Read the book: «Mit Baťa im Dschungel»

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MARKÉTA PILÁTOVÁ

Mit Bat’a im Dschungel

Roman

Aus dem Tschechischen von

Sophia Marzolff


Die Herausgabe dieses Buches wurde vom

Kulturministerium der Tschechischen Republik unterstützt.


Originaltitel: S Bat’ou v džungli. © Torst, Praha 2017.

Die Übersetzerin dankt den Spendern des Perewest-Stipendiums

und dem Freundeskreis zur Förderung literarischer und

wissenschaftlicher Übersetzungen e.V. für die Vergabe

des Perewest-Arbeitsstipendiums 2019.


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Copyright © 2020 bei Wieser Verlag GmbH,

Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Josef G. Pichler

ISBN 978-3-99029-382-9

eISBN 978-3-99047-111-1

»Aber ich bin dort daheim und

werde es bis zu meinem Tode sein,

wo auch immer er mich antrifft.«

INHALT

JAN ANTONÍN BAŤA

LUDMILA

EDITA

JAN ANTONÍN

DOLORES

DER UNGARISCHE MALER

DOLORES

LJUBODRAG

LUDMILA

EDITA

JINDŘICH WALDES

JAN ANTONÍN

DIE FABRIK

DOLORES

LADISLAV PINGA

EDITA

LUDMILA

LJUBODRAG

DOLORES

LJUBODRAG

DIE FABRIK

JAN ANTONÍN

EDITA

JAN ANTONÍN

LUDMILA

DOLORES

LJUBODRAG

DOLORES

JAN ANTONÍN

LUDMILA

LJUBODRAG

DOLORES

JAN ANTONÍN

DOLORES

JAN ANTONÍN

LJUBODRAG

JAN ANTONÍN

LUDMILA

EDITA

LUDMILA

EDITA

LJUBODRAG

DOLORES

JAN ANTONÍN

LJUBODRAG

DOLORES

Nachbemerkung der Autorin: Die Sonntagsmethode


JAN ANTONÍN BAŤA

(Tomáš Bat’as Halbbruder, der die Firma Bat’a nach dessen Tod zum Weltkonzern ausbaute.)

Ich liege in dem weißen Bett. Auf dem allzu gestärkten Laken. Es schneit. Von fern höre ich meine erste Geige, die kleine Fiedel, die Mutter einem Zigeuner abgekauft hatte. Auf dem schwarzen Geigenkasten sause ich den Hügel hinunter, der Kasten ist schön stabil und besser als der Schlitten, ich bin als Erster unten. Die Jungs machen eine Schneeballschlacht, überhäufen mich mit Schnee, wollen mich in eine Verwehung einbuddeln, und ich wehre mich und kriege kaum noch Luft. Es tut weh in der Brust. Lidka hat mir ein Glas Wasser gebracht und den Ventilator angestellt. Ein schweres Ding, das dunkel und unheilvoll brummt wie ein kleines Flugzeug. Wie unsere Lockheed Electra L-10 mit der Seriennummer 1091, Jahrgang 1937. Mit ihr bin ich als erster Tscheche um die Welt geflogen. Ich muss immer dorthin starren. Sehe den Ventilator und im nächsten Moment das Flugzeug. Ventilator, Flugzeug. Hin, zurück. Ventilator, Flugzeug. Hin, her. Her, hin. Das monotone Dröhnen der Motoren. Das Rattern der hölzernen Schaufeln. Die Hitze wird in einen Winkel verdrängt und kommt als Motorzündung zurück. Ich schaue an die Decke, überzeugt, dass das Monstrum auf mich herabfallen wird oder dass ich im nächsten Moment einsteige, den Sicherheitsgurt anschnalle und nach Hause fliege. Ich schwitze und gleich darauf fröstele ich. Vermutlich das Reisefieber. Es ist beruhigend, dass direkt neben dem Krankenhaus eine krumm gewachsene alte Dama da Noite steht. Die Dame der Nacht, ein Baum mit dichten kleinen Blättern und winzigen Blüten. Dona Marina Trachtová hat einmal gesagt, sie habe sie unter ihren Fenstern, weil ihr Duft Glück ins Haus bringe. Damals lag ich mit meinem ersten Infarkt in Batayporã, im Haus von Jindřich Trachta, in dem ich ein Büro besaß. Ich hatte mich hingelegt, weil mir übel geworden war. Nur Marina war da, Jindřichs hübsche Marina, immer lebhaft wie ein Eichhörnchen. Mir war hundeelend. Um mich herum schwankte alles, und mir war, als würde ich allein durch einen luftleeren Raum schweben. Die anderen flogen auch irgendwo herum, waren im Sägewerk, rodeten den Urwald oder erledigten Papierkram, und ich hielt Marina an der Hand fest und bat sie, nicht wegzugehen. Einen Arzt gab es dort natürlich nicht, im Urwald gibt es keine Ärzte. Marina versprach, bei mir zu bleiben. »Herr Bat’a, atmen Sie etwas von diesem Duft ein, das bringt Glück«, flüsterte sie. Nu, habe ich also eingeatmet, so tief es ging. Die Blüten der Dame der Nacht sehen aus wie eine Mischung aus Kaktus und Orchidee. Wenn sie aufgehen, verströmen sie einen berauschenden, penetrant süßen Duft in die Nacht und locken Scharen von Kolibris und Schmetterlingen an. Drei Tage später sind sie verblüht. Wie kommt es, dass sie jetzt blühen? Ist denn Frühling? Wie geht noch einmal dieses Liedchen? »Sogar die alten Weiber singen, wenn die Knospen wieder springen …« Was will mir die Dame der Nacht damit sagen? Dass heute ein guter Tag zum Sterben ist? Ich brumme vor mich hin, dass kein Tag zum Sterben gut ist. Als Lidka oder Maja in der Frühe die Fenster öffnet, umhüllt mich dieser Duft, legt sich schwer auf mich und trägt mich davon. Weit weg vom Krankenhaus in São Paulo, über den Ozean, zu einem anderen Geruch, dem von feuchter Erde und Frühjahrsschnee, wo ich nicht nach Atem ringen muss, sondern alles in großen Zügen aufsauge. Ich scheue mich nicht, dort Atem zu schöpfen. Und ich scheue mich nicht, dorthin zurückzukehren.

Zurückzukehren, um zu erklären. Um den Gerüchten, Lügen, Verschwörungen, kleinen und großen Wahrheiten etwas Neues, diesmal Eigenes hinzuzufügen. In den Mündern, den Schandmäulern der Leute bin ich ja schon alles Mögliche gewesen: ein Nazi, ein Jude, ein deutscher Jude, ein tschechischer Jude, ein gewöhnlicher Jude, ein schmutziger Slawe, ein Agent des Dritten Reichs, ein Deserteur, Vaterlandsverräter, Nestbeschmutzer, ein Gigant, Sündenbock der Kommunisten, der Schuhkönig, der Nachfolger, der Chef und jetzt offenbar auch noch der neuralgische Punkt der neueren tschechischen Geschichte. Sucht euch davon aus, was ihr wollt, aber ich kehre zurück, weil ich mich nicht damit abgefunden habe, dass Lidka und Edita und zuletzt Dolores euer ungerechtes Justizsystem anbetteln mussten. Ich rege mich schon wieder auf, und das sollte ich nicht, immerhin bin ich an einem Herzinfarkt gestorben. Ich will die ganze Geschichte noch mal in Ruhe Revue passieren lassen. Sie vielleicht in kleine Einzelteile zerpflücken. Dann wieder geduldig zusammensetzen, um zu sehen, ob sich die Stückchen so ineinanderfügen lassen, dass sie zusammenhalten. Ich will mir über die einzelnen Fäden klarwerden – und darüber frohlocken, weil ich schon jetzt weiß, welcher Hundskerl an ihnen gezogen hat. Will mir alles unter dem Vergrößerungsglas der Zeit anschauen. Und zu begreifen versuchen, warum ihr mich so lange nicht anhören wolltet. Warum ihr alles selbst erzählen wolltet.

LUDMILA

(Tochter von Jan Antonín Bat’a)

Er war kreidebleich. Der wievielte Infarkt würde das jetzt sein? Dabei sah es erst gar nicht danach aus. Ich dachte, ihm sei nur übel geworden, irgendetwas Falsches gegessen oder wie schon so oft zu viel in sich hineingestopft. Ich rief Doktor Andrade an, dass er schnell nach Batatuba kommen solle, es sei ein Herzinfarkt. Verflixt noch mal, und nu, was jetzt? Da stehste und guckst, wie Großmama Gerbecová in Hradiště zu sagen pflegte, wie Doktor Gerbec zu sagen pflegte. Nix ist jetzt. Wir fuhren zu dem riesigen Krankenhaus Beneficência Portuguesa in São Paulo. Das ist jetzt fast einen Monat her. Auf dem Bett immer das hölzerne Klapptischchen, damit er schreiben kann. Dem Tod mit Arbeit trotzen. Unsere emsige Arbeitsfamilie. Mit nutzbringender, fleißiger Arbeit wird allem getrotzt. Dem Tod und dem Leben. Stets ein Papier und einen Kugelschreiber zur Hand. Einen Füller mag er nicht benutzen, denn wenn er länger nachdenkt, trocknet ihm die Tinte aus. Mutter und ich wechseln uns ab, sie sieht müde aus. Sie, er, wir alle sehen müde aus. Er macht sich dauernd Notizen. Trifft ständig irgendwelche Entscheidungen, übernimmt Verantwortung. Schlüpft in sie hinein wie in das tägliche frische Hemd. Und zieht die Krawatte der Arbeit fest. Immer denkt er über etwas nach, immer ist er da. Wacht schon frühmorgens auf und bittet uns, das Fenster zu öffnen, damit er freier atmen kann, damit er den Sonnenaufgang sieht. Er blickt in die Dämmerung, aber ich sehe ihn im Geiste all die Fabriken durchwandern, die er überall auf der Welt ausgesät hat und die wie Pilze aus dem Boden gewachsen sind, wie Champignons auf gut gedüngter Erde. Fabriken, die von allen bewundert wurden, ihre ansehnliche Erscheinung, ihre Zweckmäßigkeit, ihr einwandfreies Funktionieren, ihre Leistungsfähigkeit, ihre Möglichkeiten. Fabriken, die allen ein Dorn im Auge waren. Den Kapitalisten und den Kommunisten. Ich sehe ihn, wie er herumfährt und alles genau begutachtet, sehe ihn überlegen, wo etwas einzukaufen ist, wo jemand ausgebildet werden muss, wo etwas zu erfinden, zu verwerten, zu verbessern, zu veräußern, zu besiedeln ist … Und jetzt, da bin ich mir sicher, jagt er gerade mit den Viehtreibern auf staubigen, rotsandigen Wegen den weißen Stierherden nach. Reitet mit ihnen die Ufer des Rio Paraná entlang und isst abends am Lagerfeuer geröstetes Büffelfleisch mit den Fingern, ohne sich dafür genieren zu müssen, ohne das Fett abzuschneiden oder auf anständige Manieren achten zu müssen. Er blickt auf die gewaltige Strömung des trüben Paraná und träumt davon, das umgebende Sumpfland trockenzulegen. Diesen Fluss zu bändigen! Es genügt ihm nicht, dass sich dort auf den toten Baumstümpfen jeden Abend Schwärme von Silberreihern niederlassen, dass dies ihr Königreich ist. Er will, dass aus den schlammigen, brodelnden Tümpeln etwas Nützliches entsteht, eine Zukunft, etwas für Menschen Gemachtes, nicht für Reiher. Er möchte diesen gewaltigen, stolzen Fluss bezwingen, will dessen Stolz und Gewalt für den Fortschritt nutzen, für etwas Besseres als das, was die Schicksalsgöttinnen für diese Landschaft vorgesehen haben, in der die Arbeits- und Landlosen keine Chance haben. Schon sieht er hier anstelle der Wildnis moderne Häuser und Fabriken entstehen, Kinos und Kais, gepflegte Gärten statt Dschungeldickicht. Er möchte die wilde Arroganz der Natur besiegen, sie mit der größten Brücke bändigen, die Brasilien je gesehen hat, ein wenig Karl IV. sein, er möchte überall sein, nur nicht hier, diesen weißen Mauern und dem steifen Laken ausgeliefert, und einem Herz, das unzuverlässig ist und schmerzt.

Er behauptet, er würde den Duft der Dama da Noite riechen. Ich will es ihm nicht ausreden, auch wenn wir August haben und die Dame der Nacht im März blüht. Was spielt es schon für eine Rolle, wann dieser dumme Baum blüht – er sehnt sich jetzt nach seinem süßen Duft. Und nach Torte. Zuckerbaisers. Nach geräucherter Rinderzunge. Gestampften Kartoffeln mit Röstzwiebeln. Nach Butter. Eis. Nach einem starken schwarzen Kaffee. Nichts davon darf er zu sich nehmen. »Warum soll ich überhaupt leben, wenn ich doch nichts essen darf?«, sagt er vorwurfsvoll. »Aber Vater«, protestiere ich, »so etwas dürfen Sie nicht sagen!« Ich weiß nicht, warum ich ihn sieze. Er schaut mich fragend an und lächelt. »Siezen wir uns, Liduška? Was ist das denn für ein Unfug, ich bitte dich!« – »Nein, das war nur … ich weiß nicht. Es ist mir so herausgerutscht.« – »Nu, so was«, sagt er und denkt schon nicht mehr daran. Er notiert sich etwas. Er schreibt Gedichte. Schlechte Gedichte, schöne Gedichte, seine Gedichte. Und dieser große mährische Körper passt fast nicht in das Bett hinein, das für einen zierlichen Brasilianer gedacht ist. Er ist stämmig wie die Eichen in unserer Heimat, wie Bäume, die hier nicht wachsen. Hier haben sie zu weiches Holz, das jederzeit nachgibt und allerlei Krabbeltiere in sich aufnimmt, die unzählige Löcher hineinnagen und es in seine Kleinteile zerlegen, noch ehe es in den Himmel wachsen kann. Er aber ist eine Eiche, und die kann nur ein Blitz fällen, oder ein achter Herzinfarkt.

»Lidka, notier mal einen Menüplan. Schreib dir auf, was ich essen möchte, wenn ich aus dem Krankenhaus komme, ja? Damit ich mich auf was freuen kann!« Er lächelt selig, während ich mitschreibe. »Also, Liduška, am Montag … hast du’s?« – »Ja, ich hab’s.« – »Rindersuppe mit Einlage, mit feinen Nüdelchen. Geschmortes oder gegrilltes Kalbfleisch. Zum Abendessen gehackten Schinken mit Kartoffelbrei. Am Dienstag passierte Erbsensuppe und überbackenes Huhn mit Gemüse, zum Abendessen Fleckerlnudeln mit Schinken. Und dann vielleicht noch etwas Süßes, etwas Leichtes, aber Süßes. Ein Zitronensoufflé oder ein Kaiserschmarrn mit Kirschkompott, was meinst du? Lidka, wollt ihr mir dieses Zitronensoufflé machen?« Ich nicke, nicke wie der unglückliche Hurvínek mit dem großen, viel zu schweren Puppenkopf. Werde ich machen. Alles werde ich für dich machen.

Wenn ich nachts neben seinem Bett sitzend eindöse, kommt in meinen Träumen eine verschneite Welt zu mir. Erinnerungen daran. Ein Bild, das ich gemalt und mit hierhergebracht habe. Darauf ist eine Hütte zu sehen, irgendwo bei uns im Hügelland, und zwei schneebedeckte Birken. Bäume, die nicht in die Berge gehören. So wie ich nicht hierher gehöre. In das tropische Licht. In die Hitze. In die Vergessenheit und das ewige schlechte Gewissen derer, die fortgegangen sind, der Emigranten. Ich kann ganz gut zeichnen, habe angeblich Talent, aber diese Birken kommen mir trotzdem komisch vor. Es sind Taugenichtse von Birken. Auch musikalisches Talent habe ich, und das fürs Gehorchen. Ich bin immer gehorsam gewesen, wer weiß warum. Warum gehorcht ein Mensch? Um seine Ruhe zu haben. Und ich wollte immer meine Ruhe haben. Ruhe, um Klavier zu spielen, Ruhe für die zarten und die stürmischen Töne, die mein Flügel hergibt. Und wenn ich gehorcht habe, herrschte immer Ruhe.

Ein Schneesturm. Ich stapfe voran, der Wind pfeift um meine Füße, zerrt an meinen Beinen. Ich sinke in eine Schneewehe ein, stapfe aber weiter bergan in Richtung der kleinen Kapelle, wo ich dem verblassten Christusbildchen die Papierrosen zu Füßen legen will, die mein lieber Rudi für mich auf dem Jahrmarkt geschossen hat. Endlich habe ich es hinauf geschafft, mein Schweiß tropft in den schweren, feuchten Schnee, der Sturm lässt nach, der Wind braust nicht mehr und wimmert nur noch schwach. Ich stehe oben auf dem Hügel, aber die Kapelle ist nicht hier. Ich bin auf einem unbekannten, falschen Hügel. Das Krepppapier in meinen Händen wird feucht, die Farben rinnen herab und bilden zu meinen Füßen rote Pfützen. Ich wache schweißgebadet auf, der große, hölzerne Ventilator mit dem verblichenen Goldrand rattert, und ich ringe nach Luft. Vater, der Chef, schläft. Ich schalte den Ventilator ab, öffne das Fenster. Dadurch wird er wach. »Mach die Läden ganz auf«, bittet er mich, »und lass das Licht aus, wir wollen warten, bis die Sonne aufgeht.« Von draußen hört man das Gekrussel des Nachtgeziefers, das sich in die dunklen Winkel zurückzieht, in die kühlen Stellen zwischen Rinde und Laub. Die Sonne lässt sich heute Zeit. Ich schichte ihm noch mehr Kissen unter den Kopf, stütze ihn, damit er sich aufsetzen kann. Er sitzt da und schaut auf die blutrote Färbung im noch grauen Himmel. Gestern war es unangenehm neblig, aber heute ist der Himmel klar, ohne die klebrigen Fetzen kalter Feuchtigkeit, die im Krankenhauspark in den Spitzen der Farnsträucher hängen bleiben. Der August ist der Monat der schönsten Vollmonde, aber mit den Sonnenaufgängen ist nicht viel her. Doch jetzt ist die Sonne da – in all der rotglühenden Pracht, deren sie zu dieser Jahreszeit fähig ist, in der nichts blüht und man Blumen hauptsächlich auf Kirchfesten und aus Papier erhält. Mutter ist noch nicht gekommen, nur er und ich sind da, sind hier zusammen, und dieses Zusammensein ist so eng, dass ich weiß, was er denkt, dass ich seine Gedanken berühren, ihr silbernes Gewebe in meine Hand nehmen und direkt mit ihnen sprechen kann, ohne Umschweife und ohne den Umweg der Worte. Ich spreche mit ihm, als würde ich Klavier spielen. Als würde ich mit ihm durch die Musik reden, für die er immer Anerkennung hatte, aber nur als eine Dreingabe, die Glanz verleiht, niemals als eine richtige Arbeit, als fleißige Arbeit begnadeter Menschen, niemals als Selbstzweck.

Er richtet sich ein wenig im Bett auf. Denn jetzt kommt Mutter herein. Sie legt ihre schwarze Lackhandtasche mit dem leicht abgewetzten Goldverschluss auf das schneeweiße Bett, und der Kontrast tut mir in den Augen weh. Ich bin völlig gerädert und übernächtigt von dem Krankenhaussessel. »Ruh dich noch ein bisschen aus, meine Liebe, leg dich nebenan bei den Schwestern hin«, sagt Mutter. Ich widerspreche ihr nicht. Ich gehorche und stehe auf. Sehe ihn an, wie er die Augen zusammenkneift, weil die Sonne jetzt hoch am Himmel steht und seine morgendliche Andacht damit beendet ist. Ich gehe aus dem Zimmer. Mir ist nicht mehr nach Schlafen. Die Krankenschwester kocht mir einen kleinen starken Kaffee und bietet mir eine Beruhigungspille an. Aber die brauche ich nicht, ich bin ruhig. Ich habe seine Gedanken berührt, im Kopf Klavier gespielt und den Sonnenaufgang beobachtet. Ich sitze in einem Sessel des Schwesternzimmers, und anscheinend bin ich doch noch eingeschlafen, denn als ich aufwache, zeigt die nüchterne Krankenhausuhr fast Mittag an. Mutter schreit. Überall herrscht auf einmal Durcheinander, alle rennen irgendwohin. Das Wort reanimação, all diese Zischlaute fahren mir heftig durch den Körper. Ich beobachte die schwarzen Uhrzeiger, wie sie langsam ins Nirgendwo kriechen. Alle sind verstört, aufgeregt, hektisch. Ich nicht. Ich gehe ruhig zu seinem Bett, sehe ihn an. Seine großen Hände. Hände mährisch-walachischer Senner, Hände mongolischer Invasoren innerhalb der Bat’a-Sippe, Schuhmacherhände, Chefhände. Ein Zettel steckt in ihnen, der ihm ein wenig aus den Fingern geglitten ist, und ich nehme ihn an mich. Lese seine ausladende Handschrift, das letzte Wort lässt sich fast nicht entziffern, aber ich weiß, er hat geschrieben: Die Wahrheit wird zum Vorschein kommen wie Öl auf dem Wasser. Ich präge es mir ein. Präge mir diesen Sonnenaufgang, diesen Abgang ein.

Es ist ein schwerer Tag gewesen, alles hat sich lange hingezogen. Jan kniete neben dem Bett und wimmerte, dass Vater ihn nicht verlassen solle. Ich stand aufrecht da und sank dann wie immer auf mein linkes Bein ab, dieses linke Linke, das schon seit Ewigkeiten zu kurz ist. Nur wegen dieses Beines stehe ich so gerade. Nur seinetwegen halte ich mich jetzt aufrecht. Denn die fehlenden zehn Zentimeter meines linken Beines haben mich gelehrt, mich zusammenzureißen, unter allen Umständen aufrecht zu stehen.

Auf dem Weg von der Kapelle in Atibaia bis nach Batatuba sind, so weit das Auge blicken kann, frische Blumen ausgestreut. Wo haben die Leute die nur gepflückt, in diesem brasilianischen August, wo sich doch allenfalls Chrysanthemen auftreiben lassen?

EDITA

(Tochter von Jan Antonín Bat’a)

Es fühlt sich an, als säße ich immer noch in diesem Zug. Seit damals erscheint mir das ganze Leben wie eine endlose Zugfahrt. Vor dem Fenster zieht die Landschaft vorüber und es herrscht ein anhaltendes Dämmerlicht. Auf dem Bahnsteig wartet wohl jemand auf mich, aber ich weiß nicht, wer, und bin mir auch nicht ganz sicher. Überall ungarische Schilder. Ich bin fünfzehn Jahre alt. Habe dünne Storchenbeine mit großen Knien, an denen ich Angorastrümpfe trage, obwohl es Juni ist. Sie kratzen furchtbar, rutschen dauernd die Waden hinunter und rollen sich an den Knöcheln zusammen, weshalb ich sie ständig hochziehen muss. Aber Großmama Hrušt’áková aus Hradiště hat sie gestrickt, und die lässt nichts auf ihre Angorakaninchen kommen. Sie hat die Tiere mit den rubinroten Augen kahl geschoren, und aus irgendeinem Grund verwandelt sich ihr feines, seidiges Fell in kratzige Wolle. Wir Bat’a-Kinder müssen die grässlichen Strümpfe und alles, was Großmama strickt, tragen. Mir kommt es vor, als hätte dieser Zug nie angehalten. Im Grunde sitze ich immer noch darin. Als wäre ich nie am Budapester Bahnhof ausgestiegen, sondern würde immer noch krampfhaft die Hand von Vaters Sekretär festhalten, obwohl ich doch schon groß war und sich das nicht gehörte. Durch das schmuddelige kleine Fenster sah ich ihm dann nach, wie er am Bahnhof von Brünn stand. Bis heute habe ich sonderbare Träume von Zügen. Immer noch bringen sie mich nachts von Zeit zu Zeit weg. Nachts bin ich eine Flüchtende.

Aber ich wusste, ich würde das hinkriegen, ich sagte mir, es würde nicht lange dauern, eine Art Mutprobe, die ich ganz sicher bestehen würde. Ich hatte so oft gehört, was für eine mutige und schlaue Schülerin ich sei. Ich hatte fleißig gelernt, Sprachen fielen mir leicht, Deutsch, Englisch, Französisch, ein reines Kinderspiel. Doch als ich den Zug bestieg und Vaters Sekretär mir erklärte, dass ich nicht verschlafen dürfe und am Budapester Hauptbahnhof aussteigen müsse, bereute ich, dass ich kein Ungarisch gelernt und auch nie daran gedacht hatte. Ich trug nur eine kleine Stofftasche bei mir, denn mit einem richtigen Koffer wäre es offensichtlich gewesen, dass ich für länger verreiste. In dem Täschchen befanden sich Taschentücher, eine Lederbörse mit dreißig tschechischen Kronen und Mutters Kölnischwasser, das sie zu Hause vergessen hatte, als sie mit Jan und Marie schon vor mir über eine andere Strecke aufgebrochen war, damit unsere Flucht nicht auffiel. Vor dem Haus hatten zwei SS-Männer Wache gestanden, aber keiner der beiden war auf die Idee gekommen, dass hinten im Garten ein überwuchertes kleines Törchen direkt zum Schulgarten führte. Vater hatte es dort anbringen lassen, als wir drei Mädchen und Jan zur Volksschule gingen, damit wir es näher hatten. Meine persönlichen Sachen waren zu Hause geblieben. Ich hatte meine Lieblingspuppen, das Puppengeschirr, den Plüschhund, den Bären und Knibbel, den Hasen, in den Eichenschrank eingeschlossen – ich weiß auch nicht warum, immerhin war ich schon fünfzehn, drehte mir die Haare mit dem Lockenstab ein und malte mir eine dünne schwarze Linie unter die grünen Augen, und mit Puppen spielte ich schon lange nicht mehr. Ich hatte den Schrankschlüssel an einer Wollschnur befestigt, die ich um den Hals trug. Noch heute trage ich diesen kleinen Silberschlüssel in einer Tasche bei mir. Wenn ich nervös bin, nehme ich ihn in die Hand, umfahre mit den Fingern seine Kanten und presse ihn in die Handfläche, bis es wehtut. Manchmal denke ich an die Sachen in dem Schrank – ob sie wohl noch dort sind oder wie es wäre, wenn sie zum Leben erwacht und geflohen wären und ebenfalls einen Zug bestiegen hätten, der sie zu mir gebracht hätte. Ich hätte im abendlichen Budapest am Bahnsteig auf sie gewartet, hätte sie während der Überfahrt auf dem großen Dampfer gesäubert und nach unserer Ankunft an ihrem neuen Platz aufgestellt, ihnen die Sprache des neuen Landes beigebracht, und sie hätten niemals Heimweh empfunden. Womöglich aber hat jemand den Schrank aufgebrochen und meine Spielsachen in den Müll geworfen. Oder haben andere Kinder damit gespielt? Wessen Kinder? Die Kinder der SS-Leute oder die Kinder der kommunistischen Bonzen, die sich jeweils in unserem Zlíner Haus breitmachten? Vater hat sogar ein kleines Gedicht darüber geschrieben. Es stammt vom 10. Januar 1941 und lautet

Das beschlagnahmte Haus

Unser Haus und unser Garten, von unserm

Schweiß benetzt,

sind in der Hand von Fremden, die unser Land besetzt.

Die Schritte ihrer Stiefel auf unserm Boden dröhnen,

so wie auch ihre Stimmen im Radio vorlaut tönen.

Sie poltern am selben Orte, wo meine Töchter, mein Sohn

in glücklichen, freien Zeiten taten den ersten Ton.

Die Heimat zu verteidigen blieb schnöde uns verwehrt,

das hat uns unvermeidlich dies Golgatha beschert.

Immer wenn ich jetzt irgendwohin mit dem Zug fahre, vergewissere ich mich beim Einsteigen, wie weit es zur nächsten Toilette ist, denn ihr habe ich es zu verdanken, dass ich damals einem Soldaten mit Hakenkreuz auf dem Ärmel entkam. Als ich hörte, dass man an der Grenze die Pässe zu kontrollieren begann, suchte ich eilig das nächste Klosett auf, schloss aber die Tür nicht ab. Kurz darauf stieß ein Soldat die Tür auf, und ich drückte mich dahinter gegen die Wand. Der Zug schwankte, und er zog die Tür mit einem Knall wieder zu. Ich stand dort in einen Schatten verwandelt, eine unscheinbare graue Wanze, und starrte auf das schmutzige Waschbecken und den gesprungenen Spiegel. Noch heute kann ich den leicht ranzigen Lavendelgeruch des Seifenrestes und das kleinteilige Muster auf dem knittrigen, ausgewaschenen Handtuch heraufbeschwören. Ich studierte jedes Detail, registrierte jedes Luftmolekül, jeden kalten Tropfen Schweiß. Noch immer könnte ich alle Risse auf der Oberfläche des angeschlagenen Spiegels aus dem Gedächtnis aufzeichnen. Beten tat ich nicht. Ich hatte das Gefühl, dass Gott mich in diesem Moment nicht hören würde. Vielleicht wegen des bevorstehenden Krieges, vielleicht wegen des Ratterns der Zugräder auf den Gleisen, vielleicht weil ich mich schämte, um mein Leben zu betteln. Denn hätte ich es getan, hätte das bestätigt, dass es um Leben und Tod ging, und das wollte ich nicht wahrhaben. Ich hatte einen Satz im Kopf, den ich aufgeschnappt hatte, als Vater sich mit František Muška, seinem Hauptbuchhalter, unterhalten hatte. Er hatte gesagt: »Wissen Sie, Frank, was das Schlimmste ist? Wenn einer ’n Hasenherz ist.« Und ich wollte auf keinen Fall ein Hasenherz sein. Stattdessen wollte ich mir alles fest einprägen, damit ich es Vater später erzählen konnte. Wollte mir alles in dieser Toilette merken, diesen schäbigen Ort auswendig lernen. Als mir schien, dass es nichts mehr gab, was ich mir noch merken konnte, kehrte ich in das Abteil zurück. Dort drückte ich die Nase gegen die kalte Fensterscheibe, draußen wurde es dunkel, der Zug fuhr in die ungarischen Ebenen und keuchte, bebte vor Unwillen, dröhnte in meinem Kopf. Er war ein unruhiges Tier, den Bauch voller Schicksale, die er dem Unbekannten entgegenbrachte. In diesem Zug jedenfalls begann mein so völlig verändertes Leben. In Budapest stieg ich aus, setzte mich auf eine Bank am Bahnsteig und wartete ab. Keiner hatte daran gedacht, mir etwas ungarisches Geld mitzugeben. Ich hatte Hunger und Durst, und inzwischen war ich schon mehr als hasenherzig. Mit zunehmender Finsternis spulten sich vor meinem inneren Augen lauter Bilder davon ab, wie Jan, Marie, Mutter und ich wieder von der SS abgefangen werden, so wie beim ersten Mal, als wir aus Zlín zu fliehen versucht hatten und die Sache misslang. Merkwürdigerweise bleibt mir nach all den Jahren immer nur diese Zugfahrt in Erinnerung und nicht jener erste Fluchtversuch. Vielleicht weil er so unrühmlich endete.

Für mich begann der Krieg mit einem Strauß samtig roter Rosen. Mutter erhielt sie von der SS nach deren Ankunft in Zlín. Die SS-Männer waren auf widerwärtige Weise aufdringlich und höflich zugleich. Ganz schwarz und bedrohlich herausputzt, stanken sie nach Seife und einer fremden Rasierwassermarke, die an Naphthalin und unverdünnten Spiritus erinnerte. Es hatte nichts wirklich Frisches, verströmte Tod. Sie klingelten und drückten Mutter, ohne überhaupt nur eine Frage zu stellen, den Strauß in die Hand. »Für die Frau Chefin«, sagte einer von ihnen mit süffisantem Lächeln. Es war wie in einem düsteren Märchen. Eine schwarze Uniform mit Totenköpfen, dazu rote Rosen. Mutter sagte nichts, nahm den Strauß steif entgegen, ohne an den Blumen zu riechen. Sie nickte nur und verabschiedete die Männer sogleich wieder. Den Strauß warf sie anschließend auf den Mist. Doch jemand musste die Rosen auf dem Misthaufen bemerkt haben, irgendjemand begann uns aufmerksam zu beobachten.

Darauf erfolgte dann unsere erste, schlecht durchdachte und zu übereilte Flucht. Im Auto der fiebernde kleine Jan, in Pelze und Decken gemummelt, die verschneiten Straßen, das Schneegestöber, am Fenster feine Eiskristalle. Vater befand sich in Polen, und wir wollten zu ihm über die Grenze gelangen. Es war nicht sehr weit, aber der Fahrer konnte die Straße nicht gut sehen und fuhr nur im Schritttempo. Und plötzlich war unser Wagen von Soldaten umringt. »Halt« und »Wohin fahren Sie?« und »Warum bei diesem Wetter?!« Diesmal hatten sie keine roten Rosen in der Hand, sondern Maschinengewehre. Mutter brachte keinen Mucks heraus, aber der Fahrer fasste sich schnell wieder und behauptete, wir wären mit dem kleinen Jan auf dem Weg zum Krankenhaus, hätten uns aber im Schneegestöber verfahren und wüssten nicht, wo wir genau seien. Der Soldat bellte, wir sollten zurückfahren, in Zlín gebe es auch ein Krankenhaus. Anschließend warteten wir erst den ganzen Frühling ab, um einen neuen Versuch zu unternehmen. Dieser Frühling kam mir jetzt so lange her vor, als ich auf dem Budapester Keleti-Bahnhof saß, Jahrhunderte schienen seither vergangen. Es war kurz vor Sonnenaufgang, am blassen Himmel zeichnete sich eine Andeutung von Wolken ab. Ich war jetzt froh, dass ich die kratzigen Strümpfe hatte, zog meine Knie ans Kinn und fragte mich, was wohl Großmama Hrušt’áková tun würde, wenn keiner sie abholen käme. Was würde sie sich für die dreißig tschechischen Kronen kaufen? Würde sie sich auf die Stufen vor dem Bahnhof setzen und Strümpfe stricken? Würde das Geklapper der Stricknadeln sie beruhigen? Würde sie betteln gehen? Würde sie in einen Zug steigen und zurückfahren? Oder würde sie auf dem Postamt ein Telegramm aufgeben? Aber an wen? Wohin? Ins Protektorat oder an die Nummer in Polen, die ich hatte auswendig lernen müssen, die ich nirgendwo notieren und nur im Falle echter Lebensgefahr anrufen durfte? Die verschiedensten Ideen zogen mir durch den Kopf, eine unsinniger als die andere. Als ich schon von der Bank aufstehen wollte, um alle Bahngleise einmal abzulaufen, tauchte unter dem großen Bogen mit den Skulpturen, die wie Riesen aus einem Märchen aussahen, Vaters Chauffeur auf. Er trug nicht die übliche Uniform, sondern einen unauffälligen Anzug, aber ich erkannte ihn an seinen breiten Schultern und dem nervösen Gang. Bevor er auf mich zusteuerte, sah er sich vorsichtig um. Langsam hob ich meine Hand und winkte ihm. Ich musste an mich halten, um nicht auf ihn zuzurennen, ihm um den Hals zu fallen und vor Erleichterung loszuheulen. Doch noch bevor ich mich von der Bank erhob und auf ihn zuging, zog ich Großmamas fürchterliche Kniestrümpfe aus, ballte sie zu Kugeln zusammen und stopfte sie in meine kleine Tasche.

JAN ANTONÍN

Ich überlege, wo ich anfangen soll. An welcher Stelle beginnt eine wirklich interessante Geschichte? Woran erkennt man, ob sie erzählenswert ist? Und ab welchem Punkt unterscheidet sie sich von einer ganz alltäglichen? Ich konnte das nie erkennen. Aber ich habe immer gerne geschrieben. Habe immerhin fast vierzig Manuskripte verfasst! Ich schrieb gern und viel, auch ein paar Romane sind dabei, die, nun ja, von mir selbst handeln. Was soll man machen, ich bin eben graphoman. Megaloman. Ein träumendes Kind. Das Schreiben hat mich immer gerettet, wenn ich nicht mehr aus noch ein wusste, wenn ich mich ohnmächtig fühlte, weil ich beinahe alles verloren hatte. Aber in meinen Texten steckt nicht, was ich wirklich sagen wollte. Es ist mir nicht gelungen, das Wesentliche zu berühren. Ich dachte immer, indem ich tagtäglich aufrichtig bemüht und fleißig schreibe, nachdenke, plane, arbeite und übe, dann würde mir das gelingen. Doch jetzt erkenne ich, dass es nicht gelungen ist. Damit meine ich nicht die künstlerische Qualität oder künstlerische Absicht, denn im Grunde ging es mir gar nie um Kunst – es ging mir um Wahrhaftigkeit! Um die ehrliche Schilderung meiner Erlebnisse, darum, meine Erfahrungen zu teilen. Etwas sollte nach meinem Tod von mir bleiben. Nun, ich weiß, das wünscht sich jeder, das ist nichts Besonderes. Aber ich war davon überzeugt, dass ich besonders war oder dass ich zumindest ein besonderes Leben hatte und alles festhalten musste, was mir begegnet war – das Glück und die Menschen, die mit mir gearbeitet, das Land verlassen, geträumt und meine Träume erfüllt hatten –, damit es nicht verloren ging. Am Lauf der Geschichte ließ sich nichts ändern, was geschehen war, war geschehen. Aber ich konnte meinen Blick auf die Dinge wiedergeben. Schildern, wie ich alles erlebt hatte – und nicht, wie später diese Verbrecher darüber schrieben, die eimerweise Dreck und Lügen über mir auskippten und mir alles stahlen. Und ich setzte um, was ich mir vorgenommen hatte, folgte meinen ganz persönlichen Plänen und Zielen. Ich wollte kein Schriftsteller sein, ich wollte nur ein Vorbild sein. Das mag unbescheiden klingen – na und? Ich pfeife auf Bescheidenheit, wenn sie nicht angebracht ist! Doch trotz all meinem Eifer habe ich mich nicht leichtgetan. Ich war nicht zufrieden. Und das nagte in mir. Das Bild, das ich entwarf und jeden Tag in die Maschine tippte oder jemandem diktierte, mit der Absicht, dass Tausende von Menschen es lesen würden, war irgendwie festgefahren. Es war kein Problem des Stils, immerhin waren meine Zeitungskolumnen und meine Reden deutlich besser als die von Tomi. Ich vermochte Menschen mitzureißen, sie für unsere Sache, unsere Ansichten zu begeistern. Doch wenn ich eine Geschichte zu schreiben begann und etwas Lehrreiches darin unterbringen wollte, geriet es hölzern. Als wären mir die Buchstaben in der Schreibmaschine erstarrt. Womöglich lag es daran, dass ich die Menschen, über die ich schrieb, nicht wirklich verstand. Ich konnte mir zwar einen Einblick in ihre Herzen und Leben verschaffen, aber was ich dort sah, darüber wollte ich gar nicht schreiben! Da war zu viel Belangloses, zu viel Angst und Kleinmut, Habsucht und Blindheit. Dabei wollte ich so gerne über Helden schreiben, über starke Menschen, kleine und dennoch große Leute. Denn genau das benötigte damals unsere Nation und benötigt sie im Grunde immer noch! Positive Vorbilder, große Geister für ein kleines Volk! Vermutlich war es das, was sich in meinem Schreiben im Konflikt befand: die meist doch recht armselige Realität und die Sehnsucht nach etwas Besserem, einem höheren und sinnerfüllten Ideal. Kurz und gut, ich moralisierte etwas viel und bog die Menschen, über die ich schrieb, zu sehr nach meinen Zwecken zurecht. Jetzt, mit dem Abstand der Ewigkeit, sehe ich das deutlich, aber zu jener Zeit konnte ich das noch nicht. Ich wusste nicht, dass man, wenn man übers Leben schreibt, auch von den peinlichen, kleingeistigen und schmutzigen Dingen erzählen muss, andernfalls kommen nur hochtrabende moralische Traktate dabei heraus. Die wollte ich freilich nicht schreiben, und doch schlüpften sie mir immer aus der Maschine. Es heißt, am besten sei ich als Satiriker gewesen. Wahrhaftig eine Ironie des Schicksals: Ich hatte unserer Nation Optimismus und Zuversicht einflößen wollen, aber die besten Kritiken gab es zu meinen verbitterten Satiren, die der Verzweiflung entsprangen. Nachdem mein eigener Verlag beschlagnahmt worden war, wurden meine Texte in ausländischen Zeitschriften und Exilverlagen gedruckt. Zum Beispiel in London, wo man im Jahr 1953 Satiren und Aphorismen von mir für vier Shilling kaufen konnte. Irgendein ominöser Rezensent mit dem Kürzel J.J. schrieb dazu: »Der große Unternehmer erweist sich als nachdenklicher Mann, dem es nicht allein ums Geld ging, sondern um die Leistung, die Lebensaufgabe, die Erfüllung selbstgesteckter Ziele. Bat’a wurde gleich mehrmals der Boden unter den Füßen weggezogen, und wenn er dies mit Seelenruhe annahm, sich darüber erheben konnte und nicht seinen Glauben an eine vernunftbestimmte, humane Zukunft verlor, so zeugt dies von einer außerordentlichen Persönlichkeit. In seinen Satiren zeigt er sich eher als treuer Anhänger der Volksliedtradition denn als Verfechter der kunstvollen Satire, er lässt jedoch niemanden darüber im Zweifel, was er sagen möchte. Bat’a glaubt an den Menschen und an die freie Entfaltung von dessen Fähigkeiten und Kräften, in seinem schmalen Büchlein steckt viel bejahender Glaube an die Menschheit und ihre Mission. Die Lektüre verschafft uns einen Einblick in die geistige Werkstatt eines Unternehmers, der sich dem Schicksal und den Zeiten nicht ergab.«

Glaube ich immer noch und nach allem, was war, an die Menschheit und ihre Mission? An eine vernunftbestimmte, humane Zukunft? Ich würde gerne Nein sagen. Denn nur ein Verrückter könnte nach den Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, noch an die Vernunft, die Gerechtigkeit und die Menschheit glauben, geschweige denn an eine vernünftige, humane Zukunft. Aber letztlich war ich immer ein Verrückter. Heute würde man sagen, ein »Freak«. Wie oft hat man mir das nicht vorgeworfen, wie oft haben nicht meine so rationalen Direktoren in den Fluren der Fabriken, über ihren Kaffeetassen oder geschliffenen Champagnerkelchen hinter vorgehaltener Hand über mich getuschelt oder sogar meine hehren Pläne verspottet.

Es gibt einen prägenden Moment, den ich nicht vergessen kann. Ich weiß selbst nicht, wie es genau kam, dass von damals an alles anders wurde. In der Folge konnte ich meinen eigenen Sturkopf nicht mehr ignorieren. Ich glaube, es war dieser Augenblick, als plötzlich mein Stiefbruder Tomi aus dem Gebüsch auftauchte, der mich dort beobachtet hatte, wie ich hinter den anderen Jungen herrannte, über meinem Kopf ein Seil schwingend, an das ich einen Stein gebunden hatte. Ich hatte damals meinen Arm gebrochen, der in einen schmutzigen Lumpen gebunden war, und die Jungs hatten mich deswegen verhöhnt. Mein Halbbruder Tomi war nach Hradiště gekommen, in unser ämliches Viertel Rybárny, um meine Mutter zu besuchen. Er wollte sie überreden, mich zu ihm nach Zlín ziehen zu lassen, zu ihm und seiner Frau Máňa, die auf vornehme Dame machte, damit ich dort die Bürgerschule besuchte. Meinetwegen war er in die mährische Provinz gekommen und hatte im Gebüsch versteckt beobachtet, wie ich mich gegen diese Jungen wehrte, wie ich ihnen mit dem Stein am Seil den Marsch blies. Ich selbst hatte diese Szene längst vergessen, aber er erinnerte mich später daran, und dabei klang aus seiner Stimme eine Anerkennung, die ich nicht mehr oft zu hören bekam. Ab dem Moment, als er mir das erzählt hatte, wollte ich ihn nie mehr enttäuschen, und erst recht nicht den kleinen Bengel, der einen Stein über seinem Kopf geschwungen hatte. Darüber hätte ich schreiben sollen, aber ich wusste nicht, wie. Und auf meinem Sterbebett kritzelte ich dann diese letzten Worte: Die Wahrheit wird zum Vorschein kommen wie Öl auf dem Wasser. Gleich darauf dachte ich: Aber wer interessiert sich schon für die Wahrheit?

Vielleicht sollte ich euch lieber eines meiner Gedichte vortragen. Sie waren nicht meine besten literarischen Erzeugnisse, trotzdem schrieb ich sie am liebsten. Sogar diesem Hasenfuß von Beneš schrieb ich eines zum Sechzigsten.

Zum Sechzigsten sei dem Heldenhaften,

das wünschen wir, Glück beschieden.

Er möge sein Werk der Weisheit vollenden,

dem Volk Freiheit schenken und Frieden.

Ich begreife nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat! Offenbar glaubte ich vor dem Ende des Krieges, einem Staatsmann mit einer solch bewegten Geschichte dann doch gratulieren zu müssen, am besten mit einem schlappen Gedicht. Man möge diese Zeilen nicht nach dem Kriterium ihrer künstlerischen Bedeutung beurteilen, es war freilich nur ein typisches Gelegenheitsgedicht. Aber es war einfach so, dass mich das Verseschmieden jedes Mal in eine Hochstimmung versetzte. Mir wurde etliche Male gesagt, Schuster bleib bei deinem Leisten, aber auf solches Gerede habe ich nie etwas gegeben. Die Leute reden immer viel. Wenn ich Gedichte schrieb, konnte ich meine Flügel ausbreiten. Konnte mich aufschwingen und über das Meer zurück in die Heimat fliegen, wieder ein stolzer Patriot sein, auch Beneš war in meinen Gedichten ein Staatsmann, wie sie nur selten geboren. Nun ja, die Satire ist mir wohl wirklich am besten gelungen.

DOLORES

(Enkelin Jan Antonín Bat’as, Tochter von Ludmila Bat’ová und Ljubodrag Arambašić)

Babonky

So nannten wir sie, die kleinen gelben Klößchen aus Eiern und Mehl. Großmutter Maja tat sie in die Suppe, in die Rinderbrühe, die von unseren weißen Kühen stammte. Jeder durfte sich nur zwei nehmen, das war Großmutters Regel. Nur zwei Babonky. Wir rangelten um sie, an unserem Kindertisch im Wintergarten, wo die Kinder bis zehn Jahre aßen. Das wiederum war eine Regel von Großvater. Wenn wir am Kindertisch gelernt hatten, uns anständig zu benehmen, uns nicht mehr um die Babonky rauften und auf der Geburtstagstorte zehn Kerzen ausgeblasen hatten, dann durften wir feierlich in die Welt der Erwachsenen hinüberwechseln und an ihrem Tisch im richtigen Esszimmer sitzen. Ich wollte aber nie vom Wintergarten weg. Ich liebte die verglaste Terrasse und den Pingpongtisch, an dem ich immer alle Cousins und manchmal auch Großvater besiegte. Ich raufte mich gerne mit den Jungen um die Babonky und hatte gar nicht das Bedürfnis, mich anständig zu benehmen, das Besteck richtig zu halten, zu wissen, mit welchem Löffel man die Torte isst, und darauf zu achten, dass meine Bluse keine Soßenspritzer abbekam. Außerdem beobachtete ich die Erwachsenen gern vom Wintergarten aus und malte mir aus, worüber sie gerade sprachen. Ich konnte sie genau sehen – Großvater, zu seiner Linken Großmutter Maja, die am Tischende saß, rechts davon Onkel Jan, dann Onkel Nelson, Tante Edita, Tante Jena, die wir aus unerfindlichen Gründen Hana nannten, meine Mama Ludmila, die auch Lidka genannt wurde, dann ein serbischer Schnauzbart – mein Onkel Dragoslav – und mein geliebter Papa Ljubodrag. Nicht nur die Gerüche der Speisen vermischten sich dort miteinander, auch die Sprachen. Serbisch mit Tschechisch und Portugiesisch, mährische Kraftausdrücke mit Juristenenglisch, elegantes Literaturfranzösisch mit Papas serbischen Anekdoten oder den deutschjüdischen Witzen aus Wien, wo er Jura studiert hatte. Als mich anständiges Benehmen dann nicht mehr abschreckte und ich im Esszimmer meinen Platz neben Onkel Jan eingenommen hatte, trat ich trotzdem noch manchmal heimlich unter dem Tisch meinen Cousin Ljubo oder den langen Streber Æika, der mich immer verpetzte. Es war alles so ebenmäßig damals, all diese Tage und Ferien und Weihnachten in Batatuba. Das Klackern von Jan Antoníns Schreibmaschine, Großmutter, die in der Küche zugange war, Großvaters mächtige Pranke, die uns niemals schlug. Einmal reiße ich vor dem Apotheker Mario aus, ich habe Fieber und er ist extra aus Piracaia gekommen, um mir eine Spritze zu geben, aber weil ich weiß, dass es wehtut, kraxele ich lieber hoch in eine Fichte hinauf, und er klettert mir hinterher und Mama schreit: »Sobald du runterkommst, verhau ich dich, dass du dich umsehen wirst!« Und ich klettere hinunter, bekomme die Spritze und auch die Prügel.

Es sind Zeiten, die ich nicht vergessen kann. Die ich überall suche, mit mir herumtrage und doch nirgends finden kann. Manchmal glaube ich sie in der Heimat zu entdecken, die nicht meine Heimat ist, in Zlín, wo ich mich nicht in jedem Schaufenster, jeder Straße und jedem Backstein der puppenhaften Häuser selbst wiedererkenne. Bilder aus der Kindheit. Du schüttelst das Kaleidoskop, und jedes Mal sind da immer wieder neue geschliffene Glaskristalle eines tschechischen Glücks. So oft habe ich mir gesagt, ich sollte diese Zeiten aus meinem Kopf bekommen, weil ich sonst nicht meine eigenen perfekten, schönen, ebenmäßigen und harmonischen Zeiten finden kann, an die sich wiederum meine Töchter erinnern werden. Aber es geht nicht. Alles ist verloschen, hat sich aufgelöst und ist verschwunden, und ich bin die Einzige, die noch die guten alten Zeiten heraufbeschwören kann. Denn ich bin die Einzige, die noch fließend Tschechisch spricht. Es ist, als hörte ich die alte Gerbecová und die alte Hrušt’áková sagen: »Es hängt alles an der Sprache, Mädel«, ein Ausspruch, den ich nie persönlich von ihnen gehört habe, der zu Hause aber immer zitiert wurde. Der lange Streber Æika lebt schon nicht mehr, und Ljubo oder Rodolfo wissen von damals allenfalls noch, was für Streiche sie ausgeheckt und wie sie sich einmal an der Weihnachtsschokolade überfressen haben. Sonst ist diese Zeit für sie passé. Ihre Mütter, Tanten und Onkel sind entweder tot oder haben die tschechische Sprache verloren wie etwas, was gleichzeitig mit der Fabrik in Batatuba verschwunden ist, mit Großvaters und Onkel Jans Tod, etwas Schönes, aber zu weit Entferntes, jetzt eher Unbrauchbares, Veraltetes, wie die Babonky, von denen man nur zwei haben durfte, und mehr kriegte man eben nicht.

In meinem Wohnzimmer hängt ein Gemälde, das so groß ist, dass es eigentlich nicht wirklich hierher passt, sondern besser in einem Museum hängen würde. Aber mit diesem Bild verbinde ich nun mal alles, was ich nie vergessen möchte. Nur meine Mutter Ludmila und ich sind darauf zu sehen, ihr einziges Kind Dolores. So ein großes Gemälde, das sich gut in einem Schloss ausnehmen würde, klingt ein wenig nach adligen Damen und Königinnen, die Porträts von sich malen lassen, doch wir wären damals gar nie auf die Idee gekommen, uns malen zu lassen, vor allem nicht in so einem Format, wenn Mama in ihrer Liebenswürdigkeit nicht diesem alten Ungarn hätte helfen wollen. Ich weiß nicht einmal, wer er eigentlich war. Aber ihn umgab so eine künstlerische, europäische Aura, als habe er in seinem nach Terpentin riechenden Koffer nicht nur Farben und Pinsel mit ins Exil genommen, sondern die ganze Melancholie der Flucht, diese zynische Intelligenz der Gescheiterten, die jenseits des Ozeans keinen Neuanfang mehr hinbekamen. Jemand hatte Mama erzählt, er sei ein großer ungarischer Künstler, ein Emigrant wie wir, und würde Geld brauchen. Es hieß, er habe in Budapest auf der Akademie gelehrt und Gott und die Welt porträtiert, sei dann aber wie unsere Familie vor den Deutschen geflohen. Ich hatte mir einen temperamentvollen Bohémien mit Malerkittel und Barett vorgestellt, doch zur Tür hereingeschlurft kam ein knochiger, braungebrannter Schlaks in einem zottigen Pullover mit mottenzerfressenen Ärmeln, und statt eines Baretts leuchtete im dunklen Zimmer nur seine spiegelglatte, gefleckte Glatze, auf der ein spärlicher Rest grauer Kraushaare wuchs. Er stellte sich als Stevan Kis vor, allerdings hatte ich immer das Gefühl, dass das nicht sein echter Name war. Manchmal trug er eine dicke Brille, dann wieder lief er ohne sie herum oder suchte nach ihr, während er ungarische Flüche ausstieß. Er grüßte nie richtig, sondern brummte nur irgendetwas. Mama und ich setzten uns gehorsam auf die Stühle, die er für uns arrangiert hatte, ich auf den höheren, Mutter auf den niedrigeren. Hinterher tat mir jedes Mal der Rücken weh, trotzdem gefiel es mir, von dem kauzigen Kerl gemalt zu werden. Mir gefiel, wie er die Augen zusammendrückte, leise etwas vor sich hinmurmelte, den Mund spitzte. Manchmal fertigte er nur ein paar Skizzen von uns an, aber er wollte uns nie etwas zeigen. Ungefähr einen Monat lang gingen wir zweimal wöchentlich zu ihm. Vorher wusch ich mir jedes Mal meinen Bubikopf mit Kamillenshampoo, drehte mir die Haarspitzen ein, legte die Perlenkette um und zog mir das rosa Chiffonkleid an, an dem ich noch eine Brosche befestigte. Außerdem trug ich einen Ring mit einem Aquamarin, einem Diamanten und Platin an der Hand, den Mama mir zum fünfzehnten Geburtstag gekauft hatte. Ich kam mir wunderschön vor, aber heute erkenne ich peinlich berührt, was für einen leeren Gesichtsausdruck ich hatte, finde auf dem Bild statt eines verträumten Blicks nur große Augen, die nichts anderes als sich selbst sehen. Dafür hat Mama in ihrem schwarzen Dior-Kleid mit der Diamantspange, die sie von Großmutter zur Hochzeit bekommen hatte, etwas von einer vornehmen Aristokratin. Was für einen wunderschönen Anblick sie bot! Und auf diesem Bild wird es immer so bleiben. Wenn wir zu unseren Sitzungen bei dem Maler aufbrachen, hatte ich jedes Mal Sorge, jemand könnte uns unterwegs überfallen und uns all diese Kostbarkeiten rauben. Das passierte aber erst zwanzig Jahre später, als in unser Haus eingebrochen wurde und die Diebe die Brosche und den Ring mitnahmen. Ich fand es aber nicht so schlimm, denn im Wohnzimmer hing immer noch das Bild, auf dem die Schmuckstücke zu sehen sind. Und Mama sieht immer noch so schön damit aus. Während der Porträtsitzungen fühlte ich mich in meinem rosa Kleid und mit den perlenfarben lackierten Nägeln wie das Dornröschen aus dem tschechischen Märchenbuch. Vielleicht war ich es auch, und der Ungar war in Wahrheit die gekränkte böse Fee, die mir eine Rose reichte, an deren Dorn ich mich stach, denn ich bin bis heute nicht aus der Sehnsucht nach dieser Zeit aufgewacht. Mama trug über dem Kleid ein schwarzes Samtcape und hatte ihr kastanienbraunes Haar aus der Stirn gekämmt, was ihr ein stolzes und majestätisches Aussehen gab. Ihre blauen Katzenaugen schauen mich noch immer unverwandt an.

Allerdings sah es damals so aus, als sollte dieses Bild niemals uns gehören. Der ungarische Maler wurde und wurde nicht damit fertig. Zuerst ließ er nicht von sich hören, dann behauptete er, die Farben müssten erst noch richtig fest werden, dann meinte er, er sei nicht zufrieden und wolle das ganze Bild noch einmal neu malen. Und schließlich erklärte er, er werde uns das Bild nicht geben, weil es sein Meisterwerk sei. Mama hatte ihn allerdings auch schon meisterlich im Voraus bezahlt, weshalb das Bild ihr zustand. Er weigerte sich jedoch hartnäckig und erklärte, er könne nicht auf sein Meisterwerk verzichten, dieses Gemälde besitze für ihn einen unschätzbaren Wert, das Geld könne er freilich auch nicht zurückzahlen, weil er es nicht mehr habe. Mama hatte nicht das Herz, mit ihm zu streiten, weshalb sie lieber meinen Onkel Dragoslav zu ihm schickte, diesen hochgewachsenen, gebildeten Serben und ehemaligen Partisanen, der mit seiner tiefen Stimme sehr langsam, sehr widerwillig und sehr eindringlich sprach. Niemand würde sich wünschen, ihm ins Gehege zu kommen. Ich weiß nicht, was mein serbischer Onkel damals zu Stevan Kis sagte. Aber vielleicht waren seine wuchtige Gestalt und seine mächtigen Schaufelhände Argumente genug, um den armen Ungarn zu überreden, ihm das Bild herauszugeben. Als es dann schließlich in unserem großen Haus in São Paulo hing, sah es so aus, als hätte die Wand, an der es befestigt war, nur darauf gewartet. Obwohl der Bildhintergrund und der schwere, goldgesäumte Rahmen dunkel waren, begann der ganze Salon zu leuchten. Heute habe ich ein etwas schlechtes Gewissen wegen der Sache und denke, ich sollte die Geschichte des alten Ungarn kennen, dem wir womöglich mit Gewalt das Bild abgenommen hatten, das uns gehörte. Kann einem überhaupt ein Gemälde gehören, darf man sich ein Meisterwerk aneignen, von dem sich der Künstler nicht trennen will? Hätten wir ihm das Bild überlassen sollen? Sollte Mamas Liebenswürdigkeit Grenzen gehabt haben?

DER UNGARISCHE MALER

Dieses Bild war mein letztes, Schluss, aus, Feierabend. Deshalb wollte ich es nicht herausgeben. Es war meins, mochte die Dame noch so viel dafür bezahlt haben. Diese schöne Frau, die niemals mir gehören würde, aber wenigstens auf dem Bild mir gehören konnte. Ihre blauen Augen, die halb entblößten Schultern unter dem schwarzen Samt. Sie war mir schon auf dem Schiff aufgefallen. Die Île de France war ein riesiger Dampfer, und ich hatte für die Überfahrt meine ganzen Ersparnisse ausgegeben. Wie alle anderen Passagiere waren auch sie Flüchtlinge. Und noch eine andere schöne und traurige Dame hielt sich mit ihnen auf dem Schiff auf. Ich kannte ihren Namen, Hedvika Waldesová, genannt Ička. Ihr Mann besaß eine Gemäldegalerie, und sie hatte oft die Bilder dafür ausgesucht, hatte seinen Kunstgeschmack verfeinert. Man musste ihr gefallen, um in der Sammlung der Waldes zu landen, darüber kursierten ganze Legenden. Aber die Waldes kauften im Wesentlichen tschechische Künstler. Außerdem hatte ich, was meine Kunst betraf, im Grunde längst aufgegeben. War bequem geworden, hatte mich komfortabel an der Akademie eingerichtet, wo ich mich auf meinen Lorbeeren und den duckmäuserischen Komplimenten der tumben Studentlein ausruhen konnte. Aber als ich da auf dem Schiff Ička Waldesová sah, erwachte in mir ein längst erloschenes Feuer. Sie war so traurig, und ich wollte sie unbedingt malen. Nicht weil sie reich war, nicht weil ich in ihrer Prager Gemäldegalerie hängen wollte, in die jetzt ohnehin die Nazioffiziere pissten, sondern weil ihre Trauer festgehalten werden musste … Also machte ich jeden Tag wenigstens ein paar heimliche Skizzen von ihr. Sie bemerkte es nicht oder tat so, als würde sie es nicht bemerken. Als ich das Land verlassen hatte, hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich nichts Bedeutendes mehr erschaffen würde, etwas, was die Mühe wert war, ein Bild, das niemanden darüber in Zweifel ließ, dass ich da gewesen war, dass ich gemalt hatte. Und das war in Ordnung, verdammt noch mal, es machte mir nichts aus. Es machte mir nichts aus, Budapest zu verlassen, eine Stadt, an der mir nie besonders gelegen war. Eine Stadt wie jede andere – ob hier, ob dort, völlig einerlei … Nur Wien mochte ich. Diese modrige Pracht, diese Zurschaustellung des schlechten Geschmacks. Adolf Loos hatte dort etwas verändern wollen, und ich war ein großer Anhänger von ihm, aber nur die Juden verstanden seinen Feldzug gegen die Schlangenlinien und Ornamente und gaben ihm Aufträge, und nun ja, das war jetzt nicht mehr gültig. Nichts war mehr gültig auf diesem Schiff, auf dem wir alle noch die Europäer spielten, erhabene Parias, Unberührbare, die sich jenseits des Kastensystems unserer Zielländer befanden, immerhin liefen wir ja nicht davon, wir waren keine Ratten, die das sinkende Schiff verließen, waren keine Feiglinge, wir fuhren nur auf eine Art Urlaub, erholten uns nur ein Weilchen von den Unbilden und Heimtücken des Schicksals, anschließend würden wir ganz gewiss wieder zurückkehren, sobald jemand für uns zu Hause die Dinge in Ordnung gebracht und alle Schlachten geschlagen hätte.

Also saßen wir um das Wasserbassin herum, tanzten unter dem Sternenhimmel Walzer und aßen auf Silbertellern zu Mittag. In unserem Gepäck außer Angst auch Wut – zumindest in meinem. Schließlich hätte ich bis in alle Ewigkeit talentierte Söhnchen und Töchterchen auf der Akademie unterrichten und am Wochenende hübsche Kurven malen können, die gut geheiratet hatten, Honoratiorensprösslinge, gelegentlich einen moppeligen Bankier, und ich hätte ausgesorgt. Doch dann wurde mein jüdischer Nachname störend, und dank der vornehmen Damen, deren Gatten an den richtigen Stellen saßen, erfuhr ich rechtzeitig, dass es mit der Gemütlichkeit aus und vorbei war, finito.

Wenn ich geglaubt hatte, dass man sich in Brasilien um meine Bilder reißen würde, hatte ich mich getäuscht. Keiner verstand hier, warum er dafür zahlen sollte. Für die Menschen hier war Kunst ein so nichtssagender Begriff wie Weltraum oder Muckelsdorf. Die Europäer vom Schiff hatten sich in alle Winde zerstreut und versuchten sich eine eigene Existenz aufzubauen – Gemälde fürs Wohnzimmer waren da das letzte Problem, das sie beschäftigte. Oder sie hatten in Holzkisten schon ihre eigenen Bilder mitgebracht und keinen Bedarf an neuen. Ich ging mit den Preisen runter, erniedrigte mich, doch nichts davon half. Selbst einen anderen Namen legte ich mir zu. Ich dachte, mein Name, der in der Heimat berühmt war, würde mir hier nur Pech bringen, und stellte mir vor, wenn ich mich anders nenne, würden die Musen, die meinen alten Namen nicht mehr hören konnten, mich wieder aufsuchen. Ich erniedrigte mich sogar so weit, dass ich auf dem Platz vor der Kathedrale Karikaturen anfertigte … und dann gab ich’s auf. Verkroch mich in mein möbliertes Zimmer, legte mich ins Bett und wartete. Fragen Sie nicht, worauf. Ich hatte einfach aufgegeben, konnte nicht mehr. Und da klopfte es an der Tür, und dort stand sie. Ich erkannte sie sofort wieder. Sie hinkte auf einem Bein, was erst eine wahre Göttin aus ihr machte. Wer sich nicht mit Kunst beschäftigt oder sowieso keinen Geschmack besitzt, wird nicht verstehen können, was ich meine, aber diese kleine Unvollkommenheit, dieser Hinweis darauf, dass Schönheit niemals Perfektion bedeutet, machte sie zu einem echten Kunstwerk. Sie kam herein, stellte sich vor und fragte mich, ob ich sie und ihre Tochter malen könne; sie habe gehört, ich sei einer der besten Porträtmaler Europas und hätte derzeit nicht viele Aufträge. Sie wusste sehr wohl, wer ich war, benutzte aber dennoch meinen neuen Namen. Sie sprach mit Respekt, mit jener Grazie, die man in Wien pflegte, und so wienerisch war auch ihr Deutsch. Zugleich war sie eine gute Geschäftsfrau – natürlich, die Tochter ihres Vaters. Ich antwortete, ich würde sie und ihre Tochter malen, aber nur zu dem Preis, den man mir in Europa gezahlt hätte, denn wie sie schon richtig gesagt habe, sei ich ein ausgezeichneter europäischer Porträtmaler und nicht irgendein Pinselheinrich aus dem Urwald. Dass wir Deutsch miteinander sprachen, war eine Erleichterung für mich, denn ich weigerte mich, das hiesige Kauderwelsch zu benutzen, diese ganzen Nasale, die sich französisch gaben, dazu das halbkehlige R und eine Grammatik, die schon jeder Logik entbehrt hatte, als man in dieser Sprache das erste Mal »Mama« sagte. Ich redete also und redete, palaverte wie verrückt auf Deutsch, ganz aus dem Häuschen darüber, dass ich mit jemandem reden konnte, ohne mir dabei die Zunge verknoten zu müssen. Und diesen Moment, in dem sie so nahe war und ich sie ansehen konnte, wollte ich so lange wie möglich auskosten. So lange wie möglich ausdehnen, ins Endlose ziehen.

DOLORES

Spitzbuben

240 g Mehl

140 g Butter

140 g Zucker

70 g geschälte und gehobelte Mandeln

2 Eigelb

Saft und geriebene Schale einer Zitrone

Der Teig wird dünn ausgerollt, mit Förmchen ausgestochen und gebacken.

Jeweils zwei gebackene Spitzbuben mit Konfitüre zusammenkleben.

Man bekam furchtbar klebrige Finger davon, denn gegen die weihnachtliche Hitze in Batatuba hatten Teig und Marmelade keine Chance. In das runde Loch in der Mitte der Plätzchen kam Jaboticaba- oder Mangomarmelade hinein. Eigentlich heißt das Gebäck anders, aber Linzer Augen sagen mir nichts, es waren eben einfach Spitzbuben, weil sie frech an den Fingern pappten. Doch als ich dann einmal welche in Zlín probierte, war es nicht dasselbe. So wie sich überhaupt alles anders anfühlte, als ich es mir vorgestellt hatte, als ich zum ersten Mal dorthin fuhr, wohin Großmutter und Großvater nicht mehr hatten zurückkehren können. Ich hatte Freiheit spüren wollen, stattdessen empfand ich Zärtlichkeit. Zärtlichkeit gegenüber diesen viel zu großen Gebäuden, dem bewölkten Himmel, der so nah war und auf mich herabzufallen schien, statt hell zu leuchten und mir die Richtung zu weisen, wie es der brasilianische Himmel vermag, der immer hoch, klar und endlos ist. Trotzdem erfüllten mich in Prag, wo alles so beengt und von finsterer, blutiger Historie belastet erschien, die steinernen Brücken, das barocke Pathos der Statuen, die Fülle von Kunst, die vielen aufwändigen Details, die verschwenderisch gesetzten Pflastersteine auf Straßen und Gehwegen … erfüllte mich dies alles mit Zärtlichkeit und Bewunderung und noch etwas Trübem, für das ich weder im Tschechischen noch im Portugiesischen je einen Ausdruck gefunden habe. Vor allem aber empfand ich, dass ich zu alledem ganz klar gehörte, dass dies endlich wirklich ich war, die sich da in einen Mantel mummelte und sich nicht frei, aber mit allem hier verbunden fühlte. Und auch eine Schwere überkam mich, eine Sehnsucht, ein Schmerz. Ich sah die Stein gewordenen Narben in diesem wunderschönen, so altertümlichen Antlitz der Stadt. Sah das immer wieder neue Auferstehen aus der Asche, diesen für mich unbegreiflichen Lebenswillen, den Willen, alle Ereignisse zu überdauern, die sich hier stets überstürzt hatten. Wie ist es möglich, dass ihr eure Sprache bewahrt habt, wie kann es sein, dass ihr trotz allem immer noch hier seid? Da war Bewunderung und zugleich Erschrecken vor diesen Narben, vor dem versehrten, rissigen Bild, das wie unter einem Schleier hervorschien, unter dem feinen Tüll, der über das Gesicht des Landes gebreitet war, das Jan Antonín und Maja mit ihren Kindern hatten verlassen müssen. Ihr Menschen hier seid immer als Erste im Fadenkreuz, und euer ganzes Gejammer kommt meiner Meinung nach daher, dass ihr völlig erdrückt seid von der Geschichte. In Brasilien konnte ich sein, wer und was immer ich sein wollte, dort verspürte ich die Freiheit des unendlich großen Landes, eines Landes, in dem keiner mit so vielen Narben leben musste.

Das Pathetische habe ich von Großvater geerbt.

Es war das Jahr 1982, als ich zum ersten Mal die Tschechoslowakei besuchte. Ein Grüppchen unbekümmerter junger Anwälte aus guten brasilianischen Familien reiste zu einem Kongress nach Rom, unternahm einen Ausflug nach Europa. Ich gehörte zu ihnen und wollte endlich einmal all das sehen, wovon sie mir zu Hause so viel erzählt hatten. Worüber sie Gedichte verfasst hatten. Was sie mir in so lebhaften Farben geschildert hatten. Ohne jemals dort gewesen zu sein, konnte ich genau sagen, wo in Rom sich welche Kirche befand oder wie Paris aussah, das ich von den Postkarten kannte, die meine Tanten und Mama in großen ramponierten Blechschachteln mit chinesischen Motiven aufbewahrt hatten. Von London, wo Mama und ihre Schwestern studiert hatten, kannte ich sogar etliche Straßennamen. Zunächst aber reisten wir zu dem Juristenkongress nach Rom. Als wir in einer Kaffeepause darüber sprachen, wer welche Sprachen beherrschte, erwähnte ich, dass ich Tschechisch und Serbisch konnte. »Aber … Prag ist ja nur ein Katzensprung von hier, wollen wir nicht nach Prag fahren, was meint ihr?«, meinte darauf einer. »Vergesst es, am Ende verhaften sie mich dort noch«, antwortete ich schnell. Überrascht sahen mich die anderen an. Dann wiegelten sie meine Sorgen mit dem Argument ab, der Krieg sei doch schon lange her, und ich sei immerhin brasilianische Staatsbürgerin. Kurz darauf berieten sie auch schon, wo man die Flugtickets besorgen konnte, und mir wurde ganz mulmig zumute. Ich wusste nicht, wie ich ihnen erklären sollte, dass ich nicht in die Tschechoslowakei hineindurfte. Dass ich auf der schwarzen Liste stand, wie meine ganze Familie. Dann dachte ich: Na ja, sie werden mir sowieso kein Visum geben. Aber als wir dann mit dem Chef der brasilianischen Anwaltskammer das tschechoslowakische Konsulat in Rom aufsuchten, wurde mir das Visum ausgestellt. Sie guckten dort zwar etwas seltsam – mehr überrascht als unfreundlich – und ließen uns lange warten, doch auf einmal hatte ich meinen Stempel im Pass. Und nun nur noch größere Angst. Ich bekam richtig weiche Knie. Ich fürchtete, das sei eine Falle, irgendein Trick der Geheimdienste. Sobald ich die Grenze überquerte, würden sie mich entführen, mich umbringen und meine Leiche irgendwo in einem Straßengraben liegen lassen. Aber das wollte ich meinen Kollegen nicht sagen. Sie sollten nicht wissen, dass ich solche paranoiden Ängste hegte. Außerdem hatten sie, als ich ihnen meine Familiengeschichte erzählt hatte, mich angesehen, als würden sie sich im Geiste an die Stirn tippen, als würden sie denken, dass ich das alles erfinde. Die Enkelin eines Schuhmagnaten? Weltweites Schuhimperium? Na klar doch! Dann soll sie uns diese Stadt, die ihre Familie aufgebaut hat, doch mal zeigen, jetzt erst recht! Ich hatte plötzlich das Gefühl, sie taten mir das absichtlich an und wollten mich auf die Probe stellen. Hätte ich doch lieber meinen Mund gehalten! Doch als wir dann morgens zum Flughafen aufbrachen, war ich mit einem Mal ganz ruhig. Ich hatte keine Angst mehr und freute mich ganz vorsichtig darauf, dass ich vielleicht wahrhaftig Zlín sehen würde. Und wenn ich nicht dorthin durfte, dann konnte ich vielleicht wenigstens Prag besuchen.

Die Beamten am Flughafen begutachteten meinen Pass eine halbe Ewigkeit, ließen ihn von Hand zu Hand wandern und musterten mich ausführlich. Mein Nachname Bat’a Arambašić musste wohl doch etwas in ihrem Kopf zum Rattern gebracht haben. Da gab es keine weibliche Endung mit -ová, nur einen männlichen Tabu-Nachnamen, kombiniert mit etwas Balkanischem … Doch keiner stellte mir eine Frage. Einer von ihnen machte einen Telefonanruf, dann nickten sie wieder, gaben mir schließlich den Pass zurück und ich durfte hindurch zur Ankunftshalle. Die anderen warteten schon auf mich, voller Neugier darauf, das kommunistische Land zu besichtigen. Ihre Begeisterung für das verbotene Abenteuer gefiel mir nicht. Ich war nicht neugierig. Ich war durcheinander. Ich verspürte zwar keine Angst mehr, aber es war, als hätte ich einen Schlag mit dem Eisenhammer auf den Kopf bekommen. Ein Bekannter unseres Chefs hatte ein Hotel für uns organisiert, das sich auf der Prager Kleinseite befand. Ich hatte mir etwas Kleines, Gemütliches vorgestellt, aber es war ein riesiger verglaster Kasten voller Ausländer. In der Hotelhalle herrschte ein Betrieb wie auf dem Bahnhof, und die Pagen bettelten einen glattweg um Trinkgeld an. Es war jedoch nicht weit entfernt von der Burg, und so brachen wir, nachdem wir ausgepackt hatten, gleich dorthin auf. Meine Kollegen wünschten sich, dass ich für sie dolmetschte, also tat ich es. Ich erinnere mich, wie ich im Taxi vom Flughafen meinen allerersten Satz übersetzte – der Taxifahrer guckte mich komisch an und fragte, wo ich denn herkäme. Als ich antwortete, aus Brasilien, meinte er, das sei nicht möglich, ich spräche ja mährischen Dialekt. »Ja, meine Familie stammt aus Mähren, aus Zlín.« Er schüttelte nur verständnislos den Kopf. Zuerst konnte ich das Prager Tschechisch nicht gut verstehen, die Betonung befremdete mich, und so war ich, Plaudertasche aller geselligen Abende und große Witzeerzählerin, auf einmal merkwürdig stumm. Ich hatte geglaubt, ich würde nach ewig langer Zeit endlich nach Hause kommen, dabei war ich hier nie zu Hause gewesen! Als wir zum Burgareal kamen, den ersten, dann den zweiten Hof durchquerten, stellte ich mich vor dem Portal des Domes auf und begann meinen Freunden zu erklären, wer ihn errichtet hatte, in welchem Jahr, und all diese Informationen, die ich wie eine Fremdenführerin aus mir herausschüttete. Und dann fing ich plötzlich an zu weinen. Die anderen sahen mich an, doch ich weinte und weinte und konnte nicht mehr aufhören. Ich setzte mich für einen Moment im Kircheninnern auf eine Bank, um mich zu beruhigen, während die anderen den Dom besichtigten, und blieb etwa eine Stunde dort sitzen. Und während meine Freunde mich alleine ließen und zum Goldenen Gässchen gingen und sich die Kleinseite anschauten, Cafés und Souvenirläden durchstreiften, saß ich immer noch da und heulte. Manchmal schöpfte ich kurz Atem und beobachtete die Touristenströme, dann heulte ich wieder weiter. Es war wie ein Platzregen, ein Erdbeben, eine Naturkatastrophe. Nie zuvor war mir so etwas passiert. Schließlich kamen die anderen mich abholen und brachten mich ins Hotel, wo ich mich ins Bett legte und leise weiterweinte. Abends gingen wir zum Essen ins Restaurant Zlatá Husa, die Goldene Gans. Die Speisen dort waren unglaublich billig, und mir gefielen die Holzverkleidung an den Wänden, der Biergeruch, die unwirschen Kellner. Mir kam alles so vertraut vor, und vielleicht deshalb fing ich wieder an zu weinen und weinte dann die ganze Nacht durch. Die armen Juristen wussten gar nicht, was sie mit mir anfangen sollten, und begriffen nichts. Aber ich konnte mir einfach nicht helfen. Am nächsten Morgen war es dann vorbei. Ich stand auf und beschloss, jetzt gleich nach Zlín zu fahren. Die anderen wollten mit mir kommen und sich die Stadt anschauen, von der ich behauptet hatte, dass meine Familie sie errichtet habe. Wir wollten für den ganzen Tag ein Taxi von Prag nach Zlín buchen. Aber ich glaubte dem Fahrer sagen zu müssen, wer ich war, denn ich fürchtete, er könnte Probleme bekommen, wenn er die Enkelin von Jan Antonín Bat’a fuhr. »Könnten Sie uns nach Zlín bringen?« – »Ach, Sie sind das?!« Es war derselbe Chauffeur, der uns vom Flughafen hergebracht hatte, offenbar wurde er von diesem Hotel oft angerufen. »Junge Dame, wissen Sie denn nicht, dass Zlín schon lange nicht mehr existiert?« – »Wie bitte?« Ich konnte es nicht fassen. »Na ja, als Stadt schon noch, aber es heißt jetzt Gottwaldov!« Er lachte, und mir fiel ein, dass Großvater es einmal erzählt hatte, als von der Schwiegermama Gerbecová ein Brief aus Zlín gekommen war, in dem es hieß: »Nu, Jan, schreib ab jetzt nach Gottwaldov«, und Großmutter Maja darauf vor Wut den Löffel auf den Tisch geknallt hatte. »Ach ja, richtig. Und würden Sie mich dorthin fahren, auch wenn ich die Enkelin von Jan Antonín Bat’a bin?«, vergewisserte ich mich. »Im Ernst?! Das gibt’s doch nicht!«, rief er aus und fügte hinzu: »Reinsetzen, los geht’s, wir fahren nach Zlín, junge Dame. Nach Zlín fahre ich Sie sehr gern, nach Gottwaldov würde ich nicht fahren, aber Zlín ist was andres«, erklärte er lächelnd und meinte noch, er werde schon keine Probleme bekommen.

Also fuhren wir los. Hin zu dem mythischen Ort, dem Mittelpunkt aller Anekdoten und Legenden meiner Kindheit. Es war noch nicht die Suche nach dem heiligen Gral der Gerechtigkeit, die sollte erst später kommen, nach anderen, nicht ganz so abenteuerlichen Besuchen. Nun sah ich also das erste Mal Zlín. Prag war mir so grau verstaubt erschienen, überall bröckelnder Putz und Risse, und Zlín sah nicht viel anders aus. Ich fand, sie könnten hier doch mal streichen, vor allem Großvaters Fabrik. Wir hatten ein paar Straßen entfernt geparkt, und ich ging zu Fuß dorthin. Es war nachmittags, und die Leute kamen gerade aus dem Fabrikgebäude. Und da fiel mir auf, dass sie im Vergleich mit den Pragern irgendwie fröhlicher wirkten. Die Männer scherzten miteinander, die Frauen schwangen ihre Taschen und ihre langen Haare und erzählten sich etwas Lustiges. Vielleicht war ja doch noch etwas vom Geist der sogenannten Batamanen übrig geblieben? Ich nahm mir vor, meiner Mutter und meinen Tanten davon zu erzählen. Aber was, wenn auch vom Geist des Jahres 1947 etwas zurückgeblieben war, als, wie ein Foto bezeugt, am Haupttor ein Schild mit der Aufschrift hing: Höchststrafe für den Verräter J.A. Bat’a. Was blieb in dieser Fabrik überhaupt noch von Großvater?

Anschließend wollte ich den Waldfriedhof besuchen, um am Grab meiner Urgroßmütter und von Großonkel Tomáš Blumen abzulegen. Ich weiß, es klingt merkwürdig, aber in dem Moment glaubte ich in meinem Kopf Worte zu hören, die eine besondere Vorstellung von diesem Ort heraufbeschworen. Diese Stimme in meinem Kopf war nicht die von Tomáš, sondern die meines Großvaters, und sie sagte: »Wir haben uns daran gewöhnt, den Friedhof als einen Ort des Jammerns und Wehklagens zu betrachten. Doch ein Friedhof sollte, wie alles auf der Welt, dem Leben dienen. Aus diesem Grunde sollte er so beschaffen sein, dass die Lebenden ihn gerne und mit ruhiger Heiterkeit aufsuchen. Sie könnten dort zum Beispiel etwas spielen, eine Kleinigkeit vespern und sich im Guten an die Angehörigen erinnern, die dort in Stille und Frieden und unter dem Rauschen der Bäume schlafen.« Ganz genau: Wie gerne wollte ich jetzt in friedlicher Ruhe dort auf dem Friedhof einen kleinen Imbiss einnehmen und darüber nachdenken, was ich hier eigentlich tue. Doch der Taxifahrer hatte keine Ahnung, wo das Ganze sein könnte. Wir fragten an der Straße eine alte Frau mit Kopftuch und Schürze, die sofort bereit war, es uns zu zeigen, es sei nicht weit, am besten fahre sie gleich mit. Mit einem Ächzen schob sie sich zu uns ins Taxi und wir fuhren los. Sie redete so wie ich, sagte »Nu« und »Herrschaftszeiten«, und nachdem sie uns aus der Nase gezogen hatte, was wir auf dem Friedhof suchten, zwinkerte sie mir zu und erklärte, sie wolle uns zuvor noch etwas zeigen. Sie dirigierte den Chauffeur bis draußen vor die Stadt, und dort auf dem Ortsschild hatte jemand GOTTWALDOV durchgestrichen und von Hand ZLÍN-BAŤA darübergeschrieben. Ich wollte es schon fotografieren, überlegte es mir aber anders, schließlich wollte ich auch wieder nach Brasilien zurückgelangen. Auf der Rückfahrt von Zlín nach Prag kamen wir an einem riesigen Transparent mit der roten Aufschrift Auf ewig mit der Sowjetunion vorbei, aber quer darüber stand mit schwarzem Spray gesprüht SCHEISS DRAUF. Ich musste so lachen, dass ich mir fast in die Hose machte, und als ich es den anderen übersetzte, bebte das ganze Taxi vor Gelächter. Auch der Chauffeur grinste und rauchte zufrieden. Dann wollte er von mir wissen, ob ich noch etwas von dem gespürt hätte, wie Zlín früher gewesen war.

Nun, ich bin 1948 geboren, mitten in der schwierigsten Phase, als man Großvater in der Heimat für erfundene Verbrechen verurteilte, sein eigener Neffe und seine Schwägerin gegen ihn intrigierten und er auch noch seine ausländischen Fabriken verlor. Trotzdem hatte ich im Grunde alles mitbekommen, ich war ja Einzelkind und wohl deshalb mehr als die anderen Enkel mit Großvater und den Erwachsenen zusammen. Dabei hatte ich vieles aufgeschnappt und irgendwo in meinem blonden Köpfchen verwahrt, für meine spätere Melancholie. Bis ich sieben Jahre alt war, hatte ich nur Tschechisch gesprochen, Portugiesisch verstand ich zwar auch, aber so richtig lernte ich es erst in der Schule. Papa redete mit mir nur Serbisch, und diese Sprache liebte ich, auf eine andere Weise als das Tschechische. Vaters Sprache war etwas Selteneres, sie klang kerniger, oft schlugen aus ihr geradezu Funken. Allerdings erzählte Papa nicht gerne von Serbien und von früher. Also schaute ich mir stattdessen die Fotos meiner Großeltern an. Sie besaßen eine Unmenge davon, Alben jeder Größe, in Leder gebunden, in rotem Samt oder in flaschengrünem Leinen, nie sahen sie banal aus. Es waren sorgfältig beschriftete, systematisch geordnete Reliquien, sortierte Erinnerungen, und überall darin war Zlín. Ich kannte bis ins kleinste Detail Baupläne, sogar Entwürfe für den Wiederaufbau eines Nachkriegs-Zlíns, die Großvater sich hatte anfertigen und nach Brasilien schicken lassen und zu denen er Anmerkungen und eigene Skizzen gemacht hatte. Das Zlín meiner Kindheit war eine sagenhafte Stadt, ein Märchenreich, das man uns weggenommen hatte und das ich niemals vergessen durfte, denn das wäre ein Verrat an allen gewesen, besonders an Großvater. Und der war für mich ein König, ein großer, weiser, geduldiger, auch gebrochener Held. Insofern konnte ich vielleicht tatsächlich vergleichen, auch wenn ich niemals zuvor leibhaftig in Zlín gewesen war. Es steckte tief in mir drin, und nun, in dem schäbigen Taxi, in dem es nach Zigaretten und Bier roch und vor dessen Windschutzscheibe ein nacktes Püppchen baumelte, merkte ich, dass ich, nun ja, dass ich enttäuscht war. Die Stadt war überhaupt nicht so großartig, so hübsch geordnet und strukturiert, wie ich es mir mein Leben lang vorgestellt hatte. Müde hatte sie gewirkt, fast so wie Großvater. Und trotzdem wäre ich gerne noch dort geblieben. Hätte mir gerne eine kleine Wohnung oder eins der Backsteinhäuschen gemietet, um dort im Garten zu sitzen und mich von der Frühlingssonne wärmen zu lassen. Ich wäre auf den Hügeln der Umgebung spazieren gegangen und hätte zu begreifen versucht, was Tomáš und Jan Antonín sich bei alledem eigentlich gedacht hatten. Warum sie dies alles unternommen hatten, warum ihnen nie genügt hatte, was sie bereits hatten, warum sie ständig etwas Neues erfunden, organisiert und produziert hatten. Warum hatten sie sich nicht einfach hingesetzt und waren’s zufrieden gewesen? Vielleicht war es die Brasilianerin in mir, die so dachte, denn ich konnte noch so sehr die Tochter meiner Mutter und die Enkelin Jan Antonín Bat’as sein, Brasilien steckte doch ebenso tief in mir wie Zlín. Und das war gut so, denn nur das unbekümmerte Brasilien konnte diese Familienbürde aufwiegen, die man mir statt silbernen Löffelchen mit in die Wiege gelegt hatte; es bewahrte mich davor, völlig irre darüber zu werden.

Bei meinem Zlín-Besuch hatte ich auch an meinen Vater denken müssen. Dort wurde mir wieder bewusst, dass er nie wirklich von seinen dunklen Zeiten erzählt hatte. Nur einmal hatte er sich furchtbar aufgeregt, als meine Cousins und ich Partisanenkrieg spielten. Er verbot es uns und erklärte, wir wüssten ja gar nicht, was wir da täten, wir sollten uns ein anderes Spiel überlegen. Papa hatte nicht Partisan gespielt, er und Dragoslav waren wirklich Partisanen gewesen. Von dieser serbischen Seite in mir erfuhr ich nur stückweise, mal erzählte mir Mama etwas, mal meine Tanten, aber aus Papa war kaum etwas herauszubekommen. Am liebsten erzählte er uns Geschichten vom Lala. Herrschaftszeiten, waren seine Lala-Witze komisch! Als ich sie allerdings jemandem auf Tschechisch weitererzählen wollte, waren sie überhaupt nicht mehr so lustig. Auf Serbisch brauchte Papa nur ein, zwei Sätze vom Lala zu erzählen, und schon krümmten wir uns alle vor Lachen. Es war ein völliges Rätsel – oder im Gegenteil der Schlüssel zu allem? Zu meinem ganzen Leben? Großvater impfte uns immer ein, so viele Sprachen man spreche, so oft sei man Mensch, das habe schon Masaryk gesagt. Wie oft war ich also Mensch? Dreimal? War ich auf portugiesische, serbische oder tschechische Weise Mensch, oder doch nur auf mährische? Oder war ich womöglich die Essenz aus allem, was man mir beigebracht hatte, ein Gulasch aus all den Sprachbruchstücken, die unabhängig von den Ländern, in denen man sie sprach, in meinem Kopf existierten?

LJUBODRAG

(Schwiegersohn Jan Antonín Bat’as, Ehemann von Ludmila Bat’ová, Vater von Dolores Bat’a Arambašić)

Ich bin Schuhmacher gewesen. Dann Partisan. Anschließend wieder Schuhmacher. Später Farmer. Und ich denke nicht gerne an früher. Lieber bin ich auf dem Pferderücken unterwegs oder küsse ein dralles Frauenzimmer. Keine Sorge also, dass ich zu geschwätzig werden könnte. Aber aufrichtig will ich schon sein. Ich vermisse die milde Adria, die nicht so weit ist wie das brasilianische Meer. Vermisse die Berge und den Schnee und kann auch unseren Himmel nicht vergessen, der ein völlig anderes Blau hatte. Dafür habe ich hier Ludmila gefunden. Und ich hab sie geheiratet – dass es nicht die romantischste aller Anbahnungen war, was soll’s. Anfangs war ich wohl nur eine geeignete Partie, aber dann konnte ich sie mit meiner temperamentvollen Art für mich einnehmen. Oder wie man es auch nennen mag. Die Leute wollen immer alles irgendwie nennen. Ihm einen Namen geben. Es in Schubladen stecken, die sie begreifen, obwohl es, wenn man etwas wohin steckt und benennt, noch überhaupt nicht heißt, dass man es auch begreift. Ludmila war mir ein echter Gefährte. Sie war wie geschaffen für mich, und ich hoffentlich auch für sie. Letztlich war sie nämlich auch so eine wilde Seele wie ich, auch wenn sie geglaubt hatte, dass ihre Kindheit und Jugend, die sie mit Klavierstunden und Tanznachmittagen, polierten Champagnerflöten und weißen Handschuhen und Kleidchen und Flitterkram von Dior verbracht hatte, sie zu etwas völlig anderem prädestinierten. Aber zum Glück hat das Schicksal sie mir zugespielt, und bei mir kam zum Vorschein, was Lidka alles konnte: schießen wie ein Mann, besser reiten als ich und einen Reifen wechseln, wenn der Jeep auf einem der Schlaglochwege eine Panne hatte. Eine Frau, die die Ärmel hochkrempeln und, wenn es drauf ankam, Befehle erteilen konnte. Eine mulher de comando, wie die Brasilianer sagen. Ich mag sie so sehr und würde ihr alles verzeihen, sogar diesen Pianisten, diesen Klavierling, der sich auf der ganzen Welt wichtigtut und die Tasten hoch- und runterklimpert, dass mir der Kopf davon schwummert. Der aufgeblasen durch die Zeitungen paradiert, aus denen Lidka dann jedes noch so kleine Artikelchen ausschneidet. Jeden Fitzel über den blassen Wicht klebt sie in ein rotes Heft und bemüht sich gar nicht erst, es vor mir zu verbergen. Mir wär’s lieber, sie würde es heimlich tun und nicht direkt vor meiner Nase, aber dazu ist sie in ihrer Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit nicht fähig. Manchmal könnte sie sich ein bisschen mehr wie meine Ehefrau verhalten und nicht wie jener Gefährte, von dem ich vorhin so lobend gesprochen habe. Aber das wäre wohl zu viel verlangt. Rudolf Firkušný … ein Name wie von einem Zirkusplakat! Aber ich bin hier, und Lidka ist hier bei mir, es kann also nichts passieren. Um uns der Dschungel, die Sonne, die jeden Zweifel verbrennt, mein Hund Kazan, mein Strohhut und mein Vieh. Was wollte ich da mehr? Genau so etwas habe ich mir schließlich erträumt, als ich im Gefängnis saß, mit zerschlagenen Zähnen und einem Hunger, dass ich die Kakerlaken hätte verputzen können, von denen es dort wimmelte. Und ich habe sie auch verputzt. Ich schwor mir, wenn ich da jemals lebendig herauskäme, wollte ich mich niemals über mein Leben beschweren. Und ich hab mich auch nicht beschwert und mir immer wieder gesagt, dass ich eben lebe, so gut ich kann. Oder so annähernd. Und nachdem ich Lidka geheiratet hatte und Dolores geboren war, wünschte ich mir nichts mehr weiter. War nie hinter dem großen Glück und großen Plänen her. Dafür hatten wir bei uns Jan Antonín. Sicher, es war schlimm, dass ihm die Roten in der Heimat alles weggenommen und ihn zum faschistischen Ungeheuer erklärt hatten, trotzdem konnte ich dafür nie so ein großes Mitleid aufbringen. Er hatte zu essen, konnte im Grunde machen, was er wollte, wenn auch sein Geld wohl nicht dafür reichte, alle, an denen ihm etwas lag, nach Lateinamerika zu holen und hier ein neues Zlín aufzubauen. Gut, na und? Es war eine Tragödie, ein Kummer so groß und massiv wie meine weißen Nelore-Rinder, dabei hätte er doch einfach alles in den Wind schießen und ganz von vorn beginnen können, hätte sich mit seinem dummen Neffen in Kanada einigen und allen Streit beilegen können. Aber da wäre er wohl nicht der Chef gewesen. Der Gigant!

Der Gigant hatte jedoch nie in einer Zelle der Gestapo gesessen, hatte nie einen schimmeligen Brotkanten in mickrige Stücke zerteilt und sie im funzeligen Tageslicht getrocknet, um etwas für schlechtere Zeiten zu haben, in der Schnauze nur noch ein paar Zähne, weil die anderen ein Nazi mit dem Gewehrkolben ausgeschlagen hatte. Ich gehörte zwar zum Widerstand, war aber nur ein kleiner Fisch, die Gestapo hatte eigentlich meinen Bruder Dragoslav gewollt, weil der die Gruppe befehligte. Wir waren ebenfalls eine Schuhmacherfamilie, Vater besaß einen Betrieb, und wir hatten den Bergpartisanen um Draža Mihailović feste Stiefel geliefert, und am Ende hatten Dragoslav und ich uns ihnen angeschlossen. Wir wurden jedoch verpfiffen, und bei einem gescheiterten Gefecht konnte ich nicht mehr rechtzeitig das Weite suchen. Dragoslav war schon immer flinker gewesen. Sie hielten mich für ihn, und ich habe es zwei Tage lang durchgestanden, keinen Mucks zu sagen, obwohl sie mich übel zugerichtet haben. Schließlich haben sie ihren Irrtum bemerkt: So ein dünner, finsterer Kerl kam, um mich zu begutachten, und schüttelte nur missmutig den Kopf. Einen Monat lang saß ich dann in der Zelle, hobelte immer dünnere Scheibchen vom Brot und fing Kakerlaken ein, deren Deckflügel zwischen den Zähnen knirschten. Dann haben sie mich gehen lassen. Sie erklärten nicht, weshalb, und ich hatte keine Ahnung, warum sie mich nicht einfach erschossen oder erhängten. Ich dachte, dass mich vielleicht jemand freigekauft hatte, aber bis heute habe ich nichts darüber erfahren. Ich forschte auch nicht weiter nach, packte nur diese wundersame Chance beim Schopf und grübelte nicht lange darüber. Denn langes Grübeln bringt einen nur selten weiter. Ich sammelte mein Schusterwerkzeug zusammen und machte mich zu Fuß über Italien nach England auf, wo ich mich den Alliierten anschloss. In der Zelle hatte ich mir auch geschworen, dass ich in einer möglichst weiten Landschaft leben würde, dass mich niemand mehr irgendwo einsperren würde. Aber dass ich mal achttausend Hektar brasilianischen Urwald besitzen würde, das hätte ich mir natürlich nicht träumen lassen.

Nun hatte ich als Partisan nicht für die Kommunisten gekämpft, sondern für König Petar. Dragoslav und ich konnten uns also leicht ausrechnen, dass wir nach dem Krieg nicht sonderlich beliebt sein würden. Man musste nur einmal tief durch die Nase einatmen, und es stank bereits nach neuen Gräueln. Wir beide wollten ohnehin so weit weg wie möglich, wollten die Welt kennenlernen, anderen Schnaps, andere Frauen. Also ließ Dragoslav seinen Finger über der Weltkarte kreisen, und Brasilien gefiel uns nicht schlecht, weil es so riesengroß aussah und weil unserer Vorstellung nach viele Menschen dort barfuß gingen, denen wir Schuhwerk anfertigen konnten, wie unser Vater es uns beigebracht hatte. Nach diesem Krieg konnte uns nichts mehr schrecken. Wir fürchteten weder den Teufel noch irgendwelche Krokodile, Schlangen oder Urwaldindianer. Alles ließ sich überleben, wenn man nur ein Gewehr bei sich hatte und damit umgehen konnte. Und als wir im Hafen von Santos einliefen, kam uns zu Ohren, der legendäre Schuhmacherkönig Jan Antonín Bat’a habe die Stadt Batatuba gegründet und würde dort eine Fabrik aufbauen. Natürlich kannten wir ihn, denn auch in Jugoslawien hatte er vor dem Krieg Geschäfte und Fabriken besessen, gegen die Vaters Betrieb nur eine bescheidene Werkstätte war. Aber als wir Herrn Bat’a in Brasilien vorführten, was wir vom Metier verstanden, stellte er uns auf der Stelle ein. Er gefiel uns, ein Koloss von Mann mit sanften Augen, der aber ordentlich donnern konnte und das gleiche Temperament hatte wie wir. Und am besten gefiel mir seine Idee mit der Besiedelung des Urwalds. Er wollte riesige Flächen Land weiterverkaufen, die er während des Krieges von zwei Deutschen erworben hatte, den Brüdern Sloman, die ihre brasilianischen Besitztümer loswerden und ins Reich zurückkehren wollten. Sie hatten ihm ihre Firmen Comercial Alto Paraná S.A. und Cia de Viação São Paolo – Mato Grosso verkauft. Und weil der Zahlungsverkehr über die deutsche Banco Transatlántico Alemão verlief, die in der Tschechoslowakei eine Filiale in Olomouc besaß, bescherte ihm das später einen Eintrag auf der schwarzen Liste der Alliierten. So als hätte er Geschäfte mit Nazideutschland gemacht. Dabei waren die Sloman-Brüder keine Nazis, sie waren Auswanderer, die schon zu Beginn dieses aberwitzigen Jahrhunderts über den großen Teich gekommen waren. Und nachdem ihnen der Weizen nicht recht gedeihen wollte und sie genug vom Dschungel hatten, beschlossen sie nach Deutschland zurückzukehren. Aber wie’s der Teufel will, kam dem Handel zwischen Bat’a und ihnen der Krieg dazwischen. Und die konkurrierenden Schuhfirmen in Nordamerika und England hatten nichts dagegen, diesen aufdringlichen Mähren loszuwerden. Der tschechoslowakische Präsident wiederum, dieser duckmäuserische Beneš, kochte sein eigenes Süppchen, denn Jan Antonín war ihm schon vor dem Krieg auf die Nerven gegangen. Er ließ sich zwar von ihm dicke Pfründe für seine jämmerliche Londoner Exilregierung zahlen, aber er machte keinen Finger dafür krumm, den größten tschechoslowakischen Industriellen von dieser schwarzen Liste runterzubekommen, die ihn von allem Welthandel ausschloss. Sogar nach dem Krieg noch hat Beneš sich nicht darum gekümmert.

Nun hatte der Chef sich vorgestellt, dass kleinere Siedler aus ganz Brasilien hierherströmen, von ihm Land kaufen und Rinder züchten würden. Von diesen Rindern würden die Batamanen dann qualitätvolles Leder beziehen, denn gutes Schuhleder, das nicht innerhalb einer Woche zerfiel und faulte, konnte man in Brasilien lange suchen. Dragoslav und ich sollten ihm dabei helfen. Ich war zunächst Leiter aller Bat’a-Verkaufsstellen in Brasilien, blieb also in der Schuhbranche. Und nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich es eines Tages mit einer eigenen Farm versuchen würde. Erst nach Jan Antoníns Tod, als Lidka die Ländereien in Mato Grosso do Sul erbte, sollte aus mir ein Cowboy werden. Und damit hatte ich mein Ding gefunden! Schon als ich seine schöne Tochter heiraten durfte, kam ich mir vor wie in einem alten Mittelaltermärchen. Und letztlich war es auch so: In der Gegend, in die wir kamen, gab es kein anderes Verkehrsmittel als Pferd oder Flusskahn. Jan Antonín hätte damals seinen ganzen Besitz verkaufen und bis an sein Lebensende von dem Geld leben können. Aber das war nicht seine Art. Und ich ließ mich auf seine verrückten Ideen ein und brach mit ihm in den Urwald auf, um Schuhe zu verkaufen und eine regelrechte Utopie zu verwirklichen.

Im Urwald aber wollte ich dann gar nicht mehr Schuhmacher sein. Der Dschungel wickelte mich mit seiner ganzen dunkelgrünen Energie und seinem würzigen Duft um den kleinen Finger. In diesem lebensprallen Gewirr konnte man in der einen Sekunde das Wesen aller Dinge erahnen und in der nächsten Sekunde alles verlieren, weil irgendwo im Halbdunkel die Schwanzspitze einer Schlange aufblitzte und man schon Gift in der Wade hatte. Ich wollte mich dieser Kraft stellen, wollte sie zugleich bändigen und in Frieden mit ihr leben. Ich wollte die Macht des Chaos in mir aufnehmen. Sie beherrschen und mich von ihr beherrschen lassen. Mir wurde bewusst, dass ich vom unendlichen Paradies und der Hölle zugleich ein eigenes Stück bekommen hatte, und ich war zufrieden. Mit allem versöhnt, rundum erfüllt. Ich brauchte nur morgens aufzuwachen und das Schreien und Krächzen der roten Aras mit den blauen Flügeln zu hören, und mich überkam eine verdammte Lebenslust. Ich schnappte mir die Machete und zog mit den Indios aus Paraguay los, die ich extra angeheuert hatte, und wir hackten uns durch den Dschungel. Stundenlang arbeiteten wir uns voran. Schipperten über den Fluss, beguckten Tukannester und schlugen unter dem freien Himmel unser Lager auf. Wenn die Stechmücken sich auf uns stürzten wie die Geier aufs Aas, zündete ich mir eine Virginia an und dachte daran, dass ich nie wieder in einer stinkigen Zelle dahinvegetieren würde und statt den Kakerlaken jetzt ein saftiges Rindersteak über dem Feuer hatte. Die zierliche Indiofrau eines jungen Maurers aus Paraguay, der hier mit mir sein Glück versuchte, hatte es für uns vorbereitet. Ich lauschte dem Klappern des Zinngeschirrs, kratzte das letzte Stückchen fettigen Fleischs aus dem Kessel und stellte mir Lidka vor, wie sie über das gerodete, grüne Weideland galoppierte, einen Cowboyhut tief in der Stirn, mit kariertem Hemd und den engen Reithosen, die ihr so gut standen. Die Königin des brasilianischen Dschungels, oh ja!

Als auf meinem Landstück der Urwald besiegt war, beließ ich zu Ehren des so zähen Gegners etwa dreißig Prozent der Wildnis in ihrem vorherigen Zustand. Das Getier sollte darin leben dürfen, wie es ihm beliebte. Zwar warnten mich alle Schlaumeier vor den Jaguaren, aber für Jaguare gab es die Flinte, außerdem wagten sie sich nicht zu den brandgerodeten Weiden vor. Ab und zu erwischte mal einer ein Rind, aber dann war es nicht schwer, ihn aufzuspüren, dafür hatte ich meine Indianer. Und auf dem restlichen Land säte ich Gras aus, das zähe, dicke Halme hatte und so wohlgenährt aussah wie meine weißen und schwarzen indischen Stiere mit ihren Hörnern, für die sich selbst Beelzebub nicht schämen müsste. Und ich baute ein kleines Haus, mit einem roten Ziegeldach wie bei uns in der Heimat, strich es eigenhändig gelb an und zeigte es Lidka. Und Lidka nickte. Ein Moment, der so glücklich war wie der, als ich aus meiner Zelle herauskam. Und dann machte ich weiter. Haute, schlug und hackte mit meiner gewetzten Machete, schoss auf Anakondas, machte duftende Holzkohle aus den tropischen Riesenbäumen, die auf meinem Grundstück keinen Platz hatten. Ich war ein Raubtier, voll der kraftvollen Säfte dieses unendlichen Landes, das mein Land war. Ich verspürte nicht die Trauer des Verbanntseins, nicht die Scham und die Gewissensbisse der widerrechtlichen Eroberer, es war mein Leben und nur meines, und ich hatte nicht die Absicht, es mir durch irgendwelche Eifersüchteleien, Erinnerungen oder andere Spezialitäten verweichlichter Städter mit zarten weißen Händchen verhunzen zu lassen. Ich war kein lächerlicher Lala, der zurückblickte!

Trotzdem musste ich dann eines Tages zurückblicken. Als ich nämlich mit Lidka in die Staaten reiste und mir aus Höflichkeit diesen Tastenhelden anhören musste. Er gab in New York ein Konzert und ich brachte es nicht über mich, Lidka den Konzertbesuch zu verbieten. Also gingen wir dorthin, die ganze Familie. Ich ließ mir nichts anmerken, tat so, als wäre alles vergessen und vorbei, aber insgeheim verspürte ich das tiefe Verlangen, dem Kerl mit dem Bullenkastriermesser die Eingeweide herauszuholen. Und dann wollte Lidka auch noch mit ihm sprechen! Ich wusste, wenn ich jetzt Nein sage, würde es alles nur schlimmer machen. Aber natürlich wurde ich gar nicht erst nach meiner Meinung gefragt, weshalb ich sie auch nicht äußern konnte. Dann verschwand Lidka für eine Ewigkeit mit ihm hinter der Bühne, so lange wie ein endloser Sommer, Herbst und Winter zusammen, und ich dachte, ich komme nie mehr über diese Sekunde völliger Ohnmacht hinweg. Es fühlte sich an wie bei meiner Verhaftung, wie als mir ein SS-Mann in den Magen trat, es war die Todesstrafe, die die ganze Zeit meiner Gefangenschaft über mir geschwebt hatte. Und dann war’s auf einmal vorüber. Als hätten sie mich freigelassen, als hätte ich mich selbst befreit.

LUDMILA

Augen und Briefe

Rudi hat mir gestern geschrieben. Einen Brief, der so resigniert wie gefasst klingt. Ich bin außer mir. Wie kann er nur so wenig kämpfen? Wie kann er solche Briefe schreiben!? So voller Liebe, hinter der ich Gleichgültigkeit spüre. Ich spüre sie auf wie ein Jagdhund den Fuchs, der zitternd im Dunkel des Holunderbuschs kauert und nicht weiß, in welche Richtung er fliehen soll. Auch Rudis Schrift sieht danach aus. Klein, zusammengedrängt, schwer leserlich, und auch der Schmerz lässt sich nur schwer herauslesen, über den er so ergeben und gefasst schreibt, dass er papieren wirkt. Ist das überhaupt wahr oder nur eine verfeinerte Art von Höflichkeit? Warum kann die Weltbegabung Rudolf Firkušný nicht der Räuber Nikola Šuhaj sein, der mich entführt, der sich durch Flüsse und Meere, Ozeane und Kontinente hindurchschlägt, um sich mit mir in einer kalten Höhle zu verstecken, wo wir über einem Feuer Fladen rösten und das noch rohe Fleisch des Wildes verzehren, das wir über Berg und Tal gehetzt und dann mit bloßer Hand erlegt haben?

Rudi ist ein Künstler. Ein berühmter, auch wenn sein Stern noch im Aufgehen ist. Er schreibt mir auf dem feinen Briefpapier teurer amerikanischer Hotels. Und ich bin die Tochter eines Großunternehmers im Exil, des Pioniers eines weltweiten Schuhimperiums, den die Welt langsam, aber sicher vergisst. Noch schreibe ich auf ähnlichem Briefpapier wie Rudolf, aber mit der Zeit werde ich damit aufhören. Und mein Vater braucht mich, Vater liebt mich und liebt mich mehr und inniger, als Rudi das je vermocht hat. Ganz gleich, dass es eine väterliche Liebe ist – sie ist einfach stark. Gebieterisch zwar, aber ich kann mich auf sie stützen, sie bricht nicht einfach wie die von mir gemalte, misslungene Birke unter dem Ansturm der Schneeflocken. Darum schreibe ich Rudi, was ich schreiben muss. Ich schreibe ihm, dass unser Versprechen nicht mehr gilt. Wir haben es uns gegeben, als ich noch ein junges Mädchen war und er ein Wunderkind am Klavier, das so sehr dem jungen Mozart glich. Und er? Er protestiert nicht. Nimmt es ergeben an. Voller Demut! Ich bin so wütend! Ich dachte, er würde mich umzustimmen versuchen, mit einem Satz wie »Liebste Lidka, tu das nicht«. Stünde dort doch nur: »Lidunka, ich beschwöre dich bei der Liebe Gottes, überlege es dir noch einmal!!!« Aber es steht nicht da. Das ist so demütigend. Das Einzige, was mir geblieben ist, ist unser gemeinsames Musizieren. Unser gemeinsames Lied, unsere Melodie. Das ist womöglich etwas Stärkeres als Vaters Liebe, als die Tatsache, dass Vater mich hier braucht, hier, im tropischen Exil, wo ich einen Mann heiraten soll, der sich bestmöglich um den Verkauf kümmert. Vielleicht muss ich ja noch nicht einmal heiraten, ich könnte auch das Unternehmen selbst leiten, wenn ihm die Kräfte dafür ausgehen. Das spricht Vater zwar nicht aus, aber ich bin mir dessen gewiss, bin mir gewiss, dass er sich sicher ist, dass ich seine wahre, die einzig wahre Erbin bin. Das spricht er freilich ebenfalls nicht aus. Aber er muss es wissen, denn mein Bruder Jan ist als männlicher Nachkomme zwar der rechtmäßige Erbe, aber letztlich hat er nichts von ihm geerbt. Ich meine, was die Begabung angeht. Immerhin kenne ich mich außer mit der Musik auch mit Zahlen, mit Menschen und mit Schuhen aus. Ich bin im Zeichen des Merkur geboren, des Gottes der Fülle und des Handels. Ich bin die Tochter meines Vaters, woran auch die Musik nichts zu ändern scheint. Vater muss es schon deshalb wissen, weil ich in Batatuba die Produktion gerettet habe. Es war ein schlechtes Jahr, Vaters Betriebe standen weiterhin auf der schwarzen Liste der Alliierten, und mein Cousin Tomík, der Sohn von Onkel Tomáš, dem Firmengründer, begann in Kanada seine Hörner zu zeigen und gegen Vater zu prozessieren … Es sah gar nicht gut aus. Da dachte ich mir aus den bunten Lederresten, die Vater eines Tages aus der Fabrik mitbrachte und wegwerfen wollte, diese Blümchensandalen aus. Sandalen, deren Riemchen oben verschlungen waren und eine kleine Blume bildeten, mehrfarbige Sandalen, die vor allem unglaublich günstig waren, da man sie aus Resten anfertigen konnte. So etwas hatte es in Brasilien vorher nie gegeben. Ich war so stolz auf mich! Die Sandalen gingen weg wie geschnitten Brot, und die Produktion war gerettet. Und damit wir alle! Auch Vater war stolz, wenn er mich auch eigentlich nie gelobt hat. Das mag mich gegrämt haben, nun gut, aber es war nicht so schlimm wie diese windelweichen Briefe von Rudolf.

Karels Briefe waren ganz anders. Roh und voller männlichem Trotz und Schweiß. Er erzählte von dem japanischen Konzentrationslager, in dem er gesessen hatte. Berichtete, dass alle ihm bekannten Bat’a-Leute es überlebt hätten. Karel Aster, meine erste Liebe. Schon in Zlín hatte ich eine Schwäche für ihn, und nicht nur ich. Als wir uns dann in Amerika wiederbegegneten, folgte eine Zeit, die ich insgeheim »große amerikanische Verwirrung« genannt habe und aus der ich schnell wieder nüchtern hervorging, denn Karel war ein ausgemachter Frauenheld, ein Schürzenjäger, wie er im Buche steht. Es war in seinen Augen zu lesen, an seiner Körperhaltung zu erkennen, daran, wie er gleich und sofort alles wollte. Karel, der Eroberer. Trotzdem denke ich gern an ihn zurück. Er war ein famoser Kerl. Famos – ein Wort, das ich mit zwanzig fortwährend verwendete. Aber Karel war wirklich famos. Er war wie frisches Frühlingsgras, in das man sich nur hineinlegen musste, er roch nach Luft, dem Staub der Prärie, dem aufgewühlten Meer. Vielleicht als Einziger hat er daran geglaubt, dass ich großes Talent besitze und Konzertpianistin sein könnte. Alle anderen versuchten es mir eher behutsam auszureden, und nachdem ich Rudi auf Konzerten hatte spielen hören, redete ich es mir ebenfalls kleinmütig aus. Niemals würde ich so sein können wie er. Und mein Perfektionssinn – angeboren oder Ergebnis der Bat’a-Erziehung – gebot mir natürlich, nichts zu tun, was nicht vollkommen ist. Nur Karel sah in mir die Pianistin, die professionelle Musikerin, und als wir in Amerika waren, versuchte er für mich eine Musikhochschule zu finden. Aber auch seine Briefe waren verräterisch, die selbstbewusste Handschrift, die heißblütige Leidenschaft, die er mehr gekonnt stilisierte als wirklich empfand. Ich witterte hinter dieser Schrift den Herzensbrecher. Nicht dass ich so eine großartige Graphologin wäre, aber man sah es einfach. Wenn ich die Briefe nebeneinanderlegte, war es geradezu frappierend, wie Karels großspuriges Anpreisen seiner selbst neben der schmalen, fast unleserlichen Handschrift des genialen Pianisten ins Auge stach. Auch Karels Briefe waren in teuren Hotels und auf erstklassigem Briefpapier geschrieben worden. In der Garage hatte er ein teures Auto, im Bett eine schöne Frau. Und ich war weit weg, von beiden.

Und dann sind hier, nach langen Jahren mit meinem starken Mann Ljubodrag, die Augen dieses Malers aufgetaucht. Schwarze Schlitze in Tälern von Falten. Ich spüre sie immer noch auf mir. Wie sie jede Linie meines Körpers erforschen, wie sie, nun ja, sich an mir ergötzen und, ja, wie angenehm mir das ist. Zweimal die Woche hat er mich vor meiner minderjährigen Tochter mit den Augen ausgezogen. Es war schön, wieder einmal verehrt und vergöttert zu werden. Ich weiß, Ljubodrag verehrte und vergötterte mich, aber auf eine wilde, raue, wenn auch zärtliche Weise. Als würde er das ganze Leben mit mir leidenschaftlich Tango tanzen. Es gab gleichsam nichts daneben. Seine Liebe war Liebe, und fertig. Ljubodrag wollte mich nicht auf einem Gemälde verewigen, er hatte kein Bedürfnis nach Erinnerung und Ewigkeit. Ljubodrag liebte und lebte voller Intensität und kannte keine Feinheiten der Verführung, keine Zweifel, nicht die Raffinesse künstlerischer Betörung. Er mochte mich am liebsten nackt oder in Reithosen auf dem Pferd. Freilich hat der Maler kein Wort geäußert, obwohl er es gekonnt hätte, denn wir sprachen Deutsch, damit Dolores es nicht verstand. Es war das erste Mal nach langer Zeit, dass ich wieder gerne mit jemandem Deutsch sprach. Als Ljubodrag und ich uns in Batatuba kennengelernt hatten, hatten wir anfangs auch Deutsch miteinander geredet, wir hatten ja beide in Wien studiert und fanden auf diese Weise die österreichische Art der Aussprache, die weichen, abgerundeten Laute wieder, doch als Ljubodrag dann kühner wurde, wechselten wir ins sinnlichere Französisch mit seinen schmeichelnden Nasalen. Dieser Maler hier aber verkörperte das Wienerische selbst. Es war, als würde ich wieder in die Zeit vor dem Krieg eintauchen, als wir regelmäßig nach Brünn fuhren, wo in Geschäften und Restaurants Deutsch gesprochen wurde, in die Zeit, als Mozart und Beethoven für mich nur auf Deutsch existierten. Ich konnte dem nahezu perfekten Deutsch dieses Malers nicht widerstehen, obwohl ich mir hundertmal gesagt hatte, wie sehr ich diese Sprache hasste und was die Deutschen unserer Familie und ganz Europa angetan hatten. Auch wenn ich wusste, dass eine Sprache nichts dafür kann. Nun, da wir so fern von Europa waren, hatte ich das Gefühl, dass dieser Malermund und das Deutsche, das so weich und ein wenig lispelig aus ihm herausperlte, mich Europa näherbrachte.

Ich erinnere mich, wie er mit ernster Miene murmelte, für meine Augen gebe es keine passende Blaunuance, denn so ein Blau habe er noch nie gesehen. Er müsste dafür eigens einer Siamkatze die Augen herausholen und zur Farbe anrühren. So wie er ihr auch die Härchen ausreißen und neue Pinsel daraus binden müsste, um die Feinheit meiner Haut zu treffen. »Haben Sie zu Hause so eine Katze, die man auf dem Altar Ihrer Schönheit opfern könnte?« Ich schüttelte mich vor Abscheu und warf ihm vor, er würde Dolores Angst machen. Da lachte er nur.

Hätte ich ihm das Bild am Ende überlassen, dann wäre es so gewesen, als hätte ich mich ihm hingegeben. Als würde ich ihm gehören. Ich würde in seinem Zimmer hängen und mich von seinem gierigen Künstlerblick betasten lassen. Ich glaube, auch deshalb kam es zwischen uns zu diesem Kampf. Um mich und um das Bild. Natürlich hatte er bei mir nicht die geringste Chance. Er war ein halbes Jahrhundert älter als ich, und es gab nichts, was mich an ihm angezogen hätte. Bis auf diese Leidenschaft, die mich wie kaum etwas zuvor erregte. Bis auf seine Augen und diese Hände, die so schmal und zierlich waren wie die Krallen eines seltenen Vogels.

EDITA

Ungarn und dieser Zug sind nur noch dunkle, ferne Träume. Sie bleiben zwar immer ein Teil von mir, doch tagsüber kann ich sie verdrängen und vergessen, vielleicht weil wir schließlich alle glücklich in Paris zusammentrafen und später auf dem riesigen Luxus-Überseedampfer an Bord gingen, der Île de France. Unser Ziel war zunächst Nordamerika. Wir hatten noch keine Vorstellung davon, wie radikal sich unser Leben verändern würde. Mit uns ging auch Frau Waldesová an Bord, der die Flucht gelungen war. Ihren Mann hatte die Gestapo gefasst. Sie war eine sehr liebe Frau. Der Waldes-Familie gehörten die KOH-I-NOOR-Werke. Sie erinnerte mich an die weiße Frau aus den Sagen, war etwas füllig, aber doch rätselhaft, wanderte nächtelang wie ein Spuk durch das Schiff und war traurig. Sie redete überhaupt nicht, und vielleicht aß sie auch nicht, denn im Speisesaal sah man sie nur selten. Manchmal grüßte sie mich leise und unterhielt sich kurz mit mir, wollte wissen, ob ich gerne zeichnete, welche Sprachen ich gelernt hätte und ob ich mich auf Amerika freute. Sie selbst freue sich nicht darauf. Ich freute mich auch nicht. Sie hatte merkwürdig schillernde, wie gläserne Augen, die Augen einer Frau, die sich leergeweint hat. Bei unserer Verabschiedung im Hafen von New York reichte sie mir eine schlaffe Hand im schwarzen Lederhandschuh. Nie werde ich ihr trauriges Lächeln vergessen. Ich war frei, ich war jenem Zug entkommen, sie aber würde niemals frei sein, das würde ihre Trauer nicht zulassen.

Und dann, nach einiger Zeit, als wir schon dachten, dass wir langsam, aber sicher zu Amerikanern würden, als wir uns an die Hochhäuser, die verrückte Geschwindigkeit vor Ort und die pathetische, etwas großspurige Art der Menschen gewöhnt hatten, verkündete Vater, dass wir weiterreisen würden, nach Lateinamerika. Wir schifften uns in Los Angeles ein und fuhren zunächst nach Mexiko. Unter anderen Umständen hätte ich das Leben, das für uns begann, sicher aufregend gefunden, aber so empfand ich diese ganze Reiserei, das Kofferpacken, Abschiednehmen, die jeweils neuen Unterkünfte, die neuen Gesichter, das neue Klima, den veränderten Himmel und den unendlichen Horizont nur als bedrückend. Ich sprach es jedoch nie aus, verstellte mich wie die anderen und redete mir ein, dass ich mich eben darauf einlassen musste. Es galt, bloß nicht zu klagen, nicht auf der Stelle zu treten, sich nicht vor der Zukunft zu scheuen und sich nicht mit dem zu quälen, was man hinter sich ließ. So erklärte es uns Vater immer wieder. Eine tausendfach heraufbeschworene Begeisterung wird Wahrheit. Manchmal aber auch nicht. Manchmal gerät sie zur Heuchelei.

An einem Tag hielt unser Schiff in einer schönen Küstenstadt. Ich weiß nicht mehr, ob es Acapulco war oder Puerto Vallarta, ich habe auch keine Lust, auf einer Karte oder im Tagebuch nachzuschauen – so als wollte ich diese Erinnerung im Ungewissen belassen, den Nebel in ihr bewahren, der sich am Morgen über dem Meer erhob, als diese kleinen Jungen wie glänzende braune Aale von den hohen Felsen herabsprangen. Sie mussten warten, bis der Schwall des Wassers bis zum Rand der Klippe rauschte, und aus größtmöglicher Höhe abspringen. Ihre Körper glänzten schokoladig in der Sonne, das Spritzen der salzigen Tropfen, das Getöse der Wellen. Sobald das Wasser sich ins Meer zurückzog, zog es auch sie zu einem anderen Felsen, und von dort kletterten sie über die kantigen Vorsprünge wieder zu der gleichen Stelle hinauf. Wie Raubvögel warteten sie auf den geeigneten Augenblick, um sich kopfüber in die Wassermasse zu stürzen, aus der sie womöglich nicht wieder auftauchen würden. An diesem Tag aber tauchten sie immer wieder auf, und ich sah ihnen wohl den ganzen Nachmittag lang zu, bis die Sonne unterging und die dunklen Schatten der Wellen die bunten Streifen am Himmel verschluckten.

Zlín und der Krieg lagen unendlich weit weg, hinter diesem Vorhang aus Ozean, der sich nach jedem neuen Tag wieder absenkte, als sollte das Theater nie eine letzte Vorstellung erleben.

Meine lebhafteste Erinnerung habe ich jedoch von Panama. Von einer Nacht in Panama. Wir wohnten in einem Hotel mit erbärmlichen Betten, über denen grau gewordene, löchrige Moskitonetze hingen, die keinerlei Schutz boten vor den vielen Mücken und Kakerlaken. Genau genommen war es kein richtiges Hotel, mehr eine Art Landhaus auf Stelzen, das irgendwelchen Dänen gehörte. Zum Abendessen grillten sie für uns am Strand Fisch in Salzkruste. Die Fische hatten scharfe Schuppen, die Haut ließ sich nicht gut vom Fleisch entfernen, und ich hatte Sorge, ich könnte so eine Schuppe verschlucken und daran ersticken. Auf meinem Grabstein würde dann stehen: Erstickt in Panama. Jan lachte mich nur aus. Nachts herrschte eine schreckliche Hitze, tagsüber war es noch heißer. Vater war mit Herrn Šváb, dem Leiter der panamaischen Betriebe, unterwegs, um die Bat’a-Verkaufsstellen zu kontrollieren und sich mit den jeweiligen Geschäftsführern zu treffen. Ich verbrachte den ganzen Tag mit Lesen oder lernte Spanisch und Portugiesisch aus englischen Lehrbüchern. Wenn ich keine Lust mehr darauf hatte, wanderte ich am Strand entlang, oder besser gesagt humpelte, denn die feuchte Luft tat meinen Hüftgelenken nicht gut, die höllisch wehtaten – es war der Auftakt für weitere Tage, von denen kein einziger schmerzfrei sein würde. Der Strand mit seinem schwarzen Sand war auf triste Weise wunderschön. Über mir flogen Pelikane, die auf der Jagd nach den Fischen mit den scharfkantigen Schuppen waren. Sie schwebten eine Weile über die Wasseroberfläche hinweg, senkten dann ihren Schnabel nach unten und schossen pfeilschnell ins Wasser. Wenn sie wieder auftauchten, flogen sie schwerfällig davon, so voll war der Hautsack unter ihrem Schnabel mit Fischen und Wasser. Meist setzten sie sich auf die morschen, salzverklebten, mit Muscheln und Algen behangenen Holzpfähle, und das Wasser floss zu beiden Seiten des Schnabels wie aus einem Sieb heraus. Dann rissen sie den Schnabel jäh nach oben und die gefangenen Fische glitten ihren Schlund hinab. Ich fragte mich, ob die scharfen Schuppen sie nicht auch beim Schlucken störten, aber es machte nicht den Eindruck. In dem Moment kam mir die ganze Natur mit ihrem ewigen Kreislauf der Nahrungsketten widerwärtig kalt und berechnend vor. In den Tropen war alles ständig am Fressen oder am Gefressenwerden. Zum Abendessen bekamen wir große schwarze Bohnen mit Reis und zum Nachtisch in Palmöl gebackene grüne Bananen. Mir wurde schlecht davon, mehr als von den Fischen. Jan und die anderen vertilgten alles ohne Probleme, und das kam mir ungerecht vor. Ich fühlte mich schwach, kränklich, schlaff, meine Hüftgelenke schmerzten, und mir fehlte jener gesunde Geist und Körper, auf den Vater doch so angewiesen war. Gleich nach Sonnenuntergang, als die Stechmücken und Tausende aufdringlicher kleiner Fliegchen zu schwärmen begannen, legte ich mich ins Bett, unter das kaputte Moskitonetz und hörte im Dunkeln zu, wie sich das Tosen des gegen die Klippen schlagenden Meeres mit dem Wehklagen einer jungen Frau vermischte. Es war nicht der leise, traurige Kummer der Frau Waldesová, sondern ein herzzerreißendes Schreien, ein Schluchzen und verzweifeltes Wimmern. Es handelte sich um die Frau eines amerikanischen Flugoffiziers, die im Haus nebenan wohnte. Sie hatte am Abend erfahren, dass der Bomber ihres Mannes ins Meer gestürzt und alle Insassen umgekommen waren. Und auf einmal war der Krieg überall, man konnte ihm nirgends entkommen. Der trennende Vorhang des Meeres hatte sich gehoben, nur dass keiner klatschte. Der Krieg fletschte seine Zähne und flüsterte mir in dieser Nacht ins Ohr, dass mein Glück in dem Zug reiner Zufall gewesen war, nur ein kleiner, kläglicher Zufall.

JINDŘICH WALDES

(Freund Jan Antonín Bat’as, Gründer der Firma KOH-I-NOOR, König der Knopfindustrie, dessen Spuren sich in Havanna verlieren.)

Als die Nazis Jan Antonín zum zweiten Mal verhaften wollten, irgendwann im Juni des Jahres 1939, wurde er rechtzeitig von Dominik Čipera gewarnt, einem seiner Geschäftsführer, der Minister geworden war. Und nicht nur von ihm. Auch Hugo Vavrečka und alle seine engsten Mitarbeiter redeten ihm gut zu. Jan packte seine Koffer, um schnell zu seiner Fabrik im Elsass zu reisen, aber vorher rief er noch mich an. Und ich? Ich wollte das alles nicht glauben. Später in Dachau fragte mich Vojtěch Preissig immer wieder, was ich mir denn nur gedacht hätte. Er konnte es einfach nicht begreifen. Aber ich konnte mich gut begreifen. Erkenne dich selbst, so heißt es doch immer, nicht? Selbsterkenntnis war stets mein Vorzug, würde ich sagen. Und damals hatte mich schlicht die Wut gepackt. Es ist doch normal, dass man wütend wird, wenn sie einem alles wegnehmen wollen und jeder einen warnt, jeder sich Sorgen macht, was passieren wird … Ich war nur hundswütend. Weil keiner etwas unternahm. Alle waren starr vor Angst, sprachen sich falschen Trost zu oder packten ihre Koffer und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Ich schickte Ička mit den Kindern nach Amerika, wollte selbst aber bleiben, hier bei meinen Leuten, in meinem verratenen Vaterland. Ich weiß, im Nachhinein mag das lächerlich klingen, aber damals, als alle davonstoben wie die Ratten, Spinnen, Ameisen vor dem Hochwasser, damals erschien es mir richtig. Und, ja, vielleicht hoffte ich irgendwo in meinem tiefsten Innern, dass die Nazis einen Unterschied machen würden – wo mir doch früher eine ganze Welt gehört hatte, die jetzt ihnen gehörte –, dass sie einen Unterschied machen würden zwischen einem reichen und einem armen Juden. Čipera und VavreËka warfen Jan später vor, dass er mit mir telefoniert hatte, denn dadurch hätte alles auffliegen können. Aber Jan hatte eben ein gutes, großes Herz. Er wollte mir helfen, der ich so stur war, in der Heimat zu bleiben. Er wollte mich rausbringen, wie er auch rund dreihundert andere jüdische Familien rausgebracht hatte, die er in seine über die Welt verteilten Fabriken geschickt hatte, damit sie im Ausland Arbeit fanden und keine Visumprobleme hatten. Er hatte sie gerettet und wollte auch mich retten. Er glaubte, er selbst würde seinen Zlíner Leuten vom Ausland aus nützlicher sein, von dort könnte er eine größere Produktion sicherstellen und all jene unterstützen, die die Tschechoslowakei dann befreien würden. Und wer weiß, was er sich noch alles vorstellte … Aber ich wollte nicht fliehen. Wollte bei meiner Fabrik, meinen Arbeitern, meinen Bildern bleiben. Bei meinem Lebenswerk, wie der pathetische Jan Bat’a sagen würde. War es Naivität von mir? War es Mut? Weder noch. Ich war eben nur außer mir vor Wut. Ich erinnere mich, wie ich stundenlang durchs Zimmer marschierte und vor Zorn manchmal ein Glas in der Hand zerdrückte, worauf mir das Dienstmädchen die Hand desinfizieren und mit einem frischen Taschentuch verbinden musste. Die Scherben auf dem noch neuen Perserteppich … Manchmal rief ich das Mädchen gar nicht erst, sondern sah zu, wie kleine Blutstropfen durch meine geballte Faust sickerten. Es war offensichtlich, wie alles enden würde, und dennoch blieb ich. Aus blankem Trotz.

Das alles spielte nun keine Rolle mehr, hier, in dieser dunklen havannischen Bude am Hafen, wo es so furchtbar heiß war, wo mein ganzer Körper wehtat und kein Insulin zu bekommen war. Wo es mich schmerzte, dass ich am Ende doch hatte gehen müssen, wenn auch auf andere Weise, über den viel wahnsinnigeren Umweg des Konzentrationslagers. Ich dachte daran zurück, wie Jan mich kurz vor seiner Abreise noch von Zlín aus angerufen hatte. Wie seine feste Stimme mit diesem allerliebsten ostmährischen Akzent aus dem Hörer dröhnte, sodass ich ihn ein Stück vom Ohr weghalten musste. Er begann immer mit seinem leutseligen »Nu«, und dann redete er Tacheles. »Nu werd doch verdammt noch mal vernünftig, Jindřich, du weißt, dass uns alle der Strang erwartet, ob wir den Fritzen die Fabriken herausgeben oder nicht. Und du mit deinem Starrkopf!« – »Weil ich Jude bin?« – »Ganz genau, Jindřich, weil du ein Jude bist. Aber du bist auch ein mutiger Mensch, und ich versteh dich, und wie ich dich verstehe … Ich werde ihn dir nicht ausreden, deinen Patriotismus, ich empfinde ihn ja auch, Herrschaftszeiten, aber noch mehr fühle ich die Verantwortung für mein Lebenswerk, das weiterleben muss! Ich muss draußen retten und wiederaufbauen, was geht. Zu große Worte für dich? Sei’s drum. Nu, wir beide verstehen uns, ich habe dich nur warnen wollen. Čipera schlägt sicher keinen blinden Alarm.« Darauf meinte ich, ich dächte doch. Und dass es mir genau wie ihm um mein Lebenswerk gehe, um alles, was ich über die Jahre hinweg aufgebaut und entwickelt hätte. Die Deutschen würden sich doch den eigenen Ast absägen, wollten sie den Kopf der Fabriken ausschalten, die seien doch auf wirtschaftliche Erfolge aus, oder nicht? »Jindřich, das hier ist nichts Rationales, besonders nicht in deinem … hm, jüdischen Fall. Bitte, überleg’s dir noch einmal. Und natürlich kann Hedvička, deine hübsche Ička, mit den Kindern das gleiche Schiff nehmen wie wir. Ich achte auf sie, versprochen.« Ich vertraute ihm. Er hielt immer sein Wort, war ein redlicher Kerl.

Und nun war ich hier, in dieser schäbigen havannischen Absteige, wo mir eine Mulattin jeden Morgen etwas Wasser und Kokosmilch brachte, zum Trinken meinen Kopf stützte und meine Hand verband, wenn ich wieder vor Zorn eins ihrer schmierigen kleinen Gläschen zerdrückt hatte. Nur tropfte das Blut jetzt auf rissige alte Marmorfliesen. Zum Teufel mit meinem Glauben an die Heimat, mit meinem dummen Stolz! Mir ging es schrecklich schlecht, seit dieser deutsche Arzt, den ich nach Zahlung der Freikaufsumme von acht Millionen als Aufpasser auf die Schiffsreise mitnehmen musste, mir die Insulinspritze aufgezwungen hatte. Er war mit mir an Land gegangen und dann verschwunden, und ich blieb allein zurück. Seine kalten Hände, während er langsam den Metallkolben der Spritze aufzog. Die Nadel, die in meine Haut drang, verdammt, und dabei habe ich während der ganzen Überfahrt auf den Kerl achtgegeben, habe verflucht aufgepasst, dass ich im Speisesaal so fern wie möglich von ihm saß, dass ich kein einziges Stück Zucker aß und dass ich weder ihn noch irgendeinen anderen Arzt auf dem Schiff um Hilfe bitten musste. So viel Kraft hat mich das gekostet, völlig unnötigerweise! Ich hielt mich an Deck auf, beobachtete, wie sich tiefblaue, violette und rote Wolken zusammenballten und zu einem Gewitter anschwollen, und als es losging, zog ich mich nicht in die Kajüte zurück, sondern ließ mich von dem lauen Regenguss durchnässen, der die ganze Kälte von Dachau und Buchenwald aus mir herausspülte, sog die Wärme der schaukelnden Wellen und den salzigen Meeresduft und das Gelächter der hinter dem Schiff herziehenden Möwen in mich auf. Eine Freiheit, von der ich wusste, wie fragil sie ist, denn sie hatten mich zwar aus dem Lager entlassen, mussten sich jedoch darüber im Klaren sein, dass, sofern ich am Leben blieb, in allen Zeitungen der Welt bald Nachrichten aus Buchenwald stehen würden, weil die Welt endlich erfahren musste, was in den Lagern geschah. Und selbstverständlich hatte ich die Absicht, es überall lauthals zu verkünden. Davon sagte ich zwar nichts dem deutschen Arzt, in dem ich unzweifelhaft meinen Henker ausmachte, aber wir alle wussten, dass es das Erste wäre, was ich tun würde, sobald ich in New York an Land ging.

Aber dann legten wir in Havanna an – es sollte nur für eine Nacht sein – und ich sah die Stadt, die ich immer schon hatte sehen wollen. Bin gierig in sie eingetaucht, in die abendliche Brise mit den Wellenspritzern, die über die Mole nieselten. Mich überkam so eine dunkle Vorahnung, dass ich womöglich zum letzten Mal einen Hafen und eine abendliche Stadt besuchte, und ich wanderte unruhig an den Kneipen entlang, lauschte der sanft rhythmischen, einlullenden Musik, die aus ihnen drang wie der Duft von scharf gewürztem, gebratenem Fleisch in dicker Tomatensoße. Ich betrachtete die Volantröcke der Tänzerinnen, die gewachsten Schnurrbärte ihrer Galane und wünschte mir so sehr, ich hätte nicht die Zuckerkrankheit und die Albträume von den Lagern und wäre nicht fünfundsechzig Jahre alt. Am liebsten hätte ich eines dieser Mädchen dafür bezahlt, dass es einfach nur mit mir auf ein Zimmer ging, sich an mich schmiegte und mich beruhigte, dass es mir die spanischen Schlaflieder vorsang, die mir ein spanischer Republikaner im Konzentrationslager beigebracht hatte. Er sang sie jeden Abend in der Baracke und ich kann sie nicht vergessen. Arrorró mi niňo, arrorró mi sol. Das Mädchen würde mir über den Kopf streichen und meine Tränen abwischen, dann würden wir draußen vor der Tür des Mietshauses mit den Jugendstilornamenten eine Zigarre zusammen rauchen, und am nächsten Morgen würde ich nirgendwohin eilen, sondern einen starken Kaffee mit vier Stück Zucker und süßen Reisauflauf mit Zimt zu mir nehmen. Das alles ging mir durch den Kopf, und ich konnte mich noch immer nicht entscheiden, in welcher Bar ich den ersten Drink zu mir nehmen würde. Ich kam an Tavernen vorbei, in denen Matrosen grölend lachten und ihre Karten auf die vom Salz zerfressenen Eichentische klatschten, an Luxusrestaurants, in die einzukehren ich keine Lust hatte, obwohl ich es mir hätte leisten können, an Tanzlokalen mit roten Lampions am Eingang, aus denen laute und zugleich ruhige Salsamusik drang, unterlegt vom Takt der scharrenden Schuhsohlen auf hölzernem Boden. Neugierig blickte ich in eines dieser Lokale hinein und stellte fest, dass es offenbar noch zu früh war. Das Orchester spielte zwar schon, aber nur ein einziges seltsames Paar drückte sich im Saal aneinander. Ein alter Mann führte ein junges Mädchen, vielleicht seine Enkelin, die ein eng anliegendes, langes weißes Kleid trug. Sie bewegten sich wie zwei Gespenster, er war einen Kopf kleiner als sie, weil sie hohe rote Absatzschuhe trug. Doch der Alte führte sie mit sicherem Griff, gab die Schritte und den Ton ihres vollendeten Tanzes vor. Ich hätte hineingehen und ein Teil dieses Bildes werden können. Hätte mich an einen der Tische setzen und mir eine gekühlte Limonade mit Rum oder einen Tequila bestellen können, das alles hätte ich tun können. Doch von diesen vielen Möglichkeiten drehte sich mir der Kopf und meine Knie wurden weich. Ich konnte keinen Schritt weiter tun.

Ich erinnere mich, wie ich an einer feuchten, nach kaltem Schimmel riechenden Hausmauer entlang hinabrutschte. Ich leckte an dem Schimmel, kostete seinen Geschmack. Eine Frau kam aus dem Haus geeilt, kräftig gebaut, mollig, mit braungebrannten Armen. Mit diesen Armen gestikulierte sie wie eine Italienerin, und wie eine echte Mamma hob sie mich hoch, drückte mich an ihre Brust und schleifte mich hoch in ihr Zimmer im ersten Stock. Nur Arrorró mi niňo, arrorró mi sol sang sie nicht. Sie roch nach Zimt und brenzligem Fett, als hätte sie sich von Kopf bis Fuß mit diesem Duft eingerieben, der mich erregte und mir zugleich den Atem benahm. Ganze Sippschaften von ebenso lauten Menschen, die nach Palmöl und Knoblauch und gekochtem Reis rochen, kamen mich begutachten, fuchtelten mit ihren braunen, muskulösen oder üppigen Armen und wussten sich keinen Rat mit mir. Wie lange bin ich dort gewesen? Wie viel Zeit verging? Ich hielt mir einen meiner Druckknöpfe vors Auge wie ein Monokel und versuchte dadurch meine Aussichten zu erkennen. Dachte zurück an eine andere Schiffsreise vor fast dreißig Jahren, eine Überfahrt nach Nordamerika, als die wunderbare Schauspielerin Elisabeth Coyens sich aus reiner Langeweile und Übermut zunächst ein Herrenlorgnon, das sie von jemandem geliehen hatte, vors Auge hielt, dann ein Modell unseres Patentknopfs, und wie sie dabei gelacht hatte. Und Kupka, der damals mit uns fuhr, malte das Ganze, und daraus entstand dann die schönste Druckknopf-Reklame, die die Welt je gesehen hatte. Damals habe ich gerne überheblich verkündet: »Die Welt gehört dem, der sie sich nimmt.« Und nun sah es danach aus, dass die Welt sich alles zurückholte und mir kein bisschen gehörte. Und ebenso erinnerte ich mich daran, was mir mein lieber Malerfreund František Kupka einmal schrieb, als ich versuchte, ihn und auch Vojtěch Preissig aus Frankreich wieder nach Hause zu locken, denn ich fand, als tschechische Künstler sollten sie ihrer Heimatnation etwas geben und nicht nur im Ausland gefeiert werden. Kupka schrieb mir damals: »Mein Ich ist nicht auf meinen Körper beschränkt, es befindet sich schon weit weg im All.«

Zu dem Zeitpunkt verstand ich überhaupt nicht, was er meinte, aber jetzt, nach meinem Tod, war ich auf einmal fähig, nicht nur in der Heimat vorbeizuschauen, sondern auch bei Jan Antonín in Brasilien. Sie wissen schon, der Geist weht, wohin er will. Ich sah ihn am 20. September 1941 an der Schreibmaschine sitzen und Verse schmieden. Sah, wie sich auch in ihm eine müde Resignation breitmachte, wie er aber mir zuliebe seinen Stil des ewigen Aufbegehrens beibehalten wollte. Seine Verse rühren mich noch immer, auch wenn jeder Kritiker sie zu Recht zerreißen würde, denn Jan verstand anders als ich nicht viel von Kunst. Schade, dass er seine Zeilen nicht auf meiner Beerdigung vortragen konnte, denn in Havanna fand keine Beerdigung statt. Ich war einfach verschwunden. Wohin? Hat mich die Mulattin auf einem Leiterwagen zum öffentlichen Leichenhaus gekarrt, oder hat sie mich lieber mithilfe ihres Matrosenfreunds auf eine Nussschale verfrachtet und in der Bucht aufs Meer hinaus gestoßen? War es eine Mondnacht? Und was tat in diesem Moment Hedvika, meine schöne Ička, die Kunstverständige, die Frau, die ich alleingelassen und nach Amerika geschickt hatte, die Frau, die weder gegen meine Wut noch gegen meinen dummen Stolz etwas ausrichten konnte? Ob sie in New York an einem Fenster stand und nicht schlafen konnte? Ich vermag es bis heute selbst nicht richtig zu beschreiben. Die Krankheit, den Schüttelfrost, das Fieber. Es ist bedauerlich, dass Jan mir das Gedicht nicht selbst vortragen konnte, und ärgerlich, dass er es überhaupt schrieb, dass die Nazis ihm einen so erbärmlichen Stoff zum Dichten lieferten. Aber hören Sie doch lieber selbst.

Jindřich Waldes ist gestorben

Auf die Zahlung von Lösegeld hin

nach zwei Lagerjahren entlassen.

Wie für Nutzvieh zahlt man heute

für die Freiheit grundlos gefangner Menschen.

So auch für Waldes.

Nachdem er endlich freigekauft

von Frau und Kindern in Amerika

aus ungerechter Haft,

verstarb er auf dem Weg.

»Vor Ankunft« im Hafen

auf dem Ozean, wo die Freiheit winkte,

verstarb er »jäh«, bevor er reden konnte.

Von welchen Schrecken hätte er erzählt,

wäre er nicht unterwegs gestorben,

ehe der letzte seiner Wächter

ihn verließ?

Was hatte Jindřich Waldes verbrochen?

Was, außer tschechischer Jude zu sein?

Außer überall auf der Welt

tschechische Fabriken zu errichten?

Warum musste er »jäh« sterben?

Vor der Ankunft auf freier Erde?

Warum just in jenem Moment, da

er frei reden und schreiben konnte?

Mein lieber Jan, das wüsste ich selbst gerne – nur allzu gerne, das kann ich dir sagen. Aber ich kann mich nicht erinnern, ob mir der Deutsche auf dem Schiff Gift untergejubelt hat oder ob schon die Insulinspritze ausreichte, ob die üppige Mulattin, die schwarze Bohnen mit Reis für mich kochte, nur die Salatblätter schlecht gewaschen hatte und ich an einer Darminfektion starb, oder ob mir jemand in der Hafengegend, in der Nacht, als wir vom Schiff gehen mussten, in einer dunklen Gasse eine Kugel in den Hinterkopf jagte, bevor er mir die goldene Uhr abnahm. Es ist seltsam, dass ich das nicht weiß, ich glaube, ich habe es einfach verdrängt, damit ich mich nach meinem Tod nicht damit beschäftigen musste. Und letztlich ändert es ja auch nichts an der Sache. Was ich verbrochen hatte? Natürlich nichts. Genauso wenig wie du. Ich war nur der »Knopfkönig« oder auch »der Bat’a der Knöpfe«. Ich habe lediglich einen Patentknopf erfunden, in Böhmen und ganz Europa hochmoderne Fabriken gebaut, mich in den Vereinigten Staaten durchgesetzt, Tausenden von Menschen Arbeit verschafft, mich um ihre Bildung gekümmert, darum, dass sie Auslandserfahrungen sammeln und Sprachen lernen konnten, damit sie keine ahnungslosen böhmischen Hanseln blieben, die nicht wussten, wie man anständig ein Dessert löffelt. Und ich kaufte Kunst, ausschließlich tschechische Kunst! Mir war es wichtig, dass wir uns selbst wertschätzten. Dass wir anerkannten, was wir hatten und konnten. Genau wie du streife ich gelegentlich durch Prag, und ich schaue mir die verrückte Villa des Kohlenbarons Tykač an, die sich jetzt auf meinem Grundstück erhebt, ein Betonungetüm an der Stelle meiner Gemäldegalerie. Dass sich der Kerl nicht schämt? Am liebsten würde ich ihm eine Dauerkarte fürs Museum besorgen, wo er jede Woche hingehen und sich bis zur Schließungszeit Meisterwerke anschauen müsste, bis er schließlich kapierte, was schön ist und was nicht. Ich sitze im Havlíček-Park auf den Stufen, die neben meinem Garten entlangführen, und denke an unsere Villa Marie zurück, die der Gauner offenbar ohne Genehmigung abgerissen hat, um an der Stelle seinen eigenen Klotz zu errichten. Die Kultivierung des tschechischen Volkes durch Kunst ist mir wohl nicht besonders gut gelungen … Ich weiß, dass auch du heimlich deine Prager Wohnung aufsuchst, die man dir weggenommen hat. Dass du durch die Zimmer wanderst und dich darüber grämst, dass deine Enkelin, wenn sie nach Prag kommt, im Hotel wohnen muss. Du hast übrigens noch ein Gedicht geschrieben, das mir etwas besser gefällt, denn ich komme darin recht gut weg, was mir natürlich schmeichelt. Obwohl aller Ruhm vergänglich ist, wie ich feststellen musste. Als František Kupka einmal voller Bewunderung über meine Erfolge, über meine Zweigstellen in Dresden, Paris, Warschau und New York seufzte: »Du bist ein mächtiger Riese, ich neben dir nur ein kleiner Hänfling«, da meinte er das wohl ernst. Doch heute ist er der Riese, über den die ganze Welt spricht, die ich so gerne heraufbeschworen habe. Mich hat man vergessen.

Schließlich ließen sie ihn gehen

aus dem Lager – nach Zahlungen und zähen

Verhandlungen. Nun bringt ihn ein weißer Flieger

zum Wiedersehen.

Zwei Jahre hielten sie ihn fest. Warum?

Das kann keiner verstehen.

Ein Jude war er, von den Pragern geschätzt. So mag

es gehen.

Knöpfe und Spangen produzierte er dreißig Jahre lang

unermüdlich in Prag und der Welt.

Jude war er. – Das kam ihn teuer zu stehen.

In Europa besaß und Amerika

Fabriken dieser Mann,

obwohl es einst ganz schlicht

in einem Schuppen begann.

Er war ein edler Mensch,

zahlte die Tschechen gut,

förderte und bildete sie

anders als mancher Jud.

Die tschechischen Fertigkeiten

baute im Ausland er aus

und brachte damit Wohlstand

dem verarmten Volk nach Haus.

Und neben seiner Arbeit

war er zugleich Mäzen.

Die große Kunst der Tschechen

wusste er zu verstehen.

Die Galerie der Waldes

war überall bekannt

als regelrechte Schatzkammer

im Aus- und Innenland.

Nach dem Verrat von München

war kaum mehr Hoffnung in Sicht.

Doch obwohl ihn jedermann warnte –

fliehen wollte er nicht.

Nur Mitte März, da fuhr er

nach Regensburg und Paris,

doch kehrte er zurück

ins Land, das er nicht verließ.

Bewunderer auf ewig

von Waldes wollen wir sein,

und sein so sinnloses Schicksal

bereitet uns Trauer und Pein.

Als die weißen Flügel ihn trugen

zu den Seinen übers Meer,

blickte der Tod auf ihn nieder.

In Hades’ Armen landete er schwer.

In Hades’ Armen landete er schwer? Dieser Jan ist doch völlig meschugge! Er mag ja in irgendwelchen Armen gelandet sein, aber ich habe mich einfach nach der Zahlung von acht Millionen Protektoratskronen an die Nazis in Luft aufgelöst. Jan musste eben immer noch einen draufsetzen und dem Hades in die Arme sinken. Doch auch das letzte Gedichtchen, das er zwei Tage später schrieb, hat mich ergriffen. Dieser Schusterbursche! Ich muss mir nur schnell eine Träne wegwischen, dann werde ich es Ihnen vorstellen. Es heißt Für Frau Waldesová.

Das Herz dieses großen Mannes,

ich weiß, dass es weiterbesteht,

denn die ewige Hand des Universums

berührt den, der für es vergeht.

So viele Menschen auf Erden,

Gott, wenn man daran nur denkt,

muss man sich dafür schämen,

wer diese Welt heute lenkt.

Es sind die, die schmieren, belügen,

Brandstifter, Mörder im Frack,

Herrenprotze, die alle belügen.

Es herrscht nur noch das Pack.

Waldes war ein Jude.

Und ein Tscheche, jawohl.

Er geriet ins Wespennest derer

mit dem Hakensymbol.

Als seine Lieben ihm Freiheit erkauft,

ließ man ihn aus dem Lager hinaus.

Zum Tier degradiert, starb er

im Albatros. – Aus.

Ein Jude war er? Ein Mensch, ein Tscheche.

Hat Arbeit vergeben. Patriotisch gedacht.

Aus begabten Künstlern große gemacht.

Weine ich ihm nach, dem Juden?

Hört ruhig meine Klagelieder.

Einer wie Waldes

kommt nicht so schnell wieder.

War er mein Meister? Mein Vorbild im Leben?

Ja, ein Mensch von edlem Streben,

ein fleißiger Mann und ein Mann von Welt,

im Dienste der Menschheit ein sturer Held.

Gib du ihm neue Arbeit, Gott.

Den Mörder führe zum Schafott.

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384 p. 7 illustrations
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9783990471111
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