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Yoga in Savitri

M. P. Pandit


SRI AUROBINDO BHAVAN

BERCHTESGADENER LAND


Copyright 2020

AURO MEDIA

Verlag und Fachbuchhandel

Wilfried Schuh

www.auro.media

Englischer Originaltitel:

Yoga in Sri Aurobindo’s Epic SAVITRI

Deutscher Titel:

Yoga in Savitri M. P. Pandit 2. Aufl. 2020 ISBN 978-3-937701-63-9

Copyright 1976/95:

Dipti Trust,

Pondicherry 605002, Indien

Deutsche Ausgabe

mit freundlicher Genehmigung von

Lotus Brands,

Inc., PO Box 325,

Twin Lakes, WI, 53181, USA

© Fotos und Textauszüge

Sri Aurobindos und der Mutter:

Sri Aurobindo Ashram Trust

Puducherry, Indien

Über den Autor

M. P. Pandit hat durch seine zahlreichen Schriften über Sri Aurobindo viel zum Verständnis seiner Werke beigetragen. Er verbrachte über fünfzig Jahre im Sri Aurobindo Ashram, die meiste Zeit davon als Sekretär der Mutter. Auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrung hat er ausführlich über die Veden, Upanishaden, die Gita, den Tantra, über Okkultismus, Psychologie und Yoga im Lichte von Sri Aurobindos integraler Sicht geschrieben und gesprochen. Er gilt als authentischer Vertreter von Sri Aurobindos Philosophie und ihrer Anwendung, wie sie von der Mutter gelebt wurde.

* * *

Vorwort

Auf bestimmte Weise ist das ganze Epos Savitri Yoga. Denn außer dem Yoga Aswapatis während seiner vielen Phasen, außer Savitris Suche in ihren aufeinanderfolgenden Stufen, gibt es den Yoga der Erde, die nach Identifikation mit den strahlenden Himmeln strebt, nicht zu sprechen vom Yoga der leuchtenden Wahrheits-Welt, die sich auf unserem Erdball verwirklichen will. Diese Auswahl ist hier vom Gesichtspunkt des Yoga des individuellen Menschen getroffen worden, der im Grunde genommen der Kernpunkt aller Dimensionen des Yoga ist.

* * *

InhaltTitelseiteCopyrightÜber den AutorVorwortI. DER RUFII. BEDINGUNGENIII. SCHWIERIGKEITENIV. DER VERLAUFGuideCoverInhaltsverzeichnisStart

Teil I

RUF

Heaven’s call is rare, rarer the heart that heeds.

*

Der Ruf des Himmels ist selten, seltener das Herz, das ihm folgt.

(XI.1)

Von den zahllosen Geschöpfen der Erde, die sich in ihrem Bewusstsein entwickeln, haben nur einige eine Ebene erreicht, auf der sie für einen Übergang vom menschlichen zum göttlichen Zustand vorbereitet sind. Die wahrnehmende Intelligenz des Göttlichen in der Manifestation erkennt sie, und es ergeht ein Ruf an sie, sich Gott zuzuwenden. Dieser Ruf kann vielerlei Formen annehmen – von innen, von außen – durch jedes Mittel, das zur Hand ist. Aber nicht alle, die so gerufen werden, hören den Ruf in den Turbulenzen ihres Lebens; und sogar von denen, die ihn vernehmen, beachten ihn nicht alle. Viele sind noch in ihre Fesseln verliebt, immer noch von den Interessen des niederen Lebens angezogen. Nur sehr wenige antworten auf den Ruf und ändern ihre Lebensrichtung.

EWIGKEIT SPRICHT

Eternity speaks, none understands its word.

*

Ewigkeit spricht, doch keiner versteht ihr Wort.

(IV.3)

Die Menschen sind so in das unruhige Leben der Sinne vertieft, dass sie sich ihrer selbst kaum bewusst sind, abgesehen in den Regungen, in denen sie wahllos hin und her geworfen werden. Selbst die wenigen, die sich ihres mentalen Selbstes bewusst geworden sind und abseits der äußeren Lebensbewegungen stehen oder zu stehen versuchen, verlieren sich im Lärm der eigenen Gedankentätigkeit und emotionalen Aufruhrs. Sie sind sich weder ihrer Seele bewusst noch der Andeutungen, die von ihr kommen. Die Seele, Delegierte des Ewigen in der in Zeit und Raum fortschreitenden Evolution, spricht in ihrer eigenen Sprache – eine Sprache der Gewissheit, echter Vision und Wahrheit, aber die Oberflächenpersönlichkeit kümmert sich selten darum. Und selbst wenn es dem Wort gelingt, das innere Ohr zu erreichen, fehlt das notwendige einsichtige Begreifen. Es wird gewöhnlich in den minderwertigen Begriffen des arbeitenden Mentals interpretiert oder missverstanden. Die Botschaft geht verloren.

AUSERWÄHLT

One among many thousands never touched,

Engrossed in the external world’s design,

Is chosen by a secret witness Eye

And driven by a pointing hand of Light...

*

Einer unter vielen Tausenden, nie berührt

Und versunken in die äußere Weltgestaltung,

Wird von einem geheimen Zeugen-Auge auserwählt

Und von einer weisenden Hand des Lichtes angetrieben...

(I.5)

Es gibt ein wachsames Auge, das ständig diese Szene der Evolution mit ihren unzähligen Bewegungen und Formen, die sich bilden und wieder vom Spielfeld verschwinden, betrachtet. Es beobachtet aufmerksam, welche Seele unter den Millionen von Menschen, die sich bemühen zu wachsen und sich zu entwickeln, herangereift und nun bereit ist für den Sprung von der menschlichen auf die göttliche Ebene. Es wählt jenen Menschen aus und übernimmt die direkte Verantwortung für seine Evolution. Ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, sein Leben wird vom Augenblick seiner Erwählung durch das Göttliche geleitet und angespornt, sich in eine Richtung – auf das Göttliche hin – zu bewegen. Langsam wird er von der leitenden Hand durch alle Umstände und Schwierigkeiten des Lebens hindurch dahin geführt, das Göttliche als sein Ziel zu erwählen.

Wer das Unendliche wählt, ist vom Unendlichen erwählt worden. (Sri Aurobindo)

WARUM?

...Remember why thou cam’st:

Find out thy soul, recover thy hid self,

In silence seek God’s meaning in thy depths...

*

...Erinnere dich, warum du kamst:

Finde deine Seele, entdecke dein verborgenes Selbst,

Im Schweigen suche in deinen Tiefen Gottes Absicht...

(VII.2)

Das Leben ist kein leerer Traum, keine sinnlose Bewegung. Es gibt einen Zweck, ein Ziel, auf das unsere Reise hinweist. Der Mensch als erwachtes Wesen und denkendes Geschöpf ist es sich schuldig zu wissen, warum er hier ist. Er ist nicht nur ein Körper, nicht einmal nur ein lebendiger Körper. Er ist ein Wesen, das im physischen Körper lebt und mit einem verkörperten Mental denkt. Er ist eine Seele, ein unsterbliches Selbst, das hinter den Schleiern der Natur verborgen ist. Der Mensch muss seinen Blick von den äußeren Dingen abwenden und nach innen richten, um seine Seele zu finden. Er muss seine Ohren vor dem Lärm der Welt verschließen und in Ruhe den von innen kommenden Andeutungen lauschen, um den Sinn und Zweck seiner Existenz auf Erden zu erkennen, um die Mission zu verwirklichen, die Gott seiner Seele anvertraut hat.

PARADOX UND SCHLÜSSEL

Our life is a paradox with God for key.

*

Unser Leben ist ein Paradoxon mit Gott als Schlüssel.

(I.4)

Das ganze Leben ist ein immerwährendes Rätsel voller Widersprüche, die auf Schritt und Tritt aufeinander prallen. Dem Guten steht das Böse entgegen, der Wahrheit die Falschheit, der Stärke die Schwäche, der Freude der Schmerz, der Harmonie die Disharmonie, dem Leben der Tod. In jedem Bereich gibt es Konflikte, und alle von der menschlichen Intelligenz erprobten Allheilmittel haben sich als vergeblich erwiesen. Die einzige Lösung dieses Daseinsproblems liegt in der Evolution unseres Bewusstseins vom menschlichen zum göttlichen Zustand. Das Göttliche ist heiles, ungebrochenes Dasein, undeformiertes Bewusstsein, unverfälschte Kraft, unbefleckte Glückseligkeit. Und dieses Göttliche befindet sich in uns selbst. Je mehr wir zu diesem innewohnenden Göttlichen erwachen und in seine Wesensart hineinwachsen, umso näher sind wir der Lösung der Lebensprobleme in der Harmonie des Geistes. Die gegensätzlichen Elemente fallen entweder weg oder werden in ihrem Charakter verändert.

UNSER MENSCHLICHER ZUSTAND

Our human state cradles the future god,

Our mortal frailty an immortal force.

*

Unser menschlicher Zustand ist Wiege des zukünftigen Gottes,

Unsere sterbliche Schwachheit ist eine unsterbliche Kraft.

(II.10)

Unsere menschlichen Unvollkommenheiten und Beschränkungen sind nicht von Dauer. Sie sind nur die gegenwärtigen Umstände, die durch Willenskraft und Anstrengung verändert werden können. Was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sind, ist nur das, was sich von den vielfältigen Möglichkeiten, die in uns liegen, in diesem Stadium in uns verwirklicht hat. Unser Leben ist ein langer Entwicklungsprozess dessen, was in uns ruht. Das Bewusstsein, das jetzt das menschliche Stadium erreicht hat, enthält in sich den Keim der Göttlichkeit. Es ist das Drängen dieser verborgenen Gottheit, das tatsächlich für die menschliche Aspiration, über das Menschensein hinauszugehen und Göttlichkeit zu verkörpern, verantwortlich ist. Gleichermaßen ist unsere todgebundene Schwäche nur eine Stufe in der Entwicklung unserer unsterblichen Kraft, die sich allmählich ihren Weg bahnt.

Die augenblicklichen Zustände oder Äußerlichkeiten sollten den Sucher nicht blenden oder entmutigen. Unermessliche Möglichkeiten warten auf ihre Verwirklichung.

SINN

There is a purpose in each stumble and fall...

*

In jedem Straucheln und Fallen liegt ein Sinn...

(10.4)

Das Leben ist nicht immer eine sanfte und ungestörte Reise. Es gibt Höhen und Tiefen, Unterbrechungen, Stopps – kürzere oder längere,– und sie beruhen normalerweise auf einer Verzögerung unserer gesamten Bewegung. Einige Teile unseres Wesens machen größere Fortschritte, andere bleiben zurück. Dieser Unterschied lässt die Bewegungen zum Stillstand kommen. Wenn man aufmerksam und wach ist, besonders im spirituellen Leben, kann man sehen, wie dieses Straucheln zustande gekommen ist. Es legt einige Schwächen offen, ein Versäumnis, das wieder gut gemacht werden muss, so dass man den Weg zur Behebung des Defizits besser gehen kann.

Fehltritte und Stürze dürfen nicht als bloße Unfälle angesehen werden. Sie sind Hinweise und Warnungen an den Sucher, in sich hinein zu schauen und sich ausreichend zu rüsten.

ZIEL

...for each his difficult goal

Hewn out of infinite possibility.

*

...jedem ist sein schweres Ziel gegeben,

Herausgehauen aus unendlich vielen Möglichkeiten.

(VI.1)

Jede Seele hat ihren eigenen Entwicklungsweg, ihr eigenes Bedürfnis nach Erfahrung und ihr eigenes Ziel. Das höchste Ziel aller Seelen ist, die Göttliche Wirklichkeit zu verkörpern, aus der sie zu einem bestimmten Zweck hervorgegangen sind. Und diese Manifestation ist nicht von einheitlicher Art. Sie ist eine fortschreitende Enthüllung der vielfältigen Möglichkeiten, die dem Höchsten Wesen innewohnen. Jede Seele trägt eine durch den schöpferischen Willen eingeprägte Betonung in sich und arbeitet daran, die in sie eingepflanzte Idee, die Real-Idee, auf ihrem Feld der Evolution in Zeit und Raum auszuarbeiten.

So ist jedem seine Arbeit und sein Ziel gegeben.

UNSERE VERGESSENEN WEITEN

A deathbound littleness is not all we are:

Immortal our forgotten vastnesses

Await discovery in our summit selves;

Unmeasured breadths and depths of being are ours.

*

Eine an den Tod gebundene Winzigkeit ist nicht alles, was wir sind:

Unsterblich warten unsere vergessenen Weiten darauf

Auf dem Gipfel unseres Selbstes entdeckt zu werden;

Unermessliche Weiten und Tiefen des Seins sind uns zu eigen.

(I.4)

Unser Leben ist normalerweise auf den Bereich unseres physischen Körpers beschränkt. Seine Spanne ist an die Lebensdauer des Körpers gebunden. Aber diese Einschränkungen sind nicht endgültig. Wir haben in uns Seinsebenen, die weit über die äußeren Grenzen hinausgehen. Sie gehören zu unserem inneren Wesen, aber in unserer Unwissenheit sind wir uns ihrer nicht bewusst. Wir haben sie vergessen. Wir müssen wach werden für ihre Existenz im Inneren. Wenn wir uns durch Yoga nach innen wenden, werden wir uns dieser Bereiche des unbegrenzten Bewusstseins, die nicht durch äußere Ereignisse beeinträchtigt werden, in den Tiefen unseres Wesens, in den aufsteigenden Höhen unseres Selbstes zunehmend bewusst. Wir können uns nach allen Seiten ins Universum ausdehnen, wir können die Tiefen des Wesens ausloten, wir können uns über die Grenzen unseres Mentals erheben.

SEELE

Our souls can climb into the shining planes,

The breadths from which they came can be our home.

*

Unsere Seelen können die strahlenden Ebenen ersteigen,

Die Weiten, aus denen sie kamen, können unsere Heimat sein.

(II.11)

Wir führen nur solange ein eingeschränktes Leben, wie wir uns auf den kleinen Bereich unserer physischen Fähigkeiten begrenzen, auf deren Grundlage wir normalerweise funktionieren. Aber in uns gibt es weitreichendere Fähigkeiten, größere Möglichkeiten. Die Seele in unseren Tiefen ist durch die Wände unseres physischen Körpers nicht begrenzt. Sie kann sich in Regionen aufschwingen, die sich über den Schranken unseres Mentals eröffnen. Sie kann sich in die Weiten ausdehnen, aus denen sie ursprünglich kam. Wenn wir uns unserer Seele bewusst werden und unser Bewusstsein mit ihr vereinen, können auch wir an ihrer Erfahrung der leuchtenden Welten darüber und der Unendlichkeiten, die ihr eigen sind, teilhaben.

DREIEINIGES WESEN

To the abiding and eternal is their climb,

To the pure existence everywhere the same,

To the sheer consciousness and the absolute force

And the unimaginable and formless bliss...

...the triune being who is all and one...

*

Zum Bleibenden und Ewigen steigen sie,

Zur reinen Existenz, die überall dieselbe ist,

Zum reinen Bewusstsein und der absoluten Kraft

Und zur unvorstellbaren und formlosen Seligkeit...

Des dreieinigen Wesens, das alles und eines ist...

(XII.5)

Der Aufstieg des Pilgers des Geistes ist der Aufstieg zum Beständigen, zum Ewigen, der unwandelbar hinter und über allen Veränderungen in Zeit und Raum steht. Diese Wirklichkeit offenbart sich in dieser Manifestation als dreieinig: sie ist eine Selbst-Existenz, sat, die allem Dasein zugrunde liegt; sie ist sich ihrer selbst und aller Dinge völlig bewusst, ein reines Bewusstsein, chit, das voller Wirkensmacht ist, tapas; ihre Natur ist von grundloser und endloser Glückseligkeit, ananda. Dieses dreieinige Wesen, Satchidananda, wird gleichzeitig als die einzige Wahrheit und auch als die ganze Wahrheit erkannt.

DAS ABSOLUTE

Each part in us desires its absolute.

Our thoughts covet the everlasting Light,

Our strength derives from an omnipotent Force...

*

Jeder Teil in uns begehrt sein Absolutes.

Unsere Gedanken begehren das immerwährende Licht,

Unsere Stärke entstammt einer allmächtigen Kraft...

(II.5)

Wir sind begrenzte Wesen, eingeschränkt im Bewusstsein, eingeschränkt in der Macht, eingeschränkt im Wirkensbereich, eingeschränkt in der Effektivität. Aber unser Wesen akzeptiert diese Einschränkung nicht als endgültig und natürlich. Jeder Wesensteil möchte wachsen, sich zu seinem Optimum entwickeln. Er strengt sich an, seine höchstmögliche, absolute Perfektion zu erreichen. Unser Mental versucht, über die Natur der Wirklichkeit nachzudenken und zu ihrer Erkenntnis zu gelangen. Aber seine Gedankenaktivität dient nur dazu, das Licht zu verdunkeln und zu verbergen, das

unsterbliche Licht, das nach innen gerichtet ist, um zu sehen, der schnellste mentale Geist in den Menschen, die den Weg gehen.

(Rig. Veda, I.6.5)

Das Mentale muss lernen, seine Gedanken zu beruhigen, damit es das reine und ewige Licht widerspiegeln kann, statt flüchtige und verzerrte Eindrücke von ihm zu bekommen. In gleicher Weise gibt sich unsere schwächliche Kraft nicht damit zufrieden, in ihrem begrenzten Zustand zu verharren. In ihrer Tiefe ist sie sich bewusst, ein Fragment, ein Bruchteil einer Kraft zu sein, die allmächtig ist. Und sie ringt darum, sich mit ihrem Ursprung zu vereinen. Deshalb ist es ein Gesetz des Wachsens, des sich Entwickelns vom Unvollständigen zum Vollkommenen, vom Relativen zum Absoluten.

VOLLKOMMENHEIT

To seize the absolute in shapes that pass,

To fix the eternal’s touch in time-made things,

This is the law of all perfection here.

*

Das Absolute in vorübergehenden Formen zu erkennen,

Die Berührung des Ewigen in zeitgeschaffenen Dingen festzuhalten,

Dies ist das Gesetz aller Vollkommenheit hier.

(II.2)

Vollkommenheit ist die göttliche Absicht im Leben und sie ist das Ziel, auf das alles Existierende auf der Erde zustrebt, bewusst oder unbewusst. Für den spirituell Suchenden bedeutet Vollkommenheit, in der Lage zu sein, das göttliche Absolute in allen Relativitäten der Welt wahrzunehmen. Die Dinge sind keine unabhängigen Wirklichkeiten an sich, aber sie sind aus diesem Grund auch nicht illusorisch. Sie sind Formen, die das Absolute angenommen hat, was ihnen ihre Daseinsberechtigung verleiht. In ähnlicher Weise muss der Suchende hinter all den Objekten, die in der Zeit geboren werden und dem Wirken der Zeit unterworfen sind, lernen, die Gegenwart der Zeitlosen Wirklichkeit zu spüren, die nicht von Formveränderungen im Laufe der Zeit beeinflusst wird. Das Beständige ist ewig.

KRONE FÜR DIE ERDE

Beyond the earth, but meant for delivered earth,

Wisdom and joy prepare their perfect crown;

Truth superhuman calls to thinking man.

*

Jenseits der Erde, doch bestimmt für die befreite Erde,

Bereiten Weisheit und Freude ihre vollkommene Krone vor;

Übermenschliche Wahrheit ruft den denkenden Menschen.

(X.3)

Das wenige Wissen und die kleinen vermischten Freuden, die das Erdenleben bietet, sind nicht das letzte Wort. Jenseits der Grenzen dieses Lebens in Unwissenheit gibt es Wahrheiten des vollen Wissens und der ungetrübten Glückseligkeit, die der Mensch bei Befreiung von den Begrenzungen der irdischen Natur erreichen kann. Aber es ist nicht erforderlich, das Leben auf Erden abzulehnen, um die höheren Wahrheiten zu erlangen. Tatsächlich sollen sie sich auf der Erde manifestieren, und sie bereiten sich darauf vor. Sie fordern den erwachten Menschen auf, sein Bewusstsein zu entwickeln, damit er sie empfangen und in sich festigen, zum Ausdruck bringen und in seinem Leben in dieser Welt organisieren kann.

SEHNSUCHT

A formless yearning passions in man’s heart,

A cry is in his blood for happier things.

*

Eine gestaltlose Sehnsucht brennt leidenschaftlich in des Menschen Herz,

In seinem Blut ertönt ein Schrei nach glücklicheren Dingen.

(II.4)

Im Wesen des Menschen gibt es immer eine Unzufriedenheit mit seinem Zustand der Unvollkommenheit, Einschränkung und des Mangels – ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Tief in seinem Herzen spürt er ein anhaltendes und nagendes Gefühl der Unzulänglichkeit und einen vagen, unruhigen Drang nach Vollkommenheit. Dieser Impuls übersetzt sich in einen Wunsch nach Wachstum, Entfaltung, einen Hunger auf Freiheit und Stärke, ein sehnsuchtsvolles Streben nach Fortschritt und Glück. Aufgrund dieser angeborenen Sehnsucht nach Vollkommenheit befindet sich der Mensch in seiner Entwicklung immer im Umbruch. Wegen seiner göttlichen Unzufriedenheit ist er etwas Besonderes. Wie Sri Aurobindo an anderer Stelle bemerkt, begnügt sich das Tier mit der Erfüllung seiner notwendigsten Bedürfnisse, und die Götter sind mit ihrer Pracht zufrieden. Nur der Mensch ist von diesem Sehnen nach Selbstüberschreitung erfasst, das ihn an die Spitze der evolutionären Natur stellt.

EXIL

We live self-exiled from our heavenlier home.

*

Wir haben uns selbst verbannt aus unserem himmlischeren Heim.

(II.11)

Obschon die Welt, in der wir leben und uns bewegen, so wie sie jetzt organisiert ist, ein Ort endlosen Leidens und Elends ist, sind wir selbst nicht ganz Geschöpfe dieser Heimat des Schmerzes und der Dunkelheit. Wir haben Anteile in uns, die die irdischen Begrenzungen überschreiten und einen überweltlichen Ursprung erkennen lassen. Die Seele und die verschiedenen anderen Bewusstseinselemente, die an die Oberfläche treten, entstammen dem Geist, der unsterblich und unendlich ist. Aufgrund von Unwissenheit und des darauf basierenden Getrenntseins sind wir uns unseres Ursprungs, unserer überirdischen Herkunft nicht bewusst. Wir haben die aktive Beziehung zu unserer wahren Heimat des Lichtes und der Freude verloren. Wir müssen durch eine anhaltende Anstrengung der Umkehrung des Bewusstseins dorthin zurückkehren. Bis dahin leben wir verbannt aus unserer Heimat.

GOTTES SELIGKEIT

Indifference, pain and joy, a triple disguise,

Attire of the rapturous Dancer in the ways,

Withhold from thee the body of God’s bliss.

*

Gleichgültigkeit, Schmerz und Freude, eine dreifache Verkleidung,

Gewand des verzückten Tänzers auf den Wegen,

Verbergen vor dir den Körper von Gottes Seligkeit.

(VI.2)

Alles Leben wird durch eine grundlegende Unterströmung des schöpferischen Göttlichen getragen. Das Universum ist durch das Spiel von Ananda in den Tiefen entstanden und wird durch Ananda auf seinem Kurs gehalten und bewegt. Aber wir sehen diese Note der Seligkeit nicht, weil wir nicht vollständig und frei leben. Wir leben voneinander getrennt, abgeschnitten von unserer Quelle, und antworten auf die Kontakte des Lebens mit halbherzigen, entstellten Reaktionen von Schmerz, Freude oder Gleichgültigkeit. Wir sind nicht in der Lage, ihnen in der richtigen Weise zu begegnen, die ihre natürliche Freude hervorrufen würde. Unsere verhaltenen und gehemmten Reaktionen sind eine Gewohnheit geworden, und uns entgeht das wahre Gefühl der Seins-Freude, die der Schöpfer in seinem Spiel der Manifestation auf ewig genießt und an der wir teilhaben sollen.

Je mehr wir über unsere trennende Unwissenheit hinauswachsen und uns der Wahrheit des Einsseins nähern, umso leichter wird es sein, in dieser All-Seligkeit zu atmen und zu leben.

GESETZ

Well is the unconscious rule for the animal breeds

Content to live beneath the immutable yoke;

Man turns to a nobler walk, a master path.

*

Gut ist die unbewusste Herrschaft für die Tierwesen,

Zufrieden zu leben unter dem wandellosen Joch;

Der Mensch wendet sich edlerem Gange zu, einem Meister-Pfad.

(X.4)

Für Geschöpfe, deren Bewusstsein sich noch auf einer niedrigeren Ebene befindet und nicht für die Artikulation organisiert ist, ist es gut, sich den Naturgesetzen zu unterwerfen und von ihnen beherrscht zu werden. Aber im Menschen sind die Fähigkeiten zur Selbstorganisation und Selbstlenkung ausgebildet. Er soll die Gesetze der Natur, die für eine niedrigere Evolutionsordnung gedacht sind, überschreiten und seinen eigenen Weg gehen. Der Mensch muss aus den Gerüsten der Natur ausbrechen, damit sein Bewusstsein wachsen und seine eigene Bewegung und sein eigenes Ziel finden kann.

SEELE

At last the soul turns to eternal things,

In every shrine it cries for the clasp of God.

*

Schließlich wendet die Seele sich ewigen Dingen zu,

In jedem Heiligtum schreit sie nach der Umarmung Gottes.

(X.3)

Die Seele sammelt Erfahrung im Leben, assimiliert ihre Essenz und gewinnt an Statur. Sie berührt jeden Bereich der Existenz, lernt eine Vielzahl von Dingen kennen und entwickelt sich. Aber es kommt ein Moment, in dem sie von diesen Erfahrungen vergänglicher Natur gesättigt ist und sich beständigeren Dingen zukehrt. Sie wendet sich dem Göttlichen zu, sie sucht den Kontakt und die Erfahrung des Göttlichen in der Welt um sich herum. Sie strebt danach, die Gegenwart des Göttlichen in jeder Form zu erkennen, das Göttliche in jedem Augenblick willkommen zu heißen und die Hand des Göttlichen in jeder Verkörperung zu ergreifen. Dann beginnt ernsthaftes spirituelles Leben.

DER EWIGE

Hidden in the mortal’s heart the Eternal lives.

*

Im Herzen des Sterblichen lebt verborgen der Ewige.

(VI.2)

Der Mensch ist sterblich, aber nicht alles von ihm ist vergänglich. Es gibt in ihm, in seinem Innersten, etwas Ewiges, ein Element, eine Wesenheit, eine Seele, die nicht endet, wenn der Körper vergeht. Und in Wahrheit ist diese Seele, dieses innerste Wesen – ein Teil des Göttlichen, eine Projektion des Ewigen – der wahre Mensch. Der Rest seines Wesens – sein Mental, sein emotionaler Teil, seine vitalen und physischen Anteile – ist nur seine instrumentale Natur, die umgewandelt werden muss, wenn sie dem Ziel der Seele nicht mehr dient oder nicht mehr dienen kann.

Wegen der Gegenwart dieser göttlichen, unsterblichen Seele im Inneren hat der Mensch ein anhaltendes Gefühl der Möglichkeit, diese Sterblichkeit zu überwinden, und er wird gedrängt, Schritte zu unternehmen, um in seinen höheren und tieferen Regungen am Charakter der unsterblichen Seele teilzuhaben.

UNSERE WAHRHEIT

Our greater truth of being lies behind.

*

Die höhere Wahrheit unseres Wesens liegt verborgen.

(VII.6)

Wir sind nicht nur der materielle Körper. Den haben wir, und die Materie hat ihre eigene Wahrheit. Wir sind ebenso das aktivierende Leben, und das Leben besitzt seine eigene Wahrheit. Wir sind auch der mentale Geist, und das Mental hat seine eigene Wahrheit. Unser Wesen hat viele Anteile, Ebenen von Bewusstsein, und jede besitzt ihre eigene Wahrheit. Aber die Wahrheit, die tiefer, weiter und größer als alle ist, liegt hinter all diesen im innersten Wesen. Es ist die Seele. Zu dieser Wahrheit der Wahrheiten müssen wir durch eine fortschreitende Entwicklung unseres Bewusstseins gelangen.

SELIGKEIT

...near and real to the longing heart

And to the body’s passionate thought and sense

Are the hidden kingdoms of beatitude.

*

...nah und wirklich für das sehnsuchtsvolle Herz

Und für das leidenschaftliche Verstehen und Erfühlen des Körpers

Sind die verborgenen Königreiche der Glückseligkeit.

(II.3)

Wir suchen nach Glück, nach Freude. Die Emotionen des Herzens strömen hervor und suchen Glückseligkeit. Die Gedanken und Vorstellungen des Mentals sind immer aktiv. Die Leidenschaften der Vital- und Sinnesorgane des Körpers mühen sich, jeden noch so kleinen Teil des Vergnügens, das sie ergreifen können, an sich zu reißen. Aber alles, was sie zu fassen vermögen, sind nur Spuren flüchtiger Vergnügen und Erregungen. Und das ist so, weil das wahre Glück in uns selbst liegt, unbemerkt von uns. Unserem Herzen, Mental und Körper nahe, hinter den Schleiern, unter den Oberflächen, fließen die Ströme immerwährender Seligkeit. Sie sind das natürliche Ausströmen der Seele. Wenn wir unseren Blick auf dieses Ausströmen richten und für eine Weile die fiebrige Erregung der äußeren Natur beiseitelassen, beginnen wir, uns dieser Glückseligkeit bewusst zu werden.

VERBORGENE GRÖSSE

There are greatnesses hidden in our unseen parts

That wait their hour to step into life’s front.

*

In unseren unsichtbaren Wesensteilen sind Größen verborgen,

Die auf ihre Stunde warten, in den Vordergrund des Lebens zu treten.

(VII.2)

Die Einschränkungen, mit denen wir konfrontiert sind, sind nicht endgültig. Sie berauben uns nicht unserer Möglichkeiten. Hinter und über dem Bereich unserer menschlichen Fähigkeiten, die in vielerlei Hinsicht begrenzt sind, stehen Mächte und Kapazitäten, die höher und umfassender sind. Sie sind latent, weil sie nicht aktiviert und nach vorne gebracht werden. Die äußere menschliche Natur ist nicht bereit, nicht entwickelt und stark genug, das Wirken dieser tieferen Kräfte zu erlauben. Sobald das Bewusstsein entwickelt und die Natur entsprechend organisiert ist, offenbaren sie sich und werden aktiv, wobei sie neue Ausblicke, neue Dimensionen in unserem Leben eröffnen.

AUFSTIEG

But first the spirit’s ascent we must achieve

Out of the chasm from which our nature rose.

*

Doch erst müssen wir den Aufstieg des Geistes vollziehen

Heraus aus dem Abgrund, aus dem unsere Natur sich erhob.

(II.5)

Bevor irgendeine spirituelle Verwirklichung erreicht werden kann, ist es unerlässlich, dass wir uns zuerst von dem vielfachen Griff der niederen Natur befreien, der uns in den Klammern der Trägheit, Dunkelheit und Unwissenheit gefangen hält. Unsere menschliche Natur ist aus einem Zustand der Nichtbewusstheit, Empfindungslosigkeit aufgetaucht, und dieser anfängliche Charakter haftet uns lange an auf dem aufsteigenden evolutionären Kurs, wobei er den verkörperten Geist durch seinen ständigen Abwärtszug behindert. Es ist wesentlich, uns von dieser Unterwerfung zu befreien und uns über die Herrschaft der Unwissenheit zu erheben, damit das Bewusstsein frei aufsteigen und sich in seinen höheren Aspekten entwickeln kann. Durch Konzentration, durch Meditation muss im Mental und über ihm eine Öffnung erreicht werden, damit der Aufstieg des Geistes möglich wird.

UNSER ANSTIEG

To eternal light and knowledge meant to rise,

Up from man’s bare beginning is our climb...

*

Bestimmt, in das ewige Licht und Wissen aufzusteigen,

Strebt unser Anstieg seit des Menschen nacktem Anfang...

(II.10)

Das Leben des Menschen besteht aus einer Reihe von Aufstiegen von einer Seinsebene zur nächsten, von Stufe zu Stufe des Bewusstseins. In seinen primitiven Anfängen ist er sich seiner selbst kaum bewusst, er lebt ein mechanisches Dasein, das in dem kleinen Kreisel seiner physischen Bedürfnisse und augenblicklichen Interessen gefangen ist. Er ist voller Trägheit und Dunkelheit und braucht den Stachel des Begehrens, um sich vorwärts zu bewegen. Die Natur zwingt ihn, sich anzustrengen und zu bemühen, wenn er den Kampf um das Dasein überleben will, und in diesem Prozess beginnt er, an Kraft, Bewusstsein und in seinem Wesen zu wachsen. Mit der Entwicklung des Mentals und anderer Fähigkeiten unternimmt er bewusste Schritte in Richtung seines Wachstums und der Ausweitung seiner Interessen. Von den Schatten der Nichtbewusstheit und dem Aufblitzen von Halblichtern bewegt er sich auf das ewige Licht zu, aus Unwissenheit und Falschheit auf Wissen und Wahrheit zu.

ABENTEUER

Content abide not with one conquered realm;

Adventure all to make the whole world thine,

To break into greater kingdoms turn thy force.

*

Begnüge dich nicht mit einem eroberten Bereich;

Wage alles, um dir die ganze Welt zu erringen,

Um in größere Reiche vorzudringen, nutze deine Kraft.

(VII.6)

Das Leben ist eine endlose Suche, ein Abenteuer ohne Ende. Jedes eroberte Gebiet, jeder errungene Sieg öffnet den Weg zu neuen Bereichen, größeren Siegen. Der heldenmütige Mensch gibt sich nicht mit dem zufrieden, was er erreicht hat. Er legt sich in die Riemen, betritt größere Räume, macht mehr Erfahrungen und wächst durch seine Mühen. Dies ist besonders im spirituellen Bereich der Fall. Die Verwirklichungen des Göttlichen, die der strebenden Seele offenstehen, sind zahlreich. Die Wirklichkeit ist unendlich, und wenn man den Gipfel des Wesens erklimmt, offenbart jedes erreichte Plateau die noch größeren Ausblicke, die vor einem liegen:

Wenn man Plateau um Plateau erklimmt, zeigt sich eine reiche Aktivität.

(Rig Veda, I.10.2)

Kleinere Geister mögen das Ausruhen am Wegrand wählen, aber nicht derjenige, der danach strebt, das Göttliche in seiner Fülle zu verwirklichen. Er strengt sich an, wie einstmals der Arier, Gipfel um Gipfel, Ebene um Ebene der kosmischen Manifestation zu erklimmen, und wird um die grenzenlosen Herrlichkeiten des Geistes reicher.

RAST

Our life’s repose is in the Infinite;

It cannot end, its end is Life supreme.

*

Unseres Lebens Rast ist im Unendlichen;

Es kann nicht enden, sein Ende ist höchstes Leben.

(II.6)

Unser Leben ist kein vergängliches Dasein, das mit dem Tod des Körpers endet. Der Körper mag sich auflösen und sterben, aber das Leben setzt sich fort in anderen Formen, anderen Körpern. Es kann nicht ausruhen, bis es sein Ziel erreicht hat, und jenes Ziel besteht darin, mit seinem Bewusstsein in unendliches Sein einzutreten. Das Ziel der Reise unserer Seele ist, vom endlichen zum unendlichen Leben hin zu wachsen und im Wesen, im Bewusstsein, in Kraft und in Freude in ihm zu blühen, ein grenzenloses Leben in einem grenzenlosen Bewusstsein zu leben. Erst dann ist unser Kampf und unser Ringen zu Ende, und die mühelose Manifestation des Höchsten wird möglich.

KEIN AUSRUHEN

There is no rest for the embodied soul.

It must live on, describe all Time’s huge curve.

*

Es gibt keine Ruhe für die verkörperte Seele.

Sie muss weiterleben, die ganze Riesenkurve der Zeit beschreiben.

(III.4)

Die Seele wird immer wieder geboren und tritt in neue Körper ein, um Erfahrung zu sammeln und sich auf ihre Gottheit hin zu entwickeln. Wenn sie durch den Ewigen zur Verkörperung wird, ist jede Seele damit beauftragt, im weiteren Verlauf der Zeit ihre Aufgabe zu erfüllen. Sie bekommt keine Ruhepause, kein Aufhören des Bemühens, so lange sie verkörpert ist. Sie muss handeln, sie muss sich bewegen, sie muss wachsen.

SELIGKEIT

...Time shall be

The quivering of the spirit’s endless bliss.

*

... Zeit soll

Das Beben endloser Seligkeit des Geistes sein.

(XI.1)

Wenn das Wesen seine wahre Natur verwirklicht, die keine andere als ewiges Sein, reines Bewusstsein und eine in sich selbst ruhende Seligkeit ist, wandelt sich alles Leben zu einem Rhythmus der Seligkeit. Jeder Augenblick in der Zeit wird zu einem Pochen dieser Seligkeit des ewigen Geistes.

PILGERREISE (I)

Make of thy daily way a pilgrimage,

For through small joys and griefs thou mov’st towards God.

*

Mache deinen täglichen Weg zur Pilgerreise,

Denn durch kleine Freuden und Sorgen bewegst du dich hin zu Gott.

(VI.2)

Der Weg zu Gott ist nicht etwas, das abseits vom Leben erarbeitet werden muss. Das Leben selbst ist der Weg. Das Leben muss zu einer heiligen Pilgerreise werden – adhvaram des Veda – mit dem Körper als dem Gefährt, den Lebensenergien als den Stuten und dem gereinigten Willen, Agni, als dem Reiseleiter. Die Reise führt von ineffektivem Dasein zu sinnvollem Leben, von Dunkelheit zum Licht, von Tod zur Unsterblichkeit. Alle Umstände und Wechselfälle des Lebens müssen als wichtige Beiträge zu der ganzen auf Gott gerichteten Bewegung gesehen werden. Die kleinen Freuden und Leiden, die das tägliche Leben des Menschen kennzeichnen, sollen nicht als unzählige Fallen und gefährliche Abgründe gefürchtet und abgelehnt, sondern als Erfahrungen angenommen und von der Seele für ihre gottgerichtete Entwicklung genutzt werden. Denn jedes Ereignis, jedes Geschehen hat für den Sucher eine Bedeutung, und wenn es im richtigen Geist angenommen wird, trägt es zur Aufwärtsentwicklung des Wesens bei. Auf diese Weise wandelt sich das ganze Leben selbst zu einer Pilgerreise zum Höchsten.

PILGERREISE (II)

...a tranquil pilgrimage,

Each year a mile upon the heavenly Way,

Each dawn opens into a larger Light.

*

...eine ruhige Pilgerreise,

Jedes Jahr ein Meilenstein auf dem himmlischen Weg,

Jede Morgendämmerung eröffnet ein größeres Licht.

(VI.1)

Die Pilgerreise zum Geist hat tatsächlich ihre Höhen und Tiefen, begegnet Erfreulichem und Unschönem, Tagen und Nächten des Bewusstseins. Aber ist die Bindung erst einmal endgültig und die Hingabe an die leitende Macht vollständig, wird der Weg zu einer ruhigen, stetigen Reise. Es gibt keine fieberhafte Ungeduld, keinen gewaltsamen Versuch, vorwärts zu stürmen. Man weiß, dass der Weg lang ist, aber jeder Tag, jede Zeitspanne markiert einen weiteren getanen Schritt, eine weitere Strecke, die auf dem Weg zurückgelegt wurde, der mit Sicherheit zur Herrlichkeit des Göttlichen Königreiches führt. Das Höhere Bewusstsein, seine Kraft, sein Licht wachsen kontinuierlich. Eine Erleuchtung folgt der anderen, jede ist größer und umfassender als die vorherige. Größer als die Morgendämmerung von gestern, bereitet sich die heutige auf den noch größeren Beginn von morgen vor. Wie der Rishi der alten Zeiten singt:

Lass dein Licht leuchten, du Schatzträgerin,

O Tochter des Himmels, wie einst du erstrahltest, –

O größer noch in deiner Kraft, in der Sohnschaft der Geburt des Wissens, im inspirierten Hören der Wahrheit.

(Rig Veda, 5.79.3)

ZIEL

Always a nameless goal beckons beyond...

*

Stets lockt ein fernes, namenloses Ziel...

(II.10)

Wir nehmen uns Dinge vor, entscheiden, welches Ziel unser Leben haben soll. Aber dieses Wählen wird mehr oder weniger von den uns umgebenden Einflüssen oder den Vorlieben unserer begrenzten Intelligenz bestimmt. Es korrespondiert nicht immer mit der tieferen Wahrheit unseres Wesens, die alleine sein Ziel kennt. Außerdem kann es in der sich entwickelnden evolutionären Bewegung, die unser Leben auf der Erde ist, nicht nur ein Ziel geben. Es gibt eine Reihe von Zielen, von denen jedes auf das nächste hinweist, wobei der Weg der Reise immer in das Unbekannte geht. Denn das Bekannte, dessen Richtung wir bezeichnen können, ist letzten Endes ein Teilbereich, verglichen mit dem Vielen, das erfasst und noch verstanden werden muss – bhuri kartvam (Rig Veda, I.10.2). Immer ruft uns jenes namenlose unbestimmbare Jenseits dazu auf, vorwärts zu gehen.

* * *

Teil II

ZUSTIMMUNG

I shall save earth, if earth consents to be saved.

*

Ich werde die Erde erretten, wenn die Erde der Rettung zustimmt.

(VII.4)

Die Gnade Gottes wendet sich immer den Wesen seiner Schöpfung zu. Aber sie kann nur wirksam werden, wenn die Empfangenden bereit sind, das Wirken dieser Höheren Macht zuzulassen und mitzuarbeiten. Wenn sie ihr den Rücken kehren, wenn sie sich damit zufrieden geben, ihr Dasein in ihren gewohnten niederen Lebensrunden zu fristen, kann die Gnade wenig tun, außer darauf zu warten, dass sie aufwachen oder durch die Schläge und Schocks des Lebens dazu gezwungen werden. Zuerst müssen die Menschen gerettet werden wollen und bereit sein, den Preis dafür zu zahlen, bevor sie wirklich gerettet werden können.

ASPIRATION

Aspiring he transcends his earthly self...

*

Strebend transzendiert er sein irdisches Selbst...

(VII.2)

Weil der Mensch das bekommen möchte, was er nicht hat, und erlangen möchte, was er braucht und was ihm fehlt, setzt er seinen Willen in dieser Richtung ein und bemüht sich. Er strebt danach. Und was er anstrebt, kann er im Maße seiner Aufrichtigkeit erreichen. Wenn sein Streben nur auf einen Wesensteil, z.B. Mental oder Herz, begrenzt ist, erlahmt es bei den ersten Hindernissen oder Enttäuschungen, und wenn er es sterben lässt, ist kein Fortschritt möglich. Aber wenn er aufrichtig ist, und seine Aspiration, sein sehnsuchtsvolles Streben, nach Dingen oder Zuständen außerhalb seines jetzigen Selbst auf all seine Wesensteile, Mental, Herz, Vital oder Körper ausdehnt, wenn er gegen alle Widerstände ausharrt und darauf besteht, unerbittlich zu streben, wird er mit Sicherheit seinen irdischen Zustand überschreiten und in höhere Dimensionen des Wesens hineinwachsen.

Solch eine Aspiration ist das erste Erfordernis im spirituellen Leben. Es ist die Flamme, die das Bestreben am Leben erhält, eine vorwärts und aufwärts schießende Flammenzunge Agnis, die alles Irdische als ihren Brennstoff verzehrt.

DAS DRÄNGEN DER SEELE

A secret labouring glow of nascent fire.

*

Ein heimliches mühendes Glühen aufkeimenden Feuers.

(X.3)

Die Seele ist ein Funke des Göttlichen Bewusstseins. Dieser Funke versucht immerfort, zu einer Flamme zu werden und sich zu behaupten, das ganze Wesen mit seiner Wärme und strahlenden Reinheit zu erfüllen. Das Mühen dieses verborgenen Funken, sich zu einer Wesenheit zu entwickeln und als Agni, der der Leiter der Reise, der Götterbote und Sohn des Körpers ist, hervorzutreten, ist die wirkliche Antriebskraft hinter der evolutionären menschlichen Entwicklung. Im Yoga brennt dieses Feuer als verzehrende Sehnsucht, zu wachsen und das elterliche Göttliche zu erreichen. Alle Aktivitäten des Lebens werden als Brennstoff in diese leuchtende Flamme geworfen.

MYSTISCHES FEUER

Then kindling the gold tongue of sacrifice,

Calling the powers of a bright hemisphere,

We shall shed the discredit of our mortal state,

Make the abysm a road for Heaven’s descent,

Acquaint our depths with the supernal Ray

And cleave the darkness with the mystic Fire.

*

Wenn wir die goldene Zunge des Opfers entfachen,

Die Mächte einer leuchtenden Hemisphäre rufen,

Werden wir alles Verrufene unseres sterblichen Zustandes abschütteln,

Den Abgrund zur Straße für die Herabkunft des Himmels machen,

Unsere Tiefen mit dem übernatürlichen Strahl vertraut machen

Und die Finsternis aufreißen mit dem mystischen Feuer.

(II.5)

Agni, die Flamme der Aspiration, die flammende Kraft des Willens, muss in unserem Wesen entzündet und ständig am Brennen gehalten werden. Das ganze Leben wird in dieses zentrale Feuer gegeben, das die Schlacken unserer Unreinheiten verbrennt und uns befähigt, mit dem Besten in uns auf seinen Ruf zu antworten. Die Opfergaben unseres Selbstes formen unser Wesen in Licht, Kraft, Freude und Unsterblichkeit neu. Und während Agnis Kräfte daran arbeiten, diese höheren Bewusstseinszustände in uns zu etablieren, werden die Vergänglichkeiten und Dunkelheiten unserer kleineren Natur auf natürliche Weise entfernt.

DIE FLAMME DER ASPIRATION

Once kindled, never can its flamings cease.

*

Einmal entfacht, können ihre Flammen niemals erlöschen.

(II.12)

Tief im Menschen liegt die Sehnsucht der Seele, ihren Ursprung im Göttlichen zu erreichen. Aber sie liegt unter vielen Begehrlichkeiten und egoistischen Impulsen einer Natur in Unwissenheit verschüttet. Die ersten Schritte zu einem inneren spirituellen Leben beginnen mit dem Entzünden dieser inneren Flamme der Aspiration. Sie wird durch die Gnade entfacht, durch irgendetwas, wie ein Wort, eine Erfahrung, den Einfluss eines Lehrers und so fort. Ist dies einmal geschehen, gibt es wirklich kein Zurück mehr. Die Flamme lodert hoch, wobei sie alles mit sich nimmt, was sie nährt, und sie wirft ihre Glut auf alles, was noch unfertig ist. Selbst wenn sie durch gegensätzliche Bewegungen im äußeren Leben in den Hintergrund gedrängt wird, brennt sie im Inneren weiter und wartet auf ihre Stunde, um wieder aufzutauchen und unverschleiert zu wirken.

TRÄUME

Dreams that are hints of unborn Reality...

*

Träume sind Hinweise einer ungeborenen Wirklichkeit...

(VII.3)

Nicht alle Träume sind Fantasien oder ein wirres Durcheinander unserer eigenen unbewussten Eindrücke und Wünsche. Es gibt Träume, die einer anderen Ordnung angehören. Sie spiegeln Kontakte oder Eindrücke von Wirklichkeiten wieder, die wir in unserem Schlaf erfahren. Von den Fesseln unseres physischen Körpers befreit, reisen unsere feinen Wesensteile in die subtileren Welten, die sich uns in Zuständen von Traum und Schlaf eröffnen, und dort machen sie Erfahrungen, die eine gewisse Wahrheit in sich tragen. Sie sind keine Reflexe der Regungen während unserer Wachzustände. Im Gegenteil, sie sind Zeichen und Anhaltspunkte für Tätigkeiten oder Geschehnisse auf den höheren Ebenen, wo sich die Dinge für die Manifestation auf der Erde vorbereiten. Diese Träume sind Hinweise auf bevorstehende Ereignisse.

GLAUBE

...contradicted by the human law,

A faith in things that are not and must be

Lives comrade of this world’s delight and pain,

The child of the secret soul’s forbidden desire

Born of its amour with eternity.

*

...widersprochen vom menschlichen Gesetz,

Lebt ein Glaube an Dinge, die nicht sind, aber sein müssen,

Als Kamerad von Freude und Schmerz dieser Welt,

Das Kind des verbotenen Wunsches der geheimen Seele,

Geboren aus ihrer Liebschaft mit der Ewigkeit.

(II.11)

Glaube ist unverzichtbar, Glaube an die Existenz des Göttlichen, Glaube an die Gewissheit der Verwirklichung des Göttlichen, Glaube an die eigenen Möglichkeiten der Vereinigung mit dem Göttlichen. Dieser Glaube mag von der mentalen Vernunft angefochten werden, die auf handfesten Beweisen besteht, bevor sie irgendetwas als real anerkennt. Aber der Glaube besteht auf seinem Recht zu glauben, dass das, was nicht oder nicht unmittelbar nach empirischen Gesetzen vernünftig oder verifizierbar sein mag, trotzdem wahr ist und nicht geleugnet werden kann. Denn dieser Glaube wird aus der Wahrnehmung des tieferen Wesens, der Seele, geboren. Die Seele hinter den äußeren Schleiern hat ihre eigenen Einblicke, ihren eigenen Kontakt mit dem Göttlichen, und diese Tatsache, ihre Bekundung – und darauf gründend das sehnsuchtsvolle Streben der Seele, das Göttliche zu erreichen –, wird an der Oberfläche als unerschütterlicher Glaube sichtbar. Dieser Glaube ist der unfehlbare Stützpfeiler im inneren Leben, das von Situationen bedrängt wird, die geeignet sind, Zweifel und Unglauben zu schüren und mentale Verwirrung zu stiften.

Glaube steigt auf in der Seele, die in der Tiefe des Herzens wohnt:

In der Tat, im Herzen ist der Glaube begründet.

(Brihadaranyaka Upanishad, 3.9.21)

REINHEIT

Heaven’s joys might have been earth’s if earth were pure.

*

Des Himmels Freuden hätten die der Erde sein können, wäre die Erde rein.

(II.3)

Wir können die Glückseligkeiten des Himmels, unfehlbares Wissen, unveränderlichen Frieden, unbegrenzte Macht und reine Seligkeit, nicht festhalten, solange wir in unserer menschlichen Natur begrenzt und in unserem Wesen durch Unwissenheit, Begehren und Egoismus gespalten sind. Diese Überreste unserer Wurzeln im Nichtbewussten und in der Dunkelheit müssen aus uns entfernt werden, bevor sich die charakteristischen Wahrheiten der Göttlichen Natur in uns niederlassen und offenbaren können, ohne durch ihre Gegensätze aus der niederen Natur verwässert und verunreinigt zu werden.

Wir müssen unser ganzes Wesen reinigen, bevor wir hoffen können, die ungebrochenen Freuden des Geistes in ihrer Fülle zu empfangen und zu verkörpern.

WONNE (I)

How shall the mighty Mother her calm delight

Keep fragrant in this narrow fragile vase,

Or lodge her sweet unbroken ecstasy

In hearts which earthly sorrow can assail

And bodies careless Death can slay at will?

*

Wie soll die mächtige Mutter den Duft ihrer ruhigen Freude

In dieser engen zerbrechlichen Vase wahren,

Oder ihre liebliche ungebrochene Ekstase

In Herzen heimisch machen, die von irdischen Sorgen bestürmt werden können,

Und in Körpern, die sorgloser Tod beliebig erschlagen kann?

(X.4)

Es ist nicht möglich, die göttliche Wonne im Gefäß des menschlichen Körpers zu empfangen und zu halten, solange es nicht dafür vorbereitet ist. Ein Mental, das eng und ruhelos ist und äußeren Zerstreuungen hinterherläuft, ein Herz, das den Böen irdischer Vergnügen und Schmerzen ausgesetzt ist, eine Lebensenergie, die unkontrolliert ist und dazu neigt, bei der geringsten Provokation auszurasten, und ein physischer Körper, der schwach und unrein ist – nicht im Feuer der Askese zu Festigkeit und Ausdauer „gebacken“, atapta tanuh, – kann die Freude Gottes nicht halten, ohne sie zu verschütten oder selbst unter ihrer Intensität zu zerbrechen. Das Bewusstsein muss geweitet, die instrumentelle Natur beruhigt, gereinigt und kultiviert werden und voller Gleichmut sein, wenn die hereinströmende Freude auf natürliche Weise und in zunehmendem Maße gehalten werden soll.

WONNE (II)

The dire delight that could shatter mortal flesh,

The rapture that the gods sustain he bore.

*

Die äußerste Freude, die sterbliches Fleisch zerschmettern könnte,

Die Verzückung, die die Götter ertragen, hielt er aus.

(II.9)

Die spirituelle Ekstase, die von oben herabströmt oder von innen heraus aufwallt, während der Yoga voranschreitet, kann nicht mit der menschlichen Verzückung verglichen werden. Diese Ekstase hat eine Intensität, die der normale menschliche Körper nicht ertragen kann. Ein unvorbereiteter Körper, atapta tanuh, sagt der vedische Seher,1 verschüttet diese göttliche Ekstase und zerbricht unter ihrem Druck. Nur ein gereinigtes und konzentriertes Bewusstsein – wie das der Götter – kann diese Freude aushalten und manifestieren. Bevor diese spirituelle Ekstase verkörpert werden kann, muss der Körper gestärkt, die Vitalität ohne Vergeudung gesammelt und das Mental in einer unerschütterlichen Ruhe verankert werden.

1 Ein „ungebackener“ Körper, ist die ausdrucksstarke Formulierung (Rig Veda, 9.83.1).

MENSCHLICHE GRENZEN

Only in human limits man lives safe.

*

Nur in menschlichen Grenzen lebt der Mensch sicher.

(IX.1)

Der Mensch kann sein Leben in Unwissenheit gesichert leben, solange er sich innerhalb der Grenzen dieser Unwissenheit bewegt. Sein gewöhnliches Dasein baut sich auf den Sinnen und den Fähigkeiten von Mental, Leben und Körper auf, gemäß dem engen Rahmen seines Bewusstseins und seiner Handlungen, die für sein oberflächliches Leben selbstverständlich sind. Würde er diese Grenzen überschreiten, wäre sein begrenztes Leben offen für die Invasion des ihn umgebenden Unendlichen, und sein prekäres Gleichgewicht würde gestört werden. Er würde aus der abgeschlossenen Sicherheit seiner vom Ego bestimmten Grenzen in die größere universelle Bewegung, die auf ihn drückt, gezogen werden.

Der Sucher des Unendlichen muss aus diesem engen Kreis der Sicherheit ausbrechen, indem er die engen Strukturen seines schlichten Lebens in Unwissenheit ablegt.

BRICH AUS

Out of earth’s heavy smallness we must break,

We must search our nature with spiritual fire.

*

Aus der Erde drückender Kleinheit müssen wir ausbrechen,

Wir müssen unsere Natur mit spirituellem Feuer ergründen.

(II.10)

Infolge der überwältigenden Unwissenheit und des Handelns des allgegenwärtigen Egos fühlen wir uns in unserem Wesen von allem im Universum getrennt. Wir neigen dazu, uns von allem Übrigen getrennt zu fühlen und in Enge zu leben, schützen uns vor dem, was wir als „andere“ bezeichnen und entmutigen Bewegungen, die unsere selbstauferlegte Isolation bedrohen, mit dem Resultat, dass wir uns in unserem Wesen nicht weiten; wir entwickeln uns nicht. Nicht nur im Mental, nicht nur in den Emotionen, dem Vital, sondern selbst im Unterbewussten und im Physischen halten wir an unserer Kleinheit fest. Um Abhilfe zu schaffen, müssen wir in uns selbst hineinschauen, mit dem brennenden Licht der Seele in allen Winkeln unseres Wesens, den verborgenen Teilen unserer Natur nachforschen und unseren erleuchteten Willen dazu benutzen, die irdischen, einengenden Mauern, wo immer sie sich finden, niederzureißen. Denn eingeschlossen zu sein, bedeutet, in unserem Wesen gefangen zu sein; uns zu weiten, bedeutet, zu wachsen. Die Upanishad sagt:

Das Kleine ist sterblich, das Weite ist unsterblich.

(Chandogya Up. 7.24.1)

NICHT NUR FÜR DAS SELBST

But not for self alone the Self is won:

*

Aber nicht für sich allein wird das Selbst gewonnen.

(VII.6)

Spirituelle Verwirklichung und Befreiung von den Beschränkungen der Unwissenheit werden nicht zum eigenen persönlichen Vorteil gesucht. Die Befreiung anderer, der übrigen Mitmenschen, ist ebenfalls das Anliegen des Suchers. Wenn er zu Beginn den Schwerpunkt auf seine eigene Vervollkommnung legt, dann deshalb, weil er anderen nicht wirklich helfen kann, solange er selbst unvollkommen und von den Regungen der niederen Natur geblendet ist:

Diejenigen, die in der Unwissenheit verweilen und sich selbst für gelehrte Menschen halten, denkend „Wir, selbst wir sind klug und weise“, – Narren sind sie und sie wandern umher, stecken Schläge ein und stolpern wie der Blinde, der vom Blinden geführt wird.

(Mundaka Upanishad, 1.2.8)

Seine eigene Befreiung, Selbstverwirklichung, ist ein unerlässlicher Schritt, damit seine Hilfe für andere wirksam werden kann. Im Wesentlichen ist er eins im Bewusstsein mit dem Bewusstsein der anderen; es sind nur die trennenden Mauern des Egos, die ihn von anderen abschotten. Sind diese Barrieren einmal mit dem Hervorkommen des wahren Selbst niedergerissen, erstrecken sich das Licht, die Kraft und Stärke, die von der Selbstverwirklichung ausgehen, spontan auf jene, die weniger glücklich sind. Der Mensch ist ein Teil der Gesamtheit und er schuldet es ihr, dass er sein Bestes zu ihrem Fortschritt beiträgt. Wenn er dieser Verpflichtung nicht nachkommt, macht er sich spiritueller Selbstsucht schuldig.

ALLES LEBEN IST EINS

A subtle link of union joins all life.

*

Ein feines Band der Einung verbindet alles Leben.

(II.2)

Obwohl es nicht so aussieht, gibt es eine wesentliche Einheit des Lebens im Universum. Alle Trennungen zwischen Form und Form, Individuum und Individuum bestehen nur auf der bloßen Oberfläche. In der Tiefe gibt es eine Verbindung, die alle eint. Es gibt eine universale Materie, von der alle materiellen Formen Konstruktionen sind, einen universalen Strom des Lebens, von dem alle individuellen Leben Wellen sind, ein universales Mental, von dem jeder mentaler Geist seine Projektion ist, eine Seele, von der alle Seelen ein Teil sind. Außerdem gibt es ein alles durchdringendes Bewusstsein, das alle unterstützt und zusammenhält. Diese grundlegende Einheit wird sogar an der Oberfläche erkannt, wenn sich das Bewusstsein entwickelt und vertieft.

JENSEITS VON ZEIT UND RAUM (I)

His soul must be wider than the universe

And feel eternity as its very stuff...

*

Seine Seele muss weiter als das Universum sein

Und Ewigkeit als ihren eigentlichen Soff empfinden...

(VII.6)

Derjenige, der mit dem Göttlichen eins sein und das Göttliche Bewusstsein für das Wirken in der Welt verkörpern möchte, muss zuerst seine allzu menschliche Natur in die göttliche verwandeln. Er muss die physischen, vitalen und mentalen Grenzen seiner Oberflächennatur überschreiten und sein Bewusstsein immer weiter ausdehnen, bis er nicht nur das Universum umfasst, sondern sogar weiter als dieses wird, damit er es in seinem Selbst, seiner leuchtenden Seele birgt. Er muss die Grenzen des Raumes überschreiten. Gleichermaßen muss er die Fesseln der Zeit abstreifen. Er soll in ein Bewusstsein hineinwachsen, das nicht von Unterbrechungen durch den Tod zerstört wird, sondern mit dem ewigen Selbst in seinem Innersten eins ist. Denn das Selbst besteht aus der göttlichen Substanz, die ewig und unsterblich ist.

JENSEITS VON ZEIT UND RAUM (II)

Only when Eternity takes Time by the hand,

Only when infinity weds the finite’s thought,

Can man be free from himself and live with God.

*

Erst wenn Ewigkeit die Zeit bei der Hand nimmt,

Erst wenn Unendlichkeit sich mit dem Gedanken des Endlichen vermählt,

Kann der Mensch frei von sich selbst sein und leben mit Gott.

(VII.4)

Der Mensch lebt erheblich eingeschränkt durch die Fesseln der Zeit. Er ist auch in den Mauern einer vergänglichen Verkörperung eingeschlossen. Was immer er sich durch seine Bemühungen an Bewegungsfreiheit verschafft, liegt notgedrungen innerhalb dieser allgegenwärtigen Einengungen. Wahre Freiheit kann erst beginnen, wenn er sich in seinem Bewusstsein über Raum und Zeit erhebt. Er kann und muss in seinem Bewusstsein über die dreifache Formulierung von Zeit hinausgehen und seinen Stand im ewigen, unveränderlichen Selbst einnehmen. In ähnlicher Weise muss er lernen, in seinem inneren Wesen zu leben, das das vergängliche Gebilde von Körper, Vital und Mental, das sein äußeres Wesen ausmacht, überschreitet. In dem Maße, in dem es ihm gelingt, im Ewigen zu leben und am Unendlichen teilzunehmen, ist er befreit. Er wohnt in Gott.

JENSEITS VON FORM

The soul must soar sovereign above the form

And climb to summits beyond mind’s half-sleep...

*

Souverän muss sich die Seele über die Form erheben

Und Gipfel über dem Halbschlaf des Mentals erklimmen...

(II.5)

In ihrem Zustand der Unwissenheit ist die Seele eine Gefangene der Form. Die Form enthält die Seele und das Leben besteht aus einer Reihe von Transaktionen auf der Ebene von formgebundenen Kontakten und formgeleiteten Wahrnehmungen und Vorstellungen. Das Ergebnis ist, dass alle Erfahrungen und alles Wissen oberflächlich sind und die Seele eingeschlossen ist. Der Seele muss geholfen werden, ihre Form zu durchbrechen, die ihr Träger und nicht ihre Hülle sein soll. Nur dann wird es ihr möglich sein, sich natürlich zu entwickeln und ihr Bewusstsein direkt in die Welt einzubringen. Sie muss auch lernen, über die Begrenzungen des mechanischen Mentals hinauszugehen und die höheren mentalen Bereiche zu betreten, die sich den Höhen des Geistes öffnen.

HINGABE

A deep surrender is their source of might...

*

Eine tiefe Hingabe ist die Quelle ihrer Macht...

(I.4)

Die Voraussetzungen für den Yoga, besonders für jenen Yoga, der eine vollständige Umwandlung der menschlichen Natur und eine Übernahme der niederen Natur durch die höhere göttliche Natur verlangt, sind zu hoch, als dass die schwache Kraft des Menschen sie ohne Hilfe erfüllen könnte. Er sucht die Kraft der höheren Macht. Und um dies wirksam zu tun, gibt er sich ihr hin: Er bringt jener Macht seinen Willen, sein Mental, sein ganzes Wesen dar – in seinen Tiefen und Höhen. Er öffnet sich ihrem Wirken ohne Vorbehalt. Sein ganzes Wesen ist von diesem Geist und diesem Akt der Selbsthingabe durchdrungen:

Zu dir, O Flamme, kommen wir Tag um Tag, in der Nacht und im Licht, und tragen in unseren Gedanken die Ehrerbietung.

(Rig Veda, I.I.7)

Als Resultat dieser An-Bindung, beginnt die höhere Macht mehr und mehr mit all ihrer Fülle in ihm zu wirken. Er handelt nicht länger nur durch seine Stärke und Mittel; es sind die Macht, die Stärke und das Licht, denen er sich hingegeben hat, die in und durch ihn wirken. Und ihrer Effektivität sind keine Grenzen gesetzt.

ANBETUNG

...worship lifts the worshipper’s bowed strength

Close to the god’s pride and bliss his soul adores.

*

...Anbetung erhebt die sich verbeugende Stärke des Betenden

Nah zur Pracht und Seligkeit jenes Gottes, den seine Seele verehrt.

(II.3)

Wenn man die Gottheit oder die Macht, die man verehrt, anbetet, ist es nicht bloß ein Ritual, um der eigenen Hingabe Ausdruck zu verleihen. Es ist ein Akt der Selbsthingabe, des Gebens von allem, was man hat und ist, an den Angebeteten. Dabei wird die eigene schwache Kraft vermehrt und der Stärke und Größe des Verehrten näher gebracht. Sie beginnt mit der Kraft und dem Bewusstsein der Höheren Macht zu vibrieren und wird zu einem Kanal für ihr Wirken.

VEREHRUNG

The throb of one adoration’s single bliss

In a rapt ether of undying love.

*

Der selige Pulsschlag einziger Anbetung

In einem verzückten Äther unvergänglicher Liebe.

II.14)

Verehrung ist nicht ritueller Kult. Es ist ein innerer Zustand der Gemeinschaft zwischen dem Verehrten und dem Betenden. Die Verbindung zwischen beiden ist jene einer äußersten Liebe für das Objekt der Anbetung. Es ist ein ununterbrochenes Fließen des Bewusstseins auf den Wellen der reinen Emotionen des Herzens, ein steter Gedankenstrom, frei von jeglicher egoistischer Regung. Es ist ein spontanes Aufsteigen der Seele, die den ganzen Rest des Wesens in ihrer wachsenden freudigen Selbsthingabe und Identifizierung mit dem einen Objekt ihrer Anbetung sammelt.

FÜSSE

All Nature dumbly calls to her alone

To heal with her feet the aching throb of life...

*

Die ganze Natur ruft stumm nach ihr allein,

Damit sie mit ihren Füßen das wehe Pochen des Lebens heilt...

(III.2)

Die Füße des verkörperten Göttlichen oder des Gurus, der das Göttliche repräsentiert, haben in der Manifestation des Geistes eine besondere Bedeutung. Sie sind der erwählte Kanal für das Fließen und die Übermittlung der für die Verkörperung charakteristischen Macht und Energie. Mehr als durch irgendein anderes Medium wie Hände, Augen, Sprache usw. wird jenen, die sie berühren, konzentrierte spirituelle Kraft zuteil.

Es sind die verehrten Füße der Göttlichen Mutter, die immer wieder über die Erde geschritten sind und den Schmerz und das Leid des irdischen Lebens, wann immer es unerträglich wurde, geheilt haben.

SHAKTI

All Nature dumbly calls to her alone

To heal with her feet the aching throb of life

And break the seals on the dim soul of man

And kindle her fire in the closed heart of things.

*

Die ganze Natur ruft stumm nach ihr allein,

Damit sie mit ihren Füßen das wehe Pochen des Lebens heilt

Und die Siegel auf des Menschen dämmriger Seele bricht

Und in den verschlossenen Herzen der Dinge ihr Feuer entzündet.

(III.2)

Diese allgegenwärtige Shakti ist die Göttliche Mutter, die von der laborierenden Natur gerufen wird. Es ist ihre Aufgabe, mit ihrer innewohnenden Seligkeit die Schmerzen und Wunden des Lebens zu heilen. Sie allein kann schließlich in ihrer Macht die der Seele des Menschen aufgeprägten Stempel des Unwissens und des Unbewussten zerbrechen; und es ist wieder sie, die in ihrem strömenden Bewusstsein im Herzen der Dinge, welches vom Rauch der Dunkelheit und Unwissenheit bedeckt ist, das Feuer der Aspiration entzünden kann.

WILLE

Above blind fate and the antagonist powers

Moveless there stands a high unchanging Will...

*

Über blindem Schicksal und den gegnerischen Mächten

Steht dort bewegungslos ein hoher unwandelbarer Wille...

(III.4)

Das Leben ist voller gegensätzlicher Kräfte und miteinander streitender Möglichkeiten. Das Schicksal, das die Energien der Vergangenheit geschmiedet haben, und der Kampf der zweifachen Mächte von Gut und Böse, Wahrheit und Falschheit lassen der Initiative des Einzelnen wenig Freiheit. Aber eine tiefere Sicht nimmt hoch über diesen gegensätzlichen Bewegungen einen göttlichen Willen wahr, der unwandelbar und beherrschend ist. In dem Maße, wie man sich im Bewusstsein entwickelt, verbindet man den eigenen Willen mit diesem göttlichen Willen und erhebt sich so über den Strudel des Wirkens der niederen Natur.

GEBET (I)

A magic leverage suddenly is caught

That moves the veiled Ineffable’s timeless will.

*

Erfasst wird plötzlich eine magische Hebelkraft,

Die den zeitlosen Willen des verhüllten Unbeschreibbaren bewegt.

(I.2)

Wenn uns klar wird, dass unser eigener menschlicher Wille zu schwach und begrenzt ist, um das zu erreichen, was wir suchen, dann konzentrieren wir uns, sammeln all unsere Energien, um eine äußerste Anstrengung zu unternehmen; oder wir beten und halten uns gesammelt und offen der Höheren Macht gegenüber, an die wir uns wenden. Plötzlich sehen wir, dass wir etwas erreichen können. Das kommt daher, dass unser Wesen durch diese Übung fähig war, mit dem Höchsten Willen des Göttlichen, der ungesehen hinter allen Bewegungen steht, zu kommunizieren. Unser Wille vereinigt sich für den Augenblick mit jenem Willen und lenkt ihn zu unseren Gunsten. Die Kunst ist, diese erhebende Kraft des Gebetes zu finden, die den niederen Willen mit dem Höheren Willen verbindet.

GEBET (II)

A prayer, a master act, a king idea

Can link man’s strength to a transcendent Force.

*

Ein Gebet, eine Meisterleistung, eine Königsidee

Kann des Menschen Stärke mit einer transzendenten Kraft verbinden.

(I.2)

Die Stärke des Menschen ist aufgrund der vielfältigen Folgen der Unwissenheit, die sein Leben kennzeichnet, nach allen Seiten hin begrenzt. Deshalb fühlt er sich oft unzulänglich, wenn er sich mit ungewöhnlichen Situationen auseinandersetzen muss. Aber es ist ihm möglich, sich mit einer höheren Kraft zu verbinden und durch einen meisterhaften inneren Akt, durch den er sich über sein normales Selbst erhebt, Stärke einströmen zu lassen, wie z.B. durch ein Gebet, durch dessen Artikulierung er sich der Höheren Macht hingibt und sie zu sich ruft, das wiederum die ganze Energie, ein mutiges Werk oder eine kraftvolle Idee anregt, die das gesamte Wesen ergreift. Durch dies alles geht er über sich selbst hinaus und öffnet sich dem Wirken einer transzendenten Kraft.

MACHT

The Power that acts in us is not our force.

*

Die Macht, die in uns wirkt, ist nicht unsere Kraft.

(VII.6)

Normalerweise sind wir uns einer Kraft bewusst, die in uns aktiv ist, unseren Willen ausführt und unsere Wünsche verwirklicht. Wir neigen dazu, sie als Kraft unseres Körpers, unseres Lebens oder unseres Mentals anzusehen. Es gibt auch eine Kraft, die unablässig für unseren Fortschritt aktiv ist, unsere Regungen erhebt, unser Bewusstsein verfeinert. Auch sie wird als Kraft unseres erleuchteten Selbst verstanden. In Wahrheit ist es jedoch eine Kraft des Göttlichen in der Manifestation, die auf verschiedenen Ebenen in verschiedenen Formen wirkt, als Macht der Universalen Natur – der höheren und der niederen –, als Kraft im Individuum, der Seele und der Natur. Es ist die Macht des Selbstes im Willen, der in der Schöpfung wirkt.

AUFSTIEG

Only the Eternal’s strength in us can dare

To attempt the immense adventure of that climb

And the sacrifice of all we cherish here.

*

Allein die Stärke des Ewigen in uns kann sich wagen,

Das immense Abenteuer jenes Aufstiegs zu versuchen

Und das Opfern von all dem, was wir hier lieb gewonnen haben.

(II.12)

Es ist beinahe unmöglich, die Höhen unseres Wesens mit unseren kleinen menschlichen Mitteln zu erklimmen. Unsere menschliche Natur ist in ihrer Unwissenheit begrenzt, und wir sehen uns außerstande, die verschiedenen Modifikationen und Umgestaltungen unseres Bewusstseins zuzulassen, die von uns gefordert sind, wenn wir immer neue Höhen unseres Wesens erreichen und auf ihnen leben wollten. Wir hängen an unzähligen gewohnten Dingen und Regungen unserer niederen Natur, und es ist schwierig, sie ohne göttliche Hilfe zu überwinden. Um dem Sog unserer niederen und undurchsichtigen Natur zu widerstehen, unser Bewusstsein immer höher in neue Dimensionen zu erheben, braucht es eine Stärke jenseits unserer menschlichen Grenzen – die durch die Gnade gewährte Kraft des Göttlichen.

ASANA

Intense, one-pointed, monumental, lone,

Patient he sat like an incarnate hope

Motionless on a pedestal of prayer.

*

Stark, konzentriert, monumental, allein

Saß er geduldig wie eine leibhaftige Hoffnung

Reglos auf dem Sockel eines Gebets.

(III.3)

In der Sadhana der Meditation oder Konzentration hat asana, Körperhaltung, eine wesentliche Bedeutung. Der Körper sitzt aufrecht, bewegungslos, der Blick ist auf das Objekt gerichtet und der mentale Geist voller Erwartung auf das gewählte Thema oder die Form fokussiert. Nirgendwo im Wesen herrscht Ruhelosigkeit, keinerlei Ungeduld; man ist gesammelt, still und allein mit sich selbst.

UNERSCHÜTTERLICHE HALTUNG

...a firm spiritual poise,

A constant lodging in the Eternal’s realm,

A safety in the Silence and the Ray,

A settlement in the Immutable.

*

...eine feste spirituelle Unerschütterlichkeit,

Ein stetes Wohnen im Reich des Ewigen,

Eine Geborgenheit in der Stille und dem Strahl,

Ein fester Standort in dem Unwandelbaren.

(I.3)

Dies ist der dauerhafte Zustand, den der spirituell Suchende aufbauen muss. Während er seinen äußeren Aufgaben in dem ihm zugewiesenen Bereich und in der von ihm geforderten Weise nachgeht, bemüht er sich, sein Bewusstsein in einer unerschütterlichen Haltung zu positionieren und zu festigen. Er zieht seinen Blick vom Fluss der Zeit zurück und konzentriert ihn im Immerwährenden, im Ewigen. Er verliert sich nicht gänzlich an sein Handeln, sondern bleibt hauptsächlich in der dahinterliegenden Stille. Welche Wechselfälle von Schatten und Wolken es äußerlich auch geben mag, sein immer dem Licht der Wahrheitssonne zugewandtes Wesen wird nicht in die endlosen Regungen der Natur gezogen; es ruht im unwandelbaren Zustand des Selbstes.

AUFRECHT

Abrupt, erect and strong, calm like a hill...

*

Steil, aufrecht und stark, ruhig wie ein Berg...

(VII.2)

Das ist die Körperhaltung, asana, die für das yogische Wirken am günstigsten ist, gleich, ob es von unten nach oben oder von oben nach unten verläuft. Der Körper wird aufrecht gehalten, Brust, Hals und Kopf in einer geraden Linie:

Den Körper in eine aufrechte Position bringen, Brust, Hals und Kopf gerade halten...2

Der Körper ist von einer starken Lebenskraft durchdrungen; er wankt nicht und vergeudet nicht, was er bekommt.

Das Mental und das Herz sind ruhig, unbewegt, nicht von Emotionen oder Aufregung überwältigt.

Dies ist der ideale Zustand für die Yogapraxis.

2 trirunnatam sthapya somam sariram (Svetasvatara Upanishad 2-8)

RUHE (I)

The calm that broods in the deep Infinite.

*

Die Ruhe, die im tiefen Unendlichen sinnt.

(X.3)

Hinter allen Aktivitäten und Bewegungen, die unaufhörlich im Universum vor sich gehen, liegt eine Ruhe. Diese Ruhe unterstützt und erhält alle Aktivität. Es ist keine unbewegliche und tote Ruhe; sie ist im Gegenteil intensiv bewusst und in sich ruhend, über sich selbst nachsinnend und auf die Wahrheit im Inneren gerichtet. Es ist eine dynamische Ruhe, die kraftvoll in den Tiefen des Unendlichen existiert. Der Sucher wird sich dieser unerschütterlichen Ruhe bewusst, wenn er sein Bewusstsein von den äußeren Objekten und Aktivitäten abzieht. Sie wird tief in oder über seinem Wesen gespürt. Er lernt, sich in dieser Ruhe zu positionieren und von dort seinen Lebensaktivitäten nachzugehen. Außerdem macht er sie zu seiner festen Basis für den Aufstieg zu den Höhen seines spirituellen Wesens. Ob er sich in seinem Bewusstsein erhebt oder sein Wesen öffnet und die Herabkunft der höheren spirituellen Wahrheiten empfängt, diese Basis in der Ruhe ist unumgänglich.

RUHE (II)

Calm is self’s victory overcoming fate.

*

Ruhe ist der Sieg des Selbstes, der das Schicksal bezwingt.

(VI.2)

Solange der Mensch in die turbulenten Lebensbewegungen involviert ist, ist er ein Sklave der Umstände, ein dem Schicksal unterworfenes Geschöpf. Wenn er aber Schritte unternimmt, sich aus diesem Fluss mit seinen Strudeln und Wirbeln zu lösen und einen festen Stand in der unwandelbaren Ruhe zu erlangen, ist er nicht mehr dem Schicksal unterworfen. Denn diese Ruhe ist der Zustand des Selbstes, frei von der Unterwerfung unter die äußere Natur und die starren Gesetze, die seine Regungen bestimmen – dem materiellen Schicksal.

ALLEIN

The soul that can live alone with itself meets God...

*

Die Seele, die mit sich alleine leben kann, begegnet Gott...

(VI.2)

Wer zu den Toren Gottes gelangen will, muss sich zunächst von allem lösen, was seine Aufmerksamkeit gefangenhält und herunterzieht. Er muss lernen, sich nur der Verfolgung seines Zieles zu widmen. Dies bringt eine fortschreitende Loslösung von anderen physischen, vitalen und mentalen Verstrickungen mit sich, die im Leben in der Unwissenheit in der Welt unvermeidbar sind. Er zieht sich von den Beschäftigungen seiner Begehrens-Seele und den Elementen, die ihr nachgeben, zurück. Er entwickelt den Kontakt mit seinem eigenen tieferen Selbst weiter und ist für die Befriedigung seiner Wünsche und Sehnsüchte nicht mehr von äußeren Objekten abhängig. Mit der Zeit findet er Erfüllung und Glück in der Einsamkeit seiner Seele, wo er mit seinem einzigen Ideal – Gott – in Verbindung treten kann. Beständige, nicht abgelenkte Kommunion vertieft sich zu Identität. Denn wahrlich,

Im Selbst liegt seine Freude, spielend im Selbst und Werke verrichtend, – er ist der Beste unter den Kennern des Ewigen.

(Mundaka Upanishad, 3.1.4)

ÖFFNE GOTTES TÜR

Open God’s door, enter into his trance.

Cast Thought from thee, that nimble ape of Light:

In his tremendous hush stilling thy brain

His vast Truth wake within and know and see.

*

Öffne Gottes Tür, tritt ein in seine Trance.

Wirf Denken von dir, den flinken Affen des Lichtes:

In seiner gewaltigen Stille, die dein Gehirn erfasst,

Erwecke seine weite Wahrheit im Inneren und wisse und sieh.

(VII.2)

Die Türen unseres normalen Wesens sind immer nach außen hin geöffnet. Die Tür zum Selbst, zur inneren Kammer, wo Gott wohnt, ist verschlossen. Wer Gott erkennen möchte, muss notwendigerweise an diese innere Tür klopfen, sie durch die Intensität seines Strebens öffnen und durch sie in das gesammelte Bewusstsein im Inneren eintreten. Er muss sein Mental von seiner gewohnten Gedankentätigkeit zurückziehen, die im besten Fall das Licht der Erkenntnis nachahmt, es aber niemals verkörpert. Wenn das Denken aufgegeben wird, herrscht Stille: ein Schweigen breitet sich im Gehirn aus und die Wahrheit Gottes manifestiert sich. Wir müssen dieser Wahrheit – unbegrenzt in ihrer Vielfalt – erlauben, in uns zu wachsen, müssen sie durch Identität erkennen und sie mit unserem erwachten inneren Auge sehen.

SEHER

Out of our thoughts we must leap up to sight...

*

Wir müssen von unserem Denken uns aufschwingen zur Schau...

(II.11)

Das Mental kann nicht allein durch das Denken die Wirklichkeit erkennen und ihr Wissen erlangen. Die reine Gedankenaktivität bereitet das Mental vor, schließt Irrtum aus und eröffnet neue Horizonte von Ideen-Wahrheiten, – aber weiter kann sie nicht gehen. Das Denken muss der Schau weichen, der Denker muss vom Seher abgelöst werden. Nur wenn das Bewusstsein sich vom wiederholten Kreisen der Gedanken, das nicht über sich hinauskommt, befreit und seine Fähigkeit zu direkter Schau weckt, dann enthüllt sich ihm die Wahrheit oder die Wahrheiten. Das Mental wird vom Wissen erleuchtet. Es muss sich das Wissen nicht ausdenken.

STILLE (I)

Silence, the mystic birthplace of the soul.

*

Stille, der mystische Geburtsort der Seele.

(II.13)

Nicht in den turbulenten Wellen der vitalen Leidenschaften, nicht in den überschäumenden Gefühlen und Sentimentalitäten der emotionalen Wesensteile, nicht im ruhelosen Denken des Mentals kann unsere wahre Seele gefunden werden. Die Seele liegt tiefer, hinter und weit entfernt von den lärmenden Regungen der Begehrens-Seele. Sie liegt in der Verborgenheit des Herzens, durchdrungen von einer soliden Stille. Wir müssen uns von dem äußeren Markt hektischer Bewegungen und des Lärms zurückziehen und in die Tiefen dieser Stille in uns eintreten, bevor wir uns der Quelle unseres Wesens, der Seele, bewusst werden können.

STILLE (II)

In silence seek God’s meaning in thy depths...

*

Suche in Stille Gottes Bedeutung in deinen Tiefen...

(VII.2)

In unseren Tiefen, in der Ruhe und Stille der Kammer unserer Seele, können wir uns des wahren Zwecks unseres Lebens, des Zieles unserer Seele in ihrer gegenwärtigen Verkörperung, bewusst werden. Jede Seele wird vom Schöpfer mit einer bestimmten Mission beauftragt und sucht in Erfüllung dieser Ausrichtung verschiedene Erfahrungen in verschiedenen Verkörperungen. Wenn wir uns dieses Zwecks bewusst werden und in unserem Wesen diese Forderung der Seele unterstützen, beschleunigen wir unsere Evolution und ebnen den Weg zum Ziel. In der Stille wird dieses Wissen enthüllt.

STILLE (III)

In absolute silence sleeps an absolute Power.

*

In absoluter Stille schlummert eine absolute Macht.

(III.2)

Es reicht nicht aus, das Hauptziel unseres Lebens und den Weg, der dieses Ziel ermöglicht, zu kennen. Wir müssen die Willensstärke haben, uns auf das Abenteuer einzulassen, und die Macht, uns über die unzähligen Hindernisse und Blockaden hinwegzubewegen, die die Natur errichtet hat und die uns zu Untertanen ihrer Herrschaft des Unwissens machen wollen. Unsere menschliche Kraft ist völlig unzureichend, um mit diesen Dingen allein fertig zu werden. Nur die Kraft Gottes, einer göttlichen Übernatur, kann all diese Hindernisse überwinden. Und diese Kraft schlummert im Herzen der Stille. Dort muss sie erreicht und aktiviert werden.

STILLE (IV)

In the mind’s silence the Transcendent acts

And the hushed heart hears the unuttered Word.

*

Der Transzendente wirkt in der Stille des Mentals

Und das beruhigte Herz hört das ungesagte Wort.

(III.2)

Diese Stille ist in den inneren Schichten des Mentals zu finden, wo das Pochen der Gedankenaktivität fehlt. In den Tiefen des mentalen Wesens herrscht eine natürliche Stille, und von hier aus können – wenn sie gerufen werden – die oberhalb des Mentals regierende Kraft und das Bewusstsein wirken. Genauso gibt es in den Tiefen des Herzens hinter den begehrlichen und emotionalen Regungen eine Stille. In diesem Schweigen wird das wirkungsvolle Wort der Macht gehört, das mit übermenschlichen Schwingungen das ganze Wesen in Bewegung versetzt. Um uns dieser Kraft zu öffnen, müssen wir in das Schweigen des Mentals aufsteigen oder uns in die Stille des Herzens zurückziehen.

SCHAU NACH INNEN

Always we bear in us a magic key

Concealed in life’s hermetic envelope.

*

Immer tragen wir in uns einen magischen Schlüssel,

Verborgen unter des Lebens fest verschlossener Hülle.

(I.4)

Für die vielen uns im Leben begegnenden Probleme suchen wir gerne außerhalb unserer Tiefen nach möglichen Lösungen. Nachdem sie gefunden und erprobt wurden, erweisen sich diese scheinbaren Lösungen als Halbheiten oder als völlig wertlos. Das liegt daran, dass der wahre Schlüssel zu den Lösungen der uns konfrontierenden Probleme nicht außerhalb, sondern in uns liegt. Er ist mit unserer Seele tief in unserem Wesen verborgen. Die Seele ist eins mit der Wahrheit der Dinge und sie strahlt ein Wissen, ein Licht aus sich selbst heraus, das jede Situation erhellt und die richtige Lösung zeigt. Wir müssen lernen, uns jeder Schwierigkeit vom Standpunkt der Seele aus zu nähern und sie mit dem von ihr ausgehenden Licht und Bewusstsein zu lösen.

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Age restriction:
18+
Release date on Litres:
26 May 2021
Volume:
211 p. 2 illustrations
ISBN:
9783937701639
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