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Marie Louise Fischer

Das gefährliche Leben der Monika Berg

Saga Egmont

Das gefährliche Leben der Monika Berg

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1976 by Lübbe Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718469

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk — a part of Egmont www.egmont.com

1

Gestem war meine erste Jugendschutzstreife. War ich aufgeregt? Sehr. Es bedeutete soviel für mich. Mehr noch als meine bestandenen Prüfungen, mehr als meine Einführung ins Amt. Es war sozusagen meine Feuertaufe. Es kommt mir vor, als wenn ich erst seit gestern richtig dabei wäre.

Selbstverständlich habe ich es mir nicht anmerken lassen. Ich weiß von der Polizeischule her, daß die männlichen Kollegen eine Frau am liebsten nicht ernst nehmen möchten. Andere haben Angst, wir könnten sie überrunden. Eine weibliche Vorgesetzte zu kriegen, das ist ihr Alptraum. Na ja. Wahrscheinlich nicht nur bei der Polizei. Man muß sich hier besonders zusammenreißen und darf sich keine Blöße geben.

Deshalb habe ich mir auch lange überlegt, was ich anziehen sollte. Mein Hosenanzug wäre am praktischsten gewesen, hätte aber möglicherweise zu emanzipiert gewirkt. Man kann nie wissen. Deshalb habe ich mein braunes Gabardinekostüm gewählt, darunter eine hellgrüne Polobluse, braune Sportschuhe, braune Umhängetasche — auf den Regenschirm habe ich verzichtet, obwohl es nach Regen aussah. Der hätte womöglich wieder zu weiblich ausgesehen. Mëin dunkles Haar habe ich mir im Nacken mit einer Spange zusammengesteckt.

Als ich einen letzten Blick in den Taschenspiegel warf, bevor ich aus meinem kleinen Auto stieg — ich hatte mit viel Glück einen Parkplatz in der Damenstiftstraße gefunden —, war ich mit meinem Aussehen zufrieden. Ich wirkte zwar ein bißchen blaß ohne jedes Make-up, aber meine Haut war glatt und meine Augen blickten klar, obwohl ich schon acht Stunden Dienst hinter mir hatte. Daran, daß mein Mund ein bißchen zu groß ist, habe ich mich in den dreiundzwanzig Jahren meines Lebens gewöhnen können. Dafür sind die Zähne gesund. Wenn ich lache, bekomme ich Grübchen und sehe entschieden jünger aus. Deshalb war ich fest entschlossen, nicht zu lachen.

Die Kollegen der Kriminal- und der Schutzpolizei waren schon alle im Polizeirevier 23 auf dem Hauptbahnhof versammelt. Ich kannte keinen von ihnen. Herr Schmitt, der Einsatzleiter — er nannte seinen Titel nicht, aber ich tippte auf Polizeihauptkommissar —, machte mich mit den einzelnen Herren bekannt. Sie waren alle in einer Art Räuberzivil erschienen.

Ich war so gespannt auf das, was kommen sollte, daß mir die Namen zu einem Ohr herein- und zum anderen wieder hinausgingen. Es waren an die zehn Herren, und ihre Gesichter waren auch nicht allzu einprägsam.

Nur einer machte eine Ausnahme. Er hielt meine Hand lange fest, wie in einem Schraubstock, sah mich mit einem halb freundlichen, halb spöttischen Lächeln an und wiederholte seinen Namen. »Heller«, sagte er, »mit Vornamen Mark … das ist leicht zu behalten, Sie brauchen bloß an Mark und Pfennig zu denken … Mark Heller!«

Ich verkniff mir eine Erwiderung. »Danke für die Gedächtnisstütze«, sagte ich nur.

Dieser Mark Heller war genau der Typ, den ich nicht ausstehen konnte: groß, schlank, breitschultrig, scharfgeschnittenes Gesicht, blondes Haar, sehr schick angezogen in einer schwarzen Cordsamthose, rotem. Rollkragenpullover, Wildlederschuhen und — wie könnte es anders sein — mächtig von sich eingenommen. Es gab eine Zeit, in der ich auf so etwas hereingefallen wäre, aber inzwischen habe ich meine Erfahrungen gemacht und eine heilsame Lehre erhalten.

Mark Heller, von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugt, merkte nichts von meiner Ablehnung und klemmte sich ab sofort dicht an meine Fersen.

Wie es den Vorschriften entspricht — sämtliche Verhöre von Mädchen bis zu achtzehn und Jungen bis zu vierzehn Jahren sollen von Beamtinnen durchgeführt werden —, war außer mir noch eine andere Dame mit von der Partie: Frau Lehnert, etwa vierzig Jahre, aus dem Korps der weiblichen Kriminalpolizei, die bis vor einem Jahr ein geschlossener Verein war und nun auf die verschiedenen Ressorts aufgeteilt ist. Sie wirkte sympathisch, selbstbewußt und energisch, wenn auch ein bißchen altjüngferlich.

Frau Lehnert war zusammen mit einem Herrn Wolff vom Jugendamt gekommen, einem gemütlich wirkenden Herrn Mitte Dreißig, mit Brille, beginnender Glatze und Pfeife. Er hatte mit der eigentlichen Razzia nichts zu tun und hätte auf dem Revier warten können, bis aufgegriffene Jugendliche eingeliefert wurden. Doch er zog es vor, zuerst einmal mitzufahren.

Kurz nach zweiundzwanzig Uhr verteilten wir uns in die Streifenwagen, die bekannten grünen Kastenwagen mit vergitterten Fenstern und vier Bankreihen hintereinander. Ich kletterte in den ersten Wagen, Isar neun, in dem der Einsatzleiter sich schon neben den Fahrer gesetzt hat. Er gibt der Funkzentrale durch, daß es losgeht. Mark Heller quetscht sich, wie könnte es anders sein, neben mich. »Komisch, daß ich Sie noch nie gesehen habe«, sagt er.

»Nicht so komisch«, erwidere ich, »ich bin noch nicht lange dabei.«

»Machen Sie so etwas heute etwa zum erstenmal mit?«

»Ja. Wünschen Sie sonst noch Auskünfte?«

Er ist gar nicht beleidigt, sondern lacht nur. »Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zur Polizei zu gehen?«

Ich hätte Lust, ihm eine runterzuhauen. »Aus denselben Gründen wie Sie wahrscheinlich!«

»Glaube ich Ihnen nicht. Ich bin zur Polizei gegangen, weil man in dem Verein Aufstiegschancen hat wie nirgends. Das trifft aber nicht — oder wenigstens noch nicht — auf das weibliche Geschlecht zu.«

»Vielleicht setze ich darauf, daß das noch kommt«, behaupte ich. Warum soll ich ihm auf die Nase binden, daß ich ein ganz persönliches Interesse daran habe, gefährdete junge Menschen zu schützen und den Verbrechern, die ihre Situation ausnutzen wollen, das Handwerk zu legen. Es geht ihn nichts an, und ich wette, er würde es sowieso nicht verstehen.

»Tun Sie das lieber nicht«, warnt er mich. »Für Damen ist das hier nicht das Richtige. Oder können Sie sich einen weiblichen Einsatzleiter vorstellen?«

»Warum nicht?«

»Sie haben eine ausschweifende Phantasie!«

Ich weiß, daß er all das nicht so meint, wie er es sagt, daß er mich nur ärgern will, um mein Interesse zu wecken. Aber gerade das stört mich. Ich bin kein Objekt für männliche Eroberungslust. Also schweige ich.

Wir brausen durch die nächtliche Großstadt, ohne Martinshorn und Blaulicht zwar, aber in einem ziemlich rasanten Tempo. In einer Kurve werde ich gegen Heller geschleudert, und er benutzt die Gelegenheit, mich festzuhalten. Seine Hände sind warm, sein Griff ist zupackend. Ich befreie mich schleunigst.

Unser Streifenwagen fährt in den Garagenhof einer Tankstelle, wendet und hält.

Schmitt setzt sich mit der Funkzentrale in Verbindung.

»Hier Isar neun … Zentrale, bitte melden! Sind auf der Goethestraße … nehmen uns den ‚Vampyr’ vor! Bis jetzt keine besonderen Vorkommnisse. Melden uns anschließend wieder. Ende.«

Wir anderen sind schon hinausgesprungen. Das Trittbrett des Streifenwagens liegt hoch, und Mark Heller bildet sich ein, mir die Hand reichen zu müssen. Natürlich nehme ich sie nicht, bin eine Sekunde unsicher und komme so hart auf dem Betonboden auf, daß ich mir fast den Knöchel verstaucht hätte. Dabei habe ich die Sportprüfung mit Auszeichnung gemacht!

Er grinst, und ich muß mich sehr zusammennehmen, um nicht zu hinken. Aber die Freude mache ich ihm nicht.

Das Wort »Vampyr« zuckt in grellroten Leuchtbuchstaben über dem Eingang des Lokals. Sonst ist alles dunkel, bis auf die Schaukästen, in denen Glanzfotos verschiedene Striptease-Tänzerinnen in unnatürlichen Posen zeigen.

»Bleiben Sie draußen«, sagt Heller, »das da drin ist nichts für Sie.«

Ich werde böse. »Herrje, hören Sie auf, mich wie ein Baby zu behandeln!«

»Der Kollege hat recht«, behauptet Herr Schmitt, »es ist wirklich nicht nötig, daß Sie mitkommen, Fräulein Berg. Wir werden da kaum ein Mädchen oder einen kleinen Jungen aufgreifen.«

Ich will mich auf keinen Fall abschieben lassen. »Warten wir’s ab«, sage ich und dränge mich vor.

»Sie wollen wohl unbedingt was erleben?« frotzelt Heller.

Der Einsatzleiter bestimmt sechs von unserer Mannschaft, darunter auch mich, die Kontrolle durchzuführen, die anderen sollen draußen warten. Ich bin froh, daß ich es geschafft habe. Mein Tatendrang ist groß.

Drinnen ist es kaum heller als draußen. Nur die winzige Bühne wird von verschiedenfarbigen Scheinwerfern erleuchtet. Ein Mädchen im weißen Brautkleid mimt eine Braut in der Hochzeitsnacht und entkleidet sich gekonnt. Die Gäste starren gebannt zu ihr hinauf, die Gesichter im Schatten der kleinen roten Tischlampen.

Während Herr Schmitt noch nach dem Geschäftsführer fragt, um ihm den Zweck unseres Hierseins zu erklären, schwärmen wir schon aus.

Die meisten Gäste sind offensichtlich älter als achtzehn Jahre, viele haben sogar die Mitte des Lebens schon überschritten. Es gibt erstaunlich viele alte Herren und ältere Ehepaare, die anscheinend Erinnerungen auffrischen oder sich anregen lassen wollen. In Zweifelsfällen fragen wir nach den Papieren. Zwei junge Männer werden herausgeholt.

Die Stripperin ist jetzt nur noch mit ellenbogenlangen weißen Handschuhen und einem auf dem blonden Haar festgesteckten Schleier bekleidet. Ich schaue mir nicht gern so was an, aber ich zwinge mich dazu, um Heller zu beweisen, daß ich alles andere als zimperlich bin.

So kommt es, daß ich stutzig werde. Das Gesicht des Mädchens ist derart stark geschminkt, daß man ihr Alter unmöglich schätzen kann. Aber der Körper mit dem kleinen Busen, den schmalen Schultern und dem leichten Bauchansatz kommt mir geradezu kindlich vor.

Mark Heller ist, wie könnte es anders sein, dicht hinter mir.

»Ich schau mal in die Garderobe«, flüstere ich ihm zu.

»Wegen der da?« fragt er mit einer Kopfbewegung zur Bühne. »Ich komme mit!«

Es stellt sich heraus, daß es nur eine einzige Garderobe für die fünf Stripperinnen gibt. Hier sitzen sie schlampig und lustlos herum. Es riecht nach Schweiß und Schminke. Eine schreit auf, als wir eintreteft. Sie wirft einen Schuh nach uns, der Heller fast am Kopf getroffen hätte. Er kann sich gerade noch bücken. Von denen ist keine unter Zwanzig. Ich ziehe ihn rasch wieder auf den Flur hinaus, aber ich habe noch festgestellt, daß es keine andere Tür aus der Garderobe gibt, dafür aber zwei Fenster. Sie sind verriegelt, aber das besagt nichts. Der »Vampyr« liegt zu ebener Erde. Also kann man theoretisch leicht auf den Hof hinaus.

»Jetzt können Sie mich auslachen!« Mark Heller reibt sich die Stirn, dort, wo ihn der Schuh beinahe getroffen hätte.

»Ich bin nicht schadenfroh«, erkläre ich. Tatsächlich bin ich im Augenblick sogar ganz froh, ihn in der Nähe zu wissen.

Jetzt kommt die junge Stripperin von der Bühne. Sie hat sich einen schmierigen Morgenmantel übergeworfen, den sie unter dem Kinn zusammenhält. Unten klafft er weit auseinander und enthüllt ihre langen Beine.

»Lassen Sie mich rein«, sagt sie und will an uns vorbei.

Ich klappe meinen Ausweis auf. »Jugendschutzstreife!«

»Na und?« fragt sie gleichgültig, aber das Erschrecken in ihren runden blauen Augen, deren Lider schwer von den angeklebten Wimpern sind, verrät sie.

»Wie alt bist du?« frage ich.

»Achtzehn«, behauptet sie, aber ich weiß, daß es gelogen ist.

»Zeig mir mal deine Papiere!«

Sie lacht. »Glauben Sie etwa, mein Kostüm hat Taschen?«

»Gut, dann gehen wir zusammen rein.« Ich öffne die Tür zur Garderobe.

»Ich bleibe hier«, verspricht Heller. »Sie brauchen bloß einen Laut von sich zu geben, wenn jemand frech wird.«

»Danke.«

Die Stripperinnen starren uns an.

»He, was soll das?« fragt mich eine fette Negerin. »Bist du etwa die Tante von der Kleinen? Oder was?«

»Ich bin Kriminalbeamtin, aber lassen Sie sich durch mich nicht stören. Ich interessiere mich nur für die Kleine.«

Es wird plötzlich still in dem überhitzten Raum.

Das Mädchen hat sich bis zu einem der Schminktische durchgedrängt. Sie macht sich an ihren Sachen zu schaffen, so, als wolle sie ihren Ausweis suchen. Dann, mit einer plötzlichen Bewegung, will sie das Fenster aufreißen.

Ich packe sie beim Handgelenk. »Das hat doch keinen Sinn, wie weit, glaubst du wohl, wirst du in dieser Aufmachung kommen? Es stehen noch sechs Leute von uns draußen.«

Sie gibt sich geschlagen. »Ich habe keine Papiere.«

»Soll das heißen, daß man dich einfach so, ohne lang zu fragen, hier eingestellt hat?«

Sie nickt mit zusammengepreßten Lippen.

»Und du bist auch noch keine achtzehn. Hör auf zu lügen. Wir werden dich mit auf die Wache nehmen und so oder so alles über dich herausbekommen.

»Fünfzehn«, gesteht sie kaum hörbar.

Das trifft mich wie ein Schlag. Ich habe sie zwar für minderjährig gehalten — aber doch nicht für so jung! Ich habe Mühe, mir mein Mitleid und mein Entsetzen nicht anmerken zu lassen. »Und wie heißt du?«

»Doris … Doris Sieben …«

»Damit du weißt, mit wem du es zu tun hast … ich heiße Monika Berg. Und nun zieh dich mal schön an und pack deine Sachen zusammen.«

Doris hat sich auf den Hocker gesetzt, reißt sich eine ihrer falschen Wimpern ab und blickt mich von unten herauf an. »Wollen Sie mich verhaften?«

»Unsinn! Du bist ja noch ein Kind.«

»Dann, bitte … würden Sie wohl draußen warten, bis ich …?« Ihr Blick ist herzzerreißend. »Es ist mir peinlich, mich vor Ihnen umzuziehen.«

»Das nehme ich dir nicht ab, Doris. Mach keine Geschichten. Also los!«

Mir ist es peinlicher als ihr, ihr beim Umziehen zuzusehen. Aber ich muß es tun, denn dieses Mädchen scheint zu jedem Trick fähig. Ihr weißer, noch so unberührt wirkender Körper wirkt so kindlich, und doch, was mag sie schon alles damit angestellt haben! Fünfzehn Jahre! Ich selbst war immerhin sechzehn gewesen, als ich Conny in die Hände fiel, dem Mann, der mein Leben beinahe zugrunde gerichtet hätte.

Als sie fertig ist, durchstöbere ich ihre Handtasche, ein erbärmliches Ding aus weißem Plastik. Aber es ist nichts darin außer zwei Lippenstiften, einem Kamm, einem schmutzigen zerknüllten Taschentuch, einem Täschchen mit etwas Kleingeld. In einem Seitenfach entdecke ich ein paar größere Scheine und eine Packung mit Präservativen.

Unwillkürlich blicke ich sie an.

Sie wird ein bißchen verlegen, und das zeigt mir, daß sie doch noch nicht ganz verloren ist. In diesem Augenblick entschließe ich mich, sie auf den richtigen Weg zurückzubringen.

2

Knappe zehn Minuten später sitzen wir uns in einem Hinterzimmer des Polizeireviers 23 gegenüber. Nebenan verhört Mark Heller einen der beiden jungen Männer. Auch Herr Wolff vom Jugendamt war mit zurückgekommen. Er erwartet auf der Wache unsere Berichte. Er ist es, der in jedem Fall das letzte Wort über das Schicksal der Aufgegriffenen zu sprechen hat.

Der Raum ist dürftig ausgestattet. Es gibt einen wackligen alten Schreibtisch mit einer Schreibmaschine und einem Telefon darauf, einen hölzernen Sessel mit flachem Polster, einen Stuhl vor dem Schreibtisch und einen in der Ecke. Das ist alles. Ich hätte mich gern in einer angenehmeren Umgebung mit Doris unterhalten. Sie sieht jetzt, abgeschminkt, in Jeans und einem gestreiften Pullover, harmlos, etwas verschüchtert und sehr jung aus. Ihre Hände, Teenagerhände mit abgebissenen Nägeln, spielen unruhig mit der Plastiktasche.

»Möchtest du eine Zigarette?« frage ich.

»Ja, bitte.« Sie nickt eifrig.

Aber ich bin Nichtraucherin und habe keine Zigaretten bei mir. Ich nehme den Telefonhörer ab und rufe in die Wachstube hinüber.

Schon auf der Fahrt habe ich mich mit dem Polizeipräsidium in Verbindung gesetzt und die Bestätigung erhalten, daß ein fünfzehnjähriges Mädchen namens Doris Sieben aus Liebenau als vermißt gemeldet ist.

Ich sage es ihr.

»Das wundert mich«, meint sie.

»Wieso?«

»Ich dachte, meine Eltern wären froh, wenn sie mich loswürden.«

Es ist schwer, etwas darauf zu sagen. Doris einzureden, daß sie sich irrt, scheint mir zu billig. Noch kenne ich ihren Fall ja nicht.

»Es hat zu Hause also Ärger gegeben?« frage ich.

»Das ist doch egal … oder?« entgegnet sie verstockt.

Ich bin froh, daß in diesem Augenblick Mark Heller hereinkommt. Er legt einen Zettel mit Notizen vor mich auf den Schreibtisch. »Mir Scheint, da haben wir einen richtigen Flamingo erwischt«, bemerkt er grinsend.

Mich stört die Art, wie er in Gegenwart des Mädchens über es redet. Trotzdem muß ich ihm danken. Er hat inzwischen genaue Auskünfte über sie eingeholt, und das wird mir im weiteren Gespräch von Nutzen sein.

»Haben Sie vielleicht eine Zigarette?« frage ich.

»Natürlich, ja … hatte ich fast vergessen!« Er hält mir sein Päckchen hin.

Ich lehne ab und weise mit dem Kopf auf Doris.

Sie schenkt ihm einen gekonnten Aufschlag aus ihren großen blauen Augen, die von einem Rest Wimperntusche verschmiert sind. »Das ist aber lieb von Ihnen«, schnurrt sie.

Er gibt ihr Feuer. »Nichts da, Puppe! Spar dir deine Tricks. Ich bin kein Kinderschänder.«

Er zwinkert mir über ihren Kopf zu, bevor er das Zimmer verläßt.

Doris ist wütend. »So ein gemeiner Kerl«, schimpft sie und spielt das gekränkte kleine Mädchen, jetzt offensichtlich um mich zu rühren. »Aber so sind sie eben alle … einfach gemein!«

Sie tut mir leid, aber ich halte es für besser, es ihr nicht zu zeigen. »Diese Abfuhr hättest du dir ersparen können«, sage ich kühl. »Also los … erzähl mal! Warum kneifst du dauernd von zu Hause aus? Hier lese ich, daß es schon das fünfte Mal ist. Mit neun hast du damit angefangen, und diesmal warst du — vom April an — also vier Monate unterwegs!«

Doris ist beeindruckt. »Woher wissen Sie das?«

»Wir können noch mehr über dich erfahren. Alles, was dich betrifft. Wenn ich dich bitte, mir zu erzählen, dann nur, um dir eine Chance zu geben.« Ich werfe wieder einen Blick auf meinen Zettel. »Du hast dich mit deinem Vater nicht vertragen.«

Sie inhaliert tief, hält den Rauch eine Weile an, bevor sie ihn ausstößt. »Ja. Stimmt.«

»Woran lag denn das?«

»Weiß nicht. Er … er mochte mich nie leiden. Nie. Meine Brüder — die sind jünger — dürfen alles. Auf mir wird immer nur herumgetrampelt.«

Mag sein, daß sie sich das einbildet. Es ist aber auch möglich, daß es stimmt. Vielleicht ist sie der Grund gewesen, daß ihre Eltern heiraten mußten, vielleicht wollte ihr Vater immer nur Söhne haben, vielleicht ist sie sogar das Kind eines anderen …

»Dein Vater — was ist er denn?«

»Der arbeitet im Büro.«

»Kaufmännischer Angestellter also?«

»Kann schon sein.« Sie hat die Zigarette zu einem Stummel aufgeraucht und verbrennt sich jetzt fast die Fingerspitzen. Hastig drückt sie ihn aus.

»Und du selbst müßtest doch noch in die Schule gehen?«

»Ja, aber diesen Sommer komme ich raus.«

»Und was möchtest du gern werden?«

»Werden?« Sie sieht mich an, als spräche ich in einer fremden Sprache mit ihr. »Werden? Was kann man schon werden? Heiraten möchte ich. Oder wenigstens einen Mann finden, der sich um mich kümmert.«

»Obwohl du eine so schlechte Meinung von den Männern hast?«

Sie zuckt mit den mageren Schultern. »Stimmt schon. Aber man braucht sie doch.«

Was für ein gleichgültiges, gedankenfaules Wesen! Es juckt mir in den Fingern, sie zu schütteln, um sie zur Besinnung zu bringen! Und dennoch bin ich in ihrem Alter wahrscheinlich nicht viel anders gewesen. Sonst hätte Conny nie eine solche Macht über mich gewinnen können.

»Hast du noch nie daran gedacht«, frage ich beherrscht, »selbst etwas aus deinem Leben zu machen? Dann brauchst du dir nichts mehr von allen möglichen Kerlen gefallen zu lassen. Du könntest dir einen aussuchen, den du liebst.«

»Schön wäre das schon«, sagt sie langsam, und mir scheint es, als wenn ihre Augen einen träumerischen Glanz bekämen.

»Du mußt es nur wollen, und du schaffst es«, behaupte ich.

»Ich kann’s ja versuchen«, erklärt sie bereitwillig — ein bißchen zu bereitwillig.

Ich laß es vorläufig dabei bewenden. »So, und nun erzähl mal, was du in den vergangenen Monaten so alles getrieben hast!«

Doris berichtet, ein bißchen stockend, aber ganz sachlich. Es ist eine tolle Geschichte, die dabei herauskommt. Sie ist während des Frühsommers quer durch die Bundesrepublik getrampt? Per Anhalter. Über die Grenzen hat sie sich nicht gewagt, obwohl sie das gern gewollt hätte. Zwischendurch hat sie immer mal wieder gearbeitet. Aushilfsweise in, verschiedenen Gaststätten. Da sie immer gleich gesagt hat, daß sie nur einspringen will, hat niemand nach ihren Papieren gefragt.

Im »Vampyr« hat sie als Animiermädchen angefangen. Daß sie dann als Stripperin auftreten durfte, war für sie ein großer Aufstieg. Trotzdem hat sie sich auch weiter mit Animieren etwas dazuverdient. Offensichtlich hat man ihre Lage ausgenutzt. Sie wurde schlecht bezahlt. Wenn ein Gast sie aufforderte, ist sie deshalb nach draußen mit in sein Auto gegangen.

Mark Heller steckt den Kopf herein. »Können wir?«

Aber ich muß ihn enttäuchen. Ich bin noch nicht fertig. Ich muß erst noch das Protokoll tippen. Dazu brauche ich alle Adressen, bei denen sie gearbeitet hat. Theoretisch könnte auch morgen noch eine Kollegin tiefer bohren. Aber ich muß einkalkulieren, daß Doris dann vielleicht keine Lust mehr zum Reden hat. Ihre Festnahme wird einen Rattenschwanz von Anzeigen nach sich ziehen, und das ist auch gut so. Alle Menschen, die bedenkenlos und aus bloßem Eigennutz eine Ausreißerin bei sich einstellen, haben Strafe verdient.

Natürlich muß ich sie auch noch fragen, ob sie sich selbst, während sie unterwegs war, strafbar gemacht hat. Aber ich bringe es nicht über mich, ihr eine Falle zu stellen. Das scheint mir zu unfair, gerade jetzt, wo sie Vertrauen zu mir gefaßt hat.

»Du selbst hast doch nichts angestellt«, sagte ich statt dessen.« Ich weiß, daß ich ihr die Antwort sozusagen in den Mund lege, und genau das will ich.

»Wieso?« fragt sie und reißt die Augen auf.

»Du könntest ja zum Beispiel was geklaut haben.«

Sie tut, als verstünde sie erst jetzt. »Nein, bestimmt nicht.«

Mir ist es egal, ob sie lügt oder die Wahrheit sagt. Ich tippe: Eigentumsdelikte liegen nicht vor. Dann ziehe ich das Protokoll aus der Maschine. »So, das hätten wir.« Ich stehe auf.

»Muß ich zu meinen Eltern zurück?« fragt Doris erschrocken. »Bitte, schicken Sie mich nicht dahin!«

»Vorerst bestimmt nicht«, beruhige ich sie, »es hat sich ja erwiesen, daß sie nicht imstande sind, auf dich aufzupassen.«

»Aber … was wird dann aus mir?«

»Das wird das Jugendamt entscheiden. Ich schick dir gleich einen netten Herrn herein, der sich mit dir unterhalten wird.« Ich lächle ihr zu. »Halt die Ohren steif, Doris! Und … versuch bloß nicht wieder zu flirten. Damit erreichst du das Gegenteil!«

Als ich Doris samt meinem Protokoll Herrn Wolff vom Jugendamt übergeben habe, stoße ich im Hausflur mit Mark Heller zusammen, der einen Jungen buchstäblich am Kragen gepackt hält.

»Ein neuer Fall für Sie!« ruft er. »Den haben die Kollegen gerade in der Bahnhofshalle aufgegriffen! Er wollte sich da auf Zeitungspapier schlafen legen.«

Ich sehe mir den Jungen an. Er hat kastanienbraune Locken und grüne Augen. Im Normalzustand, gewaschen und gekämmt, könnte er ganz hübsch wirken, wenn sein Haar auch reichlich kurz, geradezu militärisch kurz geschnitten ist. Jetzt aber sieht er aus wie eine graue Maus. Sein Gesicht, seine Hände und sein Haar, alles ist grau bestaubt; er hält den Blick gesenkt, und seine Lippen zittern. Er trägt einen graublauen Anorak und hält eine abgewetzte Schultasche unter den Arm geklemmt.

»Na, dann bringen Sie ihn herein!« Ich öffne die Tür zu meinem provisorischen Vernehmungszimmer.

Heller nimmt dem Jungen die Mappe ab. »Jetzt zeig mal, was du in deinen Taschen hast!« fordert er ihn auf.

Gehorsam stülpt der Junge seine Taschen um. Es kommt nicht viel dabei heraus. Nur ein bißchen Kleingeld. Ein total zerknülltes und verschmutztes Taschentuch. Ein Briefchen Eau-de-Cologne-Papier. Ein Taschenmesser. Sieben Fahrscheine.

Ich sehe sie mir näher an. »Die sirid ja alle entwertet.«

»Ja. Ich … ich sammle die«, stammelt der Junge.

Ich glaube zwar eher, daß er sie in der Hoffnung aufgehoben hat, einen gültigen Schein zu finden, oder daß er versuchen wollte, mit einem gebrauchten zu fahren, aber ich frage nicht weiter danach.

Mark Heller hat inzwischen in der Schulmappe gestöbert und hält ein Heft hoch. »Du heißt Klaus Grasser?«

Der Junge nickt nur. Er schweigt nicht aus Trotz, sondern weil er alle Kraft dazu braucht, nicht in Tränen auszubrechen.

»Und wo bist du zu Hause?« fragt Heller weiter.

Klaus preßt die Lippen zusammen.

»Na, das werden wir gleich haben.« Heller greift zum Telefonhörer. »Es ist Ihnen doch recht, wenn ich Ihnen das abnehme, Monika? Um so rascher werden wir mit dem Burschen fertig.«

Ich ärgere mich, daß er mich so mir nichts dir nichts beim Vornamen nennt, aber ich kann ihn unmöglich in Anwesenheit des Jungen zurechtweisen.

»Setz dich doch, Klaus!« Ich drücke ihn auf den Stuhl, auf dem eben Doris gesessen hat, und nehme selbst hinter dem Schreibtisch Platz. Während Heller sich mit dem Landeskriminalamt in Verbindung setzt, frage ich: »Warum bist du denn ausgerissen?«

»Das möchte ich nicht sagen.«

»Seit wann bist du weg?«

»Seit heute morgen.«

»Hat es zu Hause Ärger gegeben?«

Er schüttelt den Kopf.

»In der Schule?«

Das ist das Stichwort. Er kann die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie ziehen schwarze Spuren über seine grauen Wangen. Er reibt sich mit der Faust über die Augen und schnüffelt hörbar.

»Hast du Angst, sitzenzubleiben?«

»Das auch.«

»Was denn sonst noch? Nun sag schon. Oder … darf es niemand wissen?«

»Ja.«

»Deine Mutter nicht?«

»Die weiß es schon.«

Neben mir sagt Heller ins Telefon: »Also, hört mal, das gibt es nicht! Der Junge muß vermißt gemeldet sein. Klaus Grasser. Ein Schuljunge. Höchstens fünfzehn Jahre alt.«

»Also nur die Polizei darf es nicht wissen?« forsche ich weiter.

»Die weiß es auch schon.« Altklug fügt er hinzu: »Leider!«

»Also hast du was ausgefressen. Und jetzt hast du Angst vor Strafe.«

»Nein, ich … es ist —«, stottert Klaus unter Tränen, »nicht wegen der Strafe. Aber ich kann mich in der Schule nicht mehr blicken lassen. Ich traue mich ja nicht mehr aus dem Haus.«

»Ja, aber weshalb denn nur? Klaus, bitte, nun sag’s mir schon. Wir wollen dir ja nur helfen. Was ist? Hast du was geklaut?«

Er nickt wieder nur.

»Wieviel?«

»Sechshundertfünfzig Mark.«

Heller stößt einen Pfiff aus. Meinen mahnenden Blick beachtet er nicht. »Ja, das ist er«, sagt er in den Hörer, »genau. Was? Aha! Na, das ist ja interessant. Danke.« Er legt auf.

»Und was hast du damit angefangen?« frage ich.

»Die aus meiner Klasse eingeladen. Das war ja gerade meine Dummheit. Dadurch ist es rausgekommen.« Klaus weint jetzt hemmungslos. »Und jetzt ziehen sie mich deswegen auf. Sagen, daß ich blöd bin.«

»Für sechshundertfünfzig Mark hast du deine Freunde eingeladen?«

»Ich habe keine Freunde«, schluchzt Klaus, »die sind alle gegen mich. Und den Rest von dem Geld, den habe ich verspielt. In Automaten.«

»Wie alt bist du denn, Klaus?«

»Vierzehn«, erklärt Heller, »und die Geschichte stimmt. So weit sie jedenfalls der Polizei bekannt ist. Er hat das Geld in einem Geschäft aus der Kasse gestohlen. Die Besitzer hatten ihn zum Helfen eingestellt. Er wohnt in Günzburg. Seit es rausgekommen ist, ist er schon dreimal ausgerissen. Dreimal in vierzehn Tagen. Diesmal hat die Mutter gar keine Abgängigkeitsanzeige mehr erstattet. Der Vater ist tot.«

»Ja, aber was denkst du dir denn dabei?« frage ich. »Wie soll das jetzt weitergehen? Du kannst doch nicht dein ganzes Leben davonlaufen!?«

»Will ich doch gar nicht«, bringt er mit tränenerstickter Stimme heraus. »Nur bis ich achtzehn bin.«

»Und dann?«

»Dann kriege ich einen Paß und kann reisen.«

»Und wovon willst du leben?« fragt Heller.

»Jobben.«

»Mensch, du hast Begriffe! Und so was wie du will vierzehn sein! Du redest ja daher wie ein Zehnjähriger!«

Klaus nimmt das Toilettentüchlein, das vor ihm auf dem Schreibtisch liegt, reißt die Folie auf, nimmt das Papier heraus und wischt sich Gesicht und Hände ab. Er zieht dabei eine schmerzhafte Grimasse, weil der Alkohol in seinen Schrammen brennt.

»Habt ihr zu Hause Telefon?« frage ich.

»Nein! Und ich will auch nicht zurück!« ruft Klaus angstvoll. »Nie mehr!«

»Du meinst also, wir sollen dich einfach wieder laufen lassen?« fragt Heller.

»Mir ist es egal, was Sie tun. Aber ich werde immer wieder ausreißen, bis ich in ein Heim komme.«

»Stellst du dir das so herrlich vor?« fragt Heller. »Ich an deiner Stelle würde nicht in ein Heim wollen, solange zu Hause alles okay ist. Ich würde die Sache durchstehen wie ein Mann. Wenn deine Kameraden dich aufziehen, gönne ihnen das Vergnügen. In kurzer Zeit spricht kein Aas mehr davon.«

Klaus schüttelt heftig den Kopf. »Aber ich will in ein Heim.«

»Gleich wird Herr Wolff vom Jugendamt sich mit dir unterhalten«, sage ich, »dem erzähl das. Vielleicht kannst du ihn überzeugen.«

Später, als ich, gefolgt von Heller, das Polizeirevier verlassen will, komme ich durch den schmalen Gang, an dem links und rechts, hinter dunkelbraun gestrichenen Türen, die beiden Zellen liegen. Sie sind verriegelt und haben kleine vergitterte Fenster. Auf der einen Seite hat man die aufgegriffenen Jungen — Klaus ist noch bei Herrn Wolff —, auf der anderen Seite Doris Sieben untergebracht.

Sie steht ganz dicht an der Tür und ruft mich an, als ich vorbei will. »Fräulein Berg … Fräulein Berg!«

Heller will mich weiterdrängen, aber ich bleibe stehen.

»Fräulein Berg, ich … wie lange muß ich hier noch bleiben?«

»Noch ein paar Minuten, Doris«, tröste ich sie, »hier wird niemand über Nacht festgehalten.«

»Herr Wolff sagt, ich komme in ein Verwahrungsheim.«

»Auch nur solang, bis er einen guten Platz für dich gefunden hat.«

»Fräulein Berg, ich … bitte, gehen Sie nicht! Ich bin so verzweifelt! Herr Wolff hat mit meinen Eltern telefoniert, und die —«, ihre Stimme bricht, »wollen gar nichts mehr von mir wissen!«

»Das wird auch wieder in Ordnung kommen, wenn du dich von jetzt an ein bißchen zusammennimmst.«

»Fräulein Berg, werden Sie mir dabei helfen?« fragt Doris.

»Ich werde mich schon um dich kümmern«, verspreche ich, aber es klingt nicht sehr überzeugend.

Doris spürt das sofort. »Bitte, geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich Ihnen schreiben kann, wenn ich erst weiß, wohin ich komme.«

Ich zögere kurz. »München achtzig, Richard-Strauss-Straße siebenundneunzig«, sage ich dann, »fünfter Stock.«

3

»Das hätten Sie nicht tun sollen«, meint Heller, als er mir in den Streifenwagen hilft, der in der Toreinfahrt auf uns wartet, »ich bin zwar froh, daß ich auf diese Weise erfahren habe, wo Sie wohnen … aber das war ein Fehler.«

»Ich konnte sie nicht einfach abwimmeln!« verteidige ich mich.

»Ach was! Eine Zigarette wäre ihr bestimmt lieber gewesen.«

»Haben Sie denn gar kein Herz?«

»Nicht im Dienst, Monika. Das werden Sie noch lernen müssen. Wer in den Dienst Herz investiert, macht sich nur kaputt. Und außerdem — das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen —, so einem Flittchen wie dieser Kleinen ist gar nicht zu helfen. Die landet früher oder später doch auf der Straße.«

»Das muß nicht sein«, behaupte ich, »wenn wir sie jetzt nicht fallenlassen!«

Mark Heller schweigt. Aber ich weiß, daß ich ihn nicht überzeugt habe. Er hat Doris Sieben abgeschrieben. Ich denke nicht daran, mich deswegen mit ihm zu streiten. Er würde ihr so und so nicht helfen.

Wieder fahren wir durch das nächtliche München. Ich sitze jetzt auf dem Vordersitz, zwischen dem Fahrer und Mark Heller. Herr Wolff ist auf dem Revier zurückgeblieben.

Heller nimmt durch Sprechfunk Verbindung mit dem anderen Streifenwagen auf. »Hier Isar neun … Isar neun … Isar zwölf, bitte melden …«

Er muß ein paarmal versuchen, bis Herr Schmitt, unser Einsatzleiter, durchkommt. »Hier Isar zwölf … haben drei Festnahmen … fahren zum Revier zurück.«

»Hier Isar neun … kommen vom Revier … sollen wir warten?«

»Fahren Sie Pettenkofer-/Paul-Heyse-Straße.«

»Pettenkofer-/Paul-Heyse-Straße … haben verstanden … Ende!« Heller hängt das Mikrofon zurück.

Wenige Minuten später halten wir hinter Isar zwölf, der mit abgeblendeten Scheinwerfern am Straßenrand parkt. Heller und ich springen raus; diesmal stütze ich mich kurz auf den Arm, den er mir bietet, und lande sicher auf beiden Füßen.

Schmitt kommt uns entgegen. »Kennen Sie den ‚Kalifen‘?«

»Den Ausländertreff in der Sendlinger Straße?« fragt Heller zurück. »Ja, sicher.«

»Der steht als nächstes auf unserem Programm.« Schmitt läßt das Licht seiner Taschenlampe über die Liste gleiten. »Der Wirt heißt … warten Sie mal … Gruhnert, Ralf Gruhnert. Nehmen Sie sich das Lokal mal vor.«

»Wird gemacht.«

»Ich gebe Ihnen noch zwei Leute mit. Müller … Unterhuber!«

Die beiden scheinen nur auf dieses Kommando gewartet zu haben; sie steigen eilig zu uns über.

»Na, dann mal los«, ruft Schmitt, »wir bleiben in Verbindung.«

Heller und ich klettern wieder in unseren Streifenwagen. Der Fahrer gibt so kräftig Gas, daß wir losschießen wie eine Rakete. Wir werden gegen die harte Lehne geschleudert und lachen. Eigentlich ohne Grund. Aber wir sind ein bißchen nervös, ich jedenfalls. Nicht, daß ich Angst habe, ganz bestimmt nicht. Es ist eher ein Gefühl wie Lampenfieber. Und ich weiß schon heute, daß ich das vor einer Razzia nie verlieren werde, solang ich im Polizeidienst bin.

Der »Kalif« macht vorerst einen ganz ordentlichen Eindruck: Tische mit rotkarierten Decken, die allerdings alles andere als sauber sind, Tropfkerzen auf weißen Tellern, einfache Holzstühle.

Während Heller sich den Wirt kommen läßt und ihm klarmacht, wer wir sind und was wir wollen, drängen sich Müller und Unterhuber schon durch die Reihen. Ich sehe mich noch um. Das Publikum wirkt ziemlich düster: dunkle Gesichter, schwarze Augen, fettige Haare. Männer sind bei weitem in der Überzahl. Obwohl sie wahrscheinlich ganz harmlos sind — redliche Gastarbeiter —, wird mir ein bißchen mulmig bei soviel Fremdartigkeit. Einige starren mich an und grinsen, als hätten sie ziemlich schmutzige, hinterhältige Gedanken.

So ziehe ich es vor, hinter Heller zu bleiben.

Ich beobachte, wie zwei Burschen hastig aufspringen und, ohne zu zahlen, zum Ausgang eilen. Ich mache Heller darauf aufmerksam.

»Einfach ignorieren«, sagt der, »die haben keine Aufenthaltsgenehmigung oder die Taschen voll Stoff … aber das geht uns heute zum Glück nichts an.«

Ein alter Mann spielt auf einem Bandoneon eine melancholisch-wilde Tanzmelodie, die wahrscheinlich ein Sirtaki sein soll. Auf einem freien Platz zwischen den Tischen tanzen danach zwei Männer miteinander. Sie machen große Sprünge und klatschen in die Hände. Ein Mann und eine vollbusige Frau eng aneinandergeschmiegt — und plötzlich sehe ich ein blutjunges Mädchen.

Es hat ein rundes, kindliches Gesicht, trägt das lange, blonde, ziemlich strähnige Haar mit einem Mittelscheitel und hält den Kopf beim Tanzen in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen. Ihr Partner ist erheblich älter, kräftig, breitschultrig, hat einen schwarzen Lockenkopf und eine entstellende Narbe vom rechten Mundwinkel die Wange hinauf. Seine rechte Hand ist verbunden.

Jetzt macht der Spieler eine Pause. Auch mein Pärchen geht an seinen Tisch zurück. Ich warte, bis sie sich setzen. Ich will sehen, ob sie zusammengehören. Die beiden nehmen an einem Tisch Platz, an dem noch zwei Männer sitzen. Einer schenkt dem Mädchen aus einer Karaffe Rotwein ein. Ein anderer zündet eine Zigarette an und schiebt sie ihr zwischen die Lippen. Sie nimmt alles hin, lächelt selig und benommen; sie scheint schon reichlich betrunken.

Ich trete zu ihr hin, klappe meinen Polizeiausweis auf und halte ihn ihr unter die Nase. »Jugendschutzstreife!«

Sie reagiert verstört. »Was? Wie?«

»Kann ich mal Ihre Papiere sehen?«

»Papiere?«

»Paß, Personalausweis, Schülerausweis, Führerschein … irgend etwas werden Sie doch bei sich haben.«

Die Kleine stößt den Stuhl nach hinten zurück und springt auf. Ich lege ihr vorsichtshalber die Hand auf den Arm.

Der Mann mit der Narbe erhebt sich langsam und drohend: »Diese Dame sein meine Braut«, erklärt er in mühsamem Deutsch und mit rollendem R. »Sie ihr lassen zufrieden, verstehn? Sie jetzt gehn ganz rasch, ja?«

»Ich bin von der Polizei«, erkläre ich und versuche meinen Worten den nötigen Nachdruck zu geben.

Aber so schnell läßt sich der Mann nicht einschüchtern. »Wir nichts verbrochen«, sagt er, »wir Auf-ent-halts-genehmigung … Ar-beits-erlaubnis … festen Wohnsitz … Ar-beits-platz …«

»Na, das ist ja wunderbar«, sage ich, »um so besser für Sie.« Ich wende mich wieder an das Mädchen. »Und wie steht es mit dir?«

»Aber ich brauche doch sowas nicht«, sagt sie mit schwerer Zunge.

»Ich muß dich bitten, mich zur Feststellung deiner Personalien aufs Revier zu begleiten.« Ich will sie mit sanfter Gewalt in Richtung Ausgang schieben.

Im gleichen Augenblick haut mir ihr Partner die Pranke auf die Schulter. Ich zucke zusammen und will den Angriff mit einem Judogriff parieren …

Aber dazu kommt es nicht mehr.

Heller greift ein. »Pfoten weg!« donnert er. »Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt. Sie machen sich strafbar.«

Der Mann wirbelt herum, hebt die Faust, als wollte er zuschlagen. Aber Auge in Auge mit Heller verliert er den Mut. »Polizei?« wiederholt er dümmlich.

»Das sage ich ja die ganze Zeit!« erkläre ich.

»Sie wollen doch nicht ausgewiesen werden — oder?« fragt Heller. »Also seien Sie schön brav, zeigen Sie mir Ihre Papiere!« Während der Mann noch in seinen Taschen kramt, wendet Heller sich an die beiden anderen Männer. »Und Sie auch!«

Ich führe das Mädchen nach vorn. Im Vorbeigehen greift sie nach ihrem Regenmantel.

Herr Gruhnert, der Wirt, holt Gläser aus dem heißen Wasser im Spülbecken und stellt sie zum Abtropfen mit der Öffnung nach unten auf die Theke. Ohne daß ich ihn deswegen frage, beteuert er, das Mädchen noch nie gesehen und keine Ahnung zu haben, wie sie in das Lokal gekommen ist.

»Das nutzt Ihnen gar nichts«, sage ich, »Sie müssen sich auf eine Strafanzeige gefaßt machen.«

»Aber wieso denn? Wenn ich Ihnen doch sage …«

»Passen Sie in Zukunft besser auf! Und jetzt geben Sie mir eine Tasse Kaffee.«

Eilig macht er sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Anscheinend hofft er, durch Dienstfertigkeit an einer Anzeige vorbeizukommen. Aber da hat er sich geschnitten. Eine Geldstrafe ist das mindeste, womit er rechnen muß. Vielleicht wird ihm sogar das Lokal geschlossen. Ich habe kein Mitleid mit ihm.

Ich schiebe die Tasse Kaffee, die er mir reicht, dem Mädchen zu. »Los, trink! Damit du wieder zu dir kommst. Wie heißt du?«

»Ingrid Haas«, sagt sie, kaum hörbar.

»Und wo wohnst du?«

»In Freiburg.« Das kommt noch leiser.

Ich warte, bis sie die Tasse geleert hat. »Na, gehen wir!«

Nachdem ich Ingrid in unseren Streifenwagen bugsiert habe, hält Mark Heller mich zurück. Er winkt Unterhuber, sich neben sie zu setzen.

»Der Mann heißt Slavic Perco«, berichtet er, »seine Papiere sind in Ordnung. Er wohnt in der Einsteinstraße, im gleichen Zimmer wie seine beiden Kumpane und noch zwei Landsleute. Er ist krank geschrieben und war deshalb heute nicht zur Arbeit. Hatte das Zimmer tagsüber für sich. Die Kleine hat er heute nachmittag in einem Strafiencafé aufgegabelt und gleich mit hochgenommen. Das nur zu Ihrer Information.«

»Danke«, sage ich, obwohl ich ihm gar nicht dankbar bin. Im Gegenteil, ich ärgere mich über Hellers Auskunft, obwohl ich doch genau weiß, daß er nicht für die Dummheit des Mädchens verantwortlich ist.

Bevor wir losfahren, nimmt Heller Verbindung mit der Funkzentrale auf und erfährt, daß Isar zwölf noch auf dem Revier ist.

Wir fahren schweigend zurück. Ich habe keine Lust, mich in Anwesenheit der Männer mit Ingrid zu unterhalten.

Als wir auf dem Polizeirevier 23 eintreffen, sind die anderen fertig. Das kleine Vernehmungszimmer steht mir wieder zur Verfügung. Unterhuber und Müller schließen sich der nächsten Streife an. Mark Heller bleibt, und obwohl ich ihn eigentlich nicht mag — er strotzt nur so von männlicher Überlegenheit —, finde ich das eigentlich doch sehr kameradschaftlich.

»Machen Sie zu, Monika«, drängt er, »damit wir bald wieder loskönnen.«

»Würden Sie inzwischen die Angaben des Mädchens nachprüfen?« bitte ich ihn.

»Klar! Ich setze mich sofort mit dem Polizeipräsidium in Verbindung. Welches Alter gibt sie denn an?«

»Hab ich noch nicht gefragt.«

»Ich werd’s schon rausbringen.«

Ingrid steht mitten in dem nüchternen kleinen Zimmer und sieht sich unsicher um.

Ich nehme ihr den Regenmantel ab und hänge ihn auf einen Haken. »Setz dich!« Ich weise auf den Stuhl gegenüber dem Schreibtisch und lächle ihr zu, um sie zu beruhigen. »Du brauchst keine Angst zu haben, Ingrid. Ich will dir nichts tun, sondern nur versuchen, dir zu helfen.«

»Wozu?« erwidert sie trotzig. »Ich werd’ ganz gut allein fertig.« Sie ist nicht besonders hübsch, ihre Augen sind ausdruckslos, das Kinn ist spitz.

»Indem du mit wildfremden Männern schläfst?«

»Ich, nein, ich habe nicht …« Sie wird rot und gerät ins Stottern.

»Wir haben die Aussage dieses Slavic. Er hat dich doch gleich mit auf sein Zimmer genommen.«

»Ja. Ach … wegen meiner Sachen. Ich mußte doch irgendwo schlafen.«

»Du hast also deinen Koffer in der Einsteinstraße?«

»Nein. Keinen Koffer. Ich bin ja heimlich weg. Nur eine blaue Leinentasche.«

»Wegen der brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Die holen wir dir schon.« Ich spanne eines der rosa Formblätter ein.

»Ich mache mir auch keine Gedanken. Überhaupt nicht. Von mir aus können Sie mich ruhig in ein Heim sperren. Das ist mir auch egal.«

»So weit sind wir noch lange nicht. Jetzt gib mir erst mal deine Adresse …«

Ich schreibe Ingrids Personalien auf. Sie behauptet achtzehn zu sein. Das glaube ich nicht. Also lasse ich da vorerst einen freien Platz.

»Du hast also Schwierigkeiten mit deinen Eltern?«

»Nicht direkt.« Sie zerrt nervös an ihrem Rocksaum herum.

Heller kommt herein, er stellt sich schräg hinter mich und überfliegt, was ich getippt habe. »Sie ist fünfzehn«, sagt er, »heute früh von zu Hause ausgekniffen, anstatt zur Arbeit zu gehen. Eltern haben kein Telefon. Soll ich sie schon bei einem Verwahramt anmelden?«

»Das wäre nett.«

Heller läßt uns allein.

»Also doch ins Heim«, stößt Ingrid hervor.

»Vorerst. Nur für diese Nacht. Also, was ist los mit dir? Warum bist du von zu Hause weg? Du gehst in eine Lehre, ja?«

»Seit dem vorigen Herbst. Schneiderei. Ich habe das immer gern getan … Puppenkleider genäht und so … überhaupt handarbeiten. Und zeichnen tu ich auch gern, Modelle entwerfen.« Sie sieht an ihrem Sommerkleid hinunter. »Das habe ich zum Beispiel selbst gemacht.«

»Dann hast du ja eine richtige Begabung!«

»Das habe ich auch gedacht!« stößt Ingrid bitter hervor. »Aber Fräulein Knobel, das ist die Meisterin, die hat mich behandelt wie den letzten Menschen! Am Anfang war sie ja noch zuckersüß … und ich habe mir auch alle Mühe gegeben … getrennt und gesäumt, Nähte sauber gemacht und die Stube gekehrt wie eine Verrückte. Ich dachte, das wäre nun mal so … und einen oder zwei oder sogar drei Monate hätte ich mir das auch gefallen lassen. Aber als dann immer noch nichts passierte, da habe ich natürlich gemotzt. Ich wollte auch mal was Richtiges machen, was Interessantes … und was lernen! Da ist die Knobel furchtbar sauer geworden, und danach hat sie mich dauernd runtergeputzt. ‚Du hast zwei linke Hände’, hat sie immer gemeckert, also mir kam das schon zu den Ohren raus!«

»Hast du mit deinen Eltern darüber gesprochen?«

»Versucht!« Ingrid zuckt mit den mageren Schultern. »Aber die wollten nichts wissen. Die haben immer bloß gesagt, ich müßte durchhalten, ich müßte endlich mal was fertigbringen, und das wäre nun mal so in der Lehre. Jeder würde klein anfangen. Ich wäre eben bloß das Arbeiten nicht gewohnt.«

»Und deshalb bist du gestern abgehauen?«

»Nein, da war noch was. Gestern … ja, das war gestern … da hat es wieder mal Ärger mit der Knobel gegeben. Ich bin frech geworden. Und da hat sie mir eine geschmiert.« Ingrids Augen füllten sich mit Tränen. »Na, und das war mir zuviel … weil meine Mutti auch wieder nicht mit der Alten sprechen wollte!«

Meine Finger ratterten über die Tasten. »Und wie bist du dann nach München gekommen?«

»Per Anhalter.«

»Irgend was unterwegs passiert? Ist einer zudringlich geworden?«

»Nein, gar nicht. Die waren alle sehr nett.«

»Und Slavic Perco?«

»Man kann doch nichts verlangen, ohne was zu geben, nicht?« fragt sie, ohne den Blick zu senken. »Ich wollte ja was von ihm. Ein Bett für die Nacht. Und natürlich habe ich gesagt, ich bin achtzehn.«

»Aber in diesem Zimmer schlafen doch noch vier andere Männer. Bist du nicht auf die Idee gekommen, daß auch die …?«

»Slavic hätte schon aufgepaßt.«

»Und wenn nicht?«

Sie zuckt wieder mit den Schultern.

»Du hattest also schon Erlebnisse in Freiburg?«

»Einen Freund, ja. Aber das war auch nicht der Richtige.«

»Na, jedenfalls«, muß ich ihr sagen, »kannst du froh sein, daß wir dich schon heute erwischt haben. Wer weiß, wo du sonst noch gelandet wärst.«

Ich beeile mich mit dem Protokoll. Wenn Ingrids Eltern Strafanzeige stellen, wird Perco sich vor dem Richter verantworten müssen. Er hätte sehen müssen, wie alt Ingrid ist. Das Freiburger Jugendamt wird Ingrids Lehrherrin auf die Finger klopfen; sie hätte das Mädchen nicht schlagen dürfen. Wahrscheinlich wird Ingrid eine andere Lehrstelle bekommen.

Das ist ein Fall, den ich auch innerlich abschließen kann. Ingrid sind wir gerade noch im richtigen Moment begegnet.

Nachdem ich sie Herrn Wolff vom Jugendamt übergeben habe, wartet Mark Heller schon im Streifenwagen auf mich. Wir brausen los, weil wir uns vor dem »Lido« in der Schillerstraße mit der anderen Gruppe treffen sollen.

Es klappt, und unsere ganze Mannschaft drängt sich in das große, verhältnismäßig elegante Lokal, das durch die zahlreichen Wandspiegel noch größer wirkt.

An einem Tisch sehe ich zwei Mädchen, die mir reichlich jung Vorkommen, sie unterhalten sich lebhaft mit einem Mann. Aber nicht wegen der Mädchen stutze ich …

Der Mann ist es, der mir seltsam bekannt vorkommt. Ich kann ihn nur im Halbprofil sehen, aber er hat auffallende Ähnlichkeit mit Conny Kowalski, dem Mann, den ich einmal geliebt habe und der mich so unglücklich gemacht hat.

Und in dem Augenblick mache ich einen Fehler.

Anstatt weiterzugehen und mir den Mann, der mich an Conny erinnert, vorzunehmen, wende ich mich in eine andere Richtung.

Warum nur — warum tue ich das? Habe ich immer noch Angst vor ihm? Angst, ihm wieder zu verfallen? Angst, er könnte mich erkennen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich nicht die Kraft aufbringe, ihm ins Gesicht zu sehen.

Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Mark Heller mit den Mädchen spricht und sich die Ausweise zeigen läßt. Auch der Mann hält ihm ein Papier hin. Das Gespräch scheint lebhaft zu sein. Aber die Gruppe ist zu weit entfernt, die Musik der kleinen, reichlich altmodisch mit roten Jacken kostümierten Band ist zu laut, als daß ich ein Wort verstehen könnte.

Doch es scheint mit den dreien alles in Ordnung zu sein. Heller will weiter, dreht sich um, stellt fest, daß ich nicht mehr hinter ihm bin. Seine Blicke gleiten suchend durch den großen Raum, finden mich, und schon kommt er auf mich zu.

»He, Monika«, ruft er, Sie haben aber ’ne Art, sich selbständig zu machen!«

»Und warum nicht?«

»Weil jemand wie Sie einen Mann zur Seite braucht.«

»Ich kann Judo.«

»Das genügt auch nicht immer. Kommen Sie, machen wir weiter.«

Wir drängen uns durch die Tische und fallen in unserem Räuberzivil ziemlich aus dem Rahmen. Die meisten Gäste sind fein angezogen. Die Damen tragen Ausgehkleider, die Herren zumindest Oberhemd und Krawatte.

Ich überlege, wie ich meine Frage möglichst beiläufig anbringen kann. »War da drüben nichts?« frage ich mit gedämpfter Stimme. Ich mache dabei eine Kopfbewegung in Richtung des Tisches, den Heller eben kontrolliert hat.

»Die beiden Schnepfen sind achtzehn«, antwortet er mit einem Achselzucken.

»Aber Sie meinen … sie sind …?«

»Strichmädchen. Unbedingt. Von der besseren Sorte. So was riecht man doch. Und der Kerl läßt sie anschaffen.«

»Aber die dürfen sich doch im Bahnhofsbezirk nicht mehr aufhalten!«

»Sehr richtig, aber erstmal muß man ihnen was nachweisen können. Meine Nase allein genügt da nicht. Haben Sie Lust, sich hier hineinzusetzen und abzuwarten, bis er sie an den Mann bringt? Das kann ’ne Weile dauern. Und außerdem lohnt es sich nicht.«

Es brennt mir auf der Zunge, mich nach dem Namen des »Kerls« zu erkundigen. Aber ich wage es nicht. Ich habe sowieso schon das Gefühl, zuviel gefragt zu haben.

Schweigend gehen wir weiter, mustern jeden einzelnen der Gäste, besonders die weiblichen. Gleichzeitig mit uns schwärmt die Mannschaft der beiden Streifenwagen durch den großen Raum, und die riesigen Spiegel vervielfachen noch unsere Zahl.

Wir kommen zu den Toiletten.

Vor der Tür mit der Aufschrift »Damen« bleibt Heller stehen. »Das machen Sie wohl besser allein.«

Ich muß grinsen. »Trauen Sie mir das zu?«

Er bleibt ganz ernst. »Schreien Sie, wenn was los ist!«

Doch ich entdecke nichts, aber auch gar nichts Verdächtiges, obwohl ich sogar in die Wasserkästen greife: beliebte Verstecke für gebrauchte Spritzen. Doch hier ist alles sauber. Eine nicht mehr ganz junge Frau erneuert ihr Make-up.

»Nichts«, sage ich, als ich herauskomme.

»Na dann … zurück, marsch, marsch! Die Kollegen waren schon bei, Herren’. Wir sind die letzten.«

Draußen, auf dem Flur, sehe ich eine schmale Tür ohne Aufschrift. Ich weiß selbst nicht, warum sie mir auf fällt, aber irgend etwas drängt mich, sie zu öffnen.

Drinnen ist es dunkel. Ich erkenne Besen und Putzeimer.

»Jetzt müßte man eine Taschenlampe haben!« sage ich.

Heller faßt neben den Türrahmen in die Abstellkammer. Licht flammt auf.

Unter einem Regal mit Putzmitteln kauern zwei Mädchen. Die eine ist rothaarig, die andere schwarz, und beide tragen sie schulterfreie Cocktailkleider. Sie starren uns verstört an.

»Na, nun kommt schon«, sagt Heller ganz freundlich, »ist doch reichlich unbequem da drinnen. Soll ich euch helfen?« Er reicht einer nach der anderen die Hand und zieht sie hoch.

Die Rothaarige findet als erste die Sprache wieder. »Was wollen Sie denn von uns? Wer sind Sie überhaupt?«

»Frag nicht so blöd«, antwortet Heller, immer noch in freundlichem Ton, »wenn ihr das nicht wüßtet, hättet ihr euch nicht versteckt.«

Ich halte ihnen meinen Ausweis unter die Nase. »Jugendschutzstreife.«

»Wir haben doch nichts verbrochen!« protestiert die Rothaarige.

»Habt ihr zufällig einen Ausweis bei euch?« fragt Heller. »Kann auch ein Führerschein oder etwas Ähnliches sein.«

Nein, das haben sie nicht.

»Dann fahrt mal schön mit uns zur Wache. Da wird sich Fräulein Berg in aller Ruhe mit euch unterhalten.«

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9788711718469
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