Read the book: «Das Gefühlsleben der Tiere»
Marc Bekoff
Das Gefühlsleben der Tiere
Ein führender Wissenschaftler untersucht Freude, Kummer und Empathie bei Tieren
Mit einem Vorwort von Jane Goodall

© 2008 Marc Bekoff/animal learn Verlag
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung und Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
3. Auflage 2014
ISBN 978-3-936188-42-4
Übersetzung ins Deutsche: Elke Franz
Lektorat: Petra Schmidt, Susanne Artmann
Fotos: Cliff Grassmick, istockphoto, fotolia, pixelio
Satz & Layout: Annette Gevatter, Riegel a. K.
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Alle Rechte der deutschen Übersetzung:
animal learn Verlag
Am Anger 36, 83233 Bernau
Email: animal.learn@t-online.de
www.animal-learn.de
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT von Jane Goodall
EINFÜHRUNG
Das Geschenk der Gefühle von Tieren
DANKSAGUNG
KAPITEL 1
Argumente für die Gefühle der Tiere und
weshalb sie von Bedeutung sind
KAPITEL 2
Kognitive Ethologie: Das Studium des Verstandes
und der Herzen von Tieren
KAPITEL 3
Tierische Leidenschaften: Was Tiere fühlen
KAPITEL 4
Wilde Gerechtigkeit, Empathie und Fairplay: Tiere und Ehrgefühl
KAPITEL 5
Schwierige Fragen: Antworten für Skeptiker und das Ansprechen der Unsicherheit in der Wissenschaft
KAPITEL 6
Ethische Entscheidungen: Was wir mit unserem Wissen tun
QUELLENHINWEISE
LITERATURHINWEISE
ÜBER DEN AUTOR

Für Jasper, den Sprecher der Bären für Hoffnung und Freiheit, und Pablo, den Schimpansen CH-377
– zwei von viel zu vielen.

VORWORT
Es freut mich sehr, das Vorwort für dieses wichtige Buch schreiben zu dürfen, denn es befasst sich mit einem Thema – den Gefühlen von Tieren – das für das richtige Verständnis von Tieren und ihre Beziehung zu uns entscheidend ist. Schon während meiner Kindheit faszinierten mich alle Tiere – ich beobachtete sie, lernte von ihnen und liebte sie. Im Alter von zehn Jahren entwickelte ich eine ganz besondere Beziehung zu dem außerordentlich intelligenten Mischlingshund Rusty, der zu meinem ständigen Begleiter wurde. Er und drei aufeinander folgende Katzen, zwei Hängebauchschweine, ein Goldhamster, ein Kanarienvogel und zwei Schildkröten, mit denen wir unser Haus und unsere Herzen teilten, lehrten mich, dass Tiere, zumindest solche mit ziemlich komplexen Gehirnen, starke und unverwechselbare Persönlichkeiten sind und über einen Verstand verfügen, der sie zu einem gewissen rationalen Denken befähigt – und insbesondere dazu, Gefühle zu haben.
Später, im Jahr 1960, erhielt ich die außerordentliche Gelegenheit, die Schimpansen im Gombe National Park in Tansania zu beobachten. Ich hatte keine Ahnung von wissenschaftlichen Methoden und hielt einfach alles fest, was ich sah. Glücklicherweise war ich geduldig, denn während der ersten paar Monate flüchteten sie, wann immer sie dieses merkwürdigen weißen Affens ansichtig wurden, der so plötzlich in ihrer Mitte aufgetaucht war. Das erste Tier, das seine Angst vor mir verlor, nannte ich David Greybeard. Er war ein auffallend schöner, erwachsener Schimpansenmann mit großen, weit auseinander liegenden Augen. Ich fand schließlich heraus, dass er mit seiner freundlichen, aber entschlossenen Art eine echte Führungspersönlichkeit war. Davids ruhige Akzeptanz meiner Anwesenheit half anderen Mitgliedern seiner Gemeinschaft zu erkennen, dass ich letztlich doch keine so Furcht erregende Kreatur war. Dennoch wurden viele von ihnen aggressiv und unternahmen Einschüchterungsversuche, wie sie üblicherweise Leoparden oder großen Schlangen zu Teil werden. Doch schließlich entspannten sie sich, und nachdem ich Stück für Stück ihr Vertrauen gewonnen hatte, erlaubten sie mir, mich in ihrer Welt zu bewegen – immer nach ihren Regeln. Ich lernte die vielfältigen starken Persönlichkeiten kennen: Davids engen Gefährten Goliath, bei dem es sich, wie ich schließlich erkannte, um das Alpha-Männchen handelte; die hochrangige, bestimmte Flo und ihre große Familie; die schüchterne Olly und ihre alles andere als schüchterne Tochter Gilka; den reizbaren JB; Jomeo, den unabsichtlichen Clown – und all die anderen.
Nach einem Jahr ermöglichte es mir Louis Leakey, mich an der Universität von Cambridge auf meine Doktorarbeit in Ethologie vorzubereiten. Dort wurde ich dafür kritisiert, nicht nach wissenschaftlichen Methoden gearbeitet, den Schimpansen Namen statt Nummern zugeteilt und ihnen damit Persönlichkeit „verliehen“ zu haben – und dafür, zu behaupten, sie hätten Verstand und Gefühle. Dies, so wurde mir mit strengen Worten mitgeteilt, seien Attribute, die ausschließlich für das Tier Mensch reserviert seien. Ich wurde sogar dafür getadelt, einen männlichen Schimpansen mit „er“ und eine weibliche Schimpansin mit „sie“ zu bezeichnen: Wusste ich denn nicht, dass die korrekte Weise, mit der ein Tier zu bezeichnen war, „es“ lauten musste? Ein nichtmenschliches Tier, selbstverständlich. Und so wurden meine Beobachtungen größtenteils als die einer naiven jungen Frau ohne universitäre Bildung abgetan. Und doch war es gerade diese „fehlende Qualifikation“ in Verbindung mit meiner Leidenschaft, etwas über Tiere in freier Wildbahn zu erfahren, was meinen Mentor, den inzwischen verstorbenen Louis S. B. Leakey, für mich eingenommen hat. Er wünschte sich einen Beobachter, dessen Verstand unbeeinflusst war vom begrenzten Denken der Wissenschaft der frühen Sechziger Jahre. Tatsächlich vertraten Ethologen sowie zahlreiche Philosophen und Theologen den Standpunkt, Persönlichkeit, Verstand und Gefühle seien einzig menschliche Attribute und das Verhalten nichtmenschlicher Lebewesen sei lediglich auf umweltbedingte oder soziale Einflüsse zurückzuführen.
Das konnte ich jedoch nicht akzeptieren – es widersprach allem, was ich in den Jahren mit Rusty sowie während meiner Zeit mit den Schimpansen gelernt hatte. Glücklicherweise hatte ich in Professor Robert Hinde einen weisen Doktorvater. Er war selbst bekannt für seinen streng wissenschaftlichen Verstand und seine Intoleranz gegenüber verschwommenen Denkmodellen. Trotzdem hatte er allen Rhesusaffen, mit denen er gearbeitet hatte, Namen gegeben und schrieb über sie ohne Scham als „er“ und „sie“. Robert Hinde lehrte mich, meine Ideen, denen zwar gesunder Menschenverstand zugrunde lag, die ethologisch jedoch revolutionär anmuteten, in einer Weise auszudrücken, die mich vor allzu feindseliger wissenschaftlicher Kritik schützte. Ich konnte zum Beispiel nicht sagen „Fifi war glücklich“, da ich das nicht beweisen konnte. Stattdessen konnte ich sagen: „Fifi verhielt sich auf eine Weise, dass man, wäre sie menschlich, sagen würde, sie war glücklich.“
In den späten Sechziger Jahren gingen immer mehr Biologen ins Feld und begannen mit Langzeitstudien an allen möglichen tierischen Spezies: Affen, Menschenaffen, Elefanten, Wale, Delfine, Wölfe usw. Diese Studien machten deutlich, dass das Verhalten von Tieren wesentlich komplexer ist, als ursprünglich von der Wissenschaft der westlichen Welt zugegeben worden war. Es gab immer mehr zwingende Beweise dafür, dass wir nicht allein sind in unserem Universum, dass wir nicht die einzigen Kreaturen mit Verstand sind – fähig, Probleme zu lösen, Liebe und Hass ebenso zu verspüren wie Freude und Trauer, Angst und Verzweiflung. Sicher sind wir nicht die einzigen Tiere, die Schmerz und Leid empfinden. Mit anderen Worten: Es gibt keine klare Grenze zwischen dem Tier Mensch und dem Rest des tierischen Königreichs. Die Grenzen sind fließend und mit der Zeit werden sie immer fließender.
Doch gibt es leider zahllose Menschen, darunter sowohl Laien als auch Wissenschaftler, die immer noch aufrichtig davon überzeugt sind, dass Tiere lediglich Objekte sind, die durch äußere Einflüsse aktiviert und zu Reaktionen veranlasst werden. Und nur zu oft weisen diese Menschen bewusst oder unbewusst unsere Versuche zurück, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Letztlich ist es einfacher, an unbeseelten Objekten unangenehme Handlungen zu vollziehen – sie schmerzhaften Experimenten auszusetzen, sie in industrieller Massenzucht aufzuziehen, sie zu jagen, zu fangen, zu essen und auf andere Weise auszubeuten –, als diese Dinge lebendigen, fühlenden Wesen anzutun. Ein Affe, Hund oder Schwein erfährt Angst wahrscheinlich auf dieselbe Art und Weise wie ein menschliches Wesen. Jungtiere, ob menschlich oder nicht, zeigen ganz ähnliche Verhaltensweisen, wenn sie gut gefüttert und beschützt werden – sie spielen, tollen, drehen sich im Kreis, hüpfen, schlagen Purzelbäume –, so dass es schwer ist, nicht zu glauben, dass sie damit auch ganz ähnliche Gefühle ausdrücken. Mit anderen Worten: Sie sind voller Lebensfreude – sie sind glücklich. Ich sah bei Schimpansenkindern nach dem Tod ihrer Mütter ein ähnliches Verhalten, das der klinischen Depression trauernder Menschenkinder gleichkommt: gekrümmte Haltung, Schaukeln des Körpers, stumpf starrende Augen, Interesselosigkeit gegenüber den Vorgängen rundherum. Wenn menschliche Kinder aus Trauer leiden können, dann können dies auch Schimpansenkinder. In diesem Stadium der Trauer können Schimpansenwaisen – wie Flint und Kristal – sogar sterben.
Es wird immer offensichtlicher, wofür nun auch hervorragende wissenschaftliche Belege existieren, dass Tiere einen sehr großen therapeutischen, heilenden Einfluss ausüben können. Bei der Senkung des Blutdrucks, dem Reduzieren asozialen Verhaltens Gefangener und der Unterstützung von Kindern mit Leselernschwäche spielen sie eine wichtige Rolle. Ältere, allein lebende Menschen können vor Depressionen bewahrt werden, die durch Einsamkeit oder durch das Gefühl von Nutzlosigkeit entstehen, wenn sie ihr Leben mit einem geliebten Tier wie einer Katze oder einem Hund teilen. Dies liegt nicht allein daran, dass Tiere weich, pelzig und warm sind. Es liegt daran, dass diese heilenden Tiere mit ihren Menschen mitfühlen, ihre Nöte zu verstehen scheinen – und sie lieben. Mit anderen Worten: Diese Tiere sind sehr viel mehr als Objekte, deren Verhalten durch Stimulus und Reaktion beeinflusst wird. Ein ausgestopftes, mechanisches Spielzeugtier, egal wie kunstvoll gearbeitet und wie lebensecht in seiner Erscheinung, kann niemals den Platz eines lebenden, fühlenden und liebenden Tieres einnehmen.
Je mehr Menschen begreifen, dass Tiere, besonders in Gruppen lebende Säugetiere mit komplexen Gehirnen, ein reiches Gefühlsleben besitzen und darüber hinaus auch fähig sind zu leiden – sowohl mental als auch physisch – desto eher wird es uns gelingen, die unangemessene Behandlung, die so vielen Millionen von Tieren zu Teil wird, zu ändern. Tatsächlich haben die meisten Menschen keine Ahnung davon, was sich in den medizinischen Forschungslabors abspielt. Und sie wissen nichts – und wollen auch gar nichts wissen – von den Milliarden von Tieren, die in stinkenden, schmutzigen Zuchtfabriken, auf engstem Raum zusammengepfercht, geboren werden. Genauso wenig begreifen sie, welche Grausamkeit hinter dem Training von Tieren steckt, die im Zirkus oder auf andere Weise der Unterhaltung der Menschen dienen sollen. Solange Wissenschaftler (zumindest in ihrem Berufsleben) die falsche Ansicht aufrecht erhalten, dass nichtmenschliche Wesen bloß Dinge sind, wird dies leider dazu führen, auch weiterhin stillschweigend über dieses unmenschliche Verhalten hinwegzusehen.
Aus diesem Grund freue ich mich so sehr darüber, dass Marc dieses Buch geschrieben hat. Unbeeindruckt von der manches Mal bösartigen Kritik seiner Kollegen, die er praktisch während seines gesamten Berufslebens erfahren musste, fuhr er fort, die Persönlichkeiten und Gefühle nichtmenschlicher Tiere zu studieren und über sie zu schreiben. Nun hat er im Gefühlsleben der Tiere das stetig wachsende Datenmaterial wissenschaftlicher Beweise zusammengefasst, das die These von der Existenz vielfältiger Emotionen bei anderen Tieren unterstützt, reich illustriert durch seine eigenen sorgfältigen Beobachtungen und Schlüsse. Er vertritt eindringlich den Standpunkt, dass die Zeit gekommen ist, diesen Komplex an Informationen allgemein zu akzeptieren. Tatsächlich weist er darauf hin, dass es einer Zeitverschwendung gleichkommt, auch nur zu fragen, ob Schimpansen, Elefanten, Hunde usw. Gefühle wie Glück, Traurigkeit, Verzweiflung und Ärger erleben – und dass dies für Menschen, die auf sinnvolle Weise Zeit mit Tieren verbracht oder mit ihnen gelebt haben, offensichtlich ist. Statt weiterhin zu versuchen, das Offensichtliche zu beweisen, ist nun ganz sicher die Zeit gekommen zu akzeptieren, dass tierische Wesen – wie menschliche Wesen auch – Gefühle ausdrücken, und somit die Zeit, andere Fragen zu stellen, so wie er es mit diesem Buch tut. Wie entwickeln sich Gefühle überhaupt? Welchem Zweck dienen sie?
Das Gefühlsleben der Tiere ist eine weitere Stimme im wachsenden Chor derjenigen, die versuchen, die Haltung gegenüber den tierischen Wesen, mit denen wir uns diesen Planeten teilen, zu verändern. Die Verbindung sorgfältiger wissenschaftlicher Methodik mit Intuition und gesundem Menschenverstand wird dieses Buch zu einem großartigen Werkzeug für diejenigen machen, die dafür kämpfen, das Leben der Tiere in einer Umwelt zu verbessern, in der ein nahezu vollständiges Unverständnis herrscht. Ich hoffe nur, dass es viele Menschen dazu bringen wird, die Art und Weise, wie sie mit ihren Tieren umgehen, noch einmal zu überdenken.
Jane Goodall, PhD, DBE,
Gründerin des Jane Goodall Institute
und Friedensbotschafterin der Vereinten Nationen

EINFÜHRUNG
Das Geschenk der Gefühle von Tieren
Willkommen in der faszinierenden Welt der Gefühle der Tiere. Als Wissenschaftler, der seit mehr als 30 Jahren die Leidenschaften und Tugenden von Tieren studiert, sehe ich mich selbst als einen sehr glücklichen Menschen. Ich liebe, was ich tue. Ich liebe es, etwas über Tiere zu erfahren, und ich liebe es, meine und die Entdeckungen meiner Kollegen mit anderen zu teilen. Wann immer ich Tiere beobachte oder mit ihnen arbeite, leiste ich einen Beitrag für die Wissenschaft und gehe gleichzeitig soziale Beziehungen ein. Für mich liegt darin kein Widerspruch.
Bevor ich beginne, möchte ich einen wichtigen Punkt in Bezug auf die Terminologie ansprechen. Wenn wir über „tierische Gefühle“ diskutieren, vergessen wir manchmal, dass auch Menschen Tiere sind. Die Phrase „nichtmenschliche Tiere“ für Wesen zu verwenden, die wir gewöhnlich als „Tiere“ bezeichnen, ist jedoch sehr umständlich. Deshalb verwende ich in diesem Buch das Wort Tiere, wenn ich mich auf „nichtmenschliche Tiere“ beziehe – selbstverständlich in dem Wissen, dass wir alle Tiere sind, und in der Hoffnung, dass diese sprachliche Abkürzung nicht dazu beiträgt, gewisse „Nachlässigkeiten“ aufrecht zu erhalten.
Das Gebiet der tierischen Emotionen – bei dem es sich um einen spezifischen Bereich innerhalb der größeren wissenschaftlichen Disziplin der kognitiven Ethologie bzw. der Studien in Hinsicht auf den tierischen Verstand handelt – hat sich in den letzten 30 Jahren enorm gewandelt. Als ich mit meinen Studien begann, waren nahezu alle Forscher Skeptiker, die ihre Zeit damit verbrachten sich zu fragen, ob Hunde, Katzen, Schimpansen und andere Tiere etwas fühlen. Da man Gefühle nicht unter ein Mikroskop legen kann, fanden diese Forscher für gewöhnlich auch keine – und ich möchte sagen, ich bin froh, nicht ihr Hund gewesen zu sein! Zum Glück finden wir heute immer weniger Skeptiker; doch während die Debatten um die Frage, ob Tiere Gefühle haben oder nicht, zwar weiterhin geführt werden, lautet die Frage von wirklicher Bedeutung nun, weshalb sich die Gefühle der Tiere so und nicht anders entwickelt haben. Tatsächlich haben sich die Denkmuster auf eine Weise verändert, dass die Beweislast nun immer öfter denen zufällt, die immer noch behaupten, dass Tiere keine Gefühle haben. Meine Kollegen und ich müssen Worte wie glücklich oder traurig nicht mehr in vorsichtige Wendungen verpacken, wenn wir über das gefühlsmäßige Innenleben eines Tieres schreiben. Wenn unser Hund Fido dabei beobachtet wird, wie er ärgerlich oder ängstlich reagiert, können wir dies mit der gleichen Selbstverständlichkeit ausdrücken, mit der wir menschliche Gefühle diskutieren. In Wissenschaftsmagazinen und anderen Publikationen werden regelmäßig Geschichten und Berichte veröffentlicht, die sich mit der Freude von Ratten und der Trauer von Elefanten befassen, und niemand schreit mehr auf.
Gegen die Existenz tierischer Emotionen zu argumentieren, ist schlechte Biologie. Die wissenschaftliche Forschung in evolutionärer Biologie, kognitiver Ethologie und in den sozialen Neurowissenschaften unterstützt die Ansicht, dass zahlreiche unterschiedliche Arten ein reiches und tief empfundenes Gefühlsleben haben. Emotionen haben sich bei zahlreichen Spezies als Adaptionen entwickelt. Sie dienen als sozialer Kitt, der Tiere miteinander verbindet. Zusätzlich katalysieren und regulieren Gefühle eine Vielzahl sozialer Begegnungen zwischen Freunden, Liebenden sowie Konkurrenten und sie erlauben es Tieren, sich angepasst und flexibel selbst zu schützen, indem sie vielfältige Verhaltensmuster auf eine breite Palette von Situationen anwenden.
Charles Darwins anerkannte Theorie zur evolutionären Kontinuität, dass Unterschiede zwischen Spezies eher gradueller Natur, nicht aber grundsätzlicher Art sind, weist nachdrücklich auf die Präsenz von Gefühlen, Empathie und moralischem Verhalten bei Tieren hin. In der Praxis erlaubt uns diese Kontinuität, „die evolutionären Punkte unterschiedlicher Spezies miteinander zu verbinden“, um Ähnlichkeiten zwischen sich entwickelten Eigenschaften hervorzuheben, die auch individuelle Gefühle und Leidenschaften umfassen. Was wir bisher über tierische Emotionen und Empathie gelernt haben, passt gut zu dem, was wir über die Lebensweise unterschiedlicher Spezies wissen – nämlich wie komplex ihre sozialen Interaktionen und sozialen Netzwerke sind. Gefühle, Empathie und das Wissen um „Richtig“ oder „Falsch“ sind die Schlüssel zum Überleben, ohne die alle Tiere – sowohl menschliche als auch nichtmenschliche – untergehen würden. Das ist der Grund, weshalb sie so wichtig sind.
Und es gibt immer wieder Überraschungen. Immer dann, wenn wir meinen, alles gesehen zu haben, tauchen neue wissenschaftliche Daten und Berichte auf, die uns dazu zwingen, unser bisher erworbenes Wissen neu zu überdenken und unsere Klischeevorstellungen zu revidieren. Ein Beispiel: Nachdem ich gerade die Korrekturfahnen zu diesem Buch erhalten hatte, stieß ich in der Zeitschrift New Scientist vom 02. Dezember 2006 auf einen Artikel über die Gefühle von Walen. Man hat herausgefunden, dass Buckelwale, Finnwale, Orcas und Pottwale über Spiegelzellen bzw. Spiegelneuronen in derselben Gehirnregion verfügen wie wir Menschen. Diese Gehirnregion wird mit sozialer Organisation, Einfühlungsvermögen, Intuition in Bezug auf die Gefühle anderer sowie raschen gefühlsmäßigen Reaktionen in Verbindung gebracht. Von Spiegelzellen, einst als einzigartig bei Menschen und Großaffen angesehen, glaubt man, dass sie für die Verarbeitung von Gefühlen wichtig sind. Und Wale haben in der Tat mehr Spiegelzellen als Menschen.
Alle Säugetiere (auch die Menschen) verfügen über neuroanatomische Strukturen und neurochemische Bahnen, die für das Fühlen wichtig sind. Doch fühlen alle Tiere dasselbe? Die Forschung hat bewiesen, dass Mäuse empathische Nagetiere sind, und darüber hinaus stellte sich heraus, dass sie gerne Spaß haben. Wir hören Geschichten über vergnügungssüchtige Leguane, ein Pferd mit Sinn für Humor, verliebte Wale, Elefanten, die unter psychischen Flashbacks (Wiedererleben psychischer Traumata) und posttraumatischen Stress-Störungen leiden, über einen trauernden Otter, einen verwitweten Esel, unleidliche Paviane, empfindungsfähige Fische und einen sehenden Hund, der seinem blinden Hundefreund als „Auge“ zur Seite steht.
Wir wundern uns nicht, enge, dauerhafte und liebevolle emotionale Bindungen zwischen Mitgliedern einer Art zu finden, doch entstehen oftmals auch ungewöhnliche Beziehungen zwischen Tieren völlig unterschiedlicher Arten, ja, sogar zwischen Tieren, die sonst Jäger und deren Beute sind! So zum Beispiel Aochan, eine Schwarze Erdnatter, die sich im Mutsugoro Okoku Zoo in Tokio mit dem Zwerghamster Gohan anfreundete.
Wenn eine Schlange und ein Hamster Freunde werden können, warum dann nicht auch Menschen und andere Tiere? In vielerlei Hinsicht ist dies schon so, doch spielen in diesen Beziehungen nicht nur die menschlichen Emotionen eine Rolle. Die Gefühle der Tiere ziehen uns an, faszinieren uns. Im Verlauf einer Vortragsreihe, die ich im August 2006 am Assistance Dog Institute in Santa Rosa, Kalifornien, hielt, konnte ich die Interaktionen zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen und ihren Hunden, die ihnen lebensnotwendige Begleiter sind, beobachten. Als ich die nuancierten, auf den Punkt gebrachten Details der Kommunikation mit Hilfe von Stimme und Bewegungen sah, erkannte ich, dass jede Person mit ihrem Hund eine starke soziale Bindung hatte, die eindeutig auf gegenseitigem Respekt und Gefühl basierte. Beide Wesen, Mensch und Hund, teilten eine dauerhafte emotionale Zugehörigkeit, die weit über „bloßes Training“ hinausging.
Ich beginne meine Vorträge oft mit der Frage: „Gibt es irgend jemanden im Publikum, der denkt, Hunde haben keine Gefühle und empfänden keine Freude oder Trauer?“ Ich erhielt bisher nie eine enthusiastische Reaktion auf diese Frage, nicht einmal bei wissenschaftlichen Zusammenkünften, wenn auch gelegentlich ein oder zwei Hände zögerlich in die Höhe gehalten wurden (für gewöhnlich nur auf halbe Höhe, während sich die Person umsah, ob irgend jemand sie beobachtete). Wenn ich jedoch frage: „Wie viele von Ihnen glauben, dass Hunde Gefühle haben?“, wedeln nahezu alle Anwesenden wild mit der Hand, lächeln und nicken eifrig ihre Zustimmung. Das Zusammenleben mit einem Hund bedeutet, aus erster Hand zu wissen, dass Tiere Gefühle haben. Darüber müssen wir nicht einmal nachdenken. Wir messen ihre Gefühle anhand ihres Verhaltens, indem wir zum Vergleich unsere eigenen Gefühlsmuster als Schablone anlegen und wir tun dies sehr zuverlässig. Und ich bin glücklich, sagen zu können, dass heute sogar die Mehrheit der Wissenschaftler dem zustimmt, was allen anderen der gesunde Menschenverstand ohnehin zu sagen scheint.
Anzuerkennen, dass Tiere Emotionen haben, ist wichtig, denn die Gefühle der Tiere sind von Bedeutung. Tiere sind empfindungsfähige Wesen, die die Hochs und Tiefs des täglichen Lebens erfahren. Dies müssen wir respektieren, wenn wir mit ihnen interagieren. Tiere sind nicht nur die Gefährten, mit denen wir leben, für die wir sorgen und die wir lieben. Da sind außerdem noch die Milliarden anderer domestizierter Tiere, die in Mastbetrieben leben, in Schlachthäuser gebracht werden und uns mit Nahrung und Kleidung versorgen. Und wildlebende Tiere, die ständig versuchen müssen, unsere überbevölkerte Welt mit uns zu teilen.
Unsere Beziehung zu anderen Tieren ist eine komplexe, vielschichtige, herausfordernde und frustrierende Angelegenheit und wir müssen ununterbrochen überdenken, wie wir mit unseren nichtmenschlichen Verwandten umgehen sollten. Ein Teil dieses Denkprozesses beinhaltet das Stellen schwieriger Fragen und das Sicherstellen dessen, dass unsere Handlungen mit unserem Verständnis und Glauben übereinstimmen. So frage ich immer wieder Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, und Menschen, die in Massenzuchtanlagen arbeiten: „Würden Sie das Ihrem Hund antun?“ Manche erschreckt diese Frage, doch es ist sehr wichtig, sie zu stellen. Wenn wir täglich Mäusen, Ratten, Affen, Schweinen, Rindern, Elefanten, Schimpansen oder nicht zu uns gehörenden Katzen und Hunden etwas antun, das wir mit unseren Gefährten niemals machen würden, dann müssen wir uns dringend fragen, warum das so ist.
Der Mensch hat eine enorme Macht, die Welt auf jede erdenkliche und von ihm erwünschte Weise zu beeinflussen. Täglich bringen wir die Empfindungen zahlloser Tiere zum Schweigen. Und doch sind wir uns dessen bewusst, dass wir nicht die einzigen empfindungsfähigen Kreaturen mit Gefühlen sind. Mit diesem Wissen geht die enorme Verantwortung und Verpflichtung einher, anderen Wesen mit Respekt, Wertschätzung, Mitgefühl und Liebe zu begegnen. Wenn wir uns die Frage stellen, was wir Tieren antun können und was nicht, sind es ohne Zweifel ihre Emotionen, die unsere Diskussionen und Handlungen in ihrem Interesse bestimmen sollten, und wir können für sie immer noch mehr tun. Dies ist ein Buch der Hoffnung, in dem großer Wert darauf gelegt wird zu betonen, dass wir in unseren Interaktionen mit anderen Tieren fantasievoll sein müssen.
Emotionen sind ein Geschenk unserer Vorfahren. Wir haben sie – und alle anderen Tiere auch. Das dürfen wir niemals vergessen.
DANKSAGUNG
Zuallererst danke ich all den wundervollen tierischen Wesen, die ich das Glück hatte, in den verschiedensten Situationen kennen zu dürfen. Ihre Bereitschaft, ihr Leben und ihre Leidenschaft mit mir zu teilen, war es, die mich vor über 35 Jahren zu der Entscheidung brachte, mich mit ihren Gefühlen und Weltbildern auseinanderzusetzen. Moses, Mishka, Inuk, Sasha, Jethro, Zeke, Maddy, Sukie, Willie, Scrap, Max, Toso und weitere Hundefreunde haben geduldig gelauscht, wenn ich über ihre Gefühle sprach, und mich zu einem besseren Hund gemacht.
Jan Nystrom, Jaak Panksepp, Jessica Pierce, Michael Tobias und Nancy McLaughlin kommentierten zahlreiche Teile dieses Buches. Sie und Colin Allen, Jonathan Balcombe, Iain Douglas-Hamilton, Michael W. Fox, Jane Goodall, Lori Gruen, Dale Jamieson, Mary Midgley, Cynthia Moss, Jill Robinson und Sue Townsend haben mein Denken hinsichtlich der Emotionen der Tiere und warum sie von Bedeutung sind beeinflusst und ich lernte viel aus ihrer Weisheit. Jim McLaughlin machte mich auf die Vorstellung von Fischen als „Ströme von Protein“ aufmerksam.
Jill Robinson, Betsy Webb, Mim Rivas Eichler, Michael Tobias, CeAnn Lambert, Louis Dorfman, Scott Coleman und Marty Becker ließen mich an Geschichten teilhaben, die ich in diesem Buch verwendet habe. Jim und Jamie Dutcher, deren gemeinnützige Organisation Living with Wolves (www.livingwithwolves.org) der erzieherischen Aufklärung und der Zerstörung gefährlicher Mythen hinsichtlich der Wölfe und anderer Raubtiere gewidmet ist, ließen mich an ihrem großen Erfahrungsschatz teilhaben.
Als Boniface Zakira, mein Führer in Tansania, ein winziges Chamäleon auf einem Grashalm entdeckte, während er mit 24 Kilometern in der Stunde durch den Serengeti Nationalpark fuhr – ein winziger Fleck, den ich nicht eher sehen konnte, bis ich mich ihm bis auf 15 Zentimeter genähert hatte – wurde mir erst vollständig bewusst, wie viel eifrige Beobachter tierischen Verhaltens übersehen können, selbst wenn sie sich völlig auf ihr Tun konzentrieren. Danke, Boniface, für diese Lektion in Demut.
Kristen Cashman von der New York Library half sehr dabei, die endgültige Herstellung des Buches zu organisieren. Monique Muhlenkamp half liebenswürdigerweise bei der Publicity, während ich die Welt mit Autos, Flugzeugen, Schiffen und Zügen bereiste. Jeff Campbell war ein wunderbarer Lektor und mein Erstlektor Jason Gardner war sehr geduldig und freundlich. Indem er eine frühe Fassung dieses Buches überarbeitete und umorganisierte, bevor Jeff es in die Hände bekam, tat er mehr als seine Pflicht! Mit ihnen zu arbeiten war eine echte Freude.
Jan Nystrom, meine beste Freundin, ist immer für mich da. Sie hat das ganze Ding gelesen und kann immer noch sehen! Jans anhaltende und unerschütterliche Freundschaft, ihre Leidenschaft, ihre Herzenswärme, ihre Liebe und ihre köstlichen selbstgemachten Salsas, Suppen, Eintöpfe und Pasteten machen mich sehr, sehr glücklich.

KAPITEL 1
Argumente für die Gefühle der Tiere und weshalb sie von Bedeutung sind
Viele Tiere zeigen ihre Gefühle ohne Scheu in der Öffentlichkeit, für alle sichtbar. Und wenn wir aufmerksam sind, sagt uns das, was wir von außen sehen, viel darüber, was in Kopf und Herz eines Individuums vorgeht [1]. Wir werden feststellen, dass sorgfältige wissenschaftliche Forschung bestätigt, was wir intuitiv wissen: Tiere fühlen und ihre Gefühle sind für sie ebenso wichtig wie unsere Gefühle für uns.
Vor ein paar Jahren waren mein Freund Rod und ich mit unseren Fahrrädern in der Gegend von Boulder, Colorado, unterwegs, als wir Zeugen eines sehr interessanten Verhaltens von Elstern wurden. Elstern sind Rabenvögel und sehr intelligent. Eine Elster war offensichtlich von einem Auto erfasst worden und lag tot am Straßenrand. Vier weitere Elstern standen um sie herum. Eine näherte sich dem Leichnam, pickte sanft mit dem Schnabel an ihm – genau wie ein Elefant den Leichnam eines anderen Elefanten mit dem Rüssel berührt – und trat zurück. Eine weitere Elster tat es ihr nach. Als nächstes flog eine der Elstern auf, kam mit einigen Gräsern im Schnabel zurück und legte diese neben den Leichnam. Eine andere Elster tat dasselbe. Dann standen alle vier Elstern für einige Sekunden still, bevor eine nach der anderen davonflog.
Hatten diese Vögel über das, was sie da taten, nachgedacht? Zeigten sie dem Freund ihren Elsternrespekt? Oder hatten sie nur gehandelt, als ob sie Anteil nehmen würden? Waren sie lediglich tierische Roboter? Ich möchte diese Fragen gerne in ihrer Reihenfolge beantworten: ja, ja, nein und nein. Rod war sehr erstaunt, wie überlegt die Vögel gehandelt hatten. Er fragte mich, ob das normales Elsternverhalten sei, und ich erklärte ihm, dass ich so etwas noch nie zuvor gesehen und auch noch nichts über trauernde Elstern gelesen hatte. Wir können nicht wissen, was sie tatsächlich gedacht oder gefühlt haben, doch die Interpretation ihres Verhaltens gibt uns keinen Grund, nicht daran zu glauben, dass diese Vögel sich von ihrem Freund mit einem Elstern-Lebewohl verabschiedet haben.
Trotz der mehr als drei Jahrzehnte, die ich nun mit dem Studium von Tierspezies verbringe, habe ich nie aufgehört, von den Tieren zu lernen, auf die ich treffe. In der Nähe meines Hauses in den Bergen außerhalb von Boulder, Colorado, leben Rotfüchse. Wenn ich in die Augen eines Rotfuchses schaue, der vor dem Fenster meines Büros sitzt und mich beim Tippen beobachtet, oder wenn ich Rotfuchs-Welpen beim Spielen zusehe oder wenn ich eine Rotfüchsin dabei beobachte, wie sie sich von ihrem toten Partner verabschiedet, kann ich nicht anders, als ernsthaft darüber nachzudenken, wie es wäre, eines dieser Tiere zu sein, die sich mein Hanggrundstück mit mir teilen. Viele Tiere leben auf dem umliegenden Land – Kojoten, Berglöwen, Stachelschweine, Waschbären, Schwarzbären, eine Vielzahl von Vögeln und Eidechsen neben vielen Hunden und Katzen. In all den Jahren waren sie mir Freunde und Lehrer.
Wenn ich über die Gefühle von Tieren nachdenke, kann ich ebenfalls nicht anders, als mich zu fragen: Was ist mit den Insekten? Haben sogar Moskitos ein Gefühlsleben? Natürlich sind die Gehirne von Moskitos nur winzig und verfügen nicht über den Nervenapparat, der für die Entwicklung von Emotionen notwendig ist, deshalb ist es sehr zweifelhaft, ob sie fühlen können. Doch ehrlich gesagt wissen wir es nicht. Eines Tages werden wir vielleicht einen Weg finden, es herauszufinden. Noch wichtiger jedoch ist, ob es für uns einen Unterschied machen würde, wenn es so wäre, und das sollte es. So wie es einen Unterschied für uns macht, dass andere Tiere Gefühle haben. Das Wissen, dass Tiere fühlen – und unsere Fähigkeit sie zu verstehen, wenn sie Freude, Trauer, Eifersucht und Ärger ausdrücken –, erlaubt es uns, mit ihnen in Verbindung zu treten und außerdem ihre Sichtweise der Dinge zu bedenken, wenn wir mit ihnen interagieren. Das Wissen um die Leidenschaften der Tiere sollte einen Unterschied machen in dem, wie wir unsere Mitlebewesen sehen, vertreten und behandeln.
DICKE HAUT UND EIN WEICHES HERZ
Babyl, die Elefantendame, und ihre bedingungslosen Freunde
Eine Reise nach Kenia und Tansania öffnete mir kürzlich die Augen in Bezug auf die Welt der Elefanten, die zu den erstaunlichsten Geschöpfen zählen, die ich je gesehen habe. Als ich große Gruppen wilder Elefanten aus nächster Nähe beobachtete, konnte ich ihre majestätische Präsenz, ihr Bewusstsein und ihre Emotionen spüren. Diese Erfahrungen aus erster Hand unterschieden sich vollständig von der Beobachtung von Elefanten in Gefangenschaft, die oftmals allein leben, in den eng begrenzten und unnatürlichen Gehegen von Zoos. Mein Besuch bei ihnen war zutiefst spirituell, inspirierend und transformierend.
Während wir eine Gruppe wilder Elefanten im Samburu Reservat in Nord-Kenia beobachteten, bemerkten wir, dass einer von ihnen, Babyl, nur sehr langsam ging. Wir erfuhren, dass sie verkrüppelt war und sich nicht so schnell fortbewegen konnte wie der Rest der Herde. Wir sahen jedoch, dass die Elefanten in Babyls Gruppe sie nicht zurückließen; sie warteten auf sie. Als ich unseren Führer, den Elefanten-Experten Iain Douglas-Hamilton, danach fragte, erklärte er, dass diese Elefanten immer auf Babyl warteten und das bereits seit Jahren. Sie gingen eine Weile, hielten dann an und schauten zurück, um zu sehen, wo Babyl sich befand. Je nachdem, wie sie vorankam, warteten sie entweder oder zogen weiter. Iain erzählte uns, die Leitkuh würde Babyl gelegentlich sogar füttern. Weshalb verhielten sich die anderen Elefanten der Herde auf diese Weise? Babyl konnte nicht viel für sie tun, also schien es keinen Grund oder praktischen Nutzen zu geben, ihr zu helfen. Der einzige offensichtliche Schluss, den wir daraus ziehen konnten, lautete, dass die anderen Elefanten sich um Babyl sorgten und aus dem Grund ihr Verhalten anpassten, damit Babyl bei der Gruppe bleiben konnte.
Freundschaft und Mitgefühl reichen weit. Babyls Freunde bilden da keine Ausnahme. In Ostindien stürmten im Oktober 2006 14 Elefanten auf der Suche nach einem Herdenmitglied, das in eine Grube gefallen und ertrunken war, durch ein kleines Dorf [2]. Anwohner hatten die 17 Jahre alte Elefantenkuh bereits beerdigt, trotzdem mussten Tausende von Menschen fluchtartig ihre Häuser verlassen, weil die anderen Elefanten mehr als drei Tage suchten und randalierten.
DAS HERZ IST DAS THEMA
Im September 2006 fand unter der Überschrift „Das Herz des Themas“ ein Meeting statt, das sich mit dem Wohl der Tiere beschäftigte. Es ist schön, Wissenschaftler zu erleben, die das Wort Herz benutzen, denn das Herz ist tatsächlich das Thema.
Ich befasse mich mit den Emotionen von Tieren und liebe, was ich tue. Im Verlauf meiner Karriere studierte ich eine Vielzahl von Tieren – Kojoten, Wölfe, Hunde, Adelie-Pinguine, Schützenfische, Abendkernbeißer und Diademhäher – und bin dabei einer Vielzahl von Fragen nachgegangen. Fragen über Sozialverhalten, Sozialordnung und soziale Entwicklung bis hin zu Kommunikation, Spiel, nichträuberisches Verhalten, Aggression, elterliches Verhalten und Moral. Ich kann die Beweise für Emotionen bei Tieren unmöglich leugnen und diese werden auf breiter Front durch unser derzeitiges Wissen in den Bereichen Verhalten, Neurobiologie und Evolutionsbiologie bei Tieren gestützt.
Tatsächlich ist das Studium der tierischen Emotionen ein dynamisches und sich rasch entwickelndes Feld der Wissenschaft und es besteht großes Interesse an diesem Thema, sowohl von Seiten der Wissenschaftler als auch bei „normalen“ Menschen. Im März 2005 trafen sich in London rund 600 Menschen aus 50 Nationen zu einem Grundlagen-Meeting, finanziert von Compassion in World Farming Trust, um mehr über das Empfindungsvermögen, Bewusstsein und Gefühlsleben von Tieren zu erfahren. Im Oktober 2006 organisierte die World Society for the Protection of Animals eine Konferenz in Rio de Janeiro, um zu diskutieren, wie das Wohl der Tiere auf Farmen und in Forschungslabors verbessert werden kann. Die Organisatoren erwarteten etwa 200 Menschen, doch es kamen rund doppelt so viele, vornehmlich aus Brasilien und den umliegenden Ländern. Die positive Reaktion auf diese Meetings in London und Rio zeigt, dass nun tatsächlich die Zeit für uns gekommen ist, das Gefühlsleben von Tieren anzuerkennen und aus dieser Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen.
Geschichten über die Emotionen der Tiere und unsere komplexen Beziehungen zu ihnen erscheinen in wachsender Zahl in der Presse, angefangen von prestigeträchtigen wissenschaftlichen Magazinen wie Science, Nature, Trends in Ecology and Evolution und Proceedings of the National Academy of Science bis hin zu New York Times, Psychology Today, Scientific American, Time, The Economist und sogar Reader’s Digest. Das Gefühlsleben der Tiere war auch Thema eines überraschenden Film-Kassenschlagers: Der Marsch der Pinguine. Der im Sommer 2005 erstmals veröffentlichte Dokumentarfilm beschreibt in eindringlichen Bildern die Gefühle von Pinguinen und zeigt, wie sie leiden und auch wie sie bei der Versorgung ihrer Eier und ihrer Jungen extremsten Herausforderungen trotzen.
Doch trotz zunehmender wissenschaftlicher Beweise und einer breiten öffentlichen Überzeugung bleibt eine kleine Minderheit innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft skeptisch. Einige bezweifeln noch immer, dass tierische Emotionen überhaupt existieren, und viele, die glauben, dass sie existieren, neigen zu der Ansicht, tierische Emotionen müssten unbedeutender sein als menschliche. Dies scheint mir eine überholte und sogar unverantwortliche Sichtweise und mein Hauptziel in diesem Kapitel – und tatsächlich im ganzen Buch – ist es, zu zeigen, dass tierische Emotionen existieren, dass sie für die Menschen wichtig sind und dass dieses Wissen unser Verhalten gegenüber unseren tierischen Freunden beeinflussen sollte.
Bei der Erörterung tierischer Emotionen beziehe ich mich in der Hauptsache auf Datenmaterial zum Verhalten und anekdotische Berichte, um zu zeigen, wie eine Kombination aus gesundem Menschenverstand und wissenschaftlichen Daten – was ich als „wissenschaftlichen Verstand“ bezeichne – starke Argumente für die Existenz tierischer Leidenschaften liefert. Einzelne Geschichten bilden also die Basis für meine Erörterung, ich bringe jedoch auch wissenschaftliche Studien mit ein, da sie zur Untermauerung meiner Thesen notwendig sind.
Sobald wir uns jedoch darüber einig sind, dass Emotionen bei Tieren existieren und dass sie von Bedeutung sind – wovon sehr viele Menschen bereits überzeugt sind – was dann? Dann müssen wir uns über Ethik Gedanken machen. Wir müssen unsere Handlungen betrachten und überlegen, ob sie mit unserem Wissen und unserer Überzeugung übereinstimmen. Ich bin der festen Ansicht, dass Ethik die Wissenschaft durchdringen sollte. Wir sollten immer darum bemüht sein, Wissen, Handlung und Mitgefühl miteinander zu verbinden. Dies ist tatsächlich das Herz des Themas.
WAS SIND EMOTIONEN?
Diese Frage zu beantworten, ist sehr schwierig. Die meisten von uns erkennen Emotionen, wenn sie sie sehen, haben jedoch Probleme damit, sie zu erläutern. Sind sie physischen oder mentalen Ursprungs oder beides? Als Wissenschaftler kann ich sagen, dass Emotionen psychische Phänomene sind, die das Verhalten regulieren und kontrollieren; sie sind Phänomene, die uns ausdrücken und die uns bewegen. Oftmals wird zwischen „emotionalen Antworten“ auf physische Reaktionen und „Gefühlen“, die aufgrund von Gedanken entstehen, unterschieden. Emotionale Antworten zeigen, dass der Körper auf bestimmte externe Stimuli reagiert. Sehen wir zum Beispiel ein Auto auf uns zu rasen, fühlen wir Angst – was zu erhöhtem Herzschlag, Blutdruck und einem Anstieg der Körpertemperatur führt. Doch tatsächlich wird die Angst erst empfunden, wenn das Gehirn auf die physischen Veränderungen reagiert, die eine Reaktion auf das herannahende Auto sind.
Andererseits sind Gefühle psychische Phänomene, Ereignisse, die sich ausschließlich im Gehirn eines Individuums zutragen. Ein äußeres Ereignis kann eine Emotion wie Ärger oder Trauer hervorrufen, doch nach einer gewissen Reflexion mag es sein, wir entscheiden, dass wir anders fühlen. Wir können unsere Emotionen interpretieren. Gefühle drücken sich in unterschiedlichen Stimmungen aus. Sie helfen uns und haben Einfluss darauf, wie wir in einer Vielzahl von Situationen mit anderen umgehen.
Charles Darwin, der erste Wissenschaftler, der Tieremotionen systematisch untersuchte, erkannte sechs allgemein gültige Emotionen: Ärger, Glück, Traurigkeit, Ekel, Angst und Überraschung [3]. Er vertrat die Ansicht, dass diese sechs Kernemotionen uns dabei helfen, mit einer Vielzahl von Umständen und in einer komplexen sozialen Umwelt zurechtzukommen. Diese Liste wurde inzwischen ergänzt. Stuart Walton fügt in seinem Buch A Natural History of Human Emotions Eifersucht, Verachtung, Scham und Verlegenheit zu Darwins Kerngruppe hinzu, der Neurowissenschaftler Antonio Damasio (in seinem Buch Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn) stellt fest, dass zu den sozialen Emotionen außerdem Sympathie, Schuld, Stolz, Neid, Bewunderung und Entrüstung gehören. Es ist interessant, dass keiner dieser Wissenschaftler die Liebe erwähnt.
Welche dieser Emotionen, wenn überhaupt, verspüren Tiere? Und empfinden Tiere irgendwelche Emotionen, die Menschen nicht haben? Dies ist eine sehr interessante Frage. Die Ethologin Joyce Poole, die viele Jahre lang Elefanten studierte, erläutert: „Ich bin überzeugt, dass Elefanten einige Emotionen haben, die wir nicht kennen und umgekehrt [4]. Ich glaube allerdings auch, dass wir viele Emotionen miteinander gemein haben.“ Wenn Poole Recht hat, dann könnte es bei Tieren einige Emotionen geben, die wir niemals verstehen werden, andererseits gibt es aber viele, die wir verstehen. Sind Tiere, menschliche und nichtmenschliche gleichermaßen, nicht glücklich, wenn sie spielen oder wieder mit einem geliebten Wesen zusammenkommen? Sind Tiere nicht traurig, wenn sie einen geliebten Freund verloren haben? Wenn sich Wölfe wieder begegnen, heftig mit der Rute wedeln, winseln und springen, zeigen sie dann keine Freude? Was ist mit Elefanten, die beim Wiedersehen eine Begrüßungszeremonie vollführen, mit den Ohren schlagen, sich drehen und Töne von sich geben, die als „Begrüßungsgrollen“ bezeichnet werden – ist das keine Freude? Und mit welchem Wort außer Trauer sollen wir eine Emotion bezeichnen, die Tiere zeigen, wenn sie selbst ihren Sozialverband verlassen, nach dem Tod eines Freundes niedergeschlagen sind, aufhören zu fressen und sogar sterben? Trotz aller Unterschiede teilen alle Spezies ganz sicher einen Kern an Emotionen.
PRIMÄR- UND SEKUNDÄREMOTIONEN
Forscher erkennen für gewöhnlich zwei unterschiedliche Formen von Emotionen, die Primär- und die Sekundäremotionen. Primäremotionen werden als angeborene Grundemotionen bezeichnet. Dazu gehören generalisierte schnelle, reflexähnliche („automatische“ oder auch fest verdrahtete) Emotionen wie Angst und Angriffs- oder Flucht-Reaktionen auf Stimuli, die eine Gefahr darstellen. Sie erfordern kein bewusstes Nachdenken und beinhalten Darwins sechs universelle Emotionen: Angst, Ärger, Ekel, Überraschung, Traurigkeit und Glück. Tiere können eine primäre Angstreaktion zeigen, zum Beispiel das Meiden des reaktionsauslösenden Objekts, und dies nahezu unbewusst, noch bevor sie überhaupt erkannt haben, dass dieses Objekt die Reaktion hervorruft. Laute Geräusche, bestimmte Gerüche, über den Kopf hinwegfliegende Objekte: Diese und andere ähnliche Stimuli sind oftmals angeborene Signale für „Gefahr“, die eine automatische Meidereaktion hervorrufen. Bei der Konfrontation mit einem gefährlichen Stimulus gibt es nur wenig oder gar keinen Raum für Fehlreaktionen. Deshalb hat die natürliche Selektion zu angeborenen Reaktionen geführt, die für das Überleben eines Individuums entscheidend sind.
Primäremotionen sind evolutionär gesehen mit dem alten limbischen System (besonders der Amygdala, dem Mandelkern) verbunden. Dies ist der „emotionale“ Teil des Gehirns (so benannt durch Paul McLean im Jahr 1952). Die physischen Strukturen des limbischen Systems und ähnlicher emotionaler Bereiche existieren bei vielen verschiedenen Arten und liefern ein Nervensubstrat für Primäremotionen. In seiner Theorie vom „dreieinigen Gehirn“ (Triune brain) identifiziert McLean das Reptilien- oder primitive Gehirn (wie bei Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren), das limbische oder Zwischenhirn (paleomammalian) bei allen Säugetieren und das neokortikale oder „rationale“ Großhirn (neomammalian) bei wenigen Säugetieren, darunter Primaten und Menschen – alle in einen Schädel gepackt. Jedes ist mit den anderen beiden verbunden, hat jedoch seine eigenen Funktionen. Während das limbische System der Hauptbereich des Gehirns zu sein scheint, in dem viele Emotionen wohnen, lässt die derzeitige Forschung darauf schließen, dass nicht notwendigerweise alle Emotionen in einem einzigen System bestehen und möglicherweise mehr als ein System innerhalb des Gehirns für Emotionen zuständig ist.
Sekundäremotionen sind komplexere Emotionen. Diese beziehen höhere Hirnzentren im cerebralen Kortex (Hirnrinde) mit ein. Es kann sich dabei um Kernemotionen wie Angst und Ärger handeln, sie können aber auch nuancierter sein wie Reue, Verlangen oder Eifersucht. Sekundäre Emotionen sind nicht automatisch. Sie entstehen im Gehirn und das Individuum denkt über sie nach und entscheidet, wie es mit ihnen umgehen soll – welche Handlung ist die beste in einer bestimmten Situation. Bewusstes Überlegen und sekundäre Emotionen können beeinflussen, wie wir auf Situationen reagieren, die Primäremotionen hervorrufen. Wir mögen uns ducken, wenn ein Objekt ungesehen über uns hinwegfliegt, doch sobald wir feststellen, dass es sich lediglich um einen Schatten handelt, werden wir uns das Wegrennen verkneifen und eine leichte Verlegenheit verspüren. Wir werden uns rasch wieder aufrichten und so tun, als sei nichts gewesen.
Das Nachdenken über die Emotion verleiht Flexibilität in der Reaktion auf sich verändernde Situationen, nachdem die Entscheidung getroffen ist, welche der verschiedenen möglichen Reaktionen auf eine spezielle Situation angebracht ist. Manchmal, wenn man belästigt wird, mag es angebracht sein, der Person aus dem Weg zu gehen, doch manchmal mag gerade das eine noch schlimmere Situation heraufbeschwören – abhängig davon, um wen es sich bei dieser Person handelt und welche Konsequenzen man befürchtet. Auch wenn die meisten emotionalen Reaktionen unbewusst entstehen – sie entstehen, ohne dass darüber nachgedacht wird –, versuchen wir zu lernen, zu denken bevor wir handeln. Das Nachdenken erlaubt uns, Verbindungen zwischen Gefühlen und Handlungen herzustellen. Dies wiederum ermöglicht es uns, in unserem Verhalten variabel und flexibel zu sein, so dass wir, abhängig von der sozialen Situation, immer das Richtige tun. So gesehen ist der Nachweis von Emotionen bei Lebewesen auch ein wichtiger Schritt, Empfindungsfähigkeit und Ich-Bewusstsein zu bestimmen.
HUNDE SIND GLÜCKLICH, NICHT „GLÜCKLICH“
Der Grund, weshalb ein Hund so viele Freunde hat, ist der, dass er mit dem Schwanz wedelt statt mit der Zunge.
– Verfasser unbekannt –
Wir hatten es alle gesehen. Maddy und Mickey, zwei Hunde von Freunden, haben regelmäßige Spielstunden bei mir zu Hause, wenn ihre menschlichen Gefährten unterwegs sind. Bei der Ankunft springen sie wild im Spiel umher, hecheln und bellen, und ihre wedelnden Ruten scheinen sie vorwärts zu treiben. Sie versuchen, mit jedem Anwesenden zu spielen, wirbeln im Kreis herum im Versuch, ihre eigenen Ruten zu fangen, sie „laufen amok“ und rennen dabei alles und jeden in ihrem Weg über den Haufen. Sie stoppen lediglich einmal, um den anderen damit zu foppen, nur um sogleich wieder weiterzuspielen. Es ist überhaupt keine Frage: Diese Hunde haben Spaß!
Für die meisten Menschen reicht eine halbe Stunde zusammen mit einem Hund als Beweis dafür, dass Tiere Emotionen haben, völlig aus, da Hunde ihre Gefühle nicht verstecken. Der Ethologe und Nobelpreisträger Konrad Lorenz lieferte uns ein sehr einfaches und weit verbreitetes Beispiel, als er bemerkte, wie offensichtlich emotional Hunde sind, wenn sie erwarten, gleich Gassi gehen zu dürfen. Lorenz schrieb in So kam der Mensch auf den Hund: „Der Hundebesitzer sagt ohne besondere Betonung und ohne den Namen des Hundes zu nennen, ‚Ich weiß nicht, ob ich ihn mitnehmen soll oder nicht.’ Sofort steht der Hund auf der Matte, wedelt mit der Rute und tanzt vor Aufregung herum… Sollte sein Herrchen sagen ‚Ich glaube, ich gehe doch nicht mit ihm’, werden die erwartungsvoll aufgestellten Ohren traurig herabsinken… Und bei der endgültigen Ankündigung: ‚Ich werde ihn zu Hause lassen’, wendet sich der Hund niedergeschlagen ab und legt sich wieder hin.“ [5]
Glücklicherweise ist nun im Wesentlichen Schluss mit der wegwerfenden, skeptischen Behauptung, Tiere würden nur so handeln, „als ob“ sie Freude, Trauer, Ärger oder Schmerz fühlen würden. Ich kenne keinen praktizierenden Forscher, der seinen tierischen Gefährten zu Hause oder auf Cocktailpartys keine Gefühle zuschreibt – der nicht reichlich vermenschlicht – unabhängig davon, was er bei seiner Arbeit tut. (Dieses Vermenschlichen ist, nebenbei gesagt, nichts, wofür man sich schämen müsste; wie Alexandra Horowitz und ich argumentieren und wie ich im Kapitel 5 zeige, tun diese Wissenschaftler damit lediglich etwas ganz Natürliches [6]. Das Anthropomorphisieren ist eine Wahrnehmungsstrategie, die sich entwickelt hat; die natürliche Selektion hat uns in einer Weise geformt, dass wir Tiere so sehen.) In der Tat haben verhaltens- und neurobiologische Studien durchweg gezeigt, dass Tiere die Primäremotionen mit uns teilen, diese instinktiven Reaktionen auf die Welt, die wir Angst, Ärger, Überraschung, Traurigkeit, Ekel und Freude nennen. Heute wird dieser Umstand im Großen und Ganzen als Tatsache akzeptiert.
Wissenschaftler sind sich heute über die allgemeine Verbreitung primärer Emotionen einig, basierend auf Studien, die belegen, dass Menschen und Tiere ähnliche chemische und neurobiologische Systeme aufweisen. Zum Beispiel werden Tiere häufig dazu benutzt, um Medikamente für Menschen mit psychischen Störungen zu entwickeln und zu testen [7]. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass Mäuse gute Beispiele in Sachen Traurigkeit und Introvertiertheit sein können. Wenn Mäuse schikaniert oder dauerhaft von anderen Mäusen dominiert werden, ziehen sie sich in sich zurück. Diese depressiven Mäuse sprechen auf Medikamente für Menschen, wie zum Beispiel Prozac, an. In einem anderen Beispiel können suizidal veranlagte Ratten – oder Ratten mit Toxoplasmose, die eine suizidale Hinwendung zu Katzen entwickelt haben – erfolgreich mit Psychopharmaka behandelt werden. Nach der Gabe von Haloperidol, das bei Schizophrenie eingesetzt wird, verringert sich ihre Zuneigung zu Katzen drastisch. Der Veterinärmediziner Nicholas Dodman schlägt vor, ähnliche Medikamente in Verbindung mit Verhaltenstraining bei problematischen Hunden und Katzen zum Einsatz zu bringen. Wenn Tiere wie Menschen auf diese Medikamente reagieren, dann ist es äußerst wahrscheinlich, dass eine ähnliche neurale Basis existiert und ihre Gefühle daher wahrscheinlich ebenfalls sehr ähnlich sind.
Zahlreiche Berichte und auch wissenschaftliche Daten weisen darauf hin, dass Tiere zudem über einen Reichtum an sekundären Emotionen verfügen. Viele Menschen wissen das bereits einfach durch die tägliche Beobachtung ihrer Haustiere. Die Wissenschaft benötigte länger, um dieses „Allgemeinwissen“ zu akzeptieren, doch das war wohl zu erwarten; denn eine wichtige Funktion der Wissenschaft ist es, direkte, subjektive Erfahrungen „objektiv“ zu werten.
Die sekundäre Emotion der Empathie oder des Mitgefühls bei Tieren festzustellen ist wichtig, denn sie weist auf selbstlose Fürsorge für andere hin. Erinnern Sie sich an Babyl und ihre fürsorglichen Freunde. Während meines Aufenthalts in Homer, Alaska, las ich eine ähnliche Geschichte über zwei Grizzlybären-Jungen, die fest zusammenhielten, nachdem sie zu Waisen geworden waren, weil ihre Mutter in der Nähe des Russian River erschossen worden war. Das weibliche Jungtier blieb bei seinem verwundeten Bruder, obwohl dieser humpelte, nur sehr langsam schwamm und Hilfe bei der Futtersuche benötigte. Ein Beobachter notierte: „Sie kam mit einem Fisch aus dem Wasser, schleppte ihn zurück und ließ den anderen fressen [8].“ Das junge Weibchen sorgte offensichtlich für den Bruder und ihre Unterstützung war für sein Überleben entscheidend.
Es gibt außerdem einen Bericht über eine Gruppe von ungefähr Hundert Rhesusaffen in Tezpur, Indien, die den Verkehr zum Erliegen brachten, nachdem ein Affenbaby von einem Auto angefahren worden war [9]. Die Affen bildeten einen Kreis um das verletzte Baby, dessen Hinterbeine gebrochen waren und das auf der Straße lag und sich nicht bewegen konnte. Sie blockierten den gesamten Verkehr. Ein Regierungsbeamter berichtete, dass die Affen wütend waren und ein Ladenbesitzer sagte: „Es war sehr emotional… Einige von ihnen massierten seine Beine [10]. Schließlich verließen sie den Ort und trugen das verletzte Baby mit sich [11].“
In einer klassischen Studie nimmt ein hungriger Rhesusaffe kein Futter, wenn das für einen anderen Affen bedeutet, dass er dann einen Stromstoß erhalten würde. Es existiert noch eine jüngere wissenschaftliche Studie zur Empathie bei Mäusen. In dieser Studie wird einem oder beiden Mitgliedern eines Paares erwachsener Mäuse Essigsäure injiziert, wodurch sie sich vor Schmerzen winden. Auf diese Weise können die Forscher beobachten, ob diese Nagetiere die Fähigkeit besitzen, Mitgefühl für andere zu haben, die Schmerzen leiden, oder nicht. Die Forscher entdeckten, dass Mäuse, die ihre Partner unter Schmerzen leiden sehen, selbst sehr empfindlich sind und dass eine Maus mit Schmerzen sich mehr windet, wenn ihr Partner ebenfalls unter Schmerzen leidet. Die Mäuse nutzten visuelle Hinweise, um die empathische Reaktion zu entwickeln, obwohl sie bei vielen ihrer sozialen Begegnungen gewöhnlich den Geruchssinn nutzen. Wie wir also an den Geschichten zu Beginn dieses Kapitels sehen, verfügen Tiere (auch Mäuse) über Empathie. Zudem ist bekannt, dass die empathische Reaktion bei Mäusen durch dieselben Hirnmechanismen wie beim Menschen herbeigeführt wird.
Natürlich ist diese Studie verstörend. Mussten die Forscher solche Schmerzen verursachen, um zu ihren Schlüssen zu kommen? Mäuse (und Ratten) sind derzeit nicht durch die Tierschutzverordnung geschützt, doch vielleicht führen diese und andere Ergebnisse dazu, dass ihr Status dem von Hunden, Katzen und nichtmenschlichen Primaten angeglichen wird, wenn es um invasive Experimente an Tieren geht. Wie wir in Kapitel 6 sehen werden, ist die Tierschutzverordnung weit davon entfernt, einen angemessenen Schutz zu bieten, doch das wäre immerhin ein Anfang.
Nachdem diese Studie zur Empathie erschienen war, erhielt ich zahlreiche Berichte über Empathie bei einer Vielzahl von Tieren, darunter auch Nagetiere [12]. Menschen, die mit Tieren leben, waren von den Ergebnissen nicht überrascht. CeAnn Lambert, die das Indiana Coyote Rescue Center leitet, erzählte mir, dass sie eines heißen Sommermorgens zwei Mäusebabys in einem tiefen Waschbecken in ihrer Garage entdeckte. Sie versuchten, aus dem Waschbecken zu klettern, kamen aber nicht an den steilen, glatten Seiten hinauf. Eines der Mäusebabys schien weniger erschöpft als das andere. CeAnn ließ etwas Wasser in einen Deckel laufen und stellte ihn in das Waschbecken und sofort lief das fittere Jungtier hin, um zu trinken. Auf dem Weg zum Wasser fand die Maus ein Stück Futter, nahm es auf und brachte es zu seinem Wurfgeschwisterchen. Die geschwächte Maus versuchte, ein Stück von dem Futter abzubeißen, während die andere es langsam weiter in Richtung des Wassers bewegte. Schließlich konnte auch die schwächere Maus etwas trinken. Beide erholten sich und kletterten über ein Brett hinaus, das CeAnn in das Waschbecken gestellt hatte.
Es gibt noch viele Beispiele mehr, doch der Punkt ist: Selbst wenn tierische Emotionen nicht genau mit unseren eigenen oder mit denen anderer Spezies übereinstimmen, bedeutet das nicht, dass Tiere nicht fühlen. Tatsächlich sind tierische Emotionen, wie die letzten Berichte zeigen, nicht auf „instinktive Reaktionen“ beschränkt, sondern sind mit etwas, was als guter Teil bewussten Denkens erscheint, verbunden.
WENN TIERE FÜHLEN, WAS WISSEN SIE DANN?
Tiere haben ihre Geheimnisse, doch ihre Gefühle sind erkennbar
Die Abneigung zeitgenössischer Philosophen und Wissenschaftler, die Sichtweise anzunehmen, dass Tiere Verstand haben, sagt in erster Linie etwas über ihre Philosophie und ihre Wissenschaft aus, denn über die Tiere.
– Dale Jamieson, „Science, Knowledge and Animal Minds“ –
Wenn Tiere bellen, heulen, schnurren, winseln, grunzen, lachen oder quieken, hat das für sie etwas zu bedeuten. Was sie sagen, sollte auch uns etwas bedeuten, denn ihre Gefühle sind von Bedeutung. Lynne Sharpe weist in ihrem wundervollen Buch Creatures Like Us? darauf hin, dass die Interessen und Sorgen von Tieren für diese ebenso wichtig sind, wie unsere es für uns sind. Ruten teilen uns mit, was Tiere fühlen, und das gleiche tun verschiedene Posen, Gangarten, Gesichtsausdrücke, Geräusche und Gerüche. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte eine Rute und bewegliche Ohren, damit ich besser mit Hunden und anderen Tieren kommunizieren könnte, deren Ruten und Ohren uns viel darüber erzählen, was sie denken und fühlen. Wildes Wedeln oder die Rute, die zwischen den Beinen herunterhängt, schenken uns den Einblick in ihre eigene Form von Empfindungsvermögen.
Was Tiere wissen – und wie viel Ich-Bewusstsein sie besitzen – ist ein Thema weit verbreiteter und oftmals hitziger Debatten. Die sich sammelnden wissenschaftlichen Beweise besagen, dass sie ganz schön viel wissen, doch die Schwierigkeit der Kommunikation über Artengrenzen hinweg mag es unmöglich machen, jemals genau zu wissen, wie viel. Mein Grundsatz tierische Emotionen und Empfindungsfähigkeit betreffend ist ziemlich einfach – Tiere werden immer ihre Geheimnisse haben, doch ihre emotionalen Erfahrungen sind erkennbar. Mit anderen Worten: Wir wissen, dass zahlreiche Tiere ein reiches Spektrum an Emotionen haben, von denen einige, wie die Empathie, einen bestimmten Grad an bewusstem Denken erfordern. Viele Tiere zeigen Sinn für Humor. Einige wenige Tiere, darunter Schimpansen, Delfine und Elefanten, haben Tests absolviert, die Ich-Bewusstsein erkennen lassen [14]. Manche mögen einen Sinn für Ehrfurcht haben und manche mögen moralische Wesen sein, die „Richtig“ von „Falsch“ unterscheiden können.
Selbstverständlich bestehen Unterschiede zwischen den Arten. Wir würden Variationen auf der Basis sozialer, ökologischer und physikalischer Faktoren erwarten. Trotz der manches Mal extremen Unterschiede bestehen jedoch auch bezwingende Ähnlichkeiten. Ein allgemein gebräuchlicher Maßstab nennt sich die „relative Gehirngröße [15]“ (die Größe des Gehirns im Verhältnis zur Körpergröße) und tatsächlich stimmen fast alle Forscher darin überein, dass beim Vergleich von Arten die relative Hirngröße in Bezug auf verschiedene Verhaltensaspekte einen Unterschied macht, wozu nichträuberische Lebensweise und Fütterungsstrategien gehören. Nur, was diese Differenzen zu bedeuten haben, bleibt größtenteils ein Geheimnis. Es gibt jedoch keinen Nachweis dafür, dass es bedeutet, Tiere mit einem geringeren Größenverhältnis hätten kein reiches Gefühlsleben. Da wir alte Gehirnbereiche mit ihnen teilen, die für die menschlichen Emotionen wichtig sind, namentlich das limbische System mit der mandelförmigen Struktur, die Amygdala genannt wird, ist der reine Fokus auf die relative Hirngröße irreführend. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, was wir mit anderen Tieren teilen und nicht darauf, wie viel wir mit ihnen teilen. Die Gehirne von Mäusen, Hunden, Elefanten und Menschen unterscheiden sich stark in ihrer Größe, doch alle diese Arten empfinden Freude und Empathie.
Leider werden gerade in sehr populären Büchern noch immer falsche Vorstellungen über die ungestützten Verallgemeinerungen der kognitiven, emotionalen und empathischen Fähigkeiten von Tieren verbreitet. Zum Beispiel behauptet der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert in seinem beliebten Bestseller Ins Glück stolpern: „Das menschliche Tier ist das einzige Tier, das über die Zukunft nachdenkt.“ Gilbert selbst schreibt dies kursiv und behauptet, dass dies ein Merkmal zur Definition des Menschseins sei. Nicht einmal die Skeptiker gegenüber Emotionen bei Tieren, die ich kenne, würden so etwas jemals behaupten. Es existieren buchstäblich Bände voller Daten, die beweisen, dass Individuen vieler Arten über die Zukunft nachdenken, von mexikanischen Blauhähern, Rotfüchsen und Wölfen, die Futtervorräte anlegen, bis hin zu rangniederen Schimpansen oder Wölfen, die in Anwesenheit eines dominanten Individuums vorgeben, ein bevorzugtes Futter nicht zu sehen und später wiederkehren, um es zu fressen, wenn das ranghöhere Tier nicht mehr in der Nähe ist. Außerdem erzählt uns Gerald Hüther in seinem Buch Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn entgegen aller wissenschaftlichen Beweise, dass die Fähigkeit zur Empathie das menschliche Gehirn von allen anderen Nervensystemen abhebt.
Die einfache Wahrheit lautet letzten Endes, dass ein Hund über eine Reihe emotionaler und kognitiver Fähigkeiten nach Hundeart verfügt. Ethologische Untersuchungen und Forschungen im Bereich der sozialen Neurowissenschaften zeigen, dass Menschen nicht die einzigen Bewohner des Gefühlsuniversums sind. Hunde und viele andere Tiere können glücklich, traurig und sauer sein. Sie lassen ihre Ruten sprechen. Tiere sprechen zu uns über eine unendliche Vielzahl von Verhaltensmustern – Posen, Gesten und Gangarten – sowie mit ihren Schnauzen, Schwänzen, Augen, Ohren und Nasen [16].
TIERE UND MENSCHEN
Geteilte Gefühle, geteilte Leben
Tierische Emotionen sind für sich genommen von großer Wichtigkeit, doch allein schon die Anwesenheit von Tieren – mit ihren frei geäußerten Emotionen und ihrer Empathie – ist für das menschliche Wohlbefinden von großer Bedeutung. Die Gefühle von Tieren sollten uns wichtig sein, denn wir brauchen sie in unserem Leben. Sie helfen uns. Wir werden deshalb so von ihnen angezogen, weil sie Emotionen haben; in Ermangelung einer gemeinsamen Sprache stellen Emotionen wahrscheinlich sogar unser effektivstes Mittel zur Kommunikation über die Artengrenzen hinweg dar. Wir können unsere Emotionen mit anderen Lebewesen teilen, wir können die Sprache der Gefühle verstehen und das ist der Grund, weshalb wir tiefe und dauerhafte Bindungen mit anderen Lebewesen eingehen. Emotionen sind der Kitt, der uns aneinander bindet. Sie katalysieren und regulieren soziale Handlungen bei Tieren und Menschen.
Das Buch Heilende Haustiere des Tierarztes Marty Becker zeigt, auf welche Art und Weise Haustiere Menschen gesund und glücklich machen können – sie unterstützen die Heilung einsamer Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Schulen. In dem Buch Kindred Spirits zeigt der holistische Veterinärmediziner Allen Schoen 14 konkrete Beispiele auf, in denen die Beziehung zwischen tierischen Gefährten und Menschen eine Stressreduzierung ermöglichte. Dazu gehören die Senkung des Blutdrucks, die Steigerung der Selbstachtung bei Kindern und Erwachsenen, das Erhöhen der Überlebensrate von Patienten nach Herzinfarkt, die Verbesserung des Lebens von Senioren, die Hilfe bei der Entwicklung einer humanen Einstellung bei Kindern, das Bieten einer gewissen emotionalen Stabilität für Pflegekinder, die Reduzierung der Arztbesuche wegen kleinerer Probleme bei Medicare-Patienten sowie die Verringerung der Einsamkeit bei Vorpubertierenden. Und Michelle Rivera erzählt in ihrem Buch Hospice Hounds zahlreiche Geschichten, wie Hunde und Katzen Menschen helfen können, die im Sterben liegen.
Eine kürzlich durchgeführte Studie zeigt, dass der Besuch eines freundlichen Welpen eine gute Medizin für ein krankes Herz darstellen kann [17]. Bei einer Zufallsstudie an 76 stationär behandelten Herzpatienten fanden Forscher der UCLA heraus, dass die Angstgefühle bei Patienten, die mit Hunden gleich welcher Rasse interagierten, um durchschnittlich 24% abnahmen. Die Hunde lagen für 12 Minuten auf den Betten der Patienten, während diese die Hunde einfach streichelten und hinter den Ohren kraulten. „Diese Studie demonstriert, dass bereits die kurzzeitige Anwesenheit eines Hundes vorteilhafte physiologische und psychologische Auswirkungen auf den Patienten hat, der diesen Kontakt wünscht“, sagte Kathie Cole, eine Krankenschwester am UCLA Medical Center.
Ähnliches zeigt sich in meinem Heimatstaat. Im Frauengefängnis von Colorado leben die Insassinnen mit Hunden, die ansonsten im örtlichen Tierheim eingeschläfert worden wären, und sorgen für sie. Die gemeinsamen Spaziergänge, das Kämmen und Umsorgen, ja selbst das zusätzliche Saubermachen ist für jeden der Beteiligten unglaublich lohnend und vorteilhaft – für die Insassinnen, die Hunde und die Gefängnisangestellten.
Berichte von Begegnungen zwischen wild lebenden Tieren und Menschen – und andere artübergreifende Beziehungen – bestätigen die Ergebnisse dieser Studien. Löwen sind herrliche und kraftvolle Raubtiere, und doch zeigen sie auf unerwartete Weise Mitgefühl, Sympathie und Empathie. Zum Beispiel retteten drei Löwen in Äthiopien ein zwölf Jahre altes Mädchen vor einer Bande, die sie entführt hatte [18]. Sergeant Wondimu Wedajo sagte: „Sie standen Wache, bis wir sie gefunden hatten, ließen sie dann einfach wie ein Geschenk an uns zurück und verschwanden wieder im Wald.“ Stuart Williams, ein Wildtier-Experte des Ministeriums für Landentwicklung in Äthiopien, meinte, dass das junge Mädchen gerettet worden war, weil es wegen des Traumas, das es erlebt hatte, weinte. Williams erklärte: „Das Wimmern eines jungen Mädchens könnte mit dem miauenden Geräusch eines Löwenwelpen verwechselt werden, was wiederum erklärt, weshalb [die Löwen] sie nicht gefressen haben. Andernfalls hätten sie es wahrscheinlich getan.“ Drei der vier Kidnapper wurden schließlich gefasst.
In einem von vielen Berichten über Delfine, die Menschen auf See helfen, kreiste in Neuseeland eine Gruppe Delfine schützend um eine Gruppe von Schwimmern, um den Angriff eines großen weißen Hais abzuwehren [19]. „Sie begannen, uns zusammenzutreiben. Sie drückten uns alle vier zusammen, indem sie enge Kreise um uns zogen“, erzählte Rob Howes, einer der Schwimmer. Anhand solcher Berichte erkennen wir, dass die empathische Präsenz von Tieren eine direkte Auswirkung auf unser Wohlergehen und sogar auf unser Überleben haben kann.
Wenn es auch seltsam scheint, dass Tiere von ihrem üblichen Verhalten abweichen, um sich um uns zu kümmern, so ist das nur die halbe Geschichte. Manche der Beziehungen, die Tiere eingehen, sind sagenhaft unwahrscheinlich – zum Beispiel adoptierte im Samburu Reservat im Norden Kenias eine Löwin in fünf verschiedenen Fällen Oryx-Antilopenbabys [20], üblicherweise eine beliebte Mahlzeit von Löwen. Und im Mutsugoro Okoku Zoo in Tokio freundete sich Aochan, die Schwarze Erdnatter, mit dem Zwerghamster Gohan an. Der Hamster wurde ihr eigentlich als Mahlzeit angeboten [21]; Aochan hatte gefrorene Mäuse als Futter abgelehnt und die Zoowärter waren davon ausgegangen, der Hamster würde appetitlicher sein. Aochan weigerte sich jedoch, das Tier zu fressen, und schien es vorzuziehen, den Käfig mit der Hamsterdame zu teilen. Nun macht Gohan sogar ein Nickerchen auf dem Rücken der Schlange. Und obwohl Aochan begonnen hat, gefrorene Nager zu fressen, zeigt er noch immer keine Neigung, seine Freundin zu verspeisen. Kazuya Yamamoto, ein Zoowärter, sagte: „Aochan scheint Gohans Gesellschaft sehr zu genießen.“
Und was machen wir aus der folgenden Fisch-Geschichte? Mary und Dan Heath behaupten, ihre erwachsene Golden Retriever-Hündin Chino sei eng mit dem knapp 40 cm langen Koi Falstaff befreundet [22]. Seit sechs Jahren trifft sich das Pärchen regelmäßig am Rand des Teiches, in dem Falstaff lebt. Jeden Tag, wenn Chino dort hinkommt, schwimmt Falstaff zur Begrüßung an die Oberfläche und knabbert an Chinos Pfoten. Wenn Falstaff dies tut, starrt Chino mit einem neugierigen und verwunderten Ausdruck im Gesicht nach unten. Ihre enge Freundschaft ist außergewöhnlich und bezaubernd – und eine machtvolle Demonstration dessen, wie wichtig der Kontakt mit anderen Wesen wirklich ist.
Ich kann selbst viele Geschichten erzählen, die dies ebenfalls veranschaulichen. Zwei davon, die mit meinem langjährigen Hundegefährten Jethro zu tun haben, möchte ich mit Ihnen teilen. Eines Tages, als Jethro ungefähr zwei Jahre alt war, rannte er nach dem Spielen im Hof zur Vordertür und wartete darauf, hineingelassen zu werden. Als er da saß, bemerkte ich ein kleines, pelziges Etwas in seinem Maul. Meine erste Reaktion war: „Oh nein, er hat einen Vogel getötet.“ Doch als ich die Tür öffnete, ließ Jethro ein sehr junges, sehr lebendiges Häschen vor meine Füße fallen – klatschnass von seinem Speichel. Ich konnte zwar keinerlei Verletzungen entdecken, doch ich beschloss, das Häschen bei mir zu behalten, bis ich sicher sein konnte, dass es in der Lage war, eigenständig zu überleben. Ich nannte die Kleine Bunny und nahm an, ihre Mutter war abhanden gekommen, vermutlich von einem Kojoten, Rotfuchs oder Berglöwen gefressen worden. Jethro schaute mit großen Augen zu mir auf, ganz offensichtlich in Erwartung eines Lobes dafür, dass er dem Häschen so ein guter Freund war. Dies erhielt er natürlich durch ein Streicheln seines Kopfes und ein Kraulen seines Bauchs.
Als ich eine Kiste, eine Decke und Futter für Bunny zusammensuchte, wurde Jethro ganz aufgeregt. Er versuchte, sie mir aus den Händen zu schnappen, jaulte, folgte mir auf Schritt und Tritt und beobachtete jede meiner Bewegungen. Als ich den Raum mit der Kiste verlassen musste, rief ich Jethro, mitzukommen, doch er wollte die Kiste nicht alleine lassen. Ich dachte, er würde versuchen, sich Bunny oder das Futter zu schnappen, doch das tat er nie; er stand stundenlang da und beobachtete fasziniert, wie das kleine Fellbündel versuchte, sich langsam in seinem neuen Zuhause zu orientieren. Jethro schlief sogar neben Bunny und in den zwei Wochen, in denen ich sie gesundpflegte, tat Jethro ihr nicht ein Mal weh. Tatsächlich hatte Jethro Bunny adoptiert und all seine Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, dass ihr niemand etwas tat. Selbst als der Tag gekommen war, um Bunny wieder in die Freiheit zu entlassen, damit sie ihr Leben als frei lebender Hase beginnen konnte, beobachtete Jethro sie einfach nur dabei, wie sie vorsichtig herumschnupperte und schließlich langsam davon hoppelte.
Neun Jahre später kam Jethro erneut mit einem nassen Tier im Maul zu mir gerannt. Hm, fragte ich mich, ein weiteres Häschen? Dieses Mal entpuppte sich das nasse Bündel als Jungvogel, der von einem Flug gegen eine Fensterscheibe betäubt war. Ich hielt ihn einige Minuten in der Hand, bis seine Sinne zurückzukehren begannen. Jethro, seiner selbst treu, beobachtete jede Bewegung. Als ich dachte, der Vogel könne wieder fliegen, setzte ich ihn auf das Verandageländer. Jethro näherte sich ihm, schnupperte, trat zurück und beobachtete, wie er davon flog. Jethro liebte andere Tiere und er rettete zwei vor dem Tod. Er hätte beide ohne große Mühe fressen können. Doch das tut man seinen Freunden nicht an.
Wenn Tiere ihre Gefühle zum Ausdruck bringen, fließen sie aus ihnen heraus wie Wasser aus einer Quelle. Die Emotionen von Tieren sind rein, ungefiltert und unkontrolliert. Ihre Freude ist die reinste und ansteckendste Freude und ihre Trauer die tiefste und überwältigendste Trauer überhaupt. Ihre Leidenschaft zwingt uns vor Freude und Sorge in die Knie. Würden Tiere ihre Gefühle nicht zeigen, würden Menschen wahrscheinlich keine Bindungen mit ihnen eingehen. Wir entwickeln enge Beziehungen zu unseren Haustieren und dies nicht nur wegen unserer eigenen emotionalen Bedürfnisse, sondern auch, weil wir ihre erkennen. Als ein Bewohner der Ausläufer der Rocky Mountains liebe ich felsige Landschaften, Flüsse und Bäche, doch ihnen fühle ich mich nicht so nah, wie ich mich tierischen Lebewesen nahe fühle. Ich glaube, das liegt daran, dass Landschaften und Wasserläufe keine Gefühle oder Ansichten haben – sie sind, im Gegensatz zu Tieren, nicht empfindungsfähig.
Geteilte Emotionen und ihre Kraft, anzuziehen und zu verbinden [23], sind verantwortlich für die Milliarden Dollar schwere Haustier-Industrie dieses Landes [24]. Mehr als 60% aller Haushalte der Vereinigten Staaten halten mindestens ein Haustier und mehr als 55% haben einen Hund oder eine Katze. Doch die Vielfalt der Tiere, die als Haustiere gehalten werden, vor allem weltweit, ist erstaunlich. Dazu gehören Nagetiere, Vögel, Fische, Amphibien, Reptilien, Insekten, Spinnen, Wirbellose und viele mehr. Rund 20% der Haushalte haben einen Vogel und mehr als 600 Millionen Fische werden jedes Jahr an Aquarianer verkauft. Sowohl in den Vereinigten Staaten wie auch in Großbritannien wächst die Anzahl der Haustiere.
Eine besondere Beziehung gehen dabei Kinder und Haustiere ein. Im Rahmen von Jane Goodalls Roots & Shoots Programm [25] (Wurzeln & Keime) arbeite ich mit Kindern. Ziel des Programmes ist es, Kinder dazu anzuregen, Respekt gegenüber Tieren, Menschen und der Umwelt zu entwickeln. Das ist nicht schwierig; Kinder sind neugierige Naturforscher, die schnell mit allen möglichen Lebewesen Bindungen eingehen. Kinder gehören außerdem zu den besten Beispielen für den starken Einfluss tierischer Emotionen und Empathie auf das Leben von Menschen. Mehr als 75% der Kinder in den Vereinigten Staaten leben mit Haustieren und es ist wahrscheinlicher, dass Kinder mit einem Haustier aufwachsen als mit beiden Elternteilen. Amerikanische Jungs werden wahrscheinlich eher für ein Haustier als für ältere Verwandte oder jüngere Geschwister sorgen. Eine große Mehrheit von Kindern bezeichnet ihre Haustiere als „Familie“ oder „besondere Freunde“ und „Vertraute“. Und mehr als 80% bezeichnen sich selbst als Mütter oder Väter ihrer Haustiere. Sollten sie auf einer einsamen Insel stranden, würden mehr als die Hälfte der Kinder die Gesellschaft ihrer Haustiere der ihrer Familienmitglieder vorziehen und Kinder sorgen sich auch um heimatlose Haustiere.
Eine Studie, an der 194 amerikanische Universitätsstudenten teilnahmen, zeigt, dass diejenigen, die als Kind mit Hunden oder Katzen gelebt hatten, selbstbewusster sind als diejenigen, die keine Haustiere hatten. Bei einer Studie, die in Kroatien durchgeführt wurde, erwiesen sich Kinder, die mit Hunden lebten, als empathischer und sozialer eingestellt als Kinder, die nicht mit Hunden lebten. Kinder mit einer größeren Zuneigung zu ihren Haustieren schätzten das Klima in ihrer Familie als wesentlich besser ein als Kinder, die weniger Zuneigung verspürten. Die Interaktion mit Haustieren hilft Kindern außerdem dabei zu lernen, dass Tiere andere Bedürfnisse haben als sie selbst und fördert die Entwicklung einer Verstandestheorie (ihre Haustiere haben ihren eigenen Glauben und ihre eigene Weltsicht).
Haustiere können soziale Katalysatoren sein und dabei helfen, autistische und sozial zurückgezogene Kinder zugänglich zu machen (eine Intensivierung pro-sozialer Verhaltensweisen). Der Begriff „Tiergestützte Therapie“ wurde vor mehr als vier Jahrzehnten von Boris Levinson geprägt und wird heute noch verwendet. Levinson, ein amerikanischer Kinderpsychologe, fand heraus, dass viele Kinder, die zurückgezogen oder unkommunikativ waren, aus sich herausgingen und positiv interagierten, wenn sein Hund Jingles die Therapiesitzungen begleitete.
Haustiere helfen auch Missbrauchsopfern, indem sie sie vorbehaltlose Liebe lehren, Pufferung und das Überwinden des Traumas erleichtern. In einer Studie werden Haustiere für sexuell missbrauchte Kinder als größere Unterstützung eingeschätzt als Menschen. Haustiere bieten Kindern Unterstützung, über eine Scheidung, die Erkrankung oder den Verlust eines Familienmitglieds oder engen Freundes hinwegzukommen. Der Wert von Tieren für uns Menschen kann nicht übertrieben dargestellt werden und es sind ihre Emotionen, die uns zu ihnen hinziehen. Und obwohl wir Tiere brauchen, wären doch viele Tiere ohne uns besser dran.
EIN PARADIGMENWECHSEL
Überdenken unserer Annahmen und Revidieren unserer Klischeevorstellungen
Fragen zu den Gefühlen von Tieren und warum sie von Bedeutung sind können einen ganz schönen Wirbel verursachen. Unsere Beziehung zu Tieren ist komplex und wie wir Tiere behandeln, verändert sich je nach Zusammenhang oft dramatisch. Viele Menschen können ihren Haustieren eine enorme Liebe und Hingabe entgegenbringen, doch gleichzeitig, mit wenig Achtsamkeit, Sorge oder Reue, andere Tiere in verschiedenen Situationen auf unglaubliche Weise missbrauchen. Dies gilt besonders für Wissenschaftler und die Tiere, die sie zu Hause und im Labor halten. Wenn Wissenschaftler (und andere) sagen, sie lieben Tiere und sie dann, direkt oder indirekt, vorsätzlich Schmerz und Leid aussetzen, lautet meine Antwort: Ich bin froh, dass sie nicht mich lieben! Zum Leidwesen der Tiere war und ist ihre Beziehung zu Menschen äußerst asymmetrisch. Menschliche Interessen stehen fast immer über denen der Tiere.
Vor einigen Jahren las ich die prestigeträchtige Zeitschrift Science und stieß auf diesen Satz: „Mehr als jede andere Spezies sind wir die Begünstigten und Opfer einer Fülle emotionaler Erfahrungen [26].“ Der Wissenschaftler, der dies schrieb, Professor R. J. Dolan, kann unmöglich wissen, ob dies der Wahrheit entspricht. Tatsächlich mögen andere Tiere noch lebhaftere Emotionen empfinden als wir, sowohl positive als auch negative. Diese Form der menschlichen Egozentrik ist es, die das Studium der Tieremotionen behindert, und sie ist zudem einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Tiere auf so unterschiedliche Weise behandelt werden. Was macht uns so besonders? Warum glauben wir, dass wir solch tief empfindende Tiere sind und alle anderen Tiere nicht (oder weniger) zu Emotionen fähig sind? Beim Blick auf den heutigen Zustand der Welt finde ich es schwer zu akzeptieren, dass wir den Standard darstellen sollen, an dem andere Tiere gemessen werden.
Es ist meine Hoffnung, dass das Studium der Mensch-Tier-Interaktionen den nutzlosen Dualismen von „wir“ versus „denen“, von „Labor“ (wo Tiere oftmals verfügbare Objekte darstellen) versus „Zuhause“ (wo Tiere hoch geschätzte Freunde sind) und von „höheren“ versus „niederen“ Tieren ein Ende bereiten wird. Diese Dualismen sind nicht präzise und sie fördern ganz sicher nicht die Entwicklung und Erhaltung tiefer, respektvoller und symmetrischer Beziehungen zwischen Menschen und anderen Tieren.
Ich hoffe, einen Paradigmenwechsel in Bezug darauf zu fördern, wie wir über Tiere denken, wie wir tierische Emotionen und tierische Empfindungsfähigkeit untersuchen und was wir mit den Informationen, den „wissenschaftlichen“ und anderen, die uns bereits vorliegen, anfangen. Dieser Paradigmenwechsel beinhaltet das Revidieren unserer Klischeevorstellungen davon, wie das Gefühlsleben von Tieren verschiedener Arten „unserer Meinung nach“ zu sein hat. Statt anzunehmen, dass Fische weniger fühlen als Mäuse und Mäuse weniger fühlen als Schimpansen oder dass Ratten nicht so emotional sind wie Hunde oder Wölfe oder, ganz allgemein, dass Tiere weniger fühlen (und weniger wissen und weniger leiden) als Menschen, lassen Sie uns annehmen, dass zahlreiche Tiere vielfältige Emotionen haben und alle Formen von Leid empfinden, möglicherweise sogar in einem größeren Ausmaß als der Mensch.
Die vorliegenden Beweise belegen solch eine Hypothese. Bei der bereits früher erwähnten Konferenz in Rio erklärte der weltbekannte Wissenschaftler Ian Duncan, dass die von ihm, seinen Studenten und weiteren Wissenschaftlern initiierten Forschungen ergaben, dass Fische Schmerz und Angst fühlen. Sie sind außerdem listig, betrügerisch und pflegen kulturelle Traditionen. Außerdem, so Donald Broom, Professor an der Universität Cambridge in England, bestehe die Möglichkeit, dass Tiere mit komplexeren Gehirnen mit Schmerz effektiver umgehen können als Tiere mit weniger komplexen Gehirnen, da Erstere über vielfältigere Reaktionen und flexiblere Verhaltensweisen verfügen, um mit unangenehmen Situationen besser fertig zu werden. Brooms interessante Hypothese lautet, dass Fische möglicherweise nicht so effektiv mit Schmerz umgehen können wie Tiere mit komplexeren Gehirnen und aus diesem Grund mehr leiden. Bei der Bestimmung, was und wie viel ein Tier fühlt, ist es am besten, für alles aufgeschlossen zu bleiben.
Wie ich schon sagte: Wenn es um die manchmal unbewusste Doppelmoral geht, die Menschen in ihrer Behandlung von Tieren häufig aufweisen, dann ist für mich die Frage „Würden Sie das mit Ihrem Hund machen?“ eine großartige Möglichkeit zur Relativierung. Wenn man etwas nicht mit seinem Hund machen würde, weshalb sollte man es dann mit einem anderen Wesen tun?
Der Paradigmenwechsel würde außerdem die Art und Weise verändern, wie wir wissenschaftliche Arbeit betreiben – er würde zu einer Verbesserung der Methoden und einem Sinneswandel führen. Die Beweislast würde künftig den Skeptikern zufallen, die ihre Behauptungen „beweisen“ müssten, dass Tiere keine Emotionen empfinden und nicht wirklich Schmerz fühlen. Es wäre nicht mehr länger akzeptabel zu sagen, „da wir nicht wirklich wissen, was Tiere fühlen, lasst uns davon ausgehen, dass, was immer sie (wenn überhaupt) fühlen, nicht von Bedeutung ist.“ Es würde die Art und Weise verändern, wie Wissenschaftler Experimente und Tests durchführen und ein humaneres Umfeld für uns alle schaffen. Tiere zu respektieren, zu schützen und zu lieben würde der Wissenschaft nicht schaden, noch würde es bedeuten, wir Menschen würden weniger respektiert, geschützt und geliebt. Wenn Sie Ihren Hund füttern, heißt das, Ihr Kind muss hungern? Nein, natürlich nicht. Mit ein wenig Überlegung und Vorausschau kann für alle gesorgt werden.
Und am Wichtigsten: Davon auszugehen, dass Tiere über ein reiches Gefühlsleben verfügen, schadet niemandem. Ein schönes Zitat aus unbekannter Quelle trifft den Kern:
„Wenn ich davon ausgehe, dass Tiere subjektive Gefühle von Schmerz, Angst, Hunger usw. verspüren und ich damit falsch liege, dann habe ich niemandem geschadet; doch wenn ich vom Gegenteil ausgehe, Tiere jedoch tatsächlich solche Gefühle haben, dann öffne ich grenzenlosen Grausamkeiten damit Tür und Tor … Es muss heißen: Im Zweifel für die Tiere – wenn denn überhaupt noch irgendwelche Zweifel bestehen.“
WAS WIR MIT UNSEREM WISSEN ANFANGEN
Als Wissenschaftler werde ich für meine ausgeprägte Einstellung für die Tiere oft kritisiert, es wird mir vorgeworfen, nicht wissenschaftlich vorzugehen. Ich bin nicht gegen die Wissenschaft. Es liegt in der besten Tradition der Wissenschaft, Fragen im Hinblick auf die Ethik zu stellen. Es ist nicht nichtwissenschaftlich zu fragen, was wir tun, wenn wir mit anderen Tieren interagieren. Ethik kann unseren Blick auf andere Tiere bereichern, wie sie in ihrer Welt sind und wie wir sie im Zusammenhang mit unserer Welt sehen. Sie hilft uns zu erkennen, dass ihre Leben es wert sind, ihnen Respekt, Bewunderung und Wertschätzung entgegenzubringen. Es geht allerdings nicht unbedingt um Respekt, Bewunderung und Wertschätzung, wenn viele Menschen die Gesellschaft von Walen, Delfinen, Eisbären und Vögeln suchen. Wir brauchen Tiere in unserem Leben genauso, wie wir die Luft zum Atmen brauchen. Wir leben in einer kranken Welt, in der viele von uns von den Tieren und der Natur entfremdet sind. Tiere sind unsere vollkommenen Gefährten, die uns Tag für Tag helfen. Ohne enge, gegenseitige Beziehungen mit anderen tierischen Wesen sind wir von der reichen, vielfältigen und großartigen Welt, in der wir leben, entfremdet. Deshalb suchen wir bei Tieren emotionale Unterstützung. Unsere altsteinzeitlichen Gehirne ziehen uns zu dem zurück, was natürlich, doch in unserer schnelllebigen Welt verloren gegangen ist: Zu den engen Beziehungen mit anderen Lebewesen, die uns dabei helfen herauszufinden, wer wir im großen Plan der Dinge sind. Tiere trösten uns und bringen uns mit dem in Berührung, was wirklich von Bedeutung ist – mit anderen empfindungsfähigen Wesen. Ein empfindungsfähiges Tier ist eines, für das Gefühle von Bedeutung sind, wie mein Kollege John Webster es ausdrückt.
Wenn wir lernen können, konsequent mit dieser Perspektive zu leben, würden sich sehr viele Dinge, in denen Tiere von der menschlichen Gesellschaft benutzt und missbraucht werden, zum Besseren wenden. Tatsächlich schulden wir es den Tieren, ihnen wie, wann und wo auch immer zu helfen. Anfangen können wir damit, dass wir unser eigenes Leben unter die Lupe nehmen und die besten und ethischsten Entscheidungen treffen. Unterstützen wir mit den Kleidern, die wir tragen, und der Nahrung, die wir zu uns nehmen, humane Industrien und Praktiken? Wenn wir Menschen sehen, von denen wir wissen, dass sie schädliche Entscheidungen treffen, können wir dabei helfen, sie zu warnen oder sie zu lehren, sich zu verändern? Gibt es Möglichkeiten, uns selbst besser zu schulen und strengere Tierschutzgesetze zu verfolgen? Tag für Tag wird weltweit viel zu vielen Tieren Schaden zugefügt. Wenn wir Herzen und Verstand und besonders aber gängige Praktiken ändern können, werden wir Fortschritte machen und es besteht Hoffnung.
In meinem eigenen Forschungsbereich ist mir bewusst, dass solide Wissenschaft mit Ethik und Anteilnahme ohne weiteres vereinbar ist. Es ist nichts falsch an mitfühlender oder gefühlvoller Wissenschaft – und auch nicht an mitfühlenden und gefühlvollen Wissenschaftlern. Untersuchungen in den Bereichen des tierischen Denkens, der Emotionen und des Ich-Bewusstseins sowie im Bereich Verhaltensökologie und Schutz der biologischen Vielfalt können sowohl mit Anteilnahme als auch wissenschaftlich gründlich durchgeführt werden. Die Wissenschaft und die Behandlung von Tieren nach ethischen Grundsätzen schließen einander nicht aus. Mit offenem Denken und einem großen Herzen können wir solide wissenschaftliche Arbeit leisten.
Ich ermutige jeden dazu, seinem Herzen mit Liebe zu folgen, nicht mit Angst. Wenn wir uns alle auf diesen Weg begeben, wird die Welt für alle Lebewesen ein besserer Ort sein. Wenn wir uns von unseren Herzen führen lassen, werden freundlichere und humanere Entscheidungen getroffen werden. Mitgefühl erzeugt Mitgefühl und die Fürsorge und Liebe für Tiere weitet sich auf Mitgefühl und Fürsorge für Menschen aus. Es ist sehr wichtig, den Schutzschirm des Mitgefühls freigebig und ohne Grenzen zu teilen.
JASPER UND PABLO: ZWEI VON VIELEN
Jeder Mensch und jedes lebendige Wesen
hat das geheiligte Anrecht auf die Freude des Frühlings.
– Leo Tolstoi –
Ich habe dieses Buch Jasper und Pablo gewidmet. Jasper ist ein Kragenbär, der früher auf einer Gallefarm in China in einem Quetschkäfig gehalten wurde [27]. Quetschkäfige werden benutzt, um den Körper des Bären so zusammenzupressen, dass sich die Menge an Gallenflüssigkeit, die das Tier produziert, maximiert (diese wird mittels eines Katheters in der Gallenblase entnommen). Jasper wurde in einem winzigen Käfig gehalten – ein „rostiges Gefängnis der Folter“, laut Jill Robinson, der Gründerin von Animals Asia – und über viele Jahre zur Erlangung seiner Gallenflüssigkeit, eines Stoffes, der in der traditionellen chinesischen Medizin Anwendung findet, fortwährenden Qualen ausgesetzt. „Dieser arme Bär wurde in seinem Käfig durch eine Platte zu Boden gedrückt, was die Höhe des Käfigs halbierte und Jasper platt auf dem Boden liegen ließ“, schrieb Robinson mir. „Er konnte weder sitzen noch stehen und war überhaupt kaum in der Lage, sich zu bewegen. Es geht über jede Vorstellung hinaus, dass ein wilder, intelligenter Bär in diesem Zustand 15 Jahre seines Lebens verbringen musste, bevor er gerettet werden konnte. Jasper war Opfer einer Katheterimplantation in die Gallenblase und seine physische und geistige Agonie muss unaussprechlich gewesen sein. Jasper ist heute ein spitzbübischer, Spaß liebender Bär, der jedermanns Freund ist, gleich ob Bär oder Mensch. Seine schönen, vertrauensvoll blickenden Augen zeigen die absolute Vergebung, zu der seine Spezies fähig ist, und die uns in unserem Ziel, so viele Bären wie möglich zu retten, bestätigt.“
Im Jahr 2004 wurde John Capitanio, Direktor eines der größten Primaten-Forschungszentren, gefragt, ob Tiere Emotionen haben, und er erwiderte wegwerfend, Tiere seien „eine neutrale Leinwand, auf die wir unsere Bedürfnisse, Gefühle und Ansichten malen“ [28]. Jasper ist alles andere als eine neutrale Leinwand. Er ist ein Wesen mit tiefen Gefühlen, kein Ding, das wiederholt gefoltert wurde, und natürlich gefiel ihm das nicht. Wie kann irgendein menschliches Wesen ein anderes fühlendes Wesen auf diese Weise behandeln? Ich nenne Jasper gerne den „Sprecher der Bären für Hoffnung und Freiheit“. Trotz aller Folter konnte Jasper vergeben.

Jasper im Quetschkäfig, in dem er 15 Jahre lang eingesperrt war.
(Foto mit freundlicher Genehmigung von Annie Mather/Animals Asia)

Der rehabilitierte Jasper heute.
(Foto mit freundlicher Genehmigung von Annie Mather/Animals Asia)
Pablo war ein gefangen gehaltener und misshandelter Schimpanse, der im Labor der Universität von New York, wo er gehalten wurde, als CH-377 bekannt war [29]. Nummern statt Namen zu verwenden ist eine Möglichkeit, wie sich Forscher von den Tieren, die sie ausbeuten, distanzieren. Pablos traurige Geschichte wurde in der Zeitschrift Discovery erzählt: „Laut seines Forschungsdossiers wurde Pablo 220 Mal mit Pfeilen beschossen, einmal versehentlich in die Lippe. Es wurden 28 Leber-, zwei Knochenmark- und zwei Lymphdrüsenbiopsien an ihm vorgenommen. Seinem Körper wurden vier Mal zu testende Impfstoffe injiziert. Von einem ist bekannt, dass es sich um einen Hepatitis-Impfstoff handelte. 1993 wurde ihm die 10.000-fach tödliche Dosis des HIV injiziert. Der Schimpanse mit dem gewölbten Brustkasten schüttelte AIDS ab und hielt die Hepatitis in Schach, nur um an einer Infektion zu sterben, verursacht durch die jahrelange Misshandlung mit Pfeilen, Spritzen und Biopsienadeln.“
Gloria Grow, die bei Pablo war, als er starb, ließ die anderen Schimpansen Pablo sehen und beobachtete: „Allein oder zu zweit ziehen sie an seinen Armen, öffnen seine Augen, lausen ihn, reiben seinen geschwollenen Bauch… Nicht lange und sie gehen rufend davon. Die Rufe münden in Schreie und bald hallen die Wände des Schimpansenhauses vom Geräusch der Fingerknöchel, die auf Stahl trommeln, wider.“ Dieses Frühjahr nahm Jane Goodall etwas von Pablos Asche mit nach Tansania, „um sie in den Wäldern von Gombe zu verstreuen, wo Schimpansen tanzen, um dem Regen Einhalt zu gebieten.“
Es sind viele Tausend Tiere, denen dieses Buch gewidmet werden könnte. Jasper und Pablo sind zwei von viel zu vielen – Milliarden pro Jahr –, die missbraucht werden. Die Art und Weise, mit der sie und andere behandelt werden, sind nicht nur eine Beleidigung für die Tiere, sondern auch für uns, denn wir sind gewiss Lebewesen, die Richtig von Falsch unterscheiden können.
Was Tiere fühlen ist wichtiger, als was sie wissen. Intelligenzquotienten sind nicht von Bedeutung. Es lohnt sich, sich das bekannte Statement zum Leiden von Tieren des utilitaristischen Philosophen Jeremy Bentham in Erinnerung zu rufen: „Die Frage lautet nicht: Können sie logisch denken? noch Können sie sprechen?, sondern: Können sie leiden?“ Für Bentham war es wirklich nicht von großer Bedeutung, ob Tiere denken können oder ob sie klug sind. Ihn beschäftigte mehr, ob Tiere leiden können oder nicht. Intelligenz und Leidensfähigkeit stehen nicht notwendigerweise in Zusammenhang und kluge Tiere leiden nicht mehr als weniger kluge Individuen. Manche Skeptiker argumentieren, dass einige Tiere möglicherweise keinen gut ausgebildeten Sinn für ihr Selbst besitzen. Wir werden sehen, dass dies nicht wirklich der Fall ist, doch selbst wenn Tiere nicht wissen sollten, wer sie sind, können sie immer noch leiden, sie können sich immer noch ihrer Gefühle bewusst sein und sie können immer noch uns und anderen Tieren klar mitteilen, was sie wollen und was sie nicht wollen.
Es ist an der Zeit, die Reise in die Gehirne und Herzen der Tiere anzutreten und zu entdecken, was sie fühlen und warum. Wenn wir leugnen, dass Tiere Gefühle haben, erniedrigen wir sowohl die Tiere als auch uns selbst. Wir brauchen nicht mehr zu tun, um ihr Leben besser zu machen, als sie als die zu akzeptieren, die sie sind, und sie in unserer Welt willkommen zu heißen.

KAPITEL 2
Kognitive Ethologie: Das Studium des Verstandes und der Herzen von Tieren
Wir glauben, dass Equus asinus es am meisten lieben, in Ruhe gelassen zu werden, so dass sie gemütlich grasen, ihre Umgebung bewundern, über andere Lebensformen meditieren, viel Wasser trinken, Spaß haben, singen, schlafen, Liebe machen, ihre Jungen aufziehen, Feste feiern und über die großen Themen diskutieren können.
– Michael Tobias und Jane Morrison, Donkey –
Was denkt oder fühlt eine schnurrende Katze? Was geht einem Hund durch den Kopf, während er rennt und spielt? Was geschieht im Gehirn eines Elefanten, wenn er einen toten Gefährten mit dem Rüssel berührt? Was fühlt ein Esel, während er in Ruhe grast und die Umgebung in sich aufnimmt? Ich entschied mich, kognitiver Ethologe zu werden, denn ich möchte wissen, was sich in den Gehirnen und Herzen anderer Tiere abspielt. Um dies zu erreichen, musste ich lernen, der „Rutensprache» zu lauschen und wie man korrekt zwischen einem Heulen, einem Winseln und einem Schrei unterscheidet.
Dieses Kapitel erläutert das Feld der kognitiven Ethologie – was sie ist, wie sie sich entwickelt hat und was sie versucht, zu erreichen – und es endet mit einer bewegenden Kostprobe dessen, was ethologische Feldarbeit mit sich bringt. Dieser kurze Exkurs stellt die Vorbereitung darauf dar, im nächsten Kapitel den Tieren aus nächster Nähe und persönlich zu begegnen.
KOGNITIVE ETHOLOGIE:
Definition und Ziele
Kognitive Ethologie ist die vergleichende, evolutionäre und ökologische Erforschung des Verstandes von Tieren. Sie konzentriert sich darauf, wie Tiere denken und was sie fühlen. Dies schließt ihre Emotionen, ihren Glauben, logisches Denken, die Verarbeitung von Informationen, Bewusstsein und Ich-Bewusstsein mit ein. Kognitive Ethologen sind an mehreren Dingen interessiert: Sie hoffen, unter verschiedenen Spezies eine mentale Kontinuität aufzuspüren; sie möchten herausfinden, wie und warum sich intellektuelle Fähigkeiten entwickeln; und sie möchten das Tor zur Welt der Tiere selbst öffnen. Kognitive Ethologen ziehen es vor, die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu studieren – oder unter Umständen, die ihrer natürlichen Umgebung so nah wie möglich kommen.
Das Interesse an den emotionalen und mentalen Fähigkeiten von Tieren existiert bereits seit langer Zeit, doch die moderne Ära der kognitiven Ethologie mit ihrer Konzentration auf die Entwicklung und die evolutionäre Kontinuität der tierischen Wahrnehmung begann 1976 mit der Veröffentlichung des Buches The Question of Animal Awareness: Evolutionary Continuity of Mental Experience von Donald R. Griffin. Griffin wird oft als „Vater der kognitiven Ethologie“ bezeichnet. Sein Hauptanliegen war es, mehr über das Bewusstsein von Tieren zu lernen. Er wollte außerdem die schwierige Frage klären, wie es ist, ein bestimmtes Tier zu sein.
Die kognitive Ethologie erregt bei Forschern vieler verschiedener Bereiche große Aufmerksamkeit, darunter bei denjenigen, die sich für das Wohlergehen von Tieren und den Tierschutz interessieren. Ich sehe die kognitive Ethologie als vereinende Wissenschaft zum Verständnis der subjektiven, emotionalen, empathischen und moralischen Leben von Tieren. Wenn es jedoch zu einigen der herausfordernden und aufregenden „großen Fragen“ kommt, die die kognitive Ethologie aufwirft (zum Beispiel in Bezug auf die Entwicklung sozialer Moral, auf die ich in Kapitel 4 eingehe), ist zum Erhalt endgültiger Antworten eine interdisziplinäre Annäherung an das Thema nötig. Wir benötigen Ethologen, Genetiker, Entwicklungsbiologen, Neurobiologen, Psychologen, Anthropologen, Philosophen, Theologen, Religionswissenschaftler und Religionsführer, die sich der extrem schwierigen Aufgabe stellen, das emotionale und moralische Leben von Tieren zu verstehen und herausfinden, wie diese sich mit der Moral, Ethik und dem spirituellen Verständnis von Menschen vergleichen lassen – und welche Rolle sie in deren Entwicklung gespielt haben.
Bevor wir dazu kommen, müssen wir uns jedoch über einige grundlegende Fragen einig sein. Dazu gehört die Frage: „Woher wissen wir, dass Tiere etwas fühlen oder denken?“ Wir wissen es und ein Grund dafür ist die Flexibilität von Verhaltensweisen. Tiere zeigen Flexibilität in ihren Verhaltensmustern, was uns zeigt, dass sie bewusst und leidenschaftlich und nicht nur durch genetische Instinkte „programmiert“ sind, „dies“ in einer Situation und „das“ in einer anderen Situation zu tun. Beispielsweise werden Affen sich dazu entschließen, nicht an einem Experiment teilzunehmen, wenn sie denken, sie werden versagen. Die Forschung hat gezeigt, dass sich Ratten oft einen Moment Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, was sie beim Laufen durch ein Labyrinth gelernt haben [2]; sie bleiben stehen, spielen die Route in umgekehrter Reihenfolge in ihren Köpfen ab und verarbeiten ihre Erfahrungen. Wenn Tiere Entscheidungen treffen müssen, die eine selektive Beachtung bestimmter Stimuli sowie eine entschlossene Wahl zwischen Handlungsalternativen erfordern, sind viele von ihnen durchaus dazu in der Lage – sie sind sich ihrer Umgebung bewusst und treffen bewusst eine angemessene, entschlossene und flexible Wahl in einer Vielzahl unterschiedlichster Situationen.
Flexibilität im Verhalten ist ein entscheidender Test für die Existenz von Bewusstsein, für einen arbeitenden Verstand. Bewusstsein entwickelte sich, weil es Individuen erlaubt, zu wählen, wenn sie mit variierenden und unvorhergesehenen Situationen konfrontiert werden. Wenn wir jedoch erst einmal akzeptiert haben, dass andere Tiere ein Bewusstsein haben, kommen wir zu den wirklich interessanten Fragen. Worüber denken sie nach? Was fühlen sie? Was wissen sie? Der Reiz, diese Fragen zu beantworten, ist es, der kognitive Ethologen antreibt. Das ist es, was uns in den frühen Morgenstunden aus dem Bett treibt.
CHARLES DARWIN:
Evolutionswissenschaftler mit Herz
Charles Darwin wird oftmals der Verdienst zugeschrieben, der erste Wissenschaftler gewesen zu sein, der dem Studium von Emotionen ernsthafte Aufmerksamkeit widmete. Darwin bemerkte, dass Säugetiere (in geringerem oder größerem Ausmaß) „Sorge, Trauer, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Freude, Liebe, zärtliche Gefühle, Hingabe, schlechte Laune, Schmollen, Entschlossenheit, Hass, Ärger, Verachtung, Geringschätzung, Ekel, Schuld, Stolz, Hilflosigkeit, Geduld, Überraschung, Erstaunen, Furcht, Entsetzen, Scham, Schüchternheit und Bescheidenheit empfinden“. In seinem Bestreben, Fragen zu beantworten, die sich mit dem Ursprung des Ausdrucks von Emotionen beschäftigen, war er ebenfalls der Erste, der zum Studium von Verhaltensweisen die vergleichende Methode anwandte. Die vergleichende Methode bezieht sich auf das Studium eng verwandter und entfernt verwandter Arten, um Ähnlichkeiten und Unterschiede in ihren Verhaltensweisen festzustellen. Darwin verwendete beim Studium des emotionalen Ausdrucks sechs Methoden.
| 1) | Die Beobachtung von Säuglingen, |
| 2) | die Beobachtung von Geisteskranken, die im Vergleich zu gewöhnlichen Erwachsenen weniger gut dazu in der Lage waren, ihre Gefühle zu verstecken, |
| 3) | die Beurteilung des Mienenspiels, hervorgerufen durch die elektrische Stimulation der Gesichtsmuskulatur, |
| 4) | die Analyse von Malereien und Skulpturen, |
| 5) | kulturübergreifende Vergleiche von Ausdrucksweisen und Gesten, besonders bei weit von Europäern entfernt lebenden Menschen und |
| 6) | die Beobachtung tierischer Mimik, besonders bei Haushunden. |
In seinem Buch Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren schrieb Darwin mit großer Erkenntnis über seinen Hund: „Ich besaß früher einen großen Hund, der, wie alle Hunde, sehr gerne spazieren ging. Er zeigte seine Freude, indem er ernsten, hohen Schrittes, mit hoch erhobenem Kopf, gemäßigt gespitzten Ohren und hoch, jedoch nicht steif erhobener Rute vor mir herlief.“ Wenn Darwin seine Route änderte und der Hund unsicher war, ob der Spaziergang weitergehen würde, „war sein niedergeschlagener Blick jedem in der Familie bekannt… Dazu gehörte, dass er den Kopf tief herunterhängen ließ, der gesamte Körper sank ein wenig in sich zusammen und war völlig bewegungslos; Ohren und Rute fielen plötzlich nach unten, doch die Rute wedelte kein bisschen … Sein gesamter Ausdruck war voll kläglicher, beinahe hoffnungsloser Niedergeschlagenheit [3].“
Darwin argumentierte, dass sich beim Menschen wie auch bei Tieren Emotionen zu dem Zweck entwickelt haben, die sozialen Bande bei in Gruppen lebenden Tieren zu fördern. Er glaubte, dass Emotionen uns mit dem Rest unserer Gesellschaft und mit der Welt verbinden. Mit Hilfe seiner Beobachtungen von Verhaltensweisen wie dem Einlegen von Pausen vor dem Lösen eines Problems unterstützte er seine Behauptung, dass sogar Tiere ohne Sprache dazu in der Lage sind, logisch zu denken. In seinen sorgfältigen Forschungsberichten hat Darwin wiederholt betont, dass es sich bei den Unterschieden unter vielen Spezies eher um graduelle, denn um Unterschiede in der grundsätzlichen Art handelt. Er vertrat zum Beispiel den Standpunkt, Variationen geistiger Fähigkeiten seien Unterschiede entlang des Kontinuums. So besteht laut Darwin evolutionäre Kontinuität unter Tieren nicht nur in den anatomischen Strukturen von Herzen, Nieren und Zähnen, sondern ebenso in den Gehirnen und in den dazugehörigen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten.
Mit anderen Worten: Wenn wir genau genug hinsehen, finden wir die Wurzeln unserer eigenen Intelligenz und Emotionen in anderen Tieren. Noch einmal, dies bedeutet nicht, dass Menschen und andere Tiere miteinander identisch sind, sondern dass sie genug physische oder funktionale Eigenschaften miteinander gemein haben, dass ihre Fähigkeiten in ein Kontinuum fallen. Das ist es, worauf sich „evolutionäre Kontinuität“ bezieht: Die Ähnlichkeiten und Kontraste verschiedener Arten sind Nuancen oder Schattierungen von Grau, keine Schwarz-Weiß-Unterschiede.
Darwin weicht in seiner Argumentation bezüglich der evolutionären Kontinuität nicht aus. „Es gibt keinen fundamentalen Unterschied zwischen Menschen und höher entwickelten Tieren was ihre geistigen Fähigkeiten betrifft“, schrieb er [4]. Vielen Tieren schrieb er auf Basis seiner Beobachtungen und weniger auf Basis kontrollierter Experimente kognitive Fähigkeiten zu. Zusätzlich zu den guten Argumenten für mentale Kontinuität zwischen Menschen und Tieren schrieb Darwin nichtmenschlichen Tieren Gefühle und Emotionen zu. Er behauptete zum Beispiel: „Die niederen Tiere fühlen wie Menschen eindeutig Freude und Schmerz, Glück und Unglück.“ Darwin beobachtete außerdem, dass Affen fähig sind, zu betrügen. Über den ersten Orang-Utan, den Darwin im Londoner Zoo sah, schrieb er, er könne seine Leidenschaft und Wut, sein Schmollen und seine verzweifelten Handlungen erkennen. Er beobachtete, dass Schimpansen wie enttäuschte Kinder schmollen und beleidigt sind und dass ein Rhinozeros im Zoo „aus purer Freude ausschlug und stieg“.
Wie wir im nächsten Kapitel genauer sehen werden, gibt die derzeitige Forschung Darwins Beobachtungen und Ideen Recht. Wir wissen nun, dass Hunde und andere Tiere mit Menschen einige Gehirnstrukturen und neurochemische Vorgänge gemein haben, die die Basis für Emotionen wie Freude bilden. Der Prozess zur Identifizierung der evolutionären Kontinuität von Emotionen ist im Wesentlichen der gleiche wie von rein physischen Merkmalen. Wir wissen, dass es Organe mit zwei, drei oder vier Kammern gibt, die wir Herzen nennen, weil sie Blut pumpen. Nur weil das Herz eines Frosches nicht aussieht wie das eines Adlers oder eines Menschen, bedeutet das nicht, dass ein Frosch kein Herz hat. Und nur weil Hundefreude, Schimpansenfreude und Menschenfreude nicht genau dasselbe ist, bedeutet dies ebenso wenig, dass eines dieser Tiere keine Freude empfindet.
NEUGIERIGE NATURFORSCHER
Der niederländische Ethologe Niko Tinbergen, oft „der neugierige Naturforscher“ genannt, hat den Ethologen ein Grundgerüst zum Studium tierischen Verhaltens bereitgestellt. Seine Vorschläge sind für Ethologen mit Interesse an kognitiver Ethologie von großem Wert. 1973 gewannen Tinbergen, Konrad Lorenz und Karl von Frisch den Nobelpreis in Physiologie bzw. Medizin für ihre Pionierarbeit auf dem Gebiet der tierischen Verhaltensforschung [5]. Tinbergen identifizierte vier sich überschneidende Forschungsbereiche, die zu unterschiedlichen Fragen über ein bestimmtes Verhaltensmuster führen, sei es, wie Gazellen vor einem Löwen flüchten oder wie und weshalb Hunde spielen. Er riet dazu, dass Forscher sich mit folgenden Themen beschäftigen sollten:
| 1) | Entwicklung von Verhaltensweisen, |
| 2) | Anpassung oder wie die Durchführung einer bestimmten Handlung einem Individuum erlaubt, sich an seine Umgebung anzupassen und es dem Individuum schließlich ermöglicht, sich fortzupflanzen, |
| 3) | Kausalität oder was verursacht das Auftreten eines bestimmten Verhaltens, |
| 4) | Ontogenese oder Entwicklung, also wie ein Verhalten entsteht und sich im Verlauf des Lebens eines Individuums entwickelt. Wenn ich zum Beispiel daran interessiert bin, wie und weshalb Hunde spielen, würde ich versuchen, die folgenden vier Fragen zu beantworten: |
| a) | Was tun Hunde, wenn sie spielen, und wie hat sich das Spielen entwickelt? |
| b) | Auf welche Weise erlaubt das Spiel dem Hund, sich an seine Umgebung anzupassen, und wie beeinflusst das Spiel die Reproduktionsfähigkeit oder die Reproduktionsleistung? |
| c) | Was veranlasst Hunde zum Spielen? |
| d) | Wie entwickelt sich das Spiel, wenn das Individuum älter wird? |
Derselben Linie logischen Denkens würde ich folgen, wenn ich mehr über Trauer, Schmerz oder eine andere Emotion erfahren wollte: Ich würde fragen, weshalb sie sich entwickelt hat und wozu sie dient.
Die Forschungsmethoden zur Beantwortung von Fragen für jeden dieser Bereiche variieren, doch allen liegen die Beobachtung und Beschreibung der Verhaltensmuster zu Grunde, die von den zu studierenden Tieren gezeigt werden. Die durch anfängliche Beobachtungen gewonnenen Informationen erlauben es einem Forscher, das normale Verhaltensrepertoire eines Tieres zu nutzen, um Fragen zur Entwicklung, Funktion, Ursache sowie der Entwicklung von Verhaltensmustern, die in verschiedenen Situationen gezeigt werden, zu beantworten. Viele Menschen sind unsicher, wie Verhalten zu beobachten und zu beurteilen ist, denn „es passiert einfach und ist vorbei“, doch Konrad Lorenz, ebenfalls ein neugieriger Naturforscher, betonte, dass Verhalten sowohl etwas ist, was ein Tier „hat“ als auch, was es „tut“. Wir können es wie eine anatomische Struktur oder ein Organ sehen, die der natürlichen Selektion unterliegen. Durch sorgfältiges Studium können wir ein Verhalten ebenso beschreiben, wie wir ein Herz oder einen Magen beschreiben würden; wir können die Handlung beurteilen und lernen, weshalb Tiere bestimmte Verhaltensmuster in verschiedenen Situationen zeigen. Wir können zum Beispiel fragen: Was tun Hunde, wenn sie spielen wollen? Wie stellen sie sicher, dass es sich um ein Spiel handelt und dass alle Hunde um sie herum das auch verstehen? Und was fühlen sie, wenn sie spielen? Eine Handlung zur Spielaufforderung, die ich über Jahre studiert habe, nennt sich „die Spielverbeugung“ oder einfach „die Verbeugung“, auch als „Vorderkörpertiefstellung“ bekannt. Durch sorgfältiges Studium sind wir in der Lage, die Dauer der Verbeugung zu messen und wie genau und stereotyp sie ausgeführt wird. Wenn ein Tier sich verbeugt, werden Oberkörper und Vorderläufe gesenkt, das Hinterteil wird in die Höhe gestreckt und es wird eventuell mit der Rute gewedelt. Wenn Sie einmal eine Vorderkörpertiefstellung gesehen haben, ist es wahrscheinlich, dass Sie sie wiedererkennen werden. Hunde tun das ganz sicher und sie wissen, es bedeutet Spielzeit! Diese Verbeugung kommt oftmals unmittelbar vor oder unmittelbar nach einer Handlung zum Einsatz, die missinterpretiert werden und ein laufendes Sozialspiel unterbrechen könnte (In Kapitel 4 gehe ich genauer auf das Spielverhalten ein). Wenn man die Verbeugung filmt und die Videosequenzen immer und immer wieder ansieht, kann man sie genauso messen, wie man die Herzfrequenz oder die Länge eines Armes misst, und so herausfinden, wie viele Sekunden Verbeugungen gehalten werden und wie sie aussehen. Diese Information ist sehr wichtig für das Verständnis, wie sich der Bogen zu einem klaren und eindeutigen Signal entwickelt hat, das verwendet wird, um anderen Tieren mitzuteilen „Ich will mit dir spielen“.
Tinbergen, Lorenz und von Frisch nutzten diese Methoden, um die Prägung von Gänsen, das Heimfindevermögen von Wespen, das Jagen von Füchsen und den Tanz der Bienen zu studieren. Und nicht nur das. Sie hatten auch Spaß dabei! Lorenz ging sogar so weit, sich ein Fuchsfell umzulegen und über das Grundstück zu hopsen, um zu sehen, wie die Gänse auf ihn reagieren! Lorenz liebte seine tierischen Freunde eindeutig und seine bahnbrechende Arbeit zeigte, dass wir durch das sorgfältige Studium der Verhaltensmuster verschiedener Organismen („vergleichende Forschung“ genannt) etwas über ihre Entwicklung lernen können und darüber, wie ihr Verhalten Individuen hilft zu überleben. Dieselben Analysen und evolutionären Argumente können beim Studium der Emotionen von Tieren angewandt werden.
DIE BEDEUTUNG DES VERGLEICHENS
Es besteht jedoch ein sehr großer Unterschied zwischen dem Studium von Herzen und dem Studium „des Herzens“. Das liegt daran, dass das Herz ein physisches Objekt ist, während Emotionen und Gedanken „unsichtbar“ sind. Alles, was wir von einer Emotion „sehen“ können, sind ihre Anzeichen oder wie sie sich im Verhalten oder in den Handlungen eines Tieres manifestiert und welche Auswirkung sie auf die neurochemischen Vorgänge des Tieres hat. Doch sind Wut, Liebe, Freude und Trauer keine Dinge, die man in der Hand halten kann.
Aus diesem Grund verwenden Ethologen für ihre Argumentationen Analogien. Sie vergleichen Menschen und andere Tiere miteinander und suchen nach Ähnlichkeiten (und Unterschieden) in allen Bereichen wie Hirnstruktur, Hormone, Physiologie, Anatomie und Genetik, Verhalten, Mimik, stimmliche Ausdrucksweise usw. Sie suchen nach Parallelen zwischen verschiedenen Spezies und verschiedenen Tieren derselben Art. Wir argumentieren mit einer Analogie, wenn wir behaupten, „Menschen haben Emotionen, die bestimmten Gehirnstrukturen zugeordnet werden können, und da Tiere dieselben oder ähnliche Gehirnstrukturen aufweisen, erfahren sie ähnliche emotionale Zustände“. In der Tat weisen die Gehirne vieler Spezies ähnliche Nervenstrukturen in den Bereichen auf, die für Emotionen zuständig sind. Diese Argumente sind folglich aus Gründen der evolutionären Kontinuität unter verschiedenen Tierarten, darunter auch der Mensch, logisch.
Joyce Poole, die viele Jahre lang afrikanische Elefanten studierte, ist fest davon überzeugt, dass Elefanten Schmerz und Leid, Depression und Trauer verspüren. Poole fragt, wo die menschlichen Emotionen herkommen, wenn Tiere lediglich roboterartige Wesen ohne wirkliche Emotionen wären. Sicher müssen in anderen Tieren entwicklungsgeschichtliche Vorläufer in Bezug auf menschliche Emotionen existiert haben, es sei denn, wir glauben, die menschlichen Emotionen traten ohne jegliche tierische Vorfahren, die über ein Gefühlsleben verfügten, auf den Plan.
Im Folgenden ein Beispiel dieser analogen entwicklungsgeschichtlichen Spurensuche. Der Wissenschaftler Michel Cabanac hat entdeckt, dass Reptilien wie Iguanas ihre Sinnesfreuden steigern [6]. Er fand heraus, dass Iguanas lieber im Warmen bleiben, als in die Kälte hinauszugehen, um Futter zu suchen, während Amphibien, wie zum Beispiel Frösche, kein solches Verhalten zeigen. Auch Fische tun dies nicht. Iguanas empfinden etwas, das „emotionales Fieber“ genannt wird (einen Anstieg der Körpertemperatur) sowie eine Tachykardie (erhöhte Herzfrequenz). Physiologische Reaktionen, die bei anderen Wirbeltieren, auch beim Menschen, mit Freude assoziiert werden. Cabanac stellt die Theorie auf, dass das erste mentale Ereignis, das in das Bewusstsein eines Individuums aufgestiegen ist, die Fähigkeit war, Freude oder Missfallen zu empfinden. Cabanacs Forschung legt nahe, dass Reptilien grundlegende emotionale Zustände verspüren und dass sich die Fähigkeit, ein Gefühlsleben zu haben, zeitlich zwischen den Amphibien und den frühen Reptilien entwickelte.
FELDARBEIT:
Auf allen Vieren im Dreck
In der Regel ziehen Ethologen die Feldarbeit dem Studium der Tiere im Labor vor. Der Grund hierfür ist simpel: Für die Beobachtung von Tieren aus nächster Nähe in ihrer natürlichen Umgebung und dem Sammeln von Informationen bis ins kleinste Detail, wie sie ihre Zeit verbringen, gibt es einfach keinen Ersatz. Wenn ich mit einer Forschungsarbeit beginne, was ich oftmals mit einer scheinbar einfachen Frage wie „Wie ist es, ein Hund in dieser oder jener Situation zu sein?“ tue, dann muss ich versuchen zu verstehen, wie Hunde ihre Tage und Nächte aus ihrer Hundesicht auf die Welt verbringen. Bei vielen Gelegenheiten lief ich auf allen Vieren herum, machte Spielaufforderungen, heulte, bellte, biss sie ins Genick und rollte mich auf den Rücken – beim außerordentlich wichtigen Beschnuppern des Hinterteils ziehe ich allerdings die Grenze, das überlasse ich liebend gern den Hunden. ☺ Ich versuche, mich dorthin zu begeben, wo die Tiere leben, um sie zu beobachten, und während ich sie studiere, versuche ich zudem, mich in sie hineinzuversetzen. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich in derselben Situation wäre? Natürlich denke ich immer daran, dass meine Sicht auf ihre Welt nicht notwendigerweise ihrer Sicht entspricht, doch je näher ich ihrer Sicht komme, auch durch persönliche Analogie, desto besser bin ich in der Lage, sie zu verstehen.
Und natürlich leben Hunde üblicherweise nicht in einem Labor. Tatsächlich gilt das für alle Tiere. Labore können als kontrollierte Umgebung von Nutzen sein, in der erforscht werden kann, wie der Verstand von Tieren arbeitet. Doch wenn man wirklich wissen möchte, wie Tiere aus ihrer Sicht leben, denken und fühlen, dann muss man sich ihnen in ihrer Welt anschließen. Draußen. Außerdem ist es aus der Perspektive eines Ethologen wichtig, die Forschung unter Bedingungen durchzuführen, die der natürlichen Umgebung, in der die natürliche Selektion stattfand oder gerade stattfindet, so nah wie möglich kommen. Letztlich wirft das Studium von Tieren in Gefangenschaft einige schwierige Fragen auf. Sie reichen von der Frage, ob es ethisch vertretbar ist, Untersuchungen an eingesperrten Tieren vorzunehmen, bis hin zu Fragen über den Wert einer Forschung an gestressten Individuen, die unter kümmerlichen Bedingungen gehalten werden. Auf dieses Thema komme ich in Kapitel 6 zurück.
Letztlich muss ein guter Ethologe ein Bewusstsein für die Sinne entwickeln, die die Tiere nutzen, und in welcher Kombination und in welchen Situationen sie dies tun. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Individuen irgendeiner anderen Spezies die Welt auf dieselbe Weise wahrnehmen, wie wir es tun, und es ist unwahrscheinlich, dass selbst Angehörige derselben Spezies die Welt auf identische Weise wahrnehmen. Deshalb ist es wichtig, für mögliche individuelle Unterschiede offen zu bleiben. Menschen sind in erster Linie eine visuelle Spezies, doch wenn man andere Tiere studiert, müssen wir neben visuellen Stimuli auf Geräusche, Gerüche und Geschmäcker achten. Zudem legen kognitive Ethologen Wert auf weiträumige Vergleiche und fokussieren sich nicht auf einige wenige ausgesuchte Vertreter limitierter Gruppen von Tieren wie Ratten, Mäuse oder Tauben. Ihr generelles Engagement in der Feldarbeit (statt im Labor) und ihr Interesse an einer Vielzahl von Tieren unterscheidet kognitive Ethologen von Psychologen, die ebenfalls am Verhalten von Tieren interessiert sind.
URIN, KOT, HAARE UND GASE:
Ein Tag im Leben eines Ethologen
Die Feldarbeit ist so vielfältig wie die Ethologen selbst. Manchmal beinhaltet sie, sich zurückzulehnen und zu beobachten, und manchmal die direkte oder indirekte Interaktion mit den Tieren. Als meine Studenten und ich Kojoten im Grand Teton National Park in Wyoming studierten, saßen wir stundenlang auf dem Blacktail Butte in der Nähe von Moose, ausgerüstet mit starken Suchscheinwerfern und Ferngläsern, um uns bekannte Individuen zu beobachten. Doch genauso oft verfolgten wir die Kojoten zu Fuß, mit Schneeschuhen oder auf Skiern in der Kälte des Winters, bis wir, nicht sie, erschöpft waren. Als ich Adélie-Pinguine am Cap Crozier in der Antarktis studierte, rannten wir neben ihnen her, wenn sie ihre Nester verließen und ins Wasser hinein und wieder heraus sprangen. Und wir saßen ebenso und froren, während sie sich um ihren Nachwuchs kümmerten und sich gegenseitig Steine stahlen, um Nester zu bauen. Feldarbeit ist immer interessant, oftmals anstrengend und manches Mal nichts für zart besaitete und zaghafte Gemüter. Ich möchte dieses Kapitel mit zwei Geschichten über die Feldarbeit beenden, die „gelben Schnee“ und Tierkot zum Inhalt haben.
In meiner Heimat in Boulder lernte ich etwas über das Ich-Bewusstsein von Hunden, indem ich eine ungewöhnliche Forschungstechnik anwandte: das Sammeln von „gelbem Schnee“. Haare, Urin und Fäkalien beinhalten eine Menge an Informationen darüber, wer die Individuen sind, mit wem sie verwandt sind, was sie gefressen haben, über ihren hormonellen Status und Fortpflanzungsstatus sowie ihren emotionalen Zustand, insbesondere, ob sie gestresst sind oder nicht. Wissenschaftler können diese Dinge herausfinden, indem sie chemische Analysen vornehmen, Tiere benutzen dafür einfach ihre Nase. In der Tat leben viele Tiere in einer völlig anderen sensorischen Welt als der Mensch. Sie hören Dinge, die wir nicht hören können, und riechen, was wir glücklicherweise nicht riechen können. Sie inhalieren tief und atmen kräftig und schnaubend aus, wobei sie eine Symphonie von Gerüchen mit ihren hervorragend entwickelten Nasen sortieren, die sie mit wichtigen Informationen versorgen und ihnen großes Vergnügen bereiten.
Vor einigen Jahren führte ich eine Studie durch, um herauszufinden, was mein Hund Jethro über sich selbst weiß. Besonders interessierte mich: Konnte er seinen Urin von dem anderer Hunde unterscheiden? Ich beschloss, den „gelben Schnee“ von Jethro und anderen Hunden fünf Winter hintereinander von einem Ort an einen anderen zu bringen. Ich schaufelte ihn mit meinen behandschuhten Händen auf und legte ihn woanders wieder ab, so dass Jethro ihn entdecken würde, wenn wir, wie jeden Tag, den Radweg von Boulder entlangspazierten. Ich stellte sicher, dass er mich nicht sehen konnte, wenn ich dies tat, so konnte er nicht wissen, dass ich für die Symphonie von Gerüchen, auf die er stieß, verantwortlich war.
Ich stellte fest, das Jethro viel mehr Interesse an dem Urin anderer Hunde hatte als an seinem eigenen. Ich maß Jethros Interesse an der Zeit, die er am „gelben Schnee“ schnupperte und ob er schnupperte und dann darüber pinkelte oder „markierte“ oder nicht. Er schnüffelte und markierte bei dem Urin von anderen Hunden mehr und noch mehr bei dem von anderen Rüden als dem von Hündinnen, auch wenn die Proben bewegt worden waren. Jethro wusste eindeutig, welches sein und welches der Urin von anderen war. Die meisten Hundebesitzer wissen bereits, dass Hunde ihren eigenen Urin von dem anderer unterscheiden, doch es stellte sich heraus, dass dies noch niemals vorher außerhalb eines Labors experimentell nachgewiesen worden war. Eine einfache, nicht invasive Technik bestätigte also etwas, von dem wir wussten, dass es wahr ist.
Das Einsammeln gelben Schnees in Colorado ist eine Sache, doch was meine Frau Jan und mich im Juli 2005 in Kenia erwartete, setzte dem noch eins drauf. Wir hatten das ausgesprochene Vergnügen, mit George Wittmeyer von der Universität Berkeley in Kalifornien Elefantendung zu sammeln. George führte im Samburu Nationalpark im Norden von Kenia zusammen mit Iain Douglas-Hamilton eine Studie durch. Vielleicht würden nur ein Ethologe und seine tierliebe Frau auf das Angebot „Hey, wollt ihr mit mir Elefantendung sammeln?“ mit einem begeisterten „Ja!“ antworten. Wir packten die Gelegenheit beim Schopf, George zu begleiten, und dachten uns, dass wir bei unserer Rückkehr in die Staaten zumindest ein großartiges Thema für Cocktailpartys zu bieten hatten.
Wir wurden nicht enttäuscht. Ein paar Tage bevor wir zum Dungsammeln aufbrachen, saß ich in einem Lastwagen, als eine sechs Jahre alte Elefantendame auf mich zurannte, kurz vor der Tür stoppte, der Vorderseite des Wagens mit ihrem Rüssel einen Schlag versetzte und gemütlich davonging. Ein paar Stunden später schlenderte Hewa, ein großes Elefantenweibchen und Mitglied der „Wints“ genannten Gruppe, zum Forschungsfahrzeug, schaute mich an, als wolle sie sagen „Was glaubst Du, wer Du bist?“ und ließ keinen Meter von meinem Gesicht entfernt einen Wind fahren. Nach Hewas warmem Willkommensgruß wandte ich mich an George und fragte: „Was ist passiert?“ „Oh, sie zeigen Euch nur auf nette Art, wer hier der Boss ist“, erklärte er uns. George erzählte, dass ein Elefant einmal mit einem Stock auf den Wagen geschlagen, den Stock dann in die Luft geworfen hatte und weggegangen war. Elefanten können einen Wagen auf die Seite werfen, wenn sie das wollen, und dies war George und einem anderen Forscher einmal passiert, nachdem ein Elefantenbulle einen Kampf verloren hatte. All diese Geschichten gingen mir durch den Kopf, als wir ein paar Tage später im Lastwagen saßen, umgeben von einer alles überragenden Elefantenherde, und warteten, dass sie endlich einmal auf die Toilette gehen mussten.
Nun gehen Elefanten nicht einfach weg, weil wir es uns wünschen, und so saßen wir und saßen und saßen, und während wir warteten, stellte uns George diese majestätischen Lebewesen vor: ihre Namen, sozialen und genetischen Beziehungen und ihr Verhalten. Es war faszinierend und Ehrfurcht gebietend und das Beste von allem: Wir forschten ohne invasive Maßnahmen, die das normale Verhalten der Tiere beeinflussen könnten. George hätte viele der Informationen erhalten können, indem er einen der Elefanten mittels Betäubungsgewehr anästhetisiert und dann Blut abnimmt und analysiert, doch wie viel besser für die Elefanten (und uns), sich ihre „normalen Geschäfte“ zu Nutze zu machen. Schließlich beschloss ein Bulle, es sei Zeit, sich zu lösen. Und wie er sich löste! Als er fertig war, rannte George mutig los, verschwand zwischen den alles überragenden Elefanten (die ihn absolut nicht zu bemerken schienen), schaufelte einen großen Haufen Kot in eine Plastiktüte, rannte zurück zum Lastwagen und warf die Tüte hinten hinein. Er strahlte die ganze Zeit. Wir ebenso, doch wir konnten es auch kaum erwarten, zurück zum Camp zu kommen und die Tüte los zu werden. Diese Dungprobe wurde zusammen mit anderen Proben zur genetischen Analyse geschickt, was George und seinen Kollegen dabei hilft, die Elefanten im Samburu noch besser zu verstehen. Elefanten sind die Aushängeschilder für tierische Emotionen, weil sie so viele Gefühle so deutlich zeigen. Doch Emotionen haben sich in vielen weiteren Spezies entwickelt. Lassen Sie uns nun das leidenschaftliche Leben von Tieren erkunden.

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