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Max Herrmann-Neiße

Die Bernert-Paula. Eine Geschichte zum Vorlesen

Saga

Die Bernert-Paula. Eine Geschichte zum VorlesenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1918, 2020 Max Herrmann-Neiße und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614602

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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I

Dies ist eine Geschichte, die man überall vorlesen kann und soll. Nicht, weil sie gut anzuhören ist und besondre künstlerische Vorzüge besitzt. Sondern weil ihr Inhalt von allgemeinem Interesse sein müßte.

Stellen Sie sich eine Gasse in einer schlesischen Provinzstadt ums Jahr 1900 vor! Die ärmlichste Gasse, die in so einer behaglichen Mittelstadt möglich war, wo es noch kein Verhungern gab, höchstens die peinliche Verschlagenheit Minderbemittelter, die darauf angewiesen blieb, die offizielle Mildtätigkeit zu umschmeicheln. Schließlich bekam jeder etwas ab. Der Fonds, der für derartige Zwecke zur Verfügung stand, reichte für alle aus. Aber es ging nicht nach der Bedürftigkeit, sondern nach der Würdigkeit.

Man sah in solchen Gegenden viel Bucklige, die den Rücken vom verkrümmenden Dienern nicht mehr grade bekamen. Das Schlimmste war, daß sich solche Figuren noch bemitleideten. Da war die Bernert-Paula eine andere Person!

Sie wohnte bei dem alten Krankenhause, das inzwischen geräumt und zu einer Volksküche umgewandelt worden war. Paula Bernert war eine sogenannte Fleckel-Schneiderin: aus abgelegten Resten, Fetzen, Stoffabfällen nähte sie, je nachdem, etwas Verwendbares zusammen. Das eine Mal einen Bettvorleger, das andre Mal ein Tischdeckchen, vielleicht sogar etwas Lustiges für ein Kostümfest. Nicht für einen offiziellen Maskenball, versteht sich, wo die Frau Amtsrichter und die Frau Medizinalrat sich wochenlang vorher überlegten, womit sie Aufsehen erregen könnten, und dann doch immer wieder als Tirolerin und Spanierin kamen. Sondern für die Maurerfête oder das Regiments-Jubiläum der Maschinengewehrabteilung, und die Lubschick-Liesl machte dann wirklich Furore als leibhaftiger Zement oder die Frau vom Sergeanten Pachnicka als Mitrailleuse.

Die Bernert nahm an diesen Festen natürlich nicht teil, beneidete aber auch ihre Kunden nicht: sie kannte andere, bessere, jedenfalls für sie ersprießlichere Vergnügungen.

Sie lebte mit ihrer Mutter seit Menschengedenken in diesem Parterre-Zimmer, das früher ein Viktualien-Laden gewesen und dann, nach Vermauerung der Straßentür, zu einem dunklen und unerfreulichen Wohnloch verwandelt worden war. Aber Paula fühlte sich da wohl, denn sie kannte nichts Besseres von Kindheit an, und sie schätzte die Möglichkeit, sofort, ohne Treppensteigen, im Hausflur und auf der Gasse zu sein. Ihre Mutter war Aushilfsschneiderin und gastierte rundum bei den Familien der Stadt je eine Woche oder länger zur Ausbessrung der Garderobe, gegen ein geringes Entgelt und bei freier Verpflegung, so daß Paula an jedem Wochentag fast bis zum Abend ganz für sich allein war. Ihren Vater hatte sie nie gekannt: die Mutter wußte nicht oder wollte nicht mehr wissen, wer von den feinen Herren ihrer Putzmädchenzeit sich da verewigt hatte. Auch andere Verwandten, Tanten oder Onkel, gab es nicht: Mutter war in jungen Jahren Waise geworden, aus dem Heimatdorfe nach der Stadt gezogen und für ihre Sippe ein für allemal verschollen.

Wenn die Mutter zur Arbeit ging, hatte sie die kleine Paula in der Wohnung eingeschlossen. So war einst das Malheur geschehen. Ein Hausierer hatte angeklopft und vor der versperrten Tür die Litanei seines Warenkataloges heruntergebetet. Es klang wie die seltsam gemurmelte Beschwörung einer Zauberformel. Das Kind drinnen verging vor Angst, alle Märchenschrecknisse von Menschenfressern und bösen Geistern fielen ihm ein, und die Furcht verlieh ihm die außergewöhnliche Kraft, sich hochzurecken und den schweren Riegel vorzuschieben. Als die Mutter zurückkehrte, war die Tür nicht aufzubekommen. Die Frau konnte sich das gar nicht erklären, stemmte sich dagegen, hämmerte mit den Fäusten ans Holz, rief nach Paula. Das Kind drinnen ahnte, daß es etwas Unrechtes getan hätte, und schwieg hartnäckig. Da bekam es die Mutter mit der Angst zu tun. Ihr Gezeter lockte die Nachbarn herbei. Ein Haufen Weiber und Halbwüchsiger schnatterte bald um sie herum mit allerlei schlimmen Befürchtungen und törichten Ratschlägen. Schließlich öffnete ein Schlosser die versperrte Wohnung. Alles löste sich in Wohlgefallen auf. In angeregter Heiterkeit über den kuriosen Zwischenfall verlief sich die Schar der Hausgenossen.

Die alte Bernert raste. Lächerlich gemacht worden war sie vor den Nachbarn und hatte die unnütze Ausgabe an den Schlosser zu bezahlen. Sie riß das Kind an den Haaren und gab ihm ein paar Ohrfeigen. Das war zuerst nur ihre Art, die ausgestandene Angst loszuwerden und sich für sie zu entschädigen. Als das Mädchen aber auf alle Fragen nach einem Grund für das Türversperren weiter schwieg, witterte die Mutter eine ganz verstockte Bosheit, die gleich im Anfang gründlich ausgetrieben werden müßte, und schlug hemmungslos auf das Kind ein. Ein Hieb traf so unglücklich, daß Paula zu Boden stürzte. Von da an hatte sie ihren Körperschaden und die völlige Fremdheit dieser Frau gegenüber, die sich ihre Mutter nannte. Es war kein Haß, sondern eine große, unüberbrückbare Gleichgültigkeit. Und frühzeitig entdeckte das Mädchen das Glück der Vereinsamung und lebte neben der Mutter, als sei sie garnicht vorhanden, sein eigenes Leben.

Die andern Kinder der Gasse ließen die verkrüppelte Kleine in Ruh. Die meisten von ihnen hatten ihre leichteren oder schwereren Betriebsunfälle hinter sich: der Schmied, der Quartalssäufer, pflegte seine beiden Knaben als Fangball zu benutzen, wenn er nachts im Rausch heimkam; natürlich krochen sie nun mit verbogenen Gliedmaßen herum. Der Sohn des Flickschusters war überfahren worden und humpelte mit einem Holzbein. Der Tochter des Zeitungsausträgers Kramer war durch eine Brandwunde die linke Gesichtshälfte entstellt. Und für ästhetische Bewertung hatte man in diesem Lebensbezirk sowieso weder Zeit noch Sinn.

Überdies kam Paula nur mit wenigen und desto seltsameren Kindern ihres Alters zusammen. Denn am späten Abend erst pflegte die Mutter heimzukehren und nach überstandner Mahlzeit und Tellerwäscherei die Tochter endlich für eine halbe Stunde auf die Gasse zu lassen. Dort trieben sich dann nur noch allerlei vernachlässigte, verwahrloste, elternlose Geschöpfe herum oder solche, die sich mit ihrem auffälligen Gebresten erst bei völliger Dunkelheit ins Freie wagten. Diese Kinder hatten weder die sinnlose Fröhlichkeit der normalen, noch den verspielten Ernst, der die einträgliche Wichtigtuerei der Großen so grotesk nachahmt. Sie lachten über wirklich Lächerliches und schätzten Respektables demgemäß ein. Wurde der Klor-Karle, weil er betrunken ist und vor allem weil kein Pfennig mehr aus seinen Taschen fällt, auch wenn man ihn auf den Kopf stellt, aus dem Kaffeeschank herausgeworfen, liegt er dann im Rinnstein und bellt ohnmächtige Flüche gegen die geschlossenen Fensterläden, so verzieht sich keine Miene zu schadenfrohem Grinsen. Aber drückt sich der Stadtrat Meisel, der bekannte Meisel, der den Brunnen im Cecilienpark stiftete, die Speisung für arme Wöchnerinnen und die Instrumente für die chirurgische Abteilung des Städtischen Krankenhauses, an der Mauer entlang und will unauffällig in der Nummer 24 verschwinden, so fangen die Bälger höhnisch zu brüllen an, ohne daß sie recht wissen, welcher Art Vergnügen oder Geschäft Herr Meisel dort nachgeht. Oder der Olbrichkutscher war eines Abends unerwartet zeitig von der Bierausfahrerei auf die Dörfer zurückgekehrt und hatte sein Weib bei Unerwünschtem erwischt, nun trug er sie wie ein Paket die Treppe herunter und vertobakte ihr den nackten Hintern, indes schreckensbleich der Primaner Hanke über den Hof flüchtete. Ohne Schadenfreude und Entrüstung fand die Schar der Satansrangen dies alles in Ordnung. Die Armenpflegerin, Frau Brauereidirektor Schick, pflegte zu sagen, die Kinder dieser Gasse sähen in ihrem Leben leider Gottes nicht viel Gescheites. Fest steht, daß sie das Gesehene recht originell aufzunehmen verstanden. Und Paula Bernert bezog von hier die Anfangsgründe ihrer Weltanschauung.

II

Eines Morgens wurde Paula von ihrer Mutter besonders adrett hergerichtet und dann zur Schule gebracht. Die alte Bernert, die rechtzeitig an ihre Arbeitsstelle zu kommen trachtete, überließ das Kind, nach einigen Ermahnungen zu Folgsamkeit und artigem Betragen, bald sich selber. Paula war froh, daß sie endlich allein war. Sie fühlte sich erhaben über all den Muttersöhnchen und -töchterchen, die immer noch von ihren Gluckhennen behütet bänglich der Dinge harrten, die da kommen sollten. Manche heulten sogar und manche versuchten, auszureißen. Schließlich erschien ein bebrillter Mann, der zu einigen Erwachsenen viel zu demütig tat, doch allmählich die Elternschaft herauskomplimentierte, und nun war jedes Kind auf sich selbst und das, was es aus sich zu machen verstand, angewiesen. Daß ein paar Kinder schöne bunte Tüten mit Naschwerk geschenkt bekamen, das machte die Empfänger vor Paulas unerbittlicher Meinung nur minderwertig: daß sie sich nicht schämten, in so plumper Weise bevorzugt zu werden! Neben Paula saß ein schiefschultriger Junge, rothaarig, sommersprossig, mit hängender Unterlippe und zu großen Ohren, in lasterhaft saubrem Matrosenanzug. Er hatte eine besonders leckre Tüte erhalten und bot nun mit schüchterner, linkischer Höflichkeit seiner Banknachbarin daraus an. Paula ekelte sich vor ihm. Sie empfand es als eine besondre Unverschämtheit, daß der gepflegte Krüppel sich ihr gleichzusetzen wagte, riß ihm die ganze Tüte aus der Hand, warf sie auf den Boden und trampelte drauf herum. Der Knabe, der sowieso leicht zum Weinen zu bringen war, schluchzte hysterisch drauf los, verzweifelte an der Welt (und wurde später Lyriker, indem er, gleich Paula, nur auf andre Weise, aus seiner Körpernot eine Spezialität machte). Der Lehrer Timpel aber, wie die meisten Lehrer unfähig, den Sonderfall so oder so zu verstehen, hielt Paula eine lange Strafpredigt mit der kategorischen Moralvorschrift, daß man niemals einem andren sein Besitztum neiden oder gar entwenden dürfe. Dann fragte er sie nach ihren Eltern und schüttelte über den betrüblichen Bescheid bedeutsam den Kopf. Von da ab galt sie ihm als ein verwildertes, schwererziehbares Kind, mit dem bei Besichtigungen kein Staat zu machen wäre und mit dem es immer nur Verdrießlichkeit geben würde. Auch bei den andern Schulkindern hatte sie sich mit diesem Skandal schlecht eingeführt. Sie verübelten es ihr sehr, daß sie die köstlichen Süßigkeiten mit ihren schmutzigen Schuhen unbrauchbar gemacht hatte und versahen sich von ihrer gehässigen Mißgunst auch für die Zukunft nichts Gutes. Geselligkeit lag ihr ohnehin nicht. Da sie meist allein gewesen war und es abends in ihrer Gasse gewissermaßen mit Ausnahmefällen zu tun gehabt hatte, war sie den Umgang mit dieser Bande normaler Rangen nicht gewohnt. Gemeinsame Spiele, wie sie in der Schulpause gepflogen wurden, langweilten sie; es kam ihr läppisch vor, immer wieder mit stupider Begeisterung zu deklamieren: »Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? Ich nicht!« oder »Es schlägt eins, er kommt nicht, es schlägt zwei, er kommt nicht . . .«, Spielregeln sklavisch zu befolgen und eine simple Annahme ernsthaft für längere Zeit zu ästimieren. So klar war sie sich natürlich über diese Dinge nicht, aber gefühlsmäßig widerstrebte sie ihnen. Früher hätte man gesagt: das Kind Paula Bernert ist eine rebellische Natur. Heut heißt es: ein unkollektives Geschöpf – auf alle Fälle ist so ein Wesen jeder Art Masse unangenehm, weil für ihre Zwecke nicht zu gebrauchen. Die Masse merkt das auch sofort: hier ist ein Stück, das will nicht so, wie wir wollen müssen. Dann ist jedes Mittel gegen das unbotmäßige Mitglied recht, und Kinder sind ja noch weniger wählerisch und fein als die Hammel einer parolefrommen Erwachsenen-Herde. Paula trieb es auch wirklich verwerflich, fing mitten im Spiel an, mit ihrer Nachbarin zu plauschen, oder, wenn sie ihrem Partner den Ball zurückwerfen sollte, sah sie einen Vogel auf der Hofmauer sitzen, der reizte sie so, daß sie den Ball in diese Richtung feuern mußte – ja, auch sie war ein Aas, aber ein sehr eigenwilliges, individualistisches! Kinder wählen noch hemmungsloser als Erwachsene die billigste Art, einen Gegner lächerlich zu machen und zu verunglimpfen. Paulas Mitschüler also, gepflegt und wohlgewachsen, hielten sich an das körperliche und gesellschaftliche Manko der Bernerttochter, schimpften sie »Puckelpaula« und wurden in Bosheit schöpferisch mit dem Spruch: »Die Bernert ist ein Tausendsassa, sie hat einen Puckel und keinen Papa!« Paula wurde dadurch in ihrer Menschenablehnung bestärkt, die der Vorfall mit der Mutter gefestigt hatte. Sie war fast froh, daß die Ereignisse ihrer ersten Vermutung so sehr recht gaben, und zog sich wieder ohne Groll in sich selbst zurück.

Nun fing sie zu lesen an. Nicht nur das von der Schule Gewünschte und Genehmigte. Sie mißtraute diesem Institut in jeder Beziehung. An jedem Sonnabend bekam man ein Buch aus der Schülerbibliothek, das eine Woche später gut erhalten, ohne Tinten- und Fettflecke an den nächsten im Alphabet weitergegeben werden sollte. Paula sah sich die Titel an: »Edelinde«, »Deutsche Jugend«, »Aus Tagen der Not«, »Das kleine Dummerle«, malte der Heldenjungfrau auf der farbigen Einlage einen Tintenschnurrbart, machte in die Seiten 66 bis 70 große Eselsohren und lieferte den Schmöker ungelesen ab. Dafür wußte sie sich unabhängige Lektüre zu verschaffen.

Ihre Mutter schneiderte damals grade beim Veterinär Pickert. Dieser Pickert, der eine besondere Erzählung verdiente, war der Freund des berühmten Schriftstellers, der zufällig in der gleichen Stadt wohnte. Berühmte Männer haben meist subalterne Freunde, weil die ihr geistiges Überlegenheitsgefühl nicht in Frage stellen und ihnen am wenigsten widersprechen. Pikkert war auch mit der Elendsgasse verbunden: er hatte sich mit der minderjährigen Tochter des Straßenkehrers Budich soweit eingelassen, daß er sie heiraten mußte – nachher dichtete er sich freilich die erzwungene Mesalliance in ein absichtliches Abenteuer um. Wenn die alte Bernert nun bei Pickerts schneiderte, verfiel die Frau Veterinär bald in den Jargon der Gasse. Paula wurde, sobald sie frei war, dahin mitgenommen, um die Anfangsgründe der Schneiderei zu erlernen, mit kleinen Handreichungen auszuhelfen und zu einer Gratis-Vesper zu gelangen. Sie fühlte sich auch ganz wie zu Hause, hörte sie von den beiden Weibern den ihr geläufigen Gassentratsch. In den Regalen lockte Herrn Pickerts Bibliothek, die vorwiegend aus den abgelegten Rezensionsexemplaren des berühmten Schriftstellers bestand, und Paula nahm aufs Gratewohl bei passender Gelegenheit irgendein Buch zu heimlicher Lektüre mit nach Haus. Da tat sich ihr eine andre Welt auf; aber wo die wohl gelegen sein mochte, wurde ihr nicht klar. Ein Mensch männlichen Geschlechts warb um ein Wesen weiblichen Geschlechts, das war eine schwierige Sache; manchem freilich glückte es, er heiratete, und dann begaben sich Possen von seltsamer Pikanterie. Oder Damen führten ohne Heirat ein teils verachtetes, teils beneidetes Lasterleben, dessen jähes Ende mit Schrecken ebenso unbegreiflich blieb wie, was vorher daran so vergnüglich gewesen war.

Paula sah sich in ihrer Gasse um und fand, daß auch diese Dinge in Wirklichkeit handfester und eindeutiger geschahen. An den Bretterverschlag der Geflügelhändlerin hatten unnütze Hände gewisse primitive Inschriften und Zeichnungen angebracht. Mittags klebten im Hofe zwei Hunde aneinander, man grinste, machte seine Bemerkungen dazu, bis die alte Gallus mit einem Kübel Wasser kam. Vor dem Kaffeeschank standen Soldaten, schnalzten mit der Zunge und formten mit den Fingern eine nicht mißzuverstehende Geste nach den Mädeln, die im Fenster lagen, und abends drückte sich in den Torwegen allerlei Gepaartes, das keine andre Gelegenheit hatte, japsend aneinander. Und von den Kindern schliefen die meisten mit Eltern, Geschwistern, Kostgängern in ein und derselben Stube und konnten sehr aufgeklärt erbauliche Einzelheiten berichten. Paula war in dem Alter, es verständnisinnig zu genießen.

III

Bald nahm sie auch praktisch daran teil. In diesem Stadtbezirk war man beizeiten mit von der Partie, schloß Unansehnlichkeit gottlob nicht vom allgemeinen Vergnügen aus. Paulas Bereitschaft drückte sich unwillkürlich in einem Blick aus, den man unverschämt zu schimpfen pflegt. Der erste, der ihn verstand, war der Militärmusiker Kusche, der im ersten Stock desselben Hauses bei der Witwe Finger logierte. Ihn reizte junges Gemüse, der kleine Körperfehler in dem Teil oberhalb des Gürtels kam dagegen nicht in Betracht. Man begegnete sich auf der dunklen Treppe, sie ließ sich in den Winkel drücken und erlaubte den Händen alles mögliche. Und einmal war seine Wirtin ausgegangen, er drängte Paula in sein Zimmer – nachher mußte sie sich gestehen, daß sie keinen Spaß dran gehabt hatte. Aber vielleicht lag es an dem ungeeigneten Partner.

Eine Art Respektsperson war in der Gasse der Herr Schuhmachermeister Hanke. Er hatte dort ein geräumiges Haus billig erworben, im Parterre sein Warenlager verstaut, im ersten Stock sich und seine Familie einquartiert – der Laden befand sich am belebteren Marktplatz. Natürlich machte man sich mit dem Gassenvolk nicht gemein, ging ins Geschäft, kam aus dem Geschäft, ohne viel nach rechts und links zu sehen, schloß das Haustor auf, riegelte es ab, war in seinen eigenen vier Wänden, dem saubren Heim des Handwerkers, der es zu etwas gebracht hatte. Da gab es einen Sohn, der nur Josef heißen konnte, aufgezogen in der Zucht und Ordnung eines christkatholischen Hauses, dennoch etwas aus der Art geschlagen, unbefangen, ohne Arg. Seine Eltern hatten vorher in Mährengasse gewohnt, dem eng benachbarten Dorfe, das allmählich zum Rang einer Vorstadt aufgerückt war. Als man jetzt hierher umzog, orientierte Josef, vierzehnjährig, sich in dem neuen Milieu – die alten Hankes hatten mit der Räumerei zu tun und achteten ausnahmsweise einmal nicht so streng auf ihn. Selbstverständlich umstand ein Kreis Neugieriger den Umzug, begutachtete, bewunderte oder bespöttelte die einzelnen Möbelstücke – das war hier ebenso gut ein Ereignis wie das Gegenteil, wenn eine Familie, die den Mietzins nicht zahlen konnte, auf die Straße gesetzt wurde. Mit ländlicher Verlegenheit lehnte der stramme Junge dabei an der Mauer des Hauses. Da erspähte ihn die Bernert-Paula, erfaßte instinktiv seine dämliche Besonderheit, Hilflosigkeit, Unverbrauchtheit, schob sich neben ihn, redete ihn an. War die erste, die ihn in dieser neuen Welt menschlich begrüßte und also auf dem ungewohnten Boden heimisch machte, veranstaltete mit ihm und der übrigen Jungmannschaft der Gasse Pfänderspiele, in deren Verlauf es ihr gelang, den wirklich keuschen Josef mehrfach zu verfänglichen Küssen zu veranlassen, tat, als ob sie fiele, griff ihm hierhin und dorthin. Er, an derlei nicht gewohnt, kicherte, quiekte, zappelte vor Lust, hätte vielleicht auch etwas gewagt, da kam sein Vater, der Umzug war beendet, der Sohn wurde ins Haus gerufen und folgte sofort, ohne sich von seinen Spielgefährten zu verabschieden. Die fingen nun an, auf ihn zu schimpfen, aber zu ihrer Verwunderung nahm Paula ihn in Schutz. Ihr gefiel Josefs Unterwürfigkeit und sie versprach sich das Beste von ihr.

Haukes versuchten dafür zu sorgen, daß ihr Sohn der Gassenjugend fernblieb. Sein Stundenplan war geregelt und überwacht, Schularbeiten, Aushelfen im Geschäft, Spaziergang im Stadtpark mit der Mutter. Desto brennender reizte ihn die verbotene Welt, und natürlich fanden sich Schleichwege, zu ihr zu gelangen. Eines Nachmittags sollte er mit seinem kleinen Bruder, dem vierjährigen Gustel, zum Kinderspielplatz der Flußpromenade gehen. Darüber war er sowieso empört, weil dieser Auftrag ihm unter seiner Schülerwürde schien und mehr als peinlich dünkte. Und während seine Mutter glaubte, er sei durch das verantwortungsvolle Aufsichtsamt genügend gebunden, nahm es ihn von vornherein gegen seinen Schutzbefohlenen ein. Gustel wurde ziemlich hart angefaßt, auf einen Sandhaufen geprellt: »Hier bäckst du Kuchen und rührst dich nicht vom Flecke, bis ich dich abhole!« und fort war Josef.

Mit Paula traf er sich auf dem Wagenplatz, wo die Geschäftsleute, die über keinen geräumigen Hof oder keinen Schuppen verfügten, ihre Fahrzeuge mietweise aufstellen durften. War man geschickt, gelang es einem, unbemerkt in den Planwagen der Hübnerbrauerei zu kriechen, und war man erst einmal drinnen, so hatte alles keine Schrecken und Bedenken mehr. Josef genoß die süße Sünde, froh, ihr nicht ins Auge schaun zu müssen, und Paula war es lieb, daß er im Dunkel der Wagenhöhle nicht durch ihren Körpermakel irritiert werden konnte.

Plötzlich ist draußen Tumult, Geschrei, Durcheinander und deutlich der Ruf »Josef« vernehmbar. Paula hört es zuerst, säubert sich von Wagenstaub und Stroh, schlüpft hinaus, während Josef noch in seliger Benommenheit liegt und sich aus Rückerinnerung und Gewissensbissen ein wollüstiges Gespinst macht. Draußen erfährt sie aus dem Lamento des Gassenklatsches, daß der Hanke-Gustel in die Neiße gefallen und ertrunken sei. Sie rast den kurzen Weg zur Promenade hinüber, schon fährt der Aufseher der Badeanstalt im Kahn und sucht mit einer Stange nach dem Leichnam. Am Ufer rennt die Frau Hanke, die sonst immer so aufreizend adrett aussieht und so unnahbar tut, zerrupft und schlampig, wie ein irres Huhn, auf und ab und wendet sich in klagendem und anklagendem Gejammer an die Volksmenge, die neugierig und wenig gerührt herumlungert. Manche nehmen sogar gegen die Schuhmacherfrau Partei: »Hätte der Geizkragen sich doch ein Kindermädchen gehalten!, hätte die Gnädige sich doch selber um ihren Jüngsten gekümmert!« Und auf einmal kommt das Gerücht auf, auch der andre Sohn, Josef, wäre ertrunken, als er sein Brüderchen zu retten versuchte.

Paula muß grinsen, sie rennt zum Wagen zurück und versucht, ihrem Liebhaber in sachlicher Form das Vorgefallene beizubringen. Da brüllt er häßlich auf, schlägt ihr ins Gesicht, stürmt hinaus.

Sie kamen nie mehr wieder zusammen. Josef jagte nach Haus, war auf bitterste Vorwürfe, Schläge, Verstoßung gefaßt, wollte das Ärgste auf sich nehmen, seine Schuld zu sühnen. Man empfing ihn als verloren geglaubten Sohn, alles ging unter in dem Glück, daß dieses Kind ihnen doch noch geblieben war, er wurde selbst noch getröstet und gehätschelt, und als er das begriff, machte er seinem katholischen Gotte zum Danke ein Gelöbnis und sagte für immer der teuflischen Paula ab, dem Gassenluder, das ihn zum Mörder gemacht hätte. Später studierte er Theologie, kniete sich mit dem ganzen Fanatismus, den keinerlei Anfechtung mehr ablenkte, in sein Fach, wurde ein berühmter Kanzelredner, schließlich eine Leuchte des rechten Flügels der Zentrumspartei, ein unerbittlicher Befürworter strengster Sittengesetze. Er ahnte nicht, daß die unbeträchtliche Fleckel-Schneiderin Paula Bernert in der schlesischen Provinzstadt seine rigorosen Reichstagsreden mit hemmungslosem Triumph las und sieghaft zynisch dabei trällerte: »Frau Wirtin hat auch ’nen Kaplan . . .«

Denn auch sie hatte sich inzwischen stilgemäß weiterentwikkelt. In der Schule war sie für den jeweiligen Lehrer das räudige Schaf geblieben; ihren perversen Reiz und das verständnisinnig zwinkernde Werben sah so ein Amtstrottel nicht, und hätte er etwas davon bemerkt, wäre eine ebenso hochnotpeinliche wie plumpe, völlig ahnungslose und überflüssige Affaire mit abgestempelter Entrüstung und Protokollierung daraus geworden.

Aber mit der andern Jugend kam Paula nach und nach ganz gut aus. Zuerst natürlich mit den Knaben, denen sie sich mit allerlei kleinen Diensten unentbehrlich machte. Auch rief sie in ihnen, ohne daß sie diese Neigung sich hätten genau erklären können, eine seltsame Erregung hervor, die als prickelnd verboten empfunden wurde. Und da Paula wegen ihres Gebrechens für den rohen Blick nichts Mädchenschönes hatte, bei jeder jungenhaften Ruppigkeit ungeniert mittat, garnicht zimperlich war, vor nichts zurückschreckte, was schmuddlig machte, Kleider zerriß, Hände und Gesicht verschmierte, galt sie bald als gleichberechtigter Kumpan der Flegelrotte, und keiner der Jungens, der Paula bei Spiel und Lausbüberei nahe war, konnte je in die peinliche Lage geraten, mit dem Schmähruf »Mädelhengst! Mädelhengst!« als verweichlicht bemakelt zu werden. Freilich machte Paula sich anfangs dadurch bei den Mädchen mißliebig, aber bald wußte sie sich auch deren Wohlwollen zu erwerben. Teils mit kleinen Geschenken: aus Mutters Schneiderabfällen stibitzten Seidenresten, Samtbändern, Spitzenstückchen, bunten Fetzen; teils mit einer Art Verbindungsdienst zum Lager der Knaben hinüber. Das begann mit geschäftlichen Transaktionen, dem üblichen Schulgekäuzel, Austausch von Federbüchsen, Abziehbildern, Murmeln, Bohnen, Feuerwerkskörpern, und wurde später Vermittlung und Begünstigung jugendlicher Poussaden, Zwischenträgerei kindischer Liebesbriefe, schlimmsten Falles Schmierestehen bei äußerst harmlosen Stelldicheins, wo es höchstens zu einem täppischen und völlig genußlosen Ehrenküßchen kam.

Paula selber war damals in ihrer Erfahrung schon viel weiter, sie belächelte überlegen das alberne Getue, aber sie beherrschte damit ihre ganze Klasse, wurde von Mädchen und Jungens gebraucht, geachtet, gefürchtet und trieb längst zu ihrem Privatvergnügen dreistere und gefährliche Dinge. Freilich klugerweise nie mit Klassengefährten und Mitschülern, sondern Leuten wie Kusche und Josef Hanke.

IV

Die Geschichte mit dem Schuhmachermeistersohn spielte auch schon in der Zeit, da Paula aus der Schule entlassen wurde. Dabei war man beiderseits, die Lehrerschaft und ihr Zögling, froh, einander loszuwerden. Was Paula nun gegen die Schule eintauschte, war freilich nicht die ganze Freiheit, sondern ein Handlangertum bei dem schäbigen, langweiligen Schneiderberufe der Mutter. Nun mußte sie von früh bis abends in fremden Wohnungen sitzen und an fremder Leute Kleidung basteln. Zuerst machte ihr das wenig Vergnügen, aber allmählich merkte sie, daß es hier allerlei zu lernen und zu entdecken gab, was ihrer Schadenfreude unterirdische Kräfte verlieh und nicht ohne Nutzen schien. Diese vornehmen Herrschaften breiteten nämlich unbedenklich mit ihren Kleiderintimitäten die mehr oder minder anrüchigen Geheimnisse ihrer Privatalkoven vor so untergeordneten Geistern, wie es eine Hausschneiderin war, aus. Da Paula im Gegensatz zur ergeben vegetierenden Mutter die Gabe hatte, scharf und gehässig Schwächen wahrzunehmen und für ihren Vorteil auszuschlachten, machte sie eine reiche Ernte. Aß man mittags mit dem Gesinde in der Küche, gab es bösartiges Gehechel in Hülle und Fülle. Woanders half beim Nähen eine Dienstmagd, ein Hausfaktotum, eine arme Verwandte, die von der Herrschaft auf Gnadenration gesetzt war. Während der stichligen Arbeit wurde fleißig geplaudert, und solche Plauderei handelte allemal, zum Ausgleich für die eigene untergeordnete und mühselige Existenz, von den Unzulänglichkeiten der jeweiligen Arbeitgeber. Manchmal ließ sogar die gnädige Frau selbst sich herab, die Arbeit zu überwachen und an führender Stelle mitzutun. Dann ging es anfangs einsilbig und ungemütlich zu, und nur, wenn sie fragte, wurde geantwortet. Aber allmählich kam man mit solchem Frage- und Antwort-Spiel durch das gemeinsame Nadeln in einen gewissen Kontakt, die Entgegnungen flossen reichlicher, unbefangener, machten sich langsam selbständig. Schließlich verwischten sich alle Standesunterschiede, es handelte sich nur noch um Frauen, die beim Hausfrauentum auf Frauenart ihre Frauensachen besprachen. Die Madame, die so lange sachkundige, wesensgleiche Beichtiger entbehrt hatte, fing an auszupacken, sich Eheschmerzen und enttäuschungen von der Seele zu reden, und hatte sie erst einmal begonnen, lief die Litanei unaufhaltsam gewöhnlich so weit, bis nichts mehr zu enthüllen übrig blieb.

Für Paula war es eine unschätzbare Bestätigung und Steigerung ihrer Selbständigkeit der Welt gegenüber und, rein für sich genommen, ein Genuß, dem kaum etwas gleichkam. Deutlicher und handgreiflicher schien ihr jetzt bewiesen, was sie frühzeitig am Vergleich der Wirklichkeit mit der bei Pickerts erschlichenen Bücherwelt gemerkt hatte: der Gegensatz zwischen der Lebensfassade und dem, was hinter ihr getrieben wird. Nicht, daß Paula sich moralisch entrüstete – sie glaubte vielmehr, den Unsinn jeder Art von moralischer Entrüstung zu entdecken. Das ganze Getu nach außen hin war Schwindel. Kam man auf den Kern der Dinge, kümmerte sich, wer konnte, den Teufel um das, was für ehrsam, anständig, reputierlich ausgegeben wurde. Nicht einmal in dieser Stadt, die als eine Hochburg frommen, sittsamen Wandels galt! Paula glühte vor innerer Genugtuung, wenn sie dahinterkam, daß die Fabrikbesitzerin unter den Orgien litt, die ihr Gatte angeblich nachts in den Büroräumen veranstaltete, daß der Bankdirektor eigentlich zwei Frauen hatte, der allgemein geachtete, pedantische Rat der Seinen Ungeheuerliches zumutete, bei Apothekers jeder Teil, Herr und Frau seine eigenen sexuellen Wege ging, und sogar die Amtsrichterehe irgendeinen perversen Knacks besaß. Paula merkte sich haarscharf die Einzelheiten jeder Enthüllung, man ahnte nie, wozu es einmal gut sein konnte, jedenfalls sammelte sie sich einen eigenen Fonds skandalöser Mitwisserschaft. Das blieb ihr besondrer Besitz, denn die Mutter hörte zwar genau das gleiche, aber sie hörte es eben nur an, ohne eine Folgerung daraus zu ziehen oder eine Möglichkeit fruchtbarer Verwendung darin zu vermuten. Für die alte Frau waren es alltägliche Geschichten, man vertrieb sich die Zeit damit, die Welt war nun einmal so, so war sie immer gewesen, den reichen Leuten geht es im Grund eben auch nicht viel besser als unsereinem, jeder hat sein Päckchen zu tragen, vor allem, was ein Weib ist! Von dem Herrn mit dem starken Brillantineduft am Scheitel war sie damals auch schlimm angeschmiert worden, nun saß sie da mit dem Bankert, der noch dazu ein undankbares, böswillig verschlossenes Geschöpf war, obendrein schiech, ihr, der ehemals als bildschön verschrieenen Ernestine Bernert, zum Trotz! Die Mutter sah Paula mißbilligend an und hatte ganz vergessen, daß das Mädchen seinen Körperfehler ihrer sehr unmütterlichen Jähzornigkeit verdankte. Und es kam zum größten Konflikt mit der Alten, als Paula ihre Erfahrungen das erste Mal rücksichtslos auszubeuten suchte.

Mutter und Tochter schneiderten damals im Haushalt der Witwe Kausch, die in der ganzen Stadt als mürrischer Geizkragen bekannt war. Sie entstammte niedrigen Verhältnissen, der bettelarmen, mit unzähligen Kindern gestraften Häuslerfamilie eines Fabrikdorfes, war Dienstmagd hier in der Stadt gewesen und hatte den Pfefferküchlergesellen Kausch kennengelernt, als sie schon einen großen Teil ihres Lebens hinter sich gebracht, aber im Laufe ihrer Dienstjahre eine beträchtliche Summe gespart hatte. Mit dem Gelde der Frau machte Kausch sich bald nach der Hochzeit in einem kleinen Laden der Pilzgasse selbständig. Da beide sich nichts gönnten, emsige und karge Menschen waren, die so gut wie gar keine Ansprüche ans Leben stellten, auf keinerlei Vergnügen Wert legten, nur die Arbeit kannten, beständig Angst hatten, in das Elend zurückzuverfallen, das sie bei ihren Eltern gesehen hatten, wurden sie langsam, aber sicher wohlhabend. Nach einigen Jahren konnten sie das Geschäft vergrößern, der kleine Laden in der Pilzgasse wurde zur Filiale degradiert, an der Hauptverkehrsader, in der Breslauerstraße, zwischen Bahnhof und Ring, Pfarrkirche und Stadtcafé, prangte mit zwei großen Schaufenstern »Bruno Kausch, Pfefferkuchenfabrik«, schließlich gehörte ihnen das ganze weitläufige Haus.

Aber grade als der Mann, endlich reich und angesehen, schüchtern anfangen will, auch einmal an sich selbst zu denken und in bescheidener Weise etwas vom Leben zu haben, fällt ihn gleich der erste, harmlose Versuch eines Privatvergnügens. Schon immer hatte ihn das nahe Gebirge gelockt, denn er stammte aus einer hoffnungslos ebenen Gegend, war noch nie auf einem Berge gewesen. Endlich kam es so weit, daß er sich einen Ruck gab, sich zu einer viertägigen Hochtour Zeit nahm. Am zweiten Tage sollte der Altvater bestiegen werden, kein erschreckend steiler Gipfel, 1490 m, aber die Sonne brannte, Papa Kausch war schon lange unterwegs, glühte am ganzen Leibe, hatte einen unbändigen Durst. Bei einer der vielen, unablässig rieselnden Gebirgsquellen legte er sich auf die Erde und schlürfte gierig das eiskalte Wasser. Gleich danach hatte er wahrhaftig an eine lehrhafte Geschichte aus seiner Schulfibel denken müssen, die warnend von einem Knaben erzählte, der mit ähnlich unverständiger Gier sich den Tod holte. Auf den Altvater war Kausch nicht mehr gekommen, fiebernd machte er auf halber Höhe kehrt, fuhr vorzeitig nach Haus, legte sich ins Bett und starb zwei Tage später.

Seine Witwe wurde nun bis zur Wunderlichkeit sparsam, besser gesagt: knausrig. Die Art, wie ihr Mann ums Leben gekommen war, bewies ihr, daß für Menschen ihres Schlages jeder Versuch, die ihnen angemessene Kargheit zu unterbrechen, eine Überheblichkeit war, die vom Schicksal tödlich geahndet wurde. Bald galt es für eine Strafe des Himmels, bei der Haus- und Fabrikbesitzerin Kausch angestellt zu sein oder in irgendeiner Form mit ihr geschäftlich zu tun zu haben. Kein Dienstmädchen hielt es länger als einen Monat aus, schließlich mochte niemand zu Frau Kausch in Stellung gehen. Nun erledigte die Gnädige selber die peinlichen und schmutzigen Dienstleistungen, schlampte in abgewetztem, beflecktem Habit herum, lag im Hofe auf allen Vieren und besserte, den Klempner zu sparen, eigenhändig den Gulli aus. Lebte in ständigem Kleinkrieg mit den Mietern, weil immerzu der Zins gesteigerter und nichts im Hause erneuert wurde, ehe nicht der Fall unhaltbar war und die Baupolizei ein Machtwort sprach. Und sie genierte sich nicht, bei Tageslicht mitten auf dem Wege eine weggeworfene Zigarettenschachtel oder ein Stück Packpapier aufzuheben, war doch alles irgendwie zu verwerten und durfte nicht umkommen.

Ihre Tochter Elfriede aber schämte sich der Mutter und wurde in allem ihr entschiedner Widerpart.

V

Sie besuchte die Höhere-Töchter-Schule und war ungefähr im gleichen Alter wie Paula. Anfangs nahm sie von den Bernerts keinerlei Notiz, wenn sie zufällig einmal durchs Zimmer mußte, wo ihre Mutter aufpaßte, daß ja kein Stoffrest verlorenging, und aus einem so und so oft reparierten Kleide immer noch etwas halbwegs Verwendbares zurechtgestoppelt wurde. Wie ekelhaft Mama diesem schäbigen Schneiderweib glich! Richtig hexenhaft hockten die beiden in dem Unrat von Lappen und Fetzen; welche Schande, von so etwas abzustammen! Wenn sie an ihre Mitschülerinnen: die Bielauer Baronesse, die Tochter vom Kommerzienrat Hahn oder die Landrat-Lotte dachte, kamen ihr Tränen ohnmächtiger Wut. Krachend schlug sie die Tür hinter sich zu.

Da kramte die Witwe Kausch seufzend vor der Bernert-Alten ihre mütterlichen Bekümmernisse aus. Ganz aus der Art geschlagen sei das Mädel, die Elfriede, hochmütig, verschwenderisch, vergnügungssüchtig. Woher sie das bloß hätte, sie, die Kausch, und ihr Bruno, Gott hab’ ihn selig!, wären doch gewiß anders gewesen, von ihnen hätte sie derlei nicht lernen können! »Für nichts Ernstes hat Ihnen das Mädel Interesse, jede Arbeit ist ihr zu schwierig oder zu niedrig, nur an Putz und Bequemlichkeit denkt der Fratz, jeder Sechser muß vernascht werden, vom Sparen hält sie nichts und mit ihrer Garderobe geht sie um, als ob sie nichts koste, und immerzu möchte sie etwas andres, ein paar neue Schuhe, einen neuen Hut oder Mantel. Als ob sie nicht an mir das beste Beispiel hat, wie lange trage ich schon die Winterpelerine, und sie sieht noch immer leidlich aus, und was kann man nicht noch alles aus einem alten Stück machen! Aber nein, die Elfriede muß immer gleich alles wegschmeißen, es bleibt ein Kreuz, wie das einmal enden soll! Wenn ich die Augen zudrücke und niemand mehr da ist, der aufpaßt, wird sie bei ihrer Verschwendungssucht bald alles durchgebracht haben«, lamentiert Frau Kausch in einer ehrlichen Besorgnis, die Paula äußerst lächerlich erschien. Noch größren Spaß machte ihr das Lob, das die alte Kausch ihr selbst dann spendet: »Ja, ja, liebe Frau Bernert, ich bin recht mit meinem Kinde gestraft! Da stehen Sie anders da! Ich kann garnicht sagen, wie sehr ich Sie beneide. Ihre Paula ist jetzt schon eine zuverlässige Hilfskraft für Sie, ein so fleißiges Mädel, auf die können Sie sich verlassen, und Sie wissen, daß Sie im Alter mal eine Stütze haben werden.«

Die alte Bernert stimmte in das Lob ihrer Tochter ein, tat rührselig überzeugt und strich ihr übers Haar. Dabei war zuhause immer Zwist, Paula versuchte, wo sie nur konnte, dem Zwang zur Arbeit zu entwischen, kratzte oft aus und ließ sich den ganzen Tag über nicht blicken. Jetzt machte sie zu dem Gerede der beiden Mütter ein scheinheiliges Gesicht. Innerlich war sie mit sich im reinen. Frau Kausch hätte nicht mehr nötig gehabt, unbesonnenerweise nachsichtig auf Paulas Gebresten anzuspielen. »Da sieht man eben, daß Schönheit auch nicht das vollkommene Glück bedeutet, denn ein schmuckes Mädel ist die Elfriede ja, aber das schadet in diesem Fall eher, als daß es nützt: desto mehr Nachstellungen wird sie ausgesetzt sein. Gottlob ist sie in dieser Beziehung noch das reine Kind, und sobald sie in das Alter kommt, wird es hoffentlich möglich sein, sie mit einem anständigen jungen Mann zu verheiraten. Freilich hat der dann auch seine Schwierigkeiten; bei unsereinem weiß man nie, ob nicht nur die Mitgift gemeint ist. Danken Sie Gott, Frau Bernert, daß Ihnen solche Sorgen wenigstens erspart bleiben!« Da hatte die Witwe Kausch sich jede menschliche Rücksicht Paulas verscherzt. Paulas Mutter aber war imstande, sich wirklich bei Gott zu bedanken.

Als Elfriede Kausch das nächste Mal im Korridor hochnäsig an Paula vorbeistreichen wollte, sagte Paula untergeben: »Guten Tag, gnädiges Fräulein!« Und fügte, ehe Elfriede sich von der Überraschung erholen konnte, mit einem Verschwörerflüstern, das neugierig machte, hinzu: »Ihre Mama tut Ihnen Unrecht.« Das »Sie« der Gleichaltrigen und das »Gnädige Fräulein« wirkten überwältigend. Und daß Paula gleich hinterher im Zimmer verschwunden war und, als Elfriede eintrat, wie immer bei der Schneiderarbeit mit den beiden Frauen saß und mit keinem verstohlenen Blick zu Elfriede auf das Vorgefallene Bezug nahm. Nach einigen Tagen, in denen Paula unzugänglich blieb, war Elfriedes Widerstandskraft gebrochen. Dem Schneidermädel wurde ein Papierknäuel zugeschoben, das den Termin und den Ort zu einer geheimen Aussprache angab.

Diese entscheidende Zusammenkunft der beiden Mädchen fand auf dem Dachboden statt; über den ganzen Raum waren Leinen gespannt, auf denen die Wäscheklammern wie Sperlinge auf Telegraphendrähten saßen und unter denen man geduckt durchkriechen mußte, in der Ecke standen ein paar leere Wäschekörbe, die wurden umgestülpt und auf ihnen saß man. Elfriede hatte anfangs ungefähr die reservierte Haltung, die der Audienz erteilenden Königin in den Klassikerdramen einer Schülervorstellung wohl ansteht. Trotzdem war Paula gleich die Überlegnere. Obwohl sie die Rolle der unterdrückten und schmählich vernachlässigten Waise spielte, die ihre ergebenen Dienste anbot, bestimmte und lenkte sie sofort Form und Ton des Verhältnisses zu einander. Mit berechnetem Zögern, wobei der nächste Satz den vorhergegangenen schon wieder halb zurücknahm, abschwächte und verleugnete, deutete Paula der höheren Tochter an, daß etwas mit ihrer Abstammung nicht stimme. Aber wie sich die Sache rundheraus verhalte, das war nicht herauszulocken. Sie dürfte nicht so reden, wie sie wollte, aber sie hätte es nicht übers Herz gebracht, Fräulein Elfriede (das »Fräulein« machte sich immer gut und wurde auch von einem erregten Herzen registriert) ohne Warnung zu lassen. Dies Geplänkel zog sich geraume Zeit hin. Immer mehr bekam Paula das Honoratiorenkind in die Verfassung, in der sie es haben wollte. Längst war angedeutet und allerdings nachher fast widerrufen worden, daß Herr Kausch nicht Elfriedes wirklicher Vater gewesen und daß es unverantwortlich von Frau Kausch wäre, ihre Tochter nicht endlich aufzuklären. Über den Rang des wirklichen Vaters hatte Paula nichts gesagt, aber es stand für Elfriede fest, daß er dem ihres angeblichen Papas weit überlegen sein müsse. Mit dem Hochmut einer Jugend, die sich eben erst in höhere Bildungsbezirke vortastet, kreidete sie dem alten Kausch seine Sprachverstöße als Verbrechen an: Vanille hatte er »Fahnille« ausgesprochen und hartnäckig fanatisch und phantastisch verwechselt! Als die Unterredung beendet war, war nichts Genaues ausgesagt und doch der Stachel in Elfriedes Empfinden getrieben. Paula hatte gesiegt, die andre kam von ihr nicht mehr los. Es folgten weitere heimliche Zusammenkünfte, die das unnatürliche Band noch fester knüpften. Vom ursprünglichen Thema, Elfriedes wirklichem Vater, war kaum noch die Rede. In dieser Beziehung blieb für Elfriede alles im Vagen, Rätselhaften und behielt desto dauerhafter einen verführerischen Reiz. Den vornehmen Mitschülerinnen machte Elfriede affektierte, dunkle Andeutungen, die nicht verstanden wurden. Die Bielauer Baronesse, die Tochter vom Kommerzienrat Hahn und die Landrat-Lotte kamen überein, sie nicht mehr ernst zu nehmen und sich von der fragwürdig Gewordenen in vorsichtiger Distanz zu halten. Plötzlich sah Elfriede sich aus dem kleinen Kreis der Bevorzugten ausgeschlossen, begegnete sie bei der Masse ihrer Mitschülerinnen grenzenloser Schadenfreude, denn die knapp gehaltenen Töchter von mittleren Beamten hatten von vornherein den begünstigteren Sprößling einer für ihre Begriffe schmierigen Parvenüfamilie der verachteten Tütenkrämerart gehaßt.

Wider ihren Willen wurde jetzt Elfriede in die radikale Opposition gedrängt und dem Gassenbalg Paula auf Gedeih oder Verderb verbunden. Immer noch trafen die zwei Mädchen sich heimlich, niemand wußte von dieser Freundschaft, nichts ahnten die beiden Mütter.

VI

Inzwischen hatte Paula in Erfahrung gebracht, daß Frau Kausch damals nicht geflunkert hatte: Elfriede war, was erotische Erlebnisse oder auch nur Kenntnisse anlangte, tatsächlich das reine Schaf. Diese höheren Töchter pflegten natürlich von allerlei Dingen zu munkeln, die eine oder andre wollte das und jenes gehört haben, manche hatte einen älteren Bruder, einen Vetter, etwas Bestimmtes war jedenfalls nicht passiert, oder wer wirklich mehr wußte, der verschwieg wohlweislich seine fortgeschrittnere Erfahrung. Kurzum, Elfriede Kausch hatte keinen blassen Dunst, war aber nervös begierig, in das Geheimnis eingeweiht zu werden, und naiv lüstern wie eine Gefangene, die sich mit ausschweifenden Vorstellungen überhitzte. Ihre Phantasie wurde von Paula weiter aufgepeitscht und der Pfefferküchlerstochter das Geständnis entlockt, wie sehr sie für René Casati, den Charakterdarsteller des Stadttheaters, schwärme.

Paula versprach, die persönliche Bekanntschaft zu vermitteln. Zu diesem Zwecke kam sie noch einmal auf den Militärmusiker Kusche zurück. In der Theaterspielzeit, von Oktober bis Ostern, stellte die Infanteriekapelle allabendlich das Bühnenorchester. Ein paar geschickt vorgebrachte Drohungen machten den Musiker nicht nur gefügig, sondern überaus diensteifrig und gradezu erfinderisch. Zuerst einmal erfuhr Paula durch ihn, was an Klatschereien und Garderobengerüchten über René Casati im Umlauf war, und da blieb, zog sie auch die nötige Übertreibungsquote ab, noch genug, ihre Schadenfreude in Schwung zu setzen.

René Casati, den Elfriede sich als gefährlichen Don Juan, Frauenverbraucher, Liebeskünstler vorstellte, vor dessen rücksichtslosem Draufgängertum sie teils begehrlich, teils ängstlich erschauerte, war – wenn die Beobachtung seines Kollegen stimmte – ein phlegmatischer, abgenutzter, impotenter Lebenspensionär, der überhaupt für nichts Erotisches mehr, sondern nur noch für Sauf- und Freß-Orgien Interesse hatte. Paula frohlockte: besser hätte sie es garnicht treffen können. Die geizige Alte und der eitle Backfisch würden dort verwundet, wo es ihnen am schmerzlichsten wehtat.

Eines Mittags, nach der Probe einer Posse mit Gesang und Tanz, sprach Kusche den Mimen an. »Ich wollte dem großen Künstler schon immer mal danken, für den Genuß, den ich von ihm habe, wenn ich auch bloß unten im Orchester sitze, wo ich nicht viel mehr als die Köpfe sehn kann. Und weil ich nun endlich den Mut dazu finde, möchte ich auch gleich wagen, ein privates Anliegen vorzubringen, das freilich nicht so sehr mich selbst betrifft. Eigentlich schäme ich mich ja, es zu sagen, weiß ich doch, wie Künstler von Herrn Casatis Beliebtheit unter der gutgemeinten Zudringlichkeit ihrer Verehrer und Verehrerinnen zu leiden haben.« Als der Schauspieler geschmeichelt beteuerte, wie sehr, »im Gegenteil«, solches Interesse ihm wohltue, und den Musiker, indem er eine leutselige Exzellenz oder einen jovialen Monarchen spielte, ohne Scheu sprechen hieß, wußte Kusche ihm den Mund ordentlich wäßrig zu machen. Es existiere in dieser Stadt, die leider so klein sei, daß der Nachbar wisse, was man tue, und Vorsicht geboten bliebe, eine junge Dame aus den besten Kreisen, wo man auf die Pflege alter Eß- und Trink-Kultur noch Wert lege. Diese junge Dame, eifrige Theaterbesucherin (Elfriede hatte nur »Preziosa«, »Maria Stuart« und das Weihnachtsmärchen »König Drosselbart« sehen dürfen) möchte ihn gerne persönlich kennenlemen. Das hätte jedoch seine Schwierigkeiten, denn das Fräulein, Erbin eines kürzlich verstorbenen Großindustriellen, würde von einer habgierigen Tante bewacht. Doch gäbe es einen Umweg über eine treu ergebene Kammerzofe, die des Musikers entfernte Verwandte und, der Herr Casati sollte nicht erschrecken, ein etwas verbautes, windschiefes Möbel wäre. Unwillkürlich hatte mit alldem der Hoboist das Komödiantische in René Casati gereizt. Der sah sich in tolle Intrigen verwickelt, Held eines zeitgemäßen Abenteuerstückes, darin er die goldene Jungfrau von ihrem tantenhaften Drachen befreite und schließlich als Sieger an der reichbeladenen Tafel saß, deren Leckerbissen er jetzt schon greifbar vor sich zu haben träumte.

Es begann ein geheimer Briefwechsel, der über Kusche und Paula zu der Pfefferküchlerstochter und wieder zurück ging. Elfriede las aus der Schwärmerei, die dem erhofften Wein und Braten galt, inbrünstiges Verlangen nach ihrer Person, und nahm alle Flüche gegen den Cerberus, der sie so grausam bewache und um ihr Jugendglück bringe, für Mißbilligung des Verhaltens ihrer Mutter. Kurz: man mißverstand sich aufs beste. Und Paula vergnügte sich lange damit, als Drahtzieherin das briefliche Theater des kasperlehaften Hinüber und Herüber funktionieren zu lassen. Endlich mußte einmal etwas Handgreifliches geschehen. Paula litt es nicht mehr in ihrer anonymen Rolle der unsichtbaren Lenkerin der Geschehnisse. Sie wollte richtig mitwirken.

Die Inszenierung dieser Komödie entsprach völlig sowohl ihrer eignen Lust an koboldhaftem Mummenschanz, als auch dem kitschigen Bedürfnis des Mimen nach romantischer Situationspointe. Herrn Casati wurde mitgeteilt, des Fräuleins Vertraute, die in einem besonders heiklen Verwandtschaftsverhältnis zu der jungen Dame stehe und deren Name nicht genannt werden könne, hätte dem Schauspieler eine geheime Botschaft zu überbringen. Von dieser Zusammenkunft hänge zuguterletzt alles ab. Casati bestach den Theaterkastellan. Es war ein sonniger Frühlingsnachmittag, als die stark vermummte Paula durch den Bühneneingang ins Theater gelassen wurde. Der jähe Übergang von der deutlichen Klarheit des frühlingshaften Draußen in die panoptikumhafte Muffigkeit des verstaubten, ungelüfteten Theaterdunkels war ein aparter Genuß für ihre Nerven. Es ging eine enge Wendeltreppe empor, dann schlug eine Eisentür hinter ihr zu, sie befand sich auf der Bühne, die jetzt sonderbar genug aussah, unbeleuchtet, unaufgeräumt, durch den eisernen Vorhang vom Zuschauerraum abgesperrt. Zwischen den Resten von Kulissen, die einen Königspalast darstellen sollten, saß auf der Bank von Stein aus »Wilhelm Teil« René Casati. Als nun die vermummte Paula auf ihn zukam, zögernd, sich wie blind vorwärts tastend, weil sie sich ja in dieser Umgebung nicht auskannte, war er von dem ersten Eindruck vollkommen befriedigt. Die Vermummung unterstrich und vergröberte ihren Körperfehler noch. In der staubigen Dämmerung hatte die Mißgestalt, die da schlotternd einherwankte, etwas Gespenstisches. Casati mußte gleich an die Hexen in »Macbeth« denken, »Großartige Maske!« anerkannte er, wider seinen Willen, laut und setzte sich sofort selbst der theatralischen Situation entsprechend in Positur. Man erkannte sich im Grunde als seinesgleichen und respektierte gegenseitig seine Lüge. Kurz: man verstand sich gut und beschloß, auf Kosten jener blöden Bürgerpute sich noch besser zu verstehen. Und obwohl beide ihre Rollen bis zuletzt durchhielten, fand ihre Verhandlung, die nur noch um die möglichst ertragreiche Ausschlachtung ihres Opfers ging, bald in einem Rotwelsch statt, das sich von selbst ergeben und den Kulissenjargon mit der Gaunersprache des Gassenmädels zwanglos geeint hatte. In der Folgezeit wurde Elfriede angestiftet, ihre Mutter bei jeder Gelegenheit zu bestehlen und von dem erbeuteten Gelde Geschenke zu kaufen, die dem Schauspieler ihre Zuneigung sinnfällig beweisen sollten. Obwohl für Paula die nötigen Provisionen dabei abfielen, war auch dies auf die Dauer langweilig.

Die Geschichte drängte zum Knalleffekt. Die Hauptpersonen des nicht sehr sauberen Handels mußten endlich zusammengebracht werden. Der Witwe Kausch wurde durch den Hoboisten Kusche ein günstiger Gelegenheitskauf angetragen. Drüben im Österreichischen, in Sandhübel, sei spottbillig eine Garnitur zu haben, die Besitzer ahnten von dem wirklichen Wert nichts, aber man müsse sich bald schlüssig werden, ehe die Händler etwas erführen. Also reiste Frau Kausch am 23. März nach Sandhübel. Kaffee, Tee, Brot, Butter, Wurst wurden vorher für Vesper und Abendmahlzeit genau eingeteilt, mit dem letzten Zuge würde sie wieder zurückkommen, aber Elfriede brauche sie nicht abzuholen, nicht ratsam sei es, die Wohnung nach Einbruch der Dunkelheit allein zu lassen, auch öffnen sollte die Tochter keinesfalls, wenn es klingle, denn man könne nie wissen!

Sobald die Mutter aus dem Haus war, kaufte Elfriede Blumen, Kuchen, Likör ein. Dann kam. Paula, man erbrach Kästen und Schübe, nahm, was an Geld sich fand, und Paula besorgte das Teuerste und Beste für ein Liebesmahl, das verwöhnten Ansprüchen genugtun konnte. Die ganze Wohnung wurde umgekrempelt, am lichten Tage jedes Fenster dicht verhängt, mit vielen Kerzen eine verschwenderische Festillumination geschaffen. Aus dem Theaterfundus hatte Paula für sich ein Kammerzofenkostüm besorgt, für Elfriede eine historische Staatsrobe mit weitgehendem Dekolleté, auch Schminke und Puder, womit sie die Bürgertochter zu einer billigen Karikatur ordinären Dirnentums verunstaltete. Dem Schauspieler hatte sie eingeredet, Elfriede erwarte sich von ihm bei dieser ersten Zusammenkunft einen besonderen Aufwand an theatralischer Pracht. Nun harrte sie in schadenfroher Spannung des Ergebnisses und war, wenn auch aus anderen Gründen, genau so aufgeregt wie Elfriede.

VII

Pünktlich um vier Uhr nachmittag ging die Korridorklingel. Paula öffnete und hatte Mühe, nicht laut heraus zu prusten. Gleichfalls geschminkt, unnatürlich jugendlich sich gebahrend, trat René Casati ein, suchte mit getragenem Würdeton sofort Distanz zu schaffen und war nicht zu bewegen, seinen Mantel auszuziehen. Aber Paula war ja gewitzt genug, sich gleich anzupassen, mit einem Knicks ließ sie ihn in den sogenannten Salon und konnte grade noch hören, daß er geschwollen knödelte: »Ich versprach auch einmal spanisch zu kommen . . .« Damit ließ er den Mantel fallen und paradierte in einer Phantasie-Uniform, die ein Mittelding war zwischen dem Habit Münchner Hatschiere und dem, was kindliche Gemüter sich unter Gala vorstellten. Und nach einigem belanglosen Hin und Her der üblichen Redensarten hatte er sich wuchtig im Ehrenplatze auf dem Sofa verstaut, und das große Essen und Trinken begann.

Paula trug auf, und Herr Casati genoß, was es zu genießen gab, Speisen und Getränke, wie das Geschick sie bot, Saures und Süßes, Magres und Fettes, Fleischiges und Gebratenes, Trockenes und Feuchtes, und Elfriede saß steif dabei, brachte vor Erregung keinen Bissen hinunter, nahm nur grade aus Höflichkeit von jeder gereichten Speise ein Häppchen, saß und wartete in furchtsamer Begier auf den mit Schrecken ersehnten Augenblick, da der Gewaltige sie ergreifen würde. Die Spannung erhitzte ihre Kehle, so tat sie ihm bei jedem Zutrunk mit gewaltigem Zuge Bescheid.

Der Schauspieler thronte nun schon sanft angeglüht, es ging ihm gut, und er war in der schönsten Stimmung. Zwischen dem Knappern an einer Gänsekeule, dem Weinschlucken und Schmatzen, erzählte er dröhnend Anekdoten aus seinem Leben. Da er lange nicht mehr aus seiner Scheinwelt herausgekommen war und den dort üblichen Ton für überall verwendbar hielt, auch nicht zu unterscheiden vermochte, wohin etwas paßte oder nicht, gefiel er sich in Eindeutigkeiten der ungeniertesten Form. Wie es bei Männern seines Alters und Schlages vorkommen kann, war dies Schwelgen in Unanständigkeiten und Zoten für ihn eine Art erotischer Befriedigung, die einzige, die ihm noch geblieben war, und angeregt von den reichlichen Spenden eß- und trinkbarer Stoffe, fröhnte er dieser Leidenschaft immer hemmungsloser. Elfriede fiebert in prickelnder Bängnis, Paula ist in ihrem Element, bringt dem Schauspieler aus dem Obszönitätenschatze der Gassenreden die nötigen Stichworte, hält seiner impotenten, glibbrigen Geilheit begeistert den Reifen, kostet triumphierend das vermeintliche Erlebnis aus, in die solide Hut der Bürgerstuben die Laszivität schrankenloser Vogelfreiheit zu schleudern. Das Ganze hatte etwas unglaubwürdig Phantastisches, anrüchig Schaubudenhaftes. Paula und der Schauspieler waren wie von Sinnen; ohne jeden Grund, aus purer Verzückung über sich selbst, schrieen sie sich gegenseitig ihre Schmutzereien zu. Mit glasigen, faszinierten Augen blickte der Backfisch sie an und alle drei Gesichter kochten in flammendem Rot, Paulas Wangen im Feuer ihrer zerstörerischen Lust, die der Bürgerstochter von unbefriedigter Begierde und die des Mimen von allen Feuern der Völlerei. Endlich ist Casati soweit, daß er seine Worte auch durch die entsprechende Geste ergänzen zu müssen glaubt. Patsch, knallt seine Pratze auf Elfriedes Dekolleté; ergeben, gern gemißbraucht, reckt das Mädchen die ganze Auslage seinem ungeschickten Zugriff entgegen. Plötzlich geht die Glut in Herrn Casatis Antlitz erschrekkend ins Blaurote über, er würgt und seufzt, schließlich gibt es einen Ton, als ob ein Mäuslein pfiffe. »Der alte Versager macht ja mit einem Male so krampfhaft kindische Kasperlezuckungen . . . das ist ja wohl übertrieben!« denkt Paula, und hat noch nicht ausgedacht, da sackt der Schauspieler haltlos zusammen und hängt wie eine Stoffpuppe in der Sofa-Ecke. Elfriede hat nichts gemerkt, Casatis Betastungen haben ihre Erregtheit gesteigert, nun fühlt sie sich beleidigend abgelehnt, fängt hysterisch an zu schluchzen und fällt Paula um den Hals. Paula weiß, daß Casati über Bord ist, und dieses Wissen macht sie fest und stark. Einen Augenblick lang hat sie das Gefühl, daß ihr krummer Rücken durch das Todesopfer grade wird. Es hebt sie das Bewußtsein, der unschuldige Grund solcher irreparablen Betriebsstörungen zu sein: erst das Schuhmacherkind, nun der längst fällige Komödiant, auf die Höhe der Situation. Sofort erwidert sie Elfriedes Zärtlichkeit und steigert sie zu tollen Zungenküssen, gleitet mit ihren Liebkosungen an Hals und Schulter zu den Brüsten, gibt dem aufgewühlten Mädchen, was Casati ihr schuldig blieb und hat mit erstaunlicher Fertigkeit auf eine nie vorher geübte Art die Jungfrau Elfriede Kausch schließlich mit den Freuden der Liebe bekannt und restlos glücklich gemacht.

Als Elfriede aus diesen Freuden wieder zu sich kam, bezeugte sie der schiechen Paula eine rührende, ganz sanfte Ergebenheit. Und einen Augenblick lang war Paula dieser Innigkeit ohne Berechnung ebenso verfallen, streichelte Elfriedes Haar und glaubte, die Welt erlaube so selbstverlorene Schwärmereien. Einen kurzen Augenblick nur – dann sah sie auf Casatis eklig glotzende Totenfratze, sie wußte wieder Bescheid und vollendete kaltblütig ihrem Selbsterhaltungstrieb gehorsam das widrige Werk der Vernichtung. Elfriede hatte anscheinend vergessen, daß der Schauspieler mit von der Partie gewesen war; es galt, ihr den peinlichen Anblick zu ersparen, und Paula hielt Elfriedes Kopf an ihrer Brust und animierte sie zum Trinken. Elfriede wollte nun ihrerseits imponieren und zeigte, wie Studenten ex trinken – sie hatte es von ihrem Tanzstundenpartner gehört; Paula dachte: »Krepier’ dran!« und schien fleißig mitzutun. In Wirklichkeit wußte sie ihr Glas jedesmal heimlich fortzugießen, während Elfriede, wie es im Studentenjargon heißt, »bierehrlich soff«. Da sie fast nichts gegessen hatte, war die Wirkung bald fürchterlich. Sie fing unbeherrscht zu schimpfen an, und zwar auf die Mutter, die Elfriedes ganzes Leben knickrig beeinträchtige. Paula stimmte hetzerisch zu und fachte die Entrüstung weiter an. »Mama tut, als ob man ohne den ganzen Krempel hier nicht existieren könnte! Weil sie sich einmal diese Häuslichkeit hier geschaffen hat, soll ich gezwungen sein, sie fortzuführen. Sie denkt sich, daß ich mal einen dieser faden Koofmichs heiraten und hier so wie sie versauern werde. Ich denke nicht dran!« »Bravo!« »Am liebsten möchte ich alles kurz und klein schlagen!« »Warum tust du’s nicht?« Und Paula nahm, um ihr Mut zu machen, eine leere Flasche und warf sie gegen die Wand.

Damit begann eine Orgie der Zerstörungswut. Schüsseln, Teller, Gläser flogen an die Tapete. Speisereste, Brothappen, Knochen wurden verstreut. Zwischendurch trank man gerührt. Elfriede fegte mit wildem Schrei die Nippesfiguren von der Kommode, durchstieß Vaters lebensgroßes Porträt, zerbrach die Staffelei, auf der es gestanden hatte, riß sich selbst die Kleider vom Leib, tanzte auf dem Trümmerfeld von Scherben, Möbelstücken, Tuchfetzen, und fiel plötzlich um, ähnlich dem Schauspieler, doch mit dem Unterschied, daß sie noch völlig lebendig war und sich auf den Ruinen ihres Heimkarthagos scheußlich übergab.

Kurz nachher wurde draußen die Korridortür aufgeschlossen, fuhr Mutter Kausch geschäftig im Gang herum. Paula wartete gespannt auf den Schlußeffekt der Komödie; bis Frau Kausch endlich ins Zimmer trat, schien eine Ewigkeit zu vergehen. Und dann war die Szene garnicht einmal so wirkungsvoll, wie man sie sich erhofft hatte.

Frau Kausch begann weder zu schreien, noch fiel sie in Ohnmacht bei dem unerwarteten Anblick, der sich ihr da bot: die gute Stube verwüstet, die teuren Möbel versaut und beschädigt, Zeichen eines kostspieligen Gelages, die Tochter und ein fremder Mann in verdächtiger Kostümierung sinnlos betrunken, dieser Balg der Aushilfsschneiderin in der zweideutigen Rolle einer Komplizin!

Die Witwe brachte erst einmal ihren Gelegenheitskauf in Sicherheit, dann nahm sie einen Stuhl und setzte sich. »Hier ist etwas Unerwartetes über die Geizige verhängt worden, etwas so Ungeheuerliches, daß ihre gewöhnliche Unerschütterlichkeit glatt kapitulieren muß«, dachte Paula. Aber Frau Kausch war gestählt und überlegte in Ruhe, wie sie das angerichtete Unheil mit dem geringsten Kostenaufwand liquidieren könnte. Der unangenehme, halb parfümschwüle, halb säuerliche Geruch, der in dem Zimmer herrschte, hatte sie zuerst gestört, nun machte er sie aus Widerwillen wach und zum äußersten entschlossen. Mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre Paula hier die lang angestellte Magd, rief sie ihr zu: »Aufräumen! Dalli, dalli!« Und die Schneiderintochter, die alles andre eher erwartet hatte als diese Art, auf eine so katastrophale Überraschung zu reagieren, gehorchte erschrocken. Schweigend krochen Frau Kausch und Paula auf dem Teppich herum und sammelten zwei Körbe voll. In den einen kam, was unweigerlich verloren war, in den andern, was man mit einiger Nachsicht noch gebrauchen könnte, und vor dem Trödlerblick der Frau Kausch fand vieles als verwendbar großzügig Gnade.

Als einigermaßen Ordnung geschaffen war, kam Elfriede an die Reihe. Ein paar knallende Ohrfeigen, von der Mutter verabreicht, fruchteten wenig; kaum daß der sinnlos betrunkene Fratz die vage Anstrengung machte, sich zu bewegen, und etwas Unverständliches lallte. Auch hier mußte schließlich Paula mit anfassen. Unsanft wurde Elfriede ins Badezimmer hinübergeschleift und in die leere Wanne gelegt, denn Frau Kausch wollte auf jeden Fall das Bett vor unliebsamer Verunreinigung bewahrt wissen.

Schließlich galt es den gefährlichsten Fall zu beheben: die Sache mit dem wüsten Mannsbild, Eindringling und Friedensstörer, Mädchenverführer und Mitgiftjäger aus der Welt zu schaffen. Frau Kausch machte eine geringschätzige Handbewegung auf den Sessel hin, in dem der Mime lag, und fragte: »Und was ist mit dem Schweinkerl?« Paula war über diese ordinäre Sprache glücklich, als hätte sie das reiche Weib nun dort, wo sie es haben wollte, und antwortete im ruhigen Ton einer beiläufigen Auskunft: »Der ist tot. Schlaganfall.« Auch darauf reagierte Frau Kausch ganz anders, als es Paula erwartet hatte. Mit befriedigtem Nicken sagt sie: »Geschieht ihm recht!« Denn sie nahm es sofort als gerechte Strafe des Himmels für den ihr angetanenen Frevel; einen wieviel kleineren Verstoß gegen die gottgewollte Selbstbescheidung hatte ihr seliger Bruno mit dem Tode büßen müssen! Ihr zweiter Gedanke war: »Den Hauptschädling bin ich los. Er kann aus dem, was geschehen sein mag, keine Ansprüche mehr herleiten. Ich werde Elfriede jetzt möglichst rasch nach meinem Willen verheiraten. Dieser erste Schrecken wird ihr die Lust zu allen weiteren Abenteuern verleidet haben. Sie wird hübsch gefügig sein, froh, daß es noch einmal so glimpflich ablief. Auch mich hätte es noch mehr kosten können!« Und durstig von der Anstrengung des Aufräumens, nahm sie das halbvolle Glas René Casatis – und trank es leer, wobei sie genau so schmatzte, wie er es vorhin getan hatte. Zu ihrer Genugtuung erfuhr sie, daß es sich um einen Schauspieler handelte. Wenigstens kein Ortseingesessener! Der Skandal würde sich vermeiden lassen. Sie schärfte Paula ein, was sie auszusagen hätte, und schickte sie zu ihrem alten Hausarzt. In der Zwischenzeit richtete sie alles vollends manierlich her. Es sah nun so aus, als hätte das Unglück sich während eines kleinen offiziellen Soupers zugetragen.

VIII

Am andern Tage stand im Stadtblatt die Notiz: »Das beliebte Mitglied unsres Musentempels, Herr René Casati, wurde uns gestern durch einen jähen Todesfall entrissen. Er war in einer unsrer gediegenen Großkaufmannsfamilien, deren Mäzenatentum ja allgemein bekannt ist, zu Gast. Mitten in der vornehmen, aber bescheidenen Festlichkeit erlitt er einen Ohnmachtsanfall und der sofort herbeigeholte Herr Sanitätsrat Dr. Preussner konnte nur noch den Tod feststellen, als dessen Ursache er Herzschlag angab. Wie oft mag der wackre Künstler René Casati, der auf eine mehr als dreißigjährige Bühnenlaufbahn zurückblicken konnte, in Schillers »Wilhelm Teil« auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wohl jene erschütternden Verse angehört oder gar mitgesprochen haben: »Rasch tritt der Tod den Menschen an . . .«, ohne zu ahnen, daß sie einmal an ihm selbst so eklatant sich verwirklichen würden!«

Frau Kausch kam zu dem unverhofften Triumph, von den andern Bürgerfamilien um das sensationelle Ereignis beneidet zu werden. Das Begräbnis des Schauspielers bildete für die ganze Stadt eine außergewöhnliche Begebenheit. Die Kolleginnen und Kollegen des Verstorbenen erregten in ihren seltsamen, teils altväterischen, teils dürftigen, teils ihrer Zusammenstellung nach ungewöhnlichen Trauerkleidern ein berechtigtes Aufsehen. Sie alle zeigten in Mienen und Gesten etwas übertrieben Leidtragendes, spielten nach besten Kräften die Rolle der trauernden Hinterbliebenen aus einem imaginären romantischen oder realistischen Drama. Es war sogar eine richtige Witwe vorhanden. René Casati hieß, wie sich jetzt herausstellte, eigentlich Reinhold Wichler. Dieser beruhigend normale Name und das mickrige, solid bieinbürgerliche Aussehen seiner Ehefrau gewann dem Toten die aufrichtige Sympathie aller Normalmenschen. Auch wurde eine kirchliche Beerdigung mit allen Schikanen geliefert, und der Pastor hielt, um sein Kunstverständnis und seine Liberalität zu beweisen, eine Grabrede, die mit den ergreifendsten klassischen Zitaten geziert war. Leider wollte sie kein Ende nehmen, schwelgte in den raffiniertesten Kunststücken virtuoser Rühr- und Zermürbungstechnik und wurde durch die Kollegen von der ehrlicheren Theaterfakultät mit der nötigen Sachkunde in allen Nuancen geschmeckt und zu Recht, ob ihrer billigen Mittel, in Grund und Boden kritisiert.

Frau und Fräulein Kausch wohnten im bevorzugten Kreis der nächsten Leidtragenden mit würdiger Haltung der Trauerfeier bei. Paula drückte sich unter dem neugierigen Volk herum, das dem offiziellen Trauerzuge sich nachgedrängt und mit der gesunden Brutalität der Massen über umgestürzte Kränze und zertrampelten Gräberschmuck eine Aussicht auf das Schauspiel erkämpft hatte. Selbst von diesen, weder zur Andacht gewillten noch sehr taktvollen Leuten wurde Paula zurückgewiesen, als sie während der Leichenrede herausprustete. Und weil sie ihr Gelächter nicht beherrschen konnte, mußte sie vorzeitig den Friedhof räumen.

Am nämlichen Abend gab es in der Bernertschen Wohnung und in der von Frau Kausch einen gleich schweren Zusammenstoß zwischen Mutter und Tochter.

Paula war vom Friedhof zu der kleinen Siedlung »Die sieben Seligkeiten« hinaufgelaufen. In ihr war eine unbändige Fröhlichkeit, den Kindern, die dort vor den Hoftoren spielten, rief sie allerlei Ulk zu, in Mährengasse scheuchte sie die Gänse auf, machte, daß die Kettenhunde in gemeinsamem Radau hinter ihr her bellten. Am Bahnübergang mußte sie warten, die Schranken waren geschlossen, ein Personenzug dampfte vorbei, und Paula winkte übermütig den Reisenden, die aus den Fenstern schauten. Dann lief sie über die Festungswälle, obwohl sie keine Erlaubniskarte hatte, machte dem Patrouilleur, der zu ihrem Glück auf der Schanze jenseits des Grabens stand, eine lange Nase und schrie ihm den verhaßten Spitznamen: »Pickatz, Schnicksack« hinüber. An der Ziegelbarriere begegnete ihr eine Abteilung Pioniere, die vom Übungsplatze marschierten und frisch ein unanständiges Soldatenlied sangen, und ausgelassen erwiderte sie das eindeutige Spiel der Mienen und Handbewegungen. Noch zu Hause war sie aufgekratzt, pfiff laut vor sich hin und stellte unter Grimassen und komischem Getu alles fürs Abendessen parat.

Die Mutter aber kam in ganz entgegengesetzter Stimmung heim. Sie hatte bereits von dem pietätlosen Verhalten ihrer Tochter am Grabe des Herrn Casati gehört und war über ein so lästerliches Betragen ehrlich entrüstet. Was sollten die Leute von ihr denken? Wie kann das ungeratene Ding ihrer Mutter solche Schande machen! Damit es wieder heißt, arme Leute hätten keine Benehmität! Aber von ihr hätte sie das nicht, von ihr nicht! Wann hätte sie, die alte Bernert, wohl je daran gedacht, eine heilige Handlung zu stören, und schließlich sei ein Begräbnis, wenn es auch bloß evangelisch wäre, doch eine heilige Handlung!

Paula hatte bisher zu Hause nichts von den näheren Begleitumständen des Todesfalles und von den Vorgängen damals bei Elfriede Kausch erzählt. Nun konnte sie nicht mehr an sich halten und platzte mit dem ganzen Tumult ihres Geheimnisses heraus.

Die alte Bernert meint, sie habe nicht richtig gehört. Aber ihre Tochter wiederholt das Ungeheuerliche mit noch drastischeren Ausdrücken und so herausfordernd siegesgewiß, als berichte sie etwas über die Maßen Löbliches. Die alte Bernert benimmt sich nun in der Weise, die Paula einst der heimgekehrten Frau Kausch zugetraut hatte. Sie geht mit geballten Fäusten auf ihre Tochter los, schreit wie nicht recht gescheit, macht das ganze Haus rebellisch. Aber was die Nachbarsleute sich von der Treppe her erlauschen, das scheint ihnen recht unverständliches, unnützes, dummes Zeug zu sein. Denn immer wieder kommt in dem Gekreisch der Alten die Behauptung vor, das müsse ihr passieren, daß ihre Tochter zur Kupplerin geworden sei. An dem noblen Ausdruck »Kupplerin« tut sie sich gütlich, wer weiß, wo sie ihn bei der Aushilfsschneiderei aufgeschnappt hatte! Aber das war doch garnicht möglich, daß die noch junge Paula ein so schwieriges, riskantes Geschäft, das allerlei Takt und Verschlagenheit erforderte, ausüben könnte wie etwa Mutter Dettlef oder Tante Marta mit ihrer Mangelstube! Man kam zu dem Schluß, daß die Bernerten ausnahmsweise einen über den Durst getrunken hätte, wartete noch etwas auf das anregende Geräusch, das Schläge auf nacktes Fleisch ausgeteilt verursachen, und als es ausblieb, sich der Mutter sinnloses Gebelfer und der schnippische Protest der Tochter nur immerzu wiederholte, kroch der Chor der Horcher enttäuscht und gelangweilt in seine verschiedenen Wohnhöhlen zurück. Noch eine ganze Weile zeterte die Alte ihre abgegriffenen Sprüche, entgegnete Paula schroff und sicher. Natürlich schrieen sie aneinander vorbei und keins von beiden hörte eigentlich auf des Partners Logik oder Unlogik. Schließlich konnten sie nicht mehr, setzten sich erbost zum Abendbrot, kauten wütend, die Mutter unter leichtem Tränengewinsel und Schluckauf, die Tochter mit höhnischer Miene. Als man zu Bett ging, versuchte die Alte während des Ausziehens noch einmal anzufangen, nun aber mit biederem Vorwurf, zum Gewissen Reden, Lamento. Paula erwiderte kein Wort, schlüpfte unter die Decke, drehte sich auf die andere Seite. Nein, mit dieser Frau war kein Geschäft zu machen, sie stand nur im Wege und begriff nichts. Man mußte sehen, so rasch es ging, selbständig zu werden, das lästige Übel dieser unmöglichen Mutter auf das erträgliche Maß an zuverlässig funktionierender Logis- und Kostgeberin zu reduzieren. Und sie in Zustand seliger Ahnungslosigkeit bis zu ihrem sicherlich leichten Ende zu erhalten! Paula warf sich, als sie im Dunkel mäuschenstill wachlag und alles bedachte, nur vor, daß sie heut ihrem Herzen so hemmungslos Luft gemacht hatte. Das sollte ihr nie mehr passieren, morgen früh würde sie übrigens mit dem törichten Weibe den alten Zustand leidlichen Einvernehmens wiederherstellen. Das dürfte kaum schwer fallen, und die Jahre gemeinsamen Mitschaffens, die ihnen dann noch beschieden wären, würden wohl in der bewährten Weise entfremdeten, weltenfernen Nebeneinanders verlebt werden. Draußen polterte, wie stets um diese Zeit, der Kellner Paschke betrunken die Holzstiegen empor, ein kleines Kind schrie ununterbrochen, Katzen jaulten, dann orgelte das Klosett, unten auf der Straße hallte, wie üblich, der holprige Marsch des Wächters Schwanke. Paula schlief beruhigt ein. Ihre Mutter, todmüde von der Tagesrackerei und dem abendlichen Krach, war gleich, nachdem sie die Lampe gelöscht hatte, mitten in einem Klagesatz eingeschlafen und sägte nun ein solides Schnarchen durch die Kammer.

IX

Zwischen Elfriede und ihrer Mutter war bis zum Tage von Casatis Beerdigung äußerlich eine Art schweigend vereinbarten Waffenstillstandes innegehalten worden.

Am Tage nach dem für Casati tödlichen Stelldichein erwachte Elfriede mit einem großen Katzenjammer. Langsam erinnerte sie sich an das Zusammensein mit dem Schauspieler. Ach, der hatte sie schmählich enttäuscht; sie wollte ihn nicht wiedersehen. Aber wo war Paula geblieben? Sie glaubte, ihre zärtliche Hand noch zu spüren – sie möchte Paula nie mehr missen. Ja, wie war das gestern eigentlich ausgegangen? War Mama noch nicht zurückgekehrt? Hatte Paula den widerlichen Komödianten rechtzeitig aus dem Haus gebracht? »Wie bin ich überhaupt ins Bett gekommen?«

Da ging draußen der feste Schritt der Mutter, wurde die Tür aufgerissen, stand die Alte bedrohlich an der Tochter Bett. Sie hatte schon ein paarmal nachgesehen, ob das Luder seinen Rausch noch nicht ausgeschlafen hätte. Jetzt endlich, um 12 Uhr mittags, geruhte das Biest zu erwachen! Wenigstens wurde für heut auf diese Weise wohl das Mittagessen gespart! Elfriede hatte ein ganz schlechtes Gewissen und keine Ahnung, wie die Dinge standen und wie sie sich verhalten sollte. Also machte sie verlegen unschuldsvolle Augen und flötete versuchsweise mit süßem Mäulchen: »Guten Morgen, Mama!« Frau Kausch aber hatte in der Zwischenzeit einen festen Plan gemacht, und sein Grundzug war: keine Aufregung, eiserne Ruhe, Undurchdringlichkeit, gründliche Vorbereitung einer Reparatur, die endgültig durchgreift und die Zukunft sicherstellt. Bald würde die Mißratene für immer unschädlich gemacht sein – »So wahr mir Gott helfe!« schwor sich die Alte, die gestern an den Fundamenten ihrer Lebensauffassung gereizt worden war. Die Abrechnung würde von einer gewissen Monumentalität sein, es kam auf Kleinigkeiten nicht mehr an, man konnte auf die Lappalien einer landläufigen Schimpferei und Züchtigung verzichten. Umgekehrt wie im Falle Bernert, war hier das Übergewicht, die Erkenntnis der unüberbrückbaren Entfremdung bei der Mutter. Sie antwortete auch nur mit der Feststellung: »Es ist 10 nach 12«, und aus ihrer Stimme vermochte Elfriede nicht zu entnehmen, ob ihre Mama nun eigentlich etwas von dem gestrigen Abenteuer wußte und wieviel. So fragte sie unsicher weiter: »Hattest du eine angenehme Fahrt? Bist du gut nach Haus gekommen?« Ungerührt entgegnete die Mutter: »Um 11 Uhr 15, mit dem fahrplanmäßigen Zuge, wie ich’s beabsichtigt hatte.« Da ist Elfriede vollends verwirrt. Wenn sie sich nur erinnern könnte! War sie zu so früher Stunde denn schon schlafen gegangen? Sie las doch sonst mindestens bis Mitternacht. War der Besuch, der vermaledeite Mannsbesuch, und Paula, die sich plötzlich als so brauchbar, zuverlässig und zärtlich erwiesen hatte, um 11 Uhr 15 verschwunden, waren alle Spuren des Geschehenen beseitigt? Und blöd entfuhr es Elfriedes Lippen, ohne daß sie es eigentlich wollte: »Schade, daß ich dich nicht mehr begrüßen konnte!« Die ruhige Replik: »Ja, das konntest du leider nicht mehr, denn du warst ja schon sternhagelmäßig besoffen!« wirkte um so verblüffender, weil sie mit äußerster Gelassenheit vorgebracht wurde.

Jetzt tat Elfriede das Dümmste, was sie tun konnte, indem sie kindisch den Spieß umdrehte, zum Angriff überging, unvermittelt ihrer Mutter Vorwürfe machte. »Das kommt davon, daß du mich immer so knapp gehalten hast, daß ich garnicht gewohnt bin, etwas aus mir heraus zu gehen! Die Bielauer Baronesse oder die Landrat-Lotte dürfen alle Jahre einmal eine kleine Gesellschaft geben, nur bei uns geht es so lustlos zu, dabei sind wir doch reicher als die beiden zusammen genommen! Nun hab’ ich die Gelegenheit deiner Reise dazu benutzen wollen, mir auch mal ein paar Freundinnen einzuladen, damit du selbst wenigstens keine Schererei damit hast, und etwas vorsetzen mußte ich meinen Gästen doch auch, das siehst du doch ein! Aber weil ich eben niemals einen Schluck Wein oder ein Likörchen trinken darf, ist es mir recht übel bekommen, und nun hab ich mich vor meinen Mitschülerinnen arg blamiert.«

»Ich wollte dir sowieso nicht mehr länger zumuten, zur Schule zu gehen. Ich schrieb bereits an Fräulein Wolter und meldete dich ab.« Der Hieb saß. Und gleich, ohne den Gegner zu Atem kommen zu lassen: »Ich wußte ja gar nicht, daß Herr Casati mit der Baronesse und der Landrat-Lotte so gut steht! Übrigens ist er solchen Festivitäten noch weniger als du gewachsen.«

Alles das wurde ohne jede Erregung, mit herber Nüchternheit vorgebracht, daß Elfriede schwach in den Knieen wurde und eine Art Schwindelgefühl verspürte. Fassungslos glotzte sie Mama an, die Stimme war ihr in der Kehle erdrosselt und sie schnappte nach Luft wie ein aufs Land geworfener Fisch.

»Schade, daß es mir nicht mehr vergönnt war, seine werte Bekanntschaft zu machen. Donnerstag nachmittag ist die Beerdigung. Wir werden zusammen daran teilnehmen.«

Und Frau Kausch drehte sich, wie nach einer gleichgültigen Mitteilung, phlegmatisch um und ging gemächlich aus dem Zimmer, knallte die Tür nicht zu, sondern schloß sie so behutsam, wie man die Tür eines Krankenzimmers zu schließen pflegt.

Bis zum Beerdigungstage hatten dann Elfriede und ihre Mutter aneinander vorbeigelebt wie zwei feindliche Tiere, die durch des Menschen mächtigeren Willen in den gleichen Käfig gesperrt und gezwungen sind, sich wenigstens äußerlich zu vertragen. Elfriede schämte sich auszugehen: die Abmeldung war nun einmal im Lyzeum eingereicht, ihre Mitschülerinnen würden tuscheln, sie war nicht mehr ihresgleichen, Edith Hahn sollte gar studieren, die Landrat-Lotte wenigstens die Abschlußprüfung bestehen, Elfriede Kausch gehörte nicht mehr dazu, und auch die Tanzstundenpennäler würden sie kaum noch gelten lassen. Gern hätte sie sich bei Paula Trost und Rat geholt, aber die ließ sich nicht blicken, und Elfriede wagte zunächst nicht mehr, eigene Wege zu gehen, sie hatte das entsetzliche Gefühl, daß der Mutter kontrollierendes Augenpaar allgegenwärtig über ihrem Tun und Lassen wache.

Während der Trauerfeier jedoch waren, als Casatis Sarg in die Grube gelassen wurde, Mutter und Tochter einen Augenblick lang unwillkürlich eines Sinnes gewesen: jede dachte, wenn auch aus unterschiedlicher Erwägung heraus: »Geschieht ihm recht, geschieht ihm ganz recht!«

Aber sobald sie nachher zu Hause waren, gewitterte die Entscheidungsschlacht mitleidslos. Die Witwe wärmte den vom Frühstück übrig gebliebenen Kaffee auf. Man saß, um das Meublement der andern Räume zu schonen, am Küchentisch. Frau Kausch goß die Lake in zwei Tassen, auf der einen stand: »Bete und arbeite!«, der andren fehlte der Henkel. Die Mutter brockte in ihre Zichorienbrühe altbackene Semmelreste und schlapperte so gierig, daß es die Tochter ekelte. Elfriede zog einen Flunsch, schob angewidert ihre Tasse beiseite. Da fragte die Mutter – und mehr als das Gesagte, verdroß die Tatsache, daß die Alte mit vollem Munde sprach, den Backfisch: »Die Mahlzeit ist wohl dem Fräulein nicht fein genug? Prinzessin sind gar sehr heikel. Du hast es nötig, du dämliche Pute! Du wirst noch gar viele Löcher im Leben zurückstecken müssen! Das hätte dir wohl so gepaßt, immer nur aus dem Vollen heraus zu wirtschaften und niemals zu fragen, woher es kommt! Hättest nicht lange so weiter gemacht, du dummes Ding! Vielleicht wäre es sogar besser gewesen, der Komödiant wäre am Leben geblieben und du hättest richtig durchgemacht, was es heißt, mit so einem Zigeuner verheiratet zu sein. Da wären dir wohl die Äuglein aufgegangen. Da wärst du noch einmal froh gewesen, wenn du solchen Kaffee gehabt hättest, über den du jetzt die Nase rümpfst. So üppig ist ein Komödienspieler nicht dran, daß es alle Tage Fettlebe gegeben hätte. Hast ja gesehen, wie er hier dreinhieb, konnte nicht genug kriegen, natürlich war er’s nicht gewohnt und fraß sich die Krätze an den Wanst! Und auch sonst hättest du wohl dein blaues Wunder an dem Hallodri erlebt. Wenn er besoffen nach Haus gekommen wäre, da hättest du nichts zu lachen gehabt, kurz und klein geschlagen hätte er das Bissel Gelumpe, was ihr euch eventuell mal angeschafft hättet. Weißt wohl noch garnicht, wie er sich hier aufgeführt hat, als er einen in der Krone hatte? Als ob die Wandalen in unsrem Salon gehaust hätten, sah es aus. Danke Gott, daß der Herr sich gleich beim ersten Rendezvous gründlich dekuvrierte und ebenso gründlich aus dem Staube machte. Friede seiner Asche!«

Elfriede sprang so heftig auf, daß sie ihre Tasse umwarf und sich den Kaffee aufs Kleid goß, das nun noch verferkelter aussah, als der Frau Mama besabbertes, fettig glänzendes Alltagsgewand, und schrie: »Ich habe ja alles demoliert, ich, nicht er war es! Weil ich den ganzen Plunder hier nicht mehr sehen kann – weil . . weil . . .« Sie fand nicht die nötigen schlichten Ausdrücke, sich verständlich zu machen, und wirkte schon durch ihre Exaltiertheit wenig überzeugend. Die Mutter vermutete eine Verschrobenheit in ihr, die allzu romantisch war und nur noch im Unterhaltungsteil des Generalanzeigers existierte, und fragte mitleidig: »Woher du nur wieder diese Überspanntheit hast? Wenn euch die Töchterschule solche Raupen in den Kopf setzt, dann ist es höchste Zeit, daß du dort rauskommst! Den Liebsten in Schutz nehmen, sich selbst bezichtigen, damit kein Makel auf ihn fällt: du lieber Gott, das ist ja wohl ganz hirnverbrannt.«

Elfriede verzweifelte daran, ihrer Mutter jemals die Zusammenhänge klarmachen zu können. Mit der größten Anstrengung und komisch sich überqiecksendem Tone kriegte sie grade noch heraus:»Er war gar nicht mein Liebster! Im Gegenteil . . .« Weiter kam sie nicht, denn sie hatte keine Ahnung, wie sie der Alten alles das beibringen sollte, was an schwierigem Durcheinander sich begeben hatte. Übrigens schnitt Frau Kausch jede unfruchtbare Fortführung der Debatte mit der Feststellung ab: »Jedenfalls hast du nun einen Stich weg. Und vielleicht ist das auch ganz gut so, weil es deinen Hochmutsteufel etwas dämpft. (Mutter Kausch sprach so kurioses Bilderdeutsch!) Jetzt wirst du froh sein, wenn ein solider, anständiger Kaufmann dich noch zur Frau nehmen mag. Unser Geschäftsführer Goller hat mir schon vor einiger Zeit gestanden, daß er etwas für dich übrig hat. Natürlich mußte ich ihm gestern andeuten, daß du nicht mehr ganz so bist, wie er es hätte verlangen dürfen. Aber er hat nun mal einen Narren an dir gefressen und nimmt dich auch so.«

Elfriede wollte wieder aufbegehren, daß mit dem Mimen, dem unfähigen, leider gar nichts geschehen sei, da erinnerte sie sich des Spiels mit Paula und schwieg. Der Befund würde gegen sie sein. Und die letzte Mitteilung ihrer Frau Mama war ihr nicht einmal unlieb. Zumindest kam sie auf diese Weise aus der mütterlichen Gewalt und in eine gewisse Selbständigkeit. Der Geschäftsführer Fritz Goller war fünfundzwanzig Jahre älter als sie, hatte einen Bierbauch, kleine Schweinsäuglein, eine Kastratenstimme und weibisch weiche Patschhände. Er meinte die Fabrik, das Ansehn, das Kapital der Firma Kausch. Er war der günstigste Fall.

Frau Kausch fuhr fort: »Natürlich mußt du erst mal lernen, eine Häuslichkeit zu führen. Ich habe bereits mit Herrn Lubschick gesprochen, daß er dich in seinem Restaurationsbetrieb als Kochfräulein volontieren läßt. Morgen früh um neun wirst du dich dort melden, dann hat das Luderleben ein Ende.«

Elfriede muckschte nur noch um ihrer Selbstachtung und eines guten Abgangs willen etwas von »Vergewaltigung« und »Über meinen Kopf weg verfügen«, aber sie meinte es längst nicht mehr ernst.

Am nächsten Morgen trat sie zum Kochunterricht in den »Kulmbacher Bierstuben« an.

Es war das solideste Honoratiorenlokal der Stadt, und so gewiß die Frau Lubschick, ehrsame Bürgersfrau, in der Küche zuverlässig ihres Amtes waltete und auf Zucht und Sitte hielt, floß doch Ahnung und mehr als Ahnung des zweifelhaften Männerbetriebes, den jeder, auch der noch so brav geführte Ausschank darstellt, durch unfaßbare Kanäle in den Raum der Herdfeuer und Bratendämpfe. Der Hof war eng, das Pissoir gradeüber, wegen der Ofenhitze blieben die Küchenfenster offen, es war kaum zu vermeiden, daß verdächtiges Geriesel und saftige Latrinengespräche hörbar wurden.

Elfriede genoß derlei Dinge mit doppeltem Vergnügen: einmal aus Opposition gegen der Mutter sture Wohlanständigkeit, dann in der Freude, ihrer Freundin Paula durch eine ihr wohlgefällige Anrüchigkeit nahe zu sein. Denn endlich hatte sie den Verkehr mit Paula Bernert wieder aufgenommen. Wenn Elfriede eine Besorgung machen sollte oder ihr eine Pause im Küchenbetrieb gewährt wurde, lief sie rasch zu Paula, berichtete ihr erdachte und erlauschte Verfänglichkeiten, holte sich Trost und Stärkung, wurde, ohne daß sie es merkte, geneppt und zog, in der Opposition gefestigt, wieder ab.

Paula hatte ihr, wider Erwarten, zu der Heirat zugeredet. Schließlich fand die Hochzeit statt. Die Schneidefintochter nahm daran wenigstens als Serviermamsell teil und sah mit Genugtuung, daß der Bräutigam sich ganz ähnlich benahm, wie einst Herr Casati. Jedenfalls tat er mit Essen und Trinken auch des Guten zuviel, lief hochrot an und jappte nach Luft. Aber er konnte noch lebend zum Hochzeitslager abtransportiert werden; zumindest blieb er als Paravant erhalten.

Herr Fritz Goller hielt an dem Glauben fest, jener damals so plötzlich verstorbene Schauspieler hätte die Erstlinge seiner jetzigen Frau gepflückt. Im Grunde war er froh, einer unangenehmen Sache überhoben zu sein. Außerdem tat es ihm wohl, daß jener Vorläufer nicht mehr lebte. Obendrein war es auch ihm lieber, daß es sich um keinen Einheimischen handelte. Ein klein wenig war er sogar stolz darauf, daß seine Frau diese aparte Neigung zum Theater gehabt hatte und sich so von dem Durchschnitt der flanellenen Kaufmannsweiber phantastisch abhob.

Hätte er gewußt, daß seine junge Gattin mit einem so häßlichen und verdächtigen Gassengeschöpf wie Paula Bernert intim war, wäre er weniger beglückt und über die Irrwege weiblicher Neigungen kindlich erstaunt gewesen.

Paula erstaunte selbst immer wieder, wie ergeben seit dem Abend mit dem Schauspieler die Kausch-Tochter an ihr hing. Natürlich machte es ihr Spaß, von der eleganten Frau Goller über alle Vorgänge in der sogenannten guten Gesellschaft auf dem laufenden gehalten zu werden. Auch ergötzte es sie weidlich, wenn Elfriede ihre Schlafzimmergeheimnisse zum besten gab. Sie kannte Herrn Goller aus den liebevollen Schilderungen seiner Gattin nun schon genauer, als er sich vermutlich selber kannte, sah ihn in Unterhosen herumschlurfen, nach dem Nachtgeschirr angeln, bei ebenso lächerlichen wie vergeblichen Versuchen ehelicher Pflichterfüllung in Schweiß geraten. Es befriedigte sie sehr, wenn Elfriede ihren Mann verhöhnte, von ihm verächtlich sprach, ihn bösartig nachäffte, und sie verstand es, Elfriede geschickt zu immer ordinärerer, rabiaterer Ausdrucksweise aufzustacheln. Selbstredend profitierte sie auch finanziell von dieser Freundschaft, ließ sich Geschenke mitbringen, Geld zustecken, verwertete manchen Hinweis. Blieb immer kühlen Kopfes, in wohlweislicher Distanz, unmerklich spöttisch, lauernd, schadenfroh, konnte nicht hingerissen werden.

Im Grunde wurde diese ganze Geschichte ihr nachgerade schon lästig. Da bewirkten andre Ereignisse, daß die Beziehung zwischen den beiden so verschiedenartigen weiblichen Wesen noch mehr gefestigt wurde.

X

Im Frühling 1914 hatte Paula, unbeschadet ihres dauerhaften Verhältnisses mit Frau Elfriede Goller, wieder einmal eine reelle Liebschaft mit einem jungen Mann, der ihr gesellschaftlich näher stand: dem Uhrmachergehilfen Emil Klose. Die handfesten erotischen Genüsse waren immer neben der nützlichen Spielerei mit Elfriede erledigt worden und ein Privatbezirk geblieben, in den man dem Honoratiorenfrauchen keinen Einblick gewährte, ja, von dem sie nicht einmal etwas ahnte. Die Partner waren meist verdorbene Gassenreudel, die Paulas Körperfehler nicht störte. Durch Paulas unersättliche Geilheit, ihre unerschöpfliche Erfindungsgabe auf dem Gebiet lasterhafter Worte und Werke, durch ihre völlige Vorurteilslosigkeit und Schamlosigkeit, wurde da ein kleines ästhetisches Manko mehr als aufgehoben. Alle diese Bekanntschaften waren natürlich flüchtig geblieben: man traf sich, war grade in Stimmung, tat an allen möglichen und unmöglichen Orten das Vergnügliche, Verbotene, behielt sich in gutem Angedenken. Je nach Temperament und Charakter erzählte einer dann später wohl noch anerkennend: »Die Bernert-Paula, das ist Ihnen ein Aas!« oder verlogen kritisch: »Eigentlich hat es mich nachher angekotzt.« Jedenfalls herrschte ein reger Durchgangsverkehr, und im Saal zur »Sonne« spielte die Tanzmusik sonntäglich von vier bis zwölf passend: »Mein Herz, das ist ein Bienenhaus, die Mädchen sind darin die Bienen, sie fliegen ein, sie fliegen aus, grad wie in einem Bienenhaus, in meines Herzens tiefster Klause, juridirallera, juridirallera, juridiri, juridiri, juridiriridiralla!«

Mit dem Klose-Emil verhielt es sich anders. Sein Vater war Kolporteur, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, in einer Zeit, da so etwas noch als besondre Verworfenheit galt. Eigentlich war er ein umgänglicher, fideler Mann, durchaus kein Fanatiker. Durch vieles Bücherlesen war er zu seiner extremen Stellungnahme gekommen. Und da er seine Buchweisheit gern zum besten gab und in seiner, nie bös gemeinten Spottlust vor nichts haltmachte, wurde er des öfteren von humorlosen Gendarmen bei despektierlichen Äußerungen geschnappt. Karrieresüchtige Juristen, die schneidig einen freimütigen Witz zur Majestätsbeleidigung und eine skeptische Beurteilung der offiziellen Politik zum Landesverrat aufbauschten, schickten ihn von Zeit zu Zeit ins Gefängnis. Frau Klose, ehemalige Kellnerin, die der Sozialist aus übereilter und übertriebener Liebe zu den Opfern der Gesellschaftsordnung geheiratet hatte, nahm ihm sein anstößiges Rebellentum herzlich übel. Sein Sohn Emil hatte später unter des Vaters Verhalten wirklich zu leiden. Lehrer, um ihre der Obrigkeit wohlgefällige Gesinnung zu zeigen, quälten den wehrlosen Knaben mit gehässiger Anspielung auf »vaterlandslose Gesellen«, und in der Religionsstunde ging der Unterricht mit beleidigender Vorsicht um das räudige Schaf dieser Herde in großem Bogen herum. Aber der Junge bewunderte seinen Vater, dichtete in jugendlicher Begeisterung ihm ein heroisches Schicksal mit Opfermut und Standhaftigkeit an, spürte der Mutter Widerstreben, schimpfte es weiblichen Kleinmut, verachtete sie deswegen und ging ganz im Vater, dem leidenschaftlich geliebten und verehrten Vorbild, auf. Ihm hörte er begeistert zu, vor ihm wurde er gesprächig, gab ihm die richtigen Stichworte für die gewohnte politische Brandrede, die alles über den Haufen rannte. Der Mutter gegenüber blieb er schweigsam, im Verkehr mit Gleichaltrigen unbeholfen, argwöhnisch, zurückhaltend. Frühzeitig überfütterte er sich mit allerart Lektüre, wie sie dem Vater Kolporteur durch die Hände ging. Aber wahllos geriet ihm alles durcheinander, es war kein Plan und keine einheitliche Entwicklung dabei. Und so ergab sich, daß der Junge seinen Mitschülern, was den Umfang des Gelesenen anlangte, um viele Jahre voraus und danach für das richtige Leben unbeholfen, wirr, unbrauchbar gemacht war, mehr als der naivste, von keinerlei Literaturballast beschwerte Taugenichts. Es war sein heimlicher Traum, das Gymnasium zu besuchen und zu studieren, um Vaters Politik, besser fundiert, zum Sieger zu machen. Papa Klose, immer zuversichtlich, bestärkte den Sohn in seinen Plänen, spann sie phantasievoll weiter aus, malte mit Worten das berauschende Bild: Emil Klose als Volkstribun, seine Reichstagsrede reißt alle hin, unter der roten Fahne, mit dem Gesang der Internationale, führt man Deutschland herrlichen Zeiten entgegen. Aber er hätte wissen sollen, daß Kloses froh sein mußten, wenn sie halbwegs etwas zu beißen hätten, daß sie nie und nimmer das Schulgeld fürs Gymnasium erübrigen könnten, daß andrerseits für den Sohn des politisch Verdächtigen kein Stipendium in Frage käme, und er mit Kind und Kegel höchst unsichren, um nicht zu sagen: lausigen Zeiten entgegenzog. Frau Klose hatte zu den verstiegenen Gesprächen zwischen Vater und Sohn nur mißbilligend den Kopf geschüttelt. Doch als Emil die Volksschule hinter sich hatte und es nachweislich keine andere Möglichkeit gab, als den Jungen ein Handwerk lernen zu lassen, da nahm Emil das nicht dem Vater übel, sondern schob alle Schuld auf die Mutter. (Die Vernunft spricht gegen ihn. Aber wirklich hat er aus tieferen Gründen damit doch nicht so sehr Unrecht.) Er wurde noch verschlossener, unleidlicher, menschenscheuer, tat in seiner Lehrstelle korrekt, doch unnahbar seine Pflicht, schlang lustlos das Essen hinunter und saß, bis er vor Müdigkeit umfiel, über Büchern. Geselligkeit war durchaus nicht seine Sache und Leichtfertigkeit das Gegenteil seiner Veranlagung. Auch kümmerte er sich kaum um Mädchen. Er sah, wie verständnislos seine Mutter Vaters Idealen gegenübertrat, und schloß daraus, das ganze weibliche Geschlecht sei Höherem abhold und dem Rebellentum hinderlich. Dabei kam ihm zugute, daß er keine sehr sinnliche Natur war und unter Anfechtungen fleischlichen Gelüstes nicht zu leiden hatte.

Zur Bernert-Paula brachte ihn seine Vorliebe für die Unterdrückten und Benachteiligten, sein Mitleid mit jeder vom Schicksal schlecht behandelten Kreatur. Er lernte sie auch unter Umständen kennen, die sie ihm als ein bedauernswertes Opfer der grausamen Feigheit körperlich Überlegener erscheinen ließ.

Nachdem ihr das Verfahren mit Elfriede Kausch so gut gelungen war, hatte Paula den Musiker Kusche, dem für seine Helferdienste sehr konkrete Genüsse versprochen worden waren, immer wieder hinzuhalten gewußt. Zuletzt wurde sie übermütig und erlaubte sich unangebracht freche Späßchen mit ihm, bestellte ihn hinaus nach Davidshöhe und versetzte ihn dort, oder lud ihn, war ihre Mutter auf Arbeit, bei sich ein, hatte dann noch zwei, drei Mädel zu Gast und es kam zu nichts als einem durch albernes Geschwätz verlornen Nachmittag.

Nun aber hatte der Hoboist genug und eine massive Wut im Bauche, Zeit war es, der unverschämten Vogelscheuche einen Denkzettel zu erteilen, und er legte sich auf die Lauer. Und da Paula nicht auf ihrer Hut war, längst nicht mehr an den unwichtigen Hoboisten dachte, war er eines Abends nah am Ziel seiner gut vorbereiteten Rache.

An diesem Abend war Paulas Mutter über Erwarten früh nach Haus gekommen. Eigentlich stand ein kurzer Besuch von Frau Elfriede bevor, aber was Paula mit ihr besprechen wollte, ging die alte Bernert nichts an. Also galt es, Elfriede auf der Straße abzufangen. Kusche hatte den Jungen, der Frau Gollers Botschaft überbringen sollte, bestochen, Elfriedes Briefchen gelesen. Als er frühzeitig die Alte nach Haus kommen hörte, machte er sich auf Überraschungen gefaßt und bezog in der Flurnische einen Beobachtungsposten. Diesmal lohnte sich’s. Bald ging die Tür, tapp tapp tapp kam es den langen, winklig verbauten Korridor entlang.

Plötzlich wird Paula gepackt, bekommt sie erst mal zwei zünftige Watschen, und dann fängt der gräßliche Kerl an, Paula Stück um Stück auszuziehen. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen, so gut sie kann, schlägt, stößt, beißt, wagt aber keinen Hilfeschrei. Oben war Mama, unten nahte vielleicht schon Frau Elfriede – es war eine peinliche, allerlei unliebsamen Komplikationen ausgesetzte Situation.

Da knarrte wirklich das Haustor. Paula wußte nicht, ob sie vor dem, was da kam, bangen oder sich darauf freuen sollte. Kusche war jedenfalls so in Rage, daß er nichts hörte. Mit einem Mal ergriff ihn jemand am Kragen, beutelte ihn gehörig hin und her, die ehrliche Entrüstung gab dem schmächtigen Klose-Emil außergewöhnliche Kräfte. Paula sah keinen andren Ausweg, als einen Ohnmachtsanfall vorzutäuschen. Sofort war Emil um sie bemüht, und Kusche entwich schleunigst. Paula, in ihrer Kleidung ziemlich außer Rand und Band, präsentierte sich ihrem Retter besinnungslos in möglichst vorteilhafter Position. Er sah ein aufreizend schmales Bein, schwarz bestrumpft, mit rotem Band, darüber eine Handbreit nackten Schenkel, weiße Spitzenhose, dann blickte er erst mal diskret weg, um weiter oben, auf verkümmertem Brustkorb, immerhin zwei niedliche Wölbungen mit keck rosigen Tüpfchen zu bemerken, was ihn, wider seinen Willen, doch in unerklärlicher Weise nervös machte. Paula spürte sofort ihren Eindruck auf den unbekannten Retter, entschloß sich, zu erwachen, und kam mit Seufzern, Augenverdrehen, niedlich erstauntem Ach zu sich. Tat, als entdecke sie nun erst ihre Entblößung, machte übertrieben schamhafte Gesten, bat den Beschützer, sich umzuwenden, und brachte ihre Kleider in Ordnung. Dann schleppte sie sich, auf seinen Arm gestützt, bis zum Haustor, dankte artig für seine Hilfe, aber nun sei sie gänzlich ungefährdet. Er stellte sich förmlich vor: Klose-Emil, wollte eine polizeiliche Anzeige machen. Da lenkte sie ein. Es handle sich um einen armen Irren, der nicht wisse, was er mache, man dürfe das seiner armen alten Mutter nicht antun, deren einziger Ernährer er sei. Emil dachte begeistert: »Engel, Heilige du!« küßte der Geschmeichelten, fast Erschreckten die Hand und wurde für die nächste Mittagspause in die Zerboni-Promenade bestellt. Diese Rettungstat, die ihm selbstverständliches Beispiel gegenseitiger Menschenhilfe schien, verschwieg er zu Hause schamhaft.

Im grellen Sonnenlicht des andern Tages kam Paulas Mißgestalt allerdings so kraß zum Vorschein, daß Emil im ersten Augenblick erschrak. Da er aber unter allen Umständen anständig handeln wollte, und sein vernunftsmäßiger Entschluß dort, wo seine Befolgung schwerfiel, erst recht für ihn galt, zwang er sich, noch liebenswürdiger zu Paula zu sein, als er sich ohnehin vorgenommen hatte.

Paula war allerdings zuerst gar nicht klug daraus geworden, wes Geistes Kind er sei. Er hatte so eine schwülstige Art, von der Ungerechtigkeit in der Welt zu reden, und setzte zuviel Bildung voraus, andrerseits vertrat er über die natürlichsten Dinge gradezu kindliche Vorstellungen. Er war weder Kusche noch Hanke. Aber grade, daß er ein so seltener Vogel war, reizte sie. Und er gab ihr gleich beim ersten, ganz platonischen Zusammensein, die zwei Mark, um die sie ihn mit einem dürftigen Vorwand anpumpte.

Sie gewöhnten sich aneinander. Paulas natürliche Rudelhaftigkeit fand Wohlgefallen an seinem doktrinären, doch ernsthaften Rebellentum. Sie einverleibte sich papageienhaft den Wortschatz seiner Propaganda – wer wußte, wozu es gut war? Irgendwann konnte man alles einmal gebrauchen. Er aber war sehr froh darüber, daß er eine so willige Zuhörerin und gelehrige Schülerin gefunden hatte.

Zuerst teilte er sein holdes Geheimnis dem Vater mit. Der war gleich Feuer und Flamme: eine proletarische Seele wurde durch seinen Sohn für den revolutionären Glauben gerettet. Emil mußte ihn bald mit ihr bekannt machen. Und Paula und der Kolporteur verstanden sich sofort ausgezeichnet. Diesem lustigen alten Herrn gegenüber war der Ton von vornherein gegeben: sie verwandte die politischen Sprüche, die sie bei Emil aufgeschnappt hatte, sang des Sohnes Lob, plinkte Herrn Klose vertrauenserweckend zweideutig an, daß er einen väterlich tätschelnden Griff riskierte, kam dem mit rausgestrecktem Podex entgegen und schmeichelte seiner Eitelkeit, indem sie mit einer Bemerkung den galanten Fähigkeiten der Generation der Väter den Vorzug vor dem bedenklichen Zustand der Söhne gab.

Eines Nachmittags – während Emil, über die Lupe gebeugt, ins Räderwerk einer Uhr äugte – saß Papa Klose, Lebemann alter Schule, mit Paula im Hinterstübchen des »Preußenhofes«. Er erzählte, um Mitleid werbend, von seiner Frau, die ihn in geistigen Dingen im Stich lasse, unverstanden und einsam sei er, und faßte Paula um die Taille. Da gestand sie, daß es ihr mit ihrer Mutter ganz ähnlich ginge: rückständig sei sie im höchsten Grade, Paula aber natürlich durchaus freiheitlich gesinnt. Worauf sie sich küßten und das elektrische Klavier: »Wer uns getraut« spielen ließen. Von Emil zu reden vermieden beide. An dieser künstlich erleuchteten Stätte schäbiger Gelegenheitsmacherei waren sie, indes draußen über weiten Wiesenfiächen die Sonne schien, zwei mit Vorbehalt und ohne Liebe zum erotischen Handel Bereite. Madame Klapper drückte zwei Augen zu. Bei sich mißbilligte sie des Familienvaters Klose sträfliche Verirrung, denn sie war in ihrem Privatleben eine solide Bürgersfrau, die leider durch ihre geschäftlichen Erfahrungen ihre Überzeugung von der Unzuverlässigkeit des männlichen Geschlechtes immer wieder bestätigt fand. Zimmer sieben beherbergte dreißig Minuten lang ein seltsames Paar, und Papa Klose lernte allerlei hinzu.

Den schwerfälligen Emil verführte sie etliche Zeit später, es war eine mühselige Sache und sie mußte ihn endlich bei seiner Rebellenehre packen. Ob er sich denn vor dem Odium scheue, ohne staatliche Genehmigung ein Mädchen liebzuhaben? Oder liebe er sie etwa nicht mehr, sei er ihrer überdrüssig geworden, hätte er eingesehen, daß sie mordsgarstig wäre? Dieser Appell an sein revolutionäres Kavalierstum schlug ein. Paula lockte ihn in den nämlichen »Preußenhof«. Das Vorspiel mit elektrischem Klavier und Weinspende fiel diesmal aus, Madame Klapper war so taktvoll, ihnen Zimmer fünf anzuweisen, und Paula vergoß hinterher Tränen und ließ sich schwören, daß Emil sie heiraten würde, wenn er nicht aus Prinzip jede Konzession an bürgerliche Bräuche verabscheue.

Er setzte aber durch, daß Paula in die Wohnung seiner Eltern zog. In einem Hause, in dem sie immer den Nachstellungen des Musikus ausgesetzt sei, könne er sie nicht länger lassen. Paula half etwas nach, brach mit ihrer Mutter einen Zank vom Zäune, nahm die bei ähnlicher Gelegenheit oft geäußerte Aufforderung: »Scher dich zum Teufel!« wider Erwarten ernst und erschien bei Kloses als bedauernswertes Opfer, das von einer Rabenmutter grausam verstoßen worden war. Natürlich war Emil mitleidsvoll um seine Braut bemüht, Vater Klose hätte keinen Protest riskieren können, auch wenn er es gewollt hätte, und Frau Klose hatte ja sowieso nichts bei sich zuhause zu sagen.

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320 p. 1 illustration
ISBN:
9788726614602
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