Read the book: «Religionsgeschichte Anatoliens»
Die Religionen der Menschheit
Begründet von Christel Matthias Schröder
Fortgeführt und herausgegeben von
Peter Antes, Manfred Hutter, Jörg Rüpke und Bettina Schmidt
Band 10,1
Umschlagbild: Westliche Sphinx, Ḫattuša (Quelle: Wikimedia Commons)
Manfred Hutter
Religionsgeschichte Anatoliens
Vom Ende des dritten bis zum Beginn des ersten Jahrtausends
Verlag W. Kohlhammer
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-026974-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-026975-0
epub: ISBN 978-3-17-026976-7
mobi: ISBN 978-3-17-026977-4
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Der Band beschreibt anhand religiöser Vorstellungen und Praktiken die Wechselwirkungen von Religionen mit den politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen in Anatolien, beginnend mit archäologischen Befunden vom Ende des 3. Jahrtausends. Erste schriftliche Informationen über religiöse Aspekte liefern altassyrische Briefe, ehe mit der Entstehung des althethitischen Reiches im 17. Jh. eine reichhaltige schriftliche Überlieferung einsetzt. Nach dem Untergang des hethitischen Reiches zu Beginn des 12. Jh. nutzen einige neo-hethitische Staaten für ihren Legitimationsanspruch die älteren religiösen Traditionen, verbinden diese jedoch mit Neuerungen, die im letzten Kapitel abschließend präsentiert werden.
Prof. Dr. phil. Dr. theol. Manfred Hutter lehrt Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Bonn.
Inhalt
A Einleitung und Forschungsstand
1 Quellenvielfalt und Varietät
2 Bemerkungen zum Forschungsstand
3 Was ist »Religion« in Anatolien?
4 Methodische Folgen für die Beschreibung von Religionen in Anatolien
B Frühe religiöse Vorstellungen Anatoliens am Beispiel der Gräber von Alaca Höyük und der Briefe aus den altassyrischen Handelskolonien in Zentralanatolien
1 Bestattung und Gesellschaft in Alaca Höyük
2 Die politische und geographische Situation im zentralanatolischen Raum zur Zeit der altassyrischen Handelskolonien vom 20. bis zum 18. Jahrhundert
3 Religiöse Vorstellungen vor der Entstehung des hethitischen Staates
3.1 Die Götterwelt
3.2 Das Verhältnis der Gottheiten der kārum-zeitlichen Texte zur Götterwelt der hethitischen Zeit und des luwischen Gebietes
3.3 Beobachtungen zur religiösen Praxis als Strukturfaktor der Gesellschaft
3.3.1 Tempel und öffentlicher Kult
3.3.2 Religion im häuslich-familiären Kontext
C Religion in der althethitischen Zeit
1 Eckpunkte der geschichtlichen Situation der althethitischen Zeit
2 Das dominierende hattische Milieu der Religion in der althethitischen Zeit
2.1 Die Götterwelt als Widerspiegelung gesellschaftlicher Prozesse
2.1.1 Zum althethitischen »Staatspantheon«
2.1.2 Einige hattische Gottheiten
2.2 Die alten hattischen Kultstädte und die Hauptstadt Ḫattuša
2.2.1 Nerik
2.2.2 Arinna
2.2.3 Ziplanta
2.2.4 Ḫattuša
2.3 Plätze der Kultausübung
2.3.1 Aussehen und Ausstattung der Tempel
2.3.2 Lokale Tempel bzw. kleinere Schreine
2.3.3 Stelen und »naturbezogene« Kultplätze
2.4 Akteure und Akteurinnen im Kult
2.5 Opfer als Praxis der Verehrung und Versorgung der Gottheiten
2.5.1 Zweck und Notwendigkeit der Opfer
2.5.2 Visuelle Repräsentation von Kulthandlungen
2.6 Feste auf staatlicher und lokaler Ebene
2.6.1 Feste des althethitischen »Staatskults«
2.6.2 Lokale Feste
2.7 Exkurs: Religiöse Traditionen im palaischen Milieu
3 Religion als Faktor im Zusammenleben im Alltag
3.1 Ethisches Verhalten und Werte
3.2 Krisenbewältigung und soziales Gleichgewicht
3.3 Kommunikation mit den Gottheiten
D Religiöser Wandel und Neuerungen zwischen der althethitischen Zeit und dem hethitischen Großreich
1 Wichtige geschichtliche Veränderungen bis zum Beginn der Großreichszeit
2 Die Pluralisierung der religiösen Traditionen
2.1 Der Aufstieg des Sonnengottes
2.2 Neue Residenzstädte mit kultischer Relevanz
2.2.1 Šamuḫa
2.2.2 Šapinuwa
2.2.3 Šarišša
2.2.4 Zusammenfassung
2.3 Ein Überblick zu luwischen religiösen Vorstellungen
2.3.1 Die Eigenständigkeit der luwischen Götterwelt
2.3.2 Lokale Kulte im luwischen Raum und ihr Verhältnis zum hethitischen Staatskult
2.3.3 Zu einigen Kultakteuren und Kultakteurinnen
2.3.4 Reinheit und Rituale zur (individuellen) Krisenbewältigung
2.4 Ein Überblick zu hurritischen religiösen Vorstellungen
2.4.1 Die hurritische Götterwelt
2.4.2 Lokale Kulte im hurritischen Raum und ihr Verhältnis zum hethitischen Staatskult
2.4.3 Zu einigen Kultakteuren und Kultakteurinnen
2.4.4 Reinheit und Rituale zur (individuellen) Krisenbewältigung
3 Ein kurzes Zwischenresümee
E Religion in der Großreichszeit
1 Eckpunkte der geschichtlichen Entwicklung
2 Vielfalt, Synkretismus und Abgrenzungsprozesse der Religion in der Großreichszeit
2.1 Die Götterwelt als Widerspiegelung gesellschaftlicher Prozesse
2.1.1 Staatspantheon
2.1.2 Die Gottheiten des Königtums und das »dynastische Pantheon«
2.1.3 Lokale Panthea
2.1.4 Familien- und Vatersgottheiten, Ahnen und der »vergöttlichte« König
2.2 Die ideologische Bedeutung und Gestaltung des Raumes
2.2.1 Kosmologische Konzepte
2.2.2 Ḫattuša
2.2.3 Tarḫuntašša
2.2.4 Nerik
2.2.5 Karkamiš
2.3 Plätze der Kultausübung
2.3.1 Tempelsymbolik und sakraler Raum
2.3.2 Einzelne Bauten in Verbindung mit dem Totenkult und chthonischen Gottheiten
2.3.3 Berg- und Quellheiligtümer
2.4 Akteure und Akteurinnen im Kult
2.5 Opfer als Praxis der Verehrung und Versorgung der Gottheiten
2.6 Feste auf staatlicher und lokaler Ebene
2.6.1 Die zeitliche Einordnung der Feste
2.6.2 Religiöse Feste und die allgemeine Bevölkerung
2.6.3 Feste und (Religions-)Politik
2.7 Exkurs: Hethitische Religion im »Ausland« – Die so genannten anatolischen Rituale in Emar
3 Religion als Faktor im Zusammenleben im Alltag
3.1 Ethische Werte und Verhaltensweisen
3.2 Krisenbewältigung und soziales Gleichgewicht
3.2.1 Die Sicherheit des Königs in Krisensituationen
3.2.2 Rituelle Konfliktbewältigung im Alltag
3.3 Kommunikation mit den Gottheiten
3.3.1 Gelübde
3.3.2 Persönliche Gebete des Königs und der Königin
3.4 Religion im Lebenslauf – eine idealtypische Rekonstruktion
F Zum Weiterwirken religiöser Traditionen in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends
1 Tabal und das ehemalige »Untere Land«: Luwisches Kerngebiet im Kontakt mit zentralanatolischen und südwestanatolischen Nachbarn
1.1 Die Eigenständigkeit der Götterwelt
1.2 Plätze der Kultausübung
1.3 Kultaktivitäten
1.4 Religion als Faktor in der Gesellschaft
2 Karkamiš und seine politischen Nachbarn: Kontinuität, Wandel und Wechselwirkung mit dem nordsyrischen Raum
2.1 Die Eigenständigkeit der Götterwelt
2.2 Plätze der Kultausübung
2.3 Kultaktivitäten
2.4 Religion als Faktor in der Gesellschaft
3 Zentral- und (Süd-)Westanatolien
4 Fazit
G Anhang
1 Liste hethitischer Könige
2 Karten
2.1 Altassyrische Handelskolonien und das althethitische Reich
2.2 Das hethitische Großreich
2.3 Das 1. Jahrtausend
3 Literaturverzeichnis
4 Register
4.1 Keilschrifttexte
4.2 Hieroglyphen-luwische Texte
4.3 Wörterverzeichnis (hattisch, hethitisch, hurritisch, luwisch)
4.4 Orte
4.5 Gottheiten
4.6 Personen
4.7 Stichworte
A Einleitung und Forschungsstand
Die Religionsgeschichte Anatoliens ist ein Kapitel »toter« Religionsgeschichte, wobei der zeitliche Rahmen, der hier behandelt werden soll, vom späten 3. Jahrtausend bis in die ersten Jahrhunderte des 1. Jahrtausends v.u.Z. reicht. Dieser Zeitraum ist von Beginn an von vielfältigen Religionskontakten, gegenseitigen Beeinflussungen und Berührungen geprägt. Denn die Religionsvorstellungen Anatoliens standen in Wechselwirkung mit denen in Syrien und Mesopotamien, die ihrerseits heute auch nur noch historische Religionen sind. Allerdings ist diese »gebrochene Tradition« indirekt lebendig geblieben, da manches über zwei Wege in die europäische Geistes- und Kulturgeschichte weitervermittelt wurde, einerseits über die – geringere – Vermittlung kleinasiatisch(-nordsyrisch)en Gedankengutes in der Rezeption der Hebräischen Bibel, andererseits in der stärkeren Übernahme von Vorstellungen aus Kleinasien in mythologische Traditionen der griechischen Antike. Zugleich steht die Religionsgeschichte Anatoliens selbstverständlich auch im Kontext der antiken Religionen des Vorderen Orients, nicht nur mit den schon erwähnten Räumen Syriens und Mesopotamiens, sondern genauso wirkt auf dem Gebiet der heutigen Türkei manches in Erinnerung bzw. wiedererfundenen Erinnerung an die Kulturen Anatoliens weiter, auch wenn zwischen den anatolischen Sprachen und Bevölkerungsgruppen des 2. Jahrtausends v.u.Z. und den wesentlich später fassbaren turksprachigen Bevölkerungsteilen, die durch eine Westwanderung aus Zentralasien nach Anatolien gekommen sind und bis heute große Teile der Türkei prägen, eine chronologische Lücke besteht.
Bereits ein oberflächlicher Blick auf den Raum Anatoliens zeigt innerhalb der chronologischen Abgrenzung sowohl einen sprachlichen als auch geographischen »Pluralismus«, der in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher geworden ist. Damit stellt sich als Ausgangssituation und Aufgabe für die Religionswelt Kleinasiens, diese Vielfalt – mit Kontinuitäten, Neuerungen und Brechungen von Traditionen – zu berücksichtigen, auch wenn wir klarerweise noch weit davon entfernt sind, eine lückenlose »Geschichte« der Religionen Anatoliens zu rekonstruieren oder alle theologischen Differenzierungen sowie unterschiedlichen lokalen Ausprägungen religiöser Erscheinungen erfassen zu können. Diese Einschränkung liegt besonders in der Quellensituation begründet, die nach wie vor unausgeglichen ist – sowohl bezüglich der chronologischen als auch der geographischen Streuung. Daher ist es notwendig, diese Religionswelt in ihrer Vielfalt zu betrachten, und methodisch ist zu beachten, dass die Religion der »Hethiter« (durch die Quellenlage aufgrund längerfristiger politischer Beherrschung eines Flächenstaates für fast ein halbes Jahrtausend dokumentiert) nicht als »Norm« oder als »typisch« für die Religionsvielfalt Anatoliens gelten kann, sondern sie ist nur eine Ausformung dieser Vielfalt.
Die eingedeutschte Volksbezeichnung »Hethiter« stammt von Martin Luther, der damit den Ausdruck ha-ḥittī(m) der Hebräischen Bibel wiedergibt. Dieser entspricht etymologisch der Benennung in akkadischen Texten, in denen vom »Land Ḫatti« oder von den »Ḫatti-Leuten« die Rede ist. Dabei gehen alle diese Bezeichnungen auf einen geographischen Begriff für das Gebiet innerhalb des Halysbogens1 in Zentralanatolien zurück. Wie die »Hethiter« sich selbst als Volk bezeichnet haben, wissen wir nicht; da sie ihre Sprache als nišili- bezeichneten, eine Ableitung vom Ortsnamen Neša (Kaneš), einem wichtigen politischen Zentrum des frühen 2. Jahrtausends v.u.Z., darf man vermuten, dass sie sich vielleicht Nesier nannten. Wahrscheinlich sind diese »Nesier« bzw. »Hethiter« in der 2. Hälfte des 3. Jahrtausends v.u.Z. entweder über die Dardanellen im Westen oder über den Kaukasus nach Kleinasien eingewandert, wo ihr Kerngebiet zunächst südlich des Halysbogens lag. Gemeinsam mit den Hethitern sind die Palaer und Luwier nach Kleinasien gekommen. Diese Einwanderer trafen auf die dort ansässigen Hattier, die im späten 3. und im frühen 2. Jahrtausend ihr zentrales Siedlungsgebiet innerhalb des Halysbogens hatten. Der gesamte geographische Raum ist durch Regenfeldbau charakterisiert, was die Wirtschaft, aber auch ideelle Konzepte beeinflusst hat. Dadurch haben offensichtlich die »Einwanderer« schnell zu einer Symbiose mit der schon vorhandenen Bevölkerung gefunden, zumal auch der archäologische Befund keinen Bruch in der materiellen Kultur zeigt, den man den einwandernden »Hethitern« zuschreiben könnte.
Als weiteres Bevölkerungselement werden etwa ab 1500 die Hurriter wichtig, deren ursprüngliche Siedlungsgebiete in Nordsyrien und Südostanatolien bzw. Obermesopotamien zwischen dem Tigris und dem Vansee lagen. Für die Geschichte der altkleinasiatischen Religionen beinhaltet dieser geraffte Abriss bereits eine erste – immer wieder so gut es geht zu berücksichtigende – Konsequenz, die vorhin schon angedeutet wurde: Die genannten Ethnien leben in einer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Symbiose, die zwar politisch (meist) zentral gelenkt war, aber in religiöser Hinsicht keine hierarchische Normierung kannte, die – analog zur politischen Einheit – eine religiöse Einheit bewirkt hätte.
Durch den politischen Zusammenbruch des Hethiterreiches zu Beginn des 12. Jahrhunderts verschwinden auch flächendeckende überregionale politische Machtgefüge. Im Südosten (bis in den Norden des modernen Syrien ausgreifend) entfaltet sich mit Karkamiš ein größeres Machtzentrum, westlich davon schließen sich Kleinstaaten in Kilikien südlich des Taurusgebirges an, die zum lykischen Raum überleiten. An der Südwest- und Westküste mit dem Hinterland etablieren Lyder und Karer ihre politische Macht, während große Teile des ehemaligen Hethiterreiches in Zentralanatolien bis ins 1. Jahrtausend durch Phryger besiedelt sind, eine Bevölkerungsgruppe, die wohl bereits im späten 2. Jahrtausend vom Balkan kommend nach Anatolien eingewandert ist. Am Rande der heutigen Osttürkei und in großen Teilen des modernen Armenien und des Nordwestens vom Iran bilden vom 9. bis 7. Jahrhundert die Urartäer ein eigenes Machtzentrum. Diese oberflächliche Skizzierung der strukturellen Vielfalt des »politischen« Kleinasien des frühen 1. Jahrtausends macht deutlich, dass die kulturelle, politische und auch religiöse Situation jeweils eine eigenständige regionale Betrachtung erfordert.
Dabei sind immer wieder die Wechselwirkungen und der Kontakt zwischen diesen genannten Gebieten Kleinasiens zu berücksichtigen, aber auch der »gebende und nehmende« Kulturkontakt nach außen – d. h. einerseits in den nordsyrisch-aramäischen sowie in den obermesopotamisch-assyrischen Raum, andererseits entlang der Süd- und Südwestküste auch der maritime Kontakt zur Ägäis sowie zu jenen griechischen Siedlern, die ab der mykenischen Zeit Handelsniederlassungen oder Kolonien in Küstennähe errichtet hatten. Somit steht die Religionsgeschichte Anatoliens immer im Austausch mit politischen und kulturellen Strömungen in solchen Kontaktzonen.
1 Quellenvielfalt und Varietät
Die umfangreichste schriftliche Überlieferung stammt aus dem Hethiterreich. Diese Texte sind in einer in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts v.u.Z. aus Nordsyrien übernommenen Keilschrift geschrieben, wobei bislang rund 30.000 Bruchstücke seit 1906 gefunden wurden; wegen der Möglichkeit, einzelne Fragmente zu einem größeren Textstück zusammenzufügen, bzw. wegen laufender Neufunde liefert diese Zahl lediglich eine allgemeine Orientierung über den Umfang des Textcorpus. Der wichtigste Fundort, von dem die überwältigende Mehrheit der Textfunde aus Ausgrabungen stammt, ist Boğazkale (die hethitische Hauptstadt Ḫattuša). Auch von anderen Fundorten wie Alaca Höyük (Identifizierung mit einem hethitischen Ort ist umstritten, eventuell Arinna?), Maşat Höyük (Tapikka), Kuşaklı (Šarišša), Kayalıpınar (Šamuḫa), Oymaağaç Höyük (Nerik), Ortaköy (Šapinuwa) oder Büklükale gibt es Texte in unterschiedlich großer Zahl.2 Eine geringe Anzahl von hethitischen Texten stammt von Orten in Nordsyrien, so etwa aus Ugarit oder Emar. Diese schriftliche Überlieferung umfasst einen Zeitraum von rund vier Jahrhunderten, nämlich von der Zeit Ḫattušilis I. in der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Untergang des hethitischen Großreiches zu Beginn des 12. Jahrhunderts. In neuerer Zeit hat Theo van den Hout sich für eine spätere Datierung ausgesprochen, derzufolge die Verschriftlichung hethitischer Texte erst im 15. Jahrhundert im großen Umfang eingesetzt habe.3
Die Texte des 2. Jahrtausends – in hethitischer, altassyrischer, hattischer, hurritischer, palaischer und luwischer Sprache – sind in Varianten der Keilschrift geschrieben.4 Die am besten bezeugte Sprache ist das so genannte Hethitische,5 eine frühe indogermanische Sprache, die bereits ein Jahrzehnt nach dem Beginn der Ausgrabungen in Boğazkale entziffert werden konnte. Quantitativ am besten vertreten sind Texte mit religiösen Inhalten, so etwa ausführliche Beschreibungen von Festabläufen und Opfergaben sowie Texte zur Organisation von Festen und Kultorten, ferner Ritualtexte und Orakelprotokolle. Ebenfalls dem religiösen Bereich kann man Texte mythologischen Inhalts, Gebete und Gelübde zuordnen. Dazu kommen – unter inhaltlichem Aspekt – Verwaltungstexte bzw. Verträge, diplomatische Korrespondenz, Erlässe und Gesetze sowie umfangreiche historiographische Texte.6 Insgesamt kann man die meisten hethitischen Texte als »Überlieferungsliteratur«7 verstehen, d. h. es ist das, was über einen längeren Zeitraum tradiert worden ist. Somit können wir nicht von »Autoren«8 im engeren Sinn sprechen, da die Texte in der Überlieferung durch viele Hände im »Schreiberkollektiv« des »Schreiberhauses« (sumerographisch: É.DUB.BA.A) gegangen sein können. Bezüglich der Aufbewahrung und des Interesses an der Überlieferung hethitischer Texte ist erwähnenswert, dass man das hethitische Schrifttum in zwei Gruppen einteilen kann: Texte, die in Inventartexten verzeichnet sind und von denen – fast immer – mehrere Exemplare erhalten geblieben sind, sowie jene Texte, die nur jeweils in einem Exemplar bekannt sind. Theo van den Hout liefert etwa folgende große Verteilung der Texte entsprechend den beiden Gruppen:9
A) Texts with duplicates: historiography, treaties, edicts, instructions, laws; celestial oracle theory; hymns and prayers; festivals; rituals; mythology (Anatolian and non-Anatolian); Hattic, Palaic, Luwian, Hurrian texts; lexical lists; Sumerian and Akkadian compositions.
B) ›unica‹: letters; title deeds; hippological texts; court depositions; non-celestial oracle theory and oracle practice; vows; administrative texts.
Texte, die man der Gruppe A zuweisen kann, sind dabei präskriptiv, d. h. ihre Überlieferung soll dazu dienen, »Überlieferungswissen« zu bewahren, Anweisungen für kultische Vorgehen zu liefern oder Grundlagen für die hethitische Gesellschaft festzuschreiben. Texte aus Gruppe B hingegen sind deskriptiv und meist nur in einem einzigen Exemplar vorhanden, da sie sich auf einen jeweiligen Einzelanlass beziehen.10 Für die Bewertung des hethitischen Umgangs mit Tradition kann man daraus auch ableiten, dass die präskriptiven Texte der Gruppe A für eine längere Überlieferung (und für eine Förderung des »kulturellen Gedächtnisses«) vorgesehen sind, weshalb der Bestand dieser Texte auch in Inventar- bzw. Katalogtexten verzeichnet wurde. Dieses aufbewahrenswerte Überlieferungsgut wurde in Bibliotheken gesammelt, während die deskriptiven Texte der Gruppe B lediglich vorübergehend in Archivräumen aufbewahrt blieben.11
Einige Anthologien zu Texten des Alten Orients machen inzwischen eine Vielzahl von hethitischen Texten auch für Nicht-Hethitologen in zuverlässigen Übersetzungen zugänglich. Wichtige Texte wurden in der durch Otto Kaiser begründeten Reihe »Texte aus der Umwelt des Alten Testaments« (TUAT), die zwischen 1982 und 2001 mit insgesamt drei Bänden und einer Ergänzungslieferung erschienen ist, sowie in der von Bernd Janowski und Gernot Wilhelm bzw. Daniel Schwemer herausgegebenen »Neuen Folge« dieser Reihe (TUAT.NF) mit neun Bänden zwischen 2004 und 2020 in deutscher Übersetzung vorgelegt. Das Spektrum der darin aufgenommenen hethitischen Texte erstreckt sich über alle Genres des hethitischen Textcorpus, so dass der Leser anhand dieser Übersetzungsbände einen leichten Zugang zu repräsentativen Texten für alle Bereiche der hethitischen Kultur erhält. Ein englischsprachiges, aber weniger umfangreiches Pendant zu diesen Bänden stellt die von William W. Hallo und K. Lawson Younger herausgegebene vierbändige Sammlung »The Context of Scripture« (CoS; 1997–2017) dar. Auch hier findet man ausgewählte hethitische Texte aller Textgenres (Mythen, Gebete, Beschwörungen, Historiographie, juridische und administrative Texte, Briefe). In monographischer Form – mit Einleitung und reichhaltigen Anmerkungen – erschließt die Reihe »Writings from the Ancient World« hethitische Texte für einen größeren Leserkreis. Bislang sind folgende Bände erschienen:12 Hethitische Staatsverträge und Texte der Diplomatie, Mythologie, Hymnen und Gebete, Briefe, die so genannten Aḫḫiyawa-Texte, Instruktionen und Dienstanweisungen sowie eine Zusammenstellung von Kultinventartexten. Anhand solcher Übersetzungsserien13 erschließt sich die hethitische Überlieferung nunmehr auch leicht den Vertretern von Nachbardisziplinen.
Auch wenn das Hethitische die am besten bezeugte Sprache Kleinasiens ist, so weisen zwei Textcorpora in unterschiedlicher Weise in die Zeit vor der Etablierung der politischen Macht der Hethiter. Rund 23.000 Tontafeln, hauptsächlich Briefe und Wirtschaftsurkunden, sind in altassyrischer Sprache überliefert.14 Sie stammen aus den assyrischen Handelsniederlassungen (kārum) in Anatolien, v. a. in Kaneš und Ḫattuša, und geben eine eigene Schreibertradition wieder. Aufgrund der Quellengattung ermöglichen die Briefe zwar nur einen geringen Einblick in religiöse Verhältnisse, zeigen aber dennoch, dass manche Vorstellungen der Hethiter schon vor der Zeit der hethitischen Texte und vor der ersten hethitischen »Staatsgründung« fassbar sind. Von größerer Bedeutung für die frühe Religionsgeschichte Zentralanatoliens sind die Texte in Hattisch, d. h. in der Sprache jener Bevölkerung, die bereits in der Zeit vor der hethitischen Staatsgründung innerhalb des Halysbogens wohnte. Allerdings stammen alle diese Texte aus der Überlieferung der Hethiter. Da Elemente des hattischen Kultes von den Hethitern rezipiert wurden, tradierte man diese Texte – manche auch als hattisch-hethitische Bilinguen – in Bereichen der Religion bis in die Großreichszeit.15 Dadurch beschränkt sich das inhaltliche Spektrum der Texte jedoch auf Rituale und Beschwörungen, Zeremonien und Festbeschreibungen im Tempel bzw. auf Anrufungen von Gottheiten sowie auf mythologische Texte.
Einen größeren Umfang haben die hurritischen Texte, die ab der Mitte des 2. Jahrtausends aufgrund der Zunahme des hurritischen Bevölkerungsanteils im Südosten des Hethiterreiches den Quellenbestand für die Rekonstruktion der religiösen Verhältnisse in Kleinasien bereichern. Ursprünglich waren die Hurriter in Nordsyrien und Obermesopotamien verbreitet, wobei hurritische Texte die Beziehungen zu diesem Raum mit seinen religiösen Vorstellungen noch erkennen lassen.16 In Kleinasien selbst war der hurritische Anteil der Bevölkerung im Südosten des Landes größer als in Zentralanatolien. Gegenüber dem Hattischen sind die in Ḫattuša und Šapinuwa gefundenen hurritischen Texte vielfältiger: Den Großteil machen Beschwörungs- und Reinigungsrituale aus, dazu kommen Festliturgien (v. a. für den Wettergott Teššub und seine Gattin Ḫebat), mythologische Texte verschiedener Art und wenige Fragmente historischen Inhalts. Auch Omentexte sind in hurritischer Sprache erhalten geblieben; allerdings handelt es sich dabei um Übersetzungen bzw. Bearbeitungen von akkadischen Vorlagen. Für die Erschließung der hurritischen Sprache bedeutsam ist ein umfangreicher epischer Text über den Wettergott sowie eine Sammlung von Parabeln, da diese Texte als Bilinguen mit einer hethitischen Übersetzung überliefert wurden.17 Mit dem Hurritischen verwandt – allerdings nicht als direkte Weiterentwicklung – ist das v. a. vom 9. bis 7. Jahrhundert überlieferte Urartäische im Bereich der heutigen Osttürkei und angrenzender Gebiete im Süden Armeniens und Nordwesten Irans.18 Die verschiedenen Texte behandeln inhaltlich vor allem zwei Themenbereiche, nämlich militärische Aktivitäten bzw. Bautätigkeiten der urartäischen Könige, daneben in einigen Texten enthaltene Opferlisten. Die Inschriften wurden meist auf Felswänden, Stelen und Mauern angebracht, im Unterschied zu den Textfunden der anderen bisher genannten Sprachen jedoch kaum auf Tontafeln.
Eine weitere mit dem Hethitischen verwandte Sprache ist das Palaische, das im Nord(west)en Anatoliens bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts in Verwendung war, danach aber weitgehend geschwunden ist. Davon sind jedoch nur ganz wenige Texte erhalten geblieben, deren Verständnis noch sehr unvollständig ist.19
Im so genannten Keilschrift-Luwischen gibt es vor allem Ritualtexte und Beschreibungen von Festliturgien.20 Die älteste Überlieferung dieser Texte setzt bereits im 16. Jahrhundert ein, wobei der luwische Sprachraum sich zunächst über den Süden und Südwesten Anatoliens erstreckte. Das Nebeneinander des Luwischen und des Hurritischen in Kizzuwatna im Süden Anatoliens führte dazu, dass der luwische Wortschatz Wörter aus dem Hurritischen aufgenommen hat. Die erhalten gebliebenen Texte (der Großteil davon ist ins 13. Jahrhundert zu datieren) stammen aus der hethitischen Hauptstadt, wobei von der luwischen Sprache auch sprachliche Einflüsse auf das Hethitische gewirkt haben. Neben dem Keilschrift-Luwischen gibt es – aus dem 2. Jahrtausend – ein kleineres Corpus luwischer Texte, die mit einem hieroglyphischen Schriftsystem geschrieben sind, das – im Unterschied zur aus Nordsyrien importierten Keilschrift – eine genuin anatolische Erfindung ist.21 Dieses so genannte Hieroglyphen-Luwische hat dabei als Schrifttradition Kleinasiens den politischen Untergang des Hethiterreiches zu Beginn des 12. Jahrhunderts überdauert. Die hieroglyphen-luwischen Texte des 1. Jahrtausends zeigen eine – wenngleich gewandelte – kulturelle Kontinuität altkleinasiatischer Vorstellungen v. a. südlich des Halys, in Kappadokien, im Süden und Südosten der heutigen Türkei sowie in Nordsyrien bis ins 8. Jahrhundert v.u.Z. Die Texte aus der Zeit nach dem Untergang liegen in zwei Editionen leicht zugänglich vor: Halet Çambel hat 1999 die Bilingue in hieroglyphen-luwischer und phönizischer Sprache von Karatepe vorgelegt und J. David Hawkins im darauffolgenden Jahr alle weiteren damals bekannten eisenzeitlichen Inschriften – jeweils mit Einleitung, Übersetzung, sprachlichem Kommentar, Fotos und Umzeichnung der Texte.22 Inhaltlich handelt es sich – im Unterschied zum keilschrift-luwischen Corpus – um keine Texte explizit religiösen Inhalts, sondern es sind v. a. Bau-, Grab- und Memorativinschriften. Es lassen sich aus den Texten dennoch Aussagen über die Kontinuität mancher luwischer Götter vom 2. zum 1. Jahrtausend und ein Einblick in Opferpraktiken und Jenseitsvorstellungen gewinnen.23
Neben dem Hieroglyphen-Luwischen erweitern noch andere Sprachen mit ihrer schriftlichen Hinterlassenschaft die Quellensituation für eine Religionsgeschichte Anatoliens bis zur Mitte des 1. Jahrtausends, v. a. lykische, lydische, phrygische und urartäische Dokumente. Das Lykische ist mit den beiden vorhin genannten luwischen Sprachen eng verwandt. Es ist in einem vom Griechischen abhängigen Alphabet geschrieben und liegt in zwei Sprachformen vor – die Mehrheit der Texte im so genannten Lykisch A und wenige Texte in Lykisch B.24 Die rund 200 lykischen Inschriften (v. a. auf Grabfassaden und Stelen) stammen aus dem Südwesten der heutigen Türkei und wurden zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v.u.Z. verfasst.25 Hauptsächlich handelt es sich dabei um Grab- sowie um einige Bauinschriften. Für die Erschließung der religiösen Vorstellungen der Lyker geben diese Inschriften v. a. im Hinblick auf den Totenkult Aufschluss, während mythologische Überlieferungen und weitere Hinweise auf religiöse Praktiken aus griechischen »Fremdberichten« stammen.
Das Lydische gehört ebenfalls zu den anatolischen Sprachen, wobei das exakte Verwandtschaftsverhältnis zum Hethitischen, Luwischen oder Lykischen noch nicht ganz geklärt ist. Dies liegt vor allem daran, dass von den etwas über 100 lydischen Inschriften nur rund 30 einen größeren Umfang aufweisen und dass die Erschließung des Lydischen – im Vergleich mit den anderen anatolischen Sprachen – noch große Schwierigkeiten bereitet. Die Inschriften sind in einem vom Griechischen abhängigen eigenen Alphabet geschrieben, die Mehrheit der Texte sind wiederum Grabinschriften, daneben gibt es einige Erlasstexte. Die meisten Inschriften stammen aus der lydischen Hauptstadt Sardes im Westen der Türkei. Die Überlieferung dieser Inschriften dauert vom späten 7. bis zum 4. Jahrhundert. Auch für die lydische Kultur im Allgemeinen sind neben diesen Inschriften die Informationen, die v. a. aus der griechischen Überlieferung stammen, höchst relevant.26
Eine ebenfalls indogermanische, aber nicht dem Zweig der indogermanisch-altanatolischen Sprachen zugehörige Sprache des 1. Jahrtausends in Zentralanatolien ist das Phrygische. Die Phryger sind etwas vor 1200 vom Balkan kommend in den Nordwesten Anatoliens eingewandert und nach dem Zusammenbruch des Hethiterreiches bis in den Halysbogen vorgedrungen. Zwischen dem 8. und 5. Jahrhundert sind rund 340 so genannte altphrygische Inschriften aus den phrygischen Zentren erhalten, wobei fast drei Viertel der Texte aus Gordion stammen.27 Manche der Inschriften beziehen sich auf den Kult, andere auf politische Inhalte. Da die meisten Inschriften recht kurz sind, bleibt das Textverständnis manchmal noch unklar. Neben den phrygischen Inschriften liefern auch – wie im Fall der Lyker und Lyder – griechische literarische Texte weitere Kenntnisse zur phrygischen Religion und Mythologie.
In all diesen Sprachen sind – in unterschiedlichem Ausmaß und in sehr verschiedenen Gattungen – Texte erhalten geblieben, die gemeinsam mit Erkenntnissen aufgrund archäologischer Feldforschungen Einblick in die pluralistische Kultur Anatolien vom Ende des 3. bis zur Mitte des 1. Jahrtausends geben. Durch die Auswertung dieser Dokumente kann die Darstellung der kleinasiatischen Religionsgeschichte sowohl Kontinuitäten als auch lokale oder chronologische Veränderungen berücksichtigen.
2 Bemerkungen zum Forschungsstand
Bereits im Jahr 1922 hat der Leipziger Altorientalist Heinrich Zimmern Übersetzungen hethitischer Texte für die zweite Auflage des »Textbuches zur Religionsgeschichte« (Leipzig) beigetragen, wozu Edvard Lehmann und Hans Haas, die beiden Herausgeber des Textbuches, im Vorwort Folgendes vermerkten:28
Nicht mehr voll befriedigen könnte ein Buch wie dieses, wenn in ihm auch heute noch gar nichts zu lesen stünde von der erst neuerdings zutage gekommenen, eben zur Stunde wissenschaftlich lebhaftest diskutierten Kultur, die, ihre Wurzeln in Kleinasien habend, neben den beiden von länger her bekannten Macht- und Kulturzentren der altorientalischen Welt, dem ägyptischen und dem babylonisch-assyrischen, als dritte steht, von der Kultur der Hittiter. Die Erschließung der Boghazköi-Funde, denen verwandte Ausgrabungen in Syrien zur Seite treten, steht noch in ihren ersten Anfängen.
Diese Einbeziehung hethitischer Texte, die im Handbuch zehn Seiten füllen, ist insofern forschungsgeschichtlich hervorzuheben, als Texte in nennenswerter Zahl erst seit 1906 durch Ausgrabungen in Boğazkale gefunden wurden und Bedřich Hrozný eine von der damaligen Fachwelt schnell akzeptierte Erschließung der Sprache als »hethitisch« 1915 vorgelegt hatte. Neben seinen ersten Übersetzungen hat Zimmern drei Jahre später für den ebenfalls von Hans Haas herausgegebenen mehrteiligen »Bilderatlas zur Religionsgeschichte« einen Faszikel »Religion der Hethiter« geliefert. Dem zeitgenössischen Kenntnisstand folgend, problematisiert bzw. differenziert Zimmern zutreffend, dass die Texte des 2. Jahrtausends und die Bildwerke, die – abgesehen von den Reliefs aus Yazılıkaya der hethitischen Großreichszeit – aus verschiedenen »neo-hethitischen« Staaten der ersten Jahrhunderte nach dem Untergang des hethitischen Großreiches stammen, nicht unkritisch aufeinander bezogen werden dürfen; daher formuliert er einschränkend für seine Arbeit Folgendes:29
Wie weit hierbei also dieses religiöse hethitische Bildermaterial als Illustration jenes religiösen hethitischen Textmaterials gelten darf, bleibt … einstweilen noch unentschieden.
Dieser frühe Forschungsstand zeigt dabei einige Aspekte der Beschäftigung mit der Religionsgeschichte Kleinasiens, die bis zur Gegenwart oft prägend geblieben sind und wovon sich auch die vorliegende Darstellung nicht vollkommen lösen kann, jedoch in der Gewichtung einen neuen Akzent liefern möchte. H. Zimmern stellte ausschließlich die Hethiter in den Mittelpunkt seiner Darstellung, erkannte jedoch die Notwendigkeit, auch die heute aufgrund der damit verbundenen Inschriften als hieroglyphen-luwisch bezeichneten Denkmäler einzubeziehen. Dadurch hat Zimmern zu Recht angedeutet, dass die Religionsgeschichte Kleinasiens in ihrer Kontinuität (und in Veränderungen) berücksichtigt werden muss, auch wenn die Quellensituation zu den religiösen Vorstellungen der Zeit der Hethiter alle anderen Perioden quantitativ bei Weitem übertrifft. Allerdings sollte man die »hethitische Religion« in die größere Geschichte einbetten – beginnend mit jenen Vorstellungen der Bronzezeit, die in Zentralanatolien vor der hethitischen Staatsgründung durch archäologische Befunde sowie durch die Texte der altassyrischen Handelsniederlassungen rekonstruierbar sind. Genauso sollte aber auch die Religionsgeschichte Kleinasiens nach dem Untergang des hethitischen Reiches weiter beachtet werden – vor allem anhand der hieroglyphen-luwischen Quellen für den Süden und Südosten Kleinasiens bis nach Nordsyrien; diese zeigen den Anspruch lokaler Herrscher, nicht nur kulturell, sondern vor allem politisch die Nachfolge des Hethiterreiches anzutreten. Wenigstens hinzuweisen ist auch auf jene Traditionen, die im Süden und Westen des Landes durch Lyker, Lyder und Karer sowie in Zentralanatolien durch die Phryger fassbar werden. Das genaue Verhältnis dieser im 1. Jahrtausend fassbaren Traditionen zu den verschiedenen Überlieferungen in den Keilschrifttexten des 2. Jahrtausends ist jedoch schwierig zu bestimmen, da teilweise eine Überlieferungslücke von mehr als einem halben Jahrtausend existiert.
Dieses Szenario religionsgeschichtlicher Kontinuität und Veränderung bzw. Neuerung durch Importe bis in die ersten Jahrhunderte des 1. Jahrtausends entsprechend dem gegenwärtigen Forschungsstand darzustellen, ist das Themenfeld einer Religionsgeschichte Anatoliens. Denn Religionsgeschichte ist kein monolithischer Block, sondern die Kontakte Kleinasiens mit den angrenzenden Gebieten sowie politische Veränderungen innerhalb Kleinasiens bedingten immer eine religiöse Pluralität. Ein (exemplarischer) Blick auf einige einschlägige Monographien, die »Standardwerke« für die gegenwärtige Forschung30 sind, soll im Folgenden zeigen, dass bislang solche Fragestellungen von Kontinuität und Wandel in unterschiedlichem Umfang behandelt wurden.
Die erste monographische Darstellung, die in vielen Abschnitten noch für den aktuellen Kenntnisstand brauchbar ist, stammt von Oliver R. Gurney. Die auf drei Vorträgen beruhenden »Some Aspects of Hittite Religion« aus dem Jahr 1977 behandeln in drei Kapiteln das Pantheon, den Kult und magische Praktiken. Diese Einschränkung oder Schwerpunktsetzung des Materials begründet Gurney zutreffend damit, dass gerade bei diesen Themen – gegenüber der älteren Forschung – neue oder bisher wenig bekannt und rezipierte Erkenntnisse gewonnen werden konnten.31 Zu Recht hebt Gurney hervor, dass bei der Darstellung hethitischer Religion zwischen den lokalen Kulten mit je eigenen Traditionen und der »Staatsreligion« mit dem König als oberstem Priester für den Staat zu unterscheiden ist. Relativ klar betont er bereits die Unterschiede zwischen der Götterwelt der althethitischen Zeit und den Veränderungen, die mit dem hurritischen Einfluss im 15. Jahrhundert einsetzten. Innerhalb der Darstellungen zum »Kult« beschreibt Gurney u. a. Aktivitäten und Opfer an lokalen Schreinen und Stelen(heiligtümern), wobei er letztere mit den Masseben der Religionsgeschichte Israels vergleicht.32 Ferner behandelt er lokale Feste im Frühjahr und Herbst und unterscheidet diese von den großen Staatsfesten, dem AN.TAḪ.ŠUM-, dem KI.LAM-, dem nuntarriyašḫa- und dem purulli-Fest. Das Verhältnis dieser Feste zueinander und ihre jeweils höchst komplexe Entwicklungsgeschichte lässt sich inzwischen besser rekonstruieren, als es zur Zeit Gurneys möglich war. Hinsichtlich der »magischen Rituale« hebt er deren individuelle Verortung für konkrete Anlässe hervor, wobei er auch auf die regionale Differenzierung der Ritualspezialist(inn)en hinweist. In drei hervorgehobenen Unterabschnitten kommt er auf die Sündenbockrituale – auch im Vergleich zu Praktiken der Religionsgeschichte Israels33 – zu sprechen, zu Ersatz(königs)ritualen und zum Totenritual für verstorbene Herrscher. Letzteres wäre m. E. günstiger im Zusammenhang mit dem »Staatskult« zu behandeln gewesen. Rekapituliert man diese Darstellung, so ist diese Arbeit – auch mehr als vier Jahrzehnte nach ihrer Entstehung – als erste Annäherung an Aspekte der hethitischen Religion ertragbringend zu lesen.
Ein Nachschlagewerk ist die 1994 erschienene »Geschichte der hethitischen Religion« von Volkert Haas. In dem mehr als 1.000 Seiten umfassenden Buch geht es dem Verfasser um eine möglichst systematische Anordnung des Quellenmaterials, ohne dieses in bestehende religionswissenschaftliche Theorien einzuordnen oder dementsprechend zu bewerten.34 Zu Recht hebt er die reichhaltig überlieferten hethitischen Ritualtexte hervor, in denen eine Fülle von Details über Feste, Mythen, Gebete, Beschwörungen, Orakelanfragen oder kultische Handlungen bewahrt geblieben sind.35 In dieser Materialdarbietung liegt die Stärke des Buches, weil dadurch auch dem hethitologisch-philologisch nicht vorgebildeten Leser ein Zugang zu den Quellen erschlossen wird. Charakteristisch für das Buch ist ferner, dass Haas immer wieder ausführlich auf die mesopotamischen und syrischen Vorstellungen eingeht, um dadurch schlechter bezeugte kleinasiatische Vorstellungen zu erhellen oder durch den Vergleich für die Deutung dieser Vorstellungen etwas zu gewinnen. Dabei erliegt er jedoch methodisch manchmal der Versuchung, etwas, was für Kleinasien nicht direkt bezeugt ist, dennoch für die religiöse Vorstellungswelt dort zu postulieren, weil es in Mesopotamien oder Syrien bezeugt ist. Die Vorzüge des Buches bergen aber zugleich in gewisser Weise auch Schwächen: Die fehlende Auseinandersetzung mit religionswissenschaftlicher Theorie lässt den Leser manchmal allein mit der Frage, warum die Hethiter diesen oder jenen Kult ausgeübt haben, auch wenn der Leser detailliert erfährt, wie der Ritualablauf war. Genauso bekommt ein – nicht speziell fachlich ausgebildeter – Leser manchmal den Eindruck, dass das beschriebene Material »flächendeckender« (sowohl in zeitlicher als auch in regionaler Hinsicht) wäre, als es de facto der Fall war. Trotz solcher Einschränkungen ist das Buch eine Fundgrube für relevantes Material zur Religionswelt Anatoliens, wobei – der Gesamtanlage des Buches entsprechend – mit dem politischen Ende des Hethiterreiches auch die Beschreibung der religiösen Vorstellungen endet.
Im folgenden Jahr ist das Buch »Religions of Asia Minor« von Maciej Popko erschienen. Auf etwa 150 Seiten behandelt Popko denselben Stoff – allerdings verständlicherweise ohne jedweden Anspruch auf Vollständigkeit – wie Haas. Ein grundlegender Unterschied gegenüber dem Buch von Haas ist jedoch, dass Popko auch die religiösen Traditionen des 1. Jahrtausends (Luwier, Lyker, Karer, Lyder, Phryger) kurz beschreibt. Der Aufbau der Arbeit von Popko ist dabei stärker chronologisch orientiert und kann insofern mit größerem Recht als »Geschichte« dieser Religionen bezeichnet werden, als dies manchmal bei Haas der Fall ist. In vier chronologischen Abschnitten werden die religiösen Vorstellungen der Zeit der assyrischen Handelskolonien in Kleinasien, die althethitische und mittelhethitische Epoche sowie die Großreichszeit behandelt; dass dabei letztere am umfangreichsten behandelt wird, liegt an der reichhaltigeren Quellensituation. Besonders hervorzuheben sind folgende Unterabschnitte, die den religiösen Pluralismus in Kleinasien deutlich zu machen vermögen. Wichtig sind innerhalb der mittelhethitischen Periode die Abschnitte »Changes in Hittite Religion« sowie »Beliefs of the Luwians« und »Beliefs of the Hurrians in Anatolia«36 oder auch die Überlegungen zu »Syncretism« in der Großreichszeit.37 Damit ist Popkos Zugang deutlich systematischer ausgerichtet und trägt der Vielfalt religiöser Konzepte in Kleinasien besser Rechnung als das umfangreiche Werk von Haas.
Wenig rezipiert ist die georgische Monographie zur hethitischen Religion von Irene Tatišvili, obwohl das Buch auch eine umfangreiche deutsche Zusammenfassung enthält.38 Die Verfasserin legt in ihrer Rekonstruktion der hethitischen Religion ein besonderes Augenmerk auf die »Reform des Anitta, da Anitta die hattischen Götter als religiöse und politische Konzepte übernommen und die ›hethitisch‹ genannte Religion formiert« hat.39 Daher werden in der Arbeit im Folgenden auch die hattischen Götter ausführlich behandelt. Genauso wird gezeigt, dass das Pantheon der Großreichszeit durch die Übernahme fremder Traditionen gestaltet wurde, so dass das Fremde zum Eigenen der Hethiter geworden ist. Als Ergebnis der Pantheonsbildung betont Tatišvili, dass die Uneinheitlichkeit des Pantheons nicht einer religiösen Toleranz oder einem geringen Ausmaß von Zentralisierung des Hethiterreiches zuzuschreiben sei, sondern dass eine bewusst offene Struktur des Pantheons ohne einen strengen Rahmen von den Priestern geschaffen worden sei, um für neue Götter immer Platz zu haben.40 Damit liefert das Buch bedenkenswerte Überlegungen, die das – priesterliche – Denken über die Götterwelt erschließen; allerdings bleiben Aspekte religiöser Praxis in der Studie ausgespart.
Piotr Taracha hat im Jahr 2009 ebenfalls eine Gesamtdarstellung der Religionen Anatoliens im 2. Jahrtausend vorgelegt. Darin stellt er zunächst die religiös deutbaren Überlieferungen des vorgeschichtlichen Anatoliens und der altassyrischen Handelsniederlassungen dar, da diese Vorstellungen teilweise als Basis der Religionswelt der hethitischen Zeit dienen. Da der politische Einschnitt zwischen der althethitischen Zeit und der Epoche des Großreiches auch einen religionsgeschichtlichen Wandel bewirkt, behandelt Taracha die religiösen Vorstellungen beider Zeitabschnitte getrennt voneinander.41 In der althethitischen Zeit (16. bis 15. Jahrhundert) spielte dabei das hattische Kultmilieu noch eine wichtige Rolle. Für die Religion der Großreichszeit (14. bis 13. Jahrhundert) lässt sich feststellen, dass neben dem Staatskult am Königshof auch jene religiösen Vorstellungen favorisiert wurden, die sich mit den Beziehungen der königlichen Dynastie der Großreichszeit zum hurritisch-kizzuwatnäischen Bereich verbinden lassen. Auch wenn klarerweise zwischen der herrschenden Dynastie und dem Staat untrennbare Beziehungen bestanden, sind die religiösen Konzepte des Königshauses und des Staatskultes nicht vollkommen deckungsgleich.42 Solche »Binnendifferenzierungen«, die nicht nur die Götterwelt, sondern auch kultische Handlungen, Gebete, Vorzeichendeutung sowie Bestattungspraktiken und Ahnenkult in der kleinasiatischen Religionsgeschichte betreffen, sind beachtenswert.
In deutlich kompakterer Form als im Jahr 1994 hat Volkert Haas die Grundzüge der hethitischen Religion im Jahr 2011 nochmals in einer deskriptiv und phänomenologisch ausgerichteten Überblicksdarstellung behandelt, wodurch der Aufbau der Arbeit thematisch ausgerichtet ist – im Unterschied zur Orientierung an historischen Entwicklungen durch Popko und Taracha. Weltvorstellungen und Überlegungen zum Wesen der Götter und zu den umfangreichen Reinheits- und Unreinheitsvorstellungen sowie zu Schicksal, Menschenbild und Jenseits geben einen Einblick in das religiöse Denken der »Hethiter«, das sich auch in den unterschiedlichen menschlichen Kommunikationsformen mit den Göttern in Gebeten, Gelübden, Orakelpraktiken sowie Verfluchungen oder Segnungen feststellen lässt. Am Ende seiner Studie geht Haas kurz auf das Nachleben der hethitischen Religion in Kleinasien sowie auf einige Themen ein, die in der griechischen Mythologie auftauchen und aus Anatolien stammen.43 Damit berücksichtigt er zu Recht, dass der politische Untergang des hethitischen Großreiches nicht das Verschwinden religiöser Überlieferungen bedeutet. Charakteristisch für die Darstellung der Religion durch Haas ist die Hypothese, dass unser Quellenmaterial sich nur auf den Staatskult bezieht, was hinterfragt werden kann. Denn die – wenngleich zum überwiegenden Teil aus der hethitischen Hauptstadt stammenden – Texte erlauben doch eine größere soziale und ethnische Binnendifferenzierung, als dies in der manchmal zu harmonisierenden Darstellung von Haas der Fall ist. Beide zuletzt genannten Überblickswerke zu »hethitischen« oder – zutreffender im Sinn von P. Taracha – »anatolischen« Religionen können daher kritisch-komplementär verwendet werden.
Die eben genannten Gesamtdarstellungen beschränken sich – mit Ausnahme von M. Popko – auf die »hethitische« Religion« im 2. Jahrtausend. Eine Sonderstellung nimmt die Monographie von Ian Rutherford ein, der fast alle in hethitischen Texten angesprochenen Themen aufgreift, um danach zu fragen, wo diese Traditionen Spuren auch in der griechischen Religion hinterlassen haben. Dabei liegt das Ziel44 seiner Darstellung primär darin, Gräzisten mit der umfangreichen hethitischen religiösen Überlieferung vertraut zu machen, da es ab dem 14. Jahrhundert Kontakte zwischen dem griechisch-ägäischen Raum und Anatolien gegeben hat, so dass mit der Möglichkeit von wechselseitigem Austausch auf religiösem Gebiet zu rechnen ist. Am ertragreichsten hinsichtlich der Frage der Rezeption anatolischer Traditionen in griechischer Überlieferung sind Rutherfords Ausführungen über Rituale aus Arzawa, die Überlieferungen über die Abfolge der Göttergenerationen sowie die Rolle Phrygiens für die Entwicklung der Göttin Kybele.45 Hervorzuheben ist jedoch, dass zwischen hethitischen und griechischen Götternamen kaum Gemeinsamkeiten vorhanden, die auf einen »Import« von Anatolien nach Griechenland schließen ließen.46 Insgesamt zeigt diese anregende religionsvergleichende Studie aber auch, dass anscheinend nur sehr wenige überzeugende Spuren hethitischer Vorstellungen47 in der griechischen Religionsgeschichte nachweisbar sind.
Neben diesen monographischen Untersuchungen zu hethitischer Religion sind noch folgende (kürzere) Gesamtdarstellungen zu anderen religiösen Traditionen in Anatolien im 2. und 1. Jahrtausend zu nennen sind.48 Jörg Klinger hat eine Analyse der hattischen Kultschicht, die in althethitischer Zeit Zentralanatolien wesentlich geprägt hat, vorgenommen. Marie-Claude Trémouilles Darstellung der Religion der Hurriter zeigt, wie seit der Mitte des 2. Jahrtausends der Staatskult und die religiösen Vorstellungen der großreichszeitlichen Herrscher durch die hurritischen Konzepte angereichert wurden. Manfred Hutter hat eine systematische Darstellung der »luwischen« Religion vorgelegt, in der er sowohl die keilschrift-luwischen als auch die hieroglyphen-luwischen Quellen berücksichtigt hat, wodurch der chronologische Rahmen das 2. und 1. Jahrtausend umfasst. Einen allgemeinen Überblick zur Religion bei den Lykern bietet Trevor Bryce, und über die Götter, den Kult und die Begräbnispraktiken der Lyder informieren Annick Payne und Jorit Wintjes. Den Versuch, die phrygische Religion für die Zeit der altphrygischen Inschriften vor allem unter dem Aspekt des Weiterwirkens autochthoner anatolischer Vorstellungen zu beschreiben, hat Manfred Hutter unternommen, während Susanne Berndt-Ersöz ausgehend vom archäologischen Befund phrygische Kultpraktiken und die damit möglicherweise verbundenen Götter untersucht hat. Dabei ist für die Religionen des 1. Jahrtausends leider einschränkend festzustellen, dass die teilweise stereotype Formulierung der Inschriften bzw. die keineswegs alle Bereiche von Religion abdeckende inhaltliche Thematik dieser Quellen die Rekonstruktion religiöser Vorstellungen des 1. Jahrtausends ungleich stärker erschwert, als dies im 2. Jahrtausend der Fall ist.
Der geraffte Forschungsüberblick hat somit nicht nur einige relevante Literatur kurz vorgestellt, sondern auch unterschiedliche Betrachtungsebenen angedeutet. Da es sich dabei um historische Religionen handelt, die nie eine normative Dogmatik besessen haben, stellt sich die Frage, in welcher Weise das relevante Material in bester Weise vermittelt werden kann, um wenigstens ansatzhaft zu vermitteln zu versuchen, was »Religion« in Anatolien war.
3 Was ist »Religion« in Anatolien?
Mehrfach finden sich zu Beginn von Briefen Grußformeln, mit denen der Schreiber dem Briefempfänger göttlichen Schutz wünscht und dadurch diese Kommunikation in eine religiöse Sphäre einbettet. So lesen wir beispielsweise in einem mittelhethitischen Brief aus Maşat Höyük:49
Sprich zu Ḫimmuili, meinem lieben Bruder: Alles möge bei dir in Ordnung sein. Die Götter mögen dich am Leben erhalten und dich liebevoll beschützen!
Rund sieben Jahrhunderte jünger ist eine hieroglyphen-luwische Inschrift, die der Lokalherrscher von Tabal, Wasusarme (reg. 730–728), auf einem Felsen anbringen ließ, um seine Taten zu verherrlichen; die Inschrift endet mit folgender Drohung:50
Wer(immer) [diese Inschrift] zerstört – wenn er ein König ist, so sollen der Wettergott, Šarruma und … ihn und sein Land vernichten. Wenn er ein gewöhnlicher Mann ist, so sollen der Wettergott, Šarruma und … ihn und sein Haus vernichten.
Man kann diese potenzielle Bestrafung als negative Kommunikation werten, die aber – wie die Grußformel – die göttliche Sphäre in das alltägliche Leben einbezieht.
Beide Textzitate zeigen, dass »Religion« offensichtlich im 2. und im 1. Jahrtausend ein Faktor war, der – wohl in unterschiedlicher Akzentsetzung – im Leben der verschiedenen sozialen Schichten fassbar ist. Allerdings muss einschränkend gleich gesagt werden, dass dies zunächst nicht mehr als eine allgemeine Aussage ist, die man für jede – historische wie gegenwärtige – Kultur machen könnte. Was uns aus der schriftlichen Überlieferung Anatoliens fehlt, sind Traktate de religione, d. h. es gibt keine theologisch-systematischen Darstellungen, wie die Menschen im 2. und 1. Jahrtausend über Religion gedacht haben, sondern es kann nur aus Texten, die wir als Teil von »Religion« interpretieren, eine Rekonstruktion dessen versucht werden, was »Religion« im alten Kleinasien war oder welche Rolle sie für die Gesellschaft spielte bzw. wie sie als »welt- und sinndeutendes« Symbolsystem gesehen wurde.
Damit deute ich grundsätzliche Möglichkeiten religionswissenschaftlicher Theoriebildung über »Religion« an.51 Wenn für den vorliegenden Zweck eine Verallgemeinerung erlaubt ist, so kann man so genannte substanzialistische, funktionalistische und Symbol-Theorien als Definition von Religion unterscheiden. Substanzialistische Theorien dienen dabei zur Bestimmung, was das »Wesen« der Religion sei, um diese von nicht-religiösen Bereichen zu unterscheiden. Dabei spielt(e) häufig der Glaube an eine übernatürliche Macht oder das »Heilige« eine zentrale Rolle, um aus diesem Glauben an das Heilige bzw. aus dem Erleben des Heiligen als »gläubiger« Mensch sein Leben in Reaktion auf dieses Heilige auszurichten, wozu auch die Kommunikation mit dem Heiligen durch kultische Aktionen gehört. Als Gegenmodell – und Kritik an substanzialistischen Theorien – kann man funktionalistische Definitionen nennen, die Religion dahingehend bestimmten, welche Aufgaben sie für die Gesellschaft – als Kollektiv, aber auch für die einzelnen Individuen in einer Gesellschaft – zu leisten vermag. D. h. ein solches Definitionsmodell orientiert sich nicht an Inhalten von Religion (»Glaube«, »Heiliges«), sondern an der Funktion, die die Religion für die Menschen – in jeweils konkreten historischen Kontexten – erfüllt. Stellt man diese beiden Definitionsmodelle einander gegenüber, so tendieren Vertreter solcher Modelle dazu, Religion entweder in substanzialistischer Weise als eigenständige Größe neben bzw. tendenziell über der Kultur anzusiedeln und dadurch Teilbereiche der Kultur in Abhängigkeit von der Religion zu interpretieren, während demgegenüber Religion in funktionalistischer Interpretation als ein Subsystem von Kultur – gleichwertig anderen Subsystemen (z. B. Wirtschaft, Wissen, Gesundheit) – innerhalb der Gesellschaft betrachtet wird.
Die Gegenüberstellung von substanzialistischer und funktionalistischer Betrachtung von Religion zeigt zugleich, dass weder die eine noch die andere Definition in exklusiver Weise zielführend ist, so dass – funktionalistische Ansätze weiterführend – Religion als mehrdimensionales System gesehen werden sollte, indem nicht nur nach dem »Wesen« oder der (gesellschaftlichen) Funktion der Religion gefragt werden darf. Wenn man Religion als ein Symbolsystem definiert, so muss man unterschiedliche Aspekte oder Dimensionen beachten. Dazu gehören die rituelle Seite, die individuellen Erfahrungen, die im Wissenstransfer vermittelten ideologischen oder mythologischen Inhalte, ethische und (ver)rechtlich(t)e Aspekte sowie die gemeinschaftliche bzw. organisierte oder institutionalisierte Form von Religion. Streng genommen kann man sagen, dass die Beachtung solcher Aspekte von Religion eher eine Beschreibung und nicht eine strenge Definition von Religion darstellt.
Bei einer Beschreibung von historischen Religionen können dabei – aufgrund der zur Verfügung stehenden Quellen – nicht alle diese Aspekte in gleicher Weise beachtet bzw. erschlossen werden, allerdings erlauben sie m. E. einigermaßen, Vorstellungen über »Religion« in Anatolien zu sammeln, zu rekonstruieren und teilweise zu systematisieren. Diese Annäherung an die »Erfassbarkeit« von Religion könnte man daher in etwas abstrakterer Form in folgender dreiteiliger Form umschreiben:52
Religion ist demnach ein System, das ausgehend von einer identitätsbegründenden Komponente (beispielsweise ein [fiktiver] Stifter, ein Ur-Ahne, eine »Ur-Schrift«) durch gemeinsame Anschauungen und Weltdeutungen (d. h. »Lehre und Praxis«) eine Gemeinschaft (in durchaus unterschiedlich dichter Organisationsstruktur) konstituiert.
Verträgt sich eine solche Beschreibung von Religion mit der Religionsgeschichte Anatoliens? Blicken wir nochmals auf die beiden oben zitierten Aussagen: Die Erwartung des Segens bzw. der Strafe der Götter zeigt Anschauungen und Aspekte der Weltdeutung, zugleich lässt sie die »Konkretisierung« und Auswirkung von »Religion« sehen, wenn die Götter den Briefempfänger »am Leben erhalten und beschützen« sollen. Aber auch Fehlverhalten – entsprechend der aus der Religion entsprungenen oder durch die Religion begründeten Lebenspraxis – wird angesprochen und durch eine Fluchformel sanktioniert. Diese gemeinsamen Anschauungen und Werthaltungen, die die Lebenspraxis bestimmen, verbinden dabei »Religion« mit dem »außermenschlichen« Bereich und der Götterwelt, wobei das Verhalten der Götter auch menschliche Verhaltensweisen legitimiert. Daher greifen die Götter – mit Segen und langem Leben oder mit der in der Fluchformel angedrohten Bestrafung – in diese Lebenspraxis ein. Insofern ist der zweite Teil der eben zitierten Definition gut feststellbar. Auf den gemeinschaftlichen Aspekt als dritten Teil der Definition weist in der Inschrift des Wasusarme die Nennung eines »Königs« oder eines »gewöhnlichen Mannes« hin. Dass die identitätsbegründende Komponente aus der Definition in diesen kurzen Zitaten nicht ausgedrückt wird, ist kein völliger Zufall. Denn die Religionen Anatoliens sind keine »gestifteten« oder »geoffenbarten« Religionen, wodurch ideale Identitätsmarker für Religionen gegeben wären. Identitätsstiftung – als Begründung unterschiedlicher religiöser Vorstellungen, ohne dadurch unüberwindbare Abgrenzungen zwischen der einen und der anderen Religion zu schaffen – geschieht tendenziell durch die Herkunft,53 durch gemeinsame Interessen (z. B. dynastische Legitimation), eventuell durch gemeinsame Gottheiten (z. B. einen Wettergott als Bezugspunkt im klimatischen Kontext des Regenfeldbaus). Somit lässt sich auch der erste Aspekt der obigen Definition von »Religion(en)« finden, er ist aber gegenüber den Quellen, die Aufschluss über Anschauungen in »Lehre und Praxis« geben, weniger gut rekonstruierbar.
Trotz des Risikos einer zu schnellen Verallgemeinerung möchte ich behaupten, dass in historischen Religionen (mit nur beschränktem Quellenmaterial) die Beschreibung und Rekonstruktion von Religionen am besten für den zweiten Teil der von mir zugrunde gelegten Definition von Religion gelingt. Dies fügt sich gut zu Ciceros Beschreibung von »Religion«, der das Wort religio vom Verbum relegere »sorgsam beachten« herleitet und durch die Gegenüberstellung zum negativ konnotierten Verbum neglegere »vernachlässigen« eine Deutung vorlegt, nach der »Religion die Pflege/Verehrung der Götter ist« (religio id est cultus deorum).54 Diese auf der Ebene der »religiösen Handlung« verankerte Charakterisierung – und letztlich Funktion – von Religion ist keineswegs auf den römischen Raum beschränkt, sondern trifft auch auf die altkleinasiatische Religionswelt zu.
Einen »Oberbegriff« für Religion (annäherungsweise zur Bedeutungsbreite des deutschen Wortes) gibt es in den anatolischen Sprachen des 2. und 1. Jahrtausends v.u.Z. nicht, allerdings meine ich,55 dass das Wort šaklai- ein – wenngleich mit Einschränkungen – relativ weiter Ausdruck für das semantische Feld ist, das »Religion« umfasst. Das umfangreiche »Chicago Hittite Dictionary« gibt für das Wort folgende Bedeutungen an:56
1. custom, customary behaviour, rule, law, requirement,
2. rite, ceremony, protocol, use,
3. privilege, right, prerogative,
4. insignia (?), symbol (?).
Am interessantesten ist die Bedeutung »2. rite, ceremony, protocol, use«. Dabei muss man nicht immer an konkrete Rituale für die Götter denken, sondern die Übergänge zwischen »Ritual« und »Brauchtum« oder »göttliche Anforderung/Anforderung der Götter« sind fließend, und nur der Übersetzer muss sich für den einen oder anderen Begriff im Deutschen entscheiden – mit der jeweilig notwendigen Akzentuierung einer bestimmten Seite der Semantik von saklai-.
Als allgemeinen Begriff kann man šaklai- als eine – von Göttern ausgehende – Ordnung (die die Gemeinschaft teilt) und die menschlich dafür angemessene Verhaltensweise verstehen. Wenn man die etymologische Verknüpfung von hethitisch šaklai- mit lateinisch sacer akzeptiert, wird die zentrale religiöse Komponente von šaklai- sogar noch deutlicher:57 sacer drückt nach Emile Benveniste das »implizite Heilige« aus. Diese implizite »Heiligkeit« in šaklai- umfasst dabei jenen Aspekt von Religion, den man mit »Lehrinhalten« verbinden kann bzw. jenen Textstellen, die etwa das »Chicago Hittite Dictionary« unter »1. custom, rule« verbucht, wobei diese »Heiligkeit« klarerweise auch für »2. rite, ceremony« gilt. Das »passende« Verhalten den Göttern gegenüber und das »sorgsame Beachten« der Götter führt zu einer Beziehung zwischen Göttern und Menschen, in der jedoch die Menschen den Göttern untergeordnet sind. Die Durchführung der Rituale – begründet durch Anschauungen über die Götter – durch Vertreter der religiösen Gemeinschaft bzw. der institutionalisierten Religion gestaltet dabei auch maßgeblich die Gesellschaft. Dadurch erhält Religion – in Form von hochrangigen Personen der königlichen Familie in Priesterämtern, durch Tempel als Wirtschaftsunternehmen, als Horte der Wissensbewahrung, Tradierung und »Regulierung« im Überlieferungsprozess von Texten – eine zentrale Funktion zur Strukturierung (d. h. sowohl Stärkung als auch Kontrolle) der Gesellschaft oder einer gesellschaftlichen Gruppe.
4 Methodische Folgen für die Beschreibung von Religionen in Anatolien
Die oben genannten Quellen und die Forschungssituation zu den Religionen in Anatolien sind für den Zeitraum vom Ende des 3. Jahrtausends bis in die ersten Jahrhunderte des 1. Jahrtausends keineswegs ausgewogen verteilt. Obwohl das Buch chronologisch aufgebaut ist, kann keine Religionsgeschichte im strengen Wortsinn vorgelegt werden, da der Kenntnistand für einzelne Zeiten unterschiedlich ist. Methodisch bedeutet dies, dass ich eine Darstellung wähle, die ich als »fragmentierten« Zugang (anstelle eines »harmonisierten« Zugangs) bezeichne.58 Es geht nicht darum, das (religionsphilosophische) Wesen der Religionen Kleinasiens zu rekonstruieren, sondern es sollen die verschiedenen Formen religiöser Praktiken in ihrer jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Verortung dargestellt werden, wobei auch lokale und individuelle Formen der Religionsausübung soweit wie möglich berücksichtigt werden müssen.
Dieser »fragmentierte« Zugang bzw. die nur »fragmentiert« mögliche Rekonstruktion erlaubt – aufgrund der Quantität der Quellen – in der hethitischen Großreichszeit folgende drei Ebenen der Betrachtung von »hethitischer« Religion.59 Am besten ist im hethitischen Schrifttum die »politische Religion des hethitischen Staates« mit den großen Festen und Ritualen dokumentiert, die für die Götter des »Staatspantheons« ausgerichtet wurden.60 Auf dieser Ebene wird Religion als gesellschaftsstabilisierender Faktor deutlich, wobei – entsprechend der Expansion des Hethiterreiches – das Staatspantheon sowie Rituale durch die Übernahme »fremder« Traditionen erweitert oder auch verändert wurden. Dabei handelt es sich um additive Prozesse, durch die das »Fremde« dann auch zum »Eigenen« wurde; pointiert gesagt heißt dies aber zugleich, dass diese Religion(swelt) immer ein Konglomerat sehr unterschiedlicher Traditionen war. Als zweite Ebene kann man die »dynastische Religion des Königshauses« benennen, auf die zu Recht nachdrücklich P. Taracha als von der »politischen Religion des Staates« bzw. von einer »Staatsreligion« unterschieden hingewiesen hat.61 Diese Ebene der Religion ist unmittelbar mit hurritischen Göttern und Ritualen, die aus Kizzuwatna ins hethitische Kernland importiert wurden, verbunden. Dabei ist diese »dynastische Religion« zwar von der »politischen Religion des Staates« zu unterscheiden, da aber auch letztere eng mit dem König verbunden ist, sind Überlappungen zwischen beiden Ebenen vorhanden. Die dritte zu unterscheidende Ebene bezeichne ich als »Religion der allgemeinen Bevölkerung«, wobei diese fast nur indirekt aus den Quellen des »Staatskults« zu erschließen ist, da wir nur wenige Zeugnisse für solche Formen von Religion im allgemeinen Alltag besitzen. Diese Ebene von Religion kennt dabei kaum umfangreiche organisatorische Strukturen, wie sie im Fall der politischen Religion des Staates gut ausgeprägt sind. Zweierlei macht diese Ebene jedoch religionsgeschichtlich m. E. besonders interessant: Einerseits zeigt sie, dass Formen der politischen Staatsreligion – teilweise in vereinfachter Form – in alltäglichen religiösen Praktiken durchgeführt oder »nachgeahmt« wurden,62 und andererseits sind auf dieser Ebene auch die lokalen Religionsformen – luwischer, hurritischer und hattischer Provenienz – einzuordnen, soweit diese nicht aus politischer Räson in die politische Staatsreligion einbezogen wurden.
Die Beachtung dieser drei Ebenen macht die Pluralität der Religionswelt der hethitischen Großreichszeit deutlich, so dass dies der methodische »Leitgedanke« in der Beschreibung der religiösen Strukturen und Praktiken sein soll. Anhand der Darstellung von Göttern und Kultstädten lassen sich Strukturen politisch-offizieller (und dynastischer) Religion darstellen, um daran anschließend – auch meist auf der Ebene der »politischen« Religion bleibend – Praktiken des Umgangs mit den Gottheiten zu beschreiben, ehe Religion als Faktor des (auch alltäglichen) Zusammenlebens thematisiert werden soll. Diese Gliederung kann dabei der Überlappung der drei Ebenen Rechnung tragen, erlaubt aber auch, die »offizielle und öffentliche« Seite von Religionen wenigstens teilweise von der »privaten und alltäglichen« Seite von Religion zu unterscheiden. Es kann aber nicht verschwiegen werden, dass diese ideale Beschreibung und die methodische Annäherung auf ein Hindernis stoßen. Denn die zur Verfügung stehenden Quellen – als Ergebnis der bewussten Tradierung zur Stützung »offizieller« Religion, aber auch wegen der Zufälligkeit des Erhaltungszustandes – erlauben kein systematisches Ausarbeiten der Religionen nach diesen Parametern. Einigermaßen möglich ist es für die Zeit des hethitischen Großreiches (von der Mitte des 14. bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts), anhand dessen Material dieser methodische Zugang entwickelt wurde. In den anderen Kapiteln (bzw. zeitlichen Abschnitten) lässt sich dieser Aufbau nicht immer in gleicher Weise durchführen. Denn die Funde aus Alaca Höyük (Mitte 3. Jahrtausend) sowie die Quellen aus der Periode der altassyrischen Handelskolonien (20. bis 18. Jahrhundert) gewähren nur (zufällige) Einblicke in einzelne Bereiche von Religion, für die altassyrische Handelsperiode vor allem zu den Gottheiten. In der Behandlung der althethitischen Zeit (Mitte des 17. bis Ende des 15. Jahrhunderts) ist zu beachten, dass manche damaligen Vorstellungen nur aus der Perspektive der Veränderungen der hethitischen Großreichszeit erschlossen werden können, wobei die für solche Rekonstruktionen notwendige Analogie zu jüngeren Vorstellungen immer auch die Gefahr einer Fehldeutung birgt.
Nach dem Untergang des Hethiterreiches sind die religiösen Vorstellungen nicht verschwunden, aber durch neue Organisationstrukturen re-interpretiert worden. Durch Verschiebungen von Bevölkerungselementen, durch Austausch von Gedanken und Überlieferungsgut sind die überlieferungswürdigen Inhalte einer Veränderung gegenüber den früheren Epochen unterworfen. Dadurch stellen sich die religiösen Vorstellungen, die in den Texten und Bildern der so genannten neo-hethitischen (Klein-)Staaten in Zentral- und Süd(ost)anatolien bis zum Ende des 8. Jahrhunderts dokumentiert sind, in einem jeweils eigenen Gepräge dar – mit Kontinuität und Eigengut. Auch wenn die Quellen für die Erschließung der religiösen Verhältnisse in diesen Staaten nicht allzu umfangreich sind, bleibt es trotzdem möglich, in einem »fragmentierten« Zugang wenigstens Grundzüge zu Gottheiten, zu Aspekten des umfangreichen Bereichs des Kults sowie zur Verflechtung von Religion und Gesellschaft zu skizzieren. In den anderen politischen Größen der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends – im Flächenstaat der Phryger (10. bis 7. Jahrhundert), in den Herrschaftssitzen der Lyker, Karer und Lyder im Süden und Südwesten Kleinasiens (7./6. bis 4. Jahrhundert) – dominiert dabei der Anteil an »Neuem« gegenüber der Bewahrung oder Rezeption von Traditionen des 2. Jahrtausends. Daher wird am Ende des Bandes nur kurz auf diesen Raum hingewiesen, ohne die dort fassbaren Religionen weiter zu behandeln. Dies soll jedoch nicht heißen, dass diese Religionen nicht mehr zur Religionsgeschichte Anatoliens gehören würden. Denn Religionsgeschichte ist nie abgeschlossen, so dass man letztere Religionen – trotz der Veränderungen, die sie zeigen – als Beispiel der Dynamik, die allen Religionen und der Religionsgeschichte innewohnt, sehen muss, deren detaillierte Analyse in einem anderen Kontext Fortsetzung verdient.
B Frühe religiöse Vorstellungen Anatoliens am Beispiel der Gräber von Alaca Höyük und der Briefe aus den altassyrischen Handelskolonien in Zentralanatolien
Blickt man vom reichhaltigen hethitischen Schrifttum der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends zurück in frühere Epochen der Religionsgeschichte, steht man unmittelbar vor folgenden Fragen: Welche Vorstellungen, die uns aus der so genannten »hethitischen Großreichszeit« besonders des 14. und 13. Jahrhunderts bekannt sind, können schon in früheren Jahrhunderten vorausgesetzt werden? Wie weit zurück lassen sich religiöse Vorstellungen methodisch zuverlässig rekonstruieren, indem archäologische Befunde der Spätphase der Frühen Bronzezeit als religiöse Zeugnisse gedeutet werden? Lässt sich eine teilweise Kontinuität der Religionswelt postulieren, die sich vom 3. ins 2. Jahrtausend erstreckt? Solche Fragen gilt es zu beachten, wenn Quellen für den Zeitraum vom 25. bis zum letzten Viertel des 18. Jahrhunderts als Basis der Rekonstruktion herangezogen werden. Da diese Quellen keineswegs flächendeckend für Zentralanatolien vorhanden sind, ist diese Rekonstruktion vor allem auf zwei Bereiche beschränkt: Es sind die reichhaltigen Funde der Gräber aus dem Ausgrabungsort Alaca Höyük, welche die Bestattungspraktiken der Elite dieser Siedlung widerspiegeln. Ungleich umfangreicher sind die Ausgrabungsergebnisse von Kültepe (Kaneš), einem politischen Zentrum mit einer Oberstadt und einer altassyrischen Handelsniederlassung, in der unzählige Briefe und Privaturkunden bzw. Verträge bzgl. der wirtschaftlichen Aktivitäten gefunden wurden. Diese schriftlichen Quellen erlauben eine teilweise Rekonstruktion der politischen und sozialen Verhältnisse, auch wenn religiöse Vorstellungen dabei lediglich am Rande fassbar werden.
1 Bestattung und Gesellschaft in Alaca Höyük
Der Ort Alaca Höyük liegt etwa 160 Kilometer östlich von Ankara, wobei der Höyük einen Durchmesser von 250 Metern und eine Höhe von 15 Metern hat. Seit Beginn der Ausgrabungen im Jahr 1935, die bis zur Gegenwart andauern, konnten vier Kulturperioden mit insgesamt 14 archäologisch zu unterscheidenden Schichten1 identifiziert werden. Die dritte Periode gehört der Frühbronzezeit an und umfasst die archäologischen Schichten 5–8. Aus dieser Zeit stammen die vierzehn innerhalb der Stadtmauern liegenden, reich ausgestatteten Gräber, die meist ins 23. Jahrhundert datiert werden, aufgrund neuerer naturwissenschaftlicher Untersuchungen organischer Funde in den Gräbern wahrscheinlich aber bereits aus der Zeit knapp vor der Mitte des 3. Jahrtausends stammen.2 Die Größe der Gräber3 variiert, wobei Grab H mit 8,9 Metern mal 3,4 Metern die größten Ausmaße hat; die Tiefe der Gräber liegt zwischen 0,5 und 1 Meter. In den meisten Gräbern wurden die Toten in Hockerstellung als Einzelgrablege bestattet, wobei der Kopf nach Westen und das Gesicht nach Süden ausgerichtet war; in Grab D war eine Frau bestattet. Mit den Toten waren Prestige-, Kult- und Gebrauchsgegenstände aus Metall (Zinnbronze, Silber, Gold, Elektron) deponiert; bei letzteren handelt es sich unter anderem um Äxte, Bohrer, Dolche, Schwerter oder Nadeln sowie um Gefäße, wobei diese Beigaben Gebrauchsspuren zeigen und wohl dem oder der Bestatteten persönlich gehört haben. Die Gräber waren durch Holzbalken abgedeckt. Auf diesen Holzbalken lagen Rinderschädel und Rinderhufe, was auf die Durchführung von Totenopfern und -ritualen hinweist.4 Wahrscheinlich wurden die Rinder bei einem Mahl im Rahmen des Bestattungsrituals verspeist. Neben den Rinderköpfen wurden in den Gräbern auch Knochen von anderen Tieren gefunden – Ziegen, Schafe, Hunde, Schweine und Esel. Die Auffindungssituation in Grab R lässt darauf schließen, dass dort Ziegen und ein Schaf als Opfer(rückstand) deponiert wurden, während bei anderen Tieren teilweise die Möglichkeit besteht, dass auch sie im Zusammenhang mit den Begräbnissen (rituell) verzehrt wurden.
Die vielfältigen und hochwertigen Grabbeigaben haben Ünsal und Gönül Yalçın unlängst erneut einer Interpretation unterzogen, wobei die Qualität der Beigaben auf das Prestige und den sozialen Status der Toten verweist. Neben anscheinend hochqualifizierten Handwerkern sind aufgrund der Grabbeigaben andere Bestattete dem herrschaftlichen bzw. religiösen Feld zuzuordnen, wobei eine klare Trennung zwischen einzelnen sozialen Rollen eher unwahrscheinlich ist. Neben den schon erwähnten Gebrauchsgegenständen kann man einen Teil der Beigaben als Herrschaftssymbole5 bezeichnen. Dazu gehören Schmuckstücke, Diademe, Gefäße aus Edelmetall und Prunk- oder Zeremonialwaffen (Keulenköpfe, Eisendolche). Diese Waffen waren nicht für den Gebrauch bestimmt, sondern ihre aufwändige Gestaltung bzw. das teilweise weiche Metall lässt einen symbolischen Charakter vermuten.
Zu den Objekten, die mit religiösen Kontexten zu verbinden sind, gehören kunstvoll gestaltete Standarten,6 die entweder auf oder in einen anderen Gegenstand gesteckt werden konnten oder die auf Holzstangen montiert waren, um sie z. B. bei Prozessionen mitzutragen. Insgesamt 39 Sonnenstandarten aus Bronze oder Silber sind in den Gräbern gefunden worden, sowie tierförmige Aufsätze, die einen Stier oder einen Hirsch bzw. eine Tiergruppe zeigen; die Tierstandarten sind aus Bronze, mit Metalleinlagen aus Silber oder Elektron. Da diese Standarten Gebrauchsspuren aufweisen, ist anzunehmen, dass es sich bei diesen Beigaben um Kultgegenstände handelt, die als Besitz des Bestatteten auch Rückschlüsse auf seine kultischen Aktivitäten erlauben. Auch wenn die Grabfunde in Alaca Höyük am bedeutsamsten sind, ist erwähnenswert, dass vergleichbare Standarten an anderen Orten Zentralanatoliens jener Zeit, z. B. in Horoztepe7 oder Mahmatlar, gefunden wurden, was die Vermutung von gemeinsamen Vorstellungen in diesem Raum zulässt. Neben diesen Standarten stammen auch sechs anthropomorphe Figurinen aus Edelmetall (und stilistisch vergleichbare Tonfigurinen) aus den Gräbern, die ebenfalls kunstvoll gestaltet sind.8 Manche von ihnen zeigen eine detaillierte Gestaltung des Gesichts und des Kopfes, so dass eine Interpretation als Darstellung einer individuellen Göttin denkbar ist. Bei anderen Figurinen, bei denen die Brüste, die Hüften bzw. die Scham besonders hervorgehoben sind, lässt sich eher an Figurinen denken, die allgemein den Wunsch nach Fruchtbarkeit ausdrücken sollen. Dass auch solche Frauenstatuetten nicht auf Alaca Höyük beschränkt sind, zeigt z. B. die jüngere Figur einer stehenden Frau, die ein Kind stillt, aus einem Grab in Horoztepe, oder die Figur einer sehr schlanken Frau mit detailliert gestaltetem Schambereich aus Hasanoğlan.
Was kann man aus solchen (Be-)Funden eventuell hinsichtlich religiöser Vorstellungen ablesen?9 Dass es sich bei den Gräbern, die sich über einen Zeitraum von rund zwei Jahrhunderten erstrecken, um Zeugnisse für Bestattungen der Oberschicht handelt, ist unbestritten. Möglich, aber unbeweisbar ist die Annahme von Tahsin Özgüç, der damit rechnet, dass die hier bestatteten Prinzen bzw. Prinzessinnen gleichzeitig auch priesterliche Aufgaben ausübten. Weil manche Grabbeigaben Gegenstände mit religiöser Verwendung bzw. Symbolik sind, vertritt z. B. Volkert Haas die Meinung, dass man die hier Bestatteten als »Träger höchster priesterlicher Funktionen« oder vielleicht sogar als Priesterkönige bzw. -königinnen verstehen darf. Einen Schritt weiter geht Maciej Popko, der die gesicherte Kontinuität der Siedlung von Alaca Höyük bis in die hethitische Großreichszeit in die Überlegungen mit einfließen lässt. Da Popko die seit der althethitischen Zeit wichtige Kultstadt Zippalanda in Alaca Höyük lokalisiert,10 erwägt er, dass dieser Ort schon in der Bronzezeit ein bedeutsames Kultzentrum mit hattischen religiösen Vorstellungen gewesen sein könnte. Auch wenn die Identifizierung mit Zippalanda eher unwahrscheinlich ist, ist seine vorsichtige Erwägung, dass man auch die Gräber bereits der (frühen) hattischen religiösen Tradition zuweisen könnte und die Bestatteten möglicherweise hochrangige Kultspezialisten – und nicht »weltliche« Machthaber oder Eliten – waren, möglich. Dafür kann dabei auch sprechen, dass abgesehen von Grab F in allen Gräbern Beigaben gefunden wurden, die man mit religiöser Symbolik verbinden kann.11 Im Detail lässt sich keine der Interpretationen beweisen, doch dürfte außer Zweifel stehen, dass die reichhaltige Ausstattung der Gräber auf die Bestattung höherstehender Personen hinweist.
Die Lebensgrundlage der Gesellschaft in Alaca Höyük beruhte auf Landwirtschaft und Viehzucht,12 wobei man Alaca Höyük (und andere Fundorte) häufig als dem kulturellen Gebiet der Hattier zugehörig betrachtet. Diese Annahme stützt sich auf ethnische, kulturelle und geographisch-»politische« Bedingungen, die uns aufgrund schriftlicher Zeugnisse ab den altassyrischen Urkunden des 20. bis 18. Jahrhunderts und der späteren hethitischen Texte relativ gut rekonstruierbar sind. Da sich in Zentralanatolien vom 3. zum 2. Jahrtausend archäologisch kein kultureller Bruch nachweisen lässt,13 bleibt eine hattische Kontinuität von der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends durchaus plausibel.
Hinsichtlich der Funktionen der Standarten gehen die meisten Forscher davon aus, dass es sich um Götter(symbole) handelt, wobei diese Deutung wiederum auf einem Vergleich bzw. einer Homologie14 beruht. Denn im KI.LAM-Fest, das zu den Festen der hattischen Religion gehört und als solches zu Beginn des Hethiterreiches rezipiert und weiter gefeiert wurde, gibt es Beschreibungen15 von Prozessionen mit Göttertieren. Diese waren aus wertvollem Metall verfertigt und wurden wohl als Standarten bei den Prozessionen mitgetragen, so dass ein Vergleich mit den Standartenaufsätzen mit Tierfiguren aus den Gräbern möglich ist. Dementsprechend versucht man – als Deutung des Beigabenbefundes der Gräber – die Standarten einzelnen Götter(type)n zuzuschreiben:16 Hinsichtlich der Interpretation kann man jene Standartenaufsätze, die (halb)kreisförmige Scheiben darstellen, als Sonnensymbole deuten und damit eine Verbindung zu der hattischen Sonnengottheit oder eventuell auch zur so genannten »Sonnengöttin von Arinna« herstellen, die in hethitischen Texten genannt werden. Genauso kann man die Stierfiguren als symbolische Repräsentanz des Wettergottes und die Hirschfiguren als Darstellungsform einer Schutzgottheit deuten. Während solche Interpretationen durchaus plausibel sind, bleiben andere Darstellungen schwieriger zu interpretieren. So lässt sich die Tiergruppe, bei der ein Hirsch im Zentrum und zwei ihn flankierende Feliden (Löwe, Leopard) innerhalb eines strahlengeschmückten Bogens stehen, in ihrer Zusammengehörigkeit nicht mit aus späteren Texten bekannten Götterzusammenstellungen verbinden. Neben den Standarten, die bei der Begräbnisprozession verwendet wurden, dürften auch die Sistren und Zimbeln bei den Prozessionen als Klang- und Schallinstrumente verwendet worden sein. Man kann ferner vermuten, dass diese Begräbnisse auch mit einem Festmahl der geschlachteten Tiere verbunden waren.
Hält man sich (trotz der Unsicherheit der Einzelinterpretation) die Qualität der Gegenstände sowie die auf den Grababdeckungen gefundenen Rinderknochen vor Augen, so dürfte es aber außer Zweifel stehen, dass diese Gräber als Zeugnisse eines Totenkults gelten müssen und damit zumindest insofern Einblick in religiöse Vorstellungen geben, als sich – sollte die Zuordnung der Tierfiguren zu Götter(type)n zutreffen – eine Beziehung zwischen den Bestatteten und ihren Göttern noch im Tod erschließen lässt. Die reichhaltigen Grabbeigaben, aber auch die Markierung der Gräber, die von anderen Fundorten der frühen Bronzezeit in Anatolien bekannt sind – wie etwa die über den Gräbern angelegten Steinkreise mit Durchmessern zwischen 1 und 6 Metern in Karataş im zentralanatolischen Hochland –, weisen auf die Kommunikation und zumindest zeitweilig weiter existierenden Kontakte zwischen den Lebenden und den Toten hin.17 Eine weitergehende Rekonstruktion der Religion für diesen Zeitraum ist nicht möglich, wobei man nie außer Acht lassen darf, dass auch die Interpretation dieser bronzezeitlichen Funde methodisch auf Homologien beruht, verbunden mit der Annahme, dass dieser zentralanatolische Raum bereits seit der Mitte des 3. Jahrtausends hattisch war. Damit rekonstruieren wir aber zugleich »Wurzeln«, aus denen sich religiöse Vorstellungen des 2. Jahrtausends entfaltet haben, z. T. unter Heranziehung von Quellen für diese Vorstellungen, um deren »Vorgeschichte«18 zu rekonstruieren – scharf an der Grenze eines Zirkelschlusses.
2 Die politische und geographische Situation im zentralanatolischen Raum zur Zeit der altassyrischen Handelskolonien vom 20. bis zum 18. Jahrhundert
Die archäologischen Schichten der Bronzezeit in Alaca Höyük mit den Gräbern sind durch eine 30 bis 50 cm dicke Brandschicht von der nächsten Besiedlungsschicht getrennt, deren einfache Hausstrukturen man wahrscheinlich zeitlich mit den Funden der altassyrischen Handelskolonien an anderen Orten verbinden kann.19 Diese in Alaca Höyük bestehende Besiedlungslücke ermöglicht daher keine weiteren Informationen über die historische Entwicklung dieses Ortes, wie es überhaupt schwierig ist, Details über die politische Geschichte des 3. Jahrtausends in Zentralanatolien zu nennen. Dies ändert sich erst zu Beginn des 2. Jahrtausends mit den ältesten schriftlichen Quellen auf anatolischem Boden, ca. 23.000 altassyrischen Briefen, Wirtschaftsurkunden und Vertragsvereinbarungen,20 die vor allem im kārum, dem Wirtschaftszentrum der Händler aus Assyrien in der Stadt Kaneš gefunden wurden. Dadurch gewinnen wir Einblick in die Geschichte, Wirtschaft und Kultur Zentralanatoliens und können auch wenigstens teilweise Aussagen über religiöse Vorstellungen treffen.
Der Fundort Kaneš, heute als Kültepe bezeichnet, liegt rund 20 Kilometer östlich der heutigen Stadt Kayseri südlich des Flusses Kızılırmak und erstreckt sich in ovaler Form auf einer Fläche zwischen 450 und 550 Metern mit einer Höhe von 20 Metern. Dabei kann man zwischen der Oberstadt mit Repräsentationsbauten und der Unterstadt, dem kārum (»[Handels-]Kai«) der assyrischen Händler, unterscheiden. Während für die Unterstadt lediglich vier archäologische Schichten nachweisbar sind, zeigt die Oberstadt – mit 18 Schichten – eine Besiedlung von der Frühen Bronzezeit bis in die römische Zeit.21 Die Oberstadt war das Verwaltungszentrum, auch wenn wir über Herrschernamen aus Kaneš erst aus dem 17. Jahrhundert genauer Bescheid wissen. Denn die überwältigende Mehrheit der Texte, die in der archäologischen Schicht kārum II in der Unterstadt22 gefunden wurden, bezieht sich in der älteren Zeit immer nur pauschal auf den Herrscher bzw. die Herrscherin von Kaneš. Diese Texte umfassen den Zeitraum von etwas mehr als einem Jahrhundert, wobei die Anwesenheit assyrischer Händler kurz vor 1820 wegen der Zerstörung von Kaneš aufgrund von Unruhen unterbrochen wurde. Allerdings begann eine Wiederansiedlung und die erneute Aufnahme des Handels um 1800, die bis 1730/25 andauerte.23 Diese Siedlungsphase umfasst die Schicht kārum Ib, in der lediglich rund 500 Texte gefunden wurden – eine deutliche Diskrepanz gegenüber der Anzahl der Texte aus Schicht II, was auf einen Rückgang der Handelsaktivitäten schließen lässt. Aus all diesen Texten geht hervor, dass Kaneš das Zentrum für den assyrischen Handel mit Anatolien gewesen ist, allerdings nennen nicht nur die Texte weitere Handelsniederlassungen, sondern auch der archäologische Befund mit vergleichbaren altassyrischen Textfunden dieser Zeit – allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß – bestätigt dies. Entsprechende Funde stammen aus Alişar, Acem Höyük, Konya-Karahöyük, Kayalıpınar und Ḫattuš(a). Der Wohlstand, den solche lokalen Fürstensitze zeigen, spiegelt auch einen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch untereinander wider, der bis in den nordsyrischen Raum nach Karkamiš und Mari reicht; auch die Großarchitektur der anatolischen Orte zeigt teilweise Beziehungen nach Syrien.24
Auch wenn die altassyrischen Texte rund dreißig größere Siedlungen in Anatolien nennen, kann man v. a. mit fünf bedeutsamen Fürstentümern in Zentralanatolien im 19. und 18. Jahrhundert rechnen, die nicht nur miteinander in regem diplomatischem Kontakt standen, sondern auch die Grundlagen für das spätere Hethiterreich als »Flächenstaat« mit einer – durch die politische Einheit – gemeinsamen Kultur geschaffen haben. Die verschiedenen ursprünglichen Traditionen wirkten aber lange nach und wurden je unterschiedlich im Hethiterreich tradiert. Südlich des Kızılırmak befanden sich drei Zentren – neben Kaneš spielten besonders Waḫšušana und das westlich gelegene Burušḫattum eine wichtige Rolle; innerhalb des Bogens, den der Flusslauf des Kızılırmak bildet, lag Ḫattuš, die spätere hethitische Hauptstadt, sowie weit im Norden Zalpa. Letzterer Ort lag zwar abseits von den assyrischen Handelsniederlassungen, stand aber mit Kaneš und Ḫattuš in Kontakt.
Die Geschichte des 20. bis 18. Jahrhunderts25 zeigt – wie aus den altassyrischen Texten hervorgeht – einen regen Austausch zwischen den einzelnen Orten, da durch die Handelswege auch Kommunikationsnetzwerke entstehen. Aus Assyrien importierte Handelsgüter dieser Zeit waren vor allem wertvolle Textilien und annukum-Metall, wahrscheinlich Zinn, das in Anatolien für die Herstellung von Bronze benötigt wurde, da in Zentralanatolien eine reichhaltige Kupferförderung möglich war.26 Im Gegenzug wurden Gold und Silber aus Anatolien nach Assyrien gehandelt. Die Handelsinteressen dürften aber zu Spannungen zwischen den anatolischen Zentren untereinander geführt haben,27 da es Hinweise auf zunehmende Konflikte und Unruhen in Zentralanatolien gibt, die wahrscheinlich in der Zerstörung von Kaneš um oder kurz nach 1830 einen Höhepunkt fanden. Möglicherweise ist diese Zerstörung durch einen Angriff der nordanatolischen Stadt Zalpa – eventuell gemeinsam mit Ḫattuš – auf Kaneš geschehen, da der – jüngere hethitische Anitta-Text – eine kriegerische Aktion von Uḫna, dem Herrscher von Zalpa, gegen Kaneš nennt, bei der auch die Statue der Stadtgottheit von Kaneš nach Zalpa entführt wurde. Obwohl sich somit das weit im Norden gelegene Zalpa zumindest kurzzeitig bis nach Zentralanatolien orientierte, taucht der Name dieser Stadt in den Texten der assyrischen Handelskolonien nicht auf. Massimo Forlanini vermutet, der Grund dafür könnte in einem Abkommen zwischen Kaneš und den Assyrern liegen, um diese mit Kaneš verfeindete Stadt vom »internationalen« Handel abzuschneiden.28 Genauso bestehen in dieser Zeit Spannungen zwischen Kaneš und Mama. Ein weiterer zentraler Ort, dessen überregionales Ansehen nicht übersehen werden darf, war Burušḫattum (in hethitischen Texten taucht der Name in der Form Purušḫanda auf). Die Stadt lag westlich des Kızılırmak, wobei sie oft mit der Ausgrabungsstätte Acem Höyük (südöstlich des großen Salzsees) identifiziert wurde; neuere Forschungsindizien sprechen aber eher dafür, dass Burušḫattum noch weiter im Westen (eventuell im Raum der heutigen Stadt Akşehir) zu suchen wäre.29 Dass Burušḫattum ein wichtiges Fürstentum im 19. Jahrhundert war, geht daraus hervor, dass der Herrscher von Burušḫattum von den Assyrern als »Großkönig« (rubā’um rabûm; LUGAL.GAL) bezeichnet wird, während alle anderen anatolischen Herrscher immer nur als rubā’um »König, Fürst« angesprochen werden, was aufgrund der dichten Beleglage in den altassyrischen Texten aus kārum II sicherlich nicht als zufälliger Überlieferungsbefund zu werten ist.30 Somit lässt sich das politische Verhältnis bis ca. 1830 wie folgt zusammenfassen: Zentralanatolien bildet keine politische Einheit, sondern ist durch kleine – in wechselseitigen Spannungen stehende – Fürstentümer geprägt; dabei ist ferner festzustellen, dass anscheinend Burušḫattum im Westen, Zalpa (oder/und vielleicht Hattuš) nördlich des Kızılırmak und Kaneš von größerer Bedeutung waren als andere Siedlungen.
Um etwa 1800 kam es zur Wiederaufnahme der assyrischen Handelstätigkeit in Kaneš und zur Wiederbesiedlung (kārum Ib), was aber auch zu erneuten Auseinandersetzungen mit den Nachbarn führte. Der erste Herrscher von Kaneš bei diesem Neuanfang ist Ḫurmeli, dem Baḫanu mit einer wahrscheinlich nur kurzen Herrschaft nachfolgt. Inar (regierte möglicherweise etwa um 1790–1775) musste sich kriegerisch gegen das Fürstentum Ḫaršamna (wahrscheinlich nordöstlich von Kaneš) behaupten; sein Nachfolger Waršama ist als Empfänger eines Briefs von Anum-Ḫirbi von Mama bekannt, was den »diplomatischen« Kontakt zwischen lokalen anatolischen Herrschern (unter Verwendung der altassyrischen Sprache) zeigt. Die in weiterer Folge noch bekannten Herrscher in Kaneš waren Pitḫana, Anitta und Zuzzu.31
Ein tiefschneidender Eingriff in die Geschichte von Kaneš geschah unter Pitḫana von Kuššara (um 1750–1745/40), der ausgehend von seinem Herrschaftssitz Kaneš eroberte und zum Hauptsitz seiner Dynastie (mit seinem Sohn Anitta als Nachfolger) ausbaute, aber zugleich auch eine Ausbreitung seines Einflussbereichs weiter in den Westen in die Wege leitete. Über den Aufstieg der Dynastie von Kuššara in Zentralanatolien sind wir durch den so genannten Anitta-Text32 in hethitischer Sprache informiert, der in den ersten neun Zeilen die Eroberung der Stadt durch einen nächtlichen Angriff der Truppen Pitḫanas beschreibt. Die im weiteren Narrativ des Textes beschriebenen kriegerischen Auseinandersetzungen betreffen besonders den Norden (Zentral-)Anatoliens und den Westen. Der Feldzug gegen Zalpa im Norden endet erfolgreich mit der Rückholung der Statue der Stadtgottheit von Kaneš, die Jahrzehnte zuvor von Uḫna verschleppt worden war. Ḫuzziya, der König von Zalpa, wurde von Anitta gefangen und nach Kaneš mitgenommen. Auch Ḫattuša wurde von Anittas Truppen erobert und zerstört, nachdem sich ihr König Piyušti schon zuvor zweimal Anitta widersetzt hatte. Das Vorgehen gegenüber Ḫattuša könnte mit der konkurrierenden wirtschaftlichen Bedeutung von Ḫattuša zusammenhängen, denn dort gab es – im Unterschied zum (zu) weit nördlich gelegenen Zalpa – ebenfalls eine florierende assyrische Handelsniederlassung, wodurch Hattuša in dieser Hinsicht ein gefährlicherer Konkurrent für Kaneš war, als dies bei Zalpa der Fall war.33 Die Aktivitäten Anittas in Richtung Westen betreffen in erster Linie Burušḫattum, dessen Großkönig sich Anitta unterwirft und ihm seine Herrschaftsinsignien – einen eisernen Thron und ein eisernes Szepter – übergibt. Als Gegenleistung räumt Anitta dem (abgesetzten) Herrscher von Burušḫattum jedoch einen Ehrenplatz zu seiner Rechten ein, was zwar offensichtlich die hohe Achtung Anittas gegenüber dem Großkönigtum in Burušḫattum ausdrückt, aber durch die Unterwerfung dieses Großkönigs für Anitta auch den Weg frei macht, nunmehr sich selbst als »Großkönig« zu bezeichnen und diesen Titel in die Titulatur der hethitischen Tradition einzuführen.34
Anittas Nachfolger (und letzter namentlich bekannter Herrscher von Kaneš) war Zuzzu.35 Unklar bleibt, ob er ein Sohn Anittas oder ein Usurpator war; letzteres könnte der Fall gewesen sein, da Zuzzu sich auch als »Großkönig von Alaḫzina« bezeichnet, möglicherweise sein Herkunftsort. Mit ihm endet um 1725 die politische Bedeutung von Kaneš.36 Bis zum Beginn der althethitischen Zeit (in der »neuen« Hauptstadt Ḫattuša) besteht ein von der Forschung hinsichtlich der Länge unterschiedlich bewerteter Hiatus, da einerseits die Länge der Regierung von Zuzzu von Kaneš nicht exakt festgelegt werden kann, andererseits auch die ersten hethitischen Könige in Ḫattuša (Ḫuzziya und Labarna I.) und damit der genaue Beginn des hethitischen Königtums in Ḫattuša nicht in allen Details rekonstruierbar ist. Trotz dieses Einschnitts setzen sich manche Traditionen in der althethitischen Zeit fort.
Blickt man neben den skizzierten politischen Verhältnissen auf die kulturelle und ethnische Situation des anatolischen Raums, so ist auf drei geographische Räume zu verweisen, die schwerpunktmäßig eine je eigene ethnische Prägung zeigen,37 auch wenn es selbstverständlich Überlappungen dieser Prägung gegeben hat. Kaneš war das Kerngebiet der »hethitischen« Bevölkerung, die sich selbst wahrscheinlich als »Nesier« (hergeleitet vom Ortsnamen Neša/Kaneš) und ihre Sprache als nišili-38 bezeichnen. Dass die anatolische Bevölkerung von Kaneš (oder zumindest ein maßgeblicher Anteil davon) als Hethiter zu betrachten ist, kann man aus einer Reihe von hethitischen Wörtern erschließen, die als Fremdwörter bereits Eingang in die altassyrischen Texte von kārum II gefunden hatten, bzw. vor allem durch in diesen Texten bezeugte Personennamen. Linguistisch ist diese Form des Hethitischen in Kaneš jedoch nicht identisch mit dem Hethitischen der Texte aus Ḫattuša; dazu trägt wohl der Umstand bei, dass die ältesten Hinweise auf Hethitisches in Kaneš fast drei Jahrhunderte früher zu datieren sind als die ersten Texte aus Ḫattuša. Möglicherweise kann man das Hethitische in Kaneš und die Sprache in Ḫattuša als zwei Dialekte des Hethitischen bewerten, wie unlängst Alwin Kloekhorst durch eine Untersuchung des Namenmaterials postuliert hat.39 Die Verbindung der Herrscherschicht von Kaneš mit dem Hethitischen zeigt auch der Name des Königs Inar, der – wie der gleichlautende Name der (Schutz-)Gottheit Inar – mit dem hethitischen Wort innara- »stark« zu verbinden ist. Die Bevölkerungsverteilung in Kaneš weist zwar darauf hin, dass die anatolische Bevölkerung vor allem im Bereich der Oberstadt und die assyrischen Händler im Bereich der Unterstadt lebten, allerdings war die Unterstadt, das kārum der Assyrer, zugleich jener Raum der Stadt, in dem Assyrer und Anatolier im regelmäßigen Austausch miteinander standen. Die Handelskontakte führten zu weiteren Sozial- und Kulturkontakten,40 was sich auch in Mischehen zwischen der einheimischen anatolischen Bevölkerungsgruppe und den assyrischen Händlern widerspiegelt. Mit dem Rückgang der assyrischen Handelsaktivitäten in der Phase kārum Ib hat der Anteil von Anatoliern in der Unterstadt zugenommen und dadurch möglicherweise den kulturellen Kontakt mit den Assyrern noch verstärkt. Die hethitische Bevölkerung ist im Wesentlichen jedoch auf das Gebiet von Kaneš ausgehend in den Süden und entlang des Oberlaufs des Kızılırmak beschränkt gewesen, während innerhalb des Halysbogens die Siedlungsgebiete der hattischen Bevölkerung lagen. Da aber deren wichtige Siedlungen in den assyrischen Handel einbezogen waren, ist – abgesehen von den kriegerischen Auseinandersetzungen – wohl auch mit kulturellem Austausch zwischen Hethitern, Hattiern und Luwiern zu rechnen. Die Luwier41 scheinen – von Kaneš aus gesehen – entlang des Unterlaufs des Kızılırmak und weiter westlich davon gewohnt zu haben, wobei das Großkönigtum von Burušḫattum eines der wichtigen luwischen Zentren42 schon in der Zeit der altassyrischen Handelskolonien war, das im kulturellen und politischen Austausch bzw. in Auseinandersetzung mit den nördlich bzw. nordöstlich von ihnen siedelnden Hattiern stand. Somit lassen sich siedlungsgeographisch drei – auch ethnisch-sprachlich geprägte – Schwerpunkte mit Hethitern, Hattiern und Luwiern bereits für das 19. und 18. Jahrhundert rekonstruieren – wobei bezüglich der Hattier eine Kontinuität zu jenen Traditionen denkbar ist, die ein halbes Jahrtausend zuvor in Alaca Höyük feststellbar sind, obgleich (zumindest bis heute) für Alaca Höyük keine Einbindung in den assyrischen Handel oder die Existenz eines assyrischen kārum bekannt ist.
3 Religiöse Vorstellungen vor der Entstehung des hethitischen Staates
Die Aussagen über die verschiedenen lokalen religiösen Traditionen betreffen die Hattier innerhalb des Halysbogens, die hethitische Bevölkerung in Kaneš sowie die Luwier in Burušḫattum und im Westen. Für diese Kenntnisse stehen – wie schon bei der historischen Rekonstruktion – wiederum weitgehend nur die altassyrischen Texte und der hethitische Anitta-Text zur Verfügung, d. h. Texte, deren Fokus nicht auf der Behandlung religionsbezogener Fragen liegt. Ferner ist zu bedenken, dass viele Verfasser und Verfasserinnen der altassyrischen Briefe keine Anatolier waren. Insofern beziehen sich manche religiösen Aussagen dieser Texte auf die altassyrische Religion, die hier aber nur insofern erwähnt werden soll, als man aufgrund des alltäglichen Kontakts zwischen Assyrern und Anatoliern in Kaneš erkennen kann, dass es für beide Gruppen keine unüberwindbaren Grenzen gegeben hat, auch an religiösen Praktiken der »Anderen« teilzunehmen. Einzelne assyrische Briefe sprechen davon, dass ein Assyrer hinauf zum Tempel geht, was räumlich konkret dahingehend zu verstehen ist, dass die Tempel der Oberstadt von Kaneš als Ziel dieser Aktion zu sehen sind. Zumindest die Stadtgöttin von Kaneš, Annā, wurde dabei auch von Assyrern – eben in deren Tempel in der Oberstadt – verehrt. Eine andere interessante religiöse Interferenz wird in einem Vertragstext zwischen dem lokalen Herrscher und einem assyrischen Kaufmann sichtbar, in dem der Kaufmann seine Unschuld dadurch beweisen soll, dass er entweder »vor dem Dolch des Gottes Aššur schwört« oder »wie ein Anatolier zum Fluss geht«, d. h. sich zum Erweis seiner Unschuld einem (göttlichen) Flussordal unterwirft.43 Aber auch andere Texte zeigen gerade in Bezug auf Eidesleistungen, dass ein Eid vor Aššur, Annā und dem rubā’um geschworen wird, um dadurch den Eidbrüchigen sowohl unter die Autorität der beiden göttlichen wie auch des menschlichen Machthabers zu stellen. Welche Aussagen zur Religion bei den anatolischen Bevölkerungsgruppen lassen sich nun einigermaßen gesichert machen? Guido Kryszat hat den diesbezüglichen Kenntnisstand, der sich aus Andeutungen und Hinweisen der altassyrischen Texte aus Anatolien gewinnen lässt, zusammengestellt; darauf kann die folgende Darstellung aufbauen.
3.1 Die Götterwelt
Die meisten Aussagen sind bezüglich der Götterwelt möglich, auch wenn bereits eingangs einschränkend zu sagen ist, dass über die genauen Funktionen vieler Götter, geschweige denn über mythologische Begründungen oder Erklärungen von Göttern, kaum Kenntnisse vorhanden sind. Allerdings lassen sich Veränderungen in der Götterwelt der Schicht kārum II zur Schicht kārum Ib feststellen.
An der Spitze des Pantheons scheint als Stadtgöttin Annā gestanden zu haben.44 Ihr Name könnte mit dem der luwischen Göttin Anna, die zum Kreis der Göttin Ḫuwaššanna von Ḫubešna gehört, identisch sein. Dabei ist zu beachten, dass Anna praktisch auf den Kreis von Gottheiten um Ḫuwaššanna beschränkt bleibt,45 d. h. die Hauptgöttin von Kaneš hat in den religiösen Vorstellungen nach der Entstehung des hethitischen Staates keine hervorragende Rolle mehr gespielt. Die Rolle von Annā als Hauptgöttin von Kaneš – was auch die Verbindung der allgemeinen Nennung der ilat ālim (»Göttin der Stadt«) bzw. der ilat Kaneš (»Göttin von Kaneš«) mit Annā erlaubt – könnte auch der Grund sein, dass Eide vor dem Gott Aššur, vor Annā und vor dem rubā’um geschworen werden; wahrscheinlich bezieht sich auch der Titel »Herrin des Eides« (bēlat māmītim) auf sie. Der Großteil der Belege für Annā stammt aus kārum II, wobei der Rückgang der Beleglage in kārum Ib nicht nur damit zusammenhängen dürfte, dass aus Schicht II insgesamt die Mehrheit der Quellen stammt, sondern auch mit einem religionspolitischen Ereignis, nämlich der Deportation der Stadtgottheit von Kaneš durch Uḫna nach Zalpa, was Anitta im Zusammenhang mit seiner Rückholung der Statue der Göttin aus dem Norden Anatoliens erwähnt. Allerdings ist im hethitischen Anitta-Text nicht der Name Annā verwendet, sondern die hethitische Bezeichnung Dšiušummi- »unsere Gottheit« bzw. »unser Šiu«. Damit sind mehrere philologische und religionsgeschichtliche Probleme verbunden. Das geringere Problem stellt das Possessivsuffix -šummi- dar, das sich auf die 1. Person Plural bezieht.46 Das hethitische Wort šiu- kann sprachlich von der indoeuropäischen Form *dy-éu-/*di-w- »Licht(gott)« hergeleitet werden, woraus Erich Neu den Schluss zieht, dass Šiu der Name der Sonnengottheit in Kaneš war, der im Anitta-Text an manchen Stellen in der ideographischen Schreibung DUTU auftaucht. Erst in späterer althethitischer Zeit sei der »Sonnengott« (Šiu) durch den Sonnengott Ištanu verdrängt worden, so dass der Gottesname Šiu dadurch zum bloßen Appellativ »Gott« wurde.47 Geht man hingegen von der Identifizierung von Annā mit šiu- aus, so muss man hinsichtlich der Deutung von šiu- als Name des Sonnengottes feststellen, dass die assyrischen Belege kein Indiz dafür liefern, dass Annā eine (weibliche) Sonnengottheit gewesen wäre. Versteht man jedoch šiu- als Appellativ »Gott«, so gewinnt man daraus zwar keinen Hinweis auf den Charakter und Aufgabenbereich von Annā, kann aber an jenen Stellen im Anitta-Text, die von »unserer Gottheit« sprechen, problemlos an Annā denken.
Auch wenn somit šiu-/Šiu- als Sonnengottheit nicht in Frage kommt, ist eine Sonnengottheit in der sumerographischen Schreibung DUTU sowohl in den Schichten kārum II und Ib als auch in den hethitischen Texten gut nachgewiesen; der Name bleibt jedoch in vorhethitischer Zeit unbekannt, da selbstverständlich der Name Eštan für die Sonnengöttin des hattischen Gebiets innerhalb des Halysbogens sicher nicht auf die Sonnengottheit in Kaneš übertragen werden darf. Dass der Sonnengott nicht unbedeutend war, sieht man daran, dass ihm ein größeres Fest ausgerichtet wurde,48 das – wie andere Festtermine – als Terminangabe für die Rückzahlung von Schulden in einer Urkunde genannt wird (kt 89/k 432,12); über Festablauf oder genaue Datierung des Festes im Jahreslauf kann daraus aber nichts abgeleitet werden.
Aufgrund der klimatischen Verhältnisse in Zentralanatolien überrascht die wichtige Rolle eines Wettergottes wenig, allerdings ist auch hier wiederum ein Problem zu benennen: In den Texten von kārum II kommt häufig der Gottesname Nipas49 vor, der jedoch in Schicht Ib nicht mehr auftaucht. Daher ist damit zu rechnen, dass zwischen Schicht II und Ib eine Verschiebung im Pantheon geschehen ist und Nipas durch einen anderen Gott abgelöst wurde, so dass sein Name in der Überlieferung verschwindet, da auch das hethitische Pantheon keinen Gott mit diesem Namen nennt. Die große Zahl der Belege für Nipas in den Texten der Schicht II zeigt jedoch, dass er damals neben Annā der wichtigste Gott in Kaneš gewesen sein dürfte. Diese wichtige Stellung des Gottes verdeutlichen auch die Nennung von Priestern für ihn sowie die Erwähnung eines (wohl mehrtägigen) Festes für den Gott. Einen Hinweis auf die Funktion des Gottes kann man in seinem Namen finden, den die Forschung meist mit dem hethitischen Wort nepiš- »Himmel« verbindet.50 Aufgrund der Etymologie (vgl. z. B. griech. néphos; sanskrit nabhas- »Wolke«) ist dabei nicht an den lichten und sonnenklaren (vgl. indoeurop. *dy-éu-/*di-w-) Taghimmel, sondern an den bewölkten Himmel zu denken, dessen Wolken Niederschlag und agrarische Fruchtbarkeit bringen. Somit scheint Nipas für die »himmlischen Wettererscheinungen« verantwortlich zu sein, wobei eine solche typologische Verknüpfung – trotz des Schwindens des Namens – nicht völlig aufgegeben worden zu sein scheint, da noch Anitta mehrfach vom »Wettergott (DIŠKUR) des Himmels« spricht.51 Trotz des »Verlustes« bzw. der Änderung des Namens des Wettergottes in Kaneš scheint eine typologische Kontinuität erhalten geblieben sein, denn Anitta errichtete nach der Festigung seiner Herrschaft in Kaneš je einen Tempel für den »Wettergott des Himmels« und für »unsere Gottheit«.52 Im Nebeneinander der beiden Gottheiten kann man eine Reminiszenz an die älteren Vorstellungen des zentralen Götterpaares Nipas und Annā in Kaneš sehen, was auch ein Indiz für das weibliche Geschlecht von Annā ist. In den Texten von kārum Ib kommt ebenfalls mehrfach ein Wettergott in der sumerographischen Schreibung DIŠKUR vor (auch mit einer besonderen Erscheinungsform als DIŠKUR ša qaqqadim »Wettergott des Hauptes«53), wobei auffallend ist, dass die Texte der Schicht II diese sumerographische Schreibung nicht kennen. Die zunächst auf der Hand liegende Gleichsetzung zwischen DIŠKUR und Nipas ist aber kaum möglich, da Personennamen dieser Zeit mit dem Namen des hethitischen Wettergottes Tarḫun(a) gebildet sind. Derzeit kann man aus diesem Befund noch nicht mehr ablesen als eine offensichtliche Veränderung im Pantheon von Kaneš, indem zwei in ihren Funktionsbereichen vergleichbare Götter in zeitlich unterschiedlicher Verteilung auftauchen, wobei die Ursache für diese unterschiedliche Verteilung nicht geklärt ist. Auch die Darstellungen auf Siegeln des so genannten »anatolischen Typs« aus Kaneš stellen anscheinend unterschiedliche Wettergottheiten dar, wobei Wettergottheiten häufiger als andere Götter dargestellt sind. Oft ist der Wettergott gemeinsam mit seinem Symboltier, einem Stier, dargestellt, dessen Zügel er manchmal hält, oder der Gott steht auf einem Berg. Andere Siegelabdrücke zeigen einen Wettergott gemeinsam mit einem bewaffneten Gott auf einem Stier.54 Genauso darf man wohl auch die Rhyta in Form eines Stierkopfs mit dem Kult des Wettergottes verbinden.55
Von einer Reihe von weiteren Göttern, die in den altassyrischen Texten genannt sind, sind uns kaum mehr als die Namen bekannt:56 Aškašepa (nur in kārum Ib belegt), Ḫariḫari (nur in II), Ḫigiša, Ilali (nur in II), Ilaliyanta (nur in Ib), Kubabat, Nisaba, Parka (nur in II), Peruwa (nur in II), Tuḫtuḫani. Welche vorsichtigen religionsgeschichtlichen Rückschlüsse kann man daraus ziehen? Einige Götter sind bisher nur aus den Kültepe-Texten bekannt, wobei wir keine verlässlichen Aussagen machen können, weshalb sie uns in späterer Zeit nicht mehr fassbar sind. Denn in hethitischen Texten sind von diesen Göttern nur noch Aškašepa, Ilali, die Ilaliyant-Gottheiten, Kubaba, Nisaba, Parka und Pirwa bezeugt. Dass Parka und Peruwa in kārum Ib bisher nicht nachweisbar sind, dürfte dabei nicht auf religionsgeschichtliche Veränderungen, sondern eher auf die schlechte Beleglage in kārum Ib zurückzuführen sein, wobei Pirwa noch in hethitischen Texten mit Kaneš verbunden ist (vgl. KUB 56.54 ii 4’-8’). Ein hethitischer Inventartext (KUB 38.4) beschreibt den Gott Pirwa der Stadt Šippa, der auf einem Pferd steht, so dass man diese Beschreibung für die Deutung einer Gussform aus kārum Ib heranziehen kann, auf der ein Gott, der auf einem Equiden oder Esel steht, abgebildet ist. Hinter dem Tier ist eine Göttin abgebildet.57 Parka – sowie Annā – sind aus Texten hethitischer Zeit jedoch im luwischen Milieu verankert, das westlich von Kaneš zu lokalisieren ist. Auch Ilali und die Ilaliyant-Gottheiten sind nach der Zeit der assyrischen Handelsniederlassungen im luwischen Bereich58 nachweisbar. Kubaba hingegen ist keine »hethitische« Göttin in Kaneš, sondern stammt ursprünglich aus dem nordsyrischen Raum, wahrscheinlich aus dem Bereich von Alalaḫ.59 Eventuell kann man Darstellungen einer Göttin auf kappadokischen Siegeln, die von einem Vogel, vielleicht einer Taube, begleitet ist, als Abbildung von Kubabat interpretieren.
3.2 Das Verhältnis der Gottheiten der kārum-zeitlichen Texte zur Götterwelt der hethitischen Zeit und des luwischen Gebietes
Diese geraffte Bestandsaufnahme führt zu folgendem Ergebnis: Das »Pantheon« der anatolischen (hethitischen) Götter von Kaneš ist nach dem Zeugnis der Kültepe-Texte einerseits »frei« von Einflüssen aus dem nördlichen hattischen Bereich bzw. derjenigen Götter, die wir in hethitischen Texten den Hattiern zuweisen können. D. h. die »Verteilung« bzw. das Weiterleben der Götter aus Kaneš bestätigt die vorhin erwähnte Grenzziehung, derzufolge die Hattier im 19. und 18. Jahrhundert innerhalb des Halysbogens lebten, während die Hethiter in Kaneš auf das Gebiet südlich des Kızılırmak beschränkt waren. Dadurch müssen wir für diese Zeit von getrennten religiösen Vorstellungen entsprechend der verschiedenen Siedlungsgebiete (und der ethnisch-sprachlichen Differenzierung) ausgehen.
Während dabei die Abgrenzung zwischen hattischen (»nördlichen«) und kanesischen (»südlichen«) Gegebenheiten einigermaßen klar ist, ist eine Differenzierung zwischen hethitischen und luwischen Vorstellungen weniger deutlich. Denn neben den eigenständig genannten Göttern in den altassyrischen Texten liefern auch die theophoren Personennamen dieser Texte Einblick in die religiöse Situation. Sichere luwische Götter, deren Verehrung man durch die Personennamen feststellen kann, sind die Schicksalsgottheit Gulza, der Schutzgott Kurunta, der mit kriegerischen Aktivitäten verbundene Šanta sowie der Sonnengott Tiwad.60 Andere in den altassyrischen Texten genannte Götter von Kaneš bzw. anderer anatolischer Orte sind in hethitischer Zeit ebenfalls in Umgebungen bezeugt, die dem luwischen Raum zugeordnet werden müssen. Für die altassyrische Zeit ist dabei einerseits mit der Möglichkeit zu rechnen, dass es sich um Gottheiten handelt, die eine gemeinsame anatolische Geschichte haben, so dass sie von den – unterschiedlichen, aber eng miteinander verwandten anatolischen ethnisch-sprachlichen – Gruppen der Hethiter und Luwier verehrt wurden, wenn auch mit vielleicht unterschiedlicher Akzentuierung in ihrer lokalen Ausprägung. Genauso ist damit zu rechnen, dass es ab der Zeit der politischen Vereinigung Zentralanatoliens unter der Führung der Hethiter auch zu einer »Harmonisierung« von religiösen Vorstellungen bzw. zum Austausch religiöser Konzepte gekommen ist. Dadurch bleiben manche Rekonstruktionen der Zuordnung der Götter zu den Bevölkerungsschichten der Kültepe-Zeit sowie zum »Pantheon von Kaneš« notwendigerweise vorläufig. Wenn in hethitischen Texten von den »Göttern von Kaneš« die Rede ist, werden folgende Götter genannt:61 Aškašepa, Pirwa, die Plejaden, Maliya, eine Schutzgottheit (DLAMMA), ferner Ḫašamili, Ḫilašši, U.GUR, die Gottheit »Königin«, Šuwalija oder Zulija. Diese Götter sind in junghethitischen Texten eines »Monatsfestes« (CTH 591.IV) genannt, das enge Beziehungen zum hattischen Kult hat, so dass diese Texte nicht automatisch als Zeugnis für die »Götter von Kaneš« der altassyrischen Zeit gelten können, da mit Neuerungen zu rechnen ist. Ähnlich verhält es sich auch mit jenen Göttern, für die die »Sänger von Kaneš« nach einigen hethitischen Texten singen. Auch hier ist festzustellen, dass die Sänger von Kaneš – bereits in althethitischer Zeit – sich auch an hattische Götter wenden.62
Wichtig für die Rekonstruktion der Religionsgeschichte der Kültepe-Zeit ist in besonderer Weise Kamrušepa, die in KBo 11.22 iii 5–8, einem Festritual, gemeinsam mit einem Sänger von Kaneš genannt ist. Ebenfalls erwähnenswert für ihre Zuordnung zur Götterwelt des Bereichs von Kaneš ist das Ritual KUB 7.1 + KBo 3.8 (CTH 390.A), da dieses Ritual Kamrušepa gemeinsam mit Maliya und Pirwa nennt.63 Aufschlussreich für eine religionsgeschichtliche Rekonstruktion ist KUB 12.26 ii 3f., ein Ritualtext, in dem Kamrušepa für sich einen Thron aus Eisen (ŠA AN.BAR GIŠGU.ZA) bereitstellt, sowie KBo 37.1 r.Kol. 26b, worin sich Kamrušepa auf einen Thron setzt. Beide Stellen kann man mit der Notiz im Anitta-Text verbinden, wenn der Herrscher von Purušḫanda (aass. Burušḫattum) einen Thron aus Eisen (und ein Szepter aus Eisen) als Herrschaftsinsignien an Anitta übergibt. Wenn man diese Hinweise auf den eisernen Thron miteinander verbindet, ermöglicht dies die Schlussfolgerung, dass die Göttin Kamrušepa im luwischen Raum von Purušḫanda verehrt wurde und möglicherweise auch als »Throngöttin« für das Großkönigtum in Purušḫanda legitimierende Funktion hatte. Durch den Machtgewinn Anittas in Kaneš auf Kosten des Großkönigs von Purušḫanda ist dabei nicht nur der eiserne Thron in das Königtum von Kaneš gelangt,64 sondern die Göttin fand dadurch auch Eingang ins Pantheon von Kaneš.
Zusammenfassend kann man hinsichtlich der v. a. aus den Funden der Zeit der altassyrischen Handelsniederlassungen erschließbaren Vorstellungen von Göttern sagen, dass uns hier die älteste Form jener Religionswelt fassbar ist, die uns in der schriftlichen Überlieferung der nachfolgenden althethitischen Zeit dann deutlicher vor Augen tritt. Die Funde aus Kaneš – und anderen Orten – zeigen dabei mehrheitlich bereits hethitische Vorstellungen, allerdings lassen sich auch Elemente luwischer Religion feststellen, hingegen gibt es südlich des Halysbogens keine Hinweise auf Vorstellungen, die wir – in Textfunden seit althethitischer Zeit – als Teil des hattischen Bereichs identifizieren.
Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die religionsspezifischen Aussagen der kappadokischen Texte nicht allzu umfangreich sind und dass bildliche Darstellungen nur teilweise mit den Textbefunden verbunden werden können, so dass Abbildungen auf Siegelabdrücken oder im Gussverfahren hergestellte Figürchen von Gottheiten nicht immer eindeutig interpretierbar sind. So findet sich mehrfach die Darstellung einer »Götterfamilie« oder »göttlichen Trias«, bestehend aus einer nackten Göttin, die ihre Brüste hält und neben der ein bärtiger Gott steht; zwischen beiden ist ein Mädchen – als Tochter des Paares (?) – dargestellt.65 Andere Darstellungen zeigen ein Götterpaar, bei dem die Göttin ein Kind auf dem Arm hält.66 Während man bei ersterem Darstellungstyp daran denken kann, diese Trias mit in hethitischen Texten bezeugten Götterpaaren mit einer Tochter zu vergleichen, lassen sich für die zweite Darstellung auch Analogien in der syrischen Welt finden. Manche dieser visuellen Zeugnisse entziehen sich einer gesicherten Interpretation, so dass sie nicht exakt in die rekonstruierte Religionswelt von Kaneš einzuordnen sind. In einem Fall lassen sich aber weitergehende Erkenntnisse gewinnen. Eine in kārum Ib im Jahr 2006 gefundene dünne Goldfolie zeigt eine nach links schreitende Gottheit, die in der rechten Hand eine über die Schulter gelegte Axt und mit der nach vorne ausgestreckten linken Hand die Hinterläufe eines liegenden Löwen hält. Fikri Kulakoğlu interpretiert diese Figur als Kriegsgott, da der Kriegsgott Zababa in hethitischen Texten ebenfalls mit einer solchen Axt und einem Löwen beschrieben wird.67 Hervorzuheben ist dabei aber nicht nur diese Vergleichbarkeit mit jüngeren Zeugnissen, sondern auch stilistisch ist die Darstellung mit hethitischen Götterdarstellungen vergleichbar, etwa mit einer kleinen Statue aus Dövlek aus althethitischer Zeit oder dem Kriegsgott auf dem so genannten Königstor von Ḫattuša. Solche vergleichbaren Darstellungen machen diesen kleinen Fund zu einem wichtigen Indiz für eine Kontinuität von religiösen (und künstlerischen) Vorstellungen von der kārum-Zeit in die hethitische Periode.
3.3 Beobachtungen zur religiösen Praxis als Strukturfaktor der Gesellschaft
3.3.1 Tempel und öffentlicher Kult
Einige Baustrukturen in der Oberstadt von Kaneš werden als Tempel gedeutet, auch der Anitta-Text spricht von der Errichtung von Tempeln.68
Und für Neša baute ich Befestigungen. Und nach den Befestigungen baute ich den Tempel des Wettergottes des Himmels und den Tempel unserer Gottheit. Den Tempel der Gottheit Ḫalmašuit, den Tempel des Wettergottes, meines Herren, und den Tempel unserer Gottheit baute ich. Und was ich an Gütern von den Feldzügen zurückbrachte, damit versah ich [sie].
Dass unter Pitḫana und Anitta Kaneš baulich verändert wurde, zeigt der archäologische Befund.69 Frühere Bauten der Oberstadt waren durch ein Feuer zerstört worden – möglicherweise im Zusammenhang mit der militärischen Auseinandersetzung zwischen den Städten Kaneš und Zalpa –, so dass nun eine große Palastanlage errichtet wurde, deren Umfassungsmauer 140 mal 120 Meter misst. Die Gebäude dieses Palastes sind dabei um einen Innenhof gruppiert. Eine architektonisch ähnliche, wenn auch etwas kleinere Anlage wurde in Acem Höyük ausgegraben. Ferner sind in der Oberstadt zwei gleiche Baustrukturen nachweisbar, die als Tempel interpretiert werden. Die Größe der beiden Bauten mit je einem Zentralraum (14 mal 12,3 Meter) und massiven Türmen an den Ecken zeigt die Bedeutung dieser Bauten; allerdings muss dazu einschränkend gesagt werden, dass keine Kultgegenstände darin gefunden wurden. Zwei weitere kleinere Gebäude könnten ebenfalls Tempel gewesen sein. Die verschiedenen Bauten der Oberstadt von Kaneš ergeben insgesamt ein Bauensemble für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, das aus kultischen Bauten und dem Palastbereich bestand, auch wenn aufgrund der starken Zerstörung durch einen Brand sowie jüngere bauliche Aktivitäten in diesem Bereich eine Detailrekonstruktion des Areals zur Blütezeit der Oberstadt während der Dynastie von Kuššara nicht völlig möglich ist.
Leider erfahren wir aus den altassyrischen Briefen wenig über die Funktion der Tempel und die Rituale des öffentlichen Kultes. Die Texte aus Kültepe nennen einige Priester, die mit dem assyrischen Wort kumrum bezeichnet werden; für Priesterinnen ist der Titel gubabtum bezeugt.70 Wenn man an die Vielfalt von unterschiedlichen Bezeichnungen für »Priester« in der hethitischen Überlieferung denkt, darf man vermuten, dass mit dem assyrischen Begriff kumrum unterschiedliche Priester bezeichnet werden können, die verschiedene Aufgaben im Kult ausgeübt haben. Diese Aufgabenverteilung lässt sich auch davon indirekt ableiten, dass einzelne Priester einer bestimmten Gottheit zugeordnet werden können, wobei namentlich wenigstens 30 Personen und 16 Gottheiten genannt sind.71 Für die Rekonstruktion der religiösen Verhältnisse ist dabei methodisch erwähnenswert, dass sowohl Assyrer als auch Anatolier diese Titel tragen und neben den anatolischen Gottheiten auch die assyrischen Gottheiten Aššur bzw. Ištar von diesen Priester(inne)n versorgt wurden. Aus rechtlichen Kontexten erfahren wir z. B. von Ḫaršunuman, einem Priester der Sonnengottheit, der einem Assyrer elf Minen Silber schuldet, und in einem anderen Rechtsfall ist unter den Zeugen ein Priester der Gottheit Ḫigiša erwähnt. Weitere Priester – meist mit anatolischen Namen – sind für die Stadtgöttin Annā, für den Wettergott, für Kubabat, für Nipas und für eine Flussgottheit belegt.
Über konkrete kultische Handlungen lassen sich aus den Texten keine detaillierten Rückschlüsse gewinnen. Ein »heiliger« Bezirk (innerhalb eines Tempelareals) könnte mit dem Wort ḫamrum bezeichnet sein, wo auch Rechtsentscheidungen getroffen wurden.72 G. Kryszat interpretiert auch das Wort sikkātum als einen Begriff, der sich auf eine religiöse Versammlung bzw. (kultische) Prozession bezieht, wobei diese Deutung jedoch nicht unwidersprochen blieb, indem sikkātum als (profaner) Versammlungsort für Karawanen und Händler gedeutet wird.73 Solche gegensätzlichen Ergebnisse der Analyse der altassyrischen Quellen zeigen dabei auch die Grenzen, an die man in vielen Fragen der religiösen Vorstellungen und Einrichtungen der Zeit der altassyrischen Handelsniederlassungen in Zentralanatolien stößt.
Genauso kann man hinsichtlich des »Festkalenders« die eingeschränkten Kenntnisse hinsichtlich der religionsgeschichtlichen Situation nochmals illustrieren. Mehrfach nennen die Briefe und rechtlichen Vereinbarungen Festtermine, bis zu denen eine fällige Schuld beglichen werden muss:74 Dadurch wissen wir, dass es Feste für Annā, Nipas, Parka, für die Sonnengottheit, für Ḫariḫari oder für Ilali gegeben hat, ohne dass wir jedoch über die Festinhalte oder den Anlass des Festes Bescheid wüssten. Da manche dieser »Zahlungstermine« auch den Zeitpunkt der Ernte nennen, darf man vermuten, dass zumindest ein Teil der genannten Feste mit dem Agrarzyklus zusammenhängen könnte. Auch über den Festablauf lässt sich aus den zur Verfügung stehenden Quellen keine Information gewinnen; allerdings erlauben die unterschiedlichen Formulierungen des Zahlungstermins mit den Präpositionen ina (»während«) bzw. ana (»bis zu«) einen Rückschluss darauf, dass manche Feste, »während« denen die Bezahlung getätigt werden musste, sich anscheinend über mehrere Tage erstreckten. Dies gilt offensichtlich für die drei Hauptfeste in Kaneš, die für Annā, Nipas und Parka ausgerichtet worden sind, an denen auch der Herrscher der Stadt – als Ausdruck »öffentlicher« Religion – teilgenommen hat.75
3.3.2 Religion im häuslich-familiären Kontext
Einige Kleinfunde sind Zeugnisse einer Religionsausübung im Rahmen eines »Hauskultes« oder der Familienreligion. Das zeigt sich deutlich bei den vorhin erwähnten Abgüssen bzw. Gussformen von Götterfigurinen, die in Wohnhäusern gefunden wurden. Die flache Rückseite dieser Figuren dürfte dabei darauf hinweisen, dass man sie an einer Wand aufhängen konnte.76 Möglicherweise stellen manche dieser Götter Schutzgottheiten der Familie oder privater Personen dar.77 Diese Interpretation stützt die Aussage eines 2001 gefundenen Textes, in dem davon die Rede ist, dass eine Priesterin eine goldene Götterfigur besitzt, die ihr von ihrem Vater gegeben wurde.78
Mit der Verehrung dieser Götter im Haus kann man auch die verschiedenen Libationsgefäße verbinden, die in relativ großer Zahl in Häusern der Unterstadt gefunden wurden. Dabei handelt es sich um zoomorphe Gefäße, die die Form verschiedener Haus- und Wildtiere ([Wild-]Schwein, Stier, Widder, Hase, Löwe, Ziege, Antilope) sowie von Vögeln (Adler, Rebhuhn) haben. T. Özgüç unterscheidet dabei drei Gruppen solcher Gefäße, nämlich stehende Tiere, liegende Tiere bzw. Gefäße, die nur den Kopf des Tieres wiedergeben.79 Möglicherweise sind solche tiergestaltigen Gefäße zur Libation von Trankopfern verwendet worden, wohingegen Texte der hethitischen Zeit solche Rhyta als Trinkgefäße nennen – anscheinend als Folge einer Veränderung ritueller Verwendung. Hervorzuheben ist dabei, dass es dafür keine Parallelen in Mesopotamien oder Syrien gibt, so dass man diese Rhyta im kultischen Kontext als eine genuin anatolische Erscheinung bewerten muss, die sich von der kārum-Zeit bis ins hethitische Großreich nachweisen lässt.80 Andere Tierfiguren – wiederum Antilope, Adler, Löwe, Stier(kopf) – schmücken auch den Rand von Schüsseln und Kannen. Da solche Gefäße meist sehr sorgfältig ausgearbeitet sind, darf vermutet werden, dass sie – zumindest teilweise – im kultischen Kontext verwendet wurden und nicht als Alltagskeramik zu bewerten sind. Die Qualität der Gefäße lässt dabei auch vermuten, dass diese Keramikgefäße in ihrer Formgebung ähnliche Gefäße aus (Edel-)Metall nachgeahmt haben.
Manche dieser Gefäße sind für das Ausgießen von Flüssigkeiten als Opfer vor Stelen verwendet worden. Aus der Unterstadt von Kaneš sind vier Räume in Häusern der Schichten Ib und Ia bekannt, in denen sich Stelen befunden haben, vor denen Opfer im Rahmen des familiären Kultes durchgeführt wurden. Diese Stelen sind rund einen Meter hoch, an der Basis jeweils ca. 30–35 cm breit und an der Spitze 10–15 cm. Yağmur Heffron konnte dabei deutlich machen, dass sich in mindestens zwei Fällen vor der Stele auch eine Einrichtung zur Aufnahme des Gussopfers befand. Dass dies nicht nur eine Praxis in Kaneš war, sondern auch anderswo, zeigt eine Darstellung eines Siegelabdrucks aus Acem Höyük aus dem 18. Jahrhundert; darauf gießt eine stehende Person ebenfalls vor einer Stele eine Opferflüssigkeit aus.81 Diese in den Häusern der Unterstadt gefundenen Stelen können dabei sehr wahrscheinlich mit dem Hauskult der Bewohner verbunden werden, wobei die »Zielgruppe« der Empfänger solcher Opfer nicht eindeutig geklärt werden kann. Man kann bei den Kulten vor diesen Stelen sicherlich an die Schutzgottheiten der Familie denken, die auch in den vorhin genannten Götterfigurinen sichtbar sind. Bei dieser Deutung kann man in Erwägung ziehen, ob diese Räume vielleicht auch von mehreren Bewohnern bzw. Haushalten in der Unterstadt als kleines Heiligtum benutzt wurden – eventuell innerhalb eines Verwandtschaftsverbandes.82 Dass dabei die Familien- bzw. Verwandtschaftsbeziehungen nicht überschritten worden sein dürften, wird dadurch wahrscheinlich, dass mindestens zwei Stelen im archäologischen Kontext eng mit Gräbern verbunden sind, da die Bewohner der Unterstadt ihre Toten unter dem Fußboden im Innern des Hauses bestattet haben. Diese Verbindung zwischen Stele und Grab führt dabei zu einer alternativen Deutung des Fundensembles, indem man die Stelen als Gedächtnisstelen für die Verstorbenen ansieht und das Ensemble mit dem Totenkult in der Familie verbindet, dieses jedoch nicht für die Anwohnerschaft – als kleines allgemeines Heiligtum – genutzt wurde. Über die Ausführung des Totenkults in dieser Zeit wissen wir jedoch nicht allzu viel. Erwähnenswert sind aber einige Goldblättchen, die anscheinend auf die Augen und auf den Mund der Toten gelegt wurden, was eine rituelle Behandlung der Verstorbenen zeigt, möglicherweise um diese Körperöffnungen vor dem Eindringen schädigender Geister in die Toten zu schützen.83
Zieht man ein Resümee hinsichtlich der religiösen Situation, die sich für die kārum-Zeit rekonstruieren lässt, so bleiben die Kenntnisse sicherlich eingeschränkt. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass von dieser Zeit eine Kontinuität mancher Götter und Praktiken des Hauskultes bis in die althethitische Zeit besteht. Die Verlagerung des politischen Zentrums in das hattische Gebiet nördlich des Kızılırmak bewirkte jedoch für die Religion des beginnenden Hethiterreiches eine dynamische Beziehung zwischen Kontinuität und Neuerung.
C Religion in der althethitischen Zeit
Das Ende der politischen Bedeutung von Kaneš unter dem letzten bekannten Herrscher Zuzzu um 1725 leitet in den beiden letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts eine historische Veränderung in Zentral- und Nordanatolien ein, die die Entstehung des »althethitischen« Reiches – mit dem ersten Herrscher Ḫuzziya – ermöglicht.1 Damit ist eine konventionelle Bezeichnung der Periodisierung der Geschichte des hethitischen Kleinasien aufgegriffen, bei der meist von drei »Reichen« – das althethitische, das mittelhethitische und das Großreich – gesprochen wird. Allerdings ist diese Dreiteilung in jüngerer Zeit zu Recht in Frage gestellt worden,2 da – unabhängig vom nicht gänzlich unproblematischen Begriff eines hethitischen »Reiches« – deutlich wurde, dass das so genannte »mittlere Reich« keine klar abgrenzbare und eigenständige Periode darstellt, sondern eher eine Zeit politisch schwächerer Herrscher während des 15. Jahrhunderts ist. Darauf setzt am Ende des Jahrhunderts zunächst unter Tudḫaliya II. (1420–1400/1390) sowie seinem Nachfolger Arnuwanda I. aufgrund der politischen Schwäche einiger vor ihnen herrschender Könige ein neuer Aufschwung der politischen Macht ein, der unter Šuppiluliuma I. ab der Mitte des 14. Jahrhundert durch die Rückeroberung verlorengegangener Gebiete in Kleinasien, aber auch durch die erfolgreiche und andauernde Expansion der hethitischen Macht nach Nordsyrien fortgesetzt wird. Diese Neuordnung der politischen Situation wird als hethitisches Großreich bezeichnet,3 das bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts Bestand hat.
Man kann die hethitische Geschichte als eine kontinuierliche Geschichte sehen, mit dem 15. Jahrhundert als einer Schwächeperiode, die aber nicht nur den Übergang zum »Großreich« ermöglicht, sondern ab dem späten 15. Jahrhundert setzen auch Veränderungen in religionsgeschichtlicher Hinsicht ein: Die Kontinuität der althethitischen Religion bleibt sichtbar, aber zugleich treten neue Aspekte in Erscheinung. Dieser historischen Entwicklung trägt die folgende Darstellung insofern Rechnung, als nach dem Abschnitt zur althethitischen Religion in einem weiteren Kapitel wichtige religionsgeschichtliche Veränderungen und Neuerungen vor der Großreichszeit beschrieben werden. Dennoch muss betont werden, dass substanzielle Unterschiede nur zwischen der althethitischen und der großreichszeitlichen Religion bestehen.4
1 Eckpunkte der geschichtlichen Situation der althethitischen Zeit
Als ersten hethitischen König am Beginn der althethitischen Zeit kennen wir Ḫuzziya, der als König von Zalpa durch Anitta besiegt und nach Kaneš deportiert worden war. Wie der Übergang bzw. der Hiatus zwischen der »Kaneš-Zeit« und der »althethitischen« Zeit vor sich gegangen ist, ist nicht völlig geklärt. Ein gewisser Ḫuzziya ist möglicherweise der direkte Nachfolger von Zuzzu von Kaneš, der eventuell seinerseits durch eine Usurpation die Herrschaft über Kaneš dem Herrscher Anitta entrissen hat. Dies bedeutet, dass der erste hethitische Herrscher zwar aus dem (erweiterten) »königlichen Kontext« von Kaneš stammt, aber nicht mit der Pitḫana-Anitta-Dynastie verbunden ist.5 Trotz dieser Verbindung mit Kaneš ist hervorzuheben, dass hattische Traditionen des nördlichen Anatoliens für die Entstehung des althethitischen Reiches einen wesentlichen Faktor bilden.6 Ob Ḫuzziya – und sein Schwiegersohn und Nachfolger Labarna I. – bereits in Ḫattuša residierten oder noch an anderen Orten, bleibt unsicher. Erst Labarna II. hat Ḫattuša neu aufgebaut und sich fortan Ḫattušili, »der (Mann) von Ḫattuša«, genannt. Ḫattušili I. stammte wohl aus Kuššara.7 Die »hethitische Hofsprache«, die spätestens unter Ḫattušili nach Ḫattuša gelangte, wäre daher nicht der hethitische Alltagsdialekt aus Kaneš, sondern die Sprache der politischen Eliten aus Kuššara. Wegen dieser Differenzierung vermutet Alwin Kloekhorst, dass zwischen den Hinweisen auf das Hethitische in den altassyrischen Texten als Dialektform in Kaneš und der Dialektform in Kuššara Unterschiede bestanden und daher die Form hethitischer Wörter in den Texten aus Kaneš und in (jüngeren) hethitischen Texten aus Ḫattuša nicht völlig gleich ist. Auch wenn Ḫattušili aus Kuššara stammt, ist fraglich, ob sich jedoch daraus eine solche sprachliche Differenzierung ableiten lässt, wie Kloekhorst vermutet.8 Denn im Selbstverständnis ihrer Sprache verwendeten die Hethiter den Begriff nišili- (bzw. auch die Variante kanišumnili-), wobei diese Bezeichnung vom Ortsnamen Kaneš und nicht von Kuššara abgeleitet ist, was man nicht unbeachtet lassen sollte.
Mit Labarna I. und Ḫattušili I. beginnt der »überregionale« hethitische Staat. Dabei geraten schrittweise unabhängige hattische Lokalherrscher unter hethitische Kontrolle. Der Ausbau der (neuen) Hauptstadt Ḫattuša unter Ḫattušili ist ein Zeichen der Konsolidierung der Macht gegenüber lokalen inneranatolischen Herrschern. Dieser Prozess der Konsolidierung der überregionalen Herrschaft ist unter Ḫattušilis Nachfolger (und Sohn?) Muršili I. zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen. Mit der Ermordung Muršilis setzte eine Periode innenpolitischer Unruhen und Thronkämpfe ein, über die wir aus dem Prolog des so genannten Telipinu-Erlasses informiert sind.9 Telipinu, dem es während seiner Regierung gelingt, das politische Ansehen des Hethiterreiches wieder zu stärken, skizziert in diesem Text nicht nur die politischen Morde am Königshof, sondern versucht auch, die Thronfolge auf feste und geregelte Bahnen zu lenken – allerdings mit mäßigem Erfolg, da auch wenigstens zwei seiner Nachfolger (Ḫuzziya II., Muwatalli I.) eines unnatürlichen Todes starben. Mit der Thronbesteigung von Ḫuzziyas Sohn Tudḫaliya II. im späten 15. Jahrhundert beginnt eine neue Phase der hethitischen Geschichte, die durch außenpolitische Auseinandersetzungen mit Arzawa im Westen, mit den Angriffen der Kaškäer aus dem Norden und dem zunehmenden Einfluss der Hurriter auf den Südosten geprägt ist; diese Phase bereitet bereits den Übergang zur Großreichszeit vor.
Die unterschiedliche Herkunft der ersten hethitischen Könige – Zalpa und Kaneš bzw. Kuššara – ist nicht nur eine Frage der Geographie, sondern hat Auswirkungen auf die hethitische Königsideologie, die durch hattische Traditionen des Nordens sowie durch Traditionen, die mit dem Gebiet südlich des Halysbogens verbunden sind, bestimmt wird. Ferner ist für die Ideologie des hethitischen Königtums wichtig, dass es mehrere Königtümer in Kleinasien in den ersten Jahrhunderten des 2. Jahrtausends gegeben hat, ehe es zur überregionalen politischen Einigung gekommen ist. Offensichtlich als Ergebnis dieser unterschiedlichen Traditionen gibt es seit der althethitischen Zeit die Vorstellung, dass der König seine Herrschaft von einer Gottheit erhält. Anscheinend wurde im hattischen Bereich (wahrscheinlich in Zalpa10) Ḫanwašuit (heth. Ḫalmašuit) als Throngottheit (und damit mit besonderer Relevanz für den König) verehrt. Nach einem aus dem hattischen Milieu stammenden Palast-Bauritual hat diese Gottheit eine »Zeremonialkutsche« und somit die Regierungsgewalt dem König gegeben. Meist wird dieser Ritualtext als zentraler Beleg für die göttliche Legitimierung des Königtums angesehen, allerdings sollte man darin wohl nur einen Traditionsstrang für die hethitische Königsideologie sehen. Die Beschreibung in einem junghethitisch überlieferten Text, der jedoch auf eine althethitische Vorlage zurückgeht, ist ausdrucksstark:11
Auf, wir wollen gehen! Stehe du (d. h. Ḫanwašuit) hinter den Bergen, mein Mensch sollst du nicht werden, mein Verwandter sollst du nicht werden, sei aber mein Gefährte, ja mein Gefährte. Auf, in das Gebirge wollen wir gehen; und ich, der König, werde dir eine Glasschüssel geben, und aus der Glasschüssel wollen wir essen! Du, beschütze die Berge! Mir, dem König, aber haben die Götter, nämlich die Sonnengöttin und der Wettergott, das Land und mein Haus übergeben. Und ich, der König, werde mein Land und mein Haus schützen! Komm du nicht in mein Haus. Mir, dem König, haben die Götter viele Jahre übergeben, und meiner Jahre Kürze gibt es nicht. Mir, dem König, brachte die Throngöttin (d. h. Ḫanwašuit) die Verwaltung und die ḫulukanni-Kutsche vom Meer her. Sie (Sonnengöttin und Wettergott) öffneten mir meiner Mutter Land und nannten mich, den König, Labarna. Und wiederum preise ich den Wettergott, meinen Vater.
Der Text verbindet unterschiedliche Motive. Die Rolle der Throngöttin ist ambivalent, da der König sich einerseits von ihr abgrenzt, da sie nicht in sein »Haus« kommen soll, aber er zugleich seine Verwaltung auf sie zurückführt. Diese mit dem Königtum und (lokalen) Göttern in Zalpa verbundene Legitimationslinie für das althethitische Königtum spiegeln auch einige der so genannten »Segenssprüche für den Labarna« (CTH 820) wider, vor allem KBo 21.22. Dieser Text zeigt thematische Anknüpfungspunkte an KUB 29.1.12 KBo 21.22 ii 31ff. zählt die »Gottheiten des Königs« auf, die eng mit dem Pantheon von Zalpa bzw. Nordanatoliens verbunden sind.13 Beide Texte – KUB 29.1 und KBo 21.22 (mit jüngeren Paralleltexten) – zeigen somit eine zentrale Traditionslinie von der (vorhethitischen) Königsideologie in Zalpa zum althethitischen Königtum. Für die althethitische Königsideologie spielen jedoch noch weitere Motive eine Rolle. Das in KUB 29.1 erwähnte Haus, das die Sonnengöttin und der Wettergott dem König übergeben, ist ein anderer Traditionsstrang, der eventuell ursprünglich mit der hattischen Göttin Inar verbunden ist. Am Ende des so genannten Illuyanka-Mythos, der zwar nur in einer junghethitischen Abschrift des 13. Jahrhunderts vorliegt, aber wohl aus althethitischer Zeit stammt, ist davon die Rede, dass Inar das Haus, das sie ursprünglich für den Menschen Ḫupašiya, der ihr in der Bekämpfung des Wettergottes beistand, gebaut hat, an den König übergeben hat. Dass hierin ein bereits in althethitischer Zeit verbreitetes Motiv der Übergabe der Herrschaft an den König – symbolisiert durch die Übergabe eines »Hauses« (Palastes) – vorliegt, zeigt ein kleiner althethitischer Text (KUB 36.110), der einen hymnischen Lobpreis auf den König ausdrückt, der u. a. als starke Festung beschrieben wird und dessen Haus auf einem starken Felsen die Freude seiner Nachkommen ist – im Gegensatz zum Haus seines (politischen) Feindes.14 Die Übergabe des Hauses durch Inar an den König ist – nach dem Mythos – auch eine Begründung für die alljährliche Feier des purulli-Festes, wodurch zugleich die Herrschaft gestärkt werden soll. Verschiedene Texte betonen ferner, dass der König »nur« der Verwalter des Landes für die Götter als dessen eigentliche Besitzer ist, so etwa IBoT 1.30:15
Wenn der König sich vor den Göttern verbeugt, rezitiert der GUDU12-Priester folgendermaßen: »Möge der labarna, der König, den Göttern genehm sein. Das Land gehört allein dem Wettergott. Die Heerschar des Himmels und der Erde gehört allein dem Wettergott. Doch er hat den labarna, den König, zu seinem Verwalter gemacht und ihm das ganze Land Ḫattuša gegeben, und das ganze Land soll der König für den Wettergott mit seiner Hand verwalten. Wer in den Körper und über die Grenzen des labarna, des Königs, vordringt, den soll der Wettergott vernichten.«
Der Text verwendet – als altes Erbe – den Titel t/labarna, der in der frühen Königsideologie eine wichtige Rolle spielt, allerdings lässt sich daraus kein »sakrales« Königtum ableiten und der Titel bezieht sich auch nicht ausschließlich auf die sakral-kultischen Aufgaben des Königs.16 Denn der eben genannte Text nennt auch die politischen Aktivitäten des Königs. Dazu gehören z. B. der Schutz bzw. die Ausweitung der Landesgrenzen, die Überwindung der Feinde, aber auch die Übergabe von (Kriegs-)Beute an die Tempel der Sonnengöttin und des Wettergottes. Genauso ist umgekehrt der Schutz des legitimen Herrschers durch die Götter impliziert. Daher wird im Telipinu-Erlass die Ermordung des Usurpators Zidanta auf den göttlichen Willen zurückgeführt, was zum Ausdruck bringt, dass der legitime Thronerbe von den Göttern geschützt wird.17
Zusammenfassend kann – soweit dies für die Rekonstruktion der Religion wichtig ist – Folgendes zur Entwicklung des Hethiterreiches in althethitischer Zeit gesagt werden: In vorhethitischer Zeit war der hattische Norden Kleinasiens vom Schwarzen Meer bis zum Halys zunächst durch lokale Kleinstaaten geprägt, was teilweise auch aus den altassyrischen Texten hervorgeht. Schrittweise wurden diese unter den »nördlichen« Herrschern Ḫuzziya und Labarna I. sowie dem »südlichen« Herrscher Labarna II. (Ḫattušili I.) zu einem größeren und überregionalen Flächenstaat vereinigt und die hattische Stadt Ḫattuš(a) – unter Ḫattušili I. – zur Hauptstadt des sich konsolidierenden Staates erhoben, da sich auch Ḫattušili wie seine Vorgänger für die politische Machtentfaltung auf hattische Traditionen der Idee des Königtums stützte.
Daher dominierte in althethitischer Zeit das hattische Traditionsgut die hethitische Kultur und die »Staatsreligion«, wobei die althethitische Zeit wahrscheinlich weitgehend zweisprachig war18 – mit dem Hethitischen im Bereich der politischen Oberschicht und gemeinsam mit dem Hattischen auch in der »Staatsreligion«, während weite Teile der Bevölkerung das Hattische als alltägliche Sprache nördlich des Halys verwendet haben dürften. Daneben war in nordwestlichen Bereichen des althethitischen Raumes das Palaische beheimatet und südwestlich des Halys das Luwische, das sich auch über den Fluss teilweise ins zentrale hattische Gebiet hinein verbreitete. Dieses Szenario macht aber zugleich deutlich, dass wir – für die Rekonstruktion der »althethitischen« Religion – von Beginn an mit komplexen Kontakten und wechselseitigen Beeinflussungen verschiedener Traditionen zu rechnen haben, die es im entstehenden hethitischen Staat gegeben hat.
2 Das dominierende hattische Milieu der Religion in der althethitischen Zeit
Bei der Entstehung des hethitischen Staats mit der Übernahme der hattischen Königsideologie kommt es zu einer dominierenden Rezeption hattischer Gottheiten in die Religion des neuen Staates bzw. in den »Staatskult«. Zugleich wurden Gottheiten des palaischen Gebiets teilweise in den hethitischen Kult aufgenommen, vielleicht auch bereits luwische religiöse Traditionen.19 Dabei ist für die Rekonstruktion der religiösen Vorstellungen im althethitischen Reich zu betonen, dass aus den hethitischen (und zahlenmäßig geringen hattischen) schriftlichen Quellen in erster Linie nur die »offizielle« Religion bzw. die Religion der mit der Herrschaft verbundenen Oberschicht zu erschließen ist. Ansatzweise lassen sich zwar auch lokale Traditionen, die nicht in den »überregionalen« Staatskult bzw. den Kult der Hauptstadt integriert wurden, ausfindig machen. Was jedoch außerhalb des Erschließbaren bleibt, sind – mangels aussagekräftiger Quellen – Informationen hinsichtlich der religiösen (Alltags-)Praktiken der »allgemeinen« Bevölkerung, auch wenn man – als argumentum e silentio – vermuten darf, dass die Götter des Staatskults oder lokaler Heiligtümer auch individuell verehrt wurden, jedoch wohl nicht unbedingt entsprechend den öffentlichen Hierarchien des Staatskults.
Bemerkenswert für die religiöse Situation ist dabei, dass trotz der politischen Dominanz der Hethiter über die hattische Bevölkerung in religiöser Hinsicht ein möglicherweise indoeuropäisches Erbe der (ursprünglichen) religiösen Vorstellungen der Hethiter nicht mehr sichtbar ist, d. h. offensichtlich haben die Hethiter diese Traditionen völlig zu Gunsten der Übernahmen aus dem hattischen Milieu aufgegeben.20 Am deutlichsten ist dieses Verschwinden indoeuropäischen Erbes im Zusammenhang mit Šiu (šiu-) zu sehen, wie der Anitta-Text zeigt. Denn šiu- ist in hethitischer Zeit nur noch ein Appellativum oder allgemeines Wort für »Gott«, nicht aber – aufgrund der Etymologie21 – ein Begriff für »Licht(-Gott)«. Es lebt zwar das ererbte Wort im Hethitischen weiter, nicht aber die ursprünglich damit verbundene Vorstellung. Ein weiteres Charakteristikum der Religion in althethitischer Zeit besteht darin, dass es – im Unterschied zu späteren Perioden – während dieser Zeit noch keinen Einfluss nordsyrischer oder mesopotamischer Traditionen in der religiösen Welt der Hethiter gibt,22 trotz bereits kurzfristiger militärischer Aktionen in diese Gebiete unter Ḫattušili I. und seinem Nachfolger Muršili I. Erst im 15. Jahrhundert beginnen solche außeranatolischen Einflüsse die religiösen Vorstellungen zu verändern.
2.1 Die Götterwelt als Widerspiegelung gesellschaftlicher Prozesse
In den verschiedenen Sprachen der althethitischen Zeit sind mehrere Wörter für Gott(heit) belegt.23 Im Hethitischen lautet – wie erwähnt – das Wort für Gott šiu(ni)-/šiwa(nni)-. Eine Ableitung von diesem Wort (allerdings der »Göttlichkeit« entkleidet) liegt in šiwatt- »Tag« vor. Auch das Luwische zeigt noch einen Reflex dieser indoeuropäischen Wurzel, allerdings nicht als Begriff »Gott«, sondern im Gottesnamen »Tiwad« für den Sonnengott. Vergleichbar dieser sprachlichen Bedeutungsverschiebung und einengenden Spezifizierung auf den Sonnengott im Luwischen ist die Entwicklung im Palaischen, wo der Sonnengott den Namen Tiyaz trägt; der Allgemeinbegriff für »Gott« im Palaischen ist tiu=na-,24 d. h. eine palaische Weiterbildung aus der indoeuropäischen Wurzel. Auch das lydische Wort ciw- für »Gott« im 1. Jahrtausend ist etymologisch damit verwandt. Auch wenn somit sprachlich in der Bezeichnung für Gott in einigen anatolischen Sprachen ein indoeuropäisches Erbe bewahrt blieb, darf man daraus kein Weiterleben einer »indoeuropäischen Gottesvorstellung« in Anatolien ableiten. Indirekt zeigt dies der negative Befund im Luwischen (und im damit verwandten Lykischen im 1. Jahrtausend), da diese beiden Sprachen mit maššan(i)- bzw. maha(na)- ein völlig anderes Wort für »Gott« verwenden, das entweder mit griechisch mega- »groß« verbunden werden kann oder vielleicht aus einer nicht-indoeuropäischen Sprache im westlichen Zentralanatolien stammt. Das hattische Wort für »Gott« lautete šaḫap-; dieses ist sowohl als eigenständiges Wort, aber auch als Teil des Namens der Göttin Tete-šḫapi (wörtlich »die erhabene Göttin«) oder des Gottes Katte-šḫawi/Katte-šḫapi (wörtlich »König-Gott«) bezeugt.
2.1.1 Zum althethitischen »Staatspantheon«
Wahrscheinlich ist für die althethitische Zeit noch nicht mit einer voll entfalteten Struktur eines »Staatspantheons« zu rechnen. Allerdings lassen sich bereits einige Kernelemente beobachten, die letztlich für die ganze hethitische Geschichte hindurch strukturell bedeutsam bleiben.
In den Annalen Ḫattušilis I. ist u. a. mehrfach davon die Rede, dass er die Kriegsbeute in den Tempel der Sonnengöttin von Arinna, des Wettergottes (des Himmels) und der Göttin Mezzulla gebracht hat.25
So (spricht) Tabarna Ḫattušili, der Großkönig, König des Landes Hatti, der Mann aus Kuššara. … Danach aber zog ich nach Zalpa (in Nordsyrien) und zerstörte es, und seine Götter(bilder) nahm ich mit und drei zweirädrige MADNADU(-Wagen) gab ich der Sonnengöttin von Arinna. Ein Rind aus Silber, eine Faust aus Silber gab ich dem Tempel des Wettergottes, diejenigen (Götterbilder) aber, die übrig waren, die gab ich dem Tempel der Mezzulla. …
In wenigen Tagen überschritt ich den Fluss Puruna (Eufrat) und mit (meinen) Füßen trat ich das Land Ḫaššuwa wie ein Löwe nieder und wie ein Löwe schlug ich (es), und Staub brachte ich auf sie und ich nahm all ihre Habe mit und füllte Ḫattuša damit. … Ferner nahm ich ihm (dem Ort Ḫaššuwa) die Götter(bilder) weg: den Wettergott, Herrn von Aruzza, den Wettergott, Herrn von Ḫalab, Allatu, (den Berggott) Adallur, Leluri, zwei Rinder aus Silber, drei Statuetten aus Silber (und) Gold. … Diese Götter(bilder) von Ḫaššuwa brachte ich zur Sonnengöttin von Arinna. Die Tochter der Allatu, Ḫebat, drei Statuen aus Silber, zwei Statuen aus Gold, diese brachte ich in den Tempel der Mezzulla. Eine IMITTU(-Lanze) aus Gold, ein Szepter aus Gold, fünf Keulen aus Silber, drei Doppeläxte aus Lapizlazuli, eine Doppelaxt aus Gold, diese brachte ich in den Tempel des Wettergottes.
Auch aus anderen nordsyrischen Städten werden die Götter(statuen) durch Ḫattušili nach Ḫattuša gebracht, allerdings ist für die althethitische Zeit zu betonen, dass mit dem Transfer der Götterstatuen nicht die Verehrung dieser Götter in Ḫattuša verbunden wurde, sondern es ging dabei um (materielle) Kriegsbeute, die in den Tempeln der drei wichtigsten Gottheiten der hethitischen Hauptstadt – und damit des »Staates« – deponiert wurden.
Blicken wir genauer auf das »Pantheon« Ḫattušilis, so zeigt sich die Spitzenstellung der Sonnengöttin von Arinna, wobei der hinzugefügte Ortsname »Arinna« auf die Komplexität der religionsgeschichtlichen Entwicklungen hinweist:26 Manchmal wird die Göttin auch bloß als Ariniddu (d. h. die »Arinnäische«) bezeichnet. Die Sonnengöttin war die wichtigste Göttin der Hattier; der Zusatz des Ortsnamens Arinna verweist auf die alte hattische Kultstadt dieses Namens, deren (ursprünglich lokaler) Kult eng mit der Verehrung der Göttin Wurunšemu verbunden wird, deren Name vom hattischen Wort wur-/fur- »Erde, Land« herzuleiten ist. Diese Identifizierung der beiden Namen zeigt die hattisch-hethitische Bilingue KUB 28.6 Vs. 12, in deren hattischer Version der Name Wurunšemu parallel zur »Sonnengöttin von Arinna« der hethitischen Version verwendet wird. Der original-hattische Name der Sonnengöttin war Eštan (im Hethitischen zu Ištanu umgeformt). Dass die Sonnengöttin sicher weiblich war, macht ihr Titel »Königin« (hatt. kattaḫ; logographisch MUNUS.LUGAL) deutlich. Ein hattisches Bauritual (KBo 37.1) beschreibt die Errichtung eines Palastes für diese Sonnengöttin in Liḫzina, wobei die Unterweltsgöttin Lelwani und der Wettergott am Bau mitwirken.27 Im Vergleich mit dem Bauritual KUB 29.1 kann man daraus ableiten, dass wohl auch dieses hattische Ritual die Sonnengöttin mit dem Königtum verbindet. Bemerkenswert ist daran, dass das Ritual anscheinend eine ursprünglich lokale Version der Verbindung der Sonnengöttin mit einem (vorhethitisch lokalen) Königtum in der Stadt Liḫzina erkennen lässt, die jedoch an den »Staatskult« angepasst wurde. Für das »Staatspantheon« ergibt sich daraus, dass man davon ausgehen kann, dass die hattische Sonnengöttin ihre Spitzenstellung aus der hattischen Kultur im althethitischen Staat nicht nur bewahrt hat, sondern durch die Beziehung zur Kultstadt Arinna noch zusätzlich an Renommee gewonnen hat. Aber auch andere lokale Traditionen wurden rezipiert. Mezzulla28 ist die Tochter dieser Göttin, die ursprünglich ebenfalls eng mit Arinna verbunden war, aber gemeinsam mit ihrer Mutter überregionale Bedeutung erhielt. Manchmal wird Mezzulla auch mit dem hattischen Namen Tappinu (wörtlich »ihre Tochter«, gemeint in Bezug auf die Sonnengöttin) bezeichnet. Dadurch ist klar, dass die beiden bei Ḫattušili namentlich genannten Göttinnen aus dem hattischen Milieu stammen.
Dies gilt auch für den Wettergott, obwohl sein Name nur mit dem Wortzeichen DIŠKUR (»Wettergott«) und nicht syllabisch geschrieben ist. Der hattische Name des Wettergottes war Taru,29 wobei der Stier als sein Begleittier gilt. Die Bedeutung der Wettergötter in Anatolien zeigt sich deutlich daran, dass wir aus der hethitischen Geschichte rund 150 Orte kennen, in denen ein Wettergott verehrt wird; solche lokalen Wettergötter werden meist als Söhne des Wettergottes (des Himmels) und der Sonnengöttin (von Arinna) bezeichnet. Die feste Verbindung zwischen dem Wettergott und der Sonnengöttin wird gut ab Ḫattušili I. fassbar.30 Darin ist m. E. eine Neuerung in der kleinasiatischen Religionsgeschichte – zumindest gegenüber den religiösen Verhältnissen, wie sie aus den kārum-zeitlichen Texten aus Kaneš und aus dem Anitta-Text abzulesen sind – zu sehen, da diese älteren Quellen die Verbindung zwischen Sonnengöttin und Wettergott nicht zeigen. Diese erste Paarbildung hat als Konsequenz, dass Mezzulla in der weiteren hethitischen Religionsgeschichte als (eine) Tochter des Wettergottes des Himmels gilt, so z. B. im junghethitischen Gebet der Königin Puduḫepa an die Sonnengöttin von Arinna:31
[Du], Mezzulla, meine Herrin, (bist) für den Wettergott und die Sonnengöttin von Arinna die geliebte Tochter. Was du, Mezzulla, meine Herrin, dem Wettergott, deinem Vater, und der Sonnengöttin von Arinna, deiner Mutter, sagst, das hören sie. Sie weisen es nicht (zurück).
Ḫattušilis Annalen-Text zeigt somit unübersehbar, dass die Sonnengöttin und der Wettergott an der Spitze des »offiziellen« Pantheons des Staats stehen, was auch dem schon vorhin zitierten Palastbauritual (KUB 29.1 i 17–27) entspricht, wenn dem König das Land von der Sonnengöttin und dem Wettergott zur Verwaltung gegeben wird und er diese beiden Gottheiten metaphorisch als Mutter und Vater bezeichnet.
Ein weiteres Charakteristikum der offiziellen Götterwelt in der althethitischen Zeit ist die Bedeutung einzelner Schutzgottheiten, die ebenfalls dem hattischen Milieu entstammen. Einige von ihnen sind eng mit der Jagd verbunden, so dass man vermuten kann, dass ihr Ursprung – zumindest teilweise – in einer weiter zurückreichenden Epoche liegt, von der wir allerdings kein schriftliches Quellenmaterial besitzen. Die Bedeutung dieser Gottheiten geht – wie Gregory McMahon hervorgehoben hat – in der althethitischen Zeit so weit, dass sie nach dem Wettergott und der Sonnengöttin von Arinna (mit ihrer Tochter Mezzulla) praktisch den dritten Rang im Pantheon einnehmen.32 Wenn man in Inar eine der hethitischen Schutzgottheiten sehen darf, deren Name sich hinter der ideographischen Schreibung DLAMMA verbirgt,33 so bietet zumindest der Illuyanka-Mythos mit der Übergabe des »Hauses« an den König einen Anknüpfungspunkt für die (zeitweilige) wichtige Rolle der Schutzgottheit im Staatspantheon.
Damit ist eine erste Zusammenfassung für die althethitische Zeit angebracht: Die politische hethitische Oberschicht übernimmt weitgehend die hattischen Götter in ihr »Staatspantheon«, wobei offensichtlich politische Räson mitgespielt hat. Für den weiteren Verlauf der hethitischen Religionsgeschichte ist dabei als Kontinuum zu betonen, dass vor allem die Vorrangstellung von Sonnengöttin und Wettergott bis zum Ende der hethitischen Zeit sichtbar bleibt; allerdings kommt es auch zu Erweiterungen und Gleichsetzungen mit lokalen Gottheiten, und lokale Kulte werden in Beziehung zum Staatskult gebracht.34 Dabei scheinen solche Prozesse im Laufe der hethitischen Geschichte zugenommen zu haben, um durch die Schaffung von Beziehungsgeflechten zwischen lokalen Göttern und dem Staatspantheon auch zur Festigung der politischen Interessen beizutragen.
2.1.2 Einige hattische Gottheiten
In der althethitischen Zeit gibt es keine »kanonischen« Götterlisten, die eine genormte Reihenfolge von Götterhierarchien festlegen würden. Allerdings lässt sich anhand von Opferlisten in Festen erkennen, welche Götter innerhalb eines Kultes »wichtig« waren, so dass man daraus zumindest indirekt deren große Wertschätzung in althethitischer Zeit ableiten kann. Dass die Sonnengöttin und der Wettergott die Spitzenposition innehatten, kam schon zur Sprache, so dass hier nur noch andere hattische Götter zu nennen sind. Zu Beginn einer Opferrunde beim KI.LAM-Fest betritt der König den Tempel der Sonnengöttin, um dort Gottheiten durch Opfer und Musik zu verehren. Obwohl der Text nicht vollständig erhalten ist, lassen sich 14 Namen feststellen:35 [Sonnengöttin, Mezzulla], Wettergott, Wašezzili, Inar, [Ḫabantali], Herrin des Palastes, Zababa, Tahampiwu, Waḫzašu, Kataḫḫi, [Telipinu], Ḫašammi, Ḫaratši. Im weiteren Verlauf dieser Opferzeremonie findet ein detaillierter beschriebenes Trinkzeremoniell mit Musikbegleitung für die Gottheiten im Tempel statt, jedoch sind die dabei aufgeführten Götter nicht völlig identisch mit den vorhin Genannten, da wir folgende Aufzählung finden:36 [Sonnengöttin, Mezzulla], Wettergott, Wašezzili, Inar, Ḫabantali, Mondgott, Kunzanišu, Ḫulla, Telipinu, Zababa, (vergöttlichter) Tag, Galzu, Zaiu. Aus verschiedenen, auch junghethitischen Texten ließen sich noch weitere Götternamen, die im Rahmen dieses Festabschnittes mit einem Trinkzeremoniell verehrt werden, hinzufügen.37 Vergleicht man dabei die Liste zu Beginn des Festabschnittes und die (deutlich umfangreichere) Liste in den detaillierten Angaben zum Trinkzeremoniell, so sind die weitgehenden Übereinstimmungen vor allem zu Beginn des Zeremoniells zu finden. Daraus kann man auf die Bedeutung dieser Gottheiten schließen, während im weiteren Festverlauf auch unbedeutendere, vielleicht nur lokale Gottheiten in die Kulthandlung einbezogen werden.
Einige der in diesen Aufzählungen erwähnten Götter kamen vorhin schon zur Sprache, wobei viele hattische Götter hauptsächlich in Texten zu Festen, die aus dem hattischen Milieu stammen, belegt sind – meist in relativ stereotyper Formulierung, so dass es schwierig ist, detaillierte Aussagen über deren Rolle und Aufgaben innerhalb der religiösen Praxis zu machen. Ebenfalls erschwert wird die präzise Bestimmung der Aufgaben mancher hattischer Gottheiten durch den bislang nur unzureichenden Kenntnisstand über hattische Wortbedeutungen. Franca Pecchioli Daddi hat – als wichtigen Schritt in der Deutung – verschiedene Götternamen analysiert.38 Dabei konnte sie einerseits zeigen, dass in manchen Fällen individuelle Namen – z. B. Taru oder Inar – vorliegen, in anderen Fällen jedoch Substantive als Göttertitel bzw. Götternamen verwendet werden. Dazu gehören z. B. Kataḫḫa (»die Königin«), Tappinu (»die Tochter«) oder Zintuḫi (»die Enkelin«). In wieder anderen Fällen ist der Gottesname oder Titel eine Ableitung von Ortsnamen, so z. B. Ariniddi für die Sonnengöttin von Arinna oder Ziplantil für den (lokalen) Wettergott von Ziplanta. Andere Namen stellen Komposita dar, z. B. Wurunkatte (»der König des Landes«) oder Wurunšemu (»die *[se]mu des Landes«). Wieder andere Namen sind Komposita aus einem Adjektiv und einem Substantiv, z. B. Telipinu (»der erhabene/große Sohn«), Kataḫzipuri (»die Königin der Erde«) oder Tetešḫapi (»die erhabene Göttin«). Als besondere Gruppe nennt Pecchioli Daddi schließlich noch jene Namen, die mit dem Suffix -šu gebildet werden.39 Diese letztere Gruppe scheint eng zusammengehörige Götter zu umfassen, die vor allem in Festen der althethitischen Zeit im Norden Anatoliens verehrt wurden, wobei Teile dieser Festtraditionen (und die Götter) bis in die Großreichszeit in den beiden großen Jahreszeitfesten im Frühling (AN.TAḪ.ŠUM-Fest) und im Herbst (nuntarriyašḫa-Fest) weiter rezipiert wurden.
Fasst man die Rolle der hattischen Götter zusammen, so prägen sie das Pantheon der althethitischen Zeit sowohl des Staatskults als auch der lokalen Kulte. Wahrscheinlich darf man annehmen, dass diese Götter auch in der alltäglichen Religionsausübung der Bevölkerung verehrt wurden, die zum Großteil in der althethitischen Zeit in Ḫattuša hattisch gesprochen hat bzw. in der »politischen« Oberschicht wohl hattisch-hethitisch zweisprachig war. »Fremde« Götter – außer den palaischen Göttern, auf die in einem späteren Abschnitt noch eingegangen wird – spielen im »Pantheon« der althethitischen Zeit keine Rolle.
2.2 Die alten hattischen Kultstädte und die Hauptstadt Ḫattuša
Es entspricht dem dominierenden hattischen Milieu, dass neben der religiösen Bedeutung der Hauptstadt Ḫattuša auch drei alte Kultorte eine besondere Stellung im »Staatskult« einnehmen und sich dadurch auch von lokalen Kultzentren, auf die später einzugehen ist, unterscheiden. In Paragraph 50 der hethitischen Gesetze, deren ältestes Exemplar in althethitischer Schrift geschrieben ist, wird der Sonderstatus der drei alten Städte wie folgt umschrieben:40
Der …-Mann, der in Verantwortung (?) über Nerik steht, der als Priester in Arinna (oder) in Ziplanta ist, deren Familien (wörtlich: »Häuser«) sind in jeder Stadt frei, nur ihre Verbündeten haben Arbeitsverpflichtungen.
Die Kultorte Nerik, Arinna und Ziplanta spielten im Kult eine wichtige Rolle, so dass im Laufe der Geschichte mehrfach hochrangige Mitglieder der königlichen Familie in jenen Städten als Priester fungierten, was ebenfalls die besondere Stellung dieser Städte verdeutlicht. Ferner empfingen diese Priester aus Anlass der größeren Feste besondere Rationen von Nahrung oder verschiedene Güter. Auch königliche Geschenke bzw. Tribute wurden manchmal an diese Kultstädte und deren Priester übersandt. Solche Sonderregelungen galten dabei bis in die Spätzeit des Großreiches, wobei auch andere Städte gelegentlich oder zeitweilig eine solche bevorzugte Stellung als »Kultstadt« mit allen Vergünstigungen erlangen konnten, wie beispielsweise Tarḫuntašša in der Regierungszeit Tudḫaliyas IV. im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts.41
2.2.1 Nerik
Nerik ist die am weitesten im Norden liegende Kultstadt, wobei durch Geländebegehungen und nachfolgende Ausgrabungen ab 2007 deren Identifizierung mit Oymaağaç Höyük an einem Flussübergang des Kızılırmak etwas südlich der Küste des Schwarzen Meeres gesichert zu sein scheint. Denn in einem bei den Ausgrabungen gefundenen Textfragment ist von einem daḫanga- die Rede. Dieses Wort bezeichnet – in vielen hethitischen Texten aus Ḫattuša42 – sehr wahrscheinlich ein besonderes Gebäude in Verbindung mit der Verehrung des Wettergottes von Nerik, wobei die Texte nur im Zusammenhang mit der Stadt Nerik ein daḫanga- erwähnen.
Bereits in althethitischer Zeit war der Tempel des lokalen Wettergottes von Nerik von überregionaler Bedeutung, ehe die Stadt – vielleicht schon gegen Ende der althethitischen Zeit – von den Kaškäern erobert wurde, so dass der konkrete Kult ersatzweise in die Stadt Ḫakmiš verlegt werden musste.43 Im Selbstverständnis hethitischer Herrscher blieb Nerik aber als alte Kultstadt immer bedeutsam,44 so dass nach der Wiedererlangung des politischen Einflusses über die Stadt in der Großreichszeit die Kultstadt an die vormalige Bedeutung anschließen konnte. Die wechselhafte Geschichte der Stadt bringt mit sich, dass wir über die frühe Periode in Nerik bislang äußerst schlecht informiert sind. Bei den aktuellen Ausgrabungen konnten 2011 die Überreste eines »älteren« Tempels45 entdeckt werden, der – derzeit noch unpräzise – ins 17. oder 16. Jahrhundert datiert wird. Der Tempel war auf dem höchsten Punkt von Oymaağaç Höyük errichtet, wobei ein zentraler Hauptraum (7 mal 5,5 Meter) gefunden wurde, der an den beiden Längsseiten von kleinen schmalen Nebenräumen und an der südöstlichen Seite von einer Vorhalle umgeben ist. Dieses Bauensemble erlaubt die Deutung als Tempel, wobei es im Grundriss dem größeren jüngeren Tempel entspricht, der bei den Ausgrabungen erforscht werden konnte. Südöstlich von diesem Tempel des (lokalen) Wettergottes haben die Ausgrabungen einen weiteren zentralen Bau, der eng mit der religiösen Überlieferung Neriks zusammenhängt, identifizieren können: die so genannte »geliebte Quelle von Nerik« (KUB 36.90 Rs. 32f.). In diese Quelle zieht sich der Wettergott zurück, als er seiner Stadt zürnt, so dass die Fruchtbarkeit in der Stadt erlischt, bis er wieder – aufgrund von Evokationen und Gebeten – aus dieser Quelle, die zugleich einen Zugang zur Unterwelt darstellt, in die Stadt zurückkehrt.46 Die bei den Ausgrabungen entdeckte unterirdische Quellkammer47 liegt rund 9 Meter unter dem Fußbodenniveau, wobei eine Treppe zu dieser Kammer hinabführt, an deren einer Seite sich ein Quellbecken befindet. Das »Quellheiligtum« wurde um ca. 1600 errichtet und zwischen 1520 und 1420 durch eine Erneuerung des Bodenpflasters und den Einbau von hölzernen Installationen für den Wasserlauf erneuert, danach jedoch bis in nachhethitische Zeit nicht mehr verwendet. Diese »Quelle von Nerik« korrespondiert somit zeitlich gut mit der Bedeutung Neriks als Kultzentrum in althethitischer Zeit.
Über die detaillierte religiöse Situation in Nerik in althethitischer Zeit sind wir nicht besonders gut informiert. Der Priester (SANGA) des Wettergottes von Nerik sowie der »Mann des Wettergottes«48 waren bereits in althethitischer Zeit die zentralen Kultfunktionäre in der Kultstadt. Aus der Textüberlieferung des Illuyanka-Mythos scheint aber auch hervorzugehen, dass die GUDU12-Priesterschaft in Nerik versucht hat, die eigene Position in der Hierarchie zu verbessern. Der Illuyanka-Mythos spielt dabei auch im Zusammenhang mit dem purulli-Fest eine zentrale Rolle für Nerik, da der Mythos dafür die »Festlegende« bildet. Der GUDU12-Priester leitet den Text damit ein, dass er nicht nur seinen Text als »Angelegenheit des purulli-Festes« (KBo 3.7 i 3: purulliyaš uttar) erklärt, sondern auch betont, dass man das purulli-Fest feiert, sobald das Land im Frühling wieder gedeiht. Danach erzählt er den Mythos des Kampfes des Wettergottes gegen Illuyanka. Obwohl alle Textexemplare des Mythos nur als junge Abschriften überliefert sind, dürfte der Text selbst zweifellos in die althethitische Zeit zurückgehen, worauf sprachliche Indizien des Textes hinweisen.49 Interessant ist dabei, dass der Mythos in zwei – recht verschiedenen – Varianten überliefert ist, auch wenn in groben Zügen dieselbe Geschichte erzählt wird: Der Wettergott wird zunächst von Illuyanka besiegt, worauf er sich nach menschlicher Hilfe umsieht. In der ersten Version bittet Inar den Menschen Ḫupašiya um Hilfe im Kampf, in der zweiten Version heiratet der besiegte Wettergott die Tochter eines armen Mannes, wobei der Sohn aus dieser Verbindung der Helfer im Kampf gegen Illuyanka wird. In diesem zweiten Kampf des Wettergottes gegen Illuyanka gelingt es ihm, seinen Widersacher zu überwinden. Fragt man nach der Herkunft dieses Mythos, so zeigt sich, dass er eng mit der Kultstadt Nerik verbunden ist, zumal er nicht nur von Kella, dem Priester des Wettergottes von Nerik, rezitiert wird, sondern auch das mit dem Mythos verbundene purulli-Fest in dieser Stadt gefeiert wird. Daraus ergibt sich, dass die hier vorliegende mythologische Überlieferung eine alteingesessene anatolische Tradition widerspiegelt, die – wie der Wettergott der Stadt Nerik – mit dem hattischen Milieu zu verbinden ist. Die erste Version des Mythos erweckt den Eindruck eines höheren Alters. Beide Erzählversionen leiten am Ende des Mythos zum Fest über.50 In der ersten Version übergibt Inar ihr Haus dem König und seither feiert man das purulli-Fest (KBo 3.7 ii 18f.). Anschließend ist davon die Rede, dass der Berg Zaliyanu der Stadt Nerik Regen gibt. Wie dieser Abschnitt genau mit dem vorher erzählten Mythos zusammenhängt, ist unklar, da danach eine Textlücke das Verständnis erschwert. Als der Text wieder einsetzt, wird die zweite Version des Mythos erzählt. Am Ende ist von der Rolle des GUDU12-Priesters die Rede, und es wird die Rangordnung verschiedener Götter im Verhältnis zum Wettergott festgelegt. Dabei spielt auch eine »Kultreise« der Götter nach Nerik eine Rolle. Aus weiteren Texten, die Teile des Festverlaufs beschreiben, ist ferner sichtbar, dass auch der König51 einzelne Orte im Rahmen des Festes besucht und kultische Aktivitäten in Nerik durchführt.52 All dies zeigt die vollständige Einbindung der hattischen Kultstadt Nerik in den Staatskult.
2.2.2 Arinna
Die Kultstadt Arinna kann bislang nicht sicher lokalisiert werden, wobei verschiedene Vorschläge entweder mit der Lage südwestlich oder nordöstlich von Ḫattuša rechnen; letztere Annahme ist wahrscheinlicher, ohne dass ein konkreter archäologisch fassbarer Befund überzeugend als Arinna identifiziert werden kann.53 Sicher ist, dass die Stadt nicht weiter als eine Tagesreise von Ḫattuša entfernt war, d. h. wohl nicht mehr als maximal 30 Kilometer, da sich der König mehrfach in Festritualen innerhalb eines Tages von der Hauptstadt in diese Stadt begibt.54 Der Ortsname Arinna (ah. URUA-ri-in-na, in jüngeren Texten auch mit dem Sumerogramm PÚ »Quelle, Brunnen« als URUPÚ-na geschrieben) ist wahrscheinlich hattischen Ursprungs und kann mit dem hattischen Wort für »Quelle, Brunnen« (uri-, ur-) verbunden werden. Dass es sich um ein altes hattisches Kultzentrum handelt, ist unbestritten. Nach Ausweis der vor allem junghethitischen Texte lag die Stadt wahrscheinlich etwas erhöht und es scheint ein zentrales Stadttor gegeben zu haben. Ein ḫalentu-Raum55 diente wohl dem König als Wohnung während seines Aufenthalts in der Stadt bei den Festen, eventuell wegen der Nähe zur Hauptstadt auch als temporäre Residenz. Ferner lässt sich feststellen, dass Verwaltungseinrichtungen – Vorratshäuser, in denen Abgaben aus Provinzstädten gelagert wurden, ein Gasthaus und Wirtschaftsgebäude – zum Stadtbild gehörten, während Teiche oder Wasserbecken außerhalb der Stadtmauer lagen.56 Ob alle diese Einrichtungen bereits in althethitischer Zeit existierten, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Dass Arinna eine wichtige Kultstadt war, wissen wir aufgrund der textlichen Überlieferung, in der Tempel für die Sonnengöttin, für ihre Tochter Mezzulla, Zintuḫi, den Berg(gott) Ḫulla und den Wettergott des Waldes erwähnt sind; dabei gab für die zuletzt genannten Gottheiten anscheinend nur in Arinna eigene Tempel,57 was deren besondere Zugehörigkeit zu dieser Stadt zeigt. Wo der Berg Ḫulla genau zu lokalisieren ist, bleibt unklar.58 Im Kult standen drei SANGA-Priester an oberster Stelle der Hierarchie, den zweiten Rang nahmen zwei GUDU12-Priester ein; dass letztere eine niedrigere Stellung hatten, sieht man etwa daran, dass von ihnen im KI.LAM-Fest gesagt wird, dass sie sich vor dem König verneigen müssen, was für die SANGA-Priester im gleichen Zusammenhang nicht gilt.59 Auch Priesterinnen waren im Kult von Arinna beteiligt. Das wohl wichtigste Fest der Stadt war das so genannte »Große Fest von Arinna«, in dessen Mittelpunkt neben der Sonnengöttin die anderen praktisch exklusiv mit der Stadt verbundenen Gottheiten Mezzulla, Zintuḫi und der Berg Ḫulla standen. Auch andere Feste – teilweise mit hattischen Rezitationen – wurden lokal für die Sonnengöttin von Arinna in ihrem Heimatort gefeiert, wobei die umfangreiche Überlieferung jedoch erst mit mittelhethitischen Texten einsetzt.60 Dass ab dieser Zeit die Göttin auch häufig in Texten, die sich auf Kulte außerhalb von Arinna bezogen, eine zentrale Rolle spielt, hängt unmittelbar mit ihrer Bedeutung im Staatspantheon zusammen, in das die Verehrung der hattischen Gottheiten der alten Kultstadt Eingang gefunden hat.
2.2.3 Ziplanta
Auch für die dritte Kultstadt Ziplanta (jüngere und später dominierende Schreibung Zippalanda), die bereits in althethitischer Zeit eine wichtige Rolle spielte, ist die genaue Lokalisierung umstritten.61 Oft wird Ziplanta gemeinsam mit der Stadt Ankuwa genannt, wobei für Ankuwa von manchen die Identifizierung mit Alişar Höyük62 angenommen wird, so dass als Folge dieser Identifizierung für Ziplanta vermutet wird, dass die Stadt südöstlich von Ḫattuša liegt, etwa in Uşaklı Höyük.63 Andere verorten die Stadt nordöstlich der hethitischen Hauptstadt, wobei Maciej Popko die Identifizierung von Ziplanta mit Alaca Höyük annimmt, eine Identifizierung, die jedoch wenig Zustimmung gefunden hat.64 Aus Festritualtexten kann geschlossen werden, dass die Stadt zwei Tagesreisen von Ḫattuša entfernt war.65 In althethitischer Zeit war Ziplanta anscheinend nur eine kleine Stadt, jedoch ein (über)regionales religiöses Zentrum, dessen Feste auch von Teilnehmern von anderen Orten, die später größere Eigenständigkeit erhielten, mitgefeiert wurden. So nahmen z. B. beim großen Fest von Ziplanta auch Personen aus Katapa, Kartapaḫa, Šalampa, Ulušna sowie der Verwalter (LÚAGRIG) von Ankuwa teil.66 Dies zeigt, dass bereits in althethitischer Zeit der Kult von Ziplanta in ein Netzwerk anderer Orte eingebunden war. Viele der Feste begannen in der Stadt, wobei der weitere Festablauf die Teilnehmer zum Berg Daḫa führte, der nicht allzu weit von der Stadt entfernt gewesen sein dürfte. Dass dieser Berg – als »vergöttlichter« Berg – eng mit der Kultstadt verbunden war, macht noch das große Gebet Muwatallis II. deutlich, worin die Gottheiten von Zippalanda in junghethitischer Zeit genannt werden: Wettergott von Zippalanda, Berg(gott) Daḫa, männliche und weibliche Gottheiten von Zippalanda, Berge und Flüsse von Zippalanda (KUB 6.45 i 57f.). Auffallend an dieser junghethitischen Pantheonliste von Zippalanda ist, dass im Unterschied zu den Listen der Gottheiten anderer Orte in diesem Gebet nur der lokale Wettergott – vielleicht unter dem Namen Wašezzili67 – und der Berg Daḫa als individuelle Gottheiten genannt sind. Dies entspricht dem Befund der althethitischen Zeit, der deutlich macht, dass der Kultort fast ausschließlich auf die Verehrung eines Wettergottes und des in der Nähe liegenden Berges fokussiert war, andere Gottheiten, die wir aus der althethitischen Zeit kennen, jedoch in Ziplanta fehlen. Die Stadt ist – nach Ausweis der Texte, da wegen der nicht gesicherten Lokalisierung keine archäologischen Daten herangezogen werden können – durch zwei öffentliche Bauten geprägt:68 Das sind der Tempel des Wettergottes in der »oberen« Stadt und ein ḫalentu-Gebäude, das auch als Residenz des lokalen Herrschers sowie des hethitischen Königs diente, der die Stadt bei den Reisen aus Anlass großer Feste besuchte. Dem Tempel des Wettergottes dürften auch Schreine bzw. Kapellen für einige andere Gottheiten angegliedert gewesen sein; so sprechen – allerdings erst junghethitische – Texte von »Häusern der Götter« sowie von einem »Haus der Sonnengöttin der Erde«. Diese spärlichen Angaben deuten erneut auf die relativ exklusive Beschränkung der Kultstadt auf den eigenen Wettergott. Weitere textlich fassbare Baulichkeiten in Ziplanta sind die Stadtmauer, einige Stelen (NA4ḫuwaši-) als Kultplätze und Häuser von Priestern. Wahrscheinlich gab es auch auf dem Berg Daḫa einige Kultbauten.69 Dies zeigt die Erwähnung eines »Tores des Gottes Daḫa« (KBo 16.49 i 5, iv 3; KBo 16.78 iv 17), da damit wohl der Eingang eines Schreines für den Gott auf dem Berg bezeichnet ist. Einblick in die Bedeutung der Kultstadt gibt ferner ein Abschnitt des KI.LAM-Festes – vor allem bezüglich der Priester-Hierarchie der Stadt; den Priestern werden im Rahmen des Festes unterschiedliche Geschenke überreicht:70
Dem SANGA gibt man ein Gewand erster Qualität, dem tazzelli-Priester gibt man ein Gewand zweiter Qualität, dem ḫamina-Priester gibt man ein Gewand zweiter Qualität, dem Mundschenk und dem Sänger gibt man zwei Soldatengewänder. Dies gibt man den Leuten von Ziplanta.
Der SANGA ist der wichtigste Priester der Stadt, der in den Texten aus Ziplanta ausschließlich in kultischer Funktion auftritt. Die zweite Stelle der Hierarchie hat der tazzelli-Priester inne, der ebenfalls eine äußerst zentrale Position im Kult dieser Stadt seit althethitischer Zeit hat. An dritter Stelle ist der ḫamina-Priester zu nennen, der – im Unterschied zum tazzelli – auch in anderen Orten zum Priesterkollegium gehört. Der GUDU12, dessen wichtige Stellung in Nerik vorhin genannt wurde, ist in Ziplanta offensichtlich von eher nachrangiger Wichtigkeit, denn er tritt meist nur gemeinsam mit dem ḫamina- auf. Zusammenfassend zeigt damit auch die Kultstadt Ziplanta eine eigene Stellung in althethitischer Zeit, die jedoch ebenfalls – wie die beiden vorhin genannten Kultstädte – als hattisches Erbe in den Staatskult eingegliedert wurde, wobei die Stadt und der Tempel des lokalen Wettergottes bis in die Großreichszeit im Rahmen der Kultreisen bei den großen Jahresfesten vom König besucht wurden.
2.2.4 Ḫattuša
Ḫattuša war schon eine vorhethitische hattische Siedlung, die von Anitta zerstört worden war.71 Trotz des Fluchs, der denjenigen treffen sollte, der die Stadt wieder besiedelt, hat Ḫattušili I. den Ort zu seiner Hauptstadt gemacht, wobei die beiden Kernbereiche, der Burgberg (Büyükkale) mit dem Palast und die Unterstadt mit dem Großen Tempel (= Tempel 1), das althethitische Stadtbild geprägt haben.72 Ob bereits Ḫattušili eine Stadtmauer zum Schutz der Siedlung errichten ließ, ist archäologisch nicht geklärt, dürfte aber wahrscheinlich sein. Sein zweiter Nachfolger Ḫantili I. rühmt sich in seinen Annalen, eine Stadtmauer als Befestigung für Ḫattuša errichtet zu haben (KBo 3.57 iii 7–18). Ein Stadttor – das ašuša-Tor – wird im KI.LAM-Fest erwähnt, da das Königspaar durch dieses Tor die Stadt verlässt, um zum Stelenbezirk des Wettergottes zu gelangen; dort begrüßen Priester aus Arinna bzw. Ziplanta den König.73
Für die Bautätigkeit in der Unterstadt ist die Errichtung des Tempels 1 – mit umliegenden Magazinbauten – ein bemerkenswerter Einschnitt. Als ältester Tempel der Stadt unterscheidet er sich in der Gesamtanlage klar von den jüngeren Kultbauten, da es sich dabei um ein geschlossenes Bauensemble handelt, das nur »sakrale« Räume enthält.74 Lagerräume und Bauten, die mit einem Tempel als Wirtschaftsunternehmen verbunden sind, sowie Archivräume bzw. mögliche Wohn- oder Aufenthaltsräume lagen zwar im Tempelviertel, waren aber baulich klar vom eigentlichen Tempelgebäude getrennt. Der Tempelbau ist als Bauwerk von Beginn an durchgeplant, wobei die Erbauung des Tempels eng mit der Errichtung der hethitischen Dynastie in Ḫattuša zu verbinden ist, so dass der Tempel noch im späten 17. oder frühen 16. Jahrhundert entstanden ist. Den Eingang in den Tempel ermöglicht eine Toranlage im Süden des Bauwerks, die in den großen Hof führt. Der Tempelhof ist der Ausgangspunkt, von dem sowohl die beiden Hauptkulträume (Cellae) im Norden des Tempels, als auch weitere Kulträume erreicht werden können. Die besser erhaltene Cella an der Nordseite des Tempels misst 7,9 mal 10,4 Meter und ist der größte Raum im ganzen Tempelareal. An ihrer Nordwand befinden sich links und rechts des Sockels, der die Statue der Gottheit trug, zwei Fenster. Zwei weitere Fenster in der westlichen und östlichen Wand der Cella sind ebenfalls auf den Statuensockel ausgerichtet.75 Westlich von dieser Cella befand sich eine zweite – wohl weitgehend vergleichbare – Cella, die jedoch nur noch sehr schlecht erhalten ist. Hervorzuheben sind als Charakteristikum des Tempels weitere Kulträume als eigenständige »Kapellen« oder »Schreine«, da ihre architektonische Lage im Tempel nicht auf die beiden Cellae an der Nordseite ausgerichtet ist und auch sie nur direkt vom Hof erreichbar sind. Die Größe dieser Kulträume ist deutlich geringer als bei den beiden Cellae, und die Räume unterscheiden sich in ihrer baulichen Gestaltung.76 Dieser Befund erlaubt die Interpretation, dass möglicherweise unterschiedliche Kulte für unterschiedliche Gottheiten in diesen Kulträumen durchgeführt wurden. Hervorzuheben ist jedoch, dass im Tempel 1 durch diese bauliche Gestaltung anscheinend alle wichtigen Gottheiten der althethitischen Zeit innerhalb einer Tempelanlage verehrt wurden, im Unterschied zu den späteren Tempelbauten in der Oberstadt, die jeweils nur für eine Gottheit (oder ein Götterpaar) errichtet waren. Bei den im Tempel verehrten Gottheiten handelt es sich wohl um die wichtigen Gottheiten des althethitischen Staatskults mit hattischen Wurzeln. Lange konnte nur vermutet werden,77 dass die beiden Cellae dem Wettergott von Ḫatti und der Sonnengöttin von Arinna geweiht waren. Diese sehr plausible Annahme kann nun durch Ausgrabungsergebnisse in jüngster Zeit weiter deutlich gestützt werden. In mehreren Texten ist ein »Haus des Bronzeschalenhalters« (É LÚZABAR.DAB) genannt, in dem kultische Aktivitäten stattfanden. Für ein seit einigen Jahren etwas nördlich des Areals des Tempels 1 schrittweise ausgegrabenes großes öffentliches Gebäude hat Oğuz Soysal aufgrund der Sichtung jener Texte, die das »Haus des Bronzeschalenhalters« und die im Zusammenhang mit einem solchen Haus durchgeführten Praktiken nennen, gezeigt, dass diese textlichen Bezeugungen und der archäologische Befund gut miteinander korrelieren, so dass man dieses Bauwerk als »Haus des Bronzeschalenhalters« identifizieren kann. Kleinfunde mit kultischer Funktion aus diesem Gebäude sind in die althethitische Zeit zu datieren. Einblick in Kultpraktiken im »Haus des Bronzeschalenhalters« geben mehrere Texte, bei denen immer wieder sieben Gottheiten78 aus dem Kreis der Sonnengöttin genannt werden. KBo 25.51+ i 7’-17’ beschreibt dies wie folgt:79
Der Aufseher der Köche (und) der Prinz, [voranlaufe]nd, [t]ragen die Götter(statue) [in das LÚZABAR.DAB-Haus f]ort. Der Prinz [verbeugt sich] (vor) der Gottheit [u]nd tritt (in das Gebäude ein). [Er verehrt sieben (Gottheiten) der Reihe nach: Son]nengottheit, Mezzulla, Telipinu], GAL.ZU, Taḫpillanu, [Kuzzanišu], Šušumaḫi. Der Prinz ver]neigt sich. Der Aufseher der Köche [gibt dem Prinzen ein …-Brot, und er (= der Prinz)] nimmt (es) für sich. [Er] kommt [aus dem LÚZABAR.DAB-Haus heraus und] geht […? in den Tempel der Sonnengottheit].
Aufgrund der Beschreibung, dass der Prinz am Ende seiner Handlungen zum Tempel der Sonnengottheit, der zweifellos in der Nähe gelegen sein muss, geht, kann man den Schluss ziehen, dass mit diesem Tempel eben Tempel 1 gemeint ist. Somit gewinnt die vorhin genannte Annahme, dass in der östlichen der beiden Cellae in Tempel 1 die Sonnengöttin verehrt wurde, fast an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit.
Andere Texte der althethitischen Zeit nennen noch weitere Tempel für verschiedene Gottheiten in Ḫattuša. So erwähnt Ḫattušili I. in seinen Annalen solche für die Sonnengöttin von Arinna, den Wettergott und Mezzulla. Möglicherweise bezieht sich diese Aussage ebenfalls auf Tempel 1. Möglich ist aber auch, dass die Lage der von Ḫattušili genannten Tempel im Bereich des Burgberges (Büyükkale) zu lokalisieren ist, wobei in diesem Fall jedoch von architektonisch kleinen Schreinen oder bloßen Kulträumen innerhalb des Palastareals auszugehen ist. Neben diesen Gottheiten nennen weitere Texte auch Tempel für Inar und Ḫalki.80 Ferner werden das ḫešta-Haus für die Unterweltsgöttin Lelwani sowie ein »Haus des kurša-« genannt. Neben den »Tempeln« gab es auch Stelen, die verschiedenen Gottheiten geweiht waren bzw. diese in der Hauptstadt repräsentierten. Zusätzlich zu solchen Textzeugnissen sind drei Tempel in der Oberstadt von Ḫattuša archäologisch nachgewiesen, die als Tempel 2, Tempel 3 und Tempel 5 gezählten Bauwerke, die aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammen.81 Welche Gottheiten in diesen drei Tempeln verehrt wurden, ist unbekannt. Wie weit bei der Felsengruppe von Yazılıkaya außerhalb der Hauptstadt nordöstlich des Burgberges bereits in althethitischer Zeit religiöse Aktivitäten ausgeübt wurden, ist schwer zu sagen.82 Keramikscherben aus diesem Bereich stammen aus der althethitischen Phase, und das so genannte Bauwerk I wurde um ca. 1500 vor der Felskammer A errichtet, anscheinend als Abgrenzung dieser Felskammer gegenüber der Umgebung. Daher kann man vermuten, dass dadurch ein für kultische Zwecke nutzbarer Raum geschaffen wurde. Die Ausstattung mit Reliefs, die bis zur Gegenwart sichtbar sind, ist jedoch erst im 13. Jahrhundert geschehen, eventuell mit einer einzigen Ausnahme, nämlich des als Nr. 65–66 gezählten Reliefs, das ein einander gegenübersitzendes Götterpaar zeigt, was ein – jedoch unsicherer – Hinweis auf eine kultische Nutzung des Platzes bereits in der späten althethitischen Zeit sein könnte.
Fasst man zusammen, so stehen in Ḫattuša hattische Gottheiten im Mittelpunkt des Kultes, wodurch der Kult der Hauptstadt (bzw. der Staatskult) mit den alten lokalen Traditionen verflochten wird. Am deutlichsten ist dies im KI.LAM-Fest zu sehen, wenn Vertreter anderer Orte an diesem Fest in Ḫattuša teilnehmen, allen voran die wichtigen Priester aus Ziplanta bzw. Arinna. Dass Vertreter aus der dritten Kultstadt Nerik nicht bei diesem Fest in Ḫattuša anwesend sind, könnte mit der großen geographischen Entfernung Neriks von der Hauptstadt zusammenhängen, d. h. die Teilnahme von »auswärtigen« Priestern an den großen »Staatsfesten« in der Hauptstadt ist zumindest in der althethitischen Zeit auf jene Orte beschränkt, die nur zwei oder drei Tagesreisen entfernt waren. Ideologisch wichtig an der Teilnahme dieser auswärtigen Priester ist dabei, dass dadurch Religion ein Verbindungsfaktor zwischen dem politischen Zentrum Ḫattuša und den traditionellen hattischen Kultstädten wird.
2.3 Plätze der Kultausübung
2.3.1 Aussehen und Ausstattung der Tempel
Wahrscheinlich dürfte jeder Ort wenigstens einen Tempel gehabt haben, dessen Größe von der Bedeutung des Ortes abhing. Allerdings sind bislang nur wenige eindeutig als Tempel zu identifizierende Bauten durch Ausgrabungen erschlossen worden. Insofern stützen sich Aussagen über Tempel und ihr Aussehen sowie ihre Ausstattung in althethitischer Zeit auf wenige textliche Hinweise, deren Aussagekraft teilweise durch junghethitische Beschreibungen erhöht werden kann, da man davon ausgehen darf, dass die Vorstellungen über Tempel eine starke Kontinuität aufweisen.83 Der wichtigste Terminus, den die Texte nennen, ist É.DINGIR bzw. in hethitischer Lautung šiunaš parna- bzw. šiunaš per, das »Haus Gottes/der Götter«, wobei anstelle des allgemeinen Begriffes »Gott« auch der Name einer Gottheit genannt werden kann, um den Tempel, der einer spezifischen Gottheit geweiht war, zu bezeichnen.84
Hinsichtlich des Aussehens85 ist festzuhalten, dass die Ausrichtung der hethitischen Tempel nicht verbindlich ist, sondern teilweise den topographischen Gegebenheiten Rechnung tragen musste. Genauso ist als charakteristisch zu erwähnen, dass eine besonders erhöhte Lage innerhalb einer Stadt für den Tempel nicht verbindlich war. Ein Torbau ist der Zugang zum Tempel und führt in einen geschlossenen Hof. Der Hof (ḫila-) wird meist von einer oder zwei Säulenhallen (ḫilammar) an der Seite begrenzt und noch von anderen Bauten, deren genaue Funktion sich nur selten erschließt, umgeben. Auch auf dem Dach der Tempel konnten Kulthandlungen stattfinden, wie etwa eine Abbildung auf der İnandık-Vase zeigt. Wahrscheinlich ist damit zu rechnen, dass der Tempelhof nicht unbeschränkt für alle zugänglich war. Die Cella als zentraler Kultraum lag an einer Schmalseite des Bauensembles, entweder im Anschluss an den Hof, jedoch meist nicht direkt axial zum Torbau oder seitlich des Hofes, so dass man sich um 90 Grad wenden musste. Nachdem man vom Torbau in den Hof getreten war, musste man somit die Blickrichtung bewusst auf die Cella orientieren. Möglicherweise ist damit eine Konzeption ausgedrückt, die dem Tempelbesucher die Differenz zwischen dem »alltäglichen« und dem »sakralen« Raum bewusst machen sollte und so dazu diente, »Unerwünschtes« vom zentralen heiligen Ort innerhalb des Tempels fernzuhalten. Dazu trägt auch bei, dass die Cella nicht direkt zugänglich war, sondern einige vorgelagerte Räume den Weg »erschwerten«, der wohl nur für Priester offen war. Gelegentlich finden sich in einem Tempel auch zwei Cellae, wie dies in Tempel 5 und in Tempel 1 in Ḫattuša der Fall ist. Hervorzuheben ist, dass hethitische Tempel bzw. der Hauptkultraum Fenster haben konnten, so dass man die Statue der Gottheit sehen konnte. Dass dies nicht immer völlig problemlos war, zeigt ein allerdings erst junghethitisches Orakelprotokoll aus Alalaḫ:86
Weil die Gottheit durch ein Orakel im Zorn über ein Sakrileg bestimmt wurde, befragten wir die Tempelleute. Folgendermaßen (sprach) Tila: »Nicht schaut man auf den Wettergott, aber eine Frau hat durch ein Fenster hineingeschaut. Und ein Kind ging in das Innere(?) des Tempels. Ich war zerlumpt(?) und wir gingen in das Innere des Tempels hinein.«
Trotz der kurzen Ausdrucksweise ist klar, dass hier Fälle erörtert werden, die die Grenzen zwischen »außen« und »innen« in Bezug auf den Tempel missachteten, so dass der Wettergott erzürnte. Der unerlaubte Blick durch das Fenster in die Cella wie auch das unbefugte bzw. unangemessene Betreten der Cella erzürnen die Gottheit. Daraus kann man ableiten, dass der Tempel – bzw. die Cella – als ideell abgegrenzter Raum nicht für jedermann, sondern nur für qualifizierte Personen zugänglich war.
Auch zur Ausstattung der Tempel geben manche Texte einige Informationen, die teilweise durch archäologische Befunde ergänzt werden können:87 In der Cella standen ein Altar und die Statue der Gottheit, der der Tempel geweiht war. Ein Tonmodell, das in İnandık gefunden wurde, zeigt wahrscheinlich eine Cella als Modell, in der eine (nackte) Gottheit auf einem Thron sitzt. Eventuell zeigt auch eine Abbildung der so genannten Bitik-Vase ein Götterpaar auf dem Thron in der Cella. Götterstatuen in hethitischen Tempeln waren in der Regel aus Holz (mit Edelmetallüberzug) und nicht allzu groß; manche Texte weisen auf eine Größe der Statuen zwischen 20cm und 60cm hin, so dass anzunehmen ist, dass solche Statuen auf einem Podest oder Thron standen. Die Größe des Podestes in der östlichen der beiden Cellae in Tempel 1 in Ḫattuša lässt jedoch vermuten, dass darauf eine größere Statue platziert war. Erwähnenswert ist auch eine Abflussvorrichtung in der Cella des Tempels des Wettergottes in Šarišša, die wohl den Zweck hatte, die bei den Opfern ausgegossene Flüssigkeit auf geordnetem Weg aus der Cella abzuleiten, um nicht den Boden aufzuweichen.
Über die detaillierte Ausstattung ist wenig bekannt, da manches eher auf zufälligen Funden beruht, z. B. ein Kopf einer Löwenfigur aus Tempel 2 in Ḫattuša, wobei die Figur wohl als Torwächter fungierte; der Kopf einer Sphinx aus Tempel 3 oder die Figur einer Göttin vom Ištar-Typ in Tempel 7; letztere erlaubt zumindest die Vermutung, dass dieser Tempel einer Göttin dieses Typs geweiht war. Dass die Tempelwände mit Malerei versehen waren, zeigen noch Reste derselben in Tempel 9. Erwähnenswert sind auch die – in mehreren Tempeln oder Schreinen – gefundenen Libationsgefäße in Form eines Stierpaares, u. a. aus Ḫattuša, Šarišša, İnandık, Nerik und Šamuḫa, die zwar nicht zur Zuweisung des jeweiligen Tempels an einen Wettergott ausreichen, aber zur Ausstattung für Libationen gehören.
Ein paar Einblicke in die Ausstattung der Tempel geben auch Tempelbaurituale, obwohl deren umfangreiche textliche Dokumentation in jüngeren Kompositionen vorliegt.88 KBo 4.1 zeigt, dass offensichtlich – wie bei einem Wohnhaus89 – der zentrale Pfeiler eine wichtige (architektonische und symbolische) Rolle spielte, so dass bei diesem Pfeiler vier Pflöcke eingebaut sind, die die Festigkeit des Tempels garantierten sollen (Rs. 1–4). Als weitere Ausstattung nennt dieses Ritual einen Löwen aus Gold und zwei Rinderpaare, die jeweils durch ein silbernes Joch zusammengehalten werden und auf einem Sockel stehen (Rs. 7–10); ebenfalls sind Herde und die Türe genannt (Rs. 17–26). Auch KBo 15.24+ zählt als Ausstattung des Tempels die Statue der Göttin auf, die neben dem Pfeiler deponiert wird (ii 48–53), ferner werden ein (Opfer-)Tisch, ein Thron, ein Altar und zwei unterschiedliche Räuchergefäße erwähnt (ii 13–17). Die beiden Texte sind wohl erst in der Großreichszeit entstanden, wobei KBo 15.24+ eng mit dem Milieu von Kizzuwatna verbunden ist. Insofern sollten nicht alle Aussagen dieser beiden Texte eins-zu-eins in die ältere Zeit zurückprojiziert werden. Ebenfalls nur in einer junghethitischen Abschrift vorliegend, aber eventuell im Kern bis in die althethitische Zeit zurückreichend, ist ein hattisch-hethitisches Bauritual (KBo 37.1), das Oğuz Soysal und Aygül Süel jüngst neu untersucht haben.90 Durch die Heranziehung von Textfragmenten aus Ortaköy konnten sie das Verständnis des Textes aus Ḫattuša entscheidend erweitern, weil diese neuen Textzeugnisse einige zusätzliche Abschnitte gegenüber dem Text aus Ḫattuša enthält. Als Bauritual liefert der Text selbstverständlich keine vollständige Beschreibung des Aussehens des Tempels, aber einige Details werden erwähnt: Die Göttin Kataḫzipuri (hatt.) bzw. Kamrušepa (heth.) setzt sich auf den Thron; ferner schmückt sie den Thron mit der Haut eines Löwen und eines Panthers und Tempelbedienstete bringen verschiedene Stoffe zur Dekoration des Tempels herbei (§§ 5f.). Danach wird im Ritual beschrieben, dass die Stiere des Wettergottes auf einem Podest stehen (§ 10).
Diese Baurituale zeigen somit wenigstens teilweise, welche Ausstattung unter anderem in einem hethitischen Tempel zu finden war, wobei Festzeremonien, die in Tempeln durchgeführt wurden, ebenfalls unsystematischen Einblick in die »Tempeleinrichtung« geben. Hier sei daher – aus dem junghethitischen Festabschnitt am 16. Tag des AN.TAḪ.ŠUM-Festes – auf jene »Einrichtungsgegenstände« des Tempels verwiesen, denen Libationen dargebracht werden. Nachdem der König den Tempel betreten hat, heißt es wie folgt: 91
Der Aufseher über die Köche hält eine Ration Wein dem König hin. Der König hält die Hand (daran). Der Aufseher über die Köche libiert vor dem Thron einmal und für Zababa dreimal. Der Aufseher über die Köche und der Aufseher über die Tischmänner reinigen. Der Aufseher über die Köche libiert am Herd einmal, am Thron einmal, am Fenster einmal, am Riegelholz einmal, ferner noch neben dem Herd einmal. Und für die Statue des Ḫattušili libiert er einmal. Der König verneigt sich.
Bei diesen Gussopfern werden somit markante Teile des Tempels hervorgehoben. Der (vergöttlichte) Thron (DḪalmašuit; DDAG) gehört nicht nur zu den wichtigsten Kultobjekten der hethitischen Religion, sondern verweist erneut auf die enge Verbindung zwischen Königtum und Religion. Der Thron war als Ausstattungselement des Kultraumes vorwiegend aus Holz gefertigt. Grundsätzlich war der Thron als Kultplatz leer, da im Verlaufe von Ritualen mehrfach die Rede davon ist, dass einzelne Gegenstände daraufgelegt wurden, etwa in der Fortsetzung des Ritualverlaufs des 16. Tages des AN.TAH.ŠUM-Festes:92
Dann bringt ein Palastjunker das Tuch der Goldlanze und einen Lituus herein. Und das Tuch der Goldlanze gibt er dem König. Den Lituus aber stellt er neben den Thron rechts vom König.
Der leere Thron ermöglichte dabei, dass König (und Königin) bei manchen Ritualen darauf Platz nehmen konnten, was u. a. eine Abbildung auf der İnandık-Vase zeigt.93 Wahrscheinlich stand der Thron neben dem Fenster, einer Säule oder in der Nähe eines Götterbildes. Der Thron und die anderen vorhin genannten Gerätschaften und architektonischen Elemente sind als Teil des Tempels als »Kultobjekte« zu betrachten, da sie durch ihre Verbindung mit dem Tempel Anteil am Göttlichen haben.94
2.3.2 Lokale Tempel bzw. kleinere Schreine
Neben den Tempeln, die auch Wirtschaftseinrichtungen95 waren, gab es kleinere Schreine, wahrscheinlich nicht nur im Zusammenhang mit den Palastanlagen, sondern in kleineren Ortschaften anstelle eines »voll ausgestatteten« Tempels. Dabei ist terminologisch zu beachten, dass man die Unterscheidung zwischen Schreinen bzw. Kulträumen sowie Räumen, in denen neben anderen primären Aktivitäten auch kultische Handlungen vollzogen werden konnten, nicht unbeachtet lassen soll. Der archäologische Nachweis solcher Schreine ist aber bisher strittig, wobei zwei Fundkomplexe zu nennen sind.
Zum althethitischen Grabungsbefund von İnandık gehören um zwei Höfe agglutinierend angelegte Räume. Der Ausgräber Tahsin Özgüç hat dieses Bauensemble als Tempel (für den Wettergott) interpretiert.96 Die Abweichung der Architektur von anderen bekannten Tempeln im Hethiterreich erklärte Özgüç dahingehend, dass die Tempel oder Schreine der althethitischen Zeit noch nicht so klare Baustrukturen wie in späterer Zeit aufwiesen. Dirk Mielke widerlegte diese Annahme, indem er zeigen konnte, dass das Bauensemble in İnandık ein profaner lokaler Herrschersitz vom Ende der althethitischen Zeit war. Dass in einem der Räume auch Kulthandlungen vollzogen werden konnten, widerspricht dieser Interpretation nicht; eine reliefierte Vase, Libationsgefäße in Form von Stierfiguren und das Modell einer Tempel-Cella als Kleinfunde illustrieren dies.
Der zweite archäologische Fundkomplex, der nach der Deutung des Ausgräbers Tayfun Yıldırım einen kleinen Tempel oder lokalen Schrein darstellen könnte, ist das so genannte Gebäude I aus Hüseyindede,97 ein Ort, der ca. 45 km nordwestlich von Ḫattuša und 60 km westlich von İnandık liegt. Das Gebäude I (23 mal 16 Meter) ist deutlich größer als die anderen Bauten des Ortes und liegt auf dem höchsten Punkt des Grabungshügels. Zwar betont Yıldırım, dass die typische Architektur eines Tempels mit Torbau, größerem Innenhof und einer klar identifizierbaren Cella fehlt, so dass man Gebäude I nicht mit den monumentalen Tempelanlagen in Ḫattuša auf eine Ebene stellen sollte. Da aber in diesem Gebäude vier reliefierte Vasen gefunden wurden, die kaum für den Alltagsgebrauch, sondern für Kulthandlungen verwendet wurden, schlägt Yıldırım vor, dieses Gebäude als kleinen lokalen Schrein aus dem 16. Jahrhundert zu interpretieren. Aber auch in diesem Fall ist es – analog zu İnandık – wahrscheinlich, den Fundkomplex als einen größeren »Landsitz« zu interpretieren.
Beide Grabungsbefunde sind trotz der strittigen Interpretation insofern religionsgeschichtlich aufschlussreich, als sie wenigstens teilweise erkennen lassen, dass Kulthandlungen auch außerhalb der großen Tempel und Feste stattgefunden haben, wobei das »Bildprogramm« auf den reliefierten Vasen, auf das noch einzugehen sein wird, unsere Kenntnisse über die Durchführung von Kulthandlungen bereichert.
2.3.3 Stelen und »naturbezogene« Kultplätze
Ebenfalls zu Plätzen der Kultausübung gehören Stelen, die im Hethitischen als NA4ḫuwaši- oder mit dem Logogramm NA4ZI.KIN bezeichnet werden.98 Diese (pseudo-)sumerographische Schreibweise kann als Wiedergabe des syrischen Wortes sikkannum gelten, worin der Aspekt des Wohnens der Gottheit anklingt (vgl. die semitische Verbalwurzel skn »wohnen«). Das hethitische Wort ḫuwaši- ist etymologisch möglicherweise mit dem luwischen Wortfeld der Wurzel ḫwid-99 »leben, lebendig sein« zu verbinden, d. h. in einer solchen Stele »lebt« eine Gottheit. Man kann Stelen als anikonische Götterdarstellungen bezeichnen, die in einem Tempel als »Kultbild« aufgestellt sein können. Typischer ist aber die Funktion solcher Stelen als Freiluftheiligtümer, die sich oft außerhalb von Siedlungen befinden.100 Manche Texte sprechen davon, dass man in ein ḫuwaši- hineingeht, was auf eine Verbindung zwischen einer ḫuwaši-Stele und einem abgegrenzten Areal verweist, das insgesamt als Ort der Anwesenheit einer Gottheit verstanden wird. Die »Naturverbundenheit« dieser ḫuwaši-Anlagen zeigt sich auch daran, dass diese häufig mit Quellen, Bäumen oder besonderen Felsformationen verbunden sind. Bezüglich der Form und der Größe lassen die Texte erkennen, dass die Größe variabel war, da kleine Stelen auf einen Altar gestellt werden konnten, manche jedoch die Größe eines Menschen haben konnten. Anscheinend konnten mehrere Stelen einen »Stelenbezirk« bilden, in den man wie in einen (offenen) Raum hineingehen konnte.
Stelen als Orte der kultischen Praxis waren sicher bereits in althethitischer Zeit bekannt, wie z. B. indirekt aus der mittelhethitischen Instruktion von Arnuwanda I. an die Grenzkommandeure aus der »Vor-Großreichszeit« hervorgeht, denen folgende Dienstanweisung gegeben wird:101
(Die alte Kultstele im Ort), um die man sich nicht kümmert, um die sollt ihr euch jetzt kümmern. Man soll sie aufrichten. Und die Opfer, die es früher dafür gab, soll man geben.
Die Aussage ist in mehrfacher Hinsicht interessant, da der Zeitbezug wohl weit in die Zeit vor Arnuwanda I. zurückweist, was bestätigt, dass Stelen als Fokussierungspunkte kultischer Handlungen seit der hethitischen Frühzeit zum religiösen Repertoire gehörten. Zugleich zeigt diese Dienstanweisung aber auch, dass diese Kulte nicht nur auf die Hauptstadt beschränkt waren, da Arnuwandas Instruktion sich auf Beamte in der Provinz bezieht – und neben der Restaurierung der Stele auch die Durchführung anderer Kulthandlungen durch die Priester zum Thema hat.102 Dass solche Stelen und Stelenbezirke wichtige Plätze der Kultausübung waren, zeigt ihre mehrfache Nennung in Festritualen, wenn es heißt, dass der König zur Stele(nanlage) einer Gottheit geht. Außerhalb der im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts errichteten Stadt Šarišša lag auf rund 1.900 Metern Seehöhe ein solches ḫuwaši-Heiligtum des Wettergottes neben dem Šuppitaššu-Teich, wobei diese archäologische Entdeckung mit textlichen Hinweisen über Feste in dieser Stadt korreliert.103 Die Lage dieses Heiligtums scheint auf den Großen Tempel des Wettergottes, das so genannte Gebäude C, in der Stadt ausgerichtet gewesen zu sein. Die erhöhte Lage auf einem Berg und neben dem Teich, der aus einer Einsturzdoline entstanden ist, weist auf einen anderen Aspekt »kultischer Orte« der Hethiter hin, da eben natürliche Gegebenheiten wie Quellen, Teiche oder Berge als solche angesehen werden konnten. Auch wenn solche Kultplätze kaum nachweisbar sind, falls es dort – anders als beim eben genannten Beispiel aus Šarišša – keine festen Bauinstallationen gibt, werden sie in Texten mehrfach als Kultplätze genannt. Die vorhin zitierte Instruktion von Arnuwanda I. setzt nach der Aufforderung, die Stelen zu restaurieren, unmittelbar mit dem Auftrag fort, auch die Quellen hinter der Stadt zu besuchen und die Rituale dort durchzuführen; anschließend werden auch die Opfer für die Berge (in der Umgebung der Stadt) genannt (KUB 13.12 iii 13–19).
Somit bot sich für die Hethiter ein weites räumliches Spektrum, wo kultische Handlungen ausgeführt werden konnten – von monumentalen Tempeln über lokalen Schreinen und Kulträumen im Palastbereich, wie etwa dem ḫalentu-Raum bzw. -Gebäude, bis hin zu »Kultanlagen« im Freien an Quellen, Teichen oder Bergen. Manche dieser Anlagen dürften nur temporär gewesen sein, so dass sie nicht archäologisch, sondern lediglich textlich nachweisbar sind. Genauso zeigen die Kultutensilien, die in den Bauwerken in İnandık und Hüseyindede gefunden wurden, dass Kulthandlungen auch an Orten, die nicht exklusiv der Durchführung des Kultes dienten, stattgefunden haben.
2.4 Akteure und Akteurinnen im Kult
An den vielfältigen Formen des Kultes sind Personen mit unterschiedlichen Aufgaben beteiligt, wobei eine einheitlich verwendete Terminologie bzgl. »Kult«, »Liturgie«, »Rituale« usw. in den hethitologischen Publikationen nicht vorhanden ist. Daniel Schwemer verwendet »Kult« primär für Feste (und vermeidet Begriffe wie »Zeremonie« bzw. »Liturgie« wegen ihrer jüdisch-christlichen Konnotation) und unterscheidet den »Kult« terminologisch von »Ritualen« (häufig mit therapeutischer Funktion). Allerdings erwähnt er zutreffend, dass eine genaue Abgrenzung von »Kult« und »(magisches) Ritual« nicht immer möglich ist.104 Aus meiner Sicht ist es daher besser, »Kult« als allgemeinen Oberbegriff zu verwenden, d. h. dazu gehören sowohl Zeremonien und Liturgien bei Festen und Opfern zur Verehrung von Gottheiten sowie jene Rituale, die für einen Einzelnen oder eine Gruppe mit therapeutischen, reinigenden oder stärkenden Zielen durchgeführt werden. Auch in den Ritualen werden dabei Götter durch Opfer und Gebete einbezogen, wie auch bei Festzeremonien die Teilnehmer (bzw. Priester) mit Opfern und Gebeten in Kontakt zu den Gottheiten treten. In dieser Hinsicht sind daher sowohl »Rituale« als auch »Feste« lediglich unterschiedliche Ausdrucksformen bzw. Typen innerhalb des Kultes. Alle die bei solchen kultischen Handlungen – in verschiedener Weise – beteiligten Personen kann man daher als »Akteure im Kult« bezeichnen, wobei die Funktionen dieser Personen weit gestreut sind: Priester und Priesterinnen (inklusive möglicher Spezialisierungen), Musiker(innen) und Tänzer(innen) als »professionelle« Akteure bei Festzeremonien, aber auch jene Personen, die Aufgaben im Tempel – inklusive der Betreuung oder Verwaltung von Wirtschaftsgütern des Tempels bzw. von Abgaben für den Tempel – ausüben; Ritualfachfrauen, Therapeuten, Heilerinnen bzw. Spezialisten und Spezialistinnen zur Erschließung des göttlichen Willens durch Orakeltechniken sind weitere Gruppen von den mit dem Sammelbegriff »Kultakteure« zusammengefassten Personen. Die Aktivitäten einzelner Personen sind dabei nicht immer explizit auf eine einzige Funktion beschränkt.
Für das althethitische Priestertum ist auf die schon genannte Stelle des KI.LAM-Festes zu verweisen, dass der SANGA der Stadt Ziplanta ein erstklassiges Gewand bekommt, der tazzelli-Priester aber nur ein zweitklassiges. Dies zeigt eine Hierarchie für Ziplanta, aber man darf die Situation nicht automatisch als eine institutionalisierte priesterliche Rangordnung im ganzen althethitischen Reich interpretieren.105 Denn obwohl in vielen Texten verschiedene »Priester« als Akteure von Kulthandlungen genannt sind, existieren keine Textzeugnisse, die Fragen der Institutionalisierung des Priestertums behandeln, sondern Priestertitel sind wenngleich in großer Zahl fast immer nur stereotyp mit der Aufzählung von – oft ebenso stereotypen – Kulthandlungen bezeugt: Sie brechen Brote als Opfergaben, rezitieren und bringen den Göttern Trankopfer dar. Spezifische Pflichten und besondere Funktionen verschiedener Priesterkategorien sind dabei nur ansatzhaft festzustellen. Genauso muss man bedenken, dass keineswegs alle »Tempelbediensteten« (LÚMEŠ/MUNUSMEŠ É.DINGIRLIM) zu den »Priester(inne)n« zählen, wie deutlich die »Instruktion für die Tempelbediensteten« (KUB 13.4) zeigt, wenn im Kolophon dieser Instruktionen folgende Personengruppen als Tempelbedienstete genannt sind:106 Küchenpersonal der Götter, Bauern der Götter, Rinder- und Schafhirten der Götter. Im Zusammenhang mit der zeitlich richtigen Durchführung von Festen nennt die Instruktion auch die SANGA-Priester, die GUDU12-Priester, die AMA.DINGIRLIM-Priesterinnen und (andere) Tempelbedienstete (KUB 13.4 ii 57, iii 35f.).
Ausgehend von letzteren Begriffen kann man Folgendes sagen – und zugleich die Problematik einer Systematisierung von »Priestern« in althethitischer Zeit verdeutlichen. Der am häufigsten verwendete Begriff ist LÚ/MUNUSSANGA, wobei sich dafür ein großes »Aufgabenspektrum« feststellen lässt, wobei eine MUNUSSANGA viel seltener genannt ist als ihr männliches Pendant. In Festritualen tritt ein solcher Priester oft als derjenige auf, der Libationen selbst durchführt oder dabei zumindest anwesend ist, er bricht die Opferbrote, teilweise rezitiert er auch während der Zeremonie. Eine interessante Nuance zeigt das hattisch-hethitische Textstück KUB 28.1, in dem von der Einsetzung eines Priesters – vielleicht für die Sonnengöttin Eštan, die Königin, und den Wettergott Taru, den König (iv 12–14) – die Rede ist.107 Der Priester ist jedoch mit seiner Aufgabe unzufrieden und erzürnt. Es fehlt leider der größere Kontext, der die Unzufriedenheit des Priesters begründen würde, doch zeigt der Text, dass es manchmal zwischen Priestern und denjenigen, die ihn mit seiner Aufgabe betrauten, zu Unstimmigkeiten kommen konnte. Insofern gibt der Text einen Einblick in eine Facette des priesterlichen Alltags, die zweifellos nicht zum »offiziellen« Kult gehört. Hinsichtlich der Herkunft dieser Priester ist festzustellen, dass sie aus dem zentralen hethitisch-hattischen Kerngebiet stammen, wobei fast alle Orte, die mit einem SANGA genannt werden, sich auf dieses Gebiet beziehen. Dabei sind die beiden alten Kultzentren Arinna und Ziplanta viel häufiger als alle anderen genannt. Erwähnenswert ist, dass auch mehrere Personen, die Beschwörungs- oder Reinigungsrituale durchführen, als SANGA bezeichnet werden – d. h. außerhalb der Festliturgien in kultische Aktivitäten involviert sind. Chronologisch ist jedoch zu beachten, dass keiner von diesen individuellen und namentlich bekannten SANGA der althethitischen Zeit angehört.108 Somit kann man mit Jörg Klinger zu Recht sagen, dass im Begriff SANGA »die allgemeinste Bezeichnung für einen mit Opfern und Ritualen befassten Kultfunktionär vorliegt.«109 Welches hethitische Wort bzw. welche verschiedenen hethitischen (vielleicht ursprünglich auf das Hattische zurückgehenden) Wörter hinter diesem Logogramm verborgen sind, ist ungewiss.
Für das Logogramm GUDU12 wird als Lesung meist das bereits in althethitischen Texten belegte Wort tazzelli- angenommen, was jedoch eher unwahrscheinlich ist.110 Schreibungen wie GUDU12-iš bzw. GUDU12-aš im Nominativ zeigen, dass neben der Lesung mit einem Wort als i-Stamm (wie tazzelli-) GUDU12 auch für ein hethitisches Wort im a-Stamm als Logogramm geschrieben wird; diese Schreibung GUDU12-aš ist möglicherweise kumra- zu lesen, eine Bezeichnung für Priester, die bereits in den Texten aus Kaneš verwendet wird.111 D. h. mit der Schreibung GUDU12 werden wenigstens zwei unterschiedliche hethitische Wörter logographisch wiedergegeben. Auch der GUDU12 führt Trank- bzw. Speiseopfer durch, trägt bzw. hält Kultutensilien bei Opfern oder rezitiert während oder im Anschluss an Ritualhandlungen. Insofern sind seine Aktivitäten nicht grundlegend von denen des SANGA verschieden, wobei beide Priester auch manchmal gemeinsam agieren. Beachtet man die Götter, für die der GUDU12 Kulthandlungen ausführt (vor allem für den Wettergott, Telipinu, Inar, Kataḫḫa), sowie die Orte, mit denen er verbunden ist (Ziplanta, Arinna, Tawiniya), so kann man daraus schließen, dass der GUDU12 ein Priester des hattisch-althehtitischen Milieus war.112
Dem Logogramm AMA.DINGIRLIM, die »Gottesmutter«, entspricht die hethitische Bezeichnung šiwanzanna- / šiunzanna- als wörtliche Übersetzung. Sowohl die syllabische als auch die logographische Schreibung der Bezeichnung dieser Priesterin werden seit althethitischer Zeit verwendet, so dass damit wohl unzweifelhaft die wichtigste Priesterin bezeichnet wird. Möglicherweise ist diese Priesterin – nach der althethitischen Zeit – auch mit dem (allgemeineren) Titel MUNUSSANGA bezeichnet, da letzterer Titel erst ab dieser Zeit verwendet werden. Da die SANGA-Priesterin aber eindeutig mit den Gottheiten des hattischen Milieus verbunden ist, lägen dann nur zwei – chronologisch zu differenzierende – Titel vor, die jedoch nur einen »Typ« Priesterin bezeichnen.113 Auch über ihre genaue Tätigkeit im Kult erfahren wir – abgesehen von stereotypen Aussagen, dass eine oder mehrere Priesterinnen Opferhandlungen durchführen – wenig für die althethitische Zeit.114
Neben diesen drei Begriffen – in der genannten Reihenfolge der Häufigkeit entsprechend – nennen hethitische Texte noch eine Reihe weiterer Akteure im Kult, ohne dass sich deren Funktionsunterschiede sicher bestimmen ließen.115 Für die althethitische Zeit zu erwähnen sind unter anderem der »Priester des Wettergottes«, der wohl von allgemein genannten Priestern (LÚ.MEŠSANGA) zu unterscheiden ist, oder der »Mann des Wettergottes« (LÚ D10/DIŠKUR); dieser ist nicht nur in Festritualen aktiv, sondern als Kultspezialist auch in Ritualen, die zur Beruhigung bei einem Gewitter oder zur Reinigung eines Ortes dienen. Manchmal agiert er gemeinsam mit der »Frau des Wettergottes« (MUNUS D10/DIŠKUR). Auf die Gruppe der 12 SANGA, die anscheinend eng mit dem Königtum verbunden sind, hat Piotr Taracha hingewiesen. Zu dieser Zwölfergruppe werden folgende Priester zusammengefasst: aus Ḫattuša der Priester des Wettergottes und der »Mann des Wettergottes«, aus Ziplanta der Priester des Wettergottes von Ziplanta und der tazzelli-, aus Ankuwa der Priester der Göttin Kataḫḫa (der »Königin«) und der Priester der Getreidegottheit Ḫalki. Danach werden Götter, die ebenfalls mit dem Königtum verbunden sind, genannt (der Kriegsgott Zababa bzw. Wurunkatte, Tašmetu, Kašḫala, Ḫalmašuit) und abschließend die Schicksalsgöttinnen Anzili und Zukki. Bemerkenswert an dieser Zwölfergruppe ist der fehlende Bezug zu Arinna, was Taracha dahingehend deutet, dass in der frühen Formung des hethitischen Staatskults die beiden benachbarten Orte Ziplanta und Ankuwa eine größere Rolle gespielt haben dürften als Arinna, so dass die Sonnengöttin (von Arinna) in dieser alten Gruppe nicht genannt ist. Eine weitere Gruppe von Frauen, die wahrscheinlich bereits in althethitischer Zeit im Kult aktiv waren, sind die MUNUS.MEŠḫazgarai-. Anscheinend leisten sie aber den Priestern lediglich »Hilfsdienste«, indem sie die nicht allzu großen Götterstatuen von einem Platz zum anderen tragen, Opferbrote und Früchte bereitstellen und gelegentlich auch singen. Ob sie selbst Opferhandlungen vornehmen, ist unsicher, so dass man sie zwar zu den Akteurinnen im Kult zählen kann, sie aber nicht Priesterinnen im engeren Sinn sind. Eine weitere Personengruppe sind die KAR.KID-Frauen, die in einigen bereits hattischen Ritualen als Sängerinnen und Tänzerinnen aktiv sind. Auch andere Sänger(innen) (LÚ/MUNUSNAR) sind bereits im althethitischen Kult bezeugt.
Auch der König spielt in verschiedenen Kulthandlungen eine – unterschiedlich wichtige – Rolle, die aber nicht überschätzt werden sollte. Die Teilnahme des Königs an unterschiedlichen Ritualen und Festen hat nämlich bei näherer Betrachtung eine größere symbolische als »reale« Bedeutung.116 Zwar heißt es gleich zu Beginn der ersten Tafel des KI.LAM-Festes, dass der König sein (priesterliches) Festgewand anziehe,117 allerdings zeigt sich bei genauer Betrachtung, dass die Opferhandlungen nicht direkt vom König selbst, sondern durch einen »professionellen« Priester durchgeführt werden, während der König das Opfer nur berührt. Wenn es daher heißt, dass der König Feste feierte oder die Ausführung von Riten unterließ, so ist damit nicht primär seine Funktion als agierender »Priester« gemeint, sondern es klingt darin an, dass er eine Verantwortung dafür trägt, dass die für das Wohl des Staates notwendigen Riten »richtig« durchgeführt werden. Nur in einem solchen Sinn sollte man daher primär von einer »priesterlichen« Funktion des Königs sprechen. In dieser Funktion obliegt ihm aber in besonderer Weise die Möglichkeit, Religion als einen auch mit Auswirkungen auf die Gesellschaft verbundenen Kulturbereich im Sinn des hethitischen Staatswesens beeinflussen oder kontrollieren zu können. Bei manchen dieser »königlich-priesterlichen« Aktivitäten ist auch die Königin involviert, die parallel zu oder unterstützend mit ihrem Gatten agiert. Billie-Jean Collins hat im Zusammenhang mit solchen kultischen Aktivitäten der Königin auf ein interessantes Detail hingewiesen:118 Da mehrfach Ferkel als Opfertiere bei diesen Kulthandlungen der Königin einbezogen werden, könnten solche Handlungen mit der Förderung von Fruchtbarkeit im weitesten Sinn verbunden werden.
Neben den verschiedenen Priestern gibt es weitere religiöse Spezialisten, die unter anderem Praktiken der kultischen Reinigung kennen und so genannte »magische« Rituale, die man zutreffender als therapeutische Rituale bezeichnen sollte, durchführen. Ferner können sie durch die Anwendung von Orakelpraktiken Einblick in den Willen der Götter geben. Am wichtigsten unter diesen Spezialist(inn)en sind die so genannten »Alten Frauen« (MUNUS.MEŠŠU.GI), die gelegentlich in Festritualen neben den verschiedenen Priestern agieren, allerdings sind ihre Hauptaufgaben andere. Hannah Marcuson119 hat die Aufgaben der MUNUSŠU.GI ausführlich untersucht, wobei sie für die althethitische Zeit feststellen konnte, dass die »Alten Frauen« damals bereits in einer engen Beziehung zum Palast und zum Königshaus standen. Oft genannt wird die Stelle aus dem »Politischen Testament« Ḫattušili I., worin über Ḫaštayar, die Gattin des Herrschers, geklagt wird, dass sie immer die »Alten Frauen« befragt. Auch wenn der Kontext der Aussage eine zumindest skeptische Sichtweise auf die »Alten Frauen« als Ratgeberinnen der Königin wirft, ist er ein zutreffendes Zeugnis dafür, dass diese Frauen auch Spezialistinnen für Orakelpraktiken waren. Orakelpraktiken sind jedoch in althethitischer Zeit – im Unterschied zu späteren Perioden – nur sehr selten bezeugt und auf die genuin anatolischen KIN-Orakel120 beschränkt. KBo 18.151 ist ein althethitischer Orakeltext, der ähnlich wie die Form eines Briefes die Orakelausführungen bzw. Ergebnisse durch die »Alte Frau« dokumentiert.121 Gegenüber den jüngeren KIN-Orakeln zeigt dieser Text einige Besonderheiten, da lediglich eine MUNUSŠU.GI (und nicht drei oder vier Frauen) das Orakel ausführt, dafür jedoch die Orakelsymbole in elf Schritten auf dem Orakelfeld bewegt wurden, um durch die Konstellation der Orakelsymbole zueinander die Antworten der Gottheit(en) bzgl. der Orakelanfragen zu erkennen. Dadurch ist hier eine deutliche längere Orakelprozedur beschrieben als in den späteren KIN-Orakeln mit nur drei oder vier solchen Bewegungsabläufen der Symbole auf dem Orakelfeld. Thematisch bezieht sich KBo 18.151 auf den Feldzug eines Herrschers gegen die Stadt Haššu(wa) in Nordsyrien, wobei der Name des Herrschers nicht bekannt ist. Das Orakel wird durch eine Frau mit Namen Aškiliya122 durchgeführt, um durch diese Orakelanfragen alle Gefahren zu erkunden, so dass diese abgewehrt werden können und vielleicht – ähnlich wie in Ritualen der MUNUSŠU.GI123, die das Unheil auf den Verursacher zurückführen – ebenso auf den Urheber zurückkehren sollen. Dadurch fungiert die MUNUSŠU.GI als eine Spezialistin, die durch ihre Kenntnis der Orakeltechnik den Willen der Götter als religiös-politische Ratgeberin des Königs bekannt macht und so zum Wohlergehen des Staates beiträgt. In dieser Hinsicht kann man diese Tätigkeit auch mit ihrer Kompetenz in der Durchführung von Ritualen verbinden, die den Zweck haben, Unheil vom König abzuwehren. Beispielsweise ist dies bei den vier Ritualen, die auf der Sammeltafel KBo 17.1+ gemeinsam überliefert wurden, der Fall. Aufgrund des Vergleichs von Motiven und Ritualhandlungen aus jüngerer Zeit hat H. Marcuson gezeigt, dass diese Rituale von einer MUNUSŠU.GI durchgeführt wurden, obwohl der erhaltene Text diesen Titel der Ritualakteurin nicht nennt.124 Vergleichbar dem vorhin genannten Orakeltext, aber auch Segenssprüchen, die von einer MUNUSŠU.GI für den König rezitiert werden, zeigen somit solche Texte, dass die MUNUSŠU.GI religiöse Funktionen ausübt und Handlungen durchführt, um dadurch den König zu stärken.
Fasst man kurz zusammen, was man über Personen, die mit religiösen Handlungen in althethitischer Zeit befasst sind, sagen kann, so gehören die eben genannten »Alten Frauen« zu den Kultakteuren jener Zeit, aber man sollte sie von den Priesterinnen unterscheiden. Letztere sind in unterschiedlicher Weise durch ihre Tätigkeit – vor allem die Darbringung von Opfern – im regelmäßigen Tempelkult sowie bei lokalen bzw. überregionalen Festen charakterisiert. Nur indirekt mit dem althethitischen Kult verbunden sind schließlich jene »Tempelbediensteten« wie Küchenpersonal oder Hirten der Götter, deren Dienstleistungen für die Opfer und die Durchführung von Liturgien zwar eine Voraussetzung sind, aber die Personen, die diese Dienstleistungen erbringen, sollte man nicht zu den direkten kultischen Akteuren rechnen.
2.5 Opfer als Praxis der Verehrung und Versorgung der Gottheiten
Opfer sind jener Bereich des Kults, bei dem einer Gottheit eine Gabe übereignet wird. Konkret materialisiert sich diese Vorstellung in Gaben- und Trankopfern, wobei der materielle Aspekt der Gabe nicht immer im direkten proportionalen Verhältnis zur Verehrung der Gottheit und zur erwarteten positiven Reaktion der Gottheit in Bezug auf das Opfer stehen muss, sondern auch von der sozialen Stellung des Opferers abhängen kann. Zentrale Begriffe des Wortfeldes »opfern« sind šipant- und ḫuek- bzw. ḫatta-.125 Etymologisch bezieht sich šipant- (vgl. griech. spendō, lat. spondeo) auf eine Libation (Gussopfer), was sich in althethitischer Zeit auf die Libation des Blutes als zentraler Lebensessenz des getöteten Opfertieres bezogen hat. In jüngerer Zeit erfährt šipant- jedoch eine Bedeutungsverallgemeinerung im Sinn der »Weihung« des Opfers bzw. als ein allgemeiner Begriff für »opfern« – unabhängig von der Frage der Libation des Blutes. Die beiden anderen Begriffe ḫuek- »schlachten« bzw. ḫatta- »abschlagen, abschneiden« verweisen ebenfalls auf die Wichtigkeit der Tieropfer in der althethitischen Zeit – möglicherweise zur Versorgung der Götter durch das Opfer als vielleicht wichtigstem Zweck der Opfer.
2.5.1 Zweck und Notwendigkeit der Opfer
Die Darbietung von Opfern wird häufig von Musik mit verschiedenen Instrumenten begleitet. Die Verbindung der Musik mit Opfern dürfte mehrere Funktionen gehabt haben, wobei Vokalmusik der Kommunikation mit den Göttern diente sowie Musik im Allgemeinen eine passende Form darstellte, um die Verehrung der Götter auszudrücken oder eine Gottheit herbeizurufen bzw. zu erfreuen, damit sie das Opfer wohlwollend akzeptiert oder den Opferern wohlgesonnen ist. Lange Opferhandlungen – wie das Trinkzeremoniell oder kultische Mahlzeiten – werden ebenfalls von Musikdarbietungen begleitet, wobei Musik oder Gesang zwischenzeitlich verstummen126 können. Resümierend formuliert Monika Schuol zutreffend:127
Die während der Trink- und Speiseopferzeremonielle ausgeführte Musik unterstützt also zum Einen die Kommunikation zwischen Gottheit und Festgemeinde, dient zum Anderen aber auch der Unterhaltung der beopferten Götter.
Die Vielfalt der Musikdarbietungen während der Opferpraktiken und in Verbindung mit Festzeremonien spiegelt auch die große Zahl unterschiedlicher Musikinstrumente wider, die bei solchen Anlässen – neben der Vokalmusik – eingesetzt werden.128
Ein Festritualfragment, das zu einer lokalen Form des purulli-Festes gehören dürfte, gewährt einen ersten Einblick in die Versorgung der Götter durch verschiedene Opfergaben.129
Die Leier bringt man zum Verstummen. Die NIN.DINGIR-Priesterin läuft zum Herold und zu den ḫapi-Männern. Sie laufen zum Herd und nehmen ihre Plätze ein. Die Tischmänner bringen 15 belegte Brote. Die ḫapi-Männer breiten darunter [Stoff] aus. Die Metzger legen ein belegtes Brot und einen Fleischanteil überall hin. Eine Schale jungen vergorenen Wein und eine Schale marnuwan-Bier geben sie (dazu).
Brot- und Fleischopfer verschiedenster Art sowie Bier- und Weinsorten sind Grundbestandteile der Opfer zur Versorgung der Götter im hethitischen Kernland, wie ein zwar erst junghethitisch überlieferter Text zu einem lokalen Jahreszeitenfest zeigt, der aber wohl in einer viel älteren Tradition der Kultstadt Ziplanta steht:130
Er opfert ein Rind und ein Schaf der Sonnengöttin der Erde. Man legt das Fleisch vom rohen und vom gekochten hin. Er bricht die Brotlaibe. Man füllt die Rhyta mit Weinbier. Einen Stier und einen Widder, die für die Gottheit (?) (bestimmt sind), treibt er zum Tempel zurück, und der Priester opfert sie dem Wettergott von Zippalanda. Er nimmt das Fleisch vom rohen und gekochten, bricht die Brotlaibe, füllt die Rhyta … und richtet die Becher des Tempels her. …
Der König tritt zur Kultstele hin und beopfert reihum drei (Gottheiten): den Wettergott von Zippalanda, den Berg Daḫa und Ḫašmaiu. Die ḫalliyari-Leute singen zur kleinen Leier.
Die Fleischopfer – roh oder gekocht – sind in der Religionsgeschichte Anatoliens auch in den späteren hethitischen Epochen fast ausschließlich auf den zentralanatolisch-hattischen Raum beschränkt,131 wobei die Fleischrationen als Opfer häufig auf Brote gelegt werden, um sie den Göttern anzubieten – auch verbunden mit Guss- und Trankopfern. Ohne solche Opferspeisen würden die Götter Schaden erleiden, so dass ihre Abhängigkeit von den Opfergaben der Menschen in Notzeiten als Argument genannt werden kann, dass die Götter aus Eigeninteresse das Unheil von den Menschen entfernen müssen. Diesen Zusammenhang betont Muršili II. in seinem so genannten 3. Pestgebet (CTH 378.3):132
Falls aber (ihr) Götter, die Herren, die Seuche au[s dem Land nicht schickt?], die [wenigen] Brotopferer und Weinschen[ke, die noch übrig geblieben sind], falls auch jene wegsterben, (dann) hören [Brot- und] Gussopfer für die Götter, die He[rren,] auf.
Obwohl das Gebet aus der Großreichszeit stammt, darf man die Sichtweise, dass die Götter die Speiseopfer der Menschen benötigen, sicherlich als altes Gedankengut bewerten. Dies zeigt indirekt auch die Ermahnung, die Ḫattušili I. in seinem so genannten »Politischen Testament« dem Thronfolger Muršili I. gibt:133
Sei aber auch [in der Angelegenheit der Götter] respektvoll: Ihre Dickbrote (und) ihre Libationsgefäße, und auch ihre [Eintöpf]e (und) ihre Grütze sollen bereit stehen. Du (Muršili) darfst (sie) [weder] verschieben noch darfst du (sie) vernachlässigen.
Teilweise können Opfer – besonders bei Festen – recht umfangreich werden, indem die Zahl der Opfertiere im mehrstelligen Bereich liegt, die vom Palast oder von öffentlichen Einrichtungen der Stadt und der benachbarten Orte zu liefern sind.134 Auch die zu einem Tempel gehörigen Ländereien und agrarischen Nutzflächen dienten dazu, diesen Bedarf an Opfermaterialien zu decken. Der Großteil der Opfergaben wurde von den Opferdarbringern und den Teilnehmern an Festen konsumiert bzw. sie wurden als »Bezahlung« auch den Bediensteten im Tempel sowie Mitwirkenden an den kultischen Handlungen gegeben. Dadurch wird die Funktion der Opfer mehrschichtig: Ausdruck der Verehrung und Wertschätzung der Götter; Versorgung der Götter; materielle Abgeltung von Dienstleistern, die in unterschiedlicher Weise in religiöse Aktivitäten bzw. in Einrichtungen, die damit verbunden waren, involviert sind; Versorgung (von Teilen) der Bevölkerung als Nahrungsmittel.
Eine Opferpraxis, die häufig in Festen genannt wird, wird mit folgender Formel ausgedrückt: LUGAL MUNUS.LUGAL DNN ekuzi, wörtlich: »Der König und die Königin ›trinken‹ die Gottheit NN«. Die Deutung war lange strittig, indem man den Satz entweder kausativisch umschrieb »der König und die Königin lassen die Gottheit trinken/tränken die Gottheit«, oder man darin eine verkürzte Bildung für »der König und die Königin trinken (aus dem Becher) der Gottheit« sah, als Ehrenbezeugung für die Gottheit. Die Zusammenstellung einer repräsentativen Liste der Belege135 dieser Formel durch O. Soysal macht deutlich, dass die überwiegende Anzahl der Stellen den Gottesnamen mit der Akkusativendung -n nennt, gelegentlich steht der Gottesname im Dativ oder in der (unflektierten) Stammform. Ferner zeigt Soysal, dass diese hethitische Formel hattischen Ursprungs ist und die hethitische Akkusativendung aus dem Missverständnis der hattischen Dativendung auf -n resultiert. Die wenigen hethitischen Stellen mit dem Gottesnamen im Dativ spiegeln dabei die »richtige« hattische Ausgangslage der Formulierung wider. Somit drückt die Phrase das »Trinken zu (Ehren) einer Gottheit« aus,136 d. h. damit wird die Verehrung der Gottheit betont, während das Darbringen von Opferbroten oder Gussopfern die Versorgung der Gottheit betrifft. Beides wird z. B. in einem althethitischen Monatsfest mehrfach nebeneinander in Bezug auf verschiedene Götter genannt, wie folgende Zeilen verdeutlichen können:137
Der König und die Königin trinken im Stehen zu Ehren der Göttinnen Eštan und Tappinu aus einem wertvollen zeri-Gefäß. … Ein Tischmann nimmt zwei süße Dickbrote vom Tisch. Er gibt (sie) dem König. Der König bricht sie. Der Tischmann nimmt dem König die süßen Dickbrote ab. Und er legt sie zurück auf den reinen (Opfer-)Tisch.
Zu beachten ist dabei, dass diese Verehrung der Gottheit durch die Trinkzeremonie nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern in weitere Handlungen eingebettet ist.138 Sie beginnt mit einer Formulierung, dass der König zu dieser »Trinkzeremonie« auffordert und danach der Mundschenk die entsprechenden Becher herbeibringt. Direkt mit dieser Verehrungshandlung verbunden ist die Bereitstellung von Broten. Danach »trinkt« der König bzw. »trinken« der König und die Königin entweder stehend oder sitzend die verschiedenen Gottheiten, wobei diese – bei einer größeren Zahl von Gottheiten – länger andauernde Handlung durch Musik- und Tanzdarbietungen begleitet wird. Abschließend werden die vorher bereitgestellten Brote zerbrochen und geopfert. Der ganze Handlungsablauf kann dabei, wenn der König erneut zu einer solchen Zeremonie im Fest auffordert, wiederholt werden.
2.5.2 Visuelle Repräsentation von Kulthandlungen
Bei Ausgrabungen gefundene (Kult-)Gefäße vermitteln einen Eindruck von den Gerätschaften, die etwa für Gussopfer und für das Trinken zu Ehren einer Gottheit verwendet werden konnten. Manche solcher Gefäße haben die Form von Wild- oder Haustieren bzw. Vögeln, wobei die Palette der Tierdarstellungen umfangreich ist.139 Wie schon erwähnt, sind solche Gefäße bereits in der vorhethitischen kārum-Zeit in Zentral- und Nordanatolien bekannt gewesen. Der Formenschatz lebt in hethitischer Zeit weiter. Berühmte Beispiele dafür sind die Libationsfaust aus dem Boston Museum sowie die beiden Silberrhyta aus der Schimmel-Sammlung, eines in Stier- und eines in Hirschgestalt.140 Ferner kann man die silbernen Stierkopfgefäße aus Kastamonu nennen. Dabei ist nur der Vorderteil des Tieres mit Kopf wiedergegeben; allerdings sind diese Gefäße auch ausführlich mit kultischen Reliefszenen verziert.
Verschiedene Kannen, häufig mit einem charakteristischen Schnabel für das Ausgießen des Trankopfers versehen, sind ebenfalls zu erwähnen. Die Qualität solcher Kannen141 scheint auf den kultischen, vielleicht aber auch höfischen Gebrauch zu verweisen, wobei die Dünnwandigkeit und eine Politur, die der Kanne einen metallischen Glanz gibt, ebenfalls ein Indiz für die Verwendung in der Verehrung und Versorgung der Götter sein dürfte. Als weiteres Kultgerät sind die so genannten Libationsarme zu erwähnen, die ebenfalls dazu dienten, Flüssigkeiten vor oder über Götterstatuen auszugießen. Becher sowie hohe schlanke Krüge mit rundem oder spitzem Boden, d. h. die in ein Gestell eingepasst werden müssen, finden ebenfalls bei der Durchführung von Opfern Verwendung. Auch (flache) Schalen, aus denen getrunken werden kann oder auf die Brote oder Fleischopfer gelegt werden, sind zu nennen. Die archäologischen Funde zeigen eine große Variabilität von Kannen, Bechern, Tellern oder Ausgussgefäßen, die im Kult verwendet werden können. Es ist jedoch schwierig, diese Gefäße mit entsprechenden Termini zu verbinden, die im Kontext von Opfern und kultischen Handlungen zur Versorgung der Götter genannt werden, wie Stefano de Martino anhand weniger Beispiele gezeigt hat.142
Weitere visuelle Eindrücke von Opferhandlungen vermitteln einige so genannte Kultvasen, d. h. reliefierte Vasen als Bildträger. Einige dieser Kultvasen – z. B. aus Bitik, Eskiyapar, Kalehöyük, Boğazköy oder Alaca Höyük – sind nur bruchstückhaft erhalten, so dass die Rekonstruktion des exakten Bildprogramms dieser Vasen nicht möglich ist. Aus zwei anderen Fundorten – İnandık und Hüseyindede – stammen jedoch praktisch vollständig erhaltene Vasen, wobei T. Yıldırım deutlich gemacht hat, dass die dargestellten Inhalte weitgehend miteinander vergleichbar sind.143
Die Vase aus İnandık ist 82 cm hoch und die Darstellungen darauf sind auf vier Register verteilt.144 Auf dem untersten Register sitzen sich ein Gott und vermutlich eine Göttin an einem Altar und einer davorstehenden Vase gegenüber und hinter der Göttin steht ein Musikant mit einer großen Leier. Weitere Musikanten – mit einer Doppelleier, mit Zimbeln und einer Laute – gehören ebenfalls zur Szenerie, genauso Personen, die Speisen und Getränke für ein Opfer bereitstellen. Das darüber liegende Register zeigt weitere Opferszenen. Ein Mann hält vor der an einem Altar sitzenden Gottheit eine Schnabelkanne, eine weitere Gruppe von Personen bewegt sich mit Opfergaben auf einen auf einem Podium stehenden Stier als Repräsentant des Wettergottes zu. Das dritte Register zeigt Musikanten, einen Tempel, auf dessen Dach eine Kulthandlung stattfindet, und ein Götterpaar oder eventuell zwei Göttinnen entsprechend der Darstellung auf der großen Vase von Hüseyindede. Dieses Paar sitzt auf einem Bett. Zwischen dem Tempel und dem Bett sind ein Altar und ein Vorratsgefäß dargestellt. Das oberste vierte Register zeigt Musikanten und Musikantinnen, Akrobaten oder Tänzer sowie einen Geschlechtsakt.
Vier andere reliefierte Vasen wurden 1998 im Gebäude I in Hüseyindede gefunden, wobei eine Datierung in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts wahrscheinlich ist. Die größte der vier Vasen ist 86 cm hoch.145 Die Abbildungen auf der Vase erstrecken sich über vier Register, wobei man das Bildprogramm von unten nach oben interpretieren kann: Auf der untersten Ebene der Darstellung sind Stiere abgebildet, in der Reihe darüber ist eine männliche Figur begleitet von Wildtieren und einem Widder dargestellt, daneben eine vor einem Opfertisch sitzende Gottheit und zwei Musikanten mit Leier. Das dritte Register gibt die zentrale Szene wieder – mit einem männlichen und zwei weiblichen Musikerinnen, weiteren Figuren, von denen eine ein Kohlebecken trägt; davor sieht man eine Tempelfassade, danach einen Altar und daran anschließend zwei Göttinnen auf einem Bett, vor dem ein Mann mit einer Tasse in der Hand steht. Im obersten Register sind ein Ochsenkarren, einige weitere Musikanten sowie die Reste eines weiteren (Opfer-)Tieres zu sehen. Eine zweite, 52 cm hohe Vase aus Hüseyindede146 hat nur einen Darstellungsfries, auf dem Tänzer, Musikanten sowie ein Akrobat, der über einen Stier springt, zu sehen sind. Vergleicht man das Register mit den jeweils obersten Registern der İnandık- und ersten Hüseyindede-Vase, so ist der vergleichbare Kontext der Musik und der akrobatischen Unterhaltung, wie ich den Stiersprung verstehe, deutlich erkennbar.
Dass die Darstellung auf den Vasen zum Großteil kultische Handlungen zeigt, ist unbestritten, die Detaildeutungen sind jedoch strittig. T. Yıldırım überlegt, ob darin vielleicht Abschnitte der althethitischen Feste des Staatskults oder lokaler Feste dargestellt werden.147 S. Alp sieht in der Abbildungsfolge die Darstellung eines Festes zur (sexuellen) Initiation und Verehelichung eines Prinzen.148 Als gemeinsamer Punkt in der Interpretation – beginnend mit T. Özgüç149 – wird auf eine so genannte »Heilige Hochzeit« verwiesen, wobei jedoch T. Yıldırım anhand der Hüseyindede-Vase deutlich gemacht hat, dass dort auf dem Bett zwei Göttinnen dargestellt werden, womit diese Deutung wohl hinfällig wird. Auch die direkte Beziehung des Dargestellten zu einem uns aus den Texten bekannten Fest ist wohl nicht möglich. Man kann in diesen Darstellungen Illustrationen von Opferhandlungen sehen, die im Rahmen von Festen und in Tempeln stattgefunden haben, oder Abbildungen der Versorgung der Götter im Tempel – eventuell auch die (nächtliche) Ruhe der Gottheiten auf dem Bett. Genauso lassen sich manche Szenen auf das »alltägliche« Beiwerk des Kultes beziehen – beginnend mit der Zubereitung von Opfergaben bis hin zur allgemeinen weltlichen Unterhaltung durch Akrobatik und sexuelle Lebensfreude im Rahmen von lokalen oder überregionalen Festen. Insofern liefern die Kultvasen weniger die Interpretation zu einem konkreten Fest, sondern sind Illustrationen von kultischen und nicht-kultischen Aktivitäten bei hethitischen Festen im Allgemeinen.
2.6 Feste auf staatlicher und lokaler Ebene
Geht man von den teilweise lokal gefeierten Herbst- und Frühjahrsfesten aus, so ist zunächst die Reihenfolge zu beachten. Diese Reihenfolge zeigt, dass der ursprüngliche Jahresbeginn im hethitischen Kleinasien im Herbst (zur Tag- und Nachtgleiche) gelegen ist. Spätestens Muršili II. scheint im frühen 13. Jahrhundert jedoch unter babylonischem Einfluss den Beginn des Jahres in den Frühling verlegt zu haben.150 Da die Textüberlieferung aus junghethitischer Zeit ungleich größer ist als aus früheren Epochen, besitzen wir folglich wesentlich mehr Texte, die sich auf lokale Frühjahrsfeste als auf Herbstfeste beziehen. Aufgrund dieser Texte entsteht auch der Eindruck, dass die Frühjahrsfeste scheinbar höhere Priorität besaßen. Allerdings darf dieser für die Großreichszeit richtige Befund nicht den Blick verstellen, dass die Religion in althethitischer Zeit anders gelagert war. Im Mittelpunkt der Herbstfeste stand dabei der Gedanke der eingebrachten Ernte und der abgeschlossenen (Winter-)Aussaat, wobei Riten zum Schließen der Vorratsgefäße (als eine Art Sichtung des Ernteertrags) zu den charakteristischen Merkmalen der Herbstfeste gehören. Frühjahrsfeste legen hingegen den Fokus auf die wiederaufkeimende Fruchtbarkeit des Landes. So ist etwa vom Öffnen der Vorratsgefäße, von rituellen Wettkämpfen, in denen Trockenheit oder Unfruchtbarkeit besiegt werden sollen, oder von Regen bringenden Riten die Rede. Somit strukturieren Feste das hethitische Jahr nach jahreszeitlichen Einschnitten, wobei auch die so genannten »Gewitterrituale« oder »Gewitterfeste«151 einen klimatisch-jahreszeitlichen Bezug zum Frühlingsbeginn haben dürften. Der Jahreslauf dürfte somit wohl an den Gegebenheiten einer landwirtschaftlich geprägten Kultur orientiert gewesen sein, wobei es schon in althethitischer Zeit regelmäßige Monatsfeste gegeben hat.152
Die Feste des zentralen Nordanatolien gehören ins hattische Milieu, wobei sie in ihren Grundzügen sehr wahrscheinlich in die vorhethitische Zeit zurückgehen und lokal durchaus unterschiedliche Ausprägungen zeigen. Im sich politisch immer stärker entfaltenden althethitischen Reich werden diese Feste weiter gefeiert, indem sie Teil des Staatskults werden, da König und Königin oder hochrangige Prinzen als Vertreter des Staats daran teilnehmen. Damit ergibt sich jedoch für die Rekonstruktion die erste methodische Schwierigkeit, dass eine Unterscheidung zwischen Festen des Staatskults und »nur« lokalen Festen nicht immer eindeutig möglich ist. Meines Erachtens waren bereits in früher althethitischer Zeit das KI.LAM-Fest, das purulli-Fest sowie wahrscheinlich Monatsfeste weitgehend in den Staatskult einbezogen. Diese werden daher im Folgenden zunächst dargestellt, ehe auf einige weitere »nur« lokale Feste eingegangen wird. Ein weiteres Problem in der Rekonstruktion althethitischer Feste besteht darin, dass manche Feste noch in der Großreichszeit gefeiert und dabei mehrfacher Überarbeitung unterzogen worden sind. Dadurch zeigen zwar noch Feste der Großreichszeit unzweifelhaft »alte« Elemente, ohne dass es jedoch möglich wäre, den althethitischen Festverlauf exakt daraus zu erschließen. So hat z. B. das umfangreiche junghethitische nuntarriyašḫa-Fest unübersehbar eine Verbindung zum hattischen Milieu, wobei eine endgültige Gestaltung des Festverlaufs unter Muršili II. wahrscheinlich hattische Festtraditionen neu gestaltet hat. Möglicherweise wurde dabei – als 27. bis 29. Festtag – das althethitische KI.LAM-Fest als »Subfest« in den neuen Festverlauf eingebettet.153 Genauso fällt für das KI.LAM-Fest auf, dass es in der Aufzählung hethitischer Feste in der Instruktion für Tempelbedienstete (KUB 13.4 i 39–49) nicht genannt ist. Auf dieses Problem ist bei der Darstellung der Feste der Großreichszeit später einzugehen.
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