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Marianne Labisch

VERNETZT

Außer der Reihe 64

Marianne Labisch

VERNETZT

Außer der Reihe 64

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: 24. Dezember 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Marianne Labisch

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Kai Beisswenger

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 265 2

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 832 6

1

Sue zog den Vorhang einen Spalt zur Seite und lugte ins Publikum. Es gab nur noch ein paar freie Stühle in dem Raum, der circa hundert Personen fasste. So langsam wurde ihr mulmig. Was, wenn sie sich verhaspelte oder ihr Roman den Leuten nicht gefiel?

Nur nicht verrückt machen. Je lockerer sie die Sache anging, desto besser. Sie ließ ihren Blick über die Gäste gleiten und entdeckte kein bekanntes Gesicht. Wo steckte Alex?

Da saß er, gleich in der ersten Reihe, wie er schon vor geraumer Zeit angekündigt hatte. Wie nett von ihm, ihr bei der ersten Lesung beizustehen, und das, obwohl er sich nicht für ihre Schreiberei interessierte. Einfach ein lieber Kerl. Er hatte zwar auch seine Macken, aber wer hatte die nicht?

Schweiß, Rasierwasser- und Parfümduft hingen schwer in der Luft. Die Klimaanlage kämpfte vergeblich gegen die Hitze. Einige Frauen fächelten sich mit dem Programmheftchen Luft zu. Gemurmel erfüllte den Raum, in dem eine gewisse Spannung lag.

Sue blickte nervös auf die Uhr. Noch fünf Minuten. Zeit genug, um noch einmal zur Toilette zu gehen. Gab es eigentlich wissenschaftliche Untersuchungen darüber, warum man unter Anspannung einen permanenten Harndrang verspürte?

Um nicht zu spät zu kommen, eilte sie über den Flur und huschte in die Damentoilette. Nach dem Händewaschen überprüfte sie zum hundertsten Mal ihr Aussehen. Weiße Hose, flache weiße Ballerinas und ein tiefblauer Baumwollpulli mit Lochmuster, der ihre Augen perfekt zur Geltung brachte. Sie drehte sich um die eigene Achse. Ja, so konnte sie sich sehen lassen.

Mit einem Mal verspürte sie ein Unbehagen. Es prickelte im Nacken, als wäre da jemand, der sie beobachtete. Im Spiegel sah sie die Toilettentüren, allesamt geschlossen. Es könnte sich aber jemand hinter einer dieser Türen verbergen. Nein, dann hätte sie Schuhe sehen müssen. Die Härchen an den Armen stellten sich auf. Als Kinder hatten sie sich auf die Kloschüssel gestellt, wenn sie nicht von außen entdeckt werden wollten.

Auf Zehenspitzen huschte sie zu den verschlossenen Türen und öffnete eine nach der anderen.

Kein Mensch!

Trotzdem wich dieses blöde Gefühl nicht.

Langsam musste sie aufpassen, dass sie durch den Mist nicht noch zu spät kam. Sie ging zur Tür und drückte die Klinke hinunter.

Nichts passierte.

Nein! Das konnte nicht sein. Wäre sie eingeschlossen worden, hätte sie das Schlüsselgeklimper doch hören müssen. Außerdem würde kein Mensch auf so eine hirnrissige Idee kommen. Die Toiletten standen dem Publikum zur Verfügung. Die schloss garantiert niemand ab, bevor die Veranstaltung endete.

Verhakt vielleicht? Ganz ruhig bleiben. Klinke runter, ganz runter und drücken. Wieder nichts. Ihr wurde heiß. Dort draußen saßen Leute, die auf sie warteten. Sie musste hier raus! Noch ein Versuch. Gleiches Ergebnis. Ihr Herz raste.

Verdammt! Sie ging zurück zum Waschbecken, erkannte im Spiegel ein gehetztes Reh und überlegte, was sie tun konnte. Sie hatte so lange auf die erste Lesung gewartet. Und jetzt saß sie auf dem KLO fest! Das durfte nicht wahr sein.

Schreien, rufen, mit den Händen gegen die Tür trommeln? Sie spürte Wuttränen aufsteigen und biss sich auf die Lippe. Nein, sie würde garantiert nicht mit einem verheulten Gesicht vor das Publikum treten.

Die Schlagzeile: Lesung ausgefallen – Autorin saß auf dem WC!, tauchte in großen Lettern vor ihrem geistigen Auge auf, bezwang die Tränen und brachte Sue zum Lachen. Ja, das wär's! Sie schniefte, straffte die Schultern, ging mit festen Schritten zur Tür und drückte die Klinke noch einmal hinunter. Dieses Mal öffnete sich die Tür, als sei nie etwas gewesen.

Draußen versetzte sie der Tür einen Tritt, schimpfte: »Elendes Mistding!«, und eilte zur Bühne. Dabei atmete sie mehrmals tief durch und verscheuchte die Episode aus ihren Gedanken.

Frau Achtkant, die den Abend moderierte, trippelte ungeduldig von einem Bein aufs andere. Erleichtert nickte ihr die Frau zu und wies auf eine Stelle zwischen sich und dem Schreibtisch, den sie für Sue ausgewählt hatte. Der Vorhang glitt geräuschlos zur Seite und Applaus erklang.

»Guten Abend! Vielen Dank für Ihr zahlreiches Erscheinen.« Ihre Stimme klang fest und sicher. Offensichtlich trat sie öfter vor Publikum auf. »Heute wird uns die Autorin Susanne Blumberg aus ihrem Debütroman vorlesen.«

Sue wusste nichts mit sich anzufangen. Sie wollte, es ginge endlich los. Dann könnte sie sich setzen und ihre wackeligen Knie verbergen.

Frau Achtkant fuhr fort: »Wie Sie sicher alle wissen, betritt die Autorin mit ihrem Werk ›Endlich quitt‹ neue Wege. Das Prinzip ist schnell erklärt: Das Buch ist in verschiedenen Varianten erschienen. Ein Taschenbuch, ein komplettes E-Book und ein weiteres E-Book, dem komplette Kapitel fehlen. Die fehlenden Kapitel verstecken befreundete Autoren, Maler, Gamer und Verlage auf ihren Homepages, in Blogs und Foren. Der Leser besucht diese Seiten, löst dort einfache Aufgaben und kann sich dann die Kapitel herunterladen und in sein E-Book einfügen. Gerne würde sich unser Verlagshaus mit dieser neuen Art der Vermarktung schmücken, aber nachdem wir keine Thriller verlegen, gebührt diese Ehre dem Verleger Manuel Beck, der heute ebenfalls anwesend ist.« Frau Achtkant wies im Publikum auf den Verleger, der sich erhob, umdrehte und verneigte.

Manuel machte eine gute Figur. Souverän nahm der den Applaus entgegen und brachte Sue mit seiner majestätischen Art zum Schmunzeln. Frau Achtkant fuhr fort:

»Herr Beck und Frau Blumberg werden Ihnen später Fragen beantworten. Bitte begrüßen Sie – Susanne Blumberg!« Sie wies auf Sue und zog sich in den hinteren Bühnenbereich zurück.

Sue verbeugte sich und ging auf den Schreibtisch zu, auf dem das Manuskript lag, ein Glas Wasser und ein Mikrofon standen, und setzte sich auf den Stuhl.

Plötzlich war es still im Raum. Sues Hände zitterten. Sie rückte den Stuhl näher an den Tisch und legte die Hände flach auf das Manuskript. Dann räusperte sie sich und schaute ins Publikum. Alle Blicke hafteten auf ihr. Sie schwitzte. Einen Moment beschlich sie die Angst, keinen Ton herauszubekommen, aber dann nahm sie Alex ins Visier. Sie würde für ihn lesen und den Rest des Publikums einfach ausblenden. Sie richtete das Mikrofon aus und fragte: »Können Sie mich dahinten in der letzten Reihe gut verstehen?«

»Ja.«

»Gut.«

Die Leute nickten.

»Fein, dann kann ich ja anfangen.« Sie schlug die Seite auf, die sie markiert hatte, und las: »Dort! Ein Schatten folgte ihr. Ein Radfahrer. Warum klingelte der Idiot so aufdringlich, wenn er nicht vorbeifahren wollte? Wieder betätigte der Mann seine Fahrradklingel …«

Um die richtige Stelle zu finden, nachdem sie ins Publikum gesehen hatte, benutzte sie den Zeigefinger der rechten Hand. Sie wusste, das konnte unbeholfen wirken, aber immer noch besser, als lange rumsuchen zu müssen. Erstaunlich, was sie alles sah und hörte, obwohl sie las. Ein Mann, ungefähr in der Mitte des Raumes, las irgendetwas und Sue hoffte, es möge das Programmblättchen sein. Eine Frau weiter hinten hüstelte. Ein Blitzlicht blendete sie kurz und hätte sie fast aus dem Konzept gebracht, aber dann dachte sie, sie sollte sich langsam daran gewöhnen, dass sie im Mittelpunkt stand. Bei dem Gedanken musste sie lächeln.

Als sie das Buch zuschlug, applaudierten die Zuhörer, einige johlten, Blitzlichter leuchteten auf und alle redeten durcheinander.

»Bravo!«

»Super!«

Sue schwebte im siebten Himmel. Mit dem Applaus wich die Aufregung.

Frau Achtkant trat neben sie. »Die Damen und Herren von der Presse haben im Anschluss an diese Veranstaltung Zeit, weitere Fotos zu schießen und Interviews zu führen.« Mit einer weit ausholenden Geste wandte sie sich an die Zuhörer: »Sie können jetzt Ihre Fragen stellen.« Mehrere Hände reckten sich in die Höhe. Frau Achtkant wies auf einen Mann in der dritten Reihe und sagte: »Bitte!«

Der Mann räusperte sich. »Mich würde interessieren, wie Sie diejenigen gefunden haben, die Ihre Kapitel verstecken?«

Sue nickte und antwortete: »Ich habe sie gefragt …« Gelächter erklang. Oh Gott, sie war doch noch gar nicht fertig. Unfreiwillige Komik gehörte eigentlich nicht zu ihren Stärken. Allerdings gab es Schlimmeres, als das Publikum zum Lachen zu bringen. Sue schmunzelte und fuhr fort: »Nun, ich musste schon ein paar Leute fragen, bis ich alle zusammenhatte. Ich bin in einigen Schreibforen aktiv und da ist es einfacher, Gleichgesinnte zu finden.«

Weitere Arme schossen empor. Eine Frau stand auf: »Gibts a Lischt, von de Seiten, wo man die Kapitel findet?« Die Frau lächelte verlegen und setzte sich.

»In dem E-Book ist eine Liste hinterlegt«, erklärte Sue.

Der nächste Fragesteller erhob sich. »Glauben Sie, dass es Nachahmer geben wird?«

»Ja, das könnte ich mir schon vorstellen.«

Allerdings würde der Reiz des Neuen wahrscheinlich nicht lange anhalten. So ging es doch mit allem. Zuerst waren die Leute Feuer und Flamme und dann kam das nächste große Ding.

Eine halbe Stunde beantwortete Sue alle Fragen und las dann eine weitere halbe Stunde. Danach signierte sie gefühlte fünfhundert Bücher und bekam dabei das selige Grinsen nicht aus dem Gesicht. Hoffentlich wirkte das nicht einfältig. Geduldig erfüllte sie jeden Widmungswunsch.

Sie sah Alex an. Er nickte und signalisierte damit, dass er warten würde, egal wie lange es dauerte. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, sie per Taxi zu chauffieren, und würde sie nach der Veranstaltung zu ihrem Lieblingsitaliener führen, um den Abend gebührend ausklingen zu lassen.

Heute freute sie sich ganz ehrlich darüber, dass er für sie da war. Nach dem Tod ihres Mannes, der Sue nach über einem Jahr nicht mehr ganz so arg schmerzte, und dem tödlichen Unfall seiner Frau mehr oder weniger zur gleichen Zeit, hatten Alex und sie sich angefreundet. Sue wusste, Alex erhoffte mehr, weshalb sie sich geschmeichelt fühlte, aber bislang schaffte sie es, ihn auf Distanz zu halten. Höchst wahrscheinlich würde sie keine neue Partnerschaft eingehen. Ein Verhältnis, wie sie es zu ihrem Mann gehabt hatte, würde es garantiert kein zweites Mal geben.

Die Presse, die aus zwei Journalisten bestand, wollte wissen, wie lange sie schon schreibe, wie sie auf die Idee mit den versteckten Kapiteln gekommen sei und was als Nächstes auf ihrem Plan stünde. Beide Herren machten einen sehr netten Eindruck und schienen wirklich interessiert. Sie schossen noch ein paar Fotos und Sue hoffte, es möge wenigstens eins dabei sein, auf dem sie nicht entweder den Mund verzog, oder sonst eine unvorteilhafte Grimasse schnitt.

Cesare, der Patrone, begrüßte sie mit Küsschen rechts und links und führte sie zu einem Tisch. Sue fühlte sich bei Cesare wohl. Der kleine Mann verstand es, seinen Gästen ein Gefühl des Willkommenseins zu vermitteln. In den Nischen saß man für sich und hatte dennoch einen Überblick über das Restaurant. Im Hintergrund lief »Azurro« von Adriano Celentano. Die Krönung des Tages. Sue mochte diese rauchige Stimme immer noch, auch wenn sie nicht mehr in den Sänger verliebt war, wie damals mit elf Jahren. Dieser Song passte zum Tag: Sommer, Wohlgefühl und Erfolg. Was konnte man sich mehr wünschen? Meeresbilder, Gemälde mit antiken Gebäuden aus Rom, Florenz und Venedig sorgten für eine entspannte Urlaubsstimmung.

Der Duft von Knoblauch und Kräutern hing in der Luft. Ein Blick auf die Antipasti-Theke ließ Sues Magen leise knurren. Alex bestellte Champagner.

»Auf die neue Erfolgsautorin!« Er prostete ihr zu und berichtete Cesare von Sues erfolgreicher Lesung. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Alex übertrieb schamlos. Warum konnte er nicht einmal schweigend genießen? Immerzu musste er prahlen. Und dann auch noch mir ihr! Sie haute ihm leicht auf die Hand und widersprach: »Glaube dem Mann kein Wort, Cesare. Alex übertreibt, wie üblich.« Der kleine Italiener ließ sich nicht lumpen. »Oh, Susanna, una scrittice famosa? Der Champagner geht aufs Haus.«

Sue spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Cesare eilte davon, so konnte sie das Angebot nicht mehr ausschlagen.

»Alex! Bitte hör auf damit. Es war ein schöner Abend, ich freue mich, dass es den Leuten gefallen hat. Wenn du so weiter machst, verdirbst du mir die Stimmung.«

»War nur nett gemeint. Von mir und von Cesare auch. Aber wenn du willst, gehe ich nicht weiter darauf ein.« Wie immer prallte die Kritik an Alex ab.

Einen Moment herrschte Stille und Sue ärgerte sich über ihr schlechtes Gewissen. Es war nicht ihre Absicht gewesen, Alex zu verärgern, und die Stimmung wollte sie auch nicht trüben. Alex meinte es ja nicht böse. Mit versöhnlichem Tonfall sagte sie: »Danke für die Einladung, Alex. Ich hätte jetzt nicht schlafen können.«

»Schlafen? Wer redet denn von Schlafen? Der Abend will gefeiert werden. Weißt du, was du essen willst? Soll ich ein Menü bestellen?« Alex schien ihr nicht böse zu sein.

Er freute sich ganz aufrichtig über ihren Erfolg, vollkommen ohne Neid oder Missgunst. Nur ganz unterschwellig blieb das Gefühl zurück, er sonne sich in ihrem Erfolg.

Cesare kam, um die Bestellung aufzunehmen.

Sie genoss das leckere Essen, den Pinot Grigio, die behagliche Atmosphäre und Alex’ aufmerksame Anwesenheit. Er machte den Eindruck, ihr jeden Wunsch erfüllen zu wollen, goss nach, bevor sie das Glas leerte, und bestellte die Eiskarte, ohne zu fragen.

Beim Sambuca angekommen fragte Sue: »Wird es dir nicht zu spät, Alex? Du musst doch morgen zur Arbeit, oder?«

»Ach Quatsch, Sue! Ein besonderer Abend muss gewürdigt werden. Ich trinke morgen früh einen kräftigen Kaffee, dann geht das schon.«

Typisch Alex und seine alte Schule. Die Frage hätte sie sich sparen können. Er ging zur Arbeit, egal wie kurz die Nacht auch gewesen sein mochte. Als Ausstellungsleiter eines Onlineshops glaubte er, ein gutes Beispiel geben zu müssen.

»Danke für den wunderschönen Abend, Alex. Eine gute Idee, ihn so ausklingen zu lassen. Lass uns gehen.«

Alex nickte und marschierte an den Tresen, um die Rechnung zu begleichen.

2

Am nächsten Morgen besuchte Sue zuerst die Foren, in denen sie sehr aktiv war, und freute sich über die Glückwünsche der Kollegen. Alle wollten wissen, wie es gelaufen war. Einige beriefen sich schon auf Presseberichte, was Sue darauf brachte, ihren Namen als Suchbegriff im Browser einzugeben.

Susanne Blumberg liest aus ihrem Erstlingswerk

Susanne Blumberg auf Erfolgskurs

Ein Roman, bei dem die Hälfte fehlt

Premierenlesung in Freiburg

Mann, sie würde Tage brauchen, um alles zu lesen. Das Telefon klingelte. Widerwillig riss sie sich vom Bildschirm los.

»Blumberg«, meldete sie sich.

»Sue! Du hast es geschafft. Du wirst berühmt. Ich könnte mir in den Arsch beißen, dass ich nicht dabei war. Wie war es? Kommst du? Ich will alles ganz genau wissen.« Ihre Freundin Chris Reichenbach.

Sue grinste. Überschwängliche Reaktionen kannte sie von Chris. »Langsam, Chris. Nicht alles auf einmal. Es war ein toller Abend. Danach sind Alex und ich zu Cesare und ich kann es immer noch nicht fassen.«

»Kommst du? Oder soll ich kommen?«

Hm, sie musste noch viel lesen, Mails beantworten und für den neuen Roman wollte sie mit dem ersten Kapitel wenigstens beginnen.

»Du kannst in der Zeitung lesen, wie es war. Die Reporter haben übertrieben, aber sonst ist alles korrekt.«

Einen Moment verschlug es Chris die Sprache.

»Hey. Spinnst du? Das habe ich längst gelesen, aber ich will es von dir hören. Sei kein Spielverderber oder bist du sauer, weil ich nicht dabei war?«

Ihr Rechner kündigte am laufenden Band neue Nachrichten an.

»Chris, heute geht es beim besten Willen nicht. Ich muss noch tausend Nachrichten beantworten, mir einen Überblick über die Berichte verschaffen … Am Wochenende komme ich dich besuchen, okay?«

»Gut, wegen mir …«

Sue hörte die Enttäuschung deutlich heraus. »Ich bringe auch Zaziki mit.«

Ihre Freundin am anderen Ende lachte. »Merci, Sue! Deine Schuld, wenn ich jetzt ans Essen denke …«

Chris hatte Probleme mit ihrem Gewicht und machte ständig irgendwelche Diäten. »Hör mal, vorgestern haben sie im Fernsehen gesagt, die leicht Übergewichtigen hätten die längste Lebenserwartung.« Glucksendes Lachen drang an ihr Ohr. »Tja, Sue, die Betonung liegt auf dem Wort leicht! Egal. Dann halt bis Samstag,«, sagte sie und legte auf. Immerhin war es Sue gelungen, ihre Freundin zum Lachen zu bringen.

Ihr Mailfach quoll über. Sue machte sich an die Arbeit. Immer, wenn sie eine Antwort verschickt hatte, kamen weitere Mails an. Unmöglich der Flut an einem Tag Herr zu werden, aber das verlangte ja auch niemand von ihr. Morgen konnte sie immer noch antworten. Sie fühlte sich immer noch wie auf Wolke sieben. So viel wohlwollende Aufmerksamkeit kannte sie nicht, gestand sich aber ein, dass es sich sehr gut anfühlte. Sie kam sich vor wie ein Star und hoffte, dass sie nicht abheben würde, denn an dieses Gefühl könnte sie sich wohl schnell gewöhnen. Allerdings fühlte es sich auch irgendwie fremd an, denn sie hatte ja nur ein Buch geschrieben, nichts Besonderes. Tagtäglich wurden Tausende Bücher veröffentlicht und sie machte sich keine falschen Hoffnungen, ihres war lediglich eins unter vielen und würde den Sprung in die Bestsellerlisten nie schaffen. Zwar war der Kleinverlag, in dem Sie ihren Roman veröffentlicht hatte, inzwischen an den Buchhandel angeschlossen, aber er blieb dennoch ein kleiner Verlag und Bücher aus kleinen Verlagen kamen nicht in die Listen. Natürlich hätte sie sich als Bestsellerautorin gut gefühlt, aber bis dahin lag noch ein weiter Weg vor ihr. Kaum ein Autor schaffte diesen Sprung gleich mit dem ersten Buch.

Die Berichte in der Presse befassten sich weniger mit ihr und ihrem Roman als mit der Art der Veröffentlichung. Damit hatte sie mehr Aufmerksamkeit erregt, als mit dem Stoff selbst. Sie wusste noch nicht, ob ihr das gefallen sollte. Auf der einen Seite freute es sie, dass das Buch überhaupt Aufmerksamkeit bekam, auf der anderen Seite kam sie sich fast wie ein C-Promi vor, der so ziemlich alles tut, um eben jene Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie würde sich immer fragen müssen, ob das Buch oder die außergewöhnliche Art der Veröffentlichung für Verkaufszahlen sorgte. Nun, darüber konnte sie sich immer noch den Kopf zerbrechen, wenn die erste Euphoriewelle abgeflaut war. Jetzt wollte sie doch erst einmal die Früchte ihrer Arbeit genießen und außerdem hatte sie sich die Sache mit den versteckten Kapiteln selbst ausgedacht und keine teure Werbeagentur. Wenn die Vermarktung gewürdigt wurde, durfte sie sich diesen Schuh auch anziehen.

Um ein Uhr, gewöhnlich ihre Zeit für das Mittagsessen, war sie noch zu aufgeregt, aber sie zwang sich, wenigstens eine Kleinigkeit zu essen. Ein Gurkensalat mit saurer Sahne musste reichen. Danach sichtete sie die Mails von fremden Personen und freue sich diebisch über weitere positive Reaktionen auf die Lesung. Auf die Reaktionen aufs Buch würde sie noch ein paar Tage warten müssen, denn das konnten die Leute ja erst beurteilen, wenn sie es gelesen hatten.

Sie würde sich ein dickes Fell zulegen müssen, denn es stand fest, dass nicht jeder Leser es mögen würde und die Nörgler schrien in aller Regel lauter. Vielleicht sollte sie Alex als Filter vorschalten? Der könnte sie von den ganz üblen Kritiken fernhalten. Sie trieb sich lang genug in diversen Schreibforen herum, um zu wissen, dass viele Verrisse keine konstruktive Kritik darstellen. Und mit Aussagen »Ich find den Roman nur Scheiße!«, konnte sie nicht viel anfangen. Wenn diese Leute wenigstens begründen könnten, was ihnen nicht gefallen hatte, hätte sie vielleicht sogar Lehren aus der Kritik ziehen können. Und schon wieder ertappte sie sich dabei, sich mit ungelegten Eiern zu beschäftigen. Das musste ein Ende haben. Sie schloss ihr Mailfach, holte sich eine Apfelsaftschorle und öffnete ihren aktuellen Roman. Obwohl sie ahnte, dass sie heute nicht besonders produktiv sein würde, wollte sie es zumindest versuchen.

Sue stand in den Toilettenräumen. Sie fror entsetzlich. Obwohl sie alleine war, fühlte sie sich beobachtet. Selbst nachdem sie alle Winkel abgesucht hatte, wich dieses Gefühl nicht. Mitten in der gefliesten Wand erschien ein grünes Männeraugenpaar mit buschigen Brauen, das sie ansah, als warte es auf eine Antwort. Sie drehte sich zu den Augen um, die ihr eine gehörige Angst einjagten. Ein weiteres Augenpaar schlug die Lider auf, und noch eins. Immer mehr tauchten auf, bis alle Wände über und über damit bedeckt waren. Blaue, grüne, braune Augen fokussierten sich auf sie. Sue spürte eine Gänsehaut am ganzen Körper. Sie musste hier raus, aber sie wagte kaum, zu atmen. Eine kleine Bewegung in Richtung Tür und unzählige Blicke folgten ihr.

Ein Mund erschien und flüsterte mit einer tiefen, rauen Grabesstimme: »Sei auf der Hut! Nimm dich vor vermeintlichen Freunden in Acht!«

Sue saß aufrecht im Bett und atmete so heftig wie nach einem Dauerlauf. Immer noch starr vor Schreck sah sie sich in ihrem Schlafzimmer um. Zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen. Angestrengt lauschte sie. Nichts zu hören.

Ein Traum! Ein ekeliger, entsetzlicher Albtraum.

Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.

Trotzdem …

Sie ließ sich langsam aufs Kissen fallen. Grässlich, dieser Traum. Fürchterliche Augen. Was hatte die Stimme gesagt?

Egal. Sie schlief ein.

3

Peter stand fassungslos neben dem Kleiderschrank, aus dem seine Frau ihre Kleidung riss.

»Ich habe echt genug! Du bestimmst mein Leben nicht! Ich hasse deine elende Pedanterie!«, schrie sie ihn mit hochrotem Kopf an. Einige Kleider fielen zu Boden. Als er sich danach bücken wollte, fegte Moni sie mit einem Fuß auf die Seite. »Finger weg von meinen Sachen! Ich verschwinde und du wirst mich nicht davon abhalten.«

Er wusste noch gar nicht, ob er sie aufhalten sollte, eigentlich wollte er nur wissen, warum sie so ausflippte. Der Zipfel eines Rocks hing aus dem Koffer. Instinktiv griff Peter danach und schob den Stoff zurück.

»Nimm die Hände weg! Ich packe meine Koffer so unordentlich, wie ich will.«

Er zuckte zurück und steckt die Fäuste sicherheitshalber in die Hosentaschen.

»Was ist schlecht an Ordnung?«, fragte er, sich keiner Schuld bewusst.

»Nichts! Gar nichts! Ich bin auch ordnungsliebend, aber was du tagtäglich aufführst, hat mit normaler Ordnung nichts zu tun. Wenn ich die Dusche sauber gemacht habe, richtest du den Brauseschlauch aus. Das Fernsehheft liegt exakt im rechten Winkel zur Tischkante. Die Konserven, eine strammstehende Armee. Das ist nicht normal.«

Sie sah gar nicht hübsch aus mit dem verzerrten Gesicht. Konnte sie sich nicht einfach beruhigen und vernünftig werden? Ob es doch an ihm lag? Wahrscheinlich eignete er sich nicht für eine Beziehung, aber es gefiel ihm nicht, ohne Gegenwehr klein beizugeben. »Ach komm schon Moni! Das ist doch kein Grund, sich zu trennen. Lass uns darüber reden. Ich könnte mich ändern, wenn dich das alles so stört.« Eine Zeit lang könnte er sich bestimmt zusammenreißen.

»Das kannst du nicht. Dein Verhalten ist zwanghaft. Du gehörst auf die Couch eines Psychiaters.«

Nun wurde er aber langsam wütend. Was bildete Moni sich ein, ihn zum Psychiater zu schicken? Sie wusste genau, was er von diesen Fredis hielt. »Ich brauche keinen Seelenklempner! Diese Psychoheinis finden doch an jedem etwas auszusetzen. Die würden selbst bei dir fündig.« Oh ja! Wenn sie abwesend Löcher in die Luft stierte und sich dabei am Kopf kratzte, sah sie ganz und gar nicht aus wie eine Person, die ihn in Behandlung schicken durfte.

»Ach ja? Das wird ja immer besser! Lass dich einmal, nur ein einziges Mal, auf etwas ein, das du nicht kontrollieren kannst.«

Was war nur in Moni gefahren? Er ermöglichte ihr einen Lebensstandard, den sie alleine nie und nimmer zuwege gebracht hätte. Langsam hörte der Spaß wirklich auf. »Wozu sollte das gut sein? Ich fühle mich wohl, wenn ich die Dinge im Griff habe. Und du, meine Liebe, du profitierst davon.« Genau. Das musste einmal gesagt werden.

»Ich profitiere? Bist du vollkommen übergeschnappt?«

Sie sah aus, als wollte sie handgreiflich werden. Sollte sie es doch versuchen! Er würde sie nicht zurückhalten. Herausfordernd blickte er auf sie hinunter. Einsneunzig gegen einssechzig. Ein Witz! Von wegen übergeschnappt.

»Du vergisst, wer sich um deine Finanzen kümmert, wer deine Steuererklärung macht, wer dieses Haus gekauft hat, in dem du wohnst …«

»… gewohnt hast. Ich ziehe aus! Das Leben tanzt nicht nach deiner verdammten Pfeife und ich auch nicht länger.«

»Das habe ich nie verlangt. Was ist denn nur mit dir los?«

Sie schrie schon, seit er die Zahnpaste heruntergedrückt hatte, damit die Tube auf dem Verschlussdeckel stehen konnte, wie der Hersteller sich das gedacht hatte. Es sei ihr egal, ob die Tube stehe oder liege.

»Du bist los. Du mit deinem Ordnungswahn. Ich ertrage das nicht mehr. Aber egal. Ich verschwende meinen Atem nicht mehr an jemanden, der eh alles besser weiß.«

»Sag nur, was du meinst. Immer raus mit der Sprache.« An seiner Ordnungsliebe alleine konnte es ja kaum liegen.

»Du gehst nur in Restaurants, die wir kennen, ich würde gerne mal etwas Neues ausprobieren.«

»Stimmt nicht, wir haben auch schon …..« An dieser Stelle fiel Moni ihm ins Wort: »Wann? Kannst du dich noch erinnern, wann das war?«

»Also nicht so exakt.«

»Es ist Jahre her! Jahre!«

»Aber die, die wir getestet haben, taugten nichts, das weißt du selbst, oder hast du das vergessen?«

»Deshalb muss man noch lange nicht damit aufhören. Mann! Und wie sieht es mit neuen Produkten, einem neuen Haarschnitt oder einem neuen Reiseziel aus? Keine Chance mit dir! Ich bin noch keine hundert Jahre alt, ich will noch was erleben! Du kannst ja hier versauern, aber ohne mich.«

»Ach komm schon. So schlimm bin ich gar nicht, und wenn ich mich anstrenge, kann ich sehr wohl noch neue Dinge ausprobieren.«

»Ha, das glaubst du doch selbst nicht! Du und Neuland, dass ich nicht lache.«

»Wetten?«

»Nein, ich wette nicht mit dir, ich werde nicht mehr hier sein, um zu sehen, ob dein Versuch glückt. Aber wenn wir schon dabei sind, wüsste ich, was geeignet wäre …..«, sie schien es spannend machen zu wollen, denn sie ließ den Satz unvollendet.

»Sag schon! Immer raus mit der Sprache.«

»Wenn du mich fragst, solltest du dir dieses neue Buch kaufen, das in der Zeitung besprochen wurde.«

Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Bevor er nachfragen konnte, fuhr sie fort: »Das Buch, bei dem die Leser sich auf verschiedenen Internetseiten die Kapitel zusammensuchen müssen. Das wäre mal eine gute Übung für dich …« Sie schloss die Koffer, obwohl noch Kleiderzipfel hervorlugten. Aber gut, das war nicht mehr sein Problem.

»Den Rest lasse ich abholen.« Je einen Koffer in der Hand stampfte sie aus dem Schlafzimmer und führte ihr Werk im Bad fort.

Mit einem hatte Moni allerdings recht. Er konnte diese Dinge, die ihr so auf den Geist gingen, nicht so einfach abstellen. Schon als Kind war er ein ordnungsliebender Mensch gewesen und auch als Erwachsener konnte er beim besten Willen nichts finden, was dagegengesprochen hätte. Er verlangte ja von Moni nicht, dass sie es ihm gleichtat. Nein, ganz im Gegenteil, stillschweigend räumte er hinter ihr her, wenn sie Staub geputzt hatte. Konnte es so schlimm sein, wenn jedes Ding an seinem Platz stand? Wenn die Ölflaschen im Abstellraum mit der Vorderseite nach vorne standen und man so auf einen Blick wusste, um welches Öl es sich handelte? Und hielten Brauseschläuche nicht länger, wenn sie nicht verdreht wurden? Das alles sollte so schlimm sein, dass man deshalb verlassen wurde? Nun, wenn dem so war, konnte er es auch nicht ändern, dann hatten sie vielleicht von vornherein nicht zusammengepasst. Er würde auch alleine wunderbar klarkommen, schließlich war er garantiert nicht auf Moni angewiesen.

Gut, dass die Trennung keinerlei finanzielle Nachteile für ihn brachte. Als verfügte er über einen sechsten Sinn, hatte er auf Ehevertrag und Gütertrennung bestanden. Jetzt zeigte sich, wie richtig diese Entscheidung gewesen war.

Ach was! Er hatte seine Ehe vermasselt und stand wieder alleine da. Aber er ließ sich nicht unterkriegen. Bestimmt gab es auf dieser Welt Frauen, die seine Ordentlichkeit schätzten.

Er blieb in Gedanken versunken stehen. Drei Jahre Ehe und sie lief davon, als hätten sie sich gestern erst kennengelernt. Unfassbar.

Da draußen liefen Verbrecher herum, Obdachlose, und Männer, die ihre Frauen schlugen, und seine Frau lief ihm davon, weil er ein ordentlicher Mensch war.

Auf ihrem Nachttisch lag die Zeitung. Er nahm sie zur Hand und suchte nach diesem Buch, von dem Moni gesprochen hatte. Ein Thriller, in dem es um eine Frau ging, die einen Vergewaltiger ermordete.

Er würde sich das Buch kaufen. Nur um sich zu beweisen, dass Moni unrecht hatte. Die Eingangstür krachte hinter Moni ins Schloss.

4

Sue musste nicht klingeln; kaum war sie aus dem Taxi ausgestiegen, sprang der Familienhund an ihr hoch. Sie kannte die Art der Begrüßung, weshalb sie sich ihm breitbeinig entgegenstellte. Der Bobtail hätte sie sonst umgeworfen. Chris, die das Spektakel offensichtlich mitbekommen hatte, stand in der Tür und rief Sir Henry zurück. Selbstverständlich reagierte der Hund nicht. Ein Hund von Adel hatte seinen eigenen Kopf. Nicht zum ersten Mal fasste Sue den Entschluss, Sir Henry einmal in einen Roman einzubauen. Sie hielt ihn für den tollsten Hund auf der ganzen Welt. »So jetzt reichts aber! Henry aus!«, rief Chris. Sue und Sir Henry blickten Chris mit großen Augen an und trotteten ins Haus. Sir Henry machte es sich unterm Tisch bequem, wo er wusste, dass immer etwas für ihn abfiel, obwohl offiziell kein Familienmitglied etwas davon hielt, dem Hund mit Tischabfällen zu füttern. Sue wurde von Chris umarmt, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen. »Mann, ich freue mich so für dich, Sue. Komm mit.« Sie zog sie in die geräumige Küche und drückte ihr ein Glas Champagner in die Hand. »Auf dich! Auf deinen Erfolg.«

»Oh, nun übertreib doch nicht gleich«, bat Sue, obwohl sie sich freute, und stieß mit ihrer Freundin an. Das erste Glas war schnell geleert. Sie setzten sich und Sue musste ausführlich von der Lesung berichten. Alles wollte Chris wissen: Wer was getragen hatte, den genauen Wortlaut der Zuschauerfragen, wie sie sich in welchem Moment gefühlt hatte und so weiter.

Erst als sie beim Abendessen mit Alex angekommen war, verfinsterte sich ihre Mine. Sue wusste, dass Chris nicht gut auf Alex zu sprechen war. Sie mochte ihn nicht und sie fand es nicht gut, dass Sue ihn zu nahe an sich heranließ.

»Guck nicht so, Chris. Es war ein sehr schöner Abend und Alex wäre beleidigt gewesen, wenn ich seine Einladung nicht angenommen hätte.«

»Wetten, er macht sich wieder Hoffnung.«

»Ach quatsch. Tut er nicht. Ich halte ihn schon auf Distanz.«

»Ja, klar, mit gemeinsamen Abendessen.«

Chris füllte ihre Gläser und Sue versuchte, das Thema zu wechseln. Das ließ Chris allerdings nicht zu.

»Im Ernst Sue, ich habe kein gutes Gefühl dabei. Du solltest ihm wirklich klarmachen, dass er sich keine Hoffnungen machen darf. Ich kann ihn zwar nicht leiden, aber wer weiß, wozu so einer fähig ist, wenn er abgewiesen wird. Ich will dich nicht verprügelt auf dem Boden oder mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus finden …«

»Jetzt mach aber mal halblang, Chris! Alex ist doch kein Schläger! Ich weiß nicht, wie du überhaupt auf so etwas kommst.«

»Naja, ich hab seine Frau oft genug mit Blessuren gesehen und wer weiß, ob er bei dem ›Unfall‹ nicht auch seine Finger im Spiel hatte.«

»Chris! Mann, mit so was macht man keine Scherze!«

»Das war kein Scherz.«

»Du solltest solche Dinge nur von dir geben, wenn du Beweise hast. Sonst ist das üble Nachrede. Dafür kannst du angezeigt werden.«

»Ich weiß ja, wem ich es sagen kann. Im Verein würde ich das so nicht von mir geben, obwohl es dort genug Leute gibt, die nicht an einen ›Unfall‹ glauben.«

»Ich glaube das nicht. Alex ist ein komischer Kauz, aber müssen denn immer alle Menschen gleich sein? Darf niemand mehr seine Eigenheiten haben? Zu mir ist er immer ausgesprochen liebenswürdig …..«

»Ja, klar, Sue! Der macht sich Hoffnungen. Der konnte seine Frau ja gar nicht schnell genug unter die Erde bekommen, um bei dir schön Wetter zu machen. Und du weißt das ganz genau.«

»Natürlich bemerke ich die Blicke, ich ahne, dass er sich mehr verspricht, aber ich muss ihm ja nicht gleich vor den Kopf stoßen. Wir sind Nachbarn, die sich mögen, nicht mehr und nicht weniger.«

»Das ist so ein Typ, der sich ermutigt fühlt, wenn er keine klare Ansage bekommt. Du musst ihm ja nicht sagen, dass er ein Arsch ist, du kannst ja bei nächster Gelegenheit mal einfließen lassen, dass du dich nicht wieder binden willst. Ich schätze, das kapiert er. Dann werden wir ja sehen, wie sich das Nachbarschaftsverhältnis entwickelt.«

Vielleicht hatte Chris recht. Aber wenn sie ganz ehrlich war, schmeichelte es ihr, sich begehrt zu fühlen. Besonders in einem Alter, in dem das nicht mehr so oft vorkam. Aber natürlich sollte sie keine falschen Hoffnungen wecken. »Also gut, aber dann will ich von dem Thema nichts mehr hören. Verstanden?«

»Du sagst es ihm?« Ungläubig sah ihre Freundin sie an.

»Ja, bei nächster Gelegenheit.«

»Versprochen?«

»Versprochen!«

»Gut, dann wollen wir mal von erfreulicheren Dingen reden …«

Sue schwebte eine Woche nach der Premierenlesung noch auf Wolke sieben. Manchmal fühlte es sich an, als würde sie vor lauter Glück platzen. Sie wurde zu Lesungen, Interviews und Talkshows eingeladen. Nie im Leben hätte sie gedacht, dass ihr Buch so einschlagen würde. Wie Manuel berichtete, gab es Anfragen von größeren Verlagen, die Lizenzen erwerben wollten. Ob sie den Anfragen entsprechen würden, wollten sie gemeinsam entscheiden.

Bis jetzt gab es durchweg positive Resonanz. Klar, dass die Stänkerer und Neider sich über kurz oder lang zu Wort melden würden, aber diese Stimmen würde sie einfach ignorieren. Das nahm sie sich vor, obwohl sie wusste, dass sie sich nicht daran halten konnte. Diese verflixte Neugierde. Hinterher würde sie sich nur wieder ärgern.

Alex mauserte sich langsam, wie von ihr erhofft, zu einem Vorfilter. Er las alle Artikel, die er über sie und ihr Buch fand, und sagte ihr dann, was er für unbedenklich und erfreulich hielt. Artikel, über die sie sich aufregen würde, in denen zum Beispiel behauptet wurde, der Roman sei dialoglastig, verbot er. Na ja, er verbot sie nicht direkt, denn dann hätte sie die bestimmt gelesen. Viel mehr gab er ihr zu verstehen, dass die Kritik nicht nach ihrem Geschmack sei.

Um Chris gegenüber kein schlechtes Gewissen zu haben, hatte Sue gleich nach ihrem Besuch bei Chris Alex wissen lassen, dass sich nicht vorhatte, sich noch einmal zu binden. Einen Unterschied in seinem Verhalten konnte sie danach nicht feststellen. Er blieb der zuvorkommende Nachbar, der ihr half, wo er konnte, der einsprang, wenn man ihn brauchte, und blieb der nette Kerl, auf den sie sich verlassen konnte. Entweder Chris und sie hatten sich sein Interesse nur eingebildet oder er verkraftete die Abfuhr besser als gedacht.

Alex klingelte an der Haustür. Er hatte sich angekündigt, um den Schlüssel abzuholen. Sue wollte eine Lesereise machen und Alex würde sich in der Zeit um ihre Pflanzen kümmern und die Post aus dem Kasten holen. Seit einem Jahr übernahmen sie gegenseitig Freundschaftsdienste.

»Komm rein, Alex. Kaffee, Bier oder Wasser?«

Er schüttelte den Kopf. »Nur den Schlüssel. Ich muss noch arbeiten.«

Sue händigte ihm einen Schlüssel aus. Alex nickte und steckte ihn in die Hosentasche.

Sie hatte überlegt, den Ersatzschlüssel dauerhaft bei ihm zu deponieren. Jedes Mal, wenn sie kurz davor stand, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, sah sie sich im Bett liegen, tief und fest schlafend, während Alex langsam die Treppe hinaufkam, im Türrahmen stehen blieb und sie betrachtete.

Unter dieser Beobachtung wurde sie wach. Bevor sie eine Silbe sagen konnte, beugte er sich über sie und hielt ihr den Mund zu. Und sie wusste, wie es weitergehen würde, denn sie sah trotz der Dunkelheit die Lüsternheit in seinen Augen aufblitzen. In solchen Momenten verfluchte sie ihre Fantasie.

Es stimmte zwar, dass Alex nicht abgeneigt gewesen wäre, wenn sie ihm Avancen gemacht hätte, aber nie im Leben würde er ihr Gewalt antun. Dennoch hatte sie den Plan, ihm den Schlüssel ganz zu überlassen, doch nicht umgesetzt.

»Danke, Alex, du bist ein Schatz. Am Mittwoch bin ich zurück. Wenn was ist, melde dich, ich nehme Handy und Laptop mit.«

»Mach ich. Ich wünsche dir viel Erfolg. Tschüss dann.«

Irgendwie hatte sie den Eindruck, dass er nicht ganz bei der Sache war. Er wirkte so – hm, wie sollte sie sagen? – abwesend. So, als wäre er in Gedanken ganz woanders. Ob er Stress im Job hatte? Als Niederlassungsleiter musste er für Umsätze sorgen. Einerseits ging das allen Vertriebsleuten so, aber auf der anderen Seite macht seine Firma keinerlei Werbung. So erreichte er natürlich viel weniger Publikum, als der Teppichhandel nebenan, der mindestens einmal in der Woche eine große Anzeige in der Badischen Zeitung brachte. Scherzhaft hatte er Sue schon oft gefragt, ob er seine Kunden mit dem Lasso einfangen solle. Irgendwie fand sie das nicht fair. Wenn niemand wusste, dass es den Laden überhaupt gab, wer sollte ihn dann besuchen? Sie riet ihm dann immer, er solle der Geschäftsleitung erklären, dass er nur dann für die Umsätze verantwortlich zeichnen könnte, wenn er von denen Unterstützung bekam.

Oder war was mit den Kindern? Seit seine Frau gestorben war, kamen die immer seltener zu Besuch. Was sie durchaus verstand. Denn zu denen hatte er einen ganz anderen Draht als zu ihr. Er schien immer noch nicht verstanden zu haben, dass es eben keine Kinder mehr waren, die noch dazu ihre eigenen Wege gingen. Klar, er meinte es nur gut, aber fast immer, wenn sie ihn besuchten, gab es Knatsch und jedes Mal fühlte sich Alex völlig unschuldig. Er war schon ein seltsamer Typ.

Aber ihr gegenüber benahm er sich immer einwandfrei, wurde nie laut, auch nicht, wenn sie Meinungsverschiedenheiten hatten. Und er war immer für sie da. Er hatte sie kein einziges Mal abgewiesen, wenn ihr die Decke auf den Kopf gefallen war. Er hatte Verständnis dafür, dass diese Treffen überwiegend bei ihr stattfanden, und immer fand er tröstende Worte, wenn sie sich mal über ihren Lektor, oder über Forenkollegen aufregte. Wenn es sein musste, was selten der Fall war, nahm er sie auch mal in den Arm.

Sie sorgte allerdings dafür, dass das nicht so häufig vorkam. Irgendwie mochte sie Alex, aber in seinem Arm fühlte sie sich nur sehr kurz wohl.

Distanz! Solange sie ihn als Nachbarn und guten Bekannten sehen konnte, war alles in Ordnung. Mehr wollte sie nicht und mehr würde auch nie stattfinden. Bei dem Gedanken an mehr schüttelte sie sich und fragte sich sofort, warum eigentlich. Denn im Prinzip hielt er sich ganz gut für sein Alter. Bis auf wenige graue Stellen war sein Haar noch dicht und dunkel. Er hielt sich fit, hatte ein breites Kreuz und war überaus freundlich. Eigentlich der perfekte Mann, oder? Naja, er prahlte gerne. Er wusste vieles angeblich besser, was dann aber oft nicht den Tatsachen entsprach. Bagatellen für Sue, die oft einfach das Thema wechselte, statt mit ihm zu streiten. Alex war schlicht der nette Nachbar und da konnte sie auch mal über die eine oder andere Schrulle hinwegsehen.

5

Dieses Buch gefällt mir wirklich gut. Die Autorin kann schreiben. Schön, zu sehen, wie erfolgreich der Roman überall besprochen wird. Auch wenn der Lektor manches durchgehen ließ, was ich verbessert hätte. Aber es fällt ja außer mir niemandem auf.

Die kleinen Aufgaben, die ich lösen muss, bevor ich mir die Kapitel herunterladen kann, machen Spaß. Ich erfahre mehr über die Autoren, Künstler, Verlage und all die anderen. Sie berichten von Neuerscheinungen, Lesungen und weiteren interessanten Dingen. Sehr informativ. Eine gute Idee, diese Art der Veröffentlichung. Zuerst war ich ja skeptisch, denn ich bin eigentlich kein Gamer. Wenn ich mir ein Buch kaufe, dann will ich es lesen und keine Aufgaben lösen, aber ich muss zugeben, es ist kurzweilig und die Aufgaben sind nicht schwer zu lösen.

Das nächste Kapitel versteckt sich auf der Seite von Bernd Schwarz. Interessant, was der Mann alles treibt.

Wo ist dieses verfluchte Kapitel? Ich hole mir erst mal ein Bier. Erwartet der Mann im Ernst, dass ich mich durch alle Leseproben arbeitete? Das kann nicht sein Ernst sein! So, noch einmal von vorne. Nichts! Kein Hinweis, geschweige denn, das Kapitel. Ob man doch die Leseproben lesen muss? Das sind sicher fünfzig Stück. Naja, ich kann ja mal anfangen. Bevor ich starte, hole ich mir noch ein Bier.

Extraterrestrische Wesen, Raumgleiter, Faser, schwarze Löcher, Kometenregen, Schrott! Mist!

Wie ich diesen Dreck hasse. Science-Fiction! Ich kann den Kram beim besten Willen nicht lesen. Und obwohl ich mir diesen Mistdreck schon eine halbe Stunde reinziehe, habe ich immer noch keinen Hinweis gefunden. Jetzt brauche ich etwas Stärkeres als Bier. Gin Tonic? Nein, ich will nichts Gemischtes. Ein doppelter Weinbrand passt besser.

Was bildet sich dieser Parasit eigentlich ein? Er wurde von der Autorin auserwählt, profitiert von ihr und lässt die Leser auf seiner verdammten Seite verhungern.

Ich hinterlasse dem Kerl eine Nachricht im Gästebuch:

Sehr geehrter Herr Schwarz,

ich habe den Roman »Endlich quitt« von Susanne Blumberg in der E-Book-Ausgabe, der Kapitel fehlen. Ich habe mir Ihre Seite eine Stunde lang angesehen, jedoch keinen Hinweis entdeckt, wo Sie das Kapitel versteckt haben. Sind Sie bitte so nett und geben mir einen Tipp?

Vielen Dank.

Fan

fan@gmx.de

Wenn ich hier vorm Rechner bleibe und auf Antwort warte, werde ich verrückt. Gut, dann gehe ich halt eine Runde um den Block.

Die Lauferei hat mich ausgelaugt. Mein Kühlschrank ruft. Mit einem Bier setze ich mich an den Rechner und checke meine Nachrichten. Nichts! Der Mann hat echt Nerven. Warum lässt er mich zappeln?

Ich hätte mir besser ein Wasser holen sollen. Wenn ich wütend bin und trinke, verpasse ich immer den Moment, an dem ich aufhören sollte.

Ach, scheiß drauf!

Wenn er jetzt hier wäre, würde ich die Information aus ihm herausprügeln. Ich schwitze.

Gut, eine Chance gebe ich ihm noch.

Herr Schwarz,

ich muss sagen: Es ist keine Art, Fans zu ignorieren. Bitte schicken Sie mir umgehend einen Hinweis, wo ich das nächste Kapitel von Frau Blumbergs Roman finde.

FAN

fan@gmx.de

Lass mich mal gucken, ob ich auf der Website der Autorin Hinweise finde.

Nichts. Fragen kann ich sie auch nicht, sie ist auf Lesereise.

Gut, dann gucke ich halt im Buch nach.

Aha, Meli Hansen hat das gesuchte Kapitel ebenfalls.

Oh, Mann heute ist echt nicht mein Tag. Historische Romane!

Geht es noch langweiliger? Was denken diese Weiber sich dabei, Heldinnen zu erfinden, die es so nie gegeben hätte?

Hintergrundinfos. Wo steht diese Burg, wer bewohnte sie? Was soll das? Das interessiert kein Schwein.

Wutentbrannt schmeiße ich den Locher an die Wand und beobachte, wie sich das ausgestanzte Papier daraus ergießt wie Schnee.

Konfetti brauch ich nicht mehr kaufen.

Scheiße, jetzt habe ich eine Delle in der Wand!

Ich trete an das Tischbein.

Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Ich bin diesen Leuten ausgeliefert! Sie alleine entscheiden, wann ich weiterlesen kann. Ob ich mir die gebundene Komplettausgabe kaufen soll?

Nein! Ich habe mich auf dieses Spiel eingelassen und nun müssen sich alle Teilnehmer an die Regeln halten. Selbst, wenn ich ihnen das erst beibringen muss.

Dieser Schwarz, was ist das für ein Typ?

Ups, die Flasche ist leer. Noch ein Bier oder noch ein Weinbrand?

Erst das eine, dann das andere! Haha!

Kann man so bekloppt sein? Der Mann heißt Schulze, nennt sich als Autor Schwarz.

Total meschugge.

Er wohnt circa zwei Stunden entfernt, im Stuttgarter Raum. Nicht zu weit, als dass ich ihn nicht besuchen könnte.

Er führt eine Beratungsfirma und ist Diplom-Ingenieur.

So, so! Dem Ingeniör fällt nix schwör!

Außerdem lektoriert er für einen kleinen Verlag, der sich auf die Veröffentlichung von Kurzgeschichten spezialisiert hat. Interessant.

Er gehört mehreren Schreibforen an und nimmt regelmäßig an sogenannten Cons, kleinen, regionalen Buchmessen, teil. Das wird immer besser.

Faszinierend, wie einfach es ist, über das Internet an Informationen zu gelangen. Der Mann bietet Freeware an, die Interessenten downloaden können, und verlinkt großzügig zu Foren und Autoren.

Ein letzter Blick ins Postfach. Nichts.

Gut, der Mann will es nicht anders.

Bernd ließ seine Aktentasche im Flur stehen, tappte müde in die Küche und öffnete eine Bierflasche. Wie er das Zischen liebte. Mann, das hatte er sich verdient. Vor jedem Seminar teilte er den Firmen mit, welche Grundvoraussetzungen er von den Teilnehmern erwartete. Nicht ein einziges Mal hielt man sich daran. Für ihn hieß es dann, Grundlagen zu vermitteln und durchs Programm zu hetzen. Pausen wurden reduziert, Fenster aufgerissen, damit ihm seine Schüler nicht einschliefen, und die Heimreise fand regelmäßig später statt. Er gähnte mit offenem Mund. Ein Blick auf sein Telefon verriet: Er hatte drei neue Nachrichten. Sollte er bis morgen warten? Nein. Womöglich stammten sie von seiner Tochter. Bei dem Gedanken lächelte er. Wahrscheinlich brauchte Mia mal wieder eine kleine Finanzspritze.

»Herr Schwarz oder Schulze, wie Sie wollen, entweder Sie antworten mir jetzt oder ich werde andere Seiten aufziehen.« Eine männliche Stimme, tief, voll und wohltönend, die nicht zum Text passte. Was sollte das? Ein Irrer? Wieso sprach der Mann ihn sowohl mit seinem Künstler- als auch mit seinem Realnamen an? Was wollte der Kerl überhaupt von ihm?

Bernd hörte sich die nächste Nachricht an: »Sie Schmierfink sagen mir jetzt endlich, wo ich das Kapitel finde, oder ich sorge dafür, dass Sie sich so ärgern, wie ich es gerade tue.« Schmierfink? Hatte er ihn wirklich so genannt? Dieser Verrückte! Es ging um Sues Roman. Die Autorin hatte ihn gefragt, ob er Lust hätte, eines ihrer Kapitel zu verstecken. Er hatte sich darauf eingelassen, weil ihm die Idee gefiel. Endlich mal was Neues. Tatsächlich war die Anzahl der Homepagebesucher mit dem Erscheinen des Buches gestiegen.

Bis jetzt hatte alles wunderbar geklappt. Und nun kam ein Irrer daher und spielte sich auf? Drohte ihm? Nun, da hatte der Mann sich den falschen Gegner ausgesucht. Wer ihn ins Bockshorn jagen wollte, der musste früher aufstehen. Erheblich früher.

Obwohl ihm die Lust vergangen war, hörte er sich die letzte Mitteilung an: »Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich weiß, wo Sie arbeiten. Und, das dürfte Sie interessieren: Ich weiß, wo ich Ihre Tochter finde. Also kriege ich jetzt mein Kapitel oder muss ich Mia besuchen?«

Was hatte der Kerl da gesagt?

Das durfte ja wohl nicht wahr sein, oder? Der Kerl bedrohte nicht nur ihn, sondern auch seine Tochter?

Er sollte die Polizei einschalten, damit die den Kerl kassierten und in eine Gummizelle steckten. Eine verdammte Unverschämtheit! Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein?

Dass alle nach seiner Pfeife tanzten?

Das konnte er sich abschminken. Und zwar ein für alle Mal! Er sollte Mia warnen.

Es dauerte endlos, bis sie endlich abnahm.

»Hallo?«, meldete sie sich. Bernd hatte sie so oft gebeten, sich mit Namen zu melden. »Mia?«

»Wer sonst?«

Immer einen frechen Spruch auf den Lippen, typisch. »Wie geht es dir?«

»Gut, Paps, und dir?«

Mia klang nicht sonderlich angespannt.

»Ich bin sauer! Ein Irrer bedroht mich und er sagt, er weiß, wo du wohnst. Bitte sei in den nächsten Tagen vorsichtig. Achte auf Fremde.«

»Ich verstehe nur Bahnhof. Noch einmal langsam zum Mitschreiben, bitte.«

»Ich habe dir erzählt, dass ich für Susanne Blumberg ein Kapitel auf meiner Homepage versteckt habe.«

»Ja.«

»Einer ihrer Leser spinnt. Er hat auf dem AB wüste Drohungen, auch gegen dich, hinterlassen.«

»Der soll ruhig kommen! Ich will mein Pfefferspray schon lange mal ausprobieren.«

Gut zu wissen, dass Mia sich notfalls verteidigen konnte; er lachte auf. »Mia, dein Kampfgeist gefällt mir, aber ich will nicht, dass du dich auf eine Konfrontation einlässt. Mit Verrückten ist nicht zu spaßen. Ich möchte, dass du dich in Acht nimmst und dich von Fremden fernhältst. Verstanden?«

»Mach dich nicht verrückt. Ich passe schon auf mich auf. – Was will der eigentlich von dir?«

»Ein Kapitel.«

»Kapier ich nicht. Dann gib ihm das Kapitel. Das ist die Abmachung, oder?«

Natürlich wäre das der einfachste Weg. Aber er dachte gar nicht daran, sich einer Drohung! zu beugen. »Klar, aber nicht auf diese Art! Wenn der Mann, wie alle anderen, die Aufgabe löst, bekommt er sein Kapitel. Er kriegt es nicht, nur weil er ausfallend, beleidigend und frech wird!«

Mia lachte. »Tja, dein Irrer hat sich wohl mit den falschen Leuten eingelassen, was, Paps?«

»Ganz genau! Aber du versprichst mir, dass du aufpasst, ja?«

»Versprochen.«

»Danke. Ich melde mich, wenn es etwas Neues gibt.«

Routinehalber prüfte er, ob der Anrufer eine Nummer hinterlassen hatte. Unterdrückt. Klar! So ein Idiot. Wie sollte er ihm antworten, wenn er keine Nummer hinterließ?

Mit einem Mal lief es Bernd eiskalt den Rücken hinunter. Der Mann hatte wahrscheinlich nicht nur auf dem Anrufbeantworter Drohungen hinterlassen. Mit einem unguten Gefühl und Grummeln im Bauch setzte Bernd sich an seinen Rechner. Erst noch einen Schluck zur Stärkung. Nervös trommelte er mit den Fingern auf die Tischplatte, während der PC hochfuhr.

Ach du meine Güte! Der Kerl hatte alle Postfächer zugespamt. Lasen sich die ersten Nachrichten noch harmlos, wurden sie mit jeder weiteren Mail unverschämter. Bernd schwitzte. Die Bierflasche flutschte ihm aus der Hand und knallte auf den Tisch. Gut, dass sie leer war. Er holte sich eine neue Flasche aus dem Kühlschrank. Irgendwie schmeckte es schal. Im ersten Moment war ihm der Typ unheimlich gewesen, aber jetzt fühlte er sich herausgefordert. Nicht umsonst verdiente er sein Geld mit Informationstechnologie. Bernd überprüfte die Absender. Shit! Nur Anbieter, die es jedermann ermöglichten, unter jedem x-beliebigen Namen einen Account zu eröffnen. Nach dieser Nachrichtenflut hatte der Kerl wahrscheinlich jedes dieser Konten sofort wieder gelöscht. Hier kam er fürs Erste nicht weiter. Bernd prüfte, ob der Irre auf seiner Autorenhomepage gewütet hatte. Nur zwei Einträge und die waren im Vergleich zu den Nachrichten harmlos.

Fan@gmx.de

Bernd schickte eine Nachricht an gmx und bat um die IP-Adresse des Absenders. Er ahnte, dass man sie ihm nicht geben würde, einen Versuch war es trotzdem wert.

Dann rief er Sue auf dem Handy an. Nur die Mailbox. Er hinterließ einen Rückrufwunsch und wanderte ruhelos durch die Wohnung. Als sein Handy klingelte, zuckte er zusammen. Verflucht, wo hatte er es liegen gelassen? Er ging dem Ton nach und fischte es unter den Zeitschriften auf dem Telefontischchen im Flur hervor, die er kurz durchgeblättert hatte, während er seine Nachrichten abhörte.

»Schulze.«

»Hallo, Bernd, Sue hier. Du hast um Rückruf gebeten.«

Er ließ sich auf den Telefonhocker fallen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Zwar wollte er Sue nicht in Angst und Schrecken versetzten, allerdings musste er sie informieren.

»Einer deiner Leser läuft aus dem Ruder.«

»Wie meinst du das?«

Bernd fasste die Ereignisse kurz zusammen.

»Na, dann schick dem Spinner das Kapitel und die Sache ist gegessen.« Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Oder willst du die Polizei informieren?«

Bernd kratzte sich am Kinn. Nein, so weit wollte er im Moment nicht gehen, nicht bevor er wusste, mit wem er sich anlegte. »Nein, ich glaube nicht, dass er sich einer Straftat schuldig gemacht hat. Die werden mir bloß dasselbe raten wie du. Bitte sei vorsichtig Sue. Er meldet sich vielleicht bei dir.«

»Gut. Ich passe auf, Bernd. Und vielen Dank, dass du mich informiert hast.«

»Wann bist du zurück?«

»Am Mittwoch. Ich melde mich dann sofort bei dir.«

»Gut. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg. Halt die Augen offen und geh mit keinen fremden Männern mit!«

Er hörte Sue auflachen. »Zu Befehl, Herr Papa!«

Frauen! Nie nahmen sie Warnungen ernst. Sie hatte die Nachrichten ja nicht gelesen. Man durfte den Kerl nicht unterschätzen. So ein verdammt hartnäckiges Arschloch. Wenn er glaubte, er könnte Bernd Schwarz provozieren, dann hatte er sich gewaltig getäuscht. So nicht! Andere Leser hatten die Aufgabe gelöst und das Kapitel gefunden. Völlig problemlos. Er würde für den Spinner nicht die Spielregeln ändern. Jetzt erst recht nicht.

Für heute hatte er genug von dem Pisser.

6

Sue schüttelte den Kopf. Bernd hatte sich ernsthaft besorgt angehört. Dabei war der Mann gebaut wie ein Kleiderschrank. Über einsneunzig groß, breite Schultern, kräftiger Körperbau. Bernd sah aus, wie ein groß geratener Junge, der sich permanent über etwas wundert. Obwohl er kaum noch joggte, strahlte er allein durch seine körperliche Präsenz Kraft aus. So leicht sollte sich dieser Mann nicht einschüchtern lassen. Offensichtlich, war es dem Leser gelungen, bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Sie ging hinüber zu dem Schreibtisch und fuhr ihren Laptop hoch. Ob der Mann sich auch bei ihr gemeldet hatte?

In der Tat fand sie eine Nachricht von einer Person, die sich schlicht Fan nannte:

Sehr geehrte Frau Blumberg,

ich lese Ihren Roman, der mir bis jetzt sehr gut gefällt. Sie schreiben superspannend. Allerdings muss ich auch eine kleine Beschwerde loswerden. Einer Ihrer Partner, Bernd Schwarz, hält sich nicht an die Vereinbarungen. Bitte sagen Sie dem Mann, dass er mir das Kapitel schicken soll. Auf seiner Homepage habe ich keinen Hinweis finden können.

Vielen Dank.

Ihr ergebener fan

Flink beantwortete Sue seine Nachricht:

Lieber Fan,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Es freut mich, zu lesen, dass Ihnen mein Roman gefällt. Vielen Dank, dass Sie mich kontaktieren. Ich werde Ihrer Beschwerde nachgehen und bitte Sie um Entschuldigung. Alternativ finden Sie das Kapitel auf der Homepage von Meli Hansen. Ich wünsche Ihnen weiterhin spannende Unterhaltung.

Liebe Grüße

Susanne Blumberg

Damit war die Kuh hoffentlich vom Eis.

7

Seine Versetzung kam Peter gerade recht. Das Haus, das er drei Jahre mit Moni geteilt hatte, erschien ihm leer. Er trauerte ihr nicht nach, nein, das war es nicht, aber ein Teil von ihr war zurückgeblieben. Vorhin hatte er geglaubt, ihren Lavendelduft zu riechen. In der Küche meinte er, sie würde gleich zur Tür hereinspazieren und ihn fragen, ob er ihr einen Kaffee übrig gelassen hatte. Solche Erinnerungen brauchte er so nötig wie eine Grippe. Er weinte dieser Frau, die ihn für nichts und wieder nichts verlassen hatte, keine Träne nach.

In einem Kaff im Schwarzwald hatte man ihm die Stelle als Niederlassungsleiter angeboten.

Was er über Denzlingen im Internet fand, sah ansprechend aus. Eine Gemeinde mit circa vierzehntausend Einwohnern, einem Freibad mit dem bekloppten Namen »MACH BLAU« – die Leute zum Blaumachen anzustiften, war alles andere als klug! –, Häusern im mediterranen Stil, einem gesunden Anteil Industrie und abwechslungsreicher Hügellandschaft. Denzlingen befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft vom Glottertal, das durch die Schwarzwaldklinik im ganzen Land bekannt geworden war. Freiburg, Emmendingen und Waldkirch erreichte er in zehn Minuten mit dem Auto. Gut, in den Dialekt musste er sich erst einhören, aber das sollte klappen.

Der Umzug würde ihm genug neue Eindrücke verschaffen, um seine gescheiterte Ehe hinter sich zu lassen.

Peter wechselte auf eine Immobilienseite, um ein geeignetes Haus zu finden. Einen Makler hatte er schon beauftragt, der nach einem Objekt mit den vorgegebenen Spezifikationen Ausschau hielt.

Sein neues Haus musste nicht groß sein, aber frei stehend.

Ein Haus, um das er nicht herumlaufen konnte, durfte sich eigentlich nicht Haus nennen. Ein kleiner Garten, in dem er einen Teich anlegen würde, eine Garage, und einen Kamin oder Kachelofen im Wohnzimmer.

Auf die Suchergebnisse wartend, fiel sein Blick auf den E-Book-Reader neben dem Rechner. Darauf befand sich der Roman, den Moni ihm empfohlen hatte. Wohnte die Autorin nicht in Denzlingen?

Er tippte den Namen Susanne Blumberg in einem weiteren Fenster ein. Tatsächlich, sein Kopf funktionierte einwandfrei. Vielleicht fand er ein Haus in ihrer Nachbarschaft? Nur so, ohne Hintergedanken.

Eine Woche später verkündete der Makler Erfolg. Angeblich hatte er exakt das Haus gefunden, das Peter sich erträumte. Heute stand die Besichtigung an. Solange der Kauf noch nicht getätigt war, hatte er sich im »Ochsen«, einem der Hotels, die Denzlingen zu bieten hatte, einquartiert.

Der Makler verspätete sich um zehn Minuten und bat um Entschuldigung. So einfach kam er damit nicht durch: »Da haben Sie aber Glück. Gerade wollte ich zurück ins Hotel. Im Handyzeitalter sollte es nicht zu schwer sein, Bescheid zu geben, wenn man zu spät kommt.«

Der Makler hob eine Augenbraue, schritt durchs Gartentor und schloss die Tür auf. »Kommet Se?«, fragte er in einem Ton, der davon zeugte, dass es weitere Interessenten gab. Also folgte er ihm, bemüht zu vergessen, wie sauer er eigentlich war.

»Hier linker Hand«, der Makler öffnete die Tür, »haben wir die Gästetoilette.« Er ging in den nächsten Raum. »Hier die Küche als geschlossener Raum, so wie Sie es haben wollten.« Peter nickte zufrieden. Die Küche war groß genug, aber nicht so riesig, dass ihm nach dem Kochen die Füße brennen würden.

Der Makler öffnete die große Schiebetür. »Hier geht es in den Garten. Die Hecken sorgen für eine angenehme Abgeschiedenheit.« Peter folgte ihm nach draußen. Ein süßer Sommergeruch nach Erdbeeren, Sauerampfer und feuchter Erde empfing ihn. Am Haus standen Rosenbüsche, der Rasen wirkte sehr gepflegt und ein Teich passte auch hinein.

Herrlich! Vorsicht, er durfte nicht zu überschwänglich reagieren, sonst brauchte er gar nicht mehr verhandeln. Er spürte die Sonne auf der Haut und hätte es sich am liebsten gleich auf einer Liege oder einer Hollywoodschaukel gemütlich gemacht.

»Wir schauen uns noch den ersten Stock an«, verkündete der Makler und ging voraus. »Über uns gibt es noch ein ausbaufähiges Dachgeschoss.«

Peter nickte. »Ich möchte es gerne sehen.«

Der Makler zog die Raumspartreppe hinunter und stapfte die Stufen hinauf. »Hier! Viel zu sehen gibt es nicht.«

Peter betastete die Dämmung. Keine Feuchte. »Von wann ist die Isolierung?«

»Ah! Alles entspricht den aktuellen Richtlinien. Wann die erneuert wurde, weiß ich nicht auswendig. Ich suche Ihnen die Daten raus und schicke sie Ihnen auf den Rechner. Wollen wir uns zum Schluss noch die Kellerräume ansehen?«

»Und wie gefällt es Ihnen?«, fragte der Makler, nachdem sie alle Räume besichtigt hatten.

»Es gefällt mir sehr gut. Wie viel können Sie nachlassen?« Peter kaufte nichts, ohne sein Glück zu versuchen.

»Tut mir leid, aber da ist nichts mehr drin. Wenn Sie es nicht nehmen, hätte ich noch andere Interessenten.«

Der Makler bemühte sich, Hochdeutsch zu sprechen, aber es hörte sich gezwungen und unnatürlich an.

Peter zuckte die Schultern. »Wann könnte ich einziehen, wenn ich gleich unterschreibe?«

»Also – es steht leer, aber wir müssen erst den Notartermin vereinbaren. Wenn sie es eilig haben, setzen wir gleich einen Vorvertrag auf.«

»Ich nehme das Haus und möchte so schnell wie möglich einziehen. Meine Möbel sind bei einer Spedition untergestellt, und wie ich hörte, bekommt man den Termin beim Notar kurzfristig. Haben Sie einen Vorvertrag dabei?«

Wahrscheinlich nicht, dachte Peter. Obwohl ihr Geschäft darin bestand, Immobilien zu verkaufen, bereiteten die Makler sich nie richtig auf ihre Termine vor.

»Nein, so schnell entscheiden sich die Kunden in der Regel nicht, aber im Büro. Wenn Sie mich begleiten, können wir das regeln, auf den Kauf anstoßen und ich gebe Ihnen gleich die Schlüssel mit. Was meinen Sie?«

8

Ein Sandsack, den brauche ich jetzt. Etwas, auf das ich eindreschen und woran ich mich abreagieren kann.

Autoren! Da heißt es immer, das wären kreative Menschen. Was für ein Bockmist!

Dieser Schwarz hat sich gemeldet. Er sagt, er schaltet die Polizei ein, wenn ich ihn weiter nerve! Ich ihn nerve!

Dem muss ich wohl die Flötentöne beibringen.

Und die Autorin hat geantwortet, dass ich das gesuchte Kapitel auch bei Meli Hansen finden würde.

Sie hat nicht kapiert, worum es geht!

Sie hat ihre Leute nicht im Griff. Sie soll gefälligst dafür sorgen, dass die das tun, was sie versprochen haben. Verdammt!

Ich will mein Kapitel von diesem Schwarz. Wenn er nicht bereit ist, sich an die Regeln zu halten, dann muss er aus dem Spiel entfernt werden.

Ziehen Sie eine Karte und gehen ins Gefängnis.

Und dieser Spielverweigerer wagt es, mir zu drohen?

Unmöglich, das einfach hinzunehmen. Völlig ausgeschlossen.

Dem werde ich zeigen, mit wem er sich anlegt. Der wird mich noch kennenlernen.

Aber zuerst lerne ich dich kennen, du kleiner Mistkäfer, und dann spieße ich dich auf.

Ich lese, er treibt sich in mehreren Schreibforen herum. Gut, dann werde ich mich dort auch registrieren und noch mehr über dich herausfinden. Jeder hat schwache Punkte. Ich finde sie alle.

Hm, ich brauche einen Nick. Wie wäre es mit »Newbie«? Ja, das lässt vermuten, dass ich jung, unerfahren und lernfähig bin.

So die Mail ist abgeschickt. Ups, die Bestätigungsmail ist schon da. Ein Link, dem ich folgen muss und zack schon bin ich drin, im Forum. Dann wollen wir mal sehen, was dieser Schwarz so von sich preisgibt.

Ach ne? Er löst Sudokus. Wunderbar. Dann wird er sich ja freuen, wenn ich ihm eine Ladung davon schicke. Da reibe ich mir doch die Hände. Das wird ein Spaß. Zu dumm, dass ich sein Gesicht nicht sehen kann, wenn er die Bescherung entdeckt.

Ach was, da fällt mir sicher noch etwas ein.

9

Sue arbeitete an ihrem Manuskript, als sie das Signal für eine neue Nachricht registrierte. Mist, sie hatte vergessen, das Mailprogramm zu schließen. Wenn sie arbeitete, konnte sie Störungen nicht gebrauchen.

Heute kam ihr die Abwechslung ganz recht. Sie konnte sich eh nicht konzentrieren.

Frau Blumberg,

vielen Dank für Ihre Antwort. Leider ist es nicht damit getan, mir eine andere Adresse zu nennen. Wir alle haben uns auf ein Spiel eingelassen. Sie gaben die Regeln vor. Dieser Bernd Schwarz hält sich nicht daran. Wollen Sie das einfach so hinnehmen? Überlegen Sie, wie sich dieses Verhalten auf das ganze Projekt auswirken wird. Wenn die Leser ihre Kapitel nicht bekommen, wird man Sie in der Luft zerfetzen. Sie versprechen den Lesern, dass sie am Ende das komplette Buch haben. Das kann nur gewährleistet werden, wenn alle mitspielen. Ich verlange mein Kapitel von Bernd Schwarz. Sorgen Sie gefälligst dafür, dass er es mir schickt.

Wenn Sie das nicht tun, tragen Sie Mitschuld an allem, was dann geschieht.

Ein wütender fan

fan@web.de

Scheiße noch mal! War der Kerl jetzt vollkommen durchgedreht? Warum musste dieser Spinner so stur sein? Hatte Bernd ihren Rat nicht befolgt?

Sie rief ihn an.

»Schulze.«

»Bernd, Sue hier. Sag mal, hast du dem Mann sein Kapitel nicht geschickt?«

Bernd schnaubte verächtlich.

»Nein! Ich lass mich doch nicht von einem x-beliebigen durchgeknallten Quatschkopf bedrohen. Gehts noch?«

»Meinst du nicht, es wäre einfacher, wenn du nachgibst? Du kennst den Mann nicht und aller Wahrscheinlichkeit nach wirst du auch nie wieder von ihm hören.«

»Nein! Schon aus Prinzip nicht! Der Irre hat meine Tochter bedroht.«

»Ich weiß …«

Am anderen Ende hämmerte Bernd auf seine Tastatur ein.

»Scheiße, so ein Schwein!«

»Bernd? Was ist los?«

»Dein Irrer hat meinen Rechner verseucht!«

»Wie? Was soll das heißen?«

»Wart mal … Der Saftsack sieht mich …«

Ein dumpfer Knall drang an ihr Ohr. Ein Schuss? Nein, nicht laut genug.

»Bernd. Um Gottes willen, was ist da los?«

Lediglich Ächz- und Stöhnlaute erklangen aus dem Hörer.

»Bernd?«

»So, das war’s. Der Typ hat es irgendwie geschafft, meine Webcam zu aktivieren und sich ins Fäustchen gelacht, als er mir zusah, wie ich circa tausend Sudokus auf dem Rechner fand.«

»Was?«

»Der Kerl gehört in eine Zwangsjacke. Wieso läuft so einer frei rum? Von mir kriegt der gar nichts mehr. Und wenn ich noch eine Silbe von dem höre oder lese, gehe ich zur Polizei! Nichts gegen dich, Sue, aber mir vergeht die Lust an diesem Projekt.«

Oh, Mann, kaum war der Roman erschienen, gab es schon Probleme. Hoffentlich ging das nicht so weiter. »Es tut mir leid, Bernd. Aber das konnte ich nicht ahnen. Mit all den anderen Lesern gibt es keine Probleme.«

»Sue, ich muss hier jetzt erst mal aufräumen. An deiner Stelle würde ich die anderen warnen.«

Er legte auf, ohne sich zu verabschieden.

Sue atmete tief durch und fuhr sich durchs Haar. Bernd hatte recht. Sie musste die anderen, vor allem Meli, an die sie diesen Kranken verwiesen hatte, warnen. Hoffentlich sprangen ihr die Leute jetzt nicht einer nach dem anderen ab. Dann wäre ihr ganzer schöner Erfolg im Eimer.

Nacheinander meldete sie sich in den verschiedenen Foren an und berichtete dort über die Vorkommnisse. Ihren Roman konnte sie für heute endgültig vergessen. Kurz entschlossen nahm sie ihren Schlüssel und ging rüber zu Alex.

Es dauerte eine Weile, Sue dachte schon, er sei nicht im Haus, bis er die Tür öffnete. Er grinste über das ganze Gesicht, sah aus, wie die Katze, die gerade eine Maus verspeist hatte.

»Hallo Alex. Darf ich reinkommen? Ich muss mit jemandem reden.«

»Hereinspaziert!«, sagte er und winkte sie hinein. »Was guckst du denn so bedröppelt? Ist was passiert?« Er ging voraus in die gemütliche Küche, öffnete den Kühlschrank und fragte, was sie trinken wollte.

»Ich glaube, ich brauche etwas Stärkeres. Kann ich von dem leckeren Calvados haben?«

Alex kehrte mit zwei Cognacschwenkern zurück, drückte ihr einen in die Hand und bedeutete ihr, Platz zu nehmen. Immer noch grinste er über beide Backen, als hätte er im Lotto gewonnen. Alex prostete ihr zu und fragte: »Wo drückt der Schuh?«

Sue roch am Glas, schwenkte die Flüssigkeit und nippte daran. »Verrate mir erst, warum du aussiehst, als wäre der Hauptgewinn deiner!«. Es kam nicht oft vor, dass Alex aussah wie der strahlende Sonntagmorgen.

»Nichts«, log er ganz offensichtlich.

»Komm schon, mir machst du nichts vor.«

»Hey, kann ich nicht einfach mal gute Laune haben? Die Sonne scheint, ich habe frei, sonst steckt nichts dahinter.«

Gut, wenn er eine neue Freundin hatte und mit ihr nicht darüber sprechen wollte, dann eben nicht.

»Und was ist bei dir los, dass du einen Drink brauchst?«

»Ach, das ist kompliziert. Einer meiner Leser bedroht Bernd Schwarz. Der Typ ist total durchgeknallt.«

Um Alex Lippen spielte ein kleines, süffisantes Lächeln. »Wer? Der Schwarz oder der Leser?«

»Alex! Das ist nicht lustig, kein bisschen.« Wenn Alex sie nicht ernst nahm, konnte sie gleich gehen. Ein Versuch noch. »Also: Der Typ, er nennt sich Fan, will ein Kapitel von Bernd …«

»Na, dann soll er es ihm halt geben.« Alex beugte sich zu ihr vor; sein Interesse schien geweckt.

»Der Mann hat Bernd bedroht, seine Tochter auch, und er hat ihm den Rechner verseucht.«

»Was?«

»Ja, er hat ihm lauter Sudokus auf den Rechner geschickt.«

Alex lehnte sich zurück, kräuselte die Stirn und fragte: »Bernd Schwarz, war das nicht der, der sich angeblich gut mit Computern auskennt?«

Sue blickte Alex verwirrt an. »Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Na, wenn er Ahnung hat, spielt er sein Image zurück und das war’s.«

»Image?«, fragte Sue.

»Ein Abbild seines PCs. Jeder, der sich auskennt, erstellt sich so ein Abbild, das er bei Bedarf zurückspielt. Damit ist das, was du da erzählst, kein Beinbruch, sondern recht schnell behoben.«

Irgendwie schien Alex nicht zu begreifen, dass es nicht nur darum ging, den Schaden zu beheben. »Das mag ja sein, aber wer weiß, was der Typ sich als Nächstes einfallen lässt. Ich halte den für gefährlich.«

Alex lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, strich mit der Hand übers Kinn und fragte: »Sudokus? Stimmt! Das hört sich sehr gefährlich an. Nimm nur die Eins. Sie hat ein echt spitzes Dach. Wenn die einen erwischt, kann man sich schwere Verletzungen zuziehen …«

Sue haute ihm leicht auf die Hand und konnte ein Grinsen nicht verbergen. So ein Quatschkopf. »Mann, Alex! Zieh das nicht ins Lächerliche.«

Er nahm sie in den Arm, strich ihr sanft über den Rücken und sagte: »Mach dir mal keine Sorgen. Wird schon alles wieder gut. Sag deinem Bernd, er soll tun, was der Mann verlangt, und alle sind zufrieden.«

Sue befreite sich aus der Umarmung und blickte Alex empört an. »Das ist ja das Problem. Genau das habe ich Bernd geraten, aber er will sich nicht erpressen lassen. Ich glaube sogar, er ist drauf und dran, die Zusammenarbeit mit mir zu beenden.«

»Ach was, der wird schon noch klug. Zerbrich du dir mal nicht seinen Kopf.« Er stand auf und ging zum Kühlschrank.

»Hast du schon gegessen? Ich mach uns Nudeln mit Pilzsoße, oder Champignoncremesuppe, du hast die freie Wahl«, erklärte er.

Sue überlegte kurz, ob sie protestieren sollte. Immerhin hatte er das Thema beiseite gefegt, als handele es sich um eine Belanglosigkeit. Andererseits konnte sie nichts tun. Weder auf Bernd noch auf den verdammten Psychopathen hatte sie Einfluss. Und seine Pilzsoße war ein Gedicht, die konnte sie nicht ausschlagen. Wie gut, dass sie gekommen war. Das Abendessen würde ihr helfen, abzuschalten.

10

Immer noch habe ich diesen Schwarz vor Augen. Ein hochroter Kopf, der aussieht, als würde er gleich platzen.

Wie hektisch der auf seiner Tastatur rumhackt …..

Zu köstlich! Der hat sich die Krätze geärgert. Was für ein Zufall, dass er gerade am Telefonieren war. Mit Susanne Blumberg, der ich das ganze Heckmeck zu verdanken habe. Einfach perfekt! Ich hätte das nicht besser planen können. Und der Blick, als er die laufende Webcam entdeckte. Herrlich! Leider nur ein kurzes Vergnügen. Viel zu schnell hat er die Verbindung gekappt. Dieses Schauspiel hätte ich zu gerne noch etwas länger genossen.

Das Kapitel hat der Drecksack allerdings mit einem Passwort gesichert. Zu dumm, dass ich das nicht knacken konnte, aber dafür hat er ja eine Belohnung bekommen.

Wenn dieser Schwarz jetzt nicht langsam schlau wird, und tut, was ich von ihm verlange, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm oder seiner Tochter einen Besuch abzustatten.

Er hat sich nicht nur einmal geweigert, seine Aufgabe zu erfüllen, sondern mehrfach, und er hat mir mit der Polizei gedroht. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass die Todesstrafe angemessen ist.

11

Peter stand vor seinem neuen Heim und wartete auf den Möbelwagen. Nach zehn Minuten verging ihm die Lust und er ging zurück ins Haus. Wenn die Angestellten in seiner Filiale ebenso arbeiteten, dann würde er ihnen Feuer unterm Hintern machen. Toscana Deutschlands hin oder her. Die »Kommst-du-heute-nicht-kommst-du-morgen«-Mentalität würde er ihnen schon austreiben. Er marschierte im Haus auf und ab.

Endlich hörte er die Bremse eines Lkws vorm Haus, ein Geräusch, als hätte der Wagen Verdauungsprobleme.

Bevor ein Möbelpacker die Chance hatte, die Klingel zu betätigen, stand er draußen.

»Männer, wenn ihr heute komplett entladet, winkt ein fettes Trinkgeld«, verkündete er.

Daraufhin wuselten die Packer wie ein Haufen Ameisen hin und her. Alle Pakete landeten vorerst im Wohnzimmer. Als der Fahrer sich nach vermeintlich getaner Arbeit vor ihm aufbaute und »So, das war’s dann«, verkündete, winkte er den Mann ins Wohnzimmer und wies auf die Kartons.

»Was meinen Sie, warum ich diese Kisten beschriftet habe?«

Der Fahrer blickte ihn ungeduldig an und zuckte die Schulter.

»Damit ihre Männer sehen, wohin das Paket gehört.« Er ging um den Stapel herum und wies auf einen Karton. »Hier steht Küche! Sehen Sie das?«

Der Mann nickte mit hängenden Schultern.

»Hier steht Waschkeller! Hier Arbeitszimmer. Sie sehen, das war’s noch lange nicht.«

Der Fahrer ging hinaus zu seinen Männern und unterhielt sich kurz mit ihnen. Zu Peters Verwunderung kletterten sie ins Fahrerhaus und fuhren davon.

Ohne Abschiedsworte machten die sich vom Acker?

Wo gab es Möbelpacker, die auf ein Trinkgeld verzichteten?

Wild mit den Armen fuchtelnd lief er ihnen nach. Der Lkw hielt nicht an. Und wie sollte er nun die Waschmaschine in den Keller kriegen? So ein Mist!

Aus dem Augenwinkel sah er einen Mann auf dem Nachbargrundstück, der gerade einen Beutel Müll in die Tonne warf. Der Fremde sah zu ihm rüber und begrüßte ihn freundlich: »Guten Tag, Nachbar. Ich bin Alex Warmbier. Haben die was vergessen?« Der Mann kam mit ausgestrecktem Arm auf ihn zu.

Peter schüttelte die dargebotene Hand. »Peter Fleischer, guten Tag. Ja, das kann man wohl sagen. Die haben einfach alle Kartons im Wohnzimmer abgeladen und sind abgedüst, haben sogar ihr Trinkgeld sausen lassen. Jetzt stehe ich da und habe eine nicht angeschlossene Waschmaschine im Wohnzimmer. Was für ein Auftakt.«

Alex Warmbier lächelte ihn an. »Sieht so aus, als könnten sie zwei starke Arme brauchen.«

»Oh, ich kann Sie nicht gleich am ersten Tag belästigen.«

12

Ein neuer Nachbar. Und dann noch einer, der einen so hilflosen Eindruck macht, dass man ihm einfach helfen muss. Mal sehen, ob ich herausfinden kann, was das für ein Typ ist, der sich hier einnistet. Also kehre ich mein Sonntagsgesicht heraus und sage: »Keine Sorge. Unter Nachbarn hilft man sich. Lassen Sie uns das gute Stück in den Keller schaffen.«

Er blickt mich leicht zweifelnd, aber dankbar an und geht voraus, ich kremple meine Ärmel auf und folge ihm.

Zuerst verfrachten wir gemeinsam die Waschmaschine in den Keller. Der Typ steht neben der Maschine, als betrachtete er eine fliegende Untertasse. Kann ein Mann so unbeholfen sein?

»Sie gucken, als wüssten Sie nicht, wie man so ein Teil anschließt.« Ins Schwarze getroffen, er zuckt mit den Schultern und antwortet: »Stimmt. Ich kenne mich dafür mit Bankgeschäften aus. Man muss nicht alles können.« Er macht eine kleine Pause und fragt dann: »Kennen Sie sich damit aus?«

Ich nicke und knie mich, um die Transporthalterung zu entfernen. Herr Fleischer beobachtet mich argwöhnisch, denkt wohl, ich würde die Maschine zerlegen. Besser, ich beruhige ihn. »Damit die Trommel nicht beschädigt wird, verankert man sie beim Transport. Am Ziel angekommen, muss die Halterung entfernt werden.« Ich habe keine Lust, jeden meiner Schritte zu erklären, und frage ihn: »Sie kommen aus Dortmund? DO ist doch Dortmund, oder?« Er nickt. »Was verschlägt Sie ins schöne Denzlingen?«

»Ich habe hier eine Bankfiliale übernommen.«

Aha. Ein Bankdirektor. Das ist nicht verkehrt. Diese Leute sind hoch angesehen. Zumindest bei uns in der Provinz. Flink schließe ich die Maschine ans Wasser, Abwasser und den Strom an. »So, jetzt können Sie die Maschine benutzen.«

»Danke schön. Da habe ich ja den Installateur gespart. Sehr nett.«

»Keine Ursache.« Er bleibt einen Moment unschlüssig stehen, verplempert meine Zeit, weshalb ich frage: »Sollen wir jetzt mit den Kartons weitermachen?«

Er nickt und geht voraus in das Wohnzimmer. Dort bleibt er vor den Kisten stehen. »Möchten Sie was trinken?«

Marke guter Gastgeber, obwohl er noch gar nicht richtig eingezogen ist. Es gibt Schlimmeres. »Gerne.«

Er geht in die Küche und kehrt mit zwei Tannenzäpfle zurück. Schön. Er hat sich informiert, weiß um unsere Gepflogenheiten.

»Sollen wir nicht du sagen? Peter ist mein Vorname.«

Ups, das geht aber schnell. Fast zu schnell. Ach, was solls? Über kurz oder lang werden wir eh zum Du übergehen, da kann ich es gleich annehmen. »Ja, gerne. Alex.« Wir stoßen an und leeren die Flaschen. Dann verteilen wir die Kartons in den Zimmern. Während der Arbeit fragt er mich aus. Will wissen, was ich arbeite, ob ich verheiratet bin. Er geht mir auf den Geist. Ich bin doch nicht die Auskunft!

Danach kehren wir in die Küche zurück und setzen uns auf die Arbeitsfläche. Peter holt ungefragt noch ein Bier. »Vielen Dank für die Hilfe. Ohne dich wäre ich aufgeschmissen gewesen. Auf gute Nachbarschaft.«

Er zieht die Stirn in Falten, denkt über irgendetwas nach. »Echt schöne Gegend hier. Wie sind die anderen Nachbarn so?«

Hey. Der Typ will mich wohl aushorchen, einfach den Spieß umdrehen, oder ist das echtes Interesse? Naja, er will sicher nur wissen, in was für eine Gegend er geraten ist.

»Ganz okay«, antworte ich, ohne große Lust, weiter ins Detail zu gehen. Soll er sich doch selbst ein Bild machen.

»Stimmt es, dass wir eine Autorin unter uns haben?«

Was für ein Waschweib! »Du meinst Susanne Blumberg?« Jetzt plötzlich sieht er mich mit neuem Respekt an.

»Du kennst sie persönlich?«

»Kann man sagen. Wir sind befreundet.« Wie gerne würde ich ihm sagen, dass Susanne mehr als eine befreundete Nachbarin ist, aber diese Lüge würde schnell auffliegen.

»Du musst sie mir vorstellen. Ich lese gerade ihr Buch. Das ist total spannend. Ist sie nett? Wie sieht sie aus?«

Scheiße Mann, der benimmt sich wie ein Fan im Teenageralter. »Sie ist über fünfzig. Dafür sieht sie noch ganz gut aus …« Ein Segen, dass Sue mich nicht hört. Aber der Kerl soll sie sich gleich abschminken. Der Mann ist nicht mal vierzig und soll sich lieber nach einer Gleichaltrigen umsehen. Sue gehört mir. Mir alleine!

»Na ja, wir sind auch keine zwanzig mehr«, sagt er und reißt mich damit aus meinen Gedanken.

»Stimmt. Ach, sie wird dir sicher früher oder später über den Weg laufen. Sie wohnt direkt neben mir.« Es wird langsam Zeit, zu gehen. Ich habe keinen Bock, mich weiter über Sue aushorchen zu lassen.

»Und wie ist sie? Künstler verlieren ja gerne die Bodenhaftung, besonders wenn sie erfolgreich sind.«

Oh, Mann, jetzt kommt er auch noch mit Vorurteilen daher. Ich tue so, als wäre es mir egal. »Sue ist keine, die abhebt. Aber wie gesagt, du wirst sie sicher bald kennenlernen. Ich gehe jetzt lieber mal wieder. Irgendwie bin ich die Schlepperei nicht mehr gewohnt.« Mir reicht es. Ich springe auf den Boden und verabschiede mich.

»Vielen Dank für deine Hilfe. Wenn ich eingerichtet bin, lade ich dich mal zum Essen ein. Ohne dich hätte ich die Nacht durcharbeiten müssen.«

Na, wenigstens was. Ein Abendessen als Dank ist akzeptabel. Wenn er Wort hält. Vielleicht ist er einer dieser Labersäcke, die alles versprechen und nichts halten? Wir werden sehen. Ich behalte ihn im Auge.

13

Peter schloss die Tür ab, ging hinauf ins Schlafzimmer und bezog das Bett. Seine Gedanken kreisten immer noch um diesen Nachbarn. Alex Warmbier, was für ein doofer Name. Warmes Bier, igitt. Für den Namen konnte er nichts. Irgendwie war das ein komischer Typ. Auf den ersten Blick nett, aber unterschwellig war da etwas, auf das er den Finger nicht legen konnte.

Diese Nettigkeit schien aufgesetzt, wie bei einem Schauspieler. Wenn der Mann lächelte, dann mit dem Mund, nicht mit den Augen. Dann diese Arroganz, als wenn jeder Mann automatisch wissen müsste, wie man eine Waschmaschine anschließt. Und wer diese Fähigkeiten nicht besaß, der stand eine Stufe unter ihm. Was für ein ausgemachter Blödsinn. Als er da am Boden kniete und zu ihm aufblickte, hatte er ihn angesehen wie Ungeziefer, das er gleich zertreten würde.

Außerdem hatte er den Eindruck, von Alex belauert zu werden, wie von einer Hyäne. In der Küche hatte er ihn richtiggehend mit Blicken seziert.

Und diese abweisende Haltung, als er auf die Schriftstellerin zu sprechen kam. So als wollte er nicht über die Frau sprechen. Mochte er sie nicht?

Nein, eher so, als sei er eifersüchtig und wolle den Nebenbuhler umbringen. Ob da was lief zwischen den beiden?

Es waren seine Blicke! Ja, das war es. Er mochte sich gut verstellen, aber seine Augen sprachen eine andere Sprache, als sein Mund.

Naja, oder er war einfach überreizt, zu müde und erschöpft.

Er schloss die Augen und lauschte den ungewohnten Geräuschen seines neuen Heims. Ob es lange dauern würde, sich daran zu gewöhnen?

14

Sue hatte den ganzen Tag an ihrem neuen Roman gearbeitet. Es ging endlich voran. Noch kurz die Mails ansehen und dann würde sie den PC für heute hinunterfahren, sich ein Buch schnappen und es sich auf dem Sofa gemütlich machen.

Schon wieder eine Nachricht von dem Irren!

Sollte sie sich den ruhigen Abend versauen? Falls sie diese Nachricht öffnete, konnte sie ihr Buch vergessen. Womit hatte sie diesen verdammten Ärger verdient? War das etwa der Preis des Erfolges?

Widerwillig öffnete sie die Nachricht.

Frau Blumberg,

Ihr werter Kollege reagiert nicht auf meine Nachrichten. Wenn ich mein Kapitel nicht heute erhalte, werde ich ihm morgen einen Besuch abstatten! Sie sind verantwortlich für das, was dann geschieht!

Rache@gmx.de

Sue wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff zum Telefon.

»Hallo?«

»Bernd, ich bin es, Sue. Der Verrückte sagt, wenn du ihm das Kapitel heute nicht schickst, will er dich morgen besuchen. Bitte gehe zur Polizei. Ich will nicht schuld sein, wenn dir etwas passiert. Die müssen dir Personenschutz geben.«

Sie hörte ihn am anderen Ende schnaufen.

»Sue! Glaubst du im Ernst, die Polizei würde Beamte abstellen, um mich zu schützen, nur weil jemand seinen Besuch ankündigt?«

»Du weißt genau, dass er nicht von einem Freundschaftsbesuch spricht, oder?«

»Und wenn schon! Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe. Das wäre ja noch schöner. Erst droht er mir und meiner Tochter, dann verseucht er meinen Rechner …«

»Hast du das repariert? Mein Nachbar meint, es sei einfach zu beheben«, unterbrach Sue ihn.

»Mein Rechner ist gesäubert. Aber der Typ scheint Hackerqualitäten zu besitzen. Ich kenne mich ja mit EDV aus, sichere meinen PC mehrfach ab und trotzdem hat er es geschafft, sich einzuhacken und meine Webcam zu aktivieren. So ein verdammtes Arschloch. Es hat Zeit gekostet, dass alles aufzuräumen.«

»Mein Nachbar meint, das ginge ganz schnell …«

»Dein Nachbar hat keinen blassen Schimmer, mit welchen Programmen ich arbeite und sollte sich mal zurückhalten mit seiner Ferndiagnose. Kenne ich den?«

»Nein, den habe ich dir noch nicht vorgestellt. – Bitte gehe zur Polizei.«

»Ach hör doch auf. Meinst du, ich habe Lust, mich lächerlich zu machen?«

»Tu es mir zuliebe, ja?«

»Nein! Auch dir zuliebe mache ich mich nicht zum Volltrottel.«

Sue überlegte. So kam sie nicht weiter. Bernd hatte sich entschieden; sie konnte ihn nicht umstimmen.

»Also gut, dann gehe ich eben zur Polizei.«

Bernd lachte aus vollem Hals, als hätte sie gerade einen tollen Witz erzählt. »Sue! Was soll denn die Polizei in Denzlingen machen, wenn mich hier in Leonberg jemand bedroht?«

Sie schwieg. Er hatte ja recht. Die Denzlinger Polizei konnte sich aber wenigstens mit der Leonberger Polizei in Verbindung setzen. Oder würde man sie für eine überspannte Krimitante halten, die nicht mehr zwischen Romangeschehen und Realität unterscheiden konnte? Ach, was sollte sie nur tun?

»Also gut, Bernd. Pass bloß auf dich auf, und wenn er wirklich vor der Tür steht, lass ihn nicht rein, sondern rufe die 110 an, okay?«

»Der blufft doch nur. Hunde, die bellen …«

»Mann, Bernd! Der Typ ist kein Hund! Versprich mir jetzt, vorsichtig zu sein, oder ich gehe zur Polizei.«

»Entspann dich. Ich werde den Kerl nicht zum Tee bitten. Ich kann mich schon wehren. Mach dir keine Sorgen. Und jetzt muss ich noch ein wenig arbeiten. Also tschüss.«

Fassungslos betrachtete Sue den Hörer, aus dem das Besetztzeichen immer lauter wurde. Bernd nahm die Drohung nicht ernst und es gab nichts, was sie tun konnte. Behutsam legte sie den Hörer auf. Und nun?

Würde der Kerl seine Drohung umsetzen?

Hätte sie vorher gewusst, was ihr bevorstand, nie im Leben hätte sie das Buch so herausgebracht. Mit einem herkömmlichen Roman wäre all das nicht passiert.

15

Bernd hatte schlecht geschlafen und zuckte beim Klang der Türglocke zusammen. Er straffte die Schultern, ging mit energischen Schritten zur Tür und lugte durch den Spion. Keiner da! Spielten diese dummen Gören schon wieder Klingelmännchen? Manche Spiele kamen nie aus der Mode. Wenn er die erwischte, würde er ihnen die Ohren lang ziehen.

Wenigstens kein Verrückter, der nach einem Kapitel verlangte.

»Wäre ja auch noch schöner«, brummte er leise und kehrte zurück ins Wohnzimmer, wo das Formel-1-Rennen in Silverstone lief. Er setzte sich aufs Sofa und bemerkte erst jetzt, dass die Gardine in den Raum geweht wurde. Wieso?

Er stand auf und zog den Stoff zur Seite. Die Balkontür stand offen! Er hatte sie auf Kipp zurückgelassen, als er an die Tür gegangen war, oder? Wurde er senil? Nein, er war sich ganz sicher. Er hatte die Tür nicht geöffnet. Sein Blick jagte durch den Raum. Nichts Ungewöhnliches. Es kribbelte im Nacken. Eine Gänsehaut jagte über seinen Körper. Ganz langsam drehte er sich um die eigene Achse. Nichts. Alles normal. Er durfte nicht durchdrehen, nur weil ein Spinner seinen Besuch angekündigt hatte.

Als er es sich gerade wieder auf dem Sofa gemütlich machen wollte, hörte er im ersten Stock ein Scharren. Mit einem Mal wurde es ihm warm. Sehr warm.

Was hatte das zu bedeuten? Spielten ihm seine Nerven einen Streich? Von oben konnten keine Geräusche kommen. Da war niemand. Etwas quietschte vertraut. Die Kommode im Arbeitszimmer? Geister? Oder doch ein Eindringling?

Seine Nackenhaare sträubten sich. Ja, eine Schublade seiner Kommode wurde geschlossen und eine andere herausgezogen. Dieses Quietschen kannte er gut.

Es war jemand im Haus. In seinem Haus! Verdammt! Noch einmal blickte Bernd sich im Raum um, dieses Mal suchte er nach etwas, das er als Waffe nutzen konnte. Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Stand sein Hirn auf Stand-by?

Auf leisen Sohlen tappte er in die Küche. Seine Hand hing über dem Messerblock. Mit einem Fleischmesser bewaffnet, flach atmend, schlich er auf Zehenspitzen zur Treppe. Wie war der Kerl in den ersten Stock gekommen? Bernd kannte die Stufen, wusste, welche knarrte und welche nicht, aber der Eindringling verfügte nicht über dieses Wissen.

Bernd zögerte einen Moment. Machte die Konfrontation mit einem Irren Sinn? Sollte er nicht besser die Polizei rufen? Und wenn er sich das Scharren nur eingebildet hatte? Die würden sich über ihn lustig machen. Berechnete die Polizei Einsätze, die umsonst stattfanden, wie die Feuerwehr? Und wenn schon! Er ging zurück zum Telefontisch im Flur und hob den Hörer ab. Nichts! Kein Freizeichen und auch keines, das eine besetzte Leitung signalisierte. Totenstille. Scheiße! Kannte er das nicht aus den Krimis, die im Fernsehen liefen? Die Einbrecher, Mörder und sonstiges Pack kappten immer die Leitung, damit sie Zeit und Ruhe hatten, sich ihrem Opfer zu widmen. Der Hörer flutschte ihm aus der Hand. Er konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er auf den Tisch knallte. Sein Atem raste. Gut! Dann gab es wohl keine Alternative. Er würde auf jeden Fall nicht aus seinem eigenen Haus abhauen! Das konnte wer-auch-immer dort oben sich abschminken. Bernd setzte vorsichtig einen Fuß auf die Stufe, horchte, nahm die nächste in Angriff.

Etwas flog mit einem lauten Knall auf den Boden.

Bernd machte vor Schreck einen kleinen Sprung und stieß ein erstauntes »Oh!« aus. Schnell schlug er sich die Hand vor den Mund. Er hörte Schritte. Die Tür seines Arbeitszimmers flog auf und knallte gegen die Flurwand. Die Schritte kamen auf ihn zu.

Lauf! Verdammt noch mal. Steh hier nicht rum, wie ein Opferlamm.

Leichter gesagt, als getan. Von seiner Warte aus kamen Herrenschuhe ins Blickfeld. Braun. Schwarze Hosenbeine.

»Herr Schwarz? Wie nett, dass sie extra raufkommen, um mich zu begrüßen. Ich habe mich schon ein wenig umgesehen. Raten Sie mal, was ich gefunden habe?«

Bernd stand auf der Stufe, als hätte man ihn schockgefrostet, unfähig, sich zu rühren. Was hielt der Mann da in der Hand?

Ein Perry-Rhodan-Heft?

Oh, nein! Bitte mach, dass der Kerl sich nicht über meine Sammlung hermacht!

Wie viel Zeit und Geld steckte in diesen Heftchen? Wie konnte dieser Irre es wagen, sich daran zu vergreifen?

»Legen Sie sofort das Heft weg!«

»Ich habe gelesen, dass Ihr Herzchen an dieser Sammlung hängt.« Es folgte ein Lachen, das Bernd das Blut gerinnen ließ. Es hörte sich an, wie von einem Dämon. Er kam auf ihn zu. Endlich sah er, mit wem er es tun hatte. Der Mann war circa einen Meter achtzig, schlank und ganz in Schwarz gekleidet. Bei dieser Hitze. Er sah normal und harmlos aus, wie ein Kumpel auf dem Fußballplatz, oder ein Nachbar. Es war also kein Klischee. Man sah es den Leuten nicht an, wenn sie nicht alle Tassen im Schrank hatten. Jetzt zog er die Hand, die er bislang hinter seinem Rücken verborgen hatte, hervor. Er hielt eine Schere darin, wie ein Schneider, der beim Zuschneiden ist.

Die Scherenhand bewegte sich langsam auf das Heft zu. »Sie wissen, wie sie das verhindern können, nicht wahr?«, fragte der Mann. Seine Stimme klang vollkommen ruhig, als hätte er sich gerade nach der Uhrzeit erkundigt.

Er konnte nicht einmal behaupten, dass die Stimme unangenehm gewesen wäre. Im Gegenteil, sie klang voll und tief und hätte hervorragend in ein Hörbuch gepasst.

Bernd nickte, mit dem Nicken löste sich die Starre, und er ging langsam die Treppe hinauf. Vielleicht verschwand der Kerl für immer aus seinem Leben, wenn er ihm dieses bescheuerte Kapitel gab.

16

Da ist er, mein Widersacher. Ein wenig plump, der Mann.

Er schwitzt und reißt seine Augen weit auf. Er hat Angst, versucht es vor mir zu verbergen, aber mich täuscht er nicht.

»Also gut. Sie haben gewonnen, ich gebe Ihnen ihr verdammtes Scheiß-Kapitel«, schimpft er und stampft endlich die Stufen hinauf. Er glaubt, er könnte mich mit dieser forschen Art im Zaum halten und unterschätzt mich immer noch. Was hat er da in der Hand? Ein Messer! Wie putzig. Ich lasse das Heft fallen, und ziehe den Elektroschocker aus der Hosentasche. Er sieht, was ich in der Hand halte, und weicht zurück. Zu dumm, dass dieser Flur nicht besonders breit ist. Die Wand stoppt seinen Rückzug. Ich verpasse ihm eine Ladung. Er sinkt zu Boden wie eine gefällte Eiche, das Messer entgleitet seiner Hand. Feige ist der Mann nicht. Mit Mühe und Not, der Sack wiegt mindestens eine Tonne!, verfrachte ich ihn in sein Arbeitszimmer. Das ist der passende Ort. Damit er mich später, wenn er zu sich kommt, nicht nervt, sorge ich für Ruhe. Ich hole Zwirn und Nadel aus der Tasche und fädle einen Faden ein, womit ich ihm den Mund zunähe. Obwohl er bewusstlos ist, versucht er, mir seinen Kopf zu entziehen. Wahrscheinlich ein Reflex. Aber ich halte ihn fest und nähe weiter. Zufrieden betrachte ich mein Werk. Drei ordentlich Stiche rechts der Nase, drei links davon. Wie mit dem Lot ausgerichtet. Perfekt! Saubere Arbeit. Jetzt wird er noch mit Klebeband gefesselt, dann widme ich mich wieder seiner Sammlung und schneide die Hefte in feine Streifen. Vor mir auf dem Boden liegt schon ein kleiner Scheiterhaufen bereit. Soll ich ihn darin verbrennen? Nein, nur Papier reicht nicht für diesen Fettkloß.

Er rührt sich und stöhnt. Ja, er kommt zu sich. Er schlägt die Augen auf und ich sehe Panik darin. Er blinzelt, schüttelt den Kopf, bemüht sich, etwas zu sagen. Ich sehe, wie er mit der Zunge an der Naht entlangfährt. Sein Kehlkopf hüpft auf und ab wie ein Flummi. Die Einstichstellen dehnen sich, Blut sickert aus den Wunden. So ein Idiot. Die Blutung hatte längst aufgehört. Bevor er diese Naht löst, zerfetzt er sich den Mund.

»Hmmmhmmm! Itte«

Scheiße, er gibt immer noch Geräusche von sich. Ich hätte ihm zuerst die verdammten Stimmbänder durchtrennen sollen. Jetzt ist es dafür zu spät.

»Halt die Klappe!«

»Hmmh.« Tränen quellen aus seinen Augen. Die Naht schmerzt. Genau so soll es sein. Sein Blick bettelt um Gnade; er scheint zu ahnen, dass es zu spät für ein Einlenken ist. Vertan die Chance, sich gütlich zu einigen. Nicht, dass ich sie ihm nicht angeboten hätte, oder? Aber er hat es vorgezogen, auf stur zu schalten. Damit hat er sich ganz alleine in diese missliche Situation manövriert.

Ich fahre fort, seine Hefte zu zerschneiden, halte sie ihm demonstrativ vor Augen, mache Luftschlangen daraus.

Er windet sich und protestiert. Ob er mehr um sein Leben oder seine Hefte fürchtet, kann ich nicht sagen. Diese Sammler sind ja nicht zurechnungsfähig.

Aber das Gejammer geht mir auf die Nerven. Ich muss für Ruhe sorgen. Wenn die Naht nicht reicht, muss ich eben zu anderen Mitteln greifen. Ich gehe vor ihm in die Hocke und verpasse ihm einen Schlag auf den Kehlkopf.

Ekelerregend, wie das knackt. Er stöhnt, seine Nasenflügel blähen sich, Tränen fließen. Jetzt ist er endlich still. Gut so!

Er blinzelt, presst die Lider fest zusammen, als sei er nicht gewillt, dieses Schauspiel weiter zu verfolgen. Als hätte ich ein unartiges Kind vor mir, weshalb ich den Kopf schüttle. »Aber nicht doch. Du verpasst den ganzen Spaß. Sieh nur, ich habe dir etwas mitgebracht.«

Jetzt kommt der Sekundenkleber zum Einsatz. Ich trockne seine Tränen, gebe vorsichtig je einen Tropfen Kleber unter die Augenbraue und halte die Lider fest, bis sie fixiert sind. Er dreht den Kopf zur Seite.

»Was? Du willst nicht mitspielen? Weißt du was? Dieses Mal sind alle Trümpfe in meiner Hand!«

Ich breche ihm die Nase. Nun geht es langsam zu Ende.

Er röchelt. Die Augen treten aus den Höhlen, das Gesicht verfärbt sich Purpur.

Wie in Zeitlupe rollt ein Schweißtropfen vom Haaransatz über die Stirn nach unten. An den Schläfen treten die Adern hervor. Kein einziges Detail darf mir entgehen. Diese Bilder brennen sich auf meine Netzhaut. Oh! Verdammt. Das habe ich glatt vergessen.

Ich springe auf, fische die Kamera aus meinem Rucksack und mache Bilder. Bilder sind besser als Erinnerungen. Die kann ich mir immer wieder ansehen.

Das lebendige Funkeln im Blick des Mannes erlischt wie eine Kerzenflamme im Wind. Ein nasser Fleck bildet sich in seinem Schritt. Kloakengestank verpestet die Luft. Ja, so ist das, wenn alle Muskeln erschlaffen. Zeit, die Sache zu beenden.

Ich setzte mich an seinen Schreibtisch und finde den PC hochgefahren im Ruhezustand vor. Am liebsten würde ich das Gerät zertrümmern und darauf herumtrampeln, aber ich muss mich beherrschen. Erst wenn ich meinen Schatz geborgen habe, kann ich meiner Wut freien Lauf lassen.

Der Typ hat das Kapitel griffbereit für mich hinterlassen. Zufall oder der Lohn meiner Anstrengungen? Ich kopiere es auf meinen Stick.

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Kiste landet auf dem Boden und ich springe darauf, bis das Plastik zerbirst und über den Boden splittert.

Aus den Trümmern berge ich die Festplatte. Mich erwischen diese Kriminaltechniker nicht, indem sie die Festplatte wiederherstellen. Die nehme ich mit, um sie fachgerecht zu entsorgen.

Jetzt noch die Spuren beseitigen und dann kann ich es mir zu Hause gemütlich machen und endlich das Kapitel lesen.

Ich summe »Always look on the bright side of life« und begebe mich in die Küche. Dort fülle ich einen Eimer mit heißem Wasser, gebe Desinfektionsmittel dazu und mache mich an die Arbeit.

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240 p.
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9783957658326
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