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Martin Kramer

Kommunikation sichtbar machen

Strukturen handelnd verstehen und aktiv mitgestalten

Print: 978-3-0355-1311-0

E-Book: 978-3-0355-1312-7

1. Auflage 2019

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com

Inhalt

Vorwort

Zur Nutzung des Buchs

Kapitel 1 Grundlegendes

1.1 Kommunikationsmodelle versus reale Kommunikation

1.2 Kommunikationsmodelle

1.3 Der Moment der Praxis

Kapitel 2 Wissenskonstruktionen

2.1 Konstruktionen

2.2 Unterschiedliche Empfänger, unterschiedliche Deutungen

2.3 Unterschiedliche Sender ergeben unterschiedliche Beobachtungen

Kapitel 3 Quadratur von Nachrichten

3.1 Äußerung und «Innerung»

3.2 Sach-, Beziehungs-, Selbstkundgabe- und Appellebene

3.3 Mit vier Ohren hören

3.4 Die freie Wahl des Empfängers – integrales Hören

3.5 Miteinander reden – quadratische Gespräche

Kapitel 4 Der erste Kontakt

4.1 Verbales Kennenlernen

4.2 Nonverbales Kennenlernen des Raums

4.3 Nonverbales Kennenlernen der Teilnehmenden

Kapitel 5 Werte- und Entwicklungsquadrat

5.1 Die Kunst zu streiten

5.2 «Herleitung» des Wertequadrats

5.3 Diskussionen in größeren Gruppen

Kapitel 6 Riemann-Thomann-Modell

6.1 Zwei Spezialfälle des dualen Denkens

6.2 Riemann-Thomann-Modell

6.3 Selbst- und Fremdwahrnehmung

6.4 Aufstellungsarbeit mit dem Modell von Riemann-Thomann

Kapitel 7 Inneres Team

7.1 Das Modell des Inneren Teams

7.2 Aufstellung des Inneren Teams

7.3 Theater trifft Kommunikationspsychologie: Das Innere Team wird lebendig

Literatur

Vorwort

Hätte ich doch bereits vor zwanzig Jahren mehr über die Eigenheiten menschlicher Kommunikation gewusst! Dass Liebe und Freiheit keine Gegensätze darstellen, sondern sich gegenseitig bedingen, dass der Mensch nach Nähe und Geborgenheit ebenso wie nach Distanz und Abgrenzung strebt und dass das Paradoxe, die Ambivalenz, der Normalfall ist. Dass mein Inneres demzufolge aus vielen Teilen besteht.

Ganz sicher wären in meinem Leben einige Dinge stimmiger verlaufen. Beziehungen, Freundschaften, Arbeitsverhältnisse – alle bestehen letztlich aus Kommunikationen, den Bausteinen des sozialen Miteinanders. Kommunikationen sind wichtige Elemente, sei es in persönlichen Beziehungen, in der Arbeits- und Berufswelt oder in der Schule.

Und doch reicht Wissen allein nicht: Man versteht viele Kommunikationsmodelle theoretisch und hat sie im Kopf, ohne dass etwas von diesem Reichtum in der alltäglichen Praxis angewendet wird. Das Wissen über Kommunikation muss vom Kopf in den Bauch, damit es lebendig werden kann. Es ist wie in der Musik: Das Wissen über die Harmonielehre macht noch keinen ergreifenden Song.

Der Weg vom Kopf in den Bauch, von der Theorie der Kommunikationspsychologie in die Praxis geschieht durch Handeln und Erleben. Das typische «Sitzen und Zuhören» in Seminaren muss nicht sein. Mit dem Einbeziehen der didaktischen Dimensionen von Körper und Raum werden die Modelle nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar.

Ich wünsche Ihnen viel Freude im Umgang mit der komplexesten und abenteuerlichsten Sache in der sozialen Welt: der Kommunikation.

Martin Kramer

Zur Nutzung des Buchs

Um sich in der Praxis zu üben, braucht es ein Gegenüber. So richtet sich das Buch an Gruppen beziehungsweise deren Leiterinnen und Leiter. Es möchte in der Arbeitswelt, in Kommunikationsseminaren, Schulklassen, Gruppen in freien Trägerschaften und Jugendgruppen dazu anregen und inspirieren, sich mit der Praxis der Kommunikation auseinanderzusetzen. In diesem Sinn könnte dieses Buch auch den Titel «Handlungs- und erlebnisorientierte Didaktik der Kommunikation» tragen.

Reihenfolge der Modelle

Wer ein Buch schreibt, muss sich für eine bestimmte Reihenfolge der Darstellung entscheiden. Im Fall der hier beschriebenen Modelle gibt es jedoch keine «richtige» oder «falsche» Anordnung. Die verschiedenen Modelle beziehen sich aufeinander und beleuchten Kommunikation aus unterschiedlichen Sichtweisen. Um im Bild der Sichtbarkeit von Kommunikation zu bleiben: Ob man Kommunikation zuerst im Licht des Wertequadrats, des Inneren Teams, der Quadratur von Nachrichten oder des Riemann-Thomann-Modells betrachtet, spielt keine große Rolle. Viel wichtiger ist es, dass die Modelle nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern hochgradig vernetzt sind. Wenn Sie beispielsweise mit dem Wertequadrat vertraut sind, sehen und verstehen Sie im Inneren Team das Auftauchen eines Gegenspielers besser. Mit jedem weiteren Modell steht Ihnen eine weitere Verständnisdimension zur Verfügung. Auch werden Sie weder mit den Modellen noch mit der Kommunikation an sich jemals «durch» oder «fertig» sein. Überhaupt erscheint mir höchst zweifelhaft, ob ein schrittweises Abarbeiten der Modelle es überhaupt ermöglicht, deren Tiefe zu verstehen. Stattdessen ist es sehr förderlich, wieder und wieder zu bereits vertrauten Modellen zurückzukehren, diese erneut zu hinterfragen – und damit zu spielen. Bitte vergessen Sie nicht: Spielen ist die effizienteste, lustvollste und nachhaltigste Art, Kommunikation zu verstehen und zu praktizieren.

Didaktische Zwischenbemerkungen

Die didaktischen Bemerkungen beleuchten Hintergründe und schaffen ein tieferes Verständnis. Die Leserin oder der Leser, der oder die sich einen schnellen Überblick verschaffen möchte beziehungsweise vorerst «nur» an konkreten Übungen interessiert ist, kann die didaktischen Zwischenbemerkungen bei der ersten Lektüre überspringen. Um sie besser zu erkennen, werden sie mit einem grauen Hintergrund – wie hier – gekennzeichnet.

Männliche und weibliche Schreibweise

Von einem systemisch-konstruktivistischen Standpunkt aus betrachtet, gibt es keine objektiv «richtige» oder «falsche» Äußerung, weder verbal, nonverbal oder wie in diesem Buch schriftlich. Dennoch gibt es, ganz im Sinn des oben erwähnten Wertequadrats, verschiedene Sichtweisen und Einstellungen, und Autor und Verlag müssen sich entscheiden. Das ist nicht einfach, vor allem, wenn es um ein Buch über Kommunikation geht: Die einen sagen, dass weder die Wurst noch der Käse etwas Weibliches oder Männliches an sich hat. Eine ehemalige Lektorin von mir störte sich an der Dopplung «Lehrerinnen und Lehrer». Sie wollte ebenfalls ein «richtiger» Lehrer sein und nicht extra mit der Endung «-innen» aufgeführt werden. Auf der anderen Seite gibt es Frauen, die sich bei der Bezeichnung «Schüler» oder «Lehrer» nicht angesprochen oder gar ausgegrenzt fühlen.

Als Theaterdidaktiker und Autor möchte ich in Rollen denken und aus einem grammatischen Geschlecht kein biologisches machen. Tatsächlich denke ich die weibliche Form auch nicht einfach mit, vielmehr habe ich, wenn ich «Leiter» schreibe, in meinem Kopf die Entscheidung für männlich oder weiblich noch gar nicht getroffen. Auf der anderen Seite möchte hep als führender Bildungsverlag der Schweiz verständlicherweise in der üblichen Bildungssprache publizieren.

Das Beispiel zeigt deutlich, dass man nie einfach «richtig» kommunizieren kann, dass die Freiheit des eigenen Ausdrucks und der eigenen subjektiven Empfindsamkeit einen ebenso hohen Wert darstellt, wie eine gemeinsame Sprache zu finden, die ein stimmiges Miteinander ermöglicht.

Mit dem Buch habe ich mich bewusst für den hep verlag entschieden, und so komme ich der Bitte nach, männliche und weibliche Schreibweisen oder Bezeichnungen, die geschlechtsneutral sind, zu verwenden. Sender, Empfänger, Hebamme, Aufsteller und Beobachter werden aus Gründen der Lesbarkeit als Fachbegriffe gesehen und beibehalten. Ich hoffe, dass alle Lesenden damit zufrieden sind. Aber wie immer ist das Geschriebene letztlich ein Machwerk des Empfängers.

Eine Bitte des Autors

Machen Sie es mit dem Buch wie mit dem aus Kommunikation bestehenden Leben. Machen Sie das, was Sie wirklich wollen, wo Ihre inneren Stimmen Sie hinführen: Verändern Sie, verwerfen Sie, experimentieren Sie und fügen Sie Dinge hinzu. Die Übungen wollen als Angebot verstanden werden, sie müssen nicht – ja sollen nicht – eins zu eins übernommen werden.

Kapitel 1 Grundlegendes

1.1 Kommunikationsmodelle versus reale Kommunikation

Allein geht es nicht

Es liegt in der Natur der Sache, dass es zur Kommunikation mindestens zwei braucht. Kommunikation ist eine Interaktion und lässt sich nicht im Sinn einer Handlung einer einzigen Person zuordnen, entsprechend ergibt es wenig Sinn, davon zu sprechen, dass jemand «gut kommunizieren» kann oder eine «gute Kommunikatorin» beziehungsweise ein «guter Kommunikator» ist – auch wenn das umgangssprachlich üblich ist. «Man kann nicht allein kommunizieren, handeln hingegen kann man alleine – das ist der Unterschied.»1

Es ist auch nicht möglich objektiv das «Richtige» oder das «Falsche» zu sagen, stets hat der Empfänger mitzureden. Natürlich trägt der Sender wesentlich dazu bei, ob ein Gespräch glückt oder für Verstimmung sorgt. Ebenso, wie der Empfänger etwas beiträgt.

Stimmige statt «richtige» Kommunikation

Sie drücken einen bestimmten Knopf auf der Fernbedienung, und der Fernseher spielt das gewünschte Programm. Falls das nicht funktioniert, haben Sie den falschen Knopf gedrückt, oder am Fernseher ist etwas kaputt und muss repariert oder ausgetauscht werden. So «funktioniert» technische Kommunikation.

Menschliche Kommunikation ist etwas völlig anderes. Hier entscheidet der Empfänger, was gesagt wurde.2 Die Botschaft ist ein Machwerk des Empfängers. Anders als bei der «technischen Kommunikation» ist der Empfänger nicht passiv empfangend, vielmehr konstruiert er die Wirklichkeit aus dem Gesagten aktiv.

Modelle und Landkarten

So einleuchtend und klar die Kommunikationsmodelle in den im Folgenden dargestellten Übungen erscheinen und so effektiv, wichtig und stark sie in der Anwendung sind: Sie sind mit Vorsicht zu genießen. Modelle sind nicht real. Man verwechsle daher nicht das Modell mit tatsächlicher Kommunikation: «Die Landkarte [das Kommunikationsmodell] ist nicht die Landschaft [Kommunikation], aber wenn die Landkarte in ihrer Struktur der Struktur der Landschaft ähnlich ist, ist sie brauchbar.»3 In der Realität gibt es kein Nachrichtenquadrat, kein Inneres Team, kein Riemann-Thomann-Modell und kein Wertequadrat. Menschen haben weder farbige Schnäbel noch vier Ohren. Wer es nicht glaubt, darf gerne nachschauen. Modelle sind «nur» Landkarten.

Aber wer keine Landkarte hat, verirrt sich leicht. So erscheinen Kommunikationsmodelle als hervorragende Landkarten für soziale Systeme beziehungsweise das gemeinsame Miteinander.

1.2 Kommunikationsmodelle

In diesem Abschnitt wird ein kurzer Überblick zu den hier behandelten Kommunikationsmodellen gegeben. Im jeweiligen Kapitel werden diese dann schrittweise beschrieben.

Konstruktivismus und Systemtheorie

Beide Theorien, der Konstruktivismus und die Systemtheorie, sind eng mit der Theorie der Kommunikation verknüpft und stellen die Hintergrundfolie aller Kommunikationsmodelle dar.

Der radikale Konstruktivismus besagt, dass wir die Dinge nicht direkt wahrnehmen können. Die Existenz der Welt wird dabei nicht geleugnet, nur gibt es keinen direkten Zugriff auf sie. Das gilt auch für das Empfangen einer Nachricht. Diese ist stets ein Konstrukt der Hörenden, ein Machwerk des Empfängers. Es gibt keine Schnittstelle zwischen Sendendem und Empfangendem. Noch mehr: «Die Übertragungsmetapher ist unbrauchbar, weil sie zu viel Ontologie impliziert. Sie suggeriert, dass der Absender etwas übergibt, was der Empfänger erhält. […] Die Mitteilung ist aber nichts weiter als ein Selektionsvorschlag, eine Anregung.»4 Alles, was im Gehirn passiert, ist stets eine Eigenleistung des Systems.


Die Systemtheorie besagt, dass es in sozialen Systemen unmöglich ist, eine Sache isoliert zu betrachten. Eine Äußerung isoliert und losgelöst von ihrem Kontext zu betrachten, ergibt keinen Sinn. Insbesondere kann Kommunikation, wie gesagt, als eine Handlung nicht einer einzigen Person zugeschrieben werden.

Das erfordert ein radikales Umdenken. Der Erfolg der Naturwissenschaft und Technik bestand in der Vergangenheit genau in dieser Abstraktion, in der isolierten Betrachtung. Die Biologie hat als erste Disziplin die Umwelt einbezogen. Ein Beispiel: Eine Katze hört auf, eine Katze zu sein, wenn sie isoliert im freien Weltraum untersucht wird. Hilfreich ist das Modell eines Mobiles (siehe Abbildung unten). Wenn ein Element entfernt, verrückt oder verändert wird, hat das Auswirkungen auf das ganze System. Im später behandelten Modell des Wertequadrats und bei äußeren und inneren Aufstellungsarbeiten ist die systemische Sichtweise offensichtlich.


Nachrichtenquadrat

Wenn wir miteinander in Kontakt treten, brauchen wir einen Draht zueinander. Eine Idee von Friedemann Schulz von Thun ist, dass der Draht aus vier Einzeldrähten besteht beziehungsweise der Querschnitt «quadratisch» ist. Jede Nachricht besteht demnach aus vier verschiedenen Botschaften. Eine Sach- und eine Beziehungsbotschaft, eine Selbstoffenbarung und einen Appell. Alle vier Botschaften sind gleichberechtigt zu einem Quadrat angeordnet.

Das angestrebte Ziel ist das integrale Hören einer Nachricht, also das Wahrnehmen aller vier Botschaften. Mit dem Nachrichtenquadrat hat Schulz von Thun die Denkweisen von Paul Watzlawick und Karl Bühler in einem einfachen Modell kombiniert.


Riemann-Thomann

Nach Riemann-Thomann5 gibt es vier Grundstrebungen in jedem Menschen. Je zwei davon stehen diametral zueinander. So strebt der Mensch einerseits nach Dauer und Sicherheit, andererseits nach Wechsel (senkrechte Achse). Weiter strebt er einerseits nach Nähe und Geborgenheit, andererseits nach Distanz und Abgrenzung (waagrechte Achse). Beide Paradoxien lassen sich mit entgegengesetzten Pfeilen als Achsenkreuz darstellen.

In der gängigen Literatur wird das Modell umgekehrt dargestellt als hier. Da das Streben nach Dauer an Wurzeln erinnert und das Streben nach Wechsel an Flügel, scheint mir aber eine an Wachstumsprozessen orientierte Anordnung in diesem Buch sinnvoll zu sein. Das Modell basiert auf dem Buch «Grundformen der Angst» von Fritz Riemann.


Werte- und Entwicklungsquadrat

Jedes Denken erzeugt eine Unterscheidung, so ist folgerichtig die kleinste Einheit des Denkens die Zweiheit. Das gilt auch für Werte. Jeder Wert hat stets einen Gegenwert, sonst würde er nicht existieren. So steht dem Wert «Freiheit» der Wert «Struktur» gegenüber, dem Wert «Sparsamkeit» entsprechend «Großzügigkeit».6 Jeder Wert lässt sich (aus der Sicht des Gegenwerts) entwerten. So wird aus «Sparsamkeit» «Geiz» und aus «Großzügigkeit» «Verschwendung». Die Entwertungen werden unter den Werten in einem Quadrat angeordnet.


Jeder Wert verkommt in der Reinheit zu seinem «Unwert». So führt Freiheit ohne einen Funken Struktur zu Chaos, ebenso wie Struktur in der völligen Abwesenheit von Freiheit zu Starre und Zwang verkommt. Beide Werte bedingen einander. Schulz von Thun spricht von einer Regenbogenqualität: Die reine Sonne lässt den Boden verdorren, ausschließlich Regen sorgt für Überschwemmung. Der Regenbogen entsteht nur dann, wenn beide Qualitäten gleichzeitig vorhanden sind.

Das Wertequadrat kann als Entwicklungsquadrat angewendet werden. Wer beispielsweise im Chaos lebt, liegt mit seiner Freiheit ja nicht «falsch». Es fehlt ihm «nur» an Struktur. Die Entwicklungsrichtungen verlaufen entsprechend im Quadrat diagonal von unten nach oben.

Inneres Team

Die Gesetzmäßigkeiten für beispielsweise eine äußere Teambildung, für Konfliktmanagement, Spannungsmanagement oder Koalitionen werden auf das eigene Innenleben übertragen. Die Persönlichkeit besteht in diesem Modell nicht aus einer Einheit, sondern aus verschiedenen Stimmen beziehungsweise Anteilen, die als unterschiedliche Charaktere sichtbar gemacht werden. Diese sollen als Team aufgestellt sein und sich nicht gegenseitig blockieren. Bei jeder Situation tritt ein gesondertes Inneres Team zusammen, viele Mitspielerinnen und Mitspieler sind jedoch immer wieder vertreten. Jeder Figur werden eine Rolle und eine Aussage zugeteilt. Wie bei einem realen Team gibt es ein Oberhaupt, das für Struktur sorgt und das gemeinsame Ziel im Blick behält.


Das «Innere Team» geht in dieser Form auf Friedemann Schulz von Thun zurück (2005).

1.3 Der Moment der Praxis

Kommunikationspsychologie – Theaterpädagogik

Geist und Körper. Das Potenzial beider Welten liegt in ihrer strukturellen Kopplung: Körperlich wird das ausgedrückt, was in der geistigen Welt geschieht. Die Folge ist eine Wirksamkeit, die keine der beiden Welten für sich alleine, abgetrennt von der anderen, erreichen könnte.

Theorie und Praxis – verstehen und handeln

Das handelnde Erleben, das Nachstellen von Modellen enthält einen doppelten didaktischen Sinn. Auf den ersten Blick scheint die Theorie in der Praxis angewendet zu werden. Zum Beispiel: Man stellt sich entsprechend den Ohren um das Nachrichtenquadrat auf (vgl. Abschnitt 3.3, S. 51 und 3.4, S. 54), das eigene Innere Team wird sichtbar und zum Leben erweckt, und man selbst wird zum Oberhaupt seines Inneren Teams. Die Modelle werden dabei im wahrsten Sinn des Worts begreifbar und anschaulich. Auf den zweiten Blick erzwingt das handelnde Erleben ein tieferes Verständnis. Papier kann sehr geduldig sein, aber die Praxis hat Fragen an die Theorie. Es ist ein vernetzendes Hin und Her zwischen Praxis und Theorie: Man spielt, man denkt nach und diskutiert, man macht etwas, und man reflektiert wieder. Ein Wechselspiel zwischen beiden Gehirnhälften ist die effektivste Form des Lernens überhaupt. In diesem Sinn sei ausdrücklich zum Spielen mit dem Modell aufgefordert. Dabei braucht man keine Angst vor Fehlern zu haben. Wer alles richtig machen will, tut sich schwer oder macht vielleicht gar nichts mehr. Das gilt ganz allgemein und im Besonderen für das Zwischenmenschliche – für die Kunst, einander stimmig zu begegnen und miteinander zu kommunizieren.

Der Körper ist schneller

Wir geben verbal, also mit Sprache, abstrakte Zisch- und Grunzlaute von uns und bezeichnen damit Gegenstände und Handlungen. Wir sind so sehr an diese Abstraktion gewöhnt, dass wir «Baum» sagen und dabei vergessen, dass wir, nur weil wir das Wort sagen, noch keinen realen Baum vor uns haben. Es ist dasselbe wie der Unterschied zwischen einer Speisekarte und dem realen Essen. Der Empfänger muss die Zisch- und Grunzlaute erst entschlüsseln und eine Bedeutung konstruieren. Das Verbale ist abstrakt und distanziert und – sehr langsam.

Der Körper spricht hingegen unmittelbar und direkt. So ist und wirkt eine Berührung unmittelbar. Wer eine Kampfsportart beherrscht, weiß um die Geschwindigkeit des Körpers. Noch bevor der Geist den Angriff wahrgenommen hat, hat der Körper bereits reagiert.

Stärken und Gefahren von theatralen Methoden

Handeln wirkt tiefer und nachhaltiger, als wenn «nur» geredet wird. Die Stärke der handlungsorientierten Didaktik entsteht unter anderem dadurch, dass Handeln stets zu einer Entscheidung zwingt. Theatrale Methoden sind dadurch mächtiger als Worte, aber nicht automatisch «besser». Auf der Bühne jemanden bloßzustellen, ist schlimmer, als wenn es «nur» unter vier Augen geschieht.

Auch wenn Spielfreude und Bewegung normalerweise ein lustvolles und herzliches Miteinander ermöglichen, kann es sein, dass einzelne Übungen jemandem zu nahe gehen. Bitte beachten Sie: Kommunikation ist ein Spiel mit dem Feuer. Wir alle benötigen eine soziale Struktur, ein soziales Umfeld, um uns in der Welt zurechtzufinden. Wer sich mit Kommunikation auseinandersetzt, der setzt sich auch mit den sozialen Beziehungen auseinander. Daher mag jede und jeder Teilnehmende auf zwei Dinge achten: einerseits auf die Gruppe, andererseits auf sich selbst. Wem eine Übung zu nahe geht, der möge sich daraus unauffällig zurückziehen.

Die Bühne als Schutzraum

Bei aller Ernsthaftigkeit wird in den Übungen auch viel gelacht. Wichtig ist, dass die Teilnehmenden wissen, dass sie sich auf einer Bühne befinden, wo sie sich in einer bestimmten Rolle erleben und ausleben können, dürfen und sollen. Die Bühne wird zum Schutzraum, zum Spiel- und Experimentierfeld.

Um den Schutzraum zu verdeutlichen und vom «normalen Leben» abzugrenzen, können «materielle Zitate» (vgl. Kapitel 7.3, S. 126 f.) helfen. Das sind Gegenstände (Schal, Taschentuch, Stift, Schere, Computermaus und so weiter), die eine Verkleidung ersetzen. Die Teilnehmenden schlüpfen so in eine bestimmte Rolle und legen diese Rolle nach dem Spiel zusammen mit dem «Zitat» wieder ab.

Langsamer ist besser

Die Kunst einer stimmigen Kommunikation besteht nicht darin, bei seinem Gegenüber auf bestimmte «Knöpfchen» zu drücken und ihn damit zu manipulieren. Wer das tut, reduziert sein Gegenüber auf eine triviale Maschine7. Das erscheint erschreckend, dennoch wird mit diesem Menschenbild in der Wirtschaft ganz alltäglich gearbeitet, speziell in der Werbebranche.

Im vorliegenden Werk geht es um Persönlichkeitsentwicklung. Es geht darum, sich selbst und die anderen besser verstehen zu lernen. Und das braucht Zeit und darf auch Zeit brauchen. Es geht um das Spiel des Lebens – das Spiel mit der Umwelt und mit sich selbst. Langsamer ist besser.

Weniger ist mehr

In meinen Kursen und Vorlesungen höre ich häufig, dass das Nachrichtenquadrat bereits bekannt ist, und die Teilnehmenden würden lieber etwas Neues erfahren. Doch schon bei der ersten Anwendung, etwa bei der Nachfrage, welche Schnäbel sich gerade geäußert haben (Sach-, Beziehungs-, Appell- oder Selbstkundgabeschnabel), herrscht Unklarheit. So schreibt Friedemann Schulz von Thun, der Konstrukteur des Nachrichtenquadrats: «Während sich der Fortschritt der gedanklichen Einsichten in Siebenmeilenstiefeln vollzieht, folgen die Gefühle und das Verhalten noch dem alten Trott und kommen nur im Schneckentempo, Millimeter für Millimeter, hinterher. Und so sind viele Lernziele […] im Wesentlichen nur durch Selbsterfahrung und Verhaltenstraining erreichbar.»8 Es scheint, dass im Moment der Praxis das Wissen um Kommunikation nicht zur Verfügung steht. Es ist wie mit der Musik: Eine Tonleiter ist schnell gelernt, aber damit zu improvisieren beziehungsweise die Töne stimmig anzuwenden, fällt schwer.

Falls Sie Kursleiterin oder -leiter sind: Passen Sie bei der Planung eines Kurses auf, dass sie diesen nicht mit Inhalten überfüllen. Weniger ist mehr. Der «Stoff» in diesem Buch reicht für mehrere mehrtägige Seminare.

Doppelte Durchführung der Übungen

Die meisten Übungen sollten mindestens zweimal durchgeführt werden. Das hat einen tieferen Grund: Um ein Muster zu erkennen, braucht man mindestens zwei oder drei Beispiele. Einmal ist in diesem Fall keinmal. Für Maschinen ergibt eine Wiederholung keinen Sinn. Zweimaliges Speichern erzeugt keine höhere Datendichte und keine erweiterte Sicherheit. Die zweite Speicherung überschreibt einfach die erste. Bewusstseinssysteme hingegen brauchen mehrere Beispiele, um eine Regelmäßigkeit zu erkennen. Eine Übung noch einmal mit einer anderen Person durchzuführen, bedeutet nicht, dass es beim ersten Mal nicht geklappt hat und man jetzt noch mal ranmuss, etwa im Sinn einer maschinellen Produktion. Nein, der menschliche Geist braucht weitere Beispiele, um zu wachsen, um Strukturen zu erkennen und diese auszubilden. Ohne Wiederholungen gibt es keine Muster, keine Struktur, und ohne Muster und Struktur wird es schwierig, Wissen aufzubauen und auszubilden.

Wenn eine Übung ein zweites Mal durchgeführt wird, so wirkt es nur für einen äußeren Beobachter als Wiederholung – für das erlebende Subjekt läuft intern nie das Gleiche ab, weil seine Wahrnehmung und damit es selbst sich geändert hat. Menschen können sich erinnern, sie können ihre Perspektive verändern – Maschinen nicht. Haben Sie also keine Angst vor Wiederholungen.

Gruppeneinteilung und «Wir-Gefühl»

Fast alle hier beschriebenen Übungen finden in Gruppen statt. Für das entstehende «Wir-Gefühl» der Gruppe ist es hilfreich, wenn immer die Teilnehmenden zusammenarbeiten, die sich am wenigsten kennen. Die Aufforderung könnte etwa so lauten: «Bildet bitte Gruppen mit Leuten, die ihr noch möglichst wenig kennt. Zieht bitte bewusst in die Fremde!» Diese Aufforderung lässt den Teilnehmenden die Wahlfreiheit und hat zugleich viele Vorteile:

•«Gleich und Gleich gesellt sich gern!» Der Mensch strebt nach Sicherheit und nach Nähe. Das ist menschlich, begünstigt in einem Kurs jedoch eine Grüppchenbildung. Wenn nach Unvertrautem statt Vertrautem gesucht wird, entstehen neue Gruppen.

•Stellt man sich die Gruppe als die Summe einzelner Pflanzen (Teilnehmende) vor, so sind manche von Beginn an schon recht eng zusammengewachsen (etwa ein Ehepaar), andere sind hingegen noch isoliert. Möchte man, dass die gesamte Gruppe zusammenwächst, ist es eine effektive Strategie, wenn immer die Pflanzen zueinander finden, die bisher am wenigsten miteinander zu tun hatten. Auf diese Weise entsteht in der Gruppe schnell ein «Wir-Gefühl».

Kommunikation schafft die Fäden und die Vernetzung zwischen den Teilnehmenden. Als Leiterin oder Leiter können Sie die Kommunikationsstruktur im Kurs mitgestalten. Zwar können Sie ein «Wir-Gefühl» nicht erzwingen, jedoch günstige Bedingungen dafür schaffen.

•Im Heimatgebiet (vgl. Kapitel 6.4, S. 108) fühlt man sich geborgen und sicher, aber meist lernt man mehr in der Fremde. «Reisen bildet», und zwar durch die Erfahrung mit fremdem Gedankengut. In einem Kurs oder einem Workshop bedeutet das für alle Teilnehmenden eine Erfahrung mit anderen Bewusstseinssystemen.

•Der Mensch ist ein Subjekt. Grundlegend für jegliche Kommunikation beziehungsweise deren Modelle ist die Subjektivität: Jeder Mensch ist anders, denkt anders und erlebt anders. Dieselbe Äußerung kann auf verschiedene Menschen völlig anders wirken, weil jede Person einen anderen Hintergrund hat, anders denkt und andere Erfahrungen gemacht hat.

•Um Strukturen zu erkennen, bedarf es mehrerer Beispiele (vgl. «Doppelte Durchführung der Übungen», S. 18). Wer immer mit denselben Personen zusammenarbeitet, der kann schwerlich erkennen, was individuell und persönlich ist und was von allgemeiner Natur ist. Wer nur mit einem Menschen zusammenarbeitet, der kann auch nur aus den mit diesem Menschen gemachten Erfahrungen seine Wirklichkeit konstruieren. Mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern kann mehr «Datenmaterial» gesammelt werden, um Wissen und Strukturen aufzubauen.

Leitungsrolle

Behalten Sie als Leiterin oder Leiter stets die Gruppe im Blick und bleiben Sie bei den Übungen außen vor. Sie sind Leiterin oder Leiter und nehmen nicht direkt teil an der Übung. Nur so können Sie von außen intervenieren. Achten Sie auf die Dynamik im Raum. Die Gruppe kann (als System) ihr eigenes Handeln und Erleben nicht von außen beurteilen. Sie hält häufig nur den unmittelbaren Moment für sehr wichtig, hat wenig Gespür für zeitliche Abläufe und verliert sich gerne in Einzelheiten. Wenn Sie als Spielleiterin oder Spielleiter nicht auf das gesamte Seminar blicken, tut es niemand. So wird nach Ablauf eines erfolgreichen Lehrgangs von der Gruppe häufig die Besonderheit der Teilnehmenden betont. Hingegen werden Ihre Klarheit als Leiterin oder Leiter und Ihr strukturelles Handeln eher nicht wahrgenommen. Last but not least: Es ist leichter, zu zweit eine Gruppe anzuleiten. Als alleinige Leiterin oder alleiniger Leiter stehen Sie (in Ihrer Rolle) auch allein da.

Kapitel 2 Wissenskonstruktionen

Allgemein betrachte ich Kommunikation nun anders und frage mich ständig: Was will diese Person mir nun sagen? Interpretiere ich vielleicht zu viel in die Aussagen hinein?

2.1 Konstruktionen

Was sehen Sie?


Was denken Sie?

Interessant. Unser Gehirn fängt automatisch an, einen Zusammenhang zu suchen.9 Was hat ein Salzstreuer mit einem Klebstoff zu tun? Muss der Salzstreuer repariert werden, sitzt der Deckel nicht richtig? Kann aus Klebstoff und Salz ein noch besserer Klebstoff hergestellt werden? Ist Salz selbst eine Art Kleber, vielleicht ein schlechter, aber dennoch verwendbar für bestimmte Zwecke? Und so weiter.

Sie können nicht anders: Sie denken automatisch (lateinisch automatus: «freiwillig, aus eigenem Antrieb handelnd»; griechisch αUTόμαTOς automatos: «von selbst geschehend»), auch wenn es für die Vermittlung von Wissen äußerst geschickt wäre, wenn man als Geschäftsführer, Abteilungsleiterin, Redner oder Lehrerin bestimmen könnte, was der Empfänger denken sollte. Aber: Ich kann Ihnen nicht befehlen, was Sie denken sollen. Das entscheiden Sie beziehungsweise Ihr Bewusstseinssystem. Das Gehirn ist ein autonomer Datengenerator10 und keine Maschine, die Daten nach einem vorhersehbaren Schema bearbeitet.

Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihre Gedanken im Augenblick etwas mit einem Salzstreuer, einem Klebstoff, diesem Text oder mit dessen Autor zu tun haben. Als Autor kann ich eine Richtung vorgeben, ich kann den Fokus auf bestimmte Dinge legen und Ihre Aufmerksamkeit lenken. Es braucht lediglich eine Bühne, um das Gehirn arbeiten oder etwas konstruieren zu lassen. Hier ist die Bühne diese Buchseite.

Übung 1: Verschiedene Konstruktionen

Zeigen Sie das Bild mit dem Salz Ihrem Partner, Ihrem Kind, Ihrer Nachbarin: Jedes Mal werden Sie eine andere Konstruktion erhalten. Als ich (als Sender) das Bild gemacht habe, suchte ich in meiner Wohnung zwei Gegenstände, die nichts miteinander zu tun haben sollten. Das war für Sie höchstwahrscheinlich nicht vorhersehbar.

Es gibt keine Schnittstelle zwischen Sender und Empfängerin

Es gibt keine direkte Schnittstelle zwischen Mensch und Mensch. Vielmehr muss der Empfänger aus dem vom Sender angebotenen Material (verbal und nonverbal) die eigene Wirklichkeit konstruieren. Es gilt die auf den ersten Blick paradoxe Aussage der Kommunikationspsychologie:

Der Empfänger entscheidet, was gesagt wurde.


Aber der Empfänger ist nur ein Teil der Kommunikation. Es kommt natürlich darauf an, was der Sender an Material anbietet, aus dem sich der Empfänger die persönliche subjektive Wirklichkeit aufbaut. Somit gilt auch:

Der Sender beeinflusst, worüber der Empfänger nachdenkt.

Aber diese «Beeinflussung» ist sehr individuell. Der Empfänger kann Dinge komplett übersehen, andere aber hinzufügen. In der kommunikativen Praxis werden Dinge vergrößert und verkleinert. Die Skizze oben ist demnach nicht ganz richtig, der Empfänger puzzelt dort «nur» die Bauteile des Senders zusammen. Es ist aber so, dass der Empfänger die ganze persönliche Vergangenheit für die Konstruktion nutzt und benutzt. Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, er kann sich «erinnern». Diese Erinnerungen sind grundlegend für künftige Konstruktionen und das persönliche Kommunikationsverhalten.

2.2 Unterschiedliche Empfänger, unterschiedliche Deutungen

Obwohl es in der Theorie klar ist, dass «der Empfänger entscheidet», überrascht die Praxis häufig. Ich bin mir sicher, dass Vorträge, Vorlesungen und der ganze Unterricht anders verlaufen würden, wenn der Sender Einblick in die Gehirne des Publikums beziehungsweise in deren Konstruktionen hätte.11

Übung 2: Die Macht des Empfängers

Ein leerer Tisch (Bühne) wird an einen zentralen Ort geschoben, sodass alle Zuschauenden freie Sicht haben. Die Leiterin oder der Leiter legt einen Gegenstand, zum Beispiel ein Stück Papier, auf den Tisch. Automatisch beginnt das Gehirn zu konstruieren.

Es wird nicht gesprochen. Wer einen Gedanken hat, verschränkt die Arme. Wenn alle Arme verschränkt sind, dürfen die Teilnehmenden sich äußern.


Es gibt die unterschiedlichsten Konstruktionen:

•Ich muss noch das Altpapier rausbringen.

•Ist das ein Brief?

•Wem gehört es?

•Jetzt wird etwas darauf geschrieben.

•Machen wir jetzt eine Faltübung?

•Das ist ein Rechteck.

•Das Papier liegt nicht in der Mitte des Tischs.

•Warum wird hier kein Umweltschutzpapier verwendet?

•Ein leeres Blatt.

•Ein unbeschriebenes Blatt.

•Steht auf der Rückseite etwas drauf?

•Das ist der Beginn einer Symmetrieübung. Mit einer Schere werden Formen hineingeschnitten und anschließend aufgefaltet.

•Weiße Farbe.

•Das ist ein DIN-A6-Postkartenformat.

Und so weiter.

Sehr interessant. Die (nonverbale) Äußerung bestand lediglich aus dem Hinlegen eines Stücks Papier. Der Sender hat sich vielleicht gar nichts dabei gedacht, und trotzdem wird alles Mögliche – je nach Vorerfahrung des Empfängers – konstruiert. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass der Sender bei vielen Antworten recht irritiert darüber ist, was man alles aus der Äußerung herauslesen kann. Man stelle sich eine Lehrperson vor, deren Klasse die Aussage interpretiert. Es wundert nicht, wenn diese mit den Worten «Das habe ich nicht gesagt!» oder «Ich habe doch ganz klar gesagt, dass …» reagiert. Tatsächlich ist eine Äußerung alles andere als klar. Auch wenn die Lehrperson sich klar ausdrücken kann: Kommunikation geschieht zwischen Lehrperson, und Lernenden und Letztere haben die Macht der Deutung.

Übung 3: Beziehungen zwischen den Dingen

Sie können einen Schritt weitergehen und ein bestimmtes Denken aufzwingen beziehungsweise diktieren: Etwa «schreiben», «schneiden» oder «anzünden»:




Didaktisch eine wunderbare Sache: Die meisten Zuschauenden denken jetzt ähnlich. Die Assoziation mit dem Papier ist vom Kontext, seiner Umgebung, abhängig. Und doch denken immer noch nicht alle das Gleiche. Es gibt zwei Gründe für die Unterschiedlichkeit der Konstruktionen.

Erster Grund: Uneindeutigkeit der Assoziation durch Vorerfahrung

Der Mensch ist keine triviale Maschine. Es kommt auf die Vorerfahrung der Person an. In den obigen Beispielen herrscht weitgehend Einigkeit, weil Sie als Leserin oder Leser in einem Kulturkreis aufgewachsen sind, in dem Sie unzählige Male gesehen haben, dass man mit einem Stift schreiben, mit einer Schere schneiden und mit Streichhölzern ein Papier anbrennen kann. Die Bilder docken unmittelbar an Ihre Erfahrung und Umwelt an. Wenn diese Übung mit Marsmenschen gemacht würde, kämen diese bei Papier und Bleistift wahrscheinlich auf ganz andere Gedanken. Was für Assoziationen oder Gedanken entstehen, hängt entscheidend vom Kulturkreis und der sozialen Prägung ab.

Legt die Leiterin oder der Leiter weitere Gegenstände hinzu, ist die Sache weniger eindeutig.


Die Gegenstände «er-innern»12 mich an den Modellbau mit meinem Sohn. Mit der Schere werden Hölzchen in einen Flugzeugrumpf an- und eingepasst und mit Papier anschließend verstärkt. Ich bin mir sicher, dass Sie nicht an das Einpassen eines Hölzchens in einen Flugzeugrumpf gedacht haben – das ist eine zu spezifische Erfahrung. Irgendetwas mit «Basteln» werden Sie vielleicht gedacht haben, und je nachdem, was Sie beim Basteln erlebt haben, ist Ihre Assoziation mit positiven oder negativen Gefühlen besetzt.

Das Gehirn konstruiert aus vorhandenem Wissen und persönlichen Erlebnissen zusammen mit dem vorgelegten Material eine Bedeutung.

Zweiter Grund: Unser Gehirn versucht zu vereinfachen.

Was sehen Sie hier? Was denken Sie?


Die Suche nach einer Struktur ist immer auch die Suche nach einer Vereinfachung. Einfachheit kommt vor Komplexität. Aus der scheinbar willkürlichen Anordnung vieler Dinge ist ein Chaos entstanden. Ab einer bestimmten Anzahl von Elementen beginnen wir abzuzählen. So erfassen wir eine Anzahl von vier Dingen mit einem Blick, ab fünf zählen wir nach. Auf diese Weise werden bei Strichlisten meist Fünferpäckchen zusammengefasst. Statt schreiben wir . So beginnt die Vereinfachung des «Chaos» ungefähr ab fünf Objekten, das heisst, spätestens mit dem fünften Gegenstand verliert der einzelne an Bedeutung. Das bedeutet: Wenn Sie Wert auf die einzelnen Dinge legen, etwa bei der Gliederung eines Vortrags, dann sollten Sie sich auf vier beschränken.

2.3 Unterschiedliche Sender ergeben unterschiedliche Beobachtungen

Jede Äußerung stammt von einem Beobachter und ist somit subjektiv.13 Jeder Sender ist immer ein Beobachter.

Man könnte grundsätzlich den Eindruck erhalten, dass der Sender sich prinzipiell klar ausdrücken kann, dass eine Art objektive Beschreibung geäußert wird. Aber auch diese Äußerung, die auf der individuellen Wahrnehmung basiert, ist letzten Endes ein Konstrukt der persönlichen Erfahrung und der Umwelt, was die folgende Übung eindrucksvoll zeigt.

Übung 4: Sender erklärt blinder Person die Welt

1. Vorbereitung

Diese Übung lässt sich ab einer Gruppengröße von zirka acht Teilnehmenden durchführen. Es wird ein für die Teilnehmenden unbekannter Ort gewählt. Das kann ein Museum, eine Kirche, ein bestimmter Raum, eine Seitenstraße, eine Waldlichtung oder eine Kunstsammlung sein. Die Teilnehmenden gehen paarweise zusammen und einigen sich, wer Sender und wer Empfänger ist. Dem Empfänger werden vor der Begehung die Augen verbunden.


Das Ausschalten von Sinnesorganen bedeutet für den Empfänger immer auch einen Kontrollverlust. Die Person muss der anderen «blind» vertrauen. Da das Gehirn stets lernt, lernt es auch, dass man enttäuscht werden kann, wenn man vertraut. Daher ist es wichtig, dass sich die Sender ihrer Fürsorgepflicht bewusst sind. Wenn das Bewusstsein für Verantwortung in der Gruppe noch nicht ausgeprägt ist, ist diese Übung nicht zu empfehlen.

Anschließend wird die Gruppe zu einem für sie unbekannten Ort geführt.


Ergänzung

Wird der Weg schweigend zurückgelegt, ist die anschließende Übung wertvoller. Dabei reicht es, wenn die sehenden Sender nicht sprechen dürfen. Die Kommunikation «erstirbt» automatisch, wenn der Sender sich gegenüber der Blinden oder dem Blinden weder verbal noch nonverbal äußern kann.

Das Schweigen kann durch ein Spiel beziehungsweise ein Rätsel «erzwungen» werden: Auf ein Zeichen der Führungsperson suchen sich die sendenden Personen einen neuen Empfänger. Dieser wird dann zu dem unbekannten Ort geführt. Aufgabe des Empfängers ist es, auf dem Weg herauszufinden, von wem er geführt wird. Die führende Person «kann» jetzt nicht mehr sprechen, weil sie sich sonst verrät.

Beim Ankommen muss der Sender die Identität nicht preisgeben. Es ist interessanter, wenn die Person unerkannt bleibt. Es gibt noch einen weiteren Grund, die Sache zumindest nicht sofort aufzulösen: Die Konzentration beziehungsweise die Stille bleibt beim Ankommen erhalten.

2. Verschiedene Sender äußern sich

Ist das Ziel erreicht, bleiben die Blinden stehen. Die Sender wechseln ihre Plätze, sodass jeder ein neues Gegenüber erhält. Jetzt wird der unbekannte Ort begangen und beschrieben. Jeder Sender beschreibt der blinden Person den Ort so gut wie möglich. Nach zirka drei bis vier Minuten suchen sich die Sender einen neuen Empfänger. Der Wechsel kann – muss aber nicht – von der Gruppenleitung getaktet werden.

Insgesamt wird mindestens dreimal gewechselt, sodass jeder Empfänger am Schluss drei verschiedene Darstellungen derselben Realität erhalten hat. Die Beschreibungen sind häufig grundlegend verschieden. Was der einen Person sehr wichtig ist, lässt die andere komplett aus, manche versuchen, «alles» zu beschreiben beziehungsweise eine Übersicht zu geben, andere gehen exemplarisch vor und beschreiben «nur» ein Detail. Die einen beschreiben sachlich nüchtern (zirka zwölf Meter hoch, die Säule hat einen Durchmesser von zirka vierzig Zentimetern; Bänke sind aus hellbraunem Holz und so weiter), die anderen arbeiten mit emotionalen Bildern («es wirkt mystisch», «beängstigend», «es könnte eine Szene aus Herr der Ringe sein» …).


3. Rollenwechsel

Anschließend führt die Gruppenleitung alle zu einem neuen Besichtigungsort. Auf halbem Weg werden die Rollen von Sender und Empfänger getauscht, und die Übung findet an einem neuen Ort ein zweites Mal mit vertauschten Rollen statt.

4. Die Fantasie retten?

Die Blinden können im Anschluss den jeweiligen Ort sehend aufsuchen. Die Gruppenleitung achtet darauf, dass die erste sehende Begegnung nicht zu lange diskutiert wird. Eine schweigende Begehung besitzt eine magische Wirkung. Auch leises Flüstern drängt den Teilnehmenden Gedanken auf, egal wie leise gesprochen wird. Sobald es gehört wird, ist es beim Empfänger im Kopf. Nach ein bis zwei Minuten kann das Schweigen gebrochen werden.

Wohlgemerkt, die Teilnehmenden «können» den Ort sehend aufsuchen, sie «müssen» aber nicht. Für die, die nicht hingehen, bleibt das Geheimnis bestehen. Viele erleben die «Auflösung» als Enttäuschung, da sie blind ein viel «wertvolleres Bild» in sich hatten. Man wird ein bisschen an den kleinen Prinzen erinnert: «[…] das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»

Systeme sind nicht additiv

Das sehende Begehen ist ein bisschen so, wie wenn man ein Buch liest und hinterher den Film dazu schaut. Der Film nimmt einem die Fantasie. Dass jedes Hinzufügen auch gleichzeitig etwas nimmt, bleibt häufig unerkannt. Man kann nicht einfach etwas hinzufügen und gleichzeitig mehr haben.

Ein Beispiel: Seit der Entwicklung der digitalen Kamera braucht es keine Entwicklung der Filme mehr. Man hat die Aufnahme auf dem Bildschirm unmittelbar vor sich. Früher brauchte es einige Tage, bis man die Urlaubsfotos betrachten konnte. Es wurde viel weniger fotografiert, das einzelne Bild ging nicht in der Masse unter. So wird der Gewinn mit der Vorfreude und der Entwertung des einzelnen Bilds bezahlt. Den Ort sehend zu begehen, wird mit der eigenen Fantasie und dem Geheimnis bezahlt.

Die technische Entwicklung soll hier nicht negativ erscheinen. Es soll lediglich gezeigt werden, dass man nicht einfach eine Sache durch eine «bessere» ersetzen kann. Es ist nicht möglich, etwas hinzufügen, ohne etwas fortzunehmen. Es gibt prinzipiell (!) keinen Fortschritt, ohne dass auch etwas verloren geht. Alles hat seinen Preis: Der Internethandel geht auf Kosten des Einzelhandels. Man kann nicht erwachsen werden und dabei Kind bleiben, sonst wird kindlich zu kindisch.14 Fortschritt ist keine «Besserung», Fortschritt bedeutet nur, dass etwas weitergeht, nicht dass etwas besser wird. Einem System kann man nicht additiv etwas hinzufügen, ohne dass sich das ganze System ändert. Die Erfindung der modernen Kommunikationssysteme beziehungsweise deren Geschwindigkeit (mobiles Telefon, E-Mail) mag auf den ersten Blick eine Bereicherung sein. Gleichzeitig haben sich damit aber auch Werte verändert: «Zuverlässigkeit» ist häufig durch «Erreichbarkeit» ersetzt worden. Auch wenn moderne Bildtelefone und Konferenzschaltungen einen raschen Austausch ermöglichen: Nicht alles passt durch die Schnittstellen der technischen Apparate. Viel Unsichtbares bleibt auf der «Strecke». Ein Beispiel: Es ist nicht möglich, dass ein Orchester über solche Schnittstellen gemeinsam musiziert. Wenn jeder vom anderen isoliert in einem Raum sitzt, kommt es schwerlich zu Resonanz. Es scheint so, aber die stillschweigende Annahme, dass alles durch das «Kabel» passt, ist ein technischer Irrglaube.15

Erweiterungen und konstruktivistischer Hintergrund

Höhlengleichnis (Erweiterung von Übung 4 nach Schritt 3)

Die Blinden setzen sich zusammen und tauschen sich darüber aus, wie der Ort «wirklich» ausgesehen hat – ohne ihn zuvor gesehen zu haben. Sie können sich die Vorstellungen mit verschiedenen Methoden gegenseitig veranschaulichen (ein Modell des Orts nachbauen, Bilder zeichnen und so weiter). Die Sehenden sitzen schweigend außerhalb und hören sich die Konstruktionen an.


Mit dieser Übung steigt man in Platons Höhle hinab.16 Man kann die Parallelität zum Gleichnis noch weiter steigern, indem sich eine Sehende oder ein Sehender nach einiger Zeit an der Diskussionsrunde beteiligt. Auch bei dieser Übung muss anschließend keine Auflösung stattfinden. Alle in der Gruppe mögen für sich entscheiden, ob sie den Ort sehen möchten. Die Entscheidung bleibt beim Einzelnen.

Mitunter kommt es bei den Blinden zu einer höchst ungewöhnlichen «Sichtweise»: Wenn Sie den Ort jetzt sehen würden, dann würden sie ja auch nicht alles wahrnehmen, sondern den Ort lediglich mit einem weiteren Sinnesorgan erkunden. Es handelt sich somit nur um eine scheinbare Auflösung – eine Begegnung mit dem platonischen Denken.

Kunstaustellung der Blinden (Erweiterung von Übung 4 nach Schritt 3)

Alle Blinden zeichnen oder malen ein Bild von dem Ort, den sie besucht haben. Hinterher werden die Werke in einem Raum ausgestellt. Diese Übung kann mit dem Höhlengleichnis verbunden werden.

Kostenpflichtiger Eintritt

Der Besuch des unbekannten Orts darf gerne auch Eintritt kosten. Sobald es etwas kostet, kommen interessante Fragen auf: «Warum soll ich etwas zahlen, wenn ich von den Kunstobjekten gar nichts sehe?» Um Fragen dieser Art zu provozieren, reichen schon wenige Cent: Der Museumsbesuch scheint durch den Gebrauch des Sehsinns wertvoller als ohne zu sein, oder doch nicht? Plötzlich geht es um Werte. Viele Teilnehmende empfinden die unbekannten Orte in der Rolle des blinden Empfängers interessanter als in der Rolle des Senders.

Beachtenswert ist der Aspekt, dass man «mehr sieht, wenn man mehr weiß». Wenn wir in eine Ausstellung gehen und bereits thematische Vorkenntnisse haben, haben wir meist das Gefühl, mehr davon zu haben.

Konstruktivistischer Hintergrund

Die Welt ist unendlich komplex. Der Sender beziehungsweise der Sehende beobachtet, das heißt, er trifft Unterscheidungen und erschafft daraus Informationen. Natürlich hat die Welt etwas mit den Gedanken des Beobachters zu tun, allerdings «sieht», «hört», «fühlt», «schmeckt» und «riecht» jede und jeder etwas anderes: Jede einzelne Person erschafft sich aus dem unendlichen Potenzial der Welt ihre eigene private Wirklichkeit.17


Information existiert demnach gar nicht in der Welt, sondern nur in einem Bewusstseinssystem. Ein Beobachter kann nur einen Teil der Information mitteilen. Mit allem, was er sagt, wird etwas auch nicht gesagt. Er entscheidet, was in die Mitteilung (in die Kommunikation) kommt und was nicht. Es ist also nicht nur so, dass jeder Sehende etwas anderes wahrgenommen hat, sondern auch derselbe Beobachter kann unterschiedlichen Blinden etwas anderes erzählen.


Kapitel 3 Quadratur von Nachrichten

Man glaubt, dass man die Kommunikationsmodelle kennt, bis man sie erlebt hat und an der eigenen Wirklichkeit rütteln muss.

Mit den Schülern habe ich die Übung mit dem Stehen im Quadrat gemacht, sie haben das Modell auch in der Pädagogik/Psychologie behandelt, hatten es aber nicht verstanden. Ich habe es gebraucht zur Analyse eines Gesprächsverhaltens im Drama – ohne es selbst zu verstehen und zu erleben, ergaben diese Inhalte gar keinen Sinn.

3.1 Äußerung und «Innerung»

Es gibt keine direkte Schnittstelle zwischen Mensch und Mensch (vgl. Kapitel 1, S. 22). Wir können unsere Gedanken unserem Gegenüber nicht direkt überspielen.


Unser Bewusstsein liegt nicht frei, sondern ist von «Wänden» umgeben. Gäbe es diese Wände nicht, so wäre Kommunikation (so wie wir sie kennen) überflüssig. Ein Austausch untereinander wäre nicht nötig, weil bereits alles ausgetauscht wäre. Aufgrund der Trennung zu unseren Mitmenschen gibt es ein Innen und ein Außen.


Es ist eine im Grund sehr banale Sache. Und trotzdem wird die Wand häufig nicht wahrgenommen, vielleicht, weil sie unsichtbar ist. Einige Beispiele:

•Wir «vergessen» häufig, dass wir der einzige Mensch sind, den wir nicht direkt sehen können. Trotzdem haben wir das Gefühl, die Situationen in Gesprächen objektiv einschätzen zu können, obwohl wir nur unser Gegenüber sehen, nicht uns selbst und auch nicht die Interaktion an sich.

•Jede Äußerung findet in einem Kontext (in der Umwelt) statt. Wir «vergessen» die Umgebung oft beziehungsweise lassen sie aus ökonomischen Gründen weg. Wir gehen häufig stillschweigend davon aus, dass unsere Gesprächspartnerinnen und -partner dieselbe Umweltvorstellung besitzen. «Ich würde gerne mit dir spazieren gehen!» hängt in der Wirkung, die beim Gegenüber ausgelöst wird, sehr stark von der Umwelt ab: Ist es mitten in der Nacht, regnet es in Strömen, befinden wir uns in einer Großstadt, am Bahnhof? Werde ich von der Liebe meines Lebens gefragt oder von einem Unbekannten (vgl. auch Kapitel 7.2, S. 120)?

•Jede Äußerung stammt selbst von einem Beobachter: «Mache dir stets bewusst, dass alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird!»18 Das bedeutet insbesondere, dass jede Äußerung subjektiv ist.

Da jede Äußerung erst einmal durch zwischenmenschliche «Wände» gelangen muss, um anzukommen, liegt es nahe, diese «Wände» genauer zu untersuchen. Friedemann Schulz von Thun hat die einzelnen «Wände» in seinem Nachrichtenquadrat voneinander unterschieden: Es gibt eine Sach-, Beziehungs-, Appell- und Selbstkundgabeebene.



Schnäbel und Ohren

Jede nach außen gerichtete Nachricht (Äußerung) wird durch diese zwischenmenschlichen «Wände» eingefärbt. Nach Schulz von Thun19 sprechen wir mit vier Schnäbeln.

Dringt etwas von außen nach innen zu uns durch, geht diese Nachricht ebenfalls durch die zwischenmenschlichen Wände und wird quasi eingefärbt. Entsprechend können wir auf vier verschiedenen Ohren «hören». In den folgenden Übungen werden die zwischenmenschlichen «Trennwände» mit Kreppband sichtbar gemacht.

3.2 Sach-, Beziehungs-, Selbstkundgabe- und Appellebene

Ziel der Übung ist es, mit den vier Seiten des Quadrats vertraut zu werden. In zwei Schritten werden jeweils die gegenüberliegenden beziehungsweise komplementären Seiten eingeführt.

Sach- und Beziehungsebene

Auf dem Boden wird mit dickem Kreppband (fünf Zentimeter) ein Quadrat mit einer Seitenlänge von zirka achtzig Zentimetern markiert.

Die Sachebene einer Nachricht entspricht dem Kopf, die Beziehungsebene liegt tiefer, in der Herz- oder Bauchgegend. So wird die obere Seite und die untere Seite des Quadrats in entsprechender Farbe20 beschriftet. Der Abstand zwischen Kopf und Bauch entspricht etwa der Seitenlänge des Quadrats.


Übung 5: Sach- und Beziehungsebene

Zwei Teilnehmende bilden ein Team, eine Person hört nur mit dem Sachohr, die andere nur mit dem Beziehungsohr. Wer welchen Schnabel benutzt, braucht nicht vereinbart zu werden. Der Empfänger hat die Macht. Dieser entscheidet, auf welchem Ohr er die Aussage wahrnimmt. Ergo: Die Konzentration liegt nicht auf den Schnäbeln, sondern auf den Ohren.

Die Verteilung der Rollen (Sachohr, Beziehungsohr) kann vorab vereinbart werden, meistens ist sie allerdings bereits nach dem ersten Satz klar:

«Ich hätte spontan Lust auf eine Tasse Kaffee!»

(Sachohr hört, dass die Partnerin oder der Partner Kaffee trinken möchte.) «Um diese Uhrzeit? Es ist schon nach fünf.»

(Beziehungsohr hört eine Ablehnung.) «Wir können ja auch noch etwas anderes machen…»

(Sachohr versteht nicht.) «Was denn anderes?»

(Beziehungsohr hört Interesse.) «Na zum Beispiel noch etwas die Abendstimmung genießen. Auch wenn es schon ein bisschen frisch geworden ist.»

(Sachohr stellt fest, dass die Temperatur niedrig ist.) «Ist dir kalt? Ich habe noch eine Jacke im Auto.»

«…»

Nach wenigen Sätzen hat man das Gefühl, dass hier eine Mann-Frau-Beziehung karikiert wird. Die Frau hört auf der Beziehungs-, der Mann auf der Sachebene. Es hilft, wenn die Seminarleitung in der Einführung eine Unterhaltung mit einer freiwilligen Person vorspielt und dann erst die eigentliche Übung beginnt. Nach zirka zwei Minuten werden die Rollen gewechselt, Schnäbel und Ohren wechseln die Ebene, der Sachschnabel wird zum Beziehungsschnabel und umgekehrt. Die Unterhaltung wird mit vertauschten Rollen zirka zwei Minuten weitergeführt.

Anschließend sucht sich jede und jeder eine neue Partnerin oder einen neuen Partner, und das Spiel geht von Neuem los. Man darf gerne dasselbe Gesprächsthema noch einmal anwenden. Dies wird jedoch eher schwierig, da Kommunikation immer eine Interaktion darstellt, und diese existiert nicht mehr beziehungsweise wird mit einer neuen Partnerin oder einem neuen Partner auch neu geschaffen. Was hier im Text banal klingt, ist in der Praxis häufig ein Aha-Erlebnis.

Nach zwei oder drei Runden trifft sich die Gruppe im Kreis um das Quadrat zum kurzen Austausch über die Erfahrungen.

Beziehungsebene

Bei genauerer Betrachtung der Beziehungsebene lässt sich diese in eine «Du-» und eine «Wir-Seite» unterteilen, sodass die eigentlich gerade Seitenkante einen Knick erfährt.


Ein Beispiel (nach Schulz von Thun21): Die Frau sitzt am Steuer, die Ampel schaltet auf Grün, und der Mann auf dem Beifahrersitz sagt: «Du, da vorne ist grün!»

Auf der Du-Seite erklärt der Mann in einer Du-Botschaft, was er vom Fahrstil seiner Frau hält beziehungsweise darüber denkt («Du kannst nicht richtig Auto fahren»). Aber es steckt noch mehr Information auf der Beziehungsebene, nämlich, wie der Mann die Rollenverteilung (Wir-Botschaft) sieht («Ich bin der Profi, du die Fahrschülerin!»). Falls die Frau auf dem Beziehungsohr hört, wäre es nicht verwunderlich, wenn sie sich gegen die innenliegende Beziehungsdefinition zur Wehr setzt und ihre Sichtweise der Rollenverteilung einbringt («Fährst du oder fahre ich!?»).

Ob man die kommunikationspsychologische Lupe entsprechend modifiziert (Unterteilung der Beziehungsebene in «Du»- und «Wir»-Botschaft), hängt von der jeweiligen Situation ab und davon, wie vertraut die Teilnehmenden mit dem Quadrat bereits sind. Die Wahrnehmung wird durch die Unterteilung schärfer und klarer, das Modell wird gleichzeitig komplexer und verliert etwas vom Charme der Einfachheit.

Selbstkundgabe- und Appellebene

Die linke und die rechte Seite des Quadrats werden mit «Selbst» und «Appell» beschriftet. Die Selbstkundgabe kennt zwei Aspekte: Der eine ist eine freiwillige Selbstdarstellung («Schau, wie toll ich bin!»), der andere ist die unfreiwillige, automatisch in der Äußerung enthaltene Selbstkundgabe. Ob ich will oder nicht: Mit jeder Äußerung gebe ich etwas von mir preis. Die Selbstkundgabe entspricht in der theatralen Betrachtung der Bühne. Nicht immer möchte man im Rampenlicht stehen, vor allem dann nicht, wenn einem etwas peinlich ist. Aber es gibt sehr wohl Momente, in denen man gerne gesehen werden möchte.

Mit der Selbstkundgabe- und der Appellseite ist die kommunikationspsychologische Lupe nun vollständig.

Beispiele

•Man trägt ein neues Hemd, das man soeben gekauft hat (freiwillige Selbstkundgabe): «Gefällt dir mein neues Hemd?»

•In einer Diskussionsrunde wird man aufgefordert, Stellung zu beziehen (unfreiwillige Selbstkundgabe): «Sie haben sich noch gar nicht geäußert.»

Die meisten Menschen hören solche Äußerungen auf dem Appellohr und reagieren entsprechend. Typische Antworten könnten etwa so lauten:

«Gefällt dir mein neues Hemd?»

(Appellohr der Empfängerin hört: «Schau mich bitte richtig an! Bemerke, dass ich etwas Neues trage.»)

«Du hast doch hundert verschiedene Hemden, woher soll ich denn wissen, dass das neu ist?»

«Sie haben sich noch gar nicht geäußert.»

(Appellohr des Empfängers hört: «Sagen Sie etwas!»)

«Sie haben mich doch noch gar nicht gefragt!»

Hört die Empfängerin mit dem Selbstkundgabeohr, ergibt sich meist eine völlig andere Reaktion, und das Gespräch verläuft in eine andere «Richtung».

«Gefällt dir mein neues Hemd?»

(Selbstkundgabeohr hört: «Ich bin unsicher und weiß nicht so recht, ob das ein guter Kauf war …»)

«Es macht dich noch schöner! Steht dir gut, das Blau.»

«Sie haben sich noch gar nicht geäußert.»

(Selbstkundgabeohr hört: «Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu viel geredet und Sie dadurch gar nicht zu Wort kommen lassen.»)

«Danke, dass Sie nachfragen. Aber Sie können gerne noch mehr erzählen, ich finde es interessant.»

Appellseitiges Hören im pädagogischen Bereich

Lehrpersonen reagieren sehr häufig appellseitig. Lernende fragen etwas, die Lehrperson hört den Appell (heraus) und gibt eine Antwort. Vielleicht möchte sie helfen, vielleicht auch ihre Lernenden nicht enttäuschen. Aber sie nimmt ihren Lernenden das Erlebnis, die Lösung selbst zu finden. Durch das Hören auf der Seite der Selbstkundgabe erhält der Unterricht eine völlig andere Richtung. Ein Beispiel: Ein Schüler fragt im Mathematikunterricht: «Muss ich da jetzt plus oder mal rechnen?»


Das Appellohr hört: «Erkläre mir, wie das geht!» Und die appellseitige Reaktion der Lehrperson könnte sich etwa so anhören: «Da musst du multiplizieren, ansonsten berechnest du ja keine Fläche, sondern eine Strecke.»

Es ergibt sich ein anderer Gesprächsverlauf, wenn das Selbstkundgabeohr hört: «Ich möchte wissen, wie das geht.»

Entsprechend könnte die Reaktion der Lehrperson in eine andere Richtung gehen (im Quadrat steht sie auf der anderen Seite): «Das ist eine interessante Frage, die möchte ich an alle in der Klasse stellen». (An die Klasse gewandt): «Hier gibt es die Frage, ob man bei dieser Aufgabe plus oder mal rechnen muss. Wer kann hier weiterhelfen?» Daraufhin gibt die Lehrperson die Bühne zur Diskussion frei.

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208 p. 97 illustrations
ISBN:
9783035513127
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