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Michael Weger

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Die Teile der Liebe

Roman


Michael Weger


Die Teile der Liebe

Roman

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

1. Auflage 2016 | Originalausgabe

Copyright © 2016 Sheema Medien Verlag,

Inh.: Cornelia Linder, Hirnsbergerstr. 52, D - 83093 Antwort

Tel.: +49 (0)8053 – 7992952, Fax: +49 (0)8053 – 7992953

www.sheema-verlag.de

Copyright © 2016 Michael Weger | www.michaelweger.com

Ebook ISBN 978-3-931560-82-9

EPDF ISBN 978-3-931560-83-6

ISBN Buch-Ausgabe 978-3-931560-63-8

Coverabbildung: © shutterstock | repbone

Autorenfoto: © Isabella Weitz | www.isabellaweitz.com

Umschlaggestaltung: Sheema Medien Verlag, Schmucker-digital | schmucker-digital.de, Patrick Connor Klopf | bluepepper.at

Gesamtkonzeption: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim | www.brocom.de

Alle Rechte vorbehalten. Das gesamte Werk ist im Rahmen des Urheberrechts geschützt. Jegliche von Autor und Verlag nicht genehmigte Verwertung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische und digitalisierte Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische Medien, Internet, sowie auszugsweisen Nachdruck und Übersetzungen. Anfragen für Genehmigungen im obigen Sinn sind zu richten an den Sheema Verlag unter Angabe des gewünschten Materials, des vorgeschlagenen Mediums, gegebenenfalls der Anzahl der Kopien und des Zweckes, für den das Material gewünscht wird.

Haftungsausschluss: Dieses Buch dient keinem rechtlichen, medizinischen oder sonstigen berufsorientierten Zweck, sondern ausschließlich Unterhaltungs- und Bildungszwecken. Die hier gegebenen Informationen ersetzen keine fachspezifische Beratung oder Behandlung. Wer rechtlichen, medizinischen oder sonstigen speziellen Rat oder Hilfe sucht, sollte sich an einen geeigneten Spezialisten wenden. Autor und Verlag übernehmen keine Haftung für vermeintliche oder tatsächliche Schäden irgendeiner Art, die in Verbindung mit dem Gebrauch oder dem Vertrauen auf irgendwelche in diesem Buch enthaltenen Informationen auftreten könnten.

Für Isa, Luc und die Rebellen

Mag sein, die Strudel reißen uns hinab.

Mag sein, wir landen an den glücklichen Inseln.

Wird uns auch manches genommen,

so erwächst uns doch viel.

Und haben wir oft nicht mehr die Kraft,

die einst den Himmel und die Erde hat bewegt –

wir sind doch, was wir sind:

die immer gleiche Glut heroischer Herzen,

durchdrungen von Zeit und Schicksal,

stark im Willen, unverzagt zu kämpfen,

zu suchen und zu finden, irgendwann.

(Homer, Odyssee, um 790 v. Chr.)

Spalte ein Stück Holz und ich bin da.

Heb` einen Stein auf und du wirst mich finden.

(Thomasevangelium, Logion 77, um 150 n. Chr.)

Im siebten Himmel befinden sich Gerechtigkeit und Recht,

Reichtum und Heil, die Schätze des Lebens,

die Schätze des Friedens und die Schätze des Segens,

die Seelen der Gerechten, die Geister,

die Seelen derer, die einst geboren werden,

und der Tau, der einst die Toten beleben wird.

Gefunden sind fernerhin: die Ophanim, die Seraphim,

die heiligen Tiere, die Dienstengel

und der Thron der Herrlichkeit.

(Talmud, Hagiga II,1; 12b, 0 bis 800 n. Chr.)

I

Die Schatten der Krieger

1

Der junge Mann war in Rom angekommen.

Er stand vor dem Kolosseum und starrte in den Himmel. Das helle Blau hing wie ein unwirklicher Baldachin über dem baufälligen Wahrzeichen.

Richtung Süden zog ein Großer Brachvogel vorbei.

Im Westen türmten sich Gewitterwolken.

Es würde Regen geben.

Vorsichtig betrat er einen der Bogengänge, die in das Innere des Amphitheaters führten. Das Gewölbe erweckte den Eindruck, als könnte es jeden Augenblick Brocken der Mauern auf ihn herabstürzen lassen. Er zog den Kopf ein und beeilte sich, die gefährlichen letzten Meter schnell hinter sich zu bringen.

Am Eingang der Arena hielt er inne und sah sich um. Traurigkeit stieg in ihm hoch und mit ihr Erinnerungen an die vielen trostlosen Erlebnisse und ähnlichen Anblicke im Laufe seiner langen Reisen.

So viel Verwahrlosung und Elend hatte er in der ewigen Stadt nicht erwartet, im Gegenteil: Er war guter Hoffnung gewesen, endlich sein Ziel zu erreichen.

Was ihm jedoch begegnete, schien das erlebte Grauen noch zu übertreffen.

Oder täuschten ihn seine Sinne? War er einfach zu hungrig, zu erschöpft und leer, um all der Not ein weiteres Mal gewappnet entgegenzutreten?

Wellblechdächer armseliger Quartiere, vor Jahren als Notlösung errichtet, hatten sich über morschen Holzbalken abgesenkt und waren zusammengefallen. Davor reihten sich, unter verschlissenen Planen, Lager aus Pappkartonagen, voll von vermodernden Konservendosen, Stofffetzen, Unrat – würdelose Behausungen, die jeder zivilisierten Kultur spotteten.

Männer und Frauen, allen Alters und aller Hautfarben, saßen teils dicht gedrängt in Gruppen beieinander, mit gesenkten Köpfen über angezogenen Knien, die sie umschlungenen hielten, als wollten sie mit letzter Kraft einen Funken Geborgenheit heraufbeschwören.

Mütter reichten ihre Säuglinge an jene weiter, die noch stärker und genährt genug schienen, um die schreienden Bündel mit wenigen Tropfen Milch aus ihren Brüsten am Leben zu erhalten.

Etwas abseits spielten die älteren Brüder und Schwestern, stellten, mit Holzstöcken in dünnen Händen, alte und neue Kriegsszenarien nach. Sie hatten sich einige Jahre länger ins Dasein gerettet, hieben aber, als wollten sie es trotzig beenden, wild aufeinander ein. Traf sie ein Hieb, flohen sie, versteckten sich, preschten hervor, stürzten erneut ins Getümmel, fielen wieder, rappelten sich hoch und kämpften weiter. Hätten sie echte Waffen in Händen gehalten, ihr Spiel hätte nicht anders ausgesehen. Denn obwohl es weithin, als einzige Szene dieses Dramas, etwas von Leben versprühte, handelte es nur vom Tod. Und der Zorn der Kleinen, gespeist aus der Not, befeuert vom Elend des täglichen Überlebenskampfes, stand jenem ihrer Väter und Brüder, die lange zuvor, irgendwo in der Welt, gefallen waren, um nichts nach. Das hatten sie erlebt – und nur davon konnten ihre Spiele zeugen.

Der junge Mann stand noch immer am Eingang der Arena – erschöpft, sprachlos, den Tränen nahe.

Vergeblich hielt er nach Hilfskräften Ausschau, nach Sozialarbeitern, Dolmetschern, Sanitätern oder Ärzten, denen er auf seinen Reisen, an Orten wie diesen, stets begegnet war. Er hatte den Glauben nie aufgegeben, vielleicht ja gerade an den traurigsten Plätzen der Welt, jene beherzten Menschen anzutreffen, jene Rebellen der Hoffnung, nach denen er auf der Suche war.

Erst als sein Blick an der gegenüberliegenden Seite der Arena auf eine Menschenschlange fiel, wurde er fündig. Einige Frauen und Männer verteilten Suppe aus großen Plastikeimern, andere winkten Kranke und Verletzte zu sich.

Was er aus der Entfernung jedoch beobachten konnte, gab ihm wenig Zuversicht: Auch ihre Gesichter waren fahl, ihre Augen leer, die Bewegungen mechanisch, teilnahmslos. Das Mehr an Lebensenergie, das es brauchte, um neben routinierten Handlungen etwas an Wärme, Obhut und Nähe zu spenden, war ihnen scheinbar schon lange verloren gegangen.

Trotz allem entschied der junge Mann, nicht aufzugeben, schritt die gut neunzig Meter über den Platz und reihte sich in die Schlange ein.

Stunden später, es dämmerte bereits, saß er neben den anderen Fremden an einer der offenen Feuerstellen auf dem Boden und schöpfte mit trockenen Brotstücken Suppe aus einem Metallteller. Das gab ihm ein wenig Kraft zurück.

Die Kapuze seines bodenlangen Mantels hatte er tief über die Stirn gezogen. Der widerstandsfähige Stoff bot Schutz vor Hitze und Kälte und würde auch den Regenströmen des aufziehenden Gewitters standhalten, das nun bedrohlich schnell näher kam.

Es war still in der Arena.

Die Kinder hatten ihre Spiele um Leben und Tod für diesen Tag beendet. Nur hie und da war ein Murmeln zu hören oder das Bellen eines Streuners, der um eine der Gruppen herumstrich, in der Hoffnung, etwas von dem kärglichen Mahl abzubekommen.

Die Feuer warfen ihr flackerndes Licht auf die ansteigenden Ränge des Amphitheaters und für Momente schien es, als würden die Jahrhunderte über die Menschenschar hereinstürzen, als wolle der Geist eines Gladiators sein Schwert erheben, um den endgültigen Hieb zu setzen.

Mit den ersten Tropfen machten sich vereinzelt kleine Gruppen auf den Weg in die Wandelgänge unter der Arena, um eine trockene Kammer zu finden.

Der junge Mann blieb ruhig sitzen. Er vertiefte sich gerade in eine der Übungen, die er von Kindheit an erlernt hatte. Und es gelang ihm, einmal mehr, sich der Trauer zu entledigen und jene Gelassenheit heraufzubeschwören, die es ihm erlaubte, dem Schicksal und den Wirren des Lebens mit milden, liebevollen Augen zu begegnen.

Er beobachtete weiterhin die wenigen freiwilligen Helfer, die den Armen und Siechen zur Seite standen, bemühte sich, in deren Gesten und Blicken etwas Seele, Funken aus dem Feld der Seele, zu entdecken, doch mangelte es ihm in diesen Stunden an der nötigen Energie, um ihnen oder seiner Aufgabe gerecht zu werden.

Er würde die Nacht im Freien verbringen und es morgen erneut versuchen. Sein Mantel würde ihn schützen und wenn der Regen später über seine Wangen liefe, würde er es genießen. Sonne und Wind hatten seine Haut über Tage hin ausgetrocknet. Er zog den Kragen enger und legte sich eingerollt auf die Erde.

Wo vor seinen Augen nun Tropfen auf den sandigen Boden fielen, stiegen kleine, rötliche Staubwolken auf. Der Südwind hatte seit Wochen in Wellen von Wolkenbänken Saharasand mit sich gebracht und ihn über der Stadt verteilt. Schon in den Randbezirken war ihm der rote Staubfilm aufgefallen, der sämtliche Gebäude und Denkmäler in einen alles begleichenden Ton getaucht hatte.

Auf seiner Kapuze hörte er das Trommeln schwerer Tropfen. Das Geräusch nahm an Regelmäßigkeit zu, wurde zu einem Tosen, einem aufgewühlten Meer, in das er versank.

Langsam übermannte ihn die Müdigkeit, die er nach den Strapazen der langen Schiffsreise – westlich der Atlantikküste Afrikas entlang nach Norden, durch die Straße von Gibraltar und das Mittelmeer bis Rom –, schon viel früher erwartet hatte.

Morgen würde seine Suche erneut beginnen.

Hier, in der ewigen Stadt, glaubte er trotz allem fündig zu werden und auf ein paar jener seltenen Menschen zu stoßen, die der Kolonie des Glücks neue Hoffnung bringen mochten.

2

Die ersten Sonnenstrahlen malten eine Sichel aus Licht auf die hohen Arkadenbögen des Amphitheaters. Der junge Mann blinzelte sich den Schlaf aus den Augen und ließ seinen Blick eine kurze Weile auf diesem Gemälde ruhen, das am oberen Rand in tiefem Blau von einem intakten Himmel erzählte.

Seine Glieder fühlten sich schwer an, doch konnte er mit einzelnen geübten Bewegungen die Muskeln dehnen, den Blutstrom stärken und schließlich zumindest im Ansatz zu jener Kraft zurückfinden, die ihn sonst so verlässlich trug. Er erhob sich, schüttelte den Sand von seinem Mantel und steuerte den Ausgang der Arena an.

Er sah sich noch einmal nach den Hilfskräften um, doch entschied endgültig, dass es die Mühe nicht lohnte, ihr Wesen weiter zu erforschen oder sie gar zu befragen.

Er schlug den Weg Richtung Norden ein.

Dort sollte sich den Berichten nach unter einem der sieben Hügel eine andere, intakte, wieder genesene Völkergemeinschaft befinden. Zwar, hieß es, seien Rassen- und Glaubenskonflikte nach wie vor Teil des Alltags, doch wäre es einigen der neuen Anführer geglückt, Ordnung und Gerechtigkeit herzustellen. Diese Anführer, Männer und Frauen aus aller Welt, waren nach ihren ersten Hilfseinsätzen vor Ort geblieben oder zurückgekehrt, um nach dem Niedergang der sozialen Strukturen, den Wiederaufbau zu unterstützen. Der monatelange Bürgerkrieg, der auf das Eintreffen Hunderttausender Flüchtlinge innerhalb weniger Jahre gefolgt war, hatte in vielen betroffenen europäischen Städten und Ländern nur Chaos und verbrannte Erde hinterlassen. Ohne das aufopfernde Engagement solcher beherzten Seelen hätte es keine Zukunft gegeben, wären alte Seuchen ausgebrochen, neue Hungersnöte, neue Kriege und der Tod hätten weiter regiert, mit all der Härte und Brutalität, die der Mensch ihm seit Jahrtausenden beigebracht hatte.

Jenen, die ihn, den Tod, schließlich besiegten – wenn auch nur an wenigen Orten Europas –, wollte der junge Mann begegnen. Sie sollte er beobachten, ihre Seelen erkunden, um dann vielleicht Einzelne den Prüfungen zu unterziehen. Je nachdem, wozu ihn Zufall und Weisungen anleiten mochten.

Auf seinem Weg durch verwinkelte Gassen, Straßen und über Plätze der römischen Innenstadt kam er ins Staunen, wie viele unterschiedliche Eindrücke ihm innerhalb weniger Kilometer begegneten. Mit den Jahren hatten sich viele neue Bezirke gebildet, die wie durch unsichtbare Grenzen voneinander getrennt schienen. Er hielt sich jedoch nicht lange auf, folgte seiner Route mit schnellen Schritten und die Eindrücke zogen wie im Flug an ihm vorbei.

In einer Nebengasse reihten sich pittoreske Geschäfte aneinander, die von einzelnen Passanten besucht wurden. Deren Bekleidungen nach musste es sich um die wenigen Übriggebliebenen einer betuchten Gesellschaft handeln, die, wider besseren Wissens und zu sehr verwurzelt, ihre alte Heimat nicht aufgegeben hatten.

Gleich darauf folgten ausgestorbene Häuserreihen und Straßenzüge, verwahrloste Ecken, in denen jeder Schritt von den Wänden widerhallte, als rhythmisches Echo, das sich im Nirgendwo verlor.

Wenig später tauchte unversehens ein bürgerkriegsähnliches Szenario auf, mit Rauchwolken aus Gullys, aufgerissenen Pflastersteinen und Erkern voll Einschusslöchern.

Keine Hundert Meter weiter mündete sein Weg in ein beschaulich anmutendes Viertel, mit blühenden Orangenbäumen in eingefassten Blumenbeeten und alten Leuten, die gebückt des Weges trotteten oder auf Holzbänken beieinandersaßen.

Dann wieder stieß er auf Häuserfronten, deren Fassaden oft Stockwerke hoch, über und über mit Graffitischriftzügen oder Nachahmungen berühmter Fresken bemalt waren. Eines der obersten Geschosse war eingefallen – und so reckte Adam die Hand vergeblich seinem Gott entgegen.

Hier schienen selbst die Trittgeräusche von der Stille verschluckt zu werden und er fühlte, wie sich die Traurigkeit erneut seiner bemächtigen wollte.

Diesmal nahm er – mit einem kurzen Blick auf sein inneres Feld, indem er seinen Atem regulierte und eines seiner schönsten Erlebnisse erinnerte – dem aufkommenden Schmerz schon im Keim die Energie.

Schließlich gelangte er auf einen der Hügel. Um welchen es sich handelte, wusste er nicht zu sagen. Von hier aus konnte er einen Marktplatz überschauen, der etwas unter ihm in lebhaftem Treiben pulsierte. In der Mitte des Rondeaus ragte ein ägyptischer Obelisk in die Höhe und schien mit seiner Pyramide an der Spitze auf den einzigen Ausweg hinzuweisen: Vergiss nicht, dort wartet ein Himmel.

Immer der Himmel, der einen die Hoffnung gemahnt.

Der junge Mann hatte seinen Mantel abgestreift, ihn auf dem Boden ausgebreitet und saß in Trägershirt und Jeans auf dem doppelt gewebten Stoff. Durch sein Fernsichtgerät, ein Monookular der letzten Generation, beobachtete er das weitläufige Areal.

Und tatsächlich schien das Leben hier in neuen und anders geordneten Bahnen zu verlaufen: Menschen unterschiedlichster Hautfarben lachten und feilschten an Marktständen; Kinder jagten verspielt Hunden und geflickten, ledernen Bällen hinterher; Junge und Alte saßen tratschend beieinander, hielten sich an Händen, spielten Karten, tranken Kaffee und Likör oder rauchten schwarzen Tabak.

Der junge Mann verstaute das Okular im Innenfutteral des Mantels, stützte die Arme auf, lehnte sich zurück und genoss für eine Weile die heiße Luft und das Licht der Sonne, die im Zenit stand.

Die Nacht in der Arena und der zügige Marsch durch die Stadtviertel hatten ihm einiges abverlangt; und noch immer steckte ihm die lange Schiffsreise in den Gliedern.

Er legte sich hin und schloss für einen Moment die Augen, um an seine Heimatinsel, an seinen Lieblingsplatz über den Klippen, zu denken, wo er seit frühester Kindheit Stunden um Stunden verbracht hatte. Jahrelang war er immer wieder dorthin zurückgekehrt.

Er saß auf der äußersten Kante des Felsbruchs, ließ die Beine über dem Abgrund baumeln und betrachtete das Meer darunter, das sich an den Felswänden brach und an manchen Tagen die Gischt bis zu ihm hochspülte.

Beinahe konnte er das Salz auf den Lippen schmecken.

„Du bist nicht von hier“, ertönte die helle Stimme eines Jungen hinter ihm, „die von hier haben nicht so was“, er formte mit den Fingern das Okular nach, „wie heißt das denn? Und auch so einen Mantel haben die nicht. Wo bist’n du her? Was is das denn? Da drin?“ Er wies auf das Futteral. Offensichtlich hatte der Junge ihn schon eine ganze Weile beobachtet und setzte sich nun, ohne Scheu, direkt an seine Seite.

Der Mann sah ihn an und freute sich über das offene Wesen des Kleinen, der ihn jetzt aus großen, braunen Augen anblickte. Aus Gewohnheit streifte er mit seinem inneren Blick kurz über dessen Feld und was er empfing, löste einen Funken Glück in ihm aus. Er musste lächeln.

„Komm. Ich zeig dir was“, trällerte der Junge, war schon wieder auf den Beinen, hatte die Hand des Fremden genommen und versuchte, ihn hochzuziehen.

Er folgte ihm, stand auf, griff nach dem Mantel und lief, an der Hand des Kleinen, den Hügel und einige Treppen hinab, mitten hinein in das Treiben des Platzes.

„Komm! Komm!“ Der Junge ließ nicht nach, ihn durch die Menschenmassen irgendwohin zu zerren.

„Amid!“ Eine großgewachsene Frau mit rötlich gelockter Mähne war hinter einem der Marktstände hervorgetreten. „Was stellst du denn wieder an?“, tadelte sie ihn liebevoll auf Farsi und strich ihm über die Haare. „Entschuldigen Sie“, sprach sie den Mann an. „Ich hoffe, er hat Sie nicht belästigt. Wie dumm von mir: Sprechen Sie überhaupt diese Sprache?“ Den letzten Satz hatte sie auf Italienisch formuliert.

Der junge Mann nickte, doch bevor er etwas erwidern konnte, wandte sich die Frau wieder an den Jungen.

„Ich hab dich überall suchen müssen. Das geht so nicht, Amid. Die anderen Viertel sind gefährlich und ich mache mir Sorgen.“ Schuldbewusst blickte der Junge sie mit großen Augen an. „Und nicht diesen Blick. Du weißt genau, das zieht nicht bei mir.“ Sie sah wieder zu dem Mann. „Es tut mir leid, aber wir müssen weiter. Amid hat heute schon seine monatliche Untersuchung verpasst und ich habe nur mit Mühe einen späteren Termin bekommen. Entschuldigen Sie uns, ja?“

Damit machten sie sich auf den Weg. Amid winkte ihm noch zu, und dann waren die zwei auch schon in dem bunten Treiben verschwunden.

Während die Frau mit dem Jungen gesprochen hatte, konnte der Mann auch in ihrem Feld entdecken, wonach er suchte. Sollte das Schicksal sich fügen, würde er gewiss bald wieder auf die beiden treffen.

Zufrieden, so schnell schon mögliche Kandidaten gefunden zu haben, wandte er sich nun den Menschen zu, die um ihn herum fröhlich ihren Alltag verlebten. So viel Unbekümmertheit hatte er lange nicht mehr gesehen.

Mit wenigen Handgriffen formte er einen Rucksack aus seinem Mantel, schulterte ihn lässig und ließ sich hineinziehen in das Treiben der Menge. Er folgte dem Menschenstrom, der ihn, wie als natürliches Element eines inneren Kreislaufs, mal an den Rand, dann wieder ins Zentrum des pulsierenden Organismus trug. Stundenlang trieb er in Mäandern durch dieses Flussbett aus Menschen und Nutztieren, vorbei an Marktständen, Brunnen und Skulpturen. Der Platz kam ihm so, während er kreuz und quer herumwanderte, noch um vieles weitläufiger vor.

Erst gegen Abend ließ er sich erschöpft auf dem Holzsessel eines rustikalen Straßenlokals nieder. Die auf dem Tisch ausgelegte Speisekarte erinnerte ihn daran, wie hungrig er eigentlich war und dass er den ganzen Tag über noch nichts gegessen hatte. In einem der Straßenläden hatte er gerade mal ein paar Flaschen Wasser erstanden, die er in regelmäßigen Abständen mit kleinen Schlucken geleert hatte.

Die Kellnerin, eine zierliche Frau mit dunklem Teint, warf, während sie Bestellungen an den anderen Tischen aufnahm, wiederholt verstohlene Blicke auf seinen muskulösen Oberkörper. In dem Trägershirt sah er aus wie einer der Männer aus dem Arbeiterviertel, die sich an den späten Nachmittagen gerne hier sehen ließen. Trotzdem unterschied er sich von ihnen. Ob es an seinen klaren, dunklen Augen lag oder an der Haltung, mit der er am Tisch saß und die Menschen beobachtete, hätte sie nicht zu sagen vermocht. Als sie schließlich vor ihm stand, konnte sie ihre Augen nicht von ihm lassen.

Er strich sich eine Strähne seiner schwarzen Haare aus dem Gesicht und blickte zu ihr hoch. Das Interesse in ihren Augen war nicht zu übersehen und er erwiderte es mit einem freundlichen Lächeln. Als ihr bewusst wurde, dass sie ihn anstarrte, sah sie verlegen zur Seite, nahm dann aber, ohne weiteren Versuch einer Annäherung, seine Bestellung entgegen.

Er bestellte ein Steak mit Salat und ein großes Glas Limonenwasser.

Nach kurzer Zeit, in der er müde dasaß und das Treiben auf dem Platz nur noch an sich vorüberziehen ließ, kam die Kellnerin mit dem Essen zurück.

Mit Bedacht kaute er lange an jedem Bissen des zu heiß gebratenen Fleisches, um seinen Magen nicht zu überfordern Zusehends kam er wieder zu Kräften.

Das Abendlicht warf in immer größeren Schatten die Vorboten der Nacht über den Markt. Langsam leerten sich die Stände. Planen wurden aufgezogen, Rollläden heruntergelassen und die Menschen verschwanden in den Nebengassen, als würden sie, nach dem großen Spiel des Tages, eine ganz andersartige Arena verlassen, eine, die nie für den Kampf um Leben und Tod errichtet war, sondern zur puren Lebensfreude und zum fairen Wettstreit, bei dem es nur Gewinner gab.

Der junge Mann blieb noch länger sitzen und ließ den Tag Revue passieren.

Nur wenige weitere Kandidaten waren ihm begegnet. Immer wieder hatte er, wenn eine Äußerung, eine Geste oder ein besonderes Funkeln im Antlitz Einzelner seine Aufmerksamkeit erregt hatten, einen Blick auf ihr Seelenfeld geworfen. Doch die in Frage kommende Energie war wie üblich rar.

Sein Essen bezahlte er mit einer der flachen Goldmünzen in Größe eines Zehncentstückes, die er in einem versteckten Schutzbeutel bei sich trug. Die Kellnerin freute sich über das seltene Geldmittel, war jedoch wenig überrascht. In diesen Tagen wurde mit allem gehandelt, was sich anderenorts wieder eintauschen ließ. Und Gold und Silber waren, wie zu allen Zeiten, die beliebtesten Währungen.

Langsam musste er sich um einen Schlafplatz kümmern.

Mit gewohnten Handgriffen langte er in den Rucksack, entfaltete ihn wieder zum Mantel, streifte ihn über, erhob sich und entschwand, nach wenigen Schritten, aus dem trüben Licht, das noch aus den Fenstern des Lokals strömte, ins Dunkel der Nacht.

3

Er wählte, den Weisungen des Zufalls folgend, eine Nebengasse aus, deren hellerer Schein ihn anzog.

Ganz still war es nun in dem Viertel. Nur das stotternde Brummen einzelner Stromaggregate unterbrach den Widerhall der Nacht. Die Bewohner der Häuser hatten ihre Fenster allesamt verschlossen. Sie schützten sich, so gut es ging, vor dem Sand und der Hitze, die schon seit Jahren im beständigen Wandel der Klimazonen auch die Nächte beherrschten.

Durch einzelne Glasscheiben fiel Licht auf die Pflastersteine. Helle Rauten breiteten sich als schräges Muster vor ihm aus. Er folgte den Lichtstellen, trat mit seinen Schritten hinein, empfand immer mehr Freude dabei und hüpfte bald, verspielt wie ein Kind, über das Schachbrett der abendlichen Stunde.

Es erinnerte ihn an seine Eltern, an gemeinsame Abende in der Jugendzeit, als sie am offenen Kamin über einem Brettspiel um die Wette geeifert, miteinander gelacht und sich unterhalten hatten.

Dann fiel ihm seine Geliebte ein, eine junge dunkelhaarige Frau, mit der er so gern seine Nächte verbrachte, die ihm nun jedoch seltsam fern und wie entfremdet schien.

An die Freunde dachte er, den nächsten, vertrauten Kreis seiner Weggefährten. Je länger seine Reise angedauert hatte, desto schwerer war es ihm gefallen, ihre Ströme und inneren Bewegungen im großen, kosmischen Feld nachzuvollziehen. Umso mehr freute er sich auf das Wiedersehen mit den geliebten Menschen. Vor allem, da ihn jetzt nur noch wenige Tage von seiner Inselfamilie trennen sollten. Allerdings hatten die Erinnerungen die kurze ausgelassene Stimmung gedämpft. Er empfand einen Anflug von Einsamkeit. Gedankenverloren schritt er weiter durch eine der Gassen, die nun in einen nächsten, um vieles kleineren Platz mündete.

Sein Blick fiel auf einen vierschrötigen Mann, der eben erst seinen Marktstand mit Holzplanken sicherte. Es handelte sich wohl um einen der Bauern aus den umliegenden Landstrichen, von denen ihm auch am großen Platz einige begegnet waren. Dieser hier hatte scheinbar besonders lange ausgeharrt, um seine exotischen Früchte und Getreidewaren anzubringen.

Der junge Mann wollte seinen Weg eben im Schatten der angrenzenden Häuserfronten fortsetzen, als plötzlich ein seltenes Leuchten hinter dem Laden aufflackerte.

Er sah genauer hin und erkannte im dämmrigen Licht einer Gaslaterne ein Mädchen, das hinter der Rückwand zum Vorschein gekommen war. Ihre Energie strahlte aus sich heraus quer über den Platz. So ein Feld war ihm lange nicht begegnet. Er hielt inne und beobachte die Kleine.

Ihr verschlissenes Kleidchen flatterte im Wind. Sie mied das Licht, hielt sich versteckt und spähte mit großen Augen verstohlen um sich.

Eine ganze Weile beobachtete sie gespannt den Bauern, wie er noch einige Steigen seiner Waren in das Heck eines verbeulten Kombis verlud. Dann, als sie glaubte, seine Abläufe einschätzen zu können, trat sie auf Zehenspitzen hervor, griff mit beiden Händen in den noch offenen Laden, entnahm ihm so viele Paradiesäpfel, wie sie in Armen und Händen tragen konnte, und wollte ebenso schnell wieder verschwinden. Plötzlich erschien der Mann auf der anderen Seite des Holzverschlags. Er baute sich direkt vor ihr auf. Sie hatte sich getäuscht, er hatte sie schon lange bemerkt. Ausdruckslos blickte er sie an, holte mit seiner Pranke aus und schlug ihr ins Gesicht.

Das Mädchen flog ein paar Meter nach hinten, mit ihr die roten Äpfel, die auf ihrer Flugbahn einen Streifen des Laternenlichts querten und seltsam in der Luft tanzten, als hätte jemand mit ihnen jongliert. Der Kopf des Mädchens schlug hart auf dem Steinsockel eines Brunnens auf. Ein scharfes Knacken schoss über den Platz. Ihr Schädel war gebrochen. Sie blieb regungslos liegen. Die Äpfel kullerten noch hinterher und sammelten sich, als würden sie zu ihr wollen, nahe an dem verkrümmten Körper.

Dann war es still.

Der Bauer starrte auf die Kleine. Sekunden vergingen. Wie in Zeitlupe stapfte er schließlich auf sie zu, beugte sich hinunter, wollte sie berühren, hielt jedoch, als ihm bewusst wurde, was er angerichtet hatte, in der Bewegung inne. Er sank lautlos auf die Knie, stürzte seinen Kopf in die Hände und ein heftiges Schluchzen, einem Aufschrei gleich, schüttelte den groben Körper. Im nächsten Moment riss er seinen Kopf hoch, jagte mit den Blicken über den Platz, taumelte rückwärts, raffte hastig noch übrige Waren zusammen, sprang in den Wagen und raste mit jähem Aufheulen des Motors davon. Die roten Bremslichter warfen einen letzten Schein auf den Platz, als er um die Ecke der nächsten Gasse bog und verschwand. Das Brummen des Motors verklang immer leiser hallend in den Häuserschluchten.

Im spärlichen Laternenlicht lag der Platz nun wieder friedlich da. Das Kleid des Mädchens flatterte immer noch im Wind.

Langsam löste sich der junge Mann aus dem Schock, der ihn seit dem Sturz der Kleinen hatte erstarren lassen. Er lief, wozu er minutenlang nicht in der Lage war, zu ihr.

An ihrer Seite angelangt, kniete er sich hin, tastete mit den Fingern am zarten Hals nach dem Puls. Ganz schwach nahm er die feine, unregelmäßige Wölbung ihrer Haut unter seinen Fingerkuppen wahr. Sie lebte noch.

Er setzte sich neben sie, nahm ihren Körper hoch. Sie wog nicht mehr als ein Vogel. Behutsam zog er sie ganz dicht an sich, umhüllte sie mit seinen Armen und barg sie für diesen letzten Moment ihres Lebens in seiner Wärme. Mit der ganzen Kraft des Herzens griff er in seinem Inneren nach der großen Liebe, zu der er fähig war wie kaum jemand sonst. Und er schenkte sie ihr. Ließ sie einströmen in sie und wiegte sie, sacht, wie ein blühender Baum ein Kind wiegt, wenn es hoch in seiner Krone sitzt im Sommerwind.

Ein letztes Mal schlug sie ihre schon trüben Augen auf und blickte ihn an. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie flüsterte etwas. Er neigte sein Ohr an ihre Lippen.

„Für meine Mutter. Äpfel aus Paradies. Sie krank. Braucht. Bringst du? Mutter. Bitte. Bitte.“ Im letzten Ausatmen verklang ihr Flüstern. Ihre Augen schlossen sich und ihr Herz verstummte.

Der junge Mann, der das Unsterbliche schon oft mit eigenen Augen gesehen hatte, blickte nun der sich lösenden Seele nach, die langsam dem Körper entwich. Staunend sah sie zu ihm herab und er erzählte ihr, mit einem einzigen Gedanken, von der Ewigkeit und den liebevollen Geistern ihrer Vorfahren, die sie erwarten würden. Schon erschien der helle Schimmer des Tores hinter ihr, das sich immer öffnet, wenn ein Mensch geht, und der sie nun umstrahlte und wie Flügel um ihre Schultern leuchtete.

Dorthin wurde sie nun gehoben, ganz sacht, wie ein Blatt im Wind vom Baum bricht und nach oben getragen wird, wenn das Leben entschieden hat, ihm, bevor es fällt, noch einmal die Weite und Schönheit der Welt zu zeigen.

Der junge Mann löste seine Umarmung und legte den leblosen Körper auf die Pflastersteine. Während das Blut aus ihrem Schädel sich mit dem Rot der Äpfel vermischte, ging er langsam seines Weges. Er blickte nicht zurück.

Ihren letzten Wunsch würde er nicht erfüllen können. Die Genesung ihrer Mutter musste er dem Schicksal überlassen. Für die Kleine war das aber auch nicht von Belang. Jetzt nicht mehr.

Nachdem er den Platz verlassen hatte, schälte sich langsam ein Schatten aus dem Dunkel einer Häuserfront. Eine junge Frau wurde sichtbar. Sie hatte die letzen Augenblicke mitverfolgt, nachdem sie bei einem nächtlichen Spaziergang wie zufällig auf den Platz gestoßen war. Sie wischte sich Tränen aus dem Gesicht, fuhr sich zitternd durch die blonden Haare und ging einige Schritte auf den kleinen, toten Körper zu. Entsetzt wandte sie sich ab.

Dann sah sie dem jungen Mann hinterher, der wie ein schwarzer Engel in der Nacht verschwunden war.

4

Es muss doch irgendwo … Claire wühlte in den Schubladen ihrer Kommode. Nachdem sie alle durchsucht hatte, gab sie es auf. Sie stand nackt vor dem Spiegel, der über der Kommode hing, sah hinein, zog die Augenbrauen hoch, drehte ihren Kopf nach rechts und nach links, blickte auf ihren neuen struppigen Kurzhaarschnitt, der sich nur schwer würde bändigen lassen, und schüttelte den Kopf.

Sie war knapp dran. In zwanzig Minuten sollte sie in der Redaktion sein.

Wo könnte noch einer …? Die kleine Reisetasche fiel ihr ein, die sie für die Nächte bei Jerome immer griffbereit im Vorzimmer stehen hatte. Letztens hatte sie zwei, drei Slips mit einem Griff hineingestopft. Sie hastete in den Flur, nahm die Tasche vom Boden vor der Garderobe hoch und wühlte darin weiter. Ha! Grinsend hielt sie einen weißen, spitzenbesetzten Slip in die Höhe wie eine Trophäe. Sie zog ihn an und dachte kurz nach. Auf einen BH musste sie notgedrungen wohl auch an diesem Morgen verzichten. Irgendwann, sehr bald, war dringend ein Waschtag angesagt.

Im kleinen Schlafzimmer ihrer Zweizimmerwohnung in Rive Gauche, dem fünften Pariser Arrondissement, zwängte sie sich in den engen beigefarbenen Rock, den sie am Vorabend in weiser Voraussicht nicht in eine Ecke geworfen hatte. Dazu passend nahm sie ihre letzte gebügelte weiße Bluse aus dem Schrank.

Jerome mochte diese Kombination, vor allem wenn sie in seinem Chefbüro, mit den zum Redaktionsgroßraum offenen Glasscheiben, eine Besprechung hatten. Rock und Bluse, meinte er, wirkten zwar ausreichend sexy, aber auch seriös genug, um den kursierenden Gerüchten über ihre heimliche Liaison nicht noch mehr Zündstoff zu geben.

Doch eigentlich war es ihr heute egal. Im Gegenteil. Sollte er nur einen mittleren Kollaps erleiden, nachdem er ihren Artikel wieder gekürzt und auf Seite zwölf verbannt hatte. Bouvier, der widerliche Redakteur, dem die Endkorrektur der Texte oblag, hatte dann zu allem Überfluss auch noch den fehlenden Buchstaben in ihrem Namen übersehen und so hieß die Urheberin ihres Artikels in der heutigen Ausgabe von „Le Monde“ Cladel statt Claudel. Es war der Mädchenname ihrer Mutter, den sie, schon von Beginn ihrer Journalistenlaufbahn an, als Pseudonym benutzte. So blieb sie, in gewissem Sinn, mit ihr verbunden und schaffte zugleich Distanz zu ihrem Vater.

Seufzend blickte sie kurz zur Seine, die sie, durch einen Spalt zwischen zwei Häusern der ersten Uferreihe, sehen konnte. Tiefe Wolken hingen über dem Fluss und zogen mit ihm durch die Stadt. Am liebsten würde sie den Rest des Vormittags blau machen, sich in eines der Künstlercafés im Viertel setzen, mit der Hand ihren nächsten Artikel schreiben und von den Touristen angestarrt werden, als wäre sie eine der jungen linken Schriftstellerinnen, die sich in Flugblättern und alternativen Zeitschriften immer radikaler zu Wort meldeten.

Sie zog den Rock wieder aus, knöpfte die Bluse auf und sah sich nach etwas anderem Brauchbaren um. Große Auswahl blieb ihr nicht.

Vor allem, weil sie mit Jerome nicht nur über den heutigen Artikel streiten musste, sondern ihn gleichzeitig dazu bewegen wollte, ihr die geplante Recherchereise nach Rom zu genehmigen. Also musste sie taktisch vorgehen. Am besten, ihm zuerst wegen der Kürzungen und Seite zwölf ein schlechtes Gewissen machen, dabei zugleich verführerisch und abweisend genug sein, dass er Angst bekommt, auch die folgende Nacht ohne mich verbringen zu müssen, und ihm dann im richtigen Moment die Zusage für die Romreise entlocken.

Also doch der Rock und die Bluse. Sie zog beides wieder an. Ihr Café au Lait am Küchentisch war mittlerweile kalt. Das hasste sie. Sogar an einem perfekten Morgen hätte schaler Kaffee ihr die Laune verdorben. Sie ließ ihn einfach stehen, packte ihr Neopad in die lachsfarbene David-Jones-Tasche und stand ungeschminkt mit zerzausten Haaren vor der Eingangstür. Das geht so nicht. Doch. Tut es. Anders schaue ich am Morgen, wenn ich neben ihm aufwache, auch nicht aus. Gerade verrucht genug, um ihn auf die richtigen Gedanken zu bringen.

Sie stieg in die eleganten Stöckelschuhe und lief die drei Stockwerke nach unten. Vor der Haustür schlugen ihr der Wind und die feuchtwarme Luft entgegen. Es würde Regen geben. Keinen Schirm dabei. Wird schon aushalten. Eigentlich wollte sie nur die wenigen Meter zum nächsten Taxistandplatz laufen. Doch es war einer jener neuen, autofreien Tage in Paris. Mittlerweile durften Fahrzeuge, egal, ob mit Benzin- oder Elektromotoren, nur noch an jedem zweiten Tag unterwegs sein. Das hatte sie vergessen. Also musste sie wohl oder übel den zehnminütigen Fußweg zur nächsten U-Bahnstation auf sich nehmen. Sie würde sich um einiges verspäten, streifte darum die Stöckelschuhe wieder ab, stopfte sie in die Tasche und rannte barfuß los. So konnte sie wenigstens ein paar Minuten aufholen und die schmutzigen Fußsohlen würde ohnehin niemand bemerken. Aber ihr würde es Spaß machen, dass zumindest etwas ihrem wahren Wesen und so gar nicht den neuerlich erstarkten Rollenklischees der besseren Pariser Gesellschaft entsprach.

5

„Mon amour!“ Jerome sprang vom Ledersofa auf und kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. „Toll!

Diese neue Frisur! Was ist das für eine Farbe?“

„Blond, Jerome. Es ist einfach nur blond. Wie du mich gern hast.“ Ihr schnippischer Tonfall war nicht zu überhören.

„Aber es hat einen silbrigen Stich, nein?“, flötete er weiter, während er ihr durchs Haar fuhr und sie an sich zog.

„Ja, hat es. Meine Friseurin …“ Er küsste sie auf den Mund.

Gott, fühlt sich das gut an. Warum ist der nur so charmant? Und gut aussehend? Und warum lasse ich mich auf ein Gespräch über meine Haare ein? Und warum küsst er mich vor den offenen Glasscheiben und hört gar nicht mehr auf? Das geht in die völlig falsche Richtung.

„Jerome“, sie schob ihn etwas von sich, „was ist denn los mit dir? Das stört dich doch sonst immer, wenn die ganze Belegschaft uns beobachtet.“

„Es wird Zeit, dass wir das ändern. Diese Heimlichtuerei geht mir auf die Nerven.“

Das geht entschieden in die falsche Richtung.

„Ach ja? Tut sie das?“

„Das hast du dir doch immer gewünscht, meine Kleine, nein? Also machen wir es offiziell. Nächste Woche, was meinst du? Am Abend der Charity-Gala für die Libyer. Vor der ganzen Pariser Gesellschaft.“ Er strahlte sie an.

Meine Kleine. Wie sie diese Anrede hasste. Sie rang sich ein Lächeln ab.

„Aber lass uns das in Ruhe besprechen“, er war auf dem Weg zum Sofa. „Heute Abend. Bei mir. Um neun. Oui, mon chérie?“ Er nahm sein Pad zur Hand, tippte darauf und aus der gegenüberliegenden Wand wurde ein einziger, die Fläche deckender Screen. Offensichtlich hatte er nicht vor, das Gespräch fortzusetzen.

„Sonst noch was auf dem Herzen?“, fragte er, ohne sie anzusehen.

Er will es öffentlich machen. Ja, das hatte sie sich gewünscht. Aber schon lange aufgegeben zu glauben, dass es wahr werden könnte. Warum gerade jetzt? Geht sein schlechtes Gewissen so weit? Oder spürte er irgendwo, unter den Schalen seiner Perfektion, dass sie sich mit leisen Schritten mehr und mehr von ihm distanzierte?

„Jerome“, plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand. Irgendwie fühlte sie das jetzt ganz deutlich. „Die nächsten Wochen wollte ich in Rom sein und recherchieren. Hast du das vergessen?“

„Aber das lässt sich doch verschieben, nicht wahr? Die laufen dir doch nicht weg, deine Rebellen.“ Er bezog sich auf ihre Kolumne. Eine weitere kleine Spitze, die einmal mehr zum Ausdruck brachte, was er in Wahrheit von ihrer Arbeit hielt.

„Aber es ist mir wichtig. Das weißt du.“

„Und ich bin dir nicht wichtig?“

„Doch, natürlich.“ Etwas drängte jetzt in ihr. „Aber dabei geht es nicht um dich. Ich muss das für mich tun. Und für die Welt. Le Monde. Worum geht es denn hier?“

„Das frag ich mich auch langsam.“

„Du weißt, was ich meine.“ Sie blickte ihn an. „Wenn eine Institution wie Le Monde dem humanitären Auftrag nicht mehr nachkommt, dann bleibt nichts über, gar nichts, an dem sich eine geschundene Gesellschaft wieder aufrichten kann.“ Sie wandte sich ab. „Ich verstehe nicht, warum wir immer wieder darüber diskutieren müssen. Wie kannst du den Vorgaben der Eigner so widerspruchslos folgen?“ Aufs Neue hatte sie, im Gespräch mit ihm, eine Traurigkeit eingeholt, die sie in den letzten Monaten immer öfter gespürt hatte. Prompt kam ihr das Konfliktthema Nummer eins in den Sinn. Kein allzu gutes Argument, aber es passt. „Zum Glück willst du keine Kinder. Mir fällt es auch mit jedem Tag schwerer, mir vorzustellen, noch welche in die Welt zu setzen.“ Es wurde sehr still in dem ausladenden Büro. „Wir müssen etwas beitragen, Jerome, und an der Zukunft bauen. Hör wenigstens auf die Leser. Die lieben meine Kolumne.“

„Nur weil du diesen“, er fühlte sich in die Ecke gedrängt, „diesen Preis“, beinahe wollte er ‚lächerlichen’ sagen, „von ihnen bekommen hast? Was glaubst du, warum wir den überhaupt ausschreiben? Das ist Leserbindung. Nichts sonst. Außerdem“, er wurde lauter, „hättest du diesen Preis nicht gewonnen, dann hätte ich mich bei den Eignern nicht so für dich eingesetzt und es gäbe deine kleine verträumte Kolumne schon längst nicht mehr.“ Er übersah, wie sie sich mehr und mehr versteifte. „Die Rebellen der Menschlichkeit. Was für ein rührseliger Kinderkram!“ Er war zu weit gegangen.

„Du willst unsere Beziehung öffentlich machen?“

„Wechsle jetzt nicht das Thema.“

„Wir reden doch über nichts anderes. Zuerst wolltest du mit mir ins Bett, das hat nicht geklappt. Dann hast du mir diese Kolumne gegeben und ich habe mich, naiv, wie ich war, erweichen lassen und tatsächlich geglaubt, dass du an mir, an meiner Person interessiert wärst – und nicht nur an meinem Aussehen und an Sex.“ Sie ließ ihre Worte kurz stehen. „Und vor allem: dass du an mich als Journalistin glaubst.“

„Aber das tue ich doch, mon amour.“ Er kam wieder auf sie zu, versuchte sie zu beschwichtigen.

„Dann beweis es.“ Sie blickte ihm direkt in die Augen. „Lass mich nach Rom gehen. Lass mich dort recherchieren und dann gibst du mir eine Seite. Eine ganze Seite und verdammt noch mal nicht Seite zwölf!“ Sie war so klar und bestimmt, wie es ihr ihm gegenüber selten gelungen war. „Und wenn ich zurück bin, dann reden wir über alles. Über uns und wie es weitergehen soll.“

Mit der Genehmigung für die Reise saß Claire wenig später an der nordseitigen, drei Stockwerke hohen Glasfront der Großraumredaktion. Postmoderne Schalensessel waren in einer Reihe an der Wand befestigt und verstärkten den Eindruck einer Abflughalle, an die das neue Headquarter von Le Monde erinnerte.

Vor zehn Monaten, als die laufenden Kosten der erst vor wenigen Jahren errichteten Firmenzentrale im ersten Arrondissement alle Schätzungen sprengten, wurde das Prestigeobjekt schnell wieder abgestoßen und die Zeitung war in eine ehemalige Remise vor den Toren von Paris gezogen. Mittlerweile überstiegen die Renovierungskosten erneut den Plan und so geriet die Eignergruppe mehr und mehr unter Druck. Die Abteilungen für Soziales, Kultur und Bildung wurden gekürzt, die Aufmachung abermals geändert, das Marketing mit allerlei Lesereinbindung forciert und alles, was die Sensationsgier der Leute befriedigte, wurde schreiend groß auf die ersten Seiten platziert.

Claires Artikelreihe über die Rebellen der Menschlichkeit, in der sie von außerordentlichen Leistungen einzelner Ärzte, Dolmetscher, Sanitäter und Lehrer in Krisengebieten berichtete, hatte einen dementsprechend schweren Stand. Und Jerome setzte sich tatsächlich für sie ein. Wenn auch aus anderen Motiven, als ihr lieb war.

In machen Stunden hatte sie ihr perfekter Chefredakteur – der hohes Ansehen genoss und in einem Loft über der Pariser Innenstadt wohnte – auch in sein Herz blicken lassen. Die Seiten, die sie in diesen Momenten an ihm kennengelernt hatte, waren gut, tief und vor allem freundlich. Sonst hätte sie es auch, um alles in der Welt, nicht schon zwei Jahre als seine heimliche Geliebte ausgehalten.

Vor allem aber glaubte Claire an ihre Arbeit. Und das ließ sie so manchen Kompromiss eingehen und über vieles hinwegsehen. Sie wusste, dass ihr Artikel über die sozialen Fortschritte in einem der afghanischen Transitlager die Leser berührt, ihnen Hoffnung und Trost gespendet hatte. Darum war er auch zum Bericht des Jahres gewählt worden. Sie erlebte es immer wieder: Die tiefe Sehnsucht der Menschen nach Einigung, Lösung und Frieden war ungebrochen erhalten.

Trotzdem fühlte sie sich jetzt gerade ernüchtert und leer.

Sie hatte in dem Gespräch – oder sollte sie sagen: in dem Streit – mit Jerome ein falsches Spiel gespielt. Sie hatte ihn emotional erpresst und war sich gleichzeitig, ganz nebenbei, durch all sein kränkendes Verhalten klar geworden, dass sie es nicht mehr lang an seiner Seite aushalten würde. Es fühlte sich schmutzig an.

Zwischen den Glasflächen, auf die TV-Berichte, Börsenkurse und allerlei Datenkolonnen projiziert wurden, gaben vereinzelte matte Stellen den Blick auf den Himmel frei.

Es hatte wieder zu regnen begonnen und der Smog zog in grauen Nebelfetzen über die Stadt, wie schon seit Monaten.

Auch der Blick in das Innere des Hallenbüros machte wenig Mut. Redakteure jagten gestresst über Bodenlaufbänder, tippten nervös auf ihre Pads und diktierten in gedämpftem Tonfall Berichte über immer neue ökologische Katastrophen, den weltweiten Kampf gegen den Terror oder menschliche Dramen, die sich irgendwo an meterhohen Grenzzäunen zwischen Sicherheitstrupps und flüchtenden Massen ereignet hatten.

Es war nicht zu leugnen: Die Welt stand sozial und ökologisch am Abgrund. Mit ihr Le Monde und die Freiheit. Doch nicht nur die der Presse, sondern die jedes einzelnen Menschen.

Claire öffnete eine App und verband sich mit der Onlinereservierung des Reiseunternehmens, das zur Firmengruppe gehörte. Auf der Plattform fand sich wie üblich alles, was sie brauchte. Sie gab die Rahmenzeiten für eine sichere Flugverbindung ein, markierte die Parameter zur gewünschten Unterkunft und nach wenigen Minuten waren die Buchungen erledigt.

Schon am nächsten Abend sollte sie zumindest der Pariser Tristesse entflohen sein. Was auch immer in der Ewigen Stadt auf sie warten mochte, konnte nicht schlimmer sein als das Elend, das ihr hier auf den Straßen täglich begegnete.

Sie wollte den Berichten aus Rom nachgehen. In einem nordöstlich gelegenen Viertel der Stadt, nahe der Piazza del Popolo, sollte eine neue, intakte Völkergemeinschaft entstanden sein. Dorthin führte sie ihr Weg, um jene Menschen zu interviewen, die für den Wiederaufbau verantwortlich waren.

Vor ihrer Abreise hatte sie noch einiges zu erledigen. Der Berg von Wäsche auf ihrem Badezimmerboden war dabei das geringste Problem. Vor allem musste sie sich bei ihrem Vater verabschieden, den sie aus guten Gründen schon zwei Wochen vermieden hatte zu kontaktieren. In den letzten Tagen waren seine Nachrichten aber immer fordernder geworden und so sorgte sie sich, trotz allem, um seine Gesundheit und seinen Gemütszustand.

Sie zog das Headset aus ihrem Neopad und aktivierte einen Videocall.

Wie üblich blieb die visuelle Übertragung einseitig, da ihr Vater das Bild blockierte. Seine Stimme klang erschöpfter als sonst und obwohl er sich über ihren Anruf zu freuen schien, spürte sie, dass seine Gedanken bei anderen Themen blieben. Claire hakte nicht nach, sprach ruhig in ihr Pad und vereinbarte einen Besuch am Abend in der Villa, in der sie bei ihm aufgewachsen war.

Nach dem Telefonat öffnete sie ihren Newsground-Account. Das neue Social-Media-Netzwerk verzeichnete geradezu explodierende Userzahlen. Die Menschen zogen sich mehr und mehr in virtuelle Welten zurück. Viele Reiche hatten die Städte verlassen, um in abgeschotteten Arealen, umgeben von hohen Zäunen, zu leben. Städter setzten oft tagelang keinen Fuß vor ihre Wohnungen. Es lag auf der Hand, dass diese Netzwerke dadurch zu den wichtigsten Kontaktforen für Familien oder andere soziale Verbände zählten und die wichtigste Einkaufsquelle darstellten. Newsground war die neue Nummer eins. Vor allem, weil es sich in Sachen Datenschutz und Ethik höchsten Maßstäben verpflichtet zeigte und dieses Versprechen an seine User bislang auch hatte halten können.

Sie loggte sich auf ihrer Journalseite ein, überflog die neuesten Letters und stellte ihre News ins Netz. Sie erzählte in wenigen Worten von der bevorstehenden Reise, von ihrer Hoffnung, auch aus Rom über herausragende Leistungen der Menschlichkeit berichten zu können, und verabschiedete sich für die nächsten Wochen von ihren treuen Lesern wie üblich mit den Worten: Le Monde c’est à ceux, qu’espèrent – die Welt gehört denen, die hoffen.

Danach machte sie sich auf den Weg. Sie sah noch einmal über die Halle und für einen Moment war ihr, als würde sie zum letzten Mal den Blick über die lose befreundeten Redakteure, Journalisten und endlosen Reihen von Schreibtischen schweifen lassen. Sie schüttelte den Gedanken ab, trat aus dem ziegelroten Backsteingebäude und stand im Regen.

6

Der Kiesweg führte von den Parklauben bis hinauf zum Portal, der in französischem Neubarock erbauten Villa. Claire nahm, da sich der Regen gerade wieder beruhigt hatte, den alten Weg, den sie in den Jahren ihrer Schulzeit täglich hochgelaufen war. Sie kam an der verwitterten Steinbank vorbei, die immer noch am selben Platz stand und sie an ihre Mutter erinnerte. Es waren die frühesten Bilder aus ihrem Erinnerungsschatz und diese trug sie mit sich, behütet wie ein besonderes Kleinod.

Mit einem Taschentuch wischte sie die Steinplatte trocken, setzte sich kurz, legte die Hände in den Schoß und neigte ihren Kopf zur Seite. Wie gern hätte sie sich jetzt an die Schulter ihrer Mutter gelehnt, die hier oft auf sie gewartet hatte. Sie war der sichere Hafen gewesen, in den das damals kleine Mädchen einlaufen konnte, nachdem es, aus dem fremden Land der beginnenden Schulzeit, mit so vielen neuen Eindrücken nach Hause gekommen war.

Doch schon in Claires zweitem Schuljahr war die Mutter gestorben.

Still und ohne Aufhebens war sie durch Gift dem Leben entflohen – und hatte damit ein klaffendes Loch in Claires Seelenleben hinterlassen, das keine noch so große Bemühung des Vaters hatte füllen können.

Zudem gab Claire ihrem Vater im Stillen nach wie vor die Schuld am Selbstmord der Mutter. So schrecklich dieses Gefühl war, das sie erst viele Jahre später, in den Wirren der Pubertät, überkam, sie konnte bis heute nicht davon ablassen – seine Affären, seine Kälte und Lieblosigkeit mussten die Mutter aus dem Leben getrieben haben.

Das lag wie ein schwarzer Schatten über ihrer Beziehung. Und da sie es, ihm gegenüber, nie ausgesprochen hatte, nahm der Vater ihre distanzierte Art mit den Jahren als persönliche Kränkung und schließlich als pure Abneigung wahr. Was ja auch stimmte. Nur aus anderen Gründen, als er vermutete.

Entsprechend angespannt war ihre Beziehung über die Zeit geblieben. Mittlerweile jedoch ließ die Wahrheit sich immer schwerer verbergen und schrie und ächzte wie ein verbitterter Geist, der zeitlebens in einem dunklen Kerker eingeschlossen war und zeternd versuchte, ans Tageslicht zu kommen.

Claire atmete tief durch und musste sich wieder einmal zu den letzten Schritten Richtung Haus zwingen. Sie kam an den beiden Wachleuten vorbei, die wie üblich zum Schutz ihres Vaters abgestellt waren, und wurde an der Tür von einer fremden Haushälterin empfangen. Es war die dritte innerhalb eines Jahres. Sie stellte sich als Lucille vor, kannte Claire, wie sie erklärte, aus Fotoalben des Vaters und nahm ihr Jacke und Tasche ab, als wäre sie ein Gast und nicht die Tochter des Hauses.

Obwohl sie die alten Holzdielen, Möbel und dunklen Wandvertäfelungen wie immer penibel gereinigt vorfand, konnte sich Claire nicht des Eindrucks erwehren, der sie in den hohen Räumen seit dem Tod der Mutter verfolgte: Sie sah einen Schleier aus trockenem Staub, der sich wie ein begleichender Ton der Verwesung über alles gelegt hatte. Schon mit sechzehn war sie deshalb aus dem alten Haus entflohen und hatte den Vater überzeugt, eine Wohnung für sie zu kaufen und sie ihrem eigenen Leben zu überlassen.

Nachdem sie nun über die breite Treppe zum Arbeitszimmer ihres Vaters hochgestiegen war, blieb sie vor seinem Zimmer kurz stehen, atmete noch einmal tief durch und öffnete die schwere Holztür. Sie fand ihn wie immer, in Arbeit vertieft, hinter dem massigen Eichentisch.

„Schön, dass du da bist. Setz dich“, gab er tonlos von sich, tippte auf ein Pad und drehte sich im Schreibstuhl von ihr weg. Auf der ganzen rückseitigen Wand öffnete sich nun, flächendeckend, ein Screen. Das war neu und erinnerte sie augenblicklich an Jeromes Büro. Claire sah erstaunt auf den Schirm, der eben noch die stabile Wand samt historischen Familiengemälden und Holzornamenten gezeigt hatte. Nun hob sich eine riesige Landkarte im Relief davon ab. Es zeigte die Straße von Gibraltar, so viel konnte Claire erkennen, und offensichtlich bevorstehende Truppenbewegungen und Einsatzoptionen. Als Staatssekretär des Verteidigungsministeriums war ihr Vater, François Boulanger, oft mit taktischen Maßnahmen diverser Militäroperationen befasst und hatte nicht selten entsprechend schwerwiegende Entscheidungen zu fällen.

Claire schweifte mit dem Blick über den Rest des Raumes. Hier war alles beim Alten. Sie ging ein paar Schritte über die Perserteppiche, die den krachenden Parkettboden bedeckten, und streifte mit der Hand den Kaminsims entlang. Im Kamin flackerte lautlos und kalt ein virtuelles Feuer. Auf dem Sims reihten sich Rahmen mit Fotos aneinander, die ihren Vater, lächelnd und Hände schüttelnd, mit Prominenten der Weltöffentlichkeit zeigten. Bis hin zu diversen Staatspräsidenten reichten seine Männerfreundschaften.

Unter den Fotos befanden sich auch welche aus den ersten Jahren nach dem Tod der Mutter, als Claire sich in seiner Nähe noch geborgen gefühlt hatte und ihn während der Ferienzeiten oft auf Reisen hatte begleiten dürfen.

Fotos der Mutter, oder gar aus einer gemeinsamen glücklichen Zeit als junges Ehepaar, fanden sich keine.

Claire wollte sich eben wieder dem Vater zuwenden, als ihr in der zweiten Reihe ein vergilbtes Bild auffiel, das sie glaubte, noch nie zuvor gesehen zu haben. Durch die anderen Rahmen kam es nur einen Spalt breit zum Vorschein. Wahrscheinlich hatte die neue Haushälterin sie beim Abstauben verrückt.

Sie griff danach und blickte erstaunt auf ihren Vater als jungen Mann, lachend, in Hippiekleidung, mit einer bildhübschen, fremden Frau im Arm und einem ebenso jungen Mann auf der anderen Seite, der ihm irgendwie ähnlich sah. Im Hintergrund waren Klippen und das Meer zu erkennen.

„Stell das zurück.“

„Wer sind die beiden?“

„Stell es zurück.“ Sein Tonfall machte klar, dass sie es dabei belassen sollte.

Claire reihte das Bild wieder ein und rückte die Rahmen zurecht, die sie ihr Vater in Kindertagen so oft aufgefordert hatte, nicht anzufassen. Sie wandte sich ihm zu.

Immer wieder schauderte ihr vor dem um Jahrzehnte jüngeren Aussehen des Mannes, dessen kosmetische Operationen keine sichtbaren Narben hinterlassen hatten. Trotzdem verrieten Körperhaltung und die gebrochene Stimme das wahre Alter des weit über Siebzigjährigen.

„Was kann ich für dich tun?“ Es klang, als hätte sie einen Termin bei einem Arzt. Er wies auf einen freien Sessel vor dem Schreibtisch.

„Ich werde einige Tage weg sein.“ Sie setzte sich. „Wollte mich nur von dir verabschieden.“

„Wird keinen großen Unterschied machen. Du besuchst mich auch nicht, wenn du in der Stadt bist.“

Claire wollte einwenden, dass sie erst vor zwei Wochen mit ihm zu Mittag gegessen hatte.

„Wohin geht die Reise?“

„Interessiert es dich?“

„Würde ich sonst fragen?“

Ja, würdest du. Nur um Kommunikation zu machen.

„Nach Rom.“

Ihr Vater horchte auf.

„Rom?!“

„Recherchen, für meine Kolumne. Es gibt Berichte, wonach …“ „Diese Rebellengeschichte?“ Sein Tonfall machte deutlich, was er davon hielt. „Das kommt gar nicht in Frage.“ Er tippte ein weiteres Mal auf sein Pad und hinter ihm erschien eine andere Landkarte, die Südeuropa, Nordafrika und den Nahen Osten zeigte.

Claire wollte etwas erwidern, war aber von den zahlreichen pulsierenden, roten Flecken auf der Karte abgelenkt.

„Siehst du das?“ Er deutete in Richtung Mittelitalien. „Die Krisenherde sind überall. Die Flüchtlingsströme werden weniger, doch immer noch spülen sie Schläfer und neue Terrorzellen nach Europa. Je dunkler das Rot, desto mehr Blut wird vergossen. Wenn du so willst.“

Claire starrte auf den dunkelroten Fleck, der über Rom lag.

„Das ändert nichts an meiner Entscheidung.“

„Ich habe schon gesagt, dass ich das nicht erlaube.“

„Vater, ich bin dreißig. Du hast mir gar nichts zu erlauben. Ich treffe meine eigenen …“

„Dann werde ich mit Jerome sprechen. Er ist mir noch einen Gefallen schuldig. Wollte er nächste Woche nicht euer Verhältnis öffentlich machen? Zeit wäre es.“

Die beiden hatten also miteinander gesprochen. Jerome war zudem einer der Wenigen, der um die Verwandtschaft zwischen ihrem Vater und ihr wusste. Sie wollte stets vermeiden, dieser familiären Beziehungen wegen bevorzugt behandelt zu werden. Und dem Vater war es ebenso recht, dass die junge, linke Journalistin, die mitunter lauthals gegen das Militär wetterte, nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte.

„Lass Jerome aus dem Spiel!“

„Spiel?!“ Ihr Vater stand auf und beugte sich über den Schreibtisch. „Genau das ist es für dich, nicht wahr?! Das spiegelt deinen ganzen infantilen Gemütszustand wider! Ein verträumtes Kind, das der Realität entflieht und seine Zeit mit Pseudojournalismus verschwendet! Dafür habe ich dich nicht an der Sorbonne studieren lassen!“

Nun erhob sich auch Claire. Doch wie immer, wenn ihr Vater sie mit seinen Angriffen ins Herz traf, versickerten die Worte in ihrem Kopf, bevor sie die Lippen erreichten.

„Ich werde nicht zulassen, dass ich auch noch die dritte Frau“, er korrigierte sich, „die zweite Frau in meinem Leben an Hirngespinste verliere! Du bleibst hier! Und wenn ich die Staatssicherheit einschalten muss! Das ist mein letztes Wort!“

Claire war zu gekränkt und außer sich, um den wirren Versprecher zu bemerken. Sie spürte, wie nun der verbitterte Geist der alten Wahrheit aus seinem Kerker hervorbrach. Sie kämpfte dagegen an, doch der aufgestaute Zorn bahnte ihm den Weg und bevor sie es verhindern konnte, schrie sie ihrem Vater ins Gesicht:

„Für deren Tod du allein die Verantwortung trägst!“

Nun war am Licht, was ihr ihm gegenüber so viele Jahre die Kehle zugeschnürt hatte.

Im selben Moment bereute sie es zutiefst.

Wie in Zeitlupe sank der alte Mann auf seinen Sessel und starrte mit leeren Augen vor sich hin.

Die Stille im Raum hallte ohrenbetäubend.

Sekunden verstrichen.

„Das ist es also“, sagte er schließlich mit gebrochener Stimme. „Geh. Aus meinen Augen. Lauf in dein Verderben.“ Er schüttelte den Kopf. „Wie deine Mutter.“

Claire konnte sich nicht rühren. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie wollte etwas erwidern, wollte sich entschuldigen, doch bevor sie dazu kam, wies der Vater mit einer energischen Geste Richtung Tür.

Claire löste sich aus der Erstarrung, ging zur Tür und als sie noch einmal über ihre Schulter blickte, sah sie den alten Mann bereits wieder dem Einsatzplan um Gibraltar zugewandt. Bewegungslos blickte er auf das virtuelle Relief, gab einen Befehlscode ein und setzte damit ein Szenario in Gang, das dem Terror einmal mehr die Gewalt europäischer Einsatztruppen entgegenstellte. Auge um Auge. Als wäre kein Tag vergangen. Leise verließ Claire das Zimmer, in das sie so bald nicht wieder würde zurückkehren sollen.

Sie trat aus dem Haus, blieb unter dem Portalbalkon stehen und blinzelte in die Nacht.

Durch die weißen Strahlen der Scheinwerfer, die das Anwesen beleuchteten, schnitt dichter Regen, wie scharfe Klingen ein Blatt Papier.

Sie ging weiter. Die harten Tropfen schlugen ihr ins Gesicht und vermochten nicht die Tränen wegzuschwemmen, die nun aus ihren Augen schossen – einer tiefen Quelle entspringend, die zu lange versiegelt geblieben war.

7

Claire blickte dem jungen Mann nach, der wie ein schwarzer Engel in der Nacht verschwunden war. Es war still auf dem Platz. Der Wind streifte lautlos über ihre Wangen und als sie sich dem kleinen, toten Körper näherte, war ihr, als hätte sie den kupfernen Geschmack des Blutes im Mund, das sich in einer Lache um den Kopf des Mädchens ausgebreitet hatte. Sie wandte sich zitternd ab und sah wieder dem jungen Mann nach.

Nach der Ankunft in Rom, am frühen Abend, hatte sie ihre Pension aufgesucht und war, da ihr der Besitzer versichert hatte, dass in diesem Viertel keinerlei Gefahr drohte, noch zu einem kurzen Erkundungsgang aufgebrochen. In dem Moment, als der Bauer auf das kleine Mädchen eingeschlagen hatte, war sie um eine Ecke getreten und hatte unter Schock das weitere Geschehen beobachtet.

Sie hatte gesehen, wie der junge Mann zu dem Mädchen gelaufen war, sie aufgenommen und geborgen hatte und schließlich, mit einem seltsam leuchtenden, gelösten Gesicht, in den Himmel gelächelt hatte. Wäre sie nur wenige Sekunden später auf den Platz getreten, sie hätte bestimmt angenommen, auf einen Geisteskranken gestoßen zu sein. So aber hatte er einen Eindruck in Claire hinterlassen, den sie nicht zuordnen konnte, da es sich mit nichts, was sie bislang erlebt hatte, vergleichen ließ.

Als würde sie etwas zu ihm ziehen, setzte sie sich nun in Bewegung und lief dem Mann hinterher.

Die Nacht war warm und schon nach wenigen Metern spürte Claire einen Schweißfilm auf der Haut. Der Himmel leuchtete zwischen den Häuserfronten herab, weder Smog noch die Lichtkuppel einer Großstadt trübten das klare Licht der Sterne. Sie lief über eine Treppe, folgte dem geraden Weg zu ein paar weiteren Stufen, dann durch eine Gasse, die sich jedoch bald darauf teilte. Der junge Mann war nirgendwo zu entdecken. Sie musste sich entscheiden, blickte in die eine, dann in die andere Richtung und für einen kurzen Moment glimmte am Ende der einen Gassen etwas auf – als hätte ein mystisches Wesen einen Lichtschweif hinter sich hergezogen, der gerade noch sichtbar war.

Claire blinzelte die optische Täuschung weg, folgte aber dem flüchtigen Eindruck und lief in diese Richtung weiter. Beinahe wäre sie an der nächsten Nebengasse vorbeigelaufen, hätte sie nicht ein weiterer, schemenhafter Eindruck im Augenwinkel gestoppt. Sie spähte vorsichtig um die Ecke und sah den Schatten des Mannes vorne im Dunkel verschwinden. Sie rannte ihm, so leise wie möglich, weiter hinterher.

Ohne zu wissen, warum, wollte sie nicht von ihm entdeckt werden.

Kurz darauf stieß sie auf einen kleinen Platz, blieb jedoch, bevor sie ihn betrat, im Dunkel der Gasse stehen. Auf der gegenüberliegenden Seite legte der Mann gerade die letzten Schritte über den Platz zurück.

Claire beobachtete fasziniert, wie der weiche Stoff des Mantels über den athletischen Körper floss. Sie wartete eine Sekunde, bis er wieder im Dunkeln verschwunden war, und folgte ihm. Plötzlich war er da. Keine zwanzig Meter entfernt und kam mit großen Schritten auf sie zu. Claire erschrak und ihre Hand schnellte vor den Mund, um den Schreckenslaut abzufangen. Mit etwas Abstand blieb er direkt gegenüber stehen. Sie sahen einander in die Augen.

Der junge Mann blickte sie gelassen an.

Langsam löste sich Claires Hand von ihrem Mund. Sie neigte den Kopf zur Seite und ohne dass sie wusste, woher, stieg ein Lächeln in ihr hoch und lief über ihre Augen, ihre Mundwinkel und Wangen und einen kleinen seligen Augenblick lang fiel ihr Herz aus dem Rhythmus. Der junge Mann spürte diesen Puls. Fühlte, wie, nur einen Schlag versetzt, sein Herz nun in ihren Rhythmus einstimmte.

Die Seelen begannen ihr Gespräch.

„Bonjour“, sagte er mit sanfter Stimme, dem Impuls folgend, es mit Französisch zu versuchen.

„Bonjour“, hauchte Claire erstaunt, „woher …?“ Die Stimme versagte ihr. Sie musste schlucken. „Warum …?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wer sind Sie?“

Er kam auf sie zu und sah sie weiterhin gelassen an.

„Ajan. Mein Name ist Ajan.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Und Ihrer?“

„Claire“, erwiderte sie langsam und legte ihre Hand in seine. Was für unglaubliche Hände. Er stand nun ganz nah vor ihr und noch immer konnte sie ihren Blick nicht von ihm lösen.

Er nickte.

Reiß dich zusammen!

Sie zog ihre Hand zurück.

„Und? Was machen wir jetzt?“, fragte sie, erstaunt über sich selbst.

„Ich weiß nicht. Worauf hätten Sie Lust?“

„Also“, sie fühlte sich unsicher. „Ich weiß nicht. Sie sind doch der Mann. Schlagen Sie was vor.“

„Ich bin der Mann, ja. Und Sie sind die Frau. Täusche ich mich oder hindert Sie das auch sonst nicht daran, zu sagen, was Sie wollen?“

„Sie haben recht. Natürlich. Es ist nur“, sie rang um Fassung, „ich bin erst heute hier angekommen und alles ist, all die Tage schon waren, sehr seltsam.“ Erst jetzt dachte sie wieder mit Schrecken an die Szene, deretwegen sie ihn verfolgt hatte.

„Ich habe Sie beobachtet, vorhin. Auf dem Platz, mit dem toten Mädchen. Das war sehr, wie soll ich sagen, schockierend, verstörend.“

„Ich weiß.“

„Haben Sie mich gesehen?“

„Nein, aber gespürt.“

Eine Pause entstand. Claire wich ein kleines Stück zurück.

„Sie haben sich äußerst seltsam verhalten. Hätten Sie nicht die Polizei verständigen sollen, Alarm schlagen?“

„Wem hätte das genützt?“

Claire stutzte.

„Sie haben sich benommen, verzeihen Sie, wie ein Verrückter.“

„Ver-rückt? Ja, das bin ich manchmal. Gewissermaßen.“

„Muss ich mich fürchten vor Ihnen?“

„Schließen Sie Ihre Augen.“

„Was?!“

„Nur ganz kurz. Vertrauen Sie mir, nur ganz kurz. Schließen Sie die Augen. Und legen Sie Ihre Hände in meine.“

Ich begehe den größten Fehler meines Lebens. Ihr Vater schoss ihr durch den Kopf. Trotzdem folgte sie der Aufforderung des Mannes mit dem seltsamen Namen und den seltsamen Händen.

„Und nun richten Sie Ihre Aufmerksamkeit in Ihr Inneres. Spüren Sie Ihrem Seelenfeld nach. Sagt Ihnen der Begriff etwas? Seelenfeld?“

Doch ein Verrückter. Claire nickte zaghaft.

„Gut.“ Ajan lächelte. „Dann fühlen Sie tiefer als Ihre Angst gerade reicht, tiefer, als sich die Zweifel in Ihrer Fantasie regen. Erfassen Sie hinter Gefühlen und Gedanken das Feld Ihrer Energie. Was tut es?“

„Es ist …“, Claire musste der hypnotischen Stimme folgen, ob sie wollte oder nicht. Doch die Furcht war da und wurde von der absurden Situation noch verstärkt. „Es fällt mir schwer.“

„Akzeptieren Sie es.“

„Bitte?“

„Akzeptieren Sie, dass es schwerfällt, und fahren Sie einfach fort. Was tut die Energie Ihres Feldes? Was sehen Sie? Welche Bewegung nehmen Sie wahr?“ Seine Stimme wurde nun noch tiefer.

„Es ist …“

„Ja?“, brummte er.

Plötzlich spürte Claire, wie sie, durch einen schmalen Spalt hindurch, ein zarter Sog mit sich nahm.

„Es ist ganz ruhig da“, entdeckte sie wenige Augenblicke später. „Da ist etwas, ein Wasser, wie ein Wasser, dunkel und weit und es bewegt sich in sanften Wellen und es ist, es ist, irgendwie glücklich. Und ganz still. Kein Gefühl. Mehr eine Ahnung. Oder ein Wissen.“

„Gut. Du machst das sehr gut. So schnell gelingt es beim ersten Mal selten.“

Eine kleine Weile stand sie ganz versunken da und gab sich den seligen Eindrücken hin.

Dann öffnete sie ihre Augen und blickte ihn, noch halb abwesend, an.

Er lächelte zufrieden, kam so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte, und fragte: „Also: Musst du dich fürchten vor mir?“

Etwas verlegen erwiderte sie sein Lächeln und tauchte langsam wieder aus dem seligen Zustand auf. Sie spürte seine Nähe, erinnerte sich an die Zweifel, die sie eben noch gehegt hatte, doch blieben ihre Gedanken und Gefühle seltsam ruhig.

„Nein. Ich denke nicht.“

Er ließ ihre Hände los.

„Wie wär’s dann jetzt mit einem Drink? Da vorn ist ein Lokal, das hat noch offen.“

8

Der Mond hatte sich mittlerweile unter die Sterne gedrängt und manche von ihnen strahlten jetzt zurückhaltender, als empfänden sie Demut vor dem großen Anführer der Gezeiten.

Claire sah zu ihm hoch, in das ewig der Erde zugeneigte Gesicht, und alles, dieser Mond, die Nacht, der Mann an ihrer Seite und selbst der Geschmack des kühlen Rotweins, von dem sie eben getrunken hatte, erschien ihr unwirklich.

Der kurze Blick in ihr inneres Feld hatte sie mit sich genommen. Noch immer verharrte ein Teil ihrer Selbst dort in der Tiefe des stillen Wassers und ließ sie schweben, trug sie zugleich, hielt sie umfangen, während ihr schien, als hätten alle Farben an Kraft, alle Konturen an Schärfe gewonnen.

Ajan saß ruhig neben ihr und beobachtete sie, ihr strahlendes Äußeres, wie auch das Leuchten ihres Feldes. Mit seiner kurzen Anleitung hatte er instinktiv schon begonnen, sie den Prüfungen zu unterziehen. Und dass sie so schnell den Kontakt zu ihrem Feld herstellen konnte, bestätigte seinen ersten Eindruck, als er sie noch am Platz, mit dem sterbenden Mädchen im Arm, im Dunkel hinter sich wahrgenommen hatte.

„Wir nennen es seelen.“ Claire blickte ihn fragend an und er erklärte: „Den Vorgang, sich bewusst an das eigene Energiefeld anzubinden und diese Verbindung aufrecht zu halten, so lange man will. Das nennen wir seelen.“

Sie wurde wieder unruhig: „Kommst du von einem anderen Stern?“

„Es klingt seltsam, ich weiß.“ Ajan streifte sich eine dunkle Strähne aus der Stirn. „Aber nur, weil du das Wort in dieser Form nicht kennst. Wenn du damit aufgewachsen wärst, wie ich, dann wäre es ganz selbstverständlich. Ich habe das lange nicht begriffen. Erst als mich auf meinen Reisen die Menschen, denen ich von Share erzählt hatte, mit demselben Blick angesehen haben wie du jetzt.“

Share? In welchen Film bin ich denn hier geraten?

„Also, der Reihe nach.“ Er rückte seinen Stuhl zurecht, so, dass er ihr direkt gegenübersaß. Die Straßentische des kleinen Lokals waren beinahe leer. Nur etwas abseits saß noch ein anderes junges Paar, das in Küssen und Liebkosungen versunken war.

„Share ist meine Heimatinsel. Sie liegt im Atlantik. Ihr ursprünglicher Name lautet“, er zögerte, „nun, das ist nicht so wichtig. Meine Eltern und die anderen Gründer der Kolonie haben sie jedenfalls Share getauft. Wohl, weil es von Anfang an geplant war, eine Gemeinschaft zu etablieren, die auf dem Teilen von Gütern wie auch dem Teilen von Sorgen, Nöten oder Freude und Glück beruhte. Darum der Name.“

„Und dort bist du aufgewachsen?“

„Ja. Und da lebe ich bis heute. Außer, wenn ich auf einer meiner Reisen bin.“ Er vermied es, Claire gleich noch mit einem weiteren neuen Begriff zu verunsichern, und ließ darum unerwähnt, dass er einer der Seeker von Share war.

„Und wo liegt diese Insel?“

„Wie gesagt, im Atlantik?“

„Aber wo genau da?“

Ajan blickte sie prüfend an.

„Welchen Beruf hast du?“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

„Sag mir erst deinen Beruf.“

Wohin führt das? Und wer, um Gottes Willen, ist dieser Mann? Und was ist er?

„Ich bin Journalistin.“

„Dacht ich’s mir doch.“ Ajan schmunzelte.

„Warum?“ Claire war irritiert.

„Deine Fragen, deine Zweifel, dein legeres Äußeres, diese Kakihose mit den Seitentaschen und der Einsatzweste – das perfekte Bild einer Journalistin.“

Claire fühlte sich angegriffen.

„Und du? Was soll dieser bodenlange Mantel? Sieht nach irgendeiner Space Odyssey aus.“

„Dann passt es ja. Du bist eine Journalistin, wahrscheinlich auf Recherche für eine neue, weltbewegende Story und ich“, sagte er pathetisch, „reise durch Raum und Zeit und suche nach den letzten Rittern der Menschlichkeit.“

Claire horchte auf. Hat er das eben wirklich gesagt?

Er grinste so spitzbübisch, dass sie auflachen musste, und für eine Sekunde war ihr plötzlich, als würde sie diesen Mann schon ewig kennen. Die unvermittelte Nähe, die sie zu ihm empfand, irritierte sie. Prompt schalteten sich ihre Zweifel ein. Sie sah ihn kritisch an, schüttelte kaum sichtbar den Kopf und bekam es mit der Angst zu tun. Doch etwas in ihr sagte, dass sie zur rechten Zeit am rechten Ort war. Unbedingt und ganz ohne Zweifel.

„Also, von vorn“, begann sie. „Was seelen bedeutet, habe ich ansatzweise verstanden. Erzähl mir mehr von der Insel.“

„Share ist wundervoll. Es gibt Steilküsten und Sandstrände, erloschene Vulkane, Kraterseen, Lorbeerwälder, bezaubernde Blumenhaine und auf den Feldern bauen wir allerlei Sorten von Gemüse und Früchten an. Die Fischgründe sind voll und die kleinen Kraftwerke an den Wasserfällen liefern mehr Strom, als wir verbrauchen können. Wir sind unabhängig und frei.“

„Klingt wie das reinste Paradies.“

„Das ist es.“ Seine Stimmung veränderte sich unmerklich.

„Wir nennen sie auch die Kolonie des Glücks.“

„Und warum bist du dann plötzlich traurig?“

Er sah zu ihr und studierte sie einen Moment lang. „Wie kommst du darauf?“

„Bitte?“

„Nichts verrät, dass ich traurig bin.“

Claire dachte kurz nach und sagte:

„Ich weiß nicht. Du hast Kolonie des Glücks gesagt und das hat mich irgendwie traurig gemacht. Doch ich bin gar nicht traurig. Verunsichert vielleicht und tausend Fragen sind in meinem Kopf, aber nicht traurig. Also habe ich angenommen, es kommt von dir.“

„Ist das bei dir oft so? Kannst du fühlen, was andere fühlen?“ „Manchmal, ja.“ Doch es war ihr bislang nie als etwas Besonderes erschienen. Sie blickte die Straße entlang, die sich weiter vorn unter den wenigen Gaslaternen im Dunklen verlor.

Ajan lächelte. Es würde kaum noch weitere Prüfungen brauchen. Er veränderte seinen Blick, seelte in sein Feld, verband sich mit ihrem und harrte für einen Augenblick der Bilder, die in seinem Inneren aufziehen mochten. Kurz darauf sah er es. Er erkannte sie wieder. Sie war schon lange Teil seines Feldes. In rascher Abfolge rauschten traumartige Erinnerungen vor seinem geistigen Auge vorbei, gingen in Visionen über und blieben am Ende in einem Tal voll beschaulicher buntbemalter Holzhäuser, umgeben von schneebedeckten Bergen stehen. Eine mögliche Zukunft, ein Strang, der zur Wirklichkeit werden konnte.

Doch bis dahin lag noch viel Unabsehbares vor ihnen.

„Also“, Claire wandte sich ihm wieder zu, „warum bist du traurig?“ Ajan ließ die Bilder in seinem Inneren verklingen, sah sich kurz um, atmete tief ein, um die Gerüche der Nacht aufzunehmen, und kramte Tabak und Zigarettenpapier aus einem Mantel.

„Du rauchst? Wer raucht heutzutage noch?“

„Die Dosis macht die Medizin. Oder das Gift.“ Er schmunzelte. „Manchmal ist es gut zu rauchen. Es holt uns auf die Erde zurück. Verbindet uns mit ihr. Willst du eine?“

„Ich habe es nie probiert. Lieber nicht.“

„Stört es dich?“

„Nein. Eigentlich mag ich den Geruch. Meine Mutter hat manchmal geraucht. Als sie noch gelebt hat.“

„Das tut mir leid.“

„Muss es nicht. Ist schon lange her.“ Claire wollte sich nicht an die letzten Stunden in Paris mit ihrem Vater erinnern. „Du bist mir noch eine Antwort schuldig, nein, du bist mir tausend Antworten schuldig.“

„Weil wir aussterben.“ Der Nachhall des Wortes lag augenblicklich wie ein schwarzer Schatten über ihm. Ernst drehte er seine Zigarette, zündete sie an und begann zu erzählen: „Die Alten, die Gründer der Kolonie, haben eine perfekte Gesellschaft aufgebaut. Das war vor vielen Jahrzehnten. Freie Meinung, freie Religion, freie Liebe – das waren die Schlagwörter, an denen sie sich damals orientierten. Sie waren alle Hippies, Auswanderer aus der halben Welt, die sich auf den Kanarischen und anderen Inseln und Orten zusammengefunden hatten. Nach einigen Jahren jedoch waren ihre Strandgesänge verklungen, die Drogennebel verraucht und die Blumen in den Haaren verwelkt. Die meisten kehrten in ihre alten Leben zurück, gründeten Familien und gliederten sich wieder in die Gesellschaft ihrer Heimatländer ein. Doch einige von ihnen wagten etwas Neues: Sie besorgten sich Schiffe und brachen auf, um irgendwo im Atlantik eine unbekannte, unbesiedelte Insel zu suchen. Nach vielen Tagen auf dem offenen Meer tauchte sie schließlich am Horizont auf. Ihre neue Heimat, die sie Share tauften.“ Während seiner Erzählung hatte er immer wieder an der Zigarette gezogen und leerte nun mit einem kräftigen Schluck sein Weinglas.

Claire fragte: „Soll ich uns noch etwas bestellen?“

„Nicht für mich. Danke. Eine kleine Dosis genügt.“ Er lächelte. „Und es ist schon spät.“

Sie wurde unruhig und wollte unbedingt noch mehr erfahren; verhieß seine Geschichte doch den besten Stoff für einen neuen Artikel und er selbst eine Zukunft, jenseits aller Erfahrungen, die sie bislang gemacht hatte.

„Du willst alles wissen, nicht wahr, Claire?“ Als er sie zum ersten Mal mit ihrem Namen ansprach, spürte sie einen wohligen Schauer über ihren Rücken laufen. „Deine Aufmerksamkeit und deine Energie verraten mir, dass es dich hinzieht nach Share und zu mir.“

„Kann es sein, dass du, außer Gefühlen, noch mehr von dem wahrnimmst, was in anderen Menschen vorgeht?“

„Darauf wurden wir von Kindheit an geschult. Die Gründer haben nicht nur eine intakte soziale Gemeinschaft aufgebaut. Philosophen, Künstler und Lehrer waren unter ihnen. Sie haben von Beginn an geforscht und sich bemüht, Menschen aus uns zu machen, die dem Leben und einander dienen. Dabei haben sie erstaunliche Dinge entdeckt und Ausbildungsstätten für alle Fähigkeiten errichtet, die Menschen in sich tragen.“

„Aber warum sterbt ihr dann aus?“ Claire konnte jetzt nicht lockerlassen. Ajan sah traurig in den Himmel.

„Weil die Gründer alles so perfekt arrangiert haben, dass die Gemeinschaft und ihre Lehren bis heute vor der Öffentlichkeit verborgen blieben. Share taucht zwar auf allen Landkarten der Welt auf, sie trägt auch einen offiziellen Namen, doch gilt das Herz der Insel, auf dem unsere Siedlung errichtet wurde, in der Außenwelt nach wie vor als unbewohnt und unbewohnbar. Und die Alten haben noch dazu mit allen erdenklichen Mitteln dafür gesorgt, dass es so bleibt. Auch wenn die Jungen schon lange darauf bestehen, dass man sich öffnen und den Zugang zur Kolonie erlauben müsste, um das neue Wissen zu verbreiten: Die Alten erlauben es nicht. Trotz all ihrer Weisheit fürchten sie, ihr Paradies zu verlieren, und bestehen darum auf Geheimhaltung. Ich musste sogar nach Programmierern suchen, die sich uns anschlossen, um alles aus dem Netz zu löschen und vor der Weltöffentlichkeit zu verschleiern, was an Berichten bis dorthin vorgedrungen war. In über fünf Jahrzehnten sind grade mal ein paar Handvoll Menschen von selbst, über die verschlungenen Wanderwege, bis zu uns vorgestoßen.“

„Du musstest sie suchen?“

„Das ist meine Aufgabe, Claire. Ich bin einer der wenigen Seeker. Da meine Fähigkeit, die Energiefelder anderer Menschen zu lesen, sehr hoch entwickelt ist. Wir alle auf Share erfüllen die Aufgaben entsprechend unseren Gaben und den Beruf, in dessen Dienst wir gerufen sind. Darum reisen wir Seeker durch die Welt und suchen nach Menschen für Share, deren Herzen und Seelen stark und tief sind und deren Glaube und Hoffnung ungebrochen in die Zukunft reichen. Und denen die Gabe der Liebe zu eigen ist.“

Claire wollte auf das Lesen der Energiefelder eingehen, doch blieb sie an seinen letzten Worten hängen:

„Ist Liebe denn eine Gabe?“

„Nicht im eigentlichen Sinn. Doch manche Menschen tragen sie in sich, wie ein mächtiges Kraftwerk, das bei der Geburt seinen Dienst aufnimmt und sie unablässig damit versorgt, ganz egal, was das Leben für sie bereithält. Und in anderen strömt sie von Beginn an als schmaler Fluss, der aus einer schwachen Quelle gespeist wird. Es kommt auf das Feld an, das sich mit jedem Neugeborenen verdichtet, wonach es sucht, was es mitbringt, was es zu erschaffen hat. “

„Das klingt alles so unwirklich. Seeker, die Energiefelder anderer Menschen lesen. Berufe und Aufgaben, die man angelegten Gaben nach erfüllt. Felder, die sich verdichten. Als wäre es real, als hättet ihr all das tatsächlich durchschaut?!“

Ihre Verunsicherung war nicht zu übersehen und Ajan fragte sich kurz, wie weit ihre Furcht gehen würde. Daran entschied sich nicht selten, ob mögliche Kandidaten zu einem Leben auf Share bereit wären. Er musste abwarten und verfolgen, wohin ihre nächsten Schritte sie führen würden. Doch dabei durfte er sie nicht beeinflussen. Auch wenn er sich insgeheim wünschte, Claire würde sich am besten schon morgen dafür entscheiden, ihn zu begleiten.

„Für die jungen Sharer war es immer ganz real“, bemühte er sich um eine sachliche Erklärung. „Wir erlernen die menschlichen Fertigkeiten von Kindheit an und vor jedem anderen Wissen: zum Beispiel unsere Gefühle zu steuern – das Drüsen, wie wir es nennen –, oder die Sprache des Körpers, die vielen Wesenszüge des Charakters, dann geistige Fähigkeiten, Techniken, um uns zu fokussieren, zu lernen oder schöpferisch tätig zu sein, unsere Stimme zu stärken und sie gekonnt zu benutzen, uns in vielen Sprachen auszudrücken, Gespräche zu führen oder Reden zu halten. Und später dann noch eine Reihe anderer, höherer Fähigkeiten, die mit dem Seelen einhergehen, wie Gedanken oder Gefühle lesen oder hellsichtig sein. Erst ab dem zehnten Lebensjahr wird der Lehrplan durch einzelne Wissensfächer ergänzt. Die Grundfertigkeiten des Schreibens, Lesens und Rechnens werden natürlich auch von Kindheit an geschult, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt und werden eher nebenbei, als Selbstverständlichkeit, absolviert. Bis zum zwölften Lebensjahr hat jeder unserer jungen Sharer ausreichend Zeit gefunden, um seine Interessen, Anlagen und Begabungen dadurch genau kennenzulernen. Mit all dem wachsen wir auf.“ Er überlegte kurz und sagte dann abschließend: „Für uns ist es nicht anders, als ein Brot zu brechen oder einen Stein aufzuheben.“

Claire konnte nicht umhin: Dieser Mann wurde ihr mit jedem Wort unheimlicher. Zugleich jedoch fühlte sie sich auch immer stärker zu ihm hingezogen.

Das junge Paar, das an einem der Tische hinter ihnen gesessen war, hatte sich mittlerweile schon lange auf den Weg gemacht. Die Kellner räumten die Tische ab, begannen sie an der Wand vor dem Lokal zu stapeln und die Stühle mit Ketten zu sichern. Einer der Kellner brachte die Rechnung zu ihnen an den Tisch und während Ajan diese beglich – nicht ohne zuvor Claires Zustimmung eingeholt zu haben –, spürte sie einen Moment ihren Empfindungen nach. Sie nahm eine gewisse Erleichterung wahr, dass ihr Gespräch sich nun langsam doch dem Ende zuneigen würde. Sie brauchte Zeit, um all das zu verdauen. Auch wenn sie fühlte, dass sie nicht gern von Ajans Seite weichen wollte.

„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte sie unsicher.

„Das hängt ganz von dir ab.“

„Nur von mir? Interessiert es dich denn nicht?“ Ich mache mir zu viele Hoffnungen.

Ajan musste achtgeben, sie nicht weiter am zarten Band der Liebe, das sich zwischen ihnen gesponnen hatte, an sich zu ziehen oder gar zu binden. Nur aus der Anbindung an das eigene Feld, das jenseits von Sehnsüchten, Wünschen und Hoffnungen lag, konnte man erkennen, welcher der möglichen, nächsten Schritte der richtige war. Er durfte jetzt keinen Fehler machen, musste abweisender sein, als ihm lieb war.

„Es liegt allein bei dir, da es um dein Leben geht. Solltest du erwägen, mich auf die Insel zu begleiten, zieht das viele Konsequenzen nach sich. Wer auch immer Zeit in der Kolonie verbringt, will nicht mehr von dort weg. Und man muss sich zur Geheimhaltung verpflichten, um unsere Gemeinschaft nach besten Kräften zu schützen. Es würde dein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Und das darf nicht davon abhängen, ob auch ich mir wünsche, dass du an meiner Seite gehst.“

„Tust du es denn?“

Er blickte sie unverwandt an und schwieg.

Etwas resigniert sagte sie:

„Das geht mir alles viel zu schnell.“

„Das verstehe ich. Darum trennen wir uns jetzt.“ Claire wollte widersprechen, doch er setzte nach: „Und du musst ohnehin noch die letzte Prüfung bestehen.“

„Was heißt das nun wieder? Hast du mich denn geprüft? Wenn ja, ist mir nichts davon aufgefallen.“ Sie sah ihn beinah erschrocken an. „War denn unser ganzes Gespräch nur eine Prüfung?“ Sie fühlte sich gekränkt.

„Ja und nein. Darüber musst du dir selbst klar werden. Wie auch immer, ich muss jetzt gehen.“ Er hatte sich schon erhoben, war zwei Schritte auf die Straße getreten und blickte nun zögernd in den Himmel. Ohne sie anzusehen, sagte er:

„Bis morgen Abend werden drei Zufälle dir den Weg weisen und deine Entscheidung beeinflussen. Der dritte davon wird sein, dass wir beide uns irgendwo in der Stadt wieder begegnen.“

„Drei Zufälle?“

Er wandte sich ihr zu. „Zeichen, Fügungen, synchrone Ereignisse des Schicksals, nenn es, wie du willst.“

„Und weiter?“

„Nichts weiter. Bis dahin wirst du alles wissen. Und vor allem, ob du mich tatsächlich begleiten willst. In ein neues Leben.“ Er kam etwas näher, hob ein wenig die Hand, als wollte er ihr über die Wange streichen, unterließ es aber, lächelte kurz und verschwand mit zügigen Schritten in der Nacht.

Claire konnte sich lange kaum rühren. Seltsam verzaubert saß sie auf ihrem Sessel und blickte zu den Sternen hoch.

Einer der Kellner hatte ihr, bevor er die letzten Lichter gelöscht hatte, gedeutet, dass sie noch eine Weile bleiben könnte. Dann war auch er verschwunden.

Nun war sie ganz allein in der dunklen Straße, mitten in der fremden Stadt, die, den Worten ihres Vaters nach, zu den gefährlichsten Krisenherden der Welt zählte.

Paris schien ihr weiter entfernt denn je, die Gespräche am Vortag, mit den beiden Männern in ihrem Leben, eine Ewigkeit her.

Sie spürte dem lauen Wind nach, der durch die Nacht zog und an Ajans Stelle über ihre Wangen strich.

Sie wartete. Darauf, dass ihr Verstand Alarm schlug oder sich Angst einstellen würde.

Doch das geschah nicht. Obwohl sie nichts von all dem, womit das Schicksal sie an diesem Abend konfrontiert hatte, zuordnen konnte – angefangen beim Tod des Mädchens bis hin zu Ajans drei Zufällen – hatte in ihrem Inneren eine stille Gewissheit begonnen, Form anzunehmen. Ihr war, als wäre sie zum ersten Mal in ihrem Leben an einem Punkt angelangt, der ihrer Bestimmung entsprach.

Und die kritische Journalistin in ihr schwieg dazu ebenso wie ihr Herz, das ihr, wider jede Vernunft, an einen fremden, unheimlichen Mann verloren schien.

Claire holte ihr Neopad aus einer der Westentaschen, schaltete es ein und hoffte, dass es sich in das hiesige Netz einloggen würde. Die meisten Sendemasten im Stadtgebiet, so hatte sie an der Rezeption ihres Hotels erfahren, waren ausgefallen. Nur an wenigen Stellen bekam man eine Verbindung. Sie hatte Glück, überflog die eingegangenen Nachrichten – darunter eine ihres Vaters, voll von Vorwürfen und übertriebenen Sorgen sowie eine weitere von Jerome, die sich nicht wesentlich von der des Vaters unterschied –, öffnete die Navigations-App und gab die Adresse ihres Hotels ein.

In ihrem Zimmer angekommen, suchte sie im Netz noch nach Share, doch fanden sich tatsächlich keinerlei Hinweise oder Berichte über eine Insel im Atlantik mit diesem Namen. Zu erschöpft, um die Nachrichten der beiden Männer zu beantworten, wusch sie sich in dem engen Bad, verzichtete darauf, die Dusche hinter dem Plastikvorhang zu testen, tapste über die Marmorfließen bis zum antiken Himmelbett und schlief, begleitet vom leisen Rasseln alter Federkerne, schnell ein.

9

Claire schreckte aus dem Schlaf. Jemand war an der Tür. Sie blinzelte in die Richtung und wurde vom grellen Morgenlicht geblendet. Die brüchigen Vorhänge konnten es nicht aufhalten. Sie rieb sich die Augen und entdeckte am Fußboden ein vergilbtes Kuvert mit ihrem Namen darauf. Jemand musste es unter der Tür durchgeschoben haben. Nach den wenigen Stunden unruhigen Schlafes zerrte die Müdigkeit noch an ihren Gliedern. Sie streckte sich, ging zur Tür, öffnete sie einen Spalt und spähte in den leeren Flur. Sie nahm das Kuvert hoch und fand eine Skizze mit einem Brief darin:

Verehrte Claire Claudel!

Verzeihen Sie, dass ich mir erlaube, Ihnen diese Zeilen zu übermitteln.

Ich verfolge seit Langem Ihre „Rebellen der Menschlichkeit“. Sie haben mir, und vielen anderen aus unserer Gemeinschaft, stets Mut gemacht und unsere Hoffnungen genährt.

Ihrem letzten Post auf Newsground war zu entnehmen, dass Sie Ihr Weg nach Rom führen würde. Nun ist es uns gelungen, Sie über die Security-Files der Hotelmeldungen ausfindig zu machen. Bitte verzeihen Sie noch einmal!

Ich möchte Sie einladen, uns zu besuchen! Unter den Ärzten, Lehrern und Helfern unseres Teams finden sich viele außerordentlich engagierte Menschen, die es verdienten, in einem Ihrer Artikel Erwähnung zu finden – sie leisten tagtäglich wahrhaft Großes.

Anbei eine Skizze mit dem Weg zu meinem Büro und falls Sie mich dort nicht vorfinden, fragen Sie einfach nach mir.

Mit herzlichen Grüßen,

Jana Scharé

Dolmetscherin

PS: Ich darf Sie vorweg bitten, sollten Sie uns besuchen, mich selbst in Ihren Berichten jedenfalls unerwähnt zu lassen. Die Gründe dafür kann ich Ihnen gerne persönlich erläutern.

Claire überflog, nicht wenig erstaunt, noch einmal die Zeilen und warf einen Blick auf die Zeichnung mit der Wegbeschreibung. Das Büro schien ganz in der Nähe zu liegen. Der Brief musste aus jenem Viertel stammen, das sie ohnehin geplant hatte, als Erstes aufzusuchen. Sie öffnete ihr Pad und überflog die Liste mit Namen, die sie während des Fluges recherchiert hatte. Eine Jana Scharé war nicht darunter. Jana Scharé.

Plötzlich überrollten sie die Erinnerungen an den vorherigen Abend. Sie setzte sich auf die Bettkante. Der Brief wäre ihr beinahe aus der Hand geglitten. Mit einem Mal war ihr Ajan vor Augen, das sterbende Mädchen, das Straßenlokal, die Insel, wie er sie beschrieben hatte, und Seelenfelder und Prüfungen und Zufälle.

Jana Scharé. Ajan. Share. Mehr Zufall kann es ja wohl nicht geben?! Und dass sie mein Post auf Newsground erreicht hat und sie mich bereits erwarten? Gleich mehrere Zufälle auf einmal? Prüfung schon bestanden?

Doch wollte sie das überhaupt? Wollte sie Ajan wieder begegnen? Oder irgendwelche Prüfungen bestehen?

Alles, wovon sie in den letzten Stunde des Vorabends so überzeugt gewesen war, lag nun hinter einem Schleier aus Zweifeln und Ängsten.

Sie blickte erneut auf den Brief in ihrer Hand und besann sich der Aufgabe, die vor ihr lag und derethalben sie nach Rom gekommen war.

Sie stand auf, wusch sich, zog ihr Journalistenkostüm an, verstaute ihren Reiserucksack im Schrank, nahm das Neopad und machte sich auf den Weg.

Die Straße vor dem Hotel war noch menschenleer. Sie ging los und wenig später begegnete ihr ein Junge, der einen Handkarren voll bauchiger Wasserflaschen zog und sie höflich grüßte. Eine Frau schloss ein Geschäft auf und winkte. Ein alter Mann trat aus einer der Haustüren und stolperte über eine Stufe. Claire wollte ihm zu Hilfe eilen, doch er war schon wieder auf den Beinen, nahm lächelnd ihre Hand und tätschelte sie anerkennend. Die Menschen wirkten unbeschwert. Das erstaunte Claire; widersprach es doch den dramatischen Ankündigungen ihres Vaters.

Sie hielt sich weiter an die Skizze, verglich sie laufend mit den Angaben ihres Pads und bog schließlich in die Gasse zur Piazza del Popolo ein. Ohne es zu wissen, ging sie denselben Weg entlang, auf dem Ajan den Platz am Vorabend verlassen hatte.

Durch die Gasse drangen geschäftige Stimmen, die mit jedem ihrer Schritte lauter wurden. Als sie um die Ecke bog, blickte sie erstaunt auf das bunte Treiben. Bereits so früh am Morgen war der riesige Platz von Menschen übersät. Sie kauften und verkauften, feilschten, lachten miteinander und freuten sich. Überhaupt schien Freude die vorherrschende Stimmung zu sein. Vielleicht war es die Dankbarkeit, die ihre Herzen so erstarken ließ. Oder sie hatten sich entschieden, den Nöten und Ängsten des Daseins eine neue Kraft entgegenzusetzen.

Claire blickte sich um und war gerührt von so viel greifbarer Hoffnung.

Ganz in der Nähe vernahm sie ein Lachen, wandte sich dorthin und sah eine muslimische Frau mit einer Burka bekleidet, deren unverhülltes Gesicht über die Komplimente eines jungen Italieners strahlte. Gerne ließ sich Claire von ihrer Stimmung anstecken.

Gut gelaunt folgte sie weiter der Wegbeschreibung und erreichte nach wenigen Minuten die angegebene Adresse. Auf der Glasscheibe des straßenseitigen Büros stand mit breiten Pinselstrichen geschrieben: Adminstration District 4 – Jana Scharé.

Die Dolmetscherin schien demnach so etwas wie die hiesige Bürgermeisterin zu sein.

Die Eingangstür öffnete sich und eine große, strahlende Frau mit rot gelockter Mähne erschien.

„Sie sind es wirklich!“, sprach die Frau sie auf Französisch an und kam ihr mit offenen Armen entgegen. „Was für eine Freude!“ Ihre Stimme hatte einen tiefen, runden Klang. Claire war beeindruckt.

In den folgenden Stunden wurde Claire von Jana herumgeführt. Mitunter ließ die beherzte Frau ihre Hand gar nicht mehr los und Claire überkam nach kurzer Zeit das Gefühl, sie wäre ihrer lang vermissten großen Schwester begegnet.

Sie erfuhr, dass Jana sechs Sprachen fließend beherrschte, die Tochter eines hochrangigen Schweizer Diplomaten war und sie ein ähnliches Schicksal teilten: Auch Janas Vater wollte ihr Engagement in Krisengebieten mit Gewalt verhindern. Deshalb war sie bemüht, ihren genauen Aufenthaltsort, so gut es ging, zu verschleiern, und mochte darum auch keine Erwähnung in Berichterstattungen finden.

„Was mir hier an Wertschätzung und Dankbarkeit widerfährt, ist Lohn genug“, erklärte sie schlicht, während sie die Tür zum Hospital öffnete, das zugleich Waisenhaus und Armenküche für das ganze Viertel war. Kaum hatten sie die Aufnahmehalle betreten, schallte Janas Namen durch die Gänge und ein Junge kam auf sie zugestürmt. Sie ging etwas in die Hocke und der Kleine sprang ihr in die Arme.

„Darf ich vorstellen: Das ist Amid. Er ist so etwas wie mein Ziehsohn.“ Sie küsste ihn auf die Wange.

„Freut mich, Amid. Ich bin Claire.“ Sie streckte ihm eine Hand entgegen, die der Junge ohne Scheu ergriff.

„Seine Muttersprache ist Farsi. Mittlerweile ist aber auch sein Englisch schon ganz gut.“

„I speak English. My name is Amid. You are a beautiful woman“, stellte er lachend sein Können und seinen Charme unter Beweis. Claire lächelte überrascht und nickte Jana voll Anerkennung, über das offene Wesen des Kleinen zu.

„Komm, runter jetzt“, sagte Jana liebevoll zu Amid, „du weißt, du bist schon zu schwer für mich“, und erklärte zu Claire gewandt: „Er hat mich schon vor drei Jahren in den Stand einer Mutter erhoben und wir geben ein ganz gutes Team ab. Mittlerweile hilft er hier in der Küche. Er ist ein begabter kleiner Koch.“ Sie fuhr ihm durchs Haar und streifte seine dunklen Locken aus der Stirn.

„I am a good cook“, strahlte er zu Claire hoch, stellte sich zwischen die Frauen, nahm sie an den Händen und zog die beiden, ihnen voranschreitend, in die Gänge des Hospitals.

Claire lernte an diesem Vormittag so viele Ärzte, Schwestern und Pfleger kennen, dass ihr kaum Zeit für ausreichende Notizen blieb. Wem sie von all den engagierten Helfern in ihrem Bericht den Vorzug geben sollte, wusste sie beim besten Willen nicht zu sagen. Noch dazu hatte Jana über jeden eine ganze Reihe von Heldentaten zu berichten. Ihre täglichen Bemühungen galten, neben der medizinischen Versorgung, vor allem der Völkerverständigung und damit dem Frieden und der Gerechtigkeit im Distrikt.

Laut Janas Angaben hatten Menschen aus über dreißig Staaten ihre neue Heimat in den Häuserblocks um die Piazza gefunden. Zwar kam es vereinzelt noch immer zu Zusammenstößen, doch waren, nach Jahren der Bemühung, sogar zwischen ehemals radikalen Gruppen Freundschaften entstanden. Das Verbindende überwog, am Ende des Tages und an diesem Ort, scheinbar doch das Trennende.

Amid wich all die Stunden nicht mehr von ihrer Seite. Auch als Jana ihn kurz vor Mittag in die Küche schicken wollte, um seinen Dienst zu verrichten, beharrte er darauf, die beiden weiterhin zu begleiten. Claire hatte es ihm offensichtlich angetan.

Jana gab in der Küche Bescheid und so folgte Amid ihnen zu ihrem nächsten Gespräch mit einer indischen Ärztin.

„Namasté, Jana. Hello, Amid. Here again?“ Sie strahlte übers ganze Gesicht und begrüßte auch Claire mit der üblichen Verbeugung und gefalteten Händen.

„Dharia ist eine unserer Besten“, erklärte Jana auf Englisch. „Sie arbeitet von früh bis spät und war maßgeblich daran beteiligt, unser Gesundheitssystem wieder aufzubauen. Auch die neuen Vorsorgeuntersuchungen liegen in ihren erfahrenen Händen. Amid hat gestern beinah seinen Termin verpasst.“ Sie wies mit erhobenem Zeigefinger in Richtung des Jungen, der sich schuldbewusst erinnerte und etwas erwidern wollte, doch Jana sprach schon weiter:

„Die medizinische Versorgung war lange Zeit ein Problem. Nach den massiven Wellen der Flüchtlingsströme, vor fünf Jahren, kam das gesamte Sozialsystem zum Erliegen. Und mit der großen Welle, im Jahr darauf, führte das schließlich zum Kollaps. Die Seuchen griffen um sich. Eine Eindämmung schien unmöglich. Hätten sich uns damals nicht alle immigrierten Ärzte aufopfernd angeschlossen, wäre auch dieser Stadtteil bereits ausgestorben. Oder unser kleiner Distrikt gliche den Vororten der Stadt oder, noch schlimmer, dem Kolosseum, das einst als erste Anlaufstation für Tausende Emigranten gedacht war und nunmehr zum Auffanglager der Ärmsten unter den Armen verkommen ist.“ Sie blickte traurig in eine Ferne, die wohl in Richtung des Amphitheaters lag, schüttelte den Gedanken aber ab und fuhr fort: „Dharia war von der ersten Stunde an vorderster Front dabei. Ohne sie stünde ich selbst jetzt nicht hier. Mich hat damals eine schwere Infektion erwischt. Es war so schlimm, dass ich fast schon bereit war, meinen Vater einzuschalten, und das wollte ich ihm und mir wirklich nicht antun. Doch Dharia konnte mir schließlich helfen und hat mir das Leben gerettet.“

„Du übertreibst“, sagte Dharia höflich, „mit deinem Lebenswillen und deiner Kraft hättest du noch viel Schlimmeres überlebt“, und schelmisch fügte sie hinzu: „Oder wie sagt man bei euch? Wildes Kraut vergeht nicht?“ Claire stellte lachend fest, dass die Assimilierung wohl auf vielerlei Arten stattgefunden hatte.

Zum Mittagessen wurde sie in einen großen Speisesaal geführt, der bei ihrem Eintreffen bereits mit Menschen gefüllt war. An der Essensausgabe hatte sich eine Schlange von Menschen gebildet, die jedoch zügig voranschritten. Es schien alles gut organisiert und reibungslos zu funktionieren.

Jana erklärte, dass hier nicht nur ein Großteil der ansässigen Bevölkerung verköstigt wurde, sondern dass neben dem medizinischen Personal auch die Lehrer, Dolmetscher und anderen Hilfskräfte der umliegenden Verbände jeden Mittag zusammenkamen. Beim gemeinsamen Essen tauschten sie sich dann täglich über die jüngsten Vorkommnisse und Fortschritte aus. Sie wies mit dem Finger auf eine der langen Tischreihen im hinteren Bereich des Saales, an dem sich ein buntes Gemisch von Menschen unterschiedlichster Hautfarben und Mentalitäten eingefunden hatte. Sie lachten, sprachen aufeinander ein, gestikulierten, während andere in ihr Essen vertieft schienen, nur beiläufig zuhörten oder amüsiert die Diskussionen beobachteten.

Mit ihren Tellern gesellte sich die Dreiergruppe zu ihnen und nachdem Jana die allen bekannte Journalistin vorgestellt hatte, stürmten Fragen und Erzählungen auf Claire ein, dass ihr nach kürzester Zeit der Kopf schwirrte.

Nach dem Essen ging die Tour weiter. Jana führte sie zu alten Schulgebäuden, durch pittoreske Hinterhöfe und wild wuchernde Gemüsegärten, in enge Gassen mit Geschäften voll Kunsthandwerk bis hin zu einem kleinen Marktplatz.

Amid lief immer noch an Claires Seite und als sie den Platz betraten, musste sie zum wiederholten Mal über eine seiner klugen Bemerkungen lachen. Für einen Moment blieb ihr Blick dabei in seinen großen dunklen Augen gefangen. Ein Funke Glück fuhr ihr durchs Herz und ließ sie augenblicklich an Ajan denken.

Im selben Moment wurde ihr bewusst, welchen Platz sie betreten hatten. Auch wenn das Tageslicht ihn um vieles größer erscheinen ließ, gab es keinen Zweifel. Sie drehte sich suchend um und erblickte wenige Meter entfernt den verlassenen Marktstand des Bauern mit dem Brunnen davor. Der dunkle Flecken vertrockneten Blutes auf den Pflastersteinen war mit Sägemehl überdeckt worden. Je dunkler das Rot, desto mehr Blut wird vergossen. Ihr Vater war ihr mit einem Mal vor Augen, als würde er dort an der Seite des Blutes stehen und vorwurfsvoll zu Claire herübersehen.

Jana war Claires Veränderung aufgefallen und folgte ihren Blicken.

„Geht es dir gut? Du siehst aus, als wäre dir ein Gespenst begegnet!“ Jana nahm ihre Hand. „Hier ist gestern Nacht etwas Schreckliches geschehen. Ein Mädchen wurde getötet“, sagte Claire tonlos.

„Man hat mir davon erzählt. Doch woher weißt du?“

„Ich habe es gesehen. Zufällig.“

„Und auch den Täter?“

„Es war der Mann, dem dieser Stand dort gehört.“

„Bist du dir sicher?“

Claire nickte stumm.

„Warte hier. Amid, pass auf unsere Freundin auf. Ich komme bald wieder, muss mit ein paar Leuten reden.“ Jana verließ die beiden. Amid hatte Claire wieder an der Hand genommen und stand ruhig neben ihr. Er sah zu ihr hoch, sah die Tränen in ihren Augen und wurde in diesem Moment mit ihr traurig. Jana hatte er schon viele Jahre fest in sein Herz geschlossen, doch hatte es damals lange gedauert, bis er dazu bereit gewesen war. Bei Claire war es etwas anderes. Er musste keine Brücke überschreiten, um sein Herz an ihres zu binden. Sie war mit ihm und er mit ihr, vom ersten Augenblick an.

„Come. With me.“ Er nickte ihr zu und zog sie weg von dem Platz in den Eingang eines alten Hauses. Das düstere Gewölbe roch nach Schimmel und feuchter Erde. Die Temperatur fiel mit jedem Schritt, den Amid sie nun tiefer ins Innere des Gebäudes führte. Mit dem Fuß stieß er eine verfallene Holztür auf und wollte weiter über eine Steintreppe, die nach unten führte.

Claire sträubte sich, doch der Kleine ließ nicht locker, zog sie die Stufen hinab, hinein in einen engen, niedrigen Bogengang, in dem nach wenigen Schritten völlige Dunkelheit herrschte. Amid kannte das Gewölbe scheinbar wie seine Westentasche und schritt weiter voran. Ein Lichtschimmer fiel durch einen Schacht auf den staubigen Boden und erhellte auch die nächste Treppe, in die der Gang mündete. Sie stiegen noch tiefer. Claire spürte Amids Hand, tastete mit den Fußspitzen den Stufen nach und folgte ihm wie in einem Traum, dessen Bilder in Blut gefärbt waren und der ihr den Jungen plötzlich in den Armen einer ihr fremden Frau zeigte, beide über den toten Körper eines Mannes gebeugt, tränenüberströmt, geschunden, verloren. Sie versuchte, die Bilder loszuwerden, fiel auf die Knie, raffte sich auf, stolperte weiter und wäre wenige Schritte später beinah in eine, plötzlich vor ihnen auftauchende, Wasserfläche gestürzt. Doch Amid hatte schon seine Arme um ihre Taille geschlungen und hielt sie nun mit aller Kraft fest, die er aufbringen konnte.

Claire kam völlig außer Atem vornübergebeugt zum Stehen. Sie sah ihr Spiegelbild unter sich auf der ruhigen Oberfläche des hellgrün schimmernden Wassers und darunter, tief am Grund, eine alte Barke, deren gebogene, mit Tang umhüllten Rumpfhölzer im bewegten Licht sanfter Wellen ihr Gesicht umrahmten. Sie hielt inne. Neigte ihren Kopf, ganz leicht, um den Rahmen nicht zu verlassen und beinahe, als wollte sie sich einmal wieder an die Schulter ihrer Mutter lehnen. Einmal wieder. Nur einmal noch …

Sie drehte sich zu Amid um, umarmte den kleinen Körper innig und fühlte mit einem Mal, wie ganz still und ohne, dass sie hätte ahnen können, warum, das Bild sich zu wenden begann. Für einen seligen Augenblick lang war sie nun die Mutter, die das verlassene Kind umarmte.

Lange standen die beiden so. Bis sich Amid schließlich ganz vorsichtig aus der Umarmung löste und mit seiner Hand in eine Richtung wies. Claire folgte mit dem Blick seiner Aufforderung und da erst erkannte sie, wo sie sich befanden.

Ein riesiger, unterirdischer Wasserspeicher lag vor ihnen ausgebreitet. Die hohen Bogendecken über ihren Köpfen schimmerten in glänzenden Lichtwellen, die vom Wasser auf sie geworfen wurden. Hundert Meter weit schien sich die Säulenflucht der Trägermauern zu erstrecken und mündete weit vorn über diesem verwunschenen See in einen hellen Halbkreis, der, einer aufgehenden Sonne gleich, sein strahlendes Licht in den Speicher warf.

Wie verzaubert stand Claire, an Amids Hand, in der friedlichen, mächtigen Halle. Dankbar drückte sie die kleinen Finger.

Und dann flüsterte Amid ein paar Worte in die Stille hinein: „Share. With you.“

Claire stand lange, mit dem Blick auf die Sonne über dem Wasser gerichtet, und die Tränen, die über ihre Wange liefen, gehörten dem Kleinen und Ajan und einer fernen Zukunft, von der sie jedoch in diesem Moment noch nicht zu träumen gewusst hätte.

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Volume:
312 p. 4 illustrations
ISBN:
9783931560829
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