Read the book: «Star Kid»
Star Kid
1 Titel Seite
2 von Michael Trieb
3 Die geheimnisvolle Nachricht
4 Der Geheimdienst
5 Die Reise beginnt
6 Die Raumstation
7 Aufbruch zur Venus
8 HAUS ZU DEN ZWEI WELTEN
9 der Angriff
10 Der Ausbruch
11 das wiedersehen
12 der Durchbruch
13 Die Entscheidung
Dieses Buch ist meiner Mutter Trieb Erika gewidmet die uns leider viel zu früh verlassen musste.
Star Kid
Ein Junge alleine zwischen den Planeten
von Michael Trieb
Impressum
Texte: © Copyright by Michael Trieb
Umschlag:© Copyright by Michael Trieb
Verlag:Trieb Michael
Dorfstrasse 7
91805 Ursheim
Druck:Trieb-Media, Ursheim, www.trieb-media.de
ISBN 978-3-7418-7290-7
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die geheimnisvolle Nachricht
»Ruhig Blut, Junge, ruhig Blut!«
David Skyworker zügelte sein strammes kleines Pony. Gewöhnlich machte Lazy, was zu gut deutsch Faulpelz heißt, seinem Namen alle Ehre, aber heute schien er es eilig zu haben. David konnte es ihm nicht verübeln. Es war ein Tag, wie es ihn nur in New Mexico gibt. Ein vom Regenguss stahlblau gewaschener Himmel, der Boden bereits wieder trocken und in der Ferne noch die Reste eines Regenbogens. Eine Atmosphäre unglaublichen Friedens hing über dem Land.
»Wir haben den ganzen Tag Zeit«, beruhigte er Lazy, »lauf dich also nicht heiß. Wir haben noch eine hübsche Steigung vor uns.« David ritt alleine, weil er Lazy mit einem grandiosen Mexikanischen Sattel herausgeputzt hatte, den seine Eltern ihm zum Geburtstag hatten schicken lassen. Der Sattel war wunderschön, mit silbernen Beschlägen, die ihn wie einen Kronleuchter glitzern ließen. Aber auf der Ranch-Schule, die David besuchte, war er genauso fehl am Platz wie ein Smoking bei einem Rodeo - daran hatten seine Eltern nicht gedacht. David war stolz auf den Sattel, aber bei seinen Kameraden hatte er dazu geführt, dass sie aus seinem Namen »David James Skyworker« den Spitznamen Davi gemacht hatten.
Ein unerwartetes Geräusch ließ Lazy scheuen. David zog an den Zügeln und holte das Telefon aus der Satteltasche. »6-J-233309, David Skyworker.«
»Hier ist Mr. Reeves, David«, meldete sich die Stimme des Direktors von der Ranch-Schule Altana. »Wo bist du?«
»Am Ende der Südlichen Weide Sir.«
»Komm so schnell wie möglich zurück.«
»Was gibt's denn?«
»Ein Telegramm von deinen Eltern. Ich schick' dir den Hubschrauber, sobald der Koch zurück ist - und jemanden, der dein Pferd zurückbringt.«
David zögerte. Er mochte es nicht, wenn jemand anders Lazy ritt. Andererseits war ein Telegramm von seinen Eltern sicherlich etwas Dringendes. Seine Eltern lebten auf dem Mars, und seine Mutter schrieb regelmäßig, mit jedem Schiff aber Telegramme, abgesehen von Weihnachts- und Geburtstagsglückwünschen, waren etwas Besonderes.
»Ich beeile mich. Sir.«
»Gut!« Mr. Reeves schaltete ab. David lenkte Lazy herum und trabte zurück. Lazy schien enttäuscht und sah sich einige Male anklagend um. Als der Hubschrauber der Ranch sie entdeckte, waren sie nur noch eine halbe Meile von der Schule entfernt. David winkte ab und ritt Lazy selbst das letzte Stück zurück. Trotz seiner Neugierde nahm er sich noch die Zeit, das Pony abzureiben und ihm Wasser zu geben. Mr. Reeves wartete in seinem Büro und winkte ihm hereinzukommen. Er reichte David das Blatt.
Die Nachricht lautete:
lieber Sohn, Passage für dich am 12. April ab
Nürnberg City auf der Franken 1 reserviert Stopp alles liebe Mutter und Vater David starrte das Telegramm ungläubig an. »Aber das ist ja praktisch sofort!«
»Ja. Hast du nicht damit gerechnet?«
David überlegte. Er hatte damit gerechnet, zum Ende des Schuljahres nach Hause zu fahren - falls man es nach Hause nennen konnte, wo er doch den Mars noch nie betreten hatte.
Hätten Sie seine Passage auf der „New England“ in drei Monaten bestellt ... »Äh, eigentlich nicht. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, weshalb sie mich schon vor dem Ende des Schuljahres nach Hause kommen lassen.«
Mr. Reeves sagte: »Ich schon.«
David sah ihn überrascht an. »Das verstehe ich nicht. Mr. Reeves, Sie rechnen doch nicht wirklich damit, dass es Schwierigkeiten geben wird, oder?«
Der Direktor blickte ernst. »David, ich bin kein Prophet. Aber ich würde annehmen, deine Eltern machen sich jedenfalls Sorgen und wollen dich schnellstens aus einem möglichen Kriegsgebiet herausholen.«
David wusste immer noch nicht, was er denken sollte. Kriege waren etwas, worüber man in Schulbüchern las, nicht etwas, was einem selbst zustieß. Natürlich hatten sie sich in Gegenwartskunde mit der augenblicklichen Krise und den Kolonialangelegenheiten auseinandergesetzt. Trotzdem erschien ihm das Ganze als etwas weit Entferntes - eine Angelegenheit für Diplomaten und Politiker, nichts, was mit der Wirklichkeit zu tun hatte.
»Schauen Sie, Mr. Reeves, mag ja sein, dass meine Eltern nervös werden, aber ich nicht. Ich würde gerne ein Telegramm schicken, dass ich mit dem nächsten Schiff komme, sobald die Schule zu Ende ist.«
Mr. Reeves schüttelte den Kopf. »Nein. Ich kann nicht zulassen, dass du gegen den ausdrücklichen Wunsch deiner Eltern handelst. Außerdem, äh« - dem Direktor schien es schwerzufallen, die richtigen Worte zu finden - »ich will sagen, David, wenn es zum Krieg kommt, dann wäre deine Situation hier, sagen wir einmal, etwas unangenehm, findest du nicht auch?« Die Temperatur in dem Raum schien plötzlich um einige Grade gesunken. David kam sich einsam vor und älter, als es seinen Jahren entsprach. »Warum?« Mr. Reeves studierte seine Fingernägel. »Bist du ganz sicher, wo deine Loyalität liegt?« fragte er langsam. David zwang sich, darüber nachzudenken. Sein Vater war auf der Erde geboren; seine Mutter war Venuskolonistin der zweiten Generation. Aber keiner der beiden Planeten war ihr Eigentliches Zuhause; sie hatten sich auf Luna kennengelernt und geheiratet und ihre planetologischen Forschungen in vielen Gegenden des Sonnensystems. David selbst war im Weltraum geboren, und seine von der Föderation ausgestellte Geburtsurkunde ließ die Frage seiner Nationalität offen. Die Erde hatte er zum ersten Mal betreten, als er bereits elf Jahre alt war.
»Ich bin ein Bürger des Sonnensystems«, sagte er langsam. »Mhm-« machte der Direktor. »Klingt gut. Vielleicht bedeutet das sogar eines Tages einmal etwas. Bis dahin aber gebe ich deinen Eltern völlig recht. Der Mars wird wahrscheinlich neutral bleiben; dort bist du in Sicherheit. Noch einmal – und ich spreche da als Freund - hier könnten die Dinge etwas unangenehm werden, wenigstens für jemand, dessen Loyalität nicht eindeutig feststeht.«
»Niemand hat das Recht, meine Loyalität anzuzweifeln! Dem Gesetz nach bin ich jedem Erdbürger gleichgestellt!« Der Mann gab keine Antwort. Dann gab er sich einen Ruck und sagte: »Geh jetzt auf dein Zimmer packen. Der Hubschrauber bringt dich um ein Uhr nach Mexico City.«
»Ja, Sir.«
Er stand schon unter der Tür, als der Direktor ihn Zurück rief.
»Augenblick noch. In der Hitze unserer - äh – Diskussion hätte ich beinahe vergessen, dass da noch eine zweite Nachricht für dich ist.«
»Oh?«
David nahm den Zettel entgegen. Auf ihm stand:
„lieber Sohn verabschiede dich unbedingt von Onkel dudley ehe du abreist – Mutter“
Diese zweite Nachricht überraschte ihn eigentlich noch mehr als die erste; er brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass seine Mutter Dr. Dudley Jefferson meinen musste – einen Freund seiner Eltern, keineswegs einen Verwandten, jedenfalls einen Mann, der in seinem eigenen Leben keinerlei Bedeutung hatte. Aber Reeves schien die Nachricht als etwas ganz Selbstverständliches anzusehen, also steckte er sie ein und ging aus dem Zimmer. David machte sich ans Packen und verabschiedete sich von seinen Freunden. Dann ging er hinaus zur Koppel.
Lazy kam sofort gelaufen, als er rief, und schnupperte an seinen Taschen, ob er Zucker hatte. »Tut mir leid, alter Junge«, sagte er traurig, »nicht einmal eine Mohrrübe. Hab' ich vergessen. « Er stand da und lehnte sein Gesicht an die Wange des Pferdes und kratzte es hinter den Ohren. Dann redete er leise auf das Pferd ein, erklärte alles ganz ausführlich, so als könnte Lazy jedes Wort verstehen.
»So ist das eben«, schloss er. »Ich muss weg, und die lassen mich dich nicht mitnehmen.« Und dann brachte er plötzlich kein Wort mehr heraus. Er warf dem Pferd seine Arme um den Hals und
weinte.
Lazy schnaubte leise. Er wusste, dass hier irgendetwas nicht stimmte, und versuchte, seine Zuneigung zu zeigen. Dann hob David den Kopf. »Wiedersehen, Alter. Pass gut auf dich auf.« Er drehte sich abrupt um und rannte zu den Schlafsälen.
Der Helikopter setzte ihn am Flugplatz von Mexico City ab. Er musste sich beeilen, um seine Rakete zu erreichen. Ehe er den Flugsteig betrat, nahm ihm ein Beamter seine Taschen ab. »Hast du eine Kamera drin, Junge?« fragte der Mann. »Nein. Warum?«
»Weil wir deinen Film belichten könnten, wenn wir die Tasche röntgen.« Offenbar zeigte auch der Röntgenschirm keine in seiner Wäsche verborgenen Bomben, und so reichte man ihm seine Tasche, und er ging an Bord des Kontinentalflugs Santa Fe Trail der zwischen dem früheren Mexico und Nürnberg City verkehrte. Drinnen schnallte er sich an und wartete. Zuerst störte ihn das Startgeräusch mehr als der Andruck. Aber als sie dann die Schallgeschwindigkeit überschritten, verstummte das Geräusch, während die Beschleunigung immer noch zunahm. Schließlich verlor er die Besinnung. Er kam zu sich, als die Rakete in freien Fall überging und einen hohen Bogen über den Wüstenstaaten beschrieb. Sofort empfand er große Erleichterung, dass das unerträgliche Gewicht von seiner Brust genommen war - aber ehe er sich richtig daran gewöhnen konnte, wurde ihm ein neuer Sinneseindruck bewusst; sein Magen versuchte an seiner Speiseröhre empor zu kriechen. Und das - ja, das war die Raumkrankheit- das musste gerade ihm passieren, ihm, der im freien Fall geboren war. Raumkrankheit war etwas für Erdenkriecher, nicht für Leute wie ihn. Aber das half nichts; er hatte gerade noch Zeit, nach dem Plastikbehälter zu greifen, der für diese Zwecke vorgesehen war. Nachher fühlte er sich wohler, wenn auch geschwächt, und hörte sich in den Kopfhörern Musik an. Und dann war schon wieder der Augenblick da, wo der Himmel draußen seine Farbe von Schwarz in tiefes Purpur Veränderte, die Tragflächen griffen wieder, und die Passagiere spürten wieder ihr Gewicht, als die Maschine ihren Gleitflug nach Nürnberg City antrat. Zwanzig Minuten später sprangen die Motoren in der Nase des Schiffes, ausgelöst von Radar an, und die Santa Fe Trail setzte zur Landung an. Der ganze Flug hatte kürzer gedauert als der Helikopterflug von der Schule nach New Mexico - eine knappe Stunde für die gleiche Strecke nach Osten, die die Planwagen -wenn sie Glück hatten - in achtzig Tagen von Osten nach Westen durchgeführt hatten. Die Maschine landete auf einem Flughafen außerhalb der Stadt ganz in der Nähe des riesigen alten Flughafens, der immer noch etwas Radioaktivität ausstrahlte und heute den Hauptraumhafen des Planeten darstellte. Hier war früher einmal das alte Erlangen gelegen.
Ein Rollband war auf das Schiff zugefahren. Er betrat es und ließ sich in das Flughafengebäude tragen. Drinnen verwirrte ihn das rege Treiben in zahllosen Stockwerken über und unter der Erde. Der Franken-Flughafen bediente nicht nur die Santa Fe Trail, die Route 66 und andere Lokalraketen, die den Verkehr mit dem Südwesten versahen; er bediente auch noch ein Dutzend anderer Lokallinien, ebenso wie die Interkontinentalschiffe, die Frachter und die Raumschiffe, die zwischen der Erde und der Star-Terra-Station verkehrten- und von dort weiter zur Luna, der Venus, dem Mars und den Jupitermonden; er war gleichsam der Nabel eines mehr als weltweiten Imperiums. Die lärmenden, dicht gedrängten Menschenmassen irritierten David, insbesondere nach dem langen Aufenthalt in der weiten leeren Wüste, von New Mexico. Für ihn hatten Menschen, die sich wie Ameisen benahmen, etwas Würdeloses, wenn er diesem Gefühl auch keine Worte hätte verleihen können. Aber da
konnte man nichts machen - er sah die drei Globalbusse der Interplaneten Linien und folgte den schimmernden Neonzeichen, die den Weg zu den Reservierungsbüros wiesen. Ein ziemlich desinteressierter Angestellter händigte ihm seine Fahrkarte für Sitz 64, Passagierschiff Franken 1 aus, das am folgenden Morgen um 9:03:57 von der Erde zur Star Terra Station startete. »Haben Sie eine Reisegenehmigung?« »Hm? Was ist das denn?« Der Angestellte zog die Flugkarte wieder zu sich. »Hören Sie denn keine Nachrichten? Geben Sie mir Ihren Ausweis.« David schob ihm etwas zögernd seinen Ausweis hin; der Angestellte fertigte eine Fotokopie an und reichte das Papier dann zurück. »Jetzt Ihre Fingerabdrücke.« David drückte seinen Daumen auf das ihm hingeschobene Scanner Pad und sagte: »Ist das jetzt alles? Kann ich meine Flugkarte haben?«
»> Ist das jetzt alles? < sagte der Mann! Seien Sie morgen eine Stunde vor Abflug hier. Dann können Sie sich Ihr Ticket holen - wenn das IBI einverstanden ist.« Der Mann wandte sich ab. David wusste nicht recht, was er jetzt tun sollte. Er hatte Direktor Reeves gesagt, dass er im Hilton übernachten würde, das war das Hotel, in dem seine Familie vor Jahren gewohnt hatte und im Übrigen das einzige, das er namentlich kannte. Andererseits musste er noch versuchen, mit Dr. Jefferson - »Onkel Dudley« - Verbindung aufzunehmen, da das seiner Mutter anscheinend so wichtig war. Es war noch Ziemlich früh am Nachmittag; er beschloss, seine Koffer einzustellen und mit der Suche zu beginnen.
Das bereitete auch keinerlei Schwierigkeiten; er fand die Telefonnummer sofort und drückte die Tasten des Videobildschirms. Das Telefon des Doktors bedauerte höflich, dass Dr. Jefferson nicht zu Hause wäre, und bat ihn, eine Nachricht zu hinterlassen. Er war gerade beim Diktieren, als ihn eine freundliche Stimme unterbrach: »Für dich bin ich zu Hause, David. Wo bist du denn, Junge?« Der Bildschirm leuchtete auf, und er blickte in die vertraut wirkenden Züge von Dr. Dudley Jefferson.
»Oh, auf dem Flughafen, Doktor. Franken-Airport. Ich bin gerade vor ein paar Minuten angekommen.«
»Dann nimm dir ein Taxi und komm sofort hierher.«
»Äh, ich will Ihnen keine Umstände machen, Doktor. Ich habe angerufen, weil Mutter gesagt hat, ich soll mich von Ihnen verabschieden. « Insgeheim hatte er gehofft, Dr. Jefferson würde keine Zeit haben. So sehr er auch Städte hasste, hatte er eben so wenig Lust, seinen letzten Abend auf der Erde damit zu verbringen, mit einem Freund der Familie Höflichkeiten auszutauschen; er wollte sich umsehen, was dieses moderne Babylon an Zerstreuungen anzubieten hatte. Der Kreditbrief, den sein Vater ihm geschickt hatte, brannte in seinen Taschen; er wollte ihn etwas anzapfen. »Aber ganz und gar nicht! Wir sehen uns in ein paar Minuten. Inzwischen will ich ein fettes Kalb aussuchen und es schlachten. Hast du übrigens ein Päckchen von mir bekommen?« Der Doktor sah ihn plötzlich gespannt an.
»Ein Päckchen? Nein.«
Dr. Jefferson murmelte irgendetwas über die langweilige Post, und David meinte: »Vielleicht kommt es noch. War es wichtig?
»Äh, macht nichts; wir sprechen später davon. Hast du in der Schule eine Adresse hinterlassen?«
»Ja, Sir - das Hilton.«
»Nun - dann gib den Pferden die Sporen, und sieh zu, dass du möglichst schnell hierherkommst. Freien Himmel!«
»Und sichere Landung, Sir.« Beide schalteten ab. David verließ die Telefonzelle und sah sich nach einem Taxistand um. Das Flughafengebäude schien noch überfüllter als zuvor; überall sah man Uniformen, nicht nur solche von Piloten und Schiffspersonal, sondern auch militärische Uniformen - und überall die allgegenwärtige Sicherheitspolizei. David zwängte sich durch die Menge, eine Rampe hinunter, durch einen Tunnel, und fand schließlich, was er gesucht hatte. Am Taxistand wartete eine Schlange; er stellte sich hinten an. Neben der Schlange lag lang ausgestreckt die große schwerfällige Sauriergestalt eines Venerianischen »Drachen«. Als David schließlich neben ihm stand, pfiff er höflich einen Gruß. Der Drache drehte eines seiner Stielaugen zu ihm herum. An seiner »Brust« zwischen den Vorderbeinen unmittelbar unter den Tentakeln hing ein kleines Kästchen, eine Sprachbox. Die Tentakel huschten über die Tasten, und der Venerianer antwortete auf dem Umweg über die mechanische Sprachbox, statt in seiner eigenen Sprache zu pfeifen: »Seien Sie gegrüßt, junger Herr. Es ist eine Freude, inmitten von Fremden die Laute zu hören, die man schon im Ei vernahm.« David konstatierte vergnügt, dass die Sprachbox des Venerianers deutlichen Cockneyakzent sprach.
Er pfiff seinen Dank und gab der Hoffnung Ausdruck, dass der Drache eines angenehmen Todes sterben möge. Der Venerianer dankte ihm erneut mit Hilfe seiner Sprachbox und fügte hinzu: »Ihr Akzent ist ausgesprochen nett, aber würden Sie mir bitte den Gefallen tun, Ihre eigene Sprache zu gebrauchen, damit ich mich darin üben kann?«
David nahm an, dass seine Aussprache so unerträglich falsch war, dass der Venerianer ihn kaum verstehen konnte. Also sprach er in menschlicher Sprache weiter: »Mein Name ist David Skyworker«, erwiderte er und pfiff noch einmal - nur um seinen Venerianischen Namen hinzuzufügen - »Nebel über den Wassern«; seine Mutter hatte ihn ausgewählt, und er empfand ihn keineswegs als komisch. Ebenso wenig der Drache. Er pfiff jetzt zum ersten Mal, stellte sich selbst vor und fügte dann über seine Sprachbox hinzu: »Man nennt mich >Sir Isaac Newton<.« Drachen wählten sich häufig als Zusatznamen den irgendeines Erdmenschen aus, den sie besonders bewunderten. David hätte »Sir Isaac Newton« gerne gefragt, ob er zufällig die Familie von Davids Mutter kenne, aber die Schlange hatte sich inzwischen vorwärtsbewegt, und der Drache blieb liegen; er musste also weitergehen, um seinen Platz in der Schlange nicht zu verlieren. Der Venerianer folgte ihm mit einem kreisenden Stielauge und pfiff ihm nach, er hoffe, dass auch David einen angenehmen Tod finden werde. Dann kam der stetige Fluss von Kabinentaxis zum Stillstand; ein von einem Menschen gesteuerter Sattelschlepper kam herangefahren und senkte eine Rampe herab. Der Drache erhob sich auf sechs massive Beine und kletterte an Bord. David pfiff ihm einen Gruß nach - und dann wurde ihm plötzlich bewusst, dass ein Sicherheitspolizist ihn schon seit einiger Zeit scharf beobachtete. Zu seiner Erleichterung hatte er jetzt die Spitze der Schlange erreicht und konnte in die Kabine steigen und die Klappe hinter sich zu ziehen.
Er wählte die Adresse und lehnte sich zurück. Das kleine Fahrzeug fuhr ruckartig an, eine Rampe hinauf, fädelte sich durch einen Lastentunnel und rollte in einen Lift. Zuerst versuchte David die Orientierung zu behalten, aber die Windungen des Ameisenhaufens, der da »New Chicago« hieß, hätten selbst einem Topologen Kopfzerbrechen bereitet; also gab er auf. Vermutlich wusste die Kabine ja, wo die Reise hinging. Doktor Jeffersons Wohnung lag unter der Erde in einem teuren Stadtviertel. Beinahe hätte David Schwierigkeiten gehabt; das Taxi hatte an der Wohnungstüre gehalten, als er aber auszusteigen versuchte, wollte die Türe sich nicht öffnen. Das erinnerte ihn daran, dass er den Fahrpreis bezahlen musste, der vor ihm auf einem kleinen Bildschirm leuchtete - und dann wurde ihm bewusst, dass er wie ein Dorftrottel ein Autonomes Fahrzeug bestiegen hatte, ohne Münzen in der Tasche zu haben. Und seinen Kreditbrief würde die kleine Kabine, so schlau sie auch sein mochte, bestimmt nicht einmal beschnüffeln. Schon hatte er sich damit abgefunden, dass die Maschine ihn zur nächsten Polizeistation befördern würde, als ihn das Auftauchen von Dr. Jefferson aus seiner Not befreite. Der Doktor gab ihm Münzen und komplimentierte ihn in die Wohnung. »Denk dir nichts dabei, Junge; mir passiert das auch einmal jede Woche. Unser Revierpolizist hat immer eine Schublade voll Hartgeld bereit, um uns aus solchen Nöten freizukaufen. Ich zahle ihn alle paar Monate und runde den Betrag dann immer etwas auf. Setz dich doch. Einen Sherry?«
»Äh, nein, vielen Dank, Sir.«
»Dann also Kaffee. Da steht Sahne und Zucker. Was hörst du denn von deinen Eltern?«
»Nun, das Übliche. Beiden geht es gut und sie haben viel Arbeit und all das.« David sah sich um. Der Raum, in dem sie saßen, war groß und komfortabel, ja luxuriös, obwohl die Bücher, die aus allen Regalen quollen und ungeordnet auf Schränken und Tischen, ja sogar Stühlen lagen, diesen Eindruck etwas verwischten. Und ihm gegenüber war ein Aussichtsfenster, das eigentlich in die Eingeweide der Stadt hätte blicken müssen; stattdessen konnte man darin einen Bergstrom und Kiefern sehen. Soeben sprang eine Forelle aus dem Wasser. »Das kann ich mir vorstellen, dass sie viel Arbeit haben«, antwortete sein Gastgeber. »Die haben sie immer. Dein Vater versucht, in einem einzigen, kurzen Menschenleben Geheimnisse zu ergründen, die sich im Laufe von Millionen von Jahren aufgetürmt haben. Unmöglich - aber er gibt nicht auf. Junge, ist dir eigentlich klar, dass wir zu der Zeit, als dein Vater seine Laufbahn begann, noch nicht einmal in unseren kühnsten Träumen ahnten, dass es schon einmal eine Zivilisation gab, die das ganze Sonnensystem umfasste?« Er machte eine kleine Pause und fügte dann nachdenklich hinzu: » Wenn es die erste war.«
Dann fuhr er fort: »Jetzt haben wir die Ruinen auf dem Meeresboden erforscht - und sie mit Aufzeichnungen von vier anderen Planeten in Beziehung gebracht. Natürlich hat dein Vater das nicht alles allein getan, nicht einmal den größten Teil davon - aber ohne seine Arbeit stünden wir heute noch am Anfang. Dein Vater ist ein bedeutender Mann, David - und deine Mutter steht ihm nicht nach. Nimm doch ein Sandwich.« David sagte: »Danke schön« und ging damit einer direkten Antwort aus dem Wege. Es tat ihm gut, dieses Lob seiner Eltern zu hören, aber er wusste nicht recht, wie er antworten sollte. Aber der Doktor konnte das Gespräch durchaus ohne Hilfe fortführen. »Wahrscheinlich werden wir nie alle Antworten erfahren. Zum Beispiel, wie der edelste aller Planeten, der Sitz der Zentralregierung, zerstört und in Weltraumschutt zerlegt wurde. Dein Vater hat vier Jahre im Asteroidengürtel verbracht - du warst doch mit von der Partie, oder? - und hat nie eine eindeutige Antwort gefunden. War es ein Doppelplanet so wie die Erde und der Mond, der von der Kraft der Gezeiten auseinandergerissen wurde? Oder ist er explodiert?« »Explodiert?« wandte David ein. »Aber das ist doch theoretisch unmöglich, oder?« Doktor Jefferson wischte die Bemerkung weg. »Alles ist theoretisch unmöglich, bis es einmal geschieht. So ist es noch allen epochenmachenden Erfindungen gegangen. Hast du dich je mit mathematischer Philosophie befasst, David? Bist du mit der Theorie des unendlichen Universums vertraut und mit den offenen Postulaten?«
»Äh, ich fürchte, nein, Sir.«
»Eine ganz einfache Idee und höchst attraktiv. Die Vorstellung, dass alles möglich ist - ich meine wirklich alles - und dass alles schon einmal geschehen ist. Alles. Ein Universum, indem du den Sherry angenommen und dich sinnlos betrunken hast. Ein anderes, in dem der fünfte Planet heil geblieben ist. Und wieder ein anderes, in der Atomkraft und Kernwaffen ebenso unmöglich sind, wie unsere Verfahren es einmal glaubten. In einem solchen Universum möchte ich übrigens gerne leben.« Er stand auf. »Iss nicht zu viele Sandwiches. Ich gehe mit dir noch in ein Restaurant, damit du die Freuden des Großstadtlebens kennenlernst.« »Ich möchte aber Ihre Zeit nicht zu sehr beanspruchen, Sir.« David hoffte immer noch, sich die Stadt allein ansehen zu können.
Die Vorstellung in irgendeinem langweiligen Club unter lauter reichen Leuten essen zu müssen, erfüllte ihn nicht gerade mit Begeisterung. Schließlich war das sein letzter Abend auf der Erde.
»Zeit? Was ist Zeit? Wohnst du im Hilton?«
»Nein, Sir, ich hab' mein Gepäck auf dem Flughafen eingestellt.«
»Gut. Dann kannst du hier übernachten; wir lassen dein Gepäck später holen.« Dr. Jefferson wurde plötzlich ernst. »Aber deine Post wird doch ins Hotel nachgeschickt?«
»Ja.«
David stellte überrascht fest, dass das Dr. Jefferson etwas zu beunruhigen schien. »Nun, darum kümmern wir uns später. Das Päckchen, das ich dir schickte - meinst du, man schickt es dir gleich nach?« »Das weiß ich wirklich nicht, Sir. Normalerweise wird zweimal täglich Post zugestellt. Wenn der Direktor aufgepasst hat, hat er es vielleicht mit Eilboten nachgeschickt, damit ich es morgen früh noch vor dem Start bekomme.« Die Sache schien Dr. Jefferson doch mehr zu beschäftigen, als er zugeben wollte, und er sprach auch während der Fahrt ins Restaurant kaum ein Wort. Es hieß Das Hinterzimmer, doch das war außen nicht angeschrieben; es war einfach eine von vielen Türen in einem Tunnel. Trotzdem schienen viele Leute das Lokal zu kennen und es besuchen zu wollen, aber ein Mann mit einem strengen Gesicht verteidigte den Eingang hinter einer Samtkordel. Dieser Würdenträger erkannte Dr. Jefferson und schickte nach dem Saalkellner. Der Doktor machte eine Geste, die von Oberkellnern begriffen wird, seit es Restaurants auf der Welt gibt, die Kordel senkte sich, und man führte sie würdevoll zu einem Tisch ganz vorne an der Bühne. Während Dr. Jefferson bestellte, bemerkte David, dass man ihnen gegenüber einem Tisch weggenommen hatte, um für eine große durchsichtige Plastikkapsel auf Rädern Platz zu machen. David hatte so etwas noch nie gesehen, wusste aber gleich, worum es sich handelte; das war die »Klimakammer« eines Martianers, tatsächlich nichts anderes als eine fahrbare Klimaanlage, die die dünne kalte Luft lieferte, wie sie die Ureinwohner des Mars benötigten. Man konnte den Insassen des Wagens nur undeutlich sehen. Sein gebrechlicher Körper wurde von einem Metallgerüst mit Servomotoren gestützt, das ihm dabei behilflich war, mit der brutalen Schwerkraft des dritten Planeten zu Rande zu kommen. Seine Pseudoflügel hingen schlaff herunter, und er bewegte sich nicht. David tat er leid. Als kleiner Junge war er auf Luna mit Mart1anern zusammengetroffen, aber das geringe Schwerkraftfeld des Mondes war sogar schwächer als das des Mars; folglich wurden sie dort auch nicht zu Krüppeln, die ein Schwerefeld lähmte, für das sie nicht gebaut waren. David fragte sich, was den hier zur Erde führte. Eine diplomatische Mission vielleicht? Dr. Jefferson schickte die Kellnerin weg, blickte auf und bemerkte, dass er den Martianer anstarrte. David sagte: »Ich habe mich gefragt, was er wohl hier macht. Bestimmt ist er doch nicht zum Essen gekommen?« »Wahrscheinlich will er sich die Fütterung der Raubtiere ansehen. Mir geht es übrigens ähnlich, David. Sieh dich gut um, so etwas siehst du nie wieder.« »Nein, das kann ich mir denken - nicht auf dem Mars.«
»So habe ich es nicht gemeint. Sodom und Gomorrha, Junge - bis auf den Kern verfault und dem Abgrund nahe ... aber ich rede zu viel. Genieße es, solange es währt.« David blickte verblüfft auf. »Dr. Jefferson, leben Sie eigentlich gerne hier?«
»Ich? Ich bin so dekadent wie die Stadt selbst. Das hindert mich aber nicht daran, sie zu kritisieren.« Plötzlich unterbrach die Kapelle ihre sanften Weisen, und die Lautsprecheranlage verkündete: »Sondermeldung!« Gleichzeitig wurde der simulierte Nachthimmel über ihnen schwarz, und Leuchtbuchstaben fingen an darüber zu gleiten. Die Stimme am Mikrofon las die Worte vor, die über die Decke huschten: Nachrichten: Das Kolonialamt hat soeben bekanntgegeben, dass der provisorische Ausschuss der Venuskolonien unser Angebot abgelehnt hat. Dem Vorsitzenden der Galaktischen Föderation nahestehende Quellen meinen, man habe mit dieser Entwicklung gerechnet, und es besteht kein Grund zur Sorge.
Der Geheimdienst
Es wurde wieder hell, und die Musik, setzte ihr Spiel fort. Dr. Jefferson hatte die Lippen zu einem seltsamen Lächeln verzogen » Wie passend«, meinte er. »Ein Menetekel.« David wollte etwas sagen, aber da begann die Show. Die Bühne war während der Nachrichtendurchsage in die Tiefe gesunken, und jetzt quoll eine leichte, von innen heraus purpurn leuchtende Wolke in die Höhe. Die Wolke schmolz, und David konnte erkennen, dass die Bühne inzwischen wieder am alten Platz und mit Tänzerinnen und Tänzern bevölkert war. David war so beeindruckt, dass er gar nicht bemerkte, dass man ihm inzwischen das Essen hingestellt hatte. Sein Gastgeber tippte ihn an. »Iß, ehe du ohnmächtig wirst.« »Wie? 0 ja, Sir!« Er sprach dem Essen mit gutem Appetit zu, wandte dabei aber kein Auge von den Darbietungen. Nach einer Weile fragte Dr. Jefferson: »Na, schmeckt's?« David zuckte zusammen. »O ja! Sehr gut sogar!« Er sah auf seinen Teller. »Aber was ist das denn?«
»Erkennst du es nicht? Gebackener Jungfaun.«
David brauchte ein paar Sekunden, um sich darüber klar zu werden, was ein Faun war. Als kleines Kind hatte er Hunderte der kleinen, satyrähnlichen Zweibeiner gesehen - Faunus gregarius veneris Smythii , aber er brachte zunächst die übliche Bezeichnung nicht mit den freundlichen kleinen Geschöpfen in Verbindung, die er und seine Spielgefährten, wie alle Venuskolonisten, immer » Weg das« genannt hatten, weil sie die Angewohnheit hatten, sich dauernd an Leute anzuhängen, einem auf die Schultern zu klettern, die kleinen Ärmchen um einen zu legen und auf tausend andere Arten ihren unersättlichen Appetit auf Zärtlichkeit zu zeigen. Ein Weg da essen? Er kam sich wie ein Kannibale vor und fing zum zweiten Mal am gleichen Tage an, sich-wie ein Neuling im Weltraum zu benehmen. Er schluckte und würgte, brachte aber keinen Bissen mehr hinunter. Jetzt wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Bühne zu. Ein Mann mit müden Augen erzählte ununterbrochen Witze,
während er mit brennenden Fackeln jonglierte. David gefiel das nicht besonders, und sein Blick wanderte im Saal herum. Drei Tische von ihnen entfernt fing ein Mann seinen Blick auf und sah dann betont gleichgültig weg. David dachte darüber nach, sah sich den Mann genauer an und kam zu dem Schluss, dass er ihn kannte. »Dr. Jefferson?«
»Ja, David?«
»Kennen Sie zufällig einen Venusdrachen, der sich >Sir Isaac Newton< nennt?« David fügte die Pfeiftöne hinzu, die den wahren Namen des Venerianers kennzeichneten. »Tu das nicht!« sagte der Ältere scharf. »Was soll ich nicht tun?« »Unnötig auf deine Herkunft aufmerksam machen, nicht jetzt.
Warum erkundigst du dich nach diesem >Sir Isaac Newton<? « Er redete ganz leise, seine Lippen bewegten sich kaum. David erzählte ihm von dem zufälligen Zusammentreffen am Flughafen. »Ich war ziemlich sicher, dass mich ein Mann von der Sicherheitspolizei beobachtete. Und jetzt sitzt derselbe Mann dort drüben, bloß,dass er keine Uniform trägt.«
»Bist du ganz sicher?«
»Ich glaube schon.«
»Hm ... du könntest dich irren. Vielleicht hat er auch einfach frei. Schau - an deiner Stelle würde ich nicht mehr auf ihn achten und auch nicht von ihm reden. Und sprich nicht von diesem Drachen oder sonst von etwas Venerianischem. Benimm dich ganz normal, so als würdest du dich herrlich amüsieren.
Aber pass gut auf, was ich sage.«
David bemühte sich redlich, dem Wunsch des Älteren nachzukommen. Aber trotzdem drängte es ihn immer wieder, zu dem Mann hinüber zu starren. Der Teller mit dem gebackenen Faun wurde abgetragen, und auf der Bühne trat eine Pause ein. David versuchte, Dr. Jefferson zu fragen, was er von der augenblicklichen Kriegshysterie halte. Aber der lenkte das Gespräch auf die Arbeit seiner Eltern und setzte sich mit Vergangenheit und Zukunft des Sonnensystems auseinander. »Mach dir keine Sorgen um die Gegenwart, Junge. Wir leben in einer Übergangszeit - in fünfhundert Jahren wird kein Historiker mehr davon reden. Bis dahin werden wir sechs Planeten bewohnen.«
»Sechs? Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass wir je etwas mit Jupiter und Saturn anfangen können? Oh - Sie meinen die Jupitermonde.«
»Nein, ich meine die sechs wichtigsten Planeten. Wir schieben Pluto und Neptun näher ans Feuer und schleppen Merkur etwas nach außen, damit er abkühlt.«
Die Vorstellung, ganze Planeten zu bewegen, ließ David aufwachen. Das klang völlig unmöglich, aber da sein Gastgeber ein Mann war, der immer wieder der Überzeugung Ausdruck verlieh, alles und jedes wäre möglich, blieb er stumm. »Unsere Rasse braucht viel Raum«, fuhr Dr. Jefferson fort. »Schließlich gibt es auf Mars und Venus eigene intelligente Rassen; dort können wir uns nicht mehr sehr breitmachen. Aber der Umbau dieses Sonnensystems ist eine rein technische Frage - nichts, verglichen mit den anderen Dingen, die vor uns liegen. In fünfhundert Jahren wird es mehr Erdenmenschen außerhalb dieses Systems geben als in ihm; wir werden dann mit Sicherheit die Planten sämtlicher Sterne vom G-Typ im Umkreis von ein paar Dutzend Lichtjahren besiedelt haben. Weißt du, was ich täte, wenn ich noch so jung wäre wie du, David? Ich würde mich um einen Platz auf der Pathfinder bewerben.« David nickte. »Das würde ich auch gerne.« Man hatte schon vor seiner Geburt mit dem Bau der Pathfinder auf einer Kreisbahn um den Mond begonnen, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ihre Reise zu den Sternen antrat. Der größte Teil von Davids Generation hatte davon geträumt, mit diesem Schiff in die Unendlichkeit des Alls hinauszufliegen. In diesem Augenblick verschwanden die Tänzerinnen von der Bühne, die Lichter blitzten einmal auf, und über den Lautsprecher hallte es: »Angriff aus dem Weltall. Alarm! Weltraumangriff! « Und alle Lichter gingen aus.
Einen ewigen Augenblick lang herrschte völlige Finsternis und Schweigen, nicht einmal das Summen der Ventilatoren war zu hören. Dann erschien mitten auf der Bühne ein kleines Lichtchen, und als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannten sie den Komiker, der schon vorher einmal aufgetreten war. »Nur ruhig Blut, Leute«, meinte er mit über laut gedehnter Stimme und lachte. »Bleiben Sie ruhig sitzen und halten Sie Ihr Geld fest. Das ist nur eine Übung. Außerdem haben wir dreißig Meter Beton über uns - und dazu eine Hypothek, die noch viel schwerer wiegt. Aber jetzt wollen wir Sie für den nächsten Akt - den meinen nämlich - in Stimmung versetzen. Die nächste Runde Getränke wird von der Geschäftsleitung gestiftet.« Er beugte sich vor und rief: »Gertie ! Hol das Zeug, das wir zu Neujahr nicht losgeworden sind.« David spürte, wie die Spannung im Raum nachließ. Umso mehr erschrak er, als sich eine Hand um sein Handgelenk schloss. »Ruhig!« flüsterte Dr. Jefferson ihm ins Ohr. David ließ sich in der Finsternis vom Tisch wegführen. Jefferson kannte sich offenbar in dem Lokal aus; sie verließen den Raum, ohne gegen Tische zu stoßen oder irgendjemand auf die Zehen zu treten. Sie gingen einen langen, schmalen Korridor hinunter, der so finster wie das Innere eines Kohlenbergwerks war, bogen dann um eine Ecke und blieben stehen. »Aber Sie dürfen nicht hinaus, Sir«, hörte David eine Stimme. Dr. Jefferson sagte ganz leise etwas, David verstand kein Wort davon. Er hörte das Rascheln von Papier, dann gingen sie weiter, durch eine Tür und dann nach links. Dann ging es eine Treppe hinunter. Jetzt waren andere Leute rings um sie, wenn auch nicht viele. Einmal versuchte jemand, David im Dunkeln zu packen; er schlug wild um sich, spürte, wie seine Faust sich in etwas Weiches bohrte, und hörte ein halbersticktes Grunzen. Jefferson drängte ihn zu größerer Eile. Dann blieb der Ältere stehen, schien in der Dunkelheit um sich zu tasten, bis er das gefunden hatte, was er suchte. »Da«, sagte er endlich. »Steig ein.« Er zerrte David vor und legte seine Hand auf etwas; David tastete herum und kam dann zu dem Schluss, dass es sich um ein abgestelltes Kabinentaxi handeln musste, dessen Türklappe offenstand. Er stieg ein, Dr. Jefferson folgte ihm und zog die Klappe hinter sich zu. »Jetzt können wir reden «, sagte er ruhig. » Weg kommen wir hier noch nicht, solange kein Strom da ist.«
Erst jetzt wurde David bewusst, dass er vor Aufregung zitterte. Er brauchte ein paar Augenblicke, um seine Stimme zu finden. Dann sagte er: »Dr. Jefferson - ist das wirklich ein Raumangriff?«
»Das bezweifle ich«, antwortete der andere. »Ich glaube eher, dass es sich um eine Übung handelt - wenigstens hoffe ich das. Aber immerhin gab uns das Gelegenheit, uns dünnzumachen.«
David brauchte eine Weile, bis er begriff. Dann meinte er: »Sie
meinen wegen des Sicherheitspolizisten?«
»Ja, leider.«
»Aber - ich glaube, ich habe mich da geirrt. Er hat zwar schon wie der Mann ausgesehen, aber er kann mir doch unmöglich gefolgt sein, selbst wenn er am Flughafen das nächste Taxi genommen hat. Ich erinnere mich zumindest ganz deutlich, dass meine Kabine allein in einem Lift war. Nein -wenn es derselbe Polizist war, dann war es ein Zufall; mich kann er unmöglich gesucht haben.«
» Vielleicht war er hinter mir her.«
»Wie bitte?«
»Laß nur. Es ist jetzt viel wichtiger, dass wir ungestört miteinander reden können. Im Augenblick geht das, weil die Stromzufuhr gestört ist. Das bedeutet, dass die uns nicht abhören können. Sobald wieder Energie da ist, müssen wir vorsichtig sein, und ich habe eine ganze Menge zu sagen.«
»Warum geht es dann nicht mehr?«
»Die Öffentlichkeit soll das eigentlich nicht wissen, aber diese Kabinentaxis haben alle eingebaute Mikrofone. Ja, ich weiß: es ist eine Schande, dass es so etwas gibt. Im Restaurant habe ich auch nicht zu reden gewagt, selbst bei dem Lärm, den die Musik vollführt hat. Und jetzt hör gut zu. Wir müssen das Päckchen finden, das ich dir geschickt habe - wir müssen. Ich möchte, dass du es deinem Vater bringst . . . beziehungsweise das, was darin ist. Punkt zwei: Du musst diese Pendelrakete morgen früh erreichen, und wenn der ganze Himmel einstürzt. Punkt drei: Du kannst heute Abend nicht bei mir wohnen. Es tut mir leid, aber ich glaube, so ist es besser. Punkt vier: Wenn wieder Strom da ist, fahren wir eine Weile herum und reden von nichts Bestimmtem und erwähnen keine Namen. Dann sorge ich dafür, dass wir in die Nähe einer öffentlichen Telefonzelle kommen, und du rufst das Hilton. Wenn das Päckchen eingetroffen ist, verlässt du mich, fährst zum Flughafen zurück, holst deine Koffer, fährst dann ins Hotel, trägst dich ein und lässt dir deine Post geben. Morgen früh nimmst du dein Schiff und reist ab. Ruf mich nicht an. Hast du, dass alles verstanden?«
»Äh, ich glaube schon.« David wartete eine Weile, dann platzte es aus ihm heraus: »Aber warum? Vielleicht sollte ich das nicht fragen, aber ich finde, ich sollte wissen, warum wir das tun.«
»Was möchtest du wissen?«
»Nun ... was in dem Päckchen ist.«
»Das wirst du sehen. Du kannst es öffnen, dir den Inhalt ansehen und dann selbst eine Entscheidung treffen. Wenn du es nicht tun willst, liegt das bei dir. Was das übrige angeht – welche politische Ansicht vertrittst du, David?«
»Nun ... das ist schwer zu sagen.«
»Mhm - ich konnte das auch nicht, als ich so alt war wie du Ich möchte einmal so sagen: Wärst du bereit, dich für den Augenblick der Ansicht deiner Eltern anzuschließen? Bis du dir eine eigene Meinung gebildet hast?«
» Ja, natürlich.«
»Kam es dir etwas seltsam vor, dass deine Mutter darauf bestand, dass du mich besuchen solltest? Du brauchst nicht schüchtern zu sein - ich weiß, dass ein junger Mann, der in eine große Stadt kommt, keine große Lust hat, Leute zu besuchen, die ihm praktisch fremd sind. Also - für sie muss es sehr wichtig gewesen sein, dass du mich aufsuchst. Richtig?«
»Ja, ich denke schon.«
»Können wir es dabei belassen? Was du nicht weißt, kannst du auch nicht ausplaudern - und du kannst keine Schwierigkeiten damit bekommen.«
David überlegte. Was der andere sagte, ging ihm trotz allem irgendwie gegen den Strich. Wenn er das Päckchen einfach bekommen hätte, ohne all diese geheimnisvollen Umstände, hätte er es seinem Vater sicher gebracht, ohne viel darüber nachzudenken.
Er wollte gerade eine weitere Frage stellen, als die Lichter aufflammten und der kleine Wagen zu summen begann. Dr. Jefferson sagte: »Los geht's!« Beugte sich vor und wählte ein Ziel.
Das Kabinentaxi setzte sich in Bewegung. David wollte etwas sagen, aber der andere schüttelte den Kopf. Der Wagen suchte sich seinen Weg durch einige Tunnels, eine Rampe hinunter, und kam auf einem großen unterirdischen Platz zum Stillstand. Dr. Jefferson bezahlte und führte David quer über den Platz zu einem Aufzug. Man spürte die Spannung, die offenbar von dem Alarm ausgelöst worden war. Eine Menschenmenge drängte sich um einen öffentlichen Fernsehprojektor inmitten der Anlage. Als sie aus dem Aufzug stiegen, steuerte Dr. Jefferson zielbewusst auf einen anderen Taxistand zu, wo sie erneut eine Kabine bestiegen, mit der sie einige Minuten fuhren, um dann wiederum das Fahrzeug zu wechseln. David war jetzt völlig verwirrt und hätte nicht mehr sagen können, ob sie im Norden, Süden, oben, unten, Osten oder Westen waren. Nun sah Jefferson auf die Uhr und meinte: »Jetzt haben wir genug Zeit totgeschlagen. Hier.« Er deutete auf die nächstgelegene Telefonzelle. David wählte die Nummer des Hilton. Ob man irgendwelche Post für ihn erhalten habe? Nein, das sei nicht der Fall. Er erklärte, er sei noch nicht eingetragen, worauf der Angestellte noch einmal nachsah. Nein - es täte ihm wirklich leid. David kam heraus und berichtete. Dr. Jefferson kaute auf seiner Unterlippe herum. »Junge, da habe ich, glaube ich, etwas Dummes gemacht.« Er sah sich um; sie waren ganz allein. »Und Zeit habe ich auch vergeudet.«
»Kann ich etwas tun?«
»Wie? Ja, ich glaube schon - bestimmt kannst du das.« Er überlegte. »Wir fahren jetzt zu meiner Wohnung zurück. Das müssen wir. Aber da bleiben wir nicht. Wir suchen uns irgendein anderes Hotel - nicht das Hilton - und ich fürchte, wir werden die ganze Nacht durcharbeiten müssen. Hältst du das durch?«
»Oh, ganz bestimmt!«
»Ich habe ein paar >Zeitlupenpillen<; die helfen uns. Aber auf alle Fälle musst du dieses Schiff morgen erwischen, David. Verstehst du das?« David nickte. Er hatte in jedem Falle vor, das Schiff zu e-wischen, und konnte sich nicht vorstellen, weshalb er es verpassen sollte. Insgeheim begann er sich Gedanken darüber zu machen, ob Dr. Jefferson ganz recht im Kopf war. »Gut. Wir gehen zu Fuß; es ist nicht weit.«
Sie brauchten nur einmal einen Aufzug zu nehmen, der Rest des Weges führte sie durch Tunnels und Korridore. Als sie in den Tunnel bogen, in dem die Wohnung Dr. Jeffersons lag, sah er sich um; aber es war niemand zu sehen. Als sie die Tür öffneten, saßen zwei Fremde im Wohnzimmer. Dr. Jefferson sah sie an und sagte: »Guten Abend, Gentlemen« und wandte sich wieder seinem Gast zu. »Gute Nacht, David. Es war sehr nett, dich zu sehen. Grüße deine Eltern von mir.« Er griff nach Davids Hand und drängte ihn zur Tür. Die beiden Männer standen auf. Einer von ihnen sagte: »Sie haben lange gebraucht, um nach Hause zu kommen, Dr. Jefferson. «
»Ich hatte unsere Verabredung vergessen, meine Herren. Also, Wiedersehen, David - ich möchte nicht, dass du dich verspätest.«
David antwortete: »Äh - gute Nacht, Dr. Jefferson. Und vielen Dank.«
Er wandte sich zum Gehen, aber der Fremde, der gesprochen hatte, stellte sich schnell zwischen ihn und die Tür. »Einen Augenblick bitte.«
Dr. Jefferson wandte ein: »Wirklich, meine Herren, es besteht kein Anlass, den Jungen aufzuhalten. Lassen Sie ihn doch gehen, damit wir unsere Sache erledigen können.«
Der Mann gab darauf keine Antwort, sondern rief: »Müller! Braun!« Zwei weitere Männer tauchten aus einem Nebenzimmer auf. Der Mann, der offenbar der Anführer der Fremden war, sagte zu ihnen: »Schafft den Jungen ins Schlafzimmer. Macht die Tür zu.«
»Komm mit, Kleiner.«
David, der bis jetzt geschwiegen und versucht hatte, sich auf diese seltsamen Vorgänge einen Reim zu machen, wurde böse. Vermutlich waren das Sicherheitspolizisten, selbst wenn sie keine Uniform trugen- aber man hatte ihn in dem Glauben erzogen, dass ehrliche Bürger nichts zu fürchten hatten. »Augenblick!« protestierte er. »Ich gehe nirgends hin. Was soll das?«
Der Mann, der ihn aufgefordert hatte mitzukommen, trat näher heran und griff nach seinem Arm. David schüttelte ihn ab. Jetzt schaltete sich der Anführer mit einer leichten Handbewegung ein. »David Skyworker... «
»Wie? Ja?«
»Darauf könnte ich Ihnen in unterschiedlicher Weise antworten - zum Beispiel so ... « Er zeigte ihm eine Dienstplakette, die plötzlich in seiner Hand erschienen war ... « aber die könnte gefälscht sein. Oder, wenn ich mir die Zeit nehmen wollte, könnte ich Ihnen gestempelte Dokumente zeigen, alle korrekt und legal und mit wichtigen Unterschriften.« David stellte fest, dass der Mann eine kultivierte, wohlklingende Stimme hatte. »Aber so, wie die Dinge liegen, bin ich müde und habe es eilig und möchte mich nicht mit jungen Schnöseln herumstreiten. Wir sollten es also dabei bewenden lassen, dass wir alle vier bewaffnet sind. Also - gehen Sie friedlich mit, oder wollen Sie zuerst ein paar Ohrfeigen und dann mit Gewalt in das Schlafzimmer gezerrt werden?«
David wollte schon mit dem ganzen blinden Mut seiner Jugend antworten, als Dr. Jefferson sich einschaltete. »Tu, was man dir sagt, David!«
Er machte den Mund zu und folgte dem Mann. Der führte ihn ins Schlafzimmer und schloss die Tür. »Setzen Sie sich«, sagte er beinahe freundlich. David bewegte sich nicht. Der Mann trat einen Schritt näher, legte ihm die Hand auf die Brust und schob. David setzte sich. Der Mann drückte einen Knopf am Schaltbrett des Betts, so dass es sich in Lesestellung hob, und legte sich hin. Er schien zu schlafen, aber jedes Mal, wenn David zu ihm hinübersah, begegnete ihm sein Blick. David spitzte die Ohren und versuchte zu hören, was draußen vor sich ging, aber die Mühe hätte er sich sparen können; der Raum war als Schlafzimmer natürlich völlig schalldicht. Schließlich sank er in Apathie.
»Aufstehen!«
David sprang auf. Er war wie benommen und einen Augenblick lang desorientiert. »Ich wünschte, ich hätte ein so gutes Gewissen wie Sie«, sagte der Mann bewundernd. »Es ist wirklich eine seltene Gabe, wenn man jederzeit einschlafen kann. Kommen Sie, der Chef will Sie sprechen.«
David ging vor ihm ins Wohnzimmer; dort war niemand zu sehen, nur der Kollege des Mannes, der ihn bewacht hatte. David wandte sich um und fragte: »Wo ist Dr. Jefferson?«
»Das ist jetzt nicht wichtig«, erwiderte der Mann. »Der Leutnant wartet nicht gerne.« Er ging zur Tür hinaus. David blieb stehen. Aber der zweite Wächter griff nur ganz leicht nach seiner Schulter; er spürte einen stechenden Schmerz und ging mit.
Draußen stand ein manuell gesteuerter Wagen, der größer war als die Kabinentaxis. Der zweite Wächter setzte sich hinters Steuer; der andere drängte David auf den Hintersitz. Er setzte sich und wollte sich umdrehen - musste aber feststellen, dass das nicht ging. Nicht einmal die Hände konnte er heben. Jeder Versuch, sich zu bewegen und irgendetwas anderes zu tun als still dazusitzen und zu atmen, vermittelte ihm den Eindruck, gegen hundert Decken ankämpfen zu müssen. »Ganz ruhig«, riet der Mann. »Wenn Sie gegen dieses Kraftfeld ankämpfen, könnten Sie sich eine Sehnenzerrung zuziehen. Und es hilft überhaupt nichts.«
»Wohin bringen Sie mich?« fragte David.
»Wissen Sie das nicht? Ins Städtische IBI-Büro natürlich.«
» Weshalb denn? Ich habe doch nichts gemacht?«
»In dem Fall brauchen Sie auch nicht lange zu bleiben.«
Der Wagen kam in einer großen Garage zum Stillstand; alle drei stiegen aus und warteten vor einer Tür. David hatte das Gefühl, dass sie jetzt gemustert wurden. Und dann ging die Tür auf, und sie traten ein. Der ganze Saal roch nach Bürokratie. Sie gingen einen langen Korridor hinunter, vorbei an endlosen Büros mit Angestellten, Schreibtischen, Fernschreibern, Mikrofilmgeräten und ratternden Sortiergeräten. Ein Lift trug sie zu einem anderen Stockwerk; sie gingen durch weitere Korridore und erreichten schließlich eine Tür, vor der Davids Bewacher stehenblieben. »Hinein«, sagte der erste der Männer. David trat ein. Die Tür schloss sich hinter ihm, und die Wächter blieben draußen stehen. »Setzen Sie sich, David.« Das war der Anführer der Gruppe, nur dass er jetzt die Uniform eines Sicherheitsbeamten trug und hinter einem hufeisenförmigen Schreibtisch saß. »Wo ist Dr. Jefferson?« wollte David wissen. »Was haben Sie mit ihm gemacht?«
»Setzen, habe ich gesagt.«
David regte sich nicht von der Stelle; der Leutnant fuhr fort:
»Warum wollen Sie es sich denn schwermachen? Sie wissen doch, wo Sie sind. Sie wissen, dass ich Sie auf jede mir richtig erscheinende Art und Weise gefügig machen könnte – und dazu gehören ein paar ziemlich unangenehme Methoden. Würden Sie sich bitte hinsetzen und uns beiden die Mühe ersparen?«
David setzte sich und erklärte sofort: »Ich möchte einen Anwalt.«
Der Leutnant schüttelte langsam den Kopf. Er sah aus wie ein müder, freundlicher Lehrer. »Junger Mann, Sie haben zu viele Kriminalromane gelesen. Stattdessen hätten Sie sich etwas mit Geschichte befassen sollen. Dann wüssten Sie nämlich, dass es eine Zeit für Legalität gibt und eine Zeit für Gewalt. Im Augenblick haben Sie keine andere Wahl, als meine Anweisungen zu befolgen, sonst wird es hier sehr unangenehm für Sie. Und jetzt Schluss mit dem Unfug.«
David atmete tief. Wahrscheinlich hatte der andere recht. »Also gut«, sagte er. »Stellen Sie Ihre Fragen.«
Der Leutnant holte eine Filmspule aus der Schreibtischlade und schob sie in einen Projektor, dessen Bildschirm ihm zugewandt war. »Ihr Name bitte.«
»David James Skyworker.«
»Und Ihr Venerianischer Name?«
David pfiff. »Nebel über den Wassern.«
»Wo sind Sie geboren?«
»Auf dem Raumschiff Enterprise auf dem Fluge zwischen Luna 3 und Vulkan.« Die Fragen dehnten sich endlos. Davids Inquisitor schien alle Antworten bereits vor sich auf dem Bildschirm zu haben; ein- oder zweimal verlangte er von David nähere Erklärungen oder verbesserte ihn in Einzelheiten. Dann forderte er David auf, die Ereignisse seit dem Erhalt der Nachricht seiner Eltern zu schildern. David kam dem Wunsch nach und ließ lediglich Dr. Jeffersons Bemerkungen über das Päckchen aus. Er wartete nervös, rechnete jeden Augenblick damit, danach gefragt zu werden. Aber falls der Sicherheitsbeamte etwas von dem Päckchen wusste, ließ er sich das nicht anmerken. »Dr. Jefferson schien der Ansicht zu sein, dieser sogenannte Sicherheitsbeauftragte wäre hinter Ihnen her? Oder hinter ihm?«
»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass er das wusste.«
»Umso mehr wundert mich Ihre Flucht«, meinte der Leutnant mit einem schwachen Lächeln. »Sagen Sie mir genau, was Sie taten, nachdem Sie das Restaurant verließen.«
»Hat dieser Mann mich beobachtet?« fragte David. »Glauben Sie mir, ich hatte diesen Drachen noch nie zuvor gesehen. Ich war nur höflich zu ihm.«
»Sicher waren Sie das. Aber die Fragen stelle hier ich. Fahren Sie fort.«
»Nun, wir wechselten zweimal das Taxi - vielleicht auch dreimal. Ich weiß nicht, wohin wir gingen; ich kenne die Stadt nicht und war ganz konfus. Aber am Ende kamen wir zu Dr. Jeffersons Wohnung zurück.« Den Anruf im Hilton ließ er aus; und wieder war dem Beamten nicht anzusehen, ob er die Auslassung bemerkt hatte. Der Leutnant meinte: »Nun, damit wären wir in der Gegenwart angelangt.« Er schaltete den Projektor ab und starrte ein paar Augenblicke ins Leere. »Junger Mann, für mich gibt es nicht den leisesten Zweifel, dass Sie potentiell illoyal sind.«
»Wieso?«
»Ach, kommen Sie. In ihrer ganzen Vergangenheit gibt es nichts, was Sie loyal hätte machen können. Aber das ist kein Grund zur Aufregung. In meiner Position muss man die Dinge praktisch sehen. Sie beabsichtigen, morgen früh zum Mars zu reisen?«
»Allerdings.«
»Gut. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Sie in Ihrem Alter schon viel Unheil angerichtet haben, dazu waren Sie auf dieser Ranch viel zu isoliert. Aber Sie sind in schlechte Gesellschaft geraten. Verpassen Sie das Schiff nicht, sonst müsste ich vielleicht meine Meinung revidieren.«
Er stand auf, und David tat es ihm gleich. »Ganz bestimmt werde ich es erwischen!« stimmte David ihm zu und hielt dann. inne. »Es sei denn ... «
»Es sei denn was?« fragte der Beamte mit scharfer Stimme. »Nun, man hat mein Ticket wegen einer Sicherheitsüberprüfung einbehalten«, platzte David heraus. »Tatsächlich? Das ist reine Routine; ich kümmere mich darum. Sie können jetzt gehen. Freien Himmel!«
David gab nicht die übliche Antwort. Der Mann sagte: »Ich würde an Ihrer Stelle jetzt nicht den Beleidigten spielen. Mir hat das keinen Spaß gemacht. Ich habe selbst einen Sohn, der so alt ist wie Sie. Also wie steht's? Noch böse?«
»Äh, nein, das nicht.«
Der Leutnant hielt ihm die Hand hin; David ertappte sich dabei, dass er sie annahm - irgendwie mochte er den Mann sogar. Er beschloss, eine Frage zu riskieren. »Könnte ich mich von Dr. Jefferson verabschieden?« Der Ausdruck des Mannes veränderte sich. »Das geht leider nicht.«
»Warum denn nicht? Sie wären ja dabei, oder?«
Der Beamte zögerte. »Nun, ich wüsste nicht, warum Sie es nicht erfahren sollen. Dr. Jeffersons Gesundheitszustand war sehr angegriffen. Er hat sich zu sehr aufgeregt, einen Herzanfall
erlitten und ist vor wenigen Stunden an den Folgen des Anfalls gestorben.«
David starrte ihn mit großen Augen an. »Reißen Sie sich zusammen!« sagte der Mann scharf. »Wir müssen alle sterben.« Er drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch, worauf ein Uniformierter hereinkam und den Befehl erhielt, David hinauszuführen. Sie nahmen einen anderen Weg als den, auf dem sie gekommen waren, aber David war zu verwirrt, um es zu bemerken. Dr. Jefferson tot? Das schien unmöglich. Ein Mann, der so lebendig war, das Leben so liebte - inzwischen hatten sie einen öffentlichen Tunnel erreicht, und der Mann ließ ihn stehen. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz, den er in der Schule von seinem Biologielehrer gehört hatte: »Am Ende kann man alle Formen des Todes als Herzversagen darstellen.« David hob die rechte Hand und starrte sie an. Er würde sie so schnell wie möglich waschen.
Das Hilton zu finden bereitete keine Schwierigkeiten; die grellen Neonbuchstaben über dem Eingang des Hotels waren schon aus drei Straßen Entfernung zu sehen. David hatte Glück gehabt. Mit keinem Pfennig Bargeld in der Tasche hatte er den Weg zu Fuß zurücklegen und sich ein paarmal bei hilfreichen Zeitgenossen nach dem Weg erkundigen müssen. Niemand kam ihm entgegen, um ihm - ohnehin nicht vorhandene - Koffer abzunehmen, als er durch das Portal trat. Er ging zum Empfangstisch und verlangte ein Zimmer. Der Angestellte musterte ihn etwas zweifelnd, Hat sich schon jemand um Ihr Gepäck gekümmert, Sir?«
David erklärte, dass er keines habe. Nun ... in dem Fall darf ich um zweiundzwanzigfünfzig im Voraus bitten. Bitte unterschreiben Sie hier.«
David unterschrieb das Formular und drückte seinen Daumenabdruck daneben; dann holte er den Kreditbrief seines Vaters aus der Tasche. »Kann ich dafür hier Bargeld bekommen?«
» Wieviel ist es denn?« Der Angestellte nahm das Dokument und sagte dann: »Aber natürlich, Sir. Bitte Ihren Ausweis.«
David reichte ihn hinüber. Der Angestellte nahm ihn und den frischen Daumenabdruck und schob beides in ein Vergleichsgerät. Die Maschine pfiff zustimmend, worauf der Mann ihm die Karte zurückreichte. Ja, Sie sind Sie.« Er zählte ihm das Geld hin und zog dabei den Zimmerpreis ab. »Kommt Ihr Gepäck noch, Sir?« Sein Verhalten ließ erkennen, dass Davids gesellschaftlicher Status inzwischen um einige Stufen angestiegen war. »Äh, nein, aber Post für mich könnte da sein.« David erklärte, dass er am Morgen mit der Franken 1 abreisen würde. »Ich frage am Posttisch nach.«
Aber die Antwort lautete nein; David blickte enttäuscht, worauf der Angestellte versprach, am Posttisch Nachricht zu hinterlassen, dass man ihn bei Eintreffen irgendwelcher Post sofort benachrichtigen solle. Als der Page David zum Aufzug führte, wurde ihm plötzlich bewusst, wie müde er war. Er ließ sich ein warmes Bad ein, zog sich aus und genoss es, sich von dem schäumenden Wasser verwöhnen zu lassen. Dann kam er ruckartig zu sich und stellte fest, dass er eingeschlafen war. David stieg aus der Badewanne trocknete sich etwas ab und mit von der Massage noch prickelnder Haut, ging er ins Schlafzimmer und lies sich so wie er war auf das Bett fallen. Er fühlte sich auf dem weichen Bett, beinahe wie ein neuer Mensch. Das Lämpchen über der Rohrpostanlage flackerte grün. Er öffnete die Klappe und fand drei Gegenstände. Zunächst eine Aufmerksamkeit des Hotels: in durchsichtiger Plastik Verpackung einen Kamm, eine Zahnbürste, eine Schlafpille, Kopfschmerztabletten, eine Zeitung und die Frühstückskanne. Dann eine Postkarte seines Zimmerkollegen und drittens schließlich ein kleines Päckchen in einem ganz gewöhnlichen Rohrpostbehälter. Auf der Kane stand: Lieber David, mit der Nachmittagspost ist ein Päckchen für dich gekommen. Der Direx hat mir erlaubt, es nach New Mexico zu bringen. Muss jetzt Schluss machen. Alles Gute noch - Jack. Der gute alte Jack, sagte er sich und nahm den Rohrpostbehälter. Ein Blick auf den Absender ließ ihn erschreckt erkennen, dass dies das Päckchen sein müsste, das Dr. Jefferson so wichtig gewesen war, das Päckchen, das anscheinend zu seinem Tod geführt hatte. Er starte es an und fragte sich, ob es wirklich wahr sein durfte, dass man einen Bürger aus seinem eigenen Haus herauszerren und ihn dann so misshandelte, bis er starb. Er bezwang sein Zittern und öffnete das Päckchen. Im nächsten Augenblick war er völlig verblüfft. Die Röhre enthielt nichts als einen Männerring, einen billigen Plastikring, wie man ihn in Andenkenläden kaufen konnte. Man hatte ein altmodisches großes »H« im Kreise hineingepresst und die Rillen mit weißer Glasur gefüllt. Ein ziemlich auffälliges Stück, aber ohne jeden Wen und ziemlich vulgär. David drehte den Ring in den Fingern, legte ihn beiseite und wühlte in dem Verpackungsmaterial herum. Aber da war sonst nichts, nicht einmal eine Nachricht, nur gewöhnliches weißes Papier, in das man den Ring eingewickelt hatte. David überlegte. Für ihn stand fest, dass der Ring nicht die Ursache all der Aufregung sein konnte; für ihn gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder hatte die Sicherheitspolizei die Päckchen vertauscht - in dem Fall konnte er nichts machen - und zweitens, wenn der Ring unwichtig war, es sich aber um das richtige Päckchen handelte, dann musste der restliche Inhalt des Päckchens wichtig sein, selbst wenn er nur wie ganz gewöhnliches unbeschriebenes Papier aussah. Die Vorstellung, dass er hier vielleicht eine Nachricht in unsichtbarer Tinte vor sich liegen hatte, erregte ihn, und er überlegte, wie man sie sichtbar machen konnte. Wärme? Chemikalien? Strahlung? Aber dann wurde ihm klar, dass es nicht seine Aufgabe war, eine solche Nachricht - immer vorausgesetzt, es gab sie - lesbar zu machen; er musste sie einfach seinem Vater überbringen. Und nach dieser Überlegung holte er seinen Kugelschreiber aus der Tasche, glättete das Papier und fing einen Brief an. Das Papier sah aus wie Schreibpapier, ein Brief, den man darauf schrieb, würde also kein Aufsehen erwecken – vielleicht handelte es sich sogar um Schreibpapier. Er begann: »Liebe Mutter, lieber Vater, ich habe heute Morgen euer Telegramm bekommen und war ganz aufgeregt.« Er füllte das ganze Blatt mit weit auseinandergezogenen Sätzen und fügte ganz unten hinzu, er wolle den Brief abschließen und absenden, sobald sein Schiff in Radioreichweite des Mars angelangt war. Dann faltete er das Papier zusammen und legte es in seine Brieftasche. Er sah auf die Uhr. Du großer Gott! In einer Stunde musste er aufstehen; es lohnte sich kaum, zu Bett zu gehen. Aber seine Augen drohten ihm zuzufallen. Er sah, dass die Weckanlage des Bettes verschiedene Stufen hatte, von »sanfte Erinnerung«
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