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Michael Benesch
Der Dialog in Beratung und Coaching

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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1. Auflage 2020
Copyright © 2020 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
facultas, Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung
sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.
Umschlagfoto: © mediaphotos/iStock
Lektorat: Astrid Fischer, Berlin
Satz: Wandl Multimedia-Agentur
Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Printed in Germany
UTB-Nummer: 5343
ISBN 978-3-8252-5343-1
ISBN Online-Leserecht 978-3-8385-5343-1
eISBN 978-3-8385-5343-6
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Prolog: Der Dialog in Beratung und Coaching
1Psychologie und Dialog
1.1Theory of Mind
1.2Spiegelneurone
1.3Heuristiken, Automatismen und Bauchgefühl
1.4Sozialer Druck
1.5Konstruktivismus und Dialog
2Begriffe des Dialogs
2.1Thinking und Thought
2.2Feelings und Felts / Embodiment
2.3Fragmentierung
2.4Inner State und das Unbewusste
2.5Emotionen
2.6Mentale Modelle
2.7Die Philosophie des „Ich und Du“ von Martin Buber
3Ein dialogisches Beratungsmodell für die Praxis
3.1Das DI•ARS-Beratungsmodell
3.2Die Primären Felder des DI•ARS-Beratungsmodells
3.2.1Das Primäre Feld „Holismus“
3.2.2Das Primäre Feld „Detailtreue“
3.2.3Das Primäre Feld „Motivation/Intention“
3.2.4Das Primäre Feld „Tun“
3.2.5Die Vermittlerin „Emotionale Regulation“
3.3Das DI•ARS-Modell in der Anwendung: Coaching
3.4Interventionen: Eine Übersicht
3.4.1Vom Holismus zur Detailtreue
3.4.2Von der Detailtreue zum Holismus
3.4.3Von der Motivation/Intention zum Tun
3.4.4Vom Tun zur Motivation/Intention
4„Erleichterer“ für die dialogische Beratung
4.1Aktives Zuhören
4.2Synchronisierung auf (körper-)sprachlicher Ebene
4.3Humor und humorgeleitete Provokation
4.4Bildhafte Sprache mit allen Sinnen und Pausen im Präsens
4.5Vage Sprache
4.6Persönlichkeitsanteile wahrnehmen
4.7Denkprozesse anstatt Denkprodukte
4.8Verschränkung von Ausdrucksebenen: Sprache, Bilder, Gefühle
5Rahmenbedingungen dialogischer Gesprächsführung in der Gruppe
5.1Symbole und Regeln
5.1.1Hierarchie vernichtet Dialog
5.1.2Das Redesymbol
5.1.3Die Mitte
5.2Vielfalt im Gruppendialog
6Grundkompetenzen einer dialogischen Berater-Haltung
6.1Der Umgang mit widersprüchlichen Wahrnehmungen
6.2Erkunden und Plädieren
6.3Systemisches Denken
6.4Zwölf dialogische Kompetenzbereiche
7Fallbeispiele dialogischer Prozesse
7.1Dialog in der Gruppe
7.2Das DI•ARS-Modell als Tool für Führungsaufgaben
8Praktische Übungen zur dialogischen Kompetenzerweiterung
8.1Übungen zur Stärkung des Feldes „Holismus“
8.2Übungen zur Stärkung des Feldes „Detailtreue“
8.3Übungen zur Stärkung des Feldes „Motivation/Intention“
8.4Übungen zur Stärkung des Feldes „Tun“
8.5Übungen zum Suspendieren von Annahmen
8.6Übungen zum Entschleunigen, Schweigen und Zuhören
8.7Übungen zu Beobachten versus Bewerten
8.8Übungen zum Verändern von Mustern
8.9Übungen zu mentalen Modellen
Nachwort
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Quellenverzeichnis für Abbildungen und Tabellen
Literaturverzeichnis
Zum Autor
Personenregister
Sachregister
Vorwort
Der Dialog als Kommunikationshaltung findet seit den 1990er-Jahren auch im deutschen Sprachraum immer mehr Zuspruch. Dabei ist gar nicht klar, was mit „Dialog“ gemeint ist, solange man den Begriff nicht irgendwie definiert und anhand praktischer Beispiele erklärt. So unterschiedlich wie die (theoretischen) Zugänge sind auch die Anwendungsfelder und Zielgruppen der „Dialoge“.
Seit meinem ersten Dialogbuch („Psychologie des Dialogs“), erschienen 2011 in diesem Verlag, hat sich mein persönlicher Zugang verändert, auch – aber nicht nur – weil ich vieles aus dem Bohm’schen Dialog-Gerüst für mich adaptiert und mit eigenen Erfahrungen aus der Beratungspraxis als Arbeits- und Wirtschaftspsychologe kombiniert habe. Im Laufe der Jahre war für mich vieles, von dem ich früher überzeugt war, unwichtig, oft auch unbrauchbar geworden. So halte ich den „weichen“ dialogischen Zugang (und dabei geht es keineswegs immer um Kerzen, Blumenkränze und Kreistänze) zwar im privaten Bereich durchaus für spannend und sinnvoll, im Kontext von Organisationen und professioneller Beratung von Gruppen und Einzelpersonen ist er jedoch zumeist ungeeignet.
Transferiert man diese weicheren dialogischen Ansätze also in Unternehmen, verlieren sie oft ihre Einzigartigkeit, auch wenn das Vorgehen auf seriösen Fundamenten aufgebaut ist. Sie sind mehr alter Wein in neuen Schläuchen als das, was einen Dialogprozess im Bohm’schen Sinn ausmacht. Dieser nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und erfordert ein hohes Maß an Anstrengung, Überzeugungsarbeit und Geduld. Die daraus entstehenden längerfristigen Konsequenzen wären für gewinnorientierte Unternehmen durchaus die Mühe wert, aber das ist ein eigenes Thema …
So haben für mich die klassischen Rahmenbedingungen, unter denen Dialoge meist stattfinden und wie sie von vielen Autoren – nicht nur von David Bohm – kommuniziert werden, mittlerweile an Bedeutung eingebüßt. An ihre Stelle ist eine bestimmte „dialogische Grundhaltung“ gerückt, die von diesen Rahmenbedingungen nahezu unberührt bleibt. Dies ist sicher zu einem erheblichen Teil meinem gewachsenen Interesse an der Arbeit mit Hypnose sowie der psychologischen PSI-Theorie (Persönlichkeits-System-Interaktionen) von Julius Kuhl geschuldet, dessen Ansatz zur Erklärung der menschlichen Persönlichkeit ich aus zwei Gründen für enorm wichtig halte: Zum einen ist sie wissenschaftlich hochseriös, philosophisch sowie erkenntnistheoretisch außerordentlich spannend und zudem in vielen Bereichen empirisch fundiert. Zum anderen hat Kuhl aus vielen bekannten Theorien und Modellen das Beste genommen, in die PSI-Theorie integriert und daraus (v. a. in Zusammenarbeit mit Maja Storch) praktisch umsetzbare Prozesse abgeleitet. Ich halte es für bedauerlich, dass die PSI-Theorie in der universitären Lehre, zumindest in Österreich, noch nicht wirklich angekommen ist. Jedenfalls bildet sie die Grundlage (und viel mehr) für die Vernetzungen mit meinen eigenen beraterischen Erfahrungen und hypnosystemischen Zugängen, was bei der Lektüre des Kapitels über das DI•ARS-Modell für jeden sofort ersichtlich sein wird, der schon Bekanntschaft mit der PSI-Theorie gemacht hat. Ebenso hat mich die Arbeit von Manfred Prior sehr positiv beeinflusst, was sich wohl bei der Lektüre über die „Erleichterer“ in diesem Buch und in Kenntnis von Priors Werken und Seminaren unmittelbar erschließt.
Das DI•ARS-Modell hilft mir dabei, meine Beratungs- und Coachingprozesse zu strukturieren und gleichzeitig wichtige dialogische Prinzipien in der Arbeit mit meinen Klienten nie außer Acht zu lassen. Aus diesem Grund nimmt es einen breiten Raum im Buch ein. Das ist das Schöne am Beraterberuf: Letztlich lernt man bei der Arbeit mit Menschen ständig dazu und durchlebt kontinuierlich Entwicklungsprozesse, was gerade aus dialogischer Sicht wesentlich ist für die Qualität der Arbeit. Wenn in der Literatur von der „Haltung des Lernenden“ die Rede ist, zielt dies genau darauf ab.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei meinem alten Studienfreund Rudi Adamcyk für die kritische Durchsicht einiger Kapitel und wertvolle Anregungen, die mein Denken stets sehr bereichern, und bei Mag. Attila Amon, der bereit war, zwei Fallbeispiele zu Papier zu bringen, die darstellen, wie er das DI•ARS-Modell im Rahmen der Mitarbeiterführung praktisch einsetzt. Mein Dank gilt auch MMag. Dr. Sigrid Mannsberger-Nindl vom Facultas Verlag, die als verlässliche Ansprechpartnerin nun schon bei meinem vierten Buch den Entstehungsprozess im bestmöglichen Sinn unterstützt hat.
| Waidhofen an der Thaya, im Mai 2020 | Dr. Michael Benesch |
Anmerkung:
Auf geschlechtergerechte Formulierungen wird im Text zur besseren Lesbarkeit verzichtet, personenbezogene Begriffe beziehen sich stets auf alle Geschlechter.
Prolog: Der Dialog in Beratung und Coaching
Das Wort Dialog steht praktisch synonym für Unterredung, für mündliche oder schriftliche Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Personen, mit abgeleiteten Begriffen wie Monolog, Trialog oder Polylog. Bekannt ist der sogenannte Sokratische Dialog, dessen Ziel es ist, durch geschicktes Fragen dem Gegenüber dabei zu helfen, verborgene Erkenntnisse zu gewinnen, Verschüttetes an die Oberfläche zu befördern und so einer Problemlösung zugänglich zu machen. Man spricht von der Mäeutik, der Hebammenkunst, weil man – einer Hebamme gleich – neuen Gedanken zur Geburt verhilft.
Zum Dialog, meist verbunden mit dem Namen David Bohm (und Martin Buber als Quelle für philosophische Grundlagen des Dialogs, wenngleich der US-amerikanische Physiker Bohm den Namen des jüdischen Religionsphilosophen Buber höchstwahrscheinlich gar nicht kannte), gibt es mittlerweile eine Reihe von Büchern, es werden Seminare und Ausbildungen angeboten, Dialog-Runden im öffentlichen wie privaten Raum und vieles mehr veranstaltet. Ein allgemein akzeptierter, einheitlicher Rahmen für den „Dialog“ ist nicht vorhanden, es gibt keine kongruente oder gar empirisch fundierte Theorie dahinter, sondern eben viele Zugänge aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Deshalb muss, möchte man sicherstellen, vom Gleichen zu sprechen, der Begriff Dialog definiert werden: Was versteht man darunter? Gibt es Rahmenbedingungen, unter welchen dialogisiert wird? Orientieren wir uns an dem sehr offenen Zugang von David Bohm oder blicken wir zu William Isaacs, der (am Massachusetts Institute of Technology in Boston) einen an den Begriff der Lernenden Organisation angelehnten Dialog-Zugang entwickelt hat?
Hat man für sich eine Idee, eine einigermaßen konsistente Definition von „Dialog“ entwickelt, kann man nach Wegen suchen, diese Idee in eigenen Beratungsprozessen so umzusetzen, dass man – und dies ist besonders wichtig – zum einen authentisch mit der eigenen Persönlichkeit und zum anderen mit klaren, überlegten Zielen vor Augen willensstark den eigenen Weg als „dialogischer Berater“ zu gehen vermag.
Dass es keine empirische „Dialog-Theorie“ gibt und somit auch jeder vollkommen frei ist, den Dialog in seinem Sinne zu verwenden, ist einerseits eine Chance, andererseits aber eben auch mit der Notwendigkeit verbunden, zunächst klarzustellen, was man unter Dialog versteht. Wer ein Dialog-Seminar bucht, kann sich in der Situation wiederfinden, unter freiem Himmel, bei Lagerfeuer und Tänzen der germanischen Muttergöttin Frigg zu huldigen oder auch in einem neutralen Besprechungsraum mit Flip-Chart und Beamer zu sitzen und sachlich dialogische Ideen, Ansätze, Prinzipien und Abläufe zu besprechen und einzuüben, mit dem Ziel, die Gesprächskultur im Unternehmen zu verbessern. Es kann sein, dass die Vertreter ersteren Zugangs das, was sich im Besprechungsraum abspielt, gar nicht als dialogisch in ihrem Sinn verstehen und vice versa. Oft liegen dem persönlichen Dialog-Begriff (auch implizite) Annahmen zugrunde, die – gar nicht dialogisch – verteidigt werden. Alles ist möglich, was auch gut ist, denn jeder Topf soll die Chance haben, seinen Deckel zu finden, und jeder kann sich frei entscheiden, in welche Richtung er gehen möchte. Die Welt ist vielfältig.
Wie immer man den Dialog definieren möchte, es gibt wohl eine Reihe von Charakteristika, welche von den meisten Anwendern als zentral aufgefasst werden. Exemplarisch seien erwähnt: nicht durcheinander sprechen (egal, ob man ein Redesymbol verwendet oder nicht), alle Ansichten sind bedeutsam, man begegnet den anderen mit einem gewissen Respekt (auch wenn es manchmal schwerfällt), Buber’sche Gedanken vom Ich und Du werden zumindest gestreift und es sollen Denkprozesse sichtbar gemacht und nicht nur Meinungen verteidigt werden (was wiederum bedingt, dass man sich an gewisse Grundsätze in der Gesprächsführung hält).
Dabei ist es überhaupt nicht von Bedeutung, ob zwei Individuen versuchen, miteinander „dialogisch“ umzugehen, oder ob es sich um eine Gruppe von 40 Personen handelt – oder ob man daran geht, dialogische Prinzipien auf sich selbst anzuwenden. Wesentlich ist das kreative, offene Kommunikationsfeld, das bis zu einem gewissen Maß das Unbestimmte, Unvorhersehbare, man kann sagen: das Chaotische, zulässt – natürlich innerhalb gewisser Grenzen.
Der Mensch, so auch der Rat- oder Hilfesuchende, hat oft Angst vor dem unerforschten Gebiet, aber bringt (hoffentlich) die Neugier mit, es zu betreten, ebenso wie der Berater. In einem derartigen sozialen Interaktionsprozess muss eine Balance gefunden werden zwischen kreativem Chaos und geregelten Bedingungen. Wenn man glaubt, alles kontrollieren zu müssen, ist dies das Ende jedweder Kreativität. Der dialogische Zugang bedeutet auch die Suche nach dieser Balance zwischen dem angstmachenden, unerforschten, wilden Gebiet und der ordnenden, vertrauten, ritualgeprägten kulturellen Welt des Vorhersehbaren und Vertrauten.
Im vorliegenden Buch werden zwei Ansätze verfolgt. Zum einen geht es um die „Psychologie des Dialogs“: um Denkprozesse, verzerrte Wahrnehmungen, soziale Einflüsse auf die Kommunikation, die Rolle von Intuition und Emotionen und dergleichen. Es ist wichtig, sich als Berater damit zu beschäftigen, welche Strukturen und Muster unserem Denken zugrunde liegen. Zum anderen werden Wege aufgezeigt, die einen Berater, der seine Tätigkeit dialogischer gestalten möchte, dabei unterstützen können. Das DI•ARS-Beratungsmodell liefert dafür eine Struktur, weil es den Berater immer wieder daran erinnert, sich Hypothesen zu bilden, die auch wieder verworfen werden können (und sollen, alleine schon deshalb, weil sich Menschen und Situationen verändern), und weil es die Komplexität des Beratungsgeschehens mithilfe eines relativ einfachen Modells herunterbricht, was zur Übersichtlichkeit beiträgt.
Diesen beiden Ansätzen nähert sich das Buch in drei Schritten: Zunächst werden in Kapitel 1, 2 und 3 die Grundlagen ausgeführt. Dabei geht es einerseits um ausgesuchte Aspekte der Psychologie, darum zu verstehen, was unser Verhalten und unsere Wahrnehmung sowohl als Individuum als auch als soziales Wesen in der Gruppe ausmacht. Zum anderen werden die wesentlichen Begriffe des Dialogs nach David Bohm sowie das DI•ARS-Modell vorgestellt, das dabei unterstützen soll, dialogische Prinzipien in der Beratungspraxis zu implementieren. Während der Dialog in der Tradition von David Bohm auf Gruppenprozesse fokussiert, bietet sich das DI•ARS-Modell in erster Linie für individuelle Beratungs- bzw. Coachingsituationen an.
In einem zweiten Schritt werden in den Kapiteln 4, 5 und 6 Wege bzw. Bausteine erläutert, welche die dialogische Beratung unterstützen und intensivieren können. Die vorgestellten „Erleichterer“ aus unterschiedlichen beraterischen Zugängen, die dialogischen Rahmenbedingungen sowie die dialogischen Kompetenzen des Beraters beziehen sich dabei besonders auf die individuelle Beratung (Kapitel 4 und 6) und auf Gruppensituationen (Kapitel 5).
Kapitel 7 und 8 widmen sich schließlich der praktischen Umsetzung. Fallbeispiele zeigen, wie der Gruppendialog im betrieblichen Managementkontext und das DI•ARS-Modell in der Einzelberatung umgesetzt werden können. Eine Vielzahl von Übungen liefert Anregungen für dialogische Beratung in der professionellen Beratungspraxis, aber durchaus auch für den privaten Bereich.
Im Buch werden immer wieder die Begriffe „Energie“, „Selbst“ und „Unbewusstes“ verwendet. Ich benutze diese Worte in einem alltagssprachlichen Sinn. Über „Energie“ als psychologischen Begriff kann man lange diskutieren, obgleich es im normalen Wortgebrauch überhaupt nicht problematisch ist zu sagen: „Energie fließt von einem psychischen System in ein anderes“ – man weiß, was damit gemeint ist.
Das „Unbewusste“ war für Freud1 eher ein Ort („psychischer Ort“: auch das ein gewaltiger Begriff, der schnell einmal so dahingesagt ist) verdrängter, dunkler Inhalte. Im vorliegenden Buch ist mit dem Unbewussten ein solcher gerade nicht gemeint, sondern etwas sehr Positives, „Weises“, ein weit verzweigtes und großteils zumindest im Moment nicht bewusstes Netzwerk von Erfahrungen, Ideen, Phantasien, intelligenten Intuitionen und Lösungswegen, Gefühlen und vielem mehr, auf das wir im Grunde zugreifen können. Das „Selbst“ als Konstrukt ist in diesem Unbewussten angesiedelt, aber weder das Selbst noch das Unbewusste sollten verdinglicht werden. Es handelt sich schlicht um Hilfskonstruktionen, damit Begriffe zur Verfügung stehen, über die man sich austauschen kann. Es gibt keine Orte, an denen sich „Dinge“ wie das Unbewusste oder das Selbst aufhalten. Deshalb plädiere ich dafür, mit diesen Begriffen locker und nicht zu streng umzugehen, denn solch eine Lockerheit bereitet auf einer alltagssprachlichen Ebene üblicherweise keine Probleme. Die Begriffe stehen einfach für psychische Funktionen, man benutzt sie, um Konstruktionen zu beschreiben. Und wir sind daran gewöhnt: Alltagssprachlich hat wohl kaum jemand ein Problem mit Begriffen wie Liebe, Freundschaft, Feindseligkeit oder Glück. Wir können uns wunderbar darüber unterhalten, so wie wir sagen: „Ich stehe auf der Mariahilfer Straße“, obwohl wir unser Auto meinen. Die Wissenschaft verkompliziert Benennungen notwendigerweise und aus guten Gründen, aber im Rahmen des vorliegenden Buches ist meiner Meinung nach der alltagssprachliche Zugang zu solch schwierigen Begriffen vollkommen ausreichend.
1 Psychologie und Dialog
Wenn Sie Abbildung 1 betrachten, werden Sie – wie über 90 Prozent aller Erwachsenen – ein Liebespaar erkennen.2
Bei genauerem Hinsehen werden Ihnen aber ebenso Delphine auffallen, das Bild vermittelt Doppelbotschaften. Wir haben die Darstellung auch Kindern im Alter von ca. vier bis acht Jahren vorgelegt, mit dem Ergebnis, dass über 80 Prozent tatsächlich zuallererst die Tiere sahen und nicht zwei Liebende. Die Art der Wahrnehmung von Informationen, deren Verarbeitung und schließlich auch die Konstruktion von Normen und Wertmaßstäben ist ein Resultat primär sozialer Interaktionsprozesse. Die Rolle der Sozialisation für unsere (sinnliche) Wahrnehmung und Heranbildung von Verhaltensweisen und Wertvorstellungen kann kaum überschätzt werden.

Abb. 1: Eine mehrdeutige Botschaft: Delphine oder Liebespaar? (© Sandro Del-Prete)
Wenn wir zunächst einmal vom Einfluss der Sozialisation auf unsere Werte und Normen absehen und einigermaßen banale Wahrnehmungstatsachen betrachten, so stoßen wir gleich auf sehr interessante und bezeichnende Phänomene. In replizierten Experimenten wurde nachgewiesen, dass Kinder aus der sogenannten Unterschicht Geldmünzen anders, nämlich größer, einschätzen als Kinder aus wohlhabenden Gesellschaftsschichten. Der Grad der Valenz eines Objektes, hier also der Münzen, beeinflusst tatsächlich die subjektive Größenschätzung (Zimbardo 1992, S. 185).
Der US-amerikanische Philosoph und Psychologe George Herbert Mead3 stellte bereits vor über 100 Jahren in seiner Theorie des symbolisch vermittelten Interaktionismus die Abhängigkeit der Entwicklung des individuellen Denkens von der Gesellschaft, ihren Normen und Werten fest und kam zu dem Schluss, dass der Mensch notwendigerweise eine ethnozentrische Weltauffassung haben müsse. Die Werte der Gesellschaft werden also aufgenommen, adaptiert, ausprobiert und damit aber auch gefestigt. „Der Heranwachsende [adaptiert] letztendlich auch deren [gemeint ist die Bezugsgruppe] Weltanschauung und damit den (vor-)theoretischen Hintergrund und die Vernunftsgrundsätze, mit denen er sich ,die Welt‘ erklärt“ (Stavemann 2007, S. 56). Als Menschen sind wir nahezu ständig auf der Suche nach Erklärungen für die Welt. Wir hätten gerne Antworten auf die Warum-Fragen unseres Lebens: Warum bevorzugt diese Frau einen anderen? Aus welchem Grund bin nicht ich Abteilungsleiter geworden? Warum kommt die Person, mit der ich einen Termin habe, zu spät?
Der Mensch sucht nach kausalen Faktoren für Verhaltensweisen, Ereignisse und Ergebnisse. Der österreichische Gestaltpsychologe Fritz Heider formulierte in den 1960er-Jahren mit der Attributionstheorie eine der bekanntesten psychologischen Theorien im Zusammenhang mit sozialen Kognitionen und Beziehungen. Zur Attributionstheorie gibt es mittlerweile Tausende von Studien, ihre Aussagen gelten empirisch als sehr gut gesichert.
Die Attributionstheorie ist „ein allgemeiner Ansatz zur Beschreibung der Art und Weise, in der ein sozial Wahrnehmender Informationen nutzt, um kausale Erklärungen zu generieren“ (Gerrig/Zimbardo 2008, S. 637). Heider zufolge stellen wir primär zwei Fragen:
a) Liegen die Ursachen in der Person (internale oder dispositionale Kausalität) oder in der Situation (externale oder situationale Kausalität)?
b) Wer ist für das Ergebnis verantwortlich?
Harold Kelley erweiterte die Attributionstheorie und stellte fest, dass die Menschen vor allem in Situationen der Unsicherheit Kausalattributionen4 vornehmen. Wir kämpfen mit diesen Unsicherheiten, aber haben fast nie ausreichende Informationen zur Erklärung von Ereignissen oder Verhaltensweisen, weswegen wir – nach Kelley – das Kovariationsprinzip anwenden: Der Mensch schreibt zur Erklärung die von ihm beobachteten Verhaltensweisen und Ereignisse einem Kausalfaktor zu, „wenn dieser Faktor immer dann gegeben war, wenn das Verhalten aufgetreten ist, aber nicht gegeben war, wenn das Verhalten nicht aufgetreten ist“ (ebd., S. 638).
Ein Beispiel: Ein Arbeitskollege kommt verspätet in eine wichtige Teambesprechung. Alle waren pünktlich da, nur er nicht. Welche Überlegungen würden Sie anstellen, um herauszufinden, was da los ist?
Nach Kelley sind es vor allem drei Dimensionen, die wir heranziehen, um Verhalten zu erklären:
a) Distinktheit: Ist das Verhalten spezifisch für eine bestimmte Situation – ist er in der Regel pünktlich oder unpünktlich?
b) Konsistenz: Tritt dieses Verhalten wiederholt als Reaktion auf diese Situation auf – ist er in der Vergangenheit pünktlich gekommen?
c) Konsens: Zeigen andere Menschen auch dieses Verhalten in einer vergleichbaren Situation – kommen die anderen normalerweise pünktlich oder unpünktlich?
Welches der beiden Erklärungsmodelle würden Sie eher wählen:
• Er hat gerade erfahren, dass sein Auto gestohlen wurde.
• Er soll sich zusammennehmen und zu einer so wichtigen Besprechung pünktlich kommen.
Im Durchschnitt wählen die meisten Menschen eher die zweite Erklärung, die sich auf eine Disposition bezieht: Die Ursache liegt im Menschen und nicht in der Situation. Da diese Tendenz sehr stark ist, hat der Sozialpsychologe Lee Ross sie als den fundamentalen Attributionsfehler bezeichnet. Wir neigen dazu, menschliche Faktoren über- und Situationsfaktoren unterzubewerten, mit anderen Worten: Der Mensch ist eher verantwortlich als die Umwelt.
Weitere Beispiele solcher Verzerrungen sind der Self-Serving Bias und die Self-Fulfilling Prophecies. Self-Serving Bias bedeutet: Menschen neigen dazu, die Verantwortung für Misserfolge anderweitig zu suchen, etwa bei anderen Menschen oder der Situation an sich. Das Konzept der selbsterfüllenden Prophezeiungen sagt aus, dass wir unser Verhalten oft so anpassen, dass unsere Erwartungen eben dadurch eintreten.
Ein Beispiel: Wird jemand zu einer „kreativen Besprechung“ eingeladen, wo er für ihn ungewohnt im Kreis sitzen und mit einem Redesymbol hantieren soll, und empfindet diese Person solche Umstände als „irgendwie blöd“, kann es passieren, dass er durch sein Verhalten die Besprechung aktiv in eine Richtung lenkt, die seine ablehnenden Vorerwartungen voll bestätigt.
Warum sind psychologische Theorien wie die Attributionstheorie und ihre Verfeinerungen, beispielsweise das Kovariationsprinzip, als Modell für den Dialog wichtig? Sie sind es vor allem deshalb, weil wir sehr anfällig sind für Verzerrungen in unserer Wahrnehmung und unserem Denken, die uns aber zumeist eben nicht bewusst sind! Darin liegen gewisse Gefahren und der Dialog gibt uns viele Möglichkeiten, durch das gemeinsame Denken und die dadurch angeregte Innenschau diese Biasquellen5 zielgerichtet zu reflektieren und sie bis zu einem gewissen Maß zu überwinden. Prinzipien wie das „Inder-Schwebe-Halten von Annahmen“ (siehe S. 151) oder die „Leiter der Schlussfolgerungen“ (siehe S. 58) sind dabei hilfreich.
1.1 Theory of Mind
Unter Theory of Mind versteht man die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen, um deren Gefühle, Wünsche, Absichten usw. zu verstehen. Wir entwickeln normalerweise so etwas wie eine Theorie über das, was in anderen vorgeht – eine Theory of Mind. Dass wir dazu in der Lage sind, „ist die Grundlage sozialen, ,sittlichen‘ Verhaltens. Ohne Interesse am anderen, ohne Gefühl für dessen Bedürfnisse und ohne differenziertes Verständnis seiner Perspektiven entwickeln sich weder Mitgefühl noch Rücksicht oder Respekt“ (Förstl 2007, S. 4). Verwandte Konzepte zur Theory of Mind sind beispielsweise:6
Empathie: Das Verhalten anderer löst Resonanz, Einfühlung aus, bis hin zu teilweiser Identifikation. Man übernimmt also – unter Wahrung einer beobachtenden Distanz – die Innenperspektive einer anderen Person. Dem liegt wohl das Bestreben zugrunde, Informationen über Menschen, mit denen wir zu tun haben, einzuholen und zu beurteilen. Wir versetzen uns also in einen anderen hinein, auch um sein Verhalten zu verstehen. Ursprünglich bezog sich der Begriff auf das Verstehen von Kunstwerken.
Mimesis: Man versucht, durch Nachahmung eine Annäherung an die Innenperspektive zu erreichen.
Alltagspsychologie: Darunter versteht man die Neigung, etwa Personen oder Zustände mit „psychologisierenden“ Begriffen zu beschreiben. So könnte beispielsweise das Verhalten einer Person, in einer Gruppe zu schweigen, als Ausdruck von „Minderwertigkeitskomplexen“ erklärt werden.
Zweifellos haben wir das Bedürfnis, eine gewisse Sicherheit oder Stabilität zu erfahren. Wir möchten relevante Ereignisse in der Umwelt vorhersagen. Sieht mich eine andere Person auf eine Weise an, die ich als aggressiv deute, gehe ich von einer erhöhten Gefahr aus – vielleicht schlägt diese Person zu. Es liegt ein „Vorteil in der Berechnung fremder Absichten […] und sogar im eigenen Verhalten gegenüber anderen Lebewesen [...], als hätten diese ein ähnliches Innenleben mit vergleichbaren Denk- und Handlungsprinzipien wie wir selbst“.7
Es geht also sehr darum, möglichst viele Informationen über die Umwelt und die Menschen darin zu sammeln. Wem diese Fähigkeit fehlt, etwa den sogenannten „Savants“, kann sich in der Umwelt mit ihren komplexen sozialen Beziehungsmustern nicht zurechtfinden: Menschen mit dem Savant-Syndrom können in sehr eingeschränkten Bereichen überdurchschnittliche Leistungen erbringen (etwa ganze Gebäude nach kurzer Betrachtungszeit detailgetreu zeichnen), aber sind in der Regel mehr oder weniger unfähig für ein „normales“ Beziehungsleben. Dies wurde schon als Beleg dafür herangezogen, dass die Theory-of-Mind-Leistungen einen sehr großen Teil unserer kognitiven Ressourcen einnehmen.
Bereits in den 1950er-Jahren konnte nachgewiesen werden, „dass das Betrachten von Filmsequenzen zu ähnlichen elektroenzephalografischen Änderungen führte wie selbstinitiierte Handlungen“.8 Der Mensch ist normalerweise gut in der Lage nachzuempfinden, was in einem anderen vorgeht oder vorgehen könnte, und erstaunlicherweise kann die bloße Vorstellung alleine schon körperlich messbare Wirkungen entfalten. Diese messbaren Wirkungen sind von denen, die auftreten, wenn sie selbst durchgeführt werden, kaum bis gar nicht unterscheidbar. Das führt uns zu einem kurzen Ausflug in die Welt der Spiegelneurone.
1.2 Spiegelneurone
Es ist eine gar nicht neue Entdeckung, dass Menschen, die irgendwie miteinander in Kontakt stehen, sehr oft Handlungen zeigen, die nahezu parallel ablaufen. Das Gähnen ist ein viel zitiertes Beispiel: Es ist ansteckend. Oder beobachten Sie einmal einen Erwachsenen, der mit einem Kleinkind kommuniziert: Seine Stimme wird höher, ähnlicher der eines Kindes, und er beugt sich nach unten, um sich auch größenmäßig dem Kind anzugleichen. Ja selbst wenn wir ein Kind mit dem Löffel füttern, öffnen wir selbst den Mund, wenn wir Blickkontakt haben.
Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma hat in den 1990er-Jahren anhand von Experimenten mit Affen Entdeckungen gemacht, die vor allem in den letzten zwanzig Jahren eine unglaubliche Resonanz auslösten. Er beobachtete, dass bestimmte Nervenzellen im Gehirn, die für die Ausführung einer Handlung zuständig sind, auch dann aktiv werden, wenn der Affe diese Handlung bei einem anderen Affen nur beobachtete! „Die Beobachtung einer durch einen anderen vollzogenen Handlung aktivierte im Beobachter […] genau das Programm, das die beobachtete Handlung bei ihm selbst zur Ausführung bringen könnte“ (Bauer 2006, S. 22). Derartige Zellen, die ein Programm auch dann aktivieren können, wenn man die Handlung nur beobachtet, bezeichnet man als Spiegelneurone.
Aber das noch Erstaunlichere: „Beim Menschen genügt es zu hören, wie von einer Handlung gesprochen wird, um die Spiegelneurone in Resonanz treten zu lassen“ (ebd., S. 24), und es wurde sogar nachgewiesen, dass es genügen kann, sich eine betreffende Handlung nur vorzustellen (allerdings sind die Effekte dann geringer). Die Spiegelneurone entfalten ihre Wirkung auch bei Gefühlen. Bereits Charles Darwin hat darüber geschrieben, dass sich die meisten emotionalen Reaktionen im Lauf der Evolution aufgrund ihres Nutzens herausgebildet haben und „dass es daher nicht überraschend ist, dass sie von Art zu Art und innerhalb der menschlichen Art von einer Kultur zur anderen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit aufweisen“ (Rizzolatti/Sinigaglia 2008, S. 175).
Ein Beispiel: Ekel ist zweifellos eine sehr alte, überlebenswichtige Emotion (man bedenke, dass das Verspeisen verdorbener Nahrung gefährlich ist). Es stellt sich die Frage: Aktivieren das Ekel ausdrückende Gesicht einer anderen Person und das eigene Empfinden von Ekel exakt die gleichen Regionen im Mechanismus der Spiegelneurone?
Genau das ist der Fall, wie Rizzolatti berichtet (ebd., S. 182). Wenn Versuchspersonen den ekligen Gerüchen direkt ausgesetzt sind, werden u. a. Teile in der rechten und linken Insel aktiviert, und dasselbe geschieht, wenn der Ekel der Personen nur im Video, also rein visuell wahrgenommen wird. Dabei stellte Rizzolatti auch fest, dass der Mandelkern, welcher für Angstempfindungen wichtig ist, beim wahrgenommenen Ekel keine Rolle spielt.
Diese und viele andere Untersuchungen zeigen eindrucksvoll, wie sehr das Verstehen von Emotionen anderer Personen von diesen Spiegelmechanismen abhängt. Rein sensorische Informationen können von den Spiegelneuronen direkt kodiert werden!
Der Spiegelmechanismus ermöglicht es unserem Gehirn, „direkt zu erkennen, was wir anderen tun, sehen, hören oder uns vorstellen, das aktiviert dieselben neuralen […] Strukturen, die für unsere Handlungen oder unsere eigenen Emotionen verantwortlich sind“ (ebd., S. 188).
1.3 Heuristiken, Automatismen und Bauchgefühl
Ein auch für den Dialog äußerst spannendes Thema sind die kognitiven Schnellschüsse, also die sehr rasch ablaufenden Bewertungen beispielsweise von Situationen bei unzureichender Information, sowie das sogenannte „Bauchgefühl“. Bei der Vielzahl an Informationen und unter Berücksichtigung des Umstandes, dass unser Gehirn so arbeitet, wie es arbeitet – mit all den Konstruktionen, die es gemäß seiner Beschaffenheit herstellen muss –, ist es klar, dass wir nur einen kleinen Ausschnitt der uns zur Verfügung stehenden Informationen nutzen können.
Cialdini (Cialdini 2006, S. 336) berichtet von einem amüsanten Wortwechsel zwischen Frank Zappa und dem US-amerikanischen Showmaster Joe Pyne (der eine Beinprothese trug), welcher berühmt dafür war, seinen Gästen mit provozierenden Bemerkungen zu begegnen:
„Pyne: Ich würde sagen, Sie mit Ihren langen Haaren müssten eigentlich eine Frau sein. Zappa: Ich würde sagen, Sie mit Ihrem Holzbein müssten eigentlich ein Tisch sein.“
Natürlich schließen wir, gerade im Alltagsleben, von einigen wenigen Hinweisreizen auf etwas dahinterstehendes Größeres. Wir werden in diesem Buch sehr viele Beispiele dafür kennenlernen und die zugrunde liegenden Mechanismen samt ihren Risiken besprechen. Sehr oft verlassen wir uns bei unseren Einschätzungen auf unser „Bauchgefühl“ und das ist in vielen Fällen auch sehr gut so. Zum einen sind die Wechselwirkungen zwischen dem sogenannten „Verstand“ und unseren Emotionen massiv, zum anderen gibt es Situationen im Leben, in denen eine „rein rationale“ Entscheidungsfindung schlicht lächerlich wäre – wenn man nicht sowieso davon ausgeht, dass diese in unserem Kulturkreis übliche historisch bedingte Trennung von Gefühl und Verstand mehr als entbehrlich ist.
Bei Gerd Gigerenzer (Gigerenzer 2007, S. 13) ist eine nette Anekdote zu lesen – und zwar über einen Ratschlag, den Benjamin Franklin einem Neffen gegeben hatte, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden konnte:
„Wenn du zweifelst, notiere alle Gründe, pro und contra, in zwei nebeneinanderliegenden Spalten auf einem Blatt Papier, und nachdem du sie zwei oder drei Tage bedacht hast, führe eine Operation aus, die manchen algebraischen Aufgaben ähnelt; prüfe, welche Gründe oder Motive in der einen Spalte denen in der anderen an Wichtigkeit entsprechen – eins zu eins, eins zu zwei, zwei zu drei oder wie auch immer –, und wenn du alle Gleichwertigkeiten auf beiden Seiten gestrichen hast, kannst du sehen, wo noch ein Rest bleibt. […] Dieser Art moralischer Algebra habe ich mich häufig in wichtigen und zweifelhaften Angelegenheiten bedient, und obwohl sie nicht mathematisch exakt sein kann, hat sie sich für mich häufig als außerordentlich nützlich erwiesen. Nebenbei bemerkt, wenn du sie nicht lernst, wirst du dich, fürchte ich, nie verheiraten.
Dein dich liebender Onkel
B. Franklin“
Gerade in der heutigen Zeit, in der so viel Wert auf quantitative Daten gelegt wird, also darauf, auch komplexe und im Grunde nur intuitiv zu erfassende Zusammenhänge in Form von Zahlenmaterial darzustellen, kann es zu kuriosen Erscheinungen kommen, wenn etwas sehr Intuitives beispielsweise in Formeln gepresst wird. Ein nettes Beispiel dafür findet sich selbst bei dem „urtypischen“ wahrnehmend-beobachtenden Naturforscher Konrad Lorenz, der sich bekanntermaßen gegen diese quantifizierenden, statistischen Methoden verwahrt hat.9 Er unternahm den Versuch, den Umstand, dass wir uns emotional vom Verhalten eines Tieres angesprochen fühlen, in einer Wahrscheinlichkeitsformel auszudrücken (Lorenz 1988, S. 291):
„Wenn wir uns vom Verhalten eines Tieres emotional angesprochen fühlen, ist das ein sicherer Indikator dafür, daß wir intuitiv eine Ähnlichkeit zwischen tierischem und menschlichem Verhalten entdeckt haben […] Die Ähnlichkeit ist wissenschaftlich erfaßbar:
bei n Merkmalen beträgt ihre Wahrscheinlichkeit
Wir können es ruhig wagen, gerade auch im Bereich des Zwischenmenschlichen, mehr auf unser Bauchgefühl zu hören und nicht immer nach Belegen zu suchen, die durch ihre ausgefeilte Methodik sehr wissenschaftlich und „objektiv“ aussehen. Gigerenzer (Gigerenzer 2007, S. 25) verwendet den Begriff „Bauchgefühl“ synonym mit Intuition und Ahnung,
„um ein Urteil zu bezeichnen,
1. das rasch im Bewusstsein auftaucht,
2. dessen tiefere Gründe uns auch nicht ganz bewusst sind und
3. das stark genug ist, um danach zu handeln.“
Das Bauchgefühl sei demnach nicht nur ein Impuls, sondern habe seine eigene Gesetzmäßigkeit und es bestehe aus zwei Elementen: aus a) einfachen Faustregeln, die sich b) evolvierte Fähigkeiten10 des Gehirns zunutze machen. Nehmen Sie folgendes Beispiel: Wenn man Sie fragen würde, welche Stadt mehr Einwohner hat – Detroit oder Milwaukee, was würden Sie antworten (ebd., S. 15)? Gerd Gigerenzer hat genau diese Frage sowohl seinen US-amerikanischen als auch seinen deutschen Studenten gestellt, mit dem Ergebnis, dass „praktisch alle [Deutschen] die richtige Antwort: Detroit [gaben]“ im Gegensatz zu nur 40 % der amerikanischen Studenten. Das ist irgendwie paradox, denn die deutschen Studenten wussten viel weniger über die amerikanische Geografie Bescheid als ihre Kollegen jenseits des großen Teiches. Viele Deutsche hatten – im Gegensatz zu den amerikanischen Studenten – noch nie etwas über Milwaukee gehört.
Die Lösung ist schlicht: Die Deutschen verließen sich auf einen Automatismus, den man als Rekognitionsheuristik bezeichnet. „Kennst du den Namen der einen, aber nicht den der anderen Stadt, dann schließe daraus, dass die dir bekannte Stadt die größere ist.“ Dieses Prinzip, diese Faustregel, war von den Amerikanern nicht anwendbar – sie wussten einfach zu viel über beide Städte. Natürlich kann man bei solchen intuitiven Urteilen auch total verkehrt liegen. Aber dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass „ein gewisses Maß an Unwissenheit […] also durchaus von Wert sein [kann]“ (ebd., S. 16).
Menschen benutzen unterschiedliche Heuristiken, das sind einfache wie effiziente Regeln zur Beurteilung und Entscheidungsfindung. Sie passieren im Grunde „aus dem Bauch heraus“, oft sind wir nicht in der Lage zu erklären, warum wir eine Situation oder einen Menschen so und nicht anders einschätzen. Dabei lassen wir uns unbewusst gerne von Einflüssen leiten, die äußerst „irrational“ erscheinen.
Eine weitere, häufig verwendete Heuristik ist die Verfügbarkeitsheuristik. Nach dieser ist der Grad der Zugänglichkeit von Informationen die Grundlage für die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Wird jemand gefragt, wie viele Ausländer in seinem Wohnort leben, und hat diese Person keine ausreichenden Daten zur Verfügung, wird sie sich an einzelne Ausländer zu erinnern versuchen. „Je mehr Personen dieser Kategorie ihm einfallen (und je schneller sie ihm einfallen), desto höher wird er ihre Häufigkeit einschätzen“ (Herkner 1996, S. 202).
Dan Ariely, Professor für Verhaltensökonomik am Massachusetts Institute of Technology in Boston, führte einmal ein amüsantes Experiment durch, das zeigt, welch kuriose Einflussfaktoren unsere Einschätzungen beeinflussen können (Ariely 2008, S. 49). Den Versuchspersonen wurden verschiedene Produkte gezeigt (u. a. ein schnurloser Trackball, eine schnurlose Tastatur mit Maus, ein Designbuch und eine Schachtel mit belgischen Pralinen). Anschließend mussten sie auf einem Blatt Papier, auf dem alle diese Produkte aufgelistet waren, angeben, wie viel sie maximal für diese Produkte zu zahlen bereit waren. Der entscheidende Punkt bestand allerdings darin, dass die Personen vorher ersucht wurden, auf das Blatt Papier die letzten beiden Zahlen ihrer Sozialversicherungsnummer zu schreiben (die amerikanischen Sozialversicherungsnummern enden nicht so wie die österreichischen mit dem Geburtsjahr).
Erstaunlicherweise gaben die Personen mit den höchsten Endziffern im Mittel die höchsten Gebote ab, jene mit den niedrigsten waren im Schnitt auch am wenigsten zu zahlen bereit. „Am Ende stellten wir fest, dass die Gebote […] mit Endziffern im Bereich der oberen 20 Prozent um 216 bis 346 Prozent höher lagen als die Gebote derjenigen, deren Endziffern im Bereich der unteren 20 Prozent lagen“ (ebd., S. 51). Dieser unbewusste Automatismus ist doch sehr erstaunlich und zeigt, wie stark wir von unbemerkten Einflüssen gelenkt werden können.
Bei diesem Beispiel handelt es sich nicht um eine Heuristik, sondern um das schlichte Setzen eines Ankerreizes. Solche Anker, unsere auf Heuristiken basierenden Urteile, all unsere kognitiven Schnellschüsse und Automatismen sind wesentliche Faktoren, die unsere Denkmuster, Verhaltensweisen und Beurteilungen mitbestimmen und denen wir uns in aller Regel kaum bis gar nicht entziehen können. Dies alles sollten wir bedenken, wenn wir es mit anderen Menschen zu tun haben – und natürlich auch, wenn wir es mit uns selbst zu tun haben.
1.4 Sozialer Druck
Meiner Meinung nach liegt eines der größten Versäumnisse in der Persönlichkeitspsychologie darin, die Einflüsse der Umwelt nicht in ausreichendem Maß zu beachten. Die typische Vorgehensweise, um ein Persönlichkeitsprofil eines Menschen zu erstellen, ist jene, die Person einen „wissenschaftlich fundierten“ Persönlichkeitsfragebogen ausfüllen zu lassen und dann, im Vergleich mit einer Normgruppe, bestimmte Variablen wie Extraversion, Offenheit, Ehrlichkeit, Neurotizismus usw. hinsichtlich der Stärke ihrer Ausprägung zu beurteilen. Natürlich finden sich in diesen Verfahren auch regelmäßig Items, die eine Selbsteinschätzung abhängig von Situationen verlangen, wie: „Wenn ich einen Raum betrete, in dem sich mir fremde Menschen aufhalten, suche ich das Gespräch.“ Man darf getrost davon ausgehen, dass derartige Selbstbeurteilungen nicht gerade valide sind. Ähnliches gilt auch für die Diagnostik von Leistungsparametern, wie Intelligenzdimensionen oder Aufmerksamkeit und Konzentration. In der Umwelt, der Realsituation, gelten andere Maßstäbe.
Zwar sind die enormen Einflüsse der Situation schon lange bekannt und gut untersucht, aber welche Bedeutung hat die Kenntnis von Phänomenen, wenn sie nicht wirklich beachtet werden? Klassisch sind die Experimente von Solomon Asch,11 die in besonders eindrucksvoller Weise belegen, welchen Einfluss abweichende Gruppenmeinungen auf das Individuum haben können. Versuchspersonen, die glaubten, an einem Experiment zur visuellen Wahrnehmung teilzunehmen, wurden mehrere Linien gezeigt, die sich in ihrer Länge sehr deutlich unterschieden (Abb. 2).

Abb. 2: Die Experimente von Asch zum Gruppendruck (eigene Darstellung)
Im klassischen Asch-Design war nur ein Teilnehmer „naiv“, das heißt, bei allen anderen handelte es sich um eingeweihte Personen. Diese sollten einhellig die gleiche Meinung vertreten, nämlich dass eine deutlich kürzere Linie gleich lang sei wie die Standardlinie. Obwohl in den unterschiedlichen Experimenten stets sehr viele Personen ihre Meinung, die Vergleichslinie sei kürzer, gegen die anderen behaupteten, gab es zumeist einen nicht geringen Anteil von rund 30 % der Teilnehmer, der sich der – offensichtlich falschen – Gruppenmeinung beugte.
Wir befinden uns hier in einem heiklen Spannungsfeld, in einer Art „Dualität von Zurückhaltung und Aufgeschlossenheit“, wie Zimbardo es nennt (Zimbardo 2008, S. 414): Auf der einen Seite haben die Menschen das Bedürfnis nach Abgrenzung und Individualität, auf der anderen Seite empfinden wir ein Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit. Das macht uns wiederum anfällig für Konformität und Überredung. Wir können die Vorteile des einen nicht ohne die Gefahren des anderen kaufen.
Sozialer Druck kann selbstverständlich auch in dialogischen Settings eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Es können in einem Unternehmen etwa unausgesprochene Regeln oder nicht hinterfragbare Annahmen gelten, die zwar akzeptiert, nicht aber gutgeheißen werden. Diese direkt anzusprechen, gar in Frage zu stellen, wird jedoch ob etwaiger zu erwartender Sanktionen als gefährlich betrachtet. Es bedarf einigen Mutes, als Erster dieses Thema zur Sprache zu bringen, weil man als „erfahrener“ Mitarbeiter um den Druck seitens der Kollegen weiß, dieses heikle Thema lieber unter den Tisch zu kehren.
Aus gutem Grund sprechen Martina und Johannes Hartkemeyer von einem Container12, der notwendig ist, eine fest verankerte Basis des Vertrauens im Dialog zu schaffen, um beispielsweise gefährliche Systemarchetypen an die Oberfläche zu bringen. Sie zitieren William Isaacs mit den Worten: „No container, no dialogue“. Damit ist ein auf Wertschätzung und Vertrauen basierender Gruppenzusammenhalt gemeint, der widersprüchliche Ansichten, Gegensätze, Außenseiterrollen und Höhen wie Tiefen des Gruppengeschehens aushält. Die Teilnehmer haben geschützt durch einen solchen Container die Gewissheit, dass normalerweise Unaussprechliches ausgesprochen werden darf, ohne dass der gemeinschaftliche Zusammenhalt grundsätzlich darunter leidet.
„Die Schaffung eines gemeinsamen Containers, basierend auf gegenseitigem Vertrauen in der Gruppe, ist daher notwendig, um den sicheren Raum zu schaffen für Vielfalt und um Spannungen nicht nur zu ertragen, sondern im Sinne eines möglichen Lernfeldes zu begrüßen“ (Hartkemeyer et al. 2001, S. 45).
Gerade ein funktionierender Dialog ermöglicht die Schaffung eines solchen Containers, es handelt sich um einen zirkulären Prozess: Der Dialog unterstützt das Entstehen eines Containers, der Container ist eine Voraussetzung für einen wirklichen Dialog. Alleine daraus wird ersichtlich, dass der Dialog Zeit braucht.
1.5 Konstruktivismus und Dialog
Der Konstruktivismus mit all seinen unterschiedlichen Schulen und Denkrichtungen (von „dem“ Konstruktivismus kann man nicht sprechen) wird oft als eine Art Modephilosophie bezeichnet, was jedoch seinen Wert nicht schmälert. Ein wunderbares Bild für das, was den Konstruktivismus im Grunde kennzeichnet, liefert der Film „Matrix“ mit Keanu Reeves in der Hauptrolle. Die Menschen werden von Maschinen und Computerprogrammen in ihrem Denken, in ihren Illusionen gefangen gehalten und haben praktisch keine Chance zu erkennen, dass ihr gesamtes Leben auf ihrer eigenen gedanklichen Konstruktion beruht.
Der Mensch schafft (konstruiert) sich seine Welt, hat keine Möglichkeit, die Gültigkeit seiner Erkenntnisse zu überprüfen, und kann über die Passung zwischen seiner, der subjektiven Wirklichkeit und einer möglichen „objektiven“ Realität nichts Sicheres aussagen. Im Film glauben die Menschen an eine „Wirklichkeit“, die ausschließlich in ihren Köpfen vorhanden ist und ihnen von Computerprogrammen vorgespielt wird. Zwischen Wirklichkeit und Realität kann nicht unterschieden werden. Die Frage, die sich uns nun stellt, wenn wir uns mit dem Begriff „Konstruktivismus“ beschäftigen, betrifft genau dieses Verhältnis von Wirklichkeit und Realität: Nehmen wir die Welt so wahr, wie sie „ist“, im Sinne einer Abbildfunktion, oder schafft unser Gehirn eigene Wirklichkeiten?
Derartige Gedanken sind alles andere als neu, man denke an das Höhlengleichnis von Platon, die Schriften des Idealisten George Berkeley oder an jene von Immanuel Kant. Dennoch liefern uns konstruktivistische Zugänge äußerst wertvolle Einsichten, und nicht nur das: Sie versorgen uns mit hilfreichen Begriffen, die wir auch im Dialog sinnvoll nutzen können, zumal unzählige neurobiologische Erkenntnisse auf Basis moderner bildgebender Verfahren sich gut mit konstruktivistischen Erklärungsmodellen verbinden lassen.
Es soll im Folgenden kein Überblick über konstruktivistische Entwicklungen und Denkrichtungen gegeben werden. Vielmehr ist es meine Motivation, zu weiterer Beschäftigung mit diesen Denkzugängen im Kontext des Dialogs anzuregen. Falko von Ameln (von Ameln 2004, S. 3) fasst die erkenntnistheoretische Grundüberzeugung konstruktivistischer Ansätze folgendermaßen zusammen:
„1) Das, was wir als unsere Wirklichkeit erleben, ist nicht ein passives Abbild der Realität, sondern Ergebnis einer aktiven Erkenntnisleistung.
2) Da wir über kein außerhalb unserer Erkenntnismöglichkeiten stehendes Instrument verfügen, um die Gültigkeit unserer Erkenntnis zu überprüfen, können wir über die Übereinstimmung zwischen subjektiver Wirklichkeit und objektiver Realität keine gesicherten Aussagen treffen.“
Tatsache ist, dass unsere Nervenzellen unspezifisch feuern, das heißt: Die Impulse, die von ihnen ausgehen, sind nicht qualitativ, sondern nur quantitativ unterscheidbar. Die Neuronen selbst können natürlich für etwas stehen: Auf die Augen treffendes Licht erzeugt auf der Netzhaut Impulse, Schallwellen erzeugen im Innenohr Impulse usw. Diese Impulse werden dann über sogenannte Synapsen, die sich durch Gebrauch verstärken und durch Nichtgebrauch verkleinern, weitergeleitet. Die Zahl der Neuronen im Gehirn beträgt etwa 1010 und da jedes Neuron mit bis zu 10 000 anderen Neuronen Verbindungen besitzt, ergibt sich eine unglaubliche Menge von ca. 1014 Verknüpfungen.13 Verglichen mit der Zahl der Eingänge und Ausgänge (also jenen Fasern, die Informationen von der Außenwelt ins Gehirn transportieren), ist diese Anzahl an internen Verbindungen im Gehirn unglaublich groß, etwa „10 Millionen mal so groß wie die Zahl der Eingänge und Ausgänge zusammen“ (ebd., S. 52). Mit anderen Worten: Das Gehirn ist primär mit sich selbst beschäftigt.
Die Neuronen selbst kennen nur Aktivierung oder Hemmung durch Impulse. Unser Gehirn konstruiert daraus unsere Wahrnehmung. Anders ausgedrückt heißt das: Die Farbe Grün ist keine Eigenschaft der Welt, sie ist eine Konstruktion unseres Gehirns.
Humberto Maturana und Francisco Varela (Maturana/Varela 1987) geben als Beispiel dafür, wie unser „Geist“ die Welt um uns herum konstruiert und wie sehr unsere Erfahrung mit der neuronalen Struktur verbunden ist, gerne das Experiment mit dem blinden Fleck an: Betrachten Sie Abbildung 3. Halten Sie das Buch in einem Abstand von ca. 40 cm vor ihren Augen, fixieren Sie mit dem rechten Auge das Kreuz und machen Sie Ihr linkes Auge zu. Bewegen Sie dann das Buch leicht vor- und rückwärts – irgendwann verschwindet der Punkt.

Abb. 3: Der blinde Fleck: ein Experiment (eigene Darstellung)
Wenn genau das passiert, wird der Punkt an jene Stelle der Netzhaut projiziert, an welcher der Sehnerv austritt. An dieser Stelle sind wir blind. Eigentlich müssten wir uns dieses visuellen Lochs ständig bewusst sein, nur: Wir nehmen es nicht wahr, weil unser Gehirn Wahrnehmung darüberkonstruiert, und das ununterbrochen. Wir sehen nicht, dass wir an dieser Stelle nichts sehen.
Dieses kleine Experiment ist nur als anschauliches Beispiel dafür gedacht, was sich in unserem Geist praktisch ständig abspielt. Wir ersetzen lückenhafte Informationen durch neue Konstruktionen, ohne uns dessen bewusst zu sein, zumindest aber ohne uns dessen vollständig bewusst zu sein. Abbildung 4 zeigt ein ähnliches Beispiel: Ist hier tatsächlich ein Dreieck abgebildet? Nein, aber unser Gehirn ergänzt das fehlende Material zu dieser bekannten Figur.
Abb. 4: Die Ergänzung nicht vorhandener Informationen: ein Dreieck, wo keines ist
Wir berühren hier einen ganz wesentlichen Bereich des Dialogs, nämlich die sogenannten mentalen Modelle. Damit sind Konstruktionen gemeint, die zu Schlussfolgerungen im Sinn von Vorurteilen führen – ein Vorgang, der blitzschnell geschieht. Unser Denken ist bestrebt, fehlende Informationen zu ersetzen, und wird dabei auf einer im Wesentlichen unbemerkten Ebene von Filterprozessen gesteuert – beispielsweise von biografischen, sozialen oder auch kulturellen Filtern. Wenn wir unser Denken verstehen wollen, dürfen wir den Jetzt-Zustand keinesfalls als eine statische Momentaufnahme betrachten, sondern als gerade aktuelles Ergebnis eines systemisch-chaotischen Prozesses, als gerade gültiges und vorläufiges Resultat unüberblickbarer Einflussfaktoren. Dieses Resultat wird beeinflusst von persönlichen Erfahrungen, kulturellen Normen, momentanen Stimmungen und vielem mehr.
Paul Watzlawick (Watzlawick et al. 2003, S. 28) zitiert ein Beispiel, das von Gregory Bateson stammt und den Erkenntnisgewinn reflektiert, den man aus der momentanen Stellung aller Schachfiguren während einer Partie ziehen kann. Dieser Erkenntnisgewinn ist nicht sehr umfassend. Trotz der vollständigen Information zum gegebenen Zeitpunkt liegen die aufschlussreichen Informationen im Spielverlauf, also auf der Ebene der Beziehungen. „Jedes Kind lernt in der Schule, dass Bewegung etwas Relatives ist und nur in Relation auf einen Bezugspunkt wahrgenommen werden kann. Was man dagegen leicht übersieht, ist, dass dasselbe Prinzip für alle Wahrnehmungen gilt und daher letzthin unser Erleben der äußeren Wirklichkeit bestimmt.“ Und weiter: So überrascht es nicht, „dass auch die Selbsterfahrung des Menschen im wesentlichen auf der Erfahrung von […] Beziehungen [beruht], in die er einbezogen ist“ (ebd., S. 29).
Auch das Ergebnis eines scheinbar einfachen Denkprodukts ist als die Synthese vielfacher, komplexer und sehr persönlicher Beziehungserfahrungen und -konstruktionen aufzufassen, die großteils auf Ebenen unterhalb unserer bewussten Wahrnehmung ablaufen.
Und selbstverständlich dürfen wir dabei den Kontext, im Rahmen dessen wir unbewusst an unseren Konstruktionen arbeiten, nicht außer Acht lassen. Beängstigend sind die Umstände des Falls Uzal Ent, die während des Zweiten Weltkriegs zu einem Flugzeugunfall führten und einen Menschen in den Rollstuhl zwangen. Dem berühmten und geachteten Luftwaffengeneral war im Oktober 1944 ein Ersatzpilot zugeteilt worden. „Während des Starts begann Ent in seinem Kopf eine Melodie zu singen und dazu von Zeit zu Zeit mit dem Kopf zu nicken. Der neue Kopilot deutete diese Geste als Zeichen, die Räder einzuziehen. Obwohl sie zum Abheben noch viel zu langsam waren, zog er das Fahrwerk ein, was dazu führte, dass das Flugzeug unsanft zu Boden ging. Dabei löste sich ein Propeller und verletzte Ent so schwer im Rücken, dass er von da an beidseitig gelähmt war“ (Cialdini 2001, S. 30).
Natürlich war das Verhalten des Kopiloten dumm. Aber es wäre zu einfach, dies als einzige Erklärung anzuführen. Der Kontext, die zugestandene Autorität des Generals, beeinflusste mit Sicherheit das Verhalten und die Wahrnehmung des Ersatzpiloten, und zwar auf einer unbewussten Ebene, denn sonst hätte der Mann nicht so unverständlich reagieren können. Wahrgenommene Autorität erzeugt in vielen Menschen ein mentales Modell der Art: „Die Ansicht einer Autoritätsperson wird hoch bewertet, die Gültigkeit der eigenen Meinung schrumpft.“ Selbstverständlich bieten sich gerade bei diesem Beispiel noch weitere Erklärungsmodelle an, wie beispielsweise das Phänomen der Autoritätshörigkeit an sich.14 Aber das Uzal-Ent-Muster zeigt doch eindrucksvoll, wohin uns unbewusste mentale Modelle sogar auf einer konkreten Handlungsebene führen können. Sie vermögen Denkweisen und Handlungen in uns aufkommen zu lassen, die sich in einem anderen Kontext niemals zeigen würden.
Kontextuale Effekte wie der eben beschriebene sind wohlbekannt und untersucht. Sehen wir uns noch ein dialogtypischeres Beispiel aus dem Bereich der Sozialpsychologie an, welches zeigt, wie mächtig unsere unbewussten Konstruktionen sind, symbolisch gesprochen: jene Auffüllungen der weißen Flächen zwischen den drei schwarzen Kreisen, die uns ein Dreieck vorgaukeln (siehe Abb. 4):
Personen wurden aufgrund der Ergebnisse aus einer Selbstbeurteilungsskala in zwei Gruppen eingeteilt (Gerrig/Zimbardo 2008, S. 654):
a) höchstens schwache Vorurteile gegenüber Afroamerikanern,
b) starke Vorurteile gegenüber Afroamerikanern.
Danach wurden ihnen Fotografien vorgelegt, die Schwarze oder Weiße mit einem entweder glücklichen oder wütenden Gesichtsausdruck zeigten, und die Versuchspersonen mussten angeben, ob sie mit dieser Person gerne zusammenarbeiten würden. Die Fotos wurden angekündigt (zum Beispiel: wütend/weiß, glücklich/schwarz) und zusätzlich wurde während dieser Phase der Ankündigung die Gehirnaktivität gemessen. Die Messungen ergaben, dass sich die Hirnaktivitätsmuster deutlich unterschieden. Versuchspersonen mit schwachen Vorurteilen aktivierten Denkressourcen, um jedes Gesicht individuell zu beurteilen, während die Personen mit starken Vorurteilen weniger Gehirnarbeit leisteten und relativ schnell „Nein, ich würde mit dieser Person nicht zusammenarbeiten wollen“ antworteten.
Warum sollten wir uns mit derartigen Phänomenen beschäftigen? Im Dialog verfolgen wir ja den Anspruch, uns des eigenen Denkens bewusster zu werden, das eigene Denken zu beobachten. Je öfter wir etwas tun, je öfter wir etwas denken, desto stärker wird genau dieses zu einer unreflektierten Gewohnheit. Man könnte sagen: Es entstehen neuronale Signaturen, Muster im Gehirn, die nicht mehr hinterfragt werden.
Wie binden Sie eigentlich Ihre Schnürsenkel? Versuchen Sie einmal, diese Bewegungsabläufe genau zu beschreiben, ohne es zu tun – nur in Gedanken. Vermutlich wird Ihnen das nicht leichtfallen, obwohl Sie es schon tausende Male gemacht haben.
David Bohm meint dazu (Bohm 2007, S. 14):
„I think that whenever we repeat something it gradually becomes a habit, and we get less aware of it. If you brush your teeth every morning, you probably hardly notice how you’re doing it. It just goes by itself. Our thought does the same thing, and so do our feelings. That’s a key point.“
Und weiter:
„When you are thinking something, you have the feeling that the thoughts do nothing except inform you the way things are and then you choose to do something and you do it. That’s what people generally assume. But actually, the way you think determines the way you’re going to do things. Then you don’t notice a result comes back, or you don’t see it as a result of what you’ve done, or even less do you see it as a result of how you were thinking“ (ebd., S. 16).
Wir können also von einem Fehler im Denken sprechen: Das Denken informiert uns nicht über die Probleme „da draußen“, das Denken selbst bestimmt bzw. konstruiert das, was wir Probleme nennen, und das gilt natürlich ebenso für die Gesamtwahrnehmung. Deshalb müssen wir unser Denken selbst beobachten. Wir haben immer unzureichende Informationen, wenn es darum geht, Situationen, Menschen oder uns selbst zu beurteilen. Aber wie füllt unser Denken die weißen Stellen auf? Mit welchen Vorannahmen geschieht es? Welche unserer Filter wirken in welcher Weise dabei mit? Das alles sind äußerst individuelle Prozesse, denn schließlich passiert es ja, dass der eine dort überhaupt keine Probleme wahrnimmt, wo ein anderer viele sieht. Wir sind in einer Art Zirkel gefangen, die Katze beißt sich in ihren eigenen Schwanz: Wir können mithilfe unseres selbst produzierten Denkens innerhalb unseres Denkapparates nur das zu beobachten versuchen, was eben dieser Denkapparat wiederum selbst hervorbringt.
Bereits der antike griechische Philosoph Epiktet reflektierte dieses Problem, als er meinte, dass es nicht die Dinge an sich sind, die uns ängstigen, sondern unsere Einstellung den Dingen gegenüber. Wie sonst könnte es sein, dass jemand hyperventiliert und umkippt, sobald er eine Kreuzspinne sieht, ein anderer aber dicke, fette Vogelspinnen richtiggehend gernhat und sie sich auf die Hand setzt?
Heinz von Förster sprach von einem unglaublichen Wunder, das hier stattfindet (von Förster/Pörksen 2006, S. 16):
„Alles lebt, es spielt Musik, man sieht Farben, erfährt Wärme oder Kälte, riecht Blumen oder Abgase, erlebt eine Vielzahl von Empfindungen. Aber all dies sind konstruierte Relationen, sie kommen nicht von außen, sie entstehen im Innern. Wenn man so will, ist die physikalische Ursache des Hörens von Musik, daß einige Moleküle in der Luft ein bißchen langsamer und andere ein bißchen schneller auf das Trommelfell platzen. Das nennt man dann Musik. Die Farbwahrnehmung entsteht in der Retina; einzelne Zellgruppen errechnen hier, wie ich sagen würde, die Empfindung der Farbe. Was von der Außenwelt ins Innere gelangt, sind elektromagnetische Wellen, die auf der Retina einen Reiz auslösen und im Falle von bestimmten Konfigurationen zur Farbwahrnehmung führen.“
Diese Phänomene des Erkennens sind selbstverständlich nicht nur auf physikalische Wahrnehmungen wie die eben beschriebenen beschränkt. Sie beziehen sich auf alles, was wir tun. „In diesem Sinn werden wir ständig festzustellen haben, dass man das Phänomen des Erkennens nicht so auffassen kann, als gäbe es ,Tatsachen‘ und Objekte da draußen, die man nur aufzugreifen und in den Kopf hineinzutun habe. […] Die Erfahrung von jedem Ding ,da draußen‘ wird auf eine spezifische Weise durch die menschliche Struktur konfiguriert, welche ,das Ding‘, das in der Beschreibung entsteht, erst möglich macht“ (Maturana/Varela 1987, S. 31).
Der eben zitierte Humberto Maturana spricht von autopoietischen Systemen, d. h. von Systemen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich andauernd selbst erzeugen. Das lebende System steht also in direkter Wechselwirkung nur mit sich selbst, mit seinen inneren Zuständen, und nicht mit den Objekten der Außenwelt: Es handelt sich um ein sogenanntes selbstreferenzielles System. Diese Überlegungen führen natürlich weg von Abbildtheorien. „Unsere Wirklichkeit ist kein objektives Abbild der Realität, sondern ein Produkt unseres Erkenntnisapparates und damit unsere Konstruktion“ (von Ameln 2004, S. 65).
Aber wie kommen wir dann in der Welt zurecht? Wie kommt es, dass wir als Menschen offensichtlich zumindest ähnliche Empfindungen und Wahrnehmungen haben? Selbstverständlich sind die Systeme nicht vollständig geschlossen. Dies anzunehmen wäre eine Fehlinterpretation der radikal-konstruktivistischen Annahmen. „Es gibt gar keine geschlossenen Systeme. Geschlossenheit existiert nicht.“15 Das System muss offen sein für die Interaktion mit seiner Umwelt. Daraus kann aber nicht der Schluss gezogen werden, dass wir die Welt so erkennen können, wie sie „ist“.
Wir finden uns in der Welt zurecht wie ein blinder Waldläufer, der durch Versuch und Irrtum seinen Weg findet – einen möglichen Weg aus einer Reihe von vielen:16
„Ein blinder Wanderer, der den Fluß jenseits eines nicht allzu dichten Waldes erreichen möchte, kann zwischen den Bäumen viele Wege finden, die ihn an sein Ziel bringen. Selbst wenn er tausendmal liefe und alle die gewählten Wege in seinem Gedächtnis aufzeichnete, hätte er nicht ein Bild des Waldes, sondern ein Netz von Wegen, die zum gewünschten Ziel führen, eben weil sie die Bäume des Waldes erfolgreich vermeiden. Aus der Perspektive des Wanderers betrachtet, dessen einzige Erfahrung im Gehen und zeitweise Anstoßen besteht, wäre dieses Netz nicht mehr und nicht weniger als eine Darstellung der verwirklichten Möglichkeiten, an den Fluß zu gelangen [...]. In diesem Sinne ,paßt‘ das Netz in den ,wirklichen‘ Wald, doch die Umwelt, die der blinde Wanderer erlebt, enthält weder Wald noch Bäume, wie ein außenstehender Beobachter sie sehen könnte.“
In diesem Sinn gibt es also keine Realität, die wir erkennen könnten, sondern ein Passungsverhältnis: Mit Viabilität bezeichnet Ernst von Glasersfeld diese Passung von Wirklichkeit und Realität. Das relevante Kriterium ist die Nützlichkeit des Wissens, an dem sich natürlich auch die Positionen, die sich aus dem Radikalen Konstruktivismus ergeben, messen müssen. Die konstruktivistischen Sichtweisen sind nicht wahr, sondern bestenfalls brauchbar. „Daraus folgt, dass die Lösung eines Problems nie als die einzig mögliche betrachtet werden darf; es mag die einzige sein, die wir zur Zeit kennen, aber das rechtfertigt niemals den Glauben, unsere Lösung gewähre uns Einsicht in die Struktur einer von uns unabhängig existierenden Welt“ (ebd., S. 95).
Betrachten Sie die folgende Abbildung 5: In der oberen Reihe sind zehn Kieselsteine angeordnet. Egal, ob wir sie von links nach rechts oder von rechts nach links abzählen, es bleiben zehn.17 Wenn Sie diese zehn Kiesel nehmen und in Kreisform anordnen: Es bleiben zehn.
Abb. 5: Die Kommutativität: Entdeckung oder Erfindung? Oder beides? (Eigene Darstellung)
Der Schweizer Biologe und Entwicklungspsychologe Jean Piaget schildert dieses Beispiel, um zu zeigen, dass Erkenntnis „nicht nur von Objekten, sondern auch von Handlungen, von der Koordination von Handlungen abstrahiert wird“ (Piaget 1996, S. 24). Die Ordnung ist nicht in den Kieselsteinen begründet, sondern wird hergestellt, und zwar durch Handlungen, die mit den Objekten durchgeführt werden. Die Zahl Zehn ist keine Eigenschaft der Natur. Für Piaget bedeutet das Erkennen eines Objekts, auf es einzuwirken – es bedeutet nicht, es abzubilden.
„Die Transformationsstrukturen, aus denen Erkenntnis besteht, sind nicht Abbilder der Transformationen in der Realität, sondern nur mögliche isomorphe Modelle, unter denen zu wählen die Erfahrung befähigen kann. Erkenntnis ist also ein System von Transformationen, die allmählich immer adäquater werden“ (ebd., S. 23).
Wenngleich, wie dieses Zitat zeigt, Piaget keine explizit radikal-konstruktivistischen Positionen vertritt, so gilt doch, dass in seiner Epistemologie wissenschaftliches ebenso wie nichtwissenschaftliches Denken Prozesse kontinuierlicher Konstruktion und Reorganisation darstellt und Erkenntnisprozesse nicht isoliert vom Subjekt betrachtet werden dürfen.
Klarerweise sagt Piaget aus dieser Position heraus: Wenn wir danach fragen, wie Erkenntnis entsteht, welcher Natur Erkenntnis ist, so müssen wir auch psychologische Variablen berücksichtigen.
Deshalb waren psychologische Experimente für Piaget zentral. Anhand eines Beispiels, einer Kritik Piagets an den Positionen des logischen Positivismus, sei dies erläutert. Diesem zufolge seien „Logik und Mathematik […] nichts anderes als spezielle sprachliche Strukturen“ (ebd., S. 15). Wenn dem so sei, dann dürften sich Kinder vor Beginn der Sprachentwicklung nicht logisch verhalten.
Piaget konnte experimentell nachweisen, dass Kinder logisch-mathematische Strukturen zeigen, noch bevor Sprache vorhanden ist. „Sprache erscheint in der Regel um die Mitte des zweiten Lebensjahres, aber schon vorher, gegen Ende des ersten oder Anfang des zweiten Lebensjahres, gibt es eine senso-motorische Intelligenz, eine praktische Intelligenz, die ihre eigene Logik hat – eine Logik der Aktion“ (ebd., S. 50).
Das Wesentliche an Piagets genetischer Erkenntnistheorie im Kontext des Dialogs ist wohl, dass behauptet und durch zahlreiche Experimente belegt wurde:
1. Denken ist ein Prozess kontinuierlicher Konstruktion und Reorganisation und
2. es gibt Parallelismen zwischen rationaler Erkenntnisorganisation und psychischen Formationsprozessen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass konstruktivistische Ansätze im Dialog deshalb wertvoll und als eine Art Modell nützlich sind, weil sie klarmachen, dass Erkenntnis keine Abbildfunktion darstellt und unser Denken auf individuellen Konstruktionsvorgängen beruht. Sich dessen bewusst zu sein, hilft erfahrungsgemäß enorm, unterschiedliche Positionen besser verstehen und auch die eigene „Wahrheit“ in einem relativen Licht sehen zu können.
2 Begriffe des Dialogs
Eine Reihe von Begriffen, Ideen und Herangehensweisen sind von grundlegender Bedeutung, um den Dialog nicht als Gesprächstechnik, sondern als umfassende Haltung zu begreifen, sowohl was eigene, intraindividuelle Veränderungsprozesse als auch was den Blick auf unser soziales Umfeld und die Zugänge diesem gegenüber betrifft. Sie sind außerdem hilfreich, um den Dialog-Begriff vom alltagssprachlichen Dialog abzugrenzen.
David Bohm verwendet in seinen Büchern eine Reihe typischer Termini, deren Verständnis essenziell ist für ein Eintauchen in seine Gedanken und seine Ideen über den Dialog. Ebenso finden wir in den Werken von Buber, Senge, Isaacs, Scharmer, Hartkemeyer und anderen (siehe Literaturverzeichnis) sehr wertvolle Gedanken, welche helfen können, die eigene Annäherung an dialogische Prinzipien und geistige Transformationsprozesse zu unterstützen. Da im vorliegenden Buch eine Art Synthese unterschiedlicher Zugänge verfolgt wird, kann auch nicht von „dem“ Dialog oder vom „Dialog nach David Bohm“ o. Ä. gesprochen werden. Vielmehr sollen die Leser ermutigt werden, ihre eigenen Gedanken und Modelle zu einem ganz persönlichen dialogischen Konzept zu entwickeln.
Dennoch ist es meiner Meinung nach unumgänglich, von einigen maßgeblichen Prinzipien und einem gemeinsamen Grundverständnis dialogischer Kernbereiche auszugehen, da die spezifische Dialog-Haltung andernfalls nicht herausdestilliert werden kann. Dialogische Elemente finden sich naturgemäß in einer Vielzahl von Kommunikations- und Interventionsmodellen.
2.1 Thinking und Thought
In der Psychologie werden die Vorgänge des Denkens oft in Form von Bottom-up- und Top-down-Prozessen beschrieben. Wenn wir beispielsweise einen Tisch als solchen wahrnehmen, befinden wir uns am Ende eines komplexen Vorganges, der sich von der rein sensorischen Wahrnehmung, beginnend bei der Netzhautreizung bis hin zu weit zurückliegenden, gespeicherten Erfahrungen über das, was einen Tisch ausmacht, hinzieht. Es treffen, irgendwo in der Mitte, also rein mechanische Prozesse von unten (bottom-up) auf höhere mentale Fähigkeiten und Fertigkeiten von oben (top-down) (Abb. 6, nächste Seite).
Abb. 6: Bottom-up- und Top-down-Prozesse: Informationen aus der Umwelt werden einerseits von unten nach oben transformiert und verändert, andererseits wird die Wahrnehmung auch durch bereits vorhandene Informationen und Erfahrungen (Wissen, Motivation, Erwartungen etc.) beeinflusst (adaptiert nach Zimbardo 1992, S. 140).
Dieses Erklärungsmodell kann als Bild dafür dienen, was David Bohm als thinking und thought bezeichnet. „Thinking“, das Denken als gegenwärtiger Prozess, läuft mehr oder minder automatisiert ab und produziert „thoughts“, also Denkprodukte. Dies entspricht der neuronalen Aktivierung beim Betrachten eines Tisches, die automatisch und praktisch unbemerkt geschieht und dann im Zusammenspiel mit den Top-down-Prozessen, den gespeicherten Erinnerungen und Erfahrungen, die Wahrnehmung eines Gegenstandes als Tisch produziert. Diese Tisch-Wahrnehmung verlässt – etwas bildlich und unkorrekt gesprochen – diesen komplexen Wahrnehmungsprozess als Denkprodukt, als „thought“, ohne dass wir uns dessen in der Regel bewusst sind. „We have the idea that after we have been thinking something, it just evaporates“ (Bohm 2007, S. 8). Das Denken als Prozess hinterlässt Spuren im Gehirn, die dann zu automatisierten Denkprodukten, zu „thoughts“, werden. Die „thoughts“ gefallen sich in der Rolle, als Quelle für zwischenmenschliche Probleme und für Emotionen zu fungieren.
Einem Trainer wurde einmal von einer Seminarteilnehmerin vorgeworfen, er sei unsensibel und verwende Redewendungen, die absolut deplatziert seien. Ausgangspunkt war die von ihm gebrauchte Phrase „Da kann ich mich ja gleich aufhängen“. Es stellte sich in einem klärenden Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt heraus, dass ein Familienmitglied dieser Teilnehmerin Jahre zuvor Selbstmord durch Erhängen verübt hatte. Verständlicherweise war dieses Ereignis traumatisierend und die Verwendung dieser Phrase aktivierte bei ihr einen Teil jener unangenehmen vergangenen Emotionen, was wie automatisiert zu dem eben zitierten Vorwurf der mangelnden Sensibilität seinerseits führte. Dies als Beispiel für die von Bohm gemeinte Unterscheidung von „thinking“ und „thought“: „Thinking“ lief bei jener Teilnehmerin praktisch unbewusst ab und produzierte „thoughts“ ebenso wie „felts“: das Empfinden des als unsensibel und deplatziert erlebten Verhaltens als Endprodukt dieses unbemerkten Denkprozesses, der dann für andere sichtbar kommuniziert wurde. Sie war sich, wie sie ausführte, in jenem Moment während des Seminars der Quellen ihrer emotionalen Befindlichkeit nicht bewusst – dies erkannte sie erst später.
Der Dialog kann uns als Hilfe dienen, der eigenen unbemerkten Denkprozesse stärker gewahr zu werden und dadurch Veränderungen im eigenen Denken anzuregen. Im Dialog wird durch die Gruppe verschiedener Menschen eine Art Abbild der Gesellschaft geschaffen, wodurch vielfältige Ideen, Meinungen, Wertungen, Gedanken etc. im Raum stehen. Dies kann, muss aber nicht den Fokus weg vom Eigenen hin zum Verschiedenen lenken. Damit eine Gruppe von Personen den Weg hin zur Kreation von etwas Neuem, Gemeinsamem findet, ist neben der Erfahrung mit kreativen Gesprächen auch der Wille, altbewährte Pfade zu verlassen, gefordert (siehe Kap. 6 zu den Grundkompetenzen).
Das Denkprodukt, „thought“, wird von Bohm also auch als Problem gesehen, was auf den ersten Blick einen gewissen Widerspruch bedeutet, da das Denken und die Produkte dieser Denkprozesse schließlich genau das ausmachen, was uns Menschen den Fortschritt beschert.18
Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu verstehen? Das Problem ist wohl, dass wir uns der Aktivitäten und Schlussfolgerungen unserer Denkprozesse in der Regel nicht bewusst sind, vor allem, wenn es sich um etwas handelt, das uns emotional berührt, uns wichtig ist. Dabei sind Emotionen und Gedanken sehr eng miteinander verwoben, um nicht zu sagen: Sie sind kaum zu trennen. Zumindest so lange nicht, bis eine intellektuelle Beschäftigung mit den Ursachen und Gründen eines bestimmten emotionalen Zustandes stattgefunden hat. Um auf das eingangs zitierte Beispiel zurückzukommen: In jenem Moment der Klarheit nach einer Zeit des Abstandgewinnens und der intellektuellen Beschäftigung mit dem, was diesen emotionalen Zustand bei jener Seminarteilnehmerin hervorgerufen hatte, war es ihr möglich, ihre Gefühlslage von der Aussage des Seminarleiters zu trennen und zu erkennen, dass dieser eben nicht die Ursache für ihren Zorn war. Somit konnten nach der Analyse die Emotionen gedanklich klar abgetrennt werden.
Dieses Beobachten meiner selbst, meiner eigenen Gedanken, Reaktionen und emotionalen Befindlichkeiten ist zweifelsohne eine der grundlegenden Kernfähigkeiten, welche die Entstehung tiefer Dialoge fördern. Dadurch, dass niemand etwas sagen muss, niemand seine eigenen Positionen zu verteidigen hat, sondern sich auch ganz der Innenschau widmen und die Beiträge anderer für die intim-persönlichen Transformationsprozesse aufnehmen kann, eröffnen sich Möglichkeiten für tiefgehende Prozesse im eigenen Erleben, die bei anderen Gesprächsformen so kaum stattfinden.
2.2 Feelings und Felts / Embodiment
Ganz ähnlich wie mit der Differenzierung in „thinking“ und „thought“ verhält es sich mit Bohms Diktion die Gefühle betreffend. In der Gegenwartsform, feeling, bewegen wir uns im direkten Kontakt mit der aktuellen Wahrnehmung, so als wäre das Fühlen ein nahezu ausschließlicher Gegenwartsprozess. Tatsächlich sind die momentanen Gefühle natürlich ebenso wie die momentanen Gedanken in erster Linie das Produkt von Vergangenem, weshalb Bohm zur Abgrenzung dieser aktuellen Prozesse die Bezeichnung felts vorschlägt. „Felts“ sind gespeicherte „feelings“.19
Wir kennen die Situationen, in denen bei bestimmten Wahrnehmungen plötzlich intensive positive oder negative Gefühle entstehen, die im Grunde nur dadurch zu erklären sind, dass gefühlte Erinnerungen aufkommen. Das Hören der Bundeshymne wäre so ein Beispiel. Viele Menschen empfinden eine Art Transformation in tiefe Gefühlszustände, wenn die Nationalhymne ihres Landes ertönt, ja mehr noch: Es wird als sozial angemessen betrachtet, hierbei aufzustehen, die Kopfbedeckung ab- und eine aufrechte Körperhaltung einzunehmen usw., als Ausdruck der besonderen Gefühle und Wertschätzung, welche damit einherzugehen haben.
Viele dieser Gefühle, die aus der Vergangenheit „heraufkommen“, sind „felts“, gespeicherte und aktuell abgerufene „feelings“ also. Es ist wichtig, hier diese Unterscheidung zu treffen, da den „feelings“, dem also, was wir aktuell erleben, sonst möglicherweise zu viel Bedeutung beigemessen wird. Die aufbewahrten Emotionen beeinflussen den momentanen körperlichen Zustand teilweise enorm, oft auch so, dass dies äußerlich sichtbar wird, etwa durch das unbewusste Einnehmen bestimmter Körperhaltungen, was dann wieder auf die Gefühle rückwirkt.
Es gehört wohl zu den bekanntesten Ausdrücken der Alltagspsychologie, dass der Körper der Spiegel der Seele sei. Emotion und Kognition sind sehr eng mit dem Körperausdruck, der Körperhaltung verbunden. Das ist natürlich für uns im Kontext des Dialogs interessant, und gewiss nicht nur deshalb, weil wir durch das kreisförmige Setting Körperhaltungen der anderen einerseits wahrnehmen und andererseits selbst Informationen über unseren eigenen körperlichen Ausdruck an die anderen übermitteln.
Ein sehr geläufiges Beispiel dafür, wie ein angenommener emotionaler Zustand über körperliche Erscheinungsformen den Weg nach außen findet, ist der Pupillenreflex. Bei positiven Wahrnehmungen vergrößert sich die Pupillenweite kurzfristig abhängig vom Beleuchtungsgrad. Lehnen wir etwas ab, kommt es zu einer Verengung.
Irenäus Eibl-Eibesfeldt zitiert eine aufschlussreiche Studie dazu aus den 1970er-Jahren.20 Männlichen und weiblichen Probanden wurden Aufnahmen von Säuglingen gezeigt. Bei Frauen weiteten sich die Pupillen unabhängig davon, ob sie ledig waren oder Kinder hatten, bei Männern dann, wenn sie selbst Kinder hatten, aber zu einem etwas geringerem Ausmaß. Auf der anderen Seite reagieren Männer auf Bilder von nackten Frauen „mit starker Pupillenerweiterung“ (Eibl-Eibesfeldt 1995, S. 622).
Sie können sich anhand der Abbildung 7 selbst von diesem Effekt überzeugen: Welche Aufnahme wirkt positiver auf Sie? Die Bilder sind identisch bis auf die durch Retuschierung künstlich vergrößerten bzw. verkleinerten Pupillen.

Abb. 7: Pupillengröße: Emotionen finden ihren Weg in körperliche Ausdrücke (Eibl-Eibesfeldt 1995, S. 624).
Der Pupillenreflex ist eine Leistung des vegetativen Nervensystems und daher nicht direkt willentlich beeinflussbar. Aber interessant ist, dass man derartige autonome Reaktionen dennoch evozieren kann, wenn man Personen auffordert, für bestimmte körperliche Ausdrücke typische Muskeln zu kontrahieren, etwa für Lächeln oder Ärger. Im Rahmen eines Experiments aus den 1990er-Jahren wurden die Versuchspersonen instruiert,
a) die Augenbrauen zusammen- und herabzuziehen,
b) die oberen Augenlider zu heben und
c) die Unterlippe nach oben zu drücken und die Lippen zusammenzupressen.21
Die Personen wussten natürlich nichts über den Zweck des Experiments, dennoch gaben sie im Nachhinein an, die entsprechenden Gefühlslagen erlebt zu haben. Und es entsprachen sogar die autonomen Reaktionen, wie Muskeltonus oder Pulsfrequenz, jenen, die für diese Ausdrücke typisch sind.
Gefühle können sich über den Körper ausdrücken und umgekehrt kann die Körperhaltung Einfluss auf Gefühle nehmen. „There is a profound connection between the state of the body and the way you think“, meint Bohm. „The state of the body is very profoundly tied to thought, affected by thought, and vice versa. That’s another kind of fragmentation we have to watch out for“ (Bohm 2007, S. 9). Mit dieser Art von Fragmentierung ist ein inkohärenter Zustand gemeint, eine Diskrepanz zwischen dem Denken und erwarteten Ergebnis, und Bohm gibt folgendes Beispiel: Es kann für jemanden sehr angenehm sein, umschmeichelt zu werden, was allerdings oft den Preis hat, ausgenutzt zu werden, eben von der schmeichelnden Person. Es entsteht ein inkohärenter Zustand. Die bewusste Absicht ist mit unbeabsichtigten Folgen konfrontiert, ein Wunsch steht im Widerspruch zu den Folgen.
Jede Emotion ist mit körperlichen Zuständen gekoppelt. Deshalb sollten wir auch immer auf unseren Körper hören und wahrnehmen, wodurch wir inkohärente Situationen besser erkennen können.
Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Ein Freund schenkt mir immer wieder etwas, was ich gerne annehme, zum Beispiel deshalb, weil es praktisch ist – ich muss es nicht selbst kaufen. Dafür nimmt sich dieser Freund aber gerne die Freiheit heraus, mir Vorschriften zu machen. Im Extremfall höre ich dann auch: „Da schenke ich dir dies und jenes, und du kannst nicht mal hier meinen Wunsch berücksichtigen.“
Ich befinde mich in einer Zwickmühle. Konsequent wäre es, sich hier zu fragen: „Ja, da gibt es jetzt in mir eine Inkohärenz. Ich versuche nun herauszufinden, worin die falschen Informationen bestehen, und es zu ändern.“22 Tatsächlich manövrieren wir uns oft in inkohärente Situationen, in denen unser Denken gegen unsere Gefühle und Erwartungen arbeitet und gleichzeitig versucht, diesen Zustand wieder zu beheben.23 Deshalb ist es hilfreich, auf die eigenen Gefühle zu achten, die sich ja in irgendeiner Weise körperlich ausdrücken, etwa durch Zittern, Wärme, ein „Flattern“ im Bauch o. Ä.
In diesem Zusammenhang ist das Konzept des Embodiment interessant, auf das ja schon Bezug genommen wurde. Unser kognitives System steht immer in Verbindung zum gesamten Körper und zur restlichen Umwelt. „Das Konzept Embodiment behauptet, dass ohne diese zweifache Einbettung der Geist/das Gehirn nicht intelligent arbeiten kann. Entsprechend kann ohne Würdigung dieser Einbettungen der Geist/das Gehirn nicht verstanden werden“ (Storch et al. 2010, S. 15).
Die geistigen Prozesse (Kognitionen) sind also in den Körper eingebettet („embodied“) und nur durch diese Einbettung ist das zirkuläre Wechselspiel zwischen Kognition und Emotion zu verstehen. Ebenso wie in den Körper sind die Kognitionen in die weitere Umwelt eingebettet.

Abb. 8: Embodiment: Muskelaktivierung führt zu erwarteten Gefühlen (Strack et al. 1988, S. 771).
Ein spannendes und obendrein witziges Experiment, das zeigt, wie körperliche Ausdrücke auf Emotionen einwirken, wurde 1988 publiziert. Es handelt sich bei diesem Experiment um die Überprüfung der Facial-Feedback-Hypothese von Paul Ekman. Diese behauptet, dass, wenn ein bestimmter Gesichtsausdruck (auch „künstlich“) hergestellt wird, entsprechende Emotionen, die mit der (natürlichen) Aktivierung dieser Muskelgruppen einhergehen, ausgelöst werden können (Strack et al. 1988).
Die Versuchspersonen wurden instruiert, einen Stift entweder mit der dominanten Hand, mit den Lippen oder mit den Zähnen zu halten (Abb. 8).24 Natürlich wurden sie über den wahren Grund der Untersuchung zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgeklärt – es handelte sich um eine sogenannte Coverstory. Sie glaubten, es ginge um ein Experiment zu psychomotorischer Koordination.
Unter anderem wurden die Personen im Lauf des Experiments gebeten, Gary-Larson-Cartoons hinsichtlich ihres Lustigkeitsfaktors zu beurteilen. Die Frage war, ob die Versuchspersonen der Gruppe 3, die durch das Halten des Stiftes in eine lächelnde Position gezwungen wurden (Gruppe „Zähne“), die Cartoons im Mittel als lustiger einstufen würden. Diese Vorannahme wurde tatsächlich bestätigt (Tab. 1). Die Gruppe „Zähne“ stufte die vier Cartoons im Mittel mit 5,19 auf einer zehnstufigen Skala von 0 bis 9 als lustiger ein als die Gruppe „Lippe“ mit 4,32. Die Kontrollgruppe „Hand“ lag mit 4,77 dazwischen.
Tab. 1: „Künstliches“ Lächeln: Der Lustigkeitsfaktor steigt (adaptiert nach Strack et al. 1988, S. 772).
| Lippe | Hand | Zähne | |
| Cartoon 1 | 3,9 | 5,13 | 5,09 |
| Cartoon 2 | 4 | 4,1 | 4,19 |
| Cartoon 3 | 4,47 | 4,67 | 5,78 |
| Cartoon 4 | 4,9 | 5,17 | 5,5 |
| Durchschnitt Lustigkeit | 4,32 | 4,77 | 5,14 |
Es könnte tatsächlich sein, dass die Gesichtsmuskulatur unter bestimmten Bedingungen auf die Stimmung Einfluss nimmt. Allerdings sind die Ergebnisse dieser Studie mit Vorsicht zu genießen, weil eine rezente Meta-Analyse diese nicht bestätigen konnte (Wagenmakers et al., 2016).
2.3 Fragmentierung
Das Denken ist ein kontinuierlicher Prozess, der selbstverständlich nicht linear abläuft. Wir unterliegen oft einer Illusion der Linearität des Denkens, was wohl zum Teil in der Tradition des westlichen, wissenschaftlich geprägten Herangehens an Probleme liegt. Das kartesische Koordinatensystem mit seiner x- und y-Achse suggeriert, ein Mehr des einen führe zu einem Mehr des anderen, was natürlich oft stimmt, aber eben sicher nicht beim Denken! Das mag trivial klingen, jedoch sind viele von uns so stark von diesem wissenschaftlichen Denkstil geprägt, dass wir ihm auch dort folgen, wo er sich nachteilig auswirkt.
In der traditionellen westlichen Denkart ist es Usus, ein „Problem“ in so viele Teile zu zerlegen, bis es analysiert und gelöst werden kann. Dadurch kommt es zu einer Zersplitterung, zu einer Konzentration auf Elemente, die oft so aufgefasst werden, als seien sie für sich bestehende Entitäten.
So schreibt Bohm: „Thought is creating divisions out of itself and then saying that they are there naturally. […] People have come to accept those divisions and that made them be there. The same holds for the divisions between religions“ (Bohm 2007, S. 6).
Im Lauf der Zeit, das gilt sowohl historisch für das kollektive als auch für das individuelle Denken (welches sich zum Großteil aus dem kulturell Gemeinsamen speist), gerät dann in Vergessenheit, dass eigentlich nichts für sich allein Bestand hat, dass alles irgendwie zusammenhängt, dass selbst die großen Entwicklungen wie die Religionen oft aus einem Gemeinsamen heraus entstanden und diese Gemeinsamkeiten aber nicht mehr (in ausreichendem Maße) im Denken vorhanden sind.
Als ein Beispiel seien das Christentum und der Islam genannt oder, etwas genereller ausgedrückt, die Gemeinsamkeiten der arabischen und der europäischen Wissenschaftsgeschichte. Wenn man die heutigen Konflikte zwischen diesen beiden „Welten“ betrachtet, vergisst man aufgrund der scheinbaren Unüberwindlichkeit der Gegensätze die vielen gemeinsamen Wurzeln. So führt etwa Herbert Pietschmann (Pietschmann 2009) aus, dass dem Islam der Erhalt des für die Entwicklung der europäisch geprägten Naturwissenschaften so wesentlichen Aristotelismus zu verdanken ist oder das Dezimalsystem, welches aus Indien über die Araber nach Europa kam, inklusive der Null, welche zuvor in Europa rund zwei Jahrtausende lang dem „horror vacui“25 zum Opfer gefallen war.
Besonders deutlich wird die Fragmentierung, um eines von Bohms bekannten Beispielen zu nennen, wenn wir die politische Aufteilung der Welt betrachten. Es scheint uns so normal, diese künstlichen Grenzen als gegeben zu betrachten. „Wir bilden separate Nationen, die gänzlich ein Resultat unseres Denkens sind, ebenso wie die Trennung in verschiedene Religionen […] Die Fragmentierung ist eine der Schwierigkeiten des Denkens, aber die Wurzeln liegen tiefer“ (Bohm 1998, S. 38).
Meiner Meinung nach ist eines der Hauptprobleme dieser von Bohm beschriebenen Fragmentierung, dass dieser Automatismus ebenso auf die vermeintliche, die gedachte Trennung von Körper, Gefühl und Gedanken wirkt.26 Dabei stehen doch Emotionen und Gedanken in sehr starker Nähe und Wechselwirkung. Die gegenseitige Beeinflussung ist so stark, dass wir es als eine der Hauptaufgaben des Dialogs betrachten, uns diesen zumeist unbewusst ablaufenden Interaktionen sehr nachdrücklich zu widmen! Dabei stellt die intensive Verknüpfung von Emotion und Gedanken per se nicht unbedingt ein Problem dar, vielmehr kann sich der Automatismus dieser Verbindung als problematisch herausstellen.
René Descartes meinte, durch die Annahme zweier voneinander verschiedener Substanzen, der „res cogitans“ (Geist) und der „res extensa“ (Materie), weiterzukommen, was allerdings leider zu einer Abwertung der Gefühle führte: Auf der einen Seite steht die objektive Welt, auf der anderen der subjektive Geist, kontaminiert mit Gefühlen, und das Ziel soll sein, die Welt so zu beschreiben, wie sie „ist“. Zweifel an dieser Anschauung, man könne die Welt wahrnehmen, wie sie ist, wurden schon zu Zeiten der antiken Philosophie formuliert, man denke etwa an das Höhlengleichnis von Platon, und dennoch beeinflusst sie uns immer noch gewaltig. Descartes formulierte in seinem „Discours de la méthode“ auch vier Regeln, von denen die zweite im Grunde lautet, schwierige Probleme in kleinere Teile zu zerlegen und als solche zu behandeln – wir könnten also sagen, zu fragmentieren.
Für den Dialog heißt dies in direkter Folge zweierlei: Erstens fühlen wir uns konstruktivistischem Gedankengut verpflichtet, ohne dieses als Wahrheit verteidigen zu müssen, was ja sofort zu einem unüberwindbaren Widerspruch führen würde, sondern um es als praktikables (d. h. viables) Modell zu wählen. Zweitens gilt es, sich diesen Automatismen im wechselwirksamen Fluss von Gefühlen und Gedanken intensiv zu widmen. Die Nähe zum Konstruktivismus ist weit mehr als eine theoretische Überlegung. Sie führt letztlich zu der Überzeugung, dass es kein Richtig und kein Falsch geben kann, sondern nur unterschiedliche Zugänge. In weiterer Konsequenz zieht sie das Ideal nach sich, in Gesprächen nicht überzeugen zu wollen. Das heißt, ich lasse meine Meinung gleichberechtigt neben jener des anderen stehen, was besonders dann schwerfällt, wenn es sich um eine Thematik handelt, welche mich emotional berührt und mir wichtig ist. Wir werden diesen Gedanken vor allem im Kapitel 6.1 (Der Umgang mit widersprüchlichen Wahrnehmungen) weiterverfolgen und praktisch beleuchten.
2.4 Inner State und das Unbewusste
Das Wesentliche im Dialog ist zum Teil in dem zu finden, was gesagt wird, aber darüber hinaus in besonderem Maße in der Wirkung des gemeinsamen Denkprozesses auf den Einzelnen und die Gruppe, also in dem, was zwischen den Teilnehmern „schwingt“. Martin Buber hat angeblich einmal im Rahmen einer Tagung, als darüber diskutiert wurde, wo das Freud’sche Unbewusste anzusiedeln sei, gemeint: „Das Unbewusste ist zwischen den Menschen.“27
Mit der Wirkung des Gesagten und des Gefühlten sind nicht nur Worte gemeint, sondern Ebenen angesprochen, die darüber hinausgehen können, die also nicht direkt beobachtbar und sogar unbewusst sind. Es geht um Schichten in uns, die sich einer allgemeinen und sachlichen Beschreibung entziehen, es geht um einen inneren Zustand des Wandels und der Erleuchtung.
In der „Ballade vom alten Seemann“ („The Rime of the Ancient Mariner“) des britischen Dichters Samuel Coleridge wird die dramatische Geschichte einer Seefahrt geschildert. Das Schiff gerät in immer südlichere Gefilde und wird schließlich von einem Albatros aus der Antarktis herausgeführt. Der alte Seemann erlegt den Albatros mit seiner Armbrust, was den Zorn der übrigen Matrosen auf ihn lenkt. Als das Schiff wieder in Not gerät, hängen sie ihm den toten Albatros zur Strafe um den Hals.
O Schreckenstag, von Alt und Jung was für Blicke mußt’ ich erleben! Dann haben sie mir den Albatros wie ein Kreuz zu tragen gegeben.
Schließlich begegnen sie einem Geisterschiff mit dem Tod und dem „Leben im Tod“ an Bord. Die gesamte Besatzung stirbt und der alte Seemann muss mit dem Fluch der Besatzung leben, bis er schließlich die Meerestiere und ihre Schönheit erkennt und sie preist. Der Fluch wird aufgehoben, der tote Albatros fällt ihm von der Schulter:28

Abb. 9: Die Ballade vom alten Seemann: ein Moment der Erleuchtung
Jenseits des Schattens aber sah ich Wasserschlangen locken. Sie zogen Spuren von leuchtendem Weiß, sie bäumten sich heiß, dann fiel mit Gegleiß das Geisterlicht ab in Flocken.
Im Schatten des Schiffes nahm ich wahr ihr Aussehen herrlich und teuer: Blau, glänzend grün und wie schwarzer Samt schlängeltet ihr euch, und wo ihr schwammt, hinterließt ihr goldenes Feuer.
O ihr glücklichen Wesen! Keine Zunge kann eure Schönheit beweisen, Liebe sich aus meinem Herzen ergoß, und ich mußte sie unbewußt preisen, erbarmend das heilige Herz überfloß, und ich mußte sie unbewußt preisen.
Das entriegelte mein Gebet und machte den Nacken frei, der Albatros fiel hinab und versank im Meer wie ein sinkendes Blei.
Was hier transportiert wird, ist ein Bild für einen außergewöhnlichen Zustand, ein Ritual, das seine Besonderheit in seiner fehlenden Zielgerichtetheit entfaltet. Der alte Seemann erkannte die Schönheit der Wasserschlangen in einem Moment der Erleuchtung und segnete sie ohne einen bewussten Zweck. Ohne es bewusst zu wollen, begibt er sich in einen inneren Zustand der Verbundenheit mit der ihn umgebenden Natur. Er erkennt.
Gregory Bateson zieht folgende Gedanken aus der Ballade (Bateson/Bateson 1993, S. 109): „Natürlich meine ich nicht, dass das Segnen der Wasserschlangen den Regen verursachte, der dann fiel. Das wäre eine andere Logik in einer anderen, weltlicheren Sprache. Was ich meine ist, dass die Natur von Dingen wie Gebet, Religion und dergleichen in Augenblicken des Wandels am evidentesten ist – in Augenblicken der Erleuchtung, wie die Buddhisten es nennen“, und weiter: „Der Ancient Mariner hätte die Seeschlangen nicht unbewusst segnen können, wenn er auf seiner berühmten Reise von einem Reporter mit Kamera und Blitzlicht begleitet gewesen wäre […] Wenn der Ancient Mariner sich gesagt hätte: ,Ich weiß, wie ich die Schuld der Tötung des Albatros loswerde: Ich fahre in die Tropen zurück, suche mir ein paar Seeschlangen und segne sie dann im Mondschein‘, dann wäre ihm der Albatros bis zum heutigen Tag um den Hals hängen geblieben.“
Diese Ballade macht deutlich, dass die Wirkung etwa eines Rituals Schichten im Menschen berühren kann, die sich einer Beobachtung entziehen, die zudem sehr schwer zu verstehen sind und sich kaum in Worte fassen lassen. Diese Schichten berühren unseren inneren Zustand, der wesentlich bedeutsamer ist für die Wirkung, die eine gesetzte Maßnahme nach innen wie nach außen hat, als allgemein angenommen wird. Auch der Gruppendialog sensu Bohm ist in unserem Sinn ein Ritual. Aus solchen Ritualen heraus können sich Beziehungsmuster und daraus auch Bereitschaften entwickeln, die „rational“ kaum erklärbar sind. Personen, die sonst kaum und schon gar nicht wirklich und offen miteinander sprechen, spüren dann umhüllt von diesem dialogischen Ritual oft eine zwischenmenschliche Beziehungsebene, die vorher nicht existierte. Eine Pädagogin, die mit dem Dialog im Klassenzimmer experimentierte, drückte das so aus: „Es kamen Ängste und Verletzungen zum Vorschein, die im Dialogprozess auch geäußert wurden. Es ist eine Art von Offenheit und Beziehung entstanden dadurch, dass sich ein Gemeinschaftsgefühl eingestellt hat, das vorher so nicht da war“ (Benesch 2009, S. 848).
Mein innerer Zustand („Inner State“) bestimmt also die Wirkung mit. Etwas pragmatischer ausgedrückt heißt das: Der gleiche Interventionsversuch kann diesmal das gewünschte Resultat erzielen, weil ich mich in einem bestimmten Zustand der Aufmerksamkeit befinde und ein anderes Mal eben nicht, wobei der Begriff „Zustand der Aufmerksamkeit“ einer näheren Betrachtung bedarf.
Claus Otto Scharmer (Scharmer 2009, S. 29) spricht in diesem Zusammenhang von den „inneren Quellen, von denen aus Einzelne oder Gruppen wirksam werden, wenn sie wahrnehmen, kommunizieren und handeln“. Er erklärt weiter, dass der Ort, von dem aus wir handeln, wenn wir handeln, blind ist: „Wir können die Quelle, von der aus wir aufmerksam sind und wirksam werden, nicht sehen; wir sind uns des Ortes, der den Ausgangspunkt unserer Aufmerksamkeit bildet, nicht bewusst.“
In einer rein blauen Welt gäbe es keinen Begriff für die Farbe Blau, weil Unterscheidungsmerkmale einfach nicht vorkommen. Ganz allgemein kann gesagt werden, dass wir an Unterschieden lernen! Ganz deutlich wird dies, wenn wir eine sehr einfache Tätigkeit wie die Fließbandarbeit betrachten, die aber, um zur Perfektion zu gelangen, sehr viel Übung erfordert. Sobald diese Perfektion erreicht und keine Verbesserung mehr möglich ist, findet auch kein Lernen mehr statt. Viele Menschen tendieren dazu, in bestimmten Situationen einmal eingeübte Verhaltensmuster beizubehalten und nicht zu sehen, dass sie über das Potenzial zu Alternativen im Handeln und Denken verfügen. Der Dialog bietet sich an, um nach eingefahrenen Mustern zu suchen, diese zu hinterfragen und sich auf eine Erweiterung des Repertoires einzulassen. Dass dies auf Schwierigkeiten im persönlichen Bereich stoßen kann und nicht unbedingt einfach ist, liegt auf der Hand.
Gerade dort, wo es um Grundwerte geht, um Einstellungen, die uns wirklich wichtig sind und uns emotional tief berühren, ist es nur mit größter Anstrengung möglich, andere Perspektiven wirklich anzunehmen und, mehr noch, als gleichwertig neben den eigenen zu akzeptieren.
Scharmer schreibt über die Schwierigkeiten, die tiefgehende Veränderungsprozesse blockieren, und schildert in anschaulicher Weise die drei Stimmen des inneren Widerstands (drei „Feinde“), mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Diese drei Feinde sind mögliche Blockaden auf dem Weg zur Öffnung von Kernkompetenzen, Sensorien, über die wir alle verfügen: das Kopfdenken, das Herzdenken und die Spiritualität.
• Das Kopfdenken meint die klassische Intelligenz, das analytische Denken.
• Das Herzdenken bezieht sich auf unsere Emotionen und die Fähigkeit zu Empathie.
• Die Spiritualität meint die Fähigkeit zur Öffnung des Willens, alte Muster und Intentionen loszulassen und „neue Intention[en] anwesend werden und kommen zu lassen“.
Alle drei Sensorien sind wesentliche Instrumente, die wir benötigen, um zu tiefgehenden, nicht an der Oberfläche bleibenden persönlichen Veränderungen zu gelangen, was Willen und Üben erfordert, ein Herumprobieren mit dem Mut, sich auf Versuch und Irrtum einzulassen und sich diesen drei „Feinden“ zu stellen:
• Der erste Feind, die Stimme des Urteilens, opponiert gegen das Kopfdenken.
• Der zweite Feind, die Stimme des Zynismus, opponiert gegen das Herzdenken.
• Der dritte Feind, die Stimme der Angst, opponiert gegen die Spiritualität und damit den Zugang zur Öffnung des Willens.
Wenn wir typische Gesprächsverläufe von Personen analysieren, die beginnen, sich auf den Dialog einzulassen, können wir diese „Feinde“ oft in Reinkultur erleben, vor allem dann, wenn der Dialog-Facilitator einen eher weichen, sanften Weg in seiner Begleitung einschlägt. Sehr viele Menschen sind es gewohnt, in der Kommunikation die Muster von Verteidigung und Überzeugenwollen zu verwenden, aus purer Gewohnheit und zumeist unreflektiert. Nun geht es plötzlich darum, gegenteilige Ansichten nicht bewertend im Raum stehen zu lassen, sondern diese anzunehmen – was nicht gleichbedeutend damit ist, diese auch zu teilen! – sowie Wertschätzung seitens anderer, nicht sonderlich nahestehender Personen zu empfangen, was viele von uns überhaupt nicht gewohnt sind.
So melden sich recht schnell die Stimmen des Zynismus und des Urteilens, genährt von der Angst der eigenen Verletzlichkeit. Derartige Situationen können gut mit jenen Bewertungen, Urteilen und Ängsten verglichen werden, die sich einstellen, wenn sich eine neue Liebesbeziehung anbahnt, die durch die emotionale Öffnung immer mit intimer Exponiertheit und damit potenzieller Verletzlichkeit einhergeht. Wenn wir uns bestimmte Fragen stellen – ab dem Moment, von dem an uns der Ernst der Gefühle bewusst wird –, werden wir oft von Ängsten eingenommen, bewertend und zynisch, wenn nicht grob:
• Ist die andere Person wirklich offen und ehrlich zu mir?
• Wird mit mir nur gespielt?
• Wird die andere Person mein Vertrauen missbrauchen?
• Sind meine eigenen Gefühle der anderen Person gegenüber wahrhaftig und tief, hat „es“ Zukunft?
Im Dialog mit Teilnehmern, die gerade beginnen, sich neu auf dieses Experiment einzulassen, oder in einer organisationalen Umgebung, in der sich (noch) kein Vertrauen in diesen offenen Prozess eingestellt hat bzw. der Wille, die Gesprächskultur mittel- bis langfristig zu verändern, (noch) nicht vorhanden ist, sind diese drei Feinde dann oft deutlich zu hören:
• Unsere Firma ist gewinnorientiert, es zählen nur die Verkaufszahlen. Da ist kein Platz für solche Gefühlssachen.
• Wenn ich beginnen würde, von meinen Ängsten oder Befürchtungen zu sprechen, würde man das sofort ausnutzen.
• Solche Gespräche sollen Blümchen-Menschen und Esoteriker führen, ich bin ein Mensch der Fakten.29
• Von Gefühlen leiten lassen – das ist nicht meines. Bei mir zählen Daten, die ich überprüfen kann.
Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass derartige Befürchtungen und Ängste berechtigt sein können, ganz im Gegenteil: In einer Atmosphäre des Misstrauens, eingebunden in strenge Hierarchien mit klaren Zielvorgaben, in einer Umgebung, die von Intrigen und Gesprächen hinter dem Rücken der Betroffenen durchtränkt ist, kann es nahezu selbstzerstörerisch sein, bei Abteilungsbesprechungen zu beginnen, „mit dem Herzen“ zu reden. Deshalb bedarf es nicht nur eines klaren Willens seitens der Führungsebene, die Gesprächskultur zu verändern, sondern auch einer gewissen Zeit und (externen) Begleitung, den Shift hin zu einer kreativen, offenen Atmosphäre in geschütztem Rahmen zu versuchen und langfristig zu implementieren.
Dennoch sei die Hypothese aufgestellt, dass in jedem Menschen das Grundbedürfnis vorhanden ist, wahrhaftig und wertschätzend miteinander zu sprechen, und dass dieses Bedürfnis, bedingt durch die konkurrenzbetonte Sozialisation mit dem Fokus, „Fehler“ zu vermeiden, und durch entsprechende Vorbilder, bei vielen Personen verdeckt wurde. Deshalb ist es ungemein wichtig, den „Inner State“, das eigene Aufmerksamkeitsniveau und die Quellen, von denen aus wir wirksam werden, genau zu reflektieren und zu transformieren.
Drei Arten der Wahrnehmung
Die echte zwischenmenschliche Sphäre, um die es geht, ist keine Lehre, die man in einem Werk nachlesen könnte. Sie wird erfahren, nicht mit Worten mitgeteilt. So unterscheidet Martin Buber drei Arten, wie ein Mensch (aber auch Tiere oder Objekte) wahrgenommen werden können (Buber 2006):
• Beobachten: Der Beobachtete wird „gespannt“ aufgezeichnet, all seine Ausdrucksweisen werden genau „notiert“. Es handelt sich um ein willkürliches, peinlich genaues Beobachten, aber ohne wirkliche innere Anteilnahme.
• Betrachten: Auch das Betrachten geschieht fernab wirklicher innerer Anteilnahme, allerdings ohne die „Gespanntheit“ des Beobachters. Der Betrachter lässt geschehen, vertraut darauf, dass sein Gedächtnis „das Erhaltenswerte erhält“. Der betrachtete Mensch ist aber Gegenstand, zu dem der Betrachter nicht in wirklicher Beziehung steht. Während der Beobachter wie ein Wissenschaftler „sachlich“ auf den beobachteten Menschen blickt, sieht der Betrachter wie ein Künstler auf ihn, der etwas von seiner Existenz erfahren möchte. Beide nehmen den Gegenstand aber so wahr, dass er „ihnen weder Tat abfordert noch Schicksal zufügt“.
• Innewerden: Diese Wahrnehmungsweise sieht den Menschen nicht als Gegenstand. „Ich kann den Menschen, an dem, durch den mir etwas gesagt worden ist, nicht abmalen, nicht erzählen, nicht beschreiben; versuchte ich es, wärs schon aus mit dem Gesagtsein.“ Es kommt beim Innewerden darauf an, den Menschen „anzunehmen“. Bei der Begegnung geschieht etwas, was gegenständlich nicht erfassbar ist. Es kann sich dabei auch um eine persönliche Lernerfahrung handeln, die ohne ein aktives Tun des anderen geschieht – es geht um „wirkliche Sprache“, ohne dass die Beteiligten sprechen: „Nicht er sagt es mir [...]: Es sagt“.
Auch Scharmer (Scharmer 2009, S. 28) spricht von zumindest drei möglichen Perspektiven: Wir können uns
• auf ein Ding als Endprodukt eines Prozesses konzentrieren oder
• auf den Prozess selbst oder
• auf die Quelle oder Ursprünge, noch bevor etwas manifest wird.
Es versteht sich von selbst, dass die ersten beiden Perspektiven das Übliche darstellen. Wir betrachten bzw. beobachten beispielsweise ein Kunstwerk oder den Prozess seiner Entstehung, aber kaum die Quelle, aus der heraus jemand tätig wird, den inneren Zustand. Dabei ist die innere Verfassung wesentlich für den weiteren Prozess, wesentlich dafür, welche Wirkungen sich aus der Aktion heraus entfalten.
2.5 Emotionen
Paul Ekman (Ekman 2010) schreibt den Emotionen vier wesentliche Merkmale zu. Da ist zunächst die Signaleigenschaft: Emotionen setzen andere darüber in Kenntnis, was in uns geschieht (die von den Emotionen zu unterscheidenden Gedanken besitzen diese Signaleigenschaft nicht). In der Regel ist an Emotionen typisch, dass sie sehr schnell automatisch ausgelöst werden können, ohne ins Bewusstsein zu gelangen. Dabei spielen Prozesse der Beurteilung eine große Rolle, und das ist ein äußerst wesentlicher Punkt, da wir zwischen den Ereignissen und der Beurteilung von Ereignissen zu unterscheiden haben: Nicht das Ereignis selbst löst Emotionen aus, sondern unsere Beurteilung dieses Ereignisses! Wir können wohl behaupten, dass nur sehr wenige angeborene Auslöser für Emotionen vorhanden sind – fast immer handelt es sich um Emotionen, die aufgrund von (auch automatisierten) kognitiven Bewertungsprozessen ausgelöst werden. Diese Feststellung ist so wesentlich, weil der Dialog geeignet ist, sich dieser Automatismen stärker gewahr zu werden. Der Mangel an zumindest anfänglicher Bewusstheit ist das dritte Charakteristikum von Emotionen. Als viertes Charakteristikum nennt Ekman schließlich die Dauer emotionaler Episoden: Sie ist für gewöhnlich kurz, von einigen Sekunden bis zu etwa einer Stunde. Länger andauernde Emotionen werden eher als Stimmungen bezeichnet.
Wir wollen uns im Folgenden vor allem der zweiten und dritten Eigenschaft zuwenden, dem Automatismus mit zumeist fehlender Bewusstheit. Denken wir an die von vielen so ungeliebten Spinnen: Ohne es zu merken, erleben wir Emotionen des Ekels, vielleicht sogar gefolgt von einer körperlichen Abwehrbewegung. In dieser etwa Viertel- bis halben Sekunde ist im Grunde einiges geschehen, von dem wir allerdings bewusst kaum etwas bis gar nichts mitbekommen.
Nach der Wahrnehmung mit all den intern ablaufenden Top-down- und Bottom-up-Prozessen erfolgt die automatische Bewertung des Ereignisses und eine körperliche Reaktion, wie etwa das Zudrücken der Augen oder der Schritt zurück. Wirklich wesentlich dabei ist, dass nicht die Spinne an sich die Emotion ausgelöst hat, sondern ein kognitiver Bewertungsprozess, so schnell und unbewusst er auch abgelaufen ist! Die Spinne an sich kann keinen Ekel hervorrufen. Wir können getrost davon ausgehen, dass Ekel oder Angst keine angeborenen Emotionen auf Spinnen darstellen, zumal es auch in unserem Kulturkreis Menschen gibt, die diese Tiere recht gernhaben, und sehr viele Menschen auf dem Erdball verspeisen sie mit Wonne.
So meinte schon der antike griechische Philosoph Epiktet natürlich völlig zu Recht, dass uns nicht die Dinge selbst beunruhigen, sondern die Meinungen und Beurteilungen über die Dinge. Diese Unterscheidung ist deshalb so relevant, weil sie uns die Verantwortung über den Umgang mit Emotionen in die Hand gibt.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht keinesfalls darum, Emotionen zu bekämpfen. Nein, es geht um unseren Umgang mit Gefühlen und darum, sie zu beherrschen und nicht uns selbst von ihnen beherrschen zu lassen. Denn mit Emotionen sind selbstverständlich regelmäßig Kognitionen verbunden, welche unsere mentalen Modelle bedeutsam beeinflussen.
Die Regulation der eigenen Emotionen wurde oft als eine der größten Herausforderungen im Leben beschrieben, und das bestimmt zu Recht. Wie viel Leid und Unglück hat es schon verursacht, wenn Menschen ihre Gefühle nicht im Griff haben! Der inkompetente Umgang mit Emotionen begräbt regelmäßig viel an kreativem Potenzial im Miteinander. In der Handhabung unserer Gefühle nützt uns das Wissen oftmals recht wenig. Haben Sie Angst vor Höhe, wird Ihr Herz auch dann schneller rasen, wenn Sie an einem Steilhang durch eine stabile Absperrung aus Beton und Metall geschützt sind. Ist eine stärkere emotionale Reaktion erst einmal initiiert, fällt es schwer, durch bewusste Einschaltung des Denkens einen anderen, von außen betrachtet vernünftigeren, Weg einzuschlagen.
Im Kontext des Dialogs beschäftigt uns vor allem, dass „Emotionen […] uns den Zugriff auf all das verwehren, was wir wissen, auf Informationen, die wir sonst sofort abrufbereit hätten, die uns aber unzugänglich bleiben, solange das Gefühl besteht“ (Ekman 2010, S. 55). David Bohm geht noch weiter, wenn er schreibt, dass eines der großen Übel darin besteht, den Angriff auf eine Meinung mit einem Angriff auf die ganze Person unbewusst gleichzusetzen. Die unreflektierten Emotionen, die dabei entstehen können, verhindern regelmäßig vernünftiges Handeln. Wir identifizieren uns mit unseren Meinungen, weshalb wir uns persönlich angegriffen fühlen und zur Verteidigung schreiten müssen.
Es darf nicht unser Ziel sein, Emotionen zu leugnen oder gar längerfristig zu unterdrücken. Unser Ziel sollte die Beobachtung dessen sein, was in uns geschieht, wenn sie auftreten, und diese Beobachtungen in irgendeiner Weise sinnvoll zu verwenden. Es gibt unzählige Strategien zur Regulation von Gefühlen und es ist wichtig zu beachten, dass die Emotionen uns nicht dazu zwingen, in einer bestimmten Art zu handeln – aber sie machen es wahrscheinlicher.
James Gross (Gross 2002) von der kalifornischen Stanford University hat die Auswirkung von zwei sehr bekannten Emotionsregulationsstrategien eingehender untersucht: Überprüfung/Neubewertung („reappraisal“) und Unterdrückung („suppression“). Grundsätzlich wird in diesem Modell angenommen, dass die unterschiedlichen Strategien zur Emotionsregulation davon abhängen, zu welchem Zeitpunkt sie ihre primäre Wirkung im Gesamtprozess entfalten. Man geht davon aus, dass zwei wesentliche Gruppen von Strategien zu unterscheiden sind: antizipierende und reaktionsfokussierte Strategien.
a) Antizipierende Strategien: Diese kommen vor dem eigentlichen Ereignis zum Einsatz, noch bevor emotionale Reaktionen wesentlich begonnen haben (samt ihren physiologischen und verhaltenstechnischen Begleiterscheinungen). Beispiel: Im Vorfeld eines wichtigen Gespräches sieht die Person dieses als Lernmöglichkeit und nicht als unangenehme Prüfung.
b) Reaktionsfokussierte Strategien: Diese setzen ein, wenn Emotionen auf ein Ereignis bereits eingesetzt haben. Beispiel: Eine Mutter lässt ihre Tochter zum ersten Mal im Kindergarten alleine zurück, zeigt aber nicht ihre Gefühle von Angst oder Traurigkeit.
Des Weiteren gibt es in diesem Modell fünf Regulationsstrategien:
1. Auswahl der Situation: Man wählt unter verschiedenen möglichen Situationen aus und entscheidet sich, eine bestimmte Situation zu vermeiden oder sich ihr auszusetzen. Beispiel: Sie entscheiden sich, zu Hause zu bleiben anstatt zu einer Party zu gehen, weil sie antizipieren, dass Sie sich zu Hause wohler fühlen werden.
2. Modifikation der Situation: Man modifiziert eine Situation, um einen anderen Emotionslevel zu erreichen. Beispiel: Sie stellen einen anderen Radiosender ein, um keine negativen Nachrichten hören zu müssen.
3. Verlagerung der Aufmerksamkeit: Innerhalb einer gewählten Situation sind stets mehrere Aspekte erkennbar, auf die man sich konzentrieren könnte. Man fokussiert dann auf einen oder mehrere dieser Aspekte. Beispiel: Sie lenken ein Gespräch auf das gute Gefühl des Erfolgs, das Sie nach dem Bestehen einer Prüfung hatten.
4. Veränderung der Kognition: Dieser ausgewählte Aspekt ist in der Regel mit mehreren Bedeutungen versehen und man wählt eine dieser Bedeutungen aus. Beispiel: Eine Prüfung ist ja grundsätzlich nur eine Prüfung, sie sagt nichts über den Wert eines Menschen aus. Die Stufe vier ist bedeutend, weil davon wesentlich abhängt, welche Erfahrungs-, Verhaltens- oder physiologischen Reaktionen in dieser Situation entstehen. Eine Situation kann hier einer Überprüfung/Neubewertung unterzogen werden.
5. Anpassung der Reaktion: In dieser Stufe sind Tendenzen zu emotionalen Reaktionen bereits ausgelöst worden, man kann darauf auf den Ebenen von Erfahrungen, Verhalten oder physiologischen Erscheinungen reagieren.
Beispiel: Man unterdrückt Verhalten, das etwas zeigen könnte: Ich versuche, nicht zu schwitzen, wenn ich daran denke, dass ich die Prüfung nicht bestehen könnte. Typisch für diese Strategie ist die Unterdrückung.
Die Frage ist nun, ob in einer potenziell stressbeladenen Situation die Strategie der Überprüfung/Neubewertung jener der Unterdrückung vorzuziehen ist. Dazu hat Gross (2002) Testpersonen einen Film über die Amputation eines Armes gezeigt. Den Personen der Gruppe „Überprüfung/Neubewertung“ wurde gesagt, sie sollen den Film ansehen und dabei bewusst denken, dass sie nichts empfinden. Die Personen der Gruppe „Unterdrückung“ wurden instruiert, ihre emotionalen Reaktionen bewusst auszublenden.
Erstaunlicherweise konnte anhand von Ableitungen körperlicher Parameter wie des Pulsschlages oder der Hauttemperatur gezeigt werden, dass die Strategie „Unterdrückung“ zu einem Mehr an messbarem Stressempfinden führte: Die Aktivität des sympathischen Nervensystems, das Stressreaktionen steuert, stieg an. Im Gegensatz zur Strategie „Überprüfung/Neubewertung“ – hier konnten derartige Effekte nur in viel geringerem Ausmaß beobachtet werden (siehe Abb. 10).

Abb. 10: Der messbare Effekt von Unterdrückung und Überprüfung/Neubewertung: Die gestrichelte Linie zeigt die Veränderung der Pulsrate für die Gruppe ,Unterdrücker". Das Stressniveau ist hier am höchsten. Die Gruppe ,Überprüfung/Neubewertung" (durchgezogene Linie) und die Kontrollgruppe liegen bei gleichem Ausgangsniveau deutlich niedriger (Gross 2002, S. 284).
Das zeigt, dass die Art, wie wir bewusst mit unseren Emotionen umgehen, ganz massiv unsere körperlichen Stressreaktionen beeinflusst. Und natürlich können wir lernen, besser mit unseren Emotionen umzugehen. Wir müssen uns nicht in dem Maß von ihnen „treiben“ lassen, wie wir das oft glauben. Ob die Strategie „Unterdrückung“ oder „Überprüfung/Neubewertung“ in einer gegebenen Situation angemessener ist, kann jedoch nur im Situationskontext beantwortet werden.
Für den Dialog bedeutet dies Folgendes: Gerade in hitzigen Situationen, wenn es um ein Thema geht, das uns intensiv emotional berührt, ist es wichtig, noch mehr auf die eigene Gefühlslage zu achten, bewusst Strategien einzusetzen, um abzuschalten und Abstand zu gewinnen, und nicht nur das eigene Denken, sondern auch die eigenen Emotionen genau zu beobachten. Warum beginne ich mich gerade jetzt nach diesem Beitrag eines Teilnehmers so aufzuregen? Was teilt mir meine momentane Befindlichkeit über mich selbst mit? Welche Strategie kann ich einsetzen, um mich etwas „herunterzuholen“ und mehr Klarheit zu erhalten und etwas über die Entstehungsgeschichte meiner Gefühle zu lernen?
Sicherlich wird es gerade im Kontext des Dialogs in der Regel nicht günstig sein, aufkommende Emotionen zu unterdrücken. Zumeist wird es einen konstruktiven Gesprächsverlauf unterstützen, a) die Gefühle zu beobachten, b) einer Überprüfung zu unterziehen sowie c) zu überlegen, welche Aspekte einer gefühlsmäßigen Reaktion noch vorhanden sein und wie diese aus unterschiedlichen Perspektiven heraus bewertet werden könnten.
Bohm spricht in diesem Zusammenhang von der Aufmerksamkeit, von der Möglichkeit, dass sich das Denken selbst beobachtet, um zu erkennen, was es tut. Würde man die Emotion unterdrücken, „verlöre man die innere Klarheit, das Bewusstsein für seine Wut, bliebe aber dennoch wütend. […] Erforderlich wäre vielmehr, die Symptome in der Mitte gleichsam wie auf einem instabilen Punkt – wie auf Messers Schneide – in der Schwebe zu halten, so dass wir den ganzen Prozess beobachten können.“ Wenn es nicht möglich ist, die emotionale Reaktion in der Schwebe zu halten, „beobachten Sie den Vorgang der Unterdrückung, ohne die Unterdrückung zu unterdrücken“ (Bohm 1998, S. 144).
Diese Beobachtung des Beobachters ist bildhaft vergleichbar mit einer Fahrt in der Achterbahn. Aus der Perspektive des Fahrenden bin ich voll im Geschehen, mit all den Aufregungen, dem Herzklopfen, der Angst – ich bin eins mit meinen Emotionen. Ich kann mich aber auch neben die Achterbahn stellen und mich gedanklich dabei beobachten, wie ich im Wagon sitze. Es wird mir möglich sein, die aufkommenden Zustände, da sie mir bereits bekannt sind, auch zu empfinden, aber eben aus einer distanzierteren Perspektive heraus, mit etwas Abstand zu mir selbst. Und mehr noch: Ich könnte mich auch als Beobachter des Geschehens beobachten, also aus einer noch distanzierteren Haltung heraus!
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