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Marie Louise Fischer

Ein Herz sucht Liebe

SAGA Egmont

Ein Herz sucht Liebe

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1970 by Engel Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718698

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1.

Als es unten auf der Straße zweimal hintereinander kurz hupte, rannte Susanne Schäfer zum Fenster. Sie hatte auf dieses Zeichen, das sie mit ihrem Freund, dem jungen Rechtsanwalt Dr. Oskar Wünning, verabredet hatte, schon ungeduldig gewartet.

Sie öffnete das Fenster, winkte. Vor dem Haus stand keine Laterne und sie konnte sein Auto eher ahnen als erkennen. Aber sie wußte, daß er ihren Umriß, scharf abgegrenzt gegen den hell erleuchteten Raum im zweiten Stock, sehr deutlich sah.

Hastig schloß sie das Fenster wieder, riß den Kleiderschrank auf, warf noch einen letzten prüfenden Blick in den langen Spiegel, der an der Innenseite der einen Tür befestigt war – ja, sie konnte mit ihrem Aussehen zufrieden sein. Ihr schimmerndes blondes Haar, das sie sich am Nachmittag gewaschen und aufgedreht hatte, bauschte sich in weichen Wellen um ihr schmales Gesicht, die klaren grauen Augen unter den schwarz getuschten Wimpern strahlten vor Erwartung.

Während der Schulstunden verzichtete Susanne Schäfer ganz bewußt auf jedes Make-up, aber jetzt hatte sie ihren vollen, ein wenig breiten Mund mit einem hellen Stift nachgezogen, damit er kleiner und noch ausdrucksvoller wirkte. Sie trug ein blaues, ganz einfach geschnittenes Kleid in Leinenstruktur – selbstgeschneidert – das ihre schlanke mädchenhafte Figur sehr vorteilhaft zur Geltung brachte.

Sie dachte manchmal, daß die Figur das Beste an ihr wäre. Dennoch kostete es sie keine Überwindung, während des Dienstes auf jede Betonung ihrer Linien zu verzichten – es hätte sich nicht gehört. So trug sie vor der Klasse gewöhnlich Kleider, Blusen und Pullover, die ihr zwei Nummern zu weit waren.

Gerade deshalb aber machte es ihr doppelt Spaß, jetzt, nach Feierabend, in einem Kleid auszugehen, das so knapp wie möglich saß und dessen Rock drei Finger breit über dem Knie endete – ein wirkliches Wagnis für eine junge Lehrerin in einer kleinen Stadt wie Bad Kreuzfeld.

Susanne Schäfer lächelte vergnügt, während sie sich vorstellte, was ihr Freund wohl für Augen machen würde, wenn er sie in dem neuen Kleid sah. Dann schlüpfte sie rasch in ihren guten weißen Mantel, schlug die Schranktür wieder zu, nahm Tasche und Handschuhe, lief in die Diele hinaus. Dr. Oskar-Wünning liebte es nicht zu warten.

Dennoch nahm sie sich die Zeit, rasch den Kopf in die Küche zu stecken und: »Ich geh’ jetzt, Frau Schmitt … auf Wiedersehen und gute Nacht!« zu rufen.

Ihre Wirtin sah sie über die Brille hinweg an. »Schon recht, Fräulein Schäfer. Aber bleiben Sie nicht zu lange, morgen heißt’s wieder früh heraus … und glauben Sie nicht, was die Männer erzählen, die lügen alle das Blaue vom Himmel herunter!«

Susanne lachte. »Ich werd’s mir hinter die Ohren schreiben!«

»Da tuen Sie auch gut dran! Ich will nichts gegen Ihren Freund sagen, er kommt aus einer hochachtbaren Familie … aber grade deshalb! Hochnäsig sind die Wünnings alle, bilden sich ein, eine besondere Sorte Mensch zu sein und dabei …«

Susanne Schäfer unterbrach sie hastig. »Darüber unterhalten wir uns morgen, Frau Schmitt, jetzt muß ich rennen. Warten Sie bloß nicht, bis ich nach Hause komme. Es kann spät werden.«

Als sie die Treppe hinunter lief, mußte sie ein Gefühl von Beklemmung abschütteln. Sie sagte sich, daß es albern war, Frau Schmitt mit ihrem fast krankhaften Mißtrauen allen männlichen Lebewesen gegenüber auch nur eine Sekunde ernst zu nehmen. Und dennoch blieb ein Stachel in ihrer Seele zurück.

Sie liebte Oskar Wünning von ganzem Herzen, aber sie mußte sich zugeben, daß sie keine Ahnung hatte, was er für sie empfand. Was konnte sie denn schon, die junge Volksschullehrerin, ohne familiären Anhang, die Zugereiste, für ihn, den Sohn des Ratsapothekers, bedeuten? Er war so stolz auf seine Familie, in deren Besitz die Apotheke seit über hundert Jahren war, die seit dieser Zeit der Stadt immer wieder tüchtige und angesehene Ärzte, Rechtsanwälte und Apotheker geschenkt hatte.

Und sie, Susanne Schäfer, wer war sie? Tochter eines Vertreters, der sich, nach dem Tod seiner Frau, mehr oder weniger zu Tode getrunken hatte. Und von ihrer Mutter wußte sie so gut wie gar nichts. Sie war gestorben, als sie noch ein Kind war.

Es fiel Susanne schwer, das Lächeln auf ihren Lippen zurückzuzwingen, als sie aus dem Haus trat.

Dr. Wünning war ausgestiegen und wartete neben dem Auto. Jetzt, als sie auf ihn zulief, nahm er sie kurz in die Arme, küßte sie – nett, aber durchaus formell.

Selbst hier, in der schlecht beleuchteten Seitenstraße, bestand Gefahr, daß die junge Lehrerin beobachtet wurde. Im Nachbarhaus wohnte ein Mädchen, das die Pestalozzi-Schule besuchte, und etwas weiter weg ein Junge aus ihrer, der dritten Klasse. Es war durchaus möglich, daß sie jetzt hinter den Gardinen standen und herauszubekommen versuchten, wie sich die Lehrerin verhielt, wenn sie nicht gerade im Dienst war.

Susanne Schäfer sah ein, daß sie ihrem Freund eigentlich dankbar für seine Zurückhaltung hätte sein müssen. Er legte sich ja nur ihretwegen Zwang an. Dennoch fühlte sie sich einmal mehr durch seine allzu beherrschte Art irritiert.

Sie stieg rasch ein, er schloß die Tür hinter ihr, ging um den Wagen herum, setzte sich ans Steuer. Sie sah die Linie seines Profils im Halbdunkel, beobachtete, wie er die weichen Lippen zusammenpreßte, als er kuppelte und Gas gab.

Auch ohne ihn wirklich zu sehen, war ihr jeder Zug in seinem offenen jungenhaften Gesicht vertraut – die braunen Augen, die mal lachend, mal grüblerisch blicken konnten, das leicht gewellte Haar, fast zu hübsch für einen Mann, die gerade Nase mit den winzigen Sommersprossen auf dem Rücken, der kleine dunkle Schnurrbart über der Oberlippe, der ihm Würde verleihen und ihn älter als seine 25 Jahre machen sollte, aber eher das Gegenteil bewirkte.

Gewöhnlich begannen sie beide zu reden, kaum daß sie miteinander allein waren. Aber heute sagte er nichts, und dieses Schweigen machte sie seltsam beklommen. Es hatte so vieles gegeben, was sie ihm hätte erzählen wollen, aber plötzlich war alles wie weggewischt.

»Wohin fahren wir?« erkundigte sie sich, nur um überhaupt etwas zu sagen, und wußte doch im gleichen Augenblick, wie töricht diese Frage war.

Dr. Oskar Wünning wohnte bei seinen Eltern. Susanne hatte ihn schon einigemale zuhause besucht, seine Eltern hatten sie immer herzlich aufgenommen und gastfrei bewirtet. Aber sie waren nicht eine Minute aus dem Zimmer gewichen, solange sie da war. Wenn sie allein sein wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als in die etwa 35 Kilometer entfernte Nachbarstadt Heimholzen zu fahren. In Bad Kreuzfeld waren er als der Sohn des Ratsapothekers und sie als junge Lehrerin viel zu bekannte Persönlichkeiten, als daß sie sich in irgend einem Lokal hätten unbeobachtet fühlen können.

Deshalb war sie maßlos überrascht, als er antwortete: »Wir bleiben hier.«

»In Bad Kreuzfeld?« fragte sie verblüfft.

»Ja. Ich denke, wir essen eine Kleinigkeit in den ›Altdeutschen Stuben‹. Vorausgesetzt, daß es dir recht ist, natürlich.«

»Eigentlich«, sagte sie, »hatte ich ja gedacht, wir wollten zum Tanzen gehen. Ich habe extra ein neues Kleid angezogen. Kniefrei.«

Sie erwartete, daß er irgend etwas auf diese Eröffnung hin sagen würde, aber er ging einfach darüber hinweg, möglicherweise hatte er es tatsächlich überhört.

»Ich möchte in aller Ruhe mit dir reden«, sagte er.

»Es ist nur, ich möchte nicht gerne unliebsam auffallen, Os«, erwiderte sie verlegen, »kniefrei in die ›Altdeutschen Stuben‹, das scheint mir doch nicht gerade das Richtige zu sein«.

Er blickte in den Rückspiegel, bog nach links ein. »Wenn du mit mir bist, kann dir keiner was, Liebling«, sagte er, »und wenn du nachts im Bikini herumlaufen würdest … an meiner Seite wird keiner es wagen, dich anzuöden.«

Sie wußte, daß er recht hatte. Er war es, der ihr nach vielen Jahren der Unsicherheit zum ersten Mal wieder das Gefühl gegeben hatte, geborgen zu sein. Und manchmal fragte sie sich, ob das nicht mit ein Grund war, warum sie ihn so liebte. »Ich hatte nur Angst, dich zu blamieren«, sagte sie.

Seine rechte Hand tastete sich zu ihr herüber. »Mit deinen schönen Beinen? Daß ich nicht lache!«

Sie errötete in der Dunkelheit und war froh, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Sie war nahe daran, seine Hand zurückzustoßen – nicht weil ihr die Berührung unangenehm gewesen wäre, sondern weil sie sie erregte. Aber sie wagte es nicht, aus Angst, er könnte es falsch auffassen und sich gekränkt fühlen. Als er sie dann von sich aus zurückzog, um das Steuer fester zu fassen, fühlte sie sich entgegen ihrer Erwartung plötzlich enttäuscht.

Er stellte den Wagen unter den Bäumen der Kurallee ab. Es war Juni, die Hauptsaison hatte noch nicht begonnen, und so gab es noch einige Parklücken.

Als er den Zündschlüssel abzog, hatte sie den Türgriff schon in der Hand. Aber gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, wie sehr er es haßte, wenn sie sich selbständig benahm, wie es für sie seit langem notwendig geworden war. So holte sie tief Atem, lehnte sich wieder zurück, suchte seinen Blick.

Auch er war im Begriff gewesen, auszusteigen. Jetzt sah er sie an, sehr ernst, ohne ihr Lächeln zu erwidern. »Eigentlich«, sagte er, »könnte ich es dich ja auch jetzt schon fragen …«

»Was?«

»Ob du …« Seine Stimme war rauh, er mußte sich räuspern. »Willst du meine Frau werden, Susanne?«

Für Sekunden verschlug es ihr den Atem. Sie starrte ihn nur an, unfähig, ein Wort hervorzubringen.

»Willst du?« fragte er drängend.

Sie war auf diesen Antrag nicht gefaßt gewesen. Selbst in ihren Träumen hatte sie sich eine solche Situation nicht auszumalen gewagt, aus Angst, daß ihre Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzen könnten. So wußte sie auch nicht, wie sie sich jetzt benehmen und was sie antworten sollte.

»Ja«, sagte sie atemlos, »ja, gerne …« Und sie hatte gleichzeitig das Gefühl, wieder einmal zu unumwunden, zu geradeaus geantwortet zu haben.

Aber falls er das auch empfand, so zeigte er es jedoch nicht. Die innere Spannung, die sein gut geschnittenes Gesicht fast verzerrt hatte, löste sich. »Oh, Susanne«, sagte er, »mein Gott, bin ich froh, daß ich es überstanden habe …«

Er nahm sie in die Arme, küßte sie leidenschaftlich. Selige Schwäche überkam sie, ein süßer prikkelnder Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Ein so starkes Gefühl ergriff sie, daß es ihr fast die Besinnung raubte. Als er ihren Mund endlich freigab, lehnte sie sich mit geschlossenen Augen an seine Schulter.

»Oskar«, flüsterte sie, »Os, Liebster … ich bin so glücklich!«

Er zog sie noch fester an sich. »Ich wollte es dir ja schon längst sagen, Liebling …«

»Warum hast du es dann nicht getan?«

»Na, ich dachte, es wäre besser … weißt du, es war gar nicht so leicht, es den alten Herrschaften beizubringen, du weißt ja, wie sie sind. Und … mir schien es nicht anständig, sie vor die vollendete Tatsache zu stellen.«

Susanne Schäfer richtete sich auf, öffnete die Augen. Sie fühlte sich schmerzhaft ernüchtert. »Ohne Erlaubnis deiner Eltern hättest du mich also gar nicht …«

Er ließ sie nicht aussprechen. »Unsinn. Du weißt genau, ich bin doch kein kleiner Junge mehr!«

Er küßte sie wieder, küßte ihre Bedenken, ihren inneren Widerstand fort. »Ich liebe dich, Susanne … ich habe solche Sehnsucht nach dir. Am liebsten würde ich dich entführen … noch heute nacht!«

»Warum tust du es dann nicht?« flüsterte sie.

»Du weißt, daß das unmöglich ist. Du würdest es auch gar nicht wirklich wollen.«

»Bist du so sicher?«

»Du würdest doch deine Klasse nicht im Stich lassen. Und außerdem … wo sollten wir wohnen? Nein, so geht es nicht.« Er löste sich von ihr.

Sie sah, daß seine schlanken braunen Finger zitterten, als er sich eine Zigarette anzündete. Ihr Herz klopfte bis zum Halse.

»Ich will nicht davon reden, daß ich am Beginn einer Karriere stehe …« begann er.

»Ich weiß, daß es so ist«, bestätigte sie sofort.

»Aber darum geht es ja gar nicht. Du, unsere Liebe, unsere Ehe sind mir wichtig, zu wichtig, als daß ich irgend etwas überstürzen möchte. Nenn mich einen Pedanten, aber für mich muß einfach alles seine Richtigkeit haben.«

Susanne Schäfer fühlte sich ein wenig beschämt. Überwältigt von einem Glück, das sie, wie es schien, im Grunde gar nicht verdient hatte. »Doch, ich verstehe dich, Os«, sagte sie, »und ich bin froh, daß du so bist. Ich glaube, dies … dies ist der schönste Tag in meinem Leben!«

Er küßte sie wieder, diesmal aber mit einer Zärtlichkeit, in der kein Funken Leidenschaft mehr glühte, und sie fühlte beglückt, daß ihr Herz endlich eine Heimat gefunden hatte.

*

Am nächsten Morgen fiel es Susanne Schäfer schwer, die Gedanken auf den vor ihr liegenden Arbeitstag zu konzentrieren. Noch als sie den breiten Gang entlang an den geöffneten Türen vorbei auf das Zimmer ihrer, der dritten Klasse zuschritt, hatte sie sich innerlich nicht von den Ereignissen des gestrigen Abends gelöst.

Ihre Wirtin hatte sie erwischt, als sie leicht beschwipst von dem Genuß des ungewohnten Champagners, sich in ihr Zimmer schleichen wollte. Frau Schmitt hatte ihre Untermieterin noch nie so erlebt, sie hatte sich zwar jede Bemerkung verkniffen, aber ihr Blick hatte Bände gesprochen.

Susanne Schäfer lächelte in sich hinein. Wie würde die gute Frau Schmitt erst staunen, wenn sie die Wahrheit wüßte!

Zu gerne hätte sie ihr noch in der Nacht alles erzählt, aber sie war mit Oskar Wünning übereingekommen, die Verlobung vorerst geheim zu halten. Anfang der großen Ferien sollte, so wollte er, eine große offizielle Feier im Kreise seiner weitverzweigten Familie und sämtlichen Honoratioren von Bad Kreuzfeld stattfinden. Sie hatte es nicht sein wollen, die diese Abmachung brach.

Mit einem Ruck schüttelte sie den Kopf, als wenn sie auf diese Weise die wirbelnden Gedanken abstreifen könnte, preßte die Lippen aufeinander, ging mit geradem Rücken und festem Schritt auf das Klassenzimmer zu.

»Achtung!« rief der Schüler Klaus, der an der geöffneten Türe stand.

Und als der Lärm der anderen, Gelächter, Geschrei, Stühlerücken, nicht sogleich verstummte, fügte er mit Nachdruck hinzu: »Das Fräulein kommt!«

Susanne Schäfer hatte unwillkürlich den Schritt verhalten, weil ihr gar nichts daran lag, gleich am frühen Morgen mit einem Donnerwetter über die Klasse herfallen zu müssen. Erst jetzt, als Ruhe eingetreten war, marschierte sie in das Zimmer.

Sie trug einen grauen Rock, ein blaues Twinset, Schuhe mit flachen Absätzen. Ihr Gesicht war gänzlich ungeschminkt, und sie hatte das schimmernde blonde Haar zurückgesteckt. Sie hätte in dieser Aufmachung unauffällig, fast unscheinbar gewirkt, wenn nicht der klare Blick ihrer großen grauen Augen gewesen wäre.

Jetzt war sie vorne angekommen, legte ihre Mappe auf das Katheder, grüßte laut: »Guten Morgen, Kinder!«

Wie auf ein unausgesprochenes Kommando hin erwiderte die ganze Klasse im Sprechchor: »Guten Morgen, Fräulein Lehrerin!«

»Setzt euch!«

Aber zu Susanne Schäfers Verblüffung machte die ganze Klasse keine Anstalten, diesem gewohnten Befehl nachzukommen. Sie blieben stehen, 42 Jungen und Mädchen zwischen acht und neun Jahren, schlanke und dicke, blonde und braune, blasse und rosige, und alle hatten ein verschmitztes Lächeln um die Lippen, einen triumphierenden Glanz in den Augen.

Peter, der Klassenbeste, sprang vor, fuchtelte mit dem Lineal in der Luft herum, als wenn er ein ganzes Orchester dirigieren wollte.

Auf sein Zeichen hin brüllte die Klasse los: »Wir gratulieren zur Verlobung!«

Im gleichen Augenblick zauberte Rosel, die rothaarige Rosel Wünning, Tochter von Dr. Oskar Wünnings Bruder, dem Apotheker, einen Blumenstrauß hinter ihrem Rücken hervor. Es war der seltsamste Strauß, den Susanne Schäfer je gesehen hatte, Garten-, Wiesen- und Waldblumen waren bunt durcheinander gemischt, die Stiele verschieden lang, kurzum, es war ein Strauß, zu dem wohl jedes der Kinder ein paar Blumen gemäß seinen Möglichkeiten beigetragen hatte. Susanne Schäfer hatte sogar den Verdacht, daß einige der wundervollen Rosen aus dem Kurpark stiebitzt waren.

Aber ihre Freude war so groß wie ihre Überraschung. Strahlend nahm sie den Strauß entgegen, beugte sich zu Rosel herab, küßte das kleine Mädchen, das nun bald ihre Nichte werden sollte, auf die Wange.

»Na so etwas!« sagte sie. »Das habt ihr aber schnell herausgekriegt!« Sie wußte, leugnen war diesen neugierigen, unerbittlichen Kinderaugen gegenüber zwecklos, und jede Frage nach der Quelle dieses überraschenden Wissens beantwortete sich von selber: natürlich war es Rosel gewesen, die die große Neuigkeit aus einem Gespräch der Erwachsenen aufgeschnappt und sogleich unter den Kameraden und Kameradinnen ihrer Klasse verbreitet hatte.

Jetzt quittierten sie alle Susanne Schäfers ehrliche Verblüffung mit einem vergnügten Gelächter.

»Da staunen Sie, was?« rief ein kleiner Naseweis aus der letzten Reihe.

»Ja, wirklich«, sagte die junge Lehrerin, »ihr wart mehr als fix. Aber tatsächlich bin ich noch gar nicht wirlich verlobt …«

»Oh doch!« rief Rosel dazwischen. »Mein Vater hat’s erzählt!«

»Dein Onkel Oskar und ich, wir wollen uns verloben«, stellte Susanne Schäfer richtig, »die Verlobungsfeier wird Anfang der großen Ferien sein. Deshalb ist es vielleicht ganz gut, daß ich sie schon heute mit euch feier. Wie wäre es, wenn ich euch jetzt eine schöne Geschichte erzählte?«

Dieser Vorschlag fand begeisterte Zustimmung.

»Also, setzt euch!« sagte Susanne Schäfer.

Sie schloß den Klassenschrank auf, nahm eine ziemlich häßliche Keramikvase, die Stiftung einer Mutter, heraus, drückte sie Rosel zum Wasserholen in die Hand. Die Kleine lief auf den Flur hinaus.

Die anderen hatten inzwischen Platz genommen. Aber wenn Susanne glaubte, die Kinder abgelenkt zu haben, dann hatte sie sich geirrt.

Petra, ein Mädchen mit dunkelbraunem, leicht gelocktem Haar, hob lebhaft den Finger.

»Ja, Petra?« sagte die Lehrerin ermunternd.

»Wann werden Sie denn heiraten, Fräulein?« wollte Petra wissen und errötete über ihre eigene Frage.

»Das hat noch lange Zeit«, erklärte Susanne Schäfer freundlich, »vorläufig bin ich ja noch nicht einmal richtig verlobt.«

»Aber wenn Sie mal erst verheiratet sind«, rief der lange Klaus dazwischen, »dann kommen Sie doch nicht mehr in die Schule!«

Diese Bemerkung hatte einige betrübte. »Och’s« zur Folge.

»Nur keine Angst«, sagte Susanne Schäfer lächelnd, denn die Anhänglichkeit ihrer Kinder tat ihr wohl, »so schnell werdet ihr mich bestimmt nicht los.«

»Erst wenn ein Baby unterwegs ist, nicht?« rief Rosel, die gerade mit der gefüllten Vase in der Hand in das Klassenzimmer zurückgekommen war.

Die Kinder begannen auf dieses Stichwort hin sofort eifrig miteinander zu diskutieren.

»Ruhe, bitte!« mahnte Susanne Schäfer. Sie zog es vor, auf Rosels altkluge Bemerkung nicht einzugehen. »Schönen Dank fürs Wasserholen«, sagte sie, »so, und nun stellen wir die Blumen hinein … und jetzt, marsch ab auf deinen Platz! Seid ganz still und sperrt die Ohren auf, damit ihr über die Geschichte, die ihr jetzt hören sollt, eine nette Nacherzählung machen könnt …« Sie erstickte die enttäuschten Proteste mit einer Handbewegung und begann: »Es war einmal eine Grille, die den ganzen Sommer gesungen hatte …«

Und während sie weiter erzählte, glitt ihr Blick über die blanken, erwartungsvollen Gesichter ihrer Kinder, die sie alle so gut kannte und von denen keines dem anderen glich, und sie fühlte bei allem Glück ein tiefes Bedauern, diese jungen Menschen und den Beruf, den sie sich erwählt hatte, bald aufgeben zu müssen.

2.

Die großen Ferien rückten naher und näher und mit ihnen der Tag der offiziellen Verlobung, sie war für den ersten Samstag nach Schulschluß festgesetzt worden.

Susanne Schäfers Freude war mit banger Erwartung gemischt. Oskar Wünnings Eltern hatten darauf bestanden, zu diesem Anlaß die ganze Familie zusammenzutrommeln: Sie würde also nicht nur vor den Wünnings, die sie kannte, sondern noch vor mehr als dreißig entfernteren Familienmitgliedern bestehen müssen. Dadurch wurde es ihr doppelt deutlich, daß sie selber eine Waise und ganz allein auf sich gestellt war. Mit den wenigen, sehr entfernten Verwandten, die sie besaß, hatte sie seit Jahren keinen Kontakt mehr.

»Mach dir nichts draus, Liebling«, sagte Oskar Wünning, als sie einmal versuchte, ihm ihre Unsicherheit klarzumachen, »keine Verwandtschaft ist immer noch viel besser als eine miese. Außerdem … du hast ja mich, und wenn wir erst offiziell verlobt sind, wirst du ganz zu uns gehören.«

Diese Zugehörigkeit zu einer der angesehensten Familien der kleinen Stadt bekam die junge Lehrerin schon jetzt zu spüren, denn natürlich war es kein Geheimnis geblieben, daß sie den zweiten Sohn des Ratsapothekers heiraten würde.

In den Geschäften wurde sie mit einer ganz neuen und ungewohnten Zuvorkommenheit bedient. Menschen, die sie vorher gar nicht beachtet hatten, grüßten sie jetzt auf der Straße. Die Kolleginnen verbargen einen gewissen Neid hinter honigsüßer Freundlichkeit, die Kollegen plusterten sich auf, als wenn sie sich selber beweisen müßten, daß sie es noch jederzeit mit einem gewissen einheimischen Rechtsanwalt aufnehmen könnten.

Unverändert in ihrem Benehmen blieben nur Frau Schmitt und Rektor Kagerer.

Die Wirtin hatte sich zwar zu einer Art von Gratulation aufgerafft, aber sie konnte, obwohl doch alles gegen sie sprach, das Unken nicht lassen. Ihr abgrundtiefes Mißtrauen gegenüber den Männern war eben nicht so leicht zu erschüttern.

Rektor Kagerer, Susanne Schäfers direkter Vorgesetzter, ein ruhiger, bedachtsamer Mann, war bekannt für seinen unbeugsamen Gerechtigkeitssinn, den er auch bei dieser Gelegenheit wieder bewies. Er behandelte Susanne nicht eine Spur anders als seine anderen Junglehrerinnen, mochte sie auch so gut wie verlobt mit einem geachteten Sohn der Stadt sein. Für ihn blieb sie in erster Linie Lehrerin, und für ihn zählte nur, was sie in ihrem Beruf leistete.

Die Kinder hatten noch eine Zeitlang über die Veränderung im Leben ihres »Fräuleins« geschwätzt, in Ecken zusammen gestanden und miteinander gekichert, aber als sich Susanne Schäfers Benehmen und Auftreten so gar nicht änderte, begann die Sensation allmählich zu verblassen und ihren Reiz zu verlieren. Wenn sie vorne am Katheder stand und in ihrer freundlichen, aber sehr bestimmten Art Unterricht erteilte, dann war es fast unmöglich, sie sich als verliebte Braut vorzustellen.

Mitte Juni wurde es sehr heiß. Es wurde schwierig, die Kinder für den Lehrstoff zu interessieren. In der Klasse war es drückend, draußen lockte der Sonnenschein, und die Zeugnisse waren schon geschrieben.

In der letzten Woche vor den Ferien legte Susanne Schäfer zwei Turnstunden zusammen, so daß sie ihre Kinder am Dienstagmittag die letzten beiden Stunden ins Freibad führen konnte.

Es war in der Pestalozzi-Schule durchaus üblich, daß die Lehrkräfte im Sommer ihre Klassen zum Schwimmen führten, und auch Susanne Schäfer fand es ganz selbstverständlich, die diesbezügliche Anordnung Rektor Kagerers zu befolgen. Sie gönnte ihren Kindern das Vergnügen von Herzen. Dennoch war sie immer froh, wenn sie alle wieder heil und sicher zur Schule zurückgebracht hatte.

An diesem Dienstag wimmelte es im Freibad von kleineren Kindern, die mit ihren Müttern oder auch in Gruppen gekommen waren. Der Lärm und das Geplansche war unbeschreiblich. Es war sehr schwül, und obwohl sich am blauen Himmel keine Wolke zeigte, war das heraufziehende Gewitter deutlich zu spüren.

Susanne Schäfer war ein wenig nervös, aber sie zeigte es nicht. Sie wußte, daß es ihrer ganzen Autorität bedurfte, um die Kinder im Zaum zu halten.

Mit Mühe hielt sie ihre Schar davon ab, sich, kaum daß sie umgezogen waren, kopfüber ins Wasser zu stürzen. Sie achtete streng darauf, daß jeder einzelne erst die Handgelenke und die Herzgegend kalt abschreckte, bevor er ins Wasser ging – sie machte es sogar selber vor. In ihrem einfachen leuchtend blauen Badeanzug und der weißen Kappe wirkte sie selber wie ein ganz junges Mädchen.

Nur drei Schüler konnten wirklich schwimmen. Ein vierter, der schwarzlockige kleine Franz, hielt sich mit einer Art Hundepaddelei ganz wacker über Wasser. Aber ein Freischwimmerzeugnis hatte niemand. Deshalb hielt Susanne Schäfer ihre Schar unerbittlich im Nichtschwimmerbecken zusammen, was allerdings gar nicht so einfach war. Immer und immer wieder, bis sie es schon selber nicht mehr hören konnte, mußte sie rufen: »Hierher! Franz, Jochen, Petra … hiergeblieben! Nein, keiner darf ins große Becken! Wenn ihr nicht folgt, müßt ihr heraus … ich mahne euch nicht noch einmal!«

Während der größte Teil der Kinder vergnügt herumplanschte, im niedrigen Wasser harmlose Schwimm- und Tauchversuche unternahm, turnten diejenigen, die sich mehr zutrauten und sich über die anderen erhaben fühlten, in der Nähe der Absperrung herum und schmollten.

»Das ist ja öde!« hörte die Lehrerin sie meckern. »So was Langweiliges! – Wir sind doch keine Babys mehr!«

Sie drehte sich um. »Wenn es euch nicht paßt, dann geht in die Kabinen und zieht euch um! Fort vom Seil … los, ab mit euch, zu den anderen!«

Es war wirklich nicht einfach, hier die Aufsicht zu führen, denn es genügte ja nicht, daß Susanne Schäfer aufpaßte. Die Kinder erwarteten auch, daß sie sich mit ihnen beschäftigte, Spiele und Übungen anregte und selber vormachte. Susanne Schäfer atmete auf, als es endlich so weit war, daß sie die Kinder aus dem Wasser treiben durfte.

Prompt kamen die üblichen Betteleien. »Schon!?« – »Ach, Fräulein, wir sind doch gerade erst gekommen!« – »Noch ein bißchen … bitte, bitte!« – Und ein Witzbold rief: »Die Uhr geht vor!«

Sie planschten, spritzten, entwischten, und Susanne Schäfer mußte jeden einzelnen einfangen und an Land bringen. Es entwickelte sich ein Spiel mit richtigen Regeln daraus – wer einmal gefangen war, durfte nicht mehr ins Wasser zurück, die Kinder wachten selber darüber.

Endlich konnte auch die junge Lehrerin, Rosel an der Hand, die sie zuletzt erwischt hatte, die kleine Treppe hinaufklettern. Sie hob ihr Handtuch auf, begann sich abzutrocknen.

»Los, Kinder, schnell abzählen, und dann in die Kabinen!« rief sie.

Die Zahlen flogen von Mund zu Mund: »Eins … zwei … drei … fünf … neun …«

Susanne Schäfer zählte mit. Klaus fehlte, er war schon mit seinen Eltern in die Ferien gefahren, ein anderer Junge hatte nicht mit schwimmen gehen dürfen, weil er überempfindliche Ohren hatte, ein Mädchen war wegen Krankheit entschuldigt – also mußten es insgesamt neununddreißig Schülerinnen und Schüler sein.

Aber die Kinder kamen nur bis zur Zahl siebenunddreißig.

Noch regte Susanne Schäfer sich nicht auf. Vielleicht waren zwei der Kinder schon zu den Kabinen gelaufen oder hielten sich aus Spaß versteckt.

Aber da rief Petra: »Fräulein, Fräulein … der Franz und der Jochen, die schwimmen im großen Becken!«

Die Augen der jungen Lehrerin folgten dem ausgestreckten Zeigefinger, und tatsächlich – sie entdeckte die Köpfe der beiden Jungen mitten im tiefen Wasser. Sie lief zum Rand, wollte sie zurückrufen. Doch sie kam nicht mehr dazu, denn da geschah es: Jochen sackte ab, und Franz, der sich mit seiner Hundepaddelei mit Müh und Not selber oben hielt, konnte ihm natürlich nicht helfen. Er schrie, bekam Wasser in den Mund, schluckte, prustete.

Mit einer einzigen Bewegung warf Susanne Schäfer das Frottiertuch ab, tauchte mit einem Hechtsprung ins Wasser, war mit wenigen kräftigen Stößen bei den beiden Jungen, packte sie, einen mit der linken, den anderen mit der rechten Hand und brachte sie, nur mit den Beinen schwimmend, ans Ufer zurück.

Es war nichts Ernsthaftes geschehen. Jochen war grün im Gesicht, mußte spucken und schließlich brechen. Danach fühlte er sich besser. Franz kam sich mächtig tüchtig vor und prahlte mit seiner Heldentat, bis die Lehrerin mit einer Strafarbeit, die sie den beiden Jungen auftrug, auch seinen Übermut dämpfte. Titel der Niederschrift: »Warum ich nicht ins offene Wasser hinausschwimmen darf, wenn ich nicht richtig schwimmen kann.«

Nein, es war nichts Ernsthaftes passiert, aber es war spät geworden, und bis endlich alle angezogen waren, wurde es noch später. Als die Uhr eins schlug, erschrak Susanne Schäfer. Die Kinder hätten jetzt eigentlich schon auf dem Weg nach Hause sein sollen, und doch mußten sie erst noch in die Schule zurück, um ihre Sachen zu holen.

Sie entschloß sich, nicht den Umweg durch den Park zu machen, sondern den kürzeren Weg zu nehmen, auf dem einige Straßen überquert werden mußten. Die Kinder waren hungrig geworden und hatten es jetzt eilig. Sie stellten sich brav in Zweierreihen auf und marschierten los. Alles klappte vorzüglich.

Die letzte Straße, die sie überqueren mußten, war sehr breit und in der Mitte durch eine langgestreckte, schmale Insel aufgeteilt.

Vor dem Fußgängerüberweg versammelte Susanne Schäfer ihre Kinder um sich. »Alles herhören!« rief sie. »Sobald ich euch ein Zeichen gebe … geht ihr hinüber bis zur Insel, und dort wartet ihr auf mich! Habt ihr mich verstanden?«

»Ja!« erscholl es im Chor.

Susanne Schäfer betrat den Fußgängerüberweg, nahm mit ausgebreiteten Armen in der Mitte zwischen Insel und Bürgersteig Aufstellung, winkte den Kindern zu, die jetzt paarweise hinübereilten. Der von rechts kommende Verkehr stoppte.

Sie wartete, bis auch das letzte Kind die Insel erreicht hatte, um dann erst zu folgen – da sah sie, wie eine Gruppe von Mädchen, unter ihnen auch Rosel und Petra, Hand in Hand dem jenseitigen Bürgersteig zustrebten. Sie wollte rufen, unterließ es dann aber doch, um nicht noch größere Verwirrung zu stiften. Sie war verärgert über die Unfolgsamkeit der Schülerinnen, aber durchaus nicht besorgt: schließlich befanden sie sich ganz ordnungsgemäß auf dem Zebrastreifen und waren nicht zu übersehen, Rosels roter Schopf leuchtete wie ein Fanal in der Sonne.

Mit wenigen Schritten hatte die Lehrerin die Insel erreicht, auf der der größte Teil der Klasse wartete, die Autos hinter ihr begannen zu rollen. Rosel, Petra und ihre Kameradinnen waren fast beim jenseitigen Bürgersteig angekommen. Da brauste ein Lastwagen mit überhöhter Geschwindigkeit heran und raste mitten in die Mädchengruppe hinein.

Ein Schrei gellte auf, ein wahnsinniger entsetzter Schrei – Susanne Schäfer wurde es nicht bewußt, daß sie es war, die so schrie.

Die Bremsen quietschten, der Lastwagen fuhr halb über den Bürgersteig, kam viele Meter hinter dem Fußübergang zu stehen.

Auf der Fahrbahn lagen, blutig und verrenkt, die Körper von fünf kleinen Mädchen, die eben noch gesunde, lebendige und lebensfrohe junge Menschenkinder gewesen waren.

Autos, Motorräder, Fahrräder stoppten. Menschen stürzten auf die schwerverletzten Mädchen zu.

Noch in der Besinnungslosigkeit des ersten Entsetzens tat Susanne Schäfer das Vernünftige: sie führte den Rest ihrer Klasse durch die herandrängenden Menschen auf den jenseitigen Bürgersteig.

Aber ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen, als sie befahl: »Lauft zur Schule, holt eure Sachen und dann nach Hause! Beeilt euch und seid vorsichtig. Eure Eltern erwarten euch schon!«

Sie wandte sich ab, taumelte zur Fahrbahn zurück.

Die Neugierigen wichen zur Seite, machten ihr eine Gasse. Sie merkte es nicht. Sie taumelte weiter, fiel neben einem der verstümmelten Kinder in die Knie.

Es war Rosel Wünning. Ihr rechter Arm lag seltsam verrenkt neben ihr, um ihren Hinterkopf mit dem leuchtend roten Haar hatte sich eine Blutlache gebildet, ihr zartes Gesichtchen war schneeweiß. Die hellen kleinen Sommersprossen wirkten jetzt wie dunkle Tupfen.

Susanne Schäfer versuchte instinktiv, ohne zu wissen, was sie tat, den Puls des Kindes zu spüren. Aber die empfand nichts als die unendlich gähnende Leere in ihrem eigenen Herzen, einen saugenden Abgrund, der sie zu verschlingen drohte.

Nicht einmal das grelle Signal des Martinhorns gelangte in ihr Bewußtsein.

Sie spürte kaum die hilfreichen Hände, die sie hochrissen. Ihre Beine waren seltsam taub, gefühllos, wie gelähmt.

Männer in weißen Kitteln, Tragen zwischen sich, liefen hin und her, schafften die schwerverletzten Kinder fort. Dunkle Flecken von Blut blieben auf dem Pflaster.

Ein Mann in Polizeiuniform stand vor Susanne Schäfer, ein geöffnetes Notizbuch in der Hand. Er hatte ein braunes, ausdrucksloses Gesicht. Sie verstand, was er sie fragte.

»Sie sind also die Lehrerin? Nun erzählen Sie mal … wie konnte das denn passieren? Wo haben Sie gestanden … und die Kinder?«

Sie verstand jedes Wort, und sie glaubte sogar, ihm zu antworten. Sie öffnete die Lippen, quälte sich, alles zu erklären, und begriff nicht, daß sie nichts als ein tonloses Würgen herausbrachte.

»Ihren Namen … sagen Sie mir Ihren Namen«, drängte der Polizeibeamte, »den werden Sie doch wissen!«

Im gleichen Augenblick erschien ein Mann im weißen Kittel neben dem Polizisten, ein Mann mit klugen durchdringenden Augen in einem kantigen Gesicht, das beinahe häßlich hätte wirken können, wenn es nicht soviel Güte ausgestrahlt hätte.

»Das hat keinen Zweck, Herr Wachtmeister«, sagte er, »merken Sie denn nicht, daß die junge Dame beim besten Willen nicht aussagen kann?«

»Aber … sie ist doch völlig unverletzt!«

»Körperlich vielleicht, aber seelisch hat sie was abgekriegt. Nervenschock.«

Susanne Schäfer sah die Spritze in der Hand des Arztes, sah sie übermächtig auf sich zukommen – der weiße Kittel, das kantige Gesicht des Polizisten, die Häuser, der eben noch blaue Himmel, alles färbte sich in einem blutigen Rot, das sich rasch verdunkelte, bis tiefe, nachtschwarze Dunkelheit sie gnädig auffing.

3.

Als Susanne Schäfer erwachte, lag sie in einem schmalen Krankenzimmer. Sie sah den Bettisch, den Schrank, das Waschbecken, sah das Kreuz über der Tür und begriff nicht, wo sie war, noch wie sie hierher gekommen war.

Unsicher bewegte sie ihre Glieder unter der weiß bezogenen Decke. Ihr Kopf schmerzte, als wenn er von einem eisernen Ring zusammengepreßt würde. Sie hob die Hand, tastete an die Stirn – sie war nicht fieberheiß, wie sie erwartet hatte, sondern kühl, von leichtem Schweiß bedeckt.

Nein, sie war nicht krank. Aber dann – ein Unfall?

So jäh, daß es sie zurückwarf, war die Erinnerung wieder da: der Zebrastreifen, die Kinder, die zum jenseitigen Bürgersteig hinüber liefen, der Lastwagen, das Quietschen der Bremsen, die verrenkten, beschmutzten, blutenden kleinen Gestalten auf der Fahrbahn.

»Nein«, stöhnte Susanne Schäfer, »nein!« Sie schlug die Hände vor die Augen, als wenn sie so das Bild, das sich tief in ihrem Herzen eingeprägt hatte, auslöschen könnte.

Sie hatte Sehnsucht zu weinen, aber ihre Augen blieben trocken, und das Schluchzen, das sie schüttelte, brachte ihrem Leid keine Linderung.

»Nein, oh, nein!« stammelte sie immer wieder, warf sich zur Seite und barg ihr Gesicht in den Kissen.

Auch als sie hörte, daß die Tür aufging, leichte rasche Schritte sich näherten, brachte sie nicht die Kraft auf, sich umzudrehen.

Sie spürte warme, kräftige Hände auf ihren Schultern, hörte eine männliche Stimme, die ihr vertraut war, obwohl sie nicht wußte, woher sie sie kannte.

»Schaun Sie mich doch an, Fräulein Schäfer, bitte! Ich bin sehr froh, daß Sie aufgewacht sind … fühlen Sie sich besser?«

Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, sah das nicht schöne, aber ungemein sympathische Gesicht des jungen Arztes vor sich.

»Ich bin Dr. Herzog, Wendelin Herzog«, sagte er.

»Meine Kinder«, brachte sie mühsam hervor, »was ist mit meinen Kindern!?«

Er wich dieser Frage aus. »Daran sollten Sie gar nicht denken!«

»Aber ich muß, Herr Doktor … ich muß es wissen! Rosel, Petra, Clärchen … was ist mit ihnen?«

Und als der Arzt schwieg, schrie sie auf: »Sind sie tot?!«

Dr. Herzog setzte sich auf den Rand des Bettes. »Gott hat sie zu sich genommen«, sagte er, »er wird wissen, warum er es getan hat. Es war nicht Ihre Schuld, Fräulein Schäfer.«

»Alle?« fragte sie benommen. »Alle?«

»Zwei sind nur verletzt. Wir haben sie zusammenflicken können.«

»Die Eltern …« Susanne Schäfer richtete sich auf. »Man muß die Eltern benachrichtigen …«

Dr. Herzog legte sanft seine Hand auf ihre Schulter. »Das ist längst geschehen.« Er drückte sie in die Kissen zurück. »Es ist ein Besuch für Sie da. Wenn Sie ihn sprechen möchten …«

»Oskar? Oskar Wünning?«

»Ja.« Dr. Herzog stand auf, gab der Schwester, die sich bisher unbemerkt im Hintergrund gehalten hatte, einen Wink, die Tür zu öffnen.

Ihr Verlobter trat ein.

Unwillkürlich streckte Susanne Schäfer beide Arme nach ihm aus, wie eine Ertrinkende, die auf Rettung hofft. Aber um seinen Mund lag ein fremder Zug, den sie noch nie an ihm gesehen hatte.

Susanne Schäfers Arme sanken, ohne daß es ihr selber bewußt wurde, kraftlos herab. In ihrem schneeweißen blutleeren Gesicht wirkten die grauen Augen übergroß und sehr dunkel.

»Guten Tag, Susanne!« Die Stimme Dr. Oskar Wünnings klang heiser, er räusperte sich. »Na, wie fühlst du dich?«

Sie sah ihn nur an, ihre Lippen bewegten sich, aber sie war außerstande, auf diese unangebrachte Frage zu antworten.

Der junge Arzt mischte sich ein. »Fräulein Schäfer hat einen schweren Schock erlitten«, erklärte er.

Oskar Wünning fuhr herum. »Das haben wir wohl alle!«

»Einen Schock im medizinischen Sinne«, erklärte Dr. Wendelin Herzog sehr beherrscht, »ich kann Ihnen nur wenige Minuten geben. Dr. Wünning, und, bitte, regen Sie die Patientin nicht auf.«

Von einer Sekunde zur anderen war eine feindselige Spannung zwischen den beiden Männern entstanden, für die sie selber keine Erklärung hätten geben können.

»Darf ich Sie bitten, mich mit Fräulein Schäfer allein zu lassen?« fragte der junge Rechtsanwalt eisig.

Dr. Herzog zögerte den Bruchteil einer Sekunde. »Wie Sie wünschen«, sagte er dann, verbeugte sich knapp, wandte sich ab. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.

Susanne Schäfer atmete tief durch. »Oskar …« sagte sie, erleichtert, daß ihre Stimme ihr wieder gehorchte, wenn sie auch immer noch recht zittrig klang.

Oskar Wünning sah sich um, zog den einfachen Stuhl heran, setzte sich. »So ein alberner Wichtigtuer!«

Susanne sah ihn an, zärtlich verfolgten ihre Augen jede Linie seines hübschen, ein wenig zu hübschen, jungenhaften Gesichtes. »Ich bin so froh, daß du gekommen bist, Oskar.«

»Das war doch selbstverständlich«, sagte er. Seine Finger bewegten sich ruhelos, tasteten die Knöpfe seiner Jacke ab, fuhren über die Taschen.

Jetzt, dachte Susanne, jetzt wird er die Verlobungsringe herausziehen! – Denn, so war es abgemacht, er hatte sie gerade an diesem Morgen besorgen sollen.

Aber Oskar Wünning tat nichts dergleichen. »Eine schreckliche Geschichte«, sagte er, ohne Susanne anzusehen, »mein Bruder und meine Schwägerin sind ganz außer sich …«

Eigentlich hatte sie etwas anderes von ihrem Verlobten erwartet. Trost, Ermutigung, Zuspruch. Aber sie zeigte ihre Enttäuschung nicht. »Ja, es ist entsetzlich«, sagte sie.

Oskar Wünning sah immer noch an ihr vorbei. »Wie konnte das bloß passieren?«

In Susanne Schäfers weißes Gesicht stieg eine jähe rote Welle. »Es war nicht meine Schuld, Oskar, du mußt mir glauben, ich …«

Er schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. »Ich weiß, Susanne. Ich wollte dir keinen Vorwurf machen.«

»Es war ein Verhängnis, Oskar.«

»Ja«, sagte er, »man hat den Fahrer gestellt. Fünfzig Meter hinter der Unfallstelle. Der Kerl muß betrunken gewesen sein oder von Sinnen.«

»Wenn ich die Kinder bloß durch den Park zurückgeführt hätte!« rief sie mit erstickter Stimme. »Wir hatten uns im Freibad verspätet, trotzdem … ich werde mir das nie verzeihen.«

Wieder fand er kein gutes Wort für sie. »Daß es ausgerechnet Rosel erwischen mußte …« sagte er nur. Er klemmte die Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger, zerrte daran.

»Sie war immer so lebhaft«, sagte Susanne.

Er ließ die Hand sinken, setzte sich kerzengerade auf, starrte sie an – es war das erste Mal, daß er ihr gerade in die Augen sah, seit er das Krankenzimmer betreten hatte. »Du willst doch wohl nicht etwa meiner Nichte die Schuld an dem Unglücksfall geben?«

»Aber nein, Oskar«, sagte sie erschrocken, »natürlich nicht, nur …« Sie stockte, wagte nicht, weiterzusprechen.

»Na, da bin ich dir aber immerhin noch sehr dankbar«, sagte er mit einem Sarkasmus, der ihr an ihm völlig ungewohnt war, »ich dachte schon …«

»Nein, nein! Die Kinder befanden sich ja auf dem Zebrastreifen, hatten den Bürgersteig schon fast erreicht! Wer konnte ahnen, daß …«

»Du, als Lehrerin«, sagte er, sehr langsam, jede Silbe betonend, »hättest eine solche Möglichkeit zumindest in Betracht ziehen müssen!«

Susanne Schäfer zuckte zusammen, als wenn sie einen Schlag bekommen hätte, starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an, die fast schwarz vor Erregung waren.

»Verzeih«, sagte er sofort, »verzeih, Liebling! Ich bin so durcheinander. Diese Aufregung … und diese Szene zuhause, du kannst dir das nicht vorstellen! Ich weiß selber schon nicht mehr, was ich rede.«

Sie glaubte ihm, weil sie ihm glauben wollte. »Ja, Oskar, ja … ich verstehe dich! Es ist … es ist alles so ungeheuerlich, daß man … man weiß einfach nicht, wie man sich dazu stellen soll.«

»Wir alle brauchen Zeit, um damit fertig zu werden.«

»Wann ist die Beerdigung?«

»Übermorgen«, sagte er.

»Bis dahin werde ich wieder auf sein.«

Er legte die glatte bräunliche Stirn in waagerechte Falten. »Du hast doch nicht etwa vor, zur Beerdigung zu kommen?«

Sie sah ihn erstaunt an. »Warum denn nicht? Schließlich bin ich die Lehrerin …«

»Ja, schon«, gab er widerwillig zu.

» … und beinahe wäre ich Rosels Tante geworden!«

»Gerade deshalb solltest du nicht …« Er brach ab. »Mein Gott, Susanne, warum machst du es mir denn so schwer! Versuch doch zu begreifen!«

»Was?«

»Man würde in deinem Erscheinen eine Taktlosigkeit sehen.«

Ihre schmalen Hände verkrampften sich in das weiße Laken. »Das verstehe ich nicht«, sagte sie mühsam.

»Sag lieber, du willst es nicht verstehen.«

»Nein, wirklich …«

»Deine Anwesenheit, Susanne, würde in allen … jedenfalls in den Eltern und den Familienmitgliedern der verunglückten Kinder … die schreckliche Wunde neu aufreißen!«

Sie begriff immer noch nicht, oder, besser gesagt, alles in ihr sträubte sich dagegen, zu begreifen. »Aber«, sagte sie mit zuckenden Lippen, »an meinen Anblick werden sie sich doch wohl oder übel wieder gewöhnen müssen! Niemand kann von mir erwarten, daß ich mich in Luft auflöse oder in den Erdboden verschwinde!«

»Das sollst du ja auch nicht. Nur … du mußt den Leuten Zeit lassen.« Er begleitete diese Erklärung mit fahrigen Handbewegungen. »Die großen Ferien beginnen in wenigen Tagen. Bis dahin kannst du dich weiter krank stellen. Und dann … na, dann verreist du einfach irgendwo hin. Bis zu Beginn des neuen Schuljahres ist ja vielleicht schon wieder Gras über die ganze Sache gewachsen.«

»Du willst mich los sein«, sagte sie tonlos.

Er verzog das Gesicht. »Unsinn! Ich versuche nur, dir zu helfen.«

»Indem du mich fortschickst!?«

»Es ist doch nur zu Deinem Besten, Liebling.«

Noch nie hatte ihr das Kosewort »Liebling« so verlogen geklungen wie in diesem Augenblick. »Mach mir doch nichts vor«, sagte sie hart, »ich bin dir völlig gleichgültig.«

»Susanne!«

»Sonst wäre es nicht möglich, daß du unsere Verlobung einfach unter den Tisch fallenlassen könntest!«

Er stand auf. »Du bringst es also tatsächlich fertig, in dieser Situation noch an eine Verlobungsfeier zu denken?«

»Ich will keine Feier«, sagte sie wild, »ich habe sie nie gewollt, und das weißt du ganz genau! Ich möchte nur wissen, ob das wahr war, was du mir gesagt hast … ob du mich liebst! Aber nein, es kann nicht wahr sein, denn sonst würdest du jetzt ja bedingungslos zu mir halten, gerade jetzt, und nicht versuchen, mich abzuschieben!«

»Solange du dich in diesem Zustand befindest«, erklärte er steif, »hat es wohl keinen Zweck, sich länger mit dir zu unterhalten!« Er versuchte, seinen Zügen Würde und Überlegenheit zu geben, aber er konnte das unruhige Flackern seiner Augen nicht unter Kontrolle bringen.

»Oskar!« rief sie.

»Bis bald, Susanne!« Er näherte sich der Türe.

Bis zur letzten Sekunde hatte sie sich an die Illusion geklammert, daß alles ein Irrtum sein müßte. Sie hatte gehofft, so heiß gehofft, daß er sie in die Arme reißen, ihre Zweifel ersticken, ihr seine Liebe versichern würde.

»Nein!« schrie sie außer sich. »Geh nicht!« Sie warf die Bettdecke ab, lief ihm nach – in einem knöchellangen gestreiften Krankenhausnachthemd, dessen Ärmel ihr über die Handgelenke rutschten.

Oskar Wünning hatte die Klinke schon in der Hand, jetzt aber blieb er unwillkürlich stehen, wandte sich zu ihr um.

Aber sie erreichte ihn nicht. Schon nach zwei Schritten taumelte sie, drehte sich um die eigene Achse und sank lautlos in sich zusammen.

Er wollte zuspringen, aber er reagierte zu langsam. Sie schlug zu Boden, ehe er sie erreichte.

»Susanne«, stammelte er entsetzt, »Liebling, Susanne …«

Er wurde beiseite gestoßen. Dr. Herzog hatte das Zimmer betreten, überschaute mit einem einzigen Blick die Situation, beugte sich über das ohnmächtige Mädchen. »Da haben Sie ja was Schönes angerichtet, Herr Rechtsanwalt«, sagte er grimmig.

»Ich wußte ja nicht … ich wollte nicht …«

Dr. Herzog beugte sich über Susanne, hob sie mit beiden Armen hoch, trug sie zum Bett, ließ sie sanft nieder. Dann wandte er sich zum Nachttisch, klingelte nach einer Schwester. Sein Blick fiel auf Dr. Oskar Wünning.

»Was machen Sie denn noch hier?« fragte er schroff. »Nein, erklären Sie mir nichts. Es ist besser, Sie verschwinden jetzt, bevor sie noch mehr Unheil anrichten.«

Und Dr. Oskar Wünning ging, er ging mit gesenktem Kopf und zusammengebissenen Zähnen. – ›Es ist überstanden‹, wiederholte er sich immer wieder, ›ich habe es geschafft.‹

Aber die Erleichterung, die er erwartet hatte, wollte sich nicht einstellen.

4.

Die Beerdigung der kleinen Unfallopfer fand in Abwesenheit ihrer Lehrerin Susanne Schäfer statt. Das fiel umso mehr auf, als außer ihr sämtliche Lehrkräfte der Pestalozzi-Schule auf dem alten Friedhof erschienen waren. Die Schüler und Schülerinnen der 5. bis 8. Klasse sangen einen Choral, zweistimmig, und Rektor Kagerer ergriff nach dem geistlichen Herrn das Wort. Nicht nur die Verwandten der verunglückten Kinder, nicht nur Vertreter der Stadt und der Schule nahmen an dieser Beerdigung teil, sondern die halbe Stadt war erschienen – Kopf an Kopf drängten sich Frauen und Männer in der prallen Sonne, und es war gut, daß auch das Rote Kreuz anwesend war. Eine alte Dame und eine schwangere Frau fielen in Ohnmacht und mußten betreut werden.

Nur Susanne Schäfer war nicht da, und gerade auf sie richtete sich der Hauptteil der allgemeinen Neugier. Nur die wenigsten der Anwesenden betrachteten ihre Abwesenheit als einen Beweis von Takt, die meisten sahen darin ein Zeichen von Schuldbewußtsein, und zwar gerade diejenigen, die ihr Auftreten am offenen Grab als Unverfrorenheit ausgelegt haben würden.

Susanne Schäfer war nicht anwesend, und doch wurde an diesem Tag mehr an sie gedacht und von ihr gesprochen als in ihrer gesamten Dienstzeit in Bad Kreuzfeld.

Tatsächlich hätte die junge Lehrerin nicht erscheinen können, auch wenn ihr Oskar Wünnings Worte keinen Eindruck gemacht hätten. Sie lag immer noch im Städtischen Krankenhaus und war körperlich und seelisch so geschwächt, daß Dr. Herzog ihr die Teilnahme niemals erlaubt hätte.

Aber die Bad Kreuzfelder waren nicht bereit, ihre Krankheit als Entschuldigung anzuerkennen. »Ja, die macht sich’s leicht«, sagten selbst die Wohlmeinenden unter ihnen, »die legt sich einfach ins Bett und zieht die Decke über die Ohren! Damit läßt sich aber die Katastrophe nicht ungeschehen machen.«

Die Übelwollenden aber bezichtigen sie ganz offen des Leichtsinns und der Verantwortungslosigkeit, der Gleichgültigkeit und der Gewissenlosigkeit. Die wenigen, die versuchen, Vernunft und Gerechtigkeit zu Wort kommen zu lassen, wurden, wie es im Leben meist der Fall ist, überstimmt. Es fehlte ihnen auch an Mut, Susanne Schäfer nachdrücklich zu verteidigen, besonders, da es offensichtlich war, daß die Familie Wünning sie hatte fallenlassen.

»Da stimmt etwas nicht«, hieß es allgemein, »sie und der junge Wünning waren doch so gut wie verlobt. Wenn die Sache sauber wäre, hätte er sich doch bestimmt zu ihr bekannt. Aber er hat sich zurückgezogen, um sich die Finger nicht zu verbrennen. Er ist ja Jurist und weiß, was er tut.«

Susanne Schäfer ahnte zum Glück nicht, was in der kleinen Stadt über sie getuschelt und gestichelt, gehechelt und ganz laut und unverblümt gesagt wurde. Für sie war es schon schwer genug, sich damit abzufinden, daß sie Oskar Wünning verloren hatte – für immer. Denn eine andere Erklärung dafür, daß er sich nicht mehr bei ihr blicken ließ, konnte es nicht geben.

Mit dem Verstand begriff sie die Situation, aber ihr Herz, ihr warmes, sehnsüchtiges Herz, konnte sich nicht fügen.

Jedesmal, wenn sich die Tür ins Krankenzimmer öffnete, tat es ein paar heftige Schläge. »Das ist Oskar!« hoffte sie und – wurde jedesmal wieder enttäuscht.

Dr. Herzog durchschaute sie. »Ich bin’s nur«, pflegte er stets zu rufen, noch ehe er die Tür ganz geöffnet hatte. »der Doktor!«

Und Susanne Schäfer war ihm dankbar dafür; denn so konnte sie sich zu einem Lächeln zwingen, und die Qual, deren sie sich schämte, vor ihm verbergen.

Einmal kam tatsächlich Besuch, ihre Hausfrau, die Witwe Schmitt.

Aber dieser Besuch war für Susanne kein reines Vergnügen.

Frau Schmitt gab sich zwar alle Mühe, sich taktvoll zu benehmen – sie gehörte zu den ganz wenigen Menschen in Bad Kreuzfeld, die fest davon überzeugt waren, daß auf »ihr« Fräulein auch nicht der Schatten einer Schuld fiel – aber sie konnte eine gewisse Genugtuung darüber, daß ihre bösen Ahnungen sich bestätigt hatten, nicht ganz verbergen.

»Machen Sie sich nichts draus, Fräulein«, sagte sie, verlegen am Verschluß ihrer Handtasche nestelnd, »ich hab’s Ihnen ja immer gesagt: die Männer taugen nichts, und diese verwöhnten Jungen aus den sogenannten guten Häusern schon gar nicht! Jetzt ist es ein Schlag für Sie, das kann ich verstehen … aber hören Sie auf meine Worte, eines Tages werden Sie froh sein, daß Sie noch rechtzeitig gemerkt haben, an was für einen Menschen Sie da geraten sind. Vor der Hochzeit ist’s immer noch besser als später.«

Das war kein Trost für Susanne Schäfer, nicht in dem Zustand, in dem sie sich befand. »Was wissen Sie denn schon!« sagte sie heftig.

»Nichts, natürlich nichts«, beeilte sich Frau Schmitt zu versichern, »ich will auch nichts gesagt haben, nur …«

»Sie haben immer etwas gegen Oskar Wünning gehabt! Sie haben ihn nie gemocht, geben Sie es doch zu!«

»Ja, das stimmt schon …«

»Und deshalb ziehen Sie jetzt voreilige Schlüsse! Wie kommen Sie überhaupt darauf, daß Oskar mich enttäuscht hätte?!«

»Na, wegen der Verlobung! Die Wünnings erklären überall, die Verlobungsfeier wäre verschoben. Und was das bedeutet, das kann man sich ja an allen fünf Fingern ausrechnen …«

»Nichts kann man«, sagte Susanne Schäfer, und ihre Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte, »wir wollen bloß die Trauerzeit abwarten. Nun sagen Sie nicht, daß das nicht vernünftig und richtig wäre.«

Frau Schmitt machte große Augen. »Sie wollen ihn also nach wie vor noch heiraten?«

»Ja, und warum nicht?« gab Susanne Schäfer herausfordernd zurück.

»Na, Sie müssen es ja wissen. Ich will mich da nicht einmischen … stände mir ja auch gar nicht zu. Wer bin ich denn schon? Eine dumme alte Frau. Also …« Frau Schmitt stand auf. »Alles Gute, Fräulein Schäfer und … lassen Sie sich Zeit mit dem Gesundwerden! Glauben Sie nur nicht, daß Sie etwas versäumen. Ferien sind ja auch schon. Erholen Sie sich nur recht gut. Ich werd’ mal inzwischen Hausputz in Ihrem Zimmer machen.«

Susanne streckte ihrer Wirtin die Hand entgegen. »Und Sie sind mir nicht böse?«

Frau Schmitt tätschelte Susannes schmale Hand. »Bin ich nicht, Kindchen, nur keine Sorge. Ich kann mir denken, wie es Ihnen zumute ist. Sie haben allerhand mitgemacht. Aber Kopf hoch! Es werden auch wieder bessere Tage kommen.«

Als Frau Schmitt gegangen war, lag Susanne Schäfer lange reglos auf dem Rücken ausgestreckt, starrte zur Zimmerdecke hinauf und versuchte, mit ihren Gedanken ins reine zu kommen.

Die ganze Stadt wußte also schon, daß aus der geplanten Verlobung nichts werden würde. Die Wünnings verbreiteten es überall. Aufgeschoben bis nach Beendigung der Trauerzeit klang plausibel, und es stimmte vollkommen mit der Erklärung überein, die Oskar Wünning ihr gegeben hatte.

Aber sie konnte sich nicht länger der Wahrheit verschließen: er würde sie niemals heiraten. Sein Fernbleiben sprach deutlicher als Worte. Die Verlobung war geplatzt, sie mußte damit fertigwerden. Ein schöner Traum war ausgeträumt.

Sie kämpfte gegen das Schluchzen, das sie in der Kehle würgte. So viele Jahre war sie einsam durchs Leben gegangen, sie würde es auch in Zukunft können. Und ihr blieben ja immer noch die Kinder, ihr geliebter Beruf, die Aufgabe, die sie sich selber gestellt hatte.

Susanne Schäfer atmete tief durch, als an die Tür geklopft wurde. »Ja, herein!«

Die Tür wurde von außen geöffnet. »Ich bin’s nur«, sagte Dr. Herzog, während er eintrat.

Susannes Augen waren weit offen, hielten dem prüfenden Blick des Arztes stand. Mit fester Stimme sagte sie: »Ich habe niemand anderen erwartet!«

*

Sobald sie wieder einigermaßen auf den Beinen war, drängte Susanne Schäfer darauf, das Städtische Krankenhaus zu verlassen. Es zog sie zwar nicht nach Hause – ein wirkliches Zuhause besaß sie ja gar nicht – und sie war sich auch darüber klar, daß sie durchaus nichts versäumte. Aber das schmale, nüchtern eingerichtete Zimmer war ihr verhaßt geworden. Sie hatte hier viel Ungutes erlebt, es war voll böser Erinnerungen.

Immer wieder mußte sie an die niederschmetternde Szene mit Oskar Wünning denken. Auch das Verhör durch zwei Herren der Kriminalpolizei, dem sie sich hatte unterziehen müssen, ging ihr nicht aus dem Kopf. Die Herren hatten Fragen gestellt, viele Fragen, und manche hatten sich mehr als einmal widerholt. Sie hatten sich sehr eifrig Notizen gemacht, waren höflich und sachlich gewesen – aber sie hatten sich mit keiner Silbe darüber geäußert, was sie selber von dem ganzen Fall dachten. Sie hatten Susanne Schäfer mit dem zermürbenden Gefühl zurückgelassen, einen Fehler gemacht zu haben, den sie selber unfähig war zu erkennen, oder einfach etwas Falsches, etwas Belastendes über ihr eigenes Ich ausgesagt zu haben.

Nein, Susanne Schäfer ertrug es nicht länger zwischen diesen engen, kahlen Wänden, sie fühlte sich eingesperrt wie in einer Gefängniszelle, und ahnte nicht, daß ihr durch den Krankenhausaufenthalt einiges erspart geblieben war.

Dr. Herzog hatte sie streng gegen alle unliebsamen Besucher abgeschirmt. Wäre Oskar Wünning ein zweites Mal gekommen, hätte er wohl nicht einmal mehr ihn zu der Patientin gelassen. Vor allem aber achtete er darauf, daß sie durch keinen Reporter belästigt wurde, und das war sehr nötig. Denn in den ersten Tagen nach dem tragischen Unfall waren Zeitungsleute aus aller Welt nach Bad Kreuzfeld gekommen. Sie hatten die Kinder der dritten Klasse befragt, die zufälligen Augenzeugen, und liebend gern hätten sie auch mit der jungen Lehrerin gesprochen.

Aber nun, da mehr als eine Woche verstrichen war, hatte sich das öffentliche Interesse anderen Sensationen zugewandt. Der ›Kindertod von Bad Kreuzfeld‹ machte keine Schlagzeilen mehr.

Dr. Herzog ahnte, was in Susanne Schäfer vorging. Er verstand auch, daß die ungewohnte Untätigkeit an ihren Nerven zerrte. Hier in der Klinik war sie geradezu gezwungen, immer wieder über alles, was ihr zugestoßen war, nachzugrübeln. Was sie brauchte, war Arbeit und Ablenkung.

So überwand er seine Bedenken und schrieb ihr den Entlassungsschein aus.

Der Abschied war kurz. Als er zur letzten Visite kam, erwartete Susanne Schäfer ihn schon fix und fertig angezogen – Frau Schmitt hatte ihr alles Notwendige schon bei ihrem ersten Besuch gebracht. Jetzt stand sie in einem schlicht geschnittenen schwarzen Kostüm vor dem jungen Arzt, das ihr blondes Haar noch heller als sonst leuchten ließ. Sie war ungeschminkt und immer noch sehr blaß; die klaren, grauen Augen waren das einzig Lebendige in ihrem sehr schmal gewordenen Gesicht.

Sie reichte dem Arzt freimütig die Hand. »Leben Sie wohl, Herr Doktor, und haben Sie Dank für alles!«

Er verzog das sympathische, aber durchaus nicht schöne Gesicht zu einer halb verlegenen, halb komischen Grimasse. »Sie brauchen sich nicht zu bedanken, Fräulein Schäfer. Es ist nun mal mein Beruf, den Menschen zu helfen.«

Darauf wußte Susanne Schäfer nichts zu sagen. Sie verabschiedete sich rasch von den Schwestern in Dr. Herzogs Begleitung, nahm ihren Campingbeutel auf.

Aber Dr. Herzog machte noch keine Anstalten, das Zimmer zu verlassen. »Haben Sie schon Pläne für ihre nächste Zukunft, also sagen wir mal, für die Ferien gemacht!«

»Noch nicht«, entgegnete sie ausweichend, »ich lasse alles an mich herankommen.«

»Kein schlechter Standpunkt.« Dr. Herzog strich sich das glatte, rasierte Kinn. »Aber tun Sie mir die Liebe und gehen Sie jetzt nicht zu Fuß in die Stadt. Nehmen Sie sich ein Taxi. Es ist irrsinnig heiß draußen. Ich möchte nicht, daß Sie sich einen Sonnenstich holen …«

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Und gleich wieder zu Ihnen zurückgebracht werde? Nur keine Angst, Herr Doktor, ich kann eine Menge vertragen.«

»Trotzdem halte ich es für richtig, daß Schwester Gerda ein Taxi für Sie bestellt …«

»Ja, gut«, sagte Susanne Schäfer, »aber es genügt, wenn es in etwa zehn Minuten da ist. Ich möchte erst mal zu den beiden Kindern aus meiner Klasse, die mit dem Leben davon gekommen sind …« Als sie den merkwürdigen Ausdruck in Dr. Herzogs Augen bemerkte, fügte sie rasch hinzu: »Die beiden dürfen doch Besuche empfangen oder …?«

»Das schon«, sagte der Arzt mit spürbarem Zögern.

»Also dann …« Susanne wandte sich zum Gehen.

Mit zwei Schritten war Dr. Herzog bei der Tür, öffnete sie ihr. »Wenn es Ihnen recht ist«, sagte er, »möchte ich Sie begleiten!«

»Aber warum denn?« wehrte Susanne ab. »Ich kann doch sehr gut allein …«

»Wenn Sie darauf bestehen!«

»Ja, das tue ich«, erklärte sie mit Nachdruck, »ich habe mich lange genug verpimpeln lassen. Jetzt will ich endlich wieder auf eigenen Beinen stehen.«

Dr. Herzog sagte nichts mehr. Er öffnete Ihr die Türe ganz weit und sie ging hindurch und den langen Flur entlang, sehr aufrecht und mit festen Schritten, und es war ihr, als wenn jetzt und in diesem Augenblick ein neuer Abschnitt ihres Lebens für sie begänne.

5.

Clärchen und Inge, die beiden Überlebenden des Verkehrsunfalls, lagen auf einem Zweibettzimmer in der Kinderabteilung. Eine ältere Schwester wies Susanne Schäfer die Türe.

Einen Augenblick zögerte die junge Lehrerin noch, plötzlich beklommen. Sie hatte Angst vor dem Wiedersehen. Ihr wurde klar, daß sie nicht einmal wußte, wie schwer die Verletzungen der geretteten Kinder waren.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, ihr Knie zitterten – sie war drauf und dran, aufzugeben. Aber sie biß die Zähne zusammen, schob das feste runde Kinn vor. – »Nein, nein, ich darf nicht schwach werden. Nicht schon wieder.«

Mit äußerster Willensanstrengung riß sie die Tür auf, und aus kleinen weißen Betten starrten sie zwei Kindergesichter ganz verdutzt an. Clärchen und Inge trugen beide Verbände um den Kopf, Inges Fuß hing in einer Schiene, unter den Verbänden lugten Clärchens schwarze Locken und Inges blonde Zöpfe hervor. Die beiden wirkten so vertraut und unverändert, daß Susanne Schäfer geradezu fühlte, wie ihre Brust sich vor Erleichterung weitete.

Auch die Überraschung der beiden kleinen Mädchen ging in Sekundenschnelle in helle Freude über.

»Fräulein Lehrer! Fräulein Lehrer!« schrie Clärchen.

Und Inge konnte vor lauter Begeisterung nur ein ganz langes: »Ooooh!« hervorbringen.

»Nicht«, sagte Susanne Schäfer rasch, »bitte nicht in den Betten herumhopsen! Ich bin sicher, der Onkel Doktor hat euch das verboten!«

»Ooch der!« sagte Clärchen. »Der verbietet uns doch immer alles!«

»Nicht mal lesen dürfen wir«, maulte Inge.

»Ja, das ist schlimm«, sagte Susanne Schäfer verständnisvoll, »aber es geht wohl nicht anders. Sicher habt ihr eine Gehirnerschütterung.«

»Quatsch«, widersprach Inge. »ich möchte bloß wissen, woher der Doktor das wissen will! Als wenn der in unsere Köpfe hineinsehen könnte!«

Susanne hatte sich einen Stuhl zwischen die beiden Kinderbetten gezogen, »Jedenfalls sehe ich. daß ihr schon wieder recht munter seid«, sagte sie, »sonst würdet ihr nicht so meutern.«

Clärchen und Inge wechselten einen raschen Blick. Susanne Schäfer sah es wohl, aber sie ahnte nicht, was dieses Zeichen zu bedeuten hatte.

»Fräulein Lehrer«, sagte Inge und ein neuer, ganz unbekannter Ton schwang in ihrer Stimme, »was ist eigentlich mit Rosel, Petra und Susi passiert?«

Auf diese Frage war Susanne Schäfer nicht gefaßt gewesen. Sie spürte, daß ihr das Blut mit einer heißen Welle ins Gesicht stieg. »Wie kommt ihr darauf?« fragte sie und wußte selber, wie töricht diese Gegenfrage war. Es kam ihr nur darauf an, Zeit zu gewinnen.

»Wir hatten doch einen Unfall«, sagte Inge, »nicht wahr, das stimmt doch?«

»Ja«, sagte Susanne Schäfer, und ihr Mund war sehr trocken.

»Wir können uns nämlich nicht mehr richtig erinnern«, erklärte Clärchen, »bloß, daß wir zusammen über die Straße gelaufen sind. Und danach ist’s zappenduster. Aber die Schwestern sagen, wir hatten einen Unfall!«

»Wir kamen vom Schwimmen, nicht wahr?« rief Inge.

»Ja«, sagte Susanne Schäfer wieder, »das stimmt alles.« – Mit Erschütterung wurde ihr bewußt, wie diese Kinder sich wohl den Kopf zerbrochen und sich bemüht haben mochten, den undurchdringlichen Schleier zu lüften, hinter dem sich ihnen die schreckliche Erinnerung verbarg.

»Habt ihr schon mal von den anderen aus eurer Klasse Besuch gehabt?« fragte sie.

»Ja, ein paar waren da.« Inge schob mißvergnügt die Unterlippe vor. »Aber sie waren so komisch. Man konnte sich gar nicht richtig mit ihnen unterhalten.«

»Und von Petra, Rosel und Susi haben sie überhaupt nichts sagen wollen«, ergänzte Clärchen rasch, »und gerade darum denken wir, daß sie …« Sie zögerte und warf hilfesuchend einen Blick zu Inge hinüber.

» … daß sie vielleicht tot sind«, ergänzte Inge mit einer Stimme, die ganz zornig vor unterdrückter Erregung klang.

Susanne Schäfer war nahe daran, die Wahrheit zu sagen. Denn was hatte es für einen Sinn, die Kinder im unklaren zu lassen? Früher oder später würden sie doch auf irgendeine Weise, spätestens zu Schulanfang von ihren Klassenkameraden, erfahren, wie und was alles geschehen war.

Sie hatte schon den Mund geöffnet, um zu einer Erklärung anzusetzen. Aber im letzten Moment hielt sie sich zurück. Sie hatte kein Recht, offen mit den Kindern zu sprechen. Vielleicht wollten es ihre Eltern nicht, vielleicht aber auch hielt es ihr Arzt für unerwünscht, daß sie die. Wahrheit erfuhren.

»Sagen Sie es uns doch, bitte!« drängte Clärchen. »Sie wissen es doch bestimmt, Fräulein Lehrer … und Sie haben uns noch nie belogen.«

Susanne Schäfer sah zwei erwartungsvolle Augenpaare auf sich gerichtet. Ja, sie hatte ihre Kinder noch nie belogen, aber diesmal mußte es sein. Was blieb ihr denn anderes übrig?

»Tut mir leid«, sagte sie, »ich weiß nicht viel mehr als ihr. Ich habe selber bis heute im Krankenhaus hier gelegen.«

»Aber wieso?« rief Clärchen und richtete sich auf dem Ellbogen auf. »Sie sind doch gar nicht verletzt?«

»Nein. Aber ich habe einen Schock bekommen.« Als ihr bewußt wurde, daß die Kinder sich darunter nichts vorstellen konnten, setzte sie erklärend hinzu: »Einen Riesenschreck, und davon bin ich krank geworden.«

Sie war ganz erleichtert, als sie hörte, daß die Tür in ihrem Rücken geöffnet wurde, denn das Gespräch entwickelte sich anders, als sie es erwartet hatte. Sie drehte sich um, in der Erwartung, daß eine Schwester eingetreten war, um ihr zu melden, daß das Taxi wartete.

Aber sie sah sich Frau Hübner, Clärchens Mutter, gegenüber, einer großen mageren Frau in einem formlosen grauen Mantel, einen genauso formlosen grauen Hut auf dem allzu stark gekrausten Haar.

Susanne Schäfer erhob sich sofort, wollte grüßen. Aber sie kam nicht dazu.

»Sie hier?« fragte Frau Hübner und musterte die Lehrerin mit hochgezogenen Augenbrauen von Kopf bis Fuß.

Susanne Schäfer erstarrte unter diesem verachtungsvollen Blick, sekundenlang war sie unfähig, eine Erklärung abzugeben.

Aber Clärchen war nicht auf den Mund gefallen. »Ja, stell dir vor, Mutti«, rief sie unbefangen, »das Fräulein hat uns besucht …ist das nicht prima?«

»Darüber«, sagte Frau Hübner hart, »kann man geteilter Meinung sein.«

Jetzt hatte Susanne Schäfer sich wieder gefangen. »Ich bin selber erst heute entlassen«, sagte sie, »da wollte ich nur … ich hielt es für richtig, nach Clärchen und Inge zu sehen. Schließlich sind die beiden meine Schülerinnen.«

»Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!«

»Was soll das heißen?«

»Daß Sie wohl kaum auf der Pestalozzi-Schule bleiben werden. Jedenfalls, ich werde Ihnen meine Tochter nie wieder anvertrauen. Und die anderen Mütter denken genauso.« Frau Hübner preßte die schmalen Lippen zusammen, auf ihren knochigen Wangen zeichneten sich kreisrunde rote Flecken ab.

»Aber … ich habe doch nichts getan!« rief Susanne Schäfer. »Sie können doch nicht …« Sie unterbrach sich mitten im Satz. Ihr war bewußt geworden, daß die beiden kleinen Mädchen mit gespitzten Ohren lauschten und sich nichts von dieser Auseinandersetzung entgehen ließen.

»Entschuldigen Sie, bitte, Frau Hübner«, sagte sie rasch, »ich werde natürlich nicht wieder hierher kommen, wenn Sie es nicht wünschen.« Sie wandte sich den Kindern zu, sagte mit einem Lächeln, von dem sie selber nicht wußte, wie gequält es wirkte: »Lebt wohl, ihr beiden … und gute Besserung!«

Als Susanne draußen auf dem Gang stand, mußte sie sich einen Augenblick lang gegen die Wand lehnen und tief durchatmen. Wieder war da dieser Druck im Magen und dieses Ziehen in den Beinen.

»Ich darf nicht schlapp machen«, sagte sie halblaut, »ich muß hindurch, mitten hindurch.«

Aber das winzige Fünkchen Freude, das bei ihrer Entlassung in ihr aufgeflackert war, war gänzlich erloschen. Nur graue Asche war übrig geblieben. Sie hatte zu ahnen begonnen, was ihr noch alles bevorstand.

*

In ihrem gemütlich möblierten Zimmer bei Frau Schmitt konnte Susanne Schäfer sich immerhin vorstellen, daß alles beim alten geblieben, die Welt rings herum sich nicht verändert hatte. Aber sobald sie das Haus verließ, wurde es schrecklich.

Wenn sie in das Lebensmittelgeschäft an der Ecke trat, um etwas einzukaufen, wichen die Frauen mit ihren Körben, Netzen und Handtaschen vor ihr zurück. Sie erwiderten ihren Gruß, rasch, wie verlegen, sahen sofort beiseite. Die Verkäuferinnen bekamen rote Köpfe, bedienten sie mit verzerrtem Lächeln. Susanne Schäfer kam sich wie eine Aussätzige vor.

Wenn sie im Kurpark spazierenging – in den ersten Tagen nach ihrer Entlassung tat sie das noch – starrten sogar Fremde sie an. Sie spürte, wie man hinter ihrem Rücken über sie tuschelte.

Die Einheimischen waren noch viel schlimmer. Frauen, mit denen sie sich früher gegrüßt hatte, wichen einer Begegnung aus, indem sie auf die andere Straßenseite hinüber wechselten. Und die Männer sahen einfach durch sie hindurch, als wenn sie Luft wäre. Jeder Ausgang wurde für sie geradezu zu einem Spießrutenlaufen. Sehr rasch kam es so weit, daß sie das Haus überhaupt nicht mehr verließ.

»Ja, das ist schlimm«, sagte Frau Schmitt, die alles verstand, ohne daß Susanne Schäfer ihr irgend etwas zu erzählen brauchte, »die Leute sind nun mal so. Aber ich sage Ihnen, Fräulein, das ist alles nur Dummheit. Sie dürfen sich jetzt nicht verstecken. Dann können die ja wirklich glauben, Sie hätten etwas angestellt.«

»Langsam kommt es mir selber so vor«, sagte Susanne Schäfer bitter.

»So einen Unsinn sollten Sie gar nicht reden! Natürlich waren Sie nicht schuld. Das weiß jeder, sogar die Polizei, und das will was heißen, die tappen doch meistens im dunkeln. Nein, Fräulein, Sie sind unschuldig wie ein neugeborenes Lamm … aber wissen Sie, wem Sie das alles zu verdanken haben?«

Susanne Schäfer, die nicht verstand, wohin diese Frage zielte, schüttelte stumm den Kopf.

»Ihrem sauberen Herrn Wünning! Daß der Sie hat fallenlassen, das war wie ein Signal … das war, als wenn jemand den ersten Stein auf Sie geworfen hätte. Er ist schuld, daß Sie …«

Susanne Schäfer preßte sich beide Hände gegen die Ohren. »Seien Sie mir nicht böse, Frau Schmitt«, sagte sie, »aber über Oskar Wünning möchte ich nicht reden!«

Sie wandte sich rasch ab, ging durch den Flur in ihr eigenes Zimmer, knipste das Licht an, trat ans Fenster, um die Vorhänge zuzuziehen.

In diesem Augenblick geschah es. Ein großer, kantiger Stein flog mitten durch die Fensterscheibe, die klirrend zerbarst. Drunten von der Straße her tönte höhnisches Gelächter herauf.

Susanne Schäfer stand wie erstarrt.

Frau Schmitt, aufgeschreckt von dem Lärm, stürzte ins Zimmer, sah das weiße, entgeisterte Gesicht ihrer Untermieterin, die Scherben auf dem Teppich, überschaute die Situation. Sie drehte das Licht aus, zog die Vorhänge zu, knipste die kleine Schreibtischlampe an.

Susanne Schäfer sah den Stein. Er war gegen den Schrank und wieder zurückgeprallt. Sie hob ihn auf, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Ein Zettel war um den Stein gebunden, ein weißer Zettel, wie aus einem Schulheft herausgerissen. Darauf stand mit häßlichen, verschmierten Druckbuchstaben ein einziges Wort: »Mörderin!«

»Geben Sie her!« Frau Schmitt riß Susanne Schäfer den großen kantigen Stein und den Zettel, der daran gebunden gewesen war, aus der Hand. »Was soll das?! Eine Nachricht?«

Die junge Lehrerin war sekundenlang unfähig, zu sprechen. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie brachte keinen Ton heraus. Sie sah ihre Wirtin mit großen, weit aufgerissenen Augen an, die fast schwarz in dem sehr blassen Gesicht standen.

Frau Schmitt löste den Zettel von dem Stein, mit dem er durchs Fenster geflogen war, glättete ihn, hielt ihn auf Armeslänge von sich. »Mörderin!« las sie und fügte fast im gleichen Atemzug hinzu: »Also … das ist doch wirklich die Höhe! Das werden wir uns nicht bieten lassen, Fräulein!«

Susanne Schäfer schluckte schwer. »Es geht nur mich an, Frau Schmitt«, sagte sie mühsam und war froh, daß ihre Stimme ihr wieder gehorchte, »Sie sind ja nicht damit gemeint.«

»So? Finden Sie?« Frau Schmitts blaue, vom Alter schon ein wenig trüb gewordene Augen blitzten. »Und wem gehört die Fensterscheibe, die diese Lausejungen zerdeppert haben? Und da … schauen Sie sich das an!« Sie fuhr mit dem Finger über die tiefe häßliche Schramme, die der Stein beim ersten Aufprall in das Furnier des Kleiderschranks geschlagen hatte. »Ist das Ihr Schrank oder meiner?«

»Ich werde Ihnen den Schaden bezahlen, Frau Schmitt.«

»Also das hätte gerade noch gefehlt! Als wenn Sie nicht schon genug mitgemacht hätten! Nein, kommt gar nicht in Frage. Bezahlen werden diejenigen, die das Unheil angerichtet haben.« Frau Schmitt drehte sich auf dem Absatz um, marschierte geradewegs zur Türe.

Susanne Schäfer war mit wenigen Schritten an ihrer Seite. »Wo wollen Sie hin, Frau Schmitt?«

»Zur Polizei!« erklärte die alte Dame entschlossen.

»Bitte«, sagte Susanne Schäfer. »bitte, tun Sie es nicht! Das hat doch gar keinen Zweck. Wie sollen die denn herausbekommen, wer den Stein geworfen hat … und selbst wenn sie es wüßten, die denken doch gar nicht daran, mir zu helfen.«

Frau Schmitt blieb stehen, sah die Untermieterin an und fragte erstaunt: »Wie kommen Sie denn darauf?«

Susanne Schäfer senkte unwillkürlich die Augen vor diesem forschenden Blick. »Das wissen Sie doch selber ganz genau.«

»Nichts weiß ich, gar nichts«, erklärte die alte Dame energisch. »Die Polizei ist überzeugt, daß Sie unschuldig sind, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen. Denken Sie doch bloß mal nach … sonst hätte man doch längst Anklage gegen Sie erhoben! Sie lassen sich bloß von dem dummen Benehmen der Leute einschüchtern, aber wenn man darauf was gibt, ist man gleich verloren. Nein, ich weiß genau, was ich tue. Ich gehe zur Polizei. Sie werden sehen, sie wird diesem bösen Spuk eins, zwei, drei ein Ende machen!«

»Aber«, sagte Susanne Schäfer, »es war doch ein Junge! Ein Kind, Frau Schmitt! Sehen Sie sich den Zettel an, er ist aus einem Schulheft herausgerissen … und eine solche Schmiererei, bringt kein Erwachsener zuwege.«

Frau Schmitt untersuchte mit kritischem Auge das zerknitterte Stück Papier. »Na ja, Sie mögen recht haben«, gab sie zu, warf aber sofort wieder den Kopf in den Nacken. »Dann werden eben die Eltern dafür einstehen müssen!«

»Gerade das möchte ich nicht!« erklärte Susanne Schäfer entschlossen, »es ist genug Leid über Eltern und Kinder gekommen. Ich will nicht dazu beitragen, daß es noch schlimmer wird.«

»Denken Sie doch auch mal an sich!« protestierte Frau Schmitt. »Man darf sich nichts gefallen lassen, Fräulein, sonst zieht man immer den Kürzeren … Hören Sie auf mich, ich bin dreimal so alt wie Sie, ich kenne das Leben und die Menschen!«

Susanne Schäfer beugte sich vor, küßte die alte Dame mit flüchtiger Zärtlichkeit auf die Wange. »Vor allem meinen Sie es gut mit mir, und das werde ich Ihnen nie vergessen! Trotzdem … dies ist mein Kampf und mein Schicksal. Lassen Sie’s mich allein ausfechten, ja?« Sie nahm Frau Schmitt den Stein und den Zettel aus der Hand, und die Wirtin ließ es sich widerwillig gefallen.

»Was haben Sie jetzt damit vor?« fragte sie. »Wenn Sie schon nicht zur Polizei wollen, dann sollten Sie einen Rechtsanwalt …« Sie unterbrach sich mitten im Satz, biß sich auf die Lippen, als wenn sie etwas Unpassendes gesagt hätte.

»Sie dürfen Dr. Wünning ruhig erwähnen«, sagte Susanne Schäfer beherrscht, »es macht mir nichts mehr aus.« Sie hatte ihre Stimme ganz in der Gewalt, konnte aber nicht verhindern, daß ihre blassen Wangen sich jäh röteten.

»Gehen Sie zu ihm?«

Susanne Schäfer trat auf den Flur hinaus, nahm ihren Mantel von der Garderobe. »Nein«, sagte sie, »was könnte er mir helfen?« Sie steckte Stein und Zettel in die Manteltasche. »Bis nachher dann, Frau Schmitt … ich werde nicht lange ausbleiben.«

6.

Tief atmete Susanne Schäfer die frische Abendluft in die Lungen. Seit Tagen war sie nicht mehr auf der Straße gewesen, sie fühlte sich plötzlich wieder befreit, alle Angst war verschwunden.

Weit ausschreitend erreichte sie in wenigen Minuten die Kreuznach, einen schmalen kleinen Fluß, kaum größer als ein Bach, der sich teils über-teils unterirdisch durch die alte Stadt und den Kurpark schlängelte.

Auf der Brücke bei der Promenade blieb sie stehen. Sie nahm den Zettel mit der bösen Anschuldigung aus der Tasche, zerriß ihn in unzählige kleine Schnipsel, ließ sie in das hurtig dahinfließende Wasser hinabschweben. Dann holte sie den schweren kantigen Stein heraus, warf ihn mit kräftigem Schwung von sich – die Wellen spritzten hoch auf.

Lange starrte sie in das klare, rasch dahinströmende Wasser. Der Fluß war hier nur sehr niedrig, sie konnte im Licht der Laterne die braunen und grünlichen Steine auf dem Grund sehen.

Aber Susanne Schäfer wußte, daß die Kreuznach draußen vor der Stadt hinter dem Wehr tief und reißend wurde. Im vorigen Jahr hatte man einen jungen Mann dort geborgen, der aus Liebeskummer seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Wer dort einen Sprung wagte, war alle Sorgen los. Der Fluß gab keinen wieder heraus, den er einmal gepackt hatte.

War das der Ausweg? Die Rettung?

Susanne Schäfer war ein gläubiger Mensch. In ihrer Vorstellung war Selbstmord nicht nur Feigheit, sondern auch Sünde.

Und dennoch – was blieb ihr, da alle sich von ihr abgewandt hatten, noch anderes als der Tod? Und was hatte sie sonst verdient, wenn sie wirklich das war, was die Leute von ihr hielten – eine Mörderin? Wie konnte sie weiter leben mit dem Gefühl der Schuld, mit dem Gedanken an die tödlich verletzten kleinen Mädchen, die doch ihr anvertraut gewesen waren?

Susanne Schäfer zitterte nicht vor dem Tod, nicht einmal mehr vor der ewigen Verdammnis. Zu viel war über sie hereingebrochen. Sie empfand es als eine tiefe Beruhigung, als einen wirklichen Trost, daß sie die Kraft haben würde, sich selber zu richten, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gab.

Sie straffte die Schultern und ging weiter.

Sie schritt hoch erhobenen Kopfes aus, ohne nach links und rechts zu sehen, aber auch ohne vor entgegenkommenden Passanten auszuweichen oder auch nur das Gesicht zur Seite zu drehen. Sie wußte jetzt, wie die Stadt über sie dachte, und nahm es hin – die Jungen, die den Stein geworfen hatten, hatten nur das ausgedrückt, was sie von den Erwachsenen gehört hatten.

Das Haus, in dem Rektor Kagerer wohnte, grenzte an den großen Hof der Pestalozzi-Schule. Es war ein weißes Gebäude von fast klassischer Einfachheit, einstöckig, quadratisch, dessen einziger Schmuck in einem schmalen Sims und den knallgrün gestrichenen Fensterläden bestand.

Im Augenblick, da Susanne Schäfer klingelte, drohte Unsicherheit sie aufs neue zu überfallen: wenn Rektor Kagerer nun gar nicht da, wenn er mit seiner Familie verreist war?

Aber dann hörte sie schon leichte Schritte im Inneren des Hauses, das Licht im Treppenhaus flammte auf, die Türe wurde geöffnet. Susanne Schäfer sah sich ihrem Vorgesetzten gegenüber, einem schlanken, zierlichen Mann, dessen graues Haar weit aus der Stirn zurückwich und den Eindruck von ruhiger Intelligenz, den er ausstrahlte, noch verstärkte.

»Guten Abend, Herr Rektor«, sagte die junge Lehrerin, »entschuldigen Sie, bitte, daß ich Sie überfalle …«

Er unterbrach sie. »Ich hatte Sie schon seit langem erwartet, Fräulein Schäfer!« Er ließ sie eintreten, schloß die Tür hinter sich. »Um die Wahrheit zu sagen … es war einer der Hauptgründe, warum ich meine Familie vorerst alleine aufs Land geschickt habe.«

Susanne Schäfer hatte plötzlich das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. »Ich war krank, Herr Rektor … und ziemlich durcheinander, deshalb habe ich erst jetzt …«

Wieder fiel er ihr ins Wort. »Das ist mir völlig klar, Fräulein Schäfer, ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus.«

Er ging vor ihr her, öffnete die Türe linker Hand, die in sein großes, ebenerdiges Arbeitszimmer führte. Der Schein der Schreibtischlampe fiel auf Bücher und Hefte, ließ die Farben eines kleinen handgewebten Teppichs aufleuchten. Bücher, Hefte, Zeitungen, Zeitschriften und Kunstkalender lagen auf den Sesseln.

Rektor Kagerer schaffte für Susanne Platz. »Man merkt, daß die Frau nicht da ist«, sagte er, »ich gehöre leider zu den Männern, die dann ganz schnell wieder in ihre Junggesellenmanieren zurückverfallen … darf ich Ihnen etwas anbieten, Fräulein Schäfer? Vielleicht ein Glas Wein?«

Sie hätte gerne zugestimmt, aber sie wollte ihm nicht noch mehr Mühe machen – sie hatte den Eindruck, daß er nicht recht wußte, wo die Gläser standen, und daß die Küche noch voll benutztem Geschirr war. »Nein, danke«, sagte sie deshalb, »sehr nett von Ihnen.«

Sie setzte sich auf den Stuhl, den er ihr zuwies, sehr aufrecht, die Füße nebeneinander, die Knie aneinander gepreßt. Er zog sich einen Sessel zu ihr heran, rückte an den Gläsern seiner Brille, als wenn er sich noch besser betrachten wollte.

»Tja«, sagte er endlich, »da sind wir in eine schlimme Geschichte hineingeraten.«

Susanne Schäfer atmete tief durch. »Bitte, Herr Rektor, sagen Sie mir ganz ehrlich … war es meine Schuld?«

»Nun ja, vom Standpunkt Goethes ausgehend … wie sagt doch der Dichter? Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt ihr ihn der Pein …«

»Entschuldigen Sie, Herr Rektor«, sagte Susanne Schäfer schärfer, als sie es beabsichtigt hatte, »der Standpunkt Goethes interessiert mich überhaupt nicht. Das ist ja alles schon so lange her.«

Rektor Kagerer hob die schmale Hand. »Und doch ewig wahr. Sehen Sie, Fräulein Schäfer, man kann jedes Geschehen und somit auch diesen entsetzlichen Unfall, von den verschiedensten Aspekten aus betrachten.«

»Das weiß ich«, sagte Susanne Schäfer, »die Leute hier in Bad Kreuzfeld geben mir die Schuld daran … aber ich will wissen, ich muß wissen, was Sie darüber denken, Herr Rektor!«

Rektor Kagerer legte die Fingerspitzen seiner beiden Hände gegeneinander, betrachtete angestrengt seine sehr kurz geschnittenen Nägel. »Nun, es steht fest«, sagte er zögernd, »Sie haben sich Ihrer Aufgabe nicht ganz gewachsen gezeigt. Sie wissen ja selber, daß es auf dem kürzesten Weg zwischen Freibad und Schule einige ziemlich gefährliche Straßenübergänge gibt …«

»Ja, aber, wir hatten uns verspätet! Hätte ich es denn riskieren sollen, daß die Eltern sich Sorgen wegen der Kinder machten?«

»Natürlich nicht«, sagte Rektor Kagerer ruhig, »der Fehler, den Sie tatsächlich gemacht haben, geschah schon früher. Sie hätten die Kinder so rechtzeitig aus dem Wasser treiben sollen, daß Sie auf keinen Fall in Zeitnot hätten geraten können. Man muß immer unerwartete Zwischenfälle, wie etwa das Absakken der beiden kleinen Jungen, miteinkalkulieren, verstehen Sie, wie ich das meine?«

Susanne Schäfer ließ den Kopf sinken. »Ja, Sie haben recht, Herr Rektor. Ich … das Schreckliche ist, ich habe von Anfang an das Gefühl gehabt … es ist meine Schuld. Aber ich wußte nicht, was ich falsch gemacht habe. Erst jetzt, da Sie es mir sagen …« Sie erhob sich. »Ich danke Ihnen, Herr Rektor!«

»Wohin denn so eilig? Aber bleiben Sie doch, Fräulein Schäfer! Wir haben doch gerade erst angefangen, miteinander zureden.«

»Danke. Ich weiß jetzt alles. Alles, was ich wissen wollte.« Susanne Schäfer ging mit hölzernen Schritten zur Türe.

Rektor Kagerer sprang auf, erreichte sie mit wenigen Schritten, packte sie bei den Schultern. Er war einen halben Kopf kleiner als sie, dennoch strahlte sein ganzes Wesen eine Autorität aus, der sich auch die junge Lehrerin nicht entziehen konnte.

»Bleiben Sie und setzen Sie sich wieder!« befahl er. »Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende. Sie werden nicht eher gehen, als ich es erlaube.«

Susanne Schäfer gehorchte. Sie starrte mit blicklosen Augen vor sich auf den bunten Fleckerlteppich. Ohne es selber zu merken, zerrte und drehte sie ihr Taschentuch zwischen den Fingern.

»Ich muß Ihnen das sagen, Fräulein Schäfer«, erklärte Rektor Kagerer, »es sollte Ihnen eine Lehre für die Zukunft sein. Kinder sind unberechenbar. Es ist falsch, sich darauf zu verlassen, daß alles wie am Schnürchen abläuft, wenn man vierzig Kinder beieinander halten muß.«

Susanne Schäfer sagte immer noch nichts. Sie hatte nur den einen Wunsch, daß Rektor Kagerer sie so bald wie möglich gehen lassen sollte. Sie wollte allein sein, keinen Menschen mehr sehen, niemanden mehr sprechen.

Aber Rektor Kagerer ließ nicht locker. »Verstehen Sie, was ich Ihnen sagen will?« fragte er direkt.

Susanne Schäfer nickte stumm.

»Sie haben also einen Fehler gemacht … aber tatsächlich steht dieser Fehler in keinem Verhältnis zu dem, was später passiert ist. Die Art, wie Sie dann mit der Klasse die Straße überquert haben, war völlig korrekt.«

Susanne glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. »Aber dann …«

»Selbst wenn die Klasse wie eine Hammelherde über die Straße gelaufen wäre«, sagte Rektor Kagerer, »hätte der Kraftwagenfahrer rechtzeitig bremsen müssen. Schließlich befanden sich alle Kinder auf dem Zebrastreifen. Nein, eine Schuld im juristischen Sinne kann Ihnen nicht angelastet werden, Fräulein Schäfer … um ehrlich zu sein, nicht einmal eine menschliche. Denn wer möchte schon von einem jungen Mädchen Vollkommenheit erwarten?«

»Aber die Leute«, sagte Susanne Schäfer, »alle sehen in mir die Schuldige. Sie wissen nicht, wie das ist, Sie können es sich nicht vorstellen … man schneidet mich auf der Straße, Was soll ich denn nur tun, um mich zu verteidigen?!« Sie konnte sich nicht länger beherrschen, rief verzweifelt: »Helfen Sie mir, Herr Rektor … nur Sie können mir helfen!«

Rektor Kagerer bewegte sich unruhig. »Nun, ich hoffe, daß unsere Aussprache Ihnen doch in gewissem Sinne Klarheit geschenkt hat …«

»Ja, ja! Ich bin froh, ich bin unendlich froh, daß Sie mich nicht wie die anderen für eine Mörderin halten! Ich hatte schon begonnen, an mir selbst zu zweifeln, ich konnte einfach nicht mehr klar sehen. Jetzt weiß ich endlich wieder …«

Rektor Kagerer fiel ihr ins Wort. »Schön«, sagte er, »sehr schön. Das freut mich ungemein, Fräulein Schäfer. Sie wissen ja, ein gutes Gewissen ist der beste Trost, den es in schweren Zeiten geben kann.«

»Wenn Sie auf meiner Seite stehen«, sagte Susanne Schäfer, »habe ich keine Angst mehr. Dann kann die ganze Stadt sich gegen mich stellen, ich bin sicher, dann muß alles wieder gut werden.«

Rektor Kagerer hatte sich erhoben. Er begann mit großen Schritten, die Hände auf dem Rücken, im Raum auf und ab zu gehen. Sein Schatten wurde übermächtig gegen die weiß gekälkte Rückwand des Zimmers geworfen. »Was Sie da von mir verlangen, Fräulein Schäfer«, erklärte er mit Überwindung, »geht über meine Kräfte. Es würde meine Kompetenzen bei weitem überschreiten. Ich kann in einer solchen Sache nicht Partei ergreifen.«

»Auch, wenn Sie wissen, daß man mir Unrecht tut? Wenn man mit Steinen nach mir wirft? Mich Mörderin schimpft?«

Rektor Kagerer blieb stehen. »Hat man das getan?«

»Ja«, sagte Susanne Schäfer.

»Das tut mir leid, tut mir aufrichtig leid. Aber ich ahnte, daß es so weit kommen würde. Ich ahnte es in dem Augenblick, als ich erfuhr, daß Dr. Wünning sich von Ihnen zurückgezogen hat. Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, das soll keine Kritik an Dr. Wünning sein, ich bin ganz sicher, er wird seine guten Gründe gehabt haben, nur hat er den falschen Moment gewählt.«

Das Taschentuch, das Susanne Schäfer zwischen den Fingern gedreht hatte, zerriß mit einem scharfen Ton – sie merkte es erst, als sie die beiden Fetzen in Händen hielt. »Lassen wir meinen ehemaligen Verlobten aus dem Spiel«, sagte sie scharf, »jetzt geht es um Ihr Verhalten, Herr Rektor! Sie wissen, daß ich schuldlos bin … und dennoch wollen Sie sich weigern, mich zu schützen?«

»Ich bin Leiter einer Schule, es ist meine Aufgabe, über den Dingen zu stehen.« Rektor Kagerer brach ab, fügte in verändertem Ton hinzu: »Außerdem bin ich Familienvater, versuchen Sie, das doch zu begreifen. Ich muß an meine Stellung denken, meine Frau, meine Kinder.«

Sie hatte eine heftige Antwort schon auf der Zunge, da sah sie das Flackern in seinen Augen und begriff: Rektor Kagerer hatte Angst. Sie verstand, daß er sich beim besten Willen nicht von dieser Angst freimachen konnte, obwohl er sich seiner Feigheit schämte und sich seines Versagens bewußt war. Er hatte nicht die Kraft, über seinen Schatten zu springen.

Susanne Schäfer schluckte. »Ich verstehe«, sagte sie trocken, »aber wie soll es nun weitergehen? Wie soll ich nach den Ferien vor meine Klasse treten? Wie soll ich mir Respekt verschaffen? Und werden die Eltern es überhaupt zulassen?«

Rektor Kagerer zuckte die Achseln. »Wie sollte man Sie denn hindern?« fragte er unsicher.

»Das wissen Sie ganz genau. Es lassen sich immer Mittel und Wege finden. Wenn nicht einmal Sie hinter mir stehen, bin ich einfach … ausgeliefert.«

Rektor Kagerer sah an ihr vorbei, schien einen bestimmten Punkt oberhalb ihrer Schulter zu fixieren. »Selbstverständlich werde ich mich bemühen, Sie zu halten, solange es irgend möglich ist«, sagte er ausweichend.

»Und was dann? Herr Rektor, ich habe durch das Unglück viel verloren. Ich will mich nicht beklagen, denn die Eltern der Mädchen sind weit schlimmer dran, ich weiß. Ich bin bereit, jedes Urteil anzunehmen, wenn es zu einer Verhandlung gegen mich kommt … aber ich bin nicht bereit, mich ohne Gerichtsverhandlung und ohne Urteil in Acht und Bann tun zu lassen. Ich bin nicht bereit, meinen Beruf aufzugeben …«

»Aber nein, das verlangt doch auch niemand von Ihnen!«

»Nicht?« Susanne Schäfer hatte einen seltsam bitteren Geschmack im Munde. »Dann habe ich Sie wohl falsch verstanden.«

»Sie wollen mich falsch verstehen«, erwiderte Rektor Kagerer ärgerlich. »Herrgott, Mädchen, warum machen Sie es mir denn so schwer?! Begreifen Sie denn nicht, daß ich in einer Zwangslage stecke?!«

»Nein, beim besten Willen nicht.«

»Ich kann Ihnen doch nichts befehlen!«

»Das erwarte ich auch nicht von Ihnen«, Susanne Schäfer stand auf, strich sich den Rock glatt. »Ich habe Sie um einen Rat gebeten, Herr Rektor … was soll ich tun? Wie soll ich mich jetzt verhalten?«

Rektor Kagerer fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen. »Am besten wäre es natürlich, Sie würden um eine Versetzung eingeben!«

Susanne Schäfers Augen wurden sehr groß. »Ich soll … fliehen? Obwohl ich nichts verbrochen habe?«

Er fuhr sich mit der Hand in den Kragen. »Warum müssen Sie immer alles so übertreiben! Von Flucht kann doch keine Rede sein. Ich meine einfach … ziehen Sie sich vorläufig zurück, nur solange, bis die Gerichtsverhandlung stattgefunden hat. Ich bin sicher, dann werden Sie rehabilitiert, die Gemüter werden sich inzwischen beruhigt haben … glauben Sie mir doch, Fräulein Schäfer, das wäre die beste Lösung für alle!«

»Besonders für Sie!« sagte sie und um ihre Mundwinkel zuckte es.

»Auch für mich«, gab er unumwunden zu, »ich habe kein Interesse daran, zwischen den Fronten aufgerieben zu werden.«

Susanne schwieg, biß sich auf die Lippen.

»Glauben Sie mir«, sagte Rektor Kagerer warm, »ich meine es nur gut mit Ihnen. Sie sind zu schwach, diesen Kampf auszukämpfen, auch wenn Sie tausendmal im Recht sind … Sie können es einfach nicht, ganz allein und auf sich gestellt. Ersuchen Sie um Versetzung … die Zeit wird für Sie arbeiten.«

Er ging zum Schreibtisch, zog ein Formblatt unter der Briefmappe hervor.

»Kommen Sie«, sagte er, »füllen Sie das hier am besten gleich aus … ich werde meine Befürwortung darunter setzen. Das Schulamt wird bestimmt verstehen …«

Susanne Schäfer kam langsam näher. »Bis zum Beginn des neuen Schuljahres«, sagte sie, »bleiben noch immerhin vier Wochen … bis dahin könnte sich doch noch einiges ändern.«

Er verstand sie falsch, und sie hatte das Gefühl, daß er es absichtlich tat. »Ich kann verstehen, daß Sie keinen Tag länger als nötig hierbleiben möchten«, sagte er, »aber da kann ich Ihnen glücklicherweise helfen. Auf Schloß Kleeberg beginnt Anfang nächster Woche ein Kurs für Junglehrer und Junglehrerinnen … möchten Sie da nicht teilnehmen? Der Kursusleiter, Professor Silberschmied, ist ein guter Freund von mir, ich könnte …«

Rektor Kagerer redete noch viel, er redete weiter und weiter, aber alles, was er sagte, rauschte an Susanne Schäfers Ohren vorbei. Halb betäubt von der Erkenntnis, daß selbst der Mann, auf dessen unbeugsamen Gerechtigkeitssinn sie sich fest verlassen hatte, ihr nicht helfen konnte und nicht helfen wollte, unterschrieb sie alles, was er ihr vorlegte.

7.

Erst am nächsten Tag, als Susanne Schäfer damit begann, ihre Koffer zu packen, überkam sie ein Gefühl der Erleichterung. Ihr Groll gegen Rektor Kagerer versiegte, ja, sie wurde ihm jetzt geradezu dankbar dafür, daß er sie fortgeschickt hatte. Es war die einzige Lösung. Daß sie nicht von sich aus darauf gekommen war! Wie hätte sie auch vor ihre Klasse treten können, ohne sich jede Sekunde schmerzhaft der drei leeren Plätze bewußt zu sein – wie hätte sie noch mit ihren Kindern zu lachen und zu singen vermocht, nach dem, was geschehen war!

Susanne Schäfer freute sich darauf, endlich dieser Stadt, die ihr so feindlich gesonnen war, den Rücken zu zeigen, ein neues Leben beginnen zu können.

Sie hatte oft bedauert, daß sie keine nahen Verwandten besaß. Jetzt, zum ersten Mal in ihrem Leben, empfand sie es als angenehm. So gab es niemanden, dem sie Rechenschaft ablegen mußte, niemanden, von dem die Trennung schmerzen konnte. Zwar hatte sie sich mit Frau Schmitt, ihrer Wirtin, immer gut gestanden, aber wirklich nahe war sie der um so viele Jahre älteren Frau nie gekommen. All die freundlichen Erinnerungen, die sich an ihr gemütliches Zimmerchen knüpften, wurden von dem überschattet, was zuletzt geschehen war. Die Schramme im Furnier des Kleiderschrankes war nicht zu übersehen und hatte sie wieder und immer wieder, auch nach Monaten und Jahren, dessen war Susanne Schäfer sich gewiß, an den tragischen Unglücksfall erinnert und den Haß, der ihr danach entgegengeschlagen war.

Frau Schmitt half ihr beim Packen. Sommerkleider, Badeanzüge, alles, was sie auf Schloß Kleeheim brauchen konnte, kam in einen großen Koffer. Wintersachen, Bücher, Kissen, Decken und all der viele Krimskrams, der sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte, fand in einer Kiste Platz, die Frau Schmitt nachschicken wollte, sobald Susanne Schäfer sie ihre künftige Daueradresse wissen ließ.

Die junge Lehrerin hätte erst am Sonntagabend in Schloß Kleeberg sein müssen, aber sie zog es vor, schon am Freitag zu fahren. Es war ihr schmerzhaft bewußt geworden, daß sie nichts, aber auch gar nichts mehr in Bad Kreuzfeld zurückhielt.

»Machen Sie’s gut, Fräulein«, sagte Frau Schmitt zum Abschied mit erstickter Stimme und tupfte sich verstohlen mit einem Taschentuch die Tränen ab.

»Glauben Sie nur nicht, daß ich Ihretwegen weine, nur … es ist nicht angenehm für eine alte Frau, sich wieder an ein neues Gesicht zu gewöhnen!«

Susanne Schäfer fühlte, daß auch ihr selber die Tränen in die Augen stiegen. Sie umarmte Frau Schmitt hastig, riß sich los und wandte sich ab. Der schwere Koffer polterte hinter ihr die Stufen hinunter.

Bis zum Bahnhof war es eine Viertelstunde zu Fuß. Susanne Schäfer hätte das Stück leicht gehen können, wenn sie nicht den Koffer gehabt hätte. So aber mußte sie ihn bis zur nächsten Ecke schon zweimal von einer Hand in die andere wechseln. Es war ein altmodischer Koffer, sie hatte ihn von ihrem Vater geerbt. Der schmale Griff schnitt ihr in die Handfläche. Zu allem Überfluß ging ein warmer, feiner, aber unablässiger Nieselregen nieder.

Sie entschloß sich, ein Taxi zu nehmen. Aber als sie den Stand an der Ecke erreichte, war er leer. Es war fünf Uhr nachmittags. Anscheinend waren alle Taxis augenblicklich unterwegs.

Der Regen machte Susanne Schäfer nichts aus. Aber sie begann nervös zu werden. Die Zeit verstrich, und es wurde von Minute zu Minute unwahrscheinlicher, daß sie den Zug noch erreichte. Das wäre an sich nicht schlimm gewesen, denn bis zum Kursanfang waren ja noch ein paar Tage Zeit – aber die Vorstellung, zurückkehren, Frau Schmitt alles erklären zu müssen, war einfach peinigend für sie. Susanne Schäfer war nicht abergläubisch, dennoch schien ihr ein so mißglückter Anfang als ein böses Zeichen.

Sie wußte nicht mehr: sollte sie nun warten und hoffen, daß sie doch noch ein Taxi bekam, oder sollte sie alle Kraft zusammennehmen und versuchen, den Bahnhof zu Fuß zu erreichen?

Sie entschloß sich weiterzugehen. Nichts konnte unerträglicher sein, als dies untätige Warten. In der einen Hand den Schirm, schleppte sie den schweren Koffer verbissen voran, der ihr bei jedem Schritt gegen die nassen Beine schlug.

Ein Auto fuhr nahe an den Bürgersteig, ein Schwall Wasser schlug aus dem Rinnstein gegen ihre Füße. Mit dem Koffer in der Hand konnte sie nicht beiseite springen, und es wäre auch zu spät gewesen. Aber sie hob den Kopf, hatte den Mund schon geöffnet, um ihrer Empörung Luft zu machen, da begegnete ihr Blick Dr. Oskar Wünnings Augen.

Er hatte seinen Wagen neben ihr zum Stehen gebracht, hatte das Fenster heruntergekurbelt und steckte den Kopf heraus.

»Hallo, Susanne« sagte er in einem Ton, als wenn niemals Liebe und niemals Entfremdung zwischen ihnen gewesen wäre, »kann ich dir irgendwie behilflich sein?«

Sie hatte das ablehnende Nein schon auf der Zunge, aber noch rechtzeitig wurde ihr klar, daß die Situation ihr keinen Stolz erlaubte, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, sich lächerlich zu machen.

»Ich bin auf dem Weg zum Bahnhof«, sagte sie mit steifen Lippen.

Er öffnete ihr von innen die Tür. »Steig ein! Ich bringe dich hin.«

Sie verstand, warum er nicht ausstieg, ihr dabei half, den Koffer auf die hinteren Sitze zu wuchten – nicht aus Unhöflichkeit, sie hatte niemals einen Menschen mit besseren Manieren kennengelernt als den jungen Dr. Wünning – nur aus dem einzigen Grunde, um nicht von neugierigen Augen mit ihr zusammen gesehen zu werden. Wenn die Straße bei dem Dauerregen nicht so gut wie menschenleer gewesen wäre, hätte er wohl gar nicht bei ihr angehalten.

Als sie sich neben ihn setzte, hielt sie sich bewußt so nahe wie möglich neben der Tür, wahrte Abstand. Wenn er es merkte, so verlor er doch kein Wort darüber.

»Fährst du in die Ferien?« fragte er.

»Zu einem Kurs«, erwiderte sie kurz angebunden.

»Sehr vernünftig«, sagte er, und als sie von sich aus nichts dazu beitrug, das Gespräch fortzuführen, setzte er hinzu: »Ich kann mir vorstellen, daß die letzte Zeit hier für dich nicht sehr angenehm war.«

»Ich bewundere dein Einfühlungsvermögen«, erwiderte sie mit einem Spott, der ihr selber weh tat.

Er fühlte sich sofort angegriffen. »Mir kannst du keinen Vorwurf machen«, sagte er rasch, »du ahnst nicht, wie gerne ich dir geholfen hätte.«

»Aber dir waren die Hände gebunden.«

»Ja. Ich weiß, daß du das nicht verstehst. Du hast ja nie ein richtiges Familienleben gekannt, du weißt nicht, wie das ist. Ich konnte mich nicht gegen meine Eltern stellen, gegen meinen Bruder, gegen meine Schwägerin, ich konnte nicht rücksichtslos auf ihren heiligsten Gefühlen herumtrampeln!«

Der Regen schlug gegen die Windschutzscheibe, die Wischer arbeiteten unablässig. Susanne war es, als wenn der Himmel die Tränen vergoß, die sie selber zurückhalten mußte.

»Ich mache dir gar keinen Vorwurf«, sagte sie, »warum verteidigst du dich?«

Jetzt wandte er sich ihr für den Bruchteil einer Sekunde zu – sein hübsches Gesicht mit den dunklen Sommersprossen auf dem Nasenrücken, dem schmalen schwarzen Schnurrbart, den ausdrucksvollen Augen, und es war ihr, als wenn das Herz sich in ihrer Brust zusammenkrampfte.

»Du denkst nur an dich«, sagte er anklagend, »ja, vielleicht noch an die Kinder, die es getroffen hat … aber wie es mir zumute ist, ist dir ganz und gar gleichgültig. Glaubst du, ich könnte leichten Herzens auf dich verzichten? Ich liebe dich doch, Susanne …«

»Nein«, sagte sie hart, »nein, Liebe war es nie.«

Er wandte sich von ihr ab, sah starr geradeaus in den strömenden Regen. »Ich möchte mich nicht mit dir streiten.«

Plötzlich ertrug sie es nicht mehr. »Bitte«, sagte sie, »bitte, Oskar … laß mich aussteigen!«

»Ich denke nicht daran«, erwiderte er, ohne sie anzusehen, »ich habe Versprochen, dich zum Bahnhof zu bringen, und das werde ich auch tun.«

Sie begriff, daß jeder Widerstand sinnlos war, ließ sich in das Polster zurücksinken, machte sich ganz klein, versuchte geradezu, in sich zusammenzusinken.

»Wann kommst du wieder?« fragte er nach einer langen lastenden Pause.

»Nie!« stieß sie hervor.

Er lachte unfroh auf. »Mach keine Witze … ich habe das ernst gemeint.«

»Und ich habe ganz ernst geantwortet. Ich komme nicht mehr nach Bad Kreuzfeld zurück. Ich bin um meine Versetzung eingegangen.«

»Das hättest du nicht tun sollen!« erwiderte er impulsiv.

»Und warum nicht, bitte?«

»Weil … nun ja, eben …« Er wurde sehr verlegen, geriet ins Stottern. »Es wäre mir fürchterlich!« brach es endlich aus ihm heraus.

Sie drückte die Hände fest gegeneinander, damit sie nicht zitterten. »Es ist schon entschieden«, erklärte sie gepreßt.

Er trat auf die Bremse, brachte das Auto am Straßenrand zum Stehen. »Wie konntest du, Susanne!« rief er mit unterdrückter Erregung. »Warum hast du mich nicht wenigstens vorher gefragt? Wir hätten doch alles in Ruhe besprechen können und …«

Sie unterbrach ihn. »Du kamst ja nicht mehr zu mir.«

»Ja, aber nur weil … ich wollte dich nicht quälen, dich nicht und mich nicht. Es war doch alles so verfahren. Ich wollte einfach Zeit vergehen lassen, bis meine Schwägerin sich beruhigt hatte …« Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, auf der winzige Schweißtröpfchen standen.

»Das hast du nun ja auch getan«, erklärte sie mit einer Beherrschung, die sie unendliche Überwindung kostete, »und ich mache dir keinen Vorwurf daraus. Aber du solltest doch auch verstehen, daß ich inzwischen meine eigenen Entschlüsse fassen mußte.« Sie atmete krampfhaft durch. »Ich konnte nicht länger bleiben, Oskar, nicht in dieser Stadt, wo alle Leute mit dem Finger auf mich zeigen. Hättest du dich auf meine Seite gestellt …«

»Aber das konnte ich nicht, versteh doch endlich!« Er schrie es fast heraus. Sein bräunliches ebenmäßiges Gesicht war gerötet, vor Leidenschaft verzerrt.

Noch nie hatte sie ihn so gesehen. Sie empfand plötzlich Angst vor ihm. »Natürlich, ich verstehe es ja«, sagte sie schwach, »aber, bitte, laß mich jetzt aussteigen … es sind ja nur noch wenige Schritte bis zum Bahnhof.«

Sie drehte am Türgriff, hatte ihren Fuß schon nach draußen geschoben, da riß er sie zurück – mit einer Kraft, die sie ihm nie zugetraut hätte und die sie erschreckte.

»Nein«, zischte er dicht an ihrem Ohr, »nein, so kommst du mir nicht davon, so lasse ich dich nicht gehen …«

»Oskar!« rief sie entsetzt.

»Du liebst mich … gib zu, daß du mich liebst!«

Sie setzte sich verzweifelt gegen ihn zur Wehr. »Aber Oskar, was soll denn das? Laß mich doch los …«

»Erst wenn du mir sagst, daß du mich liebst!«

»Ja!« schrie sie ihm ins Gesicht. »Aber jetzt gib mich frei … bitte!«

Aber er preßte seinen Mund auf ihre Lippen, und seine Küsse weckten eine Leidenschaft in ihr, die sie sich selber verbot. Sie trat nach ihm, stemmte die Fäuste gegen seine Brust. Aber er lockerte seinen Griff nicht um Millimeter.

Endlich gab er ihren Mund frei. »Wir lieben uns«, keuchte er, »nichts kann uns trennen … sag mir, versprich mir, daß nichts uns trennen kann!«

»Nicht, wenn du mich liebst«, flüsterte sie.

Mehr als alles! Oh, Susanne, du ahnst nicht, was für eine Hölle ich durchgemacht habe. Aber jetzt ist alles wieder gut. Wir fahren zusammen fort … jetzt auf der Stelle!«

Sie wagte es nicht, diesem unverhofften Glück zu trauen. »Das willst du wirklich?«

Dr. Oskar Wünning hatte beide Hände um ihre Schultern gelegt, umklammerte sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit. »Ja«, sagte er, »ich will es. Wir fahren zusammen fort, noch heute … das hast du dir doch immer gewünscht!«

»Ja«, hauchte Susanne Schäfer, »ja …« Sie hielt die Augen geschlossen, wagte nicht, ihn anzusehen. Ihr war es, als wenn das Übermaß dieses unverhofften Glückes sie zu erdrücken drohte.

Er küßte sie noch einmal, lang und innig, dann riß er sich loß, schaltete, gab Gas. »Du hast dein Gepäck ja bei dir«, sagte er, »ich werde nicht erst nach Hause fahren, um mir meine Sachen zu holen. Eine Zahnbürste und einen Schlafanzug kann man ja überall kaufen.«

Sie öffnete die Augen. Der Regen schlug noch immer gegen die Windschutzscheibe, aber jetzt gab das Unwetter ihr das Gefühl, bei dem Mann, den sie liebte, geborgen zu sein. Sie lächelte zaghaft zu ihm hinüber. »Und einen Rasierapparat«, sagte sie, und in ihrer Stimme klang immer noch die verhaltene Erregung.

Er ging auf ihren leichten Ton ein. »Wenn es dich stört, daß ich übers Wochenende unrasiert herumlaufe.«

»Mich stört nichts an dir«, sagte sie glücklich, »gar nichts.«

Der Bahnhof tauchte rechterhand auf, ein rotes Backsteingebäude mit grauen Simsen, die nicht einmal der Regen mehr weißwaschen konnte, verschwand hinter ihnen im Regen.

»Wo soll denn dein Kurs stattfinden?« fragte er.

»Im Schloß Kleeberg.«

»Ach so«, sagte er, »das kenne ich. Aber doch nicht etwa schon morgen?«

»Nein«, erklärte sie arglos, »erst Montag. Ich wollte nur früher fahren, weil … ich konnte es einfach nicht länger hier aushalten. Ich war so unglücklich.«

Er tätschelte mit der rechten Hand leicht ihr Knie. »Jetzt ist es ja vorüber, Liebling!«

»Ich bin so froh … so froh, daß wir uns noch getroffen haben!«

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290 p. 1 illustration
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9788711718698
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