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Max Halbe
Generalkonsul Stenzel und sein gefährliches Ich
Roman
Saga
1
Johann Sebastian Stenzel hatte seinen schlechten Tag. Es war eigentlich der besonders schlechte Tag, der jedes Jahr wiederkam. Es war sein Geburtstag. Er wurde heute achtundfünfzig Jahre alt. Seine Laune konnte dadurch nicht besser werden. Stenzel, der Sohn eines Dorfschullehrers, nunmehr schon seit langem Generalkonsul von Honduras, hatte einen hohen Begriff vom Kurswert des Lebens. Dieses Inhaberpapier der Kommanditgesellschaft Menschheit, das jedem Aktionär in die Wiege gelegt wurde, schlug ohne Zweifel alle übrigen Börsenwerte. Er hätte es sich viel kosten lassen, wenn ihm jemand verraten hätte, wo es neuerdings zu haben sei. Denn das war das Betrübliche, daß es an jeden nur einmal abgegeben wurde. Und noch schlimmer, daß es nicht wie andere gute Papiere von Jahr zu Jahr eine höhere Dividende abwarf, sondern im Gegenteil sich langsam auffraß, einer Art von Selbsttilgungsverfahren unterlag, wodurch jedoch merkwürdigerweise sein Liebhaberwert für den jeweiligen Inhaber nicht vermindert wurde, vielmehr noch täglich zuzunehmen schien. Eigentlich ein ganz widersinniger Vorgang, dem mit aller kaufmännischen Logik nicht beizukommen war. Stenzel, als ein geborener Grübler, hatte sich oft genug darüber geärgert. Was nützt der gesunde Menschenverstand, dieser sonst so gepriesene und bewährte Universalschlüssel, wenn er in solchen Fragen versagt?
Darf man sich wundern, daß Generalkonsul Stenzel an diesem Tage, der wieder ein Jahr an seinem Lebenskalender abstrich, sich in der übelsten Laune befand? Der kleine quecksilberne Mann, der mit seinem birnenförmigen Schädel und dem schwarzen Henryquatre an Napoleon III., den Kaiser der Franzosen, erinnerte, hatte sich in das weichgepolsterte Seidensofa gegenüber seinem geräumigen Arbeitstisch geworfen. Eigentlich war das der Platz für bevorzugte Besucherinnen. Es gab ihrer nicht wenige in diesem Raum. Stenzel genoß den Ruf, in der mit verständnisvollen Gönnern nicht gerade gesegneten See- und Handelsstadt einer der zugänglichsten zu sein. Schauspielerinnen, Künstlerinnen, auch Bittstellerinnen anderer Stände fanden sich häufig ein, um dem Generalkonsul ihre Wünsche vorzutragen und ihr Leid zu beichten. Es war ja ein würdiger Herr in reiferen Jahren, mit dem man zu tun hatte. Junggeselle dazu, was allerdings die Situation wieder verwickelte, aber andrerseits auch erleichterte. Stenzel fischte aus dem Redestrom seiner Besucherinnen alles Sachdienliche auf und verwahrte die mit Notizen bedeckten Aktenblätter in dicken, längst zu Stapeln sich häufenden Mappen. Es war sein Sonntagspensum, die jedesmalige Wochenernte durchzusieben, Spreu von Korn zu sondern und danach zu entscheiden.
Johann Sebastian Stenzel — sein Vater, der Kantor und Organist, hatte ihn auf diese beiden Vornamen des größten aller Organisten taufen lassen — saß also an diesem wunderschönen, lachenden Maienmorgen zusammengekauert, fast ein Bild des Jammers, in den weichen Seidenkissen seines Damensofas und grübelte, wie alljährlich an dem Tage seiner Menschwerdung, über Sinn, Wert, Ziel, Bedeutung des Lebens nach. Ein Luxus! Gewiß! Stehle ich diese Minuten, diese Stunden, so fragte er sich, nicht eigentlich der Arbeit ab? Dem Höchsten, was es gibt? Er wußte wohl, wie man ihn in der Stadt nannte. Der Herr, der niemals Zeit gehabt hat. Nun ja! Ein Spitzname! Aber einer, auf den man stolz sein kann. Er hatte all seiner Tage nichts mehr gehaßt als Müßiggang und niemanden tiefer verachtet als den Nichtstuer. Arbeit war sein kategorischer Imperativ gewesen, seit er die Fibel in die Hand bekommen hatte. Es war mehr als fünfzig Jahre her.
Zwölfstündige Arbeit! Er hatte das durchgeführt bis heute. An diesem Maßstab gemessen, waren freilich die meisten Menschen Faulenzer. Stenzel verhehlte sich nicht, daß dies im Grunde auch seine Meinung von der großen Mehrzahl war. Vielleicht war es die Ursache, weshalb der von Natur aus gutherzige und menschenfreundliche Mann eine so ausgedehnte Hilfsbereitschaft entwickelte. Denn liebte nicht sein Herz diese selben Menschenkinder, die seine Vernunft wegen ihres Müßigganges verwerfen mußte? Und war da nicht eine Stimme, die ihm zuflüsterte, dieses Gefühl könne in einem ungewollten Pharisäertum wurzeln, in einer unchristlichen Überhebung, wofür selbstauferlegte Buße am Platze sei? So konnte es kommen, daß der Fanatiker der Arbeit, der das Wort gleichsam mit drei r aussprach, sein Ohr kaum einem der vielen Bittsteller verschloß, die doch in den meisten Fällen ihr Schicksal selbst verschuldeten, weil sie nicht wie er zwölf Stunden täglich arbeiten wollten. Er half also, wo es nur anging. Half Würdigen und weniger Würdigen, gewöhnlich aber nur mit kleineren Beträgen, um einerseits seinem Gewissen zu genügen und andrerseits doch der Faulheit nicht allzusehr Vorschub zu leisten. Und er hätte nicht der einstige Dorfschullehrerssohn sein müssen, wenn er nicht zunächst jeden dieser Besucher mit seinen Predigten beglückt hätte. Die meisten schluckten sie, ohne den Mund zu verziehen, und lachten ihn erst aus, wenn sie mit ihrer Spende in der Tasche die Tür seines Kontors wieder hinter sich hatten.
Ob Stenzel das wußte? Oder ob sich, wenn er es erfahren hätte, seine Methode geändert haben würde? Er war wohl zu klug, um an eine nachhaltige Wandlung seiner Klienten zu glauben. Geborene Grübler und Weltverbesserer, wie er einer war, müssen aus dem Triebe ihrer Natur heraus immer wieder an Weltlauf und Menschheit herumkurieren, auch wenn ihnen ihr Verstand sagt, daß alles beim alten bleiben wird. Ja, es kommt trotz der mannigfachen Enttäuschungen fast nie zu einer richtigen Menschenfeindschaft, soviel Grund dazu bestünde. Auch Stenzel konnte man eigentlich keine Menschenfeindschaft nachsagen, wenn er sich auch oft über Undank beklagte. Das Bewußtsein, im Besitze der Universalmedizin Arbeit (mit den drei r) und des Universalschlüssels Gesunder Menschenverstand zu sein, half ihm über die bittersten Erfahrungen hinweg.
So war es viele Jahre gegangen. Sein Haar hatte sich gelichtet, aber es war schwarz geblieben, bis auf den gewissen Schimmer an den Schläfen. Die Zeit hatte nicht viel über ihn vermocht. Nur einmal im Jahr versagten die bewährten Rezepte. Eben an seinem Geburtstage. Und heute war es besonders arg damit bestellt.
Wie das kam? Stenzel hatte seit dem frühen Morgen darüber nachgegrübelt (sein Tagewerk begann Punkt sieben), aber eine zureichende Erklärung hatte sich nicht gefunden. Der Sekretär, Herr Bauhofer, ein großer breitschultriger Vierziger mit langem Blähhals und vorgewölbtem Brustkasten, hatte pünktlich die Morgenpost — Zeitungen, Briefe, Aktenstücke — auf den Schreibtisch geschichtet, ein Viertelkubikmeter wie immer, und hatte sich nach einem vorsichtigen Rundblick lautlos zurückgezogen. Als sein prächtig gewölbter Brustkasten nach acht Uhr von neuem im Türrahmen des Arbeitszimmers auftauchte, stand der Generalkonsul am Fenster, das auf den Garten hinausging, und schien das Gesicht gegen die Scheiben zu drücken. Die Morgenpost lag auf der gleichen Stelle, wie vor einer Stunde. Stenzel hatte sie noch nicht angerührt. Das war unerhört! Plötzlich fiel Bauhofer ein, daß es der Geburtstag seines Chefs war. Vor einem Jahr war etwas Ähnliches gewesen. Damals hatte er seinen Geburtstagsspruch zu stammeln versucht. Aber Stenzel hatte ihn nicht zu Wort kommen lassen. Geboren worden zu sein sei eine Privatangelegenheit, die jeder mit sich allein abzumachen habe. Er wünsche keinen damit zu behelligen. Da hatte Bauhofer sich mit eingeknicktem Blähhals verbeugt und für künftighin eine Lehre daraus entnommen. Wie gut, daß ihm das wieder einfiel! Was für eine Nase hätte es sonst wieder gegeben!
Und jetzt war es neun. Bauhofer hatte, nachdem mehrmaliges Klopfen unbeantwortet geblieben, seinen Giraffenhals durch den behutsam geöffneten Türspalt geschoben und dabei den gleichen Befund wahrgenommen wie um acht. Die Frühpost lag noch immer unberührt auf dem Schreibtisch. Zu einem solchen Exzeß war es vor einem Jahr denn doch nicht gekommen. Was tun? Sollte er sich durch Räuspern bemerkbar machen? Sollte er geräuschlos verschwinden? Aber kann das nicht nachher ein Donnerwetter wegen Zeitversäumnis absetzen? fragte er sich. Stenzel stand jetzt nicht mehr mit den Händen auf dem Rücken und mit dem Gesicht gegen das Gartenfenster. Er kauerte zusammengekrümmt — ja, man konnte es nicht anders bezeichnen! — in den buntfarbigen Seidenkissen des Lustpfühls. So pflegte Bauhofer ganz privatim das Damensofa zu benennen, wo der Generalkonsul seine Besucherinnen empfing. Es war dies eine Auslegung, auf die man gelegentlich auch in der Stadt und in Stenzels Bekanntenkreis stieß, ohne daß greifbare Umstände sie bestätigten.
Der Sekretär war eben im Begriff, Kopf und Hals durch den engen Türspalt wieder in Sicherheit zu bringen, als er die Stimme des Generalkonsuls vom Sofa her vernahm.
„Sind Sie es, Herr Bauhofer? Sie wollen Arbeit? Sie haben recht! ... Immer arbeiten! Arbeiten! Kommen Sie herein!“
Bauhofer hatte beim ersten Klang der Stimme ein Schreck durchfahren, als sei er auf einer irrigen Zahleneintragung oder sonst etwas Schrecklichem ertappt worden. Aber dann fand er, daß der Tonfall des Chefs ungewohnt milde sei, und sein eben etwas eingesunkener Brustkasten straffte sich wieder zu der gewohnten stolzen Wölbung. Er trat vollends in das kleine kabinenartige Arbeitszimmer und reckte seinen Hals zu einer besonders ergebenen Begrüßung.
„Setzen Sie sich, Herr Bauhofer!“ sagte der Generalkonsul und deutete auf den niedrigen Schemel neben dem Schreibtisch, der für geringere Bittsteller bestimmt war.
Der Sekretär nahm ein bißchen zögernd Platz. Seine Stimmung hatte sich wieder verflaut. Irgend etwas war da nicht ganz geheuer. Stenzel, der wie immer den schwarzen Gehrock trug, saß jetzt aufgerichtet in dem Sofa von champagnerfarbenem Seidenrips. Der kleine Mann mit dem Monokel vor dem linken Auge sah aus wie ein modisch gekleideter Gnom. Es war sehr still zwischen den mit Ölbildern, Aquarellen, Zeichnungen bedeckten Wänden. Bauhofer fand es irgendwie schwül, obwohl ihn eigentlich fröstelte. Er fuhr sich ein paarmal verstohlen über die Stjrne. Aus dem verwilderten Garten hinter dem Hause klang Vogeltrillern.
„Machen Sie das Fenster auf, Herr Bauhofer!“ sagte plötzlich der Generalkonsul. „Warum sollen wir uns nicht auch einmal frische Luft verordnen?“
Bauhofer staunte. Offene Fenster während der Arbeit? Das war in den zwei Jahren, seitdem er hier werkelte, noch nicht vorgekommen. Er knickte gehorsam zusammen, erhob sich und stand mit einem Schritt am Fenster, dessen Verschluß nach einem im ganzen Hause benutzten Patent mit einem bestimmten Griff, aber nicht eben leicht zu öffnen war. Weiche wohlige Mailuft ergoß sich in den vom Odem unausgesetzter Arbeit stickig gewordenen Raum. Draußen im Garten, unweit des Fensters, stand ein alter rußgeschwärzter Kastanienbaum, dessen dicke grüngelbe Knospen erst seit gestern gesprungen sein mochten. Irgendwo in seinem Wipfel mußte der unermüdliche Sänger nisten. Sein Trillern, Schluchzen, Werben schien von dem Stückchen blauen Himmels herzukommen, dessen Seide über Baum und Garten gespannt war.
„Dicke Luft hier!“ bemerkte der Generalkonsul vom Sofa her. „Muffig? Was? Zu viel Stickstoff, zu wenig Ozon! Ja, ja, die Arbeit! Die Arbeit! ... Können Sie mir sagen, was für ein Vogel das ist, Herr Bauhofer? Sie sind ja Naturmensch! Schwimmen! Treiben Sport! Sind Vorturner in der Männerturnriege Stahlbrust! Erinnere ich mich recht? Nun also! Dann werden Sie auch wissen, wie sich der merkwürdige Vogel nennt, den man da hört?“
Er würde es für eine Amsel oder Drossel halten, erlaubte sich Bauhofer zu erwidern. In seinem Halse war ein verlegenes Hüsteln. Er begriff nicht, worauf das hinaus wollte.
„Amsel? So, so? Nun ja! Warum nicht? Sie kommen ja in den Wald, in die Natur! An Sonntagen! Übrigens Amsel oder Drossel! Also doch ein ‚Oder‘! Wieso oder? Läßt sich denn das in der Zoologie nicht genau bestimmen? Wieso oder?“
Es sei wohl so ziemlich das gleiche, Amsel oder Drossel, erläuterte Bauhofer, indem er seinen Schemel am Schreibtisch wiederzugewinnen trachtete. Es war doch eine Basis, auf der sich sicherer operieren ließ.
„Das gleiche! Amsel oder Drossel! Aha! So ziemlich das gleiche! Aber warum denn ‚so ziemlich’? Also doch ein Unterschied?“
Vielleicht überhaupt kein Unterschied, meinte Bauhofer gequält und erhob seine Augen zu dem gegenübersitzenden Chef, ob das nicht bald ein Ende habe.
„Überhaupt kein Unterschied? Da haben wir es! Mangel an Logik! An Begriffsunterscheidung! Ihr alter Fehler, Herr Bauhofer! Kann im kaufmännischen Leben mitunter verhängnisvoll werden.“
Bauhofer bestätigte mit stummem Nicken, daß er der Ansicht seines Herrn ergebenst beipflichte.
„Aber lassen wir das!“ meinte dieser. „Finden Sie nicht, daß in dem Gesang Ihrer Drossel oder Amsel, falls es überhaupt eine ist, etwas Aufreizendes, etwas Betörendes liegt? Wozu ist das eigentlich? Was soll das alles? Was bezweckt die Natur mit all dem Blendwerk? Können Sie mir das erklären, Herr Bauhofer?“
Bauhofer konnte das leider nicht. Er machte auch gar nicht den Versuch dazu, sondern wand sich nur stumm auf seinem Sitzbrett mit einer Art von süßem Lächeln, das je nach Bedarf ja oder nein bedeuten konnte.
Der Generalkonsul schien nicht weiter darauf achtzugeben, sondern fuhr in seinen Betrachtungen fort.
„Haben Sie sich schon einmal Rechenschaft abgelegt, warum Sie eigentlich geboren sind, Herr Bauhofer?“
Bauhofer war das noch nie in den Sinn gekommen. Er schüttelte hilflos den Kopf. Stenzel schüttelte ebenfalls den Kopf, wenn auch aus andern Gründen. Er schien sich an seinem Opfer festsaugen zu wollen.
„Sie sind doch geboren, Herr Bauhofer? Sie wissen das ganz genau? Sie täuschen sich nicht?“
Nein! Darüber täuschte sich Bauhofer nicht. Er sagte zwar noch immer nichts. Aber seine hervorquellenden Augäpfel sagten es. Sie sagten sogar noch mehr. Sie drückten qualvollen Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des andern aus. Stenzel kümmerte sich nicht darum.
„Nun also! Wenn Sie geboren sind, so müssen Sie doch auch sterben, mein lieber Herr Bauhofer! Haben Sie sich diese Konsequenz schon in ihrer ganzen Tragweite klargemacht?“
Bauhofer nickte mehrmals auf eine zustimmende und traurige Weise und schien damit anzudeuten, daß jene Tatsache seiner Aufmerksamkeit nicht ganz entgangen sei.
„Stellen Sie sich vor, Herr Bauhofer,“ fuhr Stenzel fort, „Sie wären nicht auf die bekannte umständliche Weise geboren, sondern einfach durch Knospung, durch Teilung, durch Abspaltung in die Welt gekommen ...“
Wieder war es an Bauhofers Augäpfeln, herauszuquellen. Den Generalkonsul hinderte das nicht, sein Selbstgespräch weiterzuspinnen.
„So etwas gibt es doch in der Naturgeschichte, Herr Bauhofer. Sie als Sportmensch und Naturschwärmer müßten das eigentlich wissen. Und nun denken Sie einmal nach. Nehmen Sie an, Sie wären durch Knospung entstanden. Ein verhältnismäßig unkomplizierter Vorgang! Ewig leben würden Sie dann ja auch nicht. Aber Sie würden nicht sterben! Wenigstens nicht in der heutigen umständlichen und unbeliebten Weise! Sie würden ganz schlicht und unauffällig vergehen. Ohne Schmerzen! Ohne Vorherwissen! Ohne Geräusch! Kurz ohne die Explosionserscheinungen, die nun einmal mit unserer jetzigen Art von Geburt und Tod untrennbar verbunden sind! Wäre das nicht unbedingt vorzuziehen, Herr Bauhofer?“
Ehe dieser noch antworten oder auch nur seine erstarrten Augäpfel wieder in Bewegung setzen konnte, schloß Stenzel die Unterhaltung.
„Lassen Sie sich das durch den Kopf gehen, Herr Bauhofer! ... Ob Sie dann freilich Sekretär bei mir wären oder ich Ihr Chef, wenn Sie oder ich oder wir beide durch Knospung entstanden wären, das ist natürlich sehr die Frage. Na, wie dem auch sei, Herr Bauhofer! Arbeiten wir! Arbeiten wir! Arbeiten wir! Es ist heute schon schrecklich viel Zeit vertan!“
2
Der Generalkonsul hatte bis gegen elf seine Frühpost so ziemlich aufgearbeitet. Es war da eine Anzahl von Geschäftsberichten der verschiedenen Gesellschaften, deren Aufsichtsrat er als Großaktionär angehörte und die um diese Zeit zu ihren Generalversammlungen rüsteten. Mancherlei Reisen standen in Verbindung damit bevor. Es wird wieder eine unruhige Zeit werden, dachte Stenzel, verbesserte sich aber sofort. Wieso unruhig? Oder vielmehr wieso unruhiger als irgendeine andere Zeit, die ich hier zu Hause am Schreibtisch oder sonstwo verbringe? Ist nicht alles unter dem gemeinsamen Generalnenner der Arbeit zu begreifen? Arbeit hier! Arbeit dort! Wo sollte der Unterschied liegen? Ich tue meine Pflicht! Das ist alles! Man muß sich vor Selbsttäuschungen hüten.
Stenzel legte die gedruckten oder mit der Schreibmaschine vervielfältigten Übersichten in das Körbchen zu seiner Rechten. Manche hatten rote oder blaue Vermerke bekommen. Nicht weniges bedurfte noch gründlicher Gedankenarbeit. Schlaflose Nachtstunden konnten auf diese Weise nutzbar gemacht werden. In dem Sammelkorb links häufte sich der Stoß der Geschäftsbriefe und Aktenstücke. Rotstift und Blaustift hatten auch hier tüchtig geackert. Das weitere oblag dem Sekretär. Es war dafür gesorgt, daß das Feld nie brach lag.
Jetzt waren noch die Privatbriefe, zehn oder elf. Meistens Geburtstagskarten von gleichgültigen Personen, die ihm irgendwie Dank schuldig waren, womöglich sich wieder in Erinnerung bringen wollten. Dank! Er brauchte keinen Dank! Man erfüllt nur seine Pflicht, sagte er sich, wenn man den Menschen hilft, sobald man in der Lage dazu ist. Danach handle ich und habe also keinen Anspruch auf Dank. Das einzige Schlimme ist, daß es soviel Zeit kostet, den Menschen zu helfen. Wertvolle Zeit, die man sich von der andern Arbeit abstehlen muß. Aber schließlich ist es gleich, was man tut, wofern man nur überhaupt und immerfort etwas tut.
Es waren noch zwei Briefe übrig. Beide offenbar von weiblicher Hand. Die steilen haardünnen Schriftzüge auf dem stahlblauen Umschlag des einen schienen anzuzeigen, daß seine Schreiberin dem jungen Geschlecht von heute angehöre. Die nachdrückliche, aber flüssige Handschrift des andern ließ auf eine Absenderin der älteren Generation schließen. Die Jugend braucht zuerst Hilfe, dozierte Stenzel. Vor allem natürlich die weibliche Jugend, wenn sie zum Theater oder sonstwie zur Kunst gehört. Man muß Grundsätze im Leben haben.
Er öffnete den stahlblauen Brief also zuerst, nicht ohne vorher festzustellen, daß ein ihm bisher fremd gebliebenes Parfüm daran hafte. Die Zeilen lauteten:
Ich unterzeichnete Ginevra van Düren (ja, so heiße ich, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz!) lebe seit sechs Monaten in dieser von den Musen und Grazien etwas stiefmütterlich behandelten Stadt und betreibe das Kunsthandwerk einer gelernten Photographin. Im Nebenberuf bin ich Malerin, wenn auch noch keine gelernte, da man hierzu ein Leben braucht und ich mich erst im Blütenalter von zweiundzwanzig Jahren befinde. Mein Vater war der Maler Gotthardt van Düren, dessen Name auch hierher und bis zu Ihnen gedrungen sein dürfte. Meine Mutter hieß mit ihrem Mädchennamen Helene Goertz und will in diesem Zustande eine Jugendfreundin von Ihnen gewesen sein. Sie hat mir, als ich vor einem halben Jahr hierherkam, Grüße an Sie aufgetragen. Ich richte sie mit einer kleinen Verspätung und schriftlich aus, da man mir sagt, daß Sie von Damenbesuch überlaufen sind. Seien Sie also in aller Form gegrüßt.
Ginevra van Düren
Stenzel fand den Brief nicht übel. Er überlas ihn ein zweites Mal und nickte mit einigem Wohlgefallen. Entschlossenheit gab sich da kund. Und Selbstbewußtsein, das doch wohl auch von Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit zeugte. Ginevra van Düren! Natürlich kannte er den Namen. Ein paar Pastelle van Dürens, mythologische Stoffe mit Aktfiguren, hingen in eben diesem Zimmer, an der Wand da drüben. Er fühlte das Bedürfnis, sie sich wieder einmal anzusehen, obwohl das ja mitten in der Arbeit eigentlich eine Zeitverschwendung war.
Er stand nachdenklich auf und trat vor die Bilder hin. Ja, der hatte viel gekonnt! Kein Wunder, daß sein Name heute die Welt erfüllte! Der hatte gearbeitet! Immerfort an sich gearbeitet! Nun war er tot! Was hatte er jetzt eigentlich davon? Gewiß! Die Kunstgeschichte verzeichnete ihn unter ihren ersten Meistern. Wie das Kirschrot des flordünnen Schleiers um die Schenkel der Aphrodite gegen das blühende Fleisch abgesetzt war! Es stammte übrigens aus van Dürens Frühzeit, vor bald dreißig Jahren mit dem farbigen Stift gemalt. Und Aphrodites Gesichtszüge? Ja! Das war Helene van Düren, Ginevras Mutter! Damals vielleicht noch Helene Goertz! Was wußte man! Dieselbe, von der jetzt die Tochter ihm in Erinnerung bringen wollte, daß sie seine Jugendfreundin gewesen sei.
Der Generalkonsul ging kopfschüttelnd wieder zu seinem Schreibtisch. Hatte er nicht immer gewußt, daß das Urbild jener Aphrodite Helene Goertz gewesen war? Hatte er das Bild nicht vielleicht eben deshalb in seinen Besitz gebracht, als er es damals in der Berliner Ausstellung hängen sah? Brauchte man ihn wirklich an Helene Goertz zu erinnern, die beinahe ... beinahe seine Frau geworden wäre, wenn er ... wenn er ... nun ja, wenn er Zeit dazu gehabt hätte? Wie kam diese Ginevra dazu, ihm ihre Mutter ins Gedächtnis zu rufen? Dieses zweiundzwanzigjährige Küken, das ebensogut seine Tochter hätte werden können und jetzt Stenzel hieße statt van Düren, wenn die Kugel auf dem Roulettetisch des Lebens ein klein wenig anders gerollt wäre! Und doch, so schloß er seine Betrachtungen, indem er wieder Platz nahm und nach dem letzten noch übrigen Briefe griff, habe ich denn wirklich noch gewußt, daß ich Helene Goertz an der Wand habe? Mit Bewußtsein gewußt? Habe ich überhaupt noch von ihr gewußt oder an sie gedacht? Habe ich auch nur Zeit dazu gehabt?
Kopfschüttelnd öffnete er den elfenbeinfarbenen Brief, mit der flüssigen und doch nachdrücklichen Handschrift, die ihn plötzlich an irgend etwas erinnerte. In der Tat! Der Brief kam von Helene van Düren, die einst Helene Goertz geheißen hatte. Mutter und Tochter hatten ihm gleichzeitig geschrieben. Welch ein Abstand zwischen den beiden Handschriften! Und doch nicht auch eine Familienähnlichkeit? Die Natur läßt ihrer nicht spotten, allen Stilkünsten zum Trotz.
Helene Goertz — der alte Name war ihm doch lieber — schrieb ihm zu seinem achtundfünfzigsten Geburtstage, um nach so langer Zeit, wie sie selbst bekannte, wieder eine Art von äußerer Anknüpfung zu finden. Man sei durch das Leben recht auseinander gekommen. Das Leben sei überhaupt eine niederträchtige und tückische Einrichtung. Was es uns mit der einen Hand zustecke, stehle es uns mit der andern doppelt wieder weg. So habe es ihr ihren Mann gerade in dem Augenblick genommen, als nach einem Menschenalter voller Kämpfe endlich der Erfolg und der Ruhm bei ihnen eingekehrt seien. Ihr armer Mann habe noch mit brechendem Auge seinen Sieg gesehen. Aber seiner Früchte sei er nicht mehr teilhaftig geworden. Die ernte nun sie, da ja noch viele van Dürens im Atelier ständen und die Kunsthändler begonnen hätten, ihr die Tür einzurennen. Doch was nütze das alles! Wäre das Glück gekommen, als sie jung war und es mit dem hätte teilen können, den sie liebte! Das sei nun vorbei. Sie sei alt, wenn auch gewisse Freunde ihr schmeichelten, sie habe sich leidlich konserviert und sehe aus wie eine Rokokomarquise in dem gewissen Alter, wo sich nicht unterscheiden lasse, ob das Haar nur gepudert oder schon durch die Jahre so sei. Aber sie lasse sich von dem Unsinn nicht betören und wisse ganz genau, was die Uhr geschlagen habe. Es sei sinnlos, vom Apfelbaum zu verlangen, daß er Blüten bekomme, wo schon die Winteräpfel daran hängen. Sie habe sich immer gewünscht, an die Riviera oder nach Ägypten zu gelangen und sich dort von der großen Welt bewundern zu lassen, wenn auch nur, um ihren Mann mit seinen vielen Modellen etwas eifersüchtig zu machen und ihm den Wert ihres Besitzes sinnfällig zum Bewußtsein zu bringen. Aber damals, als sie schön war — ja, so hieß es von ihr — und es sich gelohnt hätte, sei sie eine arme Malersfrau gewesen, die sich ihre Fähnchen selbst habe schneidern müssen. Heute, wo sie sich das alles und noch mehr gönnen könne, sei es zu spät, noch einmal anzufangen. Und selbst, wenn es das nicht sei, so mache es ihr eben keinen Spaß mehr ohne den, der sie es erst hätte wahrhaft genießen lassen, und sie pfeife, mit Respekt zu sagen, auf den ganzen Affenkram. Es fehle auch überdies nicht an Verdruß, und den verschaffe ihr ihre einzige Tochter Ginevra zur Genüge. Diese sei ja zwar ein schönes und schneidiges Frauenzimmer, das müsse sie, obwohl ihre Mutter, zugeben, und viele behaupteten, daß sie ihr wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Aber leider sei das auch die einzige Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden. Im übrigen habe Ginevra Grundsätze, mit denen sie sich niemals befreunden werde, wenn es auch freilich die Grundsätze aller dieser heutigen Jugend seien. Nicht daß es gerade mit Ginevras Liebesleben so erschreckend bestellt sei. Sie wisse wenig oder nichts davon, denn Ginevra sei verschlossen wie ein Grabgewölbe und ähnle darin leider ihrem verstorbenen Vater. Im Grunde werde es sich wohl nicht viel anders damit verhalten als bei den meisten dieser verdrehten jungen Geschöpfe von heute: Viel Geschrei und wenig Wolle! Heute rede man große Töne, früher habe man den Mund gehalten und gehandelt. Was besser sei, wolle sie nicht entscheiden, ziehe aber für ihre Person das letztere vor und glaube, daß auch die Männer, selbst die heutigen, so dächten, wenigstens nach ihrem Mann zu schließen, der in diesem Punkt bis zuletzt ein Kindskopf geblieben sei. Richtigen Ärger bereite ihr jedoch Ginevras dummer und bockiger Hochmut, womit sie auf ihre Selbständigkeit in allen Dingen poche. Sie wolle ihr ganzes Leben, alles, was sie sei, nur sich selbst zu verdanken haben; als ob sie überhaupt in der Welt wäre, wenn ihr Vater und ihre Mutter sie nicht durch persönliche Bemühung hineingesetzt hätten. Dies vergäßen die heutigen jungen Leute immer wieder, so daß man wahrhaftig meinen könne, diese moderne Jugend sei eher vom Mond gefallen, als aus dem Mutterleib gekrochen. Auch Ginevra habe es nicht länger zu Hause ausgehalten, obwohl es ihr doch an nichts gefehlt habe, und sei vor sechs Monaten auf und davon gegangen, um sich in D. als Malerin und Photographin ihr Brot zu verdienen. Dorthin habe es sie getrieben, weil diese Stadt und das dazugehörige Land eben die Heimat ihrer Eltern und Vorfahren gewesen sei; und so zeige es sich doch wieder, daß Abstammung und Familiengefühl selbst in diesem entwurzelten Geschlecht noch nicht ganz erstorben seien. Seither habe sie von Ginevra nicht viel mehr gehört, als daß sie sich wohl befinde und es ihr gut gehe und wie das übliche Geschreibsel schon sei. Sie wisse nicht einmal, ob Ginevra die Grüße bestellt habe, die sie ihr für den Generalkonsul in alter Freundschaft mitgegeben habe. So werde wohl nichts andres übrig bleiben, als daß sie selbst sich aufmache und ihrer verschrobenen Tochter den Kopf zurechtsetze, was dann eine gute Gelegenheit sei, auch mit ihm, dem Generalkonsul, nach so vielen Jahren ein Wiedersehen herbeizuführen. Das werde schon in nächster Zeit geschehen, und hoffentlich werde er sie wiedererkennen, wenn sie an seine Tür klopfe. Inzwischen bitte sie ihn, sich doch einmal nach ihrer Tochter umzusehen und ihr hilfreich die Hand zu reichen, falls sie dessen bedürfen sollte: was aber nicht etwa bedeute, daß er ihr einen Heiratsantrag machen solle, da er doch immerhin sechsunddreißig Jahre älter sei als Ginevra, wie der heutige Geburtstag einwandfrei erweise.
Stenzel ließ den Brief sinken und starrte vor sich hin. Ja, das war Helene Goertz in ganzer Figur! Leibhaftig so hatte er sie vor dreißig, ja, bald vor vierzig Jahren gekannt! Das kleine heißblütige Mädchen ... der heranwachsende herbe Backfisch ... die Achtzehnjährige mit den dunkelbraunen, merkwürdig sprechenden, zugleich lockenden und versagenden Augen ... Tauchte das nicht alles wie in einem einzigen Bilde verdichtet aus diesen flüssigen und doch nachdrücklichen Schriftzügen auf? Und jetzt sollte ein Wiedersehen bevorstehen? Vielleicht schon in den nächsten Tagen? War das wünschenswert? War das notwendig? Brachte das nicht unnütze seelische Belastungen mit sich? Mußte nicht, von allem andern abgesehen, die Arbeit darunter leiden, die grade in diesen Wochen noch mehr als sonst drängte? Alle diese Generalversammlungen, diese Rechenschaftsberichte, diese Sitzungen, diese Reisen! Wichtige brennende Gegenwart! Und dahinein Helene Goertz! Szenenwechsel in eine ferne Vergangenheit zurück! Was konnte Gutes dabei herauskommen?
Der Generalkonsul saß zurückgelehnt in seinem Schreibstuhl und zupfte nervös an seinem Knebelbart. Nicht genug an der Mutter! Nun auch noch die Tochter! Womöglich beide nebeneinander in dem Sofa da drüben! Wäre es noch die Tochter allein ...! Aber diesen Gedanken schüttelte er ab. Das war eines Generalkonsuls Stenzel unwürdig! Die Tochter von Helene Goertz mußte ihm heilig sein, wie es ihm einst die Mutter gewesen war.
O ja! Nur allzuheilig! dachte Stenzel und hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Der andere, der van Düren, war weniger bedenklich gewesen. Dieser Maler, von dessen Namen heute die Welt voll war, hatte mit beiden Händen zugepackt. Die Aphrodite dort mit dem kirschroten Flor um die Hüften legte Zeugnis dafür ab. Ist es nicht meine eigene Schuld? murmelte Stenzel. Hätte ich sie mir nicht ebensogut nehmen können, wenn ich Zeit dazu gehabt hätte?
Plötzlich kam ihm eine merkwürdige Erinnerung, die ihn nicht loslassen wollte, obwohl er sich dagegen wehrte. Er lehnte sich tiefer in seinen Stuhl zurück und dachte nach. War da nicht irgend so etwas wie ein Versprechen, das man sich gegeben hatte? Etwas wie eine Verabredung mit Helene Goertz und ihren beiden älteren Schwestern? Wie war das doch gleich? Ein Besuch im Lehrerhause zu Ellerndorf bei seinen schon bejahrten Eltern ... Er war junger Kaufmann damals im Industriegebiet, in schnellem Aufstieg begriffen ... Zeche Fürst Bismarck III ... Großer Gott! War das nicht wie gestern nachmittag? Jener Sommerurlaub in der Heimat? Und doch war es einunddreißig Jahre her! Drüben auf dem Gutshof die drei Schwestern Goertz ... Olga, Ottilie und die achtzehnjährige Helene ... Hatte er sie nicht alle drei der Reihe nach angebetet? Auf der Schule die brünette energische Olga. In seiner kaufmännischen Lehrzeit bei Wiedemann und Hopf, Schiffsreederei, die zarte ätherische Ottilie. Und dann in jenem heißen unvergeßlichen Juli die schöne achtzehnjährige Helene. Kaum eine Stunde am Tage, die er nicht mit den drei in Anlage und Charakter so verschiedenen und doch auf den gleichen Lebenston gestimmten Mädchen zugebracht hätte. Der alte Goertz — war der nicht jünger gewesen als er selbst heute? — hatte sie alle vier ihren Weg gehen lassen, der hatte andere Sorgen im Kopf gehabt, als sich um seine ohnehin sehr selbständig gearteten Töchter zu kümmern. Bald danach war ja auch der Zusammenbruch des Goertzschen Hofes gekommen. Die Mutter ein paar Jahre zuvor gestorben. Die drei Mädchen, ganz auf sich selbst angewiesen, hatten ihren eigenen Stil entwickelt, jedes anders und doch alle drei in einem schönen schwesterlichen Reigen verbunden. Damals — in einer der Fliederlauben des alten Goertzschen Gartens — um den gedeckten Kaffeetisch herum hatte man sich zu vieren ein Versprechen gegeben und es mit lustigem Handschlag bekräftigt. Nach fünfundzwanzig Jahren wolle man sich am selben Tage und zur nämlichen Stunde auf dem gleichen Platz wiederfinden, um zu sehen, was aus jedem von ihnen geworden sei. Und ob Länder und Meere zwischen ihnen lägen, das Versprechen müsse gehalten werden. Das hatten die vier sich Hand in Hand gelobt.
Sonderbar, wie das so lange in ihm geschlummert hatte und jetzt plötzlich mit wachen, fast vorwurfsvollen Augen ihn anstarrte! Nach fünfundzwanzig Jahren! Du lieber Himmel! Die Frist war längst verflossen. Ein Vierteljahrhundert! Damals war es ihnen als eine Ewigkeit erschienen. Jetzt war es um sechs Jahre überschritten. Niemand von ihnen hatte daran gedacht. Verjährte Schulden! Wozu sich den Kopf darüber zerbrechen! Hatten sie nicht sogar eine Art von Protokoll darüber verfaßt? Auf einem Bogen Papier von kirschroter Farbe (oder war es meergrün gewesen?) hatte er, Johann Sebastian Stenzel, Prokurist auf Zeche Fürst Bismarck III — wie die Zahlen plötzlich flackerten! — das gemeinsame Gelöbnis niedergeschrieben ... jeder von ihnen hatte seinen Namen darunter gesetzt ... Als letzter er selbst, indem er sich, er, Johann Sebastian Stenzel — war denn das möglich? — die Ader der rechten Hand aufgeritzt und einen Blutstropfen in die Goldfeder hatte fließen lassen. Der Boden hatte merkwürdig dabei geschaukelt. Kein Erdbeben übrigens. Eher eine Bootsbewegung. Man hatte sich ja auf dem Wasser befunden. Der Garten war in Wirklichkeit ein See. Wie kam denn der in die Landschaft? Man spürte deutlich das Stampfen der Schiffsschraube. Sie fuhren alle zusammen auf einem großen Überseedampfer. Es war die Normannia, Reederei Wiedemann und Hopf. Das Namensband lief quer über den Spiegel. Offenbar um den Sprung zu verdecken. Und da stand ja auch der Schreibtisch an der Kajütenwand. Sein eigener Schreibtisch, den er sich im vorigen Jahr nach persönlichem Entwurf hatte anfertigen lassen. Den hatte er also schon damals im Lehrerhause besessen. Seine Mutter — ganz jung, wie er sie nie gekannt hatte — sah ihm über die Schulter und zeigte mit dem Finger auf das Geheimfach. Man öffnete es, indem man auf eine Feder drückte, deren Vorhandensein nur ihm selbst bekannt war. Wie peinlich, daß seine Mutter auf diese Weise davon erfuhr! Er hätte ihr die Vorrichtung gern verheimlicht. Aber sie hatte eine Art, mit ihren großen fremden Augen (war es denn überhaupt seine Mutter?) durch ihn hindurchzusehen, als sei er von Glas. Da half keine Ausrede und kein Verstecken. Man mußte tun, wie sie befahl. Das Geheimfach war übrigens schon ohne sein Zutun aufgesprungen. Obendrauf lag der Brief mit den fünf schwarzen Siegeln. Er griff danach, obwohl irgendeine innere Stimme ihn warnte, hielt ihn ans Licht, las die Aufschrift. Was waren das doch für flüssige und zugleich nachdrückliche Buchstaben? Sie erinnerten ihn an jemand, den er sehr gut kannte. Nur der Name fiel ihm nicht ein, so sehr er sich auch abquälte. Er hörte sich selbst ächzen, brachte aber nichts heraus. Die Aufschrift lautete: An meinen Sohn! An seinem achtundfünfzigsten Geburtstag zu lesen. Wie gut sich das traf! Der war heute! Wiedemann und Hopf, Schiffsreederei, hatten zum Zeichen dessen auf Halbmast geflaggt. Eine große tiefviolette Fahne, die sich um den Mast bauschte. Warum nur diese Angst in ihm war? Er hörte sein Herz schneller und schneller pochen wie die letzten Hammerschläge, wenn der Sarg zugemacht wird. Da war auch wieder dieses Stöhnen! Prokurist Bauhofer, uralt und verwittert, kniete vor ihm und wies mit dem Zeigefinger auf eine Trauerkarte. Stenzel bemühte sich zu lesen, was da gedruckt war, aber es schien eine fremde Sprache zu sein. Wozu hatte man gearbeitet und gearbeitet, wenn man die nicht verstand! Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Und jetzt hatte er es! Es war seine eigene Todesanzeige. Die Worte zerflossen vor seinen Augen. Aber es war kein Zweifel über ihren Sinn. Und eine schwarzumränderte Zahl grub sich ins Hirn:
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Eine unsagbare Angst schnürte ihm plötzlich die Kehle zu. Ein elektrischer Schlag züngelte an ihm hinunter wie der Funke am Blitzableiter. War das das Sterben?
Er schlug die Augen auf und wußte, daß er geträumt hatte. Er, Johann Sebastian Stenzel, Generalkonsul von Honduras, hatte von seiner eigenen Todesanzeige geträumt.
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Der Generalkonsul zog seine Uhr. Es war fünf Minuten nach halb zwölf. Seine Augen hafteten auf dem Zifferblatt. Halb zwölf hatte er noch auf dem Turm der nahen Sankt-Gudula-Kirche schlagen hören. Also hatte dieser Traum, in den ein ganzes Menschenleben wie in eine Konservenbüchse gezwängt gewesen war, höchstens ein paar flüchtige Minuten gedauert. Aber was war das? Der Sekundenzeiger bewegte sich nicht von der Stelle. Er drückte die Uhr an seine Ohrmuschel, lauschte auf den geheimen Pulsschlag des Werkes. Nichts rührte sich. Soviel er es hin und her schüttelte: Das tickende Herz da drinnen stand still. Um fünf Minuten nach halb zwölf war es stehengeblieben. Hatte er nicht in dem gleichen Augenblick sein eigenes Todesdatum vorausgeträumt? Da leuchtete sie wieder auf, wie von einer glühenden Feuerzange ins Hirn gestichelt: diese
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Also heute übers Jahr! Er sah die Anzeige mit den vielen Siegeln zum Greifen deutlich vor sich. Vielleicht lag sie wirklich in dem Geheimfach obenauf. Seine Hand zuckte nach der Feder, die es öffnete. Aber das war ja Wahnsinn! Er zog die Hand mit einem jähen Ruck zurück, als habe er an einen überstarken Magneten gefaßt. Es gab Leute, die von Wahrträumen fabelten! Wenn es sich nun um solch einen Wahrtraum handelte! Das stumme Zifferblatt der Taschenuhr grinste ihn an wie ein Leichengesicht, das er einmal im Keller einer Anatomie gesehen hatte. Etwas Kaltes kroch ihm über den Rücken. Er schüttelte sich.
Nein! Das durfte nicht sein! Generalkonsul Stenzel mußte Ruhe und Haltung bewahren, auch dem Tode gegenüber. Er knöpfte seinen Gehrock fester. Wenn er alle seine Besucher so zu empfangen pflegte, warum nicht auch jenen letzten so? Heute in einem Jahr! Vormittags fünf Minuten nach halb zwölf! Traum und Wirklichkeit hatten da hübsch zusammengearbeitet. Wo fing die Wirklichkeit an? Wo hörte der Traum auf? Träumte er nicht vielleicht noch immer weiter? Träumte er nicht vielleicht, daß er dies alles nur träume? Oder träumte er, daß er wach sei? Wo war da noch ein Unterschied? Vielleicht ist beides das gleiche, dachte er bei sich und zupfte sich am Ohr.
Das schien nun doch die Wirklichkeit zu sein. Und alles andere war Traum gewesen. Aberglauben! murmelte er. Atavistische Anwandlungen! Für einen Großkaufmann und Generalkonsul beschämend genug! Noch dazu, wenn er am hellen Vormittag über seiner Arbeit einschläft.
Stenzel erteilte sich selbst eine Rüge und wollte sich wieder seinen Papieren zuwenden, als sein Blick von neuem auf die goldene Zylinderuhr fiel, die er vor sich auf den Schreibtisch gelegt hatte. Ihre Zeiger standen noch immer still. Es war fünf Minuten nach halb zwölf, wie vorhin. Also das war greifbar und unwiderleglich! In dem gleichen Augenblick, wo er sein Todesdatum geträumt hatte, war die Uhr stehengeblieben. Es war unmöglich, diese Tatsache aus der Welt zu schaffen. Bleiben denn sonst Uhren in Verbindung mit Träumen stehen? Stenzel erinnerte sich nicht, je davon gehört zu haben. Man konnte diese Verbindung zufällig nennen. Man konnte von Aberglauben sprechen. Aber dem Phänomen kam man damit nicht bei. Es war wie mit Gespenstern: Man kann danach schlagen, greifen, schießen, es nützt alles nichts. Das Phantom bleibt, wie es ist, unverwundbar, unfaßbar und dennoch grauenhafte Gegenwart.
Johann Sebastian Stenzel wußte wie durch einen Akt der Intuition mit einemmal, daß ein solches Phantom in sein Leben getreten sei und bis zu seinem vermutlichen Ende, heute in einem Jahr elf Uhr fünfunddreißig Minuten vormittags, nicht mehr von ihm weichen würde. Der Mann, von dem es hieß, daß er sich niemals Zeit gelassen habe, Zeit zu haben außer für die Arbeit, vielleicht weil ihm Zeit als ein über alle Begriffe kostbares Gut erschienen war, das nur für das Höchste eingesetzt werden dürfe, erkannte plötzlich im Blitzstrahl des Augenblicks, daß eben diese Zeit jetzt im Begriffe stand, sich für immer von ihm zu wenden, wie eine schöne treulose Frau, die man allzusehr nur als Heilige behandelt hat.
Der Generalkonsul war nicht nur ein unverbesserlicher Grübler. Er war auch ein Mann des kurzen Entschlusses und der schnellbereiten Tat, sobald es des Grübelns genug geworden war. Ja, vielleicht hatte er seine großartige Laufbahn, die den Dorfschulmeisterssohn auf den Gipfel wirtschaftlicher Macht geführt hatte, eben dieser seltenen Verbindung von zerfasernder Überlegung und besinnungslosem Zuspringen zu verdanken. So kann man chemische Stoffe in der Retorte lange miteinander erhitzen und vermengen, ohne daß etwas geschieht. Aber dann ist nur ein geringfügiger Zusatz eines artfremden Elements, vielleicht auch nur die kleinste Erhöhung des Drucks nötig, und die Entladung ist da.
In Stenzels Leben waren manche solche Augenblicke gewesen. Zum Beispiel als er in jener allgemeinen Wirtschaftskrise das Aktienpaket erworben hatte, das ihm die Kontrolle über die Schwedisch-Baltische Schiffahrtsgesellschaft vormals Wiedemann und Hopf gesichert hatte. Auch in der Angelegenheit der oberschlesischen Montangruppe hatte er wochenlangem Grübeln und Überlegen den Willensakt einer Sekunde folgen lassen, indem er wie in einem Zustand hellsichtiger Blindheit seine Unterschrift unter das entscheidende Schriftstück setzte.
Aber was wollte das alles gegen den Augenblick bedeuten, der sich soeben abgespielt hatte! Vielleicht war es nötig, noch einmal die Tatsachen in unerbittlicher Nacktheit zu gruppieren, um dann die endgültigen Schlüsse daraus zu ziehen. Da waren die beiden Briefe von Mutter und Tochter, von Helene und Ginevra van Düren. Sie lagen in Augennähe vor ihm auf dem Schreibtisch. Damit hatte es begonnen. Dann war dieser Halbschlaf über ihn gekommen, dieses Traumwachen am hellichten Vormittag mitten in der Bürozeit, im Dampf der Arbeit. Nummer zwei. Was war in diesem Zustand geschehen? Er hatte geträumt, daß er mit neunundfünfzig Jahren sterben werde. Nummer drei. Dann war er aufgewacht und hatte entdeckt, daß während des Traumes seine Taschenuhr stehengeblieben war. Um elf Uhr fünfunddreißig Minuten vormittags. Nummer vier. Konnte ein Zweifel sein, daß ein geheimer und doch irgendwie durchsichtiger Zusammenhang zwischen dem allen bestand? Also Generalbilanz: In einem Jahr war es zu Ende.
Der Generalkonsul erhob sich, atmete tief auf und reckte seine Arme. Leben! Leben! Noch war es sein! Ein volles Jahr gehörte noch ihm! Oh! Er wollte diesen Becher auskosten bis zum letzten Tropfen! Was ist die Zeit? Es ging ihm durch den Kopf, daß gewisse Philosophen sich mehr als skeptisch über den Begriff der Zeit geäußert haben sollten. Ob ein Jahr ... Ob zehn Jahre ... Ob hundert, ob tausend Jahre ... Rauchwölkchen, die zwischen den Fingern zergehen. Könnte man sie auf die Goldwaage legen, alle diese Rauchwölkchen, die Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende, es ließe sich auch nicht ein Millionstel Milligramm Unterschied zwischen ihnen ablesen. Solches und Ähnliches hatten die Philosophen behauptet, wenn man den Berichten darüber glauben durfte. Er hatte in der Tiefe seines Herzens nie viel von Philosophie gehalten. Es war ja doch alles nur Zeit- und Kraftverschwendung. Aber hier war ein Punkt, wo sie recht zu haben schien. Wenn tausend Jahre nicht mehr Gewicht besitzen als ein Jahr, warum sollte dann ein Jahr nicht ebensoviel wiegen können wie tausend Jahre? Es kam nur darauf an, welchen Inhalt man ihm gab.
Johann Sebastian Stenzel hatte seine volle Ruhe und Klarheit wiedergewonnen. Er drückte auf den Knopf seines Fernsprechers. Bauhofer meldete sich sofort.
„Es sind Telegramme aufzugeben, Herr Bauhofer. An meinen Neffen in Willomin. An Frau Professor van Düren, Berlin. An Fräulein Ginevra van Düren, hier. Kommen Sie sie in fünf Minuten holen. Lassen Sie sie von Fräulein Mathias nach dem Amt hinübersprechen. Dringend. Ich schreibe sie inzwischen nieder. Und dann machen wir die Bude zu. Ich gebe Ihnen bis morgen frei. Feiern Sie meinen Geburtstag und belasten Sie mich mit den Spesen bis zu zwanzig Mark.“
Am andern Ende der Leitung legte einer, mit mäßig gesträubten Haaren und etwas schlotternden Knien, den Hörer auf die Gabel. Es war Bauhofer. Sein Weltbild — eben noch übersichtlich wie ein guter Kontoauszug — hatte plötzlich einen Riß bekommen, der sich wie eine feine Zickzacklinie durch die saubere Zahlenreihe schlängelte und die ganze Rechnung in Unordnung brachte.
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„Findest du nicht auch, Adele, daß es mit unserem heutigen Männergeschlecht sichtlich bergab geht? ... Entschuldige! Ich will dich nicht kränken! Du denkst an deine Balkanhoheit! Kasimir Wladimirowitsch nehme ich natürlich aus! Ich lasse überhaupt alle Einzelfälle gelten! Besonders in unserer reiferen Männlichkeit gibt es noch Kavaliere und vielleicht auch noch Individualitäten. Aber was unserer Altersklasse entspricht ... Ausschuß! Dubletten! Fehldrucke! Entweder unterbelichtet ... Sport! Oder überbelichtet ... Intellektuelle! Na! Da ziehe ich beinahe noch die Unterbelichteten vor! ... Ich weiß, du hast es mit den Überbelichteten! Um so besser! Wir werden uns also nicht ins Gehege kommen! ... Nimmst du Schinkenbrötchen oder Marzipantorte? Vermutlich das letztere! Bediene dich! Sie ist von Püntschera.“
Ginevra van Düren reichte ihrer Freundin Adele Waldmann, der Liebhaberin und Sentimentalen vom Landestheater, die Platte mit der berühmten Püntscheraschen Marzipantorte. Die beiden jungen Mädchen nahmen ihren Nachmittagstee auf dem umgitterten Plätzchen ein, das Ginevra ihren Dachgarten nannte. Es war eine kleine rechtwinklige Terrasse, zu der man aus Ginevras Maler- und Photographenatelier ein paar knarrende Holzstufen emporzusteigen hatte. Man trat wie auf eine Bergkanzel oder auf einen Burgsöller hinaus und sah den Himmel über sich, die Welt unter sich. Es war eine Welt von steilen rostroten Dachfirsten, die höher oder niedriger, kreuz und quer einander überschnitten, von Schornsteinen, Luken, Mansarden, Speichern, Trockenböden, Feuermauern, Geländern, Holzgalerien, Hofschächten. Es sah aus, als habe über eine gerade im Werden begriffene Welt eine Schöpferhand sich gebreitet und dem chaotischen Augenblick Dauer geboten. Aus dem zerklüfteten Steingewoge wies ganz in der Nähe ein schlanker Turm, wie ein beziehungsvoll erhobener Zeigefinger, gen Himmel. Man unterschied deutlich das Zifferblatt der Uhr an dem schöngegliederten Unterbau des Turmes, mit dem man sich etwa in gleicher Augenhöhe befand.
Von den beiden Mädchen schien Ginevra die jüngere zu sein. Sie war groß gewachsen, von kräftigem, doch ebenmäßigem Gliederbau, so daß sie schlanker erschien, als sie war. Graugrüne Augen und kupferrotes Haar waren die Haupttöne ihrer Palette. Das länglichschmale Gesicht mit den schiefgezogenen Augenbrauen und der rechtwinkligen Frisur erinnerte an japanische Holzschnitte. Ihre ganze Erscheinung wirkte fremdartig, auffallend, wenn nicht herausfordernd, aber jedenfalls als die einer großen Dame.
Adele Waldmann konnte Mitte zwanzig sein. Schweres aschblondes Haar umrahmte kraus und wirr, in einer Art von Pagenfrisur, die gewölbte Stirn und das weiche Oval des Gesichts. Die mattblauen Augen hatten den Perlmutterglanz des abendlichen Meeres. Stark betont wirkten die roten sinnlichen Lippen, die zum Verweilen einzuladen schienen. Sie war nur wenig kleiner als Ginevra, von sinnendem, verschleiertem Wesen, ein weicher, weiblicher Typus, den die herbe amazonenhafte Schönheit Ginevras überstrahlte.
Adele ertrug das ohne Neid und Eifersucht. Sie wußte, daß sie eine geheime Anziehungskraft besaß, die die Männer zu ihr zwang. Sie hatte das im Guten wie im Schlimmen nur zu oft erfahren. Wer ihrem Bann einmal verfallen war, kam nicht so leicht mehr los! Es war nicht immer ein Glück für sie zu nennen. In Theaterkreisen wurde über ihre Erlebnisse in früheren Engagements mancherlei erzählt. Die Kolleginnen sprachen von Hemmungs- und Bedenkenlosigkeit. Sie selbst hatte Stunden, wo sie sich als Opfer empfand, wie ein hilfloses Wild, hinter dem die Meute her ist. Neuerdings war darin eine gewisse Ruhepause eingetreten. Seine Hoheit Kasimir Wladimirowitsch hatte sie zu seiner Freundin erkoren, was sich schnell in der Stadt herumgesprochen hatte. Kasimir Wladimirowitsch war der Exgroßfürst von Syrmien, der nach den Bedrohnissen und Stürmen einer dreißigjährigen Balkanregierung ein reich vergoldetes Exil in dem nahen Seebad Willomin gefunden hatte.
„Ich bewundere immer von neuem deine Unproblematik, Ginevra,“ sagte Adele, indem sie sich eine zweite Schnitte der ausgezeichneten Püntscheraschen Marzipantorte auf den Teller legte.
„Unproblematik soviel wie Borniertheit oder Dämlichkeit, willst du sagen?“
„Ganz im Gegenteil! Höchste Klugheit! Ich wünschte, ich hätte ein Hundertstel davon! Wer so wie du ist, wird prompt mit jeder Art Leben oder Zustand fertig. Ich sehe in allem ein Problem! Und meistens eins, über das ich nicht Herr werden kann! Wenn ich des Morgens aufstehe, so ist mein erster Gedanke: Wieder ein Tag! Wieder ein Schritt näher zum Alter, zum Ende von allem, was schön ist und weshalb man lebt, von Liebe und Glück! Wieder ein Tag! Und wie wirst du diesen Tag hinter dich bringen? Dumm genug die Frage, meine beste Gina, wenn man eigentlich den ganzen Tag mit Proben und Lernen und Theaterspielen verbringt!“
„Außer den Stunden, die du Seiner Hoheit dem Großfürsten widmest!“
„Der Ärmste! Manchmal tut er mir leid! Ich verwöhne ihn wirklich nicht zu sehr! Ich habe doch schließlich einen Beruf! Und einen recht anspruchsvollen dazu!“
„Nun also! Warum zerbrichst du dir dann den Kopf? Ich sage jeden Morgen: Gott sei Dank! Wieder ein Tag! Komm her, du Tag! Ich will dich an meine Brust ziehen und dir gut sein und alles von dir nehmen, was du mir bringst! ... Und wenn es dann Abend ist, so habe ich vielleicht ein paar blöde Aufnahmen von höchst gleichgültigen Menschenlarven gemacht oder bestenfalls die Zahl meiner Farbenwunder, meiner Blumenstücke um eines vermehrt. Aber das hindert mich nicht, am nächsten Morgen wieder mit aller Inbrunst auszurufen: Gott sei Dank! Ein neuer Tag! Und so weiter! Und so weiter! ... Ääh!“
Ginevra hatte eine plötzliche Gebärde des Widerwillens, des Ekels. Ein bitterer Zug irrte um ihre Nasenflügel. Er schien frühe Menschenverachtung anzuzeigen. Das Maskenhafte, das ihrem Gesicht eigen war, verschärfte sich und erschreckte für einen Augenblick. Dieses junge schöne Geschöpf mußte durch Erfahrung oder durch Intuition bereits allerhand vom Leben wissen.
Adele kannte diese plötzlichen Wetterwechsel in der Stimmung ihrer Freundin. Das Gewölk pflegte ebenso schnell wieder abzuziehen, wie es gekommen war. Man tat am besten, es leicht zu nehmen.
„Glaube nicht, meine liebe Gina, daß ich dir diese Geste glaube! Zur Weltverachtung hast du am allerwenigsten Grund! Mit deinen zweiundzwanzig! Wenn man obendrein so aussieht wie du! Was müßte ich dann sagen, die ich mich schon dem Herbst nähere! Fünfundzwanzig im Januar gewesen! Nein, nein, mein Holdchen, mein Bild von dir verschandelst du nicht! Es steht auf einem Altar in meinem Allerheiligsten, bis wohin dein Hohn nicht dringt. Ich bleibe dabei, wer so wie du das Leben bei den Hörnern zu packen versteht, der ist zu bewundern! Ich fürchte, ich werde es niemals lernen.“
Ginevra war mit einer entschuldigenden Handbewegung aufgestanden. Es fehlte kochendes Wasser für den Tee. Sie verschwand durch die offenstehende Tür des Ateliers, die mit einem Schritt zu erreichen war. Man hörte die Holzstufen des Treppchens ächzen. Die Schauspielerin streckte ihre eingeschlafenen Glieder, so gut es auf dem schmalen Seidenstühlchen ging, und sah über das Gewirr von rostroten Giebeln zum Himmel empor. Er war aquamarinblau, beinahe wolkenlos. Nur ein paar weiße, federdünne Fetzen flogen vor einer leichten Seebrise wie auf Schwingen durch die unergründliche Himmelsbläue. Es sah aus, als hätten sie große Eile, an irgendein sehr fernes Ziel zu kommen.
Adele schwindelte es plötzlich auf der Dachterrasse. Sie hatte das Gefühl, dieser winzige Knauf, der sie trug, habe sich von seinem Haussockel losgelöst und sause mit ihr durch den Himmelsraum davon, ähnlich wie hoch über ihr die Wolkenschleier dahinsegelten. Mit einemmal saß sie auch nicht mehr auf der Dachterrasse dieses alten Patrizierhauses in der nordischen Seestadt. Sie befand sich vier Treppen links in der Hofwohnung des rußgeschwärzten Vorstadthauses, sehr weit von hier, wo man an Föhntagen die Zacken des Gebirges auf einem bunten Südlandshimmel sich abzeichnen sah. Es war ein ähnliches Gewirr von erdbraunen oder tabakfarbenen Ziegeldächern gewesen, das sich ihrem suchenden und fragenden Kinderblick dargeboten hatte. Denn hier oben, vier Treppen links, im Gartenhaus, wie man es beschönigend nannte, war die Wohnung ihrer Eltern, braver Kleinbürgersleute, gewesen.
Ginevra erschien mit hocherhobenem Teekessel im Türrahmen des Ateliers. Ihr kupferrotes Haar flammte im Strahl der Nachmittagssonne auf. Adele, die mit zurückgelehntem Kopf in den Himmel gestarrt hatte, richtete sich auf.
„Gut, daß du kommst!“ sagte sie zu Ginevra. „Ich war weit weg!“
„Wo warst du denn?“
„Irgendwo, wo es dunkel und eng und armselig war ind ein bißchen nach kleinen Leuten roch. Aber ich gäbe etwas darum, wenn ich es noch einmal wiederhaben könnte, sei es auch nur für eine halbe Stunde! ... Viel länger hielte man es ja wohl nicht aus.“
„Du hast geträumt? Kleine Leute? Windeln am Ofen? Kindheitserinnerungen? Was?“
Adele hatte eine leichte Röte auf den Wangen.
„Wie scharfsinnig du bist, meine beste Gina! Eben das habe ich geträumt! Und es entspricht ja auch den Tatsachen. Ich leugne es gar nicht. Meine Kindheit war so! Du hast sicher in einer Wiege mit Brüsseler Spitzen gelegen. Meine Mutter hatte nicht das Geld dazu!“
„Meine Mutter damals bestimmt auch nicht! ... Im übrigen sollte es natürlich keine Kränkung sein. Ich bin nur etwas empfindlich, wenn ich irgendwo Sentimentalität rieche. Es gibt ja auch Leute, die Vanillegeruch nicht vertragen. Damit ist noch nichts gegen die Existenz der Vanille im allgemeinen gesagt.“
Wieder trat das Maskenhafte in Ginevras Gesicht hervor. Es war wie eine unsichtbare Luftschicht um sie, durch die sie sich von der übrigen Menschheit absonderte. Adele hatte ein Gefühl der Erkältung und schwieg. Aber das kleine Gewölk schwand rasch. Ginevra nahm den Faden wieder auf, der sie offenbar mehr beschäftigte, als ihr selbst bewußt war.
„Wenn ich uns beide so ansehe, meine holde, etwas empfindliche Adelina, dann finde ich, ganz im Gegensatz zu dir, du bist die Einfache, die Primitive, die Unkomplizierte, und ich bin das Problem!“
„Und wie begründest du das?“ bemerkte Adele noch etwas kühl.
„Ich will es dir an einem Beispiel erklären. An einem Fall, der sich gerade in letzter Zeit zugetragen hat. Natürlich handelt es sich um den gewissen Punkt. Um das Verhältnis zum Mann!“
„Auch du, Penthesilea? Kenne ich ihn? Sicher doch Sport! Meinst du, ich bin dir nicht längst darauf gekommen?“
„Unsinn! Es ist nichts! Gar nichts! Weniger als nichts! Das ist ja das Problem!“
„Nichts und alles! Ich glaube, es gibt eine Philosophie, wo alles nichts ist und nichts alles.“
„Du an meiner Stelle hättest sicher schon was aus dem Nichts gemacht! Ich versage da einfach! Vielleicht liegt es an meiner Erziehung. Also wer ist nun das Problem von uns beiden?“
„Willst du nicht deine Geschichte erzählen? Ich brenne natürlich vor Wißbegierde!“
Ginevra schenkte den frischgebrühten Tee in die beiden Tassen, zündete sich die unentbehrliche Zigarette an, schlug die Beine übereinander und erzählte ihre Geschichte, die eigentlich keine war.
Vor einigen Wochen, Ende März, an einem ersten Vorfrühlingstage, habe sich ein jüngerer, aber nicht mehr so ganz junger Mann, Dreißiger, vielleicht Landwirt, vielleicht Sportsmann, vielleicht auch etwas Drittes, in ihrem Atelier eingefunden. Ungefähr in ihrer Größe, also nicht zu klein, aber für einen Mann auch nicht übergroß. Nichts weniger als schön. Eher häßlich, wenn man den Kopf eines Rennpferdes auf einem Menschenrumpf häßlich nennen wolle. Sicher nicht das Schönheitsideal der meisten Gänschen, nichts Weibisches, betonte, aber auch wieder nicht selbstgefällige Männlichkeit und hellblondes, schlicht zurückfallendes Haar obendrein. So der Eindruck beim ersten Auftreten im Atelier, und Irrtümer natürlich vorbehalten.
Jan Wilhelm — dies der erst später enthüllte Vorname des unerwarteten Nachmittagskunden, sein Vatersnamen tat vorläufig nichts zur Sache, hatte ein paar gute Bilder von sich gebraucht. Es handelte sich um eine Stellenbewerbung. Die letzten Aufnahmen waren über zehn Jahre alt. Seitdem war der Krieg gewesen. Der Fremdling schien ihn vom begeisterten Anfang bis zum verzweifelten Ende mitgemacht zu haben, ohne sich besonders damit in Positur zu werfen. Aber jene frühen Bilder waren nun doch teils dieserhalb, teils überhaupt veraltet. Und es sollte beileibe keine der schöngestellten Aufnahmen werden, die man ja sonst für Stellengesuche bevorzugte. Ginevra hatte ihn darüber beruhigt. Derartige Erzeugnisse landesüblichen Kitsches würden in ihrer Werkstätte nicht angefertigt. Wer so etwas wolle, müsse anderswo anklopfen. Und auf ihre Erkundigung, wie der Besucher denn gerade auf ihr Atelier verfallen sei, wo es noch nicht gerade von Kunden wimmele, eben wegen der Vermeidung jenes nur zu beliebten Kitsches, habe der blonde Junge (Junge nicht gerade den Jahren nach, aber doch als männliches Geschlechtswesen!) ein bißchen verlegen, ja beinahe errötend (sie wolle nicht übertreiben!) zur Antwort gegeben, das Türschild des Ateliers unten am Haustor habe ihn heraufgelockt. „Lichtbildwerkstätte Ginevra.“ Das sei doch mal etwas anderes, als man es hierzulande gewöhnt sei, und es lasse der Phantasie den weitesten Spielraum frei.
Das hätte man nun beinahe übelnehmen können, wenn es der blonde Junge nicht so naiv vorgebracht hätte, daß es mehr humoristisch wirkte und also verzeihlich war. In dem schnell entsponnenen Gespräch hatte sich dann allerhand Merkwürdiges herausgestellt. Der gerstenblonde Fremdling (dies wäre die treffende Farbenbezeichnung) war Verwalter auf der Domäne Willomin, die oberhalb des gleichnamigen Seebades mehrere tausend Morgen groß über das lehmige Höhenland sich erstreckte. Das Herrenhaus im Buchenwald neben der Oberförsterei war ja allen Großstädtern wie auch den Badegästen von Willomin wohlbekannt. Diese landwirtschaftliche Betätigung wäre an sich nichts Besonderes gewesen, und man hätte sich vielleicht bald wieder getrennt, wenn der gerstenblonde Fremdling sich nicht unversehens als Maler entpuppt hätte. Als richtiger Kunstmaler, als Schüler eines noch lebenden Meisters, den sogar ihr Vater mit seinem manchmal überstrengen Urteil hatte bestehen lassen. Das sei noch vor dem Krieg gewesen, und der habe dann allem ein Ende gemacht.
Als er nach den viereinhalb Jahren voll Blut und Dreck wieder zu Hause war, sei ihm sein ganzes früheres Leben wie eine Konditorattrappe mit Lutschbonbons vorgekommen. Es habe ihn nach festerer, derberer Kost, nach irgend etwas Handgreiflichem und Lebensnahem verlangt, um auch weiter zupacken zu können, wie es ihm die Lehrjahre des Krieges eingehämmert hatten. Was habe nähergelegen, als in die Landwirtschaft zu gehen, wo man den Lebensstoff aus erster Hand zu kneten bekommt? Auch die persönlichen Umstände drängten zu schneller Wahl eines Berufes, der nährte. Man mußte von etwas leben! Aber kann man das von der Kunst? Heute? Wo nur die höchste, die allerhöchste Leistung legitimiert, und selbst diese nur unter den günstigsten äußeren Voraussetzungen! Traf das auf ihn zu? War er ein solches Kirchenlicht? Durfte er sich so vertrauen? Es wäre Wahnsinn gewesen! So war er Landwirt geworden. Seine Lehrzeit kürzte sich dank dem Privileg der Kriegsjahre ab. Zu irgendwas mußte das verplemperte Leben doch gut sein! Seit drei Jahren war er Verwalter auf Willomin, aber eben nur Verwalter, unterstand einem nörglerischen engstirnigen Vorgesetzten, der ihn an Händen und Füßen gefesselt hielt. Daher jetzt der Versuch, sich irgendwo einen größeren und freieren Wirkungskreis zu schaffen, zu welchem Behuf nun eben die neuen Bilder dienlich sein sollten.
„Also das ist die Geschichte?“ meinte Adele, als Ginevra in ihrem Bericht innehielt und stirnrunzelnd ihren kaltgewordenen Tee mit dem Löffel umrührte.
„Ja, das ist die Geschichte!“ bestätigte Ginevra in einem Ton, dessen Zwielicht weitere Fragen ebensosehr offenzulassen wie abzuschneiden schien.
„Ich finde, die Geschichte hat keine Pointe!“ sagte die Schauspielerin nach einer Pause mit einer ziemlich entschiedenen Gebärde. „Auf der Bühne dürfte man so etwas nicht bringen. Das fiele durch. Du hast die Geschichte entweder noch nicht zu Ende erzählt oder noch nicht zu Ende gelebt! Eins oder das andere! Ich nehme beinahe das letztere an!“
Um Ginevras Lippen spielte ein Lächeln, von dem sich nicht sagen ließ, ob es Spott über sich selbst oder über die andere war.
„Ist dir auch so kühl wie mir?“ fragte sie unvermittelt und zog die Schultern hoch. „Mich fröstelt! Wollen wir nicht hineingehen? Es ist doch eigentlich noch ziemlich früh im Jahr. Der erste schöne Maitag! Und wir sind erstens hoch auf dem Dach und zweitens hoch im Norden!“
„Schade! Ich sitze leidenschaftlich gern hier oben! Diese phantastische Dächerwelt! Und das Stückchen Blau dort hinten am Horizont, das ist die See! Wer weiß, ob es morgen nicht wieder aus Gießkannen regnet.“
„Dann erlaube, daß ich mir meinen Pelz hole! Und deinen bringe ich dir auch gleich mit. Ich kann es nicht verantworten, daß die Luise Millerin des Landestheaters sich auf meinem Dach einen Schnupfen holt!“
„Du hast recht, ich bin leichtsinnig wie immer!“
Ginevra war mit einem Satz in der Ateliertür.
„Kasimir Wladimirowitsch sollte dich mal etwas in Zucht nehmen!“ rief sie Adele zu. „Als alter Balkantyrann weiß er doch sicher mit der Peitsche umzugehen!“
Sie lachte kurz auf und verschwand. Als sie gleich darauf mit dem Nerzpelz über der Schulter wieder erschien und schon von der Ateliertüre aus Adele den ihren zugeworfen hatte, sagte diese:
„Du hast doch gewiß noch ein Bild von deinem weizenblonden Besuch?“
„Gerstenblond! Ich muß sehr bitten!“
„Weizenblond oder gerstenblond! Toute la même chose!“
„Im Gegenteil! Ein himmelweiter Unterschied! Man sieht, daß du eine Großstadtpflanze bist!“
„Du nicht?“
„Nur in der letzten Generation! Alle meine Vorfahren haben als eigene Herren auf der Scholle gesessen! Ich bilde mir etwas darauf ein.“
Adele hatte ein etwas überlegenes Lächeln, anders, als es sonst ihre Art war.
„Warum nicht! ... Ich lasse es dir! Du weißt, ich stehe links!“
„Die Favoritin des Balkanpotentaten!“
„Deshalb bleibe ich doch, was ich bin! ... Aber wir kommen vom Bild ab!“
„Interessiert es dich also?“
Ginevras Frage klang fremd und kühl. Adele lachte.
„Ich wußte ja, daß deine Geschichte noch nicht zu Ende ist!“
Ginevra kreuzte die Arme in einer Art von Verschlossenheit und saß kerzengerade auf ihrem Stuhl.
„Ich werde es dir zeigen, wenn wir nachher im Atelier sind,“ sagte sie mit gleichgültigem Achselzucken. „Du wirst nicht viel daran sehen. Ein blonder Zeitgenosse, wie tausend andere, dem irgendwo der Krieg im Gesicht geschrieben steht. Es ist wirklich nicht so interessant!“
„Und zu Anfang schien es doch so?“
Ginevra starrte vor sich hin. Wieder war dieses Maskenhafte über ihrem Gesicht.
„Ja, zu Anfang schien es so,“ wiederholte sie mit einem leeren Ton. „Man kann sich eben täuschen.“
„Ist das vielleicht die Pointe?“ fragte Adele nach einer Pause.
Ginevra antwortete nicht. Beide Mädchen schwiegen.
„Ich will dir etwas sagen, meine Gute,“ begann sie nach einem Weilchen wieder, „du hast natürlich recht, die Geschichte ist noch nicht zu Ende, irgendwie. Aber das Wie steht in den Sternen geschrieben, und da ich keine Astrologin bin, so kann ich es leider nicht entziffern.“
„Seit wann hast du ihn nicht gesehen?“
„Genau seit drei Wochen.“
„Und bis dahin?“
„Kam er mehrmals wöchentlich!“
„Immer um Aufnahmen machen zu lassen?“
Ginevra warf Adele mit einer jähen Handbewegung die gefaltete Teeserviette ins Gesicht.
„Du bist frech mit deiner Fragerei! ... Wir unterhielten uns! Wir unterhielten uns über Malerei und tranken Tee dazu. Er hat einen steinreichen Onkel, dessen drittes Wort Arbeiten heißt. Arbeiten! Arbeiten! Es muß ein komischer Kauz sein!“
„Und du hast keine Ahnung, warum er plötzlich nicht mehr kommt?“
„Ich weiß es sogar ganz genau!“
Adele beugte sich neugierig über den Teetisch.
„Und warum nicht?“
„Weil ich nicht blond bin!“
Die Schauspielerin schlug mit der flachen Hand auf den Teetisch, daß die Tassen klirrten.
„Das nenne ich in der Tat eine Pointe! ... Aber das hat er doch von allem Anfang an gewußt!“
„Man sollte es meinen! Vielleicht war er zuerst farbenblind!“
„Ach geh!“ rief Adele und lachte laut auf. „Also wie erklärst du dir das? Ihr müßt doch darüber gesprochen haben?“
Ginevra schien die Antwort schwerzufallen. Sie rang sichtlich mit sich, als sei sie schon allzu weit gegangen, könne aber auch nicht mehr zurück. So kam es denn stückweise heraus. Er sei auf dem besten Wege, sich in sie zu verlieben. So ungefähr habe er sich ausgedrückt. Auf dem besten Wege, sich zu verlieben! Aber das könne und dürfe er nicht, da er grundsätzlich entschlossen sei, sich nur in Blondinen zu verlieben!
Die Schauspielerin lachte von neuem auf und schüttelte den Kopf.
„In der Tat ein Original! ... Aber er hatte sich doch offenbar schon in dich verliebt! Also war das doch alles Unsinn!“
Ginevra zog die Stirn hoch. Es war plötzlich die sorgenvolle Miene eines Clowns geworden.
„Kann schon sein!“ meinte sie. „Aber so ist er! So sind sie doch alle, unsere junge Männerwelt von heute! Habe ich also nicht recht, wenn ich von Minderwertigkeit spreche?“
„So ganz minderwertig scheint er mir doch nicht zu sein, dein allerdings ziemlich verdrehter Freund!“ bemerkte die Schauspielerin nach einer Pause des Schweigens.
„So?“
„Erstens spricht sein Faible für Blondinen in meinen Augen sehr für ihn. Und zweitens hat er doch immerhin den Weg herauf in dein Atelier gefunden. So etwas kann doch nur einem Menschen von Geschmack einfallen.“
Ginevra hatte sich mit ihrem Stuhl etwas abgekehrt und machte eine spöttische Kopfbewegung über die Schulter weg zu ihrem Gegenüber.
„Danke für das Kompliment! ... Also paßt er vielleicht zu dir! Oder du zu ihm! Bediene dich! Er heißt Jan Wilhelm Köhler, Gutsverwalter in Willomin, falls du seine Adresse brauchst!“
Die Maske über ihrem Gesicht war unzugänglich und wie von Stein. Adele achtete nicht darauf.
„Ich werde sie mir vormerken,“ gab sie ironisch zurück. „Man kann nie wissen, wozu es gut ist.“
Sie schwieg etwas, fuhr dann, einen andern Ton anschlagend, fort: „Du kannst doch nicht leugnen, liebste Ginevra, daß Kasimir Wladimirowitsch und ich auch nur zu dir heraufgekommen sind, damals das erstemal, weil wir eben Menschen von Geschmack sind und mein hoher Herr, gerade wie ich, nur wirklich künstlerische Aufnahmen schätzt. Und die sahen wir unten in deiner Auslage. Also kletterten wir herauf. Schließlich datiert doch unser ganzer Freundschaftsbund daher. Willst du das vielleicht leugnen, meine Beste?“
Ginevra wäre eigentlich in der Laune gewesen, es zu leugnen. Aber da das doch nicht recht anging, so begnügte sie sich mit einer halb zustimmenden, halb abwinkenden Handbewegung.
„Schon gut! Bye-bye!“
„Weißt du, wie es Kasimir Wladimirowitsch nennt, unser Freundschaftsdreieck? Die baltische Tripleallianz! Er kommt von seinem alten Metier nicht los! ... Aber wäre es nicht entzückend, wenn wir einen Vierbund daraus machten?“
„Vierbund?“
„Indem wir deinen blonden Freund hinzuziehen. Warum sollten wir unsern Kreis nicht erweitern? Um so amüsanter wird es sein.“
„Du weißt ja seine Adresse! Schreibe ihm!“
„Das könnte man versuchen! ... Aber du bist schlechter Laune, meine Beste! Heben wir die Sitzung auf! Meine Stunde schlägt sowieso.“
Adele stand auf und reichte Ginevra die Hand. Auch diese hatte sich erhoben. Die beiden Mädchen standen sich gegenüber. Noch stärker als vorher fiel ihre Wesensverschiedenheit auf. Vielleicht, waren es gerade die entgegengesetzten Pole, die sich anzogen.
Ginevras Gesicht hatte sich plötzlich entwölkt. Die Maske war verschwunden.
„Du hast recht, Adele!“ sagte sie in einem offenen, herzlichen Ton. „Wozu Grillen fangen und uns die Laune verderben! Ich begleite dich noch bis zum Theater! Du mußt übrigens wissen, daß die Geschichte, die ich dir erzählte, noch eine Art von Anhang hat, ein Schwänzchen, ein Ringelschwänzchen, also in der Tat noch weiterzugehen scheint. Du wirst gleich hören, inwiefern. Ich will nur noch abräumen.“
Sie stellte Tassen, Teller und Teekanne auf das Tablett und ging damit zur Ateliertreppe. Adele folgte ihr mit den Resten der Brötchen und der Marzipantorte. Das Atelier war ein nicht allzu großer Glaskasten, in dem es nach photographischen Chemikalien, vornehmlich aber nach Farben, Terpentin und Firnis roch. Eine Staffelei mit einem halbfertig gemalten Blumenstück stand im bleichen Nordfensterlicht. Auf einem Tischchen ganz in der Nähe befand sich in einer Vase das Modell des angefangenen Bildes, ein riesiger Strauß blühenden Flieders in Weiß und Violett. Sein zärtlicher, etwas kränklicher Treibhausduft mischte sich mit dem kalten, herrischen Geruch der Chemikalien. Die starken, leuchtenden Farben des Bildes waren noch naß. Kein Zweifel, daß die Bewohnerin dieses Raumes sich zuerst als Malerin empfand. Der photographische Apparat war hinten in eine Ecke geschoben. Die Dominante des Vordergrundes war die Staffelei. Weiße Helligkeit floß durch Höhe und Tiefe, durch alle Ecken und Winkel des Ateliers. Ein Ruhelager, über und über mit Kissen bedeckt, nahm fast die ganze eine Seitenwand ein. Daneben schien es durch eine halboffene Tür in eine Art von Wohn- oder Schlafkabinett zu gehen. Mitten auf den Seidenkissen des Ruhelagers thronte ein großer, schwarzer französischer Bulli mit roten Teufelsaugen und heraushängender gieriger Zunge — alles schön und lebensecht in Wolle oder Stoff nachgebildet. Er schien Ginevras Wappentier zu sein. Kleinere Abbilder von ihm mit verschiedenfarbigen Halsschleifen waren auf dem Ruhesofa um ihn herumgruppiert wie eine Horde von Kleinteufeln um einen majestätischen Oberteufel. Holzschnitte und Steinzeichnungen an der Wand huldigten dem gleichen Götzendienst. Auf einer Biedermeierkommode aus gelbem Birnbaum bleckten zwei weiße Porzellanbullis ihre roten Zungen und die rosa Schnauzen gegeneinander.
Adele Waldmann war bereits oft genug — teils allein, teils in Gesellschaft des Großfürsten — hier oben gewesen, um sich weder über diese Armee von Bullis, diesen Götzentempel schwarzer Teufelslarven, noch überhaupt über etwas zu wundern, was mit ihrer Freundin zusammenhing. Das Ungewöhnliche, das Exzentrische schien das ihr allein Gemäße und Natürliche zu sein.
Adele erinnerte sich an eine Begebenheit aus Ginevras Backfischjahren, die diese ihr kürzlich erzählt hatte. Eine schwappvolle Waschschüssel hatte die fünfzehnjährige Ginevra in plötzlichem Jähzorn über eine ihr zugefügte Unbill durch ein Fenster ihrer elterlichen Wohnung in den gepflasterten Hof geworfen. Es war wie ein Kanonenschuß, und alle Köchinnen der Nachbarschaft hatten ihre Köpfe hinausgestreckt. So heiter das nachträglich war: was hätte nicht alles geschehen können! Adele wollte ihr das vorhalten. Aber Ginevra blieb dabei, daß sie recht gehabt habe. Man habe sie gereizt und beleidigt! Im übrigen sei ja niemand dabei zu Schaden gekommen. Adele mußte vor solchen Argumenten die Waffen strecken! Es war schon so — sie gestand es nicht ohne Bitterkeit —, daß die andere die Unsoziale, aber auch die Herrennatur, die Aristokratin war, und sie selbst, die Tochter der Hafnermeistersleute, nur darum das soziale Gewissen vertrat, weil sie eben von unten kam. Sklavenmoral! Das Schlagwort war ihr nicht unbekannt. Kasimir Wladimirowitsch gebrauchte es oft. In solchen Augenblicken der Selbsterkenntnis hätte sie auf Ginevra herumtrampeln können, um ihr dann vielleicht reumütig um den Hals zu fallen.
Die beiden Mädchen standen vor der Staffelei mit dem angefangenen Blumenstück, dessen nasse Farbenflecke, aus der Nähe gesehen, sich in eine gestaltlose funkelnde Masse auflösten.
Dieser Fliederstrauß habe eine Seele, meinte Adele. Es scheine sogar eine recht kapriziöse Seele zu sein.
„Ich habe einen guten Lehrmeister gehabt. Meinen Vater.“
Ginevras Ton klang ungewöhnlich weich. Sie räusperte sich, als schäme sie sich ihrer Regung.
„Du hast deinen Vater sehr geliebt?“ fragte die andere nach einem Augenblick.
„An meinem Vater hat die Welt noch viel gutzumachen,“ erwiderte Ginevra, um deren Mund wieder die bittere Falte sich meldete. „Nur nützt ihm das nichts mehr. Der Kampf hat ihn vor der Zeit aufgerieben. In solchen Fällen pflegt man sich ja mit der Nachwelt zu trösten. Stuß! Hätte man meinem Vater zur richtigen Zeit geholfen, indem man ihm seine Bilder abkaufte, er könnte heute noch leben und hätte sein bestes Werk erst noch gemalt! Ob sie ihn jetzt in den Himmel heben oder nicht ...! Natürlich! Es ist genug von ihm da, das für ihn sprechen wird ... Man liest ja von gewissen Sternen, daß ihr Licht noch immer weiterleuchtet, auch wenn sie selbst längst erloschen sind.“
Sie schwieg, machte eine abschüttelnde Gebärde und wandte sich von neuem zu Adele, indem sie auf ein nahestehendes Tischchen wies.
„Da liegen ein paar Abzüge von meinem ungetreuen Verehrer! Von Jan Wilhelm Köhler! Vielleicht entspricht er deinem Geschmack?“
Adele griff nach den Aufnahmen und betrachtete sie genau.
„Schau! Schau!“ rief sie überrascht. „Einen solchen Pferdeschädel läßt man sich gefallen! Das ist ja ein höchst rassiger Kerl! Und den wolltest du mir unterschlagen?“
„Gefällt er dir also?“ fragte Ginevra in kühlem Ton.
„Dir etwa nicht?“ gab Adele zurück.
„Ich gebe dir Vollmacht, zu handeln, wie du es für gut befindest,“ entgegnete Ginevra auf eine sehr gleichgültige und überlegene Weise. „Ich habe mich bereits anders entschieden. Ich nehme seinen Onkel!“
„Wessen Onkel?“ rief die Schauspielerin. „Neffe und Onkel zu gleicher Zeit? Du entwickelst dich ja zu einer Ninon de l’Enclos!“
Ginevra nickte befriedigt. Es war wieder die Clownmaske, die man sah.
„Du erinnerst dich? Ich erzählte dir von Jan Wilhelms Onkel! Von dem ebenso verschrobenen wie steinreichen Onkel, dessen drittes Wort Arbeiten heißt!“
Adele erinnerte sich.
Von eben diesem Onkel, fuhr Ginevra fort, habe sie heute mittag ein Telegramm erhalten, ein dringendes Telegramm, sie möge ihn so schnell wie möglich aufsuchen. Und sie werde hingehen! Sie werde sich in die Höhle des Löwen begeben! Es gehe nämlich von diesem Onkel das Gerücht in der Stadt, daß er ein ganz gefährlicher Lebemann sei.
In diesem Falle müsse sie ihn doch eigentlich auch kennen, äußerte die Schauspielerin, nicht ohne ernstes Sachverständnis. Wer es denn sei?
Ginevra richtete sich kerzengerade auf.
„Es ist Johann Sebastian Stenzel, Generalkonsul von Honduras, Großkaufmann, Schiffsreeder und was sonst noch!“
„Generalkonsul Stenzel?“ rief Adele überrascht „Aber den kenne ich ja in der Tat! Das ist ja der geschäftliche Berater von Kasimir Wladimirowitsch.“
Ginevra nickte.
„Ich wundere mich nicht im mindesten darüber, meine holde Adelina! Es bestätigt mir nur wieder, wie unser aller Schicksal irgendwo in der Tiefe zusammenhängt. Denn eben dieser Generalkonsul Stenzel, der der verrückte Onkel seines verrückten Neffen ist und der Geschäftsfreund deines Herzensfreundes, eben der ist einmal der Jugendfreund meiner Mutter gewesen. Und deshalb werde ich mich in seine Höhle begeben, um ihn womöglich zu bessern und zu bekehren. Du wirst jetzt begreifen, daß diese ganze Geschichte mit dem Onkel und dem Neffen sich erst sehr in den Anfängen befindet!“
5
Johann Sebastian Stenzel stand vor dem Geschäftshaus der Schwedisch-Baltischen Schiffahrtsgesellschaft vormals Wiedemann und Hopf und blickte angelegentlich an dessen Fassade empor. Er stand mitten in der totenstillen Straße, deren geräumige Beischläge nur eine schmale Rinne für den Verkehr freiließen. Es war freilich auch von Verkehr straßauf, straßab nicht das geringste zu bemerken. Der Generalkonsul konnte sich ungestört seinen Beobachtungen hingeben. Neben ihm oder eigentlich ein wenig hinter ihm, mit Wahrung einer gewissen Respektgrenze, standen zwei andere Männer, ebenfalls mit zurückgebogenen Hälsen und emporgebreiteten Handflächen, und hefteten ihre Blicke auf das gleiche Ziel.
Das Haus, mit seinem geschweiften Zopfgiebel und seiner nüchternen Fassade, gehörte einer jüngeren Bauperiode an und zählte keineswegs zu den Sehenswürdigkeiten dieser sonst mit baulicher Schönheit so verschwenderisch aufwartenden Stadt. Was gegenüber den zeitgeschwärzten Nachbarhäusern zunächst ins Auge fiel, war ein sanft leuchtendes Zitronengelb, das dem Antlitz des Hauses sichtlich erst vor kurzem verliehen worden war. Man konnte an einen braven Bürgersmann denken, der in einer plötzlichen Verwirrung zum Schminktopf gegriffen hat, um sich interessant zu machen.
„Bemerken Sie die weißgrauen und grünlichen Streifen, meine Herren, die sich über die ganze Giebelpartie bis zum dritten Stock hinunterziehen?“ fragte der Generalkonsul, das feierliche Schweigen der in Betrachtung versunkenen Gruppe unterbrechend.
„Ja, es ist kein Zweifel, es ist Vogelmist!“ bestätigte Herr Zürner, der weitaus größere der beiden andern Männer, eine noch jugendliche Erscheinung, auf deren rundem, rosigem Knabengesicht ein buschiger, brauner Schnurrbart wie angeklebt saß. Es war der stellvertretende Direktor eben des Geschäftshauses, dessen durch höhere Mächte verunzierter Anstrich Gegenstand der Beratung war.
Der Generalkonsul schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Mehr Präzision, meine Herren! Mehr Präzision in Ihren Feststellungen, wenn ich bitten darf! Was fangen wir mit Vogelmist so im allgemeinen an? Vogelmist ist ein weiter Begriff! Wir müssen wissen, welch eine Art von Vogelmist es ist, wenn wir dem Übel auf den Leib rücken wollen! Und wissen wir es denn nicht? Es handelt sich um Taubendreck, meine Herren!“
„Wohl möglich, daß es Taubendreck ist!“ bestätigte Zürner. Er hatte die Gewohnheit, öfters an seinem Schnurrbart zu kauen.
In diesem Augenblick knatterte es hoch über ihnen. Alle drei blickten gleichzeitig in die Höhe. Ein großer Taubenschwarm hatte sich hinter dem Dachgiebel des Geschäftshauses wie auf Kommando erhoben und steuerte als eine die Luft verdunkelnde Wolke nach der steilen Zipfelhaube eines nahen Torturmes hinüber, um sich nun drüben niederzulassen.
„Da haben wir den Salat!“ rief Stenzel und wies aufgeregt gen Himmel. „Ist es jetzt Taubendreck, meine Herren, oder nicht? Läßt sich an einer so eindeutigen und unbestreitbaren Tatsache noch rütteln? Ich sehe den Vorgang folgendermaßen: Die Tauben setzen sich oben aufs Dach und verrichten hinter dem Giebel ihre Notdurft. Wenn es dann regnet, so fließt die Jauche nach allen Seiten über, läuft am Hause herunter und bildet diese grünlichen und weißlichen Streifen, die wir auf unserm neuen Anstrich sehen.“
Er klemmte sein Monokel fester ins Auge und sah beifallheischend in die Runde. Direktor Zürner glaubte den Ausführungen des Generalkonsuls beipflichten zu sollen. Aber was mit dieser Feststellung gewonnen sei, und wie man dem Übel steuern könne?
„Dem Übel steuern?“ rief der Generalkonsul und fuchtelte heftig mit dem rechten Arm herum. „Nichts einfacher als das, wenn man erst einmal den Grund des Übels erkannt hat! Vogelmist als Allgemeinbegriff, das hätte uns nicht viel geholfen. Aber jetzt wissen wir, daß es Taubendreck ist, und daß es also die Tauben sind, denen unser Kampf zu gelten hat!“
Auf welche Weise aber dieser Kampf zu bewerkstelligen sei, drängte Direktor Zürner, der von beharrlicher Sinnesart zu sein schien. Vielleicht empfehle es sich, vergifteten Weizen hinter dem Dachgiebel zu streuen. Die Tauben würden ihn fressen, und so werde man ihren Mist am sichersten loswerden. Denn von toten Tauben seien ja keine Exkremente mehr zu befürchten.
„Sie sind ein gescheiter Mann, mein lieber Direktor!“ lobte Stenzel und machte gegen Zürner, der zwei Köpfe größer war als er, eine andeutende Bewegung des Schulterklopfens. Dann drehte er sich gegen den um, der bisher noch geschwiegen hatte.
„Und was ist Ihre Meinung, Herr Aßmus? Stimmen Sie bei?“
Aßmus, ein winziges, schmales, graubärtiges Männchen, mit einem Gesicht, weiß wie Kalk, war der Besitzer einer Desinfektionsanstalt und Fabrikant von Giftpräparaten.
Nein, er bedaure, nicht beistimmen zu können, entgegnete Aßmus, aus seiner bisherigen Reserve heraustretend. Tauben seien nicht Mäuse. Es sei hundert gegen eins zu wetten, daß sie den vergifteten Weizen nicht fressen würden.
„Tiere sind in der Tat oft klüger als Menschen,“ schaltete der Generalkonsul ein und nickte beifällig. „Aber was dann? Wir können doch nicht ständig einen Wächter aufs Dach setzen? Aber dieser Guanofabrik muß ein Ende gemacht werden! Das Menschengeschlecht hat doch schon schwierigere Probleme gelöst!“
Es gebe nur eines, erklärte der Chemiker mit seiner zirpenden Stimme. Einen Gasangriff!
Der Generalkonsul klopfte sich vor die Stirn. Ein Gasangriff! In der Tat! Ein Radikalmittel! Aber als solches doch wohl nur im äußersten Fall verwendbar! Ob denn derartige Gasangriffe gegen Tauben neuerdings gebräuchlich seien? Doch wie auch immer, er werde den Fall im Auge behalten und sehe genauest gestellten Preisangeboten für Gasangriffe in Bälde entgegen. Damit verabschiedete er die beiden Herren, und man trennte sich, nicht ohne noch einen letzten sachverständigen Blick auf das von der Vogelschar bevorzugte, gelbgrüngesprenkelte Geschäftshaus geworfen zu haben.
Den Generalkonsul hatte der kleine Vorfall sichtlich belebt und erfrischt. War das nicht auch wieder Arbeit, Tätigkeit, Betrieb, so fragte er sich, also das einzig Menschenwürdige, was es auf Erden gibt? Kampf mit dem Objekt! Mit der Materie! Gewiß! Ein winziges Objekt! Eine niedere Art von Materie! Taubendreck! Aber sind es nicht oft gerade die kleinen Dinge des Lebens, die unsere Tatkraft, unsere Energie, unsere Ausdauer am schwersten auf die Probe stellen? Und wirkt nicht selbst das Kleinste, wie in diesem Falle Taubendreck, sich schließlich im großen und allgemeinen, nämlich in der Verunzierung des Stadtbildes, aus? Also gemeinnützige Arbeit im Dienste des Volksganzen! Das ist es! Er pochte bestätigend mit dem Zeigefinger gegen seine Brust und war mit sich zufrieden!
Sein Kraftwagen hielt in einer schmalen Seitengasse, in die kaum je ein Sonnenstrahl hineinschien. Er wollte den Chauffeur fortschicken und zu Fuß durch den warmen Maivormittag nach Hause gehen. Aber dann fiel ihm ein, daß das doch eigentlich Zeitverschwendung sei. Auch wartete wohl schon sein Neffe, den er vorgestern zu einer dringenden Besprechung in die Stadt bestellt hatte. Jan Wilhelm hatte sich bis heute Zeit gelassen. Er schien es mit den Anweisungen seines Onkels nicht gerade eilig zu haben.
Stenzel runzelte die Stirn und stieg in den Wagen. Es mußte in den engen Gassen, deren Pflaster zum Teil aufgerissen war, vorsichtig und mit manchen Umwegen gefahren werden. So kam man nur langsam vorwärts. Stenzel war es recht. Seine Stimmung, eben noch beschwingt und selbstzufrieden, verschlechterte sich schnell. Er schloß die Augen und hatte plötzlich wieder das Bild dieser zitronengelben Hauswand mit den graugrünen und kreidigen Streifen vor sich. War sie nicht ein Gleichnis des Lebens selbst? Man kann noch so sehr auf Ordnung und Sauberkeit bedacht sein: es kommen Dreck und Gemeinheit, und alles wird eine üble Sauce! Aber ist das, was wir dagegen anwenden, so folgerte er, vielleicht eine weniger große Gemeinheit? Vergifteter Weizen! Gasangriffe gegen unschuldige Vögel, nur weil ihr Stoffwechsel uns nicht paßt! Und der unsere? Steht uns ein größeres Recht auf ihn zu? Wenn nun irgendeine höhere Macht uns mit gleicher Münze heimzahlen würde? Will denn nicht alles, was Kreatur heißt, nur leben und wieder leben, um jeden Preis?
Johann Sebastian Stenzel wischte sich mit der Hand über die Stirn. Da war wieder der Stachel, der seit vorgestern sein Hirn marterte. Man konnte ihn für Augenblicke einschläfern, beschwichtigen, betäuben, aber man konnte ihn nicht wegwischen oder auslöschen. Nur noch ein Jahr zu leben! Nein! Nicht einmal das! Zwei Tage weniger als ein Jahr! Vorgestern hatte er den Traum gehabt. Zwei volle Kalendertage waren vorbei! Oder nicht? Mein Gott! Fing er denn an verrückt zu werden? Das drehte sich wie ein Feuerrad um eine glühende Achse! Funken sprühten! Jeder Funke brannte ein kleines, winziges Loch ins Gehirn, bis eine Art von Sieb daraus wurde. Durch jedes Loch dieses Siebs tropfte, sickerte, schwitzte es: Kein Jahr mehr zu leben!
Stenzel trommelte sich mit den Fäusten vor die Stirn. Fort damit! Er befahl es sich, er, Johann Sebastian Stenzel, der sich so viele Jahre tagaus, tagein Befehle gegeben hatte, dies zu tun oder jenes zu unterlassen! Und hatte nicht das Tier in ihm, die Bestie da innen, der Untermensch im Sonnengeflecht, den es zu bändigen galt, noch stets gehorcht? Woher mit einemmal diese Rebellion?
Er schnellte in die Höhe. Haltung! Welch ein Glück, daß er im geschlossenen Wagen fuhr! Wenn jemand wahrgenommen hätte, daß Generalkonsul Stenzel sich mit den Fäusten gegen die Stirnhöhle trommelte! Wie ein Bankrotteur! Das Wort zischte ihm wie eine Peitschenschnur um die Ohren. War er das nicht in der Tat? Ein Bankrotteur des Lebens! Warum nur dieser Esel, dieser Dombrowski, in solchem Leichentrott fuhr? Er schob mit einem heftigen Ruck die Vorderscheibe zurück.
„Tempo, Dombrowski! Tempo! Schlafen Sie denn?“
Dombrowski gehorchte. Der Wagen machte einen Satz. Stenzel flog in die Polster zurück. Tempo! Das Wort tat ihm wohl. Es war die Parole seines Lebens gewesen. Tempo und Arbeit! Arbeit und Tempo! Er fühlte sich plötzlich ruhiger geworden. Was für eine geheime Kraft doch in solch einem Wort steckt! Wie eine Zauberformel hatte das Wörtchen Tempo die bösen Geister der Tiefe beschworen. War es nicht eben das, was ihm schon vorgestern Trost gebracht hatte? Sollte man nicht, was einem an Zeit genommen wird, durch Tempo wieder einbringen können? In einem Jahr zehnfach gelebt, ist das nicht ebensoviel wie zehn Jahre normal gelebt? Zehnmal eins oder einmal zehn: die Summe ist gleich.
„Ein Stenzel hat Haltung zu bewahren!“ murmelte Stenzel, und seine Sehnen strafften sich. Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Er merkte es kaum. Jene vielfach gesprenkelte Hauswand tauchte wieder vor ihm auf. Er hatte sie als ein Sinnbild des Lebens empfunden. Erst jetzt begriff er, welch ein Tiefsinn in dem Gedanken steckte. Er lachte so laut, daß Dombrowski vorn sich einen Augenblick umdrehte. Stenzel kümmerte sich nicht darum. Er dachte an den alten Scherz von der Hühnerleiter und dem Leben und worin sie sich gleichen. Er erinnerte sich, daß er in seiner Schülerzeit sehr über den Witz gelacht hatte. Und so gymnasiastenhaft es auch war, er mußte von neuem über die Ideeverbindung lachen, obwohl ihm eine Stimme sagte, daß er im Grunde über sich selbst lache. Dombrowski hörte ihn in sich hineinkichern und kam zu dem Schluß, das längst Erwartete sei endlich eingetreten: der Generalkonsul habe den Verstand verloren.
Stenzels Haus stand unfern der Promenade, die jenseits der Bahngeleise und des ehemaligen Stadtgrabens am Saum der die Stadt überhöhenden Hügelkette als eine Art von Aussichtsterrasse sich ein Stück weit hinzieht. Man erblickt von dem höchsten Punkt dieses einstigen Festungsglacis die türmereiche Stadt, gleichsam zu einer Faust zusammengeballt, die gebieterisch sich aus dem Sumpfboden über Land und See hinausreckt und selbst dem vom Element des Meeres getränkten Himmel zu trotzen scheint. Der Generalkonsul hatte einen Platz unweit dieses Punktes gewählt, als er vor langen Jahren darangegangen war, sich eine Wohnstätte zu erbauen, die seiner würdig wäre. Es war ein Platz zum Hinunterschauen auf alle jene, die in der Tiefe geblieben waren, weil sie sich allzuviel Zeit im Leben gelassen und Arbeit nicht mit jenen drei r geschrieben hatten! Ein Platz in der Fremdenloge gleichsam, wo einem niemand mehr auf die Füße tritt und das ehrerbietige Gemurmel aus dem Stehparterre wie Musik in die Ohren klingt. Von diesem Platz pflegt man den besten Überblick über die Bühne zu haben. Für den Generalkonsul und Hauptinhaber der seegewaltigen Schifffahrtsgesellschaft war die alte, wehrhafte Stadt solch ein Bühnenschauplatz, an dem sein Herz sich stärkte, sooft er hinuntersah. Sie hatte unermüdlich geschafft, gewagt, getrotzt, gepflanzt, gebaut, gearbeitet, diese stachlige Stadt! Ganz wie er selbst! Auch in diesem Sinne gehörten sie beide zusammen, er hier oben in seinem Kontor und sie dort unten mit ihrem Hintergrund von Hafen und See.
Zu diesem Selbstgefühl des merkwürdigen Mannes stand das Haus, das er sich erbaut hatte, in einem absonderlichen Gegensatz. Es wirkte mit seinen engen, niedrigen Zimmern, mit seinen aufs genaueste errechneten Ausmaßen, mit der peinlich eingehaltenen Raumausnützung wie eine in viele kleine Kojen abgeteilte Schiffskajüte. Auf dem Grundstück, zu dem auch ein verwilderter Park gehörte, wäre Platz genug gewesen, um einen Palast für den ungekrönten König der Stadt zu errichten. Aber wie wenig hätte das zu der in allem Selbstbewußtsein sich bekundenden Schlichtheit des Dorfschulmeistersohnes gepaßt! Nichts wäre ihm verdrießlicher gewesen, als wenn man ihm Dünkel, Anmaßung, Überhebung, Emporkömmlingstum vorgeworfen hätte. Mit den herausfordernden Lebensformen des neuen Reichtums, den man allenthalben sich brüsten sah, wünschte ein Johann Sebastian Stenzel in keinen Vergleich zu treten. So kam es, daß die Behausung des Seebeherrschers auf der Höhe über der Promenade eher wie ein Zwergenhäuschen sich ausnahm und angesichts der in der Tiefe daliegenden Stadt sich gleichsam niederzukauern schien.
Dabei gab es im Innern viel Bequemlichkeit, wenn auch in einem schon älteren Zeitgeschmack. Den besonderen Stolz des Generalkonsuls bildeten die zahlreichen Klubsessel, Sofas, Polsterstühle, Ottomanen und türkischen Diwane, die überall in den Zimmerchen oder Kabinen herumstanden und eigentlich zu fortgesetzter Faulenzerei einluden. Auch das gehörte zu den vielen seltsamen Widersprüchen in Stenzeis Charakterbild, so daß Besucher schon gefragt hatten, wie denn eigentlich diese Attribute des Müßigganges sich mit der stadtbekannten Unermüdlichkeit ihres Inhabers vereinbaren ließen. Der kleine, quecksilberne Mann hatte darauf die schon geläufige Antwort, daß alles dies nur für seine Gäste da sei. Ihm selbst fehle es leider für die Benutzung seiner Sofas und Sessel an Zeit.
6
Jan Wilhelm wartete bereits im Arbeitszimmer des Generalkonsuls. Seine schlanke, sehnige, nicht übergroße Gestalt hatte etwas von einer federnden Klinge. Die fliehende Stirn, die vorgebaute Mund- und Kinnpartie konnten wohl an den Kopf eines edlen Pferdes erinnern, wie Ginevra ihn ihrer Freundin geschildert hatte. Besonders in die Augen fallend war die Ähnlichkeit jedoch nicht. Man mußte wohl die immer etwas karikierende, überspitzende Phantasie Ginevras besitzen, um ihn so zu sehen. Aber sie hatte gewiß recht gehabt, wenn sie auf den ersten Blick in ihm den männlichen Mann, den Menschen von Entschluß, den Sportsmann und Landwirt, freilich irgendwo im Hintergrund auch den Künstlermenschen entdeckt hatte.
Jan Wilhelm trabte mit langen Schritten in dem kleinen, durch die verschiedenen Sitzgelegenheiten noch mehr beengten Kajütenraum auf und ab. In seiner Ungeduld nahm er die Länge des Zimmers mit zwei, drei Sätzen, um sofort wieder in gleichen Sprüngen zur entgegengesetzten Wand zurückzuschnellen. Er wußte nicht, was des Generalkonsuls dringendes Telegramm bezwecken möge, und was er von ihm wollen könne. Aber er war fest entschlossen, die so unverhofft sich darbietende Gelegenheit beim Schopf zu nehmen und den ewig hinter seinen Geschäften sich verschanzenden Generalkonsul endlich einmal zu einer Aussprache über seine Zukunft zu zwingen. Wenn er an den unvermeidlich bevorstehenden Zusammenprall mit dem namenlos hartnäckigen und querköpfigen Onkel dachte, so mußte er sich gestehen, daß ihm vor Langemarck, Wytschaete und im Houthulster Wald auch nicht schlimmer zumut gewesen war als jetzt — geschweige denn später in Galizien und in Rußland, was ihm wirklich wie ein Kinderspiel gegen das jetzige Unternehmen vorkam.
Wie er so zum hundertstenmal das Zimmer durchmaß, ohne daß er den zahlreichen Bildern und Zeichnungen an den Wänden irgendwelche Beachtung geschenkt hätte, fiel ihm plötzlich ein kirschrot drapierter weiblicher Akt in die Augen, der über dem Seidensofa hing. Er trat näher, warf einen Blick darauf und erinnerte sich sofort wieder, daß es der van Düren sei, der seit undenklicher Zeit dort gehangen hatte. Er hatte das über Krieg und innerem wie äußerem Umsturz vergessen. Und doch hatte das Bild ihn schon in Knabenjahren angezogen, teils in seiner Eigenschaft als Aktbild, wie er sich jetzt wohl bekennen durfte, zum Teil aber auch durch seine malerische Leuchtkraft. Vielleicht war es sogar dieses Bild — mit einigen andern hier hängenden —, das den in ihm schlummernden Formsinn zuerst geweckt und seine Phantasie auf den Weg zur Malerei gelenkt hatte. Daß dieser Weg am Ende sich als ein Irrweg erwiesen hatte, wie er sich mit bitterm Auflachen eingestand, dafür konnte ja das Bild nichts, dessen malerische Qualität er auch jetzt noch, ja vielleicht mehr denn je, anerkennen mußte. Wie war es eigentlich möglich, daß die Welt diesen Mann so lange übersehen hatte? Einen ersten Meister wie ihn, bei dem jeder Pinselstrich saß! Hätte das nicht schon vor dreißig Jahren entdeckt werden müssen? Aber es scheint, daß die Menschen vor jeder neuen Lichtquelle, die sich in ihrer Dunkelheit auftut, erst einmal geblendet die Augen schließen müssen. Je stärker das Licht, desto länger dauert es, bis ihnen die Augen dafür aufgehen, einzelne Glücksfälle ausgenommen, die beinahe nach Wundern aussehen.
Jan Wilhelm schüttelte unwillig den Kopf und setzte seine Sprünge durch die Kajüte fort. Nein, mein Weg wäre das nicht gewesen! sagte er sich. Selbst wenn das Talent gereicht hätte! Aber keinesfalls die Geduld! Ich hätte nicht warten können! Ich brauche die Gegenwart! Ich hätte nicht von der Zukunft leben können! Ich muß es wachsen sehen! Ich muß es greifen können! Es muß sich mir unter den Fingern formen! So einer wie der van Düren ist eigentlich eher ein Krankheits- als ein Gesundheitsfall, insofern die Gesundheit eben das Normale ist und die Krankheit die Ausnahme darstellt. Wer nicht solch ein Krankheitsfall ist, gehört nicht in die Kunst! Ich bin zu gesund! Also hab’ ich die Finger davon gelassen!
Der junge Mann hielt von neuem vor der kirschrot drapierten, blühend fleischlichen Aphrodite an. „Die Kunst als klinisches Phänomen!“ brummte er. „Da habe ich mich ja hübsch verstiegen!“ Er heftete seinen Blick auf das Gesicht der Göttin, das ihn bis jetzt nur als Farbenfleck interessiert hatte. An wen erinnerten ihn diese Züge? Auf die Frage war auch sofort die Antwort da. Es war das Antlitz Ginevras, das er vor sich sah. Er kannte dieses seltsame, gleichsam irisierende Lächeln nur zu gut. Es verfolgte ihn bis in den Schlaf. Er hatte sich entschlossen, das Bild dieser gefahrbringenden Amazone in sich auszutilgen, und er wollte dabei bleiben. Im übrigen mußte er sich ja selbst sagen, daß es gar nicht Ginevra sein könne. Sie war van Dürens Tochter, und dies war vor dreißig Jahren gemalt. Die Zahl stand deutlich in der rechten unteren Ecke. Es war also wohl Ginevras Mutter in ihrer Jugend, die damals dem selbst noch jungen Maler Modell gesessen hatte. Lüftete sich da nicht plötzlich der Schleier über vergangenem Leben? „Jedenfalls eine schöne, begehrenswerte Frau!“ murmelte Jan Wilhelm, ohne sich in diesem Fall Gewissensbedenken machen zu müssen, denn es war ja die Mutter und nicht die Tochter, der sein Kompliment gegolten hatte. Gleich darauf mußte er selbst über seine Sophistik lachen, aber sein Lachen klang scharf und bitter und gar nicht fröhlich.
Plötzlich hörte er hinter sich eine Bewegung. Er drehte sich jäh um und gewahrte den Generalkonsul, der ungehört ins Zimmer getreten war, ihn womöglich schon eine Weile beobachtet hatte. Jan Wilhelm hatte ein peinliches Gefühl, wie wenn er auf etwas ertappt oder auf irgendeine Weise entlarvt worden wäre. Es ärgerte ihn, daß er gerade in diesem Augenblick, wo er hatte stark sein wollen, vor dem gefürchteten und manchmal gehaßten Oheim in einer Art von Armesünderrolle dastand, obwohl er sich durchaus keiner Schuld bewußt war.
Stenzel hatte das Monokel in sein linkes Auge geklemmt und musterte seinen Neffen mit jenem spöttischen, überlegenen Lächeln, das häufig auf dem Gesicht kleingewachsener Menschen wahrzunehmen ist, wenn sie sich so viel Größeren gegenüberfinden, zu denen sie aufblicken müssen. Man könnte es ein Lächeln aus Selbsterhaltungstrieb nennen, obwohl es oft die entgegengesetzte Wirkung hat, den andern Teil in eine sonst vielleicht nicht gewollte Angriffsstimmung zu versetzen. Ähnlich war es auch hier. Jan Wilhelm wartete auf das erste Wort aus diesem unausstehlich lächelnden Munde, um seinerseits mit schwerem Geschütz aufzufahren.
„Du hast dir das Bild von van Düren angesehen?“ begann Stenzel mit sanftem Ton, der das süffisante Lächeln noch süffisanter machte. „Du hast sehr recht daran getan! Der Mann hat gewußt, was er wollte! Der Mann hat bis zum letzten Atemzug gearbeitet! Jeder von uns kann sich ein Beispiel daran nehmen!“
„Und was hat er jetzt von dem allem?“
Jan Wilhelms Ton klang scharf und herausfordernd. Aber die Wirkung war ganz anders, als er erwartet hatte.
„Da hast du wieder recht!“ erwiderte der Generalkonsul sanft wie vorher und tippte seinem Neffen mit dem Zeigefinger auf die Brust. „Es ist das ein Gedankengang, der mich gerade in den letzten Tagen viel beschäftigt hat, ohne daß ich in der Lage bin, dir den Grund dafür anzugeben. Genug! Ich habe mich mit dem Gedanken beschäftigt, oder vielmehr der Gedanke hat mich beschäftigt. Und deshalb habe ich dich hergebeten.“
Er deutete mit einer einladenden Bewegung auf einen der Ledersessel und setzte sich selbst auf das champagnerfarbene Seidensofa.
„Ehe wir zur Hauptsache kommen, mein lieber Willi ... Du bist doch ein fähiger Kopf. Wenigstens halte ich dich dafür, wenn du es auch bis jetzt noch nicht weit damit gebracht hast!“
„Durch Schuld des Krieges! Und durch andere Umstände, für die ich nichts kann!“ erwiderte Jan Wilhelm, von neuem gereizt und erbittert.
Der Generalkonsul nickte und strich seinen Knebelbart.
„Das alte Thema! Aber lassen wir das!“
„Nein! Lassen wir es nicht! Es ist das A und das O!“ schrie Jan Wilhelm. „Es gibt nichts Wichtigeres! Was ist das für eine Methode, das Wichtigste gerade zu unterlassen?“
„Dennoch ersuche ich dich als dein Oheim darum. Du wirst gleich sehen, weshalb. Zunächst beantworte mir eine Frage! Was hältst du von Träumen?“
„Von Träumen ...? Ich verstehe wohl nicht richtig?“
Jan Wilhelm hatte sich in seinem Sessel vorgebeugt und starrte dem andern ins Gesicht.
Stenzel lächelte und fuhr mit sanfter Stimme fort:
„Doch! Du hast ganz richtig verstanden! Ich frage dich: Glaubst du an Träume? Bist du der Ansicht, daß sie eintreffen können?“
„Warum nicht?!“
Jan Wilhelm zuckte gleichgültig mit den Achseln. War das nicht wieder eines von den Manövern des Alten, womit er ihm auszuweichen und sich um Entscheidungen herumzudrücken suchte? Aber er war entschlossen, ihn aus seinem Fuchsbau auszuräuchern, koste es, was es wolle.
Stenzel, der etwas nachgedacht hatte, nahm den Faden wieder auf.
„Präzisieren wir die Frage genauer! Wenn du geträumt hättest, du wirst das große Los gewinnen, würdest du es glauben?“
„Nein! Das würde ich niemals glauben!“ rief Jan Wilhelm mit einem wegwerfenden Lachen. „Ich bin doch nicht verrückt!“
„Aber wenn du das Gegenteil träumen würdest, zum Beispiel, daß dir ein Unglück widerfahren soll ...?“
„Das würde ich schon eher glauben!“ unterbrach Jan Wilhelm. „Das würde ich sogar sehr wahrscheinlich glauben!“
„Und warum eher das Unglück als das Glück?“ fragte Stenzel mit seiner sanftesten Stimme, aber schon längst ohne jenes süffisante Lächeln. „Kannst du mir das begründen?“
„Sehr einfach! Weil ich und wir jungen Menschen von heute allesamt geborene Pechvögel sind! Das beweist ja schon die Tatsache, daß wir die ersten dran waren, als der Krieg kam!“
„Also du beziehst das nur auf die junge Generation? Und wie ist es, wenn ältere Leute solche schlechten Träume haben? Hast du von Wahrträumen gehört?“
„Tausendmal draußen im Feld!“
„Und trafen sie ein?“
„Manchmal ja! Manchmal auch nicht!“
„Manchmal auch nicht! ... So ...?!“
Der Generalkonsul atmete tief auf und strich sich von neuem den etwas zu schwarzen Henryquatre.
„Ich erinnere mich an einen Fall in unserer Kompanie,“ bemerkte Jan Wilhelm, der in seinem Gedächtnis gesucht hatte. „Älterer Landsturmmann! So etwa in deinen Jahren! War freiwillig hinausgegangen! Der träumte seinen Tod mit allen Einzelheiten voraus, die er uns haarklein erzählte. Es sollte in acht Tagen geschehen!“
„Und hat es sich erfüllt?“ fragte die sanfte, etwas schwache Stimme aus dem sandfarbenen Seidensofa herüber. Jan Wilhelm zuckte mit den Achseln.
„Ja und nein! Der Mann war so überzeugt, vor Ablauf der geträumten Woche könne ihm nichts passieren, daß er fortwährend ohne Deckung im Schützengraben herumlief. Natürlich riß es ihn! Schon am dritten Tage! Um vier Tage zu früh! Im übrigen waren die Umstände seines Todes genau so, wie er sie vorausgeträumt hatte. Also was soll man sagen? Sind wir die Narren unseres Schicksals oder nicht?“
Der Generalkonsul erhob sich, legte die Hände auf den Rücken und ging mit gesenktem Kopf zum Fenster. Jan Wilhelm lag halbausgestreckt in seinem Klubsessel und starrte zur Decke. Er konnte beim besten Willen aus der Fragerei des Alten nicht klug werden, aber er sah voraus, daß auch dieser Versuch, mit ihm ins reine zu kommen, fehlschlagen werde. Er ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen. Plötzlich wandte der Generalkonsul sich um. Er schien zu lächeln.
„Ich habe dir eine Eröffnung zu machen, mein lieber Willi. Du weißt vielleicht, daß ich jährlich um diese Zeit mein Testament revidiere. Es gibt immer wieder etwas wegzulassen oder hinzuzufügen. So auch diesmal. Ich habe dich zu meinem Universalerben eingesetzt. Ich hoffe, daß das deinen Beifall findet?“
Jan Wilhelm lachte laut auf.
„Lieber Ohm! Ich hoffe, daß du bei der Revision in fünfundzwanzig Jahren noch auf demselben Standpunkt stehst. Bis dahin können wir die Frage ja wohl vertagen. In Anbetracht deines Gesundheitszustandes ist das eher noch zu kurz.“
Stenzel machte ein paar Schritte, in tiefen Gedanken, wie es schien. Plötzlich sah er auf.
„Du findest also, daß ich einigermaßen gesund aussehe?“
„Herausfordernd gesund, lieber Ohm! Als ob du noch Bäume ausreißen könntest!“
Der junge Mann lachte von neuem und streckte seine Beine von sich.
„Es wäre mir aber lieber,“ fuhr er fort, „wenn wir weniger von einer ganz nebelhaften Zukunft als von der sehr greifbaren und fühlbaren Gegenwart sprechen würden!“
Der Generalkonsul trat dicht vor ihn hin und klopfte ihm auf die Schulter.
„Du bist ein offener Kopf! Ich habe es immer gesagt! Auch zu Zeiten, wo du es nicht gerade bewiesen hast. Es scheint, der Krieg hat doch sehr erzieherisch gewirkt.“
Jan Wilhelm hatte sich erhoben.
„Bitte auch keine Vergangenheit, lieber Ohm! Weder Vergangenheit noch Zukunft! Gegenwart! Nichts als Gegenwart! Was denkst du, daß aus mir werden soll, wenn ich jetzt Willomin verlasse?“
„Warum verläßt du es Knall und Fall? Sind triftige Gründe dafür vorhanden?“
„Sehr triftige Gründe! Es ist kein Platz mehr für mich da! Abgesehen davon, daß sehr bald für Deutsche überhaupt kein Platz mehr sein wird.“
Der Generalkonsul schüttelte energisch den Kopf.
„Den Grund erkenne ich nicht an! Es gibt für mich im wirtschaftlichen Leben keine Erwägung, die es rechtfertigen würde, daß ein fähiger Mann wegen seiner Sprache oder seiner Nationalität entlassen wird!“
Jan Wilhelm lachte bitter.
„Du urteilst aus deiner Zeit! So hat man Anno dazumal gedacht! Inzwischen sind wir hübsch vorwärts gekommen. Aber einerlei! Ich gebe Willomin auf! Auch ohne polnische Nachhilfe! Es ist mir zu eng! Ich will Ellbogenfreiheit! Hol’s der Teufel! Ich will nicht versauern! Ich will auch einmal zeigen, was ich kann und was in mir steckt!“
Stenzel erhob seinen Zeigefinger und setzte ihn dem Neffen wie ein Schwert auf die Brust.
„Eben das ist es, was ich von dir erwarte! Ich habe die nötigen Schritte zum Erwerb eines größeren Besitzes getan, wo du dich betätigen kannst. Über die Einzelheiten, soweit ich sie derzeit selbst übersehe, wollte ich mit dir sprechen.“
Stenzel zog den jungen Mann, ohne ihm erst Zeit zu lassen, erstaunt zu sein, neben sich auf das Sofa von Seidenrips, in dem sonst seine Damenbesuche Platz zu nehmen pflegten, und setzte ihm sein Vorhaben auseinander.
Es handle sich um einen Gutskauf in Ellerndorf. Sie seien einmal, noch lange vor dem Kriege, zusammen hinausgefahren. Möglich, daß der junge Mann es vergessen habe. Ihm, dem in Ellerndorf Geborenen, sei jeder Weg und Steg, jeder Baum und Strauch und jeder Ziegelstein dort noch gegenwärtig, wie wenn er es erst gestern verlassen habe, obwohl es ja nun schon viele Jahre seit jenem letzten Besuch her sei. Und gerade im augenblicklichen Zeitpunkt — aus Gründen, deren Erörterung nicht hierher gehöre — habe jene Erinnerung, ja jene Sehnsucht, wie man sie wohl bezeichnen könne, nach den Stätten seiner Jugendzeit ihn mit besonderer Macht überfallen. Er habe bisher nie Zeit gefunden, diesen Stimmungen und Gefühlen nachzuhängen, die unaufhörliche Arbeit habe ihn nicht dazu kommen lassen, aber wie nun so die Jahre dahingeflogen seien und anscheinend immer schneller dahinflögen, sei mit einemmal dieser seelische Zwang da, dem er sich nicht entziehen wolle, selbst wenn er es vermöchte. Da lasse es sich nun beinahe wie ein Fingerzeig des Schicksals an, daß der größte Ellerndorfer Hof, wie er in Erfahrung gebracht habe, aus Erbteilungsgründen zum Verkauf stehe. Mit diesem höchst ansehnlichen Gut, das er noch aus alter Gewohnheit den Goertzschen Hof nenne, wiewohl jene so geheißene Familie längst von dort verschwunden sei, fühle er sich von der Jugendzeit her verbunden. Da es sich außerdem um einen vorteilhaften Kauf handle, durch welchen zu allem Überfluß auch dem berechtigten Wunsch seines Neffen nach größerer Betätigung und Ausbreitung Rechnung getragen werde, so habe er, rasch entschlossen, wie man das im kaufmännischen Leben gewöhnt sei, einen sicheren Mann mit allen Vollmachten hinausgeschickt. Soeben, beim Nachhausekommen von einer zeitraubenden Besichtigung, habe er einen Fernspruch seines Vertreters vorgefunden, der den Abschluß einer vorläufigen Vereinbarung melde und zur persönlichen Unterzeichnung im Lauf der nächsten Tage auffordere. So könne denn für den jungen Mann das Leben neu beginnen, wie es ja auch ihm selbst, dem Älteren, eine Art von Wiederanfang, zugleich freilich in gewissem Sinne auch ein Ende bedeute.
Jan Wilhelm hatte den Darlegungen seines Oheims mit offenem Munde zugehört. Wenn er auch von dem wunderlichen Mann auf vieles gefaßt war, so übertraf doch dies seine verwegensten Erwartungen. Er wäre in seiner Ungeduld und in seinem — wohl dem Ohm verwandten — Widerspruchsgeist längst vom Sofa aufgesprungen, wenn Stenzel ihn nicht immer wieder mit der aufgelegten Hand auf seinen Sitz gebannt hätte. Aber endlich riß es ihn doch mit einem Satz empor.
„Ist das alles wirklich dein Ernst?“ rief er und machte ein paar aufgeregte Schritte durchs Zimmer. „Mir scheint, du machst dir einen Witz mit mir?“
Zwischen Stenzels dünngezogenen farblosen Brauen erschien eine Falte.
„Ein Johann Sebastian Stenzel macht keine Scherze, wenn es sich um Lebensfragen handelt! Er wäre wohl sonst auch schwerlich der geworden, der er ist! Der Jugend aber, scheint mir, würde etwas mehr Respekt und vor allem mehr Dankbarkeit anstehen!“
„Dankbarkeit?!“ rief Jan Wilhelm, „Dankbarkeit?! Daß doch von der Jugend immer Dankbarkeit verlangt wird, sobald sie sich auf ihr natürliches Daseinsrecht beruft! Ist es nicht wahrhaftig genug, daß wir vier Jahre lang den Kopf hingehalten haben? Verlangt ihr immer noch mehr Opfer von uns? Sollen wir nicht endlich auch unser eigenes Leben leben dürfen und nicht immer nur für andere?“
Der Generalkonsul war plötzlich wieder ganz ruhig geworden. Hatte der aufgeregte junge Mann — Blut von seinem Blut — nicht im Grunde recht? Ein Rauchwölkchen ist das Leben! Woher es aufsteigt und wohin es entschwebt, weiß niemand! Es kräuselt sich ein Weilchen wie die dünne Rauchfahne eines davonjagenden Zuges über dem Waldrand. Dann ist es fort und wird nie mehr gesehen! Lohnt es sich, daß man sich um dieses Nichts plackt und rackert, wie er es getan und von allen andern verlangt hatte? Jetzt war es vorbei. Die Uhr ging auf Mitternacht. Siehst du das Rauchwölkchen über dem Waldrand verschwinden?
„Warum ereiferst du dich eigentlich, mein lieber Willi?“ fragte er nach einer Pause. „Ich biete dir eine Lebenssituation, um die dich mancher beneiden würde. Und du? Es fehlt nicht viel, daß du mich einen krummen Hund nennst! Findest du das in der Ordnung?“
„Nein! Ich finde es nicht in der Ordnung!“ schrie Jan Wilhelm, den die unbegreifliche Milde des Oheims nur noch mehr reizte.
„Also warum tust du es dann?“
„Weil ich an alle diese schönen Dinge nicht glaube! Weil ich das Empfinden habe, daß wieder einmal ein Spiel mit mir getrieben wird, wie mit unserer ganzen gottverfluchten Generation!“
„Und wenn ich dir den Beweis liefere, daß alles sich so verhält, wie ich dir auseinandergesetzt habe, obwohl es dessen nicht erst bedürfen sollte!“
„Dann frage ich dich: Wie denkst du dir dieses Regime von uns beiden da draußen? Du kommandierst natürlich, wenn du auch nichts von dem Geschäft verstehst, und ich habe zu parieren? Nicht wahr? So denkst du es dir doch? Sage es nur offen heraus! Ich bin auf alles gefaßt! Bei meinem persönlichen Pech kann es ja gar nicht anders sein!“
Der junge Mann warf sich in einen der Ledersessel und stützte zusammengekauert das Kinn in beide Hände. Er hatte in diesem Augenblick viel Ähnlichkeit mit seinem Oheim, wie er an jenem Geburtstagsmorgen auf demselben Platz sich über den Widersinn des Lebens den Kopf zerbrochen hatte. Vielleicht kam das auch Stenzel selbst zum Bewußtsein, als er ihn so dasitzen sah. Denn er lachte plötzlich in seiner unvermittelten, sprunghaften Art und tippte, einen Schritt nähertretend, dem verwundert Auffahrenden mit dem Zeigefinger auf die Stirn.
„Vor acht Tagen, mein lieber Willi, hättest du mit deiner Prognose unbedingt recht gehabt! Es hätte sich für mich ganz von selbst verstanden, daß ich über ein Unternehmen, in das ich mein Geld hineinstecke, mir auch die persönliche Kontrolle vorbehalte.“
„Aha! Wußt’ ich’s doch!“ rief Jan Wilhelm und sprang mit einem Satz auf beide Beine. „Ich werde doch meinen Herrn Oheim kennen! Von Landwirtschaft hat er ungefähr soviel Dunst wie die Kuh vom Walzertanzen, aber das hindert ihn nicht, sich die persönliche Kontrolle vorzubehalten, wieviel Liter Milch täglich abzumelken sind und wieviel Eier gelegt zu werden haben!“
Er galoppierte wieder mit großen Sprüngen von Wand zu Wand und lachte erbittert vor sich hin. Der Generalkonsul wunderte sich selbst, daß er sich über dieses Benehmen nicht ärgern konnte. Er fühlte zwar, daß irgendwo in der Zwerchfellgegend eine kleine Zornwelle aufsteigen wollte. Aber sie war ganz ohne Kraft und verlief sich sofort wieder. Wie gleichgültig war das alles gegenüber der einen unerbittlichen Tatsache, deren Giftstachel in seinem Hirn stak und es zum Schwären brachte!
„Du solltest die Güte haben, mich ausreden zu lassen, mein lieber Willi!“ äußerte er mit diesem Ton, dessen unnatürliche Sanftmut den andern rasend machte. „Ich sprach von etwas, das noch vor acht Tagen gewesen wäre, jetzt aber von mir abgefallen ist.“
„Und warum ist es von dir abgefallen?“ schrie Jan Wilhelm. „Seit wann ändert sich der Mensch binnen acht Tagen bis auf die Knochen?“
„Das kommt auf die besonderen Umstände an, mein lieber Willi! Es kann Erlebnisse geben, die uns über Nacht weise machen, wie man ja auch von heute auf morgen grau werden kann. Ich möchte darüber jetzt keine nähere Erklärung abgeben. Du würdest es kaum verstehen. Es dürfte dir genügen, wenn ich dir in aller Form zusichere, daß du auf deinem Grund und Boden vollständig freie Hand haben sollst.“
„Und du selbst?“
„Ich verlange weiter nichts als ein oder zwei Zimmer, wohin ich mich zurückziehen kann, wenn ich mal hinauskomme.“
„Das ist alles?“
„Nein, noch eins: Es ist möglich, daß wir im Sommer ein paar Gäste draußen haben werden. Ich nehme an und setze voraus, daß du meine Gäste auch als die deinigen ansehen wirst.“
„Männlichen oder weiblichen Geschlechts? Und im letzteren Fall brünett oder blond?“
Jan Wilhelm lachte. Seine Laune hatte sich bedeutend gebessert. Ein Klopfen unterbrach die Unterredung. Renz, der langjährige Kammerdiener des Generalkonsuls, erschien mit einem Tablett in der Tür. Er war ein großer, glattgescheitelter. Mann mit schwarzen Bartkoteletten und einem ausrasierten bläulichen Kinn. Es schien, daß der kleine, gnomenhafte Generalkonsul, diese Duodezausgabe der Natur, sich mit Erscheinungen im Folioformat zu umgeben liebte. Renz war noch um einen halben Kopf größer als der imposante Herr Bauhofer, Stenzels Privatsekretär. Auch dieser Zug gehörte zu den vielen Seltsamkeiten des Schiffsherrn und Großkaufmanns. Man hätte ihm unrecht getan, wenn man angenommen hätte, er sei sich der damit verbundenen Komik nicht bewußt gewesen. Es ist klüger, so pflegte er sich zu sagen, ich fordere sie selbst so offensichtlich heraus, daß jeder sofort die Absicht merkt, und überwinde sie dadurch, als daß ich mich der Gefahr aussetze, unbeabsichtigt komisch zu wirken, was ja doch in Anbetracht meines nun einmal mißglückten körperlichen Schöpfungsakts unvermeidlich wäre. Man wird zugeben, daß diese nicht gerade alltägliche Logik des merkwürdigen und ungewöhnlichen Mannes durchaus würdig war.
Renz überbrachte auf dem Tablett zwei Besuchskarten und meldete dazu, die beiden Damen seien vor einer Viertelstunde erschienen, aber von ihm wieder fortgeschickt worden, zufolge der ausdrücklichen Anweisung des Generalkonsuls, bis auf weiteres niemanden vorzulassen. Nachträglich seien ihm dann doch Bedenken gekommen, besonders, da die jüngere der beiden Damen — offenbar Mutter und Tochter — sich mit einer sehr entschiedenen Gebärde empfohlen habe.
Renzens Stimme, wie er diese mißliche Sache vortrug, hatte den Ton eines klagenden Vogels. Stenzel hielt die beiden Karten vor sein Monokel und machte eine Gebärde des Unmuts.
„Höchst fatal!“ rief er. „Höchst fatal! Aber Sie können ja nichts dafür, Renz! Es ist meine eigene Schuld! Ich hätte mit so etwas rechnen müssen!“
Er reichte die Karten seinem Neffen und machte einige Schritte gegen das Fenster, in lebhafter Bewegung, halblaut murmelnd, ohne daß man etwas näheres verstand.
Jan Wilhelm hatte die Karten gelesen.
„Ah! Sieh da! Ginevra van Düren!“ sagte er. „Und das ist also die Mutter, die längst in Sicht war!“
„Wieso? Warum?“ rief Stenzel höchst überrascht und machte auf dem linken Absatz eine halbe Drehung um seine Achse, so daß er Jan Wilhelms Gesicht gerade vor sich hatte. „Woher kennst du sie? Was sind das für Beziehungen und Bekanntschaften, von denen man keine Ahnung hat?“
Er war auf dem besten Wege, sich zu ärgern, heftig zu werden, sich gehen zu lassen, als ihm plötzlich wieder einfiel, daß er ja über Nacht weise geworden sei und sich also nicht aufregen dürfe. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie um den Anfall wegzuwischen, und sagte wieder mit jener Milde, an die zu glauben Jan Wilhelm noch immer schwer fiel:
„Es liegt mir natürlich fern, mich in deine Privatangelegenheiten zu mischen. Ich hatte nur als dein Oheim und einziger näherer Verwandter geglaubt, Anspruch auf ein gewisses Vertrauen zu haben. In den entscheidendsten Stunden des Daseins sind wir ja ohnehin allein und nur auf uns selbst angewiesen.“
„Es freut mich, mein lieber Ohm, daß wir uns neuerdings so viel besser verstehen!“ erwiderte Jan Wilhelm mit einem Ton, der noch nicht ganz frei von Zweifel oder von Ironie klang. „Ich danke dir für dein Entgegenkommen.“
Er reichte dem Onkel die Hand, die dieser mit einer zerstreuten Gebärde annahm.
„Im übrigen,“ fuhr er fort, „ist die ganze Geschichte so harmlos wie möglich. Ich habe Fräulein van Düren zufällig kennengelernt und ein paarmal gesprochen. Jetzt schon seit Wochen nicht mehr. Das ist alles. Ich könnte höchstens noch hinzufügen, Fräulein van Düren ist rothaarig, und für rothaarige Frauen interessiere ich mich nicht.“
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der junge Mann mit diesem Bericht der Wirklichkeit einiges schuldig blieb. Aber der Generalkonsul hatte sich gar nicht mehr die Mühe gegeben, darauf zu hören. Er wandte sich aufgeregt zu Renz, dessen Bildsäule noch immer den Türrahmen ausfüllte.
„Sie werden den Damen sofort einen Brief von mir überbringen, Renz. Ich gebe morgen einen Tee, zu dem ich die Damen einlade. Sorgen Sie dafür, daß alles so klappt, wie es sich für einen Generalkonsul Stenzel gehört!“
Renz verbeugte sich bis zum rechten Winkel eines halbgeschlossenen Taschenmessers. Stenzel wandte sich wieder seinem Neffen zu.
„Ich hoffe, du kommst auch?“
„Das weiß ich noch nicht, verehrter Oheim! Mir scheint es vor allem wichtig, daß wir nach Ellerndorf hinausfahren!“
Der Generalkonsul klatschte sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Meine Gedanken! Meine Gedanken! Und vor allem Zeit! Zeit! Zeit! Du hast recht! Ellerndorf! Also morgen der Tee und übermorgen das Gut! Und überübermorgen der Stapellauf! Und über acht Tage die Aufsichtsratssitzung! Und über vier Wochen die Generalversammlung! Und übers Jahr ...?“
Er stockte und kehrte sich ab.
„Übers Jahr?“ wiederholte Jan Wilhelm, der plötzlich sehr übermütig geworden war. „Übers Jahr? Vielleicht das große Wunder, auf das wir unser Lebenlang warten! Hoffentlich wird es bis dahin eingelaufen sein.“
Stenzel hatte den Zeigefinger auf die Stirn gelegt und starrte zusammengesunken vor sich hin.
„Übers Jahr? Das große Wunder?“ meinte er, indem er auf eine lautlose und befremdende Weise in sich hineinkicherte. „Ja, man könnte es so nennen, weil es durchaus nicht in unsern Schädel hinein will, obwohl es eigentlich die große Selbstverständlichkeit ist.“
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