Read the book: «Die Stunde der Patinnen»
Mathilde Schwabendeder-Hain
DIE STUNDE
DER PATINNEN
Frauen an der Spitze
der Mafia-Clans


Verhaftung von Assunta „Pupetta“ Maresca
INHALT
Cover
Titel
COSA NOSTRA
Der Dekalog Salvatore Lo Piccolo
Boss in gonnella – Boss im Rock Giusy Vitale
La donna manager del clan – die Managerin des Clans Nunzia Graviano
La ribelle – die Rebellin Carmela Iuculano
Donne d’onore – Frauen in der „Ehrenwerten Gesellschaft“ Giuseppa Salvo, Francesca Citarda, Angela Russo, Vincenza Cali, Cinzia Lipari
Madre e moglie – Ehefrau und Mutter Antonietta Bagarella
Madre coraggio – Mutter Courage Felicia Impastato
CAMORRA
„Lady Camorra“ Maria Licciardi
Pupetta – das Püppchen Assunta Maresca
La castellana – die Schlossherrin Rosetta Cutolo
Inchiesta „Cupido“ – Akte „Cupido“ Antonella Madonna
'NDRANGHETA
La postina del clan – die Postbotin des Clans Giusy Pesce
La vittima – das Opfer Maria Concetta Cacciola
COSA NOSTRA
Sola contro tutti – allein gegen alle Giovanna Galatolo
Glossar
Quellen- und Literaturverzeichnis
Danksagung
Impressum

Die Polizei schlägt am Morgen zu. Seit langem haben die Ermittler das einsame Anwesen auf dem Land in Giardinello nahe Palermo im Auge gehabt. Mehrere Versuche zuzugreifen sind in der Vergangenheit abgebrochen worden. Zu wenig aussagekräftig war das Bild, das die in Büschen und auf Bäumen versteckten Überwachungskameras in die Polizeizentrale der sizilianischen Hauptstadt übermittelten. Zu groß die Gefahr, dass die streng geheime Fahndungsaktion vorzeitig entdeckt werden könnte.
Am Morgen des 5. November 2007 scheint sich die Mühe jedoch gelohnt zu haben. Die Aufnahmen, die diesmal in Palermo zu sehen sind, zeigen die Ankunft zweier verdächtiger Autos. Der Einsatzbefehl erfolgt augenblicklich. Ein Hubschrauber startet und setzt kurz darauf die schwer bewaffneten Spezialeinheiten in der Nähe der Villa ab. Gleichzeitig wird das Landhaus mit Polizeiautos umstellt. Dann stürmen die schwarz vermummten Männer das Gelände. Schüsse fallen. Warnschüsse, heißt es später. Es dauert nicht mehr lange und Salvatore Lo Piccolo wird mit seinem Sohn Sandro und zwei weiteren Mafiosi verhaftet.
Jubel brandet bei den Ermittlern in Palermo auf. Ein Jahrhundertcoup ist gelungen. Von einem außergewöhnlichen Tag für die italienische Demokratie und den Kampf gegen die Mafia spricht später der Leiter der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, Francesco Forgione. Niemand hatte den Cosa-Nostra-Boss in den vergangenen 24 Jahren zu Gesicht bekommen. Lange Zeit tappte die Polizei im Dunkeln. Nicht einmal das Aussehen Lo Piccolos war gesichert. Bei ihren Ermittlungen konnten sich die Polizisten nur auf ein Phantombild stützen.
Doch der 65-jährige Mann mit dem dichten weißen Haar, der jetzt mit erhobenen Händen ins Freie tritt und sich ohne Widerstand ergibt, ist tatsächlich der fieberhaft gesuchte Boss der Bosse. Sportlich gekleidet – weißes T-Shirt, hellblaues, halboffenes Hemd, ein schwarzes Blouson und Jeans – wirkt der ehemalige Bauunternehmer wie ein harmloser, distinguierter Bürger. Der Schein jedoch trügt.
Seit 1983 war Salvatore Lo Piccolo auf der Flucht. Schon 1998 wurde er in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Mord, Drogenhandel, Bauspekulationen und Geschäfte mit der USamerikanischen Mafia: Die Liste der Anschuldigungen war lang und wurde mit den Jahren noch umfangreicher. Nach der Verhaftung des gefürchteten Paten Bernardo Provenzano, der von seinen Feinden „la belva“, „die Bestie“, genannt wird, übernahm Lo Piccolo 2006 das Cosa-Nostra-Kommando. Im selben Jahr beschlagnahmte die Polizei Besitzungen und Konten im Wert von 150 Millionen Euro. Den neuen Superboss Siziliens fanden sie aber nicht. Der blieb verschwunden. Bis ihn einer seiner engsten Mitarbeiter verriet.
In der Villa, die den Mafiosi für „Arbeitsmeetings“ diente, stellen die Polizisten Waffen und das Geheimarchiv des Paten sicher. Sie finden pizzini – kleine Zettelchen, mit denen die Mafiosi untereinander kommunizieren. Sie entdecken eine Art Mafia-Rechtsbuch, das die Struktur und die damit verbundenen Funktionen beschreibt, und sie stoßen auf das libro mastro del pizzo, das Hauptbuch der Schutzgelderpressungen: Darin wurde fein säuberlich und ohne Verschlüsselung notiert, wer was wann zu bezahlen hatte.
Aus den Papierstapeln ziehen die Beamten ein besonders spektakuläres Dokument hervor: den Dekalog der Mafia. Auf Schreibmaschine in Großbuchstaben – und in teils fehlerhaftem Italienisch – getippt, enthält der zusammengefaltete Zettel die zehn Gebote, an die sich ein Mitglied der „Ehrenwerten Gesellschaft“ zu halten hat. „Rechte und Pflichten“ steht darüber. Auch die Cosa Nostra, kommt Anti-Mafia-Jäger Pietro Grasso zum Schluss, hat ihre Bibel.
Gebot Nummer eins lautet: „Man stellt sich unseren Freunden nicht allein vor. Das geht nur über Dritte.“ Damit soll der Grundcharakter der Organisation garantiert werden. Denn die Mafia ist und bleibt ein Geheimbund und niemand kann ohne eine Garantie durch bereits initiierte Mitglieder aufgenommen werden.
Einmal aufgenommen, muss sich der perfekte Mafioso als absolut gehorsam erweisen. Unterordnung wird ebenso großgeschrieben. „Man muss der Cosa Nostra jederzeit zur Verfügung stehen, auch dann, wenn die Ehefrau kurz vor der Entbindung steht“, heißt es in Regel Nummer fünf. Viel ist auch von Moral die Rede, vor allem von Sexualmoral. Ein guter Mafioso darf sich nicht betrinken – er könnte unter Alkoholeinfluss ein Geheimnis verraten –, und er darf sich auf keinen Fall, will er nicht sein Leben riskieren, den Ehefrauen anderer Clanmitglieder unsittlich nähern. Der eigenen Ehefrau gegenüber ist er hingegen verpflichtet, „Respekt zu erweisen“. Weiters muss er pünktlich und „ehrlich sein“, was übersetzt bedeutet: Er darf seinen Boss weder belügen noch ihm etwas verschweigen. „Wer sich schlecht benimmt und moralische Werte nicht einhält“, kann nicht in die Mafia aufgenommen werden, schließt Regel Nummer zehn.
Frauen kommen in diesem idealisierten Bild einer kriminellen Männergesellschaft nur in untergeordneter Stellung vor: als passive Wesen, die Avancen von fremden Männern nachgeben könnten, als respektable Mütter sowie als Hüterinnen des heimischen Herdes. Frauen sind dem Mann demnach untergeordnet und müssen schweigen. Sie leben abgeschottet in der Welt der „Ehrenwerten Gesellschaft“ und sind in erster Linie eine Stütze für ihren Ehemann, so beschreibt Tommaso Buscetta, einer der berühmtesten Kronzeugen, die Situation der Frauen in der Mafia während einer Vernehmung in den 1980ern.
Nicht hören. Nicht sehen. Nicht sprechen. Doch die Realität sieht anders aus.
Ohne Frauen würde das organisierte Verbrechen nicht funktionieren. Heißt es nun Cosa Nostra, Camorra, ’Ndrangheta oder Sacra Corona Unita.
Die zehn Gebote der Mafia
1 Man kann sich unseren Freunden nicht allein vorstellen, das geht nur über einen Dritten.
2 Schaue keine Ehefrau unserer Freunde an.
3 Man freundet sich nicht mit Bullen an.
4 Man besucht keine Tavernen und keine Clubs.
5 Man muss der Cosa Nostra jederzeit zur Verfügung stehen, auch dann, wenn die Ehefrau kurz vor der Entbindung steht.
6 Verabredungen müssen kategorisch eingehalten werden.
7 Der eigenen Ehefrau muss Respekt erwiesen werden.
8 Wenn man nach etwas gefragt wird, das man weiß, muss man die Wahrheit sagen.
9 Das Geld anderer oder anderer Familien darf man sich nicht aneignen.
10 Wer nicht aufgenommen werden kann: Wer ein enges Familienmitglied bei den Sicherheitskräften hat. Wer Fälle von Untreue in der Familie hat. Wer sich schlecht benimmt und moralische Werte nicht einhält.

Am 25. Juni 1998 klicken für Giusy Vitale die Handschellen. Unerwartet, wie sie später sagen wird. Die junge Frau hatte sich sicher gefühlt, doch Abhöraktionen der Polizei wurden ihr zum Verhängnis.
Mit ihrer Verhaftung wird ein neues Kapitel in der Geschichte der sizilianischen Mafia geschrieben. Giusy Vitale ist die erste Frau, die in Palermo wegen ihrer führenden Rolle nach dem Mafia-Paragrafen angeklagt und rechtskräftig verurteilt wird. Später beschließt sie, als Kronzeugin auszusagen, und wird ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen.
Von einem „atypischen Phänomen“ ist im Untersuchungshaftbefehl zu lesen, von „etwas, das scheinbar alle Regeln durchbricht“: Eine Frau nimmt eine außergewöhnliche Position ein, fernab der klassischen Rolle einer donna di mafia, einer Mafia-Frau.
„Ja, ich war an der Spitze der Cosa Nostra“, antwortet Giusy Vitale während des Prozesses auf die Frage von Staatsanwalt Francesco Del Bene nach ihrer Rolle in der Mafia. Die italienischen Medien bezeichnen die damals 26-Jährige spontan als „boss in gonnella“ („Boss im Rock“), als Lady Boss, als eine „Frau, die es Männern gleichtut“. Hart, unerschrocken und unerbittlich.
Das Wort Mafia hört Giusy Vitale in ihrer Kindheit nie. Es ist auch gar nicht nötig, denn sie atmet das organisierte Verbrechen mit der Luft ein, die sie umgibt. Sie nimmt Regeln und Verhaltensmuster ihrer männerdominierten Umwelt nicht nur passiv auf, sie versucht sie selbst umzusetzen. Dazu bedarf es jedoch keines mafiatheoretischen Einführungsunterrichtes, es genügt die tagtäglich gelebte Realität.
Giusy Vitale wird am 25. Februar 1972 in Partinico geboren, als Letzte in einer Reihe von fünf Geschwistern. Ihre Brüder Leonardo, Michele und Vito sind ihre wichtigsten Bezugspersonen, wichtiger sogar als die für sie bereits relativ alten Eltern. Leonardo ist 17, als Giusy geboren wird, Michele 15 und Vito 13. Anders als ihre ruhige und angepasste Schwester Nina sieht sie in ihren älteren Brüdern Helden. Idole, die vor den bösen Bullen beschützt werden müssen. Halbgötter, denen sie gefallen und nacheifern will. Vor allem Leonardo ist für Giusy die „eigentliche väterliche Figur in der Familie“.
Giusy ist erst sechs Jahre alt – erzählt sie vor Gericht –, als sie erstmals an der Hand ihrer Mutter die Brüder im Gefängnis besucht. Sie erinnert sich an die stumme Verzweiflung der Mutter, die ihren Söhnen jedoch nach jeder Straftat, ohne Fragen zu stellen, zur Seite stand. An die Angst, die selbst der eigene Vater vor seinen gewalttätigen Kindern hatte. Die Justizprobleme der Brüder – vor allem die von Leonardo und Vito – dominieren den Alltag der Familie. Gefängnisaufenthalte sind Teil dieser vermeintlichen Normalität. Einer wird entlassen, der andere verhaftet. Eine Art kriminelle Endlosschleife. Die Anklage ist jedoch immer ein und dieselbe: Zugehörigkeit zur Mafia.
Partinico ist eine kleine Stadt nahe Palermo mit heute etwas mehr als 30.000 Einwohnern. 1968 drehte Regisseur Damiano Damiani mit Claudia Cardinale und Franco Nero in den Hauptrollen hier einige Szenen seines Films „Der Tag der Eule“ („Il giorno della civetta“). Als Vorlage diente Damiani der gleichnamige Roman des sizilianischen Schriftstellers Leonardo Sciascia, in dessen Mittelpunkt ein hochmotivierter Polizist aus dem Norden steht. Hauptmann Bellodi soll den brutalen Mord an einem Bauunternehmer aufklären. Doch der Ermittler scheitert trotz hoher Professionalität und drückender Beweise an der Omertà, dem Schweigen der Bevölkerung aus Angst vor der Mafia.
Doch Partinico stand schon vor Sciascias 1961 veröffentlichtem Roman im Geruch des organisierten Verbrechens. Der italienische Sozialreformer und deklarierte Pazifist Danilo Dolci machte die Kleinstadt daher zur Basis seiner gewaltfreien Aktivitäten. Als er entdeckte, dass die Mafia sogar die Wasserversorgung des landwirtschaftlich genutzten Gebietes kontrollierte, trat Dolci in den Hungerstreik. Er forderte die Errichtung eines Staudamms am Fluss Jato, denn die Brunnen waren fest in der Hand der Bosse. Das daraus gewonnene lebensnotwendige Wasser ließen sie sich teuer abkaufen. Mit dem Damm – so die Idee Dolcis – sollte die Bevölkerung den freien Zugang zu den Wasserreserven erhalten und damit eine bessere Lebensgrundlage bekommen.
Unter dem Eindruck der Not der Menschen und ihrer Unterdrückung durch die allgegenwärtige Cosa Nostra gründete Dolci 1958 in Partinico ein Forschungsinstitut zur Entwicklung von Arbeitsplätzen, das Centro Studi e Iniziative per la piena Occupazione. Revolution, das heißt, jedem Einzelnen Verantwortung geben, war eines von Dolcis Leitmotiven. Nur so, war er überzeugt, können die Verbindungen von Politik und Mafia gekappt werden. Internationales Aufsehen hatte der „Gandhi Siziliens“ bereits zwei Jahre zuvor erregt. Sein „Umgedrehter Streik von Partinico“, "lo sciopero alla rovescia", wurde von vielen Medien aufgenommen, aber auch kontrovers diskutiert. Dolci legte den Finger auf eine offene soziale Wunde und ein bis dahin weitgehend ignoriertes Problem: Bezahlte Arbeit gab es in der meist bitterarmen und vom organisierten Verbrechen dominierten Region so gut wie keine.
Die Grundidee war die: Wenn ein Arbeiter, um zu protestieren, streikt, dann muss ein Arbeitsloser, der sein Recht auf Arbeit einfordern will, arbeiten. Gemeinsam mit hunderten Arbeitslosen begann Dolci eine völlig kaputte, für die lokale Infrastruktur jedoch unverzichtbare Landstraße zu reparieren. Die Polizei schritt ein und löste die Aktion prompt auf. Dolci wurde wegen subversiver Tätigkeit verhaftet und vor Gericht gestellt. Ein Jahr nach dem Prozess, der mit einem Freispruch endete, erhielt er den Lenin-Friedenspreis. Mit dem Preisgeld finanzierte Dolci sein Institut, das die „Selbstanalyse des Volkes“ fördern und letztlich zum Ende der Mafia beitragen sollte.
Als Giusy Vitale geboren wird, gehört der Westen Siziliens nach wie vor zu den am schlechtesten entwickelten Gebieten Europas. Der Staudamm war zwar errichtet worden, doch die gesellschaftspolitischen Ideen Danilo Dolcis sind nie umgesetzt worden. Und die von Sciascia exzellent beschriebene Omertà ist omnipräsent. Partinico ist weiter eine unbezwingbare Mafia-Hochburg.
Gesprochen wird zuhause wenig, erzählt Giusy Vitale nach ihrer Verhaftung. Geschlagen hingegen viel. Ihre Brüder setzen selbst innerhalb der Familie auf brachiale Gewalt und die Überzeugungskraft ihrer Fäuste. Sie bestimmen, was zu tun oder zu lassen ist. Widerrede ist zwecklos und bringt meist gebrochene Knochen sowie blaue Flecken. Es ist eine archaische Welt mit ungeschriebenen, menschenverachtenden Regeln, in der Giusy aufwächst. Für Bildung und Schule ist da wenig Platz. Erst recht nicht, wenn es sich um ein Mädchen handelt. Mehr als der Pflichtschulabschluss ist für sie nicht vorgesehen, obwohl sie, wie sie selbst sagt, „recht gut und auch fleißig war“. Giusys Lieblingsfächer Rechnen und Sport werden bald durch andere Interessen ersetzt. Mit 14 Jahren bleibt sie zuhause, hilft der Mutter und geht mit dem Vater auf die Felder.
Die Eltern Vitale sind – wie die meisten in und um Partinico – Bauern. Der Vater bestellt den Boden und versorgt die Kühe, seine große Liebe gehört jedoch den Pferden. Ein Pferd ist in Sizilien mehr als nur ein edles Tier. Es ist ein stolzes Symbol und untrennbar mit der Figur der gabellotti verbunden: Pächter, die die Latifundien der Barone betreuten. Sie galten als Bindeglieder zwischen dem Adel und den einfachen Bauern und hatten im Laufe der Zeit Polizeiaufgaben und Gerichtsbarkeit übernommen. In den meisten Fällen waren die gabellotti aber auch die Mafiosi des jeweiligen Ortes. Hoch zu Ross und mit einem Gewehr über der Schulter haben sie bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts ihre Herrschaft im immer noch feudal geprägten Sizilien ausgeübt.
Auch Giusy liebt Pferde. Schon als Kind lernt sie reiten und sie gibt diese Leidenschaft nicht einmal dann auf, als sie hochschwanger ist. Aber Giusy liebt auch Waffen. Gewehre und Pistolen gehören zum Inventar der Familie Vitale und so lernt sie bereits in jungen Jahren „mit Waffen umzugehen“. Während andere Mädchen ihres Alters mit Puppen spielen und von einem Märchenprinzen träumen, ergründet Giusy die Unterschiede zwischen Revolvern, Pistolen und halbautomatischen Handfeuerwaffen. Sie ist fasziniert von den Details und besonders angetan von der Lieblingswaffe ihres Bruders Vito, die so klein ist, dass sie leicht versteckt werden kann. Später wird auch sie „das rauschartige Vergnügen verspüren, wenn man bewaffnet umhergeht“.
Auf die Frage des Richters, wann sie begriffen habe, dass ihre Brüder für die Mafia arbeiten, sagt die Angeklagte Giusy Vitale: „Mit rund achtzehn Jahren oder wahrscheinlich schon etwas früher.“ In dieser Zeit wird ihr auch bewusst, dass ursprünglich eine andere Familie den Ort beherrscht hat – die Familie Geraci – und dass ihre Brüder darum kämpfen, diese zu verdrängen. Je härter der Kampf um die Herrschaft wird, desto brutaler und skrupelloser werden ihre Geschwister, die nie ein wirkliches Interesse an einer Tätigkeit in der Landwirtschaft gezeigt haben. Doch Giusy ist trotz der gewalttätigen Ausbrüche ihrer Brüder immer in ihrer Nähe und immer zu ihren Diensten. Lange Zeit versteht sie nicht, was tatsächlich vorgeht. Aber auch als sie die Zusammenhänge zu begreifen beginnt, ist sie stets überzeugt, dass ihre Familie ein Opfer der Justiz ist.
Stolz und Ehrfurcht erfüllen sie, als ihr ältester Bruder Leonardo, das tatsächliche Familienoberhaupt der Vitale, zum Boss von Partinico aufsteigt. Ab diesem Zeitpunkt vertritt Leonardo nicht mehr nur die eigene Familie, sondern auch die Mafia-Familie. Als neuer lokaler Regent agiert er jedoch nicht allein, sondern ist einem der berüchtigtsten Mafiosi aller Zeiten unterstellt: Totò Riina. Die Vitale sind ab nun Teil der kriminellen Oberliga Siziliens.
Im Banne der Corleoneser
Salvatore Riina, meist Totò oder wegen seiner Körpergröße von 158 cm auch „U Curtu“, „der Kurze“, genannt, stammt aus dem Bergstädtchen Corleone, einst einer der gefährlichsten Orte Italiens und in der Nähe des sogenannten sizilianischen Todesdreiecks Bagheria, Altavilla und Casteldaccia gelegen. Die Gegend wies in den 1950er-Jahren eine der höchsten Mordraten der Welt auf. Allein von 1943 – 1961 wurden in Corleone 52 Morde verübt und zwei Dutzend Mordversuche registriert. Viele Menschen verschwanden außerdem spurlos.
1963 wurde im Todesdreieck ein grausiger Fund gemacht. In einem Felsloch entdeckten Carabinieri die Überreste Dutzender Leichen. Untersuchungen ergaben, dass es sich um Opfer von Verbrechen handelte. Die Stätte erhielt den Namen „Friedhof der Mafia“. Hier wuchs der Bauernsohn Salvatore Riina auf und hier beging er bereits als Jugendlicher seinen ersten Mord. Sein Weg war vorgezeichnet.
In den 1960ern wurde Sizilien vom Ersten Mafia-Krieg erschüttert. Der brutale Kampf um Macht und Einfluss in der Cosa Nostra forderte viele Menschenleben. Riina war als rechte Hand des damaligen Bosses Luciano Liggio einer der Hauptakteure dieser blutigen Fehde. Innerhalb kürzester Zeit machte der 1930 geborene Corleoneser eine Verbrecherkarriere, die ihresgleichen sucht. Er mordete ohne Skrupel.
Viel zitiert ist heute sein Ausspruch: „Wenn du jemanden erschießt, dauert das eine Sekunde, wenn du einen Raub begehst, dann brauchst du dafür mehr Zeit.“ „La belva“, die Bestie, nennen ihn daher später die italienischen Medien.
Bis zu seiner Verhaftung 1993 war Riina fast zweieinhalb Jahrzehnte flüchtig. Sein Leben im Untergrund hatte ihn jedoch nicht daran gehindert, die Führung der Corleoneser Familie zu übernehmen. Im Gegenteil. Riina siegte auf allen Linien. Doch der gnadenlose Boss wollte mehr. Er strebte die Vorherrschaft in der gesamten Cosa Nostra an. Es waren goldene Zeiten für die Mafia. Die Verbrecherorganisation war groß in den Drogenhandel eingestiegen und sie machte höchst lukrative Geschäfte im florierenden Bauwesen. Der Kuchen sollte daher umverteilt und die Karten neu gemischt werden.
So kam es 1981 zur mattanza, zum Zweiten Mafia-Krieg. Die zwei Jahre andauernde Fehde erwies sich als noch brutaler und noch blutiger als die erste. Rund 1000 Menschen wurden auf oft bestialische Art und Weise getötet, ganze Clans vernichtet und selbst unschuldige Verwandte ermordet. Jede nur mögliche Rache sollte von vornherein im Keim erstickt werden. Wie in einem Vernichtungsfeldzug löschten die Corleoneser die gegnerischen Familien aus. Am Ende siegte die Corleone-Fraktion mit ihren Untergruppen und sicherte sich die Vorherrschaft in Sizilien. „Sie ist stärker, vereinter, hierarchischer und undurchsichtiger denn je“ aus diesem Krieg hervorgegangen, stellte Italiens berühmtester Anti-Mafia-Richter, Giovanni Falcone, fest, der zehn Jahre später durch eine Bombe der Cosa Nostra ums Leben kommen sollte.
Das ist das Umfeld, in dem Giusy Vitale aufwächst.
„Ich war immer wie ein wilder Junge“, sagt sie über ihre Kindheit und Jugendzeit. Mit vierzehn Jahren fährt sie bereits Auto, sie schuftet mit Vergnügen in der Landwirtschaft, trägt Hosen und Stiefel wie die Arbeiter in den Ställen. Vergnügungen außerhalb der eigenen vier Wände kennt sie nicht. Erste Versuche, sich hin und wieder ein wenig zu schminken, werden von den Brüdern auf das Schärfste verurteilt. Wenn sie ohne Erlaubnis das Haus verlässt oder am Fenster hinter dem Vorhang Ausschau nach jungen Männern hält, hagelt es Prügel. Durch eine Ohrfeige reißt ihr eines Tages das Trommelfell. Giusy lernt ihre Weiblichkeit zu verdrängen. Sie rechtfertigt die Grausamkeit ihrer Brüder vor sich selbst einmal mehr im Namen ungeschriebener Mafia-Verhaltensregeln. Ihre Familie ist anders als die ihrer Freundinnen. Giusy hat noch weniger Spielraum als gleichaltrige Mädchen auf dem Land in Sizilien. Sie wächst streng bewacht auf, wie ein Soldat der Reserve in Ausbildung für das Heer des Clans.
Doch die Schwester, die ihre Brüder abgöttisch verehrt, ordnet sich nicht immer unter. Sie muckt auf und wählt den Mann, mit dem sie dieser Enge entkommen will, selbst aus. Ein Affront für die Brüder, der dadurch umso größer wird, als der zukünftige Ehemann nicht aus dem Mafia-Milieu stammt. Das Nein von Leonardo und Vito ist kategorisch und zeigt sich in Prügel für die Schwester und die Eltern.
Eines Tages – so erzählt Giusy Vitale der Schriftstellerin Camilla Costanzo – lädt ihr Bruder Leonardo sie zu einer Fahrt aufs Land ein. Die junge Frau hofft auf ein klärendes Gespräch mit dem ältesten Bruder und auf seine Zustimmung zur Hochzeit. Doch sie legen den Weg schweigend zurück, bis Leonardo vor einem großen Baum Halt macht. Kaum sind sie ausgestiegen, packt er ihren Kopf und dreht ihn brutal nach oben, wo sich ihr ein grauenhaftes Bild auftut. Von den Ästen hängen, durch Schlingen verbunden, fünfzehn inzwischen erstarrte Hundekörper. Einige seiner Schafe sind von einem Hund gerissen worden, erklärt Leonardo drohend seiner Schwester. Aus Wut habe er alle streunenden Hunde, die er fand, dafür verantwortlich gemacht und lebendig aufgehängt. „Da siehst du, wie es einem ergehen kann, wenn man mich nicht respektiert. Nur so werden sie lernen.“
Doch Giusy setzt sich trotz Prügel und Drohungen durch. Ein Jahr später, mit neunzehn, heiratet sie und bekommt im Abstand von einem Jahr zwei Kinder, Francesco und Rita. Der ruhige und eher schwache Angelo Caleca, der vor Gericht von seiner Ehefrau als „la signora“ spricht, bringt nicht die erhoffte Erfüllung ihres Daseins. Ein Neubeginn wird das Leben als Ehefrau und Mutter nicht. Giusy bleibt eine Vitale und ihrer Herkunftsfamilie mehr denn je aufs Engste verbunden. Immer häufiger übernimmt sie die Aufgaben der Mutter, bis sie sie letztlich ganz ersetzt. Giusy verfolgt die Justizangelegenheiten der Brüder, sie hält Kontakt zu den Anwälten – oft Top-Juristen der Insel – und sie betreut ihren flüchtigen Bruder Vito. Drei Jahre wird er von der Polizei gesucht. Giusy hingegen weiß, wo er steckt. Sie trifft ihn sogar mehrmals wöchentlich in seinem jeweiligen Versteck, bringt ihm Essen, Trinken und auch Waffen, versorgt ihn mit Informationen. Sie lernt als Überbringerin von Botschaften zwischen den Clanmitgliedern den Kontakt zu halten und sorgt dafür, dass die oft verschlüsselten Nachrichten an die richtige Adresse kommen. Immer tiefer taucht sie in das operative Geschäft und die Geheimnisse des eigenen Clans ein. Zuerst werden ihr die legalen Geschäfte der Familie anvertraut – die landwirtschaftlichen Betriebe und deren Verwaltung. Gelder aus diesen Unternehmungen können ordnungsgemäß verbucht und auch angelegt werden. Doch nach den sauberen Einkünften kommen alsbald auch die illegalen Einnahmen in Giusys Hände: Schutzgelder, die Geschäftsleute und Unternehmer gezwungen sind an die Familie zu zahlen; Gelder aus Erpressungen; Schwarzgelder aus dem Bereich öffentlicher Aufträge. Kein Bau einer Straße oder Brücke, keine Errichtung einer Schule oder eines anderen öffentlichen Gebäudes, bei denen die Cosa Nostra nicht mitschneidet. Die Mafia hatte in Sizilien ein unfehlbares System aufgebaut, in dem es Politiker und Unternehmer eng an sich band. Das organisierte Verbrechen garantierte, dass alle Arbeiten reibungslos und störungsfrei ablaufen würden. Im Gegenzug fließen in die Kassen der Mafia anteilige Beträge in der Höhe von zwei bis drei Prozent der Gesamtsummen. Ein Millionengeschäft.
Viel wichtiger als die Finanzoberhoheit innerhalb des Clans ist für Giusys Aufstieg im Inneren der Cosa Nostra der Umstand, dass sie zu Versammlungen mitgenommen wird. Ihre Brüder sind bekannt als treue Vasallen des gefürchteten Totò Riina, doch das muss Tag für Tag neu bewiesen werden. Der Boss, dessen Devise es war, man müsse alle Möglichkeiten ausnutzen, um ein gestecktes Ziel zu erreichen, und dafür auch bereit sein, jegliches Hindernis zu eliminieren, verlangt absoluten Gehorsam und völlige Unterwerfung. Hatte er Zweifel an der Ergebenheit eines Mitglieds der „Ehrenwerten Gesellschaft“, scheute er nicht davor zurück, seine Killer loszuschicken. Auch die Mitgliedschaft in seinem Clan war keine Lebensversicherung. Die Lage in Sizilien ist Anfang der 1990er-Jahre wieder einmal hochexplosiv.
Giusys Brüder haben Beziehungen zu den wichtigsten Mafiosi der Insel aufgebaut und erweitern nun kontinuierlich ihren Machtbereich. 1992 zählen sie zum kleinen Kreis derer, die das Sagen haben. Dabei kommen ihnen auch äußere Umstände zu Hilfe. Nach dem aufsehenerregenden Maxiprozess von Palermo im Jahr 1986 sind etliche Ehrenmänner untergetaucht. Auch Giovanni Brusca, Totò Riinas profiliertester Killer und von ihm persönlich in die Cosa Nostra aufgenommen, ist flüchtig. Unterschlupf findet er auf dem Gebiet der Vitale. Leonardo nimmt sich persönlich seiner an, sorgt für den unauffälligen Wechsel seiner Verstecke und für seine Versorgung. Brusca, ein Analphabet, befestigt auch die 500 Kilo Sprengstoff unter der Autobahn bei Capaci, deren Zündung den Anti-Mafia-Jäger Giovanni Falcone mit seiner Frau und seinen drei Leibwächtern das Leben kostet. Bruscas Schutz sichert dem Vitale-Clan einmal mehr seine Position.
Wie nahe die Familie der cupola, der Cosa-Nostra-Spitze ist, zeigt sich in mehreren Aussagen Giusys. Eines Tages, Anfang 1992, ruft sie ihr Bruder Leonardo an. Er braucht ihre Hilfe. Sie soll Getränke und Brote besorgen und alles zu einem der Ställe der Familie in Val Guarnera bringen. Schnell müsse alles gehen, gibt Leonardo ihr mit, sehr schnell. Als sie in einiger Entfernung zum Stall ihr Auto parkt, bemerkt sie eine Gruppe Männer, die im Kreis stehen, und ein großes schwarzes Fahrzeug mit Chauffeur. Bei näherem Hinsehen entdeckt Giusy eine Figur, die sie nicht zuordnen kann: Es ist ein Bischof in vollem Ornat. Erst am Abend zu Hause erfährt sie von ihrem Bruder die wahre Identität des vermeintlichen Würdenträgers. Es war der Mafia-Boss Bernardo Provenzano. Seit den frühen 1960ern war er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Mit seiner Verkleidung wollte er die Polizei narren.

Bernardo Provenzano, Spitzname „Traktor“
Provenzano stammt wie Totò Riina aus Corleone und war lange Zeit dessen rechte Hand. Später wird er jedoch zu Riinas internem Widersacher und letztlich sein Nachfolger. Schon als junger Mann erhielt Provenzano den Spitznamen „Binnu u’ Tratturi“, „Onkel Traktor“. Und „der Traktor“ walzt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Mehr als 50 Morde werden ihm angelastet. Binnu schieße wie ein Gott, soll bereits sein damaliger Boss, Luciano Liggio, über den jungen Provenzano gesagt haben. Insgesamt 43 Jahre lebt das „Phantom von Corleone“ im Untergrund, bis er endlich am 11. April 2006 festgenommen wird. Nach Riinas Verhaftung 1993 war er der alleinige Herrscher über die Cosa Nostra.
Doch davon ist bei dem Mafia-Meeting auf dem Land bei Partinico noch nicht die Rede. Die Differenzen zwischen den beiden Superbossen werden jedoch auch das Leben des Vitale-Clans maßgeblich beeinflussen.
Eine Zeitlang ist Giusy als Fahrerin für ihren älteren Bruder tätig, der keinen Führerschein hat. Später nimmt sie aktiv an den streng geheimen Versammlungen der Mafia teil. Bei einem dieser Meetings bemerkt sie von weitem auch Totò Riina. Ein unscheinbarer Mann, erinnert sie sich, der schweigend an der Versammlung teilnimmt und nur hin und wieder mit dem Kopf nickt. Kaum zu glauben, dass dies der Drahtzieher vieler Attentate ist, die ganz Italien in Schach halten werden, darunter auch die Ermordung des Richters Giovanni Falcone.
Die erste Patin der Cosa Nostra
Die Zeit der großen Herausforderungen beginnt für Giusy jedoch 1995 – ein „Schreckensjahr“ für den Vitale-Clan. Ihr Bruder Vito wird im Februar zwar aus dem Gefängnis entlassen, doch als er von einer drohenden neuerlichen Verhaftung erfährt, schließt er sich Giovanni Brusca im Untergrund an. Drei Monate später wird Leonardo festgenommen und nach Palermo ins Gefängnis gebracht. Zuletzt landet sogar der mittlere Bruder Michele, der in Partinico bisher eine eher untergeordnete Rolle innegehabt hat, hinter Gittern. Die Führung des Clans geht einem ungeschriebenen Gesetz nach von Leonardo auf Vito über, denn er ist, wenn auch in einem Versteck lebend, der einzige sich in Freiheit befindende Bruder. Die Fäden laufen jedoch bei der 23-jährigen Schwester zusammen. In dieser Zeit arbeitet Giusy „Tag und Nacht“. Sie lernt alles, was man über das mandamento, den Herrschaftsbereich, der Vitale wissen muss und führt einen Großteil der Geschäfte bereits ganz allein. Einmal mehr will sie ihren Brüdern zeigen, dass sie ihnen ebenbürtig ist und problemlos die Führung des Clans übernehmen könnte. Und das, obwohl sie eine Frau ist! Mit Stolz nimmt sie wahr, dass sie ihre Brüder gegenüber anderen Mafia-Mitgliedern lobend erwähnen, auch wenn sie ihr gegenüber nach wie vor diktatorisch auftreten. Staatsanwältin Lia Sava bezeichnet sie als „Frau mit energischem Temperament, die wie ein Erdbeben die komplexe Welt der Cosa Nostra erschüttert“.
Immer mehr entfernt sich Giusy von ihrer eigenen Familie. Für die Kinder und vor allem für den Ehemann bleibt wenig Zeit. Sie ist für ihre Brüder jederzeit abrufbereit: für Vito, der nun meist in einem Stall nahe Partinico lebt, zwischendurch jedoch immer wieder anderswo in den Bergen Unterschlupf sucht, und für Leonardo, der im Gefängnis Ucciardone inhaftiert ist. Mehrmals pro Woche nimmt sie die vom Gesetzgeber vorgesehenen Besuchstermine wahr. Giusy fungiert als Verbindungsfrau zwischen den beiden, übermittelt verschlüsselte Botschaften und trägt ihren Teil zur Umsetzung getroffener Entscheidungen bei. Sie tritt aber auch immer häufiger mit anderen Clans in Verbindung und wacht über die territoriale Integrität des familiären Herrschaftsbereichs.
1996 steht die Familie – und damit auch Giusy – vor ganz neuen Herausforderungen. Giovanni Brusca, Vitos Vertrauter, geht der Polizei ins Netz. Nur durch einen Zufall befindet sich Vito zum Zeitpunkt der Razzia nicht im selben Haus und entgeht damit knapp der Festnahme. Der öffentliche italienische Fernsehsender RAI widmet der Verhaftung des „Superkillers“ eine Sonderausgabe seiner TV-Nachrichten. Auch Giusy verfolgt die Bilder im Fernsehen. „Der Mörder Giovanni Falcones“, „das Monster“, „der Verantwortliche für hunderte Delikte“: Die Journalisten überschlagen sich in ihren Aussagen. Bald darauf tauchen erste Gerüchte auf, die später ihre Bestätigung finden: Giovanni Brusca habe eine Zusammenarbeit mit der Polizei akzeptiert und möchte als Kronzeuge ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Für Vito wird es eng, sehr eng. Doch der Boss scheint dies geradezu als Ansporn zu verstehen, und so läuft die Familie in dieser Zeit zu ihrer kriminellen Höchstform auf. Ihr Arm reicht bis nach Palermo und Trapani, wo ein neuer Pate am Mafia-Himmel aufsteigt: Matteo Messina Denaro. Die Vitale wollen neue Allianzen schließen, um den eigenen Aufstieg abzusichern. Vito ist sogar als Nachfolger Totò Riinas im Gespräch. Zwei Jahre lang funktioniert die Familienstrategie, bis am 14. April 1998 die Polizei erneut zuschlägt. Vito wird verhaftet. Giusy protestiert lautstark, während das Polizeiauto mit quietschenden Reifen Richtung Gefängnis davonfährt.

Festnahme des Auftragskillers Giovanni Brusca 1996
Der Schock ist gewaltig. Nun ist der Clan führungslos. Zumindest offiziell.
Was also tun? Bisher kannte die Cosa Nostra in einer derartigen Situation nur zwei Auswege: Entweder ein weiteres männliches Mitglied rückt in die entstandene Lücke nach oder der Clan ist dem Untergang geweiht. Wie eine Beute auf dem Servierteller für gegnerische Familien angerichtet, deren Machthunger und Rachedurst gestillt werden wollen.
Wie aus den zahlreichen Abhöraktionen hervorgeht, findet Giusys ältester Bruder die Lösung für dieses Dilemma, und Leonardo ist keiner, der klein beigibt. In seiner Zelle fällt er die schicksalshafte Entscheidung: Der Clan bleibt bestehen, lässt er aus dem Gefängnis ausrichten. Nichts werde sich an der Macht der Vitale ändern. Leonardo setzt seine Schwester als Oberhaupt ein. Giusy ist ab nun ein echter Boss, die erste Frau an der Spitze eines Clans in der Geschichte der Cosa Nostra. Die erste Frau, die nicht nur von der eigenen Familie als Regentin, sondern auch von anderen Familien als solche anerkannt wird.
„Ich hatte die Führungsrolle inne“, erklärt Giusy später dem Staatsanwalt. „Ich habe die Cosa Nostra angeführt und ich habe jene Entscheidungen getroffen, die ich als richtig empfand.“
Giusy steht ihren Brüdern an Härte und Grausamkeit in nichts nach. Sie ist skrupellos wie sie und sie ist nun Herrin über einen willfährigen Machtapparat mit entsprechendem Waffenarsenal. Ohne Bedenken treibt sie verstärkt Schutzgelder ein und verdoppelt dadurch innerhalb kürzester Zeit die Einnahmen von rund 700 Millionen Lire auf eineinhalb Milliarden. Das erpresste Geld, das vorwiegend aus dem Bauwesen stammt, dient auch dazu, die „Geschwister im Gefängnis sowie deren Familien“ zu versorgen.
Als Boss an der Spitze des Clans entscheidet Giusy aber auch über Leben und Tod, und sie tut dies, ohne mit der Wimper zu zucken. Zutiefst überzeugt, dass alles, was der Familie schaden könnte, eliminiert gehört. Die Schmach über die Verhaftung Vitos sitzt tief. Die Verräter müssen daher gefunden und neue Vertrauensmänner angeworben werden. Hinter allem wittern die Vitale einen übermächtigen Gegner: Bernardo Provenzano, der – im Gegensatz zu seinem bereits inhaftierten Gegenspieler Totò Riina – weiterhin aus dem Untergrund seine Herrschaft ausübt. Provenzano will Partinico unterwandern, glaubt auch Giusy, und ist sich sicher, seine eingeschleusten Mittelsmänner bereits identifiziert zu haben. Besonders einer ist ihr ein Dorn im Auge: Salvatore Riina, ein Lebensmittelhändler, der zufällig wie der Ex-Boss der Bosse heißt und den Spitznamen „Mortadella“ trägt.
Als aufmüpfig beschreibt Giusy den „Gewerbetreibenden, bei ihr ums Eck“, als einen, der die Vitale im Ort „kleinredet“ und ihnen gleichzeitig die Einnahmen aus der Vergabe öffentlicher Aufträge streitig machen will. Das ist sein Todesurteil.
Am 23. April 1998 ist Giusy wieder einmal bei ihrem Bruder Leonardo zu Besuch im Gefängnis. Das Gespräch wird – wie alle anderen auch – von den Sicherheitskräften aufgezeichnet. Später wird der Staatsanwalt hervorheben, dass es vor allem Giusy war, die an diesem Tag für „Mortadellas“ Ermordung eintrat. Er sei ein Mann Provenzanos, insistiert sie. Offen bleibt am Ende nur mehr die Frage, wo und durch wen sie den Mann umbringen lassen wird.
Weitere drei von ihrem Bruder eingeforderte Mordaufträge werden vorerst aufgeschoben.
Als echter Boss hat Giusy eine rechte Hand, die ihr rund um die Uhr zur Seite steht. Michele Seidita ist ein Freund der Familie und sie kennt ihn seit ihren Kindheitstagen. Jetzt ist er Giusys einziger Vertrauter. Ein notwendiger Vertrauter, denn auch wenn sie als capomandamento, als Bezirksboss, akzeptiert ist, bleibt sie in den Augen der patriarchalisch dominierten Mafia-Welt in erster Linie eine Frau und darf an den Versammlungen nur in Begleitung eines Mannes teilnehmen. Mit Seidita plant und organisiert sie die Ermordung des „Verräters“, wählt Ort, Zeit und Waffe aus. Während am Abend des 20. Juni in der Garage des Opfers die tödlichen Schüsse fallen, befindet sich Giusy mit Mann und Kindern für alle sichtbar in einer Pizzeria, die Verwandte vor kurzem eröffnet haben. Im selben Lokal essen auch der Sohn des Mordopfers, Giuseppe, dessen Verlobte und einige Freunde. Man freut sich über das zufällige Wiedersehen, plaudert ein wenig und Giuseppe spielt mit Giusys Sohn Francesco. Dann geht jede Familie zu ihrem Tisch und gibt ihre Bestellung auf. Ein ganz normaler Abend in einer ganz normalen Pizzeria. Doch noch bevor die Pizze fertig sind, verlassen Giuseppe und seine Begleitung eilig und ohne Worte das Lokal. Der junge Mann hat einen Anruf auf seinem Mobiltelefon erhalten. Niemand beachtet den Vorfall, nur Giusy. Sie kennt als Einzige den Inhalt des Telefonats. Jemand hat Giuseppe mitgeteilt, dass sein Vater ermordet worden ist. Nach Mitternacht gibt es im Haus von Michele Seidita einen fröhlichen Umtrunk. Man stößt auf das gelungene Unternehmen an. Eine eindeutige Botschaft an den damaligen Boss der Bosse, Bernardo Provenzano: Hier regieren wir, die Vitale, und sonst niemand.
Am 25. Juni 1998 wird Giusy Vitale verhaftet. Wie besessen von ihrer Machtfülle, hat sie diese Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen. Als sie mit den vielen verschiedenen Abhörprotokollen konfrontiert wird, ist sie überrascht über die eigene Unvorsichtigkeit. Zu wenig verschlüsselt waren die Aussagen, zu eindeutig das aufgezeichnete Beweismaterial. Die langjährigen Ermittlungen der Polizei zeigen, dass Giusy schon bald eine außergewöhnliche Rolle innehatte, dass sie Mitwisserin vieler, auch blutiger Geheimnisse war und Kontakte zu anderen Mafia-Familien hielt. Giusy war eine Frau, die Befehle auszuführen wusste und Befehle geben konnte. Sie war Teil des berüchtigten Corleoneser Clans um Totò Riina und damit Teil eines der dunkelsten Kapitel der neueren italienischen Geschichte.
Giusy wird wegen Mafia-Zugehörigkeit zu sechs Jahren Haft verurteilt, die später auf viereinhalb Jahre reduziert werden. Doch bereits 2003 wird sie erneut verhaftet und angeklagt. Diesmal muss sie sich wegen des Mordes an „Mortadella“ verantworten. Die junge Frau, die ihre Haft absaß, ohne jemals Zeichen der „Schwäche“ zu zeigen, bekommt erstmals Angst, lebenslang hinter Gittern zu bleiben und ihre Kinder nie mehr wiederzusehen. Im Februar 2005, sieben Jahre nach ihrer ersten Verhaftung, beschließt Giusy Vitale nach langem inneren Kampf, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Als erste Patin packt sie aus und erzählt aus ihrem Leben als Mafiosa. Sie gibt Einblick in die sonst verschlossene Welt der Bosse, deckt Verbindungen zu Politik und Wirtschaft auf, klagt eine nur allzu nachsichtige, weil korrupte Verwaltung an. Giusy löst mit ihren Aussagen, die tausende Seiten füllen, ein regelrechtes Erdbeben aus. Mit derselben Radikalität, mit der sie sich vorher in den Dienst der Mafia gestellt hat, tritt sie nun gegen das organisierte Verbrechen und ihre eigene Familie auf. Die Reaktion der Brüder lässt nicht auf sich warten. Während einer Verhandlung am Schwurgericht in Palermo wird Leonardo Vitale, der sich in einem Gefängnis in Parma befindet, zugeschaltet. Von dort richtet er den Bannstrahl gegen die abtrünnige Schwester: „Ich habe gehört, eine Ex-Blutsverwandte von mir arbeitet jetzt mit der Polizei zusammen. Wir sagen uns von ihr los, ob lebendig oder tot, was sie hoffentlich bald sein wird … Sie ist ein giftiges Insekt!“
Doch Giusy lässt sich nicht beirren. Sie geht ihren eingeschlagenen Weg weiter und bricht weiter Tabus. Diesmal auf der anderen Seite. Der richtigen, wie sie jetzt sagt. Wie eine sprudelnde Quelle gibt sie immer mehr Details preis. Sie erzählt von der Verlogenheit der „Ehrenwerten Gesellschaft“, ihrer Scheinheiligkeit und den nur nach außen gelebten familiären Werten. Sie spricht von den Abenteuern ihres verheirateten Bruders und von ihren eigenen Liebhabern, mit denen sie ihren Mann betrogen hat. Vom geringen Wert des menschlichen Lebens, wenn man auf der falschen Seite steht. Es ist ein Befreiungsschlag, den Giusy Vitale versucht. „Ich habe dreißig Jahre wie im Mittelalter gelebt“, sagt sie eines Tages, „damit muss Schluss sein. Ich will ganz neu anfangen.“
Letztlich – sagt sie – war dann doch alles ganz einfach. Es war eine einfache Frage ihres Kindes, die alles ins Rollen gebracht hat: „Mama, was ist das: die Mafia?“
Giusy Vitale wird der erste weibliche Boss, der sich ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen lässt.


Auch sie hat drei Brüder. Auch sie ist die Jüngste in der Geschwisterreihe: Nunzia Graviano, von der Familie liebevoll „a Picciridda“, „die Kleine“, genannt. Doch das Nesthäkchen ist kein verträumtes und verzärteltes Mädchen. Sie wächst fest verankert im Wertekodex der Mafia auf und übernimmt, als ihre Brüder im Gefängnis landen, eine Schlüsselfunktion im Clan. Nunzia wacht über die „Graviano-Holding“. Sie ist die Finanzexpertin des Clans und entwickelt sich in vielen Bereichen zum „Alter Ego“ ihrer mächtigen Geschwister. „Ich war mir ziemlich sicher, dass sie der Boss war. Ich hatte zumindest diesen Eindruck“, sagt später Giorgio Puma, ein bekannter und angesehener Steuerberater aus Palermo, während seiner Vernehmung aus. Puma, der auch beste Beziehungen zu den Justizbehörden hatte, für die er immer wieder als Konsulent tätig war, arbeitete für die Familie Graviano. Seine erste Ansprechperson in wirtschaftlichen Fragen war Nunzia, und es war ein Kontakt auf Augenhöhe mit einer fachlich bestens informierten Frau. Nunzia zeigt stellvertretend auf, dass sich die Mafia der 1990er-Jahre verändert hat. Sie ist nicht mehr von coppola und lupara – also von der typisch sizilianischen Mütze und der berüchtigten abgesägten Flinte – geprägt, die auch in unzähligen Hollywood-Filmen als Symbole Verwendung finden. Nein, sie dringt vielmehr in den Börsen- und Finanzbereich ein – was aber nicht bedeutet, dass die Clans deshalb weniger grausam agieren. Nur die Prioritäten haben sich verändert.
Wie Giusy Vitale ist auch Nunzia aus dem Stoff, aus dem Bosse gemacht werden. Doch anders als die junge Frau aus Partinico, die einem Mafia-Clan aus den ländlichen Gebieten angehört, stammt Nunzia aus Palermo und gehört der städtischen Cosa Nostra an. Ihre Heimat ist nicht die Kleinstadt mit ihren vorgelagerten Ställen und Feldern. Sie ist ein Mitglied der sogenannten Mafia-Bourgeoisie, die sich durch sicheres Auftreten und eine ausgeprägte Vorliebe für Luxus auszeichnet.
Nunzia Graviano wird 1968 in eine der tonangebenden Mafia-Familien der sizilianischen Hauptstadt hineingeboren. Mit vierzehn Jahren verliert sie ihren Vater. Michele Graviano hatte sich mit den Corleonesern verbündet und wurde dafür im Zweiten Mafia-Krieg von der gegnerischen palermitanischen Fraktion im Rahmen eines Rachefeldzuges ermordet. Acht Jahre später wird die Familie für diesen Verlust entschädigt und ihre Treue zu Totò Riina belohnt. Nunzias Brüder, der damals 29-jährige Filippo und der 27-jährige Giuseppe, treten die Nachfolge des inhaftierten Clanchefs Giuseppe Lucchese an. Filippo und Giuseppe werden somit formal die Herren über Brancaccio-Ciaculli, ein Industrie- und Wohnviertel in Palermo. Hier, wo um das Jahr 1000 ein arabischer Emir seine blühende Residenz erbaute und später die normannischen Eroberer einen riesigen künstlichen See anlegen ließen, herrschen nun die Gravianos. Und damit Gewalt und Verbrechen.
Als im Jänner 1993 der Superboss Totò Riina nach über zwei Jahrzehnten mitten in Palermo endlich festgenommen wird, ist das eine der wichtigsten Herausforderungen in der kriminellen Karriere des Brüderpaares. Es geht um die Zukunft der Cosa Nostra. Gemeinsam mit den bedeutendsten Bossen der Insel – wie Matteo Messina Denaro und Giovanni Brusca – nehmen Giuseppe und Filippo an einem eilig einberufenen Mafia-Gipfel nahe Bagheria teil. Dort beraten sie, wie die Cosa Nostra auf die Festnahme des capo dei capi reagieren soll. Die Antwort ist schnell gefunden und die Strategie der kommenden Monate ebenso: Die Mafia wird den Staat erneut herausfordern. Und sie wird dies wieder mit Bomben tun. Nicht mit einem einzelnen Attentat, sondern gleich mit einer Bombenserie. Nach den tödlichen Attacken auf Richter Giovanni Falcone und – nur 57 Tage danach – auf seinen Mitstreiter Paolo Borsellino will die Cosa Nostra mit aller Härte zeigen, dass sie in der Lage ist, den Staat Italien in die Knie zu zwingen. Sie will dies umso mehr, da die Ermordung der beiden auch außerhalb Italiens bekannten Juristen zum ersten Mal eine Welle der Empörung in Sizilien selbst ausgelöst hatte und die Behörden in Rom endlich reagierten: Tausende Soldaten wurden auf die Insel geschickt, wie in eine abtrünnige, aus dem eigenen Machtbereich entglittene Provinz. Doch von dort kommt eine erneute Kampfansage. Mit ihrer neuen Strategie zielt die Mafia nicht nur auf Menschen, sondern in erster Linie auf Kulturdenkmäler ab. Richter und Staatsanwälte können ersetzt werden, zitiert der vormalige oberste Anti-Mafia-Staatsanwalt Pietro Grasso aus Abhörprotokollen, weltberühmte Monumente nicht. Dass dabei auch unschuldige Menschen ums Leben kommen können, wird nicht nur in Kauf genommen, sondern ist vielmehr beabsichtigt. Es verstärkt die Wirkung. Die Mafia kennt keine Gnade.
In Italien herrscht Anfang der 1990er-Jahre ein gefährliches Machtvakuum. 1992 wird Mario Chiesa, Leiter eines Altenheimes und Mitglied der Sozialistischen Partei, in Mailand erwischt, als er eine Schmiergeldzahlung in der Höhe von sieben Millionen Lire annimmt. Der Skandal weitet sich wie ein Lauffeuer innerhalb kürzester Zeit in ganz Italien aus. Die Mani pulite, also „Saubere Hände“ genannten Ermittlungen decken ein riesiges System aus Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteienfinanzierung auf. Tangentopoli taufen die Italiener diesen Skandal, der die Grundfesten des Staates erschüttert und das Ende altgedienter Parteien wie der Democrazia Cristiana und der Sozialistischen Partei bedeutet. Wie ein Erdbeben erschüttern die Ereignisse Italien. Die Erste Republik bricht zusammen. Allerorts herrscht Chaos. Mitten darin aber zieht die Mafia – und mit ihr die Familie Graviano – ihre Fäden. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod.

19. Juli 1992: tödliches Attentat auf Richter Paolo Borsellino
Die erste Bombe explodiert am 14. Mai 1993 kurz vor Mitternacht an einer Kreuzung im römischen Nobelviertel Parioli. Einhundert Kilogramm Sprengstoff sind in einem geparkten Fahrzeug deponiert worden. Als das Auto des bekannten Journalisten und Fernsehmoderators Maurizio Costanzo vorbeifährt, wird der Sprengsatz mittels Fernsteuerung zur Explosion gebracht. Costanzo selbst bleibt unversehrt, sieben Menschen werden jedoch verletzt. An den umliegenden Gebäuden kommt es zu schweren Schäden. Das Attentat auf Costanzo wird als Warnung interpretiert. Seine in ganz Italien beliebte und nach ihm benannte Show hatte sich immer wieder mit Anti-Mafia-Themen befasst. Giovanni Falcone war mehrmals bei ihm zu Gast. Und in einer seiner Livesendungen verbrannte Costanzo in einer aufsehenerregenden Aktion ein T-Shirt mit der Aufschrift: Mafia Made in Italy.
Dreizehn Tage nach dem nächtlichen Anschlag in Rom schrecken die Bewohner von Florenz um ein Uhr morgens auf. Ein ohrenbetäubender Knall reißt sie aus dem Schlaf. 250 Kilo Tritol, ebenfalls in einem Auto versteckt, explodieren in der Via Gergofili, ganz in der Nähe der weltberühmten Uffizien. Fünf Personen kommen bei diesem Attentat ums Leben. 36 Menschen tragen teils schwere Verletzungen davon. Die einzigartige Gemäldegalerie wird schwer beschädigt. Rund ein Viertel des Kunstbestandes weist Schäden auf, einige Bilder sind für immer zerstört.
Doch der terroristische Flügel der Cosa Nostra schlägt weiter zu. Allein am 27. Juli 1993 explodieren fast gleichzeitig drei Bomben in Mailand und Rom. Drei Feuerwehrleute, ein Polizist und ein marokkanischer Obdachloser werden in der lombardischen Hauptstadt vor dem Pavillon der zeitgenössischen Kunst getötet. In Rom selbst wird die Lateranbasilika beschädigt und Teile der Fassade von San Giorgio al Velabro, einer der ältesten Kirchen der Hauptstadt, werden zerstört. Die Cosa Nostra nimmt neben dem Staat nun auch die Kirche ins Visier.
„Ich habe auf euch gewartet“
Zur gleichen Zeit fühlen sich die Brüder Graviano auf ihrem ureigenen Hoheitsgebiet bedroht: in Palermo, im Stadtteil Brancaccio. Zur ernsthaften Bedrohung für sie wird ein kleiner, schmächtiger und von Natur aus sanfter Mann: Giuseppe Puglisi, der Pfarrer des Viertels, von allen Don Pino genannt. Pino Puglisi ist mit Leib und Seele Priester. Das Evangelium zu verkünden heißt für ihn in erster Linie draußen bei den Menschen zu sein. Seine Pfarre sind die engen Straßen und Gassen des verrufenen Viertels, das von Arbeitslosigkeit und Drogenhandel gezeichnet ist sowie eine der höchsten Kriminalitätsraten der Stadt aufweist. Hier kämpft der „tapfere Priester“, wie er später genannt wird, darum, den jungen Menschen Mut und Hoffnung zu geben. Er will ihnen eine andere Perspektive vermitteln als die, sich als einzigem Ausweg dem organisierten Verbrechen anzuschließen.
Mitten in Brancaccio gründet Don Pino deshalb ein Sozialzentrum: das Padre Nostro. Der Pater und sein Zentrum sind der nach außen hin so gottesfürchtigen Cosa Nostra von Anbeginn ein Dorn im Auge. Denn dort spricht Don Pino von Geschwisterlichkeit, von Solidarität und von sozialem Frieden. Seine Mission sieht er im Einsatz für Gerechtigkeit und Recht, im Einsatz für die Rechte und Pflichten der Bürger und Pfarrangehörigen. Puglisi stellt sich offen und eindeutig auf die Seite der Unterdrückten und der am Rande der Gesellschaft Stehenden. Sein Ziel ist es, ein auf christlichen Werten basierendes Rechtssystem zu schaffen. Mit Wut sieht die Mafia, dass seine Worte Gehör finden und sich das Zentrum eines guten Zulaufs erfreut. Doch für Puglisi ist das alles zu wenig. Er will bei seinen Bestrebungen, die Menschen zum Umdenken zu bringen, bei den Kindern ansetzen. Er gründet eine Schule – überzeugt, dass Erziehung und Ausbildung der richtige Weg sind – und kümmert sich intensiv um Drogenabhängige. Auch für sie kämpft er um einen Platz in der Gesellschaft, für einen Weg heraus aus der Sucht. Bei seinen Predigten von der Kanzel der Kirche San Gaetano nimmt der Pfarrer sich kein Blatt vor den Mund. Er spricht die Probleme des Viertels geradeheraus an und scheut auch nicht davor zurück, die Verursacher dieser tristen und von Gewalt geprägten Realität bei ihren Namen zu nennen: Giuseppe und Filippo Graviano.

Giuseppe Puglisi
Für die brutalen und skrupellosen Bosse stellt dies eine unerträgliche Herausforderung dar. Die Berufung auf das Evangelium und die Würde eines jeden Einzelnen macht ihnen Angst. Sie fürchten, sie könnten bei der jungen Generation an Einfluss und damit an Macht verlieren. Puglisi ist eine Gefahr für sie, weil er ihre eigenen Spielregeln als verbrecherisch und unchristlich aufdeckt, weil er unerschrocken mit der Bibel in der Hand gegen die Mafia auftritt und sich nicht einschüchtern lässt. Eine Gefahr, die deshalb eliminiert werden muss. Die Bosse verhängen ihr Todesurteil über ihn. Am Abend des 15. September 1993, es ist Puglisis 56. Geburtstag, schlagen die Killer zu.
Kurz vor 21 Uhr kommt Don Pino nach einem erneuten Tag voller Anfeindungen vor seiner bescheidenen Behausung an. Seine Mörder warten bereits in einem Auto versteckt auf ihn. Als der Priester die Schlüssel zur Eingangstür ins Schloss stecken will, nähern sich zwei Männer von hinten. „Pater“, sagt einer, „Pater, das ist ein Raubüberfall.“ Es ist Gaspare Spatuzza, der den Auftrag hat, Don Pino abzulenken. Spatuzza versucht, ihm seine Tasche zu entreißen. Der Mord, das war der Plan, sollte wie ein unglücklich ausgegangener Gelddiebstahl eines Drogenabhängigen aussehen, die Tat auf einen der Schützlinge Don Pinos zurückfallen. Selbst die mit einem Schalldämpfer versehene Pistole wurde so ausgewählt, dass sie die Ermittler in die Irre führt. Es ist ein für Mafia-Attentate völlig unübliches Modell: eine Beretta, Kaliber 7,65.
Im selben Augenblick, als Spatuzza die Tasche an sich reißt, drückt der zweite Mann ab. Salvatore Grigoli schießt Puglisi aus nächster Nähe lautlos in den Nacken. Bevor der Priester zu Boden fällt, lächelt er seine Mörder an und sagt: „Ich habe auf euch gewartet.“
Der Gerichtshof in Palermo verurteilt am 13. Februar 2001 Gaspare Spatuzza und Salvatore Grigoli wegen Mordes. Giuseppe Graviano erhält im Fall Puglisi wegen „Anstiftung zum Mord“ eine lebenslange Gefängnisstrafe, sein Bruder Filippo zehn Jahre Haft. Giuseppe Puglisi wird im Mai 2013 vor hunderttausend Menschen in einem Stadion in Palermo seliggesprochen. Als erstes Opfer der Mafia in der Geschichte der katholischen Kirche.
Die Familie Graviano – so schreiben die Richter in ihrer Urteilsbegründung – übt in jenen Jahren „die absolute Kontrolle über ihr Gebiet aus“. Was immer dort auch passiert – Erpressung, Raub, Mord –, die Gravianos wissen Bescheid oder, schlimmer, sind in den meisten Fällen selbst die Auftraggeber. Ihre Herrschaft bleibt lange ungebrochen. Auch der Umstand, dass sie bereits vor 1993 in den Untergrund abgetaucht waren und sich nicht mehr in Sizilien, sondern auf dem italienischen Festland aufhalten, ändert nichts daran. Durch ihre Flucht sind sie einer Verhaftung und einer Anklage im Sinne des Mafia-Paragrafen entgangen.
Während ihre Erfüllungsgehilfen im ganzen Land Terror verbreiten, genießen die Brüder Graviano – wie sich später herausstellt – das Leben in einer luxuriösen Villa am Meer. Die Geschäfte führen sie aber – auch dank ihrer Schwester – sowohl vom Untergrund aus als auch später aus dem Gefängnis heraus weiter. Am 27. Jänner 1994 werden Giuseppe und Filippo in Mailand verhaftet. Nach einer ausgiebigen Shopping-Tour mit ihren Frauen wollen die beiden den Abend im Restaurant „Il Cacciatore“ ausklingen lassen. Die sonst so vorsichtigen Bosse wittern die Gefahr nicht. Die Polizisten sitzen, als harmlose Restaurantgäste getarnt, bereits in Warteposition. Seither sind die Brüder im Gefängnis.
In der Folge tritt ihre Schwester auf den Plan. Nunzia, sagt Staatsanwalt Michele Prestipino, wird nicht nur zur Statthalterin ihrer Brüder vor Ort, sie nimmt vor allem die wirtschaftlichen Angelegenheiten der gesamten Familie in die Hand und übernimmt damit eine führende Rolle innerhalb des Clans. Denn nichts fürchten Giuseppe und Filippo nach ihrer Verhaftung mehr als den Verlust ihres beträchtlichen Vermögens. Sei es durch eine vom Staat vorgenommene Beschlagnahme, sei es durch Kämpfe innerhalb der Cosa Nostra, in der nun der neue Boss der Bosse, Bernardo Provenzano, den Ton angibt.
Die junge Frau übt ihre Funktion mit Überzeugung aus. Sie sieht sich nicht nur als ausführendes Organ, sie entwickelt ihre eigene Vision einer zeitgemäßen Mafia. Nunzia – bestätigt Michele Prestipino, der sie bei einer Vernehmung als „sehr entschlossen, sehr resolut“ erlebt hat – verkörpert die Moderne innerhalb der Familie. Sie träumt von internationalen Geschäftsmodellen und möchte die organisatorische Zentrale des Clans ins Ausland verlegen. Bald ist das Land gewählt. Sie geht nach Südfrankreich, um von dort die Geschäfte der Familie abzuwickeln.
Mit dieser Entscheidung steht Nunzia im klaren Gegensatz zu den Frauen ihrer Brüder, die ihr anvertraut sind. Ihre Schwägerinnen bleiben der traditionellen Rolle der Mafia-Frauen treu. Die beiden ziehen ein Leben in Palermo einem anonymen Aufenthalt im Exil vor. Sie wissen, dass sie zuhause auf den Respekt der Clanmitglieder zählen können, der ihnen als Ehefrauen ehrenwerter Männer gebührt, die ihre Gefängnisstrafe „würdevoll“, weil nicht mit der Justiz kollaborierend, absitzen. Das schon historische Fach der passiven First Lady der Mafia ist jedoch Nunzias Sache nicht.
Nunzia ist bei allen wichtigen Entscheidungen, die das Überleben des Clans betreffen, dabei. Sie kommuniziert mit den Brüdern im Gefängnis, sie kümmert sich um die „Gehälter“ für inhaftierte Mafiosi und deren Familien, an sie wenden sich andere Mafia-Familien, wenn es darum geht, größere Entscheidungen zu treffen. Sie arbeitet Schulter an Schulter mit ihrem Steuerberater und ihrem Rechtsanwalt. Dank ihrer Fähigkeiten erleiden die wirtschaftlichen Unternehmungen der Familie keinen Einbruch, stellen die Untersuchungsrichter fest. Die „Familie“ besteht somit weiter.
Nunzia sorgt dafür, dass die Gelder in Brancaccio eingetrieben werden. Noch im Jahr 2012, also bereits nach ihrer zweiten Verhaftung, soll sie allein aus Vermietungen von Wohnungen und Büros 66.000 Euro monatlich eingenommen haben. Doch die Mieten tragen in den 1990ern nur einen kleinen Teil zum Vermögen bei. Die Familie Graviano verfügt über einen großen Immobilienbesitz, den es angesichts der veränderten Lage zu verkaufen gilt. Sei es in fingierten Geschäften an Strohmänner, sei es tatsächlich in realen Transaktionen. Das Imperium muss neu geordnet werden.
Einblick in das von Nunzia verwaltete Familienvermögen geben die Abhörprotokolle der Ermittler. So beraten sich der Anwalt der Familie, Domenico Salvo, und Filippo Graviano im November 1998 über den Ankauf einer neuen Wohnung für die Mutter in Palermo. „Es gibt ein Palais aus dem achtzehnten Jahrhundert“, setzt der Jurist die Familie in Kenntnis, „vollständig restauriert und renoviert. Allein der Salon ist 260 m2 groß.“ „Kaufen, und zwar sofort, ohne lange nachzudenken“, ist die Antwort Filippos. „Je größer, desto besser, dann haben eventuell auch andere Familienmitglieder Platz.“
Zu dieser Zeit lebt Nunzia bereits an der Côte d’Azur. Sie schlägt in Nizza ihren Hauptwohnsitz auf und beherbergt je nach Bedarf einmal die Mutter, einmal die Schwägerinnen. Nunzia liebt das Leben an der französischen Mittelmeerküste, das eleganter, aber vor allem sicherer ist als in Palermo. Hier kann sie sich unerkannt und unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen. Hier kann sie in Ruhe ihre Finanztransaktionen abwickeln.
Wann immer es die Geschäfte verlangen, pendelt sie zwischen Frankreich und Sizilien. Mit ihren Brüdern hält sie regelmäßig Kontakt. Einerseits, um von ihnen Anweisungen bezüglich Vermögensverwaltung sowie Mafia-Aktivitäten entgegenzunehmen, andererseits, um von ihren eigenen Tätigkeiten zu berichten. Während der Gespräche benützen die Geschwister einen familienspezifischen Kommunikationscode. Sie verschlüsseln nicht nur Namen und Sachverhalte, sie verwenden auch eine eigens erfundene Gestik, die die Ermittler erst im Laufe der Beobachtungen entschlüsseln werden. Jede noch so harmlose Bewegung, wie das Tippen auf die Stirn oder das Berühren des kleinen Fingers der linken Hand, verweist auf einen – fast immer – illegalen Tatbestand und wird später in der Beweisführung von der Justiz verwendet.
Selbständig und doch nicht frei
Nunzia ist die Managerin der Familie und als solche ist sie permanent auf der Suche nach neuen Geschäftsideen. Die Zeiten sind schwierig für die sizilianische Mafia. Nach den Attentaten der Jahre 1992 und 1993 geht der Staat entschieden gegen den militärischen Arm der Cosa Nostra vor. Immer häufiger gehen der Polizei Mitglieder ihres Clans ins Netz. Die steigende Zahl inhaftierter Männer stellt sie vor neue Herausforderungen. Als Clanchefin muss sie für deren Unterhalt und den der Angehörigen aufkommen. Das bedeutet neue, nicht vorhergesehene Ausgaben. Sie steigt daher in das verbotene Glücksspiel ein, lässt Spielautomaten für sich arbeiten, die die Kasse für sie klingeln lassen und für satte Gewinne sorgen.
Doch Nunzias große Stärke liegt im Finanzwesen. Die hübsche junge Frau mit dunkelblondem, halblangem Haar ist eine gern gesehene Kundin etlicher Großbanken in und um Nizza. Sie eröffnet Konten und Depots und spezialisiert sich auf Aktien und Portfolios. Die Herkunft des investierten Geldes, das ausschließlich aus illegalen Einkünften stammt, scheint niemanden zu interessieren. Nunzia ist eine aparte Erscheinung, ihr Auftreten ist gewandt, wie ihre Brüder legt auch sie Wert auf Designerkleidung. Aber sie ist vor allem intelligent, wie auch die Ermittler feststellen. Immer bemüht, jedes noch so kleine Risiko so gering wie möglich zu halten. Wenn sie etwa mit ihrem Anwalt sprechen muss, tut sie das nur von einem öffentlichen Telefon aus. Der Gebrauch von Mobiltelefonen ist genau reglementiert und nur auf einige Themen beschränkt.
Das Risiko klein halten bedeutet auch, selbst über möglichst viele Informationen zu verfügen und möglichst wenig vom Wissen anderer abhängig zu sein. Die junge Frau bildet sich daher sprachlich und fachlich ständig weiter. Sie studiert die Feinheiten des Internets und lernt Französisch, sie verfolgt täglich die Aktien- und Börsenkurse in Radio und Fernsehen, und zu ihrer permanenten Lektüre gehört die hochseriöse Tageszeitung der italienischen Industriellenvereinigung, „Sole 24 Ore“, die sie auch im Gefängnis weiterhin lesen wird.
Selbständig, unabhängig, intelligent und emanzipiert, so wird Nunzia Graviano beschrieben. Als die junge Frau jedoch in Frankreich eine Beziehung zu einem aus Syrien stammenden Arzt beginnt, schlagen die althergebrachten Muster wieder durch und die Brüder zu. „Ich bin Sizilianer, du bist Sizilianerin, wir haben Traditionen. Wir kennen keine Scheidung und jede Beziehung muss in einer Ehe enden“, gibt ihr Bruder Giuseppe unmissverständlich zu verstehen. „Und“, fügt der Auftraggeber des Mordes an Pater Puglisi hinzu, „welche Religion hat denn der überhaupt?“ Die Botschaft ist klar: Der Freund wird von der Familie nicht akzeptiert. Vor die Wahl gestellt, sich entweder für die neue Liebe oder für die Ursprungsfamilie zu entscheiden, entscheidet sich Nunzia für Letztere – und bleibt damit letztlich den alten Prinzipien verhaftet. Dieselbe Frau, die nach der Verhaftung ihrer Brüder zu ihren „Untergebenen“ sagte: „Jetzt bin ich es“, gibt nun klein bei.
1999 wird Nunzia Graviano das erste Mal verhaftet und als Mafiosa verurteilt. 2011 nimmt die Polizei sie erneut fest. Zwei Jahre später kommt es zu einer weiteren Verurteilung. Wieder war Nunzia als Geschäftsfrau für den Clan tätig. Wieder leitete sie die Geldgeschäfte. Zur Tarnung führte sie offiziell eine Bar in Rom. In Wirklichkeit wurde weiter schmutziges Geld verwaltet und reingewaschen. Gelder aus Schutzgelderpressungen und anderen illegalen Aktivitäten. Zu den Spielautomaten kam das Transportwesen hinzu. Nunzia gab weiterhin die Linie vor und hatte noch immer ihre Leute fest im Griff. Und das Schmutzgeld wurde nach wie vor in Paketen verschnürt ins Haus geliefert.
Derzeit sind die Graviano-Brüder und ihre Schwester in Haft. Das Kapitel der Familie ist aber weiterhin offen und Teil der jüngsten Kriminalgeschichte Italiens. Denn das Paten-Brüderpaar ist nicht nur mitverantwortlich für den Mafia-Terror der 1990er-Jahre, es soll auch in der hohen Politik mitgemischt haben. Laut berühmten Kronzeugen wie Nino Giuffrè und Gaspare Spatuzza waren es die Brüder Graviano, die in jenen Jahren als Vermittler zwischen dem damaligen Polit-Neueinsteiger Silvio Berlusconi und der Cosa Nostra agierten. Danach habe die Mafia dessen Partei Forza Italia von Anfang an unterstützt. Als Gegenleistung wollte die Cosa Nostra in Ruhe gelassen werden. Sie wollte Schutz für sich und ihre Mitglieder. Gaspare Spatuzza, seit 2008 pentito und Zeuge der Justiz, soll von Giuseppe Graviano selbst davon erfahren haben. Anfang 1994, gab er zu Protokoll, habe er sich mit seinem Boss in einer Bar in der eleganten Via Veneto in Rom getroffen, die in dessen Eigentum war. Giuseppe Graviano habe offen über die neue Partei und ihre beiden Gründer gesprochen: Silvio Berlusconi und Marcello dell’Utri. Berlusconis Weggefährte, der im Mai 2014 rechtskräftig wegen Mafia-Verwicklungen verurteilt worden ist, soll damals als Mittelsmann der Politik agiert haben. Dank der beiden Politiker „hat die Mafia das Land in der Hand“, zitierte Spatuzza weiter aus seinem Gespräch mit Graviano.
Im darauffolgenden Frühling gewann der Mailänder Medienzar seine erste Wahl und wurde Ministerpräsident. Filippo Graviano hat die Aussagen seines ehemaligen, und nun reuigen, Auftragskillers zurückgewiesen. Giuseppe Graviano schweigt dazu eisern. Bis heute sind die Aussagen Spatuzzas Gegenstand von Untersuchungen. Eines der schwierigsten Kapitel der jüngsten italienischen Geschichte ist damit weiterhin offen. Und damit auch die Ermittlungen zu den Morden an Falcone und Borsellino.
Wie mächtig die Bosse sind – und vor allem waren –, zeigt die Geburt ihrer Kinder. Dem Storch gelang es sogar, die Gefängnismauern des Hochsicherheitstrakts zu überwinden. Beide Ehefrauen gebaren 1997 im Abstand von rund einem Monat in einer Privatklinik in Nizza ihre Kinder. Und das, obwohl beide Männer schon lange hinter Gittern saßen.

Der Wunsch, Carmela Iuculano kennenzulernen, war schwierig umzusetzen. Doch ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dieser Frau zu begegnen, von der ich bereits so viel gehört hatte. Staatsanwälte haben mir mit Respekt von ihr erzählt, haben von einer Frau gesprochen, die „so ganz anders als die anderen ist“. Ein Treffen mit ihr war mir ein wichtiges Anliegen.
Aber Carmela Iuculano hat keine Adresse und keine Telefonnummer, unter denen sie erreichbar wäre. Die junge Frau lebt seit 2004 im Zeugenschutzprogramm der italienischen Polizei und damit unerkannt an einem unbekannten Ort.
Meine Anfrage bei der zuständigen Kommission wird positiv behandelt, aber der Gang durch die Institutionen ist lang und die bürokratischen sowie sicherheitstechnischen Hürden sind groß. Als ich endlich nach Monaten die definitive Zusage bekomme, muss ich nur noch warten, dass man mir Zeit und Ort nennt. Denn eines ist klar: Das Treffen muss geheim stattfinden, weit weg von ihrem eigentlichen und mir unbekannten Wohnort, um jegliche Gefährdung Carmelas zu vermeiden.
Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt überlegte ich, wie die Justiz-Kollaborateurin, die Dutzende Mafiosi hinter Gitter gebracht hat, wohl sein werde. Ich stellte mir eine energische und harte Person vor und stehe plötzlich einer lächelnden Frau gegenüber, die meine eigene Befangenheit mit einem Schlag wegwischt. Ich könne fragen, was ich wolle, sagt sie mit einer tiefen, rauchigen Stimme, ich müsse nur die gesetzlichen Regeln einhalten. Keine Fragen zu laufenden Prozessen, bekräftigen die beiden sie begleitenden Polizisten. Und noch etwas: Auch Fotos sind nicht erlaubt. Eventuelle Tonaufnahmen müssen verzerrt werden. Nichts dürfe Rückschlüsse auf die reale Person ermöglichen.
Sonst sei sie gerne bereit, auf alles zu antworten, sagt Carmela, „auch wenn sie Tag für Tag darum kämpfe, die Mafia und Sizilien aus ihrem Kopf zu bekommen“. Lange habe sie überlegt, ob sie das Gespräch akzeptieren solle, denn die meisten Interviewanfragen lehne sie ab. Sie möchte jedoch aufzeigen, dass „ein anderes Leben“ möglich sei.
„Ich danke Gott, dass sie mich verhaftet haben“, bekräftigt Carmela. „Meine Festnahme sehe ich als ein Wunder, ja als Gnade an. Ich weiß, das klingt wie ein Widerspruch, aber die Verhaftung hat mir die Freiheit geschenkt; die echte und wahre Freiheit. Das war eine Chance, die mir das Leben geboten hat. Und es ist mir gelungen, sie zu ergreifen.“
Geboren wird Carmela am 6. Juni 1973 in Cerda, einem landwirtschaftlich geprägten Dorf mit 5000 Einwohnern in der Provinz Palermo. Nichts deutet bei ihrer Geburt auf ihren späteren Lebensweg hin.
Carmela ist die Tochter eines kleinen Bauunternehmers, der sich, obwohl aus sehr armen Verhältnissen kommend, einen „gewissen Wohlstand erarbeitet hat“. Den Vater erlebt sie als „dickköpfig und hart im Nehmen. Alles, was er sich vornahm, setzte er um.“ Sebastiano Iuculano war aber auch mutig, denn er ging seinen Weg abseits der allgegenwärtigen Mafia. Carmelas Vater war nie Mitglied des organisierten Verbrechens. An ihm orientiert sich die heranwachsende Tochter, die zu ihrem sechs Jahre älteren Bruder Giuseppe kein konfliktfreies Verhältnis aufbauen wird. Dem strengen Vater gehört ihre ganze Liebe, die selbst die Zuneigung zu ihrer Mutter in den Schatten stellt.
Carmela ist vierzehn Jahre alt und hat soeben die Pflichtschule mit ausgezeichneten Noten abgeschlossen, als das Ideawbild ihres Vaters tiefe Risse bekommt. Sie entdeckt, dass er ein außereheliches Verhältnis hat, und spioniert ihm sogar nach. Sie ist tief getroffen. Noch entsetzter ist sie, als sie merkt, dass die Mutter dies als gottgegeben hinnimmt. „Darüber spricht man nicht.“ Das Weltbild des jungen Mädchens gerät ins Wanken. Sie wird aufmüpfig und rebellisch.
Die Gelegenheit, es ihrem Vater heimzuzahlen, ergibt sich an einem heißen Sommerabend des Jahres 1989. Carmela befindet sich mit Freunden im öffentlichen Park ihres Heimatortes, als ein junger Mann zur Gruppe stößt. Zwischen den beiden entwickelt sich ein verbaler Schlagabtausch. „Das ist der Mann, der meinem Vater die Stirn bieten kann; die einzige Person, mit der ich ihn kränken kann“, schießt es ihr durch den Kopf. „Er kommt aus einer Familie, die mein Vater verabscheut, er ist der Typ Mann, den er nicht will.“ Die Begegnung mit dem fünf Jahre älteren Pino Rizzo, der einer in der Region wichtigen Mafia-Familie angehört, wird ihr Leben leidvoll bestimmen.
„Es war keine Liebe“, sagt sie heute, „er hat keinen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Es war ein Akt der Auflehnung“, den sie mit allen Konsequenzen durchzog.
Es kommt, wie es kommen muss. Zuhause ist die Hölle los und dem Mädchen wird jeder Kontakt mit Pino verboten. Carmela bekommt Hausarrest und darf das elterliche Heim nur mehr für den Schulbesuch verlassen. Doch eines Tages braucht die Mutter sie für einen Botendienst und schickt sie zum Haus der Großmutter. Auf dem Weg dorthin begegnet ihr Pino Rizzo. In wenigen Minuten beschließen sie eine fuitina, die in Sizilien in den 1980er-Jahren immer noch typische „Liebesflucht“, mit der ein Pärchen die Eltern vor vollendete Tatsachen stellt. Das einzige Mittel, um die verlorene Ehre der Frau wiederherzustellen und die „Schande“ damit zu tilgen, ist in diesem Fall die Hochzeit.
Die beiden sind nur ein paar Stunden untergetaucht, da werden sie bereits von Pinos Onkel Rosolino aufgespürt. Als Versteck hatte Pino ein verlassenes Haus seines Vaters gewählt, der bereits seit einiger Zeit im Untergrund lebte. Das Mädchen wird zurück nach Hause gebracht, wo die Mutter weint und der Vater tobt. Erst später erfährt sie, dass ihr Vater sie gesucht hat, von einem weiteren Onkel Pinos jedoch mit der Waffe zur Umkehr gezwungen worden ist. „Es sei alles bereits geregelt“, schärfte er Sebastiano Iuculano ein.
Am darauffolgenden Tag besiegeln beide Familien die offizielle Verlobung. Pinos Onkel Rosolino, ein ortsbekannter Mafia-Boss, schärft der frisch Verlobten die nun geltenden Verhaltensregeln ein. Regel Nummer eins: Sie darf das eigene Haus ausschließlich in Begleitung ihres zukünftigen Mannes oder eines engen Verwandten verlassen. Carmela spürt deutlich, wie ihre Familie unter Druck gesetzt wird. Nur in einem Punkt setzt sich Sebastiano Iuculano durch: Seine Tochter, die seit zwei Jahren erfolgreich eine Handelsschule besucht, muss weiter in den Unterricht gehen.
Doch die Konflikte zwischen Brautvater und zukünftigem Schwiegersohn spitzen sich schon in den ersten Tagen zu. „Mein Vater hat sich nicht an den Pakt gehalten. Er wollte diese Ehe verhindern“, erinnert sich Carmela. Die Nerven liegen bald bei allen blank. Pinos Familie droht, das Mädchen offiziell abzulehnen. Vater Sebastiano greift zum Äußersten und verweigert seiner Tochter sogar den von ihm selbst erwünschten Schulbesuch. Carmela wird zur Gefangenen im eigenen Haus. Ihr Zimmer darf sie nur für die Mahlzeiten verlassen und um ins Badezimmer zu gehen.
„Ungefähr einen Monat nach unserer Verlobung haben wir daher eine zweite fuitina gemacht“, erzählt Carmela. „Das ganze Dorf wusste über unsere erste ‚Liebesflucht‘ Bescheid und alle gingen davon aus, dass wir Sexualverkehr gehabt haben. Damit hatte ich keine andere Wahl mehr, als zu heiraten. Ich wäre sonst ‚ehrlos‘ gewesen. Eine Frau, die noch dazu von einem Mafioso entehrt worden ist. Das hätte gereicht, um für immer punziert zu sein. Kein anderer Mann hätte sich mir jemals genähert.“ Carmela fühlt sich in der Falle und wählt die Flucht nach vorne.
Im Dezember 1989 organisiert das junge Paar also eine richtige Flucht. Carmela entweicht über die Dachterrasse ihres Hauses, ein Cousin ihres Mannes bringt das Paar nach Trabia, ein Dorf in der Nähe von Cerda. Dort verbringen sie einige Tage allein in einem abgelegenen Haus, anschließend übersiedeln die beiden zu Pinos Großmutter. Nun ist „die Ehe“ in den Augen der dörflichen Gemeinschaft auch ohne offiziellen Trauschein „vollzogen und gültig“. Vollzogen ist auch der Bruch mit der eigenen Familie, die den „Ehemann“ und seine Herkunft ablehnt. Der Vater ist außer sich: „Ich habe nur dich als Tochter. Ich würde dich lieber hinter Klostermauern sehen, als mit diesem Mann verheiratet zu wissen.“
Wenige Wochen später bezieht Carmela mit Pino eine eigene Wohnung. In Wirklichkeit wechselt sie nur „in ein anderes Gefängnis“. Ihr Mann gibt ihr schon bald den wahren Grund für sein Interesse an ihr zu verstehen: Er wollte in eine wohlhabende und unverdächtige Familie einheiraten. Die junge Frau selbst ist ihm hingegen gleichgültig, auch sexuell sei sie unerfahren und daher uninteressant.
Bereits zu Beginn ihres Zusammenlebens zeigt Pino sein wahres Gesicht. Er schlägt und demütigt sie. Carmela beginnt an Essstörungen zu leiden und denkt immer öfter an Selbstmord. Mitten in einer schweren Depression entdeckt die knapp Siebzehnjährige, dass sie schwanger ist. Neue Hoffnung keimt in ihr auf, doch ein Arztbesuch dämpft die Freude. Sie muss die gesamte Schwangerschaft im Bett verbringen und wird immer wieder tageweise ins Krankenhaus eingeliefert. In diesen schwierigen Wochen bemerkt sie, dass ihr Mann fremdgeht. Pino ist fast nie zuhause. Auch die Geburt der Tochter Daniela im Juni 1991 verbessert die Situation des Ehepaares nicht. Im Gegenteil. Ihr Mann ist kälter denn je.
Trotzdem heiraten die beiden am 14. September 1991 in der Kirche ihres Heimatortes. Ein schweres Gewitter geht plötzlich über dem Ort nieder. Blitze schlagen ein und alle Lichter gehen aus. Wie ein Fingerzeig des Schicksals legt sich die Dunkelheit über die Hochzeitsgesellschaft. Als das Licht wieder angeht, wird das Paar getraut und die kleine Tochter getauft. Erst später wird Carmela, die immer noch keine konkrete Vorstellung von der Mafia hat, erkennen, dass Pinos Trauzeuge ein Mafioso war.
Ab diesem Zeitpunkt ordnet sie auch andere Erinnerungen neu ein. So wie eine Einladung, knapp nach ihrer ersten fuitina, zur Taufe der Tochter von Pinos Onkel Rosolino. „Da war ich noch so jung. Und ich verstand so vieles nicht“, erzählt Carmela heute. „Ich erinnere mich aber noch gut daran, dass es bei der großen Feier einen Tisch gab, an dem verschiedene Männer saßen, die weder gefilmt noch fotografiert werden durften.“ Einer dieser Männer war ein hochrangiger Boss der Corleone-Mafia sowie Intimus von Bernardo Provenzano. „Das war Nino Giuffrè. Das habe ich aber erst später erkannt, als ich sein Foto in Zeitungen sah. Pino hat diese Episode gegenüber der Polizei immer geleugnet, aber ich weiß, dass er Giuffrè während dessen Zeit im Untergrund persönlich betreut hat. Er hat mir ja sogar Grüße ausrichten lassen.“
Nur ganz langsam entdeckt die junge Ehefrau das Doppelleben ihres Mannes, der offiziell bei der ESA, der Agrar-Entwicklungsbehörde Siziliens, teilzeitbeschäftigt ist, gleichzeitig aber für die Mafia arbeitet. Am Anfang ist es vor allem der Zufall, der ihr in die Hände spielt.
1994 ist Carmela wieder schwanger und sie leidet an den gleichen Symptomen wie beim ersten Mal. Der Arzt verordnet auch diesmal absolute Bettruhe. Ihre Mutter will sie unterstützen und kommt daher regelmäßig, um den Haushalt der Tochter zu betreuen. Sie kümmert sich um die Wäsche, spült das Geschirr und reinigt die Böden. Als gute Hausfrau ist sie gewöhnt, gründlich zu putzen, und so fährt sie eines Tages mit dem Besen tief unter eine mobile Bar, die sich im Wohnzimmer befindet. Dabei stößt sie auf einen harten Gegenstand. Sie bückt sich und zieht ein Paket hervor, das sie mit ihrer Tochter öffnet: Vor den Augen der beiden entsetzten Frauen liegen verschiedene Waffen.
Eine ähnlich erschreckende Entdeckung macht Carmela wenige Tage später. Als der Spülkasten im WC nicht richtig funktioniert, öffnet sie ihn, um die Ursache für die verstopfte Leitung herauszufinden. Der Grund für den geringen Wasserfluss liegt gut sichtbar vor ihr: ein mit Isolierbändern wasserdicht verschlossenes Päckchen. Carmela hat nicht den Mut, es zu entfernen, doch am Abend stellt sie ihren Mann zur Rede. Zuerst leugnet er alles, dann droht er ihr: Sie und ihre Mutter müssten den Mund halten, sonst würde etwas Schlimmes passieren. Und das Päckchen im Spülkasten? „Das war die für die Waffen nötige Munition.“
Carmela begräbt all ihre Hoffnungen, ihr Mann könnte doch anders als sein Vater und sein Onkel sein. Nun beginnt sie ihm offen zu misstrauen. Er wiederum kontrolliert sie strenger denn je. Pino bewacht sie buchstäblich Tag und Nacht. „Ich habe die Angewohnheit, im Schlaf zu sprechen. Auch heute noch. Aber damals wollte mir mein Mann dies mit Gewalt austreiben“, sagt sie. „Er schlug mir so lange auf den Mund, bis ich aufwachte. Manchmal so fest, dass ich blutete. Als Grund gab er an, ich könnte – sollte ich eines Tages in ein Krankenhaus eingeliefert werden, wo man das Zimmer mit anderen Personen teilt – Geheimnisse verraten.“
Pinos Wunsch, einen Sohn zu bekommen, erfüllt sich auch diesmal nicht. Die zweite Tochter, Serena, wird geboren. „Auch dass wir nur Töchter hatten, warf er mir vor. Wann immer etwas nicht so funktionierte, wie er es sich vorgestellt hatte, war es meine Schuld.“ Einen „ganz großen Schock“ erlebt Carmela, als ihr Mann plötzlich verhaftet wird. „Beim ersten Mal war das ein richtiges Trauma. Ab diesem Zeitpunkt habe ich mich zu fragen begonnen, wer er wirklich sei. Vorher war ich wie in Trance, aber ab diesem Zeitpunkt stellte ich richtige Nachforschungen an. Aber je mehr ich nachforschte, desto größer wurde meine Angst.“
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