Read the book: «Einspruch!»
„Falschmeldungen und auch Verschwörungserzählungen sind davon abhängig, dass sie von möglichst vielen Menschen geglaubt und weitererzählt werden, daher können wir alle versuchen, diese Verbreitung zu erschweren.“
INGRID
BRODNIG
EINSPRUCH!
Verschwörungsmythen
und Fake News kontern –
in der Familie, im
Freundeskreis und online
ILLUSTRATIONEN VON MARIE-PASCALE GAFINEN

Einleitung
1Niemand ist zu hundert Prozent rational – und daraus können wir einiges fürs Diskutieren lernen
Strategie wechseln: Berücksichtigen Sie beim Diskutieren nicht nur Fakten
Warum es so schwierig ist, gelassen zu bleiben
Der emotionale Wert von Gerüchten und Verschwörungserzählungen
2Vorsicht vor Wundermitteln und rhetorischen Ablenkungsmanövern!
Erkennen Sie die Macht von Fragen
Hier kommt die Impfung gegen unsinnige Argumente
3Wie erkennt man, wer tatsächlich Expertise hat?
Achtung bei spektakulären Studien – und weitere Warnsignale
Wie man Falsches erfolgreicher richtigstellt
4Empfehlungen für strategisches Diskutieren
Quellen und Anmerkungen
Einleitung
Einige Erlebnisse in den vergangenen Monaten bewegten mich dazu, dieses Buch zu schreiben: Als die Corona-Pandemie ausbrach, schrieben mir Menschen, dass Familienmitglieder oder Bekannte auf Falschmeldungen hineingefallen waren oder nun sogar an Verschwörungsmythen glaubten. Ein Mann erzählte mir beispielsweise von seinem Bruder, der plötzlich solche Erzählungen vehement wiedergab – und er schrieb, dass er regelrecht Angst davor habe, ihn das nächste Mal zu treffen, „da dieses Thema zwischen uns großes Konfliktpotenzial birgt“. Immer wieder fragten mich Angehörige wie dieser Mann: Wie kann man überzeugender in solchen Diskussionen auftreten? Wie lässt sich die Chance erhöhen, dass das Gegenüber derartige Mythen zu hinterfragen beginnt?
Ich beschäftige mich seit Jahren mit Phänomenen wie Irreführung und Desinformation im Netz, halte Vorträge und Workshops zu diesen Themen. Trotzdem hat auch mich überrascht, wie viele Menschen nun in ihrem eigenen Bekanntenkreis und der Familie mit unbelegten Behauptungen oder glatten Verschwörungsmythen konfrontiert sind – und auch wie belastend das für viele Beziehungen ist, wenn jemand, den oder die man wertschätzt oder liebt, sich gedanklich so weit von einem weg und auch vom Boden der Tatsachen entfernt.
Der zweite wesentliche Ausgangspunkt für dieses Buch waren die Corona-Demos in Deutschland: Ich war selbst auch vor Ort. Einige Szenen, die ich beobachtet habe, sind mir stark in Erinnerung geblieben. Etwa jener Protestierende, der ein T-Shirt mit aufgedrucktem „Judenstern“ trug – und behauptete, die deutsche Demokratie sei „an Corona verstorben“. Es ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der solche Ansichten teilt oder solche Demos besucht. Aber man erkennt daran: Die Desinformation und die extremen Ansichten, die über digitale Kanäle verbreitet werden, die enden nicht dort. Menschen gehen sogar auf die Straße und wiederholen dort das, was sie zuerst in wütenden Onlinegruppen gelesen haben. Viele falsche oder spekulative Behauptungen schüren das Misstrauen in die Demokratie oder in die Wissenschaft. Und viele haltlose Gerüchte, Desinformationen bis hin zu Verschwörungserzählungen sind auch deshalb ernst zu nehmen, weil sie es uns erschweren, sowohl als Gesellschaft als auch im persönlichen Umfeld in ein sachliches Gespräch miteinander zu kommen; weil sie die Bruchlinien zwischen uns vergrößern.
Ich gehe auf den kommenden Seiten vor allem einer Frage nach: Was können Sie als Einzelne oder Einzelner tun, wenn Sie sachlich diskutieren möchten – wenn Sie zur Aufklärung bei einzelnen Themen beitragen oder auch Menschen erreichen wollen, die Ihnen wichtig sind?
Das Buch ist inmitten der Corona-Pandemie entstanden, aber ich glaube, es beinhaltet Beobachtungen, die ebenso bei der Diskussion über andere wichtige Fragen unserer Zeit behilflich sein können: Auch zu Themen wie der Klimakrise, der Migrationsdebatte oder der Frage des Impfens kursiert viel Falsches. Jede und jeder von uns ist manchmal in solche Diskussionen verwickelt – und da kann es helfen, ein paar der Mechanismen der Irreführung und auch ein paar Empfehlungen zu kennen, wie man selbst darauf reagieren kann.

1
Niemand ist zu hundert Prozent rational – und daraus können wir einiges fürs Diskutieren lernen
Anja Sanchez Mengeler ist Mitte vierzig, lebt im Norden Deutschlands und sagt über sich selbst: „Ich war eine Zeit lang Verschwörungsgläubige.“ Sie glaubte, die Welt würde von einer im Verborgenen bleibenden Elite geleitet; alle Medien würden gesteuert; wer eine andere Meinung vertrat, den oder die verdächtigte sie, dafür bezahlt zu werden. Aber Anja Sanchez Mengeler gelang es, ihre erdrückende Weltsicht einem grundlegenden Wandel zu unterziehen und nach und nach wieder für überprüfbare Fakten erreichbar zu werden. Sie erklärte mir: „Das ist ein langer Weg zurück, den man laufen muss.“ Es hat zwei, drei Jahre gedauert, bis sie wieder bereit dazu war, differenziert zu denken – die Welt nicht in Schwarzweiß, sondern in Graustufen zu sehen.
Die Geschichte von Anja Sanchez Mengeler macht Mut. Weil sie zeigt, dass es in einzelnen Fällen doch funktionieren kann, Menschen, die sich rationalen Argumenten verschlossen haben, argumentativ zu erreichen. Dies wird nicht immer gelingen – und wenn es gelingt, kann der Weg zurück unterschiedliche Formen annehmen. Im Fall von Frau Sanchez Mengeler war dies kein einfacher Prozess. Gerade Verschwörungsmythen bieten ein trügerisches Gefühl von Gewissheit, das den daran Glaubenden den Eindruck vermittelt, sie hätten ganz viel durchschaut. Will man solche Verschwörungserzählungen oder auch andere Formen falscher oder unbelegter Behauptungen kontern, ist es wichtig, nicht nur auf Ebene der Fakten anzusetzen, sondern vor allem die emotionalen und kognitiven Mechanismen zu verstehen, wieso Falsches oder Spekulatives so große Resonanz erzeugen.
Im Verlauf dieses Buches werde ich den konkreten Reiz von Falschmeldungen analysieren und ich werde dabei auch auf das Feld der Verschwörungserzählungen eingehen. Denn gerade aus diesem Verständnis heraus lassen sich Gegenstrategien ableiten, mit denen man beim Diskutieren und Dagegenhalten effizienter wird. Wichtig ist: Diskutieren ist hart – ein Wundermittel, das garantiert, dass Ihnen zugehört oder gar geglaubt wird, gibt es nicht. Aber zumindest kann es sinnvoll sein, wenn möglichst viele Menschen Erkenntnisse aus der Wissenschaft oder Erfahrungen aus der Praxis kennen und wissen, welche Diskussionsformen man vermeiden sollte und welche eher dazu geeignet sind, Gesprächsbereitschaft bei ihrem Gegenüber zu fördern.
Begonnen hat die Phase des tiefen Misstrauens gegenüber offiziellen Erzählungen bei Anja Sanchez Mengeler in den Jahren 2013, 2014: Es gab dabei nicht das eine Schlüsselereignis, erklärte sie, sondern es sei ein schrittweiser Prozess gewesen, durch den sie allmählich ins Reich der Verschwörungsmythen vordrang. Zuerst hatte sie diese Bekannte, mit der sie sich gut verstand, die Kinder im gleichen Alter hatte, die aber auch überzeugt war, alle würden überwacht werden. Da war Frau Sanchez Mengeler noch skeptisch und meinte: „Warum sollte sich irgendein Geheimdienst für mich interessieren?“ Dann aber deckte Edward Snowden auf, dass US-amerikanische Geheimdienste tatsächlich eine Massenüberwachung gestartet und Internetdaten im großen Stil ausgewertet hatten. Frau Sanchez Mengeler kam ins Grübeln und wurde zusehends verunsichert. Sie informierte sich auf Facebook und stieß dort auf, wie sie es nennt, „alternative Fakten“. Mehr und mehr bekam sie online Erzählungen geliefert, die gar nicht zu den Berichten in der etablierten Presse passten. Zum Beispiel folgte sie einer Seite namens „Anonymous.Kollektiv“. Ihr gefiel, dass dieser Kanal angab, für Freiheitsrechte und gegen die Überwachung der Bevölkerung einzutreten. Was ihr damals aber nicht auffiel: Zunehmend postete diese Seite rechtsextreme Inhalte, wurde immer radikaler in der Tonalität. Und irgendwann hatte sich Frau Sanchez Mengeler selbst im Denken versteift: Überall meinte sie Anzeichen zu erkennen, dass eine kleine Elite ein dunkles Spiel treibe, dass diese Elite die Medien steuere und letztlich eine Versklavung der Menschheit plane. Für Außenstehende mögen sich solche Vorstellungen geradezu bizarr anhören – auch für Anja Sanchez Mengeler klingt das heute nicht mehr nachvollziehbar. Aber in der Szene von Verschwörungsgläubigen ist genau diese Ansicht, dass insgeheim eine „Neue Weltordnung“ – die NWO – geplant würde, sehr populär. Und Frau Sanchez Mengeler steckte damals mitten in dieser Szene. Sie organisierte sogar in ihrem Wohnort eine „Mahnwache für den Frieden“, weil sie Angst hatte, dass es zu einem Dritten Weltkrieg kommen würde. Sie war nicht nur Zaungast in der Szene, sie war Akteurin.
Wie fand sie dann wieder hinaus? Es kam zu Momenten der Irritation, der persönlichen Enttäuschung und des Dazulernens, die in ihr den Keim eines Zweifels säten. „So wie der Einstieg schrittweise geschah, lief auch der Ausstieg schrittweise ab“, erzählte sie mir. Zum Beispiel zerstritt sie sich mit der Bekannten, die überzeugt war, selbst überwacht zu werden. Auch hatte sie Familienmitglieder wie ihren Mann oder ihre Schwester, die längst skeptisch beäugten, woran sie glaubte, die aber gleichzeitig nicht losließen, ihr zeigten, „du bist mir wichtig“. Und drittens gab es dann eben irritierende Momente, in denen Anja Sanchez Mengeler auffiel, wie sehr in ihrer Szene Erzählungen von Rechtsaußen kursierten – Erzählungen, die eigentlich gar nicht zu ihrem Weltbild passten. Zum Beispiel begann in dieser Zeit die Pegida-Bewegung mit ihren Demonstrationen – einigen ihrer Verbündeten gefiel diese Protestbewegung gegen die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“. Aber Frau Sanchez Mengeler behagte das nicht: „Pegida passte nicht zu meinen Ansichten: Ich bin nicht gegen geflüchtete Menschen. Und auch an diese Verschwörungserzählung, dass Deutschland islamisiert würde, glaubte ich nicht.“ Das waren Situationen, in denen sie eine Ambivalenz spürte – und der Keim des Zweifels heranwuchs. Es gab dann einen Moment, in dem sie begriff, dass sie getäuscht worden war, und zwar als sie einen Faktencheck auf der Webseite Mimikama.at las, also die Überprüfung einer Falschmeldung im Internet.
Online waren Fotos im Umlauf, die angeblich eine große Verschwörung belegen sollten: Darauf abgebildet waren Flugzeuge, in denen zum Beispiel Tanks angebracht waren. Und es hieß, diese Flugzeuge seien „Chemtrails“-Flieger. Zur Erklärung: Die Chemtrails-Erzählung ist ein beliebter Verschwörungsmythos, wonach die Kondensstreifen am Himmel kein harmloses Nebenprodukt des Flugverkehrs seien, sondern ein Indiz, dass Flugzeuge gefährliche Substanzen versprühen. Das ist natürlich Humbug – und der Faktencheck zeigte auf: Die Fotos waren aus dem Kontext gerissen oder überhaupt manipuliert worden.1 Anja Sanchez Mengeler erzählt: „Ich begann nachzudenken: Warum war mir das nicht klar gewesen? Warum hatte ich das nicht in Erwägung gezogen? Und wenn man anfängt, es gedanklich für möglich zu halten, dass die Gegenseite doch recht hat, sieht man, wie logisch manche Argumente sind. Und zunehmend merkte ich: Ich wurde belogen, manipuliert.“
Diese Aussage von Anja Sanchez Mengeler liefert eine wichtige Erkenntnis in Bezug auf die Bedeutung von Faktenchecks: Manchmal wird deren Sinnhaftigkeit oder Durchschlagskraft angezweifelt. Denn wenn jemand partout einer Richtigstellung nicht glauben will, wird selbst der beste Faktencheck an der Person abprallen. Aber das Beispiel von Anja Sanchez Mengeler zeigt: In einigen Fällen sind Faktenchecks sehr wohl wertvoll – denn wenn jemand (wieder) bereit ist, den Fakten zuzuhören, können solche Texte augenöffnend sein.
Es ist frustrierend, dass das Einstreuen nachweisbar richtiger Information nicht in jedem Fall fruchtet. Die einfachste Reaktion wäre oft, einfach aufzuhören, nicht mehr zu diskutieren, nicht mehr auf Fakten zu pochen. Ich glaube jedoch, dass dafür zu viel auf dem Spiel steht: Unsere Demokratie baut darauf auf, dass Menschen möglichst gut informierte Entscheidungen treffen. Für uns als Gesellschaft ist es sehr wohl von Bedeutung, dass ein möglichst großer Teil der Bevölkerung wissenschaftliche Erkenntnisse – zum Beispiel zum Coronavirus oder zur Klimakrise – ernst nimmt und wir basierend auf wissenschaftlicher Evidenz Entscheidungen treffen. Auch können Falschmeldungen bis hin zu Verschwörungserzählungen Schaden anrichten: Etwa, wenn Menschen fragwürdigen Gesundheitstipps folgen und angebliche „Heilmittel“ einnehmen, die in Wahrheit ihre Gesundheit schädigen. Oder wenn Verschwörungsmythen dazu führen, dass einzelne Personen enormes Misstrauen in Institutionen wie Politik, Medien, Wissenschaft entwickeln oder plötzlich sogar Gewalt als adäquates Mittel einstufen, um sich vor der angeblichen Verschwörung zu schützen. Diskutieren und weiterhin das Gespräch suchen, das ist mühsam. Aber es gibt viele gute Gründe, warum man ab und zu Einspruch erheben sollte oder es sich lohnt, auch im eigenen Umfeld immer wieder auf stichhaltige Argumente in Bezug auf Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen hinzuweisen.
In diesem Buch werde ich drei Dinge machen: Zuerst werde ich erklären, wieso es oft schwierig ist, argumentativ zum Gegenüber durchzudringen. Wenn man manche kognitiven Abwehrmechanismen verstanden hat, mit denen unliebsame Fakten beiseitegeschoben werden, dann kann man daraus auch Gegenstrategien ableiten und neue Taktiken ausprobieren, um vielleicht besser gehört zu werden. Zweitens gehe ich auf unfaire rhetorische Methoden ein, mit denen unlogische Argumente, Halbwahrheiten oder glatte Erfindungen so verpackt werden, dass sie plötzlich einleuchtend klingen. Wenn man solche rhetorischen Tricks kennt, kann man diese anderen aufzeigen – und das Durchblicken von Fehl- und Desinformation fördern. Drittens werde ich ein paar konkrete Empfehlungen liefern: Wie kann man zum Beispiel die Korrektur einer Falschmeldung effizienter gestalten und sich beim Diskutieren klarer ausdrücken? Zum Schluss schlage ich einen Zugang des strategischen Diskutierens vor, bei dem man sich genau überlegt: In welchen Situationen ist es überhaupt sinnvoll, das Wort zu ergreifen? Und was können realistische Ziele beim Diskutieren sein?
Wir leben in Zeiten erhitzter Debatten. Wahrscheinlich hat der eine oder die andere schon miterlebt, wie Falsches oder Spekulatives gekonnt verbreitet wird, womöglich hat man selbst Menschen im engsten Umfeld, die solche Erzählungen glauben. Niemand von uns kann das Problem der Fehl- oder Desinformation im Alleingang lösen, das wäre komplett unrealistisch und zu viel verlangt. Aber was ich sehr wohl für möglich halte, ist, dass man auch als Einzelne oder Einzelner einen positiven Beitrag zur Debattenkultur leistet.
WARUM ÜBERZOGENE ERWARTUNGEN SIE BEIM DISKUTIEREN BREMSEN WERDEN
Mein erster Tipp klingt paradox, aber ich meine das ernst: Gerade wenn Ihnen Fakten wichtig sind, haben Sie bitte nicht zu viel Vertrauen, dass Fakten allein ein Umdenken bewirken. Ehrlich gesagt, ist in manchen Fällen bereits ein Erfolg erzielt, wenn Ihr Gegenüber nach einer Diskussion auch nur den Hauch eines Zweifels verspürt. Und selbst das wird man nicht immer erreichen. Nehmen Sie das Beispiel von Anja Sanchez Mengeler: Lange Zeit war sie nicht für Faktenchecks zugänglich. Sie brauchte Ereignisse und eigene Erfahrungen, die in ihr nach und nach Zweifel weckten. Es ist nämlich so: Wenn wir Menschen etwas glauben wollen, dann hat unser Denkapparat eine Fülle von Schutzmechanismen parat, die uns vor widersprüchlicher Information – vor kognitiver Dissonanz – bewahren. Und im Folgenden werde ich einige solcher Mechanismen erklären. Denn meine eigene Erfahrung ist: Kennt man psychologische Mechanismen, mit denen Menschen unliebsame Information gedanklich beiseiteschieben oder umdeuten, dann schützt einen das vor Frustration. Diskutieren wird weniger aufwühlend, wenn man ein sehr klares Bild davon hat, wie faktenresistent Menschen (und zwar wir alle) sind. Zweitens wurden basierend auf solchen wissenschaftlichen Beobachtungen auch schon Gegenstrategien formuliert, mit denen man sich ein Stück weit besser verständlich machen kann. Zum Beispiel werde ich beschreiben, wie man Argumente so verpackt, dass sie eher gehört werden. Ich möchte noch einmal betonen: Ein Wundermittel beim Diskutieren gibt es nicht, sehr wohl aber gibt es ein paar Rezepte, die im besten Fall eine Spur besser funktionieren als der weitverbreitete Zugang, sein Gegenüber so lange mit Fakten zuzuschütten, bis es hoffentlich die Falschheit seiner Weltsicht verstanden hat. Letzteres funktioniert oft nicht: Denn niemand (auch ich nicht) geht in eine Debatte mit der Absicht, danach die Welt völlig anders zu sehen. Und je mehr man verinnerlicht hat, wie schwer wir Menschen uns damit tun, Informationen, die nicht unserem Weltbild entsprechen, aufzunehmen, desto pragmatischer, aber auch geschickter kann man beim Diskutieren sein.
Lassen Sie mich ein Beispiel geben, wie gekonnt Menschen unliebsame Information vom Tisch wischen. Ich muss oft an ein Telefoninterview zurückdenken, das ich 2017 mit einer Frau aus Bayern führte, eine Kritikerin der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel und eine Wählerin der AfD. Sie war auf Facebook auf eine irreführende Meldung über Angela Merkel hereingefallen, wonach die deutsche Bundeskanzlerin auf „12 Millionen Einwanderer“ hoffe – ein Unsinn.3 Diese Aussage wurde Merkel einfach in den Mund gelegt. Bemerkenswert fand ich, dass die Frau aus Bayern durchaus anerkannte, dass die Behauptung falsch gewesen war. Nur schien es sie nicht sonderlich zu stören. Ich hatte vermutet, dass es die Frau ärgern könnte, einer falschen Aussage aufgesessen zu sein. Aber sie widersprach mir. Sie sagte: „Was heißt ärgern? Ärgern tut es mich insofern nicht, weil ich der Meinung bin, es kann passieren. Auch wenn es jetzt momentan nicht gestimmt hat, ist es doch eine Meldung, die passieren kann – wenn nicht heute oder morgen, dann vielleicht in einem halben Jahr.“4
Mich hat diese Formulierung vor den Kopf gestoßen: Was antwortet man auf so etwas? Die Frau akzeptierte zwar, dass die Behauptung über Angela Merkel falsch gewesen ist, aber sie meinte gleichzeitig, die Meldung könnte eines Tages noch wahr werden. Ich persönlich finde es schwierig, in solchen Situationen schlagkräftig zu kontern, weil die Diskussion mit einem Schlag die Tatsachenebene verlässt: Es geht nicht mehr darum, was Person XYZ nachweislich gesagt oder getan hat; es geht plötzlich darum, was jemand über Person XYZ fühlt, was er oder sie ihr zutrauen würde.
Eine Reaktionsmöglichkeit in so einer Situation kann übrigens sein, dass man genau das anspricht und sagt: „Moment, das irritiert mich jetzt, was Sie sagen. Weil ich denke, jede Politikerin, jeder Politiker sollte nur danach bewertet werden, was sie oder er gesagt hat – nicht danach, welche Gefühle man für die Person hat.“ Man legt in solchen Situationen offen, welche Gesprächstaktik jemand gerade einsetzt. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn Dritte danebenstehen und mithören oder wenn sie in einem Chat oder in sozialen Medien mitlesen, weil man dadurch einordnet, was rhetorisch gerade abläuft. Aber es heißt nicht, dass Ihr Gegenüber sich von dieser Intervention beeindrucken lässt – es kann gut sein, dass die Person einfach ähnlich weiterargumentiert.
Denn solche Argumentationsmuster sind keine Seltenheit, ganz im Gegenteil – generell sollte man davon ausgehen, dass Menschen zu „motivated reasoning“ neigen, wenn sie einen Politiker oder eine Politikerin nicht mögen, oder wenn ihnen ein Thema regelrecht unter den Nägeln brennt. Bei Themen, denen man beispielsweise mit einer klaren Präferenz gegenübersteht, kommt es zu zielgerichtet motiviertem Denken – man verhält sich häufig unneutral gegenüber der Information, verarbeitet diese passend zur Wunschvorstellung. Einiges deutet darauf hin, dass wir nicht so sachlich sind, wie es für uns selbst anmutet: Das beginnt bei der Informationsauswahl zu dem Thema, reicht über die Einordnung der gefundenen Information bis hin zur Erinnerung, welche Details man eher abruft. In einem Experiment mussten beispielweise US-amerikanische Teilnehmende Artikel zu umkämpften politischen Themen online suchen und lesen – es ging um Streitfragen wie Waffengesetze, staatliche Gesundheitsversorgung, Abtreibung. Die Versuchspersonen verbrachten 64 Prozent mehr Zeit mit jenen Inhalten, die ihrer Weltsicht entsprachen. Sie vermieden also konträre Ansichten nicht komplett, aber sie schenkten ihnen etwas weniger Aufmerksamkeit.5
Ein wesentlicher Aspekt ist auch: Information, die unsere Sichtweise bestätigt, nehmen wir verstärkt auf – das ist der sogenannte „Confirmation Bias“, auf Deutsch der Bestätigungsfehler. Hingegen unliebsame Information, die zweifeln wir eher an – der sogenannte „Disconfirmation Bias“. Jeder kennt das von sich selbst: Sie lesen einen Zeitungstext, der Ihren Ansichten widerspricht, das irritiert Sie wahrscheinlich. Und möglicherweise beginnen Sie, in Ihrem Kopf Gegenargumente zu formulieren. Denken sich, vielleicht berücksichtigt der Artikel nicht alle relevanten Aspekte, vielleicht ist die zitierte Quelle gar keine Fachperson. Lesen Sie jedoch einen Text, der Ihnen gefällt bzw. der Ihre Weltsicht stützt, werden Sie gar nicht erst auf die Idee kommen, solche Fragen zu stellen.

Solche Effekte fallen immer wieder in Experimenten auf – und zwar nicht erst, seitdem es das Internet und soziale Medien gibt. In den 1970er-Jahren führten die Psychologen Charles G. Lord, Lee Ross und Mark Lepper eine interessante Untersuchung durch: Sie wollten wissen, wie unterschiedlich denkende Menschen auf die exakt selbe Information reagieren. Konkret wurde das anhand des polarisierenden Themas der Todesstrafe getestet: Personen, die entweder die Todesstrafe deutlich ablehnten oder diese klar befürworteten, mussten für diese Untersuchung Unterlagen lesen, die sowohl Argumente pro als auch contra Todesstrafe enthielten. Sie kamen also auch in Kontakt mit Aussagen, die die Gegenseite bestätigten. Ganz nüchtern betrachtet, hätte eine Annäherung der Positionen stattfinden sollen, weil beide Gruppen dieselben Texte lasen. Das Gegenteil geschah: Die Positionen verhärteten sich – wer die Todesstrafe befürwortet hatte, begrüßte sie nun vielfach noch vehementer. Und wer sie zuvor abgelehnt hatte, wies eine größere Chance auf, ihr nun noch abgeneigter gegenüber zu stehen. Das verdeutlicht: Menschen können aus derselben Information unterschiedliche Rückschlüsse ziehen oder dabei vor allem jene Aspekte berücksichtigen, die ihnen gut ins Konzept passen.2
Wir bewerten nicht nur Information passend nach unserem Weltbild, wir stufen auch Menschen danach ein. Bei wem erkennen wir die Expertise an – und wen nehmen wir weniger ernst? Dazu hat der Rechtswissenschaftler Dan Kahan von der Universität Yale gemeinsam mit Kollegen meine Lieblingsbefragung in diesem Bereich durchgeführt – ich finde sie nämlich sehr ausgeklügelt. Die Studie erfand fiktive Lebensläufe US-amerikanischer Wissenschaftler*innen, die beeindruckend klangen. Den Befragten wurde der Eindruck vermittelt, es handle sich um reale Personen, und sie mussten bewerten, wem sie eine hohe Expertise zusprachen. Nüchtern betrachtet hätten sämtliche der aufgelisteten Forschenden als fachkundig eingestuft werden müssen – jedoch passierte das nicht. Befragte, die politisch nach links tendieren, stuften Personen eher dann als fachkundig ein, wenn diese Ansichten vertraten, die im linken Spektrum hohe Anerkennung bekommen (etwa im Bereich Klimakrise). Und konservative Befragte machten das Gleiche: Sie sprachen dann eher von Expertentum, wenn aus dem erfundenen Lebenslauf hervorging, dass die Person bereits Positionen passend zu konservativen Wertvorstellungen eingenommen hatte. Widersprachen die erfundenen Standpunkte jedoch den Ansichten, die im eigenen politischen Lager verbreitet sind, dann wurde die Expertise eher in Zweifel gezogen. Dan Kahan nennt das „politisch motiviertes Denken“ und er meint, dass Gruppenidentität hier die entscheidende Rolle spielt.6 In der Forschung gibt es nämlich durchaus eine lebhafte Debatte darüber, welches Konzept oder welche Theorie die oft augenscheinliche Faktenresistenz von uns Menschen am besten beschreibt – einfach ausgedrückt deutet zumindest einiges darauf hin, dass eine starke politische Überzeugung erschweren kann, wie nah man unliebsame Aussagen an sich heranlässt.
STRATEGIE WECHSELN: BERÜCKSICHTIGEN SIE BEIM DISKUTIEREN NICHT NUR FAKTEN
Vielen Menschen ist durchaus bewusst, wie einseitig unser Denken ist. Aber diese Erkenntnis zwingt einem in Diskussionen geradezu eine Gegenstrategie auf, nämlich dem Gegenüber quantitativ nicht noch mehr gleichartige Argumente aufzudrängen, was oft nicht zielführend ist. Probieren Sie stattdessen aus, ob eine andere Stoßrichtung Ihres Arguments möglicherweise wirkungsvoller ist.
Diese Taktik wurde im Bereich der Klimafakten erforscht. Warum gerade dort? Weil es einen eklatanten Widerspruch zwischen Forschungsergebnissen und politischer Debatte gibt – von manchen wird die Erkenntnis eines menschengemachten Klimawandels sogar geleugnet. Speziell in den USA ist eine politische Spaltung deutlich, Mitglieder oder Fans der republikanischen Partei verharmlosen tendenziell die Erderhitzung. Das deutlichste Beispiel ist Donald Trump, der bereits eine ganze Palette widersprüchlicher Aussagen zu der Thematik vorbrachte – mal nannte er die Idee der Erderhitzung eine Erfindung, dann deutete er an, es gibt eine Erhitzung des Klimas, aber der Mensch sei nicht verantwortlich dafür. Beide Sichtweisen widersprechen dem Stand der Forschung. Die überwiegende Mehrheit der zum Klima Forschenden geht davon aus, dass die Erderhitzung sowohl real ist als auch maßgeblich vom Menschen verursacht wird. 97 Prozent der Studien zu dieser Thematik, die auch Gründe für die steigenden Erdtemperaturen erwähnen, führen an, dass der Mensch die globale Erhitzung durch den Ausstoß von Treibhausgasen verursacht.8 Es lässt sich hier also von einem breiten Konsens in dieser Fachrichtung sprechen. Was kann man aber tun, damit ein größerer Teil der Bevölkerung die Klimakrise ernst nimmt – und auch dementsprechend ernste Maßnahmen akzeptiert?
In den USA gibt es mittlerweile etliche Untersuchungen, wie man solche Klimaspektiker*innen besser ansprechen kann – diese Forschungsergebnisse bieten auch Einblick, wie sich unliebsame Fakten so verpacken lassen, dass sie eher auf Gehör stoßen. In einer Studie wurden verschiedene Argumentationsformen getestet, um die Zustimmung zu Klimaschutz-Maßnahmen zu erhöhen: Erstens hieß es, dass Schritte gegen die Klimakrise sinnvoll sind, um Schäden für Umwelt und unsere Gesellschaft zu vermeiden – das ist das klassisch ökologische Argument. Zweitens wurde aber auch argumentiert, dass es den Zusammenhalt fördere, wenn die Gesellschaft gemeinsam an einem Strang zieht und den Klimawandel meistert. Und drittens wurde die Argumentation getestet: Maßnahmen gegen den Klimawandel zu setzen, eröffnet eine wirtschaftliche Chance für neue Jobs und Innovation. Das Ergebnis: Das klassisch ökologische Argument wirkte vorrangig bei jenen, die ohnehin schon überzeugt waren. Im Englischen nennt man so etwas „preaching to the converted“, man erreicht vor allem jene, die man ohnehin schon erreicht hat. Jedoch wiesen Argument Nummer zwei und drei eine größere Überzeugungskraft auch bei jenen auf, die Zweifel in Bezug auf die Klimathematik haben. Die dritte Argumentation, wonach eine grüne Wende auch Wirtschaftschancen bietet, war übrigens gezielt so formuliert worden, dass sie marktliberale Konservative in den USA anspricht, denen Ökologie womöglich weniger am Herzen liegt als Ökonomie.9 Man nennt das „wertebasierte Kommunikation“. Der Ökonom Matthew Hornsey und die Psychologin Kelly Fielding sprechen hier auch vom „Jiu-Jitsu“-Stil beim Kommunizieren. Denn bei der Kampfkunst Jiu-Jitsu tritt man anderen nicht frontal entgegen, sondern man leitet ihre Kraft und ihr Momentum um, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Und auch beim Jiu-Jitsu-Diskussionsstil nutzt man die bestehenden Wünsche oder Wertvorstellungen der anderen Person, um diese auf ein Argument zu lenken, das sie sonst weniger ernst nehmen würde.10
TIPP
Es gibt nicht nur die frontale Konfrontation – sondern auch eine flexiblere Form des Diskutierens
Im Einsatz gegen Falschmeldungen oder Spekulationen kann es helfen, sich den Wertvorstellungen oder den Ängsten der anderen Person nicht frontal entgegenzustellen, sondern vorhandene Anknüpfungspunkte in die eigene Argumentation aufzunehmen: Zum Beispiel kursieren viele Falschaussagen über Microsoft-Gründer Bill Gates, über die Stiftung, die er und seine Frau Melinda gegründet haben, und über das Thema Impfungen. Schon seit Jahren ist Gates ein Feindbild der besonders impfkritischen Szene, da seine Stiftung enorm viel Geld in Impfprogramme in Entwicklungsländern steckt und Forschung zu Krankheiten finanziert. Ihm werden die abstrusesten Dinge vorgeworfen, etwa dass Gates in Kenia Frauen reihenweise sterilisiert hätte oder – in der Coronakrise – dass er Menschen durch eine Impfung in Wirklichkeit heimlich Mikrochips implantieren wolle. Das ist natürlich eine substanzlose Erfindung.11 Das Problem ist in meinen Augen, dass sich Bill Gates auch deshalb so gut als Feindbild eignet, weil sich in erfundenen Geschichten über ihn die Ängste vieler Menschen widerspiegeln: Dass sich nämlich der Staat aus dem Gesundheitssystem und der Forschung zurückziehen könnte und zunehmend Superreiche diese Rolle ausfüllen. Ich glaube sogar, eine Privatisierung von Forschung und Gesundheitssystem ist durchaus eine berechtigte Sorge – nur heißt das noch lange nicht, dass Bill Gates Frauen sterilisieren, Menschen Mikrochips einpflanzen will oder irgendeinen dunklen Plan verfolgt. Wenn ich mit Personen diskutiere, die negativ über Gates denken, womöglich auch nachweisbar falsche Behauptungen über ihn wiedergeben, dann sage ich genau das: Ich verstehe die Skepsis, die Menschen spüren, wenn einzelne Milliardäre und nicht die Allgemeinheit medizinische Forschung prägen. Aber trotz solcher Skepsis sollte man fair bleiben. Es ist unfair, Bill Gates etwas zu unterstellen, das er nachweislich nie gesagt oder nie getan hat. Meine Erfahrung ist: Einige sind durchaus für diese Differenzierung erreichbar – solange sie merken, dass für sie relevante Werte ernst genommen werden.
Natürlich bedeutet das auch, dass es Grenzen gibt, wie weit sich der Jiu-Jitsu-Kommunikationsstil, oder nennen wir es „wertebasiertes Kommunizieren“, anwenden lässt: Wenn man zum Beispiel mit Rechtsextremen diskutiert, wird man höchstwahrscheinlich nicht versuchen, die eigenen Argumente basierend auf deren Weltsicht auszurichten. Es gibt eben dermaßen radikale Positionen und Wertvorstellungen, dass Jiu-Jitsu-Kommunikation nicht mehr möglich ist. Wenn jemand bestimmte Menschengruppen nur als Menschen zweiter Klasse betrachtet oder demokratiefeindliche Einstellungen vertritt, dann wäre es natürlich kontraproduktiv, an diese Sichtweisen zu appellieren. Denn das wertebasierte Diskutieren bedeutet, dass man sich stark auf die andere Perspektive einlässt. Eine Schattenseite dieser Technik ist auch, dass man zum Beispiel beim Thema Klimakrise plötzlich über Ökonomie und nicht über Ökologie spricht, um die es im Kern geht. Nichtsdestotrotz halte ich es für einen pragmatischen und klugen Zugang beim Diskutieren, dass man in heiklen Gesprächen fokussierter darüber nachdenkt: Kann ich meine Argumente so formulieren, dass sie besser zu den Wertvorstellungen meines Gegenübers passen? Das kann auch beim Diskutieren in der Familie oder im engen Umfeld dienlich sein, wo man sich zwar nahe steht, aber auch nicht alles deckungsgleich sieht. In diesen Situationen kennt man meistens die Werte und Überzeugungen der anderen Person recht gut und kann dies womöglich auch stärker bei der Stoßrichtung der eigenen Argumente berücksichtigen.
Jedoch ist die Situation häufig vertrackt: In manchen Fällen werden Sie gar nicht so nahe an das Gegenüber herankommen, dass Sie Jiu-Jitsu, diese flexible Art des Diskutierens, nutzen können: Oft verunglücken Debatten schon, bevor sachliche Argumente ausgetauscht werden – weil beleidigende Äußerungen fallen, weil die Stimmung so aufgeheizt ist, dass ein argumentatives Aufeinanderzugehen kaum noch möglich ist.
WARUM ES SO SCHWIERIG IST, GELASSEN ZU BLEIBEN
Wofür ich im Grunde plädiere, ist eine sehr nüchterne, abgeklärte Art des Diskutierens. Aber machen wir uns nichts vor: Einfach ist das nicht. Wenn ein guter Bekannter die Verschwörungserzählung verbreitet, dass alle Forschenden in der Medizin gekauft seien; wenn selbst die eigene Mutter behauptet, dass Bill Gates in Kenia Millionen von Menschen „zwangssterilisiert“ habe, ist es vielleicht nicht ganz so einfach, gelassen zu bleiben.
Ich selbst beschäftige mich seit Jahren mit Phänomenen wie Desinformation und Hasskommentaren im Internet – und auch mir kommen immer wieder Wortmeldungen unter, die mich einfach fassungslos machen. Ich folge zum Beispiel Facebook-Gruppen impfkritischer Eltern, um zu erfahren, welche Narrative in dieser Szene verbreitet werden. Neulich brachte eine Mutter in so einer Gruppe folgende Frage auf: „Wenn ihr ins Krankenhaus (notaufnahme) müsst, mit kind und ihr gefragt Werdet ob es geimpft ist, lügt ihr dann?“ In der darauffolgenden Debatte empfahl ihr beispielsweise eine Mutter: „Ja, definitiv lügen!!“ Ein Vater lieferte Formulierungstipps, wie man derartige Fragen gut umschiffen kann. Mich irritieren solche Aussagen zutiefst: Wahrscheinlich ist es generell eine schlechte Idee, Ärztinnen und Ärzte in der Notaufnahme anzulügen. Aber vor allem ist das Thema Impfungen ein besonders sensibles Feld. Denn es gibt Kinder, die können aufgrund einer Immunschwäche nicht geimpft werden – und gerade diese sind davon abhängig, dass andere Kinder rund um sie geimpft sind und auf diese Weise eine Herdenimmunität entsteht. Mich regt das wirklich auf, wenn impfkritische Eltern ihr Umfeld sogar anlügen und eine ärztliche Behandlung erschweren.
Worauf ich hinaus will: Wenn Sie zu umstrittenen Fragen wie Impfungen oder umkämpften politischen Themen diskutieren, dann sollten Sie sich darauf gefasst machen, dass Argumente fallen werden, die Sie vor den Kopf stoßen. Und der naheliegende erste Impuls ist, genauso heftig darauf zu reagieren – zum Beispiel mit Häme. Dann sagt man: „Bitte nimm den Aluhut ab“, um zu signalisieren, dass jemand gerade Verschwörungserzählungen verbreitet. Das Problem ist nur: Beleidigungen oder auch Spötteleien haben eine toxische Wirkung. Falls Ihr Ziel ist, Andersdenkende potenziell noch zu erreichen, empfiehlt es sich, dem Gegenüber eine mentale Abwehrhaltung nicht allzu einfach zu machen. Anja Sanchez Mengeler erzählte mir, dass sie folgende Strategie anwendet: Sie diskutiert bis heute gerne auf Facebook, sie hat in ihrer Freundesliste auch noch Kontakte, die an eine große Verschwörung glauben. Obwohl sie hier mittlerweile klar eine andere Meinung vertritt, achtet sie sehr darauf, eine Verhärtung der Fronten zu vermeiden: „Ich versuche zu zeigen, ich bin nicht deiner Meinung, aber ich bin nicht dein Feind“. Denn sie erinnert sich, wie toxisch solche Feindbilder sind und wie sich Häme anfühlt. „Es gibt zum Beispiel Menschen“, sagt sie, „die der Wissenschaft vertrauen, die sagen Sachen wie: Ihr dummen Verschwörungsgläubigen. Oder: Ihr seid ja alle verstrahlt. So wurde auch manchmal mit mir umgegangen – und ich kann sagen, das war nicht hilfreich. Im Gegenteil, so etwas hat mich damals in meinem Glauben bestärkt.“
Diskutieren kommt einem Drahtseilakt gleich. Es geht einerseits darum, rote Linien aufzuzeigen; Menschen auch verständlich zu machen, dass Aussagen, die sie weitererzählen, beispielsweise von rassistischen oder antisemitischen Vorstellungen geprägt sind. Es ist wichtig, die problematische Seite falscher oder spekulativer Behauptung zu dekonstruieren – auch damit Menschen, die bei einer Konversation zuhören oder mitlesen, dies verstehen. Aber wenn das Ziel ist, die Person, mit der man diskutiert, inhaltlich zu erreichen, dann sollte man stark auf die eigenen Worte achten, um damit nicht eine zusätzliche Hürde zu schaffen. Es kann schnell geschehen, dass man dann beim Diskutieren in einer Frontenstellung landet, auch wenn man dies gar nicht so beabsichtigt hatte. Es gibt sogar wissenschaftliche Daten, wie Andersdenkende im Internet aufeinander reagieren. Ein Forschungsteam aus den Disziplinen der Informatik, Statistik und Physik analysierte einmal zwei Typen von Facebook-Seiten: Zum einen wurden 32 Facebook-Seiten ausgewertet, die Verschwörungserzählungen verbreiteten – die beispielsweise vor der „Neuen Weltordnung“ warnten oder behaupteten, HIV sei nicht die Ursache von AIDS. Als Kontrast dazu wurden auch 35 Facebook-Seiten analysiert, die eine ganz andere Ausrichtung hatten – sie verbreiteten Wissenschaftsneuigkeiten. Das Forschungsteam wollte wissen: Kommen diese Fans von Verschwörungsmythen und die Fans von Wissenschafts-News miteinander in Kontakt? Es zeigte sich: Diese zwei Gruppen blieben unter sich. Sogenannte „homogene, polarisierte Cluster“ fielen auf – also Ansammlungen von Menschen, die gleiche Interessen haben und zu der anderen Gruppe kaum Kontakt pflegen.12 In einer zweiten Auswertung beleuchtete die Forschungsgruppe noch einen weiteren Aspekt: Sie untersuchten jene seltenen Fälle, in denen die zwei Gruppen – also Fans von Verschwörungserzählungen und Fans von Wissenschaftsnachrichten – ausnahmsweise doch in Onlinediskussionen aufeinandertrafen. Und hier stellten sie fest: Je länger diese beiden Gruppen miteinander diskutierten, desto negativer wurde der Tonfall.13
Wenn Andersdenkende aufeinanderstoßen, besteht die Gefahr, dass dies nicht zur Verständigung führt – sondern Eskalation wahrscheinlicher wird, bei der am Ende beide Seiten dem Thema noch aufgebrachter gegenüberstehen. Und auch das sage ich nicht einfach so, dazu gibt es ebenfalls eine bemerkenswerte Studie, an der unter anderem der deutsch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele von der University of Wisconsin-Madison mitwirkte. Scheufele beschäftigt sich mit der Frage, wie man Menschen Wissenschaft vermitteln kann. In diesem Experiment mussten rund 1200 Menschen einen neutral verfassten Onlineartikel zum Thema Nanotechnologie lesen. Bei Nanotechnologie werden winzige Partikel erzeugt, die neue Produkte ermöglichen – zum Beispiel wasserabweisende Kleidungsstücke oder neue, effiziente Medikamente. Das Thema Nanotechnologie wurde auch deshalb gewählt, weil hier die Meinungen noch nicht so festgefahren sind wie beispielsweise in der Klimadebatte und man messen kann, wie sich unfreundliche Kommentare auf die Wahrnehmung des Themas auswirken. Die Teilnehmenden mussten den ausgewogenen Onlinetext zum Thema Nanotechnologie lesen und darunter auch Postings – wobei ein Teil der Befragten eine lebhafte Diskussion mit reichlich Widerspruch vorfand, in der jedoch keine Schimpfworte fielen. Ein anderer Teil las die nahezu identen Internetkommentare, nur waren zusätzlich noch Schimpfworte eingefügt worden. Zum Beispiel hieß es in einem Kommentar: „Wenn du die Vorzüge des Einsatzes von Nanotechnologie nicht verstehst (…), bist du ein Idiot.“

Es stellte sich heraus, dass das Lesen von Beleidigungen einen Effekt hatte. Jene Testpersonen, die mit Kommentaren mit Schimpfworten konfrontiert worden waren, schienen sich öfter hinter der eigenen Meinung zu verbarrikadieren. Wer tendenziell pro Nanotechnologie war, zeigte sich danach tendenziell umso überzeugter davon. Wer sie eher ablehnte, verteufelte sie danach im Schnitt stärker. Jene Gruppe hingegen, die zwar eine lebhafte Debatte, aber keine Schimpfworte gelesen hatte, war nicht so gespalten. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, weil es mit Daten untermauert, was viele vielleicht schon vermutet hatten: Selbst das Einstreuen harmloser Schimpfworte kann eine spaltende Wirkung haben – die Forschenden nennen das den „Nasty Effect“, den „fiesen Effekt“. Denn es ist ziemlich fies, wie Schimpfworte eine Debatte negativ beeinflussen.14
Dietram Scheufele erzählte mir dazu etwas Interessantes: Man kann gegen den Nasty Effect auch ankämpfen. Zum Beispiel ist es wichtig, Diskussionsräume zu haben, in denen die Teilnehmenden sehen, dass Beleidigungen nicht geduldet werden. Er sagte: „Wir haben noch ein zweites Experiment durchgeführt: Menschen lasen wieder beleidigende Onlinekommentare unter Artikeln. Nur wurde manchen von ihnen dieses Mal der Hinweis eingeblendet: ‚Dieser Kommentar wurde entfernt.‘ Sie sollten also den Eindruck bekommen, dass unfreundliche Kommentare gelöscht worden waren, dass moderiert wurde. Dadurch wurde der Nasty Effect deutlich schwächer.“15 Das ist eine beeindruckende Beobachtung, denn sie legt nahe: Wenn Menschen mitbekommen, dass auf das Diskussionsklima geachtet wird, dann wird die Spaltung kleiner. Und Dietram Scheufele meint, dass man auch als Einzelne oder Einzelner etwas daraus mitnehmen kann: „Wenn wir selbst mit einer harten Wortmeldung konfrontiert sind, sind wir versucht, mit Härte darauf zu reagieren. Aber es stellt sich schon auch die Frage, wie man selbst die Gangart im Gespräch anlegt: Man kann auch versuchen, jene Person zu sein, die einen Gang runterschaltet.“
Mir selbst geben diese Untersuchungen immer wieder zu denken: Es ist nur menschlich, dass auf manche Vorfälle oder Aussagen durchaus entsetzt reagiert wird. Nach den großen Corona-Demos, bei denen Tausende Menschen gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus auf die Straße gingen, wurden diese Protestierenden vielfach als „Covidioten“ bezeichnet. Wie schon erwähnt, war ich Ende August 2020 als Journalistin auf solch einer Demo in Berlin und habe einige problematische Szenen beobachtet: Zum Beispiel Menschen, die auf ihr T-Shirt oder auf ein Plakat den „Judenstern“ aufgedruckt hatten – und damit suggerieren, die Gräuel des Nationalsozialismus wären in irgendeiner Weise gleichzusetzen mit den Corona-Maßnahmen. Oder Plakate, welche die Inhaftierung des Virologen Christian Drosten forderten. Es erscheint mir geradezu paradox, im Namen der Freiheit auf die Straße zu gehen und dann die Inhaftierung eines Mediziners zu verlangen, der lediglich seine Arbeit macht. Und besonders unbehaglich sind gerade jene Rechtsextreme, die auf diesen Demos mitmarschieren und diese für gewalttätige Aktionen oder zum Verbreiten ihrer Ideologie nutzen. Ich halte es für wichtig, dass Medien all dies aufzeigen, hart diskutieren – und trotzdem bin ich kein Fan davon, wenn die Demonstrierenden pauschal als „Covidioten“ bezeichnet werden, denn dieses Wort bringt keinen Mehrwert für die Diskussion. Man lacht vielleicht darüber oder fühlt sich für einen Augenblick bestätigt – aber es ist ohnehin schon so schwierig, andere argumentativ bei diesem polarisierenden Thema zu erreichen. Eine solche Wortwahl heizt eine ohnehin schon erhitzte Debatte noch weiter an.
TIPP
Vermeiden Sie den Nasty Effect im persönlichen Austausch!
Im eigenen Umfeld ist das durchaus ähnlich: Zum Beispiel ist es in der Familie oft auch nicht einfach, gelassen zu bleiben. Es wühlt uns womöglich umso mehr auf, wenn eine geliebte Person faktenwidrige Behauptungen aufstellt, wenn die eigene Mutter partout die Existenz von Viren abstreitet oder der eigene Vater behauptet, die Klimakrise sei eine Erfindung geldhungriger Forschender. Man sagt dann sehr schnell: „Red nicht so einen Blödsinn!“ Oder man reagiert mit Spott, auch aus einem Gefühl der Überforderung heraus. Mir hat zum Beispiel ein Beamter aus Wien, dessen Bruder im Rahmen der Coronakrise zum Maskengegner wurde, Folgendes erzählt: Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 hatten die beiden wenig Kontakt. Eines Tages erhielt er ein E-Mail seines Bruders, das zu Youtube-Videos führte – in denen es gegen den Microsoft-Gründer Bill Gates, den Virologen Christian Drosten und Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut ging und behauptet wurde, in Dänemark werden Menschen bereits zwangsgeimpft. Der Beamte glaubte zuerst, sein Bruder mache einen Witz. Er musste dann aber feststellen: Sein Bruder meinte das ernst. Sein Fazit lautet: „Was ich seither gelernt habe: Das Wichtigste ist, so zu reagieren, dass man nicht noch mehr Widerstände erzeugt. Man muss diese Gesprächsbasis aufrechterhalten, damit einem der andere zumindest ein bisschen zuhört.“ Also: Vermeiden Sie auch im persönlichen Austausch den Nasty Effect, also dass sich nach einer scharfen Wortwahl oder Spott die Fronten verhärten. Gerade im persönlichen Umfeld hat man noch eher die Chance, eine gemeinsame wertschätzende Diskussionsebene zu finden – oder zumindest auf lange Sicht die Gesprächsebene zu bewahren, wenn einem jemand wichtig ist.
Dazu passt auch die Erfahrung von Anja Sanchez Mengeler: Ich habe eingangs erzählt, dass sie Familienmitglieder hatte, die ihren Ansichten zwar skeptisch gegenüberstanden, die aber weiterhin eine wertschätzende Beziehung zu ihr pflegten. Eine solche Person war auch ihre Schwester, die Sozialarbeiterin ist und die zum Beispiel in persönlichen Gesprächen fragte: „Meinst du wirklich, dass die Presse so manipuliert ist?“ Das war allerdings nicht das Einzige, was ihre Schwester tat, erzählte mir Frau Sanchez Mengeler: „Wir haben dann aber auch den ganzen lieben langen Tag viele andere Themen gehabt, sie hat unsere Bindung weitergeführt, so nach dem Motto: ‚Ich lass dich nicht fallen, du bist mir wichtig.‘ Ich glaube, das war ein wichtiger Punkt, dass wir nicht nur darüber gesprochen haben. Sondern dass sie mich auch aus dieser Welt ein bisschen herausgeholt hat. Weil wenn man in der Verschwörungsszene drinnen ist, sieht man ja überall irgendwelche Anzeichen dafür. Dann ist es vielleicht auch entspannend, in dieser Welt des Misstrauens mit etwas Normalität konfrontiert zu werden.“
Wohlgemerkt wäre es eine falsche Hoffnung, zu sagen, dass dies in jedem Fall, in jeder Familie funktioniert. Aber dieses grundsätzliche Gefühl der Wertschätzung ist ein wichtiger Baustein, damit einem der oder die andere in einem Gespräch noch zuhört.
Dazu gibt es eine interessante Theorie des US-amerikanischen Psychologen Claude Steele: Menschen haben das Bedürfnis, sich selbst als integer zu sehen. Auch unsere Überzeugungen sind Teil der eigenen Selbstsicht. Man tut sich deshalb schwer mit Fakten, die der eigenen Weltsicht widersprechen, weil eine richtige, aber unerwünschte Information sich schnell wie ein Angriff auf die eigene Person anfühlen kann. Wenn wir etwas hören, das unserer Meinung widerspricht, kann das durchaus auch unbewusst einen gefühlten Angriff auf uns selbst darstellen. Dies ist Teil der sogenannten „Self-Affirmation-Theory“.
In vielen Diskussionen ist es sinnvoll, Falsches zu benennen – aber der anderen Person die Möglichkeit geben, ihr Gesicht zu wahren, auch wenn sie eine Falschmeldung geglaubt hat. Ein konkreter Tipp: Mich fragen Leute oft, was sie machen sollen, wenn gute Bekannte in einer WhatsApp-Gruppe Falschmeldungen verbreiten. Manche schreiben dann in der Gruppe zurück, korrigieren die Aussage, posten den Faktencheck. Wenn Sie eine gute Gesprächsbasis zu dieser Person haben, können Sie auch Folgendes tun: Nicht gleich öffentlich antworten, sondern der Person zuerst eine private Nachricht senden. Sie können zum Beispiel schreiben: „Ich habe gesehen, dass du den Artikel von der Quelle XYZ gepostet hast. Ich möchte nur sagen, ich habe das neulich auch gelesen und dann gemerkt: Das ist eine sehr unseriöse Seite, hier gibt es einen Faktencheck …“ Diese Korrektur unter vier Augen kann es erleichtern, dass die Person öffentlich zurückrudert. Natürlich funktioniert dieser Zugang auch nicht immer – schon gar nicht, wenn die Person bereits von der Erzählung überzeugt ist. Aber ich empfehle, vorsichtig vorzufühlen, wie sehr jemand von einer Falschbehauptung eingenommen ist, um dann die eigene Diskussionstaktik dem anzupassen.

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