Read the book: «Infinite Adventures»

Infinite Adventures: zweiteiliger Doppelband Originale deutschsprachige Fassung – nicht übersetzt. © Mirco Hensel, yury und Tobias Frei, infiniteadventures.de
Dies ist eine offizielle Ausgabe der Infinite Adventures, herausgegeben von Tobias Frei. Veränderte Versionen und unautorisierte Nachdrucke müssen deutlich als solche erkennbar sein. Auch das Impressum muss angepasst werden, wenn das Dokument verändert wird.
Diese EPUB-Ausgabe wurde speziell für den Vertrieb über Drittanbieter erstellt. Aufgrund rechtlicher Bedenken ist diese spezielle Ausgabe NICHT frei lizenziert. Der frei lizenzierte LaTeX-Quelltext sowie frei lizenzierte Ausgaben in den Formaten PDF, HTML und EPUB sind wahrscheinlich auf der offiziellen Website, infiniteadventures.de, erhältlich.
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Impressum
Texte: © Mirco Hensel, yury und Tobias Frei,
infiniteadventures.de
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Erste Auflage, erschienen 2019-04-01
Verlag & Herausgeber:
Tobias Frei
Böhler Weg 19
42285 Wuppertal
tobias@freiwuppertal.de
Erklärung
Teil 1:
Die absurd-witzige Vorgeschichte. Drei verrückte Studenten unternehmen eine äußerst unkonventionelle Weltreise mit gestohlenen Zügen, Helikoptern und Flugzeugen.
Teil 2:
Die inzwischen international gesuchten Freunde setzen sich kurzerhand ins All ab. Science Fiction mit bunten Sternennebeln, Raumpiraten, Kanonengefechten und zwei größenwahnsinnigen Diktatoren.
Diese Geschichte ist in einem Forenspiel entstanden, bei dem man zu dieser Geschichte jeweils einen Abschnitt hinzufügen musste. Die für dieses Format ungewöhnlich hohe, zusammenhängende Qualität veranlasste uns dazu, die entstandene Geschichte als Buch zu veröffentlichen. Mehr Informationen gibt es auf der offiziellen IA-Website:
infiniteadventures.de
Vom 14. Februar 2010 an schrieben die Autoren, anfangs noch ohne yury, die folgende Geschichte. yurys Erscheinen im Text kennzeichnet die Stelle, an der er anfing, die Infinite Adventures zu dem zu machen, was sie heute sind.
Die Handlung des Romans ist fiktiv, absurd und nicht zur Nachahmung geeignet. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Der gesamte Inhalt des Buches wurde von den Autoren der Infinite Adventures frei erfunden.
Fort Knox, die Mona Lisa und der ganze Rest
Ein Apfel mit Folgen
Orakel wollte gerade ein Buch lesen, als er merkte, dass er es falsch herum hielt. Er wendete das Buch und bemerkte erstaunt, dass man es so viel einfacher lesen konnte. Danach ging Orakel zur Universität. Da er vor der ersten Vorlesung noch etwas Zeit hatte, machte er Halt vor der Mensa und kaufte sich dort drei Schokomuffins und einen Apfel.
Während Free durch den Gang lief, sah er durch die Glastür der Mensa seinen Freund Orakel, der gerade am Fenster einen Apfel aß. Free schlich sich an ihn heran und schubste seine Hand plötzlich nach vorne, sodass der Apfel aus dem Fenster fiel. Orakel sprang hinterher, denn er liebte Äpfel. Free wollte Orakel festhalten, ohne Erfolg. Auch Free fiel aus dem Fenster.
Quintus, der unten auf dem Weg stand, beobachtete, wie ein Apfel aus einem Fenster im dritten Stock fiel. Er stand da, starrte den Apfel an und musste lachen, als Orakel und Free auch aus dem Fenster fielen. Free fragte ihn, warum er lache – schließlich hatten die beiden gerade ohne Probleme eine Landung aus dem dritten Stock überlebt! Quintus war der Meinung, Orakel und Free seien »total irre«. Danach fiel den beiden auf, dass Quintus laut den Angaben in ihren Lateinbüchern eigentlich schon längst tot sein müsste. Quintus erinnerte sich, entschuldigte sich und fiel tot um. Orakel und Free hatten keine Zeit, sich darüber zu wundern, weil plötzlich ein Polizist neben ihnen stand. Er schrie die beiden an und war fest davon überzeugt, dass sie Quintus ermordet hätten. Free und Orakel wollten ihm erklären, dass Quintus einfach so tot umgefallen war, aber der Polizist glaubte ihnen nicht und die beiden mussten vor Gericht. Der Richter entschied auf dreihundert Sozialstunden im öffentlichen Dienst. Orakel machte zehn davon und ließ Free 290 machen.
Free war wütend auf Orakel, doch der war schon lange zu Hause und sah sich ein Fußballspiel im Fernsehen an. Daher beschloss Free, noch einmal zum Richter zu gehen und ihm die Sache zu erklären. Der Richter verstand das Problem von Free und ließ Orakel die 290 Stunden Sozialarbeit machen. Free durfte nach Hause. Als Orakel das hörte, verklagte er den Richter. Er verlor den Prozess und war sehr traurig.
Dann ging Orakel zum Bahnhof und nahm einen Zug nach »Leerfahrt«. Orakel fand diesen Ort komisch und stieg in den Zug ein. Er wunderte sich, warum er so alleine im Zug war. Als er im Betriebshof landete, sah er Free, denn der hatte seine Schuhe in einem Zug vergessen und wollte sie nun finden. Als »Wiedergutmachung« half Orakel Free bei der Suche. Nach drei Stunden hatten sie schon 98 Züge der DB durchsucht, hatten dabei aber kein Glück gehabt. Free fing an, zu verzweifeln. Orakel wollte ihn beruhigen, indem er erklärte, dass sie doch schon 98 von 23.261 Zügen durchsucht hatten, doch das war kein Trost für ihn. Free erinnerte sich allerdings, dass er die Schuhe zu Hause hatte – Orakel und Free hatten umsonst gesucht.
Bis jetzt waren die beiden unbemerkt geblieben und hatten sich vor den Bahnangestellten im Betriebshof versteckt, um nicht für Einbrecher gehalten zu werden. Nun mussten sie es schaffen, den Bahnhof unbemerkt zu verlassen. Auf der Suche nach dem Ausgang kam ihnen ein Mitarbeiter des Objektschutzes entgegen. Er sah Orakel und Free merkwürdig an und fragte sie, ob sie hier arbeiteten. Orakel sagte schnell, dass sie die neuen Praktikanten seien und sich nur ein bisschen umsehen wollten. Der Wachmann ging kurz in einen anderen Raum, um nachzufragen, ob es wirklich neue Praktikanten gab. Diesen Moment nutzten die beiden, um davonzulaufen. Der Wachmann bekam nichts mit. Er wunderte sich, warum die »neuen Praktikanten« schon weg waren. Nach dem Besuch bei der DB gingen Orakel und Free zur Schwebebahn. Als sie ohne Ticket erwischt wurden, kam ihnen der gleiche Mitarbeiter entgegen, der sie auch schon im Betriebshof erwischt hatte.
Der Wachmann meinte verärgert: »Euch kenne ich doch!«
Schnell sagte Free zu Orakel: »Hey you! I know you!«
Orakel antwortete: »No!«, und Free sagte zum Wachmann »Nein!«. Free erklärte ihm, dass Orakel nicht gut Deutsch sprechen könne, sondern nur Englisch. Der Wächter verlor bald die Geduld und rief die Polizei. Nun wurden Free und Orakel von der Polizei verfolgt! Als ein Streifenwagen eintraf, versteckten sich Orakel und Free hinter einer Hütte.
Orakel flüsterte zu Free: »Ob sie uns finden werden?«
»Ja. Werden sie«, antwortete eine Stimme hinter ihnen. Es war yury, der Orakel und Free die ganze Zeit bei ihren Taten beobachtet hatte. Er fragte, ob er ihnen auf der Flucht helfen solle. Free wollte daraufhin wissen, ob yury einen Führerschein hatte, denn Orakel war gerade dabei, ein Fluchtauto mit Automatikgetriebe zu klauen. Nun wurden sie erst recht verfolgt, aber zum Glück konnte yury sehr gut Auto fahren und so hängten sie ihre Verfolger ab. Free wunderte sich, dass es so leicht war, vor der Polizei zu fliehen, doch yury behauptete, Polizisten gäben immer so schnell auf. Orakel glaubte ihm das nicht, und er sollte Recht behalten. Denn gerade als sie sicher waren, die Polizisten abgehängt zu haben, tauchte an der nächsten Ecke ein Polizist auf. yury wollte umkehren, aber hinter ihnen stand ebenfalls ein Polizist. Also fuhr yury einfach durch den Wald, haarscharf an Bäumen vorbei. Zehn oder zwanzig Polizeiautos verfolgten sie. Die Polizisten riefen:
»Sofort anhalten, oder wir schießen!«
Daraufhin hielt yury natürlich nicht an, sondern fuhr einfach weiter durch den Wald. Während die Polizisten Mühe hatten, überhaupt mitzukommen, war bereits ein Polizeihubschrauber im Anflug. Außerdem gab es im Fernsehen und im Radio Aufrufe, die bei der Suche halfen. Der Wachmann von der DB hatte sie wiedererkannt und gemeldet.
Trotzdem konnten Free, Orakel und yury mit knapper Not entkommen – zumindest dachten sie das, nachdem yury tiefer in den Wald gefahren war und als sie keine Polizeiautos mehr sahen. Einige Zeit später hörten sie allerdings einen Hubschrauber über sich. Es war natürlich der Polizeihubschrauber, der sie verfolgte. yury fuhr schneller in den dichten Wald hinein, bis vor ihnen plötzlich ein Baum und daneben ein funktionstüchtiges Flugzeug standen. Er hatte die Wahl, entweder in den Baum oder in das Flugzeug zu rasen, denn er konnte nicht mehr bremsen. Er entschied sich für den Baum, alle sprangen aus dem Auto, das Auto raste gegen den Baum und Free fragte yury, ob er auch fliegen könne. yury meinte, dass sich ein Flugzeug sicher wie ein Auto steuern ließe, nur, dass man dabei in der Luft und nicht auf einer Straße sei. Obwohl Orakel daraufhin stolz seine eigene gültige Flugerlaubnis vorzeigte, hielten Free und yury es für eine ziemlich schlechte Idee, Orakel das Flugzeug steuern zu lassen. Also setzte sich yury ins Cockpit. Die Propellermaschine fuhr los, aber bereits eine Minute später stieß yury mit einem Baum zusammen und das Flugzeug war kaputt. Free war sauer auf yury und Orakel grinste schadenfroh, obwohl er von dem Problem selbst betroffen war. Als sie das Flugzeug verlassen hatten und keinen Polizisten sahen, freuten sie sich. Die Freude hielt ungefähr eine halbe Minute an, denn danach tauchten plötzlich mehr als hundert Polizeiautos vor ihnen auf. Free, yury und Orakel liefen zu einem Flughafen, als ginge es um ihr Leben, und fanden dort ein leeres Passagierflugzeug vor. Die drei stiegen in das Flugzeug ein und verschlossen die Tür. Diesmal waren sie sich einig, dass Orakel ins Cockpit gehen sollte, und wirklich – Orakel fuhr das Flugzeug zur Startbahn. Dann wurde das Flugzeug immer schneller und sie hoben ab. Orakel konnte wirklich fliegen.
Zehn Minuten lang hatten sie gedacht, dass sie jetzt in der Luft in Sicherheit seien, aber dann zeigte einer der etwa fünfzehn Bildschirme im Cockpit den Text »Technical failure of engine 2« an. Kurz darauf begann das Flugzeug gefährlich zu schlingern. Eine Notlandung war notwendig. Mit den Worten »Komm, lass mich mal!« drängte Free Orakel von den Instrumenten weg und begann, die Bedienungsanleitung des abstürzenden Flugzeugs zu lesen: »Seite 1. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Airbus A 340!«
Das Flugzeug verlor immer mehr an Höhe und der selbsternannte Profipilot las einfach nur die erste Seite der Bedienungsanleitung. Danach fragte Free noch nach Erdnüssen. Das wurde Orakel zu viel. Er schrie ihn an: »Du musst den Steuerknüppel zu dir hinziehen! Schnell!«
Sofort nahm Free den Steuerknüppel in die Hand und zog ihn so stark zu sich hin, dass er abbrach. yury und Orakel beschimpften Free, als das Flugzeug im Wasser landete und sich blitzschnell mit Wasser füllte.
Free, yury und Orakel sahen ein Passagierschiff und riefen um Hilfe, bis der Kapitän sie an Bord holte. Er wollte wissen, wo sie herkamen. Free antwortete, dass sie aus einem gerade abgestürzten Flugzeug kämen und dass die Polizei hinter ihnen her sei, weil… – Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment unterbrach ihn der Kapitän. Er fragte, ob sie ihn auf den Arm nehmen wollten, doch die drei versicherten ihm, dass sie die Wahrheit gesagt hatten. Der Kapitän erklärte ihnen daraufhin, dass er auch von der Polizei verfolgt werde, aber ein sicheres Versteck auf einer einsamen Insel kenne. Er ging zum Buffet und sagte zu Free, yury und Orakel: »Hier, bedient euch! Aber zuerst will ich auch etwas essen!«
Der Kapitän wollte gerade das letzte Milchhörnchen vom Buffet nehmen. Orakel bemerkte das und schnappte es ihm vor der Nase weg. Als yury ihn erstaunt fragte, aus welchem Grund er das getan habe, antwortete er: »Er wollte sich gerade das letzte Milchhörnchen nehmen!«
Zur Strafe durfte Orakel nicht mehr mit den anderen essen. Er ging ganz allein über das Schiff. Dabei sah er eine Tür mit der Aufschrift »Brücke – Kein Zutritt!«
Na ja, dachte Orakel, vielleicht ist die Brücke ja einsturzgefährdet.
Trotzdem betrat er diesen Raum. Der Erste Offizier stand am Steuer und bemerkte Orakel nicht. Orakel wollte ihn ansprechen, denn vielleicht wusste er ja, wo diese merkwürdige Brücke war. Als er ihn gerade antippen wollte, sah er einen schönen weißen Kapitänsanzug. Orakel zog ihn an und stellte sich neben den Offizier. Der Offizier sagte: »Oh. Hallo Kapitän, Sir. Dort drüben ist ein großer Stein im Wasser. Was soll ich tun?«
Orakel wusste nicht, was er antworten sollte. Er hatte allerdings vor fünf Tagen einen Kapitän im Fernsehen gesehen, der sehr beliebt war und andauernd »Volle Kraft voraus!« sagte. Diesen Satz verstand Orakel nicht, aber er war sich sicher, dass dieser Satz der richtige war. »Volle Kraft voraus!«, wies Orakel den Offizier an; dieser reagierte mit einem verwunderten Blick, tat schließlich allerdings, was der »Kapitän« ihm befahl.
Orakel fand diesen Ort langweilig. Er ging weg und fand nach kurzem Umherirren das Buffet wieder, doch Free und yury waren nicht mehr da.
Sie suchen mich bestimmt, dachte er, und beschloss, noch einmal zu dieser »Brücke« zu gehen.
Dazu kam er allerdings nicht, denn auf einmal erwischte eine riesige Welle das Schiff und er wurde nass. Er zog seinen Kapitänsanzug aus, denn glücklicherweise waren seine normalen Sachen noch trocken. Also ging Orakel in seiner gewohnten Kleidung weiter zur Brücke, vor deren Tür nun der Offizier saß. Er erkannte seinen Unglücksbringer nicht. Orakel fragte ihn mit ehrlichem Erstaunen, warum er draußen sitze.
»Der Kapitän hat mich gefeuert, weil ich volle Kraft auf so einen blöden Stein gesetzt habe«, antwortete der Offizier.
»Nein!«, sagte Orakel, als könne er sich das überhaupt nicht vorstellen. Plötzlich standen Free und yury hinter Orakel.
»He«, sagte yury, »wusstest du, dass irgend so ein Dummkopf dem Offizier befohlen hat, auf einen Stein zu steuern?«
»Nein!«, sagte Orakel wieder unschuldig.
Kurz darauf traf auch der Kapitän ein. Er war sehr wütend auf den Offizier. Außerdem mussten die drei irgendwie zu dieser Insel kommen, also nahmen sie ein Rettungsboot und ruderten weg. Der Kapitän, der jetzt endlich bemerkt hatte, was wirklich passiert war, rief hinter ihnen her und wollte sie wegen Sachbeschädigung anzeigen. Zum Glück konnte Orakel gut rudern. Zur großen Überraschung von yury und Orakel holte Free einen Laptop heraus und fing an, sich in das WLAN des Passagierschiffes einzuloggen. yury fragte, wo er den Laptop herhabe und Free sagte, er habe ihn gerade auf dem Schiff geklaut. yury und Orakel schüttelten den Kopf.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte Orakel auf, zu rudern, obwohl weit und breit kein Land in Sicht war.
»Sind wir da?«, fragte Free.
»Das Boot hat einen Motor«, gab Orakel zurück.
Er startete den Motor und gab Vollgas. Schließlich landeten sie auf der einsamen Insel. yury und Free stiegen aus, doch Orakel blieb im Boot. Free und yury wollten ihn gerade fragen, warum er nicht ausgestiegen war, als sie bemerkten, dass er vor Kraftlosigkeit eingeschlafen war. Weil er ja viel geleistet hatte beim Rudern, ließen sie ihn in Ruhe. yury und Free waren auch müde und legten sich daher auf den Strand, nicht ohne das Boot samt Orakel vorher auf den Sand zu ziehen, damit es nicht weggetrieben würde. Beide schliefen sehr fest nach diesem ereignisreichen Tag, wobei sie kaum glauben konnten, dass das alles an nur einem Tag passiert war. Erst gestern waren sie in der Universität einem Apfel hinterher gesprungen und heute Morgen war Orakel in den merkwürdigen Zug nach Leerfahrt eingestiegen. Wie schnell doch die Zeit verging!
Am nächsten Tag, der ein Samstag war, konnte Free seinem üblichen Schlafrhythmus nicht entkommen und wachte um sieben Uhr morgens auf. Er schaltete den Laptop ein und wollte gerade ins Internet gehen, als er feststellte, dass die Insel kein WLAN hatte. Daraufhin brüllte er sehr laut etwas wie »Diese scheißunmodernen Inseln, die nicht mal WLAN haben!« und zerschmetterte den Laptop an einer Palme, die zufällig in der Nähe stand. Der Palme war das egal, dem Laptop nicht, dessen Akku mit einem lauten Knall explodierte. yury und Orakel, der immer noch im Rettungsboot lag, wurden von dem Lärm wach. Sie waren sehr müde, weil es erst 7:30 Uhr morgens war. yury stand samstags normalerweise nie zu solch »unmenschlichen« Zeiten auf. Sie frühstückten gemeinsam einige Datteln (wobei Orakel eigentlich keine Datteln mochte und deshalb schlechte Laune hatte) und berieten dabei, wie sie jetzt weitermachen sollten. Da kam Orakel die zündende Idee: Er schlug vor, dass sie wieder zurückrudern und sich der Polizei stellen sollten. Free und yury waren von diesem Vorschlag nicht allzu begeistert.
In diesem Moment gab es in einiger Entfernung einen recht leisen, dumpfen Knall, doch die drei störten sich nicht weiter daran. Sie gingen zum Boot und wollten gerade einige Kekse essen, die Orakel vom Schiff mitgehen lassen hatte, da war das Boot voller Wasser. Ein paar Möwen hatten sich die Kekse geschnappt und dabei offenbar irgendwie versehentlich das Boot mit Wasser geflutet.
Als Free, yury und Orakel das Boot notdürftig wieder von Wasser befreit hatten, stellten sie fest, dass es nicht mehr zu gebrauchen war. Der Boden war undicht, und zu allem Überfluss befand sich kein Benzin mehr im Tank. Ratlos schleppten sie das kaputte Boot zu ihrem Platz und aßen die restlichen Datteln. Orakel hatte allerdings keinen Hunger mehr, und während die anderen aßen, kletterte er auf eine der Palmen. Von dort oben hatte er einen guten Ausblick über das Meer. Ganz weit in der Ferne sah er etwas, aber das störte ihn nicht weiter und er kletterte wieder herunter. Einige Stunden später landete ein kleines Boot mit Urlaubern an dem nicht viel größeren Inselstrand.
»Und hier sehen Sie die Küste von Deutschland. Dies ist ein Naturschutzgebiet. Hier sind alle Tiere sehr gesund!«
Die drei Freunde mischten sich unauffällig unter die verwunderten Touristen. Als der Reiseführer seinen Irrtum bemerkte, wurde die Reise in Richtung Hamburg fortgesetzt.
Als sie Stunden später im Hamburger Hafen aus dem Schiff stiegen, fragte Free, ob Hamburg zufällig auch einen Flughafen habe.
»Ja«, sagte yury, »sogar den ältesten Deutschlands.«
Also gingen sie zum Flughafen. Dort klaute sich Orakel Süßigkeiten, yury einen Pilotenschein und Free einen Laptop. Dann stieg yury in ein leeres Flugzeug und tat so, als wäre er der Pilot. Orakel setzte sich auf einen Sitzplatz und aß einen Schokoriegel.
Free setzte sich neben ihn und versuchte verzweifelt, den Laptop zu erwürgen. »Was machst du da?«, fragte Orakel erstaunt.
»Er läuft mit Windows Vista…«
»Hm…«, machte Orakel vielsagend.
Nun war Free anscheinend dazu übergegangen, den Ein/Aus-Taster einem Belastungstest zu unterziehen. »Ich habe gerade ein verdammt großes Problem!«
»Das erwähntest du bereits«, sagte Orakel und entsorgte die Schokoriegelverpackung gedankenverloren im Fach für die Notfallanweisungen.
Da yury zuvor Orakel beim Steuern beobachtet hatte, konnte auch er nun ein Flugzeug fliegen. yury fragte, wohin sie fliegen sollten. Free schlug das Silicon Valley vor, während Orakel lieber nach Mallorca reisen wollte… »Party machen«. Diesen Vorschlag akzeptierten Free und yury. Also flogen die drei nach Mallorca.
∞∞∞
Auf Mallorca gingen sie als Erstes in eine Bar und wollten gerade nach dem langen Flug etwas zu Mittag essen (es war nun etwa ein Uhr), als sie plötzlich mehrere Autos hörten, die vor der Bar abrupt stehen blieben.
Die drei ahnten Böses, und kurz darauf stürmten etwa dreißig Beamte der Guardia Civil in die Bar, in der außer ihnen nur zwei andere Gäste saßen. Sie kamen zielstrebig auf Orakel, Free und yury zu, als plötzlich ein Schwein von der Decke auf Orakels Teller knallte.
»Jetzt weiß ich auch, was vuelo, leckers de cerdo auf Deutsch heißt. Nämlich fliegendes, leckeres Schwein«, sagte Orakel.
Die dreißig Beamten fingen hemmungslos an zu lachen. Diesen Augenblick nutzen Free, yury und Orakel um sich aus dem Staub zu machen. Die Polizisten nahmen kurzerhand das Schwein, warfen es Free mitsamt dem Teller hinterher und trafen ihn am Kopf. Daraufhin fiel Free mit dem Gesicht auf ein Schild:
»Der Tag läuft dumm? Sie werden von Beamten verfolgt? Benutzen Sie das neue ANTI-BEAMTEN-SPRAY! PRO MILLILITER NUR 200.000 EURO!« Dann las Free das Kleingedruckte: »Für einen Beamten brauchen Sie 2 ml!«
Free fragte Orakel: »Haben wir zufällig 400.000 Euro?«
Orakel antwortete: »Für dreißig Beamte bräuchten wir aber… äh…« – In dieser Zeit nahmen sie Free fest. Er konnte allerdings seinen Laptop, auf dem ein IRC-Client installiert war, ins Gefängnis schmuggeln und sich so…
…nicht mit Orakel und yury unterhalten, weil es im Gefängnis kein ungeschütztes WLAN gab, aber sich wenigstens die Zeit mit Pinball vertreiben. Zumindest in den ersten zwei Stunden, denn dann bemerkte ein Gefängniswärter, dass Free einen Laptop hineingeschmuggelt hatte, und nahm diesen an sich, um selbst Pinball zu spielen. Sicherheitshalber überprüfte er, ob Free noch andere Gegenstände dabeihatte – das war aber nicht der Fall.
Unterdessen waren Orakel und yury ihren Verfolgern entkommen. Nun überlegten sie, wie sie Free wieder aus dem Gefängnis helfen konnten. Und wieder war es Orakel, der die zündende Idee hatte. Sein Plan sah eine Sprengung des Gefängnisses mit TNT vor. Um Free dabei nicht zu verletzen, bestand yury darauf, »wenig« TNT zu verwenden. Also fuhren yury und Orakel zu irgendeinem dubiosen Händler und kauften zwanzig Tonnen TNT. Danach gingen sie zu dem Gefängnis, in dem Free saß, und Orakel befestigte den Sprengstoff.
Plötzlich kam ein Wachmann und fragte, was Orakel da mache.
»Guten Tag. García, Gebäudereinigung. Wir sollen das reinigen«, sagte Orakel in fließendem Spanisch.
»Na dann, viel Spaß«, rief ihnen der Wachmann nach.
Orakel nahm das gesamte TNT, streute es um das Gefängnis herum und zündete es, ohne eine Zündschnur zu benutzen, an.
∞∞∞
Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Orakel spürte nur einen leichten Luftzug und yury bezeichnete das Geschehen später als »unrealistisch«. Vom Gefängnis war allerdings nichts mehr zu sehen. Nur Free saß noch mitten in den Trümmern und las ein »Micky-Maus-Magazin«.
»Äh, es ist nicht so, wie es aussieht!«, stammelte Free.
Free, yury und Orakel konnten weiter fliehen und sahen auf einmal, dass nicht nur das Gefängnis kaputt war. Die Polizisten waren gerade allesamt auf einem Betriebsausflug gewesen, als ihre Polizeizentrale zerstört wurde. Free schlug vor, sich in ein Café zu setzen, weil er unbedingt sein Mickymausheft weiterlesen wollte.
»Bist du verrückt?!«, rief yury.
Orakel ergänzte: »Überall hängen Fahndungsplakate mit unseren Bildern darauf, hast du das noch nicht gemerkt?«
»Öhm…«, sagte Free, und die drei nahmen sich ein Taxi zum Flughafen. Orakel gab dem Taxifahrer einen 50-Euro-Schein, damit er sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen ignorierte. Dieses Mal verlief allerdings nicht alles so reibungslos, denn plötzlich wurden sie von einer Polizeikontrolle angehalten.
»Haben Sie zufällig drei Verrückte gesehen? Die haben gerade das Gefängnis und die Polizeizentrale zerstört und ein Flugzeug geklaut!«
Der Taxifahrer versicherte, dass er keine Verrückten gesehen habe. Plötzlich bemerkte der Polizist, dass Free, yury und Orakel genauso aussahen wie die gesuchten Verrückten auf dem Fahndungsfoto. Orakel drückte dem Taxifahrer schnell einen 500-Euro-Schein in die Hand.
Der Taxifahrer reagierte schnell: »Das sollen die drei Idioten sein? Nein… das sind… meine Neffen!«
Zum Glück glaubte ihm der Polizist, und so kamen sie nach ein paar Minuten in Palma auf dem Flughafen an und berieten nun, was sie weiter tun sollten. Free war der Meinung, dass der einzige Weg sei, wie auf dem Hinflug ein ganzes Flugzeug zu kapern, und yury und Orakel stimmten zu. Als Orakel gerade vorschlagen wollte, ein bestimmtes Flugzeug zu klauen, gingen überall auf dem Flughafen Alarmsirenen an. Die drei sahen, wie der gesamte Flughafen nach und nach von der Polizei umstellt wurde. yury, Orakel und Free liefen, so schnell sie konnten, zu einem Flugzeug, das gerade von einem Tanklastwagen aufgetankt wurde. yury herrschte den Fahrer an, er solle sich beeilen, und dank des Flughafen-Mitarbeiteransteckers, den er sich unterwegs von einem Mann am Infostand geklaut hatte, beeilte der sich tatsächlich. Zum Glück war das Flugzeug schon aufgetankt, und der Mann musste den Lastwagen nur noch wegfahren.
Währenddessen stiegen yury, Orakel und Free in die Boeing 757. Diesmal wollte Free fliegen, das Problem war nur, dass das Flugzeug rückwärts eingeparkt war. Da keine Hoffnung bestand, dass es gezogen würde, weil der eigentliche Start erst in eineinhalb Stunden geplant war, schaltete Free kurzerhand den Rückwärtsschub ein und manövrierte den Jet aus seiner Parkposition. Das wiederum alarmierte die Fluglotsen, die mit ständigen Funksprüchen nervten. Free unterbrach die Verbindung und hielt auf die Startbahn zu, auf der sich gerade kein anderes Flugzeug befand. Er beschleunigte und hob bei einer Geschwindigkeit von exakt 283 Kilometern pro Stunde ab. Nachdem der Start geglückt war, atmeten die drei auf – jedoch zu früh. Als sie gerade den Rand der Insel überschritten hatten, tauchten plötzlich zwei schwarze Düsenjets auf.
Per Funk kam eine Nachricht herein: »Drehen Sie sofort um und landen Sie auf dem Flughafen!«
Free fragte Orakel und yury, was er machen sollte. Orakel antwortete in extrem sarkastischem Tonfall: »Na, hast du nicht gehört? Du sollst umdrehen und in Palma landen!«
Daraufhin versuchte Free tatsächlich, mit der 757 eine 180°-Kurve zu fliegen, tat dies jedoch viel zu schnell, sodass das Flugzeug in eine 40°-Schieflage geriet. Dadurch flog es zwar die 180°-Kurve, war aber völlig unkontrollierbar. Zu allem Überfluss verloren sie auch noch rasch an Höhe.
Orakel hatte nichts Besseres zu tun, als seelenruhig die Flughöhe herunterzuzählen: »20.000, 18.000, 15.000…«
yury meinte wütend, Orakel solle endlich die Kontrolle über das Flugzeug übernehmen, da er der einzige der drei war, der einen Flugschein hatte und sich eigentlich auskennen sollte.
»10.000…«
Free war in völliger Panik und drehte an allen möglichen Schaltern und Hebeln, was allerdings eher kontraproduktiv war.
»6.000…«
Die Abfangjäger neben ihnen waren inzwischen verschwunden, sie hörten auch keine Funksprüche mehr.
»3.000…«
Das Flugzeug war inzwischen in einer enormen Schieflage, und den dreien war ziemlich schlecht.
»Nur noch 1.500 Fuß!«, sagte Orakel. »Das sind« – er rechnete kurz – »knapp fünfhundert Meter.«
yury schrie ihn an, zog Free von den Instrumenten weg und schubste Orakel dorthin. Der begann sofort fieberhaft, sich an das Gelernte zu erinnern. Inzwischen waren sie nur noch knapp über dem Meer… und Orakel lenkte das Flugzeug wieder nach oben. Diese Maßnahme kam jedoch zu spät; das Flugzeug landete auf dem Wasser und fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf eine Schiffswerft zu, die gerade ein mehrere Hundert Millionen Euro teures Passagierschiff fertiggestellt hatte. Das Schiff schwamm auf dem Wasser und der stolze Besitzer stand auf der Brücke und winkte den Werftmitarbeitern noch zum Abschied zu. Da schwamm das Flugzeug nur noch ganz langsam an das Schiff heran. Die Nase des Flugzeuges berührte das Schiff leicht. Daraufhin ging das Schiff unter.
»Ihr schon wieder? Das kann ja wohl nicht wahr sein, ihr habt gerade eine halbe Milliarde Euro versenkt!«, brüllte der Kapitän, der sich noch gerettet hatte, in ihre Richtung.
Von Mallorca nach New York
Es war der Kapitän, dessen Schiff Orakel schon einmal zerstört hatte. Er war unglaublich sauer und die drei sahen Schwimmwesten in dem untergehenden Flugzeug. Sie zogen sie an, schwammen zu dem Passagierschiff und fuhren schnell mit einem Rettungsboot weg. Free rief dem Kapitän noch hinterher, dass er bei Ebay bestimmt ein neues, cooles Schiff bekommen würde, und dass er sich nicht so aufregen solle. Daraufhin nahm der Kapitän eine Pistole aus der Tasche und schoss in das Rettungsboot. Zum Glück wurden Free, yury und Orakel nicht verletzt. Sie sahen zu, wie aus dem kleinen Einschussloch Wasser ins Boot drang. Orakel summte währenddessen in aller Ruhe die Hauptmelodie des Titanic-Films nach. yury sagte ihm wütend, er solle damit aufhören, denn in diesem Moment kam der Kapitän mit einem Motorboot aus der Werft heran. Orakel handelte schnell: Er nahm ein Ruder aus dem Boot und drückte den Kapitän damit vom Steuer weg. Free, yury und Orakel sprangen ins Motorboot, setzten den Kapitän an Land ab, bevor dieser überhaupt begriffen hatte, was passiert war, und rasten davon.
Sie fuhren fast drei Stunden lang von der Werft weg zu einem anderen Hafen, um vor dem wütenden Kapitän in Sicherheit zu sein.
»In einem schlechten Roman würde jetzt der Tank ausgehen«, witzelte yury. Daraufhin ging der Tank aus.
»Och nö.«
Glücklicherweise befand sich im Boot ein Reservekanister, und die drei konnten gerade noch rechtzeitig den Hafen erreichen. Dort sollte gerade ein Kreuzfahrtschiff anlegen. Die Passagiere guckten komisch, als stattdessen auf einmal ein Motorboot anlegte. Free, yury und Orakel störten sich nicht weiter daran. Sie gingen zum richtigen Kreuzfahrtschiff, während die Touristen auf das Motorboot stürmten, um einen Platz zu bekommen. Während die Passagiere es irgendwie schafften, den Motor versehentlich zu starten und weg zu fahren (was sie gar nicht wollten, denn sie hatten jetzt bemerkt, was das richtige Schiff war…), konnten die drei das Kreuzfahrtschiff ganz allein genießen.
Free fragte den Kapitän, wohin die Fahrt ginge, und erfuhr, dass Manhattan das Reiseziel war. yury lag im Whirlpool, Free sorgte für Chaos im Computerraum und Orakel war im Speisesaal und fraß das Buffet leer.
So ging das ein paar Wochen lang; hätte es andere Restaurantgäste gegeben, dann wären sicherlich Beschwerden über einen komischen Vielfraß eingetroffen; andere Reisende hätten sich über die plötzlich fehlende grafische Oberfläche an allen Computern gewundert. Nur yury schien sich einigermaßen normal zu verhalten.
Schließlich wurde Orakel es zu langweilig, den ganzen Tag zu essen und zu schlafen, und so entschloss er sich, erneut auf diese komische »Brücke« zu gehen. Dort hatte gerade der Erste Offizier Dienst. Er meckerte Orakel an, Passagiere hätten an diesem Ort nichts zu suchen, was diesen allerdings nicht im Geringsten kümmerte. Irgendwann gab der Offizier entnervt auf und kümmerte sich nicht mehr um Orakel. Dem wurde es zu langweilig, weil er Aufmerksamkeit brauchte, was ihn dazu veranlasste, einmal in den Maschinenraum zu gehen.
Minuten später wunderte sich der Erste Offizier auf der Brücke, wieso die Geschwindigkeit des Schiffes stetig sank und das Schiff schließlich ganz zum Stehen kam. Als er einen Matrosen damit beauftragte, nachzusehen, was los sei, war Orakel schon längst wieder am Buffet und fraß sich voll. Der Matrose fand heraus, dass die Maschinen kaputt waren, weil jemand Waschmittel in den Tank gefüllt hatte. Stunden später standen sie immer noch mit dem Schiff auf einer Stelle. Das wurde Free, yury und Orakel zu viel. Free und yury stiegen in ein Rettungsboot und Orakel holte die Karte von dieser komischen Brücke, danach sprang er auch ins Boot. Also fuhren sie los nach New York City.
Die Fahrt dauerte drei Tage, und als sie endlich ankamen, gingen sie als Erstes in den Central Park und aßen Eis. Orakel hielt es dabei für besonders lustig, die Waffel vor der Eiskugel zu verspeisen. Auch Free hatte Gefallen an dieser Methode gefunden und aß sein Eis »rückwärts«. yury sah die beiden merkwürdig an. Es musste ziemlich lustig ausgesehen haben, dass zwei Leute eine Kugel Eis ohne Waffel oder Becher in der Hand hielten. Als er sein Eis aufgegessen hatte, wollte Orakel auf einmal schnell wieder nach Spanien.
»Wieso willst du wieder weg?«, fragte yury.
Orakel erklärte ihm, er wolle weg, weil er sich an den Film »The Day After Tomorrow« erinnere. Free und yury fragten ihn, was das mit dem Central Park zu tun habe, und er antwortete, dass dieser Film in New York spiele.
»Nicht nur in New York. Auf der ganzen Welt!«, verbesserte yury.
»Oh, Mist«, sagte Orakel plötzlich. »Ich muss noch ein Praktikum für mein Studium machen. Ich mache es einfach hier in Manhattan.«
»Und wo willst du es machen?«, fragte yury.
Orakel wollte gerne beim Fernsehen ein Praktikum machen. Nachdem er kurzfristig bei einer Fernsehstation eingestellt worden war, begleiteten ihn Free und yury. Orakel wirkte nervös, denn es handelte sich um eine Liveübertragung. Kurze Zeit später saß Orakel im Studio. Neben ihm saß ein Fernsehdarsteller namens Peter Zwegat. Endlich ging es los.
Orakel sagte: »Und hier sind wir wieder, bei, äh, ›Wach auf mit Orakel‹. Wir, äh, haben heute einen besonderen, äh, Gast bei uns. Bitte begrüßen Sie mit mir Peter Zwieback!«
»Peter Zwegat«, unterbrach ihn Peter Zwegat, doch Orakel ließ sich davon nicht beirren. Er redete weiter:
Orakel: »Also, Herr Zwieback…«
Zwegat: »Zwegat.«
Orakel: »Tschuldigung, Herr Zwieback, was ich fragen wollte, Ihr Job ist ja sehr langweilig. Werden Sie gut bezahlt?«
Zwegat: »Erstens: Zwegat! Zweitens: Nein, ich werde…«
Orakel: »Ach, was der Zwieback redet, ist doch egal!«
Zwegat: »Zwegat!«
Das reichte der Regie. Sie spielten einen Werbespot ein und gaben Orakel einen neuen Gast:
Orakel: »Hallo! Hier sind wir wieder bei ›Wach auf mit Orakel‹. Bitte vergessen Sie unser Quiz nicht. Sagen Sie mir, wie viele Buchstaben das Wort ›Apfel‹ hat. A 2 oder B 5. Rufen Sie einfach an: 0123/ORAKEL, für nur 5,40 Dollar die Minute aus dem amerikanischen Festnetz. Oder schicken Sie eine SMS mit ›Orakel A‹ oder ›Orakel B‹ an die 7777. Also, da Herr Zwieback nun weg ist, begrüßen Sie mit mir meinen neuen Gast. Herzlich willkommen, Herr Tod! Herr Tod, das was Sie machen, Ihr Job, ist ja ein richtiger Knochenjob, haben Sie auch manchmal Urlaub?«
Mehr konnte Orakel nicht sagen. Free, yury und Orakel wurden Hals über Kopf aus dem Betrieb geschmissen. Da allerdings jeder Orakels Sendung verfolgt hatte, war er nun ein Held in New York. yury fragte Orakel, warum ein amerikanischer Fernsehsender einen deutschen Praktikanten auf Deutsch einen deutschen C-Prominenten interviewen ließ. Orakel dachte nach und wunderte sich. Als sie aus dem Studio kamen, war der Himmel draußen erstaunlich dunkel, obwohl es noch zwei Uhr nachmittags war.
Orakel war die Antwort inzwischen eingefallen: »Bestimmt senden die auf Deutsch, weil…« – Weiter kam er nicht, weil plötzlich Eisbrocken vom Himmel fielen.
»Falsches Drehbuch, die Eisbrocken sind in Tokio«, bemerkte yury.
Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, hörte es auf, Eisbrocken zu regnen. Stattdessen kam nun eine große Welle auf die drei zu. Free wollte schnell wieder zum Rettungsboot, doch das war zu spät. Die Welle hatte bereits den Hafen zerstört. Sonst schien nichts passiert zu sein. yury hatte sich allerdings ein Fernglas geschnappt und sah auf das Meer. Dort kam eine echte, riesige Tsunami-Welle und drohte, alles zu überfluten.
Orakel lief zurück zum Fernsehsender und machte eine Durchsage: »Achtung, Achtung! New York City droht gerade von einer riesigen Welle überflutet zu werden. Brooklyn scheint bereits zerstört zu sein. Bitte bleiben Sie ruhig, suchen Sie sich den höchsten Platz, den sie finden können, und warten Sie ab. Wenn Sie dies tun, besteht keine unmittelbare Gefahr für Sie (außer durch den Tornado, aber das ist eine andere Geschichte)!«
Als er das Mikrofon wieder abschaltete, herrschte eine ungewöhnliche Stille. Das Studio war wie leergefegt und neben dem gescheiterten Praktikanten standen nur seine beiden vollkommen sprach- und planlosen Freunde. Orakel warf einen prüfenden Blick auf einen Monitor eines Meteorologen und rief den beiden anderen zu: »Schnell, beeilt euch!«
Doch es war zu spät. Unter lautem Getöse brach eine Wand in Stücke, und der Raum füllte sich in Sekundenbruchteilen komplett mit Wasser. Orakel, yury und Free wurden durch die (glücklicherweise) offene Tür gespült, bevor diese mitgeschwemmt wurde.
Sie wurden durch die Wucht der Welle aus einem Fenster im zehnten Stock hinaus gepresst und landeten sehr unsanft auf einem Hochhaus… oder dem Rest davon. Eine oben gelegene, mit Luft gefüllte Etage des Hochhauses hatte sich vom Rest getrennt und schwamm als quaderförmiger Betonblock mit Fenstern auf der Welle. Die drei fühlten sich wie auf einem Floß in einem reißenden Fluss.
yury und Free hielten Orakel an jeweils einem Bein fest und ließen ihn vom Rand der Plattform herunterbaumeln. So konnte er mit etwas Mühe ein unverschlossenes Schiebefenster öffnen, und sofort floss jede Menge Wasser hinein, bevor die drei hineinkletterten, das Fenster von innen schlossen und im (einigermaßen) Trockenen auf einem durchnässten Büroteppich liegen blieben.
Orakel wollte sofort Pinball auf einem Laptop spielen, der dort herumstand, bekam aber einen Stromschlag, als er den Schalter an der Seite des Geräts suchte. Zum Glück passierte ihm nichts Schlimmes, außer dass Free nun einen dreißigminütigen Vortrag über die Gefahr hielt, die von Stromschlägen ausgehe. Als Orakel und yury davon eingeschlafen waren, setzte sich Free an den Laptop und spielte Pinball.
Irgendwann wurde yury wach und sah aus dem Fenster. Die Etage war inzwischen irgendwo auf dem Meer zum Stillstand gekommen. Er weckte Orakel, zerrte Free vom Rechner weg (was gar nicht so einfach war, weil Free pinballsüchtig war), und die drei berieten sich, was nun zu tun sei. Free schlug vor, sich auf der Etage umzusehen. Die anderen waren mit dem Vorschlag einverstanden und verließen den Raum. Sie entdeckten dabei die Tür zum ehemaligen Treppenhaus, hinter der viel Wasser, aber keine Treppen zu finden waren. Free war sehr froh, dass Orakel das Fenster wieder geschlossen hatte, und vor allem, dass niemand eines offen gelassen hatte, sodass das Wasser nicht von unten durch das Loch hereinkam. Orakel lief kurz in einen anderen Raum, kam in einer Badehose wieder und sprang in den »Pool«. Er kam schnell wieder heraus, weil es sehr kalt darin war.
»Mann, nicht einmal ’ne Wasserheizung haben die hier!«, beschwerte er sich.
Dann verließen die vier das »Treppenhaus« und sahen sich einen anderen Raum an. Aus dem Fenster des Büros konnte man irgendwo in der Ferne die Überreste von Manhattan erahnen, und einer der Mitarbeiter hatte auf seinem Schreibtisch ein Radio liegen lassen. Während Free das Handy des Mitarbeiters, das dieser ebenfalls vergessen hatte, mit einem Computer verband, um im Internet die Nachrichten lesen zu können (außerdem hatte Orakel die brillante Idee, online eine Zeitung zu bestellen und per Hubschrauber an die schwimmende Etage schicken zu lassen), nahm yury das Radio vom Tisch und schaltete es an.
»Krrrrrks… Musik krrrrrrrks… …ws. It’s 8:39 PM!«
(Orakel sah kurz aus dem Fenster und bemerkte, dass es langsam dunkel wurde.)
»This is a Sondermeldung. We speak Denglish to make that the German people verstehen uns, too. Today New York wurde getroffen von einer großen wave. It was a Tsunami. We don’t know the ground… er… Grund for this big Welle. New York was zerstört komplettly. What’s your Meinung to this Thema? Ruf us an: 1-800-555-0142. It’s free! Musik«
Orakel schnappte sich dann auch tatsächlich ein Festnetztelefon, um dort anzurufen. yury fragte ihn, wo er anrufe, und er antwortete, er wolle unbedingt ins Radio und mit diesem denglischen Mann sprechen. Free wollte ihm noch etwas sagen, aber Orakel hatte schon die Nummer eingetippt.
»Boah, ist das ein modernes Telefon, man hört noch nicht einmal das Piepen der Tasten!«
yury und Free mussten lachen und erinnerten Orakel daran, dass sie ohne Telefonleitung auf dem Meer schwammen. Noch bevor yury seinen Satz beendet hatte, nahm Orakel mit einer blind ausgeführten Handbewegung erstaunlich zielgenau das Handy an sich. Während Free sich noch über seinen abgebrochenen Download ärgerte, redete Orakel bereits mit irgendeinem Menschen, der ihn stundenlang mit Fragen zu seinem familiären Umfeld, seinem Lieblingsessen, seinem Allgemeinwissen und anderem unnötigen Zeug löcherte. Seine beiden Freunde hörten schon gar nicht mehr richtig zu; Orakel war wohl in eine besonders lästige Art von Warteschleife geraten.
Einige Stunden später – zwischendurch hatte er entgegen yurys Rat mehrfach aufgelegt, um es »noch mal zu versuchen« – schaffte er es tatsächlich, ins Radio zu kommen, und wurde von dem Radiosprecher interviewt. Müdigkeit machte sich bei yury und Free bemerkbar.
Reporter: »What Sprache do you want to sprech?«
Orakel: »Deutsch.«
Reporter: »Okay. Was ist deine Meinung zu dieser Katastrophe?«
Orakel: »Ach, New York ist mir egal…«
Reporter: »Aber es wurde komplett zerstört, haben Sie die Bilder im Fernsehen nicht gesehen?«
Orakel: »Ich war dabei!«
Reporter: »Wie, dabei?«
Orakel: »Ich war am Hafen und habe die Welle zusammen mit meinen Freunden gesehen und überlebt!«
Reporter: »Ja, und ich bin der Weihnachtsmann.«
Orakel: »Cool… gibt es den doch?!«
Der Reporter räusperte sich… »Äh… Nein. Sagen Sie, wenn Sie das überlebt haben…«
…und dachte kurz nach. »Wo befinden Sie sich denn dann jetzt?«
Orakel: »In einer abgetrennten einzelnen Etage eines ehemaligen Hochhauses, die auf dem Meer schwimmt!«
Der Mann am anderen Ende der Leitung sagte gar nichts mehr, und es herrschten fünf Sekunden Stille, bevor er den Hörer hinschmiss. Dabei traf er allerdings daneben – man hörte einen lauten Knall, bevor der zweite Versuch die Verbindung unterbrach.
Nun war Orakel beleidigt. »Der hat mich gar nicht ernst genommen!«
Free sagte gähnend, das könne er auch nicht verstehen. Neben ihm saß immer noch yury, der vor Müdigkeit bereits über der rechten Armlehne hing. Bevor er dagegen protestieren konnte, stand Orakel auf, schob yurys Stuhl an einen der vielen Schreibtische, sah sich kurz um, schien einen Moment lang ernsthaft nachzudenken und schmiss dann scheinbar zusammenhangslos und vollkommen unerwartet mit einer einzigen Armbewegung sämtliche Gegenstände vom Schreibtisch auf den Boden. Im Hintergrund saß noch immer Free, der kurz eine Augenbraue hob und dann auf seinem Stuhl einschlief. Dann hob Orakel yurys Stuhl hoch, kippte ihn über dem Schreibtisch nach vorne, ließ den nun leeren Stuhl wieder herab, klopfte den imaginären Staub von seinen Händen und betrachtete zufrieden sein Werk: yury, der immer noch nicht ganz begriffen hatte, was eigentlich gerade passiert war, lag schlafbereit auf dem geleerten Schreibtisch. Anschließend legte Orakel sich auf eine Fensterbank und glaubte, die Ruinen von Manhattan im Hintergrund zu sehen.
∞∞∞
Am nächsten Morgen wurde Orakel vor yury und Free wach. Schlaftrunken stand er auf, kratzte sich am Rücken, gähnte ausgiebig und ging auf ein Fenster zu. Dabei stolperte er über eine Taschenlampe, die auf dem Boden lag, wodurch yury aufwachte. Hellwach stand er auf, himmelte die Zahl Pi an und sagte die 7er-Reihe auf. Durch so viel Lärm wurde nun auch Free wach, verlagerte zu viel Gewicht auf die Armlehne des Sessels und krachte mitsamt dem Bürostuhl unsanft zu Boden. Orakel meckerte über die stickige Luft in der Etage und öffnete ein Fenster. Sofort drang Wasser in den Raum ein; Orakel schaffte es gerade noch, das Fenster zu schließen.
Free erhob sich wenig begeistert von dem durchnässten Teppich. »Warum kommt denn Wasser herein, wenn wir schwimmen?«
yury erklärte ihm, dass aus dem Treppenhaus Wasser von unten hereinkommen könne, solange nicht alles komplett abgedichtet sei. »Die schwimmende Etage verhält sich auf dem Meer wie ein Trinkbecher, den man mit der Öffnung nach unten in eine gefüllte Badewanne drückt. Der Becher geht trotz des großen Loches am Boden nicht unter, solange es nicht ein zweites Loch oberhalb der Wasseroberfläche gibt. Wenn du hier ein Fenster öffnest, ist das so, als würdest du ein Loch in die Seitenwand des schwimmenden Bechers bohren.«
Sie konnten also noch kein Fenster öffnen, ohne eine Überschwemmung zu verursachen. Langsam wurde aber die Luft knapp. Sie mussten die Tür zum Treppenhaus irgendwie luftdicht abschließen, bevor ihnen die Luft ausging.
Orakel hatte eine Idee: Er wollte den Teppichboden herausreißen und damit die Tür abdichten. yury und Free waren einverstanden. Sie bemerkten allerdings bald, dass der Teppich am Boden festgeklebt war. Zum Glück hatte Orakel ein Messer dabei. Sie schnitten den Teppich aus und klebten ihn an die Tür. Nun hatten sie die Tür abgedichtet.
Orakel wurde langweilig und er beschloss, sich auf der Etage ein wenig umzusehen. Nach einiger Zeit fand er einen Toaster, den er sehr interessant fand und in seine Tasche steckte. Wenig später stieß er auf eine schwere Eisentür, die mit »Betreten verboten! Tiefkühlzelle!« beschriftet war. Orakel dachte, dass er ein wenig Abkühlung gebrauchen könne und so ging er in die Zelle. Das Problem: Als er den Raum wieder verlassen wollte, ließ sich die Tür nicht mehr öffnen. Dreckstechnik, dachte Orakel.
Free und yury suchten nach Orakel und stießen dabei auf eine Tür. Darauf stand nicht »Tiefkühlzelle«, sondern »Notausgang, alarmgesichert, auch im Notfall nicht öffnen«. Als Free die Tür trotzdem öffnete, fuhr dahinter ein Laptop hoch und eine kurze Melodie ertönte.
»Warum startet da ein Computer?!«
Dann sahen yury und Free, was sich wirklich hinter der »Notausgang«-Tür befand…
Zur selben Zeit schaffte Orakel es, die Eisentür zu überwinden. Er war ein einziger Eisblock und fiel aus der Tiefkühlzelle heraus. Die Tür fiel hinter ihm wieder zu; der Orakel-Eisblock lag auf dem Gang und taute langsam vor sich hin. Da hörte er in der Ferne eine bekannte Melodie. Er versuchte, sich von dem Eis zu befreien und dorthin zu gehen, da er sich sicher war, dort seine Freunde wiederzufinden.
Free und yury sahen hinter der Tür ein Zimmer mit Geräten, die so modern waren, dass sie ihre Funktionsweise nicht ganz verstanden. Auf dem Laptop, der die Melodie von sich gegeben hatte, erschien das Logo einer bekannten Suchmaschine.
»Wir feiern den zehnten Geburtstag der neu aufgebauten Stadt New York.«
Free und yury wunderten sich plötzlich. Es konnten doch nicht über zehn Jahre vergangen sein, ohne dass sie es bemerkt hatten! Doch sie erinnerten sich an die riesige Flutwelle, die damals, vor rund dreißig Jahren, New York zerstört hatte, das erst zwanzig Jahre später wieder aufgebaut worden war. Noch eine Frage war offen: Wenn sie in wenigen Sekunden dreißig Jahre übersprungen hatten, warum konnten sie sich dann an Ereignisse aus diesen Jahren erinnern? Free und yury waren ziemlich verwirrt. Dann hörten sie Musik aus dem Nebenzimmer. Schließlich rief jemand nach ihnen. Es war Orakel, der einen merkwürdigen Laptop gefunden und das daneben stehende Radio eingeschaltet hatte.
Orakel war froh, dass die anderen gekommen waren, er hatte nämlich eine Frage: »Wofür ist dieses Programm da?«
Er zeigte auf ein Symbol mit der Beschriftung »TMPE«. Weil ihm niemand eine Antwort geben konnte, klickte er kurzerhand das Symbol an. Der Bildschirm wurde dunkel, dann liefen in weißer Schrift Jahreszahlen über den Bildschirm, von 2050 bis 2001. Später erschienen auch Monatsnamen. Es kamen immer neue, bis nach »September« keine mehr kamen und der Bildschirm wieder heller wurde. Orakel fand den »Bildschirmschoner« doof. Er wollte gerade einen neuen installieren, als yury ihn zurückhielt.
»Warte, da kommt etwas im Radio!«
»kkkrrrrk… krks… Willkommen bei Radio Deutschland-USA, dem deutschen Radiosender in den USA! Dies ist eine Eilmeldung. Es ist 9:46. Soeben rasten zwei Flugzeuge in die WTC-Türme. Die amerikanische Regierung geht nach eigenen Angaben davon aus, dass der Anschlag durch…«
yury hatte das Radio abgestellt. Ihm und Orakel wurde jetzt einiges klar, obwohl sie es eigentlich nicht glauben wollten. Free hatte noch immer nicht ganz begriffen, was Orakel gerade am Computer gemacht hatte.
»Mann, du Blitzmerker, es ist der 11. September und wir haben gerade eine Zeitreise gemacht«, erklärte yury, während Orakel gedankenverloren auf den Monitor starrte.
»Hä?«, fragte Free.
»Pass auf, du… du… du… ach egal. Wenn Orakel in diesem Programm ein Datum einstellt, dann erleben wir diesen Tag in echt noch einmal. Keiner dieser Menschen kann sich dann an die ›Zukunft‹, die ja eigentlich die Gegenwart ist, erinnern«, erklärte yury. Endlich verstand es auch Free. Orakel wollte unbedingt ein bisschen mit dem Programm herumspielen. Bevor ihn die anderen davon abhalten konnten, hatte er wieder einige Mausklicks gemacht und bei »Location« etwas eingetippt. Gerade als er freudestrahlend die Entertaste drücken wollte und den anderen erzählen wollte, dass man mit dem Programm auch seinen Ort verändern konnte, schubste yury ihn mit voller Kraft vom Chefsessel und brüllte ihn an, ob er sie alle umbringen wollte. Free verstand nun gar nichts mehr. Orakel war wütend auf yury. Nun begriff Free: Orakel hatte bei »Location« das Pentagon eingegeben, kapierte aber immer noch nicht, was los war.
»Was hast du denn? Ist doch mal interessant!«
Free informierte ihn: »Wir haben den 11. September 2001…«
Er schlug vor, auf den Reset-Button zu klicken, was er auch sogleich tat, ohne eine Antwort der anderen abzuwarten. yury schaltete das Radio an… »Ganz New York ist von der Flutwelle zerstört worden!« …und wieder aus.
»Alles klar, wir sind zurück in der Gegenwart.«
Orakel hatte sich von seinem Schock erholt und sagte: »Gut, dann lasst uns überlegen, wie wir diese Zeitmaschine so gut wie möglich nutzen können, um uns aus unserer Lage zu befreien…«
Stattdessen griff yury nach dem Laptop, riss ein Fenster auf und versenkte die merkwürdige Zeitmaschine im Meer. Free und Orakel sahen ihn verständnislos an. yury sagte, dass eine Welt ohne Zeitreisen vermutlich eine bessere Welt sei.
Free schaltete das Radio wieder an und sagte: »So, und nun lasst uns noch mal bei diesem Radiosender anrufen. Ich kann verstehen, dass sie uns nicht glauben, aber wir müssen das irgendwie versuchen. Notfalls nehmen wir halt die 911. Wie war die Nummer doch gleich?«
»Nein, warte«, unterbrach ihn yury. »Wieso rufen wir nicht gleich die 911 an?«
»Gute Idee«, meinte Orakel.
Und so rief Free direkt die nordamerikanische Notrufnummer an. Das Freizeichen war einmal zu hören, dann meldete sich eine Person.
911: »911, where is your emergency?«
Orakel: »Eine Pizza bitte!«
911: »I’m sorry?«
Free nahm ihm das Telefon wieder weg.
»Hello, we need help and äh, sprechen Sie Deutsch?«
911: »Ja.«
Free: »Wir konnten uns vor der Welle in Manhattan retten und haben sie überlebt.«
911: »Wo befinden Sie sich?«
Free: »Wir befinden uns gerade auf dem Meer in einer schwimmenden Eta… Hey, yury, was soll das?!«
yury nahm Free das Telefon weg.
»Äh, er wollte sagen, in einem schwimmenden Boot, bei dem leider der Motor kaputt ist… Können Sie uns helfen?«
911: »Ja… Können Sie die Position Ihres Bootes möglichst genau beschreiben?«
yury: »Einen Moment, bitte. Wir versuchen, es herauszufinden…«
Free: »Orakel, in welcher Richtung liegt Manhattan und kann man es überhaupt noch sehen?«
Orakel: »Äh, ja, da ist Wasser draußen.«
Free: »Ob du Manhattan siehst!«
Orakel: »Nein. Manhattan sehe ich nicht. Bekomme ich denn jetzt meine Pizza?«
911: »Dann kann ich ihnen nicht helfen.«
Es klickte, und die Person am anderen Ende hatte aufgelegt.
Orakel schrie noch in das Telefon: »Mit extra Käse bitte!«, aber es war zu spät. Plötzlich stand ein Mann neben Free, yury und Orakel.
Free drehte sich erschrocken zur Seite. »Wer sind Sie? Warum sind Sie hier?«
»Mein Name ist jetzt egal. Ich bin vom FBI und sollte hier Informationen über eine Zeitmaschine in Form eines Laptops finden, als eine große Welle kam und diese Etage auf das Meer getrieben wurde. Ich war wohl einige Zeit ohnmächtig, und als ich wieder aufwachte, hörte ich, wie jemand bei 911 eine Pizza bestellen wollte.«
yury fragte den Mann, wie die gesuchte Zeitmaschine hieß.
»TMPE, Time Machine Professional Edition, warum?«
»Weil wir sie zerstört haben.«
»Ihr habt WAS? Aber ihr habt vorher den Reset-Knopf gedrückt, oder?«
»Ja…«
»Okay, dann ist mein Auftrag erledigt. Wo sind wir jetzt?«
Orakel sah sich grinsend um. »Irgendwo auf dem Meer, würde ich sagen.«
»Ich habe ein GPS-Gerät dabei!«
FBIGPS v2.6.4 starting
Your position is 40.374274, -73.661259
»Cool, und was heißt das genau?«, fragte Orakel.
»Das heißt, dass wir ein Problem haben, weil wir uns auf dem Meer befinden.«
yury verkniff sich die Bemerkung, darauf seien die drei ohne GPS gar nicht gekommen. Orakel, dessen Magen wieder knurrte, unterbrach das Schweigen.
»So. Und wie kommen wir zurück an Land?«
»Na ja, wir rufen den Notruf an.«
»Haben wir schon, die glauben uns nicht!«
»Mir glauben die bestimmt.«
»Wenn Sie wirklich Agent sind…«
»Ja, bin ich.«
Er nahm das Handy, das yury ihm reichte, und tippte die Notrufnummer ein.
911: »911, what is the location…«
Agent: »Hier ist FBI-Agent Island.«
911: »Wie? Sind Sie etwa der Floating Island?!«
Agent: »Nein, der andere.«
911: »Es gibt einen anderen Island?«
Agent: »Nein, eben nicht. Ihre Frage war sinnlos und ich werde nicht gerne mit sinnlosen Fragen genervt.«
911: »Wo sind Sie gerade?«
Agent: »Ich habe die Welle ebenfalls überlebt und…«
911: »Noch so ein Spinner.«
Agent: »…sitze in einer schwimmenden…«
911: »…Etage fest, jaja, die Geschichte kenne ich schon.«
Agent: »Nein. Wirklich. Ich sitze in einer schwimmenden Etage fest.«
911: »Sie verschwenden meine Zeit. Ist Ihnen eigentlich bewusst, welche Kosten jährlich durch missbräuchliche Verwendung des Notrufs…«
Orakel nahm das Telefon und schrie hinein: »Jetzt pass mal gut auf, du dumme Kuh! Ich sitze seit Tagen in dieser blöden Etage fest, der Aufzug funktioniert nicht mehr, ich habe Pizza mit extra Käse bestellt und Sie schicken mir einen Pizzaboten, der A meine Pizza mit extra Käse nicht dabeihat und B sich als Agent ausgibt. Wenn Sie sich keine vernünftigen Pizzaboten leisten können, dann arbeite ich halt für Sie. Ich möchte einen Stundenlohn von 10 Dollar und zwei Pizzen! Guten Tag!«
Orakel legte auf. yury fand das lustig, aber er war gleichzeitig sauer, weil Orakel einen weiteren Anruf sinnlos gemacht hatte.
Free fragte: »Und was machen wir jetzt?«
Der Agent hatte inzwischen sein eigenes Handy herausgeholt und war dabei, eine Nummer einzutippen, die so lang war, dass man sie auf dem Display nicht mehr komplett lesen konnte. Orakel versuchte, herauszufinden, ob es ein System in der Nummer gab, gab aber bald auf.
9999/7320508…: »Französischer Backservice, guten Tag. Sie sprechen mit Frédéric Riqueti.«
Agent: »Hier spricht Floating Island 31/41. Sparen Sie sich den Quatsch.«
9999/7320508…: »Oh, Sie sind früh dran. Haben Sie den Auftrag bereits erledigt?«
Agent: »Erledigt, ja, aber ich sitze gerade mit drei Helfern auf einer schwimmenden, abgetrennten Hochhausetage im Meer fest.«
9999/7320508…: »Nicht schlecht, den muss ich mir merken. Was ist Ihre Position?«
Agent: »Äh, ungefähr 40,3743 Grad nördliche Breite, 73,6613 Grad westliche Länge.«
Ein paar Sekunden lang war es still am anderen Ende der Leitung, dann meldete sich die Kontaktperson wieder zu Wort.
9999/7320508…: »Das ist ja wirklich im Meer. Warum erleben ausgerechnet Sie immer die verrücktesten Abenteuer?«
Agent: »Freuen Sie sich doch, dass Sie gemütlich in Ihrem Büro sitzen dürfen. Wären Sie so nett, mir einen Hubschrauber zu…«
In diesem Moment tippte yury den Agenten an und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Agent: »Ihr spinnt doch. Na gut. Wären Sie so nett, mir zwei Hubschrauber zur Verfügung zu stellen?«
9999/7320508…: »Zwei Hubschrauber?!«
Agent: »Das erkläre ich Ihnen später.«
9999/7320508…: »In Ordnung. Hubschrauber kommen in acht Minuten.«
Dann war das Telefonat beendet. Der Agent fragte yury, warum er eben mitten im Telefonat um einen zweiten Hubschrauber gebeten hatte, da sie schließlich auch in einen einzigen gepasst hätten. yury verzichtete auf eine Erklärung; Orakel und Free verstanden, warum.
Als die gewünschte Unterstützung ankam, stieg Floating Island in den ersten Hubschrauber ein. yury, Orakel und Free ließen sich mit dem zweiten Hubschrauber direkt zum nächsten großen Flughafen fliegen, erhielten zum Dank für ihre Mitarbeit Flugtickets nach Europa und kamen nach einer kostenlosen Hotelübernachtung gegen Mittag in den Niederlanden an.
Irgendwo in Amsterdam stand ein kleiner Helikopter herum, und yury konnte nicht widerstehen, den privaten Piloten für einen kurzen Rundflug zu bezahlen. Bei einer Zwischenlandung vor einem Schnellrestaurant entschied sich der Pilot für einen kurzen Toilettenbesuch. Als er nach einer Weile zum Landeplatz zurückkehrte, war der Helikopter verschwunden.
Spontaner Ausflug
Orakel wollte nun Erdnüsse essen, doch yury störte sich nicht dran. Er flog in Richtung Deutschland, weil Free Heimweh hatte – allerdings begann der Hubschrauber nach einiger Zeit zu schwanken. Zu allem Überfluss wollte Orakel immer noch Erdnüsse haben. yury gab Orakel Erdnüsse, die er in einem Fach gefunden hatte, und der fraß sie alle auf, während Free dabei war, den schwankenden Helikopter wieder in den Griff zu bekommen. Doch Free stellte sich so dumm an (er redete mit dem Helikopter und sagte, dass er jetzt endlich aufhören solle, zu schwanken), dass es nur noch schlimmer wurde. Free bekam Panik und holte die Bedienungsanleitung aus dem Fach, in dem yury die Erdnüsse gefunden hatte. Mit zitternder Stimme las er: »Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Eurocopter EC 135…«
Orakel schubste ihn von den Instrumenten weg und begann, den Hubschrauber wieder in den Griff zu bekommen. Als er es geschafft hatte, waren sie in einer Feriensiedlung angekommen und landeten auf dem Dach eines Ferienhauses. Den Mietern war das nicht geheuer, und sie liefen davon. Orakel, yury und Free machten es sich gemütlich.
Die Mieter hatten gerade einen Kuchen gebacken. Als Orakel ihn essen wollte, verbrannte er sich eine Hand. Orakel wunderte sich noch, warum seine Hand so weh tat, als yury bereits einen Eimer Wasser darüber kippte. Anstatt sich bei yury zu bedanken, schrie ihn Orakel an: »Was fällt dir ein? Jetzt ist meine Hand so nass und ich muss sie an einem Handtuch abtrocknen, welches mir gar nicht gehört!«
»Ach, aber einfach den Kuchen anfassen, das darfst du!«, schrie yury zurück.
Free und yury erkundeten das Haus, während Orakel weiter Kuchen aß. Aus der Küche hörten die beiden immer wieder eine komische Lautfolge, die ungefähr so klang: »aua, hmmm, aua, hmmm, aua, hmmm, aua, hmmm, aua, hmmm, aua, hmmm…«
Als sie wieder zurückkamen, war der Kuchen weg. Orakel hatte sich ein sehr heißes Stück genommen (»aua«), es gegessen (»hmmm«) und diesen Vorgang wiederholt, bis der Teller leer war. Nun hatte Orakel natürlich starke Schmerzen an den Händen. yury nahm diesmal einen Wasserschlauch, verband ihn mit dem Wasserhahn und drehte ihn auf.
»Dass du auch immer übertreiben musst!«, sagten Orakel und yury gleichzeitig. Plötzlich hörten sie ein Polizeiauto.
»Mist, die Mieter haben die Polizei gerufen, ab aufs Dach!«, rief Free den beiden zu.
Die drei stiegen aus dem Fenster und kletterten an der am Fenster entlanglaufenden Regenrinne hoch, als diese plötzlich abbrach. Mit einem lauten, dumpfen Knall landete Orakel auf dem Boden. Die anderen dachten schon, sie würden weich auf ihm landen, doch Orakel wich aus, sodass zuerst Free und dann yury nebeneinander ebenfalls auf den Boden fielen.
»Okay, neuer Versuch…«
Die drei liefen in das Haus und suchten in der oberen Etage nach einem Dachfenster. Sie fanden eines, welches aber verschlossen war. Orakel nahm einen kleinen Tisch aus dem Schlafzimmer und wollte damit gerade gegen das Fenster schlagen, als yury den Schlüssel fand und Free den Tisch festhielt. Dann öffneten sie das Fenster mit dem Schlüssel, stiegen in den Hubschrauber und flogen schnell weg, während die Mieter und die Polizei wütend nach ihnen riefen.
yury schlug vor, sich zu beeilen und diesmal wirklich nach Deutschland zu fliegen. Dieser Vorschlag wurde von Free und Orakel akzeptiert. Also flog er nach Deutschland und wurde nach einiger Zeit von Orakel abgelöst. Als sie noch eine Weile geflogen waren, griff Free nach der Bedienungsanleitung.
»Hey, das Ding hat eine coole Funktion… Schle§$%it& oder so, ich kann es nicht genau lesen…«
yury fragte ihn, wie man diese Funktion aktivierte. Free sagte ihm, dass das ein roter Knopf am Sitz sei, der »eigentlich nur für Flugzeuge gedacht« war, aber »in diesen Spezialhelikopter sicherheitshalber auch eingebaut« worden war. yury wollte gerade raten, um welche Funktion es sich dabei handelte, als Orakel es ausprobierte und den Knopf drückte. Das Dach öffnete sich und die drei flogen aus dem Hubschrauber. Orakel und yury hatten am Sitz (der mit herausgeflogen war) einen Fallschirm. Frees Sitz war (er hatte sich nicht angeschnallt) ohne ihn auf dem Boden zerschellt. Free klammerte sich von unten an den Sitz von Orakel.
»Das war ein Schleudersitz, Mann!«, rief yury. »Orakel, du Spielkind, warum musst du auch jeden Knopf ausprobieren, der dir über den Weg läuft?«
Die drei sanken langsam zu Boden. Sie waren in etwa an der holländischen Grenze, doch plötzlich hörten sie einen lauten Knall.
»Mist!«, schrie Free. »Das Flugzeug explodiert!«
»Nein, Free. Tut es nicht. Es ist immer noch ein Hubschrauber!«, korrigierte ihn Orakel.
»Warum ist unser Hubschrauber denn explodiert?«, fragte yury.
»Keine Ahnung, geh hin und frag ihn«, sagte Orakel.
yury schüttelte den Kopf. »Als ob der Hubschrauber reden k…«
»Systemfehler 404: Es ist etwas Schlimmes passiert. Dieser Fehler löst bei diesem Modell eine Selbstzerstörung aus.«
»Siehst du, er kann doch reden!«, sagte Orakel. yury und Free mussten lachen.
»So, jetzt sind wir also genau auf der Grenze zwischen Deutschland und Holland, noch ein Schritt und wir sind da…«
»Hier spricht die Polizei. Bleiben Sie stehen!«
Free fragte sich, ob er stehen bleiben sollte. Es würde eine lange Diskussion mit den Polizisten werden, um ihnen zu erklären, woher sie den Hubschrauber hatten, und danach würde man ihn sowieso für verrückt halten. Orakel fragte sich, ob er bei der Polizei vielleicht etwas Essbares bekommen könnte. yury ahnte das und redete ihm diesen Gedanken aus.
»Am besten ist es, wenn wir weglaufen, ins nächste Auto steigen und schnell nach Hause fahren«, meinte yury.
Die anderen beiden waren einverstanden, und so liefen sie schnell weg. Als sie ein Auto am Straßenrand parken sahen, trat Orakel gegen die Tür, um das verschlossene Auto zu öffnen. Außer Schmerzen am Fuß brachte das allerdings nichts. Da kam auf einmal der Besitzer des Wagens an, der nun sehr wütend auf Orakel war. Doch Orakel hatte noch ein Stück vom Kuchen in der Tasche. Damit beschmierte er das ganze Auto. yury fragte den Besitzer, ob er den Wagen verkaufen wollte. Weil es sich sowieso um ein sehr altes Auto handelte, das nun auch noch durch den Kuchen verschmiert war, verkaufte der Besitzer es für 1000 Euro an yury. Als er bemerkte, dass es Falschgeld war, waren die drei bereits abgefahren.
»Woher hattest du denn das Falschgeld?«, fragte ihn Free.
»Kennst du noch diesen Kapitän von dem Kreuzfahrtschiff? Ich habe ihm ein Bild von Orakel gezeigt und ihn gefragt, ob dieser Mensch auf dem Bild wohl eine gültige Flugerlaubnis und einen gültigen Pilotenschein hat. Der Kapitän sagte natürlich, wie es jeder getan hätte, nein. Wir wetteten übrigens um Falschgeld und ich hatte gewonnen. So kam ich an das Falschgeld«, erklärte yury.
»Welches schlimme Bild hast du denn von mir genommen?«
»Das Bild von deinem Personalausweis!«
Orakel wollte wissen, woher yury dieses Bild hatte. Als er nach seinem Personalausweis suchte, fand er ihn nicht.
»Du hast meinen Personalausweis geklaut?!«
»Nein, den habe ich zufällig gefunden…«
Orakel glaubte ihm das nicht und war sauer. Er machte irgendetwas im Auto kaputt, auf jeden Fall hörte es nach kurzer Zeit auf, zu fahren. Daraufhin gingen sie die letzten Schritte zum Bahnhof zu Fuß.
»Mist, der Zug zu mir nach Hause ist gerade weggefahren und der nächste kommt erst in zwei Stunden!«, bemerkte yury nach einem kurzen Blick auf eine Informationstafel.
Free bastelte aus seinem Führerschein und Orakels Personalausweis einen Zugführerschein, und die drei stiegen in den nächsten Zug ein. Orakel fand irgendwo ein Megafon und kündigte an, dass dieser Zug in Kürze implodieren werde:
»Sehr geehrte Damen und Herren. In Kürze wird der Zug implodieren. Bitte verlassen Sie sofort diesen Ort. Wir verabschieden uns von allen Fahrgästen, die nun aussteigen und danken für Ihre Reise mit der Deutschen Bahn. Dier Ledies änt Schänntlmän. Se trehn will suhn imploht. Plies lief sis ples immidiätli. Wi seh guttbei tu ohl pässendschas hu gett off nau änt sänk ju vor jor Tschörni wis Deutsche Bahn«, sagte Orakel.
Natürlich stiegen alle Passagiere sofort aus, und yury verschloss schnell die Türen. Da die drei Freunde keine Erfahrung mit der Steuerung von Hochgeschwindigkeitszügen hatten, schlug…
Free vor, die Bedienungsanleitung zu lesen,
yury vor, einfach alle Knöpfe und Hebel zu betätigen, und
Orakel vor, erst einmal ins Bordbistro zu gehen.
Schließlich fand Free die Bedienungsanleitung.
»So ein Kack!«, fluchte Free. »Hier steht alles auf Chinesisch!«
»Das kommt daher, dass du die Anleitung falsch herum hältst…«, erklärte yury. Es kam ein kurzes »Ach so« von Free, danach las er die Bedienungsanleitung. Nach zehn Minuten hatte er herausgefunden, dass es eine Elektrolok war.
»Zuerst die Lok aufbügeln …«
Das Bügeleisen suchte er vergeblich. Dann sah er einen Knopf, der in der Anleitung abgebildet war. Er drückte ihn.
»…dann den Hauptschalter umlegen.«
Free fand einen Schalter. Orakel war schneller und hatte bereits den Hebel für die Türen gefunden.
»Türen schließen.«
»Okay, die hat yury vorhin geschlossen«, sagte Orakel. Er lief einmal durch den gesamten Zug, um sicherzustellen, dass niemand außer ihnen an Bord war, dann betrat er wieder den Führerstand.
∞∞∞
»Wo ist in diesem komischen Zug eigentlich das Lenkrad? Wir fahren ja immer nur geradeaus!«, wunderte sich Orakel.
»Genau, und wo ist das Höhenruder?«, ätzte yury, was Orakel aber nicht zu stören schien.
Free hatte schon fast die Geschwindigkeitsbegrenzung für diese Strecke erreicht. Daraufhin überbrückte er mit Kabeln aus dem Handy, das sie in der Etage gefunden hatten, die Linienzugbeeinflussung und fuhr noch schneller. Orakel, der inzwischen wieder beim Essen war, bemerkte das gar nicht. Nur yury wurde langsam nervös. Und das hatte einen guten Grund: Free wollte Lokführer spielen und schloss sich vorne im Zug ein.
Orakel hatte einen neuen Lieblingsort: Das Bordbistro. Doch auch yury hatte einen neuen Lieblingsort: Die erste Klasse. Während yury schon fast in den verdammt bequemen Ledersitzen versank, machte sich Orakel eine andere Freude, die so überhaupt gar nicht von Free begrüßt wurde: Orakel zog immer wieder an der Notbremse. Free ärgerte sich, dass der Zug langsamer wurde, überbrückte das Signal und beschleunigte den Zug wieder. Doch Orakel zog wieder an der Notbremse. So ging es bestimmt zwei Stunden lang, bis yury Orakel von der Notbremse wegschubste und ihn in der Küche des Bordbistros einsperrte. Während er sich dort den Bauch vollschlug, rannte yury zum Führerstand, brach die Tür auf und sah nach, was Free machte. Dieser war immer noch dabei, die LZB kurzzuschließen. yury sah dabei interessiert zu.
Mit den Worten »So, jetzt müsste es funktionieren. Mal sehen…« beschleunigte Free.
Hoffentlich geht das gut, dachte yury.
Als der Zug auf der Altbaustrecke eine Geschwindigkeit von dreihundert Kilometern pro Stunde erreicht hatte und an mehreren roten Signalen vorbeigefahren war, wussten sie wenigstens, dass die Kurzschließung der LZB funktioniert hatte. yury war trotzdem ein wenig mulmig zumute. Orakel störte sich nicht an alldem, er fraß sich immer noch im Bordbistro voll.
Leider waren sie erstens überhaupt nicht im Fahrplan und zweitens war die Altbaustrecke eben nicht für Geschwindigkeiten von über 300 km/h gebaut. Und so hörten yury und Free nur noch ein »Knacks« – und dann ein Quietschen, das schlimmer war, als das von Kreide auf einer Schultafel. Orakel hatte es auch gehört und kam gerade (mit Essen, natürlich!) angelaufen, als er stolperte und das Essen nach vorne schleuderte. Free drehte sich im falschen Moment um und sah nur noch, wie ihm irgendwelche Törtchen entgegenflogen. yury wollte schnell die Steuerung übernehmen, wurde aber zu Boden gerissen. Der Zug fing an, heftig zu wackeln. Orakel war wütend auf Free, weil das Essen in Frees Gesicht war. Indes machte yury die beiden darauf aufmerksam, dass es bessere Dinge gebe, als zu streiten, wenn gerade der Zug entgleise.
»Der Zug entgleist!?«, fragte Orakel mit einem leichten Grinsen.
»Ja, der Zug entgleist!«, schrie yury, als er merkte, dass sie gerade auf eine Brücke gefahren waren, die sich in atemberaubender Höhe über einen Fluss spannte.
Free kannte diese Brücke. Hier durfte man neuerdings nur noch 10 km/h fahren. Unter der Brücke sah man, wie ein Restaurant oder etwas Ähnliches gebaut wurde. So neu schien das Restaurant aber nicht zu sein, denn die Stahlwände waren schon verrostet.
»Wir fahren mehr als 290 km/h zu schnell?«, rief Orakel, der gerade auf die Geschwindigkeitsanzeige gesehen hatte. Da war wieder dieses Quietschen. Orakel fing heftig an, zu lachen. yury sah ihn verständnislos an, doch dadurch lachte Orakel nur noch mehr. Free fragte Orakel, warum er lache, und Orakel antwortete mit einer lachenden Stimme:
»Der Zug entgleist gleich. Haha…«
Free schüttelte den Kopf. Kurz darauf ging Orakel laut lachend zurück ins Bordbistro, mit den Worten:
»Wir werden alle sterben… aber vorher brauche ich noch eins von diesen Törtchen…«
yury riss laut fluchend Frees verdammte Überbrückung der LZB aus der Halterung. Eine automatische Stimme sagte »Automatische Sicherheitsbremsung«, und der Zug bremste sofort und ohne zu entgleisen.
»Automatische Sicherheitsbremsung.«
Leider gab es noch ein kleines Problem: die Polizeihubschrauber über dem Zug.
»Automat…«
»Halt die Klappe, du blödes Gerät!«, schrie Free und wütete so lange, bis er die automatische Stimme irgendwie zum Schweigen gebracht hatte. Plötzlich schossen die Polizisten mit Pistolen durch die Decke des Zuges. yury wurde fast getroffen. Free und yury versuchten, den Schüssen auszuweichen, bis die Schüsse irgendwann aufhörten. Der Führerstand des Zuges war komplett zerstört. Überall hingen Kabel herum, es blinkten Lampen und auf einmal krachte die Lampe von der Decke. Free und yury standen wie angefesselt da, bis Orakel laut schmatzend den Raum betrat. Er hatte beider Hände voller Törtchen und in seinem Mund bestimmt die doppelte Menge. Mit vollem Mund fragte er yury, ob er zehn Cent für ihn habe, weil in der ersten Klasse ein Colaautomat stehe. yury musste unglaublich laut lachen; Orakel und Free hielten sich die Ohren zu. Die Polizisten in dem Hubschrauber dachten, yury würde über sie lachen, und wurden wütend. Nun gab es eine Lautsprecherdurchsage:
»Das ist nicht lustig! Hier spricht die Polizei! Verlassen Sie sofort mit erhobenen Händen den Zug!«
Orakel ging voran. Plötzlich bewarf er die Polizisten mit Törtchen. Schnell liefen die anderen beiden weg und stahlen den Hubschrauber. Dabei zogen sie Orakel mit sich, dem langsam die Munition ausging. Einer der Polizisten schoss auf den Hubschrauber und durchlöcherte den hinteren Propeller.
»Cool, wir fliegen im Kreis!«, bemerkte Orakel, der immer noch Törtchen aß und sauer war, dass er nun nicht an den Automaten konnte. Nach etwa fünf Runden Kreisflug schrie Orakel yury an: »Kannst du nicht besser fliegen?«
yury, der fieberhaft damit beschäftigt war, den Hubschrauber notzulanden, schrie zurück: »Unser hinterer Propeller ist kaputt, ich versuche not-zu-landen!«
Free sah aus dem Fenster, dass die Polizisten sich kaputtlachten. Orakel rief über den Außenlautsprecher: »Da gibt es nichts zu lachen. Er kann halt nicht gut fliegen!«
Da lachten die Polizisten nur noch mehr. Orakel verstand nicht, warum, und war sauer auf die Polizei. yury, der sich mittlerweile sehr über Orakels Stimmungsschwankungen ärgerte, schrie Orakel an: »Du bist doch auf jeden sauer, wenn er was macht, was dir nicht passt. Bist du auch sauer, wenn jemand dir einen Cent klaut?«
»Klar, natürlich«, antwortete Orakel. yury schüttelte den Kopf.
»Wenn mir jemand auch nur einen einzigen Cent klaut und wenn ich mir dann die Stellung von Mond und Sonne angucke, und wenn es dann noch 11:55 Uhr ist, dann…«, wollte Orakel hinzufügen, doch yury schrie zurück:
»Jetzt halt endlich deinen Mund!«
Von so viel Geschrei wurde Free übel. Er erbrach über den Cockpitinstrumenten; sofort dampfte und blinkte alles. yury versuchte verzweifelt, den Helikopter unter Kontrolle zu bringen, aber es war unmöglich. Beide Rotoren waren völlig zerstört und Orakel begann in aller Ruhe damit, Spielkarten aus einem Rommé-Spiel zu verteilen. Bevor yury die Luft holen konnte, die er eigentlich brauchte, um Orakel noch einmal anzuschreien, schien nun auch Free den Verstand verloren zu haben. Nach Orakels Beispiel zog er ein Buch aus seiner Tasche, das mit »Tetris – Full Walkthrough« beschriftet war, schlug es etwa in der Mitte auf und begann tatsächlich, zu lesen. Schließlich hatte Orakel die »gute« Idee, den Hubschrauber einfach notzulanden.
»Was glaubst du, was ich gerade versuche, du Dummkopf?«, fragte yury verzweifelt.
Orakel war beleidigt und packte seine Karten wieder weg. Free war gerade an der spannendsten Stelle seines Buches angekommen. Er bekam erst dann wieder etwas mit, als der Hubschrauber über dem Fluss abstürzte. Sofort füllte sich der Innenraum mit Wasser. Frees Buch wurde total durchnässt, aber Orakels Kartenspiel war in seiner wasserdichten Tasche. Sonst passierte nichts, außer dass Orakel ein kleines Loch im Boden entdeckte. Er erzählte den anderen nichts davon und legte als Abdichtung eine seiner Spielkarten auf das Loch. Es war das Herz-Ass. Orakel fand diese Karte besonders schön.
yury wollte gerade das Kartenspiel manipulieren und sich die Asse in den Ärmel stecken, als er bemerkte, dass eines fehlte. Er traute sich aber nicht, ihn danach zu fragen, weil er sich dann mit dem Schummeln verraten würde.
Das Herz-Ass war schnell durchweicht. Das Wasser floss durch das kleine Loch und der Boden wurde nass. yury bemerkte das und wurde wütend auf Orakel.
»Wie konntest du uns nur dieses Loch verheimlichen? Deinetwegen gehen wir jetzt unter«, meckerte yury. Orakel entschuldigte sich bei yury und versprach, das Loch zu reparieren.
»Neiiiiin!«, rief yury verzweifelt, doch es war zu spät. »Meister« Orakel holte eine Säge und kniete sich neben das Loch. Als Free nachfragte, warum Orakel für seine Arbeit eine Säge brauchte, erklärte Orakel zehn Minuten lang, was das für eine Säge war.
»Weißt du eigentlich, wie egal mir ist, was das für eine Säge ist?«, fragte Free nach Orakels Lehrstunde über Sägen.
»Auch wenn das eine Säge ist, auf der George Clooney gesessen hat – dichte jetzt endlich dieses dumme Loch ab!«, ergänzte yury. Free war jetzt schon bis zu den Knien nass. Er schrie Orakel an, dass er sich beeilen solle. Orakel, dem das Wasser wegen seiner Größe nicht ganz so weit reichte, verstand die Aufregung nicht, aber schließlich fing er an. Free wunderte sich immer noch. »Wie soll man denn… –«
»Schnauze, jetzt kommt der Meister!«, unterbrach ihn Orakel. Bevor yury und Free verstanden hatten, was vorging, begann Orakel damit, zu sägen.
»Bist du verrückt?!«, schrie Free entsetzt. »Du machst das Loch ja nur noch größer!«
»Ich zersäge das Loch«, entgegnete Orakel. »Dann haben wir viele kleine Löcher und das Wasser passt nicht mehr durch…«
yury war sprachlos. Die drei standen noch immer im Wasser, das nun schneller anstieg als vorher. Zu allem Unglück kam auch noch, dass die Polizei sie nun direkt einsammeln wollte und mit einem zweiten Hubschrauber neben ihnen landete. Das Wasser drang immer schneller ein, weil Orakel dabei war, mit seinem Gesäge den Boden ganz kaputt zu machen. Als der erste Polizist hereinkam, staunte er so sehr über Orakels Dummheit, dass Free ihn wieder herausschubsen konnte, genau gegen den nächsten Polizisten, der der Länge nach ins Wasser fiel. yury schloss schnell die Tür und klemmte Free beinahe dazwischen ein.
»Kannst du nicht aufpassen?«, fragte Free ärgerlich. Dann hörte man einen dumpfen Knall, denn der zweite Polizist war gegen die Tür gelaufen. Orakel hatte den Boden schon völlig durchlöchert, als yury ihm die Säge wegnahm. Free lief aus dem Hubschrauber, an den beiden fassungslosen Polizisten vorbei, und sägte den Boden des zweiten Helikopters ab. Orakel und yury halfen ihm dabei, ihren eigenen Hubschrauber an Land zu ziehen und den Boden hinein zu transportieren.
»Orakel, mach aus den kleinen Löchern mal ein ganz großes!«
Orakel machte das natürlich sofort. Jetzt setzten Free und yury den Boden in die riesige Öffnung ein und suchten überall nach einer Heißklebepistole.
Endlich fanden sie eine. »Meister« Orakel wollte das natürlich machen, aber Free drängte ihn zur Seite. Orakel war enttäuscht, dass er den Boden nicht festkleben durfte, musste aber zugeben, dass Free seine Arbeit ganz gut machte.
Von diesem Schock erholt meinte yury, dass sie sich etwas Urlaub verdient hätten. Free hoffte, dass sie nicht wieder eine ganze Stadt zerstören würden, und stimmte zu. Orakel wollte nach Madagaskar fliegen. Free und yury hatten nichts dagegen.
»Okay, dann müssen wir diesen Helikopter mal wieder startklar machen, ich glaube nämlich, es ist mehr kaputt als nur der Boden…«, stellte Free fest.
Orakel schlug vor, für den Langstreckenflug den bekannten Helikopter des FBI zu verwenden, weil dieser viel größer war und man ihn mit ein bisschen Arbeit in ein fliegendes Wohnmobil verwandeln konnte. yury erinnerte ihn daran, dass der Helikopter, der sie zum Flughafen gebracht hatte, Tausende Kilometer entfernt in den USA stand.
»Dann rufen wir halt noch mal da an…«, sagte Orakel. Bevor die anderen beiden etwas sagen konnten, holte er sein Handy aus der Tasche. Die Nummer bekam er von yury, der sich die Ziffernfolge eingeprägt hatte und sie um die amerikanische Landesvorwahl ergänzte.
»Französischer Backservice, guten Tag. Leider rufen Sie außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Falls Sie eine Nachricht hinterlassen möchten, –«
»Hallo FBI? Hier spricht Orakel, ID Pizza, Kennbuchstabe e wie egal!«
»Hä?«
»Ich brauche einen großen Hubschrauber, bitte nach« – Orakel nannte seine Adresse – »liefern!«
»Was verstehen Sie unter ›groß‹? Wer soll den Spaß überhaupt bezahlen?!«
yury tippte Orakel an und ließ sich das Handy geben. »Äh, hallo, wir wären schon mit einer Boeing CH-47 zufrieden, nichts Besonderes. Die Rechnung zahlt Floating Island, ID 31/41.«
»Ich habe keine Ahnung von Hubschraubern, aber er wird Ihnen geliefert! Island wird schon wissen, was er tut.«
Mit diesen Worten beendete die Person aus den USA das Gespräch. Die drei versuchten, den Polizeihelikopter so zu reparieren, dass er wenigstens die Strecke bis zu Orakels Haus schaffte. Bei dem Reparaturversuch zerstörte Orakel »aus Versehen« die Frontscheibe des Helikopters mit seiner Säge. Die zwei Polizisten hatten sich inzwischen eine neue Taktik überlegt und kletterten durch die Öffnung, in der einmal eine Scheibe gewesen war, in den Hubschrauber. Dabei fielen sie natürlich auf den Boden und wurden schnell wieder ausgesperrt.
Zwei Stunden später, nachdem die Polizisten einige Male wieder hinausgeworfen wurden und Orakel irgendetwas kaputtgemacht hatte, rief yury: »Endlich! Er fliegt wieder!«
Orakel wollte zwar noch weiter reparieren, aber Free hielt ihn während des ganzen Fluges davon ab.
∞∞∞
Als die drei Freunde mit dem notdürftig reparierten Polizeihubschrauber vor Orakels Haus landeten, stand dort bereits ein riesiger hochmoderner Helikopter des FBI. Sie begriffen zwar nicht, wie das möglich war, beschlossen aber, diesen glücklichen Umstand einfach als gegeben hinzunehmen. Mit Werkzeugen und Möbeln aus dem Haus richteten sie sich den Helikopter von innen so ein, dass man darin wohnen konnte, und Free kramte von irgendwo noch einen Fernseher mit Satellitenempfang hervor, auf dem sich die drei ein laufendes Fußballspiel ansahen.
Mit Blick auf das Fußballspiel schlug yury vor, statt nach Madagaskar doch lieber nach Südafrika zu fliegen, weil dort die Weltmeisterschaft bald beginnen würde. Die anderen waren einverstanden, und so flogen sie mit dem Helikopter nach Südafrika. Orakel war allerdings etwas beleidigt, weil er den Polizeihubschrauber zurücklassen musste und nicht weiter »reparieren« durfte.
Chaos in Südafrika
Während Orakel den Helikopter flog, wurden yury und Free von einem merkwürdigen Geräusch geweckt. Es hörte sich an wie ein Bienenstock von innen. Free stellte den Wecker aus.
Es summte weiter.
Free schmiss den Fernseher aus dem Fenster…
Es summte weiter!
Dann sah er das kleine, rote Warnlämpchen an der Tankanzeige im Cockpit.
»Wir müssen schnell landen und einen neuen Fernseher kaufen!«, rief Free.
»Tanken wird überbewertet«, meinte yury ironisch.
Unter dem Helikopter war ein Fußballstadion und Orakel fing an, auf dem Spielfeld zu landen. Es lief gerade ein Fußballspiel, England spielte gegen die USA. Gerade wurde ein leichter Ball auf das englische Tor geschossen, da unterlief dem englischen Keeper Green ein Torwartfehler und der Ball rollte langsam ins Tor. Orakel lachte sich kaputt, bis der Schiedsrichter auf den Helikopter zukam, der nun in der Mitte des Spielfelds gelandet war. Er zeigte Orakel die rote Karte, und Free und yury mussten lachen. Dafür bekamen auch sie die rote Karte.
Die drei schlossen den Helikopter ab und ließen ihn einfach neben dem wütenden Schiedsrichter auf dem Feld stehen.
»So, jetzt müssen wir irgendwie an Kerosin kommen und ihn damit tanken«, sagte yury.
Orakel schlug vor, zur nächsten Tankstelle zu laufen. yury war dagegen, weil es an Tankstellen ja kein Kerosin gebe. Free war trotzdem dafür, um wenigstens nachzufragen, wo man denn Kerosin bekommen könne.
Von Free und Orakel überstimmt kam auch yury mit zur nächsten Tankstelle. yury bat Orakel darum, niemandem zu verraten, dass sie einen Helikopter besaßen. Also ließ Orakel sich etwas einfallen.
»Hallo«, begrüßte Orakel den Tankwart.
»Hi, hoe kan ek jou help?«
Verwirrt drehte Orakel sich zu seinen beiden Freunden um. »Was redet der da für einen Quatsch?«
»Er spricht Afrikaans oder so was. Versuch, ihn mit Englisch anzureden«, schlug yury vor.
Also drehte Orakel sich wieder zum Tankwart. »Helo. I kan nod so goat spik Änglisch. Kän jou spik Deutsch?«
»Ja, zufällig ja«, antwortete der Tankwart daraufhin zur Überraschung der drei Freunde. Orakel führte weiterhin das Gespräch.
»Super, ich brauche Kerosin.«
»Was? Kerosin? Nee, ich kann dir höchstens Super Bleifrei anbieten.«
Doch Orakel blieb hartnäckig. »Nein. Ich brauche Kerosin!«
Das muss ja ein technisch sehr kompetenter Kunde sein, dachte sich der Tankwart. »Wofür denn, wenn ich fragen darf?«
»Oh, ähm, öff, ja, ähm, für meinen Rasenmäher, der, ähm, bei der Rasenmäher-WM mitmacht und, ähm, der braucht Kerosin, weil, ähm, er, ähm, kein Kerosin mehr hat und, ähm, ich, ähm…«
Der Tankwart rollte mit den Augen. »Schon gut. Ich gebe dir zwanzig Liter ›Kerosin‹.« Das letzte Wort sprach er mit einem ironischen Unterton aus, dann stellte er schmunzelnd einen Zehn-Liter-Kanister mit der Aufschrift »Super Bleifrei« auf den Tisch.
Orakel war damit noch nicht zufrieden. »Ich glaube, da ist aber Super drin!«
»Oh, Entschuldigung«, sagte der Tankwart, nahm einen Permanentmarker, strich die Beschriftung durch und schrieb »Kerosin« darunter.
»Toll, vielen Dank. Wie viel kostet das denn?«
»Für dich nur zweihundert Rand. Super-Sonderangebot«, meinte der Tankwart grinsend. Als Orakel dann tausend Rand aus der Tasche zog und ihm, das Grinsen sehr breit erwidernd, den Rest als Trinkgeld anbot, klappte seine Kinnlade herunter. »Verdammte Wechselkurse. Wie viel ist das für dich?«
»Ein Besuch im Fast-Food-Restaurant.«
∞∞∞
Als die drei Abenteurer wieder im Fußballstadion angekommen waren, tankten sie den Helikopter mit dem »Kerosin«. Sofort begann eine Warnlampe über der Tanköffnung zu leuchten. Als Orakel nachsah und bemerkte, dass dort »Falscher Treibstoff – Automatische Tankentleerung« stand, war es zu spät. Free und yury mussten laut lachen, als sie den triefenden Orakel sahen. Der Schiedsrichter, der gerade wieder angelaufen kam, bekam den Rest ab und lief schnell weg.
»So, das war wohl nichts«, meinte Free. »Suchen wir eine andere Tankstelle…«
Auf dem Weg dorthin sahen sie ein Schild mit der Aufschrift: »Flughafen – 5 km«. Orakel wollte mit einem Taxi fahren und yury hatte noch ein wenig Geld dabei.
Am Flughafen angekommen, sah Free sich verwundert um. »Und wo bekommen wir jetzt Kerosin her?«, wollte er Orakel fragen, der immer irgendeine Idee hatte. Aber Orakel war weg…
»Orakel, wo bist du?«, probierte Free so leise wie möglich zu rufen, damit sie keiner bemerkte.
»Hier bin ich, an dem Flugzeug, ich zapfe gerade Kerosin ab!«, schrie Orakel über den gesamten Flugplatz.
Free versuchte, Orakel mit Zeichensprache zu erklären, dass er sich leise verhalten sollte. Doch Orakel rief daraufhin noch lauter:
»Was? H-A-L-T D-E-N M-U-N-D? Ach, ich soll meinen Mund halten! Warum denn?«
Free fehlten die Worte, da kam plötzlich ein Polizist angelaufen und rief über Funk nach Verstärkung.
»Hey! Was macht ihr da?«
Bevor yury oder Free etwas sagen konnten, erklärte ihm Orakel stolz, dass sie gerade Kerosin von einem Flugzeug abzapften. Free und yury liefen schnell weg und zogen Orakel hinter sich her, der gerne noch weiter mit dem Polizisten geredet hätte.
Das Tor, durch das die drei fliehen wollten, schloss sich langsam. yury und Free ließen Orakel los, sprinteten und schafften es gerade noch rechtzeitig, mit dem Kerosin hindurch zu kommen. Orakel hatte nun auch begriffen, dass er schnell wegmusste, doch es gab keinen Ausweg mehr.
yury gab einem Taxifahrer tausend Rand und zog Free mit ins Taxi.
»Ins Fußballstadion! Und bitte ignorieren Sie die Geschwindigkeitsbegrenzungen!«
Als der Taxifahrer zuerst yury und dann Free ansah, als wolle er sich bei ihm über den Geisteszustand seines Freundes erkundigen, drückte Free dem Taxifahrer zur Bekräftigung noch einmal tausend Rand in die Hand.
»Äh… Von mir aus. Gut anschnallen!«
Nach ungefähr einer halben Stunde Autofahrt mit 200 km/h, einer kurzen Polizeiverfolgung und einer umfahrenen Straßensperre der Polizei waren sie am Stadion angekommen. yury stieg in den Hubschrauber, während Free das Kerosin einfüllte. Dann startete yury den Hubschrauber und Free konnte gerade noch hineinspringen.
»Wir müssen so schnell wie möglich zum Flugplatz, um Orakel aus der Luft mitzunehmen!«, schrie Free durch den Rotorenlärm.
»Mach erst einmal die Tür zu!«, rief yury zurück.
Kurze Zeit später kamen sie über dem Flugplatz an. Orakel, der sich nach einer langen Verfolgungsjagd quer über die Landebahnen schließlich freiwillig gestellt hatte, wurde gerade von einigen Polizisten abgeführt. Free beobachtete erfreut, dass man seinem Freund keine Handschellen angelegt hatte, und drückte auf einen Knopf. Eine Warnleuchte fing an, zu blinken.
»Äh, Mist.«
Nach zwei weiteren Knopfdrücken ging unten am Helikopter eine Bodenklappe auf. yury warf Free ein Seil zu, das dieser am Copilotensitz befestigte. Das andere Ende ließ Free durch die offene Klappe fallen.
Orakel war gerade dabei, dem genervten Polizisten den Unterschied zwischen einer kleinen Mahlzeit und einem Snack zu erklären, als das Seilende an seiner Nase vorbei auf den Boden fiel. Ohne groß darüber nachzudenken, ergriff er die Chance. Während die Polizisten verdutzt nach oben blickten, befestigte er das Seil an seinem Gürtel und zog mit einem Ruck am Seil.
Das war das Signal für yury und Free. Während yury kräftig am Höhensteuer zog, versuchte Free vergeblich, Orakel in den Helikopter zu befördern.
»Das wird nichts! Flieg ab, dann kann Orakel wenigstens die Aussicht genießen.«
Von unten hörte man die Polizisten wütend rufen. Orakel, der an dem Seil unter dem Hubschrauber hing, mochte seine neue Position überhaupt nicht. Der am Seil befestigte Gürtel drückte stark gegen seinen Bauch. Free und yury sahen das und ihnen wurde unwohl, als sie sich erinnerten, wie viel Orakel gegessen hatte.
yury flog gerade über dem Stadion, da hörte er auf einmal ein »Platsch«, dann ein »iiih«, und dann wusste er sofort, was passiert war. yury rief zu Orakel hinunter:
»Orakel, du kannst doch nicht einfach über dem Spielfeld erbrechen!«
Doch Orakel wusste nicht, was yury meinte. Free versuchte, ihn aufzuklären:
»Wir haben doch das ›Platsch‹ und das ›iiih‹ gehört.«
Orakel rief zurück: »Oh. Nein. Das war es nicht. Vielleicht hätte ich dir es sagen sollen, aber der Tank, er ist eben zerbrochen, dann ist das Kerosin auf das Spielfeld geplatscht und alle haben ›iiih‹ gerufen.«
Einige Sekunden herrschte Stille.
»Unser Tank ist zerbrochen?«, fragte Free entsetzt.
»Unser Tank ist zerbrochen«, bestätigte yury, als sei es das Normalste der Welt.
Schulterzuckend und mit erstaunlicher Gelassenheit landete er anschließend dort, wo er den Helikopter sowieso absetzen wollte: Mitten auf dem Spielfeld. Orakel hatte inzwischen den Rasen betreten, das Seil von seinem Gürtel gelöst und kam auf den Helikopter zugelaufen. Von innen öffnete Free die Tür, um ihn hereinzulassen, doch Orakel blieb kurz davor stehen, ging um das Luftfahrzeug herum und musterte kritisch die Außenhülle.
»Verdammt, der Tank ist kaputt!«, stellte Orakel fachmännisch fest. Dann ging er durch die Tür, suchte kurz die Wände ab und fand hinter einer Abdeckung Werkzeuge. Eilig reparierte Orakel den Schaden, denn die drei mussten ständig damit rechnen, dass die Polizei im Stadion auftauchte.
Noch bevor der »Meister« seinen Erfolg verkünden konnte, sprangen die Motoren wieder an. Orakel sprang schnell durch die Tür, dann flog der Helikopter mit voller Kraft nach oben. Das lag daran, dass yury übereifrig am Höhensteuer zog, bis es mit einem »Kracks« abbrach. yury fluchte und versuchte, den abgebrochenen Steuerknüppel nochmals zu zerbrechen. Er beschimpfte den Steuerknüppel mit Wörtern aus allen Beleidigungsstufen. Erst, als Free ihm Beruhigungstabletten gab, hörte yury auf, den Steuerknüppel, der mittlerweile stark an ein zerbeultes und zerkratztes Etwas erinnerte, gegen die Fensterscheibe zu schlagen. Der Helikopter entfernte sich wie gewünscht vom Stadion, stieg dabei aber unaufhörlich nach oben. yury wunderte sich gerade, warum Orakel nicht die Höhenmeter vorlas.
Der saß jedoch hinten im Hubschrauber und fragte Free, ob er ihm einen Klingelton per Bluetooth auf sein Handy schicken könnte, und Free war einverstanden. Während der Bluetooth-Übertragung gab es plötzlich einen Fehler. Die Instrumente des Helikopters spielten verrückt und die Motoren fielen aus, sodass sie wieder an Höhe verloren.
»Hä?«, machte Orakel.
Er stellte die Verbindung erneut her. Sofort gingen die Motoren wieder an und der Helikopter stieg. Free rief yury, der nicht verstand, was los war, zu:
»Hey, ich glaube, das ersetzt den Steuerknüppel!«
»Cool«, fand Orakel. Er unterbrach die Bluetooth-Verbindung manuell und stellte sie wieder her. Der Helikopter sank nach unten und stieg wieder nach oben. yury behauptete, das sei unrealistisch und könne daher nicht funktionieren. Nach einigem Ausprobieren fanden sie aber heraus, dass es aus irgendeinem Grund wirklich funktionierte. Free bemerkte allerdings, dass seinem Handy in etwa zehn Minuten der Strom ausgehen würde.
»Wir müssen so schnell wie möglich landen!«, rief Free.
Wie auf Kommando zeigte das Handy »Battery LOW« und ging aus. Der Helikopter sank. Free schaltete das Handy wieder ein und versuchte, noch den letzten Rest Akkuladung aus ihm »herauszuquetschen«. Zwei Minuten lang ging das mit ständigen Neustarts gut, doch dann fiel das Handy endgültig aus.
Free fragte: »Habt ihr noch irgendein Handy übrig?«
»Nein«, antworteten Orakel und yury. Orakel dachte nur noch an eines:
»Gibt es hier irgendwo etwas zu essen?«
Free und yury rollten mit den Augen.
»Mann, Orakel, wir stürzen gerade ab, weil wir keine zwei Handys auftreiben können und du denkst nur ans Essen!«, meckerte Free ihn an.
Orakel gefiel das überhaupt nicht: »Ich will aber nicht abstürzen. Das Fußballspiel ist aus und ich kann mir von Blue noch nicht einmal ein Autogramm holen!«
»Er heißt Green, du Trottel«, verbesserte yury. Free musste lachen.
Plötzlich wurden die Rotorengeräusche von draußen lauter.
»Hey, warum sind die Rotoren so laut?«, fragte sich yury.
Dann bemerkten sie, dass sie von mehreren Helikoptern umzingelt wurden. Orakel war froh.
»Juhu! Die können uns ein Handy leihen, wenn wir sie ganz lieb fragen!«
»Wenn wir sie ganz lieb fragen, erschießen die uns«, entgegnete yury, während er das Höhensteuer provisorisch reparierte und die abgestürzte Bordelektronik neu startete. Doch Orakel wollte sich das nicht sagen lassen. Er öffnete eine Tür und rief nach draußen: »Hallo, ihr da oben!«
Besser gesagt, er wollte es rufen. Stattdessen schrie er »Aaaaah!«, nachdem eine Kugel nur knapp sein Bein verfehlt hatte.
»Orakel, was ist los?«, riefen Free und yury.
»Tür zu und landen! Hier spricht die Polizei! Sie haben Kerosin gestohlen und keine gültige Flugerlaubnis!«
Orakel war nun aber sehr sauer auf die Polizei. Er holte sein Handy heraus und suchte nach Bluetooth-Geräten in Reichweite, um die anderen Helikopter abstürzen zu lassen. Als das nicht funktionierte, trat er auf den Pilotensitz zu, zog am reparierten Höhensteuer für volle vertikale Geschwindigkeit und raste mit dem Helikopter in die Höhe. Während yury versuchte, die Kontrolle zurückzuerlangen, blaffte er Orakel an:
»Mensch, Orakel. Die Polizisten sollten in die Höhe schießen, nicht wir!«
»Was sollen wir denn sonst machen, um auszuweichen?«, schrie Orakel durch den Lärm.
Free stellte währenddessen den Steuerknüppel wieder in die Ausgangsstellung. Die drei flogen nun, von der Polizei verfolgt, in Richtung Asien und hatten erneut mit Kerosinmangel zu kämpfen. Gelangweilt meldete sich Orakel:
»Das dauert aber ganz schön lang!«
»Was hättest du erwartet? Etwa, dass wir in zwei Minuten da wären?«, fragte yury.
»Ja, schon«, sagte Orakel.
Plötzlich leuchtete eine rote Lampe auf. »Mist, die Toilette ist schon wieder kaputt!«, rief Orakel.
»Auf so einen Quatsch kannst auch nur du kommen«, rief yury zurück.
Free lachte sich halbtot. Orakel fand das gar nicht lustig. Plötzlich leuchtete ein zweites Lämpchen, diesmal grün.
»Das Bordradio ist beschädigt!«, meinte Orakel.
»Äh, mal nachsehen…« Free sah sich das Lämpchen genauer an. »Da steht ›RX‹ dran!«
Daraufhin drückte yury irgendeinen Knopf und man hörte etwas; die Tonqualität war in etwa so schlecht wie die eines billigen Radios.
»krrks… zei. Ich wiederhole: Landen Sie auf dem markierten Platz! Hier spricht die Polizei!«
Orakel war langweilig und er drückte irgendeinen Knopf. Plötzlich wurde der Empfang unterbrochen und die RX-Leuchte ging aus. Dafür erschien wieder das rote »TX«-Licht.
Er konnte sich ein »Laaaaaangweilig!« nicht verkneifen, denn er hatte eigentlich eine Explosion oder so etwas erwartet.
»krrks… latz! Hier spricht die Polizei! Bitte… Hallo? Hallo, ist da jemand? Wolfgang, ich werd verrückt… Da hat gerade tatsächlich jemand was von ›langweilig‹ gesagt. Mal seh… krrks… krrks… sie orten… krrks… Wolfgang! … krrks…«
»Verdammt, eine atmosphärische Störung!«, rief yury. »Wir müssen unbedingt weiterverfolgen, was passiert.«
»krrks…«
Doch dann schien der Funk wieder zu funktionieren. Orakels Funkgerät, das ihm in den Mülleimer gefallen war, fing dort an zu blinken und Orakel wollte gerade den »Empfangen«-Knopf drücken, als Free ihn gerade noch zurückhielt. yury schaltete im Cockpit den Empfang an. Auch Free und Orakel konnten alles hören.
»krrks… zu haben! Landen Sie sofort!«
Es kam keine Wiederholung.
yury blieb wegen des Kerosinmangels nichts anderes übrig, als wirklich zu landen. Auf dem »markierten Platz« stand ein Polizeifahrzeug. Die Freunde stiegen aus und wurden von zwei Polizisten empfangen.
»Na endlich! Sind Sie taub oder was? Warum sind Sie nicht sofort gelandet?«
Orakel wusste es: »Laaaangwei…mrbl…« yury hielt ihm den Mund zu, aber sein Gesprächspartner wurde trotzdem sehr wütend.
»Sie werden beschuldigt, Kerosin gestohlen und illegal verbrannt zu haben! Außerdem wurden Sie international zur Fahndung ausgeschrieben, weil Sie angeblich mehrere Helikopter gestohlen, ein Hochhaus in mehrere Etagen zerlegt und 240 Tonnen Beton im Nordatlantik versenkt haben. Wie Sie das zu dritt vollbracht haben sollen, ist uns allerdings ein Rätsel.«
»Äh. Das mit den Helikoptern kann schon mal vorkommen, das ist eine normale Freizeitbeschäftigung für uns. 240 Tonnen Beton?«, wunderte sich Orakel. »Ach ja. Das waren nicht wir. Das war ein spontan entstandener Tsunami.«
Plötzlich hörten sie einen Hubschrauber am Himmel und es war schon wieder die Polizei. Orakel nahm einen Stein in die Hand und zielte genau auf die Rotorblätter, um den Helikopter zum Absturz zu bringen. Er konnte allerdings nur sehr schlecht zielen, und so traf er komplett daneben, nämlich gegen den Tankdeckel.
Der Tankdeckel flog herunter und der Helikopter führte durch eine übereifrig programmierte Sicherheitsschaltung automatisch eine Bruchlandung zwischen einigen Bäumen durch. Während Free ungläubig mit Orakel darüber diskutierte, was für ein Glück er gehabt hatte, kam yury auf eine Idee. Die Bäume blockierten die Türen des notgelandeten Helikopters, sodass yury ungehindert den Tank leeren konnte. Unter den Augen der sprachlosen Polizisten füllte er das Kerosin in den Tank des eigenen Hubschraubers um.
Free machte ein komisches, erstauntes Gesicht, dann wurde er von Orakel, der von yury gezogen wurde, in den Helikopter gezogen. Es sah auf jeden Fall sehr lustig aus.
»Sie können doch nicht schon wieder Kerosin stehlen.«
»Doch. Vielen Dank und einen schönen Tag noch.« yury startete das Fluggerät und sie flogen weiter.
Die Chinesische Mauer
»yury, kannst du uns nach China fliegen?«
yury warf Orakel einen verständnislosen Blick zu. »China? Warum China?«
»Na, ich habe doch Hunger. Die machen so tollen Reis…«
Nach einigen weiteren Stunden wurde es dunkel. Bei einem kurzen Zwischenstopp deckten sich die drei Abenteurer mit Nahrungs- und Kerosinvorräten für mehrere Tage ein.
»Wir haben eine kleine Weltreise vor uns«, gab yury mit Blick auf die Vorräte zu bedenken.
Die drei waren jedoch optimistisch, denn immerhin hatten sie die Reise nach Südafrika ebenfalls recht gut überstanden. Sie wechselten sich mit dem Fliegen ab; wer gerade Pause hatte, legte sich auf das Bett im Laderaum. Free probierte in seiner Freizeit, einen Autopiloten zu programmieren und das Funkgerät »zu tunen«. Ab und zu sorgten dabei Funken und Explosionen für Abwechslung.
Zum großen Erstaunen von Orakel und yury war auch nach einigen Tagen kaum etwas kaputtgegangen, nur der an einer Tankstelle gekaufte kleine tragbare Flipperautomat war recht früh vor Überlastung durchgebrannt. Der Autopilot erwies sich als willkommene Erleichterung und hatte inzwischen die Rolle des Piloten ersetzt. Mit dem Funkgerät konnte man nun, wie Free stolz mitteilte, über deutlich größere Entfernungen kommunizieren und sogar Nachrichten aus China empfangen.
»… Äh, was?«
»Ja, die Reichweite hat sich bis nach China verlängert!«
yury sah Free ungläubig an und schüttelte den Kopf. Orakel, der gerade aus dem Fenster sah, rief plötzlich laut:
»Cool, da sind voll viele Menschen, die sehen sich unseren Helikopter an, und wir stehen auf einer ganz großen Mauer! Oh, und da kommt schon die Polizei! Was die wohl von uns will?«
»Wieso sind wir denn gelandet?«, fragte yury.
»Der Autopilot. Der muss gelandet sein, weil er das von uns gewünschte Ziel, ›irgendetwas Interessantes in China‹, erreicht hat«, meinte Free.
Orakel, der immer noch am Fenster stand, berichtete: »Die Polizisten kommen näher. Sie werden von Menschenmassen verfolgt. Ob da auch der Pizzabote dabei ist, der mir endlich meine Pizza bringt?«
»Mhm, sicher. Das ist vor allem deshalb sehr wahrscheinlich, weil du gar keine Pizza bestellt hast…«, meinte Free und verdrehte die Augen.
yury hatte inzwischen herausgefunden, worauf sie gelandet waren. »Wenn sich das GPS nicht täuscht, befinden wir uns auf der chinesi…«
»Wǒ zhǐshì zàidú yī běn shū, dāng tā yìshí dào wǒ zuò cuòle!«
»Äh, wie bitte?!«, meinte der verwirrte Free.
»Dāng nǐ zhuǎnguò shū, nǐ kěyǐ kàn dé gèng hǎo!«
»Hä?«
»Nǐ xiǎng yào yīgè qiǎokèlì sōng bǐng ma?«
Die drei sahen den Polizisten ziemlich verwirrt an.
»Yīgè píngguǒ diào chū chuāngwài.«
»Do you speak English?«, rief yury aus dem Cockpit und kam angelaufen.
»Yes. A bit. If must be. You will follow me! You all must follow me now! You understand?«
Orakel hatte gerade ein Englischwörterbuch aus dem Helikopterladeraum ziemlich in der Mitte aufgeschlagen und begann, irgendwelche Wörter vorzulesen:
»No! Never! N… mrmbl…« yury hielt ihm (zu spät) den Mund zu.
Den dreien blieb nichts anderes übrig, als die Tür zu schließen und vor den Augen des wütenden Polizisten zum nächsten Flughafen zu fliehen.
»Lasst uns irgendwohin fliegen, wo wir sicher vor nervigen Polizisten sind…«, schlug Orakel vor.
»Ach nee!«, gab yury zurück, »was meinst du, was ich die ganze Zeit versuche?«
»Du kannst es halt nicht«, meinte Orakel, »geh mal weg, ich mach das schon.«
Mit diesen Worten schubste er den erstaunten yury vom Cockpit weg, wobei der ganze Helikopter zu schlingern begann, weil er nun ohne Steuerung war. Free nahm nur schemenhaft einen chinesischen Polizeihelikopter über ihnen wahr und schrie:
»Runter!«
Orakel nahm alle seine Kräfte zusammen, drehte an allen möglichen Hebeln und Knöpfen, und plötzlich war es still im Helikopter.
»Er geht runter!«, freute sich Orakel.
»Genau«, sagte yury, »und zwar mit einer konstanten Beschleunigung von 9,81 Metern pro Quadratsekunde. Und jetzt lass dir was einfallen, wie du die Motoren wieder zum Laufen kriegst…«
»Das schaffe ich schon!«, meinte Orakel. Kurz bevor der Hubschrauber auf den Boden aufprallte, startete Orakel die Motoren und stellte sie auf die Maximalleistung. Als die Kufen fast den Boden berührten, kehrte sich die Flugrichtung um und der Helikopter gewann rasch an Höhe. Die Polizisten waren zwar hinterher geflogen, hatten aber nicht mit dem Richtungswechsel gerechnet. Sie waren so überrascht, dass sie über ihr Ziel hinausschossen und in ihrem Polizeihubschrauber über den Boden rutschten. Die Rotorblätter schlugen gegen einen Baumstamm und der verfolgende Helikopter blieb flugunfähig am Boden zurück.
»Orakel, wie hast du das gemacht?«, fragte yury, der ganz erstaunt war. Orakel meinte:
»Na, zuerst habe ich einen Liter Cola getrunken, dann bin ich ein bisschen gesprungen und dann kann man auch gut rülpsen.«
»Nicht das. Wie du den Heli gerettet hast«, sagte yury.
»Ach so«, meinte Orakel, »ich wollte hupen, damit sich die Polizisten erschrecken und dann abstürzen. Dabei habe ich aus Versehen die Motoren abgestellt und der Heli stürzte nach unten. Erschrocken dachte ich, jetzt stürzen wir ab. Aber ich habe rechtzeitig alles wieder in den Griff bekommen.«
»Wow, nicht schlecht«, meinte yury. »Aber jetzt geht uns langsam das Kerosin aus, und wenn ich mir die Polizisten da unten ansehe, die ständig irgendwelche chinesischen Funksprüche absetzen, sehen die nicht so aus, als wollten sie uns freudig willkommen heißen…«
Wie als Bestätigung schlug ihnen ein wütender chinesischer Wortschwall aus dem Funkgerät entgegen. »Lìjí zhuólù zhíshēngjī. Wǒ chóngfù: Lìjí zhuólù zhíshēngjī!«
»Hä, was fürn Teil?!«, meinte Orakel… »Kann man das essen? Can-somebody-eat-that?«
»Zhè shì zuìhòu yīgè jǐnggào! Lìjí zhuólù zhíshēngjī!«
Free aktivierte den Funksender. »Sorry, English?«
»You must immediately landing! You violate Chinese air space regulations! This problem! If not landing we have to shoot your helicopter!«
»There stand me the hair to the mountain!«, rief yury zurück. Orakel holte einen Duden aus einer seiner Taschen.
»I-I-I, da. Immediately. Sofort oder schleunigst. Nun muss ich nur noch die anderen Wörter nachschlagen. Was hat er noch mal gesagt?«, fragte Orakel.
Free raufte sich die Haare, aber yury bekam einen Lachanfall, was der Chinese von unten mithörte und seinen Ohren nicht traute. Free riss Orakel das Wörterbuch aus der Hand, fragte sich dabei, ob es überhaupt ein Duden-Englischwörterbuch gab, kam zu dem Schluss, dass es eine Fälschung sein müsse, weil ihm ein solches Wörterbuch nicht bekannt war, und warf es aus dem Fenster. Der Polizist unten wurde langsam ungeduldig und begann mit einem Wortschwall, der sich vom Tonfall her wie wilde chinesische Beschimpfungen anhörte. Zu allem Überfluss fiel ihm kurz darauf das Wörterbuch mit voller Wucht auf dem Fuß, was seine Laune nicht unbedingt verbesserte. yury versuchte verzweifelt, dem Polizisten auf Denglischmerikanchinesisch zu erklären, was los war. Sein Chinesischwörterbuch hielt er dabei lieber geschlossen, denn eigentlich wollte er gar nicht so genau wissen, was der Polizist ihm da zurief.
Orakel war das alles völlig egal und er fing wieder an, sein Handfunkgerät mithilfe eines Stocks aus dem Mülleimer zu fischen. yury schaltete den Funkempfänger ab, nachdem er festgestellt hatte, dass es sinnlos war, mit dem Polizisten zu diskutieren.
Wenige Sekunden später hörten sie Schüsse, Rotorgeräusche und Orakel.
»Ja! Es funktioniert noch!«
»Na toll, freu dich. Wir werden gerade beschossen!«
Beleidigt zog sich Orakel in die hinterste Ecke des Hubschraubers zurück. Als dieser mehrfach getroffen wurde, stürzten sie ungebremst ab. Der Helikopter schlug auf dem Boden auf und explodierte.
Alexandra
Orakel hatte allen dreien das Leben gerettet, denn er hatte die Fallschirme entdeckt. Die Polizei stoppte die Verfolgung, weil der Helikopter durch den Aufprall so heftig explodiert war, dass es darin keine Hoffnung auf Überlebende gab.
»Und, was machen wir jetzt?«, fragte Free, der mit seinem Fallschirm irgendwo in einem Baum hing.
»Einen Italiener suchen?«, fragte Orakel zaghaft. Free und yury rollten mit den Augen.
»Wir sollten hier wegkommen, bevor die fünf chinesischen Polizisten, die da herumstehen, uns entdecken«, sagte yury. Als hätte er es gehört, zeigte einer von denen auf die Fallschirme und rief:
»Pàng niǎo yǐjīng jiàngluò!«
»Was hat der gesagt?«, fragte yury.
»Ich glaube, der will uns Pizza anbieten…«, sagte Orakel, der von Free unterbrochen wurde: »Nein, das will er bestimmt nicht.«
Dann rief einer der Polizisten: »Olgagel!«. Orakel wurde wütend, befreite sich von seinem Fallschirm, kletterte vom Baum und ging auf den Polizisten zu.
»Sag ihm aber nicht, wie wir heißen!«, rief yury ihm nach. Als Orakel bei den Polizisten ankam, sagte er: »Das üben wir aber noch mal. O-R-A-K-E-L. Sprechen Sie mir nach: O-R-A-K-E-L«
»O-L-G-A-G-E-L«, sagte der Polizist.
»O-R-A-K-E-L«, verbesserte Orakel.
Nach fünf Minuten Sprachtraining konnte der Polizist einigermaßen verständlich »Orakel« sagen. Orakel war stolz. Der Polizist streckte den Zeigefinger aus, zeigte auf Orakel und sagte: »O-L-A-K-E-L.«
»Sehr gut«, meinte Orakel. »Und das dort hinten sind yury und …«
Mehr konnte er nicht sagen, denn er wurde von Free weggezogen und die drei liefen nun, so schnell sie konnten.
»Bist du eigentlich total verrückt geworden, dass du dem unsere Namen verrätst?«, fragte yury fassungslos.
»Der hat meinen Namen falsch ausgesprochen!«
»Schön für ihn. Wir brauchen sofort ein neues Transportmittel!«, meinte Free.
Die drei liefen in die nächste Stadt. Dabei durchquerten sie verschiedene Landschaften. In der Stadt sprach Orakel einen Chinesen an.
»Hey, du da, wir brauchen was zum Fliegen oder so!«
»Gāisǐ de yóukè, do you English?«
»Yes I am.«
»What you want.«
»Fly dingsbums.«
»What?«
»Anything to fly!«
»Yes, here many flies. What you want, I problem!«
So weit ging die sinnlose und unglaublich fehlerhafte Unterhaltung von Orakel mit einem Chinesen, dann unterbrach Free die beiden.
»Hey, we need something to fly with!«, sagte er, während er seine beidseitig ausgestreckten Arme nach oben und unten bewegte.
»Cool.«
»Do you understand me?«
»Rúguǒ nǐ bì zuǐ wǒ huì gèng hǎo dì lǐjiě nǐ!«
yury hatte wohl irgendwo ein Chinesisch-Deutsch-Wörterbuch gekla… äh, gefunden, denn er unterbrach Free. Nach einer Stunde Unterhaltung auf fehlerhaftem yury-Chinesisch wusste er, wo man Reisebusse finden konnte. Immerhin.
»Okay, dann klauen wir uns jetzt einen Reisebus«, meinte Orakel. yury und Free waren einverstanden.
Am Reisebusdepot angekommen, verschwand die gute Stimmung der drei schlagartig. Alle Busse im Depot wurden von Polizisten bewacht. Orakel hatte wieder die rettende Idee. Er ging in eine Wäscherei und kam wenig später in einem Smoking wieder heraus. Dann ging er wortlos an Free und yury vorbei, grüßte die Polizisten und stieg in einen Mercedes-Reisebus. Damit fuhr er schnell auf Free und yury zu; die zwei sprangen durch die geöffnete Tür und Orakel gab Vollgas. Orakel hatte sich wohl den größten Reisebus herausgesucht, den es in China gab. Die Reisebusfirma musste sehr reich sein, zumindest hatten die drei noch nie so einen großen Reisebus gesehen.
»Hast du gesehen, wie die Polizisten geguckt haben, als wir weggefahren sind?«, fragte Orakel.
»Ja. Wir werden noch einige Probleme bekommen…«, stimmte yury zu. »Äh, wo ist Free eigentlich?«
Free kam von hinten wieder zurück, er hatte sich den Bus genau angesehen. »Der Bus hat ein Gelenk, ist ein Doppeldecker und der Motor ist hinten«, berichtete er.
»Erstens habe ich noch nie einen Reisebus mit Gelenken gesehen und zweitens habe ich auch noch nie einen großen Bus gesehen, der den Motor nicht hinten hatte!«, regte sich Orakel auf.
»Erstens hat der Bus wirklich ein Gelenk, zweitens sollst du dich gefälligst aufs Fahren konzentrieren, du hast nämlich gerade einen Tanklaster gerammt, und drittens habe ich inzwischen auch Hunger!«, entgegnete yury.
»Ha, aber für den Italiener war keine Zeit mehr. Eigentlich könntest du auch mal was tun! Du weißt ja noch nicht einmal, wie das Ding heißt, das wir gerade geklaut ha…«
»Neokran Jumboreißer«, unterbrach ihn Free. yury wollte Orakel gerade etwas sagen, als die drei den Außenlautsprecher eines Polizeiwagens hörten.
»krks… Wolfgang, nein, Wolfgang. Mit doppelt Käse und ohne Pilze! Ähm, hier spricht die chinesische Polizei, die übrigens auch Deutsch sprechen kann. Halten sie sof…«
Orakel unterbrach ihn und gab über den eigenen Außenlautsprecher zurück: »Wolfgang? Wir möchten zwei Pizzen Quattro Formaggi mit extra Tomaten, extra Mozzarella, extra Gorgonzola, extra…«
»Jetzt halt doch mal deine Klappe«, unterbrach ihn yury. »Der chinesische Polizist, der deutsch sprechen kann, will uns etwas sagen.«
»…werden Sie sicherlich keine Pizza erhalten. Es wäre zudem für Ihre eigene Gesundheit förderlich, wenn Sie auf der Stelle stehen bleiben würden.«
Orakel zuckte mit den Schultern und schaltete den Außenlautsprecher wieder ab.
»Die haben halt keinen so schönen Anzug und so einen tollen Bus wie ich und sind jetzt neidisch«, vermutete er. Dann beschleunigte er demonstrativ und aktivierte den Radioempfänger.
»… Zhè shì yīcì jùyǒu lǐchéngbēi yìyì de shìjiàn, tā zēngqiángle rénlèi lìyòng hé jùbiàn néng de xìnxīn. – …hören WDR 2, chinesische Auslandsstation. Die Nachrichten: Peking. Drei Verbrecher sind aus Deutschland geflohen und werden nun von der chinesischen Polizei wegen verschiedenen Delikten ges… – Zuìgāo wēndù 23 °C, qìhòu yírén, wú yǔ. Xiǎngshòu zhè yītiān…«
(»Dies ist ein Meilenstein, der das Vertrauen in die menschliche Nutzung der Fusionsenergie verstärkt […] Höchsttemperatur 23 °C, angenehmes Wetter. Genießen Sie den Tag…«)
»Stopp! Zurück!«, sagte yury schnell. »Das war vielleicht ein Bericht über uns!«
»Und nun senden wir in der nächsten halben Stunde die Staumeldungen für Peking und Umgebung.«
Free war verärgert: »Na toll, jetzt haben wir unsere eigene Fahndungsmeldung verpasst.«
Der Radiomoderator ratterte im Hintergrund die Staumeldungen herunter wie eine Maschine:
»G4 Richtung Hongkong, 26 Kilometer Stau. G1…«
»Auf welcher Autobahn befinden wir uns eigentlich?«, fragte yury. Die drei sahen angestrengt aus dem Fenster, konnte aber vor lauter Smog kaum etwas sehen. »Ich, glaube, das ist die 6… und dann? … Ah, 1… 61! Oder G1?«
»#CRASH#«
»Wir haben das Stauende erreicht«, merkte yury überflüssigerweise an. Dann blickte er nach hinten und wurde ohnmächtig. Orakel sah verwundert von yury zum Rückspiegel und entdeckte fünfzehn Polizeiautos. Aus der Ferne dröhnte ein Hubschrauber.
»Und nun?«, fragte Orakel. Da hatte Free die rettende Idee: Er rief beim FBI an. Orakel klatschte yury währenddessen so lange gegen die Wangen, bis dieser endlich aus der Ohnmacht aufwachte.
»Französischer Backservice, guten Tag. Sie sprechen mit Frédéric Riqueti.«
Free räusperte sich. »Hier spricht Floating Island 31/41…«
»Island, warum melden Sie sich per Telefon, wenn Sie sich im Büro nebenan befinden?«
Orakel schnappte sich das Handy. »Weil ich eine Pizza bestellen will, und zwar eine mit extra Käse, extra Tomaten, … –«
»Wird geliefert, sonst noch Wünsche?«
Free hatte sich das Telefon zurückgeholt. »Ich werde gerade von der chinesischen Polizei verfolgt und befinde mich in einem Stau auf der… äh… G1 Richtung Harbin, in China!«
»Sie… Sie – Was? – sind nicht nebenan, sondern in Gefahr?«
Jetzt hatte Free eine Idee. »Orten Sie doch mein Handy, dann wissen Sie, dass ich nicht nebenan bin!«
»Wir orten Ihr Handy und informieren die CIA. Die Polizei sollte kein großes Problem sein. Bitte stellen Sie währenddessen sicher, dass Ihre geheimen Unterlagen nicht in die Hände der Chinesen fallen!«
»Äh, Free, bist du völlig durchgeknallt, das Handy ist doch wirklich bei denen nebenan?«, flüsterte yury.
»Hey, Leute, ich habe hier was gefunden… Das ist doch ein Handy?«, rief Orakel irgendwo von hinten. Free musste aufpassen, nicht loszulachen.
∞∞∞
Plötzlich ging alles ganz schnell. Die Polizei brach die Vordertür des Busses auf und die drei versteckten sich unter den hintersten Sitzen. Die Polizisten fanden sie schnell und führten sie ab, um sie in ein Gefängnis zu bringen. Sie wussten noch nicht, dass es die totgeglaubten Helikopterdiebe waren.
»Apropos Helikopter…«, sagte Orakel. »Da kommt einer, um uns zu retten! Nein, zwei! Drei? – Vier, fünf, Tausende!«, rief er.
Auch, wenn es nicht tausend waren, es waren zumindest Hunderte. Mindestens ein Viertel waren Chinook-Helikopter, die anderen waren nicht ganz so groß. Die Hubschrauber stoppten plötzlich und flogen rückwärts wieder zurück. Daraufhin klatschten einige Leute.
»Na, toll. Eine Flugshow. Die CIA ist nie da, wenn man sie braucht!« rief yury.
Nach drei Stunden Laufen kamen sie im Gefängnis an. Sie wurden in zwei benachbarte Zellen mit durchsichtigen, billigen Gittertüren gesperrt. Free bekam eine Einzelzelle, während yury und Orakel sich eine Zelle mit einer Frau teilen, die eine Biene fand und sich freute, wenn die Biene über ihren Arm krabbelte. Ein Justizvollzugsbeamter kam an Frees Zelle und gab ihm etwas zu essen und zu trinken. Orakel und yury ignorierte er.
Als der Beamte weg war, sagte Free laut: »Hier ist es schöner als erwartet. Ich habe eine Einzelzelle, etwas zu essen und zu trinken und wunderschöne Fußfesseln!«
»Du hast Glück«, rief yury zurück. »Du musst dir ja auch nicht die Zelle mit verrückten Leuten teilen.«
»So verrückt ist sie doch gar nicht«, meinte Orakel.
»Ich rede ja auch von dir«, entgegnete yury.
Orakel war beleidigt und setzte sich in eine Ecke. In der Ecke blieb er lange Zeit sitzen, während yury und Free versuchten, sich irgendwie miteinander zu verständigen. Das ging aber schief, weil Free das Morsealphabet nicht konnte.
Nach ungefähr zwei Stunden wurde yury ziemlich ungehalten und rief durch den Flur zur Zelle nebenan: »Mann, warum kannst du das Morsealphabet nicht? Deinetwegen können wir nicht ausbrechen!«
Währenddessen hatte Free etwas in seiner Zelle gefunden, es war hinter einem Bild versteckt gewesen: einen Schlüssel. Free versuchte, den Schlüssel in das Schlüsselloch seiner Zelle zu stecken. Leider passte er nicht. Enttäuscht setzte er sich auf eine Bank und wollte gerade anfangen, auf einem winzigen Taschenkeyboard zu spielen, als Orakel sagte: »Free, gib mir mal den Schlüssel. Vielleicht passt der bei mir.«
Free musste sich anstrengen, um den Schlüssel durch die Gitterstäbe nach nebenan zu reichen, aber nach ein paar Minuten schaffte er es. Orakel griff nach dem Schlüssel. yury wollte ihm den Schlüssel wegnehmen, da er befürchtete, dass Orakel ihn verlieren könnte. Zu seiner Verteidigung sagte Orakel:
»Wer hat eine Flugerlaubnis?«
yury antwortete: »Du…«
Orakel: »Wer hat uns schon oft gerettet?«
»Du.«
»Wer hat den Reisebus geklaut?«
»Du.«
»Wessen Onkel ist Schlüsselmeister?«
»Deiner.«
»Wer kann alles besser als yury?«
»D… Hey, Moment mal. Halt jetzt deine Klappe und bring uns hier raus!«
Das machte Orakel auch. Er streckte seinen Arm durch die Gitterstäbe, zielte von außen auf das Schlüsselloch, rutschte ab und der Schlüssel landete auf dem Boden.
»Du… Du… Du…«, sagte yury wütend.
»Orakel?«, fragte Orakel kleinlaut.
»Vollidiot!«, schrie yury.
Free lachte so laut, dass der Gefängniswärter kam. Als der den Schlüssel zu den Toiletten sah, musste er auch kurz lachen. Danach wurde er ernst. »Ihr wolltet ausbrechen, hm? Dafür gibt es heute Abend weniger zu essen!«, schimpfte er und verschwand.
»Na toll, Orakel, das war unsere einzige Hoffnung… Hä?«, unterbrach sich yury. »D… Die… Die da… Oh mein Gott.«
Dann fiel er in Ohnmacht.
Zwei Sekunden später hörte Free von drüben einen lauten Knall und flog vollkommen überrascht durch eine Druckwelle gegen das andere Ende der Zelle. Die Wand, an der er gesessen hatte, hatte nun ein Loch. Nicht riesig, aber groß genug, um hindurchzuklettern. Die merkwürdige Insassin hatte Dynamit dabeigehabt.
Free starrte durch das Loch in der Wand in die Nachbarzelle. »Wirklich?«, fragte der verdatterte Free.
»Ja, wirklich. Und jetzt hilf mir, verdammt noch mal, deinen Kollegen hinauszuschleppen, der ist ohnmächtig geworden!«, rief sie von drüben zurück.
Free kletterte durch das Loch in die andere Zelle, deren Schloss in mehreren Einzelteilen über den Flur verstreut lag. Die Zellentür hing als sinnlos gewordenes Dekorationsobjekt schräg an ihrer verbogenen Seitenbefestigung.
Orakel, Free und die Frau liefen mit dem bewusstlosen yury, so schnell sie konnten, weg. Draußen warteten amerikanische Agenten in Zivilkleidung vor einem Helikopter und bereiteten eine Gefangenenbefreiung vor. Die vier stiegen schnell ein, bevor die Agenten etwas sagen konnten.
»Wir haben uns gerade selbst befreit, vielen Dank. Ihre Mission ist hiermit beendet. Bitte melden Sie sich für die Rückreise beim Kontaktmann am BCIA, Terminal 2.«
Orakel hob den verdutzten Piloten noch schnell aus seinem Sitz, setzte ihn vorsichtig draußen auf dem Boden ab, verabschiedete sich höflich und verschloss die Tür von innen. Dann schwang er sich auf den Pilotensitz, startete die Motoren und flog davon. Die Agenten sahen verdattert dem Helikopter nach. Orakel schlug vor, die neue Bekannte ebenfalls hinaus zu werfen, doch Free hatte Bedenken.
»Sie hat uns gerettet, Orakel«, meinte Free.
»Ach so«, sagte Orakel, »Danke, dass du uns gerettet hast, bla, bla, bla und tschüss.«
Inzwischen war yury unbemerkt aufgewacht. »Äh, war ich ohnmächtig oder so?«
»yury!«, rief Orakel erstaunt.
»Ja, warst du. Aber nur kurz«, antwortete Free. »Orakel, warum willst du die Frau aus dem Helikopter werfen?!«
»Die bringt uns nichts, die hat ja noch nicht einmal etwas zu essen dabei!«
yury schüttelte den Kopf. »Wir wissen ja gar nicht, wer das ist!«
»Ich heiße übrigens Alexandra«, sagte sie genervt. »Und wer seid ihr?«
»Der da heißt Orakel. Er hat eine gültige Fluglizenz, hat immer Hunger und rettet uns dafür immer wieder das Leben«, stellte yury vor. »Der da heißt Free, liebt Computer über alles, hat keine anderen Hobbys – #autsch# –, und sorgt manchmal dafür, dass uns Orakel helfen muss«, fuhr er fort. »Und ich bin yury, seit Neuestem international gesuchter Flugzeugdieb, ich kann einen A 380 und eine Boeing-Vertol CH-47 fliegen, ein Schiff steuern und besitze eine gefälschte Flugerlaubnis sowie einen Original-Mitarbeiteranstecker vom Aeropuerto de Son San Juan. Und wer bist du?«
»Ich bin Alexandra, habe eine Urlaubsreise nach China gemacht und saß im Gefängnis, weil ich einen Kaugummiautomaten in die Luft gesprengt habe«, antwortete sie.
Dann meldete sich Orakel wieder zu Wort. »Hey, Leute, wir haben Peking gerade verlassen! Wohin fliegen wir jetzt?«
Alexandra wollte zurück nach Deutschland fliegen, Free wollte zum aktuellen Chaos Communication Camp und Orakel wollte etwas essen.
∞∞∞
Der Tank war über dem Brandenburger Tor plötzlich leer und yury konnte den Helikopter gerade noch daneben landen.
Kurz darauf stiegen vier harmlos aussehende Gestalten aus dem Helikopter, schlossen ihn ab und ließen ihn einfach vor den Augen der verwunderten Touristen stehen.
Der Tag verging, Orakel hatte am Ende des Tages unglaublicherweise keinen Hunger mehr, außerdem war er stiller als sonst. Er hatte wohl zu viel Pizza gegessen. Free hatte auf dem CC-Camp einen Blindschachprofi getroffen und versuchte nun, im Kopf gegen sich selbst Schach zu spielen. Das war ziemlich peinlich, denn erstens sagte er die ganze Zeit Schachzüge vor sich hin und zweitens lief er gegen jede Laterne, die ihm in den Weg kam. yury musste unbedingt einen Flugsimulator testen und Alexandra hatte eine Bibliothek besucht.
Als sie zurück zum Helikopter kamen, standen darum herum viele Touristen und fotografierten. Während yury noch dabei war, die Tür zu entriegeln, schlug Alexandra vor, Fort Knox auszurauben.
»Klar, wir rauben Fort Knox aus. Zuerst sollten wir vielleicht von diesen Menschenmassen wegkommen«, sagte Orakel lachend.
»Endlich mal eine gute Idee von dir«, versetzte yury.
»Wir sollten uns wirklich beeilen, da hinten kommen Polizeiwagen angefahren«, unterbrach Free das Gespräch. Kurz darauf waren die vier verschwunden und yury steuerte den Helikopter in Richtung der USA.
»Na ja, wenn wir schon international gesucht werden, könnten wir bei der Gelegenheit natürlich auch noch Fort Knox ausrauben«, witzelte yury. »Hast du denn schon eine Idee, wie wir dorthin kommen sollen?«
Alexandra dachte nach. »Was ist, wenn wir uns als Wachpersonal da einschleichen?«, fragte sie nach kurzem Überlegen.
»Wachpersonal? Mit deinem Lebenslauf bekommst du eine Einladung ins Gefängnis statt zum Bewerbungsgespräch«, antwortete Free.
Noch ungefähr zehn weitere Vorschläge wurden gemacht, doch keiner war wirklich gut. Mit einem einzelnen Helikopter konnte man wahrscheinlich auch nicht einfach auf dem Gelände landen und in die Festung spazieren.
»Wir bräuchten eine Luftflotte!«, stellte Alexandra schließlich fest. Das sahen die anderen auch so, aber niemand wusste, woher sie die Helikopter und Flugzeuge nehmen sollten, und wer diese dann fliegen sollte.
»Flugzeuge und Helikopter können wir ja irgendwie klauen. Und den Quellcode vom Autopiloten, der uns nach China gebracht hat, habe ich auch noch. Wenn er ein kleines bisschen intelligenter wäre, könnte er wenigstens automatisch an einen Sammelpunkt fliegen und auf seine Kollegen warten. Ein paar echte Piloten brauchen wir aber bestimmt auch. Oh, und uns fehlen Elektronikteile für den Einbau der automatischen Steuerung«, sagte Free.
»Na, das kriegen wir schon hin, notfalls nehmen wir die Teile aus deinem Laptop!«, schlug Orakel vor.
Free sah ihn entsetzt an, aber er wurde überstimmt. Wenigstens wurde er damit beauftragt, die Autopiloten herzustellen.
Einige Wochen später, nach einer halben Weltreise, landeten sie den Helikopter auf einer großen Waldlichtung in Kentucky und schlossen ihn ab. Orakel und Free zogen los, um Helikopter zu stehlen. Alexandra und yury suchten nach Piloten, die Fort Knox ausrauben wollten.
Free nahm seinen Laptop mit und begann damit, ihn in seine Einzelteile zu zerlegen. Orakel hatte auf der Karte den nächsten Flughafen gefunden und so gingen sie dorthin.
Alexandra und yury redeten einfach mit Leuten, die ihr begegneten, um herauszufinden, wer geeignet war. Auf diese Weise fanden sie tatsächlich einige Mitstreiter.
Sie hatten den Ort, an dem der große Wohnhubschrauber stand, als Sammelpunkt gewählt. Nach einiger Zeit hatten Orakel und Free genug Übung, um mehrere Helikopter pro Stunde zu stehlen. Auch Alexandra und yury wussten nun, woran sie mögliche Piloten erkennen konnten und welche Fragen sie ihnen stellen mussten. Sie entschlossen sich dazu, von nun an getrennt auf die Suche zu gehen, um die Geschwindigkeit zu verdoppeln.
Nach einigen Tagen hatten sie genügend Piloten rekrutiert und kehrten zum Sammelpunkt zurück. Ihr Helikopter hatte längst die Funktion eines Wohnmobils übernommen, und die neu hinzugekommenen Modelle wurden ähnlich eingerichtet. So entstand spontan eine Art »Zeltlager« mit Hubschraubern statt Zelten. Die angeworbenen Piloten schliefen in ihren neuen, eigenen Helikoptern und waren glücklich. Das hatten sie sich schon immer gewünscht.
Orakel konnte nicht schlafen. Er schlich sich an dem schnarchenden, Pseudocode murmelnden Free vorbei und öffnete eine Tür. Draußen war es so dunkel, dass Orakel nicht einmal seine eigene Hand vor den Augen erkennen konnte, also nahm er sich eine Taschenlampe und ging dann weg. Nach einem ungefähr einstündigen Spaziergang durch den Wald machte er sich auf den Weg zurück zum Sammelpunkt. Aus einem Helikopter hörte Orakel einen Mann sprechen, der offenbar telefonierte. Orakel versteckte sich in der Nähe und lauschte:
»… Wolfgang. Die haben uns noch nicht erkannt. Ja, sie hat mich gefragt, ob ich einen Heli fliegen könnte. Irgendwo in der Nähe war dieser komische yumi oder yogi, oder wie der Typ heißt. Den Verfressenen und den Technik-Freak konnte ich nicht entdecken. Die haben hier ganz schön viele Helis. Den genauen Standort kann ich dir nicht sagen. Wir sind am Arsch der Welt. Ich rufe dich morgen wieder an.«
Orakel konnte es nicht fassen. Der hatte ihn doch ernsthaft »verfressen« genannt!
Er sagte sofort den anderen Bescheid. Alexandra wollte sofort den Helikopter des Fremden sprengen, Orakel war natürlich auch dafür, yury und Free widersprachen jedoch und aus der Sprengung wurde nichts.
»Ich habe eine andere Idee«, sagte yury. »Wir steuern seinen Helikopter per Funk, ohne dass er es bemerkt. Anstatt ihn mit nach Fort Knox zu nehmen, lassen wir ihn mit seinem gestohlenen Helikopter auf dem Dach einer Polizeistation landen!«
Damit waren endlich alle einverstanden.
Überfall auf Fort Knox
Am nächsten Tag standen yury, Orakel und Alexandra auf und bemerkten, dass Free fehlte. Bevor die drei sich auf die Suche nach ihm machen konnten, kam er bereits zurück zum Helikopter. Den erstaunten Freunden brachte er grinsend einen neuen Laptop, ein Modellflugzeug und eine komische große Metalldose mit. Zur Krönung des Moments holte er aus seinem Rucksack einen überdimensionalen Pizzakarton hervor und stellte ihn auf den kleinen Tisch in der Mitte des Laderaums.
»45 Zentimeter Durchmesser, mit doppelt Schinken, extra Käse, extra Tomatensauce und käsegefülltem Rand.«
Er verteilte die Sachen und gab jedem ein Achtel der Pizza. Den Rest bekam Orakel.
»Was ist eigentlich in dieser Dose, die du mir gegeben hast?«, fragte Alexandra.
»Weiß ich nicht, du kennst dich doch aus. Die habe ich von Wolfgang geklaut, beziehungsweise von seinem komischen Gesprächspartner. Da steht ›Nitrotrinitrobenzolglyzerin‹ drauf. Was der wohl damit machen wollte…«
Alexandra war sich auch nicht ganz sicher.
∞∞∞
In dieser Nacht ging Orakel wieder zu dem Helikopter, in dem der verdächtige Mann telefoniert hatte. Alexandra und yury folgten ihm. Free war sehr müde und nahm nicht an der Verfolgung teil. yury hatte eigentlich kein allzu großes Interesse an der Aktion, aber er hatte erst recht keine Lust, sich anzuhören, wie Free im Schlaf irgendwelche Sortieralgorithmen vor sich hin murmelte. Als er vor die Wahl gestellt wurde, kam er mit zum Helikopter.
Dort angekommen, bemerkten die drei, dass es ungewöhnlich ruhig war. Der Mann telefonierte anscheinend nicht. Als sie ungefähr eine halbe Stunde untätig am Helikopter gewartet hatten, schrie plötzlich jemand:
»Scheiße, Scheiße, Scheiße! Mein Nitro-TNB ist weg. Verdammte Scheiße. Oh, ich muss Wolfgang anrufen!«
Einen Moment lang hörte man Schritte; wahrscheinlich suchte der Mann nach seinem Handy.
»Dreimal das, einmal die 2, dann die 31 und grün. Verdammt noch mal, Wolfgang, geh jetzt endlich dran!«
Nach einer halben Minute nahm endlich jemand ab.
»Oh, guten Tag Frau Fischer, entschuldigen Sie, dass ich so spät noch anrufe, aber ist der Wolfgang da? Der Wolfgang. Ob der da ist. Mein Name ist Marcor Schreiner. Marcor Schreiner. Marcor Schreiner. Nein, ich will keine Kekse, ich möchte mit dem Wolfgang sprechen. Danke, tschüss! – Hi Wolfgang. Deine Mutter ist total schwerhörig, ich musste dreimal meinen Namen wiederholen. Warum wohnst du noch mit 45 Jahren bei deiner Mutter? Ach, egal. Hör mal, irgendeiner von diesen dummen Freaks hat meine Familienpackung Nitro-TNB geklaut. Ich glaube, dass es der Verfressene war. – Wie ich darauf komme? Der Laptop von diesem Technik-Freak ist kaputt, der ist damit beschäftigt, den zu reparieren. Dieser komische yumi oder wie der Typ heißt, ist viel zu sehr mit irgendwelchen Angriffsplanungen beschäftigt, um etwas zu kapieren, also kann es nur der Verfressene gewesen sein. Der dachte bestimmt, dass das Kekse wären. Das lasse ich mir nicht bieten. Ich werde morgen in den Heli von denen einbrechen und dort eine Zeitbombe installieren. Um sie zu deaktivieren, ist folgender Code fällig:«
In diesem Moment hustete yury lautstark.
»Ähm, Wolfgang, ich glaube, ich muss Schluss machen. Ich gehe mal eine Runde spazieren. Bis morgen und kauf dir mal ein Handy.«
Der Mann legte auf, nahm eine Pistole und lud sie durch. Die drei hörten das.
»Ich glaube, wir sollten abhauen«, sagte Orakel. Dann schlichen sie davon.
»Das würde euch so passen!«, kam wenig später von hinten eine Stimme. Alexandra, yury und Orakel zuckten zusammen, blieben stehen und drehten sich langsam um. Hinter ihnen stand der Mann, der sich am Telefon als »Marcor Schreiner« gemeldet hatte.
»Verdammt«, murmelte yury. Der Fremde grinste schadenfroh.
»Ihr wolltet mich also belauschen«, stellte er fest. Dann verschwand sein Lächeln. »Alle in den Heli! Sofort, oder es knallt!«
Das war sogar laut genug, um Free aufzuwecken, der beim Installieren des neuen Laptops eingeschlafen war.
»… if still not sorted, run StackSort and redirect complaints to SO user – Hm, was ist los?«, fragte er verschlafen und gähnte. Dann bemerkte er, dass die lauten Stimmen wahrscheinlich nicht vom Installationsprogramm auf dem Laptop kamen. Vorsichtig öffnete er die Tür. Bei einem der anderen Helikopter schien es Streit zu geben.
»So, rein da! Sofort!«
»Ist ja gut, Marcor Schweiner!«, meinte Orakel plötzlich.
»Wie bitte?«
»Schweiner! So nennt dich doch Wolfgang immer!«, antwortete Orakel, als wäre es das Normalste der Welt.
Der Mann sah ihn erstaunt an. Alexandra warf ein:
»Na ja, wir haben mit Wolfgang telefoniert und er hat uns gesagt, was für ein inkompetenter Trottel du doch bist. Wahrscheinlich würdest du wie immer irgendetwas verschusseln und dann behaupten, es sei gestohlen worden. Sogar seine Mutter macht sich schon über dich lustig, hat er gesagt.«
Fassungslos griff der Mann, der anscheinend tatsächlich Marcor Schreiner hieß, zum Telefon.
»Das kann doch wohl nicht wahr sein!«, sagte er wütend, während er auf die Tasten einhämmerte. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam eine Verbindung zustande.
»Gib mir jetzt den Wolfgang, sofort! – Sofort! – Geht doch. Wolfgang? Du bist ein blöder Ж∏ΞΩξσψβΘ ΗΠΣϑ Γ! Außerdem wollte ich dir schon immer einmal sagen, dass du dir deinen δλφω ΞΣΠΠη ΛΥЯΨ in den σθζδ ΣДΔζδΠΞ…«
»Damit ist er wohl endgültig gefeuert«, flüsterte yury. »Dem hilft niemand mehr.«
Marcor Schreiner brüllte noch zwei Minuten lang das Telefon an und legte dann auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Er schien sich einigermaßen beruhigt zu haben.
»Äh, ja, danke, dass ihr mir das gesagt habt. Wollt ihr etwas trinken?«
Die drei verstanden jetzt gar nichts mehr.
»Ob ihr etwas trinken wollt! Ihr seid jetzt meine Gäste!«, meinte der Mann.
»Öh, ja, klar, eine Cola bitte!«, meinte Orakel.
Alexandra und yury sahen Orakel erstaunt an, dann nahmen sie auch Getränke.
»Hier, bitte schön. Und jetzt erzählt mir mal, was ihr vorhabt, mit so vielen Helikoptern.«
»Also, wir wollen… frmbrl…«, wollte Orakel sagen, aber yury hielt ihm den Mund zu.
»Was wollt ihr?«
»Wir wollen… äh, ganz hoch in die Luft fliegen und den Ausblick genießen«, sagte yury schnell.
»In die Luft fliegen, soso. Den Wunsch kann ich euch erfüllen«, meinte Schreiner und holte einige Stangen Dynamit hervor. Bevor die drei reagieren konnten, lief er aus dem Hubschrauber, versperrte die Tür von außen und legte das Dynamit darunter.
»Suchen Sie Ihr Feuerzeug, Wolfgang?«, kam eine Stimme von hinten.
»Nee, das habe ich ja scho– WAS?«
Man hörte einen dumpfen Knall und der Mann war ohnmächtig. Free befreite die anderen drei aus dem Helikopter.
»Na toll, das Display ist kaputt«, ärgerte sich Free.
∞∞∞
Während er sich schon wieder einen neuen Laptop kaufte, bereiteten die anderen alles für den Angriff auf Fort Knox vor. Marcor Schreiner saß eingesperrt in seinem Helikopter und grummelte vor sich hin. Free hatte ihm sein Telefon sowie sämtliche Waffen abgenommen und das eingebaute Funkgerät zerstört, aber zur Unterhaltung einen Game Boy Color und das Spiel »Pinball: Revenge of the Gator« dagelassen.
Viele weitere Stunden waren mit Helikopterdiebstahl und Pilotenanwerbung verbracht worden, wobei yury und Alexandra den Pilotenbedarf der von Orakel und Free gestohlenen Hubschrauber nicht gedeckt hatten. Mehr als drei Viertel der Hubschrauber würden deshalb unbemannt von Frees Autopilot-Modulen gesteuert werden müssen, was den Entwickler sichtlich freute. Als die Gruppe wieder auf dem Lagerplatz zusammengekommen war, hielt yury eine kleine Rede.
»Wir bringen autonomes Fliegen ganz groß raus«, verkündete er stolz. »Das ist die Zukunft. Die Zukunft ist heute. Das Schöne an diesem Testlauf ist, dass Ausfälle für uns keine Kosten bedeuten. Vielmehr haben wir einen Sponsor gefunden, der das Experiment mit einigen Goldbarren belohnt und uns ein paar Hubschrauber… zur Verfügung gestellt hat. Da bekommt der Begriff ›Null-Prozent-Finanzierung‹ eine ganz neue Bedeutung!«
Mit diesen Worten wurden die letzten Vorbereitungen beendet. Free und Orakel suchten sich jeweils einen der gestohlenen Helikopter aus, während Alexandra und yury sich um das Exemplar kümmerten, in dem noch immer ein riesiger Pizzakarton an Orakels »kleine Zwischenmahlzeit« erinnerte. yury hatte längst aufgegeben, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie Orakel diese Essensmengen ohne allzu ungesunde Gewichtszunahme vertilgte. Kopfschüttelnd faltete er den Karton zusammen, bevor er ihn in einem Mülleimer entsorgte und sich dem Cockpit zuwandte. Er setzte sich in den Pilotensitz und blickte sich in alle Richtungen um. Draußen standen nur noch andere Helikopter; die Piloten waren bereit zum Start. yury griff zum Funkgerät.
»Wir starten. Die Helikopter heben nacheinander in der besprochenen Reihenfolge ab. Wer es sich kurzfristig anders überlegt, kann bis dahin noch aussteigen. Überall sind Autopiloten installiert, die auf Wunsch und im Notfall die Kontrolle übernehmen können. Viel Erfolg.«
Kurz darauf hob der erste Helikopter ab, dann der zweite. Als die gesamte Gruppe den Boden verlassen hatte, setzte sie sich geschlossen in Bewegung. yury stand mit allen Piloten in Verbindung und korrigierte, wenn nötig, den Kurs. Alexandra hatte noch nichts zu tun und experimentierte im Laderaum hinter yurys Rücken ein bisschen mit dem Inhalt der mysteriösen Dose. Dass es sich um irgendeinen besonderen Sprengstoff handelte, hatte sie inzwischen herausgefunden. Kleinste Mengen mussten bei falscher Behandlung zu katastrophalen Explosionen führen. Gezielt eingesetzt, konnte man damit vielleicht… Oh. Diese Überlegung gefiel Alexandra.
»C9H8N6O15. Nicht geeignet für Kinder unter drei Jahren. Enthält verschluckbare Kleinteile«, murmelte sie vor sich hin, während sie an einer Granate bastelte. Als sie fertig war, öffnete sie die Tür des Helikopters und warf einen letzten Blick auf ihr Werk. Ein unheimliches Lächeln trat auf ihr Gesicht, dann holte sie aus, zielte kurz und warf die Konstruktion in hohem Bogen nach draußen.
»Kann in Verbindung mit chlorhaltigen Reinigern unerwünschte Reaktionen hervorrufen. Kühl und trocken lagern, mindestens haltbar bis…«
Draußen gab es einen lauten Knall. yury blickte erschrocken nach unten. Auf einem verlassenen Schrottplatz wurde ein Autowrack auseinandergerissen; das plötzlich zum Cabrio gewordene Roststück bot durch seine zerfetzten Stoffsitze einen eher ungewöhnlichen Anblick. Es dauerte nicht lange, bis die Schwerkraft das durch die Luft fliegende Metalldach mit einem lauten Scheppern auf dem Asphalt niedergehen ließ, bevor es von einem Feuerball erfasst wurde. Der »kleine« Benzinbrand und yurys entsetzter Protest konnten Alexandra aber nicht davon abhalten, weitere Experimente durchzuführen.
Unterdessen war Orakel glücklich. Er hatte sich bei einem Spielzeughändler in der Stadt kleine Modellhelikopter gekauft, mit denen er im Flug den anderen Piloten Essen zufliegen ließ. Die freuten sich offensichtlich darüber, denn yury beschwerte sich kurz darauf bei Orakel, dass die ganzen »Danke«-Meldungen über Funk seine eigenen Verbindungen störten.
Free installierte endlich in Ruhe Linux auf seinem neuen Laptop und steuerte, kurz nach der Installation, den Autopiloten seines Hubschraubers damit. So konnte er Helikopter fliegen und gleichzeitig Pinball spielen. Einige Minuten später legte er die Füße hoch und freute sich. Er hatte gerade einen neuen Rekord aufgestellt, was angesichts der leeren Highscoretabelle allerdings auch nicht allzu beeindruckend war. Dann ging er zur Tür, öffnete sie, setzte sich davor hin und genoss die Aussicht und den Fahrtwind. Plötzlich stürzte der Rechner ab, was auch zu einem Ausfall des Motors führte. Free sprang auf und wollte Hilfe über Funk rufen, doch das Funkgerät hatte er ebenfalls an seinen PC angeschlossen und so war es ebenfalls kaputt. Mit Mühe nutzte er die Autorotation, um seinen drohenden Absturz etwas erträglicher zu gestalten.
Orakel hatte sich zurückgelehnt und aß gerade eine Pizza, als Frees Helikopter mit offener Tür von oben an ihm vorbeiflog. Da offenbar irgendetwas nicht in Ordnung war, nahm Orakel die Verfolgung auf. Als die beiden wieder auf gleicher Höhe waren, drückte Orakel einen Knopf, stieg aus dem Pilotensitz, lief zur Tür, öffnete sie, nahm Anlauf und sprang über den Abgrund durch die beiden offenen Türen. Dort angekommen, stellte er Free zur Rede.
»Was ist passiert?«, fragte Orakel, während er sich ein Bild von der Situation machte.
»Der Autopilot ist ausgefallen«, sagte Free, der nicht zugeben wollte, dass sein neuer Computer mit Linux abgestürzt war.
Orakel nickte. »Dann mach mal Platz für einen richtigen Piloten.«
Schnell setzte sich er ins Cockpit, überbrückte die automatische Steuerung und zog den Helikopter im letzten Moment wieder hoch. Orakels eigener Hubschrauber schlug derweil unten mit einem gewaltigen Knall auf einen Felsen und explodierte in tausende brennende Teile.
»Oh!«, meinte Free und sah verdutzt auf die Bruchstücke unter ihnen. »Aber danke für die Rettung!«
»Kein Problem«, sagte Orakel. »Außerdem weißt du doch, dass du dich immer auf Meister Orakel verlassen kannst. Schließlich habe ich schon vor Jahren…«
In diesem Moment kam ein verzweifelter Funkspruch von Alexandra herein: »Free, verdammt noch mal, Orakel ist gerade abgestürzt!«
»Unterbrich mich nicht beim Reden!«, schnauzte Orakel das Funkgerät an.
Alexandra starrte verdutzt auf ihr Funkgerät. Dann funkte sie den Hubschrauber erneut an.
»Äh, Orakel, was da drüben passiert?«
Free räusperte sich. »Was soll schon passiert sein? Orakel ist in meinen Helikopter gesprungen und hat in der Eile wahrscheinlich vergessen, seinen Autopiloten anzuschalten.«
Einige Sekunden herrschte ungläubige Stille.
»Natürlich. Orakel ist in deinen Helikopter gesprungen. Wie auch immer. Ihr fliegt also gemeinsam. Wir erreichen Fort Knox in ungefähr einer halben Stunde«, beendete Alexandra das Funkgespräch.
Orakel war hingegen noch nicht ganz von Frees Erklärung überzeugt. »Ich habe den Autopiloten aktiviert«, versicherte er. »Sonst wäre mein Sprung zu dir nämlich weniger schön verlaufen.«
Von einem Programmierfehler wollte Free aber nichts wissen. »Ich programmiere grundsätzlich bugfrei«, hielt er seinem Retter entgegen.
»Ach so, natürlich«, meinte Orakel grinsend. »Das hatte ich ganz vergessen.«
Während Orakel den Helikopter steuerte, fiel Free ein, dass er noch die Fernsteuerung für das kleine Modellflugzeug besaß, das er zusammen mit der Pizza in yurys Helikopter gebracht hatte. Sogar ein kleines Display war eingebaut, das über Funk mit einer Kamera am Flugzeug verbunden war. Free drückte einen Knopf, und ein Funksignal aktivierte das schlummernde Spielzeug aus der Ferne. Die Verbindungsqualität war anscheinend zu schlecht für eine Bildübertragung, aber ein grünes Lämpchen signalisierte, dass eine Steuerung möglich war. Spaßeshalber bewegte Free die Hebel der Fernbedienung, sodass das Flugzeug drüben wahrscheinlich quer über den Boden rollte. Orakel hatte von all dem nichts mitbekommen und stutzte, als yury sich bei ihm meldete.
»Orakel, bist du das?«, kam yurys Stimme aus dem Funkgerät.
»Nö. Was denn?«, antwortete Orakel mit ehrlichem Erstaunen.
yury dachte kurz nach. »Free, was auch immer du vorhast, es scheint irgendwie zu funktionieren. Du kannst das Flugzeug aus dieser Entfernung steuern?«
Free zeigte dem verblüfften Orakel die Fernsteuerung für das Modellflugzeug. »Ja, aber ich kann nichts sehen!«
»Du paranoider Freak hast die Kamera abgeklebt«, gab yury zurück. Free hatte das Gefühl, ihn über die Entfernung hinweg grinsen sehen zu können. »Schon vergessen?«
»Oh.«
Free starrte einen Moment lang das Funkgerät an und dachte nach. Dann hatte er eine Idee.
»Wärt ihr so nett, den Klebestreifen zu entfernen und eine Tür an eurem Helikopter zu öffnen?«, bat er.
»Bin schon dabei«, hörte man Alexandra aus dem Laderaum rufen.
Kurz darauf sahen Orakel und Free den Bildschirm der Fernbedienung aufleuchten. Das Flugzeug fuhr rückwärts bis zur anderen Tür, bevor es den Boden als Startbahn benutzte und aus dem Helikopter flog.
Bevor yury einen »guten Flug« wünschen konnte, meldete sich Alexandra zu Wort:
»Ich habe ein kleines Paket an dem Flugzeug befestigt. Wenn ihr es bei euch abgeliefert habt, fliegt bitte noch mal zurück. Ich habe mehrere Sachen für euch, die ihr damit vielleicht abholen könnt. Beide Türen stehen jetzt offen.«
Wenig später traf das Flugzeug mit dem Päckchen ein. Free legte das Päckchen in eine Ecke und ließ das unbeladene Flugzeug zurückfliegen.
»Bin auf dem Rückweg. Lass vielleicht besser eine Tür geschlossen, damit die Landung leichter ist«, gab Free zu bedenken.
Eine Minute später flog das Flugzeug deutlich zu schnell durch die geöffnete Tür in den gewünschten Hubschrauber hinein. Alexandra stand bereits vor der geschlossenen Tür und fing das Flugzeug mit den Händen auf.
»Danke, das hat funktioniert«, funkte Alexandra. »Du musst aber ein bisschen vorsichtiger fliegen, wenn du das Flugzeug nach einer Landung noch verwenden möchtest. Hier kommen weitere Sachen für euch. Guten Flug!«
Free musste noch einige Male hin- und herfliegen, um eine beachtliche Menge Dynamit, mehrere Feuerzeuge und drei Rucksäcke abzuholen. Einen Teil der Sachen legte Free neben Orakel auf dem Copilotensitz ab.
»Achtung, die Tüten in den Rucksäcken explodieren bei starker Erschütterung!«, warnte Alexandra.
Dann schlug sie vor, dass Free mit dem Flugzeug die Essenslieferungen fortführen sollte, um die sich Orakel vorher gekümmert hatte. Mit Blick auf die »viel zu kleinen« Vorräte im Laderaum protestierte Orakel sofort gegen diesen Vorschlag. Er wollte gerade erklären, dass selbst das »Salat-Kindermenü« jedes vernünftigen Restaurants größer sei als diese »Probierportion«, als yury die Diskussion unterbrach:
»Orakel? Behalt dein Essen. Wir nähern uns der Außengrenze von Fort Knox. Es sieht so aus, als stünden dort unten Soldaten. Aah! Die schießen auf uns!«, rief er entsetzt.
Alexandra beobachtete die ersten Verluste unter den Helikoptern. Free ließ Helikopter 21, in dem sich Marcor Schreiner befand, durch den Autopiloten in sicherer Entfernung auf der Stelle schweben. Selbst, wenn sie sich zurückziehen mussten, konnte man ihn vielleicht noch als Verantwortlichen für die Aktion präsentieren.
yury meldete sich mit einem Lagebericht: »Bis jetzt wurden nur einige der automatisch gesteuerten Helikopter getroffen und sind abgestürzt. Hinzu kommt allerdings, dass fast alle von uns angeworbenen Piloten panisch den Rückzug angetreten haben. Manche sind gelandet und ergeben sich freiwillig – das verschafft uns wahrscheinlich Zeit. Außer Helikopter 40 und uns sind nur noch Autopiloten unterwegs.«
»Die anderen fliegen mit meinem Essen weg«, ärgerte sich Orakel. Letztendlich hoffte er allerdings auch, dass bei dieser Aktion nur Sachschaden entstehen würde.
Alexandra meldete sich erneut. »Fallschirme bereithalten, Ausweichmanöver fliegen! Da kommen Raketen auf uns zu!«
Zehn Sekunden später.
»Autonome Helikopter 33, 34, 16, 7 und 5 verloren«, meinte yury, nun nicht mehr so siegessicher.
»Kann jemand in Erfahrung bringen, wer der Verrückte in Helikopter 40 ist?«, fragte Alexandra.
yury überlegte eine Weile, dann erinnerte er sich. »Der Pilot aus dem Helikopter Nummer 40 hat sich als Hakon Yang vorgestellt, aber das ist bestimmt nicht sein richtiger Name. Und er fliegt, als hätte er früher beruflich an Helikopter-Stuntshows teilgenommen. Würde mich nicht wundern, wenn der gleich einen Looping macht.«
Währenddessen hatte sich die Lage weiter verschlechtert.
yury berichtete: »Alle Helikopter außer 1, 3, 4, 20 bis 28 und 35 bis 40 verloren. Korrigiere: Helikopter 25 bis 28 sind mit einem Mal ausgefallen.«
»Na super!«, meinte Orakel entsetzt. So hatten die vier sich den Anflug auf Fort Knox nicht vorgestellt.
Leider war das nicht alles. Die Helikopter mussten nun zur Landung ansetzen, und yury hatte keine guten Nachrichten:
»He-Helikopter…«
»Ja…?«, frage Orakel, der ahnte, was passiert war.
»Helikopter 20, 22 bis 27 und 35 bis 39 sind ausgefallen…«
»Au Mann, Free, stell unseren Helikopter auf Autopilot um, yury ist gerade ohnmächtig geworden«, funkte Alexandra Orakel und Free an.
Free aktivierte aus der Ferne den Autopiloten in ihrem Helikopter.
»Oha… Da vorne kommen Panzer!«, flüsterte Orakel.
»Pa… Pa… Panzer?«, fragte Free.
»Ja, Panzer. Die komischen Dinger, die du da unten sehen kannst. Wusstest du eigentlich, dass ein einziger solcher Panzer –«
Mehr konnte Orakel nicht sagen. Ein Panzer schoss auf sie. Orakel konnte dem Schuss nur mit Glück ausweichen und es dauerte nicht lange, bis ein zweiter Schuss folgte. Der Hauptrotor des Helikopters fiel durch einen Volltreffer aus.
Orakel funkte: »Unser Hauptrotor ist ausgefallen. Ich muss notlanden!«
»Dort unten ist alles voller Trümmer. Wie willst du da notlanden?«, fragte Alexandra.
»Ich habe mir diesen Platz nicht ausgesucht, um notzulanden!«, brüllte Orakel.
Aus der Luft sah Alexandra sich das Drama an. Der Helikopter von Orakel und Free verlor immer mehr an Höhe. Orakel versuchte wahrscheinlich noch, den Helikopter irgendwie wieder nach oben zu ziehen, doch das war ein aussichtsloses Unterfangen. Der beschädigte Helikopter wurde ohne den Hauptrotor nicht von der vorbeiströmenden Luft gebremst und schlug mit einer gewaltigen Explosion auf dem Boden auf.
Während Alexandra nach einer geeigneten Landestelle suchte, versuchte sie, Orakel anzufunken:
»Orakel? Orakel, bitte kommen.«
Sie hörte nur Rauschen. yury hatte inzwischen wieder die Kontrolle über den Hubschrauber übernommen und landete auf einem unberührten Wiesenstück, das inmitten brennender Trümmer daran erinnerte, wie es auf diesem Gelände noch vor einigen Minuten ausgesehen hatte. Alexandra war bereits aus der offenen Tür gesprungen und sah Pilot 40 bei der Landung zu. Dann verließ auch yury den Helikopter, und die beiden kämpften sich in Richtung des zuletzt gelandeten Helikopters einen Weg durch die Flammen. Als Hakon Yang die beiden sah, winkte er aufgeregt und rief ihnen etwas zu.
»Ich glaube, er sucht nach Orakel und Free«, meinte yury. »Als ich deren Helikopter zuletzt gesehen habe, sah der aber nicht so aus, als müsste man darin noch irgendjemanden suchen.«
»Abwarten«, gab Alexandra zurück.
Dann waren die beiden beim Landeplatz angekommen.
»Da hinten steht das, was noch von ihrem Helikopter übrig ist«, berichtete Pilot 40.
»Der ganze Angriff war eine total bescheuerte Idee«, ärgerte sich yury. »Aber Alexandra wollte ja unbedingt das Gold haben.«
»Wenn wir die Soldaten mit dem Nitro-TNB bombardiert hätten, wäre das nicht passiert. Deine naive ›Wir schaffen das auch gewaltfrei‹-Taktik musste ja schieflaufen. Guck dich doch mal um, wie ›friedlich‹ das abgelaufen ist«, regte Alexandra sich auf.
»Äh, tschuldigung…«, kam eine Stimme von oben. Die drei blickten erstaunt auf.
»…wenn ihr mir vielleicht eben helfen könntet, bevor ihr weiter diskutiert, bekommen wir heute vielleicht sogar noch das Gold. Außerdem habe ich Hunger.«
Alexandra starrte das Ding, das da in einem Rotorblatt mit seinem festhängenden Fallschirm kämpfte, an wie ein Gespenst. »Orakel!«
»Da hinten ist übrigens Free«, bemerkte Orakel, und zeigte in die Richtung eines anderen abgestürzten Helikopters, dessen Heckrotor auf dem Cockpit eines weiteren Helikopters lag. Oben auf der schrägen Konstruktion saß Free und aß genüsslich ein Marmeladenbrot.
»Hast du es auch schön bequem da hinten?«, rief Orakel ihm zu. »Du könntest mir mal hier runter helfen!«
»Ich genieße die Aussicht. Außerdem könnt ihr euch die Mühe sparen. Da hinten kommen Soldaten, die uns bestimmt weiterhelfen können.«
Alexandra, yury und Pilot 40 drehten sich ruckartig um. In der Ferne kamen tatsächlich Soldaten angelaufen.
»Scherzkeks«, sagte yury, während er zu Free sprintete, ihn ungeachtet seiner tollen Aussicht an der Hand festhielt und mit sich zog. »Wir müssen hier weg.«
Die anderen beiden hatten inzwischen Orakel befreit. Zu fünft lief die ungewöhnliche Gruppe los: Es ging nun darum, so schnell wie möglich in Fort Knox einzudringen. Die Soldaten gaben sich unterdessen überhaupt keine Mühe, sich zu beeilen, denn die gesuchten Personen begaben sich ja geradewegs freiwillig in eine Art Hochsicherheitsgefängnis.
Die fünf liefen, so schnell sie konnten. Ab und zu mussten sie einzelnen Sicherheitsleuten ausweichen, die sie aufhalten wollten. Glücklicherweise schoss niemand auf die unbewaffneten Eindringlinge.
Als sie vor dem schweren Sicherheitstor von Fort Knox standen, wussten sie, dass sie in der Falle saßen. Von allen Seiten kamen mit einer geradezu überheblichen Gelassenheit und ohne Eile Soldaten auf sie zu.
»Na toll, das wars dann wohl. Nach der Aktion stecken die uns in ein Hochsicherheitsgefängnis, und da auszubrechen, können wir vergessen«, meinte Pilot 40.
»Wir haben noch nie aufgegeben!«, rief Free. Alexandra war etwas schneller und hatte bereits das Dynamit aus ihrem Rucksack geholt. Eilig brachten sie den Sprengstoff an dem Tor an. yury war allerdings noch nicht davon überzeugt, dass diese Sprengkraft überhaupt ausreichen würde, um einen Kratzer im Tor zu verursachen.
»Das Tor da wiegt mindestens zehntausend Kilogramm«, vermutete er. »Zehn Tonnen Stahl gegen locker auf dem Boden liegendes Dynamit.«
»Gut, dass Marcor Schreiner die komische Dose dabei hatte«, entgegnete Alexandra, während sie kleine Papiertüten mit dem ursprünglichen Doseninhalt aus ihrem Rucksack hervorholte und diese in Spalten zwischen dem Tor und den Steinen befestigte. »Eine moderne Sprengstoffmischung gegen fast hundert Jahre alten Stahl.«
Sie legte ihr gesamtes Dynamit aus dem Rucksack vor das Tor. Die Zündschnur war ungefähr fünf Meter lang, und bei dieser Sprengkraft war das auch dringend nötig. Als die Zündschnur brannte, liefen die fünf so schnell wie möglich davon und legten sich hinter einer Mauer auf den Boden. Die Soldaten ergriffen ebenfalls die Flucht.
Wer auch immer am Bau des Sicherheitstors beteiligt gewesen war, wäre sicherlich stolz gewesen, dass die gewaltige Explosion nur eine kleine Beule darin hinterlassen hatte. Die fünf Angreifer hingegen störte das nicht im Geringsten: Die Mauer, die das Tor umgeben hatte, war unter der enormen Belastung zerborsten. Als Orakel vorsichtig mit einem Finger gegen den Stahl drückte, fiel das Tor einfach nach hinten um. yury, Alexandra, Free und Pilot 40 starrten fassungslos auf zehn Tonnen Schrott.
»Wow. Gold, Gold, Gold. Wir sind reich!«, rief Orakel.
»Du kannst da doch nicht einfach so hineinspazieren«, rief Alexandra Orakel zu, der bereits mit den Füßen auf dem umgestoßenen Tor stand.
Orakel hielt inne und drehte sich um. »Aber deswegen sind wir doch hier! Wir haben…«
»Keine Zeit für lange Reden«, unterbrach ihn Free. »Wir teilen uns am besten auf: in zwei Zweiergruppen und eine Person, die Wache hält.«
»Ich kann hierbleiben«, bot Hakon Yang an. »Aber ich bekomme ein Fünftel der Beute, nur damit das klar ist!«
»Alles klar«, sagte Free. »Dann bilden Alexandra und yury eine Gruppe und Orakel kommt mit mir. Denkt daran, dass wir noch lange nicht in Sicherheit sind!«
∞∞∞
Free öffnete vorsichtig eine Tür und betrat mit Orakel einen der Räume, in denen die beiden das Gold vermuteten.
»Lass uns die Tür gleich wieder schließen, sonst wissen die Soldaten sofort, wo wir sind«, schlug Free vor.
»Gute Idee, hast recht«, flüsterte Orakel zurück. Als er die Tür hinter sich schloss, erfüllte vollkommene Dunkelheit den fensterlosen Raum. Während die beiden den Weg entlangstolperten, sagte Free:
»Eigentlich müssten wir hier bereits beim Gold sein, wir sehen es nur nicht!«
∞∞∞
»Verdammt noch mal, hier ist es stockdunkel«, flüsterte Alexandra.
»Wie gut, dass ich eine Taschenlampe dabeihabe«, flüsterte yury zurück. yury ging voraus, Alexandra dicht hinter ihm.
»Mit dieser Taschenlampe kann man echt gut sehen. Der Boden sieht vielleicht komisch aus«, sagte yury, »Ich wette, dass es hier unten bestimmt nur so von Spinnen wimmelt!«
»Du hast doch keine Angst vor Spinnen, oder?«, fragte Alexandra.
»Nein, ich habe so ziemlich vor gar nichts Angst, es sei denn, Orakel hat am Vorabend wieder Bohneneintopf gegessen«, behauptete yury. Die beiden mussten lachen.
∞∞∞
Unterdessen hatten Orakel und Free ihre Smartphones in provisorische Taschenlampen verwandelt.
»Mann, hier liegen Goldbarren!«, staunte Free.
»Ach nee, warum wollte Alexandra wohl hier hin?«, gab Orakel zurück.
»Ich dachte, hier wäre eine Laptopfabrik oder so etwas Ähnliches.«
»Sehr lustig.«
Dann stutzte Orakel, richtete den Lichtkegel auf die Tür des Raumes und sah sich den Öffnungsmechanismus genauer an. »Ich glaube, wir haben ein Problem.«
Free drehte sich langsam zu Orakel um. Dessen Schweigen mit Blick zur Tür war eindeutig. Dann hielt er sich die Hand an die Stirn und setzte sich ratlos auf den Boden.
»Wirklich?«, fragte Free.
»Ja«, antwortete Orakel nach einem letzten erfolglosen Versuch, die Tür von innen zu öffnen. Dann rief er, so laut er konnte, nach den anderen.
∞∞∞
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