Read the book: «KISHOU I»

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Impressum

Copyright: © 2021 Michael Kornas-Danisch

KISHOU I

Nichts ist ohne das SCHEIDEN

Ohne das Scheiden ist NICHTS

So ist ENTSCHEIDUNG

SCHÖPFUNG

Erschaffend aus sich selbst heraus

Das DING

So ist das DING

Und mit ihm ist die ZEIT

Es kann nicht sein das EINE

Wo nicht ist das ANDERE

Prolog

„Li suni to!“

„Qua suni to?“

„Li – Suäl Graal!“

Die Altwisin nickte unmerklich, während sie Mujie Saii aufmerksam musterte. Sie nahm ein kleines Kännchen von der Anrichte neben sich, und träufelte von seinem Inhalt etwas über den Kräuterkreis, den sie kurz zuvor um ihre Füße herum angelegt hatte. Ein feiner Rauch kräuselte sich an Mujie Saiis Beinen nach oben. Sein Geruch überdeckte die feuchte und salzige Luft des nahen Meeres, die sich mischte in den Winden mit dem rauchigen Geschmack verbrannten Holzes. Es brannten immer einige Kamine in der Siedlung.

Dann endlich wandte sie sich um in das innere des Raumes, an deren gegenüberliegende Wand die Familie Saii gebannt und mit ängstlichen Blicken dem Ritual folgten. Mujie Saiis starre Augen blickten derweil die ganze Zeit leer und ohne erkennbare Erregung zum Fenster hinaus, in das wilde Hochland – hinüber zum 'Gespaltenen Berg'. Sie hatte einen guten Blick auf ihn. Wenn der immerwährende neblige Dunst sich zuweilen einmal für kurze Zeit auflöste, und das Wetter so klar war wie heute, fanden die Augen auch dessen Gipfel – und es war nicht irgendein Gipfel irgendeines Berges, von denen es in diesem Hochland so nahe dem Meer unzählige gab. Es war der Berg Suäl Graals, der mächtigen ,Göttin des Kelches' – wie sie in den Legenden beschrieben wurde. Der Gipfel dieses Berges wird darin als ihre Heimstatt benannt. Bei ihrer Ankunft vor vielen Zeiten hatte sie, um ihre Macht zu demonstrieren, den Berg in seiner Mitten aufgerissen, und seine dem Meer zugewandte Seite in die Fluten stürzen lassen – so berichten die Legenden.

„Bedeuten die seltsamen Worte meiner Schwester irgendetwas?“ Es war Halem Saii, der dies in Ungeduld fragte. Er war der einzige noch verbliebene Bruder Mujies. Zwei weitere, die Älteren, waren längst nicht mehr unter ihnen. Bogol Saii, der Älteste, verunglückte schon vor langer Zeit oben am Tausteg – einem leichten Überhang der nahen Steilküste – als die Familie nach der noch sehr kleinen Mujie suchten. Das Kind hatte ohne Begleitung bei einem Unwetter das Haus verlassen. Ein Teil des Überhanges brach unter seinen Füßen und stürzte mit ihm ins Meer. Der Zweite, Tako mit Namen, blieb vor noch nicht vielen Sonnenwenden im Kampf gegen den Stamm der Zuren im Feld.

„Bedeuten die seltsamen Worte meiner Schwester irgendetwas?“, fragte Halem noch einmal nachdringlicher, als die Altwisin nicht sofort antwortete. Altwisen waren ein besonderer Zweig der Heilkundigen, die allerdings neben der Heilkunst noch sehr viel Wissen über das Volk der Nin und ihre Stämme in sich trugen. Sie waren vertraut mit der Kultur ihres Volkes und ihren Wandlungen in der Zeit, ihren Traditionen, Ritualen und den Göttern. Halem hatte sie auf Bitten der Mutter von weit her in ihr Dorf geholt. Es gab nicht viele von ihnen.

Jetzt endlich nickte die Altwisin nachdenklich. „Es sind Worte einer sehr alten Sprache – Äonen liegen zwischen ihr und unserer Zeit. Nur zwei Stämme am Rande unserer Welt sind mir bekannt, in denen sie noch in Teilen lebendig ist.

„Was sagt sie?“, fragte nun der Vater und richtete sich etwas auf. Er war von stämmiger Gestalt, wirkte aber dennoch müde mit seinen ergrauten, wirren Kopf- und Gesichtshaaren.

„Sie sagt, sie wäre nicht da!“, antwortete die Altwisin.

„Wer ist nicht da?“, fragte der Vater sofort nach.

„Das waren auch meine Worte, die ich an sie richtete!“, nickte die Altwisin. „Sie sagte darauf: Suäl Graal!“

Schultern und Kopf des Vater senkten sich wieder, und auch die Blicke Halems und der Mutter verstummten, als wäre eine böse Ahnung in ihnen zur Gewissheit geworden.

„Erzählt mir von der Tochter – wann alles begann, und was sich sonst noch in ihr zeigt!“, forderte die Altwisin.

„Es ist schwer zu …!“, wollte der Vater gerade beginnen, als er sogleich von der Altwisin unterbrochen wurde. „Nicht hier! Ich habe Vorbereitungen getroffen, dass sie bald zurückkehren wird. Wir sollten ungestört sein!“

So wechselten sie in den angrenzenden Raum. Er war nicht viel größer als der Erstere, aber etwas wohnlicher gestaltet – besaß einen großen Tisch mit Stühlen und einen Kamin, der inzwischen aber verloschen war. Durch sein Fenster, dass hier an der Seite des Hauses lag, konnte man zwischen Bäumen und Sträuchern die Giebel des nahen Nachbarhauses sehen.

„Wir haben uns oft schon diese Frage gestellt!“, begann die Mutter sofort, nachdem sie sich gesetzt hatten. „Sie war eigentlich ein heiteres, unbeschwertes Kind, dass …“

„Aber auch immer schon sehr eigensinnig!“, wurde sie vom Vater unterbrochen. „Man konnte sie nicht alleine lassen, kaum das sie Laufen konnte!“, schüttelte er erinnernd seinen ergrauten Schopf. „Immer wieder einmal war sie verschwunden, fand sich auf benachbarten Gehöften wieder oder in den umliegenden Feldern und Brachen. Sie verweigerte jeden Gehorsam und keine Strafe konnte sie auf Dauer zähmen!“

„Ja, sie war sehr neugierig ...!“, versuchte die Mutter zu beschwichtigen.

„Sie war in allem ohne Maß und ohne jede Einsicht. Erinnere Dich, wie auch du geklagt hast!"

„Doch sie war eine andere, nachdem Bogol, ihr Bruder verunglückte!“

„Ich weiß nicht, ob es daran lag!“, widersprach auch hier der Vater unwillig. „Sie war eigentlich noch zu klein, um das Unglück zu versteh'n – aber wohl alt genug, um etwas ruhiger und einsichtiger zu werden!“

„Es kam aber doch sehr plötzlich!“, beharrte die Mutter auf ihre Ansicht der Dinge.

„Was veränderte sich an ihr?“, unterbrach die Altwisin den Disput.

„Sie war plötzlich sehr gehorsam!“, übernahm sofort die Mutter. „Sie ging kaum mehr über den Hof hinaus, half im Haus und auf dem Feld so gut sie schon konnte - … und war sehr ernst bei allem. Ich glaub, sie hat auch seit dem nicht mehr gelacht!“, richtete sie sich an den Vater, als wollte sie seine Bestätigung einholen.

„Sie war eben älter geworden!“, versuchte der noch einmal seine Sicht der Dinge zu verteidigen. „Es ist nicht leicht, dem Boden hier etwas abzuringen!“, richtete er sich an die Altwisin. „Es sind immer große Wege und viel Arbeit. Das bekommt man schon früh mit, wenn man hier lebt – und wir mussten damals auch auf Bogol verzichten. Er war ein ganzer Kerl und kräftig!“

„Aber du hast doch nun gehört, dass die Allmächtige von Mujie Besitz ergriffen hat, und es war die Allmächtige, die den Tausteg aus der Wand brach, dass unser Bogol ins Meer gerissen wurde. Wie kannst du noch meinen, das Mujies Veränderung nichts damit zu tun hat?“

Der Vater schwieg.

„Es ist doch so?“, setzte die Mutter fort, und schaute fragend zur Altwisin. „Unsere Tochter ist von Suäl Graal besessen!“

„Erzählt, was weiter geschah!“, ließ die Altwisin die Frage zunächst unbeantwortet.

„Der Stamm der Zuren traf vor noch nicht langer Zeit einmal mehr Vorbereitungen, in unser Land einzubrechen – vom Ogental aus. Es waren …“

„Das ist mir bekannt!“, unterbrach die Altwisin.

„Ja!“, nickte der Vater verstehend. „Werber kamen, um von jeder Familie den Tauglichsten zu fordern. Was soll man tun …!“, er atmete tief ein. „ich selbst habe in meiner Jugend schon gegen sie gekämpft! Sie müssen ja aufgehalten werden!“ Seine Lippen bewegten sich, als kaute er auf etwas herum … „Es war Tako, mein nun ältester, der mit ihnen ging. Er kehrte nicht zurück!“

„Mujie liebte ihren Bruder sehr, …“, bemerkte die Mutter mit gesenktem Kopf und erstickter Stimme, „… und gab ihm ein Amulett mit auf den Weg, das ihn schützen sollte …!“

„Seither ist sie nicht mehr sie selbst“, übernahm nun Halem Saii. „Wenn wir nicht auf dem Feld sind, verbringt sie die meiste Zeit im Gebetsraum, und spricht mit Gäa. Oft steht sie am Fenster, wie jetzt gerade, und stiert unentwegt zum Gespaltenen Berg hinüber. Nichts um sie herum scheint dann mehr zu gelten. Manches Mal schreit sie dann plötzlich wie ein weidwundes Tier und ist lange nicht zu beruhigen!“

„Sie sagt, sie wüsste nicht, was mit ihr geschieht in diesen Momenten!“, ergänzte die Mutter.

„Ich weiß nicht, ob es wahr ist …“, ließ sich nun wieder der Vater vernehmen. „Hier und in den umliegenden Dörfern erzählt man sich von vielen Unglücken in den Familien in den letzten Zeiten – und von verdorbenen Ernten. Man redet nicht offen darüber … aber es heißt, unsere Tochter …“

„Es sind nur einige, die so denken!“, wurde er fast barsch von Halem unterbrochen. „Mujie hat damit nichts zu tun! Sie ist gequält von Suäl Graal, wie alle unseres Volkes!“

Ein beklemmendes Schweigen folgte dem Ausruf Halems, und wurde erst von der Altwisin wieder aufgehoben. „Sie beherrscht Worte, die lange schon vergangen sind im Volk der Nin! Wisst ihr noch von anderen Fähigkeiten, die nicht gewöhnlich sind!“, fragte sie.

„Als Tako noch unter uns war, sah man sie mit großem Geschick mit dem Schwert umgehen!“, erinnerte sich Halem. „Doch man hat niemals gesehen, dass sie sich darin übte …!“

„Das ist wahr!“, bestätigte sofort der Vater. „Auch mit dem Bogen war sie schon sehr früh vertraut. Niemand konnte sich in dieser Kunst mit ihr messen!“

„Es war aber sicherlich auch kein gewöhnlicher Bogen!“, gab die Mutter zu bedenken. „Eine Magie war mit ihm verbunden!“

„Eine Magie?“, horchte die Altwisin auf.

„Es musste wohl so sein!“, bestätigte die Mutter.

„Die Tochter war gerade geboren …“, erklärte darauf der Vater nachdenklich, „… da erschien ein fremder im Dorf, dessen Namen niemand mehr erinnert – hochgewachsen und alt an Jahren. Er trug den Bogen bei sich. Wir boten ihm Unterschlupf in unserem Hause für die kurze Zeit seines Aufenthalts. Als er wieder aufbrach, legte er seinen Bogen auf das Kindbett, und sagte, dass nun sie ihn führen sollte, wenn sie herangewachsen war. Wir hielten es für eine Geste des Dankes, dass wir ihn bei uns aufgenommen hatten!“

„Und worin lag nun die Magie des Bogens?“, fragte die Altwisin nach.

„Kaum das Mujie die Kraft hatte, ihn ein wenig zu spannen …“, sprudelte die Mutter sogleich hervor, „… traf sein Pfeil das kleinste Ziel aus großer Entfernung. Niemanden sonst gewährte der Bogen diese Gunst außer der Tochter. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen …!“

„Zeigt mir den Bogen!“, bat die Altwisin.

„Wir haben ihn nicht mehr!“, schüttelte der Vater unwillig den Kopf.

„Nachdem eine Ahnung in uns aufkam, dass Suäl Graal ihr böses Spiel mit unserer Tochter trieb, konnte der Bogen nur ein Werk ihrer Allmacht sein!“, erregte sich die Mutter etwas. „Wir warfen ihn ins Feuer – aber er verbrannte nicht. Keine Flamme wollte an ihm zehren – selbst seine Sehne blieb ungeschwärzt! …“

„Ich trug ihn zuletzt zum höchsten Ort der Steilküste, und warf ihn hinab ins Meer, aus dem Suäl Graal einst entstiegen ist!“, übernahm Halem. „Wir gaben der Allmächtigen zurück was das ihre war!“, schloss er.

„Kannst du unserer Tochter helfen?“, fragte die Mutter nun mit ängstlichem Blick.

Die Altwisin senkte den Kopf und schien in sich hineinzuhorchen. Dann blickte sie wieder auf. „Nur Gäa und die Allmächtige wissen, was eure Tochter erleidet. Es müssen viele Zeiten in ihr aufgehoben sein, dass sie Worte in sich trägt, deren Klang längst vergangen ist! Mir scheint, eure Tochter ist ein Kishou – so bezeichnete man in den längst vergangenen Zeiten die ‚Suchenden’, wie sie im Volk der Nin so manchesmal wiedergeboren wurden. Der letzte, von dem mir berichtet wurde, lebte in Khokut – viele Tagesreisen von hier. Er soll allerdings bereits eine sehr hohe Stufe der Weisheit erlangt haben, so sprechen die, die von ihm wissen. Doch es ist schon sehr lange her, dass er unter uns war!“

Sie machte eine kleine Pause, und schien wiederum in sich hinein zu horchen. „Was geschehen ist, kann nicht mehr ungeschehen sein – was erfahren ist, nicht unerfahren!“, meinte sie endlich. „Möglich, dass Suäl Graal tatsächlich von ihr Besitz ergriffen hat – oder zumindest irgendeine Verbindung zwischen ihnen besteht. Es quält sie offenbar sehr!", bestätigte die Altwisin die Mutter weitgehend in ihren Befürchtungen. „Ich will ihr ein Elixier mischen, dass eine schwarze Decke darüber legen wird, was in ihr geschehen – und ein Zweites, dass sie vergessen macht, was in ihr als Erfahrung ruht. Das Erstere nimmt sie am Morgen jeden Tages zu zwei Löffeln, von dem Zweiten träufelt etwas am Abend auf ihre Ruhestatt. Es kann sie nicht heilen – wie der Suchende niemals auf immer aufgehalten werden kann. Doch wird es in der Zeit das Maß ihrer Empfindsamkeit herabsetzen!“

„Wonach sucht sie?“, wunderte sich Halem, doch für eine Antwort der Altwisin war keine Gelegenheit mehr. Der hölzerne Riegel der Tür klappte in diesem Moment nach oben, und der Zugang zum angrenzenden Raum öffnete sich langsam. Mujie Saii stand dort – zitternd und das Gesicht feucht von Schweiß und Tränen …

„Ich hab Angst!“, sagte sie leise.

Halem war aufgesprungen und barg sie fest in seine Arme …

~

„Wie die Altwisin es vorher gesagt hatte, so geschah es. Die geheimen Elixiere aus wilden Kräutern zeigte ihre Wirkung, und in der Zeit zweier Sonnenwenden über dem Salzberg entspannte sich das Antlitz Mujie Saiis mehr und mehr, bis jede Bedrückung von ihr genommen schien.

Eine gute Zeit war angebrochen, die den gerechten Lohn der alltäglichen Beschwernisse versprach, mit denen man dem kargen Boden des Hochlandes seine Früchte abringen musste. Rahmin, der zweitälteste der Familie Tayl, warb seit kurzem um Mujie – und es sah zuweilen danach aus, als würde er erfolgreich sein. …

~

„M

ujie!“

„Was ist?“. Die Gerufene trat an das Fenster und stieß dessen rechten Flügel nach außen, der schon lange nur noch kraftlos an einem seiner Scharniere hing, und bei jedem Windzug halb zuklappte.

„Komm heraus, wenn du dich traust!“ Halem Saii stand ein Stück weit vor dem Haus, und übte sich schon den halben Tag in der Führung seines schweren Schwertes. Er hatte es sich von Ramon, dem alten Schmied, erst vor Kurzem nach seinen strengen Anweisungen anfertigen lassen – und es war ihm gut gelungen.

„Du spinnst!“, rief ihm Mujie zu. „Wo ist Rassl?“ Sie hatte durchaus bemerkt, dass schon vor einer Weile das Klirren und Schaben von Eisen auf Eisen aufgehört hatte. Rassl war der älteste Sohn jener Familie, deren Haus nur einen Steinwurf von ihnen, hinter der brüchigen kleinen Mauer stand. Er übte fast täglich mit dem Freund.

„Er ist aufs Feld!“, rief ihr der Bruder zu.

„Das solltest du auch tun, und Vater und Mutter helfen, anstatt die Vögel mit deinem Krach zu verschrecken!“

Halem lachte laut auf. „Ich wusste nicht, dass ich eine so ängstliche Schwester habe, dass sie grad' das Klirren von blechernen Tiegeln und Töpfen erträgt!“

Mujie Saii verdrehte unter einem Seufzer die Augen, zog ihr Schwert von der Halterung an der Wand, und verließ das Haus.

„Ich weiß nicht, warum ich dieses Ding hier heraus trage – ein Besen sollte reichen!“ Mit dem ,Ding’ meinte sie ihr Schwert, das sie durchaus noch zu führen verstand – nicht mehr mit jenem Geschick, das ihr früher zuteil war, der Schleier des Vergessens hatte sich wohl auch darüber gelegt – doch gut genug für manch kurzweilige Ablenkung vom Alltag. Sie warf ihre verfilzten Locken mit der Hand von der Schulter, die der raue Wind jedoch sofort wieder zurück trug, und stellte sich vor den Bruder auf.

„Ist es denn etwas anderes, was du in der Hand hältst?“, lachte Halem, und ließ in einer jähen Kreisbewegung die Klinge seines Schwertes seitwärts gegen die Schwester rennen.

Es war ein ungleicher Kampf, in dem Halem durchaus darauf bedacht war, dass die Schwester seine Schläge mit nicht all zu viel Mühe parieren konnte. Dennoch war sie sehr bald in die Defensive gedrängt. Mit dem Jauchzer des Übermuts wich er den wenigen Attacken der Schwester aus, die er ihr noch beließ. „Meine kleine Schwester ist mit ihrem Besen recht schnell!“, lachte Halem anerkennend – wohl um sie bei Laune zu halten.

Mujies Antwort war ein schneller Frontalstoß mit der Schwertspitze, dem der Bruder einmal mehr mit einem Jauchzer, und dem schnellen Öffnen seines Körpers auswich, so dass der Stoß Mujies ins Leere ging. Im vorläufigen Rückzug schwang Mujie die Klinge kreisförmig hinter sich, um nun mit einem Hieb von oben zu kommen. Wieder wich Halem elegant und übermütig jauchzend der Parade aus – doch die Klinge Mujies stoppte jäh in der Waagerechten. Ihr Körper drehte sich blitzschnell um die eigene Achse, und die Fläche ihrer Klinge klatsche hörbar auf das Hinterteil des Bruders.

Für einen Augenblick war tatsächlich eine Verblüffung in den weit geöffneten Augen Halems zu entdecken. „Du bist hinterhältig!“, beschwerte er sich. Aber es war wohl eher ein gespielter Vorwurf. Halem Saii liebte seine Schwester sehr.

„Na und?“, blinzelte Mujie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und einem frechen Grinsen an. Doch plötzlich spannte sich ihr Gesicht und ihr Blick fiel zum Himmel – in dessen schwere Wolken. „Es ist still geworden!“, sagte sie aufhorchend. Ihre Augen weiteten sich, als sehe sie dort oben etwas.

Halem schaute hinüber zum Gespaltenen Berg, dessen Gipfel sich, wie es fast immer war, im grauen Dunst auflöste, und horchte in die wilde Natur. Tatsächlich. Kein Blatt wurde von einem Wind bewegt – und auch die Vögel waren verstummt.

„Hol den Wagen – beeil dich!“ Fast flüsterte Mujie mit starren und weit aufgerissenen Augen.

„Was ist?“, wollte der Bruder wissen.

„Hol den Wagen – schnell!“ Fast schon lag ein Befehl in ihren Worten.

Halem war verwirrt – seine Blicke tasteten einen Moment unruhig zwischen der Schwester, dem Himmel und dem Gespaltenen Berg hin und hier. Er fand keine Erklärung, und die Dringlichkeit der Worte Mujies gestatteten keine Zeit, danach zu suchen. … „Ja!“, sagte er endlich, bereits im Laufschritt unterwegs zum Schuppen hinter dem Haus.

Nur Augenblicke später erschien er wieder mit dem Pferd, an das ein kleiner klappriger Wagen angespannt war. Mujie sprang auf das hölzerne Brett neben ihren Bruder, und Halem war bemüht, das Tier auf den schnellstmöglichen Trab zu bringen.

Ihr Feld war ein gutes Stück weit entfernt. Es gab in dieser Gegend nicht viel Land, das beackert werden konnte. Zu steinig und ausgewaschen war der Boden hier. Ächzend hastete der Wagen über den ausgefahrenen, holprigen Weg.

Mujies furchtsamer Blick ließ nicht ab von den Wolken über ihnen, als plötzlich ein gellender Schrei aus ihr herausbrach. Im selben Moment zerriss ein gleißender Blitz den Himmel, dem der ohrenbetäubende Schlag eines Donners folgte. Eine schwere Windbö fegte Pferd und Wagen fast von der Straße – und nur Augenblicke später schien der Himmel auf sie herabzufallen. Fluten von Wasser ließen kaum den Weg erkennen, der sie zu ihrem Acker führen sollte.

Halem Saii erschauerte. Nicht, weil der Schrei der Schwester ihn in eine überwunden geglaubte Zeit zurückwarf – er bemerkte diesen Umstand nicht einmal in diesem Moment. Er meinte vielmehr einen solchen Schrei des Schmerzes von ihr nie zuvor gehört zu haben – oder waren es nur die Begleitumstände, die seinen Klang so tief in sein Mark stieß ... Seine Augen versuchten verzweifelt, eine Orientierung durch die herabstürzenden Wasser zu finden, doch dann war es das Pferd, dass seinen Weg kannte. Unter dem nicht enden wollenden Schreien der Schwester bog es plötzlich nach rechts ab. Der Wagen schwankte, und seine hölzernen Räder versanken tief im Morast des Feldes, das sie nunmehr geradewegs überquerten. Endlich verstummte Mujie. Durch die wie aus Kübeln fallenden Wasser konnten ihre Augen erst etwas erkennen, als sie bereits am Ziel waren.

Einige andere Wagen standen da – die von benachbarten Familien. Sie selbst standen im Halbkreis versammelt vor den Überresten eines geborstenen und brandgeschwärzten Baumes.

Halem und Mujie Saii sprangen vom Wagen und wateten eilig durch den klebrigen Morast zu den Versammelten. Halem sah die zwei Leiber, die dort in der getränkten Erde lagen, zuerst – halbseitig schwarz verbrannt. Er versperrte seiner Schwester den Weg und barg ihren Kopf an seine Brust – doch die wusste es wohl längst schon ...

„Wir haben versucht, noch rechtzeitig zu kommen!“, sagte eine Stimme neben ihnen. „Aber wer hätte sie aufhalten können!“ Die Augen dessen, der da sprach, suchten nach dem Gespaltenen Berg – aber die vom Himmel herabstürzenden Wasser versperrten ihnen den Weg zu ihm.

~

Zorn und Hass lagen in den Augen Halem Saiis – doch auch die Ohnmacht einer vermeintlichen Schuld lasteten auf ihm, wie er so vom Fenster des Hauses den Gespaltenen Berg wieder und wieder mit seinen Augen bemaß. Nun war er es, der dort stand – kaum, dass er seit jenem Tag diesen Platz noch verließ. Er galt als der Stärkste und der Tapferste der Siedlung, doch seine Kraft hatte keinen Wert, denn sie hatte es nicht verhindern können.

Nur die Schwester war ihm noch geblieben ...

Die Tür des kleinen Verschlags in der Ecke des Raumes öffnete sich knarrend, und Mujie Saii trat heraus. Einen langen Moment stand sie da, und schaute stumm in den Rücken des Bruders. Ihre großen, dunklen Augen schienen aber durch ihn hindurch zu sehen, als erblickte sie etwas in weiter Ferne, und es lag eine stille Furcht in ihnen.

Wenngleich Mujie doch jünger war als er, so ließ die Herbheit ihres Gesichts dies kaum erahnen. Ihre langen, dunklen Haare waren verfilzt und bedeckten in dicken Strähnen die kräftigen Schultern. Sie war im ersten Moment eine wilde Erscheinung, aber ihre Augen erzählten etwas anderes.

Mit langsamen Schritten trat sie endlich an die Seite Halem Saiis und folgte schweigend dessen Blick zum Gipfel des Gespaltenen Berges ... „Ich habe Gäa gebeten dich aufzuhalten“, sagte sie nach einer Weile, ohne ihren Blick abzuwenden.

Halem Saii nickte. „Ich weiß!“, sagte er ruhig, während eine Hand über die kleine Wölbung seines Bauches strich. „Gäa erhörte deine Worte, und hat es versucht ...“ Sein Kopf wandte sich langsam dem Bretterverschlag zu, dessen notdürftig gezimmerte Tür, noch halb geöffnet, den Blick in die kleine dahinter liegende Kammer zuließ, die Mujie gerade verlassen hatte. Im flackernden Licht einiger Talklampen erhob sich eine verblasst bunte, hölzerne Gestalt, deren fleischige Hände ihren kugeligen Bauch umschlossen. Es war das Abbild Gäas, der Schutzgöttin der Nin. Sie war seit Urzeiten deren höchste Gottheit, und ihr wichtigstes Indiz war die stark ausgeprägte Wölbung ihres kugelförmigen Bauches, der in einer kleinen Andeutung auch jeden Nin auszeichnete. Gäa bewohnte nach den Überlieferungen ein großes, hell strahlendes Schloss mitten auf dem Meer, und die Bewohner des Ortes meinten es des Nachts zuweilen von der hohen Steilküste aus sehen zu können, wenn das raue Wetter sich einmal kurz aufklärte.

„... aber sie hat nicht mehr die Kraft, mich aufzuhalten!“ Halem Saiis Blick wandte sich wieder dem Berg zu, und betrachtete ihn schweigend.

„Mutter und Vater fürchteten mich, weil ich nicht war, wie die anderen!", sagte Mujie plötzlich in die Stille hinein.

„Was redest Du da!", war die abwehrende Reaktion des Bruders.

„Alle fürchten mich. Ich habe es immer gespürt. Ich war oft gekränkt und einsam, weil ich nicht zu euch gehören konnte!", widersprach sie mit unmerklichem Kopfschütteln. "Sie haben recht!", sprach sie im flüsternden Ton weiter. "Es es ist alles meine Schuld. Aber ich verstehe es nicht!"

„Hör auf so zu reden!", wurde sie von dem Bruder scharf unterbrochen, und sein Blick grub sich für einen Moment tief in ihre Augen, bevor sie sich wieder dem gespaltenen Berg zuwandten.

Es folgte ein Moment der Stille, doch Mujie hörte nicht auf. „Ich weiß nicht, was in mir ist!“, sprach sie leise weiter. „Sie sagen, Suäl Graal ist dort oben auf dem Gespaltenen Berg … Doch es ist nicht wahr“ Ihre Stimme klang, als würde sie mit sich selbst sprechen. „Ich weiß es – ich spüre es ganz deutlich. Sie ist in einer anderen Welt – tausendfach größer als der Himmel über uns!“

„Es sind Phantasien – Irrbilder. Was geschehen ist, hat den schützenden Mantel zerrissen, den die Altwisin über dich legte!“, wehrte Halem ab, ohne seinen Blick vom Fenster abzuwenden.

Mujie schüttelte unmerklich den Kopf. „Ich habe Angst. Ich muss zu ihr gehen. Ich muss sie aufhalten – dort wo sie zu Hause ist. Gäa wird mich führen und mit mir sein. Sie hat es mir versprochen!“

Nun wandten sich die Augen des Bruders doch zu ihr. Eine tiefe Sorge lag in diesem Moment in ihnen. „Du wirst wieder vergessen, Mujie! Es ist eine schwere Zeit für uns alle, doch ich werde sie beenden!“

„Nein Halem!“, brach es aus Mujie heraus, als würde sie erschreckt aus einem bösen Traum erwachen, und ein Zittern lag in ihrer Stimme. „Ich habe nur noch dich, du darfst mich hier nicht allein zurücklassen! Wer soll mich schützen? Selbst Gäa hat keine Macht über Suäl Graal ... Suäl Graal ist eine Unsterbliche ... Du kannst ihr nicht gegenübertreten in dieser Welt. Niemand kann das! du kannst sie nicht bezwingen. Niemand kann Suäl Graal bezwingen! Aber du könntest ihren Zorn erwecken!“

Halem Saii antwortete nicht. Seine Augen wandten sich wieder dem Fenster zu und sein Blick grub sich tief in den Berg.

„Dann werde ich dich begleiten!“, sagte Mujie nun wieder mit leiser, aber entschlossener Stimme, während ihre Augen wieder denen des Bruders folgten. Ihre schwieligen Hände umschlossen sanft ihr kleines Bäuchlein, das offenbar sein Einverständnis verweigerte.

„Nein!“, brach es zutiefst erschrocken aus Halem Saii hervor, und seine Hände gruben sich heftig in die Schultern der Schwester, als er sie zu sich herumriss. „Ich verbiete es dir mich zu begleiten! Hast du mich gehört, ich verbiete es dir! Wenn ich nicht zurückkehren sollte, so wird Rahmin dich schützen, wie er es mir versprochen hat. Und wenn ich zurückkehre, so ist es wieder Gäa, die mit uns ist!“

Mujie hielt ohne Regung dem Schmerz stand, den ihr die erschrockenen Hände des Bruders zufügten. Stumm blickte sie in seine wilden Augen, bis er endlich von ihr abließ.

~

Als Mujie Saii am darauf folgenden Morgen schon sehr früh in Unruhe erwachte, war sie bereits allein. Die beiden Holzscheite, auf denen gewöhnlich das schwere Schwert des Bruders an der Wand ruhte, waren verwaist, und es fehlte etwas von ihren Vorräten. Halem war bereits unbemerkt aufgebrochen. Weit konnte er noch nicht sein, denn sein Bett hatte noch nicht ganz die Kälte seiner Umgebung angenommen.

Ohne erkennbare Erregung lief sie halb bekleidet in die kalte Morgendämmerung vor das Haus, tauchte ihren Schopf in das eisige Wasser der großen Regentonne, die gleich neben der Eingangstür stand, und warf kurz darauf mit ihrem dichten verfilzten Haar das Wasser gegen die spröde, hölzerne Wand, dass es nur so spritzte.

Sie ging zurück ins Haus, schnürte die Sandalen, warf sich ein Fell über den Leib, stopfte ihren Schulterbeutel mit Wegzehrung voll, schob die Schleuder tief in den Gürtel, mit der sie eine gute Treffsicherheit bewies, und verließ das Haus bereits wieder. Die Siedlung lag noch im tiefen Schlaf, als sie nun aufbrach.

Bereits in der folgenden Nacht hatte sie den Bruder eingeholt. Was Halem Saii der Schwester an Kraft voraus hatte, ersetzte sie durch Zähigkeit. Der Schein eines kleinen Feuers, das der Bruder entzündet hatte um sich in der eisigen Nacht vor der Kälte zu schützen, verrieten Mujie, dass er nur noch einen Steinwurf von ihr entfernt war. Er durfte sie nicht entdecken, also kauerte sie sich hinter ein dichtes Buschwerk, das sie auch einigermaßen vor den schneidenden Winden schützte, zog das Fell eng um ihren Körper, und schlief sofort ein.

Als sie erwachte, hatte es die Sonne noch nicht geschafft, die dichte Wolkendecke soweit zu durchdringen, dass ihr Licht das Land erhellte – so wie sie es sich vorgenommen hatte.

Hungrig stopfte sie in sich hinein, was sie gerade in ihrem Beutel zu fassen bekam, und machte sich bald eilig auf den Weg, um den Rastplatz des Bruders zu erkunden. Sie kam noch gerade rechtzeitig, um hinter einem Felsen verborgen, dessen Aufbruch zu erkennen. Sie musste sehr vorsichtig sein, denn es durfte nicht geschehen, dass er sie bemerkte.

Von nun an sollte sie ihn nicht mehr aus den Augen verlieren, und folgte ihm vorsichtig und in gebührendem Abstand auf dem beschwerlichen Weg, der in vielen Windungen und ermüdenden Steigungen zum Gipfel des Gespaltenen Berges führte.

Die Vegetation wurde nach und nach immer spärlicher und der nackte Fels war feucht und schlüpfrig. Aber es gelang ihr, dem Bruder über die drei Tage, die es brauchte, um auf den höchsten Punkt des Berges zu gelangen, zu folgen, ohne dass der einen Verdacht schöpfte.

So kam dann endlich der Augenblick, dass sich die Augen Halem Saiis über das Haupt des Berges erhoben. Es war das erste Mal in der langen Geschichte der Stammes, dass ein sterbliches Wesen diesen Ort sah. Zögerlich richtete er sich auf, nachdem er mit einer letzten Anstrengung den Aufstieg bewältigt hatte, und nun endlich den göttlichen Platz betrat.

Doch der Gipfel des Gespaltenen Berges bot nicht den Anblick, der in den Köpfen seines Stammes, weit unten am Fuße des Berges seinen festen Platz hatte. Ein schroffes Plateau war alles, was am Ende von seinem mächtigen Fuß blieb, und nicht sehr viele Schritte brauchte es, um zu der Stelle zu gelangen, die dem Berg seinen Namen gab. Eine fast gradlinige Kante beschrieb den Ort, wo der Berg abgerissen war. Steil wie der Fall eines Lots bot sich hier der Abgrund dar. Irgendwann erreichte er das Wasser, das sich in ewig wiederholenden Schlägen gegen den glatten Fels warf. Doch das immerwährende Grau der feuchtkalten Luft ließ es wohl niemals zu, dieses Schauspiel von dort oben mehr als nur erahnen zu können. Der Blick konnte nur den schweren Wolken folgen, bis sie sich bald im gleichförmigen Grau des Himmels verloren.

Mujie blieb ein wenig unterhalb des Plateaus hinter einem Felsvorsprung verborgen, gerade, dass sie den Bruder sehen konnte.

Halem Saii hatte sein Schwert aus dem Gürtel gezogen, und lief offenbar irritiert auf der gut überschaubaren Fläche, die der Berg an seiner höchsten Stelle belassen hatte, hin und her. Er war fassungslos – er konnte es nicht glauben. Alles was er fand, war schroffer Fels, Wind, und das abgründige Werk derjenigen, die er hier zu finden den beschwerlichen Weg auf sich genommen hatte. Es sollte eine Festung hier sein – eine Burg, oder was auch immer – und es sollte zumindest sie selbst hier sein – Suäl Graal!

Ungläubig wandte er sich nach allen Seiten. Für einen Moment erinnerte er sich der Worte Mujies, dass Suäl Graal nicht an diesem Ort zu finden wäre – aber das konnte nicht sein – das durfte nicht sein. ... Der Wind, der an seinem Körper zerrte, brachte ihn nicht aus dem Gleichgewicht, aber das ansteigende Rollen eines Donners lenkte seinen Blick nach oben, in die nahen schwarzen Wolken.

Ohnmächtig vor Zorn schrie er in sie hinein. Er rief nach Suäl Graal, streckte sein schweres Schwert hoch gegen den Himmel und forderte die Gottheit auf, sich nicht feige hinter den Wolken zu verbergen ...

Mujie Saii sah, wie unter dem Schlag eines heftigen Donners der gleißende Blitz herabfuhr, und den Himmel geradewegs mit dem Schwert Halem Saiis verband. Die Luft um ihn herum glühte blendend hell auf – als im selben Moment noch ein zweiter Blitz in die Spitze seines Schwertes schlug.

Ohne einen Laut von sich zu geben, brach Halem Saii in sich zusammen.

Die Lautlosigkeit des Todes Halem Saiis wurde ersetzt durch den gellenden Aufschrei der Schwester. Fast besinnungslos vor Schmerz sprang sie die letzten Schritte auf die Ebene, um sich über ihren Bruder zu werfen. Sie schrie und trommelte mit ihren Fäusten auf seiner Brust herum – aber es war kein Leben mehr in ihm.

Bald Ermattet und schluchzend lag sie eine lange Zeit auf seinem leblosen Körper, bis auch sie still wurde.

Es war noch einmal eine lange Zeit vergangen, als sie wieder ihren Kopf hob. Langsam richtete sie sich auf, und ebenso langsam schritt sie zum Rand des Abgrundes. Lange blickten ihre leeren Augen in die graue Welt hinein. Irgendwann zog ihre Hand die Schleuder aus dem Gürtel, um nach einem Moment des Verharrens mit ihr schlaff herab zu sinken. Vom Stöhnen der Winde übertönt, fiel sie lautlos neben ihren Füßen auf den Fels – und ohne auch nur einmal zu wanken, neigte sich ihr Körper langsam über seinen Schwerpunkt hinaus, und kippte still in den Abgrund.

Schon bald verschlang das Grau der feuchten, schweren Luft Mujie Saii. Und es war noch eine Zeit – die Letzte – bevor ihr Körper auf das harte Wasser aufschlug.

~*~

1.Buch

Wandlung

Und so Mujie Saii NICHT war

War sie EINS

Und so Mujie Saii EINS war

War sie wahrhaftig

Und so Mujie Saii wahrhaftig war

War sie

NICHT

Denn das WAHRHAFTIG

Das ohne WIDERSPRUCH

Das IST NICHT

Und so Mujie Saii NICHT war

Und so Mujie Saii EINS war

War da nichts AUßER Mujie Saii

War da nichts außer MUJIE SAII.

Und so da nichts AUßER Mujie Saii war

Und so da nichts außer MUJIE SAII war

So war

ALL.

Und so sie All war

SOWOHL ALS AUCH

JENE als auch DIESER

SCHWARZ als auch WEIß

Doch nichts zu gleichen Teilen

Doch nichts in Harmonie

Doch nichts das kam zur Deckung

So war eine GROßE BEDRÄNGNIS

Und so eine große Bedrängnis war

Und so da ein Drängen war

des EINEN entgegen dem ANDEREN

Da war EINS NICHT MEHR

Da war WIDERSPRUCH

DA WAR EIN SCHEIDEN

Da war SCHÖPFUNG

Da war wiedergeboren die

Die als Mujie Saii erkannt werden wollte

Doch daran konnte sie sich nicht mehr erinnern ...

Erinnerung

Reflexartig ließ sie sich hinter der Mauer des Brunnens fallen. Der schwere Wassereimer, den sie gerade heraufgezogen hatte, plumpste neben ihr auf den Boden und ergoss seinen Inhalt über den Saum ihres Kleides. Ihr Herz raste, und etwas schien ihr die Luft nehmen zu wollen. Ihre Finger kratzten unkontrolliert an ihrem Bäuchlein herum, und es dauerte diesmal sehr viel länger als sonst, bis sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte. Es gelang ihr durchzuatmen.

Vorsichtig schob sie ihren jungen Körper an den groben Steinen des Brunnens entlang, bis ihre Augen das Ziel fanden. Unweit vor ihr, im hohen Schilf des kleinen Teiches war etwas – nicht ,etwas’ – ,Jemand’ … Sie hatte es erst bemerkt, als es sich bewegte – und war sofort abgetaucht. Jetzt war es nicht mehr da – wie immer, wenn sie danach suchte.

Sie versuchte den dicken Kloß in ihrem Hals herunter zu würgen. Ihre Augen sprangen von Halm zu Halm, während sie wieder einmal angestrengt versuchte, sich an die Erscheinung zu erinnern. Doch auch dieses Mal gelang es ihr nicht. Zu schnell reagierte sie immer mit ihrer Flucht. Genauer: Irgend etwas in ihr reagierte zu schnell. Sie hatte keine Gewalt darüber.

Langsam begann sie sich zu beruhigen. Sie richtete sich vorsichtig auf und ließ den Blick durch den großen Garten kreisen. Alles schien, wie sie es gewohnt war. Irgendwelche Bewegungen und Geräusche waren immer da. Es war ein sehr großer Garten, dessen weite Begrenzung, die aus einer hohen und undurchdringlichen Hecke bestand, von hier aus nicht zu sehen war. Viele Bäume, Strauchwerk und hohes, wildes Gras ließen die Augen von diesem Platz aus nicht bis zu dessen Grenze vordringen.

Unzählige kleine Tiere teilten sich dieses Anwesen mit ihr. Einige von den Größeren kannte sie bereits sehr gut und spielte mit ihnen ... Es war immer etwas zu sehen oder zu hören an diesem Ort. Doch jenes Wesen gehörte nicht hierher – was immer es sein mochte.

Sie hob den leeren Eimer vom Boden auf, und hängte ihn erneut an den Haken des Taues, der ihn in der Tiefe des Brunnens sichernd begleitete. Ihre Hände bearbeiteten die quietschende und immer wieder hakende Kurbel der Winde, aber ihre Aufmerksamkeit galt ungebrochen ihrer Umgebung. Wieder versuchte sie sich zu erinnern …

Es ist schon eine gute Zeit her, als es das erste Mal geschah. Etwas verschwand um die Ecke ihres kleinen Heims, als sie gerade aus der Tür trat. Es war sehr groß … aber das war auch alles, was sie erinnern konnte. Es hatte keine Farbe und keine Gestalt – zumindest wusste sie keine zu benennen. Sie sprang sofort wieder zurück ins Haus, während ihr irgendetwas die Luft zu nehmen schien – dann war es vorbei. In dieser Art war es immer, doch die zeitlichen Abstände zwischen diesen Vorfällen wurden offenbar von Mal zu Mal kürzer.

Sie vernahm das leichte Aufsetzen des Eimers auf das tiefe Wasser, und das Seil erschlaffte. Sie wartete die Zeit, die der Eimer brauchte, um endgültig abzutauchen, und begann ihn wieder hinauf zu kurbeln.

Das geschah, wie immer, nicht ohne Mühe. Sie war noch sehr jung. Ihr noch schmaler, doch durchaus kräftiger Körper, der in einer leichten Wölbung ein kleines Bäuchlein verriet, beugte sich über den Brunnenrand, um den Bügel des Eimers zu fassen. Einen Augenblick lang schaute sie nach unten und vermochte in der Tiefe sich selbst zu erblicken. An frohen Tagen konnte sie viel Zeit damit verbringen, ihr Spiegelbild dort unten zu betrachten. Es war nicht Eitelkeit, es war vielmehr ein Staunen über das, was sie dort sah – und eigentlich nicht recht verstand. Zuweilen gab es kleine Wellen in der Tiefe des Brunnens, dann bewegte sich ihr Abbild und es schien ihr, als wäre die dort unten jemand Anderes – aber das konnte natürlich nicht sein.

Das Antlitz der Kleinen war in der Art, dass die sie umgebende Natur wohl ihre eigene Unvollkommenheit darin entdecken musste. In ihren großen, dunklen Augen, so schien es, konnte man all ihre durchwanderten Universen entdecken. … Doch es war keinerlei Erinnerung in ihr – sie wusste ja nicht einmal, dass es überhaupt etwas zu erinnern gab. Alles was ihr Nachsinnen füllte, stammte von diesem kleinen und vertrauten Ort.

Doch in diesem Moment hatte sie keinen Sinn für die Verwunderlichkeiten einer Spiegelung in der Tiefe. Sie zog fast hastig den überschwappenden Eimer auf die Brüstung, während ihre Augen einmal mehr versuchten, die hohe Hecke des Gartens durch all die Bäume und dem Gestrüpp zu erkennen. Doch es gelang ihr nicht.

Vielleicht kam dieses Wesen von dort draußen?

Sie hatte noch niemals auch nur einen Blick hinter diese Hecke getan. Ihr Bäuchlein signalisierte ihr unmissverständlich, dass es sich davor zu bewahren galt. Es gab wohl immer wieder Momente, in denen sie sich fragte, was hinter dieser undurchdringlichen grünen Wand lag, aber es blieben immer nur Momente. Eine unerklärliche tiefe Angst, die sie von Anfang ihrer Erinnerung an in sich trug, stillte immer sehr schnell die aufkeimende Neugier in ihr. Niemals hatte sie sich gefragt, warum sie allein war in diesem Garten – umgeben von einer unüberwindlich anmutenden Hecke – die seltsamerweise immer so aussah, als wäre sie gerade frisch beschnitten worden …

So saß sie zumeist in der heimeligen Küche des kleinen, alten Hauses, und dachte an tausenderlei Dinge, die sich jedoch niemals über die Grenzen ihrer kleinen Welt hinausbewegten. Und wenn ihre Gedanken hin und wieder anfingen, sie zu beunruhigen, dann streichelte sie ihr kleines Bäuchlein. Das war ein sehr angenehmes und beruhigendes Gefühl – wenn sie auch nicht sagen konnte, warum.

Mit beiden Händen wuchtete sie den schweren Eimer von der Mauer des Brunnens herunter und wandte sich endlich der nahen Eingangstür des Hauses zu. Fast lief sie schon rückwärts, so häufig wendete sie sich nach dem nahen Teich um – immer darauf gefasst, dass es wiederkehren würde.

Die Kleine lebte natürlich nicht gänzlich allein in dieser überschaubaren Welt.

Trautel Melanchful war eine alte Dame – eine sehr alte Dame, deren Alter nicht zu schätzen war. Sie war aber mindestens so alt, dass sie das gebrechliche Haus noch in seinen frischen und festen Tagen erlebt haben musste. Ihre weiß-lederne Haut war durchzogen von unzähligen tiefen Furchen, aber dennoch erschien sie auf eine seltsame Weise stark und fast unbezwingbar. Ihre Augen leuchteten wie zwei funkelnde Sterne, denen nichts zu entgehen schien.

Das heißt, diese Beschreibung war wohl bis vor einiger Zeit noch gültig, neuerdings wirkte sie nämlich ziemlich matt. Erschien sie bislang sehr mobil und sogar regelrecht flink, so bewegte sie sich nun schon seit einiger Zeit etwas gebückt, mit schleppendem Gang, und machte den Eindruck, als wollte sie jeden Moment zerbrechen. Ihre sonst silbrig glänzenden, schulterlangen Haare hingen nun dünn und farblos von Ihrem Kopf herab.

Der Kleinen war diese seltsame Veränderung nicht entgangen. Sie liebte die Alte sehr. Soweit sie zurückdenken konnte, war da immer wieder diese unerklärliche Angst in ihr. Doch Trautel Melanchful bemerkte es sofort, und konnte sie auf geheimnisvolle Weise wieder beruhigen. Die spannenden Geschichten, die ihr Trautel Melanchful des Abends vor dem Einschlafen erschuf – Geschichten und Abenteuer aus fernen und fremden Welten – waren nicht mehr zu zählen. ... und sie hatten immer ein gutes Ende!

Doch mit der zunehmenden Schwäche der Alten verebbten auch diese Geschichten. Immer häufiger musste sie ihr Bäuchlein streicheln, weil sie eine große Unruhe in sich spürte. Es war inzwischen sogar soweit, dass Trautel Melanchful ihre Unruhen nicht mehr zu bemerken schien. Es war eine Zeit, da sie das erste Mal meinte, ein Gefühl der Verlassenheit in sich zu spüren.

Vielleicht war dies der Grund, warum sie ihr noch nichts von den beängstigenden Erscheinungen erzählt hatte. Wahrscheinlicher war es aber wohl, dass sie fürchtete, etwas zu erfahren, das sie auf gar keinen Fall wissen wollte. Etwas in ihr fürchtete eine nahe Zeit.

So versuchte sie sich immer wieder einzureden, dass sie diese seltsamen Erscheinungen nur Tagträumen würde – eine Geschichte die sie selbst erschuf, solange es Trautel Melanchful an den ihren missen ließ – und dass bald wieder alles in Ordnung wäre. Es war ja auch nichts Wirkliches, was sie hätte benennen können.

Den schweren, hölzernen Wassereimer mit beiden Händen haltend, stieß sie die nur angelehnte verblichene Tür mit der Schulter auf. Knarrend schwang das Holz zurück, und machte den Weg in die Küche frei, durch die man das Haus betrat. Sie wuchtete die Last noch ein paar Schritte weit bis zu der kleinen Anrichte zu ihrer Linken, und ließ endlich von ihr ab.

Trautel Melanchful stand mit dem Rücken zu ihr auf der anderen Seite des überschaubaren Raumes und schaute wortlos durch eines der Fenster in den Garten hinaus. Obgleich dieser Anblick für Kishou nichts wirklich Ungewöhnliches an sich hatte, war sie doch etwas erschrocken. Von diesem Fenster aus schaute man direkt in die Richtung des kleinen Teiches …

So stand sie wie angewurzelt vor der Anrichte und starrte zu Trautel Melanchful hinüber. Die rührte sich nicht. Ihre spindeligen Finger waren auf den Fenstersims gestützt, während sie in gebeugter Haltung in den Garten hinaus schaute – hinüber zum Teich.

Stand sie schon lange da? – Hatte sie es auch gesehen? – Warum sagt sie nichts? Tausend Gedanken liefen gleichzeitig durch ihren Kopf. Sie redete immer gern – und viel. Unter normalen Umständen hätte sie sofort gefragt … Aber die Umstände waren schon seit Längerem nicht mehr normal. Etwas in ihr fürchtete die Antwort, die der Frage folgen könnte … So stand sie einfach nur da, und schaute in den gekrümmten Rücken der Alten, die ihrer Anwesenheit scheinbar keinerlei Beachtung schenkte.

Die Augen des Mädchens begannen unstet in dem Inneren des kleinen Raumes umher zu flattern – unsicher, wie sie der bedrückenden Situation begegnen sollte – als Trautel Melanchfuls Hände sich plötzlich vom Sims des Fensters lösten, und sich ihr schwacher Körper schleppend in das Kücheninnere eindrehte.

Die Kleine vergaß fast das Atmen, als sich ihre Augen trafen. Es schienen ihr fremde Augen, die sie meinte noch nie zuvor gesehen zu haben. Etwas Seltsames, fast beängstigendes lag in diesem Blick … Doch es war nur einen Moment lang – dann verlor sich der Eindruck doch schnell wieder, und sie strahlten wieder jene Wärme aus, die sie immer so nötig hatte.

Die Alte schlurfte langsam zu ihr hinüber und nahm sie wortlos in die Arme. Diese seltsame Ruhe lief sogleich wieder durch ihren Körper, wie sie es schon tausendmal erlebt hatte, wenn Trautel Melanchful ihre Arme um sie schloss. Doch diesmal schien es etwas Besonderes – vielleicht ja nur, weil es seit Langem wieder das erste Mal war. Es war wieder diese wunderliche Übereinkunft, die keinerlei Fragen und keiner Antwort mehr bedurfte. Vielleicht hatte Trautel Melanchful etwas gesehen – oder auch nicht. Es war nicht mehr wichtig.

„Ich hab‘ Angst.“, sagte sie leise.

„Ja.“, antwortete Trautel Melanchful.

~

Der Rest des Tages war fast so, wie sie ihn von der Zeit her kannte, als Trautel Melanchful noch flink durch die Zimmer huschte, und sie sich in ihrer Nähe sicher und geborgen fühlte. Zwar vermied sie es, an diesem Tage noch einmal in den Garten hinauszugehen, aber sie war sich sicher, dass nun alles wieder wie früher sein würde. Trautel Melanchful schien wohl nach wie vor sehr gebrechlich, doch etwas hatte sich auch an ihr an diesem Tag verändert. Es war nicht mit Worten zu beschreiben, aber es schien ihr etwas Wunderbares zu sein.

Doch diesem hoffnungsvollen Tage folgte die Nacht. Und es war ein böser Traum, der diese Hoffnung auf immer begraben sollte.

Sie träumte, sie stünde an dem Rande eines mächtigen Abgrunds, und während ihre Augen regungslos in die Untiefen starrten, spürte sie einen unwiderstehlichen Drang, über diesen Rand hinauszuschreiten. Das Bäuchlein rebellierte, aber sie konnte nicht einmal beruhigend ihre Hände auf ihn legen. Wie ein kleiner windiger Teil des Felsens, der sie trug, stand sie da, unfähig sich zu rühren. Sie bemerkte, wie ihr Körper fast unmerklich, aber doch spürbar damit begann, seinen Schwerpunkt mehr und mehr in die Richtung des Abgrundes zu verlagern. Das Blut staute sich in ihrem Kopf, als etwas in ihr schreiend um Hilfe flehte. Aber ihr Mund war nicht in der Lage, die Worte zu formen. Immer mehr und mehr neigte sich der Körper dem Abgrund entgegen, und das Schreien ihres Innern konnte ihn nicht aufhalten.

Wie ein geschlagener Baum kippte sie langsam vornüber, bis die drängende Kraft, die sie verführte, ihr Werk vollenden konnte, und sie in die abgründige Tiefe riss.

Sie stürzte in unendliche Tiefen, und erst jetzt erwachte ihr Körper aus seiner Erstarrung. Schreiend griff sie um sich – verzweifelt einen Halt suchend – bekam plötzlich tatsächlich etwas zu fassen – krallte sich mit aller Kraft daran fest – und erwachte.

Drei Kerzen, die auf der kleinen Kommode neben ihrem Bett standen, verbreiteten ein warmes, ruhiges Licht. Auf dem Rand des Bettes saß Trautel Melanchful, und die Hände der Kleinen krallten sich tief in ihren knöchrigen Arm ...

Und obwohl Trautel Melanchful doch in der letzten Zeit so stetig abmagerte, und nun mehr oder weniger nur noch aus Haut und Knochen bestand, erschien sie seltsamerweise jetzt, wie sie da so saß, mit einem ruhigen Lächeln im Gesicht, gar nicht so schwach, wie es ihre Gestalt vermuten lassen wollte. Ihre Augen funkelten, und auch die unzähligen Furchen ihres Gesichts schienen weit weniger tief als sonst – ja eigentlich waren sie kaum noch zu bemerken. Nur einige dünne Schattenlinien, die das Kerzenlicht in ihr Gesicht zeichnete, ließen die Orte vermuten, wo sonst nur tiefe, knittrige Falten zu sehen waren.

Die Kleine war so sehr erleichtert, aus einem bösen Traum zu erwachen, dass sie lauthals anfing zu lachen. Das Lachen brach so plötzlich ab, wie es aus ihr heraus gefallen war. „Ich hab’ ganz gemein geträumt!“, sagte sie endlich, und ihre vollen Lippen stülpten sich etwas eingeschnappt nach vorn – eine viele Male erprobte Geste, die mit einiger Sicherheit das benötigte Verständnis und den Trost Trautel Melanchfuls aktivierte.

Trautel Melanchful nahm ihre Hände, die sich noch immer in ihre magere Haut krallten und nun weiße Druckstellen hinterließen, und zeigte ein geheimnisvolles Lächeln ... „Ich weiß, meine kleine Kishou!“, sagte sie. „Es ist nun die Zeit der Erinnerung!“.

„Was für eine Erinnerung?“, fragte die Kleine verwundert.

„Nun – die Erinnerung an deine Zukunft!“

„Hä?“, wunderte die sich. „Wie soll man sich denn an die Zukunft erinnern … Das geht doch gar nicht! … Die ist doch … Die ist doch … da vorn!“ Sie machte eine ausladende Handbewegung ins Nirgendwo und schaute dabei verwundert und etwas zweifelnd auf Trautel Melanchful.

Die Alte lächelte und schüttelte sanft ihren Kopf. „Nein, meine kleine Kishou. Es ist immer das Vergangene, das du in der Ferne findest.“

Ihr Tonfall wurde plötzlich ernster, ohne aber an Wärme zu verlieren. „Es ist ein tiefes Geheimnis in dir verborgen, und es ist nun die Zeit, es zu ergründen!“

Die Gelöstheit verschwand jäh aus dem Gesicht des Mädchens. Sie verstand nichts von dem, was Trautel Melanchful da sagte, aber eine schnell aufkeimende innere Beunruhigung ließ keinen Zweifel daran, dass irgend etwas in ihr wusste, was die Worte der Alten bedeuteten. Unwillkürlich begann sie, ihr kleines Bäuchlein zu streicheln, aber diesmal war es anders als sonst, und ihr Herz begann eher noch heftiger zu schlagen. „Was meinst du damit? Ich weiß gar nicht … wovon du redest!“, stammelte sie abwehrend.

Trautel Melanchfuls Gesicht straffte sich noch etwas mehr, und gab dem Kerzenlicht nun kaum mehr eine Gelegenheit, einen Schatten darin zu verbergen ... „Du hast mich niemals nach dem Großen Belfelland befragt, in dem unsere kleine Heimstatt ruht. Nun ist die Zeit, da du es ergründen wirst. Dort findest du alle Ursache und das tief in dir ruhende Geheimnis!“ Ihr schmächtiger, verkrümmter Körper richtete sich während ihres Erzählens etwas auf, und schien an Kraft zu gewinnen. „Das Ergründen dieses Geheimnisses, das weit außerhalb deiner Erinnerung liegt, ist für mich von großer Bedeutung. Ich habe sehr lange warten müssen auf diesen Tag, und ich weiß, wie sehr du ihn in deinem Inneren fürchtest. Doch in jener Zeit, die so weit außerhalb deiner Erinnerung liegt, hast du meine Hilfe erbeten – und gefordert dich zu mahnen, wenn die Zeit dafür ist. Dies ist nun die Zeit!“

Die kleine Kishou begann während der Kunde Trautel Melanchfuls nervös an ihrem Bäuchlein herumzukratzen. Nicht, dass sie sich an irgend etwas erinnerte, aber dennoch war da das höchst ungute Gefühl, dass etwas Bedeutendes geschah, dem sie nicht entfliehen konnte. Am liebsten hätte sie jetzt irgend etwas eingeworfen, das befähigt wäre, auf ein belangloses Thema umzuschwenken, doch sie spürte, dass es dazu bereits zu spät war. „Es passier’n schon lange so komische Sachen … ich versteh’ das alles nicht!“, dachte sie mehr laut, als dass sie die Alte tatsächlich ansprach … „Hat das auch damit zu tun ... was ich immer wieder im Garten sehe?“, fiel ihr plötzlich ein. Es war immerhin eine gute Gelegenheit, dieses Thema anzusprechen.

„Was ist in unserem Garten?“, fragte die Alte.

„Ich hab’ keine Ahnung!“, stöhnte Kishou fast etwas genervt. „Ich erschreck’ mich immer so, wenn es da ist, und versteck’ mich dann ganz schnell. Wenn ich dann wieder hingucke, ist es weg. Ich dachte, du hättest es heute auch gesehen, … wie du am Fenster gestanden bist!“

„Ach das meinst du ...“, lächelte Trautel Melanchful.

„Du hast es also auch gesehen?“ Kishous Augen öffneten sich weit.

„Natürlich, ich sehe es immer, denn es ist immer da!“

„Wieso hast du mir nie davon erzählt? – ich erschreck’ mich doch immer so, wenn ich es sehe … Was ist das denn?“, fragte sie nun doch mit einem durchaus vorwurfsvollen Unterton.

Trautel Melanchful lächelte und schaute ihr tief in die Augen. „Es ist deine Erinnerung, die dein Geheimnis bewahrt. Deine Furcht vor ihr ist jedoch noch zu groß, um ihr ins Angesicht zu sehen! Manchmal kannst du nun schon einige Konturen erkennen – soviel, wie deine Furcht zulässt. Seit du es zum ersten Mal bemerkt hast, bist du bereits auf dem Weg – verstehst du?“

Kishou verstand nicht – und sie hatte auch nicht das leiseste Interesse daran, es zu verstehen. Sie verspürte ein aufkommendes Gefühl der Übelkeit, und auch das heftigste Reiben an ihrem Bäuchlein brachte keine Beruhigung mehr. „Es ist sicher alles nur Einbildung!“, entschied sie unmissverständlich abwehrend.

„Ja“, antwortete das Mütterchen. „Es sind deine inneren Bilder, die du seit jeher in dir trägst!“

Kishou sagte nun nichts mehr. Zu sehr war sie mit ihrem Bäuchlein beschäftigt und starrte dabei an die Decke, während ihr Kopf verzweifelt nach einer einfachen Erklärung – oder wenigstens nach einem Ausweg aus dieser Bedrohung suchte.

Es folgte ein Moment der Stille, der auch nicht gerade geeignet war, sie zu beruhigen …

„Möchtest du nichts über das Große Belfelland wissen, das sich hinter der hohen Hecke unseres Gartens in alle vier Winde erstreckt?“

„Nein!“, schoss es aus Kishou heraus, noch bevor Trautel Melanchful ihre Frage richtig beenden konnte. „... ist doch egal!“, schimpfte sie fast. „Das interessiert mich nicht!“ Ihre Lippen schoben sich zu einem ausdrücklichen Schmollmund nach vorn und ihr Blick starrte unter den nach unten gezogenen Augenbrauen an die gegenüberliegende Wand.

„Wäre es dir gleichgültig, wenn ich sterben müsste?“, fragte Trautel Melanchful übergangslos, aber mit der selben ruhigen, klaren Stimme.

Kishou schaute erschrocken zu ihr auf – um aber sofort wieder das Schmollgesicht aufzusetzen ... „Quatsch!“, bemühte sie sich zu schimpfen. „Was hat das denn damit zu tun!? Es interessiert mich eben nicht, was da draußen ist! Na und?“ Gerade rechtzeitig fiel ihr die Geschichte von Liza und den Räubern ein, die ihr Trautel Melanchful einmal erzählte. Liza war sehr stark, und sprach immer mit sehr klaren und deftigen Worten – das hatte ihr sehr imponiert. Und die passten jetzt genau hier hin, wie sie befand.

„Und doch ist mein Leben untrennbar verbunden mit der Aufgabe, die du dir einst gestellt hast!“, antwortete Trautel Melanchful ernst.

„Da bin ich aber gespannt!“, murrte Kishou – und sie war gar nicht gespannt. Es war ihr einfach nur elend zumute, und auch der noch so verzweifelte Versuch, sich in die ,starke Liza’ hineinzufühlen, konnte daran nichts wirklich ändern. Sie hatte keinerlei Erinnerung an irgendetwas, was das Frösteln ihres noch jungen Körpers erklären konnte. Es war wohl der Körper, der sich erinnerte – auf jeden Fall wollte er nicht mehr zur Ruhe kommen.

„Und überhaupt – was denn für eine Aufgabe?“, trotzte sie weiter in die unerträgliche Stille hinein, weil Trautel Melanchful nicht gleich geantwortet hatte – aber im selben Moment hatte sie ihre Frage auch schon wieder bereut.

Trautel Melanchful bemerkte die Falle, die sich Kishou selbst gestellt hatte, und lächelte. Sie nahm die Hände der Kleinen und drückte sie. „Hier wirst du dich immer festhalten können, auch wenn du sie einmal nicht fühlst!“

Die Alte erhob sich von dem Bett und schlurfte zu der betagten Kommode hinüber, die am Fußende des Bettes, an der gegenüberliegenden Wand stand. Sie bückte sich, zog die unterste Lade weit auf, wühlte zwischen einem großen Haufen getrockneter Blätter herum, die sich im Laufe der Jahre dort angesammelt hatten – Kishou pflegte schon immer die schönsten Blätter die sie fand, zu sammeln – und zog endlich eine kleine Truhe hervor. Sie wischte mit der Hand ein paar Blattkrümel von ihr herunter und betrachtete sie einen Moment. Dann schob sie die Lade wieder in die Kommode hinein und schlurfte mit der Truhe zurück zum Bett.

„In der Truhe ist nix drin!“, stellte Kishou nüchtern fest. „Ich hab’ sie da auch schon gefunden!“

Trautel Melanchful lächelte einmal mehr, während sie sich wieder auf den Rand des Bettes niederließ. „Du konntest noch nichts darin finden, weil noch nicht die Zeit dafür war!“, verriet sie ihr.

Kishou setzte sich auf, ergriff die Truhe und klappte den Deckel nach oben. „Siehst du – da ist nix drin. Was willst du mit der Truhe?“

Trautel Melanchful nahm das hölzerne Kästchen wieder an sich, und Kishou ließ sich zurück in die Kissen fallen. „Die Truhe, und was darin ist, gehört dir!“, sagte sie unbeeindruckt. „Aber erst, wenn die Zeit dafür ist, wirst du es finden können. Diese Zeit ist nun gekommen.“

Kishou legte verwundert die Stirn in Falten. „Wie? Aber da ist doch ...“

„Greif nur hinein!“, wurde sie von Trautel Melanchful unterbrochen.

„Häh? Aber ...“

„Nun greif schon hinein!“ Die knochigen Hände der Alten streckten ihr die kleine Truhe noch etwas mehr entgegen.

„So’n Quatsch!“, krittelte Kishou und griff kopfschüttelnd in die Truhe.

Da sie nun wieder in den Kissen lag, während sie etwas widerwillig ihre Hand in den hölzernen Kasten steckte, konnte sie dessen Boden nicht einsehen. So erschrak sie fast, als ihre Finger gegen irgend etwas auf dem Grunde der Truhe stießen. Sie ergriff es, und zog es heraus. „Was ist das denn?“ In der Hand hielt sie einen seltsamen stabförmigen Gegenstand, dessen eine Seite in der Gestalt eines Blattes endete – kleine Blüten und andere Formen waren darin ausgespart. Er war durchsichtig wie Glas – aber es fühlte sich nicht an wie Glas ..., und das ruhige Kerzenlicht brach sich darin in tausend Farben.

Staunend betrachtete sie das ,Ding’ von allen Seiten. „Was is‘ das denn? ... und wieso ist das plötzlich da drin? Das war doch eben noch nicht da ... ich hab's doch genau gesehen!?“

Trautel Melanchful zeigte erneut ihr geheimnisvolles Lächeln. „Es ist ein Schlüssel – so etwas, wie Liza vor Grindolf versteckt hatte, damit er die große Truhe nicht öffnen konnte!“ Ihre spärlichen weißen Brauen hatten sich etwas hochgezogen, und ein Augenzwinkern lag in ihrem Gesicht. Sie kannte ihre eigenen Geschichten natürlich sehr gut, und wusste sofort, welche ihrer Figuren Kishou sich gerade auslieh, um ihre Angst im Zaum zu halten. „Dieser hier ist aber ein besonderer Schlüssel zu einer ganz besonderen Truhe!", lächelte sie. "... und du hast ihn nun gefunden, weil es die Zeit dafür ist. Dein Geist will sich nicht erinnern, und darum konntest du ihn nicht sehen. Doch dein Körper hat all deine Zeiten für dich aufgehoben, und erinnert dich nun an ihn.“

Der Blick Kishous ließ keinen Zweifel daran, dass sie nichts verstand – bestenfalls, dass sie sich ertappt fühlte. Gut, sie erinnerte sich an so etwas, mit dem man Truhen verschließen konnte, aber so wie ihn Trautel Melanchful damals beschrieben hatte, sah dieses Ding hier nicht aus. So ein Schlüssel musste doch eigentlich einen Bart haben – und das hier war doch nur ein Stab – mit einem Griff oben dran!?

„Hast du dich noch niemals gefragt, was sich hinter der hohen Hecke unseres Gartens erstreckt?“, fragte Trautel Melanchful in Kishous Nachdenklichkeit hinein.

„Ist doch egal!“, schoss es aus der Kleinen wieder so schnell heraus, dass sie darüber selbst etwas verwundert war. Aber die Signale ihres Bäuchleins waren eindeutig. Sie ließ das kristallene Ding auf das Deckbett fallen, um ihre Hände für das Bäuchlein frei zu haben, das dringend beruhigt werden wollte.

„Es ist das Große Belfelland – das ,Land der Wasser’, das uns umschließt, und in dessen Mitten unsere kleine Heimstatt ruht. Es ist wunderschön und scheint ohne jede Ordnung – und doch kann man sich nicht darin verirren!“

Die Augen der Alten schlossen sich, und sie sprach in einer Weise, als würde sie ein Bild beschreiben, das sich in diesem Moment in ihrem Innern auftat. „Wie unser Garten, so scheint es gut überschaubar, wenn man nur weit genug geht, und doch wird man es nie zur Gänze ergründen, denn seine wahre Größe bemisst tausend Mal den Himmel über uns. Es erstreckt sich über sechs Drome. Weite, hohe Ebenen wechseln sich mit ausgedehnten Tälern, und an keinem Ort ist es wie am Vorherigen – und doch sind sie auf ewig unzertrennlich miteinander verbunden. Jedes der Drome ist so vertraut, als hätte man sein Leben darin verbracht, wenn man es durchquert, und doch so unergründlich und fremd, als sähe man es zum ersten Mal – und wird nicht müde, darin zu forschen.“

Die Augen der Alten öffneten sich, und schauten lächelnd auf Kishou. "Das Große Belfelland ist ein besonderer Ort, in dem nichts ist, wie es scheint – und doch liegt in all dem Schein das Wahre.

Sie verstummte nun für einen Moment, und ihre graue Gesichtsfarbe schien plötzlich noch etwas grauer zu werden. Die Augen schlossen sich wieder, bevor sie nun weitersprach. "Das Große Belfelland war an Schönheit nicht zu übertreffen, vollkommen war alles und ohne Not. So war es bis zu jener Zeit, als Suäl Graal, die Hüterin der Großen Tore der Großen Wasser die Tore auf immer verschloss, und den Schlüssel an einen unbekannten Ort verbarg. Seither begannen die Wasser in den unzähligen Bächen, Flüssen und Meeren zu versiegen, und eine große Dürre kam über das Belfelland. Es wird bald sterben, wenn nicht die Großen Tore der Großen Wasser wieder geöffnet werden!“

Nun schwieg Trautel Melanchful – und nur ihre Augen, die sich wieder öffneten und nun in denen Kishous ruhten, erzählten weiter ...

Kishou versuchte dem Blick der Alten auszuweichen. Ihre Augen suchten irgend etwas auf dem Deckbett, an der Wand, an der niedrigen Decke des Zimmers, beobachteten einen Moment die ruhige Flamme der Kerze – und mussten doch immer wieder in die Trautel Melanchfuls zurückkehren. „Ähm ... malst du mir morgen wieder ein Bild auf ein Tuch?“, fragte sie kleinlaut in die zähe Stille. „Ich könnte es dann wieder aussticken, wie das Letzte. ... Der Schmetterling ist doch schön geworden – oder?“

Trautel Melanchfuls Augen bewegten sich nicht, und ruhten weiter wortlos in denen Kishous.

„Na ja ... wieso hat sie denn das gemacht, ich meine ... diese Tore zugemacht ... ist doch blöd!“ Sie erinnerte sich, dass ihr durchaus aufgefallen war, dass der Brunnen im Laufe der Zeit immer tiefer zu werden schien – und auch der Teich hatte einmal mehr Wasser aufgehoben … Aber sie hatte sich niemals wirklich Gedanken darum gemacht.

"Ich will dir nun eine Geschichte erzählen – es wird die Geschichte des Großen Belfellands sein!", meinte die Alte wieder lächelnd, wenn auch mit sorgenvollem Blick. „Das Große Belfelland erstreckt sich über sechs Drome. Jedes unterschieden in ein Tal und einer hohen Ebene. Es ist die Sippe der Chemuren, die über das Große Belfelland herrscht, und seine Drome einst untereinander aufteilte. Jeder dieser Sippe ist Regent über Eines der Drome – manchmal auch von Zweien. Ich selbst – mein Kleines – gehöre auch zu ihnen!“

Kishous Augen weiteten sich. Das war nun doch wieder eine Auskunft, die durchaus geeignet war, ihren Schrecken vergessen zu machen. Was Trautel Melanchful sich nun anschickte zu berichten, klang wie die unzähligen Geschichten, die sie ihr immer des Abends vor dem Einschlafen erzählte – und die sie nun schon so lange missen musste. „Du meinst, du bist eigentlich so was ... wie eine Königin?“, fragte sie ehrlich ergriffen. In den Geschichten Trautel Melanchfuls kamen häufig Könige, Prinzessinnen und Königinnen vor.

Trautel Melanchful lächelte. „Ja, mein Kleines!“

„Und welches ist dein Drom?“, wollte sie nun sofort wissen.

„Ich bin die Herrscherin der Vierten Ebene des Vierten Tals des Vierten Droms“, antwortete sie, und freute sich über die erwachende Neugier Kishous.

„Und warum sind wir dann hier? Ich meine … hast du dann nicht auch ein großes Schloss?“ Kishou hatte sich inzwischen auf ihren Ellenbogen nach oben gestützt, und hing gebannt an den Lippen der Alten.

„Ja, mein Kleines. Es ist sehr groß und sehr hell – und es steht auf einer kleinen Insel, mitten in einem großen See. Des Nachts kann man es vom Ufer aus sehen, wenn es hell erleuchtet ist.“

„Ehrlich? …“

„Ja!“ Ihr Gesicht wurde wieder ernster. „Doch die Macht der Chemuren ist nicht ohne Grenze“, setzte sie nun wieder fort. „Über die Sippe der Chemuren herrscht Suäl Graal, die Hüterin der Großen Tore der Großen Wasser. Sie ist die Mächtigste unter uns, und die Herrscherin über alles, was da ist. Ihre Gebote sind streng, und ihre Entscheidungen endgültig. Niemand darf es wagen, ihr zu widersprechen!“

„Oh ...“, reagierte Kishou nur, und schien bereits in Trautel Melanchfuls Geschichte verloren gegangen zu sein.

„Doch es war eine Zeit ...“, fuhr die Alte fort, „... da begehrte die Sippe der Chemuren auf gegen Suäl Graal. Sie missachteten die Gebote der Mächtigsten. Sie gestalteten ihre Drome nach ihrem Gutdünken und gerieten darüber bald auch untereinander in Streit. Sie missachteten die Ordnung Suäl Graals, und stimmten den Lauf der Wasser nicht mehr miteinander ab, und bald schon war ein großes Durcheinander im Belfelland. Die Wasser stürzten ungelenk in die Täler und die hohen Ebenen verdorrten zusehends.

Suäl Graal war erzürnt darüber, dass man sie missachtete, und gebot, alles wieder nach ihrem Plan zu richten. Doch in der Hitze des Streits vergaß die Sippe der Chemuren wohl, wer ihnen dies gebot – und sie hörten nicht auf ihre Worte.

In ihrem Zorn nun verschloss Suäl Graal die Großen Tore der Großen Wasser und war entschieden, sie erst dann wieder zu öffnen, wenn alles Leben im Großen Belfelland verdorrt und erloschen sein wird!“ Es entstand eine kleine Pause, als suchte sie in ihrer Erinnerung nach dem Verlauf der Geschehnisse. ... „Die Sippe der Chemuren erkannte alsbald die Folgen ihres Ungehorsams, und sie versprachen, alles wieder nach dem Plane Suäl Graals zu richten – doch Suäl Graal blieb unversöhnlich in ihren Zorn, und hielt die Großen Tore der Großen Wasser für alle Zeiten verschlossen.

So begannen die Wasser zu versiegen im Großen Belfelland. Zunächst im Ersten Drom – dort wo die Wasser sich trafen nach langem Fluss – und so ging es fort, dass die Brunnen versiegten von Drom zu Drom. Ihre Völker sammelten sich seither an den Orten, die ihnen noch ein Leben versprachen!“ Sie machte erneut eine kleine Pause, und schien einen Moment nachzudenken ...

„Darauf ersann das Obere Squatsch, Herrscher über die Fünfte Ebene des Fünften Tals des Fünften Droms die ,Besonderen Apparate’ der Korks – gewaltige Maschinenwesen, die dann alsbald von den Kyiten, dem Volk der Ersten Ebene des Ersten Tals des Ersten Droms, auf seine Anweisung hin erschaffen wurden.

Das Volk der Afetiten – das Volk der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms – zog alsdann mit dem großen Heer der Korks gegen Suäl Graal, um sie zu bezwingen. Doch es konnte ihnen nicht gelingen – sie wurden zerschmettert!“

Die Alte pflegte ihre Geschichten immer in einer Weise der Betroffenheit zu erzählen, als wären sie wirklich geschehen, darum waren sie für Kishou auch immer so spannend. So erkannte sie nicht, dass die kleinen Pausen, die Trautel Melanchful hier und da einlegte, dieses Mal nicht der erdachten Erzählung als Schmuck dienten, sondern tatsächlich Teil schwerer Erinnerung war ...

„Je stärker die Armeen wurden, die gegen sie stürmten – und sie sollten zuletzt von einem Horizont zum Anderen reichen,“ berichtete sie weiter, „... desto stärker wuchs auch die Macht Suäl Graals. Es war ein grausiges Gemetzel, und es half doch nichts. Es bedarf einer anderen Macht, sie zu bezwingen!“

Kishous Augen drohten herauszufallen, so gespannt war sie. „Und du bist dann aus deinem Schloss hierher geflohen ...!“, meinte sie zu erraten.

„Nein, mein Kleines!“, lächelte Trautel Melanchful „Dies ist der einzige Ort, über den auch Suäl Graal keine Macht hat. Hier habe ich auf dich gewartet!“

„Auf mich? … wieso … was hab ich denn damit zu tun …?“, wunderte sich Kishou, während ein böses Gefühl sich ihrer bemächtigte. Langsam ließ sie sich zurück in die Kissen sinken.

„Dies ist die Ursache deiner Ankunft im Großen Belfelland, dem ,Land der Wasser’ – dem Zwischenreich der Welten. Du bist eine Suchende und entstammst dem Volke der Nin – du bist Kishou!“, lächelte sie. Eines Tages wirst du dich erinnern. Nun ist aber die Zeit, da du aufbrechen musst zur mächtigen Burg Suäl Graals in der Vierten Ebene des Vierten Tals des Vierten Droms, um zu vollenden, was begonnen war – um die zu bezwingen, die doch unbezwingbar ist – so, wie du es einst geschworen hast.

„Äh ... wie ... wer ... ICH??“ Kishou schien zum ersten Mal ihr Bäuchlein zu vergessen und drückte statt dessen die Bettdecke fest an ihre Brust, denn ihr Herz schien vor Schreck heraushüpfen zu wollen ... „Puh – das ist sicherlich immer noch der Traum!“, versuchte sie sich zu beruhigen. „Ich wache bestimmt gleich auf ...“

Trautel Melanchful lächelte nur, während sie ihr mit der knochigen Hand über den Kopf strich. Kishou starrte zur Decke. Sie wusste, dass es kein Traum war. Tausend Bilder drängten sich in ihren Kopf, aber es war nichts Rechtes zu sehen. Irgend etwas in ihr erinnerte sich an irgend etwas. Es schien alles sehr bedrohlich, aber es war nicht zu erkennen. Sie spürte, dass es etwas mit den Ängsten zu tun hatte, die sie schon immer begleiteten, und das nun etwas geschehen würde, von dem sie schon immer wusste, dass es eines Tages geschieht ... Aber der Nebel in ihrem Kopf wollte sich nicht lichten.

Suäl Graal ... Der Klang dieses Namens war etwas, das ihr vertraut war, wenngleich nicht die kleinste Erinnerung ihr eine Auskunft darüber geben wollte. Doch es war eine unbegreifliche Vertrautheit des Verderbens, die wohl nur ihr fröstelnder Körper zu deuten vermochte. Sie dachte noch einmal an ihren Traum, der so klar war, dass sie noch immer den Wind zu spüren meinte, der ihren langen Fall begleitete – es war ein kühler und feuchter Wind ...

Lange Zeit starrte sie so zur Decke. Es schien, als wäre sie eingefroren. Kein Muskel bewegte ihr zartes Gesicht. Nur eine Träne perlte nach einer Weile an ihrer Schläfe herunter. Vielleicht waren es einige aufblitzende Bilder in ihrem Kopf – vielleicht aber begannen die Augen auch nur zu brennen, weil sie sogar zu blinzeln vergaß.

Sie bemerkte auch nicht den Wind, der zunehmend an den alten Fensterläden rüttelte. Die Kerzen begannen zu flackern und verloschen eine nach der anderen. Trautel Melanchful saß nur einfach da und hielt Kishous Hand. Ihre Augen waren geschlossen ...

Irgendwann einmal in der Dunkelheit musste Kishou das Unwetter wohl doch bemerkt haben – als einer der Läden sich aus der Verankerung riss, und heftig gegen den Fensterrahmen schlug. „Suäl Graal weiß bereits, dass ich kommen werde!“, flüsterte sie tonlos, ohne den starren Blick von der niedrigen Decke zu wenden.

„Ja!“, sagte Trautel Melanchful.

~

Die kommenden Tage verbrachte Kishou zumeist im Garten. Stundenlang saß sie in gebührendem Abstand vor der Hecke und beobachtete sie, als würde sie erwarten, dass sie ihr das Geheimnis ihrer Kehrseite verraten würde.

In den vielen Geschichten, die ihr Trautel Melanchful erzählt hatte – beim Frühstück, beim gemeinsamen Essen, und vor allem vor dem Einschlafen, kamen immer wieder auch fremdartige Tiere vor – einfache und wunderliche Wesen, wie sie in ihrem Garten nie zu finden waren. Vielleicht gab es sie ja alle auf der anderen Seite? Vielleicht würde sie dort draußen gar dem Tikkelmann begegnen, der in den Geschichten von Trautel Melanchful immer wieder einmal auftauchte.

Der Tikkelmann war ein sehr neugieriges Zwergenwesen – allerdings von hochgewachsener und schlaksiger Gestalt. Und weil er so garnicht Zwergenhaft war, wurde er oft gehänselt und verlacht. So zog er es vor, sein Dorf zu verlassen, um durch die Wälder zu ziehen. Er nahm sich vor, alle Tiere zu zählen, die es in seiner Welt gab.

Immer, wenn er mal für eine Zeit keines fand, dachte er, dass er nun die Anzahl aller Tiere kennen würde – aber dann entdeckte er doch immer wieder noch Eins. Und obwohl er nun traurig war, dass er seine Aufgabe noch immer nicht erfüllt hatte, war er doch gleichzeitig wieder erleichtert. Denn was sollte er tun, wenn er die Zahl aller Tiere kennen würde?

Ein kleines Lächeln umspielte das gespannte Gesicht Kishous, denn ihr fiel ein, dass auch sie immer froh war, dass der Tikkelmann seine Aufgabe nicht erfüllen konnte – denn immerhin erlebte er auf seinen langen Wanderungen immer die lustigsten und spannendsten Abenteuer. Und wenn er nun tatsächlich alle Tiere gezählt hatte? ...

Vielleicht ... ging es Kishou durch den Kopf, ... ist es ja gar nicht die Aufgabe des Tikkelmanns, alle Tiere zu zählen. Vielleicht verbirgt sich seine eigentliche Aufgabe gar in den vielen Abenteuern – und vielleicht war er ja deshalb so anders als alle anderen Zwerge, damit er sich zur Aufgabe machen konnte alle Tiere zu zählen – damit er deshalb letztlich auf diese Weise all die Abenteuer erleben konnte. Also wenn er nicht meinen würde, dass es seine Aufgabe wäre, alle Tiere in seiner Welt zu zählen …

Es war nur ein kleiner Moment der Ablenkung – ein kleiner Ausflug in die unbeschwerten Geschichten Trautel Melanchfuls. Nein – den Tikkelmann würde sie dort draußen nicht finden. Dort wartete etwas anderes, und es erwartete sie – Kishou.

Etwas hatte sich in ihr verändert sein jener Nacht – wenngleich sie keinerlei Erinnerung an irgendetwas hatte, so war doch etwas in ihr erwacht, dass die Vertrautheit des Unausweichlichen in sich barg.

Still saß sie da im hohen Gras, und beobachtete die Verschwiegenheit der undurchdringlichen Hecke – die seltsamerweise immer so aussah, als wäre sie gerade frisch beschnitten worden. ...

So vergingen die Tage vor dem Aufbruch fast wortlos. Nur einmal fragte Kishou, was denn ein ,Nin’ wäre, mit dem Trautel Melanchful sie in jener Nacht bezeichnet hatte.

Aber die Alte lächelte nur geheimnisvoll. „Wenn die Zargen deines Schlüssels vollendet in dir entdeckt sind, und er seine Aufgabe erfüllt hat – dann wirst du dich erinnern.“

Sie gab es auf, weitere Fragen zu stellen. Sie fragte nicht einmal nach, was Zargen sind. Es gab zu viel des Neuen, Unbekannten – und zu wenig Zeit der inneren Vorbereitung.

Trautel Melanchful wusste, was in Kishou vor sich ging, und störte sie nicht, wenn sie nun immer wieder lange im Garten saß und zur fernen Hecke hinüberschaute. Immer wieder spürte Kishou, wie die Angst vor dem, was nun vor ihr lag, ihr den Hals zuschnürte, und gleichzeitig spürte sie in sich ein seltsames Gefühl der Befreiung – die Furcht, die sie ein Leben lang schon begleitete, hatte nun endlich einen Namen.

Fast begann sie schon Lust auf das große Abenteuer zu verspüren – aber dann kam eben tatsächlich der Tag des Aufbruchs.

~

Kishou verschlang ihr Frühstück, als wäre zu befürchten, dass sie nie wieder etwas bekommen würde. Was sie aber keinesfalls daran hinderte, ihre nun doch wieder aufkommenden Zweifel aus ihrem Mund herauszulassen, wie sie zeitgleich Milch und Brot in denselben hineinstopfte. „Lebt denn da niemand? ... ich meine – können die das nicht alleine machen? ... und überhaupt: Die sind doch zugeschlossen – die Tore – hast du gesagt. Ich meine, wie soll ich die denn aufkriegen? Die Tore sind bestimmt ziemlich groß und ... na ja ...“

Trautel Melanchful kramte lächelnd in der Tasche ihrer verblichenen Schürze, und legte ihr das seltsame Ding vor den Teller, das sie in jener Nacht aus der kleinen Truhe gefischt hatte.

„Du hast einen Schlüssel!“

Kishou verstummte für einen Moment und hielt sogar mit dem Kauen inne. Unwillig betrachtete sie den seltsamen Gegenstand.. „Das soll ein Schlüssel sein?“, nörgelte und kaute sie bald weiter. „Der hat ja nicht mal einen Bart. Das wichtige an einem Schlüssel ist der Bart – hast du mir mal gesagt! Der hat aber keinen. Da kann doch jeder mit einem Stock ....“

Trautel Melanchful lächelte fast amüsiert über die mauligen Einwände Kishous, die offenkundig nur der Ablenkung dienten. „Er hat einen Bart – einen sehr Besonderen, denn sein Schloß ist nicht geschmiedet! Du kannst ihn noch nicht sehen, weil du noch nichts von ihm weißt!“ Sie verließ die Küche, um bald mit einem kleinen Nähkästchen zurück zu kehren, während Kishou ungläubig das seltsame Ding – und vor allem seinen kristallenen Schafft – von allen Seiten untersuchte. „Der Weg wird dich lehren, ihn zu entdecken!", wurde sie noch einmal belehrt, während Trautel Melanchful nun begann, ein Band aus blauer Seide durch die filigranen Verstrebungen seines großen Knaufs zu ziehen. Mit einem soliden Knoten verknüpfte sie die beiden Enden des Bandes. „Solange achte gut auf ihn und sein Geheimnis. Wenn er verloren ist, ist alles verloren!“

„Aber dieser ... diese Sul Kral ... ich meine, wenn die das mitkriegt ? Ich meine ... die ist doch so stark, wie du gesagt hast ...“

„Suäl Graal!“, wurde sie von der Alten unterbrochen. „Ja das ist wahr. Suäl Graal ist sehr mächtig.“

„... na, und sie wird bestimmt nicht wollen, dass ich die Großen Tore der Großen Wasser aufmache!“

Trautel Melanchful lächelte ein seltsames Lächeln. „Nein, das wird sie ganz bestimmt nicht wollen!“

„Und wenn sie nun versucht, mich daran zu hindern?“, fragte Kishou, obwohl alles in ihr die Antwort fürchtete.

„Das wird sie!“, antwortete Trautel Melanchful mit dem selben seltsamen Lächeln. „Sie wird es mit allen ihren Möglichkeiten!“

Es war genau die Antwort, von der sie gehofft hatte, dass sie ihr erspart bliebe. Nun war es ihr doch wieder sehr mulmig. Sie hörte zu Essen auf, und begann sich nervös am Bäuchlein zu kratzen.

„Aber ... aber ...“, stammelte sie „... dann kann ich das doch nicht machen ...“

„Doch, du kannst!“

„Sie wird mich gleich am Anfang finden und ...“

„Ja, das wird sie!“

„Sie wird sich an mir rächen ...“

„Sie wird nichts unversucht lassen!“

„Und sie wird mich vielleicht sogar ...“ Sie wagte den letzten Gedanken nicht auszusprechen und schluckte heftig.

„Sei jeder Zeit darauf gefasst!“

Kishou verstummte. Ihr Gesicht verlor von einem Augenblick zum Anderen jegliche Farbe, und es schien ihr, als wollte das Frühstück sie sofort auf dem selben Wege verlassen, wie es in sie hineingekommen war. Nichts schien plötzlich mehr übrig von dem Mut und der Ruhe, die sie in den letzten Tagen verspürt hatte. Was immer nur eine Ahnung, dann eine Vorstellung war, wurde nunmehr Gewissheit. Die Stunde des Aufbruchs war da. Und es konnte nichts mehr sein, wie es einmal gewesen ist ...

Trautel Melanchful strich Kishou über den Kopf und nahm sie in die Arme.

„Da waren manche Zeiten, als es dir so erging.

Zeiten des Verweigerns, wo doch keine Kraft dafür war.

Zeiten der Flucht, wo es doch kein Entrinnen gab,

und Zeiten des Kampfes, der unverstanden

doch nicht zu gewinnen war.

Vieles hast du erfahren,

in all der Zeit.

Schon weit führte dein Weg,

in den vergangenen Zeiten

Alles wirst du erinnern,

in der kommenden Zeit.

Nichts wird dich nunmehr aufhalten können.

Dies ist die Zeit.“

Kishou hörte nicht, was die Alte sagte. Sie hätte wohl auch nichts davon verstanden. Es waren nicht die Worte Trautel Melanchfuls, die auf seltsame Weise in sie eindrangen. Es war eine andere Kraft, die von den Worten getragen wurde, wie ein Wind den mächtigsten Vogel aufsteigen lässt.

In ihr waren nur noch Empfindungen. Eine ihr bis dahin unbekannte unendliche Ruhe begann sich in ihr auszubreiten. Die Ruhe eines mächtigen Berges, der in Erfahrenheit der vielen Zeiten alles Wissen in sich barg. Eine unüberwindliche Kraft, wie sie nur in der tiefen Ruhe der Erfahrenheit der Zeiten aufgehoben sein kann. ... Nein, es war eigentlich nicht wirklich so, dass Trautel Melanchfuls Arme sich schützend um Kishou legten – vielmehr barg Kishou Trautel Melanchful in ihre schützenden Arme ... War es jemals anders gewesen?

„Entschuldige!“, hauchte sie Trautel Melanchful ins Ohr. „Es sind so viele Gefühle in mir. Ich habe noch keine Macht über sie.“

„Ja!“, flüsterte Trautel Melanchful.

Es dauerte noch eine Zeit, bis die Alte sie wieder aus ihren Armen entließ. Kishou stand seltsam still und ohne jede Bewegung, und ihr Blick schien in die Unendlichkeit zu fallen. Trautel Melanchful nahm das seidene Band mit dem Schlüssel und legte es ihr um den Hals.

Kishou zuckte etwas zusammen, als der schwere Schlüssel an ihre Brust fiel. Etwas irritiert, als wäre sie aus einem Tagtraum erwacht, schaute sie auf ihn herab. „Du hast mir von der Sippe der Chemuren erzählt, und dass sie mir helfen werden, ins Vierte Tal der Vierten Ebene des Vierten Droms zu kommen. Wo werde ich die denn finden?“, fragte sie noch immer etwas abwesend, während einer ihrer Finger prüfend über den bartlosen Schafft des Schlüssels strich.

„Du wirst zur rechten Zeit auf sie treffen, mach dir darum keine Gedanken. Das erste Drom, das du durchqueren wirst, ist das Drom der Ky. Es wird dir fremd erscheinen, denn noch ist keine Erinnerung in dir von diesem Land, und du kennst nicht sein Geheimnis. Doch denke immer daran: Man fürchtet nur solange etwas, wie man es nicht versteht! Dort, in dessen Erster Ebene des Ersten Tals wirst du auf Boorh treffen!“

Kishous große, schwarze Augen klappten nach oben. „Das ist einer von der Sippe der Chemuren?“, vergewisserte sie sich.

„Ja!“, bestätigte Trautel Melanchful.

„Wie kann ich ihn erkennen?“

„Er wird dich erkennen!“ Trautel Melanchfuls Gesichtsausdruck hatte plötzlich etwas regelrecht Verschmitztes an sich, was nur höchst selten bei ihr vorkam. „Sei nicht ungerecht mit ihm, er ist zuweilen etwas ungestüm ...“

„Wie meinst du das?“, wollte Kishou wissen.

„Nun ja – du wirst sehen.“ wich die Alte aus. „Er ist sehr stark, und du wirst sehr viel von ihm erfahren!“

„Aber der ist doch in Ordnung, oder?“, fragte Kishou nun doch etwas beunruhigt – das verschmitzte Lächeln Trautel Melanchfuls war ihr natürlich nicht entgangen.

Die Alte kicherte nun schon fast. „Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Und wenn ich dich so anschaue ...“ Sie nahm Kishou bei den Schultern und betrachtete sie wohlwollend. „Es wird nichts geben, was er nicht riskieren würde, um dich zu schützen. Du kannst ihm vertrauen!“. Sie machte sich nun daran, ein Bündel für Kishou zu schnüren, das sie bequem um der Schulter tragen konnte.

Etwas resigniert wollte sich Kishou daran machen, den Tisch abzuräumen. Jede Frage, die sich ihr stellte, schienen seit einigen Tagen eher tausend neue Fragen zu erzeugen, als auch nur eine davon wirklich zu beantworten ...

„Lass es nur stehen!“, meinte Trautel Melanchful. „Es wird mich eine Weile an Dich erinnern!“

~

Die groben Steine, die ursprünglich wohl einmal einen Weg durch das hohe Gras des Gartens bereitstellten, waren lange nicht mehr sichtbar. Nur die Füße spürten, dass hier wohl einmal fester Boden gewesen sein musste, und ertasteten sich den Weg durch das üppige Geflecht. Als dann bald schon die alles umspannende Hecke des Gartens zwischen Büschen und Bäumen in der Ferne auftauchte, war nicht mehr schwer zu erraten, wohin der unsichtbare Weg führte.

Wie eine unüberwindliche Mauer kündigte sie sich in ihrer dichten und klaren Gradlinigkeit an – das war wirklich erstaunlich, zumal weder Trautel Melanchful noch Kishou jemals das wachsende Ungefüge des Gartens versuchte aufzuhalten. Sie erfreuten sich vielmehr an der scheinbar planlosen Eroberung der Natur in ihrer kleinen Welt. Es gab immer wieder Neues zu entdecken, und nichts blieb, wie es war. Im Laufe der Zeit hatte allerdings die Üppigkeit sichtbar nachgelassen, weil der große Tümpel des Gartens immer weniger Wasser beherbergte.

Hinter dem Haus gab es einige Beete mit Gemüse, und sogar eine kleine Parzelle mit verschiedenen Getreidesorten war dort zu finden. Auch drei Ziegen waren da, um all das mussten sie sich natürlich kümmern – und das war schon aufwendig genug …

'Wirkliche Grenzen sind immer klar und eindeutig!', sagte Trautel Melanchful einst zu Kishou, als sie endlich lange genug in dieser Welt war, um ihrer Verwunderung über dieses und jenes innerhalb des Überschaubaren Ausdruck zu verleihen, '... und dies ist eine wirkliche Grenze!', hatte sie geschlossen.

Es gab zu jener Zeit noch tausenderlei andere Fragwürdigkeiten in der kleinen Gartenwelt, und so genügte diese Antwort für’s Erste. Vielleicht war es aber auch schon die tiefe innere Ahnung der Bedrohung, die Kishou damals nicht weiter fragen ließ. Bestimmte Erfahrungen sind nicht daran gebunden, wie lange man in einer Welt ist – jedenfalls hatte sie nie wieder nach dem wunderlichen Wachstum der Hecke gefragt.

Kishous Schritte verkürzten sich, je näher sie der Hecke kamen, doch ihre Anzahl bis zum Erreichen der Grenze sollten immer noch entschieden zu gering bleiben, wie sie befand. „Vielleicht ... ist das Tor ... ja schon wieder offen?“, ließ sie sich nun etwas zaghaft vernehmen, während ihre Füße konzentriert, aber nicht immer mit der benötigten Portion Glück damit beschäftigt waren, die groben Steine des Weges zu treffen.

„Nein!“, war nur das unmissverständliche Echo. Trautel Melanchful hatte weniger Probleme, den verlorenen Pfad einzuhalten. Entweder, sie hatte ihn noch gut in Erinnerung, oder aber es war ihre seltsame Wendigkeit und Behändigkeit, die in keinem Verhältnis zu ihrer Erscheinung stand; und die, nachdem sie in der letzten Zeit stetig abzumagern schien, seit der Nacht des Traums von Kishou sichtbar und ohne Zweifel wieder dramatisch zunahm.

Es war schon fast ein Balanceakt, sich auf der Spur der lockeren und zuweilen gar inzwischen übereinander liegenden Steine zu halten, ohne zu stolpern, oder sich auf schmerzhafte Weise die Füße anzustoßen. Kishou musste sich sehr konzentrieren, und es war schon erstaunlich, dass sie dabei immer noch reden konnte.

„... aber ... vielleicht ist der Ausgang ja auch schon ... zugewachsen, wie der Weg hier, dann kann ... ich gar nicht raus!“

„Dieser Durchlass wächst niemals zu!“, antwortete Trautel Melanchful.

„Hab’ ich auch nichts vergessen?“ Kishou war stehengeblieben und schickte sich schon an, ihr Bündel von der Schulter zu ziehen.

„Nein, du hast nichts vergessen!“ Trautel Melanchful schob sie sanft weiter.

„Und wenn ... sie nun ... zugewachsen ist?“, stolperte Kishou weiter.

„Sie ist nicht zugewachsen!“

„Na ja ... Wir könnten ja dann ... im Haus ... eine große Schere suchen ... Vielleicht ... haben wir ja so eine ... große Schere ...?“

„So eine Schere haben wir nicht!“

„Aber ... wie sollen wir dann die Hecke ... aufschneiden?“ Kishou blieb abermals stehen, und wandte sich mit überzeugender Besorgtheit zu Trautel Melanchful um.

„Wir brauchen die Hecke nicht aufzuschneiden!“, antwortete diese, und schob Kishou abermals sanft weiter.

„Aber ... wenn sie nun doch ... zugewachsen ist ...?“

„Sie ist nicht zugewachsen!“

„Bist ... Aua ... du sicher?“

„Ganz sicher!“

„Doofe Hecke.“

„Wie bitte?“

„Ich meine: ... komische Hecke, ... dass die nicht zuwächst.“

„Da schau, wir sind da!“ Sie hatten die natürliche Grenze erreicht, und Trautel Melanchful wies auf eine Stelle unweit vor ihnen. Deutlich war dort ein Durchbruch zu erkennen.

Der Anblick dieser unumstößlichen Tatsache bewog Kishous Herz, noch ein paar Extraschläge zuzulegen und ihre Einwendungen zu vergessen. So war sie die letzten Schritte, bis sie die Hecke endgültig erreichten, tatsächlich sprachlos.

Sie versuchte vorsichtig durch die Lücke zur anderen Seite hinüber zu schauen, aber das war nicht möglich, weil die Zweige und Blätter doch immerhin so dicht von jeder Seite des Durchlasses zur Anderen gewachsen waren, dass man nicht hindurchschauen konnte – zumindest schien es so.

Die unvermeidliche Zeit des Abschieds war gekommen. Die Alte nahm Kishou noch einmal in die Arme und sie schien sehr bewegt. Sogar eine kleine glitzernde Träne erschien in einem ihrer Augen.

„So, nun geh!“, sagte sie, und strich Kishou noch einmal über den dichten, schwarzen Haarschopf.

Kishou nickte nur stumm. Jede Faser ihres Körpers schien angespannt, und das Herz wollte sich nun fast überschlagen.

„Also bis dann ...!“, sagte sie abwesend.

Noch etwas zögerlich und vorsichtig, dann aber doch mit festem, gespanntem Schritt, bahnte sie sich ihren Weg durch das Gestrüpp, ... um mit einem spitzen Schrei plötzlich inne zu halten. Ihre Hände krallten sich zu Tode erschrocken in die dünnen Zweige ... Sie war am Ende des Durchschlupfes angelangt und sah nach draußen, und das ,Draußen’ war: NICHTS!

Verzweifelt suchten ihre Augen irgend einen Halt zu finden, ... aber es gab keinen. Dieses ,Draußen’ war grau ... Nein – nicht wirklich grau. Es hatte einen Stich ins Rötliche – aber sonst nichts.

Im ersten Moment erschien es vielleicht wie ein dichter Nebel, aber es war kein Nebel. Die Augen fanden nur einfach keinen Widerstand und fielen ins Unendliche ...?

Es war kein ,Oben’ – und es war kein ,Unten’. Der Boden zu ihren Füßen hörte einfach nur auf zu existieren – und wurde durch nichts ersetzt. Da wo die Hecke aufhörte, hörte alles auf: Oben, Unten, Links, Rechts, Ferne, Nähe ... einfach alles!?

Kishou wagte nicht zu atmen. Starr vor Schreck grub sich ihr Blick in das, was garnicht da war ... Die Hände der Kleinen krallten sich fest in das Gestrüpp, die Ohren begannen zu sausen und die Beine wurden zu schmelzenden Bleiklumpen.

„Trautel ... Trautel Melanchful ...!“, quetschte sie endlich aus ihrem zugeschnürten Hals hervor. „Trautel ...“ Sie wagte kaum, die Lippen zu bewegen, aus Furcht, vielleicht von dem Nichts bemerkt zu werden.

„Ja?“, – vernahm sie die vertraute, warme Stimme der Alten. „Geh nur weiter!“

Ein klein wenig war Kishou erleichtert. Wenigstens hinter ihr schien alles beim Alten geblieben zu sein. „Aber ... aber wohin? Ich ... ich ... ich kann nichts erkennen! Da is‘ nix!“

Das kleine Lachen, das sie als erstes von Trautel Melanchful vernahm, war zwar höchst unpassend, wie sie befand, aber es hatte doch auch etwas ungemein Beruhigendes.

„Dummerchen, wie willst du etwas erkennen von dem, was dir unbekannt ist, bevor du in dieses Unbekannte hineingegangen bist?“

„Aber ... aber ...“, Kishou wusste mit den Worten Trautel Melanchfuls nichts Rechtes anzufangen ...

„Eine Grenze muss immer erst überschritten sein, wenn du erkennen willst!“

Die Worte der Alten klangen durchaus so, als wüsste sie sehr genau, was das Problem war – und natürlich gab es für Kishou keinen Anlass, ihnen zu misstrauen. Trautel Melanchful wusste immer alles. Noch niemals hatte sie sich geirrt. Aber vielleicht ... es könnte ja sein ... dass sie sich ja doch einmal irrte! Sie wusste nicht mehr ein noch aus. Vor ihr das Unbegreifliche, und hinter ihr die vertraute Sicherheit, deren Untergang längst beschlossen war.

Einige Augenblicke noch stand sie verzweifelt an das Gestrüpp der Hecke geklammert, dann aber hangelte sie sich langsam, immer wieder in das Geäst nachfassend, hinein in das Unbegreifliche. Und während sie sich an den Zweigen der Hecke festhielt, schob sie nun vorsichtig ihren linken Fuß in dieses ,Nichts‘ hinein – jederzeit bereit, ihn sofort wieder zurückzuziehen.

Aber der Fuß rutschte seltsamerweise nicht ab!? Es war zwar nichts zu erkennen, was ihm Halt gab, aber er fand irgendwie einen ...

Langsam und immer noch vorsichtig schob sie ihn weiter hinaus – soweit, wie es möglich war, ohne die Hände von der Hecke lösen zu müssen. Aber der Halt unter ihrem Fuß gab nicht nach. Kishou atmete tief durch. Sie entließ ganz langsam etwas ihre Finger aus der krampfartigen Umklammerung – freilich, ohne dabei den sicheren Halt aufzugeben. ... und noch immer geschah nichts.

Nun stand sie schon ganz aufrecht – mit einem Bein noch im Sichtbaren, mit dem Anderen bereits auf dem, was eigentlich gar nicht da war.

Vorsichtig verlagerte sie nun das Gewicht ihres Körpers von dem rechten Bein auf das Linke – und der unsichtbare Halt gab noch immer nicht nach ... Ihr Herz schien fast zerspringen zu wollen. „Trautel Melanchful! – Bist du noch da?“, fragte sie noch einmal in die gespannte Stille, um sich zu vergewissern, dass wenigstens ansonsten noch alles in Ordnung war.

„Natürlich! Ich bin immer bei dir, auch wenn du mich nicht hören oder sehen kannst!“

Die vertraute Stimme von Trautel Melanchful erreichte sie noch – das war beruhigend. Wie auf einem Hochseil balancierend, hob sie nun langsam auch das rechte Bein aus der Sicherheit des Bekannten in die Unsicherheit des Unbekannten hinüber. Ihre Hände lockerten dabei vorsichtig ihren Halt in dem Geäst, das sich bereits ein Stück weit aus der Hecke herausbog. Die störrischen Zweige nahmen die Gelegenheit wahr, um sich aus ihren Händen zu befreien und blitzartig unter einem schnalzartigen Laut in das dichte Blattwerk der Hecke zurück zu schnellen ...

~*~

Das Drom der Ky
Die Zeitfalle und die Stadt der Tausend Spiegel

Kishou hatte keine Ahnung, was geschehen war.

Noch immer auf dem linken Bein balancierend, bewegten sich ihre Augen vorsichtig von links nach rechts. Nicht einmal ihren Kopf wagte sie zu bewegen. Himmel und Erde waren plötzlich wieder an ihren gewohnten Plätzen – ohne dass sie hätte sagen können, wann und wie es geschehen war. Aber mehr war nicht zu erkennen. Keine Berge, keine Bäume, kein See, kein Weg und nicht einmal die kleinste Unebenheit – aber auch nichts, was möglicherweise gefährlich sein könnte. Ihr suchender Blick verlor sich am Horizont ohne auch nur auf den geringsten Widerstand zu treffen. Der Himmel war wolkenlos, und die Sonne hüllte alles in ein gleißendes Licht. Aber es war nicht sonderlich warm – aber auch nicht kalt. Kein Wind war zu spüren und nicht das kleinste Geräusch zu hören. Der Boden zu ihren Füßen war gleichmäßig bedeckt mit feinem Sand, aber nicht einmal der ließ irgendeine Unebenheit erkennen.

So stand sie eine ganze Weile mit suchenden Augen – unbeweglich, auf einem Bein balancierend, und inmitten dieser unwirklichen und schier unendlichen Weite.

„Trautel ...? Trautel Melanchful?“, flüsterte sie vorsichtig in die beklemmende Stille hinein. Aber diesmal kam die erhoffte Antwort nicht. „Trautel Melanchful!“, quetschte sie so gut es ging noch einmal aus ihrem zugeschnürten Hals hervor. Aber wieder blieb die ersehnte Antwort aus.

In böser Ahnung stellte sie nun endlich auch ihr noch immer in der Luft hängendes rechtes Bein ab und schaute erschrocken hinter sich. Sie hatte es befürchtet: Hinter ihr bot sich dasselbe Bild wie vor ihr – eine bis zum Horizont reichende Ebene, und nichts, was den Augen einen Halt bot. Keine Hecke, kein Garten, keine winkende Trautel Melanchful ... Erschrocken wendete sie sich nach allen Seiten – lief ein paar Schritte nach links – dann nach rechts – aber überall war das Gleiche zu sehen: Ein tiefblauer, wolkenloser Himmel, der sich irgendwann in der Ferne mit der Erde verband.

„Trautel Melanchful!“, rief sie nun verzweifelt so laut sie konnte. Ihre Stimme klang wie in Watte gelegt und verlor sich in der Weite, ohne von irgend etwas behindert zu werden. Trautel Melanchful antwortete nicht. Es gab sie nicht mehr. Hatte es sie jemals gegeben? Es gab überhaupt nichts mehr. Hier gab es scheinbar nichts außer dem Himmel – der Erde – und Kishou.

Sie wollte es nicht glauben und lief angstvoll und laut rufend mal in die eine und mal in die andere Richtung – aber so wild sie auch hin und herlief, es blieb alles gleich. Und als wäre das noch nicht genug, bemerkte sie nun auch noch, dass sie bei ihrer ziellosen Lauferei nicht einmal Fußspuren hinterlassen hatte. Obgleich ihre Füße deutlich spürten, wie der weiche Sand unter ihnen ein klein wenig nachgab, hinterließen sie doch nicht die geringste Spur.

Ungläubig stapfte sie einige Schritte hin und her und beobachtete den Boden. ... Nichts! – Es blieb nichts Erkennbares zurück!

Sie scharrte mit dem Fuß über den Boden, und spürte, wie dieser Fuß den Sand vor sich her schob – aber es war nichts davon zu sehen. Jedes Sandkörnchen blieb an seinem Ort, als wäre nichts geschehen.

Sie strich mit der Hand durch den Sand, spürte seinen Widerstand, und fühlte, wie er durch ihre Finger rieselte, ... aber es war nichts davon zu sehen!?

Verzweifelt schaute sie erneut hilfesuchend um sich – suchend – nach irgendetwas, das einen Ausweg versprach ... Doch da war nichts. Nichts und Niemand. Sie war allein.

Sie setzte sich auf den Boden und weinte jämmerlich. Etwas in ihr erinnerte sich an die Verlorenheit ...

~

Als Kishou erwachte, hatte sie keine Ahnung, wie lange sie schon so da lag. Sie war beim Weinen wohl eingeschlafen. Wie eine Kugel zusammengerollt lag sie da. Und als sie endlich blinzelnd aufschaute, war alles so wie vorher. Die Sonne hatte ihren Platz nicht verlassen, der Himmel war tiefblau und wolkenlos und vereinigte sich ungehindert am fernen Horizont mit einer Erde, die keinerlei Verletzungen zuließ.

Benommen rieb sie sich die Augen, und schaute einem der überall gleichen Horizonte entgegen. Vielleicht war es Resignation, vielleicht auch nur Müdigkeit oder die Anstrengung des Weinens – aber Angst verspürte sie nicht mehr. Eigentlich spürte sie gar nichts. Irgendetwas in ihr musste wohl akzeptiert haben, dass sie nun dort war, wo sie sein musste. Sie setzte sich auf und betrachtete empfindungslos das gleichförmige Panorama des Horizonts. „Es ist das Drom der Ky – die ,Erste Ebene des Ersten Tals des Ersten Droms’ des Großen Belfellands!“, hörte sie sich ohne jede Regung sagen. „Und wenn das hier das Drom der Ky ist, dann muss es auch irgendwo einen Ky geben!“

Wie beiläufig nahm sie ihr Bündel von der Schulter, knüpfte es auf, kramte einen Wasserbeutel hervor und nahm einen kräftigen Schluck. Ohne den Blick vom Horizont zu wenden, verstaute sie den Wasserbeutel wieder, schnürte sich das Bündel um die Schulter und erhob sich. Und ohne auch nur einen Gedanken über die Richtung zu verlieren, in die sie gehen sollte, stapfte sie los.

Hätte sie sich einmal umgeschaut, hätte sie bemerkt, dass ihre Schritte kleine, gleichmäßige Vertiefungen im lockeren Boden hinterließen, von deren Rändern noch ein wenig Sand hinabrollte ...

Eine sehr lange Zeit war vergangen, ohne das sich auch nur das geringste veränderte. Ihr war, als würde sie unentwegt auf der Stelle gehen. Sie verspürte nicht einmal Hunger oder Durst. Sie begann langsam und unmerklich in eine Art Trance zu fallen. Es schien ihr, als würde sie für alle Ewigkeiten einfach nur laufen. Da ist kein Ziel, das erreicht werden könnte. Es ist alles nur ein unendliches gehen.

Kishou schreckte innerlich auf und kniff die Augen zusammen. Sie versuchte sich auf das Ziel zu konzentrieren – aber was sollte das sein. Es viel ihr zunehmend schwerer, sich zu erinnern.

Sie begann sich auf das Rascheln ihrer Kleider zu konzentrieren. Das war ein Geräusch, das bewies, dass da etwas Wirkliches war. Das Geräusch war gleichmäßig, aber doch gab es bei jedem Schritt irgendeinen winzigen Unterschied. Mal rutschte das Bündel um ihre Schulter etwas nach hinten, dann schlugen die weiten Ärmel ihre Hemdes sanft gegen die Hüfte, und in unregelmäßigen Abständen strichen die weiten Hosenbeine gegeneinander.

Sie begann die verschiedenen Geräusche zu ordnen und zu sortieren, und versuchte herauszufinden, wann genau welches Geräusch auftrat. Zusammen mit dem immer gleichmäßigen leichten Knirschen der Schritte ergaben sich vielfältige Rhythmen – eine Art Musik. So behalf sie sich, dass sich ihr Geist nicht verflüchtige. Sie bedauerte es, keinen Hut mitgenommen zu haben, denn die Sonne begann sie immer mehr zu blenden.

Die Sonne begann sie immer mehr zu blenden? ...

Sie hielt abrupt inne – ihre Kleider erzeugten irgendwo ein kleines Klatschgeräusch ... Ihr Blick richtete sich zum Himmel. Tatsächlich! Die Sonne hatte sie längst überholt und schien ihr nun nahe dem Horizont mitten ins Gesicht.

Sie war von einem Moment zum anderen hellwach. Diese Welt kann nicht unendlich sein, wenn sich etwas in ihr dem Untergange neigt! Sie fuhr herum, in der Hoffnung weitere Neuigkeiten zu entdecken – und tatsächlich! Zwar war der Horizont unverändert einförmig, aber bis zu diesem Horizont, so schien es, führte ein langes Band kleiner, gleichförmiger Kuhlen, die erst unter ihren Füßen endeten.

Ungläubig erregt ließ sie sich auf die Knie fallen und drückte ihre Hand in den Boden. Tatsächlich verschwand sie unter dem Sand, und als sie langsam die Hand wieder anhob, so blieb der Sand auf ihrem Handrücken liegen. Wie ein feingesponnenes Tuch aus Gold rieselte er seitlich von den Fingern, um sich darunter wieder mit Seinesgleichen zu vereinen ...

Sie quietschte auf vor Glück. Sie erhob sich, sprang wild hin und her und stampfte ausgelassen mit ihren Füßen tiefe Kuhlen in den weichen Boden. Sie und diese Welt waren wirklich. Es war ein höchst ödes Land, aber es war ein Wirkliches.

Übermütig stieß sie mit den Füßen den Sand in die Luft, dass es nur so spritzte ... „Au!“ – Ihr Fuß war gegen etwas Hartes gestoßen. Etwas Hartes?

Sie ließ sich in den Sand fallen und durchwühlte aufgeregt die Stelle, wo ihr Fuß auf den Widerstand gestoßen war, und schon bald hatte sie die Ursache ihres Schmerzes gefunden. Sie zog einen Stein heraus. Es war ein wunderschöner Stein – wie mit einer Glasur überzogen, graublau mit weißen versprengten Punkten, und er war scheinbar vollkommen dreieckig!? Sie bestaunte ihn, und hätte ihn gern mitgenommen, aber er war doch zu groß und zu schwer.

Fiebrig durchwühlten ihre Hände noch einmal den Sand, und tatsächlich fand sie bald einen Zweiten und bald den Dritten – und bald hatte sie wohl das Dutzend voll. Alle waren wunderschön und hatten seltsam gleichförmige Strukturen. Sie waren Vielecke, Würfel, Scheiben und Kugeln.

Kishou trug sie alle zusammen und setzte sich erschöpft vor ihre Beute. Es war ihr, als hätte sie einen Schatz gefunden. Wenn sie eines Tages zu Trautel Melanchful zurückkehrte, würde sie einige von den Steinen holen und sie in ihrem Garten auslegen. Das nahm sie sich ganz fest vor.

Fast hätte sie über ihre sonderbaren Steine vergessen, in welch einer Situation sie sich befand. Ihr Gesicht verdunkelte sich wieder, und ihr Blick fiel auf den gleichförmigen Horizont. Eine riesige glutrote Halbkugel lag inzwischen darauf, und wie ein überdimensionales Tor auf dem Horizont stehend, wollte die Sonne Kishou wohl daran erinnern, dass es nicht die schönen Steine waren, die es hier zu finden galt. Ein Trotz lag in ihren Gesichtszügen. Steine würden nicht das Letzte sein, was sie hier finden würde.

Der Himmel verdunkelte sich zusehends, und immer mehr Sterne durchbrachen das restliche Licht. Sie beschloss, die Nacht bei ihren Steinen zu verbringen und erst einmal zu schlafen. Sie ordnete ihren Schatz in einen Kreis um sich herum, und rollte sich in seiner Mitten zusammen. Es gab zwar nichts erkennbares zum fürchten, aber irgendwie fühlte sie sich in dieser kleinen Burg sicherer.

Die hereingebrochene Nacht war nicht wirklich dunkel, denn der Himmel veranstaltete wohl gerade ein Großfeuerwerk. Ein unendliches Meer von größeren und kleineren Lichtpunkten überflutete ihn. Starr oder flimmernd und scheinbar hin und her hüpfend, verbreiteten sie ein diffuses Licht. Sie dachte an Trautel Melanchful und den großen Garten – und an ihr kleines Bäuchlein, das sie über all die Aufregung fast vergessen hätte. So streichelte sie es sanft – und schlief ein.

.

Sie träumte von ihrem alten vertrauten Häuschen. Doch es stand in keinem Garten, sondern hier, inmitten der Ersten Ebene des Ersten Tals des Ersten Droms. Es war Nacht. Sie stand mit Trautel Melanchful am Küchenfenster und schaute über das in diffuses Sternenlicht getauchte öde Land.

„Warum ist denn hier niemand außer uns?“, fragte sie maulend. Die Alte zeigte ihr geheimnisvolles Lächeln und legte ihren Arm um Kishou. „Dummerchen, es kann doch nur jemand anderes da sein, wenn auch du da bist!“

„Hä? – aber ich bin doch da?!“

„Nein! Du hast Angst vor dem Fremden und versteckst dich!“

„Nein – tu ich nicht!“

„Doch, das tust du!“

„Nein – tu ich nicht!“

„Doch, du hast Angst!“

„Nein – hab’ ich nicht!“

„Du kannst dich nur gerade nicht daran erinnern!“, lächelte die Alte.

Die heruntergebrannte Kerze auf der Küchenanrichte war noch einige Male kurz aufgeflackert, bevor sie endgültig erlosch. Trautel Melanchful wandte sich ins Kücheninnere, wohl um eine frische Kerze aufzuziehen.

„Nein, ich hab' keine Angst. Ist doch blöd. Ich will, das da noch jemand ist!“, schimpfte sie fast in die Dunkelheit der Küche hinein.

„Nun, dann schau hinaus. Wenn Neugier und Mut stärker sind, als deine Angst, wirst du sie finden!“

„Ach!“, maulte Kishou und wandte ihren Blick wieder dem Fenster zu.

Das etwas ins rötlich gehende Licht am Horizont passte irgendwie nicht in den bläulich-weißen Hintergrund des Sternenmeeres – sie hatte es wohl vorher übersehen – und je mehr es ihr nun auffiel, desto unstimmiger wurde es. Es schien auch irgendwie zu flackern. Es wurde mal heller, mal dunkler – wie der Widerschein eines großen Feuers in der Ferne.

„Was ist das denn? – Trautel Melanchful, schau mal! Was ist denn das da hinten?“

Trautel Melanchful antwortete nicht.

„Trautel Melanchful, schau doch mal!“ Sie wandte sich zur Küche, aber sie konnte in der Dunkelheit nichts erkennen. „Trautel Melanchful – wo bist du denn?“

Keine Antwort.

„Trautel Melanchful!“ Kishou lief ins Kücheninnere und krachte mit ihrem Kopf gegen irgend etwas sehr Hartes. Mit zusammengekniffenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich den maltretierten Kopf. Als sie ihre Augen wieder öffnete, fand sie sich in ihrer kleinen Steinburg. Ihr Schlaf war etwas unruhig gewesen und sie war mit dem Kopf gegen einen der Steine gestoßen ...

Während sie sich noch die schmerzende Stelle am Kopf rieb, schweifte Ihr Blick über das dunkle Band des Horizonts, in dem das Meer der Sterne endete. Ihr Blick verharrte auf einem kleinen, unscheinbaren roten Schimmer, der mal heller und mal dunkler zu werden schien, und irgendwie überhaupt nicht in das bläulich-weiße Licht des Sternenmeeres hinein passte ...

Kishou stockte der Atem und ihre Hand fuhr unwillkürlich zu ihrem kleinen Bäuchlein. „Die Ky!“, schoss es ihr durch den Kopf.

Ungläubig starrte sie auf die flackernde Erscheinung, und sie wusste nicht, ob sie sich freuen, oder doch besser Angst haben sollte vor dem, was dort hinten möglicherweise lauerte. Alles in ihr war hellwach. Weiter zu schlafen war nun undenkbar. Aber was sollte sie nun tun? Waren die Ky freundlich oder gefährlich? Vielleicht sind es ja gar nicht die Ky – Vielleicht wartet dort in der Ferne sogar Suäl Graal auf sie ... Aber es könnte ja auch Boorh sein – der musste ja schließlich hier auch irgendwo sein. Weglaufen ging eh nicht – wohin denn? Ihre Augen ertasteten suchend den Horizont, und ihre Gedanken stolperten von eine Phantasie in die andere.

Während ihre Gedanken keine Lösung zu finden vermochten, tasteten ihre Hände bereits nach ihrem Bündel und schnürten es über die Schulter. Wehrlos ließ sie es geschehen, dass sich ihr Körper erhob, ihre Beine über den kleinen Steinwall stiegen, und sie sich langsam auf den rötlich-flackernden Schein zu bewegte ...

Lange Zeit schien die seltsame Erscheinung nicht näher zu kommen, und Kishou dachte schon daran, dass es vielleicht nur ein Trugbild ist, und begann sich immer mehr zu beruhigen – dann aber schien es doch irgendwie heller geworden zu sein.

Der neue Tag konnte nicht mehr weit sein, da war klar, dass der anfänglich nur rötliche Schimmer kein Trugbild war. Deutlich war nun der Schein eines großen Feuers zu erkennen. Hätte sie auch nur geahnt, wie nahe sie bereits der Feuerstelle war, auf dessen Schein sie sich zubewegte, wäre sie sicherlich vorsichtiger gewesen.

Als das Feuer plötzlich vor ihr auftauchte, wäre es beinahe zu spät gewesen. Sie hatte nicht bemerkt, wie ihr Weg langsam und unmerklich anstieg, und nun abrupt in einer Düne steil abfiel. Noch ein paar wenige Schritte, und sie wäre wohl hinuntergefallen.

Erschrocken wich Kishou zurück und duckte sich zugleich in den Sand.

Da unten war jemand – nein, es waren viele – sehr viele. Vorsichtig kroch sie an den Rand der Düne und hob ihren Kopf über den Abriss – sie wünschte nur, dass ihr Herz nicht so laut pochen wollte, vielleicht konnte man es ja da unten hören.

Was sie nun sah, ließ sie das Atmen vergessen. Dort unten war alles anders als das, was sie bis jetzt von diesem Drom erfahren hatte. In dem wild lodernden Licht eines großen Feuers, das von einer dicken Steinmauer umschlossen war, konnte Kishou ein unzähliges Gewirr von unbekannten Gegenständen erkennen, an denen sich eine große Zahl irgendwelcher Leute zu schaffen machten.

Es musste ein Dorf sein, oder so etwas ähnliches. Zumindest waren verschiedene Häuser oder Baracken im Schein des Feuers zu erkennen. Es waren auch Stimmen zu hören, aber sie waren noch zu weit, um irgend etwas zu verstehen, was dort gesprochen wurde.

Kishou schaute hinter sich. Sie musste sich vergewissern, dass niemand hinter ihr war. Es dauerte einen Moment, bis sich ihre vom Feuerschein geblendeten Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Aber hinter ihr war nur die bekannte unendliche Öde. Ein silbergrauer Streifen am Horizont verriet den baldigen Sonnenaufgang.

Sie wandte sich wieder dem Geschehen des Ortes zu, und schob sich dabei noch etwas mehr vor. Sie erschrak, als dabei ein wenig Sand in Bewegung kam, und die Düne hinunterrutschte. Sofort drückte sie ihren Kopf auf den Boden und verharrte so einen Moment. Als sie ihn vorsichtig wieder anhob, stellte sie beruhigt fest, dass wohl niemand da unten etwas bemerkt hatte. Die Gesichter der Gestalten waren nicht zu erkennen. Sie trugen alle lange, braune Kutten, mit großen Kapuzen, die wohl einen dunklen Schatten auf ihre Gesichter legten.

Es war ein emsiges Treiben, und erst jetzt bemerkte Kishou die Unmenge von Steinen, die überall herumlagen. Die meisten aber waren aufgeschichtet zu großen Haufen. Es waren die gleichen seltsamen Steine, die sie tags zuvor unter dem Sand gefunden hatte. Auch die Häuser schienen aus ihnen zusammengefügt – ihre Wände spiegelten den Schein des Feuers und warfen bizarre Lichtspiele in die Umgebung.

Aber es waren auch noch andere Dinge zu Haufen geordnet. Kishou konnte nicht erkennen, was es war – es funkelte zum Tanz des Feuers in den verschiedensten Farben. Eine große Zahl von diesen Leuten saß in der Nähe dieser Haufen, oder um sie herum, und taten irgend etwas, was ebenfalls nicht zu erkennen war. Ab und an warfen sie dann etwas zu diesen Haufen dazu, und wieder andere trugen auf Pritschen irgend etwas zu den am Boden sitzenden hin.

Vor der Mauer des Feuers erhoben sich ebenfalls irgendwelche Haufen, aber die glitzerten nicht. Ab und an schaufelte man mit Gefäßen einiges von diesen Haufen weg und schob das dann in kleine Löcher in der Mauer.

Zur Linken wurde der Ort von einer felsigen Wand begrenzt – zumindest sah es im diffusen Licht danach aus. Ein Teil dieser Wand war von einem großen und tiefen hölzernen Gerüst verdeckt, und es standen eine Menge kleiner Wagen, Karren, und andere Dinge herum.

Erst jetzt bemerkte sie auf der anderen Seite der Feuerstelle Bewegungen, die aussahen, als fände dort gerade ein Kampf statt!? Der Feuerschein blendete zu sehr, um es genügend erkennen zu können. Dann aber verlagerte sich das Geschehen weit genug weg von dem grellen Licht des Feuers.

Kishou schluckte hörbar. Dort wurde tatsächlich gekämpft, und es waren offensichtlich nicht wenige, die mit irgendwelchen Dingen aufeinander einschlugen, oder sich ineinander verstrickt über den Boden wälzten. Merkwürdigerweise aber schienen die anderen nicht die geringste Notiz davon zu nehmen.

Sie starrte gebannt auf das seltsame Geschehen dort unten. Sie bemerkte nicht, wie immer wieder einige Sandkrümel unterhalb ihrer Deckung in Bewegung gerieten und lautlos die Düne herunterrieselten – und wie sich durch das Gewicht ihres Körpers der lockere Sand unmerklich absenkte. Als sie es endlich bemerkte, tat sie genau das, was man in einem solchen Moment auf keinen Fall tun sollte: Sie richtete erschrocken auf und wollte durch einen schnellen Sprung zur Seite der Gefahr entkommen – aber genau diese hastige Bewegung gab dem instabil gewordenen Untergrund nun den entscheidenden Impuls. Die Kante der Düne rutschte unter dem Gewicht ihres Körpers nach vorn, und stürzte mit ihr herab.

Wie ein haltloser Stein purzelte sie den sandigen Hang hinunter und wurde erst am Fuße der Düne ausgerechnet von einem der Kapuzenmänner unsanft zum Stillstand gebracht. Sie traf den Ahnungslosen von hinten, so dass der kopfüber in den Sand fiel. Noch eh er sich wieder aufrappeln konnte, war Kishou bereits wieder auf den Beinen und rannte, als wäre eine ganze säbelschwingende Armee hinter ihr her.

Ihre Ahnung war wohl so unrichtig nicht, denn sogleich war ein großes, aufgeregtes Stimmengewirr zu vernehmen, das offensichtlich die Verfolgung aufgenommen hatte. Instinktiv lief Kishou auf das Gerüst zu – es schien der beste Ort zu sein, um sich zu verbergen.

Die Stimmen und das Fußgetrappel kamen schnell näher. Sie schaute sich nicht um und rannte was ihre Beine hergaben, bis sie endlich den Gerüstbau erreicht hatte. Unzählige Verstrebungen ließen es nun aber nicht mehr zu, einfach weiterzulaufen. So schnell es irgend ging, stolperte sie zwischen die Wirren der Streben in das Gerüst hinein. Es war kaum etwas zu sehen, und es war mehr ein Vortasten als ein Gehen.

Als sie nun endlich zurückschaute, konnte sie deutlich durch die Strebungen die Silhouetten der Kapuzengestalten vor dem Hintergrund des rötlichen Lichtes erkennen, das von der Feuerstelle über dem Ort lag. In ihren Händen blinkte hin und wieder etwas auf – sie ahnte nichts Gutes.

Die Kapuzenmänner begannen nun ebenfalls in das Gebälk einzudringen.

Wie ein gehetztes Tier begann sie in das Gerüst nach oben hineinzuklettern. Nach einer Weile hielt sie inne, und versuchte die Luft anzuhalten, um sich durch ihr schweres Atmen nicht zu verraten. Einige der Kapuzenmänner schienen den Rufen und Geräuschen nach direkt unter ihr zu sein, ihre Stimmen waren außergewöhnlich dunkel, aber sehr klar.

„Es muss sich hier irgendwo vom Allsein trennen!“

„Es ist all Eins, ich kann nichts trennen vom Allsein!“

„Gebraucht das Schwert zu sehen!“

„Nein, nicht das Schwert! ... das Scheiden wäre nicht vollkommen, die Kraft des Baus ist nicht mehr entschieden genug!“

„Wer entscheidet das?“

Die Stimmen riefen alle durcheinander und waren sehr aufgeregt. Kishou zitterte wie die angeschlagene Saite einer Ukulele. An einen Balken geklammert, rieb sie unkontrolliert an ihrem Bäuchlein herum ...

„Dann Feuer, ... schafft das Licht des Feuers heran, es wird das Sein vom Allsein trennen!“

„Kein Licht vom Feuer ...! Lasst das Feuer in seinen Grenzen!“

„Kein Feuer ... zu trocken ist das Gebälk!“

„Ich sage: Es ist nach oben dem Sein entwichen!“

„Wer entscheidet das?“

„Ich: ,Der mit der Lanze spricht’!“

„Er, ,Der mit der Lanze spricht’, hat angemessen entschieden!“

„... entscheide ebenso! So soll es sein!“

„Es ist nach oben ins Allsein des Gebälks entwichen!“

Kishou schrak zusammen. Hier oben konnte sie nicht weglaufen, und unten schickte man sich nun offensichtlich an, in das Gerüst hineinzuklettern.

„Nein, wartet! Ich, ,Der das Eisen faltet’, widerspricht dem, ,Der mit der Lanze spricht’, und entscheide, dass es sich nicht dort oben vom Allsein trennt!“

Die Aufregung wurde durch diesen Einwand sichtlich stärker. „Wie kannst du, ,Der das Eisen faltet’, eine zweite Entscheidung treffen. Es kann sich nicht unten und oben zu einer Zeit vom Allsein trennen!“

„Die erstere Entscheidung war nicht vollkommen bemessen! Das Gebälk hat nicht mehr die Kraft, dass es eine Entscheidung tragen könnte!“

„Wohl bemessen ist die Entscheidung dessen, ,Der das Eisen faltet’!“

„Ja, zu spröde und trocken ist das Gebälk!“

Als wären diese Worte das Stichwort gewesen, brach unter lautem Knirschen der Balken unter Kishous Füßen. Der, an den sie sich klammerte, hielt glücklicherweise. Ächzend zog sie sich an ihm hoch. Sie umklammerte ihn mit den Beinen und schob sich langsam vorwärts.

„Das Gebälk hat entschieden!“, hörte sie die aufgeregten Rufe unter sich.

„Es trennt sich dort oben vom Allsein!“

„Genau so, wie ich, ,Der mit der Lanze spricht‘, entschieden habe!“

„Aber wir können nicht dorthin, zu unentschieden ist die Kraft der Balken und Streben!“

„Nun – so habe ich, ,Der das Eisen faltet’, auch richtig entschieden!“

„Ich: ,Den niemand bemerkt’ entscheide, dass nicht du, ,Der das Eisen faltet’, entschieden hat, dass die Kraft des Gebälks zu unentschieden ist, um ein Sein zu tragen, sondern das war der, ,Der vor den Steinen läuft’! Und außerdem ...“

„Wie sollen wir nun entscheiden?

Es war eine Weile nichts mehr zu verstehen, weil alles durcheinanderredete.

„Die, welche die Kraft eines halben Quaders nicht übertreffen, sollen hinterher steigen!“, übertönte eine der Stimmen die Aufgeregtheit.

„Eine wohl bemessene Entscheidung!“

„Das sollte das Sein vom Allsein Trennen!“

„Ich: ,Den niemand bemerkt’, werde vorangehen. Ich messe nur die Kraft eines viertel Quaders und bin ...“

„Du: ,Der den Stein nicht hebt’, du, ,Den der Wind verweht’, du, ,Der zu leise spricht’, und du, ,Den der Speer verfehlt’ gehen voran. Entscheidet alsdann, wer folgen wird!“

„..........!“

„Wie bitte?

„.........!“

„Nein, er hat ebenso entschieden!“

„Was hat er gesagt?“

„Wer?!“

Die folgenden Worte gingen im Knirschen und Knarren des Holzes unter. Man begann offenbar, in das Gerüst hinaufzusteigen. Kishou hatte inzwischen den gegenüberliegenden Querbalken erreicht und hangelte sich mühsam nach oben. Dort, wo sie sich nun befand, war das Gerüst mit dem Felsen verbunden, und einige der dickeren Balken waren in die Wand hineingetrieben. Auf einem der stärkeren tastete sie sich an der Felswand entlang.

Das Knirschen und Knarren kam deutlich näher – sie kamen offensichtlich noch schneller voran, als Kishou befürchtet hatte. Sie beugte sich vorsichtig über eine Verstrebung, um zu schauen, wie weit die Verfolger noch entfernt waren, konnte aber nichts erkennen. Nur das Geräusch ächzender Balken verriet ihre unmittelbare Nähe ... Da klatschte etwas neben ihren Fuß auf das Holz. Eine Hand! Sie erkannte undeutlich ihre Konturen, und wie sie sich an den Balken klammerte. Einen Augenblick erstarrte Kishou – bewegte sich dann mit angehaltenem Atem langsam rückwärts zum Felsen. Ihre Hand tastete hinter ihr nach der Wand – sie müsste sie längst erreicht haben ... Sie wendete sich prüfend um, stolperte über den kleinen Grat eines gesprungenen Brettes und suchte mit rudernden Armen im Dunkel nach der rettenden Wand – mit einem kleinen spitzen Schrei fiel sie ins Leere.

Es waren allerdings keine spröden Bretter auf den sie gefallen war, es war harter steiniger Boden. Sie war in eine Aushöhlung des Felsens gefallen. Ein großes Loch in der Wand, das sich jedoch zu niedrig erwies, als dass sie sich darin aufrichten konnte. Gehetzt sah sie um sich, doch der weitere Weg der Flucht war nun vorgegeben. Ein Zurück war unmöglich.

Es war stockdunkel. Langsam kroch sie auf allen Vieren in die Höhlung hinein. Sie machte offenbar eine kleine Biegung, denn plötzlich schien es ihr, als würde sie den schwachen Schein eines Lichtes in der pechschwarzen Dunkelheit erkennen – und schon bald vernahm sie mahlende Geräusche und ein dumpfes Dröhnen. Der Einstig verbreiterte sich allmählich, und tatsächlich eröffnete sich am Ende des Tunnels ein gigantischer unterirdischer Hohlraum.

Viel war nicht zu erkennen. Einige spärliche Fackeln ließen gerade einmal erahnen, worum es sich hier handeln könnte. Es schien eine Art Bergwerk zu sein. Außer verschiedenster Geräusche und diesem dumpfen Dröhnen, dessen Herkunft nicht zu orten war, war nichts auszumachen ... Vor allem keine Kapuzenmänner, wie sie mit Erleichterung feststellte. Der Ausstieg war nicht zu ebener Erde, sondern lag um einiges über dem Boden des Zugangs, den sie zur Flucht genutzt hatte.

Mit einiger Mühe gelang es ihr, den steilen Hang herunter zu kommen. Außer Atem von der Anstrengung setzte sie sich am Fuße des Abstiegs in eine sandige Stelle auf den Boden, und versuchte erst einmal ein wenig Atem zu schöpfen und zur Besinnung zu kommen. Die Gedanken purzelten wild durcheinander, und es war kalt hier drinnen. Sie streichelte ihr Bäuchlein, und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Seltsamerweise spürte sie keine Angst – zumindest keine, die sie als solche bezeichnen würde nach all dem, was sie an Panikerfahrungen nun schon hinter sich hatte. Sie fühlte sich eher wie eine Maus, die versuchte dem Adler zu entkommen.

Aber wie sollte sie hier wieder herausfinden? ... und wie dann noch unbemerkt weg von diesen seltsamen Gestalten, die einen Eindruck machten, der jenseits jeder geringsten Freundlichkeit lag?

Ihre Augen suchten den schummrigen Raum ab. Aber die wenigen Fackeln verbreiteten ihr Licht kaum bis zu den Halterungen, mit denen sie im Fels verankert waren. Die dunklen Wände schluckten den Rest.

Als einige kleine Steinchen den Abstieg herunterrollten und neben ihr zum Stillstand kamen, wusste sie, dass sie nicht mehr allein war. ...

„Dort unten trenne ich etwas vom Allsein, das nicht das Maß eines Steins hat!“, hörte sie ein dunkles, aufgeregtes Rufen von oben.

„Wer entscheidet das?“

Fast im selben Moment bohrte sich mit einem gleichsam belanglosen ,Ratsch’ etwas zwischen ihre Beine in den sandigen Untergrund. Gleichzeitig vernahm sie das Aufschlagen von Metall auf Stein, und das Klappern von Stangen, die so schnell im Schotter nicht zur Ruhe kamen. Speere! Sie warfen mit Speeren nach ihr.

Der Gedanke hatte kaum Zeit, in ihr Bewusstsein zu gelangen – sie rannte bereits. Sie rannte und stolperte ins Dunkel hinein. Der zum großen Teil felsige Untergrund war sehr uneben, aber es gelang ihr erst einmal aus der Reichweite der Speere herauszukommen. Das Geklapper hörte auf.

Immer wieder tauchten schemenhaft, große, grobe Felsen vor ihr auf, denen sie ausweichen musste. Das Dröhnen wurde stärker, je tiefer sie in den Höhlenraum eindrang. Es schien von unten herzukommen, denn der Boden zitterte etwas.

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Volume:
360 p.
ISBN:
9783754135525
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