bank.»
Es kam immer wieder vor, dass sich ein potenzieller Klient nicht persönlich zu Nora traute und sich stattdessen anonym meldete. Entweder war die Sache so delikat, dass er nicht im Büro einer Privatdetektivin gesehen werden wollte, oder es war ihm wichtig, dass das Ganze von Anfang an nach seinen Regeln lief. Nora hatte nichts dagegen.
Sie arbeitete momentan an zwei kleineren Fällen, die nicht viel Zeit in Anspruch nahmen, und konnte einen neuen Auftrag gut gebrauchen. Vor allem die damit verbundenen Einnahmen. Nicht, dass sie am Hungertuch nagte, aber um ihre Finanzen war es nicht gerade rosig bestellt.
Der Hausbesitzer hatte die Miete von einem Tag auf den andern um 200 Franken erhöht und rechtfertigte dies mit irgendwelchen Reparaturarbeiten im Keller, von denen Nora nie etwas gesehen hatte. Sie hatte sich beim Mieterschutzverband beraten lassen und erfahren, dass sie gegen die Erhöhung vorgehen könnte. Doch auf einen monatelangen Streit hatte sie keine Lust, darum liess sie es bleiben. Zudem war es nur noch eine Frage der Zeit, bis allen Hausbewohnern gekündigt und auch dieses Gebäude, wie so viele andere im Zürcher Seefeldquartier, ausgehöhlt, renoviert und für den doppelten Betrag ausgeschrieben würde. Kürzlich hatten zwei Männer mit Messgeräten beim Eingang herumgestanden und danach Fotos von der Fassade gemacht. Nora hatte die Satzfetzen «dringend nötig» und «Bruchbude aufwerten» aufgeschnappt. An die statistisch verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit, in Zürich eine zahlbare Wohnung zu finden, durfte Nora gar nicht denken. Geschweige denn an den Umzugsstress.
«Das wird für dich auch schwierig werden», sagte sie zu ihrem Chamäleon. «Ein neues Heim, eine andere Aussicht und fremde Gerüche.»
Gregor umklammerte mit seinen Krallen einen dünnen Ast und richtete den Blick auf einen Punkt in der Ferne.
Nora zog ihre Lederjacke an, steckte das Handy ein und stieg von ihrem Mansardenzimmer zum Büro hinunter. Sie würde sich in einer halben Stunde zur Bank aufmachen und war gespannt, wer dort auf sie wartete. Als geborener Morgenmuffel war sie trotz der zwei Tassen Kaffee, die sie intus hatte, müde, doch die Aussicht auf einen neuen Fall belebte sie.
Im Treppenhaus roch es nach Nikotin, Haarspray und Färbemitteln. Gaby, die Coiffeuse vom Untergeschoss, lüftete ihren Salon wieder mal nicht übers offene Fenster, sondern ins Innere des Hauses. Der beissende Mief zog wie in einem Kamin die Stockwerke hoch. Die Friseurin und ihre Kundinnen rauchten Kette. Das hatte vor einer Weile zu beträchtlichen Unstimmigkeiten im Haus geführt. Um diese zu klären, hatte Nora sich geopfert und sich von Gaby die Haare wasserstoffblond färben lassen. Sie hatte geglaubt, beim gemütlichen Zusammensein mit ihr ins Gespräch zu kommen und die Wogen zu glätten.
Doch weder war es gemütlich gewesen, noch hatte sich irgendwas geglättet. Ausser ihrem Portemonnaie. Eisiges Schweigen hatte geherrscht, während sich das aggressive Bleichmittel unter der Wärmehaube in Noras Kopfhaut gefressen hatte. Das war über ein Jahr her, inzwischen waren ihre Haare wieder dunkel nachgewachsen, sie trug sie kurzgeschnitten mit widerspenstigen Strähnchen, die überall abstanden.
Sie kam im ersten Stock an und trat ins Detektivbüro, das aus drei Räumen bestand, wenn man den Eingangsbereich als Zimmer zählte. Zwei knallrote Sessel standen darin, auf denen die Klienten Platz nehmen konnten. Was bisher noch niemand getan hatte. Irgendetwas stimmte wohl mit der Farbintensität nicht. Im Brockenhaus «Tigel» gleich um die Ecke, in dem sie die Sessel gekauft hatte, hatten diese in dezentem Bordeaux überzeugt. Kaum im Büro aufgestellt, leuchteten sie aus unerfindlichen Gründen wie Feuerwehrautos.
Angrenzend lagen Noras Arbeitsraum mit dem überquellenden Schreibtisch, hell, gross, mit Blick zur Seefeldstrasse, und das kleine Eckbüro ihres Partners Jan Berger.
Um diese Zeit erwartete Nora, die Detektei leer vorzufinden. Doch Jan sass am Computer und schaute erstaunt hoch. «Nanu? Was sind denn das für neue Sitten, Chef? Leidest du an Schlaflosigkeit?»
Nora lehnte sich an den Türrahmen. «Bist du immer so früh im Stollen?»
«Seit du mich eingestellt hast, mit wenigen Ausnahmen», antwortete er mit unüberhörbarer Genugtuung in der Stimme. Erfreut fuhr er fort: «Weisst du, was für ein Tag heute ist?»
Nora gähnte ausgiebig. «Keine Ahnung.»
«Wir feiern ein rundes Jubiläum.»
«Ein rundes – tatsächlich? Ich dachte, wir arbeiten etwa anderthalb Jahre zusammen.»
«Es sind haargenau 541 Tage!» Seine Augen leuchteten. Als sie nicht reagierte, meinte er: «Klingelt bei dir nichts?»
Sie schüttelte begriffsstutzig den Kopf. «Was soll daran rund sein?»
«Chef! 541 ist eine Primzahl! Und zwar die Hundertste. Wenn das nicht was Besonderes ist! Ich finde, das sollten wir festlich begehen, was meinst du?»
Nora lachte ungläubig. «Ehrlich, Jan, manchmal kommst du mir vor wie ein Alien.»
«Wieso? Erkennst du denn die Schönheit von Primzahlen nicht?»
Sie setzte sich an ihr Pult und betrachtete das Durcheinander: «Ich erkenne die Schönheit von Kaffee an einem frühen Morgen.»
«Okay, ich hab den Wink verstanden.» Jan stand auf, ging in die Büroküche und kam bald darauf mit einer dampfenden Kanne zurück.
Nora rümpfte die Nase. «Das ist kein Kaffee.»
«Das ist Grüntee», gab er zurück. «Gesünder und besser fürs Oberstübchen. Ausserdem hattest du schon zwei Kaffee.»
«Warum weisst du das?»
«Weil ich dich kenne.»
08:14
Bashkim Rahmani band seine dunkelblaue Krawatte. Vor Aufregung hatte er fast die ganze Nacht nicht geschlafen. Heute war sein erster Arbeitstag bei der Zurich Credit Bank. Die Lehrabschlussprüfung hatte er mit guten Noten bestanden. Der Personalleiter der Bankfiliale am Stadtrand hätte ihn gern behalten. Doch Bashkim hatte anderes vor. In den Ferien hatte er sich in diversen Kursen weitergebildet und schon ein Jahr vorher unzählige Bewerbungen geschrieben. Die Absagen waren stapelweise hereingeflattert. Es lag an seinem Namen, das wusste er. Kosovo-Albaner rangierten in diesem Land auf dem hintersten Platz auf der Sympathieliste. Doch Bashkim hatte nicht aufgegeben, bis man ihm diesen Superjob angeboten hatte. Er konnte es kaum fassen.
Sein Vater war vor dem Balkankrieg als einfacher Saisonnier in die Schweiz gereist, hatte auf dem Bau gearbeitet und seinen Kindern klare Richtlinien mitgegeben. «Wir sind hier nur geduldet», hatte er oft gesagt. «Fallt nicht auf und arbeitet hart.» Die vier Geschwister hatten sich daran gehalten.
Bashkim war der Zweitgeborene. Sein älterer Bruder Florim war nach Pristina zurückgekehrt und hatte ein kleines Reisebüro eröffnet, seine jüngere Schwester Arjeta hatte es als Einzige ihrer Klasse ins Gymnasium geschafft, und der kleine Luan verblüffte seine Kindergärtnerin immer wieder mit seinem umfangreichen Wortschatz.
Bashkim zupfte sein weisses Hemd in Form, zog den dunklen Anzug an und schlüpfte in die frischgeputzten Lederschuhe. Er machte eine halbe Drehung und begutachtete die Bügelfalte seiner Hose. Er wirkte erwachsen. In den nächsten Tagen würde er sein Zimmer der neuen Situation anpassen. Das «Pirates of the Caribbean»-Poster kam in den Abfall, ebenso der Setzkasten mit den bunten Traktoren drin, die er seit seiner Kindheit angehäuft hatte. Dafür war er inzwischen zu alt. Die Dübellöcher des Sammelgestells würde er zuspachteln, vielleicht sogar die Wände frisch streichen. Von seinem ersten Lohn wollte er sich ein Bild kaufen. Eine Schwarzweissfotografie, die er einmal in einer Ausstellung gesehen hatte. Sie zeigte einen Kran, der hoch über die Häuser von New York ragte, und ein Dutzend Arbeiter, die darauf sassen und in schwindelerregender Höhe zu Mittag assen. Das Bild war ziemlich berühmt, das wusste er. Er wollte in eine Galerie gehen und es professionell rahmen lassen, damit es richtig zur Geltung käme.
Bashkim riss sich aus den Gedanken. Er musste präsent sein für das, was ihn heute erwartete. Vater war bereits bei der Arbeit, seine Schwester in der Schule, und der Kleine schlief noch. Mutter stand in der Küche und bereitete sein Frühstück vor. Der Duft von gebratenem Teig stieg ihm in die Nase.
In einer Dreiviertelstunde würde er den Dienst am Bankschalter antreten. Er hätte nicht nur hinter den Kulissen mit Zahlen, Renditen und Zinssätzen zu tun, sondern würde an der Front Kunden begegnen. Er freute sich sehr darauf. Kommunikation und Beratung entsprachen ihm. Immer wieder hatte er gehört, wie umgänglich und höflich er sei.
Frau Zink, die er bereits kennengelernt hatte, würde ihn langsam in sein neues Metier einarbeiten. Und er gäbe sich Mühe und stiege die Karriereleiter hoch. Irgendwann wäre er derjenige, der die Lehrabgänger einarbeitete. Er täte es freundlich und verständnisvoll, gäbe ihnen aber Werte wie Ordnung und Disziplin weiter, die ihm vermittelt worden waren. Und irgendwann wären die Sprüche, die er während seiner Kindheit hatte ertragen müssen, von denen «Scheiss-Albaner» noch der Harmloseste war, von seiner Seele getilgt.
«Essen, Bashkim!», rief seine Mutter aus der Küche.
«Ich komme, Mam.»
Er war fertig mit seiner Garderobe, sah aus wie aus dem Ei gepellt, wie jemand, den man ernst nehmen musste. Er trat in die Küche und setzte sich an den Tisch. Seine Mutter war dabei, die Petla im heissen Öl zu braten. Sie dufteten unwiderstehlich. Als sie auf beiden Seiten goldgelb waren, schaufelte sie die Rauten aus Teig mit einer Holzkelle aus der Pfanne und legte sie auf seinen Teller. Sie gab Fetakäse, in Streifen geschnittene Peperoni, Tomatenschnitze und Gurkenscheiben dazu.
«Ju bëftë mirë!», sagte sie.
Bashkim wünschte ihr auch einen guten Appetit wie jeden Morgen, obwohl sie nie frühstückte. Er nahm ihre Befangenheit wahr. Ob er ihr in seinem Anzug fremd vorkam? Daran würde sie sich gewöhnen müssen.
Eigentlich hatte er geglaubt, vor lauter Nervosität keinen Bissen runterzukriegen, doch plötzlich merkte er, dass er einen Mordshunger hatte. Er verschlang die heissen Petla und trank zwei Tassen Tee dazu. Als sein Teller leer war, wischte er sich mit der Serviette die Ölreste vom Mund und stand auf. Er trug das Geschirr zum Waschbecken, spülte es ab und stellte es auf das Abtropfgitter. Seine Mutter beobachtete ihn, das spürte er. Verstohlen wischte sie sich eine Träne aus den Augen. Bashkim versuchte, cool zu bleiben.
Plötzlich umarmte sie ihn ungestüm. Ein paar Sekunden liess er es geschehen, dann murmelte er: «Du kannst mich loslassen, Mam, ich gehe nicht auf eine Weltreise.»
Sie trat etwas zurück und betrachtete ihn so lange, dass es ihm unangenehm wurde. «Der Schritt, den du heute tust, ist viel bedeutender als eine Weltreise.» Sie strich ihm über den Kopf.
«Mam, ich bin kein kleines Kind mehr!»
Sie lächelte und gab ihm einen Klaps. «Geh jetzt, damit du beizeiten in der Bank bist.»
«Es ist noch viel zu früh.»
«Besser zu früh als zu spät.»
Auch so eine Sache. Das mit der Pünktlichkeit. Bashkim kannte keinen Schweizer, der es in dieser Hinsicht mit der Familie Rahmani aufnehmen konnte. Sein Freund Shaban spottete oft, die Rahmanis hätten die Grenze der Überanpassung längst überschritten und bewegten sich gefährlich in Richtung Spiessigkeit. Doch Bashkim war das egal. Er hatte einen Job, und was für einen! Während Shaban für ein Taschengeld bei seinem Onkel in der Werkstatt aushalf und es wohl nie weiterbringen würde.
Bashkim Rahmani verliess das Haus, den Blick seiner Mutter im Rücken, und sein Puls ging schneller als sonst. Vor Aufregung, vor Vorfreude, vor Stolz.
08:29
«Hoppla», entfuhr es Greta Hollenstein, als sie auf dem Kopfsteinpflaster ausrutschte und um ein Haar stürzte. Im letzten Moment konnte sie das Gleichgewicht wieder finden.
«Glück gehabt, meine Liebe», murmelte sie.
Greta sprach ausgesprochen gern mit sich selbst. Es gab ihr das Gefühl, nicht allein zu sein, die eigene Stimme beruhigte sie und klang wohl in ihren Ohren.
Wacker schritt sie über den Lindenhof und die Strehlgasse hinunter. Es war bedeckt, der Wind trieb die Wolken von Westen her über die Stadt. Zwei Kirchturmuhren schlugen kurz hintereinander halb neun. Heute hatte ihre Schwester Mathilda Geburtstag. Greta hatte sich mit ihr zum Abendessen verabredet und wollte vorher noch einige Besorgungen in der Stadt machen und ein Geschenk für sie kaufen. Als begeisterte Donna-Leon-Leserin würde sich die Schwester über den neuen Venedig-Krimi freuen. Mathilda hatte ihre Flitterwochen in der Lagunenstadt verbracht und schwärmte immer noch – zwanzig Jahre, nachdem ihr Mann gestorben war – von den Gassen, Kanälen und den charmanten italienischen Gondolieri. Greta hatte Venedig nie gesehen und konnte mit den Krimis von Donna Leon nichts anfangen, sie las mit Vergnügen die nordischen Autoren. Die beiden Schwestern teilten nicht nur die Vorliebe für spannende Bücher, sondern vieles mehr. Sie hatten sich stets stark miteinander verbunden gefühlt und sich kaum je gestritten. Mathilda hatte akzeptiert, dass Greta die Ältere war und das Recht hatte, ihr hin und wieder etwas vorzuschreiben, und Greta hatte ihre Verantwortung ernst genommen und dafür gesorgt, dass Mathilda nach dem frühen Tod der Mutter eine Lehre als Schneiderin machen konnte.
Bei einem guten Glas Wein konnten sie immer noch über das Leben philosophieren wie in früheren Jahren. Greta hatte nie geheiratet und diese Tatsache kein einziges Mal bereut. Unabhängigkeit war ihr wichtiger gewesen. Als sie jung gewesen war, hatten die Mädchen ihre Freiheit oft zugunsten der Ehe aufgegeben und ein Leben geführt, das weit unter ihren Möglichkeiten lag. Greta war Lehrerin geworden. Bis zu ihrer Pensionierung hatte sie im Schulhaus «Waidhalde» die Oberstufe unterrichtet. Das war nun auch schon mehr als fünfzehn Jahre her. Heute wurde Mathilda achtundsiebzig, und sie, Greta, feierte in zwei Monaten ihren achtzigsten Geburtstag.
Sie war noch immer gut zu Fuss und machte jeden Tag einen stündigen Spaziergang dem See entlang. Auch bei Regen. Dann hüllte sie sich jeweils in ihre Allwetterjacke «South Pole Extra Condition», die sie ein Vermögen gekostet hatte, und die, wie ihr der Verkäufer eifrig versichert hatte, auch für antarktische Temperaturen geeignet war. Doch heute regnete es nicht. Greta hatte ihre weinrote Jacke angezogen und ein lila Halstuch dazu gewählt. Ihre grauen Haare waren noch immer dicht, und die dünne, goldumrandete Brille passte gut dazu.
Greta kam zur St. Peterhofstatt, wo auf der grünen Holzbank, die rings um den dickstämmigen Laubbaum verlief, ein Obdachloser übernachtete.
«Nanu», sagte sie.
Er schlief, sich der Form der Bank anpassend, auf ausgebreiteten Zeitungen. Neben ihm befand sich ein braungraues Stoffbündel, das wohl seine Habseligkeiten enthielt. Sein Brustkorb, auf dem der verfilzte Bart lag, hob und senkte sich regelmässig. Greta empfand Mitleid mit ihm. Ende September konnte es um die Mittagszeit noch recht warm werden, aber nachts fielen die Temperaturen in den einstelligen Bereich.
«Dich habe ich hier noch nie gesehen», flüsterte sie. «Das ist kein typischer Platz für Clochards.»
Sie blieb einen Moment stehen, dann ging sie zu dem Schlafenden hin. Als sie neben ihm stand und sein leises Schnarchen hörte, merkte sie, dass er streng roch. Nach Bier, Knoblauch und ungewaschenen Kleidern.
«Viel Speck hast du nicht auf den Rippen», überlegte sie laut.
Sie öffnete ihre Handtasche, nahm ein Fünffrankenstück hervor und legte es neben den Mann.
«Aber nicht für Alkohol.»
Greta Hollenstein ging die Schlüsselgasse hinunter. Sie hatte vor, Mathilda zum Essen in die «Kronenhalle» einzuladen. Dazu musste sie noch zur Zurich Credit Bank, um etwas Geld abzuheben.
08:42
Parker faltete den Plan zusammen und steckte ihn in die hintere Hosentasche. Er hatte ihn seit Wochen studiert. Er kannte die Haupthalle der Bank in- und auswendig. Die Anzahl Schalter und Besprechungsnischen für die grossen Transaktionen. Die Standorte der Überwachungskameras und der unsichtbaren Alarmauslöser. Er war vertraut mit der Treppe, die ins Untergeschoss zu den Safes führte, in denen die Reichen Schmuck und Gold aufbewahrten, das sie dem Steueramt verheimlichten.
Er wusste, wie viele Angestellte er im Erdgeschoss anträfe. Montagmorgen, kurz nach Türöffnung, waren es gerade mal drei. Schalter A bis C würden besetzt sein, Schalter D bis F erst zwei Stunden später geöffnet werden. Kunden hätte es um diese Zeit nicht mehr als ein halbes Dutzend, vielleicht weniger. In den oberen Stockwerken lagen die Büros, doch zu denen gelangte man nur durch die Tür im Nebengebäude. Die einzige wirkliche Schwierigkeit, auf die sie stossen würden, war der bewaffnete Sicherheitsmann links des Eingangs. Doch Parker und sein Kumpel Tony hatten die Situation unzählige Male durchgespielt. Sie wussten, in welcher Reihenfolge sie die Bank betreten würden, wer den Uniformierten ausschalten und wer die anderen in Schach halten würde. Montagmorgen war perfekt. Optimal für eine schnelle, unkomplizierte Aktion. Tony und er wären verschwunden, bevor die Tussi von Schalter C «Hilfe!» kreischen könnte. Er schätzte, das Ganze würde eine Sache von zwei Minuten werden.
Dennoch hatte Parker vorgesorgt. Auf Tony konnte er in dieser Beziehung nicht zählen. Der war zu einfach gestrickt, um sich einen Plan B auszudenken. «Knarre hoch, Kohle kassieren und weg!», das war Tonys Devise.
Konnte klappen, durchaus. Doch Parker wusste, dass die Dinge oft nicht so liefen, wie man wollte. Was, wenn einer der Kunden Widerstand leistete? Wenn die Schalter-C-Zicke die Bullen rief, ohne dass sie es merkten?
Zuerst hatten sie sich die Credit Suisse oder die UBS vornehmen wollen. Da mussten Millionen in allen Währungen rumliegen. Doch die Hauptsitze am Paradeplatz waren viel zu gross und zu gut gesichert. Daraufhin hatte Tony die Zürcher Kantonalbank vorgeschlagen. Parker hatte abgewinkt. Das Haus befand sich im Umbau. Gerüste waren aufgestellt, überall standen Maschinen und lagen Werkzeuge herum, die ganze Halle war ausgehöhlt und voller Gipsstaub. Der Betrieb wurde bis zum Bauende in einem Provisorium bei der Rentenanstalt weitergeführt, das Parker noch nicht hatte auskundschaften können.
Sie hatten sich für die Zurich Credit Bank entschieden. Die ZCB, vor kurzem noch direkt am Paradeplatz gelegen, war inzwischen eine Strasse weiter Richtung Limmat gezogen und befand sich nun an der Fraumünsterstrasse neben der «Old Fashion»-Bar, genau gegenüber dem Hintereingang der Fraumünsterpost. Die ZCB war kleiner, überschaubarer und bot bessere Möglichkeiten abzuhauen. Ihre beiden Motorräder hatten Parker und Tony schon gestern strategisch gut plaziert. So schnell konnten die Bullen gar nicht sein, wie Parker und sein Kumpel die Kohle abtransportieren, auf ihre Kawasakis springen und davonbrausen würden.
Parker zündete sich eine Zigarette an und rauchte mit tiefen Zügen. In diesem Moment vibrierte sein Handy. Er legte die Zigarette in den Aschenbecher und sah auf die Uhr. 8.45 Uhr. Tony meldete sich auf die Sekunde genau.
«Mach mich auf den Weg», lautete das SMS. «Bei dir alles in Ordnung, Frankenstein?»
«Alles ok, Dracula», schrieb Parker zurück.
Er schnürte seine schwarzen Sportschuhe. Von Kopf bis Fuss war er schwarz gekleidet. Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und trank einen grossen Schluck Multivitaminsaft aus dem Tetrapack. Dann schwang er seinen Rucksack über die Schulter, steckte die geladene Taurus in seinen hinteren Hosenbund und zog seine Jacke darüber. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Eines, von dem er wusste, wie stahlhart es auf andere wirkte.
08:47
Das 4er-Tram hielt am Bellevue, und Nora entschied sich spontan, doch noch eine Art Frühstück zu sich zu nehmen. Im «Belcafé» kaufte sie ein Käsebrötchen. Damit es besser hinunterrutschte, half sie mit Kaffee nach. Einen Moment tauchte Jan vor ihrem inneren Auge auf, der ob ihres exzessiven Kaffeegenusses seinen netten, rundlichen Kopf schüttelte und sich um ihre Gesundheit sorgte. Ohne ihn, der ihr immer wieder Salat und Gemüse unterjubelte, würde Nora – so behauptete er – an einem General-Vitamindefizit leiden. Was sich über kurz oder lang durch vermehrte Faltenbildung, frühzeitige Ergrauung und geistige Einbussen bemerkbar machen würde. Falten und graue Haare waren bestimmt frei erfunden, aber die geistigen Einbussen gaben Nora zu denken. Erst kürzlich hatte sie nach einem Wort gesucht, und es hatte ihr partout nicht einfallen wollen. Die Folgen eines Vitamin-B-Mangels? Oder erste Anzeichen von Altersdemenz? O.k., bei dem Wort hatte es sich um Chromosomenmutationsstruktur gehandelt, doch ihre Schwierigkeit, den Begriff auf Anhieb zu finden und ihn stattdessen mit «Dings» zu umschreiben, war kein gutes Zeichen. Ausserdem hatte sie vergessen, warum um alles in der Welt sie das Wort Chromosomenmutationsstruktur überhaupt hatte verwenden wollen.
Nun, sei’s drum. Sie trank den Kaffee aus, überquerte die Tramschienen und gelangte zur Quaibrücke. Der See war dunkel, fast unheimlich, der Wind blies kräftig in die Wellen. Vereinzelt lagen noch Nebelschleier über den Ufergemeinden. Ein Dutzend Schwäne schwamm um die mit Planen überdeckten Segelboote, die an den Bootsplätzen vor Anker lagen.
Nora bog am Bürkliplatz rechts ab, kam an der Frauenbadi vorbei und erinnerte sich an den Sommer, als sie sich zwischen plantschenden jüdischen Mädchen, verschleierten muslimischen Frauen und schnatternden Studentinnen in der Sonne geräkelt und in der Limmat abgekühlt hatte. Das schien so weit weg. Nach ihrem freiwilligen Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik «Seeblick» zwecks Aufklärung eines Mordfalles war es mit der Arbeit gleich weitergegangen. Die Aktivität hatte ihr geholfen, die Schrecken des Klinikerlebnisses etwas zu verarbeiten.
Kurz vor Türöffnung erreichte sie die Zurich Credit Bank. Ein Geschäftsmann wartete bereits vor dem Eingang und betrachtete die Werbung in den Schaufenstern, die höhere Zinsen, grosszügigere Kredite und bessere Anlegemöglichkeiten als die Konkurrenz versprach. Neben ihm stand eine junge Frau mit Rasta-Locken, fast noch ein Mädchen. Sie hielt einen struppigen, grossen Hund an der Leine. Die ZCB hatte die Finanzkrise vor ein paar Jahren nicht nur unbeschadet überstanden, sondern sogar davon profitiert. Viele enttäuschte Kleinkunden hatten ihrem Finanzinstitut, nachdem sie mit unseriösen Börsenempfehlungen um ihre Ersparnisse gebracht worden waren, den Rücken gekehrt und zur ZCB gewechselt. Nora hatte selbst ein Konto hier. Ob ihr zukünftiger Klient bei dieser Bank arbeitete? Vielleicht war er in Schulden verstrickt oder hatte beunruhigende Beobachtungen an seinem Arbeitsplatz gemacht.
Sie setzte sich auf die niedrige Steinmauer, in welche das Bankenlogo, ein roter Tiger im Sprung, in regelmässigen Abständen eingemeisselt war. Vom Paradeplatz her war das entfernte Quietschen der Trams zu hören. Abgesehen von einigen Büroleuten, die mit Aktenkoffern vorbeieilten, war es in der Fraumünsterstrasse ruhig.
Nora schaute auf die Uhr. Hatte der Geschäftsmann, der nervös neben ihr auf und ab ging und rauchte, sie hierher bestellt? Sie blickte ihn prüfend an, doch er schien in Gedanken versunken und schenkte ihr keine Beachtung. Vielleicht wurde sie drinnen empfangen.
Gleich würde die Bank öffnen.
Ein kühler Wind fegte über die Strasse. Dürres Laub wirbelte auf. Nora fröstelte.
Die andere Wartende, die junge Frau, hatte iPod-Stöpsel in den Ohren und bewegte ihren Kopf mit geschlossenen Augen im Takt der Musik. Sie schien direkt dem Woodstock-Festival entsprungen zu sein, trug einen bodenlangen rostroten Rock mit eingenähten Spiegelchen, die im Morgenlicht glitzerten, und einen orangen Pullover mit psychedelischen Mustern. Sie war von einer Sandelholz-Duftwolke umgeben. In ihre hennagefärbten Haarsträhnen hatte sie weisse Kaurimuscheln geflochten, und an jedem ihrer Finger steckte ein Ring. Sie blickte kurz in Noras Richtung, grinste ihr hanfselig zu, während ihr Hund ausgiebig seine Pfoten leckte. Nora nahm nicht an, dass sie die Auftraggeberin war.
Nun näherte sich eine ältere Dame mit lila Halstuch, die Handtasche mit festem Griff umklammert und leise mit sich selber plaudernd. Sie stellte sich zu den anderen Bankkunden. Als sie zu Nora hinübersah, lächelte sie.
Nora lächelte zurück.
Die Uhr der Fraumünsterkirche schlug neun.
Die Entriegelung klickte, ein Surren war zu hören, und das metallene Schutzgitter glitt hinauf. Als es oben eingerastet war, öffneten sich die zwei Glastüren nach beiden Seiten und gaben den Blick in die Schalterhalle frei, die ganz in schwarzem Marmor gehalten war. Der Geschäftsmann schnippte seine Zigarette auf den Boden, drängte sich an der jungen Hippie-Frau vorbei und sagte auf Hochdeutsch: «Lassen Sie mich mal durch, ich hab’s eilig!» Diese zuckte nachsichtig die Schultern, zog die Ohrstöpsel heraus und verstaute ihren iPod in der Rocktasche.
Die ältere Dame trippelte die Treppe hinauf und ermunterte sich mit einem fröhlichen: «Rein mit dir, meine Liebe.»
Nora betrat als Letzte die Bank. Der uniformierte Mann der Security, der beim Eingang stand, nickte ihr zu. Unzählige golden eingefasste Deckenleuchten spiegelten sich wie Sterne auf dem Marmorboden. Dieser roch nach Zitrus-Reinigungsmittel und schimmerte an einer Ecke noch feucht. Das Putzpersonal schien seine Arbeit soeben beendet zu haben. An der Rückwand, hinter den Schaltern, prangte das Bankenlogo in imposanter Grösse. Der rote Tiger aus eingelegtem Marmor sah so lebendig aus, als spränge er tatsächlich quer durch die Halle.
Zielstrebig steuerte der Geschäftsmann auf den linken Schalter A zu und wurde vom Angestellten mit «Guten Morgen, Herr Hagen» empfangen. Die Rasta-Frau schlenderte mit ihrem Hund zum mittleren Schalter B, der von einer tamilischen Bankangestellten mit langen, schwarzen Haaren bedient wurde. Die alte Dame stellte sich vor den Schalter C, wo eine spröde wirkende Mittvierzigerin mit blondem Pagenschnitt und ein junger Mann in schickem Anzug sie begrüssten. Wahrscheinlich ein Neuer und seine Vorgesetzte, dachte Nora.
Sie hatte erwartet, dass jemand sie zu sich winken oder sich sonstwie zu erkennen gäbe. Doch als niemand sie beachtete, setzte sie sich in einen der schwarzen Ledersessel auf der rechten Seite; von dort konnte sie die ganze Schalterhalle überblicken.
«Kommt gar nicht in Frage!», hörte sie Geschäftsmann Hagen ausstossen. «Das wäre ja ein Viertelprozent weniger! Machen Sie mir einen anderen Vorschlag.» Die Stimmen von Hagen und dem Angestellten klangen wieder gedämpfter.
Dann hörte Nora, wie die Rastalockige sagte: «Ich möchte mein Konto auflösen, mein ganzes.»
Die dunkelhaarige Schalterangestellte nickte, warf einen Blick auf den Computer: «Das wären dann 123 Franken.»
«Genau.»
Die Akustik in dem riesigen Raum war so gut, dass Nora nicht anders konnte, als auch noch den Rest mitanzuhören.
«Darf ich fragen», fuhr die Angestellte fort, «ob Sie mit unseren Dienstleistungen nicht zufrieden waren?»
«Doch, schon», gab die Rasta-Frau widerwillig zu. «Obwohl ich Ihre Bank nur gewählt habe, weil Hunde bei Ihnen erlaubt sind. Aber ich will nicht, dass mein Geld weiter in irgendwelche dubiosen Aktien investiert wird, was am Schluss zur Ausbeutung der Dritten Welt, zu Krieg und Waffenhandel führt. Und Hunger.» Sie holte tief Atem und tätschelte den Nacken ihres struppigen Hundes. «Und Armut.»
Nora lehnte sich zurück. Der Wachmann schaute gelangweilt auf die Strasse hinaus. Die Geschäfte an den Schaltern wurden abgewickelt, mehrstimmige Gesprächsfetzen waren zu hören. Nora nahm sich vor, eine halbe Stunde zu warten und dann den Rückzug anzutreten, falls ihr potenzieller Klient sich bis dann nicht gezeigt hatte.
Sie sah sich in der Halle um. Es war ein schönes Gebäude, sorgfältig renoviert, so dass der Charme des alten Baustils erhalten geblieben war; die modernen Materialien sorgten für einen zeitgemässen Eindruck. Auf einigen Chromstahlständern waren Informationsbroschüren ausgelegt. Dickblättrige Pflanzen, so grün, dass Nora nicht wusste, ob sie echt oder künstlich waren, ragten aus den Töpfen, die um die beiden Sitzgruppen standen. An den Wänden hingen mehrere Bilder. Obschon sie von verschiedenen Kunstschaffenden zu stammen schienen, strahlten sie alle eine ähnliche Atmosphäre aus. Es handelte sich bei allen um Naturbilder in Aquarell.
Sonjas Bild befand sich nicht darunter. Noras Mutter hatte während ihrer letzten Ausstellung etliche Bilder verkauft, darunter auch eines an die ZCB, doch anscheinend hing es in einem anderen Raum.
Nora schaute auf die grosse Wanduhr. Es war noch kaum Zeit vergangen, aber Warten machte sie ungeduldig. Konnte es sein, dass ihr Auftraggeber sie längst beobachtete? Vielleicht handelte es sich um eine äusserst heikle Angelegenheit, und wer auch immer die Absicht hegte, sie zu beauftragen, wollte sich vergewissern, dass Nora der Sache gewachsen war. Sicherheitshalber richtete sie sich auf, streckte den Rücken durch und versuchte, kompetent zu wirken.
Wer hatte sie in die Bank beordert? Der Wachmann? Unwahrscheinlich. Nora sah ihm zu, wie er gedankenverloren auf seiner Unterlippe herumkaute. Hagen, der deutsche Geschäftsmann? Der war noch immer in irgendeine Anlageberatung vertieft. Die Rastalockige schien weder das Geld noch das nötige Alter zu haben, um eine Detektivin anzuheuern, und die ältere Dame vermittelte den Eindruck, als käme sie mit ihren Problemen gut alleine zurecht. Gerade legte sie ihre Handtasche auf den Tresen, nahm ihre Geldbörse heraus und schob ein paar Scheine hinein.
Vielleicht hatte jemand vom Bankpersonal Nora hierher bestellt, um ihr den Auftrag am Schalter zu übermitteln. Aber an welchem? A, B oder C? Der Angestellte links war damit beschäftigt, Hagen zufrieden zu stellen, die tamilische Schalterangestellte in der Mitte war ganz in die Auflösung des 123fränkigen Kontos vertieft, und diejenige am rechten Schalter arbeitete den Neuling ein. Dieser allerdings schaute sich immer wieder um. Er schien alles in sich aufzusaugen, blickte zu Nora, zum Wachmann, zu den Kunden, dann wieder zu seiner Vorgesetzten, die ihm etwas erklärte. Nora schätzte ihn auf kaum zwanzig. Mit seinen dunklen Haaren mochte er Süditaliener oder Spanier sein oder aus dem Balkan stammen. Ob er Schwierigkeiten an seiner neuen Stelle hatte und Noras Hilfe brauchte?
Plötzlich riss er die Augen auf und starrte zum Eingang.
Nora fragte sich, was in ihn gefahren sein mochte. Dann wurde sie jäh aus ihren Gedanken gerissen.
Ein Schrei hallte durchs Gebäude.
Nora schnellte herum und bemerkte, wie der Wachmann eine ruckartige Bewegung machte.
Laute Schritte ertönten. Etwas Dunkles prallte gegen die Glastür, jemand fluchte. Zwei schwarz gekleidete Männer stürmten in die Bank. Der eine, ein athletischer Typ mit Rucksack, trug eine Frankenstein-Maske mit blutunterlaufenen Augen. Der andere war dünn und schlaksig, sein Gesicht wurde von einer Dracula-Maske mit spitzen Eckzähnen verdeckt. Das Ganze ging so schnell und wirkte so abstrus, dass Nora nervös herauslachte. Erst dachte sie an Halloween, dann an Filmaufnahmen.
Bis die beiden Männer ihre Pistolen zückten.
Und Nora die 9-Millimeter-Taurus erkannte.
Sie hielt den Atem an. In Fernsehkrimis war dies die Stelle, wo normalerweise geschrien und gekreischt wurde, doch hier herrschte Totenstille. Die Kunden und Angestellten waren erstarrt. Mit grossen Schritten preschten die Maskierten auf den Security-Mann zu. Dieser griff nach seiner Walther P22. Der eine riss sie ihm aus der Hand und schlug sie ihm auf den Kopf. Stöhnend sank der Uniformierte zu Boden. Der Mann mit der Frankensteinmaske schaute zu den Überwachungskameras hoch, feuerte mehrere Schüsse ab, bis alle zerstört waren. Dann lief er zur alten Dame und hielt ihr die Pistole an den Kopf. «Keiner bewegt sich! Sonst blas ich der Lady das Hirn aus dem Schädel! Kapiert?» Die Worte klangen gedämpft unter der Maske hervor.
Die Frau wurde bleich.
Die Rastalockige drückte ihren Hund an sich, der den Schwanz eingezogen hatte und sich hinter seinem Frauchen versteckte.
Frankenstein herrschte sie an: «Kapiert?»
Sie nickte.
«Du auch!» Er starrte Nora an. Nora sah durch die Maskenschlitze seine dunklen Augen. «Komm her! Sofort! Ich will euch alle im Blick haben! Stellt euch in eine Gruppe!» Er deutete mit der Pistole auf einen Punkt vor sich. Die Leute versammelten sich ängstlich. Nora schloss sich ihnen an.
«Okay. Keinem passiert was, wenn ihr ruhig bleibt. Das ist eine Sache von zwei Minuten.» Er überliess seinem Kumpanen das Bewachen der Gruppe und hechtete zum Schalter C, schwang sich über die Glastrennwand auf die andere Seite des Tresens. «Pfoten weg!», schrie er der blonden Angestellten zu, die anscheinend versucht hatte, den Alarmknopf zu drücken.
Die Frau verharrte reglos, ihr Blick ein einziges Entsetzen.
Nora starrte zum Ausgang.
«Denk gar nicht daran!», fuhr der Dracula-Kerl sie an.
Er scheuchte alle zusammen und befahl: «Legt euch hin!»
Als sie zögerten, schrie er: «Wird’s bald! Auf den Boden mit euch!»
Nora wünschte, sie hätte ihre Smith & Wesson dabei gehabt. Doch heute morgen hatte sie keinen Grund gehabt, die Pistole mitzunehmen. Sie legte sich auf den Bauch. Die anderen taten es ihr nach. Die ältere Dame brauchte etwas länger.
«Und jetzt die Arme auf den Hinterkopf! Na los!»
Die Kunden gehorchten.
Nora warf einen Blick zum Security-Mann. Um ihn hatte sich eine kleine Blutlache gebildet. Seine Augen waren geschlossen, doch er atmete. Dracula hielt seine Waffe in der Hand und steckte die des Sicherheitsmannes in seinen Hosenbund. Er stellte sich vor die Leute und zielte abwechselnd auf den einen, dann den anderen.
Währenddessen forderte Frankenstein alle drei Schalterangestellten auf, ihre Notenschubladen zu öffnen. Er nahm aus seinem Rucksack eine Sporttasche, entfaltete sie und zog den Reissverschluss auf. Der junge Angestellte von Schalter C nutzte die Gelegenheit, bewegte sich unauffällig zur Seite, als suche er den Notknopf.
«Du da!», fauchte Frankenstein. «Wie heisst du?»
Der andere zuckte zusammen und zog seine Hand zurück. «Bashkim Rahmani.»
Frankenstein drückte ihm die Pistole in die Wange. «Ein Albaner. Willst du den heutigen Tag überleben, Bashkim Rahmani?»
Dieser nickte.
«Dann beweg deinen Arsch zu den anderen und leg dich hin!»
Rahmani schielte auf den Lauf der Pistole, der sich in seine Haut bohrte, verliess den Schalterbereich durch einen Seitendurchgang und ging auf die Mitte der Schalterhalle zu.
«Runter mit dir!», empfing ihn Dracula und wies ihn an, sich neben die Rastalockige zu legen.
Rahmani tat es.
Der Hund winselte. Die Frau versuchte flüsternd, ihn zu beruhigen.
Nora spürte die Kälte des Bodens an ihrer Wange. Sie suchte Blickkontakt, erkannte die Angst in den Augen des Geschäftsmannes, die Empörung der alten Dame, den Trotz des jungen Albaners. Im Moment konnte sie nichts anderes tun, als die Anweisungen der Bankräuber zu befolgen. Es war nicht der Zeitpunkt für tollkühne Aktionen. Die Täter hatten kein Motiv, jemanden zu töten, da niemand ihre Gesichter gesehen hatte. Wenn sie Glück hatten, war das Ganze tatsächlich in zwei Minuten überstanden. Dennoch raste Noras Herz, und ihr Mund war staubtrocken. Sie wagte kaum zu atmen. Ein Gedankte drängte sich ihr auf: Wer war ihr Auftraggeber? Was wollte man von ihr? War dies ein unglaublicher Zufall, oder hatte ihr geplantes Treffen etwas mit diesem Bankraub zu tun?
Der Sicherheitsmann stöhnte und öffnete langsam ein Auge. Unbeholfen tastete er nach seinem Funkgerät. Dracula riss es aus seinem Gürtel und kickte es gegen die Wand, wo es zersplitterte. Der athletische Maskierte stiess die drei Schalterbeamten, nachdem die Geldschubladen offen waren, zur Gruppe und befahl ihnen, sich ebenfalls hinzulegen. Dann riss er ein Geldbündel nach dem anderen aus den Schubladen und stopfte sie in die Sporttasche.
Da griff der Schalter-A-Bankangestellte nach seinem Handy.
Dracula bemerkte es. «Her damit!»
«Entschuldigung», sagte der Banker leise und schob ihm das Mobiltelefon zu. Nora sah, wie er zitterte.
Der Bankräuber nahm es und warf es in die Ecke, in der schon das Funkgerät in seinen Einzelteilen lag. «Hast du Angst?»
«Ja.»
«Das solltest du auch, Mann! Versuch hier nicht, den Helden zu spielen. Nochmal so was und du bist tot. Dein Name?»
Der Angestellte murmelte etwas.
«Ich hab dich nicht verstanden, Mann! Red lauter!»
«Furrer. Reto Furrer.»
«Hast du Kinder?»
«Ja.» Er schaute zu Boden. «Eine Tochter.»
«Soll sie ohne Vater aufwachsen?»
Furrer schwieg.
«Ich hab dich was gefragt.»
Nora litt mit dem Mann, der mit Tränen in den Augen flüsterte: «Nein, sie soll ihren Vater nicht verlieren.»
«Und an wem liegt das?»
«An mir», gab Furrer kläglich zurück.
«Ich seh, du hast kapiert.» Dracula fuchtelte mit der Waffe herum. «Das gilt für euch alle! Eine falsche Bewegung und ihr kriegt eine Kugel ab! Wenn ihr tut, was wir sagen, seid ihr uns in Kürze los.»
Niemand rührte sich.
Nur das Scheppern der Schubladen und das Rascheln der Geldbündel, die der Räuber mit der Frankensteinmaske in die Tasche stopfte, waren zu hören. Nora atmete flach. Sie hatte ihren Kopf auf die linke Seite gelegt und schaute die alte Dame an, die ihren Blick erwiderte. Wache, hellblaue Augen hinter einer feinrandigen Brille. Nora nahm keine Panik in ihrem Gesicht wahr, sondern einen eindrücklichen Lebenswillen. Die Dame würde an dieser Situation nicht zerbrechen.
Nora blickte weiter nach hinten und beobachtete den Bankräuber, der die Kassen leerte. Er bewegte sich geübt und locker. Ein Sportler. Einer, der bestimmt bereits vor diesem Raub kriminell gewesen war. Vielleicht kleinere Sachen. Betrug, Diebstahl, Einbruch. Ganz klar war dies nicht sein erstes Mal. Er war derjenige, der den Coup geplant hatte. Nora hatte keine Ahnung, wie sie darauf kam, aber sie war sich sicher. Frankenstein war das Hirn, Dracula der Ausführende.
Ein unterdrücktes Schluchzen war zu hören. Es kam von Hagen, dem deutschen Geschäftsmann.
«Halt die Schnauze!», brüllte sein Bewacher.
Doch der Mann konnte seine Gefühle nicht mehr zurückhalten und weinte nun lauter.
«Ich hab gesagt, Klappe halten!» Der Maskierte marschierte auf Hagen zu, richtete die Pistole auf ihn und drückte ab.
Der Knall war ohrenbetäubend. Die Kugel traf den Boden eine Handbreit neben dem Geschäftsmann. Dieser zuckte wie von einem Blitz getroffen zusammen und verstummte. Die kommenden Stunden würde er taub auf dem rechten Ohr sein.
«Das nächste Mal ziel ich genauer!», brüllte Dracula.
«Was machst du für einen Scheiss?», schrie Frankenstein von hinten seinen Kumpel an. «Halt die Leute ruhig und reiss dich verdammt noch mal zusammen!»
«Der Typ hat geplärrt wie ein Kind», verteidigte sich Dracula, «so was ertrag ich nicht. Da denk ich mir – »
«Hör auf zu denken und mach deinen Job!», rief Frankenstein und stopfte weiter gebündelte Geldscheine in die Tasche.
Nora schaute zur Uhr. Es waren gerademal drei Minuten verstrichen. Doch bei den Betroffenen würde sich dieses Erlebnis einbrennen, als wären es Jahre gewesen. Nora wusste das. Sie wusste, was traumatische Situationen mit einem Menschen machen konnten. Sie hatte, als sie noch bei der Polizei arbeitete, täglich mit Opfern von Gewalt zu tun gehabt. Viele waren für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Doch einige wurden erstaunlicherweise stärker, in ihnen steckte eine Auflehnung gegen die Bedrohung, die sie selbst überraschte.
Der athletische Räuber hatte seine Tasche vollgepackt. Er schwang sich über den Schaltertresen: «Lass uns verschwinden!»
Er lief um die tamilische Bankangestellte, warf einen kurzen Blick auf Nora, stutzte, als sähe er sie zum ersten Mal richtig. Und erstarrte. Durch den Schlitz der Maske bohrte sich sein Blick in den ihren. Langsam kam er auf sie zu, bewegte sich geschmeidig wie ein Panther.
Noras Puls raste. Das maskierte Gesicht kam näher. Sie roch sein Aftershave, sah das Aufblitzen in seinen Augen.
Ganz leise, fast kindlich erstaunt, und gleichzeitig eiskalt, flüsterte er: «Nora Tabani?»
09:07
Bashkim schaute zu seiner Vorgesetzten. Ihre Gesichter lagen nur eine Armlänge voneinander entfernt auf dem kalten Marmor. Barbara Zinks Brille war verrutscht, ihr Lippenstift verschmiert. Er hörte ihren flatternden Atem, der nach Pfefferminze roch.
Hatte sie gesehen, was er getan hatte? Ihr Blick wanderte unruhig hin und her. Dann, als sie sicher war, nicht beobachtet zu werden, nickte sie ihm mit der Andeutung eines Lächelns zu. Ja, sie wusste es! Sie hiess es gut. Darüber war er froh. Einen Moment lang hatte er befürchtet, er hätte schon am ersten Arbeitstag das Falsche gemacht und sie alle in Gefahr gebracht. Kurz bevor der Kerl mit der Frankensteinmaske ihn nach seinem Namen gefragt hatte, war es Bashkim gelungen, den stillen Alarm unter der Tischplatte zu betätigen. Dieser wurde direkt an die Nummer 117 geleitet. In wenigen Minuten würde es hier von Polizisten wimmeln, und dieser Albtraum hätte ein Ende. Die Täter würden gefasst und ins Gefängnis gesteckt, und er, Bashkim, wäre der Held des Tages. Frau Zink würde ihn immer mit Respekt behandeln, wissend, dass sie ihm ihr Leben verdankte, morgen erschiene vielleicht ein Artikel über den «mutigen, jungen Kosovo-Albaner» im «Tages-Anzeiger», womöglich käme sogar das Fernsehen. Mam wäre stolz auf ihn, und Pap würde beiläufig sagen, von seinem Jungen habe er nichts anderes erwartet. Das war das Schönste für Bashkim, die Selbstverständlichkeit, mit der sein Vater immer das Beste von ihm annahm. Nie hatte es geheissen «das kannst du nicht» oder «dazu taugst du nicht». Bashkim war mit dem Gefühl aufgewachsen, in ihm stecke Grosses, und wenn er sich anstrenge, könne er fast alles erreichen.
Nicht, dass es Bashkim darum gegangen war, als er den Alarm betätigt hatte, nein, daran hatte er keine Sekunde lang gedacht. Er wollte nur helfen. Die Vorstellung, Zeuge eines Blutbades zu werden, fand er unerträglich. Denn dass die Männer nicht zögern würden, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, war ihm klar. Besonders der als Dracula Maskierte war schnell reizbar und konnte sein Temperament kaum im Zaum halten.
Gerade gab er der Rastalockigen einen Tritt ins Bein, weil sie die Arme vom Kopf genommen hatte. Bashkim sah es aus dem Augenwinkel.
«Bist du lebensmüde, Schlampe?», fauchte Dracula. «Ich hab euch erklärt, wenn ihr tut, was wir sagen, passiert euch nichts. Pfoten über den Kopf, aber dalli!»
Sie stöhnte. «Ich kann nicht. Ich habe meine Schulter kürzlich ausgerenkt.»
Dracula kniete zu ihr hinunter und hielt ihr seine Pistole vors Auge. «Und ob du das kannst!»
Zitternd legte sie ihre Arme auf den Hinterkopf, lag völlig verspannt da. Der Hund, der neben ihr am Boden sass, drückte seine Schnauze in ihre Seite.
«So ist gut.» Dracula verpasste ihr nochmals einen Tritt und kontrollierte die anderen, die sich alle mucksmäuschenstill verhielten.
Bashkim sah, wie der Mann mit der Frankensteinmaske vor der Frau stehen blieb, die er vorhin mit Nora Tabani angesprochen hatte. Wieso kannte er sie? War sie ebenfalls eine Kriminelle? Konnte sein. Der misstrauische Blick, die Wachsamkeit. Und die schwarze Lederjacke, die sie trug. Sah aus wie die von Keira Knightley im Film «Domino», in dem sie eine Kopfgeldjägerin spielte. Bashkim beobachtete die Tabani genau.
Thomas Baumann hatte in der Zentrale der Stadtpolizei Uraniastrasse eigentlich nichts zu suchen. Als Kommandant der Interventionseinheit «Skorpion» war er für die risikoreichen Situationen mit hohem Gewaltpotenzial wie Banküberfälle, Geiselnahmen oder Terroranschläge zuständig. Seine sechzig Grenadiere hatten alle eine harte Spezialausbildung absolviert und identifizierten sich hundertprozentig mit ihrer Aufgabe. In ihrem Besprechungsraum hielten sie sogar einen Skorpion der Gattung «Centruroides exilicauda» in einem Terrarium. Giftig, angriffig und furchtlos – eine ständige Erinnerung an die Eigenschaften, die diese Männer brauchten, um ihren Job zu tun.
Da Baumann in der Nähe zu tun hatte, wollte er die Mittschnitte des letzten Einsatzes – der Operation «Rammbock» – gleich selber holen. Es ging um einen Bijouterieüberfall an der Bahnhofstrasse, bei dem es dreisten Tätern trotz der neuen Sicherheitsvorkehrungen einmal mehr gelungen war, ihr Fahrzeug als Einbruchwerkzeug zu benutzen. Mit ihrem Auto hatten sie die Schaufenster zertrümmert, hatten Uhren, Juwelen und Schmuck im Wert von mehreren Hunderttausend Franken erbeutet und waren innerhalb kürzester Zeit verschwunden. Noch fehlte jede Spur von ihnen. Ein anonymer Anrufer hatte die Polizei informiert, dabei hatte es Ungereimtheiten gegeben, denen Baumann nachgehen wollte. Die Zeitangabe der Zentrale, die den Anruf entgegengenommen hatte, stimmte nicht mit derjenigen seiner eigenen Protokollführer überein. Es handelte sich zwar nur um wenige Minuten, doch die konnten für die Ermittlung entscheidend sein.
Baumann betrat die Zentrale. Reger Betrieb herrschte. Mehrere Telefone läuteten, der Drucker spuckte gerade eine Serie von Blättern aus – Detailkarten von Zürcher Stadtteilen, wie Baumann erkennen konnte – und der City Screen an der Wand blinkte rot.
Auf Linie 1 versuchte eine junge Polizistin, die er nicht kannte, einen Anrufer zu beruhigen, der ein Ufo über dem Zürcher Oberland gesichtet haben wollte. Sie verdrehte die Augen, als spräche sie nicht zum ersten Mal mit ihm, erklärte, dass es sich um Kleinflugzeuge bei einer Militärübung handle, doch der andere schien nicht überzeugt zu sein. Auf Linie 2 hörte Beat Moser aufmerksam zu, nickte mehrmals, machte sich Notizen und legte dann auf.
Er sah zu Thomas hoch und stöhnte. «Du glaubst gar nicht, mit was für schrägen Vögeln wir es täglich zu tun haben.»
Baumann fuhr sich über seine kurzgeschorenen Haare. «Kann ich mir vorstellen. Hör mal, ich suche die Mitschnitte der Operation ‹Rammbock›, sind die noch bei dir?»
«Klar.» Moser zog die unterste Schublade auf und überreichte ihm ein Klarsichtmäppchen mit Akten und CDs.
«Danke.» Baumann zeigte auf den riesigen Bildschirm an der Wand mit dem digitalen Zürcher Stadtplan. Zwischen Paradeplatz und Fraumünsterpost blinkte ein rotes Lämpchen in schnellem Rhythmus, begleitet von einem leisen, hohen Alarmton. «Hast du das kontrolliert?»
«Leuchtet erst seit ein paar Sekunden.» Moser ging zum City Screen und schaute sich an, welche der Institutionen, die einen direkten Draht zur 117 hatten, betroffen war. «Der Hauptsitz der ZCB. Wird wohl wieder ein Fehlalarm sein. Du weisst ja, dass 99 Prozent der eingehenden Alarme – »
«Ich weiss. Die Angestellten, die Putzfrau, der Techniker. Irgendwer kommt an den Notknopf, und ihr habt zu tun. Beklag dich nicht. Anderswo haben sie keine Arbeit.» Er dachte an seinen Aufenthalt in Südafrika im letzten Jahr. Für einen interkontinentalen Austausch war er zusammen mit zehn seiner Grenadiere nach Johannesburg gereist, um dort einer neu gegründeten Polizeieinheit Aufbauhilfe zu leisten. Diese hatte ihm die ärmsten Viertel gezeigt. Er hatte erlebt, was es hiess, wenn Tausende erwerbslos waren, die Gewalt überhandnahm und niemand da war, um sie zu stoppen.
«Ich beklag mich ja gar nicht», widersprach Moser. «Ich sag nur, das wäre der sechste Fehlalarm heute. Und es ist erst kurz nach neun. Zwei Banken, drei Postfilialen, eine Versicherung … ach, was soll’s. Wahrscheinlich ist Vollmond.» Er ging zurück zu seinem Arbeitstisch, rief die Bankenliste im Computer auf und scrollte durchs Alphabet, bis er bei der Zurich Credit Bank angelangt war. Da stand die Telefonnummer der Bank. Daneben der Sicherheitscode, den einer der Angestellten der Polizei mitteilen musste, damit diese wusste, dass es sich nicht um einen Ernstfall handelte. Baumann kannte den Code auswendig. 7 – 7 – 3 – 2. Meldete sich jemand mit der falschen Zahlenkombination oder nahm niemand ab, rückte die Polizei sofort aus.
Moser hob den Hörer und wählte die Nummer. Er trommelte mit den Fingern auf seinen Schreibtisch. «Nun komm schon», murmelte er.
Baumann hatte eigentlich gleich wieder an seine Arbeit zurückkehren wollen. Doch aus irgendeinem Grund blieb er stehen. Er ahnte, dass es mit der Auswertung der Mitschnitte der Operation «Rammbock» in nächster Zeit nichts würde. Sein Gefühl trog ihn selten.
Moser war ruhig geworden. Er runzelte die Stirn, wartete, sah Baumann an. «Da geht keiner ran.»
09:08
Das Telefon von Schalter A klingelte. Niemand nahm es ab. Nachdem es zwölfmal durch die Bankhalle geschrillt hatte, verstummte der Ton.
Parkers Blick war unverwandt auf Nora gerichtet. Nora versuchte, den Maskierten einzuordnen. Seine Augen waren dunkel, doch die Aussparungen der Maske waren zu klein, als dass Nora seine Gesichtszüge hätte erkennen können. Sie hatte keine Ahnung, wer er war. Auch seine Stimme kam ihr nicht vertraut vor. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Sie hatte einst Dutzende von Tätern hinter Gitter gebracht, an deren Stimmen sie sich nicht mehr erinnern konnte. War es einer von ihnen? Hatte er sie in die Bank bestellt?
Nein, das war absurd, wieso sollte er das tun?
Nora war verwirrt. Endlich fragte sie: «Kennen wir uns?»
Der andere kniff seine Augen zu dünnen Schlitzen zusammen.
«Was ist, Alter?», rief Dracula von hinten. «Hauen wir jetzt ab oder nicht?»
«Aber sicher», gab der andere zurück, noch immer auf Nora hinunterschauend.
«Komm schon, Parker! Lass uns keine Zeit ver – »
«Keine Namen, du Idiot!» Frankenstein löste seinen Blick von Nora und stieg wütend über die am Boden Liegenden.
Nora nutzte die Gelegenheit. In Sekundenschnelle griff sie nach ihrem Handy in der Jackentasche. Um die Nummer 117 zu wählen, reichte es nicht, sie schaffte es nur, die Kurzwahlnummer 1 zu drücken, und steckte das Handy sofort zurück. Unter der 1 war Jans iPhone gespeichert. Er sollte mithören. Er würde verstehen und die Polizei verständigen.
«Wen kümmern unsere Namen!», spottete Dracula. «In einer Stunde sind wir schon aus dem Land! He, Leute! Der da ist Parker, ich bin Tony, und die Bullen können uns mal!»
«Halt die Fresse, Affenhirn!» Parker knallte ihm eine ins Gesicht.
Tonys Maske verrutschte, er richtete sie wieder gerade, murrte etwas.
«Ich wusste, es war ein Fehler, die Sache mit dir durchzuziehen», zischte Parker.
«Ist ja gut. Können wir endlich gehen? Wie viel Kohle hast du überhaupt zusammen?»
«Genug.» Parker eilte mit der gefüllten Sporttasche Richtung Ausgang.
«Wie viel? Nun sag schon!» Tony riss die Tasche an sich. Er öffnete sie, wühlte darin, schnappte sich ein paar Geldbündel und hielt sie Parker unter die Nase. «Ist das alles? Du hast gesagt, hier sind Millionen zu holen! Das sind höchstens Hunderttausend.»
«Es reicht für uns beide. Los, weg hier!»
«Das war nicht die Abmachung!», stiess Tony aus. «Mit diesen läppischen paar Kröten wirst du vielleicht glücklich. Ich hab was Besseres vor.» Er lief auf Furrer, den eingeschüchtert dreinblickenden Banker, zu. «Du da! Ich will den Schlüssel zum Untergeschoss!»
«Den – was? Ich verstehe nicht …» Furrer sah sich hilfesuchend um.
«Die Schliessfächer, Mann! Da liegt Schmuck und Gold in den – »
«Hör auf, Tony!», schrie Parker. «Wir hauen ab, aber sofort! Meinst du, die Bullen lassen uns in aller Ruhe die verdammten Goldbarren einpacken?»
«Wo siehst du denn einen Bullen? Keiner weiss, dass wir hier sind.»
«Das kann sich jeden Moment ändern. Zwei Minuten, nicht länger, das war der Plan.»
Reto Furrer räusperte sich. «Wenn ich etwas sagen dürfte …»
«Halt die Schnauze!», fauchte Parker.
«Lass ihn doch reden!» Tony beugte sich zum Bankangestellten hinunter. «Was möchtest du uns sagen, Milchgesicht?»
«Ich … unser Schlüssel nützt Ihnen nichts. Es braucht für jedes Fach jeweils einen der Bank und denjenigen des Schliessfachmieters.»
«Na, siehst du.» Parker lief am blutenden Wachmann vorbei auf die Glastür zu.
«Bleib stehen!» Tony richtete seine Waffe auf Parker. «Jetzt machen wir einmal, was ich sage! Ich glaube dem Käsegesicht nämlich nicht. Die können die Schliessfächer bestimmt öffnen.»
Furrer zuckte zusammen.
Parker drehte sich um. «Du vermasselst alles, du Schwachkopf!»
«Gib mir die Tasche!»
«Spinnst du?»
«Her mit der Tasche, Alter! Ich mein’s ernst! Wir füllen sie mit Gold und Juwelen.»
Parker ging unberührt zum Ausgang.
Tony schoss.
Der Hund bellte.
Parker zog sein Bein mit einem wütenden Schrei zurück. «Hast du den Verstand verloren? Um ein Haar hättest du mir den verdammten Fuss weggepustet!» In der Spitze seines Schuhs klaffte ein Loch. Eine zerfetzte, schwarze Socke kam zum Vorschein, ein bleicher, unverletzter Zeh.
«Sorry, Parker», murmelte Tony und wich ein paar Schritte nach hinten. «Ich wollte dich nicht treffen. Ich dachte nur – »
Parker preschte auf Tony zu und stiess ihm der Faust in die Brust, so dass er zurücktaumelte. «Du bist so ein Arschloch! Sollen wir uns hier streiten, bis die Polizei kommt? Wir sagten, das Ganze habe nur Erfolg, wenn es in kurzer Zeit über die Bühne geht.»
Tony kratzte sich unter der Maske. «Das hast du gesagt. Ich war von Anfang an der Meinung, so viel Kohle wie möglich zu kassieren.» Er zielte noch immer mit seiner Waffe auf Parker. «Gib mir deine Knarre, Alter. Tut mir leid.»
Parker schüttelte den Kopf. «Du machst einen grossen Fehler.»
«Tu’s einfach! Du weisst, ich würd’ schiessen.»
Nora schaute zu den anderen Liegenden. Alle verfolgten gebannt die Wendung, die das Ganze genommen hatte.
Parker griff langsam nach seiner 9-Millimeter-Taurus, hielt sie am Lauf und übergab sie Tony. Dieser schob sie in seinen Hosenbund, wo bereits die Walther P22 des Wachmanns steckte. «Und jetzt die Tasche, los, mach schon! Am Schluss wirst du mir dankbar sein. Ich verarsch dich doch nicht. Ich tu das für uns beide, Mann.»
Parker reichte ihm die Tasche.
Tony ging zu Reto Furrer und befahl: «Steh auf!»
Furrer rappelte sich hoch.
Nora hoffte, Jan habe den Anruf entgegengenommen, höre diese Diskussion und ziehe die richtigen Schlüsse.
«Und jetzt komm mit!», fuhr Tony fort.
«Wohin?», fragte der Bankangestellte.
«Ins Untergeschoss. Wo ist der Schlüssel?»
«Ich sagte doch – »
Tony drückte ihm die Pistole an den Hals. «Du lügst, verdammter Banker!»
Furrer schaute verzweifelt zu der blonden Angestellten hinunter, die neben Bashkim Rahmani auf dem Bauch lag. Diese schüttelte unmerklich den Kopf.
Tony hatte es gesehen. «Was war das?»
«Nichts», flüsterte sie unter ihren Armen hervor, die noch immer auf ihrem Hinterkopf lagen.
«Wie heisst du?»
«Barbara Zink.»
Nora blickte erneut zur grossen Uhr. Wieder waren ein paar Minuten vergangen. Mit jeder vergrösserte sich die Chance, dass die Polizei einträfe, bevor es zum Blutvergiessen käme. Parker stand beim Eingang und schien sich nicht entscheiden zu können, ob er ohne Beute abhauen oder sich auf Tonys Plan einlassen solle. Nora konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Warum hatte er sie erkannt? Wer war dieser Mann? Und wer hatte Nora hierher bestellt, mitten in einen Banküberfall? Das Ganze musste irgendwie miteinander zusammenhängen. Doch sie hatte keinen blassen Schimmer, wie.
Tony packte Furrers Hand, drückte die Pistole in dessen Handfläche und schaute die blonde Angestellte an. «Und so läuft das, Madame Zink: Ich schiess deinem Kollegen in den Finger, wenn du nicht redest! Zuerst in den kleinen, dann in den Ringfinger, und danach arbeite ich mich langsam zum Daumen vor. Dann folgt die andere Hand. Du sagst mir jetzt, wo die Schliessfachschlüssel sind.»
Barbara Zink wurde kalkweiss und stotterte ein paar Worte.
«Ich versteh dich nicht! Du darfst dich aufsetzen, wenn du mit mir sprichst!»
Die Angestellte tat es, rückte ihre Brille zurecht und stotterte aufgewühlt: «Bitte tun Sie ihm nichts. Es ist so, wie er sagte: Jedes Schliessfach hat zwei Schlösser. Ins eine kommt der Schlüssel, den wir in der Bank haben, ins andere derjenige des Mieters. Ohne den lassen sich die Fächer … nicht öffnen.»
Ihr Zögern war Tony aufgefallen. «Und das ist bei allen Schliessfächern so?»
Barbara Zink wartete einen Moment.
Es war ein Moment zu lange.
Tony drückte ab.
Wieder liess der Hund ein jämmerliches Bellen hören.
Furrer heulte auf. «Mein Gott!», schrie er. «Sie haben mir in den Finger geschossen! Er ist kaputt! Mein kleiner Finger ist kaputt!» Er hielt die Hand an sich gepresst, aus der das Blut auf den schwarzen Marmorboden tropfte.
«Jesus Maria, das wollte ich nicht!», rief Barbara Zink. «Es tut mir so leid, Reto! Bitte hören Sie auf! Ich sage alles! Aber es wird unsere Bank ruinieren.»
Tony wandte sich ihr zu, und Nora ahnte, dass er unter seiner Maske grinste. «Nur zu, Fräulein. Was möchten Sie mir mitteilen?»
Furrer liefen die Tränen übers Gesicht.
Die alte Dame am Boden schaute abwechselnd auf Furrer und auf Zink, dann fragte sie: «Entschuldigen Sie, Herr Bankräuber, dürfte ich bitte den armen Herrn verbinden?» Sie zeigte auf ihr lila Halstuch.
Tony stiess ein ungläubiges Lachen aus. «Das könnte dir so passen, alte Schachtel!»
Da meldete sich Parker. Seine Stimme war hart wie Stahl. «Lass sie, Tony.» Er half der Dame auf und liess zu, dass diese ihr Halstuch um Furrers Finger wickelte. Sie sprach beruhigend wie zu einem Kind auf ihn ein. «Ihr Finger ist nicht kaputt, Herr Furrer, sehen Sie. Nur verletzt. Das kann genäht werden. Alles wird wieder gut. Wir bleiben jetzt ganz ruhig.»
«Haargenau, Lady!», stiess Tony aus. «Ihr bleibt ruhig. Und nun zu dir, Barbara. Dein Reto hat jetzt noch neuneinhalb Finger. Es könnten weniger werden. Erzähl mir die Wahrheit.»
Zink bemühte sich sichtlich, sich die Panik nicht anmerken zu lassen. «Die Wahrheit ist, die neuen Safes funktionieren so, wie wir es Ihnen erklärt haben.»
«Aber es gibt noch andere?»
«Ja. Die alten, die nie renoviert wurden.»
«Wie viele?»
«120. Anfang des letzten Jahrhunderts funktionierte das System so, dass die Kunden zum Schalter kamen, ihre Fachnummer nannten, ein Angestellter das Fach mit dem Bankschlüssel öffnete und dem Kunden die darin liegende Lade gab. Einige unserer langjährigen Kunden lieben diese antiken, verzierten Fächer und wollten sie – trotz geringerer Sicherheit – mieten. Bestimmt sind keine wertvollen Dinge drin. Wahrscheinlich nur …» Der Stress war ihr anzuhören. «Nur Dokumente.»
«Das lass mal unsere Sorge sein. Wo sind die Schlüssel für die antiken Fächer?»
Barbara Zink machte einen letzten Versuch. «Bitte haben Sie Erbarmen. Wenn publik wird, dass die persönlichen Wertsachen in unserer Bank nicht sicher sind, wird das die ZCB nicht verkraften können.»
«Interessiert mich einen Dreck! Schlüssel her oder ich – » Er riss Furrers Hand zu sich und drückte die Pistolenmündung in dessen Ringfinger.
«Nein! Bitte nicht!», schrie sie.
Sie eilte zum Wandschrank hinter den Schaltern, entnahm ihm einen Aluminiumkoffer und trug ihn durch die Halle. Dann stellte sie ihn vor Tony.
«Was ist das?»
«Die 120 Schlüssel.»
Kommandant Thomas Baumann fixierte das rot blinkende Lämpchen auf dem City Screen. Er seufzte. Nach der Auswertung der «Rammbock»-Sache hatte er seine wohlverdienten drei Freitage in den Bergen verbringen wollen. Sauna, Sprudelbad und Dampfbad in einem Wellnesshotel im Engadin, wo um diese Zeit bereits der erste Schnee lag. Erholung pur, er hatte es bitter nötig. Er würde es verschieben müssen. «Moser, alarmier den Streifenwagen!»
«Sofort.» Beat Moser wählte die direkte Linie im Multifunkgerät, das ihn jederzeit mit allen Streifenwagen verband, die unterwegs waren.
Es knisterte, dann meldete sich eine Stimme: «Streifenwagen Limmat 1, Suter. Was gibt’s?»
«Code rot bei der ZCB.»
«Hauptsitz?»
«Fraumünsterstrasse», bestätigte Moser.
Thomas Baumann legte seine Akten auf den Tisch und trat näher ans Funkgerät. «Hier Baumann, wo seid ihr?»
«Biegen gerade in die Talstrasse ein.»
Für jeden Zürcher Stadtteil war ein Wagen mit zwei Streifenpolizisten zuständig, der Tag und Nacht im Quartier zirkulierte. Streifenwagen Limmat 1 – normalerweise in der Innenstadt unterwegs – war bei Bedarf zusätzlich im Stadtkreis 7 im Einsatz. Dass er sich momentan ganz in der Nähe des möglichen Tatorts befand, war ein Glücksfall. Falls es sich tatsächlich um einen Banküberfall handelte – wovon Baumann momentan ausging – spielte der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Die beiden Männer von Limmat 1 konnten im Handumdrehen bei der Zurich Credit Bank sein.
«Was ist mit der Alarmpatrouille?», kam es aus dem Gerät.
«Fordern wir an», gab Baumann zurück. «Checkt die Lage vor Ort.»
«In Ordnung.»
Baumann hörte das Beschleunigen des Motors, das Aufheulen des Horns, dann war die Verbindung unterbrochen. Er wandte sich an Beat Moser. «Informier den Patrouillenwagen.»
Moser nahm Kontakt mit der Einsatztruppe der Grenadiere auf, die dem Kreis 1 zugeteilt waren. Es waren vier Mann, Skorpions, ebenfalls ständig auf Abruf bereit, so dass in wenigen Minuten sechs Leute vor der Bank sein würden. Sollte die Lage es erfordern, würde Baumann weitere Skorpions aufbieten. Diese bräuchten eine halbe Stunde, bis sie ausgerüstet, bewaffnet und vor Ort wären. Noch konnte sich das Ganze als Irrtum herausstellen. Baumanns Leute waren schon etliche Male in Vollmontur und Kampfausrüstung an einem vermeintlichen Tatort aufgetaucht, um dann zu erkennen, dass nicht nur kein Verbrechen vorlag, sondern auch keiner der Angestellten den Alarmknopf betätigt oder den Rückruf der Polizei gehört haben wollte. Trotz der immensen Kosten mussten sie jedem Notruf nachgehen.
Moser schaltete das Funkgerät aus und deaktivierte das rote Licht auf dem grossen Bildschirm. «Die Alarmpatrouille ist auf dem Weg.»
In Jans Hirn arbeitete es fieberhaft. Vorhin hatte sein Handy geklingelt. Er dachte, es sei seine Frau Monika, die vorhatte, ihn anzurufen, um einen Treffpunkt fürs Mittagessen zu vereinbaren. Sie hatte heute nachmittag ausnahmsweise frei, da sie ihren Dienst mit einer Kollegin der Onkologischen Abteilung getauscht hatte. Bis um elf würde sie noch im Uni-Spital arbeiten, dann wollte sie mit der Polybahn zum Central fahren, im Café «Mohrenkopf» eine heisse Schokolade trinken und Jan später irgendwo in der Stadt treffen.
Als er den Anruf entgegennahm, das «Sali Schatz» bereits auf den Lippen, erkannte er die Nummer auf dem Display.
«Nora?», fragte er. «Was gibt’s?»
Von der anderen Seite kam ein Rascheln, als hätte Nora in ihrer Jackentasche aus Versehen seine Kurzwahltaste gedrückt.
«Hallo, Chef?» Jan lauschte ein paar Sekunden. Als nichts weiter zu vernehmen war, wollte er die Verbindung kappen, um Nora keine horrende Rechnung zu bescheren. Dann stutzte er. Undeutlich hörte er einen Mann sagen: «Halt die Fresse, Affenhirn!»
Was sollte das denn sein? War Nora in einen Streit geraten?
Er stellte auf Freisprechfunktion, schob die Lautstärke aufs Maximum und legte das iPhone auf sein Pult.
Wieder raschelte es, dann hörte Jan eine andere Männerstimme: «… hast gesagt … Millionen zu holen … höchstens Hunderttausend …»
Jan starrte auf das Mobiltelefon, ging in Sekundenschnelle mehrere Erklärungen für diese seltsamen Dialoge durch, doch keine ergab Sinn. Nun vernahm er etwas von «Schliessfächer … Schmuck … und Gold». Zwei Leute brüllten sich an. Es folgte ein Schuss. Ein Hund bellte. Jemand schrie.
Das konnte nichts anderes bedeuten, als dass Nora in einen Überfall verwickelt war und versuchte, ihn zu erreichen.
«Nora», flüsterte er, «kannst du mich hören?»
Keine Antwort.
Er versuchte es etwas lauter, dann hielt er inne. Er durfte Nora nicht gefährden. In welchen Schwierigkeiten sie auch immer steckte, es schien so, als könne sie nicht reden. Seine Stimme, die aus ihrem Handy ertönte, brächte sie in Gefahr.
Jan stand auf und tigerte unruhig im Büro hin und her, während aus seinem Mobiltelefon weiterhin fremde Leute zu hören waren. Nora hatte etwas von einer Bank erzählt, in die sie bestellt worden sei – aber in welche? Jan grübelte über den Namen nach. Doch Nora hatte ihn nicht genannt. Da kamen unzählige in Frage. Er nahm an, dass es um ein Gebäude in der Stadt handelte, aber sie hatte nichts Genaueres erwähnt. Sie wolle nur schnell einen möglichen Klienten treffen, hatte sie gemeint, und sei sicher bald wieder zurück. Bald. Also doch Zürich. Jan eilte zum Regal, packte das gelbe Branchentelefonbuch und schlug es auf.
Zweieinhalb Seiten Bankfilialen. UBS, Credit Suisse, Kantonalbank, Raiffeisenbank, Sparkassen, ZCB, Migros-, Coop- und Citibanken, etliche Privatgeldinstitute, von der Bank Gutenberg über die HSBC zur Julius Bär Bank.
Jan stöhnte. Keine Chance, herauszukriegen, wo Nora sich befand.
Also anders herum. Auf dem Festnetzapparat wählte er die Nummer 117, berichtete von Noras Telefonanruf und hielt der Polizistin am anderen Ende sein Handy hin, damit sie mithören konnte. Sie werde der Sache sofort nachgehen, sagte sie. Es klang, als wüsste sie bereits, was geschehen war. Jan fragte, wo der Bankraub im Gange war.
«Das darf ich Ihnen nicht mitteilen», antwortete sie.
Nein, natürlich nicht. Jan legte den Hörer des Festnetztelefons auf und folgte dem aggressiven Wortgefecht, das aus seinem Handy kam. Zum Glück hatte er sich ein iPhone gekauft. Während er die Stimmen weiterhin über Lautsprecher vernehmen konnte, aktivierte er die App «Around me» und liess sich alle Banken im Umkreis von einigen Kilometern auf dem Stadtplan zeigen. Nora hatte das Büro um zwanzig vor neun verlassen, das hiess, der Stadtrand kam nicht in Frage, wenn sie sich um neun mit ihrem Auftraggeber hatte treffen wollen. Jan konzentrierte sich auf die Stadtkreise 1, 2, 3, 4, 6, 7 und 8, ohne Wollishofen und den Teil hinter dem Schaffhauserplatz. Dumm war nur, dass sich die meisten Geldinstitute genau in diesen Kreisen befanden. Im Aussenquartier Seebach wimmelte es nicht gerade von Banken.
Er überlegte weiter. Nora hatte von ihm nur einen Grüntee bekommen. Sie hatte sich auf jeden Fall irgendwo noch einen Kaffee reingezogen. Dass sie stadtauswärts Richtung Tiefenbrunnen und Zollikon gefahren war, konnte er sich nicht vorstellen, also wäre der realistische Ort für einen Kaffee das Bellevue, genauer gesagt, das «Belcafé». Dort wäre sie um etwa zehn vor neun angekommen, hätte das Gebräu hinuntergestürzt und wäre gleich wieder weitergefahren oder zu Fuss gegangen. Auf jeden Fall wären ihr nur noch zehn Minuten geblieben, wenn sie pünktlich ankommen wollte. Und pünktlich war sie, trotz ihres sonst chaotischen Wesens. Er verkleinerte den Radius auf einen Kilometer rund ums Bellevue.
Noch immer über ein Dutzend Banken.
Das war gar nicht gut.
Unentwegt drangen die Stimmen aus seinem Mobiltelefon, er hörte die Worte «Untergeschoss» und «Schlüssel». Jan verstand nicht alles. Doch er sortierte sofort die kleineren Bankfilialen aus, von denen er wusste, dass sie mehr oder weniger nur aus ein paar Bankomaten und Schaltern bestanden, aber bestimmt keine unterirdischen Schliessfächer hatten.
Es waren nach wie vor zu viele.
Hatte Nora wirklich nicht erwähnt, wohin sie wollte? Jan versuchte, sich an jedes Wort zu erinnern, das sie heute morgen gewechselt hatten. Verärgert schüttelte er den Kopf. Er nahm sich vor, dass künftig keiner von ihnen das Büro für einen Auftrag verlassen dürfe, ohne dem anderen genau mitzuteilen, wo das Ziel sei.
Blieb noch die letzte Möglichkeit. Jan würde den Polizeifunk abhören. Vor ein paar Wochen hatte Mike Salzmann, Noras ehemaliger Kollege bei der Kripo, Jan gewarnt, wenn er sich weiterhin ins Funksystem der Polizei hacke, müsse er mit ernsten Konsequenzen rechnen. Dass Nora und Jan sich ab und zu an der Grenze zur Illegalität bewegten, wenn es die Ermittlung erforderte, nahm Mike zähneknirschend hin, er belieferte Nora der alten Freundschaft wegen sogar immer wieder mit Insider-Informationen. Doch die Vorstellung, dass Jan den internen Funk abhörte, hatte den cholerischen Berner rasend gemacht.
Der Zweck heiligt die Mittel, fand Jan. Es ging nicht um irgendwelche kleinen Delikte. Genau in diesem Moment fand ein Banküberfall statt. Nora war in Gefahr. Andere Menschen ebenfalls.
Jan suchte die Frequenz auf seiner Funkstation, drehte am Rädchen, es quietschte, surrte, knisterte, dann war der Polizeifunk scharf zu vernehmen. «Hier Streifenwagen Limmat 1», hörte er, «wir kommen in wenigen Augenblicken bei der ZCB an. Wo ist die Alarmpatrouille?»
«Erreicht in diesem Moment die Fraumünsterstrasse», gab jemand zurück.
Bingo. Die ZCB an der Fraumünsterstrasse.
In diesem Moment hörte er aus seinem iPhone einen Knall, ein erneutes Hundebellen und eine Frau, die schrie: «Bitte hören Sie auf! Ich sage alles!»
09:13
Noras Gesicht wärmte den kalten Marmorboden. Ihr Rücken war verkrampft, sie atmete stossweise. Hinter ihr hechelte der Hund der Rasta-Frau. Nora hatte die Schüsse gezählt. Bisher waren es drei aus Tonys Waffe gewesen. Einer zur Einschüchterung von Hagen, einer hatte Parkers Schuh durchbohrt und der dritte Furrers Finger getroffen. Parker hatte, soweit Nora sich erinnerte, siebenmal geschossen, um die Überwachungskameras ausser Gefecht zu setzen.
Sieben- oder achtmal?
Ganz sicher war sie nicht.
Beide Täter hatten Taurus-PT908-Modelle, die, wie Nora wusste, mit neunschüssigen Magazinen ausgestattet waren. Das hiess, Tonys Waffe enthielt noch sechs Kugeln, Parkers noch eine oder zwei. Dann war da noch die Waffe des Wachmanns, die Walther P22, über die die beiden zusätzlich verfügten. Gut möglich, dass die Bankräuber Reservemagazine auf sich trugen, doch der Augenblick, in dem ihre Waffen leergefeuert wären, böte die einzige Chance für einen Überraschungsangriff. Falls Nora denn einen solchen wagte. Vielleicht war es besser, auszuharren und zu hoffen, die Polizei träfe rechtzeitig ein und sie alle kämen mehr oder weniger heil heraus.
Doch Nora bezweifelte, ob sie dazu fähig wäre. Sobald sich eine Gelegenheit ergäbe, würde sie handeln. Das war das Erbe ihres Vaters. Schon Carlo hatte das Warten und Nichtstun kaum aushalten können. Ob es seine fehlende Geduld gewesen war, die ihm vor sechs Jahren das Leben gekostet hatte, hatte Nora nie erfahren. Mike Salzmann hatte sich darüber ausgeschwiegen. Der Schock über Carlos Tod hatte sich in sein Gesicht eingebrannt. Er hatte es nicht über sich gebracht, Nora die Einzelheiten über Carlos letzten Einsatz zu erzählen. Es sei besser, sie wisse es nicht, hatte er gesagt, sie solle ihren geliebten Vater so in Erinnerung behalten, wie sie ihn gekannt habe. Nora war über Monate von Bildern furchtbarer Verbrennungen, Verstümmelungen oder sonstiger Verunstaltungen ihres Vaters verfolgt worden und war froh gewesen, dass sie die Details nie erfahren hatte. Ihre Mutter hatte die Leiche identifizieren müssen und nie ein Wort darüber verloren. Doch immer wieder nagte es an Nora, dass sie nicht wusste, was ihr Vater in seinen letzten Stunden erlebt hatte. All die Jahre nach seinem Tod hatte sich Mike um Nora gekümmert wie um eine eigene Tochter. So sehr, dass Nora ab und zu der Verdacht gekommen war, ihre Mutter habe Carlo mit Mike betrogen und dieser sei in Wirklichkeit Noras Vater. Doch das war unrealistisch. Es hatte etliche Situationen gegeben, in denen Sonja auf Mike eifersüchtig gewesen war und Carlo vorgeworfen hatte, seinem Arbeitspartner mehr Einblick in sein Inneres zu gewähren als seiner Frau. Damit hatte sie nicht ganz unrecht gehabt. Doch Sonja war auch keine pflegeleichte Ehefrau gewesen. Geschweige denn eine unkomplizierte Mutter. Seit sie wieder nach Zürich zurückgekehrt war, sahen sie sich zwar öfter und waren sich nähergekommen. Doch irgendetwas Unausgesprochenes schwebte immer zwischen ihnen.
Die Gesichter ihrer Mutter, ihres Vaters und Mike Salzmanns, die vor Nora auftauchten, waren intensiv und dreidimensional. War dies die berühmte Rückschau auf das eigene Leben, bevor es zu Ende ging? Würde sie bei diesem Banküberfall umkommen? Sie zwang sich, den trüben Gedanken keine Energie zu geben, obwohl ihr Herz raste wie eine Maschinengewehrsalve. Sie musste aufmerksam bleiben, registrieren, wer die Kontrolle hatte, wann die Konzentration der Männer nachliess, zählen, wie viele Schüsse fielen. Und zur rechten Zeit eingreifen.
Draussen schlug die Uhr der Fraumünsterkirche viertel nach neun. Tony starrte noch immer auf den Koffer, den Barbara Zink vor ihn hingestellt hatte und der mit zwei Zahlenschlössern gesichert war.
«Er ist verschlossen», stiess Tony aus. «Wie lautet der Code?»
«Links 3679, rechts 1205», antwortete die Bankangestellte kläglich.
«Gutes Gedächtnis, Kleine.» Er drehte an den Rädchen, klappte den Deckel auf und warf einen Blick hinein.
Nora erkannte auf einer schwarzen Samtunterlage mehrere Reihen silberner Schlüssel, die nummeriert waren.
Parker kam auf seinen Partner zu. «Gib mir meine Knarre zurück. Was jetzt kommt, schaffst du nicht allein.»
Tony langte unter seine Maske und wischte sich den Schweiss ab. «Du knallst mich nicht ab? Ich mach das doch für uns beide.»
«Das hast du schon mal gesagt», gab Parker zurück und hielt fordernd die Hand hin. «Die Knarre.»
Tony reichte sie ihm. «Du wirst noch froh sein, Alter, wenn wir auf den Bahamas – »
«Halt verdammt nochmal deine Klappe, du unfähiger Volltrottel! Ich hatte einen perfekten Plan. Kurze Sache, keine Verletzten, keine Toten. Wegen dir wird das Ganze noch den Bach runtergehn.»
Plötzlich waren von draussen Sirenen zu hören. Alle Blicke richteten sich auf die Frontfenster der Bank. Durchs Glas sah man zwei Streifenwagen mit Blaulicht und heulendem Horn in die Fraumünsterstrasse brausen und mit quietschenden Reifen zum Stillstand kommen. Der eine war ein Alarmpatrouillenfahrzeug, wie Nora erkannte. Das hiess, die Interventionseinheit «Skorpion» war bereits involviert. War das Jans Werk? Oder hatte jemand vom Bankpersonal die Polizei alarmieren können? Nora drehte den Kopf und nahm auf Bashkim Rahmanis Gesicht den Hauch eines zufriedenen Lächelns wahr. Sie hoffte, die Bankräuber würden nicht erfahren, dass er es gewesen war. Als Rahmani Nora sah, verdüsterte sich sein Ausdruck. Misstrauisch hielt er ihrem Blick stand.
Draussen wurden Autotüren aufgerissen. Mehrere bewaffnete, uniformierte Polizisten stürmten auf die Bank zu. Tony schoss blindlings ins Glas. Nora zählte mit. Vier, fünf, sechs, sieben Kugeln.
Das Sicherheitsglas der Fenster nahm keinen Schaden. Tony schrie: «Verpisst euch, Scheissbullen!», und feuerte weiter. Acht. Neun. Klick. «Verdammt!» Er drückte mehrmals ab, doch das Magazin war leer. Er schleuderte die Pistole in eine Ecke, griff an seinen Hosenbund und holte die Waffe des Wachmanns hervor. Also hatte Tony kein Reservemagazin für seine Taurus.
«Hör auf!», brüllte Parker. «Oder ich leg dich um! Genau das wollte ich vermeiden!»
Tony steckte die Pistole widerwillig zurück.
Die Polizisten erreichten den Eingang, die Tür öffnete sich automatisch. Einer der Männer rief von draussen: «Stellen Sie das Feuer ein! Unsere Waffen sind auf Sie gerichtet!» Als keine Schüsse mehr fielen, fuhr er fort: «Wir kommen ganz langsam herein! Es muss keine Verletzten geben!»
«Keinen Schritt weiter!» Parker riss die tamilische Angestellte vom Boden hoch und presste ihr die Waffe an die Schläfe. «Sonst stirbt die Kleine hier!»
Er hielt sie fest umklammert. Ihr Gesicht war angstverzerrt, ihr Mund zu einem Schrei geöffnet, doch kein Ton kam heraus.
Die Polizisten zögerten.
Bashkim Rahmani meldete sich vom Boden: «Bitte, nehmen Sie mich! Lassen Sie Manisha gehen!»
Tony gab ihm einen Tritt in die Seite. «Das hättest du wohl gern, Albaner!»
Rahmani krümmte sich.
«So ein mutiger Junge», murmelte die alte Dame neben Nora.
Parker rief zu den Polizisten: «Zurück mit euch, oder ich drücke ab!»
Die Uniformierten nickten sich zu, hielten ihre Waffen noch immer auf Parker gerichtet, während sie ein paar Schritte rückwärtsgingen.
«Schneller! Weiter weg! Wird’s bald!», rief Parker. «Ich zögere nicht, sie umzulegen!»
Die sechs Mann traten den Rückzug an. Plötzlich sprang der Wachmann auf, der bis jetzt bewegungslos am Boden gelegen hatte und hechtete nach draussen.
«Hiergeblieben!», schrie Tony und zog die Waffe. Parker schob Tonys Pistole zur Seite, bevor dieser schiessen konnte. «Lass ihn. Wir brauchen ihn nicht.»
Der Sicherheitsmann taumelte in die Gruppe Polizisten, die ihn in Empfang nahm. Die Glastür schloss sich hinter ihm.
Nora sah zu Bashkim hinüber. Der schüttelte verständnislos den Kopf, starrte dem Wachmann voll Verachtung hinterher und flüsterte: «Feigling.»
Parker wandte sich an Tony. «Du hast uns diese ganze Scheisse eingebrockt! Los jetzt! Schaff die Leute ins Untergeschoss.»
«Alle?»
«Was denkst du denn? Dass wir die Leute hier rumstehen lassen, während wir unten die Fächer leeren? Du hast das angezettelt, nun führ es auch richtig durch!»
«Okay, Parker.» Tony wollte die Leute vom Boden hochjagen und fuchtelte nervös herum: «Auf mit euch, Pack!» Doch alle Augen waren auf Parker gerichtet.
Erst als dieser sagte: «Steht auf und folgt ihm!», erhoben sie sich. «Das ist jetzt kein Bankraub mehr. Das ist eine Geiselnahme.»
«Zentrale, bitte kommen», schepperte es aus dem Funkgerät im Hauptbüro der Stadtpolizei, «hier Streifenwagen Limmat 1, Suter.»
Beat Moser machte Thomas Baumann Platz, so dass sich der Kommandant melden konnte: «Wie sieht die Lage aus, Suter?»
«Bewaffneter Überfall auf die Zurich Credit Bank», kam es zurück. «Zwei maskierte Männer mit Faustfeuerwaffen, sechs bis acht Geiseln, ein Hund. Wir mussten uns zurückziehen, da das Leben einer Frau in Gefahr war.»
«Haben die Täter irgendwelche Forderungen gestellt?», fragte Baumann.
«Bis jetzt nicht.»
«Tote oder Verletzte?»
«Konnte ich in dieser kurzen Zeit nicht feststellen. Aber … Moment … ein Sicherheitsmann der Bank möchte mit dir sprechen.»
Es knisterte in der Leitung, dann ertönte eine aufgeregte Stimme. «Hier ist Karl Gutknecht, ich bin von der Security. Ich konnte mich … retten.» Er klang wie ein von Schuldgefühlen geplagter Deserteur.
«Was haben Sie beobachtet, Herr Gutknecht?»
«Es sind zwei Täter. Sie haben vier Bankangestellte unter Kontrolle: Reto Furrer, Manisha Krishnakumaran, Barbara Zink und Bashkim Rahmani. Furrer haben sie in die Hand geschossen.»
Baumann machte sich Notizen. «Ist er schwer verletzt?»
«Ich bin nicht sicher.»
«Weiter?»
«Weiter sind da vier Kunden. Rainer Hagen, ein deutscher Stammkunde. Dann eine etwa 80jährige Dame sowie eine 30-Jährige. Und eine Jugendliche mit einem Polski-Owczarek-Nizinny.»
«Mit einem was?»
«Einem Polnischen Niederungshütehund. Braun-grau-schwarz gescheckt mit langen zottigen Haaren, ich habe selber so einen.»
Baumann verdrehte die Augen. «Die Rasse tut nichts zur Sache.»
«Entschuldigen Sie bitte. Ich bin … ziemlich durcheinander.» Seine Stimme brach.
«Begreiflich, Herr Gutknecht. Aber Sie müssen sich noch einen Moment zusammenreissen. Was können Sie mir weiter sagen?»
«Die Bankräuber haben das Geld aus der Schalterhalle erbeutet sowie meine Waffe. Nun haben sie vor, sich an die Safes im Untergeschoss zu machen.»
«Was ist mit den Überwachungskameras?», fragte Baumann.
«Sind zerstört.»
«Alle?»
«Ich glaube ja.»
Baumann winkte Beat Moser heran. «Mach den Sicherheitschef der ZCB ausfindig. Ich will alle Details über die Kamerastandorte erfahren.»
Moser nickte und eilte zum Telefon.
«Gutknecht», fuhr Baumann fort, «was können Sie uns über die Geiselnehmer sagen?»
«Einer ist ein Hitzkopf, der sofort schiesst, wenn jemand aufmuckt, der andere ist ruhiger, aber mindestens so bedrohlich. Sie haben Streit bekommen und mussten ihren Plan ändern. Das ist doch gut, oder?»
«Das ist gefährlich», gab Baumann zurück.
«Ich verstehe.»
«Sonst noch was?»
«Nein», meinte der Wachmann.
Baumann schrieb alles auf, dann bedankte er sich und bat den Wachmann, das Funkgerät wieder dem Streifenpolizisten zu übergeben.
«Hier Limmat 1, Suter», meldete sich dieser.
«In einer halben Stunde», informierte Baumann ihn, «werden weitere Skorpions bei euch eintreffen. Ich richte den Führungsraum mit der direkten Linie ein. Informiert mich über die kleinste Änderung der Lage.»
«In Ordnung.»
Baumann beendete das Gespräch, dann rief er einen seiner Männer an, teilte ihm mit, eine achtköpfige Einsatzgruppe habe sich schnellstmöglich im Führungsraum einzufinden. Nun wandte er sich an Moser. «Hast du den Sicherheitschef der Bank erreicht?»
Moser nickte. «Er kontrolliert in den nächsten Minuten die Monitore der Kameras. Sobald er weiss, ob eine oder mehrere noch intakt sind, meldet er sich.»
«Stell ihn direkt zu mir durch», gab Baumann zurück. «Und sorge dafür, dass die Praktikantin Kaffee und Mineralwasser in den Führungsraum bringt.»
Parker zog den Rauch seiner Zigarette tief in seine Lungen. Er kochte vor Wut. Es war genau das passiert, was er befürchtet hatte: Sein Kumpel hatte es verbockt. Und er, Parker, musste nun nach einer Lösung suchen. Weil Tony zu beschränkt war, selber zu denken, weil er zu gierig war, und weil er überhaupt der grösste Idiot der nördlichen Hemisphäre war. Parker hätte die Sache mit einem anderen durchziehen sollen.
Tony, mit dem Alukoffer in der einen und der Knarre des Wachmanns in der anderen Hand, trieb die Angestellten und Kunden aus der Haupthalle zum Seitenausgang, der ins Untergeschoss führte. Die Bullen hatten sich vom Eingang zurückgezogen und lauerten auf der anderen Strassenseite. Parker stiess die tamilische Angestellte in die Gruppe zurück und trat als Letzter ins Treppenhaus. Die Leute stolperten dicht aneinandergedrängt nach unten. Die Rastalockige tätschelte ihren Hund, dieser hatte den Schwanz eingezogen und trottete mit dem Kopf dicht am Boden neben ihr her. Der Geschäftsmann hielt sich am Ärmel von Barbara Zink fest; es war nicht klar, ob er sie oder sich selbst beruhigen wollte. Neben ihr stieg die alte Dame die Stufen hinunter und flüsterte Furrer tröstende Worte zu, der seinen blutenden Finger hielt, welcher mit ihrem lila Halstuch umwickelt war. Bashkim Rahmani, der übereifrige Angestellte, warf Parker einen bösen Blick zu. Parker zielte drohend mit seiner Pistole auf ihn, bis er wegschaute.
Parker konnte sich kaum beruhigen. Er wusste, was eine Geiselnahme nach sich zog. Er hatte im Knast einige kennengelernt, die wegen Ähnlichem sassen. Für einen unblutigen Bankraub, der nur materiellen Schaden verursachte, konnte man mit ein paar Jahren davonkommen; bei Geiselnahme kannten die Gerichte keine Gnade. Die Opfer seien bis ans Ende ihrer Tage gezeichnet, hiesse es, sie hätten um ihr Leben gebangt und seelischen Schaden erlitten. Besonders hart waren die Richter, wenn Frauen darunter waren. Dieser Gedanke erzürnte Parker noch mehr. Als ob die Leiden von Frauen doppelt zählten! Er war ein Mann, und sein Leben war eine einzige Wüste gewesen. Die Jahre seiner beschissenen Kindheit tauchten vor ihm auf. Die harte Hand seines Vaters, seine Mutter, die alles billigte. Das Eingeschlossensein in seinem Zimmer, in dem es weder Spielsachen, noch Musik oder Bücher gegeben hatte. Keine Freunde, keine Spielkameraden. Niemand hatte das Haus betreten dürfen. Aus der Verzweiflung, Einsamkeit und Verlorenheit hatte sich im Laufe der Jahre ein einziges Gefühl herauskristallisiert: eine unbändige, zerstörerische Wut. Wut auf seine Eltern, auf die Menschheit, auf die ganze Welt. Er hasste alles und jeden. Am meisten sich selbst. Sein Herz fühlte sich an wie eine rabenschwarze Grube, gefüllt mit beissenden Rachegedanken. Manchmal versuchte er, ein guter Mensch zu sein, andere zu verstehen, jemandem zu helfen, aber es gelang ihm nie richtig. Nach ein paar Sekunden war die Anwandlung jeweils vorüber, und das schwarze Loch hatte ihn wieder.
Aber das würde nun aufhören. Er würde diesem Land den Rücken kehren und die Vergangenheit hinter sich lassen. Vor zwei Jahren waren seine Eltern kurz hintereinander gestorben. Parker hatte gehofft, er würde Erleichterung verspüren, ein Gefühl von Freiheit oder Entspannung, hatte sogar damit gerechnet, dass trotz alledem eine Spur von Trauer über ihren Tod aufkäme. Doch all das war ausgeblieben. Er hatte nur Leere empfunden.
Er hatte nichts zu verlieren gehabt, hatte den Bankraub gut geplant, war cool geblieben. Bis vor ein paar Minuten. Nicht nur Tonys eigenmächtige Handlung brachte ihn zur Weissglut. Was ihn völlig aus dem Konzept warf, war die Begegnung mit dieser Nora Tabani. Sie hatte er am wenigsten hier erwartet. Es war die Person, die er hasste wie keine andere.
Um ein Haar hätte er reflexartig abgedrückt, als er sie erkannt hatte. Die Kugel wäre in ihre Stirn gedonnert, hätte ihr Hirn zerfetzt und wäre am Hinterkopf wieder ausgetreten. Das Blut wäre aus ihr geschossen, und sie wäre augenblicklich tot gewesen. Es hätte ihn mit Genugtuung erfüllt. Doch er hatte sich beherrscht. Er durfte die Kontrolle nicht verlieren. Einmal entfacht, würde seine Wut grenzenlos. Er spürte, dass er etwas in sich trug, das ihn zum Massenmörder machen und ihn ungebremst töten lassen könnte.
Parker schob die Gedanken mit einem Kraftakt beiseite. Er hatte keine Zeit für sowas. Er musste einen kühlen Kopf bewahren. Für Eskalation hatte Tony schon gesorgt. Der kriegte es hin und hinterliess aus lauter Dummheit ein paar Leichen. Parker musste ihm unbedingt zeigen, wer hier das Sagen hatte.
Falls sie die neue Situation geschickt angingen, würden sie nicht geschnappt. Draussen standen noch immer ihre beiden Kawasakis – die konnten sie vergessen. Die würden die Bullen bestimmt beschlagnahmen. Sie brauchten ein anderes Fluchtfahrzeug. Morgen früh ging ihr Flug von Amsterdam in die Karibik, dorthin, wo man so etwas wie eine Auslieferung in die Schweiz nicht kannte. Wenn sie in den nächsten Stunden die Sache in den Griff kriegten und die Geiseln für ihre Zwecke benutzten, würde die Zeit reichen, um nach Holland zu fahren. Dort hatten sie vor, die Beute Frank, einem Hehler, zu überlassen, der das Geld auf ihr bereits eröffnetes Konto überwiese, so dass sie das Flugzeug nicht mit dem gestohlenen Gut besteigen mussten. Parker konnte sich auf Frank verlassen. Es war nicht das erste Mal, dass er mit ihm zusammenarbeitete. Natürlich würde er einen Teil der Beute für sich abzwacken, schliesslich hatte er auch Arbeit damit, doch er bliebe fair. Noch war nichts verloren. Parker brauchte bloss eine gute Idee.
Nach der Ankunft auf den Bahamas würde er sich so schnell wie möglich von Tony trennen. Wenn er neu anfangen wollte, ging das nur allein. Denn Tony träumte vom Geldverprassen in Spielcasinos, von Besäufnissen am weissen Sandstrand und schnellem Sex mit heissen Bräuten. Parker genügte ein stiller Ort, wo er ein anderer werden konnte. Er würde sich häuten wie eine Schlange, und darunter käme ein neuer Parker zum Vorschein. Einer, der das Leben geniessen konnte. Einer, den man nicht fürchtete, sondern mochte.
Parker schaute auf die Gruppe vor ihm, die nun im Untergeschoss angekommen war. Tony drängte sie in den Vorraum, der weiter hinten zur Halle mit den Schliessfächern führte. Ein dunkelroter Teppich schluckte die Geräusche der Schritte. Eine meterdicke runde Tresortür aus Stahl verband die beiden Räume. Sie war geöffnet, und Parker konnte einen Blick auf die langen Reihen der Fächer werfen. Auf der linken Seite des Vorraums war eine marmorne Empfangstheke, auf deren Vorderseite das Bankenlogo, der rote Tiger im Sprung, eingemeisselt war. Zwei Computerbildschirme standen auf dem Korpus. Auf der rechten Seite des Raums befanden sich schwarze Ledersessel und ein Glastischchen für die Wartenden.
«Cool», sagte Tony, «keiner hier.»
«Und das macht dich nicht misstrauisch, du Schwachkopf?», brüllte Parker ihn an.
«Wieso? Wie meinst du das?»
«Um diese Zeit sollte hier jemand arbeiten. Das heisst, dieser Jemand hat die Schüsse vorhin gehört und sich aus dem Staub gemacht.» Parker ging auf die blonde Bankangestellte zu, die ängstlich zurückwich. «Gibt es irgendwo einen Hinterausgang?»
Barbara Zink schüttelte den Kopf. «Sie … sie konnte nicht flüchten. Sie hätte an uns vorbeikommen müssen.»
«Sie?»
Barbara Zinks Antwort war nur noch ein Flüstern. «Angela Morandi. Sie ist heute morgen für die Schliessfächer zuständig.»
«Tony!», befahl Parker. «Du bleibst hier und bewachst die Geiseln!»
«Okay, Boss.» Er zog seine Draculamaske gerade, scheuchte die ganze Gruppe auf die eine Seite und stellte sich breitbeinig mit gezückter Pistole vor sie hin. «Keinen Mucks, oder ihr seid tot!»
Parker blickte auf die beiden Überwachungskameras, die an den oberen Ecken des Raums montiert und auf die Empfangstheke sowie die Sessel gerichtet waren. Mit zwei gezielten Schüssen schaltete er sie aus. Glas klirrte, Plastik brach, schwarze Splitter fielen zu Boden. Ein elektrischer Draht schnellte aus dem Loch in der Wand und wippte hin und her. Befriedigt über seine Treffsicherheit fegte er aus dem Vorraum.
Auf einem Zwischenboden des Treppenhauses fand er die Toiletten. Er stürzte hinein, öffnete das Damenklo auf der linken Seite, das aus zwei Kabinen bestand, bückte sich und schaute erst unter der einen, dann der anderen Tür durch. Nichts. Er stiess die Türen ganz auf. Da war niemand. Er eilte ins Männerklo und sah, dass eine Kabine verschlossen war. Als er durch den Spalt lugte, entdeckte er keine Schuhe. Doch die Bankangestellte musste hier drin sein. Wahrscheinlich sass sie mit angezogenen Beinen auf der Klobrille. Er lauschte. Ein leises, schnelles Atmen war zu hören, wie von einem gefangenen Tier.
«Angela Morandi!», sagte er. «Komm raus, oder ich schiesse durch die Tür!»
Sie zögerte.
«Ich zähle bis drei, dann drück ich ab! Eins … »
Die Klinke bewegte sich nach unten, und eine pummelige Frau mit dunklem Pferdeschwanz kam verschüchtert aus der Kabine. In der Hand hielt sie einen schwarzen Schirm. Sie zitterte.
«Warst du es, die die Polizei gerufen hat?», fragte Parker.
Die Frau bewegte lautlos ihre blutleeren Lippen.
«Antworte!»
«Sie wussten es schon», gab die andere leise zurück. Sie richtete den Schirm gegen ihn.
Parker schnaubte. «Lass das lächerliche Ding fallen und komm mit!»
Angela Morandi gehorchte. Sie liess den Schirm zu Boden gleiten. Parker schob sie vor sich her und brachte sie in den Vorraum der Schliessfächerhalle. Als sie die Geiseln erblickte, die von Tony in Schach gehalten wurden, murmelte sie: «Oh Gott, Barbara … Reto ….» Sie erblickte Furrers Hand im blutigen Halstuch und wurde kreidebleich.
Parker stiess sie zu den anderen. «Setzt euch nebeneinander auf den Boden. Lehnt euch an die Wand an. Ihr werdet ein paar Stunden hier bleiben, bis wir eine Lösung gefunden haben. Wenn ihr nicht auf dumme Gedanken kommt, geschieht euch nichts. Los, runter mit euch!»
Die Leute setzten sich auf den Teppich. Die Rasta-Frau kreuzte die Beine zum Schneidersitz. Furrer legte die verletzte Hand auf den Oberschenkel. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Die ältere Dame hatte sichtlich Mühe, in die Hocke zu gehen und fragte leise: «Wäre es nicht möglich, dass wir auf den Sesseln Platz nehmen könnten?»
«Ich sagte, auf den Boden!»
Rahmani half ihr, bis auch sie neben den anderen auf dem Teppich sass.
«Und jetzt legt eure Handys vor euch hin!», fuhr Parker fort.
Hagen griff sofort in die Innentasche seines Mantels und deponierte sein iPhone sorgfältig vor seinen Füssen.
«Ein bisschen schneller, verdammt nochmal!»
Die Angestellten Barbara Zink, Angela Morandi und Bashkim Rahmani taten es dem Geschäftsmann nach.
«Meines ist in der Schalterhalle oben», sagte die tamilische Angestellte. «In meiner Handtasche.»
«Wie heisst du?», fauchte Parker. Die Kleine war aussergewöhnlich hübsch, aber Parker verbot sich Gedanken an Ausschweifungen. Er war schliesslich nicht Tony, er hatte sich im Griff.
«Manisha Krishnakumaran.»
«Wenn du mich belügst, Manisha … »
Sie schüttelte vehement den Kopf. «Ich schwöre, es ist –»
Parker betrachtete ihr enges, anthrazitfarbenes Kleid, das keine Taschen aufwies. Ihre Hüften waren perfekt gerundet. Ihre Beine so wohlgeformt, wie man es nur bei mit Photoshop bearbeiteten Models auf Plakatwänden sah. Jedenfalls gab es keinen Zentimeter an ihrem Körper, wo sie ein Mobiltelefon hätte unterbringen können. Er nickte. «In Ordnung.»
Neben ihr sass Reto Furrer wie ein kleiner Junge, der wartet, bis er an die Reihe kommt, und kommentierte jammernd: «Mein Handy habt ihr ja vorhin – »
«Ich weiss!» Parker regte sich über den Typen auf. Ein echter Waschlappen, der zu nichts anderem taugte als zu einer öden Arbeit in einer Bank. Und solche Leute hatten die Macht, Millionen von Franken, Euro oder Dollar zu verwalten. Kein Wunder, ging in der Finanzwelt alles vor die Hunde. Parker wandte sich an die Frau mit dem Köter. «Was ist mit dir?»
Umständlich wühlte sie in ihrer Umhängetasche, auf der ein Cannabisblatt aufgestickt war und darunter die Worte «Free Ganja». Es klimperte und rasselte: Sie nahm eine Dose Red Bull heraus, einen weissen Spielwürfel, eine mit indischen Zeichen verzierte Haschpfeife, dann einen Feldstecher in einem Lederetui.
«Wofür ist der denn? Bist du eine Spannerin?»
«Ich beobachte Vögel», sagte sie.
«Dein Name?»
«Janis. Wie Janis Joplin.»
«Und weiter?»
«Nur Janis.» Sie schluckte, suchte weiter in ihrer Tasche.
Parker ging einen Schritt auf sie zu. «Ich sagte, ich will deinen Nachnamen hören.»
Sie murmelte etwas.
«Lauter!»
«Blocher», sagte sie verschämt.
Tony prustete los, was unter der Maske einen dumpfen Ton verursachte.
Parker brachte ihn mit einer gebieterischen Handbewegung zum Schweigen. «Da gibt’s nichts zu lachen. Es macht die Sache nicht besser, wenn sie mit dem Politiker verwandt ist.»
«Ich bin nicht mit dem verwandt!», gab Janis mit empörtem Blick zurück. «Zum Glück.» Sie hatte ihr Handy gefunden, das in einem rot-grün-gelb gestreiftem Wolltäschchen steckte, und legte es vor sich hin.
Parker stellte sich vor die alte Dame. «Und du?»
«Greta Hollenstein», sagte sie, «pensionierte Sekundarlehrerin.»
«Ich will nicht deinen verdammten Lebenslauf, sondern dein Handy.»
«So was brauch ich nicht», sagte sie und hielt ihm ihre geöffnete Handtasche hin. «Ich wüsste nicht, wie ich so ein Ding bedienen sollte. Ausserdem sehe ich nicht mehr gut. Grosse Schriften kann ich lesen, aber mit meinem Grauen Star würde ich so eine kleine Tastatur – »
«Halt die Klappe.» Parker durchwühlte die Tasche, die mit diversem Krimskrams gefüllt war. Schlüssel, Kugelschreiber, Brillenetui, ein zerknautschtes Päckchen Pfefferminzbonbons, ein Buch und ein riesiges Altweiberportemonnaie, in dem die Münzen klimperten. Er ertastete ein Taschentuch, das etwas feucht war, und zog seine Hand angewidert zurück. Ein Mobiltelefon fand er nicht. «Okay.»
Zuletzt trat er vor Nora Tabani. Er fühlte, wie sein Hass erneut aufflammte, als er in ihre Augen sah. Sie schaute ihn forschend an, als suche sie in ihrem Gedächtnis nach dem Gesicht, das zu seiner Stimme passte. Sie war intelligent, das spürte er. Sie liess sich von ihrer Angst nicht beherrschen, sondern behielt die Nerven. Wenn von einer der Geiseln Gefahr ausging, dann von ihr, das war ihm klar. Sie würde jede Möglichkeit zur Gegenwehr nutzen. «Rück dein Handy raus!», befahl er.
Nora Tabani hob bedauernd die Schultern. «Ich habe keins.»
«Das hättest du wohl gern! Durchsuch sie, Tony!»
«Aber klar doch», gab sein Kumpel zurück, kniete sich hin und tastete die Tabani ab, die es stoisch über sich ergehen liess. Erst untersuchte er die Aussentaschen ihrer Jacke, dann die Innentaschen, danach die Taschen ihrer Jeans. Er fand einen Schlüsselbund und steckte ihn zurück, ohne ihn genauer anzuschauen. Mit sichtlichem Vergnügen fuhr er ihren Beinen entlang, hob die Hosensäume und kontrollierte Socken und Schuhe. «Sie sagt die Wahrheit, Alter. Sie hat keines. Das heisst … Moment mal, ich hab da was vergessen …» Er rutsche näher zu ihr und fuhr mit den Händen unter ihre Bluse. Als er ihre Brüste begrabschte, sah Parker, wie ihre Hand zuckte, als müsste sie sich beherrschen, Tony keine runterzuknallen. Doch sie tat nichts dergleichen. Sie bedachte Tony mit einem Blick, der Bände sprach, hielt sich aber zurück. Ja, dachte Parker, die Tabani ist nicht zu unterschätzen.
Rahmani starrte entrüstet auf die Szene, als wollte er gleich eingreifen. Barbara Zink wandte ihren Blick ab. Greta Hollenstein schüttelte den Kopf und murmelte: «Wie entwürdigend …»
«Lass es gut sein», sagte Parker zu Tony.
«Warum? Hier hab ich noch nicht nachgeschaut.» Tony fingerte am Reissverschluss von Tabanis Jeans herum.
«Gütiger Gott!», entfuhr es Greta Hollenstein.
«Ich sagte, hör auf!», Parker zog seinen Kumpel am Jackenärmel zurück und stiess ihn zur Seite.
Tony stolperte, rappelte sich wieder hoch. «Ist ja gut, Alter, reg dich nicht so auf.»
Die Tabani schaute erst zu Tony, dann zu ihm hoch. Parker suchte vergeblich ein Anzeichen von Angst in ihrem Gesicht. Mit selbstsicherer Stimme, die ihn rasend machte, meinte sie: «Überzeugt?»
Parker beugte sich ganz nah zu ihr hinunter, starrte sie durch seine Maskenschlitze an und zischte: «Wenn du mich verarschst, Tabani, bist du tot.»
09:18
Noras Herz schlug zum Zerspringen. Der Typ trieb ein Machtspiel mit ihr, aber den Triumph, sie einzuschüchtern, gönnte sie ihm nicht. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und setzte ein Pokerface auf, das ihrem Chamäleon alle Ehre gemacht hätte. Als Parker sich von ihr abwandte, entliess sie die angehaltene Luft so leise sie konnte. Um ein Haar wäre sie aufgeflogen. Sie hatte ihr Mobiltelefon während des Hinabsteigens ins Untergeschoss unauffällig vorn in ihren Hosenbund geschoben. Sie hatte geahnt, dass die Bankräuber den Geiseln jeglichen Kontakt mit der Aussenwelt verunmöglichen würden, indem sie ihnen die Handys wegnahmen. Falls Jan mitgelauscht hatte, wusste er genug. Sie hatte die Verbindung unterbrochen, um Akku zu sparen, doch wegen der Tastatursperre hatte sie es nicht geschafft, das Gerät auszuschalten. Das musste sie dringend nachholen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Sonst konnte es passieren, dass es plötzlich läutete. Das Handy drückte in ihren Bauchnabel. Sie konnte kaum fassen, dass Tony es nicht gefunden hatte. Seine Hände waren überall gewesen, nur nicht dort. Sie wusste, der Versuch war riskant gewesen. Doch er war es wert. Die Aktion war den Männern entglitten, das hiess, sie waren noch unberechenbarer. Ihr Stress konnte Menschen das Leben kosten. Wenn Nora schon keine Waffe auf sich trug, wollte sie wenigstens die Möglichkeit zur Kommunikation nach aussen haben.
Die Interventionseinheit der Polizei würde das Leben Unschuldiger nicht gefährden, sondern ginge auf die Forderungen der Geiselnehmer ein. Zumindest pro forma. Und Forderungen kämen. Parker und Tony konnten die Bank nicht mehr auf dem Weg verlassen, den sie vorgesehen hatten. Solange sie hier unten die Safes leerten, waren Nora und die anderen Gefangenen in relativer Sicherheit. Die entscheidende Phase käme, wenn die Männer abhauen mussten. Um die Chance für eine erfolgreiche Flucht zu erhöhen, nähmen sie wohl eine der Geiseln mit. Nora hoffte, es träfe nicht die alte Dame. Greta Hollenstein schien zwar rüstig zu sein und nicht so leicht zu erschüttern, aber körperlich wäre sie nicht in der Lage, sich zu wehren. Hagen, der deutsche Geschäftsmann, war zwar gross und massig, wirkte jedoch kaum wehrhafter. Janis Blocher war wegen ihres Hundes nicht die optimale Fluchtgeisel. Ausser die Täter entschlossen sich, das Tier zu töten. Reto Furrer war verletzt und würde alles vollbluten, was nicht im Interesse der Bankräuber sein konnte, die sich, ohne Aufsehen zu erregen, davonmachen und vielleicht das Land verlassen wollten. Bashkim Rahmani käme nicht in Frage. Er würde kämpfen. Aus Sicht der Täter wären die Angestellten Barbara Zink, Angela Morandi oder Manisha Krishnakumaran am besten geeignet, ihnen die Flucht zu ermöglichen.
Oder sie, Nora? Sie wünschte fast, die beiden wählten sie. Sie hatte Erfahrung mit Gewalttätern, wusste, womit sie rechnen musste und war physisch in Bestform – schnell, beweglich und dank ihres wöchentlichen Kampfsporttrainings fähig, es auch mit Bewaffneten aufzunehmen, falls deren Aufmerksamkeit für eine Sekunde nachliess.
Nora hatte weiter die Schüsse gezählt. Nachdem Parker im Erdgeschoss mindestens sieben Kugeln verbraucht und hier unten die beiden Videokameras ausgeschaltet hatte, war sein Magazin definitiv verfeuert. Er hatte keinen Leerschuss abgegeben, es hatte nicht geklickt, das hiess, Parker war höchstwahrscheinlich nicht klar, dass sich in seiner Taurus keine Munition mehr befand. Das konnte für einen Überraschungsangriff genügen. Wenn Tony nicht wäre. Er trug die Waffe des Wachmanns allzu locker in der Hand.
Nora beobachtete ihn. Der schlaksige, grosse Typ sammelte alle Handys vom Boden auf und warf sie über die Empfangstheke, wo sie an einen Aktenschrank schepperten und in den weichen Teppich fielen. Dann machte er sich weiter hinten am Koffer zu schaffen. Parker half ihm dabei, ohne seinen Blick von den Geiseln zu lassen. Nora hatte Parkers Augen durch seine Maske gesehen. Dunkel, feurig, voller Wut. Was verband ihn mit ihr? Woher kam sein Hass? Sie zerbrach sich den Kopf, fand aber keine Erklärung.
Sie betrachtete ihre acht Mitgefangenen. Alle sassen dicht aneinandergedrängt an der Wand und schwiegen. Hagen starrte trübselig vor sich hin, Angela Morandi schluchzte lautlos, Rahmanis Blick war auf Nora gerichtet. Er wirkte nicht mehr so abweisend, vielleicht hatten Tonys Grabschereien den jungen Kosovaren überzeugt, dass Nora nicht mit den Bankräubern unter einer Decke steckte.
Noch immer fragte sie sich, wer sie in die Bank bestellt hatte. Vielleicht würde sie es nie erfahren. Vielleicht hatte ihr Auftraggeber im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Und das Ganze stellte sich als unglaublicher Zufall heraus. Seltsam nur, dass sie nicht daran glaubte.
Greta Hollenstein sass neben Nora, die Handtasche in ihrem Schoss. «Martha hat heute Geburtstag», murmelte sie zusammenhangslos.
Nora wusste nicht, ob sie mit sich selber redete oder sie angesprochen hatte, und fragte gedämpft: «Wer ist Martha?»
Die alte Dame drehte den Kopf, und die Andeutung eines Lächelns erschien auf ihrem runzligen Gesicht. «Meine Schwester. Ich wollte Geld abheben, um sie in die ‹Kronenhalle› einzuladen.»
«Das tut mir leid», flüsterte Nora zurück.
«Sie wird achtundsiebzig.»
Tony und Parker liessen es zu, dass sie sich leise unterhielten. Barbara Zink blickte zu Greta Hollenstein herüber, als würden ihre Worte sie beruhigen.
Diese fuhr fort: «Ich bin die Ältere.»
Nora fühlte sich genötigt zu antworten: «Das sieht man Ihnen aber nicht an.»
«Ja, nicht wahr?»
Mit leicht bitterem Unterton sagte Nora: «Ich hätte heute auch ein rundes Jubiläum zu feiern. Den 541. gemeinsamen Arbeitstag mit meinem Partner.»
«Oh», gab die Dame zurück, «die hundertste Primzahl.»
Nora schaute sie entgeistert an, darauf meinte die andere: «Vergessen Sie nicht: Ich war Lehrerin.» Sie streckte Nora die Hand hin. «Übrigens: Ich bin Greta. Ich finde, so eine Situation schweisst zusammen, da sollte man sich nicht mit Förmlichkeiten abgeben.» Nach einer kleinen Pause meinte sie: «Wir müssen uns ja nicht gleich duzen. Aber uns mit Vornamen anzureden, wäre schön.»
Nora schüttelte ihre Hand, stellte sich ebenfalls vor, dann taten es ihr einige gleich.
Zink fuhr über ihre blonde Pagenfrisur und flüsterte: «Barbara. Seit achtzehn Jahren bei der Zurich Credit Bank. Wir haben in einer Krisenübung gelernt, dass solche … Über … Überfälle … leichter zu bewältigen sind, wenn unter den Geiseln Solidarität entsteht.» Ihre Stimme brach, eine Träne rann über ihre Wangen. «Verzeihen Sie bitte.»
«Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Barbara, das ist ganz natürlich», sagte der deutsche Geschäftsmann und fügte hinzu: «Hagen, Rainer Hagen. Aus Düsseldorf. Immobilienberater für Stockwerkeigentum im oberen Preissegment.»
«Studentin», sagte Janis. «Erstes Semester. Ethnologie.» Sie streichelte ihrem Hund, der seinen Kopf auf ihre Beinen gelegt hatte, übers Fell: «Das ist Dylan. Dreijährig.»
Bashkim Rahmani sagte: «Heute ist mein erster Arbeitstag.»
«Ich hoffe, es ist nicht dein letzter», antwortete Manisha leise. Dann stockte sie und errötete. «Ich meine nicht … mein Gott, das klingt ja so, als ob ich denke, du würdest heute sterben. Ich wollte nur sagen, in all den Jahren, seit die ZCB gegründet wurde, hat es noch nie einen Bankraub gegeben. Ich hoffe,» sie schaute Rahmani schüchtern an, «dieses Unglück ändert nichts an deinem Entscheid, bei uns zu arbeiten.»
«Auf keinen Fall», sagte Rahmani leise, aber bestimmt. «Es ist mir eine grosse Ehre, die Stelle bekommen zu haben.»
Reto Furrer gab ein leises Stöhnen von sich. Gretas lila Halstuch, das er um seine Hand geschlungen hatte, hatte sich inzwischen in einen nass-roten Lappen verwandelt.
«Schmerzen?», fragte Angela Morandi.
Furrer nickte.
Unterdessen hatte Tony den Koffer auf die Theke gelegt. Er nahm einen Schlüssel raus und ging damit in die angrenzende Halle mit den Schliessfächern. Man hörte ihn hantieren. Metall schepperte, ein Scharnier quietschte, eine schwere Lade knallte auf einen Tisch. Ein Deckel wurde angehoben.
Dann rief Tony: «Heilige Scheisse, Alter, sieh dir das an! Und diese Bankzicke hat uns gesagt, hier sind nur Dokumente!»
Parker ging ein paar Schritte in seine Richtung.
In diesem Moment vibrierte es an Noras Bauchnabel.
Verdammt!
Reflexartig griff sie nach ihrem Handy, doch die ersten Worte der Nationalhymne dudelten bereits durch den Raum. «Trittst im Morgenrot daher …» So unpassend wie hier war der Klingelton noch nie gewesen. So schnell sie konnte, schaltete sie das Mobiltelefon aus.
Greta starrte sie an.
Rahmani riss die Augen auf.
Parker schnellte herum und preschte auf die Geiseln zu. Ein Schweisstropfen fiel von seiner Maske auf den Boden. «Wer war das?»
Jan sass am Computer und hackte sich in die Baupläne der Zurich Credit Bank. Das hiess, Hacken konnte man es eigentlich nicht nennen. Noch nicht. Noch befand er sich auf öffentlichen Webseiten.
Bis vor kurzem waren die Gesprächsfetzen der Bankräuber und Geiseln aus dem Lautsprecher seines iPhones gedrungen. Zwar mit störenden Nebengeräuschen, aber einigermassen verständlich. Die Gruppe hatte sich auf den Weg zum Untergeschoss gemacht, das hatte er begriffen. Plötzlich hatte es geraschelt, als ob Nora ihr Handy an einen anderen Ort verschoben hätte, dann war die Verbindung abgebrochen. Um den Kontakt mit Nora wiederherzustellen, hatte Jan sein iPhone geschüttelt – eine völlig untypische Handlung für ihn, die wohl nur seinem Stress zuzuschreiben war. Natürlich kamen keine weiteren Geräusche aus dem Gerät. Jan hatte keine Ahnung, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war.
Er legte das Mobiltelefon zur Seite und wandte sich wieder dem Computer zu. In Windeseile klickte er sich durchs Internet. Er fand die Konstruktionsvorlagen eines Architekturbüros, das vor zwölf Jahren grössere Renovationen am Gebäude der ZCB vorgenommen hatte, auf einer zwar schwer zu entdeckenden, aber noch immer legal zugänglichen Seite. Das Eindringen in die verschlüsselten Ordner entsprach dann nicht mehr ganz dem Surfverhalten eines Normalusers. Doch Jan musste dringend erfahren, ob sich Noras Lage verändert hatte, wenn er ihr helfen wollte. Seine technischen Fähigkeiten hatte er noch nie eigennützig angewandt.
Er klickte auf die Datei «grundriss_zcb_1.pdf» und öffnete das Dokument. Es zeigte die Pläne des Erdgeschosses der Bank, die Schalter und Fenster, links die Tür zum Treppenhaus. Er öffnete «grundriss_zcb_2.pdf» und fand die Bauskizzen der unterirdischen Etage: den Vorraum und die Haupthalle mit den Schliessfächern, dazu am linken Rand den Treppenaufgang und auf halber Höhe Toiletten in einem Zwischenstockwerk. Die Strom- und Wasserleitungen waren gelb beziehungsweise blau markiert, tragende Elemente hervorgehoben. Die grau schraffierten Flächen konnte Jan zuerst nicht einordnen. Es schienen schmale Hohlräume zu sein, die sich aus verschiedenen Ecken den Wänden entlangzogen und an der Hausrückseite ineinandermündeten. In den Toilettenräumen waren mehrere dieser Bereiche eingezeichnet, zwei davon direkt über den WC-Kabinen. Von der Aussenmauer führten die Bahnen zwischen zwei Isolationsschichten nach oben. Jan kontrollierte die Pläne der oberen Stockwerke, wo die Büros der Angestellten untergebracht waren, und fand überall dasselbe System. Das mussten die Lüftungsschächte sein. Sie hatten einen Durchmesser von etwa siebzig Zentimetern und schienen auf dem Gebäudedach zu enden.
Würde das Nora etwas nützen?
Er wusste es nicht, doch er druckte die Pläne aus. Dann steckte er sein iPhone-Kabel in den USB-Anschluss des Laptops, verband das Handy damit und kopierte die beiden PDFs auf sein iPhone. Noras vorsintflutliches Mobiltelefon hatte weder Internetzugang, noch konnte es PDFs öffnen, war aber immerhin imstande, Fotos zu empfangen. So wandelte Jan die Dateien auf seinem Handy in JPEGs um und schickte sie als MMS an Nora. Er schrieb ein paar erklärende Worte dazu, damit Nora die verschiedenen Farben auf den Plänen deuten konnte. Dummerweise würde sie die Bilder auf ihrem mickrigen Display nicht vergrössern können und bräuchte Sperberaugen, um aus den kleinen Skizzen schlau zu werden.
Was er hier tat, half ihr vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Er fühlte sich elend. Hatte er irgendetwas übersehen?
Er hatte die Polizei verständigt. Dass diese ihn in ihre Aktionen nicht miteinbeziehen würde, war klar. Er war Detektiv, rechtlich gesehen eine Privatperson. Kreuzte er vor der Bank auf, würden sie ihn vom Platz weisen. Sollte er das Ganze einfach den Behörden überlassen und hoffen, dass die Geiseln bald befreit wären und der Überfall ein unblutiges Ende nähme? Das wäre das Vernünftigste.
Er ging unruhig im Büro auf und ab.
Nein, er konnte einfach nicht warten. Er musste etwas tun.
Vielleicht sollte er Mike unterstützen. Vorausgesetzt, Mike war überhaupt an diesem Fall beteiligt. Jan wusste, dass die Polizei zuerst die Lage vor Ort überblicken und erst dann Hintergrundinformationen suchen würde. Er konnte helfen, indem er Mike die Baupläne gab.
Jan wählte die direkte Kripo-Nummer. Während er dem Rufton lauschte, wurde ihm klar, dass er sich etwas vormachte. Die Polizei brauchte ihn nicht. Sie hatte genügend Leute, die auf Raub, Geiselnahmen und andere Gewaltakte spezialisiert waren. Er hielt es bloss nicht aus, als Statist am Rande dabei zu sein.
«Geh schon ran», murmelte er.
Doch Mike nahm nicht ab.
Jan versuchte es auf seinem Handy und hörte nur die Combox. Eine Sekunde überlegte er sich, eine Nachricht zu hinterlassen. Dann liess er es bleiben.
In diesem Moment klingelte sein iPhone. Er hoffte, es sei Mike.
Doch es war ein Mann von der Polizeizentrale. «Herr Berger? Sie haben uns vorhin angerufen. Stehen Sie noch in Kontakt mit einer der Betroffenen?»
Jan seufzte. «Die Verbindung wurde unterbrochen.» «Welche Informationen haben Sie erhalten?»
«Es sind Schüsse gefallen», sagte Jan.
«Das ist uns bekannt.»
«Die Bankräuber haben Geiseln genommen und sie ins Untergeschoss gebracht.»
«Ich verstehe. Wissen Sie noch mehr?»
«Leider nein.»
«Bitte teilen Sie uns mit, wenn Ihre Kollegin Sie wieder anruft. Fragen Sie nach Kommandant Baumann.»
«In Ordnung.»
Jan ging in die Küche, rastlos und unentschlossen, stützte sich am Spültrog ab und trank den Rest des heute früh zubereiteten Wermuttees. Die herben Wirkstoffe des Getränks würden seinen Magen beruhigen, und ein ruhiger Magen, das wussten schon die alten Römer, half beim Denken. Nora würde ihn auslachen, wenn sie ihn so sähe, und würde das bittere Gebräu eine Beleidigung für den Gaumen nennen. Er durfte sich gar nicht ausmalen, was sie durchmachte. So stark, wie sie sich immer gab, war sie gar nicht. Das hatte er gleich bei ihrer ersten Begegnung gemerkt. Doch er tat ihr den Gefallen, sie für eine Powerfrau zu halten, weil er wusste, wie wichtig das für sie war. Wenn es beispielsweise um ihre Vergangenheit ging, konnte sie erstaunlich wortkarg sein. Nicht, dass sie irgendwelche Leichen im Keller hatte – jedenfalls glaubte er das nicht –, vielmehr fand sie, ihr Innenleben gehe niemanden etwas an. Jahrelang hatte sie damit zu kämpfen gehabt, dass ihr Vater im Dienst erschossen worden war und sein Mörder noch immer frei herumlief. Sie hatte den Menschen verloren, den sie am meisten geliebt hatte; dieser Verlust hatte ihre Beziehung zu anderen Leuten, insbesondere zu Männern, verändert. Jan hatte miterlebt, wie Nora sich in gefühlskalte Typen, Kriminelle oder Lügner verliebt, sich in kurze, heftige Affären gestürzt hatte, nur um sich bald darauf zu schwören, den Rest ihres Lebens als Einsiedlerin zu verbringen. In den letzten Wochen hatten Monika und er sie mehrmals zum Abendessen eingeladen. Anfangs waren sie zu dritt gewesen, dann hatten sie Benny, einen guten Single-Freund, dazu genommen, was Nora mit einem spöttischen «Wollt ihr mich verkuppeln?» quittiert hatte. Die Stimmung bei Tisch war trotz allem unbeschwert gewesen, das Gespräch persönlich und offen, doch beim Verabschieden hatte Jan eine tiefe Traurigkeit in Noras Augen bemerkt. Als Benny gegangen war, schlug Monika vor, bald wieder ein Treffen zu vereinbaren, doch Nora schüttelte den Kopf. «Ist lieb von euch. Aber so dringend habe ich’s nicht nötig. Bin ganz zufrieden allein.»
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