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Marianne Rauch
Träum süß stirb schnell
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog
Über die Autorin
Bisher veröffentlicht
Impressum neobooks
Kapitel 1
Papier ist geduldig.
Auch Mutter Erde lässt sich Einiges gefallen. Wird vergewaltigt, beschmutzt und entehrt, um sich anschließend unermüdlich die Wunden zu lecken.
Wer sieht beispielsweise dem brandenburgischen Wünsdorf an, welche Berge von Kampfmittel, Munition, Chemikalien, Altöl sowie Asbestabfall die sowjetischen Truppen beim Abzug aus dem ehemaligen Sperrgebiet zurückließen? Berliner Ausflügler, die nach dem Mauerfall nach Brandenburg strömten, als gäbe es dort etwas umsonst, sicherlich nicht.
Wer sollte es ihnen verübeln? Endlich durfte man durch die einstige geheimnisvolle sowjetische Zone streifen. Kaum jemand hätte jemals vermutet, dass das amtliche Tabu heute der Vergangenheit angehört. Ebenso wie Stacheldraht, Grenzstreifen und DDR-Wachposten. Die alten verwitterten Warnschilder rund um die verbotene Stadt haben ausgedient.
Desgleichen die Sowjets, Entschuldigung, jetzt sind es ja die Russen. Sie überließen Wünsdorf nach Jahrzehnten der militärischen Nutzung wieder den Einwohnern, zogen 1994 ab und kehrten zurück in die Heimat. Fernab dieser militärgeschichtlich interessanten Stadt, immerhin befand sich dort das Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte, passierte Frau Dr. Neuenhagen den inzwischen kaum noch zu erkennenden Berliner Grenzstreifen. Hier säumten weder parkende Autos noch viereckige Hochhäuser die Straßenränder, sondern allenfalls Sträucher, Wälder und Wiesen. Deren Anblick dämpfte gewöhnlich den morgendlichen Stresspegel der Ärztin, während sie auf der B96 die gut 50 Kilometer zur Klinik zurücklegte.
Während sie bei strömenden Regen über einige typische Sonntagsfahrer hinter den Lenkrädern schmunzelte, preschte die Ärztin über die nasse brandenburgische Landstraße. Die Scheibenwischer rutschten seit Berlin mit Höchstgeschwindigkeit über die Frontscheibe und begrenzten gemeinsam mit klatschenden Regentropfen die Sicht.
Wer hat ausgerechnet für heute das Meeting so früh angesetzt?
Verärgert drosselte die Spezialistin für psychische Erkrankungen vor der kommenden Abfahrt die Geschwindigkeit, um nicht wie damals bei ihrer ersten Anfahrt zu dem Anwesen aus der Kurve getragen zu werden. Den Moment dieser Schrecksekunden durchlebte sie jedes Mal, ebenso wie das überwältigende Gefühl beim Anblick der prächtigen Villa, die sich hinter wildromantischen Kiefern versteckte.
Dort ließ sich die Ärztin Anfang des Jahres mit eigenen Praxisräumen nieder. In der Stille und Abgeschiedenheit dieses Anwesens, welchem die Sterilität einer Universitätsklinik völlig fehlte, lagen die Kraft und Stärke, die für einen positiven Behandlungserfolg unerlässlich sind. Fernab des Straßenverkehrs mit seinem tosenden Autolärm, inmitten hoher Birken und Kiefern, schien das reale, alltäglich pulsierende Leben nicht zu existieren.
Die Krankenzimmer der Klinik glänzten ebenso stilvoll wie das prächtige Bauwerk selbst. Yakido Schwarz, und mit ihr alle anderen Patienten des Hauses, sollten sich rundum wohlfühlen. Dafür sorgten nicht nur die modern eingerichteten Zimmer, sondern vor allem die erfahrenen Ärzte, Schwestern, Therapeuten und Pfleger. Der gute Ruf der Klinik eilte bis weit über Berlin hinaus.
Die jedoch düstere Vergangenheit der außergewöhnlichen Gründerzeitvilla verblasste angesichts ihrer gegenwärtigen Bestimmung, nämlich ein Ort der Fürsorge, Heilung sowie Rettung für Suizid gefährdete Menschen zu sein.
Den ehemaligen Besitzern indes wurde jegliche Rettung verwehrt. Sie teilten das gleiche Schicksal wie Millionen andere Juden, die von den Nazis zur Vernichtung in Konzentrationslager verschleppt wurden.
Doch nichts erinnerte mehr an tragische Ereignisse in diesem alten Gemäuer. Die undurchdringlichen Steinmauern bewahrten die dunklen Geheimnisse.
*
Yakido erholte sich erstaunlich schnell. Nach einigen Wochen intensiver Therapie- und Gesprächsstunden mit Frau Dr. Neuenhagen kehrte ihre innere Stärke zurück. Einzig die Narben an ihren Handgelenken markierten das unselige Tief, in welchem sie den Freitod suchte.
Inzwischen wechselten die Jahreszeiten. Der Herbst verdrängte unaufhaltsam den vorangegangenen ebenso schwül warmen wie regenreichen Hochsommer.
Langsam stieg Yakido die breiten Steinstufen der Treppe hinab. Der erste Streifzug durch die Grünanlagen des Klinikgeländes, allein und ohne Larissa, die sie sonst auf ihren Spaziergängen begleitete. Dabei haftete die Pflegerin wie ein monströser Schatten an der Patientin und nährte damit deren Widerwillen gegen die ständige Kontrolle.
Yakido sog die milde Herbstluft ein, fühlte sich frei wie ein Vogel. Larissa, wachsam und geschäftig wie immer, lief ihr gerade über den Weg. Mit gemischten Gefühlen blickte diese ihr hinterher.
„Wenn das mal gut geht“, murmelte sie besorgt in sich hinein.
„Aber wenn Frau Doktor meint.“
Kopfschüttelnd, womit die Pflegerin deutlich die Entscheidung der leitenden Psychologin missbilligte, fegte die gute Seele das erste Herbstlaub von den Stufen.
Ein selten erlebtes Glücksgefühl erheiterte Yakido. Niemand, der in ihrer Nähe lauerte, auf jede Bewegung, auf jedes unbedachte Wort achtete, um darüber zu protokollieren und ihre Krankenakte zu füllen. Sie fühlte sich wohl, ja, fast glücklich.
Die Blätter der Bäume rauschten im Wind. Bunte Kieselsteine knirschten unter ihren Schritten. Dem mit Mosaiksteinen gepflasterten Vorplatz der Klinik schenkte sie keine Beachtung. Stühle standen dort bereit; man nutzte offensichtlich den milden Herbsttag für eine Gruppentherapie im Freien.
Wie sehr Yakido diese Gesprächsrunden verabscheute!
Die frische Luft kühlte ihren Verstand. Die Sitzbank am Rande der großen Wiese, die Bäume im Rücken, den Teich vor Augen, zählte inzwischen zu Yakidos Lieblingsplätzen. Ideal, um kurze Freiheiten zu genießen, dabei die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages einzufangen sowie ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.
Fast wäre es ihr sogar gelungen, wäre sie nicht unerwartet gestört worden.
„Was tust du da?“, fragte die Spaziergängerin das Mädchen, welches unvermittelt vor ihr auftauchte.
Provozierend warf das Kind grobe Schottersteine vor Yakidos Füße. Lauernd sah es die Fremde an, wobei es bereits zum nächsten Wurf ansetzte. Aufsässig griff das Kind mit der rechten Hand in die linke, packte den restlichen Schotter und schleuderte alles zusammen in das Naturgewässer. Doch zuvor hielt es inne, um Yakido ausdruckslos anzustarren.
Sekunden, die Yakido wie schleichende Minuten erschienen, erwiderte die Patientin den Blick, hielt diesen durchdringenden, stumpfen Augen stand. Wer war dieses Mädchen, woher kam sie? Weit und breit konnte sie niemanden entdecken, zu dem es hätte gehören können. Wie alt mochte es gewesen sein? Zwölf oder dreizehn vielleicht?
Bevor Yakido auch nur ein weiteres Wort heraus brachte, begann das Mädchen zu lachen. Gleichzeitig rannte es davon. Lange sah Yakido ihr nach, doch schien sich ihre Gestalt aufzulösen, wie von Geisterhand zu verschwinden.
Yakido spürte, wie Ärger in ihr hochkroch und versuchte, den Vorfall zu verdrängen. Und doch hämmerte die Erinnerung an das mädchenhafte Gesicht mit den stummen Augen in ihrem Kopf.
Warum starrte dieses Kind die ihr fremde Frau so unverblümt an? Was hatte es gesehen? Konnte es in deren Seele schauen, etwa bis auf den Abgrund ihres Herzens?
Die Stille an diesem friedlichen Herbsttag dröhnte Yakido plötzlich in den Ohren. Gedankenverloren blieb sie noch eine Weile sitzen. Sie fühlte sich seltsam ertappt, wie bei einer Lüge erwischt. Spürte das unsinnige Bedürfnis, sich über ihr Dasein zu rechtfertigen.
Doch warum? Waren nicht alle Fäden vorbestimmt, an denen ein anderer zog? Oder war sie nur zu schwach, ihr Leben, das für sie so enttäuschend begann, selbst in die Hand zu nehmen? Es in eine andere Richtung zu lenken?
Egal, auf der Sonnenseite stehen sowieso immer nur die anderen.
Solange Yakido sich erinnerte, schob sie Unangenehmes in das Sicherheitssystem ihres Gehirns. Es funktionierte ausgezeichnet. Ihr imaginärer Kippschalter blendete die schlechten Erlebnisse aus. Keine undichten Stellen, durch die sich mühselig Verdrängtes aus dem Dunkeln in ihr Bewusstsein einnisten konnte. Oder mutierte ihre scheinbar perfekte Taktik zum hinterhältigen Missbrauch als Speicherchip? Ahnte sie nicht, welch böse Saat gesät, welch teuflische Früchte sie einst ernten würde?
Gefühl entwickelte sich für Yakido zum Fremdwort, zu einem Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Auf Emotionen hereinzufallen, auch wenn sie noch so echt erscheinen mochten, wäre ein fataler Fehler gewesen.
Nun reichte ein kurzer Moment aus, ihr sorgfältig unter Verschluss gehaltenes Sicherheitssystem ins Wanken zu bringen.
Niemanden gewährte Yakido Einblick in ihre Seele. Dem Mädchen nicht, den Freiern nicht und erst recht nicht dieser Frau Doktor, die Psychologin. Das sind die Schlimmsten! Die sind doch alle gleich, meinen, sie könnten in Menschen wie in einem offenen Buch lesen, sie analysieren, um dann zu sagen, was gut oder schlecht ist. Wer will das schon wissen!
Nein. Yakido gehörte sich selbst!
Kapitel 2
„Die Männer lieben mit dem Schwanz“.
Seit Yakido denken konnte, redete ihre Mutter ihr diesen Satz ein. Resigniert, verbittert, mit Zorn in der Stimme.
„Und gutes Essen. Dann geben sie dir alles, was sie haben. Also mein Engelchen, mach die Beine hübsch breit und hauch den Herren Liebe ins Ohr. Yakido, glaube mir, einfacher kannst du nicht für dich sorgen.“
Eine gut gemeinte Empfehlung, die sie der Tochter eindringlich ans Herz legte.
„Männer sind so einfach gestrickt. Solange sie sich im Bett richtig austoben können, sind sie wie kleine Jungs, die ihr Lieblingsspielzeug bekommen. Du musst nur höllisch aufpassen, dass du nicht dein Herz an so einen Kerl verlierst.“
Oh ja, wie recht sie hatte! Den Rat nahm die Tochter an; schließlich hatte sie nichts anderes vom mütterlichen Vorbild gelernt. Hätte es eine andere Chance für Yakido gegeben?
Chancen sind wie Sonnenaufgänge, wer zu lange wartet, verpasst sie.
Wo hatte Yakido diese Weisheit gelesen? Wie auch immer. Sie musste für sich sorgen, also machte Yakido die Beine breit. Darin war sie eine Meisterin.
*
Rückblende. Hamburg 1969.
Im mittlerweile beliebten Stadtteil Tonndorf kehrte abendliche Ruhe ein. Yakido wälzte sich auf der Matratze hin und her. Das Gewitter war vorüber gezogen. Die kindliche Angst vor dem krachenden Donnern der aufeinanderprallenden Luftströme wich allmählich dem Schlaf.
Aufgeschreckt durch Geräusche aus dem Nebenzimmer, verkroch sich Yakido unter der Bettdecke. Doch dann erkannte sie die warme, sanfte Stimme der Mutter. Beruhigt kuschelte sich das Mädchen wieder in ihr warmes Nest, zog den kleinen abgewetzten Teddybär dicht an ihre Brust. Sogleich schlief sie erneut ein. Ein Lächeln huschte über das Gesicht des schlafenden Kindes, denn es träumte von der wunderschönen Mutter. Fühlte, wie sie sich herunter beugte, um der Tochter einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Dabei die langen, dunklen Haare Yakidos Gesicht streiften. Die Mutter lachte und flüsterte:
„Kitzeln die Feenhaare mein kleines Engelchen?“
Der sintflutartig einsetzende Regen löste das gigantische Feuerwerk am nachtschwarzen Himmel ab. Zuckende Blitze, die die Dächer für Sekunden gespenstisch hell erleuchteten, kündigten mit ihren langen weißen, wie elektrische Fäden schimmernde Strahlen, den unausweichlich darauf folgenden, sich mit gewaltiger Wucht entladenden Donner an. Wahre Sturzbäche fielen anschließend aus den Wolken, um die Stadt innerhalb kurzer Zeit mit Wassermassen zu überfluten.
Sirenen ertönten, die Feuerwehr rückte mehr als zweihundert mal in dieser Nacht aus, um vollgelaufene Keller auszupumpen und Straßen vom herabgefallenen Geäst zu befreien. Nach einer Stunde endete der Spuk. Nun prasselten die Regentropfen nur noch leicht gegen die Fensterscheiben, als wollten sie mit ihrem regelmäßigen und behutsamen Tröpfeln den vorangegangenen Wolkenbruch entschuldigen.
Es war kühl in der Wohnung. Feucht und kühl. Wie oft schon hatte Yakidos Mutter den Hausmeister auf die undichten Fenster hingewiesen. Er aber grinste nur jederzeit und schnalzte mit der Zunge. „Ja, Annabell, meine Schöne, was machen wir denn da?“, schien seine Standardantwort zu sein.
Stets glitt dabei sein Blick über den schlanken Körper der Mutter, blieb sekundenlang an ihr haften. Seine Gedanken erratend, zupfte Annabell wie zufällig ihre Bluse über den Brüsten zurecht. Irgendwann würde er ihr keinen Wunsch mehr abschlagen können, es war nur noch eine Frage der Zeit.
Der Regen klopfte nun unaufhörlich an die Scheiben. In dem kleinen Zimmer neben Yakidos Schlafzimmer ertönte leise Musik der Fünfziger und Sechziger, alles bekannte Titel dieser Zeit. Yakidos Mutter überließ nichts dem Zufall, so wie immer. Die Kerzen verströmten ihr gedämpftes Licht, während Annabell die Gläser mit Wodka füllte.
„Trink, mein süßer Kavalier. Auf unsere aufregende Nacht!“
„Zum Wohl!“
Er kippte den Hochprozentigen hastig hinunter, wobei Annabell ihn nicht aus den Augen ließ.
„Es wird eine aufregende Nacht, Annabell. Komm Bella, setz dich ganz dicht neben mich, ich will deinen Atem spüren, will dein Haar riechen.“
Sie hasste die Art, wie er Bella aussprach.
„Mehr nicht?“, hauchte sie verführerisch.
Dabei stimulierte sie mit der Zunge seine Ohrmuschel. Ihre Hand glitt unter sein Hemd auf die nackte Brust.
„Ich will mehr, Süße. Du weißt, dass ich von dir nicht genug kriegen kann!“
Seine Augen glänzten, hatten bereits diesen gewissen Blick.
„Lass uns noch einen nehmen! Ich mag es, wenn du so leicht betrunken bist. Dann bist du widerspenstig wie ein kleines Raubtier.“
Seine Hand wurde fordernd, fuhr vom Knie über ihre Schenkel unter ihren Rock.
Es geht schon los, dachte Annabell. Er kommt in Fahrt, denkt nur noch mit dem Schwanz. Sie begann, ihn zu küssen. Ihre Zunge glitt über seine Lippen, gleichzeitig öffnete sie langsam die Knöpfe seines Hemdes.
„Mach weiter, du kleines Weib“, hauchte er erregt.
„Komm und zeig mir, was du am Körper trägst.“
Seine Hände wurden noch fordernder. Gierig schob er ihren Rock hoch und umklammerte fest ihre Schenkel.
„Was hast du an?“, keuchte er.
„Das kleine Schwarze, diesen kleinen Fetzen Stoff?“
Lüstern schob er die Träger ihres knappen Oberteils zur Seite.
„Zeig mir endlich deine geilen Titten!“
Sein anzügliches Lachen klang abstoßend und ekelhaft zugleich. Annabell ergriff seine Hände, führte sie zu ihren Lippen.
„Wo bleibt dein gutes Benehmen“, neckte sie ihn.
Behutsam schob sie den durchsichtigen Stoff wieder zurecht, unter dem der aufreizende schwarzrote Lack-BH verführerisch glänzte. Lasziv räkelte sich Annabell neben ihm auf dem Bett, umfasste ihre Hüften, fuhr mit den Händen über ihre Taille bis hoch zu den Brüsten. Wild warf sie ihren Kopf in den Nacken, touchierte dabei mit den langen Haaren sein Gesicht. Verspielt liebkoste sie ihren Busen, bevor sie etappenweise ihre zarte, durchsichtige Chiffonbluse öffnete.
„Gefällt dir das?“
Routiniert steigerte sie die Erregung ihres Gastes. Sie wusste, dass er es nicht mehr lange aushalten würde. Seine Hände griffen nach ihr, kneteten die prallen Brüste, glitten tiefer, um dann seine Finger in ihrem Körper verschwinden zu lassen. Sein Atem wurde schwer. Er stöhnte.
„Zieh dich aus! Zeig mir deinen Arsch!“
Ungeduldig riss er ihren Slip herunter. Schroff drehte er sie um. Er packte sie bei den Schultern, bevor seine Hände von hinten zwischen ihre Schamlippen glitten. Grob drückte er ihre Schenkel auseinander, ehe er sie auf die Knie presste.
„Ich will dich vögeln, du kleines Biest!“
Wie besessen packte er sie bei den Haaren, zog ihren Kopf nach hinten. Dann drang er hart in sie ein. Er biss sich an ihrem Hals fest und genoss dabei ihre unterdrückten Schreie, die bei jedem seiner animalischen Stöße ihrer Kehle entwichen.
Lass es endlich vorbei sein, flehte sie innerlich. Sie schloss die Augen. Weder seinen üblen Atem noch sein keuchendes Gestammel nahm Annabell wahr. Ihr Körper erstarrte, wurde empfindungslos. Sie spürte auch nicht seinen klebrigen Schweiß, der auf ihrem Fleisch feucht glänzte. Dann war es vorbei. Augenblicklich ließ er von ihr ab und sank erschöpft auf das schäbige Bett.
„Du bist ein geiles Stück!“
Selbstzufrieden lag er ausgestreckt in den zerwühlten Laken.
„Komm her! Streichle mich.“
„Hast du noch nicht genug Liebe bekommen?“, funkelte sie mit süßem Lächeln.
Sie begann seinen immer noch mit Schweiß bedeckten Körper zu liebkosen.
„Streichle mich. Mach mich sauber, du sollst alles von mir bekommen.“
Während er dies verlangte, zog er ihren Kopf an sich heran, schob ihn über seinen Bauch, weiter zu seinem Bauchnabel und schließlich zu seiner Mannespracht.
„Leck mich ab, ich mag das.“
Annabell schloss erneut die Augen.
Ich halte das aus! Ich werde es aushalten! Er bezahlt gut, dieses Schwein!
Teilnahmslos leckte sie seinen Schweiß ab, wobei sie obszöne Worte hauchte. Wie von selbst kamen sie über ihre Lippen. Wohlgefällig lag er in seinen Ausdünstungen, fühlte sich dabei vollkommen leer im Kopf. In diesem Moment war er nur noch Körper. Und dieser Körper bebte erneut vor Erregung.
„Sag mal, meine Schöne.“
Was will er? Hat er noch nicht genug?
„Ja?“
Nichts Gutes ahnend, hob Annabell den Kopf und blickte ihn im Schein des Kerzenlichts an.
Ich muss ihn loswerden! So schnell wie möglich, genug Spaß für heute!
„Der Morgen graut, so lang bist du noch nie bei mir geblieben. Deine Frau wird dich vermissen.“
„Sprich nicht von meiner Frau, du kleine Hure!“
Mit vor Zorn sprühenden Augen starrte er sie verächtlich an. Für ein paar Sekunden nur, dann packte ihn wieder dieses wohlige Kribbeln, welches erneut sein Blut in seine Lenden schießen ließ.
„Schläft dein kleines Engelchen?“
Nein!
Ruckartig löste sich Annabell von ihm.
Nicht mein Kind! Nicht mein kleines, unschuldiges Kind!
„Mein kleines Engelchen schläft und ist für dich tabu!“
Entschlossen richtete sich Annabell auf, warf energisch ihre Haare in den Nacken.
„Du rührst sie nicht an! Nimm mich, wenn du noch nicht genug hast!“
Er jedoch lachte nur herablassend.
„Was regst du dich so auf? Ich lege was drauf, Püppchen. Ich tu ihr doch nichts!“
Er wedelte mit einigen Geldscheinen direkt vor Annabells Nase. Seine scheinbare Macht genoss er mit vollen Zügen. Sie versuchte, den Freier zu locken.
„Ich gebe dir alles, was du willst! Brauchst du noch mehr?“
„Stell dich nicht so an. Ich will sie nur in den Arm nehmen! Wer weiß, vielleicht fasse ich sie auch an. Ich verspreche dir, mehr mache ich nicht mit ihr.“
Nicht für eine Sekunde vertraute Annabell diesem schmierigen Kerl. Er bezahlte für ihre Dienstleistung, nicht für ihr Vertrauen.
„Hast du denn noch immer nicht genug?“
Ein Schauer lief über ihren Rücken.
„Bleib liegen, mein süßer Kavalier. Ich verwöhne dich, massiere deinen kleinen Freund. Ich werde dich noch mal so richtig glücklich machen.“
Annabell lachte, ein gequältes Lachen, wobei ihre Brüste auf und ab wippten. Er sollte sie anfassen, seine Lust an ihrem Körper abreagieren.
Gelangweilt schob der Mann Annabell zur Seite.
„Stell dich nicht so an! Sie soll dem Onkel nur gute Nacht sagen. Weiter nichts! Es wird ihr gut tun, wenn ich sie in meine Arme schließe.“
Annabell wurde klar, dass sie das dreckige Spiel mitspielen musste. Wenn sie überhaupt noch mit dem Geld rechnen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als Yakido aus dem Schlaf zu holen. In ihrem Kopf hämmerte nur ein Gedanke: Ich bringe ihn um!
Hass funkelte in ihren Augen, während sie sich darauf konzentrierte, die Situation unter Kontrolle zu behalten.
Dieses Ungeheuer! Perverses Miststück! Hat nur seinen Schwanz im Kopf!
Ich bringe ihn um! Wenn dieses Schwein ihr etwas antut! So wahr mir Gott helfe, ich bringe ihn um!
Annabell erhob sich. Sie warf sich ihr Negligé über, bevor sie leise Yakidos Zimmer betrat.
Das Flurlicht fiel auf das schlafende Mädchen. Da lag sie, ihren alten Teddy im Arm, die Bettdecke bis über beide Ohren gezogen. Annabells Herz klopfte wild, der pochende Rhythmus raubte ihr fast den Verstand.
Nur eines war jetzt wichtig: Yakido!
Vorsichtig setzte sie sich auf den Bettrand und strich zärtlich über die Haare des schlafenden Kindes. Sanft begann sie, an Yakidos kleinem Kopf zu rütteln.
„Mama?“
Yakido blickte sie verschlafen an.
„Was ist?“
„Komm, mein Engelchen, komm. Ein netter Onkel ist bei mir im Zimmer. Und er hat große Sehnsucht nach dir.“
Sie schluckte, ehe sie weiter sprach.
„Er möchte dich gern kennen lernen, dich begrüßen und dich in den Arm nehmen.“
„In den Arm nehmen? Warum, der Onkel ist doch ein fremder Onkel?“
„Ja, er ist ein fremder Onkel. Deshalb möchte er dich ja kennen lernen.“
„Ach so.“
Die Kleine rieb sich die Augen und wurde neugierig.
„Wie sieht er denn aus?“
„Das wirst du sehen, wenn du zu uns herüber kommst. Der Onkel wünscht sich, dass du ganz lieb zu ihm bist. Er will auch ganz lieb zu dir sein.“
„Ich bin doch lieb, oder Mama?“
„Ja, mein Engelchen, du bist immer lieb.“
Annabell schluckte die Tränen herunter, die sich ihren Weg bahnen wollten.
„Komm, und sei ganz lieb. Du musst auch keine Angst haben, der Onkel will dich ein wenig streicheln. Und wenn er dir an dein kleines Röschen fasst, dann lass ihn anfassen. Es dauert nicht lange, es geht vorüber.“
Annabell zog die Bettdecke zur Seite und nahm Yakido an die Hand.
„Darf ich ihn mitnehmen?“, fragte das Mädchen.
Dabei klemmte sie ihren alten, schäbigen Teddy unter den Arm.
„Natürlich, mein Engelchen.“
Mutter und Tochter betraten das Zimmer. Der Besucher lag auf dem Bett. Schweißgeruch hing in der Luft, es roch nach Wodka und Sperma.
„Wie heißt du denn, Onkel?“
„Sag einfach Onkel, mein süßes kleines Engelchen. Komm zu mir, Püppchen.“
Das Mädchen blickte ihre Mutter verunsichert an. Yakido vermochte den Mann nicht richtig zu erkennen, sie sah nur schemenhaft einen nackten Körper, der seine Arme nach ihr ausstreckte. Die Art, wie er mit ihr sprach, flößte dem Kind Angst ein.
„Bella, hol noch Wodka! Ich bin gerade in guter Stimmung. Und mach dir keine Sorgen, dein Töchterchen wird mir Gesellschaft leisten. Ich passe gut auf sie auf!“
Da war es wieder, dieses dreckige, diabolische Lachen. Annabell kochte vor Wut, Verachtung und Ekel. Yakido ließ sich derweil ans Bett ziehen. Gehorsam setzte sie sich dicht neben den nackten Mann und wunderte sich:
„Frierst du denn nicht?“
„Doch, mir ist kalt. Deshalb lass uns unter die Decke kriechen und uns ordentlich zudecken.“
Yakido krabbelte zu ihm, lag artig, so wie ihre Mama ihr auftrug, neben diesem Mann. Sie wollte besonders lieb sein.
„Mh, du duftest gut.“
Seine Hände fuhren über den kleinen Körper, sie streichelten ihn behutsam und vorsichtig. Diese kindliche Unschuld erregte ihn. So etwas hatte der Freier noch nie zuvor erlebt. Dieses kleine, unberührte Mädchen lag still neben ihm. Der ungewöhnliche Reiz der kindlichen Unwissenheit, die unschuldige Reinheit, unberührt und naiv, brachte seine sexuelle Lust fast zum Explodieren.
Er war der erste Mann, dessen Finger über die zarte Haut des Kindes fuhren. Der erste, der den kleinen Körper zu entdecken suchte.
Selten fühlte er sich so überlegen, so machtvoll. Er betastete das Mädchen, spürte diesen kleinen warmen Leib neben sich. Sanft strich er über die haarlosen Schamlippen, während ihn seine Lust in Phantasien abtauchen ließ.
Sein Penis schwoll an. Er begehrte die kleinen Hände des Mädchens, die sich um ihn legen sollten. An ihm rieben, so lange, bis er sich entladen würde.
„Fass mich an, Kleines“, keuchte er.
„Hab keine Angst, fass mich an. Das gefällt dem Onkel.“
Mit zuckersüßer Stimme setzte er nach:
„Du willst doch lieb sein, oder?“
Stumm nickte Yakido. Ja, sie wollte lieb sein. Sie hatte es ihrer Mutter versprochen. Wenn sie lieb ist, dann geht es ihnen gut. Der nackte Mann nahm die Hände der Kleinen. Er zeigte ihr, wie sie ihn verwöhnen sollte.
„Stöckchen spielen“, hauchte er. „Immer hoch und runter.“
Yakido gehorchte. Sie verstand nicht, warum der Onkel immer mehr schwitzte, warum er immer lauter stöhnte und keuchte. Sie verstand auch nicht, warum ihre Finger plötzlich nass wurden und was so klebrig auf ihrem Arm haftete. Morgentau, hatte Mama gesagt. Morgentau für das kleine Röschen.
Doch warum der Onkel zwischendurch seinen Finger in ihr Röschen steckte? Sie fand das nicht schön. Der Onkel tat ihr weh.
Die schummerige Dunkelheit im Zimmer schluckte Annabells Tränen. Stumm saß sie in der hinteren Ecke. Sie beobachtete die Szenerie wie eine Löwin.
Wenn er ihr etwas antut, bringe ich ihn um! Sie ließ die beiden nicht aus ihren Augen.
Als es endlich vorbei war, holte sie erleichtert ihre Tochter aus dem verhassten Bett und trug sie zurück in das Kinderzimmer.
„Brav mein Engelchen, das hast du gut gemacht.“
Sie küsste ihr Kind. Im Inneren flehte sie um Verzeihung.
„Schlaf nun, mein kleiner Schatz.“
„Geht der Onkel jetzt?“
„Ja, der Onkel muss nun gehen. Gute Nacht.“
Zärtlich strich sie über die feinen Haare ihres Kindes, streichelte ihre Stirn. Dann beugte sie sich zu ihr herunter und küsste sie sanft.
„Schlaf gut, mein kleines Engelchen.“
Wortlos kehrte sie in das andere Zimmer zurück. Wortlos warf sie diesem unersättlichen Kerl seine Sachen entgegen.
Wortlos verließ er ihre Wohnung.
Kapitel 3
„Frau Schwarz, ist alles in Ordnung?“
Die beruhigende Stimme der Psychologin drang wie durch einen Wattebausch an Yakidos Ohr, bemüht, ihr Bewusstsein zu erreichen.
Yakido war weit weg gewesen. Der Ärztin gelang es tatsächlich, dieses tief in ihrer Patientin vergrabene Erlebnis wach zu rufen, es aus ihr heraus zu locken.
Während Yakido sich erinnerte, vergaß sie völlig, wo sie sich befand. Hier in diesem Raum fühlte sie sich eigenartig geborgen. Eine behagliche Atmosphäre, dominiert vom wuchtigen Schreibtisch, auf dem ein Arrangement aus getrockneten Feldblumen thronte, aus deren Mitte filigrane Gräser hervorlugten.
Doch nun beförderte die Frau hinter dem imposanten Tisch Yakido zurück in die Gegenwart. Ihr verständnisvoller Blick ruhte auf ihrem Schützling. Kein Wort entging ihrer Aufmerksamkeit. Schließlich nickte sie.
Yakidos Mund war wie ausgetrocknet. Sie griff nach dem gefüllten Glas Wasser, welches die Ärztin ihr reichte, räusperte sich und schaute zu Boden.
„Es ist schon so lange her. So entsetzlich lange.“
Wie kläglich empfand sich Yakido nun, zusammengesunken auf einem der Stühle, der ihr heute das Empfinden gab, auf einer Anklagebank zu sitzen.
„Wie fühlen Sie sich, Frau Schwarz?“
In der Hoffnung, ihr Zittern würde den geschulten Augen der Ärztin entgehen, verschränkte Yakido die Arme, den Blick immer noch Richtung Boden.
„Ich fühle mich leer, unendlich leer.“
„Das ist in Ordnung so, Frau Schwarz“, erwiderte Frau Dr. Neuenhagen.
Sie zog den zweiten Stuhl heran, um sich neben ihre Patientin zu setzen.
„Es ist so lange her. Ich hielt es für einen Segen, die Erinnerung daran aus meinem Gedächtnis zu verbannen.“
Yakido nippte erneut am Wasserglas.
„Kleines Engelchen“, murmelte sie leise. Gleichzeitig spürte sie die schmerzvolle Sehnsucht, ihre Mutter würde sie jemals wieder so nennen. Sofort hakte die Psychologin ein.
„Das ist wirklich völlig okay, Frau Schwarz, glauben Sie mir. Sie haben es nicht vergessen, die Erinnerung daran haben Sie nur ganz tief in Ihrem Inneren verborgen. Instinktiv schützten Sie sich damit selbst.“
„All die Jahre habe ich nicht mehr daran gedacht.“
„Sie haben Ihre Erlebnisse verdrängt. Sie waren noch sehr jung, ein kleines Mädchen. Wie hätten Sie damals verstehen können, was Ihnen dieser Mann, und auch Ihre Mutter, antaten?“
Mitfühlend legte die Ärztin ihre Hand auf Yakidos, die sie ihr unwillkürlich entzog.
„Heute erinnerten Sie sich zum ersten Mal bewusst daran. Sie überwanden sogar Ihre innere Blockade, Ihr Erlebnis laut auszusprechen, einer anderen Person anzuvertrauen. Das ist mehr als bemerkenswert!“
Die Anerkennung der Psychologin klang ehrlich und Yakido empfand sich erleichtert.
„Sie haben sich jetzt Ruhe und Entspannung verdient. Ich rufe Larissa, sie soll Sie auf Ihr Zimmer begleiten und noch ein wenig bei Ihnen bleiben.“
Die Frau drückte den Knopf der Gegensprechanlage. Sofort meldete sich Larissa, der gute Geist der Station. Nur Augenblicke später betrat die barsche, doch rührend besorgte Pflegerin das Sprechzimmer.
„Wenn es Ihnen Morgen gut geht, kommen Sie wieder zu mir“, munterte die Psychologin ihre Patientin auf.
„Jedes einzelne Wort, welches Ihre Lippen verlässt, tut Ihnen gut. Es reinigt Ihre Seele.“
Vertrauensvoll reichte sie Yakido zum Abschied die Hand und geleitete sie zur Tür, um sie an Larissa zu übergeben.
„Kommen Sie Frau Schwarz“, zog Larissa Yakido den Flur entlang.
Währenddessen schrie ein Wort in Yakidos Hirn: Seele.
Was sollte das? Hatte sie eine Seele?
Wurde sie nicht schon längst verkauft, zum höchsten Preis?
Am folgenden Tag zog es Yakido wieder hinunter zum Teich, auf die Parkbank hinter den Bäumen nahe der Wiese. Der Herbstwind blies die Blätter von den Zweigen. Das Geäst der Bäume wirkte kahl und trostlos. Einzig die grünen Nadeln der Tannen würden der grauen Jahreszeit etwas Farbe verleihen.
Schnellen Schrittes eilte sie zu ihrem Lieblingsplatz. Sie hoffte, dort wieder das fremde Mädchen anzutreffen. Doch die Zeit verging, ohne dass sich jemand blicken ließ.
Natürlich, sie musste geträumt haben! Die vielen Tabletten spielten ihr einen Streich. Fröstelnd, die Herbstsonne wärmte an diesem Tag nicht mehr, begab sie sich auf den Rückweg zur Klinik. Seit einigen Wochen befand sich dort Yakidos Zuhause. Sie wehrte sich nicht mehr dagegen.
Kapitel 4
Derweil in einer Stadtrandsiedlung von Berlin. Immer wieder stellte sich Bernd Fischer die gleiche Frage: Welches Schicksal trieb die geheimnisvolle Unbekannte dazu, sich die Pulsadern aufzuschneiden?
Seit er die Mitbewohnerin aus dem achten Stock regungslos in der Badewanne fand, ging ihm die Unglückliche nicht mehr aus dem Kopf. Bei den wenigen zufälligen Begegnungen, meistens im Fahrstuhl, weckte sie jedes Mal sein Interesse. Gegen seinen Willen. Er wunderte sich selbst darüber, denn die Frau tat eigentlich nichts, was ihn dazu veranlasst hätte. Außer, ihn absolut zurückhaltend, mit einem kurzen, flüchtigen Lächeln zu bedenken. Es ärgerte ihn, doch trotzdem reichte dieses Lächeln aus, um ihn für Augenblicke zu verzücken. Nie hätte er gewagt, sie anzusprechen.
Von der Damenwelt hielt er sich fern, lehnte weiblichen Kontakt kategorisch ab. Fischer hatte genug mit sich selbst zu tun. Er fokussierte sich auf sein Leben. Es bescherte ihm die Aufgabe, sich nach der Scheidung neu zu ordnen, mental und finanziell wieder auf die Beine zu kommen und seine innere Balance wiederzufinden. Frauen hätten dabei nur gestört, so viel war klar.
Deshalb wählte der Versicherungsfachmann die Einsamkeit inmitten einer menschenfressenden Anonymität, hinter der sich Großstädte wie Berlin so gern verstecken. Trabantensiedlungen, Molochs des sozialen Wohnungsbaus wie in Marzahn, das Märkische Viertel oder die Gropiusstadt.
Rückblicke in Baukünste vergangener Jahrzehnte, deren Hochhäuser potenzielle Selbstmörder anlocken. Wie Ikarus durch die Lüfte schweben. Daraus wird allerdings nichts, wenn man vom zehnten Stock wie ein nasser Sack in die Tiefe stürzt.
Er fühlte sich wohl, so völlig zurückgezogen am Stadtrand zu leben.
So wie Yakido.
Seit Wochen drängte es Fischer, sie, deren Leben er rettete, zu besuchen.
Fischer setzte seine Überredungskünste ein, denn er wollte unbedingt erfahren, wohin der Ambulanzwagen die Hoffnungslose brachte. Nach etlichen Telefonaten erhielt er endlich die ersehnte Auskunft: die Adresse der Klinik.
Er fühlte sich unsicher, ob bereits der richtige Zeitpunkt dafür gekommen wäre. War sie soweit über den Berg, um Besuch von ihm, einem Fremden, zu empfangen? Wie würde sie auf ihn reagieren?
Fischer verspürte ein Ziehen in der Magengegend. Er wusste genau, weshalb er die Unbekannte mit dem sanften Lächeln nie angesprochen hatte. Diese Frau strahlte auf ihn etwas aus, was ihm hätte gefährlich werden können.
In Yakidos Zimmer läutete das Haustelefon. Sie erschrak. Augenblicklich riss sie den Hörer von der Gabel.
„Ja bitte?“
„Hier ist Larissa. Frau Schwarz, für Sie hat sich Besuch angekündigt. Gegen 16.00 Uhr möchte Sie ein Mitbewohner aus Berlin beehren.“
„Mitbewohner aus Berlin?“, wunderte sich Yakido.
„Wer soll denn das sein?“
„Na, der Herr Fischer! Der Mann, der den Notarzt rief. Er sagt, Sie würden ihn kennen.“
Yakido vermochte sich nicht an einen Mitbewohner Namens Fischer zu erinnern. Auch an keine anderen Nachbarn aus dem Wohnhaus. Wie auch? Sie suchte keinen Kontakt zur Außenwelt, verließ die Wohnung nur selten.
Allein in dieser fremden Stadt, in einem anonymen Hochhauskomplex, fixierte sie sich einzig auf diesen einen Mann an ihrer Seite. Sie klammerte sich an ihn wie eine Klette. Nur, weil er ihr eine vermeintliche Zukunft versprach. So lange, bis er Yakido wegwarf wie einen alten Wischlappen.
„Was will er?“
Yakidos abweisende Stimme war nicht zu überhören. Larissa zuckte instinktiv mit den Schultern, dabei sprach sie weiter ins Telefon.
„Sie einfach nur besuchen. Einen netten Nachmittag mit Ihnen verbringen. Weiter nichts!“
Larissa verstand die Abneigung der Patientin nicht. In einem sanfteren Ton als bisher fügte sie hinzu:
„Nun freuen Sie sich doch! Für heute ist leider Regen angesagt, sonst hätte ich Ihnen einen Spaziergang im Park vorgeschlagen.“
„Und nun, wohin soll ich anstatt dessen mit diesem Herrn Fischer gehen?“
„Was halten Sie denn von unserer Cafeteria? Wir servieren dort einen herrlichen Latte Macchiato!“
„Wie Sie meinen. Danke Larissa. Das ist eine gute Idee.“
Yakido legte auf. Der Blick in den Spiegel zeigte ein aschgraues Gesicht mit tiefen Rändern unter den Augen. Hastig kniff sie sich in ihre Wangen, um keinen farblosen Eindruck zu hinterlassen. Aus der Schublade der Kommode fingerte sie ein schwarzes Band aus Samt hervor, um das lange Haar zu einem Zopf zu binden.
Yakido wählte einen Tisch in Fensternähe. Dort saß sie bereits, als Bernd Fischer die in einem freundlichen hellbeige eingerichtete Cafeteria betrat. Er blieb ein wenig orientierungslos am Eingang stehen, blickte sich suchend um. Sobald er Yakido entdeckte, steuerte er zielstrebig auf sie zu. Hinter dem Rücken verbarg er einen kleinen Strauß gelber Herbstastern.
„Frau Schwarz?“, sprach er sie zögernd an.
Yakido starrte aus dem Fenster, beobachtete die Regentropfen, die klatschend gegen die Fensterscheiben prasselten. Nun drehte sie sich langsam um, behutsam darauf bedacht, ihre Abneigung gegen diesen Nachmittagsbesuch zu verbergen. Beim Anblick Fischers rasten augenblicklich ihre Gedanken, suchten in ihrem Erinnerungsvermögen.
Wo habe ich diesen Mann schon mal gesehen?
Fischer schien ihre Gedanken zu erraten.
„Wir sind uns einige Male im Fahrstuhl begegnet. Erinnern Sie sich an mich?“
Fischer erschrak über die blasse, wie durchsichtiges Seidenpapier scheinende Haut, die Yakidos Wangen bedeckte. Vielmehr jedoch über ihren stumpfen Blick, der mit leeren Augen auf ihm ruhte.
„Ja, ich erinnere mich“, erwiderte sie leise.
„Was wollen Sie hier?“
„Darf ich Platz nehmen?“
Er blieb weiterhin höflich, ihre Teilnahmslosigkeit irritierte ihn jedoch.
„Ich habe für uns einen Latte Macchiato bestellt. Die Schwester sagte mir, der wäre sehr lecker und Sie würden dieses Getränk mögen.“
Pause. Betretene Stille. Yakido sagte kein Wort, sah Fischer nur ausdruckslos an. Er fühlte sich unbehaglich, wusste nicht, wie er einen Zugang zu dieser Frau finden sollte. Es bereitete ihm Schwierigkeiten, ein Gespräch zu beginnen. Zur Überbrückung reichte er ihr den Blumenstrauß.
„Danke“, entgegnete sie matt.
„Die sind schön.“
Gemeinsam tranken sie ihren Kaffee. Sie schwiegen. Tausend Worte kreisten durch Fischers Gehirn. Tausend Worte, die er ihr gern sagen wollte. Dann endlich brach es aus ihm heraus.
„Wer hat Ihnen das angetan?“
„Wer hat mir was angetan? Was meinen Sie? Was soll das?“
Yakido verstärkte sofort ihre Abwehrhaltung. Sie fühlte sich von der direkten und völlig unerwarteten Frage regelrecht bedroht.
„Warum wollten Sie nicht mehr leben?“
Yakido erstarrte. Niemand besaß das Recht, in ihrem Leben zu wühlen, geschweige eine Rechtfertigung von ihr zu erhalten. Was bildete sich dieser Kerl ein?
„Was geht Sie das an? Was verdammt geht Sie das an?“
Yakido verlor die Beherrschung. Ihre Stimme wurde lauter. Fischer stocherte in ihrem wunden Punkt herum. Sie begann zu schreien.
„Was wollen Sie von mir? Spazieren hier einfach so herein und fragen mich, warum ich nicht mehr leben wollte? Das geht Sie verdammt noch mal einen Scheißdreck an! Verschwinden Sie, ich will Sie hier nicht mehr sehen. Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Mist! Lassen Sie mich in Ruhe!“ Yakidos Stimme überschlug sich, sie war außer sich vor Wut. Ruckartig stand sie auf, dabei kippte der Stuhl nach hinten und polterte auf den Boden. Die übrigen Gäste der Cafeteria wohnten entgeistert dem Geschehen bei, einige wurden bereits unruhig.
„Hauen Sie endlich ab! Verschwinden Sie!“
Wutentbrannt drehte Yakido Fischer den Rücken zu, während sie hastig zum Ausgang eilte.
Larissa, die sich mit gemischten Gefühlen, dabei nichts Gutes ahnend, in der Nähe der Patientin aufhielt, stürmte herbei. Energisch bedeutete sie dem Besucher, zu gehen. Sie ergriff Yakido am Arm.
„Kommen Sie, Frau Schwarz. Beruhigen Sie sich. Herr Fischer wird unser Haus wieder verlassen und Sie nicht weiter belästigen. Das verspreche ich Ihnen.“
Entschlossen schob sie Yakido in den Flur und begleitete sie zu ihrem Zimmer.
„Hier, nehmen Sie das. Das wird Sie beruhigen und Sie werden ein wenig schlafen.“
Larissa reichte ihrem Schützling eine Beruhigungstablette. Danach schob sie einen Stuhl im Zimmer zurecht, klopfte auf das Sitzkissen und bedeutete der Patientin, sich dort nieder zu lassen. Yakido nahm Platz. Widerwillig schluckte sie die weiße Pille.
„Das wird schon wieder, Frau Schwarz“
Die Pflegerin tätschelte vertraulich Yakidos Arm.
„Ich muss wieder weiter, habe noch mehr Schäfchen, die ich hüten muss!“
Sie zwinkerte mit den Augen, was ihrem kantigen Gesicht einen spitzbübischen Ausdruck verlieh.
„Ich werde Sie nun allein lassen. Wenn Sie mich brauchen, Sie wissen ja, wo Sie drücken müssen!“
Lächelnd verließ die gute Seele das Zimmer, zeigte gleichzeitig auf den Klingelknopf neben dem Lichtschalter und zog die Tür hinter sich zu. Zur Kontrolle blieb sie noch einen Moment auf dem Flur stehen, horchte angestrengt an der Zimmertür.
Stille erfüllte den Raum, welcher Yakido nun seit einiger Zeit anstelle der kärglichen Wohnung in der Stadtrandsiedlung ein mehr oder weniger gemütliches Domizil bot.
Yakido gab keinen Laut von sich. Bewegungslos blieb sie auf dem Stuhl sitzen, wohl wissend, dass Larissa noch horchend vor der Tür stehen würde.
Jetzt nur nicht weiter auffallen! Ganz ruhig bleiben.
Die Wirkung der Tablette ließ Yakido gleichmütig werden, weshalb sie sich ohnehin allmählich beruhigt hatte. Bedächtig wartete sie, bis sich Larissa von der Zimmertür entfernt hatte. Sie steuerte die weiße Kommode an, die sich der Klinikeinrichtung perfekt anpasste, und zog die oberste Schublade auf.
Unter bunten Tüchern lugte ein Foto hervor, das einzige, welches sie damals mitnehmen konnte. Es zeigte ein lächelndes Mädchen auf dem Schoß der Mutter sitzend. Ein unbeschwertes Kind, inmitten einer trügerischen Friedlichkeit nebst Harmonie. Ein falsches Zeugnis der Vergangenheit.
„Das bin ich nicht“, hörte sie sich flüstern.
„Das bin nicht ich.“
Vorsichtig verstaute sie das Erinnerungsstück wieder in der Schublade. Müde sank sie auf das Bett. Die Aufregung des Tages hinterließ ihre Spuren. Die Beruhigungstablette tat das Übrige.
Yakido sehnte sich nach todesähnlichem Schlaf, der ihre Erinnerungen für immer aus ihrem Gedächtnis löscht. Bleischwer senkten sich ihre Lider, doch ihre Augen blieben nicht von ihnen bedeckt. Ein nervöses Flimmern hielt sie wach.
„Okay, du verhasster Dämon. Komm, schlag zu. Führen wir unsere eigene Therapie durch. Lass uns spielen, quäle mich. Spielen wir Vergangenheit. Ich halte dich aus, du verdammter Teufel!“
Sie straffte ihre Muskeln und begann, sich zu konzentrieren. Yakido schärfte ihr Bewusstsein, versuchte, sich eines der verhassten Erlebnisse ins Gedächtnis zu rufen. Begierig, die einstige Qual erneut zu durchleben. Wohin würde der Dämon sie führen, wenn nicht wieder in die Enge der kalten, feuchten Wohnung? Der muffige Geruch der Möbel und Gardinen stieg ihr bereits in die Nase.
„Komm schon, lass mich nicht so lange warten!“
Endlich fiel Yakido in einen anderen Bewusstseinszustand, ähnlich wie der in Trance. Mit aller Anstrengung versetzte sie sich in die damaligen Handlungsabläufe, bewegte sich in ihnen, als führte sie Regie. Sie befand sich wieder in ihrem Mädchenzimmer, fernab in Hamburg, an dem Ort, den sie seit Kindertagen zu hassen lernte.
Kapitel 5
Vertrautheit empfing Yakido. Hier kannte sie sich aus; es hatte sich nichts im Raum verändert. Ihr Atem wurde flacher. Der Dämon lotste ihre Erinnerungen in eine Zeit, in der sie ein junges Mädchen war. Älter als damals, als sie zu dem fremden Mann, dem Onkel, ins Bett schlüpfen musste. Ihr Körper begann gerade zart zu erblühen, ihr Busen drückte sich leicht unter dem Pulli durch.
Yakido saß zur vorgerückten Stunde allein in ihrem Zimmer. Unter dem fahlen Licht der Schreibtischlampe stapelten sich mit feiner Handschrift verfasste Notizen, die sie an diesem Abend angefertigt hatte. Plötzlich wurde die Zimmertür heftig aufgerissen. Völlig verstört stürzte ihre Mutter herein. Schlecht gelaunt und in ihren Überlegungen gestört, blickte Yakido auf.
„Mama, lass mich heute Abend. Ich muss noch für die Schule büffeln. Wir schreiben morgen einen Test, den will ich nicht versauen.“
„Yakido!“, stieß ihre Mutter hervor.
Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn.
„Mama! Bitte, schaffst du es diesmal nicht allein?“, fauchte das Mädchen.
„Außerdem habe ich meine Tage, ich kann sowieso nicht!“
„Komm rüber, es ist was passiert!“
Kreidebleich stand die Mutter im Türrahmen. Die schöne, elegante Frau, sie, die sonst ruhig, professionell und eiskalt die Männer abservierte, war völlig aus der Fassung geraten.
Yakido begriff sofort, dass etwas nicht stimmte. Derart aufgeregt und kopflos hatte sie ihre Mutter noch nie erlebt. Im Gegenteil. Annabells immer wieder auftretende eisige Kühle und Besonnenheit löste selbst bei Yakido oft Unbehagen aus.
Gemeinsam eilten sie nun in das Nebenzimmer. Wie immer verströmten Kerzen ein schummriges Licht und es roch nach Alkohol, Schweiß und Sperma. Auf dem Bett lag ein nächtlicher Besucher. Ausgestreckt, auf dem Bauch, den Kopf im Kissen vergraben, hing der rechte Arm merkwürdig schlaff über der Bettkante.
„Oh Gott, was ist hier los?“, schrie Yakido nach der ersten Schrecksekunde.
Der Anblick des reglosen Mannes jagte dem Mädchen einen Schauer über den Rücken.
„Ich glaube, der ist tot!“, flüsterte Annabell.
„Der ist tot. Beim Vögeln einfach ausgelöscht!“
Sie lachte zynisch.
„Was kann schöner sein...?“
„Aber wie..., was hast du gemacht?“
Yakido zitterte am ganzen Leib.
„Nichts! Nichts habe ich gemacht! Alles war okay. Es hat ihm ordentlich Spaß bereitet. Plötzlich begann er zu röcheln, hob seinen Kopf und schnappte nach Luft. Dann sackte er in sich zusammen. Blieb auf mir liegen, schwer wie Blei. Kostete mich alle Kraft, mich von dem alten Sack zu befreien.“
Beide standen im Raum und starrten fassungslos auf den leblosen Körper. Ein unansehnlicher Mann, Mitte fünfzig, mit einem dicken Bierbauch und weißer, dünner Haut.
„Guck mal, Mama. Der hat noch seine Socken an.“
„Oh Gott!“
Panik beschlich Annabell. Allmählich begriff sie die Tragweite der Situation. Hier lag ein toter Mann in ihrem Bett, dessen Namen sie nicht einmal kannte. Ein anderer Stammgast prahlte dem unbekannten Freier gegenüber mit Annabells Liebesdiensten. Derart aufgeheizt, führte ihn seine Geilheit noch direkt in dieser Nacht zu ihr.
„Seine Frau wird ihn vermissen. Schon vor einer guten Stunde hätte er sie beinahe angerufen.“
Verächtlich zeigte sie mit ihrem Kopf in seine Richtung.
„Der Idiot wollte doch glatt mein Telefon benutzen, als ich kurz im Bad war. Typisch Mann. Wenn es da unten juckt, setzt der Verstand aus.“
„Wir müssen ihn loswerden, Mama. Der muss hier weg. Wie willst du erklären, was hier passiert ist?“
„Du hast Recht. Aber wie? Was sollen wir jetzt nur machen? Ich kann ihn ja nicht im Klosett herunter spülen.“
Sie blickte sich um, suchte nach einer Möglichkeit, den unliebsamen Gast zu beseitigen.
„Wir müssen uns beeilen. Wenn seine Frau nach ihm sucht, zur Polizei geht und ihren Mann als vermisst meldet...“
„So schnell geht das nicht, mein Engelchen. Wir werden bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Dann legen wir ihn ins Auto, fahren runter zur Elbe und werfen ihn ins Wasser.“
„Du willst ihn in die Elbe werfen?“
Entgeistert starrte Yakido ihre Mutter an.
„Warum denn nicht, da sind schon viele drin ertrunken!“
Da war sie wieder. Annabell hatte ihre Fassung wiedergewonnen. Sie grübelte, wie Mutter und Tochter es anstellen, sich aus diesem Dilemma herauszuschälen. Doch wie sollten die beiden den schweren, leblosen Körper zum Auto befördern?
Es gab keine Hintertür, so blieb nur der Weg über die Kellertreppe, um die Souterrainwohnung zu verlassen. Den leblosen Körper dort hoch zu schleppen, würde ohne Hilfe mehr als anstrengend werden. Ebenso, den Toten zum Auto zu transportieren. Und das alles, ohne Aufsehen zu erregen!
„Komm Yakido, fass mit an!“
Annabell zog an dem Teppich, der im Wohnraum lag.
„Wir wickeln ihn hier ein. Der Teppich ist groß genug.“
„Mama, das ist wie in einem schlechten Film!“
„Hast du eine bessere Idee?“
Yakido schüttelte den Kopf. Das Geschehen um sie herum wirkte wie eine gespenstische Szene, so, als liefe tatsächlich ein schlechter Film. Yakido fühlte sich, als wäre sie nur Zuschauerin. Sogar der Körper der Leiche auf dem Bett ihrer Mutter erschien ihr wie der einer Puppe in einer Kulisse eines billigen Filmsets. Der Fremde lag da, als schliefe er, als würde er sich jeden Moment erheben. Annabell ging zum Bett. Sie packte den Kerl an den Schultern. Grob zerrte sie ihn auf die Seite.
„Verdammt, ist der schwer“, fluchte sie.
„Wie ein nasser Mehlsack!“
Sie kletterte über ihn drüber und stieß ihn von der anderen Seite an den Rand des Bettes. Sie keuchte. Er rückte und rührte sich nicht.
„Scheiße noch mal, du Mistkerl!“
„Psst, Mama! Schrei nicht so laut. Wir dürfen jetzt nicht auffallen!“
Yakido empfand sich wie eine geheimnisvolle Verbündete in einer großen Schlacht.
„Wir wickeln ihn in den Teppich, die Gangster machen es auch so.“
„Komm her und rede nicht so viel. Hilf mir lieber, den Kerl vom Bett zu bekommen. Er ist zu schwer für mich allein.“
Annabell schob den Leblosen weiter an den Rand des Nachtlagers. Yakido zerrte von vorn an dem toten Mann. Mit einem dumpfen Aufprall des Körpers fiel die Leiche auf besagten Teppich.
„Endlich“, keuchte Annabell.
„Das hätten wir geschafft.“
Annabell strich sich die Haare aus dem Gesicht, wischte sich dabei über ihre schweißnasse Stirn.
„Wunderbar verpackt und gut verschnürt. Heiße Ware...“
Sie kicherte. Sie konnte so herrlich sarkastisch sein, selbst in diesem Moment. Wie eine Ironie des Schicksals läutete ausgerechnet jetzt die Türglocke.
„Mist, wer kann das sein?“
Annabell eilte zur Wohnungstür, spähte durch den Spion. Geistesgegenwärtig zupfte sie ihre Haare zurecht, zog ihren Rock in Form und löste zwei Knöpfe aus den Schlaufen ihrer Bluse.
„Der kommt gerade recht“, flüsterte sie Yakido zu.
„Bist du bereit, kann ich öffnen?“
Das Mädchen nickte nur, ihre Stimme war mit einem dicken Kloß belegt. Sie hätte sowieso keinen Ton von sich geben können.
„Wen haben wir denn da?“, fragte Annabell mit verführerischem Tonfall in der Stimme, während sie die Tür nur handbreit aufsperrte.
Vor ihr stand der aufdringliche Hausmeister. Durch den schmalen Türspalt begaffte er ihr Gesicht sowie den einladenden Busen.
„Hallo, schöne Frau. Ich wollte nur mal Bescheid sagen, dass die Wohnung über dir eine Verstopfung hat. Ich musste das Wasser abstellen, damit die Scheiße nicht überall lang schwimmt.“
Annabell räusperte sich.
„Na, wenn das keine gute Nachricht ist.“
Ihr entging nicht, wie seine Augen wieder an ihrem Körper klebten. Unschuldig fuhr sie fort:
„Wenn du das Malheur beseitigt hast, guckst du dann noch kurz bei mir vorbei?“
Sie lächelte ihn an. Er grinste. Er grinste so breit und selbstgefällig, dass es ihr Übelkeit in der Magengegend verursachte.
„Halt dich bereit, schöne Frau.“
Sein Zeigefinger tippte an den Schirm seiner Mütze.
„Bis nachher.“
„Puh!“ Erleichtert schloss Annabell die Tür und lehnte sich gegen sie.
„Das Problem scheint gelöst.“
Noch in dieser ereignisreichen Nacht befriedigte Yakidos Mutter den aufdringlichen Hausmeister nach allen Regeln der Kunst. Schließlich bat sie ihn mit zuckersüßer Stimme, den schweren Teppich samt Inhalt in den Kofferraum ihres Autos zu transportieren.
Der Hausmeister stellte keine Fragen. Er wunderte sich nicht über die nächtliche Aktion. Nein, er verlangte keine weiteren Erklärungen über diese ungewöhnliche Fracht. Wozu auch? Sein Interesse galt nur dieser schönen Frau. Er wusste, mit dieser Gefälligkeit frisst sie ihm künftig aus der Hand. Sie würde seine Wünsche, sie anzufassen, sie zu küssen und sich von ihr verwöhnen zu lassen, nicht mehr abschlagen können.
Instinktiv spürte er, dass er von nun an ein Geheimnis mit dieser Frau, die er so sehr begehrte, teilte. Selbstzufrieden ließ er sich von ihrem hübschen Engelsgesicht mit dem süßen Lächeln blenden. In seiner Überlegenheit begann er jedoch einen fatalen Fehler.
Er unterschätzte Annabells skrupellose Kälte.
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