Read the book: «Das qualitative Interview»
| [1]utb 2418 | |
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[3]Ulrike Froschauer / Manfred Lueger
[4]Ulrike Froschauer ist ao. Professorin am Institut für Soziologie der Universität Wien.
Manfred Lueger ist ao. Professor am Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung der Wirtschaftsuniversität Wien.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://d-nb.de abrufbar.
2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2020
© 2006 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
facultas, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Atelier Reichert, Stuttgart
Umschlagabbildungen: commons.wikimedia.org
Innengestaltung und Satz: grafzyx.com, Wien
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany
eISBN 978-3-8463-5280-9
ISBN 978-3-8252-5280-9
ISBN 978-3-8385-5280-4 (Online-Leserecht)
[5]
Inhalt
Vorwort zur überarbeiteten Neuauflage
1Einführung
2Grundlagen qualitativer Forschungsgespräche
2.1Das Forschungsdesign als Gesprächsrahmen
2.2Allgemeine Formen der Gesprächsführung
2.3Das in Forschungsgesprächen generierte Wissen
2.4Beispiel einer Systemanalyse mittels qualitativer Interviews
3Praktische Hinweise zur Gesprächsdurchführung
3.1Varianten der Gesprächsführung
3.1.1Entscheidungskriterien zur Gesprächsführung
3.1.2Verfahren der Gesprächsführung
3.1.3Zusammenfassende Hinweise
3.2Teilnehmer*innen an Forschungsgesprächen
3.3Der allgemeine Rahmen zur Durchführung offener Gespräche
3.4Die Bedeutung und Organisierung der Gesprächsphasen
3.5Unterschiedliche Formen von Fragen
4Grundlagen der Gesprächsinterpretation
4.1Allgemeine Analysemöglichkeiten
4.2Der Interpretationsprozess
4.3Basisannahmen der Gesprächsanalyse
4.4Formale Anforderungen an die Interpretation
5Praktische Hinweise zur Textinterpretation
5.1Feinstrukturanalyse
5.1.1Voraussetzungen und allgemeine Vorgangsweise
5.1.2Interpretation der Sinneinheiten
5.1.3Zusammenfassende Interpretation
5.1.4Beispiel für eine Feinstrukturanalyse
5.2Systemanalyse
5.2.1Analyse des Gesprächsflusses
5.2.2Allgemeine Vorgangsweise bei der Systemanalyse
5.2.3Interpretation der thematischen Einheiten
5.2.4Schrittweise zusammenfassende Analyse
5.2.5Beispiel für eine Systemanalyse
[6]5.3Codestrukturanalyse
5.3.1Allgemeine Vorgangsweise
5.3.2Beispiel für eine Codestrukturanalyse
5.4Themenanalyse
5.4.1Voraussetzungen und allgemeine Vorgangsweise
5.4.2Beispiel für eine Themenanalyse
5.5Zusammenfassende Analyse des manifesten Inhalts
6Qualitätssicherung und Ergebnisaufbereitung
6.1Strategien zur Qualitätssicherung
6.2Aufbereitung der Ergebnisse
7Der methodologische Kontext der Analyse sozialer Systeme
7.1Analyse sozialer Systeme im Rahmen qualitativer Sozialforschung
7.1.1Erkenntnistheoretische Rahmenbedingungen
7.1.2Maximen qualitativer Sozialforschung
7.2Komponenten einer qualitativen Analyse sozialer Systeme
7.2.1Kommunikation
7.2.2Sinn
7.2.3Strukturierung
7.3Anforderungen an qualitative Forschungsgespräche
8Anhang
8.1Anforderungen an den Forschungsprozess
8.2Die Untersuchungsplanung
8.3Entscheidungskriterien zur Gesprächsführung
8.4Die Gesprächsführung allgemein
8.5Zusatzprotokoll
8.6Richtlinien für die Gesprächstranskription
8.7Kurzfassung Feinstrukturanalyse
8.8Kurzfassung Systemanalyse
8.9Kurzfassung Codestrukturanalyse
8.10Kurzfassung Themenanalyse
8.11Qualitätssicherungsstrategien
9Literatur
10Sachregister
[7]
Vorwort zur überarbeiteten Neuauflage
Qualitative Sozialforschung hatte schon vor 30 Jahren einen enormen Aufschwung zu verzeichnen. Seither hat sich viel getan und es ist eine überbordende Fülle an Literatur zu verschiedensten Forschungsansätzen und Methoden inklusive einer großen Menge an Einführungs- und Handbüchern erschienen (vgl. z. B. Flick/Kardorff/Steinke 2000; Gubrium et al. 2012; Reichertz 2016; Akremi et al. 2018; Bohnsack/Geimer/Meuser 2018; Denzin/Lincoln 2018). Trotz dieser enormen Verbreitung bestehen immer noch viele Missverständnisse darüber, was qualitative und insbesondere interpretative Sozialforschung ausmacht, und auch bei der Durchführung der Interviews zeigen sich vielfach Schwierigkeiten bei der Auswahl eines in Hinblick auf ein bestimmtes Erkenntnisinteresse angemessenes Vorgehen sowie bei der Interpretation des Materials:
•Manche sehen qualitative Interviews noch immer als exploratives Vorgehen für nachfolgende quantitative Überprüfungen an, was die spezifischen Stärken solcher Gespräche, nämlich die Erkundung von Handlungs- und Systemlogiken in sozialen Systemen, die Gründe für die Entwicklung spezifischer Handlungsweisen in einem sozialen Feld und die spezifischen Dynamiken der Strukturierung komplexer Sozialsysteme, aus dem Blickfeld verschwinden lässt. Aus diesem Grund ist es nach wie vor wichtig, die Eigenständigkeit und Charakteristik einer qualitativ orientierten Durchführung und Analyse von Gesprächen im Rahmen angemessener Forschungsstrategien aufzuzeigen.
•Vielfach wird qualitative Forschung mit der Erkundung subjektiver Meinungen von Menschen gleichgesetzt. Qualitative Analyseverfahren beruhen zwar auf der Kreativität der Interpret*innen und stellen die Subjektivität der Akteur*innen in Rechnung, jedoch ist Subjektivität ein Forschungsgegenstand qualitativer Analyse (unter anderen), aber kein Merkmal der Analyse. Insbesondere interpretative Forschung befasst sich mit den Bedingungen der Möglichkeit von Beobachtungen und Handlungen in sozialen Situationen sowie mit der Struktur und Entwicklungsdynamik sozialer Felder. Das hat wenig mit Subjektivität zu tun, aber viel mit den Kontextbedingungen, komplexen Interaktionen zur Formung kollektiven Wissens sowie objektiv-latenten Sinnstrukturen, welche die Ereignisse und Prozesse besser verstehbar machen. Es ist daher wichtig, Verfahrensprinzipien der Gesprächsführung und qualitätssichernde Maßnahmen zu thematisieren.
•Für die Gesprächsführung ist es noch immer nicht Forschungsstandard, die Vorgangsweise auf den Gegenstandsbereich und das Erkenntnisinteresse abzustimmen, sondern meist wird ein Verfahren und eine Interpretationsstrategie herausgegriffen, das bzw. die man sich irgendwann angeeignet hat, und für alle Zwecke verwendet. Aber Gesprächsstrategien haben unterschiedliche Stärken und Schwächen, welche die wissenschaftliche Arbeit befördern oder beeinträch-[8]tigen können. Insofern ist die Entscheidung und die Ausarbeitung einer Gesprächsstrategie noch immer ein vernachlässigter Teil der methodischen Vorgangsweise, die daher eine genauere Betrachtung verdient.
•Meist wird auch der Aufwand, den die Arbeit mit qualitativen Interviews mit sich bringt, massiv unterschätzt. Dahinter steckt nicht selten die irrige Annahme, es genüge für qualitative Analysen, mit Menschen zu sprechen und deren Aussagen zusammenzufassen. Dies trägt vielleicht zum Alltagsverständnis bei, lässt jedoch das analytische Potenzial qualitativer Analyseverfahren brachliegen. Meist sind es nicht die vordergründigen Aussagen, die ein Verständnis von sozialen Systemen ermöglichen, sondern die sorgfältige Analyse von Struktur und Entstehungsbedingungen von Gesprächsaussagen. Und dafür benötigt es ausgefeilte Strategien der Erhebung und der Analyse.
Die neueren Entwicklungen sowie die Erfahrungen bei der Anwendung von Interviews in der Forschung machen daher eine Neubearbeitung dieses Buches erforderlich. Dabei soll jedoch die ursprüngliche Zielsetzung nicht aus den Augen verloren werden, nämlich in einer knappen Form eine methodische Einführung zu bieten, die sich an den zentralen Leitlinien einer qualitativen Sozialforschung orientiert und die praktische Umsetzung nicht vernachlässigt.
Die vorliegende Bearbeitung weist daher eine Reihe von Erweiterungen auf, die insbesondere die praktische Umsetzung erleichtern sollen. Das sind vor allem:
•Zwei neue Abschnitte, die sich mit der Entscheidungsfindung über die geeignete Gesprächsstrategie für ein Forschungsvorhaben sowie mit den Grundprinzipien verschiedener Arten der Interviewführung befassen. Dies sollte es erleichtern, selbst im Forschungsprozess eine angemessene Strategie zu entwickeln, wofür auch die weiteren Ausführungen zu den Gesprächsphasen Hilfe anbieten. Daher ist in diesem Abschnitt verstärkt ergänzende Literatur zu den verschiedenen Interviewverfahren angeführt.
•Da die Interpretation von Texten eine Art Kunstlehre darstellt, ist es schwierig, die konkrete Durchführung aus einer Beschreibung abzuleiten. Während die 1. Auflage des Buches nur ein Beispiel für die Feinstrukturanalyse enthielt, werden nunmehr drei weitere Verfahren (Systemanalyse, Codestrukturanalyse, Themenanalyse) anhand von praktischen Beispielen erläutert, um die Interpretationsschritte leichter nachvollziehbar zu machen.
•Darüber hinaus wurde die Codestrukturanalyse in Anlehnung an die Grounded Theory weiterentwickelt, sie ergänzt den Spielraum der vorgestellten Interpretationsverfahren um eines, das sich stärker auf die im Text nachvollziehbaren Strukturen konzentriert.
•Die zusammenfassende Analyse wird als Ergänzung nur kurz angeführt, weil sie in genuin qualitativen Forschungsstrategien eine randständige Rolle einnimmt und zudem die Interpretation bestenfalls eine marginale Rolle spielt. Dennoch ist eine solche Vorgangsweise für manche Zwecke sinnvoll und bereitet auch den Übergang zur quantitativen Analyse vor.
[9]Die Basis unserer Überlegungen zu dieser Arbeit bilden sowohl methodische und methodologische Arbeiten zu diesem Bereich als auch empirische Erfahrungen speziell mit Organisationsanalysen. Kritische Diskussionen im Rahmen von empirischen Studien sowie Seminarerfahrungen inner- und außerhalb der Universität waren für uns überaus hilfreich bei der Entwicklung der praktischen Richtlinien zur Erhebungs- und Interpretationstechnik. Zu erleben, wie Forscher*innen aus verschiedensten Disziplinen und Berufen mit heterogenen Interessenlagen (Vertreter*innen der Sozial- und Naturwissenschaften, der Betriebswirtschaft, Management, Beratung etc.) mit den hier vorgestellten Techniken umgehen, bestärkte uns im Bestreben, diese Analyseverfahren für unterschiedlichste Interessent*innen fruchtbar zu machen. Die dabei aufgetretenen Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung sensibilisierten uns auch für die Schwachstellen eines solchen Buches. Daher hoffen wir, mit der Überarbeitung den Zugang noch besser nachvollziehbar zu machen. Eines bleibt aber nach wie vor wichtig: Die Durchführung und Interpretation von Gesprächen ist kein Standardverfahren, sondern bedarf der Anpassung an die konkreten Forschungsgegenstände und Erkenntnisinteressen – und es braucht Erfahrung, die man sich nur im Zuge der eigenen Umsetzung der Verfahren aneignen kann.
Dass nun diese völlig überarbeitete Auflage vorliegt, verdanken wir Mag.a Sabine Kruse, die uns sehr ermutigt hat, das doch sehr zeitintensive ,Überarbeitungsprojekt‘ durchzuführen. Ebenfalls bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei Mag.a Verena Hauser und bei Mag.a Sandra Illibauer-Aichinger für ihre überaus hilfreichen Anregungen zur Überarbeitung und für das sorgfältige Lektorat.
| Ulrike Froschauer, Manfred Lueger | Wien, im September 2019 |
[11]
1Einführung
„Berücksichtigen Sie die Beschaffenheit der empirischen Welt und bilden Sie eine methodologische Position aus, um diese Berücksichtigung zu reflektieren.“
(Blumer 1981: 143f.)
Dieser Satz, mit dem Blumer einen Artikel über den methodologischen Standort des Symbolischen Interaktionismus zusammenfasst, kann als zentrale Richtlinie für die vorliegende Arbeit gelten. Vorgefertigte Theorien und Methoden sind demzufolge unzureichende Mittel, um die soziale Welt angemessen verstehen zu lernen. Hingegen lautet die zentrale Forderung, dass sich empirische Untersuchungen an die Eigenschaften ihres Untersuchungsgegenstandes anpassen müssen. Dies erfordert Dreierlei: erstens ein Grundverständnis über den möglichen Aufbau des fokussierten sozialen Systems, um überhaupt in die empirische Analyse einsteigen zu können (forschungspragmatische methodologische Ausgangsposition). Zweitens ein methodisches Instrumentarium, das diesem Grundverständnis gemäß in hohem Maße offen gegenüber den Besonderheiten des Untersuchungsgegenstandes ist (flexibles Verfahrensrepertoire). Drittens müssen anhand der Reflexion der Berücksichtigung der Beschaffenheit der empirischen Welt sowohl das Grundverständnis als auch die angewandten Verfahren modifizierbar sein (reflexive Forschungsstrategie). In diesem Sinn dienen die im Untersuchungsprozess sukzessive gewonnenen Ergebnisse der laufenden Neubestimmung und Modifikation der Anforderungen an die Erhebungs- und Interpretationsverfahren. Umgekehrt wiederum eröffnet diese laufende Justierung der gewählten Forschungsverfahren die Chance, neue Erkenntnisse zu gewinnen.
In den folgenden Ausführungen versuchen wir, die theoretischen Anforderungen und Grundprinzipien in handhabbare Hilfen für konkrete Vorgangsweisen umzuwandeln und so etwas wie Richtlinien zur Durchführung und Interpretation von qualitativen Interviews zu erstellen. Dennoch bleiben sie nur Hinweise, die ständig zu reflektieren sind und im jeweiligen Fall adaptiert oder auch verworfen werden müssen.
Unserer Erfahrung nach besteht bei Forscher*innen, die sich erstmals in die qualitativ orientierte Empirie vorwagen, häufig Unsicherheit über die Wissenschaftlichkeit des eigenen Vorgehens und Unsicherheit darüber, was überhaupt bei der Durchführung qualitativ orientierter empirischer Studien alles zu beachten ist. Die unterschiedlichen methodologischen Positionen, die Vielfalt an Techniken der Interviewdurchführung und der Variantenreichtum an Interpretationsverfahren verwirren noch zusätzlich. Erschwerend kommt dazu, dass viele dieser Angebote in spezifischen Forschungskontexten erarbeitet wurden und daher nur bedingt auf andere Thematiken übertragbar sind. Dieses Buch versucht hier eine Orientierung [12]anzubieten, indem es jeweils auf die Basisüberlegungen hinweist, die eine spezifische Forschungsstrategie oder ein Forschungsverfahren begründen, und diese dann in ihrer praktischen Umsetzbarkeit beschreibt. Forscher*innen obliegt in diesem Sinn nicht die mechanische Umsetzung methodischer Vorgaben, sondern sie entwickeln auf der Grundlage fundierter Überlegungen eine Forschungsstrategie, die sie im Analyseprozess adaptieren, immer mehr verfeinern und in der sie die verschiedenen angewandten Verfahren mit Blick auf ein möglichst umfassendes Verständnis des Untersuchungsgegenstandes optimieren. Die Zielsetzungen der folgenden Ausführungen konzentrieren sich daher auf sechs Punkte:
a)Im Zentrum der vorgestellten Überlegungen steht die praktische Umsetzung, ohne ein Standardschema für qualitative Studien anzubieten. Anstelle von Rezepten stehen empfohlene Vorgangsweisen, die weitgehend in Frageform dargestellt sind, um vor Augen zu halten, dass in konkreten Forschungssituationen immer Handlungsspielräume in Form von Entscheidungsalternativen existieren. Leser*innen sollten dadurch in die Lage versetzt werden, sich die Vor- und Nachteile der jeweils gewählten Vorgangsweise bewusst zu machen, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen und kreative Ideen zu entwickeln. Qualitativ-empirische Forschung ist in diesem Sinne ein kreativer, aber zu begründender und zu reflektierender Entscheidungsprozess.
b)Um die Anwendbarkeit zu erleichtern, wird auf eine möglichst komprimierte und nachvollziehbare Darstellung mit kurzen Verweisen auf Schlüsseltexte Wert gelegt. Dieser Zielsetzung ist auch der Anhang gewidmet, in dem sich Kurzfassungen zu wichtigen Fragestellungen oder Richtlinien zu zentralen Thematiken finden. Sie bieten eine Gedächtnisstütze für die konkrete Forschungsarbeit. Aufgrund des Verzichts auf eine ausführliche Diskussion der umfangreichen Literatur sind in das Literaturverzeichnis Werke zur qualitativen Sozialforschung aufgenommen, die im Text nicht explizit zitiert wurden, um den Einstieg in eine etwas breitere Literaturbasis zu erleichtern.
c)Seriös durchgeführte Studien bedürfen einer Begründung der gewählten Vorgangsweise. Daher ziehen sich zentrale methodologische Überlegungen als roter Faden durch die gesamte Arbeit und werden im Kapitel 7 gesondert hervorgehoben. Auch hinsichtlich der Gesprächsführung und der Interpretation finden sich immer wieder Hinweise zur Erleichterung der Entscheidung über die Vorgangsweise.
d)Interpretationsverfahren lassen sich nur bedingt über eine rein formale Darstellung der Vorgangsweise aneignen. Deshalb werden für alle vorgestellten Varianten der Interpretation exemplarische Analysen angeführt. Sie fungieren nicht als zu kopierendes Vorbild für die Interpretation, machen aber die Idee und den Prozess der Auslegung leichter nachvollziehbar.
e)Die Verlässlichkeit von Forschungsergebnissen ist nicht bloß eine Frage der Begründung einer Vorgangsweise, sondern bedarf spezifischer Strategien zur Qualitätssicherung (etwa die Integration von Gesprächsführung und Interpretation). [13]Der Bedeutung dieser Forschungskomponente gemäß ziehen sich entsprechende Hinweise durch das gesamte Buch, wobei Kapitel 6 geeignete Maßnahmen systematisiert und zusammenfasst.
f)Sowohl die theoretischen Ausführungen als auch die Darstellungen zur Durchführung und Interpretation qualitativer Interviews konzentrieren sich auf die Analyse des Kontextes von Gesprächsaussagen. Fokussiert wird dabei die Ausdrucksgestalt von Wirklichkeit und die Erzeugung und Darstellung von Sinn im Rahmen der Strukturierung sozialer Prozesse und Strukturen sozialer Systeme.
Da uns die Darstellung einer allgemeinen Interview- oder Interpretationstechnik wenig sinnvoll erscheint, beschränkt sich der Anwendungsbereich auf die Analyse sozialer Systeme in ihrem jeweiligen Umfeld (wie Organisationen, Familien, Vereine, Gruppen oder kleine Gemeinden). Diese Einschränkung bietet bei der Interpretation eine wesentliche Erleichterung, weil die zu interpretierenden Daten immer auf ein abgrenzbares Gebilde bezogen werden können, welches eine klare Referenzebene der Interpretation bildet. Darüber hinaus repräsentiert die Analyse sozialer Systeme eines der wichtigsten Felder qualitativer Sozialforschung.
Einige Redundanzen im Text wurden in Kauf genommen, um die Verständlichkeit auch dann zu gewährleisten, wenn man sich für die praktische Umsetzung nur einzelnen Kapiteln genauer widmet. Dies betrifft speziell zentrale Aspekte des Forschungsdesigns, der Qualitätssicherung und der Methodologie, die alle Bereiche der Erhebung und Interpretation qualitativer Interviews durchdringen.
Noch etwas bedarf gleich am Beginn der Klärung: Wenngleich in der Literatur meist von Interviews (als eher formalisierten Gesprächssituationen mit klarer Rollenteilung) die Rede ist, besteht in der qualitativen Sozialforschung kein Anlass, ,quasi-natürliche‘ Alltagsgespräche methodisch zu vernachlässigen, zumal diese im Rahmen einer interpretativen Methodologie einen zentralen Stellenwert einnehmen. Wenn wir daher in den folgenden Ausführungen mit Vorliebe den Begriff des ,Forschungsgesprächs‘ wählen, so signalisiert dies die Präferenz für wenig formalisierte Gesprächsformen, in denen die Umsetzung technischer Anforderungen in den Hintergrund tritt und vielmehr die Herstellung eines positiven Gesprächsklimas gefragt ist.
Ähnlich verhält es sich mit dem eher seltsam anmutenden Begriff der (Re-) Konstruktion. Wir möchten damit nicht vergessen lassen, dass man in der qualitativ orientierten Sozialforschung nicht die Realität als Abbild rekonstruiert (siehe dazu Abschnitt 7.1.1), sondern dass Interpretationen immer Konstruktionsleistungen sind, die für sich in Anspruch nehmen, an Phänomene der Realität anzuschließen (‚Pseudorekonstruktion‘ aus wissenschaftlicher Perspektive).
[14]
2Grundlagen qualitativer Forschungsgespräche
Stellen Sie sich vor, Sie sollen einem größeren Auditorium eine Vortragende vorstellen, die Sie selbst nicht kennen, von der Sie auch nichts wissen und mit der zu sprechen Sie erst fünf Minuten vor dieser Kurzpräsentation eine Gelegenheit haben. Wie gehen Sie dabei vor?
Natürlich gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, diese Situation zu meistern. Eine davon ist folgende: Da Sie zwar das Auditorium kennen, nicht aber die Vortragende, überlegen Sie sich, was das Auditorium über die vorzustellende Person wissen sollte. Entsprechend stellen Sie Fragen wie beispielsweise nach dem Werdegang, den wichtigsten Stationen ihres Wirkens und vielleicht (damit Sie zur Auflockerung auch etwas sagen können) stellen Sie eine Frage zur Anreise.
Eine solche Vorgangsweise wäre durchaus verständlich und ist in derartigen Kontexten auch üblich. Aber was erfahren Sie auf diese Weise? Zuerst einmal füllen Sie mit solchen Fragen Lücken in Ihrem eigenen Denkschema (z. B.: Was will das Publikum hören, wie kann man die Vorstellung auflockern, was sind zentrale Informationen, um die vorgestellte Person einordnen zu können? etc.). Eine solche Fragetechnik setzt voraus, dass Sie schon im Vorfeld wissen, was relevant ist. Im Zuge dessen erfahren Sie, was Sie für wichtig erachten – aber eben nur dieses (sofern die von Ihnen befragte Person nicht extemporiert). Indem Sie mit Ihren Fragen die Struktur vorgeben, erfahren Sie nichts darüber, was möglicherweise der Vortragenden selbst wichtig sein könnte.
Wenn Sie hingegen wissen möchten, was der befragten Person wichtig ist, müssen Sie ganz anders vorgehen: Sie können schlicht danach fragen, was die Vortragende möchte, dass Sie dem Auditorium über sie erzählen. Die Intention dieser Strategie ist daher eine völlig andere: Nicht Sie geben eine Struktur vor, sondern die befragte Person muss auf der Grundlage einer Frage eine eigene Struktur entwickeln. Diese enthält zwangsläufig eine Präferenz über die Selbstdarstellung. Und selbst wenn Sie nichts anderes zur Antwort bekommen, als die erstgenannte Fragestrategie ihnen offenbart hätte, so besteht dennoch ein fundamentaler Unterschied: Im ersten Fall wissen Sie nichts über die Bedeutung dieser Inhalte; im zweiten Fall können Sie jedoch davon ausgehen, dass diese Inhalte etwas mit der Person oder ihrer Einschätzung der Situation zu tun haben.
Im Zentrum qualitativer Interviews steht die Frage, was die befragten Personen für relevant erachten, wie sie ihre Welt beobachten und was ihre Lebenswelt charakterisiert. Dafür bietet sich eine Vorgangsweise an, die der zweiten Variante entspricht, weil nur diese die Möglichkeit eröffnet, aus der Perspektive der befragten Person heraus den für sie bedeutsamen Kontext zu untersuchen. Das gilt generell für die Analyse sozialer Systeme. Wenn Sie sich etwa für Führungsstrukturen in einem Unternehmen interessieren, können Sie nach diesem Muster danach fragen, was ,Führen‘ im Unternehmen heißt oder welche ,Führungsrichtlinien‘ gelten. Die be-[15]fragten Personen müssen dann für sich klären, was überhaupt Führung bedeutet, sie müssen also ihre Antwort in ein Relevanzsystem integrieren, das sie in der Antwort implizit transportieren. Eine solche Frage kann aber auch eine Gegenfrage auslösen, etwa in der Art, was man denn in dieser Frage unter ‚Führung‘ verstehe, damit man die Frage richtig beantworten kann. Aber selbst diese Gegenfrage ist bereits eine erste Antwort auf die Frage, denn damit fordert die rückfragende Person eine (autoritative) Vorgabe, an der sie sich orientieren oder der sie widersprechen kann. Und damit wird bei genauer Hinsicht das Führungsthema bereits in der Interaktionssituation vorgeführt. Der Nachteil einer solchen Strategie ist, dass die angesprochenen Personen von ihren eigenen Führungserfahrungen abstrahieren und erzählen, was man eben über Führung so erzählt, womit sie die Antwort auf eine öffentliche Situation (wie das Interview eine ist) anpassen. Dadurch erfahren Sie zwar etwas über führungsrelevante Vorstellungen, aber wenig über Führung im alltagspraktischen Kontext.
Darüber hinaus können Sie noch offener vorgehen, indem Sie Ihr primäres Interesse, nämlich Führung, überhaupt nicht thematisieren, sondern das Gespräch generell über den Arbeitsalltag führen. Eine solche Verfahrensweise erscheint zwar etwas paradox, weil vielfach angenommen wird, Interviewer*innen müssten das ansprechen, was sie unmittelbar interessiert. Aber indem man die Themenführung den befragten Personen überträgt, entscheiden diese, ob führungsrelevante Aspekte überhaupt zur Sprache kommen. Wenn dies der Fall ist, dann ist von Interesse, wie diese Thematik zum Ausdruck kommt. Auf diesem Weg erfahren Sie nicht nur etwas über ‚Führung‘, sondern darüber hinaus etwas über die Bedeutung, den Kontext oder damit verbundene Handlungsstrategien. Falls die Gesprächsteilnehmer*innen ‚Führung‘ explizit ansprechen, können Sie diese Thematik vertiefend behandeln.
Damit ist der Gegenstand der folgenden Ausführungen bereits angesprochen: Qualitative Forschung widmet sich der Untersuchung der sinnhaften Strukturierung von Ausdrucksformen sozialer Prozesse. Es geht also darum zu verstehen, was Menschen in einem sozialen Kontext dazu bringt, in einer bestimmten Weise zu handeln, welche Dynamik dieses Handeln im sozialen Umfeld auslöst und wie diese auf die Handlungsweisen zurückwirkt. Im Zuge dessen fokussieren qualitative Analysen die gesellschaftliche Verankerung der Praxis menschlichen Handelns, sozialer Ereignisse und deren Entwicklungsdynamik (allgemein: die Strukturiertheit sozialer Prozesse) und versuchen diese einem theoretisierenden Verständnis zuzuführen. Die Erhebungsmethode übernimmt dabei die Funktion, jene Materialien zu beschaffen, die diesem Anspruch gerecht werden können.
Hinter einer solchen Fragestrategie, die den befragten Personen eine möglichst umfassende Strukturierungsleistung abfordert, stehen – und das wird im Kapitel 7 noch ausführlicher besprochen – eine Reihe von Annahmen. Diese beziehen sich auf die Durchführung der Erhebung und deren Integration in einen Forschungskontext, um ein bestmögliches Verständnis eines untersuchten sozialen Systems zu ermöglichen. Einen allgemeinen Hintergrund bilden die im Folgenden kurz umris-[16]senen Annahmen über den Gegenstandsbereich, die eine interpretativ orientierte Forschungsstrategie leiten:
•Phänomene kommen nur in einem kommunikativen Prozess der Vergesellschaftung zur Geltung. Wie Menschen handeln, ist nicht bloß Resultat subjektiver Überlegungen oder Planungen, die Außenstehenden nicht zugänglich sind (gemeinter Sinn), sondern ist in einen kollektiv geformten lebensweltlichen Horizont aus Relevanzstrukturen und Typisierungen integriert. Dies rückt die Prinzipien der Strukturierung sozialer Beziehungen und der Bedingungen der Verständigung in das Zentrum qualitativer Studien. Die Perspektive einzelner Personen, wie sie in Interviews zum Ausdruck kommt, ist folglich nur der Ausgangspunkt für die Analyse, die in die (Re-)Konstruktion der subjektunabhängigen Regeln der Organisierung von sozialen Systemen mündet.
•Die Praxis menschlichen Handelns weist darüber hinaus eine eigenständige Dynamik auf. Die im sozialen Kontext produzierte Sinnhaftigkeit und die Orientierung des Handelns an anderen Personen bilden einen gemeinsamen Rahmen, der individuelle Handlungsstrategien in einen Kontext integriert. Durch das miteinander verbundene Handeln vieler Akteur*innen entsteht ein gesellschaftliches Milieu, welches diesen als äußerliche Rahmenbedingung entgegentritt und dem sie potenziell ausgeliefert sind. Die Analyse sozialer Systeme mittels Interviews ist ein typischer Fall einer solchen Kontextanalyse: Das Gespräch wird als Manifestation eines Kontextes, nämlich des sozialen Systems interpretiert, in dem die Menschen ihre situativen und allgemeinen Vorstellungen, Erwartungen und Handlungsweisen entwickeln. Dabei sind die Inhalte nur eine Komponente für die Analyse; genauso wichtig sind die Darstellungsformen, weil sich hier die Reproduktionsmechanismen eines sozialen Systems sowie die Spezifika der Außendarstellung am deutlichsten offenbaren.
•Soziale Phänomene unterliegen einer permanenten Fluktuation, in der sich die Reproduktionsstrategien von Kollektiven und die Lebensbedingungen aller Mitglieder einer Gesellschaft (langsam oder krisenhaft) verändern. Aus diesem Grund ist die Entwicklungsdynamik, d. h. die (Re-)Konstruktion der Logik und die Entfaltung von Entwicklungskräften, Bestandteil jeder Analyse. Der Begriff der sozialen ‚Logik‘ meint dabei jene Regeln, die konkretes Handeln mit einer sinnhaft erlebbaren Ordnung versehen. Zum einen bezieht sich diese Ordnung auf die Beziehungen zwischen den Elementen eines Phänomens (Relationalität), andererseits auf die zeitliche Abfolge (Sequentialität) von Interaktionen.
•Den zentralen Analysefokus im Untersuchungsfeld bilden folglich Lebensäußerungen und deren zugrundeliegende Regeln (z. B. die Äußerungsstruktur, die spezifische Kontextbezogenheit, die kommunikative Dynamik). Interpretative Analysen sind hierbei mit dem Problem konfrontiert, sich mit einem Gegenstandsbereich zu befassen, der sich einer Beobachtung nicht unmittelbar präsentiert (z. B. Sinn, Struktur), sondern sich nur erschließen lässt. Erkenntnisse sind daher Konstruktionen aus einer spezifisch wissenschaftlichen Perspektive, die den Erkenntnisgegenstand theoretisierend dem Verständnis zugänglich machen. [17]Dieser konstruktive Charakter erfordert gewissenhafte Maßnahmen zur Qualitätssicherung, um zuverlässige Ergebnisse bereitzustellen.
Im Gegensatz zur quantitativ orientierten Forschung besteht die Zielsetzung folglich nicht in der Prüfung vorgefasster Annahmen, sondern im Aufbau eines (meist fallorientierten) theoretischen Verständnisses eines Untersuchungsbereiches, wie etwa das sozialer Systeme. Viele Studien widmen sich einer solchen theoriegenerierenden Vorgangsweise, indem sie etwa
•die untersuchten Phänomene auf den kulturellen Kontext bezogen im Sinne einer dichten Beschreibung (vgl. Geertz 1991) durchleuchten (z. B.: Was bedeutet Durchsetzung im kulturellen Kontext eines Unternehmens?),
•aus dem untersuchten Bereich eine gegenstandsorientierte Theorie (vgl. Glaser/Strauss 2010: 50ff.) herausdestillieren (z. B.: Was sind typische Durchsetzungsstrategien in einem spezifischen Unternehmen?),
•aus einer umfassenden vergleichenden Studie vieler heterogener Fälle formale Theorien (vgl. Glaser/Strauss 2010: 93ff.) mit einem hohen Verallgemeinerungsgrad zu erstellen versuchen (z. B.: Wie lässt sich die Logik von organisationaler Durchsetzung unabhängig von einem spezifischen Fall verstehen?).
Soziale Systeme, deren Analyse in den folgenden Ausführungen im Zentrum steht, zeichnen sich durch ihre Grenzziehung aus. Dadurch bildet die Generierung gegenstandsorientierter Theorien mit der Möglichkeit einer Weiterentwicklung zu formalen Theorien den Analyseschwerpunkt. In erster Linie soll also ein im Rahmen einer Untersuchung fokussiertes soziales System durch die Analyse dem Verstehen zugänglich gemacht werden. Dies lenkt die Aufmerksamkeit primär auf das theoretische Verständnis von Prozessen, Ereignissen, Differenzierungen oder Strukturierungen innerhalb des sozialen Systems, auf die Untersuchung der Gestaltung und Entwicklung der sozialen Beziehungen nach innen und nach außen zu relevanten Systemumwelten und auf die Erkundung von Zusammenhängen individuellen Handelns und kollektiver Dynamiken. Führt man solche Analysen im Sinne einer fallübergreifend vergleichenden Analyse weiter, so trägt dies zu immer tragfähigeren Verallgemeinerungen im Sinne der Entwicklung formaler Theorien bei. Dichte Beschreibungen spielen eine Rolle, wenn die spezifischen Bedeutungskontexte und subkulturellen Verankerungen von Sinnstrukturen innerhalb einer Fallstudie zum Tragen kommen. Insofern sind die drei Vorgangsweisen zwar miteinander verbunden, setzen aber spezifische Schwerpunkte in der Analyse und stellen infolgedessen unterschiedliche Anforderungen an die Sammlung bzw. Erhebung von Materialien und deren Interpretation.
Das kommunikative Fundament sozialer Systeme (siehe Abschnitt 7.2.1) macht die Durchführung von Interviews zu einem wichtigen Instrument organisationaler Reflexion. Es wäre jedoch völlig unzureichend, sich in der Textauslegung von den vordergründigen Gesprächsinhalten vereinnahmen zu lassen, weil diese nicht mit den Charakteristika des untersuchten Systems gleichzusetzen, sondern Ausdruck der kognitiven Verarbeitung von Systemprozessen sowie deren sprachlicher Ausdruck gegenüber einer (meist außenstehenden) anderen Person sind. Eine seriöse [18]qualitativ orientierte Vorgangsweise versteht daher Gesprächsaussagen als Manifestation sozialer Beziehungen und Verhältnisse, deren Regeln in der Selektivität der Mitteilungen zum Ausdruck kommen. Mitglieder eines sozialen Systems sind daher nicht bloß Expert*innen ihres Systems, sondern repräsentieren in ihren Aussagen das System und ihre Beziehungen zu diesem. Sie müssen dabei nicht alles verstehen und sie können je nach Gesprächssituation aus ihrer Sicht Dinge ansprechen, besonders herausheben, verändert darstellen oder verschweigen. Erst die Berücksichtigung dieser komplexen Dynamik erlaubt es, durch die Inhalte hindurch die Sinnstrukturierung des Systems erkennen zu können.
Diese Ausführungen lassen bereits erkennen, dass sich qualitative Forschungsstrategien nicht für alle Fragestellungen gleichermaßen eignen, sondern deren spezifische Stärken in der Analyse der Organisierung und Manifestation sozialer Prozesse, deren Entwicklungsdynamik und die ihnen zugrundeliegenden Sinnstrukturen liegen. Typische Themen könnten daher beispielsweise sein: Wie organisieren Familien die Beziehungen zu ihrer relevanten Umwelt? Woran orientieren sich Unternehmen bei ihrer Entscheidung über eine Unternehmensberatung? Wie und vor welchem Hintergrund wird ein bestimmtes Problem an einer Universität erzeugt, stabilisiert, verändert und bewältigt? Wie sind in einer Gemeinde die Beziehungen zwischen verschiedenen Bereichen geregelt? Nach welcher Logik entwickeln die Vereinsmitglieder ihre spezifischen Sichtweisen?
Eine theoriegenerierende Vorgangsweise macht es unmöglich, Forschungsfragen bereits am Beginn der Untersuchung endgültig zu präzisieren oder die Erhebung auf einen Teilbereich des Untersuchungsfeldes zu konzentrieren. Vielmehr erkundet die Forschung den allgemeinen Phänomenbereich (etwa die Organisation als Ganzheit, auch wenn nur ein Teilbereich interessieren sollte), wobei aus den erlangten Erkenntnissen sukzessive adäquate Fragestellungen, die Konkretisierung des Untersuchungsgegenstandes sowie dem jeweiligen Forschungsstand angemessene methodische Vorgangsweisen abgeleitet werden. Die gesamte Forschungsstrategie muss die Voraussetzungen für die Generierung neuen Wissens, dessen Prüfung, Erweiterung und Präzisierung schaffen. Auch das Ende eines solchen Forschungsverlaufes lässt sich nicht genau abschätzen, sondern hängt von der Stabilisierung des Wissens, d.h. von der Frage ab, mit welcher Wahrscheinlichkeit zusätzliche Erhebungen neue Erkenntnisse erschließen könnten. Die Dynamik der sozialen Welt findet insofern ihre Entsprechung in der Vorläufigkeit jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis.
Die Durchführung qualitativ orientierter empirischer Studien erfordert eine Forschungskonzeption, die den Anforderungen qualitativer Sozialforschung gerecht wird. Um die spezifische Vorgangsweise der Gesprächsführung in der qualitativ-empirischen Sozialforschung nachvollziehbar zu machen und zu zeigen, wie Forschungsentscheidungen in diesem Sinne begründet werden, befasst sich dieses Kapitel mit mehreren Komponenten der Gesprächsvorbereitung und -führung: die Verankerung im Forschungskontext, Funktionen im Rahmen der Analyse, die Auswahl der Gesprächspartner*innen und angemessene Gesprächsstrategien. Den [19]Abschluss bildet ein kurzes Anwendungsbeispiel, welches die Grundidee des Ansatzes veranschaulicht.
2.1Das Forschungsdesign als Gesprächsrahmen
Qualitative Forschungsdesigns erfüllen drei Funktionen, die in den verschiedenen Phasen einer Studie verschiedene Anforderungen an eine adäquate Forschungsstrategie stellen:
•im Vorfeld der Planung und des Forschungseinstiegs schaffen sie die Voraussetzungen für die Durchführung einer Analyse;
•für die Forschungsabwicklung sehen sie Maßnahmen zur Sicherstellung der Qualität der Ergebnisse vor;
•zum Abschluss einer Studie machen sie das gewonnene Wissen verfügbar.
Eine nähere Beschäftigung mit dem Verlauf qualitativer Studien macht nachvollziehbar, welche Entscheidungen in den verschiedenen Forschungsphasen anfallen und welche Bedeutungen diesen für die Durchführung qualitativer Forschungsgespräche zukommen. Sinnvollerweise lassen sich hierbei vier Phasen unterscheiden (vgl. Froschauer/Lueger 2009b):
a)Die Planungsphase
Diese erste Forschungsphase dient der gedanklichen Vorbereitung einer Studie, indem man sich mit den möglichen Anforderungen eines Forschungsfeldes vertraut macht. In ihr werden Lernpotenziale hergestellt und Rahmenbedingungen ausgelotet, die eine möglichst sinnvolle Sammlung oder Erhebung von Materialien sowie deren intensive Nutzung erlauben. Im Zuge dessen schafft man die organisatorischen Voraussetzungen für die Realisierung des Vorhabens.
In Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand sind Überlegungen nötig, welche unterschiedlichen Varianten des Zugangs möglich sind, welche Datenmaterialien man höchstwahrscheinlich für das Verständnis des Feldes braucht und wie man diese erhalten könnte. All dies erfordert die sorgsame Prüfung der sozialen Voraussetzungen des Zuganges zu einem Forschungsfeld, insbesondere bei Forschungsfeldern, die sich nach außen hin abschließen (z. B. eine Haftanstalt, die Entwicklungsabteilung eines Automobilkonzerns).
Forschungsseitig setzt dies voraus, sich über das eigene Erkenntnisinteresse Klarheit zu verschaffen und damit auch die Eignung einer qualitativ orientierten Forschungsstrategie zu prüfen (siehe Kap. 7). Um eine möglichst offene Vorgangsweise zu gewährleisten, bedarf es einer sehr vagen Frageformulierung oder Themenstellung, in deren Zentrum das Interesse an der sozialen und kollektiven Form der Herstellung von Wirklichkeit und deren Folgen für die soziale Dynamik in einem sozialen System steht. Man stellt Fragen nach Bedeutungen, Kontexten, Konstellationen, Relevanzen, Prozessen, um herauszufinden, warum und wozu ein bestimmter Kontext die Akteur*innen motiviert, welche Entwicklungskräfte und Dynamiken in bestimmten physischen und sozialen Umgebun-[20]gen aufzuspüren sind und was dabei genau vor sich geht, was typische Muster sind und wie diese vor welchem Hintergrund entstehen oder auch, warum jemand etwas als Faktum betrachtet, also wie Bedeutungen entstehen und verändert werden und wie diese mit welchen Folgen von wem in die Argumentation eingebracht werden und wie sie dabei das soziale Feld verändern.
Die Zentrierung auf ein soziales Problem (wie dies mitunter im Fall von Auftragsforschung vorkommt) ist dafür wenig hilfreich, weil jede Problemdefinition bereits eine Betrachtungsperspektive einschließt und damit die Sicht auf die Funktionsweise eines sozialen Systems einschränkt. Tauchen in der Forschungskonzeption Problemstellungen auf, so ist in der Analyse jedenfalls zu erkunden, warum etwas aus welcher Perspektive überhaupt als Problem betrachtet wird (d. h. was ein ‚Problem‘ zu einem ‚Problem‘ macht). Eine solche Problemreflexion ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine differenzierte Analyse. Zu vermeiden ist auch eine einfache Suche nach Faktoren oder Motiven oder Kausalitäten. Die interpretative Sozialforschung erweitert solche Fragestellungen in der Regel, indem man nicht bloß nach Faktoren fahndet, sondern erkundet, was diese zu Faktoren macht, inwiefern sie relevant wofür sind und in welche Prozesse sie eingebunden sind; bezüglich der Motive erkundet man den Kontext ihrer Entstehung und ihre Bedeutung für individuelle oder soziale Vorgänge; Kausalitäten werden als dynamische Konstellationen analysiert, deren Geschichte, Bedingungen, Verläufe oder Folgen sowohl für die direkt oder indirekt betroffenen Akteur*innen als auch für die Umwelt genauer in den Blick genommen werden.
Qualitative Studien sind erfahrungsgemäß immer wieder mit verschiedensten Interessen konfrontiert: beispielsweise im Rahmen von Forschungsaufträgen, aber auch bei der Begutachtung von Qualifizierungsarbeiten oder von Beiträgen, die in Fachzeitschriften zur Veröffentlichung eingereicht werden, und nicht zuletzt von jenen Gatekeepern, die über den Zugang zu manchen Forschungsfeldern entscheiden). Die empirische Forschungsarbeit muss sich von solchen Einflussnahmen freispielen, um sich nicht vereinnahmen, methodische Einschränkungen auferlegen oder sich in die soziale Dynamik des Feldes verstricken zu lassen. Eine gut überlegte Artikulierung der Forschungsfrage kann viel zum Aufbau einer Vertrauensbeziehung beitragen.
Darüber hinaus ist es wichtig, in dieser Vorbereitungsphase die erforderlichen Kompetenzen (z. B. in Hinblick auf Erhebungs- und Interpretationsmethoden) zu bestimmen, um ein geeignetes Forschungsteam zu bilden bzw. um ein unterstützendes Forschungsumfeld zu schaffen (z. B. Kolleg*innen; eventuell kann eine Supervision hilfreich sein). Im Fall von Forschungsteams ist eine gemeinsame methodologische Perspektive notwendig (um sich nicht über Gebühr in Grundsatzdiskussionen zu verlieren), das Team sollte aber bezüglich der methodischen und inhaltlichen Kompetenzen sowie hinsichtlich der Anforderungen des Untersuchungsgegenstandes möglichst heterogen zusammengesetzt sein. Entschei-[21]dend ist hier die Steigerung des Forschungspotenzials, ohne zu viel Reibungsflächen zu schaffen.
In diesem fiktiven Probierstadium zur kognitiven Strukturierung des Forschungsfeldes verschafft man sich aus einer Außenperspektive einen ersten Überblick über den Forschungsgegenstand (eventuell auch unter Einbeziehung von Expert*innenmeinungen) und klärt die eigenen Erwartungen und Vorannahmen. Im Zuge dessen ist zu prüfen, welche Vor- und Nachteile mit unterschiedlichen Feldzugängen verbunden sind: Bildet die Geschäftsführung eines Unternehmens die entscheidende Kontaktstelle, so kann dies gravierende Probleme nach sich ziehen, wenn diese Geschäftsführung gerade ein Personalabbauprogramm vorbereitet. Auch wenn das Untersuchungsvorhaben mit diesem Programm nichts zu tun hat, könnte ein bereits vorhandenes Misstrauen gegenüber der Geschäftsführung auf das Projektteam übertragen werden. In einer solchen Situation kommt es daher darauf an, das Vertrauen der Mitarbeiter*innen zu gewinnen. Dies bedeutet, dass man – egal ob die Geschäftsführung, die Gewerkschaft, außenstehende Vermittlungsinstanzen etc. den Eintritt in das Forschungsfeld ermöglichen – mit Zuschreibungen konfrontiert ist, die man selbst nur bedingt steuern kann. Aber man kann darauf achten, welche möglichen Zuschreibungen auftauchen könnten und welche Strategien sich anbieten, ungünstige Zuschreibungen zu vermeiden oder aufzufangen.
Um ein System kennenzulernen, ist es wichtig, sich mit den Handlungsweisen des Feldes vertraut zu machen. Dafür bietet sich an, Strukturierungsleistungen des Feldes für die Forschung zu nutzen: Wie ein soziales Feld mit externen Forscher*innen umgeht, sagt beispielsweise viel über die Strukturierung der Außengrenze eines sozialen Systems aus (vgl. Lau/Wolff 1983). Man sollte daher bereits während der Planung darauf achten, dass der Forschungseinstieg das erste Analysematerial verfügbar macht. Um dieses Material auch forscherisch nutzen zu können, sollte man auf die Dokumentation dieses Einstiegs vorbereitet sein. Darüber hinaus könnte man bereits im Vorfeld überlegen, wie man die Akteur*innen in einem sozialen System in den Forschungsprozess einbindet, indem man etwa bestimmte Agenden (wie die Zusammensetzung von Gesprächsrunden) an Akteur*innen im sozialen System überträgt oder mit diesen die Vorgangsweise im Studienverlauf diskutiert. Hinsichtlich der Durchführung von Gesprächen ist zu prüfen, welche Vor- und Nachteile dieses Verfahren in Hinblick auf die Untersuchung einer Forschungsfrage aufweist. Dabei sind Fragen zu klären wie:
•Inwiefern sind Gespräche anderen möglichen Verfahren (wie etwa Beobachtung oder Artefaktanalysen) überlegen?
•Welche Differenzierungen des Untersuchungsgegenstandes vermittelt dieser nach außen und welche Schlüsse sind daraus für den Forschungszugang zu ziehen?
•[22]Welche Gruppen von Akteur*innen in einem sozialen System bzw. dessen Umfeld kommen für Gespräche in Frage und welche Besonderheiten des Feldes könnten dabei aus dem Blick geraten?
•Gibt es mögliche Zugangsrestriktionen und wie kann man diese überwinden?
•Welche Erwartungen, die mögliche Ansprechpartner*innen an die Forscher*innen herantragen könnten, sind antizipierbar und welche Konsequenzen hat das für den Zugang zum Feld?
•Welche Kompetenzen werden für die Forschungsdurchführung benötigt, um eine adäquate Durchführung und Analyse der Gespräche zu gewährleisten, und wie können eventuelle Kompetenzdefizite beseitigt werden?
•Welche Möglichkeiten zur Anregung von Strukturierungsleistungen bestehen?
b)Die Orientierungsphase
Diese Phase setzt die in der Planung vorgesehenen Schritte erstmals um. In heiklen Forschungsfeldern (etwa im Fall von Zugangsrestriktionen in abgeschlossenen Bereichen wie Haftanstalten, Ministerien, Schulen oder Forschungsabteilungen in Unternehmen, aber auch in Familien) ist diese Eröffnung des Kontaktes zum untersuchten sozialen System besonders wichtig, weil in deren Verlauf Kommunikationsschnittstellen etabliert und Möglichkeiten der weiteren Forschungsorganisierung im Feld erschlossen werden.
Ersten Beziehungen kommt eine besondere Bedeutung zu, weil sie den Rahmen für Folgekontakte schaffen und Zuschreibungen auslösen, die den Zugang zu weiteren Kontaktstellen oder -personen verändern (d. h. erleichtern oder eventuell blockieren). In dieser Phase spielt sich das Forschungssystem auf drei Ebenen ein: (a) Forschungsseitig bedarf es in vielen Fällen einer Regulierung und Normalisierung der internen Arbeitsbeziehungen im Forschungsteam (insbesondere wenn die Teammitglieder noch nie in der gewählten Konstellation zusammengearbeitet haben oder über wenig Forschungserfahrungen verfügen). (b) Dazu kommt der Aufbau tragfähiger Beziehungen zum Untersuchungsfeld, um die weitere Vorgangsweise abstimmen zu können (z. B. wer den Kontakt zu welchen Personen hält, welche Informationen an welche Personen weitergegeben oder vertraulich behandelt werden). (c) Auch das untersuchte System beginnt, sich auf die Forschungsaktivitäten einzustellen (etwa indem Mitglieder des untersuchten Systems sich über die Erfahrungen mit der Forschung austauschen).
In diesem Zugangsprozess wird auch die Eignung verschiedener Verfahrensweisen im Forschungsfeld geprüft (vgl. z.B. Lueger 2000). Das betrifft die ersten Entscheidungen sowohl bezüglich der Erhebung als auch der Interpretation. Am Beginn sind dies meist sehr offene Gespräche mit externen Expert*innen (um etwa die Zugangsmöglichkeiten und die Rahmenbedingungen einer Forschungsarbeit zu erkunden) oder mit sogenannten Gatekeepern im sozialen Feld (um [23]sich im Verlauf der Eröffnung des Zuganges einen ersten Überblick zu verschaffen).
Für die in dieser Phase geführten ersten Gespräche ist zu berücksichtigen, dass sie eine wichtige Funktion für die Aushandlung einer für das soziale System verträglichen Vorgangsweise übernehmen und ein positives Forschungsklima herstellen sollten. Daraus folgt, dass der sozialen Dimension der Forschungsorganisierung in den ersten Gesprächen besonderes Augenmerk geschenkt werden sollte. Im Zuge dessen erhält man erste Informationen über den Umgang eines sozialen Systems mit externen Personen und über interne Prozesse. In dieser Phase ist daher die Überlegung folgender Fragen nützlich:
•Wer könnte (speziell wenn dem Forschungsteam das zu untersuchende System sehr fremd ist) vertrauenswürdige Informationen zur ersten Orientierung über das zu untersuchende soziale System geben (externe Expert*innen)?
•Wer sind erste Ansprechpartner*innen im sozialen System (z. B. Gatekeeper, die den Weg in das System erschließen)?
•Wie kontaktiert man diese Personen?
•Wann erscheint der Zeitpunkt zur Kontaktaufnahme geeignet und welche Zeitstrukturen könnten hier von Bedeutung sein?
•Wo sollen die erste Kontaktnahme und das erste Gespräch stattfinden (unter der Annahme, dass die Erhebungssituation Effekte für das produzierte Material hervorruft)?
•Auf welche Weise könnte das System bereits bei der Kontaktaufnahme Systeminformationen produzieren (z. B. Umgang mit einem Forschungsansinnen) und was muss daher bei der Strukturierung der ersten Kontaktsituation beachtet werden?
•Welche Informationen sollte man dem untersuchten System über das Forschungsvorhaben geben, um ein Vertrauensverhältnis zu den potenziellen Gesprächspartner*innen aufzubauen?
•Welche organisatorischen Maßnahmen zur Sicherung des Vertrauensverhältnisses werden ergriffen?
•Welche Informationen benötigt man aus dem sozialen Feld, um eine sinnvolle Auswahl von Gesprächspartner*innen treffen zu können?
•Welche Informationen sind zur erfolgreichen Kontaktierung von Gesprächspartner*innen erforderlich?
•Wie lassen sich unterschiedliche Formen von Expertisen im fokussierten sozialen System und in dessen Umwelt identifizieren?
•Wie kann die Forschungsfrage nach den ersten Erfahrungen reformuliert werden?
Auf inhaltlicher Ebene holt man in den Gesprächen Informationen über die Selbstbeschreibung des sozialen Systems ein und versucht Wege zu bestimmen, wie man sich jenes Wissen aneignen kann, das für ein Verständnis des Systems nötig ist.
[24]Diese Phase ist abgeschlossen, wenn man den weiteren Zugang für die Analyse geregelt hat und über eine grobe Vorstellung über die Struktur des sozialen Systems verfügt. Bereits in diesem Schritt erfolgen die ersten grundlegenden Analysen der in den Einstiegsgesprächen gewonnenen Materialien, um den Übergang in die Hauptforschungsphase systematisch planen zu können.
c)Die zyklische Hauptforschungsphase
In der dritten Phase erfolgt der intensive, nunmehr explizit zirkulär angelegte Forschungsprozess. Die einzelnen Forschungszyklen verkörpern hierbei den Kerngedanken qualitativer Sozialforschung und treiben die inhaltliche und methodische Entwicklung des Forschungsprozesses voran. Das Grundprinzip ist, die Organisierung der Forschung möglichst mit den Strukturierungsleistungen des Feldes zu verkoppeln, um sich zumindest temporär und partiell der Logik des Feldes auszusetzen. Gleichzeitig erfordert die Auslegung des Materials immer wieder ein Zurücktreten hinter die eigenen Erfahrungen und die distanzierte Analyse des gesamten Forschungshandelns. Die Basiskomponenten dieser Phase reflektieren besonders deutlich die zentralen Elemente interpretativer Sozialforschung und die methodologischen Basisüberlegungen, nämlich (a) das unentwegte Ineinandergreifen von Erhebung und Interpretation; (b) die permanente Reflexion des Forschungsstandes auf inhaltlicher und methodischer Ebene; (c) die Abgrenzung von klaren Lehrbuchmethoden zugunsten einer flexiblen und variablen Gestaltung der Erhebungs- und Interpretationsverfahren; (d) die kontinuierliche sorgfältige Überprüfung und Modifikation der vorläufigen Ergebnisse; (e) die laufende Erstellung von vorläufigen Teilanalysen.
Die Dynamik des Forschungsprozesses wird gleichsam entlang der kontinuierlichen inhaltlichen Entwicklung der Erkenntnisse über das soziale System und die während der Forschungsarbeit gesammelten methodischen Erfahrungen angetrieben. Dieser Entwicklungsprozess wird unterstützt durch aufbauende, aber dennoch voneinander relativ getrennte Analysezyklen, auf deren Basis über die methodische und inhaltliche Reorganisierung und Modifikation des jeweils nächsten Zyklus entschieden wird. Jeder Analysezyklus setzt sich hierbei aus Erhebungen, Interpretationen, die Prüfung der bisherigen Vermutungen (u. a. Kontrollinterpretationen durch andere Interpret*innen, Anwendung anderer Methoden; siehe Kap. 6) und die Bündelung der gewonnenen Erkenntnisse in Zwischenresümees zusammen. Die vorläufigen Ergebnisse helfen bei der systematischen und theoretischen Aufarbeitung des Wissens über das soziale System, unterstützen die methodische Kontrolle des Forschungsprozesses und die kritische Diskussion im Forschungsteam.
In jedem Zyklus wird nur wenig Material systematisch analysiert (auch wenn deutlich mehr Material erhoben werden sollte). Das erfordert eine sorgfältige Auswahl des zu interpretierenden Materials aus dem Pool insgesamt verfügbarer Materialien und strategische Entscheidungen über eine möglichst sinnvolle Erhebung. In diesem Prozess übernehmen die Reflexionsphasen zwischen den Ana-[25]lysezyklen eine wichtige Unterbrechungsfunktion: In diesen wird eine inhaltliche und methodische Standortbestimmung durchgeführt, wobei anhand der spezifischen Stärken und Schwächen der eingeschlagenen Forschungsstrategie und der gewählten Verfahren über die weitere Vorgangsweise entschieden wird. Der Reflexionsprozess unterstützt die Entwicklung und Steuerung des Forschungsprozesses, durchleuchtet die Rahmenbedingungen der Forschungsdurchführung (etwa die Wechselwirkung zwischen Forschung und Gegenstandsbereich, teaminterne Kooperationsstrukturen, die Anwendbarkeit von Forschungsverfahren, die Bedeutung von externen und internen Erwartungshaltungen) und fördert den kontrollierten Aufbau von Wissensstrukturen bzw. theoretischer Konzeptionen durch immer wieder zu etablierende gewissenhafte Prüfverfahren.
Dem theoretischen Sampling (vgl. Glaser/Strauss 2010: 61ff.) kommt hierbei als Auswahlstrategie für das neu einzubeziehende Material eine Schlüsselstellung zu. Im Rahmen des theoretischen Samplings wird die Durchführung und die Interpretation von Gesprächen (bzw. die Erhebung und Interpretation anderer Materialien) von zwei Entscheidungsprinzipien geleitet:
•Das erste Prinzip besagt, dass man Materialien erheben bzw. analysieren sollte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit geeignet sind, die bisherigen Annahmen zu widerlegen. Insofern begibt man sich auf die Suche nach Gesprächspartner*innen, die mutmaßlich entweder konträre Positionen vertreten oder ‚Grenzfälle‘ des sozialen Systems markieren. Diese Inklusion auf der Basis maximaler struktureller Variation bestimmt die Reichweite und Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse und klärt die Grenzen und Spezifika einer theoretisierenden Argumentation.
•Das zweite Prinzip besagt, dass man Materialien der Analyse verfügbar machen sollte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die bisherigen Ergebnisse bestätigen. Mit dieser Strategie begibt man sich auf die Suche nach vergleichbaren Fällen und spricht mit Personen, deren Aussagen vermutlich zu ähnlichen Analyseergebnissen führen. Diese Inklusion auf der Basis der Unterschiedsminimierung dient der Prüfung bisheriger Annahmen. Dadurch versucht man Unschärfen der theoretisierenden Argumentation aufzuspüren, indem man genau jenen Bereich fokussiert, der mit den bisherigen Analysen bereits abgedeckt sein müsste. Identifiziert man dabei neue oder widersprüchliche Erkenntnisse, so deutet dies auf Probleme der Theoriekonstruktion hin, was eine genauere Erforschung spezifischer Teilbereiche bzw. die Modifikation der Ergebnisse erzwingt.
Dieser schrittweise Einbezug neuer Materialien in die Analyse wird so lange fortgesetzt, bis sich die Interpretationen stabilisieren und weitergehende Analysen (nach dem Prinzip der maximalen Variation) keine neuen Erkenntnisse mehr bringen. Unter dieser Bedingung bezeichnet man die gewonnene theoretische Argumentation als gesättigt. Ab diesem Zeitpunkt würde der Aufwand [26]weiterer Analysen den daraus zu ziehenden Erkenntnisgewinn beträchtlich übersteigen.
Für die Analyse mittels Forschungsgespräche bedeutet dies, sich zumindest am Ende eines jeden Analysezyklus mit folgenden Fragen zu befassen:
•Welche Erkenntnisse hat man bisher gewonnen und welche Lücken oder Unklarheiten lassen sich identifizieren?
•Welche Strategien in der Auswahl der Gesprächspartner*innen eignen sich zur Beseitigung dieser identifizierten Analysedefizite?
•Welche Modifikationen in der Gesprächsführung sind dafür erforderlich?
•Inwiefern könnte die Art der Gesprächsführung die spezifischen Ergebnisse beeinflusst haben und wie lassen sich daraus resultierende mögliche Einseitigkeiten beseitigen?
•Sind außer der Gesprächsanalyse eventuell andere Analyseverfahren zur adäquaten Bearbeitung der Forschungsanforderungen notwendig?
•Sind die Mitglieder des Forschungsteams adäquat eingesetzt und gewährleisten sie sowohl die Anschlussfähigkeit zu den einzelnen Teilbereichen des untersuchten sozialen Systems als auch die Sicherung der Interpretationsqualität oder sind Umstrukturierungen im Team erforderlich?
d)Die Ergebnisdarstellung
Ohne Kommunikation der Erkenntnis leistet auch die brillanteste Untersuchung weder einen Beitrag zur Wissenschaft noch einen zur gesellschaftlichen Entwicklung. Sozialwissenschaftliche Forschung muss daher anschlussfähig zu relevanten Bezugskollektiven gehalten werden. Berichte machen Ergebnisse zugänglich und setzen sie dadurch einer kritischen Rezeption aus. Für Forschungsarbeiten sind (neben der Gesellschaft allgemein) Angehörige des konkreten Untersuchungsfeldes (bzw. auch Auftraggeber*innen) und das Wissenschaftssystem primäre Adressat*innen. Speziell Letzteres zeichnet sich durch sein spezifisches (intern differenziertes) Erkenntnisinteresse aus und erhebt besondere Ansprüche an die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse. Folglich stellt sich hier die Aufgabe, die Thematik, die Vorgangsweise und das erlangte Wissen systematisch zu erläutern und Hinweise zu geben, die künftige Forschungsarbeiten auf ähnlichen Gebieten erleichtern. Das aus dem Produkt erwachsende Verständnis des Untersuchungsbereichs und die Anregung des Wissenschaftssystems sind die substantiellen wissenschaftlichen Leistungen (siehe Abschnitt 6.2). In diesem abschließenden Schritt lassen sich zwar keine Anforderungen an die Durchführung und Analyse von Gesprächen ableiten, jedoch an die Präsentation der aus diesen gewonnenen Erkenntnisse. Dabei sind folgende Fragen zu klären:
•Wer sind die Adressat*innen einer Studie?
•Welche Ergebnisse sind für die Adressat*innen (und nicht nur für das Forschungsteam) von besonderer Bedeutung?
•[27]Welche Informationen über die Forschungsdurchführung sind erforderlich, damit die Adressat*innen den Ergebnissen vertrauen können?
•Welchen Beitrag leistet die durchgeführte Studie für die Adressat*innen und inwiefern konnte die Wissenschaft auf diese Weise vorangetrieben werden?
Der geschilderte Forschungsprozess ist vereinfacht in Abbildung 1 dargestellt.
Abbildung 1: Forschungsprozess

Quelle: Eigene Darstellung
Eine solche Vorgangsweise erfordert aufseiten der Forscher*innen eine hohe Ungewissheitstoleranz, weil sie sich vorweg nicht auf alle Eventualitäten einstellen können, keiner durchgehenden detaillierten Planung folgen können und ständig den Anforderungen des Forschungsprozesses entsprechend ihre Vorgangsweise ändern müssen. Folgende Punkte sind deshalb wichtig, weil sie erfahrungsgemäß immer wieder (mit negativen Folgen für die Forschungsqualität) übergangen werden:
•Generell sollte man sich mittels sehr offener Vorgangsweisen das Feld in der inhaltlich und methodisch sinnvollsten Weise erschließen, dagegen Absicherungsstrategien oder stärkere Vorstrukturierungen (wie etwa Interviews mit persönlich bekannten Personen, genaue Leitfäden für die Befragung, zu starke Berücksichtigung der [28]Sichtweise der hierarchischen Spitze eines sozialen Systems) meiden, weil dies blinde Flecken eher verstärkt als überwindet.
•Da gerade der Forschungszugang wichtige Einsichten in die Selbstbeschreibung und das Selbstverständnis sozialer Systeme gewährt, sind bereits die Erstkontakte zu einem sozialen System möglichst umfassend zu dokumentieren und einer besonders sorgfältigen Analyse zu unterziehen. Die ersten Analysen bilden das Fundament für die weitere Arbeit – und dieses Fundament sollte möglichst solide gestaltet werden.
•Die Interpretation des Materials im Rahmen der zyklischen Hauptforschungsphase bildet den Schwerpunkt der Analyse. In den meisten Fällen mangelt es nämlich nicht an Material, sondern an der extensiven Auslegung ausgewählter Materialien und an systematischen Forschungsentscheidungen, die nur eine gewissenhafte Interpretation ermöglicht.
•Für die Analyse sollte man grundsätzlich folgende Regel beherzigen: Langsamer ist schneller und informativer. Weil der Beginn einer Textinterpretation aufgrund der für die Analyse noch unbekannten Gesprächsdynamik die gewagtesten Schlussfolgerungen erzwingt (die den Blick erweitern), ist die erste Interpretationsphase eines Textes besonders gründlich durchzuführen (wobei die Feinstrukturanalysen den Systemanalysen oder Themenanalysen meist vorangehen).
2.2Allgemeine Formen der Gesprächsführung
Die in der Literatur vorfindbaren Verfahren der Interviewführung bzw. die damit verbundenen spezifischen Techniken der Gesprächsführung lassen sich nach einem zentralen Differenzkriterium einordnen, nämlich wer vorrangig die Gesprächssteuerung übernimmt: Einen Pol bilden demnach Gespräche, die eine möglichst umfassende Strukturierung des Redeflusses durch die befragten Personen anstreben, wobei die interviewende Person die Funktion übernimmt, den Redeverlauf zu begleiten. Dies entspricht einer genuin interpretativen Sozialforschung, indem die Forscher*innen sich verstehend an der Logik der Befragten orientieren und durch Provokation von Selektionsleistungen die befragten Personen anregen, sich nach ihren eigenen Relevanzkriterien zu richten. Den anderen Pol bilden jene Gespräche, in denen die interviewende Person die Gesprächssteuerung übernimmt. In diesem Gesprächstypus werden in unterschiedlichem Maße die wichtigsten Vorgaben durch die Forscher*innen definiert (etwa durch einen vorgegebenen Frageraster). In diesem Sinne tendieren solche Gespräche zu einer stärker ausgeprägten Strukturierung bis hin zu Standardisierungen durch die Forscher*innen (im Fall vorformulierter Fragen und vorgegebener Antworten) und nähern sich dadurch den Anforderungen an quantitativ orientierte Forschungsarbeiten an.
Der Unterschied wird deutlich, wenn man die beiden Extrempole jenes Kontinuums darstellt, auf dem sich die unterschiedlichen Formen der Gesprächsführung bewegen. Dabei repräsentieren etwa ethnografische, narrative und qualitative Interviews den genuin qualitativ orientierten Pol, der andere Pol ist am extremsten in [29]einem Fragebogen abgebildet (und spielt daher in der qualitativen Sozialforschung eine marginale Rolle). Leitfadeninterviews wären zwischen den beiden Polen anzusiedeln. Die nachstehende Abbildung 2 streicht die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden Vorgangsweisen heraus.
Genuin qualitativ geführte Gespräche oder Interviews lassen sich nach diesem Schema als solche beschreiben, die sich in einer sehr offenen Weise einer nur grob umrissenen Thematik annähern und den befragten Personen einen sehr weiten Gestaltungsspielraum einräumen. Dadurch rücken Forscher*innen den Blickwinkel ihrer Gesprächspartner*innen in den Vordergrund und erhalten solcherart Hinweise auf deren Verständnis ihrer Lebenswelt. Im Zentrum solcher Gespräche steht die Frage: Was ist für die befragte Person wichtig? Die Forschungsinteressen müssen daher so verpackt werden, dass sie dieser zentralen Frage nicht zuwiderlaufen. Die folgenden Ausführungen befassen sich mit genau diesen qualitativen Forschungsgesprächen.
Abbildung 2: Die beiden Pole des Kontinuums der Gesprächsführung

Quelle: Eigene Darstellung
[30]
2.3Das in Forschungsgesprächen generierte Wissen
Vor dem Hintergrund interpretativer Sozialforschung liegt der Schlüssel zum Verständnis von sozialen Systemen im Verstehen der individuellen und kollektiven Herstellung von Ordnung und somit von Sinn. Im Zentrum stehen kommunikative Prozesse der Generierung von Informationen, die in einen lebensweltlichen Kontext eingebettet sind und zu einer geordneten Wissensstruktur zusammengefügt werden (siehe Abschnitt 7.2). Die Durchführung von Studien sozialer Systeme stützt sich daher auf mehrere Basiskomponenten:
•die Analyse des sozialen Prozesses der Erzeugung von Sinn und die Inhalte dieses dabei generierten Wissens, das in irgendeiner Form stabilisiert und verfügbar gemacht werden muss (soziale Kognition);
•die Erkundung der Folgen dieses Sinngenerierungsprozesses für die Strukturierung kooperativen Handelns in einem sozialen System (kommunikatives Handeln);
•die Untersuchung der in der Entwicklung eines sozialen Systems auftretenden Differenzierungen und Strukturen, wobei die Einheit in dieser Verschiedenheit (Heterogenität und potenzielle Konfliktträchtigkeit) einen wichtigen Bezugspunkt bildet (Systemdynamik).
In Forschungsgesprächen geht es nun darum, diese verschiedenen Komponenten zu erkunden. Der Gesprächsinhalt ist dabei nur eine Komponente, die das Benennbare bzw. das explizit Gewusste anspricht. Die Form des Sprechens und die im Kontext des Gesprächs beobachtbaren Vorgänge geben Auskunft über die beiden letzteren Komponenten, die für das Verständnis sozialer Systeme besonders wichtig sind. Aus diesem Grund ist für die Gesprächsanalyse nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern noch mehr, wie es gesagt wird und warum ein Gesprächsthema auf eine spezifische Weise abgehandelt wird (siehe Abschnitt 4.3).
Befragte Personen gelten im Rahmen von qualitativen Forschungsgesprächen immer als Expert*innen: Sie sind Expert*innen ihrer Lebenswelt, deren lebensweltlicher Wissensvorrat, wie Schütz und Luckmann (1979: 133ff.) meinen, an die Situiertheit biografischer Erfahrungen des Subjekts gebunden ist und der Bewältigung alltäglicher Situationen dient. Um an diese Expertise heranzukommen, muss man mit den Menschen über ihre Erfahrungen und ihre Sicht der Dinge reden. Man kann aber noch weiter gehen, wenn man den Habitus ins Zentrum stellt, der als Wahrnehmungs-, Interpretations- und Handlungsmatrix fungiert und solcherart ein generatives Prinzip der Praxis bildet (vgl. Bourdieu 1979: 169f.; 1987: 103f.). Das Verhalten von Menschen kann sich dieser Vorstellung zufolge ohne direkte Kommunikation aufeinander abstimmen, indem sich die Habitusformen von Menschen aufgrund ähnlicher Lebensumstände und -bedingungen homogenisieren. Individuelles Handeln ist somit keineswegs rein subjektiv, es ist aber ebenso nicht ausschließlich an objektive Gegebenheiten gebunden, sondern folgt dem in der Lebenspraxis anhand der Erfahrungen gebildeten Alltagsverstand. Wissen ist in den Habitus als strukturiertes Prinzip inkorporiert und wirkt generativ als strukturieren-[31]des Prinzip. Als praktisches Wissen kommt es in Gesprächen weniger in den Inhalten als in der Form des Sprechens und Argumentierens zum Ausdruck.
Die Forschung schreibt den befragten Personen eine Expertise zu, die auf der ungleichen Verteilung von Wissen beruht und als Sedimentierung, Einlagerung und Verfügbarkeit von privilegierter Erfahrung gesehen wird. Dieses Wissen kann auch die Form eines abstrahierenden Wissens externer Spezialist*innen annehmen (etwa von Personen, die sich über Ausbildung, wissenschaftliche Betätigung, Literaturstudium oder distanzierende Betrachtung einen herausgehobenen Wissensstand über ein spezifisches Wissensgebiet – auch unabhängig von praktischen Erfahrungen – angeeignet haben). Dabei kann es sich um Spezialwissen oder um Reflexionswissen handeln.
Allerdings ist im Rahmen einer Studie zu entscheiden, welches Wissen man für das Verständnis des fokussierten sozialen Systems benötigt. Drei Typen von Expertisen, die sich durch eine zunehmend abstrahierende Distanzierung vom praktischen Handlungswissen im Untersuchungsfeld auszeichnen, lassen sich dabei unterscheiden (vgl. Froschauer/Lueger 2009a):
a)Die systeminterne Handlungsexpertise: Das Wissen dieser Gruppe ist vorrangig Erfahrungswissen, das aus der Teilnahme an Aktivitäten im untersuchten System entstammt (Primärerfahrung; z.B. alle Mitarbeiter*innen eines Unternehmens). In der Regel ist es als implizites Wissen in den Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen eingelagert. In der Ausformung darauf aufbauender sozialer Praktiken zeigt sich die soziale Differenzierung in verschiedene Handlungsfelder und deren Zusammenspiel, weshalb diese Expertise für das tiefere Verständnis der Logik des Untersuchungsgegenstandes und zur Produktion neuer Erkenntnis unverzichtbar ist. Das Wissen der feldinternen Expert*innen ist extrem heterogen, weil auf Subjektebene die Sedimentierung von Erfahrungen durch den jeweils spezifischen lebensweltlichen Hintergrund und durch subjektive Relevanzstrukturen bedingt ist (z. B. Sozialisation, Positionierung in einer Organisation, privates Umfeld). Diesen feldinternen Expert*innen der Praxis wird im Forschungszusammenhang deshalb kein Laienstatus zugewiesen, weil nicht deren Alltagswissen relevant ist, sondern ihr Sonderwissen, das für erfolgreiches Handeln in spezifischen Bereichen sozialer Systeme erforderlich ist.
b)Die feldinterne Reflexionsexpertise: Diese Expertise bezieht sich über das Handlungswissen hinaus auf größere Zusammenhänge (Primär- und Sekundärerfahrungen; z. B. Außendienstmitarbeiter*innen als Schnittstelle zwischen Unternehmen und wirtschaftlich relevantem Umfeld, Mitglieder des Betriebsrats als Vermittlungsinstanz, Akteur*innen im unternehmensrelevanten Umfeld). Dieses Wissen entwickelt sich in erster Linie dort, wo Akteur*innen auf die Berücksichtigung der Sichtweisen anderer Personen angewiesen sind und in ihren Interaktionen immer wieder systeminterne und -externe Grenzen überschreiten. Weil Personen mit Reflexionsexpertise an Schnittstellen sozialer Systeme [32]agieren, sind sie meist aufmerksame Beobachter*innen des systemspezifischen Kontextes, weil sie die verschiedenen (auch widersprüchlichen) Anforderungen und Teilperspektiven zu einem Ganzen zusammenfügen müssen. Dieses Wissen ist daher stärker relational geprägt, reflexiver und abstrakter als konkretes Handlungswissen. Explizierbar ist dieses Wissen vor allem, wenn die offizielle Sicht eines sozialen Systems angesprochen ist, es unterliegt aber vielfach Thematisierungsschranken, insbesondere wenn die Person mit widersprüchlichen Interessen oder Erwartungen zwischen den verschiedenen Bereichen konfrontiert ist.
c)Die externe Expertise: Diese Gruppe verfügt über fundiertes theoretisches Wissen über den Gegenstandsbereich, den sie von verschiedenen Seiten und in verschiedensten (intra- und interdisziplinären) Facetten beleuchten kann (z. B. Volkswirt*innen als Expert*innen über die Entwicklung des Arbeitsmarkts in einem Wirtschaftssektor, Organisationssoziolog*innen). Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, dieses Reflexions- und Sonderwissen in die Forschungsarbeit zu integrieren. Im Forschungsprozess kann es zur Planung beitragen, bei der Ausarbeitung spezifischer Kontextannahmen helfen und im Nachhinein als Kontrastmaterial für die Ergebnisse dienen. Externen Expert*innen mit wissenschaftlich abstrahiertem und systematisch produziertem Sonderwissen kommt in interpretativen Analysen sozialer Systeme eine eher randständige Bedeutung zu, weil ihnen vielfach praktisches Erfahrungs- bzw. Handlungswissen abgeht. Eine solche Expertise reproduziert primär das bereits verfügbare Wissen, kann aber das Augenmerk auf interessante und ungeklärte Aspekte richten oder eventuelle blinde Flecken bewusst machen.
Mit Forschungsgesprächen lassen sich zwei wichtige Erkenntnisbereiche abdecken: Vordergründig wird der kommunikative Zugang zum Feld gesucht, wobei Beschreibungen und Begründungen als Ausdrucksgestalt für die zugrundeliegenden Selektionsmechanismen des untersuchten Systems dienen. Darüber hinaus werden Mitglieder eines sozialen Systems als feldinterne Expert*innen mit spezifischen Forschungssettings konfrontiert: In diesen müssen sie selbst initiativ werden (z. B. angeregt durch offene Fragen) und demonstrieren ihre spezifischen Handlungskompetenzen als Sonderform der Expertise, indem sie zumindest partiell die Organisierung des Forschungsprozesses übernehmen (siehe das Beispiel in Abschnitt 2.4).
Das in sozialen Systemen gehandhabte Erfahrungswissen ist ein sozial angeeignetes Wissen, das die internen Differenzen zwischen Personengruppen spiegelt. Die Aussagen in Gesprächen repräsentieren folglich die systemspezifische Wissensverteilung, die zugleich Grund und Folge systeminterner Kooperationsbeziehungen und Grenzziehungen ist.
Die bisherigen Ausführungen strichen jene Anforderungen heraus, die bei der Durchführung und Analyse von Expert*innengesprächen in einem interpretativ orientierten Forschungsdesign zur Analyse sozialer Systeme von zentraler Bedeu-[33]tung sind. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass die Aktualisierung der jeweiligen Expertise spezifische verfahrenstechnische Vorkehrungen der Erhebung (z. B. Fokussierung auf spezifische Expertisen) und Interpretation erfordert. Darüber hinaus entfaltet sich die Leistungsfähigkeit von Forschungsgesprächen erst im Kontext einer adäquaten Forschungsorganisierung.
Gespräche nehmen (neben der teilnehmenden Beobachtung) als unmittelbare Kommunikation zwischen Forscher*innen und Personen aus der interessierenden Lebenswelt eine Schlüsselstellung in qualitativen Studien ein. Grundsätzlich kann dieses Gesprächsmaterial drei Funktionen erfüllen:
a)Genaue Deskription eines bestimmten Phänomens (auch im Vorfeld oder in der Folge quantitativer Analysen):
Dies ist wichtig, um ein Phänomen genau abgrenzen und in seiner Vielfalt darstellen zu können. Zudem eignen sich deskriptive Interviews zur Analyse der Vielfalt der Perspektiven bezüglich eines sozialen Phänomens und zur Analyse der spezifischen Arten von Beschreibungen. Insbesondere in der explorativen Forschungsphase sollte dieser Funktion besondere Beachtung geschenkt werden.
b)Die Inspektion eines sozialen Phänomens in seinem Kontext bzw. im Zusammenhang mit anderen Phänomenen, seine Entwicklung, Stabilisierung und Veränderung im Verlauf der Zeit:
Über die Deskription hinaus können hier Faktoren herausgefiltert werden, die zum Verständnis der Struktur und des Prozesses des Phänomens beitragen. Dabei werden die Erklärungsmodelle von Mitgliedern der untersuchten Systeme erkundet und mit den tatsächlichen Operationsweisen des Systems verglichen. Im Zuge dessen lässt sich ergründen, wie bestimmte Ordnungsmuster zustande kommen, sodass die darin auftretenden Phänomene als sinnvoll gelten können, und welche Gründe das System veranlassen, sich so zu organisieren, dass es bleibt, wie es ist. Dieser Materialtyp wird in der vorliegenden Arbeit besonders berücksichtigt und spielt in der Hauptforschungsphase eines Forschungsprozesses eine wichtige Rolle.
c)Die Reflexion bestimmter Thematiken und die Generierung neuer Sichtweisen zu diesen:
Interviews, die solches Material produzieren, werden zumeist in Aktionsforschungen, partizipativer Forschung, Beratungsprojekten oder familientherapeutischen Prozessen zu Interventionszwecken eingesetzt. Dabei greifen Inspektion und Intervention permanent ineinander. Als Sonderform von Gesprächsmaterial bleibt dieser Aspekt hier ausgeklammert, weil er weniger zur Analyse als vielmehr zu Veränderungen in Systemen beiträgt (etwa im Kontext von Beratungsgesprächen). Es sei aber an dieser Stelle auf die ausführlichen theoretischen und praktischen Darstellungen zur rekursiven Informationsschöpfung von Deissler (1986) verwiesen.
[34]Die drei Funktionen gehen stufenweise ineinander über, indem die Inspektion eine beschreibende Verständigung voraussetzt und Reflexion der genauen Untersuchung im Rahmen der Inspektion bedarf. Von der Beschreibung bis zur Reflexion erhöht sich der Komplexitätsgrad von Gesprächen, wobei auch die Anforderungen an die Interpretation höher werden. Im Fall eines deskriptiven Interviews ist noch eine reduktive Zusammenfassung der manifesten Inhalte möglich (etwa eines Expert*innengesprächs; siehe die Themenanalyse in Abschnitt 5.4; oder die Zusammenfassung des manifesten Inhalts, ohne diese zu interpretieren; siehe Abschnitt 5.5). Inspektive und reflexive Gespräche dagegen bedürfen aufwendiger Analyseverfahren (siehe Abschnitte 5.1, 5.2 oder 5.3).
2.4Beispiel einer Forschungsarbeit mittels qualitativer Interviews
Bisher waren die Ausführungen eher abstrakt gehalten, um die Grundlagen einer qualitativ orientierten Forschungsstrategie unter besonderer Berücksichtigung von Gesprächsanalysen als zentrale Methode herauszuheben. Dieser Abschnitt soll nun exemplarisch vorführen, wie sich die Grundlagen qualitativer Forschung in die Forschungspraxis übersetzen lassen. Der Fall einer an der Schnittstelle zwischen autonomer Forschung und Auftragsforschung angesiedelten interpretativen Unternehmensanalyse (vgl. dazu auch Lueger 1997) wurde gewählt, um auch jene Schwierigkeiten zu verdeutlichen, die bereits im Zuge der Formulierung einer Forschungsfrage auftreten können. Darüber hinaus zeigt das Design, wie trotz ungünstiger Bedingungen (etwa kein größeres Forschungsteam, starkes Misstrauen seitens des Forschungsfeldes) eine sinnvolle Analysestrategie entwickelt werden kann. Die zusammenfassende Darstellung der Durchführung der Studie erfolgt entlang der oben vorgestellten Forschungsphasen.
a)Die Planungsphase als Aushandlung der Forschungsthematik
Den Ausgangspunkt der Studie bildeten zwei verschiedene Erkenntnisinteressen: Forschungsseitig griff die Studie eine grundlagentheoretische Fragestellung nach den Bedingungen und Möglichkeiten von sozialer Ordnung in Organisationen im Kontext alternativer Sicht- und Handlungsweisen auf. Die Analyse sollte sich daher mit der Analyse von Kommunikationsbeziehungen, den spezifischen sozialen Konstruktionsweisen von Wirklichkeit im Unternehmen und den kommunikativen Steuerungsmechanismen beschäftigen, die soziale Ordnung im Unternehmen erzeugen, erhalten oder verändern. Damit wurde eine grundlagenthematische Fragestellung aufgegriffen, die sich in Form einer fallorientierten Analyse der sozialen Logik in einer Organisation hervorragend für eine qualitative Analyse eignet. Zwei Kriterien wurden auf die Auswahl des Falles angelegt: Erstens sollte es sich um ein größeres Unternehmen handeln, um eine komplexe Dynamik untersuchen zu können; zweitens sollte es sich um ein Unternehmen mit deutlich hervortretenden Konflikten handeln.
[35]Im Verlauf der Suche nach einer geeigneten Organisation wurden Gespräche mit einem Vorstandsmitglied eines größeren Produktionsunternehmens geführt, das von sich aus ein spezifisches Organisationsinteresse vorbrachte: Das Unternehmen laborierte – so die von den Vorstandsmitgliedern geteilte Sichtweise – an einem massiven Kommunikationsproblem zwischen Vorstand und Belegschaft. Die Belegschaft misstraute den Vorstandsinformationen, was von ausgeprägten Verständigungsproblemen und Konflikten mit enormen Reibungsverlusten begleitet war. Versuche, die Information besser zu strukturieren und mehr Informationen zu geben, haben die Beziehung zwischen Vorstand und Belegschaft jedoch weiter verschlechtert. Die Auftragsidee war nun, eine Kommunikationsstrategie zu entwickeln, die es ermöglicht, Informationen im Unternehmen so zu verbreiten, dass sie von der Belegschaft als zuverlässig akzeptiert werden.
Damit ist ein Basisproblem interpretativer Organisationsforschung angesprochen: Die Akzeptanz dieser Sichtweise des Vorstandes würde heißen, dass man (a) die Problemdefinition des Vorstands übernimmt, (b) eine rein technische Natur des ‚Kommunikationsproblems‘ unterstellt und (c) auch gleich die Lösung für das Problem (geschicktere Kommunikationsstrategie) billigt. Eine solche Vorgangsweise wäre sozialwissenschaftlich unergiebig, weil man in diesem Fall nur externe Expertisen zu bemühen bräuchte, aber nichts über die Bedeutung des ‚Kommunikationsproblems‘, die Sichtweisen der Belegschaft, den Prozess des Entstehens und des Erhaltens des ‚Problems‘ erfahren würde. Dies käme einer einseitigen Instrumentalisierung der Forschung durch den Vorstand als Auftraggeber gleich. Damit war klar, dass man zu einer gemeinsamen Definition des Auftrags gelangen musste, welche den Ansatzpunkt für das ‚Problem‘ umdefiniert und der Forschung einen entsprechenden Freiraum gewährt, um auch das grundlagentheoretisch fokussierte Phänomen in seiner Vielfalt erfassen zu können. Die in der Folge ausgehandelte gemeinsame Fragestellung redefinierte das Ausgangsproblem des Vorstands so, dass sie sowohl dem Forschungsinteresse als auch dem Auftragsinteresse entgegenkam: Im Rahmen des Projekts sollte untersucht werden, welche Organisationsdynamik hinter den Spezifika der organisationsinternen Kommunikation steht. Dies sollte die Forschung aus einer politischen Funktion heraushalten, nämlich die Lösung für ein definiertes Problem zu liefern und dadurch die vorgegebene Problemdefinition und Problemlösung zu legitimieren. Die Forschung bot ‚nur‘ an, zu verstehen, warum und für wen das Problem ein solches ist, was dahinter stecken könnte und wo daher Ansatzpunkte zu finden sind, die eine adäquate Bewältigung des wahrgenommenen Problems versprechen.
Die Forschung wurde von zwei Personen durchgeführt. Diese Konstellation erforderte bereits in der Planung zwei Vorkehrungen für eine seriöse Abwicklung der Studie: (a) Eine spezifische Aufgabenverteilung, um die Durchführung der Erhebung wie auch die Interpretation des Materials abzusichern. Dies ließ sich nur umsetzen, indem eine Person schwerpunktmäßig die Gesprächsdurchführung übernahm, die zweite Person jedoch die Interpretation. In der Organisierung der [36]Orientierungsphase spielte darüber hinaus die unternehmensinterne Vermittlungsperson eine wichtige Entlastungsrolle. (b) Zusätzlich erhöhte ein externes Forschungsumfeld (in diesem Fall andere Forscher*innen, die für eine intensive Diskussion sorgten) das Forschungspotenzial und übernahm partiell Supervisionsfunktionen.
Methodisch wurde (neben Artefaktanalysen und begleitenden Beobachtungen) das Hauptaugenmerk auf Gesprächsanalysen gelegt, weil diese die Ansichten der Beteiligten einer diskursiven Betrachtung erschließen. Aufgrund der Bedeutung der Analyse von Kommunikationsprozessen und der sozialen Konfliktdynamik bei dieser Thematik sollten Gesprächsrunden mit mehreren Teilnehmer*innen die wichtigste Erhebungskomponente bilden.
b)Die Organisierung der Orientierungsphase
Grundsätzlich kann man sich bei einer solchen Thematik nicht auf externes Wissen verlassen, sondern es ist notwendig, das Wissen der Mitarbeiter*innen, d. h. die feldinternen Expertisen, für die Studie fruchtbar zu machen. In diesem Sinne wurde bereits im Vorbereitungsstadium der Studie mit dem Auftraggeber die Möglichkeit ausgehandelt, mit allen Mitarbeiter*innen (deren Einverständnis vorausgesetzt) Gespräche zu führen, ohne dass die Unternehmensführung in die Organisierung der Gespräche interveniert. Für die Forschung sind grundsätzlich alle Mitarbeiter*innen, egal ob Vorstand oder Mitarbeiter*innen auf unterster hierarchischer Ebene, gleichberechtigte Gesprächspartner*innen, die sich nur durch ihre spezifische Expertise unterscheiden.
Interpretative Sozialforschung geht davon aus, dass die Ergebnisse der Forschung nicht nur vom analysierten Gegenstand, sondern auch vom Zugang der Forschung zum Gegenstandsbereich abhängen. Die Positionierung der Forschung im Unternehmen ist daher ein besonders sensibler Punkt, weil sie jene Zuschreibungen beeinflusst, mit denen Forscher*innen im Unternehmen belegt werden (z. B. Abgesandte des Vorstandes) und die nachhaltige Effekte auf die Forschungsarbeit haben können (z. B. Kooperationsbereitschaft, Gesprächsklima). Deshalb wurden für die hier thematisierte Studie drei Positionierungselemente berücksichtigt:
•Es wurde ein Organisationsmitglied als Koordinationsstelle zwischen Forschung und Unternehmen gesucht. Diese Person sollte drei Anforderungen erfüllen: (a) aufgrund des Konfliktes zwischen Vorstand und Belegschaft sollte sie strukturell vom Vorstand distanziert sein (Abkoppelung der Forschung vom Vorstand als Auftraggeber); (b) sie sollte das Unternehmen zumindest grob überblicken und über relativ gute Kontakte zu möglichst vielen Unternehmensbereichen verfügen (feldinterne Reflexionsexpertise); (c) sie sollte nicht in aktuelle Konfliktlinien involviert sein (organisationsinterne Akzeptanz). Der letztlich ausgewählte Koordinator fungierte als zentrale Anlaufstelle für das Forschungsteam, verhandelte Forschungsentscheidungen und organisierte im Unternehmen die Forschungsaktivitäten.
•[37]Aufgrund der Konfliktsituation wurde allen an der Untersuchung teilnehmenden Personen Anonymität zugesichert. In diesem Sinne bezogen sich die Analyseergebnisse ausschließlich auf Strukturen und Prozesse der Organisation (und nicht auf Personen). Diese Anonymität wurde aufgrund der angespannten Situation (Konkurrenzprobleme am Markt) auch dem Unternehmen zugesichert.
•Um darüber hinaus Vertrauen zu gewinnen, wurde ausgehandelt, dass alle Mitarbeiter*innen die Möglichkeit bekommen, über die Ergebnisse informiert zu werden (Feedback). Als vertrauensbildende Maßnahme sollte dies eine einseitige Verfügung über die Ergebnisse verhindern.
Als erste Informationsbasis fungierten die mit dem Vorstand geführten Aushandlungsgespräche über die Forschungsarbeit, weil die Problemsicht und die Vorstellungen über mögliche Ergebnisse bzw. Problemlösungsstrategien wichtige Erkenntnisse über organisationsinterne Prozesse versprachen. Diese Gespräche fokussierten die Beziehungen zwischen verschiedenen (weltweit verstreut tätigen) Betrieben und internen Bereichen, wobei die Entwicklung des Gesamtunternehmens, die Geschäftsaktivitäten, die Unternehmensstrategien und die spezifische Problemlage im Unternehmen im Zentrum standen (feldinterne Reflexionsexpertise aus der Perspektive der Unternehmensleitung).
Als Informationsbasis zur Projektdurchführung fungierten Gespräche mit dem Koordinator als feldinterner Reflexionsexperte. Das Erstgespräch mit diesem erfüllte drei Funktionen: Erstens wurde das vorgesehene Projekt ausführlich besprochen; zweitens vermittelte dieses Gespräch eine Orientierung über die Struktur, die internen Differenzierungen und Besonderheiten der Organisation; drittens erfolgte eine Absprache über die konkrete Durchführung (mögliche Ansprechpersonen). Thematisiert wurde hierbei, worauf man achten könnte oder mit wem man sprechen müsste, wenn man das Geschehen in der Organisation und deren Funktionsweise verstehen will. Auch in den weiteren Gesprächen mit diesem Koordinator stand das unternehmensinterne Reflexionswissen im Zentrum, allerdings nunmehr zentriert auf die Beziehungen zwischen den Organisationseinheiten. Die Analyse dieser Gespräche diente dem ersten Basisverständnis und bereitete die weiteren Gespräche für den ersten Zyklus der Hauptforschungsphase vor.
c)Die Vorgangsweise in der Hauptforschungsphase
•Erster Zyklus: Auf der Grundlage der ersten Analyseergebnisse wurde mit dem Koordinator eine Vorgangsweise ausgehandelt, um entsprechend dem jeweiligen Analysestand nach bestimmten Kriterien Gesprächsrunden zu organisieren, die feldinterne Handlungs- und Reflexionsexpertisen betrafen. Solche Kriterien waren auf der Ebene von Handlungsexpertisen etwa Verbindungen in einem spezifischen Handlungsfeld oder direkte Kooperationsbeziehungen. Zur Aktivierung feldinterner Reflexionsexpertisen wurden in Einzel- und Mehrpersonengesprächen Organisationsmitglieder einbezogen, [38]die Schnittstellen zum unternehmensrelevanten Umfeld oder innerhalb der Organisation besetzten. Mit dieser Vorgangsweise sollten organisationsinterne Beziehungsstrukturen bereits in die Gesprächszusammenstellung eingehen. Konsequenterweise boten die Schilderungen, wie die Teilnehmer*innen einer Gesprächsrunde zu dieser gestoßen sind, den Gesprächseinstieg, um so die Kommunikationsbeziehungen in der Organisation zu (re-)konstruieren.
Im Sinne des theoretischen Samplings (vgl. Glaser/Strauss 2010: 61ff.) wurde dem weiteren Analysefortschritt gemäß versucht, verschiedene für das Verständnis der Organisationsdynamik jeweils sensible feldinterne Expertisen in den Gesprächen zu aktivieren: Beispielsweise fanden Gesprächsrunden mit Mitarbeiter*innen von Betrieben statt, die erst vor kurzer Zeit zum Unternehmensverbund gestoßen waren (Neulinge, Außenseiter), mit Mitarbeiter*innen alter Kernbereiche des Unternehmens (Unternehmenstradition), mit Mitarbeiter*innen in ausführenden Tätigkeiten (Ausloten der Stimmung) und mit besonders exponierten Führungskräften (Konfliktpositionen).
Den analytischen Kernbereich bildete in diesem Zyklus die Ermittlung der zentralen Konfliktlinien und der diesen zugrundeliegenden organisationalen Differenzen. Ferner wurde untersucht, woran sich die verschiedenen Gruppen im Unternehmen orientieren und wie sie ihre jeweils spezifische Argumentations- und Handlungsorientierung aufbauen. Die Gespräche dieser Phase blieben sehr offen, um einen möglichst gründlichen Überblick zu bekommen.
Zweiter Zyklus: Nach dieser ersten Phase der Gesprächsführung und Interpretation wurden nach einem Zwischenschritt zur Forschungsreflexion Gesprächsrunden für eine zweite Analysephase zusammengestellt, die nunmehr drei Funktionen erfüllen sollte: (a) die Ergänzung im Sinne der Differenzierung und der Überprüfung der Verlässlichkeit von bis dahin erhobenen Perspektiven und Interpretationen; (b) die Präzisierung der Dynamik der Auseinandersetzung zwischen den beiden im ersten Zyklus identifizierten Unternehmensphilosophien; (c) die verstärkte Orientierung an den Handlungsweisen der Organisationsmitglieder.
Im Gegensatz zum ersten Zyklus bildete nunmehr die Berücksichtigung struktureller Ähnlichkeiten im Sinne des theoretischen Samplings die zentrale Auswahlstrategie, um die Plausibilität der bisherigen Argumentation zu überprüfen. Die Gespräche dieses Zyklus zentrierten sich zunehmend auf die Wirkungen der Organisationsphilosophien im Unternehmen. Darüber hinaus wurde bei der Auswahl der Gesprächspartner*innen verstärkt darauf geachtet, ob sie in den Gesprächsrunden innerhalb einer Unternehmensphilosophie oder übergreifend zusammengesetzt wurden. Dazu kamen Mitarbeiter*innen aus Arbeitsbereichen, die entweder im Zentrum des Konfliktes standen oder sich in neutraler Distanz dazu hielten. Aufgrund der unterneh-[39]mensinternen Kommunikationsbarrieren zwischen manchen Bereichen verfügten die Gesprächspartner*innen in all diesen Fällen über ein hochspezialisiertes Handlungs- und Reflexionswissen.
•Dritter Zyklus: Neben letzten unternehmensinternen Klärungen wurden in diesem Zyklus nun auch externe Expertisen in Anspruch genommen, weil sich aufgrund der Analyse zwei Kontextbereiche als besonders relevant für das Verständnis des Falles erwiesen: ein Gespräch mit einem Branchenexperten (Erkundung der Branchenentwicklung) und ein Gespräch mit einem Experten für Finanzierungsfragen, weil diese Punkte in den Konflikten eine gewichtige Rolle spielten. Diese Gespräche sollten die spezifischen Rahmenbedingungen der Konfliktgenese und die Einbindung des Unternehmenskontextes in die Organisationsdynamik der Untersuchung zugänglich machen.
Insgesamt ist bei diesem Forschungsdesign festzuhalten, dass deutlich mehr Gespräche geführt wurden, als tatsächlich einer extensiven Sinnauslegung unterzogen werden können. Dies hat vorrangig zwei Gründe:
•Erstens ist es aus Gründen der Qualitätssicherung nötig, möglichst vielfältiges Material zu generieren, um eventuelle Abweichungen oder Besonderheiten in der Organisation aufspüren zu können. Gerade in den abschließenden Forschungsphasen ist es wichtig, jene Stellen zu sondieren, die den Ergebnissen widersprechen könnten.
•Zweitens wird in den Gesprächen auch Beziehungsarbeit geleistet; das gelingt aber nur, wenn man auf breiterer Ebene den Kontakt sucht.
Da aber faktisch immer nur wenige Interviews einer ausführlichen Analyse unterzogen werden, wurden die in Kapitel 5 angeführten Grundregeln berücksichtigt: Die Basis für die ausführliche Analyse bildete ein Aushandlungsgespräch mit dem Vorstand und ein Vorbereitungsgespräch mit dem Koordinator. Ausschnitte dieser Gespräche wurden Feinstrukturanalysen (siehe Abschnitt 5.1), die Gesamtgespräche einer Systemanalyse (siehe Abschnitt 5.2) unterzogen. Während im ersten Zyklus Feinstrukturanalysen insbesondere für die Untersuchung von Einstiegsphasen von Gesprächen sowie von Schlüsselstellen oder Resümeephasen ein zentrales Analyseverfahren bildeten, standen im zweiten und dritten Zyklus eher Systemanalysen sowie Themenanalysen im Vordergrund. Ein Schlüsselelement bei der Analyse bildete generell die Variation der Perspektiven, indem man verschiedene Sinnhorizonte organisationalen Wissens kontrastiert und daraus Normalitätsfolien für unterschiedliche Kollektive von Akteur*innen ermittelt, um auf diese Weise das Zusammenspiel sehr verschiedener Handlungsstrategien zu erkennen. Die systematische Differenzierung in unterschiedliche feldinterne Handlungs- und Reflexionsexpertisen macht es möglich, die Dynamik wechselseitiger Koordination zu verstehen.
Die Gespräche mit externen Expert*innen wurden entweder einer Themenanalyse unterzogen (siehe Abschnitt 5.4) oder einfach in Hinblick auf die manifes-[40]ten Aussagen zusammengefasst (siehe Abschnitt 5.5) und keiner weitergehenden Sinnauslegung unterzogen.
d)Ergebnisse der Studie
Im letzten Schritt bleibt zu klären, zu welchen Erkenntnissen diese methodische Vorgangsweise führte. Diese Frage soll abschließend auf drei Ebenen kurz erläutert werden:
•Die Studie konnte nachweisen, dass das ursprüngliche Interesse seitens des Unternehmens, nämlich eine elaborierte Informationsstrategie zu entwickeln, an einem völlig falschen Punkt angesetzt hatte. Da im vorliegenden Fall das Vertrauen zwischen dem Vorstand und der Belegschaft zerstört war, wurden alle Initiativen in ein spezifisches Organisationsverständnis integriert, das alle Versuche des Vorstands zur Informationsverbesserung vor einem negativen Szenario interpretierte und den Widerstand der Belegschaft weiter befeuerte. Allerdings konnte die Studie zeigen, wie dieses Misstrauen als Problemhintergrund entstand und welche Ereignisse und Handlungsweisen es erhalten und stabilisieren (Ansatzpunkte für die Bewältigung).
•Auf wissenschaftlicher Ebene ergaben sich eine Reihe von Ergebnissen mit grundlagentheoretischer Bedeutung: So zeigte die Analyse beispielsweise, wie die alltagspraktische Interpretation der Geschehnisse im Unternehmen eine Eigendynamik gewinnt, die sich der Kontrolle der Akteur*innen weitgehend entzieht. Die im Entwicklungsprozess ausgebildete Polarisierung zwischen zwei verschiedenen Sichtweisen des Unternehmens führte so weit, dass in manchen Bereichen eine Verständigung aufgrund der kontextuell ausdifferenzierten Bedeutungshorizonte kaum mehr möglich war. Damit lässt sich erklären, warum und wie sich ganze Unternehmensbereiche wechselseitig nachhaltig in ihrer alltäglichen Arbeit blockierten, obwohl alle Beteiligten mit enormem Engagement zum künftigen Erfolg des Unternehmens beitragen wollten. Die Studie machte darüber hinaus deutlich, wie ein lang anhaltender Erfolg zu einem massiven Entwicklungshemmnis werden kann. In diesem Zusammenhang ergaben sich auch wichtige Erkenntnisse über Lernprozesse in Organisationen, wobei diese Erkenntnisse einen blinden Fleck ähnlicher Untersuchungen beleuchten, dass nämlich der Erwerb von Abwehrstrategien einen wichtigen Schutzmechanismus der Belegschaft bildet und einen zentralen Lernbereich in Organisationen darstellt.
•Darüber hinaus konnten auch methodische Erkenntnisse zur Durchführung solcher Analysen gewonnen werden: In Konfliktfeldern, so zeigte beispielsweise die Dynamik des Forschungsprozesses, verändern sich mit dem Fortschreiten der Erhebung die Zugangsbedingungen zum Feld. So waren am Beginn die Rahmenbedingungen durch Abwehr geprägt, welche die Ausgrenzungsstrategie im Unternehmen reproduzierte. Mit der Herstellung der ersten halbwegs vertrauensvollen Beziehung schlug dieses Misstrauen in große Offenheit um, wofür zwei Aspekte mitentscheidend waren: Forsch-[41]er*innen agieren organisationsintern gleichsam grenzüberschreitend, wissen daher innerhalb kurzer Zeit mehr (bzw. Anderes) über bestimmte (vorrangig ‚grenzüberschreitende‘) Vorgänge im Unternehmen als die Gesprächspartner*innen selbst. Die Zustimmung zu einem Gespräch produzierte einen Druck auf Offenheit, weil die Gesprächspartner*innen (gerade aufgrund der massiven Kommunikationsbarrieren im Unternehmen) nicht wissen konnten, was die Forscher*innen bereits wissen und was nicht, aber annehmen konnten, dass sie über eine Fülle an Informationen verfügten. Letztlich reagieren die Gesprächsteilnehmer*innen auf ihre direkten oder indirekten Erfahrungen in Hinblick auf die Seriosität der Forscher*innen.
Mehrere Punkte sollten an dieser Stelle noch festgehalten werden: (a) Es ist wichtig, Problemdefinitionen, die an die Forschung herangetragen werden, nicht einfach zu übernehmen, sondern kritisch zu hinterfragen. (b) Wissenschaftliche und praktische Erkenntnisinteressen können deutlich auseinanderklaffen und sollten daher klar voneinander getrennt werden. (c) Man sollte die meist ausgeprägte Heterogenität des Feldes berücksichtigen, um für die Forschung angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen, und sich nicht vorschnell von einer Gruppe instrumentalisieren lassen. (d) Jede Forschungsarbeit sollte auch einer methodischen Reflexion unterzogen werden.
[42]
3Praktische Hinweise zur Gesprächsdurchführung
Gespräche, egal ob eher formell als Interviews oder eher informell geführt, sind Situationen, in welchen gemeinsam die Sichtweisen der Wirklichkeit verhandelt werden. Insofern kann man sie als einen interaktiven Aufbau sozialer Verstehensweisen im Sinne von Ko-Konstruktionen bezeichnen. Die bislang unter grundsätzlichen Aspekten behandelten Anforderungen an solche Gespräche sind mittels eines forschungspragmatischen – d. h. an den Forschungsbedingungen angepassten, anwendungsbezogenen – Zugangs umzusetzen. Diesbezüglich kommen drei Besonderheiten für solche Gespräche zum Tragen (dies gilt auch für die in Kap. 5 beschriebene Interpretation):
•Sie orientieren sich an den grundlegenden methodologischen Anforderungen einer interpretativen Sozialforschung (siehe Kap. 7);
•sie dienen der Analyse sozialer Systeme und stellen dabei sozialwissenschaftliche Gesichtspunkte in den Vordergrund;
•sie liefern Textprotokolle, die sich für die (Re-)Konstruktion objektiv-latenter Sinnstrukturen sozialer Systeme eignen.
Die in den folgenden Abschnitten nachlesbaren Hinweise sind nicht als Vorschriften misszuverstehen, sondern sollen die Gesprächsgestaltung erleichtern und bewusstmachen. Es geht nicht darum, ,Interviewfehler‘ zu verhindern und die Situation völlig kontrollierbar zu machen (dies ist unmöglich, weil die interviewende Person durch ihre Fragen, Bemerkungen oder auch durch bloßes aufmerksames Zuhören aktiv am Gespräch beteiligt ist; überdies soll die Eigendynamik solcher Gespräche nicht verhindert, sondern im Gegenteil gefördert werden). Es geht vielmehr darum, die Gesprächsstrategie so zu wählen, dass sie angesichts des Erkenntnisinteresses, des Forschungsgegenstandes und der sozialen Situation während der Erhebung die anschließende Interpretationsarbeit nicht unnötig erschwert. Daher gilt es, massive Eingriffe durch die Interviewer*innen und grobe Störungen des Gesprächsflusses zu vermeiden. Darüber hinaus sollen die Hinweise eine intensive Reflexion des Untersuchungsprozesses anregen, weil diese wertvolle Beiträge zum Verständnis sozialer Systeme liefern kann. Sollten hier ‚Ungereimtheiten‘ auftauchen, so bedürfen diese der Interpretation.
3.1Varianten der Gesprächsführung
In der Literatur zur Interviewführung findet sich eine fast unüberschaubare Fülle von unterschiedlichen Verfahren zur Gesprächsführung (Überblicke vgl. z. B.: Gillham 2005; Gubrium/Holstein 2003; Kruse 2015; Kvale/Brinkmann 2015; Gubrium et al. 2012), allerdings meist ohne eine Diskussion darüber, unter welchen Bedingungen man eine Entscheidung über eine konkrete Vorgangsweise trifft. In der Forschungspraxis entsteht manchmal der Eindruck, als würde man einmal angeeig-nete Verfahren für alle Forschungsfragen nutzen und im besten Fall geringfügig modifizieren. Nur ist nicht jedes Verfahren gleichermaßen für alle Forschungszwecke geeignet. Vielmehr ist in Hinblick auf den Forschungsgegenstand zu überlegen, welches Wissen man mit solchen Gesprächen bei den befragten Personen generieren möchte, inwiefern das Setting ein wichtiger Faktor der Gestaltung eines solchen Gesprächs sein könnte und mit welchen Verfahren man das auf diese Weise generierte Material vor dem Hintergrund des Forschungsinteresses sinnvoll interpretieren kann. Insofern befasst sich der folgende Abschnitt zunächst mit Entscheidungskriterien bezüglich wesentlicher Grundsätze der Gesprächsführung. Anschließend werden einige in der Literatur angesprochene Grundtypen von Interviewverfahren zumindest kurz thematisiert. Das bietet einen ersten Überblick über die Variabilität von Verfahren und damit einen Einstieg in die weiteren Überlegungen zur Entwicklung einer geeigneten Gesprächsstrategie. Insofern finden sich auch hier Anregungen zur Modifikation der in Abschnitt 3.4 angeführten Gesprächsphasen, um die Vorgangsweise an die aus dem Forschungsinteresse und dem Forschungsgegenstand resultierenden Anforderungen anzupassen.
3.1.1Entscheidungskriterien zur Gesprächsführung
Gesprächsaussagen sind immer (re-)konstruktive Darstellungen von Sachverhalten, die meist außerhalb der jeweiligen Gesprächssituation liegen, auf die konkrete Gesprächsdynamik abgestimmt sind und damit nicht mit den dargestellten Sachverhalten zu verwechseln sind (vgl. Honer 2003). Es verhält sich so, wie mit der berühmt gewordenen Pfeife von René Magritte: Er notierte unter das von ihm gemalte Bild einer Pfeife, dass dies keine Pfeife sei. Man braucht ja nur zu versuchen, diese Pfeife zu rauchen. Es gibt also Pfeifen in der Welt da draußen, die man rauchen kann; es existiert die Darstellung einer Pfeife, wie Magritte sie uns zeigt (sie muss nicht mit einer konkreten Pfeife übereinstimmen und vermutlich hätte sie ein/e Vertreter*in des Expressionismus oder des Kubismus anders dargestellt); und wir haben eine Vorstellung einer Pfeife, weil wir gelernt haben, welche Gegenstände wir mit diesem Begriff bezeichnen (dieser Begriff bezieht sich auf keine konkrete Pfeife, sondern auf die Gegenstandskategorie, die man als Pfeifen bezeichnen kann). Was also Menschen erzählen, ist eine Umarbeitung der äußeren Welt: also wie sie diese erleben, darstellen, dabei bezeichnen und bei anderen eine Vorstellung auslösen, die nicht mit dem Gemeinten übereinstimmen muss. Die Art, wie sie das tun, ist nicht zufällig oder beliebig, sondern sie haben sie sich während ihrer Sozialisationsgeschichte, auf Grundlage ihrer Erfahrungen im Zuge der Auseinandersetzung mit der Welt und in Interaktionsbeziehungen mit anderen angeeignet. Will man diese Welt erkunden, so muss man dabei eine Reihe von Entscheidungen treffen: Will man wissen, was die Person zu bestimmten Sachverhalten oder ihren Erlebnissen erzählt? Will man bestimmte Fragen beantwortet haben? Möchte man wissen, was für die Person wichtig ist und wie sie die Welt erlebt und beschreibt? Möchte man hören, wie eine Person in Anwesenheit anderer redet oder wie sie abgeschottet von ihrem sozialen Umfeld argumentiert? Möchte man wissen, was die Person dazu bringt, auf eine [44]bestimmte Weise zu sprechen, um die Hintergründe für die Aussagen zu erkunden? Bei all diesen Fragen spielen drei Dimensionen eine besondere Rolle: das Wissen, an dem man interessiert ist; das Setting, in dem man das Gespräch führt und damit einen spezifischen Kontext für die Argumentation schafft; die Art, wie man anschließend mit dem Material umgeht (vgl. Lueger/Froschauer 2018b).
a)Entscheidungskriterium Wissen
Im Zentrum steht bei diesem Kriterium die Frage, welches Wissen bei den befragten Personen aktiviert werden soll, wobei sich je nach Forschungsinteresse unterschiedliche Ansatzpunkte ergeben:
•Zur Vorbereitung einer Studie werden häufig mit dem Gegenstandsbereich befasste externe Expert*innen herangezogen, um deren Erfahrungen und Kenntnisse zu einem Themenbereich zu erkunden. Indem man ihr Wissen für eine Studie nutzt, kann man nicht nur den Blickwinkel erweitern, sondern sich auch für das Forschungsfeld sensibilisieren. Oder man kann deren Darstellung heranziehen, um zu erkunden, wie verschiedene Expert*innen (etwa aus verschiedenen Disziplinen) an den Forschungsgegenstand herangehen, welche Schlussfolgerungen sie ziehen und wie sich daraus ihre besondere Sichtweise herauskristallisiert. Expert*inneninterviews sind dafür eine angemessene Strategie der Gesprächsführung (vgl. z. B. Bogner/Littig/Menz 2009; Bogner/Littig/Menz 2014; Kaiser 2014).
•In vielen interpretativ orientierten Studien steht zumindest ein Ausschnitt der Lebenswelt der Befragten im Zentrum, den man aus deren Perspektive verstehen möchte. Für diese perspektivische Betrachtung ist es unabdingbar, den Gesprächspartner*innen einen möglichst großen Gestaltungsspielraum für ihre Darstellung zu übertragen. Entsprechend bieten sich dafür narrative und offene Strategien der Gesprächsführung an (vgl. z. B. Schütze 1977; Glinka 2016).
•Ethnografische Studien rücken die umfassende Beschreibung der sozialen Welt unter besonderer Berücksichtigung der praktischen Erzeugung von Wirklichkeit sowie der Ordnung sozialer Interaktionen im lebensweltlichen Kontext in das Zentrum des Interesses. Folglich ist es bei der Durchführung von Interviews wichtig, die Aufmerksamkeit der Gesprächspartner*innen darauf zu lenken, welche kulturellen Überzeugungen sie hegen und wie sie ihre Vorstellungswelt erzeugen. Dafür bieten sich ethnografische Gespräche oder andere offen gehaltene Gesprächsführungsstrategien an (vgl. z. B. Spradley 2016; Skinner 2014).
•Interessiert man sich für spezifische und eng gefasste Themenbereiche oder für offene Fragen in einem Forschungsprojekt, so sind problem- oder themenzentrierte Interviews ein angemessener Zugang. In solchen Fällen besteht die Kunst der Gesprächsführung in der Fokussierung auf einen konkreten Gegenstandsbereich, ohne diesen zu stark zu prädeterminieren (vgl. z. B. Witzel/Reiter 2012; Witzel 1985).
•[45]Individuelle Entwicklungsverläufe zur Erkundung von Biografien forcieren die Betrachtung und rückblickende Reflexion der Befragten. In diesem Fall bieten sich narrative und offene Formen der Gesprächsführung an, die sich auf die Darstellung der eigene Biografie und deren Interpretation durch die Befragten konzentrieren (oder diese aus der Perspektive des sozialen Umfeldes beschreiben) und dafür das Gespräch auf die Entwicklung der Lebenslage sowie die damit einhergehenden Ereignisse, Handlungen und Sichtweisen fokussieren (vgl. z. B. Atkinson 1998; Rosenthal 2015: 189ff.; Lutz/Schiebel/Tuider 2018: 525ff.).
•Im Kontext partizipativer Forschung oder von Aktionsforschung bildet die Aktivierung und Anregung der Gesprächspartner*innen eine wichtige Komponente der Gesprächsführung, geht es doch darum, die Befragten dabei zu unterstützen, ihren eigenen Möglichkeitsraum auszuloten und dabei die Selbstwirksamkeit der befragten Einzelpersonen oder Kollektive zu fördern. Dafür bieten sich bestimmte Settings (etwa Gruppen zur Anregung von Prozessen, Einzelpersonen zur Reflexion) oder spezifische Fragetechniken an (vgl. z. B. rekursives Fragen: Deissler 1986; Pfeffer 2004), um die Befragten zum kritischen Überdenken der Geschehnisse und zu alternativen Deutungen ihrer Situation anzuregen oder zu neuen Handlungsmöglichkeiten zu führen.
•Mitunter ist es sinnvoll, in Gespräche auch Materialien einzubringen oder diese im Zuge des Gesprächs herstellen zu lassen, um entweder den Fokus auf bestimmte Themen zu lenken, Strukturierungsleistungen anzuregen oder alternative, nicht verbale Darstellungsformen zur verwenden und diese zu diskutieren. Dafür bieten sich etwa Fotointerviews, Vignettengespräche oder verschiedene zusätzliche Darstellungsformen und entsprechende Unterstützungen an (vgl. z. B. Collier 1995: 245; Collier/Collier 1992: 99ff.; Miko-Schefzig 2019: 289ff.).
b)Entscheidungskriterium Setting
Das Setting eines Gesprächs ist deshalb nicht zu vernachlässigen, weil es massiv in die Gesprächsdynamik und in die Thematisierungsbedingungen der besprochenen Inhalte eingreift. Das rückt die Frage in das Zentrum, wie man die Gesprächssituation arrangiert, um möglichst viel über die Lebenswelt der befragten Personen zu erfahren. Je nach sozialem Setting werden unterschiedliche soziale Dynamiken aktiviert (etwa entsprechend den jeweiligen Gesprächsteilnehmer*innen), die Struktur des Interviews wird damit verändert (etwa durch wiederholte Gespräche), die Aufmerksamkeit wird ein Stück weit gelenkt (etwa nach Ort, medialer Vermittlung oder Sitzordnung) und auch die Besonderheiten der Gesprächspartner*innen (etwa Artikulationsfähigkeit) verdienen eine entsprechende Aufmerksamkeit. Insofern geht es darum, das für den jeweiligen Forschungsstand und das Erkenntnisinteresse sinnvollste Setting zu wählen:
•[46]Einzelgespräche bieten sich dann an, wenn ein besonderes Interesse an individuellen Sichtweisen oder Erläuterungen besteht. Solche Gespräche schotten die befragte Person weitgehend von Eingriffen dritter Personen ab und simulieren eine gleichsam geschützte Privatatmosphäre. Ein wesentlicher Vorzug einer solchen Gesprächsführung ist die starke Betonung der persönlichen Meinung, die ohne direkte externe Einflussnahmen (außer durch die interviewende Person) vorgebracht wird. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die soziale Relevanz der Aussagen vergleichsweise gering ist und die Isolierung von der Umwelt sowie strukturierende Eingriffe seitens der interviewenden Person besonders stark in das Gespräch intervenieren und durch die Fragen in eine bestimmte Richtung lenken. Deshalb sind im Zuge der Interpretation die gestellten Fragen oder andere Eingriffe in die Gesprächsführung jedenfalls zu berücksichtigen. Zur Erkundung latenter Sinnstrukturen bieten sich narrative, ethnografische und biografische Interviews an, während im Rahmen der Analyse manifester Inhalte eher problem- und themenzentrierte Gesprächsformen sinnvoll sind. Expert*innengespräche werden ebenfalls meist als Einzelgespräche geführt und bewegen sich je nach Zielsetzung zwischen den Polen einer offenen Erkundung des Expert*innenwissens und einer gezielten Abfrage des für die Forschung als nötig erachteten Fachwissens.
•Völlig anders sollten Gespräche angelegt sein, wenn die Analyse sozialer Dynamiken, die Erkundung kollektiver Sicht- und Handlungsorientierungen oder die soziale Relevanz von Aussagen den Kern des Forschungsinteresses bilden. Das gelingt besonders gut mit Mehrpersonengesprächen, die von der internen Gesprächsdynamik profitieren, weil die Teilnehmer*innen einen Teil ihrer Interaktion selbst organisieren und aufgrund ihrer unmittelbaren Präsenz aufeinander Bezug nehmen können (vgl. z. B. Loos/Schäffer 2001; Kühn/Koschel 2018; Bohnsack/Przyborski/Schäffer 2010). Allerdings ist in diesen Gesprächen die Zusammensetzung der Gesprächsrunde ein entscheidender Aspekt, weil sie die Art der Bezugnahmen massiv beeinflusst (etwa als Diskussion unter Gleichgestellten, zwischen verschiedenen hierarchischen Positionen, zwischen untereinander fremden oder bekannten Teilnehmer*innen). Solche Mehrpersonengespräche bieten sich dann an, wenn Gruppen, komplexe Sozialsysteme, Kooperationsbeziehungen oder soziale Prozesse untersucht werden.
•Eine spezifische Variante sind Fokusgruppengespräche, die in der Regel dafür herangezogen werden, um die Meinungen verschiedener Personen zu explizit angesprochenen Themen zu erkunden. Diese Form der Gesprächsführung weist häufig eine klare Themenzentrierung auf und wird ausgleichend moderiert, wobei für die Auswertung meist der manifeste Inhalt von entscheidender Bedeutung ist (vgl. z. B. Morgan 1988; Schulz/Mack/Renn 2012).
•[47]Longitudinalinterviews (vgl. z. B. Hermanowicz 2013) sind Gespräche, die mit denselben Personen über einen längeren Zeitraum hinweg geführt werden und einen Entwicklungsverlauf über mehrere Einzelgespräche hinweg betrachten. Das macht es möglich, im Rahmen von Längsschnittstudien Prozesse und Veränderungen in den Sicht- und Handlungsweisen zu verfolgen. Auch im Zusammenhang mit Biografieforschung ist ein solches Setting sinnvoll, um nicht nur die Geschichten weiter zu elaborieren, sondern auch um Zwischenphasen zur Reflexion einzuschalten.
•Aufgrund der Bedeutung der physischen Anordnung des Gesprächssettings ist es sinnvoll, den Gesprächsort sorgfältig zu wählen. Dabei geht es nicht immer darum, eine ruhige und ungestörte Gesprächsatmosphäre zu schaffen und damit das Gespräch vom Alltag abzusondern. In manchen Fällen ist es angebracht, genau dieses Umfeld einzubeziehen, um eine Nähe zum Forschungsgegenstand herzustellen. Wenn man also im Rahmen einer Organisationsanalyse möchte, dass die befragten Personen aus der Distanz über die Organisation reflektieren, so ist es sinnvoll, den Gesprächsort vom Arbeitsort zu trennen. Wenn man hingegen die Einbettung in den Arbeitsalltag stärker in den Vordergrund rücken möchte, ist das Gespräch im Arbeitsbereich mit all seinen Störungen und Besonderheiten zweckmäßig. Auch die Sitzordnung ist, falls man das steuern kann, zu berücksichtigen (etwa ein runder Tisch für offene Gruppengespräche, um die gleichberechtigte Teilnahme zu symbolisieren). Für Raumerkundungen kann es hilfreich sein, das Gespräch nicht lokal fixiert, sondern während eines gemeinsamen Rundgangs zu führen und sich dabei den Arbeitsbereich oder das spezifische Milieu erläutern zu lassen.
•Zu berücksichtigen sind in den Gesprächen auch spezifische Eigenheiten der befragten Personen. Das betrifft insbesondere die Sprachkompetenz, die bei vielen Personen aus unterschiedlichen Gründen eingeschränkt sein kann: etwa wenn Migrant*innen nicht in ihrer ursprünglichen Sprache kommunizieren und sich schwertun, ihre Sicht in einer fremden Sprache angemessen auszudrücken. Im Fall von Kindern ist es die spezifische Aufmerksamkeit, aber auch die Altersdifferenz, die ein Eltern-Kind-Verhältnis oder ein Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schüler*innen aufleben lassen und die Interaktion nachhaltig verändern. In Gesprächen mit dementen Personen ist auf die vielen Redundanzen aufgrund der veränderten Gedächtnisfunktion Bedacht zu nehmen. Grundsätzlich spielen solche Faktoren in jedem Gespräch eine Rolle – aber in Fällen wie den erwähnten sind sie massiv verstärkt und modifizieren entsprechend den Gesprächsverlauf.
•Letztlich sind auch Sonderformen des Settings zu berücksichtigen: In der Regel werden Forschungsgespräche face to face vor Ort mit Einzelpersonen oder mit mehreren Personen geführt. In manchen Fällen ist dies nicht möglich. In solchen Fällen können medial vermittelte Gespräche geführt werden. Allerdings sind dabei sowohl während der Erhebung als auch im Zuge der Inter-[48]pretation die Besonderheiten der jeweiligen Datensorte zu berücksichtigen. Während die Veränderungen der Gesprächsdynamik im Zuge von Skype-Interviews (Bild- und Tonübertragung) noch vergleichsweise gering sind, wenngleich hier das Setting sich auf den Bildausschnitt vor der Kamera zentriert (ausgeblendeter Kontext) sowie die Besonderheiten der Übertragung (etwa Bild- und Tonqualität) durchaus Irritationen verursachen können (vgl. z. B. Leinhos 2019), fehlt bei Telefoninterviews der visuelle Kontakt gänzlich. Generell schaffen solche Telefongespräche eine spezifische Form der Distanzierung, die den unmittelbaren situativen Kontext der Gesprächspartner*innen ausblendet (vgl. z. B. Schulz/Ruddat 2012). Führt man ein solches Gespräch mit mehreren Teilnehmer*innen, so stellt sich darüber hinaus das Problem der Identifikation der Gesprächspartner*innen. Besonders im telefonischen Kontakt zwischen fremden Personen erweist es sich meist als schwierig, in Mehrpersonengesprächen einzelne Teilnehmer*innen zu identifizieren, zu adressieren oder den Sprecher*innenwechsel zu organisieren. All das macht medial vermittelte Gespräche mit mehreren Personen nicht nur erhebungstechnisch zur Herausforderung, sondern kann auch die Transkription und Interpretation erheblich beeinträchtigen. Asynchrone Settings auf der Basis schriftlicher Kommunikation (vgl. z. B. James/Busher 2012) sind besonders einfach zu organisieren (einfache Dokumentation, keine räumlichen und zeitlichen Restriktionen), weisen aber höhere Ausfallsraten auf. Zudem sind sie keineswegs einfach zu interpretieren (außer in Hinblick auf den manifesten Inhalt), da die mediale Vermittlung die Bedingungen für die Formulierung der Aussagen weitgehend dem Einblick entzieht und auch die Art der Formulierung dadurch stark beeinflusst ist (allein oder mit bzw. von anderen geschrieben, spontan oder wohlüberlegt, ausformuliert oder nur knapp angedeutet). In all diesen Fällen muss die Analyse diese Besonderheiten dieser Textsorte berücksichtigen, also auch den spezifischen Kontext der Textproduktion einbeziehen.
c)Entscheidungskriterium Interpretation
Letztlich stellt sich die Frage, welche Erkenntnis man aus den Gesprächsmaterialien gewinnen möchte, also worauf man die Interpretation der Texte konzentriert. Idealtypisch geht es dabei um zwei Ausrichtungen:
•Genuin interpretative Forschungsarbeiten sind meist an den latenten Gehalten von Gesprächsaussagen interessiert, also was die Gesprächspartner*innen dazu bringt, sich auf eine bestimmte Weise zu äußern, dabei eine bestimmte Erzählform zu wählen, spezifische Themen in den Vordergrund zu rücken, oder wie sie auf andere Bezug nehmen. Da sich viele Strukturmomente in den Gesprächen entfalten, ohne bewusst von den Gesprächsbeteiligten eingebracht oder wahrgenommen zu werden, ist es wichtig, den Subtext zwischen den Zeilen zu verstehen. Damit dies möglich ist, müssen Gesprächsteilnehmer*innen die Chance erhalten, ihre Erzähllinien und Themen sowie die [49]Fokussierungen und Relevanzen nach ihrem eigenen Ermessen zu entfalten. Die Interviewführung konzentriert sich daher vorrangig auf die Weiterführung der Themen und die Schaffung eines für die befragten Personen angenehmen Gesprächsklimas. Dadurch wird die Analyse der Hintergründe der geäußerten Themen, des damit verbundenen Erfahrungshorizonts, der dabei aktivierten individuellen und kollektiven Wissensbestände, der Formen der Sprechpraxis, der verschiedenen Diskurspositionen oder der spezifischen Sichtweisen und deren Implikationen für den sozialen Kontext der befragten Personen ermöglicht. Insofern korrespondieren mit solchen Interpretationsstrategien vorrangig offene und narrative Formen der Gesprächsführung, weil sie die Strukturierung des Gesprächs durch die Befragten unterstützen.
•Den Gegenpol bilden jene Forschungsarbeiten, die sich vorrangig auf den manifesten Gehalt der Gespräche konzentrieren, also darauf, was die befragten Personen erzählen. Es geht also weniger um die Interpretation der Gespräche, sondern um deren Auswertung auf einer inhaltlichen Ebene. Richtet sich also das Erkenntnisinteresse auf die Meinungen der Gesprächspartner*innen oder die Erkundung der Aussagen zu spezifischen Themen, dann bieten sich vorrangig inhaltsanalytische Verfahren an (vgl. Mayring 2015; siehe auch Abschnitte 5.4 zur Themenanalyse und 5.5 zur Zusammenfassung manifester Inhalte), die sich meist an der Schnittstelle zu quantitativ orientierten Methodologien bewegen. Die dafür geeigneten Gesprächsformen sind daher in der Regel stärker auf jene Themen hin ausgerichtet, die für eine Studie als besonders relevant erachtet werden. Insofern sind hier problem- oder themenzentrierte Interviews, Fokusgruppeninterviews, manche Expert*innengespräche oder stark an Leitfäden ausgerichtete Gespräche angemessen (vgl. z. B. Gläser/Laudel 2010).
Vor diesem Hintergrund sind Erhebungsverfahren und Interpretationsverfahren aufeinander abzustimmen.
3.1.2Verfahren der Gesprächsführung
Die Entscheidung für eine Gesprächsstrategie sollte auf das Forschungsprojekt, den Forschungsgegenstand sowie auf die konkrete Forschungsphase abgestimmt sein. Bei der Recherche über mögliche Verfahren zeigt sich meist, dass etablierte Verfahren für ein spezifisches Forschungsvorhaben nur bedingt geeignet sind. Dennoch ist es sinnvoll, sich einen Überblick über gängige Verfahren zu verschaffen und deren Charakteristika zu betrachten, um ihre Besonderheiten besser einschätzen zu können und sich für Modifikationen zu sensibilisieren, die letztlich auch wieder zur Entwicklung einer angemessenen eigenen Gesprächsstrategie anhand der Ausführungen in Abschnitt 3.3 beitragen können. Aufgrund der Fülle der in der Literatur angeführten Interviewverfahren sowie der vielen Überschneidungen zwischen diesen können sie an dieser Stelle nur kursorisch und grob kategorisiert dargestellt werden. Dabei bilden offene und narrative Strategien in Einzel- und Mehrpersonenge-[50]sprächen den Kern interpretativer Forschungsstrategien und werden daher vergleichsweise ausführlich dargestellt. Um diesen Fokus sind auch die Abschnitte 3.2 und 3.3 aufgebaut. Allerdings zählen zur Bandbreite von qualitativ orientierten Interviews auch Gesprächsformen, die davon etwas abweichen. Das sind problem- oder themenzentrierte Gesprächsformen, die den Themenbereich stärker eingrenzen, Expert*innengespräche, die jeweils mehr oder weniger narrativ geführt werden können, sowie letztlich auch Sonderformen der Gesprächsführung, die zumindest kurz angesprochen werden sollten.
a)Offene und narrative Formen der Gesprächsführung
Sie gelten als Idealtyp eines Interviews im Zuge interpretativer Sozialforschung, welches besonders die Relevanzstrukturen der befragten Personen in das Zentrum rückt und ihnen dafür einen entsprechenden Freiraum anbietet. Narrative Interviews, wie Schütze (1977, 1987) sie konzipierte, widmen sich den Erzählungen über eigenerlebte Erfahrungen, die einen ganz spezifischen Blick auf die Prozesse, das Erleben, Handeln und Erleiden in der Welt der erzählenden Personen werfen. Dabei konturiert die spätere Verarbeitung gerade in biografischen Erzählungen die in der Vergangenheit aufgebauten Erfahrungsstrukturen (vgl. Schütze 1987: 14ff.). Exemplarische Anwendungsfelder waren ursprünglich Interaktionsfeldstudien (anhand derer Schütze das narrative Interview expliziert), die Analyse von Statuspassagen (wie sie in den frühen Untersuchungen der Grounded Theory zu finden sind) sowie biografische Interviews. Das Grundprinzip eines narrativen Interviews besteht darin, die befragten Personen zu ermutigen und dabei zu unterstützen, die eigenen Erlebnisse und Ereignisabläufe in einer Stegreiferzählung zu vermitteln. Dabei werden während des Erzählvorganges die Erfahrungsaufschichtungen der Ereignisse in der Gegenwart und in der Erzählsituation verlebendigt.
Der Grund für die Ergiebigkeit dieser Gesprächsform für die qualitative Sozialforschung liegt in den Besonderheiten der angestoßenen Erzählungen. Im Rahmen der retrospektiven Stegreiferzählung muss die befragte Person die Aufgabe bewältigen, die interviewende Person an der eigenen Geschichte teilhaben zu lassen. In diesen Stegreiferzählungen werden Zugzwänge wirksam, welche die Person dazu bringen, ihrer Geschichte eine Struktur zu geben, um sie nachvollziehbar zu machen, womit sie zugleich den besonderen Betrachtungswinkel der erzählenden Personen zum Ausdruck bringen: Das ist erstens der Zwang zur Kondensierung, denn angesichts der unendlichen potenziellen Detailfülle kann man nicht alles einbringen, weil dann die Geschichte nicht nur unendlich langwierig, sondern auch weitestgehend uninteressant wäre. Damit gibt die erzählende Person preis, was sie im Zusammenhang mit einer Geschichte als besonders relevant hält. Zweitens ist das der Zwang zur Detaillierung, weil die Geschichte in den Kernbestandteilen und deren Beziehungen zueinander dargestellt werden muss, damit andere die Bedeutung der Bestandteile erkennen können. Hier muss die erzählende Person erläutern, wie sie die Komponenten [51]zueinander verortet und welche Bedeutung sie ihnen zumisst. Drittens ist das der Zwang zur Gestalterschließung, weil die Geschichte gegen andere mögliche Sachverhalte und Verständnisweisen abgegrenzt werden muss, damit sie von anderen eingeordnet und nachvollzogen werden kann. Damit nimmt die Erzählung Bezug zu kognitiven Strukturen, die erst einen Sinnzusammenhang herstellen (vgl. Kallmeyer/Schütze 1977: 187ff.). In den Erzählungen müssen deshalb permanent Entscheidungen getroffen werden, die es letztlich im Rahmen der Interpretation erlauben, die Lebenswelt der befragten Personen nachzuvollziehen.
Die Grundstruktur der Gesprächsführung teilt sich in zwei Phasen, und zwar in eine Anfangs- und Haupterzählung sowie eine Phase narrativen Nachfragens (vgl. Schütze 1977: 4f.): (1) In der Anfangsphase ist entscheidend, dass der befragten Person zunächst der Ablauf des Gesprächs erläutert wird. Für den Erzählkern wird dann eine Erzählthematik ausgehandelt, die nicht nur für die befragte Person interessant und sinnvoll ist, sondern das für die Forschung wichtige Thema auf die Erinnerungen der befragten Person sowie deren Darstellungsinteressen abstimmt. Das schafft die Basis für den Aufbau einer eigenen Stegreiferzählung. In der Folge beschränkt sich die Aktivität der interviewenden Person auf Zuhören und das Signalisieren von Aufmerksamkeit und Interesse. Keinesfalls sollten in dieser Phase neue Themen eingebracht werden, um nicht die Erzählstruktur zu unterbrechen. (2) Erst nachdem die Erzählung zum Abschluss gekommen ist, kann die interviewende Person wieder aktiver werden, wobei vorerst die verschiedenen Komponenten und Hintergründe der Erzählung weiter elaboriert werden. Anschließend werden spezifischere Teile zur Deskription des sozialen Rahmens (etwa beteiligte Akteur*innen, Situationen, Milieus, Handlungsweisen) erkundet und in weiterer Folge Theorien und Annahmen zu den Wahrnehmungen, Sichtweisen und Ereignissen ausgearbeitet, sodass sich zunehmend ein argumentatives Gespräch inklusive möglicher Bewertungen entwickelt (vgl. Schütze 1987: 237ff.). Diese Gesprächsphase bestimmt Schütze (2016: 55ff.) später im Kontext biografischer Interviews als eigenen, dritten Gesprächsteil, der sich mehr mit abstrahierenden Erklärungen der befragten Person befasst, wobei die befragte Person nunmehr als Theoretiker*in in Hinblick auf die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen betrachtet wird. Das narrative Interview wurde von verschiedenen Autor*innen weitergeführt (vgl. z. B. Glinka 2016; Bernart/Krapp 2005), wobei etwa Küsters (2009) die einzelnen Phasen noch näher ausdifferenziert. Insbesondere spielt diese Interviewform in der Biografieforschung eine zentrale Rolle (vgl. Schütze 2016). Rosenthal (2015: 157ff.) führt verschiedene Möglichkeiten an, wie man durch die Fragestrategie die biografische Entwicklung ausarbeiten kann: durch Ansteuern einer bestimmten Lebensphase, die Eröffnung eines temporalen Rahmens bei scheinbar statischen Ereignissen, die Erkundung konkreter Situationen, die Ausarbeitung einer argumentativen Struktur, die Exploration von Traditionen oder Fremderlebtem sowie den Einbezug von Zukunftsvorstellungen und Fantasien.
[52]Eine narrative Gesprächsführung drängt sich für biografische Studien förmlich auf, weil sie das persönliche Erleben des eigenen Schicksals der befragten Personen fokussiert. Im Vordergrund stehen biografische Deutungsmuster in unmittelbarem Zusammenhang mit der rekonstruierten Lebensgeschichte der betroffenen Person. Deshalb ist es in biografischen Gesprächen wichtig, zu klären, was sich tatsächlich ereignet hat, weil diese Grundlage eine Einschätzung der Deutung dieser Lebensgeschichte durch die Betroffenen erleichtert. Im Gespräch lässt man sich die Lebensgeschichte als Erzählung schildern und unterzieht diese in der Folge einer intensiven Exploration, sodass der Erzähltext den Prozess und die Bedingungen der Identitätsentwicklung mitsamt den Wendungen und damit verknüpften Deutungen sichtbar macht. Dazu gehört auch, dass bei Bedarf die Biografie in einer Abfolge von mehreren Gesprächen mit einer Person aufgearbeitet wird.
Wenngleich die Grundprinzipien ähnlich sind, unterscheiden sich offene Interviews dennoch von narrativen Gesprächen: Sie sind nicht nur auf Selbsterlebtes und die eigene Lebensgeschichte konzentriert, sondern beziehen sich auf einen wenig spezifizierten Milieuhintergrund. Deshalb richtet sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf die unmittelbar erlebten Ereignisse, sondern ebenso auf die indirekten Erfahrungen, also die Sichtweisen auf die Geschehnisse vor dem sozialen Hintergrund kollektiver Erfahrungshorizonte. Insofern ist auch die erste Erzählphase nicht nur als Stegreiferzählung aus dem eigenen Leben gerahmt, sondern als Stegreiferzählung im Zusammenhang mit einem allgemeinen Thema. Nicht der individuelle Horizont ist das entscheidende Element, sondern die Auseinandersetzung mit anderen Akteur*innen in unterschiedlichen Situationen im Zusammenhang mit den angesprochenen sozialen Feldern. Der entscheidende Bezugspunkt des Gesprächs ist folglich eine allgemeine Rahmung in Hinblick auf das Forschungsthema, das von den befragten Personen näher ausgeformt wird. Die narrative Grundstruktur bleibt dabei erhalten, wobei im letzten Teil Themen eingeführt werden können, sofern diese als relevant für die Forschungsfrage erachtet werden, aber im Gespräch nicht angesprochen wurden (exmanente Fragen). In der Analyse ist deshalb besonders in diesem Gesprächsteil darauf zu achten, welche Aspekte von der Person selbst angesprochen werden und welche von der interviewenden Person forciert oder überhaupt in das Gespräch eingebracht werden. Zudem achtet man mehr auf ein möglichst entspanntes Gesprächsklima als auf formale Regeln der Gesprächsführung. Maßgebend sind die Sichtweisen der befragten Personen, in denen die von ihnen angelegten Relevanzen zum Ausdruck kommen, wofür der Thematisierungsrahmen sehr weit angelegt werden muss.
Zu diesen sehr offenen Formen der Gesprächsführung zählen auch ethnografische Gespräche, die in einen Kontext ethnografischer Forschung eingebunden sind und eine Beschreibung der Welt sowie die praktische Erzeugung der Wirklichkeit nachvollziehbar machen sollen. In solchen Forschungsarbeiten sind meist Formen der Beobachtung integriert, wobei die Interviewer*innen zugleich als [53]teilnehmende Beobachter*innen in Hinblick auf das konkrete Setting und das Milieu agieren, in dem das Gespräch stattfindet. Insofern erweisen sich zwei Arten von Gesprächen als besonders geeignet: informelle Gespräche, die mit der teilnehmenden Beobachtung zwangsläufig einhergehen und meist nach dem Gespräch protokolliert werden, und formelle Interviews, bei denen die Beteiligten die Gesprächsrollen kennen (vgl. Breidenstein et al. 2015: 80ff.). Nach Schlehe (2003) lernen sich in diesen Gesprächen die Interviewpartner*innen kennen und treten in einen interkulturellen Austausch, wobei keineswegs Reziprozität hergestellt wird (auch gibt es vielfach Machtasymmetrien, die in der ethnografischen Forschung aus der Herkunft der Gesprächsbeteiligten resultieren), sondern der Aufbau einer vertrauensvollen, aber dennoch professionellen Beziehung als essentiell betrachtet wird. Zentral ist die Überlegung, dass die angesprochenen Personen über forschungsrelevantes Wissen verfügen, dieses mit den Forscher*innen teilen und in der Gesprächssituation auf eine besondere Weise organisieren, verständlich machen und hinterfragen und damit einen Zugang zu ihrer Lebenswelt öffnen. Bedeutsam ist dabei der subjektive und gesellschaftliche Wissensvorrat, der die spezifischen Sicht- und Handlungsweisen formiert. Die Erhebung der Daten ist meist mit einer engen Bezugnahme und einer intensiven Kommunikation der Forscher*innen mit dem Feld verbunden, weshalb die Rolle der Forschenden immer reflexiv berücksichtigt werden muss. Deshalb werden natürliche Settings bevorzugt, in denen sich die Menschen im Untersuchungsfeld im Alltag bewegen und in die sich die Forscher*innen begeben.
Auch wenn das Spektrum der Gesprächsführung in der Ethnografie wenig festgelegt ist und von unstrukturierten bis zu teilstrukturierten Interviews reicht (vgl. Schlehe 2003), so sind viele ethnografische Gespräche ähnlich wie offene oder narrative Interviews angelegt, wobei sie sich stärker an kulturellen Phänomenen orientieren. Im Zuge von teilnehmender Beobachtung geht es häufig darum, sich die laufenden Ereignisse oder Prozesse oder auch die Sichtweisen über Dinge und deren Anordnung erläutern zu lassen. Das kann auch im Kontext einer Führung durch das untersuchte soziale Milieu bewerkstelligt werden, indem man sich etwa eine Organisation zeigen lässt und dabei über die Gebäude und ihre Gestaltung, die Einrichtung, über die beobachteten Aktivitäten der Menschen, über die Gründe für bestimmte Anordnungen oder Tätigkeiten spricht. Dabei erfährt man vieles über die konkret beobachteten Sachverhalte und über deren Interpretation aus einer bestimmten Sicht und erweitert den Erkenntnisbereich.
Während die gerade angeführten Gespräche auf die kontinuierlichen gemeinsamen Beobachtungen bezogen sind, also einen gemeinsamen Bezugspunkt des laufenden Erlebens aufweisen, lassen sich solche Gespräche auch in Anlehnung an Alltagsgespräche durchführen. Dabei handelt es sich um Konversationen, die sich aus einer mehr oder weniger zufälligen Gelegenheit heraus ergeben und von der konkreten Situation partiell entkoppelt sind (man spricht mehr über [54]gemeinsame Themen als dass man die momentane Situation kommentiert). Im Zentrum stehen Alltagserzählungen, wobei sich die Forscher*innen nicht in eine typische Interviewer*innenrolle begeben, sondern aktiv in ihrer Rolle im Feld teilnehmen, ohne sich, wie in einem formellen Gespräch üblich, zurückzuhalten. Solche Gespräche beziehen sich etwa auf Reflexionen über bestimmte Themen oder spannende Geschichten aus dem Milieu, über die man gerne redet. In vielen Fällen kommen die Menschen auch auf die Forscher*innen zu, weil sie bei diesen vielleicht Gehör finden (etwa alte und isolierte Menschen in einem Pflegeheim) oder einfach Klatsch loswerden möchten. In einem solchen Setting ist es meist möglich und sinnvoll, kritische Fragen zu stellen, eigene Vorstellungen einzubringen und die Reaktion darauf zu erkunden oder sich über die jeweiligen Einschätzungen auszutauschen. Das reduziert zwar die Gesprächsasymmetrie, ohne jedoch Gleichheit herzustellen. Darüber hinaus ist gerade in solchen Fällen nicht zu unterschätzen, dass Forscher*innen im Zuge einer solchen intensiven Teilnahme in die Beziehungsstruktur eingebunden werden und sich mitunter vor Loyalitätsanforderungen mit entsprechenden Konfliktpotenzialen gestellt sehen, was den Handlungsspielraum der Forscher*innen merklich einengen kann. Auch ist es mitunter schwierig, diese Gespräche aufzuzeichnen, weshalb sich eine rasche Protokollierung und Interpretation empfiehlt (auch Forschungstagebücher sind hilfreich).
Der Ablauf eher formeller Gespräche orientiert sich an der Explikation der Zielsetzung, die mit entsprechenden ethnografischen Erklärungen verbunden ist, sowie der Umsetzung ethnografischer Fragen (vgl. Spradley 2016: 58ff.). Aber auch hier gilt, dass die interviewende Person nicht nur Fragen stellen, sondern besonders gut zuhören soll, also eine eher passive Rolle einnimmt, jedoch verbal und nonverbal Interesse signalisiert. Eine gute Informantin oder ein guter Informant sollte mit der jeweiligen Kultur vertraut und in die laufenden Prozesse involviert sein, aber nicht zu sehr in wissenschaftlichen Kategorien denken (und sich damit vom Feld distanzieren), wobei der Untersuchungsbereich den Interviewenden auch ein Stück weit fremd sein sollte (um das Unbekannte stärker zu spüren). Darüber hinaus sollte ausreichend Zeit für ausführlichere Gespräche (auch zu unterschiedlichen Gelegenheiten) verfügbar sein (vgl. Spradley 2016: 45ff.).
Das Hauptgespräch wird mittels ethnografischer Fragen ein Stück weit strukturiert. Dazu zählen insbesondere drei spezifische Fragetypen, die jeweils verschiedene, für die ethnografische Forschung relevante Teilbereiche erkunden (vgl. Spradley 2016: 83ff.): (1) Deskriptive Fragen sollen die angesprochenen Bereiche, Situationen oder Handlungsweisen möglichst detailliert beschreiben und reichen von allgemeinen Fragen bis hin zu eher eingegrenzten Themenfeldern, Beispielen, Erfahrungen oder zu bestimmten Begrifflichkeiten. Sie dienen insbesondere der Klärung von Begriffs- und Wahrnehmungsschemata, die eine Voraussetzung sind, um die lebensweltlichen Konstruktionen der Befragten zu verstehen. (2) Strukturelle Fragen wiederum dienen der vertiefenden Analyse von Taxonomien, [55]um Begriffe und die eingeschlossenen Unterbegriffe zu bestimmen. Strukturelle Fragen ergänzen die Deskriptionen, indem man die Begriffssphären in ihrer inneren Struktur erkundet. Dabei rückt die spezifische Organisierung des Wissens in einem bestimmten Kulturbereich in das Zentrum der Betrachtung. (3) Kontrastfragen heben die Unterschiede hervor und ermöglichen es, kulturelle Leitmotive herauszuarbeiten und gegenüber anderen Konzeptionen abzugrenzen. Interviewer*innen sollten also möglichst viel über jenes Wissen herausfinden, das Menschen in ihrem Bereich verwenden, um deren Erfahrungen einzuordnen und deren soziales Handeln auszurichten. Dabei geht es nicht nur um gemeinsam geteiltes Wissen, sondern ebenso um unterschiedliche Perspektiven und Sichtweisen. Solche Forschungen integrieren häufig Beobachtungen (vgl. dazu etwa Spradley 2009; Lueger 2010: 40ff.) und die Untersuchung der gegenständlichen Welt (zu Artefaktanalysen vgl. Lueger/Froschauer 2018a).
b)Problem- oder themenzentrierte Interviews
Diese Gesprächsstrategien sind deutlich anders als narrative Gesprächsformen konzipiert, indem sie Themen oder Problemstellungen nicht von den interviewten Personen im Laufe des Gesprächs entwickeln lassen, sondern diese zumindest in den Grundzügen vorgeben. Die Befragten haben dabei im Zuge der Exploration dieser Themen einen mehr oder weniger großen Spielraum für ihre Erzählungen.
Merton und Kendall (1979) haben sich schon vor etwa 80 Jahren im Rahmen der Massenkommunikations- und Propagandaforschung mit einer solchen thematischen Fokussierung von Forschungsgesprächen auseinandergesetzt. Mit dem von ihnen konzipierten fokussierten Interview sollen die Reaktionen von Personen auf bestimmte Situationen erfasst werden. Einem solchen Interview wird ein anregender Stimulus vorangestellt (z. B. Filmszene, Buch), wobei die interviewende Person in Kenntnis dieser Situation einen Leitfaden einsetzt, den sie vorweg ausgearbeitet hat, um Annahmen zu prüfen oder nicht antizipierte Reaktionen auf diese Situation zu ermitteln. Grundsätze der Gesprächsführung sind Nichtbeeinflussung (wenig Steuerung durch die interviewende Person), Spezifität (genaue Erfassung der Eindrücke der Befragten), breites Spektrum (große Reichweite der angesprochenen Themen) sowie Tiefgründigkeit (auch affektive und wertbezogene Reaktionen), die bereits eine Orientierung vorgeben und sich auch in späteren Varianten dieser Interviewform wiederfinden.
Während fokussierte Interviews in der Forschungspraxis kaum mehr auftauchen, hat das von Witzel (1985) entwickelte problemzentrierte Interview großen Anklang gefunden. Er hat diese Interviewform im Rahmen eines Sozialisationsprojekts ausgearbeitet, um individuelle und kollektive Handlungsmuster sowie die Verarbeitung der Anforderungen sozialer Realität zu erkunden. Zentrale Ausgangspunkte waren damals wie heute (vgl. Witzel 2000): (a) die Problemzentrierung, wobei eine forschungsseitig als relevant erachtete gesellschaftliche Problemlage als Ausgangspunkt genommen wird. Dabei werden im Interview [56]die zuvor bereits bekannten Kenntnisse genutzt, um die Erläuterungen nachzuvollziehen, sie weiter zu explizieren und um angemessene Folgefragen stellen zu können. (b) Die Gegenstandsorientierung wiederum nimmt auf die methodischen Anforderungen des untersuchten Gegenstandes bedacht. Demnach ist die Methode nicht unabhängig vom Erkenntnisgegenstand, sondern bezieht sich in der Ausformung auf diesen. Im Zuge von Interviews erfordert das etwa vor dem Hintergrund der Reflexionsfähigkeit der befragten Person eine mehr oder weniger narrative Vorgangsweise. (c) Die Prozessorientierung bezieht sich auf den Forschungsablauf, der schrittweise die Daten und Erkenntnisse generiert, wobei sich die Bedeutung der verschiedenen Aspekte erst langsam und in reflexivem Bezug auf die Methoden herausschält.
In der Umsetzung des problemzentrierten Interviews kommen verschiedene Hilfsmittel zum Einsatz (vgl. Witzel 2000): (a) ein Kurzfragebogen zur Ermittlung von Sozialdaten (wie Alter, Beruf, Beruf der Eltern); (b) Tonträgeraufzeichnung, um das Gespräch authentisch zu erfassen, wobei das Gespräch für die Interpretation transkribiert wird; (c) ein Leitfaden als Gedächtnisstütze für die Forschungsthemen und zur Sicherung der Vergleichbarkeit über mehrere Interviews hinweg; (d) ein Postskriptum, das unmittelbar nach dem Gespräch erstellt wird und sich beispielsweise auf Gesprächsinhalte, Anmerkungen, Auffälligkeiten oder Interpretationsideen beziehen kann.
Eröffnet wird das Gespräch mit einer vorformulierten Einleitungsfrage, welche das Gespräch auf den Gegenstand lenkt und zugleich einen offenen Gesprächsrahmen anbietet. Der weitere Gesprächsverlauf orientiert sich an allgemeinen Sondierungen, wobei der rote Faden des Nachfragens am Kernthema entlang verläuft, dieses weiterspinnt und detailliert. Falls einzelne Themenbereiche, die forschungsseitig als relevant erachtet werden und die Vergleichbarkeit sichern sollen, von den interviewten Personen nicht angesprochen werden, so werden diese mittels Ad-hoc-Fragen eingeführt. Darüber hinaus helfen spezifische Sondierungen, das bereits verfügbare Wissen zu nutzen, um die Themenbereiche weiter auszubauen. Dabei kann es auch hilfreich sein, Äußerungen paraphrasierend zurückzuspielen, um die Selbstreflexion der Befragten anzuregen. Dazu zählen auch Verständnisfragen oder – sofern ein entsprechendes Vertrauen gegeben ist – Konfrontationsfragen (vgl. Witzel 2000).
Generell sind viele Gespräche themenzentriert aufgebaut. Allerdings wird nicht immer eine konkrete Problemstellung fokussiert, weil die Bestimmung eines Sachverhalts als Problem bereits eine Vordefinition des Gegenstandes impliziert. Vielmehr werden bestimmte allgemeine oder etwas enger gefasste Themen angesprochen, genauer bestimmt und dann ausführlich erkundet. Gerade in Forschungsphasen, in denen man schon viele für eine Studie relevante Aspekte geklärt hat, geht es bei solchen Themenzentrierungen um eine zunehmend engere Gesprächsrahmung, ohne dabei zu starke Vorstrukturierungen vorzunehmen. In diesen Fällen ist die spezifische Rahmung des Themas bereits in der Vorankündigung wichtig. Darüber hinaus ist es durchaus sinnvoll, einen Leitfa[57]den zu konzipieren (siehe Abschnitt 3.5), der den Themenbezug aufgreift und in mögliche Kerndimensionen und entsprechende Anschlussfragen unterteilt.
Bei der Nutzung von Leitfäden ist darauf zu achten, diesen als Unterstützung für ein offenes Gespräch zu betrachten, das auch auf Bereiche eingeht, die nicht im Leitfaden vermerkt sind und damit die Perspektive erweitern. Grundsätzlich sollte man jede Form von Leitfadenbürokratie (vgl. Hoffmann-Riem 1980) – also die stringente Umsetzung des Leitfadens – meiden, weil dadurch die besprochenen Themen forciert und die Strukturierungsleistungen der interviewten Person in den Hintergrund gedrängt werden. Deshalb bietet sich für die Verwendung eines Leitfadens meist eine Aufteilung in eine offene Gesprächsphase und einen Nachfrageteil an: In der ersten Phase verwendet man den Leitfaden als Checkliste und sensibilisiert sich für mögliche Folgefragen zur genaueren Klärung der bereits von der befragten Person angesprochenen Themenbereiche; in der zweiten Phase kann man die von den befragten Personen nicht angesprochenen Themenbereiche erkunden, wobei im Zuge der Interpretation darauf zu achten ist, welche Themen von der Person angesprochen wurden und welche erst von der interviewenden Person eingeführt wurden, weil dies für das Verständnis der Relevanz des Themenfeldes von Bedeutung ist.
Solche Gespräche lassen sich für unterschiedliche Zwecke einsetzen. Im Rahmen von Expert*innengesprächen, wenn es um die Vorerkundung eines Themenfeldes geht oder wenn Lücken im Vorverständnis der Analyse aufgefüllt werden sollen. In späteren Analysephasen bietet sich eine solche Vorgangsweise an, wenn im Zuge der Interpretation Erkenntnislücken identifiziert wurden, die zusätzliche Erhebungen erfordern und deshalb stärker auf die entsprechenden Themen zentriert sind. Mitunter entlastet diese Form der Gesprächsführung die Forscher*innen von der hohen Improvisationsanforderung, die offene und narrative Interviews stellen, und sie entlasten auch die befragten Personen, weil sie diesen eine klarere Orientierung bezüglich der Kernthemen des Gesprächs geben – aber um den Preis der Einschränkung der Strukturierungsleistungen der befragten Personen, was wiederum eine Herausforderung für die Interpretation darstellt.
c)Expert*innengespräche
Die Durchführung von Expert*inneninterviews ist weit verbreitet und wird meist damit begründet, einen kompetenten Einstieg in einen spezifischen Themenbereich finden zu wollen. Aus diesem Grund wird diese Gesprächsausrichtung hier zumindest kurz thematisiert. Allerdings ist es sinnvoll, den Expert*innenbegriff etwas näher zu betrachten. Pfadenhauer (2009: 99ff.) spricht Personen dann einen Expert*innenstatus zu, wenn diese über besonders exklusive, detaillierte oder umfassende Wissensbestände verfügen und ihnen zudem die Kompetenz für Problemlösungsentscheidungen zugesprochen wird. Insofern ist, wie auch Meuser und Nagel (2005: 73ff.) betonen, der Expert*in-[58]nenstatus relational bestimmt und wird je nach Forschungsinteresse den Personen zugeschrieben.
Allerdings ist es sinnvoll, zwischen verschiedenen Gruppen von Expert*innen zu unterscheiden, weil diese über höchst unterschiedliche Wissensbestände verfügen und dadurch jeweils spezifische Beiträge zur Forschungsarbeit leisten (vgl. Froschauer/Lueger 2009a: 242 ff.; vgl. die Ausführungen auf S. 31f.): (a) Feldinterne Handlungsexpert*innen verfügen über unmittelbare Erfahrungen in ihrem eigenen Handlungsbereich, weil sie aktiv in den untersuchten Lebensbereich eingebunden sind. Durch die Einlagerung ihres Wissens in Alltagspraktiken ist dieses häufig nicht explizierbar (z. B. Kinder als Expert*innen ihrer kindlichen Erfahrungswelt; Familienmitglieder in Hinblick auf das Familienleben). Deshalb ist es sinnvoll, Gespräche mit solchen Personen sehr offen anzulegen, weil sich in der Ausdrucksgestalt der Erzählungen die systemspezifischen Praktiken und Sinnstrukturen manifestieren, aus denen sich die Alltagswelt (re-)konstruieren lässt. (b) Feldinterne Reflexionsexpert*innen verfügen über ausgeprägte Schnittstellenerfahrungen, weil das Zusammenprallen unterschiedlicher Handlungsfelder sie meist notgedrungen zu aufmerksamen Beobachter*innen des jeweiligen Handlungskontextes macht und sie dadurch ein stärker relationales und reflexives Wissen ausformen (z. B. Manager*innen als Expert*innen für die Vermittlung zwischen verschiedenen Tätigkeitsgruppen in einem Unternehmen; Lehrkräfte in Hinblick auf die Verknüpfung von Schüler*innen, institutionellen Lehranforderungen und Elternerwartungen). Auch hier ist eine offene Gesprächsführung hilfreich, wobei es verstärkt darum geht, die unterschiedlichen Perspektiven dieses Reflexionswissens zu aktivieren. (c) Externe Expert*innen hingegen verfügen über ein systematisches, abstraktes, theoretisches und explizierbares Wissen aus Sekundärerfahrungen. Das kann über Ausbildung vermittelt sein (etwa im Rahmen von Professionalisierungsprozessen), aus der Fachliteratur oder aus eigenen Forschungen zum Untersuchungsgegenstand stammen, ist aber nicht notwendig durch eigene Handlungserfahrungen fundiert. Meist begründet die Expertise eine Zuständigkeit für den Wissensbereich (z. B. Wissenschaftler*innen als Expert*innen zu ihrem Spezialgebiet; Familientherapeut*innen als Expert*innen zu Störungen und Therapieformen; ausgebildete Spezialist*innen mit ihrem Fachwissen).
Während für die ersten beiden Gruppen von Expert*innen in der Regel Gesprächsstrategien zur Anwendung kommen, die für offene oder eher themenzentrierte Interviewformen gelten und kaum eine eigenständige Interviewform konstituieren (vgl. Kassner/Wassermann 2005), bezieht sich die Praxis von Expert*innengesprächen vielfach auf externe Expertisen, um sich für das Forschungsfeld zu sensibilisieren, spezifische Fragen zu klären, identifizierte Lücken im bisherigen Wissen zu reflektieren, theoretische Zugänge zu erkunden oder daraus erkenntniserweiternde Fragen zu generieren. Dabei können zwei verschiedene Strategien der Gesprächsführung unterschieden werden: (a) Im Zuge einer offenen Gesprächsstrategie lässt man sich den Gegenstand der Ex-[59]pertise aus der Sicht der Expert*innen erläutern. Das Gespräch orientiert sich dabei an den Schwerpunktsetzungen der Expert*innen und dient dazu, deren Wissensbestände, ihre eingenommenen Perspektiven, ihre spezifische Problemlösungskapazität und damit die Relevanzstrukturen des Expert*innenwissens zu erkunden. Im Mittelpunkt stehen die Rekonstruktion der Expertise sowie das Interesse, den Forschungsgegenstand aus dem spezifischen Blickwinkel der verschiedenen externen Expert*innen zu erfassen und eventuell auch mit dem Handlungswissen der Akteur*innen aus dem untersuchten Bereich zu kontrastieren: Das ermöglicht es, die spezifischen Zugänge zu einem Handlungsfeld sowie die damit verbundenen Relevanzsysteme und Handlungsorientierungen besser zu verstehen. Im Laufe des Gesprächs werden im Zuge des Nachfragens die spezifischen Sichtweisen, die damit verknüpften Begründungsstrukturen sowie die Einbettung in spezifische, die Expertise begründende Relevanzstrukturen sondiert. Hier liegt eine besondere Stärke solcher Expert*innengespräche für die interpretative Sozialforschung. (b) Stärker themenzentrierte und vorstrukturierte Gespräche dienen zum einen der Exploration eines Themenfeldes, das für die Forschung noch unzureichend abgesteckt ist; sie werden zur Ausrichtung der weiteren Forschung herangezogen. Darüber hinaus geht es häufig um die Vervollständigung des Wissensbestandes zum Untersuchungsbereich auf Grundlage der Expertisen.
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