Read the book: «Polis und Imperium»
Prof. Dr. Michael Stahl
ALTE GESCHICHTE
Polis und Imperium
Kultur und Politik im frühen Griechenland
und im römischen Weltreich
Fünf Vorlesungen:
HOMER –
an den Wurzeln der europäischen Kultur
ANTIKE UND MODERNE DEMOKRATIE –
ein ferner Spiegel?
TEMPEL, KULTE, GÖTTER –
die Religion der Griechen
DIE ANFÄNGE DER PHILOSOPHIE IM
FRÜHEN GRIECHENLAND –
eine neue Sicht auf die Welt
DAS WELTREICH DER RÖMER
IN DER KAISERZEIT –
Perspektiven auf ein Imperium
© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH
2012, München/Grünwald
www.der-wissens-verlag.de
ISBN: 978-3-8312-0391-8
Satz: Pinsker Druck und Medien, Mainburg
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort – Antike und Gegenwart
Homer – An den Wurzeln der europäischen Kultur
• Homer im Streit der Gegenwart
• Homerische Fragen: Der Dichter und seine Werke
• Der Stoff der Epen: Tradition und Neuschöpfung
• Dichtung und Lebenswelt: Das Problem der Historizität
• Homer und die Nachwelt
• Eine „kulturelle Enzyklopädie“
• Lügen des Odysseus
• Die Welt des Hauses
• Ein Aristokrat
• Wonach man strebte
• Arbeit für die Gemeinschaft
• Der Mythos als Erzählung von den Ursprüngen
• Homers Menschen
• Odysseus und Achilleus: Urbilder des europäischen Menschen
• Penelope und die eheliche Liebe
• Der erste Klassiker Europas
• Literatur
Antike und moderne Demokratie – Ein ferner Spiegel?
• Die Fremdheit der griechischen Demokratie
• Probleme in der modernen Demokratie
• Die Definition von Politik
• Wie organisiert man politische Teilhabe?
• Politische Ethik
• Literatur
Tempel, Kulte, Götter – Die Religion der Griechen
• Der christliche Blick auf die antike Religion
• Die Gottheit und ihr Tempel
• Die Idee der Säule
• Tempel und Bürgerkommunikation
• Tempelbau und Polisgemeinde
• Der heilige Bezirk
• Das religiöse Opfer
• Die Anrufung der Götter
• Kult und Bürgerstaat: Ohne Kirche und Klerus
- Das Göttliche
• Der Mythos
• Viele göttliche Kräfte
• Nach dem Bilde des Menschen
• Das Göttliche und das Schöne
• Literatur
Die Anfänge der Philosophie im frühen Griechenland – Eine neue Sicht auf die Welt
• Ionien und die archaische Zeit
• Einflüsse aus dem Osten
• Die Ausbreitung des Griechentums
• Neue Bilder von der Welt
• Mobilität und Freiheit
• Die Stimme des Individuums
• Weise Männer
• Die Frage nach dem neuen Denken
• „Vom Mythos zum Logos“
• Die Konstruktion der Wirklichkeit: Mythisches Denken
• Eine neue Realität: Die rationale Konstruktion
• Philosophie und politischer Wandel: Ein Fragment des Anaximander
• Anaximander und Solon
• Solons politische Diagnose
• Kosmos in Natur- und Menschenwelt
• Die Philosophen und ihre Lehren
• Was bleibt
• Literatur
Das Weltreich der Römer in der Kaiserzeit – Perspektiven auf ein Imperium
• Was ist Geschichte?
• Amerika und Rom
• Europäische Orientierungsprobleme
• Das Reich als Einheit
• Der Prinzeps und das Reich
• Militär als Kulturfaktor
• Die Reichsverwaltung: Ein persönliches Regime
• Das Patronat der Eliten
• Subsidiarität und politisches Ethos
• Pax Romana
• Stadtkultur
• Das Amphitheater
• Die „augusteische Schwelle“
• Integrationsfähigkeit und Abschließung nach außen
• Das Imperium Romanum als Tradition
• Literatur
Vorwort – Antike und Gegenwart
Wer über Vergangenheit sprechen will, muß an die Zukunft denken. Dann entsteht Geschichte – der Blick auf Vergangenheit aus der Gegenwart und für sie. Jede Gegenwart, auch die unsere, bleibt stets offen für die Zukunft. Und diese tanzt keineswegs nach der Pfeife eines vermeintlichen Fortschritts. Wohin unsere modernen Gesellschaften und Gemeinwesen sich in den nächsten Generationen entwickeln werden und vielleicht entwickeln müssen, wenn sie noch eine Zukunft haben wollen, ergibt sich nicht einfach aus dem immer weiteren Ausziehen der bekannten Entwicklungslinien der Moderne. Vielmehr täten wir gut daran, uns empfänglich und bereit zu halten für Erneuerung und Alternativen, um aus den Sackgassen der Moderne herauszufinden.
Für das Beschreiten neuer Wege in dem sich ankündigenden epochalen Umbruch bedürfen wir jedoch – wie schon an früheren historischen Wendepunkten – des Blicks auf den gesamten Bestand der europäischen Geschichte. Dann können wir über den unüberwindbar scheinenden Bruch zwischen Moderne und Vormoderne hinweg eben diese wieder als notwendigen und zukunftsweisenden Teil unseres Geschichtsbewußtseins zurückgewinnen. Das bedeutet weder Flucht in eine idealisierte Vergangenheit noch die unreflektierte Affirmation scheinbarer historischer Vorbilder. Ein „neuer Humanismus“ befähigt vielmehr zu produktiver Kritik an offensichtlich in die Irre führenden modernen Strukturen und zu innovativen Entwürfen für das Ziel einer weiterentwickelten, anderen Moderne.
Die antike Vergangenheit in Perspektiven der Gegenwart hereinholen – was kann das heißen? Es heißt nicht, Phänomene der Antike auf einer vordergründigen Ebene zu aktualisieren und etwa Modernes in ein äußerlich antikes Gewand zu hüllen – wie z.B. bei manchen Inszenierungen bei den Olympischen Spielen oder der Verarbeitung der Antike im Film oder in der Werbung. Genauso wenig kann es umgekehrt heißen, im Antiken das Moderne im Verhältnis eins zu eins wiederzufinden. Perspektivierung des historischen Blicks zielt auch nicht darauf, die Antike als absolut gesetztes Vorbild wiederholen zu wollen. Das Ergebnis wäre in ästhetischer Hinsicht Kitsch und in der Aussage unverbindlich, weil nicht einlösbar. Die Ausfertigung von Patentrezepten ist nicht statthaft, und einfach übertragbare Lehren sind nicht zu haben.
Die Antwort lautet vielmehr: Die aus der Gegenwart gewonnenen Perspektiven auf die Antike fördern an ihr etwas zutage, das auf einer dritten Ebene, einem tertium comparationis liegt. Über die Epochenbrüche hinweg kann man auf dieser Vergleichsebene beiden Zeiten gemeinsame Probleme und Aufgaben identifizieren. Ziel ist die bewußte und reflektierte Wiederaneignung von antiker Vergangenheit als Teil unserer Geschichte. Ganz ähnlich sah dies schon vor etwa 200 Jahren der große Humanist und Klassizist Karl Friedrich Schinkel:
„Historisch ist nicht, das Alte (…) festzuhalten oder zu wiederholen, dadurch würde die Historie zugrunde gehen. Historisch Handeln ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird.“
Nur eine echte Revitalisierung der vormodernen Vergangenheit für unsere Gegenwart und Zukunft kann ein privilegiertes öffentliches Interesse an ihr begründen. Ich habe dies in meinem Buch „Botschaften des Schönen“ (Stuttgart 2008) an zwölf Beispielen aus der antiken Kultur zu zeigen versucht. Die hier vorgelegten Vorlesungen sind als eine thematische Fortsetzung und Ergänzung dazu zu verstehen, ohne daß damit nunmehr ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben würde – im Gegenteil: Der Bau neuer Brücken in die antike Vergangenheit hat gerade erst begonnen.
Wie stellt sich das vor dem Hintergrund der heutigen Wissenschaft dar? In der Altertumswissenschaft gibt heute mehrheitlich eine zu meinem Ansatz fundamental gegensätzliche Strömung den Ton an: die Antike möglichst weit von uns wegzurücken, damit wir erkennen können, wie für uns fremd es in ihr bei den Alten zuging. Und deshalb hätten wir Modernen nichts mehr mit ihnen zu tun. Wenn das richtig wäre, liefe es in der Tat darauf hinaus, daß die Erinnerung an Griechen und Römer für uns keinen Deut wichtiger sein müßte, als die an die Vergangenheit von Indern, Chinesen oder Südseeinsulanern. Das interessierte Publikum fragt sich dann allerdings, warum es sich denn mit einer angeblich so gleich gültigen und damit gleichgültigen Vergangenheit noch beschäftigen sollte und warum von Seiten der öffentlichen Sachwalter der Antike häufig keine Mühen und Kosten gescheut werden, eben diese Antike so opulent wie möglich zu präsentieren – in Museen oder teilweise großartigen Ausstellungen. Und die dortigen Besucher, zumeist nicht gering an Zahl, empfinden sich keineswegs naiv und unaufgeklärt, wenn sie von der Schönheit eines antiken Kunstwerks einfach überwältigt werden und überhaupt den Eindruck mitnehmen, das Gezeigte ginge sie und ihre Zeitgenossen doch etwas an.
Der Wissenschaftsbetrieb allerdings ist weithin geprägt von interesseloser Gleichgültigkeit. Man möchte nicht wahrhaben, daß die These der vollkommenen Andersartigkeit oder Alterität der Antike in der Sache falsch ist. Denn die Prägekraft der antiken Tradition für die europäische Kultur bis in die Gegenwart ist trotz aller angeblichen Mythenzerstörung nicht ernsthaft zu leugnen. In vielen Bereichen unseres Lebens – von unserer urbanen Lebensweise bis zu den Grundbegriffen der Kunst und Philosophie, von Politik, Recht, Verwaltung und Religion bis zur technischen Formung der natürlichen Lebenswelt – stehen wir, ob wir es zustimmend zur Kenntnis nehmen oder nicht, nach wie vor auf den Schultern der antiken Welt.
Die Alteritätsthese ist im übrigen auch theoretisch falsch: das gesamte, nicht erst neuzeitliche Geschichtsdenken hat seit jeher als unabdingbare Grundlage für Geschichte die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit erkannt. Der Gedanke der Alterität gründet sich hingegen auf die Vorstellung der Einzigartigkeit der Moderne mit ihren beiden Grundpfeilern Fortschritt und Emanzipation, und das heißt eben auch Befreiung von überkommenen Bindungen und Verpflichtungen. Mit der permanenten Zerstörung von Tradition werden die Brücken zwischen Gegenwart und Vergangenheit eingerissen, und das Vollgefühl des modernen Singularitäts- und Befreiungsbewußtseins entzieht auch dem Historiker die Geschäftsgrundlage: den Neu-, Um- und Weiterbau jener Brücken, die das Heute mit dem Gestern und Vorgestern verbinden.
Das aber bedeutet den Verlust von Geschichte und damit den Rückfall in vorhochkulturelle Verhältnisse. Wir sind möglicherweise nicht sehr weit davon entfernt und sehen zugleich, wie zahlreiche Entwicklungslinien der Moderne zunehmend fragwürdig werden.
Wenn hier der in der modernen Geschichtswissenschaft häufig anzutreffenden Methodik der Dekonstruktion aufs Heftigste widersprochen wird, so folgt daraus jedoch nicht, hinter die Errungenschaften der wissenschaftlich verfahrenden Geschichtsschreibung zurückgehen zu wollen. Denn sie sichern die Geltungskraft von Aussagen über die Vergangenheit auf besonders überzeugende Weise. Man mag daher auf das wissenschaftliche Instrumentarium heute so wenig verzichten wie auf die Spritze beim Zahnarzt. Selbstverständlich liegt daher den folgenden Kapiteln eine methodisch-wissenschaftliche Vorgehensweise zugrunde. Wer sich mit den Themen in diesem Sinne vertiefend befassen möchte, findet in den beigefügten Literaturhinweisen genügend Ansatzpunkte. Für den Weg zur Geschichte ist Wissenschaft als Methode aber nicht ausschlaggebend, ja es gilt das Gegenteil: Wer sich auf die Handhabung – wie virtuos auch immer – eines wissenschaftlichen Methodeninstrumentariums beschränken zu können glaubt, wird die Geschichte sogar zerstören.
Im Titel dieses Buches sind zwei für die Antike grundlegende Leitbegriffe genannt: Polis und Imperium. Die griechische Polis und die aus ihr hervorgegangene, für die Dauer der gesamten Antike weiterlebende Stadtgemeinde sowie das Weltreich der römischen Kaiserzeit sind die für die Antike selbst wichtigsten prägenden Formen ihrer Lebenswelt. Dabei bildet die Kultur des Imperium Romanum, das die antike Welt politisch geeint hat und gleichzeitig aus den unzähligen Städten vom Atlantik bis nach Indien und von der Sahara bis nach Schottland bestand, gleichsam den Unterlauf und das Mündungsdelta des gesamten antiken Kulturflusses.
Die folgenden, je für sich stehenden Kapitel behandeln nur auf den ersten Blick disparat erscheinende Themen. Was sie verbindet, darauf verweist der Untertitel: „Kultur und Politik“. Diese beiden Lebensbereiche waren so elementar aufeinander bezogen wie angewiesen. Das können wir durch die ganze Antike hindurch kontinuierlich verfolgen. Kultur als das Leben im Geiste und der Schönheit ist nicht zu trennen vom Leben der Gemeinschaft. Literatur, Religion, Philosophie oder Bildkunst sind weder beliebig schmückende Dekoration einer ansonsten harten, wenig Trost bereithaltenden Lebenswirklichkeit noch Theaterkulisse zur Verschleierung extremer sozialer und politischer Machtgefälle. Natürlich ist nicht zu leugnen, daß Trostlosigkeit und Macht das antike Leben auch zuweilen bestimmt haben. Aber eine Menschheitsepoche, die annähernd 1500 Jahre Bestand hatte, kann nicht dauerhaft im Zeichen von Leid, Unterdrückung und Unmenschlichkeit gestanden haben. In den bis heute vielfach unübertroffenen Manifestationen des antiken Geistes finden vielmehr die antiken Lebensordnungen zu einem positiven Bewußtsein ihrer selbst. Schon ihre mehr als tausendjährige Dauer zeugt von ihrem weitgehenden Gelingen. Die antike Kultur, aus der hier fünf Streiflichter präsentiert werden, beglaubigt die antiken Ordnungen von Gesellschaft und Gemeinschaft vor dem Richterstuhl der Geschichte. Deshalb sendet sie ihre Botschaften auch noch an uns. Wir müssen sie nur zum Sprechen bringen und wieder auf sie hören.

HOMER
An den Wurzeln der
europäischen Kultur
Von Prof. Dr. Michael Stahl
Homer
An den Wurzeln der europäischen Kultur
Homer im Streit der Gegenwart – Homerische Fragen: Der Dichter und seine Werke – Der Stoff der Epen: Tradition und Neuschöpfung – Dichtung und Lebenswelt: Das Problem der Historizität – Homer und die Nachwelt – Eine „kulturelle Enzyklopädie“ – Lügen des Odysseus – Die Welt des Hauses – Ein Aristokrat – Wonach man strebte – Arbeit für die Gemeinschaft – Der Mythos als Erzählung von den Ursprüngen – Homers Menschen – Odysseus und Achilleus: Urbilder des europäischen Menschen – Penelope und die eheliche Liebe – Der erste Klassiker Europas
Homer im Streit der Gegenwart
„Wir sind Kinder des Orients“ – so war ein Leitartikel auf der Titelseite der FAZ am 29. Dezember 2007 überschrieben. Sein Autor war Dieter Bartetzko, ein Journalist, der sich um die Belange der Archäologie in der Öffentlichkeit immer wieder sehr verdient macht und sich auch engagiert über die öffentliche Architektur in unserem Land äußert. Sein prominent plazierter Artikel gehörte in einen bestimmten Kontext: Nur eine Woche zuvor hatte die FAZ die Thesen von Raoul Schrott über Homer veröffentlicht. In ihnen lokalisierte der österreichische Literat und Literaturwissenschaftler das homerische Troja in das östliche Mittelmeer, nach Kilikien, und seinen Dichter an den Hof eines assyrischen Kleinkönigs.
Es ist hier nicht zu rekapitulieren, mit welcher Argumentation Schrott das Geheimnis um „Homers Heimat“ gelüftet haben will. Jedenfalls hatte er damit und mit seiner danach erschienenen Übersetzung von Homers Ilias eine lebhafte Debatte ausgelöst. Inzwischen haben sich aber alle Kenner der Materie zumeist kritisch geäußert. Von Schrotts These ist kaum etwas übrig geblieben.
Keiner der Diskussionsbeiträge ging allerdings näher ein auf den brisanten Kontext, in den Bartetzko in seinem Artikel Schrotts vermeintliche Erkenntnisse gestellt und damit die weitertragenden politischen Konsequenzen gezogen hat. Lediglich der Althistoriker Christian Meier hat ebenfalls in einer großen Zeitung den Schlußfolgerungen Bartetzkos eine dezidierte Gegenthese gegenübergestellt: „Wir sind Kinder des Okzidents“.
Bartetzko rückt Schrotts Konstruktionen neben die einst umstürzenden Befunde Heinrich Schliemanns. Nun sei es endlich bewiesen, so Bartetzko:
„Das Epos, das wir als fernen Spiegel der eigenen Befindlichkeit und Besonderheit verehrt haben, ist durchwirkt von jener Kultur, die wir als das Andere, das Fremde zu sehen gewohnt sind.“
Schrott habe Homer „humanisiert“, indem er ihn als einen „multikulturellen Dichter (und Propagandisten)“ erkannt habe. Mit Schrotts Ilias in der Hand, so Bartetzkos Schluß, drängten sich nun „Fakten gemeinsamer Wurzeln“ auf. Angesichts derer könne man an den bisher gesehenen Unterschieden und Gegensätzen zwischen Abend- und Morgenland nicht mehr festhalten. Das eigentlich Wichtige und Provozierende von Schrotts Annahmen liegt in dieser aus ihnen ableitbaren Botschaft. Sie lautet: Wir müßten, um den uns bedrückenden Konflikten der Gegenwart besser begegnen zu können, vergessen, wovon wir seit mehr als 2500 Jahren überzeugt waren: nämlich daß wir in Homer einen der zentralen Bezugspunkte unserer okzidentalen Identität besitzen.
Ich möchte in dieser Vorlesung zeigen, daß wir das nicht dürfen und auch nicht können, solange wir uns nur mit Homers Dichtung selbst befassen sowie mit dem, was eine gründliche Forschungstradition über sie ermittelt hat, und nicht mit aus dem Zusammenhang gerissenen Einzelfakten. Die Unhaltbarkeit von Schrotts Überlegungen zum Entstehungskontext der Epen erweist sich gewissermaßen auf indirektem Wege über die Frage, was der Text Homers in seiner Wirkungsgeschichte für die Griechen und für uns bedeutet.
Wer ein Bild der griechischen Kultur zeichnen will, muß nämlich immer noch mit Homer beginnen. Seine Dichtungen sind die ersten Werke der griechischen Literatur und damit der antiken, ja der europäischen Literatur überhaupt. Das muß als solches in seiner Bedeutung und in seinen Wirkungen gewürdigt werden. Homer ist und bleibt – selbst wenn man die Thesen von Raoul Schrott einmal hypothetisch akzeptieren würde – praktisch ausschließlich ein Phänomen der griechischen (und später natürlich auch der römischen) Kultur.
Nur in diesem Zusammenhang, als erster Autor Europas in einem emphatischen Sinn, hatte Homer auch über die Antike hinaus Bedeutung. Mag es auch ‚orientalische Wurzeln’ geben: Wer in der Antike und später diesen prachtvollen Baum betrachtete und von seinen Früchten aß, wußte nichts von diesen Wurzeln; er konnte und er kann sie vernachlässigen.
Wir müssen uns also fragen, welche Bedeutung Homer für die Griechen und später für das Altertum überhaupt besaß. Das möchte ich im zweiten Kapitel der Vorlesung tun. Davor werde ich zusammenfassen, was die Forschung bisher mit dem Namen „Homer“ verbindet und dann kurz erläutern, worin meiner Auffassung nach der geschichtliche Bezug seiner Dichtung besteht. Schließlich werde ich im dritten Teil anhand einiger Beispiele erläutern, warum die dichterischen Bilder Homers den Menschen in Europa auch später, bis auf den heutigen Tag, etwas zu sagen hatten.
Homerische Fragen: Der Dichter und seine Werke
Was meinen wir, wenn wir von „Homer“ sprechen? Mit diesem Namen werden in der antiken Überlieferung zwei sehr lange, in Hexameterversen gehaltene Dichtungen verbunden, sog. Epen. Das eine Epos, die „Ilias“, beschreibt in ca. 16000 Versen die letzten 51 Tage im 9. Jahr des Krieges der Griechen – Homer nennt sie Achaier – gegen das kleinasiatische Troja. Das andere Epos, die „Odyssee“ umfaßt ca. 12000 Verse, sie handeln in der ersten Hälfte des Werks von jenen Irrfahrten und Abenteuern, die der Held Odysseus nach dem Fall Trojas zu bestehen hat – vor seiner Rückkehr ins heimatliche Ithaka. Die zweite Hälfte erzählt, wie Odysseus sein Haus wieder in Besitz nimmt. Auch die „Odyssee“ schildert das Geschehen vom Ende her, den letzten 40 Tagen im 20. Jahr nach dem Aufbruch des Helden nach Troja. In diese Erzählzeit sind in Rückblicken dann die zehn Jahre der Irrfahrten und Abenteuer des Odysseus eingeblendet.
Beide Epen sind an zwei kulturellen Brennpunkten des damaligen Griechentums entstanden, möglicherweise in Griechenstädten an der Ägäisküste Kleinasiens, die Odyssee vielleicht auch an der nordwestgriechischen Küste in der Nähe von Ithaka, der Heimat des Odysseus. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 8. Jhs. v. Chr. Die Ilias ist das ältere Epos und wohl zwischen 750 und 730 v. Chr. zu datieren, die Odyssee vermutlich etwa eine Generation später.
Wir kennen zwei Dichter, Hesiod und Tyrtaios, beide aus der ersten Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. Sie setzen in jedem Fall die Existenz der homerischen Epen schon voraus. Sehr frühe Reflexe der beiden Epen gibt es auch in der griechischen Bildkunst. Diese Befunde machen deutlich, wie schnell sich nicht nur die Kenntnis Homers verbreitet hat, sondern wie groß von Beginn an das Interesse an dieser Dichtung gewesen ist. Wir können sie daher als einen kulturellen Fixpunkt für die frühen Griechen bezeichnen.
Ilias und Odyssee wurden eben die Werke Homers genannt, und wir sind dabei der antiken Tradition gefolgt. Nun hat die neuzeitliche Beschäftigung mit Homer zeigen können, daß diese Tradition, die sich in der Antike über die Person des Dichters gebildet hatte, fast vollständig aus Spekulationen und Konstruktionen herrührte. Das war auch ganz natürlich so angesichts der Wichtigkeit der Texte und ihrer Botschaften. Man kann das vielleicht vergleichen mit der Entstehung einer Kindheitsgeschichte Jesu in den Evangelien. Tatsächlich erhielt auch für die Griechen Homer ein Gesicht nur durch die umlaufenden und zum Teil sich widersprechenden Legenden über seine Person. Darüber hinaus Gewißheit zu erhalten, ist deshalb auch uns nicht möglich. Die historische Gestalt dieses Dichters Homer bleibt für immer ein Schatten.
Eines hingegen kann man mit guten Gründen behaupten: Die beiden Epen sind nicht denkbar ohne die schöpferische Leistung eines Dichters. Vielleicht ist es aufgrund des zeitlichen Abstands von Ilias und Odyssee sogar eher plausibel, von zwei Autoren auszugehen. Wenn wir aber dennoch zu Recht weiterhin von dem einen Homer sprechen, so ist das auch nicht nur bequeme Konvention. Vielmehr kommt dadurch vor allem zum Ausdruck, daß Ilias und Odyssee in gemeinsamen Voraussetzungen wurzeln und eine geistige Einheit bilden. Und als solche Einheit ist Homer vom Altertum bis in die Gegenwart denn auch wahrgenommen worden. Homer vermittelt das einheitliche Bild einer ganzen Welt. In diesem Bild fanden sich nicht nur seine Zeitgenossen wieder, sondern es hatte auch vielen Generationen nach ihm noch etwas zu bedeuten.
Der Stoff der Epen: Tradition und Neuschöpfung
Das liegt natürlich auch daran, daß die beiden Dichtungen außergewöhnliche sprachliche Kunstwerke sind. Sie besitzen eine innere Geschlossenheit und eine jeweils charakteristische Form. Von Anfang bis Ende ist ihr komplexer Bauplan exakt durchkomponiert – mit vielfachen Bezügen, Verweisen, Steigerungsreihen und Kontrasten.
Homer ist mit dem dichterischen Stoff, den er bereits vorgefunden hat, virtuos verfahren, und hat ihn zu einem neuartigen Ganzen zusammengefügt. So sieht es jedenfalls die neuere Forschung. Ihr Mittel war u. a. der Vergleich mit anderen Heldensagen oder bestimmten Sängertraditionen auf dem Balkan. Diese Seitenblicke haben das Zusammenspiel von Form und Inhalt des Epos besser verstehen lassen.
Danach geht der Stoff von Ilias und Odyssee zurück auf eine bereits mehrere Jahrhunderte währende mündliche Tradition. Seit dem Zusammenbruch der mykenischen Monarchien und in der Zeit der Dunklen Jahrhunderte (also zwischen 1200 und 800 v. Chr.) hatten sich die großen Sagenkreise um den Trojanischen Krieg und die Zeit danach ausgebildet. Ein Schatz von sprachlichen Formeln war akkumuliert worden. Mit seiner Hilfe brachten Sänger die mythischen Geschichten im Vortrag zu Gehör – in stets neu improvisierten Variationen.
Im 8. Jh. v. Chr. fanden die Griechen zu ihrer Alphabetschrift. Mit ihrer Hilfe gestaltete Homer aus den umlaufenden Traditionen seine Gedichte. Sie waren dennoch für lange Jahrhunderte nicht als Lesestoff gedacht, sondern in ihrer Wirkungsweise auf die Bedingungen einer mündlichen Kultur abgestellt. Mit diesem Befund können wir nun den Charakter der beiden Epen besser beschreiben.
Auf den ersten Blick nämlich spielen die Geschichten, von denen Ilias und Odyssee erzählen, in der Welt von Fürsten der Vorzeit. Als man im 19. Jh. die spätbronzezeitliche Zivilisation in Griechenland entdeckt hatte, wurden Namen wie Agamemnon oder Menelaos sogleich mit der mykenischen Kultur verbunden. Das Handlungsgerüst, die Orte der Handlung, einige Namen, einige prachtvolle und exotische Gegenstände sollten die Hörer Homers im 8.Jh. v. Chr. tatsächlich in eine längst verschwundene sagenhafte Epoche zurückversetzen. Jene Vorzeit war von der Gegenwart Homers durch eine märchenhafte Überhöhung unterschieden.
Das also waren die Stoffe, über die das Publikum des 8. und 7. vorchristlichen Jahrhunderts von Homer etwas zu hören erwartete. Eine andere Erwartung war, daß seine Zuhörer sich trotz aller Verklärung in dem, was sie hörten, auch wiederfinden mußten, weil es ihr Interesse erregte. Die Erforschung der mündlichen Dichtung hat nämlich ergeben, daß durch mündliche Überlieferung nur das weitergetragen wird, was für die jeweils gegenwärtige Gesellschaft wissenswert und damit erinnerungswürdig ist. Nur dann kann es auch verstanden werden und macht für die Zuhörer Sinn. Mündliche Dichtung richtet sich immer an ein konkretes, eben ein zeitgenössisches Publikum. Daher müssen Homers Beschreibungen der alltäglichen Lebenswelt, des Handelns im Haus und in der Öffentlichkeit, der wirtschaftlichen Existenzgrundlagen und der politischen Verfaßtheit den Erfahrungshorizont des Publikums zum Zeitpunkt der schriftlichen Fixierung der Epen getreu widerspiegeln.
Andererseits sind manche Elemente in der Schilderung des materiellen Lebens auch eine Folge dichterischer Überhöhung und exotischer Verfremdung, etwa Paläste, Stadtanlagen und Bronzewaffen, nicht zuletzt die Bilder von materiellem Überfluß und Prosperität, die nach Ausweis der archäologischen Funde der Wirklichkeit der homerischen Zeit gar nicht entsprechen. Vor allem hier ist der Blick auf den Orient erhellend. Manche Anregungen für solche literarischen Stilisierungen erhielt Homer vermutlich aus den Berichten über die zeitgenössischen Kulturen des Orients. Die literarische Kunst der beiden Epen äußert sich jedoch jenseits von solchen künstlichen Verfremdungen darin, daß sie von einem einheitlichen geistigen Habitus, einer homogenen Weltsicht durchdrungen sind. Dadurch wurden sie für die Griechen zu einem Gefäß der gesellschaftlichen Selbstverständigung und Selbstidentifikation.
Dichtung und Lebenswelt: Das Problem der Historizität
Es besteht also ein enger Zusammenhang von Dichtung und Lebenswelt, und hier liegt denn auch die Antwort auf die am meisten gestellte der homerischen Fragen, die nämlich nach der Historizität, dem geschichtlichen Realitätsgehalt der Epen. Die Frage, ob die homerischen Griechen und der Krieg um Troja auf eine reale Vergangenheit zu beziehen sind und wenn ja, auf welche, wird bis heute höchst kontrovers diskutiert.
Noch vor dem Streit um die Thesen Raoul Schrotts hielt in jüngerer Zeit über einige Monate hin eine Trojadebatte die Öffentlichkeit in Atem. Auch sie reichte weit über die Fachwelt hinaus. Die Kontrahenten waren auf der einen Seite Manfred Korfmann, der damalige, mittlerweile verstorbene Leiter der Grabungen in der Troas, dem äußersten nordwestlichen Zipfel der Türkei, und auf der anderen Seite Frank Kolb, der Althistoriker und Kollege Korfmanns an der Universität Tübingen. Und schon vor über hundert Jahren ist es bereits einmal ähnlich zugegangen. Damals nämlich glaubte Heinrich Schliemann mit der Ilias in der Hand die Burg des Priamos zu finden und stieß damit auf erbitterten Widerstand der Altertumswissenschaft.
Doch waren Aufregung und Streit darüber damals wie heute eigentlich überflüssig. Manfred Korfmann und mit ihm einer der besten Kenner Homers, der Gräzist Joachim Latacz, sind überzeugt, ein Troja entdeckt zu haben, das Homer wohl zu entsprechen scheint, das aber zugleich doch ganz in die bronzezeitliche Welt des Vorderen Orients – etwa die des Hethiterreichs – gehört. Und tatsächlich standen die mykenischen Fürstentümer in engem Austausch mit ihren östlichen Nachbarn. Noch weiter geht nun der jüngste Versuch von Raoul Schrott, der in Homer einen Schreiber am Hof und im Dienste eines assyrischen Kleinkönigs sehen möchte. Auch für Schrott liegen also die Voraussetzungen für die Epen im Vorderen Orient. Gewiß kann man über die Richtigkeit all solcher Rekonstruktionen mit Gründen streiten. Im Kern aber – und der ist außerhalb der wissenschaftlichen Argumentationen zu suchen – geht es in diesen Debatten immer darum, ob wir in Homer das spezifische Erbe und den Beginn der sog. abendländischen Geschichte in Händen halten.
Für die Beurteilung der Historizität Homers entscheidend ist mithin etwas anderes. Schliemann hatte sich einfach in die Rolle des antiken Homerlesers versetzt, aber er hatte sich keine Gedanken gemacht darüber, welche Funktion die homerische Dichtung für den antiken Menschen besaß. Und von Korfmanns anatolischem oder Schrotts kilikischem Troja mögen wir uns überzeugen lassen oder nicht, für das Verständnis der Botschaften des Homerdichters tragen solche Erkenntnisse wenig bei. Denn es ist nach dem heutigen Stand der Forschung überhaupt nicht in Frage zu stellen, daß die Tradition des Epenstoffes und manche äußeren Fakten in die späte Bronzezeit oder nach den jüngsten Überlegungen besser: in die ‚Dunklen Jahrhunderte’ zurückreichen. Und fraglos haben die Epen zahlreiche Anregungen und dichterischen Vorbilder aus dem Altorientalischen aufgenommen und verarbeitet. Das trifft bekanntlich auch für andere Bereiche der griechischen Kultur zu, etwa die Entstehung neuer monumentaler Steinskulpturen gegen Ende des 7. Jhs. v. Chr.
All dieses ist jedoch für die Frage, was uns der Homertext historisch bedeuten muß, allenfalls am Rande relevant. Und vor allem werden die Griechen dadurch nicht zwangsläufig zu Abkömmlingen des Orients. Die Historizität Homers ergibt sich also nicht daraus, ob es denn einen Trojanischen Krieg gab und wo er gegebenenfalls stattfand oder zu welchen Anteilen Homer seine Geschichte in der Welt Mykenes, in den Dark Ages oder im 9. oder 8.Jh. v. Chr. ansiedelt. Die Historizität Homers ist vielmehr allein als die Frage zu verstehen, wo in der Geschichte diese Dichtung ihren Platz hat. Und darauf ist die Antwort eindeutig: Die Griechen seit dem Ende der Dark Ages und später die Menschen der gesamten antiken Welt fanden in der Art und Weise, wie Homer vom Trojanischen Krieg, von Ithaka und dessen Helden erzählte, einen Kristallisationspunkt ihres Selbstverständnisses.
Homer und die Nachwelt
Der Homertext ist von allen antiken Texten in Handschriften und Papyri am besten überliefert. Schon daran läßt sich ermessen, daß Homer das am meisten zu Gehör gebrachte und später vor allem gelesene Literaturwerk der Antike war. Ilias und Odyssee galten nach Meinung aller antiken Kunstverständigen als die poetisch vollkommensten Werke der griechischen Literatur. Sie waren daher schon seit dem frühen Griechentum Vorbilder und Bezugspunkte für alle späteren Dichter, und sie wurden zum wichtigsten Text im schulischen Unterricht.
Jeder Gebildete verfügte über einen reichen Zitatenschatz aus Homer. Das galt über die gesamte Dauer der antiken Kultur hin und nicht nur in deren Zentren. Gerade auch an den Grenzen war Homer präsent, dort wo sie sich als griechisch-römische Antike gegenüber einer barbarischen Umwelt zu profilieren und zu behaupten suchte. So zeigten beispielsweise die Bewohner des Fleckens Asciburgium an der Mündung der Ruhr in den Rhein zur Zeit des Tacitus, also im letzten Drittel des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, einen vermeintlich von Odysseus errichteten Weihaltar. Ein knappes Jahrhundert später erklärten die Bewohner von Olbia an der Dneprmündung (dem heutigen Odessa) ihrem Besucher Dion aus dem kleinasiatischen Prusa (dem heutigen Bursa): “Achilleus ist für uns ein Gott, und Homer kommt in unserer Verehrung gleich nach den Göttern.“ Ebenfalls ins 2. oder in das 3. Jh. der römischen Kaiserzeit, also fast tausend Jahre nach Homer, gehört ein Terrakotta-Medaillon, das bei Grabungen in der hessischen Wetterau auf einem römischen Gutshof gefunden wurde. Es zeigt den homerischen Helden Odysseus bei einer seiner großen Taten.
Eine „kulturelle Enzyklopädie“
Das sind Streiflichter auf eine Unzahl von Zeugnissen: Man muß also mit Hermann Strasburger von einer „Allgegenwart Homers in griechischen und römischen Gehirnen“ ausgehen. Diese durchgreifende und nachhaltige Wirkung beruht darauf, daß die antiken Menschen in Homers Dichtung ihre höchsten Ideale formuliert fanden – und zwar in konkreten und eingängigen Bildern. Um die Hauptfiguren Achilleus, Hektor und Odysseus ranken sich einprägsame Geschichten. Homer vergegenwärtigt in ihnen grundlegende Sozialverhältnisse und für alle gültige gesellschaftliche Leitbilder und Normen. Diese haben sich während der gesamten Antike kaum oder gar nicht verändert. Es ist neben der poetischen Kraft des Epos also diese modellhafte Präsentation lebensweltlicher Grundstrukturen, die Homer einen überragenden Platz in der antiken Geisteswelt sicherte.
Gewiß – seit der früharchaischen Zeit, in der die Epen entstanden, hatte sich die Welt in manchen wichtigen Belangen auch stark verwandelt. Das betrifft vor allem die politischen Organisationsformen, die innere Differenzierung der Gesellschaft und bis zu einem gewissen Grade auch Wirtschaft und Technik. Um so mehr fällt ins Auge, was demgegenüber gleich geblieben ist. Und für diese geschichtliche Kontinuität steht der Name Homers.
Für die archaische Epoche Griechenlands, die Zeit also von 800 – 500 v. Chr., war die lebenspraktische Bedeutung Homers ziemlich allumfassend. Zum Epos trat in dieser Zeit die Lyrik als neue literarische Gattung hinzu, und Epos und Lyrik zusammen bildeten für die gesamte Zeit bis ins 5. Jh. v. Chr. hinein das entscheidende soziale Kommunikationsmedium. Denn die frühgriechische Kultur war eine ganz stark auf mündlichem Austausch basierende Kultur. Jede Gesellschaft benötigt nun zu ihrem Fortbestand einen Vorrat an Tradition. Sie ist daher darauf angewiesen, daß die Tradition im Gedächtnis der Mitglieder dieser Gesellschaft aufbewahrt und damit jederzeit abrufbar und weiter tradierbar bleibt. Die Griechen haben hierfür – wie andere mündliche Kulturen auch – bestimmte Techniken entwickelt. Aus dieser Perspektive wird die Kunstform des Epos verständlich: seine rhythmisierte Sprache, der Hexameter, und der sprachliche Formelschatz, aus dem allein er fortlaufend gebildet werden kann; darüber hinaus suggestiv wirkende Mittel wie Musik, Tanz, Gestik und Mimik, all das unterstützt die Merkfähigkeit des Sängers, des Gedächtnisspezialisten, aber auch die intensive Aufnahme des von ihm Dargebotenen bei seinen Zuhörern.
Auf diese Weise konnte jene Tradition bewahrt werden, aus der Ilias und Odyssee hervorgegangen sind. Sie beherbergen den gesamten, bis zu jener Zeit akkumulierten, freilich auch immer wieder aktualisierten gesellschaftlichen Wissensvorrat. In den Worten von Eric Havelock, dem wir für die Erkenntnis der Funktion des Epos in der mündlichen Kultur wichtige Einsichten verdanken: Homer, so Havelock,
“hielt einen gewaltigen Schatz nützlicher Kenntnisse bereit, eine Art Enzyklopädie der Moral, Politik, Geschichte und Technik, aus der ein handlungsfähiger Bürger als Kern seiner Bildung zu lernen hatte“
(S. 27).
Das homerische Epos ist demnach nicht nur ein Kunstwerk, das etwa bloß einer sozialen Elite zugänglich gewesen wäre. Vielmehr erfüllte es für die ganze Gesellschaft eine elementare soziale Ordnungsfunktion. Homer ist – nach den Worten der Philosophen Xenophanes und Platon – „der Erzieher Griechenlands“.
Höchst wirksam ist dieser didaktische Charakter des Epos nicht zuletzt deswegen, weil er – vergleichbar etwa unseren Märchen – tief in Handlung und Thema der Geschichten eingelassen ist. Betrachten wir z.B. das erste Buch der Ilias: Es exponiert den Konflikt zwischen zwei mächtigen Männern. Ihr fehlerhaftes Verhalten und ihre vergeltenden Leidenschaften beschwören das Schicksal des ganzen Heeres vor Troja herauf. Agamemnon beleidigt den besten Kämpfer Achill, und dieser zieht sich grollend vom Kampf zurück. Das ist nicht nur ein Scharmützel zwischen den Großen mit weitreichenden Folgen, für die Dichtung bedeutet es noch viel mehr. Wie nämlich der Dichter die Entstehung des Konflikts und den Umgang mit ihm beschreibt, führt seinen Hörern und Lesern die herrschenden Normen ihrer Gesellschaft und Gemeinschaft vor Augen, das Regelwerk, das ihre innere Stabilität garantierte – vom persönlichen Gebaren und dem familiären Rahmen bis in die Sphäre politischer und religiöser Verpflichtungen.
Lügen des Odysseus
Das war wahrscheinlich nicht Homers bewußte Absicht. Aber seine Darstellung konnte gar nicht funktionieren, ohne dabei auch den sozialen und politischen Rahmen zur Sprache zu bringen. Besonders eindrucksvoll läßt sich das an einer der sog. Lügengeschichten des Odysseus zeigen: Am Ende des 13. Gesangs der Odyssee nach seiner Rückkehr nach Ithaka wird der Held von Athena in einen zerlumpten alten Bettler verwandelt. Nur so kann er unerkannt Rache und Wiederinbesitznahme seines Hauses vorbereiten. Dies beginnt im 14. Gesang. Odysseus trifft, unerkannt und in der Gestalt eines Schutz Suchenden, auf seinen alten Schweinehirten Eumaios und tischt ihm zur Erklärung seiner Person einen fingierten Lebenslauf auf.
„Aus dem geräumigen Kreta rühm ich mich herzustammen; Sohn eines reichen Mannes; es wurden da auch noch viele andere Söhne geboren und aufgezogen im Hause, Echte, von der Gemahlin; doch mich hat eine gekaufte Mutter geboren; doch schätzte mich gleich den ehelichen Söhnen Kastor, der Hylakide, des Sohn zu sein, ich mich rühme, der bei den Kretern im Volke geehrt ward gleich einem Gotte durch sein Glück und den Reichtum und durch die rühmlichen Söhne.
Doch die Dämonen des Todes kamen und trugen den Vater in des Hades Häuser; die übermütigen Söhne teilten sodann seine Habe und warfen darüber die Lose; Aber mir gaben sie nur ganz wenig und teilten ein Haus zu.
Und ich nahm ein Weib von wohlbegüterten Menschen meiner Tüchtigkeit wegen, ich war nämlich keineswegs schwächlich noch auch feige im Kampf; doch nun ist alles vergangen; doch ich glaube, du wirst aus der Stoppel die Ähre erkennen, denn viel Elend hält mich wahrhaftig genugsam umfangen.
Mut verliehen mir wahrlich und männerdurchbrechende Stärke Ares und Pallas, sooft ich zum Hinterhalte die besten Männer wählte, um für die Feinde Verderben zu säen, hatte ich nie den Tod vor Augen in mannhaftem Mute, sondern ich sprang als erster vor und traf mit der Lanze immer den von den Feinden, der vor mir wich mit den Füßen.
Solch einer war ich im Krieg; doch Arbeit liebte ich nicht sehr noch die Sorge fürs Haus, die strahlende Kinder heranzieht.
Aber es waren mir immer lieb beruderte Schiffe und die Kämpfe und wohlgeglätteten Speere und Pfeile, Grausige; für die anderen sind sie schaudererregend. Mir aber war das lieb, ein Gott wohl legt’ es ins Herz mir; Einem Mann gefällt dies Werk, einem anderen jenes.
Ehe noch troisches Land betraten die Söhne Achaias, führte ich neunmal Männer auf schnell hinfahrenden Schiffen gegen entlegene Völker, und dabei glückte mir vieles.
Davon nahm ich nach Wunsch mir heraus und erloste dann später viel dazu; da vermehrte sich rasch das Vermögen im Hause; Fortan war ich geehrt und gefürchtet unter den Kretern.
Als der weithin donnernde Zeus jedoch den verhaßten Zug ersann, der vielen Männern löste die Kniee, da befahlen sie mir und Idomeneus, dem berühmten, Führer zu sein in den Schiffen gen Ilion; das zu verweigern, gab es kein Mittel; es drückte uns schwer das Gerede im Volke.
Und neun Jahre kämpften wir da, die Söhne Achaias; Als wir im zehnten Jahr des Priamos Feste zerstörten, fuhren wir heim zu Schiff; da zerstreute ein Gott die Achaier.
Aber der waltende Zeus ersann mir Armem noch Böses; nur einen Monat blieb ich, mich an den Kindern erfreuend und an der Ehegemahlin und an den Gütern; danach dann hieß mich der Mut, nach Ägypten hin eine Seefahrt zu machen in gerüsteten Schiffen mit göttergleichen Gefährten.
Und ich rüstete neun, schnell war die Mannschaft beisammen.
Schon sechs Tage schmausten bei mir die werten Gefährten, aber ich selber bot ihnen Opfertiere in Menge, um sie den Göttern zu opfern und selbst sich das Mahl zu bereiten.“
(Homer, Odyssee 14, 199-251; Ü.: Roland Hampe)
Solche Trugerzählungen besitzen große poetische Bedeutung, besonders hier, am Wendepunkt der ganzen Handlung – Odysseus ist gerade auf dem ersehnten Ithaka gelandet. Der Dichter durfte deshalb mit der gespannten Aufmerksamkeit seines Publikums rechnen. „Vieles Gelogene erzählte er und machte es dem Wirklichen gleich“, so heißt es über Odysseus an anderer Stelle (19, 203). Nur dichteste Lebensnähe in den Einzelzügen vermochte für die Ohren des Eumaios wie denen des homerischen Publikums die Glaubwürdigkeit des gezeichneten Lebensbildes zu verbürgen.
Ich fasse das eben Zitierte mit eigenen Worten noch einmal zusammen und erzähle die Geschichte zu Ende: Der Bastardsohn eines reichen Kreters sei er, so Odysseus, beim Tode seines Vaters nur mit einem mageren Erbe weggekommen. Durch seine Tüchtigkeit, vor allem in Kampf und Krieg, habe er seine soziale Stellung jedoch verbessern können. Er habe eine Frau mit reicher Mitgift geheiratet und sei schließlich unter den Kretern hochgeachtet gewesen. Als solcher habe er erfolgreich am Kriegszug der Griechen gegen Troja teilgenommen. Danach sei er zu einem Zug gegen Ägypten aufgebrochen, seitdem habe sich sein Schicksal abermals gewendet. In Ägypten, dann in Phönizien und nach einer erneuten Seereise schließlich in Nordwestgriechenland und seiner Inselwelt erlebt der Kreter mehrere teilweise dramatische Wendungen seines Lebens, bis er schließlich als schutzflehender Fremder zum Hof des Eumaios kommt.
Wir können nun darauf achten, was dem Dichter wie selbstverständlich in den Griffel floß. Denn weder er noch sein Publikum konnten sich vorstellen, daß es jemals hätte anders gewesen sein können. Wenn wir so fragen, dann erhalten wir Einblick gewissermaßen in die Infrastruktur der Erzählung, in die in ihr wirksamen typischen Formen des Denkens, Fühlens, Verhaltens und Handelns sowie die ihnen entsprechenden Strukturgegebenheiten von Wirtschaft, Gesellschaft, politischer Gemeinde, Kultur und Religion. Ich mache unter Rückgriff auf den Text auf vier zentrale historische Grundstrukturen aufmerksam, auf denen die Lügengeschichte des Odysseus aufbaut:
Die Welt des Hauses
Die Grundlage und Voraussetzung der gesellschaftlichen Existenz war, wie für jeden Griechen, so auch für den Kreter unserer Erzählung, das Hauswesen, griechisch: der oíkos. Seine wichtigsten Bestandteile, die Kleinfamilie, der Besitz und das Dienstpersonal, werden eingangs genannt.
Vers 199-204:
“Aus dem geräumigen Kreta rühm ich mich herzustammen; Sohn eines reichen Mannes; es wurden da auch noch viele andere Söhne geboren und aufgezogen im Hause, echte von der Gemahlin; doch mich hat eine gekaufte Mutter geboren; doch schätzte mich gleich den ehelichen Söhnen Kastor, der Hylakide, des Sohn zu sein ich mich rühme.“
Obwohl die Mutter unseres Kreters also eine unfreie Dienerin war, bedeutete das für ihn keine grundsätzliche Minderstellung. Zu Lebzeiten des Vaters war er in dessen oíkos den anderen Söhnen gleichgestellt; später zählte nur die väterliche Abkunft, er war ein freier Mann. Zwar hatte er nicht die gleichen materiellen Startchancen wie seine Halbbrüder, wie in Vers 210 zu lesen ist: “Aber mir gaben sie (die Brüder) nur ganz wenig und teilten ein Haus zu“.
Doch durfte auch er stolz auf den Ruhm seines Vaters verweisen (Verse 200 und 206). Der Vater und dessen Familie waren die einzige verwandtschaftliche Bindung, auf die es ankam. Verwandtschaftliche Einheiten und Bauelemente dieser Gesellschaft waren einzig und allein die einzelnen Häuser, die oíkoi.
Das gilt auch für die Wirtschaft. Deren entscheidende Bereiche, der Landbau und die Viehzucht, bildeten das Rückgrat eines jeden oíkos. Landbesitz ist natürlich Teil des väterlichen Erbes, das die Söhne unter sich verlosen (Vers 209), und Landbesitz ist die Grundlage für den eigenen oíkos des Erzählers. Er verbessert seine materielle Situation zunächst durch seine Heirat mit einer Tochter aus „wohlbegütertem“, wörtlich: polýkleros, d.h. viele Landlose besitzendem Hause (Vers 211). Ausführlicher hören wir davon, wie Kriegsbeute und Raubzüge das Vermögen eines Hauses rasch vergrößern konnten. Vers 229-233:
“Ehe noch troisches Land betraten die Söhne Achaias, führte ich neunmal Männer auf schnell hinfahrenden Schiffen gegen entlegene Völker, und dabei glückte mir vieles. Davon nahm ich nach Wunsch mir heraus und erloste dann später viel dazu; da mehrte sich rasch das Vermögen im Hause.“
Von dieser Warte aus läßt sich auch die von unserem Kreter unternommene Seefahrt nach Ägypten begreifen: Raubüberfälle und Piraterie brachten neue Arbeitskräfte und kostbare bewegliche Güter, die zu Gastgeschenken oder Tauschobjekten werden konnten – auch gegen weiteres Land.
Ein Aristokrat
Kastor, der Vater des Kreters, und später sein Sohn nahmen in ihren Gemeinden einen herausragenden Platz ein. Vers 205: “Kastor, (...) der bei den Kretern im Volke geehrt ward gleich einem Gotte“, und Vers 234 (abweichende Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt): „Ich wurde hernach gewaltig und geachtet bei den Kretern“. Aus beiden Zitaten geht hervor, was eine soziale Vorrangstellung vor allem ausmachte: die Anerkennung, die die beiden Männer in der gesamten Gemeinde genossen. Der dichterische Vergleich mit der Verehrung eines Gottes veranschaulicht die Größe der Kastor zuerkannten Ehre.
Ein solcher Mann hat sich selbst etwa als áristos oder ésthlos bezeichnet. Wir wollen ihn der einfacheren Verständigung wegen mit dem konventionellen Begriff einen Aristokraten nennen. Nur der war also Aristokrat, der sich in der Gemeindeöffentlichkeit so darstellen konnte und dem dann ein hohes Sozialprestige zuerkannt wurde. Unsere Geschichte macht dabei klar, daß sich auf die väterliche Abstammung allein aristokratisches Ansehen nicht gründen ließ. Die Herkunft – immerhin war der Kreter nur ein Sohn zweiten Ranges – war jedoch auch kein Hindernis für seinen Aufstieg zu einer sozialen Spitzenposition.
Maßgebend für die Zuerkennung eines aristokratischen Status waren folglich andere Kriterien. Auch sie sind von Homer genannt. Das Entscheidende ist die individuelle Tüchtigkeit, die areté. Sie war die Voraussetzung für den ersten wichtigen Schritt im selbständigen Leben unseres Kreters, Heirat und oíkos-Gründung, und sie bildet das Leitmotiv der gesamten folgenden Schilderung seiner Karriere.
Vers 211-212: „Und ich nahm ein Weib von wohlbegüterten Menschen meiner Tüchtigkeit (areté) wegen.“ Wenn jemand einen herausgehobenen sozialen Status beanspruchte, so hatte er dies durch persönliche Leistungen öffentlich darzutun. In den beiden schon zitierten Versen 232 bis 233 kommt der Erzähler auf die sichtbare Folge seiner persönlichen Bewährung zu sprechen: den Reichtum seines oíkos. Damit ist das andere unbedingt notwendige Kriterium aristokratischer Existenz bestimmt. Ohne Reichtum also keine Aristokratie.
Der Reichtum und das familiäre Gedeihen eines Hauses zeigten das Glück des tüchtigen Hausherrn und seinen sozialen Status an. Aristokratischer Reichtum hatte daher immer einen demonstrativen Charakter. So berichtet der Kreter von seiner Freigebigkeit, durch die er die Leistungsfähigkeit seines aristokratischen oíkos aufweist. Vers 249-251:
„Schon sechs Tage schmausten bei mir die werten Gefährten, aber ich selbst bot ihnen Opfertiere in Menge, um sie den Göttern zu opfern und selbst sich das Mahl zu bereiten.“
Aristokrat-Sein – das hieß: seine soziale Position immer neu zu erringen, zu behaupten und zu demonstrieren. Jeder einzelne war dadurch ständig einem Zwang zur Bewährung ausgesetzt. Vers 244-246:
„Nur einen Monat (nach Rückkehr vom Trojafeldzug) blieb ich, mich an den Kindern erfreuend und an der Ehegemahlin und an den Gütern; danach dann hieß mich der Mut nach Ägypten hin, eine Seefahrt zu machen.“
Es liegt ein bedauernder Unterton in diesen Worten, und er läßt darauf schließen, daß die rastlose Umtriebigkeit unseres Aristokraten nicht bloß seinem Naturell entsprang, sondern einem gesellschaftlichen Systemzwang. Man konnte sich ihm nur bei Strafe der sozialen Zurücksetzung entziehen. Wenn die Gemeinschaft Leistungen verlangte, so hatte das mehr als nur Aufforderungscharakter. Verse 238/39: „(…) das zu verweigern, / Gab es kein Mittel; es drückte uns schwer das Gerede im Volke.“
Die Karriere des Kreters zeugt von einem erheblichen Maß an sozialer Mobilität. Wo alles auf den einzelnen oíkos-Besitzer ankam, konnte die Kurve seines Lebens wie hier steil nach oben, ebenso rasch aber auch nach unten zeigen. Für die Aristokratie der archaischen Epoche insgesamt folgt daraus eine starke personelle Fluktuation. Offenheit nach außen und schwache innere Kohärenz wurden andererseits immer wieder aufgehoben: Durch einen gemeinsamen Lebensstil und die Spielarten der Kultur. Von ihnen erscheinen in unserer Geschichte etwa Gastfreundschaft und Tischgenossenschaft. Dazu macht die Erfahrung einer gemeinsamen Wertorientierung die Aristokraten nach außen hin als soziale Gruppe identifizierbar.
Wonach man strebte
In den Versen 212-231 wird erzählt, wodurch der Kreter in seinem Leben Tüchtigkeit, areté, bewiesen hat: „Ich war nämlich keineswegs schwächlich noch auch feige im Kampf“, und 216 weiter:
„Mut verliehen mir und wahrlich männerdurchbrechende Stärke Ares und Pallas, sooft ich im Hinterhalte die besten Männer wählte, um für die Feinde Verderben zu säen, hatte ich nie den Tod vor Augen in mannhaftem Mute, sondern ich sprang als erster vor und traf mit der Lanze immer den von den Feinden, der vor mir wich mit den Füßen. Solch einer war ich im Krieg.“
und schließlich 224-227:
„Es waren mir immer lieb beruderte Schiffe und die Kämpfe und wohlgeglätteten Speere und Pfeile, grausige; für die anderen sind sie schaudererregend. Mir aber war das lieb, ein Gott wohl legt’ es ins Herz mir.“
In dieser Selbstvorstellung steckt ein ganzer Katalog kriegerischer Tugenden. Durch sie hat der Erzähler sein Leben gestaltet, und er ist dadurch zu aristokratischer Vortrefflichkeit gelangt: Männerdurchbrechende Stärke, mannhafter Mut, Tapferkeit, die den Tod nicht scheut, listige Intelligenz, Bereitschaft zum Wagnis, Fähigkeit zur Führung, kriegerische Erfahrung und stetiges Streben danach, auf diesem Felde immer der Beste zu sein.
Arbeit für die Gemeinschaft
Odysseus’ fiktiver Kreter hatte im Dienste der Gesamtgemeinde Aufgaben zu übernehmen. Eine bestand darin, zusammen mit Idomenéus das Schiffskontingent der Kreter auf dem griechischen Heerzug gegen Troja anzuführen.
Die Kriegführung ist einer der Aufgabenbereiche, die in jeder Gemeinde für deren dauerhaftes Fortbestehen zu bewältigen waren. Daneben werden in unserer Geschichte noch weitere Felder von Gemeinschaftsaufgaben angesprochen. Da ist einmal die friedliche Pflege der gemeindlichen Außenbeziehungen. Darunter ist in der homerischen Zeit in der Regel die auswärtige Gastfreundschaft zu verstehen. Auch für diese Rolle käme der Kreter gegebenenfalls in Betracht, wo er doch seine Qualitäten als Gastgeber so stolz hervorhebt. Dabei berührt er schließlich noch einen dritten Aufgabenbereich: die Pflege der Beziehungen zu den Göttern.
Solche in jeder Gesellschaft die ganze Gemeinde betreffenden Aufgaben, also alle sog. Gemeinschaftsaufgaben, wurden in der homerischen Welt von einzelnen herausragenden Männern erfüllt. Sie werden in dieser Funktion als basiléis bezeichnet.
Ein basiléus war demnach auch unser Kreter. Sein Handeln ist typisch für eine Gemeinschaftsordnung, die noch keine staatlichen Formen kennt, sondern ihre Bedürfnisse von Fall zu Fall befriedigt – durch individuell dazu geeignete, sozial herausgehobene Personen. Das frühe Griechentum besaß keine zentralisierte Machtinstanz, weder ein Königtum noch eine organisierte Herrschaft weniger aristokratischer Familien oder gar Geschlechter.
Diese Besonderheiten verschafften den Griechen jene Freiheit, die sie nutzten, als sie seit dem 8. Jh. v. Chr. zu neuen Ufern aufbrachen – und das ist auch ganz wörtlich zu nehmen. Als man daran ging, an fernen Küsten neue griechische Siedlungen zu gründen, wurde die Welt komplexer, und sie brachte neue Herausforderungen mit sich. Sie ließen sich nur im Rahmen einer neuen Gemeinschaftsordnung, eben einer staatlichen, bewältigen. Homer bewahrt auch die Kunde von den Anfängen dieses Aufbruchs. Und so blieb Homer der Begleiter auf dem welthistorisch einmaligen Weg zum Bürgerstaat der Polis.
Der Mythos als Erzählung von den Ursprüngen
Das letzte Stichwort zum Thema Homers Wirkung lautet „Mythos“. Der Stoff, aus dem die kulturelle Enzyklopädie Homers geformt ist, ist der Mythos. Mythos verleiht der Tradition die Geltungskraft. Die Tradition ist in den Augen der Leser und Hörer Homers also deswegen richtig, weil es das die Welt des Mythos bevölkernde Heroengeschlecht der Vorväter war, die diese Ordnung vorgelebt hatten. Wer den Mythos vernahm, erhielt also Kunde von den normsetzenden Anfängen, von einer Vergangenheit, in der der Hörer seine eigene Welt wiedererkennen und mit der er sich identifizieren konnte. Die mythische Vergangenheit ist mit der Gegenwart nicht durch ein zeitliches Kontinuum verbunden, sondern ist im Prinzip mit ihr identisch, wenn auch in einer überhöhten idealen Gestalt.
Bis weit in die archaische Zeit hinein stellte der durch Homer vergegenwärtigte Mythos für die Griechen die Vergangenheit schlechthin dar. Diese spielt in der eigentlich zeitlosen Sphäre der Götter und Heroen. An die Jahrhunderte bis etwa 700/650 v. Chr. hatten die Griechen vor dem späteren Aufkommen einer allerdings spekulativen Lokalgeschichte keine konkrete historische Erinnerung. Auch schon für sie und nicht erst für uns waren es „dunkle Jahrhunderte“.
Das ist kein Versäumnis der Bewahrung von Überlieferung und daher auch keine Unkenntnis unsererseits. Es ist vielmehr einfach die Folge der Form von Traditionswahrung durch Mythos und Epos. Homer und durch ihn der Mythos beantwortete die Frage „Woher kommen wir?“ bis weit in das 7. Jh. v. Chr. hinein in erschöpfender Weise. Der von Homer gestaltete Mythos, die dramatischen und unvergänglichen Geschichten aus der heroischen Vergangenheit – sie erzählten den frühen Griechen von den Grundlagen ihrer Existenz.
Und den Späteren verkündeten sie darüber hinaus noch weitere tausend Jahre lang unveränderliche und elementare persönliche und gesellschaftliche Wahrheiten. Warum sollte die durch Homer gegenwärtige Vergangenheit dann nicht wirklich vergangene Realität gewesen sein? Dem antiken Menschen stellte sich diese Frage gar nicht. Homer war und blieb für ihn immer das erste Geschichtsbuch. Die Wirklichkeit, die es bezeugte, schilderte unveränderlich die alte Geschichte der Griechen und damit der antiken Zivilisation überhaupt.
Aus diesem Grund gehören Homers Berichte zum festen Repertoire aller antiken Geschichtsschreiber, wenn sie sich den geschichtlichen Anfängen zuwenden. Das gilt bis in die Spätantike, und selbst christliche Geschichtsschreiber wie z.B. Orosius im 5. Jh. n. Chr. machen da keine Ausnahme. Solcher höheren Gelehrsamkeit bedurfte das geschichtliche Bewußtsein der breiten Bevölkerung freilich nicht. Für sie bot Homer immer den natürlichen und realistischen Inbegriff dessen, was man von der fernen Vergangenheit wußte. Die im Mythos repräsentierte Geschichte hat denn auch zu allen Zeiten die größte Breitenresonanz besessen. Dafür spricht die überragende Bedeutung, die dem Mythos als Thema der bildenden Kunst bis in die Spätantike zukommt, nicht nur für exklusive Zirkel, sondern gerade mit der Absicht auf Breitenwirkung.
Dafür spricht weiterhin die emsig betriebene homerische Realienkunde mit einem auf sie sich stützenden Zweig des antiken Tourismus. Überall in der antiken Welt, vom Schwarzen Meer bis zu den Säulen des Herakles, konnte der Reisende Monumente und Reliquien des einstigen Wirkens der mythischen Heroen bestaunen. Insbesondere das Schlachtfeld von Troja blieb bis in die Spätantike ein viel besuchter Wallfahrtsort.
Ein Indiz für die Geschichtlichkeit des Mythos in den Augen des Altertums ist schließlich seine Wirksamkeit als argumentative Waffe in politischen Auseinandersetzungen. Der Mythos lieferte dabei nicht irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen und in seiner etwaigen realen Haltlosigkeit zu destruierenden Vorwand. Der Mythos bildete vielmehr die selbstverständliche Form von Denken und Verständigung schlechthin, sobald der Blick sich auf die Vergangenheit richtete. So verlor Homer als der eindringlichste Gestalter des Mythos auch in allen späteren Jahrhunderten der Antike nichts von seiner überragenden Autorität.
Homers Menschen
Die Protagonisten der Epen wie Odysseus, Hektor oder Achilleus verkörpern menschliche und gesellschaftliche Leitbilder. Aber es war nicht nur die antike Welt, die sie sich zu eigen machte. Homer war lebendiges Bildungsgut im byzantinischen Mittelalter, und auch der lateinischen Welt blieb er stets gegenwärtig – in lateinischen Übersetzungen oder in Zitaten anderer Autoren.
Dante stellte Homer zu Beginn des 14. Jhs. an die Spitze aller antiken Dichter, und als man gut 150 Jahre später Ilias und Odyssee (seit 1488) zum ersten Mal wieder im griechischen Original lesen konnte, floß von da an bis in die Gegenwart ein nicht mehr abreißender Strom von Zeugnissen der Begegnung mit den Werken Homers in Literatur und Bildkunst. Mehrere große Homer-Ausstellungen in jüngerer Zeit haben das anhaltende Interesse eindrucksvoll vorgeführt.
Ich möchte zum Schluß nun an wenigen Beispielen zeigen, wieso Homer auch jenseits der über tausendjährigen, antiken Rezeptionsgeschichte immer faszinierend blieb und dies auch heute ist.
Und das gilt nicht nur für die Fixsterne, auf die ich gleich eingehen werde, sondern auch für viele weitere Figuren, die die homerische Welt bevölkern – als da sind die sog. kleinen Kämpfer in der Ilias, die Diener und Gefährten wie Patroklos, die großen Frauengestalten wie Hekabe, Andromache oder Nausikaa, oder schließlich das unfreie Personal wie der Sauhirt Eumaios, dem wir bereits begegnet sind, oder die getreue Amme Eurykleia. Ja selbst im Hinblick auf bestimmte typische soziale Institutionen wie die Gastfreundschaft oder das patriarchalische Verhaltensideal bot Homer in Mittelalter und früher Neuzeit unter immer noch ähnlichen Gesellschaftsstrukturen maßstabsetzende Bilder.
Unter den Heldengestalten Homers stehen vor allem die beiden komplementären Figuren des Odysseus und des Achilleus im Vordergrund. Sie verkörpern nicht bloß zwei verschiedene persönliche Charaktere. Homer hat vielmehr in diesen beiden Helden zwei anthropologischen Grundmöglichkeiten der Weltsicht und Weltbewältigung eine Gestalt gegeben. Ihre Gültigkeit ging auch weit über die Antike hinaus im Selbstverständnis Europas nie verloren.
Odysseus und Achilleus: Urbilder des europäischen Menschen
Der große Held Odysseus gewinnt seine Stärke vor allem durch Klugheit und Einfallsreichtum (métis), durch Gewandtheit, Erfahrungen, Lernfähigkeit und Wissensdrang – polýtropos, der Vielgewandte, wird er genannt. Er ist ferner durch Leidensfähigkeit und Kühnheit ausgezeichnet, durch Überredungskunst (peithó), ja auch, wo es um des höheren Zieles willen sein muß, durch List und Täuschung.
Hören wir, wie Odysseus von dem Helden Diomedes charakterisiert wird, als dieser sich ihn als Begleiter bei einem militärischen Kommandounternehmen erwählt:
„Wenn ihr nun den Genossen mir selber zu wählen gebietet, wie vergäße ich dann den göttergleichen Odysseus, der entschlossenen Mutes, das Herz voll freudiger Kühnheit, steht in jeder Gefahr, denn es liebt ihn Pallas Athene.
Folgte mir dieser, so kehrten wir selbst aus flammendem Feuer beide zurück, denn er ist findig im Geiste wie niemand.“
(Ilias, 10, 242-247;Ü.: Hans Rupé)
Vergessen wir nicht weitere Tugenden wie die Gewissenhaftigkeit und Treue, die Gerechtigkeit und Fürsorge, die Freigebigkeit und die Selbstbeherrschung. Durch sie bewährt sich Odysseus vor allem als Vorsteher und Mittelpunkt seines eigenen Hauswesens, seines oíkos. Wenn man sich die bis heute anhaltende Rezeptionsgeschichte dieser Figur ansieht, ist es nicht zu weit gegriffen, in ihr, wie das zuletzt der Archäologe Bernard Andreae mehrfach hervorgehoben hat, ein Urbild des europäischen Menschen zu sehen.
Vergleichsweise einfacher oder auch einseitiger gebaut ist der Hauptheld der Ilias, Achilleus. In ihm fanden die Aristokraten des 8. Jhs. v. Chr. ebenso ihr ideales Vorbild wie noch tausend Jahre später die römischen Senatoren und Kaiser oder weitere tausend Jahre darauf alle, die sich durch ihre persönliche Leistung hervortun wollten.
“Primus Graecorum Achilles“, so nennt ihn der Römer Sallust ganz schlicht, und er trifft damit präzise das Faszinierende an dieser Gestalt:
„Sich stets als bester bewähren und trefflicher sein als die anderen.“
So lautet in der Ilias 11,784 die Mahnung an Achilleus, ausgesprochen von seinem Vater. Hier wie an mehreren anderen Stellen des Epos wird im gleichen Wortlaut eine Grundmaxime formuliert, die man als das aristokratische Ideal bezeichnen kann. „Sich stets als bester bewähren und trefflicher sein als die anderen“ – das kann freilich auch mißverstanden werden; von Achill, „dem Vieh“, hatte die Schriftstellerin Christa Wolf vor vielen Jahren gesprochen.
Um diesem Mißverständnis zu begegnen: Gewiß betont dieses Wort Homers den Wettbewerb, aber es fordert nicht zwangsläufig die Unterwerfung oder die Beseitigung aller Mitbewerber um jeden Preis. Nach dem griechischen Wort für „sich als bester bewähren“ kann man dieses Ideal das Aristie-Ideal nennen.
Gewiß ist es sehr oft mißbraucht worden, und es hat besonders in der Welt der griechischen Poleis viel Schaden und Leid angerichtet, wenn es die Handelnden zu einem gnadenlosen Kampf um den Vorrang anstachelte. Doch hat das Aristie-Ideal auch einen konkreten und präzisen Sinn in einer Grundbedingung der griechischen Gesellschaft, nämlich der absoluten Bezogenheit auf das eigene Haus, die soziale Grundeinheit der Griechen. Für das Wohlergehen seiner Familie, seiner Hauswirtschaft samt mobilem und immobilem Besitz konnte nur der Hausherr selbst mit seiner Person einstehen. Übergeordnete gesellschaftliche Stabilisierungsmechanismen für die Existenz des einzelnen gab es nicht. So war jeder sein eigener Herr, mußte sich jedoch auch ständig bewähren und mit anderen messen. Jeder, der ein Haus besaß, mußte also danach streben, sich gegenüber anderen hervorzutun oder sich ggf. ihrer erwehren.
Diese Strukturbedingungen machen verständlich, warum das von Homer beispielgebend in Worte gefaßte Ideal der Aristie, des Strebens, sich zu behaupten und nach Möglichkeit hervorzutun, den Griechen eine grundlegende Orientierung gegeben hat. Und darüber hinaus erscheint dieses Ideal sachgerecht von seiner im Epos zu beobachtenden Wirksamkeit her. Wir dürfen seinen Sinn dann wie folgt verstehen. Ich zitiere eine interpretierende Übertragung von Joachim Latacz:
“Sei dir lebenslang und in jeder Lage bewußt, daß du zu der Schicht der áristoi, der Besten, gehörst! Verhalte dich also stets und überall so, wie es sich für einen áristos gebührt, und in diesem Bemühen darfst du dich von keinem übertreffen lassen, sondern mußt im Gegenteil versuchen, es in allem noch ein wenig besser zu machen als die andren Standesgenossen.“
(Latacz, Achilleus, S. 39)
So verstanden, formuliert das Aristie-Ideal nichts anderes als die ethische Grunddisposition, die sich jede soziale Elite zu eigen machen muß.
Achilleus, der starke und schöne, der gerechte und treue, der aufrechte und wahrheitsliebende ideale Kämpfer – er wird von Homer als Verkörperung des Aristie-Ideals gezeichnet. Achilleus steht damit stellvertretend für alle heroischen Gestalten des Epos. Und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn ihm nachzufolgen auch später alle Aristokraten weit über die griechisch-römische Welt hinaus sich bemüht haben. Im übrigen teilten mittelbar sogar breite Bevölkerungsschichten dieses – wie man es auch bezeichnet – heroisch-agonale Ideal. Es war somit Homer, der diese normative Grundorientierung erstmalig und höchst einprägsam ans Licht gehoben und dem individuellen und gesellschaftlichen Selbstbewußtsein auf Dauer lebendig erhalten hat.
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