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Marcel Schwob

Der Kinderkreuzzug


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066116323

Inhaltsverzeichnis

ERZÄHLUNG DES GOLIARD

ERZÄHLUNG DES AUSSÄTZIGEN

ERZÄHLUNG DES PAPSTES INNOCENZ III.

ERZÄHLUNG DREIER KLEINER KINDER

ERZÄHLUNG DES SCHREIBERS FRANÇOIS LONGUEJOUE

ERZÄHLUNG DES KALANDARS

ERZÄHLUNG DER KLEINEN ALLYS

ERZÄHLUNG PAPST GREGORS IX.

ERZÄHLUNG DES GOLIARD

Inhaltsverzeichnis

Ich armseliger Goliard, elender Pfaff, der ich in den Wäldern und auf den Landstraßen umherstreife, um im Namen unseres Heilandes mein tägliches Brot zu erbetteln, ich habe ein frommes Schauspiel gesehen und die Worte der kleinen Kinder gehört. Ich weiß, mein Leben ist nicht sehr heilig und ich habe den Versuchungen unter den Linden am Wege nicht widerstanden. Die Brüder, die mir Wein geben, sehen wohl, daß ich kaum gewöhnt bin, ihn zu trinken. Aber ich gehöre nicht zur Sekte derer, die verstümmeln. Es gibt böse Menschen, die den Kleinen die Augen ausstechen, ihnen die Beine absägen und die Hände binden, um sie auszustellen und Mitleid mit ihnen zu erwecken. Und deshalb habe ich Furcht, wenn ich alle diese Kinder sehe. Sicher wird sie unser Heiland beschützen. Ich rede in den Tag hinein, denn Freude erfüllt mich. Ich freue mich über den Frühling und über alles, was ich gesehen habe. Mein Geist ist nicht sehr stark. Ich erhielt die Tonsur, als ich zehn Jahre alt war und habe die lateinischen Worte vergessen. Ich bin wie die Heuschrecke; denn ich springe hierhin und dorthin und summe, und manchmal öffne ich bunte Flügel, und mein kleiner Kopf ist durchsichtig und leer. Man sagt, daß St. Johannes sich in der Wüste von Heuschrecken nährte. Man müßte viel davon essen. Aber St. Johannes war nicht ein Mensch wie wir.

Ich bewundere St. Johannes, denn er irrte umher und redete ohne Unterlaß. Mir scheint, seine Worte hätten milder sein sollen. Auch der Frühling ist mild in diesem Jahr. Niemals hat es so viele weiße und rote Blumen gegeben. Die Wiesen sind frisch gewaschen. Überall auf den Hecken glänzt das Blut unseres Heilandes. Unser Herr Jesus ist weiß wie eine Lilie, aber sein Blut ist rot. Warum? Ich weiß nicht. Auf irgendeinem Pergament muß es geschrieben stehen. Wenn ich Schreiben gelernt hätte, würde ich Pergament haben und würde darauf schreiben. Dann könnte ich jeden Abend sehr gut essen. Ich ginge in die Klöster und betete für die toten Brüder und schriebe ihre Namen auf meine Rolle. Ich würde meine Totenrolle von einer Abtei zur anderen tragen. Das ist etwas, was unseren Brüdern gefällt. Aber ich kenne die Namen meiner toten Brüder nicht; vielleicht sorgt sich unser Heiland auch nicht darum, sie zu erfahren. Mir schien, als ob alle diese Kinder keine Namen hätten. Und es ist sicher, daß unser Herr Jesus sie liebt. Sie erfüllten die Landstraße wie ein Schwarm weißer Bienen. Ich weiß nicht, woher sie kamen. Es waren ganz kleine Pilger. Als Pilgerstäbe hatten sie Hasel- und Birkenstöcke. Auf den Schultern trugen sie das Kreuz; und alle diese Kreuze hatten andere Farben. Ich sah grüne, die wohl aus aufgenähten Blättern gemacht waren. Es sind wilde, unwissende Kinder, Ich weiß nicht, wohin sie irren. Sie glauben an Jerusalem. Ich denke, Jerusalem muß weit sein und unser Heiland muß näher bei uns sein. Sie werden nicht nach Jerusalem kommen. Aber Jerusalem wird zu ihnen kommen. Wie zu mir auch. Das Ziel aller heiligen Dinge liegt in der Freude. Unser Heiland ist hier, auf diesem Rotdorn, auf meinem Munde und in meiner armen Rede. Denn ich denke an ihn, und seine Grabstätte ist in meinen Gedanken. Amen. Ich will hier in der Sonne schlafen gehen. Dies ist eine heilige Stätte. Die Füße unseres Heilandes haben alle Orte geheiligt. Ich will schlafen. Jesus, laß am Abend alle diese kleinen weißen Kinder schlafen, die das Kreuz tragen. Wahrhaftig, ich sage es ihm. Ich bin sehr schläfrig. Ich sage es ihm wirklich, denn vielleicht hat er sie gar nicht gesehen und er muß doch über die kleinen Kinder wachen. Die Mittagsstunde drückt auf mich. Alle Dinge sind weiß. Amen.

ERZÄHLUNG DES AUSSÄTZIGEN

Inhaltsverzeichnis

Wenn ihr verstehen wollt, was ich euch erzählen werde, so wisset zuvor, daß mein Haupt von einer weißen Kapuze umhüllt ist und daß ich eine Klapper aus hartem Holze schwinge. Ich weiß nicht mehr, wie mein Gesicht aussieht, aber ich fürchte mich vor meinen Händen; sie laufen vor mir her wie schuppige, fahle Tiere. Ich möchte sie abschneiden. Ich schäme mich vor dem, was sie berühren. Mir ist, als ob sie die roten Früchte, die ich pflücke, absterben lassen, und die armseligen Wurzeln, die ich ausreiße, scheinen welk zu werden unter ihrem Griff. Domine ceterorum libera me! Der Heiland hat nicht meine bleiche Sünde gesühnt. Ich bin vergessen bis zur Auferstehung. Wie die Kröte, die beim kalten Licht des Mondes in einen dunklen Stein eingeschlossen wird, so werde ich in meiner scheußlichen Höhle eingeschlossen bleiben, wenn die anderen mit ihrem lichten Körper auferstehen. Domine ceterorum fac me liberum, leprosus sum! Ich bin einsam und mir graust. Meine Zähne allein haben ihre natürliche Weiße bewahrt. Die Tiere haben Furcht vor mir und meine Seele möchte fliehen. Der Tag stiehlt sich von mir weg. Zwölfhundert und zwölf Jahre ist es her, daß der Heiland sie erlöst hat, und mit mir hat er kein Mitleid gehabt. Ich wurde nicht berührt mit dem blutigen Speer, der ihn durchbohrt hat. Das Blut des Heilandes der anderen hätte mich vielleicht geheilt. Ich denke oft an Blut; mit meinen Zähnen könnte ich beißen; sie sind unversehrt. Da Er es mir nicht geben wollte, so habe ich die Gier, den zu packen, der Ihm gehört. Deshalb lauerte ich den Kindern auf, die von der Vendôme nach diesem Walde der Loire herabkamen. Sie trugen Kreuze und waren Ihm ergeben. Ihre Körper waren Sein Körper, und er hat mich nicht eines Körpers teilhaftig werden lassen. Ich bin auf Erden von einer bleichen Verdammnis umgeben. Ich habe mich auf die Lauer gelegt, um aus dem Halse eines seiner Kinder unschuldiges Blut zu saugen. Et caro nova fiet in die irae. Am jüngsten Tage werde ich einen neuen Leib bekommen.

Und hinter den anderen ging ein frisches Kind mit rotem Haar. Ich faßte es ins Auge und sprang plötzlich hervor; ich ergriff seinen Mund mit meinen scheußlichen Händen. Es war nur mit einem härenen Hemde bekleidet; seine Füße waren bloß und seine Augen blieben sanft. Und es betrachtete mich ohne Erstaunen. Als ich bemerkte, daß es nicht schreien würde, ergriff mich der Wunsch, einmal eine menschliche Stimme zu hören. Ich zog meine Hände von seinem Munde zurück, und es wischte sich nicht seinen Mund ab. Und seine Augen schienen anderweit zu weilen.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
18 January 2025
Volume:
23 p. 1 illustration
ISBN:
4064066116323
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Bookwire
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