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Margit Kruse

Fröhliches Morden überall

Weihnachtskrimi


Zum Buch

Eiszapfenstreich Margareta Sommerfeld und ihr Partner, Kommissar Thomas Scheffel, beschließen, über die Feiertage ins verschneite Winterwunderland zu reisen. Da Thomas’ Vater plötzlich verstorben ist, fühlt er sich verpflichtet, sich um seine Mutter zu kümmern. Und auch Waltraud, Margaretas Mutter, hängt durch. So beschließen die beiden Verliebten, ihre Mütter mitzunehmen. Ein gemütliches Ferienhaus ist schnell gefunden. Die kleine Auszeit entpuppt sich jedoch als keine gute Idee, denn beide Damen haben ihren eigenen Kopf. Nach einem Streit am Silvesterabend will Thomas’ Mutter den Gottesdienst besuchen. Von dort kehrt sie jedoch nicht zurück. Am späten Abend wird sie an einem abseits gelegenen Bauernhof gefunden. Erstochen … Thomas kann nicht glauben, was passiert ist. Gemeinsam mit Margareta macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Sollte eine Frau aus der Nachbarschaft, die seiner Mutter sehr ähnlich sieht, dran glauben? Oder war die ermordete Eleonore gar nicht die trauernde Witwe, für die man sie hielt? Margareta bringt die örtliche Polizei, die lange Zeit im Dunkeln tappt, zur Verzweiflung.

Margit Kruse wurde 1957 in Gelsenkirchen geboren. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Revier-Krimis »Eisaugen«, »Zechenbrand«, »Hochzeitsglocken« und »Rosensalz«. Sie ist ein echtes Kind des Ruhrgebiets. Seit 2004 ist die Gelsenkirchenerin als freiberufliche Autorin tätig. Neben etlichen Beiträgen in Anthologien hat sie bislang zahlreiche Bücher veröffentlicht. Labrador Enja ist stets dabei, wenn sich Margit Kruse auf Recherche-Tour begibt. Besonders der Hauptfriedhof ihres Heimatortes hat es der Autorin angetan. Margit Kruse ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Helgi / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6910-7

Vorbemerkung

Dieser Roman spielt größtenteils in Bödefeld im Hochsauerland. Viele Gebäude und Einrichtungen sind real. Der Bauernhof sowie das Ferienhaus, zwei meiner Handlungsorte, sind jedoch Fantasiegebilde von mir. Es handelt sich hier um nichts weiter als um einen Roman, die Personen sind erfunden, der Plot ist fiktiv.

Prolog

Mein Blick geht zum Altar der Pfarrkirche St. Cosmas und Damian in Bödefeld. Ein prunkvoller Altar, rechts und links flankiert von zwei herrlich beleuchteten Weihnachtsbäumen. Eine feuchte Kälte schlägt mir entgegen. Ich durchschreite den Mittelgang des Kirchenschiffes aus dem Jahr 1911 und gehe bis vorne zum Altar. Unschlüssig setze ich mich in die erste Reihe. Für den kleinen Ort eine recht große Kirche. Sie sollte mit den fünf Ausgängen viel Platz für die Wallfahrer zum Kreuzberg schaffen, die um die Jahrhundertwende noch zahlreich vorhanden waren. Die barocke Ausstattung sorgt für eine ganz besondere, ehrfürchtige Atmosphäre.

Was hoffe ich, hier zu finden?

Vergebung?

Ich habe es nicht gewollt. Das sagt sich so einfach. Dabei habe ich es bis ins kleinste Detail geplant.

Und dann kam alles anders. Ganz anders.

Ich habe immer nach Gottes Glauben gelebt, bin so erzogen worden. Und jetzt sitze ich hier und heule mich beim Herrn aus. Ich halte den Kopf gesenkt. Tränen tropfen auf den glänzenden Boden. Mein Jammern und Klagen hallt in dem großen Raum wider.

»Ein Mensch, der uns verlässt, ist wie eine Sonne, die versinkt. Aber etwas von ihrem Licht bleibt immer in unserem Herzen zurück. Herr, gib ihr die ewige Ruhe und vergilt ihr alle Güte und Liebe, die sie uns zukommen ließ.«

Ich lege den kleinen Zettel ins Gesangbuch zurück, dorthin, wo ich ihn gefunden habe, und schüttle verneinend den Kopf. Ich will nicht, dass Licht von der Toten in meinem Herzen zurückbleibt. Wozu? Vergessen will ich sie. Einfach nur vergessen, nachdem ich mir hier die Absolution von Gott geholt habe. Ist es wirklich so leicht?

Zum Mörder bin ich geworden aus purer Verzweiflung. Das muss Gott doch verstehen.

Verstehen und verzeihen?

Kann ich mit der Schuld weiterleben?

Ich schaue ein letztes Mal zu dem prunkvollen Altar. Mutter Marias Blick durchbohrt mich und sagt mehr als tausend Worte.

Nichts wird mir vergeben werden, das wird mir plötzlich klar.

Nichts!

1.

Margareta wischte zum zigsten Mal über die beschlagene Windschutzscheibe, um nach draußen sehen zu können. Was für eine blöde Karre besaß Thomas bloß? Angeblich war die Klimaanlage seines Passats in Ordnung. Konnten die Scheiben dann dermaßen beschlagen? Oder kam das daher, dass die beiden alten Damen hinten im Fond des Wagens so viel laberten? Ihre geschminkten Schnäbel gaben keine Ruhe.

Thomas auf dem Fahrersitz neben ihr stöhnte und starrte auf das Navi. Er tat gerade so, als führe ihr Weg ins tiefste Bayern, fernab jeglicher Zivilisation. Dabei ging es nur ins Hochsauerland, genauer gesagt, nach Bödefeld, einen Ortsteil von Schmallenberg. Ein winziges Bergdörfchen mit etwas mehr als 1.000 Einwohnern. Ein niedlicher Kirchturm, schwarz-weiße Schiefer- und Fachwerkhäuser, ein durchs Örtchen plätscherndes Flüsschen. 135 Kilometer vom Ruhrgebiet entfernt. Margareta kannte die Strecke im Schlaf, so oft war sie diese bereits gefahren. Mal war sie nur für einen Tag, mal für ein ganzes Wochenende dort gewesen. Als Kind hatte sie längere Urlaube im Hochsauerland verbracht.

Waltraud beschrieb gerade jeden einzelnen Aufenthalt im Sauerland äußerst ausführlich, was keiner der Anwesenden hören wollte. Eleonore hingegen machte alles nieder, konnte alles besser, war schon an ganz anderen Orten gewesen. An Orten, wo was los war, wo es Tanzlokale gab, wo die Post abging.

Thomas stöhnte erneut auf. Anstatt Margaretas Tipps, die Fahrstrecke betreffend, anzunehmen, glotzte er wie gebannt auf sein Navi, sein Allerheiligstes.

Was für eine Schnapsidee, die alten Damen in den Urlaub mitzunehmen. Da hatte sie wohl der Teufel geritten, als sie der spontanen Idee von Thomas, dem Ersten Hauptkommissar des KK 11 im Polizeipräsidium Buer, zugestimmt hatte. Wieso war sie an dem Abend so rührselig gewesen? Hatte sie zu viel getrunken?

Thomas’ Mutter Eleonore war seit einigen Monaten Witwe, jedoch längst nicht so trauernd und hilflos, wie Thomas es darstellte. Mit ihr war nicht gut Kirschen essen, und Margareta mochte sie nicht, diese bissige Alte. Ihr Pessimismus, den Eleonore täglich mehrfach auslebte, wurde nun auch noch belohnt. Als der Vater noch lebte, hatte Thomas ständig über seine Mutter geschimpft und es irgendwann tatsächlich geschafft, dem Elternhaus zu entfliehen, in dem er während langer Krankheit Unterschlupf gesucht hatte. Er hatte sich eine Wohnung in der Hertener City gemietet. Dort kreuzte die Alte jedoch dreimal die Woche auf, hatte sogar einen eigenen Wohnungsschlüssel erbettelt, putzte die Wohnung, brachte dem Sohnemann etwas zu essen und bügelte seine Hemden. Natürlich steckte sie auch die Nase in seine Post. Bei Bedarf beantwortete sie diese gleich. Seit ein paar Wochen rannte sie dem Pfarrer Ansgar Morgenrot der katholischen St.-Johannes-Gemeinde die Kirche ein, schloss sich dort der Seniorenstube an und machte alle wuschig.

Da war Margaretas Mutter Waltraud anders. Zwar auch eine Nervensäge par excellence, aber sie ließ sich noch gut in die Schranken weisen. Nach einem endgültigen Zerwürfnis mit ihrem Gelegenheitsliebhaber Sepp, dem Bandleader einer Altherrencombo, war sie in Depressionen verfallen. Margareta hatte zugestimmt, Eleonore mit ins Sauerland zu nehmen, wenn auch Waltraud dabei sein dürfe. Die beiden ungleichen Frauen hatten sich erst heute im Auto kennengelernt. Ein Vortreffen hatte Margareta strikt abgelehnt. Sie wusste, warum.

»Ist denn da genug Platz in dem Haus, mein Junge? Du weißt, ich wohne nicht gerne eingepfercht«, kam es von hinten mit schriller Stimme. Selbstverständlich sprach sie nur Thomas an. »Und Schnee liegt auch nicht. Du hast gesagt, im Sauerland liege zu Weihnachten Schnee.«

Die selbstständige Privatermittlerin Margareta war für die dominante Frau ein lästiges Übel, das sie in Kauf nehmen musste, obwohl Thomas ihr in der Hinsicht mehrmals den Kopf gewaschen hatte.

»Ich habe dir das Haus schon 20 Mal beschrieben und dir Fotos gezeigt. Es hat 100 Quadratmeter und zwei Bäder. Du teilst dir mit Waltraud ein Bad, hast aber ein eigenes Schlafzimmer. Und was den Schnee betrifft, der kommt bestimmt noch. Immerhin ist es hier sechs Grad kälter als bei uns im Ruhrgebiet. Die Sonne scheint und die Landschaft ist mit einer Frostschicht überzogen. Das sieht zauberhaft aus. Erfreue dich doch an dem Anblick.«

Auf die wunderschöne Landschaft ging Eleonore nicht ein. »Ein Bad teilen? Ich weiß nicht.« Ein missbilligender Blick traf ihre Sitznachbarin Waltraud.

»Im Krankenhaus hast du dir das Bad auch teilen müssen.« Ab jetzt schwieg Thomas.

Margareta fragte sich, ob auch er die Idee inzwischen für vollkommen idiotisch hielt. Die gute Tat zu Weihnachten? Würde sie sich als Flop entpuppen? Außerdem: Wieso mussten sie schon vor dem Fest anreisen? Am 23.12.? Das war eine Schnapsidee, fand Margareta. So hatten sie zu Hause keine Arbeit, mussten keinen Baum kaufen und weniger Lebensmittel, meinte Thomas. Doch sie war sich sicher, dass er nur dem Ärger entgehen wollte, den die Frage, wo und mit wem man den Heiligabend verbringen wollte, mit sich bringen würde. Ärger wäre da vorprogrammiert gewesen.

Ein kurzer Blick in den Kosmetikspiegel in der Sonnenblende nach hinten ließ Margaretas Kinnlade noch weiter herunterklappen. Eleonore zupfte an ihren frischen schwarzen Strähnen herum, die der Friseur erst einen Tag zuvor in ihr grellgraues Haar gezaubert hatte. Irgendwie erinnerte sie Margareta an einen ausgestopften Tiger. Wenn das modern sein sollte, fand sie die dunkelblonde Einheitsfrisur ihrer Mutter tausend Mal besser. Waltraud saß da wie ein Häufchen Elend, das schon jetzt bereute, mitgefahren zu sein.

Der Passat erreichte die winzige Ortsmitte. Ein Edeka-Laden, ein schmuckes Café, schräg gegenüber das Hotel Albers mit Restaurant. Überall standen beleuchtete Weihnachtsbäume, die eine tolle Stimmung zauberten. Die Hunaustraße ging in die Graf-Gottfried-Straße über, und kurz darauf führte sie das Navi rechts weg in die kleine Straße »Zur Wahr«.

»Geradeaus, immer geradeaus, bis es nicht mehr weitergeht«, hatte die Vermieterin am Telefon den Weg beschrieben. Die befestigte Straße mündete in einen Feldweg, der bis zum Waldrand führte. Rechts der Strecke lag ein großer Bauernhof. Wenige Meter weiter konnte man das Ferienhaus direkt am Wald erblicken. Ein echter Wintertraum. Unwirklich schön lag es da in frostiger Umgebung, von der Sonne angestrahlt.

Margaretas Laune besserte sich. Thomas lächelte versöhnlich zu ihr herüber, nachdem er auf dem Parkplatz neben dem Eingang das Auto abgestellt hatte.

Seine Mutter zog einen schiefen Mund und fing gleich wieder an zu meckern. »Hier soll ich zehn Tage bleiben? In dieser Einsamkeit? Das Haus liegt ja am Arsch der Welt. Bis zum Ort sind es zu Fuß mindestens zwei Kilometer. Da musst du mich fahren, mein Junge.«

»Einen Teufel werde ich tun. Es sind genau 900 Meter bis zum Ort. Die kannst du gut zu Fuß zurücklegen. Das Auto wird nicht angerührt. Ich will mich erholen.«

Margareta musste grinsen. Er hatte ein Machtwort gesprochen, der 42-jährige Sohn, was äußerst selten vorkam. Sicherlich wollte er vor seiner Freundin und deren Mutter den durchsetzungsfähigen Kommissar herauskehren, dachte sie.

Waltraud freute sich und schmunzelte. »Ich finde das Häuschen wunderschön.«

»Tja, wenn man in einer Mietwohnung lebt, ist das sicherlich schön. Für einen Hausbesitzer sieht das völlig anders –«

»Halt den Schnabel, Mutter. Unser Haus stammt aus der Erbmasse der Scheffels. Das hast du nicht erarbeitet«, meinte Thomas mit energischer Stimme.

»Ach, ich hab nichts gearbeitet? Habe ich dich nicht großgezogen? Und Papa den Rücken freigehalten? Zählt das nicht?«

»Das steht doch hier gar nicht zur Debatte.«

Sie wollte es nicht kapieren, die aufgetakelte alte Frau. Fehlte nur noch, dass sie mit der Geschichte kam, in der sein Vater sie durch die Eheschließung aus dem Konsum befreit hatte.

Wütend schloss Thomas das Häuschen mit dem Schlüssel auf, den er unter der Fußmatte gefunden hatte. Thema beendet. Für ihn jedenfalls. Eleonore hingegen wetterte weiter, trennte Eigentum von Mietobjekten laut und unnachgiebig, zählte Vor- und Nachteile auf. Thomas war sonst eher zurückhaltend, aber jetzt waren die harschen Worte, die er an seine Mutter gerichtet hatte, bitter nötig gewesen.

In dem Haus war es nicht gerade warm, doch das würde sich mit einem Dreh an den Heizkörpern schnell ändern. Alles machte einen gemütlichen Eindruck, rustikale Möbel in Kiefernholz, Sauberkeit pur. Eleonore war wütend, dass sie ihre beiden Reisetaschen selbst hineintragen musste. Doch Thomas war der Meinung, wer Wasserkästen für seine Nachbarn in deren Keller schleppen konnte, konnte auch sein Gepäck ins Haus tragen.

Waltraud hatte ihren Koffer, zwei Taschen und fünf Plastikbeutel bereits während Eleonores Gezeter ins Haus gebracht. Wenn Margareta gehofft hatte, Thomas sei ein Kavalier alter Schule und wäre ihr gepäckmäßig behilflich, hatte sie sich getäuscht. Er trug nur sein winziges Köfferchen sowie seinen Laptop hinein.

Die Zimmerverteilung oblag Margareta. Zwei fast identische kleine Doppelzimmer mit Blick zum Wald waren für Eleonore und Waltraud bestimmt. Thomas und Margareta zogen in das Schlafzimmer unters Dach.

Ein erstes Treffen im gemütlichen Wohnzimmer mit freiem Blick auf den Ort sollte einige Dinge klären, zu denen sich Thomas eine Liste gemacht hatte. Doch seine Mutter, die ihren blauen Thermomantel samt roter Mütze achtlos auf einen Sessel geworfen hatte, legte los, bevor er die Liste vorlesen konnte.

»Wir könnten für Heiligabend Grünkohl kochen. Im Ort gibt es einen Metzger und einen Edeka, habe ich gesehen. Und einiges an Vorräten haben wir ja mitgebracht.«

»Heiligabend isst man Kartoffelsalat mit Würstchen. Ganz traditionell. Den kann man schon morgens zubereiten. Das macht viel weniger Arbeit. Bei uns ist das seit jeher so, dass es an Heiligabend Kartoffelsalat gibt. Nicht wahr, Margareta?« Waltraud nahm auf dem Sofa Platz und schaltete den Fernseher ein. »Meine Lieblingssendung fängt gleich an. Die darf ich nicht verpassen.« Mit der freien Hand griff sie nach den selbst gebackenen Plätzchen auf dem Teller, der als Willkommensgruß auf dem Wohnzimmertisch stand.

»Moment, Moment, hier kann nicht jeder machen, was er will. Ich habe einige Punkte notiert, die ich gerne verkünden möchte.« Thomas brach der Schweiß aus, den er sich mit dem Ärmel seines schicken dunkelblauen Pullovers abtupfte.

Margareta sagte nichts, seufzte nur und setzte sich neben ihre Mutter auf das Sofa. Sie wusste, dass diese Liste sinnlos war. Die alten Frauen würden sich niemals danach richten.

»Und wir werden sehen, was wir an den Feiertagen auf den Tisch bringen. Vielleicht einen Braten?«, fragte Eleonore, starrte ihren Sohn an und hoffte, dass er jetzt nichts Falsches sagte.

»Wir sind nicht zum Kochen und Braten hergekommen. Erholung ist angesagt. Im Ort ist ein gutes Restaurant, da werden wir an den Feiertagen essen. Dazu habe ich mir Folgendes notiert.«

Doch wieder unterbrach ihn seine Mutter und polterte los: »Was soll ich denn den ganzen Tag machen, wenn ich nicht kochen darf? Der Fernseher ist ja von der hier belegt.« Verächtlich deutete sie auf Waltraud.

»Du kannst eine Wanderung unternehmen. Der Pilgerweg auf den Kreuzberg ist äußerst interessant. Damit kannst du beginnen und dabei über deine Schandtaten nachdenken. Hm, was meinst du, Mutter?«

»Willst du, dass ich gleich wieder abreise? Was soll das? Außerdem: Wer weiß, was die da im Lokal kochen!«

»Ich verlese jetzt meine Notizen, hört zu. Bezüglich des Fernsehgerätes habe ich mir gedacht …«

Weiter kam er nicht. Eleonore und Waltraud bekamen sich in die Haare und es flogen verbal die Fetzen.

Margareta wurde es zu bunt. Sie zog sich ins Schlafzimmer im Obergeschoss zurück. Sie musste schmunzeln. Genau so hatte sie es sich vorgestellt. Das konnte nicht gutgehen. Sie ging zum gardinenlosen Fenster und schaute hinaus. Was für ein friedlicher Anblick. Das kleine Örtchen, wie es im frostigen Überzug dalag. Die Sonne schaffte es nicht, die Eiszapfen, die am tiefen Dach hingen, zum Schmelzen zu bringen. Wie die Soldaten reihten sie sich nebeneinander auf und glitzerten traumhaft schön. Margareta öffnete das Fenster. Eine eisige Kälte schlug ihr entgegen. Neugierig brach sie sich einen Zapfen ab, um festzustellen, wie kalt er war. Ein wunderbares Stück Natur, dachte sie, bevor sie den Zapfen auf den Rasen warf und das Fenster schloss. Sie widmete sich ihrem Gepäck, entschied sich für das rechte Bett, hievte ihren Koffer und die große Reisetasche darauf und begann nach einem Blick in den Kleiderschrank mit dem Auspacken.

»Ich wollte das rechte Bett«, meldete sich Thomas zu Wort, der soeben den Raum betrat.

»Die Frau liegt rechts, der Mann links. Das ist auch in einer Gruft so.«

»Wer sagt das? Ist das ein Gesetz? Außerdem habe ich noch nicht vor, zu sterben. Ein Mann muss immer in der Nähe zur Tür schlafen, um die Frau im Notfall beschützen zu können.«

»Ich kann mich alleine verteidigen«, widersprach Margareta, entnahm ihrem Koffer Kleidungsstück für Kleidungsstück und legte es in den rustikalen Bauernschrank. Das kann ja heiter werden, dachte sie, nahm es jedoch gelassen. Zur Not war im Zimmer ihrer Mutter noch ein Bett frei.

Thomas knetete sein Kinn und wartete ab. Als Margareta keine Anstalten machte, das Bett zu räumen, belagerte er beleidigt das linke Bett.

»Und, haben sie sich die Punkte auf deiner Liste angehört, die beiden Damen? Jedenfalls herrscht da unten Ruhe.«

»Ich bin auf taube Ohren gestoßen. Meine Mutter ist beleidigt. Sie ist zu Fuß los in den Ort, um einzukaufen. Deine Mutter hat die Beine hochgelegt und schaut fern.«

»Willst du ihr das verbieten?«

»Nein, natürlich nicht. Aber ich bin der Meinung, dass wir das Fernsehen zeitlich begrenzen sollten.«

»Warum? Ist das hier eine Jugendherberge? Sie sind doch erwachsen. Wenn sich jemand gestört fühlt, kann er sein Zimmer aufsuchen.« So ein Paragrafenreiter, dachte Margareta und fragte sich, ob er schon immer so kleinkariert war.

»Ordnung hat noch niemals geschadet!«

»Wir beide schauen kaum fern. Sollen sich die beiden doch um die Fernbedienung schlagen.«

»So siehst du das?«

»Ja, klar. Du kannst nicht alles regeln. Das ergibt sich schon. Lass es locker angehen!« Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu, schmiegte sich in seine Arme und küsste ihn. Margareta wollte sich das wohlige Gefühl, dass sich in ihr ausbreitete, nicht kaputt machen lassen. Weihnachten, das Fest der Liebe, der Wärme und der Hoffnung. Und das Fest des guten Essens. Das Hotel Albers war ihr mehrfach empfohlen worden. Wieso sollte es dort kein gutes Weihnachtsessen geben? Die Mütter fügten sich schon noch. Eleonore würde alte Geschichten erzählen und Waltraud würde ihre beisteuern. Schlimmstenfalls würden sie sich zanken. Das konnte durchaus auch unterhaltsam sein.

Als Margareta eine Stunde später die Treppe ins Untergeschoss hinunterstieg, herrschte im Wohnzimmer eitel Sonnenschein. Eleonore war zurück und hatte Kaffee für alle gekocht. Nachdem sie sich gemeinsam an den Tisch gesetzt hatten, erzählte sie eine Anekdote von Weihnachten 1947. »Damals gab es gar nichts. Mein Vater musste seine geerbten Skier opfern, um den Ofen für das Badewasser anzuheizen. Ich war gerade ein halbes Jahr alt«, gab ihr frisch geschminkter Mund von sich.

Thomas schüttelte den Kopf. Er kannte diese Geschichte zur Genüge. Der Clou war, dass immer etwas anderes dran glauben musste. Einmal wurden Skier verheizt, ein weiteres Mal die Gitarre und manchmal sogar ein guter Esszimmerstuhl. »Da siehst du, wie schlecht die Zeiten waren, Mutter. Zum Glück sind hier moderne Badezimmer, und wir brauchen kein Möbelstück zu opfern, um dich zu baden. Heute gibt es Extreme in die gegensätzliche Richtung. Zum Beispiel, wenn du dir für 120 Euro eine total bekloppte Frisur machen lässt.«

Empört riss Eleonore den Mund auf. »Das geht dich überhaupt nichts an. Das habe ich von meiner Rente bezahlt.«

»Nur komisch, dass du, solange Vater noch lebte, herumgelaufen bist wie eine graue Maus. Seit es in deinem Leben diesen Pfarrer Morgenrot gibt, trägst du diese extravagante Zebrafrisur.«

»Passt es dir nicht, dass Pfarrer Morgenrot sich so rührend um mich kümmert? Man könnte meinen, du wärst eifersüchtig?«

Jetzt musste Thomas lachen. So laut und heftig, dass er sich an einem Zimtstern böse verschluckte und um Luft rang. »Denk daran, dass dieser dickliche Pfarrer an das Zölibat gebunden ist«, sagte er, als er sich wieder gefangen hatte.

»Thomas«, protestierte seine Mutter lautstark und errötete.

2.

Ein herrliches Fleckchen Erde, stellte Margareta einmal mehr fest. Ganz anders als das hektische Ruhrgebiet. Nach einer einigermaßen ruhigen Nacht, einem chaotischen Frühstück mit zwei sich beharkenden Müttern und einem genervten Thomas waren die vier zur Ortsmitte gelaufen. Eleonore hatte geklagt, wieso ihr Sohn nicht den Wagen nehme, Waltraud hatte nichts mehr gesagt.

Margareta suchte die Kirche auf, Thomas ging hinauf zur kleinen Kreuzbergkapelle, während die alten Damen sich in den überfüllten Edeka-Markt pressten. Anschließend wurde im Gasthof Albers, in dem zünftigen, typisch sauerländischen Lokal zu Mittag gespeist. Sie hatten sich darauf geeinigt, das Mittagessen auswärts einzunehmen und den Abend mit Kartoffelsalat und Würstchen im Ferienhaus zu verbringen.

Während Margareta, Thomas und Waltraud das Bödefelder Schnitzel wählten, konnte Eleonore sich nicht entscheiden und machte einen Staatsakt aus der Bestellung. Etliche Male fragte sie sich und die anderen, ob sie ebenfalls das Bödefelder Schnitzel oder lieber das Hunauragout nehmen sollte. Nachdem Thomas, Margareta und Waltraud total genervt waren und der Hunger sie quälte, wählte sie endlich das Schnitzel, änderte jedoch sämtliche Komponenten. Statt Kroketten wollte sie Salzkartoffeln, statt mit Käse überbacken mehr Pilze, statt Rucola mehr Tomaten.

Als sie das Lokal gegen 15 Uhr verließen und bei strahlendem Sonnenschein Richtung Ferienhaus marschierten, beschloss Margareta spontan, eine Wanderung allein zu unternehmen, bevor sie sich der Gemütlichkeit des Heiligen Nachmittags hingeben würde. Thomas schaute sie traurig an, als sie ihm mitteilte, ihn nicht dabeihaben zu wollen.

Sie ging nicht den Waldweg entlang, sondern zurück in Richtung Ortsmitte, bog dann jedoch, bevor sie auf die Graf-Gottfried-Straße kam, rechts ein und lief ortsauswärts, passierte den voll bewirtschafteten Fronenhof und ging weiter über gefrorene Wiesen, den Wald immer zu ihrer Rechten. Links lag in einiger Entfernung die wenig befahrene L740. Irgendwann kreuzte die schmale Nebenstraße Mechterkuse, die zu einem Wanderparkplatz führte.

Ihr Handy klingelte. Der besorgte Thomas wies sie darauf hin, dass es bereits dunkel wurde und sie zurückkommen möge.

»Gleich, gleich komme ich«, vertröstete sie ihn, verspürte jedoch, als sie im Hintergrund die Stimmen der beiden Mütter hörte, absolut keine Lust dazu.

Sie ließ den gestrigen Abend Revue passieren. Eleonore hatte mindestens 20 Mal das Aussehen des tollen Weihnachtsbaumes kommentiert, eine duftende Blautanne, ganz in Blau geschmückt. Ja, es war total nett von der Vermieterin, ihnen einen Weihnachtsbaum aufzustellen, doch irgendwann hatte Margareta es nicht mehr hören können und sich bereits gegen 21 Uhr in ihr Schlafzimmer verzogen, um zu lesen. Thomas war noch bei den Müttern geblieben. Er hatte wohl Angst gehabt, die seine könnte ausrasten, wenn auch er sich vom Acker machte. Margareta hatte Thomas angemerkt, dass er sehr zwiegespalten war. Oft wusste er nicht, für wen er Partei ergreifen sollte: für seine dominante Mutter, der er durchaus hin und wieder die Meinung sagte, oder für seine immerhin fünf Jahre ältere Freundin. Mit seiner Mutter hatte er aber auch kein leichtes Los, dachte sie schmunzelnd. Darf eine zur Witwe gewordene Mutter eigentlich alles?

Von der ach so tollen neuen Strähnchenfrisur war am heutigen Morgen nicht mehr viel übrig gewesen. Eleonore hatte Margareta an einen alten Dachs erinnert.

Waltraud hatte ständig ihren Blick gesucht. Mutter und Tochter waren noch nicht dazu gekommen, sich zu zweit auszutauschen.

Als sie sich vom Wanderparkplatz aus auf den Rückweg am Wald entlang machte, fiel Margaretas Blick auf einen idyllischen Bauernhof im Wald. Magisch angezogen lief sie darauf zu. Inzwischen war es fast dunkel und die Heilige Nacht brach an. Das Wohnhaus lag rechts, die Fenster der unteren Etage waren weihnachtlich geschmückt und beleuchtet. Das Tor des großen Kuhstalls stand offen. Man hörte Metallstangen klirren und das Muhen der Kühe. Neonbeleuchtung schaffte dem Bauern und seiner Frau genügend Licht. Sie waren dabei, die Tiere zu füttern und zu melken sowie die Ställe zu säubern. Eine niedliche, dunkel getigerte Katze kam ihr schnurrend entgegen und rieb sich an ihren Beinen, als wollte sie sagen: »Nimm mich mit, irgendwohin, wo es warm ist.«

Nach einer Weile betrat Margareta den Stall und sah sich neugierig um, nachdem sie die Bauersleute freundlich begrüßt hatte. Die nette Frau grüßte wohlwollend zurück und fragte, was Margareta hier um diese Uhrzeit mache, ob sie sich verlaufen habe.

»Nein, nein, alles in Ordnung. Ich wohne mit meiner Familie in einem Ferienhaus oberhalb von Bödefeld und mache noch eine Abendrunde. Darf ich mir Ihre Tiere hier im Stall ansehen?«

Äußerst zuvorkommend führte die Frau, die sich als Ellen Voss-Grobe vorstellte, herum und erklärte ihr alles. Ihr Gatte, der auf die Hilfe seiner Holden angewiesen war, sah das gar nicht gerne. Die Zeit drängte, schließlich war Heiligabend. Er wollte essen und dann bescheren.

Margareta war von den neugeborenen Kälbchen begeistert, von deren unschuldigen Blicken regelrecht fasziniert. Zärtlich streichelte sie ihnen die warmen Nasen und das kuschelige Fell. Die beiden Ponys wurden bestaunt, anschließend die Ziegen begrüßt und schlussendlich die Hühner. Die Bäuerin verkaufte ihr auf Wunsch zehn Eier von den frei laufenden Tieren. Zufrieden verabschiedete sich Margareta von der Frau, bedankte und entschuldigte sich, ihr heute Abend die kostbare Zeit gestohlen zu haben. Sie trat in der Dunkelheit den Heimweg an, der jedoch gut ausgeleuchtet war. Sie liebte den Bauernhofgeruch von Heu und Stroh, Milch, warmen Tieren und Mist. Als Kind hatte sie etliche Urlaube auf Bauernhöfen verbracht und war die meiste Zeit im Stall anzutreffen gewesen.

Gegen 18 Uhr erreichte sie ein wenig durchgefroren das gemütlich warme Ferienhaus und konnte nicht verstehen, dass Thomas sich Sorgen gemacht hatte. Wer sollte ihr hier in diesem friedlichen Ort etwas Böses antun? Hier, wo bei einbrechender Dunkelheit die Bordsteine hochgeklappt wurden und nur noch Ruhe und Frieden herrschten.

Die beiden Mütter hatten nicht warten können und aßen bereits am spartanisch gedeckten Tisch den Kartoffelsalat, den Waltraud am Vormittag zubereitet hatte.

»Wo warst du?«, fragte Waltraud vorwurfsvoll und griff nach einer dampfenden Wurst.

Als Margareta von dem Besuch des ungefähr zwei Kilometer entfernten Bauernhofs berichtete und ihre Begeisterung über die vielen Tiere kundtat, zog Eleonore die Nase kraus. »Du warst in einem fremden Kuhstall?«

»Ja, wieso nicht? Das war äußerst interessant. Der Bauer und seine Frau bewirtschaften ihn ganz alleine, wie es aussah.«

»Du riechst nach Kuhmist!« Eleonore konnte sich den Kommentar nicht verkneifen. Sie warf einen abfälligen Blick auf den Eierkarton, den Margareta auf die Küchentheke gestellt hatte. »Eier habe ich bereits von Edeka mitgebracht.«

»Diese Eier hier sind von frei laufenden Hühnern, die ich heute persönlich kennengelernt habe. Das kann man nicht vergleichen mit Eiern aus Käfighaltung.«

»Pah«, schnaubte Eleonore.

Margareta, bis zu dem Zeitpunkt in einer friedvollen Heiligabendstimmung, kam die Galle hoch. Dieses abfällige »Pah« brachte das Fass zum Überlaufen. Wieso haben wir die bloß mitgenommen, fragte sie sich, die verdirbt uns die schönen Tage. Sie schaute Thomas an, der ihr jedoch keine Hilfe war. Er aß seine Wurst und starrte auf den TV-Bildschirm. Immerhin hatte er während ihrer Abwesenheit den Kaminofen angeheizt, was nicht nur schön anzusehen war. Die knisternden Holzscheite waren Musik in Margaretas Ohren.

»Lieber nach Kuhmist riechen als nach verschwitzter Oma«, hielt sie dagegen, obwohl sie sich von der Frau nicht provozieren lassen wollte und ihre Worte, kaum ausgesprochen, bereits bereute.

»Ich rieche nach verschwitzter Oma?«, brüskierte sich Eleonore, stand von ihrem Stuhl auf und durchquerte nervös das Zimmer. »Thomas, nun sag doch was«, wandte sie sich an ihren Sohn und rüttelte ihn an der Schulter.

»Margareta, du solltest dich bei meiner Mutter entschuldigen. Schließlich haben wir Heiligabend!«, sagte er kleinlaut.

»Sag mal, tickst du noch richtig? Du schlägst dich auf die Seite deiner Mutter? Außerdem hat sie gestern und heute nicht geduscht. Diese Läppchenwascherei bringt doch nichts. Das ganze Zimmer stinkt nach Schweiß. Und schon wieder hat sie den gleichen Pullover an.« Margareta schämte sich. Musste sie sich auf dieses Niveau begeben? Sie war nicht besser als Eleonore. Nur Waltraud zuliebe blieb sie am Tisch sitzen.

Mit hämischem Grinsen verließ Eleonore wenig später das Wohnzimmer und suchte ihr Zimmer auf. Anscheinend telefonierte sie. Hin und wieder hörte man sie abwechselnd laut auflachen und übel schimpfen.

»Da steckt ein neuer Mann dahinter. Sie hat so Andeutungen gemacht«, brach Waltraud das Schweigen.

»Wie kannst du so etwas sagen«, ärgerte sich Thomas. »Mein Vater ist erst ein knappes halbes Jahr tot. Meine Mutter steckt noch mitten in der Trauerphase.«

»Davon merkt man nicht viel. Sie hat mir jedenfalls von einem Mann erzählt, den sie in der Kirchengemeinde kennengelernt hat. Vielleicht ist ja alles ganz harmlos.« Gedankenverloren trank Waltraud von ihrer Pfirsichbowle, die sie am Nachmittag zusammengeschüttet hatte.

»Mit Sicherheit ist alles ganz harmlos.« Margareta horchte allerdings auf. Eleonore hatte einen neuen Mann? Das ging aber schnell.

Thomas schien fix und fertig. »Mutti hat meinen Vater geliebt. Jawohl! Da sucht sie sich doch nicht so schnell einen neuen Kerl, kaum dass Papa kalt ist. So eine ist meine Mutter nicht!« Er holte sich eine Flasche Pils aus dem Kühlschrank, öffnete sie und trank direkt aus der Flasche.

Margareta fragte sich, wo seine guten Manieren geblieben waren. Haute ihn diese Nachricht dermaßen aus den Latschen?

»Ach, Junge, du hast keine Ahnung. In unserem Alter ist ein halbes Jahr eine lange Zeit. Wenn sie das Glück hatte, jemanden kennenzulernen, ist das doch was Tolles. Wer weiß schon, was morgen ist? Gönnst du ihr das nicht?« Waltraud traten Tränen in die Augen.

»Nein, das Trauerjahr sollte sie einhalten.« Da hatte Thomas klare Vorstellungen.

»Trauerjahr, Trauerjahr. In welchem Jahrhundert lebst du denn?« Waltraud füllte sich ihr Glas erneut mit der köstlichen Bowle und leerte es in einem Zug. Fast hätte sie sich an den Pfirsichspalten verschluckt. Ob sie doch besser, wie Eleonore vorgeschlagen hatte, Glühwein hätte zubereiten sollen? Plötzlich war es um sie geschehen. Sie schluchzte unvermittelt los und sackte regelrecht in sich zusammen. »Ich vermisse Sepp so sehr. Die letzten Jahre habe ich immer mit ihm zusammen Weihnachten gefeiert. Was hatten wir für schöne Zeiten! Dieses Jahr wollte er nicht. Ist bei seiner Frau geblieben.«

»Liebe Waltraud!«, sagte Margareta. Sie nannte ihre Mutter meistens beim Vornamen. »Bleib doch mal objektiv. Wie sahen sie denn aus, deine schönen Zeiten? Die Zeit, die er mit dir verbracht hat, hat er sich gestohlen, und ist danach ganz schnell wieder in die Arme seiner Alten geflüchtet, von der er sich nie lösen wird. Vergiss ihn endlich!« Margareta musste an das Weihnachtsfest denken, an dem sie den alternden Bandleader dieser Altherrencombo zum ersten Mal getroffen hatte. Ihre Mutter hatte ihn in einem zwielichtigen Tanzschuppen für Greise kennengelernt. Es war im Wohnzimmer ihrer Mutter Waltraud im Kreise der engsten Familie gewesen. Der Hesse aus Nidda hatte Unterschlupf bei ihrer Mutter gesucht. Und nicht nur das. Margareta hatte Felix, den Obdachlosen, mitgeschleppt, um ihm schöne Feiertage zu bescheren. Und da hatte auch Sepp am Tisch gesessen, dieser tattrige Opa, der am zweiten Weihnachtstag mit dem Geld aus dem Bankraub in Buer, welches er beschützen sollte, dreist getürmt war. Zum Glück hatte ihn die Polizei geschnappt. Das Geld konnte er daraufhin vergessen. Immer wieder hatte er danach vor Waltraud auf den Knien gelegen und um Verzeihung gebettelt. Immer wieder war er jedoch kurz darauf zu seiner Frau zurückgekrochen und hatte Waltraud ganz schnell vergessen. Gut, dass das jetzt hoffentlich ein Ende hatte.

Während Thomas den Tisch abräumte, betrat Eleonore vergnügt das Zimmer, als wäre nichts gewesen, und setzte sich auf ihren Platz am großen Küchentisch.

»Sag jetzt nichts Falsches«, zischte Margareta Thomas zu, während sie ihm beim Abräumen half.

»Wie wäre es mit einer Runde Halma? Ich habe im Schrank eine Spielesammlung gesehen.« Munter kramte Eleonore das Spiel heraus und setzte sich wieder an den Tisch.

»Wieso nicht«, meinte Thomas. »Spielen wir Halma.«

Der eventuell vorhandene Lover von Eleonore, der treulose Sepp, der Kuhstallmief sowie der Schweißgeruch waren schnell vergessen. Es wurde tatsächlich ein richtig schöner Heiligabend mit Pfirsichbowle, Pils und Spielesammlung und einem herrlichen Kaminfeuer.

Am anderen Morgen, dem ersten Weihnachtstag, hatte es geschneit. Eine ungefähr fünf Zentimeter hohe Schneeschicht überzog die Landschaft.

Thomas lief von Fenster zu Fenster und konnte sich gar nicht beruhigen. Ach, wie schön, ach, wie toll. Bereits fertig angezogen saß er anschließend am Frühstückstisch und wollte schnellstmöglich raus, zu Fuß zum Skigebiet Hunau, ungefähr vier Kilometer vom Ferienhaus entfernt. Auf Eleonores Einwand, er könne doch überhaupt nicht Ski fahren, wurde er knurrig. Nur schauen wollte er, einfach nur schauen.

»Und du? Willst du den ganzen Tag vor dem Fernseher abhängen? Da läuft die 5.000ste Wiederholung der Schwarzwaldklinik, und Waltraud und du starrt gebannt hin, als würdet ihr den alternden Gockel von Professor zum ersten Mal sehen. Seid ihr zum Fernsehen hergekommen?«

»Ich denke, wir haben Urlaub, da können wir machen, was wir wollen«, antwortete Eleonore ihrem Sohn, ohne den Blick vom tollen Professor Brinkmann in seinem wehenden Kittel abzuwenden.

»Ich finde, wir sollten die TV-Zeiten beschränken. Sagen wir: pro Tag zwei bis drei Stunden?«, schlug er vor.

»Bei dir piept es wohl, Junge. Ich entscheide immer noch selbst, wie ich meine Zeit verbringe«, meinte Eleonore.

Wenigstens hatte Mutter Scheffel am frühen Morgen ausgiebig geduscht, dachte Margareta. Und frische Klamotten trug sie auch. Sogar ihre Dachsfrisur hatte sie in Form gebracht. Gar nicht so falsch, mal was zu sagen. Margareta lächelte in sich hinein.

»Ihr zwei könnt hoch zur Kreuzbergkapelle marschieren, von dort aus rüber zum Wanderparkplatz Mechterkuse, und schon seid ihr wieder hier an der Hütte. Sind höchstens acht Kilometer. Bin ich gestern auch gelaufen. Heute ist es viel schöner bei Schnee«, schlug Thomas vor.

»Da hättest du den Bauernhof im Wald sehen müssen, den ich mir gestern angeschaut habe«, meldete sich Margareta zu Wort.

»Habe nicht drauf geachtet.«

»Das ist mir zu weit. Ich habe Hüftprobleme, ich kann nicht so weite Touren machen.« Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sich Waltraud die rechte Hüfte. »Bis zur Ortsmitte schaffe ich es.«

»Dann lass uns in dieses Café gehen und dort was Schönes zu uns nehmen«, sagte Eleonore begeistert. »Die haben tolle Torten und weiße Trinkschokolade.« An ihren Sohn gewandt: »Und du heize schon mal den Kaminofen an, damit wir es gemütlich haben, wenn wir durchgefroren heimkommen.«

»Später«, antwortete Thomas einsilbig und verließ kopfschüttelnd den Raum. »Torte essen, so schnell nach dem Frühstück«, murmelte er dabei vor sich hin.

Margareta war froh, dass die beiden Frauen sich besser verstanden und sich keine Gemeinheiten mehr an den Kopf knallten wie am Vortag. Am späten Abend hatte Waltraud Eleonore die ganze Sepp-Lovestory haarklein erzählt, was ihr wohl Pluspunkte eingebracht hatte. Doch keine fromme Kirchenmaus, die gute Eleonore? Margareta musste schmunzeln. Hatte sie sich tatsächlich schon einen Kerl aufgerissen?

Arm in Arm schoben die beiden älteren Damen wenig später dick vermummt ab, was Margareta vom Wohnzimmerfenster aus beobachtete. Eleonores lautes Gemecker konnte sie durch die Scheibe hören.

»Hätte uns mit dem Auto mal nach Winterberg fahren können, mein lieber Sohn.«

Dem stimmte Margareta zu. Irgendwie war Thomas schon wie ein bequemer Opa, fand sie. Und das mit 42 Jahren. Trotzdem lächelte sie ihn an, als er sich ihr von hinten näherte.

»Haben wir uns überhaupt schon frohe Weihnachten gewünscht?«, fragte er mit sanfter Stimme und nahm sie in die Arme.

3.

Eleonore war missgelaunt. Sie fühle sich leer. Das Jahr ging zu Ende. Das neue konnte nur besser werden. Nun war Robert schon fast ein halbes Jahr tot. Einen qualvollen Tod hatte er gehabt. Zum Schluss hatte er sich die Lunge aus dem Hals gehustet und nur noch Blut gespuckt, bevor er endlich in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer in Herten für immer die Augen schloss. Es war seinem Bergmannsposten unter Tage geschuldet, dass der Krebs seine Lunge aufgefressen hatte. Eine schlimme Zeit, ihn mithilfe des Pflegedienstes zu versorgen. Wie oft hatte sie daran gedacht, einfach das Weite zu suchen und abzuhauen, egal wohin, Hauptsache weg. Doch wäre das christlich gewesen? Er hatte ein Leben lang für sie gesorgt, da war es das Mindeste gewesen, ihn zu pflegen.

Letztendlich war sie froh, bis zum Schluss ausgeharrt und die liebende, sich kümmernde Ehefrau gespielt zu haben. Das hatte ihr besonders bei Pfarrer Ansgar Morgenrot der St.-Johannes-Gemeinde in Herten enorm viele Pluspunkte eingebracht. Voller Hochachtung lobte er sie in der gesamten Gemeinde, in der sie sich vor Roberts Erkrankung kaum hatte sehen lassen. Kirche und das ganze Drumherum gingen ihr am Allerwertesten vorbei, hatte sie jedem erzählt, der sie gefragt hatte, wieso sie nicht am Gemeindeleben teilnahm.

Wie rührend sich der Pfarrer trotzdem nach Roberts Tod um sie gekümmert hatte und es noch tat, verwunderte sie. Er hatte bei den zahlreichen Hausbesuchen in ihre verweinten Kuhaugen gestarrt und sich – wieso auch immer – verpflichtet gefühlt, genau diesem Schäfchen seine volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Diese beschränkte sich nach der Beisetzung zunächst auf die Vorbereitung des sonntäglichen Gottesdienstes am Samstagnachmittag. Nicht gerade nett von ihm, Ursula Kaminski diesen Posten zu entziehen und ihn Eleonore aufs Auge zu drücken. Besondere Umstände veranlassen ihn dazu, hatte er versucht, der Kaminski einzureden, die oft sehr zudringlich wurde. Kerzenständer polieren, Altarblumen dekorieren, Gesangsbücher ordnen, Messwein auffüllen und seinen Talar abbürsten zählten zu den Aufgaben einer Samstagnachmittagshelferin. An Eleonore war eine Schauspielerin verloren gegangen, so gut spielte sie ihre unterwürfige Rolle.

Wenig später hatte er sie in die Seniorenstube eingeführt. Da biss er bei dem alteingesessenen Stamm allerdings auf Granit. Vier Frauen der ungefähr 20 Mitglieder waren seit vielen Jahren befreundet und trafen sich auch privat. Dazu zählte Ursula Kaminski, was die Sache nicht leichter machte. Carola Blasius, Angelika Thomas und Petra Halstenbach empfand Pfarrer Morgenrot auch als aufdringlich, jedoch längst nicht so unerträglich wie die Kaminski. Eleonore hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um von dieser kleinen Gruppe wahrgenommen zu werden und sich ihr anschließen zu dürfen.

Nach Roberts Tod hatte sich Eleonore einer aufwendigen Rundumerneuerung unterzogen, wozu eine neue Frisur gehörte, die diese altbackene Haarpracht abgelöst hatte. Die gesamte Omagarderobe war in Säcken zum Roten Kreuz gewandert, die riesigen hautfarbigen Baumwollschlüpfer mit Bein hatte sie durch tolle Dessous in den schönsten Farben ersetzt. Sie hatte ein stattliches Sümmchen vom Sparkonto abgehoben und sich neu eingekleidet. Thomas und seine Margareta hatten Bauklötze über die Verwandlung gestaunt, jedoch nichts gesagt.

Trotz ihres Alters von 72 Jahren, war Eleonore eine schöne Frau, fand sie. Das Leben als Hausfrau und Mutter hatte ihr viel abgefordert in den vergangenen Jahren. Sie hatte regelrecht gespürt, wie dieses Leben tagtäglich Unze für Unze ihres Sex-Appeals auffraß. Was war zum Schluss von ihr geblieben? Ein einsames, übel aussehendes, verkümmertes Mütterlein, das seine Zeit am Herd verbracht hatte.

Nun erwachte wieder Leben in ihr. Nach der äußerlichen Veränderung fühlte sie sich mindestens zehn Jahre jünger. Grund für die Veränderung war jedoch nicht das hinterlistige Frauenquartett aus der Seniorenstube, das ging Eleonore sonst wo vorbei. Interessant war für sie einzig und allein das männliche fünfte Rad am Wagen: nämlich Fritz. Fritz brachte Saiten in ihr zum Klingen, die sie längst vergessen geglaubt hatte. Die vier Weiber betrachteten diesen Mann als ihr Eigentum und umgarnten ihn. Komischerweise waren sie dennoch nicht eifersüchtig aufeinander.

Fritz genoss das. Bei jedem Kompliment, das aus einem der Frauenmünder kam, schwoll ihm der Kamm. Fritz Wennemann war 72 Jahre alt, groß und schlank, dunkelhaarig mit grauen Strähnen. Stets modisch gekleidet und wunderbar duftend. Unter seinen markanten Augenbrauen wachten braune Augen, die wie eine Überwachungskamera hin und her wanderten und denen nichts entging. Sein äußerst charmantes Lächeln setzte er ein, wo immer er es für angebracht hielt, dazu ein flotter Spruch, den er aus seinen schönen Lippen fallen ließ, und die Frauen schmolzen dahin. Er wusste, was weibliche Wesen, besonders die älteren grauen Mäuse, hören wollten. Das hatte er wahrscheinlich in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Kneipenwirt zigmal getestet. Doch er besaß noch etwas, auf das die Damen scharf waren, und zwar einen silbernen Volvo V70, mit dem er die pfundige Carola Blasius regelmäßig zum Wochenmarkt fuhr, obwohl sie selbst einen fahrbaren Untersatz hatte. Außerdem half er ihr beim Marmelade-Einkochen, die sie anschließend bei Veranstaltungen zugunsten benachteiligter Leute verscherbelte.

Allein vom Äußeren her war die stets hilfsbereite Carola kein Frauentyp, der zu Fritz passte. Mit ihrem grauen fettigen Haarknoten im Nacken und der verwaschenen Trachtenkleidung am Leib passte sie eher in den Schwarzwald auf einen maroden Bauernhof als in den Kohlenpott.

Die mollige Angelika Thomas, ebenfalls Trägerin einer Knotenfrisur, erkochte sich das Herz von Fritz mit Rindsrouladen und Stielkottelets. Ihr gehörten der Dienstag und der Donnerstag. Fritz kutschierte sie zum Einkaufen und zum Friseur, der ihr den gefärbten Wischmopp im Nacken aufbrezelte. Eleonores Vorstellungsvermögen reichte nicht aus, um sich Fritz vorzustellen, wie er die biedere Angelika über ihre geblümte Tagesdecke zog und dabei das Haarkunstwerk in Unordnung brachte.

Die streitsüchtige Petra Halstenbach, die Mineralwasser soff, als bekäme sie dafür einen Preis, fuhr er zum Getränkemarkt und zum Tennis. Auf dem Tennisplatz war Fritz allerdings nur Zuschauer. Er durfte der tollen Petra zusehen, wie sie mit ihrer raspelkurzen grauen Kerlsfrisur altersschwache, sabbernde, arg zitternde Männer zum Match herausforderte. Warum Fritz sich das antat, erschloss sich Eleonore auch nach Monaten nicht.

Dann wäre da noch die langnasige Ursula Kaminski, die Fritz einmal die Woche zu ihrer Tochter nach Dortmund fuhr. Als Belohnung lud sie ihn auf eine Bottroper Schlemmerplatte in der angeblich besten Pommesbude im Ruhrgebiet ein, in den Distel-Grill in Herten.

Fritz tat das alles, ohne zu murren, man hatte tatsächlich das Gefühl, er mache das gern. Mit wem er sich heimlich, zu was auch immer, traf, blieb sein Geheimnis. Eleonore musste sich schwer zusammenreißen, um bei den Cafébesuchen, zu denen sie Fritz einlud, nicht über die vier Frauen abzulästern und Hass zu schüren. Kommt Zeit, kommt Hetzen, sagte sie sich. Also lächelte sie nur, starrte auf Fritz’ sehnige Hände mit den gepflegten Fingernägeln und sprach stets Gutes, wenn Fritz sie auszuhorchen versuchte. Immerhin gehörte ihr der Sonntag, was eine große Auszeichnung und den vier Gegnerinnen ein Dorn im Auge war. Stolz ließ sie sich in die schönsten Cafés am Rande des Ruhrgebiets kutschieren, um den Anekdoten des lebenserfahrenen Fritz zu lauschen und dabei herrliche Torten zu verspeisen. Im Blick immer seine schönen Hände, die sie gerne überall an ihrem Körper spüren würde.

Eleonore wusste nicht, dass er für die Maniküre seiner langen Griffel jede Woche 35 Euro investierte, was seine Wirkung bei Frauen anscheinend nicht verfehlte. Dafür sparte er bei der Fußpflege. Seine Hornhauthacken, die man mittlerweile ordentlich mit dem Hobel bearbeiten konnte, sah sowieso niemand. Seine Devise lautete: Nachts sind alle Hacken grau, und notfalls kann man die Socken dabei anlassen.

Der Schnee knirschte bei jedem ihrer Schritte. Ihr Weg führte sie durch verschneite Felder Richtung Ortsmitte, zur Pfarrkirche St. Cosmas und Damian in Bödefeld, zum Jahresabschlussgottesdienst. Ewig mit Thomas, Margareta und Waltraud abzuhängen, nervte sie. Die beiden Verliebten zu beobachten, gab ihr jedes Mal einen Stich und machte sie wütend. Waltraud, mit der sie sich in den letzten Tagen arrangiert hatte, konnte sie auch nicht immer um sich haben. Obwohl ihre Geschichten, die sie ihr in den letzten Tagen von Combo-Sepp erzählt hatte, sehr lustig waren. An den Nachmittagen zwischen den Jahren hatte sie täglich mit Waltraud in dem schönen Café in der Ortsmitte gesessen und sich durch das Tortenangebot geschlemmt. Zwei Sorten pro Tag. Waltraud war jedenfalls besser als diese ollen Weiber des Quartetts aus der Seniorenstube. Ob Fritz Waltraud attraktiv finden würde? Ihre lustige Art wäre was für ihn, da war Eleonore sich sicher.

Sie hätte in den vergangenen Tagen gerne Ausflugsfahrten in die herrliche winterliche Gegend gemacht, doch dazu hatte sie ihren Sohn nicht überreden können. Er wolle seine Ruhe haben und seine Beine benutzen, hatte er auf ihre Bettelei nach einer Ortsveränderung geantwortet. Nein, er wolle nicht nach Winterberg. Viel zu voll, viel zu laut, zu viele Holländer, zu viel Alkohol, nichts für ihn.

Einem Abstecher nach Schmallenberg in die Falke-Strumpffabrik hatte er nur zugestimmt, weil Margareta dort hinwollte und sie ihm einen Sehnsuchtsblick schenkte. Das riesige Warenangebot hatte Eleonore begeistert, aber auf der Rückfahrt hatte sie sich schwarzgeärgert über die Summe, die sie dort ausgegeben hatte. Und das für Strümpfe und ein paar Schlüpfer. Und einen blauen Pullover für ihren Sohn, das war der dickste Posten auf der Rechnung. Ob sie für Fritz auch so ein schickes Teil hätte kaufen sollen? Diese Frage hatte sie die ganze Rückfahrt über gequält. Nein, hatte sie sich letztendlich gesagt. So hoch war ihre Rente schließlich nicht.

Vorhin beim Kaffeetrinken hatten die anderen sie aus großen Augen angeblickt, als sie verkündet hatte, dass sie gern den Gottesdienst besuchen würde. Waltrauds Angebot, sie zu begleiten, hatte sie abgelehnt. Eleonore wollte für sich sein, ihren Gedanken freien Lauf lassen. Gedanken, die sie immer wieder zu Fritz führten. Eben noch hatte sie mit ihm telefoniert. Bald würde sie wieder bei ihm sein. Er hatte sie zu sich in sein Heim eingeladen. »Fernsehabend, ein bisschen knabbern und so weiter«, hatte er am Telefon verlauten lassen. Was er mit »und so weiter« meinte, malte sie sich jetzt auf ihrem Weg zur Kirche aus, sah seine Hände vor sich und hoffte, die Worte richtig gedeutet zu haben.

Wie er den heutigen Silvesterabend verbrachte, wollte sie nicht wissen. Ob mit seinem Sohn und dessen Familie oder mit einer dieser vier Weiber, was ihr gar nicht in den Kram passen würde. Händchenhaltend, Nüsse knabbernd und um Mitternacht Sekt trinkend. Vielleicht mit Angelika, diesem Besen? Oder mit der biederen Carola? Bloß nicht daran denken, schalt sie sich.

Sie zog sich die rote Mütze tief ins Gesicht und schloss den blauen Thermomantel hoch am Hals. Es herrschten noch immer Minusgrade. Eleonore sehnte sich nach Frühjahr und Wärme, blühenden Blumen und mehr. Der Schneefall, der vor einigen Minuten eingesetzt hatte, nahm an Intensität zu. Die ansonsten schöne Eisenbahnlandschaft wirkte wenig einladend auf sie in dem harten Winter und zu dieser späten Stunde. Vor ihr lief ein schnatterndes Paar, wohl ebenfalls der Kirche entgegen. Angst verspürte sie kaum. Der Weg war beleuchtet, der Schnee schaffte zusätzliche Helligkeit.

Sie fragte sich zum wiederholten Mal, wieso sie mitgefahren war. Wieso hatte sie zugestimmt, als ihr Sohn sie zu diesem Weihnachtsurlaub eingeladen hatte? Weil er es gut meinte und sie aus dem Trauerloch holen wollte? Wahrscheinlich. Dabei befand sie sich nicht in diesem Loch, das er ihr einzureden versuchte. Er sagte, sie sehe bald wieder Licht am Ende des Tunnels. Dabei war sie längst am Ende des Tunnels angekommen. Was sie sah, war jedoch kein Licht, sondern Fritz. Nur Fritz. Doch Fritz sollte vorläufig ihr Geheimnis bleiben. Trauerjahr abwarten? Quatsch, sie trauerte ja gar nicht. Zwei Tage musste sie noch aushalten, dann ging es heimwärts, zurück nach Herten.

So schlecht war dieser Urlaub nicht gewesen, stellte sie fest. Ihr Sohn und auch Margareta samt Mutter hatten sich alle Mühe gegeben, es ihr recht zu machen. Obwohl, Margareta hatte sich schon sehr rar gemacht. Während Thomas durch die verschneiten Wälder streifte, hing sie auf diesem Bauernhof ab und stank bestialisch, wenn sie heimkam. Und dann diese ewige Knutscherei der beiden vor dem Fernseher. Thomas hätte durchaus etwas Rücksicht nehmen können. Fritz hatte sie noch kein einziges Mal geküsst. Über ihr Haar hatte er gestrichen. Eine kleine, zarte Geste.

Eleonore seufzte. Alles war besser, als jetzt bei denen am Tisch zu sitzen, in diesem Haus am Wald, und schon wieder Kartoffelsalat mit Würstchen zu essen. In der Kirche würde sie sich Fritz ganz nahe fühlen. Später stand Bleigießen auf dem Programm. So ein Unsinn. Das hatte sie bereits gehasst, als Thomas noch klein war und sie es zu Silvester praktiziert hatten. Vater und Sohn hatten gelacht wie Verrückte, wenn sie was angeblich besonders Originelles gegossen hatten. Nur Dreck hatte das gemacht. Löcher in Tisch und Tischdecke. Und gestunken hatte es außerdem.

Als sie auf den schneebedeckten Ort mit den erleuchteten Tannen vor den Häusern blickte, wurde ihr ganz warm ums Herz. Sie schaute in helle Fenster, sah geschmückte Weihnachtsbäume und erhitzte Gesichter daneben.

Sie hatte die Treppe erreicht, die sie runter in den Ort führte. Das Paar vor ihr entschied sich, den Weg, der um die stellenweise vereiste Treppe herumführte, zu nutzen. Anscheinend wollten sie keinen Beinbruch riskieren. Eleonore hatte keine Angst. Wozu gab es ein Geländer? Unten angekommen, konnte sie schon eine Menge Menschen in Richtung Kirche strömen sehen. Der Schneefall wurde stärker. Was, wenn die Kirche während des Gottesdienstes eingeschneit wurde und sie den Jahreswechsel dort verbringen musste? Eleonore grinste. Besser als Bleigießen, sagte sie sich.

Sie passierte das Landhotel Albers, dessen Geräuschkulisse nach draußen drang. Sie blickte durch die Fenster in fröhliche Gesichter. Musik forderte die Silvestergäste zum Tanzen auf. Das wäre was für Waltraud, dachte sie. Spontan wechselte sie die Straßenseite und blieb an der kleinen Brücke stehen, die über die laut plätschernde Palme führte. An den Uferseiten glitzerte das gefrorene Eis. Links reichte der Anbau eines Hauses bis ans Ufer. Eine Dachlawine drohte jeden Moment abzustürzen. Glitzernde Eiszapfen zierten die Dachrinne. Eng nebeneinander, lang und schmal funkelten sie in der Silvesternacht.

Die Kälte kroch ihr den Nacken hoch. Sie schüttelte sich und überquerte die Straße, um wenig später die Kirche zu betreten. Was für ein schöner Jahresabschluss, dachte sie mit Blick auf den wunderbaren Altar, der von zwei prachtvoll geschmückten Weihnachtsbäumen flankiert wurde. Sie kannte niemanden der großen Gemeinde, was sie reizvoll fand und sie wieder zum Grinsen zwang.

Sie schloss kurz die Augen. Das Lied »Großer Gott, wir loben dich« erklang. Der Organist an der Orgel gab alles. Der Herr rechts neben ihr in seinem grünen Lodenmantel roch nach Eukalyptus und fing nun an zu husten. Eine Erkältung hätte Eleonore gerade noch gefehlt. Warm war es hier drinnen auch nicht. Sie bekam schon kalte Füße. Ob sie doch lieber bei den anderen hätte bleiben sollen?

Waltraud hatte sich heute Morgen im Edeka-Markt mit neuen Zeitschriften eingedeckt. Im Moment sehnte sich Eleonore danach, mit einer Wolldecke um ihre empfindlichen Beine gewickelt in einem Sessel zu sitzen und in den Zeitschriften zu blättern, obwohl sie ansonsten kein gutes Haar an der Regenbogenpresse ließ. Sie sah ihren Thomas vor sich, wie er mit Wonne Walnüsse knackte. Eigens für ihn hatte sie zwei Pfund im Preis reduzierte Nüsse aus dem Markt mitgenommen. Margareta saß bestimmt mit ihrem Laptop auf dem Sofa, die Beine unter ihren Allerwertesten geklemmt, und klickte durch ihre ach so wichtigen Fälle. Dabei schaute sie gelegentlich auf den TV-Bildschirm, um ja keinen Silvesterklassiker zu versäumen: »Dinner for one« oder Ekel Alfred, der sich total hacke Punsch kochte.

Der gewichtige Pfarrer begrüßte die große Gemeinde. Pfarrer Ansgar Morgenrot gefiel ihr besser.

Die Predigt zog sich wie Kaugummi. Immer wieder wurden Lieder gesungen, der Chor kam zum Einsatz und Passagen aus der Bibel wurden vorgelesen.

Nach fast zwei Stunden hatte sie keine Lust mehr, fühlte sich unwohl und durchgefroren. Fritz war sie hier keinen Zentimeter gedanklich nähergekommen. Ob sie die heilige Stätte verlassen und Thomas anrufen sollte, dass er sie abholen möge? Keine gute Idee, fand sie. Er würde ausrasten.

Endlich erklangen die Glocken, die den Schluss der Messe verkündeten. Eleonore freute sich. Nun aber heim an den warmen Kaminofen.

4.

Lothar Voss-Grobe sah sich die Fotos, die er von seinem abgebrannten Stall gemacht hatte, noch einmal genau an, eines nach dem anderen. Seufzend griff er sich mit der rechten Hand in die dunklen Locken. Dann schlug er den Ordner, der vor ihm lag, auf und holte die Zeitungsberichte heraus, um sie erneut zu lesen. Ebenso die Briefe von der Versicherung. Ein gutes halbes Jahr war der Brand jetzt her. Er schaufelte den Kartoffelsalat und die Würstchen, die Mahlzeit, die Ellen ihm hingestellt hatte, in sich hinein. Dazu gönnte er sich ein kühles Bier. Mit seiner Familie im Esszimmer am schön gedeckten Tisch neben dem voluminösen Tannenbaum zu essen, dazu verspürte er keine Lust. Er hörte sie lachen, seine drei erwachsenen Töchter, deren Partner, und dazwischen die ruhige Stimme seiner Frau. Seine Mutter Brigitte, die das kleine Haus auf der Anhöhe hinter dem Hof bewohnte, hatte ihm soeben telefonisch mitgeteilt, dass sie sich auf den Weg zur Kirche machen wollte. Er schaute aus dem Küchenfenster. Dichtes Schneetreiben, einige Flocken blieben an der Scheibe kleben. Bei dem Wetter jagte man keinen Hund vor die Tür, dachte er. Aber er musste gleich in den kalten Stall zum Melken.

Der Zeitungsbericht der »Westfalenpost« für Schmallenberg verursachte ihm noch immer eine Gänsehaut. Zum Glück waren alle seine Tiere gerettet worden. Noch bevor die Feuerwehr vor Ort gewesen war, hatten die hilfsbereiten Nachbarn Milchkühe, Kälbchen und Kaninchen aus den Ställen gebracht und sie mit Hängern abtransportiert, um sie auf Höfen in der Umgebung unterzubringen. Das Übergreifen des Feuers auf das Wohnhaus hatte verhindert werden können. Der Stall jedoch war lichterloh niedergebrannt. Nur ein Gerippe war übrig geblieben. Der Regen hatte die Löscharbeiten erleichtert. Brandursache war ein Blitzeinschlag.

Eigentlich sollte Lothar glücklich sein, dass weder Mensch noch Tier Schaden genommen hatten und das Wohnhaus unversehrt war. Die Versicherung hatte gezahlt, doch die Summe reichte nicht aus, um alles wieder so aufzubauen, wie es vorher gewesen war. Ein weiterer Kredit musste her. Schon vor dem Brand hatte es nicht besonders gut um den Hof gestanden, was Lothar sich nicht hatte eingestehen wollen. Die neue Melkanlage war teurer geworden als geplant und musste nachfinanziert werden. Darüber hinaus waren die beiden letzten Sommer viel zu trocken gewesen, sodass noch viel Winter am Ende des Futters übrig war. Kühe waren keine Kostverächter. 50 Kilo Futter pro Tag und Tier und 80 Liter Wasser dazu. Milchkühe zu füttern hatte zur Folge, nicht in kleinen Dimensionen zu denken. 50 hungrige Kühe im Stall bedeuteten, tief in die Tasche zu greifen, wenn man Futter kaufen musste. Also produzierten die Landwirte das Futter selbst. Reichlich Felder, um welches anzubauen, gehörten zum Besitz des Bauern Lothar Voss-Grobe. Leider hatte es in den letzten zwei Jahren dieses gravierende Problem gegeben: das Wetter! Die wahnsinnigen Dürren hatten seine Planung zusammenbrechen lassen. Lothar hatte sich von etlichen Kühen getrennt, was zwar eine kurzzeitige Einnahme bedeutet hatte, jedoch letztendlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen war. Weniger Kühe, weniger Milch, weniger Geld von der Molkerei, mit der er seit Monaten im Clinch lag. Alle zwei Tage wurden 1.700 Liter Milch von der Molkerei abgeholt. 31 Cent bekam er pro Liter. Das war nicht die Welt. Und die Kälbchen, die in regelmäßigen Abständen geboren wurden, brachten beim Verkauf auch nicht mehr so viel ein wie noch vor Jahren. Er war definitiv pleite, wollte es jedoch nicht wahrhaben. Sollte er wie seine Frau Ellen den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass alles gut werden würde? Oder war es eher so, dass sie diejenige war, die einen kühlen Kopf behielt, wie so oft? Ellen, sein ruhender Pol!

Die einzige und einfachste Lösung, die er sah, war eine Finanzspritze seiner Mutter Brigitte, mit der er eigentlich ein gutes Verhältnis hatte. Eine gut aussehende, taffe Frau von 75 Jahren, die mit beiden Beinen im Leben stand und äußerst klug war. Deshalb konnte Lothar sie nicht verstehen. Seit fast einem Jahr führte er unendliche Diskussionen mit ihr. Die alte Frau blieb jedoch hart und unerbittlich. Lothar, der große Hitzkopf, war oft kurz davor, sie kräftig an den Schultern zu packen und durchzuschütteln oder ihren Schal, den sie zu Hause ständig um den Hals trug, ordentlich strammzuziehen. Sie hatte vor fünf Jahren von ihrer Tante eine stattliche Summe und zwei Immobilen geerbt, eine davon lag direkt am Bodensee. Sybille war nicht ihre richtige Tante gewesen. Aber da sie kinderlos geblieben war, hatte seine Mutter die nicht vorhandene Tochter ersetzt. Schon als junges Mädchen hatte Brigitte viel Zeit bei der Frau verbracht und das auch beibehalten, als sie geheiratet und Kinder zur Welt gebracht hatte. Lothar hatte diese knochige, äußert geizige Sybille gehasst.

Als vor drei Jahren Lothars Vater verstarb und der Hof endlich auch auf dem Papier an den Sohn ging – seine Schwester war in jungen Jahren verstorben –, hatte Brigitte ihm unmissverständlich klargemacht, dass das Erbe ihrer Tante einzig und allein ihr gehörte. Lothar war davon überzeugt, dass es Mittel und Wege gab, um an dem Geldsegen teilhaben zu können. Er scheute jedoch den Gang zum Anwalt und hoffte immer noch, dass seine Mutter zur Vernunft kommen würde. Obwohl sie ihm, als er ihr vermittelt hatte, dass es schlecht um den Hof stand, kein Geld geben, nicht einmal leihen wollte. Sie war stur geblieben, hatte sich stattdessen erst einmal einen neuen Golf gekauft. Sie strotzte nur so vor Gesundheit und lebte mit Sicherheit noch lange, was Lothar ihr ja gönnte. Doch ihr fettes Erbe, wenigstens ein Teil davon, würde dem Hof guttun. Wie er sie kannte, hatte sie im Testament eine seiner Töchter bedacht, er würde nur seinen Pflichtteil bekommen. Das war besser als nichts, sagte er sich. Wieso blieb sie nur so stur? Ihr müsste doch auch am Erhalt des Hofes gelegen sein. Der Hof war seit Generationen im Familienbesitz.

Er brauchte eine Finanzspritze, so viel stand fest. Und zwar bald, sehr bald! Möglichst gestern. Er war froh, dass die Weihnachtstage vorbei waren. Diese Schöntuerei, diese Rennerei für nichts. Mutter Brigitte war mit ihrer Cousine Klara aus Meschede bei ihm aufgekreuzt und hatte sich an beiden Tagen durchgefressen. Ellen war mit hochrotem Kopf durch die Gegend gehetzt, um köstliche Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen. Die Grazien hatten die Kinder samt Partner, Ellen und ihn mehr als großzügig beschenkt. Seine Töchter hatten richtig abkassiert und obendrauf noch je 500 Euro von der Oma bekommen, die sie natürlich gut gebrauchen konnten. Dagegen waren seine 200 Penunzen nichts. Die retteten den Hof nicht. Okay, ein Schlafanzug von Tchibo hatte für ihn noch unter dem Tannenbaum gelegen. Blau mit breiten weißen Streifen. Darin würde er wie ein Trottel aussehen. War sie denn so blind? Oder gar blöd? Er glaubte eher an Letzteres. Oder wollte sie die Tatsachen nicht sehen? Oder ihn ärgern?

Am Heiligen Abend hatte sie sich morgens einen Streit mit Michael Vogt geliefert. Er fuhr gelegentlich den Molkereiwagen, der Lothars Milch abholte. Eigentlich ein verträglicher Zeitgenosse, dieser Michael. Er lebte in Bödefeld und betrieb eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb. Ein großer stabiler Kerl von 1,90 Meter und mindestens drei Zentner Lebendgewicht. Seine Ländereien grenzten am Voss-Grobe-Anwesen, an einem Stück Land, das Mutter Brigitte gehörte und nicht genutzt wurde, weil sie sich nicht entscheiden konnte.

Michael würde es ihr gerne abkaufen, um das Land für seine Pferde zu nutzen. Jahrelang schon war er scharf darauf. Er wollte eine Reitbahn anlegen, das war sein Traum und würde ihm zusätzliche Einnahmen bringen. Wie oft hatte er sich in der gemeinsamen Stammkneipe an Lothar gewandt, der nur mit den Schultern zuckte. In der Sache waren ihm die Hände gebunden. Dieses Stückchen Erde gehörte seiner Mutter. Weshalb das so war, wusste er nicht.

Michael, als hartnäckig bekannt, hatte am Morgen des Heiligabends wegen dieser Angelegenheit erneut Brigitte aufgesucht und mit einem Korb voller Leckereien wie Dauerwürste, Kuchen und Brot vor ihrer Tür gestanden. Sie hatte den Braten sofort gerochen, ihm, bevor er loslegen konnte, den Wind aus den Segeln genommen und ihm klargemacht, dass sie ihr Land nie verkaufen würde. An ihn schon gar nicht. Sie mochte die gesamte Vogt-Familie nicht. Mit Michaels Frau saß sie im Vorstand der ortsansässigen kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) und hatte sich schon einige Male heftig mit ihr wegen Kleinigkeiten gestritten. Zum Beispiel darüber, wer zu welcher Veranstaltung welchen Kuchen backte und wer Kaffee und Zucker spendete.

»Nur über meine Leiche«, hatte sie ihm hinterhergerufen, als sie sein Körbchen im hohen Bogen über das vereiste Treppengeländer warf.

»Wenn es so nicht geht, dann eben anders«, hatte Michael wütend gekontert und seine Habseligkeiten aufgesammelt. »Wenn sie das Zeitliche segnet, verkauft Lothar mir das Stück Land«, hatte er vor sich hingemurmelt, sich eine eiskalte Mettwurst in den Hals gestopft und war vom Hof gebraust.

Lothar, der den Streit vom Stalltor aus mitbekommen hatte, hatte nur gelacht. Noch einer, dem sie im Weg war, hatte er gedacht und war zurück zu seinen Tieren gegangen.

Lothar nahm an, dass der Ärger, den er mit der Molkerei hatte, dieser Sache geschuldet war. Zwei Überweisungen für Milchlieferungen waren überfällig, und nichts tat sich. Schon mehrmals hatte er wegen der Sache mit der ansonsten netten Dame telefoniert. Ein Komplott, dachte er, nichts anderes. Alle hatten sich gegen ihn verschworen.

Er schaute ein weiteres Mal aus dem Küchenfenster. Die Außenbeleuchtung an dem Häuschen der Mutter ging an. Sie hangelte sich vorsichtig die Treppe hinunter. Wenn sie doch danebentreten und die Stufen, wenn auch nur acht an der Zahl, hinunterstürzen würde. Sie könnte sich den Halswirbel brechen. Der Hof wäre gerettet. Doch sie kam unbeschadet unten an. Da lief sie, mitten hinein ins Schneegestöber. Mit ihrem alten blauen Thermomantel, die rote Mütze tief ins Gesicht gezogen. Vor dem Gottesdienst wollte sie sich noch mit ihren Freundinnen auf ein Gläschen im Hotel Albers treffen. Hoffentlich blieb ihr der Pfirsichlikör, den sie besonders gerne trank, im Hals stecken. Verbittert holte sich Lothar ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank. Und ein frohes neues Jahr würde er ihr auch nicht wünschen, beschloss er. Wozu?

Einen solchen Wunsch bekam er soeben als Kurznachricht auf sein Handy. Der Metzger Clemens Vollmer wünschte ihm einen guten Rutsch. Lothar musste lächeln. Dass der junge rothaarige und sommersprossige Metzger sich überhaupt noch meldete, war ein Wunder. Auch da hatte Brigitte ihre Griffel im Spiel. Okay, Clemens war nicht ohne, sehr aufbrausend und rachsüchtig, man musste ihn mit Samthandschuhen anfassen. Er hatte es jedoch weit gebracht, besaß zwei Metzgereien, vor Ort und in einem Nachbarort, die er seinem viel zu früh verstorbenen Vater zu verdanken hatte. Lothar war auf ihn angewiesen und konnte sich letztendlich immer mit ihm einigen, was die Fleischpreise betraf. Außerdem mochte er ihn und hielt sich gerne in seinem Hauptgeschäft hier am Ort auf. Clemens bot wunderbares Fleisch und sehr schmackhafte Wurst an. Lothar liebte den Geruch von geräucherten Würsten. Da gab es nichts, der Kerl verstand sein Handwerk.

Wenn nur Brigitte nicht überall mitmischen und Unfrieden und Zwietracht säen würde. Gern steckte sie ihre Nase in Lothars Geschäfte, obwohl diese sie einen feuchten Kehricht angingen. Erst kürzlich hatte sie ihm beinahe den Deal mit Clemens verdorben. Der Preis für die Kuh und das Kalb, die Lothar dem Metzger überlassen wollte, war längst ausgehandelt, als Brigitte in den Laden gestürmt war, den Chef sprechen wollte, und vor versammelter Kundschaft angefangen hatte, den Preis in die Höhe zu treiben. 20 Cent müsse er pro Kilo drauflegen, hatte sie verlangt, war zu guter Letzt sogar pampig geworden und hatte dem Brummer von Metzger mit ihrem Stockschirm um die Nase herumgewedelt. Clemens hatte sie daraufhin aus dem Laden geschmissen, sich in seinen Daimler gesetzt und war mit quietschenden Reifen auf den Voss-Grobe-Hof gefahren, um dem Bauern den Kopf zu waschen.

Lothar seufzte. Wenn er nur daran dachte, wurde ihm übel. Das Ende vom Lied war gewesen, dass er mit dem Preis, der schon fest vereinbart war, heruntergehen musste. Erwürgen hätte er sie können. Seine eigene Mutter.

Unter Garantie hatte er die Differenzen mit der Molkerei auch Brigitte zu verdanken. Wer weiß, was da noch alles zwischen Michael und ihr gelaufen war. An Heiligabend, zwischen den Liedern »Tochter Zion« und »Stille Nacht«, hatte sie so blöde Bemerkungen fallen lassen. Er rief sich den Abend noch einmal ins Gedächtnis. Wieso hatte er nicht sofort reagiert? Sentimentale Stimmung? Alle an einem Tisch? Friedvolle Weihnachten? Eigentlich mochte er Weihnachten. Als er vom Melken durchgefroren an den gedeckten Tisch gekommen war und sich setzen wollte, hatte seine Mutter schon losgezetert.

»Willst du dich nicht erst duschen? Mit dem Stallduft an den Tisch? Schämst du dich nicht?«

Sich schämen? Wie alt war er denn? »Kannst ja gehen, wenn es dir nicht passt, da vorne ist die Tür.« Er hatte sich provokativ hingesetzt und nach der Fleischgabel gegriffen, um sich ein besonders großes Stück von der Pute auf den Teller zu packen.

Die dämliche Cousine Klara mit ihren blutunterlaufenen Hundeaugen, eigens aus Meschede angereist, hatte losgeprustet, und er hatte sich zum zigsten Mal gefragt, was die am Heiligen Abend an seinem Tisch verloren hatte. Ihr Gelaber über ihre Busfahrt von Meschede nach Bödefeld hatte nicht nur ihn genervt. Als wäre sie aus Sibirien angereist. Keiner hatte verlangt, dass sie sich solchen Strapazen, wie sie behauptete, aussetzte. Aus diesen knapp 20 Kilometern so einen Aufstand zu machen! Na ja, hatte er sich gedacht, immer noch besser, als wenn sie, wie sonst, von ihren Krankheiten berichten würde.

Nach der Bescherung hatte sie sich überschwänglich für die schönen Geschirrtücher bedankt, die Ellen ihr geschenkt hatte. Und was hatte er von der ollen Frau bekommen? Weihnachtszigarren! Was sollte er damit als Nichtraucher? Weil er wohl nicht dankbar genug geschaut hatte, hatte seine Mutter ihm eine Standpauke von wegen Dankbarkeit gehalten. Am liebsten hätte er sie und Klara vor die Tür gesetzt. Doch ein Tritt vors Schienbein von seiner ältesten Tochter hatte ihn davon abgehalten.

In diesem Moment hatte Mutter Brigitte losgelegt. Unter anderem berichtete sie von Metzger Clemens und Molkereiwagenfahrer Michael. Seine Ohren auf vollen Empfang gestellt, hakte er mehrmals nach. Doch bereitete Ellen dem ein Ende, indem sie »Tochter Zion« anstimmte. Dabei wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen, um endlich Klartext zu reden. Wer weiß, was die Alte hinter seinem Rücken verzapfte. Vielleicht wäre es auf den Tisch gekommen. Ein dummes Maul konnte eine schärfere Waffe sein als ein Messer, hatte er letztens erst gelesen.

Angenehm gesättigt und vom Familienanschluss gewärmt, hatte sich die zittrige, ausgemergelte Klara in ihren Sessel zurückgelehnt und gegrinst. Die Chance, um auch hier mal richtig aufzuräumen. Hätte er nicht bereits drei Bier und zwei Klare intus gehabt, hätte er diesen Klarabesuchen endgültig ein Ende gesetzt. So hatte er zwei Stunden warten müssen, bis die zwei lauten Weiber endlich durch den Schnee in Brigittes Heim stapften.

Am nächsten Tag, dem ersten Weihnachtsfeiertag, waren sie zum Mittagessen schon wieder aufgeschlagen. Kaum auszuhalten. Lothar hatte sich kalte Pute mit in den Stall genommen. Am Nachmittag, noch bevor die Kaffeerunde eingeläutet wurde, hatte er sich hoch ins Schlafzimmer geschlichen, sich aufs Bett geworfen und durch die Fernsehprogramme gezappt. Später, als die abendliche Stallarbeit erledigt gewesen war, hatte er sich vor dem Schlafengehen noch einmal vor die Haustür begeben und die klare Schneeluft eingeatmet. Wie schön diese Weihnachtsnacht war, hatte er da gedacht und hinüber zum Haus seiner Mutter geblickt. Er hatte die beiden Frauen freudig plappernd im Wohnzimmer sitzen sehen. Es hatte ihn traurig gestimmt, dass er im eigenen Heim dauernd die Flucht ergreifen musste. Betrübt war er ins Haus zurückgekehrt.

Heute war Silvester. In wenigen Stunden begann ein neues Jahr. Ob es besser werden würde als das alte?

5.

Die Tote lag auf dem Bauch, direkt an einem Gebäude in der Nähe der kleinen Straße »Zur Wahr«. Der Kopf war zur Seite gedreht, am Hals klaffte eine riesige Wunde, aus der das Blut in den Schnee gesickert war. In eine dicke Jacke gehüllt beobachtete der Besitzer des Hauses das Schauspiel und stapfte aufgeregt hin und her. Da es bereits spät am Abend und deshalb stockdunkel war, hatten die Beamten Scheinwerfer aufgestellt, um Leiche und Fundort zu untersuchen.

Ralf Radomski, Polizeihauptkommissar aus Fredeburg, leuchtete mit einer Taschenlampe hoch zur Dachrinne, an der in engen Abständen lange kräftige Eiszapfen hingen. »Der Täter meint wohl, wir seien bescheuert.« Er hatte einen abgebrochenen Zapfen in der Reihe entdeckt und deutete darauf. »Hier, das fehlende Teil des Eiszapfens war bestimmt die Tatwaffe.«

Rolf Grundmüller, Hauptkommissar aus Dortmund, war von PHK Radomski angefordert worden, nachdem dieser festgestellt hatte, dass es sich eindeutig um Mord handelte und somit die Kripo in Dortmund zuständig war. Grundmüller war sichtlich genervt. Er hätte lieber mit seinen Gästen zu Hause das neue Jahr begrüßt, statt ins Sauerland zu fahren und den Abend mit einer Leiche zu verbringen. In 90 Minuten war er hier gewesen, trotz des chaotischen Winterwetters.

An seiner Seite die wortkarge Tanja Altmüller, seine Kollegin, ebenfalls in Dortmund wohnhaft. Ihr schien es nichts auszumachen, am Silvesterabend zu arbeiten. Grundmüller wusste, dass die 35-Jährige kein Privatleben hatte.

Rolf Grundmüller, 55 Jahre alt, wulstige Lippen, zurückgekämmte dunkle Haare, wahrlich keine Schönheit, rollte mit den Augen, besah sich den Rest des Zapfens an der Dachrinne und anschließend die Wunde am Hals der Toten, die von der Mitte des Halses bis zum Ohr reichte. »Sie kannten die Tote?«, wandte er sich an Radomski.

»Ich habe sie schon einmal gesehen. Da bin ich mir ganz sicher. Ich komme allerdings aus Bad Fredeburg, immerhin zwölf Kilometer von hier entfernt.«

Das erklärte natürlich alles, dachte Grundmüller und starrte Radomski auf seine platte Nase.

Tanja Altmeier kramte in der Handtasche der Toten. »Alles noch da, Papiere, Geld, EC-Karte. Also kein Raubmord.«

Wieder rollte Grundmüller mit den Augen. Da stand dieser Trottel von PHK hier seit über einer Stunde herum und hatte noch nicht nach den Papieren der Toten geschaut. Wartete stattdessen auf ihn. Zu blöd, eigene Entscheidungen zu treffen. Und das mit 48 Jahren. Radomski war als Lahmarsch bekannt, jedoch als listiger Lahmarsch.

Ein Nachbar meinte, die Tote zu kennen. »Das ist die Mutter von dem Voss-Grobe, der seinen Hof etwas außerhalb von Bödefeld hat. Wahrscheinlich war sie in der Kirche und ist auf dem Heimweg dem Täter in die Arme gelaufen.«

»Sie sollten bei der Kripo anfangen, guter Mann«, meinte Grundmüller mit spitzer Zunge. Noch so ein Oberschlauer, dachte er.

Die Männer vom Erkennungsdienst waren inzwischen eingetroffen und machten sich an der Toten zu schaffen. Zum Glück hatte es aufgehört zu schneien.

Tanja Altmüller ging zu einem der aufgestellten Scheinwerfer. »Eleonore Scheffel, steht im Ausweis. Aus Herten kommt sie.«

»Also ein Urlaubsgast«, schlussfolgerte Radomski. Auch er sehnte sich nach Hause, in sein warmes Wohnzimmer, an den Bowletopf. Kirschbowle hatte seine Gisela zubereitet. Obwohl er bei Bereitschaftsdienst nicht trinken durfte. Sie waren gerade beim Essen gewesen, als der Anruf kam. Hoffentlich hatte die stets hungrige Gisela inzwischen nicht das gesamte zarte Fleisch aufgegessen. Da kannte die nichts. Ihm würde sie ein paar Brote schmieren und gut war es. Tschüss Fondue-Topf!

»Befragen Sie mal die umstehenden Leute, ob jemandem was aufgefallen ist, Altmeier. Auf die Idee ist Radomski mit Sicherheit noch nicht gekommen«, befahl Grundmüller seiner Kollegin. Er schätzte die drahtige junge Frau mit dem blonden Pagenkopf sehr, auch wenn sie ein Drachen war. Aber ein schlauer, wie er fand.

Eine kleine Traube Menschen drückte sich bei sieben Minusgraden am Leichenfundort aneinander. Wegen der Kälte seien die meisten Neugierigen schon verschwunden, wurde ihr mitgeteilt. Okay, ein Leichenfund war etwas Besonderes, doch nach fast zwei Stunden in der klirrenden Kälte zog es jeden Normaldenkenden nach Hause. Bis auf den harten Kern, der eisern ausharrte.

Auf die Frage von Grundmüller, wer die Tote gefunden habe, meldete sich der Besitzer des Gebäudes. »Mein Hund, der Piko. Der stromert hier abends immer rum. Plötzlich fing er wie ein Irrer an zu bellen, da habe ich nachgesehen und die Frau entdeckt. Ich meinte, ein Geräusch gehört zu haben, und habe mich umgesehen. Doch bis auf die Spuren im Schnee war da nichts.«

Der freundliche Berner Sennenhund mit dem Namen Piko sprang an Grundmüller hoch und schleckte ihm durchs Gesicht. Der nahm es gelassen.

Grundmüller schaute auf den Boden, wo mittlerweile zahlreiche Fußabdrücke zu sehen waren. Er identifizierte ein paar Spuren im Schnee, die auf riesige Galoschen schließen ließen und zurück zum Ort führten. »Warum haben Sie den Fundort nicht mit Flatterband weiträumig abgesperrt, Radomski? Wie sollen wir die Spuren jetzt noch exakt sichern? Alles ist zertrampelt.«

Radomski zuckte mit den Schultern. Ihm war kalt. Sollte er hier alles allein machen?

Altmeier hatte inzwischen eine Dame aufgetan, die ebenfalls zu wissen glaubte, wer die Tote war. »Die wohnt oben in dem kleinen Haus am Wald. Mit ihrer Familie. Ich habe sie einige Mal im Café unten im Ort gesehen. Ich bin mir sicher, dass sie es ist.«

Grundmüller rieb sich die kalten Hände aneinander und herrschte PHK Radomski an: »Was haben Sie die ganze Zeit gemacht, Radomski? Löcher in den Schnee gestarrt? Oder die Eiszapfen gezählt? In den knapp zwei Stunden hätten Sie die Leute befragen können. Oder einen Kollegen anfordern, der Ihnen hier hilft.«

»Ich musste den Tatort sichern«, kam es leise aus Radomskis Mund.

»Nee, ist klar.« Grundmüller sprach mehr zu sich selbst. »Hier ticken die Uhren echt anders.«

Der Nachbar griff sich ans Kinn, als dachte er nach. »Ich hätte wetten können, dass das die Mutter vom Voss-Grobe ist. Die sieht genauso aus.«

Der Kommissar wurde hellhörig. »Wo befindet sich dieser Voss-Grobe-Hof?«

Tanja Altmeier notierte sich, was der Mann mitteilte.

»Den unteren Teil des Eiszapfens, mit dem der Täter ihr vermutlich in den Hals stach, hat noch keiner gefunden, oder?«, fragte Grundmüller in die Runde. »Haben Sie schon danach gesucht, Radomski?« Grundmüller wurde von Minute zu Minute ungehaltener. Am liebsten hätte auch er einen Eiszapfen von der Regenrinne abgebrochen und Radomski damit eins übergebraten.

»Wann denn?« Radomski rann trotz der Kälte der Schweiß von der Stirn. Er hatte sich den Silvesterabend anders vorgestellt.

»Nee, ist klar«, meinte Grundmüller erneut.

»Ich fahre zu diesem Ferienhaus, Chef, bevor ich mir den Voss-Grobe-Hof anschaue, okay? Ist ja nicht weit. Mal sehen, ob die alte Dame dort vermisst wird. Die Kirche ist doch seit Stunden aus.«

»Alles klar, Altmeier, machen Sie das.« Wenigstens eine, die ihr Hirn einschaltet, dachte Grundmüller.

Radomski kroch am Boden herum und besah sich wieder und wieder die Tote. »Keine Spuren eines Kampfes, keine Abwehrverletzungen, nur das klaffende Loch im Hals. Der Fundort war wohl auch der Tatort«, sprach er oberschlau.

»Was Sie nicht sagen«, erwiderte Grundmüller gereizt und stöhnte auf. Die Frau des Besitzers reichte ihm einen Becher mit Kaffee. Dankend nahm er ihn an.

Immerhin hatte Radomski Verstärkung angefordert, die nun endlich, in Form einer uniformierten Streifenbeamtin, eintraf. Müde gähnend kam sie auf sie zu. Von Grundmüller erhielt sie die Anweisung, sich bei den Leuten umzuhören. Bei denen, die hier vor Ort herumstanden, und bei den Nachbarn in den umliegenden Häusern. Sie machte sich sofort an die Arbeit, verteilte brav Visitenkarten und notierte Aussagen, die vielleicht wichtig sein könnten.

Tanja Altmeier war kaum in den Wagen gestiegen und ein paar Meter die kleine Straße in Richtung Ferienhaus gefahren, als ihr schnellen Schrittes ein Mann entgegenkam. Sie bremste ab, kam ins Schlingern, hielt an und stieg aus.

»Was machen Sie hier?« Der Mann kam ihr verdächtig vor, er wirkte benebelt. Sie zeigte ihren Ausweis und stellte sich kurz vor. War das der Täter? Vielleicht empfand er Reue und es zog ihn zurück zum Tatort?

»Ich wohne dort oben in dem Haus am Wald. Wir machen hier Urlaub. Ich bin ein Kollege, Hauptkommissar Thomas Scheffel aus Gelsenkirchen. Ich suche meine Mutter. Sie kam von der Messe, die um 18 Uhr anfing, nicht nach Hause. Jetzt ist es fast 22 Uhr. Ich muss gestehen, dass ich eingeschlafen bin, meine Lebensgefährtin und ihre Mutter ebenfalls. Der Punsch war schuld. Als wir aufwachten, dachten wir, sie sei in ihrem Zimmer. Weil sich nichts rührte und wir nichts hörten, habe ich vorhin nachgeschaut. Sie ist noch gar nicht heimgekommen. Vielleicht ist sie nach dem Gottesdienst ins Hotel Albers. Da will ich gerade hin und nachsehen. Was ist denn da hinten los?« Erst jetzt bemerkte Thomas den Menschenauflauf ein paar Hundert Meter weiter und das Blaulicht eines Polizeiwagens, das die Umgebung gespenstisch erleuchtete. »Ist etwas passiert?« Obwohl er sich privat in Bödefeld aufhielt, zeigte er der Kommissarin seinen Dienstausweis.

Tanja Altmeier betätigte diesmal, mangels fehlendem Scheinwerfer, die Taschenlampenfunktion ihres Smartphones und betrachtete den Ausweis ganz genau. Tatsächlich ein Kollege, dachte sie nicht gerade erfreut. Scheffel lautete sein Nachname. War das nicht auch der Name der Toten? Und er vermisste seine Mutter und wohnte im Ferienhaus. »Eine Frau wurde tot aufgefunden«, antwortete sie zögerlich. Sie empfand Mitleid mit dem Mann, der plötzlich zu zittern begann. Er ahnte es schon, das sah Altmeier ihm an. Schlimm, wenn die eigene Mutter in der Silvesternacht tot aufgefunden wurde.

»Wissen Sie, um wen es sich handelt? Tot, sagen Sie?«

»Sie wurde ermordet. Ich glaube, es handelt sich um Ihre Mutter. Die Dame trug einen Ausweis bei sich, der auf den Namen Eleonore Scheffel ausgestellt ist.«

»Das muss sich um eine Verwechslung handeln. Niemand hier kannte meine Mutter. Wer sollte sie umbringen? Oder wurde sie überfallen? Aber sie schleppt nie viel Geld mit sich herum.«

»Nein, es wurde nichts gestohlen, es war alles noch in ihrer Tasche.«

Thomas riss die Augen weit auf. Er rannte, so schnell es der teilweise vereiste Weg erlaubte, in Richtung Leichenfundort. Er betete, dass es sich tatsächlich um einen furchtbaren Irrtum handelte.

Tanja Altmeier stieg ins Auto, drehte um und verlangsamte, als sie neben Thomas Scheffel ankam. Durch das Fenster sagte sie: »Kommen Sie, Herr Scheffel, steigen Sie zu mir ins Auto, der Weg ist glatt.« Tanja konnte es nicht fassen. Was für ein kurioser Fall, und das in der Silvesternacht!

Augenblicklich stieg Thomas zu ihr in den BMW und ließ sich zum Tatort fahren. Dort angekommen, lief er mit weichen Knien auf die am Boden liegende Person zu, die gerade von der Spurensicherung in einen Transportsack gepackt wurde.

Grundmüller und Radomski versuchten ihn aufzuhalten.

»Lassen Sie ihn. Es handelt sich wohl um den Sohn der toten Frau. Übrigens ein Kollege aus Gelsenkirchen«, teilte Altmeier ihrem Chef mit. Beide dachten: Der wird sich einmischen. Unter Garantie!

Thomas ging in die Knie, beugte sich über die Frau und betrachtete sie. Dann fing er wie ein kleines Kind zu weinen an. »Wieso? Wieso ausgerechnet meine Mutter? Sie war doch hier nur Urlaubsgast, hat niemandem was getan.«

Widerwillig ließ Thomas Scheffel sich zum Auto von Tanja Altmeier bringen. Erschöpft fiel er auf die Rückbank und schlug die Hände vors Gesicht. Er konnte sich kaum beruhigen. Jammerte und weinte.

Die uniformierte Polizistin hatte die Umstehenden inzwischen alle befragt. Zusammen mit Tanja Altmeier nahm sie sich nun die Nachbarhäuser vor, die sich unmittelbar am Tatort befanden.

Sie landeten als Erstes in der Parterrewohnung einer jungen Frau, keine 50 Meter vom Tatort entfernt. Altmeier stellte sich und die Kollegin vor und erklärte der Frau, worum es ging. Die Polizistin in Uniform hatte sich bereits unaufgefordert aufs Sofa gesetzt und verfolgte kaugummikauend das TV-Programm.

Tanja Altmeier schaute sich um. In einer Stunde begann das neue Jahr, doch hier in der Wohnung sah es nicht nach Party aus. Ein kümmerlicher Tannenbaum stand in der Ecke, in einem Laufstall hockte ein kleiner verrotzter Junge, hangelte sich an den Stäben hoch und schaute Tanja neugierig an. Sie streckte dem Kind die Hand entgegen. Es lächelte sie fröhlich an. Tanja liebte Kinder. Für eigene brauchte sie allerdings einen geeigneten Mann, und der war nicht verfügbar. Gerade erst hatte sie die gefühlt hundertste Pleite hinter sich.

»Ich musste ihn wieder aus dem Bett holen, er wollte einfach kein Auge zumachen«, entschuldigte die Frau den späten Aufenthalt ihres Jungen im Wohnzimmer.

»Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig.«

Ungefragt gab die junge Mutter der Kommissarin Auskunft. »Ich lebe alleine. Als ich vor einem halben Jahr diese Wohnung bekam, war ich glücklich. Raus aus der Stadt, eine bezahlbare Wohnung, viel Natur, dachte ich. Doch auf dem Dorf hat man es als Alleinerziehende mit Kind nicht leicht.«

»Das glaube ich Ihnen gern.«

»Während der Kleine im Kindergarten ist, arbeite ich stundenweise im Café unten im Ort. Da waren in den letzten Tagen immer wieder zwei ältere Damen, die Urlaub hier gemacht haben. Sie haben sich lautstark ausgetauscht. Eine der beiden ging vorhin an meinem Fenster vorbei, rote Mütze und blauer Steppmantel. Ich dachte mir, dass sie in der Kirche war. Ein Mann folgte ihr mit großen Schritten. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Ebenfalls ein Kirchgänger, war ich mir sicher. Danach habe ich mich vor den Fernseher gesetzt. Hellhörig wurde ich erst, als ich kurz darauf das Martinshorn hörte. Ich habe wieder rausgeschaut und die Frau am Boden liegen sehen. Schnell kamen dann auch einige Leute und haben geschaut, was passiert ist. Ich konnte nicht rausgehen, wegen Andi.«

»Wie sah der Mann aus? Wie groß? Dick oder dünn?« Altmeier machte sich Notizen.

»Vielleicht war er ja gar nicht der Mörder. Ich möchte niemanden beschuldigen. Der Mann, der ihr hinterherging, war groß, ungefähr 1,80 Meter, breite Schultern hatte er, ansonsten war er schlank. Er trug eine dicke Jacke, hatte dunkles, halblanges Haar. Es sah jedenfalls im Dunkeln so aus. Aber wie gesagt, ich habe mir nichts dabei gedacht.«

Die junge Mutter hatte ein schlechtes Gewissen. Ihr war bewusst, dass sie der Polizei längst von diesem Mann hätte berichten müssen. Mischte man sich zu viel ein, war es nicht gut, hielt man sich raus, war es auch nicht gut. Wie man es machte, war es falsch, dachte sie.

Die Uniformierte kaute noch immer und glotzte »Dinner for one«. Hin und wieder lachte sie kurz auf.

»Kam Ihnen der Mann bekannt vor?«

»Es war stockdunkel. Okay, der Schnee ließ alles heller erscheinen. Einen eigenartigen Gang hatte er. Aber ich habe ihn nicht erkannt.«

»Was meinen Sie mit eigenartigem Gang?«

»Ein wenig schleppend ging er.«

»Eben sagten sie noch, er habe große Schritte gemacht.«

»Das eine schließt das andere doch nicht aus.« Die junge Mutter hatte langsam die Faxen dicke. Nun fing ihr Sohn auch noch an zu weinen.

Kurz vor Mitternacht verließen die beiden Frauen die Wohnung von Mutter und Kind. Draußen wartete Grundmüller. Er trat von einem Fuß auf den anderen. Ihm war eindeutig kalt.

»Die Schaulustigen haben sich verzogen, ebenso Radomski, diese Flachpfeife. Ich habe den Sohn zu seinem Feriendomizil gefahren. Die Partnerin und deren Mutter werden wir morgen früh verhören. Prost Neujahr, Altmeier«, sagte er nach einem Blick auf seine Uhr. »Lassen Sie uns nach einem Zimmer Ausschau halten. Oder wollen Sie noch zurückfahren?«

Altmeier zuckte mit den Schultern. Der Gedanke, jetzt noch nach einem Zimmer zu suchen, gefiel ihr nicht.

Die junge Kollegin war ohne einen Abschiedsgruß verschwunden.

6.

»Mit einem spitzen Gegenstand hat man sie ermordet! Die Kripo tippt auf einen Eiszapfen, den der Täter wohl von der Dachrinne des Gebäudes, an dem man sie fand, abgebrochen hat.« Geistesabwesend, den Blick in die weiße Traumlandschaft gerichtet, rührte Thomas in seiner Kaffeetasse. »Eigentlich hatte sie keinen schlechten Tod. Und das in einer wunderschönen Nacht mit funkelnden Sternen am kalten Winterhimmel.«

Margareta konnte nicht glauben, was sie da hörte. »Sag mal, bist du bescheuert? Ist das ein schöner Tod, einen Eiszapfen in den Hals gestoßen zu bekommen? Wach auf, Thomas!«

Waltraud hatte Tränen in den Augen und sehnte sich nach Hause. Am frühen Neujahrsmorgen hatte sie aus lauter Verzweiflung Sepp angerufen. Sie hatte den Eindruck gehabt, dass ihr Anruf ungelegen kam. Im Hintergrund hatte sie eine Frau reden gehört. Eine ältliche, kieksende Stimme, die ihr bekannt vorkam. Sie hatte sie allerdings in dem Moment nicht zuordnen können. Das Jahr fing nicht gut an. Dabei hatte Sepp ihr letzte Woche erst erzählt, er habe seine Frau verlassen und lebe nun allein, in der Hoffnung, sie beide würden wieder zusammenfinden. Jetzt die tote Eleonore. Wäre sie mitgegangen zur Kirche, würde Eleonore dann noch leben? Waltraud quälte sich mit Selbstvorwürfen. Oder wäre sie ebenfalls tot?

»Morgen fahren wir zurück, oder? Sicherlich reisen neue Gäste an. Bei dem tollen Winterwetter.« Waltraud sah ihre Tochter bittend an.

»Nein, wir bleiben noch eine Woche. Thomas hat mit der Vermieterin gesprochen. Die Familie, die morgen anreisen sollte, hat abgesagt, die sind krank. Ihr ist es mehr als recht, dass wir noch bleiben.« Margareta biss in ihr Brötchen und schaute Thomas, der mit seinen Gedanken weit weg war, besorgt an.

»Ihr werdet also die Nasen in den Fall stecken und die Kripo wuschig machen. Und ich soll hier meine Zeit absitzen, oder wie? Ich will nach Hause!« Jetzt liefen Waltraud die Tränen an den Wangen hinunter. Am liebsten hätte sie mit dem Fuß aufgestampft.

»Ich brauche dich, Waltraud, du kannst mir helfen«, versuchte Margareta ihre Mutter aufzuheitern.

»Nein, mein Mädchen, das kannst du vergessen. Die Zeiten liegen hinter mir. Wie oft habe ich mich lächerlich gemacht! Denk nur an den Heiratsschwindler. Vor seinem Haus musste ich Patrouille laufen. Anschließend hatte ich diesen alten Kerl am Hals. Nein, danke!«

Thomas erwachte aus seiner Lethargie. »Ja, Waltraud, du könntest uns von Nutzen sein, indem du dich hier und da mal umhörst, bei Edeka oder im Café.«

Waltraud sagte nichts mehr. Setzte ihr beleidigtes Gesicht auf und schwieg. Sie wollte heim und sehen, was bei Anni so los war. Was Sepp trieb und wie er die Silvesternacht verbracht hatte, interessierte sie ebenfalls. Auch wenn sie Margareta versprochen hatte, keinen Kontakt mehr zu ihm aufzunehmen. Vielleicht wusste Anni mehr.

»Ich stelle mir die letzten Minuten in Eleonores Leben schrecklich vor. Sie muss wahnsinnige Ängste ausgestanden haben. Und da behauptest du, sie hatte einen schönen Tod?« Margareta wandte sich an Thomas und schüttelte den Kopf.

»Ich meinte nur, dass die Umstände nicht schlecht waren. Silvesternacht, Traumlandschaft. Sie hatte keine Schmerzen. Jedenfalls nicht sehr lange. Meinst du, es ist besser, wochenlang im Krankenbett zu liegen und dahinzusiechen wie mein Vater?«

»Das kann man doch nicht vergleichen!«

»Natürlich nicht. War nur so ein Gedanke. Vergiss es! Ich bin es ihr schuldig, den Mörder zu finden, und das werde ich auch. Die Kripo machte einen ganz kompetenten Eindruck. Dieser Kommissar Grundmüller war nicht gerade freundlich, aber darauf kommt es nicht an. Na ja, bis auf die Tatsache, dass er aus der verbotenen Stadt kommt.«

Für die aus Gelsenkirchen stammenden Schalker Fans war Dortmund mit den Borussen ein rotes Tuch.

»Die junge Kollegin, diese Tanja Altmeier, scheint ein zähes Biest zu sein. Ich mag Frauen mit Biss«, meinte Margareta.

»Weil du selbst so eine bist«, schmunzelte Thomas.

»Sei vorsichtig, was du sagst. Du bist jetzt ein Waisenjunge, vergiss das nicht. Wenn ich dich sitzen lasse, hast du niemanden mehr.«

»Dann such ich mir eine Neue. Wo ist das Problem? Außerdem habe ich ja meinen süßen Dackel Willi. Ich könnte mich in den Hintern treten, dass ich ihn nicht mitgenommen habe. Ich vermisse ihn.« Da starb ihm die Mutter weg, und der Dackel war bei einem Bekannten. Nur wegen der beiden mitreisenden Mütter hatte Thomas den Hund bei ihm gelassen, was Margareta nicht verstanden hatte.

Thomas erschrak über das Geplänkel. Seine Mutter war gestorben, brutal ermordet worden, und er klopfte lockere Sprüche? Er wechselte das Thema und sprach den Besuch der Kripobeamten und des PHK Radomski vor einer guten Stunde an.

Die Beamten hatten sich Eleonores Zimmer vorgenommen, in jede Ecke geschaut, sämtliche Schränke und Schubladen aufgerissen, um letztendlich nichts zu finden. Anschließend hatten sie Thomas, Margareta und Waltraud befragt. Rolf Grundmüller traute ihnen anscheinend nicht über den Weg, er hatte sie die ganze Zeit über skeptisch angeschaut. Vielleicht lag es auch daran, dass Thomas ein Kollege war. Thomas wusste aus eigener Erfahrung, wie sehr die ständige Einmischung von Außenstehenden stören konnte. Tanja Altmeier ging vorurteilsfreier an die Sache heran. Sie hatte vorhin präzise Fragen gestellt und ebensolche Antworten erwartet. Ihre Art gefiel auch Thomas. Wieso PHK Radomski dabei gewesen war, konnten Margareta und Thomas sich nicht erklären.

»Dieser Radomski sieht nicht nur urkomisch aus mit seiner platten Nase und der Ponyfrisur, er ist auch als schießwütiger, aggressiver Bulle bekannt. Ich hab mich vorhin kurz schlau gemacht«, sagte Thomas. »Er kommt bestimmt aus der ehemaligen DDR.«

»Hast du die Infos im Internet gefunden? Oder hast du etwa schon mit deinen Kollegen telefoniert? Am Neujahrsmorgen?« Margareta aß inzwischen das dritte Brötchen. Das war bei ihr immer so. Wenn ihr etwas auf der Seele lag, gab es kein Halten, was das Hineinstopfen von Essbarem betraf.

»Sowohl als auch.«

»Dachte ich mir. Aber du hast recht. Dieser Typ ist eigenartig. Mir erschließt sich nicht, wieso er vorhin dabei war.« Margareta liebäugelte schon mit dem nächsten Brötchen, was Thomas nicht entging.

»Du willst nicht ernsthaft noch ein Brötchen essen, oder?«

»Halt dich geschlossen, mein Freund. Nicht, dass ich dich absäge und mir einen Neuen suche.«

Themenwechsel. Sie hatten im Moment wirklich andere Sorgen.

»Von uns aus sind die drei zum Voss-Grobe-Hof gefahren. Was wollen sie dort?« Thomas schaute aus dem großen Panoramafenster im Wohnzimmer. Nebel zog auf. Nur nicht nachdenken, sagte er sich. Lenke dich ab. Und trotzdem drängte sich ihm das Bild seiner Mutter auf, die irgendwo in einem kalten Raum der Rechtsmedizin lag.

»Sich die Frau anschauen, die deiner Mutter angeblich ähnlich sieht? Herausfinden, ob sie Feinde hatte und der Mord ihr galt? Die Tatwaffe suchen?«

»Du meinst, der Täter hat sich den kalten, mit Blut verschmierten Zapfen in die Hosentasche gesteckt und ihn mitgenommen? Dann wird er geschmolzen sein.«

Margareta zog einen Flunsch, stand vom Tisch auf und griff nach ihrer Jacke. »Ich werde mich ein wenig umsehen. Allein!«

»Ich gehe in die Kirche, um eine Kerze für Eleonore anzünden«, verkündete Waltraud seufzend.

Wer hätte gedacht, dass die beiden sich so gut verstanden, wie es in den letzten Tagen der Fall war, dachte Margareta. Am Anfang hatte es nicht so ausgesehen. »Halte Augen und Ohren offen, Waltraud«, gab Margareta ihr mit auf den Weg. An Thomas gewandt sagte sie: »Was hast du jetzt vor? Hänge dich nicht zu sehr in den Fall rein.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich denke, dass ich mit dem Voss-Grobe-Hof anfange. Eine Menge Fragen brennen mir auf der Seele. Danach werde ich mir den Pfarrer vorknöpfen. Pfarrer wissen immer was. Den Tatort will ich mir auch noch vornehmen.«

»Beide werden begeistert sein. Der Bauer und der Pfarrer. Du bist hier nicht befugt, die Leute zu befragen. Das ist nicht dein Revier. Dafür haben sie Grundmüller und Altmeier.«

»Lass das meine Sorge sein, Margareta.« Schnell schlüpfte er in seine Schuhe und zog die Jacke an.

Er trat gerade zur Haustür hinaus, als Margareta ihm hinterherrief: »Du fährst Waltraud in den Ort. Oder soll sie in dem Nebel die zweite Tote sein? Immerhin läuft der Mörder frei herum!«

Er murmelte unverständliche Worte in den nicht vorhandenen Bart. Er wollte allein sein und nachdenken. Aber er tat Margareta den Gefallen, denn sie hatte ja recht. Während er die Scheiben vom Eis befreite und auf Waltraud wartete, kam ihm eine Idee. Sein Elternhaus stand durch den Tod seiner Mutter leer. Er könnte es umbauen und mit Margareta dort einziehen. In die Einliegerwohnung, die er einmal bewohnt hatte, könnte er Waltraud stecken. Sie müsste eine kleine Miete bezahlen und sich im Haushalt nützlich machen. Durfte er so etwas so kurz nach dem Tod seiner Mutter überhaupt denken? Er wusste es nicht, merkte aber, dass ihn der Gedanke etwas aufmunterte.

Thomas Scheffel, Erster Hauptkommissar des KK 11 in Gelsenkirchen-Buer, mochte keine Leichen. Er war regelrecht allergisch dagegen. Ein Schaudern erfasste ihn, wenn er an die vielen Toten dachte, die er in seinem Berufsleben schon betrachtet hatte. Er konnte ihren Anblick kaum ertragen. Manchmal hatte er sich davor gedrückt, hatte Durchfall vorgeschützt oder Zahnschmerzen, wenn er zu einem Mordfall gerufen wurde. Außerdem bedeutete eine Leiche viel Arbeit. Arbeit, die er mehr als ungern erledigte. Überhaupt war sein Beruf nicht sein Traum gewesen. Es hatte sich so ergeben, irgendwie. Sein korpulenter, zur Faulheit neigender Onkel, der ebenfalls Hauptkommissar gewesen war, hatte ihm und seiner Familie viel von seiner Arbeit vorgeschwärmt, sodass schnell feststand, dass auch Thomas zur Polizei gehen sollte. Lieber wäre er Sänger geworden. Als Jugendlicher hatte er oft vor dem Spiegel gestanden, mit einer Colaflasche in der Hand, und die Songs von Bon Jovi nachgesungen. Das gute Aussehen, das für einen Sänger mindestens so wichtig war wie eine gute Stimme, hatte er. Davon war er damals überzeugt gewesen. Und trotzdem war er auf der Polizeischule gelandet. Schnell hatte sich herausgestellt, dass er wunderbar delegieren konnte. Jetzt, als Erster Hauptkommissar, war er glücklich, Jenny als Partnerin an seiner Seite zu haben. Sie hatte schon manches Mal für ihn die Kastanien aus dem Feuer geholt.

Nachdem er Waltraud in den Ort gefahren hatte, steuerte er seinen Passat durch den inzwischen dichten Nebel in Richtung Wanderparkplatz Mechterkuse. Dort stellte er ihn ab und legte die restlichen Meter zum Voss-Grobe-Hof im Wald zu Fuß zurück. Der Weg führte ihn stetig bergan. Seine Heckler & Koch P7 im Holster gab ihm ein Gefühl von Sicherheit. Er wusste, dass er sie niemals hätte mitnehmen dürfen. Warum er es dennoch getan hatte, konnte er nicht sagen. Es war ihm einfach ein Bedürfnis gewesen. Doch er musste sie vor Margareta verstecken, und das war nicht einfach. Im Moment gab ihm die Waffe jedenfalls ein Gefühl der Sicherheit.

Auf dem Hof wollte er herausbekommen, ob die alte Voss-Grobe Feinde hatte und gestern Abend statt seiner Mutter getötet werden sollte. So richtig konnte er die Sache mit der Verwechslung nicht glauben. Wäre das nicht zu einfach?

Er betrat den Hof. Die beleuchtete Tanne, die vor dem Wohnhaus stand, wirkte unwirklich auf ihn. Weihnachten war für ihn vorbei. Wie nicht anders erwartet, herrschte am späten Neujahrsmorgen Ruhe. Nur vereinzelt drang ein Muhen aus dem Stall. Die Stalltür stand offen und Thomas blickte in den riesigen Raum. Niemand zu sehen. Rechts und links standen die Kühe, steckten ihre Köpfe durch die Gitterstäbe am Futtergang, kauten und schauten ihn neugierig an. Er ging weiter in den Stall hinein.

Da sah er ihn. Mit der Mistgabel in der Hand stand der Bauer am Ende des Stalles und beobachtete ihn.

»Was wollen Sie? Milch gibt es erst am Abend und Eier feiertags gar nicht.« Voss-Grobe war genervt, biss von einem Brötchen, das er in der linken Hand hielt, und kaute darauf herum. Er trug eine blaue Latzhose, darunter ein kariertes Hemd, darüber eine braune Strickjacke.

»Ich will nichts kaufen, sondern Ihnen ein paar Fragen stellen«, erklärte Thomas und zog seinen Ausweis aus der Tasche, obwohl der ihm hier nichts nutzte. Doch das wusste der Bauer hoffentlich nicht.

»Gerade erst sind drei Kollegen von Ihnen vom Hof gefahren. Die haben mir genug Löcher in den Bauch gefragt. Also, was wollen Sie noch?«

»Ich bin nicht dienstlich hier. Ich mache Urlaub in Bödefeld. Gestern wurde meine Mutter ermordet. Sie haben sicherlich soeben davon erfahren. Oder vielleicht schon früher.« Thomas sah den Landwirt eindringlich an.

Erschrocken hielt Voss-Grobe inne. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. »Hören Sie, guter Mann, es tut mir schrecklich leid für Ihre Mutter. Doch ich muss Ihnen keine Fragen beantworten, wenn Sie mich privat löchern wollen. Wenden Sie sich an die Polizei hier vor Ort. Die hilft Ihnen weiter.« Voss-Grobe setzte sich in Bewegung und wollte den Stall verlassen.

Thomas ging dem Bauern hinterher, die Hand an seiner Waffe. Ich sollte ihm ins Bein schießen, dachte er. So abgefertigt zu werden, gefiel ihm gar nicht. Doch er war schlau genug, die Folgen, die dieser Schuss mit sich bringen würde, zu bedenken. »Man dachte zuerst, dass es sich um Ihre Mutter handelt, weil sie sich ähnlich sahen, auch wegen der Kleidung. Könnte es sein, dass es sich um eine Verwechslung handelt und der Mörder Ihre Mutter umbringen wollte? Hatte Ihre Mutter Feinde?« So schnell gab Thomas nicht auf.

Voss-Grobe drehte sich um und machte einen Schritt auf Thomas zu. Mit einem bösen Blick aus dunklen Augen schaute er den Kommissar an. Seine rechte Hand zitterte. Am liebsten hätte er ihn am Kragen gepackt und vom Hof geworfen. »Hören Sie, niemand wollte meine Mutter umbringen. Sie ist eine geschätzte Persönlichkeit hier im Ort. Nur weil sie Ihrer Alten vielleicht ähnlich sah, muss es sich nicht um eine Verwechslung gehandelt haben. Sie hatte keine Feinde. Und wenn, geht Sie das gar nichts an. Ich frage ja auch nicht, was Ihre Mutter alles verbrochen hat. Und nun verschwinden Sie. Aber ganz schnell!« Um der Aufforderung Nachdruck zu verleihen, wedelte er mit der Mistgabel vor Thomas’ Gesicht herum. Ein Zinken, an dem Kuhmist haftete, streifte dabei die Haare des Gelsenkirchener Kommissars. »Ist das klar?«, schrie Voss-Grobe durch den kalten Stall.

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
283 p. 6 illustrations
ISBN:
9783839269107
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