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Max Kretzer
Irrlichter und Gespenster
Volksroman
Bilderschmuck von Richard Lotter und Hans W. Schmidt
Dritter Band
Saga
Irrlichter und Gespenster
© 1892 Max Kretzer
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711502693
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Störung, Missverständnis und Wirrung.
Heinz befand sich im Gesellschaftsanzuge. Entgegen der Verabredung, am Abend mit Freudenfeld zusammenzutreffen, hatte er seinen Plan geändert. Er hatte sich über den Bankier geärgert und war, nachdem er sich von Hipfel getrennt hatte, auf den Gedanken gekommen, den Abend hier zu verbringen. So war er denn nach seiner Wohnung gefahren, hatte sich schleunigst ungezogen und war hier herausgeeilt. Als Hausfreund, der stets willkommen war, durfte er es sich gestatten, selbst zur ungelegenen Stunde zu erscheinen. Anton, in der Meinung, die Familie und Gäste seien nach wie vor in diesem Zimmer beisammen, hatte ihn auf die Thür gewiesen, durch welche er hereingetreten war.
Was Heinz besonders bewogen hatte, Bandels auch heute seinen Besuch zu machen, war die Ahnung kommender grosser Ereignisse, die sich hier hinter seinem Rücken abspielen könnten, hauptsächlich aber der bereits gehegte Verdacht, Eberhard könnte wirklich ein falsches Spiel treiben und die alten Beziehungen zu der Familie seines Gönners aufnehmen. Hinzu kam, dass ihn nicht zuletzt die Absicht drängte, bei Gelegenheit etwas über das, was er am Nachmittage über die geschäftlichen Verhältnisse der Firma Treuling erfahren hatte, fallen zu lassen. Stets darauf bedacht, Vorteil für seine liebe Person herauszuschlagen, witterte er, dass ihm das nur von Nutzen sein werde.
Schliesslich hatte er sich auch vorgenommen, Bandel um Rat darüber zu fragen, was er thun solle, um Hannchen vor dem Verluste ihres Geldes zu bewahren. Über diese Neuigkeit würde man jedenfalls am meisten in Staunen geraten und ihm infolgedessen das grösste Bedauern entgegenbringen. Alles natürlich zum Nachteile der von ihm gehassten Treulings!
Sein unverhofftes Erscheinen brachte Hertha zur Besinnung. Fast unbewusst stiess sie einen leichten Schrei aus, zog die Hände zurück und erhob sich.
Treuling, der einen ihm völlig fremden Herrn erblickte, that dasselbe. Er wusste nicht, ob er sich über den Störenfried ärgern oder freuen sollte. Von der Seite mass er ihn mit einem Blick, der nicht viel Gutes enthielt.
Heinz, der Treuling ebenfalls nicht kannte, das unbestimmte Gefühl aber hatte, einen gefährlichen Nebenbuhler vor sich zu haben, verbeugte sich und sagte höflich, aber mit unverkennbarem Spotte:
„Bitte um Entschuldigung, wenn ich gestört haben sollte ... aber ich hoffte, Ihre Eltern hier zu finden,“ fügte er, zu Hertha gewendet, hinzu. „Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen, Fräulein Hertha?“
Ganz vertraulich streckte er ihr die Hand entgegen mit der Absicht, dem anderen verstehen zu geben, was er sich hier erlauben dürfe.
Hertha, hochrot im Gesicht, beachtete diese Form der Begrüssung gar nicht; in diesem Augenblicke fand sie dieselbe mehr unverschämt als keck, trotzdem sie die Empfindung hatte, aus einer qualvollen Lage befreit worden zu sein.
Sie zitterte am ganzen Körper und hatte die dunkle Ahnung von einer ihr angethanen Schmach, gegen welche sie wehrlos wie ein Kind sei; sie nahm aber alle ihre Kraft zusammen, um sich zu beherrschen.
„Wenn Sie erlauben, ziehe ich mich sogleich wieder zurück,“ sagte Heinz wieder, von Ingrimm erfüllt über ihre Zurückhaltung.
„Bitte, bleiben Sie nur, Sie haben durchaus nicht gestört,“ presste sie mühsam hervor. „Darf ich Sie bekannt machen? Herr Tetzlaff — Herr Treuling.“
Heinz zuckte zusammen und verneigte sich leicht. Dann aber wollte er sich beliebt machen und zu gleicher Zeit den Herausforderer spielen. Er streckte Eberhard die Hand entgegen und sagte mit etwas unbeholfener Verbindlichkeit:
„Ah, freut mich ungemein. So habe ich doch endlich ’mal das Vergnügen, meinen zukünftigen Herrn Schwager kennen zu lernen ... Hannchen hat mir bereits viel von Ihnen erzählt.“
Nur mit Mühe bezwang er sich; am liebsten hätte er eine ganz andere Sprache führen mögen.
Er log; Eberhard, der das wusste, fiel sofort ein:
„Ich bedaure, Ihnen gestehen zu müssen, dass ich über Ihre Beziehungen zu Ihrem Fräulein Schwester etwas anders unterrichtet bin.“
Er beachtete die ihm dargereichte Hand ebenfalls nicht, hatte auch keinen Grund, sich über diese Begegnung besonders zu freuen. Unwillkürlich wandte er sich nach Hertha um. Völlig fassungslos stand diese gegen den Tisch gelehnt. Die flammende Röte in ihrem Gesichte war einer Blässe gewichen; stürmischer als zuvor klopfte ihr Herz, und es war ihr, als stürzte sie aus einer Tiefe in die andere. Noch immer vermochte sie den ganzen Vorgang nicht zu begreifen. Hatte sie sich doch getäuscht, Eberhard missverstanden? Sollte der kalte Ton, den er jetzt anschlug, der Beweis dafür sein, dass er mit der Familie Tetzlaff vollständig gebrochen habe? Vielleicht wollte er vorhin nur seine Grossmut zeigen, ihr beweisen, dass er unter dem Zwange der Verhältnisse sein bisheriges Verhältnis zu der anderen aufgebe, diese aber trotzdem noch für würdig halte, von ihr, Hertha, beachtet zu werden. ...
Ihre Neigung zu ihm war so gross, dass sie sich mit der Einfalt eines verliebten Mädchens nur zu gern jeder Möglichkeit hingab, die zu ihren Gunsten gesprochen hätte.
Heinz that so, als fühlte er sich durchaus nicht getroffen. „Wie soll ich das verstehen?“ fragte er lächelnd.
„Ich überlasse es Ihnen, den Sinn meiner Worte ganz nach Belieben zu deuten,“ erwiderte Treuling ruhig. „Ich meinerseits glaube nicht die Verpflichtung zu haben, mich in eine längere Erörterung darüber einzulassen.“
Dann wandte er sich kurz an Hertha:
„Darf ich um Ihren Arm bitten, gnädiges Fräulein? Ich bin überzeugt, dass man uns bereits erwartet.“
Hertha nickte nur; sie wusste kaum, was sie that. Und so legte sie denn ihren Arm in den seinigen und liess sich von ihm hinausführen.
Langsam schlenderte Heinz hinterher, mit der verbissenen Wut eines Menschen, der sich beiseite gesetzt fühlt und vergeblich nach Worten sucht, um seinem Groll Luft machen zu können.
Im Ecksalon war niemand, aber im Rauchzimmer standen Treuling der Ältere, Bandel und dessen Frau zusammen und unterhielten sich laut. Zufällig drehten sie alle drei Eberhard und Hertha die Rücken zu, so dass diese von ihnen nicht bemerkt wurden.
„Dass der auch heute gerade kommen muss!“ brachte Hertha atemlos hervor, eigentlich nur, um etwas zu sagen. „Haben Sie irgend etwas mit ihm vorgehabt?“ setzte sie dann hinzu.
„Persönlich nie etwas. Ich habe ihn heute zum erstenmale gesehen, Sie müssen das ja gemerkt haben.“
„Ich habe es ganz überhört ... Entschuldigen Sie nur — ich war im Augenblick so zerstreut.“
„Dann möchte ich Ihnen vorschlagen, in diesem aufgeregten Zustande sich lieber nicht Ihren Eltern zu zeigen. Bleiben wir noch ein wenig zurück, man scheint uns noch nicht gesehen zu haben,“ erwiderte er leise.
„Sie haben recht.“
Sie liess sich auf einem Sessel nahe dem Fenster nieder, und er lehnte sich hinter ihr gegen die Wand. Beide sprachen kein Wort; er hatte keine Lust dazu, und sie wartete auf irgend etwas, was er sagen würde und was eine Folge seiner Erörterung von vorhin sein könnte. Er sah aber, wie sie tief Atem holte und wie sie noch immer ganz ausser Fassung war.
Unter dem Vorhange der Thür, die auf der anderen Seite ins Musikzimmer führte, tauchte nun Heinz auf, ohne dass sie es bemerkten. Als er sie abermals beisammen sah, lächelte er spöttisch, hatte aber nicht den Mut, an ihnen vorüberzugehen. So zog er sich denn zurück und ging, da er die Stimmen der Alten gehört hatte, auf den Korridor hinaus, um von hier aus nach vorn zu gelangen. Es machte ihm nicht viel Umstände, da er sehr genau Bescheid wusste. Bevor er es aber wagte, einzutreten, erkundigte er sich bei Anton, der im Garderobenraum herumlungerte, wer alles anwesend sei.
„Der alte Treuling auch? Ach was!“
„Ja, die Herrschaften waren lange nicht hier,“ gab Anton ehrerbietig zur Antwort. Er hatte mit der Zeit die guten Trinkgelder des Künstlers schätzen gelernt und benutzte daher jede Gelegenheit, sich entgegenkommend zu erweisen. Und so fuhr er gleich fort, leise und unterdrückt, mit der Unverschämtheit eines schlauen Schlingels, der sich beliebt machen möchte:
„Die Herrschaften waren etwas gespannt, jetzt scheint aber die Versöhnung gekommen zu sein. Herr Treuling junior und das gnädige Fräulein kennen sich schon von Jugend auf.“
„So?“ warf Heinz gleichgiltig ein. Er hielt es unter seiner Würde, noch weitere Fragen zu stellen, trat vor den Spiegel, zupfte an seiner Krawatte und musterte sich von allen Seiten. Was er vernommen hatte, genügte ihm vollständig. Er überlegte einige Augenblicke, ob er ohne weiteres hineingeben sollte, dann aber sagte er:
„Wissen Sie, Sie könnten mich lieber anmelden.“
Anton blickte ihn verwundert an. „Wie Sie wünschen, Herr Tetzlaff,“ sagte er, trat an die Thüre, die ins Rauchzimmer führte und klopfte leise.
Hertha war allmählich ruhiger geworden. Wo steckt er denn nur? dachte sie und blickte hinter sich in der Meinung, Heinz werde ihnen gefolgt sein. Einige Augenblicke wartete sie; dann, als er nicht kam, wandte sie sich zu Eberhard:
„Sie sehen mich in einer grenzenlosen Verlegenheit — wollen Sie mir eine Frage geradezu beantworten?“ flüsterte sie.
„Verfügen Sie ganz über mich, Fräulein Hertha. Was es auch sei — Sie sprechen zu jemand, der Ihnen vollste Diskretion zusichert.“
Es lag etwas in seiner Stimme, was sie aufs neue zurückschreckte. Plötzlich erhob sie sich und ranschte ein paar Schritte von ihm weg.
„Nun?“ fragte er erstaunt.
„Nein, lassen wir es lieber!“ sagte sie leise wie zuvor. „Es sollte auch gar nichts besonderes sein — es ist ja alles dummes Zeug.“
Ihr Stolz empörte sich bei dem Gedanken, es könnte zwischen ihnen ein Missverständnis herrschen und sie die Gedemütigte sein ... Er soll nichts merken, niemals soll er die Gewissheit haben, falls man mir wirklich die Unwahrheit gesagt haben sollte! Entschlossenheit kam über sie; der Mut eines gekränkten Weibes, das mit Verzweiflung im Herzen es für notwendig hält, die Gleichgiltige zu spielen. Wenn wirklich alles für sie verloren war, dann brauchte er nicht anzunehmen, dass sie sich ihm aufdrängen wollte.
„Nun will ich Ihnen auch die Antwort auf Ihre Frage von vorhin geben,“ begann sie wieder, indem sie ihn fest anblickte und sich Mühe gab, ihre Haltung zu bewahren. „Ja, ich willige ein, treue Kameradschaft mit Ihnen zu halten. Schlagen Sie ein!“
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die er herzlich drückte, dann an die Lippen zog und küsste. Dabei fühlte er, wie ihr ganzer Körper erbebte.
„Sie sind gut und edel, Fräulein Hertha. Es mag viel Tugenden geben, aber die grösste ist doch die, Verzeihung zu üben und auch einem anderen Gutes zu gönnen. Haben Sie vielen Dank! Vielleicht bin ich anmassend, wenn ich behaupte, ich wäre Ihnen nie ganz gleichgiltig gewesen. Aber Sie können auch überzeugt sein, dass ich stets Verehrung für Sie gehabt habe.“
Er küsste ihre Hand aufs neue, und sie liess es ruhig geschehen. Widerstandslos durchkostete sie die ganze Seligkeit, die ihr seine Nähe bereitete.
Noch immer hörte man die Stimmen der übrigen aus dem Arbeitszimmer hereinschallen, das durch einen grossen Salon von diesem Zimmer noch getrennt war. Plötzlich kam sie zum Bewusstsein ihrer Lage. Sie entzog ihm die Hand und sagte einfach:
„Ihre Anerkennung meiner Tugenden ehrt mich sehr, aber ich bin nicht viel besser als Sie.“
„Finden Sie es wenigstens ehrenwert, Fräulein Hertha, dass ich ein Mann bin, der sein Wort hält! Ich weiss, Sie werden das Ihrige auch halten,“ erwiderte er, ganz betroffen von ihrem Aussehen.
Sie wusste genug, konnte sich aber nicht mehr bemeistern. Ihm abgewendet stand sie am anderen Fenster, stumm und unbeweglich. Das Zucken ihrer Schultern verriet, was in ihr vorging. Vorsichtig trat er auf sie zu; er sah die Thränen, die an ihren Wimpern hingen. Dieser Anblick rührte ihn, so dass er sie einige Augenblicke betrachtete, ohne etwas zu sagen.
Zum ersten Male fiel ihm ihre ganze, merkwürdige Schönheit auf: ihre herrliche Gestalt, der Glanz ihres Haares, die ganze Vornehmheit ihrer Erscheinung, die unzertrennbar von ihrer Umgebung war. Bisher hatte er sie immer nur als heiteres, leicht durchs Leben tänzelndes Geschöpf kennen gelernt, das ihm keiner tieferen Regung fähig erschien; nun aber glaubte er ein ganz anderes Wesen vor sich zu haben, mit anderen Sinnen und anderen Gedanken. Wie taktvoll sie sich benommen hatte, wie zurückhaltend sie sich zeigte, wie natürlich ihr die ganze Entwickelung des Verhältnisses zwischen ihr und ihm vorkam! Und doch konnte sie ihren Schmerz um das verloren gegangene Glück nicht verbergen. Wie tief musste sie ihn also lieben! ...
Merkwürdig — es war, als wollte sie ihn behexen. Und zum zweiten Male konnte er einen Vergleich zwischen ihr und Hannchen nicht zurückdrängen ... Wie würde sich diese Kleine wohl in einer ähnlichen Lage zurechtfinden, war der Anfang der stillen Betrachtung, die er austellte. Und plötzlich sah er sie im Geiste hier herumlaufen, sich ungeschickt benehmen, und sich selbst sah er als Hausherrn, der ihr ärgerlich Vorwürfe machte.
Dann nahmen seine Gedanken eine andere Richtung ... Du bist ein schlechter Kerl! ... Er verwünschte nun die Stunde, die ihn hierher geführt hatte und Vorstellungen und Bedenken in ihm wach rief, welchen er längst entgangen zu sein glaubte.
Endlich hielt er sich für verpflichtet, ein paar tröstende Worte zu sagen. Abermals ergriff er sanft ihre Hand und rief ihr mit gedämpfter Stimme zu:
„Fassen Sie sich, Hertha! Es thut mir im Herzen weh, dass ich die Veranlassung zu dieser Stimmung gegeben habe.“
Sie schämte sich ihrer Schwäche, aufs neue fühlte sie sich entschlossen. Sie richtete sich auf, fuhr mit dem feingewebten Taschentuch über die Augen, lächelte und sagte mit erzwungener Heiterkeit:
„Es ist schon vorüber. Sehen Sie, es ist mein Unglück, dass ich solche dumme Anwandlungen habe. Es wäre thöricht, Ihnen gegenüber zu heucheln. Ich war Ihnen gut, ich will es nicht leugnen ... Aber nun wieder lustig und guter Dinge! Ich bin Ihnen nicht böse, wahrhaftig nicht.“
Nochmals reichte sie ihm die Hand, die er nun in aufrichtiger Freundschaft drückte.
„Ich möchte mich jetzt nicht Ihrem Papa zeigen. Wollen Sie die Güte haben und Mama sagen, dass ich sie gern sprechen möchte?“
„Aber selbstverständlich.“
Er wollte forteilen, sie hielt ihn aber zurück.
„Einen Augenblick noch ... Sie versprechen mir doch, noch hier zu bleiben und zu thun, als wäre nichts Besonderes zwischen uns vorgefallen?“
„Sie können sich fest darauf verlassen.“
Nun wollte er gehen, als er unwillkürlich nochmals zögerte. Bandels Stimme war sehr laut geworden.
„Wer ist angekommen?“ schrie der Färbereibesitzer, mehr als er sagte ... „Herr Tetzlaff?“
Dann sprach er gedämpfter. Er sagte zu dem Diener etwas, was man hier nicht verstehen konnte. Dann klappte die Thür wieder ... wahrscheinlich war der Diener hinausgegangen.
„Das ist mir heute aber sehr unangenehm,“ sagte Bandel dann wieder laut. „Geh doch, Marie, und lootse ihn nach hinten! Wo bleibt denn nur unser Pärchen? ...“
Treulings Stimme wurde dann vernehmbar: „Du musst mich schon entschuldigen, wenn ich aufbreche, aber ich möchte dem jungen Mann wirklich aus dem Wege gehen.“
„Aber deswegen doch nicht? Thorheit! — Du bleibst hier. Jetzt soll’s ja erst gemütlich werden ... Das sind nun die Folgen von unserem Entgegenkommen. Jetzt kommt er schon ungerufen!“
Frau Bandel fiel ein: „Sei doch nur nicht so lant, er könnte Dich sonst hören ... Mein Gott, wir haben ihn ja verwöhnt ...“
„Nimm mir es nicht übel, aber Du allein hast die Schuld daran ... Du wolltest ein Wundertier haben. Man kann sich doch nicht alles gefallen lassen.“
„Sei doch nicht so aufgebracht — was soll denn Herr Treuling denken!“ erwiderte sie.
„Meinetwegen keine Umstände! Wie gesagt, ich ziehe mich bald zurück,“ sagte Treuling abermals. „Jedenfalls möchte ich eine Begegnung mit ihm vermeiden — auf alle Fälle. Denken Sie deshalb nicht geringer von mir, beste Frau Bandel.“
„Du sollst ja auch mit ihm nicht in Berührung kommen ... gar keine Ursache zur Erregung, warf Bandel wieder ein. „Wie die Verhältnisse sich nun einmal gestalten, halt’ ich es auch fürs Beste, ihm einen Wink zu geben, für die Zukunft etwas weniger aufdringlich zu sein.
„Aber wir können ihn doch nicht hinauswerfen — ich verstehe Dich gar nicht!“ liess sich Frau Bandel aufs neue, lauter als zuvor, vernehmen. Man hörte, wie sie unruhig auf- und abging.
„Das wird nun davon abhängen, wer uns näher liegt, liebes Kind. Schliesslich hat das Kunstbeschützertum auch seine Grenzen. Dass Du einen Narren an ihm gefressen hast, weiss ich schon lange.“
„Sei so gut und mässige Dich ein wenig in Deinen Ausdrücken in Gegenwart eines Gastes.“
„O, betrachten Sie mich ganz als Nebensache,“ fiel Treuling ein.
„Entschuldigen Sie, wenn ich Zuhörer dieser Unterhaltung sein muss, Fräulein, aber es geschieht ja unfreiwillig — wie Sie sehen,“ sagte Eberhard, indem er sich wieder zu Hertha wendete. „Ich bin wirklich im Zweifel, was ich thun soll.“
„Ich wusste, dass diese Auseinandersetzung zwischen Papa und Mama einmal kommen würde,“ erwiderte sie. „Es ist doch wirklich eine sehr unangenehme Situation, um so mehr, da Sie selbst eine Aversion gegen ihn haben. Wirklich unangenehm, sehr unangenehm ... Da kommt ja Mama schon!“
In der That kam Frau Bandel angerauscht, rot vor Aufregung im Gesicht und mit dem deutlichen Ausdruck verhaltenen Ärgers.
„Denk Dir nur an, Tetzlaff ist hier!“ sagte sie sofort, indem sie Eberhard ganz übersah. „Ich werde irgend eine Ausrede gebrauchen, um ihn bald zum Gehen zu bringen.“
„Wir hatten bereits das Vergnügen, Mama ... Er war heute gerade so unausstehlich.“
„Das sagst Du auch mit einem Mal?“
Jetzt erst schien sie Eberhard zu bemerken und sich wieder bewusst zu werden, was für eine grosse Aufgabe sie und ihr Mann heute zu erfüllen habe. Und als sie beide anscheinend so gemütlich beisammen sah, glaubte sie, alles sei im schönsten Fluss und die erhoffte Aussprache zum Glücke der jungen Leute bereits erfolgt. Sofort bekam sie ihre Laune wieder.
„Sie werden erwartet, lieber Eberhard ... Entschuldigen Sie uns beide nur auf ganz kurze Zeit. Wir werden bald wieder auf der Bildfläche erscheinen.“
„Bitte sehr, gnädige Frau!“
„Lassen Sie doch endlich das ‚gnädige Frau‘. Es kleidet Sie jetzt wirklich nicht mehr.“
Sie nickte ihm wohlmeinend zu, nahm Hertha am Arm und rauschte mit ihr ins Musikzimmer.
Eberhard blickte ihnen einige Augenblicke nach. Diese Freundlichkeit fängt nun beinahe an, unheimlich zu werden, dachte er. Was mein zufälliges Auftauchen doch alles machen kann! Das sieht ja beinahe so aus wie eine Familienkomödie, die meinetwegen in Scene gesetzt worden ist. Plötzlich starrte er vor sich hin, mit halbgeöffnetem Munde, als hätte er die Lösung eines grossen Rätsels vor sich. Er wollte den Gedanken, der in ihm aufgetaucht war, von sich abwehren, aber es gelang ihm nicht. Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
War er denn vernagelt, trug er denn eine Binde vor seinen Augen, vermochte er nicht mehr richtig zu hören, dass ihm diese ganzen Vorgänge, dieses Wechselspiel von Entgegenkommen und Verständnislosigkeit unklar geblieben waren? Keine Frage — man hatte ihn hierher gelockt, um in letzter Stunde noch den alten Heiratsplan zustande zu bringen! Und die Angaben seines Vaters waren nur der Vorwand dazu, um ihn allmählich in die goldenen Fesseln hinüberzuleiten.
„Fein ausgeheckt, wirklich sehr sein!“ sagte er zu sich. Diese unblutige Verschwörung erschien ihm im Augenblick so komisch, dass er hätte auflachen mögen, wenn er allein gewesen wäre. Aber merkwürdig — schon im nächsten Augenblick dachte er viel ruhiger darüber, fand er gar nicht die Neigung, seinem Vater irgend welche Vorwürfe zu machen. Etwas Gutes würde er doch mit nach Hause nehmen, und das war die Enthüllung eines Mädchencharakters, wie er sie überraschender nicht erwartet hatte. Sonderbar, dass er nicht umhin konnte, immer aufs neue an Hertha zu denken. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ihm in diesen Minuten Hannchen ganz aus dem Gedächtnis gekommen.
Voll innerer Unruhe, die er sich nicht zu erklären vermochte, ging er längs der beiden Fenster, die nach der Strasse führten, auf dem weichen Teppich auf und ab, unsichtbar für die beiden Alten, die laut zusammen sprachen. Er hörte gar nicht darauf, dachte an nichts Weiteres als an seine Unterhaltung mit Hertha. War sie auf sein Erscheinen vorbereitet gewesen, oder war sie ahnungslos geblieben? Das war die Frage, die er sich wiederholt vorlegte. Die ganze Art und Weise des Empfanges sprach für die erstere Annahme, und doch hielt er sie einer unschönen Koketterie nicht für fähig. Schliesslich war er geneigt, sie auch in diesem Falle zu entschuldigen.
Konnte man es einem jungen Mädchen verdenken, wenn es alles aufbot, um den Mann zu erringen, den es liebte? Würde er als Mann in einem derartigen Falle nicht ebenso gehandelt haben? Und sie liebte ihn, wahr und aufrichtig mit jener Herzensgesinnung, die Unverfälschtheit heisst, weil sie sich auch in die Entsagung zu finden vermag. Alles das war ihm nun ausser allem Zweifel.
Seltsame Sprünge, die seine Auffassung machte! Auf was für einem Wege befand er sich denn, er, der den Verlobungsring bereits trug und allen Ernstes eine Verbindung fürs ganze Leben eingeben wollte, die er für unwiderruflich hielt? — eine Verbindung, über welche man im geheimen bereits zur Genüge gespöttelt hatte!
Und unwiderruflich deswegen, weil er als Mann von ausgeprägtem Ehrgefühl das Wort, das er im Liebesrausch gegeben hatte, zu halten gedachte? ... Und war das seine vielgerühmte Stärke, dass er so kurz vor dem Ziele wankelmütig wurde?
„Schlechter Kerl, Du!“ murmelte er vor sich hin, „schäme Dich. Hält man Dich für borniert, so ertrage es wenigstens mit Anstand und Würde.“
Endlich fand er es an der Zeit, diesen Einflüsterungen zweier unsichtbarer dunklen Gewalten ein Ende zu machen und sich bei den Alten sehen zu lassen. In dem Glauben, neugefestigt zu sein in seinen alten Anschanungen, schritt er auf sie zu.
„Na, wo haben Sie denn Hertha gelassen, lieber Eberhard?“ redete ihn Bandel sofort an.
„Sie versprach, sogleich wieder zu erscheinen — Ihre Frau Gemahlin hat sie in Anspruch genommen.“
„So. Dann entschuldigen Sie mich wohl auch auf einige Augenblicke — Ihr Papa weiss, warum. Ich bin sogleich wieder hier.“
„Bitte sehr, Herr Bandel, lassen Sie sich nicht abhalten.“
Eberhard blickte ihm nach, bis er hinten verschwunden war. Dann ging er einigemale im Zimmer auf und ab.
Treuling merkte sofort, was in seinem Sohne vorging, that aber so, als berührte ihn das nicht. Im Gegenteile warf er mit heiterer Miene leicht hin:
„Findest Du nicht, dass die Damen heute besonders aufgelegt sind?“
„Den Grund dazu wirst Du wohl am besten wissen,“ erwiderte Eberhard freundlich, aber kurz.
„Wenn man bedenkt — nach alledem, was zwischen uns vorgefallen ist,“ fuhr der Alte unbeirrt fort. Er hatte sich gegenüber der geöffneten Thür gesetzt und liess die Zimmer, die vor ihm lagen, nicht aus den Augen.
„Gerade das hat die grösste Verwunderung in mir erregt,“ siel Eberhard ein.
„Wie kann man sich über das höfliche Entgegenkommen gebildeter Leute wundern?“
„Unter so eigentümlichen Verhältnissen wohl, Papa. Hätte ich geahnt, dass dieser Besuch eine derartige Ausdehnung annehmen würde, so hätte ich es doch lieber vorgezogen, die freundliche Einladung abzulehnen.“
„Du hattest gar keinen Grund dazu — Beweis: die Liebenswürdigkeit, mit der man Dir wie in früheren Zeiten entgegengekommen ist.“
„Deren Zweck Du wohl ebenfalls kennen wirst.“
Treuling der Ältere that auch diesmal so, als verstände er seinen Sohn nicht. In demselben leichten Ton wie zuvor fuhr er fort:
„Die Hauptsache ist, dass Dich diese Liebenswürdigkeit nicht peinlich berührt hat.“
„Das gerade aber ist der Fall gewesen. Mir scheint es, als habe man hier gewisse Vorbereitungen getroffen.“
„Gewiss — zu unserm Empfang. Die Sache ist sehr einfach. Bandel hatte herübergeschickt hinter meinem Rücken. Es ist doch auch ganz selbstverständlich, dass man alte Bekannte würdig zu empfangen pflegt.“
Plötzlich blieb Eberhard vor ihm stehen und sagte eindringlich: „Höre, Papa, Du willst mich nicht verstehen — wir wollen uns doch keine Komödie vorspielen!“
Noch immer blieb der Alte unbeweglich, den Blick geradeaus gerichtet. „Wenn ich Dich bitten darf, sei nicht so laut, man könnte uns hören. Wir besinden uns nicht in unserem Hause.“
„Das weiss ich. Ich werde Dir auch nicht viel zu sagen haben. Sei nur so freundlich und beantworte mir die eine Frage: Hattest Du die bestimmte Absicht, mich hier wieder mit Bandel zusammen zu bringen?“
„Aber sei doch nicht komisch! Ich hatte Dir doch telephoniert, dass Du hier sein möchtest.“
„Ja, aber nur rein geschäftlich.“
„Aber lass mich doch nicht wiederholen, was ich schon einmal gesagt habe. Es hatte sich eben alles so gemacht.“
„Ich habe aber den Eindruck empfangen, dass Mutter und Tochter der Ansicht lebten, ich wollte die alten Beziehungen wieder anknüpfen.“
„Ach was! Haben sie Dir das etwa in zarter Weise zu verstehen gegeben? Junge, dann könntest Du Dich ja glücklich schätzen, und Du wärst der grösste Narr dieses Jahrhunderts, wenn Du nicht noch in letzter Stunde zur Besinnung kämst.“
„Papa — es ist ja nicht zu glauben! Ja, jetzt verstehe ich alles! Also ein richtiges Komplott, um Dein Lieblingsprojekt verwirklicht zu sehen?“
Er trat ein paar Schritt zurück, verschränkte unwillkürlich die Hände und starrte seinen Vater gross an. Er wollte weiter sprechen, aber der Alte hatte sich mit Leichtigkeit erhoben, war auf ihn zugetreten und legte beide Hände auf seine Schultern. Und mit unterdrückter Stimme sagte er:
„Ja, ich will es offen gestehen, ich habe Dich mit Bewusstsein hierhergebracht, um Dir die goldene Brücke wieder zu bauen, um Dich vor dem Abgrund Deines Lebens zu bewahren! Noch hast Du nicht vor dem Altar gestanden, noch Dich nicht an ein Mädchen gekettet, das seiner Bildung und Abstammung nach nicht zu Dir passt, das Dich elend machen wird, wenn Du erst dieselben Wände mit ihm teilst. Junge, Junge, höre auf mich! Es ist ein alter, welterfahrener Mann, der zu Dir spricht. Mein Herz blutet in diesem Augenblick, wenn ich daran denke, dass mein Einziger, der Stolz seiner Eltern blindlings ins Verderben rennen will ... Nein, wende Dich nicht ab, höre mich weiter an! Es ist ein Verzweiflungs- und Warnungsruf zu gleicher Zeit, der aus mir schallt. Du bist ein Phantast, ein Schwärmer, aber kein vernünftig denkender Mensch — ein idealer Revolutionär, der im engen Kreise einen Ausgleich der gesellschaftlichen Unterschiede schaffen möchte! Aber Du wirst Dir den Schädel dabei einrennen, verlass Dich darauf. Geliebte und Frau sind zwei ganz verschiedene Wesen, zwei entgegengesetzte Pole, die man weit auseinanderhalten muss, wie die Natur es verlangt. Die Geliebte ist nur der Körper, die Frau ist aber die Seele und der Geist dazu.
„Und so wahr es ist, dass Feuer und Wasser sich nicht vertragen, so wird ein Mann von Deiner Erziehung und Deiner gesellschaftlichen Bildung niemals aus einer ehemaligen Arbeiterin eine Frau nach seinem Geschmacke machen. Du wirst sie nicht emporziehen, sondern sie wird Dich herunterziehen, sie wird nicht Deine Eigenschaften annehmen, sondern Du die ihrigen. Es ist nun einmal so im Leben: das Schlechte tötet das Gute im Menschen zehnmal eher als umgekehrt. Eberhard, Herzensjunge, unterliege nicht der Schwäche aus falschem Ehrgefühl, sondern zeige Dich als Mann, der mit den Thatsachen rechnet, wie sie sind! ... Ich strecke Dir die Hände förmlich entgegen, um Dich an die Brust zu ziehen und nicht mehr zu lassen.“
Noch niemals hatte Eberhard ihn so sprechen hören: mit bebenden Lippen und einem Ausdruck im Auge, wie ihn ein Verzweifelter hat, der die letzte Bitte seines Lebens ausspricht. Das war nicht mehr der kalte Geschäftsmann, der nur mit Zahlen rechnet, wie an jenem Abend, als sich das Gespräch um denselben Punkt gedreht hatte — das war der Vater, der mit übervollem Herzen zu seinem Sohne spricht.
Das bestimmte ihn, sanft zu antworten:
„Es thut mir herzlich leid, Papa, dass Du aufs neue darüber in Erregung gerätst. Lassen wir doch jetzt die ganzen Auseinandersetzungen — versuchen wir lieber, sobald als möglich uns zu empfehlen. Es betrübt mich wirklich, Dir nicht so danken zu können, wie Du als Vater es von mir erwarten könntest. Und das soll nicht etwa heissen, dass Deine Anschauungen unrichtig sind — im Gegenteil, ich bin gerecht genug, sie für richtiger als die meinigen zu erklären, wenigstens dem landläufigen Begriffe nach.“
„Nun, dann müsstest Du wahnsinnig sein, wenn Du nicht das thätest, was tausend andere Menschen in derselben Lage thun würden.“
Treuling der Ältere hatte das mit etwas schwacher Stimme gesagt, nachdem er die Hände von seinem Sohne zurückgezogen hatte. Es klang gerade so, als hielte er nun selbst seine Redekunst für erschöpft.
Eberhard war durch das Zimmer gegangen, blieb nun wieder stehen und fragte ruhig:
„Bandels wissen doch um Deine Absichten, nicht wahr? Jetzt kannst Du es mir ja gestehen ...“
„Ja, Du sollst nun auch alles wissen. Ich habe dem Alten gesagt, dass Du wieder vollständig frei seist, man hätte Dir das Jawort zurückgegeben.“
„Also hast Du Ihnen die Unwahrheit gesagt, Papa?!“
„Wenn Du es so nennen willst ...“
Eberhard ging wie ausser sich im Zimmer umher. Stumm rang er die Hände; dann rief er erregt aus: „Mein Gott, in was für eine Situation bin ich geraten! ... Und Hertha ist derselben Meinung, dass ich —?“
„Möglich, dass ihr Andeutungen darüber gemacht worden sind ... wahrscheinlich sogar.“
„Ja, jetzt ist mir ja alles begreiflich! Aber wie konntest Du nur —“
„Seid ihr denn zu irgend einer Aussprache gekommen?“
„Das kannst Du Dir doch denken ... wenn ihr die Sache so leicht gemacht wird ... Zum Glück hat unsere ganze Unterhaltung nur aus Andeutungen bestanden.“
„So? Sie ist also sozusagen aus Dir nicht klug geworden?“
„Was heisst klug geworden! Wir sind uns beide wie zwei grosse Rätsel vorgekommen.“
„Dann kann also die Lösung immer noch folgen,“ warf Treuling, nun wieder ruhig geworden, in einer Anwandlung von Heiterkeit ein.
„Ich begreife nicht, wie Du wieder eine lustige Miene zeigen kannst, Papa ... Ich muss mich nur schämen, ihr unter die Augen zu treten. Was werden die Alten dazu sagen, wenn sie von ihr die Aufklärung erhalten!“
„Wenn sie aus Dir nicht ganz klug geworden ist, so wird sie sich hüten, gleich alles verloren zu geben. Junge Mädchen sind darin etwas wunderlich, sie geben die Hoffnung nicht eher auf, bis der Prediger über den Scheitel der anderen den Segen ausgesprochen hat.“
Die leichte Art, mit der nun der Alte die unerquickliche Angelegenheit behandelte, reizte Eberhard zum Widerspruch:
„Mir wird nun weiter nichts übrig bleiben, als ihnen die Wahrheit zu sagen. ...“
„Damit ich vor ihnen als Lügner dastehe, was?“ warf nun sein Vater im Flüstertone ein. „Ich will Dir etwas sagen ... Gott ist mein Zeuge, dass ich’s nur gut gemeint habe. Bandels sind der Meinung, dass sich alles thatsächlich so verhält, wie ich es ihnen gesagt habe. Hinzu kommt, dass ich dabei bin, mit ihm ein grosses Geschäft zu machen, das mir Hunderttausende einbringen kann. Ich bin überzeugt, dass er sich nicht dazu entschlossen hätte, wenn er gewusst hätte, dass mit Dir noch alles beim alten wäre. Wenn Du mich aber sozusagen als Lügner hinstellen willst, der unter Vorspiegelung falscher Thatsachen Vorteil erlangen wollte, so wirst Du Deinen Vater heute zum letzten Male vor Augen gehabt haben. Das schwöre ich Dir bei dem Blut, das in meinen und Deinen Adern fliesst! So — und nun thue, was Du nicht lassen kannst!“
Der fürchterliche Ernst, der aus seiner Miene sprach, schüchterte Eberhard ein. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass sich das bewahrheiten könne.
„Gut! So bleibt mir denn nichts anderes übrig, als zu gehen. Wahrscheinlich werden die Herrschaften hinten noch eine Weile zurückgehalten werden. Du kannst ja irgend eine Entschuldigung gebrauchen. Meinetwegen sage, ich sei unwohl geworden, oder was Du willst ... nun ist ja doch alles aus!“
Er wollte der Thür zuschreiten, als der Alte ihn zurückhielt. „Du wirst bleiben!“ sagte er in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete.
„Nun gut, so mach mich zum Lumpen! Vielleicht gefällt es Dir besser, wenn ich mit Dir um die Wette henchle.“
„Was soll dieser Ton? ... Du hast Dich nach wie vor liebenswürdig zu benehmen — weiter verlange ich nichts! Wir werden bald aufbrechen, und dann wird sich vielleicht eine Ausrede finden ... Ruhig, es kommt jemand!“
Es war Bandel, der eiligst hereinkam und sich im Zimmer umsah.
„Ich dachte schon, er wäre hier,“ begann er ganz ausser Atem. „Wo steckt er denn eigentlich, der Mensch? Wir sitzen schon eine ganze Weile hinten und warten auf ihn. Wir haben nämlich jetzt beratschlagt, was wir heute für eine Ausrede gebrauchen werden, um ihn los zu werden. Entschuldigt beide meine Offenheit, aber die ganze Situation bringt es so mit sich. Hertha ist auch in einer Stimmung, dass sie sich nicht viel mit ihm unterhalten möchte. Ist ja auch ganz erklärlich — heute gerade. Nun möchte ich wirklich wissen — — ich sagte doch Anton, er sollte ihn nach hinten führen. Vielleicht ist er nach oben gegangen. Er hat nämlich die Unverfrorenheit, sich hier wie zu Hause zu fühlen. Treff’ ich ihn doch neulich, wie er oben dem hübschen Stubenmädel in die Wange kneift! Kriegt er alles fertig! Entschuldigt nur nochmals. Es wird nicht mehr lange dauern. Bitte, genieren Sie sich nicht, lieber Eberhard, greifen Sie in die Kiste und rauchen Sie!“
Nach diesen Worten drehte er sich um und ging denselben Weg zurück, den er gekommen war.
Gegenseitige Abrechnung.
Kaum war Bandel wieder unsichtbar geworden, als es an der geschlossenen Thür klopfte und Heinz hereintrat. Er hatte eine Weile in dem kleinen Vorzimmer gesessen, in welches ihn Anton auf Wunsch des Hausherrn hereingebeten hatte unter der Ausrede, „Herr Bandel habe eben eine wichtige Konferenz“, war dann ärgerlich über diesen ungewohnten Empfang geworden und in ein kleines Seitenkabinet geraten, wo er sich einige ausgelegte Prachtwerke vorgenommen hatte. Und während man ihn hinten suchte, war er gerade wieder auf den Korridor und ohne weiteres ins Rauchzimmer getreten. In seiner Urwüchsigkeit glaubte er hier niemals viele Umstände machen zu brauchen, was wohl auch zum Teil daher kam, dass man ihn daran gewöhnt und sich befleissigt hatte, ihm selten etwas übel zu nehmen.
Als er die beiden Treulings erblickte, die er hier nicht mehr erwartet hatte, war aber ebenso verblüfft wie vor einer halben Stunde, als er Eberhard und Hertha überrascht hatte. Sofort aber fand er mit der Sorglosigkeit, die ein Hauptzug seines Wesens war, den richtigen Ton.
„Guten Abend! ... Bitte um Entschuldigung,“ begann er mit einer Verbeugung, die diesmal nur Treuling dem Älteren galt; „aber ich glaubte soeben, die Stimme des Herrn Bandel zu vernehmen ... Haben Sie ihn vielleicht gesehen?“
Der Alte drehte ihm den Rücken zu mit der deutlichen Absicht, sich seiner Aufdringlichkeit auf diese Art zu entledigen. Dafür erwiderte Eberbard kalt und gemessen:
„Allerdings war Herr Bandel soeben hier ... er suchte Sie. Wenn ich mich nicht täusche, so werden Sie von den Herrschaften hinten im Familienzimmer erwartet.“
„So?“ fiel Heinz mit einem spöttischen Lächeln ein.
„Ja ... Man wird sich jedenfalls sehr freuen, Sie zu sehen,“ fügte jener noch mit leichtem Spotte hinzu. Die letzten Vorgänge hatten ihn dermassen erregt, dass ihm ein ernstlicher Zusammenstoss mit Heinz gleichgiltig gewesen wäre.
Dieser war blass geworden, weniger infolge der Nichtachtung, die man ihm hier zu teil werden liess, als ans Gründen, die mit seiner Furcht vor kommenden Ereignissen zusammen hingen. Er hatte das unbestimmte Gefühl, als ginge hinter seinem Rücken etwas vor, was seinen Beziehungen zu diesem Hause ein für allemal ein Ende bereiten könnte.
„Also man erwartet mich? ... Ach, ich weiss schon — zu einer wichtigen Unterredung in Familienangelegenheiten!“ sagte er dann nach einer Pause der Verlegenheit. Die letzten Worte hatte er stark betont; sie klangen wie eine versteckte Drohung.
Er war schon bis zur Thür gekommen, als zum grossen Erstaunen Eberhards Treuling der Ältere plötzlich sagte:
„Irre ich mich nicht, so wollte Herr Bandel sofort zurückkehren, um Sie hier zu sprechen ... Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, uns einstweilen Gesellschaft zu leisten.“
Er war wie umgewandelt, zeigte die freundlichste Miene von der Welt und schob sogar Heinz einen Sessel entgegen. Diese Änderung seiner Gesinnung hing eng mit dem in ihm aufgetauchten Verdacht zusammen, der junge Bildhauer könnte Bandel die trübe Lage des Hauses Treuling enthüllen. Er traute diesem Menschen nicht, der bereits heute nachmittag einen so unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht hatte und nun hier mit einer Miene herumlief, als müssten sich alle vor ihm fürchten. Heinz stutzte; dann aber, ersichtllich geschmeichelt durch dieses Entgegenkommen, erwiderte er mit einer höflichen Verbeugung: „Wenn Sie erlauben, bin ich so frei.“ Aha, er hat Angst! dachte er dabei .. Meinetwegen, so bleibe ich hier und warte, was nun kommen wird. Vielleicht gehen sie bald, und dann bleib’ ich allein hier.
Was ihn besonders zurückhielt, war der verschlossene Hass, den er Eberhard entgegenbrachte, und den er zu gern durch irgend etwas zum Ausdruck gebracht hätte. Er wartete förmlich auf den Augenblick, wo er mit ihm irgend ein Wortgefecht hätte vom Zaun brechen können, um ihm die Larve vom Gesicht zu reissen ... So ein Spitzbube, steht vor der Hochzeit mit meiner Schwester und versucht hier das alte Verhältnis wieder aufzunehmen, waren immer dieselben feindlichen Gedanken, die er seit einer Viertelstunde gegen jenen hegte. Trotzdem freute er sich darüber, dass seine Annahme vom Nachmittage sich nun verwirklicht hatte.
Eberhard war über die Aufforderung seines Vaters so verblüfft, dass er kein Wort zu sagen vermochte. Erst als er sah, dass Heinz ohne Zwang Platz nahm, die Hände in die Hosentaschen vergrub und ein Bein übers andere schlug, fiel er, zu dem Alten gewendet, ein:
„Du hast Dich wohl geirrt, Papa. Herr Bandel erwartet den Herrn bestimmt hinten ...“
„Aber nicht doch, Du irrst Dich,“ erwiderte Treuling und zwinkerte ihm mit den Augen zu. In seiner Erregung bemerkte Eberhard das nicht, und so sagte er aufs neue:
„Aber ich begreife Dich nicht! ... Die Damen erwarten den Herrn ja ebenfalls.“
„Ganz recht, aber zuvor wollte Herr Bandel bier erscheinen.“
„Aber streiten Sie sich doch nicht meine Herren,“ warf Heinz keck dazwischen. „Das ist ja auch schnuppe, wer von Ihnen recht hat. Ich kann mir wohl denken, dass Herr Bandel mich mit Ihnen bekannt machen wollte. Er weiss gewiss nicht, dass ich bereits das grosse Vergnügen hatte.“
Er machte eine leichte Kopfneigung nach rechts und links und fuhr fort: „Ich bitte also um die Vergünstigung, Ihre Gesellschaft so lange teilen zu dürfen.“
Neben ihm auf einem kleinen Tische stand die Kiste mit Zigarren. Er griff hinein, langte eine der „ausgewählten“ hervor, schnitt die Spitze ab und gab sich Feuer. Alles das that er mit einer Ruhe und Gelassenheit, als brauchte er nicht die geringste Rücksicht zu nehmen.
„Soviel ich weiss, liegt Herrn Bandel sehr wenig daran, diese Bekanntschaft zu vermitteln,“ fiel Eberhard rücksichtslos ein.
„Ihretwegen wohl?“ fragte Heinz herausfordernd. Seine Zuversicht schwand, seine Ahnung, dass man gegen ihn etwas im Schilde führe, verwandelte sich sofort in Gewissheit. Nur mit Mühe bewahrte er seinen Gleichmut, als er die ersten Rauchwolken von sich stiess.
„Wenn diese Bemerkung eine Beleidigung enthalten soll, so muss ich Ihnen zu meinem Bedauern hierauf erwidern, dass Sie mich gar nicht beleidigen können,“ erwiderte Eberhard mit einem Achselzucken, das seine Verachtung andeuten sollte.
„Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit,“ warf Heinz ein, ohne seine Lage zu verändern. „Da Sie diesen Ton anschlagen, so kann ich Ihnen dreist sagen, dass mir durchaus wenig daran liegen kann, offiziell Ihre Bekanntschaft zu machen. Ihren Wert habe ich bereits zur Genüge erkannt.“
„Ah, Sie sind ein ganz — —“
Die übrigen Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Gleich einer Sprungfeder war Heinz emporgeschnellt und dicht vor ihn hingetreten.
„Was soll ich fein? Sprechen Sie es aus!“ schrie er ihn, seiner Sinne kaum mehr mächtig, an. Er überragte Eberhard um Kopfeslänge, unwillkürlich trat dieser einen Schritt zurück.
„So wagen Sie es doch auszusprechen, wenn Sie den Mut dazu haben!“ brachte Heinz abermals ohne Mässigung hervor.
Treuling trat dazwischen.
„Aber ich muss doch bitten!“ sagte er in der Absicht, sie auseinander zu bringen. „Ich kann mir ja denken, dass mein Sohn keine Veranlassung hat, Sie allzu höflich zu behandeln. Sie werden sich wohl noch der Äusserung erinnern, die Sie über ihn in meinem Hause gemacht haben.“
„Sehr liebenswürdig von Dir, lieber Papa, aber ich werde mit diesem Herrn schon allein fertig werden. Ich werde einfach den Diener zu meinem Schutze herbeirusen. Ich war allerdings nicht darauf vorbereitet, hier einem Rowdy zu begegnen, der auf seine Körperlänge zu pochen scheint.“
Er wollte wirklich auf den Knopf der elektrischen Klingel an der Wand drücken, als sein Vater ihn davon abhielt. „Um Himmels willen, nur kein Aufsehen machen! Wir müssen ihn auf andere Weise los werden,“ raunte er ihm zu.
„Und ich war nicht darauf vorbereitet, einem ehrvergessenen Menschen zu begegnen, der seine Braut auf das gemeinste betrügt und hintergeht, indem er alte Beziehungen hier wieder aufzunehmen gedenkt.“
Eberhard war bleich wie Wachs geworden. Er zitterte am ganzen Körper. Beide standen sich gegenüber und massen sich mit ihren Blicken wie zwei Gegner, die sich im nächsten Augenblick entgegenstürzen wollen. Plötzlich aber sagte sich Eberhard, dass ihm die grösste Ruhe allein zum Siege verhelfen könne. So bezwang er sich mit aller Gewalt, drehte ihm den Rücken zu und sagte im wegwerfenden Tone:
„Sie sprechen wirres Zeug, das ich nicht verstehe. Fräulein Bandel sowohl als ich stehen zu hoch gewissen Leuten gegenüber, als dass diese imstande wären, durch ihre unnoble Gesinnung etwas zu erreichen.“
„Es wird Ihnen nicht gelingen, sich rein zu waschen,“ fuhr Heinz fort. „Oder wollen Sie bestreiten, dass Sie vorhin mit Fräulein Bandel Hand in Hand in einer Situation von mir betroffen wurden, die sich für einen Bräutigam, der mit einer anderen vor den Altar treten will, durchaus nicht schickt? Nur Menschen, die schon sehr vertraut miteinander sind, pflegen so beieinander zu sitzen und sich Liebenswürdigkeiten zu sagen.“
In diesem Augenblick hatte Treuling der Ältere die Empfindung, als hätte man ihm soeben die Nachricht gebracht, seine Börsenschuld sei nur eine eingebildete gewesen und der Verkauf seiner Grundstücke an die Stadt habe bereits mit einem ungeheuren Nutzen für ihn stattgefunden.
Ei, so weit waren sie also schon gekommen! dachte er. Nun verstehe ich auch die Aufgebrachtheit dieses Burschen. Natürlich ist er eifersüchtig und wütend darüber, dass man ihn jetzt beiseite schiebt.
Treuling der Ältere nahm plötzlich eine sehr ernste Miene an und sagte, nachdem er einen Blick in die Nebenzimmer geworfen hatte:
„Ich kann meinem Sohn nur völlig recht geben, wenn er es von sich weist, sich mit Ihnen in eine längere Auseinandersetzung einzulassen, die gar keinen Zweck hätte. Wenn Sie sich schon davon überzeugt haben, wie die Dinge liegen, so begnügen Sie sich gefälligst mit der genommenen Kenntnis und warten Sie die weitere Entwicklung ab. Ich glaube nicht, dass es Herrn Bandel angenehm berühren wird, zu hören, in was für einen Ton Sie hier verfallen sind.“
„Wissen Sie was, mein Herr?“ fiel Heinz ihm schnell ins Wort, indem er sich nun zu ihm wandte, „behalten Sie Ihre Belehrungen und Weisheiten für sich! Dass Sie die schmähliche Handlungsweise Ihres Herrn Sohnes verteidigen werden, das ist nur ganz selbstverständlich. Sie stecken eben beide unter einer Decke. Aber hören Sie ...,“ wandte er sich wieder alt Eberhard, „wenn Sie wirklich die Absicht haben sollten, meine Schwester noch im letzten Augenblicke sitzen zu lassen, um sich hier wieder heranzumachen, dann thue ich doch noch das mit Ihnen, was ich Ihrer Frau Mama bereits angekündigt habe: ich schlage Sie windelweich, wo ich Sie finde. Merken Sie sich das!“
Er zeigte sich durchaus nicht eingeschüchtert, that vielmehr so, als hätte er einen kleinen, ungezogenen Jungen vor sich, den er mit Erziehungsmassregeln drohen müsse. Gleichmässig stiess er den Dampf seiner Zigarre von sich. Die Hände in den Hosentaschen, hatte er sich wieder breitbeinig mit herausfordernder Miene vor Eberhard hingepflanzt.
„Ich glaube, Ihnen bereits einmal angedeutet zu haben, dass ich nicht gewohnt bin, auf einen derartigen Ton näher einzugehen,“ erwiderte dieser möglichst ruhig und gefasst. „Ich will zu Ihren Gunsten annehmen, dass Sie im Augenblicke nicht genau wissen, was Sie sprechen. Bei näherer Prüfung werden Sie selbst zu dieser Erkenntnis kommen müssen.“
„Ja, ich begreife gar nicht, wie Du Dich noch über die Tonart dieses Herrn wundern kannst,“ platzte nun Treuling sen dazwischen, der jede Gelegenheit benutzen wollte, nur seinem Ziele näher zu kommen: „Du hast doch wirklich Zeit genug gehabt, um Deine zukünftige Verwandtschaft näher kennen zu lernen. Eben wieder bekamst Du einen Beweis ihrer Gesellschaftsfähigkeit.“ Er lachte kurz und unterdrückt auf.
Eberhard fühlte diesen Stich und presste die Lippen aufeinander. Schweigend wandte er sich ab. Es geschah zum erstenmal, dass er sich nicht veranlasst fühlte, seinem Vater unrecht über diesen Punkt zu geben.
„Wenn Sie glauben, mich damit zu treffen, so irren Sie sich, alter Herr,“ wandte sich jetzt Heinz dem Fabrikbesitzer zu. „Ich habe mich längst für eine derartige Verwandtschaft bedankt.“
Er mass den Alten mit einem langen Blick von unten bis oben und fuhr fort: „Sie scheinen vieles mit jenen Leuten gemein zu haben, denen es mehr auf das Geld ankommt, als auf die Person. Als es sich darum handelte, uns fünfzigtausend Mark abzunehmen, war Ihnen die Verwandtschaft wohl gut, he? Und jetzt, da das Geld so gut wie flöten ist, möchten Sie sich von der Verwandtschaft drücken. Aber Sie werden mir morgen Rechenschaft abzulegen haben — verstehen Sie?!“
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber ein kurzes, heiseres Lachen des Fabrikbesitzers, das wie ein schriller Aufschrei klang, liess ihn nicht dazu kommen:
„Da hast Du’s, da hast Du’s!“ rief dieser laut aus, ganz vergessend, wo er sich befand. „So etwas muss ich mir nun ins Gesicht sagen lassen, und Du warst es, der mir das Geld ins Hans gebracht hat. Förmlich aufgedrängt hat man es uns! Gehen Dir jetzt noch nicht die Augen auf?“
Ganz verstört im Gesicht, lief er im Zimmer umher. In diesem Augenblick fühlte er sich tödlich verletzt, empfand er doppelt die Schmach, die mit einer Verbindung der Familie Tetzlaff drohte. Ganz ausser sich vor Aufregung warf er sich dann in einen Sessel, holte tief und lang Atem, erhob sich wieder und blieb unentschlossen stehen.
Er wusste nicht, was er thun sollte. Jeden Augenblick konnte Bandel wieder auftauchen, und dann musste er gewärtig sein, noch weit schlimmere Dinge von diesem zudringlichen Menschen zu hören zu bekommen.
Eberhard merkte, was in ihm vorging. Dieselbe tiefe Entrüstung hatte ihn gepackt, die aufrichtig war, weil er nicht ahnte, was für eine Anklage sich unter Heinzens Worten verberge. Plötzlich hielt er es an der Zeit, dem unerquicklichen Auftritt ein Ende zu machen.
„Es thut mir leid, Papa, Dich so aufgeregt zu sehen. Aber Du hättest wirklich gar keine Ursache dazu gehabt. Dieser Herr hat gar nicht das Recht, seine Familie zu vertreten, die eine durchaus achtbare ist. Er gehört ebensowenig noch in sie hinein, wie er in die anständige Gesellschaft überhaupt hineingehört. Und deshalb wird er die Freundlichkeit haben, auf der Stelle dieses Haus zu verlassen, bevor ich sofort Herrn Bandel nebst Frau und Tochter hierher bitte, um ihnen die Geschichte von einem entarteten Sohn zu erzählen, der seinen Vater auf dem Totenbette bestahl, seine Brüder und Schwestern betrog und bei Nacht und Nebel wie ein richtiger Dieb ausrückte, um das gestohlene Gut so schnell als möglich an den Mann zu bringen! ... Seltsame Widersprüche im Leben: ein Mensch, der den Idealen nachstrebt, baut seine ganze Zukunft auf einer niederträchtigen That auf! Und das schlimmste ist, er täuscht alle Welt: er hat immer ein gewinnendes Lächeln auf seinen Lippen, wo er schamvoll in eine Ecke kriechen sollte. Er schleicht sich in anständige Familien ein, nistet sich in den Herzen edeldenkender Menschen fest, beutet ihre Schwächen aus und benimmt sich zum Dank dafür wie ein Strassenkehrer. ... Haben Sie mich nun verstanden? Oder soll ich noch deutlicher sein?“
Heinz hatte alle Farbe verloren. Ihm war zu Mute, als risse man ihm stückweise die Kleider vom Leibe, um ihn dem öffentlichen Hohne preiszugeben. Er fand zuerst gar nicht die Kraft, irgend etwas zu erwidern, starrte vielmehr mit dem Ausdrucke eines Verrückten, der die Sprache verloren hat, halb geöffneten Mundes auf Eberhard. Auf alles das war er nicht vorbereitet gewesen. Und er fand auch nicht den Mut, sich vom Fleck zu rühren, um sich Eberhard gegenüber zu einer Thätlichkeit hinreissen zu lassen, wie er es diesem erst vor wenigen Minuten angedroht hatte.
„Wer hat Ihnen denn das alles aufgebunden?“ presste er endlich, heiser vor erstickter Wut, hervor. .. „Wohl meine Schwester, hä?“ fügte er dann nach einer Pause hinzu.
„Da Sie es wissen, brauche ich es Ihnen ja nicht erst zu sagen ... Wollen Sie nicht die Güte haben, uns schleunigst zu verlassen — im anderen Falle würde ich mich genötigt sehen, Herrn Bandel herzubitten!“
„Ich glaube im Interesse dieses Hauses zu handeln, wenn ich die Aufforderung meines Sohnes unterstütze,“ fiel Treuling ein, dem nichts willkommener erschien als die Entfernung Heinzens, bevor Bandel käme.
„Was Sie betrifft, ehrenwerter Herr, so habe ich Ihre Schliche bereits durchschaut!“ schrie Heinz ihn wie besinnungslos an. „Sie haben eine Viertelmillion an der Börse verloren, stehen vor der Pleite und wollen diese Heirat hier nun einfädeln, um sich mit der Mitgift aus der Patsche zu helfen. Ja, blicken Sie mich nur so gross an, ich habe ebenfalls meine Beziehungen zur Börse. Aber man wird Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen!“
„Unverschämter!“ brachte Treuling der Ältere zitternd vor Erregung hervor. Das Angstgefühl trieb ihn an die geöffnete Thür, um abermals einen Blick in die Nebenzimmer zu werfen. Dazu gesellte sich die Ohnmacht eines Menschen, der einen fürchterlichen Schlag empfangen hat, ohne sich dagegen wehren zu können. Weil er im Augenblicke nichts Besseres zu thun wusste, so drückte er auf den Knopf der Klingel.
Anton erschien.
„Dieser Herr wünscht seine Garderobe zu haben,“ sagte er, indem er sich den Anschein gab, als handelte er mit Ruhe und Überlegung.
„Was wollen Sie?“ schrie ihn Heinz abermals an.
„So geben Sie dem Herrn die Garderobe lieber draussen, wenn er es durchaus wünscht,“ wandte sich Treuling der Ältere aufs nene dem Eingetretenen zu.
Anton blickte beide einige Augenblicke an, als hätte er zwei Menschen vor sich, die ihren Verstand verloren haben. Dann aber begriff er und erwiderte unterthänig: „Wie die Herren befehlen.“
Im Bewusstsein seiner steten Pflichterfüllung öffnete er die Thür zum Korridor, um Heinz zuerst hinauszulassen.
„Es hat keine Eile, Anton,“ fiel Heinz mit der herablassenden Handbewegung eines hohen Offiziers ein, der die Ehrenbezeugung einer Schildwache abwinkt.
„Wie Sie befehlen,“ sagte der Diener arglos und zog sich zurück. Schliesslich habe ich doch nur einem Herrn zu dienen, und nicht dreien, dachte er.
Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Eberhard ausrief: „Ah, da kommt ja Herr Bandel! ...“
Er sah ihn nicht, aber er griff zu diesem Mittel, um Heinz aufs neue einzuschüchtern. Dieser machte eine Bewegung, als wollte er sich auf einen von beiden stürzen. Dann mass er sie zu gleicher Zeit mit Blicken von oben bis unten und sagte im Tone der Verachtung: „Rette Gesellschaft — Vater und Sohn!“ — lachte kurz auf und ging hinaus.
Eine Minute lang herrschte Stille im Zimmer. Man hörte ihn draussen ein paar Worte mit Anton wechseln, vernahm seine gedämpften Schritte und dann das Schliessen einer Thür.
Treuling der Ältere atmete auf, wie von einer Last befreit. Aber er wollte die volle Überzeugung haben. Er öffnete die Thür und steckte den Kopf in den Vorraum. Anton, der an einem kleinen Tische sass, gewärtig jeden neuen Befehls, erhob sich sofort und sagte, um sich entgegenkommend zu zeigen:
„Wenn Sie nach Herrn Tetzlaff suchen — er ist bereits fort. Er war sehr erregt und hatte grosse Eile.“
Mit unverschämter Liebenswürdigkeit lächelte er und blickte den Gast mit einem Ausdruck an, als wollte er sagen: O, ich weiss, was hier vorgeht. Halte mich nur nicht für dumm! Erinnere Dich meiner gefälligst beim Fortgehen. Er machte aber sofort ein langes Gesicht, als Treuling einfiel:
„Danach wollte ich gar nicht sehen. Mir schien es nur — —“
Befriedigt klappte er die Thür wieder zu und überliess es Anton, sich über den Zweck der Rengierde den Kopf zu zerbrechen.
Ehe er mit Eberhard noch irgend etwas sprechen konnte, vernahm man Bandels Kommen. Er räusperte sich laut, um seine Anwesenheit zu verkünden; dann trat er mit ernster Miene herein und sah sich ebenso erstaunt nur wie zuvor.
„Ja, zum Tenfel — ich sehe ihn ja noch nicht,“ brachte er ganz überrascht hervor. „Es sind noch keine fünf Minuten her, da sagte mir Anton, er sei hier herein gegangen.“
Eberhard gab ihm die nötige Aufklärung. Kaum war er zu Ende, so fiel sein Vater ein:
„Entschuldige, wenn wir Dich mit diesen peinlichen Dingen belästigen, aber es blieb uns kein andrer Ausweg. Wir hätten sonst selbst geben müssen, und da ich glaubte — —“
Bandel unterbrach ihn:
„Aber das wäre ja noch schöner gewesen! Ihr seid heute meine Gäste, meine liebsten Gäste, und er ist völlig Nebensache.... Ich kann Dir gar nicht sagen, was Du mir für einen Dienst erwiesen hast. Du hast mir eine Erleichterung geschaffen, eine wirkliche Erleichterung!“
Nach einer Pause rief er entrüstet aus: „Eine derartige Unverschämtheit ist mir noch nicht vorgekommen! Meine Gäste in meinem eigenen Hause zu beleidigen ... ganz zu vergessen, wo er sich befindet! Nun hat er sich natürlich gekränkt gefühlt und ist davon gelaufen. Ich werde ihm morgen einige Zeilen schreiben, und dann hat die ganze Sache ein Ende.“
Man hatte ihm die Einzelheiten des Streites verschwiegen, ihm vielmehr nur mitgeteilt, dass Heinz sich flegelhaft benommen habe. Er war auch gar nicht in der Verfassung, auf Einzelheiten einzugehen. Glücklich darüber, von einem ihm plötzlich lästig gewordenen Menschen befreit zu sein, brach er in ein lautes Lachen aus und sagte wiederholt:
„Er lief hier schon wirklich wie mein Sohn herum, wie mein eigner Sohn.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Nun werden auch endlich meiner Frau die Augen aufgegangen sein. ... Jetzt aber soll’s erst gemütlich werden!“
In seiner freudigen Erregtheit merkte er gar nicht, dass Eberhard sehr schweigsam geworden war und wiederholt nach der Uhr sah. Ganz verwundert blickte er auf, als er plötzlich zu hören bekam:
„Sie werden es mir nicht übel nehmen, werter Herr Bandel, wenn ich jetzt aufbreche. Haben Sie die Güte, mich den Damen bestens zu empfehlen.“
Bandel hatte dafür sofort eine Auslegung bereit, was unzweideutig aus seiner Antwort hervorging:
„Aber machen Sie doch keine Geschichten — Sie bleiben noch. Sie werden sich doch deswegen nicht die gute Laune trüben lassen — das fehlte gerade! Meine Frau und Hertha erwarten uns hinten. Oder warten Sie ’mal — ich werde sie hierher bitten lassen. Mir auch angenehmer. Dann befindet sich meine Frau sozusagen am Schauplatz der That. Und wenn sie dann von dem nichtswürdigen Benehmen dieses Menschen erfährt, so wirkt das überzeugender.“
Er wollte schon nach dem Diener klingeln, aber Eberhard fiel aufs neue ein:
„Seien Sie überzeugt, Herr Bandel, dass ich Ihre Liebenswürdigkeit zu schätzen weiss, aber vielleicht wird es auch den Damen nach Kenntnisnahme dieses peinlichen Vorganges erwünscht sein, allein zu bleiben.“
„Im Gegenteil — sie werden jetzt erst recht etwas Zerstreuung wünschen,“ hielt Bandel ihm mit Zähigkeit entgegen.
„Aber so bleibe doch, Du siehst ja, wie geringe Bedeutung man dem Verschwinden dieses Herrn beilegt!“ warf nun auch Treuling ein. „Es wäre unbescheiden von uns, jetzt noch lange in uns dringen zu lassen.“
„Recht so, Alter, rede ihm nur zu! ... Da kommen sie ja schon selbst!“
Es waren wirklich Mutter und Tochter, die nun ebenfalls sichtbar wurden.
„Unser Herr Künstler ist plötzlich unpässlich geworden und nach Hause gegangen!“ rief Bandel ihnen entgegen.
Beide bemerkten sofort, dass etwas Besonderes vorgegangen war, hielten es aber nicht für angebracht, näher darauf einzugehen, um so weniger, da Bandel so that, als wäre alles ohne Aufregung abgegangen. Im Innern waren sie ebenfalls über diesen Ausgang befriedigt.
Und da Hertha durch nichts verriet, dass sie Eberhard irgend etwas übel genommen habe, so hielt es dieser für unartig, die erneuerte Einladung, zu bleiben, abermals abzulehnen.
Eine Stunde etwa blieb man noch zusammen. Als man sich jedoch trennte, hatten alle die Überzeugung, dass die Stimmung zuletzt eine sehr drückende gewesen sei.
Wahrheit und Dichtung.
Als Heinz sich auf der Strasse befand, hatte er die Empfindung eines Menschen, dem etwas passiert ist, was er niemals überwinden werde. Ohne sich umzublicken, stürmte er mit derselben Eile weiter, mit der er das Haus verlassen hatte.
Einmal blieb er stehen und überlegte, ob es nicht besser wäre, wieder umzukehren, um sich mit der Faust Genugthuung zu verschaffen. Dann ging er weiter, erfüllt von Rachegedanken, die in seinem Gehirn brüteten gleich einem Gewitter, das der Entfesselung harrt. Die ohnmächtige Wut erdrückte ihn fast. Erniedrigt und beleidigt, wie er sich vorkam, dachte er an weiter nichts, als an eine befreiende That, die er heute noch vollführen müsse, um befriedigt sich schlafen legen zu können.
Sein Gesicht glühte. Das Herz hämmerte dumpf. Er kam sich wie losgelöst vor von allem, worauf er seine Hoffnungen gesetzt hatte. Er wusste: die Brücke zur Rückkehr in Bandels Haus war ihm abgebrochen worden für ewige Zeiten. Nun wollte er wenigstens beweisen, dass er die Macht habe, das Glück anderer zu zertrümmern, wie er es bereits einmal gethan hatte, als die schiefe Ebene seines Lebens zum erstenmal von ihm betreten wurde. Und nicht nur die Macht, sondern auch die natürlichen Anlagen dazu, die ihn fast willenlos zum Bösen trieben.
Während er dahinschritt, ohne auf die Menschen zu achten, kam er sich einsam und verlassen vor. Noch niemals, seitdem er von seinen Angehörigen fort war, hatte er einen gleichen Eindruck empfunden. Sehnsucht kam über ihn, tiefe Sehnsucht nach irgend etwas, was er bisher niemals kennen gelernt hatte, das seinem Gewissen Entlastung und seinem aufgeregten Gemüte Ruhe gegeben hätte. Etwas Besseres erwachte in ihm, von dem er nur dunkle Vorstellungen hatte, das einen merkwürdigen Gegensatz zu seinen schlimmen Eigenschaften bilden sollte.
Er sah nach der Uhr. Es war erst acht, also konnte er noch nach dort, wohin es ihn mit aller Macht drängte, und wo er die einzige Erlösung für heute zu finden hoffte. Was war auch natürlicher, als dass Hannchen plötzlich im Geiste vor ihm auftauchte, um deren ferneres Schicksal sich seiner Meinung nach die Erlebnisse der letzten Stunden allein gedreht hatten!
Er besann sich nicht lauge, stieg in eine Droschke und gab Strasse und Hausnummer an, die er von Robert erfahren hatte. Während der Fahrt wurde er ruhiger, siegesbewusster.
Was wird sie zu allem sagen? Gewiss wird sie aus allen Himmeln fallen, dachte er dann. Besser aber, sie erfährt es durch mich als durch ihn, so kann sie ihm zuvorkommen und zuerst mit ihm brechen. Eine unglückliche Heirat wäre das ja doch geworden — da hat der Alte ja nun ganz recht, wie Robert mir erzählt hat. ... Und morgen schicke ich diesem früheren Färbergesellen einen Brief, in dem ich ihm mitteile, dass Treuling vor dem Bankerott steht. Dann wird er seinen Daumen wohl auf den Beutel halten, denn die Freundschaft geht bei Dem auch nur bis zum Geldsack. Die Gesichter möchte ich dann einmal sehen! Ich glaube, die holen mich noch mit vier Pferden zurück! ... Und gleich danach gebe ich dem Schuft Freudenfeld einen Wink, damit er seinen Freund, den Börsenstipper, benachrichtigt. Die können nachher doch wie die Hyänen die letzten Krempen von den Strohhüten auffischen, denn mehr wird wohl von der ganzen Herrlichkeit da draussen nicht übrig bleiben.
Seine Stimmung änderte sich nun. Befriedigt darüber, so nahe vor der Vergeltung zu stehen, pfiff er leise vor sich hin.
Frau Baumann, Hannchens ehrsame Wirtin, machte grosse Augen, als sie zu später Stunde noch einen Herrn erblickte, der Fräulein Tetzlaff zu sprechen wünschte. Ehe sie noch eine Antwort geben konnte, war Hannchen bereits in der geöffneten Zimmerthür sichtbar geworden. Jedesmal wenn es klingelte war sie der Meinung, es könnte Eberhard sein. Klopfenden Herzens war sie herbeigesprungen.
„Heinz — Du?“ rief sie erstaunt aus, als sie näber gekommen war und ihn erkannt hatte.
„Ja, ich habe Dich ganz notwendig zu sprechen.“
„Mein ältester Bruder nämlich, der Bildhauer, von dem ich Ihnen schon erzählt habe, Frau Baumann,“ sagte sie dann.
„Ah, freut mich sehr, Sie kennen zu lernen. Treten Sie nur näher! ... Wenn Sie noch etwas wünschen sollten, Fräulein, ich stehe selbstverständlich zu Diensten.“
Die Witwe des seligen Postsekretärs machte eine Verbeugung und liess ihn durch, ganz verblüfft darüber, eine derartig einnehmende Erscheinung vor sich zu haben.
Dann befanden sich Bruder und Schwester allein. Einige Minuten sagten sie nichts. Ihr Wiedersehen nach so langer Zeit machte im Augenblick alles vergessen, was zwischen und hinter ihnen lag. Sie umarmten und küssten sich stummbewegt. Und das wiederholte sich eine Weile, ehe sie zu Worte kamen. Hannchen war so gerührt, dass ihre Augen feucht wurden.
„Nein, hat dieser Tag aber Überraschungen!“ brachte sie dann, noch immer zitternd vor freudiger Erregung, hervor: „Kaum ist Robert weg, so kommst Du. Hübsch von Dir, dass Du doch noch einmal an Dein Schwesterchen gedacht hast. Und verändert hast Du Dich! Robert sagte es mir schon, aber das hätte ich doch nicht erwartet! Ordentlich stark geworden. Und wie elegant Du gehst ... wie ein richtiger vornehmer Künstler!“
Er achtete auf diese Anerkennung gar nicht, sondern fragte, während er unruhig im Zimmer umherschritt:
„Also der Kleine war hier? Hat er Dir ’was Besonderes gesagt?“
„Nur Gutes über Dich: Du wolltest ein Grabdenkmal für Vater machen, wenn Du erst so weit wärst. ... Wenn Du das könntest, Heinz, und dabei bewiesest, dass Du ’was gelernt hast, dann würde sich auch gewiss Grossvater mit Dir wieder aussöhnen!“
„Meinst Du?“
Statt der Antwort warf sie sich abermals an seine Brust und brachte schluchzend hervor: „O, Heinz, lieber Bruder — weshalb nur musste alles so kommen?“
„Ja, das habe ich mich heute auch gefragt, aber in anderer Beziehung ... Aber so weine doch nicht, meinetwegen nicht, ich bin es wahrhaftig nicht wert!“
„Doch bist Du es wert, Du bist nur furchtbar leichtsinnig gewesen, und das Geld hat Dich verführt.“
„Und Dich wohl nicht, Kleine?“ fiel er lächelnd ein. Er hatte ihren Kopf zwischen seine Hände genommen und küsste sie auf ihr Haar. Derselbe Duft strömte ihm entgegen, wie in jener Nacht, als er von der Jüngsten Abschied genommen hatte. Er sog ihn begierig ein, wie etwas Angenehmes, Berauschendes, das alte Erinnerungen erweckt. In diesem Augenblicke genoss er wahrhaft glückliche Minuten. Er riss sich los und ging aufs neue umher, Mitleid im Herzen für die Schwester, die noch nicht wusste, was ihrer wartete.
„Ich freue mich ja wirklich so sehr, dass ich Dich gerade jetzt noch einmal zu sehen bekommen habe,“ sagte sie wieder, indem sie ihre Augen trocknete: „Du wirst gewiss gehört haben, dass bald eine Änderung in meinem bisherigen Leben eintritt.“
„Ja, ich habe es gehört,“ erwiderte er kurz.
„Aber so leg doch den Mantel ab und thu nicht so, als wolltest Du bald wieder gehen,“ bat sie und zeigte sich dann behilflich. Während sie das Kleidungsstück an einen Haken der Thür hing, fuhr sie fort:
„Dass Du gerade heute gekommen bist, kann ich Dir gar nicht genug danken.“
„Du hast Dich wohl sehr einsam gefühlt, he?“ warf er ein, ohne seinen Rundgang einzustellen.
„Wie kommst Du denn darauf?“ Verwundert blickte sie ihn an.
„Nun, wie man so darauf kommt. Ich nehme es an, weil ich Dich allein getroffen habe. Wenn man so kurz vor der Hochzeit steht, sollte der Herr Bräutigam Rücksicht nehmen und mit seiner Braut eigentlich in der Familie sein.“
Es lag etwas in seiner Stimme, das sie verblüffte. „Wie meinst Du denn das wieder?“
„Nun, wie soll ich’s wieder meinen? ... So, wie ich spreche.“
„Es ist wahr, ich habe mich auch wirklich einsam gefühlt, aber ohne Veranlassung dazu zu haben.“
„So? Glückliches Geschöpf Du!“
„Das hört sich ja ganz ironisch von Dir an. Du gönnst mir wohl mein Glück nicht?“
„Weshalb sollte ich Dir Dein Glück nicht gönnen? Wäre ich sonst wohl hierher gekommen?“
Er vermied es, sie anzusehen, und ahnungslos, wie sie war, begann sie wieder, erfreut darüber, jemand zu haben, mit dem sie sich über das, was sie am meisten berührte, unterhalten konnte:
„Eberhard hatte nämlich heute eine dringende geschäftliche Abhaltung. Er schrieb es mir.“
„So?“
„Ja! Gerade als ich ihn erwartete, kam ein Rohrpostbrief ... Und was Du vorhin über den Familienverkehr sagtest, mein Gott — damit sieht’s ja trübe aus. Du weisst ja, wie die Sachen liegen. Nach Hause gehe ich nicht, vorläufig wenigstens nicht — und mit dem alten Treuling ist’s auch noch so wie früher. Eberhard meint zwar, das würde sich nach der Hochzeit alles sehr ändern ...“
„So? Das soll öfters vorkommen.“
„Eigentlich bin ich doch recht zu bedauern, nicht wahr?“ begann sie wieder lächelnd nach einer Weile.
„In gewisser Beziehung — ja.“
„Wenn Du nur einen Gefallen thun willst, Heinz, so setz Dich! Du hast immer noch die alte Augewohnheit wie früher, im Zimmer umherzulaufen und Bemerkungen zu machen, aus denen man nicht ganz klug wird.“
„Vielleicht habe ich diesmal alle Veranlassung dazu,“ sagte er trocken und blieb vor ihr stehen. „Ich kann Dir nur sagen, dass ich Dich wirklich aus tiefster Seele bedaure ... Du hättest Dich mit diesem Kerl gar nicht einlassen sollen!“
Sie schwieg, weil sie in dem Augenblick nicht richtig zu verstehen glaubte.
„Ja, wen meinst Du denn damit?“ brachte sie dann betroffen hervor.
„Deinen sogenannten Herrn Bräutigam — das sollte Dir doch einleuchten.“
„Heinz!“ Sie vermochte nur dies eine Wort hervorzustossen, in heftiger Erregung, die ihren Körper durchschüttelte.
Ruhig blickte er sie an. „Nun, was soll dieses ‚Heinz‘?“ Er zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder ab.
„Das fragst Du noch? Bist Du deswegen gekommen, um mir so etwas zu sagen?“
„Nur deswegen ... und noch viel mehr!“
„Dann hättest Du Dir diesen Gang hierher ersparen können. Niemals werde ich dulden, dass man hinter Eberhards Rücken Schlechtes spricht!“
Plötzlich schien sie nicht begreifen zu können, wie man ihre kindliche Freude über das Wiedersehen derartig vergelten könne. Sie wandte sich ab, hielt nur mühsam die neu heraufguellenden Thränen zurück und sagte leise:
„Ich glaubte schon, Du wärst anders geworden; aber nun sehe ich, dass Du immer noch schlecht bist. Pfui, schäme Dich! Einen Menschen zu beleidigen, den Du gar nicht kennst, der Dir nie etwas Übles zugefügt hat ... Weshalb bist Du denn eigentlich hierher gekommen?“
„Um Dir ganz etwas Neues zu sagen: Ich werde Deinem Bräutigam eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn er mir nicht binnen drei Tagen Genugthuung giebt!“
Die langverhaltene Wut stieg wieder in ihm auf und so gewaltig, dass sie allein ihn beherrschte. Die Thränen seiner Schwester rührten ihn nicht mehr, sie spornten ihn nur an, ihn noch zorniger zu machen, bevor er ihr alles enthüllte.
„Wenn Du so etwas sagst, möchte ich am liebsten wieder lachen,“ erwiderte sie, plötzlich gefasster geworden. „Du hast einen Hass gegen ihn, den ich mir schon früher nicht erklären konnte — ich habe ja natürlich von Deinem Besuch da draussen gehört.“
„Hab’ ich auch, weil ich derjenige war, der alles vorausgeahnt hatte! Denkst Du denn wirklich, dass er Dich heiraten wird?“
Ja, sag ’mal, Heinz — was sprichst Du eigentlich? Du bist überhaupt so aufgeregt ... Du hast gewiss ganz gehörig gekneipt. Robert sagte mir ja schon, dass Du mit diesem Hipfel noch sitzen geblieben wärst. Das ist der richtige Bruder, der jagt ja den ganzen Lotteriegewinn durch die Kehle!“
„Dann hat er wenigstens etwas davon. Andere schlaue Leute lassen ihn sich auf Zinsen geben und betrügen dann die Gewinner.“
„Die Erfahrung hast Du wohl gemacht? Es ist Dir ja auch leicht genug geworden.“
„Thu mir den Gefallen, Hannchen, und behalte derartige Spitzen für Dich! Mein Geld ist vortrefflich angelegt; davon werdet Ihr Euch später noch ’mal überzeugen. Aber Du bist die Betrogene, doppelt und dreifach!“
Sie verstand ihn abermals nicht. Eine dunkle Ahnung durchzuckte sie aber; mit weit aufgerissenen Augen blickte sie ihn fragend an.
„Ja, reiss nur jetzt die Augen auf! Pack diesen ganzen Ausstattungsplunder in die Kasten. Dein Herr Bräutigam hat sich bereits wieder an eine andere gemacht, die er schon früher kannte! Du kannst Dir wohl denken, wen ich meine.“
Anscheinend unberührt von dem Gesagten, als hätte er eine gleichgiltige Bemerkung getbau, ging er, die Hände in den Hosentaschen, vor ihr auf und ab. Einige Augenblicke hörte man nur den Wiederhall seiner Tritte und das schwere Atemholen, das von Hannchen kam. Dann schrie sie mehr als sie sagte:
„Du lügst, Heinz, Du lügst! ... Es ist nicht wahr, was Du eben gesagt hast, es kann nicht wahr sein! Es ist Deine alte Niederträchtigkeit, mit der Du immer durch das Glück der Menschen fährst. Gestern erst habe ich es noch aus seinem Munde erfahren, dass er’s ehrlich meine wie immer.“
Die Worte waren ihr hervorgesprudelt gleich einem wiederholten Erlösungsschrei, der ihre Seele entlasten müsse. Stürmisch wogte ihre Brust, und fast röchelnd rang sie nach Luft.
Er hatte dasselbe Schulterzucken bereit. „Täuschung, weiter nichts als Täuschung — raffinierte sogar! Schlaue Berechnung, um Dich bei guter Laune zu erhalten. Ich komme direkt von Bandels, wo ich ihn mit der Tochter überrascht babe. Sie sassen Hand in Hand und poussierten ganz wacker. Man hatte mich heute nicht erwartet, und nun trat ich ungeniert ins Zimmer. Der Alte war auch da — überhaupt ’ne grosse Gesellschaft. Du siehst mich ja auch noch im Anzug dazu. Der Sett floss wieder ’mal in Strömen, und ich glaube, es wird heute noch die Verlobung verkündet. Deinetwegen habe ich ’nen grossen Krach dann gehabt. Morgen sprenge ich die ganze Gesellschaft in die Luft. Solche Heuchler sind mir noch nicht vorgekommen! Nun wirst Du mir hoffentlich dankbar sein, dass ich hinter die Schliche gekommen bin.“
Sie sagte nichts. Die Ahnung einer ihr drohenden Gefahr, die ihr während des ganzen Abends vorgeschwebt hatte, hatte sich für sie plötzlich in Gewissheit verwandelt. Der Sturz aus der Höhe des Glückes war so unvermittelt für sie gekommen, dass sie sich widerstandslos fühlte. Sie setzte sich in die Ecke des Sofas, verbarg das Gesicht in die Hände und weinte still und heiss. Langsam quollen die Thränen zwischen den Fingern hindurch. Sie zweifelte nicht mehr, denn sie hätte es selbst unerklärlich gefunden, wenn man ihr vor ihrem Ziele nicht plötzlich ein vernichtendes Halt zugerufen hätte. Ihr Glück hatte eine zu grosse Höhe angenommen, auf der sie vom Schwindel befallen worden war.
„Aber deshalb brauchst Du nicht zu weinen. Das ist die ganze Sippe wahrhaftig nicht wert,“ begann Heinz wieder, nachdem er sie eine Weile stumm betrachtet hatte. Weichheit lag in seiner Stimme, fast that es ihm schon leid, so rücksichtslos vorgegangen zu sein.
„Bis jetzt haben wir noch den Vorteil. Wir werden die Verlobung öffentlich aufheben, und dann sind Bandels und Treulings die Blamierten. Das andere kommt dann nach. Aber nun höre auch, wie die Sache sich weiter abgespielt hat. Es war wie eine grosse Scene in einem Drama auf der Bühne, beinahe ein ganzer Akt. Es waren wohl zwanzig Menschen da. Ich natürlich ganz unvorbereitet — sonst wäre ich im Frack erschienen. Ich stellte mich mitten in den grossen Salon den beiden Treulings gegenüber und hielt ihnen eine Moralpauke, die sie wohl zeitlebens nicht vergessen werden. Alle Gäste, Damen und Herren um mich herum. ‚Pfui, Sie schlechter Kerl!‘ rief ich ihm zu; ‚Sie stehen mit Ihrem Vater vor der Pleite, lassen Ihre arme Braut sitzen und wollen sich jetzt hier an eine reiche machen, um Ihr Haus vor dem Ruin zu bewahren? Wenn Sie ein Mann von Ehre wären, dann würde ich Ihnen morgen meine Zeugen schicken, aber mit Leuten Ihrer Art, die mit Betrügern auf einer Stufe stehen, schlägt sich ein anständiger Künstler nicht. So erkläre ich Sie denn hiermit öffentlich alle beide für nichtswürdige Hallunken, die einander würdig sind ...‘
Du hättest ’mal den Eindruck sehen sollen, den meine Worte gemacht haben. Die Damen steckten die Köpfe zusammen und warfen mir Blicke der Bewunderung zu. Und die Herren wandten sich ab, als bedauerten sie, hier Gäste sein zu müssen. Beide Treulings waren leichenblass geworden, die Bandels natürlich auch, namentlich die Tochter. Sie wusste gar nicht, wohin sie blicken sollte. Und nun wollte ich doch noch einen würdigen Abgang haben — weisst Du, wie die grossen Schauspieler auf der Bühne am Schlusse einer Scene. Als ich sah, dass ich allein der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller war, begann ich aufs neue:
‚Meine Damen und Herren,‘ sagte ich, ich bedaure lebhaft, wenn ich meiner fürchterlichen Anklage gegen diese beiden Herren noch eine Erklärung hinzufügen muss, aber ich fühle mich dazu notgedrungen — und zwar eine Erklärung gegen den Herrn Gastgeber und dessen Frau Gemahlin. Man hatte mich zum zukünftigen Schwiegersohn ausersehen, trotzdem ich mich stets dagegen gesträubt hatte. Sollten aber Herr und und Frau Bandel noch der Meinung sein, ich hätte mich jemals um eine Verwandtschaft mit diesem Hause gerissen, so muss ich ihnen zu meinem Bedauern hier öffentlich das Geständnis machen, dass ich in dieser Beziehung bereits in der Familie eines unserer ersten Börsenfürsten, eines bekannten Kunstfreundes, ziemlich bindende Verpflichtungen eingegangen bin. Ich habe die Ehre, meine Damen und Herren ... Anton, meine Garderobe!‘
Damit verbeugte ich mich leicht nach allen Seiten und schritt langsam und stolz zur Thür hinaus, die der Diener weit aufgerissen hatte. Als mir Anton draussen behilflich war, die Garderobe anzulegen, hörte ich grosses Stimmengewirr. Weisst Du, wie das Rauschen im Publikum, wenn der Vorhang nach einer aufregenden Scene herniedergegangen ist ... So, nun weisst Du alles. Vorläufig bist Du gerächt. Morgen wird halb Berlin von dem Vorfall sprechen ... Aber nun sei auch vernünftig, und lass das Weinen! Wir haben jetzt ernst zu reden. Jetzt heisst’s vor allem, Deine fünfzigtausend Mark zu retten, die Du in Deiner Gutmütigkeit diesen Generalspitzbuben anvertraut hattest. Es giebt nur einen Weg: morgen in aller Frühe zum Grossvater gehen und dem alles erzählen! Das Übrige werde ich schon machen.“
Mit erhobenem Haupte durchschritt er das Zimmer. In diesem Augenblick kam er sich wie ein grosser Held vor, der fest davon überzeugt ist, das durchlebt zu haben, was er soeben erzählt hat. Dann ärgerte er sich darüber, nicht in derselben Weise gehandelt zu haben. Er blieb wieder stehen und sagte aufs neue:
„Weisst Du, ich möchte die ganze Geschichte in die Zeitungen bringen. Ich kenne einen Reporter, der solche Dinge besorgt. Ich habe ihn im Börsencafé kennen gelernt. Eine Idee — was? Natürlich müsste der Vorgang, den ich hier nur ganz trocken erzählt habe, noch ein bisschen ausgeschmückt werden, damit’s romantischer wird!“
Nun ganz von diesem Gedanken erfasst, vergass er alles andere und lies wie unsinnig auf und ab. Dabei erging er sich aufs neue in grössenwahnsinnigen Einbildungen.
„Stelle Dir ungefähr den folgenden Anfang vor,“ sagte er wieder, unbekümmert darum, ob Hannchen zuhöre oder nicht: „Folgendes überaus ergötzliche Geschichtchen, deren Held einer unserer begabtesten jüngeren Bildhauer Namens T. ist, macht augenblicklich in den Kreisen unserer Grossindustriellen die Runde‘ ... Oder meinetwegen könnte es auch so beginnen: Ein Vorgang, der lebhaft an den Inhalt eines Familiendramas erinnert, spielte sich neulich abend in der Villa eines bekannten Millionärs im Osten unserer Stadt ab. Der junge Bildhauer T., bekannt als Liebling der Frauen, noch bekannter durch sein schneidiges Auftreten, ... und so weiter. ... Gefällt mir aber auch nicht! Am besten wäre es schon, ich forderte ihn wirklich zum Duell, das macht am interessantesten. Wenn ich dann noch eine kleine Verwundung bekäme, dann wäre ich wahrhaftig schöne raus ... Ick sag’ Dir, Hannchen, so wat macht Furore und kost’t nischt,“ verfiel er plötzlich in die Berliner Sprechweise.
Hannchen brachte ihn erst wieder zur Besinnung. Sie erhob sich, schritt zum Waschgerät und kühlte sich das Gesicht. Sie hatte aufgehört zu weinen, aber noch immer stand sie unter dem Eindruck der grossen Erschütterung. Verhaltenes Schluchzen stieg in ihr empor, was sie mit Gewalt zu unterdrücken versuchte. Endlich fühlte sie sich soweit beruhigt, um sprechen zu können.
„Heinz, wir haben uns früher oft gezankt, haben uns auch immer wieder vertragen. Wenn ich nicht wüsste, dass Du bei Bandels ein- und ausgingst, hätte ich Dich vielleicht ausgelacht. Du wirst gewiss nicht wollen, dass ich irgend etwas thäte, was von schlimmen Folgen sein könnte. Sage mir offen und ehrlich — ist das alles wahr, was Du mir erzählt hast?“
Es war ihr, als wäre sie jetzt aus einem bösen Traum erwacht und müsste sich überzeugen, was Wirklichkeit und Schein sei.
„Aber natürlich ist es wahr! Es freut mich nur, dass Du Dich darein so schnell gefunden hast. Lass die Gesellschaft schiessen! Ein Mädchen wie Du bekommt immer noch ’nen Mann. Bedenke doch nur, dass Du einen Künstler zum Bruder hast! Schicke ihm morgen den Verlobungsring zurück, und gieb ihm in ein paar kernigen Zeilen den Laufpass. Immer stolz wie ’ne Spanierin!“
„Und er war wirklich da und hat Hand in Hand mit ihr gesessen, wie Du ebenfalls gesagt hast?“
„Das kann ich nun mit zehn Eiden beschwören! Pass ’mal auf, ich will Dir die Situation ganz genau beschreiben.“
Er stellte sich mitten ins Zimmer, brachte beide Arme in Bewegung und begann mit den Händen Linien in der Luft zu beschreiben.
„Hier ist der Korridor — riesig vornehm natürlich. Musst Dir nicht etwa so’n Korridor vorstellen, wie in ’ner Mietskaserne, wo man sich im Dunkeln die Köpfe einrennt, sondern einen Raum beinahe so breit wie das Zimmer hier: fein tapeziert, grosse Spiegel, die bis an die Decke reichen, — wie die gute Stube bei unserem früheren Hauswirt, noch feiner sogar, mit Geschmack und Farbensinn — verstehst Du?“
„Ja doch, ja doch! Komm doch nur vom Fleck.“
„Ich muss Dir doch alles ganz genau plausibel machen. ... Rechts liegen die Salons und Staatszimmer, die nur für Gesellschaften bestimmt sind, und links die Wohn- und Schlafzimmer. Ich öffne die letzte Thür und denke, der Alte, sie und das Mädel würden wie gewöhnlich gemütlich im Familienzimmer zusammensitzen. Ich trete also ein, und da seh’ ich die Bescherung! Dein ehrenwerter Bräutigam sitzt rechts am Kamin und diese Schlange Namens Hertha links. Ganz ungeniert drücken sie sich die Hände wie zwei richtige Verliebte. Natürlich zogen sie sofort die Köpfe zurück, rot geworden wie die Krebse im Gesicht — vor Verlegenheit natürlich. Und das Frechste war, Hertha stellt mir den Menschen, den ich ja noch gar nicht kannte, so ganz gleichgiltig vor, als verstände sich alles von selbst. Nun mach Dir ’mal ’n Bild! Wie jemein, was?“
„Als was hat sie ihn Dir denn vorgestellt?“
„Nun als ‚Herrn Treuling’. So schlau war sie auch, um nicht gleich zu sagen, dass er jetzt ihr Bräutigam geworden sei. Der Anblick war doch schon deutlich genug.“
„Es ist gut, ich danke Dir ... Willst Du mir einen Gefallen thun?“
„Was denn?“
„Mich zu seiner Mutter zu begleiten. Wir nehmen uns eine Droschke und sind bald da. Ich muss sie heute noch sprechen, wie ich geh’ und stehe.“
Entschlossen hatte sie den Pelzmantel vom Kleiderständer gelangt; sie legte ihn aber nicht um die Schultern, weil Heinz sofort einfiel:
„Die ist ja gar nicht zu Hanse, die ist ebenfalls dort.“ Im Augenblick war ihm nichts Besseres eingefallen als diese Ausrede. Er traute es Hannchen zu, dass sie ihren Entschluss ausführe.
„Seine Mutter auch?“ fragte sie ganz betroffen.
„Aber natürlich Das kannst Du Dir doch denken, dass die bei solch einer feierlichen Gelegenheit nicht fehlen wird!“
Hannchen wurde kleinlaut. „Ich wundere mich nur, weil mir Eberhard immer erzählte, dass seine Mutter doch ein klein wenig Neigung zu mir habe ... Aber Du hast recht, wenn er seine Gesinnung geändert hat, wird sie — —“
Sie konnte nicht weiter reden, hing den Mantel wieder an und verbarg aufs neue das Gesicht in die Hände. Aber plötzlich kam der Mut einer gequälten Seele über sie. Mit einem Ruck richtete sie sich auf und ging leidenschaftlich erregt durchs Zimmer. Eine letzte Hoffnung hatte sie durchzuckt und ihr die Kraft wiedergegeben.
„Nein, ich glaube es nicht — nie und nimmer!“ rief sie aus und machte mit den Händen eine abwehrende Bewegung, als wollte sie die Annäherung unsichtbarer Feinde verhindern. Ihre Stimme hatte einen anderen Klang bekommen; ihre Züge drückten zähen Widerstand aus.
„Du magst mir sagen, was Du willst — ich glaube nicht daran! Alles in der Welt müsste dann ja Lug und Trug sein, jedes Wort von ihm eine Heuchelei gewesen sein. Und nochmals — nein! Habe ich ihm so lange vertraut, kann ich es auch noch länger thun. Aus seinem Munde erst will ich es erfahren! Ist es dann wahr, dann will ich es glauben.“
Diese Stimmung dauerte jedoch nicht lange. Aufs neue trat der Zweifel an sie heran und machte sie unmutig und trostlos.
„Aber so beruhige Dich doch nur. So etwas geht vorüber. Die Zeit heilt alle Wunden,“ sagte Heinz wieder. Und nach einer Pause fuhr er fort: „Kannst Du mir vielleicht ein Couvert und einen Briefbogen geben? Marke habe ich. Mir fällt eben ein, dass ich einem Kollegen noch ein paar Zeilen zu schreiben habe.“
Sie gab ihm das Gewünschte. Und während sie in der Ecke des Sofas sass, den Kopf in die Hand gestützt, still brütend vor sich hinblickte, schrieb er an Bandel.
Eine Viertelstunde war vergangen, während welcher man nur das Kratzen der Feder auf dem Papier und hin und wieder einen leisen Seufzer von ihr vernommen hatte. Dann war er fertig, schloss den Brief, schrieb die Adresse, erhob sich und langte nach seinem Mantel.
„Gute Nacht, Hannchen, schlaf wohl und gräme Dich nicht,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Morgen ist auch noch ein Tag, und da wird Deine Stimmung eine andere sein.“
„Gute Nacht, Heinz! Danke Dir nochmals für Deinen Besuch.“
Als er sie so zusammengesunken sitzen sah, mit einem Gesicht, auf dem zum Herzen sprechender Kummer lag, zögerte er, zu gehen. Er beugte sich zu ihr nieder und küsste sie auf die Stirn.
„Soll ich, auch noch bleiben, um Dir die Zeit ein wenig zu vertreiben?“
„Nein, geh nur! Ich bin obendrein müde und abgespannt.“
Plötzlich setzte er sich wieder. „Richtig, da fällt mir ein ... Ich muss Dir doch noch die Hauptsache erzählen — Du scheinst vorher gar nicht darauf geachtet zu haben.“
Er begann ihr nun ausführlich zu berichten über den grossen Verlust, den Treuling der Ältere an der Börse erlitten haben sollte, und über alles, was er sonst über die schiefe Lage des Geschäftshauses vernommen hatte.
„Ich bin überzeugt, dass sie sich alle beide, Vater und Sohn, durch die Geldheirat nur retten wollen,“ schloss er dann und erhob sich wieder.
Hannchen hatte gespannt zugehört. Sie fühlte sich so matt, dass sie gar nicht im stande war, aufs nene ihrer Erregung Ausdruck zu geben.
Dann ging er. Kaum hatte sie das Zuklappen der Aussenthüre gehört, als sie sich ebenfalls erhob und sich vor die Papiermappe setzte, die auf der anderen Seite des Tisches lag. Sie begann zu schreiben, getrieben von der Eingebung des Augenblicks, die einem verrückten Zustande glich. Dreimal legte sie das begonnene Schreiben beiseite ... endlich glaubte sie das Richtige gefunden zu haben:
„Geehrter Herr!
Wenn es wirklich wahr sein sollte, was ich soeben gehört habe, dass Sie vor dem Bankerott stehen (Ihr Vater soll ja eine Viertelmillion an der Börse verspielt haben), dann soll Ihrer reichen Heirat mit dem Fräulein Bandel von meiner Seite aus nichts im Wege stehen. Ich weiss alles. Ihr Glück liegt mir näher als das meinige. Ich gebe Ihnen also Ihr Wort zurück.
Es grüsst
Hannchen Tetzlaff.“
Etwas ungelenkig, weil ihre Hand gezittert hatte, aber klar und rein nahmen sich die Schriftzüge aus, so dass sie trotz ihres Schmerzes noch eitel genug war, sich darüber zu freuen.
„Ist es nicht wahr, so wird er mich für dumm und einfältig halten; ist er aber doch falsch, so wird er sich freuen,“ sprach sie unwillkürlich vor sich hin. Freuen? Ja, wenn er das thäte, was hättest Du dann für eine Genugthuung? Eine solche wolltest Du doch haben? „Gut, so soll er sich gründlich ärgern!“ fügte sie ebenfalls halblant hinzu.
Sie nahm noch einmal die Feder und schrieb:
„P.S. Sollten Sie meine fünfzigtausend Mark gebrauchen können, um den Ruf Ihres Geschäftes retten zu können, so verfügen Sie über das Geld ganz nach Belieben.
D. O.“
Run erst war sie zufrieden gestellt ... Er soll sehen, dass ich trotz alledem grossmütig bin, dachte sie, während sie den Brief schloss und dann die Aufschrift schrieb.
Sie wusste kaum, was sie that; sie stand ganz unter dem Eindruck von etwas Unerhörtem, das sie dazu drängte, sich durch irgend etwas an der Welt zu rächen. Tiefster Schmerz über den an ihr geübten Verrat und die geheime Freude, dem Manne ihrer Liebe irgend etwas anthun zu können, wechselten fortwährend.
Den Brief in der Hand, stand sie eine Weile am Tische und blickte auf den Schutzschirm der Lampe. Dann war sie mit sich einig. Sie trat vor den Spiegel, strich ihr Haar glatt und benetzte ein wenig die Augen, die sie dann wieder trocknete.
Eine Minute später stand sie vor Frau Baumann: „Würden Sie wohl so freundlich sein und den Brief noch nach dem Kasten tragen lassen?“
„Aber gewiss, Fräulein; Minna kann gleich gehen.“
Hannchen war wieder in ihrem Zimmer. Sie hörte das Mädchen durch den Korridor gehen, die Thür öffnen und zuschlagen und dann die Treppe hinunterstürmen. Sie wollte ihr nachlaufen, sie zurückrufen, aber sie fand nicht die Kraft dazu.
Endlich that ihr alles leid. Der Briefkasten befand sich auf der andern Seite der Strasse, diesem Hause gegenüber. Sie eilte aus Fenster, riss es auf und blickte hinaus. Eiskalte Luft drang ihr entgegen, aber sie achtete nicht darauf, spähte nur umher, um des Dienstmädchens ansichtig zu werden. Die Strasse war noch stark belebt.
„Minna! ... Minna! ...“ rief sie laut, ohne dieselbe erblickt zu haben.
Endlich sah sie das Mädchen schräg über den Damm gehen. „Minna, bringen Sie den Brief wieder herauf! Nicht in den Kasten stecken!“ rief sie aufs neue; dann zum zweiten und dritten Male.
Niemand schien sie zu hören, kein Mensch blickte zu ihr empor. Der Schall ihrer Stimme verschwand in dem dumpfen Getöse des Strassenlärms.
Sie sah deutlich, wie das Mädchen den Brief in den Kasten steckte und dann langsam zurückkehrte. Mit zitternder Hand schloss sie das Fenster; dann stand sie eine Weile mit gefalteten Händen mitten im Zimmer. Ihr kam es vor, als wäre soeben ihr junges Leben von ihr gewichen mit all seinem Glück, dem Frohsinn und der Heiterkeit; nur eine inhaltslose Hülle wäre zurückgeblieben, und diese Hülle stünde nun allein und verlassen in trostloser Einsamkeit.
Plötzlich kam ihr die Gegenwart wieder zum Bewusstsein. Sie warf sich lang auf das Sofa hin und begann krampfhaft zu schluchzen.
Ein schwerer Gang.
Es war am andern Tage gegen elf Uhr vormittags, als Vater Wilhelm fertig zum Ausgeben mit einem Paket aus der Kammer in die Wohnstube trat. Es war dasselbe, das die Weihnachtseinkäufe Heinzens enthielt, und das Robert am Abend vorher mit nach Hause gebracht hatte.
Trudchen, die am Fenster stand und auf einem Bindfaden die grosse Puppenwäsche aufhing, die sie seit einer Woche tagtäglich hatte, blickte verwundert auf den Alten.
„Grossväterchen nimmt wohl dir Geschenke vom Onkel Ruprecht wieder mit?“ fragte sie.
„Ja, denk Dir nur au, Mäuschen! Er hat ganz falsche Sachen gebracht, und nun muss ich gehen, um sie bei ihm umzutauschen.“
„Das ist aber recht schlecht von ihm, Grossväterchen. Dann wollte er uns wohl zum Narren halten?“
„Wahrscheinlich, er hat jetzt so viel zu thun und verwechselt alles. Statt hübsche Sachen für ein artiges Mädchen, hat er solche für artige Jungens gebracht. Und wir haben doch gar keine artigen Jungens hier!“
Die Kleine lachte hell auf. „Nein, Grossväterchen, es ist auch ganz gut, sonst würden sie mir alles zu Weihnachten wegnehmen. Die bösen Jungens sind doch immer viel stärker als die kleinen artigen Mädchen!“
„Dafür müssen sie auch Soldaten werden.“
„Und Schildwachstehen — nicht wahr, Grossväterchen? Und wir Mädchen branchen bloss Essen zu kochen ...“
„So stimmt es — Du weisst schon ganz genau Bescheid, wie es auf der Welt zugeht.“
Diesmal lachte er laut und schallend auf, was ihr immer besonderes Vergnügen bereitete. Er hatte das Paket auf den Tisch gelegt, umhüllte es mit einem Bogen steifen Papiers und schnürte es dann zu. Und während er nun die Adresse schrieb, plänkelte er mit der Kleinen lustig weiter.
„Also einen Brief willst Du deswegen an den Weihnachtsmann schreiben? Sieh ’mal an!“
„Ja, Grossväterchen, Strafe muss sein. Ich will nur erst die Hemdchen für die Puppen aufhängen, sonst haben sie an den Feiertagen nichts anzuziehen.“
„Recht so, die Wirtschaft geht immer vor.“
Sie stand wie eine kleine Hausfrau mit aufgeschürztem Kleidchen und aufgekrempelten Ärmeln auf den Zehen und bemühte sich, die „Leine“ zu erreichen.
Robert kam vom Flur aus herein. Ausnahmsweise war er heute zu Hause geblieben, weil der Alte den Weg zu Treuling vorhatte.
„Nun, hast Du Paketadressen bekommen, ja? Dann setz Dich nur gleich, und schreib Du die andere Adresse. Ich glaube wahrhaftig, mir fangen die Finger schon ein bisschen an zu zittern.“
„Du willst es ihm also wirklich zurückschicken, Grossvater? Die unschuldigen Sachen können doch nicht dafür,“ warf Robert ein, während er seinen Überzieher ablegte. Der Alte gab ihm im geheimen ein Zeichen, indem er auf Trudchen wies. „Mäuschen, hol doch Grosspapachen ein Glas Wasser aus der Küche,“ sagte er dann laut, „lass doch auch das Wasser ein bisschen ablaufen!“
„Und dann bring ich mir gleich frisches Spülwasser mit.“ Sie nahm ihre Puppenwanne und eilte hinaus.
„Du hast recht, die unschuldigen Sachen können nicht dafür,“ wandte der Alte sich an Robert, „aber ihr Anblick würde mir niemals Frende machen, immer müsste ich daran denken, dass er sie gekauft hat.“
„Aber es war doch hübsch, Grossvater, dass er überhaupt daran gedacht hat?“
„Zufall, mein Junge, Zufall! Du hast mir ja selbst gesagt, dass er ganz erstaunt war darüber, Weihnachten so nahe zu sehen. Es war wieder die alte Grossmannssucht, die aus ihm sprach. Er wollte Dir gegenüber prahlen und beweisen, dass er auch ’mal etwas drauf gehen lassen könne ... Ich will, so lange ich lebe, keine Gemeinschaft mit ihm haben — weder innerlich noch äusserlich! Punktum ... So, nun war’ ich ja wohl fertig.“
Es gab darüber nicht mehr viel zu reden. Die Zurücksendung war bei dem Alten nun einmal beschlossene Sache, und da Robert seine Zähigkeit kannte, so zog er es vor, zu schweigen.
Die Kleine kehrte zurück, reichte mit einem Knir dem Alten das Glas und sagte: „Bitte schön, mein Herr, ein Glas Gänsewein. Wohl bekomm’s! Lassen Sie aber nichts übrig, denn er ist sehr teuer.“
Robert lachte, der Alte aber, der gar keinen Durst hatte, würgte sich das kalte Wasser herunter, nur um seinem Liebling ein kleines Ergötzen zu bereiten. Nach jedem Schluck verdrehte er vor Behagen die Augen, schnalzte mit der Zunge und nickte bedeutungsvoll; dabei sagte er:
„Das ist ja ganz vorzüglicher Wein, kleines Fräulein. Haben Sie noch mehr davon?“
Trudchen wollte sich ausschütten vor Lachen und verrenkte vor Vergnügen die Glieder.
„Eine ganze Wasserleitung voll, mein Herr,“ fiel sie dann lustig ein. „Ich kann Ihnen auch gleich welchen hier aus der Wanne geben, dann brauch’ ich nicht mehr ’rauszugehen. Es ist ganz rein, ich habe nur die Hände drin gehabt.“
Sie wollte das Glas nehmen, aber der Alte wehrte sie lachend ab: „Das nächste Mal, das nächste Mal! Für heute habe ich doch genug. Man muss mit dem teuren Wein nicht so asen.“
„Nein, was Du auch immer für Witze machst, Grossväterchen, manchmal bist Du doch zu drollig.“
„Nun will ich aber endlich zum Weihnachtsmann gehen, sonst treffe ich ihn nicht mehr zu Hause,“ sagte er dann mit gut gespieltem Ernste. Er zog die gefütterten Handschube über, setzte den Hut auf und nahm Stock und Paket. Dann reichte er Robert die Hand, gab der Kleinen einen Kuss und ging.
Er suchte die nächste Postanstalt auf, gab das Paket ab und bestieg hierauf die Pferdebahn, die ihn beinahe bis an sein Ziel brachte.
„Ist der Herr Fabrikbesitzer zu sprechen?“ fragte er freundlich aber würdig, als er den Fabrikhof durchschritten hatte und nun an der geöffneten Thür des grossen Comptoirs stand.
Man bat ihn, einzutreten, und zwar in etwas herablassender Weise, da man sofort einen Blick auf seine Kleidung geworfen hatte, die eher auf einen kleinen Handwerksmeister als auf einen „Kunden“ hinwies. Der alte, ausgediente Zylinderhut, der immer noch den Trauerflor zeigte, und das dicke Halstuch, das etwas wild über den Kragen des Überziehers hinausragte, gaben den gezierten jungen Leuten zu denken.
Als er aber die Kopfbedeckung abgenommen hatte und das ehrwürdige, edle Haupt mit dem silberweissen Haar nun voll zur Geltung kam, fühlte man sich doch veranlasst, ihm mit zuvorkommender Höflichkeit zu begegnen.
„Wünschen Sie den Herrn Chef in Geschäftsangelegenheiten zu sprechen?“ fragte ihn ein hochaufgeschossener, bartloser junger Mensch, der jedenfalls ein Lehrling war.
„Ja ... das heisst — eigentlich auch in Privatsachen,“ erwiderte er.
„Ist es denn sehr dringend?“
„Sehr!... Herr Treuling ist doch anwesend?“
„Allerdings, aber ich weiss nicht, ob er jetzt gerade zu sprechen sein wird. Er hat nämlich sehr viel Konferenzen.“
„Das kann ich mir wohl denken,“ fiel Vater Wilhelm etwas spöttisch ein, worauf der junge Mann ihn gross anblickte. „Aber gerade eine ganz ähnliche Konferenz möchte ich mit Ihrem Herrn Chef ebenfalls haben.“
Einige der Herren an den Pulten hatten die Köpfe erhoben und hörten nun aufmerksam zu, nachdem sie unwillkürlich einen Blick auf die kleine Thür mit matten Scheiben geworfen hatten, die zu einem kleinen Gang führte, der sich mit dem Arbeitszimmer des Chefs verband. Das Wort „Konferenz“ hatte sie plötzlich stutzig gemacht.
Seit acht Tagen ahnten alle, dass etwas in der „Luft“ liege, was eng mit dem Zustande des Geschäfts zusammenhängen müsse. Man hatte hin und her geraten, bis man schliesslich auf den Gedanken gekommen war, der „Alte“ habe wieder grosse Verluste an der Börse gehabt, deren Deckung ihm Kopfschmerzen verursachte. Man wusste gar nicht, wie richtig man geraten hatte. Nicht im entferntesten dachte man daran, dass das Geschäft an und für sich darunter leiden könnte, war man doch überzeugt, dass das Privatvermögen des Chefs ausreichend sein werde, um etwaige Schäden gut zu machen — Schäden, die jedenfalls nicht zu gross sein würden. Denn ein so gewiegter Geschäftsmann wie Carl Friedrich Treuling würde sich jedenfalls niemals in allzuhohe Spekulationen einlassen, ohne das Bewusstsein dabei aufzugeben, genügendes Kapital hinter sich zu haben.
Buchhalter und Kassierer namentlich waren dieser Meinung, und die mussten es doch zu allererst wissen. Der erstere stellte einen ausserordentlich grossen Reingewinn für dieses Jahr in Aussicht, und der letztere erklärte die Kassenverhältnisse für ganz vorzügliche. Allerdings hatte er nicht die geringste Ahnung von den Wechseln in Höhe von beinahe einer Viertelmillion, die gleich Würgengeln des Kaufmannsstandes im Hintergrunde lauerten.
Kein Tag verging, ohne dass sich nicht etwas Besonderes ereignet hätte. Heute früh, gleich nach neun Uhr, hatte es hinten im Arbeitszimmer des Alten zwischen Vater und Sohn einen Auftritt gegeben, wie man ihn zuvor niemals erlebt hatte. Als der Kassierer die Glasthür geöffnet hatte, um den Gang zu betreten, war er entsetzt zurückgeprallt — derartig hatte ihn das Zorngeschrei des Alten entsetzt.
Niemand wagte hineinzugehen. Und als Treuling der Jüngere dann ins grosse Comptoir getreten war, hatte man ihm die Erregung vom Gesicht ablesen können, dessen Blässe auffallend gewesen war.
Alles zitterte vor Treuling dem Älteren, und so war es ganz natürlich, dass man es zu vermeiden suchte, ihn unnötig zu belästigen.
„Es wäre mir auch eben so angenehm, den jungen Herrn Treuling zu sprechen,“ sagte Vater Wilhelm wieder, da er nicht aufdringlich erscheinen und diesen Gang nicht unnütz gemacht haben wollte.
„Dann müsste ich erst recht bedauern; Herr Treuling junior ist augenblicklich nicht anwesend.“
Nun sagte Vater Wilhelm ziemlich kurz:
„Dann muss ich Sie bitten, mich dem alten Herrn zu melden! ... Mein Name ist Tetzlaff ... Wilhelm Tetzlaff. Der Herr Chef kennt mich bereits persönlich.“
Nach diesen Worten hörte man ein halbes Dutzend Pultschemel zu gleicher Zeit knarren infolge der plötzlichen Wendung, die die Körper der auf ihnen Sitzenden machten; und ebensoviele Armbewegungen deuteten darauf hin, dass die Feder ihre Arbeit eingestellt habe.
Von dem letzten Pult löste sich eine mittelgrosse Gestalt mit freundlichem Gesicht und trat näher. Es war Herr Knauerhase, der die Chefs in dringenden Angelegenheiten zu vertreten hatte.
„Ich irre mich wohl nicht — der Herr Grosspapa von der Braut des jungen Herrn Chefs?“ mischte er sich mit ausgesuchter Höflichkeit in das Gespräch.
„Zu dienen, mein Herr, der bin ich.“
„Haben Sie die Güte, und nehmen Sie einstweilen Platz! Ich werde Sie sofort anmelden.“
Er schob ihm einen Stuhl hin und schritt der Thür mit den matten Scheiben zu, während der Alte nach geäussertem Danke sich niederliess.
Aufs neue knarrten die Drehschemel, und die Gesichter wendeten sich nun den Fenstern zu, um das boshafte Lächeln zu verbergen. Seit langem amüsierte man sich bereits innerlich über die „verbohrte Idee“ Treulings des Jüngeren, wie man dessen Heiratsplan im geheimen nannte. Und nun genoss man das Vergnügen, das Oberhaupt der zukünftigen Verwandtschaft in eigner Person vor Augen zu haben. Wie ein Geheimer Kommerzienrat sah er allerdings nicht aus, davon war man sofort überzengt.
Einige der jungen Leute stiegen von den hölzernen Böcken herab, traten zusammen und machten spitze Bemerkungen über den „hohen Besuch“.
„Er kommt wohl, um die Höhe der Mitgift festzusetzen, wie?“ flüsterte der eine, worauf nach einem unterdrückten Kichern ein zweiter sofort einfiel:
„Ich mache den Vorschlag — wir schenken ihm zur Hochzeit einen neuen Zylinderhut.“
Unterdrücktes Lachen folgte aufs neue. Plötzlich wurde die Glasthür hinten wieder geöffnet, und die kleine Gruppe stob auseinander. Jeder bestieg seinen Drehschemel. Einer der Vorwitzigsten rief laut: „Herr Knauerhase, jagen Sie uns doch nicht immer solchen Schreck ein!“
Der Augeredete erwiderte nichts, sondern wandte sich sofort an Vater Wilhelm:
„Herr Treuling lässt lebhaft bedauern ... Ob Sie nicht die Güte haben wollten, sich morgen nachmittag herzubemühen? Der Chef ist augenblicklich sehr beschäftigt und muss sogleich in die Stadt.“
Das hat doch wieder etwas zu bedeuten — dachten die übrigen Comptoiristen und warfen sich aufs neue bedeutungsvolle Blicke zu.
„Dann muss ich sie bitten, noch einmal zu Ihrem Herrn Chef hineinzugehen und zu sagen, dass meine Unterredung keinen Aufschub duldet. Es handelt sich um eine durchaus wichtige Angelegenheit.“
Kaum hatte er das gesagt, als die Glasthür abermals geöffnet und Treuling des Älteren Kopf sichtbar wurde. Er hatte sich besonnen und es vorgezogen, selbst zu erscheinen.
Da er den Alten nicht gleich erblickte, so rief er fragend herein: „Ist Herr Tetzlaff noch hier?“ Dann fügte er sofort hinzu: „Ah — jetzt sehe ich Sie erst — bitte, treten Sie näher! Ein Viertelstündchen habe ich doch noch Zeit.“
Er liess die Thür offen und machte sich unsichtbar. Vater Wilhelm erhob sich, nahm den Hut vom Tisch und verschwand ebenfalls hinter der kleinen Thür.
„Nun, wie gehts Ihnen, mein lieber Herr Tetzlaff?“ begann Treuling sofort mit auffallender Freundlichkeit, als sie beide ungestört waren. „Guten Tag — geben Sie mir doch erst die Hand!“
„Ich danke; man ist gesund und zufrieden, und das ist wohl die Hauptsache,“ erwiderte Vater Wilhelm, nachdem er der Aufforderung Folge geleistet hatte. Er stellte Hut und Stock beiseite und begann langsam die Handschuhe abzustreifen.
„Entschuldigen Sie nur, dass ich Sie nicht gleich vorgelassen habe, aber ich bin jetzt derartig mit Geschäften überhäuft, dass selbst meine besten Freunde darunter zu leiden haben.“
„Ja, ich habe davon gehört.“
Treuling stutzte. „Wovon haben Sie gehört?“
„Nun, von Ihren grossen Geschäften ... von den Spekulationen. So etwas spricht sich ja bald herum.“
„Was für Spekulationen meinen Sie denn? ... Aber so legen Sie doch ab, Herr Tetzlaff — Sie werden sich sonst erkälten, wenn Sie wieder ’rauskommen.“
„Ich werde mich nicht lange aufhalten.“
„Aber so machen Sie doch! ... Mir fällt gerade ein, dass ich den Gang auch aufschieben kann.“
Er ruhte nicht eher, bis der Alte Tuch und Überzieher beiseite gelegt hatte. Vater Wilhelm kam diese Liebenswürdigkeit verdächtig vor, und so dachte er: Dahinter steckt etwas; aber ich werde auf der Hut sein!
Dann nahm er Platz. Treuling bot ihm eine Zigarre an, die er indessen mit dem Bemerken ablehnte, er fühle sich etwas verschnupft und müsse deshalb danken. Dagegen zündete sich Treuling eine an und setzte sich ihm gegenüber.
„Ich bin hierher gekommen, Herr Treuling, um hier als ehrlicher Mann ganz offen eine Bitte zu äussern, die Sie mir hoffentlich nicht übel deuten werden,“ begann Vater Wilhelm, nachdem er gewohnheitsmässig seine Hände über den Leib gefaltet hatte.
„Weiss schon, weiss schon — kann sie mir wenigstens denken,“ fiel ihm Treuling ins Wort. „Aber sagen Sie mir jetzt, wie gehts Ihren Mündeln? Namentlich der Kleinsten — ich entsinne mich noch mit Vergnügen der halben Stunde, die ich ’mal bei Ihnen verbracht habe. Offen gestanden, ich hatte mich damals ausserordentlich wohl bei Ihnen gefühlt. Einfach, aber nett und behaglich! Wie gut haben es doch die Leute in Ihrem Stande ... sie haben keine geschäftlichen Sorgen, brauchen keine Konkurrenz zu fürchten und können ohne jede Aufregung ihr Dasein hinbringen. ... Sagen Sie offen — möchten Sie nach Höherem streben?“
„Das wäre wohl mein letzter Wunsch, Herr Treuling.“
„Nun, dann begreife ich nicht, dass Sie zu der Heirat ihrer Enkelin Ihre Einwilligung gegeben haben. Verzeihen Sie, dass ich gerade darauf komme, aber die Sache macht mir noch immer grosse Kopfschmerzen. Ich glaube, wir sprachen schon einmal darüber, und da war’s mir, als hielten Sie auch nichts Gutes von einer derartigen Verbindung.“
„Das ist auch heute noch meine Ansicht, und deshalb habe ich meine Einwilligung zur Heirat als Vormund noch nicht gegeben und werde sie auch nicht geben.“
„So, so? Das habe ich ja noch gar nicht geäussert,“ warf Treuling hastig ein. „Dann wird sich nun wohl das Vormundschaftsgericht damit befassen müssen, he?“
Das wird wohl nicht mehr nötig sein, Herr Treuling.“
„Wie meinen Sie das?“
„Nun, so viel ich gehört habe, gedenkt Ihr Herr Sohn die Verlobung rückgängig zu machen und noch im letzten Augenblick zurückzutreten. ... Er hat doch bereits eine andere Braut in Aussicht, eine mit sehr vielem Gelde?“
Treuling machte ein völlig verblüfftes Gesicht. Es dauerte eine Weile, ehe er wieder zu sprechen begann.
„Woher wissen Sie das?“
In sein Erstaunen mischte sich die geheime Freude, plötzlich diesem Manne gegenüber, dessen Geradheit und Offenheit er fürchtete, einen Schritt weiter gekommen zu sein. „Sagen Sie mir doch ... wer hat Ihnen darüber berichtet?“
„Also geben Sie selbst zu, dass es sich so verhält? Dann könnte ich doch am Ende meine Enkelin mehr beglückwünschen als bemitleiden. Denn wenn Ihr Herr Sohn sich plötzlich als ein so leichtfertig denkender Herr entpuppt, dann giebt er dadurch am besten zu verstehen, wie unglücklich er meine Enkelin gemacht hätte.“
„Nun, das hätte wohl auf Gegenseitigkeit beruht,“ bemerkte Treuling lächelnd.
Zu einer anderen Zeit hätte ihn eine derartige Sprache erzürnt gemacht. Jetzt aber, wo er seine eigene Gesinnung zu vernehmen glaubte, zeigte er sich ruhig und gelassen.
Ei, das geht ja alles vortrefflich! dachte er. Doch gut, dass ich mich besann und ihn vorgelassen habe. Nun wird auch der letzte Widerstand beseitigt werden.
„Nun also — woher wissen Sie das?“ drang er dann laut aufs neue in Vater Wilhelm. „Seien Sie so freundlich, und antworten Sie mir erst, dann werde ich Ihnen gern weitere Aufklärung geben.“
Tetzlaff besann sich eine Weile, dann sagte er ohne weiteres:
„Es ist das nur meine Annahme. Ihr Herr Sohn wird sich doch jetzt gezwungen sehen, eine sehr reiche Partie zu machen. Sie stehen doch vor dem Bankerott, wie ich gehört habe — das heisst, ich urteile ja nur nach Hörensagen.“
„Herr, was wagen Sie?“
Treuling schnellte von seinem Sitze auf und blickte ihn drohend an. Binnen wenigen Augenblicken hatte sich sein Aussehen verändert. Bleich im Gesicht, mit zusammengezogenen Brauen stand er da, nur mühsam seinen Zorn bemeisternd.
„Wie kommen Sie dazu, mit einem Mal diesen Ton anzuschlagen, nachdem ich Sie mit so grosser Freundlichkeit empfangen habe? ... Seien wir kurz, teilen Sie mir mit, was Sie wünschen! ... Das Geld Ihres Mündels — nicht wahr? Die Augst vor dem Verlust hat Sie doch hierher getrieben, nachdem irgend ein unverschämter Verleumder Ihnen etwas ins Ohr geblasen hat! Wahrscheinlich Ihr ältester Herr Enkel, der sogenannte Künstler, der gestern von seinem Gönner an die Luft gesetzt worden ist. Es ist doch so? Ich rate Ihnen aber in Ihrem eigenen Interesse, derartige Verdächtigungen für sich zu behalten. Ich müsste Sie sonst zwingen, vor Gericht Ihre Gewährsmänner anzugeben. ... Die Folgen könnten recht fühlbar für Sie werden.“
Er gab seinem Sessel einen Stoss und schritt durch das Zimmer.
„Bitte sehr um Verzeihung, wenn ich vielleicht etwas zu weit gegangen sein sollte,“ erwiderte Vater Wilhelm, etwas erschreckt über die Wirkung seiner Worte. „Es platzte mir gerade so heraus, weil meine Gedanken so waren. Wenn es aber nicht wahr sein sollte, dann bitte ich vielmals um Entschuldigung ... vielmals. Es liegt meiner Natur durchaus fern, jemand unberechtigterweise wehe zu thun.“
Er erhob sich ebenfalls und blickte sich nach seinen Sachen um.
Treuling wollte wie alle Leute, die sich getroffen fühlen, eine derartige Einrede nicht gelten lassen. Er wurde nun noch aufgebrachter. „Ach was — mit Ihrer Verzeihung ist mir gar nicht gedient! Thatsache ist und bleibt, dass Sie eine schwere Verleumdung ausgesprochen haben. Ich will Rücksicht auf Ihr Alter nehmen und mich nicht hinreissen lassen, etwas zu sagen, was Ihnen ebenfalls nicht passen würde.“
Plötzlich stellte er sich gebieterisch vor den Alten hin, der nun den Eindruck eines eingeschüchterten Menschen machte, und fuhr fort:
„Machen wir nicht viele Worte! Das Geld Ihres Mündels steht Ihnen morgen nachmittag zwischen fünf und sechs Uhr auf Heller und Pfennig zur Verfügung. Sie können nicht verlangen, dass ich Ihretwegen andere Angelegenheiten vergesse, ich habe mich Ihnen nicht aufgedrängt. Aber das hat man davon, wenn man sich auf all und jedes Geschäft einlässt! Ich glaubte Ihnen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich Ihnen das Geld gut verzinste, und Sie haben es nur meiner Gutmütigkeit in diesem Augenblicke zu verdanken, wenn ich sofort Anweisung gebe, dass man Ihnen eine Aufstellung und Zinsenberechnung bis zum morgigen Tage macht.“
„Bitte nochmals um Verzeihung,“ brachte Vater Wilhelm wiederum hervor. Das ganze Auftreten Treulings machte ihn derartig befangen, dass er seine voreilige Äusserung verwünschte.
„Sie wissen doch ganz genau, dass damals ausgemacht wurde, das Kapital dürfe nur vierteljährlich gekündigt werden ... Ich sehe Ihr ganzes Auftreten aber als eine Notwendigkeit an, mich mit Ihnen und Ihrem Mündel so schnell als möglich auseinanderzusetzen — hoffentlich für ewige Zeiten.“
„O, wenn Sie darauf bestehen, so betrachten Sie alles als ungeschehen, ich bitte darum,“ warf Vater Wilhelm kleinlaut ein. Langsam, mit der Gemächlichkeit alter Leute begann er sich den Überzieher anzulegen. Treuling hatte auf den Knopf einer Klingelgedrückt. Es klopfte und Knauerhasetrat ein.
„Erinnern Sie mich doch nachher daran, dass ich Ihnen in Bezug auf Herrn Tetzlaff einen Auftrag gebe.“
„Sehr wohl, Herr Treuling.“
Knauerhase ging wieder. Es war nur eine Ausrede Treulings. Ausser seinem Sohne wusste niemand im Geschäft von einem Geldverhältnis zwischen ihm und der Familie Tetzlaff. Um sich vor jedem Verdacht seinem Personal gegenüber zu wahren, als habe er irgend ein Interesse an der Verwandtschaft mit dieser Familie, hatte er die Verwaltung des Geldes persönlich übernommen und sein Privatvermögen damit belastet.
Kaum waren sie wieder beide allein, als das Klingelzeichen am Fernsprecher ertönte. Sofort eilte Treuling an die Wand und sagte dabei:
„Einen Augenblick ... stehe sofort wieder zur Verfügung!“ Als vorsichtiger Mann, der immer eine abwartende Stellung einnahm, wollte er sich überzeugen, wer mit ihm spräche. In diesen Tagen voller Aufregung lebte er in beständiger Furcht, ein unvorhergesehenes, dunkles Ereignis könnte seine wohlüberlegten Pläne durchkreuzen und ihn vollends niederwerfen.
„Bitte sehr, lassen Sie sich nicht stören,“ erwiderte Vater Wilhelm mit einer Verbeugung.
„Ja, hier Treuling!“ rief er in den Kasten hinein, während er die Schallmuscheln gegen die Ohren hielt. Zu seinem Erstaunen glaubte er Bandels Stimme zu vernehmen. Und so rief er in der freudigen Erwartung, eine angenehme Nachricht zu empfangen, launig aufs neue hinein:
„Mit wem habe ich das Vergnügen? Mit Dir persönlich, Emil? ... Ja, ich bin es auch selbst. Sprich nur frei heraus!“
Plötzlich begann er zu zittern, er glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Mit angehaltenem Atem lauschte er.
‚Ich kann Dir leider die gewünschte Summe bis morgen nicht zur Verfügung stellen. Es geht beim besten Willen nicht,‘ hörte er deutlich.
„So?“ brachte er mit Anstrengung als Antwort hervor.
‚Ich muss Dich zuvor noch einmal sprechen — ganz dringend. Wenn möglich, komme sofort!‘
„So? Wann darf ich denn hoffen?“
‚Das wird ganz von unserer Unterredung abhäugen. Alles mündlich. Ein bestimmtes Versprechen kann ich Dir in diesem Augenblick überhaupt nicht machen. Es ist etwas ganz Unvorhergesehenes dazwischen gekommen.‘
„So? Das hätte ich aber nicht erwartet. Thut mir sehr leid.“
‚Mir auch. Wie gesagt — alles mündlich. Damit Du keine Verzögerung hast, benutze doch gleich die Gelegenheit, anderweitig die Sache zu arrangieren.‘
Treuling hatte das Gefühl eines Menschen, dem man langsam die Kehle zuschnürt. Er hätte gern noch mehr gefragt, aber die Anwesenheit Tetzlaffs siel ihm ein. Dunkle Ahnungen von einer geheimnisvollen Macht, die im verborgenen gegen ihn kämpfe, stiegen in ihm auf und erfüllten ihn mit Ingrimm.
„Wie lange bist Du im Comptoir?“ rief er mit trockener Kehle aufs neue hinein.
‚Bis gegen halb zwei.‘
„Gut! Ich habe jetzt dringende Abhaltung. In einer Viertelstunde werde ich noch einmal anklingeln.“
‚Schön. Besten Gruss an Frau und Sohn!‘
„Gleichfalls ... Schluss.“
Er schloss die Leitung ab und blieb einige Augenblicke auf derselben Stelle stehen. Es war für ihn kein Zweifel — Bandel hatte Wind von seiner Lage bekommen und scheute sich, ohne weiteres die Gefahr zu übernehmen. Und wenn sich das so verhielt, was dann? Dann stand er wie ein halber Betrüger da, dem sein bester Freund für die Zukunft nicht mehr trauen würde! Während binnen wenigen Minuten diese fürchterlichen Gedanken seine Seele erfüllten, knöpfte sich Vater Wilhelm sorgfältig seinen Überzieher zu, nachdem er das dicke Tuch wieder um den Hals gewürgt hatte. Dann zog er sich auch mit Gemütsruhe die Handschuhe über. Das soeben gehörte Gespräch hatte kein Interesse für ihn gehabt, weil ihm das, was der zweite Sprecher gesagt hatte, unhörbar geblieben war. Unbewusst hatte er sich aber Treuling zugewendet und sah sich so genötigt, ihn zu beobachten. Und da war ihm denn die Aufregung desselben nicht entgangen. Er sagte sich, dass etwas vorgegangen sein müsse, was Treuling nicht-erwartet hatte.
Dieser wandte sich ihm wieder zu. „Bitte nochmals um Entschuldigung, aber solche Abhaltungen muss man sich gefallen lassen, nachdem das Telephon einmal erfunden ist,“ sagte er mit einer Höflichkeit, die Tetzlaff auffiel.
Treuling verband eine bestimmte Absicht mit diesem Ton. Er hielt es plötzlich für möglich, dass er morgen nicht imstande sein könnte, die fünfzigtausend Mark zurückzuzahlen. Und so wollte er es verhindern, dass Vater Wilhelm in Feindschaft von ihm ginge.
„O, das hatte gar nichts zu sagen,“ erwiderte dieser und fuhr dann gleich fort: „Dann wären wir also soweit einig, Herr Treuling. So leben Sie für heute wohl. Ich werde morgen zur bestimmten Zeit vorsprechen.“
Er hatte seinen Hut genommen und wollte gehen. Treuling hielt ihn aber zurück: „Ein paar Augenblicke noch, wenn ich bitten darf!“
Es hatte abermals geklopft. Der Briefträger war eingetreten, um die zweite Post zu bringen. Es war die Anordnung getroffen worden, dass alle Brief persönlich an den Chef abgegeben werden sollten, sobald dieser anwesend war.
Im Stehen prüfte er die Sendungen ihrem Äusseren nach, ohne die Briefe aufzuschneiden. Nur die Postkarten las er. Plötzlich stiess er auf ein Schreiben, dessen Umhüllung schon verriet, dass es private Mitteilungen enthalte. Es war an seinen Sohn gerichtet. Sofort sah er an der Handschrift, dass es von einer Dame herrührte. Und als er es nach allen Seiten drehte, las er auf der Rückseite die Worte: „Absenderin Hannchen Tetzlaff“.
Noch niemals hatte er einen ähnlichen Brief in die Hände bekommen. Eberhard und Hannchen hatten sich selten geschrieben, was ganz natürlich war, da sie sich fast täglich sahen.
Treuling setzte sich an seinen Arbeitstisch, legte den Brief abseits und begann einige der anderen zu öffnen. Dabei rief er Tetzlaff nochmals zu: „Ein paar Minuten, wenn ich bitten darf! Ich will nur einmal hier hinein blicken — wir haben noch zu reden.“
Während sein Blick einige der Briefe überflog, rang er mit einem Entschlusse. Eine geheime, böse Macht, die er sich nicht erklären konnte, drängte ihn, auch in Hannchens Brief mit der Schere einen Schnitt zu thun, um sich von dem Inhalte zu überzeugen.
Konnte er sich nicht in der Haft vergriffen, das Schreiben für einen Geschäftsbrief gehalten haben? Nichts würde erklärlicher sein als das. Wenn er seinem Sohne gegenüber einfach so thäte, als wäre er seines Irrtums sofort inne geworden und hätte die Zuschrift gar nicht gelesen, so würde man ihm auch glauben müssen! Wann sah man denn auch bei Geschäftsbriefen nach der Adresse? In den feltensten Fällen doch! Gewöhnlich beeilte man sich, die Umschläge so schnell als möglich aufzuschneiden, weil man die richtige Adresse für selbstverständlich hielt ...
Er besann sich nicht mehr, nahm den Brief und schlitzte ihn mit der Papierschere auf. Kein Zug in seinem Gesicht verriet seine innere Bewegung. Die Notwehr, in welche ihn die Kämpfe um die Ehre seines Namens versetzt hatten, liess ihn schliesslich zum Äussersten greifen und alle Bedenken beiseite setzen.
Zweimal hintereinander durchlas er fliegend die wenigen Zeilen — mit zusammengepressten Lippen, aber innerlich mit Jauchzen. Er übersah ganz das Wort „Bankerott“, dessen Gebrauch er von seiten dieses Mädchens in einer anderen Lage für unverschämt erklärt hätte — seine Augen hafteten nur auf dem Satz: ‚Ich gebe Ihnen also Ihr Wort zurück.‘ Dann wurde seine Aufmerksamkeit ganz und gar von der Nachschrift in Anspruch genommen.
Ei, was für eine Neuigkeit! Wie rücksichtsvoll kam man ihm doch entgegen. Sollte er wirklich nicht in der Lage sein, sein Versprechen morgen nachmittag zu erfüllen, so konnte man sich ja immer noch auf diese Einwilligung der Schreiberin berufen: dass sie den besonderen Wunsch geäussert habe, das Geld noch länger in der Fabrik zu lassen.
Und wenn es auch nur eine Ausrede war — Zeit brachte Rat.
Mit derselben geschäftsmässigen Miene steckte er das Schreiben wieder in den Umschlag und legte es abermals beiseite. Es war ihm nun eine förmliche Wonne, gegen den lästigen Besucher nicht mehr besondere Rücksicht üben zu brauchen. Denn nichts schien ihm natürlicher, als dass dieser Alte mit der ehrwürdigen Miene ein ganz schlauer Mann sei, der mit diesem Frauenzimmer, das sich in seine Familie hineindrängen wollte, unter einer Decke steckte.
Vielleicht ein Komplott, um noch irgend welche Erpressungen zu machen? ... Ausbeutung meiner Lage, welche genau zu kennen sie sich einbilden, dachte er bei sich. ... Und in diese Sippe hat sich mein einziger Sohn begeben! Nun wird er wohl genug für immer haben.
„Ihr Mündel ist doch auch mit allem einverstanden?“ fragte er plötzlich mit so harter Stimme, dass Vater Wilhelm überrascht aufblickte. „Sie vertreten zwar Ihre Interessen, und sie ist noch nicht grossjährig. Aber hier liegen die Verhältnisse so eigentümlich ...“
„Ich verstehe Sie vollkommen, mein Herr. Sie werden sich morgen davon überzeugen können, dass ich nur die Vorteile meiner Enkelin im Auge habe. Ich habe dem Obervormundschaftsgericht Rechnung abzulegen, sonst niemandem in der Welt.“
„Schön ... Guten Morgen!“
Vater Wilhelm zögerte noch. „Ich hätte noch eine bescheidene Frage ... Hat sich mein ältester Enkel, dessen schlechte Seite ich zur Genüge kenne, in irgend etwas gegen Herrn Bandel vergangen? Sie sagten vorhin — —“
„Herr Bandel duldet keine Diebe in seinem Hause. Er hatte den sauberen Herrn bis gestern noch nicht erkannt, sobald er aber die Geschichte mit dein Lotterielos erfuhr, liess er ihn durch den Diener hinauswerfen. Zu weiteren Mitteilungen fühle ich mich nicht verpflichtet. Sie werden wohl selbst zu der Einsicht kommen, dass der einzig Bedanernswerte mein Sohn ist. Wenn Ihre Enkelin plötzlich aus eigenem Willen erklärt, sie gebe meinem Sohne sein Jawort zurück, so können wir das nur komisch finden.“
„So, hat sie das gethan?“
„Ja — schriftlich sogar ... Das wäre ungefähr dasselbe, als hätte jemand gestohlen, und wollte nun die Ausrede gebrauchen, er wäre kein Spitzbube, der gestohlene Gegenstand sei vielmehr nur an seinen Händen kleben geblieben ... Im Namen meines Sohnes erkläre ich Ihnen nun, dass wir vollständig mit dem Zugeständnis Ihrer Enkelin einverstanden sind und die Verlobung als aufgehoben betrachten. Sollten noch irgend welche weiteren Ansprüche erhoben werden, so werden wir uns selbstverständlich als Leute von Erziehung und Bildung zeigen, die zur Wahrung ihres Rufes zum grössten Entgegenkommen bereit sind. Ich selbst betrachte die ganze Handlungsweise meines Sohnes als eine Verirrung, deren Ursachen in seiner Jugend und Unerfahrenheit zu suchen sind. Das dürfte ihn vollständig entschuldigen.“
„Dasselbe darf ich wohl mit Recht von meiner Enkelin behaupten. Sie war nahe daran, von dem Irrlicht ihres Herzens in einen gefellschaftlichen Sumpf gelockt zu werden.“
„Wie soll ich das verstehen?“ brauste Treuling nun wieder auf. „Sie werden doch nicht etwa meine Familie damit meinen ...“
„Gott bewahre! Unter ‚Gesellschaft‘ verstehe ich die Lüge, die sich hinter der Bildung so häufig verbirgt. Ich gehöre nicht zur Gesellschaft, denn ich habe in meinem Leben noch nicht gelogen. ... Guten Morgen!“
Er verneigte sich leicht, nahm alle Kraft zusammen und ging gemessenen Schrittes würdevoll hinaus, trotzdem er hätte weinen mögen.
Treuling war jäh zusammengezuckt. Er wollte noch etwas sagen, unterliess es aber. Er lachte nur unterdrückt hinter ihm her, als die Thüre sich geschlossen hatte.
Ein würdiges Kleeblatt.
Als Treuling allein war, ging er, die Hände auf dem Rücken, nachdenklich umher. Dann trat er wieder an den Schreibtisch, nahm den Brief Hannchens und las ihn abermals. Und nun erst kam seine Entrüstung über das Wort „Bankerott“ zum Durchbruch.
„So ein freches Geschöpf! Das Eberhard zu schreiben! Spielt obendrein noch die Grossmütige, die mit ihren paar Groschen das Haus Treuling vor dem Ruin bewahren will. Naives Frauenzimmer! Der beste Beweis für ihre geringe Bildung.“
Er blieb stehen und sann nach. Bald war er einig mit sich. Wenn Bandel wirklich etwas über seine trübe Lage erfahren haben sollte, so würde er bald wieder beruhigt sein, wenn er erführe, dass die Verbindung zwischen Eberhard und Hertha wirklich zustandekommen könne. Du lieber Himmel, das kam öfter vor, dass ein Geschäftsmann seine Lage verschwieg, um sich im geheimen wieder in die Höhe zu helfen!
Dummheit von mir! Ich hätte ihm einfach alles eingestehen sollen, dann wäre ich schon weiter, dachte er. Der Terrainverkauf ist mir sicher, und das ist schliesslich die Hanptsache. Nun kann ich ihm doch wenigstens schwarz auf weiss beweisen, dass das Mädchen thatsächlich meinen Jungen von seinem Versprechen entbunden hat. Und wenn Eberhard trotz alledem nicht will, so ist der Bruch mit ihm für ewig vollzogen!
Er war ganz zufrieden mit sich. Nach menschlichem Ermessen konnte nach allem Vorgefallenen von dieser unglücklichen Heirat nicht mehr die Rede sein. Und wenn er wie ein Bettler hier herausgehen sollte, niemals würde er jetzt noch dieses Mädchen, das ihm unwürdig erschien, als Frau seines Sohnes anerkennen.
Er las die übrigen eingelaufenen Geschäftsnachrichten, ging ins Kontor und erledigte diese Angelegenheit.
Zurückgekehrt, wusste er nicht recht, was er unternehmen solle. Endlich bezwang er sich, setzte sich und begann einige notwendige Briefe zu schreiben. Nach Beendigung des zweiten erhob er sich wieder und trat abermals an den Fernsprecher. Einige Augenblicke zögerte er noch; dann liess er sich mit Bandel in Verbindung setzen. Einige Minuten vergingen, ehe dieser sich meldete; sofort rief Treuling hinein:
„Ich bitte Dich, ganz offen zu sein ... Bist Du wieder wankelmütig geworden betreffs unserer Abmachung, oder ist Dir geschäftlich etwas in die Quere gekommen, was es Dir unmöglich macht, die Summe einzuschiessen? Ich sollte doch heute zu Dir kommen, um die Sache schriftlich zu machen. ... Ist denn überhaupt noch irgendwelche Aussicht für mich vorhanden?“
‚Ich hatte Dir bereits mitgeteilt, dass Du Dich nicht hindern lassen sollst, eine andere Verbindung anzuknüpfen. Kann absolut nicht bis morgen, wie zugesagt. ... Übrigens, falls es Dich interessiert —: Bildhauer Tetzlaff hat einen ganz nichtswürdigen Brief an mich geschrieben. Du kommst auch nicht gut weg. Natürlich nehme ich vorderhand an, dass das nur Verleumdungen sind.‘
„Ich werde diesen Burschen der Staatsanwaltschaft übergeben, wenn er sich irgend etwas erlaubt haben sollte,“ erwiderte Treuling, der ein merkwürdiges Zittern in seinem Körper fühlte. „Was hat er Dir denn geschrieben?“ fügte er nach einer Pause mit hebenden Lippen hinzu.
‚Das wird Dir Eberhard sagen. Er war soeben hier.‘
Treuling war so überrascht, dass er nicht wusste, was er darauf antworten sollte. Die Wut über diese „Hinterlist“ seines Sohnes machte ihn derartig zornig, dass er am liebsten ein kräftiges Wort hineingerufen hätte. Nur mit Mühe bezwang er sich; dann fragte er:
„Du erwartest mich also hente noch?“ Er machte aber ein ganz verblüfftes Gesicht, als Bandel zurückgab:
‚Ich weiss nicht, ob es heute noch irgend einen Zweck haben wird ... Ist denn Dein Sohn schon da?‘
„Nein.“
‚Dann warte doch lieber so lange, bis der kommt. Ich habe ihm verschiedenes an Dich aufgegeben. ... Nimm es mir nicht übel, wenn ich jetzt um Schluss bitte, ich muss notwendig nach der Fabrik hinüber. Werde noch schreiben.‘
Treuling bekam keine Antwort mehr — die Leitung war unterbrochen.
Seiner Sinne kaum mächtig, raste er durch das Zimmer, einem Wütenden gleich, dem man etwas angethan hat, das er nicht zu fassen vermag, das aber den ganzen Zündstoff zu einem fürchterlichen Zornesausbruch in seiner Seele zusammengebracht hat. Nun gab es für ihn keinen Zweifel mehr: Bandel traute ihm nicht. Er hielt sein gutes Geld für verloren, wenn er es einem halben Bankerotteur gab; oder aber, er wollte als vorsichtiger Mann erst Erkundigungen über das einziehen, was ihm Heinz Tetzlaff über das Hans Treuling mitgeteilt hatte.
Und es war doch natürlich, dass diese „Künstlerkreatur“ nur zu diesem Zwecke den Brief geschrieben hatte. ... Und sein eigener Sohn musste, ohne ihm ein Wort zu sagen, nach der Schlesischen-Strasse fahren, um wieder eine seiner grossen, moralischen Heldenthaten zum besten zu geben! Denn was anderes sollte ihn sonst dazu getrieben haben, diese eigenmächtige Handlung zu begehen, wenn nicht seine übertriebene Ehrlichkeit, die ihn in diesem Kampfe zwischen Vernunft und Herz schon oftmals die absonderlichsten Dinge hatte vollbringen lassen?
Diese und ähnliche Gedanken stürmten in einem wirren Durcheinander auf Treuling ein. Er klingelte und schickte den Lehrling nach dem Wohnhaus hinüber, um anzufragen, ob Eberhard schon da sei. In seiner Aufregung vergass er ganz, dass er durch den Hansfernsprecher viel schneller Antwort hätte erlangen können. Dann, als die Meldung kam, die ihn nicht befriedigte, schloss er die angefangenen Briefe fort, setzte die Mütze auf und begab sich in die Fabrik. Sein Zimmer war ihm plötzlich zu eng geworden.
Alles sollte heute vor ihm zittern. Er wetterte, mäkelte an allem und fand hundert Gründe, seiner persönlichen Unzufriedenheit Ausdruck zu geben. Eine halbe Stunde etwa hielt er sich in den Sälen auf. Als er wieder die eiserne Treppe hinunterschritt und das grosse Kontor betrat, zitterte er bei dem Gedanken, Eberhard endlich vorzufinden und in die Notwendigkeit versetzt zu werden, sich vor ihm schämen zu müssen. Er atmete erst leichter auf, als er das Pult seines Sohnes leer fand.
Plötzlich bekam er einen Einfall, um sich aufs neue die Zeit zu verkürzen. Er liess sich seinen Pelz holen, zog ihn über, durchschritt den Fabrikhof und ging durch die hintere Pforte auf das freie Feld, das jahrelang sein Zukunftstraum gewesen war. Langsam schritt er dahin, den Blick prüfend auf den hart gefrorenen Schnee gerichtet, der den Boden bedeckte.
Die Arbeiter, die jenseits wohnten, hatten sich einen Fusssteig getreten, auf dem, sie viermal des Tages die öde Strecke überschritten, um sich den Weg nach Möglichkeit abzukürzen. Er benutzte ihn und wandelte, in Gedanken versunken, der anderen Seite zu.
Hin und wieder blieb er stehen und liess den Blick prüfend über die Fläche gleiten. Es war, als wollte er eine Heerschau abhalten über all die Tausende, die für ihn in diesem Boden steckten. Dann schritt er wieder weiter und rechnete. Freudenstrahlen erhellten dann seine finstere Miene. Im Augenblick fand er es lächerlich, sich bisher einer Art düsterer Verzweiflung hingegeben zu haben, ohne rechten Grund, wie es ihn dünkte. Schritt er hier nicht auf einem Reichtum dahin, der, auf solidem Wege veräussert, ihn aller Sorge entheben würde?
„Du bist ein rechter Narr, der ausgelacht zu werden verdient,“ sprach er unwillkürlich halblaut vor sich hin. Und in Gedanken fügte er hinzu: Ich werde ja hören, was Eberhard mir überbringt. Will der Fuchs Bandel durchaus nicht, dann pfeife ich auf ihn und bin überhaupt mit ihm fertig. Es wird wohl in dem grossen Berlin noch andere pfiffige Köpfe geben, die auf einen solchen fetten Köder anbeissen. Die Stadt lässt sich nicht lumpen, und was sie haben muss, das kauft sie auch. ... Und was die Wechsel anbetrifft, so werde ich die Prolongation noch einmal versuchen. Schlimmstenfalls mit grossen Opfern. Wenn schon, denn schon! Ob nun Bandel die Tansende schluckt oder ein anderer, das ist in diesem Falle ganz gleich. Geld riecht nicht, und zehntausend Mark freiwillig angebotene Prolongationsentschädigung werden selbst von einem Börsenfixer respektiert.
Er blieb stehen und blickte lächelnd in die Weite. Wahrhaftig, die Sache würde sich viel leichter machen, als er dachte! Was für eine Genugthuung gegen Bandel würde er dann erleben! Ei, dieser hinterlistige Freund sollte sich eines Tages noch gewaltig ärgern. Wenn man Treuling hiess, so hot man der Welt ganz gehörig die Zähne, sobald es einmal darauf ankam.
Die Zukunft erschien ihm nun in einem rosigen Lichte, alle seine Wünsche kamen ihm erreichbarer denn je vor. In diesen Minuten kam Zufriedenheit über ihn, weitete sich seine Brust zu einem kräftigen Atemholen des Entzückens über den wiedergewonnenen Mut. Der Anblick des ausgedehnten Eigentums um ihn herum versetzte ihn in eine Art von Rausch, hervorgerufen durch die augenblickliche Stimmung. Er betrog sich selbst, wie alle Menschen in seiner Lage, die den Strohhalm für einen festen Balken halten.
Er wollte umkehren, als seine Aufmerksamkeit plötzlich von drei Herren in Anspruch genommen wurde, die unweit des Steinplatzes standen und einer Droschke erster Klasse entstiegen zu sein schienen, die hinten auf der Strasse hielt.
Er hätte das nicht auffallend gefunden, wenn ihm nicht die Art und Weise, wie der eine von ihnen mit der rechten Hand auf die Fabrik deutete und dann mit dem Zeigefinger in der Luft die Grenze des ganzen Grundstückes zog, sonderbar vorgekommen wäre. Fast sah es aus, als bildeten die drei eine kleine Kommission, die beauftragt wäre, sich oberflächlich ein Bild von den zukünftigen Vermessungen zu machen.
Und kaum war Treuling dieses Gebahrens ansichtig geworden, als ihn auch schon ein Gedanke durchzuckte, der ihn mit heller Freude erfüllte. Keine Frage, das war „die Stadt“, die dort stand, oder richtiger: einige ihrer Vertreter, die mit dem Bebauungsplan zu thun hatten.
Endlich, endlich! jubelte es in seinem Innern. Also so weit war man bereits! Dann konnte es ihm wahrhaftig nicht mehr fehlen. Nun hatte er sozusagen bereits etwas Greifbares vor sich; er konnte bereits mit Fingern auf diejenigen deuten, die binnen kurzem sich genötigt sehen würden, persönlich mit ihm in Verbindung zu treten. Ja, was hinderte ihn denn in diesem Augenblick, hinüber zu ihnen zu gehen und sich ihnen als der „Chef des grossen Hauses Treuling“ vorzustellen — als der Glücksheld, der sich herablassen würde, einen Teil dieses grossen Besitzes zum Wohle der Stadt zu opfern! Das brauchte gar nicht aufdringlich zu erscheinen. Er hatte eben einen kleinen Vormittagsspaziergang gemacht, war dabei den Herren ganz unauffällig näher gekommen und hatte sie freundlich begrüsst. Das würde ihn genügend entschuldigen. Dann musste eben ein Wort das andere geben. Es schadete durchaus nicht, bei dieser Gelegenheit den Schlauen zu spielen und ein bisschen auf den Busch zu klopfen.
Er stand noch immer auf demselben Fleck wie jemand, der es nicht sehr eilig hat, um den unausbleiblichen Sieg zu erlangen.
Die Herren standen so weit entfernt von ihm, dass er ihre Gesichter nicht zu erkennen vermochte. Der mittelste, derjenige, der immer aufs neue Linien in der Luft beschrieb, jetzt sogar mit beiden Händen, war ein starker, breitschultriger Mann, der seine Begleiter um Haupteslänge überragte. Selbst sein stark gerötetes Gesicht hob sich auffallend von der hellen Hautfarbe der anderen ab.
Aha, gewiss irgend ein Stadtbaumeister — die Kerle sehen ja alle wohlgenährt aus, dachte Treuling.
Dann beobachtete er, so gut es ging, die beiden Kleinen, die, die Hände in den Taschen ihrer Überzieher vergraben, fortwährend die Köpfe nach rechts und links neigten, immer dahin, wohin der Dicke deutete. Es nahm sich das etwas komisch aus, und Treuling schloss sofort, dass das jedenfalls zwei Leute seien, die praktisch sehr wenig verstünden.
Gewiss zwei Beigeordnete, die nur dazu da sind, um die Sache wichtiger zu machen, dachte er abermals.
Der Herr links von dem Dicken schien sehr zu frieren, denn er hatte den hohen Kragen seines Überziehers bis zur Mitte des Gesichts in die Höhe geschlagen und trampelte mit den Beinen hin und her. Er war der Einzige, der einen Zylinderhut auf hatte, dessen Krempe mit dem Kragen fast in Berührung kam
Endlich setzte sich Treuling wieder in Bewegung. Langsam ging er auf dem Fusssteig weiter, der in einigen Wendungen auf die drei zuführte. Schon nach hundert Schritten blieb er aufs neue überrascht stehen. Der Dicke und der Kleine mit dem Zylinderhut hatten etwas an sich, was ihm nun bekannt vorkam. Noch war er mit sich nicht einig, wen er vor sich habe, aber eine Ahnung sagte ihm, dass er sich nicht täuschen werde. Mit bedeutend abgekühlter Stimmung beschleunigte er seine Gangart. Nach wenigen Minuten war er ihnen so weit nahe gekommen, um sich nicht mehr irren zu können.
Ja, was wollen denn diese Kerle hier? fragte er sich in Gedanken, als er nun Salinger und Freudenfeld erblickte, während der Dritte ihm nach wie vor unbekannt blieb. Da er den letzten Teil des Weges längs des Bretterzaunes zurücklegen musste, so sah man ihn nicht gleich kommen. Noch wenige Schritte vor seinem Ziele hörte er den Börsenstipper laut sagen:
„Was meinen Sie wohl, Herr Aronsohn, was für ’n Glück for Sie, dass Sie sich die Sache nicht erst dreimal überlegt haben? Was für ’n grosses Terrain, was für ’n herrliches Terrain, was für ’n wahrhaft gottgesegnetes Terrain! Wenn ich mir so verstelle, wenn erst hier werden stehen so ’ne grossen Häuser mit die vielen Menschen drin: was für ’n Segen, was für ’ne grosse Kultur!“
„Sie reden wieder wie ’n Poet und haben’s gar nicht nötig, hum dja,“ fiel Freudenfeld ein, der noch immer die Beine in Bewegung setzte.
Treuling blieb unwillkürlich stehen. Da ihm die drei den Rücken zukehrten, so konnte er unbesorgt sein, nicht sogleich bemerkt zu werden. Er nahm nun an, dass der mit Aronsohn Angeredete derjenige sei, der ihm durch Salingers Vermittelung die dreimalhunderttausend Mark hergeben sollte, und sofort waren seine Gedanken: Er will sich erst von der Grösse des Grundstücks überzeugen; gewiss hatte er von vornherein die Absicht, mich zu besuchen.
Trotzdem es ihm im Augenblick gleichgiltig war, von welcher Seite ihm Hilfe kommen würde, konnte er sich doch nicht eines gewissen Unbehagens entwehren. Es hatte etwas in den Worten gelegen, was ihm nicht gefiel, weil es ihm wie ein leichter Spott geklungen war. So verhielt er sich denn ganz ruhig, um weiter zu hören.
„Machen Sie sich ’n Kragen ’runter, Freudenfeld, damit Se besse hören können,“ begann Salinger wieder pustend, so dass der helle Atem aus seinem Munde strömte. „Herr Aronsohn wird schon am besten zu schätzen wissen, was Poesie und was Wahrheit is, wenn ich meinen Standpunkt entwickle. Ich bin auch nicht von gestern, Sie auch nicht, und der Herr Aronsohn auch nicht! Konjunkturen wahrnehmen, günstige Konjunkturen, das muss die Seele von ’nem Geschäftsmann sein! ’ne Spürnase haben wie ’n Bluthund, das is’s grosse Talent for unsereins! Und nu reden Sie noch von die Poesie! Nehmen Sie’s mir nich übel, lieber Freudenfeld, aber manchmal kommt mir’s so vor, als wenn Se unter’m Verkehr mit ihrem Bildhauer gelitten hätten. Seit ’m halben Jahre hör’ ich nur immer die Worte ‚Kunst‘ und ‚Poesie‘ aus Ihrem Munde.“
„Ich bin stolz darauf, Herr Salinger, wissen Sie das,“ warf Freudenfeld achselzuckend ein. „Sie geben mir ’n hübsches Zeugnis in Gegenwart des Herrn Aronsohn, dass Se behaupten, ich hätt’ mir neben dem Gelde noch ’n Herz bewahrt für die grossen Ideale der Menschheit ... Ich weiss überhaupt nicht, was Se immer wollen! Sie haben’s mir zu verdanken, dass Herr Aronsohn ’s Geschäft machen will. Ich bin doch nur seinetwegen hier mit herausgekommen, hum dja; Ihretwegen doch gewiss nicht! Wenn ich schon die ganze Gegend hier ansehe! Ich hab’ mir nich ’mal ’n Revolver eingesteckt. ... Ich kann Ihnen sagen, ’s is am Büffet an der Börrrse wärmer wie hier.“
„Ich bitte — streiten Sie sich nicht,“ fiel Aronsohn ein, „bin Ihnen beiden sehr verbunden, dass Sie mir Gelegenheit gegeben haben, ’s Terrain persönlich kennen zu lernen ... Also hier soll die Strasse durchgelegt werden, nicht wahr, Herr Salinger?“
„Wie ich’s bereits schon dreimal gesagt habe, Herr Aronsohn. Sie wird von drüben her hier langlaufen und ’n ganzen Teil vom Steinplatz mitnehmen. ... Die Frau will noch nicht recht ’ran. Aber ’s wird sich machen, verlassen Sie sich darauf! ... Und die Fabrik wird auch ’mal fallen müssen. Schade um die schönen Schornsteine!“
„Beinahe hätte ich gesagt, der Mann thäte mir leid,“ mischte sich Freudenfeld ins Gespräch; „aber de Kultur nimmt keine Rücksicht, sie muss Segen bringen für die Menschheit.“
„Se müssen nicht immer wiederholen, was andere gesagt haben,“ warf Salinger wütend ein, da er aus der erhobenen Stimme des Bankiers einen gewissen Spott zu vernehmen glaubte.
Treuling war bleich geworden. Er fühlte, dass sich hinter seinem Rücken etwas abspielte, was er nicht erwartet hatte. So unklar ihm noch alles erschien, so fürchterlich dämmerte ihm doch die Ahnung, dass man nicht zu seinem Wohle gekommen sei, um die Besichtigung hier vorzunehmen.
Endlich räusperte er sich, trat näher, sagte „Guten Tag“ und zeigte eine Miene, als wäre er sehr überrascht, die drei hier vorzufinden.
„Ah, was verschafft mir denn das besondere Vergnügen, Sie hier auf meinem Grund und Boden zu sehen?“ fragte er mit möglichst freundlicher Miene, nachdem er die Pelzmütze ein wenig gelüftet hatte. „Ich störe doch nicht? Dann bitte ich sehr um Entschuldigung,“ fügte er hinzu, als er die verblüfften Mienen sah. „Ging gerade ein wenig an die Luft, als ich Sie von drüben bemerkte.“
Freudenfeld fand zuerst das Wort:
„Guten Tag, verehrter Herr Treuling ... Sie kommen wie gerufen.“
„Was Sie sagen! Hatten Sie die Absicht, mich zu besuchen?“ erwiderte Treuling etwas kälter als zuvor, ärgerlich darüber, von dem Bankier so vertraulich angeredet worden zu sein.
„Natürlich, Herr Treuling — natürlich hatten wir die Absicht,“ fiel nun Salinger mutig ein. „Das können Sie sich doch denken. Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen ’n Herrn vorstelle, der sich sehr for Sie interessiert. Herr Sigismund Aronsohn, der grosse Goldmann, von dem Sie schon gehört haben werden ... Seien Sie still, Herr Aronsohn — es ist so! Wenn man zehn Millionen hat, ist man ’n grosser Geldmann. Ich glaube, Sie werden noch ’mal den ganzen Grunewald kaufen ... Und wissen Sie, hochgeschätzter Herr Treuling, alles, was er ist, hat er seinem Genie zu verdanken — seinem grossen, bahnbrechenden Genie. Der Moltke hat’s nich grösser gehabt ... Seien Se still, werter Herr Aronsohn ... es is so!“
Freudenfeld wandte sich ab und schnitt heimlich eine Grimasse. Treuling aber wurde irre an seiner vorherigen Meinung. Er lüftete abermals die Pelzmütze und sagte verbindlichst:
„Freut mich sehr, mein Herr. Ich schätze stets geschäftliche Tüchtigkeit.“
Der Börsenstipper fuhr fort:
„Können Se auch, hochgeschätzter Herr Treuling. Das ist ’n Mann! Mit drei alten Thalern in der Tasche ist er vor zwanzig Jahren aus Neutomischel nach Berlin gekommen ... Seien Se still, wertester Herr Aronsohn, es is so! Es ist immer ’ne grosse Ehre in den Augen der anständigen Leute, mit drei alten Thalern in der Tasche aus Neutomischel nach Berlin zu kommen und durch ehrliche, rechtliche Arbeit zum Millionär zu werden.“
In diesem Augenblicke hatte Treuling die Empfindung, als hätte ihm jemand ins Gesicht gesagt, er habe die Fabrik drüben aus gesammelten Strohhalmen erbaut. Zu gleicher Zeit aber schien es ihm, als wollte Salinger sowohl als Freudenfeld sich über den früheren Bürger aus Neutomischel innerlich lustig machen. Das drängte ihn, dem zehnfachen Millionär seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Er hatte einen kleinen, verquickt aussehenden Mann im Alter von etwa fünfzig Jahren vor sich, der aber entschieden älter aussah, als er war. Selbst der vornehm aussehende, mit Pelz gefütterte Überzieher konnte die Dürre seines Körpers nicht verbergen. Er stand mit geknickten Knieen da, so dass die grossen Füsse, die in Gummischuhen steckten, ganz besonders auffielen.
Sein Gesicht war mager und schien nur ans einer einzigen grossen Nase zu bestehen, die keck und verlangend, überall Vorteil witternd, in die Welt ragte. Aus den kleinen listigen Augen sprachen Verschlagenheit und Rücksichtslosigkeit, und die trotz der Magerkeit der Wangen auffallend wulstigen Lippen zeugten von jener verhaltenen Lüsternheit, die nur auf den Augenblick wartet, um sich voll ausleben zu können.
Er hatte etwas Raubtierartiges an sich, was immer dann zum Vorschein kam, wenn er sich bemühte, die müden vertrockneten Augenlider in die Höbe zu schlagen, um die kleinen, sich unstet hin und her bewegenden Pupillen zu zeigen. Äusserlich zum Spotte reizend, war er innerlich einer der durchtriebensten Gesellen, die man sich denken konnte — einer jener Vampyre in Menschengestalt, die mit tauben Ohren über Leichen hinwegschreiten, ohne Grauen und Gefühl, nur das Ziel vor Augen, das sie erreichen wollen, und stets mit der Maske der Ehrbarkeit, mit jenem ewig freundlichen, beruhigenden Lächeln, das alle gefährlichen Bösewichter zur Schau tragen. Äusserlich der noble Mann, vornehmlich in seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen, in geschäftlichen Dingen aber der kalte, berechnende Wucherer, der eher den Säugling an der Mutterbrust sterben sieht, ehe er ein Zehnpfennigstück au dem vorausgesetzten Gewinn einbüsst.
Dabei der Mann, der aus Klugheit Opfer bringt, um der Aussenwelt gegenüber die tausend bösen Zungen, die ihn zu verleumden trachten, zum Schweigen zu bringen. Für sie hatte er ein Fass mit Goldstaub bereit, um ihre Augen zu blenden. Unter keinem Wohlthätigkeitsaufruf fehlte sein Name. Stets zeichnete er mit einer Summe, deren Grösse ihm dem Zwecke angepasst erschien. Er wusste — das machte Stimmung, brachte ihm hundertfach die Verluste ein. Und was die Hauptsache war, es diente zur Beruhigung seines eigenen Gewissens.
Er pflegte wenig zu sprechen, befleissigte sich aber, um so mehr zu hören. Wenn er scheinbar teilnahmslos war, so hatte er bereits im geheimen längst erwogen und seine Entschlüsse gefasst.
„Freut mich ebenfalls, so einen bedeutenden Industriellen kennen zu lernen,“ sagte er mit seiner langsamen, singenden Stimme und betrachtete mit einem müden Blick, den man kaum bemerkte, den Fabrikbesitzer. Er langte sein rotseidenes Taschentuch hervor und führte es der Nase zu, die ewig feucht und verfroren aussah.
Treuling kannte ihn längst dem Namen nach aus den Zeitungen und vom Hörensagen. So erwiderte er denn höflich:
„Hätten Sie Wichtiges mit mir zu reden, wie ich annehme, so würde ich mir erlauben, Sie zu einem Gläschen Wein einzuladen. ... Ich bin überzeugt, dass die anderen beiden Herren in diesem Falle Sie gern entschuldigen würden.“
Er sagte das in dem Tone eines Mannes, der den Zweck eines Besuchers bereits kennt und sich genötigt siebt, einige Redensarten zu gebrauchen, um sich überflüssige Leute vom Halse zu halten.
Aronsohn blickte auf; dann fragte er langsam:
„Wie meinen Sie?“
Freudenfeld that ein paar Schritte seitwärts, als wäre ihm plötzlich etwas sehr unangenehm geworden. Salinger aber fiel sofort ein:
„’s ist alles bereits abgemacht, Herr Treuling, Se können sich darauf verlassen. In ’ner halben Stunde sind wir bei Ihnen. Wir haben nur noch ’ne kleine Fahrt, ’n paar Strassen weiter zurück ... Nicht wahr, Herr Aronsohn, ich hab’ doch recht, wenn ich sage, dass bereits alles abgemacht ist?“
Der Börsenstipper hatte eine grossartige Handbewegung gemacht, die andenten sollte, dass alle Einwendungen zwecklos seien. Nun sah er Aronsohn mit einen, bedeutsamen Blick an und fügte hinzu:
„Nu sagen Se doch endlich ja, damit der Herr Treuling beruhigt ist ... damit der Herr auch ruhig schlafen kann! ... Sie sind doch immer der Helfer in der Not. Reden Se nich, Herr Aronsohn, es is so!“
Die letzten Worte trieben Treuling das Blut in die Wangen. Er hatte die Empfindung, hier plötzlich wie jemand betrachtet zu werden, dem der Dachziegel auf dem Hause nicht mehr gehört. Er bezwang sich und erwiderte gefasst:
„O, das eilt nicht so. Lassen die Herren sich nur nicht abhalten, wenn Sie noch etwas anderes vorhaben ... Ich hatte das Vergnügen, Herr Aronsohn. Sie werden mir bis ein Uhr in meinem Comptoir willkommen sein ... Guten Morgen, meine Herren!“
Er lüftete zum drittenmal die Mütze, verbengte sich leicht, machte kehrt und nahm, ohne sich umzublicken, denselben Weg, den er gekommen war.
„Hab’ die Ehre, Herr Treuling! ... War mir sehr angenehm ... Auf Wiedersehen, hum dja!“ erschallte es dreifach hinter, ihm her.
Die Trennung war so plötzlich und unvermittelt gekommen, dass die Drei etwas verblüfft sich anblickten. Eine Minute etwa standen sie nach zusammen und sahen dem Fabrikbesitzer nach, ohne ein Wort zu sagen. Dann schritten sie der Strasse zu, wo die Droschke hielt.
„Ich glaube wahrhaftig, er ahnt noch nichts,“ unterbrach Salinger dann das Schweigen, „’n Optimist wie der, ist mir noch nicht vorgekommen ... Jetzt wird er hingehen und ’n besten Wein aus ’m Keller holen. Schade! Wir hätten sollen die Einladung annehmen, ich hab’ wahrhaftig gerade Appetit auf ’n gutes Glas Wein ... Sie, Freudenfeld — bezahlen Se ’n Schoppen? Ich hätt’ überhaupt noch ’was zu reden mit Ihnen über die Italiener, die Sie mir besorgen wollten.“
Diesmal zwinkerte er mit den Augen dem Bankier zu, indem er eine bezeichnende Kopfbewegung nach Aronsohn machte, was dieser nicht bemerkte, da er mit wackelndem Kopfe und schlotternden Beinen voranschritt. Den Spazierstock schleifte er hinter sich her, als hätte er bereits die Kraft verloren, sich darauf zu stützen.
Freudenfeld, der bereits eine bissige Erwiderung auf den Lippen hatte, verstand ihn und nickte ihm zu. Plötzlich blieb Aronsohn stehen, wandte sich um und fragte besorgt:
„Sie werden mich doch nicht ’reinlegen, Salinger, und ihm anderweitig das Geld beschaffen? Gott soll mir verzeih’u, wenn ich Sie dann noch sicher halte für drei Mark!“
Ein versteckter Blick traf jenen, der mehr sagte als tausend Worte. Er enthielt die stumme Drohung eines Menschen, der zu allem fähig sein kann, wenn er sich betroffen sieht.
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