Read the book: «Michael Korn & Liz Croll Trilogie»

Projekt Lucien
Michael Korn und Liz Croll Band 1
Ein Thriller von
Matthias Boden
Copyright © 2021
Alle Rechte bei Matthias Boden
Werrestraße 107b
32049 Herford
E-Mail: MatthiasBoden8@gmail.com
9783986479169
Der frisch gekündigte Bodyguard Michael Korn, ein misanthropischer Einzelgänger, wird von Interpol angeworben bevor er wegen Körperverletzung an einem Ministerpräsidenten eine Haftstrafe antreten muss. Zusammen mit der britischen Polizistin Liz Croll, dem Hacker Mike Banks, einem notorischen Schürzenjäger und der Auftragsmörderin Lea Enis soll er Forschungsdaten und einen Prototyp einer Firma aufspüren und in Sicherheit bringen. Bevor er und seine Mitstreiter zwei beteiligte Forscher verhören können, werden diese getötet. Den einzigen Hinweis auf die Daten liefert eine Notiz auf der Festplatte eines Forschers. Mehrere Gruppierungen sind ebenfalls hinter den Ergebnissen her und es beginnt ein mörderischer Wettlauf um die Welt.
Für Denise,
die Liebe meines Lebens.
Inhalt
Prolog Mexiko, Irgendwo an der Küste
1. Kapitel Deutschland, Köln Großbritannien, London
2. Kapitel Italien, Rom
3. Kapitel Deutschland, Flughafen Köln/Bonn Großbritannien, Flughafen London Heathrow
4. Kapitel Vereinigte Staaten, Houston (TX)
5. Kapitel Frankreich, Lyon
6. Kapitel Vereinigte Staaten, Houston (TX)
7. Kapitel Italien, Rom Vereinigte Staaten, Langley (VA)
8. Kapitel Mexiko, Irgendwo an der Küste
9. Kapitel Frankreich, Lyon
10. Kapitel Mexiko, Cancún
11. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA) Frankreich, Lyon
12. Kapitel Europa, Irgendwo über dem Atlantik
13. Kapitel Deutschland, Berlin Vereinigte Staaten, Langley (VA) Deutschland, Bremen
14. Kapitel Mexiko, Cancún
15. Kapitel Vereinigte Staaten, Houston (TX) Deutschland, Bremen
16. Kapitel Frankreich, Lyon
17. Kapitel Deutschland, Berlin Deutschland, Hannover Dänemark, Kopenhagen Vereinigte Staaten, Langley (VA)
18. Kapitel Frankreich, Lyon
19. Kapitel Deutschland, Hannover Dominikanische Republik, Cabarete
20. Kapitel Dänemark, Kopenhagen Dominikanische Republik, Cabarete
21. Kapitel Dominikanische Republik, Puerto Plata Südamerika, Irgendwo über dem Atlantik
22. Kapitel Dänemark, Kopenhagen
23. Kapitel Dänemark, Kopenhagen
24. Kapitel Frankreich, Lyon Dänemark, Kopenhagen
25. Kapitel Vereinigte Staaten, Moore (OK) Deutschland, Berlin
26. Kapitel Frankreich, Lyon
27. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA) Europa, Irgendwo über Deutschland
28. Kapitel Venezuela, Caracas
29. Kapitel Deutschland, Berlin Venezuela, Caracas
30. Kapitel Frankreich, Lyon
31. Kapitel Venezuela, Caracas
32. Kapitel Frankreich, Lyon
33. Kapitel Spanien, Barcelona Deutschland, Bremen
34. Kapitel Venezuela, Caracas
35. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA) Frankreich, Paris Vereinigte Staaten, Luftraum über Georgia
36. Kapitel Spanien, Barcelona Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin
37. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA)
38. Kapitel Frankreich, Lyon Irgendwo über dem Atlantik
39. Kapitel Frankreich, Paris Frankreich, Lyon
40. Kapitel Frankreich, Lyon
41. Kapitel Frankreich, Lyon Frankreich, Lyon Frankreich, Luftraum über Grenoble Italien, Luftraum über Mailand
42. Kapitel Kroatien, Split Frankreich, Lyon Ägypten, Sharm el Sheikh
43. Kapitel Deutschland, Berlin
44. Kapitel Deutschland, Bremen Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin
45. Kapitel Frankreich, Lyon Frankreich, Monaco
46. Kapitel Deutschland, Bremen Frankreich, Lyon
47. Kapitel Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin Vereinigte Staaten, Washington D.C.
48. Kapitel Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin
49. Kapitel Frankreich, Lyon Vereinigte Staaten, Washington D.C.
50. Kapitel Frankreich, Lyon Malaysia, Ipoh Frankreich, Monaco
51. Kapitel Deutschland, Berlin Frankreich, Lyon
52. Kapitel Frankreich, Lyon Vereinigte Staaten, Washington D.C.
53. Kapitel Frankreich, Lyon Deutschland, Bremen Deutschland, Berlin
54. Kapitel Frankreich, Lyon
55. Kapitel Deutschland, Bremen
56. Kapitel Deutschland, Berlin Frankreich, Lyon
57. Kapitel Frankreich, Lyon
58. Kapitel Frankreich, Lyon
Epilog Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Santa Fe (NM) Vereinigte Staaten, Tulsa (OK)
Danksagung
Impressum
Prolog
Mexiko, Irgendwo an der Küste
Mondlicht spiegelte sich auf dem leicht gewellten Karibischen Meer und tauchte den weichen Sandstrand des Hotels in ein sanftes Zwielicht. Der komplett in schwarz gekleidete Mann verbarg sich in den Schatten der Sträucher und hohen Gräser, während er langsam und vorsichtig seinem Ziel immer näher kam. Die Luft roch nach Salz und Algen, die von den Wellen an den Strand gespült wurden. Ihm lief der Schweiß über die Stirn. Er war nicht sonderlich gut trainiert, und die vom Tag aufgeheizte Luft und der warme Sand unter seinen schwarzen Gummischuhen, sowie die hohe Luftfeuchtigkeit in dem subtropischen Land taten ihr Übriges. In seiner Hand hielt er ein kleines Kästchen, auf dem leicht rötliche Ziffern, in schneller Folge ihre Werte änderten. Zwischen zwei Gräsern, unweit vom Ufer, an den sich sanft die Wassermassen legten, fand er endlich den geeigneten Ort. Lange hatte er gesucht, während er in den vergangenen Tagen stundenlang am Strand umherging. Seine Armbanduhr gab ein akustisches Signal von sich. Punkt 3 Uhr am Morgen. In knapp anderthalb Stunden würde sich wieder die Sonne aus den Fluten erheben und den paradiesischen weißen Sand in gleißendes Sonnenlicht tauchen. Bis dahin wollte er aber bereits wieder abgereist sein. Der Auftrag war erfüllt und er, wenn er zurückgekehrt ist endlich reich genug sein, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Derjenige, der ihn angesprochen hat, wusste über wirklich alles in seinem Leben Bescheid und stellte ihm eine sehr hohe Summe in Aussicht. Doch zuerst müsste er noch den letzten Teil zu Ende bringen und sich ungesehen aus dem Staub machen. Er ging auf die Knie und zog aus seiner Tasche eine kleine Schaufel heraus. Der Sand war weich und er müsste nicht lange graben, um ein Loch auszuheben, in dem er den kleinen Kasten sicher verbergen konnte.
Wenige Minuten später war das Sandloch groß genug. Er steckte die kleine Schaufel wieder ein und befreite behutsam den etwa 10 cm großen Kasten aus seiner Tasche, und legte ihn in die Vertiefung. Dann nahm er seinen elektronischen Helfer und legte ihn direkt über das Kästchen. Die rötlichen Zahlen verströmen ein sanftes Licht, das er so gut es eben ging, abschirmte. Genauestens notierte er sich die Zahlen, die aufgehört hatten, sich zu bewegen. Nachdem er alles noch einmal überprüft hatte, verschwand sein Helfer in seiner Hosentasche, und er verteilte den immer noch warmen Sand über dem Kasten. Zuletzt beseitigte er noch gewissenhaft seine Spuren und verließ den Strand. Zwischen einigen Kokospalmen hielt er inne und stellte erleichtert fest das die komplette Hotelanlage, mit Ausnahme der Notausgangsbeleuchtung im Dunkeln lag. Niemand war zu sehen. Auf leisen Sohlen stahl er sich an der Anlage vorbei und lief zu seinem Wagen, der nicht weit vom Strand zwischen Palmwedeln versteckt war.
Zufrieden startete er den Motor und fuhr in Richtung Cancún davon. Auf zur letzten Etappe seinem neuen Leben entgegen.
In Playa del Carmen stoppte er unweit des Wasserparks Xcaret und ging bester Laune auf den Eingang zu. Neben einem Kassenhäuschen verlief ein kleines Rinnsal und verschwand in einem etwa handbreiten Rohr. Dort nahm er seinen Zettel mit den Ziffern zur Hand, faltete ihn dreimal und schob ihn in eine kleine verschließbare Plastiktüte. Diese befestigte er mit Knetmasse an der oberen Innenseite des Rohres und stapfte wieder zu seinem Auto zurück. Er ließ sich in den Fahrersitz fallen und griff nach seinem Smartphone. Er wählte eine Nummer und wartete, bis die Verbindung stand. Nach dem Zweiten läuten wurde das Gespräch angenommen. Er flüsterte: »Paket geliefert!«, und beendete die Verbindung. Sein Auftrag war beendet. Er verließ den Parkplatz und steuerte seinen Wagen direkt zum Flughafen von Cancún. Sein neues Leben in Reichtum konnte beginnen.
1. Kapitel
Deutschland, Köln
Michael Korn saß auf einem Korbstuhl vor der Cafeteria Kölle und beobachtete mürrisch die umherwandernden Menschen in der Kölner Innenstadt. Er rauchte eine Zigarette, deren Qualm er in die Mittagssonne blies. In seinem schwarzen Shirt und den ebenfalls schwarzen Cargohosen scannte er mit seinen blauen Pupillen die Umgebung. Wie hatte es nur so weit kommen können? Er, der ehemalige Bodyguard der Regierungsvertreter war gekündigt worden. Nur, weil er dem Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen etwas unsanft den Ellenbogen ins Gesicht gerammt hatte. »Was kann denn ich dafür, wenn der Idiot seinen Kopf ausgerechnet da hinhält, wenn ich gerade zur Waffe greife«, dachte er bei sich. Politiker, das mieseste Pack, das man sich vorstellen kann. Lügen wie gedruckt und träumen ihre Allmachtsfantasien, die kein normaler Mensch mehr versteht. Zu allem Überfluss gab es auch noch eine Anzeige wegen Körperverletzung. Als der Ministerpräsident ihm das sagte, stand Korn nur da und bedachte ihn mit einem finsteren Blick, bevor er zu ihm meinte: »Wo nichts ist, kann man auch nichts verletzen, du Brathahn. Außerdem solltest du dich vorsehen, sonst mach ich Ernst und stoße dich aus deiner Armani-Gardine!«. Manchmal sollte er sich vielleicht doch zu einer normalen Kommunikation herablassen, aber diese Fähigkeit war bei ihm schon lange nicht mehr abrufbar. Sein ganzes bisheriges Leben stand nicht unter einem guten Stern. Und wieder einmal glitten seine Gedanken dreißig Jahre in die Vergangenheit. Mühsam kämpfte er die Tränen aus seinen Augen und versuchte, an etwas anderes zu denken. Er drückte seine Kippe im Aschenbecher aus und nahm einen letzten Schluck von seinem Kaffee. Michael erhob sich und ging auf die nahe gelegene Polizeiwache zu. Die Menschen vor ihm teilten sich wie ein Vorhang. Er war eine imposante Erscheinung und besaß eine gewisse natürliche Autorität, mit seinen wachen Augen und den harten Gesichtszügen. Ruhig betrat er die Wache und meldete sich am Schalter. Die junge Polizistin dahinter warf ihm einen abschätzigen Blick zu, bevor sie zum Hörer griff und eine Nummer wählte. »Ihr Besucher ist hier!«, flötete sie in den Hörer. Nach einer kurzen Pause fügte sie »Natürlich Herr Präsident!«, hinzu und legte auf. »Nehmen Sie bitte einen Augenblick Platz, sie werden abgeholt«, hörte er sie sagen, bevor sie sich wieder ihrem Monitor widmete.
Korn blieb lieber stehen und wartete einige Minuten, bevor ein Mann mittleren Alters in einer schmucken Uniform ihm die Hand reichte. »Mein Name ist Waldschmidt Herr Korn! Ich bin der Polizeipräsident und habe sie hergebeten, weil mich eine Nachricht aus Lyon erreicht hat. Bitte folgen Sie mir«, krächzte er mit etwas heiserer Stimme.
Korns Stiefel quietschten auf dem hellgrauen Linoleumboden, als er dem Präsidenten in ein ärmlich eingerichtetes Besprechungszimmer folgte. Die Tür fiel mit einem leichten Klicken wieder in das Schloss und Waldschmidt forderte Michael, auf Platz zu nehmen. Bevor der Präsident etwas sagen konnte, ergriff Korn das Wort. »Was zum Teufel habe ich denn mit Froschschenkeln zu tun? Mein einziger Aufenthalt bei den Schneckenschlachtern endete in einem Fiasko, als drei meiner Kollegen in einem Kugelhagel sterben mussten und ich leider überlebt habe. Das ist aber auch schon fünfzehn Jahre her. Ist denen jetzt eingefallen, dass ich damals das Croissant vor dem Oberpfosten auf den Boden getreten habe und sie mir jetzt einen Aufenthalt im Knast spendieren wollen?«.
»Nein Herr Korn, es geht nicht um damals und hat mit der Polizei in Paris überhaupt nichts zu tun«, entgegnete Waldschmidt »Man hat mich gebeten Sie, und nur sie zu mir zu bestellen und ihnen einen Brief auszuhändigen. Allerdings nicht von der Polizei, sondern von Interpol, die ihren Hauptsitz in Lyon hat.«
Ungläubig starrte Korn den Präsidenten an und sah ihn eine Mappe aufschlagen, aus der er einen Briefumschlag zog und ihm übergab.
»Den Inhalt dieses Briefs kennt nur Interpol selbst, aber es ging dabei um einen Job, den man ihnen anbieten möchte«, erklärte er.
Korn nahm den Briefumschlag, sah ihn sich fragend an, bevor er ihn öffnete. Darin befand sich eine Nachricht sowie ein Flugticket nach Lyon, ausgestellt auf seinen Namen. Die Nachricht lautete:
Herr Korn,
bitte besuchen Sie uns in der Interpol Zentrale in Lyon. Wir haben einen Job für sie und würden ihnen gerne alles Weitere persönlich erklären. Die ganze Angelegenheit muss vertraulich bleiben.
Bernand Roussel, Interpol.
Fassungslos steckte Michael Korn den Briefumschlag in seine linke Beintasche und betrachtete Waldschmidt der etwas unruhig auf seinem Stuhl saß. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken, während sich seine Miene verdunkelte. Er konnte es nicht glauben. Ein Jobangebot von Interpol. Ist das die Belohnung, wenn man einem Ministerpräsidenten die Nase bricht?
Großbritannien, London
»Hände hinter den Kopf und ganz langsam umdrehen« zischte Liz dem Jugendlichen zu, der versucht hatte einen Kiosk auszurauben, nur bewaffnet mit einem Taschenmesser aus der Schweiz. Der Junge drehte ihr langsam den Rücken zu und hatte seine Finger ineinander verschränkt in den Nacken gelegt. Die Powerfrau steckte ihre Waffe zurück ins Holster und nahm die Handschellen vom Gürtel. Vorsichtig trat sie auf den kaum 1,70 m großen Jugendlichen zu, der so viele Bolzen im Gesicht hatte, um einen zweiten Eiffelturm nieten zu können. Mit der Schulter donnerte sie ihn gekonnt gegen die Wand und fixierte die von Narben übersäten Arme hinter dem Rücken. Dann trat sie etwas zurück und griff sich das Funkgerät. »Ich hab ihn eingesammelt, ihr könnt ihn jetzt holen«, murmelte sie und behielt den jungen im Blick.
Etwas später stand Liz vor ihrem Streifenwagen, rauchte genüsslich eine Zigarette in dem diesigen und leicht verregneten Londoner Sommer. Plötzlich knackte ihr Funk und eine quälende Stimme erklang: »Croll, kommen sie zum Hauptquartier und melden sie sich umgehend beim Chief!«
Seufzend trat sie die Zigarette auf den Pflastersteinen aus, blies noch einmal den Rauch vor sich hin und bestätigte den Funkspruch. Was will der Alte nur wieder von mir, ärgerte sie sich im zähen Verkehr auf der regenreichen Insel. Sie war eine der besten der ganzen Truppe geworden, trotz ihres Handicaps mit nur knapp über 1,60 m Größe unter den ganzen Rekruten mit Gardemaß. Vor dem Hauptquartier stellte sie den Streifenwagen ab, verschloss ihn ordnungsgemäß und bewegte sich zielstrebig zum Büro des Chiefs. »Herein!«, bellte die dunkle Stimme ihres Vorgesetzten, als sie geklopft hatte. Liz öffnete die Tür und trat in das kleine Büro.
Chris Williams sah zu ihr, legte seinen Stift auf den Mahagonischreibtisch und sagte in ruhigem Ton »Ah, da sind sie ja endlich Croll. Setzen Sie sich, ich habe etwas mit ihnen zu besprechen!«
Liz setzte sich auf den Besucherstuhl und versuchte, die Miene ihres Chefs zu durchdringen.
»Sie haben mal wieder ganze Arbeit geleistet«, begann der Chief. »Allerdings sieht es so aus, als ob ihre Tage in London gezählt sind Croll.«
Liz war verwirrt. Ihre Tage in London gezählt? »Wie denn das Chief? Hab ich was falsch gemacht?«, fragte sie mit einem Vorwurf in der Stimme.
»Aber nein Croll, sie haben nichts falsch gemacht und ich wäre froh, wenn ich das über die meisten hier sagen könnte, aber um ehrlich zu sein, gibt es eine Entwicklung, von der sie vermutlich überrascht sein werden. Ich habe eine Nachricht von einem gewissen Bernand Roussel von Interpol bekommen. So wie es aussieht, will man sie dort haben. Wofür weiß niemand, aber es scheint geheim zu sein, weil sich wirklich alle darüber ausschweigen. Sie fliegen übermorgen von Heathrow nach Lyon rüber und werden aufgeklärt, worum es sich handelt. Ihr Flugticket habe ich bereits hier!«
»Soll das ein Witz sein? Ich habe mich nirgendwo beworben und will auch nicht in ein Büro gesetzt werden nur, um irgendwelche Stellen überall auf der Welt mit Informationen zu versorgen«, platzte es aus Liz heraus.
»Das ist kein Scherz. Es ist aber auch ihre Entscheidung, ob sie den Job bei Interpol annehmen. Ich würde sie gerne hierbehalten, das können Sie mir glauben. Es ist nur ein Angebot und niemand weiß genau, worum es geht. Also fliegen sie nach Südfrankreich, hören sich das an und treffen dann ihre Entscheidung. Ihre Stelle hier ist ihnen sicher, wenn sie ablehnen«, beruhigte sie Williams.
»Wer ist eigentlich dieser Roussel? Hat der was zu melden?«, fragte sie etwas lauter als beabsichtigt.
Chris Williams blickte sie lange an, bevor er schließlich hervorbrachte: »Ich habe mich informiert und dieser Roussel ist der Boss von Interpol. Ein Franzose, mehrfach ausgezeichnet, mittlerweile schon an die 60 Jahre alt und hat den Laden schon seit 13 Jahren in seiner Hand. Und über Interpol steht niemand mehr. Diese Stelle wird von niemandem kontrolliert. Selbst die Politik hat da nichts zu entscheiden. Völlig unabhängig.«
»Okay, ich werde mir das mal anhören Chief«, antwortete Liz kleinlaut.
2. Kapitel
Italien, Rom
Die Maschine aus Cancún rollte langsam an das Gate bevor die Fluggastbrücke zum Aussteigen in Position gebracht wurde. Er war wieder zurück in seiner Heimat und freute sich auf seine Frau. Endlich hatten sie finanziell ausgesorgt. Beschwingt verließ er die Boeing und schlenderte zur Einreisekontrolle. Nach den Formalitäten nahm er seinen Koffer vom Transportband in der Ankunftshalle und trat hinaus in die Ewige Stadt. Es war früh am Abend als er endlich gelandet war, aber die sechs Stunden Zeitunterschied gaukelten seiner inneren Uhr vor es wäre früher Nachmittag.
Er nahm sich ein Taxi nach Hause. Endlich wieder seine geliebte Frau in den Arm nehmen, dieses Mal um einige Millionen reicher und nicht mehr auf den Job angewiesen Computerbauteile überall auf der Welt auszutauschen nur, weil wieder irgendjemand zu blöde war das Zeug anständig zu warten. Nie wieder würde er seine Mariella alleine lassen und quer durch die Welt fliegen. Nur noch mit ihr zusammen in den Urlaub, ansonsten würde er in Rom bleiben in dem kleinen Haus, das er mit dem Geld kaufen wollte und sich mit Mariella um einige Bambini zu kümmern. Das Taxi erreichte die kleine Straße mitten in Rom, wo er in einer Bruchbude leben musste, weil das Geld, was er verdiente nicht ausreichte, um zu überleben. Aber das sollte jetzt der Vergangenheit angehören. In spätestens einer Woche hätte er das Geld für seinen Auftrag.
Es war ein Kinderspiel. Alles lag exakt da, wo ihm der Besucher gesagt hatte. Rein in das Labor, Computer aufmachen und das Laufwerk ausbauen. Niemand kümmert sich, um einen kleinen Techniker, der ein Laufwerk aufschraubt, um es zu reparieren. Dann in einem unbeobachteten Moment die Box aus der Schublade ziehen, im Laufwerk verstecken und wieder zusammenschrauben. Einmal nach draußen gehen, um ein neues Laufwerk zu holen und am Ende mit dem alten Laufwerk das Labor zu verlassen. In seinem Hotel musste er nur wieder die Box aus dem Laufwerk holen und in den Kasten packen. Versiegeln, dann vergraben und die Geo-Koordinaten in einem toten Briefkasten hinterlassen. Was er da mit herausgeschmuggelt hat, wurde ihm zwar nicht verraten, aber wenn es dabei um fünf Millionen Euro geht, die in seine Taschen wandern, spielte das keine Rolle.
Er schloss die Haustür auf und schlüpfte leise hinein. Den Koffer stellte er in den Flur. Er würde ihn morgen auspacken. Er hörte den Fernseher im Wohnzimmer. Irgendeine Rateshow schon wieder. Mariella liebte diesen Quatsch. Er rief: »Ich bin wieder zu Hause mein Schatz. Hast du mich vermisst?«
Niemand antwortete. War Mariella wieder zu der Nachbarin gegangen und hatte den Fernseher angelassen? Er ging in die Küche und fand Spaghetti mit Meeresfrüchten, die er sich schnell in die Mikrowelle schob. Seine Frau war eine sehr gute Köchin und er freute sich auf die Spaghetti. Er betrachtete sehnsüchtig die Digitalanzeige die quälend langsam herunterlief, um dann mit einem schrillen Piepton verkündete, dass sein Essen fertig war. Er nahm den Teller aus der Maschine und ging damit ins Wohnzimmer. Als er durch die Tür trat, erstarrte er. Dort auf dem Sofa saß nicht Mariella. Ein Typ in einem dunkelblauen Anzug wartete auf ihn mit einer Waffe.
»Schön sie zu sehen Mister Bandini. Es freut mich, sie endlich einmal kennenzulernen. Verzeihen Sie das Eindringen in ihre Wohnung aber wir können keine Zeugen zurücklassen, die der Sache im Wege stehen könnten. Nachher reden sie noch mit den Carabinieri und bringen uns in Verlegenheit. Ach, nur noch eine Kleinigkeit. Ihre Frau wartet schon im Schlafzimmer, wenn sie bitte vorausgehen würden, wäre ich Ihnen sehr verbunden.«
»We, we, wer sind sie?«, stammelte Bandini und hielt krampfhaft den Teller mit seinen Spaghetti in der Hand.
»Nun, ich bin der Problemlöser Mister Bandini. Und mein Problem sind derzeit sie. Gehen Sie jetzt bitte ins Schlafzimmer ich möchte ungern meinen Anzug ruinieren, nur weil sie keine paar Schritte machen.«
Bandini suchte panisch nach irgendeinem Gegenstand, um sich wehren zu können, aber er fand nichts in seiner Reichweite. Langsam stellte er den Teller auf dem Schränkchen neben der Tür ab und ging mit bedächtigen Schritten zurück in den Flur. Sein Koffer könnte ihm helfen, wenn er schnell genug handeln würde. Vorsichtig bewegte er sich auf den Koffer zu und spannte seine Muskeln um sich auf den Angriff vorzubereiten. Gerade als er mit einem schnellen Handgriff zu dem Gepäckstück abtauchen wollte, spürte er einen Stich an seinem Hals. Mit weit aufgerissenen Augen drehte er sich um und sah den Problemlöser mit einer Spritze hinter sich. Dann fiel er zu Boden und das Letzte, was er sehen konnte, bevor die Welt im schwarzen Nebel verschwand, waren laubgrüne Teppichfasern.
Der Problemlöser zog den erschlafften Körper Bandinis in das Schlafzimmer und wuchtete ihn auf das Bett, in dem Mariella bereits seit einigen Stunden bewegungslos lag. Sie hatte die Spritze am Nachmittag bekommen und würde nicht mehr zur Besinnung kommen, bis die Bude abgebrannt ist. Er sah sich in dem Raum noch einmal um, ob er nichts vergessen hatte. Nur der Koffer im Flur musste noch verschwinden, dann war alles erledigt. Er nahm ihn auf und warf ihn schwungvoll auf den Kleiderschrank. Dann ging er zurück in das Wohnzimmer, stellte den Teller mit den Spaghetti auf den Tisch, griff sich seine Tasche und zog eine gräuliche Dose heraus. Er ging zurück zu den Bandinis und betätigte den Auslöser auf der Dose. Einige Sekunden später verwandelte sich das austretende Gemisch in eine Feuerfontäne, die er achtlos unter das Bett warf und dann im Schutz der Dunkelheit das Haus verließ.
Die Tasche auf der Schulter tragend lief er die Straße entlang und fischte sein Handy aus dem Jackett. Er wählte eine Kurzwahl und sagte dann: »Die Festplatte ist formatiert, alle Daten sind gelöscht und das BBQ wartet.« Dann legte er auf und verschwand in der Nacht.
3. Kapitel
Deutschland, Flughafen Köln/Bonn
Michael Korn wartete am Gate auf seinen Flug nach Lyon. Er hatte sich, nachdem er den Briefumschlag erhielt über Interpol Informationen eingeholt. 1923 in Wien gegründet, mit Hauptsitz in Lyon war Interpol zuständig, die Zusammenarbeit der verschiedenen Polizeibehörden in 194 Ländern der Welt zu verbessern. Sie war als Verein gegründet worden, nicht als Behörde und unterhielt keine eigenen Agenten. 2013 wurde Kritik laut als sich die Interpol von Tabakkonzernen und knapp 30 Pharmariesen ein Viertel ihres Etats bezahlen ließ. Als Grund galten Interessenskonflikte bei der Strafverfolgung und mangelnde Transparenz. Nicht gerade ruhmreich dachte Korn, aber wenn diese Organisation über einen Etat von 300 Millionen pro Jahr verfügt und ihm einen Job anbieten möchte, kann man sich ja mal ein Bild machen. Eigentlich war es ihm egal. Ein Job war nur dann etwas für ihn, wenn er in Gefahr bringen würde und ihm eine Aufgabe gibt. Er verfügte über eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und zwingende Logik. Für ihn war das nichts Besonderes, das können viele andere auch, vielleicht deutlich besser als er. Nur war vermutlich keiner der anderen bereit, sein Leben herzugeben für einen Job. Bei ihm war das allerdings etwas anderes. Aufregen konnte man ihn nicht, dazu bedurfte man Informationen, die er allerdings nie Preis gab. Das war der einzige wunde Punkt. Er verbarg sich hinter einer Mauer aus schweigen und begegnete den Menschen ablehnend. Seine Art mit anderen zu reden war beleidigend mit fiesem Humor. Trotzdem war es weniger ratsam ihm etwas verheimlichen zu wollen. Aus den Reaktionen konnte er mit seiner Gabe erkennen, was die Wahrheit war und wer versuchte, ihm einen Bären aufzubinden. Sein Aussehen erledigte das Übrige. Grundsätzlich immer in Schwarz, hochgewachsen mit deutlichen Anzeichen von Kraft und einem Blick der Tote wieder erwecken könnte. Zynisch, rücksichtslos und nicht aus der Ruhe zu bringen.
Ein Signalton drang aus den Lautsprechern gefolgt von der Ansage: »Die Passagiere des Fluges LH1724 nach Lyon werden gebeten sich zum Boarding zu begeben!«
Korn erhob sich und ging mit seinem Ticket zum Schalter. Er liebte das fliegen. Wo sonst gab es so viele Möglichkeiten, ums Leben zu kommen? Die Schwerkraft verliert nie und es gab Millionen von Teilen mit einem kleinen defekt, die eine Maschine in Sekunden vom Himmel holen könnten. Sogar ein kleiner Vogel in einem Triebwerk konnte eine Katastrophe auslösen. Vielleicht klappt es ja heute, dachte er bei sich und ging in die silberne Boeing auf seinen Sitzplatz. In wenigen Minuten waren sie in der Luft, und Michael auf dem Weg zu einer neuen, hoffentlich gefährlichen, Aufgabe.
Großbritannien, Flughafen London Heathrow
Gelangweilt sah sich Liz am Gate um. Sie war viel zu früh am Flughafen angekommen und wartete ungeduldig wie ein Kind auf das Boarding, des Airbus A 320 von Heathrow nach Lyon. Mittlerweile war schon über eine Stunde vergangenen, nachdem sie aus dem Taxi, das sie hergebracht hatte, gestiegen war, den Check in hinter sich brachte und dann durch die Sicherheitskontrolle gegangen war. Der dampfende Kaffee in ihrer Hand bot nicht wirklich eine Erfrischung. Viel zu stark für ihren Geschmack und auch noch einen üblen Nachgeschmack. Aber was wollte sie auch erwarten, das hier war Großbritannien und da trinken die meisten Tee, wie sollen die auch einen anständigen Kaffee zustande bringen.
Liz Croll war die Tochter eines Lehrers aus der Grafschaft Sussex an der Südspitze der britischen Insel. Ihre Mutter, eine Springreiterin, die leider bei einem Reitunfall ums Leben kam, als ihre Stute sie abwarf und sie mit dem Kopf auf einen Stein prallte, starb, als sie gerade 9 Jahre alt war. Sie war eine Kämpferin. Trotz ihrer kleinen Körpergröße konnte sie unglaubliche Fähigkeiten in sich vereinen. Jetzt mit Mitte 30 war sie zu einer hervorragenden Polizistin im Königreich geworden und galt als echte Spürnase. Was immer es zu finden galt, wenn Liz sich der Sache annahm, stiegen die Chancen, alles aufzuklären rapide an. Ihr Vater brachte ihr bei, hinter die Masken der Menschen zu blicken. Sie hatte ein fast unheimliches Gespür dafür, wer etwas zu verbergen hatte. Schon in ihrer Kindheit hatte ihr Vater ihr immer wieder verschiedene Spuren gelegt und sie hatte mit Begeisterung jeden Hinweis untersucht und war der Fährte nachgegangen. Dort warteten dann Süßigkeiten oder Spielzeug auf sie. Heute warteten nur noch Verbrecher am Ende der Spuren, aber das war fast genauso gut. Und ihr geringes Körpermaß hatte noch einen anderen Vorteil, sie war fast so schnell, wie eine Katze dabei möchte sie Hunde um einiges lieber.
Was würde nur in Lyon auf sie warten fragte sie sich, und warum wollte man ausgerechnet sie dort haben. Gab es in Großbritannien nicht genug Verbrecher, dass man sie in ein Büro abschieben konnte, um an einer Staublunge zu erkranken, weil sie sich wie ein Holzwurm durch alte Akten wühlen müsste. Das war nichts für Liz, sie mochte die frische Luft, die Spuren, das enträtseln und das Gefühl etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anzufangen. Augen durch und zu, wie das Sprichwort sagt. Sie würde sich das anhören und wenn ihr die Franzosen auf die Nerven gingen zurück nach England fliegen, um dort Verbrecher zu jagen.
Das Boarding begann endlich und Liz nahm ihre Handtasche, die auch gerne als Koffer hätte durchgehen können, und betrat den modernen Airbus. Für die 760 km würden anderthalb Stunden ausreichen.
4. Kapitel
Vereinigte Staaten, Houston (TX)
Das Fadenkreuz lag zwei cm oberhalb des Herzens der Zielperson, auf die Entfernung von 300 m wäre das ein Volltreffer. Langsam atmete Lea aus und drückte den Abzug an ihrem M24, einer Variante des Remington 700, durch. Mit ihrem Zielfernrohr erkannte sie, das die Zielperson schon tot war, als der Körper auf dem Kiesboden aufschlug. »Sauber getroffen, Mission beendet. Fluchtpunkt Alpha in 10!« Hörte sie über ihr Headset.
Lea Enis ging hinter der Brüstung des Hochhauses in Deckung und nahm das M24 auseinander, verpackte die einzelnen Teile wieder in ihrer Umhängetasche. Sie legte sich die Träger auf die Schulter und ging geduckt zu der Tür, die auf das Dach führte. Im schummrigen Licht des Treppenhauses lief sie trittsicher nach unten bis zum 28. Stockwerk, schlüpfte durch die Tür zur Treppe und befand sich im Flur des Hotels. Dreißig Schritte links von ihr befand sich der Personalaufzug. Sie zog ihre Zugangskarte aus der Hosentasche und hielt sie vor das Lesegerät. Die Fahrstuhltür glitt auf und sie betrat die Kabine, des alten Aufzugs, der seine besten Zeiten lange hinter sich hatte. Nach dem Druck auf die Taste B1 schlossen sich die Türen und der Aufzug setzte sich ruckelnd in Bewegung. Unten angekommen verließ sie die Kabine, drehte sich nach rechts und lief durch die Großküche zum Seiteneingang. Sie wirkte wie ein junges Dienstmädchen in dem Hotel, das gerade ihre Schicht beendete und nach Hause wollte. Vor der Tür bog sie nach links ab und verschwand in der kleinen Seitengasse. Sie erblickte den dunkelblauen Van und eilte ihm entgegen. Im Schritttempo öffnete sich die Seitentür des Fahrzeugs und Lea sprang hinein. Die Tür fiel polternd hinter ihr zu. Es war warm in dem Van, doch Lea fröstelte. Etwas stimmte hier nicht. Sie sollte alleine in dem Fahrzeug sein, doch gegenüber auf dem hinteren Sitz saß eine Frau in Businessanzug, die verträumt aus dem verdunkelten Fenster blickte.
»Wo bin ich denn hier gelandet, das gehört nicht zum Plan«, eröffnete Lea.
»Ganz ruhig Miss Enis, es läuft alles so, wie es gedacht ist. Lehnen Sie sich zurück und genießen sie ihre letzte Fahrt in Freiheit. Sie werden sehr lange keine Gelegenheit mehr dazu haben«, entgegnete die Frau.
»Was soll das heißen?«, fragte sie.
»Das heißt, dass sie uns in die Falle gegangen sind und jetzt die nächsten Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis zubringen werden.«, konterte sie kühl.
»Wer zum Teufel sind sie, und wieso glauben sie, ich würde still hier sitzen bleiben? Was sollte mich davon abhalten sie einfach zu killen? Ob jetzt nur einer dran glauben musste oder zwei spielt keine Rolle!«
»Das hatten wir erwartet Miss Enis. Ich bin Special Agent Turner vom FBI. Wir sind jetzt seit vier Jahren hinter ihnen her. Sie waren fleißig. Insgesamt gehen mehr als vierzig Leichen auf ihr Konto und das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Sollten Sie auch nur den Versuch unternehmen, mich anzugreifen, werden sie dieses Fahrzeug nicht mehr lebend verlassen. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«
»Sie werden ihr blaues Wunder erleben!«, wütete Lea, »In spätestens zwei Stunden werden ihnen die Kugeln nur so um den Kopf sausen und es wird mir die größte Freude bereiten, sie mit einer rostigen Gabel auszuweiden!«
»Sparen sie sich die großen Reden Miss Enis. In zwei Stunden sitzen sie gemütlich in der Zelle und richten sich für einen sehr langen Aufenthalt in ihrer neuen Heimat ein!«
Lea konnte nicht glauben, was da eben passiert war. Der Plan war perfekt. Jetzt saß hier eine vom FBI vor ihr und erzählte was von Knast. Das kann einfach nicht wahr sein. Ich bin viel zu jung, um in den Knast zu gehen. Gerade mal 30 Jahre alt und in der besten Zeit meines Lebens. Was war da nur schiefgelaufen, und vor allem wo ist Dennis abgeblieben? Dennis war ihr Freund und war seit acht Jahren immer an ihrer Seite. Er sollte eigentlich den Fluchtwagen fahren, während sie hier alleine sitzend abtauchte. Nur wo war Dennis jetzt? Fragen über Fragen, aber keine Antworten.
Während ihr Tausende Gedanken durch den Kopf rauschten und sich zu einer breiigen Masse zusammenzogen, wurde das kleine Fenster zur Fahrerkabine geöffnet. Benommen vernahm sie eine vertraute Stimme, konnte aber die Worte nicht verstehen, zu sehr war sie in ihren Gedanken gefangen. Der Van fuhr weiter durch die Straßen von Houston in Texas, mit Lea auf der Reise in die ungewisse Zukunft.
5. Kapitel
Frankreich, Lyon
Surrend setzte sich das Transportband in Gang. Liz stand etwas abseits um nicht im großen Gedränge umgerannt zu werden. Um sie herum fielen sich Familien in die Arme, Kinder lachten und Jugendliche stellten ihre Coolness unter Beweis, indem sie einfach alles und jeden ignorierten. Der ganz normale Wahnsinn an einem Flughafen. Ihr Blick fiel auf einen komplett in schwarz gekleideten Mann, der nur einige Meter entfernt von ihr stand. Seine Aura wirkte düster und bedrohlich auf sie, obwohl die kantigen Züge ihm eine gewisse Attraktivität verliehen. Trotzdem wollte sie so jemandem sicher nicht nachts begegnen. Er stand wie ein Baum auf einer Stelle, doch seine blauen Augen waren hellwach und streiften unaufhörlich durch die Halle. Wie aus dem nichts setzte er sich in Bewegung und hielt auf das Band zu, auf dem eben eine schwarze Nylontasche erschien. Ohne Umweg lief er geradeaus, rempelte einen Jugendlichen fast um, der ihm auf Französisch irgendetwas hinterherwarf, was nicht besonders freundlich klang. Er ignorierte ein streitendes Ehepaar, lief direkt zwischen ihnen durch, packte die schwarze Tasche am Griff und ging dann auf den Ausgang der Halle zu. Mit dem ist sicher, nicht gut Kirschen essen, grinste sie in sich hinein. Die Reihen vor dem Band lichteten sich ein wenig und Liz erkannte ihren Koffer der seine Kreise drehte. Sie nahm ihn vom Band, stellte ihn auf den Boden und zog den Griff nach oben um ihn hinter sich herrollen zu lassen. Sie verließ die Halle auf direktem Weg, um nach draußen zu kommen, es wurde langsam Zeit den Nikotinspiegel auf ein normales Level zu bringen, der seit London ins Bodenlose gefallen war.
Draußen legte die Sonne Lyon in helles Licht, das in den Augen brannte. Liz kniff die Augen zusammen, damit sich die Pupillen verengen konnten. Als sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, öffnete sie die Augen, fischte in ihrer Handtasche nach einem Glimmstängel und ihrem Feuerzeug. Da stand er wieder vor ihr, der Mann in Schwarz. Dieses Mal mit einer ebenfalls schwarzen Sonnenbrille vor den Augen zog er an seiner Zigarette und inhaliert tief. Sie versuchte, ihn abzuschätzen. Groß war er, markantes Gesicht mit den harten Zügen, etwas rundlich um die Hüfte und ein Kreuz wie ein Bär. Aber irgendwas irritierte sie an ihm. Er wirkte unglaublich mächtig und doch spürte sie so etwas wie Unsicherheit. Interessanter Typ eigentlich wäre da nicht sein Benehmen wie ein Elefant im Kühlschrank.
Dann entdeckte sie einen jüngeren Mann, der in einem schwarzen Anzug zwei Schildchen in die Höhe reckte. Auf dem linken stand L. Croll und auf dem rechten M. Korn. Das war wohl ein Bürohengst von Interpol, der zwei Personen abholen sollte, wobei er so dürr war wie ein kleiner Stock und auf sie wirkte, als könne er kaum einen Bleistift halten. Egal dachte sie sich, fahren wird er wohl können und so weit ist es ja auch wieder nicht. Sie winkte ihm zu und stellte sich als Liz Croll vor. Eine piepsende Kinderstimme drang aus seinem Mund, als er sagte »Monsieur Roussel schickt mich, um sie abzuholen Miss Croll. Ist mir eine Freude, sie kennenzulernen. Wir warten leider noch auf Mister Korn, der eigentlich vor ihnen gelandet sein müsste.«
»Ich hab dich schon lange gesehen Bübchen!«, raunte eine tiefe Stimme hinter Liz.
Erschrocken drehte sie sich um und starrte auf ein schwarzes Shirt, erst als sie den Kopf hob, erkannte sie, dass es der Bulldozer, der vorher durch die Gepäckhalle gepflügt war. Das ist also Mister Korn, oder sollte ich ihn eher Mister Arsch nennen?
Die schrille Stimme legte wieder los »Mister Korn, es freut mich, dass sie hier sind. Wie waren ihre Flüge?«
Ehe Liz etwas erwidern konnte, hatte schon Mister Arsch das Wort ergriffen und sah den jungen an, als wolle er, ihn gleich auf der Stelle zum ewigen Schweigen bringen »Quatsch mir keine Frikadelle ans Knie du Knochengerüst. Hau die Hacken in den Teer und lass uns fahren sonst krieg ich schlechte Laune!«
»Noch schlechter als jetzt ist wohl kaum möglich Mister Korn, oder sollte ich sie besser Mister Arsch nennen?«, giftete Liz.
»Vorsichtig, das Zwergen werfen wurde letztes Jahr wieder erlaubt, vielleicht mach ich später noch Gebrauch davon«, hörte sie den dumpfen Bass seiner Stimme.
»Bevor wir fahren müsste ich sie bitten, sich auszuweisen!«, beharrte der Fahrer.
Korn griff in seine hintere Hosentasche und zog seinen Ausweis heraus, den er angewidert dem Fahrer vor die Nase hielt. Als er danach greifen wollte, zog Korn seine Hand zurück und machte ein finsteres Gesicht.
»Du behältst deine Pfoten bei dir, sonst breche ich sie dir!«, pflaumte er ihn an.
Liz nestelte in ihrer Handtasche nach ihrem Ausweisdokument. Ungeduldig beobachtet der schwarz gekleidete Bodyguard das Schauspiel und riet ihr dann »Versuchen sie es im Keller der Reisetasche!«
»Danke für den Hinweis, aber ich werde meinen Ausweis auch ohne ihre Hilfe finden!«, warf sie ihm etwas ungehalten an den Kopf.
»Ich bezweifle ernsthaft, das sie einen Ausweis besitzen, eher vermute ich ein Entschuldigungsschreiben von Durex!«, gab Korn zurück.
Na das kann ja heiter werden, schoss es ihr durch den Kopf und sie bereute, dass sie ihre Waffe nicht mitnehmen durfte. Liz fand ihren Personalausweis zusammen mit ihrem Dienstausweis in einer inneren Seitentasche. Sie reichte das Dokument dem Fahrer, der es aufmerksam begutachtete und es ihr wieder mit einem schiefen Lächeln zurückgab. Korn hatte sich bereits auf den Beifahrersitz gesetzt und die Tür zugeschlagen. Seine Augen waren in den zartblauen Himmel über Lyon gerichtet. Liz nahm hinter dem Fahrer Platz und starrte böse auf Korn. Fast unmerklich schüttelte sie den Kopf über das Verhalten des Mannes. Er nahm davon keine Notiz. Sein Kopf war zum Fenster gerichtet, durch das er starr und unbeweglich in den Himmel blickte.
Die Fahrt verlief still, mit Ausnahme der Chanson singenden Stimme aus dem Radio, die sich anhörte, als würde man ihr gerade den Blinddarm ohne Betäubung entfernen.
6. Kapitel
Vereinigte Staaten, Houston (TX)
Special Agent Turner lehnte in ihrem Ledersessel und hielt einen Monolog über die soeben verhaftete Lea Enis. Vor ihr blickte sie Agent Bloom an, der auf dem unbequemen Holzstuhl Platz genommen hatte.
»Mein lieber Agent Bloom, ich bin sehr froh, dass wir heute Miss Enis aus dem Verkehr ziehen konnten. Das alles ist so gut wie alleine ihr Verdienst. Sie haben dieses Monster jahrelang überwacht und konnten uns den entscheidenden Hinweis liefern, der letztendlich zu ihrer Ergreifung führte. In den letzten Jahren fielen ihr, nach offiziellen Zahlen, die wir auch ihnen verdanken, mehr oder weniger zumindest, nahezu 49 Personen zum Opfer. Hingerichtet, möchte ich beinahe sagen, in 23 Bundesstaaten dieses Landes. Die ganzen Opfer hatten eines gemeinsam, sie arbeiteten für die unterschiedlichsten Behörden dieses Landes. Bisher fehlen uns leider noch die ganzen Beweise, woher sie ihre Aufträge bekommen hat, und vor allem auf welchem Wege. Die Computerdaten durch den von ihnen eingeschleusten Trojaner ergaben keinen einzigen Treffer oder Anhaltspunkte, woher die Aufträge kamen und wer dafür bezahlt hat. Sie sind der Held des Jahrzehnts. Ich mag mir gar nicht vorstellen wie sie darunter gelitten haben müssen. Letzten Endes ist sie jetzt aber in der Zelle, bevor man sie in den nächsten Tagen in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt, in dem sie nach derzeitiger Schätzung wenigstens 120 Jahre verbringen wird. Dann wäre sie 150 Jahre alt, wenn sie rauskommt. Nur das wird nicht passieren, würde ich sagen. Was haben sie jetzt als Nächstes vor Agent?«
»Zuerst möchte ich gerne einen längeren Urlaub antreten, meine Familie besuchen, sowie eine riesige Party veranstalten« lächelte Bloom.
»Wir müssen erst noch ihre Tarnung rückgängig machen, aber da kümmere ich mich bereits drum. Genießen Sie ihren Urlaub«, strahlte Turner ihn an.
»Ach eine Frage noch Misses Turner, dürfte ich die Gefangene noch einmal besuchen? Ich habe da noch ein persönliches Anliegen, das ich gerne mit Miss Enis klären würde«, erwiderte Agent Bloom.
Turner überlegte einen Moment, bevor sie die Erlaubnis gab. Agent Bloom erhob sich von dem harten Stuhl, drückte sein Kreuz durch, bedankte sich mit einem Nicken und schloss die Bürotür hinter sich. Auf seinem Weg zu den Verwahrzellen im Untergeschoss des Gebäudes musste er immer wieder stehen bleiben, um sich zu orientieren. Er war seit einer Ewigkeit nicht mehr in dem Gebäude gewesen. In den letzten Jahren hatte sich vieles verändert.
Unten angekommen lief er an den ersten Zellen vorbei, die allesamt leer waren. Erst im hinteren Bereich entdeckte er Lea Enis, die auf ihrer Pritsche lag und das Gesicht in der kratzigen Wolldecke vergraben hatte.
Er stellte sich an die Gitterstäbe und pfiff eine leise Melodie. Lea, die bis dahin bewegungslos und schwer atmend auf der Pritsche lag, drehte den Kopf etwas nach links. Als der Tränenschleier sich lichtete, erkannte sie, wer da vor ihrer Zelle stand, bevor sie überhastet zum Gitter stürzte, rief sie »Dennis!«
Agent Bloom wich zurück und sagte in ruhigem Ton, »Nicht Dennis, für sie Agent Bloom Miss Enis.«
Lea verharrte eine Sekunde, bevor sie maulte, »Lass die blöden Scherze! Hol mich gefälligst hier raus Dennis!«
Der Agent lächelte und in süffisanten Ton merkte er an, »Mein Name war noch nie Dennis Wilcox, Miss Enis. Ich bin Agent Bloom. Übrigens bin ich der Grund, dass es uns gelungen ist sie zu ergreifen und der Gerechtigkeit zu übergeben.«
Leas ansonsten blasses Gesicht änderte die Farbe in ein dunkles Rot. Sie keifte, »Wenn ich hier raus bin, wirst du der erste Mord meiner Karriere den ich unbezahlt, aber mit höchster Befriedigung, langsam und qualvoll erledigen werde. Ich verspreche dir, dass ich, wenn nötig, mein gesamtes Vermögen ausgebe, um deine Qualen ewig zu verlängern!«
»Daraus wird wohl leider nichts, denn sie werden bis zum letzten Atemzug hinter Gittern verbringen«, lachte Bloom.
Dann wandte er sich um und verließ das Untergeschoss ohne ein weiteres Wort.
Lea konnte es nicht fassen. Ihr Freund, den sie seit 8 Jahren an ihrer Seite wusste, war ein Agent des FBI. Wie hatte sie das nur all die Jahre übersehen können?
Lea Enis war seit frühester Kindheit mit Waffen aufgewachsen. Solange sie denken konnte, hat sie immer irgendwie den Abzug gedrückt. Als kleines blondes Mädchen in Texas, als ihr Vater noch lebte, hatte sie erst Spielzeugwaffen in den Fingern, die durch kleine Zündhütchen einen Knall abgaben. Mit zarten 8 Jahren hatte sie das erste Mal eine echte Waffe in der Hand und durfte unter der Aufsicht ihres Vaters mit Platzpatronen auf imaginäre böse Buben schießen. Mit 11 durfte sie das erste Mal in ihrem Leben mit scharfer Munition auf Getränkedosen anlegen. Nachmittags, wenn die Schule zu Ende war, übte sie auf ihrer Playstation das anvisieren. Sobald dann ihr Vater zu Hause war, durfte sie im Garten, oder bei Regen auf der Terrasse auf Tausende Ziele schießen. Ihre Mutter brachte ihr autogenes Training bei, was die Konzentration steigerte und ließ sie die Muskeln der Arme trainieren. Lea Enis wurde nur 1,58 m groß und wog bis heute nur knappe 45 Kilogramm. Sie war schon immer zierlich, aber ihr Ziel war es, die großen Gewehre abzufeuern, die mit dem Rückstoß für sie einfach nicht zu halten waren. Viele Jahre trainierte sie wie eine Besessene ihre Muskeln und die Haltung der Waffe bis sie mit 17 zum ersten Mal mit einem Gewehr auf weiter entfernte Ziele ihr Können unter Beweis stellen konnte. Mit 19 Jahren musste sie miterleben, wie ihre Eltern getötet wurden. Sie kannte die Männer nicht die ihre Eltern umgebracht haben, bis es ihr mithilfe einiger Freunde gelang, sie ausfindig zu machen. Sie überlegte sich einen genauen Plan wie sie die beiden, wann und wo, aus sicherer Entfernung erledigen konnte. Diese ersten Morde blieben nicht unbemerkt. Gut, die Cops tappten im Dunkeln und waren nie in der Lage das alles irgendwie aufzuklären. Aber einige Geschäftsleute erfuhren durch undurchsichtige Kanäle davon. Sie engagierten die junge Frau für einige Morde. Allerdings blieb ihr Grundsatz immer gleich. Sie würde nie einen unschuldigen Menschen erschießen. Sie überprüfte jeden einzelnen Auftrag bis zu den dunkelsten Hintergründen, bevor sie loszog, um sie zu eliminieren. Ihre Aufträge bezog sie über einen toten Briefkasten im Museum of fine Arts in Houston. Die Bezahlung ihrer Dienste lief ebenfalls über Tote Briefkasten in Houston.
Und jetzt saß sie in diesem Loch, weil sie einem verdeckten Ermittler auf den Leim gegangen war, der es geschafft hatte, ihr Herz zu stehlen. Sie musste raus aus dem Loch, die große Frage war nur wie.
7. Kapitel
Italien, Rom
Das kleine Häuschen in einer der miesesten Gegenden der Ewigen Stadt war bis auf die Grundmauern niedergebrannt, trotz des unermüdlichen Einsatzes der Feuerwehrleute. Die beiden Bewohner, ein Computertechniker und seine Frau kamen bei dem Brand ums Leben. Brandermittler untersuchten die Überreste und kamen zu dem Schluss, dass es Brandstiftung gewesen sein musste. Sie fanden Spuren an den Dielen unterm Bett der Eheleute, die zweifelsohne durch einen Zündsatz entstanden. Das war auch der erste Brandherd. Unklar war den Ermittlern nur, warum das Ehepaar das Bett nicht verlassen hatte, nachdem der Brand ausgebrochen war. Aber noch etwas anderes fehlte den Carabinieri, nämlich das Motiv für einen Mord an einem Techniker der gerade mal genug verdiente, um sich und seine Frau über die Runden zu bekommen. Das passte alles hinten und vorne nicht zusammen.
Nach unzähligen Arbeitsstunden der Ermittler wurden die Ergebnisse zu den Akten gelegt. Eine Aufklärung wurde damit immer unwahrscheinlicher.
Vereinigte Staaten, Langley (VA)
Der Einsatzleiter der CIA John Clarkson blätterte in einigen Berichten auf seinem Schreibtisch. Der Einsatz in Cancún war nicht so gelaufen, wie er das geplant hatte. Lediglich sein Problemlöser hatte die Spuren in Rom beseitigt. Sie hatten nur die Hülle erbeutet, aber das eigentliche Material blieb verschwunden. Da klingelte sein Telefon.
»Was?«, fragte Clarkson.
»Sir, wir haben ein Problem in Cancún!«, berichtete sein Agent.
»Schön wenn es nur eins wäre! Was denn noch?«, seufzte er.
»Da, wo die Hülle vergraben war, belegt ein dicker Urlauber den Strand. Wir können nicht mehr dran!«
»Hat der Wind von der Angelegenheit bekommen und versucht, jetzt selbst danach zu suchen?«, fragte er ärgerlich.
»Möglich Sir. Er verlässt den Platz so gut wie nie und immer wieder fingert er im Sand herum!«, bestätigte sein Agent vor Ort.
»Verdammt, das hat uns gerade noch gefehlt!«, blaffte Clarkson. »Behalten sie ihn unter allen Umständen im Auge. Durchsuchen sie sein Hotelzimmer, ob er das Material bereits in seinem Besitz hat. Wenn er es weitergibt, will ich wissen an wen und wo es dann zu holen ist!«
»Was machen wir mit dem Typ?«, fragte er.
»Falls es ein normaler Urlauber ist, braucht er nichts zu wissen, dann lassen sie ihn laufen. Besitzt er irgendwelche Kenntnis von uns oder der Angelegenheit, oder werden sie entdeckt machen sie ihn umgehend unschädlich!«, fauchte er.
»Wird erledigt Sir!«, sagte sein Agent und legte auf.
Ein Urlauber, der exakt an der Stelle mit den Fingern im Sand spielt? Ausgerechnet dann, wenn seine Leute die Reste aus dem Versteck holen mussten, weil das erste Team zu blöd war ein bisschen tiefer zu graben. Die ganze Geschichte war erst angelaufen und verwandelte sich mit jeder Stunde, die verstrich in einen Albtraum. Es hätte so einfach sein können. Der Computervogel holt den Prototyp aus dem Labor, versteckt ihn in Cancún am Strand und kommt bei einem Wohnungsbrand in Rom auf tragische Weise mitsamt seiner Alten um. Die Wissenschaftler, die daran gearbeitet haben, verschwinden ebenso wie das angemeldete Patent in Deutschland. Alles, was dann noch fehlte, war die blöde Formel, aber die kann man notfalls auch mit dem Material herausfinden.
Ein einfacher Routineeinsatz sollte es sein. Danach wäre John Clarkson nicht mehr auf dieses Almosen der CIA angewiesen. Das war seine Chance, aus dem Loch hier herauszukommen. Alles lag offen da, man musste es nur noch mitnehmen und einige Mitwisser beseitigen. Dann würde es Milliarden auf ihn regnen. Aber anstatt alles, ohne großes Aufsehen zu erledigen, produzierten seine Agenten eine Katastrophe nach der anderen. Das, was er da unter sich hatte, waren keine Field Agents, sondern irgendwelche Collegepfeifen aus einem Inzuchtdorf in Idaho. Deren Stammbaum war ein verdammter Kreis.
8. Kapitel
Mexiko, Irgendwo an der Küste
Rainer lag auf seiner Decke am weißen Sandstrand des Hotels und las in einem Buch. Er kam jedes Jahr für zwei Wochen hierher, um sich zu erholen. Er liebte das azurblaue Meer, in dem die Sonne glitzerte, den weichen heißen Sand und den Service den ihm das Hotel bieten konnte. All-inclusive und ein Hotel für 18+ only. Keine schreienden, nörgelnden Kinder oder Halbstarke die zu viel Testosteron abbauen mussten und das mit wildem Balzverhalten gegenüber gleichaltrigen jungen Damen zum Ausdruck brachten. Einfach nur Ruhe und Entspannung. Bis auf dieses Jahr. Rainer lag seit Jahren am Strand immer an der gleichen Stelle. Umgeben von hohen Gräsern, in deren Halmen der leichte Wind am Strand etwas Bewegung brachte und so ein entspannendes Säuseln erzeugte. In diesem Jahr kam er sich jedoch beobachtet vor. Nicht von einer jungen Dame, das wäre nicht das Problem, mit der könnte man ja auch ein paar heitere Stunden verbringen, ein Mann beobachtete ihn ständig. Egal wohin Rainer auch ging, immer war der Mann in der Nähe und überwachte mit Argusaugen jeden seiner Schritte. Aber damit sollte jetzt Schluss sein dachte er sich. Er legte das Buch auf seine Decke, stand auf, um an der nahen Bar einen Drink zu nehmen. Nach seinem Drink besuchte er die Toilette, nur nicht, um etwas loszuwerden, sondern um etwas zu fangen. Kleine aufdringliche Gaffer fängt man am besten mit Speck und Rainer war als Betonbauer bestens gerüstet. Er wartete einige Sekunden direkt hinter dem Eingang. Er wusste, dass sein Verfolger gleich in der Nähe der Tür stehen würde.
Rainer riss die Tür auf, stürmte auf den Gang und packte seinen Beobachter, der völlig überrumpelt wurde, am Kragen und warf ihn in einer fließenden Bewegung an die gegenüberliegende Wand aus Backsteinen. Dann stiegen 130 kg Kampfgewicht auf die Zehen seines Stalkers. Rainer funkelte den Mann an, der Tränen in den Augen hatte wegen der Massage seiner unteren Extremitäten und flüsterte, »So Kollege, wir beiden Pastorentöchter werden uns jetzt mal bei einem kleinen Tänzchen unterhalten, und glaub mir, du willst nicht wirklich lange mit mir tanzen. Ich stelle dir jetzt ein paar Fragen, und wenn du mir eine Antwort gibst, die mir nicht gefällt, könnten die kleinen Knochen in deinen Zehen etwas Schaden nehmen.«
»Ich deute dein Schweigen mal als Zeichen, dass du begriffen hast, was jetzt hier abläuft. Warum steigst du mir ständig hinterher?«
»Wir wollen wissen, ob sie es haben«, brachte er stöhnend hervor.
»Ihr wollt wissen, ob ich was habe?«, fragte Rainer.
»Die kleine Box!«, stammelte der Beobachter.
»Ich habe weder eine Box, noch irgendeine scheiß Ahnung, wovon du singst. Aber eines habe ich, nämlich den Kanal voll in meinem Urlaub beobachtet zu werden!«, flüsterte Rainer bedrohlich und stampfte mit dem Fuß auf die geschundenen Zehen des anderen.
»Auuuuuuu. Wir brauchen diese Box«, heulte der Stalker.
»Okay, noch mal ganz langsam für die Steinmeißler zum Mitmeißeln. Ich habe keine Box, nur einen guten Tipp für dich. Wenn ich dich oder irgendeinen anderen Taugenichts sehe, der mir nachstellt, solange ich noch hier bin, zieh ich jeden von euch auf Links. HAST DU DAS BEGRIFFEN?«, fragte Rainer angriffslustig.
»Ja, ja ich hab es verstanden«, jaulte der Mann.
»Schön, dann hast du jetzt die große Ehre zukünftig deine Schuhe in unterschiedlichen Größen zu kaufen«, spie Rainer aus und trat mit voller Wucht auf die Zehen seines Gegners. Knackgeräusche waren zu hören und ein gellender Schrei ertönte. Rainer Hammer ließ seinen Stalker zu Boden gleiten, zog sein Shirt glatt und verließ die Bar.
Am nächsten Morgen klopfte die Putzfrau Rosalia an Zimmer 409 des Hotels, um dort zu putzen. Niemand meldete sich und Rosalia betrat das Zimmer mit ihrer Keycard. Sie wollte die Vorhänge öffnen, trat am Bad vorbei und erstarrte. Der Gast lag noch im Bett.
Sie verschob Zimmer 409 weiter nach hinten, um den Gast nicht zu stören.
Am späten Nachmittag betrat sie das Zimmer erneut, doch der Gast lag immer noch im Bett. Sie ging vorsichtig an das Bett und rüttelte daran. Der Mann regte sich nicht. Sie trat näher an den Gast heran und fasste ihm an die Schulter. Sie war eiskalt. Rosalia taumelte zurück Richtung Gang, bevor sie anfing, fürchterlich zu schreien.
Der Gast auf Zimmer 409 war tot, in den Unterlagen stand der Name Rainer Hammer.
9. Kapitel
Frankreich, Lyon
In dem Besprechungsraum von Interpol, inmitten eines großen Tisches aus Nussbaumholz stand ein kleiner Beamer, der eine Projektionsfläche an der Stirnwand des Raumes mit dem Logo von Interpol an die Wand warf. Kleine LED Spots in der Decke spendeten genug licht und tauchten den Raum in einen hellen Schein von kaltweißem Licht. Auf den braunen Ledersesseln hatten die anwesenden Platz genommen. Roussel saß am Kopfende des Tisches, Liz Croll links von ihm und Michael Korn rechts. Vor Roussel lag ein blauer Ordner mit dem aufgedruckten Logo von Interpol.

Roussel begann, mit einem deutlichen Akzent zu sprechen »Ich freue mich außerordentlich, dass sie beiden hier sind Miss Croll und Mister Korn. Wie sie wissen, handelt es sich um einen neuen Job. Bisher war es ja so, dass Interpol keine eigenen Agenten ins Feld schicken konnte. Das lag nicht zuletzt daran, dass alle Mitgliedsstaaten eine eigene, sogar mehrere, Polizeibehörden hat und es somit zu Verwicklungen von Interpol mit den jeweiligen Behörden geführt hätte. Nach jahrelangen zähen Verhandlungen mit den einzelnen Staaten ist es uns, nicht zuletzt unter meiner Leitung gelungen diese Probleme aus dem Weg zu räumen. Jeder Mitgliedsstaat hat uns, nicht ohne Zugeständnisse, eingeräumt ein eigenes Team von Interpolagenten aufzubauen, die auch in jedem Mitgliedstaat die gleichen Befugnisse hat. Unser Computer hat dafür insgesamt vier Namen ausgespuckt mit den besten Kandidaten. Sie beiden sind zwei dieser Namen. Nummer 3 ist derzeit noch beschäftigt, wird aber in kürze zu ihnen stoßen. Nummer 4 allerdings, ist noch in den USA gebunden, sollte aber spätestens morgen hier eintreffen. Vorrangig jedoch sind sie beiden gefragt.«
Liz hörte staunend zu, während Korn einen geistig abwesenden Eindruck machte und mit seinen Fingern spielte. Sie hatte den Kotzbrocken bereits kennengelernt. Jetzt die Aussicht darauf, mit ihm zusammenzuarbeiten, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Roussel fuhr fort »Sie beiden kennen sich natürlich noch nicht, ich darf also ein bisschen was erzählen. Beginnen wir mit Miss Croll. Sie sind eine der besten Polizistinnen, die jemals eine Marke getragen hat. Wirklich beeindruckend. Trotz ihres Handicaps einer geringen Körpergröße sind sie eine der besten Ermittlerinnen geworden und sie scheuen sich nicht in körperliche Auseinandersetzungen zu gehen, noch dazu haben sie die Fähigkeit entwickelt Lügen zu erkennen. Sie sind kommunikativ und verfügen über einen großen Erfahrungsschatz.« Roussel musterte sie mit einem bewundernden Lächeln auf den Lippen.
»Nun zu Mister Korn. Ihr Dossier ist ebenfalls beeindruckend. Bodyguard, einer der ganz harten Sorte. Wachsam, eher still und, wie soll ich es ausdrücken, nicht gerade menschenfreundlich eingestellt. Gefahr ist scheinbar ihr zweiter Vorname, denn sie suchen geradezu verzweifelt danach. Ebenfalls in der Lage, Lügner zu entlarven. Beobachter ersten Ranges, es gibt vermutlich fast nichts, was ihnen entgeht und so logisch denkend wie ein Computer. Negativ anzusehen ist allerdings ihre Kommunikation. Beleidigend, arrogant und extrem zynisch mit dem Charme einer Dampframme. Allerdings auch dadurch ein Verhörspezialist. Und ich darf noch hinzufügen, wenn sie nicht gerade ihren Job verloren hätten, wären sie nicht hier. Eher würden sie eine Gefängnisstrafe absitzen. Wenn ich richtig informiert bin über 2 Jahre. Ist das korrekt?«
Roussel fixierte Korn und der hob an »Nicht ganz, eigentlich sind es 2 Jahre und 4 Monate« gab er etwas genervt zu. Liz kniff die Augen zusammen und dachte sich ihren Teil.
»Gibt es Fragen von ihnen beiden?« Fragte Roussel.
Liz, die bis dahin schweigend gelauscht hatte, fragte »Oh ja, die gibt es Monsieur Roussel. Wir sollen ein Team bilden, was sich allerdings schwer gestaltet, wenn Mister Korn uns wie Dreck behandelt und lieber sein eigenes Süppchen kocht. Zudem sagen sie, er würde eigentlich im Knast sitzen, wo er meiner Meinung nach auch hingehört. Dann sind da, nach ihrer Aussage, noch zwei Mitglieder, von denen wir bis hierhin noch nicht das Geringste erfahren haben. Bevor ich irgendwas zustimmen kann, möchte ich gerne die genauen Fakten kennen, wenn sie verstehen.«
Korn stand auf und ging durch den Raum zum Fenster. Er blickte in die Tiefe. Roussel und Liz sahen ihm irritiert zu. Korn begann zu sprechen »Ich sehe es ähnlich wie Miss Zwerg. Mir ist nicht ganz klar, was ich zum einen mit ihr anfangen soll und zum anderen was die beiden anderen Nullnummern ausgefressen haben. Immerhin bin ich mir nicht ganz sicher, was da auf uns zukommt, was wir eigentlich tun sollten und welche Befugnisse man uns einräumt. Ich bin kein Versuchskarnickel für Interpol, den man unter Laborbedingungen zwingen will, Müll zu fressen.«
Roussel presste seine Handflächen aneinander und hielt sie sich unter die Nase. Liz sah den Bodyguard an und wünschte sich, sie könnte ihn einfach aus dem Fenster stoßen. Was glaubte der Typ eigentlich, wer er ist? Roussel überlegte eine Weile bevor er leise fortsetzte, »Ich verstehe ihre Bedenken. Es ist nur so, dass man Interpol als Informationsquelle nutzt. Wenn sich allerdings Probleme ergeben, in denen es um große Verschwörungen geht, und ich gebe gerne zu, das da mitunter auch hochrangige Politiker ihre dreckigen Finger im Spiel haben, dann wird da nicht groß weiter ermittelt. Wenn beispielsweise ein Minister die Finger im Spiel hat, verlaufen die Ermittlungen im Sand, weil niemand einen Minister anpinkeln will, weil sein Job davon abhängt. Bei Interpol gibt es dieses Problem allerdings nicht, wir sind völlig unabhängig von jeglicher politischen Einmischung. Aber genug davon, sie wollten beide wissen, wer da noch mitmischen soll. Ich werde es ihnen sagen, obwohl ich weiß, dass eine nicht ganz in ihr Bild passen wird. Ein weiteres Mitglied ihres Teams ist Mike Banks. Ein IT und Abhörspezialist, wenn er nicht gerade wieder Regierungsserver hackt. Saß in den USA 4 Jahre im Knast, weil er der First Lady einen Bart ins Gesicht gezaubert hat. Auf ihrem Passbild. Wir fanden das ganz lustig, weil diese Frau wirklich wie ein verrückter Mann gehandelt hat, die USA fanden das nicht ganz so lustig. Er kann so gut wie jedes Sicherheitssystem austricksen. Und damit das Gleichgewicht wieder stimmt, soll eine weitere Dame dazugehören. In Europa ist sie weniger bekannt, in Asien und den USA dagegen umso mehr. Ihr Gesicht war noch nie in den Nachrichten. Niemand kannte diese Frau, aber alle hatten Angst vor ihr. Ihr Name ist Lea Enis, besser bekannt als Lady Sniper. Eine Auftragskillerin, die mit einem Scharfschützengewehr alles abknallt, was Dreck am Stecken hat. Sie hat in den letzten Jahren über 120 Männer und Frauen getötet, die alle eines gemeinsam hatten. Sie arbeiteten für Regierungen oder Behörden und waren alle alles andere als unschuldig.«
»Ist das ihr verschissener Ernst Roussel? Eine Auftragskillerin, die mit einem Gewehr alles umlegt, was gerade irgendwo steht?«, ereiferte sich Liz lautstark.
Korn stand immer noch am Fenster und drehte sich blitzschnell um. Liz hatte ihm das nicht zugetraut. So schnell kann sich fast keiner bewegen, er bringt das trotz seiner Körperfülle, dachte sie.
Korn begann, »Bisher war es ja ganz lustig Roussel, aber Sie haben was am Kopf und das sind nicht die Haare. Banks kenne ich bereits, der ist gar nicht das Problem, obwohl er sich für den größten unter der Sonne hält. Typischer Ami eben. Aber eine Auftragskillerin ist ein ganz anderes Kaliber und dann noch in einer Polizeibehörde. Entweder haben sie völlig den Verstand verloren, oder aber ihr Heiligenschein, der vermutlich gerade in der Reinigung ist, drückt ihren Denkapparat ab. Vielleicht sollte ich sie mal ein bisschen gegen die Wand werfen, damit die Blutzirkulation möglicherweise wieder in Gang kommt! Oder war das Whiskeyglas heute Morgen etwas zu voll?«
Roussel wurde bleich wie eine frisch gekalkte Wand. »Ich verstehe ihre Bedenken gegen Lea Enis, aber sie steht auf der richtigen Seite, das versichere ich Ihnen. Und sie würde uns nie schaden!«
Korn und Croll sahen Roussel verständnislos an. Liz dachte über die Äußerungen von Roussel nach, aber Korn hatte bereits eine andere Spur aufgenommen und lief erst richtig warm. Er musterte Roussel ganz genau. »Roussel sperren sie die Lauscher auf. Bisher war ich freundlich, aber ich kann auch ganz anders. Sie Arsch verschweigen mir eine ganze Menge. Über ihr Alkoholproblem brauchen wir nicht zu reden, sie stinken wie eine Brennerei und ihre Pupillen sind ein Lexikon. Aber jetzt kommt ein Punkt dazu, der neu ist. In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen sie zu der Auftragskillerin?«
Liz war überrascht von Korns Aussage. Roussel ein Trinker? Sie hielt ihre Nase nach vorn, konnte aber keinen Alkoholgeruch wahrnehmen, seine Pupillen waren gerötet, aber das kann von Schlafmangel herrühren. Sie entdeckte keine Anzeichen dafür. Roussel versank langsam in seinem Stuhl, seine Schultern wurden schlaff und er begann mit krächzender Stimme zu antworten, »Sie haben recht Mister Korn. Meine Mutter hat meinen Vater verlassen und ist in die USA gereist. Dort lernte sie einen Mann namens Gabriel Enis kennen. Sie haben geheiratet und ihr Sohn Robert Enis wiederum war mein Halbbruder. Lea Enis ist seine Tochter!«
Jetzt setzte auch Liz an: »Lea Enis stand gar nicht auf dieser Liste, die ihr Computer ausgespuckt hat, sie haben sie hinzugefügt!«
»Ja, das habe ich«, gestand Roussel. »Verstehen Sie. Lea ist die Tochter meines Halbbruders. Wir hatten über die Jahre immer wieder Kontakt, bis er starb. Lea kannte ich nur von Fotos und wollte ihr helfen. Also habe ich auch zu ihr Kontakt gesucht. Sie war aber nicht erreichbar. Computer spucken absolut nichts über sie aus, sie ist wie ein Geist und im Netz findet sich nichts zu ihr. In unserer Datenbank allerdings gab es einen Hinweis auf eine Möglichkeit, sie zu erreichen. Ein toter Briefkasten in Houston Texas. Dort habe ich es versucht. Irgendwann kam eine Nachricht von ihr. Falscher Name, nicht zurück zu verfolgende Verbindungen, aber wir konnten E-Mails austauschen.«
»Was stand in den E-Mails?« wollte Korn wissen.
»Dass sie nicht stolz auf ihre Arbeit ist, aber niemals jemanden töten würde, der es nicht verdient. Alle Agenten, Mitglieder von Regierungen oder sonstige Opfer waren selbst Mörder. Die USA unterhalten weltweit Agenten der CIA. Deren Methoden unterscheiden sich nicht von denen eines Killers. Vielmehr sind es selbst Killer, die ihre Morde unter dem Deckmantel des Staates verüben.«
»Oh ja, den Deckmantel kenne ich bereits, zur Genüge. In dem Fall heißt es immer nationale Sicherheit!«, ergänzte Korn.
»Ich möchte diese Lea Enis unter die Lupe nehmen und alleine mit ihr reden. Wenn ich nur den geringsten Zweifel an ihr habe, wandert sie für den Rest ihres Lebens in das tiefste Kellerloch, das sich finden lässt und ich werfe den Schlüssel dazu in den Marianengraben«, blaffte Korn. Die Verhandlungen dauerten nun schon Stunden. Liz und Korn nahmen Roussel ins Kreuzverhör und der brach zusammen wie ein Ferienhaus aus Pappe.
Liz musste ihre Meinung über Korn revidieren. Er war doch nicht so ein Kotzbrocken, wie sie dachte. Vor allem seine Beobachtungen waren gnadenlos und trafen immer ins Schwarze. Nur die unflätige Art wie er mit anderen umging, war ihr ein Dorn im Auge.
Korn hingegen war ganz in seinem Element. Da existierte nichts anderes mehr um ihn herum. Er war in seiner Blase eingeschlossen und feuerte Pfeil um Pfeil heraus.
Roussel konnte nicht mehr. Alles war aus ihm entwichen und er wirkte wie um fünfzig Jahre gealtert. Dennoch murmelte er müde: »Einverstanden Mister Korn.«
Weitere 30 Minuten später verließen Korn und Liz das Gebäude von Interpol. Beide hatten Hunger und mussten dringend Nikotin nachfüllen. Sie gingen in ein kleines Restaurant um die Ecke und setzten sich an einen Tisch, der unter einem Froschgrünen Sonnenschutz geparkt war. Liz betrachtete Korn wie ein Alien. Ihre Neugier war zu groß geworden. Sie hatte einiges über ihn erfahren, aber da gab es noch viel mehr, was er verheimlichte.
»Warum sind sie so ein Arsch?«, fragte sie ganz direkt.
»Ich fasse das mal als Kompliment auf. Vielen Dank«, erwiderte Korn gelangweilt.
»Das war nicht als Kompliment gedacht. Sie sind ein Arsch und das wissen Sie. Ich will nur wissen warum?«, konterte Liz.
»Hören Sie Miss Croll. Dient diese Unterhaltung irgendeinem besonderen Zweck? Nein, das tut sie nicht, sie ist einfach nur sinnlos.«
»Diese Unterhaltung dient einem Zweck. Es geht mir darum, warum ich mit Ihnen zusammen arbeiten sollte, wenn sie mich behandeln wie eine ausgelutschte Eistüte und ich nicht mal im entferntesten eine Ahnung habe, warum das so ist. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch und sie verletzen mich fortwährend mit ihrer Art. Wenn wir zusammen arbeiten, muss ich Ihnen zwingend vertrauen können, und sie sollten auch mir vertrauen«, stellte Liz fest.
Michael überlegte lange, bevor er antwortete, »Es gibt auf diesem Planeten exakt zwei Menschen, denen ich vertraue. Der eine bin ich und der andere sind nicht sie. Vertrauen ist nicht zwingend notwendig bei meiner Arbeit. Ich verlasse mich nur auf mich selbst. Ich bin ein Einzelgänger und es wird vermutlich nichts auf der Welt geben, was daran etwas ändern könnte. Das wird so bleiben, ob es ihnen gefällt oder nicht interessiert mich einen feuchten Scheiß. Suchen Sie sich einen anderen Kindergärtner, ich bekomme nämlich schon Ausschlag, wenn ich gezwungen bin auf Kinder in einer Disco aufzupassen.«
»Hören Sie mir genau zu Mister Arsch. Ich passe alleine auf mich auf. Bei meiner Arbeit muss ich mich aber zwingend auf meinen Partner verlassen können. Wenn sie im Kugelhagel stehen und einen Partner an der Seite haben wäre wohl eine Warnung vorher angebracht, immerhin macht so eine Kugel hässliche Löcher«, sinnierte sie.
»Falls wir tatsächlich einmal im Kugelhagel stehen sollten, was sie nie erleben wollen, will ich nicht die kleinste Warnung hören, denn ich werde mich garantiert nicht verteidigen. Wenn ich schon die Chance bekomme, zu sterben, dann werde ich die nutzen, so gut ich nur kann«, antwortete Korn barsch.
Liz war baff. Das war es also. »Sie wollen unbedingt draufgehen. Es interessiert sie nicht wofür, wichtig ist scheinbar nur, dass es so schnell wie möglich dazu kommt!«, staunte sie.
Der Blick den Liz traf, sprach Bände. Es ging ihm nicht um Gerechtigkeit oder irgendein höheres Ziel. Es ging nur, um sein Ziel so schnell wie möglich zu sterben. Die Frage war nur wieso? Kann man so wenig Lebensmut besitzen? Und wenn das möglich ist, wie kommt es dazu?
»Sie sollten einen Psychologen aufsuchen Mister Korn!«, kritisierte Liz.
Lachend antwortete Korn, »Das habe ich bereits. Die Liste an Ärzten, bei denen ich war, ist länger als ihr Einkaufszettel für ein ganzes Jahr. Und nur damit sie es wissen, was mich nicht umbringt, macht mich nur noch härter.«
Schweigend aßen sie ihr bestelltes Essen und begaben sich dann wieder in das Hauptgebäude von Interpol.
In dem Besprechungsraum, den sie schon den ganzen Tag über gesehen hatten, war eine Veränderung festzustellen. Bernand Roussel von Interpol saß wieder etwas aufrechter in seinem Stuhl und vor ihm stand ein Glas Wasser. Auf einem anderen Stuhl bemerkte Liz noch jemanden. Ein schlanker, hochgewachsener Kerl mit eingefallenem Gesicht und einer leichten Brille auf den Augen, deren Gläser farblich schimmerten. Roussel stellte ihn auch gleich als Mike Banks vor.
Damit waren drei der Mitglieder des ersten Teams von Interpol anwesend. Nur eine fehlte noch, aber es gab keinen Hinweis, wo sie war.
Roussel begann, »Mister Banks ist eingetroffen, als sie beim Mittagessen waren. Ich darf ihnen, Mr. Banks, jetzt auch Liz Croll vorstellen, ihr Dossier ist ihnen ja bereits bekannt. Michael Korn kennen sie ja schon etwas länger somit erübrigt sich die Vorstellung.«
Banks stand auf und gab Liz die Hand. »Es ist mir eine Freude, sie kennenzulernen Miss Croll. Roussel hat schon viel von Ihnen gesprochen, aber er vergaß, leider zu erwähnen was für eine Augenweide sie doch sind. Ich bin Mike Banks, für sie natürlich Mike.«
Korn sah kurz auf und sagte nur ein Wort »Istanbul!«
Banks sah erschrocken aus und sämtliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Still kehrte er zu seinem Stuhl zurück, setzte sich, aber verlor kein einziges weiteres Wort. Roussel setzte nach »Mike Banks, auch bekannt als Thunderstruck, ist IT-Fachmann und Abhörspezialist. Es gibt so gut wie keine Sicherheitsmaßnahmen, die er nicht umgehen kann. Spricht 5 Sprachen fließend: Deutsch, Italienisch, Russisch, Mandarin und Französisch. Er wird ihr all sehendes Auge und spürt im Internet Daten zu allem Möglichen auf.«
Korn setzte hinzu, »Roussel sie haben vergessen, dass er sich für den größten hält, allem hinterherläuft, was Titten hat, und gerne Einsätze versaut, weil er gerade wieder an einer Alten schraubt. Hab ich noch was vergessen Mike?«
Mike schüttelte den Kopf. Liz könnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und fragte, »Was bedeutet Istanbul? Ist das ein Code für irgendetwas?«
Korn antwortete »Kein Code, nur der Name einer Stadt. Wir hatten dort mal geschäftlich zu tun. Reine Routine eigentlich. Mike war unser Auge draußen und erwähnte nicht, die fünf Mg's die aus meinen Kollegen Siebe machten, zwei unserer Zielpersonen abgeknallt haben wie Hasen, weil er in seinem Drecksvan ein junges Mädchen gebumst hat, oder sollte ich noch erwähnen, dass die kleine erst 17 war?«
Der Hieb hatte gesessen. Liz musterte Mike mit den Augen und es war ihm deutlich anzumerken, dass ihm das überhaupt nicht schmeckte, schon gar nicht in ihrer Gegenwart. Aber Mike Banks war sowieso nichts für Liz. Immerhin hielt sie ihren Freund aus der Arbeit raus. In London wussten ihre Kollegen darüber Bescheid, dass Liz mit niemandem ausging, das würde sich auch nicht ändern, wenn sie für Interpol arbeitet, falls es dazu kommen sollte. Die Unterhaltung mit Michael Korn vor dem Essen machte ihr Bauchschmerzen und sie war sich sehr unsicher, ob sie den Job annehmen konnte. Die Voraussetzungen waren nicht besonders vielversprechend. Ein Bodyguard, der sich benimmt wie der letzte Arsch und nur den Wunsch hat so schnell wie möglich zu sterben, ein Computerfreak, der gleichzeitig als Schürzenjäger ein großes Risiko darstellte, ein Boss der dem Alkohol verfallen war und nicht zuletzt noch die Geschichte mit der Profikillerin.
Die Tür ging einen Spalt auf und eine ältere Frau blickte zu Bernand Roussel. Er erwiderte den Blick und sagte, »Wir machen eine kurze Pause!« Dann stand er auf und verließ den Raum. Auch Korn stand auf und ging ihm hinterher, sie blieb mit Mike alleine.
»Mike, wie lange kennen sie Korn schon?«, fragte sie ihn.
»Das erste Mal haben wir uns vor 7 Jahren getroffen. Er war der Einsatzleiter der Bodyguards und ich war für die IT zuständig.«, sagte er.
»War er schon immer so?«
Mike lachte lautlos »Der wird sich nie ändern das können Sie mir glauben!«
Liz dachte kurz nach, dann fragte sie »Wissen Sie, warum er so ist, wie er ist? Ich meine, es muss doch einen Grund dafür geben.«
»Den gibt es sicher, aber bisher konnte ich keinen erkennen. Alles, was mir aufgefallen ist, und das bleibt bitte unter uns, sind manchmal Situationen, in denen er absolut keine Bewegung zeigt, nicht mal mit den Augen, wie wenn er schlafen würde, und danach hat er Tränen in den Augen.«, erklärte er.
»Könnte mit einer Frau zu tun haben. War er mal verheiratet oder so?«
»Liz, bleiben wir beim du, ich habe mich nicht wirklich damit beschäftigt und ehrlich gesagt hab ich das auch nicht unbedingt vor. Bisher habe ich nur gesehen, dass er Frauen nicht mal richtig ansieht. Normalerweise sieht man das sofort, wenn ein Mann eine Frau abcheckt. Er zeigt dieses Verhalten in keiner Situation. Ich weiß, dass er ein mieses Arschloch ist, dazu brauche ich keinen Doktor in Psychologie, mehr muss ich aber auch nicht wissen.«
Liz lachte und sagte dann, »Ich denke schon, dass es wichtig ist, zu wissen, was da vorgeht. Immerhin sollen wir zusammen arbeiten. Ich kann nicht mit Menschen arbeiten, denen ich nicht vertrauen kann. Immerhin kann es gefährlich werden und wenn dann ein Teammitglied irgendeinen Schwachpunkt aufweist, gefährden wir uns alle.«
»Das stimmt schon Liz, aber du siehst ja selbst, wie er ist. Willst du wirklich in die weiteren Beweggründe eines Psychopathen vordringen? Denn das ist eine gefährliche Angelegenheit!«
»Mike, im Moment habe ich ein großes Problem mit euch beiden. Er behandelt jeden wie Dreck und hat den Anspruch getötet zu werden. Du wiederum gefährdest mich aber auch, wenn irgendeine Frau involviert ist, weil du scheinbar nicht wählerisch bist, wenn ich das richtig verstanden habe.«
Mike war ein bisschen verletzt, aber erwiderte, »Ich bin wohl auch ein bisschen verrückt, aber seit der Situation, die dir vorhin geschildert wurde, mache ich das nicht mehr. Er ist aber schon seit Jahren so. Eigentlich schaut man einer Frau ja mal auf gewisse Stellen, er aber ist wie ein Roboter. Kein Gefühl und nichts. Wir haben ja mal vermutet, er wäre schwul, aber dann fiel uns auf dass da ja auch nichts in der Richtung passiert.«
Liz dachte nach. Das stimmte, was Mike gesagt hat. Ihr wäre zumindest mal aufgefallen, wenn er auf die Brüste oder den Hintern geschaut hätte, aber da war nichts. Er hatte ihr stur in die Augen geschaut und nicht ins Dekolleté oder auf die Beine. Ganz normales Verhalten, das eigentlich jeder Mann ab einem gewissen Alter zeigt.
»Mike, würdest du mir einen Gefallen tun?«
»Jeden Liz!«, lächelte er sie an.
»Hör auf damit! Schnapp dir mal einen Computer und versuche so viel, wie nur möglich über Korn zu finden. Liebschaften, Verhältnisse, Bordellbesuche, Partnerbörsen was weiß ich. Irgendwo muss es etwas geben.«
»OK, ok, ich hab's ja verstanden. Ich habe meinen Laptop dabei, ich kümmere mich darum.«
Mike griff in die Tasche, die neben seinem Stuhl stand und stellte den Laptop auf den Tisch. Seine Finger flogen über die Tasten, aber die Anschläge waren nicht mal zu sehen. Es klackerte nur.
Die Tür ging auf und Korn nahm wieder Platz. Er roch nach Rauch, also war er nur vor die Tür gegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Nach einigen Minuten kehrte auch Roussel zurück, in der Zwischenzeit hatten sie kein Wort mehr gesprochen. Roussels Miene zeigte einige Veränderungen. Irgendetwas muss ihm schwer zu schaffen gemacht haben.
10. Kapitel
Mexiko, Cancún
In dem kleinen Raum roch es nach Kaffee und Reinigungsmittel. Es war die kleine Küche für die Laborarbeiter geworden, nachdem man den Komplex etwas umgebaut und modernisiert hatte. Marie Wasserstein saß an dem kleinen Tisch, trank eine Tasse Kaffee und blätterte in einer Illustrierten. Es war früh am Morgen. Heute war ihr erster Arbeitstag nach den drei Wochen Urlaub, die sie mit ihrer Familie in Deutschland verbracht hatte, und wie üblich war sie die Erste im Büro. Als Büroleiterin musste sie mit gutem Beispiel vorangehen. Das Projekt „Lucien“ war ihr übertragen worden. Das sollte der größte Durchbruch in der Geschichte werden, wenn sie es schaffen würden. Bisher gab es nur einen Prototyp, der aber noch nicht einsatzfähig war. Das wichtigste fehlte noch, nämlich der Inhalt. Sie hatte es vor ihrem Urlaub mal zusammengesetzt, um zu sehen, wie es funktioniert, aber es wurde einfach zu heiß. Deshalb nahm sie die Füllung wieder heraus und legte sie in ihren persönlichen Tresor. Der Prototyp lagerte so lange im großen Safe. Während ihres Urlaubs dachte sie trotzdem ständig an Projekt Lucien, insbesondere wenn sie ihr Handy zur Hand nahm, musste sie jedes Mal daran denken. Wenn es wirklich funktionieren würde, und daran gab es nicht den geringsten Zweifel mehr, wären Ladegeräte und Stromleitungen komplett überflüssig. Das einzige Problem war noch die Hitze nach zwei Stunden. Sie hatte im Urlaub einige Ideen aufgeschnappt, um das Problem zu lösen, nur den Prototypen musste sie noch verändern. Das wollte sie heute Morgen angehen. Projekt Lucien war ein Meilenstein in der Geschichte der Forschung. Eine Batterie, die niemals leer wird, wäre die größte Entdeckung ihrer Zeit und sie war näher dran als niemals zuvor. Begonnen hatte, alles mit einem kleinen Unfall im Labor für Materialkunde als irgendein Mitarbeiter mit seinem Kopf nicht bei der Arbeit war. Seine Frau brachte ihr erstes Kind zu Welt und er war nicht ganz bei der Sache. Das verbrauchte Kernmaterial sollte eigentlich irgendwie wieder aufbereitet werden können. Daran hatte er gearbeitet. Unglücklicherweise verwechselte er seine Werkbank mit der eines Kollegen und brachte das verbrauchte Material in dessen Legierung ein. Daraufhin wurde das Material fest und die Mitarbeiter versuchten, den Kessel zu reinigen. Es war unmöglich, denn so bald sie mit der erkalteten Masse in Berührung kamen, erhielten sie einen Stromschlag. Die Formel der Masse wurde in einem unzugänglichen Safe aufbewahrt. Aus Sicherheitsgründen hatte nur ein Mann darauf Zugriff. Sie bekam für Projekt Lucien das Material und machte sich dann sofort an die Arbeit. Nach Hunderten fehlgeschlagenen Versuchen stellte sie fest das man die Spannung und die Stromstärke variieren konnte. Diese Erkenntnis öffnete völlig neue Möglichkeiten der Anwendung. Dachte man zuerst nur an kleine Batterien für mobile Geräte, mit gerade mal 5V Ausgangsspannung, ergab sich aber damit die Möglichkeit, auch größere herzustellen mit bis zu 250 V-Ausgangsspannung. Die ganzen Stromkonzerne wären auf der Stelle Bankrott gegangen. Mit einem Kasten in der Größe einer Badewanne wäre man in der Lage jedes Haus autark mit Energie zu versorgen, und zwar bis in alle Ewigkeit.
Marie schenkte sich noch eine Tasse ein und brachte sie zu ihrem Arbeitsplatz, bevor sie über den Flur zum großen Safe lief. Unterwegs traf sie noch auf Martina, eine Freundin aus Kopenhagen, und sie erlaubten sich einen kleinen Plausch unter Kollegen. Bestens gelaunt setzte Marie ihren weg fort und legte ihre rechte Hand auf die Glasplatte für den Fingerabdruck. Die erste Tür öffnete sich und sofort schloss sich die Tür wieder hinter ihr. Sie war jetzt in der Schleuse. Die zweite Tür öffnete sich nur durch einen Retinascan, damit man den Safe betreten konnte. Die Kammer hatte die Ausmaße eines Wohnzimmers und überall lagen Teile für andere Projekte. Sie lief an dem Regal entlang bis zur Lagerbox von Projekt Lucien. Erschrocken blickte sie in das Fach. Es war leer!
11. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)
»Was soll das heißen, er hatte sie nicht?«, schrie John Clarkson in den Hörer seines Telefons.
»Das heißt, dass sie nicht da war. Wir haben alles durchsucht, aber sie war nicht zu finden« krächzte eine Stimme.
»Finden Sie es, völlig egal was dafür notwendig ist, aber machen Sie ihren verdammen Job!«, schnaubte er und knallte den Hörer auf.
Frankreich, Lyon
Bernand Roussel war bleich geworden in der Pause. Er versuchte nüchtern und sachlich die Fakten zu schildern, gelang ihm aber nicht überzeugend. Mehrmals musste er innehalten und sich etwas sammeln, als er berichtete:
»Das vierte Mitglied ihres Teams sollte bereits eingetroffen sein, zumindest war das unsere Verabredung. Vor der Pause hatte ich darauf gewartet und habe mich gefreut, als die Tür aufging. Verzeihen Sie mir, dass ich Lea zuerst alleine treffen wollte. Leider ist sie nicht hier angekommen. Man hat mich in der Pause informiert, dass das FBI Lea Enis in Houston verhaftet hat. Verzeihen Sie mir …« brach er ab und verbarg sein Gesicht in den Händen, als er von seinen Gefühlen übermannt wurde und die Tränen nicht mehr halten konnte.
Liz, Michael und Mike tauschten Blicke aus. Niemand sprach ein Wort, die Stille würde nur durch das Schluchzen von Roussel gebrochen.
Korn stand auf und ging wieder zum Fenster. Er blickte in den sanft blauen Himmel hinauf, machte aber nicht den Eindruck etwas sagen zu wollen. Dafür ergriff Mike das Wort:
»Dann holen wir sie eben ab. Das FBI Gebäude in Houston kenne ich. Die Baupläne hatte ich mal auf einem Server gefunden und kopiert. Extrem schlecht gesichert, meine Oma würde da sogar ungesehen hereingehen können!«
»Mike, das war nicht gerade hilfreich, aber halten wir den Gedanken mal fest. Wir können nicht einfach in den nächsten Flieger steigen und eine Profikillerin aus einem FBI Gebäude mitnehmen. Aber das FBI wird sie sicher nicht lange dort festhalten, sondern sie in ein Gefängnis überführen lassen. Dort sind unsere Chancen weit höher«, stellte Liz fest.
»Dann brauchen wir aber mehr Informationen. Ich werd das gleich mal in Angriff nehmen«, stellte Mike fest.
Korn starrte weiter völlig unbeteiligt in den Himmel hinauf. Mike klapperte wieder auf seiner Tastatur während Liz versuchte aus der Situation Erkenntnisse abzuleiten.
»Hey Mr. Arsch, könnten sie auch etwas zur Lösung beitragen?«, pflaumte Liz Korn an. Der stand allerdings weiterhin unbewegt am Fenster und starrte in die Wolken. Liz stand auf und stellte sich direkt neben den Bodyguard. Sie konnte es nicht fassen. Er hatte die Augen geschlossen und auf seinen Wangen glitzerten Tränen im Sonnenlicht.
»Was zum Teufel ist mit ihnen los! Reden Sie mit mir!«, schrie sie ihn an und schlug ihm mit der Faust auf den Oberarm.
Seine Reaktion folgte innerhalb von Sekundenbruchteilen. Der rechte Arm schnellte wie eine Schleuder nach außen und traf Liz am Oberkörper, was sie wie einen Ballon durch den Raum fegte. Aber sonst erhielt sie keine weitere Reaktion. Sein Arm hing wieder an der Seite herab, aber der Kopf hatte sich nicht bewegt. Er stand immer noch wie ein Baum auf einer Stelle und bewegte sich nicht.
»Lass es Liz, er hat das Gebäude verlassen!«, platzte es aus Mike, während er weiterhin auf seiner Tastatur spielte.
»Ich hab es gefunden Liz, sie bringen Enis in den Hochsicherheitstrakt in Austin. Noch heute Abend soll sie dort hingebracht werden, bis sie ihren Prozess hat.«
»Dann sollten wir nicht viel Zeit vergeuden und überlegen, wie wir sie da herauskriegen. Die Frage ist nur wie wir diesen Arsch hier wieder zum Laufen bekommen?«, fragte Liz während sie auf Korn zeigte, der weiterhin völlig unbeweglich am Fenster stand.
»Ich habe da eine Idee, allerdings brauche ich dafür Zugang zu den Datenbanken von Interpol«, rief Mike.
»Sie werden den Zugang bekommen, jetzt!«, schluchzte Roussel und griff in seine Tasche. Mit zittrigen Fingern fischte er seine Zugangskarte aus der Tasche und schob sie über den Tisch zu Mike hin. Der nahm die Karte auf, drehte den Kopf zu Liz und sagte, »Komm mit Liz, wir brauchen einen anderen Terminal und einen Kartendrucker!«
Liz und Mike rannten zur Tür hinaus auf den Korridor. Wie von Geisterhand klickte die Tür wieder ins Schloss. Korn, der immer noch am Fenster stand wie angewurzelt und der schluchzende Roussel blieben alleine zurück.
Mike erreichte mit Liz im Schlepptau einen der kleinen Büroräume im 4. Stockwerk des Gebäudes. Er setzte sich sofort an den Rechner, während sich Liz einen Drehstuhl von dem anderen Schreibtisch neben ihn rollte und auf dem Sitz Platz nahm. Mike erklärte ihr, was er vorhatte, »Ich habe entdeckt, dass sie Enis heute Abend schon verlegen werden, bereits morgen Vormittag ist das erste Verhör angesetzt. Die Beamten, die sie abholen sollen heißen John Price und Laura Spencer. Wir werden diese Namen übernehmen, hinfliegen und einfach mit den richtigen Papieren anstelle der Beamten hereingehen und Enis herausholen. Ganz offiziell«
»Das klappt nie Mike. Spätestens wenn die richtigen Beamten erscheinen, sind wir aufgeflogen und kommen nicht mehr von dort weg!«, reagierte Liz.
»Das klappt, denn die Beamten wissen noch nichts von ihrem Glück. Sie haben den Auftrag per E-Mail erhalten und sie noch nicht abgerufen. Ich klinke mich jetzt über den Zugang von Interpol ein und entferne die E-Mails aus ihren Postfächern. Bis die mitkriegen, was da läuft, sind wir längst wieder in der Luft und auf dem Weg hierher. Sie werden sich nur wundern, dass die Papiere liegen geblieben sind, aber das geht in den Akten unter. Alles, was ich dann noch tun muss, ist uns die Papiere auszudrucken und uns zwei Ausweise basteln, die auf die Namen Price und Spencer ausgestellt sind. Die Bilder besorge ich mir aus der Datenbank von Interpol«, erklärte er Liz seinen Plan.
»Du bist ein teuflisches Genie Mike, aber wie kommen wir rechtzeitig nach Austin?«, fragte sie mit leichter Sorge in der Stimme.
Mike schmunzelte, »Interpol hat hier auf dem Flughafen, eine ganze Flotte von Gulfstream Maschinen stehen, inklusive Piloten. Die werden wir nehmen und direkt nach Austin starten. Morgen früh sind wir bereits vor Ort. Alles, was dann noch fehlt, sind ein schwarzer Anzug für mich und ein Businessoutfit für Dich. Aber das sollte das kleinste Problem werden.«
Einige Minuten später erwachte der Kartendrucker in der Ecke mit einem Piepton zum Leben und begann surrend seine Arbeit. Mike kopierte die offiziellen Papiere, veränderte einige Angaben darauf und ließ sie anschließend ausdrucken. Liz saß schweigend daneben und beobachtete den Hacker bei seiner Vorstellung der Computermagie.
Es dauerte nicht lange, bis alles erledigt war und sie ihre Ausweiskarten in den Händen hielten. Zwei Stunden später verließen sie Lyon mit der Gulfstream in Richtung Texas.
12. Kapitel
Europa, Irgendwo über dem Atlantik
Leise Windgeräusche, die der Jet erzeugte, mischten sich mit dem hochfrequenten Brummen der Triebwerke und drangen in die Kabine vor. Dort saßen Liz und ihr Begleiter entspannt auf Sesseln, die mit hellem Leder überzogen waren. Das gesamte Interieur der Gulfstream bestand aus edlem Walnussholz und verströmte ein Ambiente aus Luxus. Beide fühlten sich hier sehr wohl. Als sie Lyon verlassen hatten, war Bernand Roussel wieder etwas optimistischer gestimmt, nur Korn war noch genau derselbe Miesepeter wie zuvor. Immerhin hatte er es geschafft sich wieder an den Tisch zu setzen und blickte stumm wie ein Fisch auf sein Smartphone. Liz dachte über das Bild nach das er abgegeben hatte, als er wie ein Baum auf einer Stelle stand und zum Fenster blickte, die Augen geschlossen mit Tränen auf den Wangen. Was war nur mit diesem Typ los, fragte sie sich. Die Antwort darauf kannte vielleicht Mike, weil er sich einige Zeit intensiv mit dessen Vergangenheit beschäftigte.
»Mike, kannst du mir irgendwas über Korn erzählen, was Licht ins Dunkel bringen könnte?«, fragte sie.
Er blickte sie aus müden Augen an und begann zu berichten, »Viel gefunden habe ich nicht Liz. In seiner Vergangenheit, klafft ein riesiges Loch in den Daten, wie wenn er nicht mehr existiert hätte. Geboren und aufgewachsen in Süddeutschland in einer kleinen Ortschaft am Rhein. Er hat eine jüngere Schwester, die immer noch dort lebt. Er war sportlich aktiv. Ich fand Aufzeichnungen über Mitgliedschaft in zwei Sportvereinen. Zum einen Handball, davon gab es aber keine Erfolge zu entdecken, aber beim zweiten wurde ich fündig. Er hat angefangen zu Boxen und war gar nicht so schlecht, hätte für eine Profikarriere reichen können. Landesmeister bei den Amateuren. 32 Kämpfe, keinen verloren und ganze 31 davon durch vorzeitigen K. O. beendet. Danach rissen die Aufzeichnungen ab, weil er ausgestiegen ist. Bis dahin keine Auffälligkeiten. Nur seine Schulnoten gingen rapide in den Keller. Grund dafür war wohl eine gewisse Isabella. Nachnamen konnte ich nicht herausfinden und eine Isabella taucht auch nirgendwo in seinem Leben mehr auf. Aber ich konnte absolut nichts über irgendwelche anderen Liebschaften finden. Keine Mails über einen längeren Zeitraum, keine Profile in irgendwelchen Partnerbörsen oder sonstigen Stellen. Und dann wurde es ganz dunkel. Über einen Zeitraum von knapp 8 Jahren gibt es absolut gar keine Aufzeichnungen mehr außer bei der Bundeswehr. Einzige Auffälligkeit dort war regelmäßige Befehlsmissachtung und, wen würde es wundern, respektloses Verhalten. Erst im Alter von 27 Jahren taucht er wieder als Bodyguard auf. Steile Karriere gemacht, trotz immer wiederkehrenden, Ermahnungen er würde nie seine Schutzweste tragen. Hervorragender Schütze und Beobachter. Wurde schnell zu einer Führungskraft. Nie verlobt, verheiratet oder sonst an irgendwen gebunden, keine Kinder. Hat nie einen Klienten verloren, bis auf einmal in du weißt schon. Und danach gab es nur noch die gefährliche Körperverletzung eines Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen. Verurteilt zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und 4 Monaten die er aber nicht antreten musste bisher. Der Haftbefehl wurde mit einer Frist von zwei Wochen ausgesetzt. Heißt, wenn er nicht bei Interpol einsteigt, geht er in den Bau. Das ist alles, was ich finden konnte.«
»Dann gibt es also nur eine Isabella, von der wir nichts wissen außer dem Vornamen. Ist ja nicht gerade eine große Ausbeute.« Stöhnte Liz.
»Ich habe auch keine Anhaltspunkte, wo ich nach ihr suchen sollte«, gab Mike kleinlaut zu.
»Lass uns doch mal überlegen. Wie alt war er zu dem Zeitpunkt?«, bohrte sie nach.
»Das ist nicht zweifelsfrei festzustellen. Irgendwas zwischen 12 und 15.«
»Okay, immerhin wüsste ich aber eine Spur. In dem Alter besucht man eine Schule, er hoffentlich auch. Kannst du mal sämtliche Schülerinnen zu dem Zeitpunkt nach einer Isabella durchsuchen? So viele können es ja nicht sein, denn der Name ist doch selten.«
»Außer er war auf einer Schule in Italien, denn da wimmelt es nur so von Isabellas«, lachte Mike und Liz musste grinsen.
Mike klappte seinen Laptop auf und begann wieder zu tippen. Liz wartete gespannt auf das Ergebnis. Nach wenigen Minuten lagen die Daten vor und Mike startete einen Quervergleich.
»Treffer!«, rief er aus. »In der ganzen fraglichen Zeit ergibt der Name Isabella 3 Treffer. Eine davon ist eine Lehrerin Mitte 50 zu der Zeit. Bleiben nur weitere zwei übrig. Eine Schülerin aus einer Klasse 3 Jahre über ihm, und eine aus der Klasse unter ihm. Welche darf es sein?«
»Gib mir alle beide.«, murmelte sie. »Eine von den beiden ist die Gesuchte. Versuchen wir, so viel wie nur möglich über sie zu erfahren.«
»OK Chefin, ich gebe alles!«, witzelte er in ihre Richtung.
Liz sah aus dem Fenster auf die Tragflächen, die sich im Wind leicht noch oben und unten neigten. Unter ihnen türmten sich die Wolken auf, die wie Watte über einem tiefblauen Teppich zogen. Vor ihrem inneren Auge lief der ganze verrückte Tag noch einmal ab, als ihr eine Erleuchtung kam. Sie blickte zu Mike und rief aufgeregt, »Wir brauchen die Telefonnummern der beiden. Du kannst fließend Deutsch, hat Roussel gesagt. Können wir aus dieser Kiste telefonieren?«
»Ja«, gab er zu. »Aber die Verbindung ist wahrscheinlich nicht die beste.«
»Das macht nichts. Frag sie einfach, ob sie sich an ihn erinnern können, und wenn ja wollen wir wissen, was da war! Dafür wird die Verbindung ausreichen. Aber Mike, keine Flirterei, auch wenn sie noch so eine süße Stimme haben«, gab ihm Liz noch eine mit.
»Unerlaubter Tiefschlag Liz!«, knurrte er.
Mike begann die erste Nummer anzurufen und Liz blickte gebannt auf sein Gesicht. Sie kamen der Lösung näher und vielleicht würden sie dann auch erfahren, warum Korn so ist, wie er eben ist. Sie hörte Mike sprechen, während er sich krampfhaft den kleinen Finger seiner linken Hand ins Ohr presste, um die Kabinengeräusche abzuschirmen. Liz Verstand zwar keinen Ton was er sagte, aber alles klang hart und abgehackt. Seine Augen hinter den Brillengläsern zeigten aber keinen Erfolg. Er wählte die zweite Nummer und das Gespräch dauerte nur etwa eine halbe Minute, dann legte er auf und starrte das Telefon ziemlich böse an. »Blöde Schlampe«, zischte er dem Hörer zu. Sie hielt es kaum noch aus vor Spannung, als er endlich anfing zu erzählen.
»Die Erste, die ich angerufen habe, war die Ältere. Sie erinnerte sich noch gut an ihn, hatte allerdings nie viel mit ihm zu tun gehabt. Sie konnte mir aber einiges berichten. Die ganze Schule wusste, dass Michael Korn bis über beide Ohren in Isabella Fischer verliebt war, die beiden auch einen Sommer lang kaum alleine anzutreffen waren. Sie meinte noch, das sie viel Unsinn zusammen gemacht haben, aber eine Beziehung war es nie. Nach dem Sommer hat man sie nie wieder zusammen gesehen und er hat sich extrem verändert. Warum wusste sie leider nicht. Also hab ich diese Isabella Fischer angerufen. Sie erinnerte sich auch an ihn. Als ich dann aber weiter gefragt habe, sagte sie mir, es würde mich absolut nichts angehen und ich solle nie wieder anrufen. Dann hat sie einfach aufgelegt.«
»Scheint ja nicht gerade die freundlichste Person zu sein. Das hat wohl damals auf ihn abgefärbt und er hat es übertrieben!«, klagte sie.
»Wenn das mal nur der Grund ist«, spottete er.
»Ich würde sie ja gerne mal befragen, aber unser Verhörspezialist starrt ja Löcher in die Luft und ist wohl nicht besonders motiviert, oder sollte ich sagen nicht mehr existent?«
»Existent ist er noch, Liz. Vor einigen Stunden war er ja noch am Leben. Zumindest kennen wir jetzt mal den Grund für sein Verhalten, auch wenn ich mir nicht ganz erklären kann, wie es dazu kam. Meinst Du, wir sollten ihn mal darauf ansprechen?«, fragte er.
»Besser nicht. Zumindest nicht so offensichtlich. Wer weiß schon, wie er reagiert. Wenn ich daran denke, was mir der kleine Hieb auf seinen Arm eingebracht hat, will ich das besser nicht herausfinden. Wir sollten subtiler vorgehen und ich hab auch schon eine Idee, wie ich das anstelle«, orakelte sie.
13. Kapitel
Deutschland, Berlin
In der 23. Etage des Firmengebäudes der SilOld AG, einem beeindruckenden Palast aus Glas und Stahl, befand sich das große Büro des Vorstandsvorsitzenden Volker Putt. Sein Unternehmen besaß Zweigstellen in aller Welt und produzierte alle möglichen Materialien. Von Kunststoff über Faserverbundwerkstoffen bis hin zu hochfestem Stahl gab es fast nichts, was in ihrem Portfolio fehlte. Der Jahresumsatz betrug rund 90 Milliarden Euro. Um am sich ständig verändernden Weltmarkt bestehen zu können, betrieb die SilOld AG einige Forschungslabore, um immer wieder neue Produkte anbieten zu können. In Putts Büro war heute eine Meldung eingegangen, dass es in dem Forschungszentrum Cancún zu einem Diebstahl gekommen sei. Ein Prototyp einer Batterie war entwendet worden und niemand konnte sich erklären, wie es dazu kommen konnte. Einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass die leitende Wissenschaftlerin Marie Wasserstein nicht alle Komponenten zusammen aufbewahrt hatte, sondern aufgrund eines Wärmeproblems, das eigentlich wichtigere in ihrem eigenen Safe verschlossen hatte. Leider war diese Mitarbeiterin erst aus einem dreiwöchigen Urlaub zurückgekehrt und hat den Diebstahl daher erst jetzt bemerkt. Die Liste aller nicht unternehmensangehörigen Mitarbeiter der drei Wochen umfasste 73 Personen aus allen möglichen Dienstleistungssektoren. Die Liste der Angestellten umfasste sogar 163 Mitarbeiter. Spuren eines Einbruchs fand man nicht und auch die mexikanische Polizei fand keinen Anhaltspunkt. Das hatte zur Folge, dass man gezwungen war alle 236 Personen ausfindig zu machen und einer Befragung zu unterziehen. Es konnte aber nur ein Mitarbeiter gewesen sein, der überhaupt in der Lage war, den Prototypen aus dem gesicherten Safe zu holen, und genau das war jetzt das Problem von Volker Putt.
Er drückte auf den Knopf seiner Gegensprechanlage, »Britta, bitte sorgen Sie dafür, dass ich die nächsten Stunden nicht gestört werde, ich muss mich um das Problem in Cancún kümmern.«
»Natürlich, Herr Putt, sagen sie Bescheid, wenn sie etwas benötigen«, schnarrte die Stimme von Britta Herzog aus dem Lautsprecher.
Um den Dieben nicht Zugriff auf die wichtigeren Dokumente und Materialien zu geben entschied er sich für die radikalste Lösung, die es gab. Das Forschungszentrum Cancún wurde geschlossen und rund um die Uhr von einem hauseigenen Sicherheitsdienst bewacht. Jeder Zutritt zum Gebäude war untersagt. Die Sicherheitskräfte wurden bei jedem verlassen dreifach durchsucht. Außerdem ordnete er an, dass sämtliche Daten und Forschungsergebnisse an einem sicheren Ort untergebracht werden mussten, sowie alle Prototypen und Versuchsstücke an einem zweiten Ort. Das Projekt Lucien war einfach viel zu wichtig um es jemand anderen in die Hand fallen zu lassen. Er alleine kümmerte sich um die Angelegenheit. Niemand sonst dürfte erfahren, wohin alles verbracht wurde und vor allem nicht, wann das geschehen sollte. Es versprachen einige harte Wochen zu werden.
Vereinigte Staaten, Langley (VA)
»Was soll das Bedeuten?«, fragte die Stimme am Telefon.
»Das bedeutet, dass wir nur einen kleinen Teil haben, der wichtigere ist aber nicht da. Heißt das Ganze war umsonst.«, resignierte er.
Leicht kreischend kam es aus dem Hörer zurück »Wir, oder besser ich habe alles in meiner Macht Stehende getan und wie versprochen geliefert, mit allem anderen habe ich nichts mehr zu tun!«
»Sie stecken viel zu tief mit drin, als das sie jetzt einfach aussteigen könnten! Wir brauchen weitere Namen. Am besten alles, was es zu wissen gibt.«, drohte er.
»Wollen Sie mir drohen?«, fragte die Stimme.
»Das muss ich gar nicht, falls sie es vergessen haben, ein kleiner Anruf genügt und sie sind endgültig Geschichte«, erinnerte er sie.
»Ich werde sehen, was ich tun kann.«, kam es tonlos zurück und die Leitung war tot.
Deutschland, Bremen
Die Informationen auf seinem Tisch waren brisant. Das könnte das Ende bedeuten, wenn sie denn stimmten. Allerdings waren die Hinweise, die sein Kontaktmann bisher geliefert hatte, immer korrekt gewesen, und warum sollte man jetzt zweifeln? Es war schon schwer genug, ihn da hinzubringen, wo er war. Er kostete Millionen von Euro, aber die dadurch erzielten Gewinne glichen diese Investition um ein Vielfaches aus. Jetzt allerdings schwebte ein Damoklesschwert über ihnen. Das könnte er nicht zulassen und er müsste sehr schnell handeln, wenn er noch etwas retten wollte.
»Gertrude, ich brauche sofort eine Videokonferenz mit Team A1, in spätestens fünf Minuten«, erzählte er seiner Sekretärin über die Rufanlage auf seinem Schreibtisch.
14. Kapitel
Mexiko, Cancún
Das Forschungszentrum Cancún war extrem schwer gesichert worden. Keiner der Forscher, kam überhaupt noch zur Arbeit, hatten sie über die letzten Stunden herausgefunden. Die Aktion war sabotiert worden, die Frage war nur von wem? Jetzt lautete sein Auftrag »Beschaffung der fehlenden Informationen und allem, was damit zusammenhängt. Um jeden Preis!«
Über 20 Sicherheitskräfte hatte sein Team in den letzten Stunden gezählt. Allerdings waren das nur die außerhalb des Gebäudes, keiner von ihnen wusste, wie viele noch im Gebäude waren.
Sie waren nur vier Mann. Einer seiner Kameraden musste vor ein paar Tagen abreisen, weil er schwer verletzt war. Sie waren dafür ausgebildet im Geheimen zu operieren. Leider war er zu auffällig geworden. Kampfhandlungen waren nicht ihre Kompetenz.
»Jack, gib mir ein Update«, hauchte er in sein Mikrofon.
»Keine besonderen Vorkommnisse, alles wie gehabt. Es gibt, von meiner Position, keine Möglichkeit in das Gebäude zu gelangen. Hier ist alles zu«, kam sofort zurück.
Großartig dachte er. Drei Eingänge und vor jeden standen mindestens 6 Wächter. Die letzte Möglichkeit war, von der Rückseite auf das Dach zu gelangen und dann bis in die Labore vorzudringen. Das wäre nicht das große Problem, nur wie im Inneren in den Safe gelangen? Ihre Informationen waren dünn. Viel zu dünn, um etwas zu versuchen, das wusste er, aber es blieb ihm keine Wahl. Bekannt war, das es zwei Scans bedurfte, um in den Safe zu gelangen. Einmal eine ganze Hand und noch die Augen. Alleine um die erste Tür zu überwinden bräuchten sie mindestens 20 Minuten. Und mindestens noch mal 20 Minuten für die Zweite. Zusammen also mindestens 40 Minuten und das, ohne einem Wächter zu begegnen. Das war für sein Team nicht zu schaffen. Nicht jetzt und auch nicht in einigen Stunden ohne mindestens eine oder besser zwei Teams der Kampfkräfte. Er nahm sein Funkgerät zur Hand »Südwind 1 an Basis, wir benötigen Unterstützung durch ein Reinigungsteam, bitte bestätigen!«
»Bestätigt Südwind 1, Reinigungsteam trifft ein in 45 Minuten«, hörte er leise.
An sein Team gewandt sagte er »45 Minuten bis Reinigungsteam, dann gehen wir rein. Alle bleiben auf Position!«
»Südwind 1, hier Team Alpha. Statusbericht!«, krächzte es in seinem linken Ohr nach 43 Minuten.
»Drei Eingänge. West, Süd und Ostseite. Mindestens 6 Wachen pro Zugang. Keine Informationen über Stärke im Inneren«, gab er zurück.
»Verstanden Südwind 1, bleiben sie auf Position und warten sie auf mein Zeichen!«, hörte er. Dann wurde es still.
Es war eine wolkenverhangene Nacht über Cancún. Der Mond spendete mit seiner kleinen Sichel nur ein wenig Licht auf die Szenerie. Er hatte einen guten Blick von seiner Position auf den westlichen Eingang. Leichter Wind aus östlicher Richtung strömte in sanften Schüben über das Land, was die Blätter der Palmen rund um das Gebäude zu einem wilden Geraschel veranlasste. Die sechs Männer vor dem Eingang sprachen nicht viel miteinander, auch nicht über Funk zu den anderen Männern. Sie stierten in die Dunkelheit und überprüfen von Zeit zu Zeit einen kleinen Monitor. Durch sein Fernglas konnte er erkennen, dass der ein Bild vom Dach des Gebäudes auf das Gelände vor dem Eingang zeigte. Dann sah er wie alle sechs Männer wie von Zauberhand innerhalb von 2 Sekunden auf den Boden sanken. Lautlos waren sie ausgeschaltet worden. Im Schutz der Dunkelheit sah er wie drei Männer in schwarzen Anzügen und Kopfmasken auf den Eingang zu schlichen. Geräuschlos und ohne Hektik hielten sie sich in den dunklen Flecken. Dann drangen sie in das Gebäude ein. Wenige Minuten später bekam Südwind 1 die Erlaubnis das Gebäude zu betreten. Alle Sicherheitskräfte waren in wenigen Minuten überrumpelt worden. Sie begannen mit der Arbeit, an dem großen Safe, während zwei seiner Leute sich in zwei Büroräumen um kleine Safes kümmerten. Fieberhaft arbeiteten sie an den Sicherheitsvorrichtungen. Die zwei Leute aus den kleineren Büros fanden nur leere Safes vor. Als sie nach gut einer Stunde auch endlich die zweite Tür öffnen konnten, fanden sie ebenfalls leere Regale vor. Das komplette Gebäude war leer geräumt.
15. Kapitel
Vereinigte Staaten, Houston (TX)
Sanft setzte die Gulfstream von Interpol auf der Landebahn auf und rollte langsam auf einen Hangar zu. Die Triebwerke erstarben und die Tür glitt nach unten. Liz und Mike kletterten über die Treppe nach unten. Sie hatten nur wenig geschlafen auf dem Flug von Frankreich hierher. Einreisekontrolle waren nicht notwendig, da sie in einer Privatmaschine von Interpol gelandet waren und der Flug auch bestätigt wurde. Offiziell hatten die beiden den Auftrag der Polizei von Houston, Informationen zukommen zu lassen, aber natürlich würden sie dort nie erscheinen. Mike hatte noch am Morgen einen Mietwagen organisiert, der bereits auf die beiden wartete. Da Liz nur den Linksverkehr von der Insel gewöhnt war, musste der Hacker hinter dem Steuer Platz nehmen. Sie navigierte ihn mittels ihres Smartphones zu einem kleinen Lokal für ein Frühstück, das sich in einer Shoppingmall etwas außerhalb von Houston befand. Dort gab es auch einen gut sortierten Bekleidungsladen.
Es war gar nicht so leicht einen Anzug für Mike zu finden. Er war groß und wog fast nichts. Die ganzen Anzüge waren entweder zu klein, oder zwar lang genug, saßen dabei aber wie ein Sack an ihm, was ihm eine Wirkung wie ein Clown verlieh. Liz hatte diese Probleme nicht. Trotz ihrer etwas geringeren Körpergröße fand sie sehr schnell ein passendes Outfit. Im Hinblick darauf, dass sie sowieso nur maximal eine Stunde ihre Rolle spielen mussten, entschied sich Mike für einen dunkelblauen dreiteiligen Anzug mit schwarzer Krawatte. Liz musste grinsen, als er ihr gestand, dass er nicht in der Lage war einen Windsorknoten zu binden. Sie half ihm dabei, wie sie es zu Hause schon hundert Mal bei ihrem Freund getan hatte. So gestylt nahmen sie ein kleines Frühstück ein und machten sich dann auf den Weg in das Gefängnis, wo Lea Enis gestern Abend hin verlegt worden war.
Als sie den Parkplatz vor dem Gefängnis erreichten, stieg die Nervosität merklich an. Mike zitterte am ganzen Körper und Liz fühlte ihren Puls rasen. Sie gingen auf das Tor zu und zeigten ihre Ausweiskarten vor. Der Beamte verglich die Fotos mit den Personen, die vor ihm standen, und die Echtheit der Karten. Der Drucker hatte ganze Arbeit geleistet. In ihren neuen Identitäten als Price und Spencer gelangten sie mühelos zu einem Warteraum. Nach 15 Minuten öffnete sich die Tür der gegenwärtigen Seite und eine kleine blonde, sehr dünne Person wurde von zwei Beamten in den Raum geleitet. Die beiden Beamten sahen aus wie die Brüder von Rocky und Rambo, was neben der schmalen Frau grotesk wirkte. Mühsam musste Liz ein Lachen unterdrücken und sie hoffte inständig, das Mike sich benehmen konnte. Hier waren nicht die Zeit und der Ort, um einer Gefangenen Komplimente um die Ohren zu schlagen. Er gab sich alle Mühe professionell zu wirken. In Handschellen wurde ihnen die kleine blonde Frau übergeben. Einer der Beamten warnte sie, weil sich die Frau kaum bändigen ließ. Liz blickte in die grünen Augen der Frau und erkannte Argwohn und zugleich auch, dass sie bereits nach Schwachpunkten suchte, um vielleicht entkommen zu können. Irgendwie musste sie ihr einen Hinweis zukommen lassen, dass sie keinen Versuch unternehmen sollte. Sie nahmen die blonde Frau in die Mitte und führten sie an den Oberarmen haltend über den Flur. Als sie alleine mit ihr den Flur entlang Richtung Ausgang liefen, flüsterte Liz ganz leise, »Miss Enis machen Sie keine Probleme, wir sind hier um sie zu befreien. Zucken sie mit ihrem Arm, wenn sie verstanden haben!«
Sie hatte verstanden. Mike und Liz brachten sie am Ausgang vorbei direkt zu ihrem Wagen. Lea würde auf den Rücksitz gedrückt und die Türen wurden verschlossen. Die beiden stiegen wieder vorne ein und Mike wollte den Wagen starten, als es an der Scheibe klopfte. Erschrocken fuhren sie herum, als sie die Wache neben dem Fenster auf der Seite von Liz sahen. Schweiß trat auf ihre Stirn, als sie das Fenster einen Spalt herunterließ und die Wache sagte »Wir brauchen noch eine Unterschrift von ihnen!«
Unmerklich atmete sie tief durch und stieg langsam aus. Sie nahm das Papier, das man ihr gab und legte es auf die Haube. Dann nahm Sie ihren Stift und hielt kurz inne. »Dein Name ist Spencer nicht Croll!«, dachte sie bei sich und setzte eine Unterschrift auf das Blatt, das man als Spencer lesen konnte. Dann stiegen sie wieder ein und Mike startete den Wagen. Vorsichtig fuhr er vom Parkplatz während Liz, ohne sich umzudrehen, zu Lea sprach, »Wir sind Mike Banks und Liz Croll, zwei der Mitglieder des Teams von Interpol für das Bertrand Roussel sie angeworben hat. Wir fahren aus der Stadt direkt zu einem Flugzeug. Die Schlüssel für die Handschellen reiche ich Ihnen gleich nach hinten!«
Sie griff in ihre Tasche, während Lea sagte, »Wir müssen erst noch einen kleinen Umweg machen, ich habe noch etwas zu erledigen.«
Liz hielt in der Bewegung inne und platzte heraus, »Wir haben keine Zeit, bevor auffallen wird, das sie verschwunden sind, egal was es auch ist, es wird warten müssen!«
»Sie verstehen das nicht, es ist verdammt wichtig. Es gehört zu unserem ersten Auftrag und die Informationen sind immer noch in meinem toten Briefkasten im Museum of fine Arts«, erwiderte Lea aufgeregt.
»Wir wissen nichts von einem Auftrag Miss Enis. Unsere erste Aufgabe war sie aus den Fängen des FBI zu holen, weil sie zu unserem Team gehören«, sagte Liz etwas unwirsch.
»Vertrauen sie mir. Die Informationen sind notwendig. Ansonsten rufen sie Bernand an, er soll es ihnen bestätigen«, hielt Lea dagegen.
Liz kapitulierte und zog Ihr Smartphone aus der Tasche. Sie rief Roussel in Lyon an. Der Mann von Interpol bestätigte, dass Lea wirklich wichtige Informationen hatte, die benötigt wurden. Sie gab Lea die Schlüssel nach hinten und sagte zu Mike, »Fahr zu diesem Museum of fine Arts Mike, aber tritt drauf, bevor das FBI spitz kriegt, was läuft!«
»Alles klar«, bestätigte er, zog auf die linke Spur und beschleunigte.
Lea rieb sich die dünnen Handgelenke und lehnte sich in das weiche Polster. Dann sagte sie, »Danke fürs Herausholen Ihr beiden, ich hab schon gedacht, ich müsste da drin versauern. Bernand hat mir die Informationen über Euch gegeben, ich bin also im Bilde, Ihr allerdings wisst scheinbar noch nichts. Während des Flugs erkläre ich Euch die Einzelheiten.«
Liz reagierte etwas empfindlich auf die Aussage. Sie hatte noch keine Ahnung, um was es ging, weil alles durch diese Aktion verzögert wurde. Banks fuhr so schnell wie möglich Richtung Museum und hoffte, dass sie nicht auffallen würden.
Vor dem Museum hielt er mit quietschenden Reifen und im selben Moment sprang Lea vom Rücksitz und hastete durch die Besucher, die vor dem Eingang warteten. Nach wenigen Minuten rannte sie wieder mit einer kleinen Schachtel in der Hand auf den Wagen zu, riss die hintere Tür auf und sprang auf den Sitz. Mike trat das Gas durch und kurvte durch Houston zu ihrem Flugzeug.
Etwa 15 Minuten später rannten die drei in die Gulfstream von Interpol, die bereits wartete. Die Triebwerke liefen bereits, als sie im Inneren der Maschine auf den Sesseln Platz genommen hatten. Die Gulfstream fuhr zur Startbahn und hob wenige Sekunden später bereits ab. Pfeilschnell stiegen sie in den leicht bewölkten Himmel hinauf und drehten nach Osten mit Flugziel Lyon. Liz war überrascht, wie schnell Lea Enis laufen konnte. Sie war ungefähr so groß wie sie selbst, war aber viel schneller unterwegs. Mike war der mit Abstand langsamste von ihnen. Die langen Beine des Hackers steckten die meiste Zeit unter einem Schreibtisch und waren solche Anstrengungen nicht gewohnt.
Lea begann, »Also, unser erster Auftrag ist es, eine Erfindung zu sichern die man versucht der Welt vorzuenthalten. Das heißt erst mal müssen wir sie finden. Mir wurde bekannt, dass bereits einige Gruppierungen hinterher sind. Ich sollte eigentlich angeworben werden einige Wissenschaftler aus dem Weg zu räumen. Ich töte aber keine unschuldigen Menschen. Deshalb habe ich abgelehnt und die Daten an Bernand weitergegeben. Er hat sich dann darum gekümmert, diese Wissenschaftler sicher unterzubringen. Wir sind also im Vorteil. Leider konnten wir aber den Prototypen nicht aus dem Labor holen und auch eine Formel für einen Werkstoff nicht beschaffen. Der Auftraggeber ist ein Wissenschaftler aus einem Forschungszentrum in Cancún, das zum SilOld-Konzern aus Deutschland gehört. Leider wurde er bereits getötet und konnte uns keinen weiteren Informationen mehr zukommen lassen. Roussel hat daraufhin ein Team zusammengestellt, um daran zu arbeiten. Allerdings sind wir nur zu dritt, wie ich sehe.«
Mike verdrehte die Augen und Liz antwortete, »Der ist in Lyon geblieben. Scheinbar hat er ein großes Problem, denn als Mike und ich uns bereits auf den Weg gemacht haben, war er irgendwie nicht mehr ansprechbar. Mal davon abgesehen, dass ich ungern mit ihm rede. Von dem Auftrag wussten wir noch überhaupt nichts. Wir haben nur Roussel durch die Mangel gedreht als er uns eröffnete, dass ausgerechnet sie ein Teil des Teams sein sollten. Eine Auftragskillerin! Dabei kam raus, dass sie mit ihm verwandt sind, um einige Ecken und dann wurden sie verhaftet, was Roussel verzweifeln ließ. Daraufhin haben Mike und ich uns den Plan überlegt sie zu holen. Trotzdem will noch jemand ein erstes Gespräch mit ihnen führen. Falls er überhaupt noch redet. Wenn er redet und ihm irgendwas auffallen wird, landen sie wieder im Knast. Ehrlich gesagt ist es mir ein Dorn im Auge sie überhaupt befreit zu haben.«
»Ich weiß, dass sie so denken Miss Croll, immerhin sind sie die einzige echte Polizistin im Team, da ist das die Grundvoraussetzung. Herr Banks ist mir auch bereits bekannt. Und nur, um dem vorzubeugen, Mister Banks, sie können sich die Annäherungsversuche komplett aus dem Kopf schlagen, ich bin, äh Verzeihung, war vergeben und ich werde keine ihrer Eroberungen. Ich ahnte bereits das Mister Korn auf einem Gespräch besteht, er ist ebenso wie sie Miss Croll für die Sicherheit von Menschen zuständig. Im Gegensatz zu ihnen allerdings ist er eher ein gefühlloser Klotz«, erklärte Lea.
»Dieser gefühllose Klotz ist leider auch ein echter Kotzbrocken, darf ich anmerken. Ich hatte bereits das zweifelhafte Vergnügen, einige Worte mit ihm zu wechseln und muss leider zugeben, dass ich mir gewünscht hätte eine Waffe zu haben. Leider muss ich auch zugeben, dass es mir extrem schwerfällt, in diesem Team zu arbeiten. Es ist für mich außerordentlich wichtig, den Menschen, mit denen ich arbeite, vertrauen zu können. Mr. Korn zu vertrauen ist bisher unmöglich, Mike, tut mir leid, dass ich das so sagen muss, traue ich ein wenig aber noch lange nicht genug und ihnen Miss Enis traue ich auch nicht!«, betonte Liz. Mike Schaute etwas traurig aber er konnte sie verstehen. Sie hatten ja schon das Gespräch und er war Ihr auch nicht Böse. Immerhin braucht Vertrauen ein wenig Zeit, um sich aufzubauen. Um es wieder zu verlieren reichen Sekunden. So gesehen war Korn im Vorteil, denn er vertraute niemandem.
Lea ergriff wieder das Wort, »Ich habe nur etwas darüber gelesen, dass Mister Korn schwierig im Umgang ist, kann mir darüber aber kein genaues Bild machen. Aber in einigen Stunden werde ich ja sehen, wie er ist. Übrigens ist mir Vertrauen auch sehr wichtig. In meinem Beruf kann ich wenigen wirklich vertrauen. Und das letzte Mal als ich jemanden vertraute, landete ich beim FBI. Allerdings würde ich jetzt gerne die Zeit nutzen, uns ein wenig besser kennenzulernen.«
Als die Gulfstream in Lyon aufsetzte, hatten sie einige Differenzen beseitigt und war vom Sie auf das Du gewechselt.
Deutschland, Bremen
»Ich fasse zusammen, wir sind uns einig, das diese Technologie mit allen Mitteln verhindert werden muss, es wäre unser endgültiger Ruin. Da stehen mehrere Milliarden auf dem Spiel. Wir leisten uns die besten Männer, die wir finden können, ködern sie mit 20 Millionen, und lassen unser Problem professionell lösen. Erwähnen Sie unter keinen Umständen unser Arrangement über Telefon oder E-Mail. Ich werde die Aktion leiten und ihnen regelmäßig über die sicheren Kanäle Bericht erstatten. Sind alle einverstanden?«, sprach er zu den dreizehn Teilnehmern.
Alle nickten zustimmend. Der Teilnehmer aus den USA fragte, »Haben sie schon Männer im Auge, die sich der Sache annehmen?«
»Ja, die habe ich. Es sind die Besten, die man für ein bisschen Geld bekommen kann.«
»Ein bisschen Geld? Wir sprechen hier über 20 Millionen plus Spesen. Das ist ein mehr als ein bisschen«, erörterte Frankreich.
»Wer sagt denn das wir am Ende dafür bezahlen müssen?«, lächelte er in die Runde.
»Sie wollen sie ausschalten, nachdem sie unser Problem entsorgt haben?«, sagte Italien.
»Diese Leute lassen sich nicht einfach ausschalten, aber wir werden dafür sorgen, dass eine andere Stelle die gesamten Kosten übernimmt. Das funktioniert schon seit Jahren zuverlässig und sichert unseren Profit«, erklärte er.
»Verstehe«, sagte Italien, »werden sie die Kosten alleine übernehmen?«
»Das kann ich garantieren. Es gibt da noch etwas gutzumachen und sie verdienen an unserer Arbeit schon seit Jahren zu viel!«
»Das klingt vernünftig«, sagte der Teilnehmer aus Russland.
»Dann ist es abgemacht meine Herren. Ich werde alles in die Wege leiten und sie dann informieren. Auf gute Geschäfte!«
Damit beendete er die Videokonferenz und ging in sein Büro zurück. Es gab noch viel zu tun und die Zeit war knapp.
16. Kapitel
Frankreich, Lyon
Als das Taxi mit den drei Heimkehrern vor dem Hauptgebäude von Interpol in Lyon anhielt und sie die Treppe hinaufstiegen, wurden sie von Bernand Roussel in Empfang genommen. Er bedankte sich bei Mike und Liz für ihren Einsatz und schloss dann glücklich Lea in die Arme. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen und er drückte die kleine Dame fest an sich. Auch Lea war den Tränen nahe. Liz und Mike nahmen den Lift nach oben und ließen die beiden alleine. Als sie den Besprechungsraum betraten, stand Michael Korn mal wieder am Fenster und blickte hinaus. Der Bodyguard beachtete die beiden nicht.
Liz stichelte, »Wie ich sehe, stehen sie immer noch an der gleichen Stelle. Sind sie dort festgewachsen und wir sollten die Gärtner rufen oder geht es auch so?«
Ohne eine Regung antwortete er, »Miss Croll ich bin besser zu Fuß, als sie Zwerg das jemals sein werden und wenn ich mit ihnen den Boden aufwischen soll, um sie danach durch das geschlossene Fenster zu entsorgen, machen sie so weiter!«
»Immer noch auf Krawall gebürstet! Sie sollten morgens die gute Laune Pillen nicht vergessen zu nehmen, dann sind sie vielleicht erträglicher«, motzte sie. Mike verdrehte die Augen.
»Vergessen sie die gute Laune Pillen Miss Zwerg, die haben keine Wirkung. Zyankali könnte helfen, aber das bekomme ich nicht mal in der Apotheke, wenn ich ein Bild von ihnen als Rezept vorlege«, belehrte er sie.
»Charmant wie ein Stahlwerk. Nehmen Sie ein bisschen Watte zu sich, vielleicht erkennt man dann etwas Menschliches an ihnen«, reizte sie ihn weiter.
Ungerührt setzte er nach, »Schlucken sie ein paar Löffel Zement und werden etwas härter. Ich habe mir ihre Akten angesehen, wenn sie alle Verbrecher auf der Insel so behandeln nehmen sie die nicht mal Ernst, wenn sie mit einer Waffe vor ihnen stehen.«
Dann zog Liz ihre Trumpfkarte aus dem Ärmel, »Wenn sie Isabella so reden hört, wird sie sicher stolz sein!«
Ohne ein Wort zu sagen, drehte sich Korn um, lief mit gesenktem Kopf zur Tür und war aus dem Raum verschwunden. Liz sah die Tränen in seinem Gesicht, als er verschwand.
»Autsch, das tat weh«, kommentierte Mike mit tonloser Stimme.
»Immerhin haben wir damit bewiesen, dass er doch ein bisschen was Menschliches an sich hat, der harte Bursche«, und konnte sich Liz ein Grinsen nicht verkneifen.
»Ich glaube nicht, dass die Idee so gut war, Liz. Seine Reaktion zeigt, das da einiges im Argen liegt, und ich bin mir nicht sicher, ob man ihn damit reizen sollte.«
»Mike, ich hab das absichtlich gemacht, weil ich seine Reaktion testen wollte. Es gab nur zwei mögliche Reaktionen. Entweder er hätte mich angegriffen oder er läuft weg. Also kann ich ihn damit einbremsen, wenn er sich mal wieder so benimmt wie eben«, brachte sie hervor.
»Und wenn er dich angegriffen hätte?«, fragte Mike etwas besorgt.
Sie lächelte, »Ich war mir zu 99 % sicher, dass er es nicht riskieren würde. Seine Reaktion zeigt aber, dass ihn alleine schon der Name verletzt. Ungefähr vergleichbar mit dir, wenn man den Namen der Stadt in der Türkei erwähnt.«
»War das so wichtig für dich?«, fragte er und zog die Augenbrauen nach oben.
»Erste Regel: Kenne deinen Feind. Zweite Regel: Wisse genau, wo man ihn angreift. Dritte Regel: Wenn du etwas nicht verstehst, beseitige es«, kam von ihr.
Nach einer weiteren halben Stunde betraten Roussel und Lea den Besprechungsraum, den sie für ihre Aktionen in Beschlag genommen hatten. Fragend blickte Roussel in die Runde. Es war ihm anzusehen, dass er nicht verstand, warum nur Liz und Mike hier anzutreffen waren. Erst dachte er, Korn wäre mal wieder eine Zigarette rauchen gegangen, aber als Korn nach 10 Minuten immer noch nicht da war, fragte er nach dem Bodyguard. Liz erklärte ihm, dass sie Korn getestet hatte, indem sie ihm Vorlagen gegeben hatte richtig gemein zu werden, um dann ihre Theorie zu testen. Den Namen erwähnte sie nicht, weil sie Lea keinen Vorteil an die Hand geben wollte, die ja noch ein Gespräch mit Korn überstehen musste. Korns Stärke war es ja anhand der Reaktionen alles zu erfahren. Sie hatte im Flugzeug mit ihr geredet und einiges erfahren, aber einschätzen konnte sie Lea noch nicht richtig. Roussel ließ nach Korn suchen. Es dauerte knapp eine Stunde, bis man ihn gefunden hatte. Lea war gerade auf der Toilette, als Korn mit der grimmigsten Miene die Liz je an einem Menschen gesehen hatte, den Besprechungsraum betrat. Er würdigte sie keines Blickes und stellte sich wieder an seinen Fensterplatz. Auch als Lea wieder in den Raum kam, blieb er unverändert stehen. Die blonde Frau beäugte den Riesen am Fenster argwöhnisch. Sie hatte ihn gegrüßt, als sie ihn sah, aber er blickte nur aus dem Fenster und sagte keinen Ton.
Roussel nahm das Gespräch wieder an sich, »Ich habe hier vier Chipkarten für sie. Sie berechtigt zum Zutritt jedes Raums in diesem Gebäude und sie enthält auch ihre Sicherheitsfreigabe für die Computer. Auch im Ausland erhalten sie damit Zutritt zu jedem Polizeigebäude allerdings mussten wir den Namen Lea Enis austauschen. Die Karte ist auf eine Lea Taylor ausgestellt.«
Er hielt jedem seine Karte hin, bis auf Korn griffen alle zu. Er stand weiter nur am Fenster. Man hatte fast den Eindruck, es würde ihn nichts angehen, was um ihn herum passierte. Erst als Roussel ihn eindringlich aufforderte, drehte er sich um. In diesem Moment konnte Liz ihren Augen kaum glauben. Im Gesicht von Korn zeigte sich für eine Sekunde eine menschliche Reaktion. Die galt allerdings nicht ihr, auch nicht Mike oder Roussel, sie galt der kleinen blonden Lea. Dann war die Reaktion auf seinem Gesicht aber auch schon wieder verschwunden. Aber es passierte noch etwas anderes. Korn drehte sich nicht mehr zum Fenster hin, sondern er blieb so stehen, wie er war. Roussel schien das nicht weiter zu verunsichern. Liz beobachtete seine Reaktion sehr genau und erkannte das Korn immer wieder nur eine Millisekunde zu Lea sah und sich dann wieder zwang, seinen Blick auf etwas anderes zu richten.
Roussel wandte sich Korn zu und sagte, »Wenn sie Mister Korn, bereit wären für das Gespräch mit Miss Taylor, darf ich sie bitten in den Nebenraum zu gehen. Dort werden sie ungestört ihr Gespräch führen können.«
Wortlos setzte sich dieser in Bewegung und verließ mit Lea im Schlepptau den Besprechungsraum.
Im Nebenraum angekommen setzen sich Lea und Korn gegenüber an den Tisch.
Er betrachtete sie aufmerksam, bevor er begann: »Miss Enis, oder Taylor, wie auch immer ich sie nennen soll, verraten sie mir wie sie zu ihrem Beruf kommen.«
Lea versuchte irgendetwas an seiner Miene ablesen zu können, was ihr aber nicht gelang, als sie anfing zu erzählen, »Nennen sie mich bitte Lea. Mein Vater war ein Waffennarr und ich teilte schon als kleines Mädchen seine Leidenschaft. Das fing mit Pistolen für Kinder an, in denen nur Zündhütchen zerplatzten und ging dann über Platzpatronen hin zu richtiger Munition. Das war meine größte Begeisterung und ich habe in unserem Garten unter seiner Aufsicht Tausende Dosen oder andere Gegenstände abgeschossen. Mein größter Traum waren aber immer die Gewehre. Allerdings war es mir, aufgrund meiner Statur, nicht vergönnt diese Waffen beherrschen zu können. Meine Mutter hat mich dann, so lange trainiert damit ich genug Kraft hatte damit zu schießen. Dann wurden meine Eltern ermordet und ich habe mir geschworen, die beiden Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Also habe ich nach ihnen gesucht und sie dann einfach abgeknallt. Darauf wurden einige, nennen wir sie mal zweifelhafte Geschäftsleute, aufmerksam und fragten mich, ob ich gegen Bezahlung nicht auch andere Mörder erschießen würde. Ich sagte dem zu, allerdings nur zu der Bedingung das ich jeden Einzelnen sorgfältig überprüfen würde. Falls ich keine Anzeichen für schwere Verbrechen finden würde, nahm ich den Job einfach nicht an.«
»Haben sie in ihrer Kindheit auf Tiere geschossen?«
»Nein, niemals. Tiere sind Lebewesen, die niemandem etwas tun, also hätte ich meinen Grundsatz verletzt niemanden zu töten, der es nicht auch verdient!«, antwortete sie merklich angewidert bei dem Gedanken.
»Wenn ihnen eine Ratte ins Bein beißen würde, wäre das dann gerechtfertigt sie abzuknallen?«, fragte er.
»Nein, es war ein natürlicher Trieb des Tieres und kein Verbrechen an mir«, schüttelte sie den Kopf.
»Angenommen ich überfiele eine Bank und bei meiner Flucht verletze ich einen Wachmann, weil er mich aufzuhalten versuchte, und sie bekämen den Auftrag mich auszuschalten. Was würde passieren?«
»Ich würde den Auftrag ablehnen. Ein Diebstahl, auch ein Bankraub sind keine so schweren Verbrechen, dass sie einen Mord rechtfertigen würden.«
»Nehmen wir an bei einem unserer Aufträge flieht eine Person, die wir nicht laufen lassen können, weil sie uns erkennen könnte. Was tun sie?«
»Ich jage ihm eine Kugel in den Oberschenkel. Er rennt nicht mehr weg und seine Verletzung heilt wieder problemlos.«
Er sah sie sehr lange an und beobachtete sie genau. Dann stand er auf und sagte, »Lass uns zu den anderen gehen.«
Wieder im Besprechungsraum ergriff Korn das Wort, »Soweit ich das erkennen konnte, geht von Lea Enis oder Taylor keine Gefahr für das Team aus und sie steht auch voll und ganz hinter der Sache. Ich für meinen Teil bin also damit einverstanden diese Aufgabe anzunehmen.«
Roussel blickte zu Lea und dann zu Korn. Man sah ihm an, dass er froh war, dass es so gelaufen war. Jetzt galt es nur noch Mike und Liz dafür zu begeistern. Der Hacker brauchte nicht lange, um zu überlegen, bevor er schließlich sein Einverständnis gab mitzumachen. Einzig Liz Croll war nicht so einfach dazu bereit.
Sie überlegte lange, bevor sie begann, »Ich möchte ehrlich sein. Ich kam hier her, um mir das Ganze anzuhören, und wenn es nichts für mich ist wieder nach Hause zu fahren. Ein neues Team muss zusammen arbeiten können und dazu gehört für mich Vertrauen. Soweit es mich betrifft, kann ich Mike und auch Lea zumindest so weit einschätzen, dass ich es versuchen würde, nur Korn ist für mich ein rotes Tuch. Ich traue ihm nicht wirklich über den Weg und habe auch nicht vor mir die ganze Zeit, seine unflätige Art anzutun. Seine Fähigkeiten stehen außer Frage, aber sein Verhalten ist so ziemlich, das letzte, was ich jemals erlebt habe.«
Roussel warf einen finsteren Blick zu dem Bodyguard, der jedoch verzog keine Miene.
Mike ergriff das Wort und erklärte, »Ich hatte als Einziger bereits des öfteren mit Korn zu tun. Er war nie der große Meister in der Kommunikation, allerdings versteht er seinen Job und was er macht, hat Hand und Fuß, auch wenn es anfangs nicht verständlich ist, warum er etwas macht. Wenn er wenigstens ein bisschen an seiner Art arbeiten könnte, zumindest uns gegenüber wäre dem Team schon viel geholfen, oder was denkt ihr?«
Lea grinste in die Runde, »Bisher hatte ich keine Probleme mit ihm, er scheint ganz vernünftig zu sein. Das Problem, was ich sehe, ist, und nehmt mir das nicht übel, Liz und Michael sind die beiden Alphas, da kommt es immer zu Reibereien, was normal ist. Die beiden müssen das untereinander klären!«
Mike und Roussel nickten bedächtig während Liz und Korn jeweils den anderen taxierten. Die Spannung im Raum war greifbar. Michael brach als erster das Schweigen, »Miss Croll, auf ein Wort.«
Die beiden verließen den Besprechungsraum und gingen in das Zimmer nebenan.
Michael Korn und Liz Croll standen sich wie zwei Gladiatoren gegenüber.
»Ich mag sie nicht, es ist nichts Persönliches, ich mag niemanden. Sie sind nicht in der Lage mit mir zu arbeiten. Mich stört das nicht, sie dafür umso mehr. Mein Vorteil ist das mich keine Gefühle leiten. Ich arbeite objektiv und bin nicht persönlich involviert. Meine Dämonen liegen woanders. Ihre liegen in der Atmosphäre des Teams«, begann er.
»Ihre Dämonen, wie sie sie nennen, liegen in der Vergangenheit. Sie sind ein Arsch und das wissen Sie auch. Mein Problem mit ihnen ist ganz einfach. Wenn ich mit Ihnen zusammen arbeiten sollte muss ich wissen, dass ich mich auf sie verlassen kann. Bisher habe ich noch nie festgestellt, dass so etwas möglich sein könnte. Sie schweigen wie ein Roboter und zeigen, so gut wie keine, normale menschliche Verhaltensweisen. Sie behandeln jeden, dem sie begegnen, als könne er nicht bis drei zählen, andererseits sind sie in der Lage jede Regung bis ins Kleinste zu analysieren, und das in Sekunden. Das sind sehr wichtige Informationen, aber sie behalten sie für sich. Was mich jedoch am meisten stört, ist ihr scheinbar übermenschlicher Wunsch zu sterben. Wenn das so wichtig ist, sollten Sie es vielleicht einfach machen!«, erklärte sie.
»Das habe ich bereits mehrfach getan, und sie haben recht, ich bin schon gestorben. Vor sehr langer Zeit im Übrigen. Mein Verhalten und wie ich mit Menschen im Allgemeinen umgehe liegen darin begründet, dass es mich einen Dreck interessiert wie es ihnen geht. Ich mache meine Arbeit, und die mache ich, so gut ich das kann, gegen alle Widrigkeiten und Widerstände. Wenn ich sie behandle wie ein Schulmädchen, zeigen sie mir mehr Informationen über sich als, wenn ich Ihnen Fragen stelle. Das ist es, was ich mache, jeden Tag rund um die Uhr. Leben sie damit oder lassen Sie es bleiben«, versetzte er ausdruckslos.
»Geben Sie uns Informationen weiter und behandeln sie uns nicht wie den letzten Dreck, dann bin ich bereit es mit Ihnen zu versuchen, andernfalls sind sie nicht geeignet in einem Team zu spielen und mit mir schon überhaupt nicht!«, stellte sie eine Bedingung.
»Meinetwegen, aber stellen Sie nie meine Methoden infrage. Wie ich handle, und warum hat einen Grund. Und bevor ich es vergesse, erwähnen sie nie wieder in meiner Gegenwart den Namen einer gewissen Person. Das geht nicht gut für sie aus!«
»Ich verstehe, das ist ihr Kryptonit«, lachte sie und ging.
17. Kapitel
Deutschland, Berlin
Er hatte also den richtigen Riecher gehabt. Alle Sicherheitskräfte wurden ermordet und die gesicherten Schränke aufgebrochen, um an die Erkenntnisse zu gelangen. Die Frage war nur von wem. Es stand außer Frage, dass man sein Unternehmen beobachtete. Aber wer steckt dahinter. Wirtschaftsspionage gehörte schon zum guten Ton in der heutigen Gesellschaft, aber wer war bereit dafür, über Leichen zu gehen? Gab es wirklich Menschen, denen daran gelegen war technologischen Fortschritt zu verhindern, um ihr Geschäftsmodell am Leben zu erhalten? Oh ja, davon gab es eine ganze Menge. Er brauchte nur ein paar Kilometer nach Westen zu schauen, dann konnte er sie sehen. Tausende Lobbyisten die täglich in den Machtzentren dieser Welt im Geheimen ihre Fäden zogen nur, um die Menschen noch weiter aussaugen zu können. Es ging nicht um Interessen der Menschen, sondern nur noch um das Geld. Aber was war Geld eigentlich? War das nicht nur bedrucktes Papier, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen? Außerdem wurde dieses Papier ja auch nur hergestellt. Und jetzt brachte man Menschen um wegen einer Erfindung, die den Menschen helfen sollte. Stellte sich nur die Frage, wer eigentlich davon wusste und woher. Die Wissenschaftler wussten davon, denn es war ihre Arbeit, nur sie waren zur Geheimhaltung verpflichtet. Er selbst wusste davon und es hätte ja keinen Sinn, über ungelegte Eier zu verhandeln. Dann ging ihm ein Licht auf. Das war die undichte Stelle. Das Patentamt! Sein Unternehmen hatte ein Patent auf den Werkstoff beantragt, den die Forscher in Cancún gefunden hatten. Da verloren sich die Spuren, denn keiner wusste, wer alles Zugriff auf diese Daten hatte.
Deutschland, Hannover
Vor dem Haus in der Nähe des wunderschön gelegenen Sees parkte ein schwarzer Van. Das Fahrzeug stand seit einer Woche an derselben Stelle und niemand war dabei gesehen worden. Das Haus war menschenleer, und die Post im Briefkasten wurde seit Tagen nicht geleert. Ein hellbraun angestrichener Jägerzaun umgab das Gebäude. Am Eingang hing ein kleines Klingelschild, auf dem der Name Wasserstein zu lesen war.
Hinten im Van saß ein einzelner Mann auf einem Stuhl vor Monitoren und hatte Kopfhörer auf den Ohren. Der Boden war übersät mit leeren Pizzakartons und der Mann stopfte sich gerade Kuchen in den Mund. Seit einer Woche war er hier und wartete auf eine Wissenschaftlerin. Ihr Büro in Cancún war geschlossen und sie sollte eigentlich hier sein.
Dänemark, Kopenhagen
War das schön hier. Marie und ihre Freundin Martina saßen in der milden Sommersonne auf der Terrasse und tranken Kaffee. Nachdem das Forschungszentrum Cancún geschlossen wurde, waren die beiden befragt worden und durften dann entscheiden, wo sie hin wollten. Sie durften nicht arbeiten und hatten daher frei. Marie Wasserstein hatte erst ihren Urlaub bei der Familie in Hannover verbracht und wollte eigentlich in Cancún bleiben. Martina hatte sie überredet mit ihr nach Kopenhagen zu fliegen, um ihren unfreiwilligen Urlaub hier zu verbringen. Beide waren befreundet und Dänemark hatte Marie noch nie besucht. Die beiden Frauen genossen die Zeit. Martina arbeitete zwar im gleichen Forschungszentrum, war aber nicht an den Forschungen beteiligt. Sie war eher die gute Seele der Einrichtung, denn sie arbeitete in der Postabteilung. Die Briefe, die ankamen, wurden von ihr verteilt, und die Aufgegebenen verschickte sie in alle Welt. Beide Frauen hatten aber auch etwas gemeinsam. Sie lebten alleine und waren nicht in festen Händen. Marie war eher mit ihrer Arbeit verheiratet und die Kollegen die versuchten bei ihr zu landen waren alle abgeblitzt. Martina hielt sich von Männern fern, denn sie hatte nichts für sie übrig. Für Marie hatte sie etwas übrig aber traute sich nicht ihr was davon zu sagen. Die Wissenschaftlerin konnte es sich aber denken. Die Post im Forschungszentrum landete meist auf den Schreibtischen der Abteilungsleiter, nur wurde sie Marie Wasserstein immer persönlich überreicht. Der gemeinsame Urlaub war ein Kennenlernen auf einer anderen Ebene. Beide genossen die Gesellschaft der anderen und sie hatten sich eine Menge zu erzählen.
Marie nahm ihr Telefon zur Hand und versuchte, ihre Familie zu erreichen, während Martina Kaffee nachschenkte. Seit einer Woche hätte sie ihre Familie schon nicht mehr erreicht, aber das war nichts Ungewöhnliches. Zum Teil kommunizierten sie mehr über Briefe als sonst irgendwie. E-Mails waren nicht das Mittel der Wahl. Die Handschrift hatte eine persönliche Note und was sie sich in den Briefen erzählten, musste nicht die ganze Welt erfahren. E-Mails waren nicht sicher, denn jeder halbwegs intelligente Mensch konnte sie abfangen und mitlesen. Briefe kamen beim Empfänger an und der Umschlag war verschlossen, niemand konnte das lesen. Marie erreichte niemanden. Martina bemerkte es und sagte, »Mach kein so langes Gesicht, sie werden unterwegs sein. Vermutlich werden sie denken du bist bei der Arbeit. Schreib einfach einen Brief, wir bringen ihn dann morgen zur Post.«
»Du hast recht Martina, außerdem bin ich Ihnen, schon drei Wochen auf die Nerven gefallen dann brauchen sie wohl auch mal eine Pause«, lächelte sie.
Vereinigte Staaten, Langley (VA)
»Wir können sie nicht finden Sir. Sie ist aus Cancún verschwunden. Am Flughafen hat sie nie eingecheckt und zu Hause kam sie nie an. Wie vom Erdboden verschluckt. Die Eltern wussten auch nicht, wo sie steckt. Wir observieren das Haus, falls sie auftaucht, packen wir sie ein«, kam es zögerlich aus dem Hörer.
»Was ist mit den anderen beiden? Gibt es da wenigstens eine Spur oder hab ich es nur noch mit inkompetenten Idioten zu tun?«, brummte John Clarkson.
»Ein anderer Wissenschaftler hat uns eine Spur nach Puerto Plata verraten, nachdem wir ihn etwas intensiver gefragt haben.«
»Keine Zeugen, habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Ja Chef, ist schon erledigt. Er wird mit niemandem mehr reden. Wir hören uns in der Dominikanischen Republik um. Aber es gibt Hinweise darauf, dass Interpol sie versteckt hält«, schnarrte es aus dem Telefon.
»Was hat Interpol damit zu tun und woher wollen die davon wissen?«, fragte Clarkson.
»Sie haben wohl Lunte gerochen, aber bisher konnten wir nicht rausfinden wie. Vielleicht haben sie einen Insider.«
»Entweder das, oder eine unserer Figuren spielt ein doppeltes Spiel. Ich hab auch schon eine Ahnung wer. Wissen wir, wer das Gebäude in Cancún leer gemacht hat und wohin die Sachen gebracht wurden?«
»Negativ Sir. So wie es scheint, hat SilOld das veranlasst, aber wir wissen nicht, von welcher Stelle der Befehl kam, oder wohin das ganze Zeug verschwunden ist.«
»Dann finden sie es gefälligst heraus«, schrie Clarkson und warf den Hörer auf die Gabel.
Diese ganze Aktion war von Anfang an viel zu harmlos angefasst worden. Nachdem die Fakten klar waren, hätte er sofort die härteren Bandagen anlegen müssen. Jetzt konnte er es nicht mehr ändern, nur noch den Dreck wegräumen. Vorrangig war, es alles zu finden, aber wer spielt da ein doppeltes Spiel? Er wollte es sofort herausfinden und dazu brauchte er Informationen. Am Zielort seiner Kontaktperson war es zwei Uhr früh, als das Telefon klingelte. Verschlafen meldete sich die Stimme mit einem seufzenden »Ja?«
»Wem haben Sie noch gesteckt, was läuft?«, fragte er ungehalten.
»Sind sie völlig irre, um zwei Uhr früh hier anzurufen und mich zu fragen, warum ihr Verein zu blöd ist etwas für sich zu behalten?«
»So wie ich das sehe weiß Interpol davon und es gibt nur eine Figur in diesem Szenario, die denen etwas stecken könnte, und diese Person jammert mir gerade die Ohren voll«, schnaubte er verächtlich.
»Clarkson, sie blöder Penner sind der einzige, der etwas von mir erfahren hat. Ich weiß nicht, was Interpol mit der Sache zu tun haben sollte, noch woher die ihre Informationen nehmen. Möglicherweise sind ihre Morde aufgeflogen und Interpol interessiert sich deshalb dafür.«
»Ist ja lustig, dass Interpol scheinbar nach dem ersten Opfer sofort zwei Wissenschaftler verschleppt hat. Die konnten gar nicht wissen, um was es geht. Und jetzt ist auch noch dieses Wasserschwein verschwunden.«
»Sie überwachen diese ganzen Kanäle. Hätten sie mich nicht angerufen und Informationen gefordert, wüsste ich bis heute noch nichts davon, geht das vielleicht auch in ihren verfluchten Schädel rein? Die ganze Welt weiß mittlerweile das ihr bescheuertes Volk nicht in der Lage ist fehlerfrei bis drei zu zählen. Alles, was ihr könnt, ist Krieg spielen, den ihr selbst anzettelt und Technologien klauen. Jetzt ficken sie sich selbst und lassen mir meinen Schlaf!«, damit war die Leitung tot.
18. Kapitel
Frankreich, Lyon
»Gut, dann sind wir uns ja einig!«, bemerkte Roussel mit fröhlichem Blick. Er hatte sein erstes Team zusammen. Die Arbeit von Interpol würde sich nicht länger nur auf Informationen beschränken, sondern auch eigene Fälle lösen.
»Ich habe ein Büro für sie einrichten lassen. Sie finden es im 19. Stock, Raum 23. Bevor sie jetzt aber alle verschwinden lassen Sie uns ihren ersten Fall erläutern. Lea, würdest du bitte die Fakten schildern?«
Roussel saß am Kopfende des Tisches und legte seine Hände auf den Tisch. Liz und Mike saßen nebeneinander auf der Fensterseite und Lea ihnen gegenüber. Korn stand wie immer am Fenster. Sie begann:
»Vor etwa zwei Wochen bekam ich den Auftrag einen Wissenschaftler, der bei einem Kongress in New York dabei sein sollte, in den Tiefkühler zu bringen. Sein Name war Harry Leicster, ein britischer Forscher in Diensten von SilOld am Forschungszentrum Cancún. Der Mann hatte niemandem etwas getan, also habe ich abgelehnt aber die Informationen an Bernand weitergegeben. Er hat mir versichert die Wissenschaftler in Sicherheit zu bringen und wandte sich an jenen Harry Leicster um ihn zu warnen und möglicherweise weitere Informationen zu beschaffen. Diese Informationen gingen an mich über einen toten Briefkasten. Man war auf eine Legierung, also vermischte Metalle, gestoßen die Energie produzierte. Wie eine Batterie, allerdings ohne an Spannung zu verlieren. Es gab einen Prototyp einer Batterie. Die Wissenschaftlerin, die damit betraut ist, eine gewisse Marie Wasserstein, befand sich allerdings im Urlaub. Wo konnte man mir nicht sagen. Der Prototyp lagerte in einem Tresor im Forschungszentrum Cancún und die Formel für die Legierung hatte Leicster irgendwo deponiert. Wo wollte er nicht sagen. Jedenfalls wurde der Prototyp aus dem Labor gestohlen und Leicster in New York getötet. Im Kongresshotel fand man ihn morgens tot in seinem Bett. Er wurde mit einer Spritze in den Hals vergiftet. Zwei weitere Wissenschaftler wurden von Bernand versteckt, nur diese Marie Wasserstein konnte noch nicht gefunden werden. Niemand weiß, wo sie steckt. Unsere neuesten Informationen sind, dass man das Forschungszentrum Cancún geschlossen hat und die Wissenschaftler nicht mehr weiter arbeiten dürfen bis man den Prototypen und das alles gefunden hat. Das Forschungszentrum wurde schwer bewacht. SilOld hatte über 30 Sicherheitskräfte in dem Gebäude. Sie wurden in nur einer Nacht getötet und das Forschungszentrum komplett leergeräumt. Es ist absolut nichts mehr zu finden. Wir sollen die Forschungsergebnisse finden und sicherstellen, den Prototypen zurückholen, und diese Wasserstein in Sicherheit bringen«, beendete Lea ihren Bericht.
Liz und Mike machten sich Notizen, während Korn fragte, »Diese Wissenschaftler finden wir wo?«
Roussel beantwortete die Frage mit, »Cabarete in der Dominikanischen Republik!«
»Lea und ich fliegen noch heute Abend nach Puerto Plata in der Nähe von Cabarete, wenn mich mein Kopf nicht im Stich lässt. Miss Croll und Mister Banks machen diesen Wasserstein ausfindig, schafft ihn hierher!«, stellte Korn klar und wandte sich zum Gehen.
Liz erklärte, »Marie Wasserstein ist eine Frau…«
»Meinetwegen auch ein Alien, ist mir egal. Sorgen sie nur dafür, dass Banks das sabbern lässt, wenn er sie sieht!«, brummte er und war verschwunden. Lea zuckte die Schultern und eilte ihm nach. Mike sah Liz etwas verwirrt an und fragte, »Er stellt die Teams auf und du protestiert nicht dagegen? Was hab ich verpasst?«
»Ich soll seine Methoden nicht infrage stellen und was er sagt, macht Sinn. Du und ich suchen nach dieser Wasserstein. Ich suche und habe Ideen, du bist unsere Informationsquelle im Internet um sie zu finden. Er ist der Verhörspezialist und Lea die Waffenexpertin. Falls er mit einem Angriff rechnet, ist sie die beste Wahl. Außerdem hat er wohl gefallen an ihr gefunden«, klärte sie ihn auf.
»Ja sicher. Er und gefallen an Lea, das wäre ungefähr so, als würde ich gefallen an Gartenarbeit finden«, witzelte er.
»Du musst mal die Augen aufmachen. Ist dir nicht aufgefallen, dass seine Blicke immer wieder auf Lea gefallen sind? Vielleicht steht er auf sie«, sagte sie zu ihm, als sie den Raum verließen und Roussel alleine zurückblieb. Der schüttelte nur leicht den Kopf.
Mike setzte nach, »Korn und eine Frau? Du machst wohl Witze.«
»Nein, kein Witz Mike. Ich erkenne Zuneigung, wenn ich sie sehe, und diese hier war sehr deutlich zu sehen.«
»Egal, lass uns jetzt erst mal nach dieser Wasserstein suchen. Sie kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben.«
Sie gingen zum Aufzug und fuhren in die 19. Etage. Dort angekommen begaben sie sich zusammen auf die Suche nach Raum 23, den sie ziemlich schnell gefunden hatten. Liz hielt ihre Karte an den Scanner und die Tür zu ihrem Büro schnappte auf.
Es war ein großer rechteckiger Raum, in dessen Mitte sich vier Schreibtische gegenüberstanden. Am hinteren Ende des Raumes befand sich eine lederbezogene Sitzecke mit passendem Beistelltisch. Links neben der langen Fensterfront befand sich ein Tisch, der mit sechs Monitoren überladen war, davor eine Tastatur mit Maus und einem Kartenleser. Ein kleines Spielzeug für Mike, dessen Mundwinkel nach oben zeigten, als er es entdeckte. Gegenüber führte ein kleiner Durchgang zu einer Küchenzeile.
Liz sagte »Lass uns keine Zeit verlieren Mike, wir müssen diese Marie Wasserstein finden, egal wo sie abgeblieben ist.«
»OK Liz, aber wo sollen wir anfangen?«
»Lass uns erst mal alles über sie ausgraben, was wir finden können. Irgendeine Verbindung muss es geben, an der wir ansetzen können.«
»Du bist der Boss«, grinste er und setzte sich vor die Bildschirme. Als er seine Karte vor den Leser hielt, piepste der Computer und gab den Zugang frei. Etwa eine Viertelstunde später hatte er die ersten Informationen aus den Datenbanken herausgefiltert und sprach zu Liz, als er weiter tippte »Marie Johanna Wasserstein, geboren am 20.09.1989 in Hannover. Tochter eines Architekten und einer Sekretärin die immer noch in Hannover leben und arbeiten. Sie studierte Bauingenieurswesen. Wurde direkt nach ihrem Studium von SilOld angeworben und arbeitet im Forschungszentrum Cancún. Keine Geschwister. Hatte einige kurze Beziehungen, aber nichts Ernstes, seit vielen Jahren Single, lebt in Cancún.«
»Vielleicht wissen ihre Eltern, wo wir sie finden können. Hast du eine Telefonnummer?«
Mike diktierte Liz die Nummer, die sie direkt in ihr Smartphone tippte. Es klingelte eine Weile, aber niemand hob ab. »OK Mike, da geht niemand dran. Hast du vielleicht noch eine Handynummer, am besten gleich noch die von Marie?«
Nach einem kurzen Tippen auf der Tastatur gab er Liz die Nummern durch. Sie speicherte beide in ihrem Telefon und versuchte Marie Wasserstein anzurufen. Sie war nicht erreichbar. Liz versuchte es auf der anderen Nummer, die ihrem Vater gehörte, aber auch dort ging niemand dran. Sie schüttelte den Kopf. »Es ist sinnlos Mike, egal welche Nummer ich wähle, niemand geht an das Telefon. Aber wer geht nicht an sein Handy?«
»Jeder der nicht gestört werden will Liz«, sagte Mike kühl und zuckte die Schultern.
»Kannst du das Mobiltelefon von Marie Wasserstein orten?«, fragte Liz zögerlich.
»Natürlich kann ich«, erklärte er, »allerdings dauert das ein bisschen!«
»OK, mach schnell, ich versuche derweil weiter sie zu erreichen.«
Mike hämmerte auf die Tastatur ein, während Liz Kreise um die vier Schreibtische zog und immer wieder eine Nummer nach der anderen wählte. Das Ergebnis war frustrierend. Niemand nahm die Anrufe entgegen und auch keine Mobilbox aktivierte sich. Nach einer Weile meldete sich Mike »Ihr Handy war zuletzt in Kopenhagen eingeloggt. In einem Café in der Stadt. Das war vor etwa drei Stunden!«
»In Kopenhagen? Gibt es da Freunde oder Verwandte? Irgendeine Verbindung nach Dänemark?«, fragte Liz.
»Nein, absolut nichts. Vielleicht macht sie ein bisschen Sightseeing!«, orakelte er.
»OK, dann halten wir uns an ihre Eltern, die werden hoffentlich wissen, wo sie steckt. Besorge die Adresse, in 5 Minuten brechen wir auf.«
Lea musste beinahe neben Korn rennen, der mit seinen langen Beinen große Schritte machen konnte. Er war in Richtung Hotel gelaufen, um seine Sachen zu packen, bevor sie abflogen.
»Michael, warte mal, oder mach wenigstens ein bisschen langsamer. Bevor wir wegfliegen, brauche ich noch eine Kleinigkeit.«
»Ich habe keine Zeit zu warten, die beiden Gehirnakrobaten sind vielleicht in Gefahr. Da keiner auf die Idee gekommen ist, die zwei auszupressen wie eine faule Zitrone, haben sie, vermutlich noch jede menge nützlicher Informationen für uns. Also bleibt keine Zeit mehr für einen Umtrunk mit dem Gigolo und seiner Copfreundin«, fauchte er ihr über die Schulter zu.
»Ich will auch keine Feier abhalten, aber wenn wir da hinfliegen, brauche ich eine anständige Waffe.«
»Sehe ich vielleicht wie ein Waffenhändler aus?«, fragte er.
»Weit weg davon jedenfalls nicht, aber ich bin erst seit knapp 2 Stunden hier und habe keine Ahnung, ob es hier eine Waffenkammer gibt. Und in Frankreich kann man kein Scharfschützengewehr aus dem Automaten ziehen, leuchtet ein, oder?«
»Frag die Auskunft!«
Lea verdrehte die Augen und blieb stehen. Korn stapfte weiter davon, ohne sie zu beachten. »Blöder Arsch!«, rief sie ihm hinterher und ging langsam zurück in das Hauptgebäude. Sie lief direkt auf den Pförtner zu, zückte ihren Ausweis und sagte »Wo finde ich die Waffenkammer?«
Der Pförtner betrachtete eingehend den Ausweis und sagte dann »Im zweiten Untergeschoss, Raum 47.«
»Danke« brachte sie hervor und ging zu den Fahrstühlen. Unten angekommen wandte sie sich verwirrt um. Es sah nicht sehr einladend aus hier unten. Die Luft war abgestanden und eine Reinigungskraft schien es hier nicht zu geben. Der Staub türmte sich in grauen Wolken auf dem grün gestrichenen Boden und man konnte deutliche Fußspuren darin erkennen. Lea schritt langsam weiter und fand Raum 47. Es war die einzige Tür, die nicht aus normalem Holz bestand, sondern aus mattbraun lackiertem Stahl. Sie hielt ihren Ausweis an den Kartenleser, aber es passierte nichts. Sie versuchte es noch ein zweites Mal mit demselben Ergebnis. Lea wollte sich schon wieder zum Gehen wenden, als sie ein Geräusch vernahm. Die verriegelte Tür schwang auf und vor ihr stand ein kleiner Mann mit schwarzen Haaren und hielt ihr eine Waffe ins Gesicht. »Wer sind sie, und was wollen sie hier?«
»Mein Name ist Lea Taylor, hier ist mein Ausweis«, sagte sie und hielt ihm den Ausweis hin.
»Das habe ich gesehen Miss, was wollen sie hier in meinem Reich?«
»Ich soll auf eine Mission gehen und zwei Wissenschaftler beschützen, nur das kann ich nicht ohne Waffe!«, erklärte Lea.
»Sie haben ihre Dienstwaffe, die sollte genügen!«, erwiderte er ohne das Gewehr runterzunehmen.
»Meine Dienstwaffe? Mit einer Glock auf Angreifer zu ballern ist ungefähr so wie mit einer Steinschleuder auf einen Panzer zu zielen. Ich brauche eine richtige Waffe und kein Spielzeug für Grundschüler!«
»Sie gefallen mir Lady«, grinste er und senkte seine Waffe »kommen sie rein, wir werden schon etwas für sie finden!«
Er drehte sich um und steckte die Waffe neben der Tür in eine Halterung, bevor er weiterging. Lea war überrascht. Es gab jede Menge Auswahl und sogar einige Knarren, die sie noch nie gesehen hatte.
»Was ist das hier alles?«, staunte sie.
»Das ist meine kleine Auswahl. Das meiste davon ist selbst hergestellt. Bis auf die Standardwaffen, die ich vergebe, natürlich.«
»Beeindruckend. Ich brauche ein Gewehr. Am liebsten meine Lieblingswaffe die M24!«
Er drehte sich um und blickte Lea einige Sekunden prüfend an. Verwirrt hob er an »Eine M24? Ich glaube eher, die reißt ihnen den Arm ab, wenn sie die abfeuern. Das ist ein Präzisionsgewehr für Scharfschützen und keine Waffe für eine zarte Person wie sie meine liebe.«
»Haben sie eine hier? Wenn ja, dann her damit!«, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.
»Ich habe keine M24 hier, aber eine verbesserte Version. Ich nenne sie Z501. Leichter, verbessertes Objektiv und wirft Hohlmantelgeschosse aus, nur sie werden nicht mit ihr schießen können. Die meisten Männer können die nicht mal halten! Aber ich mache ihnen einen Vorschlag Miss Taylor. Sie dürfen einen Schuss auf meinem privaten Schießstand abgeben, wenn ich sehe, dass sie in der Lage sind mit einem kleineren Gewehr umzugehen dann bekommen sie etwas von mir, was der M24 nahekommt, einverstanden?«
»Ich habe nicht die Zeit, auf ihren privaten Schießstand zu kommen und dort ein Spielzeug abzufeuern. Ich fliege in weniger als einer Stunde ab und brauche eine richtige Waffe!«
»Es dauert nur 5 Sekunden. Einfach durch diese Tür da«, sagte er und zeigte auf eine kleine Tür an der Stirnwand. »Sie bekommen eine meiner Erfindungen. Das ist eine LR9« sagte er und griff sich ein Gewehr aus einem Ständer »etwas kleiner als eine M24, aber der Rückstoß ist ungefähr der gleiche.«
»Geben sie das Spielzeug her«, maulte Lea leicht angefressen.
Sie gingen durch die Tür und sie traute ihren Augen kaum. Vor ihr erstreckten sich einige Bahnen, um auf Ziele zu schießen. Von etwa 10 m Entfernung bis hin zu knapp 100 m. Er trat vor die längste der Bahnen und erklärte »Diese Bahn ist 90 m lang. Am Ende befindet sich eine Zielscheibe. Sie schießen und wenn sie ordentlich treffen, ohne einen Arm verloren zu haben dürfen sie sich an der Z501 versuchen. Ordentlich getroffen bedeutet alles über 7 Punkte« lächelte er.
Lea riss ihm die LR9 aus der Hand, trat an das kleine Fenster und suchte sich einen festen Stand. Dann legte sie eine Patrone in die Kammer, setzte sich einen Gehörschutz auf und legte an. Ein einzelner Schuss krachte durch den Raum. Lea legte das LR9 ab und sagte, »Holen sie die 10 nach vorne und bringen sie die Z501 her.«
Ungläubig schaute er Lea an, als die Zielscheibe nach vorne rauschte. Sie hatte exakt die 10 getroffen, in der ein kreisrundes Loch zu sehen war. Wortlos griff er sich das Gewehr und stellte es zurück, bevor er ein größeres aus einem Ständer nahm und es Lea brachte.
Lea nahm das Z501 an sich und legte eine Patrone ein. Die Zielscheibe machte sich wieder auf den Weg nach hinten. Wieder krachte ein Schuss durch den Raum und hallte lange nach. Lea legte das Gewehr vor sich ab und nahm den Gehörschutz ab.
»Gar nicht mal so übel das Gewehr, auch wenn die Optik etwas abweicht. Es zieht ein bisschen nach links.«
Auf der Zielscheibe saß ein rundes Loch links in der 9, genau auf der Höhe der 10. Francois Pierlot stand staunend und schockiert hinter Lea. Er konnte nicht glauben, was er eben miterlebt hatte. Er gab sich geschlagen.
»Ich werde die Optik einstellen, dauert etwa 5 Minuten, dann können sie die Z501 mitnehmen«, sagte er und nahm das Gewehr an sich. Er trat an eine Vorrichtung und spannte das Gewehr ein. Einen Laser schob er in den Lauf und blickte durch die Optik. Er justierte das Fadenkreuz der Optik neu. Als er fertig war, nahm er es heraus und gab es Lea. Sie nahm es entgegen und ging wieder an die Bahn. Erneut krachte ein Schuss. Sie nickte ihm zu. Die Optik stimmte wieder.
»Wo bekomme ich Munition für die Kleine hier?«, fragte sie lächelnd.
Pierlot trat an einen Stahlschrank und öffnete ihn »Hier drin ist alles, was sie brauchen Miss Taylor«.
Lea nahm genug Munition mit, um in Panama einmarschieren zu können, und verließ freudestrahlend die Waffenkammer.
Wenig später kletterte sie vor Korn in die Gulfstream, ausgerüstet als würde sie in den Krieg ziehen, nahm sie in einem Sessel Platz. Korn setzte sich ihr gegenüber. Die Tür wurde geschlossen und die Piloten starteten die Triebwerke. Als sie Richtung Startbahn rollten, blickte Korn aus dem Fenster und murmelte leise »Es tut mir leid Lea.«
»Das sollte es auch«, gab sie etwas feindseliger zurück, als sie es wollte.
»Ich bin manchmal etwas gewöhnungsbedürftig«, gab er kleinlaut zu.
»Das halte ich für die Untertreibung des Jahres. Ich hab dir nur gesagt, ich brauche eine Waffe und anstatt mir zu helfen, drückst du mir dumme Sprüche«, hielt sie ihm vor.
Er nickte leicht. »Es ist nicht ganz so einfach für…«, dann brach er ab.
»Was ist nicht einfach?«, fragte sie.
»Vergiss es, ich kann nicht darüber reden«, wiegelte er ab.
»Du kannst nicht, oder du willst nicht?«, bohrte sie nach.
Er machte seinen Gurt los und stand auf. »Beides«, flüsterte er und setzte sich einige Meter von ihr weg. Dann starrte er wieder aus dem Fenster, an dem gerade die Wolken vorbeiflogen. Lea sah ihm irritiert nach.
19. Kapitel
Deutschland, Hannover
Liz und Mike waren noch keine halbe Stunde in Hannover gelandet, als sie bereits zu der Adresse der Wassersteins unterwegs waren. Der Mietwagen war dieses Mal ein Automatikgetriebe. Da sich Liz somit nicht um das Schalten kümmern musste, was für sie auf der ungewohnten rechten Seite war, fuhr sie selbst. Mike bearbeitete nebenan seinen Laptop, um auf die Spur von Marie Wasserstein zu kommen. Sie war nicht zu erreichen. Sie kamen zügig voran und bogen bald in die gesuchte Straße ein. Liz stoppte hinter einem alten Van, der am Straßenrand geparkt war. Mike packte den Laptop wieder in die Tasche, als Liz schon die Tür geöffnet hatte und auf den Eingang des Hauses zulief. Sie drückte ihren Finger auf die Klingel. Der Gong im Inneren war so laut eingestellt, dass sie ihn bis auf die Straße hören konnten. Es rührte sich nichts. Liz versuchte es noch einmal, als Mike sie anstupste. »Sie werden nicht da sein. Der Briefkasten quillt über. Siehst du?«
»Aber wo könnten sie sein? Du hast mir doch gesagt, das Handy ihres Vaters wäre hier«, fragte sie.
»Ja, sein Handy war auch hier. Gestern Abend zumindest.«
»Ich versuche, ihn noch mal anzurufen, aber das kommt mir sehr komisch vor Mike. Ich hab das Gefühl, hier stimmt was nicht.«
Liz wählte die Handynummer des Vaters. Neben dem tuten am rechten Ohr an, dass sie das Telefon hielt, hörte sie mit dem linken eine Melodie aus dem Haus. Wieder ging niemand dran. Sie packte das Smartphone wieder in ihre Tasche.
»Das Handy ist hier, der Klingelton war hier zu hören. Niemand meldet sich und der Briefkasten ist wegen Überfüllung geschlossen. Es könnte etwas passiert sein«, sagte sie misstrauisch.
»Möglich wäre es«, sagte Mike.
»Wir gehen rein, ich will wissen, was hier gespielt wird Mike.«
Sie versuchte das Tor, im Jägerzaun zu öffnen, doch es war verschlossen. Grummelnd stieg sie über das Tor. Mike folgte ihr vorsichtig. An der Haustür das gleiche, sie war verschlossen. Sie spähte durch ein kleines Glasfenster neben der Tür, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Sie ging nach rechts um die Ecke und blickte in jedes Fenster. Mike blieb unschlüssig an der Tür stehen. Die Terrassentür war nur angelehnt, aber nicht verschlossen. Liz betrat vorsichtig das Wohnzimmer und rief nach den Wassersteins. Dann roch sie den Duft von Verwesung. Tausende Fliegen stoben auseinander als Sie den Architekten und seine Frau in der Küche fand. Sie trat einen Schritt zurück. Das Bild verschlug ihr den Atem. Man hatte ihnen die Halsschlagader durchtrennt. Der weiße Fliesenboden war kaum mehr zu erkennen. Das ganze Blut war bereits eingetrocknet und bildete einen riesigen rotbräunlichen See. Liz fasste nichts an, um eventuelle Spuren nicht zu verwischen. Sie ging wieder in das Wohnzimmer und trat auf die Terrasse hinaus. Dort japste sie nach Luft, zog ihr Handy aus der Tasche und rief die Notrufnummer der Polizei an, als sie wieder nach vorne lief, um Mike zu informieren. Sie gab dem Beamten am Telefon Bescheid, dass sie von Interpol war und soeben zwei Leichen gefunden hatte. Die Mordkommission sollte mit der Spurensicherung anrücken. Das volle Programm eben. Als nach einigen Minuten der erste Streifenwagen angerast kam, saß Liz auf der Treppe. Mike stand unbeteiligt daneben und kaute an seiner Unterlippe. Sie erklärten den Beamten, was sie vorgefunden hatten. Die Beamten verschwanden im Haus. Die Spur war so kalt wie die beiden Leichen, kam es Liz in den Sinn. Zögernd fragte Mike »Und was machen wir jetzt?«
»Weitersuchen Mike«, antwortete sie geschockt.
»Und wie? Die Wassersteins werden uns wohl kaum mehr Informationen geben können.«
»Im Moment habe ich keine Idee ehrlich gesagt. Aber mir wird schon noch was einfallen«, kam tonlos von ihr zurück.
»Also fliegen wir nach Kopenhagen, denn dort befindet sich wohl das Handy von Marie Wasserstein.«
»Kopenhagen ist groß Mike. Da können wir tagelang umherirren. Aber du kannst mal die Hoteldaten checken, irgendwo muss sie ja abgestiegen sein.«
»Das habe ich bereits, Liz. Sie hat in keinem Hotel in oder um Kopenhagen ein Zimmer genommen. Die einzige Spur verliert sich in dem Café. Selbst, wenn wir da jemanden finden, der sich an sie erinnert wird er uns nicht sagen können, wo sie wohnt.«
»Du hast recht Mike, aber versuchen sollten wir es. Also los, lass uns fahren, hier sind wir fertig.«
Liz stand auf und schlich auf den Mietwagen zu. Gerade als sie das Grundstück verlassen wollte, stellte sich ihr eine junge Frau in einer blauen Uniform in den Weg. »Sind sie von der Polizei?«, fragte sie die beiden.
»Ja, wir sind von Interpol. Und wer sind sie?«, fragte Liz.
»Ich bin von der Post und habe einen Brief für Herrn Wasserstein, aber ihre Kollegen wollen mich nicht an den Briefkasten lassen. Würden sie den vielleicht nehmen, damit ich meine Arbeit weitermachen kann?«
»Meinetwegen. Geben sie ihn her, ich stecke ihn zu den hundert anderen dazu«, erwiderte Liz.
Die Postbotin händigte Liz das Schreiben aus und radelte dann davon. Gerade als Liz auf den Briefkasten, der sowieso schon übervoll war, zuging, fiel ihr der Poststempel auf dem Schreiben auf. Er war in Kopenhagen aufgegeben worden. Sie drehte sich um und eilte zu Mike zurück, der bereits am Wagen stand und wartete.
»Mike, der Brief kommt aus Kopenhagen«, flüsterte sie ihm zu. »Wir nehmen ihn mit, das kann kein Zufall sein.«
Sie stiegen ein und während Liz aus der Straße fuhr, riss Mike den Brief auf.
Dominikanische Republik, Cabarete
Es war am späten Abend, als der schwarze Jeep langsam über die kaputten Straßen rollte. Die beiden Beifahrer hatten ihren Blick in die Dunkelheit gerichtet und suchten die Häuser am Straßenrand ab. Hausnummern waren hier selten, aber sie waren in der richtigen Straße gelandet. Sie hatten am Telefon eine ganz passable Wegbeschreibung erhalten. Dann fanden sie das schwach beleuchtete Haus, in dem die beiden versteckt worden waren. Der Jeep hielt versteckt zwischen einigen Palmen am Straßenrand und die Insassen stiegen leise aus. Eine Weile beobachteten die drei Männer im Schutz der Dunkelheit die Straße und das Haus. Alles war ruhig und sie wurden nicht bemerkt. Auf ein Zeichen des Anführers begaben sie sich schnell über die Straße und drangen fast lautlos in das Gebäude ein. Sie blieben im Eingangsbereich stehen, um die Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, bevor sie so leise es ging die Treppe erklommen. Oben angekommen teilten sie sich auf und öffneten die Türen, um die beiden Bewohner zu finden. Beide lagen schlafend in ihren Betten und hatten nicht bemerkt, dass die drei Besucher eingedrungen waren. Der Anführer blieb im oberen Gang stehen, während seine beiden Handlanger vorsichtig an die Betten der Wissenschaftler traten. Auf sein Zeichen wurden beide unsanft geweckt, indem man ihnen eine Waffe gegen die Schläfen schlug. Nach dem Schock durch einen Schlag geweckt zu werden blickten die beiden in den Lauf einer Waffe. Die beiden Wissenschaftler wurden zeitgleich befragt, wo die Ergebnisse ihrer Forschung versteckt sind. Nach immer wieder den gleichen Fragen der Angreifer glichen sie die Antworten der beiden ab. Burics Ergebnisse lagen in einem persönlichen Safe im Forschungszentrum Cancún, wohin sie verbracht wurden, wusste er allerdings nicht, nachdem das Zentrum geschlossen und ausgeräumt wurde. Man fragte ihn nach der Zusammensetzung der Legierung. Buric war von Schweißperlen bedeckt und keuchte, »Ich weiß es nicht. Verstehen Sie doch, die Legierung besteht aus fast dreißig Materialien, darunter Aluminium, Kupfer und abgebranntem Kernmaterial in einem Mischungsverhältnis, dass sich niemand merken kann. Gerade als wir beginnen wollten das Verhältnis zu ändern und sehen, welche Auswirkungen das hat, wurde das Zentrum geschlossen und wir hier hergebracht. Wir durften nicht mal noch die persönlichen Sachen von unseren Tischen holen. Der ganze Komplex wurde abgeriegelt und wir wurden auf unbestimmte Zeit beurlaubt.«
»Von wem kam die Anweisung?«, fragte der maskierte Mann neben seinem Bett.
»Das weiß ich nicht. Ehrlich. Wir wurden durch Sicherheitsleute von unseren Plätzen abgeholt und vor dem Gebäude befragt. Sofort danach mussten wir das Gelände verlassen. Am Ausgang warteten bereits Leute von Interpol, die uns sofort in ein Flugzeug gesetzt haben und hier herbrachten«, stotterte Buric.
»Auf welchem Computer befinden sich die genauen Ergebnisse?«, wurde er gefragt.
»Ich durfte sie nicht auf einem Computer speichern. Das Netzwerk ist zwar hoch gesichert, aber die Ergebnisse so wichtig, dass sie nicht elektronisch gespeichert werden durften. Man hatte Angst sie durch einen Hackerangriff zu verlieren.«
»Wo ist die Formel jetzt?«
»Hören sie mir nicht zu? In meinem persönlichen Safe im Labor. Dort musste ich sie zurücklassen!«
»Wir haben ihren Safe bereits aufgebrochen, er war leer. Wo also sind die Ergebnisse?«, fragte sein Angreifer und hielt ihm die Waffe an die Stirn.
»Leer? Das ist unmöglich. Nur ich kenne die Kombination«, stammelte der Wissenschaftler überrascht.
»Gibt es Sicherheitskopien davon?«
»Natürlich. Sogar Tausende! Was glauben sie wohl warum die Ergebnisse nur in meinem persönlichen Safe liegen, nicht elektronisch gespeichert sind und jedem dahergelaufenen bereits am Informationsschalter in die Hand gedrückt werden. Wir wollten sie auch schon an das Schwarze Brett hängen und CNN hatte einen Livebericht geplant, stattdessen wurden wir in dieses Loch gesteckt, in dem es nicht einmal eine heiße Dusche gibt. Nur ihnen geben wir natürlich keine Kopie«, erregte sich Buric was ihm eine heftige Ohrfeige einbrachte.
Onut, der Energieforscher im anderen Bett hatte keine Aufzeichnungen. Bevor er beginnen konnte, andere Zusammensetzungen zu erforschen, wurde er beurlaubt. Alles, was er angeben konnte, war, dass dieses neue Material Spannung abgab, die je nach Menge des Materials variiert. Genaue Messungen konnte er noch nicht machen. Alles, was er wusste, war, dass 200 g des Materials exakt 6,23 V abgaben und auch nach mehreren Stunden nicht abnahmen obwohl man eine Glühbirne damit Betrieb. Die Stromaufnahme des Versuchsaufbaus waren 0,43 A. Mehr konnte er nicht sagen.
Der Anführer der drei stand im Gang und schlug wütend die Faust in die offene Handfläche. Die ganze Aktion war komplett sinnlos. Die Ergebnisse waren verschwunden und es gab nicht den geringsten Hinweis auf deren Verbleib. Sein Boss würde toben, wenn er mit leeren Händen hier rauskam. Aber das war nebensächlich, er hatte den Auftrag die Zeugen, und das waren die beiden Wissenschaftler, auszuschalten. Allerdings war keiner seiner Leute so eiskalt einen Menschen zu ermorden. Sie waren dafür zuständig Informationen zu sammeln, die Killerkommandos hatten andere Aufgaben. Aber er hatte einen kleinen Beutel in der Tasche, das würde ausreichen. Er gab seinen beiden Mitstreitern die Anweisung ihre Spritzen zu verwenden. Die beiden Wissenschaftler würden einige Stunden schlafen und sich an kaum etwas erinnern. Er ging die Treppe hinunter und schritt zu der Küchenzeile. Den Inhalt seines Beutels kippte er in das vor gerichtete Kaffeepulver in der Maschine. Das Heißgetränk am Morgen würden beide nicht überleben. Auf dem Tisch lag ein Laptop, dem er sich nun zuwandte. In seiner Tasche hatte er alles, was er brauchte. Er steckte einen blauen USB-Stick in das Gerät und startete es. Nachdem das System gestartet war, entnahm er den Stick und verband eine kleine SSD Festplatte mit dem Laptop. Nach einem Druck auf die Entertaste begann der Kopiervorgang. Alle Daten des Laptops wurden auf die SSD übertragen und die HDD im Gerät gelöscht.
Nachdem sie ihre Spuren verwischt hatten, verließen die drei das Haus.
Nachdem die beiden Wissenschaftler nach einem unruhigen Schlaf, erwachten, begab sich Buric als Erstes unter die Dusche. Sein Kollege Kor Onut schaltete die Kaffeemaschine ein und rollte seinen Gebetsteppich aus. Als der gläubige Moslem sein Gebet beendet hatte, sah er, wie sich ein Fahrzeug näherte und auf der gegenüberliegenden Seite anhielt. Ein großer Mann und eine kleine zierliche Frau stiegen aus. Er informierte Buric, der sich gerade angezogen hatte. Onut schnappte sich seine Schreckschusspistole und drückte sich hinter der Tür an die Wand. Er vernahm schwere Schritte und dann begann es zu klingeln.
20. Kapitel
Dänemark, Kopenhagen
Verschlafen öffnete Marie ihre Augen und blickte in das lächelnde Gesicht ihrer Freundin, die zärtlich fragte »Na, hast du gut geschlafen mein Schatz?«
»Nicht wirklich. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, weil ich auf die Toilette musste und konnte danach ewig nicht mehr einschlafen, weil du so laut geschnarcht hast Liebling«, flötete sie und knuffte ihre Freundin den Arm.
»Das muss der Hund der Nachbarn gewesen sein. Ich schnarche nicht«, schmollte Martina gespielt.
Marie gab ihr einen Kuss. »Nein, ich hab geschlafen wie ein Baby.«
»Lass uns frühstücken und dann da weiter machen, wo wir gestern aufgehört haben«, grinste Martina und legte lüstern ihre Hand auf Maries Brust.
»Ich denke wir lassen das Frühstück ausfallen. Vor dem Mittag kommen wir bestimmt nicht aus dem Bett«, lachte sie, zog ihre Freundin näher und küsste sie leidenschaftlich.
Nach dem Kaffee vorgestern in der Stadt war einiges passiert. Marie hatte einen Brief an ihre Eltern geschrieben und sie hatten ihn abgeschickt. Danach waren sie noch ein wenig in der lauen Sommernacht unterwegs und landeten schließlich in einer kleinen Bar. Nach den ersten Cocktails wurden sie zunehmend redseliger als in nüchternem Zustand. Irgendwann war bei Marie der Punkt überschritten, an dem sie noch etwas für sich behalten konnte, und sie gab Martina klar zu verstehen, dass sie sich in sie verliebt hatte. Martina konnte ihr Glück kaum fassen. Wild küssend fuhren sie im Taxi zu Martinas Wohnung und hatten eine sehr heiße Nacht zusammen. Irgendwann sind sie dann eingeschlafen und haben den Alkohol abgebaut. Gestern kamen sie nur für ein kurzes Abendessen aus dem Bett. Dabei hatten sie sich gegenseitig gefüttert und landeten wieder fummelnd im Bett. Sie liebten sich die halbe Nacht bevor sie gegen halb 1 Uhr eingeschlafen waren. Maries Handy lag ausgeschaltet im Wohnzimmer und sie hatte nicht mehr daran gedacht ihre Eltern anzurufen. War aber auch egal, denn in dem Brief, den sie ihren Eltern geschickt hatte, stand schon drin, dass sie sich in Martina verliebt hatte und bei ihr in Kopenhagen bleiben würde, bis sie die Arbeit in Cancún wieder aufnehmen dürften. Dort hatte Marie ihre Wohnung und Martina hatte ein kleines Zimmer im angrenzenden Wohnblock, in dem die Mitarbeiter untergebracht waren, die sich keine Wohnung mieten wollten. Aber bis dahin würden sie in Kopenhagen bleiben und ihre junge Liebe genießen.
Dominikanische Republik, Cabarete
Es war früh am Morgen, als Lea und Korn mit dem kleinen Mietwagen durch Cabarete fuhren. Die Luft wurde bereits wieder aufgeheizt und begann langsam zu flimmern. Die Dominikanische Republik lag noch verschlafen im Schatten, aber bald würde das bunte Treiben auf den Straßen wieder starten. Ein Paradies für Urlauber, für das die beiden Interpol Agenten leider keine Zeit hatten. Lea checkte auf dem Beifahrersitz noch einmal ihre Ausrüstung und Korn hielt etwas verkrampft das Lenkrad in der Hand. Sein Blick fiel stur geradeaus, und bis auf die Windgeräusche von außen und das gelegentliche Klacken, das von Lea kam, war es still. Seit dem Abflug aus Lyon hatten beide nur noch Geschäftliches besprochen. Lea hatte mehrfach versucht, nachzuhaken und Michael zu einem Statement zu bringen, doch er war stumm geblieben wie ein Fisch. Es störte sie, dass aus Korn nichts herauszukriegen war.
»Wie heißen die beiden halben Hähnchen die ich zum Frühstück bekomme eigentlich Lea?«
»Goran Buric, ein Materialforscher und Kor Onut, ein Energieforscher.«
»Wie weit bist du mit deiner Ausrüstung? In ein paar Minuten werden wir da sein«, fragte er.
»So weit fertig eigentlich. Ich hoffe, ich kann heute einigen bösen Jungs in den Kopf ballern.«
Er schüttelte den Kopf, »Wir sind nicht hier, um welche umzulegen, sondern um sie auszufragen. Wenn man uns angreift, wovon ich derzeit eher nicht ausgehe, solltest du sie kampfunfähig machen, damit ich mir die Bübchen vornehmen kann. Ich will wissen, wer da hintendran die Fäden zieht.«
»Schade eigentlich. Irgendwelche Einwände, wenn ich eventuelle Angreifer so an ballere das sie zwar reden können, aber nie mehr jemandem etwas tun können?«
»Was hast du vor Lea?«
»Nicht viel, ich schieß ihnen den Knöchel kaputt, oder so in den Fuß, dass gehen, nur noch am Stock möglich ist. Wär das Okay für dich?«
»Damit kann ich leben«, antwortete er.
Die Straße, in die sie einbogen, hatte ihre besten Zeiten schon lange hinter sich. Der Asphalt war brüchig und die dichten Schlaglöcher waren tief. Slalom um die Vertiefungen war nicht mehr möglich. Korn musste fast mit Schritttempo fahren, um die Stoßdämpfer des Mietwagens zu schonen. Trotzdem schaukelten die beiden Insassen hin und her. Das Haus in dem Roussel die beiden Wissenschaftler versteckt hatte, war ein eher moderneres Gebäude. Der kleine Vorgarten war von bunten Blumen überzogen, deren Blüten die aufgehende Sonne reflektierten. Ein sandfarbener Anstrich ließ das zweistöckige Haus fast mit dem Hintergrund verschmelzen. Korn sah sich das Gebäude aus dem Mietwagen, den er gegenüber geparkt hatte, lange intensiv an. Dann stieg er aus und blickte sich auf der Straße um. Alles war ruhig. Er ging auf Lea zu, die ebenfalls ausgestiegen war, und sagte »Siehst du da hinten den kleinen Hügel Lea? Ich denke, das ist die perfekte Position, um in Deckung zu gehen. Egal wer oder was sich nähert, solltest du von dort sehen können, was meinst du?«
Lea blickte zu dem Hügel hinüber und nickte »Ich glaube, du hast recht. Gib mir einige Minuten, um in Position zu gehen.«
Korn griff in seine Tasche und zog ein Döschen hervor, das er Lea reichte.
»Das sind Funkempfänger Lea. Einfach ins Ohr stecken und wir sind verbunden. Gib mir Bescheid, wenn du so weit bist, und falls sich was nähert, informiere mich umgehend, OK?«
»Cool, ich hab das bisher immer mit einem Headset geregelt, war allerdings nicht ganz so verlässlich.«
»Neueste Technik. Glasklarer Empfang bis zu 800 m Entfernung und abhörsicher.«
»Heißt, dass ich kann alles mithören, was ihr da drin redet?«, fragte sie.
Er nickte, »Du hörst jedes Wort mit. Los jetzt, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Lea schulterte ihre Ausrüstung und lief zu dem Hügel, während Korn seine Glock, die er im Schulterholster bei sich trug, durchlud. Wenig später hörte er über den Empfänger in seinem linken Ohr, das Lea in Position war, und soweit alles ruhig. Er atmete noch einmal tief durch und überquerte die Straße. Vor dem Eingang blieb er stehen und rammte seinen Zeigefinger auf die Klingel. Ohne die Glocke loszulassen, blieb er stehen bis ein schüchterner Alter Mann in hellen Leinenhosen und dunklem Poloshirt die Tür öffnete. Er rieb sich noch verschlafen die Augen als Korn ihn einfach in den Hausflur zurückdrängte und die Tür hinter sich zuwarf.
»W-w-wer sind sie?«, stotterte der Alte ängstlich.
»Man könnte mich als Luxusproblem bezeichnen, Mister Buric wie ich am Dialekt höre. Wo steckt ihr Kollege Onut?«
»Ich bin hier! Keine Bewegung sonst werden sie nur noch einen Knall hören«, drohte eine jüngere Stimme hinter ihm.
»Stecken sie das Spielzeug weg, ich möchte sie nicht unbedingt verletzen müssen, bevor sie mir sagen, was ich wissen will«, lachte Korn.
»Dieses Spielzeug macht hässliche Löcher«, sagte die Stimme hinter ihm.
Blitzschnell drehte Korn sich um, schlug gegen den Unterarm, der die Waffe hielt, die darauf hin polternd zu Boden fiel, und schnappte den überraschten Mann mit der linken Hand am Kragen. In einer eleganten Drehung warf er den jungen an Buric vorbei zu Boden. Michael blickte kurz zu der Waffe, die am Boden lag und lachte.
»Eine Schreckschusspistole macht keine Löcher Mister Kokosnuss, und bevor sie abdrücken könnten, müssen sie die Waffe entsichern. Hat sich wohl noch nicht bis in die Türkei herumgesprochen. Nehmen sie Haltung an oder krabbeln sie zu der Couch im Wohnzimmer, dann kommen wir zum spaßigen Teil der Veranstaltung«, brummte Korn amüsiert.
Leise hörte er Lea durch den Funkempfänger in seinem Ohr kichern. Korn trat auf die beiden verdutzten Wissenschaftler zu und betrachtete die nähere Umgebung. Es war ein offen gebautes Haus. Links von ihm führte eine Treppe in einem 90 Grad Winkel zur oberen Etage hinauf. Vor ihm erstreckte sich ein offen gehaltenes Wohnzimmer mit einem Tisch, um den vier Holzstühle standen, ein bequem wirkendes Sofa stand vor einem LCD Fernseher, der an der Wand hing und rechts stand eine Kochinsel mit Gasherd. Dahinter führte eine kleine Tür in ein hellblau gefliestes Badezimmer. Buric war für seine 60 Jahre noch ganz schön drahtig gebaut. Die tiefen Falten in seinem Gesicht und die schlohweißen Haare, die wie ein Heiligenschein um seine unbehaarte Kopfhaut wucherten, gaben ihm das Aussehen eines netten Großvaters. Die tief liegenden graubraunen Augen versteckten sich hinter einer schlanken Brille, die er auf seiner Nasenspitze balancierte. Kor Onut, war gerade mal halb so alt wie der Alte. Ein kleiner Untersetzer Typ mit pechschwarzen Haaren, die er wohl in Unmengen Haargel zu ertränken versuchte. Buschige Augenbrauen über den eher hervorstehenden dunklen grünen Augen gaben ihm das Aussehen eines Falken. Die fleischige Nase wirkte wie ein Fremdkörper in seinem goldbraun, schimmerndem Gesicht. Mühsam rappelte er sich auf und wollte einen erneuten Angriff auf Korn starten als er seinen Kopf wie ein Stier nach unten beugte. Korn schlug ihm einen linken Haken auf die Niere, bevor er ihn wie einen guten Freund mit seinen Armen umfing und so am Fallen hinderte.
»Du möchtest nicht den ganzen Tag mit mir tanzen Kokosnuss. Es sei denn, dir liegt nichts an deinen Harnwegen und du stehst auf Schmerzen. Pack deinen fetten Arsch auf das Sofa und entspann dich«, knurrte ihm Korn ins Ohr.
Keuchend wie eine Dampflok und mit schmerzverzerrtem Gesicht wankte der türkische Wissenschaftler auf die Couch zu und fiel mit einem Ächzen in das Polster. Buric folgte ihm und setzte sich, rechts neben seinen Kollegen, als er noch einmal fragte, »Wer sind sie, und was wollen sie?«
»Mein Name ist Korn. Ich komme von Interpol und werde ihnen beiden Fragen stellen, die sie mir ausführlichst beantworten werden. Wenn ich merke, dass sie Spielchen mit mir treiben wollen sorge ich für eine Unterbringung im miesesten Krankenhaus der ganzen Karibik und mache den Ärzten klar, dass sich Morphium bei ihnen nicht lohnt.«
»Aber Bernand Roussel von Interpol hat uns hierhergebracht, damit wir in Sicherheit sind«, widersprach Buric
»Das ist richtig, nur Roussel wusste nicht, dass sie uns wichtige Informationen vorenthalten. Deshalb musste ich den Atlantik überqueren, um mit ihnen beiden halben Portionen ein ernstes Wort zu reden. Dass ich nicht gerade gerne hier bin, dürfen sie mir glauben. Meine Kollegin und ich hätten auch Besseres zu tun.«
»Wir enthalten ihnen keine wichtigen Informationen. Alles, was sie wissen müssen haben wir ihnen bereits gesagt!«, monierte Onut.
»Alles, was wir wissen müssen vielleicht, uns geht es aber um die Informationen, die wir ihrer Meinung nicht wissen müssen.«
»Mister Korn, diese Informationen sind unsere Lebensversicherung! Glauben sie wirklich, wir würden sie einfach so ausplaudern, wenn jemand hier ankommt?«, jammerte Onut und stand auf, drehte sich zu Buric um und sagte »Goran, du auch einen Kaffee? Wir wurden ja so unsanft vor dem Frühstück gestört.«
»Gerne Kor«, sprach Buric vergnügt und fügte dann hinzu »Unser flegelhafter Gast bekommt aber keinen.«
»Opa, falls ich eben zu undeutlich gewesen sein sollte, sag ich es noch mal verständlicher für sie beiden Nullnummern. Ich will jede Einzelheit wissen und die werde ich auch erfahren. Mir ist es vollkommen egal, welche Knochen ich ihnen brechen muss oder welche Organe ich ohne Betäubung aus ihren verweichlichten lebenden Hüllen herausnehme. Haben sie das jetzt begriffen?«
Onut hatte in der Zwischenzeit zwei Tassen mit Kaffee gefüllt und kam zu der Couch zurück. Er reichte Buric eine Tasse, setzte sich wieder und trank einige große Schlucke.
»Jetzt ist der Kaffee schon fast kalt. Probier mal Goran, schmeckt irgendwie komisch. Oder das liegt an dem Besuch heute Nacht der den Geschmack beeinträchtigt.«
Buric führte die Tasse zur Nase. »Riecht wie normaler Kaffee«, meinte er lapidar und kippte sich die Tasse fast in einem Zug in seinen Schlund.
»Schluss jetzt mit dem Kaffeekränzchen für die Halbaffen. Jetzt werden wir sie beiden mal auf links ziehen!«, polterte Korn.
Buric und Onut wurden mit einem Mal weiß wie eine frisch gestrichene Wand. Jegliche Farbe war aus ihren ohnehin bleichen Gesichtern gewichen. Der türkische Wissenschaftler riss den Mund auf und schnappte nach Luft bevor er nach links kippte. Buric zog eine Fratze und sank in sich zusammen. Beide waren auf der Stelle tot. Korn sah irritiert auf die beiden Körper herab. Er griff an den Hals von Buric, um nach dem Herzschlag zu tasten, aber da war nichts mehr.
»Lea, hast du draußen irgendwas bemerkt?«, fragte Korn.
»Nein, hier war alles ruhig bis auf einen Touristen, der mit seinem Köter die Straße lang ging«, kam sofort die Antwort.
»Unsere beiden verkappten Nobelpreisfuzzis sitzen tot auf der Couch«, resignierte Korn.
»Wie jetzt? Du hast ja nicht mal angefangen, die beiden auseinanderzunehmen.«
»Mir scheint, da war Gift im Kaffee. Du kannst deinen Posten draußen aufgeben. Komm rein, wir durchsuchen den Laden. Vielleicht finden wir ja etwas, was uns weiterhilft«, meinte Korn, während er bereits mit seinen Augen den Raum absuchte.
»Hat einer der beiden nicht von einem Besuch heute Nacht gesprochen?«, fragte Lea als sie aufstand und ihre Ausrüstung über die Schulter warf.
»Du hast recht Lea. Ich dachte, der Arsch meint mich damit, weil wir so früh hier waren«, stutzte Korn.
Der Bodyguard durchsuchte die beiden leblosen Körper. Alles, was er fand, war ein Päckchen Zigaretten sowie ein kleines silberfarbenes Feuerzeug in der Tasche des Älteren. Lea klingelte. Michael öffnete die Haustür. Sein Blick senkte sich über seine Kollegin und er verharrte eine Sekunde länger als nötig, bevor er einen Schritt zur Seite machte, um sie eintreten zu lassen. Sie schien es bemerkt zu haben, sagte aber nichts. Beide durchsuchten gründlich das ganze Haus fanden aber keine Aufzeichnungen oder irgendetwas Brauchbares. Korn setzte sich an den Laptop, der auf dem Tisch stand und startete ihn. Aber auch nach längerer Wartezeit war kein Betriebssystem geladen. Er sagte zu Lea, »Jemand hat wohl die Festplatte mitgenommen oder gelöscht, wir sollten Banks das Gerät an den Kopf werfen, vielleicht kann er ja was damit anfangen.«
Sie kicherte leise bevor sie sagte, »Du magst ihn nicht besonders, oder? Hat er auch versucht, bei dir zu landen, obwohl du gar nicht aussiehst wie eine Frau?«
»Das wäre mir egal gewesen. Er hat bei einem Job seinen Posten verlassen, eine Minderjährige in seinem stinkenden Van gevögelt und die Jungs mit dem MG's die bereits draußen warteten nicht beachtet. Deswegen habe ich mehrere gute Männer verloren und zwei Zielpersonen wurden getötet«, antwortete er trocken.
»Sieh es positiv, du hast überlebt Michael«, lächelte sie.
»Ich hätte mir gewünscht, das dem nicht so ist«, sagte er und bedachte sie mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte.
Mit großen Augen sagte sie, »Du hättest dir gewünscht, dort zu sterben?«
»Ich bin schon lange vorher gestorben Lea.«
»Nein, ich kann sehen, dass etwas in dir gestorben ist, was dich runterzieht, aber es kommen auch wieder bessere Tage.«
»Lea, ich … ach verdammt!«, schrie er und hämmerte seine Faust gegen die Wand hinter dem Tisch. Dort wo er getroffen hatte, blieb ein Abdruck zurück, aber es war noch etwas anderes zu hören. Es klang wie eine zitternde Metallplatte. Lea hatte erst gedacht, er würde sie angreifen und wich etwas zurück, aber dann sah sie, das der Angriff nicht ihr galt. Sie hatte wohl ein Thema erwischt, über das Korn nicht reden wollte oder konnte. Er allerdings vernahm das zitternde Geräusch und schaute reglos zur Wand. Sie sah ihm an, dass er nicht einordnen konnte, woher das Geräusch kam. Korn hämmerte erneut gegen die Wand. Wieder dieses Geräusch.
»Irgendwas ist in der Wand verborgen Lea. Wir suchen alles genau ab!«, rief er und begann jeden Millimeter der Oberfläche abzutasten. Lea tat es ihm gleich, als sie ihren kurzen Schock überwunden hatte. Nachdem sie die komplette Wand untersucht hatten, waren sie auf nichts gestoßen. Korn tippte mit den Fingern auf die Wand. Man sah ihm an, dass er überlegte, was zu tun war. Er zog seine Glock aus dem Schulterholster, warf das Magazin aus und leerte die Patronenkammer. Dann begann er mit dem Griff die Wand abzuklopfen. Lea tat es ihm gleich. An einer Stelle nahe der Decke klang es hohl, aber es war nichts zu sehen, was auf ein Versteck hingedeutet hätte. Korn blickte auf und sagte »Was ist da obendrüber?«
»Ähm, das Badezimmer glaube ich!«, sagte sie.
Korn rannte die Treppe hinauf. Lea folgte ihm. Es war tatsächlich das Badezimmer. Korn warf sich auf die Knie und suchte die hellen Fliesen oberhalb des Bodens ab. Zwischen der Dusche und der Toilette stand ein offenes Regal. Korn warf es achtlos hinter sich in den Raum. Wo es gestanden hatte, fiel sein Blick auf vier Fliesen, die wie der Zugang zu einem Ablauf aussahen. Er riss daran herum, bekam es aber nicht auf. Kurzerhand nahm er seine Waffe und zertrümmerte die Fliesen. Eingelassen in der Wand kam eine Stahlröhre zum Vorschein, die nach unten führte. Sie war zu eng als das Korn seine mächtigen Hände reinbekommen würde. Er stand auf um Lea, die hinter ihm stand, Platz zu machen. Die kleine blonde Frau hatte die deutlich kleineren Hände. Vorsichtig griff sie in die Öffnung und zog eine kleine SSD Festplatte heraus. Triumphierend streckte sie den Arm gen Himmel und rief, »Ich verwette meinen süßen Arsch darauf, das wir die Daten gefunden haben!«
»Ich bin mir nicht sicher«, brummte Korn, »lass uns erst herausfinden, was wir da gefunden haben.«
21. Kapitel
Dominikanische Republik, Puerto Plata
»Die beiden konnten uns keine Daten geben. Es existiert keine Kopie außerhalb des Forschungszentrums. Wir müssen wissen, wo das ganze Material von dort aus hingekommen ist«, schnaubte der Teamführer in das Telefon.
»Bin ich Copperfield? Kann ich zaubern?«, kam daraus hervor.
»Jede Spur verläuft sich im Sand. Nicht der kleinste Hinweis auf den Verbleib der Daten oder des Materials. Sie müssen uns irgendetwas liefern oder die Mission ist gescheitert!«
»Ihre Mission vielleicht, aber meine noch lange nicht. Falls ich etwas finde, bekommen sie Bescheid. Rufen sie nie wieder hier an, diese Verbindung ist nicht sicher!«, hörte er, bevor es knackte und die Leitung tot war.
Ihr Einsatz in Cabarete war mehr oder weniger erfolglos verlaufen. Sie hatten die Zeugen beseitigt, aber die beiden Wissenschaftler konnten ihnen nicht den kleinsten Hinweis liefern, weil sie einfach nichts wussten. Kopien gab es nicht, die Safes im Forschungszentrum gaben auch nur verbrauchte Luft her und das gesamte Material blieb verschwunden. Es war nicht einmal möglich die letzte Wissenschaftlerin zu finden. Ihre Eltern hatte ein anderes Team befragt und das Haus auf den Kopf gestellt. Es gab keinen Hinweis auf ihren Verbleib. Sie müsste noch in Mexiko sein. Den Flug auf ihren Namen hatte sie nie angetreten, ihre Wohnung in Cancún war verlassen und niemand hatte sie gesehen. Diese Marie Wasserstein war wie vom Erdboden verschluckt. Der ganze Einsatz sollte Routine sein. Der italienische Computertechniker sollte die Box aus dem Labor mitnehmen, sie am Strand hinterlegen, wo er sie abgeholt hatte, dann nach Hause fliegen und bei einem Brand zusammen mit seiner Frau draufgehen. Die Daten sollte der Kontakt im Forschungszentrum aus dem Safe von Buric holen und mit der Hauspost an eine fingierte Adresse schicken. Damit wäre das Thema erledigt gewesen. Aber von Anfang an erlebten sie eine Pleite nach der anderen. Die Box war am Strand hinterlegt worden, er hatte sie dort selbst abgeholt und an seinen Kontaktmann am Flughafen übergeben. Der Problemlöser hatte den Computertechniker kalt gemacht, bevor überhaupt aufgefallen war, dass die Box völlig wertlos war. Es war nur das Gehäuse und nicht die eigentliche Batterie. Dann wurden er und sein Team auf diese Wasserstein angesetzt. Als sie das Forschungszentrum erreichten, war es schon geschlossen worden und diese Wissenschaftlerin verschwunden. In ihrer Wohnung fehlte der Koffer. Vor dem Boarding der Maschine nach Deutschland war er mit seinem Team am Flughafen, nur die Wissenschaftlerin hatte dort nie eingecheckt. Ihr Auto wurde in einem Parkhaus in Cancún gefunden. Von ihr selbst fehlte jede Spur. Dann bekamen sie den Auftrag das Forschungszentrum zu durchsuchen. Nachdem der Säuberungstrupp alle Sicherheitsleute eliminiert hatte und sie den Safe geöffnet hatten, wähnten sie sich am Ziel, doch der ganze verdammte Bau war leer geräumt. Und nun, sollten sie die beiden Wissenschaftler, die Interpol in Cabarete versteckt hatte ausfindig machen und alle Informationen holen. Die beiden waren am Morgen danach garantiert draufgegangen, als sie den Kaffee getrunken hatten. Die Festplatte, die er kopiert hatte, enthielt allen möglichen Unsinn, nur keine Daten. Jede Menge Pornofilmchen und Chatverläufe über die besten Freudenhäuser in der Karibik, dazu ein Bitcoin Konto mit sagenhaften Null Dollar und der Onlineausgabe eines Buches von einem Autor aus Österreich.
John Clarkson war alles andere als erfreut über die ständigen Pleiten und er und seine beiden Jungs hatten nicht die kleinste Spur, der sie noch folgen konnten. Obwohl, eine ganz kleine Fährte hatten sie noch. Der Kontakt im Forschungszentrum.
Südamerika, Irgendwo über dem Atlantik
Lea Taylor saß mit Michael Korn in der Gulfstream von Interpol. Die Festplatte, die sie im Haus in Cabarete gefunden hatten, lag zwischen ihnen auf dem kleinen Tisch. Sie hatten versucht, die Daten darauf auszulesen, aber die Festplatte war verschlüsselt und jeder Versuch zwecklos. Sie konnten nur hoffen, dass ihr Hacker der mit Liz gerade nach Kopenhagen unterwegs war, ihr die Geheimnisse entlocken könnte. Da sie nichts weiter tun konnten, genossen sie den Flug zurück nach Frankreich. Lea hatte bemerkt, das Korn ihr gegenüber keine seiner sonstigen Gemeinheiten fallen ließ. Manchmal ertappte sie ihn bei einem kurzen Blick, der wenige Augenblicke auf ihr haften blieb, bis er wieder stur und regungslos aus dem Fenster starrte. Ihre Augen musterten diesen ehemaligen Bodyguard aufmerksam. Er war ohne Frage attraktiv, wenn auch etwas rundlicher um die Hüften, aber trotzdem wendig und schnell. Seine Bewegungen waren kraftvoll und zielsicher. Die blauen Augen, umrahmt von den kantigen Gesichtszügen, waren ständig in Bewegung, als ob sie etwas suchen würden. Insgesamt wirkte er bedrohlich auf die Menschen, und seine unmögliche Art unterstrichen diese Bedrohung noch. Allerdings war ihr aufgefallen, dass es da noch eine Seite an ihm gab, die nur in kurzen Augenblicken zum Vorschein kam. Eine weiche und verletzliche Seite. Versteckt hinter der Mauer, die er um sich errichtet hatte. Und ihr war aufgefallen, dass er sich seit dem Abflug aus Lyon, ihr gegenüber ganz anders verhielt. Er sprach mit ihr nicht mehr von oben herab, sondern bemühte sich, sichtlich freundlicher zu ihr zu sein. Jetzt musste sie nur noch versuchen, hinter sein Geheimnis zu kommen. Bei ihren Gesprächen gab es immer wieder diesen einen Punkt, an dem er ohne Vorwarnung hinter seiner Mauer verschwand, meist brach er dann den Satz ab und schwieg. Sie wollte die Schale knacken.
»Michael, was ist dein Geheimnis?«, fragte sie offen heraus.
Korn starrte weiterhin still aus dem Fenster. Erst als Lea die Frage wiederholen wollte, kam seine Antwort, »Geheimnis? Wie kommst du darauf, ich hätte ein Geheimnis?«
»Das ist offensichtlich. Du versteckst dich hinter deiner Art.«
»Da gibt es kein Geheimnis, ich bin eben so, wie ich bin.«
»So, wie du bist, hat sich aber seit wir Lyon verlassen haben ganz schön geändert.«
»Nein, es hat sich nichts geändert. Du bildest dir etwas ein«, beharrte er und stierte weiter aus dem Fenster.
»Michael, ich bin nicht blind. Meinst du ich, bemerke deine Blicke nicht und bekomme auch nicht mit, dass du anders mit mir sprichst?«
»Ich sollte netter sein wurde mir gesagt, das ist alles.«
»Das ist lächerlich und das weißt du. Du sitzt in deinem Käfig und jedes Mal, wenn ich einen Blick darauf erhasche, drehst du dich um, nur damit du nichts erklären musst.«
»Es gibt nichts zu erklären Lea«, antwortete Korn kühl, aber seine Stimme klang bebend.
»Oh doch, da gibt es einiges zu erklären. Ich bemerke deine Blicke, du bist unsicher und versuchst, zwanghaft etwas zu verstecken!«
»Lea, ich kann nicht. Hör bitte damit auf!«, wich er aus.
»Ich habe gerade erst angefangen und der Flug dauert noch lange genug. Du kannst mir nicht davonlaufen. Bis wir landen will ich alles wissen! Vorher gebe ich keine Ruhe.«
»Dann sollte ich dem Piloten klarmachen die Tür zu öffnen.«
»Ach, willst du mich im Atlantik ertränken?«, fragte sie.
»Nein, ich gehe lieber mit den Haien schwimmen.«
»Du willst also lieber aus 10 km Höhe ins Meer springen, und wenn du das überlebst mit den Haien spielen, nur um mir nichts sagen zu müssen?«
»Lea, du verstehst es nicht. Ich bin schon seit 30 Jahren dem Tod näher als dem Leben. Belassen wir es dabei.«
»Das heißt, ich wurde geboren, als du gestorben bist. Einzelheiten?«, setzte sie nach.
Korn sagte nichts. Nach wie vor richtete sich sein Blick durch das Fenster der Gulfstream nach draußen. Lea bohrte mit ihrem Blick nach, aber er zeigte keine Reaktion. Unbeweglich saß er in seinem Sessel. Es verstrichen einige zähe Minuten, bis Lea die Veränderung bemerkte. Korn hatte die Augen geschlossen und sie konnte Tränen in seinem Gesicht sehen, die der Schwerkraft nach unten folgten. Sie befürchtete zu weit gegangen zu sein. Lea hatte die harte Schale aufgebrochen, aber noch immer verließ kein Ton seinen Mund. Wie sollte sie darauf reagieren? Bevor Lea ihre Optionen analysieren konnte, bewegte der Bodyguard seinen Kopf vom Fenster weg, sah sie mit den nassen feuchten Augen an, bevor er leise anfing, etwas zu sagen. Lea spitzte die Ohren.
»Bis wir in Lyon landen wirst du vieles erfahren Lea. Aber, wenn ich aus dieser Maschine steige, seid ihr drei auf euch gestellt. Ich verlasse das Team sofort nach der Landung und ihr braucht nicht nach mir zu suchen. Was man finden wird, ist meine Leiche.«
Lea wurde mit einem Schlag blass.
»Michael, du machst mir Angst. Ich will zwar wissen, was los ist, aber nicht um jeden Preis. Wir werden eine Lösung finden, die nicht mit deiner Leiche endet, ok?«
»Es gibt keine andere Lösung.«
»Die gibt es immer, man muss nur danach suchen!«
»So, wie ich das sehe, gibt es nur eine Lösung und die ist für mich ungefähr so unerreichbar wie die Eiger-Nordwand für einen Asthmatiker.«
»Ich werde dir helfen, so gut ich kann diese Lösung zu erreichen, versprochen!«
»Das Lea ist ein Versprechen, das du nicht halten kannst, weil du diese Lösung bist!«
Sie schaute ihn irritiert an, verstand aber nicht, was er damit sagen wollte. Er gab ihr einen Moment Zeit zu überlegen. Fast flüsternd fragte sie, »Ich bin die Lösung?«
»Ja, auch wenn sich das für dich unglaublich anhören muss. Ich kann es ja selbst kaum glauben.«
»Sieht so aus, als hätte ich die Büchse der Pandora geöffnet. Allerdings ist es jetzt zu spät sie wieder zu verschließen und ich muss mit den Konsequenzen leben. Du verlangst aber hoffentlich nicht von mir, dass ich erschieße, denn das könnte ich nicht. Zum einen, weil ich keine Unschuldigen umbringe und zum anderen, weil ich, ähm Gefallen an dir gefunden habe.«
Korn hob die Augenbrauen nach oben und blickte ihr in die grünen Augen. Sie errötete.
»Du magst mich?«, fragte er stotternd.
»Du kannst es ja doch in mir lesen, Michael. Ich fand dich sehr interessant, als mir Roussel dein Dossier zukommen ließ. Da drin war auch ein Foto und ich war vor deinen Augen sofort fasziniert. Als ich dich dann im Besprechungsraum das erste Mal direkt gesehen habe, konnte ich meinen Blick nicht von dir lassen. Das war ein Moment für mich, den ich nicht ganz beschreiben kann. Bei unserem kleinen Gespräch alleine wurde es auch nicht wirklich besser und ich musste mich stark zusammenreißen, um nicht irgendeinen Blödsinn zu erzählen. Als du dann deine Sachen im Hotel holen wolltest, kam aber deine Art durch, was mich ehrlich gesagt wütend gemacht hat. So wütend dass ich mir beim Schießtest auf der Zielscheibe dein Gesicht vorgestellt habe. Als wir dann abgeflogen sind, kam aber wieder was anderes durch. Da war deine Entschuldigung, wenn du dich erinnerst, und ich hatte ganz schönes Herzklopfen. Leider wollte ich schon auf dem Flug hierher mehr herausbekommen, was allerdings nur dazu geführt hat, dass wir kaum noch gesprochen haben. Als ich in Cabarete dann auf dem Hügel lag und die ganze Zeit deine Stimme im Ohr hatte, wollte ich, dass der Tag nie endet. Das hätte ewig so weitergehen können. Im Haus dann später war ich wieder kurz davor dir dein Geheimnis zu entlocken. Leider wurden wir ja unterbrochen, weil du wieder in deine Mauern geflüchtet bist und nebenbei fast die Wand zertrümmert hast. Als wir dann wieder zum Flughafen gefahren sind, habe ich mir überlegt dich jetzt auf diesem Flug so lange zu bearbeiten, bis ich alles weiß. Und jetzt sitze ich hier wie ein kleines Mädchen und erzähle dir meine Gefühlswelt, ohne auch nur etwas von deinem Geheimnis erfahren zu haben. Eigentlich dachte ich, du wüsstest, dass schon alles, bevor ich es sage.«
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll Lea. Normalerweise kann ich in Menschen lesen wie in einem offenen Buch, nur bei dir versagt meine Kunst augenblicklich. Als ich im Besprechungsraum den Ausweis entgegennehmen musste, hab ich dich zum ersten Mal gesehen und um ehrlich zu sein hat es mir die Sprache verschlagen. Ich war hin und weg, obwohl ich nie gedacht hätte, dass so etwas in meinem Leben noch einmal möglich sein könnte. Ich hatte alle Mühe, mich zu konzentrieren und dich nicht die ganze Zeit anzustarren. Bei dem Gespräch habe ich versucht, in dir zu lesen. Dieser Versuch ist gnadenlos gescheitert. Alles, was ich wollte, war dich unter den Arm zu klemmen und auf dem schnellsten Weg das Gebäude zu verlassen. Mit jeder Sekunde stieg meine Angst, dass du aufspringst, mit dem Finger auf mich zeigst und laut schreist, du würdest mir an der Nase ansehen, dass ich mich in dich verliebt habe. Das auf dem Weg zu meinem Hotel war der verzweifelte Versuch ein bisschen Souveränität zurückzubekommen. Das war nicht leicht für mich, denn die ganze Zeit war ich versucht mir selbst eine reinzuhauen, weil ich so ein Arsch zu dir war. Auf dem Flug hattest du mich weich gekocht. Deshalb habe ich meinen Platz verlassen, in die Wolken gestarrt und heimlich geweint, weil ich dir nichts sagen konnte. Auf dem Weg zum Haus habe ich mich krampfhaft am Lenkrad festgehalten und mich gezwungen nur nach vorne zu schauen. Hätte ich nur einen Blick auf dich geworfen, wäre es aus mit mir gewesen. In dem Haus war ich dann wieder kurz davor, konnte es aber wieder nicht. Ich war so sauer auf mich selbst, dass ich gegen die Wand geschlagen habe, um mich mit ein bisschen Schmerz zu betäuben. Und jetzt diese Aktion. Weglaufen kann ich schlecht, wir fliegen noch mindestens 8 Stunden also wusste ich genau, was kommen würde. Hätte ich dir angesehen, dass es dir ungefähr so geht wie mir wäre es unsinnig gewesen, etwas zu verschweigen. Nur wie gesagt, bei dir funktioniert das irgendwie nicht.«
Lea wusste genau was zu tun war. Sie stand auf, ging um den kleinen Tisch, der zwischen ihnen stand herum und setzte sich auf seinen Oberschenkel, dann zog sie ihn zu sich heran und küsste ihn. Der Bann war gebrochen. Die nächste halbe Stunde verbrachten Sie wild küssend bis sie ihm tief in die Augen sah und sagte, »Kannst du mir jetzt dein Geheimnis verraten oder muss ich es aus dir heraus Küssen?«
»Das Angebot klingt verlockend Lea, aber du würdest keinen Ton hören. Ich werde es dir erzählen. Bitte unterbrich mich nicht, denn das würde es nur schlimmer machen. Ignoriere meine Tränen und versprich mir das du es für dich behältst!«, sagte er ernst.
»Versprochen!«, lächelte sie und hielt die rechte Hand in die Höhe.
Korn musste lächeln. Er lehnte sich etwas zurück und fing leise an zu beichten.
»In dem Jahr als du zur Welt kamst, besuchte ich, wie eigentlich jeder Jugendliche, eine Schule. In diesem Jahr waren wir die Ersten mit den Sommerferien. Gegen Ende Juli begann für uns wieder das Schuljahr. Während der ersten Woche traf, ich dann auf dem Schulhof eine Schülerin, die neu an der Schule war. Sie war ein Jahr jünger als ich und ich hatte sie noch nie vorher gesehen. Meine beste Freundin, mit der ich schon im Sandkasten gespielt habe, kannte sie von einer Schulführung in den Sommerferien. Ich war zu der Zeit noch im Urlaub. Jedenfalls werde ich diesen Augenblick nie vergessen. Sie war zum Niederknien. Die ersten 4 Wochen des Schuljahres waren wir vier nur zusammen anzutreffen. Isabella, so heißt sie, meine beste Freundin, ihr bester Freund und ich verbrachten jede freie Minute zusammen. Wir waren jung und dumm, haben alles Mögliche zusammen angestellt und Isabella war immer dabei. Es kam, wie es kommen musste, und ich habe mich in sie verliebt. Allerdings bis schwer über beide Ohren und mit allem, was dazugehört. Mitte September konnte ich das nicht länger verheimlichen, also habe ich ihr auf dem Schulhof gesagt, wie ich für sie empfinde. An diesem verfluchten Tag bin ich gestorben Lea. Ihre Reaktion war ganz anders, als man sich das eigentlich vorstellt. Entweder bekommt man einen Korb oder man fällt sich um den Hals. Sie hatte noch eine dritte Option in der Trickkiste, nämlich den schlimmsten Korb, den man sich nur vorstellen kann. Ich war gerade fertig mit meiner Beichte, als ihre rechte Hand geflogen kam und mir im Gesicht landete. Direkt danach hat sie sich umgedreht und mich stehen lassen. Körperlich tat mir die Ohrfeige nicht mal weh, aber seelisch hat sie mich völlig zerstört. Das war aber leider noch nicht alles. Nach diesem Moment hat sie mich komplett ignoriert, kein Wort mehr mit mir gewechselt und ging mir aus dem Weg, wann immer das irgendwie möglich war. Für mich war das schlimmer als alles, was man sich nur vorstellen kann. Meine Tage bestanden nur noch aus Isabella. Das begann morgens beim Aufstehen und ging durch, bis ich eingeschlafen war. Aber selbst in meinen Träumen war sie nicht aus meinen Gedanken zu bekommen. Einige Wochen später wurde alles noch viel schlimmer. Meine Nächte liefen so ab, dass ich einschlief und dann in meinem Traum wieder vor Isabella stand. Ich sah, wie sie mir ein heruntergehauen hat und dann weggegangen ist. An der Stelle bin ich dann immer weinend aufgewacht und musste mich, so gut es irgendwie ging beruhigen. Als ich wieder eingeschlafen bin, begann das alles wieder von vorne. Ich habe also etwa 30 Minuten geschlafen bis ich wieder weinend aufgewacht bin, mich wieder beruhigt habe, um dann die nächste halbe Stunde zu schlafen, bevor ich wieder schreiend aufgewacht bin. Von den 8 Stunden blieben in den besten Zeiten gerade mal dreieinhalb Stunden Schlaf übrig. Nicht nur eine Nacht, sondern jede verdammte Nacht, die über die Jahre noch folgte. Teilweise habe ich ganze Nächte ausgelassen, nur um zu vermeiden den schlimmsten Moment meines Lebens wieder und wieder erleben zu müssen. Um das irgendwie wieder loszuwerden, habe ich Ärzte aufgesucht, so viele ich finden konnte. Psychologen, Therapeuten und wie die Quacksalber sonst noch heißen. Helfen konnte mir keiner davon. In meiner Verzweiflung habe ich sogar Wunderheiler und Hexen aufgesucht. Es war völlig sinnlos. Jahr um Jahr verging so und ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Ich habe mehrfach versucht, mich selber zu killen. Wie du siehst ebenfalls erfolglos. Da es nicht zielführend ist darauf zu warten unter einem Lkw zu landen, oder das dir ein Hochhaus auf den verdammten Schädel kracht, habe ich mir einen Beruf gesucht der es mir erlaubte jeden Tag vielleicht abgeknallt zu werden. Leider meinte mein Glück es nicht wirklich gut mit mir und alles habe ich unbeschadet überstanden. Nicht mal eine Kugel aus dem MG's hat mich gestreift, als Mike die Minderjährige flachgelegt hat. Ein paar meiner Kollegen waren tot, zwei der Zielpersonen ebenfalls, nur ich hatte nicht mal einen Kratzer. So wurde ich über die Jahre zu dem Arschloch, das ich heute bin. Immer wieder war ich mit meinen Gedanken bei Isabella, das sind die tollen Momente, in denen ich verzweifelt versuche, meine Tränen zu unterdrücken. Gelingt nur in den seltensten Fällen. Und dann kamst du und hast mich auf den Kopf gestellt. Ich hatte panische Angst, dir zu sagen was los ist Lea, denn ein weiteres Mal überlebe ich das nicht mehr. Dafür reicht meine Kraft nicht aus. Das ist meine Geschichte!«
Lea sah Korn staunend an. Seine Stimme war immer wieder mit Tränen erstickt und er hatte einige Pausen einlegen müssen um das alles vor ihr offen legen zu können. Sie hatte nicht gewagt ihn zu unterbrechen und ihm alle Zeit gelassen, die er brauchte, jetzt lag es an ihr richtig zu handeln. Isabella war Geschichte geworden und Lea hatte jetzt diesen Platz besetzt. Sie wischte ihm einige Tränen aus dem Gesicht, schlang ihre Arme um seinen Oberkörper und drückte ihn so fest sie konnte an sich als sie sagte, »Michael, was immer auch war, heute ist Schluss damit. Ich, und das verspreche ich dir, bleibe an deiner Seite so lange du mich nur aushalten kannst und willst, wenn du mir versprichst mich nie zu verraten. Ich habe mich nur einmal in meinem Leben an jemanden gebunden und derjenige hat mir nur etwas vorgespielt, um mich ans Messer zu liefern.«
»Es ist mir eine Ehre, an deiner Seite sein zu dürfen Lea. Bitte vergib mir, wenn ich mal wieder in mein Verhaltensmuster abrutsche und dir gegenüber etwas sage, was ich nicht sagen sollte.«
»Das kann ich machen, aber nur unter einer Bedingung«, grinste sie ihn an.
»Und welche wäre das?«, fragte er unsicher.
»Wann immer du mir etwas sagst, was nicht in Ordnung ist darf ich dir eine hauen und du sagst mir, das du mich liebst und küsst mich!«
»Sozusagen als direkte Strafe für mich?«, fragte er.
Sie nickte und sagte, »Genau das! Und, weil ich mir nichts Schöneres vorstellen kann, um dich wieder normal zu kriegen.«
»Einverstanden Lea«, sagte er zärtlich und küsste sie.
22. Kapitel
Dänemark, Kopenhagen
Noch während Liz in Hannover gefahren war, hatte Mike den Brief von Marie Wasserstein an ihre Eltern gelesen. Es war ein Liebesgeständnis über das junge Glück zwischen ihr und ihrer Freundin Martina. Ihre Eltern sollten sich keine Sorgen machen. Marie würde, solange das Forschungszentrum geschlossen war, bei ihrer Freundin bleiben.
Mike durchsuchte noch während der Fahrt die Datenbanken und fand eine Martina aus Kopenhagen. Liz und er machten sich sofort auf den Weg. In Dänemark war es deutlich kühler als noch in Deutschland. Es war Hochsommer. Da Dänemark ein bisschen weiter nördlich liegt, war es angenehm warm, aber nicht so drückend schwül wie im Rest der Welt. Das Navigationsgerät in dem Mietwagen vom Flughafen lotste sie quer durch die Innenstadt von Kopenhagen. Die Großstadt war gar nicht so wirklich groß. Die 630.000 Einwohner verteilten sich auf einer Fläche von 86 km². Die Hauptstadt Dänemarks lag unter den Städten mit der höchsten Lebensqualität beständig unter den Top 10 und bot einiges an Sehenswürdigkeiten. Kein schlechtes Fleckchen, um einen Urlaub zu verbringen. Das Haus von Martina lag in einer netten, ruhigen Wohngegend. Sie lag etwa 20 Gehminuten vom Zentrum entfernt und bot alles, was man brauchte. Auch das Café, aus dem Maries letztes Handysignal gekommen war, lag nur wenige Hundert Meter entfernt.
Liz hielt direkt vor dem Haus. Mike steckte seinen Laptop in die Tasche und atmete tief durch, als er auf dem Gehweg vor dem hübschen Häuschen stand. Liz blickte sich um. Sie war noch nicht viel in der Welt herumgekommen außer in ihrer Heimat Großbritannien. Sie wunderte sich nur über das immer schöne Wetter, das scheinbar überall herrschte, nur eben nicht in London, ihrer Heimatstadt. Ihr Nikotinspiegel lag wieder extrem niedrig, bisher hatte sie keine Zeit für ihr Laster finden können, alles musste schnell gehen und im Auto durfte sie nicht rauchen. Sie stieg die vier Steinstufen zum Eingang hinauf und klingelte. Nach einer kurzen Wartezeit betätigte sie erneut die Klingel und klopfte zusätzlich vorsichtig an die Tür. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie hinter der Tür eine Bewegung bemerkte. Dann wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet und das Gesicht einer jungen Frau, mit völlig zerzausten blonden Haaren erschien.
»Wer sind sie?«
»Frau Damgaard, ich bin Liz Croll und mein Kollege Mike Banks. Wir sind von Interpol und würden gerne mit Marie Wasserstein sprechen. Sie hält sich doch hier auf?«, sagte Liz und hielt der jungen Frau ihren Ausweis vor die Nase.
»Marie schläft noch, kommen sie in einer Stunde wieder her, ja?«, erwiderte sie.
Liz wurde es zu bunt, »Frau Damgaard, wir haben nicht die Zeit für ihre Spielchen. Ihre Freundin schwebt in Lebensgefahr. Wenn sie die Tür schließen brechen wir sie auf und sie verrotten im Gefängnis, allerdings ohne ihre geliebte Marie. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«
»In Lebensgefahr sagen sie? Kommen sie herein, ich hole Marie, aber bitte tun Sie ihr nichts.«, schoss es aus Martina heraus und sie öffnete die Tür, bevor sie sofort in einem Gang verschwand. Liz sah, dass sie nur in einem Höschen die Tür geöffnet hatte. Mike und sie hatten sie wohl gerade im Bett gestört. Der Hacker hatte zum Glück nichts von der halb nackten jungen Frau gesehen. Die beiden traten ein und Mike überzeugte sich noch einmal, dass ihnen niemand gefolgt war. Niemand war zu sehen, als er die Tür schloss und verriegelte. Aus dem Schlafzimmer drangen gedämpfte Stimmen zu ihnen, während sie sich umsahen. Direkt vor Liz lag die kleine Küche mit einem kleinen Tisch und zwei Stühlen, links davon gab eine halb geöffnete Tür den Blick auf ein geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer frei. In dem Flur, den Martina durchquert hatte lag das Badezimmer und etwas dahinter das Schlafzimmer. Mehr gab es nicht zu sehen. Das Haus war nicht gerade sehr groß, aber für eine alleinstehende junge Frau reichte es. Wenig später erschienen die beiden frisch Verliebten zusammen und kamen auf Mike und Liz zu. Mike bekam große Augen, als er Marie zum ersten Mal vor sich sah. Die schlanke Brünette mit den kleinen festen Brüsten hatte sich nur schnell ein Trägerkleid übergeworfen, das von zwei kleinen Fäden auf der Schulter gehalten wurde. Sie wirkte ebenso wie ihre Freundin, als wäre sie gerade erst aus dem Bett gefallen, nachdem sie von den beiden Agenten so unsanft unterbrochen wurden. Liz hatte Mikes Reaktion ebenfalls bemerkt und stellte sich schnell vor ihren Kollegen, bevor er seinen Charme auspacken konnte.
»Miss Wasserstein, ich bin Liz Croll von Interpol. Könnten wir uns etwas unterhalten?«, begann Liz.
Wasserstein musterte die beiden Besucher mit wachem Blick, als sie sagte »Wieso überfällt mich Interpol früh am Morgen, an einem Ort, der kaum jemandem bekannt ist und behauptet auch noch ich wäre in Lebensgefahr?«
»Weil sie eben gefährdet sind Miss Wasserstein. Hätten wir nicht durch Zufall ihren Brief, den sie ihren Eltern geschickt haben, in die Hände bekommen würden wir sie immer noch suchen. Allerdings suchen vermutlich auch Leute nach ihnen, die nicht so freundlich sind.«
»Miss Croll, wieso sollte jemand nach mir suchen und was lässt sie glauben diese Leute wären unfreundlich?«
»Eigentlich wollte ich es nicht so hart ausdrücken, aber da sie die Situation nicht begreifen wollen, ihre Eltern Miss Wasserstein wurden ermordet, weil einige Leute hinter ihren Forschungen her sind, War das jetzt verständlich?«
Die beiden Frauen blickten sich unsicher an. Martina fand als Erstes ihre Sprache wieder. »Du hast versucht sie anzurufen Marie, aber niemand nahm den Anruf entgegen. Dann hast Du den Brief geschrieben. Erinnerst Du Dich?«
»Natürlich erinnere ich mich, aber wieso sollte man meinen Eltern etwas antun. Mein Handy liegt im Wohnzimmer, das hätte sicher schon geklingelt, wenn das so wäre.«
»Soweit ich weiß, hast Du es ausgemacht, als wir das Café verlassen haben und um die Häuser gezogen sind. Seitdem haben wir das Schlafzimmer nur noch verlassen um ein bisschen was zu Essen Schatz.«
»Oh mein Gott, Du hast recht. Ich werde sofort versuchen sie anzurufen«, stammelte Marie und wollte zu ihrem Handy stürmen.
Liz stellte sich Ihr in den Weg. »Miss Wasserstein, lassen sie Ihr Handy ausgeschaltet. Sogar wir haben bereits versucht sie damit zu orten, und glauben sie mir, die Leute, die es auf sie abgesehen haben werden nur darauf warten ihren genauen Aufenthaltsort zu erfahren.«
In diesem Moment klingelte das Smartphone von Liz in ihrer Tasche. Sie nahm ab, hörte einige Sekunden zu und legte dann wieder auf. Sie legte die Stirn in Falten und drehte sich zu Mike um.
»Das war Roussel. Lea und Korn haben die beiden Wissenschaftler besucht. Sie sind beide tot. Vergiftet.«
»Aber die waren in einem sicheren Haus untergebracht Liz«, rief Mike.
»Ich weiß Mike. Korn wollte sie befragen, aber bevor er dazu kam, waren beide schon tot. Lea und er konnten nur eine Festplatte sicherstellen, allerdings verschlüsselt. Wir müssen uns beeilen und so schnell wie möglich zurück nach Lyon.«
Marie hörte das alles mit und wurde zunehmend unruhig.
»Wer ist tot, welche Wissenschaftler?«, fragte sie mit besorgtem Blick.
»Ein Materialforscher mit Namen Buric und ein Energieforscher der auf den Namen Onut hörte«, meinte Mike.
Martina und Marie wurden bleich. Sie hatten beide gekannt. Buric war Ihr Kollege, der die Formel des Materials unter Verschluss hatte. Onut war erst einige Tage dabei und sollte die Energiegewinnung untersuchen. Liz sah die beiden jungen Frauen scharf an und überlegte einen kurzen Moment. Dann sagte sie zu Mike »In 5 Minuten fahren wir zurück zum Flughafen, gib dem Piloten Bescheid. Wenn wir in der Maschine sitzen hat er 30 Sekunden bis wir in der Luft sind« Mike griff nach seinem Handy und Liz drehte sich zu den beiden Frauen um. »Sie beide packen nur das Nötigste ein. Sie haben 3 Minuten. Los gehts!«
»Ich fliege nirgendwo hin« protestierte Marie.
»Miss Wasserstein, sie werden uns begleiten, ob sie wollen oder nicht. Wenn nicht freiwillig dann betrachten sie sich jetzt als in Schutzhaft genommen. Ist das angekommen?«, entgegnete Liz mit einem Ton, der jeden Widerspruch unmöglich machte.
Beide Frauen hechteten ins Schlafzimmer und begannen zu packen. Mike brüllte in sein Smartphone, während Liz ihre Waffe zog und vorsichtig durchs Fenster auf die Straße schaute. Alles war ruhig, das ganz normale Leben pulsierte in der Gegend. Liz versuchte Gestalten auszumachen, die nicht in diese Gegend passten. Ihr Blick suchte die geparkten Autos ab. Es gab keine Auffälligkeiten zu entdecken. Mit gepackten Taschen kamen Martina und ihre Marie wieder in den Flur als Mike auflegte und sein Telefon in die Tasche gleiten ließ.
»Wir sind sofort startklar Liz«, gab Mike ihr die Information weiter.
»OK, Mike, du bringst uns zum Flughafen. Fahr so schnell es geht. Am besten noch schneller. Ich behalte die Umgebung im Auge. Wir müssen, so schnell es geht hier weg. Ich habe das ungute Gefühl, dass man uns verfolgt«, sagte sie und hielt ihm den Autoschlüssel hin.
Mike nahm den Schlüssel an sich, öffnete die Tür und sprang hinaus. Den Kofferraum entriegelte er im Vorbeigehen und die Klappe schwang lautlos auf, als er sich schon den Sitz zurückstellte, um einzusteigen. Liz sicherte mit vorgehaltener Waffe den Gehsteig, und trieb die beiden Frauen an, ihr Gepäck ins Auto zu werfen und einzusteigen, so schnell es ging. Sie zog die Haustür zu und sprang auf den Beifahrersitz. Mike trat aufs Gas und raste durch die Straße als wäre es eine Rennstrecke. Liz behielt den Überblick und suchte mit ihren Augen nach Bedrohungen. Plötzlich sagte Mike »Wir haben Gesellschaft Liz. Uns folgt ein dunkelblauer BMW!« Liz sah nach hinten und entdeckte das Fahrzeug. Zwei Männer in dunklen Anzügen, die ihre Sonnenbrillen auf den Augen hatten. »Versuch, sie loszuwerden Mike!«, sagte sie. Er fuhr, so schnell er konnte durch die Straßen, über einige rote Ampeln hinweg und driftete um einige Kreuzungen, aber der blaue Wagen klebte an ihnen wie ein alter Kaugummi. Liz hatte eine Idee und fragte Martina »Gibt es hier irgendwo Geschwindigkeitskontrollen?«
»Machen sie sich Sorgen wegen einer Geschwindigkeitsübertretung. Sie sind doch von Interpol!«, antwortete sie.
»Quatsch, ich möchte ein Bild von dem Wagen und den Männern haben, vielleicht bekommen wir so raus, wer es auf uns abgesehen hat.«
»Verstehe, reicht auch ein Handyfoto?«, fragte die Blonde.
»Ja das reicht. Versuchen sie, gute Aufnahmen zu bekommen. Nummernschild und die beiden Insassen!«
Martina nahm ihr Handy und drehte sich auf ihrem Sitz nach hinten. Dann hielt sie ihr Smartphone an das Fenster und drückte immer wieder auf den Auslöser. Plötzlich schrie Mike »Liz, da fährt eine Polizeistreife vor uns. Ich nehm die mit ins Spiel!«
Er raste die Straße entlang, hielt seine Hand auf die Hupe und zog mit geringem Abstand an der Streife vorbei. Der blaue BMW wurde etwas langsamer und bog dann in eine kleine Seitenstraße ein. Die Polizeistreife folgte mit Blaulicht und Sirene dem Mietwagen den Mike Richtung Flughafen steuerte.
Am Vorplatz zu den Privatmaschinen kam er mit quietschenden Reifen zum Stehen. Dicht dahinter stoppte auch die Streife. Die beiden Beamten stiegen aus, versteckten sich hinter den Türen ihres Fahrzeugs und legten ihre Waffen auf die vier Personen an. Liz öffnete langsam die Beifahrertür, stieg aus und hielt ihren Interpolausweis in die Höhe. Vorsichtig näherte sie sich den Beamten. Als sie den Ausweis erkennen konnten, ließen sie die Waffen sinken. Liz erklärte ihnen, dass man sie verfolgt hatte, und fragte sie, ob sie ihr helfen könnten. Die Beamten nahmen die Beschreibung auf und gaben sie über Funk an ihre Kollegen weiter, während sie selbst die nähere Umgebung sicherten. Mike, Liz und die beiden Frauen kletterten in die Interpolmaschine. Sofort begann die Maschine Fahrt aufzunehmen und währenddessen fuhr die Treppe ein und die Tür wurde geschlossen. Silbrig glitzernd stieg sie in den Himmel über Kopenhagen und drehte nach Südwesten ab.
Liz und Mike klärten die beiden verängstigt wirkenden Frauen während des Fluges auf, was alles Geschehen war. Erst jetzt wurde Marie Wasserstein bewusst, dass sie ihre Eltern nie wieder in die Arme schließen würde können. Sie begann hemmungslos zu weinen und vergrub ihr Gesicht in der Schulter ihrer Freundin, die sie umklammerte und festhielt. Trotzdem konnte Liz jetzt nicht aufhören, Fragen zu stellen. Wie war es den beiden gelungen, ohne eine Spur aus Mexiko zu verschwinden und in Dänemark wieder aufzutauchen. Martina begann zu erklären, »Als das Forschungszentrum geschlossen wurde, hat man uns befragt. Es ging um den Diebstahl, den Marie entdeckte. Sie war ja im Urlaub und an ihrem ersten Arbeitstag war der Prototyp verschwunden. Sie war also unschuldig. Ich arbeite in der Poststelle, aber Pakete versende ich keine, nur Briefe also kam es auf dem Weg auch nicht raus. Außerdem habe ich keine Zutrittsberechtigung zum Tresor. Also durften wir beiden gehen. Da wir befreundet sind und Marie erst bei ihren Eltern war, wollte sie eigentlich in ihrer Wohnung bleiben. Ich hatte aber von einer Bekannten das Angebot bekommen mit nach Jamaika zu schippern. Da ich sowieso schon lange in Marie verliebt war, hab ich sie gefragt, ob sie mich nicht begleiten will. Sie hat zugesagt und wir sind mit dem Boot rüber nach Jamaika. Dort lebt ein Geschäftsfreund meines Vaters, den wir besucht haben. Er hatte aber nicht sehr viel Zeit, weil er geschäftlich nach Dänemark musste. Marie war noch nie hier und da ich hier wohne, haben wir uns entschieden mitzufliegen und hier einen Urlaub zu verbringen. Also waren wir zusammen in Kopenhagen unterwegs und ich habe ihr die Sehenswürdigkeiten gezeigt. Abends sind wir dann in einer Cocktailbar gelandet und nach reichlich Alkohol hat mir Marie verraten, dass sie sich in mich verliebt hat. Ab da sind wir eigentlich kaum mehr aus dem Bett gekommen. Bis sie heute Morgen aufgetaucht sind und uns gestört haben.«
»Tja, die Störung tut mir leid. Mir wäre es auch lieber, sie beiden könnten sich noch im Bett vergnügen, aber so wie es aussieht, sind sehr viele verschiedene Gruppen hinter der Forschung und den Ergebnissen her und derzeit halten diese Leute wohl nichts davon Menschen, die damit zu tun haben, am Leben zu lassen. Interpol hat die beiden Forscher in der Dominikanischen Republik versteckt. Meine Kollegen sind dort hingeflogen, um mehr Informationen zu bekommen, aber bevor sie etwas verraten konnten, wurden sie getötet. Wir haben Maries Eltern in Hannover ausfindig gemacht. Am Telefon haben wir weder Marie noch ihre Eltern erreicht. Also haben wir das Haus in Hannover aufgesucht, konnten aber dort nur noch die Leichen finden. Da lief gerade die Untersuchung des Tatorts, als ihr Brief ankam. Daraufhin sind wir nach Kopenhagen geflogen und scheinbar hat auch jemand anders erfahren, wo sie zu finden waren.«
»Okay, und was passiert jetzt?«, fragte Martina.
»Wir werden sie irgendwo unterbringen müssen. Allerdings an einem Ort, den nur wir sechs Personen kennen.«, gab Liz zurück.
»Sechs? Kann man bei Interpol nicht zählen? Wir sind nur vier!«
»Unsere beiden Kollegen noch, allerdings werde ich offizielle Stellen da raushalten. Wer weiß an welcher Stelle da Informationen herausgehen. Den Aufenthaltsort der beiden anderen Wissenschaftler wusste auch nur Interpol.«
23. Kapitel
Dänemark, Kopenhagen
»Was heißt sie konnten entkommen?«, kam es laut aus dem Telefon.
»Sie hatten Hilfe von einer kleinen Frau und einem Mann. Wir wissen nicht, wer die beiden waren, aber sie waren einige Minuten vor uns dort«, sagte er.
»Versuchen sie es herauszufinden. Dann spüren sie sie auf und dann das Übliche!«
»Alle vier oder nur die beiden Schlampen?«, fragte er mit ruhiger Stimme.
»Führen sie Plan Alpha aus. Keine Zeugen!«, kam es prompt.
»Verstanden« gab er zurück und trennte die Verbindung.
»Cody hast du schon was gefunden?«, fragte er seinen Partner.
»Das war ein verfluchter Mietwagen Sjaak, gemietet am Flughafen und bezahlt von Interpol. Mieterin war eine Liz Croll.«
»Na toll. Jetzt müssen wir auch noch zwei Interpolagenten umlegen, wird ja immer besser.«
»Ich dachte, wir sollten nur die beiden Weiber umlegen!«
»Anweisung von ganz oben. Plan Alpha ausführen, heißt alles umlegen, was sich bewegt. Interpolagenten mit eingeschlossen.«
»Und ich dachte, das wird einfach. Ein bisschen in der Welt rumfliegen, Wissenschaftler umnieten und Ergebnisse besorgen«, scherzte Cody.
Sjaak Vis und sein Partner Cody Foley waren die Männer, die man rief, wenn es einen Job zu erledigen gab, den man unmöglich selbst durchführen konnte. Sie waren seit vielen Jahren im Geschäft und hatten sich einen guten Ruf erworben. Es interessierte nicht, wer etwas wollte oder warum, solange die Bezahlung stimmte. In diesem Fall jedoch stimmte die Bezahlung. Nicht nur eine Firma hatte sie beauftragt, es waren gleich deren vierzehn, vertreten durch einen einzigen Mann. Ihr Auftrag war einfach. Wissenschaftler die kalte Erde erforschen lassen und deren Ergebnisse im Diesseits zu berichten. Um was für Ergebnisse es sich dabei handelt, spielte keine Rolle. Der Auftraggeber war aus Bremen in Deutschland. Er verhandelte für die vierzehn Firmen und bot insgesamt 20 Millionen € an plus einen Bonus von 2 Millionen pro Nase, falls sie es schafften den Mann zu benennen der am anderen Ende die Fäden zog. In diesem Schachspiel waren viel zu viele Figuren auf dem Brett und jetzt kam auch noch Interpol dazu. Ihr Problem war nur, dass sie eine Unmenge an Informationen sammeln und auswerten mussten. Das machte sie zu langsam. Die Gegenseite verfügte scheinbar über eine große Menge an Ressourcen. In Mexiko kamen sie viel zu spät, dort war die Messe bereits gelesen, als sie landeten. Nur sie hatten das Glück zu sehen, wer da mitmischte. Typen im Anzug, die sich so verhielten, gab es nicht viele. Asiaten waren es keine, also konnte man China vergessen. Es waren Amerikaner, die erkannte man sofort. Egal wo auf der Welt, die auftauchten, konnte man sie hören bevor man sie zu Gesicht bekam. Somit war die Auswahl auf drei Organisationen eingegrenzt. Da blieben nur NSA, CIA oder FBI übrig. Das FBI ermittelt aber nur in den USA selbst und hatten in Mexiko nichts zu suchen, blieben also nur entweder NSA oder CIA. Da sie das Glück hatten eine Aktion zu verfolgen, die extrem unprofessionell durchgezogen wurde, war es relativ sicher, dass es nicht die NSA war. Die agierten eher subtiler. Solche Aktionen bringt nur die CIA zustande. Laut, auffällig wie ein Kamel beim Pferderennen und überheblich. Solche Stümper gab es nur an einem Ort, und der Boss besitzt ein hübsches Büro in Langley. Nur dort waren viele Köche am Rühren und hereinkommen war fast unmöglich. Besonders nach dem 11. September 2001 war es schon schwer genug, in das Land zu kommen. Langley selbst war noch einmal extra gesichert. Eher konnte man in Kentucky das Fort Knox ausräumen, ohne gesehen zu werden, als das man es schaffte, ins Hauptgebäude der CIA zu kommen. Es gab nur einen großen Vorteil bei der Geschichte. Einen Agenten der CIA erkannte man tausend Meter gegen den Wind, und die Jungs waren nicht mal in der Lage einen Bleistift zu halten. Die konnte man leicht einfangen und aushören. Allerdings hatten sie erst mal diese Wissenschaftler aufspüren müssen. Zwei davon hatte Interpol versteckt und sie hatten keine Informationen darüber, wo man die versteckt hielt. Aber diese Wasserstein war zu finden gewesen. Ein Geschäftsmann aus Kopenhagen war so glücklich darüber, einen Flug von Jamaika nach Kopenhagen im Firmenjet mit einer Martina und deren Freundin verbringen zu können das er darüber eine Story gepostet hatte. Die Bilder zeigten so eine blonde Frau und nebenan saß eine brünette die nur diese Wasserstein sein konnte. Dann war es nur noch ein Kinderspiel gewesen diese Martina in Kopenhagen zu finden. Leider einige Minuten nach Interpol. Sie dachten, es wäre nur ein Pärchen, die zu Besuch kamen und wollten warten, bis sie wieder verschwunden sind. Konnte ja keiner ahnen, dass es ausgerechnet Leute von Interpol waren. Die sollte also auch in Sicherheit gebracht werden. Leider konnten sie den Mietwagen nicht einholen und dann kam ihnen auch noch eine Streife in die Quere. Es war zu gefährlich geworden und sie mussten abbrechen. Jetzt hieß es wieder Informationen sammeln. Aber zumindest hatten sie ja schon mal einen Namen. Liz Croll von Interpol. Kann ja nicht so schwer sein die zu finden.
24. Kapitel
Frankreich, Lyon
Lea und Michael saßen vor Bernand Roussel in seinem Büro und berichteten über den Fehlschlag von Cabarete. Die Wissenschaftler wurden ermordet, obwohl sie von ihrem Chef in Sicherheit gebracht wurden. Jetzt galt es Spuren zu finden. Angeblich wusste niemand außer Roussel selbst, wo die beiden versteckt worden waren, doch schon in der Nacht zuvor war jemand dort. Sie hatten die Festplatte gefunden, aber niemand hatte eine Ahnung, was darauf zu finden war. Lea hatte sie bereits im IT-Labor abgegeben und die Techniker arbeiteten bereits daran, die Verschlüsselung zu knacken. Das würde einige Zeit dauern. Mike und Liz hatten sich bereits gemeldet. Ihr Einsatz, die verschwundene Wasserstein ausfindig zu machen, war mehr oder weniger erfolgreich. Es gab zwei Leichen, eine Verfolgungsjagd durch Kopenhagen und eine dänische Polizei die nicht gerade begeistert waren Agenten von Interpol unter die Arme zu greifen. Den blauen BMW hatte man zumindest gefunden. Ausgebrannt, auf einem verlassenen Fabrikgelände etwa 30 km von Kopenhagen entfernt. Von den Insassen fehlte jede Spur. Allerdings hatte Liz einige Fotos geschickt, die sie machen konnte, und man versuchte jetzt, zu erfahren, wer die beiden Verfolger waren und vor allem wer sie geschickt hatte.
»Roussel, sie haben uns gesagt niemand weiß, wo sich die beiden Faultiere aufhalten außer ihnen. Das bedeutet für mich in erster Linie das unter uns dreien in diesem Büro ein Maulwurf sitzt, wobei wir allerdings auch Miss Zwerg und den Rammler Mike nicht vergessen dürfen, die ebenfalls anwesend waren.«, begann Korn das Offensichtliche zu konstatieren.
»Das ist so nicht ganz richtig Mister Korn«, kam es von Roussel »ich musste der SilOld AG ebenfalls sagen wo sich ihre beiden Wissenschaftler aufhalten.«
»Das heißt die ganze verdammte Firma, von der letzten Reinigungskraft über den Hauskomiker bis hin zum letzten Bürowürmchen wusste jeder wo, die zwei sich gegenseitig das Röhrchen polieren? Das grenzt es dann zumindest schon mal auf etwa 82 Millionen Menschen ein.«, blaffte Michael. Lea legte ihm sanft ihre Hand auf den Unterarm, um ihn etwas zu bremsen.
»Nein, nur die Chefetage wusste davon, beziehungsweise der Vorstandsvorsitzende Putt.«, erklärte Roussel mit niedergeschlagenem Blick.
»Na dann können wir uns ja glücklich schätzen, dass nur er, seine Frau, die missratenen Kinder und die Sekretärin, die er nebenbei noch hält, den Aufenthaltsort gekannt haben. Lea checkt den Kindergarten und ich nehm mir diesen Putt persönlich zur Brust.«
»Michael, krieg dich bitte ein bisschen ein. Mir zuliebe, ok?«, besänftigte Lea.
»Tut mir leid Lea, aber bei so was krieg ich Puls. Das ist ungefähr so wie, wenn ich einen Aushang am schwarzen Brett mache, wann man meine Zielperson am besten abknallen kann. Aber für dich sehe ich es jetzt ein bisschen lockerer«, versuchte er zu erklären.
»Wie hast du dem Chef der Firma mitgeteilt, wo die beiden sind Bernand?« fragte Lea.
»Ich hab ihn angerufen, aber es war nur seine Vorzimmerdame erreichbar. Also habe ich ihm eine E-Mail geschickt.«
»An seine geschäftliche Adresse oder die private?«, wollte Korn wissen.
»An die Geschäftliche, eine andere haben wir nicht.«
»Lea, ich habe eine dunkle Ahnung das wir gleich wieder in der Gulfstream sitzen werden, und ich mindestens noch eine Zigarette rauchen muss, bevor ich jemandem den Hals umdrehe.«, erklang die dunkle Stimme von Korn.
»Ich fürchte, du hast recht Schatz. Kannst du noch eine Minute warten, dann komm ich mit.«, sagte sie mit einem lächeln.
»Ja, ich warte auf dem Gang auf dich.«, murmelte er und stand auf. Sanft legte er seine Hand auf ihre zarte Schulter, bevor er grußlos das Büro verließ. Hinter ihm krachte die Tür in den Rahmen. Roussel zog die Stirn kraus und blickte Lea fragend an.
»Bernand, hast du eine Ahnung, warum ich jahrelang unentdeckt bleiben konnte?«, fragte Lea.
»Weil du vorsichtig warst, denke ich. Kannst du mir erklären, was das gerade war?«
»Ich habe niemals elektronische Post verwendet, sondern nur über tote Briefkästen Aufträge angenommen und ein verstecktes Leben geführt. Das Internet ist extrem gefährlich. Jeder kann E-Mails abfangen und lesen ohne dass es der Absender noch der Empfänger mitbekommen. Auch Telefone können abgehört werden, es sei denn, man benutzt mehrfach verschlüsselte Kanäle. Michael ist deswegen ärgerlich, weil dir noch keiner erklärt hat, was sichere Kommunikation bedeutet.«
»OK, kapiert. Aber ich meinte etwas anderes. Du nanntest ihn plötzlich Schatz und eben, als er ging, hat er dich so vorsichtig berührt wie eine Porzellanfigur.«
»Oh, das meinst du. Ist mir so herausgerutscht. Tut mir leid, aber wir sind verliebt. Und jetzt informiere dich über sichere Kommunikation. Wir sind dann mal in Deutschland!«, flötete Lea und Roussel wurde allein gelassen.
Michael wartete neben der Tür auf seine Lea. Als sie aus dem Büro kam, grinste er sie an und meinte »Musste das gleich so offensichtlich sein?«
Sie drückte ihn an sich und flüsterte »Tut mir leid, ist mir so herausgerutscht. War keine Absicht. Verzeihst du mir?«
»Wie könnte ich da Nein sagen? Lass uns rausgehen, muss ja nicht gleich jeder wissen, was los ist.«, kicherte er.
Lea ging wieder auf Abstand und sie bewegten sich zum Aufzug. Als die Kabine ankam, trat ein Mann auf den Flur, der eine Mappe in der Hand hielt. Bevor Lea und Michael einsteigen konnten entschuldigte sich der Mann und fragte »Verzeihung, sind sie nicht Michael Korn?«
»Wer will das wissen und warum?«, brummte Korn.
»Ich bin vom Botendienst und habe sie in ihrem Büro gesucht. Wir haben eine Nachricht, für sie bekommen«, antwortete er und hielt Korn einen braunen Umschlag hin. Korn nahm den Umschlag, betrat mit Lea den Aufzug und öffnete ihn. Heraus fielen einige Bilder und eine Nachricht von Liz Croll:
Guten Tag Mister Arsch,
Anbei die Fotos, die wir von unserer Verfolgungsjagd in Kopenhagen machen konnten. Wenn sie das aus dem Fenster starren beenden könnten und sich auf unseren Auftrag konzentrieren wollen wäre es uns eine große Hilfe, wenn sie die Güte hätten die Bilder durch die Gesichtserkennung laufen zu lassen.
Liz Croll
»Dieses elende englische Suppenhuhn geht mir extrem auf den Sack. Wenn ich sie das nächste Mal sehe, ramme ich ihren missratenen Kopf durch die Wand«, schimpfte er. Lea musste laut lachen, aber als sie ein Blick auf ein Bild warf, blieb ihr das Lachen im Hals stecken. Erschrocken packte sie Michael am Arm.
»Das sind Sjaak Vis und sein Partner Cody Foley. Söldner der übelsten Sorte. Wir müssen Liz warnen Michael!«, rief sie.
»Du kennst die beiden?«, fragte Korn.
»Oh ja, die kenne ich. Ich musste in Malaysia so einen Milliardär abknallen und diese beiden waren mir im Weg. Ich musste fast eine Weltreise machen, um zu entkommen«, stöhnte Lea.
Korn zog sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer von Croll, die er als Miss Zwerg abgespeichert hatte.
»Oh Mister Arsch, welch nette Überraschung. Was kann ich gegen sie tun?«, spottete Liz.
»Miss Zwerg, die beiden Armleuchter, die sie verfolgt haben, sind ein Sjaak Vis und ein Cody Foley. Ein paar Söldner. Sie sollten auf sich aufpassen, es wäre sehr schade, wenn ich die Gelegenheit verpassen würde, ihr vorzeitiges Ableben selbst zu übernehmen.«
»Wie lieb sie doch sein können. Ich bin überrascht, dass sie vor Mike wissen, wer das ist.«
Lea schnappte sich das Telefon aus seiner Hand und sah ihn etwas böse an.
»Liz, hier ist Lea, die beiden sind extrem gefährlich. Ich hatte schon mit ihnen zu tun. Die legen für Geld sogar ihre eigene Mutter um, und sie sind nicht billig. Wer immer dahintersteckt, hat genug Geld, um sie zu bezahlen. Bringt euch so schnell wie möglich in Sicherheit. Wir werden uns etwas überlegen, wenn Michael und ich wieder zurück sind«, dann legte sie auf.
»Du solltest etwas netter zu ihr sein Schatz, versprochen?«, drängte sie ihren Freund.
»Tut mir leid Lea, aber bei der englischen Kampfziege rollen sich meine Zehennägel auf.«, raunte er ihr zu.
Sie nickte »Ich kann dich ja verstehen, aber sie ist auf unserer Seite. Nimm dich bitte ein bisschen zurück.«
»Ich versuche es ja, aber allein wenn ich ihre Stimme höre, habe ich das unbändige Verlangen ihr einen Stuhl über die Rübe zu ziehen und sie zum Trocknen an die Luft zu hängen.«, nörgelte er.
»Warum nennst du sie eigentlich Miss Zwerg?«, fragte sie lächelnd.
»Weil ich den Boden absuchen muss, um nicht über sie zu stolpern.«
»Liebling, darf ich dich daran erinnern, dass ich auch so klein bin?«
»Du hast ja recht, aber bei dir ist das anders Lea. Dich möchte ich einfach nur in den Arm nehmen und nie wieder loslassen.«
»Dann mach das«, flüsterte sie und schlang ihre Arme um ihn. Er beugte sich zu ihr herunter und drückte sie an sich. Mit seinen Lippen hauchte er einen zärtlichen Kuss auf ihre Stirn.
Der Fahrstuhl kam zum Stehen und sie trennten sich aus ihrer Umklammerung. Die Türen glitten auseinander. Michael und Lea durchquerten die Vorhalle und begaben sich durch die schweren Holztüren auf den mit Sonnenlicht überfluteten kleinen Vorplatz. Michael griff in seine Beintasche und zog die Schachtel Zigaretten heraus. Er nahm einen Tabakstängel und als er ihn gerade zum Mund führen wollte, griff Lea zu. Sie nahm die Zigarette aus seiner Hand und steckte sie sich selbst in den Mund.
»Lea, du rauchst doch gar nicht. Willst du wirklich damit anfangen?«, fragte er unsicher.
»Du hast mich noch nie mit einer Zigarette gesehen Schatz. Ich rauche genau so wie du und Liz. Ich hatte nur die ganze Zeit keine mit und wollte dich nicht danach fragen. Außerdem blieb ja keine Zeit dafür«, sagte sie und holte ihr Feuerzeug aus der Hosentasche.
»Lass uns in das Café da drüben gehen, gemütlich eine rauchen und einen Kaffee genießen. So viel Zeit nehmen wir uns jetzt einfach.«
Sie nahm seine Hand, zog ihn über den Platz zu dem kleinen Café an die Ecke und flüsterte »Ich liebe dich Michael.«
Dänemark, Kopenhagen
»Ich hab sie gefunden Sjaak. Unser nächstes Ziel heißt Barcelona!«, rief Cody.
»Barcelona? Wieso denn Spanien?«
»Ich hab mich in die Datenbank am Flughafen eingeklinkt. Der Flugplan der Gulfstream die auf Interpol registriert ist, geht von Kopenhagen über Deutschland und Frankreich nach Barcelona«, sagte Cody.
»Na dann lass uns hinterher. Vielleicht springt ja noch ein bisschen Zeit für ein Spiel vom FC raus«, grinste Sjaak.
25. Kapitel
Vereinigte Staaten, Moore (OK)
Es war ein richtig heißer Sommertag in Moore. Thomas Bloom hatte es sich in seinem Garten, bei einem eisgekühlten Saft, unter einem Sonnenschirm gemütlich gemacht. Nur in knappen Shorts bekleidet lag er in seinem Liegestuhl und genoss das Zwitschern der Vögel in den Bäumen um ihn herum. Den längeren Urlaub hatte er sich jetzt wirklich verdient. Vor fast neun Jahren im Alter von 23 hatte man ihn als Agent auf Lea Enis angesetzt. Er flog von Oklahoma nach Texas und verbrachte fast ein Jahr damit, nach der Killerin zu suchen. Es war fast unmöglich sie zu finden. Enis war extrem vorsichtig. Sie besaß kein Telefon und auch keinen Computer, lebte versteckt irgendwo in Texas als junge Frau, die immer wieder ihr aussehen veränderte. Unauffällig und tödlich. Peinlich genau plante sie ihre Morde. Immer aus großer Entfernung mit mindestens fünf verschiedenen Fluchtplänen. Wie eine Maschine tötete sie ihre Opfer und war nie lange an einem Ort. Nach jedem tödlichen Schuss verschwand sie innerhalb einiger Minuten. Nur durch die Hilfe von Kommissar Zufall kam er auf ihre Spur. Ein Geschäftsmann aus Chicago wurde wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen. Er hatte Enis einige Aufträge erteilt. Man hatte ihn effektiv verhört und er wusste, wo sich der tote Briefkasten befand, den die Killerin für ihre Aufträge nutzte. Bloom legte sich dort auf die Lauer, um sie aufzuspüren. Fast ein Jahr brauchte er, um festzustellen, das Enis immer in einer anderen Verkleidung dort erschien und die Aufträge abholte. Mehrfach versuchte er ihr, einen gefakten Auftrag unterzujubeln. Erst dachte er, der ausgemachte Preis wäre zu niedrig, weil Enis keinen Auftrag angenommen hatte. Er hatte sogar weit über 5 Millionen für ein einziges Ziel geboten, doch Enis lehnte jeden Auftrag ab. Die Ablehnungen erfolgten immer auf dem Gleichen weg. In einem Forum für Computerspiele erschien ein Post über einen Fehlercode, der einem Spieler angezeigt wurde. Der Name des gewünschten Opfers war der Name des Spielers selbst. Um ihren Unterschlupf ausfindig zu machen, versuchte er ihr mit einem Auftrag einen Peilsender unterzuschieben. Aber auch dieser Versuch scheiterte. Enis nahm die Aufträge mit, doch noch bevor der Peilsender den Ort der Übergabe verließ, war er unbrauchbar geworden. Er versuchte, den immer anders aussehenden Kurieren zu folgen, was sich als schwerer erwies als gedacht. Enis konnte in Sekunden ihr aussehen verändern. Mal verschwand sie in einer Toilette und verließ diese nur 30 Sekunden später völlig verwandelt. Trotzdem gelang es ihm irgendwann, ihr zu folgen. Er sprach sie in einer Bar an. Offenbar hatte er Eindruck hinterlassen, denn sie meldete sich bei seiner Tarnidentität als Dennis Wilcox. Doch selbst als er mit ihr eine Beziehung führte, war er nie Teil ihres Plans. Das gelang erst nach acht langen Jahren. Er durfte zum ersten Mal teilhaben und einen Fluchtwagen fahren. Das war die große Chance, Enis zu kassieren. Bloom setzte seine Vorgesetzte Lisa Turner in den Wagen und Enis stieg einfach zu. Sein Auftrag war erfüllt. Jetzt genoss er einen längeren Urlaub zu Hause. Neben ihm zerriss der Klingelton seines Smartphones die Gesänge der Vögel.
»Bloom«, meldete er sich.
»Turner hier. Wir haben ein Problem!«
»Special Agent, es gibt kein Problem. Ich habe ihnen Enis auf dem Silbertablett serviert. Sie sitzt im Gefängnis und wartet auf ihre Verhandlung. Alle Beweise sind vorhanden«, wollte er sie abwürgen.
»Enis sitzt eben nicht mehr im Gefängnis. Sie ist geflohen!«, brüllte sie.
»Das ist nicht ihr verdammter Ernst Turner.«
»Leider doch. Als sie aus dem Gefängnis zu ihrer ersten Anhörung abgeholt wurde, verschwand sie einfach. Sie kam dort nie an.«
»Turner, sie hat gesagt, sie bringt mich um, wenn sie rauskommt. Sie wissen, zu was sie fähig ist. Wie lange ist sie schon weg?«
»Seit zwei Tagen. Sie könnte überall sein. Wir sollten sie in Sicherheit bringen Bloom!«
»Wie soll das funktionieren Turner?«
»Ich habe ihnen eine neue Identität verschafft und eine Wohnung besorgt. Sie verschwinden noch heute von der Bildfläche!«
»Lassen sie sich Zeit, ich nehme an, in ein paar Minuten bin ich tot!«, schrie Bloom in den Hörer.
»Eine Einheit ist bereits auf dem Weg zu ihnen. Sie sollten in weniger als zehn Minuten bei ihnen sein. Machen Sie sich fertig. Ach und Bloom, sobald wir Enis gefunden haben können sie in ihr altes Leben zurückkehren.«
»Also nie. Danke Turner, sie waren mir eine große Hilfe. Übrigens, Enis kennt auch ihren Namen. Sterben sie wohl meine Liebe!«
Er trennte die Verbindung, blickte sich ängstlich um und schlich in sein Haus zurück. Bloom zog die Vorhänge zu, verriegelte die Türen und begann seine Sachen zu packen. Sein Urlaub war vorbei noch, bevor er richtig begonnen hatte. Der Jäger war zum Hasen geworden.
Deutschland, Berlin
Dunkle Wolken zogen sich über der Stadt zusammen, als Korn und seine Lea den Mietwagen erreichten. Lea war noch nie in Deutschland und verstand auch kein Wort von der harten abgehackten Sprache. Korn war hier zu Hause und sie bewunderte wie er von Deutsch ins Englische wechseln konnte. Er öffnete den dunklen Ford-SUV mit einem Druck auf die Fernbedienung. Lea setzte sich auf den Beifahrersitz und zog die Tür zu während Korn ihr kleines Reisegepäck in den Kofferraum warf. Er klemmte sich hinter das Lenkrad.
»Gibt es denn nur noch Zwerge und Idioten auf der Welt?«, stöhnte er, als er den Sitz nach hinten schob.
»Nicht alle Menschen sind so lang wie du Michael. Aber wo siehst du Idioten?«, fragte sie und drehte amüsiert den Kopf.
»Die Pfeife von der Autovermietung hat mich ernsthaft gefragt, welche Versicherung ich haben will!«
»Ja, und?«
»Ich brauche keine verdammte Versicherung!«
»Brauchst du schon, immerhin sitze ich auch hier drin Schatz!«
»Ich weiß, deswegen fahr ich auch besonders vorsichtig.«, sagte er und fuhr mit durchdrehenden Rädern los.
»Das nennst du vorsichtig? Ich glaube, ich brauche noch einen Sicherheitsgurt.«
»Ich könnte dir einen Kindersitz anbieten. Liegt im Kofferraum.«
Lea schlug ihn, so fest sie konnte auf den Oberarm. Korn bremste, blieb am Straßenrand stehen und zog die Handbremse an.
»Ich liebe dich!«, sagte er, nahm sie in den Arm und küsste sie. Lea lächelte ihn an, als sie sagte »Du hast es dir gemerkt!«
»Natürlich habe ich es mir gemerkt Lea. Ich könnte es mir nie verzeihen dich zu enttäuschen.«
»In der rauen und stacheligen Schale steckt ja doch ein ganz lieber und fürsorglicher Mensch, man muss ihn nur manchmal an die Oberfläche locken.«, grinste sie.
»Ja, aber verrate es keinem. Nachher glauben die noch, ich wäre weich geworden.«, scherzte er.
»Du bist weich Michael, ich hatte dich schon im Arm. Richtig kuschelig.«
»Danke für die Blumen, aber lass uns weiterfahren da wartet ein Lutscher in Nadelstreifen darauf, therapiert zu werden.«
»Das möchte ich auf keinen Fall verpassen.«
Korn löste die Handbremse und setzte die Fahrt ruhiger fort. Auf dem Teilstück der Autobahn zog er ganz nach links, trat das Gaspedal voll durch, um den Wagen auf Höchstgeschwindigkeit zu bringen. Lea sah im Fenster die Bäume, Sträucher und anderen Fahrzeuge vorbeifliegen. Instinktiv legte sie ihre Hände an die Griffe, um sich festzuklammern. Korn bemerkte, wie sie sich versteifte. Er legte sanft seine rechte Hand auf ihren schlanken Oberschenkel. »Entspann dich Lea. Du brauchst keine Angst zu haben.«
Sie verzog ihren Mund zu einem schiefen lächeln, sagte aber nichts. Korn nahm ein bisschen Geschwindigkeit zurück. Sie wurde wieder lockerer.
»Wie schnell bist du eben gefahren?«, fragte sie mit besorgtem Ton.
»250 km/h, mehr kommt aus der Möhre hier nicht raus.«
»Wenn die Cops hier irgendwo stehen, gehst du nur noch zu Fuß.«
Er lachte »Nein mein Herz. Wir sind hier nicht in den USA, wo man mit 90 Meilen (ca. 145 km) über den Highway schleicht. In Deutschland darfst du auf der Autobahn so schnell fahren, wie du willst, es sei denn, es gibt Schilder, die dich einbremsen. Auf diesem Stück dürften wir sogar noch schneller fahren, aber unsere Karre gibt einfach nicht mehr her.«
»OK, das für mich ganz neu. Bisher war ich noch nie in Europa mit dem Auto unterwegs. Da muss ich mich erst dran gewöhnen.«
Korn nahm die Ausfahrt und drosselte auf die zulässige Geschwindigkeit. Sie erreichten einen riesigen Palast aus Stahl und Glas. Die wenigen Sonnenstrahlen, die noch durch die Wolkendecke drangen, funkelten wie Sterne in dem Bauwerk. Lea fand es atemberaubend schön. Er steuerte den Firmenparkplatz an. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Irgendwo in dem Gebäude würden sie den Chef der SilOld AG finden.
Die Empfangsdame im Erdgeschoss machte ein mürrisches Gesicht. Korn hatte sie angesprochen und verlangte, den Chef zu sprechen. Der Chef des weltweit agierenden Unternehmens war für niemanden zu sprechen, schon gar nicht für einen Mann wie Michael Korn. Alleine schon sein Erscheinungsbild reichte als Grund aus. Schwarze Cargohose, schwere Stiefel mit einem schwarzen T-Shirt, das am Oberkörper spannte, ließen ihn aussehen wie einen Verbrecher. Seine Begleitung, eine kleine blonde Frau steckte in Flecktarnhosen und einem engen Top. Das war kein Aufzug, in dem man zum Chef eines Weltunternehmens vorgelassen wurde. Sie rief die Männer von der Security, um die beiden nach draußen bringen zu lassen. Zwei Männer in ihren dunkelblauen Uniformen näherten sich den Besuchern. Korn stellte sich vor Lea und warf den beiden einen bösen Blick zu. Der Ältere von beiden sprach Korn an »Verlassen Sie bitte das Gebäude!«
»Hör zu Torfnase, du nimmst jetzt deinen Freund mit den Segelohren an der Hand und bringst uns zu Volker Putt, sonst lass ich dir die Luft raus und versenke euch im Wannsee!«, sagte er kühl.
»Verlassen Sie bitte das Gebäude. Wir können auch anders!«, kam zurück.
Korn griff in seine Tasche, aber in dem Moment zogen die beiden schon ihre Waffen. Er verharrte in der Bewegung und sagte »Packt euer Spielzeug weg. Ich möchte euch zwei Eierköpfe ungern verletzen. Außerdem ist es nicht hilfreich, Interpolagenten mit Waffen zu bedrohen.«
»Interpolagenten? Machen Sie sich nicht lächerlich. Letzte Warnung, sie beiden verlassen umgehend das Gebäude!«
Korn drehte seinen Kopf zu Lea »Halt den hübschen Kopf unten, ich nehm sie jetzt auseinander.« Lea lächelte ihn an und nickte. Im selben Moment schleuderte Korn seinen linken Arm auf die Hand mit der Waffe, die wie eine Taube durch die Halle segelte, packte mit der rechten Hand die Waffe des anderen und drehte sie geschickt nach rechts weg. Korn tauchte nach links unten weg, bevor er seine rechte Schulter auf die Rippen des linken Wachmanns knallen ließ. Nach einer kurzen Drehung um die eigene Achse landete seine Hand am Hals des rechten, der keuchend zu Boden ging und nach Luft schnappte. Dann nahm er den anderen mit seinem rechten Arm in den Schwitzkasten, zog seinen Ausweis aus der Tasche und hielt ihm dem Mann vor die Augen. Dann sagte er »Du bringst uns jetzt zum Obermotz, sonst reiß ich dir den Kopf ab.«
»OK«, krächzte er mit großer Anstrengung.
Korn ließ ihn los und herrschte ihn an »Vorwärts bevor ich Ernst mache!«
Der Wachmann wandte sich zu den Aufzügen um. Lea stellte sich links neben Korn. Unbemerkt vor allen Augen gab sie ihm einen leichten Klaps auf den Hintern. Der Wachmann führte sie zu den Aufzügen. Sie traten ein. Surrend glitten die Türen zu. Der Wachmann hielt eine Chipkarte vor ein Lesegerät, das mit einem Piep die Berechtigung quittierte. Er drückte auf den Knopf für die 23. Etage. Sachte setzte sich die Kabine in Bewegung.
Oben angekommen standen sie in einer mit weißem Marmorsteinen ausgekleideten Halle. Bilder an den Wänden erzählten die Geschichte der Firma von der Gründung im Jahr 1906 bis heute. Der Wachmann führte sie an der Galerie vorbei, an deren Ende eine Dame in einem schicken fliederfarbenen Outfit an einem Schreibtisch saß. Ihre tiefrot lackierten Fingernägel kratzten auf einer Tastatur. Der Wachmann stellte Korn und Lea als Interpolagenten vor. Als die Dame aufsah, nickte sie ihm kurz zu. Er ging wieder zum Fahrstuhl zurück. Korn registrierte das kleine Namensschild, das vor ihr auf dem Schreibtisch stand. »Britta Herzog« war darauf zu lesen. Sie erkundigte sich nach dem Grund des Besuchs. Michael sah sie kühl an, sagte aber nichts. Sie betätigte eine Taste auf einer Anlage und sagte »Herr Putt, hier sind zwei Herrschaften von Interpol, die sie sprechen möchten.«
»Danke Britta. Schicken sie Sie herein.«
Frau Herzog stand auf und öffnete eine Tür. Mit einer einladenden Geste wies sie in den Raum. Korn ließ Lea den Vortritt. Die Tür wurde leise hinter ihnen geschlossen.
Volker Putt war ein schlanker hochgewachsener Mann im mittleren Alter. Seine dunkelbraunen Haare waren mit grauen Schlieren durchsetzt. Er trug einen Beigefarbenen Anzug mit rotem Einstecktuch. An den Ärmeln blitzten goldfarbene Manschettenknöpfe hervor.
»Nehmen sie Platz. Darf ich ihnen etwas anbieten?«, begrüßte er sie mit verhaltenem Lächeln.
»Herr Putt, das ist meine Kollegin Lea Taylor. Mein Name ist Michael Korn. Ich würde sie bitten diese Unterhaltung in Englisch zu führen, damit meine geschätzte Kollegin alles versteht.«
»Natürlich Mister Korn. Miss Taylor, darf ich ihnen etwas anbieten? Tee, Kaffee, vielleicht ein Wasser?«
»Danke nein«, erklärte Lea.
»Sie sind Michael Korn? Etwa der Michael Korn?«, fragte Putt.
»Nein, ich habe meinen Doppelgänger geschickt. Sie schienen mir nicht wichtig genug, um selbst zu erscheinen. Wir sind nicht hier um mit ihnen zu plauschen Mister Putt. Ihre beiden Mitarbeiter die Interpol in Sicherheit gebracht hat, haben ihre Kittel endgültig an der Garderobe abgegeben. Abgesehen davon das Roussel den Fehler gemacht hat ihnen in einer E-Mail mitzuteilen, wo sie zu finden sind, können die Mörder nur hier erfahren haben, wo man sie suchen muss. Sparen wir uns also den Teil, in dem sie uns Honig in den Bart schmieren wollen und kommen zum Thema«, sagte Korn mit emotionsloser Stimme.
»Interpol hat sie extra hier hergeschickt, um mir mitzuteilen das meine Mitarbeiter getötet wurden?«, fragte Putt.
»Uns schickt man nicht, um ihnen mitzuteilen, das ihr Humankapital zum Teufel ist. Wir sind hier, um zu erfahren, wo die undichte Stelle ist. Zum jetzigen Zeitpunkt vermute ich sie nämlich vor mir!«
»Man hat mir schon oft berichtet, sie seien schwierig. Ich wollte das nicht glauben, muss aber einsehen, dass es stimmt. Sie sollten jetzt besser gehen Mister Korn«, versuchte Putt das Gespräch zu beenden.
»Ich habe noch nicht einmal angefangen, schwierig zu werden. Wir wollen wissen, wer auf diese E-Mails Zugriff hat, warum und wann. Außerdem will ich von ihnen hören, welche Informationen sie Interpol vorenthalten. Und nur damit sie klar sehen, ihr Sicherheitsdienst, die paar Kindergärtner, die hier herumlaufen, bringen mich nicht zum Gehen. Fangen sie an, zu singen, bevor ich vielleicht etwas unsanft darauf bestehen muss mir zu sagen, was ich wissen will!«, knurrte Korn ihn an.
»Hören sie Mister Korn, sie kommen hier in mein Büro und verlangen Informationen, die ich ihnen nicht geben kann oder will. Das liegt nicht darin begründet, weil ich kein Vertrauen in Interpol habe. Mir obliegt die Pflicht, diesen Konzern zu führen. Das bedeutet, ich muss in erster Linie mögliche Neuentwicklungen schützen. Mitarbeiter in der Forschung sind ersetzbar, aber die vorhandenen Daten nicht. Ich habe bereits einige Vorkehrungen getroffen und die werde ich ihnen nicht auf die Nase binden.«
»Ihre Reaktion hat mir bereits mehr als genug verraten. Sie haben also dafür gesorgt, dass sämtliche Daten aus Mexiko verschwunden sind. Den Aufenthaltsort möchten sie nicht preisgeben. Das Leben ihrer Mitarbeiter setzen sie gerne aufs Spiel, aber wie sieht es mit ihrem eigenen aus?«, warf ihm Korn an den Kopf.
»Ich verstehe nicht.«, stammelte Putt.
»Ich helfe ihrem Erbsengehirn mal auf die Sprünge. Egal wer hinter den Informationen her ist, wird rausfinden, dass in Mexiko nichts mehr zu holen ist. Oh, ich sehe gerade, man hat es also schon herausgefunden. Das heißt, es kann nicht viele Menschen geben, die wissen, wo sie es versteckt haben. Jeder halbwegs intelligente Mensch weiß aber das sie über diese Informationen verfügen. Wie lange wird es wohl dauern bis sie kopfüber von der Decke hängen, man ihnen die Zehennägel mit dem Lötkolben entfernt und die Schönheitsoperationen mit einem rostigen Messer durchführt? Ohne Betäubung natürlich. Sie können jetzt also wählen, ob sie es mir sagen wollen, oder in spätestens zwei oder drei Tagen den nächtlichen Besuchern!«
Während Korn das erzählte, kritzelte er einige Zeilen auf einen Zettel vor ihm. Er hielt ihm den Zettel hin. Volker Putts Augen wurden immer größer als er las:
Wanze in ihrem Telefon.
Nennen Sie ein Ziel, an dem nichts zu holen ist und schreiben die Wahrheit hier auf. Kein Wort zu niemandem!
»Sie haben recht Mister Korn. Man hat in Cancún dreißig Sicherheitsleute getötet und die Safes aufgebrochen. Ich habe dafür gesorgt das alle Daten, Formeln und Prototypen nach Caracas in Venezuela gebracht wurden. Dort sind sie sicher aufgehoben, bis die Angelegenheit bereinigt wurde und wir die Forschung, unter höheren Sicherheitsvorkehrungen fortsetzen können.«
Er schob Korn wieder das Blatt zu.
Die Daten sind in Cartagena und die Prototypen in Kapstadt!
Die Formel lag nicht mehr im Safe!
»In Ordnung«, sagte Korn, »allerdings denke ich, es dürfte sicherer sein, wenn wir sie jetzt ebenfalls irgendwo unterbringen, wo sie nicht gefunden werden. Natürlich liegt das an ihnen. Sie dürfen auch gerne darauf warten, wer sie nachts besuchen kommt.«
»Mal angenommen ich wäre nicht so scharf darauf, das zu erfahren. Was würden sie an meiner Stelle tun?«, fragte Putt.
»Meinen Pass verbrennen, die Grenze nach Belgien überqueren und ein neues Leben als Pommesbrater beginnen. Sie könnten aber auch mit uns dieses Gebäude verlassen und darauf vertrauen, das wir sie sicher unterbringen.«, erklärte Korn unbekümmert.
»Belgien klingt verlockend. Option zwei würde ich dennoch vorziehen.«
»Dann folgen sie uns einfach.«, lächelte Korn und stand auf. Lea, die während des ganzen Gesprächs versucht hatte, wie Korn in Putts Gesicht zu lesen, erhob sich ebenfalls. Als sie aus dem Büro kamen, sagte Volker Putt zu seiner Sekretärin »Britta sagen sie alle meine Termine ab. Ich muss dringend einiges erledigen.«
»Natürlich, Herr Putt, ich kümmere mich darum.«, flötete sie und warf ihm ein Lächeln zu. Dann begann sie zu telefonieren.
Korn beobachtete die Szene, sagte aber nichts weiter.
Als die drei das Gebäude verließen, zog Michael seine Zigaretten hervor und reichte Lea eine davon. Die beiden sogen genüsslich den Rauch ein. Dann wandte sich Korn zu Putt und sagte »Sie müssen den Anzug loswerden. Das ist zu auffällig!«
Während Lea rauchte, stand Volker Putt daneben und wusste nicht, was er tun sollte. Korn lehnte an dem Mietwagen, sog den Rauch ein und tippte in sein Handy. Dieses hielt er dann Volker Putt hin und legte seinen Zeigefinger über den Mund.
Ich vermute, dass in ihren Klamotten auch ein Sender versteckt ist. Wir bringen sie zu einem Supermarkt. Kaufen Sie sich etwas zum Anziehen, neue Socken sowie neue Schuhe. Ziehen Sie sich auf der Kundentoilette um. Lassen Sie ihren Anzug dort liegen und werden sie ihr Smartphone los. Dann steigen sie wieder in den Wagen. Bis dahin kein einziges Wort!
Volker Putt nickte zum Zeichen, das er verstanden hatte. Sie stiegen in den Mietwagen und Korn fuhr zu einem unauffälligen Fashion-Store in der Innenstadt. Der Vorstandsvorsitzende der SilOld AG schälte sich aus dem Wagen und verschwand im Laden. Lea und Korn blieben darin zurück. Sie blickte Putt fragend hinterher, während sie Michael fragte »Was war denn los? Was sollte das alles und was treibt er jetzt da drin?«
Korn grinste leicht »Unser Großkotz wurde in seinem Büro abgehört Lea. Vermutlich steckt in seinem Telefon eine Wanze. Sicherheitshalber wird er jetzt seinen Anzug und sein Smartphone los, falls da ebenfalls etwas versteckt sein sollte.«
»Er wurde abgehört? Aber von wem?«, fragte Lea.
»Ich habe eine Vermutung. Allerdings ist es jetzt erst einmal wichtig, so schnell wie möglich nach Venezuela zu reisen. Dort hast du deinen großen Auftritt.«
»Was soll ich tun?«, kam es von ihr und die Neugier war ihr ins Gesicht geschrieben.
»Alles zu seiner Zeit mein Schatz. Während des Fluges werden wir einen genauen Plan ausarbeiten«, lachte er.
26. Kapitel
Frankreich, Lyon
»Vielleicht ist es mir gelungen, unsere beiden Verfolger ein bisschen auf Abstand zu halten«, kicherte Mike auf dem Weg in ein kleines Hotel am Stadtrand von Lyon.
»Wie soll ich das Verstehen Mike?«, fragte Liz etwas irritiert.
»Wenn die beiden wirklich so clever sind, wie Lea sagt, werden sie vermutlich wissen, dass wir in der Gulfstream von Interpol abgehauen sind. Wir dürfen also davon ausgehen, dass sie sich unseren Flugplan etwas genauer ansehen. Als wir gestartet sind, habe ich den ein bisschen frisiert. Statt Lyon habe ich als Reiseziel Barcelona angegeben.«
»OK, verstehe. Aber warum Barcelona und nicht Moskau oder Prag?«
»Liz, Flugzeuge kann man anhand ihres Transpondersignals verfolgen. Falls sie das getan haben, hätten sie gesehen das wir Deutschland überflogen haben mit Kurs auf Frankreich. Moskau und Prag liegen nicht auf dieser Route.«, erklärte er siegessicher.
»Und wenn sie das Transpondersignal, was immer das auch ist, verfolgen und rausfinden dass wir doch in Lyon gelandet sind, was dann?
Sie werden es nicht finden Liz. Ich habe die Piloten gebeten den Transponder auszuschalten und in Lyon einen anderen einbauen zu lassen. Unsere letzte Position ist kurz hinter der Grenze zu Frankreich. Danach taucht es nirgendwo mehr auf.«
»Dann hoffen wir mal das es uns etwas Zeit verschafft.«, seufzte Liz.
Ihr Wagen hielt kurz vor dem kleinen Hotel am Stadtrand. Da Liz die beiden Frauen so sicher wie möglich unterbringen wollte, zog sie Bargeld an einem Geldautomaten. Das kleine Hotel machte einen sauberen, jedoch nicht gerade luxuriösen Eindruck, aber der Aufenthalt sollte auch nicht auf Dauer sein. Erste Regel zur sicheren Unterbringung verwende niemals deinen richtigen Namen. Zweite Regel, verändere dein Aussehen, so gut es geht. Dritte Regel, verhalte dich unauffällig. Die beiden jungen Frauen wurden als Theresa Miller und Sarah Brighton eingecheckt. Touristinnen aus England, die hier ihren Urlaub verbringen wollten. Das Zimmer wurde gleich für zwei Wochen bar bezahlt. Liz ließ sich, mit einigem Widerstand der beiden Bank und Kreditkarten aushändigen. Sie sollten Bar bezahlen. Damit man sie nicht so einfach erkennen konnte, schienen ein Haarschnitt mit Tönung angebracht. Vielleicht würden sie noch Sonnenbrillen aufsetzen. Liz drückte ihnen noch dreitausend € in die Hand und sagte ihnen das sie sich wie normale Touristinnen verhalten sollten. Hier einen Kaffee, da eine Sehenswürdigkeit und vielleicht ein Bummel durch die Einkaufsmeile, falls sie es aus dem Bett schafften. Damit ließen sie die beiden zurück und machten sich auf den Weg zu Interpol. Gerade als sie kurz vor ihrem Ziel waren, meldete sich das Smartphone von Liz. Der Anrufer leuchtete als Mister Arsch im Display auf. Sie verzog sofort das Gesicht. Auf den hatte sie gerade noch gewartet.
»Was wollen sie denn schon wieder?«, meldete sie sich genervt.
»Miss Croll, wo sind sie gerade?«, fragte Korn.
»Auf der Suche nach einem sicheren Versteck vor ihnen!«, zischte sie.
»Dafür bleibt keine Zeit. Packen Sie ein paar Sachen ein. Banks soll sie zum Flughafen bringen. Sie steigen in unsere Maschine, er bringt unseren Gast in irgendeinem drittklassigen Hotel unter und kümmert sich dann um die Festplatte die Lea und ich in Cabarete sichergestellt haben. Ich brauche sie in Caracas!«
»Mister Arsch, mir steht der Sinn nicht nach einer weiteren Reise. Wir sind gerade erst gelandet verdammt.«
»Miss Croll, ich könnte mir auch einiges vorstellen wie ich meine Zeit ansprechender und vergnüglicher zubringen könnte, als mit ihnen in einer Blechdose über dem Atlantik zu sitzen. Beispielsweise mit einer Anakonda in einem kleinen See, oder mit Schwimmflossen und Badehose in der Arktis, aber momentan versuche ich einigen Verfolgern das Handwerk zu legen, was es leider nötig macht, sie mitzunehmen.«
»Mister Arsch, unsere Aufgabe ist es Forschungsdaten zu finden und nicht irgendwelche Verfolger hochzunehmen!«, belehrte sie ihn.
»Ich weiß, die Cops im Königreich sind zu blöd ein Loch in den Schnee zu pissen, aber wenn sie eines auf der Schule, falls sie wirklich mal eine besucht haben sollten, was ich langsam bezweifle, gelernt haben sollten, dann doch wohl das es viel einfacher ist etwas zu finden, wenn nicht dreihundert schwachsinnige schießwütige Hampelmänner versuchen ihnen ein Loch in den hässlichen Schädel zu blasen. Okay in ihrem Fall wäre, das zwar eine Verbesserung aber damit ist der Gag auch schon weg.«
Liz dachte etwas länger über das nach, was Korn gesagt hatte, bevor sie sagte »Hatten wir nicht ausgemacht das sie von ihrem Egotrip herunterkommen und versuchen, etwas netter zu sein?«
Im Hintergrund hörte sie ein leises Gemurmel, was klang wie »Lea, übernimm du die Schnepfe, bevor ich einen Anfall kriege und ihr mit wachsender Begeisterung die Fresse einschlage. Ich hab es satt mit dieser engstirnigen Doppelnullagentin zu verhandeln. Entweder kann sie, oder will sie keine Zusammenhänge begreifen!«
Lea meldete sich »Liz, hier ist Lea. Michael hat versucht, nett zu sein, aber du machst es ihm nicht gerade einfach.«
»Von dem Versuch habe ich nicht viel bemerkt. Was ich bemerkt habe, ist, dass er unseren Auftrag aus den Augen verliert und stattdessen irgendwelchen Hirngespinsten hinterherjagt.«
»Diese Hirngespinste, wie du sie nennst, werden allerdings alles in ihrer Macht Stehende versuchen, uns daran zu hindern. Niemand hat gerne eine Laus im Pelz, und wir haben davon, wie es scheint eine ganze Menge, die unsere Bewegungsfreiheit stören und uns mit Freude umlegen, um an die Ergebnisse zu kommen!«, erklärte Lea mit ruhiger Stimme.
»Und deswegen will er jetzt noch ein paar unwichtigen Möchtegernverbrechern hinterherlaufen?«
»Liz, Sjaak Vis und sein Kumpan sind keine Kindergärtner, die man so einfach loswird. Die haben einen Auftrag und ein Ziel. Denen ist es völlig egal, ob sie zwei oder zweihundert Menschen umbringen müssen, und sie werden auch nicht aufhören, bevor sie ihr Ziel erreicht haben. Aber die beiden sind nicht unser einziges Problem. Hinter den Ergebnissen sind alle möglichen Leute her und wir wissen nicht wie weit sie gehen werden, um das zu bekommen, was sie wollen.«, versuchte Lea ihr klar zu machen.
»Soll das heißen wir sitzen in einem Spiel der anonymen Auftragsmörder oder wie?«
»Langsam glaube ich wirklich, dass Michael recht hat, und du willst das Ausmaß einfach nicht begreifen. Das ist kein verdammtes Videospiel, wo man einfach wieder von vorne beginnt. Die legen uns alle um und lachen sich eins. Vielleicht ist es besser, du gehst wieder zurück nach England und stoppst Jugendliche, die Lutscher klauen«, reagierte Lea wütend und trennte die Verbindung.
»Was ist heute? Tag der Vollspaten oder so?«, dachte Liz bei sich, als sie ihr Telefon wieder in die Tasche steckte. Mike, der ruhig mitgehört hatte, fragte nach »Was ist los Liz?«
»Ach, die beiden denken, es ist besser, auf Mörderjagd zu gehen, bevor wir unseren Auftrag erledigt haben.«, jammerte sie.
»Liz, meinst du nicht, es wäre sinnvoller uns einige Verfolger vom Hals zu halten, damit wir in Ruhe den Spuren nachgehen können?«
»Jetzt fängst du auch noch an. Wir sollen Dokumente beschaffen!«
»Das weiß ich, aber möglichst, ohne abgeknallt zu werden. Erinnere dich an die beiden in Kopenhagen, die waren nicht zum Spaß hinter uns her!«
»So hat Korn auch schon argumentiert!«
»Liz, vielleicht solltest du mal auf ihn hören. Ich weiß du magst ihn nicht und er fällt dir auf die Nerven, aber ich hatte schon mit ihm zu tun. Du kannst mir glauben, wenn er etwas macht, hat er schon seinen Grund dafür, auch wenn er sich uns auf den ersten Blick nicht offenbart. Außerdem kannst du hier im Moment sowieso nicht helfen. Ich werde der Festplatte ihr Geheimnis entlocken. Willst du nebendran sitzen und zusehen oder lieber etwas machen, was uns weiter bringt?«
»Vielleicht hast du recht Mike, aber ich werde den Arsch nicht anrufen.«, stöhnte sie.
»Dann ruf Lea an, die ist vielleicht etwas umgänglicher«, lächelte er.
»Die hat ja das Gespräch eben beendet, nachdem sie mir auch einen Spruch gedrückt hat.«
»Ist ja langsam wie im Kindergarten. Dann ruf ich an und sage ihnen, dass du doch mitkommst, ok?«
Liz nickte nur stumm. Mike zog sein Bluetooth-Headset aus der Tasche, fummelte es über sein linkes Ohr und wählte die Nummer von Lea. Nach dem dritten Klingeln nahm sie den Anruf leicht unterkühlt an.
»Was willst du denn noch?«, fragte sie leicht gereizt.
»Ganz ruhig Zuckermaus! Liz wird euch helfen, weil sie hier gerade nichts tun kann, okay?«
»Nenn mich noch einmal Zuckermaus und ich sorge dafür, dass das Teil in deiner Hose nie wieder zu gebrauchen ist. Schreib dir das hinter die ungewaschenen Ohren« schrie sie ihm ins Ohr, das sogar Liz nebenan jedes Wort verstand.
»Ja, ja, ist ja schon gut. Ich habe es begriffen. Könnt ihr jetzt mal wieder friedlich sein?«, fragte er, während sein Gesicht eine rötliche Färbung annahm.
»Bring die Queen zum Flughafen. Sie soll ein paar Klamotten einpacken und ihre Wasserpistole nicht vergessen. Du übernimmst einen Gast und schaffst ihn in irgendein billiges Hotel, er weiß bereits, was er zu tun hat, und dann mach dich an die Festplatte, kapiert?«
»Ja hab ich verstanden. Sonst noch was?«, fragte Mike.
»Wir landen in knapp einer Stunde, tanken den Vogel auf und fliegen dann weiter. Sie soll rechtzeitig da sein.«, kam es von Lea und die Leitung war tot.
Eine Dreiviertelstunde später standen Liz und Mike schon am Flughafen bereit. Die silberne Gulfstream glitzerte in der langsam untergehenden Sonne, während sie die Landebahn ansteuerte. Die Tragflächen bewegten sich immer wieder auf und ab was wie ein Winken wirkte. Niemand freute sich allerdings. Die Maschine setzte sanft auf. Mit sehr hohem Tempo rollte sie auf den Vorplatz des kleinen Hangars. Kaum war sie zum Stehen gekommen, riss Korn die Tür auf und verließ gefolgt von einem Mann in Jeans und T-Shirt zusammen mit Lea die Treppe. Einige Sekunden später wurde die Gulfstream bereits wieder betankt.
Lea und Michael standen etwas abseits, rauchten eine Zigarette und unterhielten sich angeregt. Sie schienen bester Stimmung zu sein. Der Mann in Jeans kam auf Mike Banks zu, stellte sich als Bill Yard vor, und wollte in ein Hotel gebracht werden. Sein Gepäck bestand aus einem Bündel Bargeld und den Sachen, die er trug. Die beiden Männer stiegen in den schwarzen Audi und Mike kurvte vom Gelände. Liz stand etwas verloren und einsam auf dem Vorfeld. Ihr Rollkoffer diente ihr als Sitzgelegenheit, während sie ebenfalls rauchend ziellos in die Gegend blickte. Korn und die ehemalige Auftragskillerin beachteten sie nicht. Ihr Gespräch ließ sie alles um sich herum vergessen. Liz wunderte sich über den lockeren Umgang der beiden miteinander. Ihr fiel es schwer zu glauben, das Korn tatsächlich in der Lage war ein freundliches Gespräch zu führen.
Nach einer weiteren Zigarette der beiden war der Betankungsvorgang der Gulfstream abgeschlossen. Der Pilot drehte eine letzte Runde um die stehende Maschine und brachte die vorgeschriebene Sichtprüfung hinter sich. Als er sie beendete bedeutete er Korn und Lea, wieder einzusteigen. Sie gingen zügig auf die Tür zu. Erst im letzten Moment drehte sich Korn um und rief »Einsteigen Croll!«, dann verschwand er in der silbernen Röhre. Liz stand auf und stieg ebenfalls ein. Kaum hatte sie sich gesetzt, wurde die Tür verschlossen und die Triebwerke erwachten wieder zum Leben. Mit leichtem Holpern rollte die Gulfstream auf dem unebenen Asphalt zur Startbahn. Ohne anzuhalten, beschleunigte sie und erhob sich gegen die Schwerkraft über die dahin rasende Landschaft. Korn und Lea saßen nebeneinander in den Sesseln. Sie hatten ihre Unterhaltung nicht unterbrochen. Liz saß in der Nähe der Tür und konnte die Ablehnung von Korn und Lea deutlich spüren. Erst als sie die Reisehöhe erklommen, der Pilot die Anschnallzeichen ausschaltete, rief sie Lea zu ihnen. Widerwillig setzte sich Liz zu den beiden an den Tisch. Korn blickte nicht einmal auf, als sie sich gegenüber in den Sessel sinken ließ.
»Ich weiß nicht, wer dir am Ende noch Vernunft eingepflanzt hat Liz, aber scheinbar war es erfolgreich«, eröffnete Lea.
»Das hat nichts mit Vernunft zu tun, ich halte es einfach nur für sinnlos«, klagte diese.
Korn wollte gerade loslegen, als ihm Lea die Hand auf den Unterarm legte und sagte »Psst, du hast es mir versprochen ruhig zu bleiben.«
Man konnte sehen, wie er einige tiefe Atemzüge nahm und dann versucht ruhig sagte »Wir wollen einige Verfolger loswerden Miss Croll, und sie dürfen mir glauben, das sie nicht meine erste Wahl waren. Wenn es nach mir gegangen wäre, würden sie in Lyon am Schreibtisch sitzen, Zeitung lesen und sich die Nägel lackieren. Ihre Aufgabe hätte irgendein hirnloser Streifenbulle aus Caracas ebenso erledigen können. Bedanken Sie sich bei Lea. Ohne sie wären sie jetzt nicht hier.«
»Ich soll mich auch noch bedanken?«, fragte Liz angriffslustig.
»Hören sie mir gut zu Miss Croll. Ich bin versucht ihnen die Tür zu öffnen und sie nach draußen spielen zu schicken. Leider darf ich das nicht einfach so. Stattdessen versuche, ich sie so gut ich kann zu ignorieren. Lea wird ihnen erklären, was sie zu tun haben.«, sagte er mit einem Blick, der sie frösteln ließ.
»Bis wir in Caracas landen versuche, ich dir alles so gut ich kann, zu erklären Liz. Michael hat mir versprochen, so gut er kann ruhig zu bleiben, ohne dich in mundgerechte Fetzen zu reißen, was er liebend gerne tun würde. Versuch ihn bitte nicht zu reizen, denn ich bin kaum in der Lage ihn aufzuhalten, okay?«, setzte Lea an.
»Lea, diesen Irren bekomme ich ziemlich schnell unter Kontrolle. Es genügt ein Wort und er sitzt heulend auf seinem Stühlchen«, antwortete Liz mit ruhiger Stimme.
»Das wird nicht funktionieren, Liz. Du darfst es gerne versuchen, aber es wird nicht mehr helfen, einen Namen zu erwähnen, glaub es mir.«
»Du weißt davon?«, fragte Liz erstaunt.
»Ich weiß noch eine ganze Menge mehr. Darunter einiges was sogar Mike nicht in Erfahrung bringen kann, und wenn er einige Jahre mit suchen verbringen würde. Sagen wir einfach, sie ist Geschichte.«
»Ich hätte mir die Nummer abspeichern sollen, dann könnte ich Isabella fragen«, sagte Liz und beobachtete Korns Reaktion. Er saß in seinem Sessel, hatte die Hände auf den Oberschenkeln liegen und machte einen entspannten Eindruck. Nur seine großen Hände zuckten ganz kurz, aber legten sich sofort wieder. Liz wartete einige Sekunden auf die Tränen in seinem Gesicht, aber erstaunlicherweise zeigten sie sich nicht. Lea grinste die brünette Frau überlegen an.
»Ich habe dir gesagt, es wird nicht funktionieren. War trotzdem ein netter Versuch Liz«, lachte Lea.
»Er ist ein guter Schauspieler, glaube ich. Zumindest geworden seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe.«
»Nein, es hat sich nur einiges geändert, wovon ihr keine Ahnung habt, das ist alles«, kam von Lea, die ein zufriedenes Gesicht machte.
»Hast du ihn umprogrammiert? Hast du an dem Roboter den USB-Port gefunden und eine neue Software aufgespielt?«
Korn senkte einen eisigen Blick auf Liz. Er wollte gerade zu einem Kommentar ansetzen als er sich anders überlegte und still blieb. Langsam erhob er sich, blickte kurz zu Lea und verschwand in der Bordküche. Nur Sekunden später kehrte er mit einem Kaffee und einer kleinen Flasche Wasser an den Tisch zurück. Vorsichtig stellte er die weiße Tasse mit dem Heißgetränk vor Lea ab, bevor er wieder Platz nahm. Die kleine blonde Frau warf ihm einen dankenden Blick zu.
»Na hoppla, Mister Arsch kann ja auf einmal eine nette Seite zeigen. Das gab es noch nie«, sagte Liz schnippisch.
Korn öffnete die kleine Flasche Wasser, schüttete einen kleinen Teil des Inhalts gezielt auf die kleine Frau aus England und sagte dann »Ups!«
Lea griff nach der Flasche in seiner Hand, sah ihn ruhig an und formte ein tonloses »Nicht« auf ihren Lippen. Er nickte nur kurz.
Liz sprang wütend auf und schrie »Gut erzogen hast du dein Haustier aber nicht!«
»Krieg dich wieder ein Liz. Ich habe dir gesagt du solltest meinen Freund nicht reizen.«
»Deinen was?«, rief Liz und starrte Lea mit offenem Mund an.
Erst jetzt realisierte Lea daß sie wieder einmal, ohne nachzudenken etwas ausgeplaudert hatte. Sie drehte ihren Kopf zu Michael und ein leises »Es tut mir leid Schatz.«, verließ ihren Mund. Korn sah zu ihr und schüttelte nur leicht den Kopf. Er nahm ihre Hand und drückte sie zärtlich. Lea wandte sich an Liz.
»Ich wollte das eigentlich nicht sagen, aber manchmal plappere ich viel zu schnell, ohne darüber nachzudenken. Jetzt ist es eh schon egal. Michael und ich sind ein Paar«, bestätigte Lea ihren Fauxpas.
»Mister Arsch, was haben sie dazu zu sagen«, fragte sie überrascht.
»Schuldig im Sinne der Anklage. Ich möchte nur anmerken, dass ich dieses zarte Wesen aus ganzem Herzen liebe«, sagte er bestimmt.
»Ich fasse es nicht. Ein ehemaliger Bodyguard liebt eine mehrfache Mörderin, die er erst ein paar Tage kennt!«, schrie Liz.
»Liz, es spielt keine Rolle, wie viele Menschen ich getötet habe. Wichtig ist es, wie ich mit denen zurechtkomme die noch Leben. Michael ist ein wundervoller Mensch, er versteckt es nur unter seiner rauen Schale, weil er schwer verletzt wurde, als er sich einmal verliebt hat. Das ist ewig her und als er mich gesehen hat, war es um ihn geschehen. Um mich im Übrigen auch. Seitdem haben wir stundenlang miteinander gesprochen. Die ganze Zeit, die wir zusammen in der Luft waren, haben wir mit reden verbracht, zumindest dann, wenn wir uns nicht geküsst haben. Er weiß alles über mich, und ich weiß alles über ihn«, erklärte Lea begeistert.
»Du weißt hoffentlich, das dein Freund, den dringenden Wunsch hat, zu sterben«, ätzte Liz.
»Hatte«, berichtigte Lea, »Er hat mir das alles haarklein erzählt.«
»Du meinst, er will nicht mehr draufgehen?«
»Nein, derzeit verspüre ich nur den Drang, jemand anderen umzulegen. Wer das ist, sehen sie im Spiegel«, hakte Korn ein.
»Er hat mir versprochen davon abzusehen, wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, das ihr beiden euch vertragen könnt. Vielleicht hast du bemerkt, dass er sich sichtlich bemüht dich freundlicher zu behandeln. Er hält sich sehr zurück, was ihm extrem schwerfällt. Du allerdings, legst es immer wieder darauf an, genau das zu kitzeln. Nur weiß ich nicht wie lange das noch anhält. Du verstehst, vielleicht das auch bei ihm irgendwann einmal der Punkt erreicht ist, an dem er genug hat. Wir wissen beide, dass ihn dann nichts mehr aufhalten kann. Also mach es ihm ein bisschen leichter, okay?«, erklärte Lea eindringlich.
»Lea, das ist nicht einfach zu merken. Dein neuer Freund hat eine Art an sich, die es einem sehr schwer macht, ruhig zu bleiben.«
»Kannst du es wenigstens versuchen?«, fragte sie nervös.
»Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn sehe, möchte ich meine Waffe ziehen und ihn von seinem Leid erlösen.«
»Liz, du würdest es nicht glauben, wie oft er schon über dich gewütet hat. Auch das du jetzt hier bist, ist meine Idee gewesen. Michael wollte das nicht. Als ich ihm gesagt habe, dass ich möchte, dass du den Part übernimmst, war seine Antwort mehr als eindeutig.«
»So? Was hat er denn gesagt?«
»Ich habe gesagt: Bevor die den Job übernimmt, suche ich mir den blödesten Köter, den ich finden kann, setz ihm eine Freddy Krüger Maske auf und lass ihn da rumrennen, das hat erstens den wirkungsvolleren Effekt und zweitens kann der Köter nicht mal voll besoffen in vier Stunden so viel Unsinn anstellen wie die englische Pissnelke in zwei Sekunden!«, wiederholte Korn trocken.
Lea nickte verschämt, als ihr Freund seinen Satz beendet hatte, während Liz trocken schluckte. So eine Antwort hatte sie nicht erwartet.
»Na vielen Dank auch. Aber würde mir bitte mal jemand erklären, was eigentlich geplant ist?«
»Okay, also pass auf«, fing Lea an zu schildern, »wir haben uns gedacht dass …«
27. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)
»Caracas also. Gut gemacht. Ich schicke sofort eine Einheit hin!«, murmelte John Clarkson in den Hörer und unterbrach die Verbindung.
»Es geht doch nichts über einen informellen Mitarbeiter in den Schaltzentralen der Wirtschaft«, dachte er bei sich, als er sich in seinem Computer den Plan seiner unterstellten Einheiten aufrief. Lange dachte er nach, welche Einheit wohl am schnellsten nach Caracas kam. Er wusste, dass Interpolagenten, ein neu aufgestelltes Team in Lyon, die ersten mit Sonderbefugnissen überhaupt, von Roussel schon davon Erfahren hatte. Was immer er machte, musste so schnell wie möglich passieren. Wenn erst mal Interpol in den Besitz des Materials kam, konnte er fast nichts mehr ausrichten. Diese unabhängige Organisation konnte man kaum unterwandern. Er hatte unzählige Versuche unternommen einen Mitarbeiter dort unterzubringen, aber sie alle wurden enttarnt, bevor es zu einer Einstellung kam. Dieser verfluchte Roussel hatte überall seine Finger drin. Informationen verlängern nicht nur das Leben, sie bedeuten auch Macht. Interpol hatte alle Informationen direkt aus den Polizeibehörden rund um die Welt, und wie wenn das nicht schon genug wäre, hatten sie über die Jahre verschiedene Spione in Stellung gebracht, um eigene Informationen zu generieren. Das Interpolteam aus Lyon würde sicher keine Zeit verlieren, um nach Caracas zu kommen. Clarksons Wahl fiel auf die Einheit in Brasilien, die gerade dabei waren einige Jungs einer Favela auf die Füße zu treten. Die Drogen, die dort hergestellt wurden, gelangten über sonderbare Kanäle in die Staaten. Kaum hatte man eine Route ausgeräuchert, gab es sofort drei neue. Offiziell führte Amerika einen erbarmungslosen Krieg gegen die Drogen, allerdings nur um das verblödete Volk ruhig zu stellen. Drogen waren ein überaus lukratives Geschäftsfeld. Darum ging es doch. Der Krieg gegen die Drogen war nicht zu gewinnen, aber man konnte dem Volk Erfolge vorweisen, wenn man einige kleine Verteiler von der Straße holte. Im Hintergrund ging es aber nicht darum, das Geschäft zu vernichten, sondern darum es möglichst zu übernehmen. Das beste Beispiel war der angezettelte Krieg gegen Afghanistan. Dem Volk konnte man glaubhaft versichern, man müsse einen Diktator ausschalten, den hatte man zwar vorher selbst erst an die Macht gebracht, aber jetzt musste er weg. Demokratie müsse dort herrschen. Unsinn, es ging nicht um Demokratie, es ging schlicht und einfach um die Ressource Erdöl. Davon verbrauchte man Unmengen und in dieser Steinwüste existierten große Mengen davon. Was lag also näher den Machthaber zu killen, die Firmen des eigenen Landes das Öl fördern zu lassen, um Einnahmen zu generieren. Netter Nebeneffekt waren die dortigen Drogenfelder. Man kontrollierte diese mit den eingesetzten Truppen des Militärapparates, um sie zu übernehmen. Sie waren nicht weg, sondern die Einnahmen landeten über Umwege bei den Initiatoren. Eine klassische Win-win-Situation. Ein anderes Feld, in dem man gerne die Finger gehabt hätte, war das Geld. Allerdings hatte dieses Geschäft die Schweiz unter Kontrolle. So ein kleines Land verwaltete Abermilliarden für jeden der es sich leisten konnte und anonym bleiben wollte. Nachteil, es war bereits eine Demokratie und man brauchte dringend einen Kriegsgrund, um dort einzumarschieren. Aber selbst, wenn man den gefunden hätte, war es schwer, die Schweiz zu übernehmen. Umgeben von hohen Bergen kam man mit Panzern einfach nicht hinein. Die Schweizer konnten heilfroh sein, dass sie nicht über Massen an Erdöl verfügten. Hätte man dort welches gefunden, würde man sich einen Grund an den Haaren herbeiziehen, um dort einzumarschieren. Aber das waren Gedankenspiele, für die er nicht zuständig war. Seine Aufgabe war ein operatives Geschäftsfeld zu führen. John Clarkson griff zu seinem Telefon und wählte die Nummer seines Anführers in Brasilien. Nach dem fünften Klingeln stand endlich die Verbindung.
»Clarkson hier. Wie lange brauchen sie noch in Brasilien?«, fragte er.
»Wir bereiten uns gerade auf die letzte Aktion vor. Bis heute Nachmittag 0300 sollten wir fertig sein Chef«
»Beeilen sie sich so gut es geht. Direkt danach begeben sie sich nach Venezuela. Landen Sie in Caracas. Sie werden dort in ein Gebäude eindringen und alles mitnehmen, was sie finden können.«
»Wie ist das Gebäude gesichert?«, fragte der Teamführer.
»Diese Informationen liegen nicht vor. Gehen Sie aber davon aus, das es relativ gut gesichert wird. Nach bisherigem Kenntnisstand weiß Interpol von der Sache. Sie werden wohl für zusätzliche Sicherheit gesorgt haben.«, erklärte er kühl.
»Verhalten bei Feindkontakt?«
»Sammeln sie alles ein, was zu finden ist. Keine Zeugen. Sorgen Sie dafür, das dort nicht mal eine Maus herauskommt. Notfalls jagen sie das Gebäude in die Luft, wenn sie es ausgeräumt haben. Verstanden?«
»Alles klar Chef. Wir werden das in der Nacht erledigen.«
Clarkson legte auf. Sein Team würde Stellung beziehen und kurzen Prozess machen. Spätestens Morgen würde er die Ergebnisse auf dem Tisch haben. Dann ging es nur noch darum, Nutzen aus der Erfindung zu ziehen. Es wurde zwar ein Patent angemeldet, aber das war in einem Vasallenstaat beantragt worden. Seine Kontaktperson würde dafür Sorgen, dass dieses Patent irgendwie verloren geht, sonst würde sie verloren gehen.
Europa, Irgendwo über Deutschland
Die blau lackierte Pilatus PC-24 glitt in 30000 Fuß (ca. 9 km) Höhe über den leicht bewölkten Himmel in Deutschland. Der kleine Businessjet hatte die Mörder Sjaak Vis und seinen Kollegen und Partner Cody Foley fast 11 Millionen US$ gekostet. Diese kleine Investition erlaubte, es ihnen aber fast überall landen und starten zu können. Bei einer Reichweite von fast 3700 km und einer Höchstgeschwindigkeit von 815 km/h war die Maschine nicht auf befestigte Pisten angewiesen. 900 m Graslandschaft mitten im Nirgendwo würde ausreichen, um bequem landen zu können. Und sie hatten genug Platz. Der kleine Jet konnte bis zu elf Passagiere befördern, was es den beiden Killern erlaubte, ihre Waffen überall mit hinzunehmen. Es brauchte nur einen Piloten, um damit zu fliegen. Cody hatte den Pilotenschein schon vor langer Zeit gemacht und saß im Cockpit. Sjaak hatte sein kleines Reich etwas dahinter eingerichtet. Edles Holz dominierte den Innenraum, fein abgesetzt mit goldenen Applikationen. Es war ihre beste Transportmöglichkeit und diente ganz nebenbei auch noch als mobiles Hotel. Die Strecke von Kopenhagen bis nach Barcelona lag mit 2100 km weit unter der Reichweite der Pilatus. Sjaak versuchte herauszufinden, wohin Interpol die Wissenschaftlerin Marie Wasserstein gebracht hatte. Dieses Mal würden sie alles daran setzen, als Erste am Ziel zu sein. Es war die erste heiße Spur ihren Auftrag zu erledigen. So kompliziert hatte es gar nicht werden sollen. Ein paar Daten und Forschungsergebnisse besorgen und den Wissenschaftlern eine ewige Schaffenspause zu verordnen war nicht gerade ein Traumauftrag, aber dafür würden sie sehr gut bezahlt werden. Wenn sie nur nicht immer zu spät kommen würden. Egal welche Spur sie bisher entdeckt hatten, sie waren immer zu spät gekommen. Die CIA war grundsätzlich schon vor Ort, bevor sie ankamen. In Kopenhagen waren sie schon wieder zu spät, da war diese Liz Croll von Interpol vor ihnen. Es wäre ein Kinderspiel gewesen sie aus dem Weg zu räumen, wenn sie nicht noch die Daten besorgen mussten. Cody wollte eigentlich dem Fahrer des Mietwagens in den Kopf schießen. Leider saß diese blöde Wissenschaftlerin direkt hinter ihm. Sie wollten das Fahrzeug stoppen, kamen allerdings nie nahe genug heran. Die Reifen wären eine Möglichkeit gewesen, allerdings hätte dann die Gefahr eines wunderbaren Unfalls bestanden und das vorzeitige Ableben der Wissenschaftlerin bedeutete den Verlust jedes Hinweises. In Barcelona bekämen sie die nächste Chance.
»Sjaak, hast du schon was gefunden?«, rief Cody vom Pilotensitz.
»Nein. Bisher absolut nichts. Das Transpondersignal der Gulfstream ist ebenfalls verschwunden, nachdem sie im französischen Luftraum war. Scheinbar hat Interpol ein bisschen was gelernt.«
»Hast du mal diese Croll überprüft, was das für eine ist?«
»Klar hab ich. Die ist nicht mal von Interpol. Ist bei den Cops in England. Ein heißer Feger eigentlich, nur etwas zu kurz geraten.«
»Delikatessen sind immer klein, wusstest du das nicht?«, lachte Cody
»Du bist der Feinschmecker von uns beiden. Mir reicht es, zu wissen, dass sie liegend alle gleich groß sind. Da findet man alles leichter.«
»Typischer Holländer. Nur das eine in der Birne. Hast du was über den Fahrer erfahren? Irgendwoher kenne ich den Typen.«
»Nein, total Fehlanzeige. Wird so ein Idiot von Interpol gewesen sein, schätze ich. Keine Ahnung, woher du den kennen willst?«
»Sjaak, ich vergesse nie ein Gesicht!«
»Daher also die ganzen schlechten Träume, weil du alle noch mal umlegen musst«, lachte der einzige Passagier.
»Nein, den hab ich irgendwo mal gesehen. Keine Ahnung wo.«
»Was weiß ich, vielleicht hast du mal seinen Doppelgänger abgeknallt. Rein statistisch gesehen hat jeder sieben Doppelgänger auf der Welt, wusstest du das?«, fragte Sjaak.
»Nein, ist mir neu. Aber wenn es immer sieben Stück sind, warum haben wir diese kleine Blonde aus Malaysia nie wieder gesehen?«
»Ehrlich jetzt? Du denkst immer noch an die kleine Tussi, die den Manager abgeknallt hat?«
»Naja, die ist die Einzige, die bisher entkommen konnte und wir haben sie nie gefunden, obwohl wir sie über die halbe Welt verfolgt haben. Ich hätte für die immer eine Kugel übrig«, gestand Cody.
»Cody, du weißt genauso gut wie ich, dass die ein Profi ist. Auf die Entfernung gibt es nicht viele, die mit dieser Präzision zu Werke gehen. Es gibt einen Grund, warum man sie Lady Sniper nennt und sie bisher nie jemand gesehen hat. Wie oft haben wir jetzt schon versucht, sie aus ihrem Bau zu locken? Waren es achtzig oder neunzig Mal?«
»Um genau zu sein haben wir es neunundsechzig mal versucht. Davon hat sie 53 Mal abgelehnt und 16 davon hat sie erschossen, ohne uns auch nur die geringste Spur zu hinterlassen, was uns insgesamt 26 Millionen gekostet hat.«, schrie Cody seinen Partner an.
»Vergiss sie einfach, die verpfeift uns nicht, sonst hätte sie es längst getan«, versuchte Sjaak ihn zu beruhigen.
»Ich kann einfach einen Auftrag, der nicht vollständig erledigt ist, vergessen. Bisher haben wir noch jeden Auftrag erledigt, außer diesen einen. Aber ich garantiere dir, die werde ich noch aufspüren und erledigen. Auch, wenn es das Letzte ist, was ich noch mache.«
»Alter Cody, du brauchst dringend mal Urlaub und Entspannung. Sie war ein Auftrag, der lange vorbei ist. Such dir irgendein blondes kleines Weibsstück, vernasche sie und dann mach sie kalt. Oder andersrum, keine Ahnung wie du das handhabst. Sozusagen als Ersatz und dann ist es auch erledigt.«
»Ich bring sie noch um die Ecke, egal ob mit dir zusammen oder alleine. Die entkommt mir nicht. Sieh zu, ob du irgendwas findest, wo Interpol die andere Schlampe versteckt. Danach nehmen wir uns diesen Putt in Deutschland vor, bevor wir dann im großen Finale die Typen vom CIA abschlachten.«
»Hast du sonst noch irgendwelche großen Pläne?«, fragte Sjaak spitz.
»Ja, die habe ich. Ein eiskaltes Guinness in meinem Pub in Dublin und dazu eine hübsche Tänzerin mit großen Titten!«
»Typischer Ire.«, lachte Sjaak und die kleine PC-24 flog weiter ihrem Ziel Barcelona entgegen.
28. Kapitel
Venezuela, Caracas
Es war drückend heiß in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, als die drei Mitglieder des Interpolteams aus der Gulfstream ausstiegen. Lea machte das nicht zu schaffen, sie war es gewohnt sich in heißeren Regionen aufzuhalten. Aufgrund ihrer schlanken zierlichen Figur fror sie meistens eher. Wenn es so warm war, wie es nahe am Äquator allgemein der Fall war, fühlte sie sich erst richtig wohl. Korn hatte schon überall gearbeitet. Er liebte das warme Klima und war voll auf ihren Plan fokussiert. Einzig Liz, die ihr ganzes Leben bisher in der Tropfsteinhöhle der britischen Insel verbracht hatte, machte die hohe Luftfeuchtigkeit schwer zu schaffen. Bereits als sie die gekühlte Gulfstream verlassen hatte, lief ihr der Schweiß in Strömen. Auch ihr Kreislauf brauchte einige Zeit, um sich wieder in Schwung zu bringen. Sie hatte weiche Knie und ein starkes Schwindelgefühl. Korn und seine Lea zündeten sich genüsslich eine Zigarette an, genau das Richtige, nach einem langen Flug. Liz hingegen trat ihre Kippe sofort wieder aus. Ihr Kreislauf war so sehr am Kämpfen, dass die Zigarette einfach nicht schmeckte. Der ehemalige Bodyguard wollte keine Zeit verlieren und so schnell wie möglich zu dem Gebäude der SilOld AG, damit er die Begebenheiten ins Visier nehmen konnte. Er wusste, dass bisher niemand dort aufgetaucht war. Zur Sicherheit hatte er noch in der Luft mit den Behörden in Venezuela telefoniert und darum gebeten so viele Polizeikräfte wie möglich in Zivilkleidung rund um das Gebäude in Stellung zu bringen. Venezuela hatte ihm zugesichert sofort alle Truppen, die verfügbar waren dort zu stationieren. Der Mietwagen wartete bereits als sich Lea und Michael auf den Weg machen wollten. Liz konnte ihnen nicht folgen. Sie hatte große Probleme, sich überhaupt auf den Beinen zu halten, an laufen war gar nicht zu denken. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, wollte Korn bereits wieder zu einer verbalen Attacke auf die kleine Engländerin ansetzen. Lea stoppte ihn unwirsch. Sie flüsterte »Michael, es ist nicht hilfreich sie jetzt zusammenzufalten. Ihr geht es nicht gut, wie du sehen kannst. Wir müssen warten bis sie so weit wieder okay ist.«
»Lea, wir können hier nicht herumsitzen und Däumchen drehen bis Madame wieder in der Lage ist aufrecht zu stehen! Dafür haben wir einfach nicht die Zeit«, zischte er.
»Schatz, es sind sicher nur ein paar Minuten. Wir warten einfach so lange, ja?«
»Wir lassen sie einfach hier stehen. Soll sie eben nachkommen. Am besten, wenn alles vorbei ist!«
»Warum musst du jetzt wieder zum Ekelpaket mutieren? Auf dem Flug hatte ich das Gefühl, es wäre tatsächlich möglich, dass ihr beiden euch ein bisschen besser versteht. Lag ich so falsch?«, fragte sie entmutigt.
»Ich kann nicht ständig immer nur darauf warten, bis sie mal in die Gänge kommt. Jedes Mal, wenn ihr ein Furz quer sitzt, muss es wieder endlos ausdiskutiert werden. In meinem Beruf kann ich nicht zur Zielperson gehen und sagen wir müssen noch warten bis ich meine Socken glatt gezogen habe, weil ich fürchte eine Blase an den Zehen zu bekommen. Wir sind in Eile und sollen allen Ernstes warten, bis die so weit ist?«, maulte Korn.
»Du siehst doch, das sie jetzt einfach nicht kann. Was würdest du machen, wenn ich jetzt diese Probleme hätte? Mich auch anpflaumen oder stehen lassen?«
»Nein. Ich würde dich wohl eher bis zum Auto tragen Lea.«
»Das ist aber lieb. Nur wo ist jetzt der Unterschied?«
»Der Unterschied ist, der das ich bei dir gefühlsmäßig einfach nicht anders kann. Bei der hingegen ist es mir völlig egal.«
»Zeig einfach ein bisschen Verständnis. Sie wird das bestimmt zur Kenntnis nehmen«, bat Lea ihn.
»Okay, dann eben Plan C mein Schatz. Du holst den Wagen und ich die englische Sumpfhexe. In spätestens fünf Minuten will ich auf dem Weg sein. Schnapp dir den Schlüssel und klemm dich hinters Lenkrad«, sagte er auffordernd und drehte sich um. Lea schüttelte nur den Kopf, machte sich aber auf den Weg. Sie rannte zum Schalter der Mietwagenfirma, unterschrieb die Papiere, die man ihr vorlegte, mit »Lea Taylor« und nahm den Schlüssel entgegen. Dann rannte sie zum Wagen und machte es sich auf dem Fahrersitz bequem. Gerade als sie denn rechten Außenspiegel einstellen wollte, traute sie ihren Augen nicht. Korn hatte sich die englische Agentin über die rechte Schulter gelegt und kam mit den beiden Koffern im Schlepptau auf den Wagen zu. Ihre Beine baumelten an seiner Hüfte, während ihr Kopf hinter seinem Rücken versteckt war. Er stellte die Agentin vor der Tür zum Rücksitz ab, öffnete sie und legte die kleine Frau quer in den Wagen. Die Koffer warf er achtlos in den Kofferraum und setzte sich dann neben Lea.
»Kann losgehen«, sagte er knapp.
Lea fuhr vorsichtig an, wandte den Kopf zu ihrem Freund »Du hast sie jetzt nicht ernsthaft mit dem Hintern voran durch die Halle getragen, oder?«
»Was hätte ich sonst machen sollen Schatz? Auf die Koffer setzen konnte ich sie schlecht«, murmelte er.
»Du willst mir jetzt echt erklären, es ging nicht anders?«
»Lea, ich wollte nicht unnötig warten bis wir loskönnen. Wir haben noch etwas vor, wenn ich dich daran erinnern darf. Fakt ist, die Sumpfhexe musste zum Wagen. Sie wird es überleben, wenn ihr ein paar Männer auf den Arsch geglotzt haben, außerdem hat sie sowieso nicht viel davon mitbekommen«, knurrte er.
»Manchmal bist du wirklich unmöglich Schatz.«
»Deswegen liebst du mich doch!«, kicherte er scherzhaft.
Lea lenkte den weißen Seat gekonnt durch die Straßen über das sie, das Navigationsgerät führte. Bereits nach etwas mehr als zwanzig Minuten später sahen sie das sechsstöckige Gebäude vor sich aufragen. Korn versuchte sich sofort die besten Stellen für seinen geplanten Hinterhalt zu suchen. Die Lage war sehr unübersichtlich. Rund um das Gebäude wucherten Sträucher so hoch wie Garagen. Es gab jede Menge Möglichkeiten sich zu verbergen. Im Schutze der Dunkelheit einige Gestalten zu finden dürfte schwer werden. Lea schien zu ahnen, was Michael dachte und sagte zu ihm »Das ganze Gelände ist so dunkel wie ein Bärenarsch. Da kann ich zwei Jahre auf dem Dach sitzen und trotzdem nichts finden.«
»Du hast recht mein Herz. Ich hätte mir eine ebene Fläche mit einigen Bäumen gewünscht, aber das hier ist das reinste Paradies für jeden Angreifer.«
»Wir werden nicht viel ausrichten können, wenn wir nichts sehen Michael. Eigentlich würde ich mir die Stelle sofort aus dem Kopf schlagen«, maulte sie.
»Der Manager im Boss Strampler ist eben kein Stratege und hatte auch nicht groß Zeit, sich was zu überlegen. Auf den Bildern sah es auch einigermaßen passabel aus, aber die Gärtner hatten scheinbar die letzten Jahrzehnte frei. Wenn ich das so sehe, muss ich mir schnellstens einen neuen Plan aus dem Arsch ziehen, sonst wird das ein Himmelfahrtskommando«, gab er zu.
»Dann ist es ja genau der richtige Platz für sie«, kam es von der Rückbank.
»Muss die ausgerechnet jetzt wieder klar werden? Hätte das nicht Zeit gehabt bis nach Weihnachten«, gab er genervt von sich.
Lea musste lachen, obwohl ihr nicht danach zumute war.
»Liz, ich würde meinen Freund gerne noch ein Weilchen behalten. Das heißt, er sollte das Ganze genau wie wir überleben.«
»Vielleicht können wir die Angreifer ja überreden, nur auf englisches Wild zu schießen«, warf Korn ein.
»Immer noch der gleiche Kotzbrocken wie vorher«, kam das Echo von hinten.
»Ihr beiden solltet wirklich mal wie zwei Erwachsene miteinander umgehen. Ich hab diese Hahnenkämpfe satt. Michael hat noch einige Defizite, was ich auch verstehe und toleriere, aber das du Liz es einfach nicht lassen kannst, macht mich rasend. Hört endlich auf euch wie zwei Testosteron geschwängerte Halbstarke zu benehmen!«, schrie Lea und hämmerte mit den Händen auf das Lenkrad.
»Feuer kann man auch nicht mit Benzin löschen, verdammt noch eins!«, brüllte Korn und schlug mit der Faust auf die Armatur vor ihm. Das billige Plastik zerbrach in tausend Teile. »Ich hab dir hundertmal gesagt, das ich mit der Teekanne da hinten nicht arbeiten kann, aber nein, du wolltest sie unbedingt dabei haben. Ich hätte sie über dem Atlantik das Klo herunterspülen sollen, als ich die Möglichkeit hatte. Jetzt muss ich sie auch noch hier ertragen, was mich in den Wahnsinn treibt!«, wütete er.
Lea trat harsch auf die Bremse und stoppte, mit quietschenden Reifen den Wagen. Sie warf ihre Fäuste gegen seinen Oberarm.
»Ich habe es nur gut gemeint und wollte ein Team aus uns machen. Das ist einfach nicht fair«, klagte sie.
»Mit diesem Oberarsch kann man kein Team bilden!«, kreischte Liz von hinten.
Lea warf ihren Körper auf dem Sitz herum. Der Blick der Liz traf, zeigte blanken Hass. Mit bebender Stimme keifte sie Liz an »Sag nur noch ein einziges Wort und ich schicke dich in kleinen Stückchen per Brief zurück zur Queen!«
Liz hielt dem eisigen Blick stand, traute sich aber nicht, einen Piep von sich zu geben. Was dann passierte, konnte sie kaum glauben. Korn, der eben noch gewütet hatte wie ein Junky auf kaltem Entzug, drehte sich zu Lea. Sein Blick war weich wie Watte, als er mit ruhiger Stimme sagte »Ich war schon wieder gemein zu dir. Es tut mir leid. Ich liebe dich Lea«, dann nahm er sie sanft in den Arm und küsste sie. Die Auftragsmörderin schenkte ihrem Freund einen verliebten Blick.
»Ich hätte nicht darauf bestehen sollen, das sie uns begleitet Michael. Kannst du mir verzeihen?«, fragte sie.
»Natürlich Lea«, erwiderte er. »Lass uns weiterfahren mein Herz, ich möchte ungern die geplante Party verpassen.«
Lea nickte und trat das Pedal voll durch. Der Motor heulte laut auf bevor der Wagen mit durchdrehenden Rädern eine schwarze Spur in den Asphalt fräste. Weißer Rauch, der jeder Papstwahl zu Ehre gereicht hätte stieg hinter dem Vehikel auf.
Wenig später parkte sie den Mietwagen etwas abseits des schlichten Betonbaus der SilOld AG. Er ragte wie ein dicker grauer Klotz hinter den Sträuchern auf. Langsam aber unaufhörlich verdunkelte sich das Areal, als die Sonne hinter dem alten Gebäude verschwand. Korn blieb abrupt stehen und schnippte mit den Fingern. Er sah die kleine Lea an und flüsterte fast »Hast du bei deiner Ausrüstung nicht eine kleine Wärmebildkamera dabei?«
»Doch, aber damit kann ich nicht anvisieren Michael«, sagte Lea.
»Das macht nichts. Ich habe eine Idee. Ihr beiden geht da oben auf dem Dach in Stellung. Such dir einen geschützten Platz, mit dem du weite Teile des Areals überblicken kannst. Gib der britischen Hexe die Wärmebildkamera. Sie soll dir jede Wärmesignatur ansagen, die sie entdeckt. Du zielst, so gut du kannst und wenn du etwas entdeckst, drückst du ab. Benutze den Schalldämpfer und wenn möglich schirmst du den Mündungsblitz ab. Ich möchte, dass du so gut wie unsichtbar bleibst. Wir bleiben mit den Funkempfängern in Verbindung.«
»Okay. Ich werde so viele Headshots wie möglich abfeuern. Wird eine echte Herausforderung!«, freute sich Lea.
»Nein, Schatz. Bitte keine Headshots. Ballere sie an, aber bring sie nicht um. Ich will wissen, wer dahintersteckt, und Leichen lassen sich so schwer verhören«, ermahnte Korn.
»Ich unterbreche euch zwei Turteltauben nur ungern, aber ich muss darauf hinweisen das sich da unten jede Menge Polizeikräfte befinden. Die werden nicht begeistert sein, wenn wir ihre Leute anschießen«, brachte Liz hervor.
»Darum kümmere ich mich schon. Wir werden sie zurückziehen bis zum Anfang des Geländes. Jeder der sich auf dem Gelände sehen lässt, wird angeschossen. Ach und Schatz, wenn es möglich ist, bitte nicht auf mich anlegen, okay?«, belehrte Korn.
»Michael nicht. Ich kann dich unmöglich erkennen von da oben, wenn es dunkel ist!«, bat Lea ihren Freund mit zittriger Stimme.
»Ich sag ja, er will sich abknallen lassen!«, beharrte Liz.
»Falls da oben irgendjemand wohnen sollte! Verschone uns vor Alten und auch Greisen, englischen Sumpfkühen und Sängern die „der Wendler“ heißen!«, sprach Korn und blickte in den Himmel. »Die senile Patientin von der Insel hat immer noch nicht begriffen, was hier abläuft. Ich gebe dir meine Position an Lea, du weißt also immer wo ich gerade bin und der Halbaffe von der Insel wird es auch wissen. Ich werde mich in den Büschen bewegen und die Kollegen ausschalten, die ich finden kann. Sozusagen als kleines Back-up. Was du von oben nicht erreichen kannst, nehme ich mir vor. Es wird keine Armee hier auflaufen. Vermutlich werden es weniger als 10 Angreifer sein, und die haben keine Ahnung, auf was sie sich hier einlassen. So weit klar?«, ergänzte Korn.
»Bitte mit Schutzkleidung Michael. Mir zuliebe.«, flehte Lea.
»Ich werde so eine beschissene Weste anziehen, versprochen!«, fügte er sich in sein Schicksal. »Jetzt ab mit euch auf das Dach, wir haben nicht ewig Zeit.«
Lea zog ihren Freund an sich, gab ihm einen langen Kuss und flüsterte »Pass auf dich auf. Ich liebe dich!«
Michael blickte ihr tief in die Augen. Dann küsste er ihre Stirn und ließ die beiden Frauen stehen. Er bewegte sich zielstrebig zu einem der vielen Polizisten in Zivilkleidung und sprach ihn an. Keine halbe Minute später zogen sich alle Kräfte der Polizei wortlos zurück. Sie versteckten sich in den Hauseingängen gegenüber bis sie nicht mehr zu sehen waren. Die beiden Frauen rannten die Treppe hinauf aufs Dach. Oben angekommen warf sich Lea auf den Boden und kümmerte sich um ihr Gewehr. Liz stand unruhig daneben. Plötzlich fragte Lea »Worauf wartest du? Die Kavallerie oder doch auf den Bus, der nicht kommt?«
Die englische Agentin verdrehte die Augen »Auf die Wärmebildkamera, du Genie!«
Stöhnend griff Lea in ihre Ausrüstungstasche und warf ihr eine schwarze Box zu. Dann zog sie aus ihrer Hosentasche eine kleine Schachtel, ähnlich der Ladestation von Bluetoothkopfhörern und drückte sie Liz in die Hand. »Stopfe dir das Ding ins Ohr, das ist der Funkempfänger. Du hörst alles, was wir sagen und wir hören auch dich. Sogar, wenn du flüsterst. Und jetzt, Abgang, aber plötzlich!« Liz drehte sich wortlos um und stapfte mit wütenden Schritten davon. Suchend blickte sie sich nach einem geeigneten Versteck um. An der südwestlichen Ecke setzte sie sich hinter die kleine Kante, die etwa 20 cm hoch nach oben ragte und fummelte den Funkempfänger aus der kleinen Schatulle. Als sie das kleine Gerät ins Ohr steckte, hörte sie sofort Korns scharfe Stimme, bellen. »Sumpfkuh gehen sie sofort in Deckung. Jeder Idiot, der in der Lage ist, durch ein Zielfernrohr zu blicken, könnte sie aus 5 km Entfernung abknallen.«
Sie brummte nur mürrisch, legte sich dann aber wie Lea flach auf den Boden, bevor sie die Wärmebildkamera auspackte. Es war ein Wunderwerk der Technik. Ein kleiner LCD Bildschirm zeigte das Bild einer winzigen Kamera, die an der Spitze eines schwenkbaren Teleskoparms eingebaut war. Sie konnte bequem auf dem Boden liegen bleiben und musste nur den Schwenkarm in Position bringen. Sie konnte auf dem grünlich schimmernden Display die groben Umrisse sehen. Langsam schwenkte, sie die Kamera von rechts nach links bis plötzlich in einem rot leuchtenden Umriss eine Gestalt zu sehen war, die in einem Busch am Boden lag. Zögernd fragte sie »Sind sie das Korn der da im Gebüsch liegt?«
»Nein, der Osterhase, der auf den Nikolaus wartet. Die beiden haben sich heute auf eine scharfe Nummer verabredet, aber das haben sie natürlich nicht gelesen!«, brummte er.
Lea kicherte, als Liz antwortete »Verzeihung, mein Abo für das Nudistenblatt ist abgelaufen.«
Korn fragte Lea »Schatz, kannst du mal als Test nach mir suchen und dann neben mir einen Schuss in den Boden abgeben?«
»Versuchen kann ich es, aber ich sehe so gut wie nichts«, antwortete Lea.
»Haupteingang, linke Kante. Abstand etwa 60 m in dem kleinen Busch, der aussieht wie ein Pilz«, gab Liz an.
»Gefunden«, rief Lea. Sie schoss im Abstand von wenigen Metern neben ihrem Freund in den Boden.
»Okay Schatz. Das war sehr leise, aber ich konnte deinen Mündungsblitz sehen. Ich werfe mit dem Laserpointer einen Punkt auf deine Position. Versuch, das noch zu verstecken!«
Vor Leas Augen funkelte ein grüner Laserpunkt auf. Sie überlegte, was sie tun könnte. »Ich habe eine Idee, gib mir 30 Sekunden, dann feuere ich zweimal.« Sie riss ein olivgrünes Dreieckstuch aus ihrer Tasche und schlang es um die Mündung ihres Gewehrs. Das kleine Ende des Tuchs ließ sie vor der Mündung nach unten klappen. Dann legte sie an, feuerte, wartete einige Sekunden und drückte wieder auf den Auslöser.
»Perfekt Schatz, obwohl ich deine genaue Position kenne, war fast nichts mehr zu sehen«, lobte Korn. »Jetzt heißt es abwarten und sehen, was da kommt!«, fügte er hinzu.
29. Kapitel
Deutschland, Berlin
Der kleine Besprechungsraum in der Mitte Berlins war gut klimatisiert. Bodo Eggers hatte endlich einen Termin bekommen. Es ging, um einige Millionen, die er besorgen musste, um die beiden Profis die er angeheuert hatte zu bezahlen. Die Methode war so einfach, dass sie grundsätzlich immer funktionierte. Nur die deutsche Wirtschaft hatte in Berlin etwas zu sagen, nicht die Politiker. Gewählte Volksvertreter waren nur austauschbare Marionetten. Die Fäden die diese Figuren aber bewegten lagen fest in den Händen einiger Manager von Konzernen. Wenn man genug Mitarbeiter beschäftigte, nicht nur die Stammbelegschaft, sondern auch die Zulieferer gehörte man in den Kreis der Puppenspieler in Berlin. Alleine das kleine Wort Arbeitsplätze war der Türöffner. Wenn dann noch Begriffe hinzukamen wie gefährdet, bedroht oder nicht mehr haltbar rannte man offene Türen ein. Es spielte keine Rolle, wer da im Kanzleramt oder im Reichstag seinen Arbeitsplatz hatte. In seiner Funktion als Chef von Energart, der größte Energieriese der Bundesrepublik und Arbeitgeber von insgesamt 2,4 Millionen Beschäftigten in Deutschland hatte in Berlin mehr zu entscheiden als jeder gewählte Volksvertreter. Die derzeit amtierende Obermarionette Angelika Rotenfels würde exakt so schnell einbrechen wie immer. Dieses Mal war es sogar noch einfacher. Es ging nur um maximal 30 Millionen €, die er von den Steuerzahlern übernehmen lassen wollte. Das waren Peanuts im Vergleich zu den vielen Milliarden, die diese Bundesregierung für die Entsorgung und Lagerung der verbrauchten Brennstäbe der Atommeiler bezahlte. Im Endeffekt haftete dafür der Steuerzahler mit seinen Steuern, die Berlin großzügig abschöpfte. Mehrwertsteuer, Ökosteuer und nicht zuletzt die wundervolle Idee mit den CO² Zertifikaten waren eine Goldgrube. Die Steuern sprudelten aus Tausenden unerschöpflichen Quellen und landeten großzügig in den Taschen der Konzerne, wenn man nur die richtigen Argumente hatte. Seine Haupteinnahmequelle waren nur die Strompreise, die man im Laufe der letzten Jahre immer weiter angehoben hatte. Berlin wollte Steuern abzapfen, er aber höhere Gewinne erzielen. So hatte man es geschafft, dass Strom nirgendwo teurer war als in Deutschland. Die armen Steuerzahler, denen man im Gegenzug die Reallöhne immer weiter gesenkt hatte, wurden ausgepresst wie Weintrauben. Immer wenn sie dachten, es könne nicht mehr schlimmer kommen wollte Berlin höhere Steuereinnahmen und die Konzerne mindestens den gleichen Gewinn wie im Vorjahr, oder natürlich noch mehr. Steuern und Preise kletterten in immer neue Rekordhöhen. Wenn die Gewerkschaften dann höhere Löhne forderten, damit der kleine Steuerzahler das auch alles brav bezahlen kann, drückte man die Forderungen immer weiter. Meist sprang nicht einmal der Inflationsausgleich dabei heraus. Zum Glück verstanden diese Menschen das Geldsystem nicht. Wenn sie es begreifen würden, hätte man noch vor Sonnenaufgang eine Revolution. Er handelte allerdings nach einer anderen Formel. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Die Gewinne immer schön selbst einstreichen und die Verluste von Berlin bezahlen lassen. Aber dieses System verstanden auch die Politiker nicht. Die legten lieber pro Jahr etliche Millionen in Beratern an, die ihnen allerdings auch nur die halbe Wahrheit erzählten. Politiker waren schon ein besonderes Volk. Ohne ihre Berater würden sie wohl nicht einmal die Toilette finden. Zu dieser Gattung Mensch gehörte auch Bundeskanzlerin Angelika Rotenfels, die in diesem Moment den kleinen Raum betrat. Äußerlich besaß sie die Schönheit, wie man sie manchmal nach sehr schweren Unfällen vorfindet. Was ihren Intellekt angeht, musste stark bezweifelt werden, ob sie in der Lage war sich richtig herum auf eine Toilette zu setzen. Und wenn doch, ob sie daran denken konnte vorher den Deckel hochzuklappen. Bodo Eggers spielte das nur in die Karten. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand.
»Herr Eggers, sie baten um einen privaten Termin. Um was handelt es sich denn?«, fragte sie.
»Mir ist zu Ohren gekommen, dass Wissenschaftler etwas entdeckt haben könnten, was die Energieproduktion revolutionieren wird. Allerdings nach bisherigem Kenntnisstand in einem solch großen Ausmaß, das es unverantwortlich wäre, es in die falschen Hände gelangen zu lassen Frau Bundeskanzlerin.«
»Hätten sie es vielleicht ein bisschen genauer?«
»Offiziell ist natürlich noch nichts bekannt, aber man munkelt, es handelt sich um ein Material, das Energie abgibt, und zwar unerschöpflich«, erklärte Eggers.
»Das wäre eine wunderbare Erfindung. Strom ohne Emissionen sind ein Traum. Wenn das stimmt, was sie sagen, wären diese Fridays for Future zumindest mal halbwegs beruhigt«, freute sie sich.
»Frau Bundeskanzlerin, von diesen Spinnern würde ich nicht zu viel erwarten. Wer der Meinung ist Atomkraftwerke stillzulegen, um den Strom aus Kohlekraftwerken zu beziehen, was nach deren Meinung weniger Emissionen verursacht, gehört eigentlich in eine geschlossene Anstalt und nicht auf die Straße. Aber das ist ihr Problem und nicht meines. Mir geht es eher darum, sicherzustellen, dass die Energie weiterhin von zugelassenen Unternehmen bereitgestellt wird«, kam Eggers langsam zum Punkt.
»Was meinen sie damit?«
»Wenn dieses neuartige Material Energie erzeugt, sind die Gefahren gar nicht abzuschätzen. Wir sollten also sicherstellen das nur ausgebildete Personen damit hantieren. Wer könnte das wohl besser als unsere Mitarbeiter?«
»Herr Eggers, kann es sein das sie gerade versuchen wollen diese Technologie dafür zu nutzen, Energie günstiger herzustellen und zu vertreiben?«, fragte sie mit kühlem Blick.
»Wo denken sie hin Frau Bundeskanzlerin? Ich versuche, Arbeitsplätze und die Menschen zu schützen. Niemand weiß, wie gefährlich dieses Material sein kann. Was wäre, wenn sich jeder eine Batterie in den Keller stellen lässt, nur um später festzustellen, dass die Strahlung davon lebensgefährlich ist, oder es zu Störfällen neigt, die einer Atombombe gleicht? Ich wäre nicht begeistert, wenn ich wüsste, dass in jedem Haushalt eine potenzielle Atombombe steht und von Laien beaufsichtigt wird«, log Eggers.
»Nun, möglicherweise haben sie recht. Eine Bombe unter jedem Haus ist nicht in meinem Sinne. Es müsste sichergestellt werden diese Technologie, ohne eine Gefahr für alle zu nutzen. Aber das bedeutet auch, dass der Strompreis sinken muss Herr Eggers«, stellte sie fest.
»Dazu kann ich derzeit noch keine Aussage treffen, ohne es kalkuliert zu haben. Allerdings kann ich es erst kalkulieren, wenn ich es habe. Beschaffung und Wartungskosten, Lohn und Nebenkosten der Mitarbeiter, Vertrieb und die Wartung der Netzinfrastruktur und so weiter kann ich jetzt nicht abschätzen. Das werden sie verstehen Frau Bundeskanzlerin.«
»Das leuchtet mir ein. Aber ich verstehe nicht genau, warum sie damit zu mir kommen Herr Eggers.«
»Dieses Material gefährdet Tausende von Arbeitsplätzen Frau Bundeskanzlerin. Um ein kleines Kraftwerk sicher zu betreiben, brauchen wir Hunderte Mitarbeiter. Von der Wartung über den Elektriker bis hin zu den Ingenieuren, die alles überwachen. Um eine Batterie zu überwachen brauchen wir vielleicht nicht einmal die Hälfte. Das bedeutet alleine in meiner Firma reden wir grob geschätzt über 1,2 Millionen Menschen, die ich entlassen müsste. Sie können sicher abschätzen wie viele Menschen das für die ohnehin leeren Sozialkassen bedeutet, von den wegbrechenden Steuereinnahmen gar nicht zu sprechen. Und meine Firma ist ja nicht die einzige.«
»Von der Seite habe ich es gar nicht betrachtet, muss ich zugeben. Das wäre eine riesige Katastrophe. Aber was können wir da tun?«
»Ich habe bereits mit den anderen Firmeninhabern telefoniert. Um die Arbeitsplätze zu schützen, benötigen wir rund 40 Millionen pro Jahr. In allen Firmen wohlgemerkt, also nicht meine alleine. Das müsste irgendwie von der Bundesregierung subventioniert werden.«
»40 Millionen im Jahr? Verdammt Eggers wo soll ich die denn wieder hernehmen?«, fragte sie ratlos.
»Das ist ein vergleichsweise niedriger Preis. Die Alternative wären Massenentlassungen und die Kosten für die Sozialsysteme übersteigen diese 40 Millionen locker um das Doppelte. Was ist ihnen also lieber? Und nur damit wir uns richtig verstehen, Frau Bundeskanzlerin, wenn der Strompreis sinkt, brechen ihnen auch einige Steuereinnahmen weg«, sagte Eggers spitz.
Angelika Rotenfels überlegte eine ganze Zeit lang. Eggers sah ihr an, dass er gewonnen hatte, wieder einmal. Und er hatte es nicht nur geschafft, die Kosten für die Profis herauszuschlagen, die er engagiert hatte, sondern auch noch 10 Millionen im ersten Jahr und weitere 40 Millionen in jedem weiteren Jahr. Als Sahnehäubchen obendrauf bekäme, er sogar noch die Forschungsergebnisse, die er vermarkten könnte. Das versprach Umsatzgewinne in Milliardenhöhe jedes Jahr. Die Bundeskanzlerin machte ein miesepetriges Gesicht, als sie schließlich ihre Zustimmung gab die 40 Millionen pro Jahr zu übernehmen.
Ihr einziger Trost war, dass sie wusste, dass er die Forschungsergebnisse niemals in die Hände bekommen würde. Diese Milliarden landeten über Umwege bei ihr. Also musste der Steuerzahler im Jahr weitere Millionen abdrücken und sie war die Gewinnerin dieses Spiels. Jetzt musste sie nur noch dafür sorgen, das dieses verfluchte Patent der SilOld AG verschwindet. Politik war nur ihr Sprungbrett für ein Leben in Reichtum. Mit einem zufriedenen Lächeln verließ sie den Besprechungsraum. Sie hatte ihren Gegenüber so geschickt über den Tisch gezogen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfunden hatte.
Venezuela, Caracas
Es war bereits fast Mitternacht, als Trina Bates mit ihrem Team in Venezuela landete. Sie waren direkt nach dem Abschluss der Mission zu ihren neusten Auftrag geflogen. Während der Einsatzbesprechung hatte ihr Stellvertreter Dale Buck das Gespräch geführt und Bates anschließend informiert. Für sie war die Auftragsbeschreibung nichts Neues mehr. Kaum nützliche Informationen kamen aus Langley. Sie und ihr Team mussten mal wieder alles selbst zusammentragen, um ihren Auftrag zu erledigen. Wieder einmal sollten sie ein Gebäude stürmen und alles herausholen, was es zu holen gab. Das war nicht der Job, den sich die Mittdreißigerin aus Arizona erhofft hatte. Was ihr Freude machte, waren die Einsatzplanung, darin war sie richtig gut. So einfach war das aber nicht, denn mittlerweile musste sie auch selbst zur Waffe greifen und an den Einsätzen teilnehmen. Sie bevorzugte eher klassische Methoden wie überwachen und abhören. Eindringen und ausräuchern war nicht ihr Vorgehen. Bei diesem Einsatz ging es mal wieder nur ums Töten von Menschen, deren einziger Fehler es war, sich gerade zu dem Zeitpunkt an einem Ort aufzuhalten, den sie als Ziel bekommen hatte. Dale, ihr Stellvertreter, liebte diese Art von Vorgehen. Er sah sich gerne in der Rolle des großen Helden, der einfach ein Gebäude auslöscht, nachdem er am Eingang bereits drei Dutzend Männer über den Haufen geschossen hatte. Der Spitzname, den er sich selbst gegeben hatte, war Rambo. Benannt nach dem großen Actionfilm mit Sylvester Stallone der im Alleingang eine komplette Kompanie ausrottet, nur um einen Kriegsgefangenen nach Hause zu holen. Seine Kriegsgefangenen waren nur keine Staatsbürger, sondern Papiere, Festplatten, Computer und Objekte. Trina und Dale arbeiteten bereits seit sieben Jahren sehr erfolgreich zusammen. Sie entwarf die Pläne, die er mit den restlichen drei Kollegen dann in die Tat umsetzte. Sie hielt sich dabei meist eher im Hintergrund.
Auf dem Flug von Brasilien nach Caracas hatte sie sich bereits das Objekt angeschaut. Ein schlichter Betonbau umgeben von einem etwa 100 m breiten grünen Streifen. Einige Bäume und Sträucher konnten ihnen Schutz bieten, um in der Dunkelheit Sicherheitskräfte auszuschalten. Dale hatte erklärt, dass Interpol wohl darin verwickelt war und sie deshalb auf besondere Sicherheitsmaßnahmen treffen würden. Großspurig hatte er verkündet »Ich hoffe, die haben da richtig viele Leute aufgefahren, das wird ein Spaß!« Trina selbst hatte gehofft, nur auf ein paar wenige Leute zu treffen. Nicht, weil es alles leichter gemacht hätte. Ihr ging es um die vielen Unschuldigen, die sie töten mussten. Als sie jetzt in einiger Entfernung durch ihr Fernglas spähte, war sie beruhigt. Es gab einen Eingang, vor dem sich fünf bis acht Personen zeigten. Es waren immer zwei zu sehen, die in unregelmäßigen Abständen wechselten. Einer davon patrouillierte alle paar Minuten vor dem Gebäude. Zu ihrer Überraschung lag der komplette Grünstreifen im Dunkeln und war überwuchert von hohen Sträuchern. Da konnte man gemütlich auf einem Elefanten bis etwa zehn Meter vor das Gebäude reiten, ohne entdeckt zu werden. Im Gebäude brannte kein Licht, niemand war auf dem Dach postiert worden und die Sicherheitsvorkehrungen waren eher ein schlechter Witz.
»Aus deinem Schlachtfest wird nichts werden Dale. Ich zähle maximal acht Mann mit leichter Bewaffnung!«, raunte sie ihrem Kollegen zu.
»Verdammt, ich hatte mich schon so gefreut, Interpol und den Cops den Arsch bis nach Washington aufzureißen«, klagte er.
»Das wird ein Sommerspaziergang zum Eingang, eine kurze Schießerei und dann Feierabend.«
»Nächstes Mal sollten wir Clarkson sagen, wir wollen eine Armee vor der Hütte haben damit wir was zu tun bekommen«, maulte Dale.
»Jungs und ihre Kriegsfantasien«, lächelte sie müde.
»Wie gehen wir vor Trina?«, fragte er übermütig.
»Ganz klassisch würde ich sagen. Zwei linke Flanke, zwei rechte Flanke und ich übernehme das Zentrum, falls einer abhaut«, erklärte sie.
»Falls einer abhaut … Du machst wohl Scherze Trina. Das Einzige, was da abhaut, ist der Geruch von Blut, mehr nicht.«
»Wenn ihr in Position seid, gehts los.«, sagte Trina. Dale wandte sich den restlichen drei Männern zu.
»Brock geht mit mir nach links, ihr beide nach rechts. Nehmt etwa dreißig Meter Abstand zueinander. Klassischer Zangenangriff. Trina gibt uns das Startsignal, wenn wir so weit sind. Alles klar Ladys?«
Die Männer nickten kurz und stoben wie Fliegen auseinander. Dale und sein Kollege Brock schlichen sich durch das Dickicht weit auf die linke Seite des Gebäudes. Sie bewegten sich fast lautlos. Trina lief durch das Gestrüpp auf einen kleinen Baum zu der fast zentral vor dem Gebäude stand. Dornen zerrten an ihren Beinen. Alles war ruhig, als sie ihren Beobachtungsposten erreicht hatte. Das Gebäude ragte etwa vierzig Meter vor ihr auf. Am Eingang zeigte sich das übliche Wechselspiel der Wachen, ansonsten war nichts zu sehen. Es knackte leise in ihrem Headset. Die rechte Flanke war in Position gegangen. Wenige Sekunden später meldete auch Dale Einsatzbereitschaft.
Trina sprach ein kurzes Gebet und atmete tief durch. »Wenn die Patrouille auf der Position ganz links kehrt macht, eröffnet ihr das Feuer!«
30. Kapitel
Frankreich, Lyon
Seit Stunden hockte Mike Banks jetzt schon vor dem Computer in dem Büro des Teams, um der in Cabarete sichergestellten SSD Festplatte ihr Geheimnis zu entlocken. Die Verschlüsselung hatte es in sich. 256 Bit Verschlüsselung mit einem Passwort, das 24 Stellen zählte. Sein Passwortgenerator war nur auf maximal 12 Stellen ausgelegt, was für die meisten Passwörter, ausreichend war, aber in diesem Fall keinen Nutzen hatte. Er musste einen Neuen programmieren, um die Datei öffnen zu können. Die gesamte Festplatte hatte eine Kapazität von 20 GB. Mikes Analyse ergab, dass davon gerade mal einige Bytes verbraucht waren. Gerade mal genug, um eine kleine Textdatei zu speichern. Insgeheim hoffte er, dass die Festplatte einfach nur die Formel enthüllen würde. Dann hätten sie zumindest schon einmal das wichtigste Geheimnis gelüftet. Er war bereits fast fertig mit seinem neuen Programm und startete einen letzten Testlauf. Sein Programm benötigte knapp sieben Minuten für sein generiertes Testpasswort. Nicht besonders schnell, aber auch nicht wirklich langsam. Die SSD lag bereit und er begann sein neu geschriebenes Programm darauf anzusetzen. Mit schwitzendem Finger tippte er die letzte Befehlszeile ein und startete. Auf seinem Bildschirm erschienen Codefragmente, verschwanden wieder und brachten neue hervor. Als sieben Minuten vergangen waren, wurde er unruhig. Gleich würde es so weit sein. Sein Blick war auf dem Bildschirm festgewachsen und er traute sich kaum, zu blinzeln. Weitere vier Minuten später, seine Augen waren bereits ausgetrocknet, war er der Lösung immer noch nicht näher gekommen. Mike konnte nicht verstehen, warum es so lange dauerte. Auf dem Bildschirm daneben überflog er noch einmal den Code seines Programmes. Befehl für Befehl unterzog er einer erneuten Prüfung, ob er einen Fehler gemacht hatte. Dann endlich nach endlosen 23 Minuten hatte er das Passwort gefunden.
»18*WmalLePe,idu,ou,ur*86«
Stand auf seinem Bildschirm als Passwort. Bedächtig tippte er den generierten Code in das Passwortfeld der Festplatte. Noch Weitere dreimal überprüfte er, ob auch alles richtig war. Dann drückte er auf die Entertaste, um das Passwort zu bestätigen. Der Code wurde akzeptiert und die Festplatte wurde freigegeben. Es war nur ein einzelnes Dokument darauf gespeichert. Eine Textdatei mit 18 Kilobyte Größe. Mike öffnete sie und erstarrte. Er rieb sich die Augen, las es erneut und verstand noch immer nichts. Das Worddokument enthielt nur einige Sätze:
Finde das grün, was tut weh im Gesicht.
Entferne das oben, das untere aber nicht.
Bring es in die Sonne, der Schatten zeigt das Licht.
In Stein gezeichnet der Lösung dicht.
Neun mal eins mal neun mal eins ergibt es Sicht.
Mike las es erneut.
Finde das grün, was tut weh im Gesicht? »Könnten Brennnesseln sein«, dachte er bei sich.
Entferne das oben, das untere aber nicht. »Also die Blätter abzupfen und den Stiel behalten.«
Bring es in die Sonne, der Schatten zeigt das Licht. »Der Stängel ist also der Zeigestab, aber worauf soll er zeigen?«
In Stein gezeichnet der Lösung dicht. »Okay, er soll auf einen Stein zeigen, aber welchen und vor allem wo ist dieser Stein?«
Neun mal eins mal neun mal eins ergibt es Sicht. »9x1x9x1 = 9x9 = 81. Soll das ein Passwort sein, oder eine Formel?«
Jetzt bemühte er das Internet und die Datenbanken. Er brauchte alle Informationen, die er über Buric und Onut finden konnte. Onut war aber Energieforscher, hatte also mit der eigentlichen Formel nichts zu tun. Mike konzentrierte sich auf Buric. Stichpunktartig notierte er alles, was er fand.
Goran Buric war ein kroatischer Materialforscher. 62 Jahre alt, niemals verheiratet oder verlobt und kinderlos. Leidenschaftlicher Leser, bevorzugte Kriminalliteratur. Fan von Sir Arthur Conan Doyle und der von ihm geschaffenen Kunstfigur Sherlock Holmes. Begeisterter Billardspieler, insbesondere Snooker. Reiste auch jedes Jahr zur Snooker-WM nach Sheffield als Zuschauer. Liebte das Spiel von Ronnie "The Rocket" O' Sullivan. War gerne in der Natur und mochte Wärme.
Mike kam das komisch vor. Dieser Kroate war fast britischer als seine Kollegin Liz Croll. Und der einzige Hinweis auf einen verdammten Stein fand sich in seiner Liebe zur Natur. Aber welcher Stein war damit gemeint? Die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf, aber es ergab alles keinen Sinn. Er brauchte einen klaren Kopf, um nachzudenken. Die Festplatte klemmte er ab und suchte ein geeignetes Versteck. Als sein Blick seine Tasche streifte, die mitten in dem Büro am Boden lag, kam ihm sein alter Laptop in den Sinn. Dessen HDD war bis auf das Betriebssystem sowieso leer. Kurzerhand tauschte er die beiden Festplatten aus und legte die HDD auf seinen Schreibtisch. Er verließ das Gebäude und wanderte gedankenverloren durch die belebten Straßen von Lyon. Erst als es dämmerte, kehrte er wieder zur Zentrale von Interpol zurück. Gerade als er die Eingangshalle betrat, kam ihm Bernand Roussel entgegen. Der Chef von Interpol fragte ihn »Konnten sie die Festplatte entschlüsseln?«
»Was? Ach so, die Festplatte. Ich habe den Code geknackt, ja«, entgegnete er.
»Dann haben wir also die Formel?«, wollte Roussel wissen.
»Ähm, um ehrlich zu sein nein. Es gab nur so eine Art Gedicht darauf, was aber keinen Sinn ergibt«, kam es von Mike.
Roussel zog die Augenbrauen nach oben »Lassen sie sich nicht jeden Wurm einzeln aus der Nase zerren Banks!«
Mike wiederholte das kleine Gedicht und erzählte Roussel auch von seinen Gedanken darüber. Schließlich standen die beiden fast eine Stunde auf dem Gang und diskutierten jede Idee, die sie fanden. Aber jedes neue Ergebnis ergab noch weniger Sinn als das vorherige. Sie einigten sich darauf, am Morgen mit neuer Energie auf die Spur des Rätsels zu kommen.
31. Kapitel
Venezuela, Caracas
Liz konnte auf ihrem Monitor sechs Wärmesignaturen erkennen. Eine lag still und heimlich seit Stunden in einem Strauch und bewegte sich nicht. Eine der Personen lief direkt an ihm vorbei und blieb hinter einem Baum stehen. Liz gab das sofort an Lea, die eine fast zentrale Position innehatte weiter. Die Killerin konnte aber nicht durch Bäume schießen. Korn meldete sich im Flüsterton »Das ist wohl die Chefin des Trupps. Kümmert euch um die anderen vier, ich übernehme die hier.«
Croll begann ganz links außen die Positionen an Lea zu übermitteln. In ihrem Zielfernrohr erkannte sie fast nichts.
»Ganz am linken Rand. Circa 70 m entfernt. Zwischen den zwei kleinen Bäumen kniet jemand im Busch!«, flüsterte Liz.
Lea sah die beiden Bäume, die Liz erwähnt hatte, und sah durch ihr optisches Visier. Langsam und sorgfältig fuhr sie das Gebüsch ab. Dann entdeckte sie einen leicht glänzenden Knopf, der sich in dem kaum vorhandenen Mondlicht spiegelte. Es war der Knopf einer Beintasche. Sie suchte die Arme der Person. Als sie die rechte Schulter des Mannes erkannte drückt sie ab. Ein kurzes Plopp und die Kugel flog durch die immer noch heiße Nachtluft. Die Person krümmte sich und ließ ein Gewehr sinken. Leas Kugel hatte die Schulter durchschlagen. Sein Arm, der eben noch die Finger am Abzug hatte, bewegte sich fast in Zeitlupe zu seiner Hüfte. Vermutlich der Sender des Funkgeräts schoss es Lea durch den Kopf. Sie zielte erneut, dieses Mal auf die Finger, und schoss. Es gab nur einen kurzen Schrei zu hören.
Korn hatte sich unmerklich bis auf etwa vier Meter an die Frau heran gerobbt, die mit einem Fernglas zur Eingangstür spähte. Als sie den Schrei hörte, warf sie ihren Kopf nach rechts, konnte aber nichts erkennen. Sie griff nach ihrem Gürtel und flüsterte aufgeregt »Seid leise ihr Idioten. Die Patrouille ist noch nicht mal aus der Tür. Absolute Stille verdammt!« Ihre Hand griff wieder zum Fernglas als sie wie eine Puppe gegen den Baum prallte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Korn hatte, während sie flüsterte, sich ganz nahe an sie herangeschlichen und sie mit einem kurzen Griff ins Genick gegen den Baum geschlagen. Er ließ sie langsam und leise zu Boden gleiten. Um ihre Arme und Beine schlang er Kabelbinder und zog sie fest. Bevor er sich entfernte, zerstörte er noch den Sender an ihrem Gürtel. Er schlug den Weg nach links ein.
»Halblinke Position, rechts neben dem windschiefen Baum, liegend am Boden Lea«, kam es wieder von Liz.
Lea bewegte den Lauf ihres Gewehrs auf den Baum. Sie suchte seelenruhig das Gebiet um den Baum ab. »Da ist nichts Liz, noch mal!«
»Der Baum der sich um etwa 20 Grad nach links neigt Lea. Halblinke Position. Rechts neben dem Stamm liegt er!«
»Entfernung?«, fragte Lea, »Da stehen zwei von der Sorte.«
»Der hintere, müssten 80 m sein.«
Sie richtete ihr Zielfernrohr neu aus. Neben dem Stamm konnte sie zwar etwas erkennen, was wie der Umriss eines Kopfes aussah, aber weiter entdeckte sie nichts. »Kein eindeutiges Ziel Liz. Gib mir den halbrechts.«
»Bei den zwei kleinen Palmen, Entfernung etwa 70 m. Liegt etwas nach hinten versetzt dazwischen.«
Die Killerin schielte über den Rand des Gebäudes nach rechts. Da standen zwei noch ganz junge Palmen gerade mal einen Meter auseinander. Sie legte an, prüfte die Position anhand der Palmblätter und sah durch ihre Optik. Mühsam besah sie sich das Gelände. Dann entdeckte sie etwas, das aussah wie ein Schuh. Sie fuhr die Kontur ab. In dem Moment sah sie einen Mündungsblitz, direkt danach zwei weitere. Die Hände konnte sie nicht sehen. Sie ging auf Nummer sicher und zielte auf das, was sie für den Rücken hielt. Viermal zog sie den Abzug durch. Dann brach die Hölle los.
Aus der ihrer halblinken Position ging ein Kugelhagel auf das Gebäude, ebenso von ganz rechts außen. Die Geschosse zerfetzten den unter ihr liegenden Eingang. Sie zielte nach rechts außen, direkt auf die Mündungsblitze die in wildem Stakkato aufleuchteten, und drückte mehrfach hintereinander ab. Schreie durchbrachen die Nacht.
»Lea, schnapp dir den links. Den Rechten kauf ich mir persönlich. Croll sie gehen nach unten an ein Fenster und leeren ihr Magazin auf den Typen aus, falls er sich noch bewegt!«, schrie Korn.
Lea suchte die Mündungsblitze und gab Schuss um Schuss ab. Mit einem Scharfschützengewehr konnte man kein Dauerfeuer geben. Dafür waren sie auch nicht gedacht. Ihr Magazin fasste nur 8 Patronen, dann musste sie wieder ein neues einlegen. Sie feuerte, was das Gewehr nur hergab, aber die Mündungsblitze verebbten einfach nicht. Liz warf die Wärmebildkamera neben sich und rannte, so schnell sie konnte auf die Tür zu, durch die sie vorher auf das Dach gelangt waren. Sie sprang, so schnell es ging über die Stufen nach unten. Im zweiten Stockwerk rannte sie nach links durch den Flur und griff nach ihrer Glock. Auf der Hälfte des Flurs riss sie eine Tür auf und flog förmlich über einen Schreibtisch, der im Weg stand. Vor dem Fenster kam sie auf dem Boden zu liegen. Die Knie taten ihr weh, als sie sich aufrichtete. Vor dem Fenster erkannte sie einen Mann, der mit einem Gewehr wild schießend auf den Eingang zulief. Sie legte an und schoss so gut sie konnte auf den Eindringling. Liz feuerte ihr gesamtes Magazin auf ihn ab, doch es schien, als könnte sie ihn nicht treffen. Er bemerkte das Feuer aus dem Fenster und riss das Gewehr auf ihre Position. Liz warf sich unter das Fenster und krabbelte auf allen vieren um den Schreibtisch herum zur Tür. Über ihr schlugen jede Menge Kugeln ein. Der Putz regnete von den Wänden und der Decke in das Zimmer herab.
Michael Korn rannte durch das wilde Gestrüpp nach links auf den Angreifer zu, der ebenso wie sein Kollege wild feuernd auf den Eingang zuhielt. Der jedoch war von seinem Dauerfeuer so abgelenkt, das er den herannahenden Bodyguard gar nicht bemerkte. Korn warf ihm aus vollem Lauf seinen rechten Ellbogen ins Gesicht. Der Treffer war so heftig, dass der Angreifer fast einen seitlichen Salto schlug und zu Boden fiel. Korn rannte einen kleinen Bogen nach rechts, um wieder zum Gebäude zu kommen. Die Schüsse von links hielten unvermindert an.
Lea stand jetzt aufrecht an der Kante des Gebäudes und feuerte nach unten. Dann sah sie im Licht der schwachen Außenbeleuchtung, warum ihre ganzen Schüsse ihn nicht aufzuhalten vermochten. Er trug, so wie es aussah mehrere kugelsichere Westen übereinander. Sein Helm, der wie ein Motorradhelm aussah, war wohl ebenfalls kugelsicher. Instinktiv schrie sie »Der ist gepanzert! Schießt auf die Beine!«
Liz, die das hörte, rannte gerade in das nächste Zimmer und stürzte zum Fenster. Sie konnte ihn nicht mehr entdecken. Er hatte wohl an der Außenwand des Gebäudes Stellung bezogen. Aus ihrer Position gab es kein Schussfeld, ohne das sie sich aus dem Fenster lehnte. Das kam aber einem Selbstmord gleich. »Ich kann ihn nicht erreichen, er steht direkt an der Wand zum Gebäude!«, schrie sie.
Korn warf sich ins Gebüsch. Der Angreifer war gepanzert und stand etwa 30 Meter neben dem Eingang an der Wand. Ohne Unterlass verließen die Kugeln den Lauf seiner Waffe. Erst jetzt erkannte Korn das er ein Maschinengewehr trug, das aus einem Gurt mit Munition versorgt wurde. Das könnte noch ewig dauern, bis ihm die Munition ausging. Korn griff sich seine Glock. Auf diese Entfernung allerdings wusste er, dass sie fast wirkungslos bleiben würde. Er zielte und drückte ab. Der Angreifer hingegen feuerte einfach weiter, als sei nichts passiert. »Er ist außerhalb meiner Reichweite. Irgendwelche Ideen?«, fragte er.
»Kannst du das Gewehr seines Kollegen erreichen?«, fragte Lea besorgt.
»Negativ. Offenes Feld und zu weit. Würde ich nicht überleben!«, sagte er.
Liz dachte fieberhaft nach, kam aber auf keine Lösung. »Wir müssen warten bis er keine Munition mehr hat, eine andere Option gibt es nicht mehr!«, erklärte sie sachlich.
»Lassen sie sich Zeit Croll, bis dahin bin ich tot!«, kam es von Korn zurück.
Lea fragte »Michael, kannst du irgendetwas sehen, was eine Schwachstelle sein könnte?«
»Wieder negativ Schatz. Ich liege hinter einem Baum, den der Irre gerade absägt mit seinen Kugeln!«
»Liz, wo steht der Arsch?«, rief Lea.
»Ich weiß es nicht. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nichts!«, sagte sie.
»Gebt mir eine Minute!«, kam es von Lea.
Sie beugte ihren Kopf über die Kante des Gebäudes und sah nach unten. Er war weiter vorgerückt und stand fast direkt neben dem Eingang.
»Liz, er steht direkt am Eingang. Mach das Fenster auf und knall ihn über den Haufen!«, gab sie weiter.
»Okay, Sekunde!«
Liz ging zum Fenster und öffnete es. Vorsichtig blickte sie nach rechts zum Eingang. Dort stand der Angreifer und feuerte wahllos auf die Bäume. Hinter einem davon lag Korn in Deckung. Sie steckte ein neues Magazin in ihre Glock. Dann legte sie an, zielte auf die Oberschenkel und begann zu feuern. Der Angreifer sackte nach hinten weg, fiel zu Boden und feuerte in die Luft. Lea rollte sich von der Kante weg, kurz bevor er senkrecht nach oben feuerte. »Hört denn dieser Idiot nie auf?«, schrien Liz und Lea fast synchron.
»Ich übernehme ihn. Bleibt in Deckung und gebt mir knapp zwei Minuten!«, sagte Korn und man konnte sein lächeln hören.
Er rollte sich nach links vom Baum weg und kroch bis auf drei Dutzend Meter an den Angreifer heran. Der feuerte, am Boden liegend, mehr in die Luft. Zielen war aus seiner Position fast unmöglich. Er war auf die Knie gesunken und sein Oberkörper lag fast zwischen seinen Stiefeln am Boden. Aufrichten konnte er sich nicht mehr. Das Gewicht seines Gewehrs drückte ihn nach unten. Seine Oberschenkel, die Liz durchlöchert hatte, konnten der Schwerkraft nichts mehr entgegensetzen. Seine Arme versuchten, den Gewehrlauf nach unten zu halten, aber aufgrund der unnatürlichen Haltung ging das nur für kurze Zeit.
Korn schob seine Glock nach vorne und feuerte sein gesamtes Magazin auf ihn ab. Schon nach dem ersten Schuss fiel das Gewehr des Angreifers zu Boden und schwieg. Michael stand auf, blickte auf seine linke Hand und sagte »00.23 Uhr. Mission beendet.«
Zehn Minuten später standen die drei Agenten vor dem Gebäude und rauchten. Lea drückte sich dabei auffällig dicht an ihren Freund. Liz war aus dem zweiten Stock nach unten gelaufen, während Lea leichtfüßig vom Dach nach unten stürmte. Korn hatte in der Zwischenzeit die Angreifer mit Kabelbindern versorgt. Zumindest vier davon. Beim Fünften, dem Angreifer an der Wand war das nicht mehr nötig. Scherzhaft sagte er »Ich hatte kein besonders großes Ziel, also habe ich ein bisschen die Glocken läuten lassen. Pech für ihn, dass die Kugeln durch sein Glockenspiel geflogen sind und die inneren Organe perforiert haben.«
»Und ich durfte keinen abknallen!«, beschwerte sich Lea gespielt.
»Du mein Schatz hast einem davon ein zweites Arschloch geschossen. Der jammert da drüben!«, lachte er.
Lea kicherte. Liz murmelte »Immerhin haben wir ja vier zum Befragen, wenn sie notversorgt wurden.«
»Rein theoretisch sind es vier. Praktisch allerdings nur eine! Einer ist hinüber, drei verbringen einen längeren Urlaub in der Klinik, falls sie es überleben werden. Aber das Nashorn hier wird uns liebend gerne verraten, was sie weiß«, erklärte er grinsend und zeigte auf eine schlanke Frau, die mit dem Gesicht im Dreck lag.
»Wer ist das?«, fragte Liz.
»Das ist wohl die Anführerin des Teams. Die stand hinter dem Baum. Leider ist sie so extrem naturverliebt, dass ihr der Stamm volle Suppe ins Gesicht gesprungen ist. Sie hat ein Horn, was ein Nashorn neidisch macht und einen dröhnenden Schädel, aber mit ein bisschen Wohlwollen von unserer Seite wird sie singen wie eine Lärche!«, resümierte Korn.
»Sie werden nichts erfahren, gar nichts.«, schrie die Frau etwas gequält.
Korn lächelte, beugte sich zu ihr und sagte »Es dauert keine fünf Minuten bis sie so lange reden, dass man ihnen den Hals zukleben muss, um sie zum Schweigen zu bekommen.«
Lea grinste ihren Freund an, als sie fragte »Was hast du vor?«
»Schatz, normale Frauen reden gerne über drei Themen. Das sind Schuhe, Klamotten und Parfüm. Okay, du redest lieber über Waffen. Aber diese Östrogenkanne hier ist ein Sonderfall. Nach außen gibt sie die Harte, diese Schule kenne ich bereits zur Genüge, aber ich weiß, was dagegen hilft!«, half ihr Korn auf die Sprünge.
»Sie sprechen in Rätseln Mister Korn. Hätten sie es vielleicht etwas genauer?«, sprach Liz zu ihm.
»Miss Croll, ich möchte sie nicht dumm sterben lassen.«, sagte er süffisant, »sie gibt sich superhart, bewegt sich geschmeidig wie eine Katze und redet ungern. Ihr ganzes Verhalten wurde ihr an einem Ort beigebracht, den man gemein hin "das Camp" nennt. Das alles schreit förmlich schon nach CIA. Diese Jungs und Mädels brauchen nur ein bisschen ihrer eigenen Medizin und sie bringen sie fast nicht mehr zum Schweigen.«
»Die CIA? Sind sie sicher?«, fragte Liz verdutzt.
»Ja, ich bin mir sicher«, kam es von Korn.
»Okay Schatz, aber du sagtest "ihre eigene Medizin". Was heißt das?«, fragte Lea.
»Mein Herz, du bist aus den USA. Du solltest das besser wissen als ich. Die Central Intelligence Agency bevorzugt vier Methoden, jemandem zum Reden zu bringen. Am beliebtesten ist das Waterboarding. Eine ziemlich nasse Angelegenheit. Dann nacheinander Psychofolter, Strom oder den Zahnarzt. Die Psychofolter dauert zu lange für brauchbare Ergebnisse, mit Strom habe ich es nicht so, weil es sehr unangenehm riecht, und einen Zahnarztstuhl werden wir hier nicht finden, also werde ich ein bisschen in meine persönliche Trickkiste greifen!«, erläuterte Michael.
»Das heißt sie wollen die arme Frau foltern?«, schrie Liz.
»So könnte man das ausdrücken«, bestätigte er.
»Das werde ich auf keinen Fall zulassen Mister Korn, verlassen sie sich darauf!«
»Alternativen Miss Croll?«
»Ich werde sie befragen. Sie wird schon reden!«, beharrte Liz.
Lea blickte sich unsicher zwischen den beiden um. »Schatz, ich denke, Liz wird sie zum Reden bringen. Wir müssen ihr nichts antun!«
»Versucht euer Glück, viel Spaß«, sagte er ruhig.
Seit knapp zwei Stunden saß Trina Bates bereits in einem ansonsten leeren Raum auf einem Stuhl. Liz hatte es mit nettem Plaudern versucht, aber außer Atemgeräuschen hatten sie nichts gehört. Lea war sogar so weit gegangen, ihr einige harte Ohrfeigen zu verpassen, aber Bates schwieg wie ein Grab. Korn saß auf dem Boden, lehnte an der Wand und mühte sich an einem Spiel ab, das er auf seinem Smartphone installiert hatte. Er sagte die ganze Zeit keinen Ton. Die beiden Agentinnen umkreisten die gelangweilt dreinschauende Bates wie Motten das Licht. All ihre Versuche endeten in eisernem Schweigen. Korn begann sich zu langweilen, als Liz und Lea immer wieder die gleichen Fragen stellten, die Bates einfach ignorierte. Sie saß bequem auf ihrem Stuhl, beobachtete die Vögel, die in den Sträuchern umherflogen und tat, was sie am besten konnte, nämlich schweigen. Lea warf als Erste das Handtuch und setzte sich trotzig neben ihren Freund. Croll redete noch eine weitere halbe Stunde mit Engelszungen auf die Frau ein, bevor auch sie entnervt aufgab. Sie ging zu ihren beiden Kollegen, baute sich vor Korn auf und giftete ihn an »Sie gehört ihnen, ich hab die Schnauze voll!«
Mit leichtem Stöhnen drückte sich Michael die Wand nach oben, kniete sich vor seine Lea und sagte zu ihr »Mein Herz, dürfte ich mir deine Haarklammern einen Augenblick ausleihen?«
Lea sah ihn verwundert an, griff aber in ihre Haare und zog zwei Klammern daraus hervor. Ihr bis dahin hochgestecktes Haar folgte der Schwerkraft nach unten. Sie schüttelte es aus ihrem Gesicht, als sie die Klammern in Michaels Hand legte. Langsam stand Korn auf und stellte sich vor Bates. Dann begann er »Wir werden jetzt ein kleines Spiel spielen. Ich stelle ihnen Fragen und wenn sie mir eine Antwort geben, die mir nicht gefällt, spüren sie eine oder beide Klammern. Soweit verstanden?«
Bates sah ihn kurz an, lächelte und schwieg.
»Wie heißen sie?«, fragte Korn.
Bates blickte zu den Vögeln, sagte aber nichts.
»Die Antwort gefällt mir nicht!«, sagte er fast amüsiert, nahm eine der Klammern und drückte sie gegen das linke Ohr von Bates. Sie zuckte nur kurz zusammen, blieb aber still.
»Also noch mal von vorne. Ihr Name?«
Bates zeigte keine Reaktion. »Überraschung, die Antwort gefällt mir auch nicht«, lachte er. Korn packte ihren Kopf an den Haaren, legte ihn auf die Seite und steckte die Haarklammer tief in den Gehörgang von Bates. Dann sagte er ruhig »Miss Croll und Schatz, ihr solltet euch jetzt die Ohren zuhalten, es könnte etwas laut werden!« Liz und Lea folgten der Aufforderung. Korn stach die Nadel durch Bates Trommelfell. Ein blitzartiger Schmerz durchfuhr die Frau und sie schrie sich die Seele aus dem Leib. Korn zog die Haarklammer zurück und ließ ihren Kopf los.
»Und wieder von vorne. Name?«, fragte er etwas lauter.
Bates hielt sich das Ohr, aus dem Blut tropfte, schwieg aber weiterhin.
Ohne etwas zu sagen, rammte er ihr eine der Haarklammern in die linke Brust. Unkontrolliert, wie von einem Geschoss getroffen, wand sich Bates auf dem Stuhl und schrie, bis sie fast atemlos zusammenbrach. Korn schlug ihr ins Gesicht.
»Deinen Namen will ich wissen!«, knurrte Korn.
Bates wimmerte, fand aber ihre Sprache nicht.
»Gut, dann wird es jetzt richtig hässlich«, sagte er gleichgültig, griff an Bates Oberteil und riss es mit Schwung von ihrem Leib. Dann schob er ihren Büstenhalter über die Brüste und setzte eine Haarklammer direkt auf ihre Rechte Brustwarze, die er langsam aber unaufhörlich in das weiche Fleisch presste. Als die Klammer etwa einen halben Zentimeter eingedrungen war, wurde aus dem Schrei der Satz »Bates. Trina Bates!«
»Na sieh mal einer an, du kannst ja doch sprechen! Für wen arbeitest du?«
»Für die CIA!«, heulte sie.
»Na so was. Wie heißt der Arsch, für den ihr hier auf Safari seid?«
»Clarkson, John Clarkson in Langley!«
»Was war euer Auftrag?«, fragte Korn mit zuckersüßer Stimme. Liz traute ihren Ohren kaum, als sie den Bodyguard so sprechen hörte. Eigentlich war er abweisend und kühl und seine Stimme verriet selten etwas über seinen Gemütszustand. Jetzt aber schwang aus seiner Stimme eine Melodie heraus, die sie ihm nie zugetraut hätte. Irritiert blickte sie zu Lea. Die lächelte ihren Freund an. Diese Stimme schien ihr bekannt zu sein.
»Wir sollten eindringen, alles an Daten mitnehmen, was da ist und keine Zeugen zurücklassen!«, wimmerte Bates, die große Mühe hatte etwas zu sagen.
Korn lachte. »Ich habe eine beschissene Nachricht für dich Bates. In dem Gebäude gibt es absolut nichts außer stinkender Luft!«
Trina brauchte einige Sekunden, bis sie die Nachricht verstand. »Das Ganze war eine Falle?«, fragte sie keuchend.
»Natürlich war das eine Falle. Woher bekommt dieser miese Köter Clarkson seine Hinweise?«, nahm Korn die Befragung wieder auf.
»Ich weiß es nicht, ehrlich nicht. Wir bekommen nur gesagt, was wir zu tun haben.«, stammelte Bates.
»Wie kann man diesen Penner erreichen?«, mischte sich Liz ein.
Bevor Bates etwas sagen konnte, meinte Korn »Croll, wir wollen ihn nicht zu einem Kaffeekränzchen einladen!«
»Das hatte ich auch nicht vor Korn. Ich denke, wir sollten ihm mal die Hammelbeine stramm ziehen!«, erwiderte Liz.
»Miss Croll, sie kommen ja langsam in die Spur, ich bin beeindruckt«, lobte er, bevor er sich wieder an Bates wandte »Also, wie erreichen wir den Dünnbrettbohrer?«
»Er sitzt irgendwo in Langley. Unsere Anfragen werden ihm durch die Zentrale übermittelt. Wenn er etwas will, ruft er an!«, sagte Bates.
»Das hab ich mir bereits gedacht«, warf Lea ein, »diese Ärsche verstecken sich hinter der Bürokratie!«
»Das wird ihm nicht helfen. Nicht in diesem Fall«, orakelte Croll.
»Erleuchten sie uns Croll, an was denkt ihr Spatzenhirn?«, fragte Korn.
Liz ging langsam auf und ab, legte einen Finger an ihr Kinn und dachte nach. Dann blieb sie abrupt stehen, wandte sich an Lea und Michael und begann zu erzählen. Als Liz ihre Ausführungen beendet hatte, war Lea hellauf begeistert. Korn hingegen bedachte sie mit einem bösen Blick. »Das wird nie funktionieren!«, sagte er.
32. Kapitel
Frankreich, Lyon
Sehr früh am Morgen betrat Bernand Roussel das Büro seines Teams. Banks war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Stunden anwesend. Seine Nachtruhe wurde immer wieder von der Nachricht gestört, die er auf der Festplatte gefunden hatte. Er hatte das ganze Leben von Buric, dem kroatischen Wissenschaftler, wieder und wieder durchforstet. Jedem noch so kleinen Hinweis war er nachgegangen, konnte aber keinen Nachweis über einen Berg, Felsen oder Stein finden den Buric regelmäßig besucht, besessen oder bestiegen hatte. Der Wissenschaftler hatte sein ganzes Leben eher in flacheren Regionen verbracht. Er mochte Wassersport, und da er es liebte, wenn es richtig warm war, verbrachte er seine freie Zeit fast nur am Meer. Den höchsten Punkt, den er erreicht hatte, war die Zugspitze. Mike fand einfach keinen brauchbaren Ansatz, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Roussel hatte den Abend zuvor auch damit verbracht darüber nachzudenken. Ebenso wie Mike wurde er daraus nicht schlau. Seine Kollegen waren noch in Caracas. Auf seine Anrufe hatte keiner reagiert, also entschied er sich, ihnen Nachrichten zukommen zu lassen. Rückmeldungen hatte er keine erhalten.
Kaffeeduft waberte durch den Raum, als die beiden in der Sitzgruppe Platz nahmen. Sie berieten sich über mehrere Stunden. Jeder neue Ansatz, den sie fanden, erwies sich nach Betrachtung als neuerliche Sackgasse. Hier war jede Menge Hirnschmalz von Nöten. Bernand sah nur eine Möglichkeit. Jeder Mitarbeiter von Interpol, der über eine gewisse Sicherheitsfreigabe verfügte, sollte helfen, dieses Rätsel zu lösen. Mike sträubte sich erst dagegen, aber als er länger darüber nachdachte, erkannte er die Vorteile. Es würde Hunderte neuer Hinweise geben, und es blieb ja keine andere Wahl, wollte man das Rätsel lösen. Schließlich, es war kurz vor Mittag, stimmte er dem Plan zu. Man einigte sich nur auf die obere Ebene. Alle mit mindestens einer Level 4 Sicherheitsfreigabe sollten helfen. Das waren nicht sehr viele Personen, allerdings waren sie alle clevere Mitarbeiter. Gerade als Mike den Verteiler einrichtete, klingelte sein Handy. Im Display wurde Liz angezeigt.
»Hey Liz,«, meldete er sich, »na, wie ist es in Caracas gelaufen?«
»Mike, wir haben nicht viel Zeit zum Quatschen. Lea und ich haben eben deine Nachricht gesehen. War das alles auf der Festplatte?«
Mike seufzte »Ja, leider. Nachdem ich das Passwort erst geknackt hatte, kam diese Datei zum Vorschein. Die restliche Platte ist komplett leer. Roussel und ich haben uns das Hirn zermartert, kamen aber auf keine Lösung!«
»Wir wissen im Moment auch nichts damit anzufangen. Aber was anderes kannst du uns in Caracas auf die Schnelle einen Minitransmitter organisieren?«, fragte Liz.
»Eine Wanze meinst du?«, fragte Mike nach.
»Nein, irgend so ein Miniteil was den Standort, möglichst genau, weitergibt«, präzisierte sie.
»Achso, du meinst einen GPS-Tracker.«
»Wie auch immer! Kannst du, oder kannst du nicht?«
»Bis wann brauchst du den?«, fragte er.
»Am besten gestern Mike. Wir haben noch maximal 2 Stunden Zeit, dann sind wir wieder in der Luft. Spätestens dann müssen wir alles zusammen haben, was wir brauchen. Lea und Korn sind schon unterwegs. Also flott!«, schrie sie erregt in das Telefon.
»Mach dich mal locker. Wo bist du jetzt?«
»Caracas, etwa 14 Meilen (ca. 23 km) südlich des Flughafens.«
»Okay Liz, ich schick dir jemanden zum Flughafen, sie wird alles dabei haben, was du brauchst. In spätestens anderthalb Stunden ist sie vor Ort, okay?«
»Lass mich bloß nicht hängen Mike!«, seufzte sie und legte auf.
Der Verteiler war bereits schon fast vergessen. Mike wählte eine Nummer in seinem Telefon. Nach dem zweiten Klingelton meldete sich eine, fast piepsige, Frauenstimme.
»Hallo?«
»Karyani, meine süße Butterblume. Wie hab ich deine Stimme vermisst.«
»Mike, mein weißer Tiger. Endlich höre ich deine Stimme wieder. Bist du aus dem Gefängnis raus? Wann kommst du?«
»Karyani, mein Honigtörtchen. Ich war lange im Knast wegen der Geschichte mit dem First Ladyboy und als ich rauskam, hattest du eine andere Nummer. Erst in Lyon konnte ich sie dann finden«, flötete der Hacker.
»Lyon? Etwa in Frankreich?«
»Ja, in Frankreich Rosenblättchen.«
»Was machst du in Frankreich? Du solltest bei mir sein!«, kam es etwas ungehalten.
»Beruhige dich Zauberlämmchen! Ich wollte ja direkt zu dir, bis mich Interpol noch im Knast abgeholt hat!«
»Das man dich verhaftet hat weiß ich, Zuckerlöckchen ich musste es mit anhören, aber warum sitzt du jetzt schon wieder? Diesmal sogar bei Interpol.«
»Ich arbeite jetzt bei Interpol Goldschneckchen.«
»Verarsch mich nicht! Der größte Hacker der Welt, der einzige der in meiner Puki steckte, arbeitet ganz sicher nicht für Interpol!«
»Doch, mein Weinbrandtrüffel. Ich brauche deine Hilfe, beziehungsweise Interpol braucht deine Hilfe.«
»Du meinst so richtig offiziell?«, fragte sie staunend.
»Ja, du wirst sogar bezahlt Colafläschchen.«
»So richtig mit Bargeld, das ich nicht erst wieder über 500 Konten schicken muss?«
»Ja, ich bring es dir höchstpersönlich in Venezuela vorbei und lege noch ein Flugticket obendrauf!«, grinste er.
»Ein Flugticket? Bist du verrückt Schnuffelhase? Du weißt, ich kann Venezuela nicht verlassen, ohne direkt in vergitterte Gebäude gesteckt zu werden«, rief sie ängstlich.
»Doch Honigwürmchen, ich fliege mit dir nach Paris, die Stadt der Liebe, und niemand wird dich verhaften. Versprochen!«
»Was für Gemeinheiten muss ich dafür tun?«, fragte Karyani.
»Du nimmst dir deinen Notfallkoffer mit dem Wunderspielzeug und stehst in spätestens einer Stunde in Caracas am Flughafen. Dort gehst du zu den Privatmaschinenterminals. Da steht eine Gulfstream mit dem Logo von Interpol. Drei Kollegen werden dort eintreffen. Zwei Frauen, beide ungefähr so groß wie du Zauberstange, und ein riesiger griesgrämiger Mann. Eine der beiden heißt Liz Croll, der gibst du alles, was sie möchte. Halte dich aber besser von dem Mann fern, das ist ein Sonderklassearschloch. Ist das okay für dich?«
»Flughafen, Interpolmaschine, Croll, eine Stunde, Wunderspielzeug, vom Mann fernhalten. Betrachte es als erledigt Zauberwürmchen. Wann darf ich dich wieder in meine Arme schließen?«, fragte sie.
»Wenn es nach mir ginge jetzt gleich, aber ich kann hier noch nicht weg. Ich besorge dir einen sauberen Pass und wir fangen neu an, zusammen.«
»Du bist verrückt Hase, aber deswegen liebe ich dich. Wir telefonieren, okay? Wenn ich zum Flughafen muss, habe ich nicht mehr viel Zeit.«
»Ich liebe dich auch Honigröschen. So wie ich Zeit finde, rufe ich dich an«, hauchte er in den Hörer, küsste das Mikrofon und legte auf.
Mike saß vor den Monitoren und konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er hier wollte. Vor seinem inneren Auge liefen Bilder von längst vergessenen Zeiten ab. Wie er die süße Karyani Sasmita zum ersten Mal getroffen hatte. Das Elektronikgenie aus Indonesien mit der goldenen Haut und den langen schwarzen Haaren. In einer Bar in Jakarta hatte er sie getroffen. Es liefen Szenen ab, er hörte ihre süße Stimme in seinen Ohren nachhallen. Alles, was damals passiert war, kehrte jetzt wieder zurück. Er verlor sich in seinen Träumereien. Den Computer, auf dem der schwarze Cursor blinkte, vergaß er völlig. Er schaltete den Rechner aus und lief aus dem Gebäude. Um die alten Zeiten wach zu halten, beschloss er sich zu einem Cocktail irgendwo in der Stadt. Ein Mango Spicy Collins, Karyanis Lieblingscocktail, wäre genau das Richtige. Indonesien war zwar ein vorwiegend muslimisches Land, was es schon schwer genug machte an Alkohol zu kommen, aber Karyani wusste immer, wo sie welchen bekam. Sie war zwar in Indonesien geboren, hatte aber weder mit Religion oder Gebräuchen irgendwelche Verbindungen. Ihre Religion hieß Elektronik, und darin war sie einsame Spitze. Leider hatte sie sehr viel Pech in ihrem Leben, was wohl von ihren illegalen Geschäften herrührte aber Indonesien war ja nicht das einzige Land auf der Welt. Sie hatte in den meisten davon gelebt, bis sie fliehen musste. Heute war sie in fast allen Staaten der Erde eine Verbrecherin und wäre sofort nach der Einreise verhaftet worden. Nur in Venezuela konnte sie sich relativ frei bewegen. Mike wünschte, er wäre mit nach Venezuela geflogen. Vielleicht hätte er Karyani besuchen können und einige schöne Stunden mit ihr verlebt. Er nahm sich vor, nach dem Auftrag, mit ihr viele Tage, und auch Nächte, zu verbringen. Vielleicht könnte er sie sogar zu sich holen und ein neues Leben beginnen.
33. Kapitel
Spanien, Barcelona
Die blaue Pilatus PC-24 der beiden angeheuerten Killer stand gut versteckt unter Ästen von Laubbäumen etwas außerhalb der Millionenstadt. Sjaak und sein Partner Foley suchten verzweifelt nach irgendwelchen Spuren der Interpol Agentin. Schon den gesamten Flug über hatte Vis versucht, mögliche Ziele aufzuspüren. Seine Anstrengungen waren vergebens gewesen.
»Es ist hoffnungslos Cody«, begann Sjaak, »wir werden sie hier nicht finden können. In keinem Hotel sind sie abgestiegen, es gibt keinen Unterschlupf und auch die Kreditkarten, weder von Interpol, noch den beiden Weibern aus Kopenhagen wurden benutzt.«
»Hast du mal den Flughafen gecheckt Sjaak?«, fragte Cody, »Irgendwo sollten sie ja gelandet sein.«
»Natürlich hab ich, aber im gesamten Barcelona ist in den vergangenen zwei Tagen keine Interpolmaschine gelandet!«
»Ich sage es nur ungern Sjaak, aber die haben uns gelinkt!«, sagte Cody.
»Möglicherweise hast du recht. Aber wo sind sie abgeblieben? Frankreich, Deutschland oder wo?«
»Die Antwort auf diese Frage dürfte einige Punkte wert sein, leider kenne ich sie nicht«, murmelte der Pilot.
»Meinst du Eggers weiß irgendwas?«
»Vergiss es, der hätte schon seine Tochter verkauft für Informationen. Da er sich nicht gemeldet hat, weiß er von nichts!«
Sjaak überlegte einen Moment, dann sagte er »Dann wird es wohl Zeit unseren Notfallkontakt einzuschalten, oder was meinst du?«
»Das ist die beste Idee seit der Erfindung von Guinness!«
»Ihr Iren rechnet auch alles in Guinness, dabei schmeckt das Zeug wie das Badewasser von Kurt Cobain« scherzte Sjaak.
»Immer noch besser als diese Heinekenbrühe für euch Flachlandbanditen!«, kam es zurück.
Die beiden Mörder riefen sich ein Taxi, um in die Stadt zu fahren. Nach einer Viertelstunde Fahrt standen sie mitten in Barcelona. Der Tag war trübe, eine heftige Wolkendecke schwebte über der Stadt und ließ kaum Sonnenstrahlen passieren. Dem geschäftigen Treiben in dieser Metropole tat das aber keinen Abbruch. Die Straßen waren gut gefüllt. Einheimische plauderten in ihrer Landessprache, Touristen bewegten sich staunend wie eine Ameisenkolonie durch die Straßen und fliegende Händler boten ihre Waren, zu völlig utopischen Preisen, feil. Der ganz normale Wahnsinn im europäischen Sommer. Sjaak und Cody mischten sich unter die Touristen. Nirgendwo war es einfacher, zu verschwinden als in einer möglichst großen Gruppe von Menschen. Man wurde einfach nicht beachtet. Die Touristenaugen klebten an der Architektur und es war immer wieder jemand anderes neben ihnen. Gesichter merkte man sich nicht. Auch für außenstehende war es nahezu unmöglich, in der Menge einzelne Personen auszumachen. Hunderte Köpfe zogen vorbei und verschmolzen in einem Brei aus unterschiedlichen Farben, Mustern und Bewegungen. Die beiden schwammen eine Weile in der Menge mit bevor sie sich gemütlich in ein kleines Lokal absetzten. Einen Anruf über eine unsichere Leitung tätigte man am besten an einem öffentlichen Telefon. Selbst wenn man gesehen wurde, war man nach einigen Minuten bereits wieder vergessen. Sjaak Vis nahm eine Visitenkarte aus seiner Tasche, darauf standen die Kontaktdaten einer Mary Huana aus Washington DC. Er ging zu dem öffentlichen Telefon, warf ein Geldstück ein und wählte die Nummer auf der Karte. Am anderen Ende meldete sich eine Computerstimme und gab die Ansage, der Teilnehmer sei derzeit nicht verfügbar. Danach folgte ein Piepton und dann nur noch rauschen.
»Auftrag gefährdet! Code 7948713 Delta« sprach Sjaak fast unhörbar in das rauschen und legte auf.
Er setzte sich wieder zu Cody an den Tisch. Wenig später klingelte sein Telefon.
»Wie ist der Schnee in Uganda, dieses Jahr?«, fragte er.
»So gut wie am Strand von Bali«, erklang eine verzerrte Stimme.
Das war der richtige Code. »Wir brauchen ein Update. Aktueller Stand?«, sagte Vis.
»Update wie folgt: keine Adresse, kein Ort. Festplatte gefunden. Burics Code dechiffriert, Nachricht lautet "Finde das grün, was tut weh im Gesicht. Entferne das oben, das untere aber nicht. Bring es in die Sonne, der Schatten zeigt das Licht. In Stein gezeichnet der Lösung dicht. Neun mal eins mal neun mal eins ergibt es Sicht." Nächstes Update in 24 Stunden«, damit war das Gespräch beendet.
»Und?«, fragte Cody.
»Die Kontaktperson weiß keine Adresse und auch keinen Ort. Es wurde eine Festplatte in Cabarete von dem Alten gefunden. Scheinbar ein Gedicht. Keine Ahnung was es bedeutet!«, sagte Vis mit unsicherer Miene.
»Nur fürs Protokoll Sjaak, der Auftrag ist Kacke, wir hätten ihn ablehnen sollen.«
»Dafür ist es reichlich spät Cody!«, kam es von Sjaak, »Außerdem wolltest du ihn unbedingt durchziehen wegen der Bezahlung.«
»Hätte ich geahnt dass wir nur wie Idioten durch die Welt fliegen und absolut nichts erreichen, wäre ich in Thailand geblieben und hätte mich mit Lailani amüsiert!«, motzte Cody.
»Ganz toll. Ich hätte dir vielleicht vorher sagen sollen, das deine Lailani ein Ladyboy ist, aber das ist dir nicht aufgefallen, weil dein Blut gerade in einer ganz anderen Körperregion gebraucht wurde.«
»Mit Sicherheit nicht! Hast du ihre Hupen gesehen?«, schrie Cody.
»Ja, habe ich. Da hat der Onkel im weißen Overall so viel Plastik reingepackt, wie er in einem Silo von Lego finden konnte. Du hättest dir eher mal die tiefe Stimme anhören sollen. Aber wenn im Sitzen einer aufsteht, ist eben der Verstand im Arsch!«
»Du bist nur neidisch, weil du keine solche Östrogenbombe gefunden hast, gib es zu!«
»Meinetwegen. Wenn wir den Auftrag erledigt haben, fliegst du nach Bangkok und gönnst dir das Glockenspiel. Und jetzt genug davon, wir müssen herauskriegen was dieser Reim bedeutet sonst ist der Auftrag so gut wie gestorben.«
»Okay, dann mal her damit!«
Sjaak wiederholte den Reim, den er bekommen hatte. Codys Gesicht wurde immer länger. Beide versuchten, daraus schlau zu werden, aber keiner der beiden hatte eine vernünftige Idee. Nach schier endlosem Gerede über noch so abwegige Thesen dazu forderte Cody mehr über diesen Buric zu erfahren. Sie bezahlten ihre Rechnung mit einem 50 € Schein den Sjaak einfach unter ein Glas legte, und verließen das Lokal. Draußen war er bereits stürmisch geworden und ein Gewitter kündigte sich an. Die beiden Killer verschwanden wieder in einer Menschenmenge. Gerade als Sjaak ein Taxi rief, öffnete der Himmel die Schleusen. Barcelona versank in einem heftigen Regenguss. Touristen rannten umher und versteckten sich, so gut es ging unter Vordächern und Hauseingängen. Andere flüchteten vor dem Wasser in die offenen Geschäfte, wo sie darauf warteten, bis der Regen schwächer wurde. Cody und Sjaak waren nass bis auf die Haut, als sie ins Taxi sprangen. Wenig später kämpften sie sich durch aufgeweichte Grasflächen zu ihrer Pilatus. Sie saßen bis in die frühen Morgenstunden vor ihren Laptops, um Informationen über diesen Buric zu sammeln. Sjaak war überzeugt, das es in diesen Daten irgendeinen Hinweis geben musste, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn finden würden.
Deutschland, Bremen
Eggers war wieder in seine Firmenzentrale zurückgekehrt. Mitgebracht hatte er gute Laune und das Versprechen der Kanzlerin pro Jahr 40 Millionen € zusätzlich an Subventionen in seine, sowieso gut gefüllten, Kassen zu schicken. Die Öffentlichkeit erfuhr darüber natürlich nichts, das würde nur dazu führen das man die verschiedenen Wege, über die man diese Subventionen leitet, offenlegen müsste. Die Politik hatte ein perfektes Paradoxon geschaffen. Nach außen hin redete man den Menschen ein, sie müssen so viel Energie wie möglich einsparen. Man schaffte Anreize für neue Elektrogeräte mit einer besseren Energieeffizienzklasse, was dazu führte, dass die Hersteller ihren Umsatz steigern konnte. Die Stromkonzerne hingegen waren darüber überhaupt nicht glücklich. Weniger Verbrauch hieß auch weniger Gewinn. Die Strompreise stiegen in ungeahnte Höhen, und die Verbraucher trauten ihre Augen nicht als die erste Stromrechnung kam. Obwohl sie deutlich weniger Energie verbraucht hatten, mussten sie tiefer in die Tasche greifen als vorher. Je weniger man verbrauchte, umso teurer wurde es. Geschäfte in den Innenstädten, die mit gutem Beispiel vorangingen und Energie eingespart hatten, wo sie nur konnten, stellten zusätzliche Verbraucher auf, um die laufenden Energiekosten wieder zu senken. Die Blüten dieses Verhaltens gipfelten darin das einige findige Geschäftsleute in ihren Läden Heizlüfter betrieben. Der Stromverbrauch dieser Geräte war so hoch, dass es ihnen gelang, die Energiekosten niedrig zu halten. Die Stromgiganten verdienten dadurch sogar dreifach. Zum einen am hohen Strompreis, zum anderen am ziemlich gleichbleibenden Verbrauch, und das dritte Mal über die jährlichen Subventionen durch die Bundesregierung, die unter anderem dafür sorgte den Atommüll zu endlagern. Die Stromkonzerne fuhren die Gewinne ein und der Steuerzahler, vertreten durch die Regierung, übernahmen die Entsorgungskosten. Als ob diese Misswirtschaft nicht schon genug Ärger brachte und kaum mehr zu begreifen war, hatte die Regierung schon die nächste Gemeinheit aus dem Hut gezaubert. Man wollte die Autos, die durch Benzin angetrieben wurden, durch Fahrzeuge ersetzen, die Stromantriebe nutzten. Diese Logik konnte man nicht einmal mehr mit einem höheren Studium begreifen. Der gesunde Menschenverstand reichte aus, um zu erkennen, dass die Politik scheinbar nicht den Kopf zum Denken benutzt hatte, sondern den verlängerten Rücken. Aber wie hatte es der verstorbene ewige Kanzler Kohl immer wieder erklärt »Entscheidend ist, was hinten rauskommt!«. Dass er damit die Essensreste gemeint hatte, die aus dem Enddarm ausgeschieden wurden, musste mittlerweile auch der dümmste einsehen. Eggers war sich dessen voll bewusst, immerhin war er fleißig mit daran beteiligt es so weit zu bringen. Er hatte seinen Mann in Berlin, der Politiker beriet, nämlich so, wie er sich das dachte. Ganze Gesetze wurden von seinem Unternehmen geschrieben und den Politikern, die gelb nicht von Blau unterscheiden konnten, untergeschoben.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch und informierte seine Kollegen über den umfassenden Erfolg, den er errungen hatte. Die Bezahlung seiner Killer war gesichert und diese auf dem Weg die neue Technologie in seine Hände zu bringen. Als er jedoch eine wartende E-Mail las, war seine gute Laune mit einem Mal verflogen. Weggeblasen vom leichten Sommerwind in Bremen. Sein Team hatte die Wissenschaftlerin in Kopenhagen aufgespürt, kamen aber zu spät um Erkenntnisse aus ihr herauszuholen. Interpol hatte sie sich geholt und in Sicherheit gebracht. Seine beiden Spürnasen hatte man an der Nase herumgeführt und zusätzlich noch in ein anderes Land geschickt. Sie waren darauf angewiesen den Notkontakt zu aktivieren, um eine Spur aufzunehmen. Die ganze Aktion lief nicht so wie von ihm erdacht. Erst die CIA, die da noch mitmischte, jetzt auch noch Interpol, die ihre Nase reinsteckte. Das waren schlechte Nachrichten. Seinen Kollegen konnte er das nicht mitteilen, die ganze Aktion schien zu scheitern. Seine Kiefer begannen zu mahlen, als er nach einer möglichen Lösung suchte. Er entschied sich für eine Variante, die er gerne vermeiden wollte. Ein zweites Team, aus seiner Tasche bezahlt, musste helfen, zu retten, was noch zu retten war. Nur wen sollte er schicken? Weitere Killer, jemand der Informationen auswertet und Spuren findet oder eine Mischung aus beidem. Schnell suchte er in seiner Kartei nach geeignetem Personal. Vis und Foley waren bereits involviert. Seine beiden besten, jetzt blieb nur noch zweite Wahl. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Schon sein Vater hatte immer gesagt »Wenn du etwas nicht verstehst, beseitige es!«
Eggers öffnete ein Textprogramm und schrieb eine lange Nachricht. Als er fertig war, druckte er das Blatt aus, faltete es zusammen und steckte die Nachricht in eine kleine, schwarze Plastikrolle, die aussah, als würde man einen Diafilm zum Entwickeln geben, wie vor 30 Jahren. Er drückte den Rufknopf auf der Gegensprechanlage. Seine Sekretärin meldete sich sofort.
»Gertrude, bestellen sie mir meinen Wagen in die Tiefgarage, ich muss etwas in der Stadt erledigen.«
»Natürlich, Herr Eggers«, erwiderte sie.
Er erhob sich aus seinem Sessel, blickte über die Stadt und sagte in Gedanken zu sich selbst »Ihr wollt Krieg? Den könnt ihr bekommen. Ich werde euch einheizen, ihr kleinen Scheißer!«
34. Kapitel
Venezuela, Caracas
Als die drei Interpolagenten am Flughafen eintrafen, wartete in einem bequemen schwarzen Ledersessel eine junge Lady auf sie. Ihre langen pechschwarzen Haare lagen nach vorne über dem Oberkörper und reichten bis zur Hüfte. Bereits seit über einer halben Stunde saß sie in der klimatisierten Lounge. Aufmerksam musterte sie die Drei. Die beiden Frauen waren fast so groß wie sie. Eine davon mit etwa schulterlangen blonden Haaren, die sie nach oben gesteckt hatte, war fast zu schmal, trotzdem besaß sie fein definierte Muskelfasern an ihren schlanken Armen. Neben ihr eine ebenso schlanke junge Frau mit schwarzen Haaren und ein bisschen rundlicher. Der Mann, neben dem die Blonde lief, überragte die beiden um mehr als einen Kopf. Seine Oberarme sprengten beinahe das schwarze T-Shirt, das er trug. Er war etwas füllig um die Hüfte, hatte aber einen so breiten Körperbau, dass sich die anderen beiden locker hinter ihm verstecken konnten. Er zog ein Gesicht, als hätte es drei Wochen ununterbrochen geregnet. Die zarte Blondine entdeckte sie zuerst, achtete aber nicht weiter auf sie als sie aufstand und auf sie zuging. Sie stellte sich der jungen Frau mit dem dunklen Haar in den weg und sprach sie an »Sie müssen Liz Croll sein! Ist das richtig?«
Liz tastete die Frau mit ihren Augen ab. Sie war eine orientalische Schönheit, die einfach nicht recht in das Bild von Caracas passte. Die langen schwarzen Haare waren glatt und reichten ihr bis an den Po. Ihre Haut glänzte im Sonnenlicht, als wären Tausende kleine Goldfäden mit eingewebt worden. Die fast schwarzen Augen und die gleichförmigen Züge ihrer Nase gaben ihrer Statur das Aussehen einer Königin.
»Das stimmt«, antwortete Liz, »Mit wem habe ich das Vergnügen?«
»Mein Name ist Karyani Sasmita. Mike Banks schickt mich, um ihnen alles zu geben, was sie brauchen«, gab sie mit einem leichten Akzent von sich.
»Vielen Dank das sie hier sind. Mike hat also Wort gehalten«, sagte Liz und wand sich dem Mann und der anderen Frau zu.
»Mike hat sie uns hier hergeschickt. Sie hat den Sender!«, rief sie.
Die beiden, die bereits weitergelaufen waren, blieben stehen und kamen zurück. Als Korn sie ansah, zuckte sie unwillkürlich zusammen. »Halt dich von dem Mann fern« hallte Mikes Stimme in ihr nach. Sein kalter Blick, aus den blauen Augen, schien sie zu durchbohren, aber in seiner Miene zeigte sich keine Regung. Die Blondine schenkte ihr ein kleines nicken, was sie aber nicht zu erwidern wagte.
»So was kann nur von Banks kommen. Sagten sie, ihr Name ist Sasmita?«, fragte der Mann mit tiefer Stimme.
»Ja, Karyani Sasmita«, sagte sie.
»Lea, Miss Croll, ich darf ihnen die bekannteste Verbrecherin vorstellen, die sie in ganz Südostasien nur finden können. Es gibt keine Fahndungsliste, auf der ihr Name nicht zu finden wäre. Das letzte Mal trat sie 2012 in Erscheinung, als sie einen Pornostreifen mit dem saudischen König in der Hauptrolle ins Internet gestellt hat. Daraufhin hat sie sich versteckt und blieb verschwunden«, erklärte Korn.
»Mister Korn, darf ich sie daran erinnern, dass sie selbst eine Haftstrafe absitzen müssten, ebenso wie ihr geliebte Lea, die wohl für immer hinter schwedischen Gardinen verschwunden wäre, hätten wir sie nicht rausgeholt?«, belehrte Croll ihn.
»Lea, ich glaube, es ist besser, wenn ich draußen warte, sonst zerreiße ich diese englische Schlumpfine noch in der Luft und schaue nach, ob in der hässlichen Verpackung wenigstens so etwas Ähnliches wie ein Gehirn vorhanden war!«, maulte Korn und stapfte zum Ausgang.
Lea verdrehte die Augen »Es tut mir leid, er ist heute nicht gerade ein Sonnenschein. Seid ihm bitte nicht böse!«
Karyani schaute etwas verwirrt zwischen den dreien hin und her. Liz schüttelte nur leicht den Kopf, als sie anhob »Hast du ihn nicht rangelassen heute, oder hat ihm die Sonne wieder das Hirn verbrannt?«
Lea konnte ihren Zorn nicht verbergen als sie »Wir haben noch nie miteinander geschlafen Liz. So einer ist er nicht. Der ganze Tag heute war eine einzige Tortur!«, sagte.
Nachdem sie am frühen Morgen ihren Plan entworfen hatten, mussten sie alles Mögliche besorgen. Caracas ist dafür berüchtigt ein Paradies für Taschendiebe zu sein. Korn und Lea hatten nicht nur mit der unzureichenden Warenversorgung, sondern auch mit zudringlichen Dieben zu kämpfen gehabt als sie, ohne viel Schlaf, in Caracas unterwegs waren. Selbst das Benzin war knapp und nicht überall erhältlich. Immer wieder kam es zu Stromausfällen, was den Straßenverkehr, der sowieso unüberschaubar war, zusammenbrechen ließ. Noch dazu wusste Michael, dass Mord in der Hauptstadt Venezuelas an der Tagesordnung war. Er hatte also einen sehr schweren Tag gehabt. Zusätzlich zu den Problemen beim Besorgen der Materialien war er um die Sicherheit seiner Lea besorgt und musste sich auch noch um die Taschendiebe kümmern. Er war den ganzen Tag hoch konzentriert, was jetzt nach den Strapazen seinen Tribut forderte. Lea musste sich nicht ganz so viele Sorgen machen, hatte aber gemerkt, unter welcher Anspannung ihr Freund den ganzen Tag gestanden hatte. Es war ihr nicht entgangen, welche Sorgen er sich um ihre Sicherheit gemacht hatte. Das zu sehen hatte ihr Glückshormone beschert. Sie konnte ihm förmlich seine bedingungslose Liebe zu ihr ansehen. Nun fiel die Anspannung ab und er benötigte einige Zeit für sich. Lea sah zu ihm nach draußen. Er stand in der untergehenden Sonne, wie ein Fels, und rauchte eine Zigarette. Sie gab ihm die Zeit, nahm sich aber vor während des anstehenden Fluges ihn mit Zärtlichkeiten zu überschütten.
»Wie dem auch sei. Mike hat Miss Sasmita zu uns geschickt und sie Gebeten ihr Spielzeug mitzubringen«, erklärte Liz freundlicher.
»Nennen sie mich Karyani. Ich habe alles in meinem Koffer, was sie benötigen, egal, um was es geht«, bestätigte sie und zeigte auf den großen Aluminiumkoffer, der neben ihrem Sessel stand.
»Wir brauchen einen kleinen, möglichst genauen Peilsender, der mindestens 16 Stunden zu orten ist. Dazu wenn möglich noch eine ebenso kleine wie hochempfindliche Abhöranlage die man vielleicht auch im Material verstecken kann. Und wenn es vielleicht noch möglich wäre, umgebendes Material elektrostatisch aufzuladen würde das auch helfen«, ratterte Liz ihre Liste herunter.
Karyani zog ihren Notfallkoffer heran und öffnete ihn. Tausende Platinen, Mikrofone, Drähte und sonstiges Gerät waren darin zu sehen. Es sah aus wie, wenn man im Lager eines Elektronikmarktes stand. Zielsicher fischte sie eine kleine runde Platine heraus. Sie war nicht größer als ein Centstück mit einem kleinen Draht daran.
»Das ist ein Ortungschip, bis auf einen halben Meter genau. Funktioniert weltweit bis zu einer Tiefe von 30 m unter der Erde.«, erklärte sie und hielt Liz die Platine hin. Dann zog sie eine kleine Plastiktüte aus ihrem Koffer. Darin war nichts zu sehen. Karyani hielt sie in das Licht und zeigte mit dem Finger auf die unter linke Ecke. Dort war ein schwarzer Punkt zu erkennen, nicht größer als der Kopf einer Stecknadel. Stolz erklärte sie »Das hier ist ein hochempfindlicher Mikrotransmitter. Damit könnt ihr den Furz eines Maulwurfs hören, wenn es sein muss!«
»Solange wir ihn nicht riechen müssen«, scherzte Lea.
»Für den dritten Wunsch muss ich ein bisschen was basteln, gebt mir mal ein paar Minuten«, bat Karyani und setzte sich wieder in ihren Sessel. Nacheinander zog sie einige Bauteile aus ihrem Koffer, ein Vergrößerungsglas und eine kleine braune Werkzeugtasche. Die beiden Agentinnen beobachten wie sie mit flinken Fingern ein Bauteil, nach dem anderen aus seiner Hülle befreite und mit dem Miniwerkzeug verband. Dabei drehte sie mit einer Miniaturzange unter dem Vergrößerungsglas die Teile in die richtige Position und klemmte die Kontakte zusammen. Nach etwas weniger als zehn Minuten steckte sie das Ergebnis in einen Beutel und erhob sich.
»Ich habe euch eine kleine Ausgabe eines van de Graaff Generators gebastelt. Er erzeugt eine elektrische Ladung. Funktioniert allerdings nur bei leitendem Metall und wird über eine eingebaute Batterie betrieben. Reicht ungefähr für 7 bis 8 Stunden, je nach Temperatur des Materials. Nach dem Einschalten bekommt jeder eine gewischt, wenn er das Material berührt. Allerdings müsst ihr dafür sorgen das der Ortungschip und auch der Transmitter durch Plastik geschützt werden. Elektrostatische Spannung beschädigt diese Bauteile und sie funktionieren dann nicht mehr«, erklärte sie stolz.
»Reicht es, wenn wir den Chip und den Transmitter in so eine Plastiktüte packen?«, fragte Liz, während sie auf eine der Verpackungen zeigte.
»Ja, das sollte ausreichen«, bemerkte Karyani.
Lea stand fasziniert vor der kleinen Frau mit der schimmernden Haut. In Minuten hatte sie alle ihre Wünsche erfüllt. »Könnte man auch eine ferngelenkte Rakete auf den Chip abfeuern?«, fragte sie neugierig.
Karyani musste lachen »Das könnte man nicht nur, das wird auch so gemacht!«
»Lea, egal welchen Unsinn du im Kopf hast, die Antwort lautet Nein«, warf Liz ein.
»Alte Spielverderberin!«, kam es sofort zurück.
»Darf ich kurz etwas fragen?«, sagte Karyani und sah Liz in die Augen.
»Natürlich Karyani, was möchtest du wissen?«
»Mike hat mir gesagt, er arbeitet jetzt für Interpol. Ist das wirklich so oder hat er mich angeschwindelt?«, fragte sie zögernd.
»Er arbeitet wirklich, wie wir für Interpol, warum?«, murmelte Liz.
»Naja, Mike saß eine ganze Weile im Gefängnis. Sie Lea, wären da wohl auch, wie ich das gehört habe und der Mann da draußen hat wohl auch eine Strafe offen. Wie kann es sein, dass Interpol verurteilte Kriminelle zu Agenten macht?«
»Aufgrund unserer Fähigkeiten und Erfahrungen. Wir sind so etwas wie ein Probeteam. Korn da draußen ist Bodyguard und kann in Menschen lesen. Mike ist ein Genie am Computer, Lea eine Scharfschützin und ich bin gut darin, Sachen aufzuspüren«, zählte Liz auf.
»Ah, dann sollte ich mich wohl deshalb von dem Mann fernhalten«, überlegte sie laut.
»Nein, Korn ist sehr schwierig und ein richtiges gemeines Arschloch, auch wenn Lea dagegen protestiert«, erklärte Liz während Lea sofort eingriff »Michael ist ein total lieber Mensch, ihr wollt das nur nicht verstehen!«
Liz schüttelte den Kopf »Sie sieht das durch die rosarote Brille, deshalb verteidigt sie ihn so vehement!«
Karyani verstand sofort. »Verstehe, ihre Kollegin ist verliebt in den Mann und sie ist ihm wohl egal.«
»Nein, Michael liebt mich. Wenn wir unter uns sind, ist er ganz anders, als ihr euch das vorstellt. Er kann es einfach nur nicht so zeigen. Das, was ihr immer seht, ist die Mauer, die er um sich herum errichtet hat, nachdem ihm diese andere das Herz gebrochen hat. Ich arbeite dran, das zu ändern, aber 30 Jahre kann man nicht in einigen Wochen vergessen machen. Gebt uns einfach ein bisschen Zeit dafür!«, flehte Lea.
Liz sah sie mitleidig an als sie erklärte »Lea, er wird sich nie ändern, das musst du endlich einsehen.«
»Du hast keine Ahnung, weil du seine Geschichte nicht kennst. Er hat sie mir unter Tränen erzählt und ich würde das gerne ungeschehen machen. Du weißt nicht, was das alles angerichtet hat. Aber statt ein bisschen Verständnis zu zeigen, hackst du ständig auf ihm herum!«, erklärte Lea mit weinenden Augen.
Karyani sah die Tränen über Leas Gesicht laufen und nahm sie in den Arm. Leise flüsterte sie ihr ins Ohr »Nicht weinen! Ich weiß, wie das ist wenn immer auf dem Mann, den man liebt, eingeprügelt wird. Mir geht es mit Mike auch so.«
Lea löste sich von ihr und sah ihr tief in die Augen. Auch Karyanis Augen glänzten. Liz hatte nicht verstanden, was da gerade passiert war. Sie fühlte nur die Stimmung umschlagen. Karyani und Lea hatten etwas gemeinsam, was sie emotional verband. Ihre Augen weiteten sich, als ihr plötzlich klar wurde, was die beiden gemeinsam hatten. Sie warf Karyani einen wissenden Blick zu und fragte »Bist du in Mike verliebt Karyani?«
Sie hauchte ein leise »Ja!«, bevor sie hinzufügte, »Schon seit Jahren.«
»Weiß er davon?«, fragte sie neugierig hinterher.
»Natürlich weiß er es. Er liebt mich auch, nur glaubt ihm keiner, weil er all die Jahre vorher mit jeder Frau etwas hatte«, bestätigte sie.
Lea schluckte »Dann hab ich ihm unrecht getan, als ich ihm sofort zu verstehen gegeben habe, das er es gar nicht versuchen soll!«
Karyani nickte »Das ist immer so!«
»Aber bei mir hat er es versucht, als er mich gesehen hat!«, warf Liz ein.
»Nein, hat er nicht Liz. Er hat ihnen vielleicht Komplimente gemacht aber nicht mehr. Das ist seine Art. Mike macht jeder Frau Komplimente, aber das bedeutet nichts. Manchmal passiert das sogar am Telefon und er sagt etwas, was ihm einfach herausrutscht. Hinterher tut es ihm leid, aber er weiß dann nicht wie er damit umgehen soll«, erläuterte Karyani sein Verhalten.
»Wie lange seid ihr schon ein Paar?«, fragte Lea neugierig.
Karyani lachte »Seit vier Jahren, 5 Monaten und 23 Tagen!«
»Mit oder ohne Unterbrechung?«, kam von Liz.
»Mit Unterbrechung, aber die hatten wir nicht eingeplant. In den ersten Wochen haben wir jede Menge Unsinn angestellt. Unter anderem kamen wir auch auf die Idee der First Lady einen Bart zu verpassen, was wir dann auch getan haben. Kurz danach musste Mike nach Los Angeles. Ich konnte nicht mit, weil ich direkt bei der Einreise verhaftet worden wäre. Aber ich habe ihn zum Flughafen gebracht, gar nicht weit von hier. Dann ist er geflogen und wollte ein paar Tage später wieder hier sein. Daraus wurde leider nichts, weil man ihn abends als wir gerade telefonierten verhaftet hat. Dann saß er vier Jahre und ich hatte gehofft, er würde gleich hier herkommen. Heute Morgen rief er dann endlich an und sagte mir, dass er gerade bei Interpol sitzt. Nur das er jetzt dort arbeitet. Aber er hat mir versprochen, dass er das Geld für mich persönlich hierher bringt und wir danach nach Paris fliegen. Die Stadt der Liebe, nur wir beide«, sagte sie und begann zu träumen. Ein Liebesurlaub in Paris für sie und ihn.
»Dann habt ihr euch seit über vier Jahren nicht mehr gesehen?«, staunte Liz.
»Nein, Mike war ja im Gefängnis und ich kann Venezuela nicht verlassen.«
»Entschuldige uns einen Moment«, bat Liz und zog Lea einige Meter weiter.
»Meinst du, wir sollten Mike eine Freude machen und seine Freundin mitbringen?«, fragte Liz.
»Bist du bescheuert? Wir können sie nicht einfach mit in die Staaten nehmen und sie dann nach Frankreich bringen. Egal wo sie gesehen wird, wandert sie in den Bau. Wenn Mike das mitkriegt, werden wir das nicht überleben! Außerdem, warum sollte dir das jetzt wichtig sein? Michael und mir gönnst du unsere Liebe nicht, aber für Mike willst du sogar eine Verbrecherin um die halbe Welt fliegen«, brachte Lea hervor.
»Lea, es tut mir leid. Dein Michael löst bei mir irgendwie eine Ablehnung aus. Ich wünsche euch ja das ihr zusammen glücklich seid, auch wenn ich ihn nicht leiden kann. Aber die beiden sind auch verliebt und konnten sich vier lange Jahre nicht sehen oder miteinander sprechen. Ich war auch ein bisschen gemein zu Mike. Vielleicht ist es eine Art Wiedergutmachung«, sagte Liz zögernd.
»Okay, aber du bringst Karyani nicht mal hier raus ohne einen anderen Pass. Wer sollte den ausstellen außer Mike selbst. Und dann liegt der Pass immer noch in Frankreich, obwohl wir ihn hier brauchen.«
»Wir verhaften sie einfach und bringen sie nach Frankreich zu einer Verhandlung«, schlug Liz vor, »Immerhin sind wir Interpol Agenten.«
»Du bist völlig verrückt, weißt du das? Aber den Schuh ziehe ich mir nicht an. Wenn dann ist das deine Sache!«
»Einverstanden!«, sagte Liz, drehte sich zu der wartenden Karyani um und rief, »Karyani Sasmita, sie sind verhaftet!«
Wie vom Blitz getroffen stand das Technikgenie in der Halle, als sie das hörte. Liz lächelte gefällig, als sie auf die junge Frau zuging, die jedoch versuchte ihre Chancen für eine Flucht abzuschätzen. Hektisch suchte ihr Blick die gesamte Halle ab. Liz bemerkte es und setzte hinzu »Ich bringe dich zu Mike, keine Angst. Nur offiziell muss es eben so aussehen.«
Argwöhnisch blickte Sasmita zu der nahenden Agentin. Sie konnte aber keine Böswilligkeit erkennen, eher so etwas wie kindliche Freude. Liz stellte sich vor sie »Es tut mir leid, wenn ich dich geschockt habe. Lea und ich haben überlegt, ob es eine Möglichkeit gibt, dich zu Mike zu bringen. Nur ohne falschen Pass wäre es schwierig gewesen, also hab ich dich einfach in Gewahrsam genommen und kann dich damit ausfliegen, wohin ich will. Einverstanden?«
»Hätte ich eine Waffe gehabt«, gab Karyani zu, »wärst du sofort umgefallen!«
»Das glaube ich dir sofort, aber es war die einzige Idee, die ich auf die schnelle hervorzaubern konnte.«, sagte Liz lächelnd.
»Und du bringst mich wirklich nur zu Mike, und nicht ins Gefängnis?«
»Versprochen. Wir nehmen dich mit zu Mike und dann werden wir eine Lösung finden wie ihr beiden wieder nach Venezuela kommt. Aber vermutlich denkt er dann eher daran, dir einen anderen Pass zu besorgen, so wie er es für Lea auch getan hat.«
»Moment«, stutze Karyani, »Mike hat ihr einen anderen Pass besorgt?«
»Ja, Lea die jetzt Taylor heißt, hieß zuvor noch Enis. Dein Mike hat dafür einen neuen Pass besorgt!«, grinste Liz.
»Lea Enis? Diese blonde Frau da ist die Lea Enis? Lady Sniper die über 60 Menschen erschossen hat?«, fragte sie mit offenem Mund.
»Um genau zu sein waren es bisher 127«, verbesserte Lea die neben Liz trat.
»Du, äh Verzeihung Sie sind eine lebende Legende in Asien!«, brachte Sasmita eingeschüchtert vor.
Lea lachte »Für dich Lea. Ich bin keine Legende, ich habe einfach nur meinen Job gemacht!«
»Dein Job war es Mörder umzubringen und dann heimlich still und leise zu verschwinden?«
»So in etwa. Ich wurde dafür bezahlt jemanden umzubringen, allerdings habe ich nur die erschossen, die selbst getötet haben!«
Hinter ihnen ging die Tür auf und ein Schwall feuchtwarmer Luft zog durch die Halle. Korn stand in der Tür und rief »Wenn die Damen ihr Kaffeekränzchen beenden könnten, wir haben noch etwas zu tun. Die Maschine wartet, ich aber nicht!«
Wie so oft verdrehte Liz wieder die Augen was ihr einen bösen Blick von Lea einbrachte die ihr leise »Bitte Liz!«, zuflüsterte. Als sich die drei Frauen zum Gehen wandten, war Korn etwas irritiert.
»Ich dachte an meine Herzdame und den englischen Köter nebenan, aber niemand hat etwas von einer goldenen Ziege gesagt!«, rief er.
»Schatz, bitte. Halte dich ein bisschen zurück. Ich werde es dir ausführlich erklären, versprochen! Sei ein bisschen freundlicher, mir zuliebe«, rief ihm Lea entgegen, bevor sie sich an die anderen beiden wandte »Er meint es nicht so!«
Liz Blick wurde düster und ihre Mundwinkel fingen an zu zittern. Gerade als sie explodieren wollte, legte ihr Karyani die Hand auf die Schulter und flüsterte ihr zu »Bitte nicht, das macht es nur schlimmer!« Die englische Agentin versuchte, ihren Ärger herunterzuschlucken, aber es gelang ihr nicht so recht. Immer noch wütend zischte sie »Ich werde ihm den Hals aufschneiden!«
Langsam stieg die Gulfstream mit den Agenten in den Himmel auf. Liz und Karyani saßen an einem Tisch zusammen, während Lea mit Michael im hinteren Teil der Kabine auf einem Sofa kuschelte. Sie hatte ihren kleinen Körper ganz eng um ihn geschlungen. Die beiden waren so miteinander beschäftigt, dass sie alles um sie herum vergaßen. Man hörte nur ihr leises tuscheln, immer wieder durch Kuss Geräusche unterbrochen. Karyani konnte nicht aufhören zu lächeln. Ihr würde es mit ihrem Mike genauso gehen. Nur Liz versuchte, es zwanghaft zu verdrängen. Um sich zu beschäftigen, nahm sie die besorgten Materialien zur Hand und begann damit ihre Falle zu bauen. Karyani sah ihr gespannt dabei zu. Kurz danach begann sie sich mit der Engländerin zu unterhalten.
»Was habt ihr Venezuela gemacht und wozu braucht ihr jetzt dieses ganze Zeug?«
Ohne ihre Konzentration zu unterbrechen, erzählte ihr Liz von ihrem Auftrag und wie es ihnen gelungen war die CIA aus dem Spiel zu nehmen. Detailreich schilderte sie die wilde Nacht, die sie hinter sich hatten und vom anschließenden Verhör der CIA Agentin in dem Gebäude. Die indonesische Schönheit hörte aufmerksam zu, bis sie schließlich fragte »Was habt ihr mit der Agentin gemacht und was soll das hier alles?«
»Wir haben sie heute Morgen den örtlichen Behörden übergeben, die eine Anzeige wegen Terrorismus vorbereiten.«
»Die CIA wird Venezuela unter Druck setzen, wenn bekannt wird, das eine ihrer Agentinnen dort festgehalten wird. Die Behörden sind nicht nur korrupt, sie kriechen den Amis auch bis zum Anschlag in den Arsch. Sie wird sicher schon wieder draußen sein!«, erklärte Sasmita sichtlich ungehalten.
»Nein, die sitzt noch. Wir von Interpol haben die Kontrolle übernommen. Die Anzeige kommt erst raus, wenn wir das genehmigen, bis dahin sitzt sie in Untersuchungshaft ohne das die USA etwas davon erfahren werden. Und jetzt sind wir gerade auf dem Weg nach Langley, um dieser ganzen Nation zu zeigen, was passiert, wenn man unbemerkt versucht, etwas zu klauen was der gesamten Menschheit gehört!«, beruhigte sie Liz.
»Und wie soll das funktionieren?«
»Das ist eigentlich ganz einfach, wir werden dem leitenden Agenten der CIA ein Päckchen schicken, dessen Inhalt ich hier gerade zusammenstelle. Sobald er das alles in der Hand hat, wird er unter Garantie telefonieren. Entweder mit dem Präsidenten oder einer anderen Person, die dahinter steckt. Deshalb die Wanze, weil wir wissen wollen, wer dahintersteckt. Durch den Ortungschip werden wir auch wissen, wo sich dieser John Clarkson versteckt. Dieses Büro nimmt dann Lea ins Visier und räuchert den Laden aus, ob mit Clarkson oder ohne ist uns dabei egal. Gleichzeitig wird Interpol alle Beteiligten zur Fahndung ausschreiben und das Beweismaterial, was wir aufgenommen haben jeder Nachrichtenagentur zur Verfügung stellen. Allerdings weltweit damit es wirklich jeder erfährt. Und dann wollen wir mal sehen, ob diese verfluchte Nation den Arsch in der Hose hat mit ihrem Militär gegen alle anderen Staaten einen Krieg anzufangen!«, bellte Liz.
»Nur damit ich das richtig verstehe«, entgegnete Karyani, »Ihr habt vor die USA als Verbrecher zu outen und sie dann spüren zu lassen, was es bedeutet alleine gegen alle zu stehen? So wie sie es mit ihren Angriffen immer machen?«
»Genau das ist der Plan«, schreckte sie Lea auf, die sich von Michael gelöst hatte. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, diesem Clarkson das Licht auszublasen!«
»Lea, du sollst das Büro zerstören und nicht jemanden ermorden«, rief Liz ihr ins Gedächtnis.
»Mach dich locker Liz. Ich werde nichts dafür können, wenn er mir gerade in die Schussbahn rennt. Kollateralschäden müssen wir in Kauf nehmen!«, sagte Lea kühl. Hinter ihr stand Korn, der wie ausgewechselt schien, als er seine Arme zärtlich um seine Freundin legte.
»Miss Croll, ich sollte mich vielleicht bei ihnen entschuldigen. Mein Tag war alles andere als leicht. Es tut mir leid, wie ich sie angegangen bin«, drang seine tiefe Stimme durch die Kabine.
Liz riss überrascht die Augen auf und blickte in sein Gesicht, das sanft und entspannt auf der Schulter seiner Freundin lag. Sie brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. Eine Entschuldigung von Korn? Gab es so etwas überhaupt schon mal? Sie konnte sich nicht an etwas Vergleichbares erinnern. Als sie sich wieder gefasst hatte, sagte sie »Ich sollte mir diesen Tag im Kalender anstreichen. Eine entschuldigende Geste von Mister Korn höchstpersönlich kommt vermutlich so häufig vor wie Schneefall in der Sahara!«
»Siehst du Schatz? Sie kann einfach nicht anders. Ich habe es versucht. Am besten ist, ich ignoriere sie jetzt einfach und rede keinen Ton mehr mit ihr. Und bitte mein Herzblatt, wenn du diesen Clarkson abknallst, könntest du es vielleicht so einrichten, das Croll von einem Querschläger getroffen wird?«, brummte er und zog sich wieder zum Sofa zurück.
Lea blickte streng auf die Kollegin, schüttelte leicht den Kopf und zischte »Er ist hier nicht das Arschloch, wie du immer behauptest. Nur um ganz sicherzugehen, werde ich dem ersten Querschläger noch ein paar weitere folgen lassen!« Dann drehte sie sich um und folgte Korn, der bereits wieder Platz genommen hatte.
»Autsch. Ich denke, das war die beste Möglichkeit, sich den Zorn der beiden zu sichern. Dir sollte klar sein, dass dich Lea killt«, flüsterte Karyani Liz zu.
Liz wurde blass auf ihrem Sessel. Korn, der in einem Moment noch um Verzeihung gebeten hatte, sagte im nächsten Moment völlig entspannt, das er sich wünscht, dass sie von einer Kugel getroffen wird. Seine Freundin hatte noch einmal nachgelegt und ihr offen gedroht das sie sichergehen wird. Karyani hatte den Finger tief in die Wunde gelegt.
»Was hätte ich tun sollen?«, fragte Liz unsicher.
»Die Entschuldigung annehmen und ihm keine verbale Ohrfeige geben! Lea hatte dich gebeten, ihr ein wenig, Zeit zu geben, um ihn aus seinen Mauern zu holen. Das wird sie vermutlich seit unserem Abflug getan haben und diese Entschuldigung war wohl das Ergebnis. So wie ich es bisher mitbekommen habe das größtmögliche Ergebnis. Aber mit deinem Angriff auf ihn hast du ihm gezeigt, dass er wohl besser in seinen Mauern bleibt. Lea, die versucht hat, euch auf eine kollegiale Ebene zu ziehen, hast du damit ebenfalls von dir gestoßen. Jetzt hast du dir den Hass der beiden gesichert, und man kann es ihnen nicht einmal verübeln«, analysierte Karyani die Situation.
Liz dachte einen Moment nach. »Ich konnte einfach nicht anders. Warum bin ich nur so?«, klagte sie.
»Ich kann dir nur sagen, was ich sehe Liz, und das meine ich wirklich nicht böse. Du und Korn sind beide Alphatiere. Er hat etwas, was man eine natürliche Dominanz nennt. Das zeigt er unbewusst, wie er sich bewegt, was er sagt und wie er es sagt. Er muss sich diese Dominanz nicht erst erkämpfen, weil sie einfach schon da ist. Du hast nicht das Auftreten von ihm. Du wirkst einfach nicht so wie er und versuchst dir, die Dominanz zu erkämpfen. Kennt man von Tieren, dort wird auch immer wieder der Stärkere bekämpft, um die Rangfolge zu klären. Du siehst dich ganz oben, dieser Platz ist allerdings schon von Korn besetzt. Du versuchst also ihn immer wieder herauszufordern, um den Platz zu erobern. Er allerdings nimmt diese Versuche nicht ernst, beziehungsweise er gibt dir nicht einmal die Möglichkeit darum zu kämpfen. Lea sitzt in dem Moment zwischen den Stühlen. Sie kann dich gut leiden und liebt Michael, also versucht sie zu vermitteln. Korn liebt sie und deshalb hört er auch auf sie. Da setzt sie an, um einen Friedensvertrag oder zumindest einen Waffenstillstand auszuhandeln. Korn stimmt dem zu und geht sogar so weit dir die Hand zu reichen. Du willst aber kämpfen und schlägst seine Hand weg. Damit verletzt du Korn nicht, dem ist es nämlich egal, aber du verletzt damit Lea. Da Korn Lea liebt, brauche ich dir nicht zu erklären, dass er sie verteidigt. Du hast Korns Hand ausgeschlagen und damit gleichzeitig Lea verletzt. Logische Konsequenz davon, beide bekämpfen sie jetzt dich.«
Die Polizistin aus London hatte sich den Monolog schweigend angehört. Obwohl Karyani die Drei erst einige Stunden kannte, mit Korn noch nicht einmal gesprochen hatte, schätzte sie die Situation schonungslos ein. Liz konnte keinen Fehler in ihrer Argumentation finden. Nach einer längeren Pause fragte sie schließlich »Was soll ich jetzt tun? Einfach warten, bis die beiden mich umbringen?«
»Hör auf, um etwas zu kämpfen, und beende die Feindseligkeiten«, riet Sasmita.
Liz versank in ihrem Sessel und dachte nach. Quälend langsam zogen die weißen Schleierwolken unter ihrem Fenster dahin. Karyani lehnte sich zurück, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Es dauerte fast eine ganze Stunde, bis sich Liz durchringen konnte, etwas zu tun. Als sie aufstand und zu den beiden verliebten schaute, sah sie die beiden kuschelnd auf dem Sofa liegen. Korn lag auf der Seite und hielt Lea in seinen Armen. Sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter, flüsterte ihm ins Ohr und immer wieder hauchte sie ihm einen Kuss ins Gesicht. Sie schienen bester Laune zu sein. Karyani döste neben ihr als sie sich zwischen den Sesseln Hindurchwand und auf den Gang trat. Vorsichtig näherte sie sich den beiden auf dem Sofa. Ihr Atem ging stoßweise, als sie die beiden fast unbemerkt erreicht hatte. In dem Moment drehte sich Lea ruckartig um, warf ihr einen eisigen Blick zu und drohte »Du hast exakt zwei Sekunden, um zu verschwinden, bevor ich dich aufschlitze und ausnehme!«
Ihr Herzschlag setzte einen Schlag aus, bevor er sich beschleunigte. Schweiß trat ihr auf die Stirn und ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. »Es tut mir leid!«, stammelte sie, »Ich benehme mich wie die letzte Idiotin. Vergebt mir!«
Dann drehte sie sich um und ging über den Mittelgang davon. Alleine setzte sie sich auf einen Sessel nahe dem Cockpit und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
35. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)
John Clarkson spazierte durch das sommerliche Viertel vor der CIA Zentrale. Zur Feier des Tages erlaubte er sich ein feudales Mittagessen in einem schicken Szenerestaurant. Im sonnendurchfluteten Garten des Soulway American ließ er sich unter einem Baldachin nieder. Heute Nachmittag würde er endlich das Material erhalten, dem er so mühsam näher gekommen war. Die Formel würde er auch noch in seinen Besitz bringen. Und selbst, wenn nicht sollte es möglich sein das Material zu analysieren, um die einzelne Zusammensetzung festzustellen. Sein einziges Problem war noch dieses dämliche Patent, das irgendein Beamter von den Krauts in seinem Schreibtisch versteckt hielt. Darum würde er sich am Nachmittag noch einmal intensiv kümmern. Wenn seine Informantin schon nichts zustande brachte, würde er eben ein Team nach Deutschland schicken. Ein kleiner Einbruch im Patentamt würde das regeln, wie es schon ab 1943 üblich war. Schon vor Ende des Zweiten Weltkriegs hatten amerikanische Truppen tonnenweise Papiere geraubt, um die geheimen Technologien der Nazis zu übernehmen. Achtzig Jahre später war das noch nicht mal eine Schlagzeile in der Presse. Die SilOld AG würde vielleicht protestieren, aber mit ein bisschen guten Zureden einer seiner Agenten würde das keine großen Kreise ziehen. Immerhin ging es ja um die nationale Sicherheit. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Was sie schon alles hinter dieser nationalen Sicherheit versteckt hatten, konnte man nicht mehr zählen. Das Weiße Haus und das Pentagon würden auch noch irgendwann ein Stempelkissen rauben und mit der nationalen Sicherheit begründen. Könnte ja sein das exakt auf diesem Stempelkissen die Tinte war, die unter einem Vertrag trocknete. Selbst die unzähligen NATO-Angriffe auf fremde Staaten begründete man schon damit. Und als Vetomacht im Sicherheitsrat passierte ihnen ja auch nichts. Illegaler Angriffskrieg? Das könnt ihr vergessen. Veto darauf, begründet mit nationaler Sicherheit und ab dafür. Wir kontrollieren diesen Planeten. Dann nehmen wir uns noch den Mond und den Mars und der Rest bekommt vielleicht noch einige Krümel. Beschwingt aß er sein Straussensteak an BBQ Gemüse mit einem Eimer French Fries. Wieso heißen diese Dinger eigentlich French Fries? Was hatten denn die Franzosen damit zu tun. Immerhin war es bereits Thomas Jefferson, der anno 1802 im Weißen Haus Kartoffelstäbchen frittieren ließ. Damals gab es Europa noch nicht mal. Na ja, sollen doch die Franzosen mit der uramerikanischen Erfindung ein bisschen Ruhm ernten.
Nachdem er bezahlt hatte, ging er noch eine kleine Runde durch den angrenzenden Park, bevor er am frühen Nachmittag in sein Büro zurückkehrte. Bereits am Morgen hatte er alles für die Ankunft seines neuesten Geniestreichs vorbereitet. Jetzt hieß es nur noch warten, und den Krauts Feuer machen, damit sie aus der Hüfte kamen. Er griff zu seinem Telefon und wählte.
»Clarkson sie verdammter Hurensohn. Wieso um alles in der Welt seid ihr bescheuerten Amis eigentlich nicht in der Lage zu begreifen, dass es noch weitere Zeitzonen auf der Welt gibt?«, schrie es aus dem Telefon.
»Oh, sind wir heute wieder übermütig? Hören Sie mir gut zu. Dieses verfluchte Patent ist immer noch nicht bei mir. Sie sind dafür verantwortlich!«
»Jetzt hören sie mir mal zu. Ich habe es satt von ihrem Verein herumkommandiert zu werden wie eine billige Puppe. Ohne mich wüsstet ihr Vollidioten auf der anderen Seite des Atlantiks noch nicht einmal wer oder was irgendwas hat. Ich erledige meine Sachen, wenn ich Zeit dafür finde. Dann will ich mein Geld haben und nie wieder mit irgendwelchen Scheißern zu tun haben die sogar zu blöd sind eine Maschine zu bauen, die Zettel zählen kann. Kriegen sie das in ihr Spatzenhirn!«, brüllte es noch lauter bevor die Leitung tot war.
Clarkson legte den Hörer sanft auf die Gabel. Er nahm seinen Stift zur Hand, kritzelte einige Wörter auf einen Notizzettel und legte den Zettel in das Fach rechts von sich. »Leichen brauchen kein Geld, und du hast gerade eben dein Todesurteil unterschrieben!«, dachte er bei sich.
Frankreich, Paris
Am Ufer der Seine, die sich durch die Hauptstadt Frankreichs wand wie eine Schlange, saßen zwei Männer auf einer Bank. Es war ruhig an diesem Nachmittag. Beide saßen schweigend nebeneinander. Der Mann rechts legte seine linke Hand auf die Bank zwischen den beiden. Einige Sekunden verharrte sie dort, ehe er sie anhob und aufstand. Während er am Ufer langsam davonlief, griff die rechte Hand des anderen zu der Stelle. Einige Minuten später ging auch er.
Sein silberfarbener Mercedes stand auf einem nahe gelegenen Parkplatz im Schatten. Er öffnete ihn mit seinem Funkschlüssel und klemmte sich hinter das Steuer. Aus seiner Tasche zog er das kleine weiße Blatt Papier, auf dem eine Nachricht stand:
Projekt gefährdet.
Ihre Hilfe erforderlich.
Volumen 5 Mio, Hälfte jetzt, Hälfte bei Abschluss.
Ziel: ICPO Lyon
Zufrieden nickend nahm er sein Feuerzeug aus der Ablage, zündete es an und hielt den Zettel darüber. Das Papier verbrannte. Als nichts mehr von den Buchstaben erkennbar war, ließ er ihn aus dem Wagen fallen. Er startete den Mercedes, legte den Gang ein und rollte gemächlich mit dem Verkehr in die Innenstadt. Während der Fahrt wählte er eine Nummer seines Telefons. Über die Freisprechanlage meldete sich ein Mann mit schwerem Akzent.
»Erzählen sie mir, was ich wissen muss«, sagte er und lauschte, während er weiter kreuz und quer durch Paris fuhr.
Als die Stimme seinen Bericht beendet hatte, murmelte er »Angenommen. Honorar wie üblich«.
Dann legte er auf, drehte noch einige Runden durch die Stadt, bevor er den Wagen über die Route national in westliche Richtung lenkte.
Vereinigte Staaten, Luftraum über Georgia
Karyani Sasmita lehnte ihren Kopf über die Lehne des Sessels, in dem Liz zusammengesunken war. Ihre langen Haare legten sich wie ein Teppich über die Rückenlehne. Ihre Augen waren gerötet. Sie hatte ihren Blick aus dem Fenster über die großen grünen Konturen der Welt schweifen lassen.
»Liz, setz dich zu uns!«, flüsterte Sasmita.
Die Agentin schüttelte nur leicht den Kopf, ohne ein Wort zu sagen. Karyani stellte sich auf, sah zu Lea und Michael und schüttelte den Kopf. Sie ging zurück zu den beiden.
»Sie möchte nicht«, erklärte sie.
Korn erhob sich, gab Lea einen Kuss, bevor er murmelte »Ich hol sie!«
Lea blickte ihm sorgenvoll hinterher, und auch Karyani schaute ihm nach. Der Bodyguard stellte sich neben den Sessel auf dem Croll, seit Stunden saß.
»Croll, ziehen sie kein Gesicht wie ein Pferd. Entweder sie kommen freiwillig oder ich trage sie da rüber. Ihre Entscheidung!«, sagte er leise zu ihr. Liz drehte ihm den Kopf zu. Sie sah in die blauen Augen des Mannes. Seine Stimmung konnte sie nicht erkennen, sein Pokerface ließ es nicht zu.
»Lassen sie mich zufrieden. Wenn wir unten sind, bringen sie mich um, oder ich fliege zurück nach London!«
»Wollen sie wieder besoffene Affen aufspüren, oder auf der großen Bühne schwere Jungs fangen?«
»Korn, meine Zeit bei Interpol ist vorbei. Ich kann nicht in diesem Team spielen«, resignierte sie.
»Unsinn, ihr Inselaffen seid doch etwas raue See gewohnt. Sie sind doch nicht aus Zucker!«
»Ich verlasse dieses Team, wenn wir gelandet sind.«
»Kommt gar nicht infrage. Wer soll mir denn auf die Nerven fallen, wenn sie weg sind? Ein Kapitän verlässt nicht das Schiff nur, weil es etwas schaukelt. Man kotzt über die Reling, trinkt einen Schluck Rum und versenkt die Piraten!«
»Sie sind der Kapitän Korn!«, jammerte sie.
»Das ist Blödsinn Croll. Ich bin nicht der Kapitän, sondern das blöde Schiff. Stellen sie sich gefälligst ans Ruder«, polterte er.
»Ich verstehe nicht, was sie mir sagen wollen Korn!«
»Okay, ich versuche, es noch mal deutlicher zu machen, damit sie in ihrem langsamen Kopf hinterherkommen. Ich bin das Team Croll. Aber jedes Team braucht einen Anführer. Dann gibt es noch die Verteidigungsanlage, in unserem Fall meine Herzdame, es gibt die Spionage und einen Idioten, der die Radaranlage im Blick behält. Wir haben ein Schiff, wir haben die Kanone, die Wachmannschaft und sogar eine Ratte, die das Radar im Auge hat. Was uns fehlt, ist der Steuermann beziehungsweise die Steuerfrau. Ist es jetzt klarer geworden?«, fragte er.
»Sie meinen ich bin die Steuerfrau?«
»Hören sie Croll. Sie erheben jetzt ihren fetten Arsch aus diesem Sessel und stellen sich ans Ruder. Andernfalls schleif ich sie an den Nasenlöchern da hin und kette sie ans Steuerrad! Ist das jetzt klar?«
»Dieses Schiff geht mir auf den Keks. Nicht mal vor dem Kapitän nimmt es Haltung an!«, lachte sie traurig.
»Wieso sollte ich Kapitänin? Mir ist es doch egal, wer da am Ruder dreht, wenn ihr nicht spurt, fahr ich meinen Kurs und ihr guckt blöd aus der Wäsche, also los jetzt!«, brummte er.
Dann stand er auf und ließ Liz alleine. Erst jetzt fiel ihr ein Fehler in seiner Geschichte auf. Er war das Schiff, Lea die Kanone und sie Kapitänin. Mit der Ratte, die das Radar im Auge behält, meinte er wohl Mike Banks, aber wer war die Wachmannschaft? Irritiert blickte sie zu dem Tisch, an dem die drei anderen saßen. Sie stand auf und ging die paar Schritte zu ihnen. Korn lag wieder in seinem Sessel, Lea so halb auf ihm und Karyani saß ihnen gegenüber. Liz setzte sich, sah Korn an und fragte dann »Herr Schiff, die Kapitänin möchte wissen, wer die Wachmannschaft ist!«
Korn fing laut an zu lachen »Mann ist die blöd«, dann kicherte er, »Frau Wachmannschaft bitte auf die Brücke!«
Karyani nahm scherzhaft ihre rechte Hand, legte sie sich vor die Stirn und rief »Wachmannschaft vollzählig angetreten!«
»Wer hat das entschieden?«, fragte sie.
»Ich, das verdammte Schiff!«, rief Korn.
»Ich dachte, ich bin Kapitänin?«
»Wenn die Wachmannschaft nicht gewesen wäre, hätten sie eine Party mit den Haien gefeiert Kapitänin. Als Hauptgericht!«, kicherte Lea.
Korn fügte an »Außerdem ist es meine Entscheidung, wer im Krähennest sitzt, solange die Ratte unter Deck bleibt!«
»Michael, das war jetzt nicht nett«, sagte Karyani vorwurfsvoll.
»Schon gut. Ich habs wieder ein bisschen übertrieben. Tut mir leid Kary, aber dein Freund ist für mich immer noch ein rotes Tuch!«, entschuldigte sich Korn, was ihm einen dicken Kuss von Lea einbrachte.
Liz konnte es nicht glauben. Die drei saßen zusammen und rissen Witze. Sogar Korn, der alte Miesepeter, konnte sich so weit bremsen und auf eine mehr angenehmere Art zurückgreifen. Sie verstand nicht, was passiert war.
»Könnte mich bitte jemand aufklären, was hier passiert ist?«, fragte Liz etwas zögerlich.
Lea kicherte und deutete auf Karyani, die dann antwortete »Ich hab, mit den beiden gesprochen als du in deinem Sessel da vorne geheult hast, Liz. Mike hat zwar gesagt, ich sollte Micha aus dem Weg gehen, aber der blöde Arsch hat richtig was im Kopf. Noch dazu bringt er manchmal geniale Ideen ein. Aber was am wichtigsten ist, er lässt sich auch was sagen, zumindest seit ihn Lea geimpft hat. Wir haben die ganze Zeit eine richtig gute Unterhaltung geführt. Dabei hab ich den beiden ein bisschen auf den Zahn gefühlt. Lea, hier war stinksauer auf dich und dein Verhalten als Micha sich entschuldigt hat. Die zwei sind ein tolles Paar. Micha ist zwar noch etwas verstockt aber seine Lea kitzelt ihn dann schon. Wie ich dir unter vier Augen schon gesagt habe, war Micha das ganze mehr oder weniger egal, aber er steht eben hinter Lea. Wenn du ihr so einen dicken Strich durch ihre Bemühungen machst, wird er auch sauer. Jedenfalls hab ich ihm erklärt, dass du die ganze Zeit um die Führungsposition kämpfst, er dir aber gar nicht die Chance gibt. Seine Antwort war«.
»Warum kämpft die Alte denn darum? Mir ist das scheißegal, ob sie das Team führt oder nicht. Ich zieh einfach meinen Stiefel durch und dann hat sich das Thema auch erledigt. Wenn sie steuern will, dann bitte, nur sollte sie begreifen, dass ich nicht aus meiner Haut kann und ab und zu meine eigenen Aktionen durchführe, die nicht zwangsläufig mit ihren konform gehen«, wiederholte Korn.
Karyani nahm wieder auf »Ich hab ihm dann erklärt, das er zumindest dir etwas davon sagen sollte. Dabei kam raus, dass er es dir sogar gesagt hat, was er vorhat und der CIA eine Falle gestellt hat, um sie loszuwerden. Nur als er es dir gesagt hatte, kamst du ihm mit dummen Sprüchen, dass es nichts mit der Aufgabe zu tun hat. Du warst so verblendet in deinem Kampf, das du nicht mal gemerkt hast, das Micha nur um die Sicherheit besorgt war. Nicht um seine, sondern um die von Lea und dir«, endete sie.
»Das heißt Korn überlässt mir die Führung, geht aber auch eigene Wege, um unsere Sicherheit zu gewährleisten?«, fragte sie.
»Exaktemundo Croll! Nur, wenn ich ihnen sage, was ich vorhabe, kommen sie mir nicht mehr mit dummen Sprüchen, von wegen es hätte nichts mit der Aufgabe zu tun. Die Sicherheit des Teams, insbesondere die Sicherheit von Lea, sind nicht verhandelbar! Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Glasklar!«, bestätigte Liz, »Und was führte zur Ernennung des Wachpostens?«
»Da die Kapitänin Rotz und Wasser vergossen hat, anstatt mal zu steuern hat mir Lea erklärt, das Kary den Posten als Misses Banks so gut wie sicher hat. Jetzt erinnere ich mal an Istanbul. Thema Sicherheit. Wenn wir Kary mit ins Boot holen wird Banks unter Garantie keine in einem Van vögeln, wenn seine Nummero Uno gefährdet wird. Das wiederum bedeutet für mich mehr Sicherheit für Lea und auch sie Croll. Außerdem hat mir meine Herzdame geflüstert, das Kary besser mit Überwachung und Technik umgehen, kann als wir drei es jemals lernen werden. Also ist es wohl doppelt sinnvoll Kary in das Team aufzunehmen. Wenn das dann endlich in England angekommen ist, würde ich mich jetzt gerne wieder um unsere Aufgabe kümmern!«
»Einverstanden. Also wie weit sind wir?«, fragte Liz.
»Kary hat unser trojanisches Pferd fertiggestellt, während Micha und ich etwas abgelenkt waren«, grinste Lea.
»Ich will es mir besser nicht vorstellen.«, sagte Liz mit schiefem Mund, »Gibt es schon etwas Neues zu dem Gedicht, was Mike gefunden hat?«
»Was für ein Gedicht?«, fragte Korn.
»Das Gedicht auf der Festplatte Mister Korn. Sie sollten vielleicht mal ihre Nachrichten lesen, da steht es!«, mahnte Liz.
Korn kramte sein Handy aus der Tasche und öffnete die Nachrichten. Genug Nachrichten von seiner Lea mit Knutschsmileys, Rechnungen, Spam und tatsächlich eine Nachricht von einem „Tastenficker“. Er las die Nachricht. Dann fragte er »Wo hat dieser bescheuerte Dichter gelebt, wenn er nicht gerade in Cancún Material gefingert hat?«
»Soweit ich weiß in Split!«, sagte Liz.
»Okay, dann sieht unser Plan folgendermaßen aus. Wir legen diesen Clarkson auf Eis, pissen den Amis ans Bein und werfen dann Kary über Lyon aus der Maschine während wir nach Split fliegen!«, plante Korn.
»Bekomme ich wenigstens einen Fallschirm?«, fragte Karyani.
»Den brauchst du nicht Kary. Spann einfach deine Haare auf, das müsste reichen!«, witzelte Korn.
»Lea, dein Mann ist wieder gemein zu mir. Das bedeutet weitere drei Monate Sexentzug!«
»Weitere drei Monate? Dann wären wir jetzt schon bei über fünf Jahren Kary. Irgendwann vor meinem 35. Lebensjahr hätte ich schon mal gerne wieder Sex, sonst wird das nichts mit dem Kind!«, maulte Lea.
»Dann sollte er nicht immer so böse sein, würde ich sagen«.
»Du musst ja nicht auf die Glitzerbarby hören mein Herz!«, warf Korn ein.
»Werd ich auch nicht Schatz. Irgendwann in den nächsten Wochen werden wir sicher mal irgendwo in einem Bett liegen und dann bist du aber so was von fällig!«, lachte Lea laut.
Liz taute langsam auf »Die paar Wochen wird er noch überleben.«
»Croll, ich habe über 40 Jahre gewartet, meinen sie wirklich die paar Tage würden mich noch stören?«, fragte er.
»Sie veraschen mich Korn!«, rief Liz.
»Nein Liz, er verarscht dich nicht. Mein Baby hatte noch nie was mit einer anderen«, kam ihm Lea zuvor.
»Ähm, so genau wollte ich es gar nicht wissen. Aber was machen wir dann in Split?«, fragte Liz peinlich berührt.
»Ernsthaft hat wirklich keiner einen Plan, was der alte Sack im Kopf hatte?«, fragte Korn.
»Bisher nicht. Großer Meister Korn bitte erleuchten Sie uns!«, flehte Liz etwas gespielt.
»Kennt denn wirklich keiner diesen alten Witz? Ich durfte noch nicht mal alleine aufs Töpfchen als ich, den schon kannte!«, rief er, »Der Penner schreibt von einem Billardtisch. Tut wirklich weh im Gesicht und ist allgemein mit einem grünen Tuch bespannt!«
»Das ist nicht ihr Ernst Korn. Mike hat Stunden darüber gegrübelt, mit Roussel zusammen. Lea wusste es nicht und ich hatte auch keinen blassen Schimmer. Die haben schon Interpol darauf angesetzt. Und sie werfen das einfach mal so raus!«
»Sie sind scheinbar alle zu jung. Roussel hätte es wissen können, aber diese Hirnzellen hat wohl der ganze Alkohol gelöscht.«
»Was? Alkohol und gelöscht?«, entwich es Lea.
»Liebling, hast du nicht gewusst, das Roussel Kampftrinker in der Leistungsklasse ist? Wenn er morgens im Büro erscheint, hat er mit Sicherheit schon mindestens zwei Umdrehungen!«, flüsterte Korn.
»Nein, ich wusste nichts davon«, brachte Lea verzweifelt hervor.
Korn zog sie wie eine Puppe auf seine Oberschenkel und drückte sie an sich »Tut mir leid Schatz, ich dachte, du wüsstest es«, tröstete er.
Liz sah die kleine blonde Frau etwas mitleidig an »Ich gebe das mit dem Billardtisch mal an Mike weiter!«
Kary blickte hin und her. Sie hatte keine rechte Ahnung, um was es eigentlich ging. Was ihr allerdings zu schaffen machte, waren die unsicheren Aussichten auf den Aufenthalt in den USA. »Micha, tut mir leid, wenn ich euch gerade störe, aber wie soll das laufen, wenn wir in den Staaten landen? Ich kann mich ja kaum draußen sehen lassen.«
Lea schluchzte noch lauter, als sie ihrem Freund ins Ohr flüsterte »Ich darf dort auch nicht gesehen werden.«
»Ich hab mir da schon was überlegt, auch wenn es der Kapitänin nicht gefallen wird«, sprach er und warf einen kurzen Blick zu Liz.
»Die donutsüchtigen Cops kennen euch. Lea vermutlich mehr als Kary. Aber Lea heißt jetzt Taylor und ich weiß das meine süße Auftragskillerin eine Künstlerin ist, wenn es ums Verkleiden geht. Hinten in der Maschine gibt es einen Schrank, den ihr noch nicht kennt. Darin findet sich alles Mögliche, um sich zu verkleiden. Der Nachteil ist wohl, dass sich Kary von dem Fallschirm trennen muss, den sie auf dem Kopf hat.«
»Wenn ich mich davon trenne, bin ich noch verdächtiger. Die Polizei in den Staaten kennt mich nur mit kurzen Haaren. Was mich verrät, ist in erster Linie meine Hautfarbe« betonte Kary.
»OK, kannst du andere Sprachen außer Englisch?«, fragte Korn.
»Ja!«, sagte sie, »Balinesisch, Niederländisch und Französisch!«
»Das wird perfekt. Lea, du verwandelst Kary in eine dunkelhäutige Französin, sie bekommt einen Interpolausweis ohne Bild von einem Piloten. Offiziell ist sie mitgeschickt worden als Beobachterin. Achte darauf das der goldene Schimmer verschwindet. Und du verwandelst dich bitte in irgendwas anderes. Such dir einen Look als Lea Taylor in den USA aus. Wenn wir wieder mal bei Interpol ankommen müssen wir versuchen, eure Identitäten komplett zu tauschen. Einwände Kapitänin?«
»Keine Einwände, nur fürs Protokoll Korn, sie sind ein verdammter Teufel, wenn es darum geht sich Geschichten auszudenken!«
»Croll, man lernt einiges als Bodyguard, unter anderem auch wie man sich möglichst unsichtbar macht!«
Unaufhaltsam näherte sich die Maschine dem Flughafen von Washington D. C. Die Zentrale der CIA, in Langley im Bundesstaat Virginia gelegen, war eigentlich nicht mehr als ein kleiner Vorort der Hauptstadt der USA. Vom Flughafen aus waren es gerade mal einige Minuten mir dem Auto. Die vier Agenten waren auf dem Weg ihren Plan umzusetzen. Lea, die bereits einige Agenten des Geheimdienstes getötet hatte, kannte sich gut in Langley, und dem großen Komplex des Hauptquartiers der CIA aus. Für sie war es nicht mehr als ein kleiner Ausflug, nur mit dem Unterschied das sie nicht mehr alleine unterwegs war. Bisher hatte sie sich nur einmal auf jemanden verlassen, zu dem sie Vertrauen hatte. Bei ihrem letzten Job als Profikillerin. Dieser Mann hatte sie verraten und verkauft. Sie wusste, das Korn sie immer beschützen würde, und niemals zulässt, dass sie verhaftet wird. Dieser ehemalige Bodyguard würde für sie sein Leben opfern. Gleiches galt aber auch für Lea selbst. Während ihrer Reisen seit dem Auftrag von Interpol hatten sie sich viele Stunden unterhalten. Sie konnten sich blind aufeinander verlassen. Dieses Wissen machte es Lea dieses Mal leichter, ohne verschiedene Fluchtpläne zu agieren. Bei ihren Aufträgen gab es deren immer mindestens fünf. Jetzt waren es nur noch maximal drei, aber sie hatte die Pläne nicht selbst erdacht, sondern sich auch auf die Fähigkeiten ihres Freundes verlassen.
Liz war hingegen wieder glücklich. Endlich hatte sich diese Posse mit Korn geklärt. Seit ihrer Ankunft damals in Lyon hatte sie immer darum gekämpft die Führung zu übernehmen. Er war allerdings übermächtig und sie wollte ihn mit allen Mitteln bezwingen. Dabei war es niemals seine Absicht, dieses Team zu führen. Korn tat das, was er am besten konnte, für die Sicherheit sorgen. Seine Sicherheit vernachlässigte er gerne bei seiner Arbeit, aber nicht dieses Mal. Mit Lea an seiner Seite war aus ihm ein anderer Mensch geworden. Und zum ersten Mal erkannte sie, das hinter dieser undurchdringlichen harten Außenhaut ein Mensch verborgen war, der für sein Team durch die Hölle gehen würde. Diese Liebe mit ihrer Kollegin Lea machte aus ihm fast einen normalen Mann, der sogar freundlich sein konnte.
Karyani war noch neu im Team, und trotz der Warnung ihres Freundes Mike Banks der in Lyon war sich von Korn fernzuhalten, musste sie feststellen, das Michael Korn nicht der Arsch war, für den ihn Mike hielt. Sie hatte mit ihm über den Vorfall damals in Istanbul gesprochen, nachdem er ihr erzählt hatte, was passiert war. Korn war nicht sauer, weil er Zielpersonen oder Kollegen verloren hatte, das gehörte zum Geschäft. Er war verärgert darüber, dass ausgerechnet er, dass alles unbeschadet überstehen musste. Das machte er Mike zum Vorwurf. Wäre er damals verletzt oder gar getötet worden, hätte er sich dafür bedankt. Aber auch sie erkannte den Auftrieb der Liebe zwischen Lea und ihm. Am Flughafen in Caracas war er unausstehlich gewesen. Erst nachdem er viel Zeit in Ruhe mit Lea verbracht hatte, wurde er immer freundlicher. Seine manchmal unflätige Art war noch nicht ganz verschwunden, aber es besserte sich zusehends. Sie war jetzt Mitglied des Teams geworden. Zusammen mit ihrem Freund Mike, der noch keine Ahnung hatte, dass sie sich bald wieder in den Armen liegen konnten.
Als die Interpolmaschine in den Landeanflug auf Washington D. C. ansetzte, stieg die Nervosität im Team. Nur Korn war die Ruhe in Person.
36. Kapitel
Spanien, Barcelona
Sjaak Vis trennte die Verbindung am Telefon. Der Kontaktmann hatte ihm neue Informationen zugespielt. Diese Wissenschaftlerin war in Lyon. Wo genau wusste er nicht zu berichten. Was es allerdings mit diesem Hinweis auf sich hatte, war immer noch ein Rätsel. Das nächste Update würde in 48 Stunden stattfinden.
Die beiden Killer machten sich auf den Weg nach Lyon, um Marie Wasserstein zu suchen. Direkt danach würden sie nach Berlin fliegen und aus dem Vorstandsvorsitzenden der SilOld AG alle Informationen holen, die sie brauchten. Sollte doch Interpol das Hinweisgedicht lösen. Sie würden von ihrem Kontakt erfahren, wo sich die Formel befand. Ein paar Interpolagenten stellten kein großes Hindernis dar. Sie würden nicht mal merken, dass sie sterben würden. Sie wussten jetzt genau, wer diese Agenten waren. Eine Polizistin aus England, ein Hacker aus den USA, ein ehemaliger Bodyguard aus Deutschland und als Sahnehäubchen Lady Sniper, alias Lea Enis ebenfalls aus den USA. Als Sjaak Vis seinem Partner Cody Foley den letzten Namen verriet, konnte er es nicht fassen. Den einzigen Auftrag, den sie nie erledigen konnten, betraf genau diese Lady Sniper. Sie war ihnen immer wieder entkommen. Diese Frau war wie ein Geist, kaum an einem Ort löste sie sich in Luft auf, um dann einige Stunden später wieder woanders zu erscheinen. Die Bilder der Agenten würden sie am nächsten Tag bereits erhalten. Der Kontakt sendete sie per Brief zu einem Hotel, in dem sie absteigen würden.
Cody entschied sich für eine Tarnung als Geschäftsleute. Ihre Pilatus war vielfach an verschiedene Firmen als kleiner exklusiver Jet verkauft worden. Sie würde am Flughafen Lyon kaum jemanden überraschen.
Frankreich, Lyon
Am Pool des kleinen Hotels war es ruhig geworden an diesem Tag. Die anderen Gäste waren bereits auf ihren Zimmern verschwunden, oder auf dem Weg zum Abendessen. Nur zwei Liegen waren noch besetzt. Die beiden jungen Frauen zogen vergnügt ihre Bahnen. Sie fühlten sich wohl hier. Das Hotel lag nicht zentral, sondern ein bisschen außerhalb von Lyon, aber die Verbindung in die Stadt dauerte gerade einmal fünf Minuten mit der Straßenbahn. Immer wieder fuhren sie am frühen Abend in die Innenstadt, besuchten Bars und Clubs und aßen in den unterschiedlichsten Restaurants. Bargeld hatten sie noch genug in der Tasche. Am Rand des Pools standen die beiden Frauen im hüfthohen Wasser zusammen. Es war nicht zu übersehen, dass sie keine gewöhnlichen Freundinnen waren. Die beiden konnten ihre Finger nicht voneinander lassen.
»Wollen wir uns heute Abend diese Show ansehen?«, fragte Marie ihre Freundin.
»Ich denke, wir werden keine Karten mehr dafür bekommen Liebste. Lass uns Karten für eine Vorstellung am Wochenende kaufen.«
»Großartige Idee. Erst die Show und danach weiß ich schon, wo wir hingehen.«
»Würdest du es mir verraten?«, fragte Martina Damgaard.
»Nein, das bleibt mein kleines Geheimnis, aber es wird dir gefallen, versprochen!«
»Gibst du mir einen kleinen Hinweis?«, konterte Martina, »Oder muss ich es aus dir herausholen?«, und legte ihre Arme um die junge Marie.
»Das würde dir gefallen!«, flüsterte Marie und küsste ihre Freundin.
Beide standen eng umschlungen im Pool und küssten sich. Die Sonne versank bereits hinter dem Horizont, als Martina nachgab und Marie ins Ohr flüsterte »Ich gebe auf! Nicht weil ich es nicht aus der herausbekomme. Mir wird langsam kalt.«
»Dann lass uns besser auf das Zimmer gehen. Ich habe große Lust, dich aus dem Bikini zu befreien, wenn du verstehst …«, neckte sie Marie und knabberte an ihrem Ohr.
Ohne ein weiteres Wort verließen die beiden den Pool, packten ihre Handtücher und die kleine Tasche zusammen und bewegten sich zu der Tür des Badebereichs. Während sie durch den Korridor liefen, der zu ihrem Zimmer führte wurden sie immer schneller. Bereits auf halben Wege verlor Martina ihr Bikinioberteil. Sie musste stehen bleiben, um es aufzuheben. Marie zog sie immer weiter bis zu ihrem Zimmer. Vor der Tür suchte Martina verzweifelt nach der Zimmerkarte in der Tasche. Sie konnte sie nicht ertasten und Marie ließ ihr keine Zeit, danach zu suchen. Immer fordernder wurden ihre Küsse und ihre Hände wanderten auf Martinas Körper umher. Endlich fand Martina die Karte in einem Außenfach der Tasche und führte sie mühsam zu dem Terminal. Die Tür sprang auf und beide fielen eng umschlungen in den Raum. Die Tür stand immer noch weit offen, als Martina nur noch mit Haut bekleidet mitten im Zimmer stand. Marie gab der Tür nur einen kleinen Tritt bevor sie auf dem Bett landeten.
Beide bemerkten nicht, dass man sie schon die ganze Zeit beobachtet hatte. Ihre Zimmertür war nicht geschlossen. Der kleine Tritt, den Marie ihr versetzt hatte, reichte nicht aus, um sie in das Schloss fallen zu lassen. Ein schwarz gekleideter Mann schlüpfte in den Raum und schloss die Tür leise hinter sich. Die beiden Frauen auf dem Bett bemerkten nicht, das sie nicht länger alleine waren. Langsam pirschte sich die Gestalt von der Tür am Badezimmer vorbei und blieb verdeckt hinter der Wand stehen. Vorsichtig hielt er eine kleine Videokamera um die Ecke und stellte das Bild scharf. Unbeweglich blieb er dort stehen. Als Martina und Marie völlig erschöpft in die Kissen sanken, schlich der fremde Mann wieder zur Tür. Ohne Hast und geräuschlos drückte er die Klinke nach unten und verließ das Zimmer. Er ließ sie nicht zufallen, sondern lehnte sie nur an. Dann entfernte er sich ungesehen.
Marie und Martina hatten nichts bemerkt. Sie lagen nebeneinander in den Kissen. Erst als Martina zur Toilette musste und aufstand bemerkte sie die noch offene Tür. Sie drehte sich um, linste zu Marie auf dem Bett und grinste »Nächstes mal sollten wir die Tür vielleicht besser zu machen. Oder stehst du auf Zuschauer Schatz?«
Marie blickte zu ihr und meinte nur »Ups!«
Beide lachten. Knapp eine Stunde später verließen sie das Hotel und fuhren mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Sie nahmen ein Abendessen in einem griechischen Restaurant zu sich und zogen weiter in eine Bar. Die Nacht war noch jung. Sie tanzten noch die halbe Nacht bevor sie wieder in das Hotel zurückkehrten.
Deutschland, Berlin
Die Sitzung des Bundestages dauerte nun schon Stunden. Angelika Rotenfels tippte gelangweilt auf ihrem Smartphone. Vorne am Rednerpult stand gerade ein Abgeordneter der Opposition und hielt eine Rede über die viel zu hohe Steuerbelastung der Bürger. Der Redner hielt sich nicht zurück. Er attackierte die Bundesregierung aufs schärfste. Dabei griff er auch die Bundeskanzlerin an. Rotenfels hörte gar nicht hin. Für sie war das nichts weiter als ein Pflichtprogramm, was sie zu absolvieren hatte. Verbale Attacken auf sie und ihre Arbeit interessierten sie nicht. Sie saß nur hier, weil es ihre Pflicht war. Die Bürger des Landes, ihre Belastungen und Lebensumstände waren ihr egal. Für Angelika Rotenfels war dieses Amt nur ein Sprungbrett in ein Leben ohne Sorgen. Dieses Ziel rückte immer näher. Sie hatte bereits seit einiger Zeit ein Häuschen in Argentinien gekauft. Alles, was ihr jetzt noch fehlte, waren einige Millionen. Eigentlich hatte sie vor sich das schöne Leben durch den Steuerzahler finanzieren zu lassen. Leider war es fast unmöglich, die Gelder der Steuerzahler auf ihr Konto umzuleiten. Sie hätte Finanzministerin sein müssen, dann wäre das kein großes Problem gewesen, aber diesen Posten besetzte ein Parteikollege, der tatsächlich glaubte, er würde etwas für die Wähler tun müssen. Rotenfels hatte sich nach oben gekämpft und sich vor zwei Jahren zur Kanzlerin wählen lassen. Sie hatte hart daran gearbeitet genug Dreck über ihre Widersacher auszugraben und dann so geschickt einzusetzen, um dieses Amt zu erreichen. Als Bundeskanzlerin hielt man alle Fäden in der Hand. Sie hatte dafür gesorgt, dass sie noch viel mehr in der Hand hatte. Über jeden Minister ihres Kabinetts gab es unzählige Gaunereien zu berichten. Über dem Bundespräsidenten wäre sofort ein Sturm hereingebrochen, wenn er sich geweigert hätte irgendetwas von ihr nicht zu unterzeichnen. Ihre Ministerschäfchen handelten so, wie sie das wollte bis auf diesen verdammten Finanzminister. Ihr eigentlicher Kandidat für dieses Amt musste seinen Posten nach vier Monaten räumen. Ein begeisterter Bergsteiger war er gewesen. Bei einer Tour zum Basislager des Mount Everest kam sein Trupp in ein massives Unwetter. Um zu überleben, hatten er und seine Kollegen einen anderen aus der Gruppe geopfert. Rotenfels wusste fast alles darüber und sie hatte ihn völlig in der Hand, so wie all die anderen. Nach Amtsantritt aber wurde er während eines Ausflugs zum Skifahren von einer Pistenraupe überrollt. Alles, was ihr übrig blieb, war einen anderen zu ernennen. Sie hatte sich für diesen Idioten entschieden und erst hinterher bemerkt, dass es ihm um die Wähler geht und nicht um seinen eigenen Vorteil. Dieser Traumtänzer hatte ihre ganzen Pläne durcheinandergebracht. Man wird nicht Bundeskanzlerin, weil es so viel Spaß macht für Lügen und dämliches Gerede bezahlt zu werden. Die freie Wirtschaft bezahlte Unsummen an Minister und Abgeordnete, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Berlin war ein einziges Eldorado für Lobbyisten. Mal ging mal da, und mal hier Essen und ließ sich die Tasche voll Lügen füllen. Erhielt ab und zu mal die Einladung, einen Vortrag zu halten für einige Tausend Euro, und immer wieder gab es auch mal begehrte Posten in Firmenvorständen abzustauben. Rotenfels war für diese Pöstchen völlig ungeeignet. Zum einen hatte sie nichts im Kopf, was für Firmen interessant sein könnte, und sie sah aus wie eine Kuh nach der Bandwurmkur und für Vorträge gab es keine Angebote. Ihr Ziel war es so viel Geld aus den Steuerzahlern zu holen wie möglich, um sich damit ein sorgenfreies Leben in Argentinien sponsern zu lassen. Der Verdienst als Kanzlerin war lächerlich, das würde hinten und vorne nicht reichen. Entweder musste sie mindestens acht Jahre auf diesem Posten sitzen um eine, in ihren Augen, mickrige Pension einzustreichen, oder über dieses Amt an andere Verdienste kommen. Diese Tür hatte sich vor knapp vier Wochen endlich geöffnet, als sie von diesem CIA-Deppen angerufen wurde. Seine Abteilung hatte durch die lückenlose Überwachung der Bundesrepublik festgestellt, dass es mal wieder eine Erfindung zu holen gab. Da kaum jemand wusste, das Deutschland seit 1945 noch immer kein freies Land war, selbst Rotenfels wusste bis zu ihrer Ernennung nichts davon, klopfte nun die USA an ihre Tür. Das eröffnete für Rotenfels, völlig neue Möglichkeiten. Die CIA wollte eine Erfindung der SilOld AG. Rotenfels war das egal, denn sie hatte nur Argentinien und Millionen im Kopf. Also ließ sie sich von dem Anrufer einspannen für umgerechnet knapp 8 Millionen Euro dafür zu sorgen, dass diese Erfindung in den USA verschwindet. Das war ihre große Chance. Sie hatte alle möglichen Informationen direkt nach Langley übermittelt. Alles, was jetzt noch fehlte, war dieses verdammte Patent, das die SilOld AG eingereicht hatte. Heute nach der Sitzung sollte es so weit sein und dieses Papier würde auf unerklärliche Weise von der Bildfläche verschwinden. Rotenfels hatte den Beamten ausfindig gemacht der es in seinem Büro bearbeitete. Als Bundeskanzlerin war es ihr ein Leichtes diesen Beamten zu sich zu bestellen, mit der kompletten Akte, um sich ein Bild davon zu machen.
Nach der Sitzung ging sie direkt in ihr Büro und wartete auf das Erscheinen des Beamten. Es war kurz vor 18 Uhr, als er endlich kam. Rotenfels bot ihm einen Platz an und ließ sich die gesamte Akte aushändigen. Zur Durchsicht, wie sie ihm versicherte und natürlich, wie man die Gesetze anpassen musste, um diese Technologie für die Bürgerinnen und Bürger nutzbar zu machen. Politik konnte so einfach sein.
»Darf ich ihnen etwas zu trinken anbieten, während sie warten?«, fragte sie in ruhigem Ton.
»Ein Wasser, wenn es keine Umstände macht Frau Bundeskanzlerin«, antwortete er.
»Nein, das macht keine Umstände. Einen Augenblick bitte.«
Angelika Rotenfels ging aus dem Büro in ihr kleines Nebenzimmer und brachte dem Beamten ein Glas und eine Karaffe mit Mineralwasser. Sie stellte ihm beides auf den Tisch und nahm sich die Akte zur Hand. Der Beamte schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank gierig einige Schlucke. Rotenfels registrierte es mit einem lächeln. Sie blätterte in der Akte. Lesen wollte sie nicht, was darin aufgeführt war. Zum einen verstand sie davon nichts und zum anderen ging es nur darum, diesen Vorgang verschwinden zu lassen. Nach einer Dreiviertelstunde, der Beamte saß bereits ungeduldig auf seinem Stuhl, hatte aber brav einige Gläser getrunken sagte sie, »Diese Akte ist ziemlich umfangreich Herr Kreuzer, und ich werde wohl viel mehr Zeit benötigen, sie durchzusehen. Wäre es ihnen möglich, sie bis morgen hier zu lassen. Sie haben sicher einen langen Tag hinter sich und ich würde ihre Familie ungern warten lassen bis ich damit durch bin.«
»Eigentlich widerspricht es den Vorschriften, eine Akte außerhalb des Büros aufzubewahren Frau Bundeskanzlerin«, sagte Kreuzer.
»Das verstehe ich nur zu gut, Herr Kreuzer. Ich werde wohl sehr viel länger benötigen, um sie durchzugehen. Es wäre nicht fair, sie hier bis in die frühen Morgenstunden sitzen zu lassen während ich daran arbeite. Ich bin sicher, sie haben etwas Besseres zu tun, als mich alte Schachtel beim Lesen zu beobachten.«
»Wie lange werden sie die Akte benötigen Frau Bundeskanzlerin?«
»Nur bis morgen. Ich werde dafür sorgen, das sie sie bereits noch vor dem Frühstück wieder auf dem Tisch haben.«
»In Ordnung Frau Bundeskanzlerin. Im Kanzleramt dürfte sie genauso sicher aufgehoben sein wie in einem Safe.«
»Natürlich, Herr Kreuzer! Das versichere ich ihnen. Morgen wird sie dann ein Bote persönlich bei ihnen abliefern«, versicherte sie ihm.
»Das genügt mir Frau Bundeskanzlerin!«
Rotenfels stand von ihrem Schreibtisch auf und verabschiedete den Beamten. Sie brachte ihn noch zur Tür und ließ ihn von einem Bediensteten durchs Gebäude zum Ausgang begleiten. Als sie ihre Bürotür schloss, nahm sie das Glas und die Karaffe und kippte das Wasser weg. Sorgfältig spülte sie das Geschirr aus und stellte es wieder in einen Schrank zurück. Zurück am Schreibtisch schlug sie die Akte zu und steckte sie in einen Umschlag. Endlich war es so weit. Sie hatte alles zusammen, um es der CIA zu übergeben.
Der Beamte Kreuzer verließ das Kanzleramt und setzte sich in seinen dunkelblauen Audi. Er fuhr durch die belebten Straßen Berlins, um nach Hause zu kommen. Es fehlten nur noch sieben Kilometer, bis zu seinem Häuschen als er für immer die Augen schloss. Der Audi prallte in den Seitengraben. Der Beamte saß tot hinterm Steuer.
37. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)
Gegen 9 Uhr am Morgen klopfte es an der Bürotür von John Clarkson. Er bekam ein Päckchen überreicht. Als Absender stand Agentin Trina Bates auf dem Etikett. Clarkson konnte es kaum erwarten, das Paket zu öffnen. Mit zittrigen Händen fummelte er die Verpackung auf. Darin befand sich ein metallisch glänzender Block von der Größe eines Smartphones, eingepackt in einer dicken Plastikfolie. Auf einem Zettel war handschriftlich vermerkt worden, dass der Block angefasst werden konnte, allerdings würde man einen elektrischen Schlag bekommen. Er freute sich wie ein kleines Kind an Weihnachten. Vorsichtig nahm er den Block und legte ihn auf seinen Schreibtisch. Er öffnete die Plastikfolie und besah sich die Oberfläche des Materials. Es sah fast aus wie Bronze, aber dafür stimmte das Gewicht nicht. Das Stück war viel zu leicht. Der Zeigefinger seiner linken Hand schwebte etwa einen halben Zentimeter über dem Block. Die Handflächen waren verschwitzt und auch auf seiner Stirn glänzte der Schweiß. Für den Bruchteil einer Sekunde tippte er seinen Finger auf den Block auf seinem Schreibtisch. Sofort durchzuckte ihn ein kräftiger Stromschlag. Er hatte es geschafft. Das Material das er in der halben Welt hatte suchen lassen, befand sich endlich in seinem Büro. In Mexiko fanden seine Leute nur eine vergrabene Box, der Inhalt fehlte aber. Nachdem er in Cancún dieses Forschungszentrum säubern und durchsuchen ließ, fand sich dieses Material und auch die Formel nicht. Erst der Tipp seiner Informantin brachte Caracas als Lösung hervor. Bates hatte Wort gehalten und ihm ihren Fund direkt an sein Büro geschickt. Jetzt brauchte er nur noch dieses Patent. Er griff zum Telefon. Diese Schnepfe konnte jetzt unmöglich jammern, immerhin müsste es in Deutschland früher Nachmittag sein.
Zweihundert Meter entfernt am Waldrand das die Gebäude der CIA umgab, lag eine kleine Frau flach auf dem Boden. Wenige Meter hinter ihr lagen ihr Freund und ihre zwei Kolleginnen. Karyani hatte Kopfhörer auf ihre Ohren gesetzt und fummelte an einem digitalen Aufnahmegerät. Es war ein glücklicher Zufall, dass ihr Päckchen in einem Büro gelandet war, das in dem neu angebauten Teil lag. Dort warteten die Interpolagenten darauf, bis der Ortungschip die exakte Position erreichte. Es war purer Zufall, dass diese Position genau da lag, wo sie in Stellung gegangen waren. Um eine bessere Schussposition zu bekommen, mussten sie nur knapp hundert Meter weiter durch den Wald gehen. Lea lag versteckt in einem Busch. Durch ihr Zielfernrohr sah sie Clarkson an seinem Schreibtisch stehen. Sein Büro lag im fünften Stock des Gebäudes und damit nur einige Meter tiefer als ihre Position.
Kary fragte bei Lea nach, ob in dem Raum eine Frau zu sehen war. Die Antwort war Positiv. Kurz darauf kam von Lea die Meldung, die Frau habe das Büro wieder verlassen. Dann spitze Kary die Ohren und ihre Augen wurden immer größer. Nach einigen Minuten riss sie die Kopfhörer von den Ohren und sagte »Lea jetzt!«
Lea nahm Clarkson ins Visier und drückte ab. Ein leises Ploppen war zu hören. Sie sah in ihrem Zielfernrohr den Agenten umfallen. Er fiel seitlich auf den Boden, als Lea meinte, »Zielperson ausgeschaltet!«
Korn gab den Befehl »Schatz, jetzt bitte Kleinholz! Gib alles!«
Lea stellte auf Dauerfeuer und jagte Projektil um Projektil in das Büro. Sie sah die Einschläge in der Wand aufplatzen. Holzstückchen der Möbel flogen in hohem Bogen durch den Raum und Bilder fielen von der Wand.
Liz schrie »Genug Lea, sie haben es gemerkt. Rückzug!«
Lea gab ihre Position auf und zog sich in den Wald zurück. Korn kroch auf sie zu und nahm ihr das Gewehr ab. Geduckt rannten die vier Interpolagenten quer durch den Wald. Liz und Kary rannten vorne weg, dahinter Lea und Korn ganz am Ende. Mitten im Wald hatten sie ihren Mietwagen abgestellt. Die Türen hatten sie offengelassen. Korn hatte darauf bestanden, um schneller einsteigen zu können. Liz und Kary hechteten auf die Rückbank. Lea rannte um die Motorhaube herum und warf sich auf den Beifahrersitz. Korn schmiss das Gewehr zu Liz nach hinten und klemmte sich hinters Steuer. Er startete den Wagen und raste den kleinen Waldweg entlang. Sie wurden ganz schön durchgeschüttelt. Korn fuhr mit sehr hohem Tempo. Die Räder pflügten durch den weichen Untergrund und rutschten immer wieder weg. Korn schraubte am Lenkrad und hielt den Wagen in der Spur. Kurz darauf erreichten sie die Asphaltstraße nach Süden. Korn hielt sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Liz nahm das Gewehr auseinander, das jetzt abgekühlt war und legte die Einzelteile in die Tasche vor sich. Als sie fertig war, verstaute sie die Tasche im Kofferraum, indem sie die Hutablage anhob und die Tasche durch die Öffnung drückte.
Lea hatte ein Grinsen auf den Lippen. Korn fuhr in ein Industriegebiet etwas außerhalb. Er lenkte den Mietwagen direkt in eine Waschanlage. Als der Motor erstarb, warf sich Lea auf ihren Freund und küsste ihn stürmisch. Kary rief von hinten »Ihr werdet das nicht glauben Leute. Clarkson hat telefoniert bevor die Frau in dem Büro war. Seine Gesprächspartnerin war niemand Geringeres als die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Eine gewisse Angelika Rotenfels.«
Korn blickte zu Kary auf dem Rücksitz »Das ist nicht Dein Ernst!«
»Doch Micha, pass auf, ich spiel es Euch vor!«
Sie drückte ein paar Knöpfe und dann hörten sie Clarksons Stimme.
Clarkson hier.
Jaja dieses Gejammere kenne ich schon von ihnen Rotenfels.
Haben Sie endlich dieses Patent oder muss ich es von meinen Leuten holen lassen.
Sie haben es? Na wurde aber auch langsam Zeit.
Halten Sie Ihr dämliches Maul, sie kriegen die Kohle schon.
Ja ich schicke ihnen am Mittwoch jemanden, dem Übergeben sie die Akte und sie bekommen Ihr Geld.
Wohin?
Ist Okay. Ach Frau Bundeskanzlerin, es war mir eine Freude mit ihnen Geschäfte zu machen.
Alle drei hörten sie ungläubig die Sätze von Clarkson auf dem Band. Korn schlug auf das Lenkrad und rief »Ich wusste, das dieses personifizierte Verhütungsmittel genug Dreck am Stecken hat, um eine Biogasanlage vierzig Jahre zu versorgen!«
Lea fing laut an zu lachen. Kary und Liz machten fragende Gesichter. Lea klärte die beiden auf.
»Michael hatte schon immer den Verdacht das, die nichts Gutes im Schilde führt. Ich hab Bilder von der gesehen. Diese Frau hat nichts Hübsches an sich und er hat gesagt, es gibt in Deutschland einen Witz. Wie ging der noch gleich Schatz?«
Korn rief »Das beste Verhütungsmittel, was es gibt, ist ein Bild der Alten überm Bett. Ein Blick darauf reicht aus, um den Ständer in einer Sekunde verschwinden zu lassen!«
Alle lachten. Liz fragte nach »Wenn die da mit drin steckt, und nachdem was wir gehört haben, ist das ja offensichtlich, was machen wir dann?« Korn blickte in den Innenspiegel zu Ihr, als Kary rief »Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir nehmen sie Hopp, oder Clarkson beseitigt sie!«
Lea rief »Clarkson ist hinüber Kary. Der beseitigt niemand mehr!«
»Das stimmt, aber Ihr habt nicht gehört, was ich gehört habe. Die Frau in seinem Büro war eine Angestellte von Clarkson. Wollt Ihr hören, was sie gesagt haben?«
»Mach es nicht so spannend Kary, raus damit!«, nörgelte Korn.
Kary schaltete das Aufnahmegerät wieder an.
»Blair, machen sie die Tür zu.« (Türen schlagen)
»Diese deutsche Schlampe hat das Patent, aber sie geht mir auf die Nerven.«
»Was kann ich tun Sir?«
»Fliegen Sie nach Deutschland. Nehmen Sie ein bisschen Geld in einem Koffer mit. Es soll den Eindruck von ein paar Millionen machen. Am Mittwoch gehen sie um 17 Uhr Ortszeit in die Tiefgarage am Tiergarten. Das Bankzinsenluder übergibt ihnen eine Akte, sie Ihr den Koffer. Legen Sie die Schlampe um und lassen sie sie verschwinden. Bringen Sie den Koffer und die Akte wieder mit.«
»Haben sie einen Wunsch wohin sie verschwinden soll Sir?«
»Nein Blair. Sorgen Sie dafür, das sie nicht gefunden wird.«
»Ein Bild der Trophäe Sir?«
»Nicht nötig. Die ist so hässlich das sie lebendig schon, als Brechmittel taugt.«
»Alles klar Sir!« (Tür geht auf und zu)
»Höchst interessant. Kurz vor seinem Ableben gibt er noch den Auftrag, eine Politikerin zu töten!«, murmelte Liz.
»Kapitänin wie gehen wir vor? Soll sie die CIA umlegen oder wollen sie sie vor Gericht stellen?«, fragte Korn.
Lea rief »Darf ich sie abknallen bitte? Ich hab mir schon immer gewünscht, hochrangige Politiker zu erlegen!«
Liz zog die Augenbrauen nach oben »Lea, Du hast die Seiten gewechselt! Wir können sie nicht einfach davonkommen lassen.«
»Sie kommt ja nicht davon, entweder wir sacken sie ein, oder die CIA lässt sie verschwinden«, erinnerte Kary.
»Ich denke, wir holen uns dieses Weibsstück und packen sie in ein Gefängnis, wo sie hingehört!«, entschied Liz.
Korn verzog das Gesicht »Ich kann da nicht mitkommen Croll. Wenn ich die schon sehe, habe ich große Lust, ihr das nicht vorhandene Rückgrat zu brechen!«
»Ich weiß Korn, ihre Abneigung gegen Politiker ist mir bekannt«, blaffte Liz, »Wir sollten jetzt erst unsere Aktion hier zu Ende bringen. Kary sorgt dafür, dass die ganze Welt erfährt, was dieser Clarkson sich Hübsches geleistet hat. Auf die Stellungnahme bin ich mal gespannt! Wir legen dann einen kleinen Zwischenstopp in Lyon ein, damit Kary ihren Mike wieder sehen kann. Korn und Lea fliegen dann nach Split und besorgen die Formel und Kary und ich machen uns dann auf den Weg, diese Rotenfels einzukassieren.«
»Und was macht Mike?«, fragte Kary.
»Er holt diese Wasserstein und ihre Freundin aus dem Hotel und schickt sie nach Hause!«, kam von Liz.
»Croll, das sollten wir besser lassen«, brummte Korn, »Sie wissen so gut wie ich das da noch andere Versager auf der Suche nach denen sind, oder haben sie diese beiden Killer in Kopenhagen verdrängt?«
»Sie haben recht Korn. Die Frage ist nur, wie wir die beiden noch ausschalten«, überlegte Croll.
»Vermutlich sind diese beiden nur wegen der Formel hinter diesem Wasserbein her. Bis wir die haben, sollten sie bleiben, wo sie sind. Wenn die Formel öffentlich ist, dürfte nichts mehr passieren!«, stellte Korn fest.
»Ja, aber irgendwas passt da nicht zusammen Korn. Wenn wir das Patent gerettet haben, und die Formel im Besitz haben kann ich mir nicht vorstellen dass, die beiden einfach so verschwinden. Irgendwer zieht da noch einige Fäden im Hintergrund, nur wir wissen bisher noch nicht wer! Diesen anderen Typen haben wir ja auch noch irgendwo geparkt. Wir können die drei nicht jahrelang in Hotels stecken, bis die SilOld AG das Material erforscht hat und endlich damit auf den Markt kommt.«
»Stimmt, diesen Putt haben wir ja auch noch. Das Problem ist, das dieser Eierkopf der Chef der SilOld AG ist. Ohne den kommt also gar nichts auf den Markt«, murmelte Korn.
Lea fragte »Wie wäre es, wenn wir die Wasserstein und ihre Freundin als Lockvögel benutzen?«
»Ich würde es ungern riskieren, die beiden in Gefahr zu bringen. Ihre Eltern sind bereits tot«, gab Liz zu bedenken.
»Wir könnten doch eine Formel faken und über Internet verbreiten. Das Patent läuft ja bereits. Wen wollen die dann noch angreifen?«, fragte Karyani.
»Kary, Liz möchte doch noch die Auftraggeber hintendran. Es bringt also nichts, wenn die sich verziehen«, belehrte Lea.
»Lasst uns im Flugzeug darüber nachdenken Ladys. Wir sehen zu das wir die USA wieder verlassen. Außerdem hätte ich gerne wieder die hübsche Lea in meiner Nähe«, entschied Korn.
Lea boxte ihn spielerisch auf den Arm. Sie hatte sich für ihre alte Heimat eine rotbraune Perücke aufgesetzt und die Militärklamotten gegen schwarze Jeans und ein dunkelblaues Oberteil getauscht. Zudem trug sie Turnschuhe und nicht ihre gewohnten Stiefel. Karys Umstyling war noch um einiges größer ausgefallen. Lea hatte das ganze Gesicht und alle Körperteile die zu sehen waren mit sehr dunklem Make-up bedeckt. Der goldene Glanz ihrer Haut war verschwunden. Aus ihren Haaren hatte sie Zöpfe geflochten und auf dem Kopf festgesteckt. Bekleidet wurde sie mit einem schwarzen Businessoutfit und höheren Schuhen, die sie für ihre Aktion gegen Laufschuhe getauscht hatte.
Die Waschanlage hatte den Dreck, den die Fahrt durch den Wald verursacht hatte wieder entfernt. Die Polizei hatte einen Ring um Langley gebildet und kontrollierte jedes Fahrzeug. Korn fuhr langsam zu der Kontrolle und hielt an. Der Polizist blickte prüfend in den Wagen. Alle schienen harmlos, trotzdem wollte er sie kontrollieren. Korn reichte ihm die Interpolausweise und machte ihm klar, dass sie auf dem Weg nach Frankreich waren und es sich nicht leisten konnten ewig auf die Polizei zu warten, was immer auch der Grund für dieses Großaufgebot sei. Der Cop erklärte ihm, es hätte einen Anschlag auf das CIA-Gebäude gegeben und ein Mitarbeiter wurde getötet. Korn blickte ihn Ernst an und befragte ihn über den gesuchten Mörder. Die Polizei sucht nach einem einzelnen Mann, der wohl zu Fuß, durch ein Waldstück entkommen konnte. Als sie die Kontrolle hinter sich gelassen hatte, grinste Korn »Euer Mann sitzt hier neben mir Freunde, und Ihr dürft mir glauben, wenn ich Euch sage, dass es garantiert kein Mann ist!«
Alle im Fahrzeug lachten. Bis Liz fragte »Wie können sie sich da sicher sein Korn?«
»Miss Croll, nur zu ihrer Information, ich hatte bisher nie das Vergnügen mit Lea in einem Bett zu landen, allerdings habe ich sie schon mehrfach sehr leicht bekleidet gesehen. Außerdem darf ich diese wundervolle Frau täglich in meine Arme schließen, sie dürfen mir also glauben, wenn ich ihnen sage, dass sie garantiert kein Mann ist!«
Lea setze spitzbübisch hinzu »Liz, er hat diesen Körper schon mit seinen Händen erforscht. Er weiß es sicher!«
Kary lachte laut, als Liz ein fragendes Gesicht aufsetzte. Dann flüsterte sie Ihr zu »Ich habe es gesehen!«
»Wie denn, wo denn?«, flüsterte Liz zurück.
»Auf dem Flug hierher. Micha hat sie gestreichelt!«
»Und er hat mich geküsst, damit ich Euch nicht mit meinem Gestöhne wecke!«, rief Lea von vorne.
»Ihr solltet Euch ein Zimmer nehmen Ihr beiden«, scherzte Liz.
»Konnten wir ja bisher nicht. Aber vielleicht können wir ja in Lyon mal eine Nacht im Hotel schlafen«, grinste Lea, »Auch wenn Michael und ich nicht wirklich viel Schlaf bekommen werden!«
»Danke, so genau wollte ich es gar nicht wissen«, wehrte Liz ab.
»Neidisch?«, fragte Korn.
»Kein Kommentar!«, raunte sie.
Lea drehte sich nach hinten »Kary und Mike werden auch nicht nur Händchen halten Liz, das kannst Du mir glauben. Lach Dir halt einen Franzosen an, dann hast Du auch Spaß!«
»Ich verzichte Lea. Die paar Tage kann ich noch warten bis ich wieder in London meinen Freund neben mir habe«, gab Liz zu.
Die restliche Fahrt nutzten die drei anderen, Liz über ihren Freund auszufragen. Sie wollte eigentlich nicht so viel dazu sagen, aber Lea und Kary ließen nicht locker. Korn hörte nur still zu. Am Flughafen wusste das anwesende Team fast alles, über die Lebensumstände von Liz. Ihr Freund war eigentlich Ihr Verlobter, mit dem sie bereits seit 9 Jahren zusammen war. Seit 6 Jahren wohnten sie zusammen und planten ihre Hochzeit, die spätestens nächstes Jahr über die Bühne gehen sollte.
38. Kapitel
Frankreich, Lyon
Als die Nachricht auf seinem Smartphone einging, lag Mike noch in dem Bett seines Hotelzimmers. Er war erst in den frühen Morgenstunden zurückgekehrt. Die halbe Nacht hatte er in einer Bar verbracht und einen Cocktail nach dem anderen getrunken. Während seiner Zeit im Gefängnis dachte er viel über sich und Karyani nach. Sie waren etwa fünf Monate ein Paar, bis das Schicksal ihn in Gefangenschaft brachte. Wegen eines kleinen Scherzes. Ja, er hatte einige Datenbanken gehackt und auch mit nicht ganz legalen Mitteln seinen Lebensunterhalt verdient. Verurteilt wurde er, weil er der First Lady der USA einen wunderschönen Vollbart ins Gesicht gezaubert hat. In den Monaten, die er zusammen mit Karyani in Venezuela verbracht hatte, kamen sie zusammen auf diese witzige Idee. Er war verliebt und da macht man eben Blödsinn. Männer sind so, wenn die Hormone Achterbahn fahren. Die Idee mit dem „First Ladyboy“ sollte nur ein harmloser Streich sein. Keiner hatte vermutet, dass dieses Land so wenig Spaß versteht, das man ihn zu vier Jahren Haft verurteilte. Dann musste er unglücklicherweise nach Los Angeles. Mike sollte ein Firmennetzwerk gegen Angriffe von außen absichern. Abends, als er mit seiner Karyani telefonierte, drang die Polizei in das Zimmer ein und hatte ihn festgenommen. Karyani hatte es ihm angetan. Nach seinem Gefängnisaufenthalt wollte er so schnell wie möglich zu ihr zurück, was ihm Interpol zunichtegemacht hatte. Noch auf der Schwelle zur Freiheit haben sie ihn mit nach Frankreich genommen. Dort wollte er ihr dann Bescheid sagen, aber Karyani hatte in seiner Abwesenheit mal wieder den Wohnort und die Kontaktdaten ändern müssen. Erst als er alleine in Lyon war, konnte er ihre neue Nummer in Erfahrung bringen. Bevor er sie jedoch anrief, wollte er ganz sicher sein, dass sie sicher war. Als er dann endlich Zugriff auf die Register hatte, änderte er ihre Einträge und löschte die Haftbefehle. Nur der neue Pass war noch ein kleines Problem. Den konnte er bei Interpol nicht so einfach drucken. Das sollte nur ein paar Tage dauern und dann würde er zu ihr fliegen. Als Liz ihn anrief, um nach technischem Spielzeug zu fragen, und er keinen anderen Kontakt in Venezuela hatte, als die Frau seines Herzens musste er sie schon vorher einweihen. Als er dann ihre Stimme hörte, nach all der Zeit, stand sein Herz wieder in Flammen. Mehr als jemals zuvor wollte er bei ihr sein. Die ganzen Erinnerungen kamen wieder hoch.
Langsam richtete er sich in seinem Bett auf. Sein Kopf fühlte sich taub an und ein dumpfer Kopfschmerz pochte darin. Dieser verdammte Wodka hatte ihn geschafft. Er nahm sein Telefon zur Hand. Die Helligkeit des Displays blendete ihn, als er die eingegangene Nachricht öffnete. Liz hatte ihm geschrieben, das Rätsel um dieses Gedicht sei so gut wie gelöst. Korn wusste die Lösung, weil Buric einen alten Scherz verwendet hatte, um auf einen Billardtisch hinzuweisen. Benebelt kramte er in seinen Gedanken. Natürlich, Buric liebte Snooker und flog jedes Jahr, Ende April nach Sheffield zur Weltmeisterschaft. Diese riesigen Tische wurden mit einem grünem, aus ganz feinem Wollgarn hergestellten Tuch bespannt. Und man brauchte keinen Doktortitel, um zu wissen, dass es schmerzt, wenn man ihn gegen das Gesicht bekommt. Dann fiel ihm ein, dass er gestern ganz vergessen hatte, die restlichen Mitarbeiter von Interpol zu informieren. Das konnte er sich jetzt ja auch sparen, sie kannten ja die Lösung. Sollte er Bernand Roussel darüber berichten? Nein, der hatte genug anderes zu tun. Das Team, dessen er angehörte, würde dieses Rätsel schon alleine lösen können.
Irgendwo über dem Atlantik
Die vier Interpolagenten hatten sich wieder um ihren Tisch versammelt. Auf ihren üblichen Plätzen sprachen sie über die Problematik ihres Auftrages. Karyani saß neben dem Fenster, Liz auf dem Sessel neben ihr zum Mittelgang der Gulfstream hin und gegenüber hatten es sich Korn und Lea gemütlich gemacht. Allerdings sah es nicht ganz so gemütlich aus, wie Lea sich verrenkte. Ihr Hintern lag halb auf dem Sessel, ihre kurzen Beine ragten in den Mittelgang und ihr Oberkörper lag vor Korns Brust. Seinen rechten Arm hatte er über den Bauch, um seine Freundin geschwungen während die linke Hand Leas Kopf stützte und sie dabei immer wieder sanft streichelte.
»Könnt ihr nicht normal nebeneinandersitzen?«, fragte Liz.
»Lass die beiden. Mike und ich konnten die ersten Monate auch nicht unsere Finger voneinander lassen. Wenn du ehrlich bist, ging es dir mit deinem Verlobten am Anfang auch nicht anders, oder?«, erinnerte sie Karyani lächelnd.
Liz musste schmunzeln, als sie sich erinnerte. Ihr war es auch nicht anders ergangen. Frisch verliebte sind wohl überall auf der Welt gleich. Warum sollten Korn und Lea da eine Ausnahme sein?
»Wie dem auch sei, wir sollten uns um unser Problem kümmern«, gab sie die Richtung vor, »Die CIA ist endgültig aus der Nummer raus. Bleiben also noch diese beiden Killer aus Kopenhagen. Wie heißen die beiden noch gleich?«
»Sjaak Vis und Cody Foley«, half ihr Lea.
»Mit Verlaub Queen Croll, die CIA hat einen riesigen Rückschlag erlitten, aber sie sind noch nicht ganz aus dem Spiel«, bemerkte Korn.
»Was soll das heißen? Wir haben doch diesen Clarkson, den Chef getötet. Wer soll da noch im Spiel sein?«, fragte sie verblüfft.
»Kapitänin, sie sollten ihren Blick nicht nur stur geradeaus halten, sondern auch mal nach links und rechts schauen«, gab Korn zu bedenken, »Links treibt das Beiboot mit diesen beiden Flachfeilen Vis und Foley. Auf der rechten Seite treibt das Schiff der CIA, fast leckgeschlagen aber noch nicht untergegangen. Dort auf Deck treiben immer noch mindestens zwei Ratten das Schiff an. Namentlich einmal diese Blair von dem Tonband und die Hinweisgeberin aus Berlin!«
»Wenn wir diese Rotenfels hochnehmen, packen wir diese Blair gleich mit ein. Also ist das CIA-Schiff gekentert, um in ihrer Sprache zu bleiben«, entgenete Liz.
»Croll, diese Natter aus dem Bundestag steht nicht auf dem Schiff, die schwimmt hinterher! Blair hat das Ruder übernommen und unter Deck sucht der Maat nach der Kombüse«, sagte er kühl.
»Korn könnten sie sich bitte einmal verständlich ausdrücken. Ich begreife ihre Metaphern von den Piraten nicht.«
»Okay, noch mal für sie ganz alleine«, setzte er an, »Blair soll diese Rotenfels auf Eis legen. Aber in Berlin sitzt mindestens noch eine Agentin der CIA und versucht vermutlich verzweifelt, das Hauptquartier zu erreichen!«
»Und wer?«, fragte Liz kritisch.
»Die Sekretärin von Volker Putt!«
»Verschonen sie mich mit ihren Scherzen Korn!«
»Croll, die Falle, in die wir das CIA-Team gelockt haben, konnte nur funktionieren, weil ein Hinweis aus Berlin kam. Als Lea und ich dort waren, saßen wir zu dritt in seinem Büro, die Türen waren zu. Putt hat geredet, um die Falle zu stellen. Die richtigen Informationen haben wir auf einen Zettel geschrieben. Die Falle konnte also nur funktionieren, weil jemand mitgehört hat. Ist das logisch genug für sie, oder brauchen sie eine Zeichnung?«
»Okay, verstanden, aber wer hat da zugehört?«, fragte Croll.
»Seine Sekretärin hat zugehört«, eröffnete ihr Korn.
Lea drehte ihren Kopf nach oben »Bist du sicher?«, platzte es aus ihr heraus.
»Ja, ich bin sicher. Du hast das Gleiche gesehen wie ich Schatz, aber nicht genau hingeschaut. Versuch dich mal zu erinnern!«, sagte er.
»Hm, nach dem Theater im Büro sind wir nach draußen gegangen. Putt hat zu seiner Sekretärin gesagt, sie soll seine Termine absagen, weil er einiges zu erledigen hat. Aber mehr ist mir nicht aufgefallen, war noch was?«, berichtete Lea.
»Da war noch eine ganze Menge. Ist dir dieses strahlende Lächeln an ihr aufgefallen? So etwas wirft man seinem Chef nicht zu, wenn er sagt, sie soll die Termine umlegen. Das war genau der Blick, wenn man etwa wichtiges Erfahren hat, was man eigentlich nicht erfahren soll. Dann hat sie angefangen zu telefonieren. Die ersten drei Zahlen, die sie gewählt hat, waren die null. Um aus einer Firma nach draußen telefonieren zu können benutzt man in Deutschland häufig die Null. Zwei weitere Nullen bedeuten demnach eine internationale Vorwahl. Du als Sekretärin würdest zuerst die nachfolgenden Termine absagen, einen nach dem anderen. Wenn der nächste Termin aus dem Ausland kommt, muss er sich bereits in Deutschland aufhalten. Es würde also keinen Sinn machen eine internationale Nummer zu wählen. Ortsvorwahlen beginnen in Deutschland auch mit einer Null, heißt, eine zweite Null ergibt Sinn, danach muss aber zwingend eine Zahl kommen. In Berlin ist diese Ortsvorwahl 030, sie hätte also eine 3 wählen müssen, keine null«, erklärte er.
Alle drei Frauen schauten ihn an, als ob er gerade die Lottozahlen der nächsten 12 Wochen vorausgesagt hätte. Liz blickte in seine blauen Augen, in denen sie keine Regung ablesen konnte.
»Sie sind ein verdammter Zauberer Korn«, sagte sie fast ehrfürchtig.
»Das hat nichts mit Zauberei zu tun Croll«, erklärte er sachlich, »Ich bin ein guter Beobachter und ziehe logische Schlüsse!«
»Okay, aber wie kamen sie auf die Trinksucht von Roussel und das er mit Lea verwandt ist?«, fragte sie ihn.
»Das ist alles, was ihnen einfällt?«, lachte er, »Sie waren selbst dabei. Ist ihnen nie aufgefallen, dass seine Augen müde waren, die Pupillen blutunterlaufen und seine Reaktionen verzögert waren?«
»Doch seine Augen wirkten übernächtigt, aber mehr war da nicht!«
»Seine Reaktionen waren extrem verzögert. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Entweder Cannabis oder Alkohol. Roussel raucht nicht, das hätte ich deutlich am Geruch bemerkt. Blieb also nur noch Alkohol als Erklärung. Die extreme Verzögerung seiner Reaktionen lässt sich nicht mit einem Glas am Morgen erklären. Heißt da muss mehr gewesen sein. Also habe ich mir mal seine Hände angeschaut. Dieses leichte Zittern ist typisch für Alkoholiker, wenn der Pegel noch nicht ganz stimmt«, belehrte er sie.
»Kapiert, aber wie kamen sie darauf, dass er mit Lea verwandt ist?«
»Rousells Stimme wurde sanfter, als er von Lea sprach. Zusätzlich hatte er diesen melancholischen Blick in seinen Augen. Heißt, er musste sie schon etwas länger kennen. Wenn sie also über eine Auftragskillerin reden, die noch niemand gesehen hat und von der auch keine Bilder existieren, wird ihre Stimme nicht sanfter und sie denken an vergangene Zeiten. Er musste sie also kennen. Lea ist 30 Jahre alt, Roussel über 60. Eine Liebesbeziehung konnte ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen. Also musste er sie schon kennen, als sie noch ganz klein war. Wäre Lea die Tochter einer befreundeten Familie gewesen, wäre seine Stimme nicht sanfter geworden. Daraus ergab sich ein Verwandtschaftsverhältnis, nur war mir nicht klar wie!«, berichtete er.
»Okay, okay, ich gebe auf. Sie haben mich überzeugt Korn. Ist das immer so einfach für sie?«, fragte Liz unruhig.
»In 99,9 Prozent aller Fälle ja«, grinste er.
»Warum kannst du das dann nicht bei mir?«, fragte Lea zärtlich.
»Mein Herz, ich würde das ungern vor den beiden offenlegen. Ist das okay für dich?«
Lea grinste ihn an »Michael, du hast jetzt so viel verraten, dann kannst du es den beiden auch erklären. Sie gehören ja zum Team. Außerdem hast du mir etwas versprochen!«
Liz und Kary wurden hellhörig, als Lea sprach. Korn hatte ihr etwas versprochen. Liz überlegte, was das wohl sein würde. Korn gab ein leises resignierendes Stöhnen von sich. Er blickte in die Runde der drei Frauen. Lea grinste immer noch, als sie ihre Hand auf seine Wangen legte und »Bitte!«, hinzufügte. Ihr Ton war fast flehend.
Er räusperte sich, als er zögerlich begann »Ich weiß nicht recht, wie ich es erklären soll. Ich habe ja zu Roussel gesagt, ich möchte mit Lea unter vier Augen sprechen, um zu sehen, ob man ihr trauen kann, übrigens zu ihrem Schutz Croll. Wenn sie sich erinnern, stand ich an dem Fenster, als Lea hereinkam und Roussel angefangen hat die Ausweise zu verteilen. Eigentlich hatte ich nicht vor mich umzudrehen, musste dann aber doch, um diese Plastikkarte an mich zu nehmen. Das war der Moment, in dem ich Lea zum ersten Mal gesehen habe«, er schluckte, und setzte dann fort, »Croll, sie haben mich an dem Fenster gesehen« Liz nickte schweigend.
»Vermutlich ist es schon lange kein Geheimnis mehr, das ich zu dem Zeitpunkt still geweint habe, als sie mich so unsanft angefahren haben! Später haben sie ja dann, vermutlich durch Recherchen von Banks, auch den Namen Isabella herausgefunden. Wie auch immer sie das angestellt haben.«
Liz unterbrach ihn »Mike hat sogar mit dieser Isabella telefoniert!«
»Croll, es fällt mir schon schwer genug, ihnen davon zu erzählen, unterbrechen sie mich bitte nicht.«
»Verzeihung!«, hauchte Liz leise. Er quittierte es mit einem kurzen Nicken.
»Isabella war für mich mehr als nur eine Bekannte oder Mitschülerin. In dem einen Sommer, den wir verbracht haben, waren ihre braunen Augen für mich so was wie ein Stern. Es dauerte wirklich nicht lange bis ich mich in sie verliebt habe. Ihre Art, ihre Erscheinung einfach ihr ganzes Ich hat mich gefesselt. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade mal 13 Jahre alt. Anfang Herbst, um genau zu sein, war es der 17. September, habe ich ihr auf dem Schulhof meine Liebe gestanden« Seine Augen wurden feucht und eine einzelne Träne lief ihm an der Nase vorbei. Mit brüchiger Stimme erzählte er weiter.
»Sie hat mir eine Ohrfeige gegeben und mich stehen lassen. Seit diesem Tag hat sie kein Wort mehr mit mir gesprochen. Meine Mitschülerin und Freundin seit dem Kindergarten meinte zu mir, ich solle einfach einige Wochen warten und das Thema Isabella erledigt sich von selbst. Es vergingen mehrere Monate und es war mir nicht möglich, sie zu vergessen. Ich hab sie täglich gesehen. Es ging einfach nicht, sie zu vergessen, und ich konnte auch nicht aufhören sie zu lieben. Dann begannen die schlimmsten Jahre meines Lebens. Die ganzen 24 Stunden jedes Tages verbrachte Isabella in meinem Kopf. Egal womit ich versucht habe, mich abzulenken. Nichts hat in irgendeiner Weise geholfen. Meine Nächte, und nicht nur eine Nacht, sondern jede einzelne Nacht, die noch folgte, schlief ich ein und stand nach einer halben Stunde wieder auf dem Schulhof. Isabella stand vor mir und ich habe wieder eine Ohrfeige bekommen. Ich sah ihre wundervollen braunen Augen, ich konnte sie riechen und sogar spüren. Dann bin ich schreiend und heulend aufgewacht. Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, versuchte ich zu schlafen. Dreißig Minuten später wachte ich erneut heulend auf.«
Aus der einen Träne wurden Bäche, die sein Gesicht herunterrollten. Lea hatte sich aufgesetzt und versuchte, das austretende Wasser zu trocknen.
»Das waren meine Nächte. Ziemlich exakt die vergangenen dreißig Jahre lang. Während dieser Zeit, haben ich zahlreiche Versuche unternommen mir das Leben zu nehmen, weil ich es einfach nicht mehr ertragen konnte. Ärzte, die ich aufgesucht habe, waren nicht in der Lage mir zu helfen. Selbst Hypnose klappte nicht. Mich in Trance zu versetzen ist nicht möglich, daher scheiterten auch sie an diesem Problem. Über die Jahre hinweg habe ich mir einige Techniken beigebracht, diese Erinnerungen zu verdrängen. Leider sind sie nicht besonders effektiv, wie ich zugeben muss. Beschäftigung brachte mich dazu, wenigstens einige Stunden nicht daran zu denken. Also habe ich mich während meiner Arbeit, zusätzlich damit beschäftigt Menschen und deren Verhalten zu analysieren und daraus logische Schlüsse zu ziehen.«
Er blickte zu Liz die in seinen Augen erkennen konnte wie verletzlich er in diesem Moment war.
»Was sie gesehen haben Croll, waren Zeiten, in denen mir Beschäftigung gefehlt hat. Dann kamen die Erinnerungen und die Tränen. Sie verstehen jetzt, warum ich aus dem Fenster gestarrt habe. Als ich in diesem Besprechungsraum Lea zum ersten Mal gesehen habe, passierte etwas in mir. Ich kann es wirklich nicht beschreiben, was es war. Ihre Augen, ihr ganzes Wesen erinnerten mich an Isabella, aber die Tränen blieben aus. Und noch etwas anderes passierte. Ich wurde nervös, war nicht mehr in der Lage mich auf etwas zu fokussieren. Ständig wanderte mein Blick wieder zu ihr und ich konnte nur hoffen, dass sie es nicht bemerkt. Natürlich hat sie es doch bemerkt. Als ich dann mit ihr alleine war, versuchte ich mich zu konzentrieren und ihre Reaktionen der Augen abzulesen. Es funktionierte nicht. Nicht mal im Ansatz. Ein Blick in ihre Augen verlangte mir wirklich alles ab. Auch jetzt noch. Wenn ich einen Blick in ihre grünen Augen werfe, ist es vorbei mit mir und meiner Beherrschung. Ich liebe diese Frau mehr als ich das mit Worten irgendwie ausdrücken könnte!«
Damit endete er. Liz und Karyani sahen zu diesem Koloss, der wie ein kleiner Junge in seinem Sessel saß und Tränen vergoss. Lea blickte ihn voller Stolz an, trocknete seine Tränen und strich ihm zärtlich über den Kopf. Er hatte sein Versprechen gehalten und den beiden alles erzählt. Und er hatte ihr auch trotz dieser emotionalen Belastung gesagt, wie sehr er sie liebte.
Liz sah den beiden eine längere Zeit nachdenklich zu. Sie stand auf, trat auf den Mittelgang hinaus und umrundete den Tisch bis sie neben Lea stand. Sie flüsterte ihr einige Worte ins Ohr. Lea blickte sie skeptisch an, nickte aber und löste sich vorsichtig von Korn. Die kleine Frau stellte sich hinter ihren Freund und legte den Arm auf seine Schulter. Croll setzte sich neben ihn.
Zögernd und mit leiser Stimme sagte sie »Es tut mir leid, das ich ihnen nachspioniert habe Korn. Hätte ich gewusst, was sie dadurch erlitten haben, hätte ich meinen Mund gehalten. Ich kann mich nur bei ihnen entschuldigen und darauf hoffen, dass sie mir vergeben können. Meine Absicht war es, hinter ihr Geheimnis zu kommen, aber ich habe nicht vermutet, dass es so schreckliche Qualen hervorgebracht hat.«
Korn drehte seinen Kopf zu ihr. Die Tränen glitzerten noch auf seinen Wangen, als er sagte »Es sei ihnen vergeben Croll. Ich habe dieses Geheimnis viele Jahre lang bewahrt, damit man mich nicht verletzen kann. Ihnen ist es gelungen, als sie den Namen erwähnt haben.«
»Das war nicht meine Absicht. Ich werde es nicht mehr erwähnen!«, dann stand sie auf.
»Croll?«
»Ja?«
»Nennen sie mich Michael«, sagte er müde.
»Nur wenn sie mich in Zukunft Liz nennen!«
»Einverstanden. Und jetzt sieh zu das du wieder auf deinen Platz kommst. Du hinderst meine Liebste daran, mir näherzukommen.«
»Bin ja schon weg«, lachte sie und ging. Als sie wieder auf ihrem Platz saß, schob sie noch eine Frage hinterher »Michael, wie ist es möglich, dass du in der ganzen Zeit nie mit einer Frau geschlafen hast?«
»Typisch Inselaffen, denken den ganzen Tag nur an das eine«, murmelte er mit belustigter Stimme. Dann wurde er wieder Ernst. »Liz, es ist nicht einfach, sich auf jemanden einzulassen, wenn der Kopf nicht mitspielt. Ich habe es versucht, aber es endete immer wieder damit, dass mir Tränen kamen und mein dämlicher Schädel sich geweigert hat das Blut, in gewisse Körperregionen umzuleiten.«
»Verstehe«, sagte sie, als sie anfügte, »Aber technisch ist alles okay?«
Lea musste lachen. »Ich habe es sehr oft getestet, muss ich gestehen, und bisher hat es immer funktioniert. Also bei mir ist er technisch völlig okay!«
»Lea, so genau wollte ich es wirklich nicht wissen«, errötete sie.
»Ich denke, wir sollten, die beiden erst mal auf ein Zimmer schicken, wenn wir in Frankreich gelandet sind«, lachte Karyani in die Runde.
»Du hast recht Karyani. Die Rechnung geht auf mich!«, grinste Liz.
Lea flüsterte Michael etwas ins Ohr. Er sah sie an und nickte leicht.
»Mein Vorschlag ist, ihr beiden verzieht euch nach da vorne und wir spannen ein Tuch durch die Kabine. Lasst euch dann die nächsten Stunden einfach nicht stören, wenn es etwas Lauter wird«, lachte Lea zu den beiden Frauen.
Beide lächelten verlegen. Leas Vorschlag war eindeutig. Karyani lehnte sich zu Liz und die beiden tuschelten eine Weile miteinander. Immer wieder sah man Liz den Kopf schütteln. Nach längerer Beratungszeit wandte sich Liz an die beiden Verliebten.
»Wir wären eigentlich einverstanden«, brachte Liz langsam hervor, »aber wir haben immer noch unser Problem nicht gelöst wie wir weiter vorgehen. Unser Gegenvorschlag lautet also. Wir lösen unser Problem und sehen zu wie wir weitermachen wollen, dann verziehen Kary und ich uns in die kleine Küche, fahren das Licht runter und drehen Musik auf. Dann könnt ihr beiden machen, was ihr wollt bis wir in Lyon gelandet sind.«
Lea fing aus vollem Halse an zu lachen und auch Korn grinste über beide Ohren. Er gab Lea einen Kuss und begann dann »Lea hat euch verarscht. Ihr habt doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, wir verbringen unsere erste Liebesnacht in einem Flugzeug, während ihr wie Hühner auf der Stange vorne sitzt und darauf wartet bis wir landen. Wir beraten wie wir unsere Aufgabe lösen. In Lyon werdet ihr dann einige Stunden auf uns verzichten, wenn das möglich ist und nicht unseren Auftrag gefährdet. Ansonsten warten Lea und ich dann schon darauf, eine ruhige Nacht miteinander verbringen zu können.«
»Ihr beiden seid unmöglich!«, lachte Karyani und auch Liz musste lachen.
Die vier tauschten Ideen aus und entwarfen einige Pläne, während die Gulfstream über dem dunklen Ozean Lyon entgegenflog. Als die Interpolmaschine in den Sinkflug überging, waren sie sich einig geworden. Liz und Karyani sollten Mike besuchen, darauf hatte Korn bestanden, und rausfinden, wer schon alles über dieses Gedicht Bescheid wusste. Lea und er würden sich eine kurze Pause gönnen und sich dann auf den Weg nach Split machen, um diese Formel zu besorgen. Erst wenn sie diese Daten in den Händen halten würden, könnten sie ihren Verfolgern eine Falle stellen, um die Hintergründe aufzudecken.
Es sollte allerdings anders kommen, als sie es geplant hatten …
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