Read the book: «Jedermannfluch»
Manfred Baumann
Jedermannfluch
Meranas achter Fall

Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt
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Alle Rechte vorbehalten
4. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Bogdan Sonjachnyj / shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6584-0
VORSPIEL
1. Szene, Gegenwart
Jetzt habet allsamt Achtung, Leut!
Und hört, was wir vorstellen heut!
»Jeeedeermaaaann!«
Der geröchelte Schrei zappelte über die Köpfe der Zuschauer hinweg, schwirrte nach vorn, erreichte den aufgestellten Theaterwagen. Heiterkeit machte sich breit in der dicht gedrängten Besucherschar. Einige wandten sofort den Blick nach hinten. Von wo kam denn dieser wunderlich röchelnde Schrei? Es hörte sich an, als litte der Rufer unter eklatanter Heiserkeit. Köpfe wurden gereckt, Kleinkinder an Schultern gefasst und in die Höhe gestemmt. Da! Einige der hochgelupften Kinder streckten die Arme aus. Sie hatten den schrulligen Rufer entdeckt. Mitten unter den Zuschauern. Er stand neben einem Baum. Der Kerl mit der struppeligen Frisur formte erneut die Hände zu einem Trichter vor dem Mund.
»Jeeedeermaaaaaaaaann!« Jetzt erschallte der Ruf in einer völlig anderen Tonlage. Nicht mehr heiser, sondern ulkig gesäuselt. Die Stimme erinnerte irgendwie an eine jammernde Sirene.
»Was soll das?« Ein zorniger Schrei war zu hören. Er kam von vorne. Alle, die nach hinten äugten, rissen schnell die Köpfe nach vorne, schauten belustigt zum großen Theaterwagen, der vor dem stattlichen Gebäude stand. Mit lautem Knall flog die Kulissentür auf. Heraus stapfte eine Frau. Sie war sichtlich erbost. Offenbar war sie gerade beim Ankleiden gestört worden. Mit der Rechten hielt sie eine elegante Jacke umklammert. Die Linke nestelte an ihrem Bauch. Sie versuchte fieberhaft, den unteren Rand ihrer viel zu weiten silberfarbenen Bluse in die schlecht sitzende Bügelfaltenhose zu stopfen. Gleichzeitig schickten ihre weit aufgerissenen Augen zornige Blicke in Richtung Zuschauer. Unversehens ließ sie das chaotische Blusenstopfen sein. Die frei gewordene Hand fuchtelte wild durch die Luft.
»Habt ihr mich nicht verstanden? Ich fragte, was das soll. Wer schreit hier?«
»Äh … ich.« Aus der jammernden Sirene war ein klägliches Piepsen geworden. Wieder rissen viele der Besucher rasch die Köpfe nach hinten, nahmen den wuschelköpfigen Typen erneut ins Visier. Er stand immer noch neben dem Baum. Er hielt mit gespielter Schüchternheit die Hand in die Höhe.
»Ich war das. Jeeedeermaaann.« Erneut röchelte er. Die Frau auf der Bühne drohte ihm mit ausgestrecktem Zeigefinger.
»Bist du des Wahnsinns? Falsches Stück, falscher Text! Völlig falsche Stadt!« Sie hielt plötzlich in ihrer fuchtelnden Bewegung inne, schaute nach links, dann nach rechts. Sie musterte übertrieben prüfend die Umgebung.
»Na ja, so ganz völlig falsch wohl auch nicht.« Mit einem Mal war ihr Tonfall gefällig.
Den Zuschauern, die sie eben angeschnauzt hatte, wandte sie sich jetzt mit einem strahlenden Lächeln zu.
»Also die Stadt, finde ich, die passt schon so halbwegs. Was meint ihr?« Zustimmung wurde laut, freudige Ja-Rufe. Einige begannen zu jubeln, andere klatschten.
»Also gut, nehmen wir die Stadt, in der wir sind. Aber …« Schon änderte sich ihre behagliche Miene. Die linke Faust zischte durch die Luft, drohte in Richtung des Mannes.
»Aber dein komplett schwachsinniger Text ist hier völlig fehl am Platz!« Betont langsam hob sie die rechte Hand in die Höhe, präsentierte mit elegantem Schwung ihre modisch stilvolle Jacke. Sie schlüpfte in das Kleidungsstück. Jede Bewegung sollte die Eleganz ihrer Erscheinung unterstreichen.
»Also …« Auffordernd reckte sie das Kinn in Richtung des Mannes. Zugleich wies sie mit der Linken in weit ausladender Bewegung zur Front der Theaterkulisse.
»Mein Haus hat ein gut’ Ansehen.
Alles ist stattlich. Wohin ich auch schau.
Bin vornehm und reich!« Sie breitete die Arme aus, deutete eine Verbeugung an.
»Denn ich bin …«
Ihre Augen schossen auf den Wuschelköpfigen zu. Der zuckte zusammen. Dann legte er betont lässig die Hände an beide Seiten des Mundes. Gleich darauf fegte sein Ruf über den Platz. Nun war es ein deutlich hörbarer Schrei. Laut. Mächtig.
»Jeeedeerfrauuuu!«
Das Lachen der Zuschauer schäumte auf wie eine große Welle. Einige in den ersten Reihen stimmten in das Geschehen mit ein und begannen ebenfalls zu rufen.
»Jederfrau! Jederfrau!«
Die Darstellerin auf der Bühne quittierte das Geschehen mit einer makellos weltgewandten Verbeugung.
»Na also, es geht doch!« Dann wandte sie sich schnell um, denn in der immer noch weit geöffneten Kulissentür war eine weitere Person erschienen. Erneut eine Frau. Sie erwies sich als Leiterin des Sekretariats auf Chefinnenetage und zugleich als Hausmanagerin, wie sich im Dialog bald herausstellte.
Gut 200 Besucher und Besucherinnen hatten sich an diesem sonnigen Spätnachmittag auf dem prächtigen Gelände vor dem schlossartigen stattlichen Gebäude des Gwandhauses in Salzburg-Morzg eingefunden. Sie alle wollten das Spektakel der Theatertruppe erleben. Darunter auch viele Kinder. Im hinteren Drittel des Zuschauerbereichs war eine junge Frau auszumachen. Sie war erst knapp vor Beginn der Darbietung gekommen. Ihre Präsenz war auf gewisse Weise attraktiv. Einige der Umstehenden warfen immer wieder einen schnellen Blick in ihre Richtung. So als wollten sie abchecken, woher ihnen die reizvolle Erscheinung bekannt sein könnte. Selbstverständlich nahm Isolde Laudess das neugierige Verhalten der Umstehenden wahr. Ab und zu quittierte sie einen der Blicke mit einem Lächeln. Gleichzeitig versuchte sie, sich auf die Theaterszenen zu konzentrieren. Die quirlige Ariana in der Hauptrolle der Jederfrau machte sich gar nicht so schlecht, wie sie immer wieder feststellen musste. Weitaus besser jedenfalls als Isolde Laudess es erwartet hatte. Gut, in manchen Momenten war Arianas Spiel eher wenig überzeugend, kam viel zu übertrieben zur Geltung. Das gekünstelte Lachen erinnerte Isolde bisweilen eher an eine aufgebrachte Ziege als an die Erscheinung einer schwerreichen Powerfrau der besseren Gesellschaft. Aber vor allem die Dialoge mit der arroganten Gestalt der Tödin bekam Ariana hinreichend witzig hin. Das merkte man auch an den Reaktionen der Zuseher. Es wurde viel gelacht, immer wieder auch herzlich applaudiert. Natürlich hätte sie selbst die Szenen weitaus spektakulärer über die Bühne gebracht. Nicht nur in der Begegnung mit der Tödin, sie hätte den gesamten Auftritt von Anfang an eindrucksvoller hinbekommen. Das stand für Isolde unzweifelhaft fest. Aber sie war dennoch immer wieder vom Spiel der etwas pummeligen, aber durchaus erfrischenden Ariana angetan. Zweimal ertappte Isolde sich sogar bei einem zustimmenden Lachen. Ursprünglich hatte sie den Besuch des Straßentheaters schon viel früher ins Auge gefasst. Aber das wäre sich mit ihren eigenen Terminen bisher nicht ausgegangen. Zum Glück hatte das Spektakel rund um den Theaterkarren heute schon um 16 Uhr begonnen. So passte es ideal in Isoldes Zeitplan.
»Ei Jederfrau, ist so fröhlich dein Mut?«
»Spar dir das hochgestochene Gequatsche, Tödin.« Ariana schwenkte auf der Bühne des Theaterkarrens eine Champagnerflasche. »Lass uns darauf saufen, dass der Aufsichtsrat keinen blassen Schimmer davon hat, was wir geschäftlich so treiben.«
Sie gab die übersprudelnde Flasche ihrer Mitspielerin weiter. Die Tödin nahm einen kräftigen Schluck, dann rief sie:
»Aufsichtsrat, winke, winke.
So viel Kohle, pinke, pinke!
Drum ist klar, ich vertrau
jeden Tag auf Jeeeedeeerfrau!«
Wieder grölte ein Teil der Besucher ausgelassen mit.
Die Stimmung war ausgezeichnet, wie Isolde feststellen musste. Und das hielt an.
Der Schlussapplaus gebärdete sich enthusiastisch. Isolde beteiligte sich zwar nicht am ausgelassenen Jubel, aber sie klatschte immerhin mit. Ein wenig zumindest.
»Isolde!« Der Ruf ertönte hinter ihrem Rücken. Sie hatte gewartet, bis etwa ein Drittel der Besucher den Platz geräumt hatte. Nun war sie bereits in Richtung Morzger Straße unterwegs.
»Isolde!«
Langsam wandte sie sich um. Der junge Mann trug noch sein Auftrittskostüm, mit dem er sich zu Beginn des Spektakels den Zuschauern präsentiert hatte.
»Hi, Cyrano.«
Er hatte das Eröffnungslied auf der Laute gar nicht so schlecht hinbekommen, wie Isolde festgestellt hatte. Der Heraneilende pflanzte sich breitbeinig vor ihr auf. Alles an ihm wirkte abweisend. »Wie kannst ausgerechnet du es wagen, hierher zu kommen? Schaust dir unsere Vorstellung an, als sei nichts gewesen.«
Sie musterte ihn mit kaltem Blick. Dann krähte sie kurz auf, drehte sich um und stolzierte davon.
»Eine wie du hat hier nichts verloren.« Auch wenn ihm klar war, dass sie ihn nicht mehr hören konnte, zischte er ihr verächtlich hinterher. »Lass dich ja nie wieder in der Nähe unseres Theaterwagens blicken!«
Die Uhr an ihrem Handgelenk zeigte 17.22 Uhr. Langsam lenkte Isolde ihre Schritte zurück in Richtung Stadt. Von da an hatte sie noch genau acht Stunden und 19 Minuten zu leben. Aber das wusste sie nicht.
2. Szene, vier Monate davor
Daß ich mir wahrlich machen mag
so heut wie morgen fröhliche Tag.
Das Kribbeln in seinem Körper wurde stärker. Auch seine Hände begannen zu schwitzen. Er hielt die Augen starr auf den Bildschirm gerichtet. Das Notebook hatte er vor wenigen Minuten auf seinem vollgeräumten Schreibtisch platziert. Die herunterzählenden Ziffern schimmerten grell, pulsierten vor einem schreiend roten Hintergrund. Er hatte sich vor zwei Tagen erstmals auf dieser Seite eingeloggt. Schon damals war der Countdown gelaufen. Dazwischen hatte er sicher an die zehn Mal kontrolliert, ob sein Zugang zu dieser geheimen Seite nach wie vor passte. Ignaz hatte ihm zwar mehrmals versichert, dass er ihm die richtige Kombination gegeben hatte und dass die Codes keinesfalls geändert würden. Dennoch war er auf Nummer sicher gegangen, hatte es mehrmals überprüft. Seine Kehle brannte. Er schluckte. Der Hals fühlte sich trocken an.
03.29, 03.28, 03.27 … Er sprang vom Stuhl auf. Der Blick zum Bildschirm machte klar, dass ihm noch genug Zeit blieb, um sich eine Cola aus der Küche zu holen. Er setzte sich in Bewegung. Er hatte genau elf Sekunden gebraucht, wie er feststellte, als er mit Flasche und Glas zurückkehrte. 03.15, 03.14, 03.13. Es war ihm immer noch nicht klar, wie sie das Spektakel umsetzen würden. Ignaz hatte auch keine genauen Daten zum investierten Aufwand gewusst. »Aber ich rechne schon damit, dass rund 10.000 User aus verschiedenen Ländern Zugang zur Race-Seite erhalten«, hatte er mehrmals betont. Yannick hatte die Zahlen überschlagen. Wenn die Vermutung seines Kumpels stimmte, kam bei der geforderten Teilnahmegebühr von 25 Euro rund eine Viertelmillion Euro zusammen. Daraufhin hatte er, ohne zu zögern, den Spieleinsatz beglichen und seinen Tipp abgegeben. Sechs Fahrer waren insgesamt im Rennen. Auf den Sieger der Rennstrecke warteten 60.000 Euro. Gut, es gab natürlich einige Kosten für den betriebenen Aufwand. Aber die würden vermutlich nicht allzu hoch, wie Yannick einschätzte. Immerhin blieb genug über, dass man als Mitspieler übers Internet ordentlich abräumen konnte. Sieben mal 10.000 Euro würde man am Schluss unten jenen verlosen, die auf den richtigen Sieger getippt hatten. Yannick hatte natürlich auf Ignaz gesetzt. Was anderes kam gar nicht in Frage. 01.36, 01.34, 01.33. War die Anzeige plötzlich größer? Waren die pulsierenden Ziffern in den vergangenen Sekunden angewachsen? Er stürzte rasch den Rest der Cola hinunter. Fast wäre ihm dabei das Glas entglitten, so sehr schwitzte er inzwischen. Nervös schrammte er sich mit den nassen Handflächen über die Oberschenkel. Der Stoff der Jeans fühlte sich rau an. Er hatte die Hose schon mehr als drei Jahre. Er zog sie fast jeden Tag an. Wann hatte er sie zuletzt gewaschen? Vor drei Monaten? Wenn er tatsächlich bei diesem verrückten Wettspiel gewinnen sollte, könnte er sich Hunderte neue Jeans kaufen. Oder ein paar der ausgefallenen schrägen Designeranzüge, die er kürzlich gesehen hatte. 00.11, 00.10, 00.09, 00.08 … Er begann zu keuchen. Erneut fegte er mit den Händen über den rauen Stoff der schmutzigen Jeans. Seine Augen starrten auf den Bildschirm. 00.03, 00.02, 00.01. ZERO. Statt der Null als Ziffer flackerten feiste grellgrüne Buchstaben auf. ZERO. Die Schrift zerstob, schien zu explodieren. Schon folgte das nächste Wort. WELCOME. Auch diese flirrende Schrift löste sich spektakulär auf. Gleich darauf war ein Realbild zu erkennen. Yannick sah eine schwach erleuchtete Fläche. Es mochte sich dabei um eine Art großer Parkplatz handeln oder etwas Ähnliches. Ein Insert wurde sichtbar. VIENNA. »Wow!«, entfuhr es ihm. »Das ist ja irre.« Die starteten den ersten Teil des Rennens tatsächlich in Wien. Wo die drei Rennabschnitte tatsächlich stattfinden würden, hatte Ignaz selbst nicht gewusst. Die Fahrer erhielten die Startkoordinaten erst ganz knapp vor Beginn. Yannick beugte sich nach vorn, versuchte es mithilfe der Maus. Vielleicht konnte er dadurch die Intensität des Screens erhöhen. Denn bis jetzt war wenig auf dem gezeigten Bild auszumachen. Gut, er hatte ohnehin nicht erwartet, dass er hier eine TV-Übertragung in der optischen Qualität eines Formel-Eins-Rennens bekommen würde. Er war schon erstaunt, dass die Betreiber tatsächlich für den Start eine Kamera aufgestellt hatten. Sie mussten gewiss äußerst vorsichtig sein, durften nur in aller Heimlichkeit agieren. Noch mehr galt das für die Fahrer. Immerhin handelte es sich um illegale Straßenrennen.
Yannick war klar, dass man den Usern, die via Internet am Wettspiel beteiligt waren, in jedem Fall den Start bieten wollte. Und er erwartete sich auch ein Realbild für die Zieldurchfahrt. Dabei hoffte er stark, dass Ignaz dann einen der ersten vier Plätze belegte. Denn zwei der sechs Piloten würden am ersten Tag ausscheiden. Zwei weitere dann beim zweiten Abschnitt. Und schließlich würden die verbliebenen zwei Fahrer sich im dritten Teil um den lukrativen Gesamtsieg matchen. Und Yannick hoffte sehr, dass Ignaz dann der Sieger wäre und die 60.000 kassierte, die er sich so sehr wünschte. Er hatte Yannick auch erklärt, warum er das Geld unbedingt brauchte. Diesen Grund fand Yannick lächerlich. Einfach absurd. Völlig unnütz verschwendete Kohle. Aber Ignaz hatte nicht einmal zugehört, als er versucht hatte, auf ihn einzureden. Er hatte nur in die Tasche gegriffen und ihm den Zettel mit den Zugangscodes für die Teilnahme im Internet in die Hand gedrückt.
10.000 Euro? Das konnte man bei diesem Spiel gewinnen? Ignaz war sofort begeistert gewesen. Doch schon am nächsten Tag waren in ihm die ersten Zweifel aufgestiegen. Sollte er wirklich die geheime Seite aufrufen und sich am Spiel beteiligen? Immerhin handelte es sich bei diesem Rennen mitten im öffentlichen Straßenverkehr um ein völlig illegales Unternehmen. Auch jetzt regten sich leichte Zweifel. Doch er schob sie schnell beiseite. Es war kurz vor zwei Uhr morgens. Das Rennen würde gleich beginnen. Wie viele Verkehrsteilnehmer waren um diese Uhrzeit noch unterwegs? So gut wie keine. Also alles halb so wild. Schlagartig wurde plötzlich die Darstellung am Bildschirm vor ihm heller. Irgendwo auf diesem Gelände befand sich wohl ein großer Scheinwerfer, der nun das Areal ausleuchtete. Das sah tatsächlich nach einem großen Parkplatz aus. Von irgendeinem Supermarkt vermutlich, schätzte Yannick. Und jetzt waren auch die Autos zu erkennen. Alle sechs standen nebeneinander. Das Fahrzeug ganz rechts außen war Yannick vertraut. Das war der dunkelblaue Bolide von Ignaz. Mit rund 200 PS unter der Haube. Vielleicht waren es inzwischen auch schon 230. Denn Ignaz, der verrückte Hobby-Automechaniker, bastelte ja ständig daran herum. Mehr als 250 waren es sicher nicht. Denn die waren bei diesem Rennen nicht erlaubt. Jetzt kam Action in die dargestellte Szene. An den Boliden flammten die Scheinwerfer auf. Schweres Dröhnen war zu vernehmen. Und dann ging es los. Alle Autos starteten gleichzeitig, rasten mit Höllentempo über das Gelände. In der Ferne waren ganz schwach die Umrisse eines lang gezogenen Gebäudes zu erkennen. Plötzlich setzte sich die Kamera in Bewegung, folgte den Autos. Sie ist wohl an einer Drohne montiert, kam es Yannick in den Sinn. Er bekam mit, wie die Fahrzeuge das Ende des Areals erreichten und im spektakulären Kurvenschnitt nach links abbogen. Offenbar gelangte man an dieser Stelle auf die öffentliche Straße. Wenn Yannick es richtig mitbekommen hatte, dann war der dunkelblaue Bolide als Zweiter über die Abgrenzung des Platzes geschossen. Gut so, Ignaz, drück aufs Gas. Zeig’s ihnen!
3. Szene, Gegenwart
Wohlauf, antreten
in fröhlichem Tanz.
Schalmeien, Drommeten,
wir sein hier gebeten
zu Fackeln und Glanz
und kommen mit Tanz.
Vor allem achtete sie auf die Bewegung ihrer Füße. Nur keine allzu großen Schritte vollführen, während sie von ihrem Partner im Kreis herumgewirbelt wurde. Bei der letzten Vorstellung war ihr Zacharias tatsächlich auf den linken Fuß gehüpft. Der Darsteller des Dünnen Vetters hatte sich nach der Vorstellung sofort bei ihr entschuldigt. Aber den leichten Bluterguss an der mittleren Zehe spürte sie immer noch. Zacharias schickte ihr ein verschmitztes Lächeln zu. Immer wieder warf er einen schnellen Blick nach unten. Nein, heute würde der Dünne Vetter seiner Partnerin beim Einzugstanz ganz sicher nicht auf die Zehen steigen. Isolde quittierte sein Lächeln. Aus den Augenwinkeln registrierte sie links von ihr weit oben die eindrucksvolle Erscheinung, die sie jedes Mal aufs Neue fesselte. Sie konnte gar nicht anders. Bei jeder Vorstellung warf sie immer wieder einen schnellen Blick hinauf: Festung Hohensalzburg. Die Fassade leuchtete in voller Pracht, auch wenn sie von ihrem Platz aus nur ein kleines Stück davon sehen konnte. Natürlich kannte sie die Burg, waren ihr die alten Mauern, die Türme und Zinnen auf dem Festungsberg wohl vertraut. Sie war hier geboren, lebte seit 26 Jahren in dieser Stadt. Aber es war schon etwas sehr Besonderes, sich mitten in ihrer Heimatstadt auf einem der eindrucksvollsten Plätze wiederzufinden. Auf dem Domplatz vor der majestätisch prächtigen Kulisse des Doms auf der »Jedermann«-Bühne zu stehen, ringsum die Energie der Stadt zu spüren und zugleich inmitten von wunderbaren Kollegen vor einem begeisterten Publikum zu agieren. Und dabei auch noch die Faszination der Festung hoch über ihnen wahrzunehmen. Zacharias fasste sie an den Hüften, hob sie kurz hoch, begleitete sie dann rasch zu ihrem Platz an der lang gezogenen Tafel, während die Musiker die Schlussakkorde durch die Weite des Domplatzes erklingen ließen. Isolde griff nach dem Weinpokal, hob ihn ein wenig in die Höhe, trank aber nicht. Denn gleich war sie an der Reihe.
Seid allesamt willkommen sehr,
Erweist mir heut die letzte Ehr.
War Xaver heute schneller dran in seiner Sprechweise? Wollte er aufs Tempo drücken? Sie hatte keine Zeit, den Gedanken zu Ende zu bringen. Sie musste zusammen mit den anderen aus der Tischgesellschaft eine erschrockene Miene aufsetzen. Und dann kam ihr Satz.
Das ist ein sonderlicher Gruß.
Langsam stellte sie, wie von der Regie vorgesehen, den Weinpokal zurück auf den vollbeladenen Tisch.
Potz Maus, mein Vetter Jedermann,
Wie grüßt Ihr uns, was ficht Euch an?
Simon als Dicker Vetter agierte so wie immer. Ausgestopfte Wampe nach vorn und ein leichtes Krähen in der Stimme. Jetzt kam Senta. Isolde schaute schnell zu ihrer Schwester. Auch das war ganz im Sinne der Inszenierung. Auch alle anderen, immer noch einen Ausdruck leichter Verstörtheit im Blick, beobachteten die Buhlschaft.
Was ist dir, was schafft dir Verdruß?
War Senta auch bei den vorigen Malen so nahe an Xaver herangetreten? Isolde konnte sich nicht erinnern. Senta legte dem »Jedermann«-Darsteller sogar die Hand an die Wange. Nein, das hatte sie auch bei den Proben nicht gemacht. Senta Laudess, die gefeierte Mimin auf allen großen deutschsprachigen Bühnen, musste wieder einmal eine darstellerische Extratour reiten. Gut, das würde Isolde jetzt auch machen. Sie griff nach dem Weinpokal und setzte ihn an den Mund. Es war ihr egal, ob das zur Szene passte. Sie tat es einfach. Was sollte schon passieren? Sie war ohnehin nicht lange auf der Bühne. In wenigen Minuten hatte sie noch einen zweiten Satz zu sagen. »Gehört ein Absud in den Wein von Nieswurz, Veilchen oder Hanf.« Das war es dann gewesen mit ihrem sprachlichen Beitrag zum groß angelegten »Jedermann«-Spiel. Aber sie genoss es, auf dieser Bühne mit dabei zu sein. An der großen Festtafel zu sitzen, Teil dieses wunderbaren Ensembles zu sein, zugleich Teil der mit Leben erfüllten Stadt. Bei jeder Vorstellung fühlte sie sich glücklich, eingebettet in diese einmalige Atmosphäre. Bald würden sie wieder zu singen anheben, alle miteinander. Darauf freute Isolde sich auch. Und sie genoss es auch jedes Mal aufs Neue, wenn plötzlich die Glocken zu läuten begannen. Im Spiel war es vorgesehen, dass nur Jedermann das rätselhaft anmutende Geläute hören konnte.
Was ist das für ein Glockenläuten?
Mich dünkt, es kann nichts Guts bedeuten.
Die anderen aus der Tischgesellschaft reagierten dann entsprechend verwirrt, taten lautstark ihre Verwunderung kund. Leider hatte Isolde für diese eindrucksvolle Szene von Seiten der Regie keinen der vorgegebenen Sätze bekommen. Sie durfte nicht einmal »Was Glocken, was wird von Glocken geredt?« sagen. Diesen ohnehin nicht weltbewegenden Satz hatte man nicht ihr anvertraut, sondern ihn Bianca gegeben. Nach dem Glockengeläut würde dann der erste der unheimlichen »Jedermann«-Rufe zu hören sein. Weitere würden unvermittelt darauf folgen. Die Rufe kamen direkt aus der Umgebung. Ein zusätzlich beeindruckendes Indiz dafür, dass die Stadt ringsum Teil dieses dramatischen Spiels war. Auch auf die bisweilen unheimlich anzuhörenden Rufe freute Isolde sich. Und schließlich würde Samuel Yannos in seinem ebenso schlichten wie furchterregenden Kostüm langsam auftauchen, als käme er direkt aus dem Eingang des alten Doms hinter ihnen. Allen würde es schlagartig klar sein, den Rollenfiguren auf der Bühne genauso wie den Zuschauern auf der Besuchertribüne. Sie alle würden es wissen, dass ER jetzt da war. Jetzt offenbarte sich der Tod mitten unter ihnen. Ihre Schwester Senta würde auch dieses Mal keinen lang gezogenen hysterischen Schrei ausstoßen. Vorgesehen wäre es schon. Aber Senta wollte das nicht. Dass sie sich hier völlig anders gebärdete, hatte sie sich bei den teils hitzigen Proben vom Regisseur erstritten. Sie würde mit einem kurzen Lachen abtreten. Und das langsam. Fast alle aus der Tischgesellschaft würden ihr folgen. Die würden schon kreischen. Isolde würde auch im großen Pulk davonstürmen. Alle weg. Nur Jedermann würde zurückbleiben, zusammen mit dem Tod.
4. Szene, vier Monate davor
Wie unsere Tag und Werk auf Erden
vergänglich sind und hinfällig gar.
Wow! Er hatte es kaum zu hoffen gewagt. Nichts hatte auch nur irgendwie darauf hingedeutet. Es hätte auch Graz sein können oder Innsbruck. Oder gar eine Stadt jenseits der Landesgrenze. München, Prag oder auch Udine. Doch jetzt war es unzweifelhaft klar. Er entnahm es dem deutlich sichtbaren Insert. Sie starteten die dritte Etappe tatsächlich in Salzburg! In Salzburg! Hier in seiner Stadt! Und Ignaz war noch dabei, er war im Rennen, im Finale! Das war überhaupt das allerbeste. Der verdammte Kerl hatte sich gestern auch in Linz durchgesetzt, war sogar als Erster über die Zielmarkierung gerast. Yannick beugte sich ein wenig nach vorn. Das Realbild, das ihm der Bildschirm zeigte, war noch sehr dunkel. Die schemenhafte Umgebung war kaum auszumachen. Natürlich würde in ein paar Sekunden wieder ein großer Scheinwerfer aufleuchten, und das Areal samt den Autos aus der Dunkelheit schälen. Das war davor auch so gewesen an den ersten beiden Stationen. Doch er wollte jetzt schon wissen, wo in Salzburg das Finalrennen gleich beginnen würde. Er strengte sich an, bis seine Augen zu brennen begannen. Aber er hatte keine Chance. Das am Bildschirm Gezeigte war einfach zu dunkel, zu undurchsichtig. Zum Glück dauerte es nicht lange. Dann flammte endlich der riesige Spot auf, schickte sein Leuchten über das Areal. Zugleich wurden die Frontlichter der beiden Fahrzeuge hell. Das Aufheulen der Motoren war zu hören. Und schon ging es los! Wo war das? Im Süden der Stadt, in der Nähe der Alpenstraße? Er vermutete es zumindest. Gleich würde er es wissen. Gleich würden die beiden Boliden aus dem Realbild verschwinden. Dann würden die beiden Markierungen auftauchen, ein blauer Punkte für Ignaz, ein gelber für dessen Konkurrenten. Die Punkte würden sich entlang der Linien bewegen, die einen simpel skizzierten Ausschnitt des Stadtplanes andeuteten, und zugleich würden die wichtigsten Straßenbezeichnungen aufleuchten. So war es in Wien gewesen, und auch gestern in Linz. Da! Der erste Name flackerte bereits auf. Alpenstraße. Er drosch sich jauchzend mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Er hatte es geahnt. Die beiden Boliden rasten tatsächlich in höllischem Tempo nach Norden, direkt in Richtung Stadtzentrum. Der gelbe Punkt lag in Führung. Das war deutlich zu erkennen. Umgerechnet waren das sicher mehr als zehn Meter Vorsprung. Komm Ignaz, lass dich in deiner eigenen Stadt nicht abhängen. Schneller, zeig’s dem verdammten Kerl! Das schaffst du schon! Sie waren sicher in Höhe Egger-Lienz-Gasse gestartet, oder auch erst in der Nähe des Wüstenrot-Gebäudes. Auf jeden Fall mussten sie so nicht direkt an der Bundespolizeidirektion vorbeirasen. Wäre ja noch schöner, wenn man gleich eine Polizeistreife mit Blaulicht hinter sich hätte, die auch noch per Funk Absperrungen auf der eingeschlagenen Route veranlasste. Der blaue Punkt holte auf, verringerte die Distanz. Plötzlich bog der gelbe Punkt scharf nach rechts. Karolinenbrücke leuchtete als Schriftzug auf. Alles klar. Jetzt ging es über die Salzach. Dann würden die beiden Boliden sich wohl links halten und über die Imbergstraße weiterrasen. Genau so geschah es. Yannicks Hände begannen wieder zu schwitzen. Komm, Ignaz, steig aufs Gas! Was würde an der Staatsbrücke passieren? Würden die beiden nach links biegen und tatsächlich auf die Altstadt zudonnern? Das wäre ein Hammer! Aber vielleicht würden sie doch geradeaus weiterpreschen in Richtung Landestheater. Mein Gott, war das spannend! Fast nicht zum Aushalten. Dieses Mal hatte er sich keine Cola bereitgestellt, sondern gleich einen ordentlichen Bacardi. Er schraubte die Flasche auf, nahm einen kräftigen Schluck. Der gelbe Punkt war gleich an der Staatsbrücke. Und jetzt? Nein! Er bog nicht nach links, sondern setzte den Weg geradeaus fort. Yannick hatte es vermutet. Das war sicher die weitaus bessere Route für dieses spektakuläre Rennen als rüber in die Altstadt. Hier erwarteten sie mehr Geraden, weniger Kurven. Schwarzstraße. Jetzt würden sie sicher schon beim Landestheater sein. Leider gab es keine entsprechenden Ortsangaben von markanten Punkten neben der Route. Komm, Ignaz! Ab dem Mozarteum kannst du ihn packen! Zeig dem Scheißkerl, was ein echter Lokalmatador draufhat! Und tatsächlich, der blaue Punkt kam näher. Er scherte aus, überholte den gelben Punkt, setzte sich voran. Und erlosch! Yannick schnellte von seinem Stuhl hoch. Was war jetzt passiert? Auch wenn er wusste, dass es sicher nichts brachte, hämmerte er dennoch mit der Handfläche kräftig auf die obere Umrandung des Bildschirmes. Als gälte es, eine Art Wackelkontakt zu beheben.
RACE INTERRUPTED! Der Schriftzug erschien plötzlich bildfüllend. Flammte sogar mehrmals auf.
Was sollte das? Rennen unterbrochen? Igor hatte doch eben überholt, war in Führung gegangen. Was war mit dem blauen Punkt geschehen?
5. Szene, Gegenwart
Was? Keine Frist willst du mir geben?
»Geht ihr schon bitte vor. Ich habe nach dem Abschminken noch etwas dringend zu erledigen. Ich komme dann später nach.« Sie verschwand hinter der Garderobentür. »Solistengarderobe. Frau Laudess«, war auf dem Schild am Eingang zu lesen. Isolde schnaubte kurz durch. Das war wieder typisch für ihre Schwester. Sich zuerst langmächtig beknien lassen, dann halbherzig zustimmen und dann in letzter Sekunde mit irgendeiner faulen Ausrede vermutlich doch kneifen. Ihr sollte es recht sein. Sie hatte ohnehin keinen Wert darauf gelegt, dass ihre Frau Schwester zu dieser improvisierten Feier mitkam. Aber Folker hatte es immer wieder versucht, hartnäckig bittend, bisweilen auch zuckermäulig schmeichelnd. Und schließlich hatte Senta sich offenbar erweichen lassen und zugesagt. Ja, sie würde an Folkers kleiner improvisierter Geburtstagsfeier teilnehmen. Gleich nach Ende des Auftritts. Die anderen großen Stars aus dem »Jedermann«-Ensemble waren noch drüben auf dem Domplatz. Doch für die Buhlschaft war die Vorstellung bald nach dem Erscheinen des Todes vorbei. Und für die Mitglieder der Tischgesellschaft auch. Also konnte sich Senta ihnen anschließen, wenn sie gleich zum »K+K« Restaurant aufbrachen. Falls sie überhaupt mitkam. Isolde war es verdammt egal. Auch sie würde nicht lange bleiben. Aber sie hatte es Folker und Bianca versprochen. Zwei weitere Kollegen aus dem Darstellerensemble der Tischgesellschaft würden ebenfalls dabei sein. Stars wie ihre Schwester verfügten natürlich über eine eigene Garderobe. Für die Darsteller der kleinen Rollen, also der Tischgesellschaft, genügten zwei größere Gruppenräume.
Isolde brauchte keine zehn Minuten. Dann war sie abgeschminkt und umgezogen.
Sie wartete auf die anderen. Gleich darauf zogen sie zu fünft los, verließen das Festspielhaus.
»Hey, heute ist gar nicht mehr so viel los in der Stadt!«, bemerkte Isolde und hängte sich bei Bianca und Folker ein. »Dabei ist es erst 22.30 Uhr vorbei.« Sie bogen in die Philharmoniker-Gasse ein. Keine zwei Minuten später waren sie schon am Mozartplatz. Der Waagplatz mit dem angestrebten Restaurant lag gleich dahinter.
»Nein, nicht schon wieder«, entfuhr es Isolde. Sie hielten gerade auf den steinumfassten Eingang im Erdgeschoss zu, als eine der beiden großen Holztüren aufschwang und zwei Leute herauskamen. Auch die beiden Personen hielten in der Bewegung inne, waren sichtlich überrascht.
»Was soll das, Isolde?« Die Stimme des jungen Mannes war scharf, er klang ähnlich gereizt wie schon am Nachmittag. »Reicht es nicht, dass du ungebeten bei unserer Vorstellung auftauchst? Spionierst du uns jetzt auch noch im Wirtshaus nach?«
Die junge Frau, es war Ariana, wie Isolde bemerkte, fasste ihren Begleiter am Arm. »Komm, Cyrano, lass es gut sein. Das bringt doch nichts!« Der andere wollte etwas einwenden, aber die junge Frau zog ihn einfach mit sich fort. Sie verschwanden in Richtung Judengasse. Isolde bemerkte die leicht irritierten Blicke ihrer Kollegen. »Hast du Zoff mit denen?«, wollte Bianca wissen.
»Ach, das sind, wenn man es so nennen will, Kollegen.« Sie machte mit der Hand eine abschätzige Bewegung. »Die gehören zum Salzburger Straßentheater. Wie man bemerkt hat, sind sie derzeit nicht gut auf mich zu sprechen. Darüber erzähle ich euch vielleicht ein anderes Mal mehr. Aber nicht heute. Jetzt wollen wir auf Folkers Geburtstag anstoßen.«
Sie ging voraus, die anderen folgten rasch nach, betraten ebenfalls das Restaurant. Der Kellner brachte sie zum reservierten Tisch. Er befragte sie sogleich nach den Getränkewünschen. An der Wand hing eine elegant gestylte Uhr. Sie zeigte 22.43 Uhr. Isolde hatte noch genau zwei Stunden und 51 Minuten zu leben. Aber das wusste sie nicht. Sie bestellte einen Aperitif mit Cranberry und einem kleinen Schuss Wodka.
6. Szene, Gegenwart
Hab immer doch in bösen Stunden
mir irgend einen Trost ausgfunden.
Der Kopf des langen Zündholzes flammte kurz auf, doch gleich darauf war er wieder verlöscht. Sie zog erneut die Schachtel auf, wählte ein anderes Streichholz. Dieses Mal klappte es. Ihre Hand zitterte zwar. Fast hatte es den Anschein, als vollführe die dreieckige Narbe auf ihrem Handrücken einen kleinen Tanz. Aber sie konzentrierte sich und schaffte es, den Docht der hellen Kerze auf der kleinen Anrichte zu entzünden. So wie jeden Abend. Die langsam pendelnde Flamme warf schmale Lichtstreifen auf das Bild, das neben der Kerze aufgestellt war. Es zeigte Gesicht und Oberkörper eines jungen Mannes. Er hatte dunkle Augen und ein schmales Lächeln. Einige Monate hatte eine schwarze Schleife die rechte obere Ecke geziert. Doch sie hatte das Band vor wenigen Tagen abgenommen und es gegen ein weißes getauscht. Sie rückte sich den gestreiften Ohrenfauteuil zurecht und nahm Platz. Dann hob sie das Glas mit dem Heidelbeerlikör. Sie hielt es zuprostend in Richtung Anrichte, wartete, bis das Licht der tänzelnden Flamme die lächelnden Augen auf dem Bild erreichten und aufhellten. Dann trank sie. In wohltuend langsamen Schlucken. Sie stellte das Glas wieder ab, lehnte den Kopf nach hinten. Ihre Augen ruhten auf dem Gesicht des jungen Mannes. So würde sie sitzen bleiben und still trauern. Bis in die Morgenstunden. So wie jede Nacht.
7. Szene, Gegenwart
Wo bist du Tod, mein starker Bot? Tritt vor mich hin.
Der Schlag traf sie von der Seite. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie taumelte, spürte das niedrige Geländer. Jetzt hatte sie noch genau siebeneinhalb Sekunden zu leben. Doch das wusste sie nicht. Das Handy fest in der verkrampften Rechten, versuchte sie, mit der Linken nach der kniehohen Querverstrebung zu fassen. Es gelang ihr nicht. Noch sechs Sekunden. Sie verlor das Gleichgewicht, kippte zurück. Ihr Rücken schrammte gegen etwas Hartes. Noch vier Sekunden. Sie donnerte hinunter, krachte auf den steinfesten Untergrund.
Drei. Zwei. Eins.
Dann war es vorbei.
Erster Tag
1
Er hob den Kopf, fuhr sich wohl schon zum 20. Mal mit der Linken in das zerwühlte Haar. Der Digitalwecker auf dem kleinen Beistelltablett zeigt auf kurz vor fünf. Sollte er sich noch länger im Bett von der einen Seite zur anderen wälzen, sich gedankenlos durchs Haar fegen, gelegentlich dabei das starke Gähnen unterdrücken, wie er es schon seit zwei Stunden praktizierte? Merana hielt kurz inne. Dann richtete er sich ein wenig auf. Nein. Er bestärkte seinen Entschluss, indem er mit dem Oberkörper Schwung aufnahm und sich dann mit einem jähen Ruck aus dem Bett schnellen ließ. Die Tür des Kleiderschranks stand halb offen. Er langte nach T-Shirt und kurzer Sporthose. In der Küche schnappte er sich ein Glas Wasser. Im Vorraum schlüpfte er in die Laufschuhe, dann verließ er das Haus. Die Luft fühlte sich frisch an. Er wandte den Kopf nach Osten. Der breite goldfarbene Streifen am Himmel leuchtete schon intensiv. In einer guten Viertelstunde würde die Sonne die ersten Strahlen über den Horizont schicken, schätzte er. Auch heute würde ganz Salzburg sich über einen weiteren herrlichen Sommertag freuen dürfen. So wie schon seit gut einer Woche. Langsam nahm er Tempo auf, hielt sich nach rechts. Er würde heute eine der längeren Routen wählen, wollte noch vor der Aigner Kirche in einen Feldweg einbiegen. Normalerweise startete er seinen Morgenlauf zwischen sechs und halb sieben. Heute war er eben schon eine Stunde früher dran. Die noch weit entfernten Baumreihen waren dicht belaubt. Aber Merana kannte zwei Stellen, durch die man den Blick frei hatte auf die Konturen der Stadt, vor allem auf die herrliche Silhouette der Festung.
Vor mehr als zwei Jahrzehnten hatte er seine enge Pinzgauer Heimat verlassen, um in Salzburg ein Studium anzufangen. Es hatte nicht lange gedauert, dann hatte er die Stadt bereits zu seinem Lebensmittelpunkt erkoren. Die Luft fühlte sich angenehm frisch an. Er begann, schneller zu traben. Wie oft hatte er dieses Panorama schon erblickt? Es war ihm nie alltäglich geworden. Er war jedes Mal aufs Neue fasziniert. Genauso wie beim Anblick des mächtigen Untersberges, der sich ihm auf der linken Seite bot. Wie ein großer Wächter sah er aus, der sanft sein breites felsiges Haupt zum Schutz der Stadt anhob. Plötzlich gewahrte Merana einen mittelgroßen Hund neben sich. Der gehörte wohl zu einem der Bauernhöfe oder einem der Privathäuser der näheren Umgebung. Eine ähnliche Rasse wie die von Wendy, stellte er fest. Nur das Fell war heller. Er dachte oft an die tapfere Hündin seiner Nachbarsleute. Wenn Wendy nicht gewesen wäre, würde Merana vielleicht gar nicht mehr über Feldwege laufen können. Wendy hatte ihm damals vermutlich das Leben gerettet. Sie hatte die Gefahr gewittert und war mutig auf den Rand des kleinen Wäldchens zugestürmt, das sich hinter seinem Haus erstreckte. Er hatte damals auf die dahinhetzende Hündin mit einer schnellen Bewegung reagiert. Dadurch hatte ihn die Kugel um Haaresbreite verfehlt. Und auch seine Nachbarin, die Wendys Namen rufend hinter dem Hund herlief, hatte nichts abbekommen. Leider hatte eine weitere Kugel dann die tapfere Wendy getroffen. Zum Glück war es nur ein Streifschuss gewesen. Auch diese Kugel war für den Kommissar gedacht gewesen. Die heimtückische Schützin wollte Merana davon abhalten, seine Ermittlernase noch tiefer in den damals aktuellen Fall zu stecken. Natürlich hatte der Kommissar weiter ermittelt und schlussendlich auch die Wahrheit ans Licht gebracht. Auch dank Wendy war ihm dies möglich gewesen, die ihm durch ihr Eingreifen vermutlich das Leben gerettet hatte. Der schnüffelnde Hund neben ihm hatte offenbar genug von seiner Gesellschaft. Er bog kläffend ab, hielt auf die Häusergruppe zu, die von der Kirche und den Gebäuden des alten Schlosses gebildet wurden. Wenn es sein Dienst erlaubte, würde er bald wieder Wendy abholen und sie mit nach Hellbrunn nehmen. Sie liebte es, zusammen mit Merana durch das Gelände der weit angelegten Parks zu traben. Er liebte es auch. Selbstverständlich hielt er Wendy dabei an der Leine.
Wenn er das eingeschlagene Tempo beibehielt, würde er in einer knappen Dreiviertelstunde zurück sein. Er würde duschen und sich dann umziehen. Er würde sich ein ausgiebiges Frühstück gönnen, ehe er zum Dienst aufbrach. Sein erster Termin war für halb acht angesetzt. Polizeipräsident Hofrat Günther Kerner wollte sich noch kurz mit ihm besprechen. Es ging um das wichtige Treffen, das die Vertreter des Innenministeriums für zehn Uhr angesetzt hatten. Es gab neue Erkenntnisse zum brisanten Thema, das den gesamten Apparat der Sicherheitskräfte schon seit knapp drei Wochen intensiv beschäftigte. Angekündigt waren mögliche Terroranschläge im Umfeld der Salzburger Festspiele. Beim heutigen Treffen des Innenministeriums und bei allen sich daraus ergebenden Maßnahmen hatte der Leiter der Salzburger Kriminalpolizei sich intensiv einzubinden. Das wollte das Innenministerium, und vor allem bestand sein Chef darauf. Also würde Merana dem Folge leisten. Vielleicht waren es die Gedanken über die möglichen Szenarien der in den Raum gestellten Terrorgefahr. Vielleicht war es auch einfach das Behagen an der prachtvollen Landschaft ringsum, die sich beim Aufgang der Sonne noch intensiver präsentierte. Wie auch immer. Er begann rascher zu laufen. Seine Füße eilten in weitaus schnellerem Tempo über den eingeschlagenen Weg als beabsichtigt. Somit stand er schon zehn Minuten vor sechs unter der Dusche. Er hatte sich eben den ersten Espresso genehmigt, überlegte kurz, ob er sich nur einfache Spiegeleier oder doch ein pikantes Rührei mit Ziegenkäse und Speck zubereiten sollte, als sein Handy anschlug. Es war Abteilungsinspektor Otmar Braunberger, einer seiner engsten Mitarbeiter. Merana hörte fünf Minuten zu, dann legte er das Handy zur Seite. Es gab einen mysteriösen Todesfall, wie er eben erfahren hatte, möglicherweise handelte es sich dabei sogar um einen Mord. Thomas Brunner und seine Spezialisten aus der Tatortgruppe waren bereits unterwegs. Und der Chef der Salzburger Kriminalpolizei hatte höchstpersönlich die Ermittlungsleitung zu übernehmen. Das war ein klarer Auftrag des Herrn Polizeipräsidenten, wie Otmar Braunberger ihm versichert hatte. Um das Meeting mit den Spezialisten des Innenministeriums hatte sich ab sofort Meranas Stellvertreterin zu kümmern, Chefinspektorin Carola Salman. Der Kommissar streckte die Hand aus, drückte die Off-Taste am E-Herd. Also kein aufwändiges Rührei. Auch keine Spiegeleier. Er griff nach der leeren Tasse. Ein zweiter Espresso ging sich in jedem Fall noch aus. Dann würde er sich sofort auf den Weg machen, direkt in die Salzburger Innenstadt. Und er würde sich einen Haferflockenriegel in die Tasche stecken.
2
Den ersten Streifenwagen der Kollegen machte er schon am Kajetanerplatz aus, direkt vor den Pollern und der Schranke, die die Zufahrt zur Kaigasse absperrten. Er parkte sein Auto daneben. Ein uniformierter Kollege hob grüßend die Hand an die Kappe. »Guten Morgen, Herr Kommissar.«
»Guten Morgen.«
Er kannte den jungen Beamten. Er war österreichischer Nationalmeister im Taekwondo. Das war eine koreanische Kampfsportart, wie Merana bekannt war. Auch seine Kollegin Carola Salman war sehr versiert darin. Auch sie trug den Schwarzen Gürtel, so wie der junge Beamte. Die Stimme des Kollegen hatte einen respektvollen Ton, klang fast ehrfürchtig. Vielleicht ist das so, wenn man seinen Posten in unmittelbarer Nähe einer Kirche zu beziehen hat, dachte er. Und es war zudem ein prachtvolles Gotteshaus, das den Rand des großen Platzes säumte. Der dreigeschossige Flügelbau mit den eindrucksvollen Säulen und Pilastern erinnerte daran, dass die Kirche einst Teil einer Klosteranlange im späten 17. Jahrhundert war.
Die hohe Tambourkuppel über dem Zentralbau schimmerte schon glänzend im Licht der Morgensonne, wie Merana bemerkte. Ja, es versprach ein schöner Tag zu werden. Zumindest, was das Wetter anbelangte. Ansonsten konnte der Kommissar noch nicht abschätzen, ob dieser Tag noch irgendeinen schönen Moment für ihn bereithielt. Immerhin befand er sich auf dem Weg zu einem Ort, an der die Leiche einer jungen Frau lag. Ob Unfallstelle oder Tatort würde sich wohl noch erweisen. Er eilte in die Gasse, sah die Fahrzeuge der Tatortgruppe, dahinter zwei weitere Streifenwägen. Der Aufgang zur Nonnbergstiege war ebenfalls mit gelben Absperrungen versehen. Auch hier waren zwei uniformierte Kollegen postiert. Zwei weitere kümmerten sich um die Passanten, die, aus der Innenstadt kommend, die Gasse entlang wollten. Einige harrten aus, wollten sich nicht weiterschicken lassen. Schaulustige, Neugierdsnasen, Merana kannte das zur Genüge aus vielen ähnlichen Situationen. Er blickte kurz nach oben. Vor einer Stunde hatte er die Festung noch aus der Entfernung gesehen, war in Begleitung eines zutraulichen Hundestrawanzers quer durch die gefällige Landschaft von Aigen getrabt. Er hatte den Anblick der mächtigen Burg genossen, wie immer. Er hätte nicht gedacht, dass er kaum zwei Stunden später sich direkt am Fuß des Festungsberges einfinden würde. Nicht, um den prächtigen Blick auf die Burg aus direkter Nähe auszukosten, sondern um einen mysteriösen Todesfall zu untersuchen. Wann bin ich diese steinernen Stufen eigentlich das letzte Mal nach oben gestiegen? Das muss vor rund einem Monat gewesen sein, überlegte er, als er die Großmutter aus dem Pinzgau bei sich hatte. Die alte Frau, immer noch rüstig, hatte es sich nicht nehmen lassen, den Weg zum Frauenkloster und weiter bis zur Festung über diesen zauberhaften Aufgang zu nehmen.
»Nochmals einen guten Morgen, Martin.«
»Hallo, Otmar.« Der Abteilungsinspektor erwartete ihn auf einer der ersten Stufen. Er reichte ihm die Hand. »Was für ein prächtiger Sommermorgen. Es wäre weitaus angenehmer, an den Wolfgangsee zu fahren. Aber was machen wir? Wir begeben uns zu einem Platz, an dem eine Leiche liegt. Kannst du mir schon mehr über die Tote sagen als vorhin am Telefon?«
»Zumindest haben wir die offizielle Bestätigung. Bei der Toten handelt es tatsächlich um Isolde Laudess.«
Also doch. Laudess. Er hatte schon befürchtet, dass es stimmte. Dabei handelte es sich nicht einfach um irgendeinen Namen. Laudess. Dahinter verbarg sich viel. Der Name kündete von Erfolg und Ruhm. Von großer Publikumsbegeisterung genauso wie von nahezu hymnischem Kritikerzuspruch. Und das nicht nur in Salzburg während der Festspielzeit, sondern das ganze Jahr über im gesamten deutschsprachigen Raum. Allerdings war die geballte Aufmerksamkeit dabei nicht auf den Vornamen Isolde gerichtet. Die frenetische Begeisterung galt Senta Laudess, der derzeitigen Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen. Senta Laudess, gefeierter Star auf den Bühnen bedeutender Theaterhäuser. Dazu kam eine Reihe glänzender Auftritte in Film- und Fernsehproduktionen. Nicht wenige davon mit großen Preisen ausgezeichnet. Genau darauf hatte auch der Chef Bezug genommen. Merana hatte noch während der Herfahrt mit ihm telefoniert.
»Immerhin geht es hier um die Schwester der großen Senta Laudess, der von allen gefeierten Buhlschaft im heurigen Festspiel ›Jedermann‹. Da will ich überhaupt keine Diskussion, Martin. Ich wünsche, dass sich der Chef unserer Kriminalpolizei höchstpersönlich genau dieses Falles annimmt. Um die oberschlauen Kollegen aus dem Innenministerium soll sich gefälligst Carola kümmern. Das schafft sie locker. Wer weiß, ob es tatsächlich neue Verdachtsmomente gibt, wie sie behaupten. Oder ob die Herren Terrorspezialisten wieder einmal das Gras wachsen hören, wo noch nicht einmal die Spitze eines Halms aus dem Boden hervorlugt. Du wirst dich gefälligst um die rasche Auflösung dieses Verbrechens bemühen, Herr Kommissar. Eine junge Frau liegt tot am Aufgang zum Nonnbergkloster. Und dabei handelt es sich nicht um irgendein dahergelaufenes Salzburger Mädel, sondern um die Schwester der Salzburger Buhlschaft. Du bist ja gewissermaßen Stammgast im Festspielbezirk, kennst dich in jedem Winkel des Festspielhauses aus, bist mit allen dort per Du. Genau so einen Mann brauchen wir jetzt, um den Fall im Höchsttempo aufzuklären. Immerhin blickt die halbe Welt nach Salzburg wegen der berühmten Festspiele, in diesem Sommer noch mehr als sonst.«
Wie immer hatte sein Chef maßlos übertrieben. Dass die kulturinteressierte Welt ihre Aufmerksamkeit heuer noch stärker als sonst auf Salzburg richtete, stimmte schon. Immerhin feierten die Festspiele ein großes Jubiläum. Aber dass er, Martin Merana, »gewissermaßen Stammgast« im Festspielbezirk wäre, traf einfach nicht zu. Gut, der Zufall hatte ihn in den letzten Jahren immer wieder mal in diese Szenerie geführt. Er hatte den Mord an einer bedeutenden Sängerin aufgeklärt, an der gefeierten Darstellerin der Königin der Nacht in Mozarts »Zauberflöte«. Und davor war es ausgerechnet das »Jedermann«-Spektakel gewesen, das Merana erstmals in beruflichen Kontakt mit den Salzburger Festspielen brachte. Auf der »Jedermann«-Bühne war der bekannte Schauspieler Hans Dieter Hackner gelegen. Mit einem nachgemachten Renaissancedolch in der Brust. Und Merana musste sich damals die Frage stellen, wer um alles in der Welt ausgerechnet Hackner, dem gefeierten Darsteller des Todes, den Tod geschickt hatte. Er hatte die Frage schließlich beantworten können. Aber das war es schon im Großen und Ganzen gewesen, was ihn bei seiner Ermittlungsarbeit ins Reich der Festspiele geführt hatte. Keine Rede davon, dass er sich »in jedem Winkel« des ohnehin äußerst unübersichtlichen riesigen Festspielhauses auch nur halbwegs auskannte. Und die Anzahl der Menschen, mit denen er im Laufe seiner Arbeit auf das Du-Wort gekommen war, ließ sich locker an den Fingern einer Hand abzählen. Auf keinen Fall zählte da jemand aus dem Kreis der verantwortlichen Persönlichkeiten dazu. Er war mit einem der Beleuchtungsmeister per Du und noch mit ein paar gewiss sehr fachkundigen, aber eher unauffälligen Leuten, die vor allem im Hintergrund agierten.
»Ich gehe voran, Martin«, ließ Otmar Braunberger sich vernehmen und nahm die nächsten Stufen. Merana folgte seinem Abteilungsinspektor. Der Stufenaufgang bildete eine eigene schmale Gasse, flankiert von Fassaden hoher alter Häuser, die links und rechts emporragten. Dem Gemäuer war immer wieder deutlich anzumerken, dass der ansteigende Klosteraufgang schon sehr alt war. Nach etwa 30 Metern rückte ein Teil der zur Kaigasse gelegenen Häuserfront etwas von der immer noch steil ansteigenden Treppe ab. Dadurch ergab sich ein schmaler Freiraum, etwa zwölf Meter lang und an der breitesten Stelle etwa vier Meter tief. Der Untergrund war aus Steinen geformt, teilweise von Moos überwuchert. An der aufragenden Seitenmauer, die zur steil ansteigenden Treppe auf der rechten Seite gehörte, hatte sich allerlei Gesträuch und Blattwerk angesiedelt. Sie wichen zwei Kollegen der Tatortgruppe aus, die damit beschäftigt waren, Teile der Umgebung mittels Kameras festzuhalten. Andere sammelten Proben ein. Am hinteren Teil des Freiraums, knapp bevor die Häuserfront wieder im rechten Winkel zur Treppe stieß, erkannte Merana die Gerichtsmedizinerin. Der Körper der Frau, neben dem sie kniete, war bizarr verrenkt. Das konnte der Kommissar auch aus der Entfernung feststellen. Braunberger hielt inne, ließ dem Kommissar den Vortritt. Auch Merana blieb stehen, als schiene er abzuwarten. Fast zwei Minuten verharrte er in dieser Position. Erst dann macht Merana den nächsten Schritt, blieb wiederum stehen, wartete, ehe er einen weiteren Schritt und dann behutsam den nächsten setzte.
»Guten Morgen, Martin.« Die Gerichtsmedizinerin hatte noch nicht einmal den Kopf gehoben. Offenbar wusste sie auch so, dass er sich behutsam näherte.
»Hallo, Eleonore.«
Er blieb stehen, ließ sich neben ihr nieder, stützte die Arme auf die Knie. Er vermeinte, zweierlei wahrzunehmen. Die entschlossen anmutende Ausstrahlung der Ärztin, die jeden Handgriff mit professioneller Routine setzte. Und zugleich glaubte er, eine Art Aura zu verspüren, die den Platz umgab, auf dem die Tote lag. Offenbar war die junge Frau mit dem Hinterkopf aufgeschlagen, stellte er fest. Die dunkle Lache auf dem Untergrund war nicht sehr groß. Das Blut war längst eingetrocknet. Die Augenlider der Leiche waren offen. Die gebrochenen Augen starrten glasig in den Himmel. Er richtete seinen Blick zur Ärztin. »Kannst du mir schon Näheres sagen, Eleonore?«
Die Medizinerin wandte sich ihm zu, dann wies sie mit dem Kopf zur ansteigenden Steintreppe. Die Stützmauer war an dieser Stelle etwa fünf Meter hoch.
»Es steht wohl fest, dass sie von da oben herunterfiel. Das lässt sich einerseits aus den Verletzungen nachvollziehen. Außerdem haben Thomas Brunners Leute entsprechende Spuren am Gesträuch entdeckt, dass am oberen Teil der Mauer wuchert. Wann die bedauernswerte junge Frau hier herunterstürzte, kann ich natürlich nicht exakt sagen. Dazu weiß ich wohl mehr, wenn ich sie auf meinem Untersuchungstisch in der Gerichtsmedizin habe.«
»Ich weiß, Eleonore …«
Sie ließ ihn nicht weiterreden, schnaubte kurz.
»Und ich weiß, geschätzter Herr Ermittlungsleiter, dass du wie immer jetzt schon eine Einschätzung von mir hören willst.« Ihre Stimme hörte sich ein wenig fauchend an.
Dem Kommissar war bewusst, wie sehr er die Medizinerin bisweilen zu dieser Vorgehensweise nahezu drängte. Aber Frau Dr. Eleonore Plankowitz hatte mit den von ihr so bezeichneten Einschätzungen in den meisten Fällen äußerst präzise gelegen, wie die späteren forensischen und labortechnischen Untersuchungen bestätigt hatten.
»Also gut, Martin, dann will ich mich dir zuliebe auch dieses Mal darauf einlassen. Ich schätze, der Tod der jungen Frau ist zwischen 23 Uhr und drei Uhr morgens eingetreten.« Sie wies auf die Tote. »So wie es sich auf den ersten Blick zeigt, hat sie sich beim Aufprall nicht nur einen Teil der hinteren Schädeldecke zertrümmert. Sie hat sich auch das Genick gebrochen. Sie dürfte also sofort tot gewesen sein. Die anderen an der Leiche sichtbaren Verletzungen, vor allem die Abschürfungen, hat sie sich beim Herunterfallen zugezogen. Sie passen auch alle zur äußeren Struktur an dieser Mauer. Bis auf die eine Verletzung, die ist etwas eigenartig.« Eleonore Plankowitz deutete auf die linke Gesichtsseite der Toten. Auf Höhe der Schläfe war eine längliche, etwa drei Zentimeter breite Blessur zu erkennen. Merana beugte sich nach vorn. Er bemühte sich, die Tote nicht zu berühren, auch wenn er Schutzhandschuhe übergestreift hatte. Er betrachtete aufmerksam die Stelle. »Was sind das für eigenartige dunkle Partikel in der Wunde?« Er richtete sich wieder auf.
»Das wüsste ich auch gerne«, antwortete die Medizinerin. »Ich halte das für Splitter. So wie die Wunde aussieht, könnte sie an dieser Stelle von etwas getroffen worden sein.«
»Du meinst Fremdeinwirkung?«
Die Ärztin zuckte mit den Schultern. »Kann sein, kann nicht sein. Ich finde, es reicht für das unprofessionelle Prozedere an Einschätzung an dieser Stelle. Nur noch so viel. Wie mir Thomas vorhin bestätigte …«
»… haben er und seine unermüdlich schuftenden Kollegen bisher nichts gefunden.«
Wie auf Stichwort war der Leiter der Tatortgruppe neben ihnen aufgetaucht und hatte mit einem satten Grinsen den Satz der Gerichtsärztin vollendet. Er reichte Merana die Hand.
»Hallo, Martin.« Er deutete nach oben. »Natürlich haben wir noch nicht jeden Quadratzentimeter des Geländes bis ins Kleinste durchsucht. Wie Eleonore ganz richtig bemerkte, gibt es bisher nichts, was wir als Quelle für diese eigenwillig geformten dunklen Gebilde ausmachen konnten. Aber wir sind auch noch lange nicht fertig. Wir suchen natürlich weiter. Und wenn da oben auch nur ein einziger Splitter existiert, der zu denen in der Kopfwunde passt, dann finden wir ihn!«
Daran hegte der Kommissar auch nicht die Spur eines Zweifels. »Wer hat die Tote entdeckt?«
Die Frage war an den Abteilungsinspektor gerichtet. Der zückte sein Notizbuch, blätterte darin. Der überwiegende Teil der Ermittler hielt mittlerweile längst jegliches Detail kriminalpolizeilicher Untersuchung auf Tablets fest oder auf ähnlichen multifunktionalen Digitalgeräten. Und das weltweit. Aber Abteilungsinspektor Otmar Braunberger benützte nach wie vor lieber Notizblöcke mit geringelter Halterung.
»Gefunden hat die Tote eine Frau Lotte Ramalla, 74 Jahre, pensionierte Kanzleiangestellte. Sie wohnt da drüben.«
Er deutete auf einen der gegenüberliegenden Hauseingänge.
»Sie wollte um halb sechs ihren Hund äußerln führen, so wie jedem Morgen.«
Halb sechs, dachte Merana. Da hatten eben die ersten Strahlen die obersten Felszacken des Untersberges berührt. Er hatte es beim Laufen gemerkt und sich gefreut.
»Die Dame war ein wenig verwirrt, als die alarmierten uniformierten Kollegen hier eintrafen, wie man mir berichtete. Ich werde später versuchen, nochmals in Ruhe mit ihr zu reden.«
»Gibt es sonst Zeugen?«
Der Abteilungsinspektor schüttelte den Kopf. »Bisher nicht, Martin. Ich habe schon einige Kollegen losgeschickt, um Leute aus der Nachbarschaft zu befragen. Nicht nur hier entlang des Stiegenaufgangs, auch drunten in der Gasse. Aber bisher hat noch keiner etwas gemeldet, das uns bei diesem Fall weiterhelfen könnte.«
Vielleicht traf das Wort »Fall« auch gar nicht zu, ging es Merana durch den Kopf, zumindest nicht aus kriminalpolizeilicher Sicht. Die junge Frau konnte auch aus völlig anderen Gründen über die Geländerbegrenzung des Stiegenaufgangs gestürzt sein. Ohne dass jemand dabei nachgeholfen hatte und somit ein Verbrechen vorlag. Bis jetzt wussten sie noch gar nichts dazu. Ja, ihr allseits geschätzter Chef hatte beim Namen Laudess sofort alle Alarmglocken läuten gehört. Daraufhin hatte er umgehend die stärkste Polizeibesatzung aufmarschieren lassen, wissend, dass sich sofort Medien und Öffentlichkeit auf diesen Vorfall stürzen würden, wenn durchdrang, dass es sich bei der Toten tatsächlich um die Schwester von Senta Laudess handelte.
»Danke, Otmar.« Der Abteilungsinspektor steckte das unförmige, leicht abgegriffene Notizbuch wieder ein. Dann wurde seine Aufmerksamkeit von etwas anderem abgelenkt. »Ich glaube, da bist du gefragt, Martin.« Braunberger wies hinunter zum Anfang des Treppenaufstiegs. Einer der Streifenpolizisten an der Absperrung hielt eine groß gewachsene Frau auf, die an ihm vorbei nach oben wollte. Der Kommissar erkannte sie. Das war Jana Daimond. Sie war die Chefin der Öffentlichkeitsabteilung der Salzburger Festspiele. Jana Daimond war Merana schon im vergangenen Sommer vorgestellt worden. Er verließ den Platz, an dem die Tote lag, trat hinaus auf den steinernen Aufgang und stieg nach unten.
»Danke, Herr Kollege, ich übernehme das.«
Er gab dem uniformierten Kollegen ein Zeichen. Die groß gewachsene Frau im dunkelblauen Hosenanzug drehte sich zu ihm. Die Müdigkeit war ihr deutlich anzusehen. Die ansonsten gestraffte Gesichtshaut wirkte rings um die Augen leicht faltig. Für gediegene Kosmetik war wohl keine Zeit geblieben an diesem unerwartet ereignisreichen Morgen, kam es ihm in den Sinn. »Guten Tag, Herr Kommissar.« Er blieb direkt vor ihr stehen. Sie blickte ihm ins Gesicht, prüfend, als versuche sie darin zu lesen. Sie hatte wohl gefunden, was sie suchte. Ihre Stimme wurde ganz leise. »Es ist also wahr? Isolde Laudess ist etwas Furchtbares zugestoßen?« Er nahm sie am Arm, führte sie ein wenig zur Seite, hinein in die Gasse. Einem Fotografen war es offenbar gelungen, durch die Absperrung zu gelangen. Er stand in der Nähe, zielte mit der Kamera in ihre Richtung. Merana gab einem der Kollegen ein Zeichen, wies mit der Hand auf den Fotografen. Der Uniformierte setzte sich augenblicklich in Bewegung, um den Mann zu verscheuchen.
»Ja, Frau Daimond. Darf ich fragen, wie Sie von dem Vorfall erfahren haben?«
Sie schaute ihn leicht verwirrt an. »Der Herr Polizeipräsident höchstpersönlich hat mich angerufen.«
Natürlich, Merana hätte es sich denken können. Vermutlich hatte der Herr Hofrat inzwischen auch mit allen Chefredakteuren der wichtigsten Medien und wohl auch mit dem Landeshauptmann telefoniert. Mit jedem, der ihm auf seinem unermüdlichen Karriereweg irgendwann einmal vielleicht nützlich sein könnte.
»Können Sie mir erklären, Herr Kommissar, wie es für Isolde zu diesem Unglück kam? Ich vermute, es gibt Anzeichen für ein Verbrechen, wenn so viel Polizei vor Ort ist.«
Er versuchte, seiner Stimme einen beruhigenden Klang zu verleihen. »Dazu darf ich Ihnen derzeit leider noch nichts sagen, Frau Daimond.«
Sie nickte. »Die Ärmste. Vermutlich war sie auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Isolde hatte ja gestern noch bei unserer ›Jedermann‹-Aufführung auf der Bühne gestanden.«
Ja, das hatte Merana schon vermutet. Gestern war Vorstellung, wie ihm bekannt war. Dass die junge Frau zum Ensemble gehörte, das wusste er, seit er vor zwei Wochen eine Fernsehreportage darüber gesehen hatte. Die Gestalter hatten mehrfach darauf hingewiesen, welch wunderbare Fügung es sei, in diesem Jahr beide Schwestern nebeneinander auf der »Jedermann«-Bühne zu erleben. Senta, die allseits berühmte Darstellerin großer Charakterfiguren, als Buhlschaft, und die jüngere Isolde in einer kleinen Rolle als Mitglied der Tischgesellschaft.
»Kann ich sie sehen?«
Merana schüttelte den Kopf. »Ich bedaure sehr, aber das geht leider nicht.«
»Ich verstehe. Sie müssen sich wohl an Ihre Vorschriften halten.« Plötzlich wurde ihr Blick noch leerer. Sie seufzte tief. »Dann mache ich mich wohl besser gleich auf den Weg zu Frau Laudess. Besser, sie erfährt die schreckliche Nachricht von mir als von einem der Medienleute.«
Sie sagte ihm zu, dass er sie in zwei Stunden in ihrem Büro antreffen könnte, falls er sie noch brauchte. »Danke, Frau Daimond. Wie gesagt, ich kann Ihnen noch keine Details zum bedauerlichen Vorfall erörtern. Aber es könnte für meine Mitarbeiter und mich bald sehr wichtig sein, möglichst schnell ein klares Bild über die letzten Stunden von Isolde Laudess zu erstellen. Was passierte, nachdem sie ihren Auftritt bei der gestrigen ›Jedermann‹-Vorstellung beendete. Was hat sie unternommen? Wen hat sie getroffen? Dazu wollen wir möglichst viele Beteiligte an der ›Jedermann‹-Produktion befragen. Danke, wenn Sie uns dabei behilflich sind. Ich persönlich werde mich um ein baldiges Gespräch mit der Schwester bemühen. Auch da wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie das für mich arrangieren.«
Sie versprach es. Dann reichte sie ihm die Hand und ging. Der Polizist an der Absperrung drängte die inzwischen dort versammelten Leute zurück. Merana sah ihr nach, wartete, bis die hoch aufgeschossene Gestalt in der Gasse verschwand.
»War das nicht die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Festspiele?«
Braunberger hatte sich neben ihn gestellt.
»Ja, ich werde Jana Daimond vermutlich bald in ihrem Büro aufsuchen. Sie wird mir alle Daten zu den Ensembleleuten und den übrigen Beteiligten des gestrigen ›Jedermann‹-Abends aushändigen. Dann hätten wir zumindest schon einmal diese Unterlagen, falls es sich beim Tod der jungen Frau doch um ein Verbrechen handelt.« Der Abteilungsinspektor wies mit der Hand die Treppe hinauf.
»Lass uns miteinander die Stelle anschauen, an der Isolde Laudess aller Wahrscheinlichkeit nach hinunterstürzte. Thomas Brunner ist schon oben, er wartet auf uns.« Sie stiegen hinauf. Während die hoch aufragenden Häuser an der linken Seite zur Kaigasse gehörten, waren die Gebäude rechterhand eng an den felsigen Hintergrund geschmiegt. Es gab mehrere Hauseingänge. »Nonnbergstiege 10c«, las Merana an einer Stelle. Acht Namensschilder waren auszumachen und ebenso viele Klingelknöpfe. Thomas Brunner wartete an jenem Platz des Aufstiegs, an dem die zurückgewichene linke Häuserfront wieder im rechten Winkel an die Treppe stieß. Merana sah sich prüfend um. Auf der rechten Seite erstreckte sich ein kleiner ansteigender Garten mit einer kurzen, sehr niedrigen Begrenzungsmauer. Obwohl nur wenig Sonnenlicht in die schmale Stiegengasse fiel, gediehen hier offenbar dennoch einige Blumen und niedriges Gewächs. »Na, wer sagt’s denn«, rief der Abteilungsinspektor. »Hier gibt es sogar Gartenzwerge.« Er korrigierte sich im nächsten Moment. »Nein, das sind wohl doch keine Gartenzwerge. Schaut eher aus wie eine Ansammlung von Märchenfiguren.« Hinter dem schmalen, niedrigen Mäuerchen, das den steil ansteigenden Garten zur Stiege hin abgrenzte, waren etliche Figuren auszumachen. Sie dürften wohl rund 40 Zentimeter groß sein, schätzte Merana. Und sahen tatsächlich aus, als kämen sie aus irgendeinem Märchenbuch. Bei der schon leicht ramponierten bläulichen Katzenskulptur dürfte es sich wohl um den Gestiefelten Kater handeln, vermutete er. Weiters sah er zwei dickliche Zwerge, einen Prinz, der sich auf sein Schwert stützte, und einen Esel, dem ein Ohr fehlte. Zwischen beiden war eine Frauenskulptur zu erkennen. Das mochte vielleicht Schneewittchen sein. Rechts neben dem angeknacksten Esel lungerte ein flammenspeiender Lindwurm. Wahrlich ein putziger Anblick, der sich ihnen hier bot. Aber was Merana weit mehr faszinierte, war das Bild, das sich ihm in der Entfernung weit oberhalb des Gartens bot. Ein Stück helle Mauer leuchtete im Sonnenlicht.
Ein Teil der Festung war auszumachen. Er entsann sich. Er hatte auch mit der Großmutter an eben dieser Stelle während ihres Aufstiegs verweilt. Sie hatte ihn auf den bemerkenswerten Ausblick aufmerksam gemacht, auf die Festungsmauer und auf einen der Türme. Das Gärtchen hatte es vermutlich auch vor einem Monat an dieser Stelle schon gegeben. Es war ihm gewiss entfallen. An irgendwelche Märchenskulpturen konnte er sich überhaupt nicht erinnern.
»Also Martin, Eleonore hat es dir ja schon angedeutet. Unsere bisherige Untersuchung des Geländes führt zu dem Schluss, dass die junge Frau an genau dieser Stelle in die Tiefe stürzte.«
Merana wandte sich vom Anblick des Gärtchens und der Festung ab. Thomas Brunner wies auf die entsprechende Stelle an der Treppenabgrenzung. Merana trat an das niedrige Geländer, blickte hinunter.
»Sie war wohl auf dem Heimweg«, fügte der Abteilungsinspektor hinzu. »Sie wohnte nicht weit von hier entfernt in der alten Nonntaler Hauptstraße.«
»Welche Hausnummer?«
Meranas Frage bot dem Abteilungsinspektor wieder Gelegenheit, das legendäre Notizbuch zu zücken. Er blätterte darin.
»13B.«
Merana stutzte. »13B? Wenn ich das recht im Kopf habe, dann muss das am Anfang der Nonntaler Hauptstraße liegen.«
Braunberger nickte. »Du hast recht. Meines Wissens liegt das nicht weit entfernt vom Rösthaus und Café ›220 Grad‹.«
Merana fixierte seinen Kollegen, schüttelte irritiert den Kopf. »Also Otmar, das verblüfft mich jetzt.« Er wies mit der Hand hinab bis zum Anfang der steinernen Stiege.
»Warum ist sie nicht unten geblieben? Da wären es für sie nur noch wenige Meter in der Kaigasse gewesen. Dann hätte sie schnell den Kajetanerplatz überquert, hätte sich nach der Schanzlgasse gleich rechts gehalten und wäre im Handumdrehen zu Hause gewesen. Dieser Weg wäre bedeutend kürzer. Gar kein Vergleich zu der eher mühsamen Strecke über die Nonnbergstiege, immer am Berg entlang, vorbei am Kloster. Es dauert schon ein wenig, bis man weit hinter der Erhardkirche wieder hinunterkommt. Warum hat sie diesen Weg gewählt? War sie vielleicht doch nicht auf dem Weg zu ihrer Wohnung?«
Er schaute auf seine beiden Kollegen.
»Gute Frage, Herr Kommissar«, entgegnete Braunberger und steckte das Notizbuch zurück. »Vielleicht sollten wir den Esel fragen. Aber ich weiß nicht, ob der uns überhaupt versteht. Immerhin hat er nur ein Ohr.« Sein Lachen erinnerte ein wenig an das kehlige Gemecker eines Ziegenbocks, während er der beschädigten Grautierstatue einen Klaps versetzte.
3
Auch drei Stunden später war das meiste noch weitgehend unklar. Nur auf eine der aufgetauchten Fragen sollte der Kommissar eine einigermaßen einleuchtende Antwort erhalten. Warum Isolde Laudess nicht den wesentlich kürzeren Weg über den Kaigassenausgang, sondern die viel weitere Strecke über die Nonnbergstiege gewählt hatte.
Der Kommissar hatte Jana Daimond wie vereinbart in deren Büro aufgesucht. Er hatte ihr mehrmals bestätigt, die sensiblen Angaben vor allem zu den großen Stars der Festspielproduktion absolut vertraulich zu behandeln. Er würde nur Auszüge davon an seine vertrautesten Mitarbeiter weiterreichen, damit sie mit den Befragungen beginnen könnten. Die Öffentlichkeitschefin hatte auch arrangiert, dass er mit Senta Laudess reden könnte. Sie würde ihn um zwölf Uhr in ihrem Appartement erwarten.
»Frau Laudess wohnt nicht im Hotel?«
»Nein, einigen unserer Künstler ist es angenehmer, während ihres Salzburg-Aufenthaltes eine für sie bereitgestellte Wohnung zu beziehen als im Hotel zu bleiben. Wir versuchen natürlich, diesen Wünschen entgegenzukommen, so gut es geht.«
Bevor er erneut ins Kaiviertel aufbrach, wo die angegebene Wohnung lag, wollte er noch schnell Halt am Alten Markt machen. Er hatte es nicht anders erwartet. Das prächtige Wetter war zu verlockend. Das Café Tomaselli samt Terrasse und gegenüberliegendem Garten war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nicht besser sah es beim Café Fürst aus. Auch hier waren alle Tische auf dem Platz vor dem Lokal belegt. Doch dann bemerkte er, dass eine Gruppe von drei Leuten eben die Rechnung bezahlte und sich erhob. Er trat schnell heran und ergatterte den Platz. Er bestellte sich einen großen Schwarzen und einen Apfelstrudel. Er war seit fünf Uhr auf und hatte bis jetzt nur einen Haferflockenriegel zu sich genommen. Die Kellnerin war rasch zurück, stellte ihm das Gewünschte hin. Er nahm die Gabel, kostete ein Stück von der Mehlspeise. Köstlich. Er hatte es nicht anders erwartet. Er nahm das nächste Stück, schloss kurz die Augen, um jeden Bissen noch intensiver zu genießen. So viel Zeit musste sein, beschloss er. Erst sich den verdienten Genuss gönnen, dann weiter mit der Arbeit. Nichtsdestotrotz blieb doch noch ein Stück des Strudels auf dem Teller, als er bereits nach dem Handy griff. Er wollte die kurze Zeitspanne nützen, um sich ein wenigstens gerafftes Bild über die beiden Schwestern Laudess zu verschaffen. Er aktivierte sein Handy. Über Senta, den großen Bühnenstar, gab es wie erwartet eine Fülle an Eintragungen im Internet. Über Isolde war wenig zu finden, zumindest nichts Aufschlussreiches. Beide waren in Salzburg geboren, aber das hatte er schon gewusst. Senta hatte im Alter von 17 Jahren ihre Heimatstadt verlassen. Sie war nach Berlin gezogen, hatte eine Ausbildung an der berühmten Schauspielschule »Der Kreis« absolviert. Schon im zweiten Studienjahr bekam sie eine Gastrolle am Deutschen Theater. Das war der Start für eine auch international beachtliche Karriere. Welchen Weg die um sechs Jahre jüngere Isolde gegangen war, ließ sich für Merana in der Kürze mittels Internetrecherche am Handy nicht ermitteln. Doch er hoffte, von Senta Laudess bald mehr darüber zu erfahren. Er verspeiste das letzte Stück Strudel, trank den Kaffee aus, legte einen Geldschein auf den Tisch und erhob sich. Wie er von Jana Daimond erfahren hatte, lag die Wohnung in der Krottachgasse, einer Seitengasse zur Kaigasse, aus der man gleich nach dem Mozartkino abbog. Er machte sich rasch auf den Weg, erreichte das ihm von Daimond genannte Haus. Merana kannte sich in der Gegend ganz gut aus. Schräg gegenüber gab es ein italienisches Café. Gelegentlich trank er dort einen Cappuccino oder genehmigte sich einen Teller mit Antipasti und dazu ein Glas Wein. Er betrat das große Gebäude, das dem Lokal gegenüber lag. Er hatte im Laufe der letzten Jahre schon hin und wieder bei seinen Ermittlungen mit dem einen oder anderen großen Star aus der Welt der Künste zu tun gehabt. Dennoch spürte er einen Anflug von leichter Nervosität, als er die Marmorstiege langsam nach oben nahm. Im fünften Geschoss machte er Halt und läutete. Und obwohl er wusste, was ihn erwartet, konnte er sich eines gewissen Staunens nicht erwehren. Es war tatsächlich die gefeierte Buhlschaft aus dem »Jedermann« der Salzburger Festspiele, die ihm die Tür öffnete.
»Guten Tag. Ich nehme an, Sie sind Kommissar Merana. Bitte kommen Sie herein.«
Er überlegte, ob er ihr zur Bestätigung seinen Dienstausweis zeigen sollte, ließ ihn dann aber stecken. Das »Appartement«, wie Jana Daimond es in beiläufigem Tonfall bezeichnet hatte, erwies sich als große, luxuriös ausgestattete Wohnung. Beeindruckend war auch der Blick aus dem Salon auf die gegenüberliegende Seite der Stadt. Am anderen Salzachufer war ein Großteil des Kapuzinerbergs mit der lang gezogenen Befestigungsmauer und dem alten Franziskanerkloster am linken Ende auszumachen.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Sehr freundlich, ein Glas Wasser bitte.«
Sie deutete zum auffällig gestylten Glastisch, der in der Nähe des großen Fensters stand. Dann brachte sie eine vollgefüllte hellblaue Karaffe und zwei edel aussehende Kristallgläser. Er setzte sich auf einen der mit hellem Leder überzogenen Sessel. Sie nahm ebenfalls Platz, füllte die Gläser. Sie wirkt älter als auf der Bühne, fand er. In jedem Fall älter als auf den Bildern, die er von ihr kannte. Aber vielleicht täuschte sein Eindruck. Immerhin hatte sie eben erst vom tragischen Tod ihrer Schwester erfahren. Auch das rötlich gefärbte Haar erschien ihm kürzer, als er es von den Fotos in Erinnerung hatte. Nur die erkennbare Kupfertönung war ihm vertraut, so wie er sie von Abbildungen kannte. Er bemerkte den matten Glanz, der in ihren dunklen Augen lag. Auch der sanfte Schwung der Augenbrauen erschien ihm makellos. Sie lächelte. »Soll ich an meinem Gesicht etwas ändern, Herr Kommissar?«
Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen schoss. »Nein, absolut nicht. Falls ich Sie angestarrt habe und Sie das aufdringlich empfunden haben, möchte ich mich entschuldigen. Das lag keineswegs in meiner Absicht.«
Erneut lächelte sie. Aber sie sagte nichts, nahm nur einen Schluck Wasser. Der Glanz in ihren Augen verschwand. Ihre Gesichtszüge nahmen jenen Ausdruck an, den er auch von vielen Bildern, auch aus bestimmten Film- und Theaterszenen kannte. Ihr Mienenspiel spiegelte jene Vitalität und Überzeugungskraft wider, mit der sie auf jeder Bühne brillierte. Er räusperte sich. Dann begann er das Gespräch, indem er ihr zuerst sein Beileid für den erlittenen Verlust aussprach. Sie bedankte sich. Sie wollte wissen, ob man Isolde tatsächlich auf der Nonnbergstiege gefunden hatte, wie ihr Jana Daimond mitgeteilt hatte.
»Ja.«
»Mein Gott.«
Er wollte nicht näher darauf eingehen, dass es nicht direkt auf den Stufen der Treppe war, wo man den Leichnam fand, sondern in einem der Freiräume zwischen Stiege und Hausmauer.
Sie verschränkte die Finger, stützte ihr Kinn darauf. Der Ausdruck der Vitalität war wieder längst verschwunden. Das Schimmern in den Augen zeugte von Trauer. »Ich hätte sie doch begleiten sollen«, flüsterte sie. »Ich hätte mich besser nicht schon vorher von ihr verabschiedet, um in meine Gasse abzubiegen. Vielleicht würde Isolde dann noch leben.« Sie senkte das Gesicht. Ihr Körper fing leicht zu beben an.
»Sie waren mit Ihrer Schwester gestern nach der Aufführung noch beisammen?«, fragte er und hoffte, dass sein Tonfall neutral klang und nicht überrascht.
»Wie spät war es, als Sie sich in der Kaigasse von Ihrer Schwester verabschiedeten?«
»Das muss so gegen halb zwei gewesen sein. Wir wollten beide heim.«
Er dachte nach, stellte sich die Szene vor. »Sind Ihnen zu dieser Zeit andere Passanten untergekommen?«
Sie schüttelte langsam den Kopf. »Nein, soviel ich mich erinnern kann, waren wir ganz allein. Nur anfangs auf Höhe der Chiemseegasse begegneten uns zwei Leute, aber die waren stadteinwärts unterwegs. Es war gestern ohnehin so gut wie nichts los. Die nächtliche Stadt wirkte nahezu ausgestorben. Manchmal ist das offenbar so in Salzburg, sogar mitten im Sommer. Das habe ich auch Isolde gegenüber erwähnt, als wir das ›K+K‹ verließen und über den Waagplatz schlenderten.«
»Sie waren gemeinsam im ›K+K‹?«
»Ja.« Es habe gestern eine kleine, eher improvisierte Feier gegeben, erklärte sie. Sie waren wie immer nach Ende ihres Auftrittes in die Garderoben im Großen Festspielhaus gebracht worden. Die anderen waren dann schon vorausgegangen. Sie hatte noch etwas zu erledigen und war etwa eine halbe Stunde später nachgekommen. Einer der jungen Kollegen aus der Darstellergruppe der Tischgesellschaft hatte gestern Geburtstag und deshalb zu einem Umtrunk mit kleiner Jause geladen. Außer dem Geburtstagskind, ihr und Isolde seien zwei weitere Personen dabei gewesen. Die beiden männlichen Kollegen seien nur kurz geblieben, bald aufgebrochen, nachdem sie selbst im Restaurant erschienen war. Sie nannte ihm die Namen der Beteiligten.
»Nur Bianca und Folker sind etwas länger geblieben. Sie saßen noch am Tisch, als Isolde und ich aufbrachen.«
Merana hatte sich die Namen notiert. Gleich nach der Unterredung würde er eine Nachricht an seinen Abteilungsinspektor schicken. Otmar möge sich der Teilnehmer der improvisierten Geburtstagsfeier annehmen, sie zum Verlauf des gestrigen Abends befragen.
»Sie haben sich an der Abzweigung zur Krottachgasse getrennt, sagten Sie. Die Wohnung Ihrer Schwester liegt in der alten Nonntaler Hauptstraße, wie ich erfahren habe.«
»Ja, das stimmt, Herr Kommissar. Es ist die Wohnung, die unserer Mutter gehörte. Auch ich bin dort aufgewachsen. Wir zogen ein, als ich acht Jahre alt war.«
»Die Wohnung liegt, der Hausnummer zufolge, gleich am Beginn der Straße. Wenn Ihre Schwester heimwollte, wie auch Sie vorhin erwähnten, warum wählte sie dafür einen viel weiteren Weg. Über die Route Kaigasse, Kajetanerplatz, Schanzlgasse wäre sie doch viel schneller zu Hause gewesen.«
Ihr Mienenspiel änderte sich. Das traurige Schimmern ihrer Augen wurde überdeckt von einem mädchenhaften Lächeln.
»Das ist ganz einfach zu erklären, Herr Kommissar. Kennen Sie den Weg über die Nonnbergstiege?«
»Ja.«
»Mögen Sie ihn?«
»Ja, sogar sehr. Ich liebe die Nähe zum alten Kloster, auch die zur alten Festung. Und die Ausblicke auf die Stadt, die man dort bekommt, sind einfach überwältigend.«
Ihr Lächeln wurde stärker.
»Isolde hätte es nicht besser beschreiben können. Sie liebte es, den Heimweg aus der Stadt über die alte Nonnbergstiege zu nehmen. Das war schon immer so.
Selbst, als sie noch ein Kind war. Ihnen ist sicher die markante Stelle direkt gegenüber der Klosterkirche bekannt.«
»Selbstverständlich. Dort bin ich gewiss schon sehr oft gestanden und habe den Blick Richtung Süden genossen.«
»Isolde auch, wahrscheinlich Hunderte Mal. Ich kann mich noch erinnern, als sie, da war sie vielleicht sieben, die alte Platane erklimmen wollte, um noch eine bessere Aussicht zu erhalten.«
Sie schloss die Augen. Vielleicht ließ sie im Inneren die eben geschilderte Begebenheit nochmals ablaufen, zur Erinnerung an ihre Schwester, die damals wohl ein glückliches Kind mit sieben Jahren war und die jetzt als lebloser Körper in einer der Kühlboxen der Salzburger Gerichtsmedizin lag.
Er wartete. Er ließ ihr Zeit, behutsam aus ihren von glücklichen Momenten überstrahlten Erinnerungen wieder in die harte Realität zurückzukommen.
Immerhin hatte sich nunmehr eine der Fragen geklärt, die ihm und gewiss wohl auch seinem Kollegen Otmar durch den Kopf schwirrten. Isolde Laudess hatte den Weg über die Nonnbergstiege gewählt, weil sie das immer so machte. Egal, zu welcher Tageszeit. Er nahm wahr, dass sie langsam wieder ihre Augen öffnete.
»Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, jetzt kann ich mich wieder ganz Ihren Fragen widmen.«
Er wollte ihr trotzdem noch etwas Zeit geben. Er deutete mit der Hand zum Fenster, durch das man den traumhaften Ausblick auf den Kapuzinerberg hatte.
»Die Salzburger Festspiele haben Ihnen wirklich eine wunderbare Wohnung zur Verfügung gestellt, Frau Laudess. Dass Sie heuer in Salzburg zugegen sind, freut nicht nur die Festspiele, sondern auch viele Salzburger und Salzburgerinnen, wie ich weiß. Immerhin waren Sie schon sehr lange nicht mehr in Ihrer Geburtsstadt, wenn ich richtig informiert bin. War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie ein Appartement beziehen würden? Hätten Sie auch bei Ihrer Schwester wohnen können? Oder wäre das nicht möglich gewesen?«
Es kam ihm vor, als würden plötzlich ihre Augen überschattet. Nur ganz kurz.
Dann war ihr Antlitz schon wieder in jene freundliche Miene gekleidet, mit der sie ihn auch begrüßt hatte. Sie löste die verschränkten Finger, griff nach ihrem Glas.
Sie trank es zur Hälfte aus. Dann blickte sie ihn direkt an.
»Ich will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden, Herr Kommissar. Außerdem werden Sie im Zuge Ihrer Recherchen gewiss auf den einen oder anderen Hinweis stoßen. Eine abfällige Bemerkung im Internet ist gewiss leicht zu finden, eine Andeutung von irgendjemandem aus der Kollegenschaft schnell geliefert. Und es ist ja nicht so, dass Ähnliches nicht auch in anderen Familien vorkommt. Ich spreche es also lieber selber ganz klar aus. Isolde und ich verstehen uns …« Sie zuckte kurz zusammen. Er wartete, ob der Hauch des Schattens sich wieder zeigen würde. Doch sie sprach schon weiter, im gleichen Tonfall. Nur in den Augen vermeinte er wieder die Trauer zu erkennen. »Entschuldigen Sie, bitte, es muss wohl heißen, ›verstanden uns‹. Aber es fällt mir schwer, die unvorstellbar brutal hereingebrochene Wahrheit zu akzeptieren, dass Isolde nicht mehr am Leben ist. Und dass wir genau genommen nur Halbschwestern waren, macht es um keinen Deut leichter.« Wieder griff sie nach dem Glas, nahm einen tiefen Schluck.
»Also dann. Isolde und ich, wir verstanden uns nicht allzu gut. Das war schon in unserer Kindheit so. Mein Vater starb, als ich drei war. Als ich fünf war, heiratete meine Mutter wieder. Etwa ein Jahr später kam Isolde zur Welt. Mein Stiefvater war gewiss ein netter Mann. Endlich hatte meine Mutter sich einen Traum erfüllt und einen begeisterten Wagnerfan geheiratet. Er stammte noch dazu aus Bayreuth. Meine Mutter hatte oft davon geschwärmt, Salzburg zu verlassen und ins Wagner-Mekka Bayreuth zu übersiedeln. Doch daraus wurde nichts. Mein Stiefvater verließ uns bald, ließ sich scheiden und nahm ein lukratives Jobangebot in Australien an. Dass bei dieser Entscheidung auch eine attraktive Frau eine Rolle spielte, hat meine Mutter im Grunde nie überwunden. So blieb der glühende Wagnerfan wieder alleine, mit Isolde und mir. Kein Bayreuth. Dafür weiterhin Salzburg, die Pilgerstätte der Mozartfangemeinde.«
Merana horchte auf. Er dachte an die Namen der beiden Schwestern. Eine Ahnung beschlich ihn. »Wagnerfan? Hat Ihre Mutter Sie beide deswegen so benannt?« Nun kehrte das Lächeln zurück in ihre dunklen Augen. Sie nickte. »Ja, das ist der einzige Grund dafür. Aber es hätte weit schlimmer kommen können. Brünnhilde oder Wellgunde hat sie uns immerhin erspart.« Das Lächeln erlosch. Merana war kein ausgesprochener Wagnerkenner, bei Weitem nicht. Aber ein wenig kannte er sich schon in dessen Opernwelt aus. Der Name Senta stammte aus der romantischen Geschichte rings um den »Fliegenden Holländer«. Senta verliebt sich in den geisterhaften Seefahrer und erlöst ihn von dessen Fluch durch ihren eigenen Tod, wie er wusste. Und Isolde ist die irische Königstochter aus einer anderen Wagneroper, die sich unsterblich in den Helden Tristan verliebt.
»Lebt Ihre Mutter noch?«
Ihr Kopfschütteln war deutlich zu bemerken. Die rötlich schimmernden Locken zuckten.
»Leider nein, sie ist vor vier Jahren gestorben. Auch mein Stiefvater lebt nicht mehr. Er starb vor zwei Jahren in Melbourne, wie ich von Isolde erfahren habe.«
»Die Gründe, warum Sie und Ihre Schwester sich schon seit Ihrer Kindheit nicht sehr nahe standen, tun im Augenblick nichts zur Sache. Aber wie war es in der Gegenwart? Tauchten irgendwelche Probleme auf, wenn Sie miteinander auf der Bühne standen? Gab es Spannungen?«
Die freundliche Miene im Augenspiel kehrte zurück. Sie beugte sich leicht nach vorn.
»Aber nein, Herr Merana, so schlimm dürfen Sie sich das auch nicht vorstellen. Wir hatten immer wieder Kontakt in den letzten Jahren. Wir gingen einander ja auch nicht aus dem Weg. Sonst wäre ich wohl gestern auch nicht zur Feier ins ›K+K‹ mitgekommen. Unser Umgang war vielleicht etwas reservierter als unter Verwandten üblich. Da zeigten sich halt zwei Halbschwestern, die einander zwar nicht viel zu sagen hatten, aber die schon wussten, wie man sich professionell und zivilisiert verhält.« Plötzlich richtete sie sich auf, ihr Oberkörper straffte sich.
»Halbschwester!« Sie klopfte sich gegen die Stirn. »Mein Gott, unsere Mutter ist gestorben, somit bin ich ja die einzig lebende Verwandte. Ich muss mich augenblicklich um die Bestattung und all den Kram kümmern, der damit verbunden ist.« Sie sah ihn direkt an. »Wann geben Sie den Leichnam meiner Schwester frei?«
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