Read the book: «Heimische Exoten»
Mareike Milde
Heimische Exoten
22 Geschichten von Tieren, die zu uns kamen Meine Reise durch unsere neue Tierwelt

für Annabelle
Inhalt
Vorwort
Begrifflichkeiten
Ausgebüxt und eingestiegen: Die unverfrorenen Waschbären aus Kassel
Die Gefahrenfracht aus der Latrine: Wie sich der Waschbärenspulwurm seine Wirte sucht
Die Pendel-Flamingos aus dem Münsterland
Auf der Suche nach dem Gelben Drachenwels in Niederbayern
Auf der Pirsch nach dem Hirsch in Schaffhausen: Das Sikawild
Südamerikanische Laufvögel auf rapsgelben Äckern: Die Nandus von der Wakenitzniederung
Einmal Asien und retour: Die umtriebige Wollhandkrabbe aus Rendsburg
Halb Ratte, halb Biber und eigentlich ein Riesenmeerschwein: Die Nutria
Quer durch die Tiefsee nach Bremerhaven: Der trojanische Siegeszug des Aal-Schwimmblasenwurms
Pechschwarz gewedelt und dann serviert: Die Schwarzmundgrundel
Kurzsprint ins Verderben: Die verschwundenen Mufflons aus der Göhrde
Ein halbes Jahrhundert unter falscher Flagge: Die Spanische Wegschnecke, die gar keine ist
Auf den Spuren der verschwundenen Kängurus von Burg Stargard
Die Krabbelinvasion von Rheinstetten oder: Der Kalikokrebs
Der rotglühende Klimaflüchtling aus dem Süden: Die Feuerlibelle
In Berlin wird Wohnraum nicht nur über Wasser knapp: Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs
Das tropische Alpenaquarium oder: Von Buntbarsch, Antennenwels, Platy und einem Berliner Bekannten in Kärnten
Von der Sylter Royal ohne adeligen Stammbaum
Der Erfolgszug des Indischen Halsbandsittichs und dessen farbenfrohe Besetzung des Rheingürtels
Bier mit Schuss: Ein Abend mit der Rosskastanien-Miniermotte
Von gefährlichen Euroasiaten und akzeptierten Nordamerikanern: Die invasiven Burunduks und die harmlosen Chipmunks
Unter Heeresschutz: Die Wölfe vom Schloss Allentsteig
Epilog
Experten, Literatur und Referenzen
Danksagung
Vorwort
Das Thema dieses Buches kam zu mir wie ein Flamingo auf die Kuhweide: sehr unerwartet. Ich nahm gerade eine Auszeit vom Job, um mich selbst mit all meinen Werten und Gewohnheiten einmal grundlegend zu hinterfragen. Alle paar Jahre räume ich mir diesen Luxus des Innehaltens ein. Die Auszeit hilft mir, klar zu sehen, wo ich stehe, ob ich überhaupt noch »gut stehe« und wenn nicht, welche Dinge angepasst werden können. Diesmal wollte ich die Zeit nutzen, um zu schreiben. In meinem bisherigen Alltag hatte ich dafür keine Zeit und würde sie mir auch niemals nehmen. Nun also endlich: ein Buch.
Ein Buch sollte es werden auch über die bunten Papageien auf der Düsseldorfer Königsallee. Schon oft hatte ich diese beobachtet, wie sie als bunte Farbkleckse munter zwitschernd auf den Platanen der Kö sitzen. Schon oft habe ich mich über sie amüsiert und genauso oft über die teils echauffierten Anwohner und Ladenbesitzer, die ihre teuren Mäntel vor dem drohenden Schmodder von oben beschützen wollten und sich lautstark und medial wirksam über diese Schweinerei mokierten. Als Marketingexpertin war es mir unverständlich, dass dieses Thema nicht vielmehr für die Stadt genutzt wird. Ich recherchierte ein bisschen und stellte schnell fest: Exotische Tiere gibt es überall. Teils unbemerkt von der Öffentlichkeit, teils geliebt und verhätschelt, teils verhasst und gemieden.
Und noch eine verblüffende Erkenntnis machte ich: Egal, wo ich in meinem Umfeld von meiner Buchidee erzählte – jeder, wirklich jeder war interessiert und konnte etwas zu diesem Thema beitragen. Das bestärkte mich zusätzlich in meinem Bestreben darüber zu schreiben. So reiste ich zu den Nandus nach Mecklenburg-Vorpommern oder den Flamingos nach Münster und sprach vor Ort mit Rangern, Naturschutzbehörden, Biologen und Wissenschaftlern, Bürgerbewegungen und Anwohnern. Die Tiere in meinen Geschichten entwickelten ein Eigenleben und mutierten zu meinen stillen Stars.
Im Anschluss suchte ich Kontakt zu Verlagen und sprach bei einigen vor. Alle waren begeistert. Keiner wollte verlegen. Es sei zu politisch, zu riskant, aber vor allen Dingen zu regional. Ein Verleger allerdings war Feuer und Flamme für das Thema, und ein paar Wochen später hielt ich meinen ersten Buchvertrag in den Händen. Nun lag eine Mammutaufgabe vor mir, doch ich hatte Verlagsluft geschnuppert und wollte diese neue große Herausforderung unbedingt meistern. Die Uhr tickte, denn bis zur die Abgabe des Manuskripts blieben nur fünf Monate. Sicher eine übliche Zeit für eine Bucherstellung; für mich als Erstlingsautorin eines Sachbuches, noch dazu ohne biologische Vorkenntnisse, recht knapp bemessen. Ich kaufte mir eine riesige Karte der Schweiz, Österreichs und Deutschlands, hängte sie hinter meinen Schreibtisch und pikste überall dort, wo »exotische« Tiere vorkamen, eine Fahne hinein. Und überall dort, wo eine Fahne steckte, begann ich nach Fachexperten zu suchen, die mir vor Ort weiterhelfen konnten und wollten. Letzteres erwies sich als die eigentliche Schwierigkeit.
Der Anfang war holprig. Biologen und Wissenschaftler im Allgemeinen sind eine in sich geschlossene, homogene Gemeinschaft. Es ist schwer, von außen hineinzukommen, besonders wenn man nicht vom Fach ist. Viele antworteten gar nicht auf meine Anfragen. Viele lehnten ab, teils höflich, teils weniger höflich. Wieder andere sagten, über solch ein Thema könnte man nicht unterhaltsam und gleichzeitig fachlich versiert schreiben. Einige rieten mir, nicht so direkte Fragen zu stellen. Andere baten mich, direkte Fragen zu stellen. Einige wiesen mich auf sehr sensible Themen hin, die nicht zu veröffentlichen seien, da die Thematik in der Öffentlichkeit nicht richtig eingeordnet werden könne. Ein Experte riet mir gar, einen Liebesroman zu schreiben – dazu bräuchte man kein Biologiestudium.
Es war zu spät. Mein Interesse war entfacht, ich blieb hartnäckig. Wo es ging, versuchte ich Kontakte herzustellen, und wo es nicht ging, tauchte ich in regelmäßigen Abständen immer wieder auf. Was einst als schöne, unterhaltsame Idee für ein Buch begann, war längst schon sehr viel mehr.
Ich las kiloweise Fachbücher, rief Behörden an, besorgte mir Dissertationen und Publikationen zu speziellen Tierthemen, erkundigte mich beim Naturschutzbund, WWF, BUND, bei Thünen-Instituten und beim Alfred-Wegener-Institut, erstellte meterlange Fragebögen, besuchte geführte Wanderungen in Naturschutzgebieten und studierte alle möglichen Länder- und EU-Listen zu gebietsfremden Arten. Mitunter bereiteten mir das Studium und die Auswertung der vielen gegensätzlichen Aussagen Kopfschmerzen. Mir wurde klar, dass ich für dieses Buch keine »Invasivliste« der Tierarten abarbeiten wollte, bevor ich ihnen überhaupt begegnet war. Ich war einfach gespannt, was an Neobiota flächendeckend zu finden ist und welche Geschichten es zu erzählen gibt, ohne dabei Vorurteile zu haben. Ich wollte die betroffenen Menschen sprechen und ihre Meinungen erfragen und mein Wissen nicht mehr nur aus der Fachliteratur beziehen. Ich beschloss, die Listen beiseitezulegen und unsere neue Tierwelt auf meine Weise kennenzulernen. Immer wieder hatte ich auch Glück und traf auf Experten, die sehr aufgeschlossen für meine Idee waren und mir ihre Hilfe für das Buchprojekt zusicherten – am Anfang nur vereinzelt, mit der Zeit aber immer öfters.
Plötzlich war es gerade diese »Fachblase«, die mir bei der weiteren Recherche half, denn sobald ich einmal einen Fuß in der Tür hatte, wurde ich von einem Experten zum anderen weiterempfohlen. Und das ermöglichte mir den Zugang zu neuen Themen, von deren Existenz ich bislang noch gar nichts wusste. Zum Schluss kamen sogar Fachexperten zu mir und boten an, ihre Ergebnisse über bestimmte Tiere mit mir zu teilen, um dieser Spezies eine Plattform zu geben. Ein erster Schritt war getan. Jetzt wollte ich die Tiere endlich sehen.
Begleiten Sie mich nun, liebe Leser, auf eine Reise durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Unternehmen Sie mit mir lange Zugfahrten, sitzen Sie in dunklen Schreibnächten in Hotellobbys an meiner Seite, stapfen Sie zusammen mit mir über ausgedehnte Testgelände und lassen Sie uns – zu jeder Wetterlage – an interessanten Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und Tieren teilhaben. Ich berichte Ihnen von meinem Versuch, alle Reisen mit Leichtgepäck (nur ein Rucksack!) zu bewerkstelligen, und teile mit Ihnen die Erkenntnis, dass man dabei sehr, sehr schnell falsch packen kann. Ich klettere mit Ihnen über matschige Wanderwege, kauere mit Ihnen und vier Dutzend Aalen in einem wackeligen Fischerboot, vermisse Stechmücken an einem schwülheißen Tag auf einem Donaualtarm und robbe unter den amüsierten Blicken einiger Spaziergänger durch einen warmen Bachlauf in Kärnten. Gemeinsam fahren wir bis an die norddeutsche Grenze zu Dänemark und besuchen das Münsteraner Land an der westlichen Grenze zu den Niederlanden. Wir reisen zum Botanischen Garten in Genf und bewegen uns durch die Kaiserstadt Wien. Doch beginnen wir da, wo einst alles für mich begann. Lassen Sie mich Sie mitnehmen in meine Heimat: die europäische Hauptstadt der Waschbären.
Begrifflichkeiten
Bevor es losgeht, komme ich nicht umhin, mit Ihnen ein paar höchst formelle Begrifflichkeiten abzustimmen. Denn diese Begrifflichkeiten sind zwar üblich, werden aber in der Fachwelt keineswegs einheitlich verwendet.
Fangen wir mit den grundlegenden Begriffen an: Gebietsfremd sind all die Tiere, die nach dem Jahr 1492 in einem Gebiet ansässig geworden sind, obwohl sie eigentlich ihre Heimat woanders haben. Das gilt nur für Tiere, die durch den Menschen eingebracht wurden, sei es absichtlich oder unabsichtlich. Beispielsweise Tiere, die der Mensch ausgewildert hat, um die Pelzversorgung sicherzustellen, lange bevor die Thermojacke erfunden wurde, aber auch Insekten, die mittels Gepäck in einem Überlandflug in ein anderes Land reisen. Die magische Jahreszahl 1492 markiert den Grenzwert in der Biologie, weil Kolumbus damals Amerika eroberte und somit der zarte Ursprung für die Globalisierung gelegt wurde. Ab diesem Moment war es möglich, fremde Arten und Pflanzen von der Alten in die Neue Welt und umgekehrt zu überführen. Zu Beginn geschah das langsamer, dann jedoch immer reger. Dass diese Grenze von Menschen gesetzt wurde, erklärt auch, warum wir in diesem Buch teilweise von nichtheimischen Arten sprechen können, obwohl diese bereits zigtausende Jahre zuvor in unseren Gebieten ansässig waren. Das betrifft zum Beispiel den Kastanienbaum, der vor der Eiszeit bei uns heimisch war, durch die Kälte verdrängt wurde und anschließend auf anderem Wege wieder zurück in unsere Gebiete gelangte.
Das gleiche Prinzip gilt für die einheimischen Tierarten: Was schon vor 1492 hier lebte, kreuchte und fleuchte, gilt als heimisch. Alle Lebewesen, die vor 1492 durch den Menschen in einen neuen Lebensraum kamen, bezeichnet man als Archäobiotika. Die Tierarten, die selbstständig durch Wanderungen oder Lebensraumverlagerungen hierherkommen, egal, ob vor 1492 oder danach, gelten von Beginn an als heimische Tierart.
Hat sich eine gebietsfremde Tierart einmal etabliert, – man spricht in der Regel von drei Generationen eigenständiger Fortpflanzung oder einem durchgehenden Lebensraum von mehr als 25 Jahren, – und kann sich diese Art hier ohne menschliche Unterstützung halten, so zählen diese Tiere zu den Neobiota. Da der gleiche Begriff für Pflanzen und Pilze gilt, spaltete man diesen noch einmal auf: tierische Neobiota werden als Neozoen betitelt, Pflanzen als Neophyten, Pilze und Sporen sind Neomyceten. Bei allen unterscheidet man auch nochmal unter »nicht invasiv«, »potenziell invasiv« und »invasiv«.
Kommen gebietsfremde Tierarten in unser Land, passiert oft nichts. Viele Organismen sterben sofort oder nach einiger Zeit, weil der Lebensraum mitsamt den klimatischen Bedingungen oder der benötigten Nahrung hier auf Dauer nicht zum Überleben reicht. Manche können sich für einen begrenzten Zeitraum halten und sind dann als sogenannte »unbeständige gebietsfremde Arten« vorzufinden.
Aber manchmal vermehren sie sich auch gut und schaffen es, sich in der neuen Umgebung bestens zu akklimatisieren. Dann spricht man von »etablierten gebietsfremden Arten«.
Sollte von diesen Gefahr drohen, hiesige Arten zu verdrängen, indem sie ihnen aufgrund körperlicher Überlegenheit die Nahrung wegnehmen oder Krankheitserreger mit einschleppen, gegen die die einheimischen Arten nicht gewappnet sind, oder, wenn sie sich ungehindert vermehren können, da sie keine natürlichen Fressfeinde haben, dann landen diese gebietsfremden Arten auf der Liste der potenziell unerwünschten Arten. Bestätigt sich die Bedrohung gegenüber der heimischen Fauna und Flora, rutschen sie auf die Black List und werden als invasiv bezeichnet. In diesem Fall darf man gegen sie Maßnahmen ergreifen, die gegenüber der heimischen Tierwelt nicht erlaubt sind: Einige invasive Wildtiere dürfen auch ohne Schonzeit geschossen werden, bis hin zum Versuch der Totalausrottung. Invasive Fischarten müssen getötet werden und dürfen keinesfalls wieder zurück in die Gewässer gelassen werden, wenn sie einmal ins Netz gegangen sind.
Bislang führte jedes Land seine eigenen Listen gebietsfremder Tierarten; im Zuge der EU-Formierung wurde eine übergreifende Liste mit unerwünschten Tierarten erstellt. Die erste dieser Art wurde 2016 herausgebracht und umfasst 37 Pflanzen- und Tierarten. Solch eine Liste zu erheben, sie dauerhaft zu analysieren und immer auf dem neuesten Stand zu halten, ist in der heutigen Welt mit der unglaublichen Vielzahl an Tierimporten und -exporten unmöglich. Zu Beginn der Buchrecherche lebten schätzungsweise 1000 Archäobiotika und Neobiota allein in Deutschland, wovon ca. 230 Arten den Status als Neozoen haben. Die Dunkelziffer, vor allen Dingen in der Insekten- und Einzellerwelt, wird um ein Vielfaches höher geschätzt. Wenn dieses Buch auf den Markt kommt, wird sich die Schätzzahl mit Sicherheit weiter verändert haben. Diese Listen geben einen Anhaltspunkt, gelten aber als unbeständig.
Mitunter kommt es vor, dass eine Tierart auf der Liste landet, die lediglich in einem einzigen EU-Land lebt und als unerwünscht gilt, wie zum Beispiel der Chinesische Muntjak in Großbritannien. Sie merken schon: Was passiert mit dem Chinesischen Muntjak, wenn Großbritannien aus der EU ausgetreten ist (abgesehen vom dem, was mit dem Land passiert)? Verschwindet er von der Liste, weil sein Wildvorkommen in der restlichen EU überhaupt nicht existent ist? Oder bleibt er für den Fall als Platzhalter, wenn er doch einmal bei uns auftauchen sollte? Vielleicht taucht er aber auf und bedrängt andere Tierarten hier gar nicht. Mitunter passieren Missgeschicke, weil es einfach ein Sisyphusunterfangen ist, all diese Tierarten zu erfassen, zu klassifizieren und geeignete Managementprogramme dafür zu entwickeln.

Ausgebüxt und eingestiegen:
Die unverfrorenen Waschbären aus Kassel
Kassel, meine Heimat. Hier komme ich her, hier bin ich aufgewachsen. Dass es nicht zum üblichen Prozedere eines Eigenheimbaus gehört, vor dem Einzug eine Fachfirma mit der Aufrüstung gegen tierische Eindringlinge zu beauftragen, lernte ich erst mit meinem Umzug nach Hamburg. (Wobei es in der Hansestadt ohnehin eher unüblich ist, eigene Häuser zu bauen, aber das ist eine andere Geschichte.)
In dieser Geschichte geht es um die Waschbären, die seit Jahrzehnten zum Kasseler Stadtbild gehören. Überlegungen, die possierlichen Raubtiere in das Stadtwappen zu integrieren, gibt es. Auch befassen sich immer wieder Künstler – nicht nur zur fünfjährigen Weltkunstausstellung documenta – mit den cleveren Bärchen.
Mit einer enormen Bevölkerungsdichte von 60 bis 140 Tieren pro Quadratkilometer ist Kassel die unangefochtene Waschbärenhauptstadt Europas. Doch nicht alle Kasseler freuen sich über diesen Superlativ, zumindest nicht die aus Wilhelmshöhe, dem Vorderen Westen, Kirchditmold und Harleshausen, denn hier sind die kleinen Racker am stärksten vertreten: auf den baumstarken Grundstücken, gesäumt von breiten Straßenzügen rund um die Hessenschanze oder im verwunschenen Bergpark Wilhelmshöhe mit dem stattlichen Herkules, der märchenhaften Löwenburg und den unzähligen Schlupfwinkeln. Hier, wo weite Waldflächen mit ihren malerischen Wasserläufen nahtlos an die Stadt anschließen und an schönen Tagen viele Ausflugsfreudige anziehen, die nach ihrem Aufenthalt die Mülleimer prallvoll mit Köstlichkeiten hinterlassen.
Mehr als zwei Drittel der Kasseler Waschbären leben dauerhaft in der Stadt, davon ca. 45 Prozent in Häusern und Gebäuden, bevorzugt auf Dachböden, in Zwischendächern, unter Giebeln und in erkalteten Schornsteinen.
Und sollte es sich nicht um Waschbärenmütter handeln, die in der zweimonatigen Aufzuchtzeit mit ihren 20 bis 30 Jungen des Nachts lautstark fangen spielen, bekommen das die menschlichen Hausbewohner oft erst mit, wenn das Pipi schon durch die Decke tropft. Und das ist schlecht, denn: Leiden die Tiere an dem bei den Kasseler Waschbären sehr verbreiteten Spulwurm, ist dieser gleich mit eingezogen und eine Komplettsanierung für mehrere Tausend Euro unumgänglich. Dem lästigen Spulwurm widmen wir uns übrigens im nächsten Kapitel.
Ohnehin ist es dann längst zu spät: Dieser Ort ist bereits gebrandmarkt, als Top-Übernachtungsherberge im Lonely Planet der pelzigen Einwanderer. Sie haben ihn unwiderruflich markiert, Sanierung hin oder her.
Der Mensch muss davon ausgehen, dass die Waschbären von nun an immer und immer wieder versuchen werden, ihr einmal erobertes Heim neu zu beleben. Die räuberischen Bären haben diebischen Spaß daran, verschlossene Schlupfwinkel und verriegelte Durchgänge erneut zu knacken. Das gelingt zum einen mit Gewalt – ihre Vorderfüßchen sind kräftig und geschickt –, zum anderen verschaffen sie sich mit List und Wagemut Zugang über steile Häuserkanten und rutschige Dächer. Geduldig kratzen sie sich durch verschlossene Mauerwerke, mitunter monatelang, heben Ziegel an, legen diese nach dem Durchschlüpfen fachgerecht auf ihre alte Position zurück, bauen Höhlen im kuscheligen Dämmmaterial und richten sich ihre Toiletten, sogenannte Latrinen, ein. Oft gibt eine spähende Vorhut der ganzen Bande Bescheid, wenn alles hergerichtet ist. Diese folgt in Scharen und kommt meist lautlos über Nacht. Über die Jahre haben sie sich die Mechanismen einmal geknackter Abwehrsysteme gemerkt. Dieses Wissen können sie jederzeit abrufen und bauen unaufhörlich darauf auf. Sie sind hochintelligent und treiben die Waschbär-Abwehrfirmen vor sich her. Diese sind angehalten, immer komplexere Abwehrsysteme zu entwickeln, um die Tiere dem Menschen vom Leib zu halten.
Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Die Waschbären waren nicht immer da. Eigentlich ist ihre Heimat Nordamerika, wo sie bereits von den nordamerikanischen Ureinwohnern, den Algonkin, als Aroncon (dt.: ›der mit seinen Händen reibt, schrubbt und kratzt‹) verehrt wurden. Es existieren Sagen der Ureinwohner über die Waschbären, deren besondere Augenmaskierung die Algonkin sogar für ihre Gesichtsbemalung übernahmen. Aus dem Namen Aroncon entstand schließlich das englische racoon, welches hierzulande als »Waschbär« übersetzt wurde. Mittlerweile ist weitläufig bekannt, dass das »Waschen« der Beute nichts mit einem Säuberungsvorgang zu tun hat. Die Reinlichkeit ihrer Nahrung ist den Waschbären sogar herzlich egal. Der Vorgang wird lediglich von in Gefangenschaft lebenden Bären ausgeführt, um das Tasten und Erfühlen von Krebsen, Fischen oder Pflanzen in fließenden Gewässern zu imitieren.
Um 1900 wurden die ersten Waschbären nach Deutschland gebracht. In Zuchtfarmen fristeten sie ein schnödes Dasein, bevor ihr dichter Pelz die Hälse feiner Damen schmücken sollte. Schnell büxten einige der cleveren Wesen aus – zuerst in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, später auch in Berlin. Hier kam es übrigens auch zum bekanntesten Zwischenfall der deutschen Waschbärengeschichte: In einer lauen Sommernacht 2017 alarmierten besorgte Anwohner ob eines ohrenbetäubenden Knalls mit begleitendem Lichtblitz die Feuerwehr. Man fürchtete eine Bombendetonation. Wie sich jedoch herausstellte, handelte es sich um einen zweifachen Kurzschluss des Heizkraftwerks Reuter West der Firma Vattenfall, der durch einen in den mehrfach gesicherten Hochspannungsbereich eingestiegenen Waschbären verursacht worden war, welcher genüsslich an einem 110-Kilovolt-Transformator geknabbert hatte.
Notiz am Rande: Dem Waschbären geht es gut, der Strommulti rätselt weiterhin, wie der Einbruch gelingen konnte.
Übrigens ist das Mysterium des spurlosen Einbruchs gar nicht so ungewöhnlich, wie ein anderer Fall beweist: Im Mai 2019 verschaffte sich ein unerschrockenes Pelzbärchen über Nacht Zugang zum Waschbärengehege des Heidelberger Zoos und beschloss fortan, mit seinen gefangenen Kollegen in Eintracht zu leben. Immerhin gibt es dort regelmäßig Essen und für eine so liebenswerte Pflege durch die Betreuer passte sich der Neubewohner sogar in seinem Tages- und Nachtrhythmus an die Zoo-Öffnungszeiten an. Da es aufgrund geltendem EU-Recht dem Zoo untersagt ist, ein invasives Tier in die Freiheit zu entlassen, bleibt »Fred«, wie ihn die Heidelberger nennen, fortan genau dort, wo er jetzt bereits ist: in seinem freiwillig gewählten Exil.
Zurück zu unserer Geschichte: Die Invasion hatte ihren Ursprung im Jahr 1934. Wilhelm Sittich Freiherr von Berlepsch war der Hauptverursacher dieser Bewegung, weil er sich mit Nachdruck für eine Einwilderung der pelzigen Kleinbären stark machte, die die deutsche Fauna und Flora bereichern könnten. »Ein Schaden an der heimischen Natur durch die insektenfressenden Tiere ist mehr als unwahrscheinlich«, sagte Berlepsch und setzte sich so über kritische Stimmen wie etwa jene von Heinrich Hagenbeck, Tierparkdirektor von Hagenbecks Tierpark, hinweg. Berlepsch erhielt nach einigem Hin und Her die Genehmigung von der preußischen Landesjagdbehörde. Ob dies alles wirklich unter persönlichem Einsatz des Behördenleiters, Reichsjägermeister und späterer Reichsluftmarschall Hermann Göring, geschah, ist nicht einwandfrei nachzuweisen. Fakt ist, dass auf diesem Wege zwei aus Pelztierfarmen befreite Waschbärenpärchen in der Revierförsterei Asel am Edersee in Hessen ausgesetzt wurden und sich fortan artig vermehrten. In den Kriegswirren ließ die Aufmerksamkeit, die den Bären einst galt, nach, und hier und da sorgten Bombenabwürfe dafür, dass Pelzfarmen neuen Waschbären die Wälder eröffneten – wie im Edersee-nahen Wolfhagen. Die Aufmerksamkeit für die Waschbären nahm dann erst in den 1950er-Jahren wieder zu, als immer mehr wilde Waschbären immer beharrlicher die Nähe zum Menschen suchten, die diese Gesellschaft fortan als Belästigung wahrnahmen.
Natürliche Feinde wie Wölfe oder Luchse gab es damals nicht mehr. Daher durften die bis dahin unter Naturschutz stehenden Tiere 1954 erstmals mit spezieller Jagdlizenz geschossen werden, um dem wilden Treiben Einhalt zu gebieten. Doch der Schuss ging – wie man so schön sagt – nach hinten los. Denn durch sein behändes Eingreifen schoss der Mensch die Bestände in ungeahnte Höhen: Mit steigender Zahl an getöteten Waschbären stieg die Geburtenrate rapide an – cleverer Evolution sei Dank. Lag der Bestand 1956 gerade bei 285 Bären, stieg er in den Siebzigerjahren bereits auf über 20 000 Exemplare. 2005 schätzten Experten die Waschbären-Population schon auf 200 000 bis 400 000 Tiere deutschlandweit.
Noch immer wird der Waschbär gejagt. 2016 wurden trotz Schonfrist ca. 28 000 Tiere erlegt. Allerdings wird der Bestand mit mehr Umsicht dezimiert als in den letzten Jahrzehnten. Mittlerweile haben die Verantwortlichen begriffen, dass die beste Bekämpfung nicht Töten, sondern Prävention heißt. Es gilt, Gebäude gegen eine Eroberung der cleveren Kletterer hinreichend abzusichern und darüber hinaus etwaige Fressquellen in und an den Häusern (wie Komposthaufen und Müllbeutel, die über Nacht an die Straße gelegt werden) auszutrocknen. Aktuell werden Zwangssterilisation oder das Auslegen von Anti-Baby-Pillen diskutiert. Derweil haben sich die Waschbären weit über Mittel- und Ostdeutschland ausgebreitet. Eine Ausrottung ist längst nicht mehr möglich.
Seit dem 13. Juli 2016 steht der Waschbär auf der EU-Liste der invasiven Arten. Das bedeutet, dass er heimische Tierarten gefährdet oder in ihrer Population stören kann. Hin und wieder kommt es tatsächlich vor, dass Waschbären Füchse aus ihren Bauten vertreiben und sich dort selbst einrichten. Oder dass sie Graureiher in ihrer Brutzeit stören, weil deren Eier eine Delikatesse für sie darstellen, für die sie die Nester plündern. So manches Mal haben sie auch schon freilaufende Hunde angefallen, sobald diese zu nah an die Aufzuchtverstecke der Waschbärenmütter herangekommen waren.
Waschbären werden in der Regel nicht zahm. Sie können es aber effektiv vortäuschen: Die jahrelange Nähe zur Zivilisation hat sie zutraulich gemacht und längst haben sie den Menschen als nahrungsspendende Quelle entdeckt. Mittlerweile sind sie Allesfresser. Egal, ob ordinärer Haushaltsmüll, Kompostabfälle, Kartoffeln aus dem Vorgarten oder eben das Dämmmaterial unter den Dachgiebeln: Alles wird verwertet! Und der freudigen Verwüstung sind dabei keine Grenzen gesetzt. Allerdings kamen der Wolf und in einigen Gebieten auch der Luchs zurück, was für die Zukunft eine natürliche Dezimierung der Bestände vermuten lässt.
Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: Der Plan von Freiherr von Berlepsch ist voll aufgegangen. Die Waschbären sind aus unserer heutigen Fauna nicht mehr wegzudenken.
Oder wie die vielzitierte Pionierin der deutschen Waschbärforschung, Dr. Walburga Lutz, schon 1981 in ihrer Dissertation schrieb: »Es ist müßig zu fragen, ob die Einbürgerung zu begrüßen oder zu verurteilen war, nachdem nahezu das gesamte Gebiet der Bundesrepublik Deutschland besiedelt ist. Die Einbürgerung selbst ist erfolgreich verlaufen und nicht mehr rückgängig zu machen. Wir sollten deshalb mit dem Waschbären zu leben lernen.«

Die Gefahrenfracht aus der Latrine:
Wie sich der Waschbärenspulwurm seine Wirte sucht
Genauso, wie wir uns an den räuberischen Waschbären in unserem Land gewöhnen sollten, ist es gut damit getan, sich der Gefährdung bewusst zu werden, die er uns im Gepäck mitgebracht hat. Denn wie ich schon erwähnte, gibt es da diese Spulwürmer. Im Darm eines Waschbären können bis zu 200 dieser niedlichen Tierchen vor sich hinleben. Bei einer Länge von bis zu 50 Zentimetern ist da schon einiges los im Bauch. Und während es die Waschbären selbst meist nicht so wirklich tangiert, wird es für andere gefährlich, sobald der Waschbär »austritt«. Und das tut er regelmäßig und gern in seinen hierfür extra eingerichteten Latrinen. Mit dem Waschbärenkot gelangen etwa 10 000 bis 20 000 Spulwurmeier in die Freiheit. Und diese überleben – im Gegensatz zum kompostierbaren Kot – ewig lange, bis sie ihre Chance gekommen sehen, sich in hochinfektiöse Larven zu verwandeln und als solche zu schlüpfen. Das passiert, wenn sie zuvor gefressen werden, zum Beispiel von kleineren Vögeln oder Mäusen, die nun als Zwischenwirt fungieren. Die mickrigen Larven warten in ihren Eiern zunächst noch geduldig ab, bis die Eierschale durch die Magensäure ihrer Fresswirte zersetzt wird. Gut verdaut und frisch freigelegt kriechen sie dann von hier aus quer durch das Gewebe und die Darmwand. Das passiert oft zum Leidwesen ihrer Zwischenwirte, denn die dadurch entstehenden Verletzungen führen zu inneren Blutungen, Störungen des vegetativen Nervensystems mit Ausfall der Sehkraft oder der Gleichgewichtsorgane und können Verhaltensänderungen bis hin zu ihrem Tod zur Folge haben.
Diese Beeinträchtigungen betreffen vorwiegend die als Zwischenwirte auserkorenen Tierarten. Größere Tiere oder »falsche« Fressfeinde, auch Fehlwirte genannt, scheiden die Spulwürmer mitunter unbekümmert wieder aus. Während die befallenen Fehlwirte also öfters hinforttraben oder -flattern, bewegen sich die befallenen Zwischenwirte nicht mehr viel. Begegnen Sie so, entkräftet und fluchtunfähig, auch noch einem Waschbären – und wie wir wissen, ist diese Gefahr aufgrund der Waschbärendichte in manchen Gebieten Deutschlands nicht gerade gering – ist ihnen zwar ein erlösendes Ende sicher, für die innewohnenden Larven jedoch beginnt nun das prächtige Leben. Denn erst im Körper des Waschbären können die Waschbärenspulwürmer ihr adultes Stadium erreichen.
Die Larveneier sind übrigens gar nicht zwingend auf einen Zwischenwirt zum Heranwachsen angewiesen. Sie können auch direkt über den Kot in den Organismus der Waschbären gelangen; die gemeinsam genutzten Latrinen sind hierfür die ideale Verbreitungsstelle. (Da sich diese verkürzte Version aber nicht so rasant liest, sei sie hier nur kurz erwähnt.)
Nicht hintanstellen darf man in diesem Kontext die tödliche Gefährdung, die vom Spulwurm auch auf den Menschen ausgehen kann: Eine Ansteckung mit den hochinfektiösen Erregern kann bereits erfolgen, wenn man mit Hand und Schaufel eine Latrine der Waschbären aushebt, die beispielsweise auf dem heimischen Dachboden des Geräteschuppens im Garten angelegt wurde (Waschbärenlatrinen sind immer an erhöhten Stellen zu finden). Wir erinnern uns: Still und heimlich können sie sich dort ausbreiten, während wir des Winters noch im Häuschen kuscheln und keine Ahnung haben, welche Party da in unserem zugefrorenen Garten gefeiert wird.
Mit dem menschlichen Auge lassen sich die Spulwurmeier nicht erkennen. Somit reicht schon die Berührung einer verkoteten Stelle an der Schaufel mit der Hand, die irgendwann – sofern sie nicht sorgsam desinfiziert wurde, vielleicht Stunden später – zum Mund geführt wird. Das passiert schnell und unbeabsichtigt, bei Kindern noch viel häufiger als bei Erwachsenen. Nun wurde der Mensch als Zwischenwirt markiert. Und auch, wenn er nicht im Spulwurmkreislauf der Natur vorgesehen wurde, er also ein Fehlwirt ist, besteht die Gefahr, dass sich die Larven im Menschen festsetzen und durch ihre Wanderung im menschlichen Gewebe Nerven beschädigen und Hirnhautentzündungen auslösen. Die Anzahl der Todesfälle lag in den vergangenen Jahrhunderten bei wenigen zwei Dutzend weltweit, die meisten davon ereigneten sich in den USA. In Deutschland ist ein tödlicher Fall zu verzeichnen. Es ist eine seltene, trotzdem nicht von der Hand zu weisende Gefahr, denn Schätzungen zufolge ist bis zu einem Drittel der hiesigen Waschbären vom Spulwurm befallen. Gegner dieser Theorie beschwichtigen: Der Waschbärenspulwurm ist für Menschen nicht gefährlicher als die Spulwürmer von Katzen oder Hunden – und die Gefahr, sich über Letztere zu infizieren, ist um ein Vielfaches höher, denn mit Katzen oder Hunden leben die Menschen auf engem Raum zusammen.
Darum hier noch eine Warnung an alle, liebe Kinder und liebe erwachsene Leser: Weder Katzenkot noch Waschbärenhinterlassenschaften jemals mit den Händen anfassen! Waschbärenlatrinen sollten nach Möglichkeit von Fachexperten ausgehoben und beseitigt werden. In jedem Fall gilt die Pflicht, hierbei einen Mundschutz zu tragen und Propangas sowie viel Heißwasser zur Beseitigung jeglicher Spuren zu verwenden. Wenn das Wissen um den Spulwurm dabei hilft, die Waschbären nicht mehr durch Fütterungen anzulocken und an die Menschen zu gewöhnen, wäre der Sache vielleicht schon geholfen.

Die Pendel-Flamingos aus dem Münsterland
Nun zu einem etwas schöneren Thema: Dachte ich bisher an Flamingos, kamen mir dösig im Wasser ausharrende, farbenfrohe Vögel in einer atemberaubend schönen Landschaft wie dem Ngorongoro-Krater in Tansania oder der Walvis Bay in Namibia in den Sinn. Immer umgeben von viel aufregenderen, wilden Tieren, also Büffeln, Elefanten, Gnus, Zebras oder Flusspferden, denen ich schnell meine gesamte Aufmerksamkeit widmen würde. Die Flamingos dagegen erschienen mir viel zu langweilig und farblos. Doch als ich erfuhr, dass die wilden Münsterländer Flamingos keine von Menschen ausgesetzte Population waren, sondern sich aus eigenem Antrieb hier niedergelassen hatten, war mein Interesse geweckt und ich wollte mehr erfahren.
Nun war es zu Beginn meiner Recherche dunkler, nasser November in Deutschland – und somit unmöglich, sie hierzulande anzutreffen. Erst im Frühjahr kehren sie zurück von ihrem Winterquartier, dem Ijssel- und Veluwemeer unweit von Amsterdam. Neben Nordwestdeutschland vielleicht nicht unbedingt der nächste Ort, an dem man diese tropischen Tiere vermuten würde. Doch die durchschnittlich um 0,4 °C höhere Jahrestemperatur und das salzhaltige Brackwasser sorgen dafür, dass er als Winterresidenz attraktiv ist – die Gewässer frieren in der Regel nicht zu, und somit ist die ganzjährige Nahrungsversorgung sichergestellt. Diese Domizile bewohnen die Flamingos nun schon seit mehr als 30 Jahren, und schon allein von daher gilt: Traditionen sind Traditionen und müssen als solche gepflegt werden. Als Zugvögel sind die Flamingos zudem genetisch dazu »verdammt«, Winter- und Sommerdomizile zu wechseln; erinnert ein bisschen an die saisonalen Massenwanderungen deutscher Rentner nach Mallorca oder auf die Kanaren über die Winterzeit …
Doch in den vergangenen Jahren stellte sich heraus, dass nicht mehr die gesamte Kolonie zu unseren Nachbarn fliegt. Ein Exemplar der Rosaflamingos startet zeitgleich mit seinen Kollegen, biegt jedoch kurz vor dem niederländischen Ziel links ab und landet erst wieder in der südfranzösischen Camargue! Ob er dort unten einen Kurschatten hat oder ihm einfach l’art de la vie français, die französische Lebenskunst, besser gefällt, ist nicht bekannt. Verlässlich stößt er im Frühjahr wieder auf seine restliche Familie und verbringt den Sommer wie gewohnt im schönen Münsterland.
Die Flamingos sind zwar schon seit März wieder hier, doch erst jetzt im Mai haben wir die Chance, die ersten geschlüpften Küken beobachten zu können. Also verbringen wir dieses Wochenende bei Freunden in der Nähe und fahren Sonntagfrüh zusammen nach Zwillbrock in Vreden. Hier befindet sich ein 176 Hektar großes Naturschutzgebiet mit dem zungenbrecherischen Namen »Zwillbrocker Venn« – und hier wohnen die Flamingos.
Der Ranger Sebastian Wantia begrüßt uns, gemeinsam mit ihm begeben wir uns auf eine Reise quer durch die Natur; natürlich mit dem Endziel, möglichst viele der Flamingos anzutreffen. Aktuell leben hier schon die Urenkel der ersten Chile- und Kubaflamingos, also dürfen sie sich neben dem Titel »die am nördlichsten brütende Flamingokolonie der Welt« auch über die Zugabe »Neozoen« freuen. Wir erinnern uns: Neozoon ist nur, wer sich bereits drei Generationen in Freiheit fortgepflanzt hat oder seit über 25 Jahren wild in einem neuen Lebensraum wohnt.
Der Ranger führt uns durch Wiesenwege und über Graslandschaften. Es ist früher Mittag, es ist himmlisch still. Wir gehen über den von wunderschönen Bäumen gesäumten Kreuzweg, gleich neben der Barockkirche mit der ältesten Originaleinrichtung des Münster-landes. Die Sonne scheint, sogar die Kinder sind ruhig vor Staunen über die verwunschene Natur und alle sind wir freudig gespannt.
Schon jetzt kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, warum mich die pastellfarbenen Vögel mit den ellenlangen Beinen früher nie interessierten. Schon bei den einleitenden Ausführungen des Rangers erfahre ich, dass Flamingos wahnsinnig spannende Tiere sind mit vielen tollen Eigenschaften, von denen wir Menschen uns einiges abgucken können.
Da gibt es zum Beispiel die großartige Einrichtung des kolonieeigenen Flamingokindergartens. Sicherlich werden mir einige Eltern zustimmen, die täglich zwischen schlechtem Gewissen und Organisationsgeschick hin- und herjonglieren: Eine Rundum-sorglos-Betreuung für unsere Kinder ist oft ein Wunsch, doch lange nicht Wirklichkeit. In den Flamingokindergarten hingegen kommen alle kleinen Küken – übrigens vorwiegend Einzelkinder – schon ein paar Tage nach dem Schlüpfen und werden ab sofort von einer wechselnden Mannschaft aus ein bis zwei Altvögeln betreut, während die Eltern sich guten Gewissens ihrem »Daily Business« widmen können. Alles ganz selbstverständlich, ohne Kita-Gutschein, schlechtes Gewissen oder abfällige Kommentare aus der erweiterten Flamingogesellschaft: Es gehört zum guten Ton der Flamingokolonie, den Nachwuchs vollumfänglich durch Experten betreuen zu lassen.
Und dann wäre da noch die bekannteste Fähigkeit der pastelligen Vögel: auf einem Bein zu stehen. Lange wurde dies als Unikum angesehen, noch dazu als unsäglich kräftezehrendes. Schließlich ist so etwas für uns Menschen keine leichte Übung; unmöglich sogar schon nach einem klitzekleinen Glas Weißwein. Jeder, der mal einen Freund hatte, dessen Schwester von einem Bekannten gehört hat, der mal in eine Polizeikontrolle geraten ist, kann davon ein Lied singen … Kürzlich bewiesen zwei Forscher des Georgia Institute of Technology bzw. der Emory University in Atlanta, dass es den Flamingo nicht nur keinerlei Muskelkräfte kostet, auf einem Bein zu ruhen, er kann dies sogar spielend noch tun, wenn er bereits mausetot ist – im Gegensatz übrigens zum Zweibeinstand.
Grund für den todsicheren Stand sind des Flamingos Kniegelenke: Diese liegen mitsamt der Hüfte inmitten seines kugeligen Körpers. Ich weiß, was Sie jetzt denken, darf Sie aber korrigieren: Beim knubbeligen Gelenk in der Mitte der langen Flamingobeine handelt es sich nicht um die Knie, sondern um … die Fußgelenke. Echt wahr.
Und so wird auch die folgende Aussage einleuchtender: Sobald Bein und Fuß gestreckt werden, ist das Knie angewinkelt. Der Körperschwerpunkt liegt somit VOR dem Knie, und dieses kann jetzt »einrasten« wie ein Klappmesser; nun lässt es sich übrigens auch nicht mehr ohne Weiteres ausklappen. In der Wissenschaft wird dies »passiver gravitativer Standmechanismus« genannt und ist gar nicht so unüblich. Etwas ähnliches bewahrt die Vögel davor, beim Schlafen nicht vom Ast zu plumpsen. Vereinfacht gesagt: Der Körper trägt sich durch sein Gewicht ganz von allein, denn der Körperschwerpunkt liegt nun vor dem Körper, und das beansprucht keinerlei Muskelkraft. Das wunderbare Ergebnis: Ein Bein bleibt kuschelig warm, während das andere den Stand im flachen Wasser hält. Ist der Flamingo an Land unterwegs, benutzt er übrigens wie wir am liebsten beide Beine.
Mit diesem Wissen sieht es für uns nun auch nicht mehr so schmerzhaft aus, die Flamingos beim Kauern auf dem Boden zu betrachten. Denn dabei strecken sie den unteren Teil der Beine nach vorne und das sieht aus unserem Blickwinkel doch arg verdreht aus. Weil es sich aber doch um die Füße handelt – geschickt getarnt als Unterschenkel – kommt niemand zu Schaden und alles ist ganz natürlich.
Und es gibt noch weiteres Wissenswertes: Wussten Sie zum Beispiel, dass der klobige Schnabel, der einen Flamingo immer ein bisschen unbedarft wirken lässt, an den Innenseiten Lamellen hat? Ähnlich denen eines Wales, nur eben in mini-mini-mini-klein. Wenn die Flamingos auf Essenssuche im seichten Wasser andächtig im Kreis herumstapfen und dadurch Schlamm aufwühlen, pflügen sie mit ihrem Schnabel durch das Wasser und saugen mithilfe ihrer Zunge alles ein, was ihnen vor die Nase, besser gesagt, ihren »Seihschnabel« kommt. Anschließend pressen sie das Wasser an der Seite wieder heraus und wie in einem Sieb bleibt hinter den Lamellen ihre köstliche Mahlzeit hängen, bestehend aus winzigen Krebstierchen, Einzellern, Kleinmuscheln und Plankton. Plankton entsteht u. a. durch den vielen Kot der größten inländischen Lachmöwenkolonie weltweit, ebenfalls im Zwillbrocker Venn ansässig. Dieses Plankton und die Krebstierchen versorgen die Flamingos mit dem charakteristischen Karotin, auch Karotinoide genannt, die in ihrer Leber mithilfe von Enzymen in Farbpigmente umgewandelt werden, die sich schließlich in unterschiedlichen Rosétönen im Federkleid ablagern.
Die Flamingos haben übrigens keine festen Schlafenszeiten und sind am Tage sowie in der Nacht am Fressen, denn unmöglich könnten sie sonst ihren Hunger stillen; für einen gefüllten Magen bedarf es doch größerer Mengen an winzigen Kleinstlebewesen.
Wie kam es überhaupt zu der Besiedelung des Zwillbrocker Venns? Die ersten zwei Flamingos wurden schon 1970 gesichtet, aber nur für kurze Zeit. Sie konnten sich wohl nicht so schnell festlegen, doch sie kamen immer wieder. Manchmal brachten sie sogar befreundete Chileflamingos mit. 1982 versuchten sechs dieser Art, einen Brutplatz zu errichten; noch erfolglos. Sie gaben aber nicht auf. Scheinbar hatte sie dieser wunderbare Ort bereits vollends entzückt, denn: Im Frühjahr 1983 schlüpften sie endlich, die ersten gebürtigen Münsterländer Jungvögel. Die hilfsbereiten Menschen waren in erster Linie besorgt, die Babyflamingos könnten in der kühl-feuchten Witterung nicht flügge werden. Also wurden in den Jahren 1983 bis 1989 immer wieder Jungtiere in die Aufzuchtstationen von Tierparks »gerettet«. Zum Glück schafften es einige Küken, unbesehen und ohne menschliche Fürsorge aufzuwachsen, und damit stellte sich irgendwann heraus, dass Flamingos uns so gar nicht brauchen und scheinbar sehr, sehr witterungsfest sind. Tatsächlich suchen sie auch in den vermeintlich wärmenden Breitengraden immer wieder kühle Gegenden auf, wie zum Beispiel den Titicacasee auf der peruanischen Hochebene Altiplano, wo Temperaturschwankungen von +15 °C bis –30 °C vorkommen.
Nachdem also ab 1983 die ersten Chileflamingos sesshaft wurden, stießen 1986 noch einige Rosaflamingos hinzu. 1994 wurde die Truppe noch um einen Kubaflamingo ergänzt, und alle Flamingoarten verstanden sich untereinander so prächtig, dass sie neben der gemeinsamen Winter- und Sommerresidenz auch ihren Genpool teilten und sogenannte Hybride zeugten, also Kreuzungen aus Chile- und Rosaflamingos oder Kuba- und Rosaflamingos. 2006 kamen noch einzelne Zwergflamingos hinzu, die bis heute allerdings noch nicht gebrütet haben. Und während es bei den Kuba- und Chileflamingos als sicher gilt, dass sie Gefangenschaftsflüchtlinge aus benachbarten Tiergehegen oder Zoos sind, tappt man bei den Rosa- und Zwergflamingos im Dunkeln, was ihre Herkunft anbelangt. Ohnehin bleibt die Frage: Ahnten die über die Jahre nachkommenden Flamingos, dass es hier schon eine Kolonie von Artgenossen gibt, oder handelt es sich um einen äußerst großen Zufall, dass sich alle hier ansammeln? Hundertprozentig sicher ist man sich in der Biologischen Station bis heute nicht, und so wird es wohl für immer ein Mysterium bleiben. Übrigens sind Flamingos und Fische Nahrungskonkurrenten und treten nicht zusammen auf: Keine Fische, wenn Flamingos da sind, und keine Flamingos, wenn schon Fische die Gewässer bevölkern. Wer zuerst da ist, hat gewonnen. Hierbei handelt es sich um eine friedliche Besetzung; einige andere Wesen könnten sich davon ein großes Scheibchen Plankton abschneiden.
Flamingos leben übrigens nicht nur in flachen Süßwasserseen, sondern können auch in sehr alkalischen und salzigen Seen vorkommen. Kaum ein anderes Wirbeltier ist dazu in der Lage – ehrlicherweise kennen wir sogar gar keine, wollen uns aber auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn vielleicht versteckt sich das eine oder andere Wirbeltier tatsächlich noch irgendwo dort und wir wissen bislang einfach nur nichts davon.
Mittlerweile sind wir auf einem der Hochplateaus angekommen. Von hier aus können wir mit bloßem Auge und ganz, ganz weit entfernt ein paar Flamingos und viele, viele Lachmöwen auf einer kleinen Insel im Naturparksee beobachten. Einer der Flamingos schwimmt sogar, denn schwimmen können sie so richtig gut, eigentlich besser noch als fliegen, wofür sie erst irre weit Anlauf nehmen müssen. Aber am liebsten stehen sie einfach auf einem ihrer Klappbeine herum und halten Ausschau nach Nahrung. Sicher auch dank ihrer energieschonenden Haltung können Flamingos in freier Wildbahn bis zu 25 Jahre alt werden, in Gefangenschaft sogar noch älter: 2014 musste Flamingo-Methusalem »Greater« im australischen Adelaide mit biblischen 82 Jahren eingeschläfert werden. Eine Krankheit hatte er nicht, aber seine Lebenskräfte schwanden doch unwiderruflich. Der älteste deutsche Flamingo heißt übrigens Ingo und lebt im Berliner Zoo. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Buches wird er 72 Jahre alt sein und hoffentlich noch lange gesund und munter unter uns weilen.
Im Gegensatz zu vielen anderen exotischen Einwanderern ist die Stimmung den Flamingos gegenüber in Deutschland durchweg positiv. Ein bisschen ungerecht ist das schon. In Südfrankreich und Spanien haben die Flamingos nicht so viele Fans: Hier laben sich freie Kolonien gerne an frisch sprießenden Reisfeldern, weswegen so mancher Bauer gar nicht gut auf die Vögel zu sprechen ist. Im Zwillbrocker Venn sorgen die Flamingos für einen zusätzlichen Besucheranreiz, also profitiert auch der Standort und die Parkarbeit davon und sie verdrängen keine heimischen Arten.
Die Kinder beginnen zu drängeln und werden hungrig, die Tour ist nun zu Ende. Schweren Herzens nehme ich mein Fernglas herunter und verlasse den Hochstand. Zum Abschluss gibt es noch ein Eis, dieses Kapitel ist hiermit zu Ende.
Dabei könnte ich noch so viel mehr über diese farbenprächtigen Tiere schreiben: über ihren wundersamen Bruttanz, ihr friedliches, artenübergreifendes Miteinander und die geheime Flamingosprache, mithilfe derer sie sich untereinander – über alle Flamingoarten hinweg – verständigen können. Sie sind eben doch so viel mehr als nur dösige Standvögel, diese sozialen Wesen aus einer pastelligen, gar nicht so fremden Welt.

Auf der Suche nach dem Gelben Drachenwels in Niederbayern
Am frühen Morgen treffe ich in Regensburg ein. Ich war noch niemals hier, ich bin gespannt. Regensburg liegt im Mündungsbereich der Flüsse Naab und Regen und obwohl sie mit rund 150 000 Einwohnern eine Großstadt ist, wirkt sie mit ihren zwei Donauinseln wie ein verzauberter Märchenort. Die Historie dieser Stadt bzw. die Besiedlung dieses Landstriches kann man bis ins Jahr 5000 vor Christus nachverfolgen.
Seit 2006 gehören Teile der Altstadt mit ihren prächtig erhaltenen Bauwerken zum UNESCO-Welterbe. Hier lebte ein Papst, hier singen die Domspatzen, und auch der bayerischste Urbayer Franz Josef Strauß … na gut, ich möchte Sie nicht mit »ollen Kamellen« langweilen.
Schon nach den ersten Schritten durch die Straßen überkommt mich ein heimeliges Gefühl. Die Gassen der Altstadt könnten einem Puppenspiel entstammen, viele Menschen tragen Dirndl und Lederhosen, überall hört man bayerischen Dialekt, die Leute lächeln freundlich, Asiatengrüppchen drängeln sich mit ihren Kameras durch die Gassen. Es ist Anfang Juni, die Sonne strahlt, ein paar winzige Schäfchenwolken kriechen gemächlich über den blitzeblanken Himmel. Mir scheint, in Regensburg könnte die Stimmung niemals trüb werden. Das Volksfest Maidult habe ich knapp verpasst, seit gestern wird hier abgebaut. Das macht mir nichts, die Stimmung könnte nicht besser sein.
Michael Härtl empfängt mich am Bahnhof und wir schlendern gemeinsam durch die Gassen, hin zur weltberühmten Steinernen Brücke mitsamt angrenzendem Biergarten.
Die Blaskapelle spielt einen Tusch, wir bestellen Radler, Michael zeigt mir auf seinem Tablet viele Bilder von Fischen; überall herrscht gute Laune. Michael ist leidenschaftlicher Amateurbiologe und seit Kindheitstagen Angler, nun schon in der dritten Generation. Er war es, der 2009 als Erster die Nackthalsgrundel, eine Schwester der Schwarzmundgrundel, der wir uns etwas später noch widmen werden, in einem Donaualtarm klassifiziert hat. Und er war es, der letztes Jahr mit dem Berufsfischer Michael Höllein den neuen tierischen Zugezogenen aufgefunden hatte, der medial für einiges Aufsehen sorgte und wegen dem ich nun hier bin.
Die Rede ist vom Gelben Drachenwels, der erstmals im Mai 2018 in der Donau als Tachysurus fulvidraco identifiziert wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er natürlich noch gar keinen deutschen Namen. Als gefangener Fisch in der deutschen Wildnis musste somit flugs eine Bezeichnung her, und da fulvidraco auf Deutsch ›Gelber Drache‹ bedeutet, war diese schnell gefunden. Mit etwas Fantasie und zusammengekniffenen Augen sieht er ja auch fast so aus wie der Drache Fuchur aus Michael Endes Die Unendliche Geschichte. Überregional regierten noch andere Assoziationen: Yellow catfish oder Korean bullhead lauten seine Namen in anderen Ländern. Eigentlich ist der Drachenwels nämlich in Korea, Vietnam, China und Sibirien beheimatet. Und seit dem Jahr 2018 auch zwischen Straubing und Regensburg.
Im Zeitraum von Ende Mai bis Anfang Juni herrscht Laichzeit, dann legen die Männchen in stillen Flussarmen Gruben am Boden an, in die die Weibchen ablaichen können. Das Männchen betreibt die Brutpflege und bleibt noch eine Weile vor Ort, bis die Larven geschlüpft sind und sich alleine fortbewegen können. In dieser Zeit sind die Herren so auf ihre Kinder fokussiert, dass sie keine Augen für alltägliche Gefahren wie Fischreusen, die Fangnetze der Fischer, haben. Und falls die Laichzeit nicht durch die zwei sehr heißen Wochen im April vorgezogen wurde, stehen die Chancen gut, heute einen Drachenwels »persönlich« anzutreffen. Wenn nicht, war mein Ausflug wohl umsonst.
Wir trinken aus und fahren zu einem der Donaualtarme unterhalb der kleinen Ortschaft Frengkofen. Hier treffen wir nun auch auf Michael Höllein von der Fischerei Maier. Mit beiden Michaels steige ich in ein sehr langes, hölzernes Fischerboot, welches mich an eine venezianische Gondel erinnert. Unter dem lauten Röhren des Benzinmotors schippern wir damit über den Altarm und wollen einen Blick in die dort von Maier ausgelegten Fischreusen werfen.
Als die ersten Einzelfunde im Mai und Juni 2018 auftauchten, wurde schnell klar, dass sich der Gelbe Drachenwels in den Altarmen der Donau gut etabliert. Eigentlich fangen die Fischer hier Zander, Aale und Barsche. Im Herbst 2018 wurde dann ein Fund von Hunderten der ockerfarben-braun gestreiften Stachelwelse gemeldet.
Doch wie konnten sich die asiatischen Neubürger innerhalb von nur einem halben Jahr verhundertfachen? Das ist selbst bei einer sehr brutfreudigen Spezies doch gewaltig. »Streng genommen haben wir die Drachenwelse schon seit 2014 immer wieder mal hier gefangen«, sagt Michael Höllein. »Wir haben sie jedoch für einen amerikanischen Katzenwels gehalten, der in deutschen Gewässern schon lange vertreten ist.« Die tatsächliche Klassifizierung erfolgte also erst im Mai 2018. Und erklärt somit auch die heimliche Vermehrung dieser asiatischen Art, die bis dato quasi unter dem Radar der Öffentlichkeit möglich gewesen war.
Wenn sie 2014 schon die ersten Male ins Netz gegangen waren, könnte es auch sein, dass sie bereits 2013 in die Donau gelangt waren. Dort waren nämlich weite Teile der Region unterhalb von Regensburg von der Jahrhundertflut betroffen und große Areale Land unter Wasser verschwunden. Es ist möglich, dass dabei auch Zierteiche überschwemmt wurden und damit Fische aus der Zucht in die freien Gewässer überschwappten. Eine andere, wenn auch unwahrscheinlichere Möglichkeit: Überforderte Aquarianer setzten einige Tiere im Bereich um die Gmünder Au aus. Das wäre nicht nur falsch verstandene Tierliebe, sondern auch sehr verantwortungslos: Immer wieder werden wir in diesem Buch über Exoten stolpern, die von ihrer überdrüssig gewordenen Tierhaltern in die Freiheit entlassen worden sind und das penibel austarierte Ökosystem dadurch durcheinanderbringen. Es hätte allerdings eine sehr große Anzahl von Drachenwelsen ausgesetzt werden müssen, um auf den heutigen Bestand zu kommen. So oder so: Der wahre Grund wird wohl auf dem Grund der Gmünder Au bleiben.
Die Drachenwelse scheinen sich auf jeden Fall prächtig zu vermehren und haben aktuell noch keine wirklichen Fressfeinde zu verzeichnen. Im Durchschnitt dauert es sechs bis acht Jahre, bis andere Tiere sich auf den Geschmack einer neuen Art einstellen. Nun hat der Drachenwels auf den Bauch- und Rückenflossen Stacheln, sogenannte Hartstrahlen, die an der Spitze kleine Widerhaken haben, und diese können sehr effektiv im Körper eines Feindes stecken bleiben. Auch an Menschenhänden können sie schmerzhafte, entzündliche Stichwunden verursachen. »Ist das ein so cleverer Schachzug, seinen Feind an sich zu binden, damit er einen nicht frisst?«, frage ich die beiden Michaels. – Nein, aber es spreche sich in der Tierwelt schnell herum, wie schmerzhaft so etwas sein kann. Der Drachenwels ist ein sehr wehrhafter Fisch und ein zappelnder Widerhaken in der Haut ist in jedem Fall unschön. Da hat nach kurzer Zeit keiner mehr Lust, zuzubeißen.
Seine Stacheln kann der Wels übrigens ausfahren und umherbewegen. Die bis zu 35 Zentimeter großen Fische werden dadurch noch ein wenig größer und imposanter, als sie eigentlich schon sind. Am Kopf sitzen vier Paar Barteln. Diese braucht der Drachenwels im trüben Wasser, um sich »zurechtzutasten« und den Geschmack seines Futters zu testen. Mit sauerstoffarmem Wasser scheint er ebenso gut zurechtzukommen. Damit ist er eigentlich perfekt ausgerüstet für ein Leben im Altarm der Donau.
Am erstaunlichsten für mich ist, dass diese Fischart keine Schuppen, sondern glatte Haut hat. Das habe ich noch nie gesehen. Tatsächlich kommt es aber öfters vor in der Tierwelt; Pangasius und Steinbutt zum Beispiel sind ebenfalls schuppenlos.
Die Altarme der Donau gelten als Kinderstube für die meisten heimischen Donaufische. Noch. Denn die Qualität des Wassers nimmt von Jahr zu Jahr ab. Dadurch, dass die Altarme meist nur unzureichend mit frischen Wassermengen aus dem nebenan strömenden Main-Donau-Kanal versorgt werden, sinkt der Sauerstoffgehalt stetig, sodass sich auch die Pflanzenfauna verringert. Wo keine Pflanzen, da sind auch keine Kleintiere, und wo keine Kleintiere, da macht es dem Fisch keinen Spaß, zu wohnen. Zumal er immer schlechter Luft bekommt. Und das fällt auch mir auf, als wir eine Weile über das Wasser schippern: Je mehr wir in die Sackgasse des Altarms hineinfahren, umso modriger und stiller wirkt das Wasser. Um nicht zu sagen: eher tot.
Seit über einer Stunde sind wir nun schon hier draußen. Es ist mittlerweile brütend heiß, die Luft flirrt, mehrere Reusen haben wir bereits aus dem Wasser gehoben, hin und wieder kommen Fische zutage, allerdings kein Drachenwels. Wir alle schwitzen. Doch keine Mücke weit und breit. Wie kann das sein?
Im Jahr 2014 wurde in dieser Gegend über mehrere Tage BTI per Helikopter versprüht: Bacillus thuringiensis israelensis. Vermarktet als biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel, welches für andere Arten ungiftig ist, sollte es Niederbayern von den riesigen Zuckmückenschwärmen befreien, die seit einigen Wochen durch die Gegend gezogen waren. Durch das Hochwasser im Jahr zuvor mitsamt den vielen überschwemmten Wiesen und Wäldern schlüpften Mückenlarven aus jahrealten Eiern, die halbvertrocknet an den Gräsern hingen. So waren deutlich größere Populationen als üblich mit vielleicht doppelt oder dreimal so vielen Mücken entstanden. Teilweise waren die hellen Hauswände der umliegenden Ortschaften vollgekleistert mit ihren roten Körpern. So was kommt hin und wieder vor, gerade in von Hochwasser geplagten Landschaften. Das ist ärgerlich, tatsächlich aber natürlich. Aber ist es dann auch natürlich, fünf Jahre später keiner einzigen Mücke mehr zu begegnen?
Wir verlassen den Altarm zur einzigen Öffnung hin und stoßen auf den Main-Donau-Kanal, zu dessen Gunsten die ursprünglichen Donauwindungen abgeschnitten worden waren. Dadurch entstanden viele Altarme. Hier ist es mit der trügerischen Idylle vorbei; mit monotonem Rauschen pflügt der einbetonierte und reißende Wasserstrom durch die Landschaft. Der Kontrast ist hart, es ist ein hässlicher Anblick. Welch irreparabler Übergriff an der Natur, welch Verbrechen am Ökosystem, schießt es mir durch den Kopf. Als Dieter Hildebrandt den umstrittenen Kanalbau 1982 zum Mittelpunkt einer seiner Scheibenwischer-Folgen machte (eine Kabarettsendung, die von 1980 bis 2008 im Ersten ausgestrahlt wurde), war dies ein Skandal. Er benannte neben der Vernichtung von Millionen Quadratmetern Naturschutzgebiet die irritierend große Anzahl bayerischer Regierungsmitglieder in den Chefetagen der entsprechenden Betreibergesellschaften. Die bayerische Staatsregierung indes, allen voran der bereits erwähnte Franz Josef Strauß, protestierten daraufhin wegen angeblicher Unterstellungen und eines »bayernfeindlichen Programms« bei der ARD. Genutzt hat das alles nichts, weder die Proteste gegen das satirische Bühnenprogramm Hildebrandts, noch die Proteste gegen den Bau dieses Kanals, dessen wirtschaftlicher Nutzen bis heute umstritten ist.
Genauso blieben übrigens auch die Einwände einiger Politiker und Tierschützer ungehört, wie man auf den flächendeckenden Einsatz eines Insektizides setzen könne, dessen Langzeitwirkungen bis zum damaligen Zeitpunkt unbekannt waren. Nun war zu diesem Zeitpunkt des verstärkten Mückenbefalls gerade Fußball-WM in Rio. Sicher wollten sich die Leute nicht für den Fortbestand einer Mücke einsetzen, die ihnen damals jeden entspannten Fußballabend in einem Biergarten verdorben hätte. Somit wurde der Beschluss durchgewinkt, weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, die bald in stichfreier Ruhe unserer Mannschaft beim Gewinnen zujubeln konnte.
Was auf den ersten Blick sehr angenehm für uns Menschen war, hat einige verstörende Nachwirkungen. So finden wir in den Reusen nur sehr, sehr junge Fische oder riesige Zander und Barsche, um die sieben Jahre alt. Die Generationen dazwischen, die zwei- bis vierjährigen adulten Tiere, fehlen fast vollständig. Der Schluss liegt nahe, dass durch die zerstörten Mückenlarven die jungen Fischgenerationen ab 2014 nicht ausreichend ernährt werden konnten. Eigentlich fehlen drei ganze Generationen von Donaufischen in diesem Areal. Und die alten, riesigen Fische können zwar noch laichen, allerdings nicht mehr in der Menge und Qualität, wie dies die jüngeren Fische tun würden und wie es zum Erhalt einer Artenpopulation notwendig ist. Somit sind die Geburtsjahrgänge bis heute deutlich dezimiert. Ein irrer Kreislauf, der sich mit dem Einsatz eines biologischen Pestizidmittels für einen störungsfreien Fußballgenuss auch nicht mehr rechtfertigen lässt. Oder doch?
Die Befürchtung gegenüber dem Auftauchen des Gelben Drachenwelses ist es nun, dass die ohnehin dezimierten anderen Fischbestände der Donaualtarme von den Drachenwelsen gefressen werden, bevor diese schlüpfen können. Gewöhnlich leben sie hier, bis sie stark genug sind, in die fließenden Gewässer des Donaustroms überzusiedeln. Doch mir erscheint in Anbetracht der anderen Themen diese Gefahr nicht mehr als die dringlichste. Sicherlich sollte durch das Auftauchen des Drachenwelses der dauerhafte Bestand der kleinen heimischen Fischarten nicht stärker als üblich gefährdet werden. Theoretisch entsprechen diese jungen Fische der perfekten Fressgröße des Drachenwelses – neben seiner zweiten Leibspeise, kleinen Muscheln und Insektenlarven. Sollte der Drachenwels als Fressfeind dennoch überhandnehmen, könnte sich der Mensch mittelfristig die Gewohnheiten aus dem asiatischen Raum zunutze machen und die Tiere für die Gastronomie zum Verzehr fangen. Als Fischfilet sollen sie sehr schmackhaft sein, allerdings wäre die Ausbeute bei den bis zu 300 Gramm schweren Tieren mit einem Nettofiletgewinn von 90 Gramm dann doch eher ein kleiner Gruß aus der Küche anstelle eines sättigenden Hauptganges. Ob sich der Aufwand durch den Geschmack rechtfertigen ließe und die in ihrem Essverhalten eher traditionellen Mitteleuropäer dafür offen wären, bleibt abzuwarten.
Heute befindet sich jedenfalls kein Gelber Drachenwels in Michael Hölleins Reusen.
Wir tuckern wieder an Land, ich bin fasziniert von diesem beeindruckenden Stück Fauna, auch wenn der eigentliche Grund meines Kommens heute »nicht pässlich« war. Trotzdem: Der Ausflug war nicht umsonst.
Michael Härtl bringt mich zum Zug; mit einem wehmütigen Gefühl fahre ich davon, Richtung Norddeutschland. Mich beschäftigen so viele Dinge, über die wir heute gesprochen haben. Wenn der Mensch die Natur in ihre Schranken zu weisen versucht, indem er ihre Flüsse begradigt und somit Stromschnellen und Hochwasser begünstigt, wodurch es erhöhte Mückenpopulationen gibt, die dann alle ausgerottet werden, um niemanden zu stören, und dies dann zu einem Einbruch der Populationen weiterer Tierarten führt, weil durch die Ausrottung eines Gliedes in der Nahrungskette Nahrung fehlt – wohin führt das noch? Was hängt an dieser Kette alles dran, worüber wir heute, auf unserem kleinen Ausflug, nicht gesprochen haben? Geht es hier wirklich um eine ernstzunehmende Gefahr, die von einem kleinen asiatischen Welsfisch ausgehen könnte oder sollten wir uns nicht lieber den brutalen Nachwirkungen widmen, die durch die Eingriffe des Menschen am Ökosystem seit Jahrzehnten entstehen? Wäre es nicht sogar denkbar, eine neue Fischart begrüßen zu dürfen, die sich trotz aller Unwirtlichkeit in den Altarmen gut zurechtfinden kann, im Gegensatz zu einigen heimischen Arten?
Fest steht: Ich wurde zum Fan dieses schönen bayerischen Flecks Erde, der lieben Menschen, der zauberhaften Natur, der lauten Blaskapellen. Es wäre so schön, könnten wir ihn erhalten. Ich befürchte aber, das wird sehr schwer. Mach’s gut, schönes Nordbayern.

Auf der Pirsch nach dem Hirsch in Schaffhausen:
Das Sikawild
Als ich anfange, über das Sikawild im Schweizer Kanton Schaffhausen zu recherchieren, beschließt meine Freundin Anna kurzerhand, dass man das prima mit einem Kurzurlaub am Bodensee verbinden könne. Wir packen also unsere Siebensachen, Anna klettert in ihren liebevoll restaurierten, in die Jahr(zehnt)e gekommenen Campingbus und fährt von München aus los, ich selbst steige am nächsten Tag in Hamburg in den Nachtzug. Als ich am nächsten Morgen aus dem Bahnhof Basel komme, wartet Anna bereits bestens gelaunt auf dem Bahnhofsvorplatz mit einem frisch gekochten Kaffee auf mich.
Zusammen fahren wir bei schönstem Sommerwetter die knapp 140 Kilometer in den Kanton Schaffhausen. Vor uns liegen drei gemeinsame Tage nur für uns, Sonne und Camperleben. Wir freuen uns sehr, ein Gefühl von Freiheit, Ausgelassenheit und Sommerwind schwirrt um unsere Nasen, wir kurbeln die Fenster herunter, singen zur Musik und tuckern mit 80 km/h unserem Ziel entgegen.
Die erste Nacht verbringen wir an einem wunderschön ausgestatteten Campingplatz direkt am Rhein im Kanton Schaffhausen, und kurz nach der Ankunft offenbart sich dann der Unterschied zwischen einem zwanglosen Urlaub und einer Recherchereise, sprich: zwischen Anna und mir. Denn während sie in ihre Badesachen springt und sich auf einen entspannten Sommertag am Rhein mit Pommes, ihrem Buch und Eis freut, packe ich Proviant, Mückenspray, Kamera und meinen Notizblock in den Rucksack und stapfe Richtung Schaffhauser Wald, um dem hier lebenden Sikawild zu begegnen.
Das Sikawild wurde vom Menschen eingebracht, dabei war es vor einer ganz schön langen Zeit schon einmal heimisch in Mitteleuropa. Genau genommen vor sieben Millionen Jahren. Damals hörte es – hätte der Homo sapiens denn schon gelebt und sprechen können – auf den Namen Ur-Rothirsch. Als ob vor sieben Millionen Jahren schon jemand den Namen hätte aussprechen können; und als ob das Sikawild dann darauf gehört hätte …
Der Ur-Rothirsch lebte also bereits dort, wo man Deutschland und die Schweiz überhaupt erst vage vermuten hat können, beschloss aber irgendwann, dass das nicht der Nabel seiner Welt sein sollte. Die Ur-Rothirsche trotteten los und wie das immer so ist, bildeten sich irgendwann einzelne Grüppchen. Die einen blieben hier und wurden später – mit »später« meine ich die heutige Zeit, also vor etwa 10 000 Jahren bis zum heutigen Tage – zu den Rothirsch-Beständen in West- und Mitteleuropa. Eine andere Gruppe wanderte gen Osten und entwickelte sich in den Millionen Jahren aufgrund klimatischer Bedingungen, Untergrundbeschaffenheiten und Fressfeinden zu den kleinen, gedrungenen Sikahirschen, die mit maximal 80 Kilogramm bei den Männchen deutlich kleiner und leichter sind als das hier lebende Rotwild. Die kleinen Sikahirsche fanden Heimat im späteren China, in Korea, Sibirien, Japan und Taiwan. Und die dritte Gruppe hatte noch Energie, um weiterzuwandern und schaffte es schließlich – wahrscheinlich über die Beringstraße – hinüber nach Nordamerika. Dort bildeten sie sich zu Wapitis aus, die vom Körperbau den Sikahirschen immer noch recht ähnlich sind.
Da die asiatischen Sikahirsche mit ihren hübschen weißen Flecken auf dem rotbraunen Sommerkleid so niedlich aussahen und weil die Herren mit ihren großen Geweihen eine prima Jagdtrophäe an den Treppenaufgängen der Forsthäuser abgaben, ihr Fleisch zudem noch mild-würzig schmeckte, wurden die Sikahirsche vor mehreren Jahrhunderten zahlreich nach Europa und in die restliche Welt wie zum Beispiel nach Australien, Madagaskar und Neuseeland exportiert und meist in Gehegen angesiedelt. Einige Populationen leben bis heute in Deutschland, und in der Schweiz ist die einzige freilebende Kolonie in Schaffhausen anzutreffen. Die Ursprünge dieser Kolonie entstammen wohl Gatterflüchtlingen von der anderen Rheinseite; sie fühlten sich hier gleich wohl. Die Sikahirsche sind eigentlich scheu und nachtaktiv, allerdings gewöhnen sie sich auch schnell an besiedelte Gebiete und kommen schon mal bis auf zehn Meter an einen Menschen heran. Es könnte ja etwas zu futtern abfallen. In dem Gebiet in Schaffhausen, in das ich heute gehe, werden keine Treibjagden mehr unternommen. Seitdem sind die Tiere deutlich zutraulicher geworden. Mittlerweile wird immer wieder von tagaktiven Populationen berichtet, weshalb ich mein Glück am späten Nachmittag versuche. Unsere Reise war zu kurzfristig, um eine Führung mit einem Förster organisieren zu können. Alleine darf man aus versicherungstechnischen Gründen nicht auf diese Hochstände steigen. Und ich selbst wäre doch ein zu großer Angsthase, um es trotzdem zu machen. Aber durch einige Erkundungen im Vorfeld habe ich einen heißen Tipp bekommen, vielmehr Koordinaten, an denen es sehr gut »erkletterbaren« alten Baumbestand gibt. Und das ist doch viel abenteuerlicher als in einem kleinen Häuschen auf sicherer Höhe auf das Wild zu warten. Nach zweieinhalb Stunden und unter Zuhilfenahme meines mobilen Navis erreiche ich die Stelle – und direkt vor mir steht ein wunderbarer Laubbaum, der regelrecht zum Klettern einlädt.
Ich steige flink hinauf und nehme Platz in einer ausladenden Astgabel, etwa zweieinhalb Meter über dem Boden. Früher hätten wir uns hier ein Baumhaus gezimmert, wenn es nicht so tief im Wald gewesen wäre. Behutsam packe ich Kamera, Feldstecher, Teekanne und Notizen aus und verstaue sie in einer Baumkuhle. Zur Sicherheit gebe ich meiner Freundin noch die Koordinaten durch; vielleicht hat sie ja Lust, mich zu retten, sollte ich vom Baum fallen.
Zu Beginn bin ich noch zappelig, doch nach und nach breitet sich in mir Ruhe aus. Nichts passiert, alles ist ganz friedlich. Ich kann mir vorstellen, dass das stille Warten auf Aktivität ein Teil der Faszination ist, die ein Jäger bei seiner Arbeit empfindet. Es ist wie eine Achtsamkeitsmeditation, begleitet von Vogelgezwitscher, Windrauschen und sich langsam und bedächtig bewegenden Baumkronen. Weit hinten sehe ich ein laut gackerndes Pärchen über den Waldweg gehen, sie halten sich an der Hand und küssen sich immer wieder, sie sehen mich nicht. Ganz still sitze ich hier und mache keinen Mucks. Es ist, als ob ich eins werde mit der Astgabel, mit dem Wald, mit all dem Drumherum.
Überall, wo das Sikawild lebt, gibt es immer wieder Diskussionen über einen Totalabschuss. Dies liegt unter anderem an größeren Rindenschäden durch genüssliches Abknabbern, welches gerade junge Bäume nachhaltig schädigen kann. Auch heimisches Wild »schält« – so lautet der korrekte Begriff – junge Laubbäume, weswegen viele Gegner Probleme in der vermehrten Zerstörung und zu große Gesamtschäden von beiden Wildarten ausgehen sehen. So gibt es seit Jahren sehr engagierte Diskussionen zwischen Förstern, Jägern und Sikawildbefürwortern im Arnsberger Wald in Nordrhein-Westfalen. Hin und wieder wurde die Hoffnung geäußert, der Wolf könne sich schnellstmöglich wieder in den Wäldern Nordrhein-Westfalens ansiedeln, damit der Artenbestand auf natürliche Weise dezimiert und so in Schach gehalten wird. Das ist bisher noch nicht passiert. Und ob man dem Wolf erklären kann, dass er vorzugsweise das gebietsfremde Sikawild reißen soll und vom heimischen Rotwild bitte die Zähne lässt, bleibt abzuwarten. Wohl aber hat sich der wiedererstarkte Luchs als Reißer des Wildes bemerkbar gemacht. Die Zahlen sind aber noch zu gering, um eine deutliche Bestandsminderung zu erwirken.
Im Schaffhauser Wald ist man nun dazu übergegangen, in Aufforstungen Eschen, Fichten und Douglasien einzeln zu ummanteln, damit sie überhaupt die Chance haben, gesund zu wachsen.
In einigen Regionen wird Sikawild immer noch in Gehegen gehalten und für den Fleischverzehr gezüchtet. Es eignet sich sehr gut für eine deftige grobe Bratwurst, die man vor allen Dingen zur Winterzeit auf Weihnachtsmärkten in Revierförstereien zu essen bekommt.
Seit einer Stunde sitze ich nun schon unbeweglich auf meinem hölzernen Thron, ich bin regelrecht verwurzelt mit dem Baum, da knackt es leise unter mir im Gehölz. In meinen Augenwinkeln sehe ich ein weißgetupftes Getier, das am Boden schnüffelt. Ganz langsam drehe ich den Kopf und wir blicken uns einen Moment an, der Sikahirsch und ich. Sein Geweih ist noch nicht sehr groß und es hat erst zwei Verästelungen. Er wird es im April oder Mai abgeworfen haben; bis zur nächsten Brunftzeit im September wird es wieder groß sein, damit er bei seinen Rivalen einen guten Stand hat und die Damenwelt beeindrucken kann. Er ist allein unterwegs und ich staune, dass mir wirklich ein Sikahirsch als erstes wildes Tier in diesem Wald über den Weg läuft. Die Hirsche sind meist allein unterwegs, nur die jungen Männchen rudeln sich in Jungsgruppen zusammen. Die Sikakühe leben am liebsten mit ihren Mädels in Zehnergruppen zusammen. In der Brunftzeit, also im September, beginnen die Revierkämpfe der Männchen, und wer die Damen am meisten beeindruckt, darf einen Harem von vier bis sechs Weibchen gründen – aber nur, wenn er denn auch gut riecht. Und das erreicht das Sikamännchen, indem es sich eine Kuhle scharrt, diese mit seinem Urin füllt, und sich anschließend ausgiebig darin suhlt. So parfümiert und eingesalbt schmelzen die Damen dahin und sind zutiefst beeindruckt, sofern er auch noch einen guten Kampf abliefert. Das übliche Einparfümieren gibt es also nicht nur in der Menschenwelt, sondern es spielt auch in der Sikawelt eine wesentliche Rolle.
Sobald der Haremsclub steht, muss er immer wieder gegen rivalisierende Hirsche verteidigt werden. Bei den Kämpfen krachen die frisch gewachsenen Geweihe aneinander, dass es nur so knallt, und auch wenn der Hirsch seine Damen erfolgreich verteidigen konnte, fängt der Stress jetzt erst an, denn er hat eine Mission. Bei sechs Damen ist er ganz schön beschäftigt, weshalb er in der Brunftzeit rund 30 Prozent seiner Körpermasse verliert. Wer hat schon Zeit zu fressen, wenn es um nichts weniger als den Erhalt der eigenen Art geht.
Das Sikawild ist in Deutschland als potenziell invasiv eingestuft. In allen Ländern wird immer wieder darüber diskutiert, ob es auf die Black List der unerwünschten Arten aufzunehmen ist. Noch ist dies nicht erfolgt, weder in der Schweiz noch in Deutschland. Der Grund für die Überlegung sind nicht nur ihre Fressgewohnheiten – Wurzeln und Stämme heimischer Bäume –, sondern auch die mögliche Hybridisierung mit heimischem Rotwild. In einem wissenschaftlichen Experiment von Forschern der britischen Universität Sussex und des Museums für Naturgeschichte im französischen Obterre wurde herausgefunden, dass sich die Sikadamen nämlich sehr gerne mit den Rothirschmännchen paaren. Und das, obwohl sich der Paarungsruf eines Sikahirsches als trillerndes Pfeifen mit anschließendem Brummen sehr von dem tiefen Röhren eines Rothirsches unterscheidet. Diese unterschiedlichen Laute werden sich aber erst ausgebildet haben, nachdem sich die Populationen voneinander getrennt hatten, damals vor Millionen von Jahren. Und im evolutionären Gedächtnis der Sikadamen hat das tiefe Röhren ihrer Urahnen immer noch einen Platz im Herzen, sodass einer Paarung nichts im Wege steht. Andersherum, also von Sikahirsch zu Rothirschdame, funktioniert die Paarung übrigens erst, wenn sich das Wild über längere Zeit aneinander gewöhnt hat und die Laute des jeweils anderen (das Sikawild hat zehn verschiedene Klangrufe!) kennengelernt hat. Die Sorge der Sikagegner besteht nun darin, dass sich Nachkommen aus diesen beiden Arten zu einer komplett neuen, urheimischen Art entwickeln und das eigentliche Rotwild nach und nach ausstirbt. Diese sogenannten Hybride, also eine Mischung aus zwei Arten innerhalb einer Familie, gälten mit ihrer Geburt höchstwahrscheinlich als neue heimische Tierart, und nicht wie das Sikawild als Neozoen. Einige von diesen Mischwesen soll es bereits an mehreren Orten geben und sie sind auch als eigenständige Gattung fortpflanzungsfähig. Eine neue Art unterstünde dann natürlich auch dem heimischen Jagdrecht samt aller Schonfristen und Auflagen, und dass es dazu kommt, möchte man vielerorts unterbinden. In Schaffhausen gibt es kein Rotwild; hier besteht diese Gefahr nicht. Im Arnsberger Wald konnte man bislang auch noch keine Hybride feststellen, allerdings kann es grundsätzlich sein, dass solche Nachkommen optisch gar nicht erkennbar sind, sondern nur über genetische Tests klassifiziert werden können.
Kurz bin ich abgeschweift und habe fast vergessen, darüber zu berichten, was sich seit ein paar Minuten unter mir abspielt. Eigentlich spielt sich aber auch nichts ab. Der Sikahirsch schaut mich immer noch an, ich schaue den Sikahirsch an, wir beide sind unbeweglich und neugierig. In Zeitlupe strecke ich meine Hand aus und taste nach dem Feldstecher. Bei einem Abstand von zehn Metern nützt mir dieser nicht viel, aber meine Kamera, die darunter liegt, würde mir sehr helfen und mich beim späteren Campingdinner mit meiner Freundin als erfolgreiche Tierrechercheurin glänzen lassen. Sehr langsam hebe ich den Feldstecher an und strecke die andere Hand nach dem Fotoapparat aus. Dafür muss ich nicht nur meine Hand, meinen Arm, meine Schulter, sondern auch meinen Kopf und Körper vorbeugen, um näher heranzukommen. Nur noch ein kleines Stück, dann habe ich sie in der Hand, die Kamera, den gleichen Weg noch einmal zurück und nur ein winziger Klick, dann ist es geschafft; der Beweis einer geglückten Recherche im Schaffhauser Wald würde doch sicher auch meinen Verlag beglücken. Es knackt, es knackt lauter, irgendwas spielt nicht mit an meinem Körper, ich verliere das Gleichgewicht, rutsche seitlich über den Baumstamm, klammere mich mit beiden Armen fest, finde das Gleichgewicht wieder, doch mit einem lauten KLONG! plumpst die Thermoskanne vom Baum auf den Boden. Verdammt! Der Hirsch ist nicht mehr da, war ja auch klar, bei dem Lärm. Ich sehe ihn noch 20 Meter weiter in aller Gemütlichkeit, fast schon Dickfelligkeit hinfortschlurfen. Richtig erschreckt habe ich ihn wohl nicht. Alles, was mir bleibt, ist unsere Erinnerung, ein Stückchen Rinde unter dem Daumennagel und ein eingeschlafenes Bein, das mir nun das Herabklettern schwer macht. Das stille Sitzen, es ist wohl nicht meins. Es reicht jetzt aber auch. Ich ergreife meine Thermoskanne, schultere meinen Rucksack und mache mich auf die lange Wanderung zurück zum Campingplatz. Ich habe genug gesehen, ich habe genug zum Schreiben. Jetzt mache ich Urlaub.

Südamerikanische Laufvögel auf rapsgelben Äckern:
Die Nandus von der Wakenitzniederung
Grüne Wälder, frisch bestelltes Ackerland, sanfte Hügel und endlose Weiten, vermeintlich ins Nichts führende, teilbetonierte Feldwege. Ein Heimatroman könnte sie nicht schöner beschreiben, diese friedliche Landidylle rund um Schlagsdorf, rund neun Kilometer nordöstlich von Ratzeburg, an der Landesgrenze von Mecklenburg- Vorpommern zu Schleswig-Holstein.
Schlagsdorf ist nur einer von vielen kleinen Orten im Landstrich der Wakenitzniederung. Es gibt eine Hauptstraße, eine malerische Kirche, ein paar Einfamilienhäuser im Neubaugebiet, aber das war es dann auch schon. Himmlische Ruhe. Lediglich das Grenzhus, ein 1990 eröffnetes Museum zur 40-jährigen Geschichte der damaligen Bewohner im befestigten Grenzbereich, zieht mehrmals die Woche einen Reisebus voller Geschichtstouristen oder Schulklassen an. In diesen Momenten verwandelt sich die Bäckerei des Ortes in einen Quell des geschäftigen Treibens, 30 Minuten am Tag, schon hupt der Bus zur Abfahrt.
Eine Zweigstelle des Biosphärenreservats Schaalsee-Elbe ist im gleichen Gebäude wie das Museum untergebracht, der Ranger, Herr Axel, sitzt in einem separaten Häuschen neben dem Busparkplatz, in seinem Büro gibt es Filterkaffee und zwei Besucherstühle, eine zweite Rangerausrüstung hängt hinter der Tür. Er beantwortet geduldig alle meine Fragen und zeigt mir ein riesiges Nandu-Ei, welches größer ist als meine Kaffeetasse. Später nimmt er mich mit auf eine Tour durch die Felder, wir grüßen die beiden Fußgänger, die uns entgegenkommen, passieren eine Rinderweide und gelangen zu einem großen Waldstück, welches an ein frisch bestelltes Rapsfeld anschließt. Schon von Weitem kann man sie sehen, diese kugelförmigen Wesen mit langen Beinen und Hälsen, nicht größer als 1,40 Meter. Scheinbar gleichgültig beobachtet uns der Hahn beim Näherkommen, seine Küken picken derweil ungerührt und emsig Rapssamen aus dem gelockerten Ackerboden. Von nun an werden sie einen konstanten Abstand von ca. 40 Metern zu uns halten, der Vater knufft beizeiten seine Brut auffordernd in die Seite, damit sie sich bewegen, behäbig fort, immer weg von uns.
Die bedächtige Wandergruppe umweht ein Hauch von Exotik, so gar nicht wollen sie in dieses gelernte Bild einer ursprungsdeutschen Landschaft passen. Zwischen 1999 und 2009 büxten immer wieder Nandus aus einem unzureichend gesicherten Wildgehege in Groß Grönau aus, insgesamt sieben. Als hätten sie gewusst, dass ihr Paradies auf der anderen Seite ist, schwammen sie mutig durch die Wakenitz und kamen so über die schleswig-holsteinische Seite, nördlich vom Ratzeburger See bis ins zwölf Kilometer entfernte Biosphärenreservat Schaalsee-Elbe (das war übrigens schon vorher da) und machten sich schnell über die dortigen Äcker samt deren leckeren Rapssprossen und -blüten her. Die Aufregung war groß, Ranger, Tierschützer und Bauern zeigten sich irritiert. Was tun? Immerhin handelt es sich bei dieser Art des südamerikanischen Nandus um eine besonders schützenswerte Gattung des Washingtoner Schutzabkommens. Sie abzuschießen war also nicht drin, einfangen auch nicht: Mit einer Geschwindigkeit von 60 km/h bei der Flucht nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, zudem sind da die starken Flügel, flugunfähig zwar, aber prima zum Verteidigen und für blitzschnelle Richtungswechsel hervorragend geeignet.
Natürliche Feinde haben sie keine in Deutschland, die gefiederten Mini-Strauße. Selten werden frisch geschlüpfte Küken von Füchsen verschleppt, manchmal knacken auch Wildschweine eines der 1000 Gramm schweren Eier. Sie sind die Einzigen, die mit ihren Hufen die harte Schale zertrümmern können, aber oft ist ihnen das viel zu mühselig, und in der Regel wacht der Hahn ohnehin dermaßen konzentriert über seiner Brut, dass der Begriff »Helikoptervater« durchaus zutrifft.
Aber der Winter würde es richten, so die ursprüngliche Annahme, mit den nasskalten deutschen Temperaturen und dem spät einsetzenden Frühling. Damit würden die ursprünglich aus Südamerika stammenden Nandus nicht zurechtkommen, das Problem würde sich sicher von selbst erledigen. Die Ranger winkten ab, die Bauern waren zuversichtlich. Und tatsächlich ist sie die einzige wirkliche Gefahr, diese dunkle deutsche Jahreszeit von Dezember bis Ende Januar, wenn noch nichts Frisches gedeiht und mögliches Futter vermodert oder ungenießbar verschüttet ist unter gefrorenen Schneedecken.
Doch es kam anders. Vielleicht raffte es tatsächlich ein paar wenige Nandus dahin, alle aber nicht. Im Gegenteil: Die scheinbar winterfesten Nandus fühlten sich zunehmend wohl, lebten sich ein, und schließlich erblickte 2001 mit 14 Küken die erste wilde, eingedeutschte Nandu-Generation das Licht dieser Welt. Ein Trick, so einfach wie genial, vom Genpool der Laufvögel ausgeheckt: Innerhalb weniger Jahre änderte sich die Brutbereitschaft von Oktober auf März. So konnte sichergestellt werden, dass für genügend Nahrung gesorgt war und die Küken direkt zu Sommeranfang geboren wurden, nicht wie unterhalb der Äquatorgrenze im Oktober. Von nun an sollte sich der Bestand von Jahr zu Jahr sprunghaft erhöhen, Anfang 2018 lag die Population bereits bei 300 Tieren.
Die Tierforscher rätselten, die Ranger zeigten sich besorgt, die Bauern schlugen die Hände über dem Kopf zusammen: Die Fraßschäden der Rapsfelder, mitunter bis zu zehn Hektar bei einem Betrieb, konnten nicht als Ertragseinbuße geltend gemacht werden; diese gilt ausschließlich für Rotwild oder Wetterschäden. Die mecklenburgische Wildnis, vereinnahmt von einer südamerikanischen Schar sich reproduzierender, hungriger, nicht abschiebbarer Laufvögel – wo sollte das noch hinführen?
So wurde im Mai 2018 örtlichen Bauern erstmals die Genehmigung erteilt, frisch gelegte Nandu-Eier anzubohren, um dem Kükenboom Einhalt zu gebieten. Das Zeitfenster für solch eine Operation ist mit 15 Tagen nach Eiablage kurz, es reichte aber aus, um 190 der 238 Eier manipulieren zu können. Sehr zur Freude des Kolkraben übrigens, der von der lecker-modrigen Eisuppe angelockt nun das Gelege des Nandu-Hahnes drangsalierte. Woraufhin diverse Hähne ihre Gelege aufgaben und sich umgehend auf die Suche nach nochmals willigen Hennen machten, um eine erfolgversprechendere Nachbrut zu produzieren. Dumm gelaufen für die Geburtenkontrolle.
Einen weiteren Versuch der Ranger, die Poren der Eier in einer Mischung aus Paraffin und Kalk zu verschließen, zeigte nachhaltigere Erfolge: Die Hähne brüteten bis zum Ende der Brutzeit, der Hahn saß bis zuletzt auf »tauben Eiern« und als er das bemerkte, blieb ihm nichts anderes übrig, als auf die nächste Brutsaison zu warten. Die Population konnte mit dieser Maßnahme erstmals gleichbleibend groß gehalten werden; ob sich eine der Maßnahmen etabliert, bleibt noch abzuwarten.
Übrigens ist es Ihnen, lieber aufmerksamer Leser, sicherlich nicht entgangen: Bei den Nandus sind ausschließlich die Herren für den Nachwuchs zuständig, angefangen von der siebenwöchigen Brutzeit bis zur sechsmonatigen Aufzucht nach dem Schlüpfen.
Und da ein Eigelege mit durchschnittlich 42 bis 50 Eiern nicht ganz ohne ist, haben die Hähne oft auch einen pflichtbewussten Assistenten an der Hand. Dieser hält die Eier warm, wenn den Hahnenpapa einmal ein Grundbedürfnis drückt oder er sich stärken muss. Er hilft übrigens auch schon bei der Balz, indem er die begehrenswerten Damen liebenswert in die Mitte treibt und in die Seite knufft, begleitet von den namensgebenden »Nan-Du Nan-Du!«-Rufen, um sie auf die bevorstehende Paarung einzustimmen.
Ein traditionelles Familienleben findet bei den Nandus als solches also nicht statt; bei dieser Tiergattung gehört es zum guten Ton, dass sich die Hennen aus dem Staub machen, sobald sie ihre Eier für den Hahn gelegt haben. Oft werden danach noch ein bis zwei weitere Nandumänner beglückt. Die Eiablage erfolgt übrigens nicht im kuschelig eingerichteten Gelege, sondern rundherum: Der Hahn schubst die Eier mit seinem Schnabel ins Nest. Manche Eier werden dabei vergessen, passen nicht mehr ins Gelege oder werden schlichtweg zu weit weg abgelegt. Diese oft angeknacksten Exemplare sorgen dann für einen reichen Insektenansturm, der wiederum eine hervorragende Eiweißquelle für den brütenden Hahnenpapa bietet, damit er nie zu weit vom Gelege entfernt auf Nahrungssuche gehen muss.
Womit wir auch schon bei der Nahrung sind: Im Winter ernähren sich die Nandus hierzulande gern von Maiskörnern, Ackerfrüchten, Beeren und Nüssen. Im Sommer kommen neben den beliebten Rapsblüten und -sprossen auch Zuckerrüben und die eben erwähnten kleinen Insekten hinzu: Als lebenswichtige Eiweißquelle sind sie vor allen Dingen für die Nandu-Küken unverzichtbar. Die Essensbeschaffung selbst gleicht derweil einer Choreografie: Der Nandupapa läuft durch eine Wiese und scheucht mit seinem Getrampel die kleinen, im Gras sitzenden Insekten auf, rechts und links von ihm flankiert durch seine Kükenkinder, die mit ihrem weit geöffneten Schnabel alles einfangen, was da aus den Tiefen der Wiese heraufgekreucht und -gefleucht kommt. Leider landet auch hin und wieder eine seltene Insektenart wie die Blauflügelige Ödlandschrecke im hungrigen Schlund des Nachwuchses, weswegen der Nandu trotz Schutzabkommen auf der Liste der potenziell invasiven Arten gelandet ist. Ob er wirklich schädlich für die heimische Tierwelt ist und sich der Bestand an seltenen Insekten durch ihn gefährlich dezimiert, muss sich noch herausstellen.
Mehr als zehn Jahre leben die kleinen Laufvögel nun schon in der Freiheit und haben sich mit über drei Generationen in der Wildnis erfolgreich reproduziert. Somit gelten sie als Neozoen, also eine vom Menschen eingeschleppte Tierart, die sich eigenständig fortgepflanzt und angesiedelt hat.
Demnach sind sie nach Paragraf 7, Abschnitt 2 des Bundesnaturschutzgesetzes als heimische, wildlebende Tierart zu betrachten, bei der es verboten ist, diesen »nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, beschädigen oder zu zerstören«. Das heißt auch, dass die Bauern weiter tatenlos zusehen müssen, wenn sich die Nandus gütlich an ihren Äckern tun. Selbst aktives Verscheuchen ist nicht erlaubt, und aus der Not geborene Maßnahmen wie das Ausbringen von Acker- Gülle, Aufstellen von Elektrozäunen oder lautes Verscheuchen vertrieb die Nandus nicht merklich.
Vorerst leben die Nandus also weiterhin in der nordostdeutschen Wildnis, und zumindest aus ihrer Sicht haben sie sich hervorragend eingewöhnt. Hin und wieder bilden sie eine lose Symbiose mit heimischen Rehen und sind gemeinsam auf den Äckern anzutreffen: Die Rehe warnen mit ihrem hypersensiblen Witterungsradar vor drohenden Gefahren, während die unerschrockenen und starken Nandus Schutz vor frechen Füchsen oder Wildschweinen versprechen.
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