Read the book: «Über die Grenze»
Maja Lunde
Über die Grenze

Aus dem Norwegischen von
Antje Subey-Cramer
Mit Illustrationen von Regina Kehn

Dank an
Espen Torkildsen
Irene Levin
Mats Tangestuen
Inhalt
In Zuckereiern baden
Das beste Versteck
Ein Musketier im Keller
Ein merkwürdiges Mittagessen
Der Geisterjunge
Verstecken – aber nicht zum Spaß
Handschellen
Wilde Tiere
Daniel und Sarah
Dypvik
Der Plan
Ein ordentlicher Pfiff
Lebendige Koffer
Nette, böse Damen
Wild gewordene Sau
Das Lied von der Mann-Näherin
Der Sohn vom Faulpelz
Ein ganz normaler Abend
Mutig
Der Weg mag uns führen, wohin er will
Ein Befehl
Angezeigt
Wilhelmines Paradies
Das Bild, das nicht an seinem Platz hing
Allein im Wald
Hopp!
Dunkelheit und Schnee
Auf Leben und Tod
Einbruch
Die Nacht mit Schwarzblut
Der Dieb
Ziegenkäse
Der Eisbach
Der Soldat mit den braunen Augen
Über die Grenze
Wir kommen!
Die Autorin
Norwegen, November 1942

In Zuckereiern baden
»Gerda, hast du schon wieder Zuckereier gemacht?«, fragte Klara.
»Aber nein«, sagte ich.
»Die letzten Eier sind weg!«
»Ich habe sie jedenfalls nicht genommen.«
»Bist du dir da ganz sicher?« Sie warf mir einen langen Blick zu. Mir kamen die Tränen, während ich heftig nickte. Klara, unser Hausmädchen, war eigentlich immer auf meiner Seite. Wenn sie mir nicht glaubte, glaubte mir keiner. Zum Glück lächelte sie und kniff mich in die Nase. Das war ein gutes Zeichen. Dann sagte sie leise und mehr zu sich selbst: »Manchmal frage ich mich, ob wir die Einzigen in diesem Haus sind.«
Klara pflegte nicht zu klagen, aber in letzter Zeit hatte sie sich darüber beschwert, dass Lebensmittel verschwanden. Es lag nahe, mich zu beschuldigen, denn alle wussten, dass ich ständig Hunger hatte. Und es war ja auch schon passiert, dass ich Eier und Zucker gemopst hatte. Aber dieses Mal war ich es wirklich nicht gewesen.
Ich beugte mich über die Hausaufgaben, musste aber immerzu an die verschwundenen Lebensmittel denken. Gab es hier im Haus Mäuse? Oder waren es Menschen, die das Essen stahlen? Und warum mussten sie unbedingt unsere Lebensmittel futtern? Wir hatten im Moment doch wirklich nicht zu viel davon. Zum Beispiel bekamen wir fast nie mehr Ziegenkäse auf unser Brot. Es gab genug Kartoffeln und Hering, aber meinen Magen füllte das nicht. Jedenfalls nicht so wie Süßes. Sich vorzustellen, eine ganze Tüte Karamellen auf einmal essen zu können … Oder eine Kanne Schokoladensoße zu trinken. Oder – in Zuckerei zu baden! Mitten in einer riesigen Schüssel zu liegen und einfach alles aufzuschlecken. In all dem Weichen, Gelben herumzuschwimmen und außen und innen süß und klebrig zu werden. Und zu spüren, dass der Magen bis oben hin voll wurde. Das wäre wirklich was!
Aber nun fehlten also Eier, und deshalb würde es für mich kein Zuckerei geben. Nicht einmal ein kleines Schüsselchen. So war es im Krieg.
Ach ja, die Hausaufgaben. Mitten auf dem riesigen Blatt Papier standen einsam drei schrumpelige kleine Zahlen. Das sah kümmerlich aus, aber ich hatte keine weiteren Lösungen auf Lager. Außerdem war es ein Ding der Unmöglichkeit, zu rechnen, wenn man hungrig war, deshalb suchte ich stattdessen Otto, meinen großen Bruder. Er saß in unserem Zimmer im ersten Stock. Wir teilten es uns noch immer, obwohl Mama meinte, dass ich mit meinen zehn Jahren jetzt eigentlich zu groß geworden war, um mit einem Jungen im selben Zimmer zu schlafen. Was auch immer sie damit meinte.
Jeder hatte sein eigenes Bett und sein eigenes Pult. Ottos Pult war ständig aufgeräumt. Auf seinem Nachttisch stand ein Globus, der im Dunkeln leuchtete. Afrika leuchtete gelb und grün. Das Gelbe war die Wüste, und das Grüne war Dschungel, hatte Otto mir erklärt. Der Globus war das Schönste in unserem Zimmer.
Otto saß am Tisch und blätterte in seinem Atlas. Otto liebte Karten. Stundenlang träumte er von irgendwelchen Reisen, und er konnte sämtliche Namen aller Länder dieser Welt. Er war gut darin, Karten zu lesen und Hausaufgaben zu machen, aber das war’s dann auch schon.
Die Jungs in der Klasse nannten Otto Fischklops. Nicht, weil er dick gewesen wäre (er war nämlich dünn wie eine Fahnenstange), sondern weil er so schwach war. In den Armen hatte er nur Fischklopse. Um es mal so zu sagen: In seinem zwölfjährigen Leben hatte Otto bereits die eine oder andere Runde Armdrücken verloren. Nun hatte er keine Lust mehr auf Wettkämpfe – lieber saß er mit einem Buch vor der Nase da. So, wie er es jetzt auch tat. Alles, was ich von ihm sah, war das große Buch und Ottos Arme und Beine, die hervorschauten.
Mein Blick fiel auf unser Holzschwert, das auf dem Boden lag. Eigentlich gehörte es Otto, aber ich war es, die es am meisten benutzte. Fischklopse brauchen kein Schwert.
»En garde!«
Ich sprang auf ihn zu und begann zu fechten. Vielleicht wollte er heute mal mit mir spielen? Sehr oft hatte er nicht mehr Lust dazu.
Und wirklich: Er hob das Buch noch etwas weiter hoch.
Ich sprang ein Stück näher.
»Igitt! Eine Schlange!«
Er las weiter.
»Eine dicke, große Brillenschlange!«
Ich stieß mit der Schwertspitze gegen das Buch.
»Gerda! Hör auf damit!«
»Spielst du mit? Krieg oder so?«
Er ließ das Buch sinken und verdrehte hinter den Brillengläsern die Augen. Darin war er besonders gut. Er rollte sie einmal herum und zog seine Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch.
»Krieg ist kein Spiel.«
»Dann lieber Verstecken?«
»Das ist kindisch.«
»Ach, bitte! Was du willst. Du darfst bestimmen.«
»Vergiss es.« Er verkroch sich wieder hinter dem Buch.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als allein weiterzufechten.
Ich spielte, ich sei Porthos, einer der Musketiere. Er war der Lustigste. Ich hatte gerade Die drei Musketiere gelesen, und das war so spannend, dass ich ein Kribbeln im Bauch verspürte, wenn ich nur daran dachte. Die drei Musketiere und der Lehrling d’Artagnan kämpften mit dem Degen gegen verschiedene Banditen, brachten sie alle zur Strecke und retteten zum Schluss die Königin von Frankreich höchstpersönlich. Das war nach meinem Geschmack!
Ich fuchtelte mit dem Schwert herum.
Plötzlich kam mir Ottos Globus in die Quere. Er stand an der Kante des Nachttisches und begann zu wackeln.
Das war nicht gut.
Er würde herunterfallen, gar keine Frage.
Aber ich war schnell. Ich schoss nach vorne und griff nach dem Globus, kurz bevor er auf den Boden aufkam.
»Gerda, jetzt hör endlich auf!«
»Aber ich habe ihn doch gerettet!«
»Such dir etwas anderes zum Kaputtmachen!«
»Ach bitte, spiel mit mir Verstecken!«
Otto schüttelte den Kopf. Mit Freundlichkeit kam man hier wohl nicht weiter. Also richtete ich das Schwert auf ihn: »Ich fordere Euch hiermit zu einer Runde Verstecken heraus … du, äh … Kaiser Brillenschlange von und zu Kinderzimmer.«
Otto musste lachen. Das war ein gutes Zeichen.
»Also gut. Aber nur ein Mal.«
»Jippieh! Du darfst als Erster suchen!«

Das beste Versteck
Papa war der Doktor des Ortes. Deshalb wohnten wir im sogenannten Doktorhaus. Das Haus war rot und stand in einem großen Garten. Dort gab es Apfelbäume, Johannisbeerbüsche und Stachelbeersträucher. Und große Blumen. Aber jetzt, im Krieg, hatte Klara in den Blumenbeeten Kartoffeln angepflanzt. Außerdem hatten wir Hühner bekommen und ein nettes Schwein, das Knut hieß. Die Erwachsenen sagten, Knut solle zu Weihnachten gegessen werden. Doch da war ich mir nicht so sicher.
Es gab viele Verstecke in unserem Haus. Wir hatten einen großen Keller und einen riesigen Dachboden, drei Stuben, zwei Schlafzimmer und eine Bibliothek. Es gab vier kleine Kammern und viele Kleiderschränke. In der Waschküche standen große Körbe, und in der Kartoffelhorde im Keller konnte man fast gänzlich verschwinden. All das waren prächtige Verstecke, aber nicht die besten. Das allerbeste Versteck war das, zu dem ich jetzt hinwollte.
Klara hatte angefangen, draußen Wäsche aufzuhängen, die Luft in der Küche war also rein. Lautlos lief ich in meinen Wollsocken die Treppe hinunter. Oben hörte ich Otto zählen: »Fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn.« Ich öffnete die kleine Tür zum besten Versteck der Welt und kroch hinein. Dann zog ich die Luke hinter mir zu. Ein bisschen eng war es dort – eng und sicher.
Nun musste ich nur noch warten. Es konnte lange dauern, bis er mich hier finden würde. Ich befand mich nämlich im Speisenaufzug, in der Wand. Der Aufzug startete im entlegensten Raum im Keller, da, wo die Kartoffelhorde und die Marmeladengläser standen, ging hoch zur Küche und weiter in den ersten Stock. Mit ihm wurden Speisen hinauf und hinunter geschickt – jedenfalls als noch der alte Doktor hier wohnte. Wir benutzten ihn nicht mehr. Nur beim Versteckspielen, wenn uns niemand sah.
»Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir, vor mir, neben mir – ich komme!«, rief Otto aus der ersten Etage.
Dann begann er zu suchen. Er suchte und suchte. Ich hörte seine Schritte in der Stube und im Flur.
Es dauerte ewig. Er war lahm wie eine Schnecke, die einen Berg hochkriecht.
Vom langen Sitzen in der Hocke taten mir meine Beine weh. Eine Weile war es ganz still. Vielleicht suchte er im Garten?
Dann hörte ich seine Schritte wieder. Er kam in die Küche, öffnete die Tür zur Speisekammer und ging hinein.
Stille.
Schließlich kam er wieder heraus. Die Schritte stoppten direkt vor der Wand, hinter der ich saß.
»Mäuschen, sag mal Piep!«, rief er.
Nun taten mir die Beine richtig weh. Außerdem musste ich mal, da passte es doch ganz gut.
»Piep«, machte ich.
Es hörte sich an, als öffnete Otto den Küchenschrank.
Er dachte bestimmt, das Piep käme von dort. Aber da der Schrank ja ganz und gar Gerdalos war, musste Otto weitersuchen.
»Sag mal Piep!«
Ich piepste noch einmal.
Nun hatte Otto offensichtlich erraten, wo ich war, denn die Schritte näherten sich. Die kleine Tür wurde geöffnet, und er starrte mich an.
»Papa hat gesagt, wir dürfen da drinnen nicht spielen«, sagte er.
»Aber er hat nicht gesagt, dass wir uns hier nicht verstecken dürfen!«
»Das kann echt gefährlich werden«, sagte Otto.
»Pah! Vielleicht für Angsthasen!«
Ich begann, vor und zurück zu schaukeln. Der Aufzug knarrte laut.
»Guck! Das ist doch nicht gefährlich!«
Otto wurde böse und versuchte, mich herauszuziehen.
»Du sollst da rauskommen!«
Aber ich schaukelte einfach weiter.
»Hör auf!«, schrie Otto und zog an meinem Arm, aber ich war stärker als er.
»Fischklops, Fischklops!«, johlte ich.
Das hätte ich nicht sagen sollen. Nun zog er nämlich noch heftiger, und das tat weh.
Ich schubste ihn kräftig. Mit einem Rumms fiel er auf den Boden und schlug mit dem Hinterkopf gegen das Tischbein.
»Auuu!« Otto schrie auf und fing fast an zu heulen.
Im selben Augenblick kam Klara mit dem Wäschekorb in den Händen herein.
»Gerda! Was machst du denn da?«
Es hörte sich so an, als könnte ich das Zuckerei vergessen. Als könnte ich das Zuckerei für immer vergessen.
Klara half Otto hoch. Er hielt sich den Kopf und versuchte vergeblich, nicht zu schluchzen. Dann drehte er sich zu mir um. Hinter den Tränen und der Brille hatte er Schlangenaugen.
»Blöde Kuh!«, rief er.
»Ich bin keine blöde Kuh!«
»Du bist ja noch nicht einmal ein richtiges Mädchen!«
»Bin ich doch!«
»Pah! Du wirst nie einen Mann finden und heiraten – niemals!«
Dann ging er.
Ich kroch vorsichtig aus dem Speisenaufzug heraus.
»Ist mir doch egal. Ich will sowieso nicht heiraten«, sagte ich leise. Ich meinte das vielleicht nicht so, aber ich war ohnehin nicht sicher, ob Otto mitbekam, was ich da sagte. Sein übellauniger Rücken verschwand im Flur.
Klara sah mich an und schüttelte den Kopf. Dann nahm sie den Wäschekorb und ging auch.

Ein Musketier im Keller
Nachdem ich Otto geschubst hatte, begann ich wieder, Die drei Musketiere zu lesen. Anfangs las ich langsam, Wort für Wort – es ergab kaum einen Sinn. Ich musste immerzu an Ottos Schlangenaugen denken. Aber zum Glück war das Buch auch dieses Mal spannend, und bald ging es schneller voran. Nach einem Kapitel war ich fast selbst zu einem Musketier geworden.
Nun stand ich vor dem Spiegel in der Stube. Ich war allein. Otto saß in unserem Zimmer und drehte bestimmt an seinem Globus. Und Klara briet irgendetwas in der Küche. Es roch nach Steckrüben. Igitt.
Ich betrachtete mich im Spiegel. Das Haar war zerzaust, die Hose hatte ein Loch am Knie. Ich band mir ein Geschirrhandtuch um den Hals. Dann malte ich mir mit einem Stück Kohle aus dem Kamin einen großen Bart unter die Nase. Ein bisschen ähnelte ich einem Musketier, aber irgendetwas war noch nicht richtig. Ich sah mir das Bild von Porthos auf dem Buchumschlag an. Irgendetwas war absolut falsch.
Die Haare.
Ich untersuchte den Nähkorb, aber darin lagen nur Nähnadeln, Garn und Knöpfe.
Ich guckte in die Kommode, aber dort war die Schere auch nicht.
Dann machte ich einen Abstecher in die Küche. Ohne Klara um Hilfe zu bitten, wühlte ich in den Schubladen herum. Und dort lag sie.
Schnell lief ich zurück zum Spiegel und betrachtete mich eine Weile. Traute ich mich? Vielleicht gab es Ärger, aber ich würde viel hübscher aussehen.
Ja, ich traute mich!
Zack. Zack. Zack. Dreimal schnappte die Schere zu, dann waren die Haare ab.
Mit dem Schwert in der Hand war ich draufgängerischer als ein Zug mit Blitzgeschwindigkeit. Nun war ich bereit für gefährliche Aufträge und grandiose Heldentaten, wie es im Buch hieß.
Klara hatte keine Ahnung, dass ein echter Musketier in der Stube stand, während sie in der Küche das Mittagessen zubereitete.
Alles war still, aber wir waren nicht allein. Graf Schwarzblut schlich in unserem Haus umher. Ich sah den Schatten seines Umhangs unter dem Esszimmertisch, wo er sich versteckte. Zur Deckung warf ich mich hinter das Sofa.
Mit schlurfenden Schritten näherte er sich. Schon viele Male zuvor hatte ich Jagd auf ihn gemacht, aber es war mir nie gelungen, ihn zu schnappen. Aber dieses Mal würde ich es schaffen. Ha! Ich würde dem grausamen Grafen nicht nur blutige Wunden, sondern auch ein blaues Auge verpassen. Dieses Mal würde ich ihn verprügeln, bis er nur noch ein kleines, um Gnade bettelndes Häufchen in der Ecke wäre.
Ich lag ganz still und wartete. Aber plötzlich hörte ich etwas anderes, nicht Graf Schwarzblut. Ich hörte Stimmen. Sie kamen aus dem Keller. Hatte der Graf dort unten Verbündete?
Es waren zwei Stimmen, ziemlich hell, die eine etwas dünner als die andere.
Ich legte den Kopf auf den Boden und lauschte. Ich konnte keine Wörter unterscheiden, aber dort unten sprach jemand, ganz klar.
Ich schlich mich in den Flur, öffnete die Kellertür und ging leise die Treppe hinunter – ganz vorsichtig, um mich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Jetzt hörte ich die Stimmen deutlicher, ein leises Plaudern. Und weinte da nicht auch jemand?
Unter meinem Fuß knarrte plötzlich laut eine Treppenstufe. Sofort schwiegen die Stimmen.
Ich beeilte mich, in den Keller hinunterzukommen. Hier befanden sich die Wäschemangel, Werkzeug und lauter altes Zeug. Aber von den Eigentümern irgendwelcher Stimmen keine Spur.
Die Haut auf meinen Armen kribbelte. Ich blieb stehen. Nicht ein Laut.
Ganz hinten gab es eine verschlossene Tür. Dahinter lag ein kleinerer Raum, in dem die Kartoffelhorde und die Marmeladengläser standen und wo der Speisenaufzug startete.
Langsam näherte ich mich der verschlossenen Tür. Wenn tatsächlich jemand gesprochen hatte, und daran gab es keinen Zweifel, musste er oder sie da drinnen sein.
Auf einmal ging in der Etage über mir die Haustür auf und ein Paar Absätze klicker-klackerten über die Holzdielen im Flur.
»Hallo? Ist jemand zu Hause?«
Es war Mama, die früher als gewöhnlich von der Arbeit in der Arztpraxis nach Hause gekommen war. Das passte im Grunde genommen ziemlich schlecht.
Ich blieb eine Weile stehen. Wenn ich die Verbündeten von Graf Schwarzblut im Keller zu fassen kriegen wollte, musste ich sehr schnell sein.
Aber Mama war schneller.
Sie öffnete die Kellertür, und ihr Blick fiel auf mich.
Im selben Moment kam sie die Treppe heruntergeschossen.
Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass sie so schnell laufen konnte!
Aus irgendeinem Grund sah sie mich kaum an – ich glaube, sie bemerkte nicht einmal meine Haare.
»Was machst du hier unten?« Sie griff nach mir und schob mich weg.
»Hier hat jemand gesprochen.«
»Unsinn! Komm sofort wieder mit nach oben!«
»Aber die Stimmen?«
»Nach oben, habe ich gesagt!«
Mamas Stimme war aus Stahl. Ich wusste, dass gegen diese Stimme nichts auszurichten war. Ich musste warten, bis sie ihre normale Stimme wiederhatte.
Ich trottete nach oben. Aber sie blieb unten stehen.
»Kommst du nicht mit, Mama?«
»Geh in dein Zimmer.«
Ich betrat den Flur, ging aber nicht hoch in die erste Etage. Stattdessen verbarg ich mich hinter der halb geöffneten Tür, sodass sie mich nicht sehen konnte. Von dort aus beobachtete ich, was sie tat.
Zuerst stand sie ganz still. Gedankenverloren blickte sie sich um. Dann ging sie zu einem großen Schrank in der Ecke. Sie kickte ihre Klackerschuhe zur Seite und begann, den Schrank zur geschlossenen Tür zu ziehen. Offenbar war das ziemlich schwer, denn sie keuchte laut und ihre Haare hingen wirr zur Seite. Sonst war Mama immer frisch gekämmt und gebügelt, mit Lippenstift auf den Lippen – und nie auf den Zähnen.
Bald hatte sie den Schrank bis zur Tür bewegt. Sie stellte ihn direkt davor, sodass die Öffnung vollständig verdeckt war und niemand sehen konnte, dass sich dort eine Tür befand. Dann nahm sie die Schuhe in die Hand und ging schnell die Treppe hoch.
Ich schnellte vor und hoffte, sie würde nicht merken, dass ich spioniert hatte. Zum Glück machte sie nicht den Eindruck.
Erst jetzt sah sie mich richtig an.
»Ich habe mir ein bisschen die Haare geschnitten«, sagte ich – für den Fall, dass sie sich fragte, was passiert war.
»Gerda …«, sagte sie, merkwürdigerweise nicht mit ihrer Stahlstimme. Ihre Stimme klang eher nach Baumwolle. »Ist doch ganz schön, oder?« Ich versuchte, sie anzulächeln.
Sie lächelte nicht zurück, nahm nur meinen Arm und schob mich Richtung Küche, ohne ein Wort zu sagen.
Komisch, dass sie nicht wütend wurde. Es schien, als würde sie an etwas anderes denken. Und das tat ich auch. Ich dachte an die Stimmen. Wer sprach da unten im Keller? Waren es dieselben, die Lebensmittel aus unserer Speisekammer stahlen?

Ein merkwürdiges Mittagessen
Das Mittagessen an diesem Tag war irgendwie merkwürdig. Aber es war nicht das Essen selbst, das merkwürdig war. Erst zum zweiten Mal in dieser Woche gab es – wie gesagt – gebratene Steckrüben, etwas ganz Gewöhnliches also. Und dazu Kartoffeln. Es gab immer Kartoffeln.
Das Merkwürdige waren Mama und Papa. Sie waren nicht böse darüber, dass ich Otto geschubst hatte. Und auch nicht darüber, dass ich mir die Haare abgeschnitten hatte. Sie waren nur schweigsam. Keiner von beiden setzte sich ordentlich hin. Sie aßen schnell, auf der äußersten Kante des Stuhls. Hin und wieder warfen sie sich einen ausdruckslosen Blick zu. Und wenn Autos vorbeifuhren, zuckten sie ein bisschen zusammen.
Plötzlich zuckten sie sehr zusammen. Denn eines der Autos fuhr nicht vorbei, sondern hielt auf dem Hof an.
Kurze Zeit später klingelte es an der Tür.
Otto und ich sprangen beide vom Tisch auf und erreichten gleichzeitig die Haustür. Draußen stand Johan. Im Auto hinter ihm saß Herr Dypvik, sein Vater, den wir alle nur Dypvik nannten. Aus dem Autofenster stieg Zigarettenrauch auf.
Johan zeigte, was er in der Hand hielt.
»Das ist ganz neu.«
»Oh«, sagte Otto. »Schön.«
Es war ein glänzendes Fahrtenmesser, richtig klasse, mit frisch poliertem Holzgriff und einer scharfen Klinge.
»Wollen wir Münzen ditschen?«, fragte Johan.
»Ja!«, sagte Otto.
Das Messer war wirklich schön – ich verstand gut, dass er Ja sagte, obwohl Otto im Ditschen ziemlich schlecht war. Aber das war Johan auch, da glich es sich wieder aus.
Plötzlich stand Papa da. Er drückte sich an Otto vorbei. »Ich dachte, wir hätten dir gesagt, dass du nicht mehr hierherkommen sollst?«, sagte er zu Johan.
»Aber ich dachte …«
»Du kannst deinem Vater einen schönen Gruß bestellen und ihm sagen, dass wir keine Kinder von Nazis bei uns zu Hause haben wollen«, unterbrach ihn Papa. Er nickte Richtung Auto, in dem Dypvik saß.
Johan antwortete nicht. Er drehte sich um und ging mit hängendem Kopf zurück zu seinem Vater.
Dypvik kam heraus und öffnete seinem Jungen die Tür. Er hatte seine dunkelblaue Uniform an. Er half Johan in den Wagen und tätschelte ihm den Kopf. Dann wandte er sich uns zu. Er warf Papa einen schrecklichen Blick zu, der schlimmer war als Ottos Schlangenblick. Papa starrte zurück. Während sie sich ohne ein Wort ansahen, schien etwas zwischen diesen beiden erwachsenen Männern zu passieren – etwas, das mein Herz erstarren ließ. Dann knallte die Wagentür zu, und Dypvik und Johan fuhren davon.
Papa schloss die Tür langsam und streckte Otto eine Hand entgegen.
»Otto, mein Junge, du verstehst doch, dass …«
Doch Otto drehte sich jäh um und lief hinauf in unser Zimmer.
Ich blieb mitten im Flur stehen und begriff nicht allzu viel. Aber rund um mein Herz war es immer noch kalt.
»Der Vater von Johan ist Mitglied in der Nationalen Sammlung, der NS«, sagte Papa zu mir. Als ob das alles erklärte.
»Du weißt doch, dass die NS mit den Deutschen zusammenarbeitet?«
Ich nickte.
»Deshalb wollen wir nichts mit ihnen zu tun haben«, fuhr er fort.
»Aber Johan ist doch Ottos bester Freund!«
»Nein«, sagte Papa. »Nicht mehr. Ihr dürft nicht mit Kindern von Nazis spielen. Verstehst du das?«
Ich nickte langsam, obwohl ich nicht sicher war, ob ich es wirklich ganz verstand. Johan hatte so traurig ausgesehen und Otto auch. Keiner von beiden wollte, dass es so war.
Papa strich mir mit seiner großen Hand über das frisch geschnittene Haar.
»Ich finde, es ist schön geworden«, sagte er, und ich mochte ihn wieder etwas mehr. Dann seufzte er tief aus dem Bauch heraus und ging hinauf in den ersten Stock. Ich hörte, wie er an unsere Zimmertür klopfte.
Bislang hatten Otto und Johan immer allein in einer Ecke des Schulhofs gestanden. Sie hatten nur einander, die zwei, aber das war besser, als niemanden zu haben. Nun durften sie nicht einmal mehr zusammen sein, sondern nur noch jeder für sich – in seiner Ecke.
»Darfst du nie wieder mit Johan spielen?«, fragte ich Otto, nachdem Papa lange mit ihm geredet hatte.
Er lag auf seinem Bett und starrte die Wand an.
»Nicht, solange Krieg ist«, sagte er mit belegter Stimme.
»Nur, weil Dypvik Mitglied der NS ist?«, fragte ich.
»Ja, das ist der wichtigste Grund. Aber vielleicht auch noch wegen etwas anderem.«
Otto drehte sich mir zu.
»Und was?«
»Wegen einer Sache, die Mama und Papa am Laufen haben.«
»Hä? Haben die was am Laufen?«
»Du musst doch gemerkt haben, dass sie zurzeit irgendwie komisch sind.«
»Nein. Oder – doch. Heute waren sie jedenfalls komisch … Ich durfte nicht in den Keller und …«
»Nicht nur heute«, unterbrach er mich. »Sie sind fast nie zu Hause. Sie stehen plötzlich beim Mittagessen auf. Es rufen massenhaft Leute an, die wir nicht kennen.«
»Patienten?«
Otto schüttelte den Kopf, aber er wollte offensichtlich nicht mehr dazu sagen.
»Sag doch!«
Otto wand sich in seinem Bett.
»Kümmer dich nicht darum, Gerda.«
»Warum nicht?«
»Wir sollen uns darüber keine Gedanken machen.«
»Aber ich mache mir jetzt Gedanken darüber. Mit dem ganzen Kopf.«
Er setzte sich auf, und plötzlich wirkte er fast böse.
»Sie tun etwas, was sie nicht tun sollten. Etwas, was gefährlich und dumm ist. Etwas, was die Deutschen nicht mögen.«
Hä? Kämpften Mama und Papa gegen die Deutschen?
Ich warf Otto einen Blick zu. Sein Mund war ein Strich, die Augen waren dunkel und groß. Aber Otto war nicht böse – er hatte Angst. Angst wegen der Sache, die Mama und Papa am Laufen hatten.
Mein Herz klopfte, ich hatte schweißnasse Hände. Mein Mund war bestimmt auch ein Strich. Aber ich wollte nicht so sein wie Otto, ich wollte keine Angst haben. Denn Mama und Papa kämpften gegen die Deutschen. Das war ja fast wie in einer Abenteuergeschichte. Sie kämpften wie Musketiere gegen Graf Schwarzblut. Ein geheimer Kampf, um die Deutschen aus Norwegen zu verjagen. Mein großer, dünner Papa im Arztkittel und mit Schwert in der Hand, Mama mit Pfeil und Bogen. Diese Vorstellung half – mein Herz beruhigte sich.
Und vielleicht waren die Stimmen im Keller Teil dieses Abenteuers?
Die Antwort darauf bekam ich schneller, als ich erwartet hatte. Nämlich bereits in derselben Nacht.

Der Geisterjunge
Klara hatte schon Feierabend und war nach Hause gegangen. Wir hatten unsere Pyjamas angezogen, Hafergrütze gegessen und uns schlafen gelegt – Otto mit gefalteten Händen auf der Bettdecke, seine Brille zusammengeklappt auf dem Nachtschrank. Ich lag zusammengerollt wie ein Würstchen im Schlafrock in all dem Bettzeug.
Ich träumte von Graf Schwarzblut. Wir fochten einen wackeren Schwertkampf. Er stieß sein Schwert gegen meines.
Ich sprang herum, um ihm zu entkommen, aber er folgte mir. Also musste ich die Beine in die Hand nehmen und Deckung suchen.
Füße hämmerten gegen den Boden. Graf Schwarzblut war direkt hinter mir. Ich lief so schnell ich konnte, doch er holte auf. Ich hörte nur meine Schritte.
Dann erwachte ich jäh. Ich hatte das Gefühl, immer noch zu laufen, denn das Laufgeräusch war mir aus dem Traum gefolgt. Aber – ich lag doch in meinem Bett? Trotzdem hörte ich die Schritte auf der Erde.
Dunk, dunk, dunk. Dann wurde es ganz still. Schließlich folgte ein weiteres schweres Dunk.
Ich stand auf. Das Geräusch kam von draußen. Otto hörte offensichtlich nichts. Er schlief mit friedlichem Gesicht.
Ich schlich mich ans Fenster und spähte hinaus. Der Mond erleuchtete den Garten. Zwischen den Apfelbäumen konnte ich eine weiß gekleidete Gestalt erkennen, die dort entlanglief. Dann sprang sie ab, flog durch die Luft und landete etwas weiter entfernt mit einem geräuschvollen Dunk.
Seltsam.
Ich öffnete das Fenster und kletterte hinaus. Von unserem Zimmer aus führte eine Feuerleiter hinunter in den Garten. Otto benutzte sie nie. Sobald er sich mehr als zehn Zentimeter über dem Erdboden befand, begann er nämlich zu schwanken, wahrscheinlich, weil er eine Memme war. Ich dagegen benutzte die Leiter ständig.
Ich schlüpfte hinunter und schlich zu den Johannisbeerbüschen. Von hier hatte ich einen guten Blick.
Die Gestalt war ungefähr so groß wie ich. Sie fuhr fort, zu laufen und durch die Luft zu fliegen – mehrere Male. Das war das Merkwürdigste, was ich je gesehen hatte. Ein Gespenst, das durch unseren Garten flog?
Ich schlich näher.
Plötzlich drehte sich das Gespenst um, starrte mir direkt ins Gesicht und blieb wie angewurzelt stehen. Es war ein Junge. Ein blasser, dünner Junge mit schwarzen Haaren. Und ziemlich hübsch.
Er sah mich an, und ich sah ihn an.
So standen wir eine ganze Weile. Mit einem Mal drehte er sich um und lief weg. Vorbei an den Apfelbäumen, den Blumenbeeten mit den Kartoffeln und um die Hausecke. Ich lief ihm nach. Als ich um die Ecke kam, war dort niemand – aber die Haustür stand offen. Er musste ins Haus geschlüpft sein.
Ich betrat den Flur, machte die Tür hinter mir zu, legte die Sicherheitskette vor und sperrte ab. Unser Haus lag groß und still da. Ich blieb mitten im Flur stehen und überlegte. War er in den Keller hinuntergegangen?
Vielleicht war es seine Stimme gewesen, die ich früh am Tag dort unten gehört hatte? Ich ging zur Kellertür, aber plötzlich drang aus der Küche ein leises Geräusch. Aha! Dort hatte er sich also versteckt. Jetzt hatte ich ihn!
Aber ich hatte ihn nicht. Denn im selben Augenblick geschah etwas draußen auf dem Hof.
Scheinwerferlicht glitt durch das Fenster und über die Wände des Flures. Eine Reihe von Autos raste donnernd auf unseren Hof. Türen wurden geöffnet, und schwere Stiefelschritte stürmten auf das Haus zu.
Dann klingelte es. Ungestüm und lang anhaltend. Und jemand rief und hämmerte gegen die Tür.
»Doktor Wilhelmsen!«
Irgendjemand wollte etwas von Papa – mitten in der Nacht. Manchmal passierte es, dass nachts Patienten vor der Tür standen, aber nie so viele auf einmal.
»Doktor Wilhelmsen! Machen Sie die Tür auf!«

Verstecken – aber nicht zum Spaß
Der Erste, der in den Flur hinunterkam, war Otto. Seine Haare standen nach allen Seiten ab, und er blinzelte, während er seine Brille aufsetzte.
Dann waren auch Mama und Papa da, in Nachthemd und Pyjama. Sie sahen auf einmal ganz klein aus. Beide zitterten in ihrem Nachtzeug.
»Geht nach oben«, sagte Papa leise zu mir und Otto. Es war etwas Blankes und Dunkles in seinen Augen, etwas, was ich noch nie gesehen hatte. Auch ich zitterte in meinem Pyjama.
Normalerweise hätte ich mich geweigert, aber nun tat ich, was er sagte – wegen dieser Augen. Otto und ich gingen nach oben, aber nicht in unser Zimmer. Stattdessen hockten wir uns auf die oberste Treppenstufe und sahen hinunter auf all das, was passierte.
»Wilhelmsen! Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit! Machen Sie die Tür auf!«, schrien die da draußen.
Papa warf Mama einen schnellen Blick zu. Sie nickte unmerklich. Dann ging er zur Tür, nahm die Sicherheitskette ab und drehte den Schlüssel herum. Sekunden später rauschte ein ganzer Haufen Polizisten herein. Es waren so viele, dass ich sie auf die Schnelle nicht zählen konnte – vielleicht waren es zehn.
Sie liefen an Mama und Papa vorbei, teilten sich auf und verstreuten sich im ganzen Haus. Ein paar kamen die Treppe herauf.
Warum waren sie hier? Hatte vielleicht jemand herausgefunden, dass ich an die Rückseite unseres Einkaufladens »Lehrer Knutsen ist eine Kackawurst« geschrieben hatte – war das der Grund? Aber die Polizei nahm ja keine Kinder fest. Das war zum Glück verboten.
Und ganz offensichtlich war es nicht wegen »Lehrer Knutsen ist eine Kackawurst«, denn die Polizisten liefen an Otto und mir vorbei. Es war ganz klar, dass sie irgendetwas suchten. Oder irgendjemanden.
Sie waren überall zur gleichen Zeit. Einige liefen in unser Zimmer, andere auf den Dachboden, wieder andere in Mamas und Papas Schlafzimmer. Sie guckten in absolut jeden Verschlag und jeden Kleiderschrank und warfen und wühlten alles fürchterlich durcheinander. Es war fast, als würden sie Verstecken spielen – aber nicht zum Spaß. Denn immerzu schrien und brüllten sie mit gellenden Stimmen: »Keiner da! Die Küche ist klar! Dachboden ist leer!« Und solche Sachen.
Papa stand untätig herum und zitterte in seiner Pyjamahose. Auch Mama stand einfach da und sah zu, obwohl diese Leute mehr Unordnung machten als ich es je gemacht hatte, und Unordnung machte sie normalerweise ziemlich böse.
Dann verschwanden die Polizisten im Keller.
Mama griff nach Papas Hand. Ich bekam Herzklopfen, als ich die beiden Hände sah. Warum sagten sie nichts? Warum standen sie da und hielten einander an den Händen, während unser Haus auf den Kopf gestellt wurde? Und warum blieb die Polizei so lange im Keller?
Ich konnte hören, wie sie dort unten herumlärmten.
Lange.
Dann fielen mir plötzlich der Schrank und die Stimmen ein, die ich vor Schreck vergessen hatte. Und ich hoffte, hoffte mit meinem ganzen zehnjährigen Herzen, dass sie den Schrank nicht bewegen würden und dass die, die sich dort versteckten, ruhig waren.
Endlich kamen die Polizisten wieder herauf.
»Der Keller ist leer«, sagte einer von ihnen.
Ich atmete erleichtert auf.
Mama ließ Papas Hand los, weiter geschah nichts.
Die Polizisten bildeten einen Ring um sie.
Ich erkannte einen der Polizeibeamten. Er war bestimmt der Chef des Ganzen. Vor dem Krieg hatte er auf dem Marktplatz die Rede zum 17. Mai, unserem Nationalfeiertag gehalten. Da war er froh gewesen und hatte eine wehende Fahne in die Sonne gehalten. Nun war er einfach nur wütend.
Vor dem Krieg sagten die Erwachsenen, dass die Polizei auf uns aufpasste und Diebe einsperrte, damit wir in unserem Vaterland Norwegen sicher leben konnten. Aber das galt nicht mehr. Nun war die Polizei meist damit beschäftigt, das zu tun, was die Deutschen und die Nationale Sammlung bestimmten.
Der Polizeichef sah Mama und Papa einfach nur an, als würde er sie etwas mit den Augen fragen. Es war ohrenbetäubend still.
»Wo sind sie?«, fragte er plötzlich.
»Wer – sie?«, fragte Papa.
»Ich glaube, Sie wissen, von wem die Rede ist. Die jüdischen Kinder, die Sie verstecken.«
»Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.«
Ja, natürlich hatte er das nicht. Alles war ein Missverständnis. Ganz klar. Es gab doch wohl keine Kinder, die bei uns versteckt wurden! Bald würden die Polizisten ihrer Wege fahren, und wir konnten ins Bett gehen und weiterschlafen. Oder vielleicht konnten wir zusammen in der Küche Kakao trinken. Das wäre gemütlich. Und morgen würde alles wieder so sein wie immer.
Aber da war dieser Schrank. Und das Reden im Keller … Ich wusste ja, dass mit unserem Haus und mit Mama und Papa zurzeit irgendetwas nicht ganz stimmte.
Plötzlich war es, als würde der Polizeichef hören, was ich dachte, denn er hob den Kopf und starrte mich und Otto an. Dann stieg er ein paar Treppenstufen hoch. Er zog die Lippen auseinander, als versuchte er zu lächeln.
»Kinder … Ihr wisst doch, dass man nicht lügen darf?«
»Halten Sie die Kinder da raus!«, rief Papa von unten.
Aber der Polizeichef fuhr fort, uns anzustarren.
»Habt ihr in letzter Zeit hier im Haus irgendwelche merkwürdigen Geräusche gehört oder etwas Seltsames gesehen?«
Otto kniff mich fest in den Arm. Das hieß wohl, ich sollte nichts sagen. Und das hatte ich schon lange begriffen.
»Nein, wir haben in letzter Zeit KEINE merkwürdigen Geräusche gehört oder etwas Seltsames im Haus gesehen«, erwiderte ich mit einer Stimme, von der ich hoffte, dass sie sehr sicher klang. Und dann schüttelte ich energisch den Kopf, um noch sicherer zu wirken.
Es hätte gutgehen können, aber ich konnte nichts für meinen Blick. Den hatte ich nicht im Griff. Ich konnte es nicht lassen, zur Kellertür hinzusehen. Denn ich wusste ja, dass dort unten jemand war. Der Polizeichef starrte mich an. Dann drehte er sich um und folgte meinem Blick.
»Dreht noch eine Runde im Keller«, sagte er zu seinen Leuten.

Handschellen
Sie liefen hinunter in den Keller. Ich hielt die Luft an, und ich glaube, Otto auch. Mama griff wieder nach Papas Hand.
Zunächst war es völlig still. Dann hörte man das Geräusch eines Möbelstücks, das über den Boden geschoben wurde. Holz scharrte auf Holz. Und dann rief eine Stimme: »Öffnen!«
Sie machten da unten ziemlich viel Lärm – hämmerten und schlugen gegen die Tür hinter dem Schrank.
Plötzlich gab es einen lauten Krach. Das musste die Tür gewesen sein, die nachgegeben hatte.
»Macht das Licht an«, rief jemand.
Wieder wurde es ganz still. Vielleicht fanden sie nichts?
Dann polterten die Polizisten wieder die Treppe hoch. Sie schüttelten den Kopf: »Sie sind hier gewesen, aber jetzt sind sie weg.«
Mama warf Papa einen schnellen Blick zu, als würde sie irgendetwas nicht ganz verstehen. Aber sie lächelte fast unmerklich.
Der eine Polizist hielt eine Puppe in der Hand. Sie gehörte weder mir noch Otto. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Er warf die Puppe in eine Ecke.
»Also, Doktor Wilhelmsen – wo haben Sie sie versteckt?«, fragte der Polizeichef. »Sie kommen besser weg, wenn Sie die Wahrheit sagen.«
»Wie gesagt – ich weiß nichts.«
»Aber wir sehen doch, dass sie jemanden versteckt haben.« Der Polizeichef überlegte einen kurzen Moment, bevor er fortfuhr: »Dann müssen Sie eben mitkommen.« Mama schluchzte auf.
»Aber was ist mit Gerda und Otto?«
»Daran hätten Sie ein bisschen früher denken sollen – statt an fremde Kinder.«
»Sie können uns nicht einfach mitnehmen! Sie haben keinerlei Beweise!«, rief Papa. Ich hatte ihn noch nie zuvor so gesehen. Ach, doch, ein Mal. Als ich ausgerissen war, in den Wald, und erst abends nach Hause gekommen war. Da war er so gewesen – richtig wütend und gleichzeitig voller Angst.
»Das liegt nicht in meiner Verantwortung«, sagte der Polizeichef. »Das entscheiden nicht wir.«
»Ach, dann steckt Dypvik also dahinter?«, fragte Papa. Seine Stimme war scharf.
Der Polizeichef zuckte ein bisschen zusammen und verlor irgendwie den Schwung.
»Fühlt es sich gut an, dem Feind zu helfen?«, fuhr Papa fort.
»Ich tue nur meine Pflicht«, sagte der Polizeichef leise. »Die NS hat einen Hinweis bekommen – Dypvik hat mich gebeten, dem Hinweis nachzugehen. Ich kann mich nicht verweigern, das wissen Sie.«
Dann wandte er sich an zwei der Polizisten.
»Bringt sie ins Auto. Und gebt Dypvik Bescheid. Er will das Haus bestimmt selbst kontrollieren.«
Und dann geschah das, was ich nie vergessen werde – auch nicht, wenn ich hundertzwanzig Jahre alt werde.
Zwei Polizisten nahmen Mama und Papa fest am Arm, legten ihnen Handschellen an und schoben sie aus der Tür. Papa schaffte es gerade noch, sich zu mir umzudrehen.
»Geht nirgendwohin. Wartet auf Klara. Sie kommt wie immer morgen früh«, sagte er mit seiner feinen, guten Papastimme.
»Aber … Wohin fahrt ihr?« Ich wollte hinter ihnen hergehen, aber der Polizeichef stellte sich mir in den Weg.
»Wir nehmen sie nur mit hinunter zum Bahnhof. Von dort werden sie vielleicht in ein paar Tagen ins Konzentrationslager nach Grini gebracht«, sagte er leise und sah dabei aus wie ein verlegener Hund.
»Nach Grini!« Endlich gab Otto einen Ton von sich.
Der Polizeichef nickte und verschwand hinter Mama und Papa. Sie wurden über den Hofplatz geführt und dann in ein großes Auto geschubst.
Otto legte einen Arm um mich. Zusammen standen wir in der Tür.
Die Motoren starteten.
Aber ich konnte nicht länger still stehen. Ich schüttelte Ottos Arm ab und lief hinterher.
»STOPP!«, brüllte ich.
Ich würde sie aufhalten – und wenn ich mich auf den Weg legen müsste und überfahren würde.
Aber es war zu spät. Das Auto mit Mama und Papa entfernte sich immer schneller. Ich schaffte nicht, es einzuholen, obwohl ich so schnell lief, dass meine Füße kaum den Boden berührten.
In diesem Auto saßen unsere Eltern, auf dem Weg ins Gefängnis. Und das war meine Schuld – weil ich zur Kellertür hingesehen hatte.

Wilde Tiere
Otto weinte. Aus seinen Augen rannen dicke Tränen. Er stand aufrecht wie ein Pfeiler und weinte nur.
In mir waren keine Tränen. Stattdessen war da anderes, das an mir riss und zerrte, fast wie wilde Tiere. Ich wusste nicht, was ich mit all diesen Tieren tun sollte, aber ich schaffte es jedenfalls nicht, ruhig zu bleiben. Ich zog die Tür zu und stieß das Tischchen, an dem ich gerade vorbeikam, gegen die Wand, sodass ein Blumentopf kaputtging und eine Kerze zerbrach. Aber das half überhaupt nicht. Die Tiere waren noch ebenso wild.
Ich musste etwas tun. Wir konnten damit anfangen, den Keller zu untersuchen. Was befand sich hinter der verschlossenen Tür? Was hatte die Polizei gefunden?
Ich öffnete die Kellertür, und wir schlichen die Treppe hinunter. Der Schrank stand mitten im Raum. Die Tür zum Kartoffel- und Marmeladenraum war offen. Ein großes schwarzes Loch in der Wand.
Wir traten über die Schwelle.
Der Raum war stockfinster. Otto machte das Licht an, und eine funzelige Glühbirne erhellte das Wenige, das da war.
Auf dem Boden lagen zwei Matratzen und zwei Decken. In einer Ecke stand ein Rucksack. Otto zog einige Kinderklamotten daraus hervor. Mädchen- und Jungenkleidung. Aber nicht unsere.
Wir suchten weiter, aber mehr fanden wir nicht.
Ich sah mich um. Hatte hier jemand gewohnt? Hier geschlafen und gegessen und ausgeharrt? Was für ein trauriges kleines Zimmer! Eng und dunkel, und zudem roch es nach Keller.
Plötzlich entdeckte ich etwas. Unter einer der Decken lag etwas Flaches. Ein Buch. Ich hob es auf. Es war Die drei Musketiere. Nicht meines, denn das lag oben in der Stube, aber dieselbe Geschichte und dasselbe Bild von den drei stattlichen Kerlen mit Degen, Umhängen und riesengroßen Hüten. Ich legte es vorsichtig zurück – vielleicht war es irgendjemandem ans Herz gewachsen.
Wir setzten uns in die Küche. Besser gesagt: Otto setzte sich. Ich schaffte es nicht, auch nur eine Sekunde still zu sitzen. Es waren viel zu viele Bären und Wölfe und Luchse in mir.
Also ging ich hin und her. Hin und her. Hin und her. Otto bat mich, mich zu beruhigen, aber das war ganz und gar unmöglich.
»Ich kann doch nicht still sitzen und nichts tun, wenn Mama und Papa nach Grini gebracht werden!«
»Aber Gerda, dagegen können wir nichts tun.«
»Wir müssen sie retten! Wir könnten zum Beispiel einen Tunnel graben!«
Ich hatte mal ein Buch gelesen von einem Mann, der im Gefängnis saß und einen unglaublich langen Tunnel grub, um auszureißen. Er hieß der Graf von Monte Christo. Für ihn war es gut ausgegangen mit dem Tunnel. Warum sollten wir es nicht auch schaffen?
»So etwas machen Leute nur in Abenteuergeschichten«, sagte Otto.
Schon war ich kurz davor zu antworten. Verstand Otto denn nicht, dass wir etwas tun MUSSTEN, weil es meine Schuld war, weil ich es gewesen war, die zum Keller hingesehen hatte? Aber das wusste er ja nicht. Und ich konnte es ihm auch nicht erzählen, denn dann würde er bestimmt so wütend werden, dass es rauchte.
Plötzlich wurden wir abgelenkt – wir hörten etwas. Ein gedämpftes Geräusch aus der Wand.
Abrupt stand Otto auf. Ich blieb stehen.
Wir standen beide wie festgenagelt.
Da war es wieder – ganz leise. Und ich hatte es schon einmal gehört. Es war ein Weinen, dasselbe Weinen wie im Keller.
Aber dieses Mal kam es aus der Luke in der Wand, aus dem Speisenaufzug.
Ich sprang vor und öffnete die Luke.
Leer. Ich sah direkt auf die Wand dahinter, denn der Aufzug war nicht da. Er befand sich offensichtlich zwischen Keller und Erdgeschoss – von oben konnte ich ihn erspähen.
Ich beugte mich in den Schacht vor und lauschte. Es gab keinen Zweifel, da weinte jemand. Und das kam aus dem Aufzug.
Ich begann, an dem Seil zu ziehen, aber es war schwer wie Blei. Otto stand da wie eingefroren und tat nichts.
»Hilf mir doch!«, sagte ich.
Und glücklicherweise tat er das auch. Er griff nach dem Seil und zog mit mir zusammen im Takt.
»Und eins – und zwei – und eins – und zwei.«
Langsam, langsam bewegte sich der Aufzug auf uns zu. »Eins – und zwei – und eins – und zwei.«
Wir mussten all unsere Kraft aufbringen. Keiner von uns hätte es allein geschafft, aber gemeinsam gelang es uns. Der Aufzug schob sich über die Kante. Wir konnten einen Blick auf irgendetwas erhaschen. Beziehungsweise auf irgendjemand.
Wir zogen weiter. Endlich war er oben.
Im Aufzug saßen zwei Kinder. Das eine war ein kleines Mädchen. Das andere ein Junge, der es fest im Arm hielt. Es war der Gespensterjunge aus dem Garten.
Sie sahen uns an, und wir sahen sie an.
Dann streckte ich die Hand aus und flüsterte ihnen zu: »Ihr könnt herauskommen. Die Polizei ist weg.«

Daniel und Sarah
Die zwei Kinder waren keine Gespenster, denn Gespenster müssen sich nicht in Speisenaufzügen verstecken. Die können ja durch Wände gehen und überhaupt wohin sie wollen.
Und Gespenster müssen auch nicht essen. Aber das taten diese zwei. Sie fragten nach etwas zu essen, und weil ich selbst Hunger hatte, aßen wir alle ein bisschen. Brot, Butter und Marmelade. Zu essen fühlte sich normal und alltäglich an. Es half ein bisschen gegen die wilden Tiere. »Habt ihr auch Ziegenkäse?«, fragte das Mädchen plötzlich.
»Aber Sarah!«, sagte der Bruder und stieß sie unsanft in die Seite. Er fand bestimmt, sie sei etwas unhöflich.
»Nein, den gibt es bei uns nicht mehr so oft«, antwortete ich. »Wegen des Krieges.«
Wir aßen weiter.
»Seid ihr Juden?«, fragte ich schließlich.
Und das waren sie.
Ich wusste nicht so viel über Juden. Sie glaubten an Gott, aber nicht an Jesus. Und dann war es so, dass Hitler, der Chef der Nazis, nicht mehr wollte, dass die Juden mit den anderen Leuten zusammenlebten. Deshalb nahm er sie gefangen und schickte sie weg. Was danach mit ihnen geschah – ich hatte keine Ahnung.
Aber nun saßen zwei von ihnen vor uns. Sie hießen Sarah und Daniel. Sie war sieben Jahre alt, er zehn, genau wie ich. Und sie waren zwei völlig normale Kinder. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter war schon vor langer Zeit gestorben. Sie wohnten mitten in Oslo, in Sankt Hanshaugen, direkt am Bislett-Stadion.
Sie hielten sich seit vier Tagen in unserem Keller versteckt. Mama und Papa hatten sie mit Essen versorgt. Es waren also Daniel und Sarah, die unsere Lebensmittel bekommen hatten. Eigentlich sollten sie bald weiter nach Schweden – ein paar Erwachsene sollten ihnen dabei helfen. In Schweden war kein Krieg. In einer Stadt direkt an der Grenze wartete ihr Vater auf sie. Er war bereits im Oktober geflohen, als die Polizei damit begonnen hatte, erwachsene jüdische Männer gefangen zu nehmen. Seitdem hatten Sarah und Daniel bei einem Nachbarn gewohnt, aber vor einer Woche hatte dieser Nachbar entschieden, dass sie zu ihrem Vater fliehen mussten, denn es ging das Gerücht, dass die Nazis nun auch jüdische Kinder mitnehmen wollten.
Nun saßen sie in unserer Küche und aßen Brote, und es gab niemanden, der ihnen über die Grenze helfen konnte.
»Ihr könnt hier nicht länger bleiben. Ihr müsst jetzt sofort gehen«, sagte Otto plötzlich. Es war das Erste, was er sagte.
Ich sprang von meinem Stuhl hoch: »Hä? Wo sollen sie denn hin?«
Otto starrte auf die Tischdecke.
»Der Polizeichef hat gesagt, dass der Vater von Johan, Dypvik, kommt, um weiterzusuchen, vielleicht schon heute Nacht«, sagte er. »Wenn er sie findet, dann ist allen klar, dass Mama und Papa schuldig sind, und dann werden wir sie nie mehr sehen. Dann schickt man sie ganz sicher nach Grini.«
Daniel nickte, als habe er verstanden, stand schnell auf und streckte die Hand nach Sarah aus.
»Komm. Wir sollten besser Erwachsene suchen, die wir um Hilfe bitten können.«
»Welche Erwachsenen denn?«, fragte Sarah.
»Hier gibt es keine«, sagte ich. »Es gibt nur uns. Und unsere Küchenhilfe, aber die kommt erst morgen früh.« In meinem Inneren begannen wieder die Tiere herumzuwüten. Ich begriff plötzlich, was los war und dass Otto recht hatte. Sarah und Otto waren der Beweis für das, was Mama und Papa getan hatten. Wenn der Polizeichef und der widerliche Dypvik sie fanden, würden Mama und Papa ernste Schwierigkeiten bekommen.
Und es war meine, ganz allein meine Schuld, dass Mama und Papa im Gefängnis saßen oder vielleicht nach Grini gebracht wurden, diesem Häftlingslager da in Bærum.
Es war also folgendermaßen: Ich musste wieder in Ordnung bringen, was ich angerichtet hatte. Dann würden Mama und Papa freigelassen werden. Im Übrigen gab es niemand anderen hier, der Sarah und Daniel in diesem Augenblick helfen konnte – nur Otto und mich.
»Wir helfen euch«, sagte ich.
Otto verschlug es die Sprache.
»Nein, Gerda. Das ist gefährlich!«
Ich hörte nicht auf ihn, sondern sah Daniel und Sarah an. »Wir schaffen das. Wir gehen nach Halden. Das ist ziemlich in der Nähe von Schweden, glaube ich.«
Otto stand so schnell vom Stuhl auf, dass dieser polternd zu Boden fiel.
»Das geht nicht, Gerda! Da sind überall Soldaten, und wir sind nur Kinder!«
Daniel nickte langsam.
»Wäre es nicht besser, wenn wir irgendwelche Erwachsene fragen?«, sagte er.
»Das machen wir doch! Unser Tante Vigdis wohnt in Halden. Sie ist erwachsen und kann uns helfen. Kommt, wir müssen packen!«
Denn nun begriff ich plötzlich, dass wir wenig Zeit hatten. Wir konnten nicht einmal mehr das Frühstück abräumen. Vier Milchgläser und vier Teller blieben auf dem Tisch stehen. Klara würde bestimmt ärgerlich werden, wenn sie das sah, aber das war nicht zu ändern.
Es gab noch einen Grund, warum wir unsere Milchgläser und Teller lieber hätten wegräumen sollen. Aber das verstanden wir erst später. Und da war es zu spät.
Ich lief hoch in unser Zimmer und holte meinen Rucksack hervor. Was brauchte man eigentlich, wenn man weglaufen wollte? Jetzt im November war es kalt, deshalb packte ich Kleidung ein. Einen warmen Pullover, ein extra Paar Strümpfe, Mütze und Schal. Und eine Decke.
Dann machte ich mein Sparschwein kaputt, das eigentlich eine Sparente war. Sie hieß Quack. Ich rieb zum Abschied meine Nase an ihren Schnabel, bevor ich sie auf den Boden fallen ließ, wo sie in tausend Scherben zerbrach. Zwischen den Scherben fand ich Geld – nicht viel, aber besser als nichts.
Essen brauchten wir auch. Ich war mir nicht sicher, wie lange die Tour dauern würde, also packte ich alles, was ich an Brot finden konnte, ein. Ganz unten in einer Schublade stand eine Zuckertüte. Die nahm ich auch mit, auch wenn Klara wahrscheinlich wütend werden würde. Aber man floh ja auch nicht alle Tage vor den Nazis.
Als ich fertig war, ging ich in den Flur, um meine Schuhe zu suchen. Dort stand Otto – wie angenagelt und ohne Winterzeug.
Ich warf ihm einen Anorak zu: »Zieh dich an!«
Aber er bewegte sich nicht.
Im selben Augenblick kamen Daniel und Sarah aus dem Keller herauf. Sie hatten ihre Sachen gepackt und waren fertig.
»Beeil dich!«, drängelte ich.
Denn nun mussten wir uns wirklich beeilen. Draußen auf dem Hof hörten wir nämlich wieder Autos.
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