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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 13

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2020.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Titelbild: © Heike Georgi

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-96074-368-2 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-369-9 - E-Book

*

Inhalt

Der Weihnachtsmann langweilt sich

Bruderzwist

Weihnachten wie immer – und doch ganz anders

Weihnachten fällt aus

Ein Fest für den Weihnachtsmann

Ella, die kleine Weihnachtsmaus

Ein Weihnachtstraum

Die Farbe der Stille

Unter der Decke

Weihnachtswünsche

Endlich wieder Weihnachten

Oh du fröhliche, und weiter so!

Die Ballade von Valentin Wichtel

Der verletzte Engel

Winterwonderland

Besuch in Bethlehem

Biggi und die Christkind-Falle

Die einhundert Paar Schuhe

Böses Spiel

Weihnachten im Chaos

Friedenslicht

Der kleine Wichtel mit dem Schnupfen

Leni und das kleine Weihnachtswunder

Der Weihnachtstraum

Weihnachtspost von Juri

Klirrend kalt

Schneekätzchen sind out

Omas Weihnachtsschmuck

Ein hoffnungsvoller Weihnachtsabend

Lies mir eine Geschichte vor

Dir gutem Weihnachtsmann

Erika, die Buchhalterin

Weihnachten mit der Tallu-Maus

Weiße Weihnacht

Einst stand im tiefen Schnee

Die Schneekugel

Lieschens Weihnachtsgedanken

Mein Tagebuch

Nix zu Weihnachten

Weihnachtsüberraschung für Emilia

Leckere Weihnachtsplätzchen

Dezembernacht

Sabrina und Nils

Stille Nacht

Ein Schneeengel

Die Glaskugel

Der lebendige Schneemann

Sechs Kerzen

Jahreswende

Das allerschönste Weihnachtsgeschenk

Ausbildung zum Weihnachtsmann

Das Abenteuer mit Max

Der Lehrling des Weihnachtsmanns

Weihnachtsbäume in Gefahr

Stella und die Schneekugel

Ein Geschenk mit fünf Buchstaben

Der Weihnachtsengel

Wer ist Weihnachten?

Weihnachten im Rollstuhl

Advent, Advent ...

Der kranke Wichtel

Reimmunkels Weihnachten

Wilmas erstes Weihnachtsfest

Mission Rentier

Ein Weihnachtshund für Maia

Große Pause im Weihnachtswunderland

Der Weg nach Hause

Das Weihnachtsfest der Herzen

Der verschollene Zeus

Auf der Suche nach dem Weihnachtsbaum

Englein Silberstern

Advent

Die Mäuse feiern Weihnachten

Krasse Weihnacht

Die Liebe kam an Weihnachten

Der Notfallplan für den Weihnachtsmannn

Ein Känguru als Haustier

Der Besuch bei den Weihnachtsengeln

Dreimal Weihnachten

Der Schneemann

Der kleine Weihnachtswichtel Jonte

Wunschzettel

Das geheime Rezept

Maik und Lana

Zauber der Weihnacht

Modernes Weihnachten

Mila, die kleine Schneeflocke

Ein Weihnachten für alle?

Du kleiner Schlingel

Geheime Mission

Die Weihnachtsmaus

Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

*

Der Weihnachtsmann langweilt sich

Die schöne, wenn auch anstrengende Weihnachtszeit lag erfolgreich hinter ihm und so hatte sich der Weihnachtsmann mit Rudolf, seinem Rentier, den Elfen und seinen Brüdern Fred Claus und Santa auf den Weg nach Lappland gemacht. Hier konnte er endlich aufatmen, denn für ihn war es wirklich mehr als stressig gewesen, zumal er ja auch nicht mehr zu den Jüngsten gehörte. Wie viele Kinder in den unterschiedlichsten Ländern hatte er mit seinen Gaben glücklich gemacht! Und somit durfte er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Inzwischen aber waren vier Monate vergangen, doch wie viele lagen noch vor ihm bis Weihnachten? Was sollte er denn in der Zwischenzeit tun? Es war ihm noch nichts Richtiges eingefallen und so musste er sich daher eingestehen, dass er Langeweile hatte, echte Langeweile. Dabei hatte er schon einiges versucht: Ein Buch angefangen zu lesen, wozu er bis dahin noch nicht gekommen war, mit seinen Freunden telefoniert oder eine WhatsApp-Nachricht geschickt, aber alles war nicht so aufregend wie die Weihnachtszeit, irgendetwas fehlte einfach. Und so beschloss er, mal seine Brüder zu fragen, wie sie mit ihrer freien Zeit bis Weihnachten umgingen.

Oh, was herrschte denn da für ein Krach? Vorsichtig öffnete er die Tür und sah, dass sie Mensch ärgere dich nicht spielten, Santa offensichtlich verloren hatte und sich darüber maßlos ärgerte.

„Meine Güte, wie kann man sich so aufregen, ist doch nur ein Spiel!“

„Ja, aber Fred Claus gewinnt immer und ich nie, der schummelt! Außerdem hat er den besseren Würfel, meiner tut es nicht richtig.“

„Nix da, es liegt doch nicht am Würfel, es ist einfach nur Glück! Aber ich finde es unfair, von meinem Bruder als Falschspieler tituliert zu werden!“

„Und außerdem schmeißt du mich immer kurz vor dem Ziel raus“, ereiferte sich Santa weiter.

„Schluss jetzt mit eurem Gezeter! Aber natürlich ist es mehr als unfair, seinen Bruder einen Falschspieler zu nennen, dafür muss Santa sich entschuldigen.“

Dieser rang mit sich, quetschte sich dann aber ein: „Entschuldigung“, heraus, womit sich sein Bruder im Moment auch zufriedengab.

„So, Herrschaften, jetzt aber Schluss mit der miesen Stimmung, lasst uns besser mal überlegen, wie wir die Zeit bis Weihnachten angenehm rumkriegen.“

„Und, hast du einen Vorschlag?“, fragte Fred Claus mürrisch, der trotz der Entschuldigung noch sauer auf seinen Bruder war. „Es ist doch alles so öde, man weiß wirklich nicht, wie man die Zeit totschlagen kann.“

„Aber, aber“, ereiferte sich da der Weihnachtsmann, „die Zeit ist doch viel zu kostbar, um sie totzuschlagen. Wir sollten sie genießen und überlegen, was wir Schönes unternehmen könnten, bis wir wieder Weihnachtswünsche erfüllen dürfen.“

„Wie sieht es aus, hast du denn eine Idee?“, erkundigte sich Santa, der ebenfalls noch schlechte Laune hatte.

Der Weihnachtsmann wiegte seinen Kopf hin und her, aber plötzlich schien er einen Einfall zu haben. „Was haltet ihr davon, wenn wir mal nachschauen, was die Menschen machen, wenn keine Weihnachtszeit ist?“

Dieser Vorschlag fand allgemein Anklang und ließ die Stimmung sofort von null auf hundert steigen. Umgehend machte man sich auf den Weg.

Doch was war das denn? Kaum ein Mensch war auf den Straßen zu sehen, wo sich sonst doch Menschenmassen knubbelten und man kaum durchkam.

„Wo sind denn die ganzen Leute?“, fragten sie sich. „Machen sie vielleicht Urlaub, denn wir haben immerhin schon Frühling!“

„Aber doch nicht alle auf einmal“, überlegte der Weihnachtsmann, „das glaube ich nicht. Wir sollten mal in die Häuser schauen, vielleicht sind sie alle daheim.“

Gesagt, getan!

Und da war auch schon das erste Fenster, durch das sie ins Wohnzimmer schauen konnten, wo sie die Eltern mit einem Jungen und seiner kleinen Schwester erblickten.

„Seltsam, müssten die Eltern nicht arbeiten und der Junge in der Schule und die Kleine in der Kita sein?“, wunderte sich Fred Claus.

„Ja, aber guckt mal, die spielen auch Mensch ärgere dich nicht. Mal sehen, ob da auch einer nicht verlieren kann.“

Die drei drückten sich die Nasen an der Fensterscheibe platt und verfolgten gespannt das Spiel. Plötzlich schmiss die Kleine alles um und schrie: „Ben hat geschummelt, ich habe keine Lust mehr!“

„Ha, ha, ha, Santa, das Mädchen kann genauso schlecht verlieren wie du!“, rief Fred Claus aus. „Allerdings ist es auch noch klein, da kann man das entschuldigen.“

„Ich kann auch verlieren, wenn es mit rechten Dingen zugeht. Aber du hast gepfuscht.“

Ehe Fred Claus darauf antworten konnte, zog der Weihnachtsmann die beiden von dem Fenster fort. „Hört auf zu streiten! Lasst uns lieber schauen, wie es bei anderen Familien zugeht.“

Durchs nächste Fenster erblickten sie eine Familie, die offensichtlich beim Mittagessen saß. Aber was war das denn? Jeder hatte ein Smartphone neben sich liegen, auf das man von Zeit zu Zeit schaute.

„Meine Güte“, rief Santa ganz entsetzt aus, „die Dinger haben doch nun wirklich nichts auf dem Mittagstisch verloren!“

„Mit Sicherheit nicht, aber leider sind viele danach süchtig, doch kommt weiter, vielleicht sehen wir noch was Interessanteres!“, rief der Weihnachtsmann aus, womit auch seine Brüder einverstanden waren.

Und so warfen sie einen Blick durch ein weiteres Fenster. Da sah es aber ganz anders aus, denn da saß die ganze Familie gemütlich zusammen und las.

„Ihr könntet auch ab und zu mal ein Buch lesen anstatt euch bei Mensch ärgere dich nicht zu zanken“, bemerkte der Weihnachtsmann.

Die beiden Brüder überhörten den Vorwurf, vielmehr zogen sie weiter. Jedoch brauchten sie dieses Mal nicht durchs Fenster zu gucken, da ein Blick in den Garten ihnen zeigte, dass sich die ganze Familie dort tummelte. Die Eltern spielten mit den Kinder Völkerball und alle hatten offensichtlich auch Spaß daran.

„Es gibt also doch noch was anderes als Brettspiele und Smartphone!“, stellte der Weihnachtsmann erfreut fest. „Aber wie es aussieht, sind alle zu Hause, Kinder und Eltern. Da muss was Gravierendes passiert sein. Wir müssen unbedingt mal Nachrichten hören, damit wir wissen, woran wir sind.“

Sofort machten sie sich auf die Suche. Nach einigen Anläufen fanden sie ein Fenster, durch das sie die Nachrichten sehen und hören konnten und endlich wussten, was los war. Ein fieser Virus hatte sich auf der ganzen Welt breitgemacht und schon sehr viele Todesopfer gefordert.

„Beeilt euch, lasst uns sehen, dass wir schnell nach Hause kommen, ohne uns infiziert zu haben!“, trieb der Weihnachtsmann seine Brüder an, was diese sich nicht zweimal sagen ließen.

Renate Hemsen wurde 1940 in Köln geboren, wo sie auch heute noch lebt. Zu ihren Hobbys gehören Schreiben, Lesen und Reisen. Besonders das Schreiben macht ihr große Freude und daher war sie auch froh, dass sie nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben dafür mehr Zeit und Muße hatte. Sie belegte sofort einen Belletristikkursus und später auch noch einen für Kinder- und Jugendliche. Sie hat verschiedene Kurzgeschichten und auch Gedichte veröffentlicht.

*

Bruderzwist

„Du hast meinen Ball kaputt gemacht!“, schreit Sascha und stürmt weinend aus dem Kinderzimmer. Er läuft in die Küche, umklammert seine Mutter und schluchzt: „Fabian ist so gemein! Immer macht er meine Sachen kaputt.“

Die Mutter streichelt Sascha über den Kopf. „Jetzt beruhige dich doch. Und dann erzählst du mir, was passiert ist.“

„Mein Ball, mein Ball“, jammert Sascha. Dicke Tränen laufen über seine Wangen. „Fabian hat meinen Ball kaputt gemacht. Ich hasse ihn.“

Die Mutter blickt auf und sieht Fabian in der Tür stehen. „Was hast du gemacht?“, fragt sie streng. Doch sie bekommt keine Antwort. Fabian schaut nur zu Boden und betrachtet intensiv seine Zehen. „Los, ich habe dich etwas gefragt“, besteht die Mutter auf eine Antwort.

„Jetzt bin natürlich wieder ich der Schuldige“, antwortet Fabian nun doch. „Warum fragst du nicht, was Sascha gemacht hat? Ich muss mir von ihm alles gefallen lassen, aber wenn ich mich einmal wehre, dann ...“ Fabian schießen die Tränen in die Augen. Er dreht sich um, läuft in sein Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu.

„Sascha, schau mich einmal an“, fordert die Mutter ihren jüngeren Sohn auf. „Was hast du deinem Bruder angetan?“

„Ich?“, fragt Sascha ganz erstaunt und schaut seiner Mutter unschuldig ins Gesicht. „Ich habe ganz brav in meinem Zimmer gespielt. Und dann ist Fabian gekommen und hat mich gestört. Und dann war mein Ball kaputt. Ich habe gar nichts gemacht, aber Fabian hat ...“

„Ist schon gut“, unterbricht ihn die Mutter seufzend. „Ich werde mit deinem Bruder sprechen. Aber zuerst soll er sich beruhigen. Außerdem muss ich jetzt die Nudeln abseihen. In zwanzig Minuten gibt es Abendessen.“

Sascha sitzt grollend in seinem Zimmer. Eigentlich sollte er ja endlich seinen Wunschbrief an das Christkind schreiben. Aber stattdessen überlegt er, wie er sich an seinem Bruder rächen könnte. „Ich werde es ihm heimzahlen. Ich werde auch seinen Ball kaputt machen“, denkt er. Doch dann fällt ihm ein, dass Fabian gar keinen Ball besitzt. Und plötzlich hat Sascha eine Idee. Er reißt ein Blatt Papier aus seinem Notizblock und schreibt an das Christkind.

In der Nacht, wenn alle Kinder schlafen, ist das Christkind unterwegs. Suchend schaut es sich um, hinter welchem Fenster ein Wunschbrief liegt. „Na endlich, jetzt hat auch Sascha seinen Brief geschrieben“, stellt es erleichtert fest. „Morgen ist doch schon Weihnachten!“ Gespannt nimmt das Christkind den Brief, öffnet ihn und liest.

Liebes Christkind!

Ich wünsche mir zu Weihnachten ein ferngesteuertes Auto, ein Buch über Ritter und ein Taschenmesser. Außerdem wünsche ich mir, dass mein Bruder einen Ball bekommt.

Das Christkind schaut vom Brief auf und lächelt den schlafenden Sascha an. „Du bist ja ein ganz lieber Bub“, flüstert es. „Du denkst auch an deinen Bruder.“ Dann liest es weiter.

Fabian hat nämlich heute meinen Ball kaputt gemacht. Leider kann ich mich nicht rächen, weil er keinen Ball hat. Aber wenn du ihm einen Ball schenkst und mir ein Taschenmesser, dann werde ich es ihm so richtig heimzahlen.

Liebe Grüße

Sascha

Entsetzt lässt das Christkind den Brief fallen. Das Lächeln ist aus seinem Gesicht verschwunden. „Nein, Sascha, so geht das nicht“, murmelt es. „Ich bringe den Menschen Frieden und Freude, nicht Streit und Rache.“

Schnell hebt das Christkind den Brief auf, steckt ihn ein und berührt Saschas Nase. „Träum schön!“, flüstert es. Dann fliegt es in Fabians Zimmer, berührt auch dessen Nase und flüstert wieder: „Träum schön!“

Sascha und Fabian träumen:

„Du hast meinen Ball kaputt gemacht, na warte!“, schreit Fabian und läuft seinem fliehenden Bruder nach. Weil Sascha wieder einmal zur Mutter in die Küche flieht, dreht Fabian um und schleicht sich in das Zimmer seines Bruders. „Du wirst schon sehen, was du davon hast“, denkt er zufrieden.

Sascha geht beschwingt in sein Zimmer. „Rache ist doch süß“, denkt er und öffnet die Tür. Doch die Fröhlichkeit verschwindet schlagartig aus seinem Gesicht. Denn mitten im Zimmer steht sein ferngesteuertes Auto, das er erst zu Weihnachten bekommen hat. Und neben dem Auto liegt die abgebrochene Antenne.

Unruhig wälzen sich Sascha und Fabian in ihren Betten, dann träumen sie weiter.

Die Sonne strahlt vom Himmel. Auf der Terrasse ist mit verschiedenen Gartengeräten eine Rennstrecke ausgelegt. Blumentöpfe stehen als Hindernisse auf der Strecke. Fabian lenkt konzentriert das ferngesteuerte Auto durch den Parcours, während Sascha die Zeit stoppt. „Drei Minuten 17 Sekunden, nicht schlecht für fünf Runden!“, ruft Sascha fröhlich. „Aber jetzt zeige ich dir, dass es noch besser geht.“ Er reicht seinem Bruder die Stoppuhr und übernimmt von diesem die Fernsteuerung.

„Wir werden ja sehen“, antwortet Fabian genauso fröhlich. „Was hältst du davon, wenn wir nachher ein bisschen Ball spielen?“

„Gute Idee“, antwortet Sascha begeistert. „Aber zuvor holen wir uns noch ein Eis.“

Am nächsten Tag wachen Sascha und Fabian nachdenklich auf. Während des Frühstücks sprechen sie kaum. Nur ab und zu wirft der eine dem anderen einen unsicheren Blick zu. Ansonsten verhalten sie sich so, als ob der andere Luft wäre.

Endlich läutet das Glöckchen. Freudig betreten die beiden Brüder zusammen mit den Eltern das Wohnzimmer. Der Christbaum strahlt im Kerzenglanz. Darunter liegen viele Päckchen. Doch bevor diese ausgepackt werden dürfen, singt die Familie Weihnachtslieder und liest das Weihnachtsevangelium. Sascha und Fabian sind schon ganz zappelig.

Endlich ruft ihr Vater: „Fröhliche Weihnachten, meine Lieben! Schauen wir doch einmal, wem das erste Päckchen gehört. Es ist für Sascha!“

Freudig nimmt Sascha das Päckchen entgegen und öffnet es vorsichtig. Ein wunderschönes Auto kommt zum Vorschein. Nachdenklich betrachtet Sascha die lange Antenne. Plötzlich kann er sich gar nicht richtig über das Geschenk freuen.

Das nächste Päckchen ist für Fabian. Er reißt das Geschenkpapier auf und hält eine Schachtel ohne Aufschrift in der Hand. Neugierig öffnet er die Schachtel und wundert sich. In der Schachtel befindet sich ein Ball. „Den habe ich mir doch überhaupt nicht gewünscht“, denkt er. „Außerdem war es doch Saschas Ball, der gestern kaputtgegangen ist.“ Da fällt Fabian der komische Traum ein, den er letzte Nacht gehabt hat. Er überlegt kurz. Dann nimmt er den Ball aus der Schachtel, geht zu seinem Bruder, drückt ihm den Ball in die Hand und sagt: „Tut mir leid, was gestern mit deinem Ball passiert ist. Magst du diesen haben? Ich schenke ihn dir.“

Sascha schaut seinen Bruder zunächst erstaunt an, doch dann schleicht sich ein Lächeln auf sein Gesicht. „Danke“, flüstert er. „Dafür darfst du auch mit meinem Auto spielen.“

Sissy Schrei lebt zurzeit in Maria Lanzendorf.

*

Weihnachten wie immer – und doch ganz anders

So wie alle Jahre. Das war für Tina das Wichtigste. Weihnachten sollte alle Jahre möglichst gleich verlaufen. Der Christbaum sollte immer am selben Platz stehen und sie freute sich jedes Jahr wieder, die schönen Weihnachtskugeln und den anderen glitzernden Schmuck darauf wiederzuerkennen. Es gab an jedem Heiligen Abend das gleiche Essen: gebackenen Fisch mit Kartoffelsalat. Den Fisch mochte Tina zwar nicht so gerne, aber er gehörte auch zum alljährlichen Ritual und deswegen aß sie ihn an diesem ganz besonderen Abend mit Freude und mit Appetit. Und alle Jahre wieder sangen sie die altvertrauten Lieder unter dem Weihnachtsbaum, so wie immer. Nur die Geschenke, die sollten natürlich nicht jedes Jahr gleich sein – das wäre ja langweilig! Tina hatte sehr viele Spielsachen. Ihr ganzes Zimmer war voll mit allen nur möglichen Sachen. Und eigentlich wusste sie gar nicht so recht, was sie sich dieses Jahr vom Christkind wünschen sollte ...

Daher war sie in der Vorweihnachtszeit mit ihrer Mama unterwegs in die Stadt, um sich in den Geschäften umzusehen und vielleicht etwas zu finden, das sie noch nicht hatte und sie sich wünschen konnte. Sie gingen zu einem riesengroßen Einkaufszentrum. Noch vor dem Eingang begrüßte sie ein verkleideter Weihnachtsmann mit eindeutig aufgeklebtem Bart und verteilte Zuckerln an die Kinder. Dabei sagte er immer wieder: „Ho ho ho!!“, und bimmelte mit einer Glocke, die er in der Hand hatte. Tina hätte nur zu gerne an dem falschen Bart gezogen, um sicherzugehen, dass er aufgeklebt war, aber sie wusste, dass man das nicht tat, und eigentlich traute sie sich auch gar nicht. Also nahm sie brav ihr Zuckerl, sagte: „Danke“, und dachte sich dabei: „Ich weiß, dass du nicht echt bist, denn zu uns kommt das Christkind und an den Weihnachtsmann glaub ich nicht.“

Endlich erreichten sie die Eingangstüre. Es war so eine Glastür, die sich im Kreis drehte, und es dauerte ein wenig, bis sie endlich drinnen waren, denn Tina konnte einfach nicht widerstehen, ein paar Runden damit im Kreis zu laufen.

Als sie ins Innere traten, musste Tina fast ein wenig die Augen zusammenkneifen, so sehr blendeten sie die vielen bunten und blinkenden Lichter. Alles war so wunderbar geschmückt und es duftete nach Lebkuchen, Punsch und auch ziemlich stark nach Parfum, da gleich nebenan eine sehr geschminkte Dame jeder vorbeigehenden Frau – ob diese wollte oder nicht – Parfum aufsprühte, da man diesen wunderbaren Duft nur an diesem Tag besonders billig kaufen konnte. Überhaupt herrschte in diesem Einkaufszentrum eine rege Betriebsamkeit, um nicht zu sagen – Hektik. Im Hintergrund hörte man kaum die stimmungsvolle Weihnachtsmusik und irgendwie wollte diese auch gar nicht so richtig zu den hastenden Menschen mit den riesengroßen übervollen Einkaufstaschen passen. Tinas Mama wurde von der Parfum versprühenden stark geschminkten Dame in ein Gespräch verwickelt und so hatte Tina Zeit, sich genau umzusehen.

Sie setzte sich in Sichtweite ihrer Mama auf eine kleine Bank. Dort saß schon jemand, und zwar ein kleiner Junge, circa in Tinas Alter. Tina sah den Jungen unauffällig von der Seite an. Sie bemerkte, dass er nicht sehr warm angezogen war und auch seine Turnschuhe waren für den Schneefall und die eisige Kälte draußen viel zu dünn. Er hatte keine Handschuhe an und seine Hände steckten fest in den Jackentaschen. Die Ohren und seine Nase waren ganz rot, da sie in der Wärme des Einkaufszentrums gerade auftauten. So wie auch Tina sah er sich im Einkaufszentrum die schöne Beleuchtung, die Auslagen und die umher eilenden Menschen an. Tina blickte sich zu ihrer Mutter um. Diese war inzwischen bei einem Schmuckstand angekommen und probierte verschiedene Ohrringe an, das hieß, sie war noch für einige Zeit beschäftigt.

Der Junge auf der Bank neben ihr machte Tina neugierig und sie beschloss, ihre Schüchternheit zu überwinden und ihn anzusprechen. „Hallo“, sagte sie, „ich heiße Tina. Bist du auch mit deinen Eltern da, um Weihnachtsgeschenke auszusuchen?“

Der kleine Bub sah sie aus großen dunklen traurigen Augen an. „Ich heiße Ronnie. Nein, ich bin hier, um mich aufzuwärmen“, sagte er und blickte wieder vor sich hin.“

„Was meinst du mit aufwärmen?“, fragte Tina verwirrt. „Warum wärmst du dich nicht zu Hause auf? Und du bist ganz alleine hier?“ „Bei mir zu Hause ist es nicht warm“, antwortete Ronnie und sah dabei auf seine viel zu dünnen und vom Schnee durchnässten Schuhe. „Wir haben kein Geld, um Holz für den Ofen zu kaufen. Und ja, ich bin alleine hier, meine Eltern sind beide arbeiten, damit wir wenigstens etwas zu essen kaufen können.“

„Wo wohnst du denn?“, fragte Tina, der der kleine Junge ganz schön leidtat.

Er deutete stumm auf ein Haus auf der anderen Straßenseite des Einkaufszentrums, das man durch die drehende Glastür erkennen konnte.

„Welches Spielzeug wünschst du dir vom Christkind?“, fragte Tina.

„Spielzeug?“, fragte der Junge, der Ronnie hieß. „Ich wünsche mir kein Spielzeug. Ich wünsche mir Holz für den Ofen, damit wir wieder heizen können, und, dass wir genug zu essen kaufen können. Und dass meine Eltern ein wenig Zeit für mich haben …“, fügte er noch leise hinzu.

Tina dachte über die Worte des Buben nach. Mitten in ihre Gedanken hinein hörte sie ihre Mutter rufen. „Tina, komm, wir gehen jetzt ins Spielzeuggeschäft und sehen mal, was du dir vom Christkind wünschen könntest!“ Fröhlich rauschte ihre Mutter heran, umgeben von einer intensiven Duftwolke. Die geschminkte Parfumdame hatte ganze Arbeit geleistet. An Mamas Ohren baumelten neue Ohrringe.

Spontan umarmte Tina ihre Mama und sagte leise: „Schön, dass wir Zeit miteinander verbringen, Mama!“ Zu dem Jungen sagte sie noch: „Tschüss und schöne Weihnachten“. Dann zog sie an Mamas Hand Richtung Spielzeuggeschäft.

Doch irgendwie konnte sich Tina nicht so richtig für all die Barbies, Legos, Puppenhäuser, Stofftiere, Playmobilfiguren und was es da alles sonst noch gab begeistern. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Ronnie mit den traurigen Augen ...

Unverrichteter Dinge kam sie mit ihrer Mama nach Hause. Sie hatte nichts gefunden, das sie gerne in ihren Christkindbrief schreiben würde. Beim Betreten der Wohnung nahm sie erstmals die wohlige Wärme wahr, die sie schon an der Eingangstüre umfing. Wieder musste sie an Ronnie denken, der sich im Einkaufszentrum aufwärmen musste, weil es bei ihm zu Hause so kalt war.

Die Tage vergingen und Weihnachten rückte immer näher. Eines Morgens sagte Tinas Mama: „Tina, langsam solltest du deinen Christkindbrief schreiben. Schließlich muss das Christkind doch noch alle Briefe einsammeln und dann alle Wünsche der Kinder besorgen … Dazu braucht es auch ein wenig Zeit. Also, wenn du endlich weißt, was du dir wünscht, dann schreib doch bitte deinen Brief!“

Tina dachte lange nach. Sie hatte doch eigentlich alles. Sicherlich konnte man anstatt zehn Barbies auch elf haben und ein neues Spiel für den Nintendo wäre auch nicht schlecht … Aber war das wirklich notwendig? Brauchte man diese Dinge, um glücklich zu sein? Sie konnte sich doch wirklich glücklich schätzen, dass sie ein warmes, schönes Zuhause und immer genug zu essen hatte.

Es dauerte noch ein paar Tage und viele Überlegungen, dann – auf einmal – wusste Tina ganz genau, was sie sich wünschen würde. Schnell lief sie zu ihrer Mama und strahlte sie an. „Mama, Mama! Ich weiß jetzt, was ich mir wünsche! Du kannst dich doch an Ronnie erinnern, den ich im Einkaufszentrum kennengelernt habe!“

Mama nickte und hörte weiter ihrer aufgeregten Tochter zu.

„Ich wünsche mir“, sprach Tina weiter, „dass Ronnie ein warmes Zuhause und ein schönes Weihnachtsfest hat!“

„Das ist ein toller Wunsch“, strahlte Tinas Mama. „Aber wie sollen wir das machen?“

„Ich weiß, ich weiß, ich weiß!“, rief Tina aufgeregt. Und dann schrieb sie gemeinsam mit ihrer Mama einen langen Brief an das Christkind ...

Endlich war es so weit: Der Heilige Abend war da. Und es war alles so wie immer: Der Christbaum stand da, wo er immer stand, und Tina bewunderte den schönen Schmuck, den sie doch so gut kannte. Sie sang mit ihrer Familie die schönen Weihnachtslieder und aß brav den gebackenen Fisch, obwohl er ihr gar nicht so besonders schmeckte. Also war alles so wie immer.

Oder doch nicht ganz ...

Tatsächlich hatte sie dieses Jahr nur zwei kleine Päckchen vom Christkind bekommen, aber das machte Tina gar nichts aus, denn dieses Jahr hatte sie sich nichts für sich selbst gewünscht.

Für Ronnie war der Heilige Abend auch etwas ganz Besonderes, da seine Eltern an diesem Tag nicht zur Arbeit mussten und daher Zeit für ihn hatten. In dicke Jacken gehüllt, saßen sie beim Esstisch um eine leuchtende Kerze und beteten und sagen Weihnachtslieder. Es gab keinen Christbaum und keine Geschenke, dafür hatten sie leider kein Geld.

Auf einmal klopfte es an der Tür und Ronnie meinte, auch ein zartes Glockengeläute gehört zu haben. Neugierig ging er hinaus und überlegte, wer an Heiligabend denn um diese Zeit noch vorbeikommen könnte. Dann öffnete er die Tür und vor lauter Staunen und Überraschung riss er seine Augen und den Mund ganz weit auf. Er traute seinen Augen kaum.

„Mama, Papa, kommt schnell. Das müsst ihr euch ansehen! Das Christkind war da!“

Und tatsächlich: Vor der Wohnungstüre türmten sich weihnachtlich verpackte Geschenke und ein Korb voller Leckereien sowie ein kleiner Christbaum mit bunten Lichtern und nicht zuletzt eine riesengroße Kiste mit Holz für den Ofen. Sprachlos und mit Tränen der Freude in den Augen starrten Ronnie und seine Eltern die Weihnachtsbescherung an, dann begannen sie, die Sachen ins Wohnzimmer zu bringen.

Als Erstes heizten sie ein und als sich im Zimmer wohlige Wärme auszubreiten begann, setzten sie sich um den kleinen Weihnachtsbaum und machten sie sich daran, die Geschenke auszupacken. Da waren dicke Winterstiefel, Haube, Schal und warme Handschuhe für Ronnie sowie eine Eisenbahn, die von selbst im Kreis fuhr, und ein Teddybär. Für Mama und Papa gab es Wein und Schinken und viele andere Leckereien.

Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Es war das schönste Weihnachtsfest, das sie je erlebt hatten. An einem der Pakete klebte ein Kuvert mit einem Brief darin. Da stand geschrieben:

Lieber Ronnie!

Es gibt ein Kind, das auf seine eigenen Weihnachtswünsche verzichtet hat, um dir ein schönes Fest zu ermöglichen.

Hoffentlich freust du dich darüber!

Dein Christkind

Auch für Tina war es ein wunderschönes Weihnachtsfest und sie hoffte ganz stark, dass das Christkind ihren einzigen Wunsch, nämlich den, dass es für Ronnie und seine Familie ein schönes Weihnachtsfest werden würde, auch erfüllt hatte.

Als sie glücklich und zufrieden zu Bett ging, sagte sie zu ihrer Mama: „Weißt du, Mama, es ist schön, wenn man nicht immer nur an sich selbst denkt, sondern jemand anderem auch eine Freude machen kann. Glaubst du, hat das Christkind meinen Wunsch erfüllt?“

Mama lächelte geheimnisvoll und strich Tina zärtlich übers Haar. „Da bin ich mir ganz sicher, mein Engel. Und ich bin sehr, sehr stolz auch dich!“

So war es ein Weihnachten wie immer – und irgendwie doch ganz anders.

Karin Sinai, 55 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn in Mistelbach in Niederösterreich/Weinviertel. Insgesamt hat sie drei Kinder, zwei Stiefkinder und zwei Enkelkinder.

*

Weihnachten fällt aus

Eine festliche Weihnachtsstimmung hatte das kleine Dorf in den Bergen bereits Wochen vor Weihnachten erreicht. Die Bäckerei von Frau Hase verkaufte nun keine Karottenküchlein mehr, sondern Weihnachtshasen aus Lebkuchen, deren Duft jeden auf den Straßen in den kleinen Laden lockte. Familie Kuh hatte das ganze Haus festlich mit Allerlei geschmückt und keinen Zentimeter ausgelassen. Auch in der Dorfschule lernten die Tierkinder fleißig Weihnachtslieder auswendig, um sie ihren Familien am Heiligen Abend vorzusingen. Familie Huhn hatte alle Nester dick ausgepolstert, damit es keinem Küken kalt wurde. Die Mutter hatte rote Schleifenbänder eingewebt. Die Eichhörnchen hatten alle Pflichten vor Weihnachten erledigt, die Nüsse für den Notfall waren vergraben und die Kobel geschmückt wie kleine, runde Weihnachtsbäume. Am ersten Advent summten die Bienen Stille Nacht und die Rehe trugen alle einen selbst gestrickten roten Schal, den ihn Mutter Kuh geschenkt hatte.

Am Wochenende des zweiten Advents saßen die Kälbchen gerade am Küchentisch und bastelten Weihnachtsgeschenke für ihre Eltern. Jeder hatte eine Karte gefaltet und jetzt wollten sie noch bunte Weihnachtskühe aufkleben. Plötzlich erweckte etwas vor dem Fenster ihre Aufmerksamkeit. Kleine weiße Schnipsel regneten wie Zuckerwatte vom Himmel.

„Es schneit!“, riefen die Kinder aufgeregt und ließen sofort alles stehen und liegen, um nach draußen zu laufen.

Die gleiche Aufregung hatte auch die Ferkel, die Rehkitze und die Küken gepackt und schnell entstand eine gewaltige wunderbare Schneeballschlacht. Kinderlachen erfüllte das Dorf.

Doch das sollte nicht lange so bleiben. Als es eine Woche vor Weihnachten noch immer nicht aufgehört hatte, zu schneien, machten sich die Dorfbewohner langsam Sorgen.

„Wenn das so weiter schneit, können wir gar nicht mehr rausgehen wegen des hohen Schnees“, sagt die Häsin beunruhigt zu Mutter Kuh, als diese am Nachmittag die letzten Plätzchen der Bäckerei kauft. „Ich habe keine Zutaten mehr, um irgendetwas zu backen. Ich muss bald in die Stadt fahren, um einzukaufen, aber bei dem Schnee schickt man doch kein Tier vor die Tür!“

Auch Mutter Kuh war besorgt. Sie hatte noch keine Leckereien für das große Weihnachtsessen eingekauft. „Ich hoffe, dass es bald aufhört.“

Doch leider ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung. Zwei Tage vor Weihnachten schneite es noch immer und der Schnee lag über einen halben Meter hoch, bedeckte die Fenster der kleinen Häuser. Vater Schwein hatte einige Wege im Dorf mühsam freigeschaufelt, damit auch Familie Reh mit ihren dünnen Beinen herauskommen konnte. Außerhalb des Dorfes sah es jedoch noch schlimmer aus.

„Wir können nicht in die Stadt fahren. Das ist viel zu gefährlich, weil wir nicht sehen können, was unter dem Schnee liegt“, merkte Frau Hase auf der Notfalldorfversammlung an.

„Aber wie soll ich Essen für Weihnachten einkaufen?“, klagte Frau Schwein und zeigte auf ihre Kinder. „Die Kleinen haben sich schon so auf selbst gemachte Plätzchen gefreut.“

Die Tiere überlegten fieberhaft nach einer Lösung für das Problem. Vater Schwein ging sogar so weit, dass er versuchte, zu Fuß in die Stadt zu kommen. Als er sich wegen des vielen Schnees fast im Wald verlaufen hatte, setzte niemand mehr einen Fuß aus dem Dorf. Die Familien versuchten, so wenig zu essen wie möglich, damit die besonders leckeren Sachen für Weihnachten übrig blieben.

Doch als der Weihnachtstag anbrach, hatte niemand mehr besonders viel. „Mehr als Milch kann ich meinen Kindern dieses Jahr nicht anbieten“, sagt Frau Kuh zu Frau Huhn, als sich ihre Kinder auf dem Spielplatz des Dorfes trafen.

Frau Huhn nickt zustimmend. „Wenn ich doch nur etwas zu meinen Eiern hätte, dann könnte ich wenigstens ein richtiges Rezept kochen.“

Die Küken und Ferkel hatten ihren Müttern zugehört und auf einmal kam ihnen eine zündende Idee, die Weihnachten vielleicht noch retten könnte. Als am Nachmittag die letzte Dorfversammlung vor Weihnachten stattfand, gingen die Tierkinder zum Erstaunen der Erwachsenen nach vorne.

„Wir wissen, wie wir Weihnachten retten können“, sagte ein Ferkel und dann erklären alle ihre Idee.

„Meine Mutter hat nur Milch und die Hühnermutter hat nur Eier“, erklärte das Kälbchen. „Aber wenn wir alles, was wir zu Hause haben, miteinander teilen, dann hat jeder genug, um ein schönes Essen zu kochen!“

Kurz mussten die Erwachsenen nachdenken, dann sprangen alle begeistert auf und redeten wild durcheinander, was jeder zu Hause hatte. Es kam sogar so weit, dass die einzelnen Eltern alles von zu Hause holten und auf dem Platz ausbreiteten. Die Hühnermutter brachte genug Eier, um sie mit allen zu teilen. Der Kuhvater trug drei große Kannen Milch herbei. Frau Hase brachte das restliche Mehl aus ihrer Bäckerei und sogar die Eichhörnchen suchten nach ihren vergrabenen Nüssen. Auch die Bienen transportierten ihren Honig vom Sommer aus der Vorratskammer zum Dorfplatz. Die Rehe hatten im Herbst Pilze und Beeren aus dem Wald gesammelt und brachten große Körbe mit. Als alle wieder da war, betrachteten die Tiere mit großen Augen das viele Essen, das dort lag. Das würde alle Familien satt machen und damit konnte man sogar ein schönes Weihnachtsessen zaubern. Frau Hase machte sich sofort daran, Plätzchen für alle zu backen, die Kühe bereiteten warme Milch mit Honig vor und die Rehe kochten eine schöne Pilzpfanne. Frau Schwein lud alle Dorftiere in ihr großes Haus ein und dort aßen alle, bis sie ganz voll waren. Fast wäre Weihnachten dieses Jahr ausgefallen, aber dadurch, dass alle Tiere das wenige Essen, das sie hatten, miteinander teilen, wurde es doch noch ein ganz schönes und gemütliches Fest.

Denise Sildatke ist 20 Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Schon als Kind hat sie liebend gerne kleine Geschichten wie diese verschlungen. Heute widmet sie sich lieber dicken Schmökern, doch die eine oder andere Kurzgeschichtensammlung findet zwischendurch auch einen Platz in ihren Regalen. Besonders gerne liest sie in der Weihnachtszeit vor dem Kamin mit einer Katze auf dem Schoß.

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Ein Fest für den Weihnachtsmann

Wenn sich die weißen Schneeflocken im Glanz der Christbaumkugeln spiegeln und Weihnachtslieder vom kalten Wind durch die Straßen getragen werden, dann weißt du ganz genau, dass die schönste Zeit des Jahres begonnen hat. Sicher kannst du es kaum erwarten, unter dem geschmückten Weihnachtsbaum deine kunterbunt eingewickelten Geschenke auszupacken, die der Weihnachtsmann dort in aller Stille liebevoll aufgereiht hat.

Doch weißt du eigentlich, wie der Weihnachtsmann selbst das schönste Fest des Jahres feiert?

Die traurige Wahrheit ist, dass er den gesamten Winter so hart arbeiten muss, dass er nicht einmal genug Zeit hat, um all die Leckereien zu genießen, die das Weihnachtsfest so wundervoll machen. Nicht mal für einen warmen Bratapfel ist genug Zeit. Tagein tagaus ist er damit beschäftigt, die Wunschzettel aller Kinder auf der Welt zu lesen, Spielzeuge zu erfinden oder sich um seine Rentiere und Weihnachtselfen zu kümmern.

Wo wir gerade bei Elfen sind – Nepomuk, der persönliche Assistent des Weihnachtsmanns und zugleich der erfahrenste aller Elfen, konnte es nicht ertragen, dass der Weihnachtsmann sein eigenes Fest nicht auskosten konnte. Aber wenn er sich nicht selbst um sein eigenes Weihnachten kümmern konnte, dann konnten es doch die Elfen für ihn tun. Bei der morgendlichen Elfenversammlung erklärte er seine Idee eines riesigen und bunten Festes, um dem Weihnachtsmann im Namen aller Elfen und aller Kinder dieser Welt Danke zu sagen. Die anderen Elfen waren sofort begeistert und riefen wild umher. Doch statt gemeinsam an der Planung der Veranstaltung zu tüfteln, zog sich jeder Elf zurück, um an seinem eigenen Geschenk für den Weihnachtsmann zu arbeiten. Jeder wollte das größte und schönste zur Feier beitragen, um den Weihnachtsmann besonders stolz zu machen – stolzer noch, als er auf die anderen Elfen sein würde.

Elf Kasimir war ein begnadeter Bäcker. Er plante, einen Lebkuchen zu backen, der von seiner Größe sogar den Weihnachtsschlitten überragen würde. Elfe Elvira war eine wahrhaftige Künstlerin und Handwerkerin. Ihre Spezialität waren geschnitzte Eisskulpturen. Sie wollte eine kleine Hütte bauen, in der der Weihnachtsmann den Ausblick über die Gletscher des Nordpols genießen konnte. Elf Leopold hingegen liebte es, Beeren im persönlichen Eiswald des Weihnachtsmanns zu sammeln. Zugleich wusste er, wie gern dieser die selbst gemachte Marmelade aus den hellroten Beeren morgens auf sein Brot schmierte. Aber um die anderen Elfen zu übertrumpfen, musste er ein so großes Glas Marmelade kochen, dass der Weihnachtsmann monatelang davon naschen könnte.

Einerseits war Nepomuk froh darüber, wie tatkräftig die anderen Elfen an ihren Ideen werkelten, aber er befürchtete auch, dass sie ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlieren könnten – ein gemeinsames Fest für den Weihnachtsmann.

Die Tage vergingen und die Projekte schritten zügig voran. Einen Tag vor Heiligabend war es so weit. In Elviras geschnitztem Eishaus stellten die Elfen ihre Ergebnisse vor. Neben Kasimirs großem Lebkuchen und Leopolds Marmeladenglas waren allerlei Dekorationen und Naschwerk verschiedenster Art drapiert.

„Das sieht aber lecker aus“, sagte Nepomuk, während er mit seinem Finger in der Marmelade rührte und ihn genüsslich abschleckte. Doch plötzlich verzog Nepomuk das Gesicht und begann zu husten und zu prusten. „Leopold, das schmeckt fürchterlich! Du hast unreife Beeren benutzt!“

Beschämt sah Leopold zu Boden und murmelte: „Ich wollte doch so viel Marmelade machen, dass der Weihnachtsmann ganz lange davon naschen kann. Dafür habe ich einfach nicht genug reife Beeren gefunden.“

Da fiel ihm Kasimir mit stolzer Stimme ins Wort: „Das ist doch kein Problem. Mein Lebkuchen reicht für Jahre.“

Vorsichtig schnitt Nepomuk eine Ecke des sternförmigen Lebkuchens an und rief: „Kasimir! Der Lebkuchen ist innen noch flüssig und außen ganz hart. Das können wir dem Weihnachtsmann nicht anbieten!“ Auch Kasimir blickte nun beschämt zu Boden, während einige der anderen Elfen schmunzelten.

Da tropfte auf einmal ein kleiner runder Wassertropfen genau auf Nepomuks Fuß. Doch es war kein Regen, der dort auf seinen Fuß purzelte, sondern geschmolzenes Eis. Schnell liefen die Elfen aus der kleinen Hütte. Kurz nachdem der letzte Elf entkommen war, brach Elviras Werk zusammen und begrub die Dekorationen und Leckereien unter sich. Enttäuscht schniefte Nepomuk: „Elvira, du hast leicht schmelzendes Eis benutzt. Alles ist zerstört. Jetzt werden wir dem Weihnachtsmann nie eine schöne Feier bereiten können.“ Traurig lief Nepomuk davon und ließ sich gerade noch in Sichtweite der anderen Elfen in den Schnee fallen. Während er zusammengekauert mit einem Zweig im weißen Frost herumstocherte, verschwanden Kasimir, Elvira, Leopold und all die anderen kleinen Helferlein in der Backstube.

Stunden vergingen, ohne dass Nepomuk ihr Verschwinden bemerkte. Zu sehr war er in seine Gedanken versunken. „Nepomuk, schau mal“, hörte er plötzlich Kasimirs vertraute Stimme rufen. Er traute seinen Augen nicht. Auf seinen Händen trug er eine riesige Torte. Auf der Spitze thronten kleine Figürchen aus Eis vom Weihnachtsmann und seinen Rentieren. Rings herum blickten die Figuren von jedem noch so kleinen Elfen magisch in die Höhe. Hellrote Beeren schlängelten sich um das Eis herum. Alle Elfen hatten zusammengearbeitet und mit ihren jeweiligen Talenten zu einem schönen Geschenk beigetragen, was sie gemeinsam dem Weihnachtsmann übergeben könnten. Gerührt purzelten ein paar kühle Tränen Nepomuks Gesicht herunter. Wortlos reichte Kasimir Nepomuk eine kleine Eisskulptur von ihm und Nepomuk wusste genau, was er zu tun hatte. Liebevoll und vorsichtig stellte er sie zu den anderen. Nun konnte Weihnachten kommen.

Und so begab es sich, dass es das schönste Weihnachten des Weihnachtsmanns werden sollte, als er unter dem Applaus der Elfen zum Ausliefern der Geschenke abhob und bei seiner Rückkehr strahlend das leckere Gebäck entgegennahm. Noch als Nepomuk im Bett lag und über den Tag nachdachte, hallten die Worte des Weihnachtsmanns in seinem Kopf: „Ich bin stolz, dass meine Elfen ein solch gutes Team sind.“

Mathis Ludwig wurde im Jahr 2000 geboren und lebt im Süden von Niedersachsen, wo er Physik studiert. In seiner Freizeit schreibt er gerne Kurzgeschichten.

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Ella, die kleine Weihnachtsmaus

Es war einmal ein junges Mäusemädchen, das auf den Namen Ella hörte. Die kleine Ella wohnte gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder Fred in einem Mauseloch, das sich in der Wand eines schicken Einfamilienhauses befand. Da Ella ein ausgesprochen neugieriges Mäuschen war, interessierte sie sich sehr für ihre menschlichen Mitbewohner. Aus diesem Grund ging sie auch – anders als ihre Eltern und ihr Bruder – nicht bloß nach draußen, um nach Essensresten zu suchen, sondern auch, um die Menschen und ihre Gewohnheiten näher kennenzulernen.

Eines Abends schlich sich die neugierige Ella wieder aus ihrem Mäuseloch, um die Menschenfamilie zu beobachten. Sie fand diese kleinen Ausflüge durchs Haus immer sehr spannend, da sie nie wusste, was diese rätselhaften Menschen diesmal anstellen würden. „Unser Mäuseleben ist sehr simpel“, dachte sie sich. „Unser Tag besteht aus Essen, Schlafen und sich vor Gefahren verstecken. Doch diese Menschen machen oft wirklich komische Dinge, die einfach keinen Sinn ergeben.“ Diese Dinge, die Ella manchmal beobachtete, brachten sie oft ins Grübeln.

Auch heute war wieder so ein Tag, an dem die menschlichen Bewohner verrücktzuspielen schienen. Nachdem Ella quer durch alle Zimmer gehuscht war, um sich im Wohnzimmer unter dem kleinen Couchtisch zu verstecken, beobachtete sie ein seltsames Geschehen. Der Vater der Menschenfamilie stellte einen riesigen Tannenbaum mitten im Wohnzimmer auf. Ella konnte es nicht fassen. Und nicht nur das: Nachdem der Baum aufgestellt war, kamen die Mutter und die fünfjährige Tochter Anna dazu, um den Baum mit Kugeln, Lametta und allerlei Süßigkeiten zu schmücken. Die kleine Maus war neugieriger denn je! Sie kroch unter dem Tisch hervor, um sich den großen Baum näher anzusehen.

„Ah! Hilfe! Eine Maus!“, rief die Mutter plötzlich, als sie das kleine Nagetier entdeckte.

Ella rannte, so schnell sie konnte, zurück in ihr Mauseloch. Sie wusste, dass sie ihre Familie in große Schwierigkeiten gebracht hatte. Schließlich konnten die Menschen jederzeit einen Kammerjäger holen oder Mäusefallen aufstellen. Ella hatte keine andere Wahl und musste ihrer Familie den heimlichen Ausflug beichten.

„Junge Dame! Deine Neugier bringt uns noch ins Verderben! Halte dich in Zukunft von den Menschen fern!“, befahl Ellas Mutter, als sie davon erfuhr.

„Aber Mama, ich wollte doch bloß wissen, was für komische Dinge die Menschen machen“, sprach Ella und senkte dabei ihr Köpfchen.

Die Mutter erklärte: „Die Menschen feiern gerade Weihnachten. Man nennt es auch das Fest der Liebe. Wir Mäuse sind bei diesem Fest unerwünscht.“

Ella konnte es nicht verstehen. „Wenn es das Fest der Liebe ist, warum sind wir dann nicht eingeladen?“, fragte sie.

„Weil es eben so ist! Nun hör auf, dir darüber den Kopf zu zerbrechen. Hilf mir lieber bei der Hausarbeit!“

Ella und ihr Bruder waren gerade dabei, den Boden der kleinen Mäusewohnung zu schrubben, da flüsterte Fred ihr plötzlich ins Ohr: „Ich denke, dass ich weiß, wie du die Menschen auf deine Seite ziehen kannst.“

Ella wurde hellhörig. „Und wie?“, fragte sie gespannt.

Fred erklärte: „Ich bin etwas älter als du und habe bereits ein Weihnachtsfest miterlebt. Und eines kann ich dir sagen: Den Menschen geht es zu Weihnachten eigentlich nur um Geschenke. Wenn du es schaffst, ihnen ein schönes Geschenk zu besorgen, dann werden sie dich vielleicht einladen, mit ihnen zu feiern.“

Ella fand diese Idee toll und machte sich noch am selben Abend auf, um nach einem Geschenk für die Menschen zu suchen. Sie schlich sich heimlich aus dem Mauseloch, flitzte durch das Haus und gelangte durch einen kleinen Spalt in der Haustür nach draußen. Ella hatte ein wenig Angst, doch sie blieb mutig. Sie wollte die Menschen unbedingt beeindrucken, und so lief sie durch die Straßen auf der Suche nach Geschenken.

Nach kurzer Zeit sah sie einen Mann, der am Straßenrand Weihnachtsbäume verkaufte. Fasziniert stand sie vor einem der großen Tannenbäume und blickte nach oben. „Genauso einen Baum haben unsere Menschen auch gekauft“, erinnerte sie sich. Als sie sich umsah, bemerkte sie, dass überall auf dem Boden Tannennadeln und kleine Äste lagen. „Vielleicht können unsere Menschen das gebrauchen“, dachte sie sich und nahm ein paar der hübschen Äste mit.

Wenig später traf Ella auf eine Frau, die an ihrem kleinen Stand Schmuck verkaufte. Das Mäuschen trat näher und sah sich den Schmuck genau an. Sie blickte auf eine Kette mit roten Perlen. „Diese Kette würde der Mutter gut stehen“, dachte sie sich. Doch Ella war nur eine kleine Maus und Mäuse hatten kein Geld. Betrübt sprach sie die Verkäuferin an: „Guten Abend, darf ich Sie etwas fragen?“ Die Frau blickte verdutzt um sich, denn sie sah niemanden.

„Hier unten bin ich“, sprach Ella.

„Ach, ein kleines Mäuschen, wie süß!“, sagte die nette Frau. „Was hast du denn für eine Frage?“

Traurig fragte Ella: „Gibt es denn auch Geschenke in der Menschenwelt, die nichts kosten?“

„Soll ich dir etwas verraten, kleine Maus?“, sprach die Verkäuferin und lehnte sich Ella entgegen. „An Weihnachten geht es darum, dass man aneinander denkt. Das Geschenk selbst ist gar nicht so wichtig.“

Nun wurde Ella vieles klar. „Aber natürlich!“, sprach sie und bedankte sich für den Tipp der netten Frau. Fröhlich machte sich Ella auf den Heimweg, denn sie hatte einen neuen Plan. Unterwegs kam sie an einer Wiese vorbei, pflückte ein paar Gänseblümchen und rannte weiter bis zu ihrem Haus.

Am nächsten Morgen, dem ersten Weihnachtstag, war es endlich so weit. Ella konnte stolz ihre Überraschung präsentieren. Aufgeregt führte sie ihre Mäusefamilie nach draußen an den Couchtisch.

„Was ist denn los, Ella?“, fragte Ellas Papa.

„Wir sollten um diese Uhrzeit nicht hier draußen sein“, meinte die Mutter, „die Menschen könnten jeden Moment …“

Als die Mäuse schließlich vor dem Tisch standen, staunten sie. „Ella, hast du das gemacht?“, fragte der Vater beeindruckt.

Ella nickte.

„Ah! Schon wieder diese Maus!“, schrie Annas Mutter, als sie Ella entdeckte.

„Nein! Vier sind es schon! Sie haben sich vermehrt!“, sprach der Vater und zeigte mit dem Finger auf die anderen Mäuse.

„Aber seht doch“, sprach Anna und machte auf den liebevoll gedeckten Tisch aufmerksam. In der Mitte des Tisches befand sich ein kleiner Weihnachtsbaum, den Ella aus den Ästen am Tannenmarkt gebastelt hatte. Sie hatte ihren Baum mit den hübschen Gänseblümchen geschmückt, die sie auf der Wiese gepflückt hatte. Die restlichen Gänseblümchen lagen als Dekoration neben den kleinen Geschenken, die Ella ihrer Mäusefamilie und den Menschen machte. Jedem von ihnen schenkte sie ein leckeres Käsegericht, das sie nach dem Originalrezept ihrer Oma gekocht hatte.

Ellas Eltern und ihr Bruder Fred waren sehr gerührt von ihrem ersten richtigen Weihnachtsfest. Und auch die Menschen freuten sich sehr über die nette Geste der kleinen Maus.

„Darf ich euch zu unserem allerersten Mäuseweihnachtsfest einladen?“, fragte Ella schließlich. Die Menschen nahmen die Einladung dankend an und beschlossen, von nun an jedes Weihnachtsfest mit ihren neuen Freunden zu feiern.

Doch die kleine Anna hatte noch eine Überraschung. „Ich werde heute noch dem Weihnachtsmann einen Brief schreiben, damit ihr lieben Mäuse in Zukunft auch schöne Geschenke bekommt“, versprach sie.

Das freute die Mäuse sehr. Nun waren Ella und ihre Familie richtige Weihnachtsmäuse.

Natascha Handy wurde 1991 geboren und lebt in Graz. Sie veröffentlicht regelmäßig Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene. Neben der Schriftstellerei interessiert sie sich für Tiere und die Natur.

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Ein Weihnachtstraum

Gleich um die Ecke steht ein Haus

Dort duftet es nach süßem Schmaus

Im Fenster strahlt ein Weihnachtsstern

Den sieht man leuchten schon von fern

Hier wohnt ein dicker roter Kater

Der macht stets mächtig viel Theater

Er faucht und klagt den ganzen Tag

Kein Wunder, dass ihn niemand mag

Der süße Duft hat angelockt

Ein Mäuschen, das entzückt frohlockt

Es möchte dieses Haus besuchen

Und knabbern an dem Weihnachtskuchen

Es weiß jedoch ein jedes Kind

Dass Kater nicht sehr freundlich sind

Wenn sie ein kleines Mäuschen fangen

Muss dieses um sein Leben bangen

Der Hunger tut dem Mäuschen weh

Es flüstert leis’: „Oje, oje.

So gerne möchte ich hinein

Und Gast in diesem Hause sein.“

Dies hat der Kater froh vernommen

Und ist zur Eingangstür gekommen

„Tritt ein, du darfst mich gern besuchen.

Alleine schmeckt nicht Keks noch Kuchen.“

Es tönt ein fröhliches Miauen

Doch kann die Maus dem Kater trauen?

„Mein Name ist schlicht Wladimir“

Schnurrt sanft das rot gestreifte Tier

„Ich bin das Gretchen“, piepst die Maus

Und blickt zur Tür hinein ins Haus

Was sie dort sieht, kann sie kaum glauben

Entzückt reibt sie die kleinen Augen

Ein buntgeschmückter Tannenbaum

Prangt stolz im warmen Weihnachtsraum

Es flimmern viele Glitzerkerzen

Und an der Decke hängen Herzen

Da kriecht ein kleines bisschen Glück

In Gretchens Mauseherz zurück

Sie nickt dem Kater freundlich zu

Die Ängstlichkeit ist nun tabu

Das Gretchen huscht ganz schnell herein

Ins weihnachtlich geschmückte Heim

Der rote Kater freut sich sehr

Denn klagen muss er jetzt nicht mehr

Zwei Freunde haben sich gefunden

Und tanzen viele frohe Stunden

Um den geschmückten Lichterbaum

Es ist ihr schönster Weihnachtstraum

Ramona Stolle lebt in ihrer Heimatstadt Berlin. Sie schreibt Geschichten und Gedichte für kleine und große Leserinnen und Leser. Die Weihnachtszeit ist für sie die schönste Zeit des Jahres.

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Die Farbe der Stille

Kein Laut drang an ihr Ohr. Die blütenweiße Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen, lauschte Emma in die morgendliche Stille. Weder das Murmeln des Baches noch der leiseste Windhauch, der häufig um die Hütte strich, waren zu hören. Selbst die Bergdohlen schwiegen.

Am Vortag hatte es gestürmt und der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Im strömenden Regen, nass bis auf die Knochen, hatte Emma ihre Taschen aus dem Auto in das Häuschen geschleppt und im Anschluss als Erstes ein Feuer im Ofen in der holzgetäfelten Stube entfacht. In zwei Tagen war Heiligabend. Emma, die zusammen mit ihren Freunden das Fest romantisch im Schnee feiern wollte, fühlte sich ernüchtert, als sie sah, wie das Regenwasser sintflutartig an den Fensterscheiben herunterströmte. Leider ließ das Wetter sich nicht ändern. Im Handumdrehen hatte sie der Hütte ein Festtagskleid verpasst und bevor die Müdigkeit sie vollends übermannt hatte, hatte sie Lebensmittel und ihre Kleidung in den Schränken verstaut. Beim Einschlafen hatte sie dem Sturm gelauscht, der wie ein wildes Wesen fauchend tobte, in der tröstlichen Gewissheit, die Hütte hatte Naturgewalten dieser Art seit Jahrzehnten getrotzt. Sie hatte es direkt gemütlich gefunden, als sie dick eingemummelt in frische Bettwäsche, die noch den Duft des Bergsommers in sich trug, langsam in den Schlaf geglitten war, während der Regen auf das Dach prasselte.

Jetzt schien es, als hätte es das Unwetter nur in ihrem Traum gegeben. Ein helles, verheißungsvolles, ganz besonderes Licht erfüllte den Raum. Das konnte nur eins bedeuten. In freudiger Erwartung des Anblicks, der sich ihr bieten würde, sprang Emma aus dem Bett. Sie schob die gelben Vorhänge beiseite und war dennoch überrascht. Weiß. Alles war weiß. Dichter Schneefall. Mit weit aufgerissenen Augen bestaunte sie das Naturschauspiel. Emma konnte der Versuchung nicht widerstehen und öffnete das Fenster. Ein Schwall frischer, eisigkalter Luft zusammen mit einer Schneewolke wehte in ihr Zimmer. Umgehend drückte Emma das Fenster wieder zu. Der Planung nach wollten ihre Freunde am Mittag kommen. So wie es aussah, machte das Wetter ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Wenige Minuten später saß Emma in der Stube, eine große Tasse heiß dampfenden Kaffees vor sich, und starrte zum Fenster hinaus. Offensichtlich ließ der Wind bereits nach, wie sie eben auch in der Wettervorhersage gehört hatte, und später sollte es nicht mehr schneien. Noch tanzten dicke Flocken wie pirouettierende Daunenfedern vor den Scheiben, verschluckten die dahinterliegende Landschaft. Emma konnte den Blick nicht von dem weißen Wirbel abwenden, den sie stundenlang wie ein bezauberndes Gemälde hätte bewundern können. Keine Flocke glich der anderen, jeder Schneekristall war ein Kunstwerk. War die Schönheit einzelner Schneeflocken jemals beschrieben worden?

Was für ein Glück sie hatte, dachte sie, hier drinnen war es angenehm warm, das leichte Aroma des Arvenholzes der Stube lag in der Luft und unverhofft hatte sie plötzlich noch Zeit für sich. Entspannt lehnte sie sich zurück auf der Bank, kuschelte sich in die Schaffelldecke, im Ohr das beruhigende gleichmäßige Ticken der Standuhr, und betrachtete die Welt dort draußen, die wie eine riesige Schneekugel anmutete. Sie griff nach der Kaffeekanne, schenkte sich eine zweite Tasse ein, gab Milch dazu. Wie wäre es, überlegte sie, nach draußen zu gehen, hinein in dieses magische Winterwunderland?

In mehrere Schichten verpackt, mit Mütze, einem zweimal um den Hals geschlungenen Schal und dicken Handschuhen zog Emma wenig später die Tür hinter sich ins Schloss und trat hinein in die makellose Pracht. Die Stille, die sie umfing, war fast unwirklich. Als atmete die Welt nicht mehr. Mindestens fünfzehn Zentimeter Schnee waren gefallen, stellte sie mit Blick auf die Sitzbank vor dem Fenster fest, die ein dickes weißes Polster trug. Einen Moment lang rang Emma mit sich, ob sie den Schneeschieber holen und den Weg räumen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Wozu die Herrlichkeit zerstören?

Vorsichtig setzte Emma ihren im Winterstiefel steckenden Fuß in die weiße Masse und sah zu, wie er eintauchte. „Die erste Spur“, dachte sie beglückt und setzte den zweiten Schritt und den dritten. Dort, wo gestern Trittsteine in der Nässe geblinkt hatten, begann sie ihren Rundgang, watete ein paar Schritte um die Hütte herum. Sie ließ ihren Blick durch den kleinen Garten schweifen, der unter einer weißen Decke ruhte. Hinter dem Staketenzaun, am nahe gelegenen Bach, wirkten die dunklen Tannen mit ihren Schneehauben wie Fremdkörper in der schier endlos weißen Fläche.

Emma hatte Lust auf einen Spaziergang und kurz darauf stapfte sie auf der verschneiten schmalen Straße, die sich aus dem Tal an ihrem Haus vorbei auf einen der Berggipfel wand. Mühsam setzte sie einen Schritt vor den nächsten, keuchte, kam quälend langsam voran, geriet ins Schwitzen. So schwer ihr jeder Schritt auch fiel, sie fühlte sich großartig. Unter ihren Füßen knirschte der Schnee. Das Laufen in der zugedeckten Landschaft, in der alle Konturen verwischt waren, hatte etwas Meditatives an sich. Sinne verloren an Bedeutung, ebenso Zeit und Raum. Alles verlor sich in dieser einzigen weißen Weite. Was blieb, waren Gedanken und ein erhebendes Gefühl. „Die Umgebung ist heilsam für die Seele“, dachte sie, während sie sich beharrlich auf der Straße vorwärts kämpfte, die bald eine ganzjährig bewohnte Hütte passierte. Jedes Mal, wenn sie stehen blieb, versank alles um sie herum in Geräuschlosigkeit. Die Welt war in Watte gepackt – zusammen mit dem Stress und der Hektik des Alltags. Für eine kleine Weile war Emma von dem Rest des Universums abgeschirmt. Und sie verstand, warum Menschen ins Kloster gingen. In der lauten Welt von heute war Stille ein kostbares Gut.

Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie bereits unterwegs war. Irgendwann erreichte sie die Brücke, unter der ein Bach verhalten gurgelte. Später im Winter wäre das Wasser unter einer weißbläulich schimmernden Eisschicht verschwunden.

Emma lief weiter. Kurz darauf schob sich etwas Dunkles aus der Flockenwand heraus. Die Perner-Hütte. In den nächsten Tagen würde sie ihren Nachbarn einen Besuch abstatten, aber nicht jetzt.

Zeit für den Heimweg. Bergab lief sie die Straße, auf der ihre Spuren vom Anstieg fast zugeschneit waren, viel schneller als hinauf, zwischendurch geriet sie immer wieder ins Rutschen.

Ein Krächzen über ihr ließ sie innehalten. Der Atem dampfte in kleinen Wolken vor ihrem Gesicht, als sie einer Handvoll Bergdohlen nachblickte, die durch den lichter werdenden Niederschlag flogen. Wie der Wetterbericht vorhergesagt hatte, nahmen die Schneefälle ab. Emma entdeckte ein winziges Stück Blau zwischen den dramatisch aufgebauschten Wolken, deren Formen sich nun immer mehr aus dem grauweißen Einerlei herausschälten. Konnte sie sogar einen der weiß bemützten Berggipfel erkennen?

Mit einem Mal vernahm sie ein tiefes Brummen, ein Geräusch, das langsam aber stetig näherkam. Als sie über die nächste Kuppe schritt, sah sie die blinkenden Lichter des Winterdienstes. Er hatte sich bereits ein ganzes Stück am Berg hochgearbeitet, eine dunkle Schneise der geräumten Strecke hinter sich herziehend.

„Auf die Männer ist Verlass“, dachte sie. Nun würden ihre Freunde nicht mehr lange auf sich warten lassen. „Zeit für Weihnachten“, dachte sie und spürte das Gefühl der Vorfreude in sich aufwallen.

Bettina Schneider: 1968 in Berlin geboren, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit. Sie schreibt mit Begeisterung Kurzgeschichten und Erzählungen, einige davon sind veröffentlicht. Hobbys: Lesen, Schreiben, Tagebuchschreiben, Spaziergänge mit dem Hund und Joggen.

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Unter der Decke

Es knistert und knackt, es klirrt und klingt,

Wenn der Wind in vereisten Zweigen singt.

Es raschelt und rauscht, es rast und saust,

Als ob die Wilde Jagd über den Himmel braust.

Wie schön ist es da unter der warmen Decke,

Wo ich mich mit meiner Taschenlampe verstecke.

Draußen ist’s eisig, hier drin ist es warm.

Ich halte meinen Teddy ganz fest im Arm.

Den hat mir letztes Jahr das Christkind gebracht.

Seitdem schläft er bei mir und das jede Nacht.

Sein Fell ist so weich wie ein wolliges Schaf,

Damit kuschelt es sich so herrlich im Schlaf.

Doch noch bin ich wach und auch gar nicht müd’.

Draußen pfeift der Wind sein frostiges Lied,

Und ich lese meinem Freund, dem Teddy, was vor,

Flüster’ ganz leise in sein pelziges Ohr.

Von der Hexe Befana handelt eine Geschichte.

Doch die ist nicht böse wie so manches Gelichte,

Das Kinder im Wald zu sich ins Knusperhaus lockt

Und dann über deren Ängste frohlockt.

Nein, die Hexe Befana fliegt von Haus zu Haus,

Und wie bei uns Christkind und Nikolaus

Bringt sie den Kindern in Italien Geschenke zum Fest.

Ob sie die wohl den Schornstein hinunterlässt?

So macht das in Amerika der Santa Claus.

Der wohnt am Nordpol in einem gemütlichen Haus.

Mit Elfen und Rentieren und seiner Frau,

Doch die Adresse weiß ich leider nicht so genau.

In Schweden bringt der Wichtel Jultomte die Gaben.

Dafür will er immer einen Teller mit Grütze haben.

Es muss aber ein Holzlöffel in der Schüssel stecken,

Weil sich Wichtel vor Sachen aus Metall erschrecken.

Draußen rüttelt der Wind an den Ästen und Zweigen,

Als wolle er dem Wald seine Stärke zeigen.

Er röhrt und blökt wie ein Stall voller Kühe,

Knickt junge Bäume und Sträucher ganz ohne Mühe.

Er jault ums Haus, er jammert und juchzt,

Gleichzeitig klingt es, als ob jemand schluchzt.

Der Schneemann vor’m Fenster guckt auch schon ganz bang.

Fürchtet er sich vor dem schaurigen Klang?

Am Mond zieh’n dunkle Wolkenfetzen vorüber,

Und die Sterne glüh’n, als hätten sie Fieber.

Ja, so ein Wintersturm kann ganz schön gruselig sein.

Da fühlt man sich plötzlich ganz winzig und klein.

Der Teddy zittert, ich drück’ ihn fest an mein Herz

Und erzähl’ ihm zur Ablenkung einen lustigen Scherz.

„Hab keine Angst“, sag ich dann in sein Gekicher.

„Der Wind ist draußen. Hier drin sind wir sicher.“

Auf seine haarige Schnauze drück’ ich einen Kuss,

Damit Teddy sich nicht mehr fürchten muss.

Er wirkt jetzt eigentlich auch schon wieder ganz heiter,

Und so blätter’ ich um und lese schnell weiter.

In Polen isst man an Heiligabend Gemüse und Fisch,

Und es steht ein überzähliger Teller auf jedem Tisch.

Der soll ein Zeichen der Gastfreundschaft sein,

Schaut zum Fest mal unerwartet Besuch herein.

In Lettland gibt’s zu Weihnachten Blutwurst mit Sauerkraut,

Und anschließend wird so richtig auf den Putz gehaut:

Die Wintersonnenwende feiert man hier,

Dazu verkleidet man sich wie ein wildes Tier.

Das tut man, um böse Geister zu vertreiben,

Denn die sollen nicht über Weihnachten bleiben.

Dann macht man ein großes Lagerfeuer

– So ganz ist das Teddy aber nicht geheuer.

In Neuseeland ist es an Heiligabend ganz heiß,

Drum isst man zum Fest gerne Himbeereis.

Auch Kuchen mit Kiwis ist äußerst beliebt,

Besonders, wenn’s dazu Schlagsahne gibt.

In Äthiopien dauert die Kirche sechs Stunden lang,

Danach tanzt man zu dröhnendem Trommelklang.

Zu essen gibt’s Hühnereintopf und Sauerteigbrot –

Das tut nach dem langen Gottesdienst aber auch Not!

So feiert man Weihnachten überall auf der Welt

Ein bisschen anders – halt so, wie’s den Leuten gefällt.

Draußen tönt der Sturm jetzt viel leiser,

Und vom vielen Vorlesen bin ich schon ganz heiser.

Auch Teddy fallen die schwarzen Knopfäuglein zu.

So schließ ich das Buch und leg mich zur Ruh’.

Gähnend knips’ ich die Lampe aus

Und schaue noch mal zum Fenster hinaus.

Der Schneemann scheint keine Angst mehr zu haben,

Irgendwo in der Ferne krächzen die Raben.

Ob Vögel wohl auch Weihnachten feiern?

Wie das wohl wäre bei Amseln, Eulen und Geiern?,

Überleg’ ich müde und schließe die Lider.

Ganz bald schon kommt das Christkind wieder.

Was es mir wohl dieses Jahr bringt?

Dann schlummer’ ich ein. Draußen seufzt leise der Wind.

Isabell Hemmrich wurde 1985 in Würzburg geboren. Die Asperger-Autistin liebt Teddybären, Winterstürme und Sagen aus aller Welt. Seit ihrer Jugend schreibt sie Gedichte und Kurzgeschichten, von denen bereits einige in Anthologien veröffentlicht wurden, u. a. in „Wo die wilden Geister wohnen Band 2“.

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Weihnachtswünsche

Wir haben alles geplant. Wir haben alles vorbereitet und zurechtgerückt. Weihnachten kann kommen. Doch statt der erwarteten Gäste, die eigentlich mit fröhlichen Gesichtern, abgefrorenen Händen und einem Berg von Geschenken bei uns auftauchen sollten, erhalten wir einen Anruf.

Meine Mutter nimmt ihn etwas entnervt entgegen, weil sie gerade dabei ist, sich umzuziehen. Sie trägt bereits den hellblauen Blazer, in dem sie immer wie eine Schneekönigin aussieht, aber untenrum hat sie noch Wollsocken und eine kurze Hose an. „Ja bitte?“ Sie lauscht angestrengt und ihr Blick wird von Sekunde zu Sekunde besorgter. Sie ist plötzlich blass um die Nase, presst die Lippen zusammen und gibt nur knappe Antworten auf Fragen, die ich nicht hören kann.

„Ich verstehe. Wir kommen sofort.“ Sie legt den Hörer auf und dreht sich um. Sie wirkt kraftlos und seltsam wirr in ihrem Aufzug. Eine müde Schneekönigin, die sich an die Kommode klammert. „Hol Karim, Madeline!“, sagt sie.

Ich befolge ihren Befehl anstandslos, weil mir aufgeht, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. „Papa?!“, rufe ich und klopfe an die Badezimmertür, denn dahinter brennt Licht.

„Was ist?“, brummt er. Er hasst es, im Bad gestört zu werden.

„Mama sagt, du sollst sofort kommen, es ist irgendwas passiert!“

Drinnen ist es einen kurzen Augenblick still, dann geht die Klospülung und die Tür fliegt auf. „Was ist los, Sarah?“, ruft mein Vater und schiebt sich an mir vorbei in die Küche.

„Gloria, sie liegt im Krankenhaus. Autounfall auf dem Weg hierher“, sagt Mama und ihre Lippen zittern. „Es ist schlimm.“

Papas Gesicht erstarrt. In mir drin pocht mein Herz plötzlich ganz schnell. Es wehrt sich mit wütenden kleinen Faustschlägen gegen das, was einfach nicht sein kann.

„Wir fahren hin, ich muss meine Mutter sehen!“, sagt Papa nach zwei atemlosen Sekunden. „Vielleicht ..“, seine Stimme erstirbt. Mama nickt. Dann sagt sie: „Hol Lia, Madeline, sag ihr, sie soll sich beeilen. Ich warte unten im Wagen auf euch.“

Zehn Minuten später lassen wir das festlich geschmückte Haus hinter uns und biegen aus der Einfahrt. Ich habe Lia aus ihrem Zimmer gezerrt und mir selbst eine dünne Jacke übergeworfen. Jetzt friere ich, obwohl Mama die Heizung im Auto angemacht hat. Sie hat sich schnell eine Jeans angezogen, Papa trägt noch sein rotes Hemd und die dunkle Hose. Man könnte beinahe meinen, wir fahren in die Kirche. Tun wir aber nicht. Wir fahren ins Krankenhaus. Wir sprechen nicht, aber mein Kopf schwirrt vor lauten Gedanken und ich kämpfe gegen das Bedürfnis, mir die Hände auf die Ohren zu pressen.

Während andere Familien vermutlich gerade das Weihnachtsessen servieren oder in warmen Zimmern Geschenke auspacken, betreten wir den kühl erleuchteten Flur eines Krankenhauses. Papa hält Mamas Hand ganz fest und ich habe beinahe Angst, er zerdrückt sie, die Schneekönigin mit den hellen Locken. Eine Schwester nimmt uns in Empfang und führt uns über lange weiße Flure, die merkwürdig ausgestorben scheinen, in Richtung der Intensivstation. Wir müssen uns umziehen und Kittel anziehen und uns die Hände gründlich waschen, erstaunlich, wie gut das geht, ohne seine Bewegungen bewusst zu steuern.

Die Schwester sieht uns mitleidig an und öffnet dann mit einem Knopfdruck die Tür. „Eine Viertelstunde hat der Arzt gesagt. Er möchte dann noch einmal mit Ihnen sprechen.“ Dann sagt sie noch was, aber ich höre nicht mehr richtig zu.

Eine Viertelstunde. Bereits als wir den Raum betreten, kommt es mir so vor, als rinne uns die Zeit davon. Meine Oma liegt inmitten von Schläuchen und piepsenden Geräten und hat die Augen geschlossen. Meine rundliche kleine Oma mit den Lachfältchen an den Augen und der weichen dunklen Haut wirkt beinahe blass in dem OP-Schlafanzug. Ich verfolge die Herzschläge auf dem Monitor. Sie kommen mir schrecklich unregelmäßig vor. Papa kniet sich ans Bett und nimmt ihre schlaffen Hände in seine. Wie ein kleiner, hilfloser Junge.

Der Boden unter meinen Füßen scheint wegzugleiten und ich greife nach Lias Hand. Da flattern die Lider meiner Oma und sie schlägt die Augen auf. Ein stummes Lächeln gleitet über ihr Gesicht. Sie will sprechen, aber ihre Stimme macht nicht mit. Dann bemerkt sie Papa, der ihre Hand hält. Sie hebt schwerfällig einen Arm und streichelt seine Wange. Oma schluckt angestrengt und sagt dann mit kratziger, wunder Stimme: „Kommt, setzt euch zu mir.“

Mama lässt sich auf einen Drehstuhl sinken und Lia und ich setzen uns ans Fußende des Bettes.

„Jetzt habe ich euer Weihnachtsfest verdorben“, sagt Oma.

Mama lacht und schluchzt gleichzeitig auf. „Ach was“, sagt sie unter Tränen, „wir haben allen Bescheid gegeben.“

Wie unwichtig das jetzt ist.

„Karim“, sagt Oma zu Papa, „weißt du noch, was ich dir immer gesagt habe? Wenn ein Mensch geht, dann wird er anderswo gebraucht. Alles hat seinen Sinn.“

„Nein!“ Papa klammert sich an die Hand seiner Mutter. „Wir brauchen dich hier.“

Oma schließt für einen Moment die Augen. Sie ist erschöpft vom Sprechen. Dennoch rafft sie sich noch einmal auf. „Heute ist Weihnachten und ich bin eigentlich schon genug beschenkt damit, dass ihr hier seid. Aber ich habe trotzdem an jeden von euch noch einen Weihnachtswunsch.“

„Karim.“ Sie wendet den Blick in seine Richtung und ihre Augen sehen ihn eindringlich an. „Ich wünsche mir von dir, dass du darüber nachdenkst, was ich eben gesagt habe. Trauere, solange es nötig ist, aber vergiss nie, dass wir uns irgendwann wiedersehen. Und sieh dir die alten Fotos an, bewahr sie auf, wenn du magst.“

„Du wirst nicht ..“, will Papa unterbrechen, doch Oma lässt ihn nicht und wendet sich an Mama. „Sarah, du bist eine ganz wundervolle Frau, vergiss das nie. Vergesst beide nie, dass ihr eine Familie habt. Ich bitte dich, meinem Sohn zur Seite zu stehen, auch weiterhin. Und spendet mein Geld, spendet es an Menschen, die keine Familie haben.“ Mama nickt und versucht ein Lächeln, aber es verkümmert zu einem kläglichen Zittern ihrer Lippen.

„Lia, mein Schatz, ich wünsch mir von dir, dass du einen ganz wunderbaren ersten Schultag erlebst und ganz viele Süßigkeiten aus deiner Schultüte isst und ..“, Omas Stimme beginnt zu brechen, „und dass du ganz viele tolle neue Freunde findest.“

„Und von dir, Madeline, wünsche ich mir, dass du deine Geschichten weiter schreibst, dass du den Mut zusammennimmst und sie jemanden lesen lässt. Ich werde jede einzelne davon hören und sehr, sehr stolz auf dich sein.“ Sie lächelt und hat nun selbst Tränen in den Augen. Man sieht ihr an, dass sie am liebsten alle unsere Hände gleichzeitig halten würde. „Und nun singt für mich ein Weihnachtslied. Singt Oh du fröhliche“, sagt sie.

Und das tun wir. Wir singen alle vier, vermutlich furchtbar schief und mit tränenwackliger Stimme, aber wir singen. Und während ich singe, löst sich ein Klos in meinem Hals und ich merke, wie eine Mischung aus Trauer und Geborgenheit mich wie in Watte packt. Die Melodie tropft tief hallend in mein Herz und es tut weh, aber ich weiß, dass es Liebe ist.

Dann ist die letzte Strophe endgültig vorbei und Oma hat in seliger Ruhe die Augen geschlossen. Die Schwester kommt, prüft die Geräte und sieht noch betroffener aus. Vorsichtig stöpselt sie den Tropf und die Kabel ab. Endlich, jetzt ist meine Oma frei. Wir stehen da und gucken und weinen, streicheln und versichern uns, dass sie jetzt irgendwohin geht, wo es ihr gut geht.

Nach einer Weile taucht Papa aus der Betrachtung dieser kleinen, mutigen, lebensfrohen Frau, Mutter, Oma auf und dreht sich zu uns um. „Frohe Weihnachten“, sagt er.

Paula Schüßler, 17 Jahre: schreibt gern und regelmäßig über alles, was ihr an Ideen in den Kopf kommt, von Kurzgeschichten über Gedichte bis hin zu ersten längeren Projekten. Bisher hat sie allerdings noch nichts davon veröffentlicht und nutzt diesen Schreibwettbewerb als Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren. Ansonsten liest sie viel und ist anderweitig kreativ – zum Beispiel filmt, fotografiert und zeichnet sie gern.

*

Endlich wieder Weihnachten

Es ist wieder so weit ...

Weihnachten ist wieder da,

aber kein Schnee!

Schade, schade, schade!

Weihnachten ohne Schnee ist wie

Ostern ohne Eier ...

Oder?

Es steht was vor der Tür ...

Weihnachten, das Fest der Liebe, steht schon wieder an.

Schon wieder soll Weihnachten sein.

Oder ist es nur ein Traum?

Nein es ist kein Traum.

Weihnachten ist endlich da.

Ohne Schnee, aber es verzaubert unsere Herzen ...

Weihnachten.

Jürgen Heider wurde 1989 in Karaganda (Kasachstan) geboren und lebt heute mit seiner Familie in Freiburg im Breisgau. Da er von Geburt an eine Körperbehinderung hat, besuchte er die Staatliche Esther-Weber-Schule in Emmendingen-Wasser für körperbehinderte Kinder und Jugendliche, die er 2009 abschloss. Seitdem arbeitet er

in der Werkstatt für Behinderte in Freiburg. Das Schreiben entdeckte Jürgen Heider mit 15 Jahren für sich. Seit mehreren Jahren beteiligt er sich an Anthologien und hat drei Bücher herausgegeben.

*

Oh du fröhliche, und weiter so!

Wenn ich noch einmal das schiefe Geträller aus dem Nebenhaus mit der zehnten Wiederholung von Last Christmas höre, kann sich der Geist der Weihnacht für dieses Jahr von mir verabschieden. Ich bin bereit, jedes einzelne weihnachtliche Ornament mit voller Wucht aus dem Fenster zu schmeißen, wobei mir völlig egal ist, ob es dabei die Sternsinger, die seit fünf Uhr ihre Runden drehen, am Kopf trifft. Ich kann verstehen, dass es sich so anhört, als wäre ich der Grinch, aber ich kann versichern: Dem ist nicht so. Tatsächlich genieße ich den Duft frisch gebackener Lebkuchen im Wohnzimmer. Dieses Jahr kann ich mich aber einfach nicht für den Konsumterror diverser Fernsehsender begeistern. Etwas Gutes hat dieser Monat jedoch jedes Jahr aufs Neue zu bieten.

Spätestens am ersten Adventwochenende kann ich die Nachbarn dabei beobachten, wie sie sich aus ihren Fenstern lehnen, auf wackelige Leitern steigen und einander dabei Kommentare über die Straße hinweg zurufen, die an Unhöflichkeit grenzen. „Amüsant“, denke ich mir, „fast lustig.“ Wie aufgescheuchte Hühner laufen Männer mit Lichterketten behängt durch meinen Vorgarten. Ich seufze. Es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen.

Das letzte Mal, als ich mit einem dieser Amateure ein Gespräch über Privatgrundstücke und das Verbot, diese ohne Erlaubnis zu betreten, führen wollte, wurde mir fehlende Hilfsbereitschaft unterstellt. Darauf folgte eine fünfminütige Tirade über den Zustand meines Hauses, das bis zu diesem Zeitpunkt ungeschmückt gewesen war. Und, ginge es nach mir, auch so bleiben würde. Tatsächlich uferte die Diskussion, deren Lautstärke angestiegen war, so weit aus, dass Passanten stehen blieben und sich beklagten, mein Haus sei nicht festlich genug und würde den Gesamteindruck der ansonsten doch so herrlich geschmückten Nachbarschaft stören. Bevor ich, nach tiefem Luftholen, über den Stromverbrauch der Lichterketten informieren konnte, wurde ich unterbrochen.

Meine Nachbarin, eine rundliche ältere Dame, besänftigte die sich echauffierende Meute mit einem Blech voller Kekse. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich nicht traute, ebenfalls nach einem Keks zu greifen. Kopfschüttelnd löste sich der Mob auf, nicht ohne mir vernichtende Blicke zuzuwerfen. Ich dachte sogar, den Ruf: „Grinch“, zu hören, dies mag jedoch meiner Einbildung entsprungen sein. Möglicherweise hatte der Kerl nur Klinsch gesagt, wer weiß?

Um zu meiner momentanen erschöpfenden Lage zurückzukehren: Ich befand mich im Keller meines Hauses auf der Suche nach einem Schälchen Zimt, dass sich vor mir versteckte, als es wieder an der Tür läutete. Ich stapfte nach oben, ohne den Zimt gefunden zu haben, und sah mich Auge in Auge mit der Dame vom Tierheim gegenüber. Ob ich nicht spenden wolle, fragte sie mich. Ich brachte es nicht über mich, abzulehnen, achtete jedoch darauf, keine Zeugen zu haben. Was würden meine Nachbarn für Ideen bekommen, sähen sie mich für Tiere spenden? Nicht auszudenken, wie viele andere Organisationen dann meine Türe in Beschlag nehmen würden. Ich fürchtete mich, bankrott zu gehen, konnte ich doch Geld für einen guten Zweck nicht verweigern. Auch nicht, oder vor allem nicht, zu Weihnachten.

Auf dem Weg zum Speicher warf ich einen Blick aus dem Fenster und beobachtete, hinter den Vorhängen verborgen, wie meine Nachbarn sich einen Wettstreit lieferten. Sieger war derjenige, dessen Weihnachtsbeleuchtung die Leuchtkraft eines Kernreaktors erreichte. Kopfschüttelnd setzte ich meinen Weg fort. Der Geruch von Vanille und Nelken durchdrang mittlerweile das Haus.

Als ich gerade meinen Fuß auf die erste Stufe der Leiter zum Speicher setzte, ertönte die Klingel erneut. Ich rollte die Augen, ein Gefühl von Erschöpfung überkam mich, und ich wünschte mich für einen Moment auf einen einsamen Berg inmitten eines Schneesturms. Es läutete ein zweites Mal und ich eilte hastig zur Tür. Nichts störte mich mehr, als der Ton der vermaledeiten Glocke, die ich längst hätte austauschen sollen. Zu meiner Überraschung wurden mir direkt beim Öffnen zwei Bleche mit Keksen unter die Nase gehalten. Obwohl sie himmlisch dufteten, hielt ich mich mit einer Kostprobe zurück. Ich wurde ersucht, als Richter beim lokalen Keksbackwettbewerb zu fungieren, eine Ehre, die ich nicht abzulehnen vermochte, war ich doch insgeheim ein absoluter Liebhaber sämtlichen Weihnachtsgebäcks. Mit Ausnahme von Rosinen. Um diese eingetrockneten Imitationen von Trauben machte ich stets einen großen Bogen. Meine Nachbarn schienen diese Einstellung zu teilen, denn ich geriet nicht ein Mal in die unangenehme Lage, auf eine dieser verschrumpelten Früchte zu beißen. Die Wertung fiel mir schwerer, als gedacht, und ich ging einige Minuten in mich. Schlussendlich waren die hausgemachten und butterweichen Spekulatius der eindeutige Sieger und ich wurde mit einer Unmenge an Plastikbehältern voller Kekse beschenkt, die ich selbstverständlich dankend annahm.

Auch wenn die ewige Wettbewerbsbereitschaft meiner Nachbarn mehr als nur leicht nervtötend war, so muss ich gestehen, dass sich das Resultat als durchaus positiv erwiesen hatte. Wenn nun noch das Bedürfnis, unsere Straße in eine Schneekugel zu verwandeln, passend mit Lichterketten und Santa Claus Schlitten vor jedem zweiten Haus, auf irgendeine Art gedämpfte werden könnte, ich würde Weihnachten beinahe freudig entgegengehen.

Trotz aller Mühe, mich dieses Jahr nicht vom Weihnachtsstrudel einsaugen zu lassen, wurde ich doch von ihm ergriffen. Der 24. Dezember verlief so friedvoll wie jeder andere zuvor. Am Ende grüßte man sich an den Türen, brachte kleine, liebevoll, wenn auch nicht immer ästhetisch ansprechende Geschenke zu den Nachbarn, die gestern noch auf Lärmbelästigung durch Beschallung von Weihnachtsliedern in Dauerschleife bestanden hatten. Auch die wenigen Lichter, die die Garage schmückten, wurden eingeschaltet.

Der Stress der richtigen Beleuchtung, das andauernde Keksebacken, das von Schmuck überladene Haus. Am Ende zählte nichts davon. Im Gegenteil. Sollten meine Nachbarn in ihren kindischen Streitereien um den schönsten Vorgarten schwelgen. Ich saß in einem Ohrensessel, eines meiner neuen Bücher auf dem Schoß und eine Tasse heiße Schokolade in meiner Hand und sah meinen Christbaum an. Dieses Jahr hatte ich mich selbst übertroffen. Rot und Gold zierte die Nadeln, echte Kerzen anstelle der schrill blinkenden Lichterketten, Girlanden, die im Licht glitzerten, und einwickelte Süßigkeiten, von denen ich mir eine im Vorbeigehen gepflückt hatte. Die Kekse, die die Nachbarn in ihrer Backwut zur Verkostung vorbeigebracht hatten, waren hübsch in einer Schale angerichtet und dienten als Mahlzeit für zwischendurch. Auch wenn ich den Rummel um den besten Weihnachtsbäcker nie verstehen werde, so muss ich zugeben, dass jedem meiner Nachbarn die Kekse äußerst gut gelungen waren. Zarte Schokolade zerschmolz in meinem Mund, edles Marzipan zerging auf meiner Zunge, selbst die Nüsse knackten noch, als ich in die Mandelkekse biss. Es war ein Traum an Weihnachtsgebäck, der auf meinem Tisch auf mich wartete.

Ich vertiefte mich wieder in mein Buch. Im Hintergrund lief Stille Nacht im Radio. Draußen, vor dem Fenster, fielen die ersten Schneeflocken. Ich sah hinaus, in meine mit Rentieren bestickte Decke gehüllt, und fühlte die Wärme in mir aufsteigen.

Vielleicht, überlegte ich, hatten meine Nachbarn vergessen, wie schön stille Weihnachten sein können.

Jasmin Fürbach BA: 22 Jahre aus Wien. Seit 2015 Studentin an der Universität Wien: Bachelorstudium für English & American Studies, Masterstudium für Deutsche Philologie; Liebe für alles Phantastische, Krimis, Horror und das Schreiben insgesamt.

*

Die Ballade von Valentin Wichtel

Valentin Wichtel bewohnte den Schnee

Gar nicht so weit vom gefrorenen See.

Im Schatten des Baums, zwischen Blättern und Kraut

Hat er sich ein winziges Häuschen gebaut.

Winterlich nahte der eiskalte Wind,

Heulend und fauchend, wie Winde so sind.

Im Laufe der Nacht trug er Wolken heran

Und Schnee lag am Morgen, so hoch wie ein Mann.

Valentin Wichtel beäugte dies grimm.

Schnee vor der Weihnacht? Das nannte er schlimm.

Da rief er: „Mein Haus ist ja gänzlich bedeckt,

Nun liegt es verborgen im Schnee und versteckt!

Weiß ist die Landschaft und schön ist sie auch,

Eines jedoch macht mir Schmerzen im Bauch!

Zu Weihnachten werden doch Gaben gereicht

Und nun übersieht man mein Häuschen so leicht!“

Valentin Wichtel sah hin und sah her,

Tausend Gedanken bedrückten ihn sehr.

Da kam ihm zum Schluss die famose Idee:

Er nahm hundert Lichter und ging in den Schnee.

Oben im Baume, im kahlen Geäst,

Spannte er Fäden von Ost bis nach West.

Sodass die Laternen, so hat er gedacht,

Den Weg zu ihm weisen mit all ihrer Pracht.

Valentin Wichtel erfand so den Brauch:

Kerzen erhellen seither jeden Strauch.

Am Abend noch schaute er staunend hinauf

Und ließ all den Wundern der Zeit ihren Lauf.

Sonnenschein folgte der Heiligen Nacht.

Valentin Wichtel, er träumte so sacht,

Erwachte und fand seinen Gabentisch leer

Und hasste den Schnee vor der Weihnacht noch mehr.

Valentin Wichtel verwünschte das Licht.

Eine Nacht länger ertrug er es nicht.

„Gebracht hat es nichts, dann muss es jetzt fort!

Mein Haus blieb verborgen, ein trauriger Ort.“

Draußen dann fand er im Schnee vor dem Baum,

Valentin lachte und glaubte es kaum,

Ein kleines Paketchen, adrett und verziert,

Und mit ihm ein Brieflein, an ihn adressiert:

„Valentin, danke, du eifriger Wicht!

Schönheit und Wunder vereinten dein Licht.

Wer gut ist, der braucht keine Gunst zu verlangen,

Wer gut ist, dem ist es noch stets gut gegangen!“

Freudselig strahlte sein ganzes Gesicht:

Dies blieb im Kopf, er vergaß es auch nicht.

Der Gnade der Weihnacht bleibt niemand verdeckt

Selbst wenn sich das Haus unter Neuschnee versteckt.

Valentin Wichtel bewohnte den Schnee

Gar nicht so weit vom gefrorenen See.

Er lachte nun immer und schaute nicht grimm,

Denn Schnee vor der Weihnacht war gar nicht so schlimm.

Finn Lorenzen ist Literaturwissenschaftler und Autor. Geboren wurde er 1989 in Schleswig-Holstein, später studierte er an der Universität Bremen. Heute lebt er mit seiner Frau in Neuss.

*

Der verletzte Engel

Lena drehte sich seit Stunden von einer Seite auf die andere. Sie musste die ganze Zeit daran denken, dass das Christkind in den nächsten Stunden die Geschenke für Heiligabend brachte. Und wenn sie nicht bald einschlief, war sie morgen viel zu müde, um die Geschenke auszupacken. Doch als sie gerade anfing, zu träumen, schepperte etwas. Lena riss die Augen auf und sah in die Dunkelheit. War das Geräusch nur in ihrem Traum gewesen? Oder war noch jemand im Haus?

Lena stand auf, öffnete ihre Zimmertüre und schlich durch den dunklen Flur. Unter der Wohnzimmertür schien Licht durch. Sie kniff ein Auge zu und versuchte, mit dem anderen etwas durch das Schlüsselloch zu erkennen. Aber sie konnte nichts sehen. Sicherlich hatten ihre Eltern gestern etwas vor das Loch gehängt. Vielleicht war es aber auch das Christkind gewesen, überlegte Lena. Bei dem Gedanken musste sie grinsen und wollte die Türe öffnen.

Doch Lena zögerte plötzlich und sah in den dunklen Flur zurück. Sie wusste, dass sie sich wieder ins Bett legen sollte. Aber sie wollte sich auch nicht die Chance entgehen lassen, vielleicht gleich das Christkind im Wohnzimmer zu sehen. Und so öffnete Lena die Tür.

Doch im Wohnzimmer war es dunkel. Hatte sie sich das Licht unter der Tür nur eingebildet? Lena schüttelte den Kopf. Sie war sich sicher, dass Licht gebrannt hatte. Vielleicht versteckte sich das Christkind aber auch. Oder war es gar nicht das Christkind, sondern ein Einbrecher, der ihre Geschenke stehlen wollte?

Lena wurde mulmig und schaltete mit zittrigen Händen das Licht ein. Als Erstes sah sie die zerbrochene Glocke auf dem Boden. Es war definitiv jemand hier gewesen. Aber derjenige hatte kein Interesse an ihren Geschenken gehabt. Denn um den Christbaum herum lagen große und kleine Geschenke, eingepackt in buntem Papier. Die einen trugen eine Schleife, andere eine Grußkarte. Am liebsten würde sie das eine oder andere aufreißen. Aber dann würde sie mächtig Ärger bekommen. Andererseits fiel es doch sicherlich nicht auf, wenn sie schon eines öffnete. Lena schnappte sich ein Geschenk und wollte gerade an der goldenen Schleife ziehen, als plötzlich die Kerzen am Christbaum angingen. Lena hielt die Luft an, legte das Geschenk wieder auf den Boden und ging zwei Schritte vom Baum weg.

Sie war nicht allein. Und gerade wünschte sie sich, dass sie im Bett liegen geblieben wäre. Am liebsten würde sie jetzt ihre Eltern holen. Aber dann müsste sie erklären, was sie im Wohnzimmer zu suchen hatte. Lena redete sich ein, dass das Christkind sie sicher nur erschrecken wollte.

Doch dann begannen die Kugeln am Baum, zu wackeln. Kurz darauf kam ein kleines Gesicht mit braunen Locken hinter dem Baum zum Vorschein.

„Wer ist da?“, fragte Lena vorsichtig.

Erst blieb alles ruhig, dann wackelte der Baum und ein kleines Mädchen schlich hinter dem Baum hervor. Es trug ein weißes Kleid mit kleinen blauen Sternen, die Arme hatte es an seinen Körper gedrückt. Die Augen waren gerötet und über der Schulter konnte Lena die Spitzen von Flügeln erkennen. „Du bist ein Engel“, stellte sie fest und sah den Engel mit großen Augen an.

„Ein Engel, der versagt hat.“

Lena schüttelte den Kopf. „Du hast nicht versagt. Du hast doch ganz viele Geschenke gebracht.“

Der Engel lächelte sie an. „Wenn das Christkind hiervon erfährt, war das für lange mein letzter Einsatz an Heiligabend.“

„Von mir erfährt niemand etwas“, versprach Lena.

„Das ist lieb. Aber das Christkind wird davon erfahren. Ich kann nämlich nicht mehr fliegen.“

„Wieso?“

„Ich habe mir meinen Flügel an den Tannen verletzt“, sagte der Engel und als er seinen Flügel ausbreitete, konnte Lena den Riss sehen. „Bei dem Versuch, zu fliegen, habe ich die Kontrolle verloren und die Glocke zu Boden geschmissen.“

„Soll ich ein Pflaster holen?“, fragte Lena und wollte schon loslaufen.

Der Engel schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf. „Da hilft nur Sternenstaub und viel Geduld.“

„Aber wie kommst du wieder in den Himmel, wenn du nicht mehr fliegen kannst?“

„Ich habe dem Christkind Bescheid gegeben, dass ich mich verletzt habe. Sie holen mich.“

„Dann verstecke ich mich hinter dem Baum. Von dort kann ich das Christkind sehen und es erfährt nicht, dass ich dich gesehen habe. Dann bekommen wir beide keinen Ärger.“

„Das ist lieb von dir. Aber ich kann nicht gut lügen und das Christkind sollte man ohnehin nicht anlügen. Man sollte überhaupt nicht lügen. Es wäre nur richtig, mich die nächsten Jahre nicht auf die Erde zu lassen.“

„Wie meinst du das? Was machst du dann?“

„Die Engel, die keine Geschenke verteilen, müssen die Engel koordinieren, die auf die Erde gehen. Dazu muss man die ganze Zeit auf Monitore starren und das ist sehr anstrengend.“

„Dann bringt aber ein anderer Engel meine Geschenke, oder?“

Der Engel lachte. „Natürlich. Trotzdem wäre es besser, wenn du wieder ins Bett gehst und das hier eine absolute Ausnahme bleibt.“

Lena seufzte und sah zu Boden. Vielleicht war es tatsächlich besser, wieder ins Bett zu gehen. Sie wollte das Christkind nicht enttäuschen. Sonst bekam sie nächstes Jahr womöglich keine Geschenke mehr. „Danke für die Geschenke“, sagte Lena und der Engel lächelte, obwohl kleine Tränen an seiner Wange hinunterliefen.

Lena war gerade auf den Flur gegangen, als ein leises Rauschen ertönte.

„Komm bitte zu uns, Lena.“

Lena blieb stocksteif stehen. Gehörte diese sanfte Stimme dem Christkind? Bekam sie jetzt doch Ärger? Oder waren die Geschenke unter dem Baum für viele Jahre die letzten?

Langsam ging sie wieder ins Wohnzimmer. Neben dem Engel stand ein älteres Mädchen mit langen, goldenen Locken. Es trug ein glänzendes weißes Kleid und die weißen Flügel waren deutlich größer als beim Engel. Die Augen des Mädchens strahlten und auf seinen Lippen lag ein Lächeln.

„Ich bin das Christkind“, erklärte das Mädchen und Lena traute sich nicht, sich zu bewegen.

„Es ... es tut mir leid, dass ich nicht im Bett liegen geblieben bin“, stotterte Lena.

„Du hättest nicht ins Wohnzimmer gehen dürfen, das ist richtig. Aber nun ist es so und wir müssen das Beste daraus machen.“ Das Christkind lächelte sie an. „Weißt du, Lena, es ist gut, dass Kinder neugierig sind. So entdecken sie allerhand neue Dinge und machen ihre eigenen Erfahrungen. Aber es gibt eben auch Dinge, die Kinder nichts angehen. Deshalb solltest du in Zukunft auf deine Eltern hören.“

Lena nickte heftig mit dem Kopf. „Das verspreche ich und ich erzähle auch niemandem, dass ich euch gesehen habe.“

„Aber kannst du mir auch versprechen, dass unser heutiges Treffen eine Ausnahme bleibt?“

„Ja, ich bleibe jetzt immer im Bett liegen.“

„Das ist schön“, sagte das Christkind. „Und was das Lügen angeht: Es ist ehrenhaft, dass du meinem kleinen Engel helfen wolltest. Aber Lügen ist keine schöne Angewohnheit und kann schnell für viel Ärger sorgen.“

„Es tut mir leid.“

„Lass dir die heutige Nacht eine Lektion gewesen sein und bleib weiterhin brav und ehrlich.“

„Das werde ich.“

„Ich wünsche dir ein schönes Weihnachtsfest, Lena.“

Lena lächelte, drehte sich um und lief durch den dunklen Flur zurück in ihr Zimmer. Als sie an ihrem Zimmer angekommen war und zurücksah, war das Licht im Wohnzimmer erloschen. Schnell ging sie ins Bett und kuschelte sich in ihre Decke, da war sie auch schon eingeschlafen.

Christina Emmerling wurde 1992 in Würzburg geboren, wo sie auch heute noch lebt. Neben Kurzgeschichten schreibt sie Fantasyromane und arbeitet derzeit an einer Trilogie. Ihre erste Kurzgeschichte wurde 2013 in einer Anthologie veröffentlicht.

*

Winterwonderland

Das ist jetzt nicht der Elfenernst. Die Weihnachtspoststation ist überfüllt mit Weihnachtswünschen von Kindern. Einige Elfen haben wohl ihren Job vergessen. Hier sieht es einsam und verlassen aus. Aber Arbeit wäre da. Alles nur wegen der blöden Elfen-WM. Ich finde es nicht okay. Dem Weihnachtsmann ist es offensichtlich egal. Tja, und jetzt haben wir das Problem, weil sich keiner hier um irgendetwas kümmert. So wie es aussieht, bin ich der Einzige, der den Heiligen Abend retten will, damit Kinder schöne Weihnachten haben. Ich heiße Billy und bin ein Weihnachtself. Ich muss das Fest retten.

Im Postraum hat sich einiges gestapelt. Hier herrscht völliges Chaos. Postelf Emil hat wohl vergessen, dass er hier gebraucht wird. Als Kapitän des Icehockey-Teams hat er natürlich gerade jetzt sehr viel zu tun. Die Poststation ist nicht unser einziges Problem, das wir haben, denn die Rentiere sind die Taxis. Ich habe keine Ahnung, ob der Weihnachtsmann es weiß, aber es kann sein, dass er keine Schlittentiere zum Heiligen Abend hat, denn die sind ja ausgebucht.

Ich muss also Weihnachten retten und mache mich auf dem Weg zum Santa. Irgendjemand muss mit ihm reden. Schließlich bin ich hier ja der Oberelf. Lilli, die Weihnachtsmannhauselfin, kommt mir entgegen. Ich frag sie gleich, ob der Weihnachtsmann gerade Zeit hat.

Sie antwortet mir: „Nein, der hat gerade sehr viel zu tun.“

Mist. Was soll ich jetzt machen? Da fällt mir etwas ein. Hatte nicht erst jüngst der Osterhase unsere Elfen ausgeliehen, weil er mega Stress vor Ostern hatte und seine Hasen mit dem Bemalen der Ostereier total überfordert waren? Denn das Osterfest fand schon im März statt. Die Weihnachtselfen halfen im Easterrabbitland aus. Also finde ich es nur fair, wenn uns die Osterhasen auch helfen. Schließlich ist Weihnachten genauso wichtig wie Ostern. Das werde ich ihm so erklären.

Ich nehme auch schon ein Fluggerät und flieg ins Easterrabbitland. Hoffentlich ist der Osterhasenchef wach, sonst habe ich ein Problem. Zur Not muss ich mir irgendetwas anderes einfallen lassen.

Ich steh nun vor dem Büro des Osterhasen. Ein Zettel hängt an der Türe:

Bin, nur in dringenden Fällen erreichbar.

Dein Osterhase.

Hm, okay. Weihnachten zu retten, ist für mich dringend. Also klingle ich auch schon an der Tür.

Der Osterhasenchef ist nicht begeistert, als er mich sieht. „Ist was passiert?“, will er nun von mir wissen.

„Nein, ich bin nur so hier. Weihnachten ist in Gefahr“, sag ich zu ihm.

Der Osterhase runzelt seine Löffel und meint: „Ach, du meinst, ich soll dir meine Hasen leihen?“

„Äh, ja, das wollt ich eigentlich fragen.“

Er könne mir schon seine Hasen leihen, aber er müsse zuerst in seinem Kalender nachsehen, wann nächstes Jahr Ostern ist, erklärt er mir.

Ostern ist, wie du ja weißt, liebe Leseratte, nicht immer am selben Tag. Das ist der feine und große Unterschied zwischen Ostern und Weihnachten. Weihnachten findet immer am 24. und am 25. Dezember statt, das wird sich nie ändern.

Jetzt kommt der Osterhase zurück und sagt: „Ja ich kann dir die Hasen leihen, aber die müssen Anfang Februar, nein, um genauer zu sein, ich möchte, dass sie Ende Jänner wieder da sind. Das heißt einsatzfähig am 1. Februar. Wehe dir, es ist nicht so.“

Da hat der Osterhase schon Angst um Ostern. Versteh ich das richtig? Er trommelt schließlich doch all seine Hasen zusammen und drei Stunden später hoppeln schon 100 Hasen zu mir. Das sind die Osterhasenlehrlinge und die kommen jetzt mit mir mit.

Back im Winterwonderland. Das Erste, was ich höre, ist: „Brr mir ist kalt, ich mag wieder ins Easterrabbitland. Weil es hier im Winterwonderland beim Weihnachtsmann so schrecklich ist.“

Lilli, die Weihnachtsmannhauselfin, kommt zu mir und schreit: „Sag mal, bist du wahnsinnig. Du kannst doch nicht so einfach die Hasen herholen, die erfrieren uns ja noch. Du Schlauberger, Billy.“ Lilli ist wirklich wütend.

Da kommt auch schon der Weihnachtsmann, der fragt mich genau dasselbe. Meine Antwort ist: „Ja, hätte ich die Hasen nicht geholt, würde es dank der Elfen-WM blöd aussehen mit Weihnachten. Ich sag nur: Überfüllung der Poststation.“

Der Weihnachtsmann schreit: „Emil, komm sofort her.“

Es dauert eine Weile, bis er kommt. „Ja, Weihnachtsmann, was gibt es?“

„Wo sind deine Postelfen? Warum ist keiner in der Poststation? Warum liegen so viele ungelesene Briefe in der Poststation?“, will der Weihnachtsmann nun wissen.

Und Emil sagt: „Weil wir eben alle bei der Elfen-WM eingeteilt sind.“

Lilli hat auch schon eine Lösung. „Billy hat bestimmt die Hasen nicht umsonst hierhergeholt, ich finde, die sollen sich in der Poststation umsehen und in der Spielzeugwerkstatt arbeiten und an Robotern bauen, dann ist ihnen nicht kalt, weil sie ja in der Wärme sind. Und Weihnachten ist gerettet.“

Das sei ein guter Vorschlag von Lilli, findet der Weihnachtsmann. Wir haben noch zehn Tage Zeit bis Weihnachten. Das ist nicht mehr lange. Aber warum Roboter gebaut werden sollen, das versteht keiner. Hm, vielleicht hat es was mit den Rentieren zu tun? Die wahrscheinlich nicht einsatzfähig sind am Heiligabend.

„Roboter bauen? Für was genau?“, will ich jetzt wissen.

„Na, nur in dem Fall, dass die Rentiere keine Zeit an Heiligabend haben“, antwortet mir Lilli.

Der Hase Lumpo hat dafür schon eine andere Idee. „Wir könnten ja den Schlitten des Weihnachtsmanns etwas umbauen, dann braucht man keine Rentiere.“ Das ist auch eine gute Idee. Lumpo sagt, er mache sich auch gleich auf dem Weg zum Schlitten. Schon hoppelt er los.

Die anderen Hasen teilen wir für die Post und eben für die Kinderwerkstatt ein. Der Osterhase hat mir offensichtlich Powerhasen mitgegeben. Deren Motivation möchte ich gerne haben, denn sie sind sehr fleißig. Wir könnten uns echt eine Scheibe von ihnen abschneiden. Oder ihnen ist einfach nur kalt.

Aktuell haben wir wirklich Probleme mit einigen Hasen, da sie Erfrierungen in den letzten Tagen erlitten haben, nun ist bei uns die Elfenkrankenstation voll mit kranken Hasen. Bis Ende Jänner haben wir Zeit, die Hasen zu heilen.

Deshalb wurde die Elfen-WM abgebrochen, die soll dann eben im Februar, wenn die Hasen wieder weg sind, weitergehen. Gute Entscheidung. Warum nicht gleich so?

Wir haben alle Wünsche von den Kindern, die zu erfüllen waren, erfüllt, morgen fliegt der Weihnachtsmann mit seinen Rentieren, trotz eingebautem Schnellflugzeug – oder wie es Lumpo nennen mag –, los. Die lieben Hasen sollen bis Ende Jänner bei uns bleiben, dann sind sie von der Erfrierung wieder geheilt. Der Osterhase ist nicht sauer. Ich finde aber, an Weihnachten geht es nicht nur um Geschenke, obwohl Geschenke etwas Schönes sind. Weihnachten ist auch das Fest der Freude, der Liebe und der Familie. Es gibt doch nichts Schöneres, als mit den Menschen Weihnachten zu feiern, die man mag. Nicht jedes Kind kann Weihnachten feiern – aus welchem Grund auch immer. Ich las übrigens einen Brief von einem Kind, in dem stand:

Lieber Weihnachtsmann, ich wünsche mir, dass ich wieder

gesund werde.

Leider kann das der Weihnachtsmann nicht erfüllen, aber vielleicht kann das jemand anders. Und ich weiß auch wer – Gott. Was ich dir eigentlich damit sagen will, ist Folgendes: An Weihnachten geht es eben nicht nur um Geschenke. Ein kranker Mensch wünscht sich nur eines – Gesundheit. Ein Obdachloser hätte gern ein Dach über dem Kopf. Ein hungriges Kind wünscht sich Nahrung. Ein Waisenkind wünscht sich Eltern. Ich wünsch mir nur eines – Frieden. Ich wünsche dir, liebe Leseratte, frohe Weihnachten und schöne Feiertage. Ich geh jetzt in meinen wohlverdienten Urlaub. Ab in die Karibik.

Christina Riemelmoser, 29 Jahre jung. Hobbys: Schreiben, Lesen, Sport. „Ricky, der Hausgeist, und die gelbe Kugel“ wurde in „Wo die Wilden Geister wohnen Band 2“ veröffentlicht.

*

Besuch in Bethlehem

Samuel, der Besucher im Stall von Bethlehem, schüttelt sich den Staub aus dem Fell. „Pass doch auf!“, schimpfen und husten die Spinnen und die Ameisen. „Du kommst einmal im Jahr zu uns, nur um deinen Wüstenstaub über uns zu schütten, mach das gefälligst vor der Tür!“

„Oh, entschuldigt, ich hatte ganz vergessen, was mir die Sonnenstrahlen erzählt haben, hier soll ordentlich viel los gewesen sein. Ist das wahr?“

Ismael, Samuels Cousin, erzählt:

„Weißt du, das war so: Die Himmelsschlüssel, diese blauen Blumen dort, die sind mit den Engeln befreundet. Von denen erfuhren wir, dass hier in unserem Stall ein Wunder geschehen wird. Hier sollte ein großer König geboren werden. Und wir wollten dazu beitragen, dass alles schön gemütlich und sauber ist. Die Sonnenstrahlen leuchteten in jedes Eck hinein, sodass die Ameisen wirklich jedes Flöckchen Staub finden und hinausbefördern konnten. Die Spinnen versprachen, wenn das Kind da ist, sofort ihre Netze aufzufressen, dass es sich nicht erschrickt. Abends fielen wir alle in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Tag hatte der Bauer hier viel zu tun. Er tauschte eine Menge kaputter Holzlatten aus und reparierte sogar das Fenster. Unser Opa stand wie immer an seinem Futtertrog. Er schaute lieber zu, anstatt sich irgendwie an der Arbeit zu beteiligen. Er begnügte sich damit, Gelegenheiten zu suchen, um vor sich hin zu granteln, wenn ihm irgendetwas nicht passte. Doch ab und zu holte ihn der Bauer ab, um den Karren mit Gemüse, Käse oder Wolle in die Stadt zu ziehen. Darüber freute er sich jedes Mal, denn meistens gab es auch Kinder zu tragen. Mit dieser leichten Last auf dem Rücken konnte er richtig gemütlich vor sich hin traben, wie es ihm gefiel. Wenn er dabei trotz seines hohen Alters übermütig wurde, plötzlich mit den Hufen ausschlug oder losgaloppierte, dann hatten die Kleinen und er ihre helle Freude. So auch jetzt, nachdem die Arbeiten im Stall erledigt waren. Auf dem Weg in die Stadt leistete ihm der Ochse vom Nachbarhof Gesellschaft. Unterwegs fraßen sie gemeinsam frisches Gras und tauschten Neuigkeiten aus. Hierbei erfuhr unser Opa, dass wir einen Besucher haben werden: Der Ochse wird eine Weile mit ihm an der Futterkrippe stehen. Na, das war immerhin eine Nachricht! Ganz anders als die von diesem König, so Opas Aussage. Bald erschien ein fremder Mann, der einen Esel führte, auf dem eine schwangere Frau saß.

„Damit fing alles an“, plappert eine Spinne voller Ungeduld los. „Jetzt brach nämlich die Hölle aus und alles drehte sich nur noch um diese Frau und ihr Kind. Der Bauer mit seiner Familie und eine weitere Frau waren die ersten Besucher, die kamen. Haben die eine Unruhe verbreitet! Die Kinder des Bauern rannten hier herum, die zweite Futterkrippe wurde hervorgeholt. Stell dir vor, da konnten wir über Generationen ungestört unsere Netze bauen, auf einmal war alles weg! Stattdessen wurde ganz frisches Stroh hineingelegt. Vor dem Stall wurde Holz angezündet. Dazwischen schrie das kleinste Kind. Und das alles war erst der Anfang, es kamen immer mehr Menschen dazu. Und du weißt ja selbst, wo die in Massen auftreten, ist es laut und Tiere sind im Weg. Besonders wir Spinnen und Ameisen müssen immer wieder aufpassen, dass wir nicht zertrampelt werden. Und nachdem das Kind geboren war, kamen so viele Besucher, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Sehr, sehr oft tauchten schon bei Sonnenaufgang irgendwelche Fremde auf, um vor der Frau mit ihrem Kind niederzuknien und ihr Geschenke zu bringen. Die Letzten gingen nach Sonnenuntergang. Wir hatten überhaupt keine Ruhe mehr. Es muss wirklich ein ganz außergewöhnliches Kind sein, das da geboren wurde.“

„Und wie ging es danach weiter?“, fragt Samuel.

Ismael beginnt wieder: „In der Nacht, nachdem das Kind geboren wurde, ich hatte schon fest geschlafen, sind mir die Spinnen und die Ameisen über das Gesicht und den Hals gekrabbelt. Meistens machen sie das nur aus Versehen und lassen sich leicht abschütteln, diesmal waren sie sehr hartnäckig. Gleichzeitig lag auf meinen Augenlidern ein enormer Druck. Als ich endlich blinzeln konnte, machte ich direkt vor dem Stall eine gleißend helle Lichtquelle aus. Hinter mir ertönte ein gedämpftes, tiefes Iaaa. Ich drehte mich um. Auch Großvater hatte wohl so etwas noch nicht erlebt: Er stand neben seinem heiß geliebten Futtertrog, und starrte gerade aus vor den Stall. Jetzt konnte ich auch erkennen, was er sah: Vor der Familie standen Zweibeiner, die aussahen wie Menschen, sie waren nur größer und trugen Flügel. Sie strahlten eine eigenartige Helligkeit aus. Zahllose kleinere geflügelte Wesen, die genauso aussahen, durchkreuzten fliegend und singend die Umgebung. Einige bliesen in lange silberne Rohre, aus denen wunderschöne Musik kam. Andere trugen runde Töpfe, um mit kurzen Holzstielen darauf herumschlagen. Die riesige Figur direkt vor der Frau war die einzige, die das Maul auf und zu klappte. Sie hat ganz bestimmt etwas sehr Schönes gesagt. Die Wöchnerin sah ganz aufmerksam zu ihr hin. Wir hatten Angst und waren gebannt von diesem wunderbaren, seltsamen Schauspiel. Wir drängten uns in einer Ecke hinten im Stall ganz eng zusammen. Eine Spinne hatte einen Krampf im rechten vorderen Bein, weil sie unbequem stand. So unauffällig wie irgendwie möglich humpelte sie zur Seite, um sich vorsichtig zu strecken. Nach einer Weile wurde das Licht schwächer, die Menschen und die geflügelten Wesen zogen sich zurück. Links und rechts neben dem Stall blieben zwei Menschenfiguren mit Flügeln stehen, ihr Licht glimmte gerade noch wie das von Glühwürmchen. Die Musik klang leise im Hintergrund weiter. Wir standen noch lange beisammen, um über dieses seltsame Schauspiel zu reden, so unauffällig wie möglich.“

Die Tiere kauen versonnen auf ihrem Heu herum. Schließlich bricht Samuel das Schweigen. „Und was ist mit Opa? Wieso ist der nicht hier?“

Jetzt wird Ismael wütend, er lässt sein lautestes Iaaa hören und galoppiert über die Wiese, bis er sich beruhigt hat. Dann trottet er mit hängenden Ohren und eingezogenem Schwanz zurück in den Stall. „Es schmerzt mich immer wieder“, knurrt er vor sich hin, „dass ich zusehen musste, wie Opa litt und ihm nicht helfen konnte.“

Er macht eine Pause, nimmt einige Atemzüge und redet dann leise weiter. „Es kamen wirklich noch viele fremde Menschen hierher. Die hatten alle Geschenke dabei und knieten vor der Frau und dem Kind nieder. Eines Tages kam ein ganzer Trupp vornehm gekleideter Männer und Frauen auf Kamelen geritten. Es gab ein Gespräch, das die ganze Familie in großen Aufruhr versetzte. Weil die Menschen Schwierigkeiten hatten, mussten wir einen weiten Weg gehen, der unserem Opa zu viel wurde, und das ist das, was mich so wütend macht.“

„Er musste die Menschen tragen?“

„Der fremde Esel und ich, wir beide bekamen Kisten mit den Geschenken aufgeladen, die die vielen Besucher mitgebracht hatten, und Opa musste die Frau und das Kind tragen. Nach zwei Tagen konnte er einfach nicht mehr. Wisst ihr, was die mit ihm gemacht haben? Die ließen ihn einfach zurück! Ich musste noch lange weiterlaufen, meinen Opa habe ich nicht mehr gesehen.“

Traurig und mit hängenden Köpfen stehen die Esel um die Futterkrippe herum und fressen ihr Heu.

Christel Heil wurde in Kaiserslautern geboren und wohnte bis 1977 in einer Gemeinde im Landkreis Kaiserslautern. In ihrem 16. Lebensjahr wurde ihre erste Kurzgeschichte veröffentlicht. Nach einer langen Pause begann sie 2011 wieder, zu schreiben und in kleinerem Kreis vorzulesen. In verschiedenen Anthologien wurden einige Kurzgeschichten veröffentlicht, so auch 2014 in der Apfelanthologie. Ein weiteres wichtiges Hobby ist Querflöte spielen.

*

Biggi und die Christkind-Falle

Birgit mochte ihren Namen nicht besonders – wer hieß den heutzutage noch Birgit? Also in ihrer Klasse niemand. Die hatten alle coole, moderne Namen – und sie war nach ihrer Oma benannt. Also wirklich – was hatten sich ihre Eltern dabei gedacht. Sie war froh, dass sich in ihrer Klasse schnell ein Spitzname für sie fand und so wurde sie von allen Biggi gerufen – der Name klang so zwar irgendwie nach Kleinkind und sie ging ja immerhin schon in die erste Klasse, aber immerhin nicht nach Oma.

Ihre Oma hingegen liebte sie aber über alles. Da ihre Eltern oft arbeiten mussten, war Biggi viel bei ihr. So auch heute. Draußen stoben die Schneeflocken, während sie am Küchentisch saß und eine nahezu gigantische Tasse Kakao trank. Ihre Oma saß ihr gegenüber, las Zeitung und nippte ab und an ihrem Kaffee.

„Bald ist Weihnachten“, stieß Biggi hervor und griff nach einem Stück Kuchen, das auf einem abgewetzten Tablett vor ihnen lag.

Raschelnd senkte sich die Zeitung und ihre Oma sah sie lächelnd mit einer hochgezogenen Augenbraue an: „So so … na, dann hoffen wir, dass du lieb und brav warst …“

„Hmm … ach, Oma, … als ob ich keine Geschenke bekommen würde, wenn ich nicht brav gewesen wäre …“

Nun legte die ältere Dame die Zeitung demonstrativ weg und widmete sich voll ihrer Enkelin: „Wie meinst du denn das?“, sagte sie und griff ebenfalls zum Kuchen.

„Na, diese Weihnachtsmann-Geschichte glaubt doch kein Mensch mehr, ich bin doch kein Baby! Papa und Mama holen die Geschenke!“

Ihre Oma lachte kurz und wischte sich den Mund mit einer Serviette ab: „Da hast du natürlich recht, du bist kein Baby mehr und diese Weihnachtsmann-Story … also, die kannst du wirklich vergessen!“

Biggi nickte so heftig, dass ihr Lockenkopf regelrecht erschüttert wurde, und grinste ihre Oma an, wobei sie eine Milchzahnlücke offenbarte. „Aaaaaber …“, setzte diese an, „… das mit deinen Eltern stimmt leider nicht.“

Biggi stockte noch im Kauvorgang und sah sie erstaunt an.

„Die Geschenke bringt nicht der Weihnachtsmann, den gibt’s gar nicht, aber deine Eltern holen sie auch nicht …“

„Wer denn dann?“ Biggi war echt verunsichert.

„Natürlich das Christkind!“

Fragende Augen sahen die ältere Dame an. „Das Christkind? Was ist denn daaaas?“

„Na ja, das Christkind bringt in der Nacht vor Heiligabend die Geschenke und legt sie um den Weihnachtbaum. Hast du dich nie gefragt, warum euer Wohnzimmer ab dem 23. Dezember nachmittags abgeschlossen ist?“

„Doch …“, gestand Biggi, „… aber ich dachte, Mama und Papa bereiten da immer alles vor.“

„Neeeein … da kommt nachts das Christkind!“

„Und ... wie sieht das aus?“

„Das ist es ja, das darf keiner sehen! Es bringt seine Geschenke nur heimlich! Also kann keiner sagen, wie es aussieht.“

Biggis fragender Gesichtsausdruck änderte sich zu wilder Entschlossenheit: „Dieses Jahr, werde ich es fangen!“ Ihre Oma lachte laut auf und strich ihr durch das wuschelige Haar.

Ihr Plan war perfekt. Biggi lag in ihrem Zimmer im Bett. Es war dunkel, nur die Schneeflocken vor dem Fenster schickten ein wenig weißes Licht in ihr Zimmer. Es war der 23. Dezember. Morgen war Heiligabend. Seit zwei Wochen war ihr das Gespräch mit ihrer Oma nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Sie schwankte zwischen Glauben und Neugier: Christkind? Wer sollte das sein? Wieder nur eine Geschichte von Oma – solche erzählte sie ihr häufig. Oder gab es das doch?

Und so war es zum Plan heute Abend gekommen – Biggi würde dem Christkind eine Falle stellen. Aus den Vorjahren wusste sie, dass ihre Eltern nach dem Weihnachtsgroßeinkauf am 23. Dezember immer gegen Abend, kurz bevor sie ins Bett musste, das Wohnzimmer abschlossen und sie erst wieder zur Bescherung am nächsten Tag hinein konnte. Aber sie war schlau: Sie wusste, dass ihre Mutter den Wohnzimmerschlüssel immer auf ihren Schreibtisch in die Stiftebox legte. Also wartete sie heute, bis ihre Eltern ins Bett gingen – ihr Schlafzimmer lag neben ihrem eigenen Kinderzimmer, dann würde sie hinunterschleichen ins Wohnzimmer und sich dort verstecken. Sie durfte nur nicht einschlafen … und sie war verdammt müde …

Als endlich alles ruhig war, kletterte sie aus ihrem Hochbett, schlich die Treppe hinunter – die Holzstufen durften auf keinen Fall knarzen –, ging dann ins Arbeitszimmer ihrer Eltern. Oh Gott, war es da dunkel und sie durfte kein Licht machen. Langsam fasste sie in die Stiftebox – ja kein Geräusch – und hätte fast gejubelt: Sie hatte den Schlüssel! Leise ging sie zurück auf den Flur des kleinen Reihenhauses, wandte sich zum Wohnzimmer und schloss es leise auf.

Das Zimmer lag in vollkommener Dunkelheit. Vor dem großen Panoramafenster konnte sie die Umrisse des Weihnachtsbaums ausmachen. Gott sei Dank – noch keine Geschenke da! Sie war also nicht zu spät. Leise schloss sie wieder die Tür und kauerte sich hinter den großen Sessel, den Papa so bequem fand und Mutter nur hässlich. Dort würde sie warten. Oh Gott, war sie müüüüdeee.

Kurz bevor ihr die Äugelein zufielen, schreckte sie auf: Ein Lichtblitz erhellte das Wohnzimmer. Sie duckte sich nur noch mehr hinter den Sessel und beobachtete, wie aus dem Blitz eine Gestalt ins Wohnzimmer trat. Ein Mädchen, wenige Jahre älter als sie. Es hatte blondes langes Haar und goldene Flügel – sie erinnerte sie an die Engelsbilder aus dem Religionsbuch. Das Mädchen trat auf den Christbaum zu und schnipste. Sie da! Aus ihren Fingern stoben Funken und vor dem Baum erschien ein wunderschön verpacktes Weihnachtsgeschenk. Sie schnippte erneut und wieder lag ein neues Geschenk unter dem Baum.

Biggi verließ ihr Versteck und trat in das hell erleuchtete Zimmer.„Wer bist du?“, sagte sie laut.

Erschrocken drehte sich das engelsgleiche Mädchen um und sah Biggi erstaunt an. „Du darfst mich nicht sehen!“, sagte es leise – seine Stimme hatte etwas wunderbar Melodisches.

Biggi lächelte. „Ich war neugierig.“

Das Mädchen erwiderte das Lächeln: „Ich bin das Christkind und bringe gerade die Geschenke!“

„Kannst du unendlich viele Geschenke machen? Mit dem Schnipsen?“

Das Lachen des Christkindes klang wie kleine Glöckchen: „Ja, das könnte man annehmen …“

„Meine Oma hat mir von dir erzählt, da wollte ich dich unbedingt einmal sehen!“

„Und? Bist du zufrieden mit dem, was du siehst?“ Das kindliche Gesicht des Christkindes hatte neben der Freundlichkeit auch eine unglaublich erwachsene, fast weise Ausstrahlung, wie man sie ansonsten nur von sehr alten Leute kennt.

„Du … du bist wunderschön!“, stammelte Biggi!

Wieder ertönte das Glöckchen-Lachen. „Jetzt muss ich aber weitermachen!“, sagte das Christkind.

„Kannst du nicht hierbleiben?“

„Aber das wäre doch für alle anderen ziemlich gemein, wenn sie keine Geschenke mehr bekommen würden, oder?“

Biggi nickte. „Ja, das stimmt!“

„Ich wünsche dir und deiner Familie eine frohe Weihnacht!“, sagte das Christkind.

„Danke!“, brachte Biggi hervor, sah dem Christkind tief in die Augen. Sie fühlte sich plötzlich so müde … so unendlich müde. Das Glöckchenlachen begleitete sie, als sie in den Schlaf hinüberglitt.

Biggi schreckte hoch. Verschlafen rieb sie sich die Augen. Die morgendliche Sonne strahlte in ihr Zimmer. Es hatte zu schneien aufgehört. Aber … wie war sie in ihr Bett gekommen?

„Na? Schlafmütze, heute bist du aber lange im Bett.“ Ihre Mutter hatte das Zimmer betreten.

„Mama! Ich muss dir was erzählen!“, platzte es aus Biggi heraus.„Ich hab das Christkind heute Nacht gesehen!“

„Ahhh, das Christkind!“ Ihre Mutter nickte lächelnd und öffnete das Fenster. Kalte Luft strömte in den Raum. „Und? Hat es Geschenke gebracht?“

„Ja … und … es war wunderschön!“, stammelte Biggi verschlafen und aufgeregt gleichzeitig. „Ich habs wirklich gesehen!“

Ihre Mutter strich ihr übers Haar. „Na, wenn das kein Weihnachtstraum war – komm, ich mach dir Frühstück. Raus aus dem Bett. Heute ist doch Weihnachten!“

Oliver Miller ist Lehrer an einem Gymnasium in Hannover.

*

Die einhundert Paar Schuhe

Mein Name ist Dennis. Gerade bin ich damit beschäftigt, mein bestes Paar Schuhe zu putzen. Auch wenn man es ihnen ansieht, dass sie meine Füße schon so einige Kilometer getragen haben und ihr einstmals schwarzes Leder nun blass und an manchen Stellen brüchig ist.

Morgen ist Nikolaus. Wie alle Kinder möchte ich meine geputzten Schuhe vor die Haustür stellen. Ich hoffe, sie morgen in aller Frühe voller Leckereien vorzufinden. Am liebsten wäre es mir, wenn sie bis zum Rand mit Marzipankartoffeln gefüllt wären, denn die esse ich so gerne.

Letztes Jahr hatte mir der Nikolaus zusätzlich zu den Süßigkeiten auch einen Güterwaggon für meine elektrische Eisenbahn gebracht. Dieses Jahr wäre ich schon mit einem neuen Stromabnehmer für meine Lok zufrieden. Leider ist mir der alte Stromabnehmer kaputt gegangen. Mit meiner Bahn kann ich jetzt nicht mehr spielen.

Ich weiß, dass Jonas aus der dritten Etage, also eine Etage über unserer Wohnung, seine schicken blauen Sneakers herausgestellt hat. Die brauchte er kaum zu putzen, weil sie noch so neu sind. Seine Schwester Carla wollte ihre pinkfarbenen Glitzerboots vor die Tür stellen, die ihr fast bis zu den Knien reichen. Sie meinte, je größer die Schuhe wären, umso mehr Süßigkeiten könne man am nächsten Morgen darin vorfinden. Jonas nickte eifrig, als Carla dies sagte. Er fügte hinzu, es käme aber nicht nur auf die Größe der Schuhe an. Er sagte auch, je neuer die Schuhe wären, desto leckerer wäre der Inhalt, den der Nikolaus da hineinpacken würde. Ich hoffe, die beiden haben unrecht. Denn hätten sie recht, dann hätte ich mit meinen alten Halbschuhen ein schlechtes Los gezogen.

In der Schule war es nicht viel anders. Auch der blonde Simon und die Ute aus Paderborn stimmten mit dem überein, was Jonas zuvor gesagt hatte. Sie hatten ihre größten und neuesten Schuhe herausgepickt. Manche meiner Klassenkameraden kamen sogar auf die Idee, mehr als ein Paar Schuhe vor die Tür stellen zu wollen. Ferdinand aus der Parallelklasse meinte, je mehr Schuhe man einsetze, desto mehr Süßigkeiten könne man ernten. Und wenn er Besitzer von einhundert Paaren Schuhe wäre, dann würde er auch alle einhundert in den Hausflur platzieren. Das hieße investieren, sagte er. Das Wort habe er von seinem großen Bruder aufgeschnappt, der auf eine Wirtschaftsschule geht. Und der müsse es schließlich wissen.

Ich hoffe ernsthaft, dass nichts von dem der Wahrheit entspricht, was Jonas, Carla und Ferdinand mir heute am 5. Dezember, dem Tag vor Nikolaus, sagten. Es bereitet mir ernsthaft Sorgen, zu glauben, dass jene Kinder mit den meisten, größten und schönsten Schuhen mehr bekommen als die anderen. Wo bliebe denn dann ich, Besitzer eines kläglichen Paars alter Latschen vom Discounter? Würde der Nikolaus, verwöhnt von so wunderbarem Schuhwerk wie das von Jonas, Carla und Ferdinand, da überhaupt noch etwas hineintun?

Bevor ich zu Bett gehe, komme ich nicht umher, mich noch einmal vor meiner Eisenbahn zu knien. Ich hebe die Lok an und betrachte die defekte Stromleitung. Ein Ersatzteil käme mir jetzt sehr gelegen. Vater meinte, er könne mir zurzeit keines kaufen. Im Moment fehle uns das Geld dafür. Ich stelle die Lok zurück auf die Schienen. Schade, dass die Bahn nicht mehr funktioniert. Ich habe so gerne mit ihr gespielt.

In der Nacht plagten mich seltsame Träume. Ich träumte, ich hätte mich in einen Schuhladen verirrt. Die Schuhe dort waren von einer Art, wie ich sie bisher noch nicht kannte. Sie hatten kleine Flügel, die in allen Farben schillerten. Manche der Schuhspitzen waren zu lustigen Kringeln geformt, andere hatten fröhliche Gesichter. Plötzlich begannen sie, zu singen und zu tanzen. Sie flogen umher und hüpften um mich herum. Ich rannte mit ihnen mit, durch einen langen Gang, an dessen Wänden weitere einhundert Schuhpaare in Reih und Glied standen. Sie glänzten und sie funkelten, als hätte jemand sie tagelang geputzt. Doch sobald ich nach einem der Schuhe greifen wollte, entglitten sie meinen Fingern und huschten aus den Regalen.

Schlagartig erwache ich aus meinem Traum.

Heute ist Nikolaus.

Erstaunlicherweise geht mein erster Gedanke hin zu den Marzipankartoffeln, die ich so gerne hätte. Dann denke ich an das Ersatzteil für meine Eisenbahn. Ach – wäre es doch schön, beides in meinen Schuhen vorzufinden. Ich traue mich kaum, aufzustehen. Barfuß schleiche ich mich zum Hauseingang. Einen Moment halte ich inne, dann öffne ich die Tür.

Doch es ist, wie Jonas, Carla und Ferdinand gesagt hatten. Eine Mandarine, zwei kleine Täfelchen Milchschokolade, eine in jedem Schuh und eine Handvoll doofer Nüsse. Das ist die klägliche Gabe, die mir der Nikolaus brachte – eben passend zu meinen Schuhen. Bestimmt können sich Jonas, Carla und Ferdinand vor Süßigkeiten kaum retten.

Gerade will ich mich mit dem wenigen abfinden, dass mir gebracht wurde, als ich einen kleinen Zettel bemerke, der an der Sohle des linken Schuhs geheftet wurde. Auf den Zettel hat jemand in blauer Tinte das Wort Balkon geschrieben.

Ich trete hinaus auf den Balkon unserer Wohnung und mein Blick fällt gleich auf die nagelneuen beigefarbenen Boots mit dem weißen Pelzbesatz am Schaft. Ich erinnere mich, es sind jene Winterschuhe, die ich vor zwei Wochen in einem Schuhladen anprobieren durfte und so toll fand. Ich wollte aber nicht, dass Mama sie mir kaufte, weil sie doch so teuer waren und wir kein Geld dafür haben.

Da stehen sie nun, bis zum Rand vollgestopft mit Marzipankartoffeln. Und oben auf den Süßigkeiten liegt ein Ersatzteil, über das sich meine Lok besonders freuen wird.

Christian Gierend, Jahrgang 1965, verheiratet, Vater eines Sohnes, wohnhaft in Hürth bei Köln, von Beruf Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik. Hauptberuflich ist er seit vielen Jahren in einem Konzern für Elektrotechnik tätig. Schon während seiner Schulzeit kam er nicht daran vorbei, seiner schriftstellerischen Fantasie freien Lauf zu lassen. Seitdem verfasst er Kurzgeschichten zu verschiedenen Themen. Wenn er nicht gerade schreibt, treibt er gerne Sport oder geht mit seiner Familie und seinem Hund Kalle spazieren.

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