Read the book: «Der Engel, der seine Flügel verbrannte»
Markus Saxer
DER ENGEL,
DER SEINE FLÜGEL
VERBRANNTE
Kurzgeschichten und Kurzprosa
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelbild »Dark misery« © igorigorevich (Fotolia)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitat
KURZGESCHICHTEN
Ein Himmelswesen auf Erden
Das Sakrileg des Rabbi Löw
Gefährliche Erbschaft
Das menschliche Cello
Die grotesken Schwestern
Die Maske des Entführers
Herbst des Schreckens
Der Sündenfall (Erzählung)
KURZPROSA
23 Christusse
Eine Statue sein
Traktat eines Unbeseelten
Marmorengel
Schindung des Marsyas
Ad Crucem
Die Nacht
Denkst du an Engel, so bewegen sie ihre Flügel
Aus Israel
KURZGESCHICHTEN
Ein Himmelswesen auf Erden
Auf der sanft ansteigenden Treppe der Basilika saß ein weiblicher Engel und rauchte gelangweilt. Er hatte das Kinn in die Hand gestützt, die von seinem sanft gelockten ebenholzfarbenen Haar bedeckt wurde. Seine im Sonnenlicht gleißenden Flügel lagen ordentlich zusammengefaltet auf den Pflastersteinen zu seinen bloßen Füßen.
Nick war der Engel schon von Weitem aufgefallen. Er setzte sich neben ihn und fragte: »Kann ich auch eine haben? Meine Zigaretten liegen leider im Wagen.«
Hustend wandte sich ihm der Engel zu und reichte ihm seine halb heruntergerauchte Zigarette: »Dumme Angewohnheiten habt ihr Menschen.« Er hatte eine leicht raue, verhexende Stimme.
»Was genau meinst du?«, fragte Nick und nahm einen Zug.
»Na, Rauchen und so. Schmeckt scheußlich.«
»Ah, verstehe. Ein Engel auf den Spuren irdischer Laster.«
»Sozusagen. Eigentlich reise ich ja inkognito, aber offenbar hast du mich durchschaut.« Erneut hustete er.
Mit einer hoch gezogenen Braue musterte Nick die abgelegten Flügel. »Entschuldige, aber deine Tarnung ist ja auch ein Witz. Ich heiße Nick.«
»Philine. Freut mich.« Sie drückte Nicks Hand. »Ich finde, wenn sich ein Engel als Engel verkleidet, ist dies die perfekte Tarnung. Das macht ihr beim Fasching doch auch so. Magst du Engel?«
Nick dachte nach. »Eigentlich schon. Insbesondere jene, die auf den Fresken hin- und herfliegen. Botticelli oder Giotto, ich weiß gar nicht genau … Übrigens ist Philine ein sehr spezieller Name für einen Engel. Woher soll ich wissen, ob du auch einer bist?«
Schweigend sah Philine in die Sonne, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.
»Gib mir ein Zeichen«, forderte Nick, betrachtete ihr berückend schönes Gesicht und blies einen Rauchkringel in die Luft.
»Sim dazen nui loch matunika«, murmelte Philine vor sich hin.
»Was heißt das?« Er schnippte die Kippe weg.
Sie wandte ihr Gesicht von der Sonne ab und schaute ihn schweigend an. Plötzlich weiteten sich ihre Pupillen und es wetterleuchtete in ihnen. Ihr Blick hielt eine Weile den seinen fest − und dann küsste sie ihn, und die Flügel, die sie nicht trug, umarmten ihn.
Er schloss die Augen und erschauerte. Philines Kuss schmeckte nach Milch und Honig.
»Sim dazen nui loch matunika«, wiederholte sie. Jetzt verstand er ihre Worte: »Ich selbst bin das Zeichen.«
Er nickte und sagte anerkennend: »Ezra aramantiana matunika − ein wunderschönes Zeichen bist du.« Ein wenig erschreckten ihn diese fremden Wörter aus seinem Munde.
Kurz, ganz kurz nur, lehnte sie ihren Kopf gegen seine Schulter und flüsterte: »Nach dem ersten Kuss eines Engels beherrschst du dessen Sprache.«
Nick gab sich skeptisch: »Gibst du mir noch ein Zeichen?«
Seufzend verdrehte sie die Augen: »Ihr Gesicht ist von berückender Schönheit und ihr Kuss schmeckt nach Milch und Honig. Zufrieden?«
»Unglaublich, du kannst meine Gedanken lesen!«
»Wie in einem offenen Buch.«
Ganz gefangen von ihrer Schönheit und der Süße ihrer Zunge umarmte er Philine und küsste nun sie, doch sie entwand sich ihm und stieß ihn weg: »Mein Gott … das hättest du nicht tun dürfen, Nick!« Sie klang schockiert.
»Aber du hast doch mit dem Küssen angefangen!«
Ihr Blick wurde milde: »Ja, und es war auch sehr schön. Aber …«
»Aber?« Er nickte aufmunternd und bewunderte ihr fein gemeißeltes Profil, als sie den Blick zum Himmel hob.
»Nach dem zweiten Kuss verfällt ein Mensch einem Engel rettungslos.«
»Kein schlechter Gedanke.« Nick rieb sich das Kinn.
»Ein furchtbarer Gedanke. Das Schlimmste, was du tun konntest!«
»Weshalb?«
»Weil dieser Mensch an gebrochenem Herzen stirbt, sobald der Engel in den Himmel zurückkehrt.«
»Ach, komm …« Er legte sich die Hand aufs Herz.
»Hört sich irgendwie romantisch an, findest du nicht?«
»Das war kein Witz!«
»Dann bleib bei mir.«
»Nein! Um deinesgleichen zu werden, müsste ich dich ein drittes Mal küssen, aber dann wäre ich nicht mehr unsterblich und mir bliebe die Rückkehr in den Himmel verwehrt.«
Das kaufte Nick Philine zuerst nicht ab, doch als sie ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn durchdringend musterte, fühlte er sich plötzlich unwohl in seiner Haut.
Mit gesenktem Haupt erhob sich Philine und klemmte sich ihre Schwingen unter den Arm. Unter den neugierigen Blicken einer Schar Touristen wandte sie sich zum Gehen: »Leb wohl, Nick!« Ihre Worte blieben in der Luft hängen, als wollten sie gemeißelt werden.
Nick wollte sie noch hundert Dinge fragen, doch das war nicht mehr möglich. Statt dessen hob er grüßend die Hand und blieb nachdenklich und seltsam bestürzt sitzen. Als der Engel verschwunden war, spürte er einen Stich in der Brust, und fasste sich erneut ans Herz. Eine weiße Taube spazierte auf ihn zu und gurrte. Deine Sprache verstehe ich leider nicht, dachte Nick.
Seit der Begegnung mit dem Engel vor einer Woche konnte Nick weder essen noch schlafen. Sein Körper befand sich in einer Art Schockzustand. Er rauchte ununterbrochen und fühlte sich, als zerreiße etwas seinen Körper und seine Seele. Im Spiegel erblickte er ein fremdes, ausgezehrtes Gesicht mit dunklen Augenringen, das um Jahre gealtert schien. Hunger-Halluzinationen suchten ihn heim: Er hatte sich mit Philine im Arm gesehen, wie sie gemeinsam eine Treppe aus Licht emporschwebten, dann jedoch war sie ihm von einer unsichtbaren Macht entrissen worden und vor seinen Augen mit einem gellenden Schrei ins Bodenlose gestürzt. Philine hatte eine Sehnsucht in ihm entfacht, die ihn innerlich verbrannte und Fieberschübe verursachte. Mit zitternden Händen zündete er sich eine Zigarette an und ging aus dem Haus. Er setzte sich hinters Steuer und fuhr zur Basilika, so wie gestern. Und vorgestern … Nie war sie da gewesen …
Heute jedoch schien Nick das Glück hold, und wäre er nicht so erschöpft gewesen, wäre er wohl in lauten Jubel ausgebrochen: Anmutig, in eine weiße Tunika gehüllt, stand Philine barfuß vor der Steintreppe und schien auf ihn zu warten. Über ihrem Haupt kreuzten sich weiße Flügelspitzen und darüber zogen dramatische Regenwolken hinweg.
Mit klopfendem Herzen rannte er auf sie zu und wäre dabei fast mit einer alten Frau zusammengestoßen, die beim Taubenfüttern innehielt und den Engel anstarrte. Beim Anblick seiner Angebeteten verschlug es Nick die Sprache und er konnte nur mühsam atmen.
Philine strahlte ihn an: »Hallo Nick. Hast du Feuer?«
Er nickte stumm, klopfte sich die Jackentaschen ab, bis er sein Feuerzeug fand. Als die Turmglocke läutete, gab der Engel ihm einen innigen Kuss, entledigte sich seiner Flügel und steckte sie in Brand.
Das Sakrileg des Rabbi Löw
Nachdem der alte Rabbiner Judah Löw aus feuchtem Lehm den drei Ellen hohen Golem geformt hatte, setzte er sich erschöpft auf einen Stein und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Während er sich ein paar Lehmklumpen vom Bart zupfte, wies er seinen Schwiegersohn an, die ungeschlachte Figur mit menschlichen Zügen sieben Mal zu umschreiten und dabei die ihm vorgegebene magische Formel aufzusagen. Alsbald begann die Tonfigur zu glühen, so als brenne in ihrem Inneren ein Feuer. Als Zweiter umkreiste ein Schüler des Rabbis den Golem. Diesem entströmten daraufhin Dämpfe, und Haare und Fingernägel sprossen aus dem Lehm hervor. Nun erhob sich der Rabbi mit einem Ächzen und schritt sieben Mal murmelnd um sein Geschöpf, ohne es aus den Augen zu lassen. Am Ende stellten sich die drei Männer vor der Figur auf und sprachen wie aus einem Munde: »Und Elohim blies ihm den Odem des Lebens ein, und Adam erwachte zum Leben!«
Da schlug die Lehmgestalt die Augen auf und ihr Brustkorb begann sich zu heben. Der Schüler und des Rabbis Schwiegersohn wichen erschrocken zurück. Der Rabbi jedoch, den ein Sturm triumphierender Freude und Jubel durchtoste, trat auf den Golem zu, gab ihm den Namen Joseph und hieß ihn, sich aufzurichten und sich mit dem Gewand eines Synagogendieners zu bekleiden, das die Juden mitgeführt hatten. Danach gingen die Männer von dannen, der Moldau entlang, und fügsam folgte ihnen der Golem mit schwankenden, schweren Schritten.
Eines Nachts erschien dem hohen Rabbi Löw ein Erzengel, herabgestiegen aus der Sphäre des oberen Himmels, des feurigen, der aus Licht ist. Bei Neumond betrat er die Kammer des Alten, der gerade die Kerzen der Menora anzündete, dem aus einem Stück gehämmerten, siebenarmigen Leuchter. Der Engel kam nicht in menschlicher Gestalt, er war geschaffen aus Feuer und Geist und dem Hauch des Unendlichen. In erhabener Schönheit sprach er zu dem Rabbiner: »In den Zeichen, aus denen ihr Menschensöhne die Worte formt, sind die großen Kräfte und die Gewalten beschlossen, welche die Welt in ihrem Gang erhalten. Wisse, alles was auf Erden zu Wörtern geformt wird, hinterlässt seine Spuren in der oberen Welt. Das Zeichen Taph, mit dem der Sabbath scheidet, kennst du wohl aus der Kabbala. In ihm ist das Gleichgewicht der Welt beschlossen, zu dessen Hütern fünf Engel des reinsten Lichts bestimmt sind.«
Diese Worte drangen dem Gelehrten in die Seele wie feiner, glitzernder Staub aus dem heiligen Moder vergangener Jahrtausende. »Ja, dies alles weiß ich, o heiliger Cherub«, antwortete der Rabbi und zitterte vor Angst.
»Du Leichtfertiger, du Staubkorn«, fuhr der Engel zornig fort, »hast dieses Gleichgewicht beschädigt!«
Bei diesen Worten erloschen die Lichter der Menora auf geheimnisvolle Weise und der Strahlenglanz des Himmelsboten erfüllte nun die Kammer.
Wie unter einem Hieb zuckte der Rabbi zusammen und ihm wurde eiskalt.
»Als du aus Lehm den Golem geformt und zum Leben erweckt hast, war dies ein Eingriff in den Plan der Schöpfung.«
»Aber«, krächzte der Rabbi, hielt die Hände in die Höhe und ließ sie sogleich kraftlos wieder fallen, »ich erschuf den Golem doch nur, um den Ablauf der Schöpfung zu erfassen und nachzuvollziehen.«
»Du wolltest dich auf eine Stufe mit Gott stellen!«
Tief betroffen sah der Rabbi seine frevelhafte Tat ein und war ratlos: »Was soll ich jetzt tun?« Hinter den Brillengläsern glitzerten Tränen, als er sich mit der Rechten schwer auf den Talmud abstützte, der vor ihm auf dem Tisch lag.
»Dein Geschöpf töten. Ist dies bis zum nächsten Sabbath nicht geschehen, wird der Allerhöchste den Cherub mit dem Flammenschwert von seiner Wache über den Baum des Lebens abberufen. Tut er dies, wird in der Folge die Erde von Feuer verzehrt und alles Leben vernichtet werden.«
»Ich habe die Kontrolle über den Golem verloren, er ist auf und davon«, gab der Alte kleinlaut zu und wischte sich fahrig übers Gesicht. »Im Prager Ghetto soll er angeblich sein Unwesen treiben. Wie ein Berserker wütet er dort und erschlägt jeden, der sich ihm in den Weg stellt. Daher erscheint es mir kaum möglich, ihn bis zum Sabbath dort aufzuspüren und zu töten. Ich bin nur ein alter Mann.«
Der Feuerblick des Erzengels brannte dem Rabbiner im Gesicht und in der Seele, als er sagte: »Wenn du deines Geschöpfs nicht habhaft werden kannst um es zu töten und so das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen, muss ich die Sache für dich in Ordnung bringen.« Wie ein wandelndes Licht trat das himmlische Wesen auf den Rabbiner zu und schrieb ihm mit dem Finger das Wort METH, das Siegel des Todes, auf die Stirn, während er monoton eine Formel sprach.
Ein entsetzlicher Schrei wich von den Lippen des Alten, sein Blick erlosch und sein Antlitz erstarrte: Der Rabbi wurde selbst zu einer leblosen Statue, einem Lehmbild. Die äußere Schicht seines Gesichts bröckelte ab und ein Ton von fahlem Gelb kam zum Vorschein, der sich langsam in Staub auflöste.
Da war das Gleichgewicht der Welt wiederhergestellt, und der Erzengel verließ die Kammer und schwang sich in die Sphäre des oberen Himmels empor, des feurigen, der aus Licht ist.
Gefährliche Erbschaft
Deborah Lehmanns Schritte mäanderten über die Marmorfliesen des riesigen Wohnzimmers, über welche die Sonne ihre Strahlen breitete. Sie frohlockte innerlich, als ihr erneut klar wurde, dass diese Villa bald ihr gehören würde, konnte ihr Glück kaum fassen. Ihr verstorbener Onkel Thaddäus − Abkömmling eines alten europäischen Geldadels − hatte ihr die Liegenschaft mit einer absonderlichen im Testament verfügten Auflage vererbt: Deborah durfte den Prunkbau mit der Säulenveranda in den ersten beiden Tagen unter gar keinen Umständen verlassen, egal was geschehen würde. Erst danach würde die Villa in ihr Eigentum übergehen. Was war vom letzten Willen des exzentrischen Onkels zu halten? Dies ging Deborah immer wieder durch den Kopf, doch sie kam nicht dahinter und fand keine plausible Erklärung dafür. Ihr Onkel hatte allein in völliger Abgeschiedenheit gelebt und sein Leben, wie man hörte, geheimen Forschungsprojekten und alchemistischen Experimenten geweiht. Mit seiner Affinität zum Okkulten galt er allgemein als Phantast und Sonderling, dem stets etwas Diabolisches anhaftete: Die Diabolik eines gleichsam verschrobenen, aber nicht bösartigen Prince of Darkness mit Gothic-Habitus.
Deborah hatte ihn nur selten gesehen und stand ihm nie besonders nahe − desto erstaunlicher, dass er sie nun mit diesem fürstlichen Erbe bedachte.
»Wir haben Ihnen den Kühlschrank gefüllt, Frau Lehmann«, verkündete die Nachlassverwalterin Helene Thalbach, eine stattliche, vorzeitig ergraute Dame. »Sie brauchen in den nächsten Tagen bestimmt nicht zu hungern.«
»Sehr aufmerksam. Danke, Frau Thalbach.« Deborahs Blicke schweiften über die mit weißen Laken bedeckten Möbel, die nicht aussahen wie Sofas, Schränke oder Tische, sondern eher wie ungestalte Tote unter Leichentüchern. Lebendig wirkte einzig der imposante Kronleuchter mit seinen funkelnden Prismen.
»Dass Sie das Haus bis übermorgen nicht verlassen dürfen …«, die Nachlassverwalterin kramte mit gerunzelter Stirn ein Dokument aus ihrer Aktentasche hervor, »mutet schon bizarr an, muss ich sagen.«
»Allerdings.« Deborah kniff ihre Augen, die die Farbe von Bitterschokolade hatten, zusammen und strich sich eine Strähne hinters Ohr. »Was mag mein Onkel damit bezwecken?« Eine senkrechte Falte erschien zwischen ihren vollendet geformten Brauen.
Helene Thalbach zuckte mit den Achseln. »Da müssten Sie ihn fragen können. Vielleicht will er Ihren Mut prüfen, wer weiß.«
»Na super.«
»Deborah, sollten Sie in Gefahr geraten, rufen Sie bitte sofort die Polizei.«
»Ich kann auf mich aufpassen. Bin ja schon ein großes Kind.« Zärtlich betrachtete die Hauserbin in spe die in Silber gerahmten schwarzen Quadrate an der Wand. Schwarz, das Lapislazuli der abstrakten Expressionisten, war ihre Lieblingsfarbe.
Die Nachlassverwalterin hatte sich ihren Kaschmirmantel um die Schultern gelegt und ergriff die Aktentasche. »So, dann lasse ich Sie jetzt mal mit Ihrer Villa Kunterbunt allein.«
Deborah begleitete sie zur Tür. Als sich die Frauen voneinander verabschiedeten, tauchte die Dämmerung den Himmel in die Farben des Feuers.
Die junge Frau schloss die Tür und verriegelte sie. Dann kickte sie ihre zierlichen schwarzen Lackpumps in die Ecke. Mit Koffer und Beauty-Case in den Händen stieg sie die Marmortreppe empor, welche oben von je einer lebensgroßen steinernen Frau mit erhobenem Gasleuchter flankiert wurde. »Ihr dürft mich Königin der Welt nennen, Schwestern«, sagte sie übermütig, als sie die Statuen passierte.
In zwei Tagen bin ich Millionärin. Ich muss nie wieder arbeiten!
Als sie sich nach dem Schaumbad vor dem beschlagenen Spiegel das Haar zum Pferdeschwanz band, blickte sie auf eine geisterhafte, ätherische Version ihrer selbst.
Nach dem Genuss eines Schinken-Omeletts inspizierte sie ihr Schlafzimmer, ein düsterer hoher Raum, dessen Wände mit rotem Damast bezogen und mit alten Stichen geschmückt waren. Bücher drängten sich in Regalen, balancierten auf der Kommode und lugten unter dem Bett hervor, auf das jemand frische Laken gelegt hatte. Sie nahm zwei Bücher mit goldverzierten Einbänden zur Hand und setzte sich auf die Bettkante. Das eine war ein naturwissenschaftliches Werk von Paracelsus, das andere Goethes »Faust«. Sie öffnete den »Faust« da, wo sich das seidene Lesezeichen befand: Die geschilderte Laboratoriumszene, wo Wagner im Beisein von Mephistopheles den Homunkulus, einen künstlichen Menschen in einer Phiole erzeugt, war rot unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen. Da sich Deborahs Interesse an derlei Texten in Grenzen hielt, legte sie das Buch zur Seite und öffnete das Fenster. Der Nachthimmel sah aus wie ein schwarzes Meer, auf dessen Oberfläche zahllose Lichter um einen dreiviertelvollen Mond herum glitzerten. Sie blickte auf die Häupter der steinernen Statuen herab und roch den scharfen Duft des toten Laubes. Sie schloss das Fenster und legte sich im schwarzen Bademantel mit angezogenen Knien unter die Bettdecke, das Smartphone griffbereit neben sich.
Später verschickte sie noch ein paar SMS an ihre besten Freundinnen. Danach versuchte sie zu schlafen, jedoch erfolglos: Zu viele Gedanken im Zusammenhang mit dem Testament und dieser Villa gingen ihr durch den Kopf …
Als sie um zwei Uhr morgens immer noch herumgrübelte, stand sie auf, um eine Schlaftablette zu schlucken. Kaum hatte sie gähnend das Licht angeknipst, klingelte es an der Haustür. Sie erstarrte.
Als es im Haus ruhig blieb und sie sich wieder gesammelt hatte, schlich sie mit laut klopfendem Herzen nach unten.
Auf dem Boden unter dem Türschlitz entdeckte sie einen Umschlag. Vorsichtig hob sie ihn auf und zog dessen Inhalt hervor, ein von Hand beschriebenes DIN-A4-Papier. Absender war ihr Onkel. Dass er offenbar Helfer hatte, die seine noch zu Lebzeiten verfasste Korrespondenz nach seinem Tod verteilten, fand Deborah beunruhigend.
Beschatten die mich auch?
Sie versicherte sich, dass die Tür abgeschlossen war, blickte durch den Spion bevor sie den Text las. Thaddäus schrieb, obschon er sie nur selten gesehen habe, liebe er seine Nichte wie eine leibliche Tochter, weshalb er ihr die Villa vermache, für deren Unterhalt gesorgt sei. Die Testamentsauflage mit der Zweitagesfrist solle bewirken, dass Deborah genug Zeit habe, sich an das Haus zu gewöhnen und lieb zu gewinnen. Ihm sei wichtig, dass es in Familienbesitz blieb und nicht an Dritte veräußert würde. Dasselbe gelte für den kostbaren Rubinring, der für sie an einem geheimen Ort aufbewahrt werde.
Der Onkel hatte eine Skizze des Hauses angefertigt und eines der Zimmer rot markiert. Zufälligerweise war es das Zimmer, in dem sie nächtigte. Auf dem Papier befand sich auch die Zeichnung des Bücherschranks der dort stand. Betätige man seinen versteckten Mechanismus (er war mit einem Pfeil markiert), würde ein Teil des Regals zur Seite gleiten und die Pforte zum Versteck des Rings freigeben.
Droht mir Gefahr, wenn ich der Aufforderung des Onkels nachkomme?
Zweifellos war er ein Exzentriker gewesen, aber dass er sie in eine Falle locken wollte, konnte sie sich nicht vorstellen. Von Natur aus neugierig beschloss sie, der Sache auf den Grund zu gehen.
Mit dem Brief in der Hand stand sie vor dem Bücherschrank und suchte nach dem Geheimmechanismus. Als sie ihn betätigte, glitt der Schrank mit einem leisen Quietschen zur Seite. Dahinter erschien eine kleine Holztür. Deborah gab einen überraschten Laut von sich. Kurz zögerte sie, doch dann steckte sie den Brief ein, entriegelte die Pforte und drückte dagegen. Sie hörte das leise Reiben von Holz auf Holz. Die junge Frau zog die Taschenlampe aus dem Hosenbund und steckte ihren Kopf durch den Türrahmen. Stickige Luft wie von Gespensteratem schlug ihr entgegen. Eine abwärts führende Wendeltreppe erschien im Lichtstrahl. Deborah schüttelte ihre Beklommenheit ab und betrat aufgeregt die Treppe, stieg vorsichtig hinunter bis zu einem Raum, in den von allen Seiten sanftes Licht drang. Das niedrige Deckengewölbe mit den dünnen geschnitzten Alabastersäulen erinnerte sie an eine Krypta. Als ihr Blick auf den kleinen, auf einem Altar ruhenden Körper fiel, spürte sie, wie sich ihre Haare auf dem Nacken aufrichteten. Die Taschenlampe entglitt ihren Fingern.
Allmächtiger!
Unschlüssig blieb sie stehen.
Nachschauen? Oder umkehren und die Polizei rufen?
Neugierig setzte Deborah behutsam einen Fuß vor den anderen, bis sie nur flach atmend neben dem Altar stand und auf einen Knaben in weißem Gewand herabsah. Schaudernd hörte sie ihr Blut in den Ohren rauschen und dachte, sie sei auf einen Leichnam gestoßen. Mit verstört geweiteten Augen stand sie wie erstarrt da.
Hat der Onkel dieses Kind entführt? Für seine Experimente?
Und ihn anschließend getötet?
Auf einmal öffnete der Junge die Augen, blinzelte und musterte die Frau mit trägem Interesse.
Sie beugte sich über sein wachsbleiches Antlitz. Es stand in starkem Kontrast zu der Haarpracht − rot wie eine Feuergarbe. Seine Augen unter den schweren, traumverlorenen Lidern waren schwarz wie die gerahmten Quadrate. Fasziniert betrachtete Deborah den grausam-wollüstigen Zug um seine kleinen blassen Lippen, hinter denen die Zähne weiß hervorschimmerten. Der Knabe sah aus wie eine kleine, sehr schöne Frau.
»Wie heißt du?«, flüsterte sie, bekam aber keine Antwort.
»Wo wohnst du?«
Er beobachtete sie weiterhin mit stiller Neugier.
»Keine Angst, ich tu dir nichts.«
Seine Augen nahmen einen metallischen Glanz an. Bedächtig hob er die Faust, öffnete sie und präsentierte auf dem Handteller einen Goldring mit einem gefassten Rubin, der in tiefstem Taubenblutrot funkelte.
Deborah überkam das schwindelige Gefühl, von der Wirklichkeit wegzutreiben. Wie in einem surrealen Traum konnte sie sich nicht rühren, ließ es geschehen, dass der Knabe ihre Hand ergriff und den Ring über ihren Finger streifte. Sachte zog er ihre Hand an seine Lippen.
Sie leistete keinen Widerstand.
Er berührte den Rubin und drehte ihn leicht. Da bohrte sich an der Innenseite des Rings ein Dorn in Deborahs Finger, sodass sie vor Schmerz und Überraschung aufschrie. Ehe er ihre Hand freigab, trat ihm ein Blutstropfen über die Lippen.
Panik schoss wie glühende Nadeln durch Deborah hindurch und erschrocken wich sie zurück.
Jäh entwickelten sich Flammen in den Augen des Jungen und seine Nüstern blähten sich. Stürmisch stürzte er sich auf die Frau. In Raserei grub er seinem Opfer die Zähne in den Unterarm und biss ihr die Adern auf, zitternd vor Gier.
Sie hörte ihr eigenes Brüllen, und gelähmt vor Entsetzen und Schmerz gewahrte sie, wie der Angreifer ihr Blut trank. Allmählich legte sich ein roter Schleier vor ihre Augen, die Welt um sie herum begann sich zu drehen, bis Deborah besinnungslos zu Boden sank.
Der Junge, der über enorme Kräfte verfügte, leckte sich die Lippen, hob die bewusstlose Frau vom Boden hoch und trug sie über die Wendeltreppe nach oben.
Nachdem Helene Thalbach mehrmals vergeblich versucht hatte Deborah Lehmann telefonisch zu erreichen, fuhr sie zur Villa und klingelte. Niemand öffnete. Sie versuchte es erneut, wartete ein Weilchen, doch weiterhin rührte sich nichts. Beunruhigt kramte sie den Reserveschlüssel aus der Aktentasche, schloss die Tür auf und trat ein. »Hallo!? Frau Lehmann?«
Sie lauschte. Stille. Plötzlich hörte sie ein leises Wimmern, das ihr sofort Magenschmerzen verursachte. Es schien von oben zu kommen.
Als sie endlich im Zimmer von Deborah stand, verschlug ihr der Anblick den Atem.
Grundgütiger!
Mit der Hand vor dem Mund näherte sie sich ihr. Die Frau mit den leicht ausgebreiteten, blutenden Armen auf dem Bett, hatte nichts mehr zu tun mit der jungen Dame, die sie zuletzt vor drei Tagen gesehen hatte: Deborah Lehmann verfiel quasi vor ihren Augen, das Fleisch schien ihr aus dem von Todesqual gezeichneten Gesicht verschwunden, ihr Körper wirkte geschrumpft.
Helene Thalbach setzte sich zu ihr auf die Bettkante und legte die Hand auf ihre glühend heiße Stirn. »Mein Gott, was ist passiert? Ich rufe sofort einen Krankenwagen.«
Deborah krallte ihr die Finger ins Handgelenk und schüttelte den Kopf. »Nein …«, wisperte sie mit zittrigen Lippen, und in ihren Augen hinter den entzündeten Lidern lag ein Flehen. »Kommen Sie … näher.« Eine Träne rann ihre Wange entlang.
Die Nachlassverwalterin schluckte schwer, neigte ihr den Kopf so dicht entgegen, dass sie das schweißnasse Haar der anderen an ihrer Wange spüren konnte.
Deborah hauchte ihr Satzfetzen ins Ohr, teils zusammenhangslos, teils wie verstörendes Kopfkino, welches Frau Thalbach die Farbe vom Gesicht tilgte und ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mechanisch legte sie der Verletzten die Arme an den Körper und deckte sie zu, um endlich die Ambulanz zu rufen.
Sogleich fing Deborah an krampfhaft zu beben, aber nicht wegen der Temperatur im Zimmer.
Das war nicht die Kälte. Das war Angst. Todesangst.
Helene Thalbach erblickte sie in ihren Augen, drehte ruckartig den Kopf herum und fuhr erschrocken zusammen.
Ein Knabe von morbider Schönheit mit kupferrotem Haar hatte lautlos das Zimmer betreten. Sein weißes Gewand war mit Blutflecken übersät, und an seinem Finger steckte der Rubinring, von dem Deborah ihr erzählte. Sie blickte in seine Haifischaugen, die schwarz und tot aussahen. Helene Thalbach würgte die Angst runter und überdachte fieberhaft ihre Situation. Auf einmal überkam sie eine kalte Wut auf dieses Scheusal, das Deborah Lehmann so zugerichtet hatte. »Na warte!« Resolut, zu allem entschlossen, trat sie auf den Jungen zu − er wich zurück − packte seine Hand mit dem Ring und drehte an dem geschliffenen Rubin. Ein kaum hörbares Klicken, als der Stein in der Fassung einrastete und der Dorn an der Innenseite des Reifs hervorschoss. Ohne eine Miene zu verziehen senkte der Junge den Kopf und sah zu, wie Blut von seiner beringten Hand auf seine bloßen Füße tropfte.
Nun war es Helene Thalbach die zurücktrat, denn sie sah, wie ein Glimmen in seine Augen sickerte und eine Ader an seinem Hals zitterte. Wie ein Hund, der sich in einen Knochen verbeißt, biss er sich selbst tief in den Arm, um sich gierig den Lebenssaft aus seinen Adern zu saugen. Er sank auf die Knie und gebärdete sich wie ein tollwütiges Tier, während ihm Blut von den Lippen troff.
Die Nachlassverwalterin spürte ihr Herz bis zum Hals klopfen. Hinter sich ertastete sie eine Holzlehne, drehte sich um, ergriff mit beiden Händen den Stuhl und schmetterte ihn mit aller Kraft auf den Schädel des Jungen, was ein hässliches Geräusch von berstenden Knochen zur Folge hatte. Endlich sackte der Getroffene zusammen und rührte sich nicht mehr.
Der Atem von Helene Thalbach ging stoßweise. Erschöpft ließ sie den Stuhl fallen und wandte sich Deborah zu. Doch deren Mund stand offen, ihre Augen waren gebrochen und leer an die Decke gerichtet.
Das menschliche Cello
Die Musikerin sitzt in schwarzer Corsage auf dem Stuhl, das Violoncello zwischen den Schenkeln. Ihre Finger zittern am Hals des Instruments. Strähnen fließen silbern durch die Flut ihres Haares und locken sich dunkel vor ihrem Bauch. Sie streicht das Cello. Wieder und wieder gleitet der Bogen über die Saiten. Die Musik weitet das Zimmer zu einer Kathedrale. Die Augen der Cellistin ruhen auf der jungen Frau, die ihr nackt und mit verbundenen Augen gegenübersitzt. Weich schweben die Töne durch den Raum, legen sich nieder auf dem Piano in der Ecke, den schweren Samtvorhängen und dem Kirschholzboden. An der Haut des Mädchens perlen sie ab wie Schmelzwasser und hinterlassen ein heißes Sehnen. Mit leicht geöffnetem Mund sinkt ihr Kopf in den Nacken; feine Schweißperlen wie poliertes Glas zieren ihre Oberlippe. Die Abendsonne spielt auf den schummrigen Wänden. Eine vorüberziehende Wolke blickt kurz in das Zimmer, ehe der Wind sie aus dem Schoß des Abends treibt. Ein Lufthauch, warm wie der Atem eines Tieres, strömt durch das offene Fenster ins Zimmer und streichelt die Frauen.
Eine alterslose, porzellangesichtige Japanerin tippelt im schwarzen Tai-Chi-Anzug herein, das graue Haar zum Knoten gesteckt, der von zwei langen, gekreuzten Holznadeln gehalten wird. Sie bringt einen Pinsel mit und chinesische Tusche. Auf das Kopfnicken der Cellistin hin zieht sie das Mädchen behutsam vom Stuhl und fordert von ihr mit hypnotischer Stimme, vor der Musikerin niederzuknien und ihr die Stiefel zu küssen.
Die Kleine tut, wie ihr befohlen.
Die Japanerin setzt sich neben sie auf den Stuhl und malt dem Mädchen mit der Präzision einer Kalligraphin zwei Schallöffnungen auf den schmalen, nach vorn gebeugten Rücken, die in Größe und Form exakt denen des Cellos entsprechen.
Das Flüstern der Musik macht Platz für den Gesang der Zikaden. Die Realität beginnt, ihre Blätter einzurollen.
Die Cellistin gibt der Asiatin einen Wink. Diese verbeugt sich, schiebt den Stuhl in den Winkel und entfernt sich, den Kopf wie im Gebet gesenkt.
Hinter dem Rücken des Mädchens lehnt ein mannshoher Barockspiegel an der Wand. Die Musikerin betrachtet darin von oben bis unten das Abbild der jungen Frau, die devot vor ihr auf dem Boden kniet: blondes Haar, das im Nacken zu einer Spitze ausläuft; Schulterblätter, gefalteten Flügeln gleich; ein vollendet symmetrisch geformtes Gesäß, das auf den Fersen ruht. Die Cellistin legt ihr Instrument fort und rückt mit dem Stuhl ganz dicht an das Mädchen heran, saugt ihr einen leichten Biss auf den Hals, dass der Kleinen die Röte ins Gesicht schießt. Die Zunge der Cellistin gleitet in ihren Mund und presst sich weich gegen die ihre. Mit der Linken packt sie den schmalen Nacken und hält ihn gefangen, die Rechte tastet nach dem Cello-Bogen. Als die Lippen sich voneinander lösen, beobachtet sie sich selbst im Spiegel. Mit wachsender Erregung streicht sie die gespannten Pferdehaarsaiten mehrmals hintereinander über den Rücken des Mädchens, das erzittert und wimmert und sich auf die Lippen beißt, um nicht zu schreien. Die Finger der Cellistin graben sich in den Hals der anderen. Süßer Schmerz fährt durch deren Körper und gebiert flüssige Perlen, die unterhalb der Augenbinde an ihren Wangen hinunterlaufen.
Mit Entzücken gewahrt die Musikerin die Striemen auf dem Rücken des Mädchens. Langsam fährt sie ihr mit der Stiefelspitze in der Loipe des Rückgrats bis zum Steißbein hinab. Eine Welle der Begierde durchfährt sie dabei: ihre Schenkel zittern, ihr Gesicht verzerrt sich vor Lust, und der Brunnen in ihrem Schoß läuft über.
Als die Nacht hereinbricht, klatscht die Musikerin ein paar Mal in die Hände. Ihr schönes Gesicht leuchtet vor Befriedigung. Der besessene Glanz in ihren Augen ist etwas gewichen, der teuflische Zug um ihre kleinen, vollen Lippen jedoch ist geblieben.
Abermals betritt die Japanerin den Raum: sie schiebt einen schwarzen Cello-Koffer vor sich her. Sie legt ihn neben dem Mädchen auf den Boden und klappt ihn auf. Sie nimmt das Mädchen bei der Hand und führt es, bis es sich aus freien Stücken wie ein Embryo in die mit schwarzem Samt ausgelegte Schale hineinschmiegt. Daraufhin wird der Koffer zugeklappt und die Schnallen werden geschlossen. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte stellt die Japanerin den Koffer auf und rollt ihn ins Musikzimmer nebenan, wo sich bereits identische Koffer befinden, in denen menschliche Cellos stumm verharren.
Die grotesken Schwestern
Bianca und Rosalie gehörten zu der Kategorie Zwillinge, die sich glichen wie ein Ei dem anderen, sodass eigentlich nur ihre Mutter sie zuverlässig unterscheiden konnte. Dass sie die genau gleichen Frisuren trugen, machte die Sache auch nicht einfacher. Oft machten sie sich einen Spaß daraus ihre Umwelt zu verwirren, indem sie ihre Identitäten tauschten. Sehr zum Leidwesen ihres Vaters: »Bianca, hilf doch bitte mal deiner Mutter beim Abwasch.«
»Papa, ich bin die Rosalie!«, sagte Bianca scheinbar entrüstet und verdrehte die Welpenaugen. »Ich hab schon den Tisch abgeräumt, soll Bianca helfen.«
Ihr Vater musterte mit erhobenen Händen hilflos seine Frau, die still in sich hineinlächelte und einen raschen Blick mit Rosalie tauschte, die sich grinsend aus dem Staub machte. Da mit der Zeit die Streiche der Mädchen jedoch an Dreistigkeit zunahmen, beschlossen die Eltern − nomen est omen − Bianca fortan ganz in Weiß, Rosalie dagegen in Rot zu kleiden, damit nun wirklich jeder sah, mit welchem der Zwillinge er es zu tun hatte. Den Kindern verbot man die Kleider zu tauschen, und damit sie sich daran hielten, machten ihnen die Eltern kleine Geschenke für gute Schulnoten oder die Mithilfe im Haushalt: So bekam Bianca eine weiße Haarschleife oder eine weiße Muschel, während Rosalie im Gegenzug mit einem roten Wasserball oder einem Körbchen Erdbeeren belohnt wurde. Allmählich entwickelte jede ein Faible für ihre Farbe. Bianca wurde zu einer Adeptin des Weiß, Rosalie schwärmte für das Rot. Zugleich wuchs in beiden eine Abneigung gegen die Farbe der anderen heran, die in den nachfolgenden Jahren immer ausgeprägter werden sollte.
Im Erwachsenenalter lebten die Yin-Yang-Zwillinge weiterhin gemeinsam im Haus ihrer längst verstorbenen Eltern. Zwar hassten sie sich mittlerweile bis aufs Blut, doch brauchten sie einander auch, so wie das Licht den Schatten. Ihr Farbfetischismus hatte inzwischen schon fast krankhafte Ausmaße angenommen, sodass sie sämtliche Freunde, Verwandte und auch die heiratslustigen Männer vergraulten und gezwungenermaßen ein einsames, zurückgezogenes Dasein fristeten. Ihr einziger Hausgenosse war Rosalies Kater Barbarossa, den Bianca aber wegen seines kupferroten Fells verabscheute.
Einmal, als Rosalie an einem Wintertag ihre roten Lederstiefel vor dem Haus anziehen wollte, waren diese bis zum Rand mit Schnee gefüllt. Maliziös lächelnd beobachtete Bianca durchs Küchenfenster hindurch, wie ihre Schwester fluchend den Schnee aus den Stiefeln schüttelte und den Rest mit den Fingern herauskratzte. Als sie aus der offenen Milchtüte trank, hatte sie plötzlich Ketchup im Mund. Sie eilte zur Spüle und spuckte angewidert aus.
Bianca hockte mit hochgezogenem Fuß auf dem Toilettensitz und lackierte sich die Zehennägel weiß, als Rosalie mit ihrer exzentrischen roten Brille à la Elton John den Kopf durch den Türspalt steckte und genervt ein weißes Halstuch ins Badezimmer schmiss. »Was hat dieses Ding auf meiner roten Bettdecke verloren?«
»Keine Ahnung«, meinte Bianca und wackelte mit den Zehen.
»Untersteh dich bloß.« Mit einem Kopfschütteln verschwand Rosalie, und an ihrer Stelle spazierte Barbarossa ins Bad und beschnüffelte das Tuch.
Bianca hatte sich inzwischen den anderen Fuß vorgenommen und beobachtete den Kater argwöhnisch. »Hau ab!«, zischte sie und drohte ihm mit dem erhobenen Lackpinsel.
Der Kater hob den Kopf und fauchte sie an. Dann zitterte er mit dem Schwanz, und ehe Bianca reagieren konnte, markierte er auf ihren Schal und rannte davon.
»Eines Tages krieg ich dich, du rolliger Bastard!«, rief Bianca ihm hinterher. »Pfui Teufel, stinkt das!«
»Was hast du eben gesagt?« Rosalie war zurückgekehrt und schob sich ihre Brille auf die Stirn hoch. Auf ihrer Stirn erschien eine senkrechte Falte.
»Lass das blöde Vieh endlich kastrieren.«
»Kümmere dich gefälligst um deinen eigenen Kram.«
So zog sich der Kleinkrieg noch eine Weile hin, bis eines Tages Barbarossa auf dem Feld eine vergiftete, sich im Todeskampf windende Maus erwischte und auffraß. Nicht lange nachdem er ins Haus zurückgekehrt war, zitterte er plötzlich unter Krämpfen und seine Augen quollen hervor. Als Rosalie ihre Katze in diesem jämmerlichen Zustand erblickte, kniete sie sich neben sie und streichelte sanft ihren Kopf. »Was hast du, mein Süßer?« Als der Kater zu würgen anfing und sich übergeben musste, rief sie in scharfem Ton nach ihrer Schwester.
»Was ist los?«, fragte Bianca, die mit verschränkten Armen gemächlich die Treppe herunterstieg. »Igitt, der kotzt ja wie ein Reiher!«
»Danke für dein Mitgefühl.« Rosalie schoss einen giftigen Blick auf Bianca ab. »Es geht ihm gar nicht gut.«
Achselzuckend und mit distanziertem Interesse musterte Bianca die Katze. »Dann bring ihn zum Tierarzt.«
»Vorhin krampfte er, als wäre er vergiftet worden.« Der versteckte Vorwurf in Rosalies Stimme war unüberhörbar.
»Und was hat das mit mir zu tun?«
Rosalie verbiss sich eine Antwort und beeilte sich, den Katzentransport-Käfig aus dem Keller zu holen. Dann wickelte sie ihren Kater in ein Frottiertuch und legte ihn in den Käfig. »Mach wenigstens sauber hier!«, ermahnte sie Bianca, als sie mit dem kranken Tier das Haus verließ.
Nachdem der Tierarzt Barbarossa von seinem Leiden erlöst hatte, kehrte Rosalie mit verweinten Augen nach Hause zurück. Als sie im Korridor den leeren Tiertransportbehälter abstellte, hört sie Biancas Singsang aus dem Bad: »Gestern rot und heute tot. Ich vermiss dich nie, du garstig Vieh …«
Na warte, Katzenmörderin du!
Rosalie schnappte sich das Tranchiermesser aus der Küche und ging geduckt in Richtung Badezimmer. Durch den weißen Duschvorhang erblickte sie die Silhouette ihrer verhassten Schwester, wie sie sich den Schaum vom Körper abbrauste. »Diesem scheißweißen Badezimmer fehlen einfach ein paar rote Akzente«, murmelte sie vor sich hin, und ihre Hand mit dem Messer schnellte vor. Die Klinge durchstieß den weißen Vorhang und bohrte sich in den Körper ihrer Schwester.
Bianca schnappte nach Luft, die Duschbrause fiel ihr aus der Hand und polterte in die Wanne. »Rot…«, stammelte sie fassungslos, stöhnte, und sackte zusammen.
Die Maske des Entführers
Von völliger Finsternis umgeben kommt Sarah zu sich. Benommen hebt sie den Kopf, ein Schmerz durchzuckt sie, als ob ein Hammer gegen die Hirnschale schlagen und jemand gleichzeitig ihre Sehnerven durchschneiden würde. Die blonden Haarsträhnen kleben ihr an der verschwitzten Stirn. Stöhnend versucht sie sich in der Realität wiederzufinden, hört ihr Herz klopfen, ertastet mit den Fingerspitzen eine Matratze. Bruchstückhaft erinnert sie sich daran, wie sie in der schummrigen Tiefgarage nach dem Fitnesstraining ihre Sachen in den Kofferraum ihres Wagens lud, als sie … hinterrücks niedergeschlagen wurde? Sie bemüht sich, tief und gleichmäßig zu atmen. Hier drin stinkt es erbärmlich. Kellermoder und Mief. Hat man mich entführt? Warum? Lösegeld kann keine Rolle spielen, ich komme aus einfachen Verhältnissen. Was dann?
Die Alternative zum Lösegeld bringt ihr Herz zum Rasen. Das Schlimmste aber ist, dass sie in den nächsten zehn Tagen niemand vermissen wird, da sie heute offiziell im Flieger nach Mauritius sitzt. Niemand weiß, wo sie sich dort genau aufhalten wird, nicht einmal ihr verheirateter Lover Serge, der momentan an einem mehrtägigen IT-Administrator-Training teilnimmt.
Scheiße verfluchte!
Sarah hat nicht die Kraft aufzustehen, ihr ist so schwindelig, und doch erkennt sie vor sich die schwach erhellten Umrisse einer Tür. Sie versucht, sich auf die in der Mitte leuchtende kleine Glasscheibe zu konzentrieren. Eisige Panik greift nach ihr, als eine weiße Vollmaske dahinter auftaucht. Minutenlang wird sie stumm beobachtet, ehe die Maske weggleitet. Das Licht hinter der Tür brennt weiter und macht Sarah, der alle Farbe aus dem Gesicht gewichen ist, die bedrückende Enge ihres Kellerverlieses nur allzu bewusst.
Nach einer Weile hört sie eine Flüsterstimme: »Hallo? Wie heißt du?«
Sarah rappelt sich hoch, merkt, dass sie ihre Sneakers nicht mehr anhat, und lauscht gebannt.
»Komm rüber zur Wand. Komm …«
Vorsichtig bewegt sich Sarah im Dunkeln auf die Stelle zu, von der sie die Stimme vermutet. Dort ertastet sie ein Loch in der Betonwand, etwas größer als ein Bierdeckel. »Wer ist da?«
»Ich bin Chloé. Und du?«
»Sarah … Wurdest du gekidnappt?«
»Ja.« Ein Schniefen.
»Wie …«, stockend holt Sarah Luft. »Wie lange bist du schon hier?«
»Weiß nicht. Seit Tagen? Oder Wochen?« Chloés Stimme klingt rau.
Sarah braucht ein paar Sekunden, um diese Information zu verdauen. »Weißt du, wer der Maskenmann ist? Was will er von uns?« Sie hat sich vor das Loch gesetzt.
»Keine Ahnung, aber er muss ein Sadist sein. Manchmal quält er mich. Einmal stand die Zellentür offen, und als ich mich rausgeschlichen habe, hat er mir oben an der Treppe aufgelauert, um mich niederzuschlagen und mir eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen. Bin dabei fast erstickt. Dann … dann hat er mir mit einer Rasierklinge in die Oberarme geschnitten und Salz in die Wunden gerieben, ich war fast wahnsinnig vor Schmerz.« Es folgt ein Schluchzen. »Das Schwein sagt nie ein Wort und trägt immer eine weiße Maske.«
Sarahs Augen weiten sich. »Denkst du er belauscht uns?« Sie senkt die Stimme. »Sicher ist hier alles verwanzt.«
Erneutes Schniefen. »Und wenn schon. − Hast du Durst?«
»Meine Kehle ist staubtrocken.«
»Hier, ich geb dir Wasser rüber. Wenn ich schlafe, stellt mir das Schwein oft Wasser und Essen in die Zelle.« Sarah ertastet eine Plastikflasche. »Danke.« Kann ich dieser Chloé trauen? Sie schraubt den Deckel ab und riecht am Flaschenhals. Kein verdächtiger Geruch. Der Durst ist stärker als die Angst. Sie trinkt in großen Schlucken, benetzt Gesicht und Nacken und fühlt sich ein bisschen frischer. »Wenn du schon so lange hier gefangen bist, sucht man sicher nach dir.«
»Ha.« Ein freudloser Lacher. »Etwa mein Zuhälter, dieser Wichser? Dragan rennt gewiss nicht zu den Bullen und meldet mich als vermisst.«
»Du gehst auf den Strich?«
»Ja, na und?«
»Wie bist du entführt worden?«
»Eine schwarze Limo hielt am Bordstein an und der Fahrer hat mir durchs offene Fenster einen großen Schein gezeigt. Gottverdammich, dass ich eingestiegen bin! Hab aber nicht viel von ihm gesehen, es war ja Nacht. Er trug Hut und Brille. Sofort hat er die Türen verriegelt und mir einen stinkenden Lappen ins Gesicht gedrückt. Ich wurde ohnmächtig.«
Wie viele Jahre wird Sarah schon in diesem Keller gefangen gehalten? Dreckverkrustet über den Boden kriechend … Hungerqualen leidend, mit verfilztem Haar und stumpfem Blick zusehends dem Wahnsinn verfallend … Brüllend wie ein verwundetes Tier, sich immer wieder gegen die Türe werfend …
Und nun ist der Maskenmann gekommen, um nach Chloé auch sie zu töten.
Vom Korridorlicht erhellt, steht er wie ein Schattenriss unmittelbar vor ihr. Ein strenger Modergeruch geht von ihm aus. Er reißt sich die Maske ab und wirft sie achtlos weg. Sein Gesicht ist wie von der Lepra entstellt, die Lippen sind weggefressen. Namenlose Angst erfasst Sarah. Zitternd kauert sie sich noch mehr zusammen und hört sich schreien, als sie seine Finger auf der Haut spürt. Ein Meer von Angst und Grauen reißt sie mit sich fort … Schweißgebadet und um sich schlagend erwacht sie aus ihrem Alptraum. Ein dumpfer Kopfschmerz holt sie in die Realität zurück. Sie bemerkt, dass man ihr Wasser und etwas zu essen in die Zelle gebracht hat. Außerdem befindet sich in einer Ecke ein Eimer aus Metall, daneben liegt ein Stapel mit größeren Zeitungsfetzen − wohl für ihre Notdurft.
Die Kälte des Kellerbodens dringt durch Sarahs Socken, als sie ein paar Tage später erneut Tür und Scharniere abtastet: Es gibt keine Klinke. Die Tür ihres Verlieses ist fest verankert. Die Scharniere sind aus Stahl. Verzweifelt schlägt sie mit geballten Fäusten gegen die Tür, schreit unter Tränen ihre Angst und Wut heraus: »Was willst du von mir, du Mistkerl!? Mach die verdammte Tür auf und lass mich raus! SOFORT!« Zitternd und erschöpft sinkt sie zu Boden und vergräbt das Gesicht in ihre Hände.
Die Tage in Gefangenschaft sind ein einziges schwarzes Loch, lediglich aufgehellt durch die Gespräche mit Chloé. Sarah hat Angst hier zu sterben. Eine eiserne Faust drückt gegen ihre Brust, raubt ihr den Atem, nicht aber ihre düstere Gedankenkette: Verlies, verloren, verreckt, verscharrt, verrottet und vergessen …
Sie hört Chloé nebenan schreien: »Lass mich in Ruhe! Sarah! Hilfe!«
Sarah schreckt hoch und kniet sich vor das Loch in der Wand: »Lassen Sie sie in Ruhe! Sie hat Ihnen nichts getan!«
Dies scheint den Maskenmann kaum zu beeindrucken, denn Chloé heult wiederholt auf. Und dann wird eine Tür zugeschlagen.
Sarah weicht erschrocken zurück, als ihre Kellertür krachend auffliegt. Der Maskenmann kommt reingestolpert, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Ihm folgt eine sportlich gebaute Frau mit dunklem, ungebändigtem Haar. Sie tritt dem Kerl in die Kniekehlen. Der Maskenmann fällt hin. Die Frau − Chloé? − fuchtelt mit einer Pistole herum: »Ich hab das Schwein, Sarah, ich hab ihn!«, ruft sie triumphierend.
Sarah ist perplex: »Aber … wie hast du ihn überwältigt?« »Hab ihm die Haarnadel ins Ohr gerammt, die ich von Anfang an in der Matratze versteckt hatte. Dann habe ich ihm in die Eier getreten und ihm die Knarre abgenommen.«
Sarahs Blick fliegt zwischen den beiden hin und her.
»Und was machen wir jetzt mit ihm?«
»Erschießen!«
»Nein, wir müssen die Polizei …«
Chloés wütendes Schnauben unterbricht sie. »Damit er auf Bewährung wieder freikommt und sich die Nächste schnappen kann?« Sie schüttelt entschieden den Kopf. »Hier, nimm!« Chloé hält ihr, den Lauf nach unten gerichtet, die Pistole hin. »Halt ihn damit in Schach, während ich seine Fesseln überprüfe.«
Sarah starrt auf die mattschwarz glänzende Waffe in ihren Händen. Zitternd zielt sie auf den Maskenmann, der sie mit einem gequälten Blick ansieht und ein kehliges Geräusch von sich gibt.
»Die Fesseln sind okay. Erschieß ihn!«
Sarah schüttelt den Kopf. »Ich … ich kann nicht.« Der Mann bewegt hektisch den Kopf und stöhnt. Die starre weiße Maske verrutscht ein wenig. »Woher kennst du dich so gut mit Waffen aus, Chloé?«, fragt Sarah misstrauisch.
»Einer meiner Freier hat mich ab und zu in den Schießstand mitgenommen. Und jetzt gib schon her!« befiehlt Chloé mit scharfer Stimme. Sie nimmt Sarah die Waffe aus der Hand, kniet sich hinter den Maskierten und schießt ohne ein weiteres Wort in sein Genick. Von den Kellerwänden hallt die Detonation um ein Vielfaches zurück.
Sarah presst die Hände an die Ohren und schreit hysterisch.
Der gefesselte Mann ist zusammengesackt. Sein Kopf liegt in einer sich rasch ausbreitenden Blutlache.
Chloé verpasst ihm einen Tritt. Als er sich nicht rührt, sichert sie die Waffe, steckt sie sich in den Hosenbund und nimmt dem Mann die Maske ab. »Mal sehen, wen wir hier haben.« Sie schaut in sein Gesicht und schüttelt den Kopf. »Ich kenne diese Visage nicht. Du vielleicht?« Sie legt den Kopf schief und mustert Sarah ausgiebig.
»Wohl kaum«, flüstert diese, nähert sich aber vorsichtig dem Toten. Als Erstes bemerkt sie den Klebestreifen auf seinem Mund. Dann nehmen ihre Augen einen ungläubigen Ausdruck an und sie verzieht schmerzlich das Gesicht. Schaudernd hält sie sich die Hand vor den Mund: Der Tote ist ihr Geliebter Serge! Panisch schaut sie zu Chloé hoch, ihre Stimme überschlägt sich: »Was wird hier gespielt?«
Chloé zuckt mit den Achseln und grinst. »Serge, mein lieber Gatte, ist gerade von einem IT-Seminar zurückgekommen und hat gemeint, ich spiele mit ihm zur Begrüßung mal wieder eins unserer Latexspielchen im Keller. Hat wie immer schön brav mitgemacht.« Langsam geht sie auf Sarah zu und schlägt ihr ins Gesicht. Ihre Augen funkeln hart. »Du Schlampe hast mir meinen Mann weggenommen.« Sie sticht mit dem Finger in die Luft.
»Deshalb habe ich mir diesen kleinen Racheakt ausgedacht, deshalb habe ich dich entführt und dir ein bisschen Theater vorgespielt. Der Maskenmann bin ich. Und ich heiße nicht Chloé.« Sie zieht die blutige Maske ihres toten Mannes an und baut sich bedrohlich vor ihrer Rivalin auf − wie eine Rachegöttin.
Sarah steht unter Schock, ihre Körperhaltung ist die des Kaninchens vor der Schlange: »Du bist komplett irre. Was machst du jetzt mit mir?« Sie betastet ihre blutende Lippe und fixiert ihre Widersacherin voller Abscheu, während ihr Tränen über die Wangen laufen.
»Vielleicht auch erschießen?« Serges Frau kratzt sich nachdenklich am Nacken. »Nein, ich rufe wohl besser die Polizei. Auf der Waffe befinden sich ja ausschließlich deine Fingerabdrücke.« Sie betrachtet ihre Hände, die in transparenten Latexhandschuhen stecken, was Sarah bisher nicht aufgefallen ist, und tippt sich mit dem Zeigefinger ein paar Mal nachdenklich an den Maskenmund. »Hm. Es gäbe da vielleicht eine Alternative zum Gefängnis …« Sie entsichert die Pistole. »Einen erweiterten Suizid zum Beispiel. Man wird denken, du bist deinem Geliebten in den Tod gefolgt, weil er sich trotz seiner Beteuerungen partout nicht von seiner Frau scheiden lassen wollte.«
»Das könnte dir so passen.« Sarahs Stimme klingt schrill. Abwehrend erhebt sie ihre Hand.
»Übrigens, viele Selbstmörder scheitern, weil sie sich Schläfenschüsse verpassen, die eine recht hohe Überlebensquote garantieren, doch meistens wird man dann zum Pflegefall. Manch einem fehlt danach bloß ein Stück Hirnschale oder ein Auge, aber er überlebt und ist gaga bis an sein Lebensende. Wenn du also auf Nummer sicher gehen willst, Schätzchen, dann steck dir den Lauf in den Mund und umschließ ihn mit den Lippen, bevor du abdrückst.« Behutsam legt sie die Waffe neben sich auf den Boden. »Ich mache mir nicht die Finger an dir schmutzig. Du kannst entweder hier verhungern oder dich selbst richten, ganz wie du möchtest.« Mit diesen Worten lässt sie ihre Rivalin mit der Leiche und der Waffe allein, verriegelt die Tür von außen und betrachtet Sarah einen Moment lang durch die Glasscheibe. Sie sieht, wie diese sich zitternd über Serge beugt und weint. Dann schleicht die Frau sich in den benachbarten Keller, kauert sich vor das Loch in der Wand und späht vorsichtig hinüber. Als der Schuss fällt, zuckt sie mit keiner Wimper, wartet nur ab. Nach einer Weile glimmt ein Funken der Erheiterung in ihren Augen. Sie erhebt sich und geht wieder in den anderen Keller.
Sarah liegt reglos neben Serge, die Waffe in der Hand. Ihre rechte Gesichtshälfte ist voller Blut. Plötzlich richtet sie sich auf, zielt mit der Waffe auf die andere und drückt ab.
»Klick«, sagt Serges Frau und geht mit einem triumphierenden Lächeln in die Hocke. »Du bist einerseits clever, Sarah, andererseits aber auch sehr dumm. Clever, weil du versucht hast, das Kellerschloss aufzuschießen, und als es nicht klappte, Serges Blut an dein Gesicht geschmiert hast und dich so lange totstellen wolltest, bis ich wiederkomme und du mich töten kannst. Dumm deshalb, weil du nicht bedacht hast, dass sich nur zwei Patronen in der Waffe befinden könnten. Du hättest dich besser selbst erschossen.« Hasserfüllt sieht sie Sarah an und knallt ihr die Faust ins Gesicht. Als ihr Opfer bereits am Boden liegt, prügelt sie weiter auf sie ein, bis sich nichts mehr unter ihr regt. Danach holt sie ein Seil von nebenan und sinniert darüber, wie lange Sarah wohl überleben wird, ohne Wasser, ohne Nahrung, stets den immer penetranter werdenden Leichengeruch in der Nase, während sie unlösbar an den eiskalten und starren Körper ihres Geliebten gefesselt ist.
The free sample has ended.