Read the book: «Aus, Äpfel, Amen (2) Ria, de Kloa 1948 bis 1951»

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Mia May-Esch

AUS, ÄPFEL, AMEN!

BUCH 2

Ria, de Kloa


Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Vorwort

Eigentlich will ich gar nichts mehr schreiben, weil ich mich so kraftlos finde. Aber Melitta, meine Freundin, bearbeitet mich, und von ihrer Tochter Nina habe ich diesen schönen, gebrauchten Laptop erhalten, mit dem ich jetzt bequem arbeiten kann und der mich dazu verführt, doch noch ein wenig weiterzuschreiben.

Im ersten Teil meiner Niederschrift habe ich meine Erinnerungen bis 1947 aufgeschrieben. Nun will ich die Schreiberei also fortsetzen.

Nochmals, ich will nicht behaupten, dass meine Erinnerungen zeitlich, politisch und örtlich genau richtig liegen, denn es sind Erinnerungen eines Kindes beziehungsweise jetzt einer nicht mehr jungen Frau. Ich spreche auch nicht alle wichtigen Ereignisse der jeweiligen Jahre an, sondern nur Dinge, die in meinem Leben für mich von Bedeutung waren. Vielleicht war vieles damals für mich wichtig, ist aber im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten.

2009
Sommer 2009 … Noch oder wieder krank

Mein 70. Geburtstag liegt nun schon einige Monate zurück. Bei vielen meiner Gratulanten, Bekannten und auch Freunden bin ich in der Zwischenzeit wieder mehr oder weniger in Vergessenheit geraten oder aber zumindest wieder in den Hintergrund getreten. Die rosarote Brille, die ich an und auch noch nach meinem Geburtstag eine Zeit lang trage und die mir alles, auch die dunkelsten Wolken, in zarten Farben erscheinen lässt, lege ich wieder ab.

Kaum habe ich meine Wunderbrille in einer Seelenfalte versteckt, drängen sich geballte dunkle Wolken wieder in mein Gemüt, werfen Schatten darauf und drücken meine Stimmung in eine depressive Phase. Ich muss die rosa Brille doch wieder hervorholen.

In meinem jugendlichen Alter von siebzig Jahren habe ich noch ganz andere Vorstellungen. Greifen meine Finger schon wieder nach der rosaroten Brille? Ja! Ja! Ich weiß! Ich nehme zwar meinen Lieblingsplatz im Bett ein, aber es geht mir überhaupt nicht gut! Wenn ich das Gegenteil behaupten will, ist das einfach gelogen! Werde ich am Telefon gefragt, wie es mir geht, sage ich einfach, es gehe mir gut, weil ich nicht die Kraft habe, meinen wirklichen Zustand zu erklären.

Die Augen fallen mir zu und meine Gedanken wandern zurück in die Kindheit.

Auch dieser Teil meiner Niederschrift handelt von meiner Geschichte. Der Geschichte

der Mia, der (roten) Feder

der Ria, der Kloan (der Kleinen)

Und wie geht es jetzt weiter?

1948
Das Jahr 1948 mit wichtigen Ereignissen

Das Jahr 1947 geht nach den in meinem ersten Buch geschilderten Ereignissen eigentlich gut zu Ende. Das Weihnachtsfest ist nicht so üppig, der Jahreswechsel ruhig; die Familie ist zufrieden. Der Winter dauert nicht so lange und es beginnt früh zu leinen (tauen).

Papa wieder zu Hause

Nach der Entlassung 1947 aus der russischen Kriegsgefangenschaft und seiner Heimkehr findet sich Papa wieder gut zurecht. Er genießt das wiedergewonnene Leben in der Heimat, auch wenn dieses bescheiden verläuft. Einige Male muss er jedoch in die Gemeindekanzlei, die von zwei Kriegsversehrten, dem Herrn Modauer Karl und dem Herrn Meier, verwaltet wird. Der Papa nimmt mich immer mit. Da höre ich, wie sie ihm Fragen stellen. Wo genau er im Krieg gewesen sei, wo in der Gefangenschaft, was er noch alles wisse, welche Männer gefallen und welche noch in der Gefangenschaft seien. Papa gibt zwar gewissenhaft Auskunft, aber ich merke, dass er nicht gerne über diese Zeiten spricht.

So weit es möglich ist, wird er von Mama verwöhnt. Er ist der Herr im Haus; er verdient den Lebensunterhalt oder bekommt im Winter Stempelgeld. Das Bett im Zimmer steht natürlich nur für ihn bereit. Mama schläft auf dem Sofa in dem kleinen Flur. Wenn es schneit, treibt der Wind, wie auch im Dachkammerl bei der Mutti, den Schnee durch die schlecht schließende Tür bis vor das Bett. Beim Aufstehen stehen wir barfuß im Schnee.

Wenn Besuch im Dachkammerl übernachtet, müssen Beate und ich „zu Hause“ schlafen. Für Beate bedeutet dies, dass sie die Nächte in der nassen, kalten und finsteren Wohnung mit den eisigen Wänden bei ihrer Mutti verbringen muss. Ich schlafe zusammen mit Mama auf dem schmalen Sofa im Flur. Ich liege an der Wand; wenn Mama sich umdreht, muss ich das auch tun, denn sonst reicht der Platz überhaupt nicht.

Papa hat wieder seine schlanke Figur. Das Wasser ist weg. Er hat auch schon einen schweren Malarieanfall hinter sich. Jetzt im Winter hat Papa keine Arbeit, er geht zum „Stempeln“. Dazu muss er jeden Montag nach Kösching, um sein Stempelgeld abzuholen. Nun hat er ein altes Herrenfahrrad. Damit kommt er überall gut hin, auch nach Kösching. Das ist sehr wichtig, denn wer nicht kommt, kriegt auch nichts! Ohne Stempel kein Geld!

Und sonst?

Mein kleiner Bruder Ludwig hat immer noch seinen Gschwoilltlkopf (runder Kopf). Nach wie vor hat er keine Lust, viel zu reden. Den Kindergarten besucht er jedoch gerne.

Robert ist seit dem Herbst 47 in der ersten Klasse der Schule. Er ist ein blasser, nervöser Kerl, der manchmal sehr jähzornig ist. Aber gegen uns zwei große Mädchen ist er immer auf verlorenem Posten.

Beate ist in der zweiten Klasse. Sie ist schnell in die Höhe geschossen und mir sogar etwas über den Kopf gewachsen. Ich schätze, zu meinen Gunsten: „I bin net kleaner ois wia du, sondern genauso groß ois wia du (als wie du).“ Wir stellen uns Rücken an Rücken und Beate stellt siegreich fest: „Sigst as, i bin greßer ois wia du.“ (Ich bin größer als wie du – bayrische Grammatik löst alle Probleme von „wie“ und „als“.)

Ich, die Glückliche, bin in der dritten Klasse und gehöre nun, 1948, zu den Kommunionkindern.

Das Hochwasser

Der Winter neigt sich dem Ende zu, das Wetter wird milder, es leint und das eigentlich schnell. Dadurch kommt es, wie fast jedes Jahr, zu Hochwasser. Bei den Meiers, wo die Tante wohnt, stürzt das Wasser die Bergstraße vom Gstockets her, vorbei an Pöschel, Birkner und Nerb herunter. Der schmale Lentinger Manterinbach tritt draußen im Seebach schon über seine Ufer und füllt die breite Senke fast bis zur Kriegsstraße aus. Auch in der Schwemme, wo sonst an Samstagen die Pferde gewaschen und gestriegelt werden, breitet sich der Bach ins Uferlose aus. Die Gerners können das Haus nicht mehr verlassen und in einem Sautrog, der als Boot dient, wird die Frau Gerner an Land ins Trockene gebracht.

Ich in meiner Neugierde – oh, das ist das falsche Wort, denn neugierig bin ich nicht, sondern seh- und wissbegierig – laufe direkt am Rande des Hochwassers entlang. In meinen fast neuen Schnürstiefeln, deren Kauf sich Mama direkt vom Mund abgespart hat, stapfe ich durch die sumpfige Wiese und achte auf nichts. Mit vollkommen verdreckten Schuhen, an denen jetzt auch noch ein Absatz fehlt, komme ich heim. Mama ist entsetzt. Sie fängt wegen des fehlenden Absatzes zu schimpfen an. Mama versteht nicht, dass ich einfach genau sehen musste, ob vielleicht auch ein ganzes Ochsengespann oder eine Frau mit einer Kirm auf dem Rücken vorbeischwimmt, wie es Mamas Mutter früher mal bei einem Donauhochwasser gesehen hat.

Für mich ist das Hochwasser auch interessant, weil dort, wo jetzt der Bach läuft, der Sage nach in ganz, ganz früheren Zeiten ein breiter Fluss gewesen sein soll, der die ganze Breite des Tales ausfüllte. Dieser Fluss wurde von Schiffern mit Booten befahren. Wo das heutige Dorf ist, soll eine Anlegestelle gewesen sein, daher kommt der Name des Dorfes, der damals „Landing“ lautete und später zu Lenting wurde. Oben auf der Höhe, wo heute die Kirche steht, soll eine Kapelle errichtet worden sein, die dem Heiligen Nikolaus, dem Heiligen der Schiffer, geweiht wurde, der auch heute noch der Schutzheilige der Pfarrei ist. Beim Anblick des Hochwassers kann ich mir genau vorstellen, wie das damals ausgesehen hat.

Auch ein Hochwasser kann also trotz dreckiger Schuhe geistige Anregung bringen.

Vorbereitungen für meine Heilige Erstkommunion

Mein neunter Geburtstag verläuft angesichts der bevorstehenden Erstkommunion fast ohne Beachtung. Das große Ereignis der Erstkommunion findet immer am Weißen Sonntag, eine Woche nach Ostern, statt. Dieses Jahr fällt er früh, schon auf den 4. April. Dies ist auch der siebte Geburtstag von Robert, aber auch dem wird es dieses Jahr an Beachtung fehlen. Obwohl Kindergeburtstage generell nicht besonders gefeiert werden.

Die Vorbereitungen für mein großes Fest beginnen schon lange vorher. Das Wichtigste ist das Kleid. Mama hat noch diesen wunderbaren Stoff mit den Goldfäden. Eigentlich hat ihr der Papa diesen Stoff 1940 einmal mitgebracht. Es sollte eine elegante Bluse für sie werden. Jetzt ist sie froh, dass sie damit das Kleidproblem lösen kann.

Der Stoff ist für Mama so kostbar, dass sie mein Kleid nicht selbst näht, sondern die Schneiderin Anni den Auftrag bekommt. Die Anni ist eine gute Freundin meiner Tante und erklärt sich bereit, das Kleid zu nähen, obwohl sie gar nicht weiß, wie sie alle Kleider, die sie in Auftrag hat, bis zum Weißen Sonntag fertig haben soll.

Mutti und Tante tragen auch sonst mit allen Mitteln bei, so bekomme ich eine Garnitur gaaaanz neue Unterwäsche, weiße Strümpfe und weiße Handschuhe. Es ist ein Rätsel, wie sie das geschafft haben. Einen weißen Rosenkranz, ein Kettchen mit einem Kreuz und ein Gebetsbuch bekomme ich schon vorher als Geschenk zu meiner Kommunion. Mama näht mir noch ein neues weißes Strapsleiberl, ein weißes Täschchen sowie weiße Schuhe mit einer Spange und Verzierung.

Aber es fehlen doch noch sehr wichtige Dinge, nämlich die Kerze und ein Kränzchen. Natürlich sind meine Leute nicht die Einzigen, die solche Raritäten suchen. Die Eltern von reichen Bauernkindern haben da doch noch ganz andere Möglichkeiten, diese Kostbarkeiten irgendwie einzutauschen. Für mich werden die Lebensmittelkarten geopfert. So treibt man doch noch eine Kerze auf. Aber ein Kranz ist nicht zu finden. Es ist schon die Osterwoche, Mama überlegt, ob sie nicht selbst ein Kränzchen basteln und dieses mit den Asparaguszweigen aus Tantes Blumenstock schmücken könnte.

Da bringt Tante endlich die Nachricht, dass die Frau Herold noch einen Kranz habe. Es ist zwar kein Kränzchen für ein Kommunionkind, sondern ein Brautkranz, und er ist nur gegen viele Zucker- und Fleischmarken zu erhalten, außerdem zwingt der Aufwand sämtliche Vorbereitungspläne für Essen und Backen zu erheblichen Einschränkungen, aber der Kranz wird erworben! Ich bin ausstaffiert und glücklich!

Und wie wichtig wir Kommunionkinder im Dorf sind! Überall merkt man die Vorbereitungen. Ich, mit meinem Goldfadenkleid, werde bestimmt die Schönste!

Wenn ich Mama frage, ob ich schön sei, dann meint sie immer: „Du taugst schon nei (hinein) untern Haufen.“ Nie sagt sie, dass ich schön bin! Noch dazu gehe ich schon die ganze Zeit nicht in die Sonne, damit mich an meiner Kommunion ja keine Sommermirl (Sommersprossen) verunstalten – und die Märzensonne ist sehr gefährlich.

Endlich bin ich einmal wichtig, wo ich doch sonst nur wegen meiner roten Haare und der Sommersprossen auffalle. Sogar die Kinder haben schon hinter mir hergerufen: „Du mit deinen Sommersprossen hast mit dem Teufel Kuhdreck droschen!“ Da hat es Beate gut! Sie hat schöne braune Haare. Ihre Augen sind nie entzündet, kein einziges Sommermirl verunziert ihr Gesicht.

Jetzt aber stehe ich mal mit schönen Dingen im Mittelpunkt! Meine Wichtigkeit macht sich überall bemerkbar. Voller Einbildung und Stolz rausche ich dahin und bringe Mama mal wieder zu einem ihrer Sprüche, mit dem sie mich ein wenig bremst: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz.“ Ich und dumm! Und ich bin doch auch nicht stolz, sondern ich gehöre einfach zu den Wichtigen! Ja mei, des is halt so, wenn man wichtig ist, ist man eben wichtig!

Ich habe kaum noch Zeit, um mit Beate zu reden. Ich merke zwar, dass sie genervt ist, aber sie verdreht nur missbilligend die Augen, dreht sich um und läuft davon. Sie denkt bestimmt, der Tag geht doch mal vorbei und ich werde wieder froh um sie sein. Übrigens, nächstes Jahr ist sie Kommunionkind, dann werde ich dumm schauen. Aber mein Denken geht nicht über das Ereignis hinaus.

Ich muss zu den Anproben zur Schneiderin. Meine Haare werden gewaschen und auf Papierwuggerl aufgedreht, damit ich am Weißen Sonntag die schönsten Stopsellocken habe.

Außerdem muss ich in den Pfarrhof zum Kommunionunterricht. Dann kommen die Proben vor und in der Kirche. Wir üben, wie wir uns aufstellen sollen, wer neben wem steht, wie wir reingehen, was wir singen, was wir sagen, wo wir sitzen, wie wir zur Kommunionbank gehen. Wir üben auch das gemeinsame Sprechen der Erneuerung des Taufgelübdes und des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an Gott, den Vater und den Sohn … Ich glaube an die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Nachlass der Sünden, Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben. Amen.“


Aber um den Nachlass der Sünden zu erreichen, kommt vor der Kommunion noch die Beichte. Da muss ich den Beichtspiegel auswendig lernen, nebenbei mein Gewissen genau erforschen, damit ich ja keine Sünde aus meinem sündhaften Leben vergesse!

Oh je! All meine Verfehlungen soll ich dann unserem Pfarrer beichten. Der kennt mich ja, so wird er dann ganz genau wissen, dass ich gar nicht sooo heilig bin, wie ich immer dreinschaue oder wie ich den Anschein erwecken will. Auch wenn ich bei mir keine Todsünden finde, so hat sich doch schon ein Sündenregister in meinem Leben angesammelt: tägliche Gebete unterlassen, der Mama nicht gefolgt, eingebildet sein, meine kleineren Brüder an den Haaren gezogen, von der Marmelade genascht, neidisch gewesen und, und, und … Ich will noch gar nicht genau darüber nachdenken!

Da hat es der Papa schön, der beichtet in der Stadt oder er kauft sich einen Beichtzettel, damit er beim Pfarrer den Nachweis erbringen kann, dass er die Osterbeichte abgelegt hat.

Aber auch die Beichte werde ich überleben.

Die Osterzeit

Am Palmsonntag stehe ich schnell auf, damit ich ja nicht der Palmesel werde. Das ist dieses Jahr der Papa. Aber der nimmt das nicht tragisch, sondern lacht nur dazu. Im Hochamt lasse ich die bunten gebundenen Palmkätzchen weihen. Diese steckt Mama hernach hinter das Kreuz in der Küche, damit Gottes Segen immer im Haus ist.

Die Karwoche ist ruhig und es gibt weniger zu essen. Am Karfreitag läuten keine Glocken, sondern man hört nur die Karfreitagsratschn. Es heißt, die Glocken sind nach Rom geflogen. Von dort werden sie zu Ostern von den Engeln wieder zurückgebracht.

In der Kirche sind alle Bilder mit violetten Tüchern verhüllt. Vorne an der Kommunionbank liegt ein Kreuz am Boden. Wenn man im Knien dort ankommt und den Leib Christi küsst, erhält man einen Ablass. Wir Kinder sammeln mit Freude einen Ablass nach dem anderen. Wir kommen zur Kirchentüre herein, gehen in die Knie, rutschen den ganzen langen Mittelgang entlang bis vor zum Kreuz, geben unseren Kuss darauf, stehen auf, verlassen die Kirche am vorderen Ausgang, laufen um die Kirche herum und wiederholen unsere Ablassgewinnung. Vor Ostern braucht der Mittelgang bestimmt nicht mehr geputzt zu werden, denn das haben wir mit unseren Strümpfen auf den Knien bestens erledigt.

Die Osterfeiertage sind schön. Ein Stück Geselchtes, das Mama kocht, und Eier, die Mama färbt, bringt Papa aus Stammham mit. Das Osterbrot backt Mama, den Kren (Meerrettich) gibt es direkt vor der Haustüre, den braucht man nur am Pfarrberg auszugraben. Beate und ich tragen dieses Jahr die Speisen zur Weihe. Hernach genießen wir zu Hause alle das gute, geweihte Osterfrühstück.

Natürlich wissen wir zwei Großen, dass es keinen Osterhasen gibt. Trotzdem freuen wir uns über die bunten Eier im Osternest. Das Schönste sind aber die gebackenen Osterbetzl, die mit Puderzucker bestreut sind und eine kleine papierene Osterfahne im Rücken haben. Tante, die Meisterin im Organisieren und Beschaffen, hat dieses Osterwunder vollbracht und uns damit überrascht.

Doch dann sind die Osterfeiertage vorbei. Die bunten Eier sind gegessen, aber mein Osterbätzerl hebe ich bis zur Kommunion auf.

Die Erstbeichte

Einige Tage vor dem Fest ist es so weit. Wir treten zur Erstbeichte an! In der kühlen Kirche knien wir sündigen Kinder in der ersten Reihe. Unser hochwürdiger Herr Pfarrer, der Beichtvater, kommt, schreitet mit strenger Miene an uns vorbei, setzt sich in den Beichtstuhl, zieht den Vorhang zu und ein Kind nach dem anderen geht zur Beichte.

Nun bin ich an der Reihe. Mit wackligen Knien tapse ich zum Beichtstuhl, denn meine gefühlte Sündenlast drückt mich fast zu Boden. Ich knie mich hin und beginne mit zittriger Stimme meine Sünden zu bekennen.

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden. Erstes Gebot … (Ich muss leiser reden, denn sonst kennt hernach das ganze Dorf meine Sünden …) Ich habe heilige Namen oft leichtsinnig ausgesprochen.“ So geht es durch mein Sündenregister. Natürlich habe ich nicht gegen alle Gebote gesündigt. Auch im sechsten Gebot habe ich keine Verfehlungen.

Mein Beichtvater stellt noch einige Fragen, dann bekomme ich die Absolution. Zur Buße bete ich die auferlegten Gebete und kehre noch ganz in mich gekehrt, aber frei von jeder Sünde heim. Ich schaue in den Spiegel. Der Heiligenschein fehlt mir, außerdem muss ich aufpassen, dass ich nicht noch vor der Heiligen Erstkommunion neue Sünden begehe.

Ich merke, dass es nicht immer ganz einfach ist, ohne Sünden zu leben, besonders, was meine Einbildung betrifft.

Der Weiße Sonntag – Mein Weißer Sonntag

Endlich ist der Weiße Sonntag da! Das Wetter ist schön. Gott sei Dank regnet es nicht, denn ich hätte keinen Mantel, keine Jacke, keinen Umhang. Aber Jesus hat Verständnis für seine Kommunionkinder. Ich muss schon früh aufstehen, damit ich ja rechtzeitig fertig werde. Es gibt kein Frühstück, denn Jesus’ Leib soll in Form einer Hostie vor dem Essen in mich eingehen. „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehest unter mein Dach …“

Das Zimmer ist voll, man kann sich kaum umdrehen. Papa liegt noch im Bett. Da ist er wenigstens nicht im Weg. Tante Resi aus Fürth und Tante Kuni aus München sind da, außerdem Mama, Tante, Beate und ich. Gebadet habe ich schon gestern Abend in der Zinkwanne im Wohnzimmer. Jetzt gibt es nur eine normale Morgenwäsche.

Anschließend werde ich eingekleidet. Alles passt wunderbar. Tante Kuni hält schon die Brennschere und Papier bereit. Erst werden die Haare aufgewickelt und die Papierwuggerl entfernt. Am Papier probiert Tante erst aus, ob die Brennschere nicht zu heiß ist und mir die Haare versengt. Nun bringt sie damit meine Stopsellocken in Form.

Es läutet schon zum Hochamt; ich kann endlich gehen. Alle begleiten mich bis zum Hoftürl und schauen mir voller Stolz nach. Mutti eilt herbei, denn sie geht mit mir. Die Tanten wollen in einigen Minuten direkt in die Kirche nachfolgen.

Vor der Schule versammeln sich alle Kommunionkinder und nehmen in Zweierreihen Aufstellung. Die Buben gehen voraus. Alle tragen dunkle Anzüge, die Mädchen gehen in Weiß. Wir bewundern uns gegenseitig, aber jede meint, die Schönste zu sein. Es ist wirklich zu bestaunen, wie es alle Eltern geschafft haben, ihre Kinder so einzukleiden. Eine, die Marianne, hat sogar Seidenstrümpfe und weist alle darauf hin. Natürlich bewundern wir ihre seidenbestrumpften Beine.

Wir werden nochmals zur Aufstellung ermahnt. Unter Glockengeläut ziehen wir in einer feierlichen Prozession in die Kirche ein. Die Eltern, auch alle in Festtagskleidung, frisch onduliert oder mit frischen Wuggerl, stehen in der vordersten Reihe und bewundern ihre heiligen Kinder. Natürlich sind auch alle anderen aus dem Dorf da. Die Kirche kann nicht alle Gläubigen fassen.

Ein feierliches Hochamt wird gehalten, mit einer wunderbaren Predigt, die auf die hohe Bedeutung des heutigen Tages hinweist. Es läutet zur Wandlung. Die Hostie wird zum Leib und der Wein zum Blut des Herrn. Dies ist das Geheimnis des Glaubens!

Nun ist endlich der Augenblick gekommen, wir schreiten zum Tisch des Herrn. Ich bin wirklich ganz erfüllt von dem Gedanken, dass Jesus nun bei mir eingekehrt ist.

Nach den Kindern gehen die Eltern und Verwandten zur Kommunion. Mutti geht nicht. Sie darf nicht! Sie ist von den Sakramenten ausgeschlossen, denn sie hat einen geschiedenen Mann geheiratet! Trotzdem steht sie in ihrem einfachen, aber kleidsamen Kostüm mit hocherhobenem Haupt in der Kirchenbank. Nein, sie ist stolz auf ihren Mann. Sie zeigt weder Demut noch Reue.

Es ist fast Mittagszeit, bis wir heimkommen. Mama hat schon ein gutes Frühstück mit Kuchen und Kaffee hergerichtet. Natürlich erhalte ich auch kleine Geschenke. Mama macht mir das schönste Geschenk. Ich bekomme ihren Porzellanengel, der unter einem Glassturz steht. Den hat sie selbst zu ihrer Erstkommunion bekommen. All diese schönen Dinge stehen auf dem Fenstersims, weil sonst kein Platz ist.

Mit heiterer Unterhaltung genießen wir das Frühstück. Anschließend wird bald zum Mittagessen aufgetragen. Was Mama wieder Gutes gekocht hat! Grießnockerlsuppe, Schweinebraten, rohe Klöße und Kartoffelsalat, als Nachspeise Apfelkompott.

Kaum ist das Mittagessen eingenommen, brechen wir wieder auf, um in die Kirche zur Andacht zu gehen. Hernach müssen wir alle noch in den Pfarrhof, um dort unser Gedenkblatt entgegenzunehmen.

Mama ist schon dabei, den Nachmittagskaffee und den Kuchen herzurichten. Es gibt sogar eine Torte. Für eine Cremfüllung hat es nicht mehr gereicht, so hat Mama diese mit Apfelkompott gefüllt.

Tante Resi schaut im Hof mit dem Papa die jungen Hasen im Stall an. Mama meint, ich solle der Tante Resi sagen, sie solle zum Kaffee reinkommen. Ich stehe auf, gehe ans Fenster, klopfe an die Scheibe. Da passiert mir ein Unglück. Ich stoße an den Engel mit dem Glassturz. Er fällt und zerschellt in unzählige Scherben. Alle im Zimmer schauen entsetzt zum Fenster. Ich bin wie gelähmt, die Tränen rinnen mir über das Gesicht. Der Sturz ist kaputt, aber der Engel steht unverletzt da. Daraufhin beruhigen sich alle wieder. Vielleicht kommen ja mal wieder Zeiten, in denen man so einen Glassturz kaufen kann.

Zum Weinen bleibt auch keine Zeit, denn Onkel Hans und Mutti eilen mit mir zum Bahnhof, um den Zug nach Ingolstadt zu erreichen. Wir müssen doch Fotos machen lassen! Im Zug und in der Stadt sieht man überall Kommunionkinder, die alle mit wichtiger Miene hin und her laufen. Es ist ein schönes Stück Weg vom Nordbahnhof in die Milchstraße. Als wir dort beim Foto Scheuerer ankommen, haben wir eine lange Schlange von Wartenden vor uns. Aber endlich sind auch wir an der Reihe. Mutti streicht mir noch schnell die Haare aus dem Gesicht und richtet meine Stopsellocken. Ich will ein ganz heiliges Gesicht machen. So schaue, besser gesagt, starre ich in die Kamera.

In der Stadt wird auch noch Eis verkauft. Da meint Onkel Hans, an so einem Tag solle ich schon ein Eis bekommen. Er nimmt es auf sich, sich in die Warteschlange einzureihen, und kommt letztendlich wirklich mit drei kleinen Kugeln in einer Waffel zurück.

Schon eilen wir wieder zum Nordbahnhof und kommen müde und erschöpft zu Hause an. Natürlich muss ich mein Kleid sofort ausziehen. Mama prüft mit kritischem Blick, ob es noch sauber ist. Wirklich, sie hat nichts auszusetzen.

Die Zuhausegebliebenen haben den Nachmittag gut verbracht. Nun gibt es am Abend noch ein wenig Essen. Ich bin aber so müde, dass ich bald ins Bett auf das kleine Sofa im Flur gehe.

Ein wunderschöner, aber auch anstrengender Tag ist vorbei.

Nach dem großen Fest

Es sind noch Osterferien und ich kann mich gut erholen. Tante Resi und Tante Kuni bleiben noch hier. Das Essen vom Feiertag reicht auch noch am nächsten Tag. Ich freue mich schon auf den Nachmittagskaffee und die Torte. Aber nein! Leider hat die Füllung der Torte, das Apfelkompott, nicht gehalten, ist sauer geworden und hat den Tortenboden aufgeweicht. Mama kann die restlichen Tortenstücke nur noch wegschmeißen! Dafür sind noch Rohrnudeln da, die sind auch gut.

Die übrigen Ferientage sind schnell vorbei. Mama frisiert meine schönen Stopsellocken aus und ich bekomme wieder meine Zöpfe. Alles, was noch vom Festessen da war, ist vertilgt. Ebenso mein Kuchen-Osterbätzl. Die Tanten reisen ab. Das Leben nimmt wieder seinen normalen Verlauf.

Meinen Heiligenschein lege ich wieder ab, denn ich merke, dass es sehr schwer ist, ein heiliges, gottgefälliges Leben zu führen. Da ist es schon angenehmer, einige Sünden zu begehen und diese am nächsten Beichttag zu bekennen.

Einen Sonntag später verkündet der Pfarrer den Termin zur Abgabe der Beichtzettel. Ich werde mit den Beichtzetteln von Mama und Papa und meinem sowie einer kleinen Geldspende in den Pfarrhof geschickt. Dort steht schon eine Schlange. Man wartet, bis man drankommt. Der Pfarrer sitzt am Schreibtisch. Er hat eine Liste mit namentlicher Aufzeichnung der Pfarrkinder. Jede Abgabe wird vermerkt und der Pfarrer nimmt auch die Geschenke entgegen. Bei den Bauern wird diese Pflicht meist in Form von Naturalien erledigt.

Ohne Beichte beginnt man eine schwere Sünde, daher ist die Kontrolle so wichtig.

Die Kommunionfotos

Zwei Wochen nach dem Weißen Sonntag fahre ich mit Tante in die Stadt, weil wir meine Fotos abholen wollen. Ich bin schon neugierig! Im Eingangsbereich bei Foto Scheuerer sind in Schaukästen die schönsten der Kommunionfotos ausgestellt.

Mehrere Leute stehen davor und äußern sich bewundernd über die schönen Aufnahmen. Die schauen bestimmt gerade das Bild von mir an! Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um endlich einen Blick auf mich werfen zu können. Aber die Leute vor mir begrenzen mein Blickfeld. Da sehe ich mich nicht.

Endlich weichen diese Langweiler. Ohne einen Blick auf die Schönste, die direkt hinter ihnen steht, zu werfen, machen sie Platz. Meine Augen durchlaufen die Reihen der Fotos. Ja, wo bin ich denn? Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, aber ich bin nicht dabei! Das gibt es doch nicht, das kann doch nicht wahr sein!

„Also, geh jetzt endlich! Du kennst die auf den Bildern ja doch net“, mahnt Tante.

Wir betreten den Laden und holen die Bilder ab. Na ja, so schön bin ich wirklich nicht darauf. Ich frage die Tante: „Wie schau ich denn auf dem Bild aus?“

Sie mustert mich mit ihren Goldplättchenaugen und meint: „Ja mei, du schaust halt aus, wiast halt ausschaust.“

Also, ein besonderer Fotograf ist der Scheuerer meiner Meinung nach nicht!


Aber einen kleinen Trost gibt es doch, denn auch von anderen Lentinger Kommunionkindern sind keine Fotos ausgestellt! Der Fotograf hat bestimmt was gegen Landkinder.

Fronleichnam

So ganz vergessen sind wir Kommunionkinder aber noch nicht. An den hochheiligen Feiertagen dürfen wir dieses Jahr in unseren weißen Kleidern teilnehmen. Besonders wichtig für uns ist Fronleichnam mit dem Flurumgang. Einige Tage vorher schaue ich schon immer auf das Wetterhäusl. Immer kommt die Frau heraus und kündigt Sonnenschein an. Wirklich, das Wetter wird schön. Ich möchte nur wissen, wie die kleinen Holzfiguren vom Wetterhäusl immer wissen, wie das Wetter wird. Mama erklärt mir was, aber ich versteh es nicht. „Ja mei, des Weiberl und des Manderl, de wissen des halt“, meint sie lapidar.

Ja, es ist ein wunderbarer Fronleichnamstag. Wir werden nochmals ausgiebig bewundert. Die vier Altäre sind sehr schön hergerichtet, Blumenteppiche breiten sich davor aus. Überall sind Fahnen gehisst und schöne Tücher liegen über den Fensterbänken. Unter dem von vier Ehrenchristen getragenen Himmel schreitet der hochwürdige Herr Pfarrer mit der Monstranz in der Hand segnend durch die Fluren und Straßen. Unter feierlichem Glockengeläut ziehen wir nach dem Umgang in die Kirche ein und singen aus vollem Halse: „Großer Gott wir loben Dich!“ Und das tun wir auch immer und voller Dankbarkeit.

Die Maidult

Im Mai ist in der Stadt allerweil die Dult und natürlich wollen wir Kinder da hin. Beate und ich bengsen (nerven) so lange, bis Tante nachgibt und sich mit uns zur Dult aufmacht. Wir fahren sogar mit dem Zug in die Stadt. Als wir zur Taschenturmstraße kommen, hören wir schon die Drehorgelmusik. Wir werden ganz nervös und würden am liebsten laufen, damit wir ja noch rechtzeitig hinkommen. Tante ermahnt uns, wir müssten brav und sittsam an ihrer Seite bleiben. Sie will uns nicht aus den Augen verlieren. Beate und ich sind da weniger ängstlich, denn wir zwei würden auch alleine heim nach Lenting finden. Aber Tante hat das Geld und ohne Geld ist die schönste Dult nicht schön. Nur auf einer Bank auf dem Scherbelberg zu sitzen und auf das bunte Volksfesttreiben herunterzuschauen ist auch nicht unser Ziel.

So aber stellt sich Tante erst mal für eine Zuckerwatte an. Mit diesen fein gesponnenen Zuckerbauschen in der Hand geht es durch das Getümmel. Da kommt das Kinderkarussell mit den Pferdchen, den Autos, der Feuerwehr und den Postkutschen. Damit durfte ich als kleines Kind immer fahren. Das würde ich auch jetzt gerne wieder tun, denn das Karussell fährt langsam und da wird mir nicht schlecht.

„Des is doch nichts mehr für dich“, meint Tante.

Wir ziehen weiter zum Kettenkarussell. Im Gegensatz zu Beate bin ich gar nicht begeistert. Wenn ich schon sehe, wie schnell sich das Karussell dreht! Mir ist doch schon in dem kleinen Karussell im Kindergarten übel geworden. Aber Tante ist vom Genuss dieser Fahrt überzeugt und will uns daran teilhaben lassen. Als sie die Karten hat, werden wir einfach reingesetzt, die Ketten werden verschlossen, damit wir nicht herausfallen können. Jetzt bin ich mit meinem Elend ganz alleine in der Luft, Beate vor und Tante hinter mir. Sie sind für mich unerreichbar.

Zuerst dreht sich alles ganz langsam, doch dann gewinnen all die Sitze an Fahrt. Aufgrund der Fliehkraft hängen wir ganz schief auf den harten Brettern der Kettenstühle. Ich trau mich nicht mehr runter- und auch nicht mehr raufzuschauen. Oh mei, mir wird schlecht! Ich mache den Mund auf und schnaufe tief! Es hilft nichts! Ich presse die Lippen zusammen, aber das hilft auch nichts, mir wird immer schlechter! Und ich kann zu niemandem etwas sagen. Tante und Beate sind so weit weg von mir. Hört denn die Fliegerei überhaupt nimmer auf? Nein, die hört nicht auf. Ich glaube, die fahren gerade eine extralange Tour. Ich wage einen Blick hinunter und sehe all die Menschenköpfe unter mir. Alle haben ihre Sonntagskleider an. Wenn ich jetzt brechen muss! Die da unten erschlagen mich dann bestimmt!

Endlich lässt die Geschwindigkeit nach und langsam kommt das Karussell zum Stehen, die Ketten werden geöffnet, wir dürfen raus! Beate möchte gleich noch mal fahren, aber ich hänge mich an Tantes Hand, torkle die Treppen hinunter und bin froh, dass ich nicht brechen muss.

Langsam erhole ich mich und wir eilen wichtig zur Geisterbahn. Das gefällt mir. Beate und ich sitzen auf einer Bank, Tante hinter uns. Langsam setzt sich die Bahn in Bewegung. Wir fahren in den finsteren Höllenschlund ein. Erst mal umgibt uns nur Dunkelheit. Beate schreit und krallt sich an mich. Sie hat Platzangst und Angst vor der Finsternis. Darunter leidet sie seit ihrer frühen Kindheit. Weil sie mal unfolgsam war, hat ihr ihre Mutti droben im Friedrich-Haus erst mal den Hintern versohlt, sie dann in den fensterlosen Keller gestoßen, die Falltüre geschlossen und sich auch noch daraufgestellt, damit Beate ja nicht herauskam. Natürlich war das nur kurz, aber seitdem kann sie diese Angst nicht mehr überwinden. Hier in der gefährlichen Geisterbahn kommt diese Phobie wieder besonders stark durch.

Vor uns hört man schon die gellenden Schreie der verlorenen Geisterbahnfahrer, die gerade von Hexen, Geistern, Tod und Teufeln aus den Sitzen gerissen werden. Wahrscheinlich werden die nie mehr auf der Erdoberfläche auftauchen. Das meint Beate, aber ich weiß es besser! Als jetzt auch noch diese furchtbaren Gestalten auf uns zugreifen, schreit Beate noch lauter. Ich überstehe die Fahrt gut und möchte gerne nochmals fahren, um meinen Mut zu zeigen.

„Na, na, des langt scho“, meint Tante.

Wir marschieren weiter über das Volksfest, schauen uns alles an und möchten dies und wollen das. „Da bräucht ich ja an Geldscheißer und den hob i net“, meint Tante. Ja, dann lass mas halt steh!

Aber vom Riesenrad bin ich ganz fasziniert, ich will gar nicht weitergehen. Tante meint, da stünden so viele Leute an, das könnten wir nicht mitmachen. Aber ich schaue so voller Sehnsucht zu den schön bemalten Gondeln, die ganz nach oben in den Himmel schweben und sich dann wieder langsam auf die Erde senken. Da gibt Tante nach. Sie setzt uns auf Holztreppen, wo wir auf alle Fälle sitzen bleiben müssen, bis sie wiederkommt. So kleine Kinder sind wir doch wirklich nicht mehr, aber wir folgen.

Es dauert, dauert und dauert, die Schlange vor der Kasse schiebt sich nur ganz langsam vorwärts. Endlich, nach einer Ewigkeit kommt meine so liebe Tante mit den Fahrkarten in der Hand zurück. Ach, so eine brave Tante hab nur ich! Erwartungsvoll eilen wir mit ihr auf den Eingang zu. Da dauert es wieder, bis wir einsteigen können. Tante kann schon gar nicht mehr stehen.

Endlich! Wir zeigen unsere Karten vor, die werden eingerissen, wir dürfen hinein und in einer der wunderschönen Gondeln Platz nehmen. Tante sitzt auf der einen, Beate und ich auf der anderen Seite. Die Gondel schaukelt leicht hin und her. Oh, wie schön ist das! Ich fühle mich prima!

Da setzt sich die Gondel in Bewegung und es geht aufwärts! Aber oh, oh, das kitzelt ganz unangenehm in meinem Bauch! Dieses Gefühl greift nach meinem Magen. Die Gondel bleibt mit einem Ruck stehen. Mir wird übel! Unter uns steigen Leute ein. Wieder ein Ruck und es geht weiter aufwärts. Wieder dieses blöde Gefühl in meinem Bauch! Mein Magen dreht sich um! Stück um Stück steigt die Gondel nach oben. Ich fühle mich immer schlechter. Ich will mir nichts anmerken lassen und reiße mich zusammen. Ich bekomme keine Luft mehr!

Tante und Beate unterhalten sich. Ich sage schon gar nichts mehr, sondern lehne mich zurück und bete, dass die Gondel nicht mehr weiter nach oben fährt, sondern Kurs auf den festen Boden nimmt.

Mein Gebet wird nicht erhört! Ganz im Gegenteil! Die Gondel schaukelt wieder ein Stück runter und dann wieder rauf! Der kalte Schweiß steht mir auf der Stirn und ich klammere mich an den Sitz.

Tante wirft endlich einen Blick auf mich. „Was hast denn? Ist dir schlecht?“

„Ja, a bisserl … I glaub, ich muass brechen“, sag ich leise.

„Ja, was solln wir denn iatz macha?“, schnauzt Tante.

Oh je, sie wird grantig!

„I mog (will) raus“, meine ich kleinlaut.

Beate stellt sich nun auch noch gegen mich und gibt ihren Senf dazu: „I mog oba net raus!“

Ich fange zu weinen an. Es würgt und hebt mich. „I wui raus!“, fordere ich mit letzter Kraft. Da gibt Tante dem Aufpasser unten ein Zeichen. Die Gondel fährt langsam zurück. Endlich, endlich sind wir unten.

Tante packt uns an den Händen und zieht uns mehr oder weniger heraus. Beate protestiert: „I bleib do, i konn a alloa fahrn!“

Aber bei der Tante ist es vorbei. Sie ist narrert (wütend), und das wie! „Da stell ich mich a volle Stund lang o, zoih (zahle) an Haufn Geld, weil sie unbedingt do fahrn wui, und dann wuis raus! Des langt mir jetzt! Iatz geh ma hoam. Denkt ja net, dass ich mit eich nochmals aufs Volksfest geh! Nia und nimmer!“

Und das End vom Lied? Tante ist total stinkert, Beate weint, mir ist immer noch schlecht und ich habe ein schlechtes Gewissen.

Was man alles essen kann!

In Lenting kommen immer neue Flüchtlinge, eigentlich Vertriebene, an. Damit dringen aber auch viele neue Dinge in mein Leben vor. Ich kann viele für mich interessante Erfahrungen sammeln! Da gibt es Sachen zum Essen, von denen ich vorher nie etwas gehört habe: Hutzelbrühe, Dillsoße, Hefeknödel, Sauerampfersalat, Maiskuchen, Krautsuppe und, und … Da sind Dinge dabei, die mir sehr gut schmecken. Dazu gehören die Zwetschgenknödel und der Mohnkuchen. Leider probiert Mama solche Dinge nie aus.

Als der Herr Dietz der Mama erzählt, dass er einen Salat oder eine Suppe aus Milleschockn (Löwenzahn) isst, da sagt Mama gar nichts mehr. Einmal treffen wir ihn, als er nicht nur Milleschockn, sondern auch Brennnesseln brockt.

„Haben Sie jetzt Hasen oder Ziewerl?“, fragt ihn Mama.

„Nein, daraus macht meine Frau einen Brennnesselsalat oder Brennnesselsuppe. Das ist sehr gesund. Sie müssen das mal probieren.“

Da verdreht Mama nur noch die Augen, packt mich an der Hand und wendet sich zum Gehen. „Brennnessel und Milleschockn essen! Geh, geh ma, Hosenfuadda brauch ma wirkle net. Da solln ma uns nacha ah no as Mai verbrenna! Na, na, na, do hert sich doch da Gmüshandel auf! (Komm, gehen wir, Hasenfutter brauchen wir wirklich nicht. Da sollen wir uns auch noch den Mund verbrennen. Nein, nein, da hört sich doch der Gemüsehandel auf.)

So notig san ma doch net.“

Die Währungsreform

Das Leben ist immer noch schwer. Überall herrscht Not. Zwar stirbt man im Dorf nicht gerade an Hunger, aber manchmal wissen die Familien wirklich nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Es ist nichts zu kaufen da! Beim Reischl in Lenting gibt es außer Brot nichts. In der Stadt sind die Schaufenster leer! Niemand hat was anzubieten. Die Geschäftsleute haben nichts mehr auf Lager. „Sie können ruhig nachschauen. Bei uns finden Sie kein Stäubchen mehr. Alle Vorräte, die wir hatten, sind schon längst veräußert.“ Natürlich bestehen wir nicht darauf, die Lager zu besichtigen. Es gibt keine Schuhe, keine Stoffe, keine Kohlen, keine Tafeln, keine Hefte, keine Stifte, keine Lebensmittel, keine Schokolade, einfach nichts! Nichts, nichts und nochmals nichts! Nichts bedeutet überhaupt nichts! Einfach Nullkommanichts!

Mama hat unten am Bach von einem Bauern ein kleines Gartenstück zur Pacht genommen. Papa hat von den Stammhamern Salat- und Tomatenpflanzerl erhalten. Die letzten Bohnenkerne steckt sie in die Erde und zieht Stangenbohnen heran. Auch Gurken und Gelbe Rüben sollen geerntet werden. Also, wenn man keine Beziehungen hat, dann ist man einfach „hergschenkt“.

Geld ist nichts mehr wert. Es heißt, wir würden neues Geld bekommen, und zwar schon in den nächsten Tagen.

Die Wuni Zenta kommt zu mir her. Sie muss nach Kösching in die Apotheke. Ich soll mit ihr gehen. Sie meint, sie habe genug Geld, dass wir auch noch ein Eis essen können. Mit der Aussicht auf ein Eis bin ich natürlich dabei.

Nach der Apotheke eilen wir zum Ampferl, wo es das Eis gibt. Wir stehen im Hof, Zenta verlangt am offenen Verkaufsfenster zweimal Eis. Wir bekommen es auch, aber die Zenta muss zwanzig Reichsmark dafür zahlen. Das Eis fällt ihr fast aus der Hand. „Ja, warum kost des so vui?“

„Weil morgen des Geld nimmer gilt.“

Trotzdem lassen wir uns das Eis gut schmecken.

Am nächsten Tag heißt es wirklich: Währungsreform, Kopfgeld und Deutsche Mark, DM genannt. Das Geld wird von den Familienvorständen abgeholt. Bei uns übernimmt Tante diese Aufgabe. Sie ist sich der Bedeutung voll bewusst und ist ganz nervös. Voller Eifer schwingt sie sich auf ihr Fahrrad, fährt den Pfarrberg hinunter der DM entgegen. Es pressiert ihr, denn es könnte ja sein, dass das Geld ausgeht und sie keines mehr bekommt. Da kommt sie mit dem Vorderrad auf dem steinigen Buckelweg ins Rutschen und schon haut es sie runter. Mit aufgeschlagenen Knien und abgeschürften Händen steht sie auf. Gott sei Dank hat das Rad keinen Achter. Sie kann weiterfahren.

Ramponiert, aber glücklich, mit dem wertvollen Geld in der Tasche, kommt sie heim. Erst mal verarztet Mama die Tante mit dem Rest Jod, den sie noch hat. Doch dann wendet sich aller Interesse dem neuen Zahlungsmittel zu. Ob und was man wohl dafür bekommen wird? Trotz ihrer Schmerzen fährt Tante am nächsten Tag in die Stadt. Sie will einfach mal schauen.

Sie kommt zurück und erzählt von dem Wunder.

Das Wunder der Währungsreform

Ja, über Nacht ist ein Wunder geschehen! Alle Schaufenster sind voll! Die Geschäftsleute haben ganz hinten in ihren Lagern und Kellern nach gründlicher Nachschau nun doch noch Ware gefunden, wo vorher einfach nichts mehr zu sehen und finden war. Sogar beim Reischl in Lenting bekommt man für das neue Geld was. Auf einmal gibt es Vierfruchtmarmelade, Essig, Öl, Bratheringe und, und …

Doch die Preise sind sehr hoch. Vieles ist für uns unerschwinglich. Das Leben bleibt also beschwerlich. Mama geht zwar äußerst sparsam mit dem Geld um, aber weit kommt sie damit trotzdem nicht.

Vorher hatten wir Geld, aber es gab nichts zu kaufen. Jetzt gibt es viel zu kaufen, aber wir haben kein Geld. Die Leute arbeiten und werkeln und schauen trotz aller Müh und Plag voller Zuversicht in die Zukunft.

Neue Sprachen, neue Wörter und Sprachwirrnisse in Lenting

Zweimal in der Woche haben wir Religionsunterricht. Den Katechismus mag ich nicht so gerne, weil man da lernen muss. Aber wenn der Herr Pfarrer die „Biblischen Geschichten“ aus dem Alten und dem Neuen Testament erzählt, bin ich immer ganz hingerissen. Natürlich schildert er auch den Turmbau von Babylon. Die Leute in Babylon hatten auf einmal ganz verschiedene Sprachen und konnten sich nicht mehr verstehen.

In Lenting wird zwar kein Turm gebaut, aber wenn sich die neuen Leute unterhalten, verstehe ich manchmal nichts oder nur einen Teil. Besonders wenn sie russisch, polnisch oder tschechisch miteinander reden (natürlich kann ich diese Sprachen auch nicht unterscheiden), bekomme ich gar nichts mit. Wo ich doch so neugierig bin und alles wissen will!

Auch wenn sie sich auf Deutsch unterhalten, haben sie ganz andere Wörter als wir Alt-Lentinger. Ich höre plötzlich von Deka, von Kilo, vom Fleischer, von Möhren und so weiter. Sie nennen den Odel Jauche, die Brotzeit Jause oder Vesper, die Pfannkuchen Palatschinken, Kren ist Meerrettich, Tagwerk Grund ist Morgen Land, Schwarzbeeren sind Blau- oder Heidelbeeren, a Drecklache ist eine Pfütze und, und, und …

Aber auch die Neu-Lentinger haben ihre Mühe, um unser schönes, gepflegtes Bairisch zu verstehen, auch wenn wir „Hochbairisch“ sprechen. Wenn wir reden, müssen sie schon die Ohren spitzen, denn da geht es um einen Haderlumpen, Bazi, Baderwaschl, um eine Watschn, Matz, Ratschn, es geht um Klapperl, Glupperl, es geht ums Wuzeln, Zuzeln und, und … Die Uhren gehen in Bayern schon immer anders, nämlich in Viertelstunden, halb eins, dreiviertel zwei … Ja, doch, wenn der Papa flucht, dann auf Russisch. Das hört sich ganz schlimm an. Aber langsam lernt man miteinander umzugehen. Amerikanisch hört man wenig. Wenn die Bayern schon Fremdwörter verwenden, dann französische oder jiddische. Wir haben einen Plafond, ein Portemonnaie, ein Trottoir, eine Chaiselongue. Es gibt Schicksen, wir haben Massel, toi, toi, toi, des ist koscher und, und, und … Am besten gefällt mir das Wort für Rosspollen. Rosspollen heißen Pferdeäpfel! Wenn ich das höre, muss ich immer lachen! Äpfel sind für mich immer etwas, was man essen kann. Jakobiäpfel, Bratäpfel, Lederäpfel, Straßenäpfel, aber Pferdeäpfel, na, na, da muss ich wieder lachen!

Dann noch diese Hausnamen, die ständig zu Verwechslungen führen. Der Hennamo wird als Herr Hühnermann angesprochen, aber er heißt Kipfelsberger. Der Herr oder die Frau Gockelbauer heißen Sterler und der Wagensimmer heißt Brandl. Darüber allein könnte man schon ein Buch schreiben.

Aber die modernen, immer aufgeschlossenen Lentinger nehmen alles mit Humor und werden auch mit dem babylonischen Problem fertig.

Der Sommer, die Ferien und der Herbst

Die Zeit verfliegt schnell, das Schuljahr geht zu Ende und die Ferien stehen vor der Tür. Im August begeht Mutti ihren 30. Geburtstag. Aber außer Glückwünschen, einem Strauß Wiesenblumen, einem Hefezopf und Lindes Kaffee gibt es nichts. Unsere Freizeit verbringen wir meistens draußen. Das ganze Dorf ist ein Spielplatz. Der Bach ist da, das Gstockets, wir können Häusl- und Strickhüpfen, Schussern, Kreisel und Reifen treiben. Wenn es besonders heiß ist, dürfen wir wieder an den Lukasweiher und dort baden. Auch wenn Mama meint, ich würde dreckiger heimkommen als ich hin bin. Und wenn das Wetter schlecht ist, sind wir beim Hennamo. Langweile kennen wir nicht.

Aber wenn ins Holz gefahren wird, dann müssen Beate und ich mit. Wir werden gar nicht lange gefragt, wir haben einfach mitzukommen und fleißig zu helfen. Wenn wir mal ein Gesicht machen, dann meint Mama: „Ihr wollt eich im Winter ja auch in die warme Stube neihocka, oda vielleicht ned?“ Dagegen kann man nichts sagen. Auch wenn ein „Schwammerlwetter“ ist, muss ich einfach mit. Aber meist werden diese Arbeitstage trotzdem schöne Tage, wenn wir mit dem Wagerl durch Wald und Flur fahren und dabei lachen und singen und wenn wir vor der Heimfahrt in einer Lichtung auf Baumstämmen sitzen und uns an kaltem Kaffee und Marmeladenbroten gütlich tun.

Einmal im Jahr bekommen wir eine größere Holzlieferung. Da fährt der Gockelbauer mit dem Bulldog hinaus und wenn wir Glück haben, dürfen wir darauf mitfahren. Daheim geht es dann weiter. Das Holz muss geschnitten und zerhackt werden. Das machen der Papa und Onkel Hans. Wenn die nicht da sind, wird diese schwere Arbeit von den Frauen erledigt. Die Holzscheitl zu einem schönen Holzstoß aufzuschlichten, das ist wieder unsere Arbeit. Mama überwacht das mit Argusaugen, damit der Stoß einen festen Stand hat und nicht einfällt.

Wenn die Ernte reif ist und gemäht wird, geht es mit dem „Ächern“ weiter. Da ist es oft sehr heiß, der Schweiß rinnt nur so runter, wenn wir barfuß durch die Stoppelfelder gehen und uns nach jeder Ähre bücken.

Trotz der Arbeit sind die Ferien viel zu schnell vorbei.

Ein neues Schuljahr beginnt

Wir haben jetzt ein neues Fräulein, das Fräulein Motzko. Die Lehrerin ist eigentlich eine Opernsängerin, die früher in Prag oder Breslau aufgetreten ist. Ihre Sangeskünste kann man leicht bewundern, denn sie singt in ihrem Zimmer im Lehrerhaus bei offenem Fenster. Das hört man über die Wiesen und den Bach bis zum Kindergarten hinüber. Sie hinkt etwas, weil sie einen kurzen Fuß hat. Sie hat rotbraune Haare, die sie in schönen Locken aufgesteckt trägt. Schon der Haarfarbe wegen mag ich sie.

Die rote Hexenhaarfarbe haben bei den Kindern nicht viele. Bei der großen Zahl von Schulkindern gibt es bei den Buben nur meinen Bruder Ludwig und bei den Mädchen außer mir nur zwei, nämlich die P. Jutta und die Nerb Anni.

Beate und ich sind in diesem Schuljahr wieder zusammen. Gerne gehen wir in die Schule und lernen fleißig.

Das Rosspollenhaus

Im Sommer bin ich mit Mama mal wieder unterwegs. Wir treffen den Herrn Dietz. Was macht er? Er sammelt Rosspollen auf! Mama und ich sind bei ihm immer auf Überraschungen gefasst. Ich schaue recht neugierig, aber ich trau mich nicht zu fragen. Schade, Mama ist nicht so wissbegierig. Hoffentlich fragt sie trotzdem. Ich stoße sie leicht in die Seite. Wirklich, das hilft!

„Was machen Sie denn mit diesen Pollen? Brauchen Sie die für Ihre Gartenbeete?“ Mama weiß, dass die Familie draußen in den „Flüchtlingsgärten“ einige Beete hat.

„Nein, ich brauche die Pferdeäpfel (ich muss schon wieder kichern) für unsere neuen Wohnungen, für meinen Schwager Spieß und uns.“

Mama kommt nicht mit. „Wie? Was? Für die Wohnungen?“

Mit Geduld erklärt Herr Dietz, dass er zusammen mit seinem Schwager zwei Eisenbahnwaggons gekauft hat. Die Gemeinde hat ihnen ein Stück Grund direkt am Steinbruch gegeben. Dort werden sie die Waggons aufstellen, um- und ausbauen. Das geht, weil die beiden Männer sehr fleißig sind und der Herr Spieß ein tüchtiger Handwerker ist. Für die Isolation sammelt er die Pferdeäpfel. Normalerweise müssen die Buben vom Spieß, der Heiner und der Adolf, helfen, aber die haben gerade Schule.


In meinem Kopf türmen sich Fragen über Fragen! Wie können Eisenbahnwagen ohne Schienen und ohne Lokomotive fahren? Was machen sie mit dem Geruch der Rosspollen? Schlafen die dann auf den Bänken, die im Waggon sind? Aber einen Abort gibt es in den Waggons immer, das weiß ich. Ich komme einfach nicht mit. Mama wahrscheinlich auch nicht.

Wir wenden uns zum Gehen. Herr Dietz meint dann noch ganz freundlich, wenn alles fertig sei, werde er uns einladen, damit wir alles sehen könnten. Glaubt er wirklich, dass ich in seine stinkerte Rosspollenbehausung gehen werde? Abgesehen davon wird das Ganze ja doch nichts werden!

Doch dann, kurz vor Weihnachten, werden wir wirklich eingeladen! Mama, die sonst eigentlich nirgends hingeht, nimmt die Einladung an. Mit Tante und Beate machen wir uns auf den Weg. Schon unten vom Seebach aus sehen wir vor dem Hintergrund des Steinbruchs ein langes, niedriges, hell verputztes Doppelhaus. Doppelhaus ist vielleicht ein wenig zu anspruchsvoll gesagt. Vor der Haustüre stehen zwei Eisenbahnbänke, die im Sommer bestimmt zur gemütlichen Rast einladen. Die rauchenden Kamine kündigen Wärme an. An den Fenstern sind helle Gardinen angebracht.

Als wir oben ankommen, öffnen die Hausherren schon die Haustüre und fordern uns freundlich zum Eintreten auf. Die Frauen stehen hinter ihnen. Sie begrüßen uns sehr herzlich.

Erst mal ziehe ich schnuppernd meine Nase hinauf. Nein, es stinkt nicht! Angenehme Wärme strömt uns entgegen. Vom gemeinsamen Hauseingang in der Mitte kann man in die zwei umgebauten Waggons gehen. Einen bewohnt die Familie Dietz, den anderen die Familie Spieß. Die heimeligen Wohnungen lassen ihre ursprüngliche Nutzung nicht mehr erkennen.


Im kleinen Eingang ziehen wir die Schuhe aus, damit wir die schönen Fleckerlteppiche nicht versauen. Wir bekommen Kaffee und Kuchen angeboten. Tante kennt Maria, die Tochter vom Herrn Spieß, sehr gut. Mir gefällt das Mariechen besonders. Sie hat hellblonde, ganz dicke Zöpfe, die bis zum Hintern gehen. Sie wird überall bewundert. Auch zwei von den Buben kenne ich. Die gehen mit Robert in eine Klasse. Insgesamt gehören fünf Kinder zur Familie. Die Familie Dietz hat zwei Töchter, die schon älter sind. Es wird ein schöner, unterhaltsamer Nachmittag. Eigentlich würde ich gerne hier wohnen.

Hoffentlich laden uns die Familien bald wieder in ihr Rosspollenhaus ein!

Das Krippenspiel

Unser Fräulein Motzko, die Sängerin, hat eine schöne Idee. Sie will mit uns das kleine Sing-Krippenspiel „Die Herbergsuche“ einstudieren und aufführen. Sie geht die Reihen der Kinder durch, um die geeigneten auszuwählen. Die Schleicher Marille soll den Josef machen. Und ich? Was ist mit mir? Wo doch Mama immer meint, Gottes Mutter hätte rötliches Haar gehabt. Wirklich, es ist nicht zu glauben, ich werde vom Fräulein für die Rolle der Mutter Gottes auserwählt! Endlich wird mal erkannt, wie gut ich bin!

Ich platze fast vor Stolz und verkünde zu Hause meinen Erfolg. Ja, Mama hat auch schon einen Vorschlag, was ich in dieser Rolle tragen könnte. Sie hat für das Regal einen dünnen, taubenblauen Baumwollvorhang. Der wird frisch gewaschen und gebügelt. Richtig drapiert schaue ich wirklich aus wie die Maria auf den Heiligenbildern. Also, dieses Problem ist gelöst.

Schon beginnen die Proben.

„Wer klopfet an?“

„Oh, zwei gar arme Leut.“

„Was wollt denn ihr?“

„Oh, gebt uns Herberg heut!“

Natürlich kann ich den Text ganz schnell auswendig. Ich soll ihn in der ersten Stimme und Marille den Josef in der zweiten Stimme singen. Da beginnt das Problem! Marille singt sicher und gut. Aber ich? Ich kann die Stimme nicht halten! Wir können noch so oft proben, ich kann das nicht!

Das Fräulein ist am Verzweifeln! Es spricht sogar die Mama darauf an: „Ach, Frau Weber, ich habe die Maria genommen, weil sie so eine reine, glockenhelle Stimme hat, aber sie kann die Stimme nicht halten.“

Alle in der Familie können gut in verschiedenen Stimmlagen singen. Sogar Beate ist eine gute Sängerin. Niemand versteht, warum ich das nicht kann. Zur Umbesetzung der Rolle ist es zu spät.

Leider werde ich in meiner Rolle kein großer Erfolg. Es ist das erste und das letzte Mal, dass ich zu irgendetwas in dieser Art herangezogen werde. Auch in keiner anderen Art bin ich erfolgreich. Ich kann nicht mal, außer in der Familie, ein Gedicht aufsagen. Ich kann zwar den Text von A bis Z, aber ich zittere immer so, dass man mich nicht mehr in Erwägung zieht.

Ich trau mich nichts! Ich kann nichts! Ich bin nicht schön!

Ich kann der Mama keine Freude machen. Nur mit Lernen, guten Noten und mit fleißiger Arbeit kann ich es ein wenig ausgleichen!

Schwierige Verhältnisse

Nun, das Krippenspiel ist kein Erfolg für mich. Ich bin zu nichts und für nichts geeignet. Ich finde mich mit mir selbst nicht mehr zurecht. Manchmal werden mir Fragen gestellt und ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.

So geschieht es nach den Ferien. In der Pause stehe ich mit anderen Mädchen zusammen, wir lachen und kudern. Da kommt die Jutta, diese eingebildete, siebengescheite, gschnappige, rote Hexe, die noch dazu nicht mal aus Lenting ist, auf mich zu. Sie richtet einen kalten Blick aus ihren blauen Porzellankugelaugen auf mich. „Ich muss dich was fragen!“, sagt sie laut. Ihr Blick durchbohrt mich! Ich stehe da und schau sie neugierig an. „Bist du ein uneheliches Kind?“

Auf diese Frage bin ich nicht vorbereitet. Sie trifft mich wie ein Hammerschlag. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll.

„Nun?“ Sie schaut mich erwartungsvoll an.

Ich senke den Blick, schaue auf den Boden und leise und zögerlich kommt von mir: „Ja.“

„Dann hat meine Mutter also doch recht.“ Sie dreht sich um und geht weg. Die anderen Mädchen schauen dumm. Wahrscheinlich wissen sie gar nicht, was das bedeutet. Ich weiß es! Aber die meisten kennen sich in unseren verzwickten Familienverhältnissen sowieso nicht aus. Es ist auch wirklich nicht einfach bei uns. Bei Mamas Eltern, meinen Urgroßeltern, war auch noch alles in Ordnung. Der Vater Rettinger, die Mutter Rettinger, zwölf Kinder, alle Rettinger.

Auch in der heutigen Zeit gibt es so etwas noch. Wenn ich da an die Hennamo-Familie denke. Da gibt es den alten Hennamo-Vater, die Hennamo-Eltern und elf Kinder. Und alle heißen Kipfelsberger! Ein Großvater, ein Vater, eine Mutter, elf Kinder! Alle wohnen in einem Haus, alle wissen, woher sie kommen und wohin sie gehören. Als der Hennamo jung war, hat er beim Kirchweihtanz die saubere, rassige Berta aus Aigelsbach in der Hallertau kennengelernt. Es hat nicht lange gedauert, sie kommt nach Lenting, es wird geheiratet, ein Kind nach dem anderen kommt. Alles ist in Ordnung!

Beate hat es zwar nicht gut, aber doch viel besser als ich. Ihr Papa heißt Ablinger, ihre Mutter ebenfalls und sie auch. Sie weiß, dass ihr Papa im Krieg gefallen ist. Sie ist ein Halbweisenkind, die Tante bekommt für sie eine Halbwaisenrente.

Und was ist bei mir? Ich habe keinen richtigen Opa, keine richtige Oma, denn die ist ja meine Mama. Ich habe eine Mutti, bei der ich aber nicht wohne. Ich habe zwei Halbbrüder, jeder heißt anders. Meinen richtigen Papa kenne ich nicht. Er hat nur in den ersten Monaten meiner Kindheit etwas von sich hören lassen, dann nichts mehr. Mein Papa hier ist eigentlich mein Stiefgroßvater; meinen Stiefvater nenne ich Onkel.

Außerdem kommt niemand für mich auf!! Mama und Papa schleppen mich so mit durch. Natürlich mag ich beide sehr gern. Mama ist zwar immer recht streng, aber der Papa nicht.

Nochmals Papa

Wenn Mama und Papa von mir reden, dann bin ich meist „de Kloa“ oder auch die Mia oder die Ria.

Mama schaut sehr darauf, dass der Papa immer sauber zur Arbeit geht. Meine Arbeit ist, Papas Arbeitsstiefel jeden Tag auf Hochglanz zu putzen. Am Samstag badet der Papa immer. Mama holt die große Wanne ins Zimmer, macht im Kessel Wasser heiß und richtet alles zum Anziehen her. Ich habe da nichts im Zimmer zu suchen. Wenn ich reindarf, hat er mindestens eine lange Unterhose an. Aber wenn er ohne Oberhemd im Zimmer vor dem Spiegel steht und sich rasiert, sitze ich auf dem Bett, schaue zu, wie er den Seifenschaum schlägt, diesen mit dem Rasierpinsel im Gesicht verteilt und anschließend mit dem Rasierapparat die Bartstoppeln zügig entfernt. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Da geht er auf mich zu und schmiert mir mit dem Rasierpinsel Schaum auf die Nasenspitze. Dazu lacht er und ich lache auch.

Wenn er fertig angezogen ist, kommt noch sein russisches Birkenhaarwasser in seinen etwas spärlichen Haarbestand. Der Duft zieht durch die Wohnung. Jetzt ist er zum „Fortfahren“ fertig. Mama macht ein unglückliches Gesicht. Sie ermahnt ihn, er solle nicht so viel trinken. Aber da ist er schon draußen und schwingt sich elegant auf sein Fahrrad. Dabei hebt er das rechte Bein ganz gerade nach hinten über den Sattel. Ich schaue ihm nach, er drückt noch auf die Fahrradklingel und ist entschwunden. Mama erledigt noch Hausarbeiten und trifft Vorbereitungen für den Sonntag.

Der Papa ist immer nett zu mir. Seit kurzer Zeit hat er ein neues Fahrrad. Er geht mit mir sogar auf die Straße und bringt mir auf seinem neuen Rad das Fahren bei. Das ist gar nicht so einfach, weil die Stange hinderlich ist. Recht gut lerne ich das Fahren da nicht. Manchmal darf ich mich auch auf die Fahrradstange setzen und er fährt mit mir ein Stück durch das Dorf. Dabei lässt er dem Fahrrad freien Lauf, weicht geschickt den Steinen aus und rumpelt mit mir den Pfarrbuckl hinunter. Wir haben den größten Spaß dabei.

Einmal findet er draußen einen kranken Vogel. Diesen bringt er zu mir herein und richtet mit mir ein Nestchen her. Doch der Vogel stirbt; ich weine. Da tröstet er mich, macht im Hof ein kleines Grab und da beerdigen wir das Vögelchen. Auch wenn die Hasen Junge bekommen, zeigt er mir diese und erklärt mir alles genau. Hasenfutter zu bringen, gehört auch zu meinen Aufgaben. Dabei hilft er mir nicht. Aber das macht ja nichts!

Im Sommer treiben Kinder die Gänse und Enten zum Bach runter. Wenn die Kinder am Bach spielen, können die nebenbei im Bach schwimmen. Am Abend laufen sie schnatternd mit den Kindern wieder heim.

Mir gefällt das, aber wir haben keine Gänse und auch keine Enten.

Mein Gänschen

Da kommt die Wuni-Mutter und bringt ein kleines, gerade geschlüpftes Gänschen mit, das sich einen Fuß gebrochen hat. Mama nimmt das Gänschen auf. Der Papa macht ihm eine kleine Schiene an den Fuß. Ich gebe ihm den Namen „Gretl“.

Die Gretl überlebt. Sie hinkt zwar immer, aber ich mag sie. Papa richtet in der kleinen Ecke hinter dem Hoftürl einen kleinen Stall für sie ein. Stolz führe ich meine Gretl jeden Tag zum Bach. Damit beweise ich, dass ich auch was habe. Die Gretl läuft mir nach und hört auf ihren Namen. Sie wächst und wird schwer.

Ja, was sollen wir im Winter mit ihr machen? Ich will, dass sie im Zimmer überwintert. Das lehnt Mama ab. Als es schon Spätherbst ist, ist eines Tages die Gretl weg. Ich fange zu weinen an. Da erzählt mir Papa, er habe die Gretl nach Stammham zu den Stockingers (Hausname) gebracht, damit sie dort mit den anderen Gänsen überwintern könne. Im Frühjahr werde er sie wiederholen.

Was wirklich aus der Gretl geworden ist, erfahre ich nicht, aber ich habe sie nie mehr gesehen.

Der Pfarrbuckl

Den Pfarrbuckl mag ich auch. Im Frühjahr findet man dort schon früh Veilchen. Ostern wächst der Kren fast direkt vor dem Häuschen. Die zwei großen Lindenbäume auf der einen Seite spenden im Sommer kühlen Schatten. Da können wir schön spielen, auch wenn es ziemlich abschüssig ist.

Auf der anderen Seite scheint die Sonne fast den ganzen Tag auf den Buckl. Die Hennen scharren herum und suchen sich Futter. Sie kratzen die warme, weiche Erde auf und setzen sich hinein. Weil es hier so schön warm ist, freuen sie sich. Aus Dankbarkeit legen sie öfters ein Ei hinein, bestimmt extra für mich. Niemand achtet darauf, aber ich finde das heraus. Es ist mein Geheimnis. Jeden Tag schaue ich nach und Mama freut sich über die frischen Gaggerl. Nur die Nachbarinnen jammern manchmal, dass die Hennen in der letzten Zeit schlechter legen.

Beate und ich springen den Buckel gern rauf und runter. Auch heute mal wieder. Beate hat eine schöne, frisch gewaschene und gebügelte Trägerschürze an. Ich bin wie immer mit einer meiner unbeliebten Rüschenschürzen ausgestattet. Tante sitzt mit der Mama im Zimmer, beide unterhalten sich. Wir zwei wollen hinaus, daher fragen wir. Tante mahnt die Beate extra noch: „Pass ja auf! Du bist ganz frisch angezogen und hast dein schönes Schürzerl an!“ Natürlich passen wir auf! Wir wollen nur mal wieder ein bisschen schauen.

Aber ich will der Beate zeigen, wie gut ich den Berg runterspringen kann. Ich bin wirklich gut und mal schneller als sie. Das kann Beate nicht einfach hinnehmen. Wir stehen oben und ich mache ihr vor, wie sie springen soll. Ihr Ehrgeiz ist geweckt. Sie ist besser! Das wär doch gelacht! Sie wird noch besser hüpfen. Schon startet sie mit großen Sprüngen. Der Sieg scheint ihr sicher. Doch da stolpert sie über eine Wurzel, fällt und rutscht den Rest des Berges auf dem Bauch hinunter.

Oh Gott! Wie sie ausschaut! Sie fängt zu weinen an, denn sie fürchtet die Watschen ihrer Mutti. Wir gehen zum Bach hinunter und versuchen, den Dreck aus der Schürze zu waschen. Es hilft nichts! Da schleichen wir uns heim. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich Beate zu der Springerei überredet habe.

Tante ahnt schon Böses, als sie uns so still und leise kommen sieht und als Beate voller Dreck vor ihr steht, reißen ihre Nerven. „Ja, was hab ich dir gesagt? Aufpassen! Aber du, du, du …!“ So geht es weiter. Tante kriegt sich gar nicht mehr ein. Nebenbei versohlt sie Beate. Ich will der Tante sagen, dass ich Schuld habe. Aber Tante hört gar nicht richtig zu. „Die ist doch selbst alt genug!“

Endlich hört sie auf. Beate sitzt weinend neben mir und ich weine mit.

Der Friedhof

Natürlich haben wir solche Sachen bald vergessen und gehen wieder gemeinsam auf Tournee. Wir haben so viele Plätze, wo wir uns gerne aufhalten. Robert ist schon über sieben. Er darf öfters mitkommen. Zu unseren Lieblingsplätzen gehört auch der Friedhof. Da schauen wir ins Leichenhaus, ob jemand aufgebahrt ist. Wenn es einen neuen Erdhügel gibt, begutachten wir die Blumen und Kränze.

Beim Friedhofsbrunnen steht meist eine Gießkanne. Beate und ich pritscheln mit dem Wasser, pumpen es in die Gießkanne und Robert muss aufpassen, dass die Kanne nicht überläuft. Ist sie voll, schleppen wir sie zu den Gräbern und gießen die Blumen. Keinen stört unser Aufenthalt. Nicht mal der Herr Pfarrer sagt was, wenn er durch den Friedhof zur Kirche eilt. Wir laufen auch jedes Mal zu ihm hin, greifen nach seiner Hand, machen einen Knicks und bringen unser notwendiges „Gelobt sei Jesus Christus“ vor. Dies wird von ihm mit „In Ewigkeit Amen“ beantwortet.

In der einen Ecke des Friedhofs befindet sich ein kleines Haus. Es heißt, da drin seien „Boana“ (Gebeine). Ein Stück vom Friedhof entfernt ist noch oder wieder Rasenfläche. Da steht auch ein kleiner Apfelbaum, der im Herbst voller kleiner Äpfel ist. Doch diese, wirklich wahr, ich lüge nicht, schauen nicht wie normale Äpfel aus, sondern wie aus gelbem Wachs. Mama meint, das seien Paradiesäpfel und wir sollten die nicht essen, weil der Baum auf dem Knochenfeld wachse. Niemand isst diese Früchte, aber wir tun es und sie schmecken uns.

Zur Abendstunde kommt der alte Bindervater, weil er die Glocken zum „Engel des Herrn“ läuten muss. Wir laufen hinter ihm her.

„Bindervater, sind die Äpfel giftig?“

„I glaub net, oba i hob no goa koa probiert.“

„Derf ma mitgeh, Bindervater? Bitte!“

„Na, geht’s halt mit.“

Neugierig schauen wir zu, wie er die Glocken in Bewegung setzt und diese durchs Dorf klingen. Aber hernach schickt er uns gleich heim, denn:

„Nach dem Gebetläuten gehören Kinder heim“, meint er. Auch wir werden um diese Zeit zu Hause erwartet.

The free sample has ended.

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
208 p. 15 illustrations
ISBN:
9783960083573
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