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Marlies Grötzinger

Seerausch

Bodensee-Roman


Zum Buch

Turbulenzen am Bodensee Täglich beweist der Bodensee den Wasserschutzpolizisten Isabel Böhmer und ihrem Liebhaber, Polizeidirektor Carl W. Dangelmann, seine Unberechenbarkeit. Mitten in der Urlaubszeit hat er beide in tödliche Gefahr gebracht, aus der sie nur mühsam ins Leben zurückfinden. Die Hochsaison für Wassersportler bedeutet auch Hochbetrieb für die Wasserschutzpolizei am Schwäbischen Meer. Unter mysteriösen Umständen explodiert ein Segelboot und versinkt mitsamt der Ehefrau des Eigners im Bodensee. Trotz tagelanger Suchaktionen mit modernster Technik können Isabel und ihre Kollegen die Frau nicht finden. Als das Wrack endlich gehoben werden kann, verstrickt sich der Verdächtige in Widersprüche. Polizei und Behörden vermuten das perfekte Verbrechen. Doch damit nicht genug: Weitere außergewöhnliche Ereignisse überfordern die Dienststelle in Friedrichshafen: Während der Polizeidirektor trotz Amnesie nach monatelangen Klinikaufenthalten beruflich wieder einsteigen will, bahnen sich immer neue Katastrophen an. Und auch Isabels Privatleben hält einige Turbulenzen für sie bereit …

Marlies Grötzinger lebt in Oberschwaben und am Bodensee. Sie hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht. Besonders am Herzen liegt der Oberschwäbin ihre Muttersprache: Landauf landab lieben Dialektfreunde ihre humorvollen Mundarttexte. Für „herausragende Verdienste um die Heimat“ wurde sie von der baden-württembergischen Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit der Heimatmedaille des Landes ausgezeichnet. In ihren Romanen „Seebeben“ und „Seerausch“ erzählt die Schriftstellerin spannend und kenntnisreich vom Treiben am Schwäbischen Meer.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Fotos von: © mmphoto / stock.adobe.com

und © emanoo / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6798-1

Zitat

»Jeder ist der,

dem er nicht entrinnen kann.«

Hans Kudszus

Kapitel 1

Der erste Schlag galt ihr selbst. Ebenso der zweite und der dritte. Bäuchlings lag Isabel auf ihrem Bett. Ihre Locken breiteten einen hellbraunen Fächer über Schultern und Kopfkissen und ließen ihr Gesicht mit den aufgequollenen Augenlidern nur erahnen. Mit ihren Händen malträtierte sie heftig das Kopfkissen. Ihre Apathie war plötzlich wieder in Zorn umgeschlagen, und jeder ihrer Faustschläge zeugte von Wut und tiefer Verzweiflung.

Seit Tagen hatte Isabel das Bett nicht mehr verlassen. Nicht einmal zum Duschen hatte sie es geschafft. Ein einziges Mal hatte sie es versucht, und als die ersten Wassertropfen auf sie niedergeprasselt waren, durchlebte sie erneut die Minuten, in denen sie um ihr Leben kämpfen musste: Sie sah die Wassermassen, die durch die offene Tür des Boots die Kajüte fluteten, sie in die Knie zwangen, hörte den ohrenbetäubenden Lärm. Sie empfand wieder den Schmerz, den sie gespürt hatte, als die spitzen Glassplitter der Fensterscheibe, die sie zuvor eingeschlagen hatte, ihre Haut ritzten. Die Silhouette eines muskulösen Mannes erschien unscharf vor ihren Augen. Carl! Carl, der die aus den Regalen purzelnden Flaschen und Gläser, die auf ihn zustürzten, nicht abwehrte, sondern mit weit geöffneten Glotzaugen sitzen blieb wie ein hypnotisiertes Kaninchen, selbst als ihm das Wasser bis zur Brust reichte.

Das aus dem Duschkopf herabstürzende Wasser hatte gedröhnt in ihren Ohren und in ihrem Innern eine solche Panik verursacht, dass Isabel schreiend zurück ins Schlafzimmer gelaufen war und zitternd und schluchzend in die Kissen sank.

Thomas war, aufgeschreckt durch ihre orientierungslosen Schritte, sofort aus seinem Zimmer geeilt, um zu sehen, was passiert war. Geduldig hatte er ihr die heiße Stirn abgetupft und ein weiteres Glas kalten Tee serviert. Kopfschüttelnd hatte er akzeptiert, dass sie keinen Arzt bei sich wollte.

In der Nacht nach dem Unglück war Isabel psychisch und physisch zusammengebrochen. Noch bevor sie erfahren hatte, dass die Rettungstaucher schnell zur Stelle waren, Carl gefunden und unverzüglich im Boot mit der Wiederbelebung begonnen hatten. Bevor sie gewusst hatte, dass an Land bereits der Hubschrauber und eine Notärztin auf den Verunglückten gewartet und ihn sofort in die beste aller infrage kommenden Kliniken nach Allensbach transportiert hatten, wo schon ein Heer von Spezialisten auf ihn wartete. Das hatte sie erst einen Tag später von ihrem Kollegen Markus Proll erfahren. Er hatte sie in einer Minute am Telefon erreicht, als sie gerade nicht wie im Delirium vor sich hindämmerte. Isabel wollte sich nicht ausdenken, was passiert wäre, hätte Thomas das Gespräch angenommen. Thomas, der nicht ahnte, was tatsächlich geschehen war.

Nun lag Polizeidirektor Carl W. Dangelmann auf der Intensivstation der neurologischen Akutklinik im Koma, und Isabel gab sich die Schuld daran. Sie, Polizeihauptkommissarin Isabel Böhmer, hatte versagt. Sie hatte sich gehen lassen, hatte den offensichtlichen Begierden von Carl, ihrem Vorgesetzten, nachgegeben. Wäre sie nicht so schwach und triebhaft gewesen, hätte sie sich nicht bereitwillig verführen lassen, wäre es nie zu dieser verhängnisvollen Affäre gekommen. Erneut traktierten ihre Fäuste das Kissen, erneut versuchte sie, ihrer Wut und Hoffnungslosigkeit auf diese Weise Luft zu verschaffen, um wieder freier atmen zu können, und zermarterte ihr Gehirn: Warum hatte sie das Unglück überlebt? Wie einfach wäre es, wenn sie in die Tiefen des Bodensees getrudelt und nie mehr aufgetaucht wäre. Dann müsste sie nicht hier liegen, in diesem Zimmer, mit ihrem schlechten Gewissen Thomas gegenüber. Thomas, der nichts von dem Verhältnis mit ihrem Chef wusste und der sie seit Tagen umsorgte. Thomas, ihr sanfter Bücherwurm, der, nur um sie nicht vollends zu verlieren, an den Bodensee gezogen war. Wie sollte er wissen, dass es schon zu spät war, dass sie ihn bereits betrogen hatte. Warum hatte sie die Kontrolle über ihren Körper verloren und sich auf dieses Abenteuer eingelassen? Warum ausgerechnet mit ihrem Vorgesetzten? Warum, warum, warum? So viele Fragen, auf die Isabel keine Antworten wusste und die sie Stunde um Stunde quälten.

Die erste Begegnung mit Carl W. Dangelmann, den seine Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand nur »CaWe« nannten, weil er großen Wert auf die Abkürzung seines zweiten Vornamens mit dem Anfangsbuchstaben und einem Punkt legte, hatte sich in Isabels Herz eingebrannt. Das war gerade einmal fünf Monate her. Im April hatte sie ihre neue Stelle bei der Wasserschutzpolizei in Friedrichshafen angetreten. Sie erinnerte sich an das überbordende Glücksgefühl in ihr, nun an ihrem geliebten Bodensee arbeiten und leben zu können. Sie erinnerte sich an diesen Frühlingsmorgen, an dem Tulpen und Osterglocken in den frisch ausgepflanzten Uferanlagen um die Wette blühten und dufteten, an dem alle Zeichen auf Neubeginn und Freiheit standen.

Sie erinnerte sich, wie der Dienststellenleiter sie zu sich gerufen und überschwänglich begrüßt hatte. Wie er selbstzufrieden seinen Einsatz für sie und ihre Versetzung betont hatte, weil er eine Frau im Führungsteam der Wasserschutzpolizei Friedrichshafen haben wollte. Vom ersten Augenblick an war Isabel fasziniert von seiner Ausstrahlung, seinem Charme, seinen stechend klaren hellblauen Augen, seiner samtenen Stimme. Etwas an seinem Auftreten verunsicherte sie zwar, doch sie ignorierte die mahnende Stimme in ihrem Innern. Beflügelt wischte ihr entflammter Körper ihre Gewissensbisse weg.

Isabel gestand sich ein, dass Carl ihr zu Beginn ihrer Beziehung gutgetan hatte. Durch ihn hatte sie ihren Neuanfang am Bodensee wie einen taumelnden Rausch und besonders intensiv erleben dürfen. Das war am Anfang, als sie seinen wahren Charakter noch nicht erkannt hatte. Sein Werben hatte ihr geschmeichelt, jede ihrer Zellen hatte es begierig eingeatmet. Seine Stimme hatte sie eingehüllt wie eine warme Wolldecke. Seine Worte hatte sie regelrecht aufgesaugt, hatte tagelang von seinen Komplimenten gelebt. Die körperliche Nähe, die leidenschaftliche Intimität hatte sie in völlig neue, unbekannte Sphären katapultiert. Sie hatte die Frau in sich wieder gespürt, sich lebendig und begehrenswert, attraktiv, ja unwiderstehlich gefühlt.

Diese Sinnesreize hatte sie bei Thomas schon seit längerem vermisst. Thomas, ihr Freund, der noch in Tübingen geblieben war, um sein Philosophiestudium abzuschließen und mit dem Doktortitel zu krönen. Thomas, dem seine philosophischen Studien und seine toten Vorbilder im Laufe der Zeit wichtiger geworden waren als sie, seine äußerst lebendige Partnerin. Thomas, für den es selbstverständlich war, dass sie ihn, den ach so brillanten Geisteswissenschaftler, versorgte und mit den profanen Dingen des Alltags verschonte. Genauso, wie seine Mutter es zuvor getan hatte. Thomas, der sich alle Zeit der Welt lassen konnte mit Studium und Promotion, weil seine Eltern – Annerose und Rechtsanwalt Doktor Hubertus von Harnsfeld – ihren einzigen Sohn finanziell äußerst großzügig unterstützten.

Auch was die Beziehung zu Thomas betraf, quälten Isabel nun starke Schuldgefühle. Ruhelos drehte sie sich um und starrte an die Decke. Sie hatte die Defizite gespürt, hatte darunter gelitten. Warum hatte sie nicht rechtzeitig ein klärendes Gespräch gesucht? Warum hatte sie nicht aufbegehrt? Warum hatte sie Thomas nicht schon lange gesagt, dass es so nicht weitergehen konnte? Hatten nicht ihre unerfüllten Bedürfnisse, die ins Leere gelaufenen Bitten nach Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit sie erst schwach werden lassen – im Angesicht von Carls bestechenden Reizen, dem Blick in seine blauen Augen … Carl war ihr erschienen als der Ausweg aus einer langjährigen Beziehung mit starren Rollen, wenig Fantasie und zunehmender Distanz. Er gab ihr das Gefühl, endlich ihre Sexualität wieder selbstbestimmt ausleben zu können, Befriedigung zu erfahren, ein Abenteuer zu erleben, fernab ihres einstudierten Frauenbildes. Vielleicht wollte sie einfach frei sein, das brave Mädchen, das sie 32 Jahre lang gewesen war, hinter sich lassen. Doch was hatte sie sich davon versprochen?

Mit nicht enden wollenden Warums dämmerte Isabel vor sich hin. Dazu spukten die Fetzen eines Gedichts von Ulla Hahn in ihrem Kopf herum … Mit Haut und Haar … Damals, im Gymnasium, hatte sie es auswendig vortragen müssen und lustlos an der Interpretation gebastelt. Die Zeilen erschienen ihr unverständlich und übertrieben. Beim Umzug von Tübingen nach Friedrichshafen war ihr der Gedichtband »Herz über Kopf« wieder in die Hände gefallen, wie auch immer. In den vergangenen Monaten fühlte sie sich von dem Buch magisch angezogen. Wusste ihr Unterbewusstsein etwa, dass sie gerade eine Phase des Wandels durchlebte? Sie ihrem Kopf nicht länger gestatten wollte, allzeit über ihr Herz zu dominieren? Isabel hatte immer wieder in dem Band geblättert und »Mit Haut und Haar« hatte sie mehr und mehr beschäftigt:

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre

und tauchte dich in meinen Sommer ein

… Du wendetest mich um.

Du branntest mir dein Zeichen

mit sanftem Feuer in das dünne Fell.

Da ließ ich von mir ab. Und schnell

begann ich vor mir selbst zurückzuweichen …

Anfangs blieb noch Erinnern

ein schöner Überrest der nach mir rief …

Da aber war ich schon in deinem Innern

vor mir verborgen. Du verbargst mich tief

Bis ich ganz in dir aufgegangen war:

Da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.

Nicht alle Zeilen der Dichterin waren noch präsent in Isabels Gehirn. Doch jedes poetische Wort, diese in wenigen Sätzen erzählte, tragisch endende Liebesgeschichte erschien Isabel als die ihrige. Ulla Hahn hatte in den Zeilen exakt das getroffen, was am Ende der Beziehung in ihr vorging. Es kam ihr vor, als hätte die Autorin ihre Zeit mit Carl vorhergesehen: Warum war ich so dumm und habe nicht auf die Warnung aus der Jugendzeit gehört? Naiv und leichtsinnig habe ich angenommen, in diesem lustvollen Spiel Erfüllung zu finden. Ich bin nicht nur Thomas, ich bin auch mir selbst untreu geworden, vor allem mir selbst. Ich habe meine Werte und Prinzipien über Bord geworfen, mich selbst vergessen und verloren, nur um ein Abenteuer zu erleben. Nur um des Kribbelns willen, das mich jedes Mal überfiel, sobald ich Carls Blicke und seine körperliche Nähe gespürt hab. Carl hat mich vereinnahmt, von mir und meinem Körper vollkommen Besitz ergriffen – mit Haut und Haar. Bereitwillig habe ich mich ihm hingegeben, voller Lust und eigenem Verlangen, bin ganz aufgegangen in ihm. Erst nachdem er mich geködert hatte, blickte ich mehr und mehr hinter seine Maske: Er fing an, sein wahres Gesicht zu zeigen. Auch mir gegenüber begann er, sich kalt, unberechenbar und respektlos zu verhalten, genauso, wie ich ihn seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber unzählige Male erlebt habe. All das habe ich beobachtet, zwar mehr und mehr erschrocken, doch habe ich nicht gewagt, Carl damit zu konfrontieren. Auch mir fehlten, genauso wie den anderen, die nötige Kraft und der Mut, mich ihm zu widersetzen und mich zu wehren. Mit dieser grauenvollen Erkenntnis döste Isabel ein …

Das Boot, es schaukelt hin und her … hin und her … Im selben Rhythmus spürt die Frau das Vor und Zurück … vor und zurück zwischen ihren Oberschenkeln. Wollust und Sinnesrausch sind stärker, lassen den Schmerz, den die harten Regalbretter am Rücken auslösen, vergessen. Ein plötzlicher Ruck reißt das Liebespaar auseinander. Der Mann rutscht seitwärts ab. Die Frau, nackt, schreit auf, verliert das Gleichgewicht und landet auf dem Fußboden, wird nassgespritzt. Teller, Gläser, Taschen, Schuhe – was nicht gesichert ist, fliegt durch den Raum. Mit einem Mal braust Wasser, überall. Wo kommt es her? Die Frau blickt auf. Ein schäumender Schwall schießt zur Kabinentür herein. Die Frau drückt sich hoch, will die Tür schließen, doch ein noch gewaltigerer Wasserstrahl quillt herein und drückt den Eingang weiter auf. Innerhalb weniger Minuten füllt sich der Raum mit dem kalten Nass. Wieder stößt die Frau einen Schrei aus, blickt zu dem Mann. Gerade eben war er ihr noch ganz nahe gewesen. Er sitzt da wie versteinert und starrt sie aus weit aufgerissenen Augen an, großen blauen Panikaugen. »Carl«, schreit die Frau, »komm! Wir müssen hier raus!« Er rührt sich nicht. Sie will nur noch weg. Weg von ihm, weg aus diesem engen Raum, raus aus den Wassermassen. Die haben ihren Busen erreicht. Fasziniert beobachtet sie für einen kurzen Moment ihre erregten Brustwarzen. Das Wasser hebt beide Brüste hoch, sie schwimmen. Das Wasser reicht dem Mann jetzt bis zum Hals, drückt seinen Körper hoch. Die Frau weiß, sie müssen raus, sofort. Der Mann? Immer noch regungslos. Seine Augen sind in dunklen Löchern versunken. Sie erschaudert. Also doch! Tiefenangst! Von ihm kann sie keine Unterstützung erwarten. Sie atmet schwer, schaut sich um, wuchtet den Feuerlöscher aus seiner Halterung, schlägt mit ihm gegen die Fensterscheibe. Wieder und wieder haut sie gegen das Glas. Endlich zerbirst die Scheibe. Glassplitter trudeln in Zeitlupe in die Tiefe. Die Reste bricht die Frau mit bloßer Hand aus. Sie hievt sich mit ihren Armen hoch, will durch das Loch nach oben, wendet sich nochmals um, dem Mann zu. Sie schreit noch einmal: »Carl! Komm!« Seine Augen – ein einziger stummer Hilferuf. Die Frau lässt sich wieder hinunterfallen, schwimmt zurück zu ihm, packt den Mann am Oberarm. Er versucht, sich mit einem Schlag aus dem Griff zu befreien, trifft ins Leere. Der zweite Hieb trifft die Frau an der Brust. Sie wehrt sich, nimmt ihn in den Schwitzkasten, schiebt seinen Körper nach oben und drückt ihn durch die Öffnung. Quält sich anschließend selbst durch. Messerscharfe Glassplitter, in der Fassung verblieben, schneiden in ihre Haut. Endlich draußen. Der Mann entgleitet ihr. Sie öffnet ihre Lippen, schreit, doch das Wasser erstickt jeden Laut, dringt in ihren Mund. Sie kämpft sich an die Oberfläche, schreit weiter …

Als der Schrei an Isabels Ohr drang, wachte sie schweißgebadet auf. Sie schlug sich die Hände vors feuchte Gesicht. Dann rieb sie sich die Augen und schob die Haarsträhnen zurück, die auf Stirn, Wangen und Hals klebten. Tränen liefen über ihre Wangen. Es war nur ein Traum. Gottlob auch diesmal nur der Albtraum, der sie seit dem Unglück immer wieder heimsuchte. Isabel setzte sich halb auf und betrachtete den schlafenden Thomas neben ihr. Er schlief den Schlaf des Gerechten. Ach, Thomas, wenn du wüsstest …

Noch benommen, erhob sich Isabel und taumelte ins Bad. Sie stützte die Arme auf das Waschbecken, betrachtete im fahlen Schein der Straßenlampe ihr Gesicht und stieß einen Seufzer aus. Sie tappte in die Küche, griff sich ein Glas, das neben der Spüle stand, öffnete den Wasserhahn und zuckte zusammen, als der Strahl mit großem Druck die Stille des Raums durchbrach. Einem Reflex folgend, drückte sie den Hahn schnell wieder zu. Mit dem halbvollen Glas stellte sie sich vor das Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Wann würde das endlich aufhören? Sie leerte das Glas in einem Zug, schlich zurück ins Schlafzimmer und stieg wieder in ihr Bett. Verfolgt von den Bildern im Kopf, wälzte sie sich hin und her, bis sie erneut in einen unruhigen Schlaf fiel.

Isabel wusste nicht, wie viele Stunden inzwischen vergangen waren, als sie durch ein Geräusch hochschreckte. Ihr Handy klingelte. Sie griff zum Nachttisch und tippte den Punkt auf dem Display an. Markus Proll, der Kollege, mit dem Isabel das Dienstzimmer in der Station der Wasserschutzpolizei ebenso teilte wie die Vorliebe für Studentenfutter, meldete sich und fragte besorgt: »Wie geht’s unserem Küken heute?«

»Hallo, Markus, geht so, ist noch flügellahm«, hauchte Isabel ins Telefon und ließ sich zurück ins Bett fallen.

»Kann ich etwas Gutes tun für dich, Isabel?«, fragte er. »Kann ich dir ein paar Äpfelchen bringen? Ich habe geerntet, und die schmecken super gut. Du weißt ja: An apple a day keeps the doctor away!«

»Alles Fake«, flüsterte Isabel und seufzte. »Du willst also wissen, wann ich wiederkomme?«

»Bingo, liebe Kollegin! Dein Scharfsinn ist ungebrochen!«, stellte Markus zufrieden fest. »Also, wann stehst du wieder auf der Matte, ähm, auf der Wache?«

Ein kleines Lächeln umspielte Isabels Mund. Mit einem Mal merkte sie, dass ihr der Kollege fehlte, seine ehrliche, direkte und unkomplizierte Art, die neckenden Gespräche voll Leichtigkeit und schlichtem Humor. Und auch ihre Arbeit bei der Wasserschutzpolizei vermisste sie. Noch etwas verschlafen stammelte sie: »Du, ich weiß nicht, kann dir nichts versprechen. Ich komme, sobald ich kann.«

»Versprochen? Wir brauchen dich hier!«, appellierte er, um Isabel aus ihrer Lethargie zu kippen.

»Versprochen!« Isabel legte das Handy zurück. Jetzt erst beachtete sie den Zettel auf dem Nachttisch mit Thomas’ ebenmäßiger Handschrift: ›Bin in der Uni Konstanz. Seminartag. Bis später. Thomas.‹

Isabel fiel erneut in die Kissen und starrte minutenlang an die Decke. Dann gab sie sich einen Ruck: Genug gelitten, das Leben muss weitergehen, hämmerte sie sich ein. Ich werde jetzt das Bett verlassen. Jetzt sofort! Sie warf die Bettdecke zurück, schwang sich auf, setzte einen Fuß nach dem anderen auf den Boden, wollte sich hochstemmen, ein Gedankenblitz ließ sie auf die Bettkante zurücksinken. Sie überlegte. Sie musste Carl sehen, würde mit dem Zug nach Allensbach fahren. Ja, genau das würde sie tun, und zwar so schnell wie möglich. Sie griff nochmals nach ihrem Handy und suchte auf der Homepage nach Verbindungen. Es gab mehrere. Wenn sie sich beeilte, könnte sie den nächsten Zug erreichen.

Entschlossen erhob sie sich und zog den Rollladen hoch. Sie kniff die Augen zusammen, das gleißende Licht der Sommersonne schmerzte. Sie widerstand dem kurzen Impuls, die Augen wieder zu schließen und sich erneut auf das Bett zu werfen. Stattdessen tappte sie ins Bad, zog ihren Schlafanzug aus, warf ihn über den Rand der Badewanne. Diesmal lass ich mich nicht unterkriegen, sagte sie sich und stellte sich in die Duschkabine, ließ das Wasser laufen. In dem Moment, als das Nass auf Isabel niederprasselte, überfiel sie ein Schwindelgefühl und ihr Körper fing zu beben an. Mit zitternder Hand gelang es ihr, den Hebel zurückzuschieben, bevor sie an den Fliesen hinunter auf den Boden rutschte. Sie hörte ihr Herz gegen ihre Rippen hämmern. Wasser, diese Kraft, das Rauschen … wieder flogen Erinnerungen an ihrem inneren Auge vorbei und drohten ihr Hirn zu sprengen. Wasser, strömendes Wasser … wieder so unerträglich wie damals …

Isabel wollte fliehen, musste raus aus dieser Enge. Sie zog sich an den Armaturen hoch, kletterte mühsam aus der Duschkabine und ließ sich auf den Teppich sinken. So blieb sie liegen, bis Gänsehaut ihren ganzen Körper bedeckte und sie fröstelte. Dann setzte sie sich halb auf, griff nach einem Handtuch und frottierte ihre Haut, bis sie warm und gerötet war. Nackt ließ sich Isabel auf dem Rand der Badewanne nieder, atmete Sekunden, Minuten, ohne jedes Zeitgefühl, immer regelmäßiger. Als sie sich erholt hatte, formte ihr Gehirn erste klare Gedanken: Es gab kein Zurück mehr, nur das Vorwärts zählte. Mechanisch griff Isabel zum Waschlappen, mit dem festen Willen, sich den Schweiß der vergangenen Tage und auch die quälenden Schuldgefühle abzuwaschen. Wenn duschen nicht möglich ist, dann eben anders, dachte sie und richtete sich auf. Sie befeuchtete den Frotteehandschuh, gab Seife darauf und wusch sich von Kopf bis Fuß. Anschließend putzte sie sich die Zähne, bürstete ihre Locken, schlüpfte in Jeans, T-Shirt und Sandalen, schnappte ihren Rucksack und verließ auf wackeligen Beinen die Wohnung.

Kapitel 2

Draußen vor der Tür hob Isabel ihr Gesicht der Sonne entgegen. Für einen Moment schloss sie die lichtentwöhnten Augen. Amseln zwitscherten in den Ästen der Buche über ihr und auch das Motorengeräusch eines Rasenmähers drang an ihr Ohr. Sie breitete ihre Arme aus und sog die Morgenluft tief in ihre Lunge. Eine Nachbarin blickte verwundert zu ihr herüber. Sie wässerte gerade mit dem Gartenschlauch die Salatpflanzen in ihren Beeten. Gebannt blickte Isabel auf den Wasserstrahl, hielt kurz die Luft an, verdrängte die Erinnerung und lief los in Richtung Bahnhof. Sie beobachtete Spatzen, die sich um Brotkrümel stritten, die zwischen den Tischchen des Stehimbisses auf dem Gehweg lagen. Die Autoschlange kämpfte sich lärmend und stinkend durch die Straßen wie eh und je. Die Menschen eilten hektisch wie immer vorbei, ohne Isabel zu beachten. Und doch hatte sich etwas verändert: Zum ersten Mal seit Tagen knurrte Isabels Magen, sie verspürte Hunger. In einer Bäckerei kaufte sie sich gewohnheitsmäßig, ohne viel überlegen zu müssen, zwei Brezeln und einen Kaffee und erreichte in letzter Minute ihren Zug.

Stickige Luft empfing Isabel im fast menschenleeren Abteil. Sie setzte sich auf einen Platz am Fenster. Sie verzog das Gesicht, als der erste Schluck Kaffee bitter ihre Kehle hinunterrann. Auch der zweite schmeckte ihr nicht und jeder weitere ekelte sie regelrecht an. Die Brezeln verspeiste sie dagegen mit gutem Appetit.

Isabel schaute zwar zum Fenster hinaus, nahm aber die geliebte Landschaft kaum wahr, die draußen vorbeizog. Auf einem Verkehrsschild las sie das Wort ›Konstanz‹, und in diesem Moment fiel ihr ein, sie hatte versäumt, Thomas eine Nachricht zu hinterlassen, falls er vor ihr zurück sein sollte. Sie holte ihr Handy und tippte: »Hab’s geschafft. Bin aufgestanden, musste raus.« Dahinter setzte sie ein Emoticon mit hochgerecktem Daumen und ein Smiley. Sie dachte an Thomas. In der Zeit, als er allein in Tübingen geblieben war, musste er gemerkt haben, was Isabel auch zu seinem Wohlbefinden beigetragen hatte. Er begann, sie zu vermissen. Der Zufall wollte es, dass ein Professor seine große Wohnung in Friedrichshafen aufgab und Thomas anbot. So war er Isabel an den Bodensee gefolgt. Obwohl sie sich damals schon auf Carl eingelassen hatte, schaffte sie es nicht, Thomas die Wahrheit zu sagen. Sie gab ihre kleine Wohnung auf und zog wieder mit Thomas zusammen, was ihre Situation nicht einfacher machte. Sie musste immer neue Lügen erfinden, um mit Carl zusammen sein zu können, hasste sich mit jedem Mal mehr für ihre Schwäche und nahm sich wieder und wieder vor, dem Dreiecksverhältnis ein Ende zu setzen.

Kauend öffnete Isabel nun den Müllbehälter, um die Reste ihrer Mahlzeit zu entsorgen. Da entdeckte sie eine zerknitterte Zeitung. Das Foto eines Motorboots weckte ihre Neugier. Das Boot kam ihr bekannt vor. Mit spitzen Fingern fischte Isabel die Zeitung aus dem Behälter heraus, schnippte die Verpackung eines Müsliriegels weg und strich das Blatt mit beiden Händen glatt. Die fette Schlagzeile über dem Bild sprang ihr regelrecht entgegen:

Motorjacht sinkt vor Friedrichshafen

Der letzte Bissen blieb Isabel beinahe im Hals stecken, ihr Herz schlug schneller. Ihr Blick wanderte hoch zum Datum der Seite: 24. August. Die Zeitung war also schon ein paar Tage alt. 24. August! Der Tag nach dem Unglück, schoss es ihr durch den Kopf. Unter dem Foto der »Amareno« las Isabel die Bildunterschrift:

Das soll die gekenterte Motorjacht sein.

Isabels Augen flogen nun über den Text:

Vor Friedrichshafen ist gestern Nachmittag eine Motorjacht überrollt, gekentert und anschließend gesunken. Wassersportler hatten das 9,70 Meter lange und 3,20 Meter breite Schiff in Konstanz gechartert. Nach unbestätigten Informationen soll das Boot Schlagseite bekommen haben, weil sich zu viele der elf Personen auf einer Seite aufgehalten haben. Bei einem Kurvenmanöver soll dann das Unglück passiert sein. Neun der elf Besatzungsmitglieder kamen fast unversehrt davon. Sie retteten sich durch einen Sprung ins Wasser. Zwei Personen – dem Vernehmen nach ein Mann und eine Frau – hatten sich unter Deck befunden. Sie mussten Fensterscheiben zertrümmern, um sich aus dem sinkenden Schiff zu befreien. Einer der beiden Personen gelang es nicht, aus eigener Kraft an die Oberfläche zu schwimmen. Sie wurde mit in die Tiefe gerissen, konnte aber von Tauchern geborgen werden. In lebensbedrohlichem Zustand musste sie in eine Klinik eingeliefert werden. Die zweite Person erlitt offensichtlich nur leichtere Verletzungen. Die anderen Passagiere kamen mit einem Schock davon. Eine vorbeifahrende Segeljacht hatte das Unglück beobachtet, einen Notruf abgesetzt und zehn Personen an Bord genommen. Wie es tatsächlich zu dem Unfall kommen konnte, ist noch nicht abschließend geklärt. Nach unbestätigten Angaben sollen die Verunglückten selbst Polizisten gewesen sein. Die Ermittlungen dauern an.

Isabel ließ das Blatt sinken, ihre Hände zitterten. Sie hatte es kaum geschafft, den Artikel zu Ende zu lesen. Ihre Augen brannten, auf einmal tauchten Sterne auf, und sie merkte, wie Übelkeit in ihr hochstieg. So fühlt sich das also an, wenn man selbst betroffen ist. Die zweite Person erlitt offensichtlich nur leichtere Verletzungen … Offensichtlich, was ist schon offensichtlich, fragte sie sich und sackte in ihrem Sitz zusammen.

Eine Frau, die gerade den Gang entlangkam, hatte den Zwischenfall beobachtet und eilte sofort zu Isabel. Sie tätschelte ihr die Wange, und als Isabel die Augen öffnete, kramte sie eine Plastikflasche mit Mineralwasser aus ihrer Tasche, schraubte den Verschluss ab, bot sie Isabel an und sagte: »Trinket Sie erst mal einen Schluck.«

Das kalte Wasser rann wohltuend Isabels Kehle hinunter, und sie hauchte: »Danke, das tut gut.«

»Sie send ohnmächtig worde! Was ist los mit Ihne?«, fragte nun die Frau in alemannischem Dialekt.

»Es … geht schon wieder«, stieß Isabel hervor. »War nur eine kleine Kreislaufschwäche.«

Die freundliche Fremde half Isabel, sich wieder aufzurichten. »Ich hab wohl zu wenig getrunken«, fügte Isabel hinzu.

»Sie könnet die Flasch gern behalte. Ich steig sowieso gleich aus«, sagte die Frau und erhob sich.

»Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen«, antwortete Isabel höflich und nahm einen weiteren Schluck. Schnell erholte sie sich und starrte wieder zum Fenster hinaus. Was würde sie am Ziel erwarten? In welchem Zustand würde sie Carl antreffen? War er inzwischen wieder bei Bewusstsein? In ihrem Kopf jagte ein banger Gedanke den anderen. Den Umstieg in Radolfzell schaffte Isabel ohne Probleme, und in Allensbach verließ sie pünktlich den Zug.

Kapitel 3

Isabel entschied sich, nicht den Bus zur Klinik zu nehmen, sondern zu Fuß zu gehen. Der kurze Marsch würde ihr guttun und helfen, ihre innere Anspannung zu mildern. Sie erreichte das weitläufige Klinikareal und schritt auf dem gepflasterten Weg zum Eingangsgebäude. Dabei nahm sie kaum die Blumenpracht in den großen Betontrögen wahr, die den Weg säumten.

Fast geräuschlos schoben sich die Glastüren am Eingang zurück, und mit klopfendem Herzen betrat Isabel das Gebäude. Am Empfang erkundigte sie sich nach der Intensivstation. Eine junge Frau erklärte ihr freundlich den Weg und bat sie, sich am Pflegestützpunkt der Station zu melden. Isabel bedankte sich und folgte mit hämmerndem Herzen den Schildern. Sie führten einen Flur entlang, vorbei an Arztbüros und Therapieräumen, der Isabel endlos erschien und vor einer weiteren Schiebetür aus Glas endete. Diese war offensichtlich mit Code gesichert. Isabel trat einen weiteren Schritt auf sie zu und sie öffnete sich wie von Geisterhand. Isabel war unschlüssig, ob sie eintreten sollte, dann schlüpfte sie, einem spontanen Impuls folgend, kurzerhand hinein. Das Blut in ihren Adern pulsierte, als sie sich umschaute. Der Pflegestützpunkt war nicht besetzt, und so ging sie einfach weiter. Eine Schwester mit einem Tablett voller medizinischer Instrumente eilte aus einem Zimmer heraus. Die Tür blieb einen Spaltbreit offen. Schritte näherten sich und wie von einer höheren Macht geleitet, huschte Isabel rasch in das Zimmer hinein. Einen Augenblick lang hielt sie den Atem an und blieb bewegungslos stehen. Ihr Herz hämmerte, und jede Faser ihres Körpers war zum Zerreißen gespannt. Vorsichtig schaute sie sich um. Zwei Betten standen im Raum und beide waren belegt. Neben jedem befanden sich mehrere Beatmungs- und Überwachungsgeräte. Überall blinkte, piepste und surrte es.

Gerade hatte sich Isabel vom ersten Schrecken erholt, da überfiel sie der nächste. In dem Bett unmittelbar vor ihr entdeckte sie einen grauen Haarschopf. Diese Locken kannte sie. Carl! Blitzschnell schlug sie die Hand vor den Mund, als verböte sie sich selbst, den Namen auszusprechen. Ihr Herz schlug noch heftiger. Zögernd setzte sie einen Fuß vor den anderen und trat näher an das Bett heran. Lautlos glitt ihr Rucksack auf den Boden. Carl, er war es zweifelsfrei. Seinen Körper konnte Isabel unter einem weißen Laken nur erahnen. Mehrere Kabel und Schläuche verbanden ihn mit piepsenden Apparaten. Bildschirme zeichneten mit farbigen Linien Pulsfrequenz, Blutdruck und weitere Werte auf.

Isabels Herz krampfte sich zusammen, als sie Carl so liegen sah: blass und bar jedes Lebenszeichens. Energielos, abhängig, machtlos, ausgeliefert – der Zustand, der ihm am meisten verhasst war. »Carl«, flüsterte Isabel nun doch mit erstickter Stimme. Und nochmals voller Mitleid: »Carl.«

Immer noch starrte Isabel auf Carl, als sie plötzlich ein Schluchzen vernahm. Erstaunt drehte sie den Kopf. Am Nebenbett saß eine Frau, in sich zusammengesunken, und kramte in ihrer Handtasche. Isabel hatte die Frau bisher noch gar nicht bemerkt. »Guten Tag«, flüsterte sie ihr zu, denn sie traute sich nicht, laut zu reden.

Die Frau zückte ein Taschentuch, schnäuzte sich und blickte aus rotgeweinten Augen zu Isabel auf. Ein leises »Grüß Gott« kam über ihre bebenden Lippen. Bevor sie weiterreden konnte, betrat ein Mann in weißem Kittel den Raum. Er grüßte die beiden Frauen knapp und blieb vor Carls Bett stehen. Kurz musterte er Isabel und fragte: »Sind Sie eine nahe Verwandte?«

Isabel trat einen Schritt zur Seite. Der Kloß in ihrem Hals verhinderte eine Antwort. Sie faltete ihre Hände und nickte heftig.

»Doktor Held. Ich bin der Anästhesist«, stellte sich der Arzt vor, während er bereits zu den Geräten blickte und die Zahlenreihen auf dem Monitor kontrollierte. »Noch keine Reaktion, aber das will nichts heißen.«

Wieder zu Isabel gewandt, fuhr er fort: »Wir tun unser Möglichstes. Wir wissen nie genau, was ein Patient in welchem Stadium mitkriegt, und ebenso wenig, wie weit der Patient weg ist.«

Isabel blickte den Mediziner flehend an. Der vertiefte sich in seine Unterlagen und sagte: »Der Patient hat eine schwere Pneumonie, das Lungengewebe ist geschädigt.« Nach einer Pause fügte er in zuversichtlichem Ton hinzu: »Eigentlich hat der Patient gute Chancen. Er ist unterkühlt gerettet worden und wir haben im MRT kein Hirnödem entdeckt.«

Obwohl ihn sein Beruf wahrscheinlich täglich mit solchen Befunden konfrontierte, klang aus seiner Stimme Mitgefühl. Jetzt gelang es Isabel nicht mehr, ihre Tränen zurückzuhalten, und sie ließ ihnen freien Lauf.

Doktor Held fuhr sich durch die Haare, um mit dem unerwarteten Gefühlsausbruch besser umgehen zu können. Er räusperte sich und sagte: »Also jetzt lassen Sie mal den Kopf nicht hängen, junge Frau. Es sieht gar nicht so schlecht aus. Wir haben den Patienten in ein künstliches Koma versetzt, um den Erhalt der lebenswichtigen Funktionen besser steuern zu können.«

Ein hoffnungsfrohes Blitzen in ihren Augen verriet dem Mediziner, dass Isabel verstanden hatte. Nach einer kurzen Pause, in der Doktor Held nochmals seine Akte studierte, redete er weiter: »Der Mann ist noch relativ jung, wie es aussieht topfit, und er hat keine Vorerkrankungen. Der kann das schaffen. Wir tun jedenfalls, was wir können. Das verspreche ich Ihnen.«

Nach diesen Worten klappte er die Akte zu, warf einen kurzen Blick auf den anderen Patienten, schenkte der Frau neben dem Bett ein Lächeln und verließ das Zimmer.

Es war mucksmäuschenstill im Raum, nur das regelmäßige Piepsen der Überwachungsgeräte war zu hören. Isabel schaute zu der Frau hinüber. Sie saß auf ihrem Stuhl, drückte ein Taschentuch vor den Mund, weinte lautlos und starrte auf den Mann im Bett vor ihr. Isabel fiel nichts ein, was sie der Frau sagen könnte, und sie trat wieder einen Schritt näher an Carls Bett. Sie nahm allen Mut zusammen, mit zitternden Fingern hob sie das dünne Laken an und suchte nach Carls Hand. Ein Schauer schüttelte Isabel, als sie seine kalten Finger ertastete. Wie die Hand eines Toten, durchzuckte es sie. Nur kurz drückte Isabel die Hand und zog die ihrige dann schnell zurück. In Carls bleichem Gesicht erkannte sie nicht den Anflug einer Reaktion.

Isabel konnte es kaum ertragen, Carl so hilflos daliegen zu sehen, und zermarterte ihr Gehirn mit Selbstvorwürfen: Hätte sie doch bloß seinem Werben gleich zu Anfang, als sie ihren Dienst am See angetreten hatte, nicht nachgegeben. Wäre sie nicht schwach geworden, sondern sich und ihren Werten treu geblieben, er würde nicht hier liegen und leiden …

Sie fixierte seine geschlossenen Lider. Jedoch war es schließlich er, Carl, der sie verführt, der sie umgewendet hatte. Wieder geisterten einzelne Wörter des Gedichts der Lyrikerin durch ihr Gehirn: … Du wendetest mich um … schnell begann ich vor mir selbst zurückzuweichen … Bis ich ganz in dir aufgegangen war: Da spucktest du mich aus mit Haut und Haar …

Wie oft hatte Isabel ihren Treuebruch schon in den Wochen vor dem Unglück bereut, hatte das Verhältnis beenden wollen. Sie war zu inkonsequent gewesen, obwohl ihre Leidenschaft bereits bröckelte. Jetzt war es zu spät für diese Erkenntnis, und das Schuldgefühl schnürte Isabel die Brust zusammen. Außerdem empfand sie die Situation, an Carls Bett zu stehen und nichts tun zu können, mehr und mehr als beklemmend. Plötzlich betrat eine Krankenschwester das Zimmer.

»Ah, hallo«, sagte die Schwester in resolutem Ton, als sie Isabel bemerkte. Mit einer Hand drehte sie routiniert an den kleinen Kunststoffrädern der Infusionsflaschen, so dass die Tropfen schneller strömten. Dabei murmelte sie, ohne Isabel nochmals anzusehen: »Der Patient liegt in tiefem Koma. Mal sehen, ob da wieder was kommt. Machet Sie sich keine große Hoffnung. Der Mann war so lang hypoxisch. Allerdings … man weiß ja nie.«

Isabel zuckte zusammen, als die Worte an ihr Ohr drangen, und starrte die Schwester von der Seite an. Wie konnte jemand nur so wenig einfühlsam sein? Sie öffnete ihren Mund, wollte einwenden, Doktor Held habe eine viel positivere Diagnose gestellt, aber die Schwester schritt schon zum nächsten Bett, rüttelte dort kurz an einem Schlauch des Patienten und marschierte wieder zur Tür hinaus. Isabel sah ihr nach und dachte: Wahrscheinlich arbeitet sie schon lange auf der Intensivstation und sieht hier jeden Tag Elend und Leid. Bestimmt härtet das ab. Dann blickte sie wieder in Carls Gesicht. Seine Züge hatten sich nicht verändert. Kleine Fältchen zogen sich von den Augenwinkeln zum Haaransatz. Die Haare klebten am Kopf. An seinem Kinn das Grübchen. Wie oft hatte sie einen Finger hineingelegt, es mit der Zunge geleckt und danach mit geschlossenen Augen seine vollen Lippen gesucht. Jetzt waren sie blutleer und blass. Isabel horchte in sich hinein, spürte keinerlei Erregung aufkommen. Stattdessen meldete sich ihr Verstand: Ob Carl wohl eine Patientenverfügung hatte? Wer würde im Fall des Falles entscheiden, ob die Ärzte die Geräte abschalten durften? Isabel tastete instinktiv nach dem kleinen Ledermäppchen in der Außentasche ihres Rucksacks. Hatte Carl einen Organspenderausweis? Bestimmt nicht. Über so etwas hatte sich Carl sicherlich nie Gedanken gemacht. Hätte er sich doch bloß seine Tiefenangst eingestehen können. Hätte er ihr oder seinem Stellvertreter oder seiner Sekretärin, hätte er irgendjemandem seine Schwäche anvertraut, er läge nicht hier. Niemals wären die Kollegen auf die Idee gekommen, als Geburtstagsüberraschung für ihn ein Boot zu chartern, hätten sie von seinem Problem gewusst. Die Schuld lag nicht allein bei ihr.

Isabel seufzte. Wirre Gedanken schwirrten weiter durch ihre Sinne. Wieder vernahm sie die leise Stimme der Frau am zweiten Bett: »Fünf Tage ist das erst her. Das ist noch keine Zeit. Das Schicksal spielt manchmal ganz anders, als das medizinische Personal denkt.« Um Isabel zu trösten, fügte sie an: »Der Mensch denkt, und Gott schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.«

Ein Lächeln umspielte Isabels Mund, als sie sich der Frau zuwandte. Sie schätzte ihr Alter um die 50 Jahre. Sie saß am Bett eines Mannes, so viel konnte Isabel trotz des Kopfverbands erkennen. Auch er hing an mehreren Kabeln und Schläuchen, auch er bewegte sich nicht. Isabel sagte: »Danke. Hoffentlich haben Sie recht. Und Sie … warum sind Sie hier?«

»Mein Sohn hatte einen Motorradunfall. Er liegt schon seit drei Wochen im Koma«, schniefte die Frau. »Aber ich geb die Hoffnung nicht auf. Ich vertraue auf Gott und bete jeden Tag.«

Isabel betrachtete den bandagierten Kopf. Nur die Monitore mit ihren verschiedenen Kurven und das regelmäßige Fiepen zeigten an, dass der Mann lebte. Sie ist voller Gottvertrauen, so wie meine Mutter, erinnerte sich Isabel. Diese Zuversicht hatte ihrer Mutter geholfen, hatte sie manche Stürme des Lebens überstehen lassen. Nur über den Tod ihres Mannes, Isabels Vater, hatte ihr Glaube sie nicht hinwegtrösten können.

Isabel spürte das Bedürfnis, der Frau Mut zuzusprechen. Sie ging zu ihr, legte die Hand auf ihre Schulter und sagte leise: »Ihr Beten hilft bestimmt … ganz bestimmt hilft es.«

Die Frau griff mit ihren beiden Händen nach Isabels Hand, hielt sie fest umklammert und sah flehend zu ihr auf: »Ja, gell, der liebe Gott kann mir meinen Rolf doch nicht einfach nehmen. Das darf er doch nicht!«

Isabel war von dem Kontakt zu überrascht, um etwas sagen zu können. Es war das erste Mal seit Tagen, dass sie die Haut eines anderen Menschen berührte. Sie lächelte der Frau zu und schüttelte nur den Kopf. Dann entzog sie der Frau ihre Hand, trat ein paar Schritte zurück und stellte sich wieder an Carls Bett, diesmal an das Fußende. Von dieser Position aus erschien sein Antlitz noch schmaler und farbloser. Aus dem weißen Laken stachen die schwarzen Nasenlöcher mit den Schläuchen furchterregend hervor. Mit einem Mal glaubte Isabel, keine Luft mehr zu bekommen, überhaupt nicht mehr atmen zu können in dem Zimmer. Sie schnappte ihren Rucksack, warf nochmals einen Blick auf die Frau und verließ mit schnellen Schritten den Raum. Möglichst rasch wollte sie alles hinter sich lassen: Carl und die Klinik und Allensbach und ihre Vergangenheit …

Schon lief Isabel wieder auf die Glastür zu, die die Intensivstation von dem langen Flur trennte. Diesmal öffnete sich die Tür nicht automatisch wie beim Eintreten, und Isabel stieß mit dem Kopf gegen das Glas. Ein leises »Aua!« kam ihr über die Lippen und sie drückte eine Hand gegen die schmerzende Stirn. Wie soll ich bloß hinauskommen? Mit Grausen dachte sie daran, hier drinnen eingesperrt zu sein. Da entdeckte sie an der Wand auf der rechten Seite einen Türöffner. Sie drückte ihn, doch nichts geschah, der Ausgang blieb verschlossen. Jetzt erst bemerkte Isabel unter dem Türöffner ein Kästchen mit Zahlen und Zeichen. Die Tür war also mit einem Code gesichert. Während sie noch ratlos die Nummern fixierte, näherte sich auf der anderen Seite ein junger Mann. Die Tür öffnete sich. Er kam herein und nickte Isabel freundlich zu. Sie nutzte blitzschnell die Chance, um hinauszuhuschen und die Station zu verlassen.

Geschafft! Draußen atmete sie erst einmal tief ein, hielt den Atem an, um anschließend lange auszuatmen. Kurz blickte sie zurück und eilte dann den Flur entlang zum Ausgang. Beinahe hätte sie den Karren einer Raumpflegerin umgestoßen, und erst als Isabel im Freien war, stoppte sie. Voller Dankbarkeit streckte sie das Gesicht der Sonne entgegen. Sie schloss die Augen und sog die warme, klare Luft ein. Ein blumiger Duft strömte in ihre Nase und belebte ihre Sinne. Sie, Isabel, atmete aus eigener Kraft. Sie konnte gehen, sich bewegen, rennen, denken, sprechen, fühlen, konnte essen, riechen, hören, sehen … Isabel öffnete die Augen wieder, nahm endlich die Blumenpracht um sich herum wahr. Sie sah den Bienen, Hummeln und Wespen zu, die sich an den bunten Blüten labten. Sie genoss das laue Lüftchen, das über ihr Gesicht strich und die Blätter der exakt zurechtgeschnittenen Bäume rascheln ließ. Sie lebte. Sie durfte die Schönheit um sich herum wahrnehmen. Sie hatte die Chance, noch einmal ganz neu anzufangen, sie konnte in ein neues Leben starten. Dieses Bewusstsein beflügelte Isabel, gab ihr neue Kraft und neuen Mut. Sie spürte ihren wiedererwachten Lebenswillen in jede Zelle ihres Körpers vordringen. Doch zuallererst wollte sie eines: ihre Freundin Lena treffen, und zwar sofort. Nichts liegt näher, als gleich ins nahe Konstanz zu fahren, dachte sie.

Kapitel 4

Isabel saß im Bus von Allensbach nach Konstanz und blickte über den See, der zu ihrer Rechten vorbeizog. Das große Wasser machte ihr nicht mehr Angst, vielmehr sorgte die natürliche Weite dafür, dass ihr Innerstes sich beruhigen und ihr Herz wieder weit werden konnte.

Am Abend nach dem Unglück war Isabel nicht zu Thomas nach Hause gegangen. Entgegen dem Rat der Rettungssanitäter, sich im Krankenhaus untersuchen zu lassen, hatte sie, durcheinander wie sie war, die Katamaranfähre bestiegen und war von Friedrichshafen nach Konstanz zu ihrer Freundin gefahren. Im Nachhinein wunderte sie sich selbst, dass sie damals ein Boot ohne Hemmungen hatte besteigen können. Später war ihr klar geworden, dass sie zu der Zeit in völligem Schockzustand funktionierte. Panik und Angstzustände kamen erst hinterher.

Lena hatte sie aufgenommen, ohne lange zu fragen, und zu Bett gebracht. Thomas hatte sie nur eine kurze Nachricht über WhatsApp geschickt. Eine Nacht und einen halben Tag lang hatte die Freundin bei ihr ausgeharrt, ihr zugehört, sie in den Arm genommen und erst losgelassen, als die Weinkrämpfe aufgehört und die Tränen versiegt waren. Lena, die ohnehin von der Affäre mit Carl wusste, hatte Isabel alles erzählen können. Nur ihr. Am nächsten Tag hatte Lena sie nach Friedrichshafen zurückgebracht und dem völlig ahnungslosen Thomas übergeben.

Lena staunte, als Isabel nun unangemeldet in ihrer Praxis auftauchte: »Du bist wieder auf den Beinen? Und hier in Konstanz? Warum hast du nicht gesagt, dass du kommst?«, begrüßte sie die Freundin.

»Hab mich ganz spontan entschlossen. Hast du überhaupt Zeit?«, fragte Isabel.

»Bald. Lass dich erst mal umarmen.« Dicht an Isabels Ohr flüsterte Lena: »Ich bin gerade mitten in einem Patientengespräch. Wenn das Telefonat beendet ist, haben wir Zeit, bis ich Ben aus der Kita holen muss.« Sagte es und schielte hinüber in ihr Behandlungszimmer. Dann drückte sie die Freundin von sich und fügte hinzu: »Setz dich einen Moment und nimm dir was zu trinken.« Damit verschwand Lena noch einmal im Zimmer nebenan.

Was würde ich bloß machen ohne Lena, dachte Isabel in einem Anflug von Verzweiflung. Sie kannte Lena länger als jeden anderen Menschen auf der Welt – abgesehen von ihrer Schwester Katharina, die allerdings vor Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte. Ihrer Schwester war Isabels Beamtendasein zu spießig. Sie wusste nicht einmal, wo Katharina sich gerade aufhielt, ob sie noch studierte oder ins Berufsleben eingetreten war. Und doch verdankte Isabel ihrer Schwester, dass sie seinerzeit Thomas kennengelernt hatte, als sie Katharina in Freiburg besucht hatte.

Bis Isabel bei Thomas eingezogen war, hatte sie in Tübingen lange Zeit eine Wohnung mit Lena geteilt. Obwohl Lena einige Jahre älter war – in wenigen Tagen erreichte sie das Schwabenalter – verband sie eine innige Freundschaft. Diese Verbindung war so stark, dass sie auch die räumliche Distanz, die durch Lenas Umzug nach Konstanz entstand, unbeschadet überdauert hatte. Lena war ihr vorausgeeilt: Sie hatte die berufliche Chance, in Konstanz in eine Praxis von Psychotherapeuten einzusteigen, auch genutzt, um sich in aller Freundschaft vom Vater ihres Sohnes Ben zu trennen. Damit hatte Lena geschafft, was sie selbst bis zum heutigen Tag nicht hinbekam: Mutig hatte sie diese Entscheidung getroffen, und dafür bewunderte Isabel sie. Ben war, neben Lenas Berufstätigkeit und Isabels Schichtdienst, der Grund, warum sie sich nicht mehr wie früher einfach mal spontan trafen und sich gemeinsam eine Nacht um die Ohren schlugen.

Isabel hatte jahrelang die Praxisräume nicht mehr betreten und schaute sich um. Den Ficus benjamini kannte sie schon aus Tübingen. Seine Blätter streiften inzwischen die Zimmerdecke. Bilder mit Sinnsprüchen und Alltagsweisheiten an den hellgelb gestrichenen Wänden verliehen dem Wartezimmer wohltuende Wärme. Isabel ging von einer Tafel zur anderen und überflog die Zeilen: ›Probleme, die man konsequent ignoriert, verschwinden nur, um Verstärkung zu holen‹, stand da neben einem Vogel Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckte. Aha, dachte Isabel und las den nächsten Text, bei dem der Betrachter durch ein Schlüsselloch schaute: ›Halte durch, liebes Herz. Es regelt sich gerade alles neu.‹ Isabel schmunzelte und dachte: Wenn es damit getan wäre … Ihre Augen wanderten weiter. Mitten in einem roten Herz stand: ›Mach es dir zur Aufgabe, dich gut um dich selbst zu kümmern.‹ Das hörte sich alles richtig an, wenn es doch auch so einfach einzuhalten wäre …

Isabel setzte sich mit einem Seufzer auf einen Stuhl und kramte die Zeitung aus ihrem Rucksack, die sie im Zug eingesteckt hatte. Ein weiteres Mal überflog sie die Zeilen, und wieder beschleunigte sich ihr Herzschlag merklich:

… Zwei Personen – dem Vernehmen nach ein Mann und eine Frau – hatten sich unter Deck befunden. Sie mussten Fensterscheiben zertrümmern, um sich aus dem sinkenden Schiff zu befreien. Einer der beiden Personen gelang es nicht, aus eigener Kraft an die Oberfläche zu schwimmen. Sie wurde mit in die Tiefe gerissen, konnte aber …

Da kam Lena zurück und unterbrach Isabels Lektüre mit den Worten: »Ich freu mich so, dass du wieder auf die Beine gekommen bist, und das aus eigener Kraft. Ich dachte schon, du versinkst in deiner Trübseligkeit bis zum Sankt Nimmerleinstag und ich muss dich raushieven.«

Isabel hob die Augenbrauen und sagte erstaunt: »Hey, so spricht keine Therapeutin!«

»Nein, eine Therapeutin nicht, aber eine beste Freundin«, erwiderte Lena und zwinkerte ihr zu. »Und die wäre demnächst gekommen und hätte dir in den Hintern getreten, wärst du nicht freiwillig aus dem Bett gestiegen!«

Isabel lächelte und sagte mit gespielter Empörung: »Da habe ich ja noch mal Glück gehabt, du brutales Wesen, du!«

»Komm, wir gönnen uns jetzt einen schönen Eiskaffee«, sagte Lena, streifte ihr T-Shirt mit dem Emblem der Praxis ab und zog sich eine Bluse über.

»Oh ja, den hab ich verdient«, pflichtete Isabel bei, steckte den Zeitungsbericht ein und fügte an: »Ich war in Allensbach in der Klinik, bei Carl, auf der Intensivstation.«

Lena richtete gerade ihre Handtasche und blickte überrascht auf: »Wie? Du warst in Allensbach? Bist einfach in die Intensivstation rein? Ich habe mich schon gewundert, warum du hier so überraschend reinschneist.«

Isabel nickte, und die Worte sprudelten förmlich aus ihrem Mund: »Ja, ich war bei Carl. Er liegt im künstlichen Koma. Die Atmosphäre dort war echt schlimm. Auch ich bin mir richtig ausgeliefert vorgekommen. Nur Maschinen um mich herum, und überall piepst und blinkt es.« Noch immer lief ein Schauder über Isabels Rücken, wenn sie zurückdachte. Ihre Augen suchten Lenas, als sie fortfuhr: »Noch viel schlimmer ist: Mit dem Menschen, den du besuchen willst, kannst du gar nicht reden, der liegt da wie tot. Aus Verzweiflung suchst du Kontakt zu anderen Angehörigen, die in derselben Situation sind. Es war grausam.« Isabel schmiegte sich an Lena, die näher gekommen war und die Freundin an sich drückte.

»Das war bestimmt ein schwerer Gang«, sagte Lena und strich ihr über den Rücken.

Isabel hob den Kopf, blickte in Lenas Augen und sagte: »Unbeschreiblich schwer … und furchtbar … ich möchte da auch nie mehr hin.«

Lena legte eine Hand auf Isabels Arm und beteuerte: »Das kann ich gut verstehen. Das möchte niemand, der eine Wahl hat. Das war eine starke Leistung von dir, find ich ganz prima, dass du diesen Schritt gewagt hast.«

»Danke, dass du das sagst, Lena. Und danke, dass du für mich da bist.«

»Und jetzt lass uns gehen. Unser Eiskaffee wartet«, sagte Lena und nahm ihre Handtasche.

Isabel grinste: »Aber bitte mit Sahne!«

Auch Thomas staunte, als er kurz nach Isabel nach Hause kam und sie in der Küche fand, wo sie am Tisch saß und Gurke und Paprika für das Abendessen schnippelte.

»Hallo, Isabel, da bist du! Ich habe dich im Bett vermutet. Es geht dir also besser. Du bist auferstanden von den Toten!«, versuchte er zu scherzen und stellte eine Tüte mit Einkäufen auf den Tisch.

Isabel hob den Kopf und lächelte ihm zu: »Ja, lieber Thomas, nicht aufgefahren in den Himmel – noch nicht.«

Dann schnippelte sie weiter, als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun. Thomas setzte sich ihr gegenüber und überlegte, wie er ein Gespräch beginnen sollte, damit sich Isabel ihm endlich öffnete. Seit dem Unglück mit ihren Kollegen hatte sie Tag und Nacht apathisch im Bett verbracht. Für ihn war es nicht neu, dass Isabel gelegentlich bei ihrer Freundin übernachtete. Ungewöhnlich war allerdings, dass Lena sie am nächsten Tag heimgebracht hatte, und das in einem Zustand, der ihn ahnen ließ, dass sie Schreckliches durchgemacht haben musste. Bisher war Isabel kaum ansprechbar gewesen. Mehr als das, was er den Medien entnehmen konnte, hatte Thomas aus ihr nicht herausbekommen. Nun schaute er ihren geübten Handgriffen zu und fragte: »Isabel, ich habe mir echt Sorgen gemacht um dich. Möchtest du mir nicht endlich sagen, was passiert ist?«

Isabel legte das Messer beiseite: »Bitte nicht jetzt, Thomas. Ich brauche Zeit. Es geht auch schon wieder.« Um seinem Blick nicht länger standhalten zu müssen, arbeitete sie nach einer kurzen Pause eifrig weiter und streifte das Gemüse in eine Schüssel.

»Dein Rucksack steht im Flur. Du warst außer Haus?«, fragte Thomas weiter.

Isabel nickte.

»Warst du bei deiner Ärztin?«

Isabel schüttelte den Kopf.

Thomas fasste an seine Brille. Wie konnte er sie nur aus der Reserve locken? Er fragte: »Denkst du, du kannst bald wieder zur Arbeit gehen?«

Isabel zuckte mit den Schultern.

Thomas ließ nicht locker: »Isabel, bitte. Was ist los mit dir? Du willst es mir nicht sagen, habe ich recht?«, bohrte er weiter.

Isabel überlegte. Würde Thomas sie verstehen können, wenn sie ihm alles beichtete? Alles, auch die Affäre mit ihrem Chef? Wie würde er reagieren? Würde er ausflippen und toben? Wohl kaum. Schreien oder weinen? Schon eher. Nein, das könnte sie im Moment nicht ertragen. Sie entschloss sich, Thomas nun direkt anzusehen, und sagte: »Thomas, ich fühle mich noch nicht stark genug, um da­rüber zu reden. Und ich will dich auch nicht noch mehr belasten, nicht jetzt. Bitte versteh mich.«

Thomas hielt ihrem Blick stand. Er mochte ihre rehbraunen Augen, und das Flackern darin war ihm nicht entgangen. Erneut rückte er seine Brille zurecht und seufzte: »Ja nun, verstehen kann ich es zwar nicht, Isabel, aber ich muss es wohl akzeptieren.«

Damit stand er auf, nahm Brot, Käse, Roastbeef und die Sachen, die er sonst eingekauft hatte, aus der Tasche und stellte sie in den Kühlschrank. Dann drehte er sich wieder Isabel zu, die schweigend weitergeschnippelt hatte, und sagte: »Es ist schon ein großer Fortschritt, dass du wenigstens das Bett verlassen konntest. Wenn ich es geahnt hätte, hätte ich nicht schon in der Mensa gegessen.«

Da war sie wieder, diese Kühle in Thomas’ Benehmen und in seinen Worten, die Isabels Herz wie einen Eispanzer umschloss. Sie legte das Messer beiseite und sagte: »Du hättest ja auch mal etwas für mich kochen können – eine Kleinigkeit, einen Salat, eine Suppe oder so etwas. Auf die Idee kommst du wohl nicht?« Kaum waren die Worte über ihre Lippen gekommen, taten sie Isabel auch schon leid. Sie wusste, sie verhielt sich Thomas gegenüber ungerecht. Schließlich hatte er sie in den Tagen, als es ihr schlecht ging, liebevoll umsorgt. Er hatte ihr Getränke und kühlende Tücher ans Bett gebracht. Wonach sie sich am meisten gesehnt hatte, nämlich, dass er sie in den Arm genommen hätte, das hatte er nicht versucht. Nicht ein einziges Mal. Obwohl: Hätte sie seine Berührung überhaupt zulassen können? Hätte sie ihn von sich geschoben? Das fragte sich Isabel jetzt. Mit den Antworten war sie sich selbst nicht sicher. Warum war sie innerlich so zerrissen? Warum waren ihre Gefühle für ihn so widersprüchlich? Warum war alles so kompliziert geworden? Warum konnte sie sich einfach nicht mehr richtig wohlfühlen in seiner Gegenwart? Was hatte sie für Carl empfänglich gemacht?

Sie rückte ihren Stuhl zurück, stand auf und flüsterte: »Entschuldige bitte. Hab’s nicht so gemeint.« Sie hob ihre Hände und wollte Thomas umarmen. Doch er schob sie von sich und sah sie verständnislos an. Ihre Reaktion hatte ihn verletzt, und er zerbrach sich den Kopf, was er gerade falsch gemacht hatte. Schließlich seufzte er: »Ja nun, ich konnte nicht ahnen, dass es dir heute besser geht. Die letzten Tage wolltest du nichts und hast jegliche Nahrung verweigert.« Mit diesen Worten griff er nach einer Flasche Wasser, fügte hinzu: »Jedenfalls tut es gut, dich hier in der Küche sitzen zu sehen«, und zog sich in sein Zimmer zurück. Hier könnte er das Gespräch nochmals Revue passieren lassen und analysieren. Er fragte sich, ob er seine Mutter anrufen sollte. Vielleicht wusste Annerose Rat. Immerhin war sie auch eine Frau.

Isabel sah ihm nach. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, vergrub sie ihren Kopf in den Händen. Warum merkte Thomas nicht, was ihr fehlte? Warum konnte er ihr nicht das geben, was sie brauchte? Und warum schaffte sie es nicht, ihm zu sagen, was sie in ihrer Beziehung vermisste?

Kapitel 5

Mit dem ersten Klingelton des Weckers stand Isabel am nächsten Morgen auf, ging ins Bad, wusch sich und schlüpfte rasch in ihre Kleider. Sie beeilte sich, denn sie befürchtete selbst, dass sie es sich anders überlegen könnte. Statt zum Dienst zu gehen, könnte sie sich weiterhin mit der Bettdecke über dem Kopf verkriechen und von der Außenwelt abschirmen, um nichts sehen und nichts hören zu müssen und bestenfalls nichts fühlen zu müssen. Doch diesen Impulsen wollte Isabel nicht länger nachgeben. Mit aller Willenskraft wollte sie versuchen, zu sich selbst zurückzufinden, und die Rückkehr an ihren Arbeitsplatz würde ihr Halt geben. Sie verließ hastig die Wohnung, ohne Thomas zu wecken und ohne sich von ihm zu verabschieden. Als er nach stundenlanger Lektüre am späten Abend ins Schlafzimmer geschlichen kam, hatte sie sich schlafend gestellt, um dem Gute-Nacht-Kuss zu entgehen.

Als Isabel ihr Fahrrad aufschließen wollte, bemerkte sie, dass sie ihren Schlüsselbund vergessen hatte. Mist, dachte sie, aber nochmals nach oben gehen, kommt nicht infrage. Dann werde ich heute eben den Bus nehmen. Und schon lief sie die wenigen Meter zur Haltestelle.

Von den Menschen, die an den wenigen Stationen bis zur Dienststelle ein- und ausstiegen, nahm Isabel keine Notiz, ebenso wenig von den vorbeiziehenden Gebäuden. Ihre Gedanken kreisten um das bevorstehende Wiedersehen mit den Kollegen. Wie würden sie ihr gegenübertreten? Hatte doch deren übermütiges Schaukeln das Schiff in extreme Schieflage und letztendlich zum Kentern gebracht – und damit Carl Dangelmann und sie in Lebensgefahr. Erneut bildete sich auf Isabels Haut eine Gänsehaut, als sie an die schrecklichen Minuten unter Wasser zurückdachte.

Mit gemischten Gefühlen schritt sie durch die zu dieser morgendlichen Stunde fast menschenleere Fußgängerzone auf das Gebäude der Wasserschutzpolizeistation Friedrichshafen zu. Als sie den See erblickte, hoben sich ihre Mundwinkel zu einem leisen Lächeln. Sie kniff die Augen zusammen, denn die Wasserfläche glitzerte bereits im Sonnenlicht. Vor den Thurgauer Bergen am Ufer gegenüber zog noch der morgendliche Dunst sein hellgraues Band.

Es kam Isabel vor, als wären Wochen vergangen, seit sie zum letzten Mal hier gewesen war. Dabei lagen nur wenige Tage dazwischen. Und erst fünf Monate war es her, seit sie zum ersten Mal vor der blauen Metalltür stand, um ihren Dienst anzutreten. Damals pochte ihr Herzen vor Aufregung und Freude mindestens so heftig wie jetzt. Doch nun mischten sich Scham, Furcht und das schlechte Gewissen. Dieser Gefühlscocktail drohte von ihr Besitz zu ergreifen, ihr wurde übel. Sie holte tief Luft und zwang sich, an die positiven Seiten der Entwicklung zu denken: Mein Traum hat sich erfüllt, ich bin von Tübingen zur Wasserschutzpolizei an den Bodensee versetzt worden. Ich liebe meine Arbeit. Doch so vieles hat sich seither verändert und mein Leben durcheinandergewirbelt.

Da auch der Schlüssel zu dieser Tür in der Wohnung lag, musste Isabel wie an ihrem ersten Tag den Klingelknopf drücken. Sie hielt den Atem an. Wie damals öffnete ihr auch heute Frieder Kahle. Isabel mochte den dienstältesten Kollegen, hatte ihn vom ersten Arbeitstag an besonders ins Herz geschlossen, weil er sie an ihren verstorbenen Vater erinnerte. Frieder Kahle blieb verdutzt stehen, als er Isabel sah, und sein ohnehin gerötetes Gesicht legte noch an Farbe zu. Keine humorvolle Begrüßung, wie sonst üblich, kam aus seinem Mund. Nur ein einziges Wort presste er zwischen zusammengekniffenen Lippen hervor: »Entschuldige.« Und schon eilte er mit gesenktem Kopf an ihr vorbei.

Isabel spürte, wie sehr Frieder sich Vorwürfe machte für das, was passiert war. Aber auch Isabel schämte sich, und ihre Wangen wurden heiß. Frieder, ebenso wie alle anderen, wussten nun von ihrem Verhältnis mit dem Chef. Bestimmt hatte es sich auch bei den Kollegen der anderen Schicht und in den weiteren Dienststellen wie ein Lauffeuer verbreitet. Da gab es nichts mehr zu beschönigen, gar nichts. Bei Frieder war es Isabel besonders peinlich, obwohl er selbst gern den Voyeur und Filou gab und kein Unschuldslamm war. Das hatte sie bei manchen Einsätzen mit ihm erlebt. Boote, auf denen sich Pärchen im Adams- beziehungsweise Evaskostüm sonnten, überprüfte er besonders gern und intensiv.

Frieder und die anderen Kollegen hatten von ihrem ersten Tag an über den enormen Verschleiß des Chefs an schönen Frauen gelästert. Sie hätte gewarnt sein müssen, doch sie hatte immer nur lächelnd zugehört. Und dann war auch sie dem Charme von Carl W. Dangelmann und seiner unfassbar erotisch-männlichen Ausstrahlung erlegen. Die dunkle Seite seines Charakters und sein übersteigertes Selbstbewusstsein, ja seinen Narzissmus, hatte sie am eigenen Leib erst zu spüren bekommen, als es zu spät war. Im Gegensatz zu den meisten Kollegen, insbesondere dem jungen Timo Fessele, hatte Carl sich ihr gegenüber nämlich lange Zeit nicht herablassend, gemein und jähzornig verhalten.

Isabel zog energisch den Haargummi fester um ihren Pferdeschwanz. Jetzt gab es nur eines: Sie musste dazu stehen, was sie getan hatte, schließlich war sie erwachsen. Worauf sie sich eingelassen hatte, konnte nicht mehr rückgängig und ungeschehen gemacht werden. Sei stark, bleib ruhig, hämmerte sie sich mit jeder Treppenstufe ein, die sie auf dem Weg zu ihrem Büro nahm.

Oben angekommen, wurde ihre gerade beschworene Selbstsicherheit sogleich auf die Probe gestellt. Im Flur kam ihr Timo entgegen. Ihn hatte das Geschehen besonders getroffen. Er mochte Isabel sehr, war sogar heftig verliebt in sie. Isabel mochte Timo auch, wenngleich sie für ihn nur kollegiale Gefühle empfand. Bisher hatte sie seine unbeholfenen Annäherungsversuche eher amüsiert registriert und ihm nie irgendwelche Hoffnungen gemacht. Timo war überhaupt nicht ihr Typ. Und Timo wiederum war viel zu schüchtern und hatte sich nie getraut, Isabel seine Liebe zu gestehen. Erst am Tag des Unglücks war seine Hoffnung, die schöne Kollegin für sich gewinnen zu können, bis in die Grundfesten erschüttert worden. Timos Augen flackerten, als er nun Isabel erblickte, und seine helle Gesichtshaut färbte sich dunkelrot bis zum Ansatz seiner blonden Stoppelhaare. »Hey, Isabel. Wieder an Bord«, presste er hervor. Dann senkte auch er seinen Kopf und drückte sich an ihr vorbei in sein Büro.

Obwohl Isabel gar nicht nach Späßen zumute war, rief sie ihm nach: »Aye, aye, Käpt’n.« Die Seemannssprache war ihr einfach über die Lippen gerutscht. Sie dachte: Armer Kerl, für dich muss eine Welt zusammengebrochen sein. Isabel wünschte, sie hätte Timo nicht auf diese Art das Herz brechen müssen. Ausgerechnet mit dem ihm so verhassten Chef, von dem er sich auch im Dienst ständig demütigen lassen musste.

Vor ihrem Zimmer hob Isabel den Kopf, zerrte nochmals ihren Haargummi zurecht, drückte die Türklinke und ging entschlossen hinein. Ihr Kollege Markus Proll saß hinter seinem Computer, vor sich einen Berg von Papieren, den Kopf in die Hände gestützt.

Seit der Polizeidirektor im Krankenhaus war, wusste er oft nicht, wo ihm der Kopf stand. Er musste, zusätzlich zu seiner Arbeit, stellvertretend die Dienststelle der Wasserschutzpolizei Friedrichshafen leiten, zu der auch der Polizeiposten im 15 Kilometer entfernten Langenargen gehörte. Als nun Isabel das gemeinsame Zimmer betrat, blickte Markus auf. Er erhob sich sofort, kam ohne ein Wort auf sie zu und nahm sie einfach in die Arme. Dann sagte er: »Ich freue mich, dass du wieder da bist, Isabel. Und es tut mir so leid, dass das passiert ist.«

Isabel merkte, wie sich ihr Körper bis hinauf zum Nacken versteifte. Sie schluckte die Erinnerung, die erneut hochkommen wollte, hinunter. Da Isabel nichts sagte, versuchte Markus, sich unbeholfen zu rechtfertigen: »Die Kollegen brachten das Boot so leichtsinnig zum Schaukeln, die beugten sich so weit über die Reling, um einen Blick auf euch da unten erhaschen zu können. Du hättest ihre zotigen Witze hören sollen … Ich dachte, wenn ich Gas gebe, kommen die zur Vernunft und hören auf, aber das war offensichtlich das Verkehrteste, was ich tun konnte …«

Bei seinen Worten erfasste Isabel ein Schaudern. Offensichtlich hatte sie sich doch zu viel zugemutet. Markus bemerkte es und drückte sie noch fester an sich.

»Danke für dein Mitgefühl, Markus. Ich weiß, dass du das nicht wolltest, keiner wollte das«, brachte Isabel nun mit zitternder Stimme hervor. Sie richtete sich auf, schaute ihrem Kollegen in die Augen und fragte: »Du hast schon vor dem Unglück alles gewusst von Carl und mir, nicht wahr?«

Markus strich ihr über Schultern und Rücken und sagte noch einmal: »Du bist wieder hier, Isabel. Das allein zählt. Es ist nicht deine Schuld, wie alles gekommen ist. CaWe allein ist verantwortlich für das, was er tut.«

Obwohl Isabel nie ein Wort darüber verloren hatte, hatte Markus geahnt, dass der Chef sich Isabel genommen hatte wie so viele andere vor ihr. Er hatte es bereits befürchtet, als er Isabel zum ersten Mal gesehen hatte. Ihre natürliche Schönheit, die Make-up nicht nötig hatte, ihr herzliches und offenes Wesen, ihre Unschuld beeindruckten auch ihn. Er arbeitete gern und gut mit Isabel zusammen. Immer mal wieder hatte er versucht, sie durch die Blume vor den Absichten des Chefs zu warnen. Aber er wusste, dass Gefühle und Triebe stärker sein können als der Verstand. Das hatte er nicht nur in der theoretischen Ausbildung gelernt, die polizeiliche Praxis konfrontierte ihn beinahe täglich mit den Abgründen menschlichen Handelns.

Isabel löste sich aus seiner Umarmung und betonte: »Es war nicht nur sein Fehler, ich hätte es wissen müssen.« Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und fügte hinzu: »Hoffentlich wacht Carl bald auf.«

Isabel wusste, auf Markus konnte sie sich verlassen, er war eine ehrliche Haut. Doch mit welchen Augen würden die anderen Kollegen sie betrachten, jetzt, nachdem sie sich zu einer weiteren Kerbe im Bett des Chefs hatte machen lassen? Angstvoll fragte sie sich: Werden sie lästern und tuscheln hinter meinem Rücken? Werden sie mich auch künftig als verlässliche Polizistin und pflichtbewusste Stellvertreterin des Schichtleiters akzeptieren? Wie wird sich Frieder verhalten, mein väterlicher Ratgeber und »Bärenführer«, der mir die Abläufe bei der Wasserschutzpolizei erklärt hat? Er hatte sie wie eine Tochter behandelt. »Mädle, du bist ja geradezu süchtig nach Recht und Gerechtigkeit. Das ist die beste Voraussetzung für eine gute Polizistin«, hatte er sie einmal gelobt. Mit Sicherheit war er nun enttäuscht. Würde er sie verurteilen, ablehnen? Aus der kurzen Begegnung vorhin am Empfang war sie nicht schlau geworden. Dann machte sich Isabel noch einmal klar: Die Kollegen hatten sich auf dem Boot verhalten wie pubertierende Flegel. Das Unglück wäre nicht passiert ohne deren blödsinnige Neugierde und kindische Stichelei.

Isabel holte die Worte in ihr Bewusstsein, die Lena ihr nach einem freundschaftlichen therapeutischen Gespräch mit auf den Weg gegeben hatte: »Was passiert ist, ist passiert, und du willst stark sein. Also musst du lernen, dir solche Sachen nicht so zu Herzen zu nehmen, vieles an dir abprallen zu lassen. Leg dir eine Echsenhaut zu. Das Denken der anderen kannst du ohnehin nicht beeinflussen.« Damit drückte sie den Einschaltknopf ihres Computers. Würde sie da schon ein Shitstorm erwarten?

Auch Markus hatte sich wieder seinen Unterlagen zugewandt und sagte nun: »Selbst wenn CaWe aus dem Koma wieder aufwacht, weiß niemand, was danach sein wird.«

Daran wagte Isabel gar nicht zu denken, vorerst zumindest nicht. Sie überlegte, ob sie Markus von ihrem Besuch am Vortag in der Klinik erzählen sollte, entschied sich dann, es zunächst für sich zu behalten, und begann, ihre elektronische Post zu sichten. Sie war fest entschlossen, sich nun mit aller Kraft in die Arbeit zu stürzen, um wenigstens das wiedergutzumachen, und fragte: »Viel liegen geblieben die letzten Tage, Markus?«

»Das auch. Ich konnte aber einiges abarbeiten«, antwortete Markus. »Meine Frau und meine Jungs haben sich schon beschwert, weil ich deswegen unsere gemeinsame Radtour gecancelt habe.«

»Oh, tut mir leid.«

Markus schmunzelte: »Das muss es nicht. Meine Familie ist ohne mich nach Konstanz rüber. Die haben es sich gutgehen lassen, sind mal wieder ins SEA LIFE und haben gebummelt. Und ich konnte wenigstens abends noch eine Runde mit meinem Bike drehen.« Er schwenkte einen Packen Papiere und wechselte den Tonfall: »Die Kollegen der Kripo, der Schorsch und der Mehmet, waren übrigens auch schon da und haben uns zum Hergang des Unglücks befragt. Die haben uns ganz schön auf Trab gehalten.«

Isabel hob überrascht den Kopf, sah Markus an und fragte: »Schorsch und Mehmet, sagtest du? Also ermittelt die Kripo von nebenan?«

Markus nickte und sagte: »Ja, Gott sei Dank sind unsere Kollegen an dem Fall dran und nicht gleich die von der nächsthöheren Dienststelle oder die Konstanzer. Da bin ich echt froh drüber. Unsere Nachbarn lassen wenigstens mit sich reden.«

»Wie ist denn der aktuelle Sachstand?«, fragte Isabel vorsichtig und merkte, wie ihr der Schweiß aus allen Poren drang.

Markus hatte sich wieder seiner Akte zugewandt und antwortete, ohne aufzusehen: »Die beiden haben alle, die auf dem Boot waren, befragt – als Zeugen.«

»Als Zeugen? Nicht als Beschuldigte?«, wunderte sich Isabel. Ungeachtet ihrer Affäre war ursächlich für den Untergang des Schiffes immerhin die zu einseitige Gewichtsverteilung und das heftige Wippen der Kollegen. Mit einem Schreibblock fächerte sie sich Luft zu, um Hals und Nacken zu kühlen.

»Nein, und als Zeugen waren wir zur Aussage verpflichtet«, sagte Markus, und seine Stimme klang ziemlich genervt. »Wir alle haben dieselben Angaben zum Sachverhalt gemacht, so wie wir es nach dem Unfall besprochen haben. Wenigstens das hat funktioniert.«

Isabel überlegte, und ihr Herz schlug heftiger: »Dann kommen die bestimmt bald auch auf mich zu.«

»Du hast es erfasst. Sie haben den Fragebogen für deine Stellungnahme hiergelassen. Da ist er«, sagte Markus und reichte ihr das Papier über den Schreibtisch. »Ausfüllen musst du ihn selbst.«

Isabel erhob sich, griff nach dem Fragebogen, und schon während sie das Fenster öffnete, überflog sie die Fragen. »Ich halte mich natürlich ebenfalls an das, was ihr ausgesagt habt. Was habt ihr denn erzählt?«, fragte Isabel bang.

»Wir haben angegeben, dass wir, alle Kollegen aus unserer Schicht, mit dem Chef einen Bootsausflug unternommen haben – nicht dienstlich, sondern rein privat, einfach so, aus Spaß an der Freude. Wir haben fröhlich gefeiert, und alle haben Alkohol getrunken, der Bootsführer selbstredend nicht.«

Isabel runzelte die Stirn: »Der Bootsführer warst du, oder? Obwohl ich das Boot gechartert habe?« Sie erinnerte sich an den Tag, als sie mit Lena und Ben mit dem Vermieter in Konstanz verhandelt und den Deal festgemacht hatte.

Markus nickte und fuhr fort: »Ja, ich war im kritischen Moment ja auch am Steuer. Es war sehr schwül und heiß an diesem Tag, und alle wollten ins Wasser und schwimmen gehen. Du bist in die Kabine runter, um dich umzuziehen. Der Polizeidirektor folgte dir nach unten. Wir, also die Kollegen, sind oben auf der Flybridge zusammengestanden, haben weiter getrunken und geschunkelt und Witze gerissen. Zu viele standen auf derselben Seite. Die haben sich leichtsinnigerweise über die Reling rausgehängt und gemerkt, dass sie so das Schiff zum Schaukeln bringen können. Ich habe Kreise gezogen und einfach im falschen Moment Gas gegeben. Durch das Gewell hat das Schiff Schlagseite bekommen. Der Kahn hat sich auf die Seite geneigt, und weil der Schwerpunkt zu weit oben war, konnte es sich schlichtweg nicht mehr aufrichten. Dann hat sich die Kajütentür geöffnet, und Wasser drang herein. Das Innere ist rasend schnell vollgelaufen und das Boot schließlich abgesoffen.«

Isabel hatte gebannt zugehört, nickte nun nachdenklich und murmelte: »So war’s ja wohl.« Markus griff in seine Tüte Studentenfutter, schob sich ein paar Nüsse in den Mund und resümierte kauend: »Die Kollegen von der Kripo haben Verständnis gezeigt. Die kennen diese Art von Booten ja auch. Die wissen so gut wie wir, dass so formstabile Schiffe wie die »Amareno« eigentlich für Flüsse und Kanäle gebaut sind. Für Seen sind die Boote eher nicht geeignet und für den Bodensee schon gar nicht. Bei Sturm und Wellen haben die einen ungünstigen Schwerpunkt. Wenn man in Freizeit- und Feierstimmung ist, denkt man da nur nicht dran.«

»Gibst du mir bitte etwas ab von deiner Nervennahrung«, fragte Isabel, »hab sie nötig!« Damit griff sie ebenfalls in die Tüte, und kauend hörte sie Markus sagen: »Der Frieder hat mal erzählt, vor ein paar Jahren sei auf dem Bodensee schon mal ein Boot dieser Bauart gekentert und gesunken. Mit Bestattern aus ganz Deutschland an Bord.«

»Mit Bestattern? Die werden täglich mit dem Tod anderer Leute konfrontiert, und dann geraten die hier selber in Not?«, wunderte sich Isabel. »Klingt irgendwie makaber. Hattest du mit dem Fall zu tun?«

»Nur am Rande. Wenn ich mich recht erinnere, war das im Juni 2011. Die Schiffbrüchigen sind damals, wie wir auch, von einem Segelboot aufgenommen und gerettet worden«, wusste Markus. »Da gibt’s sogar ein Buch drüber, hat meine Frau mal im Urlaub gelesen.«

»Echt? Ein Buch über unser Unglück zu schreiben wird diesmal hoffentlich niemandem einfallen!«, wandte Isabel ein.

Markus spottete: »Mir bestimmt nicht. Ich bin ja schon froh, wenn ich meine Berichte und Protokolle halbwegs fehlerfrei hinkriege.«

Isabel ging auf seinen lockeren Ton ein und frotzelte: »Stell dein Licht bloß nicht unter den Scheffel. Wenn du die Presseleute richtig anfütterst, beißt vielleicht von denen jemand an.«

»Das fehlte gerade noch, das mach ich sicher nicht«, stöhnte Markus. »Ich bin froh, dass sich keiner von denen in die Geschichte verbissen hat und eine tolle Story wittert. Bis jetzt wenigstens nicht, da haben wir Glück – Glück im Unglück, wie man so sagt.«

Isabel begann, den Fragebogen der Kriminalpolizei auszufüllen. Markus beobachtete sie und bekräftigte: »Wie gesagt, wir wurden als Zeugen vernommen. Keiner hat von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, und keiner hat einen Anwalt verlangt.«

»Du auch nicht?«, fragte Isabel und schaute kurz auf, um sich zu vergewissern.

»Bisher nicht. Mal abwarten. Als Bootsführer bekomme ich wahrscheinlich eine Strafe und eventuell auch ein Disziplinarverfahren an den Hals«, mutmaßte Markus und fuhr sich mit einer Hand über seinen Dreitagebart.

Markus und ein Disziplinarverfahren? Isabel erschrak. Auch das wäre zumindest teilweise ihre Schuld. »Oje, ich hoffe nicht, dass du bestraft wirst für den Leichtsinn der anderen.«

»Zerbrich dir bitte darüber nicht auch noch den Kopf. Die werden mir meinen schon nicht abreißen. Haben mich ja nicht mal vom Dienst suspendiert – bisher!«

»Na hör mal, wer sollte den Laden denn am Laufen halten, wenn nicht du?«, fragte Isabel und schob sich ein paar getrocknete Beeren in den Mund.

»Dass CaWe, als Chef, wegen einem Verhältnis mit einer Untergebenen nicht belangt wird, hat er lange vor der Affäre mit dir geklärt«, sagte Markus nachdenklich und fügte an: »Weißt du, Isabel, du bist nicht die erste Mitarbeiterin, mit der CaWe sein Spiel trieb. Noch vor einigen Jahren wäre das offiziell nicht geduldet worden, das Referat ›Recht und Sicherheit‹ hätte etwas dagegen gehabt.«

Isabel nickte: »Ich weiß, lieber Kollege. Anders wäre es nur, wenn ich behaupten würde, dass mein Chef mich sexuell belästigt hat. Aber so war es ja nicht«, gestand sie etwas leiser.

»Und keiner der Kollegen reklamiert, dass er durch euer Verhältnis in irgendeiner Weise benachteiligt wurde oder du dadurch bevorzugt wurdest. Deshalb dürfte das kein Problem sein. CaWes Weste ist sauber«, sagte Markus und fügte an: »Wenn er wieder den Dienst antreten kann.«

Kapitel 6

An einem dieser windigen und regennassen Septembertage, die das baldige Ende des Sommers am See ankündigten, setzte sich Isabel im Fahrgastraum des Katamarans in einen Sessel und schaute zum Fenster hinaus. Der Bodensee hatte seine einzigartige Farbpalette gegen tristes Grau in allen denkbaren Stufen eingetauscht. Ein dunkles Wolkenband hing schwer über dem Schweizer Ufer. Viele kleine Schaumkronen auf dem Wasser jagten wie eine Horde wildgewordener Schwäne hintereinander zum Ufer. Ein einzelnes Segelboot schaukelte unter Motor dem Hafen von Bottighofen entgegen. Die Segel hatte der Skipper längst eingeholt. In gelber Regenkleidung umfasste er das Steuerrad und trotzte dem Nass von allen Seiten.

Bald würde die Fähre Konstanz erreichen. Eigentlich hatte Isabel gar nicht fahren wollen. Erstens verursachte der Gedanke, bei diesem Wetter aufs Wasser zu gehen, Bauchgrimmen und zweitens war ihr überhaupt nicht nach Feiern zumute. Bang dachte sie an die vielen Leute, die oberflächlichen Gespräche, die fremden Gesichter – aber wenigstens wollte sie Lena zu deren 40. Geburtstag gratulieren. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie die vergangenen Tage ohne die Freundin überstanden hätte.

Im geschützten Konstanzer Bundesbahnhafen war von dem Sturm auf dem See draußen fast nichts zu spüren. Als der Katamaran anlegte, regnete es immer noch. Isabel zog die Kapuze ihres Anoraks über die Haare und drückte die Rosen, die sie für Lena gekauft hatte, an sich. Dann reihte sie sich ein in den nicht enden wollenden Lindwurm von bunten Regenschirmen, der sich von der Mole zur Hafenstraße und in die Fußgängerzone schlängelte. Der Sturm zerrte an den Schirmen und trieb neben gelbbraunen Blättern Plastik-, Bäckertüten und Einweg-Getränkebecher vor sich her. Die Herbstblumen, die solches Wetter gewöhnt waren, hatten ihre Blüten geschlossen. Kein Vogelgezwitscher war zu hören. Windböen heulten und rauschten durch die Gassen, rüttelten an den Ketten der festgebundenen Tische und der gestapelten Stühle der Straßencafés. Isabel bog in eine Seitengasse ab und marschierte weiter durch die Altstadt zu Lenas Wohnung.

Durchnässt kam sie an, und als Lena öffnete, fielen sich die Freundinnen in die Arme. »Schön, dass du es geschafft hast zu kommen. Gut gemacht, meine Liebe.« Mit ihren Worten spielte Lena auf Isabels Stimmung noch vor wenigen Stunden an. Isabel hatte Lena telefonisch gratuliert und gesagt, dass sie nicht zu ihrer Feier kommen könne, weil der Blues sie mal wieder niederdrücke. Isabel hatte Lenas Enttäuschung gespürt und sich gezwungen, aufzustehen und die Fahrt auf sich zu nehmen. Nun sagte sie lächelnd: »Lena, du warst so oft für mich da in letzter Zeit, da musste ich mich einfach aufraffen.«

»Ich freu mich, dass dir das gelungen ist. Die Abwechslung wird dir bestimmt guttun.«

»Mal sehen«, antworte Isabel wenig überzeugt und folgte Lena zögernd. Im Wohnzimmer und in der Küche drängten sich befreundete Mütter, Mitarbeiterinnen und Kolleginnen von Lena. Stimmengewirr und lautes Lachen empfing die beiden.

»Meine lieben Frauen, hört bitte mal her. Das ist Isabel, meine beste Freundin. Wir kennen uns schon seit unseren gemeinsamen Tübinger Tagen. Wir haben lange in einer WG zusammengewohnt. Schon damals waren wir das Dreamteam und unzertrennlich. Wir haben uns geschworen, Freunde fürs Leben zu bleiben.« Lena machte eine kurze Pause und lachte Isabel an. »Nun hat Isabel es ohne mich in Tübingen nicht mehr ausgehalten und ist im Frühjahr auch an den Bodensee gezogen.«

»Willkommen!«, tönte es gleichzeitig aus mehreren Kehlen, und die Frauen klatschten in die Hände. Als es wieder ruhig wurde, verkündete Lena: »Hauptkommissarin Isabel arbeitet bei der Wasserschutzpolizei in Friedrichshafen, also nehmt euch in Acht!« Dann drückte sie Isabel ein Glas Prosecco in die Hand, griff nach ihrem eigenen und rief fröhlich in die Runde: »Lasst uns auf unsere Freundschaft trinken mit dem Trinkspruch, mit dem Isabel und ich seit Jahren anstoßen: In dubio Prosecco! Prost!«

Alle lachten, prosteten sich zu und begannen, wieder durcheinanderzuquatschen. Isabel beteiligte sich nur wenig an den Gesprächen, auf Fragen antwortete sie meist einsilbig. Sie lehnte bereits einige Minuten an einer Wand – einen freien Sitzplatz hatte sie nicht ergattern können –, als sich Lenas Mitbewohnerin Natalia zu ihr gesellte. Die hat mir gerade noch gefehlt, schoss es Isabel in den Sinn. Sie konnte Natalia nicht besonders gut leiden und hatte Lena schon gefragt, wie sie es mit einer dermaßen oberflächlichen und nur auf Äußerlichkeiten bedachten Person überhaupt aushielt. Da plapperte Natalia auch schon los: »Na, Isabel, wie geht’s dir denn so? Lena hat erzählt, was passiert ist, und ich hab’s auch im Radio gehört.«

Beim Klang ihrer Stimme richteten sich sämtliche Härchen in Isabels Nacken auf. »Es geht so, liebe Natalia. Hast du etwas anderes erwartet?« Isabel schaute kampfeslustig direkt in Natalias kunstvoll bewimperte und geschminkte Augen. Sie verspürte wenig Lust, dieser Plaudertante Einzelheiten preiszugeben. Doch Natalia gab nicht so schnell auf, sie musterte Isabel neugierig, schürzte ihre vollen Lippen und sagte: »Du siehst ein bisschen mitgenommen aus, Isabel. Vielleicht solltest du dir etwas Schönes gönnen. Ich kenne einen tollen Salon, da kannst du dich wieder aufmöbeln lassen.«

»Danke, Natalia, das ist nichts für mich«, sagte Isabel und nippte an ihrem Prosecco.

»Ach, ich dachte ja nur, du hättest es …«

Bevor Natalia ihren Satz zu Ende sprechen konnte, kam Lena und sagte: »Natalia, du hast doch sicher nichts dagegen, wenn ich dir Isabel kurz entführe.« Schon packte sie Isabel am Arm und zog sie mit sich fort. Dankbar blickte Isabel die Freundin an. »Danke. Du, ich kann das gerade noch weniger als sonst! Für so ein Gelaber hab ich momentan überhaupt keinen Nerv.«

»Das habe ich mir gedacht, als ich euch zwei gesehen hab. Darum bin ich ja gekommen. Setz dich hierher zu meinen Kolleginnen und zu meiner Yogalehrerin«, sagte Lena und drückte Isabel auf das Sofa neben eine Frau mit tiefschwarzen langen Haaren und buntem Baumwollkleid. Die Frau unterbrach ihr Gespräch, senkte lächelnd ihren Kopf und fixierte Isabel aus dunkel umrandeten Augen. Dann faltete sie ihre Hände vor der Brust und begrüßte die Neue mit: »Namasté.«

Isabel lächelte zurück, und da sie nicht wusste, ob sie auf den Gruß mit einem »Ohm« antworten sollte, entschied sie sich für ein freundliches Nicken. Für die Yogini schien das in Ordnung zu sein und die Sache damit erledigt. Sie wandte sich wieder den anderen Frauen der Runde zu und schwärmte weiter von ihrer Reise nach Sri Lanka zu ihrem spirituellen Meister. Isabel lauschte der Unterhaltung ohne besonderes Interesse. Am liebsten hätte sie sich wieder davongeschlichen, doch Lena zuliebe hielt sie tapfer durch.

Irgendwann kamen die Frauen auf das Schiffsunglück vor Friedrichshafen zu sprechen, über das auch die Konstanzer Zeitungen berichtet hatten. Eine von Lenas Kolleginnen wandte sich an Isabel und fragte: »Bist du die Freundin von Lena, die mit auf dem Boot war? Lena hat da mal etwas erzählt.«

Isabel war mit ihren Gedanken gerade bei Thomas und damit weit weg gewesen und zuckte nun zusammen. »Ähm, ja«, antwortete sie widerwillig, strich sich eine Locke aus dem Gesicht, nahm einen Schluck und drehte das Glas in ihren Händen.

»Was, echt? Du warst bei dem Unglück dabei? Krass!« Die Besucherin, die bisher Isabel gegenübergesessen war, sprang sofort auf und griff nach ihrer Handtasche.

»Cool! Erzähl doch mal«, rief eine andere, und Isabel wäre am liebsten im Erdboden versunken. Die Neugier dieser Frauen zu befriedigen war das Letzte, wonach Isabel der Sinn stand.

»Das muss ich gleich in meine Story posten. Darf ich ein Foto von dir machen?« Die Frau hatte inzwischen ihr Smartphone gefunden und hielt es Isabel vors Gesicht.

»Lass das!«, sagte Isabel scharf, hob ihren Arm, und für einen Moment sah es aus, als würde sie ihr das Handy aus den Händen schlagen. Doch Isabel fuhr nur mit ihrer Hand über ihr Gesicht und wischte die Schweißtropfen ab, die sich gebildet hatten. Oder waren es Tränen? Egal. Isabel merkte, wie sich ein Panzer um ihr Innerstes legte und sie langsam erstarrte. Genau vor solchen Situati­onen hatte sie sich gefürchtet. Sie senkte ihre Hand wieder, umklammerte ihr Glas und begann plötzlich zu zittern. Trotz Dröhnen in ihrem Kopf hörte sie ein Knirschen. Das Glas zerbarst in ihren Händen, etwas Warmes rann zwischen ihren Fingern hindurch. Wie durch einen Schleier registrierte sie, dass Lena auf sie zustürzte. Sie senkte den Kopf und betrachtete ihre Hände. Alles rot, blutrot. Ihr Blut. Dann sank sie auf dem Sofa zusammen. Alles war mit einem Mal wieder da: das Wasser, das Rauschen, der Kampf, Carl, der Schmerz in ihrer Lunge …

Es war mucksmäuschenstill geworden im Zimmer. Erschrockene Gesichter starrten auf Isabel und Lena. »Isabel, hörst du mich?«, rief Lena, packte die Freundin an den Schultern und schüttelte sie. Nun tätschelte sie Isabels Wangen und rief noch einmal: »Isabel! Hörst du mich?« Als sie keine Antwort bekam, nahm sie ein Wasserglas, das halb voll auf dem Tisch stand, und schüttete es Isabel schwungvoll ins Gesicht. Dann schlug sie kräftiger auf Isabels Wangen … abwechselnd rechts und links.

In dem Moment öffnete Isabel die Augen und sagte: »Hey, du tust mir weh.« Sie richtete sich auf, fuhr sich mit einer Hand über Stirn und Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln. Sie schüttelte ihre Locken und verkündete in die Runde: »Alles okay, Mädels. Sorry, war nur ein kleiner Schwächeanfall.«

»Du hast dich geschnitten«, sagte Lena und zeigte auf Isabels blutende Finger. »Komm mit ins Bad, da ist Verbandszeug.« Damit zog sie Isabel hoch und verließ mit ihr das Zimmer. Zurück blieben überraschte, teils besorgte und teils auch enttäuschte Gesichter.

»Es tut mir so leid, Lena. Nun hab ich dir auch noch deine Geburtstagsparty vermasselt. Ich hätte nicht kommen dürfen, niemals …«, jammerte Isabel.

»Hör bloß auf mit dem Quatsch und halt still, du Schusseltante, du.« Vorsichtig tupfte Lena die Schnittwunden an Isabels Händen ab. »Halb so schlimm, hat im ersten Moment böser ausgesehen, als es ist.« Mit einer Pinzette entfernte sie einen winzigen Glassplitter aus der Handfläche, besprühte die Wunde mit Desinfektionslösung und klebte ein Pflaster darauf. Weitere kleine Streifen klebte sie um Isabels Finger. »Sodale. Das hätten wir. Du kannst deinem Pascha bestellen: Die nächsten Tage wird’s nix mit Spülen«, scherzte Lena und drückte die Freundin an sich.

»Danke, Lena, aber du tust Thomas unrecht. Er hat sich schwer gebessert während der vergangenen Tage. Er hat sich um mich gekümmert, war richtig aufmerksam, hat ständig nach mir geschaut, mir zu trinken gebracht, sogar Essen eingekauft«, stammelte Isabel.

»Na, dann hat das Ganze wenigstens etwas Positives, wurde auch allerhöchste Zeit.«

Schulter an Schulter und Kopf an Kopf saßen die Freundinnen schweigend auf dem Rand der Badewanne, als plötzlich die Tür aufsprang und Lenas sechsjähriger Sohn Ben hereinstürmte, die Kinder der anderen Mütter im Schlepptau. Mit zornrotem Gesicht sagte er: »Mama, der Tim hat ›Arschloch‹ zu mir gesagt!«

»Stimmt ja gar nicht!«, widersprach der Junge, der offensichtlich Tim hieß.

»Doch, hast du!«, schrie Ben und streckte dem Jungen die Zunge heraus. Dann wandte er sich wieder seiner Mutter zu und klagte: »Außerdem hab ich Hunger.«

»Paul hat auch Hunger«, pflichtete ihm ein kleinerer Junge bei.

»Ludwig hat Durst!«, meldete ein Junge, dessen untere Gesichtshälfte braun verschmiert war, und schob sich ein Stück Schokolade in den Mund.

»Boris mag Burger!«

So schallte es munter durcheinander, und unwillkürlich musste Isabel lächeln. Lena erhob sich, setzte ihre Strenge-Mama-Miene auf und verkündete: »So, hier erst mal alle Hände waschen! Gleich gibt’s Essen.« Zu Isabel gewandt, sagte sie seufzend: »Jetzt wird’s ernst. Wenn die kleinen Plagegeister hungrig sind, kennen sie kein Pardon.« Mit Blick auf Isabels nassen und blutverschmierten Pullover fügte sie hinzu: »Dein Pulli hat was abbekommen. Nimm dir einen sauberen aus meinem Schrank, du weißt ja, wo die sind.«

Isabel sah Lena dankbar an. »Lieb von dir, danke, Lena, mach ich. Aber du, ich hab überhaupt keinen Bock auf weitere Fragen und schon gar nicht auf Small Talk. Ich verdrück mich und geh gar nicht mehr rein. Kannst du mir das verzeihen?«

»Da gibt’s nichts zu verzeihen. Ich versteh dich«, sagte Lena, während sie die Reste der Heftpflaster in den Mülleimer räumte und Pinzette und Schere in Sicherheit brachte. Dann sah sie Isabel an. »Am liebsten würde ich mit dir allein weiterfeiern. Mit dir durch Klubs und Kneipen ziehen wie früher. Auch mir gehen die Mädels heut irgendwie auf die Nerven.«

Erleichtert atmete Isabel auf, schlang ihre Arme um Lena und sagte: »Ich melde mich wieder. Und entschuldige bitte die Unruhe und den Aufruhr, die ich in deine Bude gebracht habe. Ich wollte wirklich nicht so viel Aufmerksamkeit auf mich ziehen, wo doch heute dein Geburtstag ist. Und natürlich nochmals danke für alles, Lena.«

Als Isabel vor die Tür trat, nahm sie erst mal einen tiefen Atemzug, presste die Luft hörbar aus und hob prüfend die Hand. Von den Bäumen und Dächern tropfte zwar noch das Wasser, aber der Regen hatte aufgehört. Sie blickte auf die Uhr. Ihr blieb genügend Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Katamarans. Sie schlenderte durch die Gassen der Altstadt Richtung Hafen und fand sich plötzlich vor dem Konzilsgebäude wieder. Hier, wo vor 600 Jahren Kardinäle einen neuen Papst gewählt hatten, der die Spaltung der abendländischen Christenheit beenden sollte, hatte vor einem Vierteljahr die Affäre mit Carl begonnen. Geschickt hatte er den gemeinsamen Ausflug nach Konstanz eingefädelt. Er hatte darauf bestanden, dass sie ihn zu einer Tagung begleitete, und auf dem Nachhauseweg war es dann geschehen. Eine heiße Welle durchflutete Isabels Körper. Die Erinnerung an die wilden Minuten zwischen den Rebstöcken loderte auf in ihr. Würde Carl inzwischen reagieren, wenn sie ihn ansprechen oder berühren würde, fragte sie sich, als sie sich der Seeseite des massiven Gebäudes näherte.

Auf der Terrasse wischten korrekt gekleidete Kellner bereits Tische und Stühle für kommende Gäste trocken. Isabel blieb stehen, ließ den Blick schweifen und fixierte dann die »Imperia«, die sich langsam um die eigene Achse drehte. Schon interessant, dass die spärlich bekleidete Schöne auf der ältesten Pegelmessstation Baden-Württembergs steht und dort auch heute noch der Konstanzer Pegel gemessen wird, den wir Wasserschützer täglich verfolgen, dachte Isabel. Der Künstler Peter Lenk hat nicht gegeizt und sie mit weiblicher Sinnlichkeit überreich ausgestattet. Gerade zeigte die knapp zehn Meter hohe Statue Isabel ihren üppigen Betonbusen, und sie erinnerte sich, wie völlig nüchtern und offensichtlich unbeeindruckt von ihren Reizen Thomas ihr das neue Wahrzeichen der Stadt erklärt hatte: »Die weibliche Figur mit der Narrenkappe soll eine Kurtisane darstellen und eine satirische Anspielung auf das Konstanzer Konzil sein«, dozierte er damals. »Imperia war die Geliebte von weltlichen und kirchlichen Würdenträgern. Die zwei nackten Winzlinge, die sie auf ihren Händen trägt, stellen Papst und Kaiser dar.«

Seinerzeit hatte Isabel ihm scherzhaft geraten, statt Philosoph lieber Stadtführer zu werden. Denn der belesene Thomas wusste außerdem, dass der Bildhauer die Gestalt nach einem literarischen Vorbild seines Lieblingsdichters Balzac geschaffen hatte. Balzacs Roman »La belle Imperia« erzählte von einer Kurtisane, die während des Konzils als mächtige Geliebte triebgesteuerte Würdenträger um den Finger gewickelt und zu lächerlichen Witzfiguren degradiert hatte. Isabel war beeindruckt, hatte sich seine Sätze eingeprägt und später Lena erzählt. Köstlich amüsiert hatten sie sich damals.

Während Isabel wieder fasziniert die Drehbewegung der neun Meter hohen Edelprostituierten verfolgte, holte sie sich die Symbolik erneut ins Gedächtnis. Mächtige Männer als lächerliche Zwerge, vollständig ausgeliefert ihren Trieben, Spielbälle in den Händen einer Frau. Maßlos übertrieben dargestellt zwar, und doch könnte ein wahrer Kern darin stecken: Die Frau ist es, die groß und stark und souverän und mächtig ist, sie beherrscht ihre Libido. Darüber lohnte es sich nachzudenken …

Bevor Isabel sich abwandte, um zur Anlegestelle des Katamarans zu gehen, zwinkerte sie der Imperia verschwörerisch zu: Die Frau ist die Siegerin, die Meisterin ihrer Triebe. Du machst mir Mut, du Wundersame. Auch ich kann wieder zur Herrin meines Schicksals werden.

Kapitel 7

»Die Presseleute haken nach, die geben sich nicht so einfach zufrieden!« Mit diesen Worten stürmte Markus zur Tür herein und knallte ein Bündel Papiere auf den Schreibtisch. Dann marschierte er zum Fenster, riss einen Flügel auf und atmete ein paarmal tief durch. Seit der Polizeidirektor im Krankenhaus lag, belasteten ihn die Chefsachen zusätzlich. Außerdem machten die Kollegen der Kripo Druck. Sie hatten jeden, der mit auf dem Boot war, ein weiteres Mal einzeln befragt. Und jetzt auch noch die Presseanfragen …

Isabels Finger, die gerade noch über die Tasten ihres Computers geflogen waren, um ein Protokoll zu tippen, hielten inne. Sie hob den Kopf, presste die Lippen zusammen und schaute ihren Kollegen ratlos an.

Markus schloss das Fenster wieder und verschwand hinter seinem Bildschirm. Er schob sich eine Handvoll Nüsse in den Mund und sagte: »Die wittern nun wohl doch die Story und wollen ein großes Ding draus machen. Das hat mir gerade noch gefehlt!«

»Mal ganz ehrlich, es ist ja auch nicht alltäglich, und die Häfler freuen sich eben über außergewöhnliche News. Dann können sie sich an den Stammtischen wieder ihre Mäuler zerreißen. Außerdem sind unsere Freunde von der Presse ja nicht blöd. Es ist nun mal nicht sehr wahrscheinlich, dass so ein großes Motorboot bei ruhigem See einfach untergeht. Du würdest an ihrer Stelle auch stutzig werden«, mutmaßte Isabel.

»Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte Markus ihr kauend zu und strich sich mit der Hand über seinen Dreitagebart. »Und so ein kleines Skandälchen ist doch immer gut. Wenn ich wenigstens CaWe fragen könnte, wie er die Sache handhaben würde.« Er beobachtete Isabel, die zusammengezuckt war, als sie den Namen hörte, und fügte hinzu: »Bisher haben unsere Kollegen dichtgehalten, keiner ist ausgeschert. An denen knabbert das eigene schlechte Gewissen.«

Die hätten erst recht mit Konsequenzen zu rechnen. Wenn die nicht nachgeholfen hätten, wäre das Boot nicht gekippt und vollgelaufen, dachte Isabel, und schlagartig wurde ihr auch bewusst: Wenn Carl nicht bald aufwachte oder wenn ihm gesundheitliche Beeinträchtigungen blieben, konnte die Sache schlimm ausgehen für die Kollegen. Das wäre gravierender und nachhaltiger als ein Verhältnis des in der Stadt bekannten und angesehenen Polizeidirektors mit einer Untergebenen. Doch sie verkniff sich ihren Kommentar und nickte nur.

In diesem Augenblick betrat Timo das Büro. Das Gesicht des jungen Kollegen war puterrot bis unter die blonden Haarspitzen. In einer Hand hielt er mehrere Blätter Papier und wedelte damit vor Markus’ Kopf herum. »Habt ihr schon gesehen, im Internet kursieren wilde Spekulationen über den Unfallhergang!«, stieß er hervor.

Aha, daher wehte der Wind! Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Presse den Fall nochmals aufgreifen will, schoss es Markus durch den Sinn. Missmutig brummte er: »Will ich gar nicht wissen.«

Timo schob ihm die Papiere trotzdem zu, zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, die er bereits gelb markiert hatte, und zitierte: »Da steht: Ich frage mich, wie man so einen Kahn umschmeißen kann. Kann mir nicht vorstellen, dass es nur an der falschen Belastung lag.«

»Ich will’s nicht hören!«, betonte Markus noch einmal einen Ton schärfer als zuvor. Doch Timo war nicht zu bremsen: »Und hier: An diesem Tag hatten wir ruhiges Wetter und so gut wie keine Wellen. Da ist was oberfaul …«

Isabel erhob sich und ging vor ihrem Schreibtisch auf und ab, dass ihr Pferdeschwanz im Takt ihrer Schritte von einer Seite auf die andere wippte. In ihrem Bauch krampfte sich etwas zusammen, und unwillkürlich legte sie eine Hand auf den Gürtel. Mit klopfendem Herzen verfolgte sie den Disput der Kollegen.

»Hör endlich auf, ich gebe nichts auf den Scheiß! Und siehst du nicht, wie Isabel leidet?«, fuhr Markus Timo an und fegte mit einer schnellen Handbewegung die Blätter vom Tisch.

Timo erschrak. Jähzorn und Wutausbrüche kannte er von Carl W. Dangelmann und litt unter ihnen mehr als jeder andere hier. Dienstgruppenleiter Markus Proll dagegen hatte er bisher als ausgeglichen und freundlich erlebt. Änderte sich das Verhalten mit der Funktion? Dann wollte er nie Chef werden.

Timo verbrachte viele Stunden am PC und im Internet. Er schenkte den oftmals polemischen Kommentaren der teils anonymen User große Aufmerksamkeit und konnte nicht begreifen, warum Markus die Beiträge ignorierte. »Sorry«, stotterte er kleinlaut, »ich dachte, das ist wichtig und interessiert euch.« Er sammelte die Papiere vom Boden auf, hielt kurz inne und warf sie dann in den Papierkorb.

Inzwischen hatte sich Markus wieder beruhigt und sagte: »Timo, bitte entschuldige, aber für so was hab ich grad absolut keinen Nerv. Die Pressefuzzis haben die Kommentare bestimmt auch gelesen und wollen jetzt ein Interview.« Er stand auf, schaute Isabel und Timo fragend an und überlegte laut: »Was sag ich denen bloß?«

Timo ging ein Licht auf: Er erkannte, dass er gar nicht der Grund für Markus’ Aggressivität gewesen war, also sagte erleichtert und ein wenig boshaft: »CaWe hätte damit kein Problem! Wenn die Presseleute anklopften, lief er immer zu Höchstform auf. Gut ankommen, irgendein Zeugs säuseln und schleimen, das hatte der drauf! Was das betrifft, hättest du von CaWe jede Menge lernen können.« Zu seinen Worten nickte Timo bekräftigend, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Seit Timo über den Chef wusste, was er ohne das Unglück nie erfahren hätte, war seine Heidenangst vor ihm wie weggeblasen. Er lebte förmlich auf.

Isabel war bei Timos Sätzen zusammengesunken und kritzelte mit gesenktem Kopf auf ihrer Schreibtischunterlage herum. Warum hatte Timo in der Vergangenheitsform von Carl gesprochen? Rechnete er nicht mehr mit seiner Rückkehr in den Dienst? Kannte er Carls Zustand? Sie dachte zurück an ihren Besuch in der Akutneurologie in Allensbach, und ihr Magen krampfte sich erneut zusammen. Carls Tiefenangst, die er sich selbst nicht eingestanden hatte, war der Grund dafür, dass er es nicht aus eigener Kraft an die Wasseroberfläche geschafft hat, hämmerte Isabel sich ein, und doch fühlte sie sich wieder einmal schuldig: Wenn sie nochmals zu ihm hinuntergetaucht wäre, vielleicht hätten sie es gemeinsam geschafft. Wenn sie ihn, statt ihn loszulassen, fester gepackt hätte, als er begann, um sich zu schlagen, vielleicht … Wenn, wenn, wenn … Ach, sie hätte sich niemals auf diese Affäre einlassen dürfen.

Markus riss sie aus ihren Gedanken. »Weißt du was, Isabel, ich sag denen gar nix. Ich verweise auf die laufenden Ermittlungen, basta!«, beschloss er und griff zum Telefonhörer.

Kurze Zeit später, Markus war auf dem Weg zu den Kollegen der Kriminalpolizei nebenan, trieb sein schlechtes Gewissen Timo erneut in Isabels Zimmer. Er blieb vor ihrem Schreibtisch stehen, fuhr sich mit den Fingern durch seine Stoppelhaare und sagte: »Du, Isabel, vorhin … mein Verhalten, das war richtig blöd. Entschuldige.«

»Ist schon okay, Timo. Markus ist nicht nachtragend, und ich bin es auch nicht. Wir sind gerade alle ein bisschen durch den Wind«, sagte Isabel und blickte zu Timo auf.

Timo fuhr zögernd fort: »Seit ich weiß, dass CaWe unter Tiefenangst leidet und er mit seinem arroganten Verhalten Schwäche und Unsicherheit überspielen wollte, habe ich fast Mitleid mit ihm, Isabel. Ist CaWe nicht eigentlich eine ganz arme Sau?«

Isabel nagte an ihrer Unterlippe und sagte schließlich: »Ich war bei ihm, hab ihn in der Klinik besucht.«

Erstaunt fragte Timo: »Und? Wie geht es ihm?«

Isabels Blick wanderte zum Fenster hinaus. Sie antwortete: »Carl hängt an Schläuchen, ist völlig angewiesen auf Ärzte und Geräte, die Atmung und Herzschlag kontrollieren. Gut, dass er das gar nicht mitbekommt.«

»Da tut er mir wirklich leid. Ich möchte nicht tauschen mit ihm.« Timo trat nervös von einem Bein auf das andere und schaute Isabel durchdringend an.

Isabel hatte das Gefühl, dass ihren jungen Kollegen noch etwas ganz anderes bewegte, und fragte: »Du hast etwas auf dem Herzen, stimmt’s?«

»Ja, ich wollte …«, stammelte er, »… ich wollte dich fragen, ob du nach Dienstschluss schon was vorhast.«

»Nein, warum?«, fragte Isabel gedehnt. Sie wusste nicht, worauf Timo hinauswollte.

»Dann … würde ich dich gerne auf ein Bier einladen, wegen vorhin, einfach so«, sagte Timo.

»Das brauchst du nicht, Timo. Aber ich komme gern mit«, sagte Isabel erleichtert. »Das Wetter ist ja richtig schön. Doch ich mache heute erst Feierabend, wenn ich diesen Bericht fertig habe. Danach hab ich nämlich wirklich eine Belohnung verdient.«

Kapitel 8

Die wärmenden Strahlen der Septembersonne hatten nochmals viele Menschen auf die Promenade und in die Gastgärten gelockt, und so waren die Bänke und Tische des »Wirtshaus am See« fast alle besetzt. Isabel und Timo hielten Ausschau nach einem freien Tisch. Kaum hatten sie Platz genommen, eilte schon eine Kellnerin in grünem Dirndl und Bluse mit großzügigem Oktoberfestausschnitt auf sie zu. Ihre braunen Haare ruhten, zu einem dicken Zopf geflochten, auf ihrer linken Brust. Sie baute ihre stattliche Erscheinung vor Timo auf, zückte erwartungsvoll Stift und Orderman und fragte mit gewinnendem Lächeln: »Was darf’s denn sein?«

Als sie nicht sofort eine Antwort erhielt, zwinkerte sie Timo zu und fügte keck an: »Da haben Sie sich aber eine schöne Frau ausgesucht.«

Augenblicklich zog in Timos Gesicht dunkelrote Farbe auf. Seine Augen begannen zu leuchten. Vollkommen perplex schaute er Isabel an und blickte dann zur Kellnerin auf. Er war viel zu verdattert, um auch nur einen Ton herausbringen zu können, und fuhr sich verlegen über seine Stoppelhaare. Zwar stotterte er ein paar Silben, doch keine der beiden Frauen konnte diese verstehen.

Isabel grinste und antwortete an seiner Stelle: »Ein Weizenbier, alkoholfrei, bitte.« Mit Blick auf Timo, der nun nickte, fügte sie hinzu: »Und für meinen Kollegen auch.«

Die Kellnerin bewegte ihren Stift über das kleine Display und schien kein bisschen verunsichert. Sie bestätigte, machte auf dem Absatz kehrt und eilte mit fliegenden Röcken zum Tresen.

Isabel raunte Timo zu: »Nimm das nicht so ernst, Timo. Den Spruch sagt sie bestimmt zu jedem. Dann freuen sich die Männer und geben großzügig Trinkgeld.«

Hüftschwingend näherte sich die Bedienung wieder und stellte zwei Krüge auf den Tisch. Gebannt starrte Timo auf die dunkle Ritze zwischen ihren Brüsten. Sie schenkte Timo einen weiteren Blick und wünschte mit samtiger Stimme: »Zum Wohl.«

Isabel registrierte belustigt das Geschehen, bedankte sich und beschloss, auf den angeschlagenen Ton einzusteigen. Sie schaute zu der Kellnerin auf und sagte: »Mit dieser Stimme sollten Sie beim Radio arbeiten.«

Schlagfertig antwortete die Angesprochene: »Das hab ich schon probiert, aber da wird man nicht braun bei der Arbeit!«

Ihre beiden Gäste grinsten. Timo beobachtete sie, als sie weitere Gäste bediente. Bald hatte er seine Sprache wiedergefunden und bekannte: »So redegewandt möchte ich mal sein. Prost, Isabel.«

»Prost, Timo«, sagte Isabel, und lächelnd fügte sie hinzu: »Bist du wieder im Lot?«

Timo fühlte sich ertappt. Das Rot in seinem Gesicht leuchtete erneut auf, doch er lächelte zurück.

»Vorhin, bei Markus’ Reaktion, blieb dir mal kurz die Spucke weg, stimmt’s?«, fragte Isabel.

»Ja, wenn der Markus auch anfängt, mich zu mobben, bin ich die längste Zeit hier gewesen. Das lass ich mir nicht noch mal gefallen, auch von ihm nicht!«, antwortete Timo in einem Ton, den Isabel noch nie von ihm gehört hatte.

Sie beruhigte ihn: »Timo, du weißt doch, der Markus ist sonst nicht so. Der ist gerade nur total gestresst und urlaubsreif. Er hat ja auch den ganzen Sommer über keinen Tag freinehmen können.«

»Wir auch nicht! Das gibt ihm nicht das Recht, mich so runterlaufen zu lassen.«

Isabel und Timo erhoben nochmals ihre Krüge. Drei lange Signaltöne drangen an ihre Ohren, und sie schauten zur »MS Baden« hinüber. Das älteste Fahrgastschiff der Weißen Flotte passierte gerade die Hafeneinfahrt und steuerte auf den Anlegesteg zu.

»Guck mal, wie viele Radfahrer und Touristen die »Baden« ausspuckt. Unglaublich, was in so einen Schiffsbauch alles reinpasst«, wunderte sich Isabel, während sie das bunte Völkchen beobachtete, das sich über die Gangway zum Steg schob. Ihre Blicke wanderten weiter zum Aussichtsturm nebenan. Die Strahlen der Abendsonne brachen sich an dem dunklen Stahlgerippe. Die Menschen, die die Treppen hoch- und herunterstiegen, wirkten auf die Entfernung winzig wie Ameisen ebenso wie die vielen Besucher, die von der Aussichtsplattform oben den Sonnenuntergang betrachten wollten.

Timo beobachtete an einem der Nebentische ein junges asiatisches Paar. Er gab Isabel ein Zeichen, und gemeinsam verfolgten sie amüsiert die Szene: Vor dem Paar standen zwei Teller mit Schweinshaxen und Sauerkraut, dazu zwei Maß Bier. Isabel schmunzelte, als die zierliche Frau den mächtigen Knochen aus der Hand legte und den Krug aus schwerem Steingut anheben wollte. Es gelang ihr nicht. Sie musste den Maßkrug mit beiden Händen umfassen, um ihn überhaupt zum Mund führen zu können.

Auch Timo griente, doch ihn beschäftigte mittlerweile etwas anderes: Er zerbrach sich den Kopf, wie er es anstellen könnte, Isabel zu einem Segelausflug auf dem Boot seiner Eltern zu gewinnen. Er wusste seit ihrem Törn im Sommer, dass Isabel genauso gut und auch genauso gern segelte wie er. Ob sie wohl nach allem, was vorgefallen war, noch genug Vertrauen zu ihm haben würde, um mitzukommen? Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte: »Isabel, mein Vater hat sich schon einen Kran­termin geben lassen, um sein Segelboot aus dem Wasser zu nehmen. Bevor die ›Xie‹ ins Winterlager kommt, könnten wir beide nochmals segeln gehen. Was meinst du? Hast du Lust?«

Isabel zögerte. Seit dem Unglück hatte sie außer dem Katamaran kein Boot mehr betreten, nicht einmal ein Polizeiboot. Was, wenn sie von einer weiteren Panikattacke überfallen würde? Auf Wasser reagierten ihr Körper und ihr Kopf nach wie vor unberechenbar. Auf jeden Fall müsste sie mit Lena die Situation vorher durchspielen. Mit Unterstützung der erfahrenen Psychotherapeutin würde sie sich eher auf schwankende Schiffsplanken trauen.

Timos Finger wanderten unruhig den Bierkrug auf und ab, während er auf Isabels Antwort wartete. Endlich sagte sie: »Grundsätzlich gern, du weißt, wie sehr ich segeln liebe, aber … und das hat nichts mit dir zu tun …«, sie machte eine Pause und ihr Blick wanderte auf die Wasserfläche, »ich hab’s seit dem Unglück nicht mehr so mit Booten. Ich war auch nicht mehr auf Bootsstreife. Das einzige Boot, auf das ich inzwischen einen Fuß gesetzt hab, ist der Katamaran.« Isabel sah die Enttäuschung in Timos Gesicht und fügte hinzu: »Wann ist denn der Termin?«

»In ein paar Wochen, hab gar nicht so richtig zugehört«, antwortete Timo, »um den 20. Oktober herum.«

»Dann haben wir ja noch etwas Zeit. Darf ich das kurzfristig entscheiden, wenn mal eine leichte Brise lockt so wie heute?«, fragte Isabel.

Erleichtert nickte Timo. »Klar! Sag’s mir dann eben. Ich hab nach Dienstschluss selten etwas vor. Wir können auch jederzeit abbrechen und in den Hafen zurückfahren, wenn’s dir nicht gutgeht.«

In diesem Moment vernahmen sie einen lauten, anhaltenden Schrei. Gleichzeitig mit den anderen Gästen und den Spaziergängern auf der Promenade wandten auch Isabel und Timo ihre Köpfe in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Sie sahen gerade noch, wie ein Mensch aus über 20 Metern vom Moleturm ins Wasser stürzte. Bei seinem Aufprall spritzte es meterhoch. Ein Raunen ging durch die Menschenmenge.

»Ach du Scheiße, ist der lebensmüde?«, schrie Timo. Zwei der massiven Holzbänke kippten krachend um, als Timo und Isabel gleichzeitig aufsprangen und auf die Mole hinausrannten. Dort angekommen, kämpften sie sich durch die Gaffenden zum Geländer vor und sahen den Körper eines Mannes, der nun mit dem Gesicht nach unten auf der Wasserfläche trieb. Ohne lange zu überlegen, drückte Timo Isabel sein Handy in die Hand, schwang sich über das Geländer und sprang ins Wasser.

Rund um den Turm war es nur wenige Meter tief. Isabel hielt die Luft an, fror und schwitzte gleichzeitig. Im Moment hätte sie es nicht über sich gebracht, in den See zu springen. Vielmehr stand sie wie angewurzelt. In ihrem Kopf drehte sich alles. Es gelang ihr gerade noch, die Nummer 112 anzurufen. Dann krallte sie sich mit beiden Händen am Geländer fest, um nicht umzukippen.

Timo hatte inzwischen den Mann im Wasser erreicht, drehte ihn auf den Rücken und griff mit einem Arm um seinen Oberkörper. Suchend blickte er um sich, entdeckte aber rund um den Turm keine Möglichkeit, hochzuklettern. Dort wo Uferpromenade und Mole im rechten Winkel aufeinandertrafen, hatte sich eine kleine Sand- und Kiesbank gebildet. Es würde ihm nichts anderes übrigbleiben, er musste den Mann dorthin schleppen. Er griff fester zu und schwamm los. Dutzende von Schaulustigen, die sich am Geländer der Mole und entlang der Uferpromenade drängten, erwarteten die beiden, um das Geschehen aus nächster Nähe beobachten zu können. Unter Schubsen und Drängen richteten sie ihre Handys auf die beiden Männer. Keuchend kam Timo an und versuchte sofort, den Mann wiederzubeleben.

Isabel war ebenfalls zur Promenade zurückgeeilt. Sie schaute zu den beiden hinunter, traute sich aber nicht, über das Geländer zu steigen. Was sollte sie da unten auch tun? Sie atmete erleichtert auf, als sie das immer lauter werdende Martinshorn vernahm. Ein Rettungswagen näherte sich mit Blaulicht, gefolgt vom Wagen mit dem Notarzt. Zwei Rettungssanitäter stiegen aus. Isabel winkte ihnen zu und erklärte in knappen Worten, was vorgefallen war. Arzt und Sanitäter bahnten sich einen Weg durch die zwischenzeitlich beachtlich angewachsene Menschenmenge und schlüpften unter dem Geländer hindurch hinunter ans Ufer.

Einer der Sanitäter gab Timo ein Zeichen und setzte an seiner Stelle die Beatmung fort. Froh, die Hilfe den Fachleuten überlassen zu können, ließ sich Timo erschöpft an die Mauer sinken. Bereits wenige Minuten später konnte der Gerettete auf einer Liege abtransportiert werden. Sein Zustand war stabil, aber er hatte das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt.

Kapitel 9

Am folgenden Morgen erwachte Isabel schweißgebadet. Im Traum war sie es gewesen, die einen Selbstmörder aus dem Bodensee ziehen wollte, der sie aber mit sich in die Tiefe riss. So hatte sie ein weiteres Mal den eigenen Unfall durchleiden müssen. Mit dröhnendem Kopf und matten Gliedern richtete Isabel sich auf und stellte fest, dass das Bett neben ihr leer war.

Sie fand Thomas in der Küche, wo er bereits am Kaffeeautomaten hantierte. »Guten Morgen. Du bist schon wach?«, fragte sie und rieb sich schlaftrunken die Augen. Auch jetzt, nachdem sie nach dem Unfall wieder zu einem einigermaßen geregelten Tagesablauf zurückgefunden hatte, räumte Thomas schon mal den Tisch ab und befüllte die Spülmaschine. Isabel runzelte die Stirn und verfolgte seine Bewegungen. Sie überlegte, ob seine Liebe zu ihr neu erwacht war oder ob eher Mitleid ihren Lebensgefährten motivierte. Letzteres war etwas, was sie keinesfalls haben wollte. Von niemandem, am allerwenigsten von Thomas. Ein klärendes Gespräch hatte sie bisher nicht gesucht, viel zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt gewesen. Und auch jetzt fühlte sie sich dazu nicht fit genug.

Thomas drehte sich ihr zu und antwortete: »Guten Morgen, Isabel. Ich habe gedacht, heute mach ich einmal das Frühstück.«

»Okay, dann geh ich erst mal ins Bad.« Mit diesen Worten machte Isabel kehrt und verließ die Küche. Normalerweise liebte sie den Duft von frisch gebrühtem Kaffee, doch an diesem Morgen verursachte er bei ihr ein Unwohlsein, das sie nicht definieren konnte. Sie warf einen flüchtigen Blick auf ihr Spiegelbild, nur um festzustellen, dass die dunklen Ringe um die Augen noch dunkler waren als tags zuvor. Um ihren Kreislauf auch ohne Dusche in Schwung zu bringen, tauchte sie einen Waschlappen in kaltes Wasser und rieb ihren Körper ab. Als sie wieder die Küche betrat, fragte Thomas: »Magst du Müsli?«

»Hm, ich weiß nicht. Erst mal ein Glas Wasser und dann ’nen Kaffee«, antwortete Isabel, rümpfte die Nase und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Die Hand, mit der sie gerade ihre Locken zurückgeschoben hatte, wanderte zu ihrem Bauch. Etwas krümmte sich gerade da unten zusammen. Nichts Ungewöhnliches in den Tagen, bevor ihre Monatsblutung einsetzte. Sie stöhnte leise.

»Was ist los, Isabel? Alles in Ordnung bei dir?«, fragte Thomas besorgt und stellte ein Glas mit Leitungswasser vor ihr auf den Tisch. Das kalte Nass rieselte Isabels Speiseröhre hinunter, und als es in ihrem Magen ankam, verstärkte es ihre Übelkeit noch. Isabel legte beide Hände auf ihren Bauch und jammerte: »Ich weiß nicht, ich glaube, warmer Kaffee wäre vielleicht doch besser für meinen Magen.«

Thomas holte eine Tasse, drückte auf den Knopf des Automaten und stellte sie mit dem dampfenden Getränk vor Isabel.

»Danke, Thomas«, sagte sie, doch als sie das Aroma in die Nase sog, spürte sie Widerwillen aufkommen. Mühsam würgte sie einen Schluck hinunter und verzog ihr Gesicht: »Äh, wie schmeckt denn der Kaffee heute? Hast du da was reingemacht?«

»Nein! Ich habe die Bohnen dort oben aus dem Schrank genommen. Die nimmst du auch immer, oder nicht?«, fragte Thomas. Er probierte ebenfalls, um dann festzustellen: »Der Kaffee schmeckt ganz normal, so wie immer.«

»Nein, meiner nicht. Der ist ganz bitter, scheußlich! Den kann ich nicht trinken.« Isabel erhob sich, leerte den Inhalt der Tasse ins Spülbecken und ging erneut ins Badezimmer. Ihr war mit einem Mal so übel, dass sie sich ein paar Minuten lang auf den Rand der Badewanne setzen musste.

Kurze Zeit später kam sie zurück. Thomas saß, zwei Schüsseln mit Müsli vor sich, wartend am Tisch. Er lächelte Isabel an und stellte fest: »So wie du jetzt aussiehst, geht’s dir besser.«

Isabel erwiderte: »Ja, das stimmt. Essen mag ich trotzdem nichts. Ich hab heute irgendwie keinen Appetit. Ich hab Bauchweh, wahrscheinlich bekomme ich bald meine Tage.«

Thomas schaute Isabel prüfend ins Gesicht und sagte: »Schade. Ich habe extra Banane und frische Brombeeren ins Müsli reingemacht. Die magst du doch so gerne.«

»Das ist echt lieb von dir, Thomas, aber jetzt krieg ich keinen Bissen runter. Bin auch schon spät dran. Ich werde das Müsli mitnehmen, für später.« Damit nahm Isabel ihre Schüssel, füllte den Inhalt um in ein verschließbares Gefäß und steckte dieses in ihren Rucksack. »Mach’s gut heute!«, rief sie Thomas zu und war schon draußen.

»Magst du wirklich zum Dienst gehen, wenn es dir gar nicht gutgeht?«, rief Thomas ihr nach, doch die Tür war bereits ins Schloss gefallen.

An der frischen Luft fühlte sich Isabel gleich besser, und die Bewegung tat ein Übriges. Kraftvoll trat sie in die Pedale und erreichte bald darauf die Dienststelle.

Kapitel 10

Beim morgendlichen Meeting überraschte Markus Proll die Mitarbeiter seiner Schicht mit den Worten: »Der Gesundheitszustand unseres Chefs hat sich etwas gebessert. Ich war in Allensbach und konnte mit einem Arzt sprechen. CaWe liegt zwar noch im künstlichen Koma, aber das Behandlungsteam ist nun hoffnungsvoll.« Bei seinen Worten schaute Markus zu Isabel ans andere Ende des Tisches. Sie hatte ihm wenige Tage zuvor in einer ruhigen Minute von ihrem Besuch bei Carl und ihren Eindrücken berichtet.

Isabels Herz begann, heftig gegen die Rippen zu pochen, und mit einem Mal spannten sich alle ihre Muskeln an. Augenblicklich ging ein Tuscheln durch die Runde. Sie spürte auch die Blicke der Kollegen auf sich, und um sich abzureagieren, griff sie nach einem Stift und drehte ihn zwischen ihren Fingern. Vor ihrem geistigen Auge erschien Carls Bild, wie er leblos in seinem Bett lag, sämtliche Vitalfunktionen überwacht von Monitoren.

Frieder fand als Erster seine Sprache wieder: »Was heißt das? Wird CaWe demnächst wieder hier auf der Matte stehen?«, fragte er ungerührt. In gut einem Vierteljahr würde er in Pension gehen und legte absolut keinen Wert darauf, von dem ungeliebten Chef mit salbungsvollen, verlogenen Worten verabschiedet zu werden.

Isabel strafte Frieder mit einem kurzen vorwurfsvollen Blick. Wie konnte er nur so hartherzig daherreden, nach allem, was passiert war und was auch er mit zu verantworten hatte.

»Nein, das nicht! Davon ist er weit entfernt«, antwortete Markus auf Frieders Frage und überlegte, was er den Kollegen überhaupt berichten durfte. »Der Polizeidirektor zeigt erste Reaktionen. Der Arzt hat mir anvertraut, dass CaWe ein Mal auf einen Schmerzreiz reagiert habe. Er sei zusammengezuckt, als ihn eine Schwester mit kaltem Wasser gewaschen habe. Einmal habe er geblinzelt, also auf Licht reagiert.« Markus schaute in die betretenen Gesichter seiner Mitarbeiter und fügte hinzu: »Für das Behandlungsteam sind diese Zeichen äußerst positiv und wichtig. Sie haben CaWe innerhalb der Intensivstation verlegt. Er liegt jetzt in einem Einzelzimmer, damit die Therapeuten noch intensiver mit ihm arbeiten können.«

Isabels Anspannung ließ nach und ihre Blicke hingen nun an Markus’ Lippen. Keiner der Versammelten sagte ein Wort, und Markus fuhr fort: »Allerdings sei es höchste Zeit gewesen, dass CaWe auf Reize reagiert, hat der Arzt gesagt. Bei solchen Fällen sinkt wohl mit jedem Tag, der ohne Reaktionen verstreicht, die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient wieder vollständig genesen wird.«

Isabel wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah. Statt sich über die Entwicklung zu freuen, überkam sie ein Brechreiz, so dass sie eilig das Zimmer verlassen und die Toilette aufsuchen musste. Nachdem sie sich mehrmals übergeben hatte und endlich wieder besser fühlte, war die Besprechung beendet. Sie schleppte sich in ihr Büro, wo Markus sie prüfend ansah. »Was ist denn mit dir los, Isabel? Du siehst ja aus wie’s Kätzle am Bauch.«

Da huschte ein Lächeln über Isabels Gesicht. Den Spruch hatte sie zuletzt von ihrer Mutter gehört, als sie einmal kreidebleich nach Hause gekommen war. Isabel wiegelte ab. »Geht schon wieder.« Sie setzte sich an ihren Schreibtisch.

»Ist es nicht besser, wenn wir dich mit dem Dienstwagen heimbringen, Isabel?«, fragte Markus.

Isabel schüttelte den Kopf und protestierte: »Red keinen Quatsch, Markus. Ich bin gleich wieder okay.« Sie erhob sich, riss das Fenster auf und sog tief die frische Luft ein. Tatsächlich erholte sich Isabel schnell, drehte sich Markus zu und fragte: »Wie sieht Carl aus?«

»Du, ehrlich gesagt, elend, irgendwie trostlos. Wahrscheinlich noch genauso, wie du ihn angetroffen hast. Aber ich bin medizinischer Laie und verlass mich auf die Aussagen der Ärzte.«

»Ich auch, das müssen wir ja wohl, es bleibt uns gar nichts anderes übrig«, sagte Isabel bedrückt. »Ich muss immer an ihn denken – nicht, wie du vielleicht denkst … Ich seh ihn die ganze Zeit vor mir. Es ist einfach schlimm, hier zu sitzen und nichts für ihn tun zu können.« Sie wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu, doch fiel es ihr schwer, stillzusitzen und sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Unruhig rutschte sie auf dem Bürostuhl hin und her. Ein Anruf aus dem Führungs- und Lagezentrum erreichte sie, und sie war froh, in den Außendienst gehen zu können. Schnell band sie sich das Holster mit der Dienstwaffe um die Taille und informierte Markus: »Der Hafenmeister des ›Württembergischen Yacht-Clubs‹ hat Vandalismus an mehreren Booten gemeldet. Ich werde mich gleich drum kümmern.«

»Soll ich mitkommen?«, fragte Markus. Auch sein Kopf brummte. Er studierte die neuen Vorschriften und Richtlinien, die alle Dienststellen ab sofort umzusetzen hatten. Er hasste den ganzen Schreibkram, den er als kommissarischer Leiter der Dienststelle zusätzlich erledigen musste. Viel lieber würde er mit Isabel den Außentermin wahrnehmen. Doch die Kollegin griff bereits nach Mütze, Uniformjacke und Aktentasche und verabschiedete sich mit den Worten: »Das schaff ich alleine. Danke, Markus.«

Isabel trat durch die Arkaden vor der Eingangstür und blinzelte in die Septembersonne, die wieder eindrucksvoll bewies, wie viel Kraft noch in ihr steckte. Die Flaggen am Flaggenmast knatterten leise im leichten Westwind. Dankbar, der stickigen Büroluft entkommen zu sein, atmete Isabel die Weite der Landschaft und des Sees ein. Zahlreiche Motorboote und viele Segelboote tummelten sich auf dem Wasser. Bestimmt würden die Kollegen bald auf Bootsstreife gehen. So sehr sie diese Einsätze vor dem Unglück geliebt hatte, so froh war sie derzeit, wenn ihr Bootsfahrten erspart blieben.

Isabel bahnte sich ihren Weg durch die vielfarbige Menschenmenge in der Fußgängerzone: Ausflügler, die ihre Fahrräder hier schieben mussten, Touristengruppen mit Ferngläsern und Fotoapparaten, Familien mit Kinderwägen, Senioren mit und ohne Rollatoren ließen sich von dem spätsommerlichen Tag zum Bummeln einladen. Fetzen von fremden Sprachen und Dialekten drangen an Isabels Ohr: meist Alemannisch, Schwäbisch und Schwyzerdütsch, daneben auch Französisch, Englisch, Polnisch und andere, die sie nicht zuordnen konnte.

Auf den Treppenstufen am Gondelhafen saßen meist junge Menschen, die Eiscreme schleckten und Musik aus ihren mitgebrachten Geräten hörten. Der Vermieter der Tretboote an der Uferstraße winkte der Uniformierten lachend zu, als Isabel an seiner Hütte vorbeimarschierte. Seine Geschäfte liefen gut, viele seiner Kunden wollten an diesem Tag noch einmal ein paar Stunden auf dem Wasser genießen. Wassersport – nichts für mich momentan, durchzuckte es Isabel, denn schon poppten die Schreckensbilder des Unglücks wieder in ihrem Kopf auf. Rasch ging sie weiter.

Im »Beachclub« direkt am Bodenseeufer waren sämtliche Tischchen besetzt. Selbst auf den Treppenstufen warteten Gäste schwitzend auf einen Sitzplatz. Unter den schattenspendenden Bäumen im Stadtgarten hatten sich einige Gruppen auf dem Rasen niedergelassen. Mit denen würde ich gerne tauschen, dachte Isabel im Weitergehen und wandte sich den Jachten zu, die an ihren Plätzen im Hafen des »Württembergischen Yacht-Clubs« lagen. In derselben Sekunde breitete sich in ihrem Körper ein Schwindelgefühl aus. Isabel verlangsamte ihren Gang, stoppte schließlich, hielt sich am Geländer fest, das die Uferstraße vom Jachthafen trennte, schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Zwei Fußgängerinnen hatten die Szene beobachtet und blieben stehen. Als Isabel ihre Augen wieder öffnete, schauten sie zwei Augenpaare fragend an. Die Ältere fragte: »Brauchen Sie Hilfe?«

»Schon überstanden, war nur ein kleiner Schwächeanfall«, flüsterte Isabel und lächelte dabei. Die zwei Frauen gingen weiter. Isabel blieb noch einen Moment stehen und zwang sich, die im Hafen liegenden Boote zu betrachten. Da entdeckte sie die »Xie«, die Segeljacht von Timos Eltern. Erinnerungen kamen hoch an den ersten Segeltörn und die internationale Polizeiregatta, bei der ihr Team für die Wasserschutzpolizei Friedrichshafen den Sieg geholt hatte. Sie dachte an Carl. An sein schäbiges Verhalten Bootsführer Timo gegenüber. Seine eigene Crew hatte er von dem Begleitboot, von dem aus er und weitere Promis das Rennen beobachteten, massiv behindern lassen. Durch taktisch kluge Manöver gewann die »Xie« trotzdem. Isabel fragte sich, ob sie sich jemals wieder unbeschwert und mit gutem Gefühl würde auf einem Segelboot bewegen können. Da erblickte sie vor dem Hafenmeistergebäude einen Mann, der eine Mütze schwang und ihr zuwinkte. Sie erkannte den Hafenmeister, der die Polizistin bereits erwartete.

»Hallo, Frau Böhmer, schöne Schei…«, setzte er zur Begrüßung an, versagte sich das Ende des Wortes und verbesserte sich: »Schöne Bescherung!«

Isabel führte zum Gruß eine Hand an ihre Mütze und sagte: »Hallo, das kann man wohl sagen, wenn es stimmt, was Sie mir am Telefon geschildert haben.«

Aus dem Hafenmeister sprudelte es förmlich heraus: »Die Täter müssen vergangene Nacht von der Uferstraße aus auf den Steg gekommen sein. Wie’s aussieht, wollten die Burschen es den reichen Jachtis mal wieder so richtig zeigen. Die haben sich gleich an mehreren Booten zu schaffen gemacht.«

»Dann lassen Sie uns die Bescherung gleich einmal anschauen und aufnehmen«, sagte Isabel sachlich und zog ihr Klemmbrett aus ihrer Tasche.

»Das machen wir, kommen Sie mit!«

Hinter dem Hafenmeister marschierte Isabel konzentriert den Schwimmsteg entlang, ihren Blick stur auf den Boden gerichtet. Das Federn unter ihren Sohlen bereitete ihr erneut Unbehagen, doch sie wollte sich nichts anmerken lassen. Das würde bestimmt bald wieder besser werden. Sie würde später Lena um ein weiteres freundschaftlich-therapeutisches Gespräch bitten, um ihre weichen Knie auf schaukelndem Grund besser in den Griff zu bekommen. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, schritt sie weiter.

Um das Heck einer großen Segeljacht standen mehrere Menschen in gediegener Freizeitkleidung und redeten durcheinander. Ihr Gespräch verstummte, als sich der Hafenmeister mit der Uniformierten näherte.

»Schauet Sie sich bloß des hier mal an. So eine Sauerei! Die Schweine haben mir die ganze Persenning zerschnitten«, rief ein braun gebrannter Mann in weißem Poloshirt und roter knielanger Hose. Seine behaarten braunen Beine steckten in blauen Lederslippern. »Backbord sind noch mal so viele«, jammerte der Mann.

»Sind Sie der Eigentümer?«, fragte Isabel und zückte ihre Schreibunterlage.

»Ja! Die Persenning war neu. Hat mich fast 5.000 Euro gekostet«, klagte der Eigner weiter.

Isabel begutachtete die Abdeckung der Jacht und zählte die verschieden langen Risse und Schnitte, soweit sie diese vom Steg aus sehen konnte. Zwölf entdeckte sie im Bereich des Hecks sowie auf der rechten Seite und stellte fest: »Sieht ganz so aus, als hätten der oder die Täter ganze Arbeit geleistet.«

Sie nahm alles schriftlich auf und holte dann die Kamera, um die Beschädigungen auch im Bild zu dokumentieren. Nun zeigte der Hafenmeister auf das Motorboot daneben. »Hier haben die Täter die Polsterung der Sitzbänke aufgeschlitzt. Ich hab den Eigner bereits verständigt. Er wird bald hier sein.«

Isabel ging ein paar Schritte weiter, um auch diese Schäden zu begutachten. Dunkles Füllmaterial quoll aus den weißen Lederpolstern. Als sie mit den Aufnahmen fertig war und den Kopf hob, erblickte sie am nächsten Boot einen Schriftzug, und im selben Moment schien das Blut in ihren Adern zu gefrieren. Vor ihr schaukelte eine große Segeljacht, mit dem Bug am Steg vertäut. Auf der Seitenfläche des Bugs prangte der Name des Schiffs. Die vier großen Lettern sprangen Isabel förmlich entgegen:

›CARL‹

Das C war kein normales C, sondern hatte die Gestalt eines Fisches: Die obere Rundung des Buchstabens bildete den Kopf, das Mittelteil den schuppigen Körper und das untere die erhobene Schwanzflosse. Isabel traute ihren Augen nicht, sie nahm ihre Mütze ab und strich sich Schweißperlen von der Stirn. Ihr Herz pochte wie wild, und im Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus. Ihr Blick wanderte am Boot entlang. Eine »Faurby«! Carl hatte erzählt, dass er eine »Faurby 36« besessen hatte, als er noch segelte. Das Schiff vor ihr konnte nur Carl Dangelmanns Jacht sein.

Der Hafenmeister beobachtete Isabel. Was war bloß plötzlich los mit der Frau Böhmer? Während des Sommers hatte er schon ein paarmal mit der jungen Polizistin zu tun gehabt. Zwischen den meist älteren Ehefrauen der Segler war ihm aufgefallen, dass die neue Wasserschutzpolizistin außerordentlich gut gebaut war und dazu ein hübsches Gesicht hatte. Bei ihren früheren Ermittlungen war sie ihm freundlich, gründlich, kompetent und völlig normal vorgekommen. Ratlos blickte er sie nun von der Seite an und sagte: »Dieses edle Stück haben die Vandalen Gott sei Dank verschont.«

Seine Worte holten Isabel zurück in die Gegenwart. »Eine sehr schöne Jacht! Wem … wem gehört das Boot?«, fragte sie mit brüchiger Stimme.

Ihre Frage erstaunte den Hafenmeister. Warum interessierte sich die Polizistin für dieses Schiff, das doch gar nicht beschädigt worden war? Achselzuckend antwortete er: »Einem Schweizer Freizeitkapitän. Er hat es vor circa fünf Jahren gekauft, bewegt das Prachtstück aber sehr wenig. Schade.« Dabei fixierte er immer noch Isabel, die ihm irgendwie nicht bei der Sache und geistig abwesend erschien.

Isabels Hirn arbeitete fieberhaft: Passte alles! Wie hatte Carl nur wenige Wochen zuvor gesagt: »Musste einer meiner Ex-Frauen bei der Scheidung meine Segeljacht überlassen, obwohl das Miststück vom Segeln noch weniger Ahnung hat als vom Vögeln.« Isabel spürte einen Druck in der Brust, und ihr Hals schnürte sich zusammen. Sie dachte an Carl.

Der Hafenmeister musterte die junge Polizistin weiter, die sich so rätselhaft benahm, und fragte: »Darf ich Ihnen jetzt die weiteren beschädigten Boote zeigen, Frau Böhmer?«

»Ja, natürlich, gehen wir«, stotterte Isabel und hatte Mühe, ihren Blick von der Jacht mit dem Namen Carl loszureißen und dem Hafenmeister zu folgen.

Auf dem Rückweg machte sie sich erneut Gedanken über Carl. Würde er jemals wieder aufwachen? Würde er genesen? Und was dann? Würde er einen Schlussstrich unter ihre Affäre ziehen, weil sie es bisher nicht geschafft hatte? Mit dem Verstand konnte sie sich nach wie vor nicht erklären, warum sie Carl so verfallen konnte. Doch es war vorbei. Nachdem er sich auch ihr gegenüber gemein und rücksichtslos verhalten hatte, hatte ihr Körper längst nicht mehr so unfassbar verrückt gespielt wie zu Beginn ihrer Liebschaft. Nichtsdestotrotz brauchte er vielleicht gerade jetzt ihre Hilfe. Sie musste noch einmal zu ihm in die Klinik.

Mit diesem Entschluss kam Isabel in die Dienststelle zurück, dokumentierte die Beschädigungen auch am Computer und packte dann hastig ihre Sachen zusammen. Als die Tür hinter Isabel ins Schloss fiel, bog sie, ohne zu überlegen, automatisch wieder nach rechts ab und hastete durch die immer noch gut bevölkerte Fußgängerzone in Richtung Stadtgarten und Jachthafen. Beinahe wäre sie an der Ecke des Restaurants »Al Porto« mit einem Kellner, der ein volles Tablett balancierte, zusammengestoßen. Sie hielt abrupt inne, kam erst jetzt zur Besinnung. Was mach ich denn? Ich will doch überhaupt nicht noch mal zu den Booten … Sie brauchte Zeit, um ihre Gedanken zu sortieren. Nach Hause gehen, Thomas gegenübertreten und Hausarbeit erledigen, das würde sie jetzt überfordern. Sie lehnte sich an das Geländer, das den See vom Ufer trennte. Völlig reglos lag die Wasserfläche silberblau vor ihr. Mehrere Stand-Up-Paddler glitten elegant und fast lautlos mit ihren Boards vorbei. Vielleicht gelänge es ihr da draußen, zur Ruhe zu kommen, so wie im Sommer, vor dem Unglück und vor der Sache mit Carl … Hier mit dem Geplapper und Gegacker, der lauten Musik, hier jedenfalls war es ihr zu laut. Isabel machte kehrt und schlenderte inmitten der Menschen zurück, vorbei an der Dienststelle mit dem Flaggenmast, vorbei am Becken des Fährhafens mit den Fahrgastschiffen, dem großen Polizeiboot, der Fähre nach Romanshorn in Richtung Eriskircher Ried. Alles war ihr in den vergangenen Monaten schon so vertraut geworden. Neben dem Klubgelände der Ruderer der kleine Jollenplatz des Segel- und Motorbootklubs Friedrichshafen, dann der Campingplatz, zu dem die Polizisten immer mal wieder gerufen wurden. Wie oft war sie schon hier vorbeigeradelt und vorbeigejoggt?

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Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
344 p. 7 illustrations
ISBN:
9783839267981
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