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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 9

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2016.

Titelbild: Heike Georgi

Herstellung + Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-650-0 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-329-3 - E-Book

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Inhalt

*

Die Weihnachtsparty

Heute war ein ganz besonderer Tag im Kindergarten. Es hatte zum ersten Mal in diesem Jahr geschneit und die Kinder waren alle völlig aus dem Häuschen. Gleich nach dem Frühstück liefen sie nach draußen und bauten einen großen Schneemann. Joel war erst seit einigen Tagen in der Spatzengruppe. Er war der Neue, der aus Köln zugezogen war.

Nach dem Spielen im Schnee hatte Max alle Kinder zu einer Weihnachtsparty zu sich nach Hause eingeladen. Die Kinder freuten sich sehr und kamen noch mehr in Weihnachtsstimmung. Alle hatten eine Karte mit einem lustigen Weihnachtsmann bekommen, der Wackelaugen hatte. Joel hatte als Einziger keine Karte bekommen. Traurig stand er in einer Ecke und kämpfte mit den Tränen. Warum hatte Max ihn nicht eingeladen? Mochte er ihn nicht? Was hatte er bloß falsch gemacht? Hatte er ihn nicht eingeladen, weil er neu war?

Am Nachmittag, als die Mutter Joel abholte, sah sie schon an seinem Gesicht, dass ihn etwas sehr bedrückte.

Kaum waren sie zu Hause, sprudelte es aus Joel heraus: „Mama, der Max hat mich nicht zu seiner Weihnachtsparty eingeladen, das finde ich ganz ungerecht!“

„Vielleicht hat er nur eine kleine Wohnung und da passen nicht so viele Kinder hinein.“

„Er hat aber die ganze Spatzengruppe eingeladen, nur mich nicht!“

„Vielleicht kennt er dich noch nicht gut genug.“

„Wir spielen jeden Tag zusammen. Das kann es nicht sein! Oder meinst du doch?“

„Sei nicht traurig, dann lädst du ihn in drei Monaten zu deinem Geburtstag ein und dann wird er dich bestimmt auch einladen, wenn er wieder eine Party macht.“

„Aber dann muss ich ja noch soooo lange warten!“

„Ich habe eine Idee: Du kannst ihn doch schon nächste Woche zum Spielen einladen.“

„Und wenn er Nein sagt?“

„Er sagt ganz bestimmt nicht Nein.“

„Und wenn doch?“

„Dann spielst du im Kindergarten mit ihm.“

„Er mag mich nicht. Sonst hätte er mich doch auch zu der Weihnachtsparty eingeladen. Am besten, ich gehe ihm aus dem Weg ...“

„Ich bin mir sicher, dass er dich mag. Du bist doch ein guter Spielkamerad. Geh ihm nicht aus dem Weg, geh auf ihn zu!“

„Das schaffe ich nicht.“

Joel seufzte. Die Sache mit der Weihnachtsparty ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er freute sich jetzt kein bisschen mehr auf Weihnachten, alles war plötzlich ganz blöd. Wieso hatte er keine Einladung bekommen? Er gehörte doch dazu! Was war falsch an ihm? Und jetzt riet ihm seine Mutter auch noch dazu, auf Max zuzugehen? Das war doch eine verkehrte Welt. Max müsste auf ihn zugehen!

Am nächsten Tag waren Joel und Max die Ersten im Kindergarten. Sollte Joel doch den Rat der Mutter befolgen? Er mochte Max und war sich sicher, dass sie sehr gut zusammen spielen würden. Er könnte ihm sein großes Tor im Garten zeigen, den Apfelbaum und vieles mehr. Es war die Chance, um Max einzuladen. Doch Joel hatte Angst, sehr große Angst. Er wusste selbst nicht, warum. Wahrscheinlich hatte er sich zu sehr in die Sache hineingesteigert.

Die Kinder spielten gleich auf dem Bauteppich mit den Legosteinen und bauten eine Stadt. „Jetzt oder nie!“, dachte Joel und nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Hast du Lust, vielleicht einmal bei mir zu Hause ...“, setzte er an, doch da kam Kathi dazu und Max hörte seine Frage nicht mehr.

Als Joel an diesem Abend ins Bett gebracht wurde, fragte seine Mutter: „Hast du heute Max eingeladen?“

Joel seufzte. „Als ich ihn fragen wollte, da kam Kathi dazu und er hat meine Frage nicht gehört.“

„Dann frag ihn morgen noch einmal. Gib nicht zu schnell auf, um seine Freunde muss man kämpfen!“

Joel lag noch lange wach. Er war so traurig, dass er nicht zu Max’ Feier gehen durfte. Er hatte gehört, dass die Kinder alle zum Schlittschuhlaufen gehen würden. Wie gerne wäre er auch dabei ...

In der Nacht träumte Joel, dass Max bei ihm zum Spielen war. Sie spielten Fußball im Garten und Joel stand im Tor. Es war ein wunderschöner Nachmittag und die beiden wurden die besten Freunde.

Am folgenden Tag im Kindergarten spielten die Kinder wieder auf dem Bauteppich. Die ganze Zeit überlegte Joel hin und her, wie er Max am besten zu sich einladen könnte, ohne dass es doof klang. Gleichzeitig hatte er Angst vor einem Nein.

„Kommst du morgen auch zu Max’ Party?“, fragte Kathi Joel schließlich.

Joels Herz schlug wie wild.

„Ich bin nicht eingeladen“, antwortete er leise und wurde ganz rot, denn Max hörte zu.

Abrupt hörte Max auf zu spielen. „Aber ich habe dich doch eingeladen!“, rief er aufgeregt.

Joel schüttelte den Kopf.

„Hast du nicht die Karte mit dem Weihnachtsmann bekommen?“

Wieder schüttelte Joel den Kopf.

„Das gibt es doch gar nicht!“, rief Max, überlegte kurz und rannte zu seinem Rucksack, den er im Flur an einen Haken gehängt hatte. Er riss ihn auf und wühlte in ihm herum. Hervor kam eine zerknickte Weihnachtsmanneinladung. „Hier, deine Einladung! Sie war unter die Wasserflasche gerutscht“, sagte er fröhlich und über Joels Gesicht huschte ein glückliches Lächeln.

Jetzt konnte es Weihnachten werden!

Dörte Müller, geboren 1967, wohnt zurzeit mit ihrer Familie in den Niederlanden. Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher und veröffentlicht ihre Kurzgeschichten in Anthologien. Am liebsten verbringt sie ihre Zeit mit ihrer Familie am Meer.

*

Weihnachtsmanns Reise um die Welt

Unabhängig ob es stürmt, regnet oder auch schneit,

der Weihnachtsmann bringt Geschenke zur Winterzeit.

Doch ist der Mann mit Rauschebart von Land zu Land

den Menschen mit verschiedenen Namen bekannt.

Deshalb möcht ich erzählen mit diesem Gedicht

von Weihnachtsmanns Brauchtum und Traditionsgeschicht’.

In Russlands Häusern von West bis Ost, Süd bis Nord

bringt der Weihnachtsmann Freude und manch liebes Wort.

Sein blau-weißes Gewand steht für Kälte und Frost,

deshalb trägt er dort den Namen Väterchen Frost.

Ihm zur Seite Snegurotschka, sein Enkelkind,

hilft beim Verteilen der Geschenke – ganz geschwind.

Die USA haben namentlich Santa Claus,

der reitet im Rentierschlitten von Haus zu Haus.

Rutscht heimlich im Kamin in die Stuben ganz sacht

und hat jedem Bewohner etwas mitgebracht.

Als Dankeschön zur besinnlichen Weihnachtszeit

stehen für Santa Claus Milch und Kekse bereit.

In Deutschland kommt der Weihnachtsmann

zu Groß und Klein,

durch die Tür betritt er jedes geschmückte Heim.

Im Schein vom strahlend-leuchtenden Weihnachtsbaumlicht

wird er begrüßt mit einem Lied oder Gedicht.

Dabei trägt im großen Sack auf seinem Rücken

er viele Geschenke, die Herzen beglücken.

Egal welchen Namen der Weihnachtsmann erhält,

zur Weihnachtszeit vor allem die Herzlichkeit zählt.

Wichtig sind Familie und Geborgenheit

und auf den Gesichtern erstrahlt Glückseligkeit.

So möcht ich mit jedem, der den Weihnachtsmann liebt,

abschließend noch sagen: „Danke, dass es dich gibt!“

Susann Scherschel-Peters wurde 1975 in Mühlhausen/Thüringen geboren. Sie ist Mutter, Diplom-Pädagogin, ausgebildete Trauerbegleiterin und arbeitet hauptberuflich im Beratungsbereich. Als Autorin schreibt sie seit 2012 Kurzgeschichten, Märchen, Gedichte und Elfchen, die bereits in verschiedenen Anthologien bei unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht wurden. Zudem ist sie nebenberuflich als Dozentin tätig und liest ehrenamtlich in einem Seniorenheim Geschichten, Märchen und Gedichte vor. Die Autorin lebt heute mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Frankfurt am Main.

*

Juliana und die Plätzchendiebe

Juliana, ein junges blondes Mädchen, legte Wert darauf, ihren Namen auf die amerikanische Art mit Tsch zu hören. Das sagte sie jedem, denn woher sollten es die Menschen sonst wissen. Überhaupt ist es immer von Vorteil zu sagen, was man möchte. Natürlich in Verbindung mit einem netten Ton, dann bekommt man es auch viel leichter.

Es war Anfang Dezember, Weihnachten nahte. Die Vorbereitungen liefen allerorten auf Hochtouren. In den Straßen blinkte die weihnachtliche Beleuchtung, nur der Schnee ließ dieses Jahr auf sich warten. Alle Kinder waren ungeduldig, und Juliana bildete da keine Ausnahme.

Jeden Morgen stürmte sie zu ihrem Adventskalender und schaute nach, welche Figur sich hinter dem Türchen verbarg, naschen durfte sie die Schokolade allerdings erst nach dem Frühstück. Ihre Mutter achtete auf eine gute Ernährung, weshalb sie fast alles im Bioladen kaufte.

Am vierten Dezember kam Juliana morgens mit einem besorgten Gesichtsausdruck in die Küche, wo schon das Frühstück auf dem Tisch stand.

Ihre Mutter fragte: „Was ist los? Geht’s dir nicht gut?“

Juliana überlegte, ob sie dieses Jahr wie letztes etwas vom Nikolaus bekommen würde. Denn der sechste Dezember fiel auf einen Sonntag, an dem hatten alle Geschäfte geschlossen und keiner arbeitete, das wusste sie.

Nachdem sie der Mama ihre Sorgen erklärt hatte, lachte diese. „Wenn es weiter nichts ist, mein Liebling, diese Angst kann ich dir nehmen. Dem alten Mann und seinen Helfern macht es so viel Spaß, die Kinder zu beschenken, dass er dafür bestimmt auch eine Nachtschicht einlegt und sonntags auf seinen Schlitten steigt.“

„Und ich dachte schon, niemand arbeitet an einem Sonntag“, stöhnte Juliana erleichtert.

„Doch, doch die wichtigen Personen erfüllen ihren Dienst. Ärzte und Krankenschwestern, Köche und Bedienungen in Restaurants, und die wichtigsten, alle, die für ein gelungenes Weihnachtsfest sorgen müssen, arbeiten im Dezember auf Hochtouren.“

Das beruhigte Juliana, und wie fast immer fühlte sie eine Fröhlichkeit, die ihresgleichen suchte. Sie nahm sich ganz fest vor, am fünften Dezember eher ins Bett zu gehen, aber nicht zu schlafen. Juliana wollte sehen, ob der Nikolaus persönlich kam oder vielleicht eine Helferelfe oder Knecht Ruprecht schicken würde. Hellwach lag sie da ... und nichts geschah. Ihre Augenlider wurden schwer und schwerer. „Wahrscheinlich wiegen sie abends doppelt so viel wie am Tag“, ging es ihr durch den Kopf. Immer wenn ihr die Augen zufielen, riss Juliana sie wieder auf, bis sie irgendwann geschlossen blieben.

Am nächsten Morgen waren die bereitgestellten Stiefel übervoll, daneben lag noch einiges, was nicht mehr reingepasst hatte. Ganz oben steckte ein brauner Briefumschlag, den Juliana neugierig aufriss. Zuerst las sie, wer den Brief unterschrieben hatte. Nur ein einziges Wort stand alleine in der letzten Zeile: Nikolaus. Sie konnte nicht glauben, dass er Zeit gehabt hatte, an sie persönlich zu schreiben. So schnell sie konnte, las sie den Inhalt des Briefes.

Liebe Juliana!

Er war tatsächlich direkt an sie adressiert.

Ich schreibe allen neugierigen Kindern eine kleine Bitte. Ich verspreche dir, jedes Jahr zu kommen, jedoch immer erst, wenn du schläfst, also versuch gar nicht, so lange wach zu bleiben, bis ich da bin. Am meisten würdest du mir helfen, wenn du an diesem Tag früher ins Bett gehen würdest als sonst, dann könnte ich schneller deine Schuhe füllen und meine wahnsinnig große Tour fortsetzen. Bis nächstes Jahr.

Und seine Unterschrift.

Mit dem Briefbogen rannte das Mädchen in die Küche. „Mama, Mama, es gibt den Nikolaus wirklich“, schrie sie und wedelte dabei mit dem Papier.

„Ja, natürlich. Was dachtest du denn? Er ist gekommen, obwohl heute Sonntag ist.“

„Hast du ihn gesehen?“, fragte Juliana ihre Mutter.

„Nur gehört und mich ruhig verhalten. Ich wollte ihn nicht stören. Er war in großer Eile.“

Schuldbewusst schaute die Kleine auf den Boden und murmelte: „War wohl meine Schuld. Aber nächstes Jahr ist er hier schneller fertig.“ Dann rannte sie in ihr Zimmer, um nachzusehen, was alles in den Stiefeln war.

Eine Woche vor dem Fest wachte Juliana auf und hoffte wie jeden Morgen, dass endlich der lang erwartete Schnee gefallen wäre. Tatsächlich lag draußen eine dicke Schicht, die sehr schnell höher wurde. Gebannt blieb sie am Fenster stehen, bis sie kalte Füße bekam. Dann rannte sie zu ihrer Mutter.

Bei ihr duftete es herrlich nach Gebäck. Das wunderte Juliana, denn die Mutter betonte immer, die Weihnachtsbäckerei müsse am ersten Advent fertig sein.

So war es auch gewesen. Aber was das Mädchen von Anfang an am besten konnte, noch bevor es sprechen lernte, war, die Menschen in seiner Umgebung mit schönen Augen um den Finger zu wickeln. Deshalb durfte Juliana immer mal wieder ein Plätzchen naschen. Und oft nutzte sie die Gelegenheit, wenn sie sich ihr bot, und stibitzte einen Keks, ohne dass es jemand merkte. Manchmal dachte Juliana: „Wir müssen eine Wunderschachtel haben“, denn die Dose mit den Weihnachtsplätzchen wurde nie leer. Erklären konnte sie sich das nicht, aber es freute sie, denn nachwachsendes Gebäck war großartig. Sie aß und ihre Eltern merkten nichts.

Erstaunt fragte das Mädchen deshalb: „Mama, du backst?“

„Ja, ich glaube, letzte Nacht waren Einbrecher im Haus“, stöhnte sie, die Hände bis zu den Ellbogen mit Mehl bestäubt. „Die schöne Keksdose, die noch von meiner Mutter stammt, haben sie Gott sei Dank stehen lassen, aber den Inhalt nahmen sie komplett mit. Ich dachte die ganze Zeit schon, sie muss ein Loch haben, denn immer wenn ich nachsah, war weniger drin als beim letzten Mal, und jetzt ist sie völlig leer. Ich muss sie füllen, damit wir an Weihnachten was zum Knabbern haben.“

„Ich helfe dir“, bot Juliana geknickt an und wickelte emsig ihre Ärmel hoch. Gemeinsam backten sie mehrere Sorten, und seltsamerweise schlug ihre Mutter immer die Kekse vor, die Juliana meistens aus der Blechdose genascht hatte.

Am Mittag war der Vorrat wiederhergestellt. Vorsichtig durfte sie die alte Büchse in den kühlen Keller tragen. Dort überlegte sie, ob ein Plätzchen weniger auffallen würde, entschloss sich aber, der Versuchung zu widerstehen. Sie nahm sich vor, bis Weihnachten nicht mehr nach unten zu gehen, denn dann wollte sie noch von allen Sorten essen können. Als sie wieder oben war, beruhigte sie die Mutter.

„Wir haben die besten Plätzchen, aber ich glaube, die Einbrecher kommen kein zweites Mal zu uns. Bestimmt brechen sie in andere Häuser ein, um dort probieren zu können.“

Ihre Mama grinste sie an. „Ja, das wäre schön. Für dieses Jahr habe ich wirklich genug gebacken.“

Mit vollen Backen betrat Julianas Vater die Küche. „Schon als Kind konnte ich nicht bis Weihnachten auf die Plätzchen warten. Immer bin ich an die Verstecke geschlichen und habe genascht. Meine Eltern sprachen von einer Weihnachtsplätzchenbande, die nachts ihr Unwesen trieb. Ich bin ihnen dafür dankbar, denn so blieb ich unentdeckt.“

„Diese Bande kenn ich, die waren heute Nacht bei uns.“ Die Mutter lachte, nahm ihren Mann kurz in den Arm und verließ die Küche, um Zutaten fürs Mittagessen aus der Vorratskammer zu holen.

Ihr Vater hob Juliana auf den Arm und flüsterte: „Komm, wir gehen ausprobieren, ob zwei Kekse weniger auffallen.“

„Mensch, Papa, und ich dachte, so viel hab ich doch gar nicht gegessen.“

„Stimmt, das warst du nicht alleine. Auch ich bin immer wieder in den Keller geschlichen. Komm, einmal noch.“

Gern ließ sich die Kleine überreden.

Fred Keller wurde 1971 in Pforzheim geboren und liest fast ebenso lang. Mit vierzig fing er an zu schreiben. Seit 2015 gehört er zu dem Goldstadt-Autoren e.V. Dreimal war er in Anthologien des Papierfresserchens MTM-Verlags vertreten. Anfang 2016 erschien die Kurzgeschichtensammlung „Wenn die Sonne bläst“.

*

Der Stern von Bethlehem

Es ist bitterkalt. Und es schneit, als wolle es heute die ganze kleine Stadt derartig mit Schnee überdecken, dass kein Mensch die Eingangstüren zu den einzelnen Häusern finden kann.

Die beiden Dorfpolizisten, die gleich hinter dem Ortseingangsschild stehen, um Verkehrs- und Geschwindigkeitskontrollen durchzuführen, heißen Alfred und Georg. Jeder, der die beiden sieht, fragt sich, ob sie denn an Heiligabend nichts anderes zu tun haben, als ausgerechnet hier zu stehen. Und bei diesen verschneiten Straßen schleichen die wenigen Autos, die unterwegs sind, sowieso im Schritttempo.

Alfred und Georg wollen sich gerade in ihr Polizeiauto setzen, um sich ein wenig aufzuwärmen, als sie weit hinten am Himmel etwas ganz hell aufleuchten sehen.

„Du, Alfred“, flüstert Georg, dem vor Kälte sein Mund fast eingefroren ist, „siehst du es auch da hinten am Himmel hoch oben leuchten? Und es glitzert so.“

„Was soll das denn sein? Wenn das etwa ein Flugzeug ist, das die Landebahn bei dem dichten Schneetreiben nicht findet, dann knallt es bestimmt hier, wo wir stehen, herunter und aus ist’s mit uns!“

Georg hat diesen Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als das leuchtende Gefährt auch schon ganz dicht vor ihm auftaucht. Schnell drückt er bei seiner Polizeikelle auf den Knopf zum Anschalten der roten Lampe und streckt seinen Arm aus, um die Kelle gerade noch rechtzeitig zum Anhalten des Gefährtes anzuheben.

Ein langgezogenes „Brrrrr!“ ertönt und das Gefährt steht vor Alfred und Georg.

„Na, die Herren, was ist los? War ich zu schnell?“, fragt der Mann auf dem Gefährt, das seltsamerweise ein Schlitten zu sein scheint. Und ebenso seltsam ist, dass dort vorn kein Motor eingebaut, sondern dass dort ein Rentier angespannt ist. „Aber ihr wisst ja, ich bin der Weihnachtsmann, und als Weihnachtsmann hat man es immer eilig. Die vielen Kinder weltweit und die Erwachsenen, alle wollen heute pünktlich ihre Geschenke bekommen. Da kann es schon vorkommen, dass vielleicht die Geschwindigkeit etwas erhöht war.“

„Sie sind gut, etwas erhöht. Und was heißt hier überhaupt Ich bin der Weihnachtsmann? Heute haben wir schon ein paar Gestalten gesehen, die in roten Mänteln mit Kapuzen durch den Schnee gestapft sind. Wenn das wirklich alles echte Weihnachtsmänner gewesen sind, wie jeder von ihnen behauptet hat, dann ist wohl in meinem Kopf von der Kälte schon irgendetwas eingefroren ... oder ich habe Wahnvorstellungen.“

„Aber ich bin wirklich der echte, der einzig echte Weihnachtsmann“, antwortet der Weihnachtsmann und fügt dann flüsternd hinzu: „Und ich muss mal aufs Klo, dringend.“

„Hahaha“, freut sich Alfred, „das hab ich ja noch nicht gehört, der Weihnachtsmann muss aufs Klo. Jetzt haben Sie sich selbst verraten, dass Sie nicht der echte Weihnachtsmann sind. Ein Weihnachtsmann, der aufs Klo muss! So was gibt’s nicht! Und außerdem … wo ist denn Ihr Navigationsgerät, mit dem Sie die vielen Kinder und Erwachsenen in den Städten und Dörfern finden?“ Alfred kann sich kaum beruhigen und möchte am liebsten bei der Zeitung anrufen und die Geschichte schildern.

Er wird aber von Georg unterbrochen, der ihn an der Uniform zupft. Kaum hat Georg nämlich gehört, dass der Weihnachtsmann aufs Klo muss, verspürt auch er das Bedürfnis, zur Toilette zu gehen. „Du, Alfred, ich gehe mal schnell um die Ecke, aufs Klo im Revier, bin gleich wieder da.“

„Kann ich da nicht fix mitgehen?“, bettelt der Weihnachtsmann. „Ich muss so dringend. Und wenn es geht, achten Sie, lieber Kollege“, dabei zeigt er auf Alfred, „in der Zeit auf Rudolph, das ist mein Rentier vor dem Schlitten.“

„Das wird ja immer toller. Erst behaupten Sie, der Weihnachtsmann zu sein, dann haben Sie kein Navigationsgerät, dann müssen Sie aufs Klo und dann soll ich auch noch auf Rudolph aufpassen. Und Sie werden die Gelegenheit nutzen und abhauen. Wenn Sie um die Ecke gegangen sind, werden Sie losrennen und wir kriegen Sie nicht mehr. Dann stehen wir mit dem Schlitten, den Päckchen und Rudolph, dem Rentier, da. Von wegen. Nichts da!“, bleibt Georg standhaft und macht sich auf den Weg.

Da kommt Alfred eine Idee. „Wenn Sie etwas tun, was nur der echte Weihnachtsmann machen kann, dann will ich Ihnen glauben und Sie dürfen aufs Klo und ich nehme Ihnen auch für zu schnelles Fahren kein Strafgeld ab.“

Der Weihnachtsmann hat nicht viel Zeit zum Überlegen, denn er trippelt schon von einem Bein aufs andere, so dringend braucht er eine Toilette. „Sie haben doch als Polizeimeister auf Ihrer Schulterklappe Sterne aufgestickt, stimmt’s?“, fragt der Weihnachtsmann.

Alfred nickt zustimmend.

„Ich habe auch Sterne. Dort oben die Sterne am Himmel, sehen Sie?“

Wieder nickt Alfred.

„Und jetzt Obacht.“ Der Weihnachtsmann hebt die rechte Hand am ausgestreckten Arm zum Himmel.

„Sie sehen dort oben den sehr hell leuchtenden Stern, auf den mein Finger zeigt?“, fragt er Alfred, der auch diesmal wieder zustimmend nickt.

Der Weihnachtsmann macht jetzt mit der flachen Hand eine Bewegung am Himmel, als wenn er eine lange gerade Linie ziehen will. Und dann bewegt er die flache, ausgestreckte Hand von dieser gedachten Linie aus erst nach rechts und anschließend nach links. Und während er dies tut, werden Alfreds Augen immer größer und sein Mund klappt immer weiter auf. Die Sterne, die eben noch für ihn wie ungeordnet am Himmel standen, rücken auf einmal alle zur Seite, die einen weit nach links, die anderen weit nach rechts. Der hell leuchtende Stern, auf den der Weihnachtsmann Alfred vorher aufmerksam gemacht hat, steht nun allein und strahlend am Himmel. Und merkwürdig, es ist trotzdem nicht dunkler geworden auf der Erde.

Alfred ringt mit seiner Fassung. Kopfschüttelnd steht er da. „Nee, nee, das ist nicht wahr, das gibt’s nicht“, kann er nur ungläubig stammeln.

„Doch, das, was Sie sehen, ist wahr. Der Stern dort oben ist der Stern von Bethlehem. Das ist der Stern, der schon den Weisen aus dem Morgenland den Weg zur Krippe geleuchtet hat, damit sie dorthin ihre Gaben bringen konnten. Die hatten damals auch kein technisches Navigationsgerät und sie haben den Stall mit der Krippe trotzdem gefunden. Das kennen Sie doch aus der Bibel?“, fragt er den wie erstarrt stehenden Alfred, der abermals nur bestätigend nicken kann.

„Und so ist es auch heute noch“, fährt der Weihnachtsmann fort. „Ich orientiere mich an diesem Stern und an der Liebe der kleinen und großen Menschen. So finde ich sie und kann bei ihnen meine Geschenke abgeben, so wie es die Weisen vor über zweitausend Jahren in Bethlehem getan hatten. Ein technisches Navigationsgerät benötige ich nicht. Und jetzt wollen wir doch bitte das Sie lassen und uns duzen. Wie klingt denn das: Sie Weihnachtsmann? Das klingt ja beinahe wie ein Schimpfwort. Die Kinder duzen mich doch auch. “

Alfred ist von der Echtheit des Weihnachtsmannes, der vor ihm steht, unzweifelhaft überzeugt und mit dem Vorschlag einverstanden. Er bittet ihn für sein dummes Verhalten um Entschuldigung und führt ihn zur Toilette.

Dort trifft er auch Georg wieder.

„Georg, das ist der echte, der einzig echte, der wahrhaftige, der ich weiß nicht was alles noch Weihnachtsmann. Was ich eben erlebt habe, das glaubst du nicht.“

Tja, wie soll Georg das auch glauben können. Er saß ja die ganze Zeit auf dem Klo. Und dort kann er der Sternenhimmel und auch nicht das merkwürdige Weihnachtsschauspiel mit dem Stern von Bethlehem sehen. Schade aber auch!

Der Weihnachtsmann besteigt nach seinem Toilettengang wieder sein Gefährt und bringt am Sternenhimmel alles wieder mit zwei Handbewegungen in Ordnung.

Nachdem er sich von Alfred und Georg verabschiedet hat blickt er kurz zu seinem Himmels-Navigator auf, hört lächelnd in sein Herz hinein, um die Kinder und Erwachsenen zu erspüren, die immer lieb und artig gewesen sind und die er deswegen gleich besuchen und beschenken will.

Dann feuert er sein Rentier Rudolph mit einem kräftigen „Hohoho“ an. Er hofft, nicht nochmals in eine Geschwindigkeitskontrolle zu kommen. Denn um die Zeit, die er mit den beiden Polizisten zugebracht hat, wieder aufzuholen, muss er jetzt bestimmt viel zu schnell unterwegs sein. Aber um Alfred und Georg macht er einen weiten Bogen.

Charlie Hagist ist seit 47 Jahren verheiratet und hat ein 17-jähriges Enkelkind, für das er seit seiner Pensionierung gerne Geschichten schreibt. In seinen kleinen Geschichten versucht er immer ein Thema, wie z. B. Angst, Übermut, Hilfe, Geheimnis, Freundschaft usw. kindgerecht zu verpacken, sodass die Eltern oder Großeltern einen Gesprächs-Anknüpfungspunkt mit ihren Kindern oder Enkelkindern haben.

*

Omas Spritzgebackenes

„Das darf doch nicht wahr sein! Wer war das?“ Großmutter Susanna war sich ganz sicher gewesen, ein gutes Versteck für ihre Weihnachtsplätzchen ausgewählt zu haben. Der große Wohnzimmerschrank war doch wirklich ein Ort, wo man Plätzchen verstecken konnte, ohne dass sie gefunden wurden. Außerdem hatte die Großmutter, nachdem sie tagelang Butterplätzchen und Spritzgebackenes hergestellt hatte, genau darauf geachtet, dass niemand, wirklich niemand, Zeuge des diesjährigen Plätzchenverstecks werden konnte.

Jedes Jahr musste sie sich neu überlegen, wo sie die Leckereien verstecken konnte, damit sie nicht schon vor dem Fest aufgefuttert wurden. In einem Jahr hatte sie ein paar Plätzchendosen so gut versteckt, dass sie erst zufällig nach Ostern gefunden wurden.

Es war immer wieder das gleiche Ritual. In dem großen Haushalt mit Gastwirtschaft und Metzgerei hatte die Großmutter die Aufgabe übernommen, für Opa, sich und die beiden Familien ihrer Kinder die Weihnachtsvorbereitungen zu treffen. Außerdem konnte sie die besten Plätzchen der Welt backen! Aber leider gab es auch viele Naschkatzen in der großen Familie, die sich immer wieder auf die Suche nach dem Versteck machten.

Opa gehörte auch dazu.

Nun war der 24. Dezember gekommen und Oma Susanna wollte noch schnell vor der Bescherung die Weihnachtsteller für die drei Enkelkinder herrichten. Leider gab es nicht mehr allzu viel auf den Tellern zu dekorieren, denn irgendjemand aus der Familie hatte das Versteck ausfindig gemacht und die Hälfte des Spritzgebäcks aufgefuttert.

Der Schrank mit den doppelten Türen und den Schubladen darüber war Oma als sicheres Versteck erschienen, zumal sie den Schlüssel immer bei sich in der Schürzentasche aufbewahrt hatte. Die beiden Schubladen über den Schranktüren wurden auch nur von Oma selbst benutzt, denn hier hatte sie ihre über alles geliebte Bitterschokolade deponiert und die Lakritzstangen, die sowieso alle scheußlich fanden. Es gab also wirklich keinen Grund anzunehmen, dass jemand zufällig auf das Versteck gestoßen wäre ...

Zu den Enkelkindern gehörte auch die zehnjährige Christine. Das Kind war eine große Naschkatze und hatte es bei den Plätzchen immer besonders auf Omas Spritzgebäck abgesehen. Es war ihr aufgefallen, dass der Schlüssel zu dem Schrank fehlte. Das war für sie wie ein Halali, der Aufbruch zur Jagd.

Wenn Omas Schrank verschlossen und der Schlüssel zudem auch noch abgezogen worden war, konnte das nur eines bedeuten: Hier war das Plätzchenversteck!

Die beiden Schranktüren ließen sich ohne einen Schlüssel nicht öffnen, denn die eine Seite war von innen verriegelt worden. Christine zog eine der oberen Schubladen heraus und stellte dabei fest, dass sie sich ganz leicht komplett herausnehmen ließ. Nachdem sie die Schublade herausgezogen hatte, erhaschte sie einen Blick ins Innere des Schranks – auf die große Blechdose!

„Wenn ich nur wüsste, wie ich da dran komme“, murmelte sie vor sich hin und tastete durch den Schlitz in das Innere des Schranks. Plötzlich hatte sie den Riegel in der Hand und drückte ihn nach unten. Die Tür öffnete sich sofort einen kleinen Spalt breit wie von Geisterhand.

Jetzt galt es, schnell zu handeln. Christine öffnete die Schranktüren und dann blitzschnell die große Plätzchendose und stopfte sich ihre Taschen mit der Beute voll. Noch schnell zwei Plätzchen in den Mund und dann die Dose zumachen!

Danach gelang es ihr tatsächlich, die Schranktür zu schließen und erneut von innen zu verriegeln. Als sie die Schublade wieder ordnungsgemäß eingesetzt hatte, konnte sie sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Omas Gebäck schmeckte wieder traumhaft …

Leider blieb es nicht bei dem einmaligen Mundraub, denn Christine war geradezu süchtig nach Oma Susannas Plätzchen – und die schmeckten ja bekanntlich in der Adventszeit viel besser als an Weihnachten! Alle Familienmitglieder wurden schließlich von der ahnungslosen Großmutter verdächtigt, die Plätzchen gestohlen zu haben ... aber den wahren Täter kannte nur Christine.

Christine Leitl wurde 1948 in der Barbarossastadt Gelnhausen in Hessen geboren. Sie ist gelernte Handelsfachwirtin und absolvierte später ein Fernstudium zur Tourismusreferentin. Heute lebt sie in Mittelfranken, hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Neben dem Schreiben gehören Tennis spielen, Rad fahren, Wandern und Reisen zu ihren Hobbys. Früher hatte sie zwei Pferde und ist als selbständige Reiseveranstalterin mit Gruppen durch Europa gereist. In Erinnerung an sorglose Ferien auf einem Pferdehof schrieb sie das Buch Turbulente Ferien, das in Papierfresserchens MTM-Verlag erschienen ist. Sie ist Mitglied im Roßtaler Schreibkreis, der im Herzsprung-Verlag die Anthologie Literarische Päckchen herausgegeben hat.

*

Der Mann im Mond

Chantal war ein kleines Mädchen, das von seinen Eltern immer bekam, was es sich wünschte. Ganz egal, ob es eine Puppe war oder ein Smartphone, vielleicht auch eine Digitalkamera. Sie bekam immer alles. Trotzdem war sie sehr unzufrieden, sie hatte einen Wunsch, den ihr auch ihre Eltern nicht erfüllen konnten. Sie wollte, dass der Mann im Mond sie besuchte. Jeden Tag sagte sie ihrer Mutter und ihrem Vater diesen Wunsch. Chantal verstand nicht, warum ihre Eltern ihr alle Wünsche erfüllten, diesen einen aber nicht. Ihre Eltern erzählten ihr immer, dass es den Mann im Mond gar nicht gäbe und er deshalb sie nicht besuchen könnte.

Chantal hielt das für eine Ausrede. Sie sah den Mann im Mond jede Nacht, wenn der Mond schien und sie durch ihr Dachfenster blickte. Manches Mal zwinkerte er ihr sogar zu. Da war sie sich sicher.

So ging das einige Jahre. Auch als Chantal bereits zehn Jahre alt war, hatte sie den Wunsch nicht aufgegeben. Mittlerweile hatte sie so viele Spielsachen und andere Dinge, dass sie außer dem Besuch vom Mann im Mond keinen anderen Wunsch mehr hatte. Mittlerweile war sie auf ihre Eltern nicht mehr gut zu sprechen, sie wurde jeden Tag wütender. Was fiel ihren Eltern ein? Jahrelang hatten sie ihr jeden Wunsch erfüllt, und jetzt sollte sie nicht einmal Besuch von Mann im Mond bekommen?

Obwohl Chantal erst 10 war, entschloss sie sich, dass sie bei solchen Eltern nicht mehr leben wollte. Sie wollte sich alleine auf den Weg machen. Irgendwie musste es ja möglich sein, zum Mann im Mond zu kommen, wenn dieser schon nicht zu ihr kam. Vielleicht konnte sie ja bei einer Hexe auf dem Besen mitfliegen? Oder vielleicht konnte sie irgendein Zauberer auf den Mond zaubern? Sie packte ein paar der Dinge zusammen, die ihr wichtig waren, und lief los. Immer geradeaus. Sie hatte selbst keine Ahnung, wohin sie wollte. Als sie einige Zeit gelaufen war, kam sie in einen Wald. Ein bisschen Angst hatte sie ja schon, immerhin wusste sie aus den Märchen, die ihr ihre Mutter immer vorgelesen hatte, dass es im Wald Wölfe, Hexen, Trolle und allerlei andere gefährliche Gestalten gab.

Es dauerte auch nicht lange, da kam ein Troll vorbei. Als Chantal diesen Troll sah, musste sie sich fast übergeben. Ein so schreckliches Wesen, das noch dazu so fürchterlich stank, hatte sie noch nie gesehen. Der Troll versuchte, immer näher zu Chantal zu kommen. Chantal wich zurück. Trotzdem kam der Troll näher und näher.

Im allerletzten Moment wurde Chantal von irgendjemandem weggezogen. Dieser Jemand griff sie am Kragen ihrer Jacke und zog sie weg vom Troll. Chantal schrie, weil das so unerwartet geschah.

Als sich ihr Schreck gelegt hatte, sah sie, dass sie in einem Schlitten saß, der von einigen Rentieren gezogen wurde, von denen eines eine süße rote Nase hatte. Im Schlitten selbst saß, direkt neben ihr, ein alter Mann mit rotem Mantel und einem langen weißen Bart.

Chantal war erstaunt und fragte: „Bist du ...bist du ... bist du wirklich, also ganz in echt der Weihnachtsmann?“

Der alte Mann lachte: „Hohoho, ja, Chantal, der bin ich und ich möchte dir etwas zeigen.“

Chantal war sehr erstaunt, denn damit hatte sie nicht gerechnet, und da gab der Weihnachtsmann seinen Rentieren auch schon das Zeichen, sich in die Lüfte zu erheben.

Chantal hatte ein bisschen Angst, fliegen mochte sie nicht. Wenn sie daran dachte, mit wem sie durch die Lüfte flog, dann waren ihre Ängste jedoch sogleich verflogen.

Bald schon landeten sie am Nordpol, direkt vor der Werkstatt des Weihnachtsmanns. Überall liefen die Elfen geschäftig hin und her, und eine Elfe mit einer besonderen Mütze rief, als sie den Schlitten sah, durch ein Megafon: „Der Chef kommt, Achtung bitte, der Chef kommt.“

Der Weihnachtsmann und Chantal stiegen vom Schlitten ab und der Weihnachtsmann zeigte Chantal alles. Überall hingen Schilder mit den Ländern der Welt und darunter waren die Wunschzettel der Kinder aus den jeweiligen Ländern angebracht.

Chantal sah sich alles an und war erstaunt. Da standen ganz unterschiedliche Wünsche auf den Zetteln. Bei den afrikanischen Ländern stand auf manchen Zetteln

Ich möchte nie mehr Hunger haben und bei vielen europäischen Ländern standen auf dem Wunschzettel eher Smartphone, Playstation oder auch mal viel Geld.

Chantal fragte den Weihnachtsmann, wieso da so verschiedene Sachen auf den Zetteln stehen würden. Der Weihnachtsmann erklärte ihr, dass es nicht jedem Kind in jedem Land gleich gut gehen würde und deswegen wünschen sich manche Kinder eben, nicht mehr hungern zu müssen, während andere gar nicht wussten, was Hunger überhaupt ist.

Chantal fand das alles andere als gerecht, aber so war es wohl nun einmal. Sie fragte den Weihnachtsmann: „Und warum hast du mich vor dem Troll gerettet und zeigst mir deine Werkstatt?“

Der Weihnachtsmann antwortete: „Weil ich dir zeigen möchte, dass die Wünsche der Kinder sehr unterschiedlich sind und auch ich nicht alle erfüllen kann. Du hast deinen Wunsch nach dem Besuch vom Mann im Mond, den werde ich dir leider auch nie erfüllen können. Dafür werde ich dir und vielen anderen Kindern aber auch dieses Jahr viel Freude bringen indem ich genau das liefere, was sie gerade am meisten brauchen. Jetzt wird es aber Zeit für dich zu gehen, frohe Weihnachten.“ Mit diesem letzten Satz strich er über Chantals Augen, die sofort einschlief.

Als sie die Augen wieder öffnete und aus der Dachluke sah, sah sie wieder den Mann im Mond und hoffte immer noch, dass er sie eines Tages besuchen würde. Wenn nicht, wäre das aber auch nicht schlimm.

Und hatte sie heute Nacht wirklich den Weihnachtsmann getroffen? Gab es ihn etwa wirklich? Sie wusste nicht so recht, ob sie nur geträumt hatte oder ob das alles tatsächlich so passiert war. Allerdings lag neben ihr eine Elfenmütze, und sie grübelte die ganzen Weihnachtsfeiertage, wie diese Elfenmütze nur auf ihren Nachttisch gekommen sein konnte.

Susanne Weinsanto wurde 1966 in Karlsruhe geboren, lebt heute dort in der Umgebung und hat schon immer gerne Geschichten geschrieben.

*

Jacks erster Flug

„Heute Abend geht es wieder los“, sagte die Rentierdame Betty, die das Rudel vor dem Schlitten anführte. „Wir werden zehnmal fliegen, um die Geschenke zu verteilen. Wer wann fliegt, steht auf der Liste, die vor der großen Halle ausgehängt wurde.“

Die kleinen Rentiere rannten sofort los, auch Jack. Denn jeder wünschte sich, endlich mitfliegen zu dürfen. Es war der erste Schritt, dass man nicht mehr zu den Kleinsten gezählt wurde. Aber die Aussicht, einen der begehrten Plätze zu ergattern, war gering. Denn pro Schlitten war nur ein junges Rentier erlaubt.

Als Jack am Aushang angekommen war, liefen einige Rentiere, mit denen er das Ziehen eines Schlittens zusammen gelernt hatte, mit traurigen Gesichtern wieder weg. Jack drängelte sich nach vorne und überflog die Liste: Pico, Dalia, Amigo, Jack, Luna, Elliot ... Jack? Er starrte auf seinen Namen, und als er realisierte, was das bedeutete, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

Als er kurz vor Mitternacht in die große Halle kam, war der Schlitten bereits fertig beladen. Ein paar Rentiere waren schon da, und als alle vollzählig waren, legten die Engel den Rentieren die Zügel an. Jack trat von einem Bein aufs andere und beobachtete die anderen Rentiere, die sich konzentrierten. Als Betty die Zügel umhatte, liefen sie langsam los.

Der Schlitten war schwerer als bei den Übungen und Jack musste seine ganze Kraft einsetzen, um vorwärtszukommen. Als sie ins Freie traten, leuchtete die Startbahn und über ihnen die Sterne. Wie lange hatte er auf diesen Moment gewartet? Wie oft hatte er den Start in den letzten Jahren geübt? Und so sehr er sich auch freute, genauso viel Angst hatte er. Denn sein Lehrer hatte sie immer wieder daran erinnert, dass der Fehler eines Einzelnen gefährlich und teuer werden kann. Im Rudel muss sich jeder auf den anderen verlassen können.

„Mein Rudel, ich wünsche uns einen guten Flug“, ertönte die Stimme des Nikolaus. „Und Jack, zeig uns, was du in den letzten Jahren gelernt hast.“

Jack versteifte sich augenblicklich. Er war sich seiner Aufgabe zwar bewusst. Aber der Nikolaus persönlich hatte ihn für sein Rudel ausgewählt. Das bedeutete, der Nikolaus war davon überzeugt, dass Jack seine Aufgabe gut machen würde. Aber wenn er versagte, würden nicht nur die Kinder keine Geschenke bekommen und das Vertrauen in den Nikolaus verlieren, sondern Jack würde auch das Vertrauen des Nikolaus verlieren. Er würde nie wieder einen Schlitten ziehen dürfen.

„Los geht’s!“, rief Betty an der Spitze des Rudels. Alle rannten los und je schneller sie wurden, umso leichter wurde der Schlitten. Kurz vor Ende der Startbahn erhoben sie sich in die Lüfte und sofort zog die Last des Schlittens wieder an seinem Körper. Doch Jack nahm seine ganze Kraft zusammen und zog den Schlitten hinauf. Als sie die Flughöhe erreicht hatten, atmete er erleichtert auf.

„Gar nicht so einfach, was?“, fragte das Rentier neben ihm und Jack schüttelte den Kopf.

Als er sein Gleichgewicht gefunden hatte, wagte er einen Blick nach unten. Gerade flogen sie noch über einen Wald, aber sie näherten sich dem Leuchten der Stadt. Und Jack konnte seinen Blick nicht mehr davon wenden. In den Übungsstunden waren sie meistens bei Tag geflogen und dann auch immer nur über Felder und Wälder.

„Jack, konzentriere dich aufs Fliegen“, ermahnte ihn das Rentier neben ihm.

Jack zuckte zusammen, als sein Name fiel, nickte aber.

Mittlerweile hatten sie den Wald hinter sich gelassen und Jack spitzte immer wieder kurz nach unten. Wenn man den Laternen folgte, konnte man genau sehen, wo die Straßen verliefen. Kurz darauf flogen sie eine Kurve und Jack erblickte ein noch helleres Licht als die Straßenlaternen.

Ein Tannenbaum, über und über behangen mit Lichtern, die die Nacht erhellten. Auf der Spitze blinkte ein Stern in verschiedenen Farben ...

„JACK!“

Jack versuchte sich den Schrecken nicht anmerken zu lassen und sah wieder nach vorne, wo Betty gerade das Kommando für eine Rechtskurve gab. Die Rentiere legten sich in die Kurve und für einen Moment verschwanden die Lichter vollkommen aus seinem Blickfeld. Als sie wieder geradeaus flogen, fiel Jacks Blick sofort auf den Stern. Doch im nächsten Moment stieß er mit zwei Rentieren zusammen, und als er begriff, dass sie bereits die nächste Kurve flogen, war es schon zu spät: Er spürte einen Ruck an seinem Geschirr und versuchte verzweifelt nach links zu ziehen, aber die anderen Rentiere hatten bereits das Gleichgewicht verloren. Der Schlitten schwankte von links nach rechts und die Last des Schlittens zog ihn nach unten. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen, aber aus dem Augenwinkel sah er, dass einige Geschenke aus dem Schlitten fielen.

Was hatte er nur getan?

Wieso hatte er sich nicht auf seine Aufgabe konzentriert?

„Geradeaus!“, rief der Nikolaus und augenblicklich zogen die Rentiere die Zügel stramm.

Jacks Herz raste, aber er spürte, dass der Schlitten wieder ins Gleichgewicht gekommen war. Doch er traute sich nicht, irgendjemanden anzusehen. Er wusste, dass er riesen Ärger bekommen würde. Und dass sein erster Flug auch sein letzter sein würde. Wieso hatte er sich nur so ablenken lassen?

„Wir landen auf dem Markt“, erklärte der Nikolaus nüchtern. „Wir müssen dort ein paar Geschenke einsammeln.“

Jack entging nicht, wie die anderen Rentiere ihn ansahen. Aber er reagierte nicht, sondern folgte Bettys Anweisungen, die das Rudel in mehreren Kurven hinunter lotste, bis sie schließlich auf dem Markt landeten.

Der Nikolaus stieg aus dem Schlitten und sammelte die Geschenke ein.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragte das Rentier neben ihm.

„Es tut mir leid“, nuschelte Jack und sah zu Boden.

„Weiter geht’s“, sagte der Nikolaus energisch und Jack war irritiert.

Wieso schimpfte der Nikolaus nicht mit ihm? Oder wartete er nur, bis die Arbeit erledigt war?

Für den Rest des Fluges konzentrierte er sich voll und ganz auf das Fliegen und die Anweisungen von Betty und dem Nikolaus. Sie landeten auf mehreren Dächern und der Nikolaus verschwand immer wieder in den Schornsteinen.

Als sie alle Geschenke verteilt hatten, flogen sie zurück zum Nikolausdorf. Jack hätte sich am liebsten davongeschlichen, aber der Nikolaus hielt ihn zurück.

„Es tut mir leid, Nikolaus“, versicherte Jack sofort.

„Das glaube ich dir. Aber vielleicht verstehst du nun, wieso ich so lange zögere, euch vor den Schlitten zu lassen. Ich habe dich ausgewählt, weil du kräftig und schlau bist. Aber wie es scheint, bist du noch nicht erwachsen genug, um Vergnügen von Arbeit zu trennen. Und auch wenn ich verstehe, dass der Anblick der Stadt ein wunderbarer ist, darf das nicht dazu führen, dass du deine Aufgabe vergisst.“

„Das heißt, ich darf nie wieder fliegen?“, fragte Jack traurig.

„Das kann ich heute nicht entscheiden. Aber ich hoffe, dass dir dieser Flug und deine Unachtsamkeit eine Lehre sind. Zur Strafe verordne ich dir erneute Übungsstunden. Außerdem bist du für die nächsten zwei Jahre gesperrt. Aber wenn du fleißig und artig bist, hast du im dritten Jahr die Chance, wieder dabei zu sein.“

Jack lächelte. Zwar hatte er sich gefreut, als er die Übungsstunden endlich abgeschlossen hatte. Aber er hatte mit diesem Flug Erfahrungen sammeln können, die ihm keiner mehr nehmen konnte. Und er würde alles dafür tun, um vom Nikolaus eine zweite Chance zu erhalten – auch weitere Übungsstunden. Und wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass es keine richtige Strafe war – sondern nur eine Chance, sich zu verbessern.

Christina Emmerling wurde 1992 in Würzburg geboren, wo sie auch heute noch lebt. Bereits während der Schulzeit und später neben der Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten begeisterte sie das Schreiben. Neben Kurzgeschichten schreibt sie Fantasyromane und arbeitet derzeit an einer Trilogie. Ihre erste Kurzgeschichte wurde 2013 in einer Anthologie veröffentlicht.

*

Zu Besuch im Weihnachtswunderland

„Och, das ist echt doof, dass noch kein Schnee liegt“, mault Pia, „wie soll denn da der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten die Geschenke zu mir bringen?“ Trotzig stampft sie mit ihrem Fuß auf.

„Meinst du etwa, dass nur du Geschenke kriegst? Ich möchte auch welche haben!“, ruft wütend ihr älterer Bruder aus dem Kinderzimmer.

In der Küche steht unterdessen Jutta und backt einen Stollen. Sie hat das Wortgefecht ihrer Kinder gehört. „Kinder, an eurer Stelle würde ich mir um Weihnachten und eure Geschenke keine Gedanken machen. Es gibt für euch beide sicherlich kein einziges.“

Wie von Blitz getroffen, kommt Maik in die Küche gesaust. „Wie? Was? Keine Geschenke? Du machst Witze, oder?“

Schnell fügt Pia hinzu. „Genau, du verkohlst uns. Willst uns nur ärgern!“

„Warum sollte ich euch verkohlen oder ärgern wollen? Wie kommt ihr denn nur darauf? Nein, es wird wohl so kommen, dass ihr beide Heiligabend auf einen leeren Gabentisch guckt.“

Die viereinhalbjährige Pia und ihr fast zwei Jahre ältere Bruder sehen sich entsetzt an.

„Wieso denn?“, will Maik wissen.

„Na, ganz einfach! Weil ihr noch keinen Wunschzettel geschrieben habt!“, klärt die Mutter ihre Kinder auf, die mit weit aufgerissenen Augen vor ihr stehen. „Könnt ihr mir mal verraten, wie der Weihnachtsmann wissen kann, was ihr euch wünscht? Was soll er denn seinem Christkind sagen, was es für euch besorgen muss? Und wenn es kein Geschenk besorgt, dann brauchen die fleißigen Engelchen für euch auch nichts einpacken. Also wird der Schlitten mit Rudolf dem Rentier, dem Weihnachtsmann samt der vielen Geschenken an unserem Haus vorbeifahren und nicht anhalten.“

Pia ist aufgeregt und zuppelt nervös an ihrem Pulli. „Menno, ich kann ja gar nicht schreiben!“

„Stimmt, das kannst du noch nicht, Pia. Aber du könntest dem Weihnachtsmann ein Bild malen. Oder des Abends, wenn du dein Nachtgebet spricht, ihm sagen, was du dir zu Weihnachten wünschst.“

„Mama, und was soll ich machen?“, möchte Maik wissen.

„Ganz einfach. Du sagst mir, was du dir wünschst. Ich schreibe es vor und du schreibst es ab. Das machst du doch sonst auch. Aber gar keinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann fertig zu machen, das ist nicht schön.“

Inzwischen haben sich Maik und Pia auf ihre Stühle gesetzt. In der Küche kann man eine Stecknadel fallen hören, so ruhig ist es. Die Kinder überlegen und sagen kein einziges Wort mehr. Jutta hat den Stollen fertig und will ihn gerade aufs Backblech legen, als Maik freudestrahlend ruft: „Komm mit, Pia, ich habe eine Idee!“

Beide springen von ihren Stühlen hoch und verschwinden in Maiks Kinderzimmer. Jutta hört nur noch, dass die Tür laut zuknallt und dann herrscht Stille. Es ist so mucksmäuschenleise im Zimmer, dass es schon fast unheimlich ist. So kennt sie ihre Kinder gar nicht. Meistens geht es nie lange gut, wenn sie zusammenhocken. Oft geht nach kurzer Zeit das Gezanke los. Aber jetzt – nichts ist zu hören!

Jutta wirft einen Blick in den Backofen. Sie freut sich, der Stollen nimmt so langsam Form an. Nachdem sie in der Küche alles auf- und weggeräumt hat, was zum Backen benötigt war, und der Geschirrspüler läuft, lässt sie sich auf den Küchenstuhl sinken. In Gedanken ist sie bei dem Gespräch, welches sie vorhin mit ihren Kindern geführt hat.

Den Kopf in die Hände gestützt, stellt sie sich die Frage: „War ich etwa doch zu streng?“ Je länger sie darüber nachdenkt, je mehr kommt sie zu dem Entschluss, dass ihre Kinder noch klein sind und dass sie unbedingt mit ihnen sprechen muss. Jutta springt auf und will gerade die Küche verlassen, da geht die Haustür auf und ihr Mann kommt rein.

„Tag, Schatz, alles klar? Ich bin echt geschafft, war heute verdammt anstrengend bei der Arbeit. Du warst auch fleißig, ich rieche Kuchen.“ Schon ist er in der Küche verschwunden. Er guckt in den Backofen und will wissen: „Lecker, Stollen! Mit Marzipan?“

Jutta muss lachen. „Na klar! Ich weiß doch, dass die Kinder und du gern Marzipan mögt. Apropos Kinder …“ Sie schluckt. „Ich muss dir was sagen. Bestimmt ist mir ein Fehler unterlaufen und ich habe mit meinen Äußerungen Pia und Maik unglücklich gemacht.“

„Was ist denn vorgefallen? Setz dich, erzähle, was passiert ist.“

Nun sprudelt aus Jutta heraus, was sie ihren Kindern gesagt hat und dass beide seitdem in Maiks Kinderzimmer verschwunden sind.

„Du hörst es ja selbst! Ach nee, das ist es ja gerade, man hört keinen einzigen Mucks. Ich mache mir wirklich Vorwürfe!“

Klaus steht auf, geht zu seiner Frau, nimmt sie in den Arm und versucht sie zu trösten. „Mensch, Jutta, mach dir nicht solche Gedanken. Komm, wir gehen jetzt zu den beiden und reden mit den Lütten. Ganz in Ruhe. Auf geht’s!“ Er zieht sie vom Küchenstuhl hoch, dann gehen beide zu Maiks Kinderzimmer. Sie lauschen an der Tür. Es ist nur ein leises Flüstern zu hören. Kein Zanken, kein Toben …

Lautlos drückt Klaus die Türklinke runter. Im Kinderzimmer ist es fast dunkel. Der Fensterrollladen ist runtergezogen. So weit, dass nur die oberen Schlitze etwas Licht ins Zimmer dringen lassen. Sprachlos und irritiert sehen sich Jutta und Klaus an. Doch was sie dann hören und in der Dämmerung schemenhaft sehen können, treibt ihnen Tränen in die Augen und Jutta bekommt vor Rührung eine Gänsehaut.

Eng aneinandergekuschelt sitzen Maik und Pia auf der Bettkante und Maik hat seinen Arm um die Schultern seiner kleinen Schwester gelegt. „Maiki, was meinst du, wenn ich jetzt ganz fest meine Augen zumache, bete und mir wünsche, dass der Weihnachtsmann zu uns kommt, ob der das hört? Ich kann doch nicht schreiben und malen kann ich nicht gut. Und Mama hat gesagt, man kann auch beten! Soll ich das mal machen?“

„Können wir ja versuchen. Wir machen unsere Augen zu und dann wünschen wir uns ins Weihnachtswunderland. Vielleicht treffen wir da den Weihnachtsmann und das Christkind. Und wenn wir die sehen, dann sagen wir ihnen einfach, was wir uns zu Weihnachten wünschen. Pass auf, Pia, bei drei geht’s los, dann machen wir die Augen zu. Du wünschst dir zuerst was, wenn du den Weihnachtsmann siehst. Okay?“, will Maik wissen.

„Hmm, okay, aber ich habe Angst, Maiki.“

„Brauchste nicht, bin doch bei dir. Also: eins, zwei, zweieinhalb, zweidreiviertel, drei! Augen zu!“

Ruhe.

Weder Maik noch Pia sagen ein Wort. Jutta klopft das Herz bis zum Hals. Sie kann kaum glauben, was dort passiert, denn auf einmal hört sie Pia sagen: „Ja, ich bin Pia Krüger, Weihnachtsmann. Ich habe vergessen, einen Wunschzettel abzugeben. Mama hat gesagt, dann kriege ich kein Geschenk von dir. Aber ich möchte doch so gerne was haben. Eine neue Puppe wünsche ich mir. Eine Barbie mit einem Pferdchen und einem Stall. Und wenn du noch Geld hast, möchte ich auch was zu naschen. Lieber Weihnachtsmann, bitte bring mir doch Geschenke, ich wünsche mir so sehr welche von dir! Ich will auch lieb sein, versprochen. Soll ich dir mal was sagen, Weihnachtsmann? Schön sieht es hier im Weihnachtswunderland aus, richtig gut!“

Die Eltern von Maik und Pia stehen wie angewurzelt da und können nicht fassen, was im Kinderzimmer vor sich geht. Pia kullern Tränen übers Gesicht und sie merkt, dass ihr Mann ebenfalls schlucken muss.

„Biste fertig, Pia?“

„Ja, bin ich!“

„Hallo Weihnachtsmann, ich heiße Maik Krüger und bin der große Bruder von Pia Krüger. Ich habe auch vergessen, einen Wunschzettel zu schreiben. Aber richtig schreiben kann ich sowieso nicht. Was sagst du? Malen? Also, wenn ich was male, sieht das doof aus. Mutti ist sauer, weil ich keinen Wunschzettel gemacht habe. Du auch? Wenn du nicht böse bist, wäre es richtig toll. Weihnachtsmann, ich wünsche mir von dir einen richtigen Weck-Wecker! Weißt du, so einen, der mich weckt, damit ich immer pünktlich aufstehe. Komme doch bald in die Schule. Und dann wünsche ich mir einen großen Legokasten, und wenn’s geht noch einen Schulranzen. Einen blauen – mit Ab- und Anmachklebesticker. So einer wäre echt geil. Kommst du nun zu uns, lieber Weihnachtsmann? Bitte, bitte! Oh, Christkind, du siehst aber schön aus. Huch, wo seid ihr denn? Ich kann euch ja gar nicht mehr sehen …“

„Maiki, ist der Weihnachtsmann weg? Hast du das Christkind gesehen?“

Jutta und Klaus halten es nicht mehr aus. Sie öffnen die Tür. Nun scheint das helle Tageslicht vom Flur aus ins Kinderzimmer. Klaus geht zum Fenster und zieht den Rollladen hoch, während sich Jutta zu ihren Kindern aufs Bett setzt.

Die Kinder gucken ihre Mutter mit großen Augen an, bevor es aus Maik heraussprudelt: „Mutti, Papa, wir waren im Weihnachtswunderland! Da war der Weihnachtsmann. Und ich habe das Christkind gesehen. Wir haben dem Weihnachtsmann erzählt, was wir uns zu Weihnachten wünschen. Der war ganz lieb und böse ist er auch nicht.“

„Stimmt“, ruft Pia, „der war ganz doll nett! Und er hat gesagt, dass er Heiligabend Geschenke zu uns bringt. Siehste, Vati, unser Gebet hat geholfen.“

Überglücklich schließen Jutta und Klaus ihre Kinder in die Arme. Es bedarf keiner Erklärungen mehr. Ein Besuch im Reich der Träume – im Weihnachtswunderland – hat Pia und Maik wieder glücklich gemacht.

Barbara Acksteiner, Jahrgang 1946, wohnt in Bad Harzburg und schreibt für ihr Leben gerne Kurzgeschichten und verfasst Gedichte. Ein weiteres Hobby ist das Fotografieren. Auch hier ist sie sehr kreativ. Einige ihrer Texte wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Ferner beteiligt sie sich gerne an den privat durchgeführten Ausschreibungen der InEsAnthologien.

*

Weihnachten ganz anders

Weihnachten naht im Sauseschritt.

Ich fühl mich wieder mal nicht fit.

Zeit fehlt vorne, auch dahinten,

wo wir den Adventskranz binden.

Drum fasse ich jetzt den Entschluss:

Vorbei ist dieser Weihnachtsstress.

Geschenke sind prompt gestrichen,

mein Konto damit ausgeglichen.

Auch das Essen fällt untern Tisch,

ach herrje – da steht ja nischt.

Das Wasser läuft im Mund umher,

doch unsre Teller bleiben leer.

Plötzlich schwängert Tannenduft

im ganzen Haus die Atemluft.

Lichter brennen und wir schwärmen,

unsere Herzen erwärmen

sich an Erinnerung.

Brigitte Adam: 1951, Berlin, Dipl.-Ing. (FH), schreibt seit 2009 Gedichte über Natur, Tiere, Reisen – über und für die Enkel, Veröffentlichungen ihrer Gedichte in diversen Anthologien.

*

Das Familienfest

Da war ich also erstmals zur Weihnachtszeit fernab meiner Heimat. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich den Heiligen Abend nicht mit meinen Eltern, meiner Schwester und Nichte feiern. Das schmerzte. Selbst mein sonniger Aufenthaltsort, eine der Kanarischen Inseln, konnte mein Leid nicht lindern. Ich hatte große Angst vor dem Weihnachtsabend – so viel bedeutete es mir, diesen mit meiner Familie gemeinsam zu verbringen – aber ich wollte stark sein.

Auch in Spanien ist Weihnachten ein traditionelles Familienfest. Innerhalb weniger Stunden schloss ein Supermarkt nach dem anderen und auch mehr und mehr Kaffeehäuser. Mit nahezu einem Schlag entsprach nichts mehr meinen Gewohnheiten und es riss mich jäh aus meinem bewährten Tagesablauf. Verstört und einsam stolperte ich in der einsetzenden Dämmerung verzweifelt durch die fast schon menschenleeren Straßen, auf der Suche nach irgendetwas, das mir Halt geben konnte. Zufällig kam ich an einem kleinen Supermarkt vorbei, der noch geöffnet hatte. Instinktiv betrat ich ihn. Dort roch ich die frisch aufgebackenen Brötchen und griff zielstrebig nach einem. Der noch heiße Teig erwärmte mich auf meinem Heimweg von innen und gab mir Trost. Dass dieser Weihnachtsabend alleine so schmerzlich werden würde, hätte ich nicht erwartet. Das warme Brötchen half mir auf meinem Weg ins Hotel zurück.

Traurig saß ich in meinem Zimmer und dachte sehnsuchtsvoll an meine Familie. Mir war so weh ums Herz, dass sich ein kummervolles Tränchen aus meinen bereits sehr feuchten Augen löste und über meine Wange kullerte. Es blieb an meinem Kinn hängen und begann, mich zu kitzeln. Doch, was war das? Ich hatte den Eindruck, die Träne begann zu wachsen, anstatt zu verdunsten. Ich blickte nach unten und sah auf eine große glänzende Kugel. Verdutzt sah ich wieder auf und fand mich im elterlichen Wohnzimmer wieder. Offensichtlich hatte sich mein Körper aus der Träne in eine goldene Christbaumkugel verwandelt. Nun hing ich auf einem Ast des Weihnachtsbaums meiner Eltern. Ich konnte mein Glück kaum fassen – durfte ich diesen Abend nun doch bei meinen Liebsten verbringen – sodass ich mir über meine märchenhafte Verwandlung keine weiteren Gedanken machte.

Es roch herrlich nach frischen Nadeln, Kaffee und Weihnachtsgebäck. Darauf musste ich diesmal verzichten, aber das störte mich nicht. Dafür, dass ich Weihnachten unerwartet mit meiner Familie verbringen durfte, tat ich das gerne.

Unter mir lagen viele Geschenke, liebevoll in dekoratives Weihnachtspapier verpackt. Ob auch für mich eines dabei war? Meine Mutter hatte bei ihren Weihnachtseinkäufen bestimmt an mich gedacht, aber vielleicht lag mein Geschenk noch nicht unter dem Baum. Meine Eltern, meine Schwester und ihre Tochter saßen um den Wohnzimmertisch und spielten Karten. Gerne hätte ich mitgespielt, aber auch das war heuer nicht möglich.

Ob sie mich sehen konnten? War ich eine neue Kugel am Baum oder in eine geschlüpft, die schon vorher an diesem gehangen war? Ich war aufgeregt, in dieser unvermuteten und mir neuen Beobachterposition. Was, wenn sich meine Familie über mich unterhielt? Oder sie sich über etwas austauschten, das nicht für meine Ohren bestimmt war? Ohren? Hatte ich welche? Eine Weihnachtskugel mit Augen und Ohren? Immerhin konnte ich sehen und hören.

Ich vernahm die Unterhaltung meiner Familie beim Spielen, hörte meine Nichte manchmal verärgert aufschreien und dann wieder lachen. Es war so schön, wieder bei meinen Liebsten zu sein! Unmittelbar nach dem Spiel sprang meine Nichte in neugieriger Vorfreude auf die Geschenke auf und drängte auf die Bescherung. Langsam wurde es draußen dämmrig, und so ließen sich die Erwachsenen dazu überreden. In gewohnter Familientradition sollten davor die Kerzen am Christbaum angezündet und ein paar Weihnachtslieder gesungen werden. Meine Nichte rief sofort, dass sie die Kerzen alleine anzünden wollte. Mit ihren zwölf Jahren glaubte sie längst nicht mehr an das Christkind. Vorbei waren die Zeiten, als einer von den Erwachsenen mit ihr in einem anderen Zimmer des Hauses aus dem Fenster sah, um nach dem Christkind Ausschau zu halten. Irgendwann müsste es ja vorbeifliegen. In der Zwischenzeit hatten die anderen Gelegenheit, die Geschenke unter den Baum zu legen. Als dann das Glöckchen aus dem Wohnzimmer läutete, liefen wir aufgeregt zurück, um festzustellen, dass das Christkind schon da gewesen sein musste, weil es viele Geschenke gebracht hatte.

Beim Anzünden der Kerzen kam mir meine Nichte sehr nahe und ich roch ihren vertrauten Geruch. Am liebsten hätte ich die Gelegenheit genutzt und sie umarmt – hatte ich überhaupt Arme und Hände? – aber ich wollte sie keinesfalls erschrecken und bewegte mich nicht. Über meine passive Rolle war ich mehr als dankbar, ich wollte keine Unruhe in die familiäre Weihnachtsidylle bringen.

Jetzt standen sie alle um den Baum und bewunderten ihn. Als stünden sie um mich herum. Ich genoss es so sehr, in ihrer Mitte sein zu dürfen. Sollte ich sie ansprechen? Ich verwarf auch diesen Gedanken schnell wieder. Außerdem schien meine Nichte viel zu aufgeregt, um aufgehalten werden zu wollen. Sie nahm ihre Gitarre und stimmte das erste Weihnachtslied an. In den letzten Jahren hatte sie große Fortschritte beim Musizieren gemacht. Es war ein Vergnügen, ihrem fröhlichen Gitarrenspiel und ihrer hellen Kinderstimme zuzuhören.

Mein Vater blieb stehen und nahm eine straffe, fast förmliche Haltung ein, als er in das Lied einstimmte. Meine Schwester setzte sich hingegen zu ihrer Tochter an den Tisch und sang ebenfalls mit. Verhalten und unsicher kamen die Töne aus dem Mund meiner Mutter. Hätte sie mehr Mut und Überzeugung von ihrer Musikalität gehabt, wäre ihr Gesang auch viel runder und virtuoser gewesen.

Meine Stimme fehlte, dessen war ich mir sicher, aber ich blieb stumm, um nicht aufzufallen. Nach einigen Liedern legte meine Nichte ihre Gitarre zur Seite und stürzte auf die Pakete, um die Namenskärtchen zu lesen und die Geschenke entsprechend weiterzureichen. Die meisten aber waren freilich für sie bestimmt. Aufgeregt riss sie das Weihnachtspapier von den ersten Päckchen. Mein Vater und meine Schwester sahen ihr dabei zu, während meine Mutter zum Baum ging und ängstlich nach dem Stand der brennenden Kerzen sah.

Bildete ich es mir ein oder bedachte sie auch mich eines besorgten Blicks? Kurz wurde mir heiß. War etwa eine Kerze unter mir oder ein Wachstropfen von einer Kerze über mir auf mich gefallen? Nein, das dürfte wohl nur meine Aufregung gewesen sein.

Nach einer Weile drängte meine Mutter zum Löschen der Kerzen und wieder ließ es sich meine Nichte nicht nehmen, alle alleine auszublasen. Dabei kam sie mir abermals sehr nahe. Wie gerne hätte ich sie zumindest leicht berührt. Manchmal beugte sie sich so weit zu mir, dass ich hoffte, sie würde mich streifen. Aber leider war sie zu achtsam, um nur ja keine Kugel vom Baum zu stoßen. Der Rauch der Kerzen brannte in meiner Lunge und meinen Augen. Hoffentlich musste ich nicht husten.

Als hätte er meine Gedanken gehört, öffnete mein Vater zum Lüften die Terrassentür. Das Brennen in meinen Augen verstärkte sich trotzdem. Ich blinzelte und Tränchen liefen ... über meine Wangen.

Wangen? Verwundert blickte ich nach unten und fand mich in meinem Körper im Hotelzimmer sitzend vor. Mein weihnachtlicher Ausflug in meine Heimat war offensichtlich beendet. Zutiefst erfüllt und glücklich hing ich meinen Erinnerungen an diesen wundervollen Weihnachtsabend nach. Wem hatte ich dieses großartigste Geschenk aller Zeiten zu verdanken? Meiner unerfüllten, schmerzlichen Sehnsucht nach meiner Familie? Oder den liebevollen Gedanken meiner Liebsten an mich?

Bibi Bellinda, geboren 1965 in Wien, Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (einige Fachpublikationen, darunter ihre Dissertation), lebt in Niederösterreich. Zahlreiche Publikationen in Anthologien und Literaturzeitschriften, u. a. in „Bodenhaftung“ zum Forum Land Literaturpreis 2014 (Wien) und im Kulturmagazin „Reibeisen“ des Europa-Literaturkreis Kapfenberg, 2015.

*

Weihnachten bei den Bären

Irgendwo in einer Bärenhöhle lebten – wie sollte es auch anders sein – Bären. In dem Wald, in dem die Bären lebten, war es Brauch, dass sich jedes Jahr einige Tage vor Weihnachten bestimmte Bären in der größten Bärenhöhle trafen, um Wünsche zu erfüllen und Geschenke zu verpacken. Es war die größte Höhle des ganzen Waldes. Leider war nicht jeder Bär für diese Arbeit geeignet, denn es wurden geschickte Tatzen benötigt. Keine tollpatschigen. Der Chef der Weihnachtsbären setzte sich mit drei anderen Bären zusammen, um eine Auswahl zu treffen. Das war gar nicht leicht.

„Also, hört genau zu“, sagte der Weihnachtsbärenchef mit tiefer Stimme. „Ich habe eine Entscheidung getroffen. Die ganz jungen Bärenkinder müssen uns in diesem Jahr nicht helfen. Die älteren, die lesen können, schon. Jedem Bären, der mithilft, gebe ich eine Nikolausmütze. Die lasst ihr bitte die ganze Zeit auf. Habt ihr das verstanden?“, fragte der Weihnachtsbärenchef.

Allgemeines Nicken.

Zufrieden tapste der Bär zu einigen Körben, die voller Wünsche waren. Jeder bekam einen davon. Eifrig wurde alles genauestens geprüft und gelesen. Danach nach dem Gegenstand gesucht, den der jeweilige Bär verpacken sollte. Der Weihnachtsbärenchef achtete darauf, dass dies ordentlich erledigt wurde. Es war ihm sehr wichtig.

Wer sich nicht daran hielt, wurde zu einer leichteren Arbeit geschickt oder ohne Umwege nach Hause. Dort konnte der Weihnachtsbär dann über das nachdenken, was er falsch gemacht hatte. Ein Zurück gab es nicht. Da war der Weihnachtsbärenchef streng. Bei den jüngeren Bärenkindern drückte er allerdings schon mal einmal Auge zu. Sie lernten noch, da war es wichtiger, dass sie lesen konnten.

In der Höhle stapelten sich mit der Zeit die Geschenke bis zur Decke. Es musste eine Lösung gefunden werden. Denn sonst lief man Gefahr, dass ein Stapel davon umkippte und alle Geschenke kaputt gingen – und das wollte natürlich niemand.

Aber dann passierte es! Es fiel ein Päckchen von ganz oben herunter. Darin war etwas Zerbrechliches. Dem ungeschickten Weihnachtsbärenkind war das Missgeschick sehr peinlich und es wollte das zerstörte Geschenk verstecken. Doch der Weihnachtsbärenchef hatte seine Augen überall – und natürlich auch das Missgeschick gesehen. Er stapfte zu dem jungen Bär, sah ihn streng an und meinte dann in lässigem Ton: „Das passiert. Mach dir keine Gedanken. Mach einfach weiter.“

„Also bist du nicht böse auf mich?“, fragte das Bärenkind ängstlich.

„Nein. Wir finden Ersatz.“

„Danke, du bist lieb zu mir.“

„Bin ich immer.“

„Wirklich?“, fragte das Bärenkind.

„Ja, klar. Wieso nicht?“

„Keine Ahnung. Ich kenne dich nicht so gut“, sagte das Bärenkind.

„Ist mir klar. Wie gesagt wir finden Ersatz. Mach dir keine Gedanken.“

„Mach ich mir aber, weil mir das peinlich ist.“

„Muss es dir nicht sein“, beruhigte der Weihnachtsbärenchef das Bärenkind.

Doch das hatte immer noch ein schlechtes Gewissen und befürchtete, dass es mit seinen Eltern Ärger bekam. Da diese aber viel zu beschäftigt waren, merkten sie nichts. Das war dem Bärenkind mehr als recht. Es wollte in aller Ruhe die Geschenke verpacken und Wunschzettel lesen sowie prüfen. Das war sehr anstrengend. Deshalb waren alle Bären abends immer sehr müde und legten sich bald schlafen, um für den nächsten Tag fit zu sein. Denn da brauchte jeder aufs Neue seine Kraft für seine Arbeit. Die eigenen Weihnachtsbäume musste daher auch auf ihren alljährlichen Schmuck warten, bis die Arbeit erledigt war.

Und so hörte man immer wieder einmal Gespräche wie dieses:

„Mami?“

„Ja Claudia?“

„Ich kann die Puppe nicht finden, die sich ein Kind wünscht. Hast du sie gesehen?“

„Nein, tut mir leid. Aber ich kann ja mal deinen Papa fragen. Vielleicht hat der sie gesehen.“

„Glaub ich eher nicht. Der ist schon eine ganze Weile damit beschäftigt, eine Bärenschaukel kunstvoll zu verpacken.“

„Wie bitte? Das glaub ich jetzt nicht. Es gibt noch so viel zu tun und was macht dein Vater? Er beschäftigt sich lieber mit einem Schaukelbären. Das geht nicht.“

„Denke ich mir, Mami. Nur ich bin zu jung, um Papa etwas zu sagen. Er würde bestimmt nicht auf mich hören.“

„Auf mich hört er aber auch nicht immer.“

„Versuchst du es bitte, Mami?“, bettelte das Bärenkind.

„Lassen wir Papa in Ruhe, Claudia. Ich werde dir helfen.“

Anschließend verpackten sie etwas sehr Großes.

„Mami, was ist das?“

„Keine Ahnung, Claudia. So etwas hab ich noch nie gesehen.“

„Ich auch nicht, Mami. Dachte, du weißt es.“

„Nein, alles kann man nicht wissen.“

„Stimmt, Mami. Aber jetzt muss ich nochmal so ein komisches Geschenk verpacken. Das ist genauso groß, Mami, und ich hab bald kein Papier mehr zum Verpacken.“

„Moment, ich hol dir noch was, dann kannst du weitermachen.“

„Danke Mama. Du hilfst mir aus der Patsche.“

„Schon recht, Claudia“, sagte die Bärenmutter und tapste weg.

Als sie zurückkam, hatte sie viel Geschenkpapier in ihren Tatzen. Das gab sie ihrer Tochter, die darüber sehr froh war. Nach vier Tagen hatten sie es geschafft. Alle Geschenke waren verpackt.

Zwei Weihnachtsbären sollten nun aufpassen, dass nichts gestohlen wurde. Doch das klappte leider nicht. Die Bären schliefen ein. Dabei merkten sie nicht, wie der Bärennikolaus die Geschenke abholte, um sie auf dem Schlitten zu verstauen. Zur Sicherheit band er eine Schnur um die Geschenke. Auf leisen Tatzen schlich der Bärennikolaus weg. Er wollte die schlafenden Bären nicht wecken.

Erst am Vormittag erwachten die schlafenden Weihnachtsbären. Mit ihren Tatzen rieben sie sich den Schlaf aus ihren Bärenaugen. Der Weihnachtsbärenchef kam, um nachzusehen, ob der Nikolaus alle Geschenke abgeholt hatte. Schließlich sollte er sie ja rechtzeitig verteilen. Doch als der Chef die Höhle betrat, schaute er sich verärgert um. Faulpelze und Nichtsnutze konnte er nicht leiden. Vor allem, als er noch zwei schlafende Bären entdeckte, wurde er ärgerlich. Er rief: „Was soll denn dass? Ihr Faulpelze! Euch kann man nicht vertrauen. Ihr solltet doch auf die Geschenke aufpassen, damit sie nicht verschwinden. Und was sehe ich hier? Schlafende Faulpelze, Nichtsnutze“, brüllte der Weihnachtsbärenchef.

„Du bist gemein. Irgendwann wird jeder Bär müde.“

„Ein Bär darf nicht müde werden, wenn er so eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hat. Aber das ist jetzt egal. Es gilt jetzt, den Baum zu schmücken und Plätzchen zu backen.“

„Nicht schon wieder.“

„Was seid ihr nur für Faulpelze. Also ran an den Speck und keine Müdigkeit bitte“, drängte der Weihnachtsbärenchef, der sich etwas beruhigt hatte. Dann überlegte er, Weihnachten für sich zu streichen. Er wollte nichts mehr damit zutun haben, das hatte er sich fest vorgenommen. Dabei vergaß er allerdings, dass er Frau und Kinder hatte. Und die mochten Weihnachten. Zerknirscht nahm der Weihnachtsbärenchef das hin ... und so wurde es doch noch ein schönes Weihnachtsfest.

Alexandra Dietz wurde 1977 geboren und lebt seit kurzer Zeit in Pforzheim. Ihre ersten Gehversuche als Autorin machte sie mit Tierfabeln und Kindergeschichten. Seit 2014 ist sie Mitglied des Autorenvereins Goldstadt-Autoren e.V.. Seit 2013 veröffentlicht sie in mehreren Anthologien ihre Geschichten.

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Schneeflocke

Silbern dein Schein,

bist nicht allein,

Schneeflocke du.

Bist vereint im Schnee mit anderen im Nu,

fällst herab vom Himmelszelt,

und dann doch im Schnee,

finden wir alle da,

deinen Zauber so wunderbar.

Möge er doch nie vergehen!

Wir stimmen uns leise ein,

auf die heilige Nacht,

im Scheine des Abends da,

glitzerst du leis’

im Mondenlicht.

Schneeflocke fein,

du scheinst auf deine Weise doch

still.

Dani Karl-Lorenz wurde in einer Kleinstadt in der Oberpfalz (Bayern) geboren. Sie ist Autorin aus Leidenschaft. Veröffentlichungen erfolgten in verschiedenen Anthologien. Mehr unter: danilyrik.de

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Der verschwundene Weihnachtsbaum

Anna ist guter Dinge. Sie summt fröhlich ein Weihnachtslied. Bald ist Weihnachten und sie freut sich sehr darauf. Alle in der Familie freuen sich. Weihnachten wird immer ganz groß gefeiert. In diesem Jahr wird die ganze Familie versammelt sein. Auch die Großeltern werden anreisen. Anna ist ganz happy, wenn sie an Weihnachten denkt. Noch eine Woche muss sie warten, dann ist Heiligabend.

„Mama“, ruft sie, „wann kaufen wir den Weihnachtsbaum?“

Die Mama ist sehr beschäftigt mit Päckchen packen für die Kinder. In diesem Jahr werden für Flüchtlingskinder Geschenke erbeten und die Mama muss erstmal nachdenken, wann sie denn für den Weihnachtsbaumkauf Zeit hat. Anna läuft jetzt in die Küche und fragt nochmal und Mama meint, dass Montag wohl der beste Tag für den Kauf wäre.

Anna ist einverstanden. „Darf ich meine beste Freundin mitnehmen“, fragt sie.

„Ja, wer ist das denn?“

„Sophie ist das doch“, antwortet Anna, „das weißt du doch, Mama.“

„Ja, das können wir machen. Wir holen sie um 15 Uhr ab. Mach das mit ihr klar.“

Und so wird am Montag der Weihnachtsbaum gekauft und zuerst in den Garten gestellt. Es ist ein schöner, gerade gewachsener Baum. Und groß ist er. Anna kann nicht die Spitze des Baumes erreichen, auch nicht, wenn sie sich auf Zehen stellt. Beim Baumschmücken muss der Papa helfen. Er ist sehr groß und kann den Baum wohl auch alleine ins Wohnzimmer bringen. Nun muss Anna noch die letzten Schultage schaffen. Sie ist im 4. Schuljahr und eine gute Schülerin.

„Mama, wie schmücken wir in diesem Jahr den Baum? Letztes Jahr war er ganz bunt. Das war schön und Omi hat das auch gesagt. Was meinst du, wie soll er dieses Jahr aussehen?“

„Ja, das müssen wir mal zusammen überlegen. Vielleicht heute Abend, wenn Papa wieder zu Hause ist.“

Nach dem Abendbrot wird also beraten. Vater ist für die Farbe Rot. Mama meint, Gold wäre eine schöne Abwechslung und Anna ist für – bunt. Zuletzt einigt man sich wieder auf einen bunten Baum, aber Anna will für Papa einige rote Sterne und für Mama goldene Sterne basteln. Anna meint, dass so jeder zu seinem Recht kommt.

Der Weihnachtsbaum ist für Anna sehr wichtig. Er sollte der schönste Baum der Welt werden und sie freut sich doch so auf das Schmücken. Vielleicht kommt ihre Omi so früh, dass sie dabei helfen kann. Sie will heute noch mit ihr telefonieren und sie darum bitten.

Ja, und dann ist der Tag des Schmückens da.

„Papa, hol bitte den Baum herein!“, ruft Anna in die Küche, wo die Mama am Kuchenbacken ist und Papa gerade die Zeitung liest. Papa steht auch sofort auf und läuft schnell nach draußen. Draußen ist es kalt. Es fängt ganz leise an zu schneien und Papa will schnell wieder in das warme Haus zurück.

Ja, aber wo steht denn der Baum?

Gestern stand er doch noch hier!

Papa geht ins Haus zurück und ruft laut: „Wo habt ihr denn den Baum hingestellt? Hier ist er nicht mehr.“

Anna läuft nach draußen. Der Baum ist tatsächlich nicht da.

„Ach, der Baum muss doch hier irgendwo stehen!“ Und Anna, Mama und Papa suchen den ganzen Garten und auch das Haus nach dem Weihnachtsbaum ab und finden ihn nicht. Inzwischen ist allen kalt geworden und sie wollen nur noch ins warme Haus.

„Was machen wir denn jetzt?“ Anna ist ganz verzweifelt.

Papa und Mama wissen auch nicht, was sie jetzt machen sollen. Die Geschäfte sind geschlossen.

„Morgen früh gehe ich zum Gärtner und hole uns einen neuen Baum“, sagt Papa und nimmt Anna in den Arm. „Ich weiß nicht, wer unseren Baum genommen hat. Ich hole eben eine neue Tanne und wir müssen alle helfen, den Baum vor dem Gottesdienst zu schmücken.“

Schon früh geht der Vater am anderen Morgen in die Stadt. Geht von Gärtner zu Gärtner. Keiner hat mehr Tannenbäume. „Ach du Schreck! Ich kann doch ohne Tannenbaum nicht nach Hause kommen. Ein Weihnachtsfest ohne Lichterbaum, das geht doch gar nicht.“ Da kommt ihm ein Gedanke: „Mein Händler in unserer Straße hat doch bestimmt noch einen Baum. Da muss ich noch mal hin.“

Der Händler ist schon am Aufräumen. Für ihn ist jetzt auch Weihnachten. Er will nur noch die Steine fegen.

„Hallo, Herr Meier, wie geht es Ihnen? Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest!“

„Das wird kein frohes Fest. Unser Weihnachtsbaum ist abhandengekommen und ich suche schon stundenlang einen neuen. Aber kein Gärtner hat noch einen Baum. Alle verkauft“, sagt der Vater und seufzt schwer.

„Das ist ja ein dolles Ding, so was habe ich noch nie gehört. Ich habe noch einen ziemlich kleinen und verkrüppelten hier stehen. Den schenke ich Ihnen.“

„Oh je, der ist wirklich keine Schönheit. Aber besser als gar keiner“, sagt der Vater und läuft schnell damit nach Hause. Dort warten alle gespannt auf ihn und sind entsetzt, als sie den Baum sehen.

„Ist das unser neuer Weihnachtsbaum?“, fragt Anna.

„Ja“, sagt der Vater, „ich habe keinen anderen bekommen.“

Die Mutter schmunzelt und Oma sagt: „Auch dieser Baum will geliebt werden. Gehen wir an die Arbeit und machen ihn schön.“

So wird es gemacht und Anna meint: „Ach, er sieht geschmückt doch ganz nett aus. Aber in Zukunft schließen wir unseren Tannenbaum ein, damit er nicht wieder abhandenkommt.“ Jedes Jahr Weihnachten denkt Anna an das kleine, verkrüppelte Bäumchen und so wird es eine lange Zeit nicht vergessen.

Lore Buschjohann, Jahrgang 1929, wohnt in Gütersloh und hat im Alter das Schreiben für sich entdeckt. Mit 79 Jahren erwarb sie ihren ersten Laptop und schrieb ihren Lebensrückblick. Es folgte ein Kinderbuch: Geschichten für Kinder. Sie leitet seit 33 Jahren eine Seniorentanzgruppe und arbeitet sehr gerne in ihrem Garten, fotografiert Menschen und Tiere, Pflanzen und Blumen und stellt die schönsten Aufnahmen in Fotobüchern zusammen.

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