Read the book: «Michael Korn & Liz Croll Trilogie»

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Projekt Lucien

Michael Korn und Liz Croll Band 1


Ein Thriller von

Matthias Boden


Copyright © 2021


Alle Rechte bei Matthias Boden

Werrestraße 107b

32049 Herford

E-Mail: MatthiasBoden8@gmail.com


9783986479169


Der frisch gekündigte Bodyguard Michael Korn, ein misanthropischer Einzelgänger, wird von Interpol angeworben bevor er wegen Körperverletzung an einem Ministerpräsidenten eine Haftstrafe antreten muss. Zusammen mit der britischen Polizistin Liz Croll, dem Hacker Mike Banks, einem notorischen Schürzenjäger und der Auftragsmörderin Lea Enis soll er Forschungsdaten und einen Prototyp einer Firma aufspüren und in Sicherheit bringen. Bevor er und seine Mitstreiter zwei beteiligte Forscher verhören können, werden diese getötet. Den einzigen Hinweis auf die Daten liefert eine Notiz auf der Festplatte eines Forschers. Mehrere Gruppierungen sind ebenfalls hinter den Ergebnissen her und es beginnt ein mörderischer Wettlauf um die Welt.


Für Denise,

die Liebe meines Lebens.

Inhalt

  Prolog Mexiko, Irgendwo an der Küste

  1. Kapitel Deutschland, Köln Großbritannien, London

  2. Kapitel Italien, Rom

  3. Kapitel Deutschland, Flughafen Köln/Bonn Großbritannien, Flughafen London Heathrow

  4. Kapitel Vereinigte Staaten, Houston (TX)

  5. Kapitel Frankreich, Lyon

  6. Kapitel Vereinigte Staaten, Houston (TX)

  7. Kapitel Italien, Rom Vereinigte Staaten, Langley (VA)

  8. Kapitel Mexiko, Irgendwo an der Küste

  9. Kapitel Frankreich, Lyon

  10. Kapitel Mexiko, Cancún

  11. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA) Frankreich, Lyon

  12. Kapitel Europa, Irgendwo über dem Atlantik

  13. Kapitel Deutschland, Berlin Vereinigte Staaten, Langley (VA) Deutschland, Bremen

  14. Kapitel Mexiko, Cancún

  15. Kapitel Vereinigte Staaten, Houston (TX) Deutschland, Bremen

  16. Kapitel Frankreich, Lyon

  17. Kapitel Deutschland, Berlin Deutschland, Hannover Dänemark, Kopenhagen Vereinigte Staaten, Langley (VA)

  18. Kapitel Frankreich, Lyon

  19. Kapitel Deutschland, Hannover Dominikanische Republik, Cabarete

  20. Kapitel Dänemark, Kopenhagen Dominikanische Republik, Cabarete

  21. Kapitel Dominikanische Republik, Puerto Plata Südamerika, Irgendwo über dem Atlantik

  22. Kapitel Dänemark, Kopenhagen

  23. Kapitel Dänemark, Kopenhagen

  24. Kapitel Frankreich, Lyon Dänemark, Kopenhagen

  25. Kapitel Vereinigte Staaten, Moore (OK) Deutschland, Berlin

  26. Kapitel Frankreich, Lyon

  27. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA) Europa, Irgendwo über Deutschland

  28. Kapitel Venezuela, Caracas

  29. Kapitel Deutschland, Berlin Venezuela, Caracas

  30. Kapitel Frankreich, Lyon

  31. Kapitel Venezuela, Caracas

  32. Kapitel Frankreich, Lyon

  33. Kapitel Spanien, Barcelona Deutschland, Bremen

  34. Kapitel Venezuela, Caracas

  35. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA) Frankreich, Paris Vereinigte Staaten, Luftraum über Georgia

  36. Kapitel Spanien, Barcelona Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin

  37. Kapitel Vereinigte Staaten, Langley (VA)

  38. Kapitel Frankreich, Lyon Irgendwo über dem Atlantik

  39. Kapitel Frankreich, Paris Frankreich, Lyon

  40. Kapitel Frankreich, Lyon

  41. Kapitel Frankreich, Lyon Frankreich, Lyon Frankreich, Luftraum über Grenoble Italien, Luftraum über Mailand

  42. Kapitel Kroatien, Split Frankreich, Lyon Ägypten, Sharm el Sheikh

  43. Kapitel Deutschland, Berlin

  44. Kapitel Deutschland, Bremen Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin

  45. Kapitel Frankreich, Lyon Frankreich, Monaco

  46. Kapitel Deutschland, Bremen Frankreich, Lyon

  47. Kapitel Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin Vereinigte Staaten, Washington D.C.

  48. Kapitel Frankreich, Lyon Deutschland, Berlin

  49. Kapitel Frankreich, Lyon Vereinigte Staaten, Washington D.C.

  50. Kapitel Frankreich, Lyon Malaysia, Ipoh Frankreich, Monaco

  51. Kapitel Deutschland, Berlin Frankreich, Lyon

  52. Kapitel Frankreich, Lyon Vereinigte Staaten, Washington D.C.

  53. Kapitel Frankreich, Lyon Deutschland, Bremen Deutschland, Berlin

  54. Kapitel Frankreich, Lyon

  55. Kapitel Deutschland, Bremen

  56. Kapitel Deutschland, Berlin Frankreich, Lyon

  57. Kapitel Frankreich, Lyon

  58. Kapitel Frankreich, Lyon

  Epilog Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Santa Fe (NM) Vereinigte Staaten, Tulsa (OK)

  Danksagung

  Impressum

Prolog
Mexiko, Irgendwo an der Küste

Mond­licht spie­gel­te sich auf dem leicht ge­well­ten Ka­ri­bi­schen Meer und tauch­te den wei­chen Sand­strand des Ho­tels in ein sanf­tes Zwie­licht. Der kom­plett in schwarz ge­klei­de­te Mann ver­barg sich in den Schat­ten der Sträu­cher und ho­hen Grä­ser, wäh­rend er lang­sam und vor­sich­tig sei­nem Ziel im­mer nä­her kam. Die Luft roch nach Salz und Al­gen, die von den Wel­len an den Strand ge­spült wur­den. Ihm lief der Schweiß über die Stirn. Er war nicht son­der­lich gut trai­niert, und die vom Tag auf­ge­heiz­te Luft und der war­me Sand un­ter sei­nen schwar­zen Gum­mi­schu­hen, so­wie die ho­he Luft­feuch­tig­keit in dem sub­tro­pi­schen Land ta­ten ihr Üb­ri­ges. In sei­ner Hand hielt er ein klei­nes Käst­chen, auf dem leicht röt­li­che Zif­fern, in schnel­ler Fol­ge ih­re Wer­te än­der­ten. Zwi­schen zwei Grä­sern, un­weit vom Ufer, an den sich sanft die Was­ser­mas­sen leg­ten, fand er end­lich den ge­eig­ne­ten Ort. Lan­ge hat­te er ge­sucht, wäh­rend er in den ver­gan­ge­nen Ta­gen stun­den­lang am Strand um­her­ging. Sei­ne Arm­band­uhr gab ein akus­ti­sches Si­gnal von sich. Punkt 3 Uhr am Mor­gen. In knapp an­dert­halb Stun­den wür­de sich wie­der die Son­ne aus den Flu­ten er­he­ben und den pa­ra­die­si­schen wei­ßen Sand in glei­ßen­des Son­nen­licht tau­chen. Bis da­hin woll­te er aber be­reits wie­der ab­ge­reist sein. Der Auf­trag war er­füllt und er, wenn er zu­rück­ge­kehrt ist end­lich reich ge­nug sein, um nicht mehr ar­bei­ten zu müs­sen. Der­je­ni­ge, der ihn an­ge­spro­chen hat, wuss­te über wirk­lich al­les in sei­nem Le­ben Be­scheid und stell­te ihm ei­ne sehr ho­he Sum­me in Aus­sicht. Doch zu­erst müss­te er noch den letz­ten Teil zu En­de brin­gen und sich un­ge­se­hen aus dem Staub ma­chen. Er ging auf die Knie und zog aus sei­ner Ta­sche ei­ne klei­ne Schau­fel her­aus. Der Sand war weich und er müss­te nicht lan­ge gra­ben, um ein Loch aus­zu­he­ben, in dem er den klei­nen Kas­ten si­cher ver­ber­gen konn­te.

We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter war das Sand­loch groß ge­nug. Er steck­te die klei­ne Schau­fel wie­der ein und be­frei­te be­hut­sam den et­wa 10 cm großen Kas­ten aus sei­ner Ta­sche, und leg­te ihn in die Ver­tie­fung. Dann nahm er sei­nen elek­tro­ni­schen Hel­fer und leg­te ihn di­rekt über das Käst­chen. Die röt­li­chen Zah­len ver­strö­men ein sanf­tes Licht, das er so gut es eben ging, ab­schirm­te. Ge­naues­tens no­tier­te er sich die Zah­len, die auf­ge­hört hat­ten, sich zu be­we­gen. Nach­dem er al­les noch ein­mal über­prüft hat­te, ver­schwand sein Hel­fer in sei­ner Ho­sen­ta­sche, und er ver­teil­te den im­mer noch war­men Sand über dem Kas­ten. Zu­letzt be­sei­tig­te er noch ge­wis­sen­haft sei­ne Spu­ren und ver­ließ den Strand. Zwi­schen ei­ni­gen Ko­ko­spal­men hielt er in­ne und stell­te er­leich­tert fest das die kom­plet­te Ho­tel­an­la­ge, mit Aus­nah­me der Not­aus­gangs­be­leuch­tung im Dun­keln lag. Nie­mand war zu se­hen. Auf lei­sen Soh­len stahl er sich an der An­la­ge vor­bei und lief zu sei­nem Wa­gen, der nicht weit vom Strand zwi­schen Palm­we­deln ver­steckt war.

Zufrie­den star­te­te er den Mo­tor und fuhr in Rich­tung Cancún da­von. Auf zur letz­ten Etap­pe sei­nem neu­en Le­ben ent­ge­gen.

In Pla­ya del Car­men stopp­te er un­weit des Was­ser­parks Xcaret und ging bes­ter Lau­ne auf den Ein­gang zu. Ne­ben ei­nem Kas­sen­häus­chen ver­lief ein klei­nes Rinn­sal und ver­schwand in ei­nem et­wa hand­brei­ten Rohr. Dort nahm er sei­nen Zet­tel mit den Zif­fern zur Hand, fal­te­te ihn drei­mal und schob ihn in ei­ne klei­ne ver­schließ­ba­re Plas­tik­tü­te. Die­se be­fes­tig­te er mit Knet­mas­se an der obe­ren In­nen­sei­te des Roh­res und stapf­te wie­der zu sei­nem Au­to zu­rück. Er ließ sich in den Fah­rer­sitz fal­len und griff nach sei­nem Smart­pho­ne. Er wähl­te ei­ne Num­mer und war­te­te, bis die Ver­bin­dung stand. Nach dem Zwei­ten läu­ten wur­de das Ge­spräch an­ge­nom­men. Er flüs­ter­te: »Pa­ket ge­lie­fert!«, und be­en­de­te die Ver­bin­dung. Sein Auf­trag war be­en­det. Er ver­ließ den Park­platz und steu­er­te sei­nen Wa­gen di­rekt zum Flug­ha­fen von Cancún. Sein neu­es Le­ben in Reich­tum konn­te be­gin­nen.

1. Kapitel
Deutschland, Köln

Mi­cha­el Korn saß auf ei­nem Korb­stuhl vor der Ca­fe­te­ria Köl­le und be­ob­ach­te­te mür­risch die um­her­wan­dern­den Men­schen in der Köl­ner In­nen­stadt. Er rauch­te ei­ne Zi­ga­ret­te, de­ren Qualm er in die Mit­tags­son­ne blies. In sei­nem schwar­zen Shirt und den eben­falls schwar­zen Carg­o­ho­sen scann­te er mit sei­nen blau­en Pu­pil­len die Um­ge­bung. Wie hat­te es nur so weit kom­men kön­nen? Er, der ehe­ma­li­ge Bo­dy­guard der Re­gie­rungs­ver­tre­ter war ge­kün­digt wor­den. Nur, weil er dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len et­was un­sanft den El­len­bo­gen ins Ge­sicht ge­rammt hat­te. »Was kann denn ich da­für, wenn der Idi­ot sei­nen Kopf aus­ge­rech­net da hin­hält, wenn ich ge­ra­de zur Waf­fe grei­fe«, dach­te er bei sich. Po­li­ti­ker, das mie­ses­te Pack, das man sich vor­stel­len kann. Lü­gen wie ge­druckt und träu­men ih­re All­machts­fan­tasi­en, die kein nor­ma­ler Mensch mehr ver­steht. Zu al­lem Über­fluss gab es auch noch ei­ne An­zei­ge we­gen Kör­per­ver­let­zung. Als der Mi­nis­ter­prä­si­dent ihm das sag­te, stand Korn nur da und be­dach­te ihn mit ei­nem fins­te­ren Blick, be­vor er zu ihm mein­te: »Wo nichts ist, kann man auch nichts ver­let­zen, du Bra­t­hahn. Au­ßer­dem soll­test du dich vor­se­hen, sonst mach ich Ernst und sto­ße dich aus dei­ner Ar­ma­ni-Gar­di­ne!«. Manch­mal soll­te er sich viel­leicht doch zu ei­ner nor­ma­len Kom­mu­ni­ka­ti­on her­ab­las­sen, aber die­se Fä­hig­keit war bei ihm schon lan­ge nicht mehr ab­ruf­bar. Sein gan­zes bis­he­ri­ges Le­ben stand nicht un­ter ei­nem gu­ten Stern. Und wie­der ein­mal glit­ten sei­ne Ge­dan­ken drei­ßig Jah­re in die Ver­gan­gen­heit. Müh­sam kämpf­te er die Trä­nen aus sei­nen Au­gen und ver­such­te, an et­was an­de­res zu den­ken. Er drück­te sei­ne Kip­pe im Aschen­be­cher aus und nahm einen letz­ten Schluck von sei­nem Kaf­fee. Mi­cha­el er­hob sich und ging auf die na­he ge­le­ge­ne Po­li­zei­wa­che zu. Die Men­schen vor ihm teil­ten sich wie ein Vor­hang. Er war ei­ne im­po­san­te Er­schei­nung und be­saß ei­ne ge­wis­se na­tür­li­che Au­to­ri­tät, mit sei­nen wa­chen Au­gen und den har­ten Ge­sichts­zü­gen. Ru­hig be­trat er die Wa­che und mel­de­te sich am Schal­ter. Die jun­ge Po­li­zis­tin da­hin­ter warf ihm einen ab­schät­zi­gen Blick zu, be­vor sie zum Hö­rer griff und ei­ne Num­mer wähl­te. »Ihr Be­su­cher ist hier!«, flö­te­te sie in den Hö­rer. Nach ei­ner kur­z­en Pau­se füg­te sie »Na­tür­lich Herr Prä­si­dent!«, hin­zu und leg­te auf. »Neh­men Sie bit­te einen Au­gen­blick Platz, sie wer­den ab­ge­holt«, hör­te er sie sa­gen, be­vor sie sich wie­der ih­rem Mo­ni­tor wid­me­te.

Korn blieb lie­ber ste­hen und war­te­te ei­ni­ge Mi­nu­ten, be­vor ein Mann mitt­le­ren Al­ters in ei­ner schmu­cken Uni­form ihm die Hand reich­te. »Mein Na­me ist Wald­schmidt Herr Korn! Ich bin der Po­li­zei­prä­si­dent und ha­be sie her­ge­be­ten, weil mich ei­ne Nach­richt aus Ly­on er­reicht hat. Bit­te fol­gen Sie mir«, krächz­te er mit et­was hei­se­rer Stim­me.

Korns Stie­fel quietsch­ten auf dem hell­grau­en Lin­ole­um­bo­den, als er dem Prä­si­den­ten in ein ärm­lich ein­ge­rich­te­tes Be­spre­chungs­zim­mer folg­te. Die Tür fiel mit ei­nem leich­ten Kli­cken wie­der in das Schloss und Wald­schmidt for­der­te Mi­cha­el, auf Platz zu neh­men. Be­vor der Prä­si­dent et­was sa­gen konn­te, er­griff Korn das Wort. »Was zum Teu­fel ha­be ich denn mit Frosch­schen­keln zu tun? Mein ein­zi­ger Auf­ent­halt bei den Schne­cken­schlach­tern en­de­te in ei­nem Fias­ko, als drei mei­ner Kol­le­gen in ei­nem Ku­gel­ha­gel ster­ben muss­ten und ich lei­der über­lebt ha­be. Das ist aber auch schon fünf­zehn Jah­re her. Ist de­nen jetzt ein­ge­fal­len, dass ich da­mals das Croissant vor dem Ober­pfos­ten auf den Bo­den ge­tre­ten ha­be und sie mir jetzt einen Auf­ent­halt im Knast spen­die­ren wol­len?«.

»Nein Herr Korn, es geht nicht um da­mals und hat mit der Po­li­zei in Pa­ris über­haupt nichts zu tun«, ent­geg­ne­te Wald­schmidt »Man hat mich ge­be­ten Sie, und nur sie zu mir zu be­stel­len und ih­nen einen Brief aus­zu­hän­di­gen. Al­ler­dings nicht von der Po­li­zei, son­dern von In­ter­pol, die ih­ren Haupt­sitz in Ly­on hat.«

Ungläu­big starr­te Korn den Prä­si­den­ten an und sah ihn ei­ne Map­pe auf­schla­gen, aus der er einen Brief­um­schlag zog und ihm übergab.

»Den In­halt die­ses Briefs kennt nur In­ter­pol selbst, aber es ging da­bei um einen Job, den man ih­nen an­bie­ten möch­te«, er­klär­te er.

Korn nahm den Brief­um­schlag, sah ihn sich fra­gend an, be­vor er ihn öff­ne­te. Da­rin be­fand sich ei­ne Nach­richt so­wie ein Flug­ticket nach Ly­on, aus­ge­stellt auf sei­nen Na­men. Die Nach­richt lau­te­te:

Herr Korn,

bit­te be­su­chen Sie uns in der In­ter­pol Zen­tra­le in Ly­on. Wir ha­ben einen Job für sie und wür­den ih­nen ger­ne al­les Wei­te­re per­sön­lich er­klä­ren. Die gan­ze An­ge­le­gen­heit muss ver­trau­lich blei­ben.

Ber­nand Rous­sel, In­ter­pol.

Fas­sungs­los steck­te Mi­cha­el Korn den Brief­um­schlag in sei­ne lin­ke Bein­ta­sche und be­trach­te­te Wald­schmidt der et­was un­ru­hig auf sei­nem Stuhl saß. In sei­nem Kopf wir­bel­ten die Ge­dan­ken, wäh­rend sich sei­ne Mie­ne ver­dun­kel­te. Er konn­te es nicht glau­ben. Ein Jo­b­an­ge­bot von In­ter­pol. Ist das die Be­loh­nung, wenn man ei­nem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten die Na­se bricht?

Großbritannien, London

»Hän­de hin­ter den Kopf und ganz lang­sam um­dre­hen« zisch­te Liz dem Ju­gend­li­chen zu, der ver­sucht hat­te einen Kiosk aus­zu­rau­ben, nur be­waff­net mit ei­nem Ta­schen­mes­ser aus der Schweiz. Der Jun­ge dreh­te ihr lang­sam den Rücken zu und hat­te sei­ne Fin­ger in­ein­an­der ver­schränkt in den Na­cken ge­legt. Die Po­wer­frau steck­te ih­re Waf­fe zu­rück ins Hols­ter und nahm die Hand­schel­len vom Gür­tel. Vor­sich­tig trat sie auf den kaum 1,70 m großen Ju­gend­li­chen zu, der so vie­le Bol­zen im Ge­sicht hat­te, um einen zwei­ten Eif­fel­turm nie­ten zu kön­nen. Mit der Schul­ter don­ner­te sie ihn ge­konnt ge­gen die Wand und fi­xier­te die von Nar­ben über­sä­ten Ar­me hin­ter dem Rücken. Dann trat sie et­was zu­rück und griff sich das Funk­ge­rät. »Ich hab ihn ein­ge­sam­melt, ihr könnt ihn jetzt ho­len«, mur­mel­te sie und be­hielt den jun­gen im Blick.

Et­was spä­ter stand Liz vor ih­rem Strei­fen­wa­gen, rauch­te genüss­lich ei­ne Zi­ga­ret­te in dem die­si­gen und leicht ver­reg­ne­ten Lon­do­ner Som­mer. Plötz­lich knack­te ihr Funk und ei­ne quä­len­de Stim­me er­klang: »Croll, kom­men sie zum Haupt­quar­tier und mel­den sie sich um­ge­hend beim Chief!«

Seuf­zend trat sie die Zi­ga­ret­te auf den Pflas­ter­stei­nen aus, blies noch ein­mal den Rauch vor sich hin und be­stä­tig­te den Funk­spruch. Was will der Al­te nur wie­der von mir, är­ger­te sie sich im zä­hen Ver­kehr auf der re­gen­rei­chen In­sel. Sie war ei­ne der bes­ten der gan­zen Trup­pe ge­wor­den, trotz ih­res Han­di­caps mit nur knapp über 1,60 m Grö­ße un­ter den gan­zen Re­kru­ten mit Gar­de­maß. Vor dem Haupt­quar­tier stell­te sie den Strei­fen­wa­gen ab, ver­schloss ihn ord­nungs­ge­mäß und be­weg­te sich ziel­stre­big zum Bü­ro des Chiefs. »He­rein!«, bell­te die dunkle Stim­me ih­res Vor­ge­setz­ten, als sie ge­klopft hat­te. Liz öff­ne­te die Tür und trat in das klei­ne Bü­ro.

Chris Wil­liams sah zu ihr, leg­te sei­nen Stift auf den Ma­ha­go­nisch­reib­tisch und sag­te in ru­hi­gem Ton »Ah, da sind sie ja end­lich Croll. Set­zen Sie sich, ich ha­be et­was mit ih­nen zu be­spre­chen!«

Liz setz­te sich auf den Be­su­cher­stuhl und ver­such­te, die Mie­ne ih­res Chefs zu durch­drin­gen.

»Sie ha­ben mal wie­der gan­ze Ar­beit ge­leis­tet«, be­gann der Chief. »Al­ler­dings sieht es so aus, als ob ih­re Ta­ge in Lon­don ge­zählt sind Croll.«

Liz war ver­wirrt. Ih­re Ta­ge in Lon­don ge­zählt? »Wie denn das Chief? Hab ich was falsch ge­macht?«, frag­te sie mit ei­nem Vor­wurf in der Stim­me.

»Aber nein Croll, sie ha­ben nichts falsch ge­macht und ich wä­re froh, wenn ich das über die meis­ten hier sa­gen könn­te, aber um ehr­lich zu sein, gibt es ei­ne Ent­wick­lung, von der sie ver­mut­lich über­rascht sein wer­den. Ich ha­be ei­ne Nach­richt von ei­nem ge­wis­sen Ber­nand Rous­sel von In­ter­pol be­kom­men. So wie es aus­sieht, will man sie dort ha­ben. Wo­für weiß nie­mand, aber es scheint ge­heim zu sein, weil sich wirk­lich al­le dar­über aus­schwei­gen. Sie flie­gen über­mor­gen von Hea­throw nach Ly­on rü­ber und wer­den auf­ge­klärt, worum es sich han­delt. Ihr Flug­ticket ha­be ich be­reits hier!«

»Soll das ein Witz sein? Ich ha­be mich nir­gend­wo be­wor­ben und will auch nicht in ein Bü­ro ge­setzt wer­den nur, um ir­gend­wel­che Stel­len über­all auf der Welt mit In­for­ma­tio­nen zu ver­sor­gen«, platz­te es aus Liz her­aus.

»Das ist kein Scherz. Es ist aber auch ih­re Ent­schei­dung, ob sie den Job bei In­ter­pol an­neh­men. Ich wür­de sie ger­ne hier­be­hal­ten, das kön­nen Sie mir glau­ben. Es ist nur ein An­ge­bot und nie­mand weiß ge­nau, worum es geht. Al­so flie­gen sie nach Süd­frank­reich, hö­ren sich das an und tref­fen dann ih­re Ent­schei­dung. Ih­re Stel­le hier ist ih­nen si­cher, wenn sie ab­leh­nen«, be­ru­hig­te sie Wil­liams.

»Wer ist ei­gent­lich die­ser Rous­sel? Hat der was zu mel­den?«, frag­te sie et­was lau­ter als be­ab­sich­tigt.

Chris Wil­liams blick­te sie lan­ge an, be­vor er schließ­lich her­vor­brach­te: »Ich ha­be mich in­for­miert und die­ser Rous­sel ist der Boss von In­ter­pol. Ein Fran­zo­se, mehr­fach aus­ge­zeich­net, mitt­ler­wei­le schon an die 60 Jah­re alt und hat den La­den schon seit 13 Jah­ren in sei­ner Hand. Und über In­ter­pol steht nie­mand mehr. Die­se Stel­le wird von nie­man­dem kon­trol­liert. Selbst die Po­li­tik hat da nichts zu ent­schei­den. Völ­lig un­ab­hän­gig.«

»Okay, ich wer­de mir das mal an­hö­ren Chief«, ant­wor­te­te Liz klein­laut.

2. Kapitel
Italien, Rom

Die Ma­schi­ne aus Cancún roll­te lang­sam an das Ga­te be­vor die Flug­gast­brücke zum Aus­s­tei­gen in Po­si­ti­on ge­bracht wur­de. Er war wie­der zu­rück in sei­ner Hei­mat und freu­te sich auf sei­ne Frau. End­lich hat­ten sie fi­nan­zi­ell aus­ge­sorgt. Be­schwingt ver­ließ er die Boeing und schlen­der­te zur Ein­rei­se­kon­trol­le. Nach den For­ma­li­tä­ten nahm er sei­nen Kof­fer vom Trans­port­band in der An­kunfts­hal­le und trat hin­aus in die Ewi­ge Stadt. Es war früh am Abend als er end­lich ge­lan­det war, aber die sechs Stun­den Zeit­un­ter­schied gau­kel­ten sei­ner in­ne­ren Uhr vor es wä­re frü­her Nach­mit­tag.

Er nahm sich ein Ta­xi nach Hau­se. End­lich wie­der sei­ne ge­lieb­te Frau in den Arm neh­men, die­ses Mal um ei­ni­ge Mil­lio­nen rei­cher und nicht mehr auf den Job an­ge­wie­sen Com­pu­ter­bau­tei­le über­all auf der Welt aus­zut­au­schen nur, weil wie­der ir­gend­je­mand zu blö­de war das Zeug an­stän­dig zu war­ten. Nie wie­der wür­de er sei­ne Ma­ri­el­la al­lei­ne las­sen und quer durch die Welt flie­gen. Nur noch mit ihr zu­sam­men in den Ur­laub, an­sons­ten wür­de er in Rom blei­ben in dem klei­nen Haus, das er mit dem Geld kau­fen woll­te und sich mit Ma­ri­el­la um ei­ni­ge Bam­bi­ni zu küm­mern. Das Ta­xi er­reich­te die klei­ne Stra­ße mit­ten in Rom, wo er in ei­ner Bruch­bu­de le­ben muss­te, weil das Geld, was er ver­dien­te nicht aus­reich­te, um zu über­le­ben. Aber das soll­te jetzt der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren. In spä­tes­tens ei­ner Wo­che hät­te er das Geld für sei­nen Auf­trag.

Es war ein Kin­der­spiel. Al­les lag ex­akt da, wo ihm der Be­su­cher ge­sagt hat­te. Rein in das La­bor, Com­pu­ter auf­ma­chen und das Lauf­werk aus­bau­en. Nie­mand küm­mert sich, um einen klei­nen Tech­ni­ker, der ein Lauf­werk auf­schraubt, um es zu re­pa­rie­ren. Dann in ei­nem un­be­ob­ach­te­ten Mo­ment die Box aus der Schub­la­de zie­hen, im Lauf­werk ver­ste­cken und wie­der zu­sam­men­schrau­ben. Ein­mal nach drau­ßen ge­hen, um ein neu­es Lauf­werk zu ho­len und am En­de mit dem al­ten Lauf­werk das La­bor zu ver­las­sen. In sei­nem Ho­tel muss­te er nur wie­der die Box aus dem Lauf­werk ho­len und in den Kas­ten pa­cken. Ver­sie­geln, dann ver­gra­ben und die Geo-Koor­di­na­ten in ei­nem to­ten Brief­kas­ten hin­ter­las­sen. Was er da mit her­aus­ge­schmug­gelt hat, wur­de ihm zwar nicht ver­ra­ten, aber wenn es da­bei um fünf Mil­lio­nen Eu­ro geht, die in sei­ne Ta­schen wan­dern, spiel­te das kei­ne Rol­le.

Er schloss die Haus­tür auf und schlüpf­te lei­se hin­ein. Den Kof­fer stell­te er in den Flur. Er wür­de ihn mor­gen aus­pa­cken. Er hör­te den Fern­se­her im Wohn­zim­mer. Ir­gend­ei­ne Ra­tes­how schon wie­der. Ma­ri­el­la lieb­te die­sen Quatsch. Er rief: »Ich bin wie­der zu Hau­se mein Schatz. Hast du mich ver­misst?«

Nie­mand ant­wor­te­te. War Ma­ri­el­la wie­der zu der Nach­ba­rin ge­gan­gen und hat­te den Fern­se­her an­ge­las­sen? Er ging in die Kü­che und fand Spaghet­ti mit Mee­res­früch­ten, die er sich schnell in die Mi­kro­wel­le schob. Sei­ne Frau war ei­ne sehr gu­te Kö­chin und er freu­te sich auf die Spaghet­ti. Er be­trach­te­te sehn­süch­tig die Di­gi­tal­an­zei­ge die quä­lend lang­sam her­un­ter­lief, um dann mit ei­nem schril­len Piep­ton ver­kün­de­te, dass sein Es­sen fer­tig war. Er nahm den Tel­ler aus der Ma­schi­ne und ging da­mit ins Wohn­zim­mer. Als er durch die Tür trat, er­starr­te er. Dort auf dem So­fa saß nicht Ma­ri­el­la. Ein Typ in ei­nem dun­kelblau­en An­zug war­te­te auf ihn mit ei­ner Waf­fe.

»Schön sie zu se­hen Mis­ter Ban­di­ni. Es freut mich, sie end­lich ein­mal ken­nen­zu­ler­nen. Ver­zei­hen Sie das Ein­drin­gen in ih­re Woh­nung aber wir kön­nen kei­ne Zeu­gen zu­rück­las­sen, die der Sa­che im We­ge ste­hen könn­ten. Nach­her re­den sie noch mit den Ca­ra­bi­nie­ri und brin­gen uns in Ver­le­gen­heit. Ach, nur noch ei­ne Klei­nig­keit. Ih­re Frau war­tet schon im Schlaf­zim­mer, wenn sie bit­te vor­aus­ge­hen wür­den, wä­re ich Ih­nen sehr ver­bun­den.«

»We, we, wer sind sie?«, stam­mel­te Ban­di­ni und hielt krampf­haft den Tel­ler mit sei­nen Spaghet­ti in der Hand.

»Nun, ich bin der Pro­blem­lö­ser Mis­ter Ban­di­ni. Und mein Pro­blem sind der­zeit sie. Ge­hen Sie jetzt bit­te ins Schlaf­zim­mer ich möch­te un­gern mei­nen An­zug rui­nie­ren, nur weil sie kei­ne paar Schrit­te ma­chen.«

Ban­di­ni such­te pa­nisch nach ir­gend­ei­nem Ge­gen­stand, um sich weh­ren zu kön­nen, aber er fand nichts in sei­ner Reich­wei­te. Lang­sam stell­te er den Tel­ler auf dem Schränk­chen ne­ben der Tür ab und ging mit be­däch­ti­gen Schrit­ten zu­rück in den Flur. Sein Kof­fer könn­te ihm hel­fen, wenn er schnell ge­nug han­deln wür­de. Vor­sich­tig be­weg­te er sich auf den Kof­fer zu und spann­te sei­ne Mus­keln um sich auf den An­griff vor­zu­be­rei­ten. Gera­de als er mit ei­nem schnel­len Hand­griff zu dem Ge­päck­stück ab­tau­chen woll­te, spür­te er einen Stich an sei­nem Hals. Mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen dreh­te er sich um und sah den Pro­blem­lö­ser mit ei­ner Sprit­ze hin­ter sich. Dann fiel er zu Bo­den und das Letz­te, was er se­hen konn­te, be­vor die Welt im schwar­zen Ne­bel ver­schwand, wa­ren laub­grü­ne Tep­pich­fa­sern.

Der Pro­blem­lö­ser zog den er­schlaff­ten Kör­per Ban­di­nis in das Schlaf­zim­mer und wuch­te­te ihn auf das Bett, in dem Ma­ri­el­la be­reits seit ei­ni­gen Stun­den be­we­gungs­los lag. Sie hat­te die Sprit­ze am Nach­mit­tag be­kom­men und wür­de nicht mehr zur Be­sin­nung kom­men, bis die Bu­de ab­ge­brannt ist. Er sah sich in dem Raum noch ein­mal um, ob er nichts ver­ges­sen hat­te. Nur der Kof­fer im Flur muss­te noch ver­schwin­den, dann war al­les er­le­digt. Er nahm ihn auf und warf ihn schwung­voll auf den Klei­der­schrank. Dann ging er zu­rück in das Wohn­zim­mer, stell­te den Tel­ler mit den Spaghet­ti auf den Tisch, griff sich sei­ne Ta­sche und zog ei­ne gräu­li­che Do­se her­aus. Er ging zu­rück zu den Ban­di­nis und be­tä­tig­te den Aus­lö­ser auf der Do­se. Ei­ni­ge Se­kun­den spä­ter ver­wan­del­te sich das aus­tre­ten­de Ge­misch in ei­ne Feu­er­fon­tä­ne, die er acht­los un­ter das Bett warf und dann im Schutz der Dun­kel­heit das Haus ver­ließ.

Die Ta­sche auf der Schul­ter tra­gend lief er die Stra­ße ent­lang und fisch­te sein Han­dy aus dem Jackett. Er wähl­te ei­ne Kurz­wahl und sag­te dann: »Die Fest­plat­te ist for­ma­tiert, al­le Da­ten sind ge­löscht und das BBQ war­tet.« Dann leg­te er auf und ver­schwand in der Nacht.

3. Kapitel
Deutschland, Flughafen Köln/Bonn

Mi­cha­el Korn war­te­te am Ga­te auf sei­nen Flug nach Ly­on. Er hat­te sich, nach­dem er den Brief­um­schlag er­hielt über In­ter­pol In­for­ma­tio­nen ein­ge­holt. 1923 in Wi­en ge­grün­det, mit Haupt­sitz in Ly­on war In­ter­pol zu­stän­dig, die Zu­sam­men­ar­beit der ver­schie­de­nen Po­li­zei­be­hör­den in 194 Län­dern der Welt zu ver­bes­sern. Sie war als Ve­rein ge­grün­det wor­den, nicht als Be­hör­de und un­ter­hielt kei­ne ei­ge­nen Agen­ten. 2013 wur­de Kri­tik laut als sich die In­ter­pol von Ta­b­ak­kon­zer­nen und knapp 30 Phar­ma­ri­e­sen ein Vier­tel ih­res Etats be­zah­len ließ. Als Grund gal­ten In­ter­es­sens­kon­flik­te bei der Straf­ver­fol­gung und man­geln­de Trans­pa­renz. Nicht ge­ra­de ruhm­reich dach­te Korn, aber wenn die­se Or­ga­ni­sa­ti­on über einen Etat von 300 Mil­lio­nen pro Jahr ver­fügt und ihm einen Job an­bie­ten möch­te, kann man sich ja mal ein Bild ma­chen. Ei­gent­lich war es ihm egal. Ein Job war nur dann et­was für ihn, wenn er in Ge­fahr brin­gen wür­de und ihm ei­ne Auf­ga­be gibt. Er ver­füg­te über ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Beo­b­ach­tungs­ga­be und zwin­gen­de Lo­gik. Für ihn war das nichts Be­son­de­res, das kön­nen vie­le an­de­re auch, viel­leicht deut­lich bes­ser als er. Nur war ver­mut­lich kei­ner der an­de­ren be­reit, sein Le­ben her­zu­ge­ben für einen Job. Bei ihm war das al­ler­dings et­was an­de­res. Auf­re­gen konn­te man ihn nicht, da­zu be­durf­te man In­for­ma­tio­nen, die er al­ler­dings nie Preis gab. Das war der ein­zi­ge wun­de Punkt. Er ver­barg sich hin­ter ei­ner Mau­er aus schwei­gen und be­geg­ne­te den Men­schen ab­leh­nend. Sei­ne Art mit an­de­ren zu re­den war be­lei­di­gend mit fie­sem Hu­mor. Trotz­dem war es we­ni­ger rat­sam ihm et­was ver­heim­li­chen zu wol­len. Aus den Re­ak­tio­nen konn­te er mit sei­ner Ga­be er­ken­nen, was die Wahr­heit war und wer ver­such­te, ihm einen Bä­ren auf­zu­bin­den. Sein Aus­se­hen er­le­dig­te das Üb­ri­ge. Grund­sätz­lich im­mer in Schwarz, hoch­ge­wach­sen mit deut­li­chen An­zei­chen von Kraft und ei­nem Blick der To­te wie­der er­we­cken könn­te. Zy­nisch, rück­sichts­los und nicht aus der Ru­he zu brin­gen.

Ein Si­gnal­ton drang aus den Laut­spre­chern ge­folgt von der An­sa­ge: »Die Pas­sa­gie­re des Flu­ges LH1724 nach Ly­on wer­den ge­be­ten sich zum Boar­ding zu be­ge­ben!«

Korn er­hob sich und ging mit sei­nem Ticket zum Schal­ter. Er lieb­te das flie­gen. Wo sonst gab es so vie­le Mög­lich­kei­ten, ums Le­ben zu kom­men? Die Schwer­kraft ver­liert nie und es gab Mil­lio­nen von Tei­len mit ei­nem klei­nen de­fekt, die ei­ne Ma­schi­ne in Se­kun­den vom Him­mel ho­len könn­ten. So­gar ein klei­ner Vo­gel in ei­nem Trieb­werk konn­te ei­ne Ka­ta­stro­phe aus­lö­sen. Vi­el­leicht klappt es ja heu­te, dach­te er bei sich und ging in die sil­ber­ne Boeing auf sei­nen Sitz­platz. In we­ni­gen Mi­nu­ten wa­ren sie in der Luft, und Mi­cha­el auf dem Weg zu ei­ner neu­en, hof­fent­lich ge­fähr­li­chen, Auf­ga­be.

Großbritannien, Flughafen London Heathrow

Ge­lang­weilt sah sich Liz am Ga­te um. Sie war viel zu früh am Flug­ha­fen an­ge­kom­men und war­te­te un­ge­dul­dig wie ein Kind auf das Boar­ding, des Air­bus A 320 von Hea­throw nach Ly­on. Mitt­ler­wei­le war schon über ei­ne Stun­de ver­gan­ge­nen, nach­dem sie aus dem Ta­xi, das sie her­ge­bracht hat­te, ge­stie­gen war, den Check in hin­ter sich brach­te und dann durch die Si­cher­heits­kon­trol­le ge­gan­gen war. Der damp­fen­de Kaf­fee in ih­rer Hand bot nicht wirk­lich ei­ne Er­fri­schung. Viel zu stark für ih­ren Ge­schmack und auch noch einen üb­len Nach­ge­schmack. Aber was woll­te sie auch er­war­ten, das hier war Groß­bri­tan­ni­en und da trin­ken die meis­ten Tee, wie sol­len die auch einen an­stän­di­gen Kaf­fee zu­stan­de brin­gen.

Liz Croll war die Toch­ter ei­nes Leh­rers aus der Graf­schaft Sus­sex an der Süd­spit­ze der bri­ti­schen In­sel. Ih­re Mut­ter, ei­ne Spring­rei­te­rin, die lei­der bei ei­nem Reit­un­fall ums Le­ben kam, als ih­re Stu­te sie ab­warf und sie mit dem Kopf auf einen Stein prall­te, starb, als sie ge­ra­de 9 Jah­re alt war. Sie war ei­ne Kämp­fe­rin. Trotz ih­rer klei­nen Kör­per­grö­ße konn­te sie un­glaub­li­che Fä­hig­kei­ten in sich ver­ei­nen. Jetzt mit Mit­te 30 war sie zu ei­ner her­vor­ra­gen­den Po­li­zis­tin im Kö­nig­reich ge­wor­den und galt als ech­te Spür­na­se. Was im­mer es zu fin­den galt, wenn Liz sich der Sa­che an­nahm, stie­gen die Chan­cen, al­les auf­zu­klä­ren ra­pi­de an. Ihr Va­ter brach­te ihr bei, hin­ter die Mas­ken der Men­schen zu bli­cken. Sie hat­te ein fast un­heim­li­ches Ge­spür da­für, wer et­was zu ver­ber­gen hat­te. Schon in ih­rer Kind­heit hat­te ihr Va­ter ihr im­mer wie­der ver­schie­de­ne Spu­ren ge­legt und sie hat­te mit Be­geis­te­rung je­den Hin­weis un­ter­sucht und war der Fähr­te nach­ge­gan­gen. Dort war­te­ten dann Sü­ßig­kei­ten oder Spiel­zeug auf sie. Heu­te war­te­ten nur noch Ver­bre­cher am En­de der Spu­ren, aber das war fast ge­nau­so gut. Und ihr ge­rin­ges Kör­per­maß hat­te noch einen an­de­ren Vor­teil, sie war fast so schnell, wie ei­ne Kat­ze da­bei möch­te sie Hun­de um ei­ni­ges lie­ber.

Was wür­de nur in Ly­on auf sie war­ten frag­te sie sich, und warum woll­te man aus­ge­rech­net sie dort ha­ben. Gab es in Groß­bri­tan­ni­en nicht ge­nug Ver­bre­cher, dass man sie in ein Bü­ro ab­schie­ben konn­te, um an ei­ner Staub­lun­ge zu er­kran­ken, weil sie sich wie ein Holz­wurm durch al­te Ak­ten wüh­len müss­te. Das war nichts für Liz, sie moch­te die fri­sche Luft, die Spu­ren, das ent­rät­seln und das Ge­fühl et­was Sinn­vol­les mit ih­rem Le­ben an­zu­fan­gen. Au­gen durch und zu, wie das Sprich­wort sagt. Sie wür­de sich das an­hö­ren und wenn ihr die Fran­zo­sen auf die Ner­ven gin­gen zu­rück nach Eng­land flie­gen, um dort Ver­bre­cher zu ja­gen.

Das Boar­ding be­gann end­lich und Liz nahm ih­re Hand­ta­sche, die auch ger­ne als Kof­fer hät­te durch­ge­hen kön­nen, und be­trat den mo­der­nen Air­bus. Für die 760 km wür­den an­dert­halb Stun­den aus­rei­chen.

4. Kapitel
Vereinigte Staaten, Houston (TX)

Das Fa­den­kreuz lag zwei cm ober­halb des Her­zens der Ziel­per­son, auf die Ent­fer­nung von 300 m wä­re das ein Voll­tref­fer. Lang­sam at­me­te Lea aus und drück­te den Ab­zug an ih­rem M24, ei­ner Va­ri­an­te des Re­ming­ton 700, durch. Mit ih­rem Ziel­fern­rohr er­kann­te sie, das die Ziel­per­son schon tot war, als der Kör­per auf dem Kies­bo­den auf­schlug. »Sau­ber ge­trof­fen, Mis­si­on be­en­det. Flucht­punkt Al­pha in 10!« Hör­te sie über ihr Head­set.

Lea Enis ging hin­ter der Brüs­tung des Hoch­hau­ses in De­ckung und nahm das M24 aus­ein­an­der, ver­pack­te die ein­zel­nen Tei­le wie­der in ih­rer Um­hän­ge­ta­sche. Sie leg­te sich die Trä­ger auf die Schul­ter und ging ge­duckt zu der Tür, die auf das Dach führ­te. Im schumm­ri­gen Licht des Trep­pen­hau­ses lief sie tritt­si­cher nach un­ten bis zum 28. Stock­werk, schlüpf­te durch die Tür zur Trep­pe und be­fand sich im Flur des Ho­tels. Drei­ßig Schrit­te links von ihr be­fand sich der Per­so­nal­auf­zug. Sie zog ih­re Zu­gangs­kar­te aus der Ho­sen­ta­sche und hielt sie vor das Le­se­ge­rät. Die Fahr­stuhl­tür glitt auf und sie be­trat die Ka­bi­ne, des al­ten Auf­zugs, der sei­ne bes­ten Zei­ten lan­ge hin­ter sich hat­te. Nach dem Druck auf die Tas­te B1 schlos­sen sich die Tü­ren und der Auf­zug setz­te sich ru­ckelnd in Be­we­gung. Un­ten an­ge­kom­men ver­ließ sie die Ka­bi­ne, dreh­te sich nach rechts und lief durch die Groß­kü­che zum Sei­ten­ein­gang. Sie wirk­te wie ein jun­ges Dienst­mäd­chen in dem Ho­tel, das ge­ra­de ih­re Schicht be­en­de­te und nach Hau­se woll­te. Vor der Tür bog sie nach links ab und ver­schwand in der klei­nen Sei­ten­gas­se. Sie er­blick­te den dun­kelblau­en Van und eil­te ihm ent­ge­gen. Im Schritt­tem­po öff­ne­te sich die Sei­ten­tür des Fahr­zeugs und Lea sprang hin­ein. Die Tür fiel pol­ternd hin­ter ihr zu. Es war warm in dem Van, doch Lea frös­tel­te. Et­was stimm­te hier nicht. Sie soll­te al­lei­ne in dem Fahr­zeug sein, doch ge­gen­über auf dem hin­te­ren Sitz saß ei­ne Frau in Bu­si­ness­an­zug, die ver­träumt aus dem ver­dun­kel­ten Fens­ter blick­te.

»Wo bin ich denn hier ge­lan­det, das ge­hört nicht zum Plan«, er­öff­ne­te Lea.

»Ganz ru­hig Miss Enis, es läuft al­les so, wie es ge­dacht ist. Leh­nen Sie sich zu­rück und ge­nie­ßen sie ih­re letz­te Fahrt in Frei­heit. Sie wer­den sehr lan­ge kei­ne Ge­le­gen­heit mehr da­zu ha­ben«, ent­geg­ne­te die Frau.

»Was soll das hei­ßen?«, frag­te sie.

»Das heißt, dass sie uns in die Fal­le ge­gan­gen sind und jetzt die nächs­ten Jah­re in ei­nem Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis zu­brin­gen wer­den.«, kon­ter­te sie kühl.

»Wer zum Teu­fel sind sie, und wie­so glau­ben sie, ich wür­de still hier sit­zen blei­ben? Was soll­te mich da­von ab­hal­ten sie ein­fach zu kil­len? Ob jetzt nur ei­ner dran glau­ben muss­te oder zwei spielt kei­ne Rol­le!«

»Das hat­ten wir er­war­tet Miss Enis. Ich bin Spe­ci­al Agent Tur­ner vom FBI. Wir sind jetzt seit vier Jah­ren hin­ter ih­nen her. Sie wa­ren flei­ßig. Ins­ge­samt ge­hen mehr als vier­zig Lei­chen auf ihr Kon­to und das ist si­cher nur die Spit­ze des Eis­bergs. Soll­ten Sie auch nur den Ver­such un­ter­neh­men, mich an­zu­grei­fen, wer­den sie die­ses Fahr­zeug nicht mehr le­bend ver­las­sen. Ha­be ich mich deut­lich ge­nug aus­ge­drückt?«

»Sie wer­den ihr blau­es Wun­der er­le­ben!«, wü­te­te Lea, »In spä­tes­tens zwei Stun­den wer­den ih­nen die Ku­geln nur so um den Kopf sau­sen und es wird mir die größ­te Freu­de be­rei­ten, sie mit ei­ner ros­ti­gen Ga­bel aus­zu­wei­den!«

»Spa­ren sie sich die großen Re­den Miss Enis. In zwei Stun­den sit­zen sie ge­müt­lich in der Zel­le und rich­ten sich für einen sehr lan­gen Auf­ent­halt in ih­rer neu­en Hei­mat ein!«

Lea konn­te nicht glau­ben, was da eben pas­siert war. Der Plan war per­fekt. Jetzt saß hier ei­ne vom FBI vor ihr und er­zähl­te was von Knast. Das kann ein­fach nicht wahr sein. Ich bin viel zu jung, um in den Knast zu ge­hen. Gera­de mal 30 Jah­re alt und in der bes­ten Zeit mei­nes Le­bens. Was war da nur schief­ge­lau­fen, und vor al­lem wo ist Den­nis ab­ge­blie­ben? Den­nis war ihr Freund und war seit acht Jah­ren im­mer an ih­rer Sei­te. Er soll­te ei­gent­lich den Flucht­wa­gen fah­ren, wäh­rend sie hier al­lei­ne sit­zend ab­tauch­te. Nur wo war Den­nis jetzt? Fra­gen über Fra­gen, aber kei­ne Ant­wor­ten.

Wäh­rend ihr Tau­sen­de Ge­dan­ken durch den Kopf rausch­ten und sich zu ei­ner breii­gen Mas­se zu­sam­men­zo­gen, wur­de das klei­ne Fens­ter zur Fah­rer­ka­bi­ne ge­öff­net. Be­nom­men ver­nahm sie ei­ne ver­trau­te Stim­me, konn­te aber die Wor­te nicht ver­ste­hen, zu sehr war sie in ih­ren Ge­dan­ken ge­fan­gen. Der Van fuhr wei­ter durch die Stra­ßen von Hou­ston in Texas, mit Lea auf der Rei­se in die un­ge­wis­se Zu­kunft.

5. Kapitel
Frankreich, Lyon

Sur­rend setz­te sich das Trans­port­band in Gang. Liz stand et­was ab­seits um nicht im großen Ge­drän­ge um­ge­rannt zu wer­den. Um sie her­um fie­len sich Fa­mi­li­en in die Ar­me, Kin­der lach­ten und Ju­gend­li­che stell­ten ih­re Cool­ness un­ter Be­weis, in­dem sie ein­fach al­les und je­den igno­rier­ten. Der ganz nor­ma­le Wahn­sinn an ei­nem Flug­ha­fen. Ihr Blick fiel auf einen kom­plett in schwarz ge­klei­de­ten Mann, der nur ei­ni­ge Me­ter ent­fernt von ihr stand. Sei­ne Au­ra wirk­te düs­ter und be­droh­lich auf sie, ob­wohl die kan­ti­gen Zü­ge ihm ei­ne ge­wis­se At­trak­ti­vi­tät ver­lie­hen. Trotz­dem woll­te sie so je­man­dem si­cher nicht nachts be­geg­nen. Er stand wie ein Baum auf ei­ner Stel­le, doch sei­ne blau­en Au­gen wa­ren hell­wach und streif­ten un­auf­hör­lich durch die Hal­le. Wie aus dem nichts setz­te er sich in Be­we­gung und hielt auf das Band zu, auf dem eben ei­ne schwar­ze Ny­lon­ta­sche er­schi­en. Oh­ne Um­weg lief er ge­ra­de­aus, rem­pel­te einen Ju­gend­li­chen fast um, der ihm auf Fran­zö­sisch ir­gen­det­was hin­ter­her­warf, was nicht be­son­ders freund­lich klang. Er igno­rier­te ein strei­ten­des Ehe­paar, lief di­rekt zwi­schen ih­nen durch, pack­te die schwar­ze Ta­sche am Griff und ging dann auf den Aus­gang der Hal­le zu. Mit dem ist si­cher, nicht gut Kir­schen es­sen, grins­te sie in sich hin­ein. Die Rei­hen vor dem Band lich­te­ten sich ein we­nig und Liz er­kann­te ih­ren Kof­fer der sei­ne Krei­se dreh­te. Sie nahm ihn vom Band, stell­te ihn auf den Bo­den und zog den Griff nach oben um ihn hin­ter sich her­rol­len zu las­sen. Sie ver­ließ die Hal­le auf di­rek­tem Weg, um nach drau­ßen zu kom­men, es wur­de lang­sam Zeit den Ni­ko­tin­spie­gel auf ein nor­ma­les Le­vel zu brin­gen, der seit Lon­don ins Bo­den­lo­se ge­fal­len war.

Drau­ßen leg­te die Son­ne Ly­on in hel­les Licht, das in den Au­gen brann­te. Liz kniff die Au­gen zu­sam­men, da­mit sich die Pu­pil­len ver­en­gen konn­ten. Als sie sich an die Hel­lig­keit ge­wöhnt hat­te, öff­ne­te sie die Au­gen, fisch­te in ih­rer Hand­ta­sche nach ei­nem Glimm­stän­gel und ih­rem Feu­er­zeug. Da stand er wie­der vor ihr, der Mann in Schwarz. Die­ses Mal mit ei­ner eben­falls schwar­zen Son­nen­bril­le vor den Au­gen zog er an sei­ner Zi­ga­ret­te und in­ha­liert tief. Sie ver­such­te, ihn ab­zu­schät­zen. Groß war er, mar­kan­tes Ge­sicht mit den har­ten Zü­gen, et­was rund­lich um die Hüf­te und ein Kreuz wie ein Bär. Aber ir­gend­was ir­ri­tier­te sie an ihm. Er wirk­te un­glaub­lich mäch­tig und doch spür­te sie so et­was wie Un­si­cher­heit. In­ter­essan­ter Typ ei­gent­lich wä­re da nicht sein Be­neh­men wie ein Ele­fant im Kühl­schrank.

Dann ent­deck­te sie einen jün­ge­ren Mann, der in ei­nem schwar­zen An­zug zwei Schild­chen in die Hö­he reck­te. Auf dem lin­ken stand L. Croll und auf dem rech­ten M. Korn. Das war wohl ein Bü­ro­hengst von In­ter­pol, der zwei Per­so­nen ab­ho­len soll­te, wo­bei er so dürr war wie ein klei­ner Stock und auf sie wirk­te, als kön­ne er kaum einen Blei­stift hal­ten. Egal dach­te sie sich, fah­ren wird er wohl kön­nen und so weit ist es ja auch wie­der nicht. Sie wink­te ihm zu und stell­te sich als Liz Croll vor. Ei­ne piep­sen­de Kin­der­stim­me drang aus sei­nem Mund, als er sag­te »Mon­sieur Rous­sel schickt mich, um sie ab­zu­ho­len Miss Croll. Ist mir ei­ne Freu­de, sie ken­nen­zu­ler­nen. Wir war­ten lei­der noch auf Mis­ter Korn, der ei­gent­lich vor ih­nen ge­lan­det sein müss­te.«

»Ich hab dich schon lan­ge ge­se­hen Büb­chen!«, raun­te ei­ne tie­fe Stim­me hin­ter Liz.

Er­schro­cken dreh­te sie sich um und starr­te auf ein schwar­zes Shirt, erst als sie den Kopf hob, er­kann­te sie, dass es der Bull­do­zer, der vor­her durch die Ge­päck­hal­le ge­pflügt war. Das ist al­so Mis­ter Korn, oder soll­te ich ihn eher Mis­ter Arsch nen­nen?

Die schril­le Stim­me leg­te wie­der los »Mis­ter Korn, es freut mich, dass sie hier sind. Wie wa­ren ih­re Flü­ge?«

Ehe Liz et­was er­wi­dern konn­te, hat­te schon Mis­ter Arsch das Wort er­grif­fen und sah den jun­gen an, als wol­le er, ihn gleich auf der Stel­le zum ewi­gen Schwei­gen brin­gen »Quatsch mir kei­ne Fri­ka­del­le ans Knie du Kno­chen­ge­rüst. Hau die Ha­cken in den Teer und lass uns fah­ren sonst krieg ich schlech­te Lau­ne!«

»Noch schlech­ter als jetzt ist wohl kaum mög­lich Mis­ter Korn, oder soll­te ich sie bes­ser Mis­ter Arsch nen­nen?«, gif­te­te Liz.

»Vor­sich­tig, das Zwer­gen wer­fen wur­de letz­tes Jahr wie­der er­laubt, viel­leicht mach ich spä­ter noch Ge­brauch da­von«, hör­te sie den dump­fen Bass sei­ner Stim­me.

»Be­vor wir fah­ren müss­te ich sie bit­ten, sich aus­zu­wei­sen!«, be­harr­te der Fah­rer.

Korn griff in sei­ne hin­te­re Ho­sen­ta­sche und zog sei­nen Aus­weis her­aus, den er an­ge­wi­dert dem Fah­rer vor die Na­se hielt. Als er da­nach grei­fen woll­te, zog Korn sei­ne Hand zu­rück und mach­te ein fins­te­res Ge­sicht.

»Du be­hältst dei­ne Pfo­ten bei dir, sonst bre­che ich sie dir!«, pflaum­te er ihn an.

Liz nes­tel­te in ih­rer Hand­ta­sche nach ih­rem Aus­weis­do­ku­ment. Un­ge­dul­dig be­ob­ach­tet der schwarz ge­klei­de­te Bo­dy­guard das Schau­spiel und riet ihr dann »Ver­su­chen sie es im Kel­ler der Rei­se­ta­sche!«

»Dan­ke für den Hin­weis, aber ich wer­de mei­nen Aus­weis auch oh­ne ih­re Hil­fe fin­den!«, warf sie ihm et­was un­ge­hal­ten an den Kopf.

»Ich be­zweifle ernst­haft, das sie einen Aus­weis be­sit­zen, eher ver­mu­te ich ein Ent­schul­di­gungs­schrei­ben von Dur­ex!«, gab Korn zu­rück.

Na das kann ja hei­ter wer­den, schoss es ihr durch den Kopf und sie be­reu­te, dass sie ih­re Waf­fe nicht mit­neh­men durf­te. Liz fand ih­ren Per­so­nal­aus­weis zu­sam­men mit ih­rem Dienst­aus­weis in ei­ner in­ne­ren Sei­ten­ta­sche. Sie reich­te das Do­ku­ment dem Fah­rer, der es auf­merk­sam be­gut­ach­te­te und es ihr wie­der mit ei­nem schie­fen Lä­cheln zu­rück­gab. Korn hat­te sich be­reits auf den Bei­fah­rer­sitz ge­setzt und die Tür zu­ge­schla­gen. Sei­ne Au­gen wa­ren in den zart­blau­en Him­mel über Ly­on ge­rich­tet. Liz nahm hin­ter dem Fah­rer Platz und starr­te bö­se auf Korn. Fast un­merk­lich schüt­tel­te sie den Kopf über das Ver­hal­ten des Man­nes. Er nahm da­von kei­ne No­tiz. Sein Kopf war zum Fens­ter ge­rich­tet, durch das er starr und un­be­weg­lich in den Him­mel blick­te.

Die Fahrt ver­lief still, mit Aus­nah­me der Chan­son sin­gen­den Stim­me aus dem Ra­dio, die sich an­hör­te, als wür­de man ihr ge­ra­de den Blind­darm oh­ne Be­täu­bung ent­fer­nen.

6. Kapitel
Vereinigte Staaten, Houston (TX)

Spe­ci­al Agent Tur­ner lehn­te in ih­rem Le­der­ses­sel und hielt einen Mo­no­log über die so­eben ver­haf­te­te Lea Enis. Vor ihr blick­te sie Agent Bloom an, der auf dem un­be­que­men Holz­stuhl Platz ge­nom­men hat­te.

»Mein lie­ber Agent Bloom, ich bin sehr froh, dass wir heu­te Miss Enis aus dem Ver­kehr zie­hen konn­ten. Das al­les ist so gut wie al­lei­ne ihr Ver­dienst. Sie ha­ben die­ses Mons­ter jah­re­lang über­wacht und konn­ten uns den ent­schei­den­den Hin­weis lie­fern, der letzt­end­lich zu ih­rer Er­grei­fung führ­te. In den letz­ten Jah­ren fie­len ihr, nach of­fi­zi­el­len Zah­len, die wir auch ih­nen ver­dan­ken, mehr oder we­ni­ger zu­min­dest, na­he­zu 49 Per­so­nen zum Op­fer. Hin­ge­rich­tet, möch­te ich bei­na­he sa­gen, in 23 Bun­des­staa­ten die­ses Lan­des. Die gan­zen Op­fer hat­ten ei­nes ge­mein­sam, sie ar­bei­te­ten für die un­ter­schied­lichs­ten Be­hör­den die­ses Lan­des. Bis­her feh­len uns lei­der noch die gan­zen Be­wei­se, wo­her sie ih­re Auf­trä­ge be­kom­men hat, und vor al­lem auf wel­chem We­ge. Die Com­pu­ter­da­ten durch den von ih­nen ein­ge­schleus­ten Tro­ja­ner er­ga­ben kei­nen ein­zi­gen Tref­fer oder An­halts­punk­te, wo­her die Auf­trä­ge ka­men und wer da­für be­zahlt hat. Sie sind der Held des Jahr­zehnts. Ich mag mir gar nicht vor­stel­len wie sie dar­un­ter ge­lit­ten ha­ben müs­sen. Letz­ten En­des ist sie jetzt aber in der Zel­le, be­vor man sie in den nächs­ten Ta­gen in ein Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis ver­legt, in dem sie nach der­zei­ti­ger Schät­zung we­nigs­tens 120 Jah­re ver­brin­gen wird. Dann wä­re sie 150 Jah­re alt, wenn sie raus­kommt. Nur das wird nicht pas­sie­ren, wür­de ich sa­gen. Was ha­ben sie jetzt als Nächs­tes vor Agent?«

»Zu­erst möch­te ich ger­ne einen län­ge­ren Ur­laub an­tre­ten, mei­ne Fa­mi­lie be­su­chen, so­wie ei­ne rie­si­ge Par­ty ver­an­stal­ten« lä­chel­te Bloom.

»Wir müs­sen erst noch ih­re Tar­nung rück­gän­gig ma­chen, aber da küm­me­re ich mich be­reits drum. Ge­nie­ßen Sie ih­ren Ur­laub«, strahl­te Tur­ner ihn an.

»Ach ei­ne Fra­ge noch Mis­ses Tur­ner, dürf­te ich die Ge­fan­ge­ne noch ein­mal be­su­chen? Ich ha­be da noch ein per­sön­li­ches An­lie­gen, das ich ger­ne mit Miss Enis klä­ren wür­de«, er­wi­der­te Agent Bloom.

Tur­ner über­leg­te einen Mo­ment, be­vor sie die Er­laub­nis gab. Agent Bloom er­hob sich von dem har­ten Stuhl, drück­te sein Kreuz durch, be­dank­te sich mit ei­nem Ni­cken und schloss die Bü­ro­tür hin­ter sich. Auf sei­nem Weg zu den Ver­wahr­zel­len im Un­ter­ge­schoss des Ge­bäu­des muss­te er im­mer wie­der ste­hen blei­ben, um sich zu ori­en­tie­ren. Er war seit ei­ner Ewig­keit nicht mehr in dem Ge­bäu­de ge­we­sen. In den letz­ten Jah­ren hat­te sich vie­les ver­än­dert.

Un­ten an­ge­kom­men lief er an den ers­ten Zel­len vor­bei, die al­le­samt leer wa­ren. Erst im hin­te­ren Be­reich ent­deck­te er Lea Enis, die auf ih­rer Prit­sche lag und das Ge­sicht in der krat­zi­gen Woll­de­cke ver­gra­ben hat­te.

Er stell­te sich an die Git­ter­stä­be und pfiff ei­ne lei­se Me­lo­die. Lea, die bis da­hin be­we­gungs­los und schwer at­mend auf der Prit­sche lag, dreh­te den Kopf et­was nach links. Als der Trä­nen­schlei­er sich lich­te­te, er­kann­te sie, wer da vor ih­rer Zel­le stand, be­vor sie über­has­tet zum Git­ter stürz­te, rief sie »Den­nis!«

Agent Bloom wich zu­rück und sag­te in ru­hi­gem Ton, »Nicht Den­nis, für sie Agent Bloom Miss Enis.«

Lea ver­harr­te ei­ne Se­kun­de, be­vor sie maul­te, »Lass die blö­den Scher­ze! Hol mich ge­fäl­ligst hier raus Den­nis!«

Der Agent lä­chel­te und in süf­fi­san­ten Ton merk­te er an, »Mein Na­me war noch nie Den­nis Wil­cox, Miss Enis. Ich bin Agent Bloom. Üb­ri­gens bin ich der Grund, dass es uns ge­lun­gen ist sie zu er­grei­fen und der Ge­rech­tig­keit zu über­ge­ben.«

Leas an­sons­ten blas­ses Ge­sicht än­der­te die Far­be in ein dunkles Rot. Sie keif­te, »Wenn ich hier raus bin, wirst du der ers­te Mord mei­ner Kar­rie­re den ich un­be­zahlt, aber mit höchs­ter Be­frie­di­gung, lang­sam und qual­voll er­le­di­gen wer­de. Ich ver­spre­che dir, dass ich, wenn nö­tig, mein ge­sam­tes Ver­mö­gen aus­ge­be, um dei­ne Qua­len ewig zu ver­län­gern!«

»Daraus wird wohl lei­der nichts, denn sie wer­den bis zum letz­ten Atem­zug hin­ter Git­tern ver­brin­gen«, lach­te Bloom.

Dann wand­te er sich um und ver­ließ das Un­ter­ge­schoss oh­ne ein wei­te­res Wort.

Lea konn­te es nicht fas­sen. Ihr Freund, den sie seit 8 Jah­ren an ih­rer Sei­te wuss­te, war ein Agent des FBI. Wie hat­te sie das nur all die Jah­re über­se­hen kön­nen?

Lea Enis war seit frü­he­s­ter Kind­heit mit Waf­fen auf­ge­wach­sen. So­lan­ge sie den­ken konn­te, hat sie im­mer ir­gend­wie den Ab­zug ge­drückt. Als klei­nes blon­des Mäd­chen in Texas, als ihr Va­ter noch leb­te, hat­te sie erst Spiel­zeug­waf­fen in den Fin­gern, die durch klei­ne Zünd­hüt­chen einen Knall ab­ga­ben. Mit zar­ten 8 Jah­ren hat­te sie das ers­te Mal ei­ne ech­te Waf­fe in der Hand und durf­te un­ter der Auf­sicht ih­res Va­ters mit Platz­pa­tro­nen auf ima­gi­näre bö­se Bu­ben schie­ßen. Mit 11 durf­te sie das ers­te Mal in ih­rem Le­ben mit schar­fer Mu­ni­ti­on auf Ge­trän­ke­do­sen an­le­gen. Nach­mit­tags, wenn die Schu­le zu En­de war, üb­te sie auf ih­rer Play­sta­ti­on das an­vi­sie­ren. So­bald dann ihr Va­ter zu Hau­se war, durf­te sie im Gar­ten, oder bei Re­gen auf der Ter­ras­se auf Tau­sen­de Zie­le schie­ßen. Ih­re Mut­ter brach­te ihr au­to­ge­nes Trai­ning bei, was die Kon­zen­tra­ti­on stei­ger­te und ließ sie die Mus­keln der Ar­me trai­nie­ren. Lea Enis wur­de nur 1,58 m groß und wog bis heu­te nur knap­pe 45 Ki­lo­gramm. Sie war schon im­mer zier­lich, aber ihr Ziel war es, die großen Ge­weh­re ab­zu­feu­ern, die mit dem Rück­stoß für sie ein­fach nicht zu hal­ten wa­ren. Vie­le Jah­re trai­nier­te sie wie ei­ne Be­ses­se­ne ih­re Mus­keln und die Hal­tung der Waf­fe bis sie mit 17 zum ers­ten Mal mit ei­nem Ge­wehr auf wei­ter ent­fern­te Zie­le ihr Kön­nen un­ter Be­weis stel­len konn­te. Mit 19 Jah­ren muss­te sie mit­er­le­ben, wie ih­re El­tern ge­tö­tet wur­den. Sie kann­te die Män­ner nicht die ih­re El­tern um­ge­bracht ha­ben, bis es ihr mit­hil­fe ei­ni­ger Freun­de ge­lang, sie aus­fin­dig zu ma­chen. Sie über­leg­te sich einen ge­nau­en Plan wie sie die bei­den, wann und wo, aus si­che­rer Ent­fer­nung er­le­di­gen konn­te. Die­se ers­ten Mor­de blie­ben nicht un­be­merkt. Gut, die Cops tapp­ten im Dun­keln und wa­ren nie in der La­ge das al­les ir­gend­wie auf­zu­klä­ren. Aber ei­ni­ge Ge­schäfts­leu­te er­fuh­ren durch un­durch­sich­ti­ge Kanä­le da­von. Sie en­ga­gier­ten die jun­ge Frau für ei­ni­ge Mor­de. Al­ler­dings blieb ihr Grund­satz im­mer gleich. Sie wür­de nie einen un­schul­di­gen Men­schen er­schie­ßen. Sie über­prüf­te je­den ein­zel­nen Auf­trag bis zu den dun­kels­ten Hin­ter­grün­den, be­vor sie los­zog, um sie zu eli­mi­nie­ren. Ih­re Auf­trä­ge be­zog sie über einen to­ten Brief­kas­ten im Mu­se­um of fi­ne Arts in Hou­ston. Die Be­zah­lung ih­rer Diens­te lief eben­falls über To­te Brief­kas­ten in Hou­ston.

Und jetzt saß sie in die­sem Loch, weil sie ei­nem ver­deck­ten Er­mitt­ler auf den Leim ge­gan­gen war, der es ge­schafft hat­te, ihr Herz zu steh­len. Sie muss­te raus aus dem Loch, die große Fra­ge war nur wie.

7. Kapitel
Italien, Rom

Das klei­ne Häu­schen in ei­ner der mie­ses­ten Ge­gen­den der Ewi­gen Stadt war bis auf die Grund­mau­ern nie­der­ge­brannt, trotz des un­er­müd­li­chen Ein­sat­zes der Feu­er­wehr­leu­te. Die bei­den Be­woh­ner, ein Com­pu­ter­tech­ni­ker und sei­ne Frau ka­men bei dem Brand ums Le­ben. Brander­mitt­ler un­ter­such­ten die Über­res­te und ka­men zu dem Schluss, dass es Brand­stif­tung ge­we­sen sein muss­te. Sie fan­den Spu­ren an den Die­len un­term Bett der Ehe­leu­te, die zwei­felsoh­ne durch einen Zünd­satz ent­stan­den. Das war auch der ers­te Brand­herd. Un­klar war den Er­mitt­lern nur, warum das Ehe­paar das Bett nicht ver­las­sen hat­te, nach­dem der Brand aus­ge­bro­chen war. Aber noch et­was an­de­res fehl­te den Ca­ra­bi­nie­ri, näm­lich das Mo­tiv für einen Mord an ei­nem Tech­ni­ker der ge­ra­de mal ge­nug ver­dien­te, um sich und sei­ne Frau über die Run­den zu be­kom­men. Das pass­te al­les hin­ten und vor­ne nicht zu­sam­men.

Nach un­zäh­li­gen Ar­beits­stun­den der Er­mitt­ler wur­den die Er­geb­nis­se zu den Ak­ten ge­legt. Ei­ne Auf­klä­rung wur­de da­mit im­mer un­wahr­schein­li­cher.

Vereinigte Staaten, Langley (VA)

Der Ein­satz­lei­ter der CIA John Clark­son blät­ter­te in ei­ni­gen Be­rich­ten auf sei­nem Schreib­tisch. Der Ein­satz in Cancún war nicht so ge­lau­fen, wie er das ge­plant hat­te. Le­dig­lich sein Pro­blem­lö­ser hat­te die Spu­ren in Rom be­sei­tigt. Sie hat­ten nur die Hül­le er­beu­tet, aber das ei­gent­li­che Ma­te­ri­al blieb ver­schwun­den. Da klin­gel­te sein Te­le­fon.

»Was?«, frag­te Clark­son.

»Sir, wir ha­ben ein Pro­blem in Cancún!«, be­rich­te­te sein Agent.

»Schön wenn es nur eins wä­re! Was denn noch?«, seufz­te er.

»Da, wo die Hül­le ver­gra­ben war, be­legt ein di­cker Ur­lau­ber den Strand. Wir kön­nen nicht mehr dran!«

»Hat der Wind von der An­ge­le­gen­heit be­kom­men und ver­sucht, jetzt selbst da­nach zu su­chen?«, frag­te er är­ger­lich.

»Mög­lich Sir. Er ver­lässt den Platz so gut wie nie und im­mer wie­der fin­gert er im Sand her­um!«, be­stä­tig­te sein Agent vor Ort.

»Ver­dammt, das hat uns ge­ra­de noch ge­fehlt!«, blaff­te Clark­son. »Be­hal­ten sie ihn un­ter al­len Um­stän­den im Au­ge. Durch­su­chen sie sein Ho­tel­zim­mer, ob er das Ma­te­ri­al be­reits in sei­nem Be­sitz hat. Wenn er es wei­ter­gibt, will ich wis­sen an wen und wo es dann zu ho­len ist!«

»Was ma­chen wir mit dem Typ?«, frag­te er.

»Falls es ein nor­ma­ler Ur­lau­ber ist, braucht er nichts zu wis­sen, dann las­sen sie ihn lau­fen. Be­sitzt er ir­gend­wel­che Kennt­nis von uns oder der An­ge­le­gen­heit, oder wer­den sie ent­deckt ma­chen sie ihn um­ge­hend un­schäd­lich!«, fauch­te er.

»Wird er­le­digt Sir!«, sag­te sein Agent und leg­te auf.

Ein Ur­lau­ber, der ex­akt an der Stel­le mit den Fin­gern im Sand spielt? Aus­ge­rech­net dann, wenn sei­ne Leu­te die Res­te aus dem Ver­steck ho­len muss­ten, weil das ers­te Te­am zu blöd war ein biss­chen tiefer zu gra­ben. Die gan­ze Ge­schich­te war erst an­ge­lau­fen und ver­wan­del­te sich mit je­der Stun­de, die ver­strich in einen Alb­traum. Es hät­te so ein­fach sein kön­nen. Der Com­pu­ter­vo­gel holt den Pro­to­typ aus dem La­bor, ver­steckt ihn in Cancún am Strand und kommt bei ei­nem Woh­nungs­brand in Rom auf tra­gi­sche Wei­se mit­samt sei­ner Al­ten um. Die Wis­sen­schaft­ler, die dar­an ge­ar­bei­tet ha­ben, ver­schwin­den eben­so wie das an­ge­mel­de­te Pa­tent in Deutsch­land. Al­les, was dann noch fehl­te, war die blö­de For­mel, aber die kann man not­falls auch mit dem Ma­te­ri­al her­aus­fin­den.

Ein ein­fa­cher Rou­ti­ne­ein­satz soll­te es sein. Da­nach wä­re John Clark­son nicht mehr auf die­ses Al­mo­sen der CIA an­ge­wie­sen. Das war sei­ne Chan­ce, aus dem Loch hier her­aus­zu­kom­men. Al­les lag of­fen da, man muss­te es nur noch mit­neh­men und ei­ni­ge Mit­wis­ser be­sei­ti­gen. Dann wür­de es Mil­li­ar­den auf ihn reg­nen. Aber an­statt al­les, oh­ne großes Auf­se­hen zu er­le­di­gen, pro­du­zier­ten sei­ne Agen­ten ei­ne Ka­ta­stro­phe nach der an­de­ren. Das, was er da un­ter sich hat­te, wa­ren kei­ne Field Agents, son­dern ir­gend­wel­che Col­le­ge­pfei­fen aus ei­nem In­zucht­dorf in Ida­ho. De­ren Stamm­baum war ein ver­damm­ter Kreis.

8. Kapitel
Mexiko, Irgendwo an der Küste

Rai­ner lag auf sei­ner De­cke am wei­ßen Sand­strand des Ho­tels und las in ei­nem Buch. Er kam je­des Jahr für zwei Wo­chen hier­her, um sich zu er­ho­len. Er lieb­te das azur­blaue Meer, in dem die Son­ne glit­zer­te, den wei­chen hei­ßen Sand und den Ser­vice den ihm das Ho­tel bie­ten konn­te. All-in­clu­si­ve und ein Ho­tel für 18+ on­ly. Kei­ne schrei­en­den, nör­geln­den Kin­der oder Halb­star­ke die zu viel Te­stos­te­ron ab­bau­en muss­ten und das mit wil­dem Balz­ver­hal­ten ge­gen­über gleich­alt­ri­gen jun­gen Da­men zum Aus­druck brach­ten. Ein­fach nur Ru­he und Ent­span­nung. Bis auf die­ses Jahr. Rai­ner lag seit Jah­ren am Strand im­mer an der glei­chen Stel­le. Um­ge­ben von ho­hen Grä­sern, in de­ren Hal­men der leich­te Wind am Strand et­was Be­we­gung brach­te und so ein ent­span­nen­des Säu­seln er­zeug­te. In die­sem Jahr kam er sich je­doch be­ob­ach­tet vor. Nicht von ei­ner jun­gen Da­me, das wä­re nicht das Pro­blem, mit der könn­te man ja auch ein paar hei­te­re Stun­den ver­brin­gen, ein Mann be­ob­ach­te­te ihn stän­dig. Egal wo­hin Rai­ner auch ging, im­mer war der Mann in der Nä­he und über­wach­te mit Ar­gus­au­gen je­den sei­ner Schrit­te. Aber da­mit soll­te jetzt Schluss sein dach­te er sich. Er leg­te das Buch auf sei­ne De­cke, stand auf, um an der na­hen Bar einen Drink zu neh­men. Nach sei­nem Drink be­such­te er die Toi­let­te, nur nicht, um et­was los­zu­wer­den, son­dern um et­was zu fan­gen. Klei­ne auf­dring­li­che Gaf­fer fängt man am bes­ten mit Speck und Rai­ner war als Be­ton­bau­er bes­tens ge­rüs­tet. Er war­te­te ei­ni­ge Se­kun­den di­rekt hin­ter dem Ein­gang. Er wuss­te, dass sein Ver­fol­ger gleich in der Nä­he der Tür ste­hen wür­de.

Rai­ner riss die Tür auf, stürm­te auf den Gang und pack­te sei­nen Beo­b­ach­ter, der völ­lig über­rum­pelt wur­de, am Kra­gen und warf ihn in ei­ner flie­ßen­den Be­we­gung an die ge­gen­über­lie­gen­de Wand aus Back­stei­nen. Dann stie­gen 130 kg Kampf­ge­wicht auf die Ze­hen sei­nes Stal­kers. Rai­ner fun­kel­te den Mann an, der Trä­nen in den Au­gen hat­te we­gen der Mas­sa­ge sei­ner un­te­ren Ex­tre­mi­tä­ten und flüs­ter­te, »So Kol­le­ge, wir bei­den Pas­to­ren­töch­ter wer­den uns jetzt mal bei ei­nem klei­nen Tänz­chen un­ter­hal­ten, und glaub mir, du willst nicht wirk­lich lan­ge mit mir tan­zen. Ich stel­le dir jetzt ein paar Fra­gen, und wenn du mir ei­ne Ant­wort gibst, die mir nicht ge­fällt, könn­ten die klei­nen Kno­chen in dei­nen Ze­hen et­was Scha­den neh­men.«

»Ich deu­te dein Schwei­gen mal als Zei­chen, dass du be­grif­fen hast, was jetzt hier ab­läuft. Wa­rum steigst du mir stän­dig hin­ter­her?«

»Wir wol­len wis­sen, ob sie es ha­ben«, brach­te er stöh­nend her­vor.

»Ihr wollt wis­sen, ob ich was ha­be?«, frag­te Rai­ner.

»Die klei­ne Box!«, stam­mel­te der Beo­b­ach­ter.

»Ich ha­be we­der ei­ne Box, noch ir­gend­ei­ne scheiß Ah­nung, wo­von du singst. Aber ei­nes ha­be ich, näm­lich den Kanal voll in mei­nem Ur­laub be­ob­ach­tet zu wer­den!«, flüs­ter­te Rai­ner be­droh­lich und stampf­te mit dem Fuß auf die ge­schun­de­nen Ze­hen des an­de­ren.

»Au­u­u­u­u­uu. Wir brau­chen die­se Box«, heul­te der Stal­ker.

»Okay, noch mal ganz lang­sam für die Stein­meiß­ler zum Mit­mei­ßeln. Ich ha­be kei­ne Box, nur einen gu­ten Tipp für dich. Wenn ich dich oder ir­gend­ei­nen an­de­ren Tau­ge­nichts se­he, der mir nach­stellt, so­lan­ge ich noch hier bin, zieh ich je­den von euch auf Links. HAST DU DAS BEGRIFFEN?«, frag­te Rai­ner an­griffs­lus­tig.

»Ja, ja ich hab es ver­stan­den«, jaul­te der Mann.

»Schön, dann hast du jetzt die große Eh­re zu­künf­tig dei­ne Schu­he in un­ter­schied­li­chen Grö­ßen zu kau­fen«, spie Rai­ner aus und trat mit vol­ler Wucht auf die Ze­hen sei­nes Geg­ners. Knack­ge­räusche wa­ren zu hö­ren und ein gel­len­der Schrei er­tön­te. Rai­ner Ham­mer ließ sei­nen Stal­ker zu Bo­den glei­ten, zog sein Shirt glatt und ver­ließ die Bar.

Am nächs­ten Mor­gen klopf­te die Putz­frau Ro­sa­lia an Zim­mer 409 des Ho­tels, um dort zu put­zen. Nie­mand mel­de­te sich und Ro­sa­lia be­trat das Zim­mer mit ih­rer Key­card. Sie woll­te die Vor­hän­ge öff­nen, trat am Bad vor­bei und er­starr­te. Der Gast lag noch im Bett.

Sie ver­schob Zim­mer 409 wei­ter nach hin­ten, um den Gast nicht zu stö­ren.

Am spä­ten Nach­mit­tag be­trat sie das Zim­mer er­neut, doch der Gast lag im­mer noch im Bett. Sie ging vor­sich­tig an das Bett und rüt­tel­te dar­an. Der Mann reg­te sich nicht. Sie trat nä­her an den Gast her­an und fass­te ihm an die Schul­ter. Sie war eis­kalt. Ro­sa­lia tau­mel­te zu­rück Rich­tung Gang, be­vor sie an­fing, fürch­ter­lich zu schrei­en.

Der Gast auf Zim­mer 409 war tot, in den Un­ter­la­gen stand der Na­me Rai­ner Ham­mer.

9. Kapitel
Frankreich, Lyon

In dem Be­spre­chungs­raum von In­ter­pol, in­mit­ten ei­nes großen Ti­sches aus Nuss­baum­holz stand ein klei­ner Be­a­mer, der ei­ne Pro­jek­ti­ons­flä­che an der Stirn­wand des Rau­mes mit dem Lo­go von In­ter­pol an die Wand warf. Klei­ne LED Spots in der De­cke spen­de­ten ge­nug licht und tauch­ten den Raum in einen hel­len Schein von kalt­weißem Licht. Auf den brau­nen Le­der­ses­seln hat­ten die an­we­sen­den Platz ge­nom­men. Rous­sel saß am Kop­fen­de des Ti­sches, Liz Croll links von ihm und Mi­cha­el Korn rechts. Vor Rous­sel lag ein blau­er Ord­ner mit dem auf­ge­druck­ten Lo­go von In­ter­pol.


Rous­sel be­gann, mit ei­nem deut­li­chen Ak­zent zu spre­chen »Ich freue mich au­ßer­or­dent­lich, dass sie bei­den hier sind Miss Croll und Mis­ter Korn. Wie sie wis­sen, han­delt es sich um einen neu­en Job. Bis­her war es ja so, dass In­ter­pol kei­ne ei­ge­nen Agen­ten ins Feld schi­cken konn­te. Das lag nicht zu­letzt dar­an, dass al­le Mit­glieds­staa­ten ei­ne ei­ge­ne, so­gar meh­re­re, Po­li­zei­be­hör­den hat und es so­mit zu Ver­wick­lun­gen von In­ter­pol mit den je­wei­li­gen Be­hör­den ge­führt hät­te. Nach jah­re­lan­gen zä­hen Ver­hand­lun­gen mit den ein­zel­nen Staa­ten ist es uns, nicht zu­letzt un­ter mei­ner Lei­tung ge­lun­gen die­se Pro­ble­me aus dem Weg zu räu­men. Je­der Mit­glieds­staat hat uns, nicht oh­ne Zu­ge­ständ­nis­se, ein­ge­räumt ein ei­ge­nes Te­am von In­ter­po­l­agen­ten auf­zu­bau­en, die auch in je­dem Mit­glied­staat die glei­chen Be­fug­nis­se hat. Un­ser Com­pu­ter hat da­für ins­ge­samt vier Na­men aus­ge­spuckt mit den bes­ten Kan­di­da­ten. Sie bei­den sind zwei die­ser Na­men. Num­mer 3 ist der­zeit noch be­schäf­tigt, wird aber in kür­ze zu ih­nen sto­ßen. Num­mer 4 al­ler­dings, ist noch in den USA ge­bun­den, soll­te aber spä­tes­tens mor­gen hier ein­tref­fen. Vor­ran­gig je­doch sind sie bei­den ge­fragt.«

Liz hör­te stau­nend zu, wäh­rend Korn einen geis­tig ab­we­sen­den Ein­druck mach­te und mit sei­nen Fin­gern spiel­te. Sie hat­te den Kotz­bro­cken be­reits ken­nen­ge­lernt. Jetzt die Aus­sicht dar­auf, mit ihm zu­sam­men­zu­ar­bei­ten, jag­te ihr einen Schau­er über den Rücken.

Rous­sel fuhr fort »Sie bei­den ken­nen sich na­tür­lich noch nicht, ich darf al­so ein biss­chen was er­zäh­len. Be­gin­nen wir mit Miss Croll. Sie sind ei­ne der bes­ten Po­li­zis­tin­nen, die je­mals ei­ne Mar­ke ge­tra­gen hat. Wirk­lich be­ein­dru­ckend. Trotz ih­res Han­di­caps ei­ner ge­rin­gen Kör­per­grö­ße sind sie ei­ne der bes­ten Er­mitt­le­rin­nen ge­wor­den und sie scheu­en sich nicht in kör­per­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu ge­hen, noch da­zu ha­ben sie die Fä­hig­keit ent­wi­ckelt Lü­gen zu er­ken­nen. Sie sind kom­mu­ni­ka­tiv und ver­fü­gen über einen großen Er­fah­rungs­schatz.« Rous­sel mus­ter­te sie mit ei­nem be­wun­dern­den Lä­cheln auf den Lip­pen.

»Nun zu Mis­ter Korn. Ihr Dos­sier ist eben­falls be­ein­dru­ckend. Bo­dy­guard, ei­ner der ganz har­ten Sor­te. Wach­sam, eher still und, wie soll ich es aus­drücken, nicht ge­ra­de men­schen­freund­lich ein­ge­stellt. Ge­fahr ist schein­bar ihr zwei­ter Vor­na­me, denn sie su­chen ge­ra­de­zu ver­zwei­felt da­nach. Eben­falls in der La­ge, Lüg­ner zu ent­lar­ven. Beo­b­ach­ter ers­ten Ran­ges, es gibt ver­mut­lich fast nichts, was ih­nen ent­geht und so lo­gisch den­kend wie ein Com­pu­ter. Ne­ga­tiv an­zu­se­hen ist al­ler­dings ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­on. Be­lei­di­gend, ar­ro­gant und ex­trem zy­nisch mit dem Ch­ar­me ei­ner Dampf­ram­me. Al­ler­dings auch da­durch ein Ver­hör­spe­zia­list. Und ich darf noch hin­zu­fü­gen, wenn sie nicht ge­ra­de ih­ren Job ver­lo­ren hät­ten, wä­ren sie nicht hier. Eher wür­den sie ei­ne Ge­fäng­niss­tra­fe ab­sit­zen. Wenn ich rich­tig in­for­miert bin über 2 Jah­re. Ist das kor­rekt?«

Rous­sel fi­xier­te Korn und der hob an »Nicht ganz, ei­gent­lich sind es 2 Jah­re und 4 Mo­na­te« gab er et­was ge­nervt zu. Liz kniff die Au­gen zu­sam­men und dach­te sich ih­ren Teil.

»Gibt es Fra­gen von ih­nen bei­den?« Frag­te Rous­sel.

Liz, die bis da­hin schwei­gend ge­lauscht hat­te, frag­te »Oh ja, die gibt es Mon­sieur Rous­sel. Wir sol­len ein Te­am bil­den, was sich al­ler­dings schwer ge­stal­tet, wenn Mis­ter Korn uns wie Dreck be­han­delt und lie­ber sein ei­ge­nes Süpp­chen kocht. Zu­dem sa­gen sie, er wür­de ei­gent­lich im Knast sit­zen, wo er mei­ner Mei­nung nach auch hin­ge­hört. Dann sind da, nach ih­rer Aus­sa­ge, noch zwei Mit­glie­der, von de­nen wir bis hier­hin noch nicht das Ge­rings­te er­fah­ren ha­ben. Be­vor ich ir­gend­was zu­stim­men kann, möch­te ich ger­ne die ge­nau­en Fak­ten ken­nen, wenn sie ver­ste­hen.«

Korn stand auf und ging durch den Raum zum Fens­ter. Er blick­te in die Tie­fe. Rous­sel und Liz sa­hen ihm ir­ri­tiert zu. Korn be­gann zu spre­chen »Ich se­he es ähn­lich wie Miss Zwerg. Mir ist nicht ganz klar, was ich zum einen mit ihr an­fan­gen soll und zum an­de­ren was die bei­den an­de­ren Null­num­mern aus­ge­fres­sen ha­ben. Im­mer­hin bin ich mir nicht ganz si­cher, was da auf uns zu­kommt, was wir ei­gent­lich tun soll­ten und wel­che Be­fug­nis­se man uns ein­räumt. Ich bin kein Ver­suchs­kar­ni­ckel für In­ter­pol, den man un­ter La­bor­be­din­gun­gen zwin­gen will, Müll zu fres­sen.«

Rous­sel press­te sei­ne Hand­flä­chen an­ein­an­der und hielt sie sich un­ter die Na­se. Liz sah den Bo­dy­guard an und wünsch­te sich, sie könn­te ihn ein­fach aus dem Fens­ter sto­ßen. Was glaub­te der Typ ei­gent­lich, wer er ist? Rous­sel über­leg­te ei­ne Wei­le be­vor er lei­se fort­setz­te, »Ich ver­ste­he ih­re Be­den­ken. Es ist nur so, dass man In­ter­pol als In­for­ma­ti­ons­quel­le nutzt. Wenn sich al­ler­dings Pro­ble­me er­ge­ben, in de­nen es um große Ver­schwö­run­gen geht, und ich ge­be ger­ne zu, das da mit­un­ter auch hoch­ran­gi­ge Po­li­ti­ker ih­re dre­cki­gen Fin­ger im Spiel ha­ben, dann wird da nicht groß wei­ter er­mit­telt. Wenn bei­spiels­wei­se ein Mi­nis­ter die Fin­ger im Spiel hat, ver­lau­fen die Er­mitt­lun­gen im Sand, weil nie­mand einen Mi­nis­ter an­pin­keln will, weil sein Job da­von ab­hängt. Bei In­ter­pol gibt es die­ses Pro­blem al­ler­dings nicht, wir sind völ­lig un­ab­hän­gig von jeg­li­cher po­li­ti­schen Ein­mi­schung. Aber ge­nug da­von, sie woll­ten bei­de wis­sen, wer da noch mit­mi­schen soll. Ich wer­de es ih­nen sa­gen, ob­wohl ich weiß, dass ei­ne nicht ganz in ihr Bild pas­sen wird. Ein wei­te­res Mit­glied ih­res Te­ams ist Mi­ke Banks. Ein IT und Ab­hör­spe­zia­list, wenn er nicht ge­ra­de wie­der Re­gie­rungs­ser­ver hackt. Saß in den USA 4 Jah­re im Knast, weil er der First La­dy einen Bart ins Ge­sicht ge­zau­bert hat. Auf ih­rem Pass­bild. Wir fan­den das ganz lus­tig, weil die­se Frau wirk­lich wie ein ver­rück­ter Mann ge­han­delt hat, die USA fan­den das nicht ganz so lus­tig. Er kann so gut wie je­des Si­cher­heits­sys­tem aus­trick­sen. Und da­mit das Gleich­ge­wicht wie­der stimmt, soll ei­ne wei­te­re Da­me da­zu­ge­hö­ren. In Eu­ro­pa ist sie we­ni­ger be­kannt, in Asi­en und den USA da­ge­gen um­so mehr. Ihr Ge­sicht war noch nie in den Nach­rich­ten. Nie­mand kann­te die­se Frau, aber al­le hat­ten Angst vor ihr. Ihr Na­me ist Lea Enis, bes­ser be­kannt als La­dy Sni­per. Ei­ne Auf­trags­kil­le­rin, die mit ei­nem Scharf­schüt­zen­ge­wehr al­les ab­knallt, was Dreck am Ste­cken hat. Sie hat in den letz­ten Jah­ren über 120 Män­ner und Frau­en ge­tö­tet, die al­le ei­nes ge­mein­sam hat­ten. Sie ar­bei­te­ten für Re­gie­run­gen oder Be­hör­den und wa­ren al­le al­les an­de­re als un­schul­dig.«

»Ist das ihr ver­schis­se­ner Ernst Rous­sel? Ei­ne Auf­trags­kil­le­rin, die mit ei­nem Ge­wehr al­les um­legt, was ge­ra­de ir­gend­wo steht?«, er­ei­fer­te sich Liz laut­stark.

Korn stand im­mer noch am Fens­ter und dreh­te sich blitz­schnell um. Liz hat­te ihm das nicht zu­ge­traut. So schnell kann sich fast kei­ner be­we­gen, er bringt das trotz sei­ner Kör­per­fül­le, dach­te sie.

Korn be­gann, »Bis­her war es ja ganz lus­tig Rous­sel, aber Sie ha­ben was am Kopf und das sind nicht die Haa­re. Banks ken­ne ich be­reits, der ist gar nicht das Pro­blem, ob­wohl er sich für den größ­ten un­ter der Son­ne hält. Ty­pi­scher Ami eben. Aber ei­ne Auf­trags­kil­le­rin ist ein ganz an­de­res Ka­li­ber und dann noch in ei­ner Po­li­zei­be­hör­de. Ent­we­der ha­ben sie völ­lig den Ver­stand ver­lo­ren, oder aber ihr Hei­li­gen­schein, der ver­mut­lich ge­ra­de in der Rei­ni­gung ist, drückt ih­ren Den­k­ap­pa­rat ab. Vi­el­leicht soll­te ich sie mal ein biss­chen ge­gen die Wand wer­fen, da­mit die Blut­zir­ku­la­ti­on mög­li­cher­wei­se wie­der in Gang kommt! Oder war das Whis­key­glas heu­te Mor­gen et­was zu voll?«

Rous­sel wur­de bleich wie ei­ne frisch ge­kalk­te Wand. »Ich ver­ste­he ih­re Be­den­ken ge­gen Lea Enis, aber sie steht auf der rich­ti­gen Sei­te, das ver­si­che­re ich Ih­nen. Und sie wür­de uns nie scha­den!«

Korn und Croll sa­hen Rous­sel ver­ständ­nis­los an. Liz dach­te über die Äu­ße­run­gen von Rous­sel nach, aber Korn hat­te be­reits ei­ne an­de­re Spur auf­ge­nom­men und lief erst rich­tig warm. Er mus­ter­te Rous­sel ganz ge­nau. »Rous­sel sper­ren sie die Lau­scher auf. Bis­her war ich freund­lich, aber ich kann auch ganz an­ders. Sie Arsch ver­schwei­gen mir ei­ne gan­ze Men­ge. Über ihr Al­ko­hol­pro­blem brau­chen wir nicht zu re­den, sie stin­ken wie ei­ne Bren­ne­rei und ih­re Pu­pil­len sind ein Le­xi­kon. Aber jetzt kommt ein Punkt da­zu, der neu ist. In wel­chem Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis ste­hen sie zu der Auf­trags­kil­le­rin?«

Liz war über­rascht von Korns Aus­sa­ge. Rous­sel ein Trin­ker? Sie hielt ih­re Na­se nach vorn, konn­te aber kei­nen Al­ko­hol­ge­ruch wahr­neh­men, sei­ne Pu­pil­len wa­ren ge­rötet, aber das kann von Schlaf­man­gel her­rüh­ren. Sie ent­deck­te kei­ne An­zei­chen da­für. Rous­sel ver­sank lang­sam in sei­nem Stuhl, sei­ne Schul­tern wur­den schlaff und er be­gann mit kräch­zen­der Stim­me zu ant­wor­ten, »Sie ha­ben recht Mis­ter Korn. Mei­ne Mut­ter hat mei­nen Va­ter ver­las­sen und ist in die USA ge­reist. Dort lern­te sie einen Mann na­mens Ga­bri­el Enis ken­nen. Sie ha­ben ge­hei­ra­tet und ihr Sohn Ro­bert Enis wie­der­um war mein Halb­bru­der. Lea Enis ist sei­ne Toch­ter!«

Jetzt setz­te auch Liz an: »Lea Enis stand gar nicht auf die­ser Lis­te, die ihr Com­pu­ter aus­ge­spuckt hat, sie ha­ben sie hin­zu­ge­fügt!«

»Ja, das ha­be ich«, ge­stand Rous­sel. »Ver­ste­hen Sie. Lea ist die Toch­ter mei­nes Halb­bru­ders. Wir hat­ten über die Jah­re im­mer wie­der Kon­takt, bis er starb. Lea kann­te ich nur von Fo­tos und woll­te ihr hel­fen. Al­so ha­be ich auch zu ihr Kon­takt ge­sucht. Sie war aber nicht er­reich­bar. Com­pu­ter spu­cken ab­so­lut nichts über sie aus, sie ist wie ein Geist und im Netz fin­det sich nichts zu ihr. In un­se­rer Da­ten­bank al­ler­dings gab es einen Hin­weis auf ei­ne Mög­lich­keit, sie zu er­rei­chen. Ein to­ter Brief­kas­ten in Hou­ston Texas. Dort ha­be ich es ver­sucht. Ir­gend­wann kam ei­ne Nach­richt von ihr. Fal­scher Na­me, nicht zu­rück zu ver­fol­gen­de Ver­bin­dun­gen, aber wir konn­ten E-Mails aus­tau­schen.«

»Was stand in den E-Mails?« woll­te Korn wis­sen.

»Dass sie nicht stolz auf ih­re Ar­beit ist, aber nie­mals je­man­den tö­ten wür­de, der es nicht ver­dient. Al­le Agen­ten, Mit­glie­der von Re­gie­run­gen oder sons­ti­ge Op­fer wa­ren selbst Mör­der. Die USA un­ter­hal­ten welt­weit Agen­ten der CIA. De­ren Metho­den un­ter­schei­den sich nicht von de­nen ei­nes Kil­lers. Viel­mehr sind es selbst Kil­ler, die ih­re Mor­de un­ter dem Deck­man­tel des Staa­tes ver­üben.«

»Oh ja, den Deck­man­tel ken­ne ich be­reits, zur Ge­nü­ge. In dem Fall heißt es im­mer na­tio­na­le Si­cher­heit!«, er­gänz­te Korn.

»Ich möch­te die­se Lea Enis un­ter die Lu­pe neh­men und al­lei­ne mit ihr re­den. Wenn ich nur den ge­rings­ten Zwei­fel an ihr ha­be, wan­dert sie für den Rest ih­res Le­bens in das tiefs­te Kel­ler­loch, das sich fin­den lässt und ich wer­fe den Schlüs­sel da­zu in den Ma­ria­nen­gra­ben«, blaff­te Korn. Die Ver­hand­lun­gen dau­er­ten nun schon Stun­den. Liz und Korn nah­men Rous­sel ins Kreuz­ver­hör und der brach zu­sam­men wie ein Fe­ri­en­haus aus Pap­pe.

Liz muss­te ih­re Mei­nung über Korn re­vi­die­ren. Er war doch nicht so ein Kotz­bro­cken, wie sie dach­te. Vor al­lem sei­ne Beo­b­ach­tun­gen wa­ren gna­den­los und tra­fen im­mer ins Schwar­ze. Nur die un­flä­ti­ge Art wie er mit an­de­ren um­ging, war ihr ein Dorn im Au­ge.

Korn hin­ge­gen war ganz in sei­nem Ele­ment. Da exis­tier­te nichts an­de­res mehr um ihn her­um. Er war in sei­ner Bla­se ein­ge­schlos­sen und feu­er­te Pfeil um Pfeil her­aus.

Rous­sel konn­te nicht mehr. Al­les war aus ihm ent­wi­chen und er wirk­te wie um fünf­zig Jah­re ge­al­tert. Den­noch mur­mel­te er mü­de: »Ein­ver­stan­den Mis­ter Korn.«

Wei­te­re 30 Mi­nu­ten spä­ter ver­lie­ßen Korn und Liz das Ge­bäu­de von In­ter­pol. Bei­de hat­ten Hun­ger und muss­ten drin­gend Ni­ko­tin nach­fül­len. Sie gin­gen in ein klei­nes Re­stau­rant um die Ecke und setz­ten sich an einen Tisch, der un­ter ei­nem Frosch­grü­nen Son­nen­schutz ge­parkt war. Liz be­trach­te­te Korn wie ein Ali­en. Ih­re Neu­gier war zu groß ge­wor­den. Sie hat­te ei­ni­ges über ihn er­fah­ren, aber da gab es noch viel mehr, was er ver­heim­lich­te.

»Wa­rum sind sie so ein Arsch?«, frag­te sie ganz di­rekt.

»Ich fas­se das mal als Kom­pli­ment auf. Vie­len Dank«, er­wi­der­te Korn ge­lang­weilt.

»Das war nicht als Kom­pli­ment ge­dacht. Sie sind ein Arsch und das wis­sen Sie. Ich will nur wis­sen warum?«, kon­ter­te Liz.

»Hö­ren Sie Miss Croll. Dient die­se Un­ter­hal­tung ir­gend­ei­nem be­son­de­ren Zweck? Nein, das tut sie nicht, sie ist ein­fach nur sinn­los.«

»Die­se Un­ter­hal­tung dient ei­nem Zweck. Es geht mir dar­um, warum ich mit Ih­nen zu­sam­men ar­bei­ten soll­te, wenn sie mich be­han­deln wie ei­ne aus­ge­lutsch­te Ei­stü­te und ich nicht mal im ent­fern­tes­ten ei­ne Ah­nung ha­be, warum das so ist. Ich bin ein Mensch wie je­der an­de­re auch und sie ver­let­zen mich fort­wäh­rend mit ih­rer Art. Wenn wir zu­sam­men ar­bei­ten, muss ich Ih­nen zwin­gend ver­trau­en kön­nen, und sie soll­ten auch mir ver­trau­en«, stell­te Liz fest.

Mi­cha­el über­leg­te lan­ge, be­vor er ant­wor­te­te, »Es gibt auf die­sem Pla­ne­ten ex­akt zwei Men­schen, de­nen ich ver­traue. Der ei­ne bin ich und der an­de­re sind nicht sie. Ver­trau­en ist nicht zwin­gend not­wen­dig bei mei­ner Ar­beit. Ich ver­las­se mich nur auf mich selbst. Ich bin ein Ein­zel­gän­ger und es wird ver­mut­lich nichts auf der Welt ge­ben, was dar­an et­was än­dern könn­te. Das wird so blei­ben, ob es ih­nen ge­fällt oder nicht in­ter­es­siert mich einen feuch­ten Scheiß. Su­chen Sie sich einen an­de­ren Kin­der­gärt­ner, ich be­kom­me näm­lich schon Aus­schlag, wenn ich ge­zwun­gen bin auf Kin­der in ei­ner Dis­co auf­zu­pas­sen.«

»Hö­ren Sie mir ge­nau zu Mis­ter Arsch. Ich pas­se al­lei­ne auf mich auf. Bei mei­ner Ar­beit muss ich mich aber zwin­gend auf mei­nen Part­ner ver­las­sen kön­nen. Wenn sie im Ku­gel­ha­gel ste­hen und einen Part­ner an der Sei­te ha­ben wä­re wohl ei­ne War­nung vor­her an­ge­bracht, im­mer­hin macht so ei­ne Ku­gel häss­li­che Lö­cher«, sin­nier­te sie.

»Falls wir tat­säch­lich ein­mal im Ku­gel­ha­gel ste­hen soll­ten, was sie nie er­le­ben wol­len, will ich nicht die kleins­te War­nung hö­ren, denn ich wer­de mich ga­ran­tiert nicht ver­tei­di­gen. Wenn ich schon die Chan­ce be­kom­me, zu ster­ben, dann wer­de ich die nut­zen, so gut ich nur kann«, ant­wor­te­te Korn barsch.

Liz war baff. Das war es al­so. »Sie wol­len un­be­dingt drauf­ge­hen. Es in­ter­es­siert sie nicht wo­für, wich­tig ist schein­bar nur, dass es so schnell wie mög­lich da­zu kommt!«, staun­te sie.

Der Blick den Liz traf, sprach Bän­de. Es ging ihm nicht um Ge­rech­tig­keit oder ir­gend­ein hö­he­res Ziel. Es ging nur, um sein Ziel so schnell wie mög­lich zu ster­ben. Die Fra­ge war nur wie­so? Kann man so we­nig Le­bens­mut be­sit­zen? Und wenn das mög­lich ist, wie kommt es da­zu?

»Sie soll­ten einen Psy­cho­lo­gen auf­su­chen Mis­ter Korn!«, kri­ti­sier­te Liz.

La­chend ant­wor­te­te Korn, »Das ha­be ich be­reits. Die Lis­te an Ärz­ten, bei de­nen ich war, ist län­ger als ihr Ein­kaufs­zet­tel für ein gan­zes Jahr. Und nur da­mit sie es wis­sen, was mich nicht um­bringt, macht mich nur noch här­ter.«

Schwei­gend aßen sie ihr be­stell­tes Es­sen und be­ga­ben sich dann wie­der in das Haupt­ge­bäu­de von In­ter­pol.

In dem Be­spre­chungs­raum, den sie schon den gan­zen Tag über ge­se­hen hat­ten, war ei­ne Ver­än­de­rung fest­zu­stel­len. Ber­nand Rous­sel von In­ter­pol saß wie­der et­was auf­rech­ter in sei­nem Stuhl und vor ihm stand ein Glas Was­ser. Auf ei­nem an­de­ren Stuhl be­merk­te Liz noch je­man­den. Ein schlan­ker, hoch­ge­wach­se­ner Kerl mit ein­ge­fal­le­nem Ge­sicht und ei­ner leich­ten Bril­le auf den Au­gen, de­ren Glä­ser farb­lich schim­mer­ten. Rous­sel stell­te ihn auch gleich als Mi­ke Banks vor.

Da­mit wa­ren drei der Mit­glie­der des ers­ten Te­ams von In­ter­pol an­we­send. Nur ei­ne fehl­te noch, aber es gab kei­nen Hin­weis, wo sie war.

Rous­sel be­gann, »Mis­ter Banks ist ein­ge­trof­fen, als sie beim Mit­ta­ges­sen wa­ren. Ich darf ih­nen, Mr. Banks, jetzt auch Liz Croll vor­stel­len, ihr Dos­sier ist ih­nen ja be­reits be­kannt. Mi­cha­el Korn ken­nen sie ja schon et­was län­ger so­mit er­üb­rigt sich die Vor­stel­lung.«

Banks stand auf und gab Liz die Hand. »Es ist mir ei­ne Freu­de, sie ken­nen­zu­ler­nen Miss Croll. Rous­sel hat schon viel von Ih­nen ge­spro­chen, aber er ver­gaß, lei­der zu er­wäh­nen was für ei­ne Au­gen­wei­de sie doch sind. Ich bin Mi­ke Banks, für sie na­tür­lich Mi­ke.«

Korn sah kurz auf und sag­te nur ein Wort »Istan­bul!«

Banks sah er­schro­cken aus und sämt­li­che Far­be wich aus sei­nem Ge­sicht. Still kehr­te er zu sei­nem Stuhl zu­rück, setz­te sich, aber ver­lor kein ein­zi­ges wei­te­res Wort. Rous­sel setz­te nach »Mi­ke Banks, auch be­kannt als Thun­der­struck, ist IT-Fach­mann und Ab­hör­spe­zia­list. Es gibt so gut wie kei­ne Si­cher­heits­maß­nah­men, die er nicht um­ge­hen kann. Spricht 5 Spra­chen flie­ßend: Deutsch, Ita­lie­nisch, Rus­sisch, Man­da­rin und Fran­zö­sisch. Er wird ihr all se­hen­des Au­ge und spürt im In­ter­net Da­ten zu al­lem Mög­li­chen auf.«

Korn setz­te hin­zu, »Rous­sel sie ha­ben ver­ges­sen, dass er sich für den größ­ten hält, al­lem hin­ter­her­läuft, was Tit­ten hat, und ger­ne Ein­sät­ze ver­saut, weil er ge­ra­de wie­der an ei­ner Al­ten schraubt. Hab ich noch was ver­ges­sen Mi­ke?«

Mi­ke schüt­tel­te den Kopf. Liz könn­te sich ein Grin­sen nicht ver­knei­fen und frag­te, »Was be­deu­tet Istan­bul? Ist das ein Co­de für ir­gen­det­was?«

Korn ant­wor­te­te »Kein Co­de, nur der Na­me ei­ner Stadt. Wir hat­ten dort mal ge­schäft­lich zu tun. Rei­ne Rou­ti­ne ei­gent­lich. Mi­ke war un­ser Au­ge drau­ßen und er­wähn­te nicht, die fünf Mg's die aus mei­nen Kol­le­gen Sie­be mach­ten, zwei un­se­rer Ziel­per­so­nen ab­ge­knallt ha­ben wie Ha­sen, weil er in sei­nem Drecks­van ein jun­ges Mäd­chen ge­bumst hat, oder soll­te ich noch er­wäh­nen, dass die klei­ne erst 17 war?«

Der Hieb hat­te ge­ses­sen. Liz mus­ter­te Mi­ke mit den Au­gen und es war ihm deut­lich an­zu­mer­ken, dass ihm das über­haupt nicht schmeck­te, schon gar nicht in ih­rer Ge­gen­wart. Aber Mi­ke Banks war so­wie­so nichts für Liz. Im­mer­hin hielt sie ih­ren Freund aus der Ar­beit raus. In Lon­don wuss­ten ih­re Kol­le­gen dar­über Be­scheid, dass Liz mit nie­man­dem aus­ging, das wür­de sich auch nicht än­dern, wenn sie für In­ter­pol ar­bei­tet, falls es da­zu kom­men soll­te. Die Un­ter­hal­tung mit Mi­cha­el Korn vor dem Es­sen mach­te ihr Bauch­schmer­zen und sie war sich sehr un­si­cher, ob sie den Job an­neh­men konn­te. Die Voraus­set­zun­gen wa­ren nicht be­son­ders viel­ver­spre­chend. Ein Bo­dy­guard, der sich be­nimmt wie der letz­te Arsch und nur den Wunsch hat so schnell wie mög­lich zu ster­ben, ein Com­puter­fre­ak, der gleich­zei­tig als Schür­zen­jä­ger ein großes Ri­si­ko dar­stell­te, ein Boss der dem Al­ko­hol ver­fal­len war und nicht zu­letzt noch die Ge­schich­te mit der Pro­fi­kil­le­rin.

Die Tür ging einen Spalt auf und ei­ne äl­te­re Frau blick­te zu Ber­nand Rous­sel. Er er­wi­der­te den Blick und sag­te, »Wir ma­chen ei­ne kur­ze Pau­se!« Dann stand er auf und ver­ließ den Raum. Auch Korn stand auf und ging ihm hin­ter­her, sie blieb mit Mi­ke al­lei­ne.

»Mi­ke, wie lan­ge ken­nen sie Korn schon?«, frag­te sie ihn.

»Das ers­te Mal ha­ben wir uns vor 7 Jah­ren ge­trof­fen. Er war der Ein­satz­lei­ter der Bo­dy­guards und ich war für die IT zu­stän­dig.«, sag­te er.

»War er schon im­mer so?«

Mi­ke lach­te laut­los »Der wird sich nie än­dern das kön­nen Sie mir glau­ben!«

Liz dach­te kurz nach, dann frag­te sie »Wis­sen Sie, warum er so ist, wie er ist? Ich mei­ne, es muss doch einen Grund da­für ge­ben.«

»Den gibt es si­cher, aber bis­her konn­te ich kei­nen er­ken­nen. Al­les, was mir auf­ge­fal­len ist, und das bleibt bit­te un­ter uns, sind manch­mal Si­tua­tio­nen, in de­nen er ab­so­lut kei­ne Be­we­gung zeigt, nicht mal mit den Au­gen, wie wenn er schla­fen wür­de, und da­nach hat er Trä­nen in den Au­gen.«, er­klär­te er.

»Könn­te mit ei­ner Frau zu tun ha­ben. War er mal ver­hei­ra­tet oder so?«

»Liz, blei­ben wir beim du, ich ha­be mich nicht wirk­lich da­mit be­schäf­tigt und ehr­lich ge­sagt hab ich das auch nicht un­be­dingt vor. Bis­her ha­be ich nur ge­se­hen, dass er Frau­en nicht mal rich­tig an­sieht. Nor­ma­ler­wei­se sieht man das so­fort, wenn ein Mann ei­ne Frau ab­checkt. Er zeigt die­ses Ver­hal­ten in kei­ner Si­tua­ti­on. Ich weiß, dass er ein mie­ses Ar­sch­loch ist, da­zu brau­che ich kei­nen Dok­tor in Psy­cho­lo­gie, mehr muss ich aber auch nicht wis­sen.«

Liz lach­te und sag­te dann, »Ich den­ke schon, dass es wich­tig ist, zu wis­sen, was da vor­geht. Im­mer­hin sol­len wir zu­sam­men ar­bei­ten. Ich kann nicht mit Men­schen ar­bei­ten, de­nen ich nicht ver­trau­en kann. Im­mer­hin kann es ge­fähr­lich wer­den und wenn dann ein Te­am­mit­glied ir­gend­ei­nen Schwach­punkt auf­weist, ge­fähr­den wir uns al­le.«

»Das stimmt schon Liz, aber du siehst ja selbst, wie er ist. Willst du wirk­lich in die wei­te­ren Be­weg­grün­de ei­nes Psy­cho­pa­then vor­drin­gen? Denn das ist ei­ne ge­fähr­li­che An­ge­le­gen­heit!«

»Mi­ke, im Mo­ment ha­be ich ein großes Pro­blem mit euch bei­den. Er be­han­delt je­den wie Dreck und hat den An­spruch ge­tö­tet zu wer­den. Du wie­der­um ge­fähr­dest mich aber auch, wenn ir­gend­ei­ne Frau in­vol­viert ist, weil du schein­bar nicht wäh­le­risch bist, wenn ich das rich­tig ver­stan­den ha­be.«

Mi­ke war ein biss­chen ver­letzt, aber er­wi­der­te, »Ich bin wohl auch ein biss­chen ver­rückt, aber seit der Si­tua­ti­on, die dir vor­hin ge­schil­dert wur­de, ma­che ich das nicht mehr. Er ist aber schon seit Jah­ren so. Ei­gent­lich schaut man ei­ner Frau ja mal auf ge­wis­se Stel­len, er aber ist wie ein Ro­bo­ter. Kein Ge­fühl und nichts. Wir ha­ben ja mal ver­mu­tet, er wä­re schwul, aber dann fiel uns auf dass da ja auch nichts in der Rich­tung pas­siert.«

Liz dach­te nach. Das stimm­te, was Mi­ke ge­sagt hat. Ihr wä­re zu­min­dest mal auf­ge­fal­len, wenn er auf die Brüs­te oder den Hin­tern ge­schaut hät­te, aber da war nichts. Er hat­te ihr stur in die Au­gen ge­schaut und nicht ins De­kol­leté oder auf die Bei­ne. Ganz nor­ma­les Ver­hal­ten, das ei­gent­lich je­der Mann ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter zeigt.

»Mi­ke, wür­dest du mir einen Ge­fal­len tun?«

»Je­den Liz!«, lä­chel­te er sie an.

»Hör auf da­mit! Schnapp dir mal einen Com­pu­ter und ver­su­che so viel, wie nur mög­lich über Korn zu fin­den. Lieb­schaf­ten, Ver­hält­nis­se, Bor­dell­be­su­che, Part­ner­bör­sen was weiß ich. Ir­gend­wo muss es et­was ge­ben.«

»OK, ok, ich hab's ja ver­stan­den. Ich ha­be mei­nen Lap­top da­bei, ich küm­me­re mich dar­um.«

Mi­ke griff in die Ta­sche, die ne­ben sei­nem Stuhl stand und stell­te den Lap­top auf den Tisch. Sei­ne Fin­ger flo­gen über die Tas­ten, aber die An­schlä­ge wa­ren nicht mal zu se­hen. Es kla­cker­te nur.

Die Tür ging auf und Korn nahm wie­der Platz. Er roch nach Rauch, al­so war er nur vor die Tür ge­gan­gen, um ei­ne Zi­ga­ret­te zu rau­chen. Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten kehr­te auch Rous­sel zu­rück, in der Zwi­schen­zeit hat­ten sie kein Wort mehr ge­spro­chen. Rous­sels Mie­ne zeig­te ei­ni­ge Ver­än­de­run­gen. Ir­gen­det­was muss ihm schwer zu schaf­fen ge­macht ha­ben.

10. Kapitel
Mexiko, Cancún

In dem klei­nen Raum roch es nach Kaf­fee und Rei­ni­gungs­mit­tel. Es war die klei­ne Kü­che für die La­bor­ar­bei­ter ge­wor­den, nach­dem man den Kom­plex et­was um­ge­baut und mo­der­ni­siert hat­te. Ma­rie Was­ser­stein saß an dem klei­nen Tisch, trank ei­ne Tas­se Kaf­fee und blät­ter­te in ei­ner Il­lus­trier­ten. Es war früh am Mor­gen. Heu­te war ihr ers­ter Ar­beits­tag nach den drei Wo­chen Ur­laub, die sie mit ih­rer Fa­mi­lie in Deutsch­land ver­bracht hat­te, und wie üb­lich war sie die Ers­te im Bü­ro. Als Bü­ro­lei­te­rin muss­te sie mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen. Das Pro­jekt „Lu­ci­en“ war ihr über­tra­gen wor­den. Das soll­te der größ­te Durch­bruch in der Ge­schich­te wer­den, wenn sie es schaf­fen wür­den. Bis­her gab es nur einen Pro­to­typ, der aber noch nicht ein­satz­fä­hig war. Das wich­tigs­te fehl­te noch, näm­lich der In­halt. Sie hat­te es vor ih­rem Ur­laub mal zu­sam­men­ge­setzt, um zu se­hen, wie es funk­tio­niert, aber es wur­de ein­fach zu heiß. Des­halb nahm sie die Fül­lung wie­der her­aus und leg­te sie in ih­ren per­sön­li­chen Tre­sor. Der Pro­to­typ la­ger­te so lan­ge im großen Sa­fe. Wäh­rend ih­res Ur­laubs dach­te sie trotz­dem stän­dig an Pro­jekt Lu­ci­en, ins­be­son­de­re wenn sie ihr Han­dy zur Hand nahm, muss­te sie je­des Mal dar­an den­ken. Wenn es wirk­lich funk­tio­nie­ren wür­de, und dar­an gab es nicht den ge­rings­ten Zwei­fel mehr, wä­ren La­de­ge­rä­te und Strom­lei­tun­gen kom­plett über­flüs­sig. Das ein­zi­ge Pro­blem war noch die Hit­ze nach zwei Stun­den. Sie hat­te im Ur­laub ei­ni­ge Ide­en auf­ge­schnappt, um das Pro­blem zu lö­sen, nur den Pro­to­ty­pen muss­te sie noch ver­än­dern. Das woll­te sie heu­te Mor­gen an­ge­hen. Pro­jekt Lu­ci­en war ein Mei­len­stein in der Ge­schich­te der For­schung. Ei­ne Bat­te­rie, die nie­mals leer wird, wä­re die größ­te Ent­de­ckung ih­rer Zeit und sie war nä­her dran als nie­mals zu­vor. Be­gon­nen hat­te, al­les mit ei­nem klei­nen Un­fall im La­bor für Ma­te­ri­al­kun­de als ir­gend­ein Mit­ar­bei­ter mit sei­nem Kopf nicht bei der Ar­beit war. Sei­ne Frau brach­te ihr ers­tes Kind zu Welt und er war nicht ganz bei der Sa­che. Das ver­brauch­te Kern­ma­te­ri­al soll­te ei­gent­lich ir­gend­wie wie­der auf­be­rei­tet wer­den kön­nen. Da­ran hat­te er ge­ar­bei­tet. Un­glück­li­cher­wei­se ver­wech­sel­te er sei­ne Werk­bank mit der ei­nes Kol­le­gen und brach­te das ver­brauch­te Ma­te­ri­al in des­sen Le­gie­rung ein. Da­rauf­hin wur­de das Ma­te­ri­al fest und die Mit­ar­bei­ter ver­such­ten, den Kes­sel zu rei­ni­gen. Es war un­mög­lich, denn so bald sie mit der er­kal­te­ten Mas­se in Berüh­rung ka­men, er­hiel­ten sie einen Strom­schlag. Die For­mel der Mas­se wur­de in ei­nem un­zu­gäng­li­chen Sa­fe auf­be­wahrt. Aus Si­cher­heits­grün­den hat­te nur ein Mann dar­auf Zu­griff. Sie be­kam für Pro­jekt Lu­ci­en das Ma­te­ri­al und mach­te sich dann so­fort an die Ar­beit. Nach Hun­der­ten fehl­ge­schla­ge­nen Ver­su­chen stell­te sie fest das man die Span­nung und die Strom­stär­ke va­ri­ie­ren konn­te. Die­se Er­kennt­nis öff­ne­te völ­lig neue Mög­lich­kei­ten der An­wen­dung. Dach­te man zu­erst nur an klei­ne Bat­te­ri­en für mo­bi­le Gerä­te, mit ge­ra­de mal 5V Aus­gangs­span­nung, er­gab sich aber da­mit die Mög­lich­keit, auch grö­ße­re her­zu­stel­len mit bis zu 250 V-Aus­gangs­span­nung. Die gan­zen Strom­kon­zer­ne wä­ren auf der Stel­le Bank­rott ge­gan­gen. Mit ei­nem Kas­ten in der Grö­ße ei­ner Ba­de­wan­ne wä­re man in der La­ge je­des Haus aut­ark mit Ener­gie zu ver­sor­gen, und zwar bis in al­le Ewig­keit.

Ma­rie schenk­te sich noch ei­ne Tas­se ein und brach­te sie zu ih­rem Ar­beits­platz, be­vor sie über den Flur zum großen Sa­fe lief. Un­ter­wegs traf sie noch auf Mar­ti­na, ei­ne Freun­din aus Ko­pen­ha­gen, und sie er­laub­ten sich einen klei­nen Plausch un­ter Kol­le­gen. Bes­tens ge­launt setz­te Ma­rie ih­ren weg fort und leg­te ih­re rech­te Hand auf die Glas­p­lat­te für den Fin­ger­ab­druck. Die ers­te Tür öff­ne­te sich und so­fort schloss sich die Tür wie­der hin­ter ihr. Sie war jetzt in der Schleu­se. Die zwei­te Tür öff­ne­te sich nur durch einen Re­tinas­can, da­mit man den Sa­fe be­tre­ten konn­te. Die Kam­mer hat­te die Aus­ma­ße ei­nes Wohn­zim­mers und über­all la­gen Tei­le für an­de­re Pro­jek­te. Sie lief an dem Re­gal ent­lang bis zur La­ger­box von Pro­jekt Lu­ci­en. Er­schro­cken blick­te sie in das Fach. Es war leer!

11. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)

»Was soll das hei­ßen, er hat­te sie nicht?«, schrie John Clark­son in den Hö­rer sei­nes Te­le­fons.

»Das heißt, dass sie nicht da war. Wir ha­ben al­les durch­sucht, aber sie war nicht zu fin­den« krächz­te ei­ne Stim­me.

»Fin­den Sie es, völ­lig egal was da­für not­wen­dig ist, aber ma­chen Sie ih­ren ver­dam­men Job!«, schnaub­te er und knall­te den Hö­rer auf.

Frankreich, Lyon

Ber­nand Rous­sel war bleich ge­wor­den in der Pau­se. Er ver­such­te nüch­tern und sach­lich die Fak­ten zu schil­dern, ge­lang ihm aber nicht über­zeu­gend. Mehr­mals muss­te er in­ne­hal­ten und sich et­was sam­meln, als er be­rich­te­te:

»Das vier­te Mit­glied ih­res Te­ams soll­te be­reits ein­ge­trof­fen sein, zu­min­dest war das un­se­re Verab­re­dung. Vor der Pau­se hat­te ich dar­auf ge­war­tet und ha­be mich ge­freut, als die Tür auf­ging. Ver­zei­hen Sie mir, dass ich Lea zu­erst al­lei­ne tref­fen woll­te. Lei­der ist sie nicht hier an­ge­kom­men. Man hat mich in der Pau­se in­for­miert, dass das FBI Lea Enis in Hou­ston ver­haf­tet hat. Ver­zei­hen Sie mir …« brach er ab und ver­barg sein Ge­sicht in den Hän­den, als er von sei­nen Ge­füh­len über­mannt wur­de und die Trä­nen nicht mehr hal­ten konn­te.

Liz, Mi­cha­el und Mi­ke tausch­ten Bli­cke aus. Nie­mand sprach ein Wort, die Stil­le wür­de nur durch das Schluch­zen von Rous­sel ge­bro­chen.

Korn stand auf und ging wie­der zum Fens­ter. Er blick­te in den sanft blau­en Him­mel hin­auf, mach­te aber nicht den Ein­druck et­was sa­gen zu wol­len. Da­für er­griff Mi­ke das Wort:

»Dann ho­len wir sie eben ab. Das FBI Ge­bäu­de in Hou­ston ken­ne ich. Die Bau­plä­ne hat­te ich mal auf ei­nem Ser­ver ge­fun­den und ko­piert. Ex­trem schlecht ge­si­chert, mei­ne Oma wür­de da so­gar un­ge­se­hen her­ein­ge­hen kön­nen!«

»Mi­ke, das war nicht ge­ra­de hilf­reich, aber hal­ten wir den Ge­dan­ken mal fest. Wir kön­nen nicht ein­fach in den nächs­ten Flie­ger stei­gen und ei­ne Pro­fi­kil­le­rin aus ei­nem FBI Ge­bäu­de mit­neh­men. Aber das FBI wird sie si­cher nicht lan­ge dort fest­hal­ten, son­dern sie in ein Ge­fäng­nis über­füh­ren las­sen. Dort sind un­se­re Chan­cen weit hö­her«, stell­te Liz fest.

»Dann brau­chen wir aber mehr In­for­ma­tio­nen. Ich werd das gleich mal in An­griff neh­men«, stell­te Mi­ke fest.

Korn starr­te wei­ter völ­lig un­be­tei­ligt in den Him­mel hin­auf. Mi­ke klap­per­te wie­der auf sei­ner Ta­sta­tur wäh­rend Liz ver­such­te aus der Si­tua­ti­on Er­kennt­nis­se ab­zu­lei­ten.

»Hey Mr. Arsch, könn­ten sie auch et­was zur Lö­sung bei­tra­gen?«, pflaum­te Liz Korn an. Der stand al­ler­dings wei­ter­hin un­be­wegt am Fens­ter und starr­te in die Wol­ken. Liz stand auf und stell­te sich di­rekt ne­ben den Bo­dy­guard. Sie konn­te es nicht fas­sen. Er hat­te die Au­gen ge­schlos­sen und auf sei­nen Wan­gen glit­zer­ten Trä­nen im Son­nen­licht.

»Was zum Teu­fel ist mit ih­nen los! Re­den Sie mit mir!«, schrie sie ihn an und schlug ihm mit der Faust auf den Obe­r­arm.

Sei­ne Re­ak­ti­on folg­te in­ner­halb von Se­kun­den­bruch­tei­len. Der rech­te Arm schnell­te wie ei­ne Schleu­der nach au­ßen und traf Liz am Ober­kör­per, was sie wie einen Bal­lon durch den Raum feg­te. Aber sonst er­hielt sie kei­ne wei­te­re Re­ak­ti­on. Sein Arm hing wie­der an der Sei­te her­ab, aber der Kopf hat­te sich nicht be­wegt. Er stand im­mer noch wie ein Baum auf ei­ner Stel­le und be­weg­te sich nicht.

»Lass es Liz, er hat das Ge­bäu­de ver­las­sen!«, platz­te es aus Mi­ke, wäh­rend er wei­ter­hin auf sei­ner Ta­sta­tur spiel­te.

»Ich hab es ge­fun­den Liz, sie brin­gen Enis in den Hoch­si­cher­heits­trakt in Aus­tin. Noch heu­te Abend soll sie dort hin­ge­bracht wer­den, bis sie ih­ren Pro­zess hat.«

»Dann soll­ten wir nicht viel Zeit ver­geu­den und über­le­gen, wie wir sie da her­aus­krie­gen. Die Fra­ge ist nur wie wir die­sen Arsch hier wie­der zum Lau­fen be­kom­men?«, frag­te Liz wäh­rend sie auf Korn zeig­te, der wei­ter­hin völ­lig un­be­weg­lich am Fens­ter stand.

»Ich ha­be da ei­ne Idee, al­ler­dings brau­che ich da­für Zu­gang zu den Da­ten­ban­ken von In­ter­pol«, rief Mi­ke.

»Sie wer­den den Zu­gang be­kom­men, jetzt!«, schluchz­te Rous­sel und griff in sei­ne Ta­sche. Mit zitt­ri­gen Fin­gern fisch­te er sei­ne Zu­gangs­kar­te aus der Ta­sche und schob sie über den Tisch zu Mi­ke hin. Der nahm die Kar­te auf, dreh­te den Kopf zu Liz und sag­te, »Komm mit Liz, wir brau­chen einen an­de­ren Ter­mi­nal und einen Kar­ten­dru­cker!«

Liz und Mi­ke rann­ten zur Tür hin­aus auf den Kor­ri­dor. Wie von Geis­ter­hand klick­te die Tür wie­der ins Schloss. Korn, der im­mer noch am Fens­ter stand wie an­ge­wur­zelt und der schluch­zen­de Rous­sel blie­ben al­lei­ne zu­rück.

Mi­ke er­reich­te mit Liz im Schlepp­tau einen der klei­nen Bü­ro­räu­me im 4. Stock­werk des Ge­bäu­des. Er setz­te sich so­fort an den Rech­ner, wäh­rend sich Liz einen Dreh­stuhl von dem an­de­ren Schreib­tisch ne­ben ihn roll­te und auf dem Sitz Platz nahm. Mi­ke er­klär­te ihr, was er vor­hat­te, »Ich ha­be ent­deckt, dass sie Enis heu­te Abend schon ver­le­gen wer­den, be­reits mor­gen Vor­mit­tag ist das ers­te Ver­hör an­ge­setzt. Die Be­am­ten, die sie ab­ho­len sol­len hei­ßen John Pri­ce und Lau­ra Spencer. Wir wer­den die­se Na­men über­neh­men, hin­flie­gen und ein­fach mit den rich­ti­gen Pa­pie­ren an­stel­le der Be­am­ten her­ein­ge­hen und Enis her­aus­ho­len. Ganz of­fi­zi­ell«

»Das klappt nie Mi­ke. Spä­tes­tens wenn die rich­ti­gen Be­am­ten er­schei­nen, sind wir auf­ge­flo­gen und kom­men nicht mehr von dort weg!«, rea­gier­te Liz.

»Das klappt, denn die Be­am­ten wis­sen noch nichts von ih­rem Glück. Sie ha­ben den Auf­trag per E-Mail er­hal­ten und sie noch nicht ab­ge­ru­fen. Ich klin­ke mich jetzt über den Zu­gang von In­ter­pol ein und ent­fer­ne die E-Mails aus ih­ren Post­fä­chern. Bis die mit­krie­gen, was da läuft, sind wir längst wie­der in der Luft und auf dem Weg hier­her. Sie wer­den sich nur wun­dern, dass die Pa­pie­re lie­gen ge­blie­ben sind, aber das geht in den Ak­ten un­ter. Al­les, was ich dann noch tun muss, ist uns die Pa­pie­re aus­zu­dru­cken und uns zwei Aus­wei­se bas­teln, die auf die Na­men Pri­ce und Spencer aus­ge­stellt sind. Die Bil­der be­sor­ge ich mir aus der Da­ten­bank von In­ter­pol«, er­klär­te er Liz sei­nen Plan.

»Du bist ein teuf­li­sches Ge­nie Mi­ke, aber wie kom­men wir recht­zei­tig nach Aus­tin?«, frag­te sie mit leich­ter Sor­ge in der Stim­me.

Mi­ke schmun­zel­te, »In­ter­pol hat hier auf dem Flug­ha­fen, ei­ne gan­ze Flot­te von Gulf­stream Ma­schi­nen ste­hen, in­klu­si­ve Pi­lo­ten. Die wer­den wir neh­men und di­rekt nach Aus­tin star­ten. Mor­gen früh sind wir be­reits vor Ort. Al­les, was dann noch fehlt, sind ein schwar­zer An­zug für mich und ein Bu­si­nes­sout­fit für Dich. Aber das soll­te das kleins­te Pro­blem wer­den.«

Ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter er­wach­te der Kar­ten­dru­cker in der Ecke mit ei­nem Piep­ton zum Le­ben und be­gann sur­rend sei­ne Ar­beit. Mi­ke ko­pier­te die of­fi­zi­el­len Pa­pie­re, ver­än­der­te ei­ni­ge An­ga­ben dar­auf und ließ sie an­schlie­ßend aus­dru­cken. Liz saß schwei­gend da­ne­ben und be­ob­ach­te­te den Ha­cker bei sei­ner Vor­stel­lung der Com­pu­ter­ma­gie.

Es dau­er­te nicht lan­ge, bis al­les er­le­digt war und sie ih­re Aus­weis­kar­ten in den Hän­den hiel­ten. Zwei Stun­den spä­ter ver­lie­ßen sie Ly­on mit der Gulf­stream in Rich­tung Texas.

12. Kapitel
Europa, Irgendwo über dem Atlantik

Lei­se Wind­ge­räusche, die der Jet er­zeug­te, misch­ten sich mit dem hoch­fre­quen­ten Brum­men der Trieb­wer­ke und dran­gen in die Ka­bi­ne vor. Dort sa­ßen Liz und ihr Beglei­ter ent­spannt auf Ses­seln, die mit hel­lem Le­der über­zo­gen wa­ren. Das ge­sam­te In­te­rieur der Gulf­stream be­stand aus ed­lem Wal­nuss­holz und ver­ström­te ein Am­bien­te aus Lu­xus. Bei­de fühl­ten sich hier sehr wohl. Als sie Ly­on ver­las­sen hat­ten, war Ber­nand Rous­sel wie­der et­was op­ti­mis­ti­scher ge­stimmt, nur Korn war noch ge­nau der­sel­be Mie­se­pe­ter wie zu­vor. Im­mer­hin hat­te er es ge­schafft sich wie­der an den Tisch zu set­zen und blick­te stumm wie ein Fisch auf sein Smart­pho­ne. Liz dach­te über das Bild nach das er ab­ge­ge­ben hat­te, als er wie ein Baum auf ei­ner Stel­le stand und zum Fens­ter blick­te, die Au­gen ge­schlos­sen mit Trä­nen auf den Wan­gen. Was war nur mit die­sem Typ los, frag­te sie sich. Die Ant­wort dar­auf kann­te viel­leicht Mi­ke, weil er sich ei­ni­ge Zeit in­ten­siv mit des­sen Ver­gan­gen­heit be­schäf­tig­te.

»Mi­ke, kannst du mir ir­gend­was über Korn er­zäh­len, was Licht ins Dun­kel brin­gen könn­te?«, frag­te sie.

Er blick­te sie aus mü­den Au­gen an und be­gann zu be­rich­ten, »Viel ge­fun­den ha­be ich nicht Liz. In sei­ner Ver­gan­gen­heit, klafft ein rie­si­ges Loch in den Da­ten, wie wenn er nicht mehr exis­tiert hät­te. Ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen in Süd­deutsch­land in ei­ner klei­nen Ort­schaft am Rhein. Er hat ei­ne jün­ge­re Schwes­ter, die im­mer noch dort lebt. Er war sport­lich ak­tiv. Ich fand Auf­zeich­nun­gen über Mit­glied­schaft in zwei Sport­ver­ei­nen. Zum einen Hand­ball, da­von gab es aber kei­ne Er­fol­ge zu ent­de­cken, aber beim zwei­ten wur­de ich fün­dig. Er hat an­ge­fan­gen zu Bo­xen und war gar nicht so schlecht, hät­te für ei­ne Pro­fi­kar­rie­re rei­chen kön­nen. Lan­des­meis­ter bei den Ama­teu­ren. 32 Kämp­fe, kei­nen ver­lo­ren und gan­ze 31 da­von durch vor­zei­ti­gen K. O. be­en­det. Da­nach ris­sen die Auf­zeich­nun­gen ab, weil er aus­ge­stie­gen ist. Bis da­hin kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten. Nur sei­ne Schul­no­ten gin­gen ra­pi­de in den Kel­ler. Grund da­für war wohl ei­ne ge­wis­se Isa­bel­la. Nach­na­men konn­te ich nicht her­aus­fin­den und ei­ne Isa­bel­la taucht auch nir­gend­wo in sei­nem Le­ben mehr auf. Aber ich konn­te ab­so­lut nichts über ir­gend­wel­che an­de­ren Lieb­schaf­ten fin­den. Kei­ne Mails über einen län­ge­ren Zeit­raum, kei­ne Pro­fi­le in ir­gend­wel­chen Part­ner­bör­sen oder sons­ti­gen Stel­len. Und dann wur­de es ganz dun­kel. Über einen Zeit­raum von knapp 8 Jah­ren gibt es ab­so­lut gar kei­ne Auf­zeich­nun­gen mehr au­ßer bei der Bun­des­wehr. Ein­zi­ge Auf­fäl­lig­keit dort war re­gel­mä­ßi­ge Be­fehls­missach­tung und, wen wür­de es wun­dern, re­spekt­lo­ses Ver­hal­ten. Erst im Al­ter von 27 Jah­ren taucht er wie­der als Bo­dy­guard auf. Stei­le Kar­rie­re ge­macht, trotz im­mer wie­der­keh­ren­den, Er­mah­nun­gen er wür­de nie sei­ne Schutz­wes­te tra­gen. Her­vor­ra­gen­der Schüt­ze und Beo­b­ach­ter. Wur­de schnell zu ei­ner Füh­rungs­kraft. Nie ver­lobt, ver­hei­ra­tet oder sonst an ir­gend­wen ge­bun­den, kei­ne Kin­der. Hat nie einen Kli­en­ten ver­lo­ren, bis auf ein­mal in du weißt schon. Und da­nach gab es nur noch die ge­fähr­li­che Kör­per­ver­let­zung ei­nes Mi­nis­ter­prä­si­den­ten in Nord­rhein-West­fa­len. Ver­ur­teilt zu ei­ner Haft­stra­fe von 2 Jah­ren und 4 Mo­na­ten die er aber nicht an­tre­ten muss­te bis­her. Der Haft­be­fehl wur­de mit ei­ner Frist von zwei Wo­chen aus­ge­setzt. Heißt, wenn er nicht bei In­ter­pol ein­steigt, geht er in den Bau. Das ist al­les, was ich fin­den konn­te.«

»Dann gibt es al­so nur ei­ne Isa­bel­la, von der wir nichts wis­sen au­ßer dem Vor­na­men. Ist ja nicht ge­ra­de ei­ne große Aus­beu­te.« Stöhn­te Liz.

»Ich ha­be auch kei­ne An­halts­punk­te, wo ich nach ihr su­chen soll­te«, gab Mi­ke klein­laut zu.

»Lass uns doch mal über­le­gen. Wie alt war er zu dem Zeit­punkt?«, bohr­te sie nach.

»Das ist nicht zwei­fels­frei fest­zu­stel­len. Ir­gend­was zwi­schen 12 und 15.«

»Okay, im­mer­hin wüss­te ich aber ei­ne Spur. In dem Al­ter be­sucht man ei­ne Schu­le, er hof­fent­lich auch. Kannst du mal sämt­li­che Schü­le­rin­nen zu dem Zeit­punkt nach ei­ner Isa­bel­la durch­su­chen? So vie­le kön­nen es ja nicht sein, denn der Na­me ist doch sel­ten.«

»Au­ßer er war auf ei­ner Schu­le in Ita­li­en, denn da wim­melt es nur so von Isa­bel­las«, lach­te Mi­ke und Liz muss­te grin­sen.

Mi­ke klapp­te sei­nen Lap­top auf und be­gann wie­der zu tip­pen. Liz war­te­te ge­spannt auf das Er­geb­nis. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten la­gen die Da­ten vor und Mi­ke star­te­te einen Qu­er­ver­gleich.

»Tref­fer!«, rief er aus. »In der gan­zen frag­li­chen Zeit er­gibt der Na­me Isa­bel­la 3 Tref­fer. Ei­ne da­von ist ei­ne Leh­re­rin Mit­te 50 zu der Zeit. Blei­ben nur wei­te­re zwei üb­rig. Ei­ne Schü­le­rin aus ei­ner Klas­se 3 Jah­re über ihm, und ei­ne aus der Klas­se un­ter ihm. Wel­che darf es sein?«

»Gib mir al­le bei­de.«, mur­mel­te sie. »Ei­ne von den bei­den ist die Ge­such­te. Ver­su­chen wir, so viel wie nur mög­lich über sie zu er­fah­ren.«

»OK Che­fin, ich ge­be al­les!«, wit­zel­te er in ih­re Rich­tung.

Liz sah aus dem Fens­ter auf die Trag­flä­chen, die sich im Wind leicht noch oben und un­ten neig­ten. Un­ter ih­nen türm­ten sich die Wol­ken auf, die wie Wat­te über ei­nem tief­blau­en Tep­pich zo­gen. Vor ih­rem in­ne­ren Au­ge lief der gan­ze ver­rück­te Tag noch ein­mal ab, als ihr ei­ne Er­leuch­tung kam. Sie blick­te zu Mi­ke und rief auf­ge­regt, »Wir brau­chen die Te­le­fon­num­mern der bei­den. Du kannst flie­ßend Deutsch, hat Rous­sel ge­sagt. Kön­nen wir aus die­ser Kis­te te­le­fo­nie­ren?«

»Ja«, gab er zu. »Aber die Ver­bin­dung ist wahr­schein­lich nicht die bes­te.«

»Das macht nichts. Frag sie ein­fach, ob sie sich an ihn er­in­nern kön­nen, und wenn ja wol­len wir wis­sen, was da war! Da­für wird die Ver­bin­dung aus­rei­chen. Aber Mi­ke, kei­ne Flir­te­rei, auch wenn sie noch so ei­ne sü­ße Stim­me ha­ben«, gab ihm Liz noch ei­ne mit.

»Uner­laub­ter Tief­schlag Liz!«, knurr­te er.

Mi­ke be­gann die ers­te Num­mer an­zu­ru­fen und Liz blick­te ge­bannt auf sein Ge­sicht. Sie ka­men der Lö­sung nä­her und viel­leicht wür­den sie dann auch er­fah­ren, warum Korn so ist, wie er eben ist. Sie hör­te Mi­ke spre­chen, wäh­rend er sich krampf­haft den klei­nen Fin­ger sei­ner lin­ken Hand ins Ohr press­te, um die Ka­bi­nen­ge­räusche ab­zu­schir­men. Liz Ver­stand zwar kei­nen Ton was er sag­te, aber al­les klang hart und ab­ge­hackt. Sei­ne Au­gen hin­ter den Bril­lenglä­sern zeig­ten aber kei­nen Er­folg. Er wähl­te die zwei­te Num­mer und das Ge­spräch dau­er­te nur et­wa ei­ne hal­be Mi­nu­te, dann leg­te er auf und starr­te das Te­le­fon ziem­lich bö­se an. »Blö­de Sch­lam­pe«, zisch­te er dem Hö­rer zu. Sie hielt es kaum noch aus vor Span­nung, als er end­lich an­fing zu er­zäh­len.

»Die Ers­te, die ich an­ge­ru­fen ha­be, war die Äl­te­re. Sie er­in­ner­te sich noch gut an ihn, hat­te al­ler­dings nie viel mit ihm zu tun ge­habt. Sie konn­te mir aber ei­ni­ges be­rich­ten. Die gan­ze Schu­le wuss­te, dass Mi­cha­el Korn bis über bei­de Ohren in Isa­bel­la Fi­scher ver­liebt war, die bei­den auch einen Som­mer lang kaum al­lei­ne an­zu­tref­fen wa­ren. Sie mein­te noch, das sie viel Un­sinn zu­sam­men ge­macht ha­ben, aber ei­ne Be­zie­hung war es nie. Nach dem Som­mer hat man sie nie wie­der zu­sam­men ge­se­hen und er hat sich ex­trem ver­än­dert. Wa­rum wuss­te sie lei­der nicht. Al­so hab ich die­se Isa­bel­la Fi­scher an­ge­ru­fen. Sie er­in­ner­te sich auch an ihn. Als ich dann aber wei­ter ge­fragt ha­be, sag­te sie mir, es wür­de mich ab­so­lut nichts an­ge­hen und ich sol­le nie wie­der an­ru­fen. Dann hat sie ein­fach auf­ge­legt.«

»Scheint ja nicht ge­ra­de die freund­lichs­te Per­son zu sein. Das hat wohl da­mals auf ihn ab­ge­färbt und er hat es über­trie­ben!«, klag­te sie.

»Wenn das mal nur der Grund ist«, spot­te­te er.

»Ich wür­de sie ja ger­ne mal be­fra­gen, aber un­ser Ver­hör­spe­zia­list starrt ja Lö­cher in die Luft und ist wohl nicht be­son­ders mo­ti­viert, oder soll­te ich sa­gen nicht mehr exis­tent?«

»Exis­tent ist er noch, Liz. Vor ei­ni­gen Stun­den war er ja noch am Le­ben. Zu­min­dest ken­nen wir jetzt mal den Grund für sein Ver­hal­ten, auch wenn ich mir nicht ganz er­klä­ren kann, wie es da­zu kam. Meinst Du, wir soll­ten ihn mal dar­auf an­spre­chen?«, frag­te er.

»Bes­ser nicht. Zu­min­dest nicht so of­fen­sicht­lich. Wer weiß schon, wie er rea­giert. Wenn ich dar­an den­ke, was mir der klei­ne Hieb auf sei­nen Arm ein­ge­bracht hat, will ich das bes­ser nicht her­aus­fin­den. Wir soll­ten sub­ti­ler vor­ge­hen und ich hab auch schon ei­ne Idee, wie ich das an­stel­le«, ora­kel­te sie.

13. Kapitel
Deutschland, Berlin

In der 23. Eta­ge des Fir­men­ge­bäu­des der SilOld AG, ei­nem be­ein­dru­cken­den Palast aus Glas und Stahl, be­fand sich das große Bü­ro des Vor­stands­vor­sit­zen­den Vol­ker Putt. Sein Un­ter­neh­men be­saß Zweig­stel­len in al­ler Welt und pro­du­zier­te al­le mög­li­chen Ma­te­ria­li­en. Von Kunst­stoff über Fa­ser­ver­bund­werk­stof­fen bis hin zu hoch­fes­tem Stahl gab es fast nichts, was in ih­rem Port­fo­lio fehl­te. Der Jah­res­um­satz be­trug rund 90 Mil­li­ar­den Eu­ro. Um am sich stän­dig ver­än­dern­den Welt­markt be­ste­hen zu kön­nen, be­trieb die SilOld AG ei­ni­ge For­schungs­la­bo­re, um im­mer wie­der neue Pro­duk­te an­bie­ten zu kön­nen. In Putts Bü­ro war heu­te ei­ne Mel­dung ein­ge­gan­gen, dass es in dem For­schungs­zen­trum Cancún zu ei­nem Dieb­stahl ge­kom­men sei. Ein Pro­to­typ ei­ner Bat­te­rie war ent­wen­det wor­den und nie­mand konn­te sich er­klä­ren, wie es da­zu kom­men konn­te. Ei­nem glück­li­chen Zu­fall war es zu ver­dan­ken, dass die lei­ten­de Wis­sen­schaft­le­rin Ma­rie Was­ser­stein nicht al­le Kom­po­nen­ten zu­sam­men auf­be­wahrt hat­te, son­dern auf­grund ei­nes Wär­me­pro­blems, das ei­gent­lich wich­ti­ge­re in ih­rem ei­ge­nen Sa­fe ver­schlos­sen hat­te. Lei­der war die­se Mit­ar­bei­te­rin erst aus ei­nem drei­wö­chi­gen Ur­laub zu­rück­ge­kehrt und hat den Dieb­stahl da­her erst jetzt be­merkt. Die Lis­te al­ler nicht un­ter­neh­mens­an­ge­hö­ri­gen Mit­ar­bei­ter der drei Wo­chen um­fass­te 73 Per­so­nen aus al­len mög­li­chen Dienst­leis­tungs­sek­to­ren. Die Lis­te der An­ge­stell­ten um­fass­te so­gar 163 Mit­ar­bei­ter. Spu­ren ei­nes Ein­bruchs fand man nicht und auch die me­xi­ka­ni­sche Po­li­zei fand kei­nen An­halts­punkt. Das hat­te zur Fol­ge, dass man ge­zwun­gen war al­le 236 Per­so­nen aus­fin­dig zu ma­chen und ei­ner Be­fra­gung zu un­ter­zie­hen. Es konn­te aber nur ein Mit­ar­bei­ter ge­we­sen sein, der über­haupt in der La­ge war, den Pro­to­ty­pen aus dem ge­si­cher­ten Sa­fe zu ho­len, und ge­nau das war jetzt das Pro­blem von Vol­ker Putt.

Er drück­te auf den Knopf sei­ner Ge­gen­sprech­an­la­ge, »Brit­ta, bit­te sor­gen Sie da­für, dass ich die nächs­ten Stun­den nicht ge­stört wer­de, ich muss mich um das Pro­blem in Cancún küm­mern.«

»Na­tür­lich, Herr Putt, sa­gen sie Be­scheid, wenn sie et­was be­nö­ti­gen«, schnarr­te die Stim­me von Brit­ta Her­zog aus dem Laut­spre­cher.

Um den Die­ben nicht Zu­griff auf die wich­ti­ge­ren Do­ku­men­te und Ma­te­ria­li­en zu ge­ben ent­schied er sich für die ra­di­kals­te Lö­sung, die es gab. Das For­schungs­zen­trum Cancún wur­de ge­schlos­sen und rund um die Uhr von ei­nem haus­ei­ge­nen Si­cher­heits­dienst be­wacht. Je­der Zu­tritt zum Ge­bäu­de war un­ter­sagt. Die Si­cher­heits­kräf­te wur­den bei je­dem ver­las­sen drei­fach durch­sucht. Au­ßer­dem ord­ne­te er an, dass sämt­li­che Da­ten und For­schungs­er­geb­nis­se an ei­nem si­che­ren Ort un­ter­ge­bracht wer­den muss­ten, so­wie al­le Pro­to­ty­pen und Ver­suchs­stücke an ei­nem zwei­ten Ort. Das Pro­jekt Lu­ci­en war ein­fach viel zu wich­tig um es je­mand an­de­ren in die Hand fal­len zu las­sen. Er al­lei­ne küm­mer­te sich um die An­ge­le­gen­heit. Nie­mand sonst dürf­te er­fah­ren, wo­hin al­les ver­bracht wur­de und vor al­lem nicht, wann das ge­sche­hen soll­te. Es ver­spra­chen ei­ni­ge har­te Wo­chen zu wer­den.

Vereinigte Staaten, Langley (VA)

»Was soll das Be­deu­ten?«, frag­te die Stim­me am Te­le­fon.

»Das be­deu­tet, dass wir nur einen klei­nen Teil ha­ben, der wich­ti­ge­re ist aber nicht da. Heißt das Gan­ze war um­sonst.«, re­si­gnier­te er.

Leicht krei­schend kam es aus dem Hö­rer zu­rück »Wir, oder bes­ser ich ha­be al­les in mei­ner Macht Ste­hen­de ge­tan und wie ver­spro­chen ge­lie­fert, mit al­lem an­de­ren ha­be ich nichts mehr zu tun!«

»Sie ste­cken viel zu tief mit drin, als das sie jetzt ein­fach aus­stei­gen könn­ten! Wir brau­chen wei­te­re Na­men. Am bes­ten al­les, was es zu wis­sen gibt.«, droh­te er.

»Wol­len Sie mir dro­hen?«, frag­te die Stim­me.

»Das muss ich gar nicht, falls sie es ver­ges­sen ha­ben, ein klei­ner An­ruf ge­nügt und sie sind end­gül­tig Ge­schich­te«, er­in­ner­te er sie.

»Ich wer­de se­hen, was ich tun kann.«, kam es ton­los zu­rück und die Lei­tung war tot.

Deutschland, Bremen

Die In­for­ma­tio­nen auf sei­nem Tisch wa­ren bri­sant. Das könn­te das En­de be­deu­ten, wenn sie denn stimm­ten. Al­ler­dings wa­ren die Hin­wei­se, die sein Kon­takt­mann bis­her ge­lie­fert hat­te, im­mer kor­rekt ge­we­sen, und warum soll­te man jetzt zwei­feln? Es war schon schwer ge­nug, ihn da hin­zu­brin­gen, wo er war. Er kos­te­te Mil­lio­nen von Eu­ro, aber die da­durch er­ziel­ten Ge­win­ne gli­chen die­se In­ves­ti­ti­on um ein Viel­fa­ches aus. Jetzt al­ler­dings schweb­te ein Da­mo­kles­schwert über ih­nen. Das könn­te er nicht zu­las­sen und er müss­te sehr schnell han­deln, wenn er noch et­was ret­ten woll­te.

»Ger­tru­de, ich brau­che so­fort ei­ne Vi­deo­kon­fe­renz mit Te­am A1, in spä­tes­tens fünf Mi­nu­ten«, er­zähl­te er sei­ner Se­kre­tä­rin über die Ruf­an­la­ge auf sei­nem Schreib­tisch.

14. Kapitel
Mexiko, Cancún

Das For­schungs­zen­trum Cancún war ex­trem schwer ge­si­chert wor­den. Kei­ner der For­scher, kam über­haupt noch zur Ar­beit, hat­ten sie über die letz­ten Stun­den her­aus­ge­fun­den. Die Ak­ti­on war sa­bo­tiert wor­den, die Fra­ge war nur von wem? Jetzt lau­te­te sein Auf­trag »Be­schaf­fung der feh­len­den In­for­ma­tio­nen und al­lem, was da­mit zu­sam­men­hängt. Um je­den Preis!«

Über 20 Si­cher­heits­kräf­te hat­te sein Te­am in den letz­ten Stun­den ge­zählt. Al­ler­dings wa­ren das nur die au­ßer­halb des Ge­bäu­des, kei­ner von ih­nen wuss­te, wie vie­le noch im Ge­bäu­de wa­ren.

Sie wa­ren nur vier Mann. Ei­ner sei­ner Ka­me­ra­den muss­te vor ein paar Ta­gen ab­rei­sen, weil er schwer ver­letzt war. Sie wa­ren da­für aus­ge­bil­det im Ge­hei­men zu ope­rie­ren. Lei­der war er zu auf­fäl­lig ge­wor­den. Kampf­hand­lun­gen wa­ren nicht ih­re Kom­pe­tenz.

»Jack, gib mir ein Up­da­te«, hauch­te er in sein Mi­kro­fon.

»Kei­ne be­son­de­ren Vor­komm­nis­se, al­les wie ge­habt. Es gibt, von mei­ner Po­si­ti­on, kei­ne Mög­lich­keit in das Ge­bäu­de zu ge­lan­gen. Hier ist al­les zu«, kam so­fort zu­rück.

Groß­ar­tig dach­te er. Drei Ein­gän­ge und vor je­den stan­den min­des­tens 6 Wäch­ter. Die letz­te Mög­lich­keit war, von der Rück­sei­te auf das Dach zu ge­lan­gen und dann bis in die La­bo­re vor­zu­drin­gen. Das wä­re nicht das große Pro­blem, nur wie im In­ne­ren in den Sa­fe ge­lan­gen? Ih­re In­for­ma­tio­nen wa­ren dünn. Viel zu dünn, um et­was zu ver­su­chen, das wuss­te er, aber es blieb ihm kei­ne Wahl. Be­kannt war, das es zwei Scans be­durf­te, um in den Sa­fe zu ge­lan­gen. Ein­mal ei­ne gan­ze Hand und noch die Au­gen. Al­lei­ne um die ers­te Tür zu über­win­den bräuch­ten sie min­des­tens 20 Mi­nu­ten. Und min­des­tens noch mal 20 Mi­nu­ten für die Zwei­te. Zu­sam­men al­so min­des­tens 40 Mi­nu­ten und das, oh­ne ei­nem Wäch­ter zu be­geg­nen. Das war für sein Te­am nicht zu schaf­fen. Nicht jetzt und auch nicht in ei­ni­gen Stun­den oh­ne min­des­tens ei­ne oder bes­ser zwei Te­ams der Kampf­kräf­te. Er nahm sein Funk­ge­rät zur Hand »Süd­wind 1 an Ba­sis, wir be­nö­ti­gen Un­ter­stüt­zung durch ein Rei­ni­gungs­team, bit­te be­stä­ti­gen!«

»Be­stä­tigt Süd­wind 1, Rei­ni­gungs­team trifft ein in 45 Mi­nu­ten«, hör­te er lei­se.

An sein Te­am ge­wandt sag­te er »45 Mi­nu­ten bis Rei­ni­gungs­team, dann ge­hen wir rein. Al­le blei­ben auf Po­si­ti­on!«

»Süd­wind 1, hier Te­am Al­pha. Sta­tus­be­richt!«, krächz­te es in sei­nem lin­ken Ohr nach 43 Mi­nu­ten.

»Drei Ein­gän­ge. West, Süd und Ost­sei­te. Min­des­tens 6 Wa­chen pro Zu­gang. Kei­ne In­for­ma­tio­nen über Stär­ke im In­ne­ren«, gab er zu­rück.

»Ver­stan­den Süd­wind 1, blei­ben sie auf Po­si­ti­on und war­ten sie auf mein Zei­chen!«, hör­te er. Dann wur­de es still.

Es war ei­ne wol­ken­ver­han­ge­ne Nacht über Cancún. Der Mond spen­de­te mit sei­ner klei­nen Si­chel nur ein we­nig Licht auf die Sze­ne­rie. Er hat­te einen gu­ten Blick von sei­ner Po­si­ti­on auf den west­li­chen Ein­gang. Leich­ter Wind aus öst­li­cher Rich­tung ström­te in sanf­ten Schü­ben über das Land, was die Blät­ter der Pal­men rund um das Ge­bäu­de zu ei­nem wil­den Gera­schel ver­an­lass­te. Die sechs Män­ner vor dem Ein­gang spra­chen nicht viel mit­ein­an­der, auch nicht über Funk zu den an­de­ren Män­nern. Sie stier­ten in die Dun­kel­heit und über­prü­fen von Zeit zu Zeit einen klei­nen Mo­ni­tor. Durch sein Fern­glas konn­te er er­ken­nen, dass der ein Bild vom Dach des Ge­bäu­des auf das Ge­län­de vor dem Ein­gang zeig­te. Dann sah er wie al­le sechs Män­ner wie von Zau­ber­hand in­ner­halb von 2 Se­kun­den auf den Bo­den san­ken. Laut­los wa­ren sie aus­ge­schal­tet wor­den. Im Schutz der Dun­kel­heit sah er wie drei Män­ner in schwar­zen An­zü­gen und Kopf­mas­ken auf den Ein­gang zu schli­chen. Geräusch­los und oh­ne Hek­tik hiel­ten sie sich in den dunklen Fle­cken. Dann dran­gen sie in das Ge­bäu­de ein. We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter be­kam Süd­wind 1 die Er­laub­nis das Ge­bäu­de zu be­tre­ten. Al­le Si­cher­heits­kräf­te wa­ren in we­ni­gen Mi­nu­ten über­rum­pelt wor­den. Sie be­gan­nen mit der Ar­beit, an dem großen Sa­fe, wäh­rend zwei sei­ner Leu­te sich in zwei Bü­ro­räu­men um klei­ne Sa­fes küm­mer­ten. Fie­ber­haft ar­bei­te­ten sie an den Si­cher­heits­vor­rich­tun­gen. Die zwei Leu­te aus den klei­ne­ren Bü­ros fan­den nur lee­re Sa­fes vor. Als sie nach gut ei­ner Stun­de auch end­lich die zwei­te Tür öff­nen konn­ten, fan­den sie eben­falls lee­re Re­ga­le vor. Das kom­plet­te Ge­bäu­de war leer ge­räumt.

15. Kapitel
Vereinigte Staaten, Houston (TX)

Sanft setz­te die Gulf­stream von In­ter­pol auf der Lan­de­bahn auf und roll­te lang­sam auf einen Han­gar zu. Die Trieb­wer­ke erstar­ben und die Tür glitt nach un­ten. Liz und Mi­ke klet­ter­ten über die Trep­pe nach un­ten. Sie hat­ten nur we­nig ge­schla­fen auf dem Flug von Frank­reich hier­her. Ein­rei­se­kon­trol­le wa­ren nicht not­wen­dig, da sie in ei­ner Pri­vat­ma­schi­ne von In­ter­pol ge­lan­det wa­ren und der Flug auch be­stä­tigt wur­de. Of­fi­zi­ell hat­ten die bei­den den Auf­trag der Po­li­zei von Hou­ston, In­for­ma­tio­nen zu­kom­men zu las­sen, aber na­tür­lich wür­den sie dort nie er­schei­nen. Mi­ke hat­te noch am Mor­gen einen Miet­wa­gen or­ga­ni­siert, der be­reits auf die bei­den war­te­te. Da Liz nur den Links­ver­kehr von der In­sel ge­wöhnt war, muss­te der Ha­cker hin­ter dem Steu­er Platz neh­men. Sie na­vi­gier­te ihn mit­tels ih­res Smart­pho­nes zu ei­nem klei­nen Lo­kal für ein Früh­stück, das sich in ei­ner Shop­ping­mall et­was au­ßer­halb von Hou­ston be­fand. Dort gab es auch einen gut sor­tier­ten Be­klei­dungs­la­den.

Es war gar nicht so leicht einen An­zug für Mi­ke zu fin­den. Er war groß und wog fast nichts. Die gan­zen An­zü­ge wa­ren ent­we­der zu klein, oder zwar lang ge­nug, sa­ßen da­bei aber wie ein Sack an ihm, was ihm ei­ne Wir­kung wie ein Clown ver­lieh. Liz hat­te die­se Pro­ble­me nicht. Trotz ih­rer et­was ge­rin­ge­ren Kör­per­grö­ße fand sie sehr schnell ein pas­sen­des Out­fit. Im Hin­blick dar­auf, dass sie so­wie­so nur ma­xi­mal ei­ne Stun­de ih­re Rol­le spie­len muss­ten, ent­schied sich Mi­ke für einen dun­kelblau­en drei­tei­li­gen An­zug mit schwar­zer Kra­wat­te. Liz muss­te grin­sen, als er ihr ge­stand, dass er nicht in der La­ge war einen Wind­sor­kno­ten zu bin­den. Sie half ihm da­bei, wie sie es zu Hau­se schon hun­dert Mal bei ih­rem Freund ge­tan hat­te. So ge­stylt nah­men sie ein klei­nes Früh­stück ein und mach­ten sich dann auf den Weg in das Ge­fäng­nis, wo Lea Enis ges­tern Abend hin ver­legt wor­den war.

Als sie den Park­platz vor dem Ge­fäng­nis er­reich­ten, stieg die Ner­vo­si­tät merk­lich an. Mi­ke zit­ter­te am gan­zen Kör­per und Liz fühl­te ih­ren Puls ra­sen. Sie gin­gen auf das Tor zu und zeig­ten ih­re Aus­weis­kar­ten vor. Der Be­am­te ver­glich die Fo­tos mit den Per­so­nen, die vor ihm stan­den, und die Echt­heit der Kar­ten. Der Dru­cker hat­te gan­ze Ar­beit ge­leis­tet. In ih­ren neu­en Iden­ti­tä­ten als Pri­ce und Spencer ge­lang­ten sie mü­he­los zu ei­nem War­te­raum. Nach 15 Mi­nu­ten öff­ne­te sich die Tür der ge­gen­wär­ti­gen Sei­te und ei­ne klei­ne blon­de, sehr dün­ne Per­son wur­de von zwei Be­am­ten in den Raum ge­lei­tet. Die bei­den Be­am­ten sa­hen aus wie die Brü­der von Rocky und Ram­bo, was ne­ben der schma­len Frau gro­tesk wirk­te. Müh­sam muss­te Liz ein La­chen un­ter­drücken und sie hoff­te in­stän­dig, das Mi­ke sich be­neh­men konn­te. Hier wa­ren nicht die Zeit und der Ort, um ei­ner Ge­fan­ge­nen Kom­pli­men­te um die Ohren zu schla­gen. Er gab sich al­le Mü­he pro­fes­sio­nell zu wir­ken. In Hand­schel­len wur­de ih­nen die klei­ne blon­de Frau über­ge­ben. Ei­ner der Be­am­ten warn­te sie, weil sich die Frau kaum bän­di­gen ließ. Liz blick­te in die grü­nen Au­gen der Frau und er­kann­te Arg­wohn und zu­gleich auch, dass sie be­reits nach Schwach­punk­ten such­te, um viel­leicht ent­kom­men zu kön­nen. Ir­gend­wie muss­te sie ihr einen Hin­weis zu­kom­men las­sen, dass sie kei­nen Ver­such un­ter­neh­men soll­te. Sie nah­men die blon­de Frau in die Mit­te und führ­ten sie an den Obe­r­ar­men hal­tend über den Flur. Als sie al­lei­ne mit ihr den Flur ent­lang Rich­tung Aus­gang lie­fen, flüs­ter­te Liz ganz lei­se, »Miss Enis ma­chen Sie kei­ne Pro­ble­me, wir sind hier um sie zu be­frei­en. Zu­cken sie mit ih­rem Arm, wenn sie ver­stan­den ha­ben!«

Sie hat­te ver­stan­den. Mi­ke und Liz brach­ten sie am Aus­gang vor­bei di­rekt zu ih­rem Wa­gen. Lea wür­de auf den Rück­sitz ge­drückt und die Tü­ren wur­den ver­schlos­sen. Die bei­den stie­gen wie­der vor­ne ein und Mi­ke woll­te den Wa­gen star­ten, als es an der Schei­be klopf­te. Er­schro­cken fuh­ren sie her­um, als sie die Wa­che ne­ben dem Fens­ter auf der Sei­te von Liz sa­hen. Schweiß trat auf ih­re Stirn, als sie das Fens­ter einen Spalt her­un­ter­ließ und die Wa­che sag­te »Wir brau­chen noch ei­ne Un­ter­schrift von ih­nen!«

Un­merk­lich at­me­te sie tief durch und stieg lang­sam aus. Sie nahm das Pa­pier, das man ihr gab und leg­te es auf die Hau­be. Dann nahm Sie ih­ren Stift und hielt kurz in­ne. »Dein Na­me ist Spencer nicht Croll!«, dach­te sie bei sich und setz­te ei­ne Un­ter­schrift auf das Blatt, das man als Spencer le­sen konn­te. Dann stie­gen sie wie­der ein und Mi­ke star­te­te den Wa­gen. Vor­sich­tig fuhr er vom Park­platz wäh­rend Liz, oh­ne sich um­zu­dre­hen, zu Lea sprach, »Wir sind Mi­ke Banks und Liz Croll, zwei der Mit­glie­der des Te­ams von In­ter­pol für das Ber­trand Rous­sel sie an­ge­wor­ben hat. Wir fah­ren aus der Stadt di­rekt zu ei­nem Flug­zeug. Die Schlüs­sel für die Hand­schel­len rei­che ich Ih­nen gleich nach hin­ten!«

Sie griff in ih­re Ta­sche, wäh­rend Lea sag­te, »Wir müs­sen erst noch einen klei­nen Um­weg ma­chen, ich ha­be noch et­was zu er­le­di­gen.«

Liz hielt in der Be­we­gung in­ne und platz­te her­aus, »Wir ha­ben kei­ne Zeit, be­vor auf­fal­len wird, das sie ver­schwun­den sind, egal was es auch ist, es wird war­ten müs­sen!«

»Sie ver­ste­hen das nicht, es ist ver­dammt wich­tig. Es ge­hört zu un­se­rem ers­ten Auf­trag und die In­for­ma­tio­nen sind im­mer noch in mei­nem to­ten Brief­kas­ten im Mu­se­um of fi­ne Arts«, er­wi­der­te Lea auf­ge­regt.

»Wir wis­sen nichts von ei­nem Auf­trag Miss Enis. Un­se­re ers­te Auf­ga­be war sie aus den Fän­gen des FBI zu ho­len, weil sie zu un­se­rem Te­am ge­hö­ren«, sag­te Liz et­was un­wirsch.

»Ver­trau­en sie mir. Die In­for­ma­tio­nen sind not­wen­dig. An­sons­ten ru­fen sie Ber­nand an, er soll es ih­nen be­stä­ti­gen«, hielt Lea da­ge­gen.

Liz ka­pi­tu­lier­te und zog Ihr Smart­pho­ne aus der Ta­sche. Sie rief Rous­sel in Ly­on an. Der Mann von In­ter­pol be­stä­tig­te, dass Lea wirk­lich wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen hat­te, die be­nö­tigt wur­den. Sie gab Lea die Schlüs­sel nach hin­ten und sag­te zu Mi­ke, »Fahr zu die­sem Mu­se­um of fi­ne Arts Mi­ke, aber tritt drauf, be­vor das FBI spitz kriegt, was läuft!«

»Al­les klar«, be­stä­tig­te er, zog auf die lin­ke Spur und be­schleu­nig­te.

Lea rieb sich die dün­nen Hand­ge­len­ke und lehn­te sich in das wei­che Pols­ter. Dann sag­te sie, »Dan­ke fürs Heraus­ho­len Ihr bei­den, ich hab schon ge­dacht, ich müss­te da drin ver­sau­ern. Ber­nand hat mir die In­for­ma­tio­nen über Euch ge­ge­ben, ich bin al­so im Bil­de, Ihr al­ler­dings wisst schein­bar noch nichts. Wäh­rend des Flugs er­klä­re ich Euch die Ein­zel­hei­ten.«

Liz rea­gier­te et­was emp­find­lich auf die Aus­sa­ge. Sie hat­te noch kei­ne Ah­nung, um was es ging, weil al­les durch die­se Ak­ti­on ver­zö­gert wur­de. Banks fuhr so schnell wie mög­lich Rich­tung Mu­se­um und hoff­te, dass sie nicht auf­fal­len wür­den.

Vor dem Mu­se­um hielt er mit quiet­schen­den Rei­fen und im sel­ben Mo­ment sprang Lea vom Rück­sitz und has­te­te durch die Be­su­cher, die vor dem Ein­gang war­te­ten. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten rann­te sie wie­der mit ei­ner klei­nen Schach­tel in der Hand auf den Wa­gen zu, riss die hin­te­re Tür auf und sprang auf den Sitz. Mi­ke trat das Gas durch und kurv­te durch Hou­ston zu ih­rem Flug­zeug.

Et­wa 15 Mi­nu­ten spä­ter rann­ten die drei in die Gulf­stream von In­ter­pol, die be­reits war­te­te. Die Trieb­wer­ke lie­fen be­reits, als sie im In­ne­ren der Ma­schi­ne auf den Ses­seln Platz ge­nom­men hat­ten. Die Gulf­stream fuhr zur Start­bahn und hob we­ni­ge Se­kun­den spä­ter be­reits ab. Pfeil­schnell stie­gen sie in den leicht be­wölk­ten Him­mel hin­auf und dreh­ten nach Os­ten mit Flug­ziel Ly­on. Liz war über­rascht, wie schnell Lea Enis lau­fen konn­te. Sie war un­ge­fähr so groß wie sie selbst, war aber viel schnel­ler un­ter­wegs. Mi­ke war der mit Ab­stand lang­sams­te von ih­nen. Die lan­gen Bei­ne des Hackers steck­ten die meis­te Zeit un­ter ei­nem Schreib­tisch und wa­ren sol­che An­stren­gun­gen nicht ge­wohnt.

Lea be­gann, »Al­so, un­ser ers­ter Auf­trag ist es, ei­ne Er­fin­dung zu si­chern die man ver­sucht der Welt vor­zuent­hal­ten. Das heißt erst mal müs­sen wir sie fin­den. Mir wur­de be­kannt, dass be­reits ei­ni­ge Grup­pie­run­gen hin­ter­her sind. Ich soll­te ei­gent­lich an­ge­wor­ben wer­den ei­ni­ge Wis­sen­schaft­ler aus dem Weg zu räu­men. Ich tö­te aber kei­ne un­schul­di­gen Men­schen. Des­halb ha­be ich ab­ge­lehnt und die Da­ten an Ber­nand wei­ter­ge­ge­ben. Er hat sich dann dar­um ge­küm­mert, die­se Wis­sen­schaft­ler si­cher un­ter­zu­brin­gen. Wir sind al­so im Vor­teil. Lei­der konn­ten wir aber den Pro­to­ty­pen nicht aus dem La­bor ho­len und auch ei­ne For­mel für einen Werk­stoff nicht be­schaf­fen. Der Auf­trag­ge­ber ist ein Wis­sen­schaft­ler aus ei­nem For­schungs­zen­trum in Cancún, das zum SilOld-Kon­zern aus Deutsch­land ge­hört. Lei­der wur­de er be­reits ge­tö­tet und konn­te uns kei­nen wei­te­ren In­for­ma­tio­nen mehr zu­kom­men las­sen. Rous­sel hat dar­auf­hin ein Te­am zu­sam­men­ge­stellt, um dar­an zu ar­bei­ten. Al­ler­dings sind wir nur zu dritt, wie ich se­he.«

Mi­ke ver­dreh­te die Au­gen und Liz ant­wor­te­te, »Der ist in Ly­on ge­blie­ben. Schein­bar hat er ein großes Pro­blem, denn als Mi­ke und ich uns be­reits auf den Weg ge­macht ha­ben, war er ir­gend­wie nicht mehr an­sprech­bar. Mal da­von ab­ge­se­hen, dass ich un­gern mit ihm re­de. Von dem Auf­trag wuss­ten wir noch über­haupt nichts. Wir ha­ben nur Rous­sel durch die Man­gel ge­dreht als er uns er­öff­ne­te, dass aus­ge­rech­net sie ein Teil des Te­ams sein soll­ten. Ei­ne Auf­trags­kil­le­rin! Da­bei kam raus, dass sie mit ihm ver­wandt sind, um ei­ni­ge Ecken und dann wur­den sie ver­haf­tet, was Rous­sel ver­zwei­feln ließ. Da­rauf­hin ha­ben Mi­ke und ich uns den Plan über­legt sie zu ho­len. Trotz­dem will noch je­mand ein ers­tes Ge­spräch mit ih­nen füh­ren. Falls er über­haupt noch re­det. Wenn er re­det und ihm ir­gend­was auf­fal­len wird, lan­den sie wie­der im Knast. Ehr­lich ge­sagt ist es mir ein Dorn im Au­ge sie über­haupt be­freit zu ha­ben.«

»Ich weiß, dass sie so den­ken Miss Croll, im­mer­hin sind sie die ein­zi­ge ech­te Po­li­zis­tin im Te­am, da ist das die Grund­vor­aus­set­zung. Herr Banks ist mir auch be­reits be­kannt. Und nur, um dem vor­zu­beu­gen, Mis­ter Banks, sie kön­nen sich die An­nä­he­rungs­ver­su­che kom­plett aus dem Kopf schla­gen, ich bin, äh Ver­zei­hung, war ver­ge­ben und ich wer­de kei­ne ih­rer Erobe­run­gen. Ich ahn­te be­reits das Mis­ter Korn auf ei­nem Ge­spräch be­steht, er ist eben­so wie sie Miss Croll für die Si­cher­heit von Men­schen zu­stän­dig. Im Ge­gen­satz zu ih­nen al­ler­dings ist er eher ein ge­fühl­lo­ser Klotz«, er­klär­te Lea.

»Die­ser ge­fühl­lo­se Klotz ist lei­der auch ein ech­ter Kotz­bro­cken, darf ich an­mer­ken. Ich hat­te be­reits das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen, ei­ni­ge Wor­te mit ihm zu wech­seln und muss lei­der zu­ge­ben, dass ich mir ge­wünscht hät­te ei­ne Waf­fe zu ha­ben. Lei­der muss ich auch zu­ge­ben, dass es mir ex­trem schwer­fällt, in die­sem Te­am zu ar­bei­ten. Es ist für mich au­ßer­or­dent­lich wich­tig, den Men­schen, mit de­nen ich ar­bei­te, ver­trau­en zu kön­nen. Mr. Korn zu ver­trau­en ist bis­her un­mög­lich, Mi­ke, tut mir leid, dass ich das so sa­gen muss, traue ich ein we­nig aber noch lan­ge nicht ge­nug und ih­nen Miss Enis traue ich auch nicht!«, be­ton­te Liz. Mi­ke Schau­te et­was trau­rig aber er konn­te sie ver­ste­hen. Sie hat­ten ja schon das Ge­spräch und er war Ihr auch nicht Bö­se. Im­mer­hin braucht Ver­trau­en ein we­nig Zeit, um sich auf­zu­bau­en. Um es wie­der zu ver­lie­ren rei­chen Se­kun­den. So ge­se­hen war Korn im Vor­teil, denn er ver­trau­te nie­man­dem.

Lea er­griff wie­der das Wort, »Ich ha­be nur et­was dar­über ge­le­sen, dass Mis­ter Korn schwie­rig im Um­gang ist, kann mir dar­über aber kein ge­nau­es Bild ma­chen. Aber in ei­ni­gen Stun­den wer­de ich ja se­hen, wie er ist. Üb­ri­gens ist mir Ver­trau­en auch sehr wich­tig. In mei­nem Be­ruf kann ich we­ni­gen wirk­lich ver­trau­en. Und das letz­te Mal als ich je­man­den ver­trau­te, lan­de­te ich beim FBI. Al­ler­dings wür­de ich jetzt ger­ne die Zeit nut­zen, uns ein we­nig bes­ser ken­nen­zu­ler­nen.«

Als die Gulf­stream in Ly­on auf­setz­te, hat­ten sie ei­ni­ge Dif­fe­ren­zen be­sei­tigt und war vom Sie auf das Du ge­wech­selt.

Deutschland, Bremen

»Ich fas­se zu­sam­men, wir sind uns ei­nig, das die­se Tech­no­lo­gie mit al­len Mit­teln ver­hin­dert wer­den muss, es wä­re un­ser end­gül­ti­ger Ruin. Da ste­hen meh­re­re Mil­li­ar­den auf dem Spiel. Wir leis­ten uns die bes­ten Män­ner, die wir fin­den kön­nen, kö­dern sie mit 20 Mil­lio­nen, und las­sen un­ser Pro­blem pro­fes­sio­nell lö­sen. Er­wäh­nen Sie un­ter kei­nen Um­stän­den un­ser Ar­ran­ge­ment über Te­le­fon oder E-Mail. Ich wer­de die Ak­ti­on lei­ten und ih­nen re­gel­mä­ßig über die si­che­ren Kanä­le Be­richt er­stat­ten. Sind al­le ein­ver­stan­den?«, sprach er zu den drei­zehn Teil­neh­mern.

Al­le nick­ten zu­stim­mend. Der Teil­neh­mer aus den USA frag­te, »Ha­ben sie schon Män­ner im Au­ge, die sich der Sa­che an­neh­men?«

»Ja, die ha­be ich. Es sind die Bes­ten, die man für ein biss­chen Geld be­kom­men kann.«

»Ein biss­chen Geld? Wir spre­chen hier über 20 Mil­lio­nen plus Spe­sen. Das ist ein mehr als ein biss­chen«, er­ör­ter­te Frank­reich.

»Wer sagt denn das wir am En­de da­für be­zah­len müs­sen?«, lä­chel­te er in die Run­de.

»Sie wol­len sie aus­schal­ten, nach­dem sie un­ser Pro­blem ent­sorgt ha­ben?«, sag­te Ita­li­en.

»Die­se Leu­te las­sen sich nicht ein­fach aus­schal­ten, aber wir wer­den da­für sor­gen, dass ei­ne an­de­re Stel­le die ge­sam­ten Kos­ten über­nimmt. Das funk­tio­niert schon seit Jah­ren zu­ver­läs­sig und si­chert un­se­ren Pro­fit«, er­klär­te er.

»Ver­ste­he«, sag­te Ita­li­en, »wer­den sie die Kos­ten al­lei­ne über­neh­men?«

»Das kann ich ga­ran­tie­ren. Es gibt da noch et­was gutz­u­ma­chen und sie ver­die­nen an un­se­rer Ar­beit schon seit Jah­ren zu viel!«

»Das klingt ver­nünf­tig«, sag­te der Teil­neh­mer aus Russ­land.

»Dann ist es ab­ge­macht mei­ne Her­ren. Ich wer­de al­les in die We­ge lei­ten und sie dann in­for­mie­ren. Auf gu­te Ge­schäf­te!«

Da­mit be­en­de­te er die Vi­deo­kon­fe­renz und ging in sein Bü­ro zu­rück. Es gab noch viel zu tun und die Zeit war knapp.

16. Kapitel
Frankreich, Lyon

Als das Ta­xi mit den drei Heim­keh­rern vor dem Haupt­ge­bäu­de von In­ter­pol in Ly­on an­hielt und sie die Trep­pe hin­auf­stie­gen, wur­den sie von Ber­nand Rous­sel in Empfang ge­nom­men. Er be­dank­te sich bei Mi­ke und Liz für ih­ren Ein­satz und schloss dann glück­lich Lea in die Ar­me. Da­bei stan­den ihm die Trä­nen in den Au­gen und er drück­te die klei­ne Da­me fest an sich. Auch Lea war den Trä­nen na­he. Liz und Mi­ke nah­men den Lift nach oben und lie­ßen die bei­den al­lei­ne. Als sie den Be­spre­chungs­raum be­tra­ten, stand Mi­cha­el Korn mal wie­der am Fens­ter und blick­te hin­aus. Der Bo­dy­guard be­ach­te­te die bei­den nicht.

Liz sti­chel­te, »Wie ich se­he, ste­hen sie im­mer noch an der glei­chen Stel­le. Sind sie dort fest­ge­wach­sen und wir soll­ten die Gärt­ner ru­fen oder geht es auch so?«

Oh­ne ei­ne Re­gung ant­wor­te­te er, »Miss Croll ich bin bes­ser zu Fuß, als sie Zwerg das je­mals sein wer­den und wenn ich mit ih­nen den Bo­den auf­wi­schen soll, um sie da­nach durch das ge­schlos­se­ne Fens­ter zu ent­sor­gen, ma­chen sie so wei­ter!«

»Im­mer noch auf Kra­wall ge­bürs­tet! Sie soll­ten mor­gens die gu­te Lau­ne Pil­len nicht ver­ges­sen zu neh­men, dann sind sie viel­leicht er­träg­li­cher«, motz­te sie. Mi­ke ver­dreh­te die Au­gen.

»Ver­ges­sen sie die gu­te Lau­ne Pil­len Miss Zwerg, die ha­ben kei­ne Wir­kung. Zy­an­ka­li könn­te hel­fen, aber das be­kom­me ich nicht mal in der Apo­the­ke, wenn ich ein Bild von ih­nen als Re­zept vor­le­ge«, be­lehr­te er sie.

»Char­mant wie ein Stahl­werk. Neh­men Sie ein biss­chen Wat­te zu sich, viel­leicht er­kennt man dann et­was Men­sch­li­ches an ih­nen«, reiz­te sie ihn wei­ter.

Un­ge­rührt setz­te er nach, »Schlu­cken sie ein paar Löf­fel Ze­ment und wer­den et­was här­ter. Ich ha­be mir ih­re Ak­ten an­ge­se­hen, wenn sie al­le Ver­bre­cher auf der In­sel so be­han­deln neh­men sie die nicht mal Ernst, wenn sie mit ei­ner Waf­fe vor ih­nen ste­hen.«

Dann zog Liz ih­re Trumpf­kar­te aus dem Är­mel, »Wenn sie Isa­bel­la so re­den hört, wird sie si­cher stolz sein!«

Oh­ne ein Wort zu sa­gen, dreh­te sich Korn um, lief mit ge­senk­tem Kopf zur Tür und war aus dem Raum ver­schwun­den. Liz sah die Trä­nen in sei­nem Ge­sicht, als er ver­schwand.

»Autsch, das tat weh«, kom­men­tier­te Mi­ke mit ton­lo­ser Stim­me.

»Im­mer­hin ha­ben wir da­mit be­wie­sen, dass er doch ein biss­chen was Men­sch­li­ches an sich hat, der har­te Bur­sche«, und konn­te sich Liz ein Grin­sen nicht ver­knei­fen.

»Ich glau­be nicht, dass die Idee so gut war, Liz. Sei­ne Re­ak­ti­on zeigt, das da ei­ni­ges im Ar­gen liegt, und ich bin mir nicht si­cher, ob man ihn da­mit rei­zen soll­te.«

»Mi­ke, ich hab das ab­sicht­lich ge­macht, weil ich sei­ne Re­ak­ti­on tes­ten woll­te. Es gab nur zwei mög­li­che Re­ak­tio­nen. Ent­we­der er hät­te mich an­ge­grif­fen oder er läuft weg. Al­so kann ich ihn da­mit ein­brem­sen, wenn er sich mal wie­der so be­nimmt wie eben«, brach­te sie her­vor.

»Und wenn er dich an­ge­grif­fen hät­te?«, frag­te Mi­ke et­was be­sorgt.

Sie lä­chel­te, »Ich war mir zu 99 % si­cher, dass er es nicht ris­kie­ren wür­de. Sei­ne Re­ak­ti­on zeigt aber, dass ihn al­lei­ne schon der Na­me ver­letzt. Un­ge­fähr ver­gleich­bar mit dir, wenn man den Na­men der Stadt in der Tür­kei er­wähnt.«

»War das so wich­tig für dich?«, frag­te er und zog die Au­gen­brau­en nach oben.

»Ers­te Re­gel: Ken­ne dei­nen Feind. Zwei­te Re­gel: Wis­se ge­nau, wo man ihn an­greift. Drit­te Re­gel: Wenn du et­was nicht ver­stehst, be­sei­ti­ge es«, kam von ihr.

Nach ei­ner wei­te­ren hal­b­en Stun­de be­tra­ten Rous­sel und Lea den Be­spre­chungs­raum, den sie für ih­re Ak­tio­nen in Be­schlag ge­nom­men hat­ten. Fra­gend blick­te Rous­sel in die Run­de. Es war ihm an­zu­se­hen, dass er nicht ver­stand, warum nur Liz und Mi­ke hier an­zu­tref­fen wa­ren. Erst dach­te er, Korn wä­re mal wie­der ei­ne Zi­ga­ret­te rau­chen ge­gan­gen, aber als Korn nach 10 Mi­nu­ten im­mer noch nicht da war, frag­te er nach dem Bo­dy­guard. Liz er­klär­te ihm, dass sie Korn ge­tes­tet hat­te, in­dem sie ihm Vor­la­gen ge­ge­ben hat­te rich­tig ge­mein zu wer­den, um dann ih­re Theo­rie zu tes­ten. Den Na­men er­wähn­te sie nicht, weil sie Lea kei­nen Vor­teil an die Hand ge­ben woll­te, die ja noch ein Ge­spräch mit Korn über­ste­hen muss­te. Korns Stär­ke war es ja an­hand der Re­ak­tio­nen al­les zu er­fah­ren. Sie hat­te im Flug­zeug mit ihr ge­re­det und ei­ni­ges er­fah­ren, aber ein­schät­zen konn­te sie Lea noch nicht rich­tig. Rous­sel ließ nach Korn su­chen. Es dau­er­te knapp ei­ne Stun­de, bis man ihn ge­fun­den hat­te. Lea war ge­ra­de auf der Toi­let­te, als Korn mit der grim­migs­ten Mie­ne die Liz je an ei­nem Men­schen ge­se­hen hat­te, den Be­spre­chungs­raum be­trat. Er wür­dig­te sie kei­nes Blickes und stell­te sich wie­der an sei­nen Fens­ter­platz. Auch als Lea wie­der in den Raum kam, blieb er un­ver­än­dert ste­hen. Die blon­de Frau be­äug­te den Rie­sen am Fens­ter arg­wöh­nisch. Sie hat­te ihn ge­grüßt, als sie ihn sah, aber er blick­te nur aus dem Fens­ter und sag­te kei­nen Ton.

Rous­sel nahm das Ge­spräch wie­der an sich, »Ich ha­be hier vier Chip­kar­ten für sie. Sie be­rech­tigt zum Zu­tritt je­des Raums in die­sem Ge­bäu­de und sie ent­hält auch ih­re Si­cher­heits­frei­ga­be für die Com­pu­ter. Auch im Aus­land er­hal­ten sie da­mit Zu­tritt zu je­dem Po­li­zei­ge­bäu­de al­ler­dings muss­ten wir den Na­men Lea Enis aus­tau­schen. Die Kar­te ist auf ei­ne Lea Tay­lor aus­ge­stellt.«

Er hielt je­dem sei­ne Kar­te hin, bis auf Korn grif­fen al­le zu. Er stand wei­ter nur am Fens­ter. Man hat­te fast den Ein­druck, es wür­de ihn nichts an­ge­hen, was um ihn her­um pas­sier­te. Erst als Rous­sel ihn ein­dring­lich auf­for­der­te, dreh­te er sich um. In die­sem Mo­ment konn­te Liz ih­ren Au­gen kaum glau­ben. Im Ge­sicht von Korn zeig­te sich für ei­ne Se­kun­de ei­ne mensch­li­che Re­ak­ti­on. Die galt al­ler­dings nicht ihr, auch nicht Mi­ke oder Rous­sel, sie galt der klei­nen blon­den Lea. Dann war die Re­ak­ti­on auf sei­nem Ge­sicht aber auch schon wie­der ver­schwun­den. Aber es pas­sier­te noch et­was an­de­res. Korn dreh­te sich nicht mehr zum Fens­ter hin, son­dern er blieb so ste­hen, wie er war. Rous­sel schi­en das nicht wei­ter zu ver­un­si­chern. Liz be­ob­ach­te­te sei­ne Re­ak­ti­on sehr ge­nau und er­kann­te das Korn im­mer wie­der nur ei­ne Mil­li­se­kun­de zu Lea sah und sich dann wie­der zwang, sei­nen Blick auf et­was an­de­res zu rich­ten.

Rous­sel wand­te sich Korn zu und sag­te, »Wenn sie Mis­ter Korn, be­reit wä­ren für das Ge­spräch mit Miss Tay­lor, darf ich sie bit­ten in den Ne­ben­raum zu ge­hen. Dort wer­den sie un­ge­stört ihr Ge­spräch füh­ren kön­nen.«

Wort­los setz­te sich die­ser in Be­we­gung und ver­ließ mit Lea im Schlepp­tau den Be­spre­chungs­raum.

Im Ne­ben­raum an­ge­kom­men set­zen sich Lea und Korn ge­gen­über an den Tisch.

Er be­trach­te­te sie auf­merk­sam, be­vor er be­gann: »Miss Enis, oder Tay­lor, wie auch im­mer ich sie nen­nen soll, ver­ra­ten sie mir wie sie zu ih­rem Be­ruf kom­men.«

Lea ver­such­te ir­gen­det­was an sei­ner Mie­ne ab­le­sen zu kön­nen, was ihr aber nicht ge­lang, als sie an­fing zu er­zäh­len, »Nen­nen sie mich bit­te Lea. Mein Va­ter war ein Waf­fen­narr und ich teil­te schon als klei­nes Mäd­chen sei­ne Lei­den­schaft. Das fing mit Pis­to­len für Kin­der an, in de­nen nur Zünd­hüt­chen zer­platz­ten und ging dann über Platz­pa­tro­nen hin zu rich­ti­ger Mu­ni­ti­on. Das war mei­ne größ­te Be­geis­te­rung und ich ha­be in un­se­rem Gar­ten un­ter sei­ner Auf­sicht Tau­sen­de Do­sen oder an­de­re Ge­gen­stän­de ab­ge­schos­sen. Mein größ­ter Traum wa­ren aber im­mer die Ge­weh­re. Al­ler­dings war es mir, auf­grund mei­ner Sta­tur, nicht ver­gönnt die­se Waf­fen be­herr­schen zu kön­nen. Mei­ne Mut­ter hat mich dann, so lan­ge trai­niert da­mit ich ge­nug Kraft hat­te da­mit zu schie­ßen. Dann wur­den mei­ne El­tern er­mor­det und ich ha­be mir ge­schwo­ren, die bei­den Tä­ter zur Re­chen­schaft zu zie­hen. Al­so ha­be ich nach ih­nen ge­sucht und sie dann ein­fach ab­ge­knallt. Da­rauf wur­den ei­ni­ge, nen­nen wir sie mal zwei­fel­haf­te Ge­schäfts­leu­te, auf­merk­sam und frag­ten mich, ob ich ge­gen Be­zah­lung nicht auch an­de­re Mör­der er­schie­ßen wür­de. Ich sag­te dem zu, al­ler­dings nur zu der Be­din­gung das ich je­den Ein­zel­nen sorg­fäl­tig über­prü­fen wür­de. Falls ich kei­ne An­zei­chen für schwe­re Ver­bre­chen fin­den wür­de, nahm ich den Job ein­fach nicht an.«

»Ha­ben sie in ih­rer Kind­heit auf Tie­re ge­schos­sen?«

»Nein, nie­mals. Tie­re sind Le­be­we­sen, die nie­man­dem et­was tun, al­so hät­te ich mei­nen Grund­satz ver­letzt nie­man­den zu tö­ten, der es nicht auch ver­dient!«, ant­wor­te­te sie merk­lich an­ge­wi­dert bei dem Ge­dan­ken.

»Wenn ih­nen ei­ne Rat­te ins Bein bei­ßen wür­de, wä­re das dann ge­recht­fer­tigt sie ab­zu­knal­len?«, frag­te er.

»Nein, es war ein na­tür­li­cher Trieb des Tie­res und kein Ver­bre­chen an mir«, schüt­tel­te sie den Kopf.

»An­ge­nom­men ich über­fie­le ei­ne Bank und bei mei­ner Flucht ver­let­ze ich einen Wach­mann, weil er mich auf­zu­hal­ten ver­such­te, und sie be­kämen den Auf­trag mich aus­zu­schal­ten. Was wür­de pas­sie­ren?«

»Ich wür­de den Auf­trag ab­leh­nen. Ein Dieb­stahl, auch ein Ban­kraub sind kei­ne so schwe­ren Ver­bre­chen, dass sie einen Mord recht­fer­ti­gen wür­den.«

»Neh­men wir an bei ei­nem un­se­rer Auf­trä­ge flieht ei­ne Per­son, die wir nicht lau­fen las­sen kön­nen, weil sie uns er­ken­nen könn­te. Was tun sie?«

»Ich ja­ge ihm ei­ne Ku­gel in den Ober­schen­kel. Er rennt nicht mehr weg und sei­ne Ver­let­zung heilt wie­der pro­blem­los.«

Er sah sie sehr lan­ge an und be­ob­ach­te­te sie ge­nau. Dann stand er auf und sag­te, »Lass uns zu den an­de­ren ge­hen.«

Wie­der im Be­spre­chungs­raum er­griff Korn das Wort, »So­weit ich das er­ken­nen konn­te, geht von Lea Enis oder Tay­lor kei­ne Ge­fahr für das Te­am aus und sie steht auch voll und ganz hin­ter der Sa­che. Ich für mei­nen Teil bin al­so da­mit ein­ver­stan­den die­se Auf­ga­be an­zu­neh­men.«

Rous­sel blick­te zu Lea und dann zu Korn. Man sah ihm an, dass er froh war, dass es so ge­lau­fen war. Jetzt galt es nur noch Mi­ke und Liz da­für zu be­geis­tern. Der Ha­cker brauch­te nicht lan­ge, um zu über­le­gen, be­vor er schließ­lich sein Ein­ver­ständ­nis gab mitz­u­ma­chen. Ein­zig Liz Croll war nicht so ein­fach da­zu be­reit.

Sie über­leg­te lan­ge, be­vor sie be­gann, »Ich möch­te ehr­lich sein. Ich kam hier her, um mir das Gan­ze an­zu­hö­ren, und wenn es nichts für mich ist wie­der nach Hau­se zu fah­ren. Ein neu­es Te­am muss zu­sam­men ar­bei­ten kön­nen und da­zu ge­hört für mich Ver­trau­en. So­weit es mich be­trifft, kann ich Mi­ke und auch Lea zu­min­dest so weit ein­schät­zen, dass ich es ver­su­chen wür­de, nur Korn ist für mich ein ro­tes Tuch. Ich traue ihm nicht wirk­lich über den Weg und ha­be auch nicht vor mir die gan­ze Zeit, sei­ne un­flä­ti­ge Art an­zu­tun. Sei­ne Fä­hig­kei­ten ste­hen au­ßer Fra­ge, aber sein Ver­hal­ten ist so ziem­lich, das letz­te, was ich je­mals er­lebt ha­be.«

Rous­sel warf einen fins­te­ren Blick zu dem Bo­dy­guard, der je­doch ver­zog kei­ne Mie­ne.

Mi­ke er­griff das Wort und er­klär­te, »Ich hat­te als Ein­zi­ger be­reits des öf­te­ren mit Korn zu tun. Er war nie der große Meis­ter in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, al­ler­dings ver­steht er sei­nen Job und was er macht, hat Hand und Fuß, auch wenn es an­fangs nicht ver­ständ­lich ist, warum er et­was macht. Wenn er we­nigs­tens ein biss­chen an sei­ner Art ar­bei­ten könn­te, zu­min­dest uns ge­gen­über wä­re dem Te­am schon viel ge­hol­fen, oder was denkt ihr?«

Lea grins­te in die Run­de, »Bis­her hat­te ich kei­ne Pro­ble­me mit ihm, er scheint ganz ver­nünf­tig zu sein. Das Pro­blem, was ich se­he, ist, und nehmt mir das nicht übel, Liz und Mi­cha­el sind die bei­den Al­phas, da kommt es im­mer zu Rei­be­rei­en, was nor­mal ist. Die bei­den müs­sen das un­ter­ein­an­der klä­ren!«

Mi­ke und Rous­sel nick­ten be­däch­tig wäh­rend Liz und Korn je­weils den an­de­ren ta­xier­ten. Die Span­nung im Raum war greif­bar. Mi­cha­el brach als ers­ter das Schwei­gen, »Miss Croll, auf ein Wort.«

Die bei­den ver­lie­ßen den Be­spre­chungs­raum und gin­gen in das Zim­mer ne­ben­an.

Mi­cha­el Korn und Liz Croll stan­den sich wie zwei Gla­dia­to­ren ge­gen­über.

»Ich mag sie nicht, es ist nichts Per­sön­li­ches, ich mag nie­man­den. Sie sind nicht in der La­ge mit mir zu ar­bei­ten. Mich stört das nicht, sie da­für um­so mehr. Mein Vor­teil ist das mich kei­ne Ge­füh­le lei­ten. Ich ar­bei­te ob­jek­tiv und bin nicht per­sön­lich in­vol­viert. Mei­ne Dä­mo­nen lie­gen wo­an­ders. Ih­re lie­gen in der At­mo­sphä­re des Te­ams«, be­gann er.

»Ih­re Dä­mo­nen, wie sie sie nen­nen, lie­gen in der Ver­gan­gen­heit. Sie sind ein Arsch und das wis­sen Sie auch. Mein Pro­blem mit ih­nen ist ganz ein­fach. Wenn ich mit Ih­nen zu­sam­men ar­bei­ten soll­te muss ich wis­sen, dass ich mich auf sie ver­las­sen kann. Bis­her ha­be ich noch nie fest­ge­stellt, dass so et­was mög­lich sein könn­te. Sie schwei­gen wie ein Ro­bo­ter und zei­gen, so gut wie kei­ne, nor­ma­le mensch­li­che Ver­hal­tens­wei­sen. Sie be­han­deln je­den, dem sie be­geg­nen, als kön­ne er nicht bis drei zäh­len, an­de­rer­seits sind sie in der La­ge je­de Re­gung bis ins Kleins­te zu ana­ly­sie­ren, und das in Se­kun­den. Das sind sehr wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen, aber sie be­hal­ten sie für sich. Was mich je­doch am meis­ten stört, ist ihr schein­bar über­mensch­li­cher Wunsch zu ster­ben. Wenn das so wich­tig ist, soll­ten Sie es viel­leicht ein­fach ma­chen!«, er­klär­te sie.

»Das ha­be ich be­reits mehr­fach ge­tan, und sie ha­ben recht, ich bin schon ge­stor­ben. Vor sehr lan­ger Zeit im Üb­ri­gen. Mein Ver­hal­ten und wie ich mit Men­schen im All­ge­mei­nen um­ge­he lie­gen dar­in be­grün­det, dass es mich einen Dreck in­ter­es­siert wie es ih­nen geht. Ich ma­che mei­ne Ar­beit, und die ma­che ich, so gut ich das kann, ge­gen al­le Wi­d­rig­kei­ten und Wi­der­stän­de. Wenn ich sie be­hand­le wie ein Schul­mäd­chen, zei­gen sie mir mehr In­for­ma­tio­nen über sich als, wenn ich Ih­nen Fra­gen stel­le. Das ist es, was ich ma­che, je­den Tag rund um die Uhr. Le­ben sie da­mit oder las­sen Sie es blei­ben«, ver­setz­te er aus­drucks­los.

»Ge­ben Sie uns In­for­ma­tio­nen wei­ter und be­han­deln sie uns nicht wie den letz­ten Dreck, dann bin ich be­reit es mit Ih­nen zu ver­su­chen, an­dern­falls sind sie nicht ge­eig­net in ei­nem Te­am zu spie­len und mit mir schon über­haupt nicht!«, stell­te sie ei­ne Be­din­gung.

»Mei­net­we­gen, aber stel­len Sie nie mei­ne Metho­den in­fra­ge. Wie ich hand­le, und warum hat einen Grund. Und be­vor ich es ver­ges­se, er­wäh­nen sie nie wie­der in mei­ner Ge­gen­wart den Na­men ei­ner ge­wis­sen Per­son. Das geht nicht gut für sie aus!«

»Ich ver­ste­he, das ist ihr Kryp­to­nit«, lach­te sie und ging.

17. Kapitel
Deutschland, Berlin

Er hat­te al­so den rich­ti­gen Rie­cher ge­habt. Al­le Si­cher­heits­kräf­te wur­den er­mor­det und die ge­si­cher­ten Schrän­ke auf­ge­bro­chen, um an die Er­kennt­nis­se zu ge­lan­gen. Die Fra­ge war nur von wem. Es stand au­ßer Fra­ge, dass man sein Un­ter­neh­men be­ob­ach­te­te. Aber wer steckt da­hin­ter. Wirt­schaftss­pio­na­ge ge­hör­te schon zum gu­ten Ton in der heu­ti­gen Ge­sell­schaft, aber wer war be­reit da­für, über Lei­chen zu ge­hen? Gab es wirk­lich Men­schen, de­nen dar­an ge­le­gen war tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt zu ver­hin­dern, um ihr Ge­schäfts­mo­dell am Le­ben zu er­hal­ten? Oh ja, da­von gab es ei­ne gan­ze Men­ge. Er brauch­te nur ein paar Ki­lo­me­ter nach Wes­ten zu schau­en, dann konn­te er sie se­hen. Tau­sen­de Lob­by­is­ten die täg­lich in den Macht­zen­tren die­ser Welt im Ge­hei­men ih­re Fä­den zo­gen nur, um die Men­schen noch wei­ter aus­sau­gen zu kön­nen. Es ging nicht um In­ter­es­sen der Men­schen, son­dern nur noch um das Geld. Aber was war Geld ei­gent­lich? War das nicht nur be­druck­tes Pa­pier, um Wa­ren und Dienst­leis­tun­gen zu kau­fen? Au­ßer­dem wur­de die­ses Pa­pier ja auch nur her­ge­stellt. Und jetzt brach­te man Men­schen um we­gen ei­ner Er­fin­dung, die den Men­schen hel­fen soll­te. Stell­te sich nur die Fra­ge, wer ei­gent­lich da­von wuss­te und wo­her. Die Wis­sen­schaft­ler wuss­ten da­von, denn es war ih­re Ar­beit, nur sie wa­ren zur Ge­heim­hal­tung ver­pflich­tet. Er selbst wuss­te da­von und es hät­te ja kei­nen Sinn, über un­ge­leg­te Eier zu ver­han­deln. Dann ging ihm ein Licht auf. Das war die un­dich­te Stel­le. Das Pa­tent­amt! Sein Un­ter­neh­men hat­te ein Pa­tent auf den Werk­stoff be­an­tragt, den die For­scher in Cancún ge­fun­den hat­ten. Da ver­lo­ren sich die Spu­ren, denn kei­ner wuss­te, wer al­les Zu­griff auf die­se Da­ten hat­te.

Deutschland, Hannover

Vor dem Haus in der Nä­he des wun­der­schön ge­le­ge­nen Sees park­te ein schwar­zer Van. Das Fahr­zeug stand seit ei­ner Wo­che an der­sel­ben Stel­le und nie­mand war da­bei ge­se­hen wor­den. Das Haus war men­schen­leer, und die Post im Brief­kas­ten wur­de seit Ta­gen nicht ge­leert. Ein hell­braun an­ge­stri­che­ner Jä­ger­zaun um­gab das Ge­bäu­de. Am Ein­gang hing ein klei­nes Klin­gel­schild, auf dem der Na­me Was­ser­stein zu le­sen war.

Hin­ten im Van saß ein ein­zel­ner Mann auf ei­nem Stuhl vor Mo­ni­to­ren und hat­te Kopf­hö­rer auf den Ohren. Der Bo­den war über­sät mit lee­ren Pizza­kar­tons und der Mann stopf­te sich ge­ra­de Ku­chen in den Mund. Seit ei­ner Wo­che war er hier und war­te­te auf ei­ne Wis­sen­schaft­le­rin. Ihr Bü­ro in Cancún war ge­schlos­sen und sie soll­te ei­gent­lich hier sein.

Dänemark, Kopenhagen

War das schön hier. Ma­rie und ih­re Freun­din Mar­ti­na sa­ßen in der mil­den Som­mer­son­ne auf der Ter­ras­se und tran­ken Kaf­fee. Nach­dem das For­schungs­zen­trum Cancún ge­schlos­sen wur­de, wa­ren die bei­den be­fragt wor­den und durf­ten dann ent­schei­den, wo sie hin woll­ten. Sie durf­ten nicht ar­bei­ten und hat­ten da­her frei. Ma­rie Was­ser­stein hat­te erst ih­ren Ur­laub bei der Fa­mi­lie in Han­no­ver ver­bracht und woll­te ei­gent­lich in Cancún blei­ben. Mar­ti­na hat­te sie über­re­det mit ihr nach Ko­pen­ha­gen zu flie­gen, um ih­ren un­frei­wil­li­gen Ur­laub hier zu ver­brin­gen. Bei­de wa­ren be­freun­det und Dä­ne­mark hat­te Ma­rie noch nie be­sucht. Die bei­den Frau­en ge­nos­sen die Zeit. Mar­ti­na ar­bei­te­te zwar im glei­chen For­schungs­zen­trum, war aber nicht an den For­schun­gen be­tei­ligt. Sie war eher die gu­te See­le der Ein­rich­tung, denn sie ar­bei­te­te in der Po­st­ab­tei­lung. Die Brie­fe, die an­ka­men, wur­den von ihr ver­teilt, und die Auf­ge­ge­be­nen ver­schick­te sie in al­le Welt. Bei­de Frau­en hat­ten aber auch et­was ge­mein­sam. Sie leb­ten al­lei­ne und wa­ren nicht in fes­ten Hän­den. Ma­rie war eher mit ih­rer Ar­beit ver­hei­ra­tet und die Kol­le­gen die ver­such­ten bei ihr zu lan­den wa­ren al­le ab­ge­blitzt. Mar­ti­na hielt sich von Män­nern fern, denn sie hat­te nichts für sie üb­rig. Für Ma­rie hat­te sie et­was üb­rig aber trau­te sich nicht ihr was da­von zu sa­gen. Die Wis­sen­schaft­le­rin konn­te es sich aber den­ken. Die Post im For­schungs­zen­trum lan­de­te meist auf den Schreib­ti­schen der Ab­tei­lungs­lei­ter, nur wur­de sie Ma­rie Was­ser­stein im­mer per­sön­lich über­reicht. Der ge­mein­sa­me Ur­laub war ein Ken­nen­ler­nen auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne. Bei­de ge­nos­sen die Ge­sell­schaft der an­de­ren und sie hat­ten sich ei­ne Men­ge zu er­zäh­len.

Ma­rie nahm ihr Te­le­fon zur Hand und ver­such­te, ih­re Fa­mi­lie zu er­rei­chen, wäh­rend Mar­ti­na Kaf­fee nach­schenk­te. Seit ei­ner Wo­che hät­te sie ih­re Fa­mi­lie schon nicht mehr er­reicht, aber das war nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Zum Teil kom­mu­ni­zier­ten sie mehr über Brie­fe als sonst ir­gend­wie. E-Mails wa­ren nicht das Mit­tel der Wahl. Die Hand­schrift hat­te ei­ne per­sön­li­che No­te und was sie sich in den Brie­fen er­zähl­ten, muss­te nicht die gan­ze Welt er­fah­ren. E-Mails wa­ren nicht si­cher, denn je­der halb­wegs in­tel­li­gen­te Mensch konn­te sie ab­fan­gen und mit­le­sen. Brie­fe ka­men beim Emp­fän­ger an und der Um­schlag war ver­schlos­sen, nie­mand konn­te das le­sen. Ma­rie er­reich­te nie­man­den. Mar­ti­na be­merk­te es und sag­te, »Mach kein so lan­ges Ge­sicht, sie wer­den un­ter­wegs sein. Ver­mut­lich wer­den sie den­ken du bist bei der Ar­beit. Schreib ein­fach einen Brief, wir brin­gen ihn dann mor­gen zur Post.«

»Du hast recht Mar­ti­na, au­ßer­dem bin ich Ih­nen, schon drei Wo­chen auf die Ner­ven ge­fal­len dann brau­chen sie wohl auch mal ei­ne Pau­se«, lä­chel­te sie.

Vereinigte Staaten, Langley (VA)

»Wir kön­nen sie nicht fin­den Sir. Sie ist aus Cancún ver­schwun­den. Am Flug­ha­fen hat sie nie ein­ge­checkt und zu Hau­se kam sie nie an. Wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Die El­tern wuss­ten auch nicht, wo sie steckt. Wir ob­ser­vie­ren das Haus, falls sie auf­taucht, pa­cken wir sie ein«, kam es zö­ger­lich aus dem Hö­rer.

»Was ist mit den an­de­ren bei­den? Gibt es da we­nigs­tens ei­ne Spur oder hab ich es nur noch mit in­kom­pe­tenten Idio­ten zu tun?«, brumm­te John Clark­son.

»Ein an­de­rer Wis­sen­schaft­ler hat uns ei­ne Spur nach Pu­er­to Pla­ta ver­ra­ten, nach­dem wir ihn et­was in­ten­si­ver ge­fragt ha­ben.«

»Kei­ne Zeu­gen, ha­be ich mich klar aus­ge­drückt?«

»Ja Chef, ist schon er­le­digt. Er wird mit nie­man­dem mehr re­den. Wir hö­ren uns in der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik um. Aber es gibt Hin­wei­se dar­auf, dass In­ter­pol sie ver­steckt hält«, schnarr­te es aus dem Te­le­fon.

»Was hat In­ter­pol da­mit zu tun und wo­her wol­len die da­von wis­sen?«, frag­te Clark­son.

»Sie ha­ben wohl Lun­te ge­ro­chen, aber bis­her konn­ten wir nicht raus­fin­den wie. Vi­el­leicht ha­ben sie einen In­si­der.«

»Ent­we­der das, oder ei­ne un­se­rer Fi­gu­ren spielt ein dop­pel­tes Spiel. Ich hab auch schon ei­ne Ah­nung wer. Wis­sen wir, wer das Ge­bäu­de in Cancún leer ge­macht hat und wo­hin die Sa­chen ge­bracht wur­den?«

»Ne­ga­tiv Sir. So wie es scheint, hat SilOld das ver­an­lasst, aber wir wis­sen nicht, von wel­cher Stel­le der Be­fehl kam, oder wo­hin das gan­ze Zeug ver­schwun­den ist.«

»Dann fin­den sie es ge­fäl­ligst her­aus«, schrie Clark­son und warf den Hö­rer auf die Ga­bel.

Die­se gan­ze Ak­ti­on war von An­fang an viel zu harm­los an­ge­fasst wor­den. Nach­dem die Fak­ten klar wa­ren, hät­te er so­fort die här­te­ren Ban­da­gen an­le­gen müs­sen. Jetzt konn­te er es nicht mehr än­dern, nur noch den Dreck weg­räu­men. Vor­ran­gig war, es al­les zu fin­den, aber wer spielt da ein dop­pel­tes Spiel? Er woll­te es so­fort her­aus­fin­den und da­zu brauch­te er In­for­ma­tio­nen. Am Zielort sei­ner Kon­takt­per­son war es zwei Uhr früh, als das Te­le­fon klin­gel­te. Ver­schla­fen mel­de­te sich die Stim­me mit ei­nem seuf­zen­den »Ja?«

»Wem ha­ben Sie noch ge­steckt, was läuft?«, frag­te er un­ge­hal­ten.

»Sind sie völ­lig ir­re, um zwei Uhr früh hier an­zu­ru­fen und mich zu fra­gen, warum ihr Ve­rein zu blöd ist et­was für sich zu be­hal­ten?«

»So wie ich das se­he weiß In­ter­pol da­von und es gibt nur ei­ne Fi­gur in die­sem Sze­na­rio, die de­nen et­was ste­cken könn­te, und die­se Per­son jam­mert mir ge­ra­de die Ohren voll«, schnaub­te er ver­ächt­lich.

»Clark­son, sie blö­der Pen­ner sind der ein­zi­ge, der et­was von mir er­fah­ren hat. Ich weiß nicht, was In­ter­pol mit der Sa­che zu tun ha­ben soll­te, noch wo­her die ih­re In­for­ma­tio­nen neh­men. Mög­li­cher­wei­se sind ih­re Mor­de auf­ge­flo­gen und In­ter­pol in­ter­es­siert sich des­halb da­für.«

»Ist ja lus­tig, dass In­ter­pol schein­bar nach dem ers­ten Op­fer so­fort zwei Wis­sen­schaft­ler ver­schleppt hat. Die konn­ten gar nicht wis­sen, um was es geht. Und jetzt ist auch noch die­ses Was­ser­schwein ver­schwun­den.«

»Sie über­wa­chen die­se gan­zen Kanä­le. Hät­ten sie mich nicht an­ge­ru­fen und In­for­ma­tio­nen ge­for­dert, wüss­te ich bis heu­te noch nichts da­von, geht das viel­leicht auch in ih­ren ver­fluch­ten Schä­del rein? Die gan­ze Welt weiß mitt­ler­wei­le das ihr be­scheu­er­tes Volk nicht in der La­ge ist feh­ler­frei bis drei zu zäh­len. Al­les, was ihr könnt, ist Krieg spie­len, den ihr selbst an­zet­telt und Tech­no­lo­gi­en klau­en. Jetzt fi­cken sie sich selbst und las­sen mir mei­nen Schlaf!«, da­mit war die Lei­tung tot.

18. Kapitel
Frankreich, Lyon

»Gut, dann sind wir uns ja ei­nig!«, be­merk­te Rous­sel mit fröh­li­chem Blick. Er hat­te sein ers­tes Te­am zu­sam­men. Die Ar­beit von In­ter­pol wür­de sich nicht län­ger nur auf In­for­ma­tio­nen be­schrän­ken, son­dern auch ei­ge­ne Fäl­le lö­sen.

»Ich ha­be ein Bü­ro für sie ein­rich­ten las­sen. Sie fin­den es im 19. Stock, Raum 23. Be­vor sie jetzt aber al­le ver­schwin­den las­sen Sie uns ih­ren ers­ten Fall er­läu­tern. Lea, wür­dest du bit­te die Fak­ten schil­dern?«

Rous­sel saß am Kop­fen­de des Ti­sches und leg­te sei­ne Hän­de auf den Tisch. Liz und Mi­ke sa­ßen ne­ben­ein­an­der auf der Fens­ter­sei­te und Lea ih­nen ge­gen­über. Korn stand wie im­mer am Fens­ter. Sie be­gann:

»Vor et­wa zwei Wo­chen be­kam ich den Auf­trag einen Wis­sen­schaft­ler, der bei ei­nem Kon­gress in New York da­bei sein soll­te, in den Tief­küh­ler zu brin­gen. Sein Na­me war Har­ry Leics­ter, ein bri­ti­scher For­scher in Diens­ten von SilOld am For­schungs­zen­trum Cancún. Der Mann hat­te nie­man­dem et­was ge­tan, al­so ha­be ich ab­ge­lehnt aber die In­for­ma­tio­nen an Ber­nand wei­ter­ge­ge­ben. Er hat mir ver­si­chert die Wis­sen­schaft­ler in Si­cher­heit zu brin­gen und wand­te sich an je­nen Har­ry Leics­ter um ihn zu war­nen und mög­li­cher­wei­se wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu be­schaf­fen. Die­se In­for­ma­tio­nen gin­gen an mich über einen to­ten Brief­kas­ten. Man war auf ei­ne Le­gie­rung, al­so ver­misch­te Me­tal­le, ge­sto­ßen die Ener­gie pro­du­zier­te. Wie ei­ne Bat­te­rie, al­ler­dings oh­ne an Span­nung zu ver­lie­ren. Es gab einen Pro­to­typ ei­ner Bat­te­rie. Die Wis­sen­schaft­le­rin, die da­mit be­traut ist, ei­ne ge­wis­se Ma­rie Was­ser­stein, be­fand sich al­ler­dings im Ur­laub. Wo konn­te man mir nicht sa­gen. Der Pro­to­typ la­ger­te in ei­nem Tre­sor im For­schungs­zen­trum Cancún und die For­mel für die Le­gie­rung hat­te Leics­ter ir­gend­wo de­po­niert. Wo woll­te er nicht sa­gen. Je­den­falls wur­de der Pro­to­typ aus dem La­bor ge­stoh­len und Leics­ter in New York ge­tö­tet. Im Kon­gress­ho­tel fand man ihn mor­gens tot in sei­nem Bett. Er wur­de mit ei­ner Sprit­ze in den Hals ver­gif­tet. Zwei wei­te­re Wis­sen­schaft­ler wur­den von Ber­nand ver­steckt, nur die­se Ma­rie Was­ser­stein konn­te noch nicht ge­fun­den wer­den. Nie­mand weiß, wo sie steckt. Un­se­re neues­ten In­for­ma­tio­nen sind, dass man das For­schungs­zen­trum Cancún ge­schlos­sen hat und die Wis­sen­schaft­ler nicht mehr wei­ter ar­bei­ten dür­fen bis man den Pro­to­ty­pen und das al­les ge­fun­den hat. Das For­schungs­zen­trum wur­de schwer be­wacht. SilOld hat­te über 30 Si­cher­heits­kräf­te in dem Ge­bäu­de. Sie wur­den in nur ei­ner Nacht ge­tö­tet und das For­schungs­zen­trum kom­plett leer­ge­räumt. Es ist ab­so­lut nichts mehr zu fin­den. Wir sol­len die For­schungs­er­geb­nis­se fin­den und si­cher­stel­len, den Pro­to­ty­pen zu­rück­ho­len, und die­se Was­ser­stein in Si­cher­heit brin­gen«, be­en­de­te Lea ih­ren Be­richt.

Liz und Mi­ke mach­ten sich No­ti­zen, wäh­rend Korn frag­te, »Die­se Wis­sen­schaft­ler fin­den wir wo?«

Rous­sel be­ant­wor­te­te die Fra­ge mit, »Ca­ba­re­te in der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik!«

»Lea und ich flie­gen noch heu­te Abend nach Pu­er­to Pla­ta in der Nä­he von Ca­ba­re­te, wenn mich mein Kopf nicht im Stich lässt. Miss Croll und Mis­ter Banks ma­chen die­sen Was­ser­stein aus­fin­dig, schafft ihn hier­her!«, stell­te Korn klar und wand­te sich zum Ge­hen.

Liz er­klär­te, »Ma­rie Was­ser­stein ist ei­ne Frau…«

»Mei­net­we­gen auch ein Ali­en, ist mir egal. Sor­gen sie nur da­für, dass Banks das sab­bern lässt, wenn er sie sieht!«, brumm­te er und war ver­schwun­den. Lea zuck­te die Schul­tern und eil­te ihm nach. Mi­ke sah Liz et­was ver­wirrt an und frag­te, »Er stellt die Te­ams auf und du pro­tes­tiert nicht da­ge­gen? Was hab ich ver­passt?«

»Ich soll sei­ne Metho­den nicht in­fra­ge stel­len und was er sagt, macht Sinn. Du und ich su­chen nach die­ser Was­ser­stein. Ich su­che und ha­be Ide­en, du bist un­se­re In­for­ma­ti­ons­quel­le im In­ter­net um sie zu fin­den. Er ist der Ver­hör­spe­zia­list und Lea die Waf­fen­ex­per­tin. Falls er mit ei­nem An­griff rech­net, ist sie die bes­te Wahl. Au­ßer­dem hat er wohl ge­fal­len an ihr ge­fun­den«, klär­te sie ihn auf.

»Ja si­cher. Er und ge­fal­len an Lea, das wä­re un­ge­fähr so, als wür­de ich ge­fal­len an Gar­ten­ar­beit fin­den«, wit­zel­te er.

»Du musst mal die Au­gen auf­ma­chen. Ist dir nicht auf­ge­fal­len, dass sei­ne Bli­cke im­mer wie­der auf Lea ge­fal­len sind? Vi­el­leicht steht er auf sie«, sag­te sie zu ihm, als sie den Raum ver­lie­ßen und Rous­sel al­lei­ne zu­rück­b­lieb. Der schüt­tel­te nur leicht den Kopf.

Mi­ke setz­te nach, »Korn und ei­ne Frau? Du machst wohl Wit­ze.«

»Nein, kein Witz Mi­ke. Ich er­ken­ne Zu­nei­gung, wenn ich sie se­he, und die­se hier war sehr deut­lich zu se­hen.«

»Egal, lass uns jetzt erst mal nach die­ser Was­ser­stein su­chen. Sie kann sich ja nicht in Luft auf­ge­löst ha­ben.«

Sie gin­gen zum Auf­zug und fuh­ren in die 19. Eta­ge. Dort an­ge­kom­men be­ga­ben sie sich zu­sam­men auf die Su­che nach Raum 23, den sie ziem­lich schnell ge­fun­den hat­ten. Liz hielt ih­re Kar­te an den Scan­ner und die Tür zu ih­rem Bü­ro schnapp­te auf.

Es war ein großer recht­e­cki­ger Raum, in des­sen Mit­te sich vier Schreib­ti­sche ge­gen­über­stan­den. Am hin­te­ren En­de des Rau­mes be­fand sich ei­ne le­der­be­zo­ge­ne Sitze­cke mit pas­sen­dem Bei­stell­tisch. Links ne­ben der lan­gen Fens­ter­front be­fand sich ein Tisch, der mit sechs Mo­ni­to­ren über­la­den war, da­vor ei­ne Ta­sta­tur mit Maus und ei­nem Kar­ten­le­ser. Ein klei­nes Spiel­zeug für Mi­ke, des­sen Mund­win­kel nach oben zeig­ten, als er es ent­deck­te. Ge­gen­über führ­te ein klei­ner Durch­gang zu ei­ner Kü­chen­zei­le.

Liz sag­te »Lass uns kei­ne Zeit ver­lie­ren Mi­ke, wir müs­sen die­se Ma­rie Was­ser­stein fin­den, egal wo sie ab­ge­blie­ben ist.«

»OK Liz, aber wo sol­len wir an­fan­gen?«

»Lass uns erst mal al­les über sie aus­gra­ben, was wir fin­den kön­nen. Ir­gend­ei­ne Ver­bin­dung muss es ge­ben, an der wir an­set­zen kön­nen.«

»Du bist der Boss«, grins­te er und setz­te sich vor die Bild­schir­me. Als er sei­ne Kar­te vor den Le­ser hielt, pieps­te der Com­pu­ter und gab den Zu­gang frei. Et­wa ei­ne Vier­tel­stun­de spä­ter hat­te er die ers­ten In­for­ma­tio­nen aus den Da­ten­ban­ken her­aus­ge­fil­tert und sprach zu Liz, als er wei­ter tipp­te »Ma­rie Jo­han­na Was­ser­stein, ge­bo­ren am 20.09.1989 in Han­no­ver. Toch­ter ei­nes Archi­tek­ten und ei­ner Se­kre­tä­rin die im­mer noch in Han­no­ver le­ben und ar­bei­ten. Sie stu­dier­te Bau­in­ge­nieurs­we­sen. Wur­de di­rekt nach ih­rem Stu­di­um von SilOld an­ge­wor­ben und ar­bei­tet im For­schungs­zen­trum Cancún. Kei­ne Ge­schwis­ter. Hat­te ei­ni­ge kur­ze Be­zie­hun­gen, aber nichts Erns­tes, seit vie­len Jah­ren Sin­gle, lebt in Cancún.«

»Vi­el­leicht wis­sen ih­re El­tern, wo wir sie fin­den kön­nen. Hast du ei­ne Te­le­fon­num­mer?«

Mi­ke dik­tier­te Liz die Num­mer, die sie di­rekt in ihr Smart­pho­ne tipp­te. Es klin­gel­te ei­ne Wei­le, aber nie­mand hob ab. »OK Mi­ke, da geht nie­mand dran. Hast du viel­leicht noch ei­ne Han­dy­num­mer, am bes­ten gleich noch die von Ma­rie?«

Nach ei­nem kur­z­en Tip­pen auf der Ta­sta­tur gab er Liz die Num­mern durch. Sie spei­cher­te bei­de in ih­rem Te­le­fon und ver­such­te Ma­rie Was­ser­stein an­zu­ru­fen. Sie war nicht er­reich­bar. Liz ver­such­te es auf der an­de­ren Num­mer, die ih­rem Va­ter ge­hör­te, aber auch dort ging nie­mand dran. Sie schüt­tel­te den Kopf. »Es ist sinn­los Mi­ke, egal wel­che Num­mer ich wäh­le, nie­mand geht an das Te­le­fon. Aber wer geht nicht an sein Han­dy?«

»Je­der der nicht ge­stört wer­den will Liz«, sag­te Mi­ke kühl und zuck­te die Schul­tern.

»Kannst du das Mo­bil­te­le­fon von Ma­rie Was­ser­stein or­ten?«, frag­te Liz zö­ger­lich.

»Na­tür­lich kann ich«, er­klär­te er, »al­ler­dings dau­ert das ein biss­chen!«

»OK, mach schnell, ich ver­su­che der­weil wei­ter sie zu er­rei­chen.«

Mi­ke häm­mer­te auf die Ta­sta­tur ein, wäh­rend Liz Krei­se um die vier Schreib­ti­sche zog und im­mer wie­der ei­ne Num­mer nach der an­de­ren wähl­te. Das Er­geb­nis war frus­trie­rend. Nie­mand nahm die An­ru­fe ent­ge­gen und auch kei­ne Mo­bil­box ak­ti­vier­te sich. Nach ei­ner Wei­le mel­de­te sich Mi­ke »Ihr Han­dy war zu­letzt in Ko­pen­ha­gen ein­ge­loggt. In ei­nem Café in der Stadt. Das war vor et­wa drei Stun­den!«

»In Ko­pen­ha­gen? Gibt es da Freun­de oder Ver­wand­te? Ir­gend­ei­ne Ver­bin­dung nach Dä­ne­mark?«, frag­te Liz.

»Nein, ab­so­lut nichts. Vi­el­leicht macht sie ein biss­chen Sight­see­ing!«, ora­kel­te er.

»OK, dann hal­ten wir uns an ih­re El­tern, die wer­den hof­fent­lich wis­sen, wo sie steckt. Be­sor­ge die Adres­se, in 5 Mi­nu­ten bre­chen wir auf.«

Lea muss­te bei­na­he ne­ben Korn ren­nen, der mit sei­nen lan­gen Bei­nen große Schrit­te ma­chen konn­te. Er war in Rich­tung Ho­tel ge­lau­fen, um sei­ne Sa­chen zu pa­cken, be­vor sie ab­flo­gen.

»Mi­cha­el, war­te mal, oder mach we­nigs­tens ein biss­chen lang­sa­mer. Be­vor wir weg­flie­gen, brau­che ich noch ei­ne Klei­nig­keit.«

»Ich ha­be kei­ne Zeit zu war­ten, die bei­den Ge­hirn­akro­ba­ten sind viel­leicht in Ge­fahr. Da kei­ner auf die Idee ge­kom­men ist, die zwei aus­zu­pres­sen wie ei­ne fau­le Zitro­ne, ha­ben sie, ver­mut­lich noch je­de men­ge nütz­li­cher In­for­ma­tio­nen für uns. Al­so bleibt kei­ne Zeit mehr für einen Um­trunk mit dem Gi­go­lo und sei­ner Copf­reun­din«, fauch­te er ihr über die Schul­ter zu.

»Ich will auch kei­ne Fei­er ab­hal­ten, aber wenn wir da hin­flie­gen, brau­che ich ei­ne an­stän­di­ge Waf­fe.«

»Se­he ich viel­leicht wie ein Waf­fen­händ­ler aus?«, frag­te er.

»Weit weg da­von je­den­falls nicht, aber ich bin erst seit knapp 2 Stun­den hier und ha­be kei­ne Ah­nung, ob es hier ei­ne Waf­fen­kam­mer gibt. Und in Frank­reich kann man kein Scharf­schüt­zen­ge­wehr aus dem Au­to­ma­ten zie­hen, leuch­tet ein, oder?«

»Frag die Aus­kunft!«

Lea ver­dreh­te die Au­gen und blieb ste­hen. Korn stapf­te wei­ter da­von, oh­ne sie zu be­ach­ten. »Blö­der Arsch!«, rief sie ihm hin­ter­her und ging lang­sam zu­rück in das Haupt­ge­bäu­de. Sie lief di­rekt auf den Pfört­ner zu, zück­te ih­ren Aus­weis und sag­te »Wo fin­de ich die Waf­fen­kam­mer?«

Der Pfört­ner be­trach­te­te ein­ge­hend den Aus­weis und sag­te dann »Im zwei­ten Un­ter­ge­schoss, Raum 47.«

»Dan­ke« brach­te sie her­vor und ging zu den Fahr­stüh­len. Un­ten an­ge­kom­men wand­te sie sich ver­wirrt um. Es sah nicht sehr ein­la­dend aus hier un­ten. Die Luft war ab­ge­stan­den und ei­ne Rei­ni­gungs­kraft schi­en es hier nicht zu ge­ben. Der Staub türm­te sich in grau­en Wol­ken auf dem grün ge­stri­che­nen Bo­den und man konn­te deut­li­che Fuß­spu­ren dar­in er­ken­nen. Lea schritt lang­sam wei­ter und fand Raum 47. Es war die ein­zi­ge Tür, die nicht aus nor­ma­lem Holz be­stand, son­dern aus matt­braun la­ckier­tem Stahl. Sie hielt ih­ren Aus­weis an den Kar­ten­le­ser, aber es pas­sier­te nichts. Sie ver­such­te es noch ein zwei­tes Mal mit dem­sel­ben Er­geb­nis. Lea woll­te sich schon wie­der zum Ge­hen wen­den, als sie ein Geräusch ver­nahm. Die ver­rie­gel­te Tür schwang auf und vor ihr stand ein klei­ner Mann mit schwar­zen Haa­ren und hielt ihr ei­ne Waf­fe ins Ge­sicht. »Wer sind sie, und was wol­len sie hier?«

»Mein Na­me ist Lea Tay­lor, hier ist mein Aus­weis«, sag­te sie und hielt ihm den Aus­weis hin.

»Das ha­be ich ge­se­hen Miss, was wol­len sie hier in mei­nem Reich?«

»Ich soll auf ei­ne Mis­si­on ge­hen und zwei Wis­sen­schaft­ler be­schüt­zen, nur das kann ich nicht oh­ne Waf­fe!«, er­klär­te Lea.

»Sie ha­ben ih­re Dienst­waf­fe, die soll­te ge­nü­gen!«, er­wi­der­te er oh­ne das Ge­wehr run­ter­zu­neh­men.

»Mei­ne Dienst­waf­fe? Mit ei­ner Glock auf An­grei­fer zu bal­lern ist un­ge­fähr so wie mit ei­ner Stein­schleu­der auf einen Pan­zer zu zie­len. Ich brau­che ei­ne rich­ti­ge Waf­fe und kein Spiel­zeug für Grund­schü­ler!«

»Sie ge­fal­len mir La­dy«, grins­te er und senk­te sei­ne Waf­fe »kom­men sie rein, wir wer­den schon et­was für sie fin­den!«

Er dreh­te sich um und steck­te die Waf­fe ne­ben der Tür in ei­ne Hal­te­rung, be­vor er wei­ter­ging. Lea war über­rascht. Es gab je­de Men­ge Aus­wahl und so­gar ei­ni­ge Knar­ren, die sie noch nie ge­se­hen hat­te.

»Was ist das hier al­les?«, staun­te sie.

»Das ist mei­ne klei­ne Aus­wahl. Das meis­te da­von ist selbst her­ge­stellt. Bis auf die Stan­dard­waf­fen, die ich ver­ge­be, na­tür­lich.«

»Be­ein­dru­ckend. Ich brau­che ein Ge­wehr. Am liebs­ten mei­ne Lieb­lings­waf­fe die M24!«

Er dreh­te sich um und blick­te Lea ei­ni­ge Se­kun­den prü­fend an. Ver­wirrt hob er an »Ei­ne M24? Ich glau­be eher, die reißt ih­nen den Arm ab, wenn sie die ab­feu­ern. Das ist ein Prä­zi­si­ons­ge­wehr für Scharf­schüt­zen und kei­ne Waf­fe für ei­ne zar­te Per­son wie sie mei­ne lie­be.«

»Ha­ben sie ei­ne hier? Wenn ja, dann her da­mit!«, sag­te sie, oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken.

»Ich ha­be kei­ne M24 hier, aber ei­ne ver­bes­ser­te Ver­si­on. Ich nen­ne sie Z501. Leich­ter, ver­bes­ser­tes Ob­jek­tiv und wirft Hohl­man­tel­ge­schos­se aus, nur sie wer­den nicht mit ihr schie­ßen kön­nen. Die meis­ten Män­ner kön­nen die nicht mal hal­ten! Aber ich ma­che ih­nen einen Vor­schlag Miss Tay­lor. Sie dür­fen einen Schuss auf mei­nem pri­va­ten Schieß­stand ab­ge­ben, wenn ich se­he, dass sie in der La­ge sind mit ei­nem klei­ne­ren Ge­wehr um­zu­ge­hen dann be­kom­men sie et­was von mir, was der M24 na­he­kommt, ein­ver­stan­den?«

»Ich ha­be nicht die Zeit, auf ih­ren pri­va­ten Schieß­stand zu kom­men und dort ein Spiel­zeug ab­zu­feu­ern. Ich flie­ge in we­ni­ger als ei­ner Stun­de ab und brau­che ei­ne rich­ti­ge Waf­fe!«

»Es dau­ert nur 5 Se­kun­den. Ein­fach durch die­se Tür da«, sag­te er und zeig­te auf ei­ne klei­ne Tür an der Stirn­wand. »Sie be­kom­men ei­ne mei­ner Er­fin­dun­gen. Das ist ei­ne LR9« sag­te er und griff sich ein Ge­wehr aus ei­nem Stän­der »et­was klei­ner als ei­ne M24, aber der Rück­stoß ist un­ge­fähr der glei­che.«

»Ge­ben sie das Spiel­zeug her«, maul­te Lea leicht an­ge­fres­sen.

Sie gin­gen durch die Tür und sie trau­te ih­ren Au­gen kaum. Vor ihr er­streck­ten sich ei­ni­ge Bah­nen, um auf Zie­le zu schie­ßen. Von et­wa 10 m Ent­fer­nung bis hin zu knapp 100 m. Er trat vor die längs­te der Bah­nen und er­klär­te »Die­se Bahn ist 90 m lang. Am En­de be­fin­det sich ei­ne Ziel­schei­be. Sie schie­ßen und wenn sie or­dent­lich tref­fen, oh­ne einen Arm ver­lo­ren zu ha­ben dür­fen sie sich an der Z501 ver­su­chen. Or­dent­lich ge­trof­fen be­deu­tet al­les über 7 Punk­te« lä­chel­te er.

Lea riss ihm die LR9 aus der Hand, trat an das klei­ne Fens­ter und such­te sich einen fes­ten Stand. Dann leg­te sie ei­ne Pa­tro­ne in die Kam­mer, setz­te sich einen Ge­hör­schutz auf und leg­te an. Ein ein­zel­ner Schuss krach­te durch den Raum. Lea leg­te das LR9 ab und sag­te, »Ho­len sie die 10 nach vor­ne und brin­gen sie die Z501 her.«

Ungläu­big schau­te er Lea an, als die Ziel­schei­be nach vor­ne rausch­te. Sie hat­te ex­akt die 10 ge­trof­fen, in der ein kreis­run­des Loch zu se­hen war. Wort­los griff er sich das Ge­wehr und stell­te es zu­rück, be­vor er ein grö­ße­res aus ei­nem Stän­der nahm und es Lea brach­te.

Lea nahm das Z501 an sich und leg­te ei­ne Pa­tro­ne ein. Die Ziel­schei­be mach­te sich wie­der auf den Weg nach hin­ten. Wie­der krach­te ein Schuss durch den Raum und hall­te lan­ge nach. Lea leg­te das Ge­wehr vor sich ab und nahm den Ge­hör­schutz ab.

»Gar nicht mal so übel das Ge­wehr, auch wenn die Op­tik et­was ab­weicht. Es zieht ein biss­chen nach links.«

Auf der Ziel­schei­be saß ein run­des Loch links in der 9, ge­nau auf der Hö­he der 10. Fran­cois Pier­lot stand stau­nend und scho­ckiert hin­ter Lea. Er konn­te nicht glau­ben, was er eben mit­er­lebt hat­te. Er gab sich ge­schla­gen.

»Ich wer­de die Op­tik ein­stel­len, dau­ert et­wa 5 Mi­nu­ten, dann kön­nen sie die Z501 mit­neh­men«, sag­te er und nahm das Ge­wehr an sich. Er trat an ei­ne Vor­rich­tung und spann­te das Ge­wehr ein. Ei­nen La­ser schob er in den Lauf und blick­te durch die Op­tik. Er jus­tier­te das Fa­den­kreuz der Op­tik neu. Als er fer­tig war, nahm er es her­aus und gab es Lea. Sie nahm es ent­ge­gen und ging wie­der an die Bahn. Er­neut krach­te ein Schuss. Sie nick­te ihm zu. Die Op­tik stimm­te wie­der.

»Wo be­kom­me ich Mu­ni­ti­on für die Klei­ne hier?«, frag­te sie lä­chelnd.

Pier­lot trat an einen Stahl­schrank und öff­ne­te ihn »Hier drin ist al­les, was sie brau­chen Miss Tay­lor«.

Lea nahm ge­nug Mu­ni­ti­on mit, um in Pa­na­ma ein­mar­schie­ren zu kön­nen, und ver­ließ freu­de­strah­lend die Waf­fen­kam­mer.

We­nig spä­ter klet­ter­te sie vor Korn in die Gulf­stream, aus­ge­rüs­tet als wür­de sie in den Krieg zie­hen, nahm sie in ei­nem Ses­sel Platz. Korn setz­te sich ihr ge­gen­über. Die Tür wur­de ge­schlos­sen und die Pi­lo­ten star­te­ten die Trieb­wer­ke. Als sie Rich­tung Start­bahn roll­ten, blick­te Korn aus dem Fens­ter und mur­mel­te lei­se »Es tut mir leid Lea.«

»Das soll­te es auch«, gab sie et­was feind­se­li­ger zu­rück, als sie es woll­te.

»Ich bin manch­mal et­was ge­wöh­nungs­be­dürf­tig«, gab er klein­laut zu.

»Das hal­te ich für die Un­ter­trei­bung des Jah­res. Ich hab dir nur ge­sagt, ich brau­che ei­ne Waf­fe und an­statt mir zu hel­fen, drückst du mir dum­me Sprü­che«, hielt sie ihm vor.

Er nick­te leicht. »Es ist nicht ganz so ein­fach für…«, dann brach er ab.

»Was ist nicht ein­fach?«, frag­te sie.

»Ver­giss es, ich kann nicht dar­über re­den«, wie­gel­te er ab.

»Du kannst nicht, oder du willst nicht?«, bohr­te sie nach.

Er mach­te sei­nen Gurt los und stand auf. »Bei­des«, flüs­ter­te er und setz­te sich ei­ni­ge Me­ter von ihr weg. Dann starr­te er wie­der aus dem Fens­ter, an dem ge­ra­de die Wol­ken vor­beiflo­gen. Lea sah ihm ir­ri­tiert nach.

19. Kapitel
Deutschland, Hannover

Liz und Mi­ke wa­ren noch kei­ne hal­be Stun­de in Han­no­ver ge­lan­det, als sie be­reits zu der Adres­se der Was­ser­steins un­ter­wegs wa­ren. Der Miet­wa­gen war die­ses Mal ein Au­to­ma­tik­ge­trie­be. Da sich Liz so­mit nicht um das Schal­ten küm­mern muss­te, was für sie auf der un­ge­wohn­ten rech­ten Sei­te war, fuhr sie selbst. Mi­ke be­ar­bei­te­te ne­ben­an sei­nen Lap­top, um auf die Spur von Ma­rie Was­ser­stein zu kom­men. Sie war nicht zu er­rei­chen. Sie ka­men zü­gig vor­an und bo­gen bald in die ge­such­te Stra­ße ein. Liz stopp­te hin­ter ei­nem al­ten Van, der am Stra­ßen­rand ge­parkt war. Mi­ke pack­te den Lap­top wie­der in die Ta­sche, als Liz schon die Tür ge­öff­net hat­te und auf den Ein­gang des Hau­ses zu­lief. Sie drück­te ih­ren Fin­ger auf die Klin­gel. Der Gong im In­ne­ren war so laut ein­ge­stellt, dass sie ihn bis auf die Stra­ße hö­ren konn­ten. Es rühr­te sich nichts. Liz ver­such­te es noch ein­mal, als Mi­ke sie an­stups­te. »Sie wer­den nicht da sein. Der Brief­kas­ten quillt über. Siehst du?«

»Aber wo könn­ten sie sein? Du hast mir doch ge­sagt, das Han­dy ih­res Va­ters wä­re hier«, frag­te sie.

»Ja, sein Han­dy war auch hier. Ges­tern Abend zu­min­dest.«

»Ich ver­su­che, ihn noch mal an­zu­ru­fen, aber das kommt mir sehr ko­misch vor Mi­ke. Ich hab das Ge­fühl, hier stimmt was nicht.«

Liz wähl­te die Han­dy­num­mer des Va­ters. Ne­ben dem tu­ten am rech­ten Ohr an, dass sie das Te­le­fon hielt, hör­te sie mit dem lin­ken ei­ne Me­lo­die aus dem Haus. Wie­der ging nie­mand dran. Sie pack­te das Smart­pho­ne wie­der in ih­re Ta­sche.

»Das Han­dy ist hier, der Klin­gel­ton war hier zu hö­ren. Nie­mand mel­det sich und der Brief­kas­ten ist we­gen Üb­er­fül­lung ge­schlos­sen. Es könn­te et­was pas­siert sein«, sag­te sie miss­trau­isch.

»Mög­lich wä­re es«, sag­te Mi­ke.

»Wir ge­hen rein, ich will wis­sen, was hier ge­spielt wird Mi­ke.«

Sie ver­such­te das Tor, im Jä­ger­zaun zu öff­nen, doch es war ver­schlos­sen. Grum­melnd stieg sie über das Tor. Mi­ke folg­te ihr vor­sich­tig. An der Haus­tür das glei­che, sie war ver­schlos­sen. Sie späh­te durch ein klei­nes Glas­fens­ter ne­ben der Tür, konn­te aber nichts Un­ge­wöhn­li­ches ent­de­cken. Sie ging nach rechts um die Ecke und blick­te in je­des Fens­ter. Mi­ke blieb un­schlüs­sig an der Tür ste­hen. Die Ter­ras­sen­tür war nur an­ge­lehnt, aber nicht ver­schlos­sen. Liz be­trat vor­sich­tig das Wohn­zim­mer und rief nach den Was­ser­steins. Dann roch sie den Duft von Ver­we­sung. Tau­sen­de Flie­gen sto­ben aus­ein­an­der als Sie den Archi­tek­ten und sei­ne Frau in der Kü­che fand. Sie trat einen Schritt zu­rück. Das Bild ver­schlug ihr den Atem. Man hat­te ih­nen die Hals­schlag­ader durch­trennt. Der wei­ße Flie­sen­bo­den war kaum mehr zu er­ken­nen. Das gan­ze Blut war be­reits ein­ge­trock­net und bil­de­te einen rie­si­gen rot­bräun­li­chen See. Liz fass­te nichts an, um even­tu­el­le Spu­ren nicht zu ver­wi­schen. Sie ging wie­der in das Wohn­zim­mer und trat auf die Ter­ras­se hin­aus. Dort japs­te sie nach Luft, zog ihr Han­dy aus der Ta­sche und rief die Not­ruf­num­mer der Po­li­zei an, als sie wie­der nach vor­ne lief, um Mi­ke zu in­for­mie­ren. Sie gab dem Be­am­ten am Te­le­fon Be­scheid, dass sie von In­ter­pol war und so­eben zwei Lei­chen ge­fun­den hat­te. Die Mord­kom­mis­si­on soll­te mit der Spu­ren­si­che­rung an­rücken. Das vol­le Pro­gramm eben. Als nach ei­ni­gen Mi­nu­ten der ers­te Strei­fen­wa­gen an­ge­rast kam, saß Liz auf der Trep­pe. Mi­ke stand un­be­tei­ligt da­ne­ben und kau­te an sei­ner Un­ter­lip­pe. Sie er­klär­ten den Be­am­ten, was sie vor­ge­fun­den hat­ten. Die Be­am­ten ver­schwan­den im Haus. Die Spur war so kalt wie die bei­den Lei­chen, kam es Liz in den Sinn. Zö­gernd frag­te Mi­ke »Und was ma­chen wir jetzt?«

»Wei­ter­su­chen Mi­ke«, ant­wor­te­te sie ge­schockt.

»Und wie? Die Was­ser­steins wer­den uns wohl kaum mehr In­for­ma­tio­nen ge­ben kön­nen.«

»Im Mo­ment ha­be ich kei­ne Idee ehr­lich ge­sagt. Aber mir wird schon noch was ein­fal­len«, kam ton­los von ihr zu­rück.

»Al­so flie­gen wir nach Ko­pen­ha­gen, denn dort be­fin­det sich wohl das Han­dy von Ma­rie Was­ser­stein.«

»Ko­pen­ha­gen ist groß Mi­ke. Da kön­nen wir ta­ge­lang um­her­ir­ren. Aber du kannst mal die Ho­tel­da­ten che­cken, ir­gend­wo muss sie ja ab­ge­stie­gen sein.«

»Das ha­be ich be­reits, Liz. Sie hat in kei­nem Ho­tel in oder um Ko­pen­ha­gen ein Zim­mer ge­nom­men. Die ein­zi­ge Spur ver­liert sich in dem Café. Selbst, wenn wir da je­man­den fin­den, der sich an sie er­in­nert wird er uns nicht sa­gen kön­nen, wo sie wohnt.«

»Du hast recht Mi­ke, aber ver­su­chen soll­ten wir es. Al­so los, lass uns fah­ren, hier sind wir fer­tig.«

Liz stand auf und schlich auf den Miet­wa­gen zu. Gera­de als sie das Grund­stück ver­las­sen woll­te, stell­te sich ihr ei­ne jun­ge Frau in ei­ner blau­en Uni­form in den Weg. »Sind sie von der Po­li­zei?«, frag­te sie die bei­den.

»Ja, wir sind von In­ter­pol. Und wer sind sie?«, frag­te Liz.

»Ich bin von der Post und ha­be einen Brief für Herrn Was­ser­stein, aber ih­re Kol­le­gen wol­len mich nicht an den Brief­kas­ten las­sen. Wür­den sie den viel­leicht neh­men, da­mit ich mei­ne Ar­beit wei­ter­ma­chen kann?«

»Mei­net­we­gen. Ge­ben sie ihn her, ich ste­cke ihn zu den hun­dert an­de­ren da­zu«, er­wi­der­te Liz.

Die Post­bo­tin hän­dig­te Liz das Schrei­ben aus und ra­del­te dann da­von. Gera­de als Liz auf den Brief­kas­ten, der so­wie­so schon über­voll war, zu­ging, fiel ihr der Post­stem­pel auf dem Schrei­ben auf. Er war in Ko­pen­ha­gen auf­ge­ge­ben wor­den. Sie dreh­te sich um und eil­te zu Mi­ke zu­rück, der be­reits am Wa­gen stand und war­te­te.

»Mi­ke, der Brief kommt aus Ko­pen­ha­gen«, flüs­ter­te sie ihm zu. »Wir neh­men ihn mit, das kann kein Zu­fall sein.«

Sie stie­gen ein und wäh­rend Liz aus der Stra­ße fuhr, riss Mi­ke den Brief auf.

Dominikanische Republik, Cabarete

Es war am spä­ten Abend, als der schwar­ze Jeep lang­sam über die ka­put­ten Stra­ßen roll­te. Die bei­den Bei­fah­rer hat­ten ih­ren Blick in die Dun­kel­heit ge­rich­tet und such­ten die Häu­ser am Stra­ßen­rand ab. Haus­num­mern wa­ren hier sel­ten, aber sie wa­ren in der rich­ti­gen Stra­ße ge­lan­det. Sie hat­ten am Te­le­fon ei­ne ganz passa­ble Weg­be­schrei­bung er­hal­ten. Dann fan­den sie das schwach be­leuch­te­te Haus, in dem die bei­den ver­steckt wor­den wa­ren. Der Jeep hielt ver­steckt zwi­schen ei­ni­gen Pal­men am Stra­ßen­rand und die In­sas­sen stie­gen lei­se aus. Ei­ne Wei­le be­ob­ach­te­ten die drei Män­ner im Schutz der Dun­kel­heit die Stra­ße und das Haus. Al­les war ru­hig und sie wur­den nicht be­merkt. Auf ein Zei­chen des An­füh­rers be­ga­ben sie sich schnell über die Stra­ße und dran­gen fast laut­los in das Ge­bäu­de ein. Sie blie­ben im Ein­gangs­be­reich ste­hen, um die Au­gen an die Dun­kel­heit zu ge­wöh­nen, be­vor sie so lei­se es ging die Trep­pe er­klom­men. Oben an­ge­kom­men teil­ten sie sich auf und öff­ne­ten die Tü­ren, um die bei­den Be­woh­ner zu fin­den. Bei­de la­gen schla­fend in ih­ren Bet­ten und hat­ten nicht be­merkt, dass die drei Be­su­cher ein­ge­drun­gen wa­ren. Der An­füh­rer blieb im obe­ren Gang ste­hen, wäh­rend sei­ne bei­den Hand­lan­ger vor­sich­tig an die Bet­ten der Wis­sen­schaft­ler tra­ten. Auf sein Zei­chen wur­den bei­de un­sanft ge­weckt, in­dem man ih­nen ei­ne Waf­fe ge­gen die Schlä­fen schlug. Nach dem Schock durch einen Schlag ge­weckt zu wer­den blick­ten die bei­den in den Lauf ei­ner Waf­fe. Die bei­den Wis­sen­schaft­ler wur­den zeit­gleich be­fragt, wo die Er­geb­nis­se ih­rer For­schung ver­steckt sind. Nach im­mer wie­der den glei­chen Fra­gen der An­grei­fer gli­chen sie die Ant­wor­ten der bei­den ab. Bu­rics Er­geb­nis­se la­gen in ei­nem per­sön­li­chen Sa­fe im For­schungs­zen­trum Cancún, wo­hin sie ver­bracht wur­den, wuss­te er al­ler­dings nicht, nach­dem das Zen­trum ge­schlos­sen und aus­ge­räumt wur­de. Man frag­te ihn nach der Zu­sam­men­set­zung der Le­gie­rung. Bu­ric war von Schweiß­per­len be­deckt und keuch­te, »Ich weiß es nicht. Ver­ste­hen Sie doch, die Le­gie­rung be­steht aus fast drei­ßig Ma­te­ria­li­en, dar­un­ter Alu­mi­ni­um, Kup­fer und ab­ge­brann­tem Kern­ma­te­ri­al in ei­nem Mi­schungs­ver­hält­nis, dass sich nie­mand mer­ken kann. Gera­de als wir be­gin­nen woll­ten das Ver­hält­nis zu än­dern und se­hen, wel­che Aus­wir­kun­gen das hat, wur­de das Zen­trum ge­schlos­sen und wir hier her­ge­bracht. Wir durf­ten nicht mal noch die per­sön­li­chen Sa­chen von un­se­ren Ti­schen ho­len. Der gan­ze Kom­plex wur­de ab­ge­rie­gelt und wir wur­den auf un­be­stimm­te Zeit be­ur­laubt.«

»Von wem kam die An­wei­sung?«, frag­te der mas­kier­te Mann ne­ben sei­nem Bett.

»Das weiß ich nicht. Ehr­lich. Wir wur­den durch Si­cher­heits­leu­te von un­se­ren Plät­zen ab­ge­holt und vor dem Ge­bäu­de be­fragt. So­fort da­nach muss­ten wir das Ge­län­de ver­las­sen. Am Aus­gang war­te­ten be­reits Leu­te von In­ter­pol, die uns so­fort in ein Flug­zeug ge­setzt ha­ben und hier her­brach­ten«, stot­ter­te Bu­ric.

»Auf wel­chem Com­pu­ter be­fin­den sich die ge­nau­en Er­geb­nis­se?«, wur­de er ge­fragt.

»Ich durf­te sie nicht auf ei­nem Com­pu­ter spei­chern. Das Netz­werk ist zwar hoch ge­si­chert, aber die Er­geb­nis­se so wich­tig, dass sie nicht elek­tro­nisch ge­spei­chert wer­den durf­ten. Man hat­te Angst sie durch einen Hacke­r­an­griff zu ver­lie­ren.«

»Wo ist die For­mel jetzt?«

»Hö­ren sie mir nicht zu? In mei­nem per­sön­li­chen Sa­fe im La­bor. Dort muss­te ich sie zu­rück­las­sen!«

»Wir ha­ben ih­ren Sa­fe be­reits auf­ge­bro­chen, er war leer. Wo al­so sind die Er­geb­nis­se?«, frag­te sein An­grei­fer und hielt ihm die Waf­fe an die Stirn.

»Leer? Das ist un­mög­lich. Nur ich ken­ne die Kom­bi­na­ti­on«, stam­mel­te der Wis­sen­schaft­ler über­rascht.

»Gibt es Si­cher­heits­ko­pi­en da­von?«

»Na­tür­lich. So­gar Tau­sen­de! Was glau­ben sie wohl warum die Er­geb­nis­se nur in mei­nem per­sön­li­chen Sa­fe lie­gen, nicht elek­tro­nisch ge­spei­chert sind und je­dem da­her­ge­lau­fe­nen be­reits am In­for­ma­ti­ons­schal­ter in die Hand ge­drückt wer­den. Wir woll­ten sie auch schon an das Schwar­ze Brett hän­gen und CNN hat­te einen Li­ve­be­richt ge­plant, statt­des­sen wur­den wir in die­ses Loch ge­steckt, in dem es nicht ein­mal ei­ne hei­ße Du­sche gibt. Nur ih­nen ge­ben wir na­tür­lich kei­ne Ko­pie«, er­reg­te sich Bu­ric was ihm ei­ne hef­ti­ge Ohr­fei­ge ein­brach­te.

Onut, der Ener­gie­for­scher im an­de­ren Bett hat­te kei­ne Auf­zeich­nun­gen. Be­vor er be­gin­nen konn­te, an­de­re Zu­sam­men­set­zun­gen zu er­for­schen, wur­de er be­ur­laubt. Al­les, was er an­ge­ben konn­te, war, dass die­ses neue Ma­te­ri­al Span­nung ab­gab, die je nach Men­ge des Ma­te­ri­als va­ri­iert. Ge­naue Mes­sun­gen konn­te er noch nicht ma­chen. Al­les, was er wuss­te, war, dass 200 g des Ma­te­ri­als ex­akt 6,23 V ab­ga­ben und auch nach meh­re­ren Stun­den nicht ab­nah­men ob­wohl man ei­ne Glüh­bir­ne da­mit Be­trieb. Die Strom­auf­nah­me des Ver­suchsauf­baus wa­ren 0,43 A. Mehr konn­te er nicht sa­gen.

Der An­füh­rer der drei stand im Gang und schlug wü­tend die Faust in die of­fe­ne Hand­flä­che. Die gan­ze Ak­ti­on war kom­plett sinn­los. Die Er­geb­nis­se wa­ren ver­schwun­den und es gab nicht den ge­rings­ten Hin­weis auf de­ren Ver­bleib. Sein Boss wür­de to­ben, wenn er mit lee­ren Hän­den hier raus­kam. Aber das war ne­ben­säch­lich, er hat­te den Auf­trag die Zeu­gen, und das wa­ren die bei­den Wis­sen­schaft­ler, aus­zu­schal­ten. Al­ler­dings war kei­ner sei­ner Leu­te so eis­kalt einen Men­schen zu er­mor­den. Sie wa­ren da­für zu­stän­dig In­for­ma­tio­nen zu sam­meln, die Kil­ler­kom­man­dos hat­ten an­de­re Auf­ga­ben. Aber er hat­te einen klei­nen Beu­tel in der Ta­sche, das wür­de aus­rei­chen. Er gab sei­nen bei­den Mit­strei­tern die An­wei­sung ih­re Sprit­zen zu ver­wen­den. Die bei­den Wis­sen­schaft­ler wür­den ei­ni­ge Stun­den schla­fen und sich an kaum et­was er­in­nern. Er ging die Trep­pe hin­un­ter und schritt zu der Kü­chen­zei­le. Den In­halt sei­nes Beu­tels kipp­te er in das vor ge­rich­te­te Kaf­fee­pul­ver in der Ma­schi­ne. Das Heiß­ge­tränk am Mor­gen wür­den bei­de nicht über­le­ben. Auf dem Tisch lag ein Lap­top, dem er sich nun zu­wand­te. In sei­ner Ta­sche hat­te er al­les, was er brauch­te. Er steck­te einen blau­en USB-Stick in das Gerät und star­te­te es. Nach­dem das Sys­tem ge­st­ar­tet war, ent­nahm er den Stick und ver­band ei­ne klei­ne SSD Fest­plat­te mit dem Lap­top. Nach ei­nem Druck auf die En­ter­tas­te be­gann der Ko­pier­vor­gang. Al­le Da­ten des Lap­tops wur­den auf die SSD über­tra­gen und die HDD im Gerät ge­löscht.

Nach­dem sie ih­re Spu­ren ver­wischt hat­ten, ver­lie­ßen die drei das Haus.

Nach­dem die bei­den Wis­sen­schaft­ler nach ei­nem un­ru­hi­gen Schlaf, er­wach­ten, be­gab sich Bu­ric als Ers­tes un­ter die Du­sche. Sein Kol­le­ge Kor Onut schal­te­te die Kaf­fee­ma­schi­ne ein und roll­te sei­nen Ge­bets­tep­pich aus. Als der gläu­bi­ge Mos­lem sein Ge­bet be­en­det hat­te, sah er, wie sich ein Fahr­zeug nä­her­te und auf der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te an­hielt. Ein großer Mann und ei­ne klei­ne zier­li­che Frau stie­gen aus. Er in­for­mier­te Bu­ric, der sich ge­ra­de an­ge­zo­gen hat­te. Onut schnapp­te sich sei­ne Schreck­schuss­pis­to­le und drück­te sich hin­ter der Tür an die Wand. Er ver­nahm schwe­re Schrit­te und dann be­gann es zu klin­geln.

20. Kapitel
Dänemark, Kopenhagen

Ver­schla­fen öff­ne­te Ma­rie ih­re Au­gen und blick­te in das lä­cheln­de Ge­sicht ih­rer Freun­din, die zärt­lich frag­te »Na, hast du gut ge­schla­fen mein Schatz?«

»Nicht wirk­lich. Ich bin mit­ten in der Nacht auf­ge­wacht, weil ich auf die Toi­let­te muss­te und konn­te da­nach ewig nicht mehr ein­schla­fen, weil du so laut ge­schnarcht hast Lieb­ling«, flö­te­te sie und knuff­te ih­re Freun­din den Arm.

»Das muss der Hund der Nach­barn ge­we­sen sein. Ich schnar­che nicht«, schmoll­te Mar­ti­na ge­spielt.

Ma­rie gab ihr einen Kuss. »Nein, ich hab ge­schla­fen wie ein Ba­by.«

»Lass uns früh­stücken und dann da wei­ter ma­chen, wo wir ges­tern auf­ge­hört ha­ben«, grins­te Mar­ti­na und leg­te lüs­tern ih­re Hand auf Ma­ri­es Brust.

»Ich den­ke wir las­sen das Früh­stück aus­fal­len. Vor dem Mit­tag kom­men wir be­stimmt nicht aus dem Bett«, lach­te sie, zog ih­re Freun­din nä­her und küss­te sie lei­den­schaft­lich.

Nach dem Kaf­fee vor­ges­tern in der Stadt war ei­ni­ges pas­siert. Ma­rie hat­te einen Brief an ih­re El­tern ge­schrie­ben und sie hat­ten ihn ab­ge­schickt. Da­nach wa­ren sie noch ein we­nig in der lau­en Som­mer­nacht un­ter­wegs und lan­de­ten schließ­lich in ei­ner klei­nen Bar. Nach den ers­ten Cock­tails wur­den sie zu­neh­mend red­se­li­ger als in nüch­ter­nem Zu­stand. Ir­gend­wann war bei Ma­rie der Punkt über­schrit­ten, an dem sie noch et­was für sich be­hal­ten konn­te, und sie gab Mar­ti­na klar zu ver­ste­hen, dass sie sich in sie ver­liebt hat­te. Mar­ti­na konn­te ihr Glück kaum fas­sen. Wild küs­send fuh­ren sie im Ta­xi zu Mar­tinas Woh­nung und hat­ten ei­ne sehr hei­ße Nacht zu­sam­men. Ir­gend­wann sind sie dann ein­ge­schla­fen und ha­ben den Al­ko­hol ab­ge­baut. Ges­tern ka­men sie nur für ein kur­z­es Abendes­sen aus dem Bett. Da­bei hat­ten sie sich ge­gen­sei­tig ge­füt­tert und lan­de­ten wie­der fum­melnd im Bett. Sie lieb­ten sich die hal­be Nacht be­vor sie ge­gen halb 1 Uhr ein­ge­schla­fen wa­ren. Ma­ri­es Han­dy lag aus­ge­schal­tet im Wohn­zim­mer und sie hat­te nicht mehr dar­an ge­dacht ih­re El­tern an­zu­ru­fen. War aber auch egal, denn in dem Brief, den sie ih­ren El­tern ge­schickt hat­te, stand schon drin, dass sie sich in Mar­ti­na ver­liebt hat­te und bei ihr in Ko­pen­ha­gen blei­ben wür­de, bis sie die Ar­beit in Cancún wie­der auf­neh­men dürf­ten. Dort hat­te Ma­rie ih­re Woh­nung und Mar­ti­na hat­te ein klei­nes Zim­mer im an­gren­zen­den Wohn­block, in dem die Mit­ar­bei­ter un­ter­ge­bracht wa­ren, die sich kei­ne Woh­nung mie­ten woll­ten. Aber bis da­hin wür­den sie in Ko­pen­ha­gen blei­ben und ih­re jun­ge Lie­be ge­nie­ßen.

Dominikanische Republik, Cabarete

Es war früh am Mor­gen, als Lea und Korn mit dem klei­nen Miet­wa­gen durch Ca­ba­re­te fuh­ren. Die Luft wur­de be­reits wie­der auf­ge­heizt und be­gann lang­sam zu flim­mern. Die Do­mi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik lag noch ver­schla­fen im Schat­ten, aber bald wür­de das bun­te Trei­ben auf den Stra­ßen wie­der star­ten. Ein Pa­ra­dies für Ur­lau­ber, für das die bei­den In­ter­pol Agen­ten lei­der kei­ne Zeit hat­ten. Lea check­te auf dem Bei­fah­rer­sitz noch ein­mal ih­re Aus­rüs­tung und Korn hielt et­was ver­krampft das Lenk­rad in der Hand. Sein Blick fiel stur ge­ra­de­aus, und bis auf die Wind­ge­räusche von au­ßen und das ge­le­gent­li­che Kla­cken, das von Lea kam, war es still. Seit dem Ab­flug aus Ly­on hat­ten bei­de nur noch Ge­schäft­li­ches be­spro­chen. Lea hat­te mehr­fach ver­sucht, nach­zu­ha­ken und Mi­cha­el zu ei­nem Sta­te­ment zu brin­gen, doch er war stumm ge­blie­ben wie ein Fisch. Es stör­te sie, dass aus Korn nichts her­aus­zu­krie­gen war.

»Wie hei­ßen die bei­den hal­b­en Hähn­chen die ich zum Früh­stück be­kom­me ei­gent­lich Lea?«

»Goran Bu­ric, ein Ma­te­ri­al­for­scher und Kor Onut, ein Ener­gie­for­scher.«

»Wie weit bist du mit dei­ner Aus­rüs­tung? In ein paar Mi­nu­ten wer­den wir da sein«, frag­te er.

»So weit fer­tig ei­gent­lich. Ich hof­fe, ich kann heu­te ei­ni­gen bö­sen Jungs in den Kopf bal­lern.«

Er schüt­tel­te den Kopf, »Wir sind nicht hier, um wel­che um­zu­le­gen, son­dern um sie aus­zu­fra­gen. Wenn man uns an­greift, wo­von ich der­zeit eher nicht aus­ge­he, soll­test du sie kampf­un­fä­hig ma­chen, da­mit ich mir die Büb­chen vor­neh­men kann. Ich will wis­sen, wer da hin­ten­dran die Fä­den zieht.«

»Scha­de ei­gent­lich. Ir­gend­wel­che Ein­wän­de, wenn ich even­tu­el­le An­grei­fer so an bal­le­re das sie zwar re­den kön­nen, aber nie mehr je­man­dem et­was tun kön­nen?«

»Was hast du vor Lea?«

»Nicht viel, ich schieß ih­nen den Knö­chel ka­putt, oder so in den Fuß, dass ge­hen, nur noch am Stock mög­lich ist. Wär das Okay für dich?«

»Da­mit kann ich le­ben«, ant­wor­te­te er.

Die Stra­ße, in die sie ein­bo­gen, hat­te ih­re bes­ten Zei­ten schon lan­ge hin­ter sich. Der As­phalt war brü­chig und die dich­ten Schlaglö­cher wa­ren tief. Sla­lom um die Ver­tie­fun­gen war nicht mehr mög­lich. Korn muss­te fast mit Schritt­tem­po fah­ren, um die Stoß­dämp­fer des Miet­wa­gens zu scho­nen. Trotz­dem schau­kel­ten die bei­den In­sas­sen hin und her. Das Haus in dem Rous­sel die bei­den Wis­sen­schaft­ler ver­steckt hat­te, war ein eher mo­der­ne­res Ge­bäu­de. Der klei­ne Vor­gar­ten war von bun­ten Blu­men über­zo­gen, de­ren Blü­ten die auf­ge­hen­de Son­ne re­flek­tier­ten. Ein sand­far­be­ner An­strich ließ das zwei­stö­cki­ge Haus fast mit dem Hin­ter­grund ver­schmel­zen. Korn sah sich das Ge­bäu­de aus dem Miet­wa­gen, den er ge­gen­über ge­parkt hat­te, lan­ge in­ten­siv an. Dann stieg er aus und blick­te sich auf der Stra­ße um. Al­les war ru­hig. Er ging auf Lea zu, die eben­falls aus­ge­stie­gen war, und sag­te »Siehst du da hin­ten den klei­nen Hü­gel Lea? Ich den­ke, das ist die per­fek­te Po­si­ti­on, um in De­ckung zu ge­hen. Egal wer oder was sich nä­hert, soll­test du von dort se­hen kön­nen, was meinst du?«

Lea blick­te zu dem Hü­gel hin­über und nick­te »Ich glau­be, du hast recht. Gib mir ei­ni­ge Mi­nu­ten, um in Po­si­ti­on zu ge­hen.«

Korn griff in sei­ne Ta­sche und zog ein Dö­schen her­vor, das er Lea reich­te.

»Das sind Funk­emp­fän­ger Lea. Ein­fach ins Ohr ste­cken und wir sind ver­bun­den. Gib mir Be­scheid, wenn du so weit bist, und falls sich was nä­hert, in­for­mie­re mich um­ge­hend, OK?«

»Cool, ich hab das bis­her im­mer mit ei­nem Head­set ge­re­gelt, war al­ler­dings nicht ganz so ver­läss­lich.«

»Neues­te Tech­nik. Glas­kla­rer Empfang bis zu 800 m Ent­fer­nung und ab­hör­si­cher.«

»Heißt, dass ich kann al­les mit­hö­ren, was ihr da drin re­det?«, frag­te sie.

Er nick­te, »Du hörst je­des Wort mit. Los jetzt, wir ha­ben kei­ne Zeit zu ver­lie­ren.«

Lea schul­ter­te ih­re Aus­rüs­tung und lief zu dem Hü­gel, wäh­rend Korn sei­ne Glock, die er im Schul­ter­hols­ter bei sich trug, durch­lud. We­nig spä­ter hör­te er über den Emp­fän­ger in sei­nem lin­ken Ohr, das Lea in Po­si­ti­on war, und so­weit al­les ru­hig. Er at­me­te noch ein­mal tief durch und über­quer­te die Stra­ße. Vor dem Ein­gang blieb er ste­hen und ramm­te sei­nen Zei­ge­fin­ger auf die Klin­gel. Oh­ne die Glo­cke los­zu­las­sen, blieb er ste­hen bis ein schüch­ter­ner Al­ter Mann in hel­len Lei­nen­ho­sen und dunklem Po­los­hirt die Tür öff­ne­te. Er rieb sich noch ver­schla­fen die Au­gen als Korn ihn ein­fach in den Haus­flur zu­rück­dräng­te und die Tür hin­ter sich zu­warf.

»W-w-wer sind sie?«, stot­ter­te der Al­te ängst­lich.

»Man könn­te mich als Lu­xus­pro­blem be­zeich­nen, Mis­ter Bu­ric wie ich am Dia­lekt hö­re. Wo steckt ihr Kol­le­ge Onut?«

»Ich bin hier! Kei­ne Be­we­gung sonst wer­den sie nur noch einen Knall hö­ren«, droh­te ei­ne jün­ge­re Stim­me hin­ter ihm.

»Ste­cken sie das Spiel­zeug weg, ich möch­te sie nicht un­be­dingt ver­let­zen müs­sen, be­vor sie mir sa­gen, was ich wis­sen will«, lach­te Korn.

»Die­ses Spiel­zeug macht häss­li­che Lö­cher«, sag­te die Stim­me hin­ter ihm.

Blitz­schnell dreh­te Korn sich um, schlug ge­gen den Un­ter­arm, der die Waf­fe hielt, die dar­auf hin pol­ternd zu Bo­den fiel, und schnapp­te den über­rasch­ten Mann mit der lin­ken Hand am Kra­gen. In ei­ner ele­gan­ten Dre­hung warf er den jun­gen an Bu­ric vor­bei zu Bo­den. Mi­cha­el blick­te kurz zu der Waf­fe, die am Bo­den lag und lach­te.

»Ei­ne Schreck­schuss­pis­to­le macht kei­ne Lö­cher Mis­ter Ko­kos­nuss, und be­vor sie ab­drücken könn­ten, müs­sen sie die Waf­fe ent­si­chern. Hat sich wohl noch nicht bis in die Tür­kei her­um­ge­spro­chen. Neh­men sie Hal­tung an oder krab­beln sie zu der Couch im Wohn­zim­mer, dann kom­men wir zum spa­ßi­gen Teil der Ver­an­stal­tung«, brumm­te Korn amü­siert.

Lei­se hör­te er Lea durch den Funk­emp­fän­ger in sei­nem Ohr ki­chern. Korn trat auf die bei­den ver­dutz­ten Wis­sen­schaft­ler zu und be­trach­te­te die nä­he­re Um­ge­bung. Es war ein of­fen ge­bau­tes Haus. Links von ihm führ­te ei­ne Trep­pe in ei­nem 90 Grad Win­kel zur obe­ren Eta­ge hin­auf. Vor ihm er­streck­te sich ein of­fen ge­hal­te­nes Wohn­zim­mer mit ei­nem Tisch, um den vier Holz­stüh­le stan­den, ein be­quem wir­ken­des So­fa stand vor ei­nem LCD Fern­se­her, der an der Wand hing und rechts stand ei­ne Kochin­sel mit Gas­herd. Da­hin­ter führ­te ei­ne klei­ne Tür in ein hell­blau ge­flies­tes Ba­de­zim­mer. Bu­ric war für sei­ne 60 Jah­re noch ganz schön drah­tig ge­baut. Die tie­fen Fal­ten in sei­nem Ge­sicht und die schloh­wei­ßen Haa­re, die wie ein Hei­li­gen­schein um sei­ne un­be­haar­te Kopf­haut wu­cher­ten, ga­ben ihm das Aus­se­hen ei­nes net­ten Groß­va­ters. Die tief lie­gen­den grau­brau­nen Au­gen ver­steck­ten sich hin­ter ei­ner schlan­ken Bril­le, die er auf sei­ner Na­sen­spit­ze ba­lan­cier­te. Kor Onut, war ge­ra­de mal halb so alt wie der Al­te. Ein klei­ner Un­ter­set­zer Typ mit pech­schwar­zen Haa­ren, die er wohl in Un­men­gen Haar­gel zu er­trän­ken ver­such­te. Bu­schi­ge Au­gen­brau­en über den eher her­vor­ste­hen­den dunklen grü­nen Au­gen ga­ben ihm das Aus­se­hen ei­nes Fal­ken. Die flei­schi­ge Na­se wirk­te wie ein Fremd­kör­per in sei­nem gold­braun, schim­mern­dem Ge­sicht. Müh­sam rap­pel­te er sich auf und woll­te einen er­neu­ten An­griff auf Korn star­ten als er sei­nen Kopf wie ein Stier nach un­ten beug­te. Korn schlug ihm einen lin­ken Ha­ken auf die Nie­re, be­vor er ihn wie einen gu­ten Freund mit sei­nen Ar­men um­fing und so am Fal­len hin­der­te.

»Du möch­test nicht den gan­zen Tag mit mir tan­zen Ko­kos­nuss. Es sei denn, dir liegt nichts an dei­nen Harn­we­gen und du stehst auf Schmer­zen. Pack dei­nen fet­ten Arsch auf das So­fa und ent­spann dich«, knurr­te ihm Korn ins Ohr.

Keu­chend wie ei­ne Dampf­lok und mit schmerz­ver­zerr­tem Ge­sicht wank­te der tür­ki­sche Wis­sen­schaft­ler auf die Couch zu und fiel mit ei­nem Äch­zen in das Pols­ter. Bu­ric folg­te ihm und setz­te sich, rechts ne­ben sei­nen Kol­le­gen, als er noch ein­mal frag­te, »Wer sind sie, und was wol­len sie?«

»Mein Na­me ist Korn. Ich kom­me von In­ter­pol und wer­de ih­nen bei­den Fra­gen stel­len, die sie mir aus­führ­lichst be­ant­wor­ten wer­den. Wenn ich mer­ke, dass sie Spiel­chen mit mir trei­ben wol­len sor­ge ich für ei­ne Un­ter­brin­gung im mie­ses­ten Kran­ken­haus der gan­zen Ka­ri­bik und ma­che den Ärz­ten klar, dass sich Mor­phi­um bei ih­nen nicht lohnt.«

»Aber Ber­nand Rous­sel von In­ter­pol hat uns hier­her­ge­bracht, da­mit wir in Si­cher­heit sind«, wi­der­sprach Bu­ric

»Das ist rich­tig, nur Rous­sel wuss­te nicht, dass sie uns wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen vor­ent­hal­ten. Des­halb muss­te ich den At­lan­tik über­que­ren, um mit ih­nen bei­den hal­b­en Por­tio­nen ein erns­tes Wort zu re­den. Dass ich nicht ge­ra­de ger­ne hier bin, dür­fen sie mir glau­ben. Mei­ne Kol­le­gin und ich hät­ten auch Bes­se­res zu tun.«

»Wir ent­hal­ten ih­nen kei­ne wich­ti­gen In­for­ma­tio­nen. Al­les, was sie wis­sen müs­sen ha­ben wir ih­nen be­reits ge­sagt!«, mo­nier­te Onut.

»Al­les, was wir wis­sen müs­sen viel­leicht, uns geht es aber um die In­for­ma­tio­nen, die wir ih­rer Mei­nung nicht wis­sen müs­sen.«

»Mis­ter Korn, die­se In­for­ma­tio­nen sind un­se­re Le­bens­ver­si­che­rung! Glau­ben sie wirk­lich, wir wür­den sie ein­fach so aus­plau­dern, wenn je­mand hier an­kommt?«, jam­mer­te Onut und stand auf, dreh­te sich zu Bu­ric um und sag­te »Goran, du auch einen Kaf­fee? Wir wur­den ja so un­sanft vor dem Früh­stück ge­stört.«

»Ger­ne Kor«, sprach Bu­ric ver­gnügt und füg­te dann hin­zu »Un­ser fle­gel­haf­ter Gast be­kommt aber kei­nen.«

»Opa, falls ich eben zu un­deut­lich ge­we­sen sein soll­te, sag ich es noch mal ver­ständ­li­cher für sie bei­den Null­num­mern. Ich will je­de Ein­zel­heit wis­sen und die wer­de ich auch er­fah­ren. Mir ist es voll­kom­men egal, wel­che Kno­chen ich ih­nen bre­chen muss oder wel­che Or­ga­ne ich oh­ne Be­täu­bung aus ih­ren ver­weich­lich­ten le­ben­den Hül­len her­aus­neh­me. Ha­ben sie das jetzt be­grif­fen?«

Onut hat­te in der Zwi­schen­zeit zwei Tas­sen mit Kaf­fee ge­füllt und kam zu der Couch zu­rück. Er reich­te Bu­ric ei­ne Tas­se, setz­te sich wie­der und trank ei­ni­ge große Schlu­cke.

»Jetzt ist der Kaf­fee schon fast kalt. Pro­bier mal Goran, schmeckt ir­gend­wie ko­misch. Oder das liegt an dem Be­such heu­te Nacht der den Ge­schmack be­ein­träch­tigt.«

Bu­ric führ­te die Tas­se zur Na­se. »Riecht wie nor­ma­ler Kaf­fee«, mein­te er la­pi­dar und kipp­te sich die Tas­se fast in ei­nem Zug in sei­nen Sch­lund.

»Schluss jetzt mit dem Kaf­fee­kränz­chen für die Hal­baf­fen. Jetzt wer­den wir sie bei­den mal auf links zie­hen!«, pol­ter­te Korn.

Bu­ric und Onut wur­den mit ei­nem Mal weiß wie ei­ne frisch ge­stri­che­ne Wand. Jeg­li­che Far­be war aus ih­ren oh­ne­hin blei­chen Ge­sich­tern ge­wi­chen. Der tür­ki­sche Wis­sen­schaft­ler riss den Mund auf und schnapp­te nach Luft be­vor er nach links kipp­te. Bu­ric zog ei­ne Frat­ze und sank in sich zu­sam­men. Bei­de wa­ren auf der Stel­le tot. Korn sah ir­ri­tiert auf die bei­den Kör­per her­ab. Er griff an den Hals von Bu­ric, um nach dem Herz­schlag zu tas­ten, aber da war nichts mehr.

»Lea, hast du drau­ßen ir­gend­was be­merkt?«, frag­te Korn.

»Nein, hier war al­les ru­hig bis auf einen Tou­ris­ten, der mit sei­nem Kö­ter die Stra­ße lang ging«, kam so­fort die Ant­wort.

»Un­se­re bei­den ver­kapp­ten No­bel­preis­fuz­zis sit­zen tot auf der Couch«, re­si­gnier­te Korn.

»Wie jetzt? Du hast ja nicht mal an­ge­fan­gen, die bei­den aus­ein­an­der­zu­neh­men.«

»Mir scheint, da war Gift im Kaf­fee. Du kannst dei­nen Pos­ten drau­ßen auf­ge­ben. Komm rein, wir durch­su­chen den La­den. Vi­el­leicht fin­den wir ja et­was, was uns wei­ter­hilft«, mein­te Korn, wäh­rend er be­reits mit sei­nen Au­gen den Raum ab­such­te.

»Hat ei­ner der bei­den nicht von ei­nem Be­such heu­te Nacht ge­spro­chen?«, frag­te Lea als sie auf­stand und ih­re Aus­rüs­tung über die Schul­ter warf.

»Du hast recht Lea. Ich dach­te, der Arsch meint mich da­mit, weil wir so früh hier wa­ren«, stutz­te Korn.

Der Bo­dy­guard durch­such­te die bei­den leb­lo­sen Kör­per. Al­les, was er fand, war ein Päck­chen Zi­ga­ret­ten so­wie ein klei­nes sil­ber­far­be­nes Feu­er­zeug in der Ta­sche des Äl­te­ren. Lea klin­gel­te. Mi­cha­el öff­ne­te die Haus­tür. Sein Blick senk­te sich über sei­ne Kol­le­gin und er ver­harr­te ei­ne Se­kun­de län­ger als nö­tig, be­vor er einen Schritt zur Sei­te mach­te, um sie ein­tre­ten zu las­sen. Sie schi­en es be­merkt zu ha­ben, sag­te aber nichts. Bei­de durch­such­ten gründ­lich das gan­ze Haus fan­den aber kei­ne Auf­zeich­nun­gen oder ir­gen­det­was Brauch­ba­res. Korn setz­te sich an den Lap­top, der auf dem Tisch stand und star­te­te ihn. Aber auch nach län­ge­rer War­te­zeit war kein Be­triebs­sys­tem ge­la­den. Er sag­te zu Lea, »Je­mand hat wohl die Fest­plat­te mit­ge­nom­men oder ge­löscht, wir soll­ten Banks das Gerät an den Kopf wer­fen, viel­leicht kann er ja was da­mit an­fan­gen.«

Sie ki­cher­te lei­se be­vor sie sag­te, »Du magst ihn nicht be­son­ders, oder? Hat er auch ver­sucht, bei dir zu lan­den, ob­wohl du gar nicht aus­siehst wie ei­ne Frau?«

»Das wä­re mir egal ge­we­sen. Er hat bei ei­nem Job sei­nen Pos­ten ver­las­sen, ei­ne Min­der­jäh­ri­ge in sei­nem stin­ken­den Van ge­vö­gelt und die Jungs mit dem MG's die be­reits drau­ßen war­te­ten nicht be­ach­tet. Des­we­gen ha­be ich meh­re­re gu­te Män­ner ver­lo­ren und zwei Ziel­per­so­nen wur­den ge­tö­tet«, ant­wor­te­te er tro­cken.

»Sieh es po­si­tiv, du hast über­lebt Mi­cha­el«, lä­chel­te sie.

»Ich hät­te mir ge­wünscht, das dem nicht so ist«, sag­te er und be­dach­te sie mit ei­nem Blick, den sie nicht deu­ten konn­te.

Mit großen Au­gen sag­te sie, »Du hät­test dir ge­wünscht, dort zu ster­ben?«

»Ich bin schon lan­ge vor­her ge­stor­ben Lea.«

»Nein, ich kann se­hen, dass et­was in dir ge­stor­ben ist, was dich run­ter­zieht, aber es kom­men auch wie­der bes­se­re Ta­ge.«

»Lea, ich … ach ver­dammt!«, schrie er und häm­mer­te sei­ne Faust ge­gen die Wand hin­ter dem Tisch. Dort wo er ge­trof­fen hat­te, blieb ein Ab­druck zu­rück, aber es war noch et­was an­de­res zu hö­ren. Es klang wie ei­ne zit­tern­de Me­tall­plat­te. Lea hat­te erst ge­dacht, er wür­de sie an­grei­fen und wich et­was zu­rück, aber dann sah sie, das der An­griff nicht ihr galt. Sie hat­te wohl ein The­ma er­wi­scht, über das Korn nicht re­den woll­te oder konn­te. Er al­ler­dings ver­nahm das zit­tern­de Geräusch und schau­te reg­los zur Wand. Sie sah ihm an, dass er nicht ein­ord­nen konn­te, wo­her das Geräusch kam. Korn häm­mer­te er­neut ge­gen die Wand. Wie­der die­ses Geräusch.

»Ir­gend­was ist in der Wand ver­bor­gen Lea. Wir su­chen al­les ge­nau ab!«, rief er und be­gann je­den Mil­li­me­ter der Ober­flä­che ab­zu­tas­ten. Lea tat es ihm gleich, als sie ih­ren kur­z­en Schock über­wun­den hat­te. Nach­dem sie die kom­plet­te Wand un­ter­sucht hat­ten, wa­ren sie auf nichts ge­sto­ßen. Korn tipp­te mit den Fin­gern auf die Wand. Man sah ihm an, dass er über­leg­te, was zu tun war. Er zog sei­ne Glock aus dem Schul­ter­hols­ter, warf das Ma­ga­zin aus und leer­te die Pa­tro­nen­kam­mer. Dann be­gann er mit dem Griff die Wand ab­zu­klop­fen. Lea tat es ihm gleich. An ei­ner Stel­le na­he der De­cke klang es hohl, aber es war nichts zu se­hen, was auf ein Ver­steck hin­ge­deu­tet hät­te. Korn blick­te auf und sag­te »Was ist da oben­drü­ber?«

»Ähm, das Ba­de­zim­mer glau­be ich!«, sag­te sie.

Korn rann­te die Trep­pe hin­auf. Lea folg­te ihm. Es war tat­säch­lich das Ba­de­zim­mer. Korn warf sich auf die Knie und such­te die hel­len Flie­sen ober­halb des Bo­dens ab. Zwi­schen der Du­sche und der Toi­let­te stand ein of­fe­nes Re­gal. Korn warf es acht­los hin­ter sich in den Raum. Wo es ge­stan­den hat­te, fiel sein Blick auf vier Flie­sen, die wie der Zu­gang zu ei­nem Ablauf aus­sa­hen. Er riss dar­an her­um, be­kam es aber nicht auf. Kur­zer­hand nahm er sei­ne Waf­fe und zer­trüm­mer­te die Flie­sen. Ein­ge­las­sen in der Wand kam ei­ne Stahl­röh­re zum Vor­schein, die nach un­ten führ­te. Sie war zu eng als das Korn sei­ne mäch­ti­gen Hän­de rein­be­kom­men wür­de. Er stand auf um Lea, die hin­ter ihm stand, Platz zu ma­chen. Die klei­ne blon­de Frau hat­te die deut­lich klei­ne­ren Hän­de. Vor­sich­tig griff sie in die Öff­nung und zog ei­ne klei­ne SSD Fest­plat­te her­aus. Tri­um­phie­rend streck­te sie den Arm gen Him­mel und rief, »Ich ver­wet­te mei­nen sü­ßen Arsch dar­auf, das wir die Da­ten ge­fun­den ha­ben!«

»Ich bin mir nicht si­cher«, brumm­te Korn, »lass uns erst her­aus­fin­den, was wir da ge­fun­den ha­ben.«

21. Kapitel
Dominikanische Republik, Puerto Plata

»Die bei­den konn­ten uns kei­ne Da­ten ge­ben. Es exis­tiert kei­ne Ko­pie au­ßer­halb des For­schungs­zen­trums. Wir müs­sen wis­sen, wo das gan­ze Ma­te­ri­al von dort aus hin­ge­kom­men ist«, schnaub­te der Te­am­füh­rer in das Te­le­fon.

»Bin ich Cop­per­field? Kann ich zau­bern?«, kam dar­aus her­vor.

»Je­de Spur ver­läuft sich im Sand. Nicht der kleins­te Hin­weis auf den Ver­bleib der Da­ten oder des Ma­te­ri­als. Sie müs­sen uns ir­gen­det­was lie­fern oder die Mis­si­on ist ge­schei­tert!«

»Ih­re Mis­si­on viel­leicht, aber mei­ne noch lan­ge nicht. Falls ich et­was fin­de, be­kom­men sie Be­scheid. Ru­fen sie nie wie­der hier an, die­se Ver­bin­dung ist nicht si­cher!«, hör­te er, be­vor es knack­te und die Lei­tung tot war.

Ihr Ein­satz in Ca­ba­re­te war mehr oder we­ni­ger er­folg­los ver­lau­fen. Sie hat­ten die Zeu­gen be­sei­tigt, aber die bei­den Wis­sen­schaft­ler konn­ten ih­nen nicht den kleins­ten Hin­weis lie­fern, weil sie ein­fach nichts wuss­ten. Ko­pi­en gab es nicht, die Sa­fes im For­schungs­zen­trum ga­ben auch nur ver­brauch­te Luft her und das ge­sam­te Ma­te­ri­al blieb ver­schwun­den. Es war nicht ein­mal mög­lich die letz­te Wis­sen­schaft­le­rin zu fin­den. Ih­re El­tern hat­te ein an­de­res Te­am be­fragt und das Haus auf den Kopf ge­stellt. Es gab kei­nen Hin­weis auf ih­ren Ver­bleib. Sie müss­te noch in Me­xi­ko sein. Den Flug auf ih­ren Na­men hat­te sie nie an­ge­tre­ten, ih­re Woh­nung in Cancún war ver­las­sen und nie­mand hat­te sie ge­se­hen. Die­se Ma­rie Was­ser­stein war wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Der gan­ze Ein­satz soll­te Rou­ti­ne sein. Der ita­lie­ni­sche Com­pu­ter­tech­ni­ker soll­te die Box aus dem La­bor mit­neh­men, sie am Strand hin­ter­le­gen, wo er sie ab­ge­holt hat­te, dann nach Hau­se flie­gen und bei ei­nem Brand zu­sam­men mit sei­ner Frau drauf­ge­hen. Die Da­ten soll­te der Kon­takt im For­schungs­zen­trum aus dem Sa­fe von Bu­ric ho­len und mit der Haus­post an ei­ne fin­gier­te Adres­se schi­cken. Da­mit wä­re das The­ma er­le­digt ge­we­sen. Aber von An­fang an er­leb­ten sie ei­ne Plei­te nach der an­de­ren. Die Box war am Strand hin­ter­legt wor­den, er hat­te sie dort selbst ab­ge­holt und an sei­nen Kon­takt­mann am Flug­ha­fen über­ge­ben. Der Pro­blem­lö­ser hat­te den Com­pu­ter­tech­ni­ker kalt ge­macht, be­vor über­haupt auf­ge­fal­len war, dass die Box völ­lig wert­los war. Es war nur das Ge­häu­se und nicht die ei­gent­li­che Bat­te­rie. Dann wur­den er und sein Te­am auf die­se Was­ser­stein an­ge­setzt. Als sie das For­schungs­zen­trum er­reich­ten, war es schon ge­schlos­sen wor­den und die­se Wis­sen­schaft­le­rin ver­schwun­den. In ih­rer Woh­nung fehl­te der Kof­fer. Vor dem Boar­ding der Ma­schi­ne nach Deutsch­land war er mit sei­nem Te­am am Flug­ha­fen, nur die Wis­sen­schaft­le­rin hat­te dort nie ein­ge­checkt. Ihr Au­to wur­de in ei­nem Park­haus in Cancún ge­fun­den. Von ihr selbst fehl­te je­de Spur. Dann be­ka­men sie den Auf­trag das For­schungs­zen­trum zu durch­su­chen. Nach­dem der Säu­be­rungs­trupp al­le Si­cher­heits­leu­te eli­mi­niert hat­te und sie den Sa­fe ge­öff­net hat­ten, wähn­ten sie sich am Ziel, doch der gan­ze ver­damm­te Bau war leer ge­räumt. Und nun, soll­ten sie die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die In­ter­pol in Ca­ba­re­te ver­steckt hat­te aus­fin­dig ma­chen und al­le In­for­ma­tio­nen ho­len. Die bei­den wa­ren am Mor­gen da­nach ga­ran­tiert drauf­ge­gan­gen, als sie den Kaf­fee ge­trun­ken hat­ten. Die Fest­plat­te, die er ko­piert hat­te, ent­hielt al­len mög­li­chen Un­sinn, nur kei­ne Da­ten. Je­de Men­ge Por­no­film­chen und Chat­ver­läu­fe über die bes­ten Freu­den­häu­ser in der Ka­ri­bik, da­zu ein Bit­coin Kon­to mit sa­gen­haf­ten Null Dol­lar und der On­li­ne­aus­ga­be ei­nes Bu­ches von ei­nem Au­tor aus Ös­ter­reich.

John Clark­son war al­les an­de­re als er­freut über die stän­di­gen Plei­ten und er und sei­ne bei­den Jungs hat­ten nicht die kleins­te Spur, der sie noch fol­gen konn­ten. Ob­wohl, ei­ne ganz klei­ne Fähr­te hat­ten sie noch. Der Kon­takt im For­schungs­zen­trum.

Südamerika, Irgendwo über dem Atlantik

Lea Tay­lor saß mit Mi­cha­el Korn in der Gulf­stream von In­ter­pol. Die Fest­plat­te, die sie im Haus in Ca­ba­re­te ge­fun­den hat­ten, lag zwi­schen ih­nen auf dem klei­nen Tisch. Sie hat­ten ver­sucht, die Da­ten dar­auf aus­zu­le­sen, aber die Fest­plat­te war ver­schlüs­selt und je­der Ver­such zweck­los. Sie konn­ten nur hof­fen, dass ihr Ha­cker der mit Liz ge­ra­de nach Ko­pen­ha­gen un­ter­wegs war, ihr die Ge­heim­nis­se ent­lo­cken könn­te. Da sie nichts wei­ter tun konn­ten, ge­nos­sen sie den Flug zu­rück nach Frank­reich. Lea hat­te be­merkt, das Korn ihr ge­gen­über kei­ne sei­ner sons­ti­gen Ge­mein­hei­ten fal­len ließ. Manch­mal er­tapp­te sie ihn bei ei­nem kur­z­en Blick, der we­ni­ge Au­gen­bli­cke auf ihr haf­ten blieb, bis er wie­der stur und re­gungs­los aus dem Fens­ter starr­te. Ih­re Au­gen mus­ter­ten die­sen ehe­ma­li­gen Bo­dy­guard auf­merk­sam. Er war oh­ne Fra­ge at­trak­tiv, wenn auch et­was rund­li­cher um die Hüf­ten, aber trotz­dem wen­dig und schnell. Sei­ne Be­we­gun­gen wa­ren kraft­voll und ziel­si­cher. Die blau­en Au­gen, um­rahmt von den kan­ti­gen Ge­sichts­zü­gen, wa­ren stän­dig in Be­we­gung, als ob sie et­was su­chen wür­den. Ins­ge­samt wirk­te er be­droh­lich auf die Men­schen, und sei­ne un­mög­li­che Art un­ter­stri­chen die­se Be­dro­hung noch. Al­ler­dings war ihr auf­ge­fal­len, dass es da noch ei­ne Sei­te an ihm gab, die nur in kur­z­en Au­gen­bli­cken zum Vor­schein kam. Ei­ne wei­che und ver­letz­li­che Sei­te. Ver­steckt hin­ter der Mau­er, die er um sich er­rich­tet hat­te. Und ihr war auf­ge­fal­len, dass er sich seit dem Ab­flug aus Ly­on, ihr ge­gen­über ganz an­ders ver­hielt. Er sprach mit ihr nicht mehr von oben her­ab, son­dern be­müh­te sich, sicht­lich freund­li­cher zu ihr zu sein. Jetzt muss­te sie nur noch ver­su­chen, hin­ter sein Ge­heim­nis zu kom­men. Bei ih­ren Ge­sprä­chen gab es im­mer wie­der die­sen einen Punkt, an dem er oh­ne Vor­war­nung hin­ter sei­ner Mau­er ver­schwand, meist brach er dann den Satz ab und schwieg. Sie woll­te die Scha­le knacken.

»Mi­cha­el, was ist dein Ge­heim­nis?«, frag­te sie of­fen her­aus.

Korn starr­te wei­ter­hin still aus dem Fens­ter. Erst als Lea die Fra­ge wie­der­ho­len woll­te, kam sei­ne Ant­wort, »Ge­heim­nis? Wie kommst du dar­auf, ich hät­te ein Ge­heim­nis?«

»Das ist of­fen­sicht­lich. Du ver­steckst dich hin­ter dei­ner Art.«

»Da gibt es kein Ge­heim­nis, ich bin eben so, wie ich bin.«

»So, wie du bist, hat sich aber seit wir Ly­on ver­las­sen ha­ben ganz schön ge­än­dert.«

»Nein, es hat sich nichts ge­än­dert. Du bil­dest dir et­was ein«, be­harr­te er und stier­te wei­ter aus dem Fens­ter.

»Mi­cha­el, ich bin nicht blind. Meinst du ich, be­mer­ke dei­ne Bli­cke nicht und be­kom­me auch nicht mit, dass du an­ders mit mir sprichst?«

»Ich soll­te net­ter sein wur­de mir ge­sagt, das ist al­les.«

»Das ist lä­cher­lich und das weißt du. Du sitzt in dei­nem Kä­fig und je­des Mal, wenn ich einen Blick dar­auf er­ha­sche, drehst du dich um, nur da­mit du nichts er­klä­ren musst.«

»Es gibt nichts zu er­klä­ren Lea«, ant­wor­te­te Korn kühl, aber sei­ne Stim­me klang be­bend.

»Oh doch, da gibt es ei­ni­ges zu er­klä­ren. Ich be­mer­ke dei­ne Bli­cke, du bist un­si­cher und ver­suchst, zwang­haft et­was zu ver­ste­cken!«

»Lea, ich kann nicht. Hör bit­te da­mit auf!«, wich er aus.

»Ich ha­be ge­ra­de erst an­ge­fan­gen und der Flug dau­ert noch lan­ge ge­nug. Du kannst mir nicht da­von­lau­fen. Bis wir lan­den will ich al­les wis­sen! Vor­her ge­be ich kei­ne Ru­he.«

»Dann soll­te ich dem Pi­lo­ten klar­ma­chen die Tür zu öff­nen.«

»Ach, willst du mich im At­lan­tik er­trän­ken?«, frag­te sie.

»Nein, ich ge­he lie­ber mit den Hai­en schwim­men.«

»Du willst al­so lie­ber aus 10 km Hö­he ins Meer sprin­gen, und wenn du das über­lebst mit den Hai­en spie­len, nur um mir nichts sa­gen zu müs­sen?«

»Lea, du ver­stehst es nicht. Ich bin schon seit 30 Jah­ren dem Tod nä­her als dem Le­ben. Be­las­sen wir es da­bei.«

»Das heißt, ich wur­de ge­bo­ren, als du ge­stor­ben bist. Ein­zel­hei­ten?«, setz­te sie nach.

Korn sag­te nichts. Nach wie vor rich­te­te sich sein Blick durch das Fens­ter der Gulf­stream nach drau­ßen. Lea bohr­te mit ih­rem Blick nach, aber er zeig­te kei­ne Re­ak­ti­on. Un­be­weg­lich saß er in sei­nem Ses­sel. Es ver­stri­chen ei­ni­ge zä­he Mi­nu­ten, bis Lea die Ver­än­de­rung be­merk­te. Korn hat­te die Au­gen ge­schlos­sen und sie konn­te Trä­nen in sei­nem Ge­sicht se­hen, die der Schwer­kraft nach un­ten folg­ten. Sie be­fürch­te­te zu weit ge­gan­gen zu sein. Lea hat­te die har­te Scha­le auf­ge­bro­chen, aber noch im­mer ver­ließ kein Ton sei­nen Mund. Wie soll­te sie dar­auf rea­gie­ren? Be­vor Lea ih­re Op­tio­nen ana­ly­sie­ren konn­te, be­weg­te der Bo­dy­guard sei­nen Kopf vom Fens­ter weg, sah sie mit den nas­sen feuch­ten Au­gen an, be­vor er lei­se an­fing, et­was zu sa­gen. Lea spitz­te die Ohren.

»Bis wir in Ly­on lan­den wirst du vie­les er­fah­ren Lea. Aber, wenn ich aus die­ser Ma­schi­ne stei­ge, seid ihr drei auf euch ge­stellt. Ich ver­las­se das Te­am so­fort nach der Lan­dung und ihr braucht nicht nach mir zu su­chen. Was man fin­den wird, ist mei­ne Lei­che.«

Lea wur­de mit ei­nem Schlag blass.

»Mi­cha­el, du machst mir Angst. Ich will zwar wis­sen, was los ist, aber nicht um je­den Preis. Wir wer­den ei­ne Lö­sung fin­den, die nicht mit dei­ner Lei­che en­det, ok?«

»Es gibt kei­ne an­de­re Lö­sung.«

»Die gibt es im­mer, man muss nur da­nach su­chen!«

»So, wie ich das se­he, gibt es nur ei­ne Lö­sung und die ist für mich un­ge­fähr so un­er­reich­bar wie die Ei­ger-Nord­wand für einen Asth­ma­ti­ker.«

»Ich wer­de dir hel­fen, so gut ich kann die­se Lö­sung zu er­rei­chen, ver­spro­chen!«

»Das Lea ist ein Ver­spre­chen, das du nicht hal­ten kannst, weil du die­se Lö­sung bist!«

Sie schau­te ihn ir­ri­tiert an, ver­stand aber nicht, was er da­mit sa­gen woll­te. Er gab ihr einen Mo­ment Zeit zu über­le­gen. Fast flüs­ternd frag­te sie, »Ich bin die Lö­sung?«

»Ja, auch wenn sich das für dich un­glaub­lich an­hö­ren muss. Ich kann es ja selbst kaum glau­ben.«

»Sieht so aus, als hät­te ich die Büch­se der Pan­do­ra ge­öff­net. Al­ler­dings ist es jetzt zu spät sie wie­der zu ver­schlie­ßen und ich muss mit den Kon­se­quen­zen le­ben. Du ver­langst aber hof­fent­lich nicht von mir, dass ich er­schie­ße, denn das könn­te ich nicht. Zum einen, weil ich kei­ne Un­schul­di­gen um­brin­ge und zum an­de­ren, weil ich, ähm Ge­fal­len an dir ge­fun­den ha­be.«

Korn hob die Au­gen­brau­en nach oben und blick­te ihr in die grü­nen Au­gen. Sie er­rö­te­te.

»Du magst mich?«, frag­te er stot­ternd.

»Du kannst es ja doch in mir le­sen, Mi­cha­el. Ich fand dich sehr in­ter­essant, als mir Rous­sel dein Dos­sier zu­kom­men ließ. Da drin war auch ein Fo­to und ich war vor dei­nen Au­gen so­fort fas­zi­niert. Als ich dich dann im Be­spre­chungs­raum das ers­te Mal di­rekt ge­se­hen ha­be, konn­te ich mei­nen Blick nicht von dir las­sen. Das war ein Mo­ment für mich, den ich nicht ganz be­schrei­ben kann. Bei un­se­rem klei­nen Ge­spräch al­lei­ne wur­de es auch nicht wirk­lich bes­ser und ich muss­te mich stark zu­sam­men­rei­ßen, um nicht ir­gend­ei­nen Blöd­sinn zu er­zäh­len. Als du dann dei­ne Sa­chen im Ho­tel ho­len woll­test, kam aber dei­ne Art durch, was mich ehr­lich ge­sagt wü­tend ge­macht hat. So wü­tend dass ich mir beim Schieß­test auf der Ziel­schei­be dein Ge­sicht vor­ge­stellt ha­be. Als wir dann ab­ge­flo­gen sind, kam aber wie­der was an­de­res durch. Da war dei­ne Ent­schul­di­gung, wenn du dich er­in­nerst, und ich hat­te ganz schö­nes Herz­klop­fen. Lei­der woll­te ich schon auf dem Flug hier­her mehr her­aus­be­kom­men, was al­ler­dings nur da­zu ge­führt hat, dass wir kaum noch ge­spro­chen ha­ben. Als ich in Ca­ba­re­te dann auf dem Hü­gel lag und die gan­ze Zeit dei­ne Stim­me im Ohr hat­te, woll­te ich, dass der Tag nie en­det. Das hät­te ewig so wei­ter­ge­hen kön­nen. Im Haus dann spä­ter war ich wie­der kurz da­vor dir dein Ge­heim­nis zu ent­lo­cken. Lei­der wur­den wir ja un­ter­bro­chen, weil du wie­der in dei­ne Mau­ern ge­flüch­tet bist und ne­ben­bei fast die Wand zer­trüm­mert hast. Als wir dann wie­der zum Flug­ha­fen ge­fah­ren sind, ha­be ich mir über­legt dich jetzt auf die­sem Flug so lan­ge zu be­ar­bei­ten, bis ich al­les weiß. Und jetzt sit­ze ich hier wie ein klei­nes Mäd­chen und er­zäh­le dir mei­ne Ge­fühls­welt, oh­ne auch nur et­was von dei­nem Ge­heim­nis er­fah­ren zu ha­ben. Ei­gent­lich dach­te ich, du wüss­test, dass schon al­les, be­vor ich es sa­ge.«

»Ich weiß nicht, was ich sa­gen soll Lea. Nor­ma­ler­wei­se kann ich in Men­schen le­sen wie in ei­nem of­fe­nen Buch, nur bei dir ver­sagt mei­ne Kunst au­gen­blick­lich. Als ich im Be­spre­chungs­raum den Aus­weis ent­ge­gen­neh­men muss­te, hab ich dich zum ers­ten Mal ge­se­hen und um ehr­lich zu sein hat es mir die Spra­che ver­schla­gen. Ich war hin und weg, ob­wohl ich nie ge­dacht hät­te, dass so et­was in mei­nem Le­ben noch ein­mal mög­lich sein könn­te. Ich hat­te al­le Mü­he, mich zu kon­zen­trie­ren und dich nicht die gan­ze Zeit an­zu­star­ren. Bei dem Ge­spräch ha­be ich ver­sucht, in dir zu le­sen. Die­ser Ver­such ist gna­den­los ge­schei­tert. Al­les, was ich woll­te, war dich un­ter den Arm zu klem­men und auf dem schnells­ten Weg das Ge­bäu­de zu ver­las­sen. Mit je­der Se­kun­de stieg mei­ne Angst, dass du auf­springst, mit dem Fin­ger auf mich zeigst und laut schreist, du wür­dest mir an der Na­se an­se­hen, dass ich mich in dich ver­liebt ha­be. Das auf dem Weg zu mei­nem Ho­tel war der ver­zwei­fel­te Ver­such ein biss­chen Sou­ve­rä­ni­tät zu­rück­zu­be­kom­men. Das war nicht leicht für mich, denn die gan­ze Zeit war ich ver­sucht mir selbst ei­ne rein­zu­hau­en, weil ich so ein Arsch zu dir war. Auf dem Flug hat­test du mich weich ge­kocht. Des­halb ha­be ich mei­nen Platz ver­las­sen, in die Wol­ken ge­st­arrt und heim­lich ge­weint, weil ich dir nichts sa­gen konn­te. Auf dem Weg zum Haus ha­be ich mich krampf­haft am Lenk­rad fest­ge­hal­ten und mich ge­zwun­gen nur nach vor­ne zu schau­en. Hät­te ich nur einen Blick auf dich ge­wor­fen, wä­re es aus mit mir ge­we­sen. In dem Haus war ich dann wie­der kurz da­vor, konn­te es aber wie­der nicht. Ich war so sau­er auf mich selbst, dass ich ge­gen die Wand ge­schla­gen ha­be, um mich mit ein biss­chen Schmerz zu be­täu­ben. Und jetzt die­se Ak­ti­on. Weg­lau­fen kann ich schlecht, wir flie­gen noch min­des­tens 8 Stun­den al­so wuss­te ich ge­nau, was kom­men wür­de. Hät­te ich dir an­ge­se­hen, dass es dir un­ge­fähr so geht wie mir wä­re es un­sin­nig ge­we­sen, et­was zu ver­schwei­gen. Nur wie ge­sagt, bei dir funk­tio­niert das ir­gend­wie nicht.«

Lea wuss­te ge­nau was zu tun war. Sie stand auf, ging um den klei­nen Tisch, der zwi­schen ih­nen stand her­um und setz­te sich auf sei­nen Ober­schen­kel, dann zog sie ihn zu sich her­an und küss­te ihn. Der Bann war ge­bro­chen. Die nächs­te hal­be Stun­de ver­brach­ten Sie wild küs­send bis sie ihm tief in die Au­gen sah und sag­te, »Kannst du mir jetzt dein Ge­heim­nis ver­ra­ten oder muss ich es aus dir her­aus Küs­sen?«

»Das An­ge­bot klingt ver­lo­ckend Lea, aber du wür­dest kei­nen Ton hö­ren. Ich wer­de es dir er­zäh­len. Bit­te un­ter­brich mich nicht, denn das wür­de es nur schlim­mer ma­chen. Igno­rie­re mei­ne Trä­nen und ver­sprich mir das du es für dich be­hältst!«, sag­te er ernst.

»Ver­spro­chen!«, lä­chel­te sie und hielt die rech­te Hand in die Hö­he.

Korn muss­te lä­cheln. Er lehn­te sich et­was zu­rück und fing lei­se an zu beich­ten.

»In dem Jahr als du zur Welt kamst, be­such­te ich, wie ei­gent­lich je­der Ju­gend­li­che, ei­ne Schu­le. In die­sem Jahr wa­ren wir die Ers­ten mit den Som­mer­fe­ri­en. Ge­gen En­de Ju­li be­gann für uns wie­der das Schul­jahr. Wäh­rend der ers­ten Wo­che traf, ich dann auf dem Schul­hof ei­ne Schü­le­rin, die neu an der Schu­le war. Sie war ein Jahr jün­ger als ich und ich hat­te sie noch nie vor­her ge­se­hen. Mei­ne bes­te Freun­din, mit der ich schon im Sand­kas­ten ge­spielt ha­be, kann­te sie von ei­ner Schul­füh­rung in den Som­mer­fe­ri­en. Ich war zu der Zeit noch im Ur­laub. Je­den­falls wer­de ich die­sen Au­gen­blick nie ver­ges­sen. Sie war zum Nie­der­kni­en. Die ers­ten 4 Wo­chen des Schul­jah­res wa­ren wir vier nur zu­sam­men an­zu­tref­fen. Isa­bel­la, so heißt sie, mei­ne bes­te Freun­din, ihr bes­ter Freund und ich ver­brach­ten je­de freie Mi­nu­te zu­sam­men. Wir wa­ren jung und dumm, ha­ben al­les Mög­li­che zu­sam­men an­ge­stellt und Isa­bel­la war im­mer da­bei. Es kam, wie es kom­men muss­te, und ich ha­be mich in sie ver­liebt. Al­ler­dings bis schwer über bei­de Ohren und mit al­lem, was da­zu­ge­hört. Mit­te Sep­tem­ber konn­te ich das nicht län­ger ver­heim­li­chen, al­so ha­be ich ihr auf dem Schul­hof ge­sagt, wie ich für sie emp­fin­de. An die­sem ver­fluch­ten Tag bin ich ge­stor­ben Lea. Ih­re Re­ak­ti­on war ganz an­ders, als man sich das ei­gent­lich vor­stellt. Ent­we­der be­kommt man einen Korb oder man fällt sich um den Hals. Sie hat­te noch ei­ne drit­te Op­ti­on in der Trick­kis­te, näm­lich den schlimms­ten Korb, den man sich nur vor­stel­len kann. Ich war ge­ra­de fer­tig mit mei­ner Beich­te, als ih­re rech­te Hand ge­flo­gen kam und mir im Ge­sicht lan­de­te. Di­rekt da­nach hat sie sich um­ge­dreht und mich ste­hen las­sen. Kör­per­lich tat mir die Ohr­fei­ge nicht mal weh, aber see­lisch hat sie mich völ­lig zer­stört. Das war aber lei­der noch nicht al­les. Nach die­sem Mo­ment hat sie mich kom­plett igno­riert, kein Wort mehr mit mir ge­wech­selt und ging mir aus dem Weg, wann im­mer das ir­gend­wie mög­lich war. Für mich war das schlim­mer als al­les, was man sich nur vor­stel­len kann. Mei­ne Ta­ge be­stan­den nur noch aus Isa­bel­la. Das be­gann mor­gens beim Auf­ste­hen und ging durch, bis ich ein­ge­schla­fen war. Aber selbst in mei­nen Träu­men war sie nicht aus mei­nen Ge­dan­ken zu be­kom­men. Ei­ni­ge Wo­chen spä­ter wur­de al­les noch viel schlim­mer. Mei­ne Näch­te lie­fen so ab, dass ich ein­sch­lief und dann in mei­nem Traum wie­der vor Isa­bel­la stand. Ich sah, wie sie mir ein her­un­ter­ge­hau­en hat und dann weg­ge­gan­gen ist. An der Stel­le bin ich dann im­mer wei­nend auf­ge­wacht und muss­te mich, so gut es ir­gend­wie ging be­ru­hi­gen. Als ich wie­der ein­ge­schla­fen bin, be­gann das al­les wie­der von vor­ne. Ich ha­be al­so et­wa 30 Mi­nu­ten ge­schla­fen bis ich wie­der wei­nend auf­ge­wacht bin, mich wie­der be­ru­higt ha­be, um dann die nächs­te hal­be Stun­de zu schla­fen, be­vor ich wie­der schrei­end auf­ge­wacht bin. Von den 8 Stun­den blie­ben in den bes­ten Zei­ten ge­ra­de mal drei­ein­halb Stun­den Schlaf üb­rig. Nicht nur ei­ne Nacht, son­dern je­de ver­damm­te Nacht, die über die Jah­re noch folg­te. Teil­wei­se ha­be ich gan­ze Näch­te aus­ge­las­sen, nur um zu ver­mei­den den schlimms­ten Mo­ment mei­nes Le­bens wie­der und wie­der er­le­ben zu müs­sen. Um das ir­gend­wie wie­der los­zu­wer­den, ha­be ich Ärz­te auf­ge­sucht, so vie­le ich fin­den konn­te. Psy­cho­lo­gen, The­ra­peu­ten und wie die Quack­sal­ber sonst noch hei­ßen. Hel­fen konn­te mir kei­ner da­von. In mei­ner Verzweif­lung ha­be ich so­gar Wun­der­hei­ler und He­xen auf­ge­sucht. Es war völ­lig sinn­los. Jahr um Jahr ver­ging so und ich konn­te es ein­fach nicht mehr er­tra­gen. Ich ha­be mehr­fach ver­sucht, mich sel­ber zu kil­len. Wie du siehst eben­falls er­folg­los. Da es nicht ziel­füh­rend ist dar­auf zu war­ten un­ter ei­nem Lkw zu lan­den, oder das dir ein Hoch­haus auf den ver­damm­ten Schä­del kracht, ha­be ich mir einen Be­ruf ge­sucht der es mir er­laub­te je­den Tag viel­leicht ab­ge­knallt zu wer­den. Lei­der mein­te mein Glück es nicht wirk­lich gut mit mir und al­les ha­be ich un­be­scha­det über­stan­den. Nicht mal ei­ne Ku­gel aus dem MG's hat mich ge­streift, als Mi­ke die Min­der­jäh­ri­ge flach­ge­legt hat. Ein paar mei­ner Kol­le­gen wa­ren tot, zwei der Ziel­per­so­nen eben­falls, nur ich hat­te nicht mal einen Krat­zer. So wur­de ich über die Jah­re zu dem Ar­sch­loch, das ich heu­te bin. Im­mer wie­der war ich mit mei­nen Ge­dan­ken bei Isa­bel­la, das sind die tol­len Mo­men­te, in de­nen ich ver­zwei­felt ver­su­che, mei­ne Trä­nen zu un­ter­drücken. Ge­lingt nur in den sel­tens­ten Fäl­len. Und dann kamst du und hast mich auf den Kopf ge­stellt. Ich hat­te pa­ni­sche Angst, dir zu sa­gen was los ist Lea, denn ein wei­te­res Mal über­le­be ich das nicht mehr. Da­für reicht mei­ne Kraft nicht aus. Das ist mei­ne Ge­schich­te!«

Lea sah Korn stau­nend an. Sei­ne Stim­me war im­mer wie­der mit Trä­nen er­stickt und er hat­te ei­ni­ge Pau­sen ein­le­gen müs­sen um das al­les vor ihr of­fen le­gen zu kön­nen. Sie hat­te nicht ge­wagt ihn zu un­ter­bre­chen und ihm al­le Zeit ge­las­sen, die er brauch­te, jetzt lag es an ihr rich­tig zu han­deln. Isa­bel­la war Ge­schich­te ge­wor­den und Lea hat­te jetzt die­sen Platz be­setzt. Sie wisch­te ihm ei­ni­ge Trä­nen aus dem Ge­sicht, schlang ih­re Ar­me um sei­nen Ober­kör­per und drück­te ihn so fest sie konn­te an sich als sie sag­te, »Mi­cha­el, was im­mer auch war, heu­te ist Schluss da­mit. Ich, und das ver­spre­che ich dir, blei­be an dei­ner Sei­te so lan­ge du mich nur aus­hal­ten kannst und willst, wenn du mir ver­sprichst mich nie zu ver­ra­ten. Ich ha­be mich nur ein­mal in mei­nem Le­ben an je­man­den ge­bun­den und der­je­ni­ge hat mir nur et­was vor­ge­spielt, um mich ans Mes­ser zu lie­fern.«

»Es ist mir ei­ne Eh­re, an dei­ner Sei­te sein zu dür­fen Lea. Bit­te ver­gib mir, wenn ich mal wie­der in mein Ver­hal­tens­mus­ter ab­rut­sche und dir ge­gen­über et­was sa­ge, was ich nicht sa­gen soll­te.«

»Das kann ich ma­chen, aber nur un­ter ei­ner Be­din­gung«, grins­te sie ihn an.

»Und wel­che wä­re das?«, frag­te er un­si­cher.

»Wann im­mer du mir et­was sagst, was nicht in Ord­nung ist darf ich dir ei­ne hau­en und du sagst mir, das du mich liebst und küsst mich!«

»So­zu­sa­gen als di­rek­te Stra­fe für mich?«, frag­te er.

Sie nick­te und sag­te, »Genau das! Und, weil ich mir nichts Schö­ne­res vor­stel­len kann, um dich wie­der nor­mal zu krie­gen.«

»Ein­ver­stan­den Lea«, sag­te er zärt­lich und küss­te sie.

22. Kapitel
Dänemark, Kopenhagen

Noch wäh­rend Liz in Han­no­ver ge­fah­ren war, hat­te Mi­ke den Brief von Ma­rie Was­ser­stein an ih­re El­tern ge­le­sen. Es war ein Lie­bes­ge­ständ­nis über das jun­ge Glück zwi­schen ihr und ih­rer Freun­din Mar­ti­na. Ih­re El­tern soll­ten sich kei­ne Sor­gen ma­chen. Ma­rie wür­de, so­lan­ge das For­schungs­zen­trum ge­schlos­sen war, bei ih­rer Freun­din blei­ben.

Mi­ke durch­such­te noch wäh­rend der Fahrt die Da­ten­ban­ken und fand ei­ne Mar­ti­na aus Ko­pen­ha­gen. Liz und er mach­ten sich so­fort auf den Weg. In Dä­ne­mark war es deut­lich küh­ler als noch in Deutsch­land. Es war Hoch­som­mer. Da Dä­ne­mark ein biss­chen wei­ter nörd­lich liegt, war es an­ge­nehm warm, aber nicht so drückend schwül wie im Rest der Welt. Das Na­vi­ga­ti­ons­ge­rät in dem Miet­wa­gen vom Flug­ha­fen lots­te sie quer durch die In­nen­stadt von Ko­pen­ha­gen. Die Groß­stadt war gar nicht so wirk­lich groß. Die 630.000 Ein­woh­ner ver­teil­ten sich auf ei­ner Flä­che von 86 km². Die Haupt­stadt Dä­ne­marks lag un­ter den Städ­ten mit der höchs­ten Le­bens­qua­li­tät be­stän­dig un­ter den Top 10 und bot ei­ni­ges an Se­hens­wür­dig­kei­ten. Kein schlech­tes Fleck­chen, um einen Ur­laub zu ver­brin­gen. Das Haus von Mar­ti­na lag in ei­ner net­ten, ru­hi­gen Wohn­ge­gend. Sie lag et­wa 20 Geh­mi­nu­ten vom Zen­trum ent­fernt und bot al­les, was man brauch­te. Auch das Café, aus dem Ma­ri­es letz­tes Han­dy­si­gnal ge­kom­men war, lag nur we­ni­ge Hun­dert Me­ter ent­fernt.

Liz hielt di­rekt vor dem Haus. Mi­ke steck­te sei­nen Lap­top in die Ta­sche und at­me­te tief durch, als er auf dem Geh­weg vor dem hüb­schen Häu­schen stand. Liz blick­te sich um. Sie war noch nicht viel in der Welt her­um­ge­kom­men au­ßer in ih­rer Hei­mat Groß­bri­tan­ni­en. Sie wun­der­te sich nur über das im­mer schö­ne Wet­ter, das schein­bar über­all herrsch­te, nur eben nicht in Lon­don, ih­rer Hei­mat­stadt. Ihr Ni­ko­tin­spie­gel lag wie­der ex­trem nied­rig, bis­her hat­te sie kei­ne Zeit für ihr Las­ter fin­den kön­nen, al­les muss­te schnell ge­hen und im Au­to durf­te sie nicht rau­chen. Sie stieg die vier Stein­stu­fen zum Ein­gang hin­auf und klin­gel­te. Nach ei­ner kur­z­en War­te­zeit be­tä­tig­te sie er­neut die Klin­gel und klopf­te zu­sätz­lich vor­sich­tig an die Tür. Es dau­er­te ei­ne hal­be Ewig­keit, bis sie hin­ter der Tür ei­ne Be­we­gung be­merk­te. Dann wur­de die Tür einen Spalt breit ge­öff­net und das Ge­sicht ei­ner jun­gen Frau, mit völ­lig zer­zaus­ten blon­den Haa­ren er­schi­en.

»Wer sind sie?«

»Frau Dam­gaard, ich bin Liz Croll und mein Kol­le­ge Mi­ke Banks. Wir sind von In­ter­pol und wür­den ger­ne mit Ma­rie Was­ser­stein spre­chen. Sie hält sich doch hier auf?«, sag­te Liz und hielt der jun­gen Frau ih­ren Aus­weis vor die Na­se.

»Ma­rie schläft noch, kom­men sie in ei­ner Stun­de wie­der her, ja?«, er­wi­der­te sie.

Liz wur­de es zu bunt, »Frau Dam­gaard, wir ha­ben nicht die Zeit für ih­re Spiel­chen. Ih­re Freun­din schwebt in Le­bens­ge­fahr. Wenn sie die Tür schlie­ßen bre­chen wir sie auf und sie ver­rot­ten im Ge­fäng­nis, al­ler­dings oh­ne ih­re ge­lieb­te Ma­rie. Ha­be ich mich deut­lich aus­ge­drückt?«

»In Le­bens­ge­fahr sa­gen sie? Kom­men sie her­ein, ich ho­le Ma­rie, aber bit­te tun Sie ihr nichts.«, schoss es aus Mar­ti­na her­aus und sie öff­ne­te die Tür, be­vor sie so­fort in ei­nem Gang ver­schwand. Liz sah, dass sie nur in ei­nem Hö­schen die Tür ge­öff­net hat­te. Mi­ke und sie hat­ten sie wohl ge­ra­de im Bett ge­stört. Der Ha­cker hat­te zum Glück nichts von der halb nack­ten jun­gen Frau ge­se­hen. Die bei­den tra­ten ein und Mi­ke über­zeug­te sich noch ein­mal, dass ih­nen nie­mand ge­folgt war. Nie­mand war zu se­hen, als er die Tür schloss und ver­rie­gel­te. Aus dem Schlaf­zim­mer dran­gen ge­dämpf­te Stim­men zu ih­nen, wäh­rend sie sich um­sa­hen. Di­rekt vor Liz lag die klei­ne Kü­che mit ei­nem klei­nen Tisch und zwei Stüh­len, links da­von gab ei­ne halb ge­öff­ne­te Tür den Blick auf ein ge­schmack­voll ein­ge­rich­te­tes Wohn­zim­mer frei. In dem Flur, den Mar­ti­na durch­quert hat­te lag das Ba­de­zim­mer und et­was da­hin­ter das Schlaf­zim­mer. Mehr gab es nicht zu se­hen. Das Haus war nicht ge­ra­de sehr groß, aber für ei­ne al­lein­ste­hen­de jun­ge Frau reich­te es. We­nig spä­ter er­schie­nen die bei­den frisch Ver­lieb­ten zu­sam­men und ka­men auf Mi­ke und Liz zu. Mi­ke be­kam große Au­gen, als er Ma­rie zum ers­ten Mal vor sich sah. Die schlan­ke Brü­net­te mit den klei­nen fes­ten Brüs­ten hat­te sich nur schnell ein Trä­ger­kleid über­ge­wor­fen, das von zwei klei­nen Fä­den auf der Schul­ter ge­hal­ten wur­de. Sie wirk­te eben­so wie ih­re Freun­din, als wä­re sie ge­ra­de erst aus dem Bett ge­fal­len, nach­dem sie von den bei­den Agen­ten so un­sanft un­ter­bro­chen wur­den. Liz hat­te Mikes Re­ak­ti­on eben­falls be­merkt und stell­te sich schnell vor ih­ren Kol­le­gen, be­vor er sei­nen Ch­ar­me aus­pa­cken konn­te.

»Miss Was­ser­stein, ich bin Liz Croll von In­ter­pol. Könn­ten wir uns et­was un­ter­hal­ten?«, be­gann Liz.

Was­ser­stein mus­ter­te die bei­den Be­su­cher mit wa­chem Blick, als sie sag­te »Wie­so über­fällt mich In­ter­pol früh am Mor­gen, an ei­nem Ort, der kaum je­man­dem be­kannt ist und be­haup­tet auch noch ich wä­re in Le­bens­ge­fahr?«

»Weil sie eben ge­fähr­det sind Miss Was­ser­stein. Hät­ten wir nicht durch Zu­fall ih­ren Brief, den sie ih­ren El­tern ge­schickt ha­ben, in die Hän­de be­kom­men wür­den wir sie im­mer noch su­chen. Al­ler­dings su­chen ver­mut­lich auch Leu­te nach ih­nen, die nicht so freund­lich sind.«

»Miss Croll, wie­so soll­te je­mand nach mir su­chen und was lässt sie glau­ben die­se Leu­te wä­ren un­freund­lich?«

»Ei­gent­lich woll­te ich es nicht so hart aus­drücken, aber da sie die Si­tua­ti­on nicht be­grei­fen wol­len, ih­re El­tern Miss Was­ser­stein wur­den er­mor­det, weil ei­ni­ge Leu­te hin­ter ih­ren For­schun­gen her sind, War das jetzt ver­ständ­lich?«

Die bei­den Frau­en blick­ten sich un­si­cher an. Mar­ti­na fand als Ers­tes ih­re Spra­che wie­der. »Du hast ver­sucht sie an­zu­ru­fen Ma­rie, aber nie­mand nahm den An­ruf ent­ge­gen. Dann hast Du den Brief ge­schrie­ben. Erin­nerst Du Dich?«

»Na­tür­lich er­in­ne­re ich mich, aber wie­so soll­te man mei­nen El­tern et­was an­tun. Mein Han­dy liegt im Wohn­zim­mer, das hät­te si­cher schon ge­klin­gelt, wenn das so wä­re.«

»So­weit ich weiß, hast Du es aus­ge­macht, als wir das Café ver­las­sen ha­ben und um die Häu­ser ge­zo­gen sind. Seit­dem ha­ben wir das Schlaf­zim­mer nur noch ver­las­sen um ein biss­chen was zu Es­sen Schatz.«

»Oh mein Gott, Du hast recht. Ich wer­de so­fort ver­su­chen sie an­zu­ru­fen«, stam­mel­te Ma­rie und woll­te zu ih­rem Han­dy stür­men.

Liz stell­te sich Ihr in den Weg. »Miss Was­ser­stein, las­sen sie Ihr Han­dy aus­ge­schal­tet. So­gar wir ha­ben be­reits ver­sucht sie da­mit zu or­ten, und glau­ben sie mir, die Leu­te, die es auf sie ab­ge­se­hen ha­ben wer­den nur dar­auf war­ten ih­ren ge­nau­en Auf­ent­halts­ort zu er­fah­ren.«

In die­sem Mo­ment klin­gel­te das Smart­pho­ne von Liz in ih­rer Ta­sche. Sie nahm ab, hör­te ei­ni­ge Se­kun­den zu und leg­te dann wie­der auf. Sie leg­te die Stirn in Fal­ten und dreh­te sich zu Mi­ke um.

»Das war Rous­sel. Lea und Korn ha­ben die bei­den Wis­sen­schaft­ler be­sucht. Sie sind bei­de tot. Ver­gif­tet.«

»Aber die wa­ren in ei­nem si­che­ren Haus un­ter­ge­bracht Liz«, rief Mi­ke.

»Ich weiß Mi­ke. Korn woll­te sie be­fra­gen, aber be­vor er da­zu kam, wa­ren bei­de schon tot. Lea und er konn­ten nur ei­ne Fest­plat­te si­cher­stel­len, al­ler­dings ver­schlüs­selt. Wir müs­sen uns be­ei­len und so schnell wie mög­lich zu­rück nach Ly­on.«

Ma­rie hör­te das al­les mit und wur­de zu­neh­mend un­ru­hig.

»Wer ist tot, wel­che Wis­sen­schaft­ler?«, frag­te sie mit be­sorg­tem Blick.

»Ein Ma­te­ri­al­for­scher mit Na­men Bu­ric und ein Ener­gie­for­scher der auf den Na­men Onut hör­te«, mein­te Mi­ke.

Mar­ti­na und Ma­rie wur­den bleich. Sie hat­ten bei­de ge­kannt. Bu­ric war Ihr Kol­le­ge, der die For­mel des Ma­te­ri­als un­ter Ver­schluss hat­te. Onut war erst ei­ni­ge Ta­ge da­bei und soll­te die Ener­gie­ge­win­nung un­ter­su­chen. Liz sah die bei­den jun­gen Frau­en scharf an und über­leg­te einen kur­z­en Mo­ment. Dann sag­te sie zu Mi­ke »In 5 Mi­nu­ten fah­ren wir zu­rück zum Flug­ha­fen, gib dem Pi­lo­ten Be­scheid. Wenn wir in der Ma­schi­ne sit­zen hat er 30 Se­kun­den bis wir in der Luft sind« Mi­ke griff nach sei­nem Han­dy und Liz dreh­te sich zu den bei­den Frau­en um. »Sie bei­de pa­cken nur das Nö­tigs­te ein. Sie ha­ben 3 Mi­nu­ten. Los gehts!«

»Ich flie­ge nir­gend­wo hin« pro­tes­tier­te Ma­rie.

»Miss Was­ser­stein, sie wer­den uns be­glei­ten, ob sie wol­len oder nicht. Wenn nicht frei­wil­lig dann be­trach­ten sie sich jetzt als in Schutz­haft ge­nom­men. Ist das an­ge­kom­men?«, ent­geg­ne­te Liz mit ei­nem Ton, der je­den Wi­der­spruch un­mög­lich mach­te.

Bei­de Frau­en hech­te­ten ins Schlaf­zim­mer und be­gan­nen zu pa­cken. Mi­ke brüll­te in sein Smart­pho­ne, wäh­rend Liz ih­re Waf­fe zog und vor­sich­tig durchs Fens­ter auf die Stra­ße schau­te. Al­les war ru­hig, das ganz nor­ma­le Le­ben pul­sier­te in der Ge­gend. Liz ver­such­te Ge­stal­ten aus­zu­ma­chen, die nicht in die­se Ge­gend pass­ten. Ihr Blick such­te die ge­park­ten Au­tos ab. Es gab kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten zu ent­de­cken. Mit ge­pack­ten Ta­schen ka­men Mar­ti­na und ih­re Ma­rie wie­der in den Flur als Mi­ke auf­leg­te und sein Te­le­fon in die Ta­sche glei­ten ließ.

»Wir sind so­fort start­klar Liz«, gab Mi­ke ihr die In­for­ma­ti­on wei­ter.

»OK, Mi­ke, du bringst uns zum Flug­ha­fen. Fahr so schnell es geht. Am bes­ten noch schnel­ler. Ich be­hal­te die Um­ge­bung im Au­ge. Wir müs­sen, so schnell es geht hier weg. Ich ha­be das un­gu­te Ge­fühl, dass man uns ver­folgt«, sag­te sie und hielt ihm den Au­to­schlüs­sel hin.

Mi­ke nahm den Schlüs­sel an sich, öff­ne­te die Tür und sprang hin­aus. Den Kof­fer­raum ent­rie­gel­te er im Vor­bei­ge­hen und die Klap­pe schwang laut­los auf, als er sich schon den Sitz zu­rück­stell­te, um ein­zu­stei­gen. Liz si­cher­te mit vor­ge­hal­te­ner Waf­fe den Geh­steig, und trieb die bei­den Frau­en an, ihr Ge­päck ins Au­to zu wer­fen und ein­zu­stei­gen, so schnell es ging. Sie zog die Haus­tür zu und sprang auf den Bei­fah­rer­sitz. Mi­ke trat aufs Gas und ras­te durch die Stra­ße als wä­re es ei­ne Renn­stre­cke. Liz be­hielt den Über­blick und such­te mit ih­ren Au­gen nach Be­dro­hun­gen. Plötz­lich sag­te Mi­ke »Wir ha­ben Ge­sell­schaft Liz. Uns folgt ein dun­kelblau­er BMW!« Liz sah nach hin­ten und ent­deck­te das Fahr­zeug. Zwei Män­ner in dunklen An­zü­gen, die ih­re Son­nen­bril­len auf den Au­gen hat­ten. »Ver­such, sie los­zu­wer­den Mi­ke!«, sag­te sie. Er fuhr, so schnell er konn­te durch die Stra­ßen, über ei­ni­ge ro­te Am­peln hin­weg und drif­te­te um ei­ni­ge Kreu­zun­gen, aber der blaue Wa­gen kleb­te an ih­nen wie ein al­ter Kau­gum­mi. Liz hat­te ei­ne Idee und frag­te Mar­ti­na »Gibt es hier ir­gend­wo Ge­schwin­dig­keits­kon­trol­len?«

»Ma­chen sie sich Sor­gen we­gen ei­ner Ge­schwin­dig­keits­über­tre­tung. Sie sind doch von In­ter­pol!«, ant­wor­te­te sie.

»Quatsch, ich möch­te ein Bild von dem Wa­gen und den Män­nern ha­ben, viel­leicht be­kom­men wir so raus, wer es auf uns ab­ge­se­hen hat.«

»Ver­ste­he, reicht auch ein Han­dy­fo­to?«, frag­te die Blon­de.

»Ja das reicht. Ver­su­chen sie, gu­te Auf­nah­men zu be­kom­men. Num­mern­schild und die bei­den In­sas­sen!«

Mar­ti­na nahm ihr Han­dy und dreh­te sich auf ih­rem Sitz nach hin­ten. Dann hielt sie ihr Smart­pho­ne an das Fens­ter und drück­te im­mer wie­der auf den Aus­lö­ser. Plötz­lich schrie Mi­ke »Liz, da fährt ei­ne Po­li­zei­strei­fe vor uns. Ich nehm die mit ins Spiel!«

Er ras­te die Stra­ße ent­lang, hielt sei­ne Hand auf die Hu­pe und zog mit ge­rin­gem Ab­stand an der Strei­fe vor­bei. Der blaue BMW wur­de et­was lang­sa­mer und bog dann in ei­ne klei­ne Sei­ten­stra­ße ein. Die Po­li­zei­strei­fe folg­te mit Blau­licht und Si­re­ne dem Miet­wa­gen den Mi­ke Rich­tung Flug­ha­fen steu­er­te.

Am Vor­platz zu den Pri­vat­ma­schi­nen kam er mit quiet­schen­den Rei­fen zum Ste­hen. Dicht da­hin­ter stopp­te auch die Strei­fe. Die bei­den Be­am­ten stie­gen aus, ver­steck­ten sich hin­ter den Tü­ren ih­res Fahr­zeugs und leg­ten ih­re Waf­fen auf die vier Per­so­nen an. Liz öff­ne­te lang­sam die Bei­fahrer­tür, stieg aus und hielt ih­ren In­ter­po­l­aus­weis in die Hö­he. Vor­sich­tig nä­her­te sie sich den Be­am­ten. Als sie den Aus­weis er­ken­nen konn­ten, lie­ßen sie die Waf­fen sin­ken. Liz er­klär­te ih­nen, dass man sie ver­folgt hat­te, und frag­te sie, ob sie ihr hel­fen könn­ten. Die Be­am­ten nah­men die Be­schrei­bung auf und ga­ben sie über Funk an ih­re Kol­le­gen wei­ter, wäh­rend sie selbst die nä­he­re Um­ge­bung si­cher­ten. Mi­ke, Liz und die bei­den Frau­en klet­ter­ten in die In­ter­pol­ma­schi­ne. So­fort be­gann die Ma­schi­ne Fahrt auf­zu­neh­men und wäh­rend­des­sen fuhr die Trep­pe ein und die Tür wur­de ge­schlos­sen. Sil­b­rig glit­zernd stieg sie in den Him­mel über Ko­pen­ha­gen und dreh­te nach Süd­wes­ten ab.

Liz und Mi­ke klär­ten die bei­den ver­ängs­tigt wir­ken­den Frau­en wäh­rend des Flu­ges auf, was al­les Ge­sche­hen war. Erst jetzt wur­de Ma­rie Was­ser­stein be­wusst, dass sie ih­re El­tern nie wie­der in die Ar­me schlie­ßen wür­de kön­nen. Sie be­gann hem­mungs­los zu wei­nen und ver­grub ihr Ge­sicht in der Schul­ter ih­rer Freun­din, die sie um­klam­mer­te und fest­hielt. Trotz­dem konn­te Liz jetzt nicht auf­hö­ren, Fra­gen zu stel­len. Wie war es den bei­den ge­lun­gen, oh­ne ei­ne Spur aus Me­xi­ko zu ver­schwin­den und in Dä­ne­mark wie­der auf­zut­au­chen. Mar­ti­na be­gann zu er­klä­ren, »Als das For­schungs­zen­trum ge­schlos­sen wur­de, hat man uns be­fragt. Es ging um den Dieb­stahl, den Ma­rie ent­deck­te. Sie war ja im Ur­laub und an ih­rem ers­ten Ar­beits­tag war der Pro­to­typ ver­schwun­den. Sie war al­so un­schul­dig. Ich ar­bei­te in der Post­stel­le, aber Pa­ke­te ver­sen­de ich kei­ne, nur Brie­fe al­so kam es auf dem Weg auch nicht raus. Au­ßer­dem ha­be ich kei­ne Zu­tritts­be­rech­ti­gung zum Tre­sor. Al­so durf­ten wir bei­den ge­hen. Da wir be­freun­det sind und Ma­rie erst bei ih­ren El­tern war, woll­te sie ei­gent­lich in ih­rer Woh­nung blei­ben. Ich hat­te aber von ei­ner Be­kann­ten das An­ge­bot be­kom­men mit nach Ja­mai­ka zu schip­pern. Da ich so­wie­so schon lan­ge in Ma­rie ver­liebt war, hab ich sie ge­fragt, ob sie mich nicht be­glei­ten will. Sie hat zu­ge­sagt und wir sind mit dem Boot rü­ber nach Ja­mai­ka. Dort lebt ein Ge­schäfts­freund mei­nes Va­ters, den wir be­sucht ha­ben. Er hat­te aber nicht sehr viel Zeit, weil er ge­schäft­lich nach Dä­ne­mark muss­te. Ma­rie war noch nie hier und da ich hier woh­ne, ha­ben wir uns ent­schie­den mit­zu­flie­gen und hier einen Ur­laub zu ver­brin­gen. Al­so wa­ren wir zu­sam­men in Ko­pen­ha­gen un­ter­wegs und ich ha­be ihr die Se­hens­wür­dig­kei­ten ge­zeigt. Abends sind wir dann in ei­ner Cock­tail­bar ge­lan­det und nach reich­lich Al­ko­hol hat mir Ma­rie ver­ra­ten, dass sie sich in mich ver­liebt hat. Ab da sind wir ei­gent­lich kaum mehr aus dem Bett ge­kom­men. Bis sie heu­te Mor­gen auf­ge­taucht sind und uns ge­stört ha­ben.«

»Tja, die Stö­rung tut mir leid. Mir wä­re es auch lie­ber, sie bei­den könn­ten sich noch im Bett ver­gnü­gen, aber so wie es aus­sieht, sind sehr vie­le ver­schie­de­ne Grup­pen hin­ter der For­schung und den Er­geb­nis­sen her und der­zeit hal­ten die­se Leu­te wohl nichts da­von Men­schen, die da­mit zu tun ha­ben, am Le­ben zu las­sen. In­ter­pol hat die bei­den For­scher in der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik ver­steckt. Mei­ne Kol­le­gen sind dort hin­ge­flo­gen, um mehr In­for­ma­tio­nen zu be­kom­men, aber be­vor sie et­was ver­ra­ten konn­ten, wur­den sie ge­tö­tet. Wir ha­ben Ma­ri­es El­tern in Han­no­ver aus­fin­dig ge­macht. Am Te­le­fon ha­ben wir we­der Ma­rie noch ih­re El­tern er­reicht. Al­so ha­ben wir das Haus in Han­no­ver auf­ge­sucht, konn­ten aber dort nur noch die Lei­chen fin­den. Da lief ge­ra­de die Un­ter­su­chung des Ta­torts, als ihr Brief an­kam. Da­rauf­hin sind wir nach Ko­pen­ha­gen ge­flo­gen und schein­bar hat auch je­mand an­ders er­fah­ren, wo sie zu fin­den wa­ren.«

»Okay, und was pas­siert jetzt?«, frag­te Mar­ti­na.

»Wir wer­den sie ir­gend­wo un­ter­brin­gen müs­sen. Al­ler­dings an ei­nem Ort, den nur wir sechs Per­so­nen ken­nen.«, gab Liz zu­rück.

»Sechs? Kann man bei In­ter­pol nicht zäh­len? Wir sind nur vier!«

»Un­se­re bei­den Kol­le­gen noch, al­ler­dings wer­de ich of­fi­zi­el­le Stel­len da raus­hal­ten. Wer weiß an wel­cher Stel­le da In­for­ma­tio­nen her­aus­ge­hen. Den Auf­ent­halts­ort der bei­den an­de­ren Wis­sen­schaft­ler wuss­te auch nur In­ter­pol.«

23. Kapitel
Dänemark, Kopenhagen

»Was heißt sie konn­ten ent­kom­men?«, kam es laut aus dem Te­le­fon.

»Sie hat­ten Hil­fe von ei­ner klei­nen Frau und ei­nem Mann. Wir wis­sen nicht, wer die bei­den wa­ren, aber sie wa­ren ei­ni­ge Mi­nu­ten vor uns dort«, sag­te er.

»Ver­su­chen sie es her­aus­zu­fin­den. Dann spü­ren sie sie auf und dann das Üb­li­che!«

»Al­le vier oder nur die bei­den Schlam­pen?«, frag­te er mit ru­hi­ger Stim­me.

»Füh­ren sie Plan Al­pha aus. Kei­ne Zeu­gen!«, kam es prompt.

»Ver­stan­den« gab er zu­rück und trenn­te die Ver­bin­dung.

»Co­dy hast du schon was ge­fun­den?«, frag­te er sei­nen Part­ner.

»Das war ein ver­fluch­ter Miet­wa­gen Sjaak, ge­mie­tet am Flug­ha­fen und be­zahlt von In­ter­pol. Mie­te­rin war ei­ne Liz Croll.«

»Na toll. Jetzt müs­sen wir auch noch zwei In­ter­po­l­agen­ten um­le­gen, wird ja im­mer bes­ser.«

»Ich dach­te, wir soll­ten nur die bei­den Wei­ber um­le­gen!«

»An­wei­sung von ganz oben. Plan Al­pha aus­füh­ren, heißt al­les um­le­gen, was sich be­wegt. In­ter­po­l­agen­ten mit ein­ge­schlos­sen.«

»Und ich dach­te, das wird ein­fach. Ein biss­chen in der Welt rum­flie­gen, Wis­sen­schaft­ler um­nie­ten und Er­geb­nis­se be­sor­gen«, scherz­te Co­dy.

Sjaak Vis und sein Part­ner Co­dy Fo­ley wa­ren die Män­ner, die man rief, wenn es einen Job zu er­le­di­gen gab, den man un­mög­lich selbst durch­füh­ren konn­te. Sie wa­ren seit vie­len Jah­ren im Ge­schäft und hat­ten sich einen gu­ten Ruf er­wor­ben. Es in­ter­es­sier­te nicht, wer et­was woll­te oder warum, so­lan­ge die Be­zah­lung stimm­te. In die­sem Fall je­doch stimm­te die Be­zah­lung. Nicht nur ei­ne Fir­ma hat­te sie be­auf­tragt, es wa­ren gleich de­ren vier­zehn, ver­tre­ten durch einen ein­zi­gen Mann. Ihr Auf­trag war ein­fach. Wis­sen­schaft­ler die kal­te Er­de er­for­schen las­sen und de­ren Er­geb­nis­se im Dies­seits zu be­rich­ten. Um was für Er­geb­nis­se es sich da­bei han­delt, spiel­te kei­ne Rol­le. Der Auf­trag­ge­ber war aus Bre­men in Deutsch­land. Er ver­han­del­te für die vier­zehn Fir­men und bot ins­ge­samt 20 Mil­lio­nen € an plus einen Bo­nus von 2 Mil­lio­nen pro Na­se, falls sie es schaff­ten den Mann zu be­nen­nen der am an­de­ren En­de die Fä­den zog. In die­sem Schach­spiel wa­ren viel zu vie­le Fi­gu­ren auf dem Brett und jetzt kam auch noch In­ter­pol da­zu. Ihr Pro­blem war nur, dass sie ei­ne Un­men­ge an In­for­ma­tio­nen sam­meln und aus­wer­ten muss­ten. Das mach­te sie zu lang­sam. Die Ge­gen­sei­te ver­füg­te schein­bar über ei­ne große Men­ge an Res­sour­cen. In Me­xi­ko ka­men sie viel zu spät, dort war die Mes­se be­reits ge­le­sen, als sie lan­de­ten. Nur sie hat­ten das Glück zu se­hen, wer da mit­misch­te. Ty­pen im An­zug, die sich so ver­hiel­ten, gab es nicht vie­le. Asia­ten wa­ren es kei­ne, al­so konn­te man Chi­na ver­ges­sen. Es wa­ren Ame­ri­ka­ner, die er­kann­te man so­fort. Egal wo auf der Welt, die auf­tauch­ten, konn­te man sie hö­ren be­vor man sie zu Ge­sicht be­kam. So­mit war die Aus­wahl auf drei Or­ga­ni­sa­tio­nen ein­ge­grenzt. Da blie­ben nur NSA, CIA oder FBI üb­rig. Das FBI er­mit­telt aber nur in den USA selbst und hat­ten in Me­xi­ko nichts zu su­chen, blie­ben al­so nur ent­we­der NSA oder CIA. Da sie das Glück hat­ten ei­ne Ak­ti­on zu ver­fol­gen, die ex­trem un­pro­fes­sio­nell durch­ge­zo­gen wur­de, war es re­la­tiv si­cher, dass es nicht die NSA war. Die agier­ten eher sub­ti­ler. Sol­che Ak­tio­nen bringt nur die CIA zu­stan­de. Laut, auf­fäl­lig wie ein Ka­mel beim Pfer­de­ren­nen und über­heb­lich. Sol­che Stüm­per gab es nur an ei­nem Ort, und der Boss be­sitzt ein hüb­sches Bü­ro in Langley. Nur dort wa­ren vie­le Kö­che am Rüh­ren und her­ein­kom­men war fast un­mög­lich. Be­son­ders nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 war es schon schwer ge­nug, in das Land zu kom­men. Langley selbst war noch ein­mal ex­tra ge­si­chert. Eher konn­te man in Ken­tucky das Fort Kn­ox aus­räu­men, oh­ne ge­se­hen zu wer­den, als das man es schaff­te, ins Haupt­ge­bäu­de der CIA zu kom­men. Es gab nur einen großen Vor­teil bei der Ge­schich­te. Ei­nen Agen­ten der CIA er­kann­te man tau­send Me­ter ge­gen den Wind, und die Jungs wa­ren nicht mal in der La­ge einen Blei­stift zu hal­ten. Die konn­te man leicht ein­fan­gen und aus­hö­ren. Al­ler­dings hat­ten sie erst mal die­se Wis­sen­schaft­ler auf­spü­ren müs­sen. Zwei da­von hat­te In­ter­pol ver­steckt und sie hat­ten kei­ne In­for­ma­tio­nen dar­über, wo man die ver­steckt hielt. Aber die­se Was­ser­stein war zu fin­den ge­we­sen. Ein Ge­schäfts­mann aus Ko­pen­ha­gen war so glück­lich dar­über, einen Flug von Ja­mai­ka nach Ko­pen­ha­gen im Fir­men­jet mit ei­ner Mar­ti­na und de­ren Freun­din ver­brin­gen zu kön­nen das er dar­über ei­ne Sto­ry ge­pos­tet hat­te. Die Bil­der zeig­ten so ei­ne blon­de Frau und ne­ben­an saß ei­ne brü­net­te die nur die­se Was­ser­stein sein konn­te. Dann war es nur noch ein Kin­der­spiel ge­we­sen die­se Mar­ti­na in Ko­pen­ha­gen zu fin­den. Lei­der ei­ni­ge Mi­nu­ten nach In­ter­pol. Sie dach­ten, es wä­re nur ein Pär­chen, die zu Be­such ka­men und woll­ten war­ten, bis sie wie­der ver­schwun­den sind. Konn­te ja kei­ner ah­nen, dass es aus­ge­rech­net Leu­te von In­ter­pol wa­ren. Die soll­te al­so auch in Si­cher­heit ge­bracht wer­den. Lei­der konn­ten sie den Miet­wa­gen nicht ein­ho­len und dann kam ih­nen auch noch ei­ne Strei­fe in die Que­re. Es war zu ge­fähr­lich ge­wor­den und sie muss­ten ab­bre­chen. Jetzt hieß es wie­der In­for­ma­tio­nen sam­meln. Aber zu­min­dest hat­ten sie ja schon mal einen Na­men. Liz Croll von In­ter­pol. Kann ja nicht so schwer sein die zu fin­den.

24. Kapitel
Frankreich, Lyon

Lea und Mi­cha­el sa­ßen vor Ber­nand Rous­sel in sei­nem Bü­ro und be­rich­te­ten über den Fehl­schlag von Ca­ba­re­te. Die Wis­sen­schaft­ler wur­den er­mor­det, ob­wohl sie von ih­rem Chef in Si­cher­heit ge­bracht wur­den. Jetzt galt es Spu­ren zu fin­den. An­geb­lich wuss­te nie­mand au­ßer Rous­sel selbst, wo die bei­den ver­steckt wor­den wa­ren, doch schon in der Nacht zu­vor war je­mand dort. Sie hat­ten die Fest­plat­te ge­fun­den, aber nie­mand hat­te ei­ne Ah­nung, was dar­auf zu fin­den war. Lea hat­te sie be­reits im IT-La­bor ab­ge­ge­ben und die Tech­ni­ker ar­bei­te­ten be­reits dar­an, die Ver­schlüs­se­lung zu knacken. Das wür­de ei­ni­ge Zeit dau­ern. Mi­ke und Liz hat­ten sich be­reits ge­mel­det. Ihr Ein­satz, die ver­schwun­de­ne Was­ser­stein aus­fin­dig zu ma­chen, war mehr oder we­ni­ger er­folg­reich. Es gab zwei Lei­chen, ei­ne Ver­fol­gungs­jagd durch Ko­pen­ha­gen und ei­ne dä­ni­sche Po­li­zei die nicht ge­ra­de be­geis­tert wa­ren Agen­ten von In­ter­pol un­ter die Ar­me zu grei­fen. Den blau­en BMW hat­te man zu­min­dest ge­fun­den. Aus­ge­brannt, auf ei­nem ver­las­se­nen Fa­brik­ge­län­de et­wa 30 km von Ko­pen­ha­gen ent­fernt. Von den In­sas­sen fehl­te je­de Spur. Al­ler­dings hat­te Liz ei­ni­ge Fo­tos ge­schickt, die sie ma­chen konn­te, und man ver­such­te jetzt, zu er­fah­ren, wer die bei­den Ver­fol­ger wa­ren und vor al­lem wer sie ge­schickt hat­te.

»Rous­sel, sie ha­ben uns ge­sagt nie­mand weiß, wo sich die bei­den Faul­tie­re auf­hal­ten au­ßer ih­nen. Das be­deu­tet für mich in ers­ter Li­nie das un­ter uns drei­en in die­sem Bü­ro ein Maul­wurf sitzt, wo­bei wir al­ler­dings auch Miss Zwerg und den Ramm­ler Mi­ke nicht ver­ges­sen dür­fen, die eben­falls an­we­send wa­ren.«, be­gann Korn das Of­fen­sicht­li­che zu kon­sta­tie­ren.

»Das ist so nicht ganz rich­tig Mis­ter Korn«, kam es von Rous­sel »ich muss­te der SilOld AG eben­falls sa­gen wo sich ih­re bei­den Wis­sen­schaft­ler auf­hal­ten.«

»Das heißt die gan­ze ver­damm­te Fir­ma, von der letz­ten Rei­ni­gungs­kraft über den Haus­ko­mi­ker bis hin zum letz­ten Bü­rowürm­chen wuss­te je­der wo, die zwei sich ge­gen­sei­tig das Röhr­chen po­lie­ren? Das grenzt es dann zu­min­dest schon mal auf et­wa 82 Mil­lio­nen Men­schen ein.«, blaff­te Mi­cha­el. Lea leg­te ihm sanft ih­re Hand auf den Un­ter­arm, um ihn et­was zu brem­sen.

»Nein, nur die Che­feta­ge wuss­te da­von, be­zie­hungs­wei­se der Vor­stands­vor­sit­zen­de Putt.«, er­klär­te Rous­sel mit nie­der­ge­schla­ge­nem Blick.

»Na dann kön­nen wir uns ja glück­lich schät­zen, dass nur er, sei­ne Frau, die miss­ra­te­nen Kin­der und die Se­kre­tä­rin, die er ne­ben­bei noch hält, den Auf­ent­halts­ort ge­kannt ha­ben. Lea checkt den Kin­der­gar­ten und ich nehm mir die­sen Putt per­sön­lich zur Brust.«

»Mi­cha­el, krieg dich bit­te ein biss­chen ein. Mir zu­lie­be, ok?«, be­sänf­tig­te Lea.

»Tut mir leid Lea, aber bei so was krieg ich Puls. Das ist un­ge­fähr so wie, wenn ich einen Aus­hang am schwar­zen Brett ma­che, wann man mei­ne Ziel­per­son am bes­ten ab­knal­len kann. Aber für dich se­he ich es jetzt ein biss­chen lo­cke­rer«, ver­such­te er zu er­klä­ren.

»Wie hast du dem Chef der Fir­ma mit­ge­teilt, wo die bei­den sind Ber­nand?« frag­te Lea.

»Ich hab ihn an­ge­ru­fen, aber es war nur sei­ne Vor­zim­mer­da­me er­reich­bar. Al­so ha­be ich ihm ei­ne E-Mail ge­schickt.«

»An sei­ne ge­schäft­li­che Adres­se oder die pri­va­te?«, woll­te Korn wis­sen.

»An die Ge­schäft­li­che, ei­ne an­de­re ha­ben wir nicht.«

»Lea, ich ha­be ei­ne dunkle Ah­nung das wir gleich wie­der in der Gulf­stream sit­zen wer­den, und ich min­des­tens noch ei­ne Zi­ga­ret­te rau­chen muss, be­vor ich je­man­dem den Hals um­dre­he.«, er­klang die dunkle Stim­me von Korn.

»Ich fürch­te, du hast recht Schatz. Kannst du noch ei­ne Mi­nu­te war­ten, dann komm ich mit.«, sag­te sie mit ei­nem lä­cheln.

»Ja, ich war­te auf dem Gang auf dich.«, mur­mel­te er und stand auf. Sanft leg­te er sei­ne Hand auf ih­re zar­te Schul­ter, be­vor er gruß­los das Bü­ro ver­ließ. Hin­ter ihm krach­te die Tür in den Rah­men. Rous­sel zog die Stirn kraus und blick­te Lea fra­gend an.

»Ber­nand, hast du ei­ne Ah­nung, warum ich jah­re­lang un­ent­deckt blei­ben konn­te?«, frag­te Lea.

»Weil du vor­sich­tig warst, den­ke ich. Kannst du mir er­klä­ren, was das ge­ra­de war?«

»Ich ha­be nie­mals elek­tro­ni­sche Post ver­wen­det, son­dern nur über to­te Brief­käs­ten Auf­trä­ge an­ge­nom­men und ein ver­steck­tes Le­ben ge­führt. Das In­ter­net ist ex­trem ge­fähr­lich. Je­der kann E-Mails ab­fan­gen und le­sen oh­ne dass es der Ab­sen­der noch der Emp­fän­ger mit­be­kom­men. Auch Te­le­fo­ne kön­nen ab­ge­hört wer­den, es sei denn, man be­nutzt mehr­fach ver­schlüs­sel­te Kanä­le. Mi­cha­el ist des­we­gen är­ger­lich, weil dir noch kei­ner er­klärt hat, was si­che­re Kom­mu­ni­ka­ti­on be­deu­tet.«

»OK, ka­piert. Aber ich mein­te et­was an­de­res. Du nann­test ihn plötz­lich Schatz und eben, als er ging, hat er dich so vor­sich­tig be­rührt wie ei­ne Por­zel­lan­fi­gur.«

»Oh, das meinst du. Ist mir so her­aus­ge­rutscht. Tut mir leid, aber wir sind ver­liebt. Und jetzt in­for­mie­re dich über si­che­re Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir sind dann mal in Deutsch­land!«, flö­te­te Lea und Rous­sel wur­de al­lein ge­las­sen.

Mi­cha­el war­te­te ne­ben der Tür auf sei­ne Lea. Als sie aus dem Bü­ro kam, grins­te er sie an und mein­te »Muss­te das gleich so of­fen­sicht­lich sein?«

Sie drück­te ihn an sich und flüs­ter­te »Tut mir leid, ist mir so her­aus­ge­rutscht. War kei­ne Ab­sicht. Ver­zeihst du mir?«

»Wie könn­te ich da Nein sa­gen? Lass uns raus­ge­hen, muss ja nicht gleich je­der wis­sen, was los ist.«, ki­cher­te er.

Lea ging wie­der auf Ab­stand und sie be­weg­ten sich zum Auf­zug. Als die Ka­bi­ne an­kam, trat ein Mann auf den Flur, der ei­ne Map­pe in der Hand hielt. Be­vor Lea und Mi­cha­el ein­stei­gen konn­ten ent­schul­dig­te sich der Mann und frag­te »Ver­zei­hung, sind sie nicht Mi­cha­el Korn?«

»Wer will das wis­sen und warum?«, brumm­te Korn.

»Ich bin vom Bo­ten­dienst und ha­be sie in ih­rem Bü­ro ge­sucht. Wir ha­ben ei­ne Nach­richt, für sie be­kom­men«, ant­wor­te­te er und hielt Korn einen brau­nen Um­schlag hin. Korn nahm den Um­schlag, be­trat mit Lea den Auf­zug und öff­ne­te ihn. Heraus fie­len ei­ni­ge Bil­der und ei­ne Nach­richt von Liz Croll:

Gu­ten Tag Mis­ter Arsch,

An­bei die Fo­tos, die wir von un­se­rer Ver­fol­gungs­jagd in Ko­pen­ha­gen ma­chen konn­ten. Wenn sie das aus dem Fens­ter star­ren be­en­den könn­ten und sich auf un­se­ren Auf­trag kon­zen­trie­ren wol­len wä­re es uns ei­ne große Hil­fe, wenn sie die Gü­te hät­ten die Bil­der durch die Ge­sichts­er­ken­nung lau­fen zu las­sen.

Liz Croll

»Die­ses elen­de eng­li­sche Sup­pen­huhn geht mir ex­trem auf den Sack. Wenn ich sie das nächs­te Mal se­he, ram­me ich ih­ren miss­ra­te­nen Kopf durch die Wand«, schimpf­te er. Lea muss­te laut la­chen, aber als sie ein Blick auf ein Bild warf, blieb ihr das La­chen im Hals ste­cken. Er­schro­cken pack­te sie Mi­cha­el am Arm.

»Das sind Sjaak Vis und sein Part­ner Co­dy Fo­ley. Söld­ner der übels­ten Sor­te. Wir müs­sen Liz war­nen Mi­cha­el!«, rief sie.

»Du kennst die bei­den?«, frag­te Korn.

»Oh ja, die ken­ne ich. Ich muss­te in Malay­sia so einen Mil­li­ar­där ab­knal­len und die­se bei­den wa­ren mir im Weg. Ich muss­te fast ei­ne Welt­rei­se ma­chen, um zu ent­kom­men«, stöhn­te Lea.

Korn zog sein Han­dy aus der Ta­sche und wähl­te die Num­mer von Croll, die er als Miss Zwerg ab­ge­spei­chert hat­te.

»Oh Mis­ter Arsch, welch net­te Über­ra­schung. Was kann ich ge­gen sie tun?«, spot­te­te Liz.

»Miss Zwerg, die bei­den Arm­leuch­ter, die sie ver­folgt ha­ben, sind ein Sjaak Vis und ein Co­dy Fo­ley. Ein paar Söld­ner. Sie soll­ten auf sich auf­pas­sen, es wä­re sehr scha­de, wenn ich die Ge­le­gen­heit ver­pas­sen wür­de, ihr vor­zei­ti­ges Ab­le­ben selbst zu über­neh­men.«

»Wie lieb sie doch sein kön­nen. Ich bin über­rascht, dass sie vor Mi­ke wis­sen, wer das ist.«

Lea schnapp­te sich das Te­le­fon aus sei­ner Hand und sah ihn et­was bö­se an.

»Liz, hier ist Lea, die bei­den sind ex­trem ge­fähr­lich. Ich hat­te schon mit ih­nen zu tun. Die le­gen für Geld so­gar ih­re ei­ge­ne Mut­ter um, und sie sind nicht bil­lig. Wer im­mer da­hin­ter­steckt, hat ge­nug Geld, um sie zu be­zah­len. Bringt euch so schnell wie mög­lich in Si­cher­heit. Wir wer­den uns et­was über­le­gen, wenn Mi­cha­el und ich wie­der zu­rück sind«, dann leg­te sie auf.

»Du soll­test et­was net­ter zu ihr sein Schatz, ver­spro­chen?«, dräng­te sie ih­ren Freund.

»Tut mir leid Lea, aber bei der eng­li­schen Kampf­zie­ge rol­len sich mei­ne Ze­hen­nä­gel auf.«, raun­te er ihr zu.

Sie nick­te »Ich kann dich ja ver­ste­hen, aber sie ist auf un­se­rer Sei­te. Nimm dich bit­te ein biss­chen zu­rück.«

»Ich ver­su­che es ja, aber al­lein wenn ich ih­re Stim­me hö­re, ha­be ich das un­bän­di­ge Ver­lan­gen ihr einen Stuhl über die Rü­be zu zie­hen und sie zum Trock­nen an die Luft zu hän­gen.«, nör­gel­te er.

»Wa­rum nennst du sie ei­gent­lich Miss Zwerg?«, frag­te sie lä­chelnd.

»Weil ich den Bo­den ab­su­chen muss, um nicht über sie zu stol­pern.«

»Lieb­ling, darf ich dich dar­an er­in­nern, dass ich auch so klein bin?«

»Du hast ja recht, aber bei dir ist das an­ders Lea. Dich möch­te ich ein­fach nur in den Arm neh­men und nie wie­der los­las­sen.«

»Dann mach das«, flüs­ter­te sie und schlang ih­re Ar­me um ihn. Er beug­te sich zu ihr her­un­ter und drück­te sie an sich. Mit sei­nen Lip­pen hauch­te er einen zärt­li­chen Kuss auf ih­re Stirn.

Der Fahr­stuhl kam zum Ste­hen und sie trenn­ten sich aus ih­rer Um­klam­me­rung. Die Tü­ren glit­ten aus­ein­an­der. Mi­cha­el und Lea durch­quer­ten die Vor­hal­le und be­ga­ben sich durch die schwe­ren Holz­tü­ren auf den mit Son­nen­licht über­flu­te­ten klei­nen Vor­platz. Mi­cha­el griff in sei­ne Bein­ta­sche und zog die Schach­tel Zi­ga­ret­ten her­aus. Er nahm einen Ta­bak­stän­gel und als er ihn ge­ra­de zum Mund füh­ren woll­te, griff Lea zu. Sie nahm die Zi­ga­ret­te aus sei­ner Hand und steck­te sie sich selbst in den Mund.

»Lea, du rauchst doch gar nicht. Willst du wirk­lich da­mit an­fan­gen?«, frag­te er un­si­cher.

»Du hast mich noch nie mit ei­ner Zi­ga­ret­te ge­se­hen Schatz. Ich rau­che ge­nau so wie du und Liz. Ich hat­te nur die gan­ze Zeit kei­ne mit und woll­te dich nicht da­nach fra­gen. Au­ßer­dem blieb ja kei­ne Zeit da­für«, sag­te sie und hol­te ihr Feu­er­zeug aus der Ho­sen­ta­sche.

»Lass uns in das Café da drü­ben ge­hen, ge­müt­lich ei­ne rau­chen und einen Kaf­fee ge­nie­ßen. So viel Zeit neh­men wir uns jetzt ein­fach.«

Sie nahm sei­ne Hand, zog ihn über den Platz zu dem klei­nen Café an die Ecke und flüs­ter­te »Ich lie­be dich Mi­cha­el.«

Dänemark, Kopenhagen

»Ich hab sie ge­fun­den Sjaak. Un­ser nächs­tes Ziel heißt Bar­ce­lo­na!«, rief Co­dy.

»Bar­ce­lo­na? Wie­so denn Spa­ni­en?«

»Ich hab mich in die Da­ten­bank am Flug­ha­fen ein­ge­klinkt. Der Flug­plan der Gulf­stream die auf In­ter­pol re­gis­triert ist, geht von Ko­pen­ha­gen über Deutsch­land und Frank­reich nach Bar­ce­lo­na«, sag­te Co­dy.

»Na dann lass uns hin­ter­her. Vi­el­leicht springt ja noch ein biss­chen Zeit für ein Spiel vom FC raus«, grins­te Sjaak.

25. Kapitel
Vereinigte Staaten, Moore (OK)

Es war ein rich­tig hei­ßer Som­mer­tag in Moo­re. Tho­mas Bloom hat­te es sich in sei­nem Gar­ten, bei ei­nem eis­ge­kühl­ten Saft, un­ter ei­nem Son­nen­schirm ge­müt­lich ge­macht. Nur in knap­pen Shorts be­klei­det lag er in sei­nem Lie­ge­stuhl und ge­noss das Zwit­schern der Vö­gel in den Bäu­men um ihn her­um. Den län­ge­ren Ur­laub hat­te er sich jetzt wirk­lich ver­dient. Vor fast neun Jah­ren im Al­ter von 23 hat­te man ihn als Agent auf Lea Enis an­ge­setzt. Er flog von Okla­ho­ma nach Texas und ver­brach­te fast ein Jahr da­mit, nach der Kil­le­rin zu su­chen. Es war fast un­mög­lich sie zu fin­den. Enis war ex­trem vor­sich­tig. Sie be­saß kein Te­le­fon und auch kei­nen Com­pu­ter, leb­te ver­steckt ir­gend­wo in Texas als jun­ge Frau, die im­mer wie­der ihr aus­se­hen ver­än­der­te. Unauf­fäl­lig und töd­lich. Pein­lich ge­nau plan­te sie ih­re Mor­de. Im­mer aus großer Ent­fer­nung mit min­des­tens fünf ver­schie­de­nen Flucht­plä­nen. Wie ei­ne Ma­schi­ne tö­te­te sie ih­re Op­fer und war nie lan­ge an ei­nem Ort. Nach je­dem töd­li­chen Schuss ver­schwand sie in­ner­halb ei­ni­ger Mi­nu­ten. Nur durch die Hil­fe von Kom­missar Zu­fall kam er auf ih­re Spur. Ein Ge­schäfts­mann aus Chi­ca­go wur­de we­gen Mit­glied­schaft in ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ve­rei­ni­gung fest­ge­nom­men. Er hat­te Enis ei­ni­ge Auf­trä­ge er­teilt. Man hat­te ihn ef­fek­tiv ver­hört und er wuss­te, wo sich der to­te Brief­kas­ten be­fand, den die Kil­le­rin für ih­re Auf­trä­ge nutz­te. Bloom leg­te sich dort auf die Lau­er, um sie auf­zu­spü­ren. Fast ein Jahr brauch­te er, um fest­zu­stel­len, das Enis im­mer in ei­ner an­de­ren Ver­klei­dung dort er­schi­en und die Auf­trä­ge ab­hol­te. Mehr­fach ver­such­te er ihr, einen ge­fak­ten Auf­trag un­ter­zu­ju­beln. Erst dach­te er, der aus­ge­mach­te Preis wä­re zu nied­rig, weil Enis kei­nen Auf­trag an­ge­nom­men hat­te. Er hat­te so­gar weit über 5 Mil­lio­nen für ein ein­zi­ges Ziel ge­bo­ten, doch Enis lehn­te je­den Auf­trag ab. Die Ab­leh­nun­gen er­folg­ten im­mer auf dem Glei­chen weg. In ei­nem Forum für Com­pu­ter­spie­le er­schi­en ein Post über einen Feh­ler­co­de, der ei­nem Spie­ler an­ge­zeigt wur­de. Der Na­me des ge­wünsch­ten Op­fers war der Na­me des Spie­lers selbst. Um ih­ren Un­ter­schlupf aus­fin­dig zu ma­chen, ver­such­te er ihr mit ei­nem Auf­trag einen Peil­sen­der un­ter­zu­schie­ben. Aber auch die­ser Ver­such schei­ter­te. Enis nahm die Auf­trä­ge mit, doch noch be­vor der Peil­sen­der den Ort der Über­ga­be ver­ließ, war er un­brauch­bar ge­wor­den. Er ver­such­te, den im­mer an­ders aus­se­hen­den Ku­rie­ren zu fol­gen, was sich als schwe­rer er­wies als ge­dacht. Enis konn­te in Se­kun­den ihr aus­se­hen ver­än­dern. Mal ver­schwand sie in ei­ner Toi­let­te und ver­ließ die­se nur 30 Se­kun­den spä­ter völ­lig ver­wan­delt. Trotz­dem ge­lang es ihm ir­gend­wann, ihr zu fol­gen. Er sprach sie in ei­ner Bar an. Of­fen­bar hat­te er Ein­druck hin­ter­las­sen, denn sie mel­de­te sich bei sei­ner Tar­ni­den­ti­tät als Den­nis Wil­cox. Doch selbst als er mit ihr ei­ne Be­zie­hung führ­te, war er nie Teil ih­res Plans. Das ge­lang erst nach acht lan­gen Jah­ren. Er durf­te zum ers­ten Mal teil­ha­ben und einen Flucht­wa­gen fah­ren. Das war die große Chan­ce, Enis zu kas­sie­ren. Bloom setz­te sei­ne Vor­ge­setz­te Li­sa Tur­ner in den Wa­gen und Enis stieg ein­fach zu. Sein Auf­trag war er­füllt. Jetzt ge­noss er einen län­ge­ren Ur­laub zu Hau­se. Ne­ben ihm zer­riss der Klin­gel­ton sei­nes Smart­pho­nes die Ge­sän­ge der Vö­gel.

»Bloom«, mel­de­te er sich.

»Tur­ner hier. Wir ha­ben ein Pro­blem!«

»Spe­ci­al Agent, es gibt kein Pro­blem. Ich ha­be ih­nen Enis auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert. Sie sitzt im Ge­fäng­nis und war­tet auf ih­re Ver­hand­lung. Al­le Be­wei­se sind vor­han­den«, woll­te er sie ab­wür­gen.

»Enis sitzt eben nicht mehr im Ge­fäng­nis. Sie ist ge­flo­hen!«, brüll­te sie.

»Das ist nicht ihr ver­damm­ter Ernst Tur­ner.«

»Lei­der doch. Als sie aus dem Ge­fäng­nis zu ih­rer ers­ten An­hö­rung ab­ge­holt wur­de, ver­schwand sie ein­fach. Sie kam dort nie an.«

»Tur­ner, sie hat ge­sagt, sie bringt mich um, wenn sie raus­kommt. Sie wis­sen, zu was sie fä­hig ist. Wie lan­ge ist sie schon weg?«

»Seit zwei Ta­gen. Sie könn­te über­all sein. Wir soll­ten sie in Si­cher­heit brin­gen Bloom!«

»Wie soll das funk­tio­nie­ren Tur­ner?«

»Ich ha­be ih­nen ei­ne neue Iden­ti­tät ver­schafft und ei­ne Woh­nung be­sorgt. Sie ver­schwin­den noch heu­te von der Bild­flä­che!«

»Las­sen sie sich Zeit, ich neh­me an, in ein paar Mi­nu­ten bin ich tot!«, schrie Bloom in den Hö­rer.

»Ei­ne Ein­heit ist be­reits auf dem Weg zu ih­nen. Sie soll­ten in we­ni­ger als zehn Mi­nu­ten bei ih­nen sein. Ma­chen Sie sich fer­tig. Ach und Bloom, so­bald wir Enis ge­fun­den ha­ben kön­nen sie in ihr al­tes Le­ben zu­rück­keh­ren.«

»Al­so nie. Dan­ke Tur­ner, sie wa­ren mir ei­ne große Hil­fe. Üb­ri­gens, Enis kennt auch ih­ren Na­men. Ster­ben sie wohl mei­ne Lie­be!«

Er trenn­te die Ver­bin­dung, blick­te sich ängst­lich um und schlich in sein Haus zu­rück. Bloom zog die Vor­hän­ge zu, ver­rie­gel­te die Tü­ren und be­gann sei­ne Sa­chen zu pa­cken. Sein Ur­laub war vor­bei noch, be­vor er rich­tig be­gon­nen hat­te. Der Jä­ger war zum Ha­sen ge­wor­den.

Deutschland, Berlin

Dunkle Wol­ken zo­gen sich über der Stadt zu­sam­men, als Korn und sei­ne Lea den Miet­wa­gen er­reich­ten. Lea war noch nie in Deutsch­land und ver­stand auch kein Wort von der har­ten ab­ge­hack­ten Spra­che. Korn war hier zu Hau­se und sie be­wun­der­te wie er von Deutsch ins Eng­li­sche wech­seln konn­te. Er öff­ne­te den dunklen Ford-SUV mit ei­nem Druck auf die Fern­be­die­nung. Lea setz­te sich auf den Bei­fah­rer­sitz und zog die Tür zu wäh­rend Korn ihr klei­nes Rei­se­ge­päck in den Kof­fer­raum warf. Er klemm­te sich hin­ter das Lenk­rad.

»Gibt es denn nur noch Zwer­ge und Idio­ten auf der Welt?«, stöhn­te er, als er den Sitz nach hin­ten schob.

»Nicht al­le Men­schen sind so lang wie du Mi­cha­el. Aber wo siehst du Idio­ten?«, frag­te sie und dreh­te amü­siert den Kopf.

»Die Pfei­fe von der Au­to­ver­mie­tung hat mich ernst­haft ge­fragt, wel­che Ver­si­che­rung ich ha­ben will!«

»Ja, und?«

»Ich brau­che kei­ne ver­damm­te Ver­si­che­rung!«

»Brauchst du schon, im­mer­hin sit­ze ich auch hier drin Schatz!«

»Ich weiß, des­we­gen fahr ich auch be­son­ders vor­sich­tig.«, sag­te er und fuhr mit durch­dre­hen­den Rä­dern los.

»Das nennst du vor­sich­tig? Ich glau­be, ich brau­che noch einen Si­cher­heits­gurt.«

»Ich könn­te dir einen Kin­der­sitz an­bie­ten. Liegt im Kof­fer­raum.«

Lea schlug ihn, so fest sie konn­te auf den Obe­r­arm. Korn brems­te, blieb am Stra­ßen­rand ste­hen und zog die Hand­brem­se an.

»Ich lie­be dich!«, sag­te er, nahm sie in den Arm und küss­te sie. Lea lä­chel­te ihn an, als sie sag­te »Du hast es dir ge­merkt!«

»Na­tür­lich ha­be ich es mir ge­merkt Lea. Ich könn­te es mir nie ver­zei­hen dich zu ent­täu­schen.«

»In der rau­en und sta­che­li­gen Scha­le steckt ja doch ein ganz lie­ber und für­sorg­li­cher Mensch, man muss ihn nur manch­mal an die Ober­flä­che lo­cken.«, grins­te sie.

»Ja, aber ver­ra­te es kei­nem. Nach­her glau­ben die noch, ich wä­re weich ge­wor­den.«, scherz­te er.

»Du bist weich Mi­cha­el, ich hat­te dich schon im Arm. Rich­tig ku­sche­lig.«

»Dan­ke für die Blu­men, aber lass uns wei­ter­fah­ren da war­tet ein Lut­scher in Na­del­strei­fen dar­auf, the­ra­piert zu wer­den.«

»Das möch­te ich auf kei­nen Fall ver­pas­sen.«

Korn lös­te die Hand­brem­se und setz­te die Fahrt ru­hi­ger fort. Auf dem Teil­stück der Au­to­bahn zog er ganz nach links, trat das Gas­pe­dal voll durch, um den Wa­gen auf Höchst­ge­schwin­dig­keit zu brin­gen. Lea sah im Fens­ter die Bäu­me, Sträu­cher und an­de­ren Fahr­zeu­ge vor­bei­flie­gen. In­stink­tiv leg­te sie ih­re Hän­de an die Grif­fe, um sich fest­zu­klam­mern. Korn be­merk­te, wie sie sich ver­steif­te. Er leg­te sanft sei­ne rech­te Hand auf ih­ren schlan­ken Ober­schen­kel. »Ent­spann dich Lea. Du brauchst kei­ne Angst zu ha­ben.«

Sie ver­zog ih­ren Mund zu ei­nem schie­fen lä­cheln, sag­te aber nichts. Korn nahm ein biss­chen Ge­schwin­dig­keit zu­rück. Sie wur­de wie­der lo­cke­rer.

»Wie schnell bist du eben ge­fah­ren?«, frag­te sie mit be­sorg­tem Ton.

»250 km/h, mehr kommt aus der Möh­re hier nicht raus.«

»Wenn die Cops hier ir­gend­wo ste­hen, gehst du nur noch zu Fuß.«

Er lach­te »Nein mein Herz. Wir sind hier nicht in den USA, wo man mit 90 Mei­len (ca. 145 km) über den Highway schleicht. In Deutsch­land darfst du auf der Au­to­bahn so schnell fah­ren, wie du willst, es sei denn, es gibt Schil­der, die dich ein­brem­sen. Auf die­sem Stück dürf­ten wir so­gar noch schnel­ler fah­ren, aber un­se­re Kar­re gibt ein­fach nicht mehr her.«

»OK, das für mich ganz neu. Bis­her war ich noch nie in Eu­ro­pa mit dem Au­to un­ter­wegs. Da muss ich mich erst dran ge­wöh­nen.«

Korn nahm die Aus­fahrt und dros­sel­te auf die zu­läs­si­ge Ge­schwin­dig­keit. Sie er­reich­ten einen rie­si­gen Palast aus Stahl und Glas. Die we­ni­gen Son­nen­strah­len, die noch durch die Wol­ken­de­cke dran­gen, fun­kel­ten wie Ster­ne in dem Bau­werk. Lea fand es atem­be­rau­bend schön. Er steu­er­te den Fir­men­park­platz an. Sie hat­ten ihr Ziel er­reicht. Ir­gend­wo in dem Ge­bäu­de wür­den sie den Chef der SilOld AG fin­den.

Die Empfangs­da­me im Erd­ge­schoss mach­te ein mür­ri­sches Ge­sicht. Korn hat­te sie an­ge­spro­chen und ver­lang­te, den Chef zu spre­chen. Der Chef des welt­weit agie­ren­den Un­ter­neh­mens war für nie­man­den zu spre­chen, schon gar nicht für einen Mann wie Mi­cha­el Korn. Al­lei­ne schon sein Er­schei­nungs­bild reich­te als Grund aus. Schwar­ze Carg­o­ho­se, schwe­re Stie­fel mit ei­nem schwar­zen T-Shirt, das am Ober­kör­per spann­te, lie­ßen ihn aus­se­hen wie einen Ver­bre­cher. Sei­ne Beglei­tung, ei­ne klei­ne blon­de Frau steck­te in Fleck­tarn­ho­sen und ei­nem en­gen Top. Das war kein Auf­zug, in dem man zum Chef ei­nes Welt­un­ter­neh­mens vor­ge­las­sen wur­de. Sie rief die Män­ner von der Se­cu­ri­ty, um die bei­den nach drau­ßen brin­gen zu las­sen. Zwei Män­ner in ih­ren dun­kelblau­en Uni­for­men nä­her­ten sich den Be­su­chern. Korn stell­te sich vor Lea und warf den bei­den einen bö­sen Blick zu. Der Äl­te­re von bei­den sprach Korn an »Ver­las­sen Sie bit­te das Ge­bäu­de!«

»Hör zu Torf­na­se, du nimmst jetzt dei­nen Freund mit den Se­gel­oh­ren an der Hand und bringst uns zu Vol­ker Putt, sonst lass ich dir die Luft raus und ver­sen­ke euch im Wann­see!«, sag­te er kühl.

»Ver­las­sen Sie bit­te das Ge­bäu­de. Wir kön­nen auch an­ders!«, kam zu­rück.

Korn griff in sei­ne Ta­sche, aber in dem Mo­ment zo­gen die bei­den schon ih­re Waf­fen. Er ver­harr­te in der Be­we­gung und sag­te »Packt eu­er Spiel­zeug weg. Ich möch­te euch zwei Eier­köp­fe un­gern ver­let­zen. Au­ßer­dem ist es nicht hilf­reich, In­ter­po­l­agen­ten mit Waf­fen zu be­dro­hen.«

»In­ter­po­l­agen­ten? Ma­chen Sie sich nicht lä­cher­lich. Letz­te War­nung, sie bei­den ver­las­sen um­ge­hend das Ge­bäu­de!«

Korn dreh­te sei­nen Kopf zu Lea »Halt den hüb­schen Kopf un­ten, ich nehm sie jetzt aus­ein­an­der.« Lea lä­chel­te ihn an und nick­te. Im sel­ben Mo­ment schleu­der­te Korn sei­nen lin­ken Arm auf die Hand mit der Waf­fe, die wie ei­ne Tau­be durch die Hal­le se­gel­te, pack­te mit der rech­ten Hand die Waf­fe des an­de­ren und dreh­te sie ge­schickt nach rechts weg. Korn tauch­te nach links un­ten weg, be­vor er sei­ne rech­te Schul­ter auf die Rip­pen des lin­ken Wach­manns knal­len ließ. Nach ei­ner kur­z­en Dre­hung um die ei­ge­ne Ach­se lan­de­te sei­ne Hand am Hals des rech­ten, der keu­chend zu Bo­den ging und nach Luft schnapp­te. Dann nahm er den an­de­ren mit sei­nem rech­ten Arm in den Schwitz­kas­ten, zog sei­nen Aus­weis aus der Ta­sche und hielt ihm dem Mann vor die Au­gen. Dann sag­te er »Du bringst uns jetzt zum Ober­motz, sonst reiß ich dir den Kopf ab.«

»OK«, krächz­te er mit großer An­stren­gung.

Korn ließ ihn los und herrsch­te ihn an »Vor­wärts be­vor ich Ernst ma­che!«

Der Wach­mann wand­te sich zu den Auf­zü­gen um. Lea stell­te sich links ne­ben Korn. Un­be­merkt vor al­len Au­gen gab sie ihm einen leich­ten Klaps auf den Hin­tern. Der Wach­mann führ­te sie zu den Auf­zü­gen. Sie tra­ten ein. Sur­rend glit­ten die Tü­ren zu. Der Wach­mann hielt ei­ne Chip­kar­te vor ein Le­se­ge­rät, das mit ei­nem Piep die Be­rech­ti­gung quit­tier­te. Er drück­te auf den Knopf für die 23. Eta­ge. Sach­te setz­te sich die Ka­bi­ne in Be­we­gung.

Oben an­ge­kom­men stan­den sie in ei­ner mit weißem Mar­mor­stei­nen aus­ge­klei­de­ten Hal­le. Bil­der an den Wän­den er­zähl­ten die Ge­schich­te der Fir­ma von der Grün­dung im Jahr 1906 bis heu­te. Der Wach­mann führ­te sie an der Ga­le­rie vor­bei, an de­ren En­de ei­ne Da­me in ei­nem schi­cken flie­der­far­be­nen Out­fit an ei­nem Schreib­tisch saß. Ih­re tiefrot la­ckier­ten Fin­ger­nä­gel kratz­ten auf ei­ner Ta­sta­tur. Der Wach­mann stell­te Korn und Lea als In­ter­po­l­agen­ten vor. Als die Da­me auf­sah, nick­te sie ihm kurz zu. Er ging wie­der zum Fahr­stuhl zu­rück. Korn re­gis­trier­te das klei­ne Na­mens­schild, das vor ihr auf dem Schreib­tisch stand. »Brit­ta Her­zog« war dar­auf zu le­sen. Sie er­kun­dig­te sich nach dem Grund des Be­suchs. Mi­cha­el sah sie kühl an, sag­te aber nichts. Sie be­tä­tig­te ei­ne Tas­te auf ei­ner An­la­ge und sag­te »Herr Putt, hier sind zwei Herr­schaf­ten von In­ter­pol, die sie spre­chen möch­ten.«

»Dan­ke Brit­ta. Schi­cken sie Sie her­ein.«

Frau Her­zog stand auf und öff­ne­te ei­ne Tür. Mit ei­ner ein­la­den­den Ges­te wies sie in den Raum. Korn ließ Lea den Vor­tritt. Die Tür wur­de lei­se hin­ter ih­nen ge­schlos­sen.

Vol­ker Putt war ein schlan­ker hoch­ge­wach­se­ner Mann im mitt­le­ren Al­ter. Sei­ne dun­kel­brau­nen Haa­re wa­ren mit grau­en Sch­lie­ren durch­setzt. Er trug einen Bei­ge­far­be­nen An­zug mit ro­tem Ein­steck­tuch. An den Är­meln blitz­ten gold­far­be­ne Man­schet­ten­knöp­fe her­vor.

»Neh­men sie Platz. Darf ich ih­nen et­was an­bie­ten?«, be­grüß­te er sie mit ver­hal­te­nem Lä­cheln.

»Herr Putt, das ist mei­ne Kol­le­gin Lea Tay­lor. Mein Na­me ist Mi­cha­el Korn. Ich wür­de sie bit­ten die­se Un­ter­hal­tung in Eng­lisch zu füh­ren, da­mit mei­ne ge­schätz­te Kol­le­gin al­les ver­steht.«

»Na­tür­lich Mis­ter Korn. Miss Tay­lor, darf ich ih­nen et­was an­bie­ten? Tee, Kaf­fee, viel­leicht ein Was­ser?«

»Dan­ke nein«, er­klär­te Lea.

»Sie sind Mi­cha­el Korn? Et­wa der Mi­cha­el Korn?«, frag­te Putt.

»Nein, ich ha­be mei­nen Dop­pel­gän­ger ge­schickt. Sie schie­nen mir nicht wich­tig ge­nug, um selbst zu er­schei­nen. Wir sind nicht hier um mit ih­nen zu plau­schen Mis­ter Putt. Ih­re bei­den Mit­ar­bei­ter die In­ter­pol in Si­cher­heit ge­bracht hat, ha­ben ih­re Kit­tel end­gül­tig an der Gar­de­ro­be ab­ge­ge­ben. Ab­ge­se­hen da­von das Rous­sel den Feh­ler ge­macht hat ih­nen in ei­ner E-Mail mit­zu­tei­len, wo sie zu fin­den sind, kön­nen die Mör­der nur hier er­fah­ren ha­ben, wo man sie su­chen muss. Spa­ren wir uns al­so den Teil, in dem sie uns Ho­nig in den Bart schmie­ren wol­len und kom­men zum The­ma«, sag­te Korn mit emo­ti­ons­lo­ser Stim­me.

»In­ter­pol hat sie ex­tra hier her­ge­schickt, um mir mit­zu­tei­len das mei­ne Mit­ar­bei­ter ge­tö­tet wur­den?«, frag­te Putt.

»Uns schickt man nicht, um ih­nen mit­zu­tei­len, das ihr Hu­man­ka­pi­tal zum Teu­fel ist. Wir sind hier, um zu er­fah­ren, wo die un­dich­te Stel­le ist. Zum jet­zi­gen Zeit­punkt ver­mu­te ich sie näm­lich vor mir!«

»Man hat mir schon oft be­rich­tet, sie sei­en schwie­rig. Ich woll­te das nicht glau­ben, muss aber ein­se­hen, dass es stimmt. Sie soll­ten jetzt bes­ser ge­hen Mis­ter Korn«, ver­such­te Putt das Ge­spräch zu be­en­den.

»Ich ha­be noch nicht ein­mal an­ge­fan­gen, schwie­rig zu wer­den. Wir wol­len wis­sen, wer auf die­se E-Mails Zu­griff hat, warum und wann. Au­ßer­dem will ich von ih­nen hö­ren, wel­che In­for­ma­tio­nen sie In­ter­pol vor­ent­hal­ten. Und nur da­mit sie klar se­hen, ihr Si­cher­heits­dienst, die paar Kin­der­gärt­ner, die hier her­um­lau­fen, brin­gen mich nicht zum Ge­hen. Fan­gen sie an, zu sin­gen, be­vor ich viel­leicht et­was un­sanft dar­auf be­ste­hen muss mir zu sa­gen, was ich wis­sen will!«, knurr­te Korn ihn an.

»Hö­ren sie Mis­ter Korn, sie kom­men hier in mein Bü­ro und ver­lan­gen In­for­ma­tio­nen, die ich ih­nen nicht ge­ben kann oder will. Das liegt nicht dar­in be­grün­det, weil ich kein Ver­trau­en in In­ter­pol ha­be. Mir ob­liegt die Pf­licht, die­sen Kon­zern zu füh­ren. Das be­deu­tet, ich muss in ers­ter Li­nie mög­li­che Neu­ent­wick­lun­gen schüt­zen. Mit­ar­bei­ter in der For­schung sind er­setz­bar, aber die vor­han­de­nen Da­ten nicht. Ich ha­be be­reits ei­ni­ge Vor­keh­run­gen ge­trof­fen und die wer­de ich ih­nen nicht auf die Na­se bin­den.«

»Ih­re Re­ak­ti­on hat mir be­reits mehr als ge­nug ver­ra­ten. Sie ha­ben al­so da­für ge­sorgt, dass sämt­li­che Da­ten aus Me­xi­ko ver­schwun­den sind. Den Auf­ent­halts­ort möch­ten sie nicht preis­ge­ben. Das Le­ben ih­rer Mit­ar­bei­ter set­zen sie ger­ne aufs Spiel, aber wie sieht es mit ih­rem ei­ge­nen aus?«, warf ihm Korn an den Kopf.

»Ich ver­ste­he nicht.«, stam­mel­te Putt.

»Ich hel­fe ih­rem Erb­sen­ge­hirn mal auf die Sprün­ge. Egal wer hin­ter den In­for­ma­tio­nen her ist, wird raus­fin­den, dass in Me­xi­ko nichts mehr zu ho­len ist. Oh, ich se­he ge­ra­de, man hat es al­so schon her­aus­ge­fun­den. Das heißt, es kann nicht vie­le Men­schen ge­ben, die wis­sen, wo sie es ver­steckt ha­ben. Je­der halb­wegs in­tel­li­gen­te Mensch weiß aber das sie über die­se In­for­ma­tio­nen ver­fü­gen. Wie lan­ge wird es wohl dau­ern bis sie kopf­über von der De­cke hän­gen, man ih­nen die Ze­hen­nä­gel mit dem Löt­kol­ben ent­fernt und die Schön­heits­ope­ra­tio­nen mit ei­nem ros­ti­gen Mes­ser durch­führt? Oh­ne Be­täu­bung na­tür­lich. Sie kön­nen jetzt al­so wäh­len, ob sie es mir sa­gen wol­len, oder in spä­tes­tens zwei oder drei Ta­gen den nächt­li­chen Be­su­chern!«

Wäh­rend Korn das er­zähl­te, krit­zel­te er ei­ni­ge Zei­len auf einen Zet­tel vor ihm. Er hielt ihm den Zet­tel hin. Vol­ker Putts Au­gen wur­den im­mer grö­ßer als er las:

Wan­ze in ih­rem Te­le­fon.

Nen­nen Sie ein Ziel, an dem nichts zu ho­len ist und schrei­ben die Wahr­heit hier auf. Kein Wort zu nie­man­dem!

»Sie ha­ben recht Mis­ter Korn. Man hat in Cancún drei­ßig Si­cher­heits­leu­te ge­tö­tet und die Sa­fes auf­ge­bro­chen. Ich ha­be da­für ge­sorgt das al­le Da­ten, For­meln und Pro­to­ty­pen nach Ca­ra­cas in Ve­ne­zue­la ge­bracht wur­den. Dort sind sie si­cher auf­ge­ho­ben, bis die An­ge­le­gen­heit be­rei­nigt wur­de und wir die For­schung, un­ter hö­he­ren Si­cher­heits­vor­keh­run­gen fort­set­zen kön­nen.«

Er schob Korn wie­der das Blatt zu.

Die Da­ten sind in Car­ta­ge­na und die Pro­to­ty­pen in Kap­stadt!

Die For­mel lag nicht mehr im Sa­fe!

»In Ord­nung«, sag­te Korn, »al­ler­dings den­ke ich, es dürf­te si­che­rer sein, wenn wir sie jetzt eben­falls ir­gend­wo un­ter­brin­gen, wo sie nicht ge­fun­den wer­den. Na­tür­lich liegt das an ih­nen. Sie dür­fen auch ger­ne dar­auf war­ten, wer sie nachts be­su­chen kommt.«

»Mal an­ge­nom­men ich wä­re nicht so scharf dar­auf, das zu er­fah­ren. Was wür­den sie an mei­ner Stel­le tun?«, frag­te Putt.

»Mei­nen Pass ver­bren­nen, die Gren­ze nach Bel­gi­en über­que­ren und ein neu­es Le­ben als Pom­mes­bra­ter be­gin­nen. Sie könn­ten aber auch mit uns die­ses Ge­bäu­de ver­las­sen und dar­auf ver­trau­en, das wir sie si­cher un­ter­brin­gen.«, er­klär­te Korn un­be­küm­mert.

»Bel­gi­en klingt ver­lo­ckend. Op­ti­on zwei wür­de ich den­noch vor­zie­hen.«

»Dann fol­gen sie uns ein­fach.«, lä­chel­te Korn und stand auf. Lea, die wäh­rend des gan­zen Ge­sprächs ver­sucht hat­te, wie Korn in Putts Ge­sicht zu le­sen, er­hob sich eben­falls. Als sie aus dem Bü­ro ka­men, sag­te Vol­ker Putt zu sei­ner Se­kre­tä­rin »Brit­ta sa­gen sie al­le mei­ne Ter­mi­ne ab. Ich muss drin­gend ei­ni­ges er­le­di­gen.«

»Na­tür­lich, Herr Putt, ich küm­me­re mich dar­um.«, flö­te­te sie und warf ihm ein Lä­cheln zu. Dann be­gann sie zu te­le­fo­nie­ren.

Korn be­ob­ach­te­te die Sze­ne, sag­te aber nichts wei­ter.

Als die drei das Ge­bäu­de ver­lie­ßen, zog Mi­cha­el sei­ne Zi­ga­ret­ten her­vor und reich­te Lea ei­ne da­von. Die bei­den so­gen genüss­lich den Rauch ein. Dann wand­te sich Korn zu Putt und sag­te »Sie müs­sen den An­zug los­wer­den. Das ist zu auf­fäl­lig!«

Wäh­rend Lea rauch­te, stand Vol­ker Putt da­ne­ben und wuss­te nicht, was er tun soll­te. Korn lehn­te an dem Miet­wa­gen, sog den Rauch ein und tipp­te in sein Han­dy. Die­ses hielt er dann Vol­ker Putt hin und leg­te sei­nen Zei­ge­fin­ger über den Mund.

Ich ver­mu­te, dass in ih­ren Kla­mot­ten auch ein Sen­der ver­steckt ist. Wir brin­gen sie zu ei­nem Su­per­markt. Kau­fen Sie sich et­was zum An­zie­hen, neue So­cken so­wie neue Schu­he. Zie­hen Sie sich auf der Kun­den­toi­let­te um. Las­sen Sie ih­ren An­zug dort lie­gen und wer­den sie ihr Smart­pho­ne los. Dann stei­gen sie wie­der in den Wa­gen. Bis da­hin kein ein­zi­ges Wort!

Vol­ker Putt nick­te zum Zei­chen, das er ver­stan­den hat­te. Sie stie­gen in den Miet­wa­gen und Korn fuhr zu ei­nem un­auf­fäl­li­gen Fa­shi­on-Sto­re in der In­nen­stadt. Der Vor­stands­vor­sit­zen­de der SilOld AG schäl­te sich aus dem Wa­gen und ver­schwand im La­den. Lea und Korn blie­ben dar­in zu­rück. Sie blick­te Putt fra­gend hin­ter­her, wäh­rend sie Mi­cha­el frag­te »Was war denn los? Was soll­te das al­les und was treibt er jetzt da drin?«

Korn grins­te leicht »Un­ser Groß­kotz wur­de in sei­nem Bü­ro ab­ge­hört Lea. Ver­mut­lich steckt in sei­nem Te­le­fon ei­ne Wan­ze. Si­cher­heits­hal­ber wird er jetzt sei­nen An­zug und sein Smart­pho­ne los, falls da eben­falls et­was ver­steckt sein soll­te.«

»Er wur­de ab­ge­hört? Aber von wem?«, frag­te Lea.

»Ich ha­be ei­ne Ver­mu­tung. Al­ler­dings ist es jetzt erst ein­mal wich­tig, so schnell wie mög­lich nach Ve­ne­zue­la zu rei­sen. Dort hast du dei­nen großen Auf­tritt.«

»Was soll ich tun?«, kam es von ihr und die Neu­gier war ihr ins Ge­sicht ge­schrie­ben.

»Al­les zu sei­ner Zeit mein Schatz. Wäh­rend des Flu­ges wer­den wir einen ge­nau­en Plan aus­ar­bei­ten«, lach­te er.

26. Kapitel
Frankreich, Lyon

»Vi­el­leicht ist es mir ge­lun­gen, un­se­re bei­den Ver­fol­ger ein biss­chen auf Ab­stand zu hal­ten«, ki­cher­te Mi­ke auf dem Weg in ein klei­nes Ho­tel am Stadt­rand von Ly­on.

»Wie soll ich das Ver­ste­hen Mi­ke?«, frag­te Liz et­was ir­ri­tiert.

»Wenn die bei­den wirk­lich so cle­ver sind, wie Lea sagt, wer­den sie ver­mut­lich wis­sen, dass wir in der Gulf­stream von In­ter­pol ab­ge­hau­en sind. Wir dür­fen al­so da­von aus­ge­hen, dass sie sich un­se­ren Flug­plan et­was ge­nau­er an­se­hen. Als wir ge­st­ar­tet sind, ha­be ich den ein biss­chen fri­siert. Statt Ly­on ha­be ich als Rei­se­ziel Bar­ce­lo­na an­ge­ge­ben.«

»OK, ver­ste­he. Aber warum Bar­ce­lo­na und nicht Mos­kau oder Prag?«

»Liz, Flug­zeu­ge kann man an­hand ih­res Trans­pon­der­si­gnals ver­fol­gen. Falls sie das ge­tan ha­ben, hät­ten sie ge­se­hen das wir Deutsch­land über­flo­gen ha­ben mit Kurs auf Frank­reich. Mos­kau und Prag lie­gen nicht auf die­ser Rou­te.«, er­klär­te er sie­ges­si­cher.

»Und wenn sie das Trans­pon­der­si­gnal, was im­mer das auch ist, ver­fol­gen und raus­fin­den dass wir doch in Ly­on ge­lan­det sind, was dann?

Sie wer­den es nicht fin­den Liz. Ich ha­be die Pi­lo­ten ge­be­ten den Trans­pon­der aus­zu­schal­ten und in Ly­on einen an­de­ren ein­bau­en zu las­sen. Un­se­re letz­te Po­si­ti­on ist kurz hin­ter der Gren­ze zu Frank­reich. Da­nach taucht es nir­gend­wo mehr auf.«

»Dann hof­fen wir mal das es uns et­was Zeit ver­schafft.«, seufz­te Liz.

Ihr Wa­gen hielt kurz vor dem klei­nen Ho­tel am Stadt­rand. Da Liz die bei­den Frau­en so si­cher wie mög­lich un­ter­brin­gen woll­te, zog sie Bar­geld an ei­nem Geld­au­to­ma­ten. Das klei­ne Ho­tel mach­te einen sau­be­ren, je­doch nicht ge­ra­de lu­xu­ri­ösen Ein­druck, aber der Auf­ent­halt soll­te auch nicht auf Dau­er sein. Ers­te Re­gel zur si­che­ren Un­ter­brin­gung ver­wen­de nie­mals dei­nen rich­ti­gen Na­men. Zwei­te Re­gel, ver­än­de­re dein Aus­se­hen, so gut es geht. Drit­te Re­gel, ver­hal­te dich un­auf­fäl­lig. Die bei­den jun­gen Frau­en wur­den als The­resa Mil­ler und Sa­rah Brighton ein­ge­checkt. Tou­ris­tin­nen aus Eng­land, die hier ih­ren Ur­laub ver­brin­gen woll­ten. Das Zim­mer wur­de gleich für zwei Wo­chen bar be­zahlt. Liz ließ sich, mit ei­ni­gem Wi­der­stand der bei­den Bank und Kre­dit­kar­ten aus­hän­di­gen. Sie soll­ten Bar be­zah­len. Da­mit man sie nicht so ein­fach er­ken­nen konn­te, schie­nen ein Haar­schnitt mit Tö­nung an­ge­bracht. Vi­el­leicht wür­den sie noch Son­nen­bril­len auf­set­zen. Liz drück­te ih­nen noch drei­tau­send € in die Hand und sag­te ih­nen das sie sich wie nor­ma­le Tou­ris­tin­nen ver­hal­ten soll­ten. Hier einen Kaf­fee, da ei­ne Se­hens­wür­dig­keit und viel­leicht ein Bum­mel durch die Ein­kaufs­mei­le, falls sie es aus dem Bett schaff­ten. Da­mit lie­ßen sie die bei­den zu­rück und mach­ten sich auf den Weg zu In­ter­pol. Gera­de als sie kurz vor ih­rem Ziel wa­ren, mel­de­te sich das Smart­pho­ne von Liz. Der An­ru­fer leuch­te­te als Mis­ter Arsch im Dis­play auf. Sie ver­zog so­fort das Ge­sicht. Auf den hat­te sie ge­ra­de noch ge­war­tet.

»Was wol­len sie denn schon wie­der?«, mel­de­te sie sich ge­nervt.

»Miss Croll, wo sind sie ge­ra­de?«, frag­te Korn.

»Auf der Su­che nach ei­nem si­che­ren Ver­steck vor ih­nen!«, zisch­te sie.

»Da­für bleibt kei­ne Zeit. Pa­cken Sie ein paar Sa­chen ein. Banks soll sie zum Flug­ha­fen brin­gen. Sie stei­gen in un­se­re Ma­schi­ne, er bringt un­se­ren Gast in ir­gend­ei­nem dritt­klas­si­gen Ho­tel un­ter und küm­mert sich dann um die Fest­plat­te die Lea und ich in Ca­ba­re­te si­cher­ge­stellt ha­ben. Ich brau­che sie in Ca­ra­cas!«

»Mis­ter Arsch, mir steht der Sinn nicht nach ei­ner wei­te­ren Rei­se. Wir sind ge­ra­de erst ge­lan­det ver­dammt.«

»Miss Croll, ich könn­te mir auch ei­ni­ges vor­stel­len wie ich mei­ne Zeit an­spre­chen­der und ver­gnüg­li­cher zu­brin­gen könn­te, als mit ih­nen in ei­ner Blech­do­se über dem At­lan­tik zu sit­zen. Bei­spiels­wei­se mit ei­ner Ana­kon­da in ei­nem klei­nen See, oder mit Schwimm­flos­sen und Ba­de­ho­se in der Ark­tis, aber mo­men­tan ver­su­che ich ei­ni­gen Ver­fol­gern das Hand­werk zu le­gen, was es lei­der nö­tig macht, sie mit­zu­neh­men.«

»Mis­ter Arsch, un­se­re Auf­ga­be ist es For­schungs­da­ten zu fin­den und nicht ir­gend­wel­che Ver­fol­ger hoch­zu­neh­men!«, be­lehr­te sie ihn.

»Ich weiß, die Cops im Kö­nig­reich sind zu blöd ein Loch in den Schnee zu pis­sen, aber wenn sie ei­nes auf der Schu­le, falls sie wirk­lich mal ei­ne be­sucht ha­ben soll­ten, was ich lang­sam be­zweifle, ge­lernt ha­ben soll­ten, dann doch wohl das es viel ein­fa­cher ist et­was zu fin­den, wenn nicht drei­hun­dert schwach­sin­ni­ge schieß­wü­ti­ge Ham­pel­män­ner ver­su­chen ih­nen ein Loch in den häss­li­chen Schä­del zu bla­sen. Okay in ih­rem Fall wä­re, das zwar ei­ne Ver­bes­se­rung aber da­mit ist der Gag auch schon weg.«

Liz dach­te et­was län­ger über das nach, was Korn ge­sagt hat­te, be­vor sie sag­te »Hat­ten wir nicht aus­ge­macht das sie von ih­rem Ego­trip her­un­ter­kom­men und ver­su­chen, et­was net­ter zu sein?«

Im Hin­ter­grund hör­te sie ein lei­ses Ge­mur­mel, was klang wie »Lea, über­nimm du die Sch­nep­fe, be­vor ich einen An­fall krie­ge und ihr mit wach­sen­der Be­geis­te­rung die Fres­se ein­schla­ge. Ich hab es satt mit die­ser engstir­ni­gen Dop­pel­nul­l­agen­tin zu ver­han­deln. Ent­we­der kann sie, oder will sie kei­ne Zu­sam­men­hän­ge be­grei­fen!«

Lea mel­de­te sich »Liz, hier ist Lea. Mi­cha­el hat ver­sucht, nett zu sein, aber du machst es ihm nicht ge­ra­de ein­fach.«

»Von dem Ver­such ha­be ich nicht viel be­merkt. Was ich be­merkt ha­be, ist, dass er un­se­ren Auf­trag aus den Au­gen ver­liert und statt­des­sen ir­gend­wel­chen Hirn­ge­spins­ten hin­ter­her­jagt.«

»Die­se Hirn­ge­spins­te, wie du sie nennst, wer­den al­ler­dings al­les in ih­rer Macht Ste­hen­de ver­su­chen, uns dar­an zu hin­dern. Nie­mand hat ger­ne ei­ne Laus im Pelz, und wir ha­ben da­von, wie es scheint ei­ne gan­ze Men­ge, die un­se­re Be­we­gungs­frei­heit stö­ren und uns mit Freu­de um­le­gen, um an die Er­geb­nis­se zu kom­men!«, er­klär­te Lea mit ru­hi­ger Stim­me.

»Und des­we­gen will er jetzt noch ein paar un­wich­ti­gen Möch­te­gern­ver­bre­chern hin­ter­her­lau­fen?«

»Liz, Sjaak Vis und sein Kum­pan sind kei­ne Kin­der­gärt­ner, die man so ein­fach los­wird. Die ha­ben einen Auf­trag und ein Ziel. De­nen ist es völ­lig egal, ob sie zwei oder zwei­hun­dert Men­schen um­brin­gen müs­sen, und sie wer­den auch nicht auf­hö­ren, be­vor sie ihr Ziel er­reicht ha­ben. Aber die bei­den sind nicht un­ser ein­zi­ges Pro­blem. Hin­ter den Er­geb­nis­sen sind al­le mög­li­chen Leu­te her und wir wis­sen nicht wie weit sie ge­hen wer­den, um das zu be­kom­men, was sie wol­len.«, ver­such­te Lea ihr klar zu ma­chen.

»Soll das hei­ßen wir sit­zen in ei­nem Spiel der an­ony­men Auf­trags­mör­der oder wie?«

»Lang­sam glau­be ich wirk­lich, dass Mi­cha­el recht hat, und du willst das Aus­maß ein­fach nicht be­grei­fen. Das ist kein ver­damm­tes Vi­deo­spiel, wo man ein­fach wie­der von vor­ne be­ginnt. Die le­gen uns al­le um und la­chen sich eins. Vi­el­leicht ist es bes­ser, du gehst wie­der zu­rück nach Eng­land und stoppst Ju­gend­li­che, die Lut­scher klau­en«, rea­gier­te Lea wü­tend und trenn­te die Ver­bin­dung.

»Was ist heu­te? Tag der Voll­spa­ten oder so?«, dach­te Liz bei sich, als sie ihr Te­le­fon wie­der in die Ta­sche steck­te. Mi­ke, der ru­hig mit­ge­hört hat­te, frag­te nach »Was ist los Liz?«

»Ach, die bei­den den­ken, es ist bes­ser, auf Mör­der­jagd zu ge­hen, be­vor wir un­se­ren Auf­trag er­le­digt ha­ben.«, jam­mer­te sie.

»Liz, meinst du nicht, es wä­re sinn­vol­ler uns ei­ni­ge Ver­fol­ger vom Hals zu hal­ten, da­mit wir in Ru­he den Spu­ren nach­ge­hen kön­nen?«

»Jetzt fängst du auch noch an. Wir sol­len Do­ku­men­te be­schaf­fen!«

»Das weiß ich, aber mög­lichst, oh­ne ab­ge­knallt zu wer­den. Erin­ne­re dich an die bei­den in Ko­pen­ha­gen, die wa­ren nicht zum Spaß hin­ter uns her!«

»So hat Korn auch schon ar­gu­men­tiert!«

»Liz, viel­leicht soll­test du mal auf ihn hö­ren. Ich weiß du magst ihn nicht und er fällt dir auf die Ner­ven, aber ich hat­te schon mit ihm zu tun. Du kannst mir glau­ben, wenn er et­was macht, hat er schon sei­nen Grund da­für, auch wenn er sich uns auf den ers­ten Blick nicht of­fen­bart. Au­ßer­dem kannst du hier im Mo­ment so­wie­so nicht hel­fen. Ich wer­de der Fest­plat­te ihr Ge­heim­nis ent­lo­cken. Willst du ne­ben­dran sit­zen und zu­se­hen oder lie­ber et­was ma­chen, was uns wei­ter bringt?«

»Vi­el­leicht hast du recht Mi­ke, aber ich wer­de den Arsch nicht an­ru­fen.«, stöhn­te sie.

»Dann ruf Lea an, die ist viel­leicht et­was um­gäng­li­cher«, lä­chel­te er.

»Die hat ja das Ge­spräch eben be­en­det, nach­dem sie mir auch einen Spruch ge­drückt hat.«

»Ist ja lang­sam wie im Kin­der­gar­ten. Dann ruf ich an und sa­ge ih­nen, dass du doch mit­kommst, ok?«

Liz nick­te nur stumm. Mi­ke zog sein Blue­tooth-Head­set aus der Ta­sche, fum­mel­te es über sein lin­kes Ohr und wähl­te die Num­mer von Lea. Nach dem drit­ten Klin­geln nahm sie den An­ruf leicht un­ter­kühlt an.

»Was willst du denn noch?«, frag­te sie leicht ge­reizt.

»Ganz ru­hig Zucker­maus! Liz wird euch hel­fen, weil sie hier ge­ra­de nichts tun kann, okay?«

»Nenn mich noch ein­mal Zucker­maus und ich sor­ge da­für, dass das Teil in dei­ner Ho­se nie wie­der zu ge­brau­chen ist. Schreib dir das hin­ter die un­ge­wa­sche­nen Ohren« schrie sie ihm ins Ohr, das so­gar Liz ne­ben­an je­des Wort ver­stand.

»Ja, ja, ist ja schon gut. Ich ha­be es be­grif­fen. Könnt ihr jetzt mal wie­der fried­lich sein?«, frag­te er, wäh­rend sein Ge­sicht ei­ne röt­li­che Fär­bung an­nahm.

»Bring die Queen zum Flug­ha­fen. Sie soll ein paar Kla­mot­ten ein­pa­cken und ih­re Was­ser­pis­to­le nicht ver­ges­sen. Du über­nimmst einen Gast und schaffst ihn in ir­gend­ein bil­li­ges Ho­tel, er weiß be­reits, was er zu tun hat, und dann mach dich an die Fest­plat­te, ka­piert?«

»Ja hab ich ver­stan­den. Sonst noch was?«, frag­te Mi­ke.

»Wir lan­den in knapp ei­ner Stun­de, tan­ken den Vo­gel auf und flie­gen dann wei­ter. Sie soll recht­zei­tig da sein.«, kam es von Lea und die Lei­tung war tot.

Ei­ne Drei­vier­tel­stun­de spä­ter stan­den Liz und Mi­ke schon am Flug­ha­fen be­reit. Die sil­ber­ne Gulf­stream glit­zer­te in der lang­sam un­ter­ge­hen­den Son­ne, wäh­rend sie die Lan­de­bahn an­steu­er­te. Die Trag­flä­chen be­weg­ten sich im­mer wie­der auf und ab was wie ein Win­ken wirk­te. Nie­mand freu­te sich al­ler­dings. Die Ma­schi­ne setz­te sanft auf. Mit sehr ho­hem Tem­po roll­te sie auf den Vor­platz des klei­nen Han­gars. Kaum war sie zum Ste­hen ge­kom­men, riss Korn die Tür auf und ver­ließ ge­folgt von ei­nem Mann in Jeans und T-Shirt zu­sam­men mit Lea die Trep­pe. Ei­ni­ge Se­kun­den spä­ter wur­de die Gulf­stream be­reits wie­der be­tankt.

Lea und Mi­cha­el stan­den et­was ab­seits, rauch­ten ei­ne Zi­ga­ret­te und un­ter­hiel­ten sich an­ge­regt. Sie schie­nen bes­ter Stim­mung zu sein. Der Mann in Jeans kam auf Mi­ke Banks zu, stell­te sich als Bill Yard vor, und woll­te in ein Ho­tel ge­bracht wer­den. Sein Ge­päck be­stand aus ei­nem Bün­del Bar­geld und den Sa­chen, die er trug. Die bei­den Män­ner stie­gen in den schwar­zen Au­di und Mi­ke kurv­te vom Ge­län­de. Liz stand et­was ver­lo­ren und ein­sam auf dem Vor­feld. Ihr Roll­kof­fer diente ihr als Sitz­ge­le­gen­heit, wäh­rend sie eben­falls rau­chend ziel­los in die Ge­gend blick­te. Korn und die ehe­ma­li­ge Auf­trags­kil­le­rin be­ach­te­ten sie nicht. Ihr Ge­spräch ließ sie al­les um sich her­um ver­ges­sen. Liz wun­der­te sich über den lo­cke­ren Um­gang der bei­den mit­ein­an­der. Ihr fiel es schwer zu glau­ben, das Korn tat­säch­lich in der La­ge war ein freund­li­ches Ge­spräch zu füh­ren.

Nach ei­ner wei­te­ren Zi­ga­ret­te der bei­den war der Be­tan­kungs­vor­gang der Gulf­stream ab­ge­schlos­sen. Der Pi­lot dreh­te ei­ne letz­te Run­de um die ste­hen­de Ma­schi­ne und brach­te die vor­ge­schrie­be­ne Sicht­prü­fung hin­ter sich. Als er sie be­en­de­te be­deu­te­te er Korn und Lea, wie­der ein­zu­stei­gen. Sie gin­gen zü­gig auf die Tür zu. Erst im letz­ten Mo­ment dreh­te sich Korn um und rief »Ein­stei­gen Croll!«, dann ver­schwand er in der sil­ber­nen Röh­re. Liz stand auf und stieg eben­falls ein. Kaum hat­te sie sich ge­setzt, wur­de die Tür ver­schlos­sen und die Trieb­wer­ke er­wach­ten wie­der zum Le­ben. Mit leich­tem Hol­pern roll­te die Gulf­stream auf dem un­ebe­nen As­phalt zur Start­bahn. Oh­ne an­zu­hal­ten, be­schleu­nig­te sie und er­hob sich ge­gen die Schwer­kraft über die da­hin ra­sen­de Land­schaft. Korn und Lea sa­ßen ne­ben­ein­an­der in den Ses­seln. Sie hat­ten ih­re Un­ter­hal­tung nicht un­ter­bro­chen. Liz saß in der Nä­he der Tür und konn­te die Ab­leh­nung von Korn und Lea deut­lich spü­ren. Erst als sie die Rei­sehö­he er­klom­men, der Pi­lot die An­schnall­zei­chen aus­schal­te­te, rief sie Lea zu ih­nen. Wi­der­wil­lig setz­te sich Liz zu den bei­den an den Tisch. Korn blick­te nicht ein­mal auf, als sie sich ge­gen­über in den Ses­sel sin­ken ließ.

»Ich weiß nicht, wer dir am En­de noch Ver­nunft ein­ge­pflanzt hat Liz, aber schein­bar war es er­folg­reich«, er­öff­ne­te Lea.

»Das hat nichts mit Ver­nunft zu tun, ich hal­te es ein­fach nur für sinn­los«, klag­te die­se.

Korn woll­te ge­ra­de los­le­gen, als ihm Lea die Hand auf den Un­ter­arm leg­te und sag­te »Psst, du hast es mir ver­spro­chen ru­hig zu blei­ben.«

Man konn­te se­hen, wie er ei­ni­ge tie­fe Atem­zü­ge nahm und dann ver­sucht ru­hig sag­te »Wir wol­len ei­ni­ge Ver­fol­ger los­wer­den Miss Croll, und sie dür­fen mir glau­ben, das sie nicht mei­ne ers­te Wahl wa­ren. Wenn es nach mir ge­gan­gen wä­re, wür­den sie in Ly­on am Schreib­tisch sit­zen, Zei­tung le­sen und sich die Nä­gel la­ckie­ren. Ih­re Auf­ga­be hät­te ir­gend­ein hirn­lo­ser Strei­fen­bul­le aus Ca­ra­cas eben­so er­le­di­gen kön­nen. Be­dan­ken Sie sich bei Lea. Oh­ne sie wä­ren sie jetzt nicht hier.«

»Ich soll mich auch noch be­dan­ken?«, frag­te Liz an­griffs­lus­tig.

»Hö­ren sie mir gut zu Miss Croll. Ich bin ver­sucht ih­nen die Tür zu öff­nen und sie nach drau­ßen spie­len zu schi­cken. Lei­der darf ich das nicht ein­fach so. Statt­des­sen ver­su­che, ich sie so gut ich kann zu igno­rie­ren. Lea wird ih­nen er­klä­ren, was sie zu tun ha­ben.«, sag­te er mit ei­nem Blick, der sie frös­teln ließ.

»Bis wir in Ca­ra­cas lan­den ver­su­che, ich dir al­les so gut ich kann, zu er­klä­ren Liz. Mi­cha­el hat mir ver­spro­chen, so gut er kann ru­hig zu blei­ben, oh­ne dich in mund­ge­rech­te Fet­zen zu rei­ßen, was er lie­bend ger­ne tun wür­de. Ver­such ihn bit­te nicht zu rei­zen, denn ich bin kaum in der La­ge ihn auf­zu­hal­ten, okay?«, setz­te Lea an.

»Lea, die­sen Ir­ren be­kom­me ich ziem­lich schnell un­ter Kon­trol­le. Es ge­nügt ein Wort und er sitzt heu­lend auf sei­nem Stühl­chen«, ant­wor­te­te Liz mit ru­hi­ger Stim­me.

»Das wird nicht funk­tio­nie­ren, Liz. Du darfst es ger­ne ver­su­chen, aber es wird nicht mehr hel­fen, einen Na­men zu er­wäh­nen, glaub es mir.«

»Du weißt da­von?«, frag­te Liz er­staunt.

»Ich weiß noch ei­ne gan­ze Men­ge mehr. Dar­un­ter ei­ni­ges was so­gar Mi­ke nicht in Er­fah­rung brin­gen kann, und wenn er ei­ni­ge Jah­re mit su­chen ver­brin­gen wür­de. Sa­gen wir ein­fach, sie ist Ge­schich­te.«

»Ich hät­te mir die Num­mer ab­spei­chern sol­len, dann könn­te ich Isa­bel­la fra­gen«, sag­te Liz und be­ob­ach­te­te Korns Re­ak­ti­on. Er saß in sei­nem Ses­sel, hat­te die Hän­de auf den Ober­schen­keln lie­gen und mach­te einen ent­spann­ten Ein­druck. Nur sei­ne großen Hän­de zuck­ten ganz kurz, aber leg­ten sich so­fort wie­der. Liz war­te­te ei­ni­ge Se­kun­den auf die Trä­nen in sei­nem Ge­sicht, aber er­staun­li­cher­wei­se zeig­ten sie sich nicht. Lea grins­te die brü­net­te Frau über­le­gen an.

»Ich ha­be dir ge­sagt, es wird nicht funk­tio­nie­ren. War trotz­dem ein net­ter Ver­such Liz«, lach­te Lea.

»Er ist ein gu­ter Schau­spie­ler, glau­be ich. Zu­min­dest ge­wor­den seit ich ihn das letz­te Mal ge­se­hen ha­be.«

»Nein, es hat sich nur ei­ni­ges ge­än­dert, wo­von ihr kei­ne Ah­nung habt, das ist al­les«, kam von Lea, die ein zu­frie­de­nes Ge­sicht mach­te.

»Hast du ihn um­pro­gram­miert? Hast du an dem Ro­bo­ter den USB-Port ge­fun­den und ei­ne neue Soft­wa­re auf­ge­spielt?«

Korn senk­te einen ei­si­gen Blick auf Liz. Er woll­te ge­ra­de zu ei­nem Kom­men­tar an­set­zen als er sich an­ders über­leg­te und still blieb. Lang­sam er­hob er sich, blick­te kurz zu Lea und ver­schwand in der Bord­kü­che. Nur Se­kun­den spä­ter kehr­te er mit ei­nem Kaf­fee und ei­ner klei­nen Fla­sche Was­ser an den Tisch zu­rück. Vor­sich­tig stell­te er die wei­ße Tas­se mit dem Heiß­ge­tränk vor Lea ab, be­vor er wie­der Platz nahm. Die klei­ne blon­de Frau warf ihm einen dan­ken­den Blick zu.

»Na hopp­la, Mis­ter Arsch kann ja auf ein­mal ei­ne net­te Sei­te zei­gen. Das gab es noch nie«, sag­te Liz schnip­pisch.

Korn öff­ne­te die klei­ne Fla­sche Was­ser, schüt­te­te einen klei­nen Teil des In­halts ge­zielt auf die klei­ne Frau aus Eng­land und sag­te dann »Ups!«

Lea griff nach der Fla­sche in sei­ner Hand, sah ihn ru­hig an und form­te ein ton­lo­ses »Nicht« auf ih­ren Lip­pen. Er nick­te nur kurz.

Liz sprang wü­tend auf und schrie »Gut er­zo­gen hast du dein Haus­tier aber nicht!«

»Krieg dich wie­der ein Liz. Ich ha­be dir ge­sagt du soll­test mei­nen Freund nicht rei­zen.«

»Dei­nen was?«, rief Liz und starr­te Lea mit of­fe­nem Mund an.

Erst jetzt rea­li­sier­te Lea daß sie wie­der ein­mal, oh­ne nach­zu­den­ken et­was aus­ge­plau­dert hat­te. Sie dreh­te ih­ren Kopf zu Mi­cha­el und ein lei­ses »Es tut mir leid Schatz.«, ver­ließ ih­ren Mund. Korn sah zu ihr und schüt­tel­te nur leicht den Kopf. Er nahm ih­re Hand und drück­te sie zärt­lich. Lea wand­te sich an Liz.

»Ich woll­te das ei­gent­lich nicht sa­gen, aber manch­mal plap­pe­re ich viel zu schnell, oh­ne dar­über nach­zu­den­ken. Jetzt ist es eh schon egal. Mi­cha­el und ich sind ein Paar«, be­stä­tig­te Lea ih­ren Faux­pas.

»Mis­ter Arsch, was ha­ben sie da­zu zu sa­gen«, frag­te sie über­rascht.

»Schul­dig im Sin­ne der An­kla­ge. Ich möch­te nur an­mer­ken, dass ich die­ses zar­te We­sen aus gan­zem Her­zen lie­be«, sag­te er be­stimmt.

»Ich fas­se es nicht. Ein ehe­ma­li­ger Bo­dy­guard liebt ei­ne mehr­fa­che Mör­de­rin, die er erst ein paar Ta­ge kennt!«, schrie Liz.

»Liz, es spielt kei­ne Rol­le, wie vie­le Men­schen ich ge­tö­tet ha­be. Wich­tig ist es, wie ich mit de­nen zu­recht­kom­me die noch Le­ben. Mi­cha­el ist ein wun­der­vol­ler Mensch, er ver­steckt es nur un­ter sei­ner rau­en Scha­le, weil er schwer ver­letzt wur­de, als er sich ein­mal ver­liebt hat. Das ist ewig her und als er mich ge­se­hen hat, war es um ihn ge­sche­hen. Um mich im Üb­ri­gen auch. Seit­dem ha­ben wir stun­den­lang mit­ein­an­der ge­spro­chen. Die gan­ze Zeit, die wir zu­sam­men in der Luft wa­ren, ha­ben wir mit re­den ver­bracht, zu­min­dest dann, wenn wir uns nicht ge­küsst ha­ben. Er weiß al­les über mich, und ich weiß al­les über ihn«, er­klär­te Lea be­geis­tert.

»Du weißt hof­fent­lich, das dein Freund, den drin­gen­den Wunsch hat, zu ster­ben«, ätz­te Liz.

»Hat­te«, be­rich­tig­te Lea, »Er hat mir das al­les haarklein er­zählt.«

»Du meinst, er will nicht mehr drauf­ge­hen?«

»Nein, der­zeit ver­spü­re ich nur den Drang, je­mand an­de­ren um­zu­le­gen. Wer das ist, se­hen sie im Spie­gel«, hak­te Korn ein.

»Er hat mir ver­spro­chen da­von ab­zu­se­hen, wenn es ir­gend­ei­ne Mög­lich­keit gibt, das ihr bei­den euch ver­tra­gen könnt. Vi­el­leicht hast du be­merkt, dass er sich sicht­lich be­müht dich freund­li­cher zu be­han­deln. Er hält sich sehr zu­rück, was ihm ex­trem schwer­fällt. Du al­ler­dings, legst es im­mer wie­der dar­auf an, ge­nau das zu kit­zeln. Nur weiß ich nicht wie lan­ge das noch an­hält. Du ver­stehst, viel­leicht das auch bei ihm ir­gend­wann ein­mal der Punkt er­reicht ist, an dem er ge­nug hat. Wir wis­sen bei­de, dass ihn dann nichts mehr auf­hal­ten kann. Al­so mach es ihm ein biss­chen leich­ter, okay?«, er­klär­te Lea ein­dring­lich.

»Lea, das ist nicht ein­fach zu mer­ken. Dein neu­er Freund hat ei­ne Art an sich, die es ei­nem sehr schwer macht, ru­hig zu blei­ben.«

»Kannst du es we­nigs­tens ver­su­chen?«, frag­te sie ner­vös.

»Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn se­he, möch­te ich mei­ne Waf­fe zie­hen und ihn von sei­nem Leid er­lö­sen.«

»Liz, du wür­dest es nicht glau­ben, wie oft er schon über dich ge­wü­tet hat. Auch das du jetzt hier bist, ist mei­ne Idee ge­we­sen. Mi­cha­el woll­te das nicht. Als ich ihm ge­sagt ha­be, dass ich möch­te, dass du den Part über­nimmst, war sei­ne Ant­wort mehr als ein­deu­tig.«

»So? Was hat er denn ge­sagt?«

»Ich ha­be ge­sagt: Be­vor die den Job über­nimmt, su­che ich mir den blö­des­ten Kö­ter, den ich fin­den kann, setz ihm ei­ne Fred­dy Krü­ger Mas­ke auf und lass ihn da rum­ren­nen, das hat ers­tens den wir­kungs­vol­le­ren Ef­fekt und zwei­tens kann der Kö­ter nicht mal voll be­sof­fen in vier Stun­den so viel Un­sinn an­stel­len wie die eng­li­sche Piss­nel­ke in zwei Se­kun­den!«, wie­der­hol­te Korn tro­cken.

Lea nick­te ver­schämt, als ihr Freund sei­nen Satz be­en­det hat­te, wäh­rend Liz tro­cken schluck­te. So ei­ne Ant­wort hat­te sie nicht er­war­tet.

»Na vie­len Dank auch. Aber wür­de mir bit­te mal je­mand er­klä­ren, was ei­gent­lich ge­plant ist?«

»Okay, al­so pass auf«, fing Lea an zu schil­dern, »wir ha­ben uns ge­dacht dass …«

27. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)

»Ca­ra­cas al­so. Gut ge­macht. Ich schi­cke so­fort ei­ne Ein­heit hin!«, mur­mel­te John Clark­son in den Hö­rer und un­ter­brach die Ver­bin­dung.

»Es geht doch nichts über einen in­for­mel­len Mit­ar­bei­ter in den Schalt­zen­tra­len der Wirt­schaft«, dach­te er bei sich, als er sich in sei­nem Com­pu­ter den Plan sei­ner un­ter­stell­ten Ein­hei­ten auf­rief. Lan­ge dach­te er nach, wel­che Ein­heit wohl am schnells­ten nach Ca­ra­cas kam. Er wuss­te, dass In­ter­po­l­agen­ten, ein neu auf­ge­stell­tes Te­am in Ly­on, die ers­ten mit Son­der­be­fug­nis­sen über­haupt, von Rous­sel schon da­von Er­fah­ren hat­te. Was im­mer er mach­te, muss­te so schnell wie mög­lich pas­sie­ren. Wenn erst mal In­ter­pol in den Be­sitz des Ma­te­ri­als kam, konn­te er fast nichts mehr aus­rich­ten. Die­se un­ab­hän­gi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on konn­te man kaum un­ter­wan­dern. Er hat­te un­zäh­li­ge Ver­su­che un­ter­nom­men einen Mit­ar­bei­ter dort un­ter­zu­brin­gen, aber sie al­le wur­den ent­tarnt, be­vor es zu ei­ner Ein­stel­lung kam. Die­ser ver­fluch­te Rous­sel hat­te über­all sei­ne Fin­ger drin. In­for­ma­tio­nen ver­län­gern nicht nur das Le­ben, sie be­deu­ten auch Macht. In­ter­pol hat­te al­le In­for­ma­tio­nen di­rekt aus den Po­li­zei­be­hör­den rund um die Welt, und wie wenn das nicht schon ge­nug wä­re, hat­ten sie über die Jah­re ver­schie­de­ne Spio­ne in Stel­lung ge­bracht, um ei­ge­ne In­for­ma­tio­nen zu ge­ne­rie­ren. Das In­ter­pol­team aus Ly­on wür­de si­cher kei­ne Zeit ver­lie­ren, um nach Ca­ra­cas zu kom­men. Clark­sons Wahl fiel auf die Ein­heit in Bra­si­li­en, die ge­ra­de da­bei wa­ren ei­ni­ge Jungs ei­ner Fa­ve­la auf die Fü­ße zu tre­ten. Die Dro­gen, die dort her­ge­stellt wur­den, ge­lang­ten über son­der­ba­re Kanä­le in die Staa­ten. Kaum hat­te man ei­ne Rou­te aus­ge­räu­chert, gab es so­fort drei neue. Of­fi­zi­ell führ­te Ame­ri­ka einen er­bar­mungs­lo­sen Krieg ge­gen die Dro­gen, al­ler­dings nur um das ver­blö­de­te Volk ru­hig zu stel­len. Dro­gen wa­ren ein über­aus lu­kra­ti­ves Ge­schäfts­feld. Da­rum ging es doch. Der Krieg ge­gen die Dro­gen war nicht zu ge­win­nen, aber man konn­te dem Volk Er­fol­ge vor­wei­sen, wenn man ei­ni­ge klei­ne Ver­tei­ler von der Stra­ße hol­te. Im Hin­ter­grund ging es aber nicht dar­um, das Ge­schäft zu ver­nich­ten, son­dern dar­um es mög­lichst zu über­neh­men. Das bes­te Bei­spiel war der an­ge­zet­tel­te Krieg ge­gen Af­gha­nis­tan. Dem Volk konn­te man glaub­haft ver­si­chern, man müs­se einen Dik­ta­tor aus­schal­ten, den hat­te man zwar vor­her selbst erst an die Macht ge­bracht, aber jetzt muss­te er weg. De­mo­kra­tie müs­se dort herr­schen. Un­sinn, es ging nicht um De­mo­kra­tie, es ging schlicht und ein­fach um die Res­sour­ce Erd­öl. Da­von ver­brauch­te man Un­men­gen und in die­ser Stein­wüs­te exis­tier­ten große Men­gen da­von. Was lag al­so nä­her den Macht­ha­ber zu kil­len, die Fir­men des ei­ge­nen Lan­des das Öl för­dern zu las­sen, um Ein­nah­men zu ge­ne­rie­ren. Net­ter Ne­ben­ef­fekt wa­ren die dor­ti­gen Dro­gen­fel­der. Man kon­trol­lier­te die­se mit den ein­ge­setz­ten Trup­pen des Mi­li­tär­ap­pa­ra­tes, um sie zu über­neh­men. Sie wa­ren nicht weg, son­dern die Ein­nah­men lan­de­ten über Um­we­ge bei den Ini­tia­to­ren. Ei­ne klas­si­sche Win-win-Si­tua­ti­on. Ein an­de­res Feld, in dem man ger­ne die Fin­ger ge­habt hät­te, war das Geld. Al­ler­dings hat­te die­ses Ge­schäft die Schweiz un­ter Kon­trol­le. So ein klei­nes Land ver­wal­te­te Aber­mil­li­ar­den für je­den der es sich leis­ten konn­te und an­onym blei­ben woll­te. Nach­teil, es war be­reits ei­ne De­mo­kra­tie und man brauch­te drin­gend einen Kriegs­grund, um dort ein­zu­mar­schie­ren. Aber selbst, wenn man den ge­fun­den hät­te, war es schwer, die Schweiz zu über­neh­men. Um­ge­ben von ho­hen Ber­gen kam man mit Pan­zern ein­fach nicht hin­ein. Die Schwei­zer konn­ten heil­froh sein, dass sie nicht über Mas­sen an Erd­öl ver­füg­ten. Hät­te man dort wel­ches ge­fun­den, wür­de man sich einen Grund an den Haa­ren her­bei­zie­hen, um dort ein­zu­mar­schie­ren. Aber das wa­ren Ge­dan­ken­spie­le, für die er nicht zu­stän­dig war. Sei­ne Auf­ga­be war ein ope­ra­ti­ves Ge­schäfts­feld zu füh­ren. John Clark­son griff zu sei­nem Te­le­fon und wähl­te die Num­mer sei­nes An­füh­rers in Bra­si­li­en. Nach dem fünf­ten Klin­geln stand end­lich die Ver­bin­dung.

»Clark­son hier. Wie lan­ge brau­chen sie noch in Bra­si­li­en?«, frag­te er.

»Wir be­rei­ten uns ge­ra­de auf die letz­te Ak­ti­on vor. Bis heu­te Nach­mit­tag 0300 soll­ten wir fer­tig sein Chef«

»Be­ei­len sie sich so gut es geht. Di­rekt da­nach be­ge­ben sie sich nach Ve­ne­zue­la. Lan­den Sie in Ca­ra­cas. Sie wer­den dort in ein Ge­bäu­de ein­drin­gen und al­les mit­neh­men, was sie fin­den kön­nen.«

»Wie ist das Ge­bäu­de ge­si­chert?«, frag­te der Te­am­füh­rer.

»Die­se In­for­ma­tio­nen lie­gen nicht vor. Ge­hen Sie aber da­von aus, das es re­la­tiv gut ge­si­chert wird. Nach bis­he­ri­gem Kennt­nis­stand weiß In­ter­pol von der Sa­che. Sie wer­den wohl für zu­sätz­li­che Si­cher­heit ge­sorgt ha­ben.«, er­klär­te er kühl.

»Ver­hal­ten bei Feind­kon­takt?«

»Sam­meln sie al­les ein, was zu fin­den ist. Kei­ne Zeu­gen. Sor­gen Sie da­für, das dort nicht mal ei­ne Maus her­aus­kommt. Not­falls ja­gen sie das Ge­bäu­de in die Luft, wenn sie es aus­ge­räumt ha­ben. Ver­stan­den?«

»Al­les klar Chef. Wir wer­den das in der Nacht er­le­di­gen.«

Clark­son leg­te auf. Sein Te­am wür­de Stel­lung be­zie­hen und kur­z­en Pro­zess ma­chen. Spä­tes­tens Mor­gen wür­de er die Er­geb­nis­se auf dem Tisch ha­ben. Dann ging es nur noch dar­um, Nut­zen aus der Er­fin­dung zu zie­hen. Es wur­de zwar ein Pa­tent an­ge­mel­det, aber das war in ei­nem Va­sal­len­staat be­an­tragt wor­den. Sei­ne Kon­takt­per­son wür­de da­für Sor­gen, dass die­ses Pa­tent ir­gend­wie ver­lo­ren geht, sonst wür­de sie ver­lo­ren ge­hen.

Europa, Irgendwo über Deutschland

Die blau la­ckier­te Pila­tus PC-24 glitt in 30000 Fuß (ca. 9 km) Hö­he über den leicht be­wölk­ten Him­mel in Deutsch­land. Der klei­ne Bu­si­ness­jet hat­te die Mör­der Sjaak Vis und sei­nen Kol­le­gen und Part­ner Co­dy Fo­ley fast 11 Mil­lio­nen US$ ge­kos­tet. Die­se klei­ne In­ves­ti­ti­on er­laub­te, es ih­nen aber fast über­all lan­den und star­ten zu kön­nen. Bei ei­ner Reich­wei­te von fast 3700 km und ei­ner Höchst­ge­schwin­dig­keit von 815 km/h war die Ma­schi­ne nicht auf be­fes­tig­te Pis­ten an­ge­wie­sen. 900 m Gras­land­schaft mit­ten im Nir­gend­wo wür­de aus­rei­chen, um be­quem lan­den zu kön­nen. Und sie hat­ten ge­nug Platz. Der klei­ne Jet konn­te bis zu elf Pas­sa­gie­re be­för­dern, was es den bei­den Kil­lern er­laub­te, ih­re Waf­fen über­all mit hin­zu­neh­men. Es brauch­te nur einen Pi­lo­ten, um da­mit zu flie­gen. Co­dy hat­te den Pi­lo­ten­schein schon vor lan­ger Zeit ge­macht und saß im Cock­pit. Sjaak hat­te sein klei­nes Reich et­was da­hin­ter ein­ge­rich­tet. Ed­les Holz do­mi­nier­te den In­nen­raum, fein ab­ge­setzt mit gol­de­nen Appli­ka­tio­nen. Es war ih­re bes­te Trans­port­mög­lich­keit und diente ganz ne­ben­bei auch noch als mo­bi­les Ho­tel. Die Stre­cke von Ko­pen­ha­gen bis nach Bar­ce­lo­na lag mit 2100 km weit un­ter der Reich­wei­te der Pila­tus. Sjaak ver­such­te her­aus­zu­fin­den, wo­hin In­ter­pol die Wis­sen­schaft­le­rin Ma­rie Was­ser­stein ge­bracht hat­te. Die­ses Mal wür­den sie al­les dar­an set­zen, als Ers­te am Ziel zu sein. Es war die ers­te hei­ße Spur ih­ren Auf­trag zu er­le­di­gen. So kom­pli­ziert hat­te es gar nicht wer­den sol­len. Ein paar Da­ten und For­schungs­er­geb­nis­se be­sor­gen und den Wis­sen­schaft­lern ei­ne ewi­ge Schaf­fen­s­pau­se zu ver­ord­nen war nicht ge­ra­de ein Traum­auf­trag, aber da­für wür­den sie sehr gut be­zahlt wer­den. Wenn sie nur nicht im­mer zu spät kom­men wür­den. Egal wel­che Spur sie bis­her ent­deckt hat­ten, sie wa­ren im­mer zu spät ge­kom­men. Die CIA war grund­sätz­lich schon vor Ort, be­vor sie an­ka­men. In Ko­pen­ha­gen wa­ren sie schon wie­der zu spät, da war die­se Liz Croll von In­ter­pol vor ih­nen. Es wä­re ein Kin­der­spiel ge­we­sen sie aus dem Weg zu räu­men, wenn sie nicht noch die Da­ten be­sor­gen muss­ten. Co­dy woll­te ei­gent­lich dem Fah­rer des Miet­wa­gens in den Kopf schie­ßen. Lei­der saß die­se blö­de Wis­sen­schaft­le­rin di­rekt hin­ter ihm. Sie woll­ten das Fahr­zeug stop­pen, ka­men al­ler­dings nie na­he ge­nug her­an. Die Rei­fen wä­ren ei­ne Mög­lich­keit ge­we­sen, al­ler­dings hät­te dann die Ge­fahr ei­nes wun­der­ba­ren Un­falls be­stan­den und das vor­zei­ti­ge Ab­le­ben der Wis­sen­schaft­le­rin be­deu­te­te den Ver­lust je­des Hin­wei­ses. In Bar­ce­lo­na be­kämen sie die nächs­te Chan­ce.

»Sjaak, hast du schon was ge­fun­den?«, rief Co­dy vom Pi­lo­ten­sitz.

»Nein. Bis­her ab­so­lut nichts. Das Trans­pon­der­si­gnal der Gulf­stream ist eben­falls ver­schwun­den, nach­dem sie im fran­zö­si­schen Luf­traum war. Schein­bar hat In­ter­pol ein biss­chen was ge­lernt.«

»Hast du mal die­se Croll über­prüft, was das für ei­ne ist?«

»Klar hab ich. Die ist nicht mal von In­ter­pol. Ist bei den Cops in Eng­land. Ein hei­ßer Fe­ger ei­gent­lich, nur et­was zu kurz ge­ra­ten.«

»De­li­ka­tes­sen sind im­mer klein, wuss­test du das nicht?«, lach­te Co­dy

»Du bist der Fein­schme­cker von uns bei­den. Mir reicht es, zu wis­sen, dass sie lie­gend al­le gleich groß sind. Da fin­det man al­les leich­ter.«

»Ty­pi­scher Hol­län­der. Nur das ei­ne in der Bir­ne. Hast du was über den Fah­rer er­fah­ren? Ir­gend­wo­her ken­ne ich den Ty­pen.«

»Nein, to­tal Fehl­an­zei­ge. Wird so ein Idi­ot von In­ter­pol ge­we­sen sein, schät­ze ich. Kei­ne Ah­nung, wo­her du den ken­nen willst?«

»Sjaak, ich ver­ges­se nie ein Ge­sicht!«

»Da­her al­so die gan­zen schlech­ten Träu­me, weil du al­le noch mal um­le­gen musst«, lach­te der ein­zi­ge Pas­sa­gier.

»Nein, den hab ich ir­gend­wo mal ge­se­hen. Kei­ne Ah­nung wo.«

»Was weiß ich, viel­leicht hast du mal sei­nen Dop­pel­gän­ger ab­ge­knallt. Rein sta­tis­tisch ge­se­hen hat je­der sie­ben Dop­pel­gän­ger auf der Welt, wuss­test du das?«, frag­te Sjaak.

»Nein, ist mir neu. Aber wenn es im­mer sie­ben Stück sind, warum ha­ben wir die­se klei­ne Blon­de aus Malay­sia nie wie­der ge­se­hen?«

»Ehr­lich jetzt? Du denkst im­mer noch an die klei­ne Tus­si, die den Ma­na­ger ab­ge­knallt hat?«

»Na­ja, die ist die Ein­zi­ge, die bis­her ent­kom­men konn­te und wir ha­ben sie nie ge­fun­den, ob­wohl wir sie über die hal­be Welt ver­folgt ha­ben. Ich hät­te für die im­mer ei­ne Ku­gel üb­rig«, ge­stand Co­dy.

»Co­dy, du weißt ge­nau­so gut wie ich, dass die ein Pro­fi ist. Auf die Ent­fer­nung gibt es nicht vie­le, die mit die­ser Prä­zi­si­on zu Wer­ke ge­hen. Es gibt einen Grund, warum man sie La­dy Sni­per nennt und sie bis­her nie je­mand ge­se­hen hat. Wie oft ha­ben wir jetzt schon ver­sucht, sie aus ih­rem Bau zu lo­cken? Wa­ren es acht­zig oder neun­zig Mal?«

»Um ge­nau zu sein ha­ben wir es neun­und­sech­zig mal ver­sucht. Da­von hat sie 53 Mal ab­ge­lehnt und 16 da­von hat sie er­schos­sen, oh­ne uns auch nur die ge­rings­te Spur zu hin­ter­las­sen, was uns ins­ge­samt 26 Mil­lio­nen ge­kos­tet hat.«, schrie Co­dy sei­nen Part­ner an.

»Ver­giss sie ein­fach, die ver­pfeift uns nicht, sonst hät­te sie es längst ge­tan«, ver­such­te Sjaak ihn zu be­ru­hi­gen.

»Ich kann ein­fach einen Auf­trag, der nicht voll­stän­dig er­le­digt ist, ver­ges­sen. Bis­her ha­ben wir noch je­den Auf­trag er­le­digt, au­ßer die­sen einen. Aber ich ga­ran­tie­re dir, die wer­de ich noch auf­spü­ren und er­le­di­gen. Auch, wenn es das Letz­te ist, was ich noch ma­che.«

»Al­ter Co­dy, du brauchst drin­gend mal Ur­laub und Ent­span­nung. Sie war ein Auf­trag, der lan­ge vor­bei ist. Such dir ir­gend­ein blon­des klei­nes Weibs­stück, ver­na­sche sie und dann mach sie kalt. Oder an­ders­rum, kei­ne Ah­nung wie du das hand­habst. So­zu­sa­gen als Er­satz und dann ist es auch er­le­digt.«

»Ich bring sie noch um die Ecke, egal ob mit dir zu­sam­men oder al­lei­ne. Die ent­kommt mir nicht. Sieh zu, ob du ir­gend­was fin­dest, wo In­ter­pol die an­de­re Sch­lam­pe ver­steckt. Da­nach neh­men wir uns die­sen Putt in Deutsch­land vor, be­vor wir dann im großen Fina­le die Ty­pen vom CIA ab­schlach­ten.«

»Hast du sonst noch ir­gend­wel­che großen Plä­ne?«, frag­te Sjaak spitz.

»Ja, die ha­be ich. Ein eis­kal­tes Guin­ness in mei­nem Pub in Dub­lin und da­zu ei­ne hüb­sche Tän­ze­rin mit großen Tit­ten!«

»Ty­pi­scher Ire.«, lach­te Sjaak und die klei­ne PC-24 flog wei­ter ih­rem Ziel Bar­ce­lo­na ent­ge­gen.

28. Kapitel
Venezuela, Caracas

Es war drückend heiß in Ca­ra­cas, der Haupt­stadt von Ve­ne­zue­la, als die drei Mit­glie­der des In­ter­pol­teams aus der Gulf­stream aus­stie­gen. Lea mach­te das nicht zu schaf­fen, sie war es ge­wohnt sich in hei­ße­ren Re­gio­nen auf­zu­hal­ten. Auf­grund ih­rer schlan­ken zier­li­chen Fi­gur fror sie meis­tens eher. Wenn es so warm war, wie es na­he am Äqua­tor all­ge­mein der Fall war, fühl­te sie sich erst rich­tig wohl. Korn hat­te schon über­all ge­ar­bei­tet. Er lieb­te das war­me Kli­ma und war voll auf ih­ren Plan fo­kus­siert. Ein­zig Liz, die ihr gan­zes Le­ben bis­her in der Tropf­stein­höh­le der bri­ti­schen In­sel ver­bracht hat­te, mach­te die ho­he Luft­feuch­tig­keit schwer zu schaf­fen. Be­reits als sie die ge­kühl­te Gulf­stream ver­las­sen hat­te, lief ihr der Schweiß in Strö­men. Auch ihr Kreis­lauf brauch­te ei­ni­ge Zeit, um sich wie­der in Schwung zu brin­gen. Sie hat­te wei­che Knie und ein star­kes Schwin­del­ge­fühl. Korn und sei­ne Lea zün­de­ten sich genüss­lich ei­ne Zi­ga­ret­te an, ge­nau das Rich­ti­ge, nach ei­nem lan­gen Flug. Liz hin­ge­gen trat ih­re Kip­pe so­fort wie­der aus. Ihr Kreis­lauf war so sehr am Kämp­fen, dass die Zi­ga­ret­te ein­fach nicht schmeck­te. Der ehe­ma­li­ge Bo­dy­guard woll­te kei­ne Zeit ver­lie­ren und so schnell wie mög­lich zu dem Ge­bäu­de der SilOld AG, da­mit er die Be­ge­ben­hei­ten ins Vi­sier neh­men konn­te. Er wuss­te, dass bis­her nie­mand dort auf­ge­taucht war. Zur Si­cher­heit hat­te er noch in der Luft mit den Be­hör­den in Ve­ne­zue­la te­le­fo­niert und dar­um ge­be­ten so vie­le Po­li­zei­kräf­te wie mög­lich in Zi­vil­klei­dung rund um das Ge­bäu­de in Stel­lung zu brin­gen. Ve­ne­zue­la hat­te ihm zu­ge­si­chert so­fort al­le Trup­pen, die ver­füg­bar wa­ren dort zu sta­tio­nie­ren. Der Miet­wa­gen war­te­te be­reits als sich Lea und Mi­cha­el auf den Weg ma­chen woll­ten. Liz konn­te ih­nen nicht fol­gen. Sie hat­te große Pro­ble­me, sich über­haupt auf den Bei­nen zu hal­ten, an lau­fen war gar nicht zu den­ken. Um nicht noch mehr Zeit zu ver­lie­ren, woll­te Korn be­reits wie­der zu ei­ner ver­ba­len At­ta­cke auf die klei­ne Eng­län­de­rin an­set­zen. Lea stopp­te ihn un­wirsch. Sie flüs­ter­te »Mi­cha­el, es ist nicht hilf­reich sie jetzt zu­sam­men­zu­fal­ten. Ihr geht es nicht gut, wie du se­hen kannst. Wir müs­sen war­ten bis sie so weit wie­der okay ist.«

»Lea, wir kön­nen hier nicht her­um­sit­zen und Däum­chen dre­hen bis Ma­da­me wie­der in der La­ge ist auf­recht zu ste­hen! Da­für ha­ben wir ein­fach nicht die Zeit«, zisch­te er.

»Schatz, es sind si­cher nur ein paar Mi­nu­ten. Wir war­ten ein­fach so lan­ge, ja?«

»Wir las­sen sie ein­fach hier ste­hen. Soll sie eben nach­kom­men. Am bes­ten, wenn al­les vor­bei ist!«

»Wa­rum musst du jetzt wie­der zum Ekel­pa­ket mu­tie­ren? Auf dem Flug hat­te ich das Ge­fühl, es wä­re tat­säch­lich mög­lich, dass ihr bei­den euch ein biss­chen bes­ser ver­steht. Lag ich so falsch?«, frag­te sie ent­mu­tigt.

»Ich kann nicht stän­dig im­mer nur dar­auf war­ten, bis sie mal in die Gän­ge kommt. Je­des Mal, wenn ihr ein Furz quer sitzt, muss es wie­der end­los aus­dis­ku­tiert wer­den. In mei­nem Be­ruf kann ich nicht zur Ziel­per­son ge­hen und sa­gen wir müs­sen noch war­ten bis ich mei­ne So­cken glatt ge­zo­gen ha­be, weil ich fürch­te ei­ne Bla­se an den Ze­hen zu be­kom­men. Wir sind in Ei­le und sol­len al­len Erns­tes war­ten, bis die so weit ist?«, maul­te Korn.

»Du siehst doch, das sie jetzt ein­fach nicht kann. Was wür­dest du ma­chen, wenn ich jetzt die­se Pro­ble­me hät­te? Mich auch an­pflau­men oder ste­hen las­sen?«

»Nein. Ich wür­de dich wohl eher bis zum Au­to tra­gen Lea.«

»Das ist aber lieb. Nur wo ist jetzt der Un­ter­schied?«

»Der Un­ter­schied ist, der das ich bei dir ge­fühls­mä­ßig ein­fach nicht an­ders kann. Bei der hin­ge­gen ist es mir völ­lig egal.«

»Zeig ein­fach ein biss­chen Ver­ständ­nis. Sie wird das be­stimmt zur Kennt­nis neh­men«, bat Lea ihn.

»Okay, dann eben Plan C mein Schatz. Du holst den Wa­gen und ich die eng­li­sche Sumpf­he­xe. In spä­tes­tens fünf Mi­nu­ten will ich auf dem Weg sein. Schnapp dir den Schlüs­sel und klemm dich hin­ters Lenk­rad«, sag­te er auf­for­dernd und dreh­te sich um. Lea schüt­tel­te nur den Kopf, mach­te sich aber auf den Weg. Sie rann­te zum Schal­ter der Miet­wa­gen­fir­ma, un­ter­schrieb die Pa­pie­re, die man ihr vor­leg­te, mit »Lea Tay­lor« und nahm den Schlüs­sel ent­ge­gen. Dann rann­te sie zum Wa­gen und mach­te es sich auf dem Fah­rer­sitz be­quem. Gera­de als sie denn rech­ten Au­ßen­spie­gel ein­stel­len woll­te, trau­te sie ih­ren Au­gen nicht. Korn hat­te sich die eng­li­sche Agen­tin über die rech­te Schul­ter ge­legt und kam mit den bei­den Kof­fern im Schlepp­tau auf den Wa­gen zu. Ih­re Bei­ne bau­mel­ten an sei­ner Hüf­te, wäh­rend ihr Kopf hin­ter sei­nem Rücken ver­steckt war. Er stell­te die Agen­tin vor der Tür zum Rück­sitz ab, öff­ne­te sie und leg­te die klei­ne Frau quer in den Wa­gen. Die Kof­fer warf er acht­los in den Kof­fer­raum und setz­te sich dann ne­ben Lea.

»Kann los­ge­hen«, sag­te er knapp.

Lea fuhr vor­sich­tig an, wand­te den Kopf zu ih­rem Freund »Du hast sie jetzt nicht ernst­haft mit dem Hin­tern vor­an durch die Hal­le ge­tra­gen, oder?«

»Was hät­te ich sonst ma­chen sol­len Schatz? Auf die Kof­fer set­zen konn­te ich sie schlecht«, mur­mel­te er.

»Du willst mir jetzt echt er­klä­ren, es ging nicht an­ders?«

»Lea, ich woll­te nicht un­nö­tig war­ten bis wir los­kön­nen. Wir ha­ben noch et­was vor, wenn ich dich dar­an er­in­nern darf. Fakt ist, die Sumpf­he­xe muss­te zum Wa­gen. Sie wird es über­le­ben, wenn ihr ein paar Män­ner auf den Arsch ge­glotzt ha­ben, au­ßer­dem hat sie so­wie­so nicht viel da­von mit­be­kom­men«, knurr­te er.

»Manch­mal bist du wirk­lich un­mög­lich Schatz.«

»Des­we­gen liebst du mich doch!«, ki­cher­te er scherz­haft.

Lea lenk­te den wei­ßen Se­at ge­konnt durch die Stra­ßen über das sie, das Na­vi­ga­ti­ons­ge­rät führ­te. Be­reits nach et­was mehr als zwan­zig Mi­nu­ten spä­ter sa­hen sie das sechs­stö­cki­ge Ge­bäu­de vor sich auf­ra­gen. Korn ver­such­te sich so­fort die bes­ten Stel­len für sei­nen ge­plan­ten Hin­ter­halt zu su­chen. Die La­ge war sehr un­über­sicht­lich. Rund um das Ge­bäu­de wu­cher­ten Sträu­cher so hoch wie Ga­ra­gen. Es gab je­de Men­ge Mög­lich­kei­ten sich zu ver­ber­gen. Im Schut­ze der Dun­kel­heit ei­ni­ge Ge­stal­ten zu fin­den dürf­te schwer wer­den. Lea schi­en zu ah­nen, was Mi­cha­el dach­te und sag­te zu ihm »Das gan­ze Ge­län­de ist so dun­kel wie ein Bä­re­narsch. Da kann ich zwei Jah­re auf dem Dach sit­zen und trotz­dem nichts fin­den.«

»Du hast recht mein Herz. Ich hät­te mir ei­ne ebe­ne Flä­che mit ei­ni­gen Bäu­men ge­wünscht, aber das hier ist das reins­te Pa­ra­dies für je­den An­grei­fer.«

»Wir wer­den nicht viel aus­rich­ten kön­nen, wenn wir nichts se­hen Mi­cha­el. Ei­gent­lich wür­de ich mir die Stel­le so­fort aus dem Kopf schla­gen«, maul­te sie.

»Der Ma­na­ger im Boss Stramp­ler ist eben kein Stra­te­ge und hat­te auch nicht groß Zeit, sich was zu über­le­gen. Auf den Bil­dern sah es auch ei­ni­ger­ma­ßen passa­bel aus, aber die Gärt­ner hat­ten schein­bar die letz­ten Jahr­zehn­te frei. Wenn ich das so se­he, muss ich mir schnells­tens einen neu­en Plan aus dem Arsch zie­hen, sonst wird das ein Him­mel­fahrts­kom­man­do«, gab er zu.

»Dann ist es ja ge­nau der rich­ti­ge Platz für sie«, kam es von der Rück­bank.

»Muss die aus­ge­rech­net jetzt wie­der klar wer­den? Hät­te das nicht Zeit ge­habt bis nach Weih­nach­ten«, gab er ge­nervt von sich.

Lea muss­te la­chen, ob­wohl ihr nicht da­nach zu­mu­te war.

»Liz, ich wür­de mei­nen Freund ger­ne noch ein Weil­chen be­hal­ten. Das heißt, er soll­te das Gan­ze ge­nau wie wir über­le­ben.«

»Vi­el­leicht kön­nen wir die An­grei­fer ja über­re­den, nur auf eng­li­sches Wild zu schie­ßen«, warf Korn ein.

»Im­mer noch der glei­che Kotz­bro­cken wie vor­her«, kam das Echo von hin­ten.

»Ihr bei­den soll­tet wirk­lich mal wie zwei Er­wach­se­ne mit­ein­an­der um­ge­hen. Ich hab die­se Hah­nen­kämp­fe satt. Mi­cha­el hat noch ei­ni­ge De­fi­zi­te, was ich auch ver­ste­he und to­le­rie­re, aber das du Liz es ein­fach nicht las­sen kannst, macht mich ra­send. Hört end­lich auf euch wie zwei Te­stos­te­ron ge­schwän­ger­te Halb­star­ke zu be­neh­men!«, schrie Lea und häm­mer­te mit den Hän­den auf das Lenk­rad.

»Feu­er kann man auch nicht mit Ben­zin lö­schen, ver­dammt noch eins!«, brüll­te Korn und schlug mit der Faust auf die Ar­ma­tur vor ihm. Das bil­li­ge Plas­tik zer­brach in tau­send Tei­le. »Ich hab dir hun­dert­mal ge­sagt, das ich mit der Tee­kan­ne da hin­ten nicht ar­bei­ten kann, aber nein, du woll­test sie un­be­dingt da­bei ha­ben. Ich hät­te sie über dem At­lan­tik das Klo her­un­ter­spü­len sol­len, als ich die Mög­lich­keit hat­te. Jetzt muss ich sie auch noch hier er­tra­gen, was mich in den Wahn­sinn treibt!«, wü­te­te er.

Lea trat harsch auf die Brem­se und stopp­te, mit quiet­schen­den Rei­fen den Wa­gen. Sie warf ih­re Fäus­te ge­gen sei­nen Obe­r­arm.

»Ich ha­be es nur gut ge­meint und woll­te ein Te­am aus uns ma­chen. Das ist ein­fach nicht fair«, klag­te sie.

»Mit die­sem Obe­rarsch kann man kein Te­am bil­den!«, kreisch­te Liz von hin­ten.

Lea warf ih­ren Kör­per auf dem Sitz her­um. Der Blick der Liz traf, zeig­te blan­ken Hass. Mit be­ben­der Stim­me keif­te sie Liz an »Sag nur noch ein ein­zi­ges Wort und ich schi­cke dich in klei­nen Stück­chen per Brief zu­rück zur Queen!«

Liz hielt dem ei­si­gen Blick stand, trau­te sich aber nicht, einen Piep von sich zu ge­ben. Was dann pas­sier­te, konn­te sie kaum glau­ben. Korn, der eben noch ge­wü­tet hat­te wie ein Junky auf kal­tem Ent­zug, dreh­te sich zu Lea. Sein Blick war weich wie Wat­te, als er mit ru­hi­ger Stim­me sag­te »Ich war schon wie­der ge­mein zu dir. Es tut mir leid. Ich lie­be dich Lea«, dann nahm er sie sanft in den Arm und küss­te sie. Die Auf­trags­mör­de­rin schenk­te ih­rem Freund einen ver­lieb­ten Blick.

»Ich hät­te nicht dar­auf be­ste­hen sol­len, das sie uns be­glei­tet Mi­cha­el. Kannst du mir ver­zei­hen?«, frag­te sie.

»Na­tür­lich Lea«, er­wi­der­te er. »Lass uns wei­ter­fah­ren mein Herz, ich möch­te un­gern die ge­plan­te Par­ty ver­pas­sen.«

Lea nick­te und trat das Pe­dal voll durch. Der Mo­tor heul­te laut auf be­vor der Wa­gen mit durch­dre­hen­den Rä­dern ei­ne schwar­ze Spur in den As­phalt fräs­te. Wei­ßer Rauch, der je­der Papst­wahl zu Eh­re ge­reicht hät­te stieg hin­ter dem Ve­hi­kel auf.

We­nig spä­ter park­te sie den Miet­wa­gen et­was ab­seits des schlich­ten Be­ton­baus der SilOld AG. Er rag­te wie ein di­cker grau­er Klotz hin­ter den Sträu­chern auf. Lang­sam aber un­auf­hör­lich ver­dun­kel­te sich das Are­al, als die Son­ne hin­ter dem al­ten Ge­bäu­de ver­schwand. Korn blieb ab­rupt ste­hen und schnipp­te mit den Fin­gern. Er sah die klei­ne Lea an und flüs­ter­te fast »Hast du bei dei­ner Aus­rüs­tung nicht ei­ne klei­ne Wär­me­bild­ka­me­ra da­bei?«

»Doch, aber da­mit kann ich nicht an­vi­sie­ren Mi­cha­el«, sag­te Lea.

»Das macht nichts. Ich ha­be ei­ne Idee. Ihr bei­den geht da oben auf dem Dach in Stel­lung. Such dir einen ge­schütz­ten Platz, mit dem du wei­te Tei­le des Are­als über­bli­cken kannst. Gib der bri­ti­schen He­xe die Wär­me­bild­ka­me­ra. Sie soll dir je­de Wär­me­si­gna­tur an­sa­gen, die sie ent­deckt. Du zielst, so gut du kannst und wenn du et­was ent­deckst, drückst du ab. Be­nut­ze den Schall­dämp­fer und wenn mög­lich schirmst du den Mün­dungs­blitz ab. Ich möch­te, dass du so gut wie un­sicht­bar bleibst. Wir blei­ben mit den Funk­emp­fän­gern in Ver­bin­dung.«

»Okay. Ich wer­de so vie­le Heads­hots wie mög­lich ab­feu­ern. Wird ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung!«, freu­te sich Lea.

»Nein, Schatz. Bit­te kei­ne Heads­hots. Bal­le­re sie an, aber bring sie nicht um. Ich will wis­sen, wer da­hin­ter­steckt, und Lei­chen las­sen sich so schwer ver­hö­ren«, er­mahn­te Korn.

»Ich un­ter­bre­che euch zwei Tur­tel­tau­ben nur un­gern, aber ich muss dar­auf hin­wei­sen das sich da un­ten je­de Men­ge Po­li­zei­kräf­te be­fin­den. Die wer­den nicht be­geis­tert sein, wenn wir ih­re Leu­te an­schie­ßen«, brach­te Liz her­vor.

»Da­rum küm­me­re ich mich schon. Wir wer­den sie zu­rück­zie­hen bis zum An­fang des Ge­län­des. Je­der der sich auf dem Ge­län­de se­hen lässt, wird an­ge­schos­sen. Ach und Schatz, wenn es mög­lich ist, bit­te nicht auf mich an­le­gen, okay?«, be­lehr­te Korn.

»Mi­cha­el nicht. Ich kann dich un­mög­lich er­ken­nen von da oben, wenn es dun­kel ist!«, bat Lea ih­ren Freund mit zitt­ri­ger Stim­me.

»Ich sag ja, er will sich ab­knal­len las­sen!«, be­harr­te Liz.

»Falls da oben ir­gend­je­mand woh­nen soll­te! Ver­scho­ne uns vor Al­ten und auch Grei­sen, eng­li­schen Sumpf­kü­hen und Sän­gern die „der Wend­ler“ hei­ßen!«, sprach Korn und blick­te in den Him­mel. »Die se­ni­le Pa­ti­en­tin von der In­sel hat im­mer noch nicht be­grif­fen, was hier ab­läuft. Ich ge­be dir mei­ne Po­si­ti­on an Lea, du weißt al­so im­mer wo ich ge­ra­de bin und der Hal­baf­fe von der In­sel wird es auch wis­sen. Ich wer­de mich in den Bü­schen be­we­gen und die Kol­le­gen aus­schal­ten, die ich fin­den kann. So­zu­sa­gen als klei­nes Back-up. Was du von oben nicht er­rei­chen kannst, neh­me ich mir vor. Es wird kei­ne Ar­mee hier auf­lau­fen. Ver­mut­lich wer­den es we­ni­ger als 10 An­grei­fer sein, und die ha­ben kei­ne Ah­nung, auf was sie sich hier ein­las­sen. So weit klar?«, er­gänz­te Korn.

»Bit­te mit Schutz­klei­dung Mi­cha­el. Mir zu­lie­be.«, fleh­te Lea.

»Ich wer­de so ei­ne be­schis­se­ne Wes­te an­zie­hen, ver­spro­chen!«, füg­te er sich in sein Schick­sal. »Jetzt ab mit euch auf das Dach, wir ha­ben nicht ewig Zeit.«

Lea zog ih­ren Freund an sich, gab ihm einen lan­gen Kuss und flüs­ter­te »Pass auf dich auf. Ich lie­be dich!«

Mi­cha­el blick­te ihr tief in die Au­gen. Dann küss­te er ih­re Stirn und ließ die bei­den Frau­en ste­hen. Er be­weg­te sich ziel­stre­big zu ei­nem der vie­len Po­li­zis­ten in Zi­vil­klei­dung und sprach ihn an. Kei­ne hal­be Mi­nu­te spä­ter zo­gen sich al­le Kräf­te der Po­li­zei wort­los zu­rück. Sie ver­steck­ten sich in den Haus­ein­gän­gen ge­gen­über bis sie nicht mehr zu se­hen wa­ren. Die bei­den Frau­en rann­ten die Trep­pe hin­auf aufs Dach. Oben an­ge­kom­men warf sich Lea auf den Bo­den und küm­mer­te sich um ihr Ge­wehr. Liz stand un­ru­hig da­ne­ben. Plötz­lich frag­te Lea »Worauf war­test du? Die Ka­val­le­rie oder doch auf den Bus, der nicht kommt?«

Die eng­li­sche Agen­tin ver­dreh­te die Au­gen »Auf die Wär­me­bild­ka­me­ra, du Ge­nie!«

Stöh­nend griff Lea in ih­re Aus­rüs­tungs­ta­sche und warf ihr ei­ne schwar­ze Box zu. Dann zog sie aus ih­rer Ho­sen­ta­sche ei­ne klei­ne Schach­tel, ähn­lich der La­de­sta­ti­on von Blue­too­th­kopf­hö­rern und drück­te sie Liz in die Hand. »Stop­fe dir das Ding ins Ohr, das ist der Funk­emp­fän­ger. Du hörst al­les, was wir sa­gen und wir hö­ren auch dich. So­gar, wenn du flüs­terst. Und jetzt, Ab­gang, aber plötz­lich!« Liz dreh­te sich wort­los um und stapf­te mit wü­ten­den Schrit­ten da­von. Su­chend blick­te sie sich nach ei­nem ge­eig­ne­ten Ver­steck um. An der süd­west­li­chen Ecke setz­te sie sich hin­ter die klei­ne Kan­te, die et­wa 20 cm hoch nach oben rag­te und fum­mel­te den Funk­emp­fän­ger aus der klei­nen Scha­tul­le. Als sie das klei­ne Gerät ins Ohr steck­te, hör­te sie so­fort Korns schar­fe Stim­me, bel­len. »Sumpf­kuh ge­hen sie so­fort in De­ckung. Je­der Idi­ot, der in der La­ge ist, durch ein Ziel­fern­rohr zu bli­cken, könn­te sie aus 5 km Ent­fer­nung ab­knal­len.«

Sie brumm­te nur mür­risch, leg­te sich dann aber wie Lea flach auf den Bo­den, be­vor sie die Wär­me­bild­ka­me­ra aus­pack­te. Es war ein Wun­der­werk der Tech­nik. Ein klei­ner LCD Bild­schirm zeig­te das Bild ei­ner win­zi­gen Ka­me­ra, die an der Spit­ze ei­nes schwenk­ba­ren Te­le­sko­parms ein­ge­baut war. Sie konn­te be­quem auf dem Bo­den lie­gen blei­ben und muss­te nur den Schwen­karm in Po­si­ti­on brin­gen. Sie konn­te auf dem grün­lich schim­mern­den Dis­play die gro­ben Um­ris­se se­hen. Lang­sam schwenk­te, sie die Ka­me­ra von rechts nach links bis plötz­lich in ei­nem rot leuch­ten­den Um­riss ei­ne Ge­stalt zu se­hen war, die in ei­nem Busch am Bo­den lag. Zö­gernd frag­te sie »Sind sie das Korn der da im Ge­büsch liegt?«

»Nein, der Os­ter­ha­se, der auf den Ni­ko­laus war­tet. Die bei­den ha­ben sich heu­te auf ei­ne schar­fe Num­mer ver­ab­re­det, aber das ha­ben sie na­tür­lich nicht ge­le­sen!«, brumm­te er.

Lea ki­cher­te, als Liz ant­wor­te­te »Ver­zei­hung, mein Abo für das Nu­dis­ten­blatt ist ab­ge­lau­fen.«

Korn frag­te Lea »Schatz, kannst du mal als Test nach mir su­chen und dann ne­ben mir einen Schuss in den Bo­den ab­ge­ben?«

»Ver­su­chen kann ich es, aber ich se­he so gut wie nichts«, ant­wor­te­te Lea.

»Haup­tein­gang, lin­ke Kan­te. Ab­stand et­wa 60 m in dem klei­nen Busch, der aus­sieht wie ein Pilz«, gab Liz an.

»Ge­fun­den«, rief Lea. Sie schoss im Ab­stand von we­ni­gen Me­tern ne­ben ih­rem Freund in den Bo­den.

»Okay Schatz. Das war sehr lei­se, aber ich konn­te dei­nen Mün­dungs­blitz se­hen. Ich wer­fe mit dem La­ser­poin­ter einen Punkt auf dei­ne Po­si­ti­on. Ver­such, das noch zu ver­ste­cken!«

Vor Leas Au­gen fun­kel­te ein grü­ner La­ser­punkt auf. Sie über­leg­te, was sie tun könn­te. »Ich ha­be ei­ne Idee, gib mir 30 Se­kun­den, dann feue­re ich zwei­mal.« Sie riss ein oliv­grü­nes Drei­ecks­tuch aus ih­rer Ta­sche und schlang es um die Mün­dung ih­res Ge­wehrs. Das klei­ne En­de des Tuchs ließ sie vor der Mün­dung nach un­ten klap­pen. Dann leg­te sie an, feu­er­te, war­te­te ei­ni­ge Se­kun­den und drück­te wie­der auf den Aus­lö­ser.

»Per­fekt Schatz, ob­wohl ich dei­ne ge­naue Po­si­ti­on ken­ne, war fast nichts mehr zu se­hen«, lob­te Korn. »Jetzt heißt es ab­war­ten und se­hen, was da kommt!«, füg­te er hin­zu.

29. Kapitel
Deutschland, Berlin

Der klei­ne Be­spre­chungs­raum in der Mit­te Ber­lins war gut kli­ma­ti­siert. Bo­do Eg­gers hat­te end­lich einen Ter­min be­kom­men. Es ging, um ei­ni­ge Mil­lio­nen, die er be­sor­gen muss­te, um die bei­den Pro­fis die er an­ge­heu­ert hat­te zu be­zah­len. Die Metho­de war so ein­fach, dass sie grund­sätz­lich im­mer funk­tio­nier­te. Nur die deut­sche Wirt­schaft hat­te in Ber­lin et­was zu sa­gen, nicht die Po­li­ti­ker. Ge­wähl­te Volks­ver­tre­ter wa­ren nur aus­tausch­ba­re Ma­rio­net­ten. Die Fä­den die die­se Fi­gu­ren aber be­weg­ten la­gen fest in den Hän­den ei­ni­ger Ma­na­ger von Kon­zer­nen. Wenn man ge­nug Mit­ar­bei­ter be­schäf­tig­te, nicht nur die Stamm­be­leg­schaft, son­dern auch die Zu­lie­fe­rer ge­hör­te man in den Kreis der Pup­pen­spie­ler in Ber­lin. Al­lei­ne das klei­ne Wort Ar­beitsplät­ze war der Tür­öff­ner. Wenn dann noch Be­grif­fe hin­zu­ka­men wie ge­fähr­det, be­droht oder nicht mehr halt­bar rann­te man of­fe­ne Tü­ren ein. Es spiel­te kei­ne Rol­le, wer da im Kanz­ler­amt oder im Reichs­tag sei­nen Ar­beits­platz hat­te. In sei­ner Funk­ti­on als Chef von Ener­gart, der größ­te Ener­gie­rie­se der Bun­des­re­pu­blik und Ar­beit­ge­ber von ins­ge­samt 2,4 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­ten in Deutsch­land hat­te in Ber­lin mehr zu ent­schei­den als je­der ge­wähl­te Volks­ver­tre­ter. Die der­zeit am­tie­ren­de Ober­ma­rio­net­te An­ge­li­ka Ro­ten­fels wür­de ex­akt so schnell ein­bre­chen wie im­mer. Die­ses Mal war es so­gar noch ein­fa­cher. Es ging nur um ma­xi­mal 30 Mil­lio­nen €, die er von den Steu­er­zah­lern über­neh­men las­sen woll­te. Das wa­ren Pea­nuts im Ver­gleich zu den vie­len Mil­li­ar­den, die die­se Bun­des­re­gie­rung für die Ent­sor­gung und La­ge­rung der ver­brauch­ten Brenn­stä­be der Atom­mei­ler be­zahl­te. Im End­ef­fekt haf­te­te da­für der Steu­er­zah­ler mit sei­nen Steu­ern, die Ber­lin groß­zü­gig ab­schöpf­te. Mehr­wert­steu­er, Öko­steu­er und nicht zu­letzt die wun­der­vol­le Idee mit den CO² Zer­ti­fi­ka­ten wa­ren ei­ne Gold­gru­be. Die Steu­ern spru­del­ten aus Tau­sen­den un­er­schöpf­li­chen Quel­len und lan­de­ten groß­zü­gig in den Ta­schen der Kon­zer­ne, wenn man nur die rich­ti­gen Ar­gu­men­te hat­te. Sei­ne Haup­tein­nah­me­quel­le wa­ren nur die Strom­prei­se, die man im Lau­fe der letz­ten Jah­re im­mer wei­ter an­ge­ho­ben hat­te. Ber­lin woll­te Steu­ern ab­zap­fen, er aber hö­he­re Ge­win­ne er­zie­len. So hat­te man es ge­schafft, dass Strom nir­gend­wo teu­rer war als in Deutsch­land. Die ar­men Steu­er­zah­ler, de­nen man im Ge­gen­zug die Re­allöh­ne im­mer wei­ter ge­senkt hat­te, wur­den aus­ge­presst wie Wein­trau­ben. Im­mer wenn sie dach­ten, es kön­ne nicht mehr schlim­mer kom­men woll­te Ber­lin hö­he­re Steuer­ein­nah­men und die Kon­zer­ne min­des­tens den glei­chen Ge­winn wie im Vor­jahr, oder na­tür­lich noch mehr. Steu­ern und Prei­se klet­ter­ten in im­mer neue Re­kord­hö­hen. Wenn die Ge­werk­schaf­ten dann hö­he­re Löh­ne for­der­ten, da­mit der klei­ne Steu­er­zah­ler das auch al­les brav be­zah­len kann, drück­te man die For­de­run­gen im­mer wei­ter. Meist sprang nicht ein­mal der In­fla­ti­ons­aus­gleich da­bei her­aus. Zum Glück ver­stan­den die­se Men­schen das Geld­sys­tem nicht. Wenn sie es be­grei­fen wür­den, hät­te man noch vor Son­nen­auf­gang ei­ne Re­vo­lu­ti­on. Er han­del­te al­ler­dings nach ei­ner an­de­ren For­mel. Ge­win­ne pri­va­ti­sie­ren, Ver­lus­te so­zia­li­sie­ren. Die Ge­win­ne im­mer schön selbst ein­strei­chen und die Ver­lus­te von Ber­lin be­zah­len las­sen. Aber die­ses Sys­tem ver­stan­den auch die Po­li­ti­ker nicht. Die leg­ten lie­ber pro Jahr et­li­che Mil­lio­nen in Be­ra­tern an, die ih­nen al­ler­dings auch nur die hal­be Wahr­heit er­zähl­ten. Po­li­ti­ker wa­ren schon ein be­son­de­res Volk. Oh­ne ih­re Be­ra­ter wür­den sie wohl nicht ein­mal die Toi­let­te fin­den. Zu die­ser Gat­tung Mensch ge­hör­te auch Bun­des­kanz­le­rin An­ge­li­ka Ro­ten­fels, die in die­sem Mo­ment den klei­nen Raum be­trat. Äu­ßer­lich be­saß sie die Schön­heit, wie man sie manch­mal nach sehr schwe­ren Un­fäl­len vor­fin­det. Was ih­ren In­tel­lekt an­geht, muss­te stark be­zwei­felt wer­den, ob sie in der La­ge war sich rich­tig her­um auf ei­ne Toi­let­te zu set­zen. Und wenn doch, ob sie dar­an den­ken konn­te vor­her den De­ckel hoch­zu­klap­pen. Bo­do Eg­gers spiel­te das nur in die Kar­ten. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand.

»Herr Eg­gers, sie ba­ten um einen pri­va­ten Ter­min. Um was han­delt es sich denn?«, frag­te sie.

»Mir ist zu Ohren ge­kom­men, dass Wis­sen­schaft­ler et­was ent­deckt ha­ben könn­ten, was die Ener­gie­pro­duk­ti­on re­vo­lu­tio­nie­ren wird. Al­ler­dings nach bis­he­ri­gem Kennt­nis­stand in ei­nem solch großen Aus­maß, das es un­ver­ant­wort­lich wä­re, es in die falschen Hän­de ge­lan­gen zu las­sen Frau Bun­des­kanz­le­rin.«

»Hät­ten sie es viel­leicht ein biss­chen ge­nau­er?«

»Of­fi­zi­ell ist na­tür­lich noch nichts be­kannt, aber man mun­kelt, es han­delt sich um ein Ma­te­ri­al, das Ener­gie ab­gibt, und zwar un­er­schöpf­lich«, er­klär­te Eg­gers.

»Das wä­re ei­ne wun­der­ba­re Er­fin­dung. Strom oh­ne Emis­sio­nen sind ein Traum. Wenn das stimmt, was sie sa­gen, wä­ren die­se Fri­days for Fu­ture zu­min­dest mal halb­wegs be­ru­higt«, freu­te sie sich.

»Frau Bun­des­kanz­le­rin, von die­sen Spin­nern wür­de ich nicht zu viel er­war­ten. Wer der Mei­nung ist Atom­kraft­wer­ke still­zu­le­gen, um den Strom aus Koh­le­kraft­wer­ken zu be­zie­hen, was nach de­ren Mei­nung we­ni­ger Emis­sio­nen ver­ur­sacht, ge­hört ei­gent­lich in ei­ne ge­schlos­se­ne An­stalt und nicht auf die Stra­ße. Aber das ist ihr Pro­blem und nicht mei­nes. Mir geht es eher dar­um, si­cher­zu­stel­len, dass die Ener­gie wei­ter­hin von zu­ge­las­se­nen Un­ter­neh­men be­reit­ge­stellt wird«, kam Eg­gers lang­sam zum Punkt.

»Was mei­nen sie da­mit?«

»Wenn die­ses neu­ar­ti­ge Ma­te­ri­al Ener­gie er­zeugt, sind die Ge­fah­ren gar nicht ab­zu­schät­zen. Wir soll­ten al­so si­cher­stel­len das nur aus­ge­bil­de­te Per­so­nen da­mit han­tie­ren. Wer könn­te das wohl bes­ser als un­se­re Mit­ar­bei­ter?«

»Herr Eg­gers, kann es sein das sie ge­ra­de ver­su­chen wol­len die­se Tech­no­lo­gie da­für zu nut­zen, Ener­gie güns­ti­ger her­zu­stel­len und zu ver­trei­ben?«, frag­te sie mit küh­lem Blick.

»Wo den­ken sie hin Frau Bun­des­kanz­le­rin? Ich ver­su­che, Ar­beitsplät­ze und die Men­schen zu schüt­zen. Nie­mand weiß, wie ge­fähr­lich die­ses Ma­te­ri­al sein kann. Was wä­re, wenn sich je­der ei­ne Bat­te­rie in den Kel­ler stel­len lässt, nur um spä­ter fest­zu­stel­len, dass die Strah­lung da­von le­bens­ge­fähr­lich ist, oder es zu Stör­fäl­len neigt, die ei­ner Atom­bom­be gleicht? Ich wä­re nicht be­geis­tert, wenn ich wüss­te, dass in je­dem Haus­halt ei­ne po­ten­zi­el­le Atom­bom­be steht und von Lai­en be­auf­sich­tigt wird«, log Eg­gers.

»Nun, mög­li­cher­wei­se ha­ben sie recht. Ei­ne Bom­be un­ter je­dem Haus ist nicht in mei­nem Sin­ne. Es müss­te si­cher­ge­stellt wer­den die­se Tech­no­lo­gie, oh­ne ei­ne Ge­fahr für al­le zu nut­zen. Aber das be­deu­tet auch, dass der Strom­preis sin­ken muss Herr Eg­gers«, stell­te sie fest.

»Da­zu kann ich der­zeit noch kei­ne Aus­sa­ge tref­fen, oh­ne es kal­ku­liert zu ha­ben. Al­ler­dings kann ich es erst kal­ku­lie­ren, wenn ich es ha­be. Be­schaf­fung und War­tungs­kos­ten, Lohn und Ne­ben­kos­ten der Mit­ar­bei­ter, Ver­trieb und die War­tung der Netz­in­fra­struk­tur und so wei­ter kann ich jetzt nicht ab­schät­zen. Das wer­den sie ver­ste­hen Frau Bun­des­kanz­le­rin.«

»Das leuch­tet mir ein. Aber ich ver­ste­he nicht ge­nau, warum sie da­mit zu mir kom­men Herr Eg­gers.«

»Die­ses Ma­te­ri­al ge­fähr­det Tau­sen­de von Ar­beitsplät­zen Frau Bun­des­kanz­le­rin. Um ein klei­nes Kraft­werk si­cher zu be­trei­ben, brau­chen wir Hun­der­te Mit­ar­bei­ter. Von der War­tung über den Elek­tri­ker bis hin zu den In­ge­nieu­ren, die al­les über­wa­chen. Um ei­ne Bat­te­rie zu über­wa­chen brau­chen wir viel­leicht nicht ein­mal die Hälf­te. Das be­deu­tet al­lei­ne in mei­ner Fir­ma re­den wir grob ge­schätzt über 1,2 Mil­lio­nen Men­schen, die ich ent­las­sen müss­te. Sie kön­nen si­cher ab­schät­zen wie vie­le Men­schen das für die oh­ne­hin lee­ren So­zi­al­kas­sen be­deu­tet, von den weg­bre­chen­den Steuer­ein­nah­men gar nicht zu spre­chen. Und mei­ne Fir­ma ist ja nicht die ein­zi­ge.«

»Von der Sei­te ha­be ich es gar nicht be­trach­tet, muss ich zu­ge­ben. Das wä­re ei­ne rie­si­ge Ka­ta­stro­phe. Aber was kön­nen wir da tun?«

»Ich ha­be be­reits mit den an­de­ren Fir­men­in­ha­bern te­le­fo­niert. Um die Ar­beitsplät­ze zu schüt­zen, be­nö­ti­gen wir rund 40 Mil­lio­nen pro Jahr. In al­len Fir­men wohl­ge­merkt, al­so nicht mei­ne al­lei­ne. Das müss­te ir­gend­wie von der Bun­des­re­gie­rung sub­ven­tio­niert wer­den.«

»40 Mil­lio­nen im Jahr? Ver­dammt Eg­gers wo soll ich die denn wie­der her­neh­men?«, frag­te sie rat­los.

»Das ist ein ver­gleichs­wei­se nied­ri­ger Preis. Die Al­ter­na­ti­ve wä­ren Mas­sen­ent­las­sun­gen und die Kos­ten für die So­zi­al­sys­te­me über­stei­gen die­se 40 Mil­lio­nen lo­cker um das Dop­pel­te. Was ist ih­nen al­so lie­ber? Und nur da­mit wir uns rich­tig ver­ste­hen, Frau Bun­des­kanz­le­rin, wenn der Strom­preis sinkt, bre­chen ih­nen auch ei­ni­ge Steuer­ein­nah­men weg«, sag­te Eg­gers spitz.

An­ge­li­ka Ro­ten­fels über­leg­te ei­ne gan­ze Zeit lang. Eg­gers sah ihr an, dass er ge­won­nen hat­te, wie­der ein­mal. Und er hat­te es nicht nur ge­schafft, die Kos­ten für die Pro­fis her­aus­zu­schla­gen, die er en­ga­giert hat­te, son­dern auch noch 10 Mil­lio­nen im ers­ten Jahr und wei­te­re 40 Mil­lio­nen in je­dem wei­te­ren Jahr. Als Sah­ne­häub­chen oben­drauf be­käme, er so­gar noch die For­schungs­er­geb­nis­se, die er ver­mark­ten könn­te. Das ver­sprach Um­satz­ge­win­ne in Mil­li­ar­den­hö­he je­des Jahr. Die Bun­des­kanz­le­rin mach­te ein mie­se­pet­ri­ges Ge­sicht, als sie schließ­lich ih­re Zu­stim­mung gab die 40 Mil­lio­nen pro Jahr zu über­neh­men.

Ihr ein­zi­ger Trost war, dass sie wuss­te, dass er die For­schungs­er­geb­nis­se nie­mals in die Hän­de be­kom­men wür­de. Die­se Mil­li­ar­den lan­de­ten über Um­we­ge bei ihr. Al­so muss­te der Steu­er­zah­ler im Jahr wei­te­re Mil­lio­nen ab­drücken und sie war die Ge­win­ne­rin die­ses Spiels. Jetzt muss­te sie nur noch da­für sor­gen, das die­ses ver­fluch­te Pa­tent der SilOld AG ver­schwin­det. Po­li­tik war nur ihr Sprung­brett für ein Le­ben in Reich­tum. Mit ei­nem zu­frie­de­nen Lä­cheln ver­ließ sie den Be­spre­chungs­raum. Sie hat­te ih­ren Ge­gen­über so ge­schickt über den Tisch ge­zo­gen, dass er die Rei­bungs­hit­ze als Nest­wär­me emp­fun­den hat­te.

Venezuela, Caracas

Es war be­reits fast Mit­ter­nacht, als Tri­na Ba­tes mit ih­rem Te­am in Ve­ne­zue­la lan­de­te. Sie wa­ren di­rekt nach dem Ab­schluss der Mis­si­on zu ih­ren neus­ten Auf­trag ge­flo­gen. Wäh­rend der Ein­satz­be­spre­chung hat­te ihr Stell­ver­tre­ter Da­le Buck das Ge­spräch ge­führt und Ba­tes an­schlie­ßend in­for­miert. Für sie war die Auf­trags­be­schrei­bung nichts Neu­es mehr. Kaum nütz­li­che In­for­ma­tio­nen ka­men aus Langley. Sie und ihr Te­am muss­ten mal wie­der al­les selbst zu­sam­men­tra­gen, um ih­ren Auf­trag zu er­le­di­gen. Wie­der ein­mal soll­ten sie ein Ge­bäu­de stür­men und al­les her­aus­ho­len, was es zu ho­len gab. Das war nicht der Job, den sich die Mitt­drei­ßi­ge­rin aus Ari­zo­na er­hofft hat­te. Was ihr Freu­de mach­te, wa­ren die Ein­satz­pla­nung, dar­in war sie rich­tig gut. So ein­fach war das aber nicht, denn mitt­ler­wei­le muss­te sie auch selbst zur Waf­fe grei­fen und an den Ein­sät­zen teil­neh­men. Sie be­vor­zug­te eher klas­si­sche Metho­den wie über­wa­chen und ab­hö­ren. Ein­drin­gen und aus­räu­chern war nicht ihr Vor­ge­hen. Bei die­sem Ein­satz ging es mal wie­der nur ums Tö­ten von Men­schen, de­ren ein­zi­ger Feh­ler es war, sich ge­ra­de zu dem Zeit­punkt an ei­nem Ort auf­zu­hal­ten, den sie als Ziel be­kom­men hat­te. Da­le, ihr Stell­ver­tre­ter, lieb­te die­se Art von Vor­ge­hen. Er sah sich ger­ne in der Rol­le des großen Hel­den, der ein­fach ein Ge­bäu­de aus­löscht, nach­dem er am Ein­gang be­reits drei Dut­zend Män­ner über den Hau­fen ge­schos­sen hat­te. Der Spitz­na­me, den er sich selbst ge­ge­ben hat­te, war Ram­bo. Be­nannt nach dem großen Ac­tion­film mit Syl­ves­ter Stal­lo­ne der im Al­lein­gang ei­ne kom­plet­te Kom­pa­nie aus­rot­tet, nur um einen Kriegs­ge­fan­ge­nen nach Hau­se zu ho­len. Sei­ne Kriegs­ge­fan­ge­nen wa­ren nur kei­ne Staats­bür­ger, son­dern Pa­pie­re, Fest­plat­ten, Com­pu­ter und Ob­jek­te. Tri­na und Da­le ar­bei­te­ten be­reits seit sie­ben Jah­ren sehr er­folg­reich zu­sam­men. Sie ent­warf die Plä­ne, die er mit den rest­li­chen drei Kol­le­gen dann in die Tat um­setz­te. Sie hielt sich da­bei meist eher im Hin­ter­grund.

Auf dem Flug von Bra­si­li­en nach Ca­ra­cas hat­te sie sich be­reits das Ob­jekt an­ge­schaut. Ein schlich­ter Be­ton­bau um­ge­ben von ei­nem et­wa 100 m brei­ten grü­nen Strei­fen. Ei­ni­ge Bäu­me und Sträu­cher konn­ten ih­nen Schutz bie­ten, um in der Dun­kel­heit Si­cher­heits­kräf­te aus­zu­schal­ten. Da­le hat­te er­klärt, dass In­ter­pol wohl dar­in ver­wi­ckelt war und sie des­halb auf be­son­de­re Si­cher­heits­maß­nah­men tref­fen wür­den. Groß­spu­rig hat­te er ver­kün­det »Ich hof­fe, die ha­ben da rich­tig vie­le Leu­te auf­ge­fah­ren, das wird ein Spaß!« Tri­na selbst hat­te ge­hofft, nur auf ein paar we­ni­ge Leu­te zu tref­fen. Nicht, weil es al­les leich­ter ge­macht hät­te. Ihr ging es um die vie­len Un­schul­di­gen, die sie tö­ten muss­ten. Als sie jetzt in ei­ni­ger Ent­fer­nung durch ihr Fern­glas späh­te, war sie be­ru­higt. Es gab einen Ein­gang, vor dem sich fünf bis acht Per­so­nen zeig­ten. Es wa­ren im­mer zwei zu se­hen, die in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den wech­sel­ten. Ei­ner da­von pa­trouil­lier­te al­le paar Mi­nu­ten vor dem Ge­bäu­de. Zu ih­rer Über­ra­schung lag der kom­plet­te Grün­strei­fen im Dun­keln und war über­wu­chert von ho­hen Sträu­chern. Da konn­te man ge­müt­lich auf ei­nem Ele­fan­ten bis et­wa zehn Me­ter vor das Ge­bäu­de rei­ten, oh­ne ent­deckt zu wer­den. Im Ge­bäu­de brann­te kein Licht, nie­mand war auf dem Dach pos­tiert wor­den und die Si­cher­heits­vor­keh­run­gen wa­ren eher ein schlech­ter Witz.

»Aus dei­nem Schlacht­fest wird nichts wer­den Da­le. Ich zäh­le ma­xi­mal acht Mann mit leich­ter Be­waff­nung!«, raun­te sie ih­rem Kol­le­gen zu.

»Ver­dammt, ich hat­te mich schon so ge­freut, In­ter­pol und den Cops den Arsch bis nach Wa­shing­ton auf­zu­rei­ßen«, klag­te er.

»Das wird ein Som­mer­spa­zier­gang zum Ein­gang, ei­ne kur­ze Schie­ße­rei und dann Fei­er­abend.«

»Nächs­tes Mal soll­ten wir Clark­son sa­gen, wir wol­len ei­ne Ar­mee vor der Hüt­te ha­ben da­mit wir was zu tun be­kom­men«, maul­te Da­le.

»Jungs und ih­re Kriegs­fan­tasi­en«, lä­chel­te sie mü­de.

»Wie ge­hen wir vor Tri­na?«, frag­te er über­mü­tig.

»Ganz klas­sisch wür­de ich sa­gen. Zwei lin­ke Flan­ke, zwei rech­te Flan­ke und ich über­neh­me das Zen­trum, falls ei­ner ab­haut«, er­klär­te sie.

»Falls ei­ner ab­haut … Du machst wohl Scher­ze Tri­na. Das Ein­zi­ge, was da ab­haut, ist der Ge­ruch von Blut, mehr nicht.«

»Wenn ihr in Po­si­ti­on seid, gehts los.«, sag­te Tri­na. Da­le wand­te sich den rest­li­chen drei Män­nern zu.

»Brock geht mit mir nach links, ihr bei­de nach rechts. Nehmt et­wa drei­ßig Me­ter Ab­stand zu­ein­an­der. Klas­si­scher Zan­gen­an­griff. Tri­na gibt uns das Start­si­gnal, wenn wir so weit sind. Al­les klar La­dys?«

Die Män­ner nick­ten kurz und sto­ben wie Flie­gen aus­ein­an­der. Da­le und sein Kol­le­ge Brock schli­chen sich durch das Dickicht weit auf die lin­ke Sei­te des Ge­bäu­des. Sie be­weg­ten sich fast laut­los. Tri­na lief durch das Ge­strüpp auf einen klei­nen Baum zu der fast zen­tral vor dem Ge­bäu­de stand. Dor­nen zerr­ten an ih­ren Bei­nen. Al­les war ru­hig, als sie ih­ren Beo­b­ach­tungs­pos­ten er­reicht hat­te. Das Ge­bäu­de rag­te et­wa vier­zig Me­ter vor ihr auf. Am Ein­gang zeig­te sich das üb­li­che Wech­sel­spiel der Wa­chen, an­sons­ten war nichts zu se­hen. Es knack­te lei­se in ih­rem Head­set. Die rech­te Flan­ke war in Po­si­ti­on ge­gan­gen. We­ni­ge Se­kun­den spä­ter mel­de­te auch Da­le Ein­satz­be­reit­schaft.

Tri­na sprach ein kur­z­es Ge­bet und at­me­te tief durch. »Wenn die Pa­trouil­le auf der Po­si­ti­on ganz links kehrt macht, er­öff­net ihr das Feu­er!«

30. Kapitel
Frankreich, Lyon

Seit Stun­den hock­te Mi­ke Banks jetzt schon vor dem Com­pu­ter in dem Bü­ro des Te­ams, um der in Ca­ba­re­te si­cher­ge­stell­ten SSD Fest­plat­te ihr Ge­heim­nis zu ent­lo­cken. Die Ver­schlüs­se­lung hat­te es in sich. 256 Bit Ver­schlüs­se­lung mit ei­nem Pass­wort, das 24 Stel­len zähl­te. Sein Pass­wort­ge­ne­ra­tor war nur auf ma­xi­mal 12 Stel­len aus­ge­legt, was für die meis­ten Pass­wör­ter, aus­rei­chend war, aber in die­sem Fall kei­nen Nut­zen hat­te. Er muss­te einen Neu­en pro­gram­mie­ren, um die Da­tei öff­nen zu kön­nen. Die ge­sam­te Fest­plat­te hat­te ei­ne Ka­pa­zi­tät von 20 GB. Mikes Ana­ly­se er­gab, dass da­von ge­ra­de mal ei­ni­ge By­tes ver­braucht wa­ren. Gera­de mal ge­nug, um ei­ne klei­ne Text­da­tei zu spei­chern. Ins­ge­heim hoff­te er, dass die Fest­plat­te ein­fach nur die For­mel ent­hül­len wür­de. Dann hät­ten sie zu­min­dest schon ein­mal das wich­tigs­te Ge­heim­nis ge­lüf­tet. Er war be­reits fast fer­tig mit sei­nem neu­en Pro­gramm und star­te­te einen letz­ten Test­lauf. Sein Pro­gramm be­nö­tig­te knapp sie­ben Mi­nu­ten für sein ge­ne­rier­tes Test­pass­wort. Nicht be­son­ders schnell, aber auch nicht wirk­lich lang­sam. Die SSD lag be­reit und er be­gann sein neu ge­schrie­be­nes Pro­gramm dar­auf an­zu­set­zen. Mit schwit­zen­dem Fin­ger tipp­te er die letz­te Be­fehls­zei­le ein und star­te­te. Auf sei­nem Bild­schirm er­schie­nen Co­de­frag­men­te, ver­schwan­den wie­der und brach­ten neue her­vor. Als sie­ben Mi­nu­ten ver­gan­gen wa­ren, wur­de er un­ru­hig. Gleich wür­de es so weit sein. Sein Blick war auf dem Bild­schirm fest­ge­wach­sen und er trau­te sich kaum, zu blin­zeln. Wei­te­re vier Mi­nu­ten spä­ter, sei­ne Au­gen wa­ren be­reits aus­ge­trock­net, war er der Lö­sung im­mer noch nicht nä­her ge­kom­men. Mi­ke konn­te nicht ver­ste­hen, warum es so lan­ge dau­er­te. Auf dem Bild­schirm da­ne­ben über­flog er noch ein­mal den Co­de sei­nes Pro­gram­mes. Be­fehl für Be­fehl un­ter­zog er ei­ner er­neu­ten Prü­fung, ob er einen Feh­ler ge­macht hat­te. Dann end­lich nach end­lo­sen 23 Mi­nu­ten hat­te er das Pass­wort ge­fun­den.

»18*WmalLePe,idu,ou,ur*86«

Stand auf sei­nem Bild­schirm als Pass­wort. Be­däch­tig tipp­te er den ge­ne­rier­ten Co­de in das Pass­wort­feld der Fest­plat­te. Noch Wei­te­re drei­mal über­prüf­te er, ob auch al­les rich­tig war. Dann drück­te er auf die En­ter­tas­te, um das Pass­wort zu be­stä­ti­gen. Der Co­de wur­de ak­zep­tiert und die Fest­plat­te wur­de frei­ge­ge­ben. Es war nur ein ein­zel­nes Do­ku­ment dar­auf ge­spei­chert. Ei­ne Text­da­tei mit 18 Ki­lo­byte Grö­ße. Mi­ke öff­ne­te sie und er­starr­te. Er rieb sich die Au­gen, las es er­neut und ver­stand noch im­mer nichts. Das Word­do­ku­ment ent­hielt nur ei­ni­ge Sät­ze:

Fin­de das grün, was tut weh im Ge­sicht.

Ent­fer­ne das oben, das un­te­re aber nicht.

Bring es in die Son­ne, der Schat­ten zeigt das Licht.

In Stein ge­zeich­net der Lö­sung dicht.

Neun mal eins mal neun mal eins er­gibt es Sicht.

Mi­ke las es er­neut.

Fin­de das grün, was tut weh im Ge­sicht? »Könn­ten Brenn­nes­seln sein«, dach­te er bei sich.

Ent­fer­ne das oben, das un­te­re aber nicht. »Al­so die Blät­ter ab­zup­fen und den Stiel be­hal­ten.«

Bring es in die Son­ne, der Schat­ten zeigt das Licht. »Der Stän­gel ist al­so der Zei­ge­stab, aber wor­auf soll er zei­gen?«

In Stein ge­zeich­net der Lö­sung dicht. »Okay, er soll auf einen Stein zei­gen, aber wel­chen und vor al­lem wo ist die­ser Stein?«

Neun mal eins mal neun mal eins er­gibt es Sicht. »9x1x9x1 = 9x9 = 81. Soll das ein Pass­wort sein, oder ei­ne For­mel?«

Jetzt be­müh­te er das In­ter­net und die Da­ten­ban­ken. Er brauch­te al­le In­for­ma­tio­nen, die er über Bu­ric und Onut fin­den konn­te. Onut war aber Ener­gie­for­scher, hat­te al­so mit der ei­gent­li­chen For­mel nichts zu tun. Mi­ke kon­zen­trier­te sich auf Bu­ric. Stich­punkt­ar­tig no­tier­te er al­les, was er fand.

Goran Bu­ric war ein kroa­ti­scher Ma­te­ri­al­for­scher. 62 Jah­re alt, nie­mals ver­hei­ra­tet oder ver­lobt und kin­der­los. Lei­den­schaft­li­cher Le­ser, be­vor­zug­te Kri­mi­nal­li­te­ra­tur. Fan von Sir Ar­thur Co­nan Doy­le und der von ihm ge­schaf­fe­nen Kunst­fi­gur Sher­lock Hol­mes. Be­geis­ter­ter Bil­lard­spie­ler, ins­be­son­de­re Snoo­ker. Reis­te auch je­des Jahr zur Snoo­ker-WM nach Shef­field als Zuschau­er. Lieb­te das Spiel von Ron­nie "The Rocket" O' Sul­li­van. War ger­ne in der Na­tur und moch­te Wär­me.

Mi­ke kam das ko­misch vor. Die­ser Kroa­te war fast bri­ti­scher als sei­ne Kol­le­gin Liz Croll. Und der ein­zi­ge Hin­weis auf einen ver­damm­ten Stein fand sich in sei­ner Lie­be zur Na­tur. Aber wel­cher Stein war da­mit ge­meint? Die Ge­dan­ken über­schlu­gen sich in sei­nem Kopf, aber es er­gab al­les kei­nen Sinn. Er brauch­te einen kla­ren Kopf, um nach­zu­den­ken. Die Fest­plat­te klemm­te er ab und such­te ein ge­eig­ne­tes Ver­steck. Als sein Blick sei­ne Ta­sche streif­te, die mit­ten in dem Bü­ro am Bo­den lag, kam ihm sein al­ter Lap­top in den Sinn. Des­sen HDD war bis auf das Be­triebs­sys­tem so­wie­so leer. Kur­zer­hand tausch­te er die bei­den Fest­plat­ten aus und leg­te die HDD auf sei­nen Schreib­tisch. Er ver­ließ das Ge­bäu­de und wan­der­te ge­dan­ken­ver­lo­ren durch die be­leb­ten Stra­ßen von Ly­on. Erst als es däm­mer­te, kehr­te er wie­der zur Zen­tra­le von In­ter­pol zu­rück. Gera­de als er die Ein­gangs­hal­le be­trat, kam ihm Ber­nand Rous­sel ent­ge­gen. Der Chef von In­ter­pol frag­te ihn »Konn­ten sie die Fest­plat­te ent­schlüs­seln?«

»Was? Ach so, die Fest­plat­te. Ich ha­be den Co­de ge­knackt, ja«, ent­geg­ne­te er.

»Dann ha­ben wir al­so die For­mel?«, woll­te Rous­sel wis­sen.

»Ähm, um ehr­lich zu sein nein. Es gab nur so ei­ne Art Ge­dicht dar­auf, was aber kei­nen Sinn er­gibt«, kam es von Mi­ke.

Rous­sel zog die Au­gen­brau­en nach oben »Las­sen sie sich nicht je­den Wurm ein­zeln aus der Na­se zer­ren Banks!«

Mi­ke wie­der­hol­te das klei­ne Ge­dicht und er­zähl­te Rous­sel auch von sei­nen Ge­dan­ken dar­über. Schließ­lich stan­den die bei­den fast ei­ne Stun­de auf dem Gang und dis­ku­tier­ten je­de Idee, die sie fan­den. Aber je­des neue Er­geb­nis er­gab noch we­ni­ger Sinn als das vor­he­ri­ge. Sie ei­nig­ten sich dar­auf, am Mor­gen mit neu­er Ener­gie auf die Spur des Rät­sels zu kom­men.

31. Kapitel
Venezuela, Caracas

Liz konn­te auf ih­rem Mo­ni­tor sechs Wär­me­si­gna­tu­ren er­ken­nen. Ei­ne lag still und heim­lich seit Stun­den in ei­nem Strauch und be­weg­te sich nicht. Ei­ne der Per­so­nen lief di­rekt an ihm vor­bei und blieb hin­ter ei­nem Baum ste­hen. Liz gab das so­fort an Lea, die ei­ne fast zen­tra­le Po­si­ti­on in­ne­hat­te wei­ter. Die Kil­le­rin konn­te aber nicht durch Bäu­me schie­ßen. Korn mel­de­te sich im Flüs­ter­ton »Das ist wohl die Che­fin des Trupps. Küm­mert euch um die an­de­ren vier, ich über­neh­me die hier.«

Croll be­gann ganz links au­ßen die Po­si­tio­nen an Lea zu über­mit­teln. In ih­rem Ziel­fern­rohr er­kann­te sie fast nichts.

»Ganz am lin­ken Rand. Cir­ca 70 m ent­fernt. Zwi­schen den zwei klei­nen Bäu­men kniet je­mand im Busch!«, flüs­ter­te Liz.

Lea sah die bei­den Bäu­me, die Liz er­wähnt hat­te, und sah durch ihr op­ti­sches Vi­sier. Lang­sam und sorg­fäl­tig fuhr sie das Ge­büsch ab. Dann ent­deck­te sie einen leicht glän­zen­den Knopf, der sich in dem kaum vor­han­de­nen Mond­licht spie­gel­te. Es war der Knopf ei­ner Bein­ta­sche. Sie such­te die Ar­me der Per­son. Als sie die rech­te Schul­ter des Man­nes er­kann­te drückt sie ab. Ein kur­z­es Plopp und die Ku­gel flog durch die im­mer noch hei­ße Nacht­luft. Die Per­son krümm­te sich und ließ ein Ge­wehr sin­ken. Leas Ku­gel hat­te die Schul­ter durch­schla­gen. Sein Arm, der eben noch die Fin­ger am Ab­zug hat­te, be­weg­te sich fast in Zeit­lu­pe zu sei­ner Hüf­te. Ver­mut­lich der Sen­der des Funk­ge­räts schoss es Lea durch den Kopf. Sie ziel­te er­neut, die­ses Mal auf die Fin­ger, und schoss. Es gab nur einen kur­z­en Schrei zu hö­ren.

Korn hat­te sich un­merk­lich bis auf et­wa vier Me­ter an die Frau her­an ge­robbt, die mit ei­nem Fern­glas zur Ein­gangs­tür späh­te. Als sie den Schrei hör­te, warf sie ih­ren Kopf nach rechts, konn­te aber nichts er­ken­nen. Sie griff nach ih­rem Gür­tel und flüs­ter­te auf­ge­regt »Seid lei­se ihr Idio­ten. Die Pa­trouil­le ist noch nicht mal aus der Tür. Ab­so­lu­te Stil­le ver­dammt!« Ih­re Hand griff wie­der zum Fern­glas als sie wie ei­ne Pup­pe ge­gen den Baum prall­te. Ihr wur­de schwarz vor Au­gen. Korn hat­te, wäh­rend sie flüs­ter­te, sich ganz na­he an sie her­an­ge­schli­chen und sie mit ei­nem kur­z­en Griff ins Ge­nick ge­gen den Baum ge­schla­gen. Er ließ sie lang­sam und lei­se zu Bo­den glei­ten. Um ih­re Ar­me und Bei­ne schlang er Ka­bel­bin­der und zog sie fest. Be­vor er sich ent­fern­te, zer­stör­te er noch den Sen­der an ih­rem Gür­tel. Er schlug den Weg nach links ein.

»Halb­lin­ke Po­si­ti­on, rechts ne­ben dem wind­schie­fen Baum, lie­gend am Bo­den Lea«, kam es wie­der von Liz.

Lea be­weg­te den Lauf ih­res Ge­wehrs auf den Baum. Sie such­te see­len­ru­hig das Ge­biet um den Baum ab. »Da ist nichts Liz, noch mal!«

»Der Baum der sich um et­wa 20 Grad nach links neigt Lea. Halb­lin­ke Po­si­ti­on. Rechts ne­ben dem Stamm liegt er!«

»Ent­fer­nung?«, frag­te Lea, »Da ste­hen zwei von der Sor­te.«

»Der hin­te­re, müss­ten 80 m sein.«

Sie rich­te­te ihr Ziel­fern­rohr neu aus. Ne­ben dem Stamm konn­te sie zwar et­was er­ken­nen, was wie der Um­riss ei­nes Kop­fes aus­sah, aber wei­ter ent­deck­te sie nichts. »Kein ein­deu­ti­ges Ziel Liz. Gib mir den halb­rechts.«

»Bei den zwei klei­nen Pal­men, Ent­fer­nung et­wa 70 m. Liegt et­was nach hin­ten ver­setzt da­zwi­schen.«

Die Kil­le­rin schiel­te über den Rand des Ge­bäu­des nach rechts. Da stan­den zwei noch ganz jun­ge Pal­men ge­ra­de mal einen Me­ter aus­ein­an­der. Sie leg­te an, prüf­te die Po­si­ti­on an­hand der Palm­blät­ter und sah durch ih­re Op­tik. Müh­sam be­sah sie sich das Ge­län­de. Dann ent­deck­te sie et­was, das aus­sah wie ein Schuh. Sie fuhr die Kon­tur ab. In dem Mo­ment sah sie einen Mün­dungs­blitz, di­rekt da­nach zwei wei­te­re. Die Hän­de konn­te sie nicht se­hen. Sie ging auf Num­mer si­cher und ziel­te auf das, was sie für den Rücken hielt. Vier­mal zog sie den Ab­zug durch. Dann brach die Höl­le los.

Aus der ih­rer halb­lin­ken Po­si­ti­on ging ein Ku­gel­ha­gel auf das Ge­bäu­de, eben­so von ganz rechts au­ßen. Die Ge­schos­se zer­fetz­ten den un­ter ihr lie­gen­den Ein­gang. Sie ziel­te nach rechts au­ßen, di­rekt auf die Mün­dungs­blit­ze die in wil­dem Stak­ka­to auf­leuch­te­ten, und drück­te mehr­fach hin­ter­ein­an­der ab. Schreie durch­bra­chen die Nacht.

»Lea, schnapp dir den links. Den Rech­ten kauf ich mir per­sön­lich. Croll sie ge­hen nach un­ten an ein Fens­ter und lee­ren ihr Ma­ga­zin auf den Ty­pen aus, falls er sich noch be­wegt!«, schrie Korn.

Lea such­te die Mün­dungs­blit­ze und gab Schuss um Schuss ab. Mit ei­nem Scharf­schüt­zen­ge­wehr konn­te man kein Dau­er­feu­er ge­ben. Da­für wa­ren sie auch nicht ge­dacht. Ihr Ma­ga­zin fass­te nur 8 Pa­tro­nen, dann muss­te sie wie­der ein neu­es ein­le­gen. Sie feu­er­te, was das Ge­wehr nur her­gab, aber die Mün­dungs­blit­ze ver­ebb­ten ein­fach nicht. Liz warf die Wär­me­bild­ka­me­ra ne­ben sich und rann­te, so schnell sie konn­te auf die Tür zu, durch die sie vor­her auf das Dach ge­langt wa­ren. Sie sprang, so schnell es ging über die Stu­fen nach un­ten. Im zwei­ten Stock­werk rann­te sie nach links durch den Flur und griff nach ih­rer Glock. Auf der Hälf­te des Flurs riss sie ei­ne Tür auf und flog förm­lich über einen Schreib­tisch, der im Weg stand. Vor dem Fens­ter kam sie auf dem Bo­den zu lie­gen. Die Knie ta­ten ihr weh, als sie sich auf­rich­te­te. Vor dem Fens­ter er­kann­te sie einen Mann, der mit ei­nem Ge­wehr wild schie­ßend auf den Ein­gang zu­lief. Sie leg­te an und schoss so gut sie konn­te auf den Ein­dring­ling. Liz feu­er­te ihr ge­sam­tes Ma­ga­zin auf ihn ab, doch es schi­en, als könn­te sie ihn nicht tref­fen. Er be­merk­te das Feu­er aus dem Fens­ter und riss das Ge­wehr auf ih­re Po­si­ti­on. Liz warf sich un­ter das Fens­ter und krab­bel­te auf al­len vie­ren um den Schreib­tisch her­um zur Tür. Über ihr schlu­gen je­de Men­ge Ku­geln ein. Der Putz reg­ne­te von den Wän­den und der De­cke in das Zim­mer her­ab.

Mi­cha­el Korn rann­te durch das wil­de Ge­strüpp nach links auf den An­grei­fer zu, der eben­so wie sein Kol­le­ge wild feu­ernd auf den Ein­gang zu­hielt. Der je­doch war von sei­nem Dau­er­feu­er so ab­ge­lenkt, das er den her­an­na­hen­den Bo­dy­guard gar nicht be­merk­te. Korn warf ihm aus vol­lem Lauf sei­nen rech­ten Ell­bo­gen ins Ge­sicht. Der Tref­fer war so hef­tig, dass der An­grei­fer fast einen seit­li­chen Sal­to schlug und zu Bo­den fiel. Korn rann­te einen klei­nen Bo­gen nach rechts, um wie­der zum Ge­bäu­de zu kom­men. Die Schüs­se von links hiel­ten un­ver­min­dert an.

Lea stand jetzt auf­recht an der Kan­te des Ge­bäu­des und feu­er­te nach un­ten. Dann sah sie im Licht der schwa­chen Au­ßen­be­leuch­tung, warum ih­re gan­zen Schüs­se ihn nicht auf­zu­hal­ten ver­moch­ten. Er trug, so wie es aus­sah meh­re­re ku­gel­si­che­re Wes­ten über­ein­an­der. Sein Helm, der wie ein Mo­tor­rad­helm aus­sah, war wohl eben­falls ku­gel­si­cher. In­stink­tiv schrie sie »Der ist ge­pan­zert! Schießt auf die Bei­ne!«

Liz, die das hör­te, rann­te ge­ra­de in das nächs­te Zim­mer und stürz­te zum Fens­ter. Sie konn­te ihn nicht mehr ent­de­cken. Er hat­te wohl an der Au­ßen­wand des Ge­bäu­des Stel­lung be­zo­gen. Aus ih­rer Po­si­ti­on gab es kein Schuss­feld, oh­ne das sie sich aus dem Fens­ter lehn­te. Das kam aber ei­nem Selbst­mord gleich. »Ich kann ihn nicht er­rei­chen, er steht di­rekt an der Wand zum Ge­bäu­de!«, schrie sie.

Korn warf sich ins Ge­büsch. Der An­grei­fer war ge­pan­zert und stand et­wa 30 Me­ter ne­ben dem Ein­gang an der Wand. Oh­ne Un­ter­lass ver­lie­ßen die Ku­geln den Lauf sei­ner Waf­fe. Erst jetzt er­kann­te Korn das er ein Ma­schi­nen­ge­wehr trug, das aus ei­nem Gurt mit Mu­ni­ti­on ver­sorgt wur­de. Das könn­te noch ewig dau­ern, bis ihm die Mu­ni­ti­on aus­ging. Korn griff sich sei­ne Glock. Auf die­se Ent­fer­nung al­ler­dings wuss­te er, dass sie fast wir­kungs­los blei­ben wür­de. Er ziel­te und drück­te ab. Der An­grei­fer hin­ge­gen feu­er­te ein­fach wei­ter, als sei nichts pas­siert. »Er ist au­ßer­halb mei­ner Reich­wei­te. Ir­gend­wel­che Ide­en?«, frag­te er.

»Kannst du das Ge­wehr sei­nes Kol­le­gen er­rei­chen?«, frag­te Lea be­sorgt.

»Ne­ga­tiv. Of­fe­nes Feld und zu weit. Wür­de ich nicht über­le­ben!«, sag­te er.

Liz dach­te fie­ber­haft nach, kam aber auf kei­ne Lö­sung. »Wir müs­sen war­ten bis er kei­ne Mu­ni­ti­on mehr hat, ei­ne an­de­re Op­ti­on gibt es nicht mehr!«, er­klär­te sie sach­lich.

»Las­sen sie sich Zeit Croll, bis da­hin bin ich tot!«, kam es von Korn zu­rück.

Lea frag­te »Mi­cha­el, kannst du ir­gen­det­was se­hen, was ei­ne Schwach­stel­le sein könn­te?«

»Wie­der ne­ga­tiv Schatz. Ich lie­ge hin­ter ei­nem Baum, den der Ir­re ge­ra­de ab­sägt mit sei­nen Ku­geln!«

»Liz, wo steht der Arsch?«, rief Lea.

»Ich weiß es nicht. Wenn ich aus dem Fens­ter schaue, se­he ich nichts!«, sag­te sie.

»Gebt mir ei­ne Mi­nu­te!«, kam es von Lea.

Sie beug­te ih­ren Kopf über die Kan­te des Ge­bäu­des und sah nach un­ten. Er war wei­ter vor­ge­rückt und stand fast di­rekt ne­ben dem Ein­gang.

»Liz, er steht di­rekt am Ein­gang. Mach das Fens­ter auf und knall ihn über den Hau­fen!«, gab sie wei­ter.

»Okay, Se­kun­de!«

Liz ging zum Fens­ter und öff­ne­te es. Vor­sich­tig blick­te sie nach rechts zum Ein­gang. Dort stand der An­grei­fer und feu­er­te wahl­los auf die Bäu­me. Hin­ter ei­nem da­von lag Korn in De­ckung. Sie steck­te ein neu­es Ma­ga­zin in ih­re Glock. Dann leg­te sie an, ziel­te auf die Ober­schen­kel und be­gann zu feu­ern. Der An­grei­fer sack­te nach hin­ten weg, fiel zu Bo­den und feu­er­te in die Luft. Lea roll­te sich von der Kan­te weg, kurz be­vor er senk­recht nach oben feu­er­te. »Hört denn die­ser Idi­ot nie auf?«, schri­en Liz und Lea fast syn­chron.

»Ich über­neh­me ihn. Bleibt in De­ckung und gebt mir knapp zwei Mi­nu­ten!«, sag­te Korn und man konn­te sein lä­cheln hö­ren.

Er roll­te sich nach links vom Baum weg und kroch bis auf drei Dut­zend Me­ter an den An­grei­fer her­an. Der feu­er­te, am Bo­den lie­gend, mehr in die Luft. Zie­len war aus sei­ner Po­si­ti­on fast un­mög­lich. Er war auf die Knie ge­sun­ken und sein Ober­kör­per lag fast zwi­schen sei­nen Stie­feln am Bo­den. Auf­rich­ten konn­te er sich nicht mehr. Das Ge­wicht sei­nes Ge­wehrs drück­te ihn nach un­ten. Sei­ne Ober­schen­kel, die Liz durch­lö­chert hat­te, konn­ten der Schwer­kraft nichts mehr ent­ge­gen­set­zen. Sei­ne Ar­me ver­such­ten, den Ge­wehr­lauf nach un­ten zu hal­ten, aber auf­grund der un­na­tür­li­chen Hal­tung ging das nur für kur­ze Zeit.

Korn schob sei­ne Glock nach vor­ne und feu­er­te sein ge­sam­tes Ma­ga­zin auf ihn ab. Schon nach dem ers­ten Schuss fiel das Ge­wehr des An­grei­fers zu Bo­den und schwieg. Mi­cha­el stand auf, blick­te auf sei­ne lin­ke Hand und sag­te »00.23 Uhr. Mis­si­on be­en­det.«

Zehn Mi­nu­ten spä­ter stan­den die drei Agen­ten vor dem Ge­bäu­de und rauch­ten. Lea drück­te sich da­bei auf­fäl­lig dicht an ih­ren Freund. Liz war aus dem zwei­ten Stock nach un­ten ge­lau­fen, wäh­rend Lea leicht­fü­ßig vom Dach nach un­ten stürm­te. Korn hat­te in der Zwi­schen­zeit die An­grei­fer mit Ka­bel­bin­dern ver­sorgt. Zu­min­dest vier da­von. Beim Fünf­ten, dem An­grei­fer an der Wand war das nicht mehr nö­tig. Scherz­haft sag­te er »Ich hat­te kein be­son­ders großes Ziel, al­so ha­be ich ein biss­chen die Glo­cken läu­ten las­sen. Pech für ihn, dass die Ku­geln durch sein Glo­cken­spiel ge­flo­gen sind und die in­ne­ren Or­ga­ne per­fo­riert ha­ben.«

»Und ich durf­te kei­nen ab­knal­len!«, be­schwer­te sich Lea ge­spielt.

»Du mein Schatz hast ei­nem da­von ein zwei­tes Ar­sch­loch ge­schos­sen. Der jam­mert da drü­ben!«, lach­te er.

Lea ki­cher­te. Liz mur­mel­te »Im­mer­hin ha­ben wir ja vier zum Be­fra­gen, wenn sie not­ver­sorgt wur­den.«

»Rein theo­re­tisch sind es vier. Prak­tisch al­ler­dings nur ei­ne! Ei­ner ist hin­über, drei ver­brin­gen einen län­ge­ren Ur­laub in der Kli­nik, falls sie es über­le­ben wer­den. Aber das Nas­horn hier wird uns lie­bend ger­ne ver­ra­ten, was sie weiß«, er­klär­te er grin­send und zeig­te auf ei­ne schlan­ke Frau, die mit dem Ge­sicht im Dreck lag.

»Wer ist das?«, frag­te Liz.

»Das ist wohl die An­füh­re­rin des Te­ams. Die stand hin­ter dem Baum. Lei­der ist sie so ex­trem na­tur­ver­liebt, dass ihr der Stamm vol­le Sup­pe ins Ge­sicht ge­sprun­gen ist. Sie hat ein Horn, was ein Nas­horn nei­disch macht und einen dröh­nen­den Schä­del, aber mit ein biss­chen Wohl­wol­len von un­se­rer Sei­te wird sie sin­gen wie ei­ne Lär­che!«, re­sü­mier­te Korn.

»Sie wer­den nichts er­fah­ren, gar nichts.«, schrie die Frau et­was ge­quält.

Korn lä­chel­te, beug­te sich zu ihr und sag­te »Es dau­ert kei­ne fünf Mi­nu­ten bis sie so lan­ge re­den, dass man ih­nen den Hals zu­kle­ben muss, um sie zum Schwei­gen zu be­kom­men.«

Lea grins­te ih­ren Freund an, als sie frag­te »Was hast du vor?«

»Schatz, nor­ma­le Frau­en re­den ger­ne über drei The­men. Das sind Schu­he, Kla­mot­ten und Par­füm. Okay, du re­dest lie­ber über Waf­fen. Aber die­se Östro­gen­kan­ne hier ist ein Son­der­fall. Nach au­ßen gibt sie die Har­te, die­se Schu­le ken­ne ich be­reits zur Ge­nü­ge, aber ich weiß, was da­ge­gen hilft!«, half ihr Korn auf die Sprün­ge.

»Sie spre­chen in Rät­seln Mis­ter Korn. Hät­ten sie es viel­leicht et­was ge­nau­er?«, sprach Liz zu ihm.

»Miss Croll, ich möch­te sie nicht dumm ster­ben las­sen.«, sag­te er süf­fi­sant, »sie gibt sich su­per­hart, be­wegt sich ge­schmei­dig wie ei­ne Kat­ze und re­det un­gern. Ihr gan­zes Ver­hal­ten wur­de ihr an ei­nem Ort bei­ge­bracht, den man ge­mein hin "das Camp" nennt. Das al­les schreit förm­lich schon nach CIA. Die­se Jungs und Mä­dels brau­chen nur ein biss­chen ih­rer ei­ge­nen Me­di­zin und sie brin­gen sie fast nicht mehr zum Schwei­gen.«

»Die CIA? Sind sie si­cher?«, frag­te Liz ver­dutzt.

»Ja, ich bin mir si­cher«, kam es von Korn.

»Okay Schatz, aber du sag­test "ih­re ei­ge­ne Me­di­zin". Was heißt das?«, frag­te Lea.

»Mein Herz, du bist aus den USA. Du soll­test das bes­ser wis­sen als ich. Die Cen­tral In­tel­li­gence Agen­cy be­vor­zugt vier Metho­den, je­man­dem zum Re­den zu brin­gen. Am be­lieb­tes­ten ist das Wa­ter­boar­ding. Ei­ne ziem­lich nas­se An­ge­le­gen­heit. Dann nach­ein­an­der Psy­cho­fol­ter, Strom oder den Zahn­arzt. Die Psy­cho­fol­ter dau­ert zu lan­ge für brauch­ba­re Er­geb­nis­se, mit Strom ha­be ich es nicht so, weil es sehr un­an­ge­nehm riecht, und einen Zahn­arzt­stuhl wer­den wir hier nicht fin­den, al­so wer­de ich ein biss­chen in mei­ne per­sön­li­che Trick­kis­te grei­fen!«, er­läu­ter­te Mi­cha­el.

»Das heißt sie wol­len die ar­me Frau fol­tern?«, schrie Liz.

»So könn­te man das aus­drücken«, be­stä­tig­te er.

»Das wer­de ich auf kei­nen Fall zu­las­sen Mis­ter Korn, ver­las­sen sie sich dar­auf!«

»Al­ter­na­ti­ven Miss Croll?«

»Ich wer­de sie be­fra­gen. Sie wird schon re­den!«, be­harr­te Liz.

Lea blick­te sich un­si­cher zwi­schen den bei­den um. »Schatz, ich den­ke, Liz wird sie zum Re­den brin­gen. Wir müs­sen ihr nichts an­tun!«

»Ver­sucht eu­er Glück, viel Spaß«, sag­te er ru­hig.

Seit knapp zwei Stun­den saß Tri­na Ba­tes be­reits in ei­nem an­sons­ten lee­ren Raum auf ei­nem Stuhl. Liz hat­te es mit net­tem Plau­dern ver­sucht, aber au­ßer Atem­ge­räuschen hat­ten sie nichts ge­hört. Lea war so­gar so weit ge­gan­gen, ihr ei­ni­ge har­te Ohr­fei­gen zu ver­pas­sen, aber Ba­tes schwieg wie ein Grab. Korn saß auf dem Bo­den, lehn­te an der Wand und müh­te sich an ei­nem Spiel ab, das er auf sei­nem Smart­pho­ne in­stal­liert hat­te. Er sag­te die gan­ze Zeit kei­nen Ton. Die bei­den Agen­tin­nen um­kreis­ten die ge­lang­weilt drein­schau­en­de Ba­tes wie Mot­ten das Licht. All ih­re Ver­su­che en­de­ten in ei­ser­nem Schwei­gen. Korn be­gann sich zu lang­wei­len, als Liz und Lea im­mer wie­der die glei­chen Fra­gen stell­ten, die Ba­tes ein­fach igno­rier­te. Sie saß be­quem auf ih­rem Stuhl, be­ob­ach­te­te die Vö­gel, die in den Sträu­chern um­her­flo­gen und tat, was sie am bes­ten konn­te, näm­lich schwei­gen. Lea warf als Ers­te das Hand­tuch und setz­te sich trot­zig ne­ben ih­ren Freund. Croll re­de­te noch ei­ne wei­te­re hal­be Stun­de mit En­gels­zun­gen auf die Frau ein, be­vor auch sie ent­nervt auf­gab. Sie ging zu ih­ren bei­den Kol­le­gen, bau­te sich vor Korn auf und gif­te­te ihn an »Sie ge­hört ih­nen, ich hab die Schnau­ze voll!«

Mit leich­tem Stöh­nen drück­te sich Mi­cha­el die Wand nach oben, knie­te sich vor sei­ne Lea und sag­te zu ihr »Mein Herz, dürf­te ich mir dei­ne Haar­klam­mern einen Au­gen­blick aus­lei­hen?«

Lea sah ihn ver­wun­dert an, griff aber in ih­re Haa­re und zog zwei Klam­mern dar­aus her­vor. Ihr bis da­hin hoch­ge­steck­tes Haar folg­te der Schwer­kraft nach un­ten. Sie schüt­tel­te es aus ih­rem Ge­sicht, als sie die Klam­mern in Mi­chaels Hand leg­te. Lang­sam stand Korn auf und stell­te sich vor Ba­tes. Dann be­gann er »Wir wer­den jetzt ein klei­nes Spiel spie­len. Ich stel­le ih­nen Fra­gen und wenn sie mir ei­ne Ant­wort ge­ben, die mir nicht ge­fällt, spü­ren sie ei­ne oder bei­de Klam­mern. So­weit ver­stan­den?«

Ba­tes sah ihn kurz an, lä­chel­te und schwieg.

»Wie hei­ßen sie?«, frag­te Korn.

Ba­tes blick­te zu den Vö­geln, sag­te aber nichts.

»Die Ant­wort ge­fällt mir nicht!«, sag­te er fast amü­siert, nahm ei­ne der Klam­mern und drück­te sie ge­gen das lin­ke Ohr von Ba­tes. Sie zuck­te nur kurz zu­sam­men, blieb aber still.

»Al­so noch mal von vor­ne. Ihr Na­me?«

Ba­tes zeig­te kei­ne Re­ak­ti­on. »Über­ra­schung, die Ant­wort ge­fällt mir auch nicht«, lach­te er. Korn pack­te ih­ren Kopf an den Haa­ren, leg­te ihn auf die Sei­te und steck­te die Haar­klam­mer tief in den Ge­hör­gang von Ba­tes. Dann sag­te er ru­hig »Miss Croll und Schatz, ihr soll­tet euch jetzt die Ohren zu­hal­ten, es könn­te et­was laut wer­den!« Liz und Lea folg­ten der Auf­for­de­rung. Korn stach die Na­del durch Ba­tes Trom­mel­fell. Ein blitz­ar­ti­ger Schmerz durch­fuhr die Frau und sie schrie sich die See­le aus dem Leib. Korn zog die Haar­klam­mer zu­rück und ließ ih­ren Kopf los.

»Und wie­der von vor­ne. Na­me?«, frag­te er et­was lau­ter.

Ba­tes hielt sich das Ohr, aus dem Blut tropf­te, schwieg aber wei­ter­hin.

Oh­ne et­was zu sa­gen, ramm­te er ihr ei­ne der Haar­klam­mern in die lin­ke Brust. Un­kon­trol­liert, wie von ei­nem Ge­schoss ge­trof­fen, wand sich Ba­tes auf dem Stuhl und schrie, bis sie fast atem­los zu­sam­men­brach. Korn schlug ihr ins Ge­sicht.

»Dei­nen Na­men will ich wis­sen!«, knurr­te Korn.

Ba­tes wim­mer­te, fand aber ih­re Spra­che nicht.

»Gut, dann wird es jetzt rich­tig häss­lich«, sag­te er gleich­gül­tig, griff an Ba­tes Ober­teil und riss es mit Schwung von ih­rem Leib. Dann schob er ih­ren Büs­ten­hal­ter über die Brüs­te und setz­te ei­ne Haar­klam­mer di­rekt auf ih­re Rech­te Brust­war­ze, die er lang­sam aber un­auf­hör­lich in das wei­che Fleisch press­te. Als die Klam­mer et­wa einen hal­b­en Zen­ti­me­ter ein­ge­drun­gen war, wur­de aus dem Schrei der Satz »Ba­tes. Tri­na Ba­tes!«

»Na sieh mal ei­ner an, du kannst ja doch spre­chen! Für wen ar­bei­test du?«

»Für die CIA!«, heul­te sie.

»Na so was. Wie heißt der Arsch, für den ihr hier auf Sa­fa­ri seid?«

»Clark­son, John Clark­son in Langley!«

»Was war eu­er Auf­trag?«, frag­te Korn mit zucker­sü­ßer Stim­me. Liz trau­te ih­ren Ohren kaum, als sie den Bo­dy­guard so spre­chen hör­te. Ei­gent­lich war er ab­wei­send und kühl und sei­ne Stim­me ver­riet sel­ten et­was über sei­nen Ge­müts­zu­stand. Jetzt aber schwang aus sei­ner Stim­me ei­ne Me­lo­die her­aus, die sie ihm nie zu­ge­traut hät­te. Ir­ri­tiert blick­te sie zu Lea. Die lä­chel­te ih­ren Freund an. Die­se Stim­me schi­en ihr be­kannt zu sein.

»Wir soll­ten ein­drin­gen, al­les an Da­ten mit­neh­men, was da ist und kei­ne Zeu­gen zu­rück­las­sen!«, wim­mer­te Ba­tes, die große Mü­he hat­te et­was zu sa­gen.

Korn lach­te. »Ich ha­be ei­ne be­schis­se­ne Nach­richt für dich Ba­tes. In dem Ge­bäu­de gibt es ab­so­lut nichts au­ßer stin­ken­der Luft!«

Tri­na brauch­te ei­ni­ge Se­kun­den, bis sie die Nach­richt ver­stand. »Das Gan­ze war ei­ne Fal­le?«, frag­te sie keu­chend.

»Na­tür­lich war das ei­ne Fal­le. Wo­her be­kommt die­ser mie­se Kö­ter Clark­son sei­ne Hin­wei­se?«, nahm Korn die Be­fra­gung wie­der auf.

»Ich weiß es nicht, ehr­lich nicht. Wir be­kom­men nur ge­sagt, was wir zu tun ha­ben.«, stam­mel­te Ba­tes.

»Wie kann man die­sen Pen­ner er­rei­chen?«, misch­te sich Liz ein.

Be­vor Ba­tes et­was sa­gen konn­te, mein­te Korn »Croll, wir wol­len ihn nicht zu ei­nem Kaf­fee­kränz­chen ein­la­den!«

»Das hat­te ich auch nicht vor Korn. Ich den­ke, wir soll­ten ihm mal die Ham­mel­bei­ne stramm zie­hen!«, er­wi­der­te Liz.

»Miss Croll, sie kom­men ja lang­sam in die Spur, ich bin be­ein­druckt«, lob­te er, be­vor er sich wie­der an Ba­tes wand­te »Al­so, wie er­rei­chen wir den Dünn­brett­boh­rer?«

»Er sitzt ir­gend­wo in Langley. Un­se­re An­fra­gen wer­den ihm durch die Zen­tra­le über­mit­telt. Wenn er et­was will, ruft er an!«, sag­te Ba­tes.

»Das hab ich mir be­reits ge­dacht«, warf Lea ein, »die­se Är­sche ver­ste­cken sich hin­ter der Bü­ro­kra­tie!«

»Das wird ihm nicht hel­fen. Nicht in die­sem Fall«, ora­kel­te Croll.

»Er­leuch­ten sie uns Croll, an was denkt ihr Spat­zen­hirn?«, frag­te Korn.

Liz ging lang­sam auf und ab, leg­te einen Fin­ger an ihr Kinn und dach­te nach. Dann blieb sie ab­rupt ste­hen, wand­te sich an Lea und Mi­cha­el und be­gann zu er­zäh­len. Als Liz ih­re Aus­füh­run­gen be­en­det hat­te, war Lea hellauf be­geis­tert. Korn hin­ge­gen be­dach­te sie mit ei­nem bö­sen Blick. »Das wird nie funk­tio­nie­ren!«, sag­te er.

32. Kapitel
Frankreich, Lyon

Sehr früh am Mor­gen be­trat Ber­nand Rous­sel das Bü­ro sei­nes Te­ams. Banks war zu die­sem Zeit­punkt be­reits seit Stun­den an­we­send. Sei­ne Nachtru­he wur­de im­mer wie­der von der Nach­richt ge­stört, die er auf der Fest­plat­te ge­fun­den hat­te. Er hat­te das gan­ze Le­ben von Bu­ric, dem kroa­ti­schen Wis­sen­schaft­ler, wie­der und wie­der durch­fors­tet. Je­dem noch so klei­nen Hin­weis war er nach­ge­gan­gen, konn­te aber kei­nen Nach­weis über einen Berg, Fel­sen oder Stein fin­den den Bu­ric re­gel­mä­ßig be­sucht, be­ses­sen oder be­stie­gen hat­te. Der Wis­sen­schaft­ler hat­te sein gan­zes Le­ben eher in fla­che­ren Re­gio­nen ver­bracht. Er moch­te Was­ser­sport, und da er es lieb­te, wenn es rich­tig warm war, ver­brach­te er sei­ne freie Zeit fast nur am Meer. Den höchs­ten Punkt, den er er­reicht hat­te, war die Zug­spit­ze. Mi­ke fand ein­fach kei­nen brauch­ba­ren An­satz, um dem Rät­sel auf die Spur zu kom­men. Rous­sel hat­te den Abend zu­vor auch da­mit ver­bracht dar­über nach­zu­den­ken. Eben­so wie Mi­ke wur­de er dar­aus nicht schlau. Sei­ne Kol­le­gen wa­ren noch in Ca­ra­cas. Auf sei­ne An­ru­fe hat­te kei­ner rea­giert, al­so ent­schied er sich, ih­nen Nach­rich­ten zu­kom­men zu las­sen. Rück­mel­dun­gen hat­te er kei­ne er­hal­ten.

Kaf­fee­duft wa­ber­te durch den Raum, als die bei­den in der Sitz­grup­pe Platz nah­men. Sie be­rie­ten sich über meh­re­re Stun­den. Je­der neue An­satz, den sie fan­den, er­wies sich nach Be­trach­tung als neu­er­li­che Sack­gas­se. Hier war je­de Men­ge Hirn­schmalz von Nö­ten. Ber­nand sah nur ei­ne Mög­lich­keit. Je­der Mit­ar­bei­ter von In­ter­pol, der über ei­ne ge­wis­se Si­cher­heits­frei­ga­be ver­füg­te, soll­te hel­fen, die­ses Rät­sel zu lö­sen. Mi­ke sträub­te sich erst da­ge­gen, aber als er län­ger dar­über nach­dach­te, er­kann­te er die Vor­tei­le. Es wür­de Hun­der­te neu­er Hin­wei­se ge­ben, und es blieb ja kei­ne an­de­re Wahl, woll­te man das Rät­sel lö­sen. Schließ­lich, es war kurz vor Mit­tag, stimm­te er dem Plan zu. Man ei­nig­te sich nur auf die obe­re Ebe­ne. Al­le mit min­des­tens ei­ner Le­vel 4 Si­cher­heits­frei­ga­be soll­ten hel­fen. Das wa­ren nicht sehr vie­le Per­so­nen, al­ler­dings wa­ren sie al­le cle­ve­re Mit­ar­bei­ter. Gera­de als Mi­ke den Ver­tei­ler ein­rich­te­te, klin­gel­te sein Han­dy. Im Dis­play wur­de Liz an­ge­zeigt.

»Hey Liz,«, mel­de­te er sich, »na, wie ist es in Ca­ra­cas ge­lau­fen?«

»Mi­ke, wir ha­ben nicht viel Zeit zum Quat­schen. Lea und ich ha­ben eben dei­ne Nach­richt ge­se­hen. War das al­les auf der Fest­plat­te?«

Mi­ke seufz­te »Ja, lei­der. Nach­dem ich das Pass­wort erst ge­knackt hat­te, kam die­se Da­tei zum Vor­schein. Die rest­li­che Plat­te ist kom­plett leer. Rous­sel und ich ha­ben uns das Hirn zer­mar­tert, ka­men aber auf kei­ne Lö­sung!«

»Wir wis­sen im Mo­ment auch nichts da­mit an­zu­fan­gen. Aber was an­de­res kannst du uns in Ca­ra­cas auf die Schnel­le einen Mi­ni­trans­mit­ter or­ga­ni­sie­ren?«, frag­te Liz.

»Ei­ne Wan­ze meinst du?«, frag­te Mi­ke nach.

»Nein, ir­gend so ein Mi­ni­teil was den Stand­ort, mög­lichst ge­nau, wei­ter­gibt«, prä­zi­sier­te sie.

»Ach­so, du meinst einen GPS-Tra­cker.«

»Wie auch im­mer! Kannst du, oder kannst du nicht?«

»Bis wann brauchst du den?«, frag­te er.

»Am bes­ten ges­tern Mi­ke. Wir ha­ben noch ma­xi­mal 2 Stun­den Zeit, dann sind wir wie­der in der Luft. Spä­tes­tens dann müs­sen wir al­les zu­sam­men ha­ben, was wir brau­chen. Lea und Korn sind schon un­ter­wegs. Al­so flott!«, schrie sie er­regt in das Te­le­fon.

»Mach dich mal lo­cker. Wo bist du jetzt?«

»Ca­ra­cas, et­wa 14 Mei­len (ca. 23 km) süd­lich des Flug­ha­fens.«

»Okay Liz, ich schick dir je­man­den zum Flug­ha­fen, sie wird al­les da­bei ha­ben, was du brauchst. In spä­tes­tens an­dert­halb Stun­den ist sie vor Ort, okay?«

»Lass mich bloß nicht hän­gen Mi­ke!«, seufz­te sie und leg­te auf.

Der Ver­tei­ler war be­reits schon fast ver­ges­sen. Mi­ke wähl­te ei­ne Num­mer in sei­nem Te­le­fon. Nach dem zwei­ten Klin­gel­ton mel­de­te sich ei­ne, fast piep­si­ge, Frau­en­stim­me.

»Hal­lo?«

»Ka­rya­ni, mei­ne sü­ße But­ter­blu­me. Wie hab ich dei­ne Stim­me ver­misst.«

»Mi­ke, mein wei­ßer Ti­ger. End­lich hö­re ich dei­ne Stim­me wie­der. Bist du aus dem Ge­fäng­nis raus? Wann kommst du?«

»Ka­rya­ni, mein Ho­nig­tört­chen. Ich war lan­ge im Knast we­gen der Ge­schich­te mit dem First La­dy­boy und als ich raus­kam, hat­test du ei­ne an­de­re Num­mer. Erst in Ly­on konn­te ich sie dann fin­den«, flö­te­te der Ha­cker.

»Ly­on? Et­wa in Frank­reich?«

»Ja, in Frank­reich Ro­sen­blätt­chen.«

»Was machst du in Frank­reich? Du soll­test bei mir sein!«, kam es et­was un­ge­hal­ten.

»Be­ru­hi­ge dich Zau­ber­lämm­chen! Ich woll­te ja di­rekt zu dir, bis mich In­ter­pol noch im Knast ab­ge­holt hat!«

»Das man dich ver­haf­tet hat weiß ich, Zucker­löck­chen ich muss­te es mit an­hö­ren, aber warum sitzt du jetzt schon wie­der? Dies­mal so­gar bei In­ter­pol.«

»Ich ar­bei­te jetzt bei In­ter­pol Gold­schneck­chen.«

»Verarsch mich nicht! Der größ­te Ha­cker der Welt, der ein­zi­ge der in mei­ner Pu­ki steck­te, ar­bei­tet ganz si­cher nicht für In­ter­pol!«

»Doch, mein Wein­brandtrüf­fel. Ich brau­che dei­ne Hil­fe, be­zie­hungs­wei­se In­ter­pol braucht dei­ne Hil­fe.«

»Du meinst so rich­tig of­fi­zi­ell?«, frag­te sie stau­nend.

»Ja, du wirst so­gar be­zahlt Co­lafläsch­chen.«

»So rich­tig mit Bar­geld, das ich nicht erst wie­der über 500 Kon­ten schi­cken muss?«

»Ja, ich bring es dir höchst­per­sön­lich in Ve­ne­zue­la vor­bei und le­ge noch ein Flug­ticket oben­drauf!«, grins­te er.

»Ein Flug­ticket? Bist du ver­rückt Sch­nuf­fel­ha­se? Du weißt, ich kann Ve­ne­zue­la nicht ver­las­sen, oh­ne di­rekt in ver­git­ter­te Ge­bäu­de ge­steckt zu wer­den«, rief sie ängst­lich.

»Doch Ho­nig­würm­chen, ich flie­ge mit dir nach Pa­ris, die Stadt der Lie­be, und nie­mand wird dich ver­haf­ten. Ver­spro­chen!«

»Was für Ge­mein­hei­ten muss ich da­für tun?«, frag­te Ka­rya­ni.

»Du nimmst dir dei­nen Not­fall­kof­fer mit dem Wun­der­spiel­zeug und stehst in spä­tes­tens ei­ner Stun­de in Ca­ra­cas am Flug­ha­fen. Dort gehst du zu den Pri­vat­ma­schi­nen­ter­mi­nals. Da steht ei­ne Gulf­stream mit dem Lo­go von In­ter­pol. Drei Kol­le­gen wer­den dort ein­tref­fen. Zwei Frau­en, bei­de un­ge­fähr so groß wie du Zau­ber­stan­ge, und ein rie­si­ger gries­grä­mi­ger Mann. Ei­ne der bei­den heißt Liz Croll, der gibst du al­les, was sie möch­te. Hal­te dich aber bes­ser von dem Mann fern, das ist ein Son­der­klas­searsch­loch. Ist das okay für dich?«

»Flug­ha­fen, In­ter­pol­ma­schi­ne, Croll, ei­ne Stun­de, Wun­der­spiel­zeug, vom Mann fern­hal­ten. Be­trach­te es als er­le­digt Zau­ber­würm­chen. Wann darf ich dich wie­der in mei­ne Ar­me schlie­ßen?«, frag­te sie.

»Wenn es nach mir gin­ge jetzt gleich, aber ich kann hier noch nicht weg. Ich be­sor­ge dir einen sau­be­ren Pass und wir fan­gen neu an, zu­sam­men.«

»Du bist ver­rückt Ha­se, aber des­we­gen lie­be ich dich. Wir te­le­fo­nie­ren, okay? Wenn ich zum Flug­ha­fen muss, ha­be ich nicht mehr viel Zeit.«

»Ich lie­be dich auch Ho­ni­gröschen. So wie ich Zeit fin­de, ru­fe ich dich an«, hauch­te er in den Hö­rer, küss­te das Mi­kro­fon und leg­te auf.

Mi­ke saß vor den Mo­ni­to­ren und konn­te sich nicht mehr dar­an er­in­nern, was er hier woll­te. Vor sei­nem in­ne­ren Au­ge lie­fen Bil­der von längst ver­ges­se­nen Zei­ten ab. Wie er die sü­ße Ka­rya­ni Sas­mi­ta zum ers­ten Mal ge­trof­fen hat­te. Das Elek­tro­nik­ge­nie aus In­do­ne­si­en mit der gol­de­nen Haut und den lan­gen schwar­zen Haa­ren. In ei­ner Bar in Ja­kar­ta hat­te er sie ge­trof­fen. Es lie­fen Sze­nen ab, er hör­te ih­re sü­ße Stim­me in sei­nen Ohren nach­hal­len. Al­les, was da­mals pas­siert war, kehr­te jetzt wie­der zu­rück. Er ver­lor sich in sei­nen Träu­me­rei­en. Den Com­pu­ter, auf dem der schwar­ze Cur­sor blink­te, ver­gaß er völ­lig. Er schal­te­te den Rech­ner aus und lief aus dem Ge­bäu­de. Um die al­ten Zei­ten wach zu hal­ten, be­schloss er sich zu ei­nem Cock­tail ir­gend­wo in der Stadt. Ein Man­go Spi­cy Col­lins, Ka­rya­nis Lieb­lings­cock­tail, wä­re ge­nau das Rich­ti­ge. In­do­ne­si­en war zwar ein vor­wie­gend mus­li­mi­sches Land, was es schon schwer ge­nug mach­te an Al­ko­hol zu kom­men, aber Ka­rya­ni wuss­te im­mer, wo sie wel­chen be­kam. Sie war zwar in In­do­ne­si­en ge­bo­ren, hat­te aber we­der mit Re­li­gi­on oder Ge­bräu­chen ir­gend­wel­che Ver­bin­dun­gen. Ih­re Re­li­gi­on hieß Elek­tro­nik, und dar­in war sie ein­sa­me Spit­ze. Lei­der hat­te sie sehr viel Pech in ih­rem Le­ben, was wohl von ih­ren il­le­ga­len Ge­schäf­ten her­rühr­te aber In­do­ne­si­en war ja nicht das ein­zi­ge Land auf der Welt. Sie hat­te in den meis­ten da­von ge­lebt, bis sie flie­hen muss­te. Heu­te war sie in fast al­len Staa­ten der Er­de ei­ne Ver­bre­che­rin und wä­re so­fort nach der Ein­rei­se ver­haf­tet wor­den. Nur in Ve­ne­zue­la konn­te sie sich re­la­tiv frei be­we­gen. Mi­ke wünsch­te, er wä­re mit nach Ve­ne­zue­la ge­flo­gen. Vi­el­leicht hät­te er Ka­rya­ni be­su­chen kön­nen und ei­ni­ge schö­ne Stun­den mit ihr ver­lebt. Er nahm sich vor, nach dem Auf­trag, mit ihr vie­le Ta­ge, und auch Näch­te, zu ver­brin­gen. Vi­el­leicht könn­te er sie so­gar zu sich ho­len und ein neu­es Le­ben be­gin­nen.

33. Kapitel
Spanien, Barcelona

Die blaue Pila­tus PC-24 der bei­den an­ge­heu­er­ten Kil­ler stand gut ver­steckt un­ter Äs­ten von Laub­bäu­men et­was au­ßer­halb der Mil­lio­nen­stadt. Sjaak und sein Part­ner Fo­ley such­ten ver­zwei­felt nach ir­gend­wel­chen Spu­ren der In­ter­pol Agen­tin. Schon den ge­sam­ten Flug über hat­te Vis ver­sucht, mög­li­che Zie­le auf­zu­spü­ren. Sei­ne An­stren­gun­gen wa­ren ver­ge­bens ge­we­sen.

»Es ist hoff­nungs­los Co­dy«, be­gann Sjaak, »wir wer­den sie hier nicht fin­den kön­nen. In kei­nem Ho­tel sind sie ab­ge­stie­gen, es gibt kei­nen Un­ter­schlupf und auch die Kre­dit­kar­ten, we­der von In­ter­pol, noch den bei­den Wei­bern aus Ko­pen­ha­gen wur­den be­nutzt.«

»Hast du mal den Flug­ha­fen ge­checkt Sjaak?«, frag­te Co­dy, »Ir­gend­wo soll­ten sie ja ge­lan­det sein.«

»Na­tür­lich hab ich, aber im ge­sam­ten Bar­ce­lo­na ist in den ver­gan­ge­nen zwei Ta­gen kei­ne In­ter­pol­ma­schi­ne ge­lan­det!«

»Ich sa­ge es nur un­gern Sjaak, aber die ha­ben uns gelinkt!«, sag­te Co­dy.

»Mög­li­cher­wei­se hast du recht. Aber wo sind sie ab­ge­blie­ben? Frank­reich, Deutsch­land oder wo?«

»Die Ant­wort auf die­se Fra­ge dürf­te ei­ni­ge Punk­te wert sein, lei­der ken­ne ich sie nicht«, mur­mel­te der Pi­lot.

»Meinst du Eg­gers weiß ir­gend­was?«

»Ver­giss es, der hät­te schon sei­ne Toch­ter ver­kauft für In­for­ma­tio­nen. Da er sich nicht ge­mel­det hat, weiß er von nichts!«

Sjaak über­leg­te einen Mo­ment, dann sag­te er »Dann wird es wohl Zeit un­se­ren Not­fall­kon­takt ein­zu­schal­ten, oder was meinst du?«

»Das ist die bes­te Idee seit der Er­fin­dung von Guin­ness!«

»Ihr Iren rech­net auch al­les in Guin­ness, da­bei schmeckt das Zeug wie das Ba­de­was­ser von Kurt Co­bain« scherz­te Sjaak.

»Im­mer noch bes­ser als die­se Hei­ne­ken­brü­he für euch Flach­land­ban­di­ten!«, kam es zu­rück.

Die bei­den Mör­der rie­fen sich ein Ta­xi, um in die Stadt zu fah­ren. Nach ei­ner Vier­tel­stun­de Fahrt stan­den sie mit­ten in Bar­ce­lo­na. Der Tag war trü­be, ei­ne hef­ti­ge Wol­ken­de­cke schweb­te über der Stadt und ließ kaum Son­nen­strah­len pas­sie­ren. Dem ge­schäf­ti­gen Trei­ben in die­ser Me­tro­po­le tat das aber kei­nen Ab­bruch. Die Stra­ßen wa­ren gut ge­füllt. Ein­hei­mi­sche plau­der­ten in ih­rer Lan­des­s­pra­che, Tou­ris­ten be­weg­ten sich stau­nend wie ei­ne Amei­sen­ko­lo­nie durch die Stra­ßen und flie­gen­de Händ­ler bo­ten ih­re Wa­ren, zu völ­lig uto­pi­schen Prei­sen, feil. Der ganz nor­ma­le Wahn­sinn im eu­ro­päi­schen Som­mer. Sjaak und Co­dy misch­ten sich un­ter die Tou­ris­ten. Nir­gend­wo war es ein­fa­cher, zu ver­schwin­den als in ei­ner mög­lichst großen Grup­pe von Men­schen. Man wur­de ein­fach nicht be­ach­tet. Die Tou­ris­ten­au­gen kleb­ten an der Archi­tek­tur und es war im­mer wie­der je­mand an­de­res ne­ben ih­nen. Ge­sich­ter merk­te man sich nicht. Auch für au­ßen­ste­hen­de war es na­he­zu un­mög­lich, in der Men­ge ein­zel­ne Per­so­nen aus­zu­ma­chen. Hun­der­te Köp­fe zo­gen vor­bei und ver­schmol­zen in ei­nem Brei aus un­ter­schied­li­chen Far­ben, Mus­tern und Be­we­gun­gen. Die bei­den schwam­men ei­ne Wei­le in der Men­ge mit be­vor sie sich ge­müt­lich in ein klei­nes Lo­kal ab­setz­ten. Ei­nen An­ruf über ei­ne un­si­che­re Lei­tung tä­tig­te man am bes­ten an ei­nem öf­fent­li­chen Te­le­fon. Selbst wenn man ge­se­hen wur­de, war man nach ei­ni­gen Mi­nu­ten be­reits wie­der ver­ges­sen. Sjaak Vis nahm ei­ne Vi­si­ten­kar­te aus sei­ner Ta­sche, dar­auf stan­den die Kon­takt­da­ten ei­ner Ma­ry Hua­na aus Wa­shing­ton DC. Er ging zu dem öf­fent­li­chen Te­le­fon, warf ein Geld­stück ein und wähl­te die Num­mer auf der Kar­te. Am an­de­ren En­de mel­de­te sich ei­ne Com­pu­ter­stim­me und gab die An­sa­ge, der Teil­neh­mer sei der­zeit nicht ver­füg­bar. Da­nach folg­te ein Piep­ton und dann nur noch rau­schen.

»Auf­trag ge­fähr­det! Co­de 7948713 Del­ta« sprach Sjaak fast un­hör­bar in das rau­schen und leg­te auf.

Er setz­te sich wie­der zu Co­dy an den Tisch. We­nig spä­ter klin­gel­te sein Te­le­fon.

»Wie ist der Schnee in Ugan­da, die­ses Jahr?«, frag­te er.

»So gut wie am Strand von Ba­li«, er­klang ei­ne ver­zerr­te Stim­me.

Das war der rich­ti­ge Co­de. »Wir brau­chen ein Up­da­te. Ak­tu­el­ler Stand?«, sag­te Vis.

»Up­da­te wie folgt: kei­ne Adres­se, kein Ort. Fest­plat­te ge­fun­den. Bu­rics Co­de de­chif­friert, Nach­richt lau­tet "Fin­de das grün, was tut weh im Ge­sicht. Ent­fer­ne das oben, das un­te­re aber nicht. Bring es in die Son­ne, der Schat­ten zeigt das Licht. In Stein ge­zeich­net der Lö­sung dicht. Neun mal eins mal neun mal eins er­gibt es Sicht." Nächs­tes Up­da­te in 24 Stun­den«, da­mit war das Ge­spräch be­en­det.

»Und?«, frag­te Co­dy.

»Die Kon­takt­per­son weiß kei­ne Adres­se und auch kei­nen Ort. Es wur­de ei­ne Fest­plat­te in Ca­ba­re­te von dem Al­ten ge­fun­den. Schein­bar ein Ge­dicht. Kei­ne Ah­nung was es be­deu­tet!«, sag­te Vis mit un­si­che­rer Mie­ne.

»Nur fürs Pro­to­koll Sjaak, der Auf­trag ist Ka­cke, wir hät­ten ihn ab­leh­nen sol­len.«

»Da­für ist es reich­lich spät Co­dy!«, kam es von Sjaak, »Au­ßer­dem woll­test du ihn un­be­dingt durch­zie­hen we­gen der Be­zah­lung.«

»Hät­te ich ge­ahnt dass wir nur wie Idio­ten durch die Welt flie­gen und ab­so­lut nichts er­rei­chen, wä­re ich in Thai­land ge­blie­ben und hät­te mich mit Laila­ni amü­siert!«, motz­te Co­dy.

»Ganz toll. Ich hät­te dir viel­leicht vor­her sa­gen sol­len, das dei­ne Laila­ni ein La­dy­boy ist, aber das ist dir nicht auf­ge­fal­len, weil dein Blut ge­ra­de in ei­ner ganz an­de­ren Körper­re­gi­on ge­braucht wur­de.«

»Mit Si­cher­heit nicht! Hast du ih­re Hu­pen ge­se­hen?«, schrie Co­dy.

»Ja, ha­be ich. Da hat der On­kel im wei­ßen Over­all so viel Plas­tik rein­ge­packt, wie er in ei­nem Si­lo von Le­go fin­den konn­te. Du hät­test dir eher mal die tie­fe Stim­me an­hö­ren sol­len. Aber wenn im Sit­zen ei­ner auf­steht, ist eben der Ver­stand im Arsch!«

»Du bist nur nei­disch, weil du kei­ne sol­che Östro­gen­bom­be ge­fun­den hast, gib es zu!«

»Mei­net­we­gen. Wenn wir den Auf­trag er­le­digt ha­ben, fliegst du nach Bang­kok und gönnst dir das Glo­cken­spiel. Und jetzt ge­nug da­von, wir müs­sen her­aus­krie­gen was die­ser Reim be­deu­tet sonst ist der Auf­trag so gut wie ge­stor­ben.«

»Okay, dann mal her da­mit!«

Sjaak wie­der­hol­te den Reim, den er be­kom­men hat­te. Co­dys Ge­sicht wur­de im­mer län­ger. Bei­de ver­such­ten, dar­aus schlau zu wer­den, aber kei­ner der bei­den hat­te ei­ne ver­nünf­ti­ge Idee. Nach schier end­lo­sem Ge­re­de über noch so ab­we­gi­ge The­sen da­zu for­der­te Co­dy mehr über die­sen Bu­ric zu er­fah­ren. Sie be­zahl­ten ih­re Rech­nung mit ei­nem 50 € Schein den Sjaak ein­fach un­ter ein Glas leg­te, und ver­lie­ßen das Lo­kal. Drau­ßen war er be­reits stür­misch ge­wor­den und ein Ge­wit­ter kün­dig­te sich an. Die bei­den Kil­ler ver­schwan­den wie­der in ei­ner Men­schen­men­ge. Gera­de als Sjaak ein Ta­xi rief, öff­ne­te der Him­mel die Schleu­sen. Bar­ce­lo­na ver­sank in ei­nem hef­ti­gen Re­gen­guss. Tou­ris­ten rann­ten um­her und ver­steck­ten sich, so gut es ging un­ter Vor­dä­chern und Haus­ein­gän­gen. An­de­re flüch­te­ten vor dem Was­ser in die of­fe­nen Ge­schäf­te, wo sie dar­auf war­te­ten, bis der Re­gen schwä­cher wur­de. Co­dy und Sjaak wa­ren nass bis auf die Haut, als sie ins Ta­xi spran­gen. We­nig spä­ter kämpf­ten sie sich durch auf­ge­weich­te Gras­flä­chen zu ih­rer Pila­tus. Sie sa­ßen bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den vor ih­ren Lap­tops, um In­for­ma­tio­nen über die­sen Bu­ric zu sam­meln. Sjaak war über­zeugt, das es in die­sen Da­ten ir­gend­ei­nen Hin­weis ge­ben muss­te, es war nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis sie ihn fin­den wür­den.

Deutschland, Bremen

Eg­gers war wie­der in sei­ne Fir­men­zen­tra­le zu­rück­ge­kehrt. Mit­ge­bracht hat­te er gu­te Lau­ne und das Ver­spre­chen der Kanz­le­rin pro Jahr 40 Mil­lio­nen € zu­sätz­lich an Sub­ven­tio­nen in sei­ne, so­wie­so gut ge­füll­ten, Kas­sen zu schi­cken. Die Öf­fent­lich­keit er­fuhr dar­über na­tür­lich nichts, das wür­de nur da­zu füh­ren das man die ver­schie­de­nen We­ge, über die man die­se Sub­ven­tio­nen lei­tet, of­fen­le­gen müss­te. Die Po­li­tik hat­te ein per­fek­tes Pa­ra­do­xon ge­schaf­fen. Nach au­ßen hin re­de­te man den Men­schen ein, sie müs­sen so viel Ener­gie wie mög­lich ein­spa­ren. Man schaff­te An­rei­ze für neue Elek­tro­ge­rä­te mit ei­ner bes­se­ren Ener­gie­ef­fi­zi­enz­klas­se, was da­zu führ­te, dass die Her­stel­ler ih­ren Um­satz stei­gern konn­te. Die Strom­kon­zer­ne hin­ge­gen wa­ren dar­über über­haupt nicht glück­lich. We­ni­ger Ver­brauch hieß auch we­ni­ger Ge­winn. Die Strom­prei­se stie­gen in un­ge­ahn­te Hö­hen, und die Ver­brau­cher trau­ten ih­re Au­gen nicht als die ers­te Strom­rech­nung kam. Ob­wohl sie deut­lich we­ni­ger Ener­gie ver­braucht hat­ten, muss­ten sie tiefer in die Ta­sche grei­fen als vor­her. Je we­ni­ger man ver­brauch­te, um­so teu­rer wur­de es. Ge­schäf­te in den In­nen­städ­ten, die mit gu­tem Bei­spiel vor­an­gin­gen und Ener­gie ein­ge­spart hat­ten, wo sie nur konn­ten, stell­ten zu­sätz­li­che Ver­brau­cher auf, um die lau­fen­den Ener­gie­kos­ten wie­der zu sen­ken. Die Blü­ten die­ses Ver­hal­tens gip­fel­ten dar­in das ei­ni­ge fin­di­ge Ge­schäfts­leu­te in ih­ren Lä­den Heiz­lüf­ter be­trie­ben. Der Strom­ver­brauch die­ser Gerä­te war so hoch, dass es ih­nen ge­lang, die Ener­gie­kos­ten nied­rig zu hal­ten. Die Strom­gi­gan­ten ver­dien­ten da­durch so­gar drei­fach. Zum einen am ho­hen Strom­preis, zum an­de­ren am ziem­lich gleich­blei­ben­den Ver­brauch, und das drit­te Mal über die jähr­li­chen Sub­ven­tio­nen durch die Bun­des­re­gie­rung, die un­ter an­de­rem da­für sorg­te den Atom­müll zu end­la­gern. Die Strom­kon­zer­ne fuh­ren die Ge­win­ne ein und der Steu­er­zah­ler, ver­tre­ten durch die Re­gie­rung, über­nah­men die Ent­sor­gungs­kos­ten. Als ob die­se Miss­wirt­schaft nicht schon ge­nug Är­ger brach­te und kaum mehr zu be­grei­fen war, hat­te die Re­gie­rung schon die nächs­te Ge­mein­heit aus dem Hut ge­zau­bert. Man woll­te die Au­tos, die durch Ben­zin an­ge­trie­ben wur­den, durch Fahr­zeu­ge er­set­zen, die Stro­man­trie­be nutz­ten. Die­se Lo­gik konn­te man nicht ein­mal mehr mit ei­nem hö­he­ren Stu­di­um be­grei­fen. Der ge­sun­de Men­schen­ver­stand reich­te aus, um zu er­ken­nen, dass die Po­li­tik schein­bar nicht den Kopf zum Den­ken be­nutzt hat­te, son­dern den ver­län­ger­ten Rücken. Aber wie hat­te es der ver­stor­be­ne ewi­ge Kanz­ler Kohl im­mer wie­der er­klärt »Ent­schei­dend ist, was hin­ten raus­kommt!«. Dass er da­mit die Es­sens­res­te ge­meint hat­te, die aus dem End­darm aus­ge­schie­den wur­den, muss­te mitt­ler­wei­le auch der dümms­te ein­se­hen. Eg­gers war sich des­sen voll be­wusst, im­mer­hin war er flei­ßig mit dar­an be­tei­ligt es so weit zu brin­gen. Er hat­te sei­nen Mann in Ber­lin, der Po­li­ti­ker be­riet, näm­lich so, wie er sich das dach­te. Gan­ze Ge­set­ze wur­den von sei­nem Un­ter­neh­men ge­schrie­ben und den Po­li­ti­kern, die gelb nicht von Blau un­ter­schei­den konn­ten, un­ter­ge­scho­ben.

Er setz­te sich an sei­nen Schreib­tisch und in­for­mier­te sei­ne Kol­le­gen über den um­fas­sen­den Er­folg, den er er­run­gen hat­te. Die Be­zah­lung sei­ner Kil­ler war ge­si­chert und die­se auf dem Weg die neue Tech­no­lo­gie in sei­ne Hän­de zu brin­gen. Als er je­doch ei­ne war­ten­de E-Mail las, war sei­ne gu­te Lau­ne mit ei­nem Mal ver­flo­gen. Weg­ge­bla­sen vom leich­ten Som­mer­wind in Bre­men. Sein Te­am hat­te die Wis­sen­schaft­le­rin in Ko­pen­ha­gen auf­ge­spürt, ka­men aber zu spät um Er­kennt­nis­se aus ihr her­aus­zu­ho­len. In­ter­pol hat­te sie sich ge­holt und in Si­cher­heit ge­bracht. Sei­ne bei­den Spür­na­sen hat­te man an der Na­se her­um­ge­führt und zu­sätz­lich noch in ein an­de­res Land ge­schickt. Sie wa­ren dar­auf an­ge­wie­sen den Not­kon­takt zu ak­ti­vie­ren, um ei­ne Spur auf­zu­neh­men. Die gan­ze Ak­ti­on lief nicht so wie von ihm er­dacht. Erst die CIA, die da noch mit­misch­te, jetzt auch noch In­ter­pol, die ih­re Na­se rein­steck­te. Das wa­ren schlech­te Nach­rich­ten. Sei­nen Kol­le­gen konn­te er das nicht mit­tei­len, die gan­ze Ak­ti­on schi­en zu schei­tern. Sei­ne Kie­fer be­gan­nen zu mah­len, als er nach ei­ner mög­li­chen Lö­sung such­te. Er ent­schied sich für ei­ne Va­ri­an­te, die er ger­ne ver­mei­den woll­te. Ein zwei­tes Te­am, aus sei­ner Ta­sche be­zahlt, muss­te hel­fen, zu ret­ten, was noch zu ret­ten war. Nur wen soll­te er schi­cken? Wei­te­re Kil­ler, je­mand der In­for­ma­tio­nen aus­wer­tet und Spu­ren fin­det oder ei­ne Mi­schung aus bei­dem. Schnell such­te er in sei­ner Kar­tei nach ge­eig­ne­tem Per­so­nal. Vis und Fo­ley wa­ren be­reits in­vol­viert. Sei­ne bei­den bes­ten, jetzt blieb nur noch zwei­te Wahl. Dann fiel es ihm wie Schup­pen von den Au­gen. Schon sein Va­ter hat­te im­mer ge­sagt »Wenn du et­was nicht ver­stehst, be­sei­ti­ge es!«

Eg­gers öff­ne­te ein Text­pro­gramm und schrieb ei­ne lan­ge Nach­richt. Als er fer­tig war, druck­te er das Blatt aus, fal­te­te es zu­sam­men und steck­te die Nach­richt in ei­ne klei­ne, schwar­ze Plas­ti­krol­le, die aus­sah, als wür­de man einen Di­a­film zum Ent­wi­ckeln ge­ben, wie vor 30 Jah­ren. Er drück­te den Ruf­knopf auf der Ge­gen­sprech­an­la­ge. Sei­ne Se­kre­tä­rin mel­de­te sich so­fort.

»Ger­tru­de, be­stel­len sie mir mei­nen Wa­gen in die Tief­ga­ra­ge, ich muss et­was in der Stadt er­le­di­gen.«

»Na­tür­lich, Herr Eg­gers«, er­wi­der­te sie.

Er er­hob sich aus sei­nem Ses­sel, blick­te über die Stadt und sag­te in Ge­dan­ken zu sich selbst »Ihr wollt Krieg? Den könnt ihr be­kom­men. Ich wer­de euch ein­hei­zen, ihr klei­nen Schei­ßer!«

34. Kapitel
Venezuela, Caracas

Als die drei In­ter­po­l­agen­ten am Flug­ha­fen ein­tra­fen, war­te­te in ei­nem be­que­men schwar­zen Le­der­ses­sel ei­ne jun­ge La­dy auf sie. Ih­re lan­gen pech­schwar­zen Haa­re la­gen nach vor­ne über dem Ober­kör­per und reich­ten bis zur Hüf­te. Be­reits seit über ei­ner hal­b­en Stun­de saß sie in der kli­ma­ti­sier­ten Loun­ge. Auf­merk­sam mus­ter­te sie die Drei. Die bei­den Frau­en wa­ren fast so groß wie sie. Ei­ne da­von mit et­wa schul­ter­lan­gen blon­den Haa­ren, die sie nach oben ge­steckt hat­te, war fast zu schmal, trotz­dem be­saß sie fein de­fi­nier­te Mus­kel­fa­sern an ih­ren schlan­ken Ar­men. Ne­ben ihr ei­ne eben­so schlan­ke jun­ge Frau mit schwar­zen Haa­ren und ein biss­chen rund­li­cher. Der Mann, ne­ben dem die Blon­de lief, über­rag­te die bei­den um mehr als einen Kopf. Sei­ne Obe­r­ar­me spreng­ten bei­na­he das schwar­ze T-Shirt, das er trug. Er war et­was fül­lig um die Hüf­te, hat­te aber einen so brei­ten Kör­per­bau, dass sich die an­de­ren bei­den lo­cker hin­ter ihm ver­ste­cken konn­ten. Er zog ein Ge­sicht, als hät­te es drei Wo­chen un­un­ter­bro­chen ge­reg­net. Die zar­te Blon­di­ne ent­deck­te sie zu­erst, ach­te­te aber nicht wei­ter auf sie als sie auf­stand und auf sie zu­ging. Sie stell­te sich der jun­gen Frau mit dem dunklen Haar in den weg und sprach sie an »Sie müs­sen Liz Croll sein! Ist das rich­tig?«

Liz tas­te­te die Frau mit ih­ren Au­gen ab. Sie war ei­ne ori­en­ta­li­sche Schön­heit, die ein­fach nicht recht in das Bild von Ca­ra­cas pass­te. Die lan­gen schwar­zen Haa­re wa­ren glatt und reich­ten ihr bis an den Po. Ih­re Haut glänz­te im Son­nen­licht, als wä­ren Tau­sen­de klei­ne Gold­fä­den mit ein­ge­webt wor­den. Die fast schwar­zen Au­gen und die gleich­för­mi­gen Zü­ge ih­rer Na­se ga­ben ih­rer Sta­tur das Aus­se­hen ei­ner Kö­ni­gin.

»Das stimmt«, ant­wor­te­te Liz, »Mit wem ha­be ich das Ver­gnü­gen?«

»Mein Na­me ist Ka­rya­ni Sas­mi­ta. Mi­ke Banks schickt mich, um ih­nen al­les zu ge­ben, was sie brau­chen«, gab sie mit ei­nem leich­ten Ak­zent von sich.

»Vie­len Dank das sie hier sind. Mi­ke hat al­so Wort ge­hal­ten«, sag­te Liz und wand sich dem Mann und der an­de­ren Frau zu.

»Mi­ke hat sie uns hier her­ge­schickt. Sie hat den Sen­der!«, rief sie.

Die bei­den, die be­reits wei­ter­ge­lau­fen wa­ren, blie­ben ste­hen und ka­men zu­rück. Als Korn sie an­sah, zuck­te sie un­will­kür­lich zu­sam­men. »Halt dich von dem Mann fern« hall­te Mikes Stim­me in ihr nach. Sein kal­ter Blick, aus den blau­en Au­gen, schi­en sie zu durch­boh­ren, aber in sei­ner Mie­ne zeig­te sich kei­ne Re­gung. Die Blon­di­ne schenk­te ihr ein klei­nes ni­cken, was sie aber nicht zu er­wi­dern wag­te.

»So was kann nur von Banks kom­men. Sag­ten sie, ihr Na­me ist Sas­mi­ta?«, frag­te der Mann mit tiefer Stim­me.

»Ja, Ka­rya­ni Sas­mi­ta«, sag­te sie.

»Lea, Miss Croll, ich darf ih­nen die be­kann­tes­te Ver­bre­che­rin vor­stel­len, die sie in ganz Süd­ostasi­en nur fin­den kön­nen. Es gibt kei­ne Fahn­dungs­lis­te, auf der ihr Na­me nicht zu fin­den wä­re. Das letz­te Mal trat sie 2012 in Er­schei­nung, als sie einen Por­no­st­rei­fen mit dem sau­di­schen Kö­nig in der Haup­trol­le ins In­ter­net ge­stellt hat. Da­rauf­hin hat sie sich ver­steckt und blieb ver­schwun­den«, er­klär­te Korn.

»Mis­ter Korn, darf ich sie dar­an er­in­nern, dass sie selbst ei­ne Haft­stra­fe ab­sit­zen müss­ten, eben­so wie ihr ge­lieb­te Lea, die wohl für im­mer hin­ter schwe­di­schen Gar­di­nen ver­schwun­den wä­re, hät­ten wir sie nicht raus­ge­holt?«, be­lehr­te Croll ihn.

»Lea, ich glau­be, es ist bes­ser, wenn ich drau­ßen war­te, sonst zer­rei­ße ich die­se eng­li­sche Schlump­fi­ne noch in der Luft und schaue nach, ob in der häss­li­chen Ver­pa­ckung we­nigs­tens so et­was Ähn­li­ches wie ein Ge­hirn vor­han­den war!«, maul­te Korn und stapf­te zum Aus­gang.

Lea ver­dreh­te die Au­gen »Es tut mir leid, er ist heu­te nicht ge­ra­de ein Son­nen­schein. Seid ihm bit­te nicht bö­se!«

Ka­rya­ni schau­te et­was ver­wirrt zwi­schen den drei­en hin und her. Liz schüt­tel­te nur leicht den Kopf, als sie an­hob »Hast du ihn nicht ran­ge­las­sen heu­te, oder hat ihm die Son­ne wie­der das Hirn ver­brannt?«

Lea konn­te ih­ren Zorn nicht ver­ber­gen als sie »Wir ha­ben noch nie mit­ein­an­der ge­schla­fen Liz. So ei­ner ist er nicht. Der gan­ze Tag heu­te war ei­ne ein­zi­ge Tor­tur!«, sag­te.

Nach­dem sie am frü­hen Mor­gen ih­ren Plan ent­wor­fen hat­ten, muss­ten sie al­les Mög­li­che be­sor­gen. Ca­ra­cas ist da­für be­rüch­tigt ein Pa­ra­dies für Ta­schen­die­be zu sein. Korn und Lea hat­ten nicht nur mit der un­zu­rei­chen­den Wa­ren­ver­sor­gung, son­dern auch mit zu­dring­li­chen Die­ben zu kämp­fen ge­habt als sie, oh­ne viel Schlaf, in Ca­ra­cas un­ter­wegs wa­ren. Selbst das Ben­zin war knapp und nicht über­all er­hält­lich. Im­mer wie­der kam es zu Strom­aus­fäl­len, was den Stra­ßen­ver­kehr, der so­wie­so un­über­schau­bar war, zu­sam­men­bre­chen ließ. Noch da­zu wuss­te Mi­cha­el, dass Mord in der Haupt­stadt Ve­ne­zue­las an der Ta­ges­ord­nung war. Er hat­te al­so einen sehr schwe­ren Tag ge­habt. Zu­sätz­lich zu den Pro­ble­men beim Be­sor­gen der Ma­te­ria­li­en war er um die Si­cher­heit sei­ner Lea be­sorgt und muss­te sich auch noch um die Ta­schen­die­be küm­mern. Er war den gan­zen Tag hoch kon­zen­triert, was jetzt nach den Stra­pa­zen sei­nen Tri­but for­der­te. Lea muss­te sich nicht ganz so vie­le Sor­gen ma­chen, hat­te aber ge­merkt, un­ter wel­cher An­span­nung ihr Freund den gan­zen Tag ge­stan­den hat­te. Es war ihr nicht ent­gan­gen, wel­che Sor­gen er sich um ih­re Si­cher­heit ge­macht hat­te. Das zu se­hen hat­te ihr Glücks­hor­mo­ne be­schert. Sie konn­te ihm förm­lich sei­ne be­din­gungs­lo­se Lie­be zu ihr an­se­hen. Nun fiel die An­span­nung ab und er be­nö­tig­te ei­ni­ge Zeit für sich. Lea sah zu ihm nach drau­ßen. Er stand in der un­ter­ge­hen­den Son­ne, wie ein Fels, und rauch­te ei­ne Zi­ga­ret­te. Sie gab ihm die Zeit, nahm sich aber vor wäh­rend des an­ste­hen­den Flu­ges ihn mit Zärt­lich­kei­ten zu über­schüt­ten.

»Wie dem auch sei. Mi­ke hat Miss Sas­mi­ta zu uns ge­schickt und sie Ge­be­ten ihr Spiel­zeug mit­zu­brin­gen«, er­klär­te Liz freund­li­cher.

»Nen­nen sie mich Ka­rya­ni. Ich ha­be al­les in mei­nem Kof­fer, was sie be­nö­ti­gen, egal, um was es geht«, be­stä­tig­te sie und zeig­te auf den großen Alu­mi­ni­um­kof­fer, der ne­ben ih­rem Ses­sel stand.

»Wir brau­chen einen klei­nen, mög­lichst ge­nau­en Peil­sen­der, der min­des­tens 16 Stun­den zu or­ten ist. Da­zu wenn mög­lich noch ei­ne eben­so klei­ne wie hoch­emp­find­li­che Ab­hör­an­la­ge die man viel­leicht auch im Ma­te­ri­al ver­ste­cken kann. Und wenn es viel­leicht noch mög­lich wä­re, um­ge­ben­des Ma­te­ri­al elek­tro­sta­tisch auf­zu­la­den wür­de das auch hel­fen«, rat­ter­te Liz ih­re Lis­te her­un­ter.

Ka­rya­ni zog ih­ren Not­fall­kof­fer her­an und öff­ne­te ihn. Tau­sen­de Pla­ti­nen, Mi­kro­fo­ne, Dräh­te und sons­ti­ges Gerät wa­ren dar­in zu se­hen. Es sah aus wie, wenn man im La­ger ei­nes Elek­tro­nik­mark­tes stand. Ziel­si­cher fisch­te sie ei­ne klei­ne run­de Pla­ti­ne her­aus. Sie war nicht grö­ßer als ein Cent­stück mit ei­nem klei­nen Draht dar­an.

»Das ist ein Or­tungs­chip, bis auf einen hal­b­en Me­ter ge­nau. Funk­tio­niert welt­weit bis zu ei­ner Tie­fe von 30 m un­ter der Er­de.«, er­klär­te sie und hielt Liz die Pla­ti­ne hin. Dann zog sie ei­ne klei­ne Plas­tik­tü­te aus ih­rem Kof­fer. Da­rin war nichts zu se­hen. Ka­rya­ni hielt sie in das Licht und zeig­te mit dem Fin­ger auf die un­ter lin­ke Ecke. Dort war ein schwar­zer Punkt zu er­ken­nen, nicht grö­ßer als der Kopf ei­ner Steck­na­del. Stolz er­klär­te sie »Das hier ist ein hoch­emp­find­li­cher Mi­kro­trans­mit­ter. Da­mit könnt ihr den Furz ei­nes Maul­wurfs hö­ren, wenn es sein muss!«

»So­lan­ge wir ihn nicht rie­chen müs­sen«, scherz­te Lea.

»Für den drit­ten Wunsch muss ich ein biss­chen was bas­teln, gebt mir mal ein paar Mi­nu­ten«, bat Ka­rya­ni und setz­te sich wie­der in ih­ren Ses­sel. Nachein­an­der zog sie ei­ni­ge Bau­tei­le aus ih­rem Kof­fer, ein Ver­grö­ße­rungs­glas und ei­ne klei­ne brau­ne Werk­zeug­ta­sche. Die bei­den Agen­tin­nen be­ob­ach­ten wie sie mit flin­ken Fin­gern ein Bau­teil, nach dem an­de­ren aus sei­ner Hül­le be­frei­te und mit dem Mi­ni­werk­zeug ver­band. Da­bei dreh­te sie mit ei­ner Mi­nia­tur­zan­ge un­ter dem Ver­grö­ße­rungs­glas die Tei­le in die rich­ti­ge Po­si­ti­on und klemm­te die Kon­tak­te zu­sam­men. Nach et­was we­ni­ger als zehn Mi­nu­ten steck­te sie das Er­geb­nis in einen Beu­tel und er­hob sich.

»Ich ha­be euch ei­ne klei­ne Aus­ga­be ei­nes van de Graaff Ge­ne­ra­tors ge­bas­telt. Er er­zeugt ei­ne elek­tri­sche La­dung. Funk­tio­niert al­ler­dings nur bei lei­ten­dem Me­tall und wird über ei­ne ein­ge­bau­te Bat­te­rie be­trie­ben. Reicht un­ge­fähr für 7 bis 8 Stun­den, je nach Tem­pe­ra­tur des Ma­te­ri­als. Nach dem Ein­schal­ten be­kommt je­der ei­ne ge­wischt, wenn er das Ma­te­ri­al be­rührt. Al­ler­dings müsst ihr da­für sor­gen das der Or­tungs­chip und auch der Trans­mit­ter durch Plas­tik ge­schützt wer­den. Elek­tro­sta­ti­sche Span­nung be­schä­digt die­se Bau­tei­le und sie funk­tio­nie­ren dann nicht mehr«, er­klär­te sie stolz.

»Reicht es, wenn wir den Chip und den Trans­mit­ter in so ei­ne Plas­tik­tü­te pa­cken?«, frag­te Liz, wäh­rend sie auf ei­ne der Ver­pa­ckun­gen zeig­te.

»Ja, das soll­te aus­rei­chen«, be­merk­te Ka­rya­ni.

Lea stand fas­zi­niert vor der klei­nen Frau mit der schim­mern­den Haut. In Mi­nu­ten hat­te sie al­le ih­re Wün­sche er­füllt. »Könn­te man auch ei­ne fern­ge­lenk­te Ra­ke­te auf den Chip ab­feu­ern?«, frag­te sie neu­gie­rig.

Ka­rya­ni muss­te la­chen »Das könn­te man nicht nur, das wird auch so ge­macht!«

»Lea, egal wel­chen Un­sinn du im Kopf hast, die Ant­wort lau­tet Nein«, warf Liz ein.

»Al­te Spiel­ver­der­be­rin!«, kam es so­fort zu­rück.

»Darf ich kurz et­was fra­gen?«, sag­te Ka­rya­ni und sah Liz in die Au­gen.

»Na­tür­lich Ka­rya­ni, was möch­test du wis­sen?«

»Mi­ke hat mir ge­sagt, er ar­bei­tet jetzt für In­ter­pol. Ist das wirk­lich so oder hat er mich an­ge­schwin­delt?«, frag­te sie zö­gernd.

»Er ar­bei­tet wirk­lich, wie wir für In­ter­pol, warum?«, mur­mel­te Liz.

»Na­ja, Mi­ke saß ei­ne gan­ze Wei­le im Ge­fäng­nis. Sie Lea, wä­ren da wohl auch, wie ich das ge­hört ha­be und der Mann da drau­ßen hat wohl auch ei­ne Stra­fe of­fen. Wie kann es sein, dass In­ter­pol ver­ur­teil­te Kri­mi­nel­le zu Agen­ten macht?«

»Auf­grund un­se­rer Fä­hig­kei­ten und Er­fah­run­gen. Wir sind so et­was wie ein Pro­be­team. Korn da drau­ßen ist Bo­dy­guard und kann in Men­schen le­sen. Mi­ke ist ein Ge­nie am Com­pu­ter, Lea ei­ne Scharf­schüt­zin und ich bin gut dar­in, Sa­chen auf­zu­spü­ren«, zähl­te Liz auf.

»Ah, dann soll­te ich mich wohl des­halb von dem Mann fern­hal­ten«, über­leg­te sie laut.

»Nein, Korn ist sehr schwie­rig und ein rich­ti­ges ge­mei­nes Ar­sch­loch, auch wenn Lea da­ge­gen pro­tes­tiert«, er­klär­te Liz wäh­rend Lea so­fort ein­griff »Mi­cha­el ist ein to­tal lie­ber Mensch, ihr wollt das nur nicht ver­ste­hen!«

Liz schüt­tel­te den Kopf »Sie sieht das durch die ro­sa­ro­te Bril­le, des­halb ver­tei­digt sie ihn so ve­he­ment!«

Ka­rya­ni ver­stand so­fort. »Ver­ste­he, ih­re Kol­le­gin ist ver­liebt in den Mann und sie ist ihm wohl egal.«

»Nein, Mi­cha­el liebt mich. Wenn wir un­ter uns sind, ist er ganz an­ders, als ihr euch das vor­stellt. Er kann es ein­fach nur nicht so zei­gen. Das, was ihr im­mer seht, ist die Mau­er, die er um sich her­um er­rich­tet hat, nach­dem ihm die­se an­de­re das Herz ge­bro­chen hat. Ich ar­bei­te dran, das zu än­dern, aber 30 Jah­re kann man nicht in ei­ni­gen Wo­chen ver­ges­sen ma­chen. Gebt uns ein­fach ein biss­chen Zeit da­für!«, fleh­te Lea.

Liz sah sie mit­lei­dig an als sie er­klär­te »Lea, er wird sich nie än­dern, das musst du end­lich ein­se­hen.«

»Du hast kei­ne Ah­nung, weil du sei­ne Ge­schich­te nicht kennst. Er hat sie mir un­ter Trä­nen er­zählt und ich wür­de das ger­ne un­ge­sche­hen ma­chen. Du weißt nicht, was das al­les an­ge­rich­tet hat. Aber statt ein biss­chen Ver­ständ­nis zu zei­gen, hackst du stän­dig auf ihm her­um!«, er­klär­te Lea mit wei­nen­den Au­gen.

Ka­rya­ni sah die Trä­nen über Leas Ge­sicht lau­fen und nahm sie in den Arm. Lei­se flüs­ter­te sie ihr ins Ohr »Nicht wei­nen! Ich weiß, wie das ist wenn im­mer auf dem Mann, den man liebt, ein­ge­prü­gelt wird. Mir geht es mit Mi­ke auch so.«

Lea lös­te sich von ihr und sah ihr tief in die Au­gen. Auch Ka­rya­nis Au­gen glänz­ten. Liz hat­te nicht ver­stan­den, was da ge­ra­de pas­siert war. Sie fühl­te nur die Stim­mung um­schla­gen. Ka­rya­ni und Lea hat­ten et­was ge­mein­sam, was sie emo­tio­nal ver­band. Ih­re Au­gen wei­te­ten sich, als ihr plötz­lich klar wur­de, was die bei­den ge­mein­sam hat­ten. Sie warf Ka­rya­ni einen wis­sen­den Blick zu und frag­te »Bist du in Mi­ke ver­liebt Ka­rya­ni?«

Sie hauch­te ein lei­se »Ja!«, be­vor sie hin­zu­füg­te, »Schon seit Jah­ren.«

»Weiß er da­von?«, frag­te sie neu­gie­rig hin­ter­her.

»Na­tür­lich weiß er es. Er liebt mich auch, nur glaubt ihm kei­ner, weil er all die Jah­re vor­her mit je­der Frau et­was hat­te«, be­stä­tig­te sie.

Lea schluck­te »Dann hab ich ihm un­recht ge­tan, als ich ihm so­fort zu ver­ste­hen ge­ge­ben ha­be, das er es gar nicht ver­su­chen soll!«

Ka­rya­ni nick­te »Das ist im­mer so!«

»Aber bei mir hat er es ver­sucht, als er mich ge­se­hen hat!«, warf Liz ein.

»Nein, hat er nicht Liz. Er hat ih­nen viel­leicht Kom­pli­men­te ge­macht aber nicht mehr. Das ist sei­ne Art. Mi­ke macht je­der Frau Kom­pli­men­te, aber das be­deu­tet nichts. Manch­mal pas­siert das so­gar am Te­le­fon und er sagt et­was, was ihm ein­fach her­aus­rutscht. Hin­ter­her tut es ihm leid, aber er weiß dann nicht wie er da­mit um­ge­hen soll«, er­läu­ter­te Ka­rya­ni sein Ver­hal­ten.

»Wie lan­ge seid ihr schon ein Paar?«, frag­te Lea neu­gie­rig.

Ka­rya­ni lach­te »Seit vier Jah­ren, 5 Mo­na­ten und 23 Ta­gen!«

»Mit oder oh­ne Un­ter­bre­chung?«, kam von Liz.

»Mit Un­ter­bre­chung, aber die hat­ten wir nicht ein­ge­plant. In den ers­ten Wo­chen ha­ben wir je­de Men­ge Un­sinn an­ge­stellt. Un­ter an­de­rem ka­men wir auch auf die Idee der First La­dy einen Bart zu ver­pas­sen, was wir dann auch ge­tan ha­ben. Kurz da­nach muss­te Mi­ke nach Los An­ge­les. Ich konn­te nicht mit, weil ich di­rekt bei der Ein­rei­se ver­haf­tet wor­den wä­re. Aber ich ha­be ihn zum Flug­ha­fen ge­bracht, gar nicht weit von hier. Dann ist er ge­flo­gen und woll­te ein paar Ta­ge spä­ter wie­der hier sein. Daraus wur­de lei­der nichts, weil man ihn abends als wir ge­ra­de te­le­fo­nier­ten ver­haf­tet hat. Dann saß er vier Jah­re und ich hat­te ge­hofft, er wür­de gleich hier her­kom­men. Heu­te Mor­gen rief er dann end­lich an und sag­te mir, dass er ge­ra­de bei In­ter­pol sitzt. Nur das er jetzt dort ar­bei­tet. Aber er hat mir ver­spro­chen, dass er das Geld für mich per­sön­lich hier­her bringt und wir da­nach nach Pa­ris flie­gen. Die Stadt der Lie­be, nur wir bei­de«, sag­te sie und be­gann zu träu­men. Ein Lie­bes­ur­laub in Pa­ris für sie und ihn.

»Dann habt ihr euch seit über vier Jah­ren nicht mehr ge­se­hen?«, staun­te Liz.

»Nein, Mi­ke war ja im Ge­fäng­nis und ich kann Ve­ne­zue­la nicht ver­las­sen.«

»Ent­schul­di­ge uns einen Mo­ment«, bat Liz und zog Lea ei­ni­ge Me­ter wei­ter.

»Meinst du, wir soll­ten Mi­ke ei­ne Freu­de ma­chen und sei­ne Freun­din mit­brin­gen?«, frag­te Liz.

»Bist du be­scheu­ert? Wir kön­nen sie nicht ein­fach mit in die Staa­ten neh­men und sie dann nach Frank­reich brin­gen. Egal wo sie ge­se­hen wird, wan­dert sie in den Bau. Wenn Mi­ke das mit­kriegt, wer­den wir das nicht über­le­ben! Au­ßer­dem, warum soll­te dir das jetzt wich­tig sein? Mi­cha­el und mir gönnst du un­se­re Lie­be nicht, aber für Mi­ke willst du so­gar ei­ne Ver­bre­che­rin um die hal­be Welt flie­gen«, brach­te Lea her­vor.

»Lea, es tut mir leid. Dein Mi­cha­el löst bei mir ir­gend­wie ei­ne Ab­leh­nung aus. Ich wün­sche euch ja das ihr zu­sam­men glück­lich seid, auch wenn ich ihn nicht lei­den kann. Aber die bei­den sind auch ver­liebt und konn­ten sich vier lan­ge Jah­re nicht se­hen oder mit­ein­an­der spre­chen. Ich war auch ein biss­chen ge­mein zu Mi­ke. Vi­el­leicht ist es ei­ne Art Wie­der­gut­ma­chung«, sag­te Liz zö­gernd.

»Okay, aber du bringst Ka­rya­ni nicht mal hier raus oh­ne einen an­de­ren Pass. Wer soll­te den aus­stel­len au­ßer Mi­ke selbst. Und dann liegt der Pass im­mer noch in Frank­reich, ob­wohl wir ihn hier brau­chen.«

»Wir ver­haf­ten sie ein­fach und brin­gen sie nach Frank­reich zu ei­ner Ver­hand­lung«, schlug Liz vor, »Im­mer­hin sind wir In­ter­pol Agen­ten.«

»Du bist völ­lig ver­rückt, weißt du das? Aber den Schuh zie­he ich mir nicht an. Wenn dann ist das dei­ne Sa­che!«

»Ein­ver­stan­den!«, sag­te Liz, dreh­te sich zu der war­ten­den Ka­rya­ni um und rief, »Ka­rya­ni Sas­mi­ta, sie sind ver­haf­tet!«

Wie vom Blitz ge­trof­fen stand das Tech­nik­ge­nie in der Hal­le, als sie das hör­te. Liz lä­chel­te ge­fäl­lig, als sie auf die jun­ge Frau zu­ging, die je­doch ver­such­te ih­re Chan­cen für ei­ne Flucht ab­zu­schät­zen. Hek­tisch such­te ihr Blick die ge­sam­te Hal­le ab. Liz be­merk­te es und setz­te hin­zu »Ich brin­ge dich zu Mi­ke, kei­ne Angst. Nur of­fi­zi­ell muss es eben so aus­se­hen.«

Arg­wöh­nisch blick­te Sas­mi­ta zu der na­hen­den Agen­tin. Sie konn­te aber kei­ne Bös­wil­lig­keit er­ken­nen, eher so et­was wie kind­li­che Freu­de. Liz stell­te sich vor sie »Es tut mir leid, wenn ich dich ge­schockt ha­be. Lea und ich ha­ben über­legt, ob es ei­ne Mög­lich­keit gibt, dich zu Mi­ke zu brin­gen. Nur oh­ne falschen Pass wä­re es schwie­rig ge­we­sen, al­so hab ich dich ein­fach in Ge­wahr­sam ge­nom­men und kann dich da­mit aus­flie­gen, wo­hin ich will. Ein­ver­stan­den?«

»Hät­te ich ei­ne Waf­fe ge­habt«, gab Ka­rya­ni zu, »wärst du so­fort um­ge­fal­len!«

»Das glau­be ich dir so­fort, aber es war die ein­zi­ge Idee, die ich auf die schnel­le her­vor­zau­bern konn­te.«, sag­te Liz lä­chelnd.

»Und du bringst mich wirk­lich nur zu Mi­ke, und nicht ins Ge­fäng­nis?«

»Ver­spro­chen. Wir neh­men dich mit zu Mi­ke und dann wer­den wir ei­ne Lö­sung fin­den wie ihr bei­den wie­der nach Ve­ne­zue­la kommt. Aber ver­mut­lich denkt er dann eher dar­an, dir einen an­de­ren Pass zu be­sor­gen, so wie er es für Lea auch ge­tan hat.«

»Mo­ment«, stut­ze Ka­rya­ni, »Mi­ke hat ihr einen an­de­ren Pass be­sorgt?«

»Ja, Lea die jetzt Tay­lor heißt, hieß zu­vor noch Enis. Dein Mi­ke hat da­für einen neu­en Pass be­sorgt!«, grins­te Liz.

»Lea Enis? Die­se blon­de Frau da ist die Lea Enis? La­dy Sni­per die über 60 Men­schen er­schos­sen hat?«, frag­te sie mit of­fe­nem Mund.

»Um ge­nau zu sein wa­ren es bis­her 127«, ver­bes­ser­te Lea die ne­ben Liz trat.

»Du, äh Ver­zei­hung Sie sind ei­ne le­ben­de Le­gen­de in Asi­en!«, brach­te Sas­mi­ta ein­ge­schüch­tert vor.

Lea lach­te »Für dich Lea. Ich bin kei­ne Le­gen­de, ich ha­be ein­fach nur mei­nen Job ge­macht!«

»Dein Job war es Mör­der um­zu­brin­gen und dann heim­lich still und lei­se zu ver­schwin­den?«

»So in et­wa. Ich wur­de da­für be­zahlt je­man­den um­zu­brin­gen, al­ler­dings ha­be ich nur die er­schos­sen, die selbst ge­tö­tet ha­ben!«

Hin­ter ih­nen ging die Tür auf und ein Schwall feucht­war­mer Luft zog durch die Hal­le. Korn stand in der Tür und rief »Wenn die Da­men ihr Kaf­fee­kränz­chen be­en­den könn­ten, wir ha­ben noch et­was zu tun. Die Ma­schi­ne war­tet, ich aber nicht!«

Wie so oft ver­dreh­te Liz wie­der die Au­gen was ihr einen bö­sen Blick von Lea ein­brach­te die ihr lei­se »Bit­te Liz!«, zu­flüs­ter­te. Als sich die drei Frau­en zum Ge­hen wand­ten, war Korn et­was ir­ri­tiert.

»Ich dach­te an mei­ne Herz­da­me und den eng­li­schen Kö­ter ne­ben­an, aber nie­mand hat et­was von ei­ner gol­de­nen Zie­ge ge­sagt!«, rief er.

»Schatz, bit­te. Hal­te dich ein biss­chen zu­rück. Ich wer­de es dir aus­führ­lich er­klä­ren, ver­spro­chen! Sei ein biss­chen freund­li­cher, mir zu­lie­be«, rief ihm Lea ent­ge­gen, be­vor sie sich an die an­de­ren bei­den wand­te »Er meint es nicht so!«

Liz Blick wur­de düs­ter und ih­re Mund­win­kel fin­gen an zu zit­tern. Gera­de als sie ex­plo­die­ren woll­te, leg­te ihr Ka­rya­ni die Hand auf die Schul­ter und flüs­ter­te ihr zu »Bit­te nicht, das macht es nur schlim­mer!« Die eng­li­sche Agen­tin ver­such­te, ih­ren Är­ger her­un­ter­zu­schlu­cken, aber es ge­lang ihr nicht so recht. Im­mer noch wü­tend zisch­te sie »Ich wer­de ihm den Hals auf­schnei­den!«

Lang­sam stieg die Gulf­stream mit den Agen­ten in den Him­mel auf. Liz und Ka­rya­ni sa­ßen an ei­nem Tisch zu­sam­men, wäh­rend Lea mit Mi­cha­el im hin­te­ren Teil der Ka­bi­ne auf ei­nem So­fa ku­schel­te. Sie hat­te ih­ren klei­nen Kör­per ganz eng um ihn ge­schlun­gen. Die bei­den wa­ren so mit­ein­an­der be­schäf­tigt, dass sie al­les um sie her­um ver­ga­ßen. Man hör­te nur ihr lei­ses tu­scheln, im­mer wie­der durch Kuss Geräusche un­ter­bro­chen. Ka­rya­ni konn­te nicht auf­hö­ren zu lä­cheln. Ihr wür­de es mit ih­rem Mi­ke ge­nau­so ge­hen. Nur Liz ver­such­te, es zwang­haft zu ver­drän­gen. Um sich zu be­schäf­ti­gen, nahm sie die be­sorg­ten Ma­te­ria­li­en zur Hand und be­gann da­mit ih­re Fal­le zu bau­en. Ka­rya­ni sah ihr ge­spannt da­bei zu. Kurz da­nach be­gann sie sich mit der Eng­län­de­rin zu un­ter­hal­ten.

»Was habt ihr Ve­ne­zue­la ge­macht und wo­zu braucht ihr jetzt die­ses gan­ze Zeug?«

Oh­ne ih­re Kon­zen­tra­ti­on zu un­ter­bre­chen, er­zähl­te ihr Liz von ih­rem Auf­trag und wie es ih­nen ge­lun­gen war die CIA aus dem Spiel zu neh­men. De­tail­reich schil­der­te sie die wil­de Nacht, die sie hin­ter sich hat­ten und vom an­schlie­ßen­den Ver­hör der CIA Agen­tin in dem Ge­bäu­de. Die in­do­ne­si­sche Schön­heit hör­te auf­merk­sam zu, bis sie schließ­lich frag­te »Was habt ihr mit der Agen­tin ge­macht und was soll das hier al­les?«

»Wir ha­ben sie heu­te Mor­gen den ört­li­chen Be­hör­den über­ge­ben, die ei­ne An­zei­ge we­gen Ter­ro­ris­mus vor­be­rei­ten.«

»Die CIA wird Ve­ne­zue­la un­ter Druck set­zen, wenn be­kannt wird, das ei­ne ih­rer Agen­tin­nen dort fest­ge­hal­ten wird. Die Be­hör­den sind nicht nur kor­rupt, sie krie­chen den Amis auch bis zum An­schlag in den Arsch. Sie wird si­cher schon wie­der drau­ßen sein!«, er­klär­te Sas­mi­ta sicht­lich un­ge­hal­ten.

»Nein, die sitzt noch. Wir von In­ter­pol ha­ben die Kon­trol­le über­nom­men. Die An­zei­ge kommt erst raus, wenn wir das ge­neh­mi­gen, bis da­hin sitzt sie in Un­ter­su­chungs­haft oh­ne das die USA et­was da­von er­fah­ren wer­den. Und jetzt sind wir ge­ra­de auf dem Weg nach Langley, um die­ser gan­zen Na­ti­on zu zei­gen, was pas­siert, wenn man un­be­merkt ver­sucht, et­was zu klau­en was der ge­sam­ten Mensch­heit ge­hört!«, be­ru­hig­te sie Liz.

»Und wie soll das funk­tio­nie­ren?«

»Das ist ei­gent­lich ganz ein­fach, wir wer­den dem lei­ten­den Agen­ten der CIA ein Päck­chen schi­cken, des­sen In­halt ich hier ge­ra­de zu­sam­men­stel­le. So­bald er das al­les in der Hand hat, wird er un­ter Ga­ran­tie te­le­fo­nie­ren. Ent­we­der mit dem Prä­si­den­ten oder ei­ner an­de­ren Per­son, die da­hin­ter steckt. Des­halb die Wan­ze, weil wir wis­sen wol­len, wer da­hin­ter­steckt. Durch den Or­tungs­chip wer­den wir auch wis­sen, wo sich die­ser John Clark­son ver­steckt. Die­ses Bü­ro nimmt dann Lea ins Vi­sier und räu­chert den La­den aus, ob mit Clark­son oder oh­ne ist uns da­bei egal. Gleich­zei­tig wird In­ter­pol al­le Be­tei­lig­ten zur Fahn­dung aus­schrei­ben und das Be­weis­ma­te­ri­al, was wir auf­ge­nom­men ha­ben je­der Nach­rich­ten­agen­tur zur Ver­fü­gung stel­len. Al­ler­dings welt­weit da­mit es wirk­lich je­der er­fährt. Und dann wol­len wir mal se­hen, ob die­se ver­fluch­te Na­ti­on den Arsch in der Ho­se hat mit ih­rem Mi­li­tär ge­gen al­le an­de­ren Staa­ten einen Krieg an­zu­fan­gen!«, bell­te Liz.

»Nur da­mit ich das rich­tig ver­ste­he«, ent­geg­ne­te Ka­rya­ni, »Ihr habt vor die USA als Ver­bre­cher zu ou­ten und sie dann spü­ren zu las­sen, was es be­deu­tet al­lei­ne ge­gen al­le zu ste­hen? So wie sie es mit ih­ren An­grif­fen im­mer ma­chen?«

»Genau das ist der Plan«, schreck­te sie Lea auf, die sich von Mi­cha­el ge­löst hat­te. »Es wird mir ein be­son­de­res Ver­gnü­gen sein, die­sem Clark­son das Licht aus­zu­bla­sen!«

»Lea, du sollst das Bü­ro zer­stö­ren und nicht je­man­den er­mor­den«, rief Liz ihr ins Ge­dächt­nis.

»Mach dich lo­cker Liz. Ich wer­de nichts da­für kön­nen, wenn er mir ge­ra­de in die Schuss­bahn rennt. Kol­la­te­ral­schä­den müs­sen wir in Kauf neh­men!«, sag­te Lea kühl. Hin­ter ihr stand Korn, der wie aus­ge­wech­selt schi­en, als er sei­ne Ar­me zärt­lich um sei­ne Freun­din leg­te.

»Miss Croll, ich soll­te mich viel­leicht bei ih­nen ent­schul­di­gen. Mein Tag war al­les an­de­re als leicht. Es tut mir leid, wie ich sie an­ge­gan­gen bin«, drang sei­ne tie­fe Stim­me durch die Ka­bi­ne.

Liz riss über­rascht die Au­gen auf und blick­te in sein Ge­sicht, das sanft und ent­spannt auf der Schul­ter sei­ner Freun­din lag. Sie brauch­te einen Mo­ment, um das zu ver­ar­bei­ten. Ei­ne Ent­schul­di­gung von Korn? Gab es so et­was über­haupt schon mal? Sie konn­te sich nicht an et­was Ver­gleich­ba­res er­in­nern. Als sie sich wie­der ge­fasst hat­te, sag­te sie »Ich soll­te mir die­sen Tag im Ka­len­der an­strei­chen. Ei­ne ent­schul­di­gen­de Ges­te von Mis­ter Korn höchst­per­sön­lich kommt ver­mut­lich so häu­fig vor wie Schnee­fall in der Sa­ha­ra!«

»Siehst du Schatz? Sie kann ein­fach nicht an­ders. Ich ha­be es ver­sucht. Am bes­ten ist, ich igno­rie­re sie jetzt ein­fach und re­de kei­nen Ton mehr mit ihr. Und bit­te mein Herz­blatt, wenn du die­sen Clark­son ab­knallst, könn­test du es viel­leicht so ein­rich­ten, das Croll von ei­nem Qu­er­schlä­ger ge­trof­fen wird?«, brumm­te er und zog sich wie­der zum So­fa zu­rück.

Lea blick­te streng auf die Kol­le­gin, schüt­tel­te leicht den Kopf und zisch­te »Er ist hier nicht das Ar­sch­loch, wie du im­mer be­haup­test. Nur um ganz si­cher­zu­ge­hen, wer­de ich dem ers­ten Qu­er­schlä­ger noch ein paar wei­te­re fol­gen las­sen!« Dann dreh­te sie sich um und folg­te Korn, der be­reits wie­der Platz ge­nom­men hat­te.

»Autsch. Ich den­ke, das war die bes­te Mög­lich­keit, sich den Zorn der bei­den zu si­chern. Dir soll­te klar sein, dass dich Lea killt«, flüs­ter­te Ka­rya­ni Liz zu.

Liz wur­de blass auf ih­rem Ses­sel. Korn, der in ei­nem Mo­ment noch um Ver­zei­hung ge­be­ten hat­te, sag­te im nächs­ten Mo­ment völ­lig ent­spannt, das er sich wünscht, dass sie von ei­ner Ku­gel ge­trof­fen wird. Sei­ne Freun­din hat­te noch ein­mal nach­ge­legt und ihr of­fen ge­droht das sie si­cher­ge­hen wird. Ka­rya­ni hat­te den Fin­ger tief in die Wun­de ge­legt.

»Was hät­te ich tun sol­len?«, frag­te Liz un­si­cher.

»Die Ent­schul­di­gung an­neh­men und ihm kei­ne ver­ba­le Ohr­fei­ge ge­ben! Lea hat­te dich ge­be­ten, ihr ein we­nig, Zeit zu ge­ben, um ihn aus sei­nen Mau­ern zu ho­len. Das wird sie ver­mut­lich seit un­se­rem Ab­flug ge­tan ha­ben und die­se Ent­schul­di­gung war wohl das Er­geb­nis. So wie ich es bis­her mit­be­kom­men ha­be das größt­mög­li­che Er­geb­nis. Aber mit dei­nem An­griff auf ihn hast du ihm ge­zeigt, dass er wohl bes­ser in sei­nen Mau­ern bleibt. Lea, die ver­sucht hat, euch auf ei­ne kol­le­gia­le Ebe­ne zu zie­hen, hast du da­mit eben­falls von dir ge­sto­ßen. Jetzt hast du dir den Hass der bei­den ge­si­chert, und man kann es ih­nen nicht ein­mal ver­übeln«, ana­ly­sier­te Ka­rya­ni die Si­tua­ti­on.

Liz dach­te einen Mo­ment nach. »Ich konn­te ein­fach nicht an­ders. Wa­rum bin ich nur so?«, klag­te sie.

»Ich kann dir nur sa­gen, was ich se­he Liz, und das mei­ne ich wirk­lich nicht bö­se. Du und Korn sind bei­de Al­pha­tie­re. Er hat et­was, was man ei­ne na­tür­li­che Do­mi­nanz nennt. Das zeigt er un­be­wusst, wie er sich be­wegt, was er sagt und wie er es sagt. Er muss sich die­se Do­mi­nanz nicht erst er­kämp­fen, weil sie ein­fach schon da ist. Du hast nicht das Auf­tre­ten von ihm. Du wirkst ein­fach nicht so wie er und ver­suchst dir, die Do­mi­nanz zu er­kämp­fen. Kennt man von Tie­ren, dort wird auch im­mer wie­der der Stär­ke­re be­kämpft, um die Rang­fol­ge zu klä­ren. Du siehst dich ganz oben, die­ser Platz ist al­ler­dings schon von Korn be­setzt. Du ver­suchst al­so ihn im­mer wie­der her­aus­zu­for­dern, um den Platz zu er­obern. Er al­ler­dings nimmt die­se Ver­su­che nicht ernst, be­zie­hungs­wei­se er gibt dir nicht ein­mal die Mög­lich­keit dar­um zu kämp­fen. Lea sitzt in dem Mo­ment zwi­schen den Stüh­len. Sie kann dich gut lei­den und liebt Mi­cha­el, al­so ver­sucht sie zu ver­mit­teln. Korn liebt sie und des­halb hört er auch auf sie. Da setzt sie an, um einen Frie­dens­ver­trag oder zu­min­dest einen Waf­fen­still­stand aus­zu­han­deln. Korn stimmt dem zu und geht so­gar so weit dir die Hand zu rei­chen. Du willst aber kämp­fen und schlägst sei­ne Hand weg. Da­mit ver­letzt du Korn nicht, dem ist es näm­lich egal, aber du ver­letzt da­mit Lea. Da Korn Lea liebt, brau­che ich dir nicht zu er­klä­ren, dass er sie ver­tei­digt. Du hast Korns Hand aus­ge­schla­gen und da­mit gleich­zei­tig Lea ver­letzt. Lo­gi­sche Kon­se­quenz da­von, bei­de be­kämp­fen sie jetzt dich.«

Die Po­li­zis­tin aus Lon­don hat­te sich den Mo­no­log schwei­gend an­ge­hört. Ob­wohl Ka­rya­ni die Drei erst ei­ni­ge Stun­den kann­te, mit Korn noch nicht ein­mal ge­spro­chen hat­te, schätz­te sie die Si­tua­ti­on scho­nungs­los ein. Liz konn­te kei­nen Feh­ler in ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on fin­den. Nach ei­ner län­ge­ren Pau­se frag­te sie schließ­lich »Was soll ich jetzt tun? Ein­fach war­ten, bis die bei­den mich um­brin­gen?«

»Hör auf, um et­was zu kämp­fen, und be­en­de die Feind­se­lig­kei­ten«, riet Sas­mi­ta.

Liz ver­sank in ih­rem Ses­sel und dach­te nach. Quä­lend lang­sam zo­gen die wei­ßen Schlei­er­wol­ken un­ter ih­rem Fens­ter da­hin. Ka­rya­ni lehn­te sich zu­rück, leg­te den Kopf in den Na­cken und schloss die Au­gen. Es dau­er­te fast ei­ne gan­ze Stun­de, bis sich Liz durch­rin­gen konn­te, et­was zu tun. Als sie auf­stand und zu den bei­den ver­lieb­ten schau­te, sah sie die bei­den ku­schelnd auf dem So­fa lie­gen. Korn lag auf der Sei­te und hielt Lea in sei­nen Ar­men. Sie schmieg­te ih­ren Kopf an sei­ne Schul­ter, flüs­ter­te ihm ins Ohr und im­mer wie­der hauch­te sie ihm einen Kuss ins Ge­sicht. Sie schie­nen bes­ter Lau­ne zu sein. Ka­rya­ni dös­te ne­ben ihr als sie sich zwi­schen den Ses­seln Hin­durch­wand und auf den Gang trat. Vor­sich­tig nä­her­te sie sich den bei­den auf dem So­fa. Ihr Atem ging stoß­wei­se, als sie die bei­den fast un­be­merkt er­reicht hat­te. In dem Mo­ment dreh­te sich Lea ruck­ar­tig um, warf ihr einen ei­si­gen Blick zu und droh­te »Du hast ex­akt zwei Se­kun­den, um zu ver­schwin­den, be­vor ich dich auf­schlit­ze und aus­neh­me!«

Ihr Herz­schlag setz­te einen Schlag aus, be­vor er sich be­schleu­nig­te. Schweiß trat ihr auf die Stirn und ihr Mund fühl­te sich staub­tro­cken an. »Es tut mir leid!«, stam­mel­te sie, »Ich be­neh­me mich wie die letz­te Idio­tin. Ver­gebt mir!«

Dann dreh­te sie sich um und ging über den Mit­tel­gang da­von. Al­lei­ne setz­te sie sich auf einen Ses­sel na­he dem Cock­pit und ver­grub ihr Ge­sicht in den Hän­den.

35. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)

John Clark­son spa­zier­te durch das som­mer­li­che Vier­tel vor der CIA Zen­tra­le. Zur Fei­er des Ta­ges er­laub­te er sich ein feu­da­les Mit­ta­ges­sen in ei­nem schi­cken Sze­ne­re­stau­rant. Im son­nen­durch­flu­te­ten Gar­ten des Soul­way Ame­ri­can ließ er sich un­ter ei­nem Bal­da­chin nie­der. Heu­te Nach­mit­tag wür­de er end­lich das Ma­te­ri­al er­hal­ten, dem er so müh­sam nä­her ge­kom­men war. Die For­mel wür­de er auch noch in sei­nen Be­sitz brin­gen. Und selbst, wenn nicht soll­te es mög­lich sein das Ma­te­ri­al zu ana­ly­sie­ren, um die ein­zel­ne Zu­sam­men­set­zung fest­zu­stel­len. Sein ein­zi­ges Pro­blem war noch die­ses däm­li­che Pa­tent, das ir­gend­ein Be­am­ter von den Krauts in sei­nem Schreib­tisch ver­steckt hielt. Da­rum wür­de er sich am Nach­mit­tag noch ein­mal in­ten­siv küm­mern. Wenn sei­ne In­for­man­tin schon nichts zu­stan­de brach­te, wür­de er eben ein Te­am nach Deutsch­land schi­cken. Ein klei­ner Ein­bruch im Pa­tent­amt wür­de das re­geln, wie es schon ab 1943 üb­lich war. Schon vor En­de des Zwei­ten Welt­kriegs hat­ten ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen ton­nen­wei­se Pa­pie­re ge­raubt, um die ge­hei­men Tech­no­lo­gi­en der Na­zis zu über­neh­men. Acht­zig Jah­re spä­ter war das noch nicht mal ei­ne Schlag­zei­le in der Pres­se. Die SilOld AG wür­de viel­leicht pro­tes­tie­ren, aber mit ein biss­chen gu­ten Zu­re­den ei­ner sei­ner Agen­ten wür­de das kei­ne großen Krei­se zie­hen. Im­mer­hin ging es ja um die na­tio­na­le Si­cher­heit. Ein Lä­cheln husch­te über sein Ge­sicht. Was sie schon al­les hin­ter die­ser na­tio­na­len Si­cher­heit ver­steckt hat­ten, konn­te man nicht mehr zäh­len. Das Wei­ße Haus und das Pen­ta­gon wür­den auch noch ir­gend­wann ein Stem­pel­kis­sen rau­ben und mit der na­tio­na­len Si­cher­heit be­grün­den. Könn­te ja sein das ex­akt auf die­sem Stem­pel­kis­sen die Tin­te war, die un­ter ei­nem Ver­trag trock­ne­te. Selbst die un­zäh­li­gen NATO-An­grif­fe auf frem­de Staa­ten be­grün­de­te man schon da­mit. Und als Ve­to­macht im Si­cher­heits­rat pas­sier­te ih­nen ja auch nichts. Il­le­ga­ler An­griffs­krieg? Das könnt ihr ver­ges­sen. Ve­to dar­auf, be­grün­det mit na­tio­na­ler Si­cher­heit und ab da­für. Wir kon­trol­lie­ren die­sen Pla­ne­ten. Dann neh­men wir uns noch den Mond und den Mars und der Rest be­kommt viel­leicht noch ei­ni­ge Krü­mel. Be­schwingt aß er sein Straus­sens­teak an BBQ Ge­mü­se mit ei­nem Ei­mer French Fries. Wie­so hei­ßen die­se Din­ger ei­gent­lich French Fries? Was hat­ten denn die Fran­zo­sen da­mit zu tun. Im­mer­hin war es be­reits Tho­mas Jef­fer­son, der an­no 1802 im Wei­ßen Haus Kar­tof­fel­stäb­chen frit­tie­ren ließ. Da­mals gab es Eu­ro­pa noch nicht mal. Na ja, sol­len doch die Fran­zo­sen mit der ura­me­ri­ka­ni­schen Er­fin­dung ein biss­chen Ruhm ern­ten.

Nach­dem er be­zahlt hat­te, ging er noch ei­ne klei­ne Run­de durch den an­gren­zen­den Park, be­vor er am frü­hen Nach­mit­tag in sein Bü­ro zu­rück­kehr­te. Be­reits am Mor­gen hat­te er al­les für die An­kunft sei­nes neues­ten Ge­nie­streichs vor­be­rei­tet. Jetzt hieß es nur noch war­ten, und den Krauts Feu­er ma­chen, da­mit sie aus der Hüf­te ka­men. Er griff zu sei­nem Te­le­fon und wähl­te.

»Clark­son sie ver­damm­ter Hu­ren­sohn. Wie­so um al­les in der Welt seid ihr be­scheu­er­ten Amis ei­gent­lich nicht in der La­ge zu be­grei­fen, dass es noch wei­te­re Zeit­zo­nen auf der Welt gibt?«, schrie es aus dem Te­le­fon.

»Oh, sind wir heu­te wie­der über­mü­tig? Hö­ren Sie mir gut zu. Die­ses ver­fluch­te Pa­tent ist im­mer noch nicht bei mir. Sie sind da­für ver­ant­wort­lich!«

»Jetzt hö­ren sie mir mal zu. Ich ha­be es satt von ih­rem Ve­rein her­um­kom­man­diert zu wer­den wie ei­ne bil­li­ge Pup­pe. Oh­ne mich wüss­tet ihr Vol­lidio­ten auf der an­de­ren Sei­te des At­lan­tiks noch nicht ein­mal wer oder was ir­gend­was hat. Ich er­le­di­ge mei­ne Sa­chen, wenn ich Zeit da­für fin­de. Dann will ich mein Geld ha­ben und nie wie­der mit ir­gend­wel­chen Schei­ßern zu tun ha­ben die so­gar zu blöd sind ei­ne Ma­schi­ne zu bau­en, die Zet­tel zäh­len kann. Krie­gen sie das in ihr Spat­zen­hirn!«, brüll­te es noch lau­ter be­vor die Lei­tung tot war.

Clark­son leg­te den Hö­rer sanft auf die Ga­bel. Er nahm sei­nen Stift zur Hand, krit­zel­te ei­ni­ge Wör­ter auf einen No­tiz­zet­tel und leg­te den Zet­tel in das Fach rechts von sich. »Lei­chen brau­chen kein Geld, und du hast ge­ra­de eben dein To­des­ur­teil un­ter­schrie­ben!«, dach­te er bei sich.

Frankreich, Paris

Am Ufer der Sei­ne, die sich durch die Haupt­stadt Frank­reichs wand wie ei­ne Schlan­ge, sa­ßen zwei Män­ner auf ei­ner Bank. Es war ru­hig an die­sem Nach­mit­tag. Bei­de sa­ßen schwei­gend ne­ben­ein­an­der. Der Mann rechts leg­te sei­ne lin­ke Hand auf die Bank zwi­schen den bei­den. Ei­ni­ge Se­kun­den ver­harr­te sie dort, ehe er sie an­hob und auf­stand. Wäh­rend er am Ufer lang­sam da­von­lief, griff die rech­te Hand des an­de­ren zu der Stel­le. Ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter ging auch er.

Sein sil­ber­far­be­ner Mer­ce­des stand auf ei­nem na­he ge­le­ge­nen Park­platz im Schat­ten. Er öff­ne­te ihn mit sei­nem Funk­schlüs­sel und klemm­te sich hin­ter das Steu­er. Aus sei­ner Ta­sche zog er das klei­ne wei­ße Blatt Pa­pier, auf dem ei­ne Nach­richt stand:

Pro­jekt ge­fähr­det.

Ih­re Hil­fe er­for­der­lich.

Vo­lu­men 5 Mio, Hälf­te jetzt, Hälf­te bei Ab­schluss.

Ziel: ICPO Ly­on

Zufrie­den ni­ckend nahm er sein Feu­er­zeug aus der Abla­ge, zün­de­te es an und hielt den Zet­tel dar­über. Das Pa­pier ver­brann­te. Als nichts mehr von den Buch­sta­ben er­kenn­bar war, ließ er ihn aus dem Wa­gen fal­len. Er star­te­te den Mer­ce­des, leg­te den Gang ein und roll­te ge­mäch­lich mit dem Ver­kehr in die In­nen­stadt. Wäh­rend der Fahrt wähl­te er ei­ne Num­mer sei­nes Te­le­fons. Über die Frei­sprech­an­la­ge mel­de­te sich ein Mann mit schwe­rem Ak­zent.

»Er­zäh­len sie mir, was ich wis­sen muss«, sag­te er und lausch­te, wäh­rend er wei­ter kreuz und quer durch Pa­ris fuhr.

Als die Stim­me sei­nen Be­richt be­en­det hat­te, mur­mel­te er »An­ge­nom­men. Ho­no­rar wie üb­lich«.

Dann leg­te er auf, dreh­te noch ei­ni­ge Run­den durch die Stadt, be­vor er den Wa­gen über die Rou­te na­tio­nal in west­li­che Rich­tung lenk­te.

Vereinigte Staaten, Luftraum über Georgia

Ka­rya­ni Sas­mi­ta lehn­te ih­ren Kopf über die Leh­ne des Ses­sels, in dem Liz zu­sam­men­ge­sun­ken war. Ih­re lan­gen Haa­re leg­ten sich wie ein Tep­pich über die Rücken­leh­ne. Ih­re Au­gen wa­ren ge­rötet. Sie hat­te ih­ren Blick aus dem Fens­ter über die großen grü­nen Kon­tu­ren der Welt schwei­fen las­sen.

»Liz, setz dich zu uns!«, flüs­ter­te Sas­mi­ta.

Die Agen­tin schüt­tel­te nur leicht den Kopf, oh­ne ein Wort zu sa­gen. Ka­rya­ni stell­te sich auf, sah zu Lea und Mi­cha­el und schüt­tel­te den Kopf. Sie ging zu­rück zu den bei­den.

»Sie möch­te nicht«, er­klär­te sie.

Korn er­hob sich, gab Lea einen Kuss, be­vor er mur­mel­te »Ich hol sie!«

Lea blick­te ihm sor­gen­voll hin­ter­her, und auch Ka­rya­ni schau­te ihm nach. Der Bo­dy­guard stell­te sich ne­ben den Ses­sel auf dem Croll, seit Stun­den saß.

»Croll, zie­hen sie kein Ge­sicht wie ein Pferd. Ent­we­der sie kom­men frei­wil­lig oder ich tra­ge sie da rü­ber. Ih­re Ent­schei­dung!«, sag­te er lei­se zu ihr. Liz dreh­te ihm den Kopf zu. Sie sah in die blau­en Au­gen des Man­nes. Sei­ne Stim­mung konn­te sie nicht er­ken­nen, sein Po­ker­face ließ es nicht zu.

»Las­sen sie mich zu­frie­den. Wenn wir un­ten sind, brin­gen sie mich um, oder ich flie­ge zu­rück nach Lon­don!«

»Wol­len sie wie­der be­sof­fe­ne Af­fen auf­spü­ren, oder auf der großen Büh­ne schwe­re Jungs fan­gen?«

»Korn, mei­ne Zeit bei In­ter­pol ist vor­bei. Ich kann nicht in die­sem Te­am spie­len«, re­si­gnier­te sie.

»Un­sinn, ihr In­selaf­fen seid doch et­was raue See ge­wohnt. Sie sind doch nicht aus Zu­cker!«

»Ich ver­las­se die­ses Te­am, wenn wir ge­lan­det sind.«

»Kommt gar nicht in­fra­ge. Wer soll mir denn auf die Ner­ven fal­len, wenn sie weg sind? Ein Ka­pi­tän ver­lässt nicht das Schiff nur, weil es et­was schau­kelt. Man kotzt über die Re­ling, trinkt einen Schluck Rum und ver­senkt die Pi­ra­ten!«

»Sie sind der Ka­pi­tän Korn!«, jam­mer­te sie.

»Das ist Blöd­sinn Croll. Ich bin nicht der Ka­pi­tän, son­dern das blö­de Schiff. Stel­len sie sich ge­fäl­ligst ans Ru­der«, pol­ter­te er.

»Ich ver­ste­he nicht, was sie mir sa­gen wol­len Korn!«

»Okay, ich ver­su­che, es noch mal deut­li­cher zu ma­chen, da­mit sie in ih­rem lang­sa­men Kopf hin­ter­her­kom­men. Ich bin das Te­am Croll. Aber je­des Te­am braucht einen An­füh­rer. Dann gibt es noch die Ver­tei­di­gungs­an­la­ge, in un­se­rem Fall mei­ne Herz­da­me, es gibt die Spio­na­ge und einen Idio­ten, der die Ra­dar­an­la­ge im Blick be­hält. Wir ha­ben ein Schiff, wir ha­ben die Ka­no­ne, die Wach­mann­schaft und so­gar ei­ne Rat­te, die das Ra­dar im Au­ge hat. Was uns fehlt, ist der Steu­er­mann be­zie­hungs­wei­se die Steu­er­frau. Ist es jetzt kla­rer ge­wor­den?«, frag­te er.

»Sie mei­nen ich bin die Steu­er­frau?«

»Hö­ren sie Croll. Sie er­he­ben jetzt ih­ren fet­ten Arsch aus die­sem Ses­sel und stel­len sich ans Ru­der. An­dern­falls schleif ich sie an den Na­sen­lö­chern da hin und ket­te sie ans Steu­er­rad! Ist das jetzt klar?«

»Die­ses Schiff geht mir auf den Keks. Nicht mal vor dem Ka­pi­tän nimmt es Hal­tung an!«, lach­te sie trau­rig.

»Wie­so soll­te ich Ka­pi­tä­nin? Mir ist es doch egal, wer da am Ru­der dreht, wenn ihr nicht spurt, fahr ich mei­nen Kurs und ihr guckt blöd aus der Wä­sche, al­so los jetzt!«, brumm­te er.

Dann stand er auf und ließ Liz al­lei­ne. Erst jetzt fiel ihr ein Feh­ler in sei­ner Ge­schich­te auf. Er war das Schiff, Lea die Ka­no­ne und sie Ka­pi­tä­nin. Mit der Rat­te, die das Ra­dar im Au­ge be­hält, mein­te er wohl Mi­ke Banks, aber wer war die Wach­mann­schaft? Ir­ri­tiert blick­te sie zu dem Tisch, an dem die drei an­de­ren sa­ßen. Sie stand auf und ging die paar Schrit­te zu ih­nen. Korn lag wie­der in sei­nem Ses­sel, Lea so halb auf ihm und Ka­rya­ni saß ih­nen ge­gen­über. Liz setz­te sich, sah Korn an und frag­te dann »Herr Schiff, die Ka­pi­tä­nin möch­te wis­sen, wer die Wach­mann­schaft ist!«

Korn fing laut an zu la­chen »Mann ist die blöd«, dann ki­cher­te er, »Frau Wach­mann­schaft bit­te auf die Brücke!«

Ka­rya­ni nahm scherz­haft ih­re rech­te Hand, leg­te sie sich vor die Stirn und rief »Wach­mann­schaft voll­zäh­lig an­ge­tre­ten!«

»Wer hat das ent­schie­den?«, frag­te sie.

»Ich, das ver­damm­te Schiff!«, rief Korn.

»Ich dach­te, ich bin Ka­pi­tä­nin?«

»Wenn die Wach­mann­schaft nicht ge­we­sen wä­re, hät­ten sie ei­ne Par­ty mit den Hai­en ge­fei­ert Ka­pi­tä­nin. Als Haupt­ge­richt!«, ki­cher­te Lea.

Korn füg­te an »Au­ßer­dem ist es mei­ne Ent­schei­dung, wer im Krä­hen­nest sitzt, so­lan­ge die Rat­te un­ter Deck bleibt!«

»Mi­cha­el, das war jetzt nicht nett«, sag­te Ka­rya­ni vor­wurfs­voll.

»Schon gut. Ich habs wie­der ein biss­chen über­trie­ben. Tut mir leid Ka­ry, aber dein Freund ist für mich im­mer noch ein ro­tes Tuch!«, ent­schul­dig­te sich Korn, was ihm einen di­cken Kuss von Lea ein­brach­te.

Liz konn­te es nicht glau­ben. Die drei sa­ßen zu­sam­men und ris­sen Wit­ze. So­gar Korn, der al­te Mie­se­pe­ter, konn­te sich so weit brem­sen und auf ei­ne mehr an­ge­neh­me­re Art zu­rück­grei­fen. Sie ver­stand nicht, was pas­siert war.

»Könn­te mich bit­te je­mand auf­klä­ren, was hier pas­siert ist?«, frag­te Liz et­was zö­ger­lich.

Lea ki­cher­te und deu­te­te auf Ka­rya­ni, die dann ant­wor­te­te »Ich hab, mit den bei­den ge­spro­chen als du in dei­nem Ses­sel da vor­ne ge­heult hast, Liz. Mi­ke hat zwar ge­sagt, ich soll­te Micha aus dem Weg ge­hen, aber der blö­de Arsch hat rich­tig was im Kopf. Noch da­zu bringt er manch­mal ge­nia­le Ide­en ein. Aber was am wich­tigs­ten ist, er lässt sich auch was sa­gen, zu­min­dest seit ihn Lea ge­impft hat. Wir ha­ben die gan­ze Zeit ei­ne rich­tig gu­te Un­ter­hal­tung ge­führt. Da­bei hab ich den bei­den ein biss­chen auf den Zahn ge­fühlt. Lea, hier war stink­sau­er auf dich und dein Ver­hal­ten als Micha sich ent­schul­digt hat. Die zwei sind ein tol­les Paar. Micha ist zwar noch et­was ver­stockt aber sei­ne Lea kit­zelt ihn dann schon. Wie ich dir un­ter vier Au­gen schon ge­sagt ha­be, war Micha das gan­ze mehr oder we­ni­ger egal, aber er steht eben hin­ter Lea. Wenn du ihr so einen di­cken Strich durch ih­re Be­mü­hun­gen machst, wird er auch sau­er. Je­den­falls hab ich ihm er­klärt, dass du die gan­ze Zeit um die Füh­rungs­po­si­ti­on kämpfst, er dir aber gar nicht die Chan­ce gibt. Sei­ne Ant­wort war«.

»Wa­rum kämpft die Al­te denn dar­um? Mir ist das scheißegal, ob sie das Te­am führt oder nicht. Ich zieh ein­fach mei­nen Stie­fel durch und dann hat sich das The­ma auch er­le­digt. Wenn sie steu­ern will, dann bit­te, nur soll­te sie be­grei­fen, dass ich nicht aus mei­ner Haut kann und ab und zu mei­ne ei­ge­nen Ak­tio­nen durch­füh­re, die nicht zwangs­läu­fig mit ih­ren kon­form ge­hen«, wie­der­hol­te Korn.

Ka­rya­ni nahm wie­der auf »Ich hab ihm dann er­klärt, das er zu­min­dest dir et­was da­von sa­gen soll­te. Da­bei kam raus, dass er es dir so­gar ge­sagt hat, was er vor­hat und der CIA ei­ne Fal­le ge­stellt hat, um sie los­zu­wer­den. Nur als er es dir ge­sagt hat­te, kamst du ihm mit dum­men Sprü­chen, dass es nichts mit der Auf­ga­be zu tun hat. Du warst so ver­blen­det in dei­nem Kampf, das du nicht mal ge­merkt hast, das Micha nur um die Si­cher­heit be­sorgt war. Nicht um sei­ne, son­dern um die von Lea und dir«, en­de­te sie.

»Das heißt Korn über­lässt mir die Füh­rung, geht aber auch ei­ge­ne We­ge, um un­se­re Si­cher­heit zu ge­währ­leis­ten?«, frag­te sie.

»Ex­ak­te­mun­do Croll! Nur, wenn ich ih­nen sa­ge, was ich vor­ha­be, kom­men sie mir nicht mehr mit dum­men Sprü­chen, von we­gen es hät­te nichts mit der Auf­ga­be zu tun. Die Si­cher­heit des Te­ams, ins­be­son­de­re die Si­cher­heit von Lea, sind nicht ver­han­del­bar! Ha­be ich mich klar aus­ge­drückt?«

»Glas­klar!«, be­stä­tig­te Liz, »Und was führ­te zur Er­nen­nung des Wach­pos­tens?«

»Da die Ka­pi­tä­nin Rotz und Was­ser ver­gos­sen hat, an­statt mal zu steu­ern hat mir Lea er­klärt, das Ka­ry den Pos­ten als Mis­ses Banks so gut wie si­cher hat. Jetzt er­in­ne­re ich mal an Istan­bul. The­ma Si­cher­heit. Wenn wir Ka­ry mit ins Boot ho­len wird Banks un­ter Ga­ran­tie kei­ne in ei­nem Van vö­geln, wenn sei­ne Num­me­ro Uno ge­fähr­det wird. Das wie­der­um be­deu­tet für mich mehr Si­cher­heit für Lea und auch sie Croll. Au­ßer­dem hat mir mei­ne Herz­da­me ge­flüs­tert, das Ka­ry bes­ser mit Über­wa­chung und Tech­nik um­ge­hen, kann als wir drei es je­mals ler­nen wer­den. Al­so ist es wohl dop­pelt sinn­voll Ka­ry in das Te­am auf­zu­neh­men. Wenn das dann end­lich in Eng­land an­ge­kom­men ist, wür­de ich mich jetzt ger­ne wie­der um un­se­re Auf­ga­be küm­mern!«

»Ein­ver­stan­den. Al­so wie weit sind wir?«, frag­te Liz.

»Ka­ry hat un­ser tro­ja­ni­sches Pferd fer­tig­ge­stellt, wäh­rend Micha und ich et­was ab­ge­lenkt wa­ren«, grins­te Lea.

»Ich will es mir bes­ser nicht vor­stel­len.«, sag­te Liz mit schie­fem Mund, »Gibt es schon et­was Neu­es zu dem Ge­dicht, was Mi­ke ge­fun­den hat?«

»Was für ein Ge­dicht?«, frag­te Korn.

»Das Ge­dicht auf der Fest­plat­te Mis­ter Korn. Sie soll­ten viel­leicht mal ih­re Nach­rich­ten le­sen, da steht es!«, mahn­te Liz.

Korn kram­te sein Han­dy aus der Ta­sche und öff­ne­te die Nach­rich­ten. Ge­nug Nach­rich­ten von sei­ner Lea mit Knutschs­mi­leys, Rech­nun­gen, Spam und tat­säch­lich ei­ne Nach­richt von ei­nem „Tas­ten­fi­cker“. Er las die Nach­richt. Dann frag­te er »Wo hat die­ser be­scheu­er­te Dich­ter ge­lebt, wenn er nicht ge­ra­de in Cancún Ma­te­ri­al ge­fin­gert hat?«

»So­weit ich weiß in Sp­lit!«, sag­te Liz.

»Okay, dann sieht un­ser Plan fol­gen­der­ma­ßen aus. Wir le­gen die­sen Clark­son auf Eis, pis­sen den Amis ans Bein und wer­fen dann Ka­ry über Ly­on aus der Ma­schi­ne wäh­rend wir nach Sp­lit flie­gen!«, plan­te Korn.

»Be­kom­me ich we­nigs­tens einen Fall­schirm?«, frag­te Ka­rya­ni.

»Den brauchst du nicht Ka­ry. Spann ein­fach dei­ne Haa­re auf, das müss­te rei­chen!«, wit­zel­te Korn.

»Lea, dein Mann ist wie­der ge­mein zu mir. Das be­deu­tet wei­te­re drei Mo­na­te Se­x­ent­zug!«

»Wei­te­re drei Mo­na­te? Dann wä­ren wir jetzt schon bei über fünf Jah­ren Ka­ry. Ir­gend­wann vor mei­nem 35. Le­bens­jahr hät­te ich schon mal ger­ne wie­der Sex, sonst wird das nichts mit dem Kind!«, maul­te Lea.

»Dann soll­te er nicht im­mer so bö­se sein, wür­de ich sa­gen«.

»Du musst ja nicht auf die Glit­zer­bar­by hö­ren mein Herz!«, warf Korn ein.

»Werd ich auch nicht Schatz. Ir­gend­wann in den nächs­ten Wo­chen wer­den wir si­cher mal ir­gend­wo in ei­nem Bett lie­gen und dann bist du aber so was von fäl­lig!«, lach­te Lea laut.

Liz tau­te lang­sam auf »Die paar Wo­chen wird er noch über­le­ben.«

»Croll, ich ha­be über 40 Jah­re ge­war­tet, mei­nen sie wirk­lich die paar Ta­ge wür­den mich noch stö­ren?«, frag­te er.

»Sie ver­a­schen mich Korn!«, rief Liz.

»Nein Liz, er ver­arscht dich nicht. Mein Ba­by hat­te noch nie was mit ei­ner an­de­ren«, kam ihm Lea zu­vor.

»Ähm, so ge­nau woll­te ich es gar nicht wis­sen. Aber was ma­chen wir dann in Sp­lit?«, frag­te Liz pein­lich be­rührt.

»Ernst­haft hat wirk­lich kei­ner einen Plan, was der al­te Sack im Kopf hat­te?«, frag­te Korn.

»Bis­her nicht. Gro­ßer Meis­ter Korn bit­te er­leuch­ten Sie uns!«, fleh­te Liz et­was ge­spielt.

»Kennt denn wirk­lich kei­ner die­sen al­ten Witz? Ich durf­te noch nicht mal al­lei­ne aufs Töpf­chen als ich, den schon kann­te!«, rief er, »Der Pen­ner schreibt von ei­nem Bil­lard­tisch. Tut wirk­lich weh im Ge­sicht und ist all­ge­mein mit ei­nem grü­nen Tuch be­spannt!«

»Das ist nicht ihr Ernst Korn. Mi­ke hat Stun­den dar­über ge­grü­belt, mit Rous­sel zu­sam­men. Lea wuss­te es nicht und ich hat­te auch kei­nen blas­sen Schim­mer. Die ha­ben schon In­ter­pol dar­auf an­ge­setzt. Und sie wer­fen das ein­fach mal so raus!«

»Sie sind schein­bar al­le zu jung. Rous­sel hät­te es wis­sen kön­nen, aber die­se Hirn­zel­len hat wohl der gan­ze Al­ko­hol ge­löscht.«

»Was? Al­ko­hol und ge­löscht?«, ent­wich es Lea.

»Lieb­ling, hast du nicht ge­wusst, das Rous­sel Kampf­trin­ker in der Leis­tungs­klas­se ist? Wenn er mor­gens im Bü­ro er­scheint, hat er mit Si­cher­heit schon min­des­tens zwei Um­dre­hun­gen!«, flüs­ter­te Korn.

»Nein, ich wuss­te nichts da­von«, brach­te Lea ver­zwei­felt her­vor.

Korn zog sie wie ei­ne Pup­pe auf sei­ne Ober­schen­kel und drück­te sie an sich »Tut mir leid Schatz, ich dach­te, du wüss­test es«, trös­te­te er.

Liz sah die klei­ne blon­de Frau et­was mit­lei­dig an »Ich ge­be das mit dem Bil­lard­tisch mal an Mi­ke wei­ter!«

Ka­ry blick­te hin und her. Sie hat­te kei­ne rech­te Ah­nung, um was es ei­gent­lich ging. Was ihr al­ler­dings zu schaf­fen mach­te, wa­ren die un­si­che­ren Aus­sich­ten auf den Auf­ent­halt in den USA. »Micha, tut mir leid, wenn ich euch ge­ra­de stö­re, aber wie soll das lau­fen, wenn wir in den Staa­ten lan­den? Ich kann mich ja kaum drau­ßen se­hen las­sen.«

Lea schluchz­te noch lau­ter, als sie ih­rem Freund ins Ohr flüs­ter­te »Ich darf dort auch nicht ge­se­hen wer­den.«

»Ich hab mir da schon was über­legt, auch wenn es der Ka­pi­tä­nin nicht ge­fal­len wird«, sprach er und warf einen kur­z­en Blick zu Liz.

»Die do­nut­süch­ti­gen Cops ken­nen euch. Lea ver­mut­lich mehr als Ka­ry. Aber Lea heißt jetzt Tay­lor und ich weiß das mei­ne sü­ße Auf­trags­kil­le­rin ei­ne Künst­le­rin ist, wenn es ums Ver­klei­den geht. Hin­ten in der Ma­schi­ne gibt es einen Schrank, den ihr noch nicht kennt. Da­rin fin­det sich al­les Mög­li­che, um sich zu ver­klei­den. Der Nach­teil ist wohl, dass sich Ka­ry von dem Fall­schirm tren­nen muss, den sie auf dem Kopf hat.«

»Wenn ich mich da­von tren­ne, bin ich noch ver­däch­ti­ger. Die Po­li­zei in den Staa­ten kennt mich nur mit kur­z­en Haa­ren. Was mich ver­rät, ist in ers­ter Li­nie mei­ne Haut­far­be« be­ton­te Ka­ry.

»OK, kannst du an­de­re Spra­chen au­ßer Eng­lisch?«, frag­te Korn.

»Ja!«, sag­te sie, »Ba­li­ne­sisch, Nie­der­län­disch und Fran­zö­sisch!«

»Das wird per­fekt. Lea, du ver­wan­delst Ka­ry in ei­ne dun­kel­häu­ti­ge Fran­zö­sin, sie be­kommt einen In­ter­po­l­aus­weis oh­ne Bild von ei­nem Pi­lo­ten. Of­fi­zi­ell ist sie mit­ge­schickt wor­den als Beo­b­ach­te­rin. Ach­te dar­auf das der gol­de­ne Schim­mer ver­schwin­det. Und du ver­wan­delst dich bit­te in ir­gend­was an­de­res. Such dir einen Look als Lea Tay­lor in den USA aus. Wenn wir wie­der mal bei In­ter­pol an­kom­men müs­sen wir ver­su­chen, eu­re Iden­ti­tä­ten kom­plett zu tau­schen. Ein­wän­de Ka­pi­tä­nin?«

»Kei­ne Ein­wän­de, nur fürs Pro­to­koll Korn, sie sind ein ver­damm­ter Teu­fel, wenn es dar­um geht sich Ge­schich­ten aus­zu­den­ken!«

»Croll, man lernt ei­ni­ges als Bo­dy­guard, un­ter an­de­rem auch wie man sich mög­lichst un­sicht­bar macht!«

Unauf­halt­sam nä­her­te sich die Ma­schi­ne dem Flug­ha­fen von Wa­shing­ton D. C. Die Zen­tra­le der CIA, in Langley im Bun­des­staat Vir­gi­nia ge­le­gen, war ei­gent­lich nicht mehr als ein klei­ner Vo­r­ort der Haupt­stadt der USA. Vom Flug­ha­fen aus wa­ren es ge­ra­de mal ei­ni­ge Mi­nu­ten mir dem Au­to. Die vier Agen­ten wa­ren auf dem Weg ih­ren Plan um­zu­set­zen. Lea, die be­reits ei­ni­ge Agen­ten des Ge­heim­diens­tes ge­tö­tet hat­te, kann­te sich gut in Langley, und dem großen Kom­plex des Haupt­quar­tiers der CIA aus. Für sie war es nicht mehr als ein klei­ner Aus­flug, nur mit dem Un­ter­schied das sie nicht mehr al­lei­ne un­ter­wegs war. Bis­her hat­te sie sich nur ein­mal auf je­man­den ver­las­sen, zu dem sie Ver­trau­en hat­te. Bei ih­rem letz­ten Job als Pro­fi­kil­le­rin. Die­ser Mann hat­te sie ver­ra­ten und ver­kauft. Sie wuss­te, das Korn sie im­mer be­schüt­zen wür­de, und nie­mals zu­lässt, dass sie ver­haf­tet wird. Die­ser ehe­ma­li­ge Bo­dy­guard wür­de für sie sein Le­ben op­fern. Glei­ches galt aber auch für Lea selbst. Wäh­rend ih­rer Rei­sen seit dem Auf­trag von In­ter­pol hat­ten sie sich vie­le Stun­den un­ter­hal­ten. Sie konn­ten sich blind auf­ein­an­der ver­las­sen. Die­ses Wis­sen mach­te es Lea die­ses Mal leich­ter, oh­ne ver­schie­de­ne Flucht­plä­ne zu agie­ren. Bei ih­ren Auf­trä­gen gab es de­ren im­mer min­des­tens fünf. Jetzt wa­ren es nur noch ma­xi­mal drei, aber sie hat­te die Plä­ne nicht selbst er­dacht, son­dern sich auch auf die Fä­hig­kei­ten ih­res Freun­des ver­las­sen.

Liz war hin­ge­gen wie­der glück­lich. End­lich hat­te sich die­se Pos­se mit Korn ge­klärt. Seit ih­rer An­kunft da­mals in Ly­on hat­te sie im­mer dar­um ge­kämpft die Füh­rung zu über­neh­men. Er war al­ler­dings über­mäch­tig und sie woll­te ihn mit al­len Mit­teln be­zwin­gen. Da­bei war es nie­mals sei­ne Ab­sicht, die­ses Te­am zu füh­ren. Korn tat das, was er am bes­ten konn­te, für die Si­cher­heit sor­gen. Sei­ne Si­cher­heit ver­nach­läs­sig­te er ger­ne bei sei­ner Ar­beit, aber nicht die­ses Mal. Mit Lea an sei­ner Sei­te war aus ihm ein an­de­rer Mensch ge­wor­den. Und zum ers­ten Mal er­kann­te sie, das hin­ter die­ser un­durch­dring­li­chen har­ten Au­ßen­haut ein Mensch ver­bor­gen war, der für sein Te­am durch die Höl­le ge­hen wür­de. Die­se Lie­be mit ih­rer Kol­le­gin Lea mach­te aus ihm fast einen nor­ma­len Mann, der so­gar freund­lich sein konn­te.

Ka­rya­ni war noch neu im Te­am, und trotz der War­nung ih­res Freun­des Mi­ke Banks der in Ly­on war sich von Korn fern­zu­hal­ten, muss­te sie fest­stel­len, das Mi­cha­el Korn nicht der Arsch war, für den ihn Mi­ke hielt. Sie hat­te mit ihm über den Vor­fall da­mals in Istan­bul ge­spro­chen, nach­dem er ihr er­zählt hat­te, was pas­siert war. Korn war nicht sau­er, weil er Ziel­per­so­nen oder Kol­le­gen ver­lo­ren hat­te, das ge­hör­te zum Ge­schäft. Er war ver­är­gert dar­über, dass aus­ge­rech­net er, dass al­les un­be­scha­det über­ste­hen muss­te. Das mach­te er Mi­ke zum Vor­wurf. Wä­re er da­mals ver­letzt oder gar ge­tö­tet wor­den, hät­te er sich da­für be­dankt. Aber auch sie er­kann­te den Auf­trieb der Lie­be zwi­schen Lea und ihm. Am Flug­ha­fen in Ca­ra­cas war er un­aus­steh­lich ge­we­sen. Erst nach­dem er viel Zeit in Ru­he mit Lea ver­bracht hat­te, wur­de er im­mer freund­li­cher. Sei­ne manch­mal un­flä­ti­ge Art war noch nicht ganz ver­schwun­den, aber es bes­ser­te sich zu­se­hends. Sie war jetzt Mit­glied des Te­ams ge­wor­den. Zu­sam­men mit ih­rem Freund Mi­ke, der noch kei­ne Ah­nung hat­te, dass sie sich bald wie­der in den Ar­men lie­gen konn­ten.

Als die In­ter­pol­ma­schi­ne in den Lan­de­an­flug auf Wa­shing­ton D. C. an­setz­te, stieg die Ner­vo­si­tät im Te­am. Nur Korn war die Ru­he in Per­son.

36. Kapitel
Spanien, Barcelona

Sjaak Vis trenn­te die Ver­bin­dung am Te­le­fon. Der Kon­takt­mann hat­te ihm neue In­for­ma­tio­nen zu­ge­spielt. Die­se Wis­sen­schaft­le­rin war in Ly­on. Wo ge­nau wuss­te er nicht zu be­rich­ten. Was es al­ler­dings mit die­sem Hin­weis auf sich hat­te, war im­mer noch ein Rät­sel. Das nächs­te Up­da­te wür­de in 48 Stun­den statt­fin­den.

Die bei­den Kil­ler mach­ten sich auf den Weg nach Ly­on, um Ma­rie Was­ser­stein zu su­chen. Di­rekt da­nach wür­den sie nach Ber­lin flie­gen und aus dem Vor­stands­vor­sit­zen­den der SilOld AG al­le In­for­ma­tio­nen ho­len, die sie brauch­ten. Soll­te doch In­ter­pol das Hin­weis­ge­dicht lö­sen. Sie wür­den von ih­rem Kon­takt er­fah­ren, wo sich die For­mel be­fand. Ein paar In­ter­po­l­agen­ten stell­ten kein großes Hin­der­nis dar. Sie wür­den nicht mal mer­ken, dass sie ster­ben wür­den. Sie wuss­ten jetzt ge­nau, wer die­se Agen­ten wa­ren. Ei­ne Po­li­zis­tin aus Eng­land, ein Ha­cker aus den USA, ein ehe­ma­li­ger Bo­dy­guard aus Deutsch­land und als Sah­ne­häub­chen La­dy Sni­per, ali­as Lea Enis eben­falls aus den USA. Als Sjaak Vis sei­nem Part­ner Co­dy Fo­ley den letz­ten Na­men ver­riet, konn­te er es nicht fas­sen. Den ein­zi­gen Auf­trag, den sie nie er­le­di­gen konn­ten, be­traf ge­nau die­se La­dy Sni­per. Sie war ih­nen im­mer wie­der ent­kom­men. Die­se Frau war wie ein Geist, kaum an ei­nem Ort lös­te sie sich in Luft auf, um dann ei­ni­ge Stun­den spä­ter wie­der wo­an­ders zu er­schei­nen. Die Bil­der der Agen­ten wür­den sie am nächs­ten Tag be­reits er­hal­ten. Der Kon­takt sen­de­te sie per Brief zu ei­nem Ho­tel, in dem sie ab­stei­gen wür­den.

Co­dy ent­schied sich für ei­ne Tar­nung als Ge­schäfts­leu­te. Ih­re Pila­tus war viel­fach an ver­schie­de­ne Fir­men als klei­ner ex­klu­si­ver Jet ver­kauft wor­den. Sie wür­de am Flug­ha­fen Ly­on kaum je­man­den über­ra­schen.

Frankreich, Lyon

Am Pool des klei­nen Ho­tels war es ru­hig ge­wor­den an die­sem Tag. Die an­de­ren Gäs­te wa­ren be­reits auf ih­ren Zim­mern ver­schwun­den, oder auf dem Weg zum Abendes­sen. Nur zwei Lie­gen wa­ren noch be­setzt. Die bei­den jun­gen Frau­en zo­gen ver­gnügt ih­re Bah­nen. Sie fühl­ten sich wohl hier. Das Ho­tel lag nicht zen­tral, son­dern ein biss­chen au­ßer­halb von Ly­on, aber die Ver­bin­dung in die Stadt dau­er­te ge­ra­de ein­mal fünf Mi­nu­ten mit der Stra­ßen­bahn. Im­mer wie­der fuh­ren sie am frü­hen Abend in die In­nen­stadt, be­such­ten Bars und Clubs und aßen in den un­ter­schied­lichs­ten Re­stau­rants. Bar­geld hat­ten sie noch ge­nug in der Ta­sche. Am Rand des Pools stan­den die bei­den Frau­en im hüft­ho­hen Was­ser zu­sam­men. Es war nicht zu über­se­hen, dass sie kei­ne ge­wöhn­li­chen Freun­din­nen wa­ren. Die bei­den konn­ten ih­re Fin­ger nicht von­ein­an­der las­sen.

»Wol­len wir uns heu­te Abend die­se Show an­se­hen?«, frag­te Ma­rie ih­re Freun­din.

»Ich den­ke, wir wer­den kei­ne Kar­ten mehr da­für be­kom­men Liebs­te. Lass uns Kar­ten für ei­ne Vor­stel­lung am Wo­che­n­en­de kau­fen.«

»Groß­ar­ti­ge Idee. Erst die Show und da­nach weiß ich schon, wo wir hin­ge­hen.«

»Wür­dest du es mir ver­ra­ten?«, frag­te Mar­ti­na Dam­gaard.

»Nein, das bleibt mein klei­nes Ge­heim­nis, aber es wird dir ge­fal­len, ver­spro­chen!«

»Gibst du mir einen klei­nen Hin­weis?«, kon­ter­te Mar­ti­na, »Oder muss ich es aus dir her­aus­ho­len?«, und leg­te ih­re Ar­me um die jun­ge Ma­rie.

»Das wür­de dir ge­fal­len!«, flüs­ter­te Ma­rie und küss­te ih­re Freun­din.

Bei­de stan­den eng um­schlun­gen im Pool und küss­ten sich. Die Son­ne ver­sank be­reits hin­ter dem Ho­ri­zont, als Mar­ti­na nach­gab und Ma­rie ins Ohr flüs­ter­te »Ich ge­be auf! Nicht weil ich es nicht aus der her­aus­be­kom­me. Mir wird lang­sam kalt.«

»Dann lass uns bes­ser auf das Zim­mer ge­hen. Ich ha­be große Lust, dich aus dem Bi­ki­ni zu be­frei­en, wenn du ver­stehst …«, neck­te sie Ma­rie und knab­ber­te an ih­rem Ohr.

Oh­ne ein wei­te­res Wort ver­lie­ßen die bei­den den Pool, pack­ten ih­re Hand­tü­cher und die klei­ne Ta­sche zu­sam­men und be­weg­ten sich zu der Tür des Ba­de­be­reichs. Wäh­rend sie durch den Kor­ri­dor lie­fen, der zu ih­rem Zim­mer führ­te wur­den sie im­mer schnel­ler. Be­reits auf hal­b­en We­ge ver­lor Mar­ti­na ihr Bi­ki­nio­ber­teil. Sie muss­te ste­hen blei­ben, um es auf­zu­he­ben. Ma­rie zog sie im­mer wei­ter bis zu ih­rem Zim­mer. Vor der Tür such­te Mar­ti­na ver­zwei­felt nach der Zim­mer­kar­te in der Ta­sche. Sie konn­te sie nicht er­tas­ten und Ma­rie ließ ihr kei­ne Zeit, da­nach zu su­chen. Im­mer for­dern­der wur­den ih­re Küs­se und ih­re Hän­de wan­der­ten auf Mar­tinas Kör­per um­her. End­lich fand Mar­ti­na die Kar­te in ei­nem Au­ßen­fach der Ta­sche und führ­te sie müh­sam zu dem Ter­mi­nal. Die Tür sprang auf und bei­de fie­len eng um­schlun­gen in den Raum. Die Tür stand im­mer noch weit of­fen, als Mar­ti­na nur noch mit Haut be­klei­det mit­ten im Zim­mer stand. Ma­rie gab der Tür nur einen klei­nen Tritt be­vor sie auf dem Bett lan­de­ten.

Bei­de be­merk­ten nicht, dass man sie schon die gan­ze Zeit be­ob­ach­tet hat­te. Ih­re Zim­mer­tür war nicht ge­schlos­sen. Der klei­ne Tritt, den Ma­rie ihr ver­setzt hat­te, reich­te nicht aus, um sie in das Schloss fal­len zu las­sen. Ein schwarz ge­klei­de­ter Mann schlüpf­te in den Raum und schloss die Tür lei­se hin­ter sich. Die bei­den Frau­en auf dem Bett be­merk­ten nicht, das sie nicht län­ger al­lei­ne wa­ren. Lang­sam pirsch­te sich die Ge­stalt von der Tür am Ba­de­zim­mer vor­bei und blieb ver­deckt hin­ter der Wand ste­hen. Vor­sich­tig hielt er ei­ne klei­ne Vi­deo­ka­me­ra um die Ecke und stell­te das Bild scharf. Un­be­weg­lich blieb er dort ste­hen. Als Mar­ti­na und Ma­rie völ­lig er­schöpft in die Kis­sen san­ken, schlich der frem­de Mann wie­der zur Tür. Oh­ne Hast und ge­räusch­los drück­te er die Klin­ke nach un­ten und ver­ließ das Zim­mer. Er ließ sie nicht zu­fal­len, son­dern lehn­te sie nur an. Dann ent­fern­te er sich un­ge­se­hen.

Ma­rie und Mar­ti­na hat­ten nichts be­merkt. Sie la­gen ne­ben­ein­an­der in den Kis­sen. Erst als Mar­ti­na zur Toi­let­te muss­te und auf­stand be­merk­te sie die noch of­fe­ne Tür. Sie dreh­te sich um, lins­te zu Ma­rie auf dem Bett und grins­te »Nächs­tes mal soll­ten wir die Tür viel­leicht bes­ser zu ma­chen. Oder stehst du auf Zuschau­er Schatz?«

Ma­rie blick­te zu ihr und mein­te nur »Ups!«

Bei­de lach­ten. Knapp ei­ne Stun­de spä­ter ver­lie­ßen sie das Ho­tel und fuh­ren mit der Stra­ßen­bahn in die In­nen­stadt. Sie nah­men ein Abendes­sen in ei­nem grie­chi­schen Re­stau­rant zu sich und zo­gen wei­ter in ei­ne Bar. Die Nacht war noch jung. Sie tanz­ten noch die hal­be Nacht be­vor sie wie­der in das Ho­tel zu­rück­kehr­ten.

Deutschland, Berlin

Die Sit­zung des Bun­des­ta­ges dau­er­te nun schon Stun­den. An­ge­li­ka Ro­ten­fels tipp­te ge­lang­weilt auf ih­rem Smart­pho­ne. Vor­ne am Red­ner­pult stand ge­ra­de ein Ab­ge­ord­ne­ter der Op­po­si­ti­on und hielt ei­ne Re­de über die viel zu ho­he Steu­er­be­las­tung der Bür­ger. Der Red­ner hielt sich nicht zu­rück. Er at­ta­ckier­te die Bun­des­re­gie­rung aufs schärfs­te. Da­bei griff er auch die Bun­des­kanz­le­rin an. Ro­ten­fels hör­te gar nicht hin. Für sie war das nichts wei­ter als ein Pf­licht­pro­gramm, was sie zu ab­sol­vie­ren hat­te. Ver­ba­le At­ta­cken auf sie und ih­re Ar­beit in­ter­es­sier­ten sie nicht. Sie saß nur hier, weil es ih­re Pf­licht war. Die Bür­ger des Lan­des, ih­re Be­las­tun­gen und Le­ben­sum­stän­de wa­ren ihr egal. Für An­ge­li­ka Ro­ten­fels war die­ses Amt nur ein Sprung­brett in ein Le­ben oh­ne Sor­gen. Die­ses Ziel rück­te im­mer nä­her. Sie hat­te be­reits seit ei­ni­ger Zeit ein Häu­schen in Ar­gen­ti­ni­en ge­kauft. Al­les, was ihr jetzt noch fehl­te, wa­ren ei­ni­ge Mil­lio­nen. Ei­gent­lich hat­te sie vor sich das schö­ne Le­ben durch den Steu­er­zah­ler fi­nan­zie­ren zu las­sen. Lei­der war es fast un­mög­lich, die Gel­der der Steu­er­zah­ler auf ihr Kon­to um­zu­lei­ten. Sie hät­te Finanz­mi­nis­te­rin sein müs­sen, dann wä­re das kein großes Pro­blem ge­we­sen, aber die­sen Pos­ten be­setz­te ein Par­tei­kol­le­ge, der tat­säch­lich glaub­te, er wür­de et­was für die Wäh­ler tun müs­sen. Ro­ten­fels hat­te sich nach oben ge­kämpft und sich vor zwei Jah­ren zur Kanz­le­rin wäh­len las­sen. Sie hat­te hart dar­an ge­ar­bei­tet ge­nug Dreck über ih­re Wi­der­sa­cher aus­zu­gra­ben und dann so ge­schickt ein­zu­set­zen, um die­ses Amt zu er­rei­chen. Als Bun­des­kanz­le­rin hielt man al­le Fä­den in der Hand. Sie hat­te da­für ge­sorgt, dass sie noch viel mehr in der Hand hat­te. Über je­den Mi­nis­ter ih­res Ka­bi­netts gab es un­zäh­li­ge Gau­ne­rei­en zu be­rich­ten. Über dem Bun­des­prä­si­den­ten wä­re so­fort ein Sturm her­ein­ge­bro­chen, wenn er sich ge­wei­gert hät­te ir­gen­det­was von ihr nicht zu un­ter­zeich­nen. Ih­re Mi­nis­ter­schäf­chen han­del­ten so, wie sie das woll­te bis auf die­sen ver­damm­ten Finanz­mi­nis­ter. Ihr ei­gent­li­cher Kan­di­dat für die­ses Amt muss­te sei­nen Pos­ten nach vier Mo­na­ten räu­men. Ein be­geis­ter­ter Berg­stei­ger war er ge­we­sen. Bei ei­ner Tour zum Ba­sis­la­ger des Mount Ever­est kam sein Trupp in ein mas­si­ves Un­wet­ter. Um zu über­le­ben, hat­ten er und sei­ne Kol­le­gen einen an­de­ren aus der Grup­pe ge­op­fert. Ro­ten­fels wuss­te fast al­les dar­über und sie hat­te ihn völ­lig in der Hand, so wie all die an­de­ren. Nach Amts­an­tritt aber wur­de er wäh­rend ei­nes Aus­flugs zum Ski­fah­ren von ei­ner Pis­ten­rau­pe über­rollt. Al­les, was ihr üb­rig blieb, war einen an­de­ren zu er­nen­nen. Sie hat­te sich für die­sen Idio­ten ent­schie­den und erst hin­ter­her be­merkt, dass es ihm um die Wäh­ler geht und nicht um sei­nen ei­ge­nen Vor­teil. Die­ser Traum­tän­zer hat­te ih­re gan­zen Plä­ne durch­ein­an­der­ge­bracht. Man wird nicht Bun­des­kanz­le­rin, weil es so viel Spaß macht für Lü­gen und däm­li­ches Ge­re­de be­zahlt zu wer­den. Die freie Wirt­schaft be­zahl­te Un­sum­men an Mi­nis­ter und Ab­ge­ord­ne­te, um ih­re Schäf­chen ins Tro­cke­ne zu brin­gen. Ber­lin war ein ein­zi­ges El­do­ra­do für Lob­by­is­ten. Mal ging mal da, und mal hier Es­sen und ließ sich die Ta­sche voll Lü­gen fül­len. Er­hielt ab und zu mal die Ein­la­dung, einen Vor­trag zu hal­ten für ei­ni­ge Tau­send Eu­ro, und im­mer wie­der gab es auch mal be­gehr­te Pos­ten in Fir­men­vor­stän­den ab­zu­stau­ben. Ro­ten­fels war für die­se Pöst­chen völ­lig un­ge­eig­net. Zum einen hat­te sie nichts im Kopf, was für Fir­men in­ter­essant sein könn­te, und sie sah aus wie ei­ne Kuh nach der Band­wurm­kur und für Vor­trä­ge gab es kei­ne An­ge­bo­te. Ihr Ziel war es so viel Geld aus den Steu­er­zah­lern zu ho­len wie mög­lich, um sich da­mit ein sor­gen­frei­es Le­ben in Ar­gen­ti­ni­en spon­sern zu las­sen. Der Ver­dienst als Kanz­le­rin war lä­cher­lich, das wür­de hin­ten und vor­ne nicht rei­chen. Ent­we­der muss­te sie min­des­tens acht Jah­re auf die­sem Pos­ten sit­zen um ei­ne, in ih­ren Au­gen, mick­ri­ge Pen­si­on ein­zu­strei­chen, oder über die­ses Amt an an­de­re Ver­diens­te kom­men. Die­se Tür hat­te sich vor knapp vier Wo­chen end­lich ge­öff­net, als sie von die­sem CIA-Dep­pen an­ge­ru­fen wur­de. Sei­ne Ab­tei­lung hat­te durch die lücken­lo­se Über­wa­chung der Bun­des­re­pu­blik fest­ge­stellt, dass es mal wie­der ei­ne Er­fin­dung zu ho­len gab. Da kaum je­mand wuss­te, das Deutsch­land seit 1945 noch im­mer kein frei­es Land war, selbst Ro­ten­fels wuss­te bis zu ih­rer Er­nen­nung nichts da­von, klopf­te nun die USA an ih­re Tür. Das er­öff­ne­te für Ro­ten­fels, völ­lig neue Mög­lich­kei­ten. Die CIA woll­te ei­ne Er­fin­dung der SilOld AG. Ro­ten­fels war das egal, denn sie hat­te nur Ar­gen­ti­ni­en und Mil­lio­nen im Kopf. Al­so ließ sie sich von dem An­ru­fer ein­span­nen für um­ge­rech­net knapp 8 Mil­lio­nen Eu­ro da­für zu sor­gen, dass die­se Er­fin­dung in den USA ver­schwin­det. Das war ih­re große Chan­ce. Sie hat­te al­le mög­li­chen In­for­ma­tio­nen di­rekt nach Langley über­mit­telt. Al­les, was jetzt noch fehl­te, war die­ses ver­damm­te Pa­tent, das die SilOld AG ein­ge­reicht hat­te. Heu­te nach der Sit­zung soll­te es so weit sein und die­ses Pa­pier wür­de auf un­er­klär­li­che Wei­se von der Bild­flä­che ver­schwin­den. Ro­ten­fels hat­te den Be­am­ten aus­fin­dig ge­macht der es in sei­nem Bü­ro be­ar­bei­te­te. Als Bun­des­kanz­le­rin war es ihr ein Leich­tes die­sen Be­am­ten zu sich zu be­stel­len, mit der kom­plet­ten Ak­te, um sich ein Bild da­von zu ma­chen.

Nach der Sit­zung ging sie di­rekt in ihr Bü­ro und war­te­te auf das Er­schei­nen des Be­am­ten. Es war kurz vor 18 Uhr, als er end­lich kam. Ro­ten­fels bot ihm einen Platz an und ließ sich die ge­sam­te Ak­te aus­hän­di­gen. Zur Durch­sicht, wie sie ihm ver­si­cher­te und na­tür­lich, wie man die Ge­set­ze an­pas­sen muss­te, um die­se Tech­no­lo­gie für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger nutz­bar zu ma­chen. Po­li­tik konn­te so ein­fach sein.

»Darf ich ih­nen et­was zu trin­ken an­bie­ten, wäh­rend sie war­ten?«, frag­te sie in ru­hi­gem Ton.

»Ein Was­ser, wenn es kei­ne Um­stän­de macht Frau Bun­des­kanz­le­rin«, ant­wor­te­te er.

»Nein, das macht kei­ne Um­stän­de. Ei­nen Au­gen­blick bit­te.«

An­ge­li­ka Ro­ten­fels ging aus dem Bü­ro in ihr klei­nes Ne­ben­zim­mer und brach­te dem Be­am­ten ein Glas und ei­ne Kar­af­fe mit Mi­ne­ral­was­ser. Sie stell­te ihm bei­des auf den Tisch und nahm sich die Ak­te zur Hand. Der Be­am­te schenk­te sich ein Glas Was­ser ein und trank gie­rig ei­ni­ge Schlu­cke. Ro­ten­fels re­gis­trier­te es mit ei­nem lä­cheln. Sie blät­ter­te in der Ak­te. Le­sen woll­te sie nicht, was dar­in auf­ge­führt war. Zum einen ver­stand sie da­von nichts und zum an­de­ren ging es nur dar­um, die­sen Vor­gang ver­schwin­den zu las­sen. Nach ei­ner Drei­vier­tel­stun­de, der Be­am­te saß be­reits un­ge­dul­dig auf sei­nem Stuhl, hat­te aber brav ei­ni­ge Glä­ser ge­trun­ken sag­te sie, »Die­se Ak­te ist ziem­lich um­fang­reich Herr Kreu­zer, und ich wer­de wohl viel mehr Zeit be­nö­ti­gen, sie durch­zu­se­hen. Wä­re es ih­nen mög­lich, sie bis mor­gen hier zu las­sen. Sie ha­ben si­cher einen lan­gen Tag hin­ter sich und ich wür­de ih­re Fa­mi­lie un­gern war­ten las­sen bis ich da­mit durch bin.«

»Ei­gent­lich wi­der­spricht es den Vor­schrif­ten, ei­ne Ak­te au­ßer­halb des Bü­ros auf­zu­be­wah­ren Frau Bun­des­kanz­le­rin«, sag­te Kreu­zer.

»Das ver­ste­he ich nur zu gut, Herr Kreu­zer. Ich wer­de wohl sehr viel län­ger be­nö­ti­gen, um sie durch­zu­ge­hen. Es wä­re nicht fair, sie hier bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den sit­zen zu las­sen wäh­rend ich dar­an ar­bei­te. Ich bin si­cher, sie ha­ben et­was Bes­se­res zu tun, als mich al­te Schach­tel beim Le­sen zu be­ob­ach­ten.«

»Wie lan­ge wer­den sie die Ak­te be­nö­ti­gen Frau Bun­des­kanz­le­rin?«

»Nur bis mor­gen. Ich wer­de da­für sor­gen, das sie sie be­reits noch vor dem Früh­stück wie­der auf dem Tisch ha­ben.«

»In Ord­nung Frau Bun­des­kanz­le­rin. Im Kanz­ler­amt dürf­te sie ge­nau­so si­cher auf­ge­ho­ben sein wie in ei­nem Sa­fe.«

»Na­tür­lich, Herr Kreu­zer! Das ver­si­che­re ich ih­nen. Mor­gen wird sie dann ein Bo­te per­sön­lich bei ih­nen ab­lie­fern«, ver­si­cher­te sie ihm.

»Das ge­nügt mir Frau Bun­des­kanz­le­rin!«

Ro­ten­fels stand von ih­rem Schreib­tisch auf und ver­ab­schie­de­te den Be­am­ten. Sie brach­te ihn noch zur Tür und ließ ihn von ei­nem Be­diens­te­ten durchs Ge­bäu­de zum Aus­gang be­glei­ten. Als sie ih­re Bü­ro­tür schloss, nahm sie das Glas und die Kar­af­fe und kipp­te das Was­ser weg. Sorg­fäl­tig spül­te sie das Ge­schirr aus und stell­te es wie­der in einen Schrank zu­rück. Zu­rück am Schreib­tisch schlug sie die Ak­te zu und steck­te sie in einen Um­schlag. End­lich war es so weit. Sie hat­te al­les zu­sam­men, um es der CIA zu über­ge­ben.

Der Be­am­te Kreu­zer ver­ließ das Kanz­ler­amt und setz­te sich in sei­nen dun­kelblau­en Au­di. Er fuhr durch die be­leb­ten Stra­ßen Ber­lins, um nach Hau­se zu kom­men. Es fehl­ten nur noch sie­ben Ki­lo­me­ter, bis zu sei­nem Häu­schen als er für im­mer die Au­gen schloss. Der Au­di prall­te in den Sei­ten­gra­ben. Der Be­am­te saß tot hin­term Steu­er.

37. Kapitel
Vereinigte Staaten, Langley (VA)

Ge­gen 9 Uhr am Mor­gen klopf­te es an der Bü­ro­tür von John Clark­son. Er be­kam ein Päck­chen über­reicht. Als Ab­sen­der stand Agen­tin Tri­na Ba­tes auf dem Eti­kett. Clark­son konn­te es kaum er­war­ten, das Pa­ket zu öff­nen. Mit zitt­ri­gen Hän­den fum­mel­te er die Ver­pa­ckung auf. Da­rin be­fand sich ein me­tal­lisch glän­zen­der Block von der Grö­ße ei­nes Smart­pho­nes, ein­ge­packt in ei­ner di­cken Plas­tik­fo­lie. Auf ei­nem Zet­tel war hand­schrift­lich ver­merkt wor­den, dass der Block an­ge­fasst wer­den konn­te, al­ler­dings wür­de man einen elek­tri­schen Schlag be­kom­men. Er freu­te sich wie ein klei­nes Kind an Weih­nach­ten. Vor­sich­tig nahm er den Block und leg­te ihn auf sei­nen Schreib­tisch. Er öff­ne­te die Plas­tik­fo­lie und be­sah sich die Ober­flä­che des Ma­te­ri­als. Es sah fast aus wie Bron­ze, aber da­für stimm­te das Ge­wicht nicht. Das Stück war viel zu leicht. Der Zei­ge­fin­ger sei­ner lin­ken Hand schweb­te et­wa einen hal­b­en Zen­ti­me­ter über dem Block. Die Hand­flä­chen wa­ren ver­schwitzt und auch auf sei­ner Stirn glänz­te der Schweiß. Für den Bruch­teil ei­ner Se­kun­de tipp­te er sei­nen Fin­ger auf den Block auf sei­nem Schreib­tisch. So­fort durch­zuck­te ihn ein kräf­ti­ger Strom­schlag. Er hat­te es ge­schafft. Das Ma­te­ri­al das er in der hal­b­en Welt hat­te su­chen las­sen, be­fand sich end­lich in sei­nem Bü­ro. In Me­xi­ko fan­den sei­ne Leu­te nur ei­ne ver­gra­be­ne Box, der In­halt fehl­te aber. Nach­dem er in Cancún die­ses For­schungs­zen­trum säu­bern und durch­su­chen ließ, fand sich die­ses Ma­te­ri­al und auch die For­mel nicht. Erst der Tipp sei­ner In­for­man­tin brach­te Ca­ra­cas als Lö­sung her­vor. Ba­tes hat­te Wort ge­hal­ten und ihm ih­ren Fund di­rekt an sein Bü­ro ge­schickt. Jetzt brauch­te er nur noch die­ses Pa­tent. Er griff zum Te­le­fon. Die­se Sch­nep­fe konn­te jetzt un­mög­lich jam­mern, im­mer­hin müss­te es in Deutsch­land frü­her Nach­mit­tag sein.

Zwei­hun­dert Me­ter ent­fernt am Wald­rand das die Ge­bäu­de der CIA um­gab, lag ei­ne klei­ne Frau flach auf dem Bo­den. We­ni­ge Me­ter hin­ter ihr la­gen ihr Freund und ih­re zwei Kol­le­gin­nen. Ka­rya­ni hat­te Kopf­hö­rer auf ih­re Ohren ge­setzt und fum­mel­te an ei­nem di­gi­ta­len Auf­nah­me­ge­rät. Es war ein glück­li­cher Zu­fall, dass ihr Päck­chen in ei­nem Bü­ro ge­lan­det war, das in dem neu an­ge­bau­ten Teil lag. Dort war­te­ten die In­ter­po­l­agen­ten dar­auf, bis der Or­tungs­chip die ex­ak­te Po­si­ti­on er­reich­te. Es war pu­rer Zu­fall, dass die­se Po­si­ti­on ge­nau da lag, wo sie in Stel­lung ge­gan­gen wa­ren. Um ei­ne bes­se­re Schuss­po­si­ti­on zu be­kom­men, muss­ten sie nur knapp hun­dert Me­ter wei­ter durch den Wald ge­hen. Lea lag ver­steckt in ei­nem Busch. Durch ihr Ziel­fern­rohr sah sie Clark­son an sei­nem Schreib­tisch ste­hen. Sein Bü­ro lag im fünf­ten Stock des Ge­bäu­des und da­mit nur ei­ni­ge Me­ter tiefer als ih­re Po­si­ti­on.

Ka­ry frag­te bei Lea nach, ob in dem Raum ei­ne Frau zu se­hen war. Die Ant­wort war Po­si­tiv. Kurz dar­auf kam von Lea die Mel­dung, die Frau ha­be das Bü­ro wie­der ver­las­sen. Dann spit­ze Ka­ry die Ohren und ih­re Au­gen wur­den im­mer grö­ßer. Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten riss sie die Kopf­hö­rer von den Ohren und sag­te »Lea jetzt!«

Lea nahm Clark­son ins Vi­sier und drück­te ab. Ein lei­ses Plop­pen war zu hö­ren. Sie sah in ih­rem Ziel­fern­rohr den Agen­ten um­fal­len. Er fiel seit­lich auf den Bo­den, als Lea mein­te, »Ziel­per­son aus­ge­schal­tet!«

Korn gab den Be­fehl »Schatz, jetzt bit­te Klein­holz! Gib al­les!«

Lea stell­te auf Dau­er­feu­er und jag­te Pro­jek­til um Pro­jek­til in das Bü­ro. Sie sah die Ein­schlä­ge in der Wand auf­plat­zen. Holz­stück­chen der Mö­bel flo­gen in ho­hem Bo­gen durch den Raum und Bil­der fie­len von der Wand.

Liz schrie »Ge­nug Lea, sie ha­ben es ge­merkt. Rück­zug!«

Lea gab ih­re Po­si­ti­on auf und zog sich in den Wald zu­rück. Korn kroch auf sie zu und nahm ihr das Ge­wehr ab. Ge­duckt rann­ten die vier In­ter­po­l­agen­ten quer durch den Wald. Liz und Ka­ry rann­ten vor­ne weg, da­hin­ter Lea und Korn ganz am En­de. Mit­ten im Wald hat­ten sie ih­ren Miet­wa­gen ab­ge­stellt. Die Tü­ren hat­ten sie of­fen­ge­las­sen. Korn hat­te dar­auf be­stan­den, um schnel­ler ein­stei­gen zu kön­nen. Liz und Ka­ry hech­te­ten auf die Rück­bank. Lea rann­te um die Mo­tor­hau­be her­um und warf sich auf den Bei­fah­rer­sitz. Korn schmiss das Ge­wehr zu Liz nach hin­ten und klemm­te sich hin­ters Steu­er. Er star­te­te den Wa­gen und ras­te den klei­nen Wald­weg ent­lang. Sie wur­den ganz schön durch­ge­schüt­telt. Korn fuhr mit sehr ho­hem Tem­po. Die Rä­der pflüg­ten durch den wei­chen Un­ter­grund und rutsch­ten im­mer wie­der weg. Korn schraub­te am Lenk­rad und hielt den Wa­gen in der Spur. Kurz dar­auf er­reich­ten sie die As­phalt­stra­ße nach Sü­den. Korn hielt sich an die Ge­schwin­dig­keits­be­gren­zung. Liz nahm das Ge­wehr aus­ein­an­der, das jetzt ab­ge­kühlt war und leg­te die Ein­zel­tei­le in die Ta­sche vor sich. Als sie fer­tig war, ver­stau­te sie die Ta­sche im Kof­fer­raum, in­dem sie die Hut­abla­ge an­hob und die Ta­sche durch die Öff­nung drück­te.

Lea hat­te ein Grin­sen auf den Lip­pen. Korn fuhr in ein In­dus­trie­ge­biet et­was au­ßer­halb. Er lenk­te den Miet­wa­gen di­rekt in ei­ne Wasch­an­la­ge. Als der Mo­tor erstarb, warf sich Lea auf ih­ren Freund und küss­te ihn stür­misch. Ka­ry rief von hin­ten »Ihr wer­det das nicht glau­ben Leu­te. Clark­son hat te­le­fo­niert be­vor die Frau in dem Bü­ro war. Sei­ne Ge­sprächs­part­ne­rin war nie­mand Ge­rin­ge­res als die Bun­des­kanz­le­rin der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Ei­ne ge­wis­se An­ge­li­ka Ro­ten­fels.«

Korn blick­te zu Ka­ry auf dem Rück­sitz »Das ist nicht Dein Ernst!«

»Doch Micha, pass auf, ich spiel es Euch vor!«

Sie drück­te ein paar Knöp­fe und dann hör­ten sie Clark­sons Stim­me.

Clark­son hier.

Ja­ja die­ses Ge­jam­me­re ken­ne ich schon von ih­nen Ro­ten­fels.

Ha­ben Sie end­lich die­ses Pa­tent oder muss ich es von mei­nen Leu­ten ho­len las­sen.

Sie ha­ben es? Na wur­de aber auch lang­sam Zeit.

Hal­ten Sie Ihr däm­li­ches Maul, sie krie­gen die Koh­le schon.

Ja ich schi­cke ih­nen am Mitt­woch je­man­den, dem Über­ge­ben sie die Ak­te und sie be­kom­men Ihr Geld.

Wo­hin?

Ist Okay. Ach Frau Bun­des­kanz­le­rin, es war mir ei­ne Freu­de mit ih­nen Ge­schäf­te zu ma­chen.

Al­le drei hör­ten sie un­gläu­big die Sät­ze von Clark­son auf dem Band. Korn schlug auf das Lenk­rad und rief »Ich wuss­te, das die­ses per­so­ni­fi­zier­te Ver­hü­tungs­mit­tel ge­nug Dreck am Ste­cken hat, um ei­ne Bio­gas­an­la­ge vier­zig Jah­re zu ver­sor­gen!«

Lea fing laut an zu la­chen. Ka­ry und Liz mach­ten fra­gen­de Ge­sich­ter. Lea klär­te die bei­den auf.

»Mi­cha­el hat­te schon im­mer den Ver­dacht das, die nichts Gu­tes im Schil­de führt. Ich hab Bil­der von der ge­se­hen. Die­se Frau hat nichts Hüb­sches an sich und er hat ge­sagt, es gibt in Deutsch­land einen Witz. Wie ging der noch gleich Schatz?«

Korn rief »Das bes­te Ver­hü­tungs­mit­tel, was es gibt, ist ein Bild der Al­ten überm Bett. Ein Blick dar­auf reicht aus, um den Stän­der in ei­ner Se­kun­de ver­schwin­den zu las­sen!«

Al­le lach­ten. Liz frag­te nach »Wenn die da mit drin steckt, und nach­dem was wir ge­hört ha­ben, ist das ja of­fen­sicht­lich, was ma­chen wir dann?« Korn blick­te in den In­nen­spie­gel zu Ihr, als Ka­ry rief »Es gibt zwei Mög­lich­kei­ten. Ent­we­der wir neh­men sie Hopp, oder Clark­son be­sei­tigt sie!«

Lea rief »Clark­son ist hin­über Ka­ry. Der be­sei­tigt nie­mand mehr!«

»Das stimmt, aber Ihr habt nicht ge­hört, was ich ge­hört ha­be. Die Frau in sei­nem Bü­ro war ei­ne An­ge­stell­te von Clark­son. Wollt Ihr hö­ren, was sie ge­sagt ha­ben?«

»Mach es nicht so span­nend Ka­ry, raus da­mit!«, nör­gel­te Korn.

Ka­ry schal­te­te das Auf­nah­me­ge­rät wie­der an.

»Blair, ma­chen sie die Tür zu.« (Tü­ren schla­gen)

»Die­se deut­sche Sch­lam­pe hat das Pa­tent, aber sie geht mir auf die Ner­ven.«

»Was kann ich tun Sir?«

»Flie­gen Sie nach Deutsch­land. Neh­men Sie ein biss­chen Geld in ei­nem Kof­fer mit. Es soll den Ein­druck von ein paar Mil­lio­nen ma­chen. Am Mitt­woch ge­hen sie um 17 Uhr Orts­zeit in die Tief­ga­ra­ge am Tier­gar­ten. Das Bank­zin­sen­lu­der über­gibt ih­nen ei­ne Ak­te, sie Ihr den Kof­fer. Le­gen Sie die Sch­lam­pe um und las­sen sie sie ver­schwin­den. Brin­gen Sie den Kof­fer und die Ak­te wie­der mit.«

»Ha­ben sie einen Wunsch wo­hin sie ver­schwin­den soll Sir?«

»Nein Blair. Sor­gen Sie da­für, das sie nicht ge­fun­den wird.«

»Ein Bild der Tro­phäe Sir?«

»Nicht nö­tig. Die ist so häss­lich das sie le­ben­dig schon, als Brech­mit­tel taugt.«

»Al­les klar Sir!« (Tür geht auf und zu)

»Höchst in­ter­essant. Kurz vor sei­nem Ab­le­ben gibt er noch den Auf­trag, ei­ne Po­li­ti­ke­rin zu tö­ten!«, mur­mel­te Liz.

»Ka­pi­tä­nin wie ge­hen wir vor? Soll sie die CIA um­le­gen oder wol­len sie sie vor Ge­richt stel­len?«, frag­te Korn.

Lea rief »Darf ich sie ab­knal­len bit­te? Ich hab mir schon im­mer ge­wünscht, hoch­ran­gi­ge Po­li­ti­ker zu er­le­gen!«

Liz zog die Au­gen­brau­en nach oben »Lea, Du hast die Sei­ten ge­wech­selt! Wir kön­nen sie nicht ein­fach da­von­kom­men las­sen.«

»Sie kommt ja nicht da­von, ent­we­der wir sa­cken sie ein, oder die CIA lässt sie ver­schwin­den«, er­in­ner­te Ka­ry.

»Ich den­ke, wir ho­len uns die­ses Weibs­stück und pa­cken sie in ein Ge­fäng­nis, wo sie hin­ge­hört!«, ent­schied Liz.

Korn ver­zog das Ge­sicht »Ich kann da nicht mit­kom­men Croll. Wenn ich die schon se­he, ha­be ich große Lust, ihr das nicht vor­han­de­ne Rück­grat zu bre­chen!«

»Ich weiß Korn, ih­re Ab­nei­gung ge­gen Po­li­ti­ker ist mir be­kannt«, blaff­te Liz, »Wir soll­ten jetzt erst un­se­re Ak­ti­on hier zu En­de brin­gen. Ka­ry sorgt da­für, dass die gan­ze Welt er­fährt, was die­ser Clark­son sich Hüb­sches ge­leis­tet hat. Auf die Stel­lung­nah­me bin ich mal ge­spannt! Wir le­gen dann einen klei­nen Zwi­schen­stopp in Ly­on ein, da­mit Ka­ry ih­ren Mi­ke wie­der se­hen kann. Korn und Lea flie­gen dann nach Sp­lit und be­sor­gen die For­mel und Ka­ry und ich ma­chen uns dann auf den Weg, die­se Ro­ten­fels ein­zu­kas­sie­ren.«

»Und was macht Mi­ke?«, frag­te Ka­ry.

»Er holt die­se Was­ser­stein und ih­re Freun­din aus dem Ho­tel und schickt sie nach Hau­se!«, kam von Liz.

»Croll, das soll­ten wir bes­ser las­sen«, brumm­te Korn, »Sie wis­sen so gut wie ich das da noch an­de­re Ver­sa­ger auf der Su­che nach de­nen sind, oder ha­ben sie die­se bei­den Kil­ler in Ko­pen­ha­gen ver­drängt?«

»Sie ha­ben recht Korn. Die Fra­ge ist nur, wie wir die bei­den noch aus­schal­ten«, über­leg­te Croll.

»Ver­mut­lich sind die­se bei­den nur we­gen der For­mel hin­ter die­sem Was­ser­bein her. Bis wir die ha­ben, soll­ten sie blei­ben, wo sie sind. Wenn die For­mel öf­fent­lich ist, dürf­te nichts mehr pas­sie­ren!«, stell­te Korn fest.

»Ja, aber ir­gend­was passt da nicht zu­sam­men Korn. Wenn wir das Pa­tent ge­ret­tet ha­ben, und die For­mel im Be­sitz ha­ben kann ich mir nicht vor­stel­len dass, die bei­den ein­fach so ver­schwin­den. Ir­gend­wer zieht da noch ei­ni­ge Fä­den im Hin­ter­grund, nur wir wis­sen bis­her noch nicht wer! Die­sen an­de­ren Ty­pen ha­ben wir ja auch noch ir­gend­wo ge­parkt. Wir kön­nen die drei nicht jah­re­lang in Ho­tels ste­cken, bis die SilOld AG das Ma­te­ri­al er­forscht hat und end­lich da­mit auf den Markt kommt.«

»Stimmt, die­sen Putt ha­ben wir ja auch noch. Das Pro­blem ist, das die­ser Eier­kopf der Chef der SilOld AG ist. Oh­ne den kommt al­so gar nichts auf den Markt«, mur­mel­te Korn.

Lea frag­te »Wie wä­re es, wenn wir die Was­ser­stein und ih­re Freun­din als Lock­vö­gel be­nut­zen?«

»Ich wür­de es un­gern ris­kie­ren, die bei­den in Ge­fahr zu brin­gen. Ih­re El­tern sind be­reits tot«, gab Liz zu be­den­ken.

»Wir könn­ten doch ei­ne For­mel fa­ken und über In­ter­net ver­brei­ten. Das Pa­tent läuft ja be­reits. Wen wol­len die dann noch an­grei­fen?«, frag­te Ka­rya­ni.

»Ka­ry, Liz möch­te doch noch die Auf­trag­ge­ber hin­ten­dran. Es bringt al­so nichts, wenn die sich ver­zie­hen«, be­lehr­te Lea.

»Lasst uns im Flug­zeug dar­über nach­den­ken La­dys. Wir se­hen zu das wir die USA wie­der ver­las­sen. Au­ßer­dem hät­te ich ger­ne wie­der die hüb­sche Lea in mei­ner Nä­he«, ent­schied Korn.

Lea box­te ihn spie­le­risch auf den Arm. Sie hat­te sich für ih­re al­te Hei­mat ei­ne rot­brau­ne Perücke auf­ge­setzt und die Mi­li­tär­kla­mot­ten ge­gen schwar­ze Jeans und ein dun­kelblau­es Ober­teil ge­tauscht. Zu­dem trug sie Turn­schu­he und nicht ih­re ge­wohn­ten Stie­fel. Ka­rys Umsty­ling war noch um ei­ni­ges grö­ßer aus­ge­fal­len. Lea hat­te das gan­ze Ge­sicht und al­le Kör­per­tei­le die zu se­hen wa­ren mit sehr dunklem Ma­ke-up be­deckt. Der gol­de­ne Glanz ih­rer Haut war ver­schwun­den. Aus ih­ren Haa­ren hat­te sie Zöp­fe ge­floch­ten und auf dem Kopf fest­ge­steckt. Be­klei­det wur­de sie mit ei­nem schwar­zen Bu­si­nes­sout­fit und hö­he­ren Schu­hen, die sie für ih­re Ak­ti­on ge­gen Lauf­schu­he ge­tauscht hat­te.

Die Wasch­an­la­ge hat­te den Dreck, den die Fahrt durch den Wald ver­ur­sacht hat­te wie­der ent­fernt. Die Po­li­zei hat­te einen Ring um Langley ge­bil­det und kon­trol­lier­te je­des Fahr­zeug. Korn fuhr lang­sam zu der Kon­trol­le und hielt an. Der Po­li­zist blick­te prü­fend in den Wa­gen. Al­le schie­nen harm­los, trotz­dem woll­te er sie kon­trol­lie­ren. Korn reich­te ihm die In­ter­po­l­aus­wei­se und mach­te ihm klar, dass sie auf dem Weg nach Frank­reich wa­ren und es sich nicht leis­ten konn­ten ewig auf die Po­li­zei zu war­ten, was im­mer auch der Grund für die­ses Groß­auf­ge­bot sei. Der Cop er­klär­te ihm, es hät­te einen An­schlag auf das CIA-Ge­bäu­de ge­ge­ben und ein Mit­ar­bei­ter wur­de ge­tö­tet. Korn blick­te ihn Ernst an und be­frag­te ihn über den ge­such­ten Mör­der. Die Po­li­zei sucht nach ei­nem ein­zel­nen Mann, der wohl zu Fuß, durch ein Wald­stück ent­kom­men konn­te. Als sie die Kon­trol­le hin­ter sich ge­las­sen hat­te, grins­te Korn »Eu­er Mann sitzt hier ne­ben mir Freun­de, und Ihr dürft mir glau­ben, wenn ich Euch sa­ge, dass es ga­ran­tiert kein Mann ist!«

Al­le im Fahr­zeug lach­ten. Bis Liz frag­te »Wie kön­nen sie sich da si­cher sein Korn?«

»Miss Croll, nur zu ih­rer In­for­ma­ti­on, ich hat­te bis­her nie das Ver­gnü­gen mit Lea in ei­nem Bett zu lan­den, al­ler­dings ha­be ich sie schon mehr­fach sehr leicht be­klei­det ge­se­hen. Au­ßer­dem darf ich die­se wun­der­vol­le Frau täg­lich in mei­ne Ar­me schlie­ßen, sie dür­fen mir al­so glau­ben, wenn ich ih­nen sa­ge, dass sie ga­ran­tiert kein Mann ist!«

Lea set­ze spitz­bü­bisch hin­zu »Liz, er hat die­sen Kör­per schon mit sei­nen Hän­den er­forscht. Er weiß es si­cher!«

Ka­ry lach­te laut, als Liz ein fra­gen­des Ge­sicht auf­setz­te. Dann flüs­ter­te sie Ihr zu »Ich ha­be es ge­se­hen!«

»Wie denn, wo denn?«, flüs­ter­te Liz zu­rück.

»Auf dem Flug hier­her. Micha hat sie ge­strei­chelt!«

»Und er hat mich ge­küsst, da­mit ich Euch nicht mit mei­nem Ge­stöh­ne we­cke!«, rief Lea von vor­ne.

»Ihr soll­tet Euch ein Zim­mer neh­men Ihr bei­den«, scherz­te Liz.

»Konn­ten wir ja bis­her nicht. Aber viel­leicht kön­nen wir ja in Ly­on mal ei­ne Nacht im Ho­tel schla­fen«, grins­te Lea, »Auch wenn Mi­cha­el und ich nicht wirk­lich viel Schlaf be­kom­men wer­den!«

»Dan­ke, so ge­nau woll­te ich es gar nicht wis­sen«, wehr­te Liz ab.

»Nei­disch?«, frag­te Korn.

»Kein Kom­men­tar!«, raun­te sie.

Lea dreh­te sich nach hin­ten »Ka­ry und Mi­ke wer­den auch nicht nur Händ­chen hal­ten Liz, das kannst Du mir glau­ben. Lach Dir halt einen Fran­zo­sen an, dann hast Du auch Spaß!«

»Ich ver­zich­te Lea. Die paar Ta­ge kann ich noch war­ten bis ich wie­der in Lon­don mei­nen Freund ne­ben mir ha­be«, gab Liz zu.

Die rest­li­che Fahrt nutz­ten die drei an­de­ren, Liz über ih­ren Freund aus­zu­fra­gen. Sie woll­te ei­gent­lich nicht so viel da­zu sa­gen, aber Lea und Ka­ry lie­ßen nicht lo­cker. Korn hör­te nur still zu. Am Flug­ha­fen wuss­te das an­we­sen­de Te­am fast al­les, über die Le­ben­sum­stän­de von Liz. Ihr Freund war ei­gent­lich Ihr Ver­lob­ter, mit dem sie be­reits seit 9 Jah­ren zu­sam­men war. Seit 6 Jah­ren wohn­ten sie zu­sam­men und plan­ten ih­re Hoch­zeit, die spä­tes­tens nächs­tes Jahr über die Büh­ne ge­hen soll­te.

38. Kapitel
Frankreich, Lyon

Als die Nach­richt auf sei­nem Smart­pho­ne ein­ging, lag Mi­ke noch in dem Bett sei­nes Ho­tel­zim­mers. Er war erst in den frü­hen Mor­gen­stun­den zu­rück­ge­kehrt. Die hal­be Nacht hat­te er in ei­ner Bar ver­bracht und einen Cock­tail nach dem an­de­ren ge­trun­ken. Wäh­rend sei­ner Zeit im Ge­fäng­nis dach­te er viel über sich und Ka­rya­ni nach. Sie wa­ren et­wa fünf Mo­na­te ein Paar, bis das Schick­sal ihn in Ge­fan­gen­schaft brach­te. We­gen ei­nes klei­nen Scher­zes. Ja, er hat­te ei­ni­ge Da­ten­ban­ken ge­hackt und auch mit nicht ganz le­ga­len Mit­teln sei­nen Le­bens­un­ter­halt ver­dient. Ver­ur­teilt wur­de er, weil er der First La­dy der USA einen wun­der­schö­nen Voll­bart ins Ge­sicht ge­zau­bert hat. In den Mo­na­ten, die er zu­sam­men mit Ka­rya­ni in Ve­ne­zue­la ver­bracht hat­te, ka­men sie zu­sam­men auf die­se wit­zi­ge Idee. Er war ver­liebt und da macht man eben Blöd­sinn. Män­ner sind so, wenn die Hor­mo­ne Ach­ter­bahn fah­ren. Die Idee mit dem „First La­dy­boy“ soll­te nur ein harm­lo­ser Streich sein. Kei­ner hat­te ver­mu­tet, dass die­ses Land so we­nig Spaß ver­steht, das man ihn zu vier Jah­ren Haft ver­ur­teil­te. Dann muss­te er un­glück­li­cher­wei­se nach Los An­ge­les. Mi­ke soll­te ein Fir­men­netz­werk ge­gen An­grif­fe von au­ßen ab­si­chern. Abends, als er mit sei­ner Ka­rya­ni te­le­fo­nier­te, drang die Po­li­zei in das Zim­mer ein und hat­te ihn fest­ge­nom­men. Ka­rya­ni hat­te es ihm an­ge­tan. Nach sei­nem Ge­fäng­nis­auf­ent­halt woll­te er so schnell wie mög­lich zu ihr zu­rück, was ihm In­ter­pol zu­nich­te­ge­macht hat­te. Noch auf der Schwel­le zur Frei­heit ha­ben sie ihn mit nach Frank­reich ge­nom­men. Dort woll­te er ihr dann Be­scheid sa­gen, aber Ka­rya­ni hat­te in sei­ner Ab­we­sen­heit mal wie­der den Wohn­ort und die Kon­takt­da­ten än­dern müs­sen. Erst als er al­lei­ne in Ly­on war, konn­te er ih­re neue Num­mer in Er­fah­rung brin­gen. Be­vor er sie je­doch an­rief, woll­te er ganz si­cher sein, dass sie si­cher war. Als er dann end­lich Zu­griff auf die Re­gis­ter hat­te, än­der­te er ih­re Ein­trä­ge und lösch­te die Haft­be­feh­le. Nur der neue Pass war noch ein klei­nes Pro­blem. Den konn­te er bei In­ter­pol nicht so ein­fach dru­cken. Das soll­te nur ein paar Ta­ge dau­ern und dann wür­de er zu ihr flie­gen. Als Liz ihn an­rief, um nach tech­ni­schem Spiel­zeug zu fra­gen, und er kei­nen an­de­ren Kon­takt in Ve­ne­zue­la hat­te, als die Frau sei­nes Her­zens muss­te er sie schon vor­her ein­wei­hen. Als er dann ih­re Stim­me hör­te, nach all der Zeit, stand sein Herz wie­der in Flam­men. Mehr als je­mals zu­vor woll­te er bei ihr sein. Die gan­zen Erin­ne­run­gen ka­men wie­der hoch.

Lang­sam rich­te­te er sich in sei­nem Bett auf. Sein Kopf fühl­te sich taub an und ein dump­fer Kopf­schmerz poch­te dar­in. Die­ser ver­damm­te Wod­ka hat­te ihn ge­schafft. Er nahm sein Te­le­fon zur Hand. Die Hel­lig­keit des Dis­plays blen­de­te ihn, als er die ein­ge­gan­ge­ne Nach­richt öff­ne­te. Liz hat­te ihm ge­schrie­ben, das Rät­sel um die­ses Ge­dicht sei so gut wie ge­löst. Korn wuss­te die Lö­sung, weil Bu­ric einen al­ten Scherz ver­wen­det hat­te, um auf einen Bil­lard­tisch hin­zu­wei­sen. Be­ne­belt kram­te er in sei­nen Ge­dan­ken. Na­tür­lich, Bu­ric lieb­te Snoo­ker und flog je­des Jahr, En­de April nach Shef­field zur Welt­meis­ter­schaft. Die­se rie­si­gen Ti­sche wur­den mit ei­nem grü­nem, aus ganz fei­nem Woll­garn her­ge­stell­ten Tuch be­spannt. Und man brauch­te kei­nen Dok­tor­ti­tel, um zu wis­sen, dass es schmerzt, wenn man ihn ge­gen das Ge­sicht be­kommt. Dann fiel ihm ein, dass er ges­tern ganz ver­ges­sen hat­te, die rest­li­chen Mit­ar­bei­ter von In­ter­pol zu in­for­mie­ren. Das konn­te er sich jetzt ja auch spa­ren, sie kann­ten ja die Lö­sung. Soll­te er Ber­nand Rous­sel dar­über be­rich­ten? Nein, der hat­te ge­nug an­de­res zu tun. Das Te­am, des­sen er an­ge­hör­te, wür­de die­ses Rät­sel schon al­lei­ne lö­sen kön­nen.

Irgendwo über dem Atlantik

Die vier In­ter­po­l­agen­ten hat­ten sich wie­der um ih­ren Tisch ver­sam­melt. Auf ih­ren üb­li­chen Plät­zen spra­chen sie über die Pro­ble­ma­tik ih­res Auf­tra­ges. Ka­rya­ni saß ne­ben dem Fens­ter, Liz auf dem Ses­sel ne­ben ihr zum Mit­tel­gang der Gulf­stream hin und ge­gen­über hat­ten es sich Korn und Lea ge­müt­lich ge­macht. Al­ler­dings sah es nicht ganz so ge­müt­lich aus, wie Lea sich ver­renk­te. Ihr Hin­tern lag halb auf dem Ses­sel, ih­re kur­z­en Bei­ne rag­ten in den Mit­tel­gang und ihr Ober­kör­per lag vor Korns Brust. Sei­nen rech­ten Arm hat­te er über den Bauch, um sei­ne Freun­din ge­schwun­gen wäh­rend die lin­ke Hand Leas Kopf stütz­te und sie da­bei im­mer wie­der sanft strei­chel­te.

»Könnt ihr nicht nor­mal ne­ben­ein­an­der­sit­zen?«, frag­te Liz.

»Lass die bei­den. Mi­ke und ich konn­ten die ers­ten Mo­na­te auch nicht un­se­re Fin­ger von­ein­an­der las­sen. Wenn du ehr­lich bist, ging es dir mit dei­nem Ver­lob­ten am An­fang auch nicht an­ders, oder?«, er­in­ner­te sie Ka­rya­ni lä­chelnd.

Liz muss­te schmun­zeln, als sie sich er­in­ner­te. Ihr war es auch nicht an­ders er­gan­gen. Frisch ver­lieb­te sind wohl über­all auf der Welt gleich. Wa­rum soll­ten Korn und Lea da ei­ne Aus­nah­me sein?

»Wie dem auch sei, wir soll­ten uns um un­ser Pro­blem küm­mern«, gab sie die Rich­tung vor, »Die CIA ist end­gül­tig aus der Num­mer raus. Blei­ben al­so noch die­se bei­den Kil­ler aus Ko­pen­ha­gen. Wie hei­ßen die bei­den noch gleich?«

»Sjaak Vis und Co­dy Fo­ley«, half ihr Lea.

»Mit Ver­laub Queen Croll, die CIA hat einen rie­si­gen Rück­schlag er­lit­ten, aber sie sind noch nicht ganz aus dem Spiel«, be­merk­te Korn.

»Was soll das hei­ßen? Wir ha­ben doch die­sen Clark­son, den Chef ge­tö­tet. Wer soll da noch im Spiel sein?«, frag­te sie ver­blüfft.

»Ka­pi­tä­nin, sie soll­ten ih­ren Blick nicht nur stur ge­ra­de­aus hal­ten, son­dern auch mal nach links und rechts schau­en«, gab Korn zu be­den­ken, »Links treibt das Bei­boot mit die­sen bei­den Flach­fei­len Vis und Fo­ley. Auf der rech­ten Sei­te treibt das Schiff der CIA, fast leck­ge­schla­gen aber noch nicht un­ter­ge­gan­gen. Dort auf Deck trei­ben im­mer noch min­des­tens zwei Rat­ten das Schiff an. Na­ment­lich ein­mal die­se Blair von dem Ton­band und die Hin­weis­ge­be­rin aus Ber­lin!«

»Wenn wir die­se Ro­ten­fels hoch­neh­men, pa­cken wir die­se Blair gleich mit ein. Al­so ist das CIA-Schiff ge­ken­tert, um in ih­rer Spra­che zu blei­ben«, ent­ge­ne­te Liz.

»Croll, die­se Nat­ter aus dem Bun­des­tag steht nicht auf dem Schiff, die schwimmt hin­ter­her! Blair hat das Ru­der über­nom­men und un­ter Deck sucht der Maat nach der Kom­bü­se«, sag­te er kühl.

»Korn könn­ten sie sich bit­te ein­mal ver­ständ­lich aus­drücken. Ich be­grei­fe ih­re Me­ta­phern von den Pi­ra­ten nicht.«

»Okay, noch mal für sie ganz al­lei­ne«, setz­te er an, »Blair soll die­se Ro­ten­fels auf Eis le­gen. Aber in Ber­lin sitzt min­des­tens noch ei­ne Agen­tin der CIA und ver­sucht ver­mut­lich ver­zwei­felt, das Haupt­quar­tier zu er­rei­chen!«

»Und wer?«, frag­te Liz kri­tisch.

»Die Se­kre­tä­rin von Vol­ker Putt!«

»Ver­scho­nen sie mich mit ih­ren Scher­zen Korn!«

»Croll, die Fal­le, in die wir das CIA-Te­am ge­lockt ha­ben, konn­te nur funk­tio­nie­ren, weil ein Hin­weis aus Ber­lin kam. Als Lea und ich dort wa­ren, sa­ßen wir zu dritt in sei­nem Bü­ro, die Tü­ren wa­ren zu. Putt hat ge­re­det, um die Fal­le zu stel­len. Die rich­ti­gen In­for­ma­tio­nen ha­ben wir auf einen Zet­tel ge­schrie­ben. Die Fal­le konn­te al­so nur funk­tio­nie­ren, weil je­mand mit­ge­hört hat. Ist das lo­gisch ge­nug für sie, oder brau­chen sie ei­ne Zeich­nung?«

»Okay, ver­stan­den, aber wer hat da zu­ge­hört?«, frag­te Croll.

»Sei­ne Se­kre­tä­rin hat zu­ge­hört«, er­öff­ne­te ihr Korn.

Lea dreh­te ih­ren Kopf nach oben »Bist du si­cher?«, platz­te es aus ihr her­aus.

»Ja, ich bin si­cher. Du hast das Glei­che ge­se­hen wie ich Schatz, aber nicht ge­nau hin­ge­schaut. Ver­such dich mal zu er­in­nern!«, sag­te er.

»Hm, nach dem Thea­ter im Bü­ro sind wir nach drau­ßen ge­gan­gen. Putt hat zu sei­ner Se­kre­tä­rin ge­sagt, sie soll sei­ne Ter­mi­ne ab­sa­gen, weil er ei­ni­ges zu er­le­di­gen hat. Aber mehr ist mir nicht auf­ge­fal­len, war noch was?«, be­rich­te­te Lea.

»Da war noch ei­ne gan­ze Men­ge. Ist dir die­ses strah­len­de Lä­cheln an ihr auf­ge­fal­len? So et­was wirft man sei­nem Chef nicht zu, wenn er sagt, sie soll die Ter­mi­ne um­le­gen. Das war ge­nau der Blick, wenn man et­wa wich­ti­ges Er­fah­ren hat, was man ei­gent­lich nicht er­fah­ren soll. Dann hat sie an­ge­fan­gen zu te­le­fo­nie­ren. Die ers­ten drei Zah­len, die sie ge­wählt hat, wa­ren die null. Um aus ei­ner Fir­ma nach drau­ßen te­le­fo­nie­ren zu kön­nen be­nutzt man in Deutsch­land häu­fig die Null. Zwei wei­te­re Nul­len be­deu­ten dem­nach ei­ne in­ter­na­tio­na­le Vor­wahl. Du als Se­kre­tä­rin wür­dest zu­erst die nach­fol­gen­den Ter­mi­ne ab­sa­gen, einen nach dem an­de­ren. Wenn der nächs­te Ter­min aus dem Aus­land kommt, muss er sich be­reits in Deutsch­land auf­hal­ten. Es wür­de al­so kei­nen Sinn ma­chen ei­ne in­ter­na­tio­na­le Num­mer zu wäh­len. Orts­vor­wah­len be­gin­nen in Deutsch­land auch mit ei­ner Null, heißt, ei­ne zwei­te Null er­gibt Sinn, da­nach muss aber zwin­gend ei­ne Zahl kom­men. In Ber­lin ist die­se Orts­vor­wahl 030, sie hät­te al­so ei­ne 3 wäh­len müs­sen, kei­ne null«, er­klär­te er.

Al­le drei Frau­en schau­ten ihn an, als ob er ge­ra­de die Lot­to­zah­len der nächs­ten 12 Wo­chen vor­aus­ge­sagt hät­te. Liz blick­te in sei­ne blau­en Au­gen, in de­nen sie kei­ne Re­gung ab­le­sen konn­te.

»Sie sind ein ver­damm­ter Zau­be­rer Korn«, sag­te sie fast ehr­fürch­tig.

»Das hat nichts mit Zau­be­rei zu tun Croll«, er­klär­te er sach­lich, »Ich bin ein gu­ter Beo­b­ach­ter und zie­he lo­gi­sche Schlüs­se!«

»Okay, aber wie ka­men sie auf die Trink­sucht von Rous­sel und das er mit Lea ver­wandt ist?«, frag­te sie ihn.

»Das ist al­les, was ih­nen ein­fällt?«, lach­te er, »Sie wa­ren selbst da­bei. Ist ih­nen nie auf­ge­fal­len, dass sei­ne Au­gen mü­de wa­ren, die Pu­pil­len blut­un­ter­lau­fen und sei­ne Re­ak­tio­nen ver­zö­gert wa­ren?«

»Doch sei­ne Au­gen wirk­ten über­näch­tigt, aber mehr war da nicht!«

»Sei­ne Re­ak­tio­nen wa­ren ex­trem ver­zö­gert. Da­für gibt es zwei mög­li­che Er­klä­run­gen. Ent­we­der Can­na­bis oder Al­ko­hol. Rous­sel raucht nicht, das hät­te ich deut­lich am Ge­ruch be­merkt. Blieb al­so nur noch Al­ko­hol als Er­klä­rung. Die ex­tre­me Ver­zö­ge­rung sei­ner Re­ak­tio­nen lässt sich nicht mit ei­nem Glas am Mor­gen er­klä­ren. Heißt da muss mehr ge­we­sen sein. Al­so ha­be ich mir mal sei­ne Hän­de an­ge­schaut. Die­ses leich­te Zit­tern ist ty­pisch für Al­ko­ho­li­ker, wenn der Pe­gel noch nicht ganz stimmt«, be­lehr­te er sie.

»Ka­piert, aber wie ka­men sie dar­auf, dass er mit Lea ver­wandt ist?«

»Rou­sells Stim­me wur­de sanf­ter, als er von Lea sprach. Zu­sätz­lich hat­te er die­sen me­lan­cho­li­schen Blick in sei­nen Au­gen. Heißt, er muss­te sie schon et­was län­ger ken­nen. Wenn sie al­so über ei­ne Auf­trags­kil­le­rin re­den, die noch nie­mand ge­se­hen hat und von der auch kei­ne Bil­der exis­tie­ren, wird ih­re Stim­me nicht sanf­ter und sie den­ken an ver­gan­ge­ne Zei­ten. Er muss­te sie al­so ken­nen. Lea ist 30 Jah­re alt, Rous­sel über 60. Ei­ne Lie­bes­be­zie­hung konn­te ich mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit aus­schlie­ßen. Al­so muss­te er sie schon ken­nen, als sie noch ganz klein war. Wä­re Lea die Toch­ter ei­ner be­freun­de­ten Fa­mi­lie ge­we­sen, wä­re sei­ne Stim­me nicht sanf­ter ge­wor­den. Daraus er­gab sich ein Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis, nur war mir nicht klar wie!«, be­rich­te­te er.

»Okay, okay, ich ge­be auf. Sie ha­ben mich über­zeugt Korn. Ist das im­mer so ein­fach für sie?«, frag­te Liz un­ru­hig.

»In 99,9 Pro­zent al­ler Fäl­le ja«, grins­te er.

»Wa­rum kannst du das dann nicht bei mir?«, frag­te Lea zärt­lich.

»Mein Herz, ich wür­de das un­gern vor den bei­den of­fen­le­gen. Ist das okay für dich?«

Lea grins­te ihn an »Mi­cha­el, du hast jetzt so viel ver­ra­ten, dann kannst du es den bei­den auch er­klä­ren. Sie ge­hö­ren ja zum Te­am. Au­ßer­dem hast du mir et­was ver­spro­chen!«

Liz und Ka­ry wur­den hell­hö­rig, als Lea sprach. Korn hat­te ihr et­was ver­spro­chen. Liz über­leg­te, was das wohl sein wür­de. Korn gab ein lei­ses re­si­gnie­ren­des Stöh­nen von sich. Er blick­te in die Run­de der drei Frau­en. Lea grins­te im­mer noch, als sie ih­re Hand auf sei­ne Wan­gen leg­te und »Bit­te!«, hin­zu­füg­te. Ihr Ton war fast fle­hend.

Er räus­per­te sich, als er zö­ger­lich be­gann »Ich weiß nicht recht, wie ich es er­klä­ren soll. Ich ha­be ja zu Rous­sel ge­sagt, ich möch­te mit Lea un­ter vier Au­gen spre­chen, um zu se­hen, ob man ihr trau­en kann, üb­ri­gens zu ih­rem Schutz Croll. Wenn sie sich er­in­nern, stand ich an dem Fens­ter, als Lea her­ein­kam und Rous­sel an­ge­fan­gen hat die Aus­wei­se zu ver­tei­len. Ei­gent­lich hat­te ich nicht vor mich um­zu­dre­hen, muss­te dann aber doch, um die­se Plas­tik­kar­te an mich zu neh­men. Das war der Mo­ment, in dem ich Lea zum ers­ten Mal ge­se­hen ha­be«, er schluck­te, und setz­te dann fort, »Croll, sie ha­ben mich an dem Fens­ter ge­se­hen« Liz nick­te schwei­gend.

»Ver­mut­lich ist es schon lan­ge kein Ge­heim­nis mehr, das ich zu dem Zeit­punkt still ge­weint ha­be, als sie mich so un­sanft an­ge­fah­ren ha­ben! Spä­ter ha­ben sie ja dann, ver­mut­lich durch Re­cher­chen von Banks, auch den Na­men Isa­bel­la her­aus­ge­fun­den. Wie auch im­mer sie das an­ge­stellt ha­ben.«

Liz un­ter­brach ihn »Mi­ke hat so­gar mit die­ser Isa­bel­la te­le­fo­niert!«

»Croll, es fällt mir schon schwer ge­nug, ih­nen da­von zu er­zäh­len, un­ter­bre­chen sie mich bit­te nicht.«

»Ver­zei­hung!«, hauch­te Liz lei­se. Er quit­tier­te es mit ei­nem kur­z­en Ni­cken.

»Isa­bel­la war für mich mehr als nur ei­ne Be­kann­te oder Mit­schü­le­rin. In dem einen Som­mer, den wir ver­bracht ha­ben, wa­ren ih­re brau­nen Au­gen für mich so was wie ein Stern. Es dau­er­te wirk­lich nicht lan­ge bis ich mich in sie ver­liebt ha­be. Ih­re Art, ih­re Er­schei­nung ein­fach ihr gan­zes Ich hat mich ge­fes­selt. Zu dem Zeit­punkt war ich ge­ra­de mal 13 Jah­re alt. An­fang Herbst, um ge­nau zu sein, war es der 17. Sep­tem­ber, ha­be ich ihr auf dem Schul­hof mei­ne Lie­be ge­stan­den« Sei­ne Au­gen wur­den feucht und ei­ne ein­zel­ne Trä­ne lief ihm an der Na­se vor­bei. Mit brü­chi­ger Stim­me er­zähl­te er wei­ter.

»Sie hat mir ei­ne Ohr­fei­ge ge­ge­ben und mich ste­hen las­sen. Seit die­sem Tag hat sie kein Wort mehr mit mir ge­spro­chen. Mei­ne Mit­schü­le­rin und Freun­din seit dem Kin­der­gar­ten mein­te zu mir, ich sol­le ein­fach ei­ni­ge Wo­chen war­ten und das The­ma Isa­bel­la er­le­digt sich von selbst. Es ver­gin­gen meh­re­re Mo­na­te und es war mir nicht mög­lich, sie zu ver­ges­sen. Ich hab sie täg­lich ge­se­hen. Es ging ein­fach nicht, sie zu ver­ges­sen, und ich konn­te auch nicht auf­hö­ren sie zu lie­ben. Dann be­gan­nen die schlimms­ten Jah­re mei­nes Le­bens. Die gan­zen 24 Stun­den je­des Ta­ges ver­brach­te Isa­bel­la in mei­nem Kopf. Egal wo­mit ich ver­sucht ha­be, mich ab­zu­len­ken. Nichts hat in ir­gend­ei­ner Wei­se ge­hol­fen. Mei­ne Näch­te, und nicht nur ei­ne Nacht, son­dern je­de ein­zel­ne Nacht, die noch folg­te, schlief ich ein und stand nach ei­ner hal­b­en Stun­de wie­der auf dem Schul­hof. Isa­bel­la stand vor mir und ich ha­be wie­der ei­ne Ohr­fei­ge be­kom­men. Ich sah ih­re wun­der­vol­len brau­nen Au­gen, ich konn­te sie rie­chen und so­gar spü­ren. Dann bin ich schrei­end und heu­lend auf­ge­wacht. Nach­dem ich mich wie­der be­ru­higt hat­te, ver­such­te ich zu schla­fen. Drei­ßig Mi­nu­ten spä­ter wach­te ich er­neut heu­lend auf.«

Aus der einen Trä­ne wur­den Bä­che, die sein Ge­sicht her­un­ter­roll­ten. Lea hat­te sich auf­ge­setzt und ver­such­te, das aus­tre­ten­de Was­ser zu trock­nen.

»Das wa­ren mei­ne Näch­te. Ziem­lich ex­akt die ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­re lang. Wäh­rend die­ser Zeit, ha­ben ich zahl­rei­che Ver­su­che un­ter­nom­men mir das Le­ben zu neh­men, weil ich es ein­fach nicht mehr er­tra­gen konn­te. Ärz­te, die ich auf­ge­sucht ha­be, wa­ren nicht in der La­ge mir zu hel­fen. Selbst Hyp­no­se klapp­te nicht. Mich in Tran­ce zu ver­set­zen ist nicht mög­lich, da­her schei­ter­ten auch sie an die­sem Pro­blem. Über die Jah­re hin­weg ha­be ich mir ei­ni­ge Tech­ni­ken bei­ge­bracht, die­se Erin­ne­run­gen zu ver­drän­gen. Lei­der sind sie nicht be­son­ders ef­fek­tiv, wie ich zu­ge­ben muss. Be­schäf­ti­gung brach­te mich da­zu, we­nigs­tens ei­ni­ge Stun­den nicht dar­an zu den­ken. Al­so ha­be ich mich wäh­rend mei­ner Ar­beit, zu­sätz­lich da­mit be­schäf­tigt Men­schen und de­ren Ver­hal­ten zu ana­ly­sie­ren und dar­aus lo­gi­sche Schlüs­se zu zie­hen.«

Er blick­te zu Liz die in sei­nen Au­gen er­ken­nen konn­te wie ver­letz­lich er in die­sem Mo­ment war.

»Was sie ge­se­hen ha­ben Croll, wa­ren Zei­ten, in de­nen mir Be­schäf­ti­gung ge­fehlt hat. Dann ka­men die Erin­ne­run­gen und die Trä­nen. Sie ver­ste­hen jetzt, warum ich aus dem Fens­ter ge­st­arrt ha­be. Als ich in die­sem Be­spre­chungs­raum Lea zum ers­ten Mal ge­se­hen ha­be, pas­sier­te et­was in mir. Ich kann es wirk­lich nicht be­schrei­ben, was es war. Ih­re Au­gen, ihr gan­zes We­sen er­in­ner­ten mich an Isa­bel­la, aber die Trä­nen blie­ben aus. Und noch et­was an­de­res pas­sier­te. Ich wur­de ner­vös, war nicht mehr in der La­ge mich auf et­was zu fo­kus­sie­ren. Stän­dig wan­der­te mein Blick wie­der zu ihr und ich konn­te nur hof­fen, dass sie es nicht be­merkt. Na­tür­lich hat sie es doch be­merkt. Als ich dann mit ihr al­lei­ne war, ver­such­te ich mich zu kon­zen­trie­ren und ih­re Re­ak­tio­nen der Au­gen ab­zu­le­sen. Es funk­tio­nier­te nicht. Nicht mal im An­satz. Ein Blick in ih­re Au­gen ver­lang­te mir wirk­lich al­les ab. Auch jetzt noch. Wenn ich einen Blick in ih­re grü­nen Au­gen wer­fe, ist es vor­bei mit mir und mei­ner Be­herr­schung. Ich lie­be die­se Frau mehr als ich das mit Wor­ten ir­gend­wie aus­drücken könn­te!«

Da­mit en­de­te er. Liz und Ka­rya­ni sa­hen zu die­sem Ko­loss, der wie ein klei­ner Jun­ge in sei­nem Ses­sel saß und Trä­nen ver­goss. Lea blick­te ihn vol­ler Stolz an, trock­ne­te sei­ne Trä­nen und strich ihm zärt­lich über den Kopf. Er hat­te sein Ver­spre­chen ge­hal­ten und den bei­den al­les er­zählt. Und er hat­te ihr auch trotz die­ser emo­tio­na­len Be­las­tung ge­sagt, wie sehr er sie lieb­te.

Liz sah den bei­den ei­ne län­ge­re Zeit nach­denk­lich zu. Sie stand auf, trat auf den Mit­tel­gang hin­aus und um­run­de­te den Tisch bis sie ne­ben Lea stand. Sie flüs­ter­te ihr ei­ni­ge Wor­te ins Ohr. Lea blick­te sie skep­tisch an, nick­te aber und lös­te sich vor­sich­tig von Korn. Die klei­ne Frau stell­te sich hin­ter ih­ren Freund und leg­te den Arm auf sei­ne Schul­ter. Croll setz­te sich ne­ben ihn.

Zö­gernd und mit lei­ser Stim­me sag­te sie »Es tut mir leid, das ich ih­nen nach­spio­niert ha­be Korn. Hät­te ich ge­wusst, was sie da­durch er­lit­ten ha­ben, hät­te ich mei­nen Mund ge­hal­ten. Ich kann mich nur bei ih­nen ent­schul­di­gen und dar­auf hof­fen, dass sie mir ver­ge­ben kön­nen. Mei­ne Ab­sicht war es, hin­ter ihr Ge­heim­nis zu kom­men, aber ich ha­be nicht ver­mu­tet, dass es so schreck­li­che Qua­len her­vor­ge­bracht hat.«

Korn dreh­te sei­nen Kopf zu ihr. Die Trä­nen glit­zer­ten noch auf sei­nen Wan­gen, als er sag­te »Es sei ih­nen ver­ge­ben Croll. Ich ha­be die­ses Ge­heim­nis vie­le Jah­re lang be­wahrt, da­mit man mich nicht ver­let­zen kann. Ih­nen ist es ge­lun­gen, als sie den Na­men er­wähnt ha­ben.«

»Das war nicht mei­ne Ab­sicht. Ich wer­de es nicht mehr er­wäh­nen!«, dann stand sie auf.

»Croll?«

»Ja?«

»Nen­nen sie mich Mi­cha­el«, sag­te er mü­de.

»Nur wenn sie mich in Zu­kunft Liz nen­nen!«

»Ein­ver­stan­den. Und jetzt sieh zu das du wie­der auf dei­nen Platz kommst. Du hin­derst mei­ne Liebs­te dar­an, mir nä­her­zu­kom­men.«

»Bin ja schon weg«, lach­te sie und ging. Als sie wie­der auf ih­rem Platz saß, schob sie noch ei­ne Fra­ge hin­ter­her »Mi­cha­el, wie ist es mög­lich, dass du in der gan­zen Zeit nie mit ei­ner Frau ge­schla­fen hast?«

»Ty­pisch In­selaf­fen, den­ken den gan­zen Tag nur an das ei­ne«, mur­mel­te er mit be­lus­tig­ter Stim­me. Dann wur­de er wie­der Ernst. »Liz, es ist nicht ein­fach, sich auf je­man­den ein­zu­las­sen, wenn der Kopf nicht mit­spielt. Ich ha­be es ver­sucht, aber es en­de­te im­mer wie­der da­mit, dass mir Trä­nen ka­men und mein däm­li­cher Schä­del sich ge­wei­gert hat das Blut, in ge­wis­se Körper­re­gio­nen um­zu­lei­ten.«

»Ver­ste­he«, sag­te sie, als sie an­füg­te, »Aber tech­nisch ist al­les okay?«

Lea muss­te la­chen. »Ich ha­be es sehr oft ge­tes­tet, muss ich ge­ste­hen, und bis­her hat es im­mer funk­tio­niert. Al­so bei mir ist er tech­nisch völ­lig okay!«

»Lea, so ge­nau woll­te ich es wirk­lich nicht wis­sen«, er­rö­te­te sie.

»Ich den­ke, wir soll­ten, die bei­den erst mal auf ein Zim­mer schi­cken, wenn wir in Frank­reich ge­lan­det sind«, lach­te Ka­rya­ni in die Run­de.

»Du hast recht Ka­rya­ni. Die Rech­nung geht auf mich!«, grins­te Liz.

Lea flüs­ter­te Mi­cha­el et­was ins Ohr. Er sah sie an und nick­te leicht.

»Mein Vor­schlag ist, ihr bei­den ver­zieht euch nach da vor­ne und wir span­nen ein Tuch durch die Ka­bi­ne. Lasst euch dann die nächs­ten Stun­den ein­fach nicht stö­ren, wenn es et­was Lau­ter wird«, lach­te Lea zu den bei­den Frau­en.

Bei­de lä­chel­ten ver­le­gen. Leas Vor­schlag war ein­deu­tig. Ka­rya­ni lehn­te sich zu Liz und die bei­den tu­schel­ten ei­ne Wei­le mit­ein­an­der. Im­mer wie­der sah man Liz den Kopf schüt­teln. Nach län­ge­rer Be­ra­tungs­zeit wand­te sich Liz an die bei­den Ver­lieb­ten.

»Wir wä­ren ei­gent­lich ein­ver­stan­den«, brach­te Liz lang­sam her­vor, »aber wir ha­ben im­mer noch un­ser Pro­blem nicht ge­löst wie wir wei­ter vor­ge­hen. Un­ser Ge­gen­vor­schlag lau­tet al­so. Wir lö­sen un­ser Pro­blem und se­hen zu wie wir wei­ter­ma­chen wol­len, dann ver­zie­hen Ka­ry und ich uns in die klei­ne Kü­che, fah­ren das Licht run­ter und dre­hen Mu­sik auf. Dann könnt ihr bei­den ma­chen, was ihr wollt bis wir in Ly­on ge­lan­det sind.«

Lea fing aus vol­lem Hal­se an zu la­chen und auch Korn grins­te über bei­de Ohren. Er gab Lea einen Kuss und be­gann dann »Lea hat euch ver­arscht. Ihr habt doch wohl nicht ernst­haft ge­glaubt, wir ver­brin­gen un­se­re ers­te Lie­bes­nacht in ei­nem Flug­zeug, wäh­rend ihr wie Hüh­ner auf der Stan­ge vor­ne sitzt und dar­auf war­tet bis wir lan­den. Wir be­ra­ten wie wir un­se­re Auf­ga­be lö­sen. In Ly­on wer­det ihr dann ei­ni­ge Stun­den auf uns ver­zich­ten, wenn das mög­lich ist und nicht un­se­ren Auf­trag ge­fähr­det. An­sons­ten war­ten Lea und ich dann schon dar­auf, ei­ne ru­hi­ge Nacht mit­ein­an­der ver­brin­gen zu kön­nen.«

»Ihr bei­den seid un­mög­lich!«, lach­te Ka­rya­ni und auch Liz muss­te la­chen.

Die vier tausch­ten Ide­en aus und ent­war­fen ei­ni­ge Plä­ne, wäh­rend die Gulf­stream über dem dunklen Ozean Ly­on ent­ge­gen­flog. Als die In­ter­pol­ma­schi­ne in den Sink­flug über­ging, wa­ren sie sich ei­nig ge­wor­den. Liz und Ka­rya­ni soll­ten Mi­ke be­su­chen, dar­auf hat­te Korn be­stan­den, und raus­fin­den, wer schon al­les über die­ses Ge­dicht Be­scheid wuss­te. Lea und er wür­den sich ei­ne kur­ze Pau­se gön­nen und sich dann auf den Weg nach Sp­lit ma­chen, um die­se For­mel zu be­sor­gen. Erst wenn sie die­se Da­ten in den Hän­den hal­ten wür­den, könn­ten sie ih­ren Ver­fol­gern ei­ne Fal­le stel­len, um die Hin­ter­grün­de auf­zu­de­cken.

Es soll­te al­ler­dings an­ders kom­men, als sie es ge­plant hat­ten …

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Release date on Litres:
17 September 2025
Volume:
1842 p. 5 illustrations
ISBN:
9783754934876
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Bookwire
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