Read the book: «Die Jungbrunnen-Küche»
Margit Fensl P. A. Straubinger Nathalie Karré
Die
Jungbrunnen KÜCHE
Wie Sie mit den
Geheimnissen der Natur lange und glücklich leben

INHALT

Cover
Titel
Vorwort
Wie Ihnen dieses Buch hilft
Die alternde Gesellschaft
MYTHOS JUNGBRUNNEN
DAS MYSTERIUM DES ALTERNS
Schadenstheorien – Zellschäden als Ursachen des Alterns
Informationstheorie des Alterns
DIE ALTERSBESCHLEUNIGER
Gerontotoxine: „Alterungsgifte“ im Essen
Zubereitung und Zucker – mit dem AGE-Express ins Altersheim
JUNGBRUNNEN-WERKZEUGE
Autophagie – Zellreinigung durch Fasten, Bewegung und richtige Ernährung
Telomerase – Wie wir das „Jungbrunnen“-Enzym aktivieren
Interview mit Paul Clayton
Die Sirtuine – So mobilisieren Sie die Jungbrunnen-Reparaturtruppe
Blutzucker senken, Glykation und chronische Entzündungen reduzieren
Natürliche Senolytika – So befreien Sie sich von „Zombie“-Zellen
Anti-Aging mit den Mitteln der Natur
JUNGBRUNNEN-NAHRUNG
Jungbrunnen-Lebensmittel
Jungbrunnen-Getränke
Jungbrunnen-Zubereitung
Jungbrunnen-Rezepte
EIWEISS-TYP
Kraftsuppe für mehr Lebensenergie
Pfiffiger Pilzzauber mit Parmesan
Göttliches Gewürz-Tempeh
(o)MEGA-Lachs mit aktiviertem Blumenkohl
Sagenhafter Seesaibling an grünem Spargel
Glücks-Garnelen auf zarten Karottennudeln
Tausend-Kräuter-Wald-und-Wiesen-Ragout
Himmlischer Chiapudding
KOHLENHYDRAT-TYP
Sonniger Regenbogensalat mit Quinoa
Köstlicher Kräuter-Zander mit Schmorgemüse
Jungbrunnen-Roulade mit Süßkartoffeln
Belebendes Petersilien-Tabouleh
Bärenstarker Bohnenburger
Erdfrüchte-Traum mit frischem Schafskäse
Vollkornbrot mit richtig guter Erdnussbutter
Märchenhafte Minz-Avocado-Schokocreme
MISCH-TYP
Vitalisierende Amarant-Bowl mit Brokkoli
Leckere Linsen mit Aubergine und Ei
Delikates Pilzgulasch mit Vollkornknödeln
Sommerliche Prinzessinnenrollen
Forelle blau mit erfrischendem Pak Choi
Aubergine mit buntem Gemüse und Tempeh
Würziges Wiesen-Huhn mit Liebstöckel-Kohlrabi
Paradiesische Pancakes mit Beeren
Die schnelle Jungbrunnen-Küche
ACHTSAMKEIT IN DER JUNGBRUNNEN-KÜCHE
Buchboni und Weblinks
Weitere Bücher
Impressum
Wichtiger Hinweis
Die Inhalte dieses Buches wurden gewissenhaft und sorgfältig geprüft, die Vorschläge und Empfehlungen haben sich in der Praxis bewährt. Die vorgestellten Methoden, Ideen und Rezepte ersetzen nicht die Beratung durch eine/n ÄrztIn und sind nicht zur medizinischen Behandlung von Beschwerden gedacht. Bestimmte Lebensmittel, wie zum Beispiel Kräuter und Gewürze, können bei Überdosierung zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Schwangere und stillende Frauen, Kinder sowie Menschen, die an Krankheiten leiden oder Medikamente einnehmen, sollten diesbezüglich besondere Vorsicht walten lassen und im Zweifelsfall immer professionelle medizinische Beratung suchen. Fasten, intensive körperliche Bewegung und Kälteanwendungen können bei vulnerablen Personengruppen zu Komplikationen führen und brauchen medizinische Begleitung. Eine Haftung der AutorInnen beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
VORWORT

Liebe LeserInnen,
Intervallfasten hat sich in den letzten Jahren zum gesellschaftlichen Megatrend entwickelt – wir freuen uns, dass wir mit unseren Jungbrunnen-Büchern dazu beitragen können. Besonders wichtig ist uns, das Fasten nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Meditation und Mentaltechniken, Bewegung und der richtigen Ernährung zu ergänzen. So wird der Jungbrunnen-Lebensstil nicht nur effektiver – er macht auch mehr Freude und spendet mehr Genuss.
Im dritten Jungbrunnen-Band fällt es uns besonders leicht, diesen Anspruch zu erfüllen, denn hier legen wir den Fokus im Speziellen auf das Essen. „Die Jungbrunnen-Küche“ widmet sich der Wirkung unserer Lebensmittel: Was macht uns krank und beschleunigt unsere Alterung? Was hält uns gesund und jung? Wie können wir die Apotheke der Natur nutzen und dabei noch gut essen?
In den letzten Jahren hat uns die Wissenschaft mit zahlreichen neuen Erkenntnissen versorgt, die uns diesen natürlichen Jungbrunnen besser verstehen lassen. Uraltes Wissen über die heilende Kraft der Lebensmittel wurde und wird neu entdeckt und wir freuen uns, es Ihnen besonders schmackhaft zugänglich machen zu können: mit wohlschmeckenden und typgerechten Gerichten – aus den effektivsten Jungbrunnen-Lebensmitteln zubereitet. Bringen Sie den Jungbrunnen-Effekt mit jeder Mahlzeit intensiver in Ihr Leben.
Viel Freude beim Entdecken, Nachkochen und Genießen! Ihr Jungbrunnen-Team

Margit Fensl, P. A. Straubinger, Nathalie Karré

Wie Ihnen dieses Buch hilft
In diesem Buch zeigen wir Ihnen, dass der „Jungbrunnen“ realer sein kann, als Sie vielleicht denken.
Wir möchten Sie zu konkreten Lebensstil-Entscheidungen anregen, die Ihnen dabei helfen, Ihren inneren Jungbrunnen zu aktivieren. Wenn Sie verstehen, wie die „Alterungsgifte“ der Lebensmittelindustrie Gesundheit und Jugend rauben, werden Sie motiviert sein, wieder die Kontrolle über Ihr Essen zu erlangen, noch bewusster einzukaufen und besser zweimal auf die Inhaltsstoffe zu achten. „Fehler“, die Sie nicht begehen, sind schon der halbe Weg zur Regeneration und Gesundheit.
Im nächsten Schritt geht es um die Wahl der richtigen Lebensmittel. Wir bieten Ihnen klare und einfache Orientierungshilfen und zeigen Ihnen, wie Sie Ihre persönliche „Jungbrunnen-Nahrung“ finden.
Last but not least haben wir abwechslungsreiche, typgerechte Rezepte für Sie zusammengestellt, die nicht nur gesund sind, sondern auch richtig gut schmecken. Unser Wunsch ist, Sie wieder zum Selberkochen zu animieren. Wie immer liegt der Fokus auf Leichtigkeit und Freude. Auch „Sündigen“ ist auf dem Jungbrunnen-Weg erlaubt, ja sogar erwünscht. Wir sagen Ihnen, weshalb.
Die Botschaft lautet: Genießen Sie das Leben in seiner vollen Bandbreite! Bleiben Sie entspannt, wenn äußerliche Alterserscheinungen auftauchen – eine faltenlose Haut ist nicht wertvoller als Lebenserfahrung, ganz im Gegenteil. Wir dürfen das Leben allerdings in einem Körper erfahren, der möglichst lange jung und vor allem gesund bleibt. Und bei dieser Wahlmöglichkeit wollen wir Sie unterstützen.

Die alternde Gesellschaft
Unsere zunehmend älter werdende Gesellschaft hat durchaus paradoxe Züge: Die steigende Lebenserwartung gilt als Errungenschaft der Zivilisation, während das Alter im gleichen Atemzug zunehmend ausgegrenzt wird. Sozialkontakte nehmen drastisch ab, sobald man in Pension ist, alte und gebrechliche Menschen werden ins Pflegeheim verlagert. Wer alt wirkt, wird uninteressant. Das eigene Alter so lange wie möglich zu verneinen, ist die logische Konsequenz daraus. Falten werden wegoperiert, alte Menschen versuchen, so jung wie möglich auszusehen. Mit dem Credo „60 ist das neue 40“ haben Begriffe wie „Down-Ageing“ Einzug in unseren Sprachgebrauch gehalten. Nicht mehr mithalten zu können ist ein Fluch, dem jeder entgehen will.
Dem Schreckgespenst des Alterns entgehen
Erstens gibt es keinen Grund, sich durch Äußerlichkeiten und fremde Erwartungshaltungen unter Druck setzen zu lassen. Zweitens lassen sich die wirklich schlimmen Folgen des Alterungsprozesses in der modernen Welt weitgehend verhindern. Abnehmende Mobilität, chronische Schmerzen und schlussendlich auch die Pflegebedürftigkeit sind in den meisten Fällen die Folge sogenannter Zivilisationskrankheiten. Dabei wissen wir heute, dass diese großteils auf unseren westlichen Lebensstil mit Bewegungsmangel, Stress und falscher Ernährung zurückzuführen – und damit vermeidbar – sind. Und sie zu vermeiden lohnt sich, denn ein höheres Lebensalter hält viele schöne Überraschungen bereit.
Je älter, umso glücklicher
Ob Sie es glauben oder nicht, in späteren Jahren empfindet man mehr Zufriedenheit und Glück als in der Jugend. Ab fünfzig steigt das individuelle Glücksempfinden, den durchschnittlichen Glückshöhepunkt erlebt man im achtzigsten Lebensjahr. Die Kurzformel für diese Glückszunahme lautet: Weisheit und Gelassenheit im Austausch gegen Spannkraft und Faltenlosigkeit. Die Gründe für das Wohlbefinden im Alter liegen in einer veränderten Neurochemie des Gehirns wie auch in der Tatsache, dass die Lebenserfahrung uns lehrt, Emotionen besser im Griff zu haben, Zufriedenheit in kleinen Dingen zu finden und sich nichts mehr beweisen zu müssen. Wer neben dem Erfahrungsschatz des Lebens auch Freundschaften und soziale Verbindungen pflegt, darf sich auf eine weitere fundamentale Glücksquelle im Alter freuen.
Auch Frauen dürfen in Würde altern
Ein anderes Dogma, an dem wir rütteln möchten, ist das gesellschaftlich geprägte Bild der Frau, das für viele zum idealen Selbstbild geworden ist: die multifunktionale Perfektion in allen Lebensbereichen. Egal ob beruflich oder privat: Die junge, sportliche, fitte, schlanke, erfolgreiche Frau ist das Role-Model der Stunde. Man braucht nur einen Blick in die sozialen Medien zu werfen: Endlich gibt es nur noch glückliche, erfolgreiche und schöne Frauen! Die weibliche Fettverteilung ist abgeschafft, Cellulite haben nur diejenigen, die zu faul zum Sporteln sind und Kleidergrößen jenseits der 36 werden besser nicht erwähnt.
Dabei zeigt ein Blick hinter die Kulissen die Auswirkungen dieser Illusion: 91 Prozent der Frauen im deutschsprachigen Raum sind mit ihrem Körper unzufrieden. 45 Prozent aller Frauen mit gesundem Gewicht denken, sie wären übergewichtig, 90 Prozent aller Fälle von Bulimie bzw. Magersucht betreffen Frauen. Allein in Deutschland werden jährlich rund 1,8 Milliarden Euro für Diätmittel ausgegeben, weltweit gehen 90 Prozent der rund 23 Millionen Schönheitsoperationen auf das Konto von Frauen. Zahlen, die in dieser Dimension kaum zu glauben sind und zu deren Veränderung wir mit der Jungbrunnen-Effekt-Serie beitragen wollen. Aus unserer Sicht kommt Schönheit aus einer anderen Quelle.
„Ich fühle mich endlich wohl in meinem Körper, von Diäten habe ich mich verabschiedet“, so lautet eine der häufigsten – und für uns schönsten – Aussagen, die wir im Austausch mit unseren LeserInnen hören. Es geht nicht mehr darum, ein perfektes Image zu erreichen, sondern durch den Jungbrunnen-Effekt Ansätze und Routinen gefunden zu haben, die einen selbstbewussten, kraftvollen und gesunden Lebensstil ermöglichen. So wird der Weg in ein hohes, glückliches und vitales Alter zum freudvollen Vergnügen. Schritt für Schritt. Dieser Lebensstil wird Sie nicht nur innerlich jünger und zufriedener machen, sondern auch äußerlich. Denn der Jungbrunnen ist realer und näher, als man vermuten möchte.

MYTHOS JUNGBRUNNEN
Traum und Wirklichkeit

Die Suche nach dem Jungbrunnen, der Quelle der ewigen Jugend, fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden – wir finden diesen Mythos in unterschiedlichen Ausformungen und unter verschiedenen Namen in fast allen Kulturen und zu allen Zeiten.
Lucas Cranach, „Der Jungbrunnen“, 1546
Der Mensch, der einen Schluck aus dem Jungbrunnen trinkt oder ein Bad darin nimmt, werde von der Bürde des Alterns befreit, besagt der Mythos. Schon in der Antike erzählte man sich von der verjüngenden Wirkung des Wassers aus dem Quellteich der Nymphe Juturna. Alexander der Große, so berichten seine Biographen, soll sich ebenfalls auf die Suche nach dem Quell der ewigen Jugend gemacht haben. Im Mittelalter verbreitete sich dann die Ansicht, dass die Künste der Alchemisten den zeitlichen Verfall aufhalten könnten. Der Mythos der Jungbrunnen-Elixiere stammt aus jener Zeit. Und der „Stein der Weisen“ sollte nicht nur Gold, sondern auch ewige Jugend schenken. In der islamischen Tradition findet sich zu diesem Thema die Geschichte von Al-Chidr. Der mysteriöse Heilige erkannte den Jungbrunnen, als ein toter Fisch, den er darin gewaschen hatte, wieder lebendig wurde. Er nahm einen Schluck aus der Quelle des Lebens, badete darin und wurde der Sage nach unsterblich. Im tibetischen Buddhismus wird die Idee der vom Altern befreiten Menschen den Bewohnern des verborgenen Königreichs „Shambhala“ zugeschrieben, das zahlreichen Literaten als Inspiration gedient hat. Und der englische Schriftsteller James Hilton setzte den immer jungen Bewohnern des fiktiven Himalaya-Tales Shangri-La in seinem Klassiker „Der verlorene Horizont“ ein Denkmal. Auch Maler wie Lucas Cranach haben die Idee des Jungbrunnens in ihren Bildern verarbeitet. Die Populärkultur wiederum hat den Mythos in Hollywood-Blockbustern wie „Fluch der Karibik 4“ oder in Videospielen wie „Indiana Jones and the Fountain of Youth“ aufgegriffen. Aber kann jemand ernsthaft nach dem Jungbrunnen suchen? Und vor allem: Wo und wie könnte man ihn finden?
Die Suche nach dem Jungbrunnen im Silicon Valley
Überraschenderweise lassen sich auch Wissenschaft und Wirtschaft in jüngster Zeit vom Jungbrunnen-Mythos begeistern. Den einen oder anderen Visionär im Silicon Valley, Kaliforniens Zentrum der Hochtechnologie, scheint jedenfalls seit einigen Jahren die provokante Devise „Disrupt Aging“ („Das Altern zerstören“) zu faszinieren. Internet-Pionier und Paypal-Milliardär Peter Thiel sieht die Bekämpfung des Alterns als eine der wichtigsten Herausforderungen für die Menschheit. Deshalb investiert er Millionen in entsprechende Forschungsprojekte – und in Firmen, die sich dem sogenannten „Bio-Hacking“ verschrieben haben. Auch Larry Ellison, Gründer des Software-Konzerns Oracle, hat für die Anti-Aging-Forschung 430 Millionen Dollar gespendet, weil der Tod ihn, wie es heißt, „wütend“ mache. Microsoft-Milliardär Paul Allen soll insgesamt eine halbe Milliarde für den Kampf gegen das Altern und die damit verbundenen Krankheiten zur Verfügung gestellt haben und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg dem Vernehmen nach drei Milliarden für die „Beendigung aller Krankheiten“. Amazon-Chef Jeff Bezos investiert in die Firma Unity Biotechnology, die dem altersbedingten Kranksein ein Ende setzen will – und steht damit in Konkurrenz zur Firma Calico, die von den Google-Gründern Larry Page und Sergey Brin mit 750 Millionen Dollar finanziert wird. Die Unternehmens-Website verkündet das Motto: „Wir bekämpfen das Altern, eines der größten Mysterien des Lebens.“
Allerdings stehen all diese Firmen erst am Anfang ihrer Arbeit und so manche vielversprechende Anti-Aging-Technologie hat sich als riskante Therapie mit gefährlichen Nebenwirkungen herausgestellt. Die künstlich verstärkte Zufuhr des Wachstumshormons HGH etwa steht, wie Studien nahelegen, im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Man darf sich fragen, ob es sich bei diesen hochtrabenden Plänen, das Altern mithilfe der Technologie abzuschaffen, nicht bloß um größenwahnsinnige Wunschträume spleeniger Milliardäre handelt, die sich ihrer Endlichkeit nicht bewusst werden wollen. Ist Alterung nicht etwas Unvermeidbares, das automatisch abläuft und Teil der physischen Existenz ist?

„Disrupt Aging“ – Das Altern zerstören, lautet die provokante Devise der High-Tech-Konzerne im Silicon Valley.

Dinge altern – Lebewesen entwickeln sich
An dieser Stelle gilt es ein paar Begriffe zu definieren: „Altern“ ist ein recht unscharfer, schwammiger Begriff. Streng genommen ist Alterung etwas, dem nur unbelebte Dinge unterliegen. Die Möbel in einem Hotel „altern“: Das Material wird brüchig, rostig oder zersetzt sich. Organismen entwickeln und erneuern sich dagegen ständig; ihr Älterwerden ist mit Wachstum und positiver Reifung verbunden.
Wir denken beim Begriff „altern“ meist nur an die negativen Erscheinungen des Älterwerdens, sprich an seine degenerativen Auswirkungen. Der wissenschaftlich korrekte Begriff dafür ist „Seneszenz“: Die Vergreisung der Zellen. Dabei ist auch die Pubertät Teil des Älterwerdens, hat aber nichts mit Seneszenz zu tun. Beide Prozesse sind biologisch programmiert und müssen nicht zwangsläufig in allen Organismen stattfinden. Altern ohne Seneszenz wäre das Ergebnis eines Bades im Jungbrunnen – und tatsächlich gibt es Organismen, für die der innere Jungbrunnen schon Realität ist.
Der „echte“ Jungbrunnen – und wo wir ihn finden
Ein großer Unterschied zwischen belebten Organismen und unbelebten Dingen ist die Tatsache, dass bei unbelebten Dingen in der physischen Substanz kein Austausch stattfindet, während sie bei belebten Organismen ununterbrochen erneuert wird. Beim Menschen bilden sich täglich 50 bis 70 Milliarden neue Zellen, während die abgestorbenen ausgeschieden werden. Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorf-Schulen und der Anthroposophie, postulierte schon vor über 100 Jahren, dass der Mensch im Laufe von sieben bis acht Jahren seine gesamte physische Materie abstoße und erneuere. Dieser Sieben-Jahres-Zyklus galt lange als Mythos, wurde aber von der Zellbiologie mittlerweile mehr oder weniger bestätigt. Während wir z. B. alle paar Stunden neue weiße Blutkörperchen oder alle zwei bis fünf Wochen eine komplett neue Haut bekommen, kann es für eine neue Leber bis zu zwei Jahre dauern. Das ganze Skelett braucht zur Rundumerneuerung etwa zehn Jahre. Unterm Strich hat sich der Körper eines 80-Jährigen im Laufe seines Lebens mehrmals komplett erneuert. Das Zellmaterial eines Greises ist selbst kurz vor dem Tod noch „frisch wie ein Babypopo“. Warum dann die Falten, der Haarausfall, die Krankheiten und all der Rest an degenerativen Erscheinungen, die wir mit dem Altern verbinden?
Wir bestehen aus Billionen von Körperzellen, die sich ständig erneuern. Warum gibt es trotzdem einen körperlichen Verfall?
Auch wenn es noch viele offene Fragen gibt, wird immer offensichtlicher, dass der Prozess des Alterns vielleicht doch verlangsamt, gestoppt oder sogar umgekehrt werden könnte. Es scheint allerdings, dass die Natur genau das nicht beabsichtigt. Für das Individuum mag es tragisch sein, wenn der Körper verfällt und der Tod naht. Im Sinne der Arterhaltung ist es allerdings ein großer Vorteil, dass der einzelne Mensch nicht allzu lange lebt, sondern sich paart und dann seinen Nachkommen die Ressourcen überlässt. Durch die ständige Rekombination der Erbsubstanz kann sich die Art schneller und besser an die Umwelt anpassen. Für die Evolution sind ewig lebende, immer junge Individuen kein Vorteil – im Gegenteil: Zur genetischen Optimierung braucht es den ewigen Kreislauf von Geburt, Nachkommenschaft und Tod.
Die „unsterbliche Qualle“ Turritopsis dohrnii bleibt ewig jung.
Wie in so vielen anderen Bereichen könnte es aber auch hier sein, dass sich der Mensch irgendwann über die Natur hinwegsetzt oder ihre Prinzipien in seinem Sinne zu nutzen beginnt. Tiere wie die „unsterbliche Qualle“ Turritopsis dohrnii zeigen uns, dass der Jungbrunnen eine biologische Realität sein kann. Altersforscher wie David Sinclair von der Harvard Medical School sind der Ansicht, dass diese Prinzipien auch auf den Menschen umgelegt werden können. Für ihn ist die Frage nicht, ob, sondern nur wann sich Menschen wie die „unsterbliche Qualle“ immer wieder ein Bad im Jungbrunnen gönnen werden, um sich auf zellulärer Ebene komplett zu regenerieren. Vorerst ist das noch Zukunftsmusik. Das wachsende Verständnis über die Mechanismen des Alterns eröffnet uns dennoch Möglichkeiten, uns zu verjüngen – oder die Vergreisung der Zellen zumindest zu verlangsamen.
INFOBOX
Die „unsterbliche Qualle“ und andere alterslose Wesen
Viele niedere Organismen wie Algen, Amöben oder Süßwasserpolypen sind potenziell unsterblich, auch wenn ihre Lebenserwartung durch Fressfeinde und ökologische Veränderungen natürlich begrenzt ist. Das degenerative Altern scheint primär auf höhere Organismen mit geschlechtlicher Fortpflanzung begrenzt zu sein, vor allem im Tierreich. Bei den Pflanzen finden wir dagegen zahlreiche hochkomplexe Organismen, die nach gegenwärtigem Kenntnisstand ebenfalls nicht altern müssen. Eine tausendjährige Stieleiche produziert jedes Jahr Blätter und Eicheln von derselben Qualität. Diese Blätter unterscheiden sich in ihrer jugendlichen Frische in nichts von denen einer nur 50-jährigen Stieleiche. Wenn der Baum stirbt, geschieht dies durch äußere Einflüsse wie einen Waldbrand, durch Pilzbefall oder weil er gefällt wird.
Besonders beeindruckend sind in diesem Zusammenhang die amerikanischen Mammutbäume. Da sie über Jahrtausende hinweg nicht aufhören zu wachsen, erreichen sie Höhen von über 100 Metern und nicht selten ein Gewicht von mehr als 2.000 Tonnen. Ihr Leben ist bedroht von Klimaveränderungen oder durch Parasiten, aber nicht, weil sie alt werden. Der älteste bekannte Baum der Erde ist übrigens „Pando“, eine amerikanische Zitterpappel im Fishlake National Forest in Utah. Mit einem Gewicht von geschätzten 6.000 Tonnen ist Pando nicht nur das älteste Lebewesen des Planeten, sondern auch das schwerste. Es existiert seit geschätzten 80.000 Jahren und treibt noch immer jedes Jahr junge Stämme aus. Sogar im Tierreich meinen Wissenschaftler einige seltene Ausnahmen entdeckt zu haben, die die Natur anscheinend vom degenerativen Altern befreit hat.
Der arktische Ozean ist die Heimat von Tieren, die schon gelebt haben, bevor Kolumbus Amerika entdeckt hat: Wissenschaftler haben einen Grönlandhai gefangen, dessen Alter auf 510 Jahre datiert wurde. Exemplare dieser Art werden erst mit 150 Jahren geschlechtsreif und wenn sie altern, dann äußerst langsam. Auch für die amerikanische Sumpfschildkröte, den Felsenbarsch Sebastes aleutianus und sogar – als einziges Säuetier – den Nacktmull wird eine sogenannte „vernachlässigbare Seneszenz“ vermutet. Im Gegensatz zu alternden Tieren bleibt ihre Sterberate mit zunehmendem Alter konstant. Die Beweisführung gestaltet sich allerdings schwierig, da auch diese Tiere in freier Wildbahn auf der Speisekarte zahlreicher Fressfeinde stehen und Opfer von Krankheiten oder Katastrophen werden können.
Im Polarmeer leben Grönlandhaie mit einem Alter von über 500 Jahren.
Ein jahrtausendealter Mammutbaum produziert noch immer die gleichen jugendlich frischen Blätter wie ein 50-jähriger Artgenosse.
Zu Tieren in Gefangenschaft fehlen noch Daten über ausreichend lange Zeiträume – das Postulat der „vernachlässigbaren Seneszenz“ wurde erst im Jahr 1990 aufgestellt. Damals hat man die unglaublichen Fähigkeiten der „unsterblichen Qualle“ Turritopsis dohrnii in ihrer Bedeutung für die Gerontologie erkannt. Wenn ihre Lebensfunktionen nachlassen, lässt sich diese unscheinbare Qualle auf den Meeresboden sinken, regeneriert ihr gesamtes Zellvolumen und bringt es in den Urzustand zurück. Wir können das Tier gleichsam beim „Bad im Jungbrunnen“ beobachten: Turritopsis dohrnii lebt ohne zeitliche Begrenzung in einem immer jungen Körper, solange sie nicht dem Katastrophentod zum Opfer fällt.

DAS MYSTERIUM DES ALTERNS
Warum altern wir? Mechanismen des körperlichen Verfalls

Altern ist ein Mysterium, das die Wissenschaft noch immer nicht zur Gänze enträtselt hat Lange verwechselte man es mit Abnützung. Stattdessen verbergen sich dahinter komplexe Entwicklungsprozesse im Dienste der Evolution. Kein Naturgesetz und kein Gen zwingen uns zum körperlichen Verfall.
Bis in die 1950er Jahre glaubte man, dass das Altern bzw. seine degenerativen Folgen im Prinzip Abnutzungsmechanismen seien. Durch die Fortschritte der Molekularbiologie musste diese Sichtweise abgelegt werden. Doch die hochkomplexen Prozesse des Verfalls im Laufe der Jahre werden bis heute nicht in ihrer Gesamtheit verstanden. Es existieren mehr als 300 unterschiedliche Theorien zum Altern und keine einzige kann die Summe an degenerativen Vorgängen, die sich im Laufe der Jahre im Organismus summieren und schließlich zum Tod führen, vollständig erklären.
Es existiert kein Naturgesetz, das uns das Altern vorschreiben würde. Es wurde noch nicht einmal ein spezielles „Alterungsgen“ gefunden. Deshalb sind manche Gerontologen wie der Brite Aubrey de Grey oder David Sinclair von der Harvard Medical School der Ansicht, dass das Altern vielmehr eine Art Krankheit sei, von der wir irgendwann geheilt werden können. Einig ist sich die Wissenschaftsgemeinde nur, dass eine Vielzahl von Faktoren zur Vergreisung des Körpers beiträgt. Nicht wie, aber warum es geschieht, versuchen die Evolutionstheorien des Alterns zu erklären.
Die ersten Lebewesen auf diesem Planeten alterten gar nicht, vermuten die Evolutionsbiologen. Altern entstand erst im Laufe des Evolutionsprozesses bei höheren Lebewesen, weil es ihnen die Möglichkeit gab, sich schneller an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. „Die Alten“ machten so regelmäßig Platz für die genetisch optimierten Nachkommen und nahmen ihnen nicht die Ressourcen weg. In diesem Zusammenhang steht auch die von dem britischen Gerontologen Tom Kirkwood entwickelte „Disposable Soma Theory“ – also die Theorie vom Körper, der gleichsam überflüssig wird, sobald er sich ausreichend fortgepflanzt hat. Der alte Körper wird entsorgt, um neuen, durch geschlechtliche Fortpflanzung verbesserten Körpern Platz zu machen. Organismen verfügen über zahlreiche Reparaturverfahren, um gealterte Zellen oder ganze Organe zu ersetzen. Mit zunehmendem Alter steckt der Körper aber immer weniger Energie in seine Erneuerung, sodass sich die Mechanismen des Alterns so lange entfalten, bis der Körper nicht mehr lebensfähig ist. Um welche Mechanismen es sich dabei handelt, also wie wir altern, versuchen die Schadenstheorien zu erklären.

Ist das Altern eine Art Krankheit, von der wir irgendwann geheilt werden können?


Freie Radikale schädigen unsere Körperzellen.
Schadenstheorien – Zellschäden als Ursachen des Alterns
Zellinterne Alterungsmechanismen und auch äußere Faktoren führen im Laufe der Zeit zu einer Ansammlung von Zellschäden, die in Summe den körperlichen Verfall verursachen. Die Schadenstheorien erklären uns, wie wir diesen Prozess verlangsamen können.
Freie Radikale – die Zellzerstörer
Die Theorie der freien Radikale zählt zu den bekanntesten Schadenstheorien. Sie wurde 1956 vom amerikanischen Gerontologen Denham Harman entwickelt und erlangte in den 1990er-Jahren große Popularität.
Bei freien Radikalen handelt es sich um eine Gruppe aggressiver Zwischenprodukte des Stoffwechsels, die ununterbrochen in unseren Zellen entstehen. Als hochreaktive aggressive Sauerstoffverbindungen schädigen sie die Zellen und ihre Erbsubstanz. Wobei sie paradoxerweise in der richtigen Menge und am richtigen Ort auch einen gesundheitlichen Nutzen bringen können, da sie die Widerstandskraft unserer Zellen „trainieren“.
Je nach Nahrungsaufnahme, Tätigkeit und Verhalten entstehen unterschiedlich viele freie Radikale. Bei einem einzigen Zug an einer Zigarette wird rund eine Billiarde davon gebildet. Grundsätzlich sind freie Radikale auch bei einem gesunden Lebenswandel integraler Bestandteil unseres Stoffwechsels. Je höher unsere Stoffwechselrate, also je mehr Oxidationsprozesse im Körper stattfinden, desto größer ist der oxidative Stress durch die freien Radikale und desto schneller nehmen die Zellen Schaden. Lange Zeit ging man deshalb davon aus, dass eine höhere Stoffwechselrate mit einer schnelleren Alterung in Verbindung steht – und zu einem gewissen Teil stimmt das auch. Sport führt allerdings ebenfalls zu einer erhöhten Stoffwechselrate und es ist wissenschaftlich gut belegt, dass regelmäßige Bewegung das Leben verlängert und die Gesundheit verbessert. Ähnlich widersprüchlich verhält es sich mit den freien Radikalen selbst. Vergleichende Studien mit unterschiedlichen Tieren konnten zeigen, dass die Lebenserwartung stark mit der Fähigkeit zusammenhängt, oxidativen Stress zu überstehen.
Unser Körper verfügt erfreulicherweise über zahlreiche Mechanismen, um durch freie Radikale verursachte Schäden wieder zu reparieren. Mit der Nahrung können wir die sogenannten Antioxidantien, wie etwa Vitamin C, zu uns nehmen. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass die Futterbeigabe von Antioxidantien die Lebenszeit verlängert. Das führte vor allem in den 1990er-Jahren zu einem Boom der Antioxidantien in der Lebensmittel- und Nahrungsergänzungsindustrie. Die Euphorie wurde allerdings durch widersprüchliche Forschungsergebnisse gebremst. In den 2000er-Jahren wurde nachgewiesen, dass bei Antioxidantien „mehr“ nicht immer besser ist: In umfangreichen Studien an Universitäten wie der ETH Zürich oder der Universität Kopenhagen wurde die Einnahme künstlich zugeführter Antioxidantien wie Betacarotin, Selen oder die Vitamine C und E mit der Wirkung von Placebo-Pillen verglichen. Im Gegensatz zur früheren Ansicht, dass diese Stoffe im schlimmsten Fall nichts nützen, stellte sich heraus, dass die regelmäßige Einnahme von Vitaminen dem Körper sogar schaden kann. Die Überflutung des Organismus mit synthetischen Antioxidantien führt nämlich dazu, dass seine Fähigkeit, sich gegen Krankheiten und Alterungsschäden zu wehren, sukzessive abnimmt. Zu wenige freie Radikale im Körper beschleunigen also sogar den Alterungsprozess. Es geht um eine angemessene Balance zwischen freien Radikalen und den sie bekämpfenden Antioxidantien – und die Natur hat genau die richtige Menge davon in ihren Früchten platziert. Natürliche antioxidative Nahrung sollte unbedingt Teil der Jungbrunnen-Küche sein und entfaltet garantiert viele positive (Anti-Aging-)Wirkungen.
Rauchen erzeugt freie Radikale im Übermaß.
Verkürzung der Telomere – der Alterscountdown
Der Mensch besteht aus etwa 70 bis 100 Billionen Zellen. Um die Körpersubstanz ständig zu erneuern, um zu wachsen oder Wunden zu heilen, teilen sich die Zellen – je nach Art alle paar Stunden oder Tage oder in deutlich längeren Zeiträumen. Um eine exakte Kopie der alten Zelle herstellen zu können, befindet sich die DNA mit ihren Genen, quasi der Bauplan, im Zellkern: Sie steckt, fein säuberlich aufgerollt und strukturiert, in den Chromosomen, die an ihren Enden eine Art von Schutzkappen haben – die sogenannten Telomere. Manche vergleichen die Telomere mit den Plastikkappen an den Enden von Schnürsenkeln. Wenn sie fehlen, fransen die Schnürsenkel aus und werden unbenutzbar. Ähnlich verhält es sich mit den Telomeren. Sie sind bei unserer Geburt noch sehr lang und verkürzen sich bei jeder Zellteilung parallel zum Altern. Die Telomere werden immer kürzer und die Qualität der „Kopien“ immer schlechter, bis die Zellen ihre zentralen Funktionen nicht mehr erfüllen können. Sie verlieren ihre Teilungsfähigkeit – der programmierte Zelltod wird eingeleitet. Die Altersforscher sprechen von der sogenannten Hayflick-Grenze. Dieser „Alterscountdown“ bietet eine Erklärung dafür, warum der Mensch nicht älter als rund 120 Jahre werden kann und sich in der zweiten Lebenshälfte mit einer zunehmenden Zahl von Erkrankungen konfrontiert sieht. Die Verkürzung der Telomere ist ein beständig ablaufender Prozess. Umwelteinflüsse und Lebensstil-Entscheidungen wie z. B. Rauchen können diesen deutlich beschleunigen. Wie gut, dass es in unserem Körper Mechanismen gibt, die die Verkürzung der Telomere verlangsamen und den „Alterscountdown“ bis zu einem gewissen Grad auch wieder zurücksetzen können (siehe „Jungbrunnen-Werkzeuge – Körpereigene Strategien der Verjüngung“ ab Seite 45).
Seneszente „Zombie“-Zellen beschleunigen den Alterungsprozess.
Seneszente Zellen – Angriff der „Zombies“
Etwa ab einem Alter von vierzig Jahren beginnt im Körper etwas schiefzulaufen. Manche Zellen, die eigentlich beseitigt werden sollten, weil ihre Telomere zu kurz sind oder weil ihr Erbmaterial aus anderen Gründen beschädigt wurde, verbleiben im Körper. Sie können sich zwar nicht mehr teilen und sind eine Belastung für den Organismus, vegetieren aber weiter und sondern dabei alarmierende „Panik-Botenstoffe“ ab, die auch gesunde Zellen in der Umgebung zu schädigen beginnen. Immer mehr dieser „Zombie“-Zellen sammeln sich im Gewebe an und werden zur Ursache von chronischen Entzündungen, die den Prozess der Alterung beschleunigen. Glücklicherweise gibt es Stoffe, sogenannte Senolytika, die gezielt den Tod und Abtransport der „Zombie“-Zellen einleiten und so den Körper wieder verjüngen.
Chronische Entzündungen beschleunigen das Altern
Im Prinzip sind Entzündungen biologisch sinnvolle Abwehrreaktionen, um etwa einen Krankheitserreger zu bekämpfen. Solche akuten Entzündungen sind ein ganz wesentlicher Mechanismus des Immunsystems, im Gegensatz dazu haben chronische Entzündungen keinen definierten messbaren Auslöser. Sie verlaufen unterschwellig, ohne klare Kennzeichen und Symptome. Es handelt sich um Fehlreaktionen, die den Organismus langfristig schädigen. Chronische Entzündungen werden mit einer ganzen Reihe von altersassoziierten Erkrankungen in Verbindung gebracht und gelten mittlerweile selbst als eine Ursache für das Altern. Im Amerikanischen wurde deshalb das Hybrid-Wort „Inflammaging“ aus den Worten „Inflammation“ (Entzündung) und „Aging“ (Altern) geprägt.
Von seneszenten Zellen abgesonderte „Panik-Botenstoffe“, die Zytokine, gelten als ein Faktor, der chronische Entzündungen befördert – aber nicht als einziger. Inzwischen werden auch ungesunde Ernährung (siehe „Die Alterungsbeschleuniger“ ab Seite 31), Schlafmangel und Stress als wesentliche Faktoren gewertet. Zudem bestärkt ein unausgewogenes Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren, das oft als Folge unserer modernen Ernährungsweise entsteht, diesen Alterungstreiber in unserem Körper (siehe Infobox „Omega-3: das Anti-Aging-Fett“ Seite 50).
Glykation: die verheerende Verzuckerung des Körpers
Im Laufe des Alterns kommt es im Körper vermehrt zur Reaktion von Proteinen und Fetten mit Kohlenhydraten und damit zur Entstehung sogenannter Advanced Glykation End Products (AGEs). Diesen als Glykation bezeichneten Prozess können wir auch außerhalb des Körpers beobachten, z. B. wenn wir Fleisch braten und eine braune Kruste entsteht. Je mehr Kohlenhydrate, vor allem Zucker, wir zu uns nehmen und je mehr Stress wir haben, desto mehr AGEs entstehen auch in unserem Körper. Wir werden gleichsam von innen heraus „knusprig gebraten“. Allerdings bekommen wir keine braune Haut, sondern eine faltige: Die biochemische Reaktion mit den Zuckermolekülen schädigt die Proteine Kollagen und Elastin, die der Haut Elastizität und Spannkraft geben. Ein jahrelanger hoher Zuckerkonsum und ein überhöhter Blutzuckerspiegel lassen sich daher direkt am Zustand der Haut ablesen. Darüber hinaus werden die AGEs mit zahlreichen weiteren Alterserscheinungen und Alterserkrankungen in Verbindung gebracht wie Alzheimer, Osteoporose, Arthritis, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch mit chronischen Entzündungen.
Informationstheorie des Alterns
Erbinformationen werden im Laufe der Zeit immer schlechter lesbar, was die Zell-Seneszenz und damit Alterungserscheinungen verursacht: Diese Theorie lehrt uns, wie sich „Lesefehler“ in unsere Zellen einschleichen – und wie sie wieder behoben werden können.
Epigenetische Veränderungen
Um den Körper jung und gesund zu erhalten, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Körperzellen in der immer gleichen Qualität und Perfektion „kopiert“ werden. Leider können sich durch innere und äußere Faktoren Fehler in die Erbinformation einschleichen. Wird dann der Zellbauplan beschädigt, ist auch die daraus entstehende Zelle fehlerhaft. Glücklicherweise verfügt der Körper über zahlreiche Mechanismen, um Brüche und Schäden an den DNA-Strängen der Gene zu reparieren.
In jeder einzelnen Körperzelle befinden sich alle rund 20.000 Gene des menschlichen Zellbauplans, des sogenannten Genoms. Wie weiß nun eine Zelle, ob sie sich zur Gehirnzelle, zur Leberzelle oder zur Hautzelle entwickeln soll? Welche Gene müssen dazu jeweils ein- und ausgeschaltet werden? Nun, darüber entscheidet eine weitere Informationsebene im menschlichen Erbmaterial – das Epigenom. Der Altersforscher David Sinclair vergleicht das menschliche Genom mit seinen rund 20.000 Genen mit der digitalen Information auf einer Musik-CD. Den analogen Ausleseprozess durch den CD-Player vergleicht er mit dem Epigenom.
Während die digitalen Informationen selbst sehr stabil sind, können durch manuelle Abnutzungen Kratzer auf der Oberfläche der CD entstehen – der CD-Player kann die Information nicht mehr richtig auslesen. Je öfter wir die CD benutzen und je schlechter wir darauf achtgeben, desto mehr Gebrauchsspuren und Kratzer werden den Laser des Players stören. Zuerst wird dies kaum hörbar sein, aber je stärker sich die physischen Abnutzungen auf der CD-Oberfläche abzeichnen, desto verzerrter wird die Information, bis die Musik nur noch aus Störgeräuschen besteht und der Player aufgibt. Für die Zukunft haben Gerontologen wie David Sinclair die Vision, dass wir uns die Informationen quasi von einer Backup-CD holen und unsere Erbinformationen in regelmäßigen Abständen wieder auffrischen. Wir könnten uns vielleicht alle zehn bis zwanzig Jahre gegen das Altern „impfen“ lassen. Doch auch, wenn das in der Theorie vielleicht vorstellbar ist, in der Praxis sind wir noch weit davon entfernt.

Wie die Kratzer auf einer Audio-CD – schlechter lesbar werdende Erbinformation führt zu körperlichem Verfall.
Die Informationstheorie des Alterns, wie David Sinclair seine Theorie bezeichnet, kann uns aber auch heute schon dabei helfen, zumindest langsamer zu altern. Die Erkenntnisse über die epigenetischen Zusammenhänge helfen uns dabei, weniger „Kratzer“ auf unserer Jungbrunnen-CD zu hinterlassen. Außerdem geben sie uns die Werkzeuge in die Hand, um sie teilweise wieder aufzupolieren und die „Symphonie unseres Körpers“ von Störgeräuschen und Verzerrungen zu befreien. Durch unsere Lebensstilentscheidungen haben wir viel mehr Einfluss auf den Alterungsprozess, als in der Vergangenheit vermutet wurde.
Genetik versus Lebensstil – Wie viel Einfluss haben wir auf den Alterungsprozess?
Jeder kennt jemanden, der trotz ungesunder Gewohnheiten ein Leben lang gesund war, während ein anderer, der sich immer bewusst ernährt hat, schwer erkrankt ist. Solche Fallgeschichten lassen sich wissenschaftlich kaum aufarbeiten. Jeder Mensch bringt unterschiedliche Erbinformationen mit. In den meisten Fällen wissen wir zudem wenig darüber, welche positiven Einflüsse den negativen Lebensstilentscheidungen gegenübergestanden sind und warum sie sich auf die jeweilige Person mit ihrem einzigartigen Erbmaterial gerade so auswirken. Eine große Chance bietet da die Zwillingsforschung: Die Wissenschaft kann hier immer zwei Menschen untersuchen, die über exakt die gleiche DNA verfügen. So lässt sich feststellen, wie sich unterschiedliche Umwelteinflüsse bei gleicher Erbinformation manifestieren. Es reicht oft schon, wenn man Fotos von Zwillingen optisch vergleicht. Wenn einer der beiden jahrelang Kettenraucher war und der andere Nichtraucher, so ist ihr Genom noch immer gleich. Der eine hat allerdings größere Tränensäcke, eine fahlere, faltigere Haut und ein hängendes Doppelkinn. Der eine überlebt den anderen womöglich um viele Jahre, weil er bestimmte Krankheiten nicht bekommt. Im Einzelfall hat auch das keine Aussagekraft. Werden allerdings Tausende von eineiigen Zwillingen verglichen, wie das schon in zahlreichen Studien mit Blick auf die Lebenserwartung und das biologisches Alter geschehen ist, kommen wir zu einem überraschenden Ergebnis. Altersforscher schätzen den Anteil des genetischen Einflusses auf den Alterungsprozess auf lediglich zehn bis 25 Prozent. Die Art und Weise, wie wir altern, liegt also zum größten Teil in unseren Händen und hängt davon ab, wofür und wogegen wir uns entscheiden, welchen Gewohnheiten wir uns hingeben und welchen besser nicht.

DIE ALTERUNGS- BESCHLEUNIGER
Moderne Industrienahrung als Alterungsdiät

Neben Dauerstress, Schlafmangel und Genussgiften fördert die moderne Ernährungsweise wie kaum ein anderer Faktor den körperlichen Verfall. Die industrialisierte Lebensmittelproduktion verursacht mit ihren denaturierten Zutaten verschiedenste Zivilisationskrankheiten und beschleunigt den Alterungsprozess.
Dauerstress und denaturierte Lebensmittel machen uns alt.
Was uns alt macht
Dauerhafter Stress und ein ständig erhöhter Level des Stresshormons Cortisol schwächen das Immunsystem, gelten als Auslöser chronischer Entzündungen und lassen sich oft auch unmittelbar am Hautbild ablesen. Ein gesundes Maß an Stress hingegen ist durchaus hilfreich, sorgt für Höchstleistungen – und nicht zuletzt auch für Glücksgefühle. Wie ungünstig sich ein Leben gegen die innere Uhr auf Gesundheit und Alterung auswirkt, hat die Erforschung der zirkadianen Rhythmen gezeigt. Schichtarbeiter etwa setzen sich einem deutlich höheren Gesundheitsrisiko aus. Schlechter Schlaf bzw. Schlafmangel sind echte Alterungstreiber.
Dass der dauerhafte Konsum von (Genuss-)Giften der Gesundheit schadet, ist allgemein bekannt. Rauchen z. B. verkürzt die Telomere, schädigt die Zellen bei jedem Lungenzug und befeuert chronische Entzündungen. Befreien Sie sich am besten vorgestern statt morgen von diesem Laster! Manche Genussmittel wie Wein, speziell Rotwein, oder schwarzer Kaffee können in Maßen genossen aber auch positive gesundheitliche Effekte haben. Ebenso gesundheitsschädlich wie das Rauchen wird mittlerweile Bewegungsmangel eingeschätzt. Aus Vergleichsstudien mit eineiigen Zwillingen weiß man, dass Menschen, die viel sitzen, deutlich schneller altern und eine kürzere Lebenserwartung haben als ihre bewegungsfreudigeren Zwillingsschwestern oder -brüder – trotz derselben Gene.
Die Alterungsbeschleuniger Dauerstress, Schlafmangel, schädliche Strahlungen und Gifte, auch Genussgifte, sind mittlerweile gut erforscht und auch in den Medien breit publiziert. Wie sehr hingegen vermeintlich „normales“ Essen aus dem Supermarkt, oftmals sogar beworben mit gesundem Image, unser Leben verkürzt, hat das kollektive Bewusstsein allerdings noch nicht zur Gänze erreicht.
„Western Diet“ – die Alterungs-Diät
Über Jahrhunderte hinweg ist die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen stetig gestiegen. Statistiker des Centers for Disease Control and Prevention, einer US-amerikanischen Gesundheitsbehörde, beobachten seit 2014 allerdings eine beunruhigende Trendwende: Der statistisch deutlich sichtbare Rückgang der Lebenserwartung in den USA hat zu einem großen Teil mit dem Anstieg der sogenannten Zivilisationskrankheiten zu tun. Dass diese Trendwende ausgerechnet in den USA, dem Zentrum der Fastfood-Industrie, am stärksten ausfällt, ist kein Wunder: Immer mehr Studien weisen darauf hin, dass die moderne, industriell zubereitete Nahrung, im Fachjargon „Western Diet“ genannt, für viele Krankheiten (mit-) verantwortlich ist.
Eine 2019 veröffentlichte Vergleichsstudie aus 195 Ländern hat ergeben, dass ungesunde Ernährung das größte Gesundheitsrisiko weltweit darstellt. Elf Millionen Todesfälle und 255 Millionen durch Krankheit beeinträchtigte Lebensjahre waren im Jahr 2017 einer Ernährungsweise anzurechnen, die sich u. a. durch einen Mangel an frischem Obst und Gemüse, durch zu wenige Vollkornprodukte, aber zu viel Fleisch, Zucker und Salz sowie industrielle Zusatzstoffe auszeichnet. Zahlreiche Autoren weisen darauf hin, dass „Processed Food“ (industriell verarbeitete Nahrung) eine größere Bedrohung für das Leben der Menschen darstellt als sämtliche Gewaltverbrechen und Krankheitserreger zusammen. Warum? Ganz einfach: Weil die Bedürfnisse der Nahrungsmittelindustrie und die unseres Organismus in vielen Bereichen gegenläufig sind. Die Industrie braucht haltbare Produkte und dazu müssen Lebensmittel so gut wie möglich „abgetötet“ und sterilisiert werden. Die Konservierungsstoffe, die hier zum Einsatz kommen, schaden jedoch nicht nur den Bakterien in den Nahrungsmitteln, sondern auch den lebenswichtigen Bakterien in unserem Darm. Außerdem werden Hunderte andere Chemikalien und Zusatzstoffe eingesetzt, etwa um Optik oder Konsistenz des Produktes zu verbessern. Für unseren Organismus sind diese Stoffe jedoch oft nicht nur wertlos, sondern sogar schädlich.
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