Read the book: «Jung Beck»

Font::

Matthias McDonnell Bodkin

Jung Beck

Kriminalroman

Saga

Ebook-Kolophon

M. Mc Donnell Bodkin: Jung Beck. - Aus dem Englischen von Alfred Peuker © 1920 M. Mc Donnell Bodkin. Originaltitel: Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711462133

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

1. Die Zwillinge

In einer Hamletvorstellung hörte ich einst von einer alten Dame die ebenso ergötzliche wie treffende Bemerkung: „Der arme Hamlet hat aber auch wirklich viel Pech in seiner Familie.“ Dasselbe kann man von den Kirwoods sagen, denn es gibt wahrhaftig kaum eine Familie — selbst diejenige Hamlets nicht ausgenommen —, in der so viel Merkwürdiges und Aufregendes vorgefallen ist, und wobei der junge Beck so oft seine Hände im Spiele gehabt hat.

Ab und zu sickerte wohl einmal etwas von all diesen meistens recht unerquicklichen Wirrnissen in die Öffentlichkeit durch, und ich wurde dann im Klub und im Theater von allen Seiten bestürmt und ausgefragt; Beck selbst hielt nämlich dicht wie eine Auster — aus ihm war nichts herauszukriegen. Und legte ich ihm dann nahe, in dem betreffenden Falle die volle, ungeschminkte und unverfälschte, kurzum die lautere, reine Wahrheit an geeigneter Stelle zu veröffentlichen, so sträubte er sich dagegen wie ein störrischer Gaul.

„Ich will mit diesen leidigen Geschichten, die man meiner Ansicht nach am besten totschweigen sollte, nicht in Verbindung gebracht werden,“ pflegte er zu sagen. „Wenn du die Sachen durchaus breittreten musst, so setze wenigstens den Namen meines Alten an Stelle des meinigen; als früherer Detektiv ist er ja auch an so etwas gewöhnt und wird es uns sicher nicht übelnehmen.“

So kam es denn, dass ich in der Zeitung ein paar Skizzen veröffentlichte, deren Hauptheld der alte Beck war. In seiner lässigen Art brummte der alte Herr zwar ein wenig, doch darum kümmerte sich der Sohn nicht viel. Aber die Mutter war mit diesem Verfahren auf die Dauer nicht einverstanden.

„Das dulde ich nicht länger,“ erklärte sie. „Ehre, wem Ehre gebührt! Mein Mann hat sich wahrlich genug eigenen Ruhm erworben, an seines Sohnes Teil braucht er sich nicht zu bereichern.“

Und gegen seine Mutter vermochte der junge Beck nicht aufzukommen. Knurrend und brummend fügte er sich schliesslich und gab mir mit den liebenswürdigen Worten: „Mach zum Henker, was du willst!“ Generalvollmacht.

Das liess ich mir natürlich nicht zweimal sagen, obwohl ich mir die Sache einfacher vorgestellt hatte, als sie es tatsächlich war. Wohl hatte ich in unsern zahlreichen gemeinsam bestandenen Abenteuern Beck als einen Detektiv, wie er im Buch steht, kennen gelernt, leider aber bot seine Persönlichkeit so gar nichts, was die Neugier der Leser zu reizen vermochte. Er konnte nicht Geige spielen und Shag rauchen wie Sherlock Holmes, hatte weder scharfe Züge noch stechende Augen und war keine Spur morphiumsüchtig. Auch spielte er nicht Kricket gleich Raffles, machte keine Gedichte wie Kapitän Kettle — kurz, ich vermochte ihm nicht das kleinste Reklameplakat anzuhängen. Er war nichts weiter als ein hübscher Junge, der noch dazu ein ganzes Teil jünger aussah, als er in Wirklichkeit war. So kam ich eine Zeitlang mit meinen Zeitungsartikeln gar nicht recht von der Stelle.

Den Anfang finden, das war die grösste Schwierigkeit. Oft, wenn ich nach einer anstrengenden Jagd- oder Golfpartie mit Beck noch eine Weile nach dem Essen bei einer guten Zigarre zusammensitze, scheinen — obwohl wir uns gegenseitig ausgiebig anschweigen — unsre Gedanken miteinander über das gemeinsam Erlebte Zwiesprache zu halten. In wunderbarer Klarheit stehen dann Personen und Örtlichkeiten vor meinem inneren Auge; am deutlichsten aber war es an jenem Septembermorgen in Cambridge das Bild meines jungen Freundes selbst, das sich mit der Schärfe einer starkbelichteten Momentaufnahme meinem Gedächtnis eingeprägt hat.

Ich war ungefähr drei Wochen dort, als einer meiner Lehrer, der alte Doktor Day, mir eines Morgens beim Frühstück einen jungen Neuankömmling vorstellte, den ich ein wenig herumführen sollte. Im Sprechzimmer befanden sich bei meinem Eintritt vier Personen, Doktor Day selbst, um dessen hochaufgeschossene, schmächtige Gestalt die abgetragene Amtstracht schlotterte, und dessen mächtige Glatze nur noch hinten im Nacken ein spärliches Haarkränzlein aufwies, ferner ein schmächtiges Bürschlein, das mit seinen Eltern am Fenster stand.

„Kirwood,“ sagte der Doktor zu mir und deutete mit einer vorstellenden Handbewegung auf den untersetzt gebauten, freundlichen Herrn, der mit dem Rücken gegen das Fenster lehnte, „Sie haben doch wohl schon von Mr. Beck gehört?“

Ob ich schon von Paul Beck gehört hatte! Sherlock Holmes und Paul Beck waren seit langer Zeit meine ganz besonderen Lieblinge. Sherlock war natürlich spannender, doch hatten Becks Abenteuer den unleugbaren Vorzug, buchstäblich wahr zu sein. Ein wonniges Gruseln durchrieselte mich bei der Vorstellung all der aufregenden Erlebnisse, die der Mann dort vor mir schon durchgemacht hatte. Er sah übrigens genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte — kraftvoll und von überlegener Ruhe, mit einem Zug gewinnender Liebenswürdigkeit um Mund und Augen. Die hübsche Dame neben ihm war vermutlich seine Frau, Dora Myrl, die mir für den alten Paul immer viel zu schade vorgekommen war, und der dicht neben ihr stehende Sprössling musste wohl ihr Sohn sein, den ich jetzt ins Schlepptau nehmen sollte. Ich erinnere mich noch heute, wie verächtlich ich damals die Nase darüber rümpfte, dass sich dieses verzärtelte Schosskindchen von seiner Mutter ins College begleiten liess. So war der erste Eindruck, den der junge Beck auf mich machte, kein allzu vorteilhafter; mein neuer Kamerad, mit dem ich später so manches seltsame Abenteuer bestehen sollte, war eben ein Muttersöhnchen, und Muttersöhnchen erfreuen sich niemals sonderlicher Beliebtheit.

Mit seinem Lockenkopf und seinen blauen Augen glich er mehr einem Mädchen als einem rechtschaffenen Jungen, und merkwürdig mädchenhaft mutete mich auch das Grübchen in seiner linken Wange an, das sich aber — wie ich später beobachtete — nur dann zeigte, wenn er, wie eben jetzt, in grosser Erregung die Lippen fest zusammenpresste. Neben dem hochgewachsenen Doktor sah er viel kleiner aus, als er in Wirklichkeit war, und ich konnte später gar nicht begreifen, wie dieser schmächtige Knabenkörper so viel Muskelkraft zu entwickeln vermochte; an jenem ersten Tage schien es mir ein leichtes, mit dem vermeintlichen Schwächling fertig zu werden. Mein Gesicht musste wohl ein ziemlich deutlicher Spiegel meiner Empfindungen gewesen sein, denn die kleine Frau schien mir mit ihren hellen Augen meine geheimsten Gedanken von der Stirn abzulesen.

„Er ist durchaus nicht so schwächlich, wie er aussieht,“ sagte sie; „das können Sie mir, seiner Mutter, schon glauben.“

Offenbar machte ich jetzt ein sehr dummes Gesicht.

„Das habe ich ja gar nicht so gemeint,“ stammelte ich, wobei ich ganz vergass, dass ich doch gar nichts gesagt hatte. „Ich hoffe, wir werden gute Freunde werden.“

„Davon bin ich überzeugt,“ erwiderte Mrs. Beck.

Und sie war eine gute Prophetin, denn schon nach acht Tagen waren wir tatsächlich die dicksten Freunde, und nie hat unsere Freundschaft seitdem einen Riss bekommen.

Schon vor unsrer Ankunft in Cambridge hatten es die Zwillinge Bertram, obwohl sie uns nur um ein Semester voraus waren, zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Selbst für Zwillinge war ihre Ähnlichkeit verblüffend; nicht einmal ihre vertrautesten Freunde konnten die beiden auseinander halten, daher gingen diese bei all ihren Streichen gewöhnlich straflos aus. Schwänzte einer von ihnen die Vorlesung, so konnte der Professor nicht feststellen, welcher es gewesen war; wurden sie bei irgendeinem Schabernack ertappt, so vermochte der Proktor den Schuldigen nicht anzugeben; stets wurde der Unrichtige beschuldigt — wenigstens seiner eigenen Beteuerung nach.

Sie waren hübsche schwarzhaarige und schwarzäugige Burschen, zwar etwas klein, aber breitschultrig und von wahrhaft affenähnlicher Gewandtheit. Ihnen beim Hockey- oder Lawn-Tennis-Spiel zuzuschauen, wie sie hin und her liefen und sprangen, war ebenso genussreich, wie es schwierig war, sie zu unterscheiden, denn keiner von ihnen hatte irgend ein persönliches Merkmal. Welches Eddie und welches Freddie Bertram war, wussten nur sie allein, und beide hüteten sich wohl, es zu verraten.

Ihr Tun und Lassen hielt das ganze College in Atem, und dennoch waren sie, man wusste nicht recht warum, trotz ihrer ungezwungenen Umgangsformen und ihres lebhaften, übermütigen Naturells durchaus nicht allgemein beliebt.

Die Bertrams waren Zöglinge des St. John’s College, während Beck und ich dem Cam’s College angehörten; daher kam es, dass wir schon vierzehn Tage in Cambridge weilten, ohne mit ihnen in nähere Berührung gekommen zu sein. Erst als einer der Zwillinge Eddie oder Freddie — genau weiss ich’s nicht mehr — meinen Freund und mich beim Tennisspiel unsern Part mit Glanz gewinnen sah, setzten sie fünf Pfund gegen uns. Wir nahmen an und wurden trotz scharfer Gegenwehr in fünf Spielen dreimal geschlagen. Ich glaube, jeder einzelne von uns wäre mit jedem einzelnen von ihnen wohl fertig geworden, vereint aber waren sie unwiderstehlich.

Unser Zusammenspiel verursachte grosses Aufsehen, und wir kamen überein, in vierzehn Tagen um den doppelten Einsatz zu spielen. Beck jedoch, der anfangs Feuer und Flamme dafür war, verlor bald die Lust daran. Schon nach acht Tagen mochte er nicht mehr mit mir üben, und nach Ablauf der zweiten Woche zog er seine Zusage zurück. Natürlich waren die Zwillinge darüber verstimmt und lehnten meinen Vorschlag, mit mir gemeinsam Beck umzustimmen, kurzerhand ab.

In den folgenden Wochen bekam ich sie fast gar nicht zu Gesicht, bis mich ein ziemlich aufregendes Ereignis wieder mit ihnen zusammenführte.

Ich pflegte vor dem Frühstück ein Stündchen auf dem Cam zu rudern, und zwar in einem Rob-Roy-Kanu, das ich einem gewöhnlichen Ruderboot vorziehe, weil man darin die Strecke, die man vor sich hat, übersehen kann. Ich gehöre zwar nicht zu den Leuten, die beim Anblick einer schönen Gegend in Begeisterung geraten, doch ist eine liebliche Flusslandschaft mit dem bewegten Spiel von Licht und Schatten und den klaren Spiegelbildern der Ufer für mich das Schönste auf Gottes Erdboden.

Als ich eines Morgens ungefähr zwei Meilen weit gerudert war und gerade um einen Ufervorsprung bog, bemerkte ich vor mir ein leichtes Zweierboot und erkannte bei schärferem Hinsehen die Zwillinge an den Rudern.

So meisterhafte Tennisspieler sie auch waren — vom Rudersport hatten sie augenscheinlich keine Ahnung, denn jeder ruderte auf eigene Faust drauflos, ohne sich dem andern anzupassen, und das kleine Fahrzeug taumelte in sprunghaften Stössen stromaufwärts wie eine aufgescheuchte Forelle.

Ich war ein wenig überrascht, sie so ungeübt im Doppelrudern zu sehen, doch liessen sie mir nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Denn ehe ich mich dessen versah, machte der am Schlagriemen sitzende Zwilling einen zu tiefen Ruderschlag und fiel hintenüber, während der andere in demselben Augenblick durch einen zu kurzen Schlag das schwankende kleine Fahrzeug vollends zum Kentern brachte.

Mit einem Male versanken die beiden weissgekleideten Gestalten in dem hoch aufspritzenden Wasser und boten in der Plötzlichkeit ihres Verschwindens einen so überwältigend komischen Anblick, dass ich in lautes Lachen ausbrach. Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick daran, dass die Verunglückten schwimmen konnten. Im nächsten Moment tauchte der eine prustend und keuchend wieder auf und klammerte sich krampfhaft an das gekenterte Boot, während der andre mit der Strömung kämpfte, die ihn rasch flussabwärts trug. Auf halbem Wege zwischen dem Boot und meinem Kanu hoben Arm und Kopf sich sekundenlang aus den Fluten, und ein verzweifelter Hilfeschrei gellte über das Wasser.

Jetzt verging mir freilich das Lachen, denn ich sah, dass hier ein Ertrinkender mit dem Tode kämpfte. Rasch fuhr ich mit dem Arm bis zur Schulter ins Wasser und packte den eben bei mir vorüberwirbelnden Körper glücklich an dem weissen Flanellhemd. Allerdings kenterte bei der heftigen Bewegung auch mein kleines Fahrzeug, doch daraus machte ich mir nicht viel, da ich wie ein Otter schwimme und nichts als das Nasswerden zu fürchten hatte.

„Nur ruhig! Keine Gefahr!“ keuchte ich, während ich seinen Kopf über Wasser hielt und den Mann auf meinen Rücken beförderte.

„Jawoll,“ erwiderte er und blieb dann auch so regungslos und handlich liegen wie ein Stück Holz. Rasch schaffte ich ihn ein Ende weiter stromabwärts, den beiden Booten gegenüber ans Land und eilte dann sofort seinem Bruder zu Hilfe.

„Laufen Sie sich warm,“ rief ich dem Geretteten zu, während ich das Ruderboot mit dem andern sich noch immer krampfhaft daran festhaltenden Zwilling dem Ufer zuschob. Als ich das Boot wieder aufgerichtet und auch das Kanu eingefangen hatte, fand ich die Zwillinge so munter wie die Fische im Wasser, und sie erklärten sich sofort bereit, selbst zurückzurudern, wovon ich aber nichts wissen wollte, da es mich nicht nach einer zweiten Auflage dieses Scherzes gelüstete.

„Wenn Ihnen nicht zu kalt ist und Sie mir versprechen, ganz still zu sitzen, will ich Sie zurückrudern,“ sagte ich. „Das Kanu können wir ins Schlepptau nehmen. Und ehe Sie sich wieder in solch einem leichten Boot aufs Wasser wagen, sollten Sie wenigstens eine schwache Ahnung vom Rudern und Schwimmen haben.“

„Dann los! Ich bin so warm wie ’ne frischgebackene Semmel!“ riefen beide gleichzeitig und dabei in so übereinstimmendem Tonfall aus, dass es mich förmlich verblüffte.

Unterwegs überboten sie sich geradezu in allerhand Spässen und machten sich über ihr unfreiwilliges Bad weidlich lustig.

„Nichtsdestoweniger werden wir es Ihnen nie vergessen, Kamerad,“ sagte der eine von ihnen beim Aussteigen. „Ohne Ihr Dazwischentreten hätte der Fluss heute morgen wahrscheinlich zwei Leichen angeschwemmt.“

„Deren Identifizierung dem Leichenbeschauer ohne Zweifel viel Kopfzerbrechen verursacht hätte,“ meinte der andere lachend.

So leicht sie die Sache mir gegenüber auch nahmen, so viel Aufhebens machten sie davon vor den anderen. Das ganze College erfuhr brühwarm die Geschichte meiner „unerschrockenen Tat“, und es war mir schliesslich beinahe lästig, mich von den Kameraden für nichts und wieder nichts beglückwünschen und wie ein Götzenbild anstaunen zu lassen. Indessen konnte ich den Zwillingen nicht recht böse sein, denn sie meinten es sicherlich gut und benahmen sich auch sehr taktvoll, als ich sie deswegen zur Rede stellte.

Je öfter ich sie sah, desto besser gefielen sie mir. Ich kann wohl ohne Überhebung sagen, dass ich im College einen sehr netten Umgangskreis gefunden hatte, und alle meine Kameraden mochten die Zwillinge gut leiden mit einziger Ausnahme meines besten Freundes Beck.

Eines Morgens beim Frühstück — das heisst ich frühstückte allein, Beck war schon seit ein paar Stunden damit fertig — machte ich ihm deswegen Vorhaltungen. Ich war an jenem Morgen nicht gerade in rosiger Laune, da ich am Abend vorher beim Bridge siebenundfünfzig Pfund verloren hatte.

„Hast du etwas gegen die Bertrams, Beck?“ fragte ich daher in ziemlich kurzem Tone; „ich glaube, ich habe ein Recht, danach zu fragen.“

„Gewiss,“ bestätigte er ruhig; „ja, ich habe etwas gegen sie.“

„Warum hast du mir das nicht schon früher gesagt?“

„Warum hast du mich nicht schon früher danach gefragt? Ich will es dir keineswegs verhehlen. Einer von den beiden ist nämlich ein ganz gemeiner Schuft.“

„Welcher?“ fragte ich gedankenlos.

Beck brach in herzliches Lachen aus, in das ich sofort einstimmen musste, denn etwas so unwiderstehlich Fortreissendes wie das Lachen meines Freundes gibt es so leicht nicht wieder.

„Ja, da fragst du mich zu viel,“ rief er aus; „das möchte ich selbst für mein Leben gern wissen, damit ich ihm das Genick brechen könnte.“

„Wie, so schlimm ist die Sache?“

„Ja, ich könnte zu keinem andern darüber sprechen als zu dir. Kennst du die kleine Miss Bloom?“

„Ach, die Kleine aus dem Zigarrenladen? Nur ganz flüchtig. Niedlicher kleiner Käfer!“

„Miss Bloom ist eine Dame,“ bemerkte Beck ziemlich steif; „das scheinst du nicht zu wissen. Ihr Vater war ein sehr beliebter Geistlicher mit gutem Einkommen, starb aber ganz plötzlich und liess seine Witwe und seine einzige Tochter in recht bedrängter Lage zurück. Lucy, ich meine Miss Bloom, war damals eine der begabtesten Studentinnen des Girton-College a), gab aber nach des Vaters Tode sofort ihr Studium auf und übernahm mit Hilfe einiger Freunde den Tabakladen an der Ecke, um sich und ihrer Mutter ein neues Heim zu schaffen.“

„Du weisst ja über Miss Blooms persönliche Verhältnisse geradezu glänzend Bescheid, alter Junge,“ neckte ich, worauf Beck errötete — tatsächlich errötete — Beck!

„Das weiss hier jeder ausser dir, du Dickkopf,“ antwortete er in scharfem Ton. „Alle Kommilitonen kaufen dort ihren Tabak und ihre Zigarren und könnten wahrhaftig keine bessere Bezugsquelle finden — doch davon ist hier nicht die Rede; jeder einzelne von ihnen sieht in Miss Bloom die Dame, die sie tatsächlich ist, nur deine famosen Bertrams nicht.“

„Das heisst — einer von ihnen,“ verbesserte ich.

„Ganz recht, das meinte ich.“

„Nun, und was hat er ihr denn getan?“

„Er hat sich ihr gegenüber als der brutale, ungehobelte Bursche benommen, der er im Grunde genommen ist.“

„Welcher?“

„Mach keine Witze, Kirwood, mir ist nicht nach Scherzen zumute. Noch heute kocht mir das Blut, wenn ich daran denke. Als das arme Mädchen nach einem anstrengenden Tage einen Spaziergang am Flussufer machte, erdreistete sich der Lümmel, ihr nachzuschleichen und ihr mit Gewalt einen Kuss zu rauben.“

Ich muss gestehen, dass die Geschichte keinen sonderlichen Eindruck auf mich machte und ich Becks Entrüstung keineswegs teilte.

„Na, was ist denn schliesslich so Verdammenswürdiges dabei, wenn ein junger Mann einem hübschen Mädel einen Kuss raubt?“ meinte ich leichtsinnig.

Das war zu viel für Beck. Ich glaube, nie ist unsre Freundschaft so nahe daran gewesen, in die Brüche zu gehen, wie in jenem Augenblick. Ohne ein Wort der Erwiderung kehrte er mir den Rücken und ging nach der Tür.

„Verzeih mir, Beck!“ rief ich ihm nach. „Ich wollte dich nicht verletzen.“

Langsam liess er die Hand vom Türdrücker sinken und kam wieder zurück.

„Wie würde es dir gefallen, wenn dieser Bengel versuchen wollte, deine Schwester gegen ihren Willen zu küssen?“ fragte er unvermittelt. „Und ich kann dir nur sagen, Kirwood, dass Lucy Bloom deiner Schwester nicht um Haaresbreite nachsteht.“

„Aber — —,“ begann ich von neuem, denn das Hereinziehen meiner Schwester in diese Angelegenheit berührte mich unangenehm.

„O ich weiss, was du sagen willst,“ fiel mir Beck ins Wort. „Wir haben alle schon mal ein Mädel geküsst. Das ist ja auch nicht weiter schlimm, wenn das Mädchen nichts dagegen hat. Aber einer Dame einen Kuss zu rauben, dazu gehört denn doch schon ein guter Teil Unverfrorenheit — und eine geradezu bodenlose Frechheit, wenn diese Dame Lucy Bloom ist.“

Ich fühlte mich zwar noch immer nicht überzeugt, vielleicht weil ich Miss Bloom damals noch nicht kannte, allein Beck hatte sich so in Eifer geredet, dass ich es für geratener hielt, ihm nicht mehr zu widersprechen.

„Wie bist du denn dahintergekommen?“ fragte ich ablenkend.

„Sie hat es mir selbst erzählt. Du brauchst mich gar nicht so anzusehen, sie macht sich im übrigen keinen Deut aus mir, und auch ich bin nicht die Spur in sie verliebt; ich verehre und bewundere sie nur ausserordentlich — das ist alles. Vor ungefähr acht Tagen traf ich sie eines Abends mit ganz verweinten Augen allein im Laden an, und dabei kam die ganze Geschichte heraus. Um ihre Mutter zu schonen, hatte sie ihr nichts davon erzählt, besonders da die alte Dame beständig in sie dringt, das Geschäft doch aufzugeben. Nachdem sie von jenem Bengel in so unverschämter Weise beleidigt worden war, hatte sie ihm verboten, seinen Fuss jemals wieder über ihre Schwelle zu setzen. Doch beide besuchten den Laden nach wie vor, besonders wenn Miss Bloom allein war, lehnten sich über den Ladentisch, gafften sie an und raspelten Süssholz, ob es ihr angenehm war oder nicht. Das fatalste dabei aber war, dass sie gar nicht wusste, welchen von den beiden sie eigentlich los sein wollte. ‚Beruhigen Sie sich, Miss Bloom,‘ tröstete ich sie; ‚das werde ich bald herausfinden.‘ Ich habe aber bis jetzt noch keine Ahnung, wer der Schuldige ist. Als ich mit dem einen sprach, stellte der es in Abrede, und als ich den andern ins Gebet nahm ...“

„Den andern? Kannst du sie denn unterscheiden?“

„So ziemlich, allein das half mir nichts. Jeder schob die Schuld lachend auf seinen Bruder, und so konnte ich mit dem besten Willen nicht dahinter kommen. Auch Miss Bloom vermochte mir nicht die geringsten Anhaltspunkte zu geben, und aus Furcht, den Falschen zu erwischen, muss ich dem Schurken die wohlverdiente Züchtigung schenken.“

„Liegt dir denn so viel an seiner Bestrafung?“

„Man sieht, dass du Miss Bloom nicht kennst, Kirwood, sonst würdest du nicht so fragen. Sie ist das lieblichste, sanfteste Wesen unter Gottes Sonne, und es zuckt mir förmlich in den Fingern, den Schuft zu ohrfeigen, der sich an solch einem wehrlosen Geschöpf vergreifen kann. Einen Erfolg hat es übrigens doch gehabt, dass ich mir die beiden Burschen vornahm, sie haben seitdem den Bloomschen Laden nicht mehr betreten.“

„Also vergib und vergiss und komm heute abend zu einer kleinen Bowle auf meine Bude.“

„Wenn es dir einerlei ist, alter Junge, möchte ich lieber wegbleiben.“

Es war mir zwar nicht einerlei, ich verlor aber darüber weiter kein Wort. Mir schien es reichlich übergeschnappt, dass Beck mit einem Kameraden keine Gemeinschaft haben wollte, bloss weil dieser ein hübsches Mädel geküsst oder zu küssen versucht hatte. Wenn ich Miss Bloom nicht kannte, so kannte er eben die Zwillinge nicht; ich aber kannte sie und gewann sie von Tag zu Tag lieber.

Ich fürchte, in mir steckt eine verkappte Spielratte, was bei den Kirwoods wohl im Blute liegen muss. Zwar hat mein Vater niemals in seinem Leben auf ein Rennpferd gewettet oder eine Karte angerührt, mein Grossvater aber hat sein ganzes Barvermögen, den dritten Teil unseres Gesamtvermögens, nach und nach verspielt. Ich glaube, die Spielleidenschaft, die mir im Hirn spukt, ist sein Erbteil und hat nur eine Generation übersprungen, um sich in mir aufs neue zu verkörpern.

Die Zwillinge nun verstanden und beherrschten jedes Spiel, von „Kopf oder Wappen“ bis zum „Hasard und Kümmelblättchen“ und zeigten sich im Gewinn wie im Verlust gleich angenehm. Obgleich sie kleine Einsätze bevorzugten, drückten sie sich vor grossen keineswegs und waren zu einem „Doppelt oder quitt“, gleichviel in welcher Höhe, ebenfalls stets bereit.

Ihr Mut lohnte sich übrigens reichlich. Wir spielten gewöhnlich Bridge, und in der Regel waren die beiden Bertrams Partner, wobei das Glück sie in einer Weise begünstigte, die selbst bei guten Karten und vollendetem Spiel verblüffend wirkte. Ohne Zweifel waren sie brillante, wenn auch etwas waghalsige Spieler, doch brauchte ich in dieser Hinsicht den Vergleich mit ihnen durchaus nicht zu scheuen, und Tom Staunton, meistens mein Partner, war unter uns weitaus der beste Spieler. Allein trotzdem gewannen die Zwillinge immer und immer wieder den Robber, selbst wenn Staunton und ich die denkbar besten Karten hatten. Ihre Karten schienen sich immer ganz wunderbar zu ergänzen und beim Ausspielen verfehlten ihre Feinheiten fast niemals die Wirkung.

Dabei war ihr Spiel durchaus nobel, ja sorglos, und sie gewannen öfter, wenn ihre Gegner als wenn sie selbst die Karten gaben. Ihre Entschlossenheit war beispiellos; nicht einen Augenblick zögerten sie beim Trumpfmachen oder Erklären. Stets hiess es sofort: „Ich gehe mit“ oder: „Ich überlasse es dir, Partner.“ Und prompt wie ein Echo erfolgte die Antwort, wenn sich einer von ihnen mit der Frage: „Soll ich?“ oder: „Partner, soll ich ausspielen?“ oder dergleichen an den andern wandte.

Täglich hoffte ich, dass sich das Blatt einmal wenden würde, aber das Glück kehrte mir hartnäckig den Rücken, und ich war schliesslich bei den Bertrams so tief in Schulden geraten, dass mir ganz schwül wurde, wenn ich nur daran dachte. Allerdings benahmen sie sich äusserst taktvoll, begnügten sich stets mit Schuldscheinen und drängten nie mit der Bezahlung.

In diese Zeit fiel ein Ereignis, das meine Geldsorgen für eine Weile ganz in den Hintergrund drängte. Eines schönen Tages teilte mir Beck nämlich mit, dass seine Eltern auf acht Tage nach Cambridge kämen. Das war mir eine willkommene Gelegenheit, auch meinen alten Herrn und Gerty zu einer derartigen Spritztour zu veranlassen.

Irre ich nicht, so habe ich Gertrud bisher noch nicht erwähnt, man verliert bei einer so langen Geschichte leicht die Übersicht. Indessen hat diese Unterlassungssünde nichts zu bedeuten, da Gerty ja erst jetzt auf dem Schauplatz meiner Erzählung auftaucht. Sie ist meine einzige Schwester, und obwohl sie drei Jahre weniger zählt als ich, tyrannisiert sie mich nicht schlecht, würde aber niemals dulden, dass ein andrer es täte.

Ich hatte ihr schon des öfteren von meinem Freunde Beck geschrieben, auch zu Hause viel von ihm erzählt, doch war es mir nicht gelungen, sie auch nur im geringsten für ihn zu erwärmen. Augenscheinlich verletzte es ihre schwesterliche Eitelkeit, dass ich neben irgend jemand nur die zweite Geige spielen sollte, und je mehr ich ihn rühmte, desto weniger mochte sie ihn leiden.

„Dein geliebter Beck scheint nach allem, was du sagst, ja ein schlaues Huhn zu sein,“ meinte sie; „mein Geschmack aber ist er jedenfalls nicht. Ich liebe starke, grosse, brünette Männer, nicht solche hübsche, rosige Bürschchen.“

„Warte doch nur erst ab, bis du ihn persönlich kennen lernst,“ erwiderte ich.

„Darauf will ich gern bis zum Jüngsten Tage warten,“ rief sie lachend.

Natürlich kannte Gertrud alle Detektivgeschichten vom alten Beck und Dora Myrl, aber sie hatte für den Vater ebensowenig übrig wie für den Sohn.

„Diese erkünstelte Bescheidenheit, die zwar immer nur von Glückszufällen spricht, sich dabei aber innerlich um so mehr im Bewusstsein der eigenen Findigkeit bläht und spreizt, ist mir in den Tod zuwider,“ pflegte sie zu sagen.

Dora Myrl schätzte sie jedoch sehr hoch und freute sich darauf, mit ihr bekannt zu werden. Daher hielt es auch nicht schwer, Gertrud zu einem Besuch in Cambridge zu veranlassen, solange Becks Angehörige dort weilten, und da um diese Zeit das Parlament gerade Pfingstferien hatte, so war auch unser alter Herr abkömmlich, der Gerty stets begleitete, wohin sie wollte.

Waren das famose Tage damals — wenigstens für mich. Der alte Beck erschien mit seiner Gattin zuerst auf der Bildfläche, und es war ein Vergnügen zu sehen, wie umschwärmt die Mutter meines Freundes sofort war. Die Würdenträger der Universität sahen in ihr die ehemalige hochbegabte Studentin, die einige von ihnen sogar noch unterrichtet hatten, und auf die jüngere Generation übten ihre Detektivtriumphe eine geradezu prickelnde Wirkung aus.

Was mich anbetrifft, so vermochte ich es kaum zu glauben, dass diese abgeklärte, von mütterlicher Würde umflossene Frau die Heldin so vieler aufregender Abenteuer gewesen sein sollte. Nur ein gelegentliches Aufblitzen ihrer Augen verriet noch die frühere Dora Myrl, den weiblichen Detektiv.

Am nächsten Morgen kamen meine Angehörigen an. Beck und ich losten, wer das Frühstück geben sollte, und er gewann. Noch nie habe ich einen Menschen in solcher Aufregung über Weine, Delikatessen und Tafelschmuck gesehen, wie ihn an jenem Vormittag. Vermutlich verursachte ihm die Schilderung, die ich von meiner Schwester entworfen hatte, starke Beklemmungen. Nichts konnte ihm der Diener recht machen, fortwährend schob und rückte Beck alles durcheinander und fuhr sich dann wieder verzweifelt durch die Haare, bis glücklicherweise eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit seine Mutter auftauchte und die Sache selber in die Hand nahm.

Mein Vater und Gerty verspäteten sich um etwa fünf Minuten, und schon erging sich Beck in den schwärzesten Befürchtungen, dass sie überhaupt nicht kämen, als die Erwarteten endlich eintraten.

Gertrud ist eine hochgewachsene Erscheinung und tut sich nicht wenig darauf zugute, so dass ich immer angenommen hatte, sie müsse grösser sein als mein Freund. Als die beiden jedoch nebeneinander standen, zeigte sich gerade das Gegenteil, Beck überragte meine Schwester noch um volle zwei Zoll.

Bei der gegenseitigen Vorstellung verneigte sich Gerty sehr förmlich und sagte zu meinem Freunde in kühlem Tone: „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Mr. Beck; durch meinen Bruder habe ich schon viel von Ihnen gehört.“

Man kennt ja diese entsetzliche Sorte von Gemeinplätzen, die lebendige Menschen in Automaten verwandeln. Im Gebrauch solcher nichtssagender Redensarten ist Gertrud geradezu Meisterin, obwohl sie, wenn es ihr passt, äusserst lebhaft und angeregt zu plaudern versteht. Ich beschloss, ihr darüber noch an demselben Abend ernstliche Vorhaltungen zu machen.

Auch mein alter Herr war anfangs reichlich steif und zugeknöpft. Das ist so seine Art; er meint, das unserm Namen und unsrer gesellschaftlichen Stellung schuldig zu sein.

„Mein lieber Junge,“ sagte er an jenem Morgen zu mir; „es kostet mich wirklich einige Überwindung, deine Schwester mit dieser Sorte von Leuten in Berührung zu bringen. Was dich selbst anbetrifft, so habe ich gegen diesen Verkehr nicht das geringste einzuwenden, denn für einen jungen Mann ist es immerhin ganz gut, mit möglichst verschiedenen Gesellschaftsschichten in Berührung zu kommen, und ich möchte um alles in der Welt keinen Snob aus dir machen, zumal dein junger Freund sich ja entschieden sehen lassen darf. Im übrigen ist es aber gerade in unserm demokratischen Zeitalter dringend erforderlich, irgendwo eine deutliche Grenze zu ziehen.“

Nichtsdestoweniger taute mein alter Herr sofort auf, als sich die kleine blankäugige Mrs. Beck ihm widmete. Sie war eine kluge, geistreiche Frau und verstand in seltenem Masse die schwere Kunst, eine hübsche Geschichte in wenige schlagende Sätze zusammenzufassen. Allein nicht durch Reden, sondern durch Zuhören gewann sie sich das Herz meines Vaters, dem es ausserordentlich schmeichelte, dass solch eine hübsche, kluge Frau seinen Worten mit so hingebender Aufmerksamkeit lauschte.

Unterdessen machte der alte Beck, der neben Gertrud an der andern Seite seines Sohnes sass, an dieser eine Eroberung. Er hatte eine geradezu bezaubernde Art, sich zu unterhalten, und ich beobachtete mit Vergnügen, wie liebenswürdig er sich von meiner Schwester ausfragen liess und wie Gertys Erregung und Entzücken mit jedem neuen Abenteuer wuchsen.

Als ziemlich unbeteiligter Zuschauer hatte ich zum Beobachten die beste Musse und bemitleidete von ganzem Herzen meinen armen Freund, der sich auf den ersten Blick rettungslos in meine Schwester verliebt hatte. Ich weiss nicht, woran das liegt — aber es geht den meisten Männern so, die mit Gerty in Berührung kommen. Wie mir bisweilen erzählt wurde, behext sie jeden mit ihren schönen Augen, und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass ein Lächeln von ihr imstande ist, allen Trübsinn und alle schlechte Laune im Handumdrehen zu verscheuchen.

Sie war nicht geradezu abweisend gegen meinen Freund, obgleich sie auch das sehr wohl versteht, wenn es ihr passt. Von Zeit zu Zeit unterhielt sie sich sehr höflich mit ihm — zu höflich sogar; seinem Vater gegenüber aber gab sie sich mit ungeschminkter Herzlichkeit und belegte ihn ganz und gar mit Beschlag.

„In den alten Paul bin ich ganz verliebt,“ gestand sie mir des Abends, als ich in ihrem Hotelzimmer noch ein wenig mit ihr plauderte. „Seine Frau soll zusehen, wo sie bleibt. Ich nehme alles zurück, was ich früher über ihn gesagt habe. Es ist kaum zu glauben, dass dieser sechzigjährige alte Herr all jene Abenteuer wirklich erlebt haben soll. Und wie reizend er sie schildert! Weder eitle Ruhmredigkeit noch das Gegenteil davon spricht aus seinen Worten.“

„Also auch keine ‚erkünstelte Bescheidenheit‘?“

„Nicht die Spur. Ich sagte dir ja schon, dass ich alles reumütig zurücknehme. Ein richtiger Herzenbrecher ist er, und es wundert mich gar nicht, dass all die jungen Mädchen, mit denen er zu tun hatte, mehr oder weniger in ihn verliebt waren.“

„Was wird seine Frau dazu sagen?“

„Nichts. Dazu ist sie viel zu klug und verständig und passt daher ganz vorzüglich für den alten Paul. Unserm Papa hat sie’s auch angetan.“

„Und wie gefällt dir der junge Beck?“

Gertrud schnitt ein Gesicht.

„Er ist genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte — eine hübsche, wohlerzogene Null. Ich weiss wahrhaftig nicht, Charlie, was du eigentlich an ihm findest. Ja, wenn er ein Mädchen wäre, wozu er mit seinem rosigen Gesicht und seinem gesitteten Benehmen auch entschieden besser passen würde — dann könnte ich deine Neigung für ihn begreifen.“

„Er ist der beste Mensch unter der Sonne.“

„Das bestreite ich nicht. Er mag ja seelengut sein, aber ich liebe nur solche Männer, in denen ein Stückchen Teufel steckt, wie in seinem alten Papa.“

„Oh, auch der junge Beck hat den Teufel im Leibe, wenn er gereizt wird.“

„Um den aus seiner Ruhe zu bringen, dazu gehört wohl mindestens ein Erdbeben.“

„Du irrst dich, das hat sogar schon ein Mädchen zuwege gebracht,“ entfuhr es mir unwillkürlich, und nach fünf Minuten hatte mir Gerty die ganze Geschichte von Miss Bloom und den Bertrams abgefragt.

„Ich werde dir die Zwillinge morgen vorstellen,“ sagte ich. „Sie sind augenblicklich die Löwen des Tages.“

„Ist das junge Mädchen, Miss — wie hiess sie doch nur — Miss Blood eigentlich hübsch?“

„Bloom, Miss Bloom. O ja, sie sieht recht gut aus, ist mir aber ein bisschen zu still. Du kannst sie dir morgen ja auch mal ansehen.“

„Ich?“ fragte Gertrud mit verächtlichem Achselzucken. „Ich wüsste nicht, wie ich dazu käme. Gute Nacht jetzt, Charlie, wir sollten beide längst im Bett sein.“

Am nächsten Morgen aber fiel ihr ein, dass sie für unsern alten Herrn, der in vierzehn Tagen Geburtstag hatte, eine Zigarrentasche besorgen müsse, die sie ebensogut bei Miss Bloom, dem Schützling meines Freundes, kaufen könne.

Man kann sich kaum einen grösseren Gegensatz vorstellen als die beiden jungen Mädchen, die einander da in dem kleinen Laden gegenüberstanden. Ich kann über Gertruds Schönheit, obwohl sie meine Schwester und ein seelengutes Mädchen ist, nicht so ausser mir geraten, wie ich es von andern verschiedentlich gehört habe; dennoch muss ich zugeben, dass sie eine ausserordentlich schöne Figur und Haltung hat. Ihr federnder Gang, die blitzenden braunen Augen in der Farbe alten Sherrys und die kastanienbraunen Löckchen um Stirn und Nacken sind geradezu verführerisch, und ich kenne kein reizenderes Mädchen als Gertrud, wenn sie reizend sein will. Doch kann sie auch ein heiliger Schrecken für ihre Umgebung werden, sobald sie übler Laune ist, was ich ein- oder zweimal zu meinem Schaden auskosten musste. Die kleine Miss Bloom wurde von Gertys sieghafter Schönheit völlig in den Schatten gestellt und sah neben ihr aus wie ein unbedeutendes, niedliches Mäuschen.

Es schien mir so, als ob Gertrud ein wenig gereizter Stimmung sei, als wir den Laden betraten; doch liess sie sich der kleinen Bloom gegenüber nicht das geringste merken. Freundlich, ohne verletzende Herablassung, plauderte sie mit ihr, während sie ein silbernes Zigarrenetui für den alten Herrn auswählte, und bemerkte dann, als wir wieder ins Freie traten: „Niedliches Persönchen! Wie gemacht für deinen Freund. Das Pulver scheint sie nicht gerade erfunden zu haben.“

„Was willst du damit sagen?“

„Was dir beliebt.“

„Du täuschest dich ganz gehörig in Beck, Gerty,“ erwiderte ich hitzig. „Er ist durchaus kein Dummkopf, wie du zu glauben scheinst, sondern vielmehr ein ganz gewitzter Bursche, auf den man sich in jeder Beziehung verlassen kann. Soviel ich weiss, macht er sich übrigens aus Miss Bloom ebensowenig wie aus jedem andern Mädchen.“

„Warum will er sich denn um ihretwillen mit den Bertrams schlagen?“

„Da hast du eben den ganzen Beck! Dasselbe würde er auch für dich oder jedes beliebige andre Mädchen tun, sobald euch jemand zu nahe träte.“

„Ich danke bestens,“ erwiderte Gertrud scharf; „ich hoffe, seiner Dienste niemals zu bedürfen.“ Hätte sie doch in diesem Augenblick in die Zukunft sehen können!

Ich glaube aus reinem Widerspruchsgeist tat sie später, nachdem ich ihr die Bertrams vorgestellt hatte, als sei sie von den Zwillingen höchlichst entzückt. Natürlich tischten ihr diese sofort die Geschichte ihrer Lebensrettung mit sämtlichem Drum und Dran auf, so dass mir schliesslich ganz übel wurde. Gertrud dagegen zeigte sich sehr angenehm berührt und bot den Zwillingen gegenüber ihre ganze Liebenswürdigkeit auf, besonders wenn Beck in der Nähe war.

„Ich würde mich entschieden in einen von den Bertrams verlieben,“ sagte sie zu mir; „wenn ich nur wüsste, in welchen.“

Mrs. Beck und meine Schwester wurden noch vor Ablauf der Woche die besten Freundinnen, und ich habe Gerty nie so heiter und aufgeräumt gesehen wie in Gesellschaft dieser kleinen Frau; dagegen kamen Gertrud und der junge Beck einander um keinen Schritt näher.

Zwar hatte mein Freund nach jenem ersten Zusammentreffen seine Schüchternheit völlig abgelegt und war genau so kühl und höflich wie Gerty selbst. Doch dabei blieb es auch die ganzen vierzehn Tage hindurch, obwohl von eigentlichen Reibereien zwischen den beiden nie die Rede war.

Ich fühlte mich nicht wenig enttäuscht, denn jung und töricht, wie ich damals war, hatte ich mir eingebildet, sie müssten aneinander Gefallen finden.

Mein alter Herr allerdings wurde fuchsteufelswild, als ich ihm eines Abends in meinem Zimmer eine darauf hinzielende Andeutung machte.

„Ich denke in solchen Dingen zwar freier als die meisten meiner Standesgenossen,“ rief er aufspringend und erregt im Zimmer auf und ab gehend; „dennoch muss ich sagen, Charlie, dass ich nicht begreife, wie du eine derartige Möglichkeit auch nur einen Moment ins Auge fassen konntest. Du scheinst völlig zu vergessen, dass hier doch gewisse Unterschiede zu beachten sind.“

„Du brauchst dich gar nicht so aufzuregen, Papa,“ versuchte ich ihn zu beschwichtigen; „es ist nicht die geringste Gefahr vorhanden.“

Nichtsdestoweniger brauchte er reichlich zwanzig Minuten, um sich zu beruhigen, und liess am nächsten Morgen meinen Freund jene bewussten Unterschiede recht deutlich merken, so dass ich mich innerlich einen zehnfachen Esel schalt.

Alles in allem aber schien selbst der alte Herr von dem Ausflug nach Cambridge schliesslich doch voll befriedigt zu sein. Gerty küsste Mrs. Beck zum Abschied und wäre auch dem alten Beck beinahe um den Hals gefallen, was dieser augenscheinlich nicht ungern gesehen hätte. Gegen meinen Freund aber war sie kalt wie Eis.

„Leben Sie wohl, Mr. Beck,“ sagte sie; „und vielen Dank für die genussreichen Stunden.“

„Leben Sie wohl, Miss Kirwood,“ erwiderte er in genau demselben Tone. „Es freut mich, wenn Sie vergnügt gewesen sind.“

2. Grossschlemm

Ein paar Tage nach der Abreise meiner Angehörigen bekam ich Beck nicht viel zu Gesicht, denn er hatte Aussicht, zum Schlagmann des Collegebootes gewählt zu werden, und nahm es mit dem Training sehr ernst. So war ich denn mehr und mehr auf die Zwillinge angewiesen, mit denen ich nach wie vor Karten spielte und hartnäckig verlor. Jedesmal, wenn die beiden Bertrams Partner waren, gewannen sie, und die Ziffer meiner Verluste begann eine Höhe zu erreichen, bei der mir doch allmählich schwül wurde.

Aus diesem Grunde wünschte ich sehnlichst, Beck wieder mit den Zwillingen zusammenzuführen, denn er war ein Meister im Bridgespiel, und ich wollte den Bertrams gern zeigen, was wir beide zusammen leisten könnten. Allein ich wagte nicht, meinen Wunsch laut werden zu lassen, da ich nicht sicher war, wie Beck ihn aufnehmen würde.

Eines Tages schnitt er jedoch selbst das Thema an, und ich glaube, er hatte mich nur deshalb zu einem Glas Bowle auf sein Zimmer eingeladen, um mit mir darüber zu sprechen.

„Deine Zwillinge sind Schwindler, Kirwood,“ begann er ganz unvermittelt, nachdem er mir ein hohes Glas Apfelweinbowle eingegossen hatte.

„Wenn du gegen einen Menschen einmal ein Vorurteil hegst, dann lässt du wahrhaftig kein gutes Haar an ihm,“ erwiderte ich ärgerlich.

„Du sollst sofort meine Gründe hören und danach selber urteilen,“ bemerkte er kurz. „Hast du mir damals nicht erzählt, die Zwillinge könnten weder rudern noch schwimmen?“

„Allerdings. Grössere Tölpel im Boot und im Wasser sind mir noch nicht vorgekommen.“

„Und du bist ganz sicher, dass es nicht bloss Spiegelfechterei war?“

„Lieber Junge, ich weiss wirklich nicht, wer dir diese Raupen in den Kopf gesetzt hat. Um sich einen Spass zu machen, setzt man doch nicht sein Leben aufs Spiel, und die beiden waren damals wahrhaftig nahe genug am Ertrinken.“

„So. Nun dann hör mal zu, was ich dir zu erzählen habe: Als ich vorgestern etwa zwei Meilen ausserhalb der Stadt am Flussufer entlangbummelte, sah ich die Zwillinge in einem Zweierboot angeflitzt kommen. Ich kann dir versichern, dass sie ausgezeichnet ruderten; Schlag folgte auf Schlag, und das Boot schoss vorwärts wie ein Pfeil.“

„Sie können es ja unterdessen gelernt haben.“

„Dann alle Achtung vor ihrer Geschicklichkeit! Aber wart ein Weilchen, ich habe dir noch mehr zu erzählen. Wie der Blitz schossen sie um die nächste Flusskrümmung, so dass ich mich rasch ducken musste, um nicht von ihnen bemerkt zu werden. Nach dem, was du mir früher erzählt hattest, war ich natürlich recht stutzig geworden; das Detektivblut in meinen Adern begann sich zu regen, und zugleich mit einer unbezähmbaren Neugier erwachte in mir der Wunsch, der Sache auf den Grund zu kommen. So schnell ich konnte, eilte ich zum Bootshause zurück und dann in einem Kanu hinter den beiden her, wobei ich mich dicht am Ufer hielt und bei jeder Biegung erst vorsichtig auskundschaftete. Meine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Als ich bis zum Knie gekommen war — du kennst ja die Stelle, wo der Fluss plötzlich so tief wird —, hörte ich Schwatzen und Lachen und munteres Plätschern im Wasser. Rasch liess ich das Kanu auflaufen und kroch im Schutz des Buschwerks am Ufer entlang. Und da, gerade mir gegenüber, kaum fünfzig Ellen entfernt, sah ich die Zwillinge, die du vor drei Wochen vom Tode des Ertrinkens gerettet hast, schwimmen und tauchen wie Enten.“

„Auch das mögen sie unterdessen gelernt haben; damals konnten sie es entschieden noch nicht.“

„Sei doch kein Narr, Charlie. In drei Wochen lernt man nicht so schwimmen. Sie haben dich damals eben zum besten gehalten, um mit dir und deinem Umgangskreise Fühlung zu gewinnen. Vielleicht hofften sie dabei auf ein profitliches Spielchen.“

Er sah mich bei diesen Worten scharf an, doch verriet ich mich mit keiner Silbe, denn jetzt ein Wort von Kartenspielen fallen zu lassen, wäre Wasser auf seine Mühle gewesen.

„Ein paar nichtsnutzige Tagediebe sind die beiden,“ fuhr Beck fort. „Stehlen dem lieben Herrgott den Tag ab und spielen bis an den hellen Morgen. Die Vorlesungen schwänzen sie, Privatstudien treiben sie nicht, und —“

„Da irrst du dich,“ unterbrach ich ihn; „das weiss ich zufällig besser.“

„So? Und was weisst du denn?“

„Dass sie arbeiten. Vielleicht nicht in der üblichen Weise, aber eine Menge ganz gescheiter Burschen machen es ebenso. Woher ich das weiss? Das werde ich dir sofort verraten. Vor einigen Tagen suchte ich sie unerwartet in ihrer Wohnung auf und konnte draussen vor der Tür schon hören, dass sie eifrig bei der Arbeit waren. Die Worte freilich vermochte ich nicht zu verstehen, doch hätte ich darauf schwören mögen, dass sie sich gegenseitig etwas überhörten, denn einer von ihnen fragte immer, während der andere antwortete. Sie waren so vertieft, dass sie mein Klopfen nicht hörten, und als ich unaufgefordert eintrat, sah ich den einen mit einem Notizbuch in der Hand dasitzen, aus dem er augenscheinlich die Fragen ablas. Mein plötzliches Erscheinen versetzte die beiden in nicht geringe Verlegenheit, und einen Augenblick schien es sogar, als wären sie wütend auf mich ‚Wo zum Teufel kommen Sie hier so plötzlich hereingeschneit?‘ fuhr mich der mit dem Notizbuch an, während ihm sein Bruder einen warnenden Rippenstoss versetzte und beschwichtigend sagte: ‚Sachte, sachte, Fred! Mr. Kirwood wird unser kleines Geheimnis schon nicht verraten, was übrigens auch gerade kein Unglück wäre?‘“

„‚Nehmen Sie’s nicht übel, Kirwood,‘ lenkte der andre jetzt ein, während er das Notizbuch in seinen Schreibtisch schloss. ‚Ihr unvermutetes Eintreten hat mich etwas aus der Fassung gebracht. Ed und ich sind ein paar Dummköpfe; wir fühlen uns nämlich nicht ganz sicher, ob wir auch unser Vorexamen bestehen werden, und möchten uns, wenn wir durchfallen, nicht gern nachsagen lassen, wir hätten doch so gebüffelt, verstehen Sie? Hoffentlich sind Sie nicht etwa gekommen, uns von dem schmalen Pfade der Tugend fortzulocken und zu so früher Stunde schon zum Kartenspiel zu verführen, Sie unverbesserliche Spielratte.‘“

Die letzten Worte waren mir ganz wider Willen entschlüpft, Beck aber fing sie sofort auf.

„Kartenspiel, sagtest du? Dann habe ich mich also nicht getäuscht.“

„Doch, du hast dich getäuscht,“ versetzte ich. „Ich beabsichtigte durchaus nicht, Karten zu spielen, sondern wollte mich nur nach dem Beginn einer kleinen Abendgesellschaft erkundigen, zu der sie mich eingeladen hatten.“

„Und diese Abendgesellschaft bedeutet natürlich nichts andres als Kartenspielen?“

„Das will ich nicht in Abrede stellen. Vermutlich werden wir nach dem Abendessen ein harmloses Spielchen machen.“

Beck trat dicht an mich heran und legte mir mit der Gebärde eindringlichster Warnung die Hand auf den Arm.

„Charlie!“ sagte er. „Wir sind doch nun schon so lange gute Freunde: willst du mir einen Gefallen tun?“

„Jeden, der in meiner Macht steht, alter Junge.“

„Dann brich den Umgang mit den Bertrams ab. Ich verstehe es leider nicht, einem Menschen recht eindringlich ins Gewissen zu reden, allein du hast mir oft genug selber gesagt, dass es dir mit dem Kartenspielen geht, wie andern mit dem Trinken: wenn du erst einmal angefangen hast, kannst du nicht wieder aufhören. Darum fang lieber gar nicht an, lass dich von jenen Burschen nicht ins Verderben ziehen!“

Der tiefe Ernst dieser Worte verfehlte seinen Eindruck auf mich nicht; wie unter einem inneren Zwange stehend, musste ich ihm jetzt — ganz gegen meinen Willen — alles beichten.

„Ich bin dir für deine Warnung zu grösstem Dank verpflichtet, lieber Junge,“ erwiderte ich, „doch kommt sie leider zu spät. Ich habe nämlich schon ‚angefangen‘ und auch schon ziemlich lange fortgemacht und muss sehen, dass ich wieder zu meinem Geld komme.“

Mit einem scharfen Ruck richtete Beck sich auf; er sagte kein Wort mehr davon, die Karten oder die Zwillinge aufzugeben. „Wieviel?“ fragte er nur kurz.

„Ungefähr sechshundert, das heisst Schuldscheine über sechshundert, abgesehen von dem Bargeld, das den Weg alles Fleisches gegangen ist.“

„Mit tausend Pfund könnte ich dir bequem aushelfen; ich brauche nur eine Zeile nach Hause zu schreiben, dann bekomme ich Geld, so viel ich haben will. Meine Eltern sind reich und führen ein sehr zurückgezogenes Leben, zudem bin ich ihr einziges Kind. Sag also nur ein Wort, dann kannst du übermorgen das Geld haben.“

„Dank schön, lieber Junge, ganz so schlimm steht es denn doch noch nicht mit mir.“

„Ich meine natürlich als Darlehn.“

„Für das ich dir als einzige Sicherheit mein Glück im Kartenspiel anbieten könnte. Nein, lass nur, alter Junge! Ich weiss, du meinst es herzlich gut, allein du musst doch selber einsehen, dass ich dieses Geld nicht von einem Freunde annehmen kann.“

„Ja,“ sagte Beck in zögerndem Tone, „das sehe ich ein.“

„Meinem alten Herrn möchte ich auch nicht damit kommen,“ fuhr ich fort. „Er ist gerade nicht gut bei Kasse — übrigens ein chronisches Leiden bei ihm —, und so bleibt mir denn nichts übrig, als es den Zwillingen wieder abzugewinnen. Irgendwo heisst es bei Shakespeare:

‚....... wenn ich einen Bolzen

Verloren hatte, schoss ich seinen Bruder

Von gleichem Flug, den gleichen Weg; ich gab

Nur besser acht, um jenen auszufinden,

Und, beide wagend, fand ich beide oft.‘

Die Stelle gefiel mir, daher habe ich sie im Gedächtnis behalten. Heut abend will ich danach handeln und den Bertrams ein paar von meinen Schuldscheinen abknöpfen oder mir ganz und gar das Genick brechen. Wenn du mir einen wirklichen Freundschaftsdienst leisten willst, so müsstest du mir eigentlich bei meinem Vorhaben behilflich sein.“

„Jawohl, das will ich auch.“

Nichts in der Welt hätte mich mehr überraschen können als diese plötzliche Bereitwilligkeit.

„Ist das dein Ernst?“ fragte ich ungläubig. „Wenn du es nicht gern tust, dann lass es lieber bleiben.“

„Es ist mein voller Ernst. Kannst du mich bei den Zwillingen einführen?“

„Selbstverständlich; sie haben mich oft genug dazu aufgefordert. Du brauchst gar nicht so den Kopf zu schütteln, die beiden Bertrams sind wirklich ein paar anständige Kerle; dass wir so hitzig gespielt haben, ist lediglich meine Schuld, sie können doch schliesslich nichts dafür, wenn sie gewinnen.“

„Lass die Sache jetzt auf sich beruhen. Ich werde heut abend mitkommen und mir selber ein Urteil bilden.“

Wie ich es vorausgesetzt hatte, fand Beck bei den Zwillingen die herzlichste Aufnahme. Ich sah ihm an, dass er über ihre Wohnung erstaunt war, denn von den Ölgemälden an der Wand bis zu dem türkischen Teppich auf dem Fussboden war alles von gediegenstem Material und feinstem Geschmack. Einschliesslich Tom Staunton bestand unsre kleine Gesellschaft aus fünf Personen. Das Essen war ausgezeichnet, ebenso Wein und Zigarren — die Zwillinge verstanden sich auf dergleichen. Nach Tisch setzten sich unsre Wirte ans Klavier und sangen uns ein komisches Duett vor, mit dem sie in jedem Varieté einen durchschlagenden Erfolg erzielt hätten.

Ich war der erste, der zum Kartenspielen aufforderte, allein die Brüder machten allerlei Einwendungen.

„Lassen Sie die Karten heut abend ruhen, Kirwood, und singen Sie uns lieber etwas vor. Das Spiel hat ja noch Zeit, bis Ihr Glück sich gewendet hat. Wenn Sie allerdings darauf bestehen, müssen wir Ihnen sofort Revanche geben.“

„Beck ist doch heute abend hier; ich möchte nicht, dass er so schnell wieder aufbricht.“

„O, ich verzichte gern aufs Mitspielen,“ sagte Tom Staunton.

„Nein, so ist’s nicht gemeint; wir wechseln natürlich ab.“

„Ich weiss wohl, dass Sie es nicht so gemeint haben,“ erwiderte Staunton mit gutmütigem Lächeln; „aber ich möchte tatsächlich verzichten. Ich bin nicht imstande, hohe Einsätze zu machen, und würde Ihnen Ihr ganzes Spiel verderben. Lassen Sie mich daher nur ruhig trinken, rauchen und zusehen — ich bin ein ausgezeichneter Kiebitz.“

„Dann fordern Beck und ich Sie also auf,“ wandte ich mich an die Zwillinge. „Sie geben Karten.“ Und hurtig machten wir uns ans Werk.

Beck hatte die ganze Hand voller Herzen, Karo und Pik, machte aber nicht Trumpf. Die dritte Hand dublierte. Ihr Partner spielte Treff an, und die beiden bekamen zwei Stiche. Nach hartnäckigem Kampfe gewannen wir durch Becks grossartiges Spiel die zweite Runde, unsre Gegner jedoch die dritte und den Robber.

Da wir den Point zu fünf Schilling spielten, so wurde ein neuer Schuldschein über siebenundvierzig Pfund den andern hinzugefügt, die sich schon im Besitz der Zwillinge befanden. Zu meiner grössten Überraschung beglich auch Beck, der sonst immer seinen Stolz darin setzte, stets alles bar zu bezahlen, seinen Verlust mit einem Schuldschein.

Den nächsten Robber gewannen die Bertrams wieder in ununterbrochener Folge, dann aber wandte sich das Blättchen, denn bei der letzten Partie bekam Beck vier Asse in die Hand, machte Klein-Schlemm und heimste auch den Robber ein. So wechselte im Laufe der Nacht das Spielerglück zwischen Hochflut und Ebbe beständig ab; einmal hatten wir sogar schon dreihundert Pfund verspielt, ehe Fortuna uns wieder zu lächeln begann.

Zum Schluss spielte Beck, allen Regeln zum Trotz, merkwürdig waghalsig. Es schien, als hätte er die Gabe des zweiten Gesichtes und könne erraten, was unsre Gegner für Karten in der Hand hielten, denn er wagte mit Erfolg ein paar tollkühne Feinheiten. Nach einem dieser Treffer lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und flüsterte dem hinter ihm sitzenden Staunton etwas zu. Dieser machte zuerst ein sehr verblüfftes Gesicht, sah zweifelnd von einem der Zwillinge zum andern, nickte dann aber lächelnd und beobachtete das Spiel noch gespannter als vorher.

Als die graue Morgendämmerung durch die Spalten der Fensterladen schimmerte und wir endlich aufhörten, standen Beck und ich mit je einhundertsiebzig Pfund in der Schuld unsrer Wirte.

„Es tut mir leid, dass ich dich in mein Pech mit hineingezogen habe, alter Junge,“ sagte ich, als wir uns einen kleinen Whisky und Pol mischten und die letzte Zigarre anzündeten.

„O, das macht nichts,“ erwiderte er liebenswürdig; „das nächste Mal haben wir hoffentlich mehr Glück.“

Das war Wasser auf meine Mühle, denn ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass Beck sich noch einmal aufs Kartenspielen einlassen würde. Auch ich rechnete zuversichtlich auf einen baldigen Glücksumschwung und fragte daher die Zwillinge: „Können Sie uns morgen abend bei mir Revanche geben?“

„Lieber hier bei uns,“ erwiderte einer von ihnen lachend; „wir möchten unser Glück nicht gern auf die Probe stellen.“

Mir dagegen lag gerade daran, denn ich war in dieser Hinsicht ein wenig abergläubisch und knüpfte daher an einen Ortswechsel ganz besondere Erwartungen. Allein Beck durchkreuzte meine Wünsche, indem er sich zustimmend an die Zwillinge wandte.

„Gewiss; behaglicher als hier können wir’s ja nirgend finden, und für Leute unsres Schlages ist das Beste gerade gut genug, nicht wahr, Kirwood? Und Staunton wird sich durch solch ein ehrliches Spiel doch sicherlich auch fesseln lassen.“

Bei diesen letzten Worten drehte sich einer der Zwillinge scharf zu dem Sprechenden herum.

„Sie meinen doch nicht etwa —“ begann er hitzig, änderte aber sofort den Ton, als er in Becks harmlos lächelndes Gesicht sah. „Natürlich kann Staunton kommen, so oft er will, wir werden uns stets sehr freuen, ihn bei uns zu sehen.“

„Verbindlichsten Dank,“ rief Staunton erfreut, denn nichts in der Welt geht ihm über Bridge, und zwar lediglich um des Spieles, nicht um der Einsätze willen. „Ich werde mit tausend Freuden kommen. So gefesselt hat mich noch kein Spiel, und ich hoffe, Ihnen morgen ein paar Ihrer Kunstgriffe abzugucken.“

Dieser Abend eröffnete eine ganze Reihe durchspielter Nächte, zu denen sich Staunton regelmässig einfand, obwohl er nur selten die Karten in die Hand nahm. Meistenteils begnügte er sich damit, mit immer gleicher, unwandelbarer Aufmerksamkeit die Schwankungen des Spieles zu verfolgen. Beck und ich waren gewöhnlich Partner gegen die Zwillinge, und obgleich wir ab und zu auch einmal einen Gewinn einstreichen konnten, wandte uns das Glück im allgemeinen hartnäckig den Rücken.

Eines Abends traf ich zu meiner grössten Überraschung Beck und Staunton, die sonst gar nicht so intim miteinander waren, in streng vertraulichem Gespräch.

Wir fanden uns an diesem Abend früher als sonst bei den Zwillingen zusammen und setzten uns nach dem Abendessen sofort an den Spieltisch. Beck reichte Staunton mit den Worten: „Sie machen also, bitte, die betreffenden Notizen,“ ein kleines Buch über die Schulter.

„Jawohl,“ erwiderte Staunton lakonisch.

„Wohl eine neue Art von ‚Systemmarkierung‘?“ fragte einer der Zwillinge, indem er flüchtig vom Kartenmischen aufsah.

„Allerdings,“ antwortete Beck; „wenigstens so etwas Ähnliches.“

„Eigene Erfindung?“

„Das eigentlich nicht. Es fiel mir neulich beim Zusehen nur einmal so ein; da es aber ein ziemlich knifflicher Trick ist, so möchte ich gern, dass sich Staunton zuerst Notizen macht und mir nachher als ‚unbefangener Sachverständiger‘ seine Meinung darüber sagt. Also los! — Sieben, König, Ass, Neun — den Stich gebe ich. Da hätten wir heute also zum erstenmal Blut geleckt, Kirwood. Na, vielleicht wendet sich das Blättchen jetzt endlich einmal.“

Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch, was aber nicht etwa an unsern schlechten Karten lag, denn im allgemeinen hatten wir bessere als die Zwillinge. Allein diese spielten einander in so verblüffender Weise in die Hand, dass weder Becks noch meine nicht zu verachtende Kombinationsgabe dagegen aufzukommen vermochte. Die Art, wie sie ausspielten und stachen, grenzte fast an Eingebung; jeder von ihnen schien zu ahnen, was der andere für Karten in der Hand hielt. Ab und zu gewannen Beck und ich wohl auch einmal eine Partie, im grossen ganzen aber zeigte sich das Glück uns feindlicher als je.

Gegen halb zwei Uhr morgens hatte jeder von uns dreihundert Pfund verloren. Unsre Gegner waren gerade an der Reihe, Karten zu geben und auszuspielen.

„Partner, du machst Trumpf,“ sagte der eine.

„Herz,“ erklärte der andre und spielte vier Herzen aus, hatte überhaupt sonst fast nur noch eine Königin und zwei Buben in der Hand. Zu meinem grössten Erstaunen legte Beck, welcher in der dritten Hand sass, seine Karten flach auf den Tisch.

„So, jetzt haben wir genug davon,“ sagte er gelassen.

„Wie Sie wünschen,“ erwiderte der Kartengeber; „wenn dieser Robber zu Ende ist, können wir sofort aufhören. Sie haben heute allerdings Pech, können aber selbstverständlich jederzeit Revanche haben.“

„Danke sehr, dann möchte ich sofort darum bitten,“ sagte Beck in demselben ruhigen Tone wie vorher. „Staunton, wie stimmten die Notizen?“

„Grossartig,“ antwortete der Gefragte mit vor Erregung zitternder Stimme. „Es stimmt jedesmal ganz genau.“

„Was hast du denn da immer mit deinen Notizen, Beck?“ rief ich ärgerlich dazwischen. „Lass doch das Spiel weitergehen, wie sich’s gehört.“

„Einen Augenblick Geduld, bitte, das ist doch wirklich zu merkwürdig.“ Damit nahm er das Büchelchen aus Stauntons Hand und reichte es mir. In Becks klarer Handschrift las ich auf der ersten Seite folgende Aufzeichnungen:

Trumpfmachen:

„Du bist dran“ ... durchweg schlechte Karten.

„Passe“ ... schlechte Karten; viel Pik.

„Ich passe“ ... schlechte Karten; viel Treff.

„Ich überlasse es dir“ ... schlechte Karten; viel Karo.

„Ich überlasse es dir, Partner“ ... schlechte Karten; viel Herzen.

„Mach Trumpf“ ... durchweg gute Karten.

„Du machst Trumpf“ ... gute Karten; viel Pik.

„Partner, mach Trumpf“ ... gute Karten; viel Treff.

„Mach Trumpf, Partner“ ... gute Karten; viel Karo.

„Partner, du machst Trumpf“ ... gute Karten; viel Herzen.

Dublieren:

Vorhand —

„Soll ich?“ ... Ich habe nichts.

„Soll ich spielen?“ ... Nur gut in Pik.

„Partner, soll ich spielen?“ ... Nur gut in Treff.

„Soll ich spielen, Partner?“ ... Nur gut in Karo.

„Soll ich ausspielen?“ ... Nur gut in Herzen.

„Partner, soll ich ausspielen?“ ... Gute Karten.

Hinterhand —

„Dubliere“ ... Pik ausspielen.

„Ich dubliere“ ... Treff ausspielen.

„Partner, ich dubliere“ ... Karo ausspielen.

„Ich dubliere, Partner“ ... Herzen ausspielen.

Im ersten Augenblick war ich ziemlich begriffsstutzig und hatte keine Ahnung, was die Sache bedeuten sollte, sondern dachte nur an die Karten, die ich in der Hand hielt.

„Daraus werde ich nicht klug,“ sagte ich daher ungeduldig.

„Vielleicht können unsere Gastgeber dir helfen,“ meinte Beck noch immer in jenem unheimlich gelassenen Tone und hielt den beiden das Notizbuch hin, in das sie nacheinander hineinblickten.

Die Wirkung war geradezu überwältigend. Die glühende Röte, die zuerst in die dunkeln Gesichter der Zwillinge schoss, wich unmittelbar darauf einer fahlen, gelblichen Blässe. Ihre schwarzen Augen sprühten Blitze; mit verzerrten Gesichtern sprangen sie auf, so dass ihre Stühle krachend hinter ihnen zu Boden stürzten, und ausser sich vor Wut griff einer von ihnen nach den Aufzeichnungen.

Doch blitzschnell hatte Beck das kleine Buch in die andere Hand gleiten lassen.

„Ansehen — ja! Aber nicht anfassen!“ rief er den beiden zu.

Da brach einer der Zwillinge in einen wahren Tobsuchtsanfall aus.

„Sie elender Schleicher!“ schrie er Beck ins Gesicht. „Sie gemeiner Spion! Mein Pult haben Sie erbrochen, Sie —“

Und wie ein Pferd, das im rasenden Galopp sich plötzlich wild emporbäumt, so warf er in Trotz und Wut den Oberkörper zurück.

Gespannt blickte ich zu Beck hinüber, denn ich erwartete, dass er sich eine solche Sprache nicht bieten lassen und sich sofort auf seinen Beleidiger stürzen würde. Natürlich war ich jeden Augenblick bereit, ihm beizustehen — allein nichts dergleichen geschah, vielmehr bemerkte ich zu meinem grössten Befremden in Becks Augen ein triumphierendes Aufblitzen.

„Danke bestens,“ sagte er spöttisch; „aber Sie sind auf dem Holzwege. Bis jetzt habe ich Ihr Geheimbuch noch nicht zu Gesicht bekommen, sondern mir auf höchst einfache Weise meine Aufzeichnungen selber zusammengestellt. Staunton, wollen Sie nicht so gut sein und Kirwood die Sache erklären? Er macht ein Gesicht wie eine Katze, wenn’s donnert.“

„Also,“ begann Staunton in seiner ruhigen, gelassenen Art, „diese beiden Gentlemen“ — er legte auf das Wort einen sehr bezeichnenden Nachdruck — „haben eine Reihe von Zeichen miteinander verabredet, die Beck auffielen, als er das Fallen der Karten aufmerksam beobachtete. Er schrieb sich die Reihenfolge dieser Zeichen auf, übergab sie mir zum Nachprüfen, und ich habe sie heute nacht bis aufs I-Tüpfelchen bestätigt gefunden.“

„Elende Lüge!“ knirschten die Zwillinge.

„Das wollen wir gleich einmal sehen,“ rief Beck, in dem nun auch der Zorn zu kochen begann, in völlig verändertem Tone. „Zunächst möchte ich einmal einen Blick in jenes Pult werfen.“

Mit einem Wutschrei sprang einer der Zwillinge schützend vor das bedrohte Geheimnis, allein Beck war flinker als er. Eine knappe Hand- und Fussbewegung, ein Griff, ein Stoss — und Beck kniete auf seinem Gegner, der auf den Teppich niedergestürzt war.

„Macht ihr den andern unschädlich!“ rief mir mein Freund über die Schulter zu, während er den sich heftig Wehrenden mit eiserner Kraft zu Boden drückte.

Der zweite der beiden Burschen war unterdessen mit einem Satz an das Büfett gesprungen und versuchte gerade, den Griff eines Tranchiermessers zu packen, als die Seitenkante meiner Hand mit solcher Wucht auf seinen Vorderarm niedersauste, dass er mit einem Schmerzenslaut das Messer fallen liess. Es entspann sich ein kurzes Handgemenge zwischen uns, bei dem sich mein Gegner flink und geschmeidig wie eine Wildkatze immer wieder meinen Griffen entwand und mit mir durch das ganze Zimmer walzte, wobei er gleichzeitig verzweifelte Anstrengungen machte, Beck durch Fusstritte von seinem Bruder fortzustossen. Tische und Stühle wurden dabei umgeworfen, und der Fussboden bedeckte sich im Nu mit umhergeschleuderten Karten. Da mir Staunton indessen sofort zu Hilfe kam, gelang es uns bald, den gefährlichen Gegner zu überwältigen.

„Bindet ihm Hände und Füsse!“ keuchte Beck. „Macht flink, und dann helft mir hier; der Bursche ist ein bisschen widerspenstig.“

Während wir Becks Weisung folgten, hörte ich das dumpfe Aufschlagen eines menschlichen Schädels auf den Teppich — Beck zwang seinen Gegner, der sich zu erheben versucht hatte, wieder auf den Rücken nieder. Trotz heftigen Sträubens unsrer Widersacher knoteten wir ihnen mit unsern Taschentüchern Hand- und Fussgelenke fest zusammen, und bald lag das edle Paar Seite an Seite wehrlos vor uns auf dem Teppich.

„So, und jetzt das Pult!“ rief Beck. „Reichen Sie mir mal das Messer herüber, Staunton.“

Geschickt zwängte er die spitze Messerklinge in die Spalte unter den Pultdeckel, den er durch eine rasche Drehung des Handgelenks ohne Schwierigkeit öffnete.

Das Gesuchte fand sich beinahe auf der Stelle.

„Staunton, Kirwood, seht her!“ rief Beck frohlockend. „Fast dieselben Aufzeichnungen wie die meinigen, nur noch besser ausgearbeitet — verteufelt fein ausgeklügelt. Hier, Charlie, da hast du den Leitfaden, aus dem sich deine Freunde auf ihr Examen vorbereiteten. Ein hochwichtiges Schriftstück, das ich zu weiterer Empfehlung gern behalten möchte.“

Damit steckte er das Büchelchen in eine Innentasche seines Rockes, während die entlarvten Schurken sich in ohnmächtiger Wut auf dem Fussboden wanden.

„Holla!“ rief Beck, noch immer im Pult herumstöbernd; „was haben wir denn hier? Ein dickes Paket Schuldscheine von uns und andern. Wir waren also nicht die einzigen Opfer, Kirwood. So, nun wollen wir einmal reinen Tisch damit machen!“

Er sammelte aus dem Pult einen ganzen Haufen auf allerlei Papierschnitzel gekritzelte Schuldscheine zusammen, raffte vom Spieltisch auch die beiden Häufchen, die heute nacht noch dazu gekommen waren, und schichtete die ganze Bescherung in dem leeren Kamin säuberlich übereinander.

„Ein Streichholz, Staunton!“

Gierig leckten die kleinen roten Flammenzungen an den lose geschichteten Papieren, die sofort zu schwelen anfingen und im nächsten Augenblick in einer lustig aufflackernden Lohe verschwanden.

„Mir ist zumute, als ob ich Banknoten verbrennte,“ sagte Beck. „Zwei- oder dreitausend Pfund gehen da in Rauch auf.“ Und mit plötzlichem Ernst wandte er dem Feuer den Rücken. „Was machen wir nun mit diesen Burschen?“ fuhr er fort. „Darüber müssen wir uns jetzt zunächst schlüssig werden.“

So sassen wir drei beim Morgengrauen in dem wüsten Zimmer zu Gericht über die Zwillinge, die uns vom Fussboden her lauernd beobachteten und seit ihrer Fesselung weder einen Laut von sich gaben noch die geringste Bewegung machten.

Zu meiner Überraschung war der gutmütige phlegmatische Staunton gerade der Allerschroffste unsres kleinen Gerichtshofes, denn er bestand durchaus auf öffentlicher Brandmarkung und schimpflicher Relegation der beiden Schurken. Ich glaube, seine fanatische Vorliebe für das Bridgespiel war der Grund zu dieser Härte, denn bei diesem Spiel zu betrügen, erschien ihm fast wie eine Entweihung. Beck dagegen nahm einen wesentlich milderen Standpunkt ein, und da ich nach einigem Nachdenken seinen Gründen beipflichten musste, so wurde Staunton überstimmt.

„Hört, ihr Burschen,“ begann Beck, als wir mit unsern im Flüsterton geführten Beratungen fertig waren und das Urteil gefällt hatten. „Ihr habt in spätestens drei Tagen gutwillig — wohlgemerkt, gutwillig — diese Stadt zu verlassen. Versteht ihr?“

„Jawohl,“ murmelten sie finster, worauf wir sie losbanden und das Zimmer verliessen. Vor der Tür verabschiedeten wir uns von Staunton und schritten im schwindenden Licht des untergehenden Mondes unsrer Wohnung zu. Beck war sehr schweigsam, doch fühlte ich deutlich, dass er irgendeine Äusserung von mir erwartete.

„Tausend Dank für deinen Freundschaftsdienst, alter Junge,“ sagte ich daher. „Das war eine gute Lehre für mich; von jetzt ab rühre ich keine Karte mehr an.“

„Was — niemals mehr?“

„Nun, wenigstens so gut wie niemals mehr. Höchstens gelegentlich einmal den Point zu einem halben Pfennig oder so.“

Ein fester Händedruck beim Abschied besiegelte mein Versprechen.

Drei Tage später hatten die Zwillinge sang- und klanglos die Universität verlassen.

Manch einer der von ihnen Gerupften mag wohl angenehm überrascht gewesen sein, dass seine Schuldscheine niemals zum Bezahlen vorgelegt wurden.

„Ganz besonders freut es mich, dass die beiden Schurken nun Miss Bloom nicht mehr belästigen können,“ meinte Beck befriedigt.

„Sag mal, Beck —“ begann ich, hielt dann aber zögernd inne.

„Nein,“ beantwortete er nach einer Pause von selber meine unausgesprochene Frage. „Nein, ich liebe Miss Bloom ganz gewiss nicht.“

3. Gertruds sonderbarer Freier

Die Freundschaft zwischen Beck und mir wurde mit den Jahren immer inniger, wenn auch mein alter Herr damit nicht ganz einverstanden war und mir erklärte, ein junger Mann in meiner gesellschaftlichen Stellung dürfe derartige Schülerfreundschaften nicht fürs ganze Leben beibehalten. So rückte der Tag heran, an dem ich mündig werden sollte, und mein Vater plante, mir zu Ehren, allerlei festliche Veranstaltungen; mit Gertruds Unterstützung gelang es mir jedoch, ihn von diesem Gedanken abzubringen. Der einzige Wunsch, den ich ihm vortrug, war die Bitte um eine Einladung Becks. Ich wollte an diesem für mich so wichtigen Tage meinen besten Freund bei mir haben. Der alte Herr erhob zwar noch einige schwache Einwendungen, „er müsse Rücksicht auf Gertrud nehmen, die Mutterlose doppelt gut behüten“ und so weiter, doch als ich ihm vorstellte, dass Gertrud ein verständiges Mädchen und Beck nichts weniger als ein Herzbrecher sei, willigte er endlich ein. Bei dieser Gelegenheit kam Beck zum ersten Male nach Schloss Kirwood, wo er später noch oft ein gern gesehener Gast werden sollte. Damals brach zwischen Gertrud und ihm das Eis; sie wurden allmählich gute Kameraden, und auch der alte Herr schloss meinen Freund immer mehr in sein Herz.

Gertys grösstes Vergnügen war, mich mit meinen sogenannten „Flammen“ zu necken, und dabei hatte sie selbst mehr oder weniger schüchterne Verehrer in Hülle und Fülle. Ich habe zwar niemals begreifen können, weshalb so viele Männer sich gerade in sie verschossen. Es gab entschieden viel hübschere und geistvollere Mädchen als meine Schwester. Doch lässt sich über den Geschmack bekanntlich nicht streiten. Und hier sprachen die Tatsachen unwiderleglich für sich.

Der alte Oberst Maddox — so hiess ihr neuester Verehrer — machte aus seiner sinnlosen Verliebtheit kein Hehl. Alt konnte man ihn eigentlich kaum nennen; denn schliesslich sind fünfundfünfzig Jahre für einen millionenschweren Selfmademan kein Alter.

Der Obersttitel war vermutlich amerikanischen Ursprungs; jedenfalls erfuhr ich niemals, welcher Armee oder gar welchem Regiment Maddox angehörte. Sein eigentlicher Beruf bestand zweifellos darin, auf allen fünf Erdteilen Reichtümer zusammenzuraffen, und er zählte sicherlich unter die hundert reichsten Leute der Welt, als er sich Hals über Kopf in Gertrud verliebte.

Das Äussere des Obersten war nicht sonderlich angenehm: eine vorspringende, knochige Stirn, ein struppiger Schnurrbart und grobgeschnittene Züge verschönten seinen äusseren Menschen nicht. Trotz seiner Millionen konnte man ihn gewissermassen als Landstreicher bezeichnen, da er keinen festen Wohnsitz und keinen bestimmten Lebensberuf hatte. Er lebte andauernd in Hotels, beteiligte sich an allen Geschäften, wo es etwas zu verdienen gab, und nannte, so viel man wusste, weiter nichts als Aktien und Bargeld sein eigen. Er legte keine Sammlungen an, kaufte nichts, was er mieten konnte, und besass kein Heim. Nur ein einziges kostbares Kleinod befand sich in seinem Besitz: der haselnussgrosse blaue Diamant, den viele Kenner für den schönsten Edelstein der Welt erklärten.

Doch dieses unschätzbare Juwel ruhte wohlverwahrt in einem Bankfach in London, und der Oberst holte es höchstens alle fünf Jahre einmal hervor, um einen Blick darauf zu werfen. Als er Gertrud auf einem Gartenfest bei der Herzogin von Avendale kennen lernte und sich auf den ersten Blick in sie verliebte, wohnte er eines grossen Unternehmens wegen im Cosmopolitan-Hotel.

Dass Oberst Maddox bisher überhaupt noch nie einem weiblichen Wesen Beachtung geschenkt hatte, machte diese plötzliche Schwäche besonders merkwürdig. Auch war es bei ihm, wie bei allen Leuten, die noch in vorgerückten Jahren eine Kinderkrankheit bekommen, ein schwerer Fall, dessen Anzeichen aller Welt auffallen mussten.

Mit Frank Ansley, dem Neffen und Privatsekretär des Obersten, stand es fast ebenso schlimm, wie mit seinem Onkel.

Bis Gertrud dem Obersten in den Weg kam, war der junge Mann das einzige Wesen in der Welt, um das der hartherzige Junggeselle sich je gekümmert hatte. Auch Ansley machte — hierin muss man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen — aus seinem Herzenszustande kein Hehl. Doch der Oberst, der dies anfänglich nicht beachtet hatte, schäumte bei dieser Entdeckung förmlich vor Wut. In Gegenwart Fremder schimpfte er den Neffen einen Maulaffen, einen dummen Jungen und Lumpen, den er aus der Gosse aufgelesen habe und jeden Augenblick — wenn es ihm so beliebe — wieder dorthin zurückbefördern könne.

Der junge Mann entgegnete keine Silbe, doch fiel den Anwesenden seine Leichenblässe und das drohende Aufflammen seiner stahlgrauen Augen auf.

Ich muss gestehen, dass sich Gertrud bei der ganzen Angelegenheit tadellos benahm und beide Männer mit gleicher Höflichkeit behandelte. Vielleicht war sie gegen Ansley noch ein klein wenig freundlicher, was ich übrigens ganz begreiflich fand, denn er war ein sehr hübscher, gescheiter Bursche und ein äusserst angenehmer Gesellschafter.

Ich will hier noch einflechten, dass Beck beide Männer merkwürdigerweise nicht leiden konnte. Den Oberst erklärte er für ein habgieriges, altes Rauhbein, das sich einbilde, für Geld alles haben zu können, und den jungen Ansley verachtete er, weil dieser vor dem unverschämten alten Kerl Kotau mache, um die Erbschaft nicht zu verlieren.

Gertruds Bekanntschaft mit dem Oberst war noch keine vierzehn Tage alt, als er bereits um sie anhielt. Den Einzelheiten nach, die sie mir später erzählte, muss es freilich ein höchst sonderbarer und verblüffender Heiratsantrag gewesen sein.

In einem prächtigen, für den ganzen Tag gemieteten Auto kam er zu uns herausgefahren und blieb zum Lunch und Fünfuhrtee. Während der ganzen Zeit hatte Gertrud ihre liebe Not, dem Antrage, der ihm auf der Zunge schwebte, auszuweichen. Er dehnte seinen Besuch so lange aus, dass unser gastfreier alter Herr nicht umhin konnte, ihn zum Abendessen einzuladen, was der Oberst auch, ohne sich lange nötigen zu lassen, bereitwilligst annahm.

Als unsre aus etwa zwölf Personen bestehende Gesellschaft das Speisezimmer betrat, liess der Oberst seine Tischdame einfach im Stich, pflanzte sich auf den für einen andern Herrn bestimmten Stuhl neben Gertrud und war durch keine zarte Andeutung zu bewegen, diesen Platz aufzugeben. Gertrud wollte kein Aufsehen erregen, weit sie Maddox die laute Erklärung zutraute, er müsse durchaus dort sitzen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen.

Der Ausdruck „wahnsinnig verliebt“ passte allerdings buchstäblich auf den Oberst; denn dieser war für sein Tun ebensowenig verantwortlich wie ein Verrückter, setzte sich genau wie ein solcher über jedes Herkommen hinweg und berechnete auch die Folgen seiner Handlungsweise nicht. Gertrud schilderte mir den Hergang folgendermassen:

„Noch ehe die Suppe abgetragen wurde, legte er mit seiner Erklärung los und blieb während der Entrees und des Fischganges dabei. Zum Glück war der korpulente Herr auf meiner andern Seite etwas schwerhörig und ganz in sein Essen vertieft. Ausserdem drehte der Oberst seiner Nachbarin zur Linken, die sich mit ihrem Gegenüber unterhielt, halb den Rücken zu.

„‚Ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen, Lady Gertrud,‘ begann er, als der Suppenteller vor ihm stand.

„‚Wollen Sie das nicht lieber bis zu einem gelegeneren Zeitpunkt aufschieben, Herr Oberst?‘

„‚Es hat mich schon Mühe genug gekostet, diesen zu finden,‘ antwortete er finster. ‚Ein zweiter bietet sich mir vielleicht nicht mehr.‘

„Ich quälte mir ein Lächeln ab, um nicht die Aufmerksamkeit der Tischgesellschaft zu erregen.

„‚Sie müssen mich anhören, Lady Gertrud.‘

„‚Nun gut, wenn es denn sein muss —‘

„‚Ich habe mich nie viel mit jungen Mädchen unterhalten und finde daher schwer die passenden Worte. Am besten wird es sein, ich sage Ihnen gerade heraus, was ich will. Ich liebe Sie und möchte Sie heiraten. Einen Augenblick, bitte! Vielleicht kommt Ihnen mein Antrag zu plötzlich, allein bedenken Sie: ich wusste bis jetzt nicht, was Liebe ist, und lachte jeden aus, der davon sprach. Doch nun habe ich aus Liebe zu Ihnen fast den Verstand verloren.‘

„‚Ich fühle mich selbstverständlich sehr geehrt. O bitte, machen Sie nicht solch ein Gesicht! Wir werden beobachtet. Wirklich, ich bin Ihnen sehr verbunden, aber — — —“

„‚Halt! Lassen Sie mich ausreden!‘ unterbrach er mich. ‚Natürlich verlange ich keineswegs, dass Sie einen Kerl wie mich lieben sollen, so verrückt bin ich nicht! Es genügt mir, wenn Sie sich meine Liebe gefallen lassen. Ja doch!‘ — zu dem servierenden Diener — ‚ist mir ganz egal, ob Lachs oder Seezunge. Geben Sie her! Was sagte ich doch eben? Ach ja! Also ich bin einer der reichsten Männer Europas. Jeder Heller soll Ihnen gehören, ich will Ihnen mein ganzes Vermögen verschreiben, kann mir jederzeit ein neues erwerben. Und der blaue Diamant, nach dessen Besitz Königinnen strebten, soll ebenfalls Ihnen gehören. Ich habe ihn gleich mitgebracht, hier steckt er in meiner Tasche.‘

„‚Oh, es tut mir aufrichtig leid, Herr Oberst — ja, bitte, ein halbes Glas — wirklich sehr leid, aber bitte, glauben Sie mir, es geht nicht!‘

„‚Ist etwa ein andrer Mann im Spiel?‘

„‚Verzeihen Sie! Zu der Frage haben Sie kein Recht, Herr Oberst.‘“

„Nun, Gerty, liebst du denn jemand anders?“ forschte ich.

„Unterbrich mich nicht in meiner Geschichte, Charlie! Wo war ich doch stehen geblieben? Ach ja! Der Oberst starrte mich also an. ‚Vielleicht der dumme Bengel, mein Neffe?‘ Dabei funkelten seine Augen vor Zorn, als ob er ihn umbringen wolle.

„‚Nein, nein,‘ stotterte ich; ‚Sie befinden sich vollständig im Irrtum.‘

„‚In der Tat?‘ fragte er, während seine Augen nicht von meinem Gesicht wichen. ‚Das sollte mich wundern. Nun, ich werde schon dahinter kommen.‘

„‚Es hat keinen Zweck,‘ beeilte ich mich zu sagen, bereute aber meine Worte schon im nächsten Augenblick; denn sie hatten seinen Verdacht auf Ansley sichtlich noch bestärkt. ‚Ich würde Sie doch niemals heiraten, Herr Oberst. Wollen Sie es nicht dabei bewenden lassen und sich mit meiner Antwort zufrieden geben?‘

„‚Damit zufrieden geben, dass ich das einzige verliere, was auf der Welt Wert für mich hat? Sie könnten ebensogut von mir verlangen, dass ich mich in der Hölle wohl fühlen soll. Rauben Sie mir wenigstens nicht alle Hoffnung, ich will gerne warten!‘

„‚Nein, nein, warten Sie nicht!‘ flehte ich. In diesem Augenblick tat er mir wirklich leid. ‚Ich kann Sie nicht heiraten, werde es niemals können. Grämen Sie sich nicht um mich! Ich bin es nicht wert.‘

„‚Ansichtssache!‘ erwiderte er. ‚Mir erscheint im Gegenteil das Leben wertlos ohne Sie. Nun, es gibt noch einen Ausweg, und ich werde ihn einschlagen.‘

„Er sagte das in so sonderbar gelassenem Tone, dass es mich kalt überlief, Charlie.

„‚Oh, sprechen Sie doch nicht so!‘ bat ich. ‚Es ist nicht recht von Ihnen, mich so zu erschrecken, und kann doch auch Ihr Ernst nicht sein.‘

„‚Wer weiss. Aber den blauen Diamanten werden Sie trotzdem von mir annehmen?‘

„‚Nein, wie sollte ich dazu kommen?‘

„‚Weshalb denn nicht? In dem Augenblick, da ich Sie zum ersten Male sah, stand es bei mir fest, dass Sie ihn haben sollten; ich liess ihn in eine Brosche fassen und trage ihn jetzt in der Tasche bei mir.‘

„Ich schüttelte den Kopf und beharrte energisch bei meiner Weigerung.

„‚Nun gut, dann werde ich Ihnen den Stein testamentarisch vermachen. Sie werden nicht lange darauf zu warten haben, glaube ich, und dem Toten werden Sie seine letzte Bitte doch wohl nicht abschlagen.‘

„Ich war innerlich entsetzt, nahm mich jedoch zusammen und behandelte ihn während des ganzen Abends mit ausserordentlicher Liebenswürdigkeit; auch er machte — wenigstens für seine Verhältnisse — einen recht vergnügten Eindruck. Als er sich von mir verabschiedete und ins Auto stieg, sprach ich die Hoffnung aus, dass wir immer gute Freunde bleiben würden.

„‚Dieses ‚Immer‘ bedeutet vielleicht nur eine kurze Spanne Zeit,’ erwiderte er. ‚Jedenfalls werde ich den blauen Diamanten nicht vergessen.‘

„Damit war er fort, noch ehe ich etwas entgegnen konnte.“

Gertrud erzählte mir in ihrer Aufregung die Geschichte noch an demselben Abend. Zwei Tage später erhielten wir die Nachricht, dass der Oberst im Cosmopolitan-Hotel ermordet worden sei.

Was ich von der Sache erfuhr, will ich Wort für Wort hier niederschreiben.

Der Oberst war diese Tage hindurch sehr verdriesslich gewesen, besonders seinem Neffen gegenüber, mit dem er am Abend vor dem Morde allein gespeist hatte, doch sein alter Diener John Fraser, der seit zwanzig Jahren alle seine Stimmungen aufs genaueste kannte, meinte, dass sich seine Laune vor dem Zubettegehen gebessert hätte.

„Die Welt ist doch nicht so schlecht, John, und es würde mir leid tun, sie zu verlassen. Wer weiss, was drüben unser wartet.“ Das waren seine letzten Worte, ehe er sich ins Schlafzimmer zurückzog.

Um sechs Uhr morgens wurde das ganze Hotel durch lautes, anhaltendes Schreien und das Schrillen der elektrischen Klingel aus dem Zimmer des Obersten aufgeschreckt. Der Hausknecht stürzte an die Tür, fand sie von innen verschlossen und versuchte sie durch wiederholtes Dagegenstemmen gewaltsam aufzubrechen, was ihm jedoch nicht gelang. Im Gang sammelten sich die entsetzten Hotelgäste, während aus dem Zimmer unablässige Hilferufe drangen. Schliesslich ein schwerer Fall, dumpfes Stöhnen, darauf Totenstille!

Aus einem abgelegenen Zimmer kam jemand mit einem schweren Hantel herbeigeeilt, schlug die Türfüllung ein und brach das Schloss auf, worauf die zum Teil nur mangelhaft bekleidete, vor Neugierde und Aufregung halb sinnlose Menge in das Zimmer drang.

Am entgegengesetzten Ende des Gemachs lag hinter den Bettvorhängen Oberst Maddox mit ausgestreckten Armen auf dem Gesicht. Jede Spur von Leben war bereits aus ihm entflohen. In seinem Rücken steckte ein Messer, das ihm mit furchtbarer Gewalt von hinten ins Herz gestossen worden war. Das Fenster stand weit offen, und im Schlafzimmer wie auch in dem angrenzenden Badekabinett, das nur durch einen Vorhang von ersterem getrennt war, befand sich niemand.

Beck, der das Zimmer unmittelbar nach dem Fund der Leiche betreten hatte, erzählte mir dann das übrige.

Die Anwesenden zerbrachen sich den Kopf über den Hergang des Mordes. Beck fiel besonders der Blick tiefen Mitleids auf, den der verstörte, halb angekleidete John Fraser auf seinen Herrn heftete. Er sah ihn so forschend an, als wolle er den Schleier des Geheimnisses durchdringen, dann wandelten seine Blicke von dem Toten nach dem Toilettentisch.

„Der blaue Diamant!“ schrie er auf. „Er ist gestohlen! Dort lag er, als ich meinen Herrn gestern abend verliess, und jetzt eben, vor einer Minute, war er noch da.“

‚Der Mann verliert den Kopf nicht,‘ dachte Beck.

„Die Tür bewachen!“ rief er. „Wenn ihn von den Anwesenden jemand gestohlen hat, muss er sich finden.“

Der Kriminalbeamte des Hotels stellte einen Posten an die Tür, sodass niemand eintreten oder hinausgehen konnte.

„Jetzt untersuchen Sie mich zuerst,“ bat Fraser.

Der Beamte durchsuchte ihn und darauf der Reihe nach alle andern. Niemand erhob Einspruch dagegen, doch das Juwel fand sich nicht.

Beck, der den jungen Ansley noch nicht auf dem Schauplatz der Tat bemerkt hatte, suchte ihn auf und fand ihn in seinem Zimmer, wo er über einen verstauchten Knöchel klagte.

„Was bedeutet denn der Höllenspektakel?“ fragte er. „Ich lief nach der Tür, wurde jedoch beinahe ohnmächtig vor Schmerz und konnte mich gerade nur noch ins Bett zurückschleppen. Gestern abend bin ich nämlich über den Teppich gestolpert und eklig hingestürzt. Dabei habe ich mir den Knöchel verstaucht und mir die Nase blutig geschlagen. Was ist denn eigentlich los, Beck? Mir war so, als ob ich den Namen meines Onkels hörte.“

„Ihr Onkel ist ermordet,“ sagte Beck ohne Umschweife. „Er ist soeben mit durchstochenem Herzen tot aufgefunden worden.“

Auf Ansleys Gesicht malten sich deutlich Überraschung und Schreck. Mit weit offenem Munde starrte er Beck fassungslos an.

„Das ist ja ganz unmöglich,“ stammelte er heiser. „Ich muss zu ihm.“

Beim Versuch aufzustehen, fiel er jedoch stöhnend zurück, wobei ihm der Angstschweiss auf die Stirne trat.

„Wenn das Komödie ist, so spielt er seine Rolle vorzüglich,“ dachte Beck im stillen, behielt sich aber sein Urteil noch vor.

Die Ergebnisse der gerichtlichen Untersuchung waren nur gering. Durch das Fenster, das sich in fast dreissig Fuss Höhe auf einen ziegelgepflasterten Hof öffnete, konnte der Mörder unmöglich entflohen sein. Und um von einem Fenstergesims zum andern zu springen, dazu hätte schon die Geschicklichkeit eines Affen gehört. Ausserdem hatten die Leute, die vom Hilfegeschrei an die verschiedenen Fenster gelockt waren, nichts gesehen.

Ansley gab seine Aussagen mit freimütiger Offenheit ab, die jeden Argwohn entwaffnete. Er schilderte, wie er an jenem Abend aufs Gesicht gefallen, sich den Knöchel verstaucht und heftiges Nasenbluten bekommen habe. Und weil er sich seiner Tölpelhaftigkeit schämte, habe er niemand zu seinem Beistand herbeigerufen, auch seien an jenem Abend die Schmerzen im Knöchel erträglich gewesen, nachdem er ihn, so gut er konnte, mit einem feuchten Taschentuch und einem Handtuch verbunden gehabt habe. Am nächsten Morgen sei jedoch altes verschwollen und blutunterlaufen gewesen, sodass er sich nur unter den grössten Schmerzen habe bewegen können. Die Blutflecken auf dem Kragen, den Manschetten und einem Taschentuch, das man neben dem Bette fand, waren durch das Nasenbluten genügend erklärt.

Die Aussage des Arztes bei dem Verhör war eine grosse Überraschung. Seiner festen Überzeugung nach musste Oberst Maddox nämlich schon mindestens drei, vielleicht sogar sechs Stunden, ehe man den ersten Schrei aus seinem Zimmer gehört hatte, ermordet worden sein.

So blieb die Sachlage eine Woche lang. Die ungeheuren Reichtümer des Obersten erbte laut Testament der junge Ansley, doch bestimmte ein erst vor kurzem hinzugefügtes Kodizill, dass der blaue Diamant als ein Zeichen besonderer Hochachtung und Verehrung Lady Gertrud Kirwood übergeben werden solle.

Gertrud war durch diese Begebenheit ganz aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht und in furchtbare Erregung versetzt. Ein so leidentstelltes Gesicht wie das, womit sie mir am Morgen nach dem Morde beim Frühstück entgegentrat, hatte ich noch nie gesehen.

„Oh, Charlie, wie schrecklich ist das alles!“ rief sie mit gebrochener Stimme, und als ich zu essen anfing, warf sie mir einen Blick zu, als hielte sie mich für das gefühlloseste Ungeheuer der Welt.

Der alte Maddox war ja ein ganz guter Kerl und sein jähes Ende betrübte auch mich aufrichtig, aber dies ging mir denn doch zu weit.

„Iss doch auch ein wenig, Gerty,“ redete ich ihr zu. „Natürlich ist es eine schlimme Geschichte, aber es lässt sich doch nichts daran ändern.“

„Nein, jetzt ist nichts mehr zu ändern,“ erwiderte sie leise. „Doch du glaubst nicht, wie entsetzlich mir der Gedanke ist, dass ich die Schuld an seinem Tode trage.“

„Du die Schuld? Du bist wohl ganz verdreht?“

„Wäre ich ein bisschen freundlicher und rücksichtsvoller zu ihm gewesen, so wäre das Furchtbare vielleicht nicht geschehen.“

„Um Himmels willen, was wäre dann nicht geschehen?“

„Der arme Oberst Maddox hätte sich nicht umgebracht. Weshalb fährst du denn so auf, Charlie? Selbstverständlich ist es Selbstmord. Wie ich dir schon damals erzählte, hat er es mir doch mit dürren Worten gesagt, er beabsichtige, seinem Leben ein Ende zu machen. Du wolltest es ja durchaus nicht glauben.“

„Aber liebes Kind, kein Mensch bringt das Kunststück fertig, sich selbst in den Rücken zu stechen.“

„Das hat er auch nur getan, um den Verdacht abzulenken. Wie die alten Römer in ihr Schwert, so ist er auf sein Messer gefallen.“

„Ausgeschlossen!“ rief ich.

„So?“ entgegnete sie in scharfem Tone. „Und wie stellst du dir denn eigentlich den Hergang der Sache vor, wenn ausser ihm kein Mensch im Zimmer war?“

„Wenn er sich aber erstochen hatte und, wie der Doktor behauptet, schon drei Stunden mausetot war, wie konnte er da noch um Hilfe schreien?“ wandte ich, von ihrem Gedankengang stutzig gemacht, ein.

„Nun, wenn er ermordet wurde und mausetot war, konnte er auch nicht mehr nach drei Stunden um Hilfe schreien.“

„Allerdings, sehr richtig! So oder so! Es ist eine geheimnisvolle Geschichte.“

„Mir sagt eine innere Stimme, dass es Selbstmord war,“ wiederholte Gerty hartnäckig.

„Schön, also meinetwegen, bleibe Du bei Deinem Selbstmord,“ sagte ich, verdriesslich darüber, dass ich keinen Ausweg fand.

Als ich mich nun wieder mit meinem unterbrochenen Frühstück beschäftigte, trat Gertrud hinter meinen Stuhl und beugte sich über meine Schulter, um mich zu küssen, wobei eine Träne aus ihrem Auge auf meine Wange fiel.

„O Charlie,“ sprich doch nicht so zu mir! Siehst du denn nicht, wie unglücklich ich mich fühle? Ich will ja gar nicht an meiner schrecklichen Vermutung, wie du sagst, festhalten. Im Gegenteil, ich gäbe weiss Gott was darum, wenn ich den Beweis erbringen könnte, dass es nicht Selbstmord war. Könntest du nicht deinen klugen Freund, Mr. Beck, veranlassen, sich mit der Lösung des Rätsels zu beschäftigen?“

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Volume:
220 p. 1 illustration
ISBN:
9788711462133
Publishers:
Translator:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books