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UNTER MASKEN
LUDWIG FLADERER

unveränderte eBook-Ausgabe

© 2022 Seifert Verlag

1. Auflage (Hardcover): 2020

ISBN: 978-3-904123-60-0

ISBN Print: 978-3-904123-36-5

Umschlaggestaltung: Michi Schwab, Union Wagner, Wien, unter Verwendung eines Fotos von commons.wikimedia.org

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Seifert Verlag GmbH

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INHALT

Danksagung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Epilog

Meinen Eltern

PROLOG

Nur zu gut kannte er die trügerische Wärme des Schnees. Auch diesmal überwand er die Versuchung, in der Mulde hinter der Birke liegen zu bleiben, und stemmte sich gegen die Decke aus weißem Pulver. Die Kälte drang mit derartiger Wucht in seine Glieder, dass er selbst nun nichts anderes mehr war als eben diese große, erhabene Qual. Erst der zarte Fall der Kristalle auf den schneebedeckten Boden, den er vernahm wie den Klang von etwas anderem, das nicht Schmerz war, gab ihm die Kraft, sich ganz aufzurichten. Nun trieb ihn der Hunger, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Schritt auf Schritt, so langsam, dass er Angst hätte haben müssen, von den anderen verspottet und angegriffen zu werden, wenn er sich ihres tiefen Schlafes nicht sicher gewesen wäre. Satt und für einige Stunden noch harmlos, ruhten sie unweit des Weges – den Jägern der Fremdlinge zum Spott.

Der Hunger führte ihn, überlagerte das Stechen in Lunge und Gliedern und setzte ihn in Trab. Der Nebel über dem zugefrorenen See würde ihn den Blicken seiner Opfer entziehen, aber trug ihn die Eisdecke? Nach einem warmen Herbst hatten zwar Schnee und Kälte die Herrschaft angetreten, aber die Speichen des großen Sonnenrades warfen immer wieder Wärme auf das Eis. Milchig und verheißungsvoll lockte es ihn, in das Nichts zu gehen. Dorthin, wo er seinen geschundenen Körper nicht mehr spürte. In seiner Jugend – wie herrlich waren da die Kämpfe. Vor seinem klaren Blick hatten alle Respekt gezeigt. Sie senkten die Häupter, wenn er in ihre Mitte trat. Immer war er der schnellste, entschlossenste, wenn es galt, die Schwächen des Gegners zu erkennen, ihm den Fluchtweg abzusperren. In den Nächten der Großen Helle rief er sein Gefolge zusammen, da sangen sie, tanzten sie, ließen himmelhoch ihre Rufe ertönen, die sie eins machten mit der Bläue, an der die Große Helle mild über ihnen hing. Keiner hatte damals gedacht, geplant oder die Vorsicht der Kümmerlinge gezeigt: Alle vereint ergaben sie sich der Macht des Himmels, wenn sie ins Unbekannte liefen, über knotige Wurzeln des Sommerbodens oder das schorfige Eis langer Nächte. Sie flogen dahin, bis Himmel und Erde eins wurden.

Damals war er ihr strahlender Held – jetzt Einsamkeit, banges Spähen nach Opfern, die noch hilfloser waren als er, deren ängstliche Ausdünstung allein sie gerettet hatte, denn sie waren es nicht wert, seine Gegner zu heißen.

Das Revier, in dem er sich noch behaupten konnte, lag am Fuße einer sich weit nach Norden ziehenden Bergflanke, die zur Weite im Osten hin die Grenze bildete. Sein ehemaliges Gefolge hatte sich ohne ihn nie über diesen Bergkamm hinausgewagt. Er war es gewesen, der vor vielen Jahreskreisen einmal den Übergang erzwungen hatte – zu ihrem und seinem Verderben.

Ein hartes Knacken hinter ihm riss ihn aus seinen Träumen. Flach duckte er sich in die nächste Mulde, die noch warm war von etwas Feuchtem. Es roch nach dem Fremden, dem er immer öfter begegnete. Er spähte über den Rand der Vertiefung. Das gelbe Augenpaar eines Luchses, der sich für den Moment eines Herzschlags ihm zuwandte, ehe er in die Wälder des Berghanges eintauchte, warnte ihn: Er war nicht allein. Würde er nicht bald zu Nahrung kommen, könnte ihn sein Gefolge ausmachen – hungrig, jung und ohne Gnade.

Um den See herum war der Schnee niedergetrampelt, vom Geruch der Fremdlinge durchtränkt – sein Gefolge mied diesen Weg, wie er selbst ihn in Zeiten des Glücks gemieden hatte. Doch jetzt trugen ihn dort seine Beine leichter. Im Licht der Großen Helle, das sich nun durch den Nebel gekämpft hatte, lagen die Schatten der Bäume als Zuflucht auf dem weißen Boden. Wenn er den Saum des Waldrandes entlangpirschte, konnte er in dieser Dunkelheit Atem holen und Kraft gewinnen. Im Gehen schmerzte die Lunge mehr und mehr, wie weit konnte man das Rasseln seines Atems wohl hören? Fremde Spuren waren durch den Schnee der letzten Tage unsichtbar, nur die Schatten boten Gewissheit. Bei den drei Birken verließ der Weg das Seeufer und wand sich in sanfter Krümmung eine Anhöhe empor, die er bis jetzt immer umgangen hatte. Dort oben musste der Schrei eines Hähers oder des hier nistenden Adlers jede Hoffnung ersticken, unentdeckt zu bleiben. Die Winternacht war freilich unendlich lang, von den Vögeln noch nichts zu befürchten. Hinter der Anhöhe schimmerte etwas, von dem er wusste, dass es nicht vom Himmel kam, etwas Neues, das ihn nach oben zog. Die Beine, schon gefühllos bis zu den Knien, gehorchten nicht mehr ihm. Sie hatten sich dieser hellen Verheißung ergeben: Nahrung oder Tod durch die Fremdlinge, deren Leben einem Gesetz gehorchte, das weder er noch sein Gefolge je verstanden hatte.

Den Blick dem Licht zugewandt, bemerkte er nicht, wie das Blut aus seiner Lunge den Weg sprenkelte und in erkalteten Klumpen liegen blieb – willkommene Fährte sogar für den Schwächsten unter seinen Verfolgern. Er bog um die letzte Hecke, die das Licht der Fremdlinge noch kurz abschirmte, und stand dann vor einem kristallenen Palast, vor einer Wand aus Karfunkeln, hinter der unzählige kleine Sonnen ihre Strahlen auf eine gläserne Fläche warfen. So schön wie der Eispalast seines großen Ahnen, in dem seine Seele aufgenommen sein würde.

Der Mann wartet im Schatten einer Tanne. Die Kälte tut nichts zur Sache. Sie hält ihn wach, denn er muss denken, immerzu denken. Den schweren Pelzmantel hat er noch von seinem Vater, der ihn nur selten trug. Über seine Bücher gebeugt, in der überheizten Bibliothek brauchte er ihn ebenso wenig wie die Büchse, die der Alte gerade ihm, dem missliebigsten seiner Söhne, vererbt hatte. Er trägt die Waffe heute offen und frei – die Diener des Hofes müssen ihn so für einen Jäger halten, wenn sie ihn hier aufspüren. Doch das ist auszuschließen, denn von seinem Spitzel weiß er zuverlässig, dass man allen Lakaien und Wächtern in dieser Nacht Urlaub gewährt hat. Immer wieder war er hierhergeschlichen, sorgsam bemüht, seine Fährte zu verwischen. Er musste den passenden Abstand finden zu dem anderen, für den die Kugel schon geschmiedet war. Die Distanz, der richtige Winkel, der Stand des Mondes – alles war genau zu bedenken, immer wieder zu bedenken. Und noch nie haben sie ihn entdeckt.

Er, ein Jäger – wie absurd. Unendlich langweilig war ihm stets das Geprahle seiner Standesgenossen über Bären und Wölfe gewesen, die sie auf ihren Gütern erlegt haben wollten. Andererseits – Wolfsjagd trifft ja auch zu. Er hetzt die Bestie hinter den hohen Glasfenstern des Schlosses, den Schwächling mit dem ewigen Lächeln und dem hinkenden Gang, der zum Sterben verurteilt ist, da er ihm alles genommen hat.

Ein Geräusch im Unterholz lässt ihn herumfahren. Seine Augen, noch geblendet vom Licht aus dem Schloss, müssen sich erst an die Finsternis gewöhnen, aber er weiß auch so, dass sich der alte Wolf auf die Lichtung gewagt hat. Oft sah er ihn auf seinen Streifzügen, wenn er mit gesenktem Schweif den Waldsaum wie ein geprügelter Hund entlangschlich. Das räudige Vieh kreuzt seine Wege, es muss weg. Er legt an, ein Schuss kracht. Der Mann zieht sich in den Wald zurück. In der Nacht war nichts geworden, aber immerhin – ein Schädling der Menschheit weniger.


Polizeiminister Sivers schloss seine in blaues Leder gebundene Mappe. Er hatte seinen Vortrag über die Sicherheitslage in den einzelnen Vierteln von Stockholm beendet, aber wie so oft hier draußen auf Schloss Haga kein Gehör beim König gefunden. Ohne Diener oder Höflinge um sich zu dulden, saß Gustav III., der König der Schweden, Goten und Finnen, allein vor der gläsernen Veranda des Palasts am Brunnsviken und starrte in die Winternacht.

»Sire, Sie werden sich erkälten. Möchten Sie eine Decke?«

Der König antwortete nichts. Sivers erhob sich und kontrollierte, ob die Glasfenster auch fest verriegelt waren. Da fiel der Schuss.

»Sivers, Sie haben doch auch den Schuss gehört. Sollten Sie nicht um mein Leben besorgt sein?«

»Majestät, meine Polizeidiener halten Wache rund um den Palast und auf der Straße nach Stockholm. Man wird den alten Wolf erschossen haben, der sich hier herumtreibt.«

»Mein treuer Freund, wissen Sie denn nicht, dass wir heute ihren Leuten Urlaub gewährt haben. Mögen sie sich ruhig in der Stadt amüsieren. Nur wir beide sind hier – den Schützen da draußen kennen wir nicht. Mir scheint, der Vorhang hebt sich zu einem kurzweiligen Spiel.«

Der Polizeiminister wusste das Lächeln seines Herrn zu deuten. Keine Worte mehr, er verbeugte sich und ging ab.

Tagebucheintrag des Ersten Kammer­herrn Hans von Essen

Mein Bericht muss heute kürzer ausfallen: Ich befinde mich äußerst unwohl, leide an Kopfschmerzen und Gliederreißen. Die lässige Adjustierung der Pagen wird mir immer mehr zur Last: Gerade an der Haupttreppe, auf welcher der König die Conduite der Jünglinge genauestens zu beachten pflegt, entdeckte ich gestern vor dem Diner abgerissene Knöpfe und mehrfach eine unzulässige Erweiterung der offiziellen Hoftracht mit französischen Seidenbändern in den unmöglichsten Farben. Natürlich war auch das modische Blau-Weiß-Rot der französischen Trikolore darunter. Mein Donnerwetter muss man von der Stiege bis hinunter in die Wache der Leibgardisten gehört haben. Jedenfalls wurde ich von den dummen Kerls aus den vornehmsten Häusern Schwedens länger auf der Treppe aufgehalten als mir lieb. Sie zieht die Luft von draußen in die erste Etage des Schlosses hinein, beinahe wie der Blasebalg der Orgel in der Tyska Kirkan – der Eishauch machte mir gleich zu schaffen.

Um sieben Uhr das Diner in kleinerem Service. Anwesende Mitglieder der königlichen Familie waren die Brüder seiner Majestät, die Herzöge Carl mit Gattin Hedvig Elisabeth und Herzog Frederik. Anwesende von Stand waren der Gesandte des Königreichs Neapel, dann Graf Gustav Mauritz Armfelt, Elis Schröderheim, Graf Axel von Fersen und Oberst Munck. Bereits nach dem Karpfen in Schwarzer Sauce befiel mich Schwindel, vom Hühnerfrikassee konnte ich nichts mehr zu mir nehmen. Der König schien von meiner Unpässlichkeit nichts bemerkt zu haben und zeigte sich in alter Frische. Als er mich mit seinen großen, klaren Augen anblickte, schämte ich mich meines Unwohlseins und dachte an das Wort des Beaumarchais: »Die Schweden werden seiner Weisheit und überlegenen Vernunft immer folgen.« Ach, wäre es nur so! Polizeimeister Sivers macht derzeit dunkle Andeutungen über eine bevorstehende Revolte in Adel und Offizierskorps. Er lässt aber niemanden von uns in seine Karten schauen. Der König selbst zeigte sich gestern davon völlig unbeeindruckt. Ihn beschäftigte nur die Lage in Frankreich, denn er ließ die Depesche unseres Gesandten in Paris, Baron Staël-Holstein, zwei Mal während des Diners rezitieren. Vielleicht hatte ich auch deshalb keinen Appetit auf das Frikassee, denn alles deutet darauf hin, dass man sich in Frankreich nicht mehr um die erst wenige Monate alte Verfassung schert. Wirrköpfe und schöngeistige Träumer arbeiten den Machtmenschen entgegen. Das Leben von König Ludwig ist weniger wert als das Papier, auf dem man dort die Gesetze schreibt. »Was heute in den Straßen von Paris zählt«, so schloss der Bericht, »sind die Gefühle der Menge, die sich durch die Flucht des Königs und der Königin nach Varennes verletzt sieht.«

Nach dem Vortrag stockte die Konversation. Graf Fersen, dem der König die Planung der gescheiterten Fahrt nach Varennes anvertraut hatte, sah man an, dass er am liebsten aufgesprungen wäre. Herzog Frederik lächelte süffisant, jeder weiß, dass er nach seiner gescheiterten Werbung um die Schwester des Grafen mit den Fersens noch eine Rechnung zu begleichen hat. Das Gesicht unseres edlen Monarchen war gerötet, als er sagte: »Marie-Antoinette, welch kluge und tolerante Königin, die Schönheit und Inspiration als das Wesentliche der condition humaine erkannt hat!«

Niemandem fiel nun eine passende Erwiderung ein. Da erhob sich der Gesandte des Königreichs Neapel: »Ein herrliches Bonmot, Sire, aber bedenken Sie, dass Sie es waren, der den Olymp von Geist und Geschmack in Stockholm errichtet hat!«

Der Einfaltspinsel hatte wohl zu dick aufgetragen, der König sank in seinen Stuhl zurück, die Farbe war ihm gänzlich aus dem Antlitz gewichen, sein Mundwinkel zuckte. Die Szene war mehr als peinlich, hatte sich der Gesandte doch eine anerkennende Replik erwartet. Graf Armfelt, geistesgegenwärtig wie immer, erhob sich: »Ein Toast auf die Königin Marie-Antoinette und zum Teufel mit den Philosophen. Sie sprechen über Toleranz und sind doch intoleranter als ein ganzes Kardinalskollegium!«

Der König fasste sich wieder oder, besser gesagt, spielte den charmanten Gastgeber, aber niemand konnte seine Angst übersehen, die Angst um das Leben von Königen.

Ich muss jetzt abbrechen. Lundgren meldet mir gerade den Doktor Salomon. Aber das Wichtigste, Schönste muss ich noch festhalten. Der König nahm mich knapp vor dem Aufbruch beiseite: »Seien Sie Schwede, Essen, überwinden Sie wie der alte Gustav die Widerstände, die sich Ihnen in den Weg stellen. In Ihrem Fall denke ich an die Eroberung der charmanten Gräfin Carlotta de Geer – unseren Segen haben Sie!«

1

Fritz Engelke, man merke, Leibbursche Fritz Engelke, balancierte ein Tablett mit Kaffee, Zwieback und Butter von der Offiziersmesse zur Kommandantur und rief dort mit vollem Bass: »Tür auf!« Wie so oft war er der Erste gewesen, der für seinen Herrn, Oberstleutnant Lilljehorn, das Frühstück ausgefasst hatte. Vielleicht gefiel er trotz seiner Glatze der drallen Küchenmagd, oder die tat ihm den Gefallen, weil sie aus Pommern war wie er und allein hier in Stockholm.

Die schweren Pranken des Fritz umklammerten das Geschirr, dass die Knöchel weißlich hervortraten, denn jetzt kam die steile Stiege, und die musste er rauf, ohne was zu verschütten. Pech, wenn ihm ausgerechnet jetzt einer der Herren Offiziere begegnete, das Salutieren und gleichzeitig das Servieren wollte ihm nicht in den Kopf. Rotgesichtig kletterte er Stufe um Stufe empor. Wenn er nur brav und laut genug daherpolterte, würde sein Herr ihn hören und ihm selbst die Tür öffnen, sollten die anderen nur witzeln, aber er log nicht, so war sein Herr.

Ein kalter Luftzug und das hohe Tor, das unten in der Vorhalle laut ins Schloss fiel, schließlich ein knapper Wortwechsel, das verhieß nichts Gutes. Umdrehen konnte er sich nicht, das war auch nicht nötig, denn die forschen Schritte auf der Stiege kamen gleichzeitig wie der Befehl: »Zur Seite, Mann!« Fritz presste sich an die Wand, um den diensthabenden Offizier passieren zu lassen. Danach kam ein junger Herr mit widerborstigem Haar, der aussah wie einer, der stets zuerst durch die Tür geht. Dahinter eine Frau, sie verbreitete einen Duft, der dem Mann den Verstand nimmt.

2

Carl Pontus Lilljehorn, Oberstleutnant der königlichen Leibgarde, war ein empfindsamer Mensch. Wie er die Monotonie des Militärdienstes verabscheute, so liebte er die Dichtung. Denn die große, erhabene Heimat fand er in den Versen Shakespeares, Ossians und Goethes. Nicht weniger liebte er seinen König Gustav III., der doch selbst Dichter war, und dessen Größe er nicht nach den Siegen auf dem Schlachtfeld, sondern nach dem Esprit seiner Dramen und Opern bemaß. Vielleicht schätzte der König ihn als seinesgleichen, denn eine geheime, segensreiche Macht hatte ihn, den unbedeutenden Freiherrn, über alle Intrigen hinweg immer wieder befördert. Konnte es Zufall sein, dass er im Russischen Krieg nie einen Angriff führen, nie meuternde Truppen zur nächsten Attacke zwingen musste? Während andere, ehrgeizigere Kameraden an dieser Tatenlosigkeit zerbrochen wären, sehnte sich Lilljehorn nach dem nächsten Sonett. Freilich – hinter seinem Rücken zerrissen sie sich die Mäuler: Lilljehorn sei Protegé des Königs, weil die ­Königinwitwe Lilljehorns Mutter zur Amme Gustavs bestimmt habe – Milchbruder Lilljehorn! Was wussten sie schon von der Macht der Poesie, davon, dass der König ihn sicherlich für höhere Aufgaben vorhergesehen hatte im unsterblichen Reich des Lichts und der Gedanken.

So dachte Lilljehorn, der im Grunde seines Herzens nicht nur ein empfindsamer, sondern auch ein einfacher Mann war. An diesem späten Novembermorgen des Jahres 1791 spähte er durch das Fenster in den Innenhof, ob Fritz sich nicht schon mit seinem Frühstück zeigte. Der Tag zog nebelig durch die Arkaden und Winkel des Schlosses. Ein paar Happen Zwieback und heißer Kaffee konnten da vor dem lästigen Besuch des Grafen Ribbing nicht schaden. Die Übersetzung von Goethes Werther ins Schwedische war ihm bis auf ein paar Tintenklecksern heute noch nicht gediehen, also wozu Konvention und liebenswürdige Artigkeiten.

Endlich stapfte Fritz die Treppe herauf, doch Lilljehorn unterschied auch andere Schritte, und ihm war klar, dass Frühstück und Werther für heute verloren waren. Rasch postierte er sich hinter seinem Schreibpult und kritzelte immer noch Wort und Wörter, als der Offizier schon längst salutiert hatte. Er meldete ihm die Ankunft von Graf Adolf Ludwig Ribbing und Gräfin Carlotta de Geer. Man lässt bitten, aber Ribbing steht schon da. Er füllt den Raum der Kommandantur. Der feine Zobel seines Mantels reflektiert die Schneekristalle, die gleich als Wassertropfen zu Füßen des Grafen eine Pfütze bilden würden. Lilljehorn, von dem ironischen Lächeln des Grafen und der anschwellenden Wasserlache gleichermaßen verunsichert, bleibt hinter seinem Pult.

»Verehrter Lilljehorn, es ist mir eine vorzügliche Ehre, Ihnen die Gräfin De Geer vorstellen zu dürfen. Ich habe ihr schon oft vom dichtenden Offizier erzählt, unserem Homme de lettres unter den Augen und Ohren des Königs.«

Lilljehorn brachte trotz der Enge der Stube einen passablen Kratzfuß zustande, obwohl – worauf spielte Ribbing an?

»Mein lieber Oberstleutnant«, die Gräfin legte ihre Hand auf seinen Unterarm, »schon seit Tagen freue ich mich auf das Vergnügen, mit Ihnen die Schönheit unserer Heimat zu empfinden. Mein Gefährte hat von einer Tour gesprochen. Aber Sie sind noch in Uniform?«

Es war das erste Mal, dass Carlotta ihn sah und gleich »lieber Oberstleutnant« nannte. Es stimmte. Ribbing hatte ihn am Montag, als sich abzeichnete, dass die harte Schneedecke eine Schlittenfahrt erlauben würde, zu einer Tour in das Solnaer Holz eingeladen. Eine Begleitung der Gräfin war aufgrund ihrer Verpflichtungen am Hof aber nie erwähnt worden.

Zu Ribbing gewandt: »Aber Graf, bedrängen Sie den Oberstleutnant nicht mit Ihren Komplimenten. Die Herzen der Dichter lieben den Schleier des Verborgenen. Und überhaupt – dichtender Offizier, ist das nicht etwas degoutant, da wir unter einem dichtenden König leben?«

»Meine Freundin, Sie sind wie immer im Recht« – er deutet einen Handkuss in Richtung Carlotta an. »Streiten wir uns nicht, sonst verkommt uns Lilljehorn noch hier in seiner Stube. Also, mein Freund, hinaus in die Freiheit!«

Lilljehorn schloss das Tintenfass und sperrte das Manuskript in den Sekretär. Fritz half seinem Herrn in die Stiefel, richtete Pistolen und Mantel. Als die Herrschaften aufgebrochen waren, suchte er einen Lappen, um den verschütteten Kaffee aufzuwischen.

Der Schlitten des Grafen wartete unmittelbar vor dem Eingang zur königlichen Wache. Sein schneebedecktes Verdeck hob sich im fahlen Vormittagslicht kaum vom Innenhof des Schlosses ab. Nach einem farbentrunkenen Herbst war in diesem November des Jahres 1791 der Winter rasch und hart gekommen. Ribbing hatte sich für den Freitag im Mietsstall des Olof Engzell einen Zweispänner reserviert und am Vortag seinen Knecht Norberg mit zwei Pferden von seinem Gut nach Stockholm vorausgeschickt. So war alles vereinbart worden, doch warum hatte er die Gräfin mitgebracht? Ihr »lieber Lilljehorn« begleitete den Oberstleutnant an den Wachposten vorbei, dämpfte den Peitschenknall Norbergs. Auf weißer Watte glitt der Schlitten vom Slottsbaken über den Vedgardsbron hinunter nach Norrmalm. Carlotta saß Lilljehorn gegenüber. Ihre Blicke ruhten auf dem Oberstleutnant, zwei grüne Augen, zwei Degenstiche.

Lilljehorn schenkte den winterlichen Gassen der Königsstadt keine Aufmerksamkeit. Was hätte er in Norrmalm schon gesehen? Die Steinblöcke vor dem neuen Opernhaus warteten auf ihre Verwendung für ein weiteres Theater, ein Handelskontor oder für das neue Schloss des Königs in Haga, das die Pracht seiner dorischen Fassade auf den Brunnsviken werfen und ihn endgültig zu einem Heiligtum der Schönheit adeln würde. Dann Schankjungen, kaum älter als zwölf, die wie jeden Morgen vor ihren Kneipen den Schnee fegten, umgeben von einem Gestank aus Aquavit und Erbrochenem. Eine farblose Herde von Dienstboten mit ihren Wäschebutten und Holzkörben, Bettler, die sich um offene Feuerstellen drängten und sich mit Tritten gegen Straßenköter zur Wehr setzten. Herren von Stand in Pelz und Seide auf dem Weg zur morgendlichen Aufwartung in den hohen Häusern. In den besseren Schenken servierten die Mägde Kaufleuten aus Stockholm, Danzig und England Kalte Platten mit Austern.

Am Ende von Norrmalm führte die Straße nach dem Stalmastergarden in einer weit gezogenen Linkskurve ins Weide- und Bauernland. Der Kutscher hatte Mühe, die Pferde in der Mitte des Weges zu halten, um dem Straßengraben auszuweichen. Sie fuhren langsamer. Bauernhäuser mit rot gestrichenen Holzbrettern unterbrachen das weiße Einerlei, mit ihren klapprigen Zäunen bildeten sie lächerliche Verwerfungen in der weißen Weite.

Ribbing holte aus dem Korb zu seinen Füßen eine Flasche Champagner hervor. »In Frankreich, sagt man, köpft man sie mit dem Säbel, aber hier ist es für einen Hieb wohl zu eng. Wie überhaupt in Schweden.« Den Knall des Korken milderte er mit seinem Bisammuff. »Courage, mein schweigsamer Colonel! Dieser Tropfen wird Sie inspirieren.«

»Sie erwähnen Frankreich. Alle Welt blickt derzeit dorthin, aber wenn ich durch unser armes Schweden fahre, will mir die parfümierte Aufgeregtheit dieses Volkes doch exotisch erscheinen. Man kommt ins Grübeln. Sehen Sie da draußen die einfachen Häuser armer Leute. Meinen Sie, Rousseau, Voltaire, Raynal, und wie sie alle heißen, haben jemals für ein Volk empfunden? Ja, sie denken über Völker nach, aber im Grunde ist ihnen doch ein geschliffenes Bonmot mehr wert als ein ganzes Dorf. Als Günstlinge des Adels spucken sie in die Hand, die sie füttert. Auch unser König hat das erkannt. Das Neue muss aus dem Volk kommen, aus seinen tiefen Empfindungen. Daher seine schwedischen Theater, seine Akademie.«

»Aber Lilljehorn, Sie reden sich in Rage. In Frankreich geht es den alten Zöpfen nun an den Kragen, man atmet freiere Luft. Und bei uns, was ist denn besser geworden? Am letzten Reichstag hat unser erlauchter Landesherr den Adel entmachtet. Will er denn mit Bauern regieren? Wer sind denn Ihre schwedischen Bauern? Blicken sie geistig über ­Uppland hinaus?«

»Mon cher Louis«, ließ sich Carlotta vernehmen, »Sie reden ja wie einer dieser Poeten aus Deutschland. Aber im Ernst, was kann man denn tun, als Haltung zeigen, wenn sich der Pöbel rührt. Sollten sie mir den Kopf abschlagen, so hoffe ich doch, dass ich ein harmonisches Ensemble für mein Büßerkleid gewählt habe. Apropos Farbe, mein lieber Lilljehorn, Ihr blauer Frack mit gelber Weste nach der Fasson des armen Werther – Sie erlauben meine offenen Worte –, doch sehr direkt, nicht wahr?«

Lilljehorn hätte sich den Kopf vor Wut einstoßen mögen. Erst jetzt fiel ihm das changierende Resedagrün des Kleides der Gräfin auf, vor dem sich ihr weiß gepudertes Dekolleté makellos abhob.

»Lassen Sie uns von angenehmeren Dingen sprechen, meine Herren. Graf Armfelt soll ja Herzog Carl nun endgültig in der Gunst bei Madame Rudenschöld übertroffen haben. Der Herzog trägt’s mit Fassung, seine Gattin weniger, da er seine Aufmerksamkeit nun ganz ihr zuwendet, was sie doch einigermaßen langweilt. Vergleicht man Carl mit seinem Bruder Frederik, dann ist dieser doch ein armer Tropf: Er gab den zerknirschten Jüngling, als ihn die Fersen sitzen ließ, wirklich sitzen ließ. Stellen Sie sich die Komödie vor: Frederik geht zum älteren Bruder, unserem Gustav, bittet ihn, sechsspännig bei den Fersens vorzufahren und den Brautwerber zu spielen. Der König tut ihm den Gefallen, kommt zu den Fersens. Dort ist man loyal, der alte Fersen bittet die Majestät mit Brüderchen devot zum Tee. Frederik und die Fersen verschwinden in ihrem Boudoir, der Prinz kommt errötet zurück, die Fersen will nicht ins Königshaus heiraten. Der alte Fersen fragt, ob man Majestät noch Zucker reichen dürfte, die Jugend sei eben eigensinnig, da ließe sich nichts machen. Die Fersen bleibt in ihren Gemächern, König und Brüderchen fahren zurück ins Königsschloss, Vorhang fällt. Darüber sollten Sie schreiben, Lilljehorn!«

Lilljehorn versuchte eine Entgegnung, hatte sich die Worte auch schon zurechtgelegt, als der Schlitten sich stark nach rechts neigte und völlig zum Stehen kam.

»Norberg, du versoffener Tölpel!«, brüllte Ribbing, »kannst du nicht auf dem Weg bleiben?«

»Verzeihen Sie, Herr, der Schlitten ist mir auf einer Schneewechte weggerutscht.«

Ribbing und Lilljehorn kletterten aus dem Fuhrwerk. Sie befanden sich jetzt mitten im Solnaer Wald, aus dem sich der Morgennebel noch nicht gehoben hatte. Mitten auf dem Weg türmte sich ein Hügel aus Eis und Schnee auf – braun gesprenkelt und härter als der umliegende Neuschnee. Der Oberstleutnant kniete nieder, um sich ein Bild zu machen, wie man den Schlitten wieder in die Spur heben könnte. »Wir waren nicht die Ersten. Sehen Sie die Mulden im weichen Schnee, die Vertiefungen, die Fußspuren? Wir tun gut daran, rasch wegzukommen. Der Schneehügel wurde absichtlich zusammengetragen. Man will unvorsichtigen Fuhrwerken auflauern.«

»Ich führe immer zwei Pistolen mit mir«, entgegnete Ribbing, »und werde den Banditen mit meinem Blei die Haut gerben.«

»Ich möchte Sie schon im Interesse der Gräfin bitten, zuerst den Schlitten flottzubekommen.«

Auf einen Wink Ribbings versuchte der Kutscher mit einem Fichtenast als Hebel den Schlitten so weit zu heben, dass die Pferde ihn ein Stück zur Wegmitte ziehen konnten. Doch beim ersten Versuch brach der Ast an der Stelle entzwei, wo Norberg ihn am Schlitten angesetzt hatte. Als Ribbing dem Kutscher eine Ohrfeige geben wollte, ertönte der erste Pfiff. Ein kurzes, sich einmal senkendes, dann wieder steigendes Signal. Was der Kutscher nun tat, hätte niemand erwartet, am allerwenigsten die Gräfin, deren Kopfschmuck am Fenster sichtbar wurde. Bedächtig lehnte Norberg sich mit dem Rücken gegen den Schlitten, vergrub beide Hände im Schnee, fasste die eingesunkene Kufe und hob das Fahrzeug langsam in die Waagrechte. Für einen Augenblick verschwand die Perücke der Gräfin vom Fenster. Zweiter Pfiff. Lilljehorn ließ geistesgegenwärtig die Peitsche über den Pferden knallen. Sie fassten Fuß und zogen den Schlitten ruckartig in die Spur. Die Tiere dampfen, der Kutscher sitzt schon auf dem Bock. Ribbing und sein Gast schwingen sich auf das Trittbrett des jäh anfahrenden Schlittens. Da lösen sich aus dem nebeligen Umkreis der Baumriesen konturlose Gestalten. Sie johlen, pfeifen. Es fliegen Äste und Knüppel, die aber die Kutsche verfehlen. Ribbing feuert seine Pistolen ab. Die Pfiffe werden leiser.

Was Lilljehorn in Erinnerung blieb, waren weniger die unflätigen Beschimpfungen als der ohnmächtige Hass, der dem Schlitten und seinen Insassen noch anhaftete, als die Reisenden ihr Ziel, die Schenke »Zum Bacchusjünger«, schon sicher erreicht hatten.

Bericht des Polizeimeisters Sivers an Graf Armfelt

Exzellenz, meine Informanten berichten von Unruhen in der Provinz Östergötland. Bauern haben auf dem Fahrweg des Grafen Horn Seile gespannt, um seinen Schlitten aufzuhalten. Der Graf konnte sich mit gezogenem Säbel gerade noch freie Bahn verschaffen. Die Informanten erklären, der Graf habe die Arbeitszeit in seinen Berggruben auf zwölf Stunden erhöht und bezahle mit Papiergeld.

Die Agenten am Hof haben in Erfahrung gebracht, dass einige Pagen unter ihrer Tracht Seidentücher in den Farben der französischen Sansculotten trugen. Herr von Essen hat sie zurechtgewiesen.

In Göteborg versuchte ein französisches Handelsschiff unter der Flagge der Trikolore die Ladung zu löschen. Entsprechend dem königlichen Erlass blockierte der Hafenkommandant die Einfahrt, woraufhin er von Leutnant Falckenberg vor versammelter Mannschaft zur Rede gestellt wurde.

Die Agentin Mamsell leistet hervorragende Dienste. Ich schlage untertänigst die Erhöhung ihres Honorars auf 200 Reichstaler vor.

Armfelt an Sivers

Der Rädelsführer der Bauern kommt am Sonntag nach dem Kirchgang auf den Spanischen Bock. Die örtlichen Beamten haben wegzuschauen, wenn die Bergarbeiter ihren Aquavit brennen. Papiergeld ist legales Zahlungsmittel. Ich will die Namen der Pagen haben, und zwar bis morgen. Herr von Essen ist zu nachsichtig! Der Leutnant wird nach Gotland versetzt, dort kann er mit Anckarström Füchse zählen. Die Erhöhung des Honorars für Mamsell ist genehmigt, auch die Auszahlung in barer Münze. Aber spannen Sie mich nicht auf die Folter, wer zum Kuckuck steckt hinter Ihrer Mamsell?

3

Der Wirt geleitete Lilljehorn mit seinen beiden Weggefährten am langen Tanzsaal vorbei ins Speisezimmer. Dort waren im dichten Tabaksqualm die Anwesenden mehr zu erahnen, als zu erkennen. Es musste sich aber um eine gemischte Gesellschaft handeln, was Lilljehorn verwunderte. Carlotta, die ihre Toilette in Ordnung bringen wollte, erhielt ein Gemach über einer rußschwarzen Holztreppe, die vom Foyer ins Obergeschoss führte. Den Menüvorschlag des Wirtes hatte sie entrüstet abgelehnt und sich einsilbig zurückgezogen. In der fahlen Mittagssonne tanzte der Staub und hob sich zur schweren Holzdecke. Ein zu hoch gehängtes Gemälde wurde nur von Lilljehorn beachtet. Waren das Trauben, der nackte Wanst eines Bacchus oder ein im klebrigen Fettdunst der Speisen unkenntlich gewordenes Interieur?

Der Hasenbraten schmeckte den beiden Männern gut, vom Wein sagte der Wirt, mit der Zunge schnalzend, er käme aus Frankreich. Zwischen gebratenen Keulen, Rosmarinkartoffeln und gedünstetem Kraut verebbte das Gespräch und kam nach der ersten Karaffe Wein vollends zum Erliegen. Wie sehr wünschte sich Lilljehorn nun, sein Exemplar des Werther bei sich zu haben, denn vielleicht hätte er in einem stillen Winkel trotz der bleiernen Müdigkeit nach den Aufregungen der Schlittenfahrt eine Seite übertragen. Er war jetzt beim Abschnitt über die Terzerolen Alberts in Werthers Erzählung über den »regnichten« Nachmittag angelangt. Aber welches Wort könnte das altertümliche »regnicht« im Schwedischen wohl am besten wiedergeben? Warum hatte der Text zudem »Terzerolen« und nicht Pistolen? Albert erzählte in dem Kapitel von einem Bedienten, der ungeschickt mit geladenen Pistolen hantierte und seinem Mädchen den Ladestock durch den Daumen schoss. Der kluge Albert – nun lädt er seine Pistolen nie mehr. Musste Werther ob dieser Vernünftelei nicht rasend werden, sich die Mündung über das Auge halten und Selbstmord spielen? Wie würde wohl Ribbing reagieren, wenn er dessen abgeschossene Pistolen an sich nähme, die Holztreppe hinaufschliche, um vor Carlotta den eigenen Tod zu markieren? Die selbstsichere, sarkastische Carlotta.

Ribbing war aus dem Speisezimmer verschwunden, er hatte ihn nicht weggehen gehört. Anstelle des Tabletts mit dem Braten lag ein mit silbernen Buckeln verziertes Halfter auf dem Tisch, darin steckte eine Pistole. Lilljehorn barg sie unter seiner Weste. Aufrecht im Zimmer stehend, hatte er nun an der gegenüberliegenden Wand das Gemälde vor sich. Dort war jetzt deutlich ein Jüngling zu erkennen, neben ihm ein umgestürzter Sessel, die Einrichtung nach altdeutscher Art. Er öffnete die Tür zum Tanzsaal. Der Tabakrauch hatte sich verzogen, Gäste in schwarzer Tracht saßen starr auf ihren Bänken, ohne von ihm die geringste Notiz zu nehmen. Unbemerkt verließ er den Saal und gelangte endlich zur Treppe. Als er seinen Fuß auf die unterste Stufe setzte, fühlte sie sich kalt wie Marmor an und knarrte nicht. Nun lichtete sich das Obergeschoss zu einem frühlingsblauen Himmel. Er atmete freiere Luft. Ein Lindenbaum reckte seine Äste Carlottas Gemach entgegen, vor dem kühles Wasser in einen steinernen Brunnen strömte. Er stieß die Tür auf, vor ihm stand Lottchen, weinend, mit einem Brief in der Hand. Er hielt sich lächelnd die Mündung der Pistole über das rechte Auge und drückte ab. Zu abertausend Farben explodierte in seinem Kopf das Feuer aus dem Lauf der Waffe.

Lilljehorn fühlte eine schwere Hand an seiner Schulter. Er starrte in die Weinkaraffe, deren Glas das schräg einfallende Abendlicht in den Farben des Regenbogens auf die blank polierte Tischfläche warf. Dann hörte er Ribbing: »Nun sind Sie ja endlich erwacht. Wollen sich Herr Oberstleutnant nach den Strapazen des Mittagsmahles vielleicht für die Battaglia am Tanzparkett bereitmachen? Der Wirt hat Ihnen ein Zimmer überlassen. Der Contredance soll um sieben beginnen.«

4

Das Blatt Papier schräg haltend, um zu sehen, wann die noch feuchte Tinte nicht mehr schillern und endgültig trocken sein würde, rief Lilljehorn einen Bedienten, der ihm die Garderobe für den Tanz bereitlegen sollte. Nach dem unruhigen Mittagsschlaf hatte er sich auf seinem Zimmer erfrischt und danach noch eine Seite aus dem Werther übersetzt. Jetzt fühlte er sich erholt und merkwürdig ruhig.

Ribbing erwartete ihn im Foyer vor dem Saal. Von drinnen waren die Musiker beim Stimmen ihrer Instrumente zu hören. Die zusammenhanglosen Tonleitern der Bläser vermischten sich mit den gedehnten Klängen der Streicher, allesamt übertönt von den Anweisungen eines mächtigen Basses. Der zarte Schritt einer Dame, Lilljehorn drehte sich um. Vor ihm stand eine Frau, die nach Bürgerinnenart ihr blondes Haar nach hinten zusammengebunden hatte. Sie trug ein schlichtes, weißes Kleid mit blassrosa Schleifen an Armen und Brust. Ein ironisches Funkeln in ihren Augen war nicht zu übersehen. »Ich bitte um Vergebung«, sagte sie mit einem leichten Knicks, »wenn ich Ihren Vorstellungen von Lottchen nicht genau entspreche.«

Lilljehorn stammelte ein unbeholfenes Kompliment über die schöne Maskerade Carlottas und betrat an ihrer linken Seite den Saal. Einen halben Schritt dahinter folgte Ribbing.

Dort schenkten Bedienstete Wein, Bier und Kaffee aus. Es schien ihm, als ob er viele Gäste bereits aus Stockholm kannte, einige brachte er sogar mit dem Hof in Verbindung. Nun aber trugen alle Bürgergewand, die kühnsten traten sogar in schlichten Bauernkleidern mit bunt bestickten Tüchern auf. Perücken fehlten gänzlich, nur schwer waren die Menschen zu erkennen. Die unbarmherzige Wahrheit ihres wirklichen Alters, bis jetzt durch den weißen Puder in Haar und Gesicht gnädig verborgen, machte ihn verlegen. Da, der missmutige Mitvierziger, konnte das Graf Anckarström sein, den man üblicherweise nie mehr in Hoftracht sah? Daneben der kecke Bauer, der den weiblichen Schönheiten in den Po kniff, der biedere Kanzleirat Engeström? Und das junge Geschöpf an seiner Seite, war das wirklich Carlotta de Geer aus einer der reichsten Familien Schwedens? Sie freute sich jetzt wie ein kleines Mädchen auf den Tanz und zappelte und zog ihn ungeduldig nach vorne in den Saal. Dieser bildete ein langes Rechteck, an dessen oberer Schmalseite man über drei Weinfässer ein Brett gelegt hatte, auf dem wie auf einer Bühne der Tanzmeister thronte. In seinem Kostüm, das unzweifelhaft aus dem Fundus der Königlichen Oper stammte, bot er eine wahrhaft herrliche Erscheinung. Sein leidenschaftlicher Blick, das markante Profil und das wohlklingende Französisch waren in ganz Stockholm berühmt – die Anwesenden hatten die Ehre, von niemand anderem als von Jacques Marie Bouchet, genannt Monvel, dem Lieblingsschauspieler des Königs, zum Tanz geführt zu werden. In anmutiger Bühnenhaltung, das linke Bein leicht abgewinkelt vor das rechte gesetzt, dirigierte er nun die Gäste zur Aufstellung für den ersten Contredance.

Lilljehorn und Carlotta kamen gegenüber zu stehen, sie bildeten ein Paar. Mit seiner Fiedel gab Monvel den Takt vor, die Musik setzte triumphierend ein. Sorglos und unbefangen schmiegte sich Carlotta an den Oberstleutnant, ihr ganzer Körper antwortete den Schwingungen der Musik. Als sie die Armtour begannen, ihr rechtes und sein rechtes Armgelenk einander berührten, war ihm, als streifte ihn der unsagbar leichte Flügelschlag eines Vogels.

Zur linken Rondé durfte er ihre beiden Hände fassen, nach der Drehung sah er ihr unvermittelt in die Augen. Für die Große Acht löste er sich etwas zu spät von ihr. Jetzt übernahm Carlotta die Führung und schob ihn auf den richtigen Platz. Ihr Lachen tat ihm weh und erfüllte ihn zugleich mit Seligkeit. Der erste Tanz war noch nicht zu Ende, als Ribbing schon um den zweiten bat, den ihm Carlotta sogleich gewährte. Lilljehorn zog sich linkisch zurück und hasste sich dafür, nicht gleich um den nächsten gebeten zu haben, der wieder an Ribbing ging.

Lilljehorn versuchte sich ganz auf die Kommandos des Tanzmeisters zu konzentrieren, auch wenn er bei jedem Taktwechsel, bei jeder neuen Figur nach der schlanken Gestalt Carlottas spähte. Die einen Tänzer balancierten auf der rechten Fußspitze und umfassten die Taillen ihrer Frauen, während sie die Linke graziös über ihren Kopf hoben. Die anderen machten die Rondé. Füße und Beine bewegten sich wie von selbst, sie folgten Monvel gleichmäßig und fehlerlos. Ihn durchdrangen die Gesetze seiner Musik, ließen seine Beine ohne sein Zutun auf dem kleinen Raum der Bretterbühne herumwirbeln, die Arme, die Füße wirbelten im Takt, der Kopf drehte sich, wie von einem mechanischen Uhrwerk gelenkt, in regelmäßigen Intervallen nach links und rechts. Wenn er geradeaus blickte, klappte sein Unterkiefer nach unten, so als ob dem entblößten Weiß seiner Zähne die Aufgabe zukäme, ein Lächeln darzustellen.

Der Tanzmeister war, je länger der Tanz dauerte, durch unsichtbare Fäden mit jedem einzelnen der Männer und Frauen im Saal verbunden. Einer geheimen Kraft untertan, hatten sie die Macht über sich verloren, wiegten sich, verbeugten sich und stürmten durch die Reihen, wie Monvel es ihnen vorspielte. Aus den vielen war ein einziger Organismus geworden. Erst als der Schlussakkord in aufbrausendem Crescendo verklungen war, endete die Magie. Kraftlos in sich zusammengesunken, stand Monvel auf seinen Brettern, ein überflüssiges Requisit der zu Bewusstsein gekommenen Menge.

Carlotta trat mit einem Champagnerglas zu Lilljehorn: »Ach, wissen Sie, lieber Freund, Paare, die zusammengehören, sollten doch einen Deutschen Tanz wagen. Dabei können sie eng beieinanderbleiben. Ich fürchte nur, Ribbing versteht sich nicht darauf. Wenn Sie mein sein wollen für die nächste Runde, bitten Sie doch Monvel, er solle deutsch tanzen lassen!«

Lilljehorn trat an Monvel, doch gerade jetzt begannen die Musiker wieder ihre Instrumente zu stimmen, sodass er seine Bitte fast schreiend vorbringen musste. Ob das Gezischel der Umstehenden ihm galt? Doch der Franzose neigte verständnisvoll sein Haupt. Kaum hatte er Carlotta im Arm, ging die Musik los. Eng ineinander verschlungen, tobten sie durch den Saal. Die anderen Paare drückten sich an die Wand. Carlotta und Lilljehorn drehten sich in kreisendem Wirbel. Die Gesichter der Umstehenden zerbarsten zu randlosen Flecken aus roten Lippen und erhitzten Wangen. Schon flogen sie, getragen vom Takt der Musik, durch ihre Welt, den hell erleuchteten Streifen in der Saalmitte, schwebten in Sphären aus Licht und Harmonie, als Lilljehorn seine Tänzerin mit beiden Händen in die Höhe hob. Zwei Seelen, die der Welt verloren waren. Die Musik erstarb, schwer atmend standen die beiden in der Mitte. Offene Augen und Münder wogten auf und nieder. Lilljehorn suchte Halt und fand ihn an der Schulter Carlottas. Endlich zog die starke Hand Ribbings die beiden zu einer Chaiselongue im Hintergrund des Saals. Die Gespräche der anderen setzten wieder ein, zuerst verlegen und vereinzelt, dann sich zu beruhigtem Gemurmel steigernd. »Meine Verehrteste«, sagte Ribbing, »Sie spielen die Bauerntänzerin ganz vortrefflich, mein Kompliment.«

Die Klänge des nächsten Tanzes übertönten die Worte, die Lilljehorn vielleicht schon auf den Lippen lagen. Da erblickte er auf dem Speisetischchen eine Schale mit Orangen, von denen er eine Carlotta gab: »Ich habe gelesen, dass diese Früchte nach dem Tanz hervorragende Wirkung tun.«

»Lieber Oberstleutnant, ich weiß, worauf Sie anspielen, doch der Tanz ist nun vorbei. Graf Ribbings Champagnerwein behagt mir besser.«

Die nächsten Tänze nahm er kaum wahr. Monvel hatte als unumschränkter König des Festes seine Herrschaft wieder angetreten. Als sich Lilljehorn gefasst hatte, dirigierte Monvel sein Volk zu einem wohldurchdachten Menuett in abgezirkelten Schrittfolgen. In der Saalmitte Ribbing und Carlotta, ihre Verbeugungen, ihre Knickse, ihre Schrittwechsel glichen den konvulsivischen Zuckungen dressierter Marionetten. Er zwang sich zu einem Gang rund um den Saal, wo sich die vorzeitig Erschöpften Wein oder Kaffee einschenken ließen und sich lächelnd abwandten, wenn er vorbeikam. Nichts hielt ihn mehr hier. Der Tanzmeister kündigte den letzten Tanz an und forderte zur Aufstellung en Anglaise auf. Waren das Gesichter hinter den Eisblumen der Fensterscheiben? ­Lilljehorn suchte die Tür, als diese aufflog und der Hauch der Nachtluft einige Kerzen an den Kandelabern auslöschte. Zuerst setzten die Bläser aus, dann die Kontrabässe, die Fiedel Monvels behauptete sich bis zuletzt gegen die Stille, gab nur zögerlich auf.

Vor ihnen stand eine krummbeinige Figur, schwarze Haarsträhnen hingen dem Mann wirr ins Gesicht. Die rotgeränderten Augen des Betrunkenen suchten nach einem fixen Punkt und blickten höhnisch in die Runde. In sich überschlagenden Falsett-Tönen kreischte er: »Citoyens – das Gehopse hat ein Ende! Ihr habt doch nichts dagegen, wenn meine Freunde nun wirklich tanzen. Meine Freunde, tretet ein! Musiker, spielt auf!«

Hinter ihm torkelten zerlumpte Gestalten in den Saal, Bauern in zusammengeflickten Mänteln und schweren Schuhen, Pelzmützen auf dem Kopf, Dienstmägde mit von Aquavit und Kälte geröteten Wangen. Die Hitze des Ballsaales nahm ihnen den Atem. Der Krummbeinige schrie: »Courage, mes amies!« und fasste die am nächsten stehende Frau, eine füllige Mitvierzigerin, um die Hüfte und vollführte einige Bocksprünge quer durch den Raum bis hin zum Podium des Monvel. »Deutsche Walzer!«, grölte er. Ein Geruch von Stall, Kälte und Feindseligkeit mischte sich mit den Parfüms der Gesellschaft, hier und dort gellte der spitze Schrei von Frauen, die man zum Tanzen zwang. Zwischen den in starrem Entsetzen auf ihren Plätzen verharrenden Paaren wirbelten die Mutigsten der Eindringlinge, stampften mit ihren Füßen den Boden. Lilljehorn suchte Carlotta, doch ein baumlanger Kerl baute sich vor ihm auf und versperrte ihm die Sicht auf die Geschehnisse. Seinen Degen hatte er im Zimmer gelassen, von Bedienten keine Spur.

Mit einer Behändigkeit, die er ihm nicht zugetraut hätte, sprang Monvel von seiner Bühne, stürmte durch das ­Chaos der sich irr drehenden Bauern zum Krummbeinigen. Die Tänzer blieben stehen, sofern sie es konnten, manche klammerten sich in ihrem Schwindel an ihre Tanzpartnerin. Der mächtige Lüster, dessen Kerzen allein noch brannten, warf einen harten Lichtkegel auf die nun einsetzende Szene. In majestätischer Gelassenheit schritt Monvel auf den Aufrührer zu, legte seine Fiedel, die er bis jetzt in der Linken gehalten hatte, sachte auf den Boden, um sich dann nach allen Seiten lächelnd der allgemeinen Aufmerksamkeit zu versichern. Dann, erst dann, als auch der letzte Tänzer zum Stehen gekommen war, als nur mehr der rasselnde Atem des Krummbeinigen zu hören war, verabreichte er der Kreatur vor ihm eine einzige, niederschmetternde Ohrfeige. Der Mensch ging zu Boden, stieß winselnd auf Französisch Bitten und Flüche aus. Monvel: »Jean, es reicht! Verschwinde auf dein Zimmer!«

Jean, das war das Faktotum der Schauspielerkompagnie. Er spielte Krüppel, Verräter und Dorfidioten. In Stücken, die nur edle Menschen und Götter zeigten, durfte er seinen berühmteren Kollegen, die tatsächlich allesamt schön und edel aussahen, unsichtbar soufflieren. Manchmal, wenn sogar die schönen Schauspieler zu müde waren für ihre Feste und Liebschaften und sich erschöpft in ihre Quartiere zurückgezogen hatten, hörten sie aus dem Verschlag Jeans den gleichmäßigen Takt seiner Schritte. Er musste wohl deklamieren. Aber welches Stück, welche Rolle bot genug Text für so einen wie ihn? Der aber deklamierte das Stück seines Lebens, das er hinter dem Horizont der Zeiten ahnte.

Jetzt kam Jean auf die Beine, Speichel glänzte auf seinem Kinn. Die Rechte bittend erhoben – wo hatte Lilljehorn diese Szene schon gesehen? –, überschlug er sich in Dankesworten. Einer der schwedischen Bauern, die den Ballsaal gestürmt hatten, spie Jean ins Gesicht. Dann schloss sich der Kreis der Zuschauer um Monvel. Lilljehorn war es, als würde Jean in das Dienstbotenzimmer neben der Küche getragen.

Die Eindringlinge hatten das Weite gesucht. Dabei waren einige Fensterscheiben zerbrochen. Die Gäste verzichteten darauf, ihre Garderobe in Ordnung zu bringen, stießen die an den Büfetts aufgereihten Weingläser und Kaffeekännchen um, drängten in ihre Zimmer und rasch zur Treppe. Deutlich konnte Lilljehorn den Grafen Ribbing sehen, der sich gerade einen sicheren Platz auf halber Höhe der Treppe erkämpfte. In der Linken stützte er eine Frau, deren Gesicht durch die nach oben stolpernden Besucher den Blicken entzogen war. Sie trug ein weißes Kleid – mit blassrosa Schleifen.

Tagebucheintrag des Ersten Kammerherrn Hans von Essen

Carlotta de Geer – sie ist derzeitig das Einzige, worauf sich trotz des Vorfalls in der Oper alle meine Gedanken richten. Sollte sich der König auch mit mir einen Spaß erlaubt haben? Was meinte er, wenn er von der Eroberung einer Festung sprach? Doch die Hoffnung, selbst die vergebliche Hoffnung auf diese wundervolle Frau erfüllt mich mit neuer Kraft.

Aber der Reihe nach: Mit den Pastillen des Physicus Salomon war ich nach dem Soupé im Königsschloss rasch genesen. Gestern habe ich einen Wink erhalten, die Insubordination der Pagen in den Jakobinerfarben kategorisch zu ahnden. Die Empfehlung wurde mir von meinem Sekretär, einem Cousin eines Vertrauten von Sivers, übermittelt. Nun: Alle zeigten sich reumütig, der dritte hat sich krankgemeldet. Sivers kennt die Namen. Danach die Post erledigt. Nach dem Mittagstisch versuchte ich einen Schlitten zu mieten und zu Erik nach Lurbacka hinauszufahren, um meine mögliche Verbindung mit Carlotta zu besprechen. Der Wagnermeister hinter dem Stortorget hatte nur mehr zwei lahme Gäule frei, was mich sehr verdross. Außerdem jammerte er etwas über seinen zuverlässigsten Kutscher, der verschwunden sei. Er schien ehrlich besorgt, weil die Straßen immer unsicherer würden. Wie soll ich ohne Eriks Hilfe und seinen Überblick über unser gemeinsames Erbe die Heirat finanzieren? Der Nachmittag verlief also ergebnislos.

Um sieben Uhr begannen die Vorbereitungen für die Fahrt des Hofes vom Schloss zur Oper. Auf Lilljehorns Leibgarde ist Verlass auch dann, wenn der Oberstleutnant selbst nicht das Kommando führt. Die Straßen waren mit Fackeln bestens ausgeleuchtet, in der Oper sicherten Leibtrabanten diesmal auch die Zugänge zur Bühne, was in letzter Zeit sträflich unterlassen wurde. Während der kurzen Fahrt entspann sich kein Gespräch. Die Königin war unpässlich, der Kronprinz nestelte unentwegt an seinen blauseidenen Beinkleidern, die Rundgren wohl etwas zu eng angemessen hatte. Aber der Prinz schießt förmlich in die Höhe. Der König fühlte sich offenkundig nicht wohl, seine Augen glänzten fiebrig. Sein üblicher Zustand vor jeder Aufführung. Im Foyer nahm Gustav die Honeurs der Stockholmer Bürger entgegen, dann drängte er heftig in die große Loge. Mit dem ersten Takt würde sich seine Spannung lösen, und er würde wirklich zu leben beginnen. So war es auch diesmal. Der Vorhang hob sich, und ein begeistertes Raunen vom Parkett bis zur Galerie erfüllte die Ränge. Das Haus zeigte sich von den Kulissen und den Kostümen tief beeindruckt. Gustav war selig – seine Gewänder, die er selbst in nächtelanger Arbeit entworfen hatte, versetzten uns in die Heldenzeit Schwedens. Das Bühnenbild des ersten Aktes war in den düstersten Farben gehalten. In den Verließen unterhalb des Königlichen Schlosses schmachteten die edelsten Frauen Schwedens mit ihren Kindern, gefangen vom blutrünstigen Dänenkönig Christian. Eine einzige Lampe erhellte die Szenerie aus schaurigen, gotischen Gewölben. Ich lasse hier eine Seite frei, um eine Skizze der Bühne einzufügen. Kellgren hat einen guten Strich. Vielleicht steigt er vom hohen Podest des Genies herab und gibt mir eine Zeichnung.

In der Pause nach dem zweiten Akt trat Gustav für alle sichtbar nach vor, um die Ovationen des Publikums entgegenzunehmen. Die Vivats klangen echt und ehrlich, von den Dunkelmännern, vor denen Sivers immer warnt, keine Spur. Im Salon des Königs hatte ich einige Erfrischungen vorbereiten lassen. Zugegen waren Gustav, der Kronprinz, Graf Armfelt und der Österreichische Gesandte. Mit ihm unterhielt sich der König über die Lage in Frankreich, der Gesandte bat um eine Privataudienz in allernächster Zeit. Sein Herr, der Kaiser – so viel konnte ich verstehen –, teile die Einschätzung seiner Majestät. Daraufhin richtete Gustav das Wort an mich: »Mein lieber Essen, Sie werden es noch erleben, große Dinge kündigen sich hier an.« Er war offensichtlich heiter gestimmt: »Außerdem, wie befindet sich Madame de Geer?« Ich konnte nichts anderes antworten, als dass ich über ihren Verbleib nicht unterrichtet war. Äußerst unangenehm – besonders vor dem Gesandten. Gleich danach begab sich die Gesellschaft über die Geheimstiege wieder in die Königsloge hinunter. Vielleicht weil mich die Erwähnung Carlottas verwirrt hatte, vielleicht, weil ich noch Anweisungen an die Diener gab für den Fall, dass der König in seinen Gemächern in der Oper übernachten wollte – als wir in der Loge angekommen waren, fehlte der König.

Armfelt redete, wild gestikulierend, auf einen Hauptmann der Leibgarde ein, doch vergeblich. Der Vorhang gab die Bühne frei, der dritte Akt begann, und nirgendwo der König. Um keinen Aufruhr zu erregen, nahm ich den ersten Platz in der Loge ein – so könnte im Dunkel des Zuschauerraums das Fehlen Gustavs vielleicht unbemerkt bleiben. Die Kulissen von Desprez überboten alles, was man hierzulande je gesehen hatte. Links das Königsschloss Tre Kronor mit dem mächtigen Rundturm in der Mitte, davor die stark bewehrte Schlossmauer, durchbrochen nur von dem mächtigen Tor. Am Vorplatz entbrannte die Schlacht zwischen Dänen und Schweden, überall Fahnen und Wimpel und Pulverdampf. Im Donner der Theatermaschinen wurden einige Damen des Publikums ohnmächtig. Nach der letzten Arie Stenborgs als Gustav Wasa setzen jetzt die Schweden zum Angriff an. Das Publikum tobt und schüttelt die Fäuste gegen die dänischen Söldner, jetzt verstand ich, warum kaum Statisten für das Dänenheer zu finden waren. Schon haben die Schweden den Vorplatz unter ihre Kontrolle gebracht. Neben Gustav Wasa stürmt ein Ritter in glänzendem Harnisch gegen die Dänen. Die Verteidiger weichen, triumphierend reißt er sich den Helm vom Kopf. Ein einziges, langgezogenes Hurra! lässt die Oper erzittern. Es ist der König selbst, Gustav, der dem König auf der Bühne zum Sieg verholfen hat.

An eine Fortsetzung der Aufführung ist nicht zu denken. Der Kapellmeister klopft ab. Niemanden, vom Lakaien bis zum Edelmann, hält es auf seinem Platz. Man stimmt ein in den Hymnus aller schwedischen Patrioten »Ädla skuggor, vördade fäder!« Der König tritt bis an den Orchestergraben vor, als Einziger singt er nicht, weiß er doch, dass es vermessen wäre, an einer Huldigung, die nur ihm gilt, selbst teilzuhaben. Die Menschen fallen einander um den Hals, ach, wäre nur Carlotta dabei gewesen!

5

Die Magd hatte sich mit dem Auftragen des Nachtmals länger als üblich Zeit gelassen. Warum machte sie so ein Getue um die fade Grütze und den zu weichen, aber versalzenen Hering? Endlich drückte sich niemand mehr in der Dienstbotenküche herum. Auch der Korridor zum Innenhof mit den fünf stattlichen Remisen für die besten Mietkutschen und Schlitten Stockholms war leer. Von dort konnte er unbemerkt durch den Hintereingang auf die Straße schlüpfen. Die quietschenden Türangeln hatte er am Vortag sorgsam mit Wagenschmiere eingefettet.

Eisiger Windhauch trieb ihm Wasser in die Augen. Er schlug den Rockkragen hoch und knotete das Halstuch fester. Hätte sich nicht der Turm der Finska Kyrkan vom Nachthimmel abgehoben, wäre er vom Weg zur Jakobikirche abgekommen. So tastet er sich behutsam von einem Lichtkegel zum nächsten, den die wenigen und traurigen Fackeln auf die gepflasterte Straße warfen. In seiner Heimat in Finnland war ihm diese Dunkelheit fremd, denn selbst in der sternenfinsteren Winternacht barg der kristallene Schnee noch die Funken der untergegangenen Sonne. Hier aber nur Matsch und Schlamm, der sich an seine Fuhrmannstiefel legte und die Schritte schwer machte. Immerhin war sonst niemand zu sehen. Er befühlte seine Brusttasche. Beruhigt ertastete er den Plan, den er nach dem Gedächtnis in unbeobachteten Stunden von der Altstadt gezeichnet hatte. Dieses Stockholm glich einem Labyrinth, es bereitete ihm Angst und Lust zugleich.

Nie wäre er hierhergekommen, wenn ihm der Feldzug etwas eingebracht hätte. Aber wenn man den Kugeln der Russen und der Ruhr entkommen war, blieb entweder nur die Entlassung ohne Sold oder die Schikanen in einer verlausten Garnison unter Offizieren, die sich über seinen Herrn, den König, die Mäuler zerrissen, bevor sie ihren Hass in Branntwein ersoffen. Doch genau dieser König hatte in seinem Kanonenboot vor Wiborg einen Ruderer, dem eine Kugel den Arm weggerissen hatte, mit seiner seidenen Schärpe verbunden. Die Herren trugen an allem Unglück Schuld, nicht der König. Was konnte es schaden, ihnen eins auszuwischen und auch noch in barer Münze bezahlt zu werden. Er griff in die andere Tasche, die Reichstaler waren kein Hirngespinst. Ein paar Aufträge noch für seine Dame, die ihr Gesicht immer hinter einem Schleier verbarg, und er konnte den kleinen Hof bei Savitaipale kaufen. Die Magd würde dann wohl mitgehen. Die Bedingung war nur, er musste das Maul halten.

Das Riddarhuset lag jetzt schon hinter seinem Rücken. Er zwang sich, aufrecht zu gehen. Um keinen Preis auffallen. Zwischen den Palästen und vornehmeren Kaffeehäusern herrschte ein eifriges Kommen und Gehen. Wer würde hier schon nach ihm schielen. Auf der Norrbrogatan machte er unter einer Laterne Halt, um ein letztes Mal seine Karte zu studieren. Die Pfeiler der noch unfertigen Steinbrücke daneben ragten wie Riesen, die nach dem fehlenden Gewölbe griffen, aus dem Strömmen. Nach der Brücke wandte er sich nach rechts und ging dann die Kungsträdgårdsgatan hinauf. Von dort konnte er durch eine unverschlossene Pforte in den Friedhof der Jakobikirche schlüpfen. Dort würde er sich auf den Spürsinn des Mittelsmannes verlassen, der ihn erkennen musste. Er faltete den Plan sorgsam zusammen und bemühte sich um einen unauffälligen Schritt. Ob ihm jemand folgte? An der Einmündung der Kungsträdgårdsgatan drehte er sich endlich um. Zwei grobschlächtige Kerle, vermutlich Knechte wie er, begannen wild gestikulierend miteinander zu streiten. Das Geläute der Jakobikirche verhallte direkt über ihm. Schlag neun Uhr, das Ziel war pünktlich erreicht. Tatsächlich hob sich eine dunkle Vertiefung von der Umfriedung des Friedhofs ab. Die Pforte war nur angelehnt, er schob seinen Fuß in den Türspalt. In dem Moment durchbrach Mondlicht die zerschlissenen Wolken. Grabsteine, aufrecht wie Gardesoldaten, hielten hier Wache. Am Ende des Weges löste sich ein Schatten unsicher aus dem Spalier der Gräber. Er wollte gerade das Erkennungszeichen aus der Hose holen, als ein Sausen in der Luft ihn herumfahren ließ. So klang es, wenn er mit seinem Vater und den Brüdern den harten Boden von Savitaipale von Wurzeln und Baumstümpfen befreite, mit mächtigen Armen die Spitzhacke schwingend. Der letzte Gedanke in seinem Leben galt seinem eigenen Hof, bevor ihm der Schädel zermalmt wurde.

Rapport des Polizeihauptmanns Lundquist an Polizeiminister Sivers

Der Postenkommandant des Kreises Norrköping meldet, dass der aufständische Bauer Ihrer Anweisung entsprechend vom Ende der Predigt bis zum Sonnenuntergang auf das Spanische Pferd verbracht wurde. Am nächsten Morgen entdeckten ihn Knechte des Grafen Horn erhängt an einer Birke, der Tod war bereits eingetreten.

Am ersten Dezember fand ein Aschenträger an der Böschung des Strandvägen den am Kopf schwer malträtierten Korporal Johann Jacobson vom Königlichen Artilleriebataillon Major Hartmannsdorf. Besagter Korporal verstarb während seines Abtransports in das Militärlazarett. Strenge Inquisition in den angrenzenden Kneipen hat ergeben, dass der Korporal mit seinem Kameraden, dem Artillerieunteroffizier Olof Rosenschütz, auf Zechtour war und zuletzt mit dem amtsbekannten Vagabunden Klaus Peterson gesehen wurde. Peterson konnte noch in derselben Nacht mit einem Betrag von neun Reichstalern im Freudenhaus des Moskowiten Nikita Sobolew aufgegriffen und verhört werden. Er will mit dem Totschlag nichts zu tun haben. Er erklärt, Rosenschütz habe ihm zehn Taler gegeben. Rosenschütz streitet das ab, er habe mit Jacobson und Peterson auf den Sieg über die Russen getrunken. Er erklärt, nichts über irgendwelche zehn Taler zu wissen. Ich erbitte um Weisung zu untertänigster Befolgung.

In einem offenen Grab am Friedhof bei der Jakobikirche wurde eine männliche Leiche gefunden. Der Stadtphysikus Elias Salomon stellte im Zuge der amtlichen Untersuchung eine schwere Kopfverletzung fest, die von einem harten und stumpfen Gegenstand herrührt. Die Personalia des Erschlagenen sind unbekannt. Die vom Stadtphysikus und einem beeideten Amtsdiener durchgeführte Leibesvisitation brachte folgende Gegenstände zu Tage: ein Kamm aus Horn, ein Sechskant Schraubenschlüssel, ein handgezeichneter Plan des Viertels um die Jakobikirche und ein in der Mitte abgebrochener Schilling.

Bericht des Polizeiministers Sivers an Graf Armfelt

Exzellenz, es freut mich, Ihnen melden zu dürfen, dass keine Indizien für bevorstehende politische Unruhen in Stockholm und den benachbarten Landkreisen vorliegen. In Norrköping hat sich der aufrührerische Rädelsführer beim Überfall auf den Schlitten des Grafen Horn selbst gerichtet. Zwei Fälle von Totschlag unter dem üblichen Gesindel stehen kurz vor der Aufklärung.

Der Erste Kammerherr Hans von Essen hat die Pagen betreffend der verbotenen dreifarbigen Kokarde belehrt und ist von ihrer Reue überzeugt. Der junge Herr Carl Klingspor hat sich allerdings krankgemeldet und wurde seit dem Vorfall in Stockholm nicht mehr angetroffen.

Hinter der Agentin mit dem Decknamen Mamsell steht die Wahrsagerin Ulrica Arfvidsson. Sie ist das Medium, das auch Mitgliedern des königlichen Hauses das Schicksal entschleiert. Sie fragen, warum wir ihr trauen sollen? Ob ich sie in der Hand habe, mit welchen Methoden? Ausnahmsweise muss ich passen. Ulrica Arfvidsson findet sich in keiner unserer Akten. Es existiert keine flüchtig hingekritzelte Notiz meiner Agenten, die in Leben emporheben oder in die Tiefe schleudern kann, kein Vermerk, der Personen, die von höherer Geburt sind als ich, zwingt, mir zu Diensten zu sein. Nein, die Arfvidsson ist frei von Schuld, vielmehr wurde ihr Leid angetan.

Ihr Stiefvater, nach dem sie sich nennt, hatte als Hofkoch die besten Referenzen und förderte die talentierte Ulrica in Musik und Sprachen. Mit ihrer Mutter lebten die drei im Schloss, waren überall gern gesehen. Das Mädchen wuchs zu einer Schönheit heran, die hohen Herren wurden auf sie aufmerksam – Galanterie wandelte sich zur Leidenschaft. Ja, man machte ihr, der Tochter des Kochs, den Hof. Der wusste, was kommen würde, und grämte sich. Dem schönen Kind verbot er das Tageslicht, zwang sie, in den Kellergewölben des Schlosses zu bleiben, während er Dienst tat. Das Mädchen fügte sich, bis es eines Tages verschwand. Mutter und Stiefvater vergingen vor Kummer. Wenn sie sich bei sämtlichen Hofstellen erkundigten, erhielten sie nie mehr als ein süffisantes Lächeln zur Antwort. Nach drei Tagen fand man Ulrica, halb entblößt, mit zerrissenem Gewand. Es war im dämmrigen Keller mit seinen hohen Gewölben geschehen, zwischen geräuchertem Fisch und eingelagerten Kartoffeln. Einer der Galane – Sie verstehen. Natürlich wurde der Schuldige nie gefunden. Dem Stiefvater empfahl man den Abschied mit einer großzügigen Pension. Der Koch nahm an und verstarb bald danach. Das Mädchen erbte alles, man munkelt von 4000 Reichstalern. Ihre Mutter verheiratete sich neu.

Als Gras über die Affäre gewachsen war, trat Ulrica als Medium in Erscheinung, sie begann, aus dem Kaffeesatz die Zukunft vorauszusagen, was ihr gute Münze einbringt. Sie lebt frei und unabhängig, sie scheint mir eine der wenigen nicht korrupten Personen in unserer Residenz zu sein. Ihre einzige Vertrauensperson ist eine schwarze Dienerin namens Adotja. Liebhaber gibt es keinen. Die Neugier führt vom Matrosen bis zum Herzog ganz Stockholm zu ihr. Wenn auch Ulrica, die man nur mehr Mamsell nennt, das Schicksal verkündet, lebt sie doch nur für den einen Gedanken, unter ihren Besuchern einst jenen Mann zu entlarven, der ihr die Unschuld genommen hat. Wüssten Sie irgendjemand, der uns bessere Dienste leistet?

Graf Armfelt an Polizeiminister Sivers

Mein lieber Sivers, verschonen Sie mich mit Details aus der Welt Ihrer Totschläger. Angesichts der patriotischen Begeisterung, die ich im Beisein unseres Landesherrn erleben durfte, sind das doch alles Kinkerlitzchen. Sagen Sie mir lieber, wo man angesichts der Hafenblockade für französische Schiffe noch einen vernünftigen Champagner kriegen kann.

Die Arfvidsson, sieh an! Ihr Schicksal bedaure ich zutiefst. Das alles hat sich freilich vor meiner Zeit am Hof zugetragen. Weben Sie nur an Ihrem Spinnennetz und hoffen wir, dass es nicht zerreißt.

Polizeiminister Sivers an Mamsell

Hochverehrte Madame, ich darf Ihnen mit diesem Billett das von Exzellenz Armfelt bewilligte Honorar von 200 Reichstalern in barer Münze übermitteln. Um uns die Gunst des Grafen weiterhin zu sichern, bitte ich Sie um rascheste Hilfe: Wir hatten in der letzten Nacht zwei Mordfälle, die mir nicht zu den üblichen Messerstechereien unter Saufkumpanen zu passen scheinen. Anbei sende ich Ihnen eine Abschrift des Rapports von Polizeihauptmann Lundquist. Besonders der Erschlagene am Friedhof bereitet mir Sorgen. Sie wissen so gut wie ich, dass sich dort oft Herrschaften der feinen Gesellschaft einfinden, um im gotischen Ambiente der Grabmäler aus dem Ossian zu zitieren. Noch ist die Exzellenz voller Optimismus. Ich kann ihn hinhalten. Der Eilbote ist verlässlich, bitte geben Sie ihm Ihre Antwort brieflich mit. Kodierung ist nicht erforderlich, die Zeit drängt. Ich vertraue Ihnen.

Mamsell per Eilboten an Polizeiminister Sivers

Herr Minister, ich fasse mich kurz. Die Situation ist äußerst besorgniserregend. Beim Erschlagenen am Friedhof handelt es sich um einen meiner Agenten, den ich als Knecht beim Wagnermeister Engzell am Stortorget untergebracht habe. Weil er seine Fuhrwerke vor allem an die hochgestellten Herren vermietet, konnte ich so deren Bewegungen und Zusammenkünfte verfolgen. Am Tage seiner Ermordung sollte sich der Agent mit meiner Zofe treffen, ich selbst war zu einer Soiree des Herzogs Carl gebeten. Da sich die beiden nicht kannten, war als Erkennungszeichen ein halbierter Schilling vereinbart worden. Schlag neun Uhr abends sollte er meiner Bediensteten die Informationen übergeben. Der Agent erschien auch – um dann vor den Augen meiner Zofe erschlagen zu werden. Erwarten wir von ihr keine verlässlichen Informationen! Halb verrückt vor Angst lief sie durch die Stadt. Erst gegen Mitternacht ist sie heimgekommen.

Uns bleibt nur eine undeutliche Spur – der Unteroffizier. Auch wenn ich seinen erschlagenen Kameraden nicht auf meiner Liste der Verdächtigen führe, machen mich die zehn Reichstaler doch stutzig. Wie kommt ein Soldat zu einem Monatssold? Vielleicht gelingt es uns, die getrennten Fäden zu einem Bild zu verknüpfen.

Ich schlage Ihnen somit vor: In einer Woche veranstalte ich die nächste Soiree. Verschaffen Sie dem Unteroffizier eine Einladung – er wird sie nicht abschlagen. Alle Welt möchte ja mit den Mächten der Unterwelt einen Blick in die Zukunft werfen. Außerdem werden höchste Persönlichkeiten anwesend sein – das sollten Sie ruhig durchblicken lassen. Nehmen Sie die Sache ernst, mich plagen böse Visionen!

Weisung des Polizeiministers ­Sivers an ­Polizeihauptmann Lundquist

Sie haben bis auf Widerruf strengstes Stillschweigen über die Mordfälle zu wahren. Der Artillerieunteroffizier ist als Angehöriger der siegreichen königlichen Armee unverzüglich aus der Haft zu entlassen. Der Landstreicher Peterson kommt als einzig Verdächtiger in strenge Einzelhaft. Weitere Verhöre dieser Person erfolgen erst auf meine persönliche Anordnung hin. Dem Post-Tidningar soll eine Notiz über die Verhaftung Petersons übermittelt werden. Es wäre schön, könnte die Nachricht schon in der morgigen Ausgabe erscheinen.

Aus verlässlicher Quelle habe ich Nachrichten, dass sich in einer Schauspielertruppe auf dem Weg nach Göteborg verdächtige Elemente mit jakobinischer Gesinnung befinden. Ich erwarte Nachrichten über die Reisestationen der Kompagnie. Sie werden die Polizeidiener anweisen, die Ausreise zu beschleunigen und nur im äußersten Notfall Verhaftungen vorzunehmen. Chef der Kompagnie ist Monvel, der Lieblingsschauspieler Seiner Majestät, an dessen Loyalität kein Zweifel besteht. Bringen Sie etwas über eine Tanzveranstaltung im Solnaer Holz in Erfahrung, bei der es einen Affront gegen Damen und Herren der Gesellschaft gegeben haben soll.

6

Auf dem Flechtzaun vor dem Landhaus plusterte eine Krähe ihre Federn auf, hüpfte an das Ende des Gatters und erhob sich mit müdem Gekrächze in den Morgenhimmel. Sie vertraute sich dem Nordwind an, der sie in Richtung Stockholm davontrug. Der Schneefall hatte aufgehört, unter einem klaren Himmel schleuderte die aufgehende Sonne ihre purpurnen Lichtpfeile in den Solnaer Forst. Lilljehorn lehnte am Zaun. Hinter ihm dampften die Rösser aus schwarzen Nüstern. Knechte zwangen sie ins Geschirr. Auf den Wipfeln der Baumriesen vor ihm sammelten flaumige Matten aus Schnee das Glutfeuer des ersten Lichts und warfen es auf rissige Stämme und den schweigenden Waldgrund, unter dem die Fährten des Wildes und die Wege der wenigen Menschen nur zu erahnen waren.

Klarheit und Frische durchdrangen den Oberstleutnant Lilljehorn. Carlotta hatte ihr Spiel mit ihm getrieben. Ribbings Arm um ihre Taille, die schroffe Zurückweisung seiner Orange, das Stampfen ihrer Füße auf den Holzbrettern, als sie mit ihm durch die Reihen tanzte. Qual und Beklemmung für seinen seichten Schlaf. Wie ihn ihr süßes Lächeln verfolgte. Schloss er die Augen, verschwand der Wald, verstummten die Rufe der Rossknechte. Nur ihre grünen Augen ruhten auf ihm, rätselhaft und grausam.

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter, den leichten Schlag eines Kameraden. »Mon cher Colonel, sind Sie nicht wohl? Natürlich sind Sie krank. Sie versinken im Leiden.« Vor ihm stand Monvel, kleiner als am Abend auf der Bühne, ohne Rouge auf den Wangen, ernster und gealtert. »Wissen Sie, die Liebe hat schon Städte zerstört und glückliche Könige. Denken Sie an Troja, an Lucretia – formidable Stoffe übrigens. Gestern beim Tanz haben Sie sich an die Unendlichkeit verloren, ich habe es wohl gesehen, heute verfinstert Verdruss Ihre Stirn – kann man das auf Schwedisch so sagen?«

»Herr Monvel, ich bitte Sie …!«

»Natürlich, pardonnez-moi ma témérité. Würden Sie mir wohl die Ehre erweisen, an meinem Frühstückstisch Platz zu nehmen?«

Monvel schob und zog Lilljehorn in den Gasthof, der kleine Schauspieler den hünenhaften Leibgardisten, und der wappnete sich gegen allzu viel Vertraulichkeit. Der Theaterprinzipal bediente selbst mit der Leichtigkeit eines Höflings aus Versailles. Der Speisesaal war noch leer, vom Obergeschoss hörte man die Dienstboten mit ihren Waschschüsseln und vorgewärmten Handtüchern. »Keine Sorge, mon Colonel, Madame de Geer wird für ihre Toilette noch recht viel Zeit brauchen. Sie sind Soldat, erlauben Sie mir also ein offenes Wort, auch wenn Sie mich dafür hassen mögen. Madame de Geer verdient Sie nicht. Bitte springen Sie nicht gleich auf! Jetzt möchten Sie tot sein, empfindungslos im hintersten Winkel eines Friedhofs begraben liegen. Aber diese Tragödien sollen sich nur auf der Bühne oder in Erzählungen deutscher Poeten ereignen. Halten wir das kurze Leben frei davon!«

Lilljehorn bemühte sich um Haltung. Konnte man das fassen? Lebensmaximen eines Komödianten? Aber die Bitterkeit in der Stimme des Fremden hielt ihn am Tisch fest. »Herr Monvel, die Situation, in der ich mich befinde, denke ich, ist nur mir allein offenbar. Was den Charakter von Madame de Geer anbelangt …«

»Über alle Zweifel erhaben, wollten Sie sagen? Wechseln wir das Thema. Wissen Sie, warum meine Kompagnie und ich Schweden verlassen? Das hat mit Ihrem König, Madame de Geer und auch mit Ihnen selbst zu tun, ohne dass es Ihnen bewusst ist. Ja, Ihr geliebter Landesherr erpresst von seinen Untertanen den letzten Taler, um Kriege zu führen und um zu spielen. Ein schwedisches Nationaltheater, so rein und vollkommen, das sich mit unserem, verzeihen Sie die kleine, wie sagt man, Schmeichelei, messen kann. Ein herrlicher, erhabener Plan, der mich von Paris hierhergelockt hat. Ach, Paris, wenn wir von Paris sprechen, dann sprechen wir von einem Traum, nicht von einer Stadt. Wenn Sie es nur jemals im Frühling erlebt hätten. Das Geflüster der Paare abends in den Lauben, die Jasmindüfte, die wir so liebten, weil wir von ihrer Vergänglichkeit wussten, das flirrende Licht aus den großen Palais. Überall eine Ahnung von Spiel und Liebe. Wir waren große Kinder damals, und unsere Perücken nahmen uns das Alter, zeitlos verlebten wir unsere Tage. Auf all das habe ich verzichtet, um in ein Land zu kommen, in dem man gerade die ersten Opern zusammenflickte, vor dessen Hauptstadt noch Wölfe streunten. Einerlei – ich habe es nicht bereut, solang der Esprit Ihres Königs dieses Eiland der Finsternis erhellt hat. Seine Stücke waren geistreich, mit Verstand ordnete er den Stoff des Lebens. Die drei Einheiten von Zeit, Ort und Handlung, wie sie unser großer ­Corneille forderte, gaben dem Leben Ordnung und machten aus Ordnung Kunst. Dass da jemand war, der das Chaos des Lebens durch die kristallene Schönheit der Form sah, ließ mich die elende Bühnenmaschinerie, die stotternden Schauspieler und die Misstöne eines Orchesters vergessen, dessen beste Mitglieder man aus Militärmusikkapellen rekrutiert hatte. Dieser kurze Lichtstrahl war die Mühe wert. Der König, Madame de Geer und ich gehören dieser alten Zeit an. Das Sentiment ist für uns Teil einer Szene in einem Stück, das den höheren Gesetzen der Schönheit und Vernunft dient.«

Der Schauspieler führte seine Tasse an den Mund, streckte dabei seinen kleinen Finger grazil nach oben. »Sie hingegen sind Bürger einer neuen Welt, in der Empfindsamkeit über die Form siegt. Sie werden es noch erleben, dass man die Qualität eines Stücks nach der Gunst des Pöbels misst, nach dem, was dieses Untier fühlt. In Ihrer neuen Zeit ersetzt man das Lächeln durch das Geheul, man glaubt auf einmal an hohe Begriffe. In Ihrer neuen, schönen Zeit wird man sich einbilden, Ehen aus dem Gefühl heraus schließen zu müssen. In den Baumhütten der Wilden erkennt man jetzt eher den Bauplan des göttlichen Willens als im Kosmos des Gartens von Versailles. Ja, Versailles. Dort haben wir einen Brunnen, der Göttin Latona geweiht. Sie steht in der Mitte, rings um sie recken sich ihr Mischwesen entgegen, teilweise noch Mensch, dann schon Kröte. Doch sie werden das erhabene Podest der Göttin nie erreichen können. Die Sage weiß, dass es einst Bauern gewesen waren, die aus purem Neid der Göttin und Mutter Wasser verwehrten. Sie wurden zur Strafe in niedriges Getier verwandelt. Geblieben ist ihnen ihr schmähsüchtiges Gequake – das Leben müssen sie nun im Morast verbringen. Doch der Bann der Göttin ist gebrochen. Diese Frösche steigen nun unaufhaltsam aus dem Dickicht des Schilfs ans Licht, ein unzählbares, gleichförmig kriechendes Scheusal. Einzeln schwächlich, als Masse unbezwingbar. Ich fürchte, lieber Lilljehorn, Ihr König ist ebenso wenig wie meiner imstande, diese Ausgeburten zurückzudrängen. Der Zorn von Königen ist zu schwach gegenüber dem Gezeter von Freiheit, Gleichheit und Nation.

Ich war Theaterprinzipal, König der Bühne. Jeder Seufzer, jeder Schritt, jede Verbeugung meine Creation. Aber meine Kompagnie existiert nicht mehr. Sie ist ebenso zerrissen zwischen alter und neuer Zeit wie unsere ganze Welt. Gestern habe ich einen unserer »Modernen«, im Übrigen ein unbedeutender Statist, geohrfeigt. Noch hat die Mehrheit gelacht und stand auf meiner Seite. Aber es werden sich andere erheben und seine Stelle einnehmen. Deswegen danke ich ab, führe meine Truppe aus Schweden und löse sie auf. Ab jetzt werden sich die Tragödien im Leben ereignen, unser Versuch als Künstler, sie aus dem Leben auf die Bühne zu verbannen, ist gründlich fehlgeschlagen. Sie sind ein Mann von Charakter, vielleicht gelingt es Ihnen, mit Ihren Tugenden, die ich nicht mehr verstehe, größeres Unheil unter diesen neuen Helden zu bannen. Aber vergessen Sie Madame de Geer und seien Sie ihr nicht gram!«

Monvel erhob sich unvermittelt und verbeugte sich vor Ribbing und Carlotta. Arm in Arm, er stolz, sie glockenhell lachend, standen sie vor Lilljehorn. »Lieber Oberstleutnant, können Sie mir verzeihen, dass ich mich gestern Abend nicht von Ihnen verabschiedet habe? Aber die aufregenden Szenen beim Tanz brachten mich wohl ein wenig aus dem Takt.«

Lilljehorn blickte Monvel an und hatte verstanden.

7

Im Gasthof herrschte lautes Durcheinander. Monvel drängte mit seiner Kompagnie zum Aufbruch, die Gäste der abendlichen Tanzveranstaltung strömten in den Speisesaal und verlangten nach dem Frühstück. Ribbing machte mit Carlotta seine Honneurs, stolzierte von Tisch zu Tisch. Lilljehorn wäre am liebsten Monvel ins Freie gefolgt, aber der war mit dem Beladen seiner Schlitten beschäftigt. Französische und schwedische Flüche drangen vom Tor des Gatters in die Stube. Ob Wagenknechte sich um die Vorfahrt drängten, oder ob die Pferde störrisch nicht ins Geschirr gingen – Lilljehorn wusste es nicht und wollte es nicht wissen. Erst als er sich mit dem siedend heißen Kaffee die Lippen verbrüht und seine Tasse zerbrochen hatte, sah er sich um und nahm an den Gästen eine merkwürdige Verwandlung wahr: Während er abends noch mit Carlotta allein unter Fremden getanzt hatte, kannte er nun beinahe jedes Paar, jedes Gesicht. Der grobe Bürgerrock hatte der seidenen Tracht des Adels Platz gemacht. Unter ihren Perücken erkannte er sie wieder, Name und Titel stellten sich ein. Hier die Grafen Horn, Vater und Sohn, dann Baron Bjelke, Graf Anckarström und Dutzend andere, denen man im Königsschloss, in der Oper oder in den feinen Salons der gehobenen Gesellschaft begegnete.

Natürlich hatte auch Carlotta ihr weißes Kleid mit den blassrosa Schleifen abgelegt und erschien jetzt in ihrem glänzenden Reisekostüm. Der Vorhang war gefallen, das Spiel von gestern zu Ende. Ihn hielt hier nichts mehr. Einem Knecht gab er den Auftrag, die wenigen Reiseutensilien in den Schlitten von Ribbing zu verstauen. Doch der war untröstlich, er habe mit Madame de Geer seine Aufwartung bei deren Eltern zu machen und könne dem Herrn Oberstleutnant den Umweg nicht zumuten. Aber es stehe ein bequemeres Fuhrwerk parat mit einer, so wiederholte der Bursche, um ja kein Wort zu verdrehen, höchst interessanten Gesellschaft. Lilljehorn fügte sich, dankbar, dass ihm die Peinlichkeit zu dritt erspart geblieben war, musste aber Carlotta zum Abschied die Hand küssen. Dann sah er sich noch einmal um, sah in den Tanzsaal, wo er diese Hände umfasst hatte, wo sie beide allein gewesen waren, alles in allem. Ein letzter Händedruck, dann riss er sich fort.

Draußen war nach der Abfahrt der Franzosen Ordnung eingekehrt. Schon auf dem Trittbrett des Schlittens wurde ihm bewusst, dass man ihn erwartet hatte. »Herr Oberstleutnant, es ist mir ein Vergnügen. Wir haben, meine ich, schon unsere Bekanntschaft gemacht. Maskenball März 91 bei Gräfin Fersen. Jedenfalls darf ich Ihnen meinen Vater und hier General Pechlin vorstellen.« Es war der junge Klaes Horn, der so munter drauflosplapperte, als ob sie die besten Duzfreunde wären.

Einen Maskenball bei den Fersens hatte er nie besucht. »Meine Herren«, erwiderte Lilljehorn, »ich danke Ihnen sehr, dass Sie mir aus einer Verlegenheit geholfen haben.« Weiter wusste er nicht, er fühlte sich im engen Schlitten, dessen Bedeckung geschlossen war, wie lebendig begraben. Den General mit dem ständig sarkastischen Lächeln kannte er wohl vom Hörensagen als Rebell und Verfechter der Adelsmacht im Reichstag. Der alte Horn, ein bulliger Mitfünfziger, sah abwechselnd zu seinem Sohn Klaes und zu Pechlin. Lilljehorn tat so, als ob er an der vorbeiziehenden Landschaft interessiert wäre, aber bald schon vereiste das Glas des Schlittens. Den drei Gesichtern vor ihm, die sich wie Larven vor der dunklen Bespannung des Schlittens abhoben, war er bis Stockholm ausgeliefert.

Endlich setzte Horn ein: »Gestern beim Ball«, er räusperte sich, doch sein Sohn blickte betreten zu Boden, »also gestern beim Ball gaben Sie und Carlotta ein schönes Paar ab, viel ­Esprit, ja, ich glaube, das ist das richtige Wort, Esprit. Und dieses Ungestüm beim Deutschen Tanz, Courage, mein Lieber. Und dann Monvel mit seiner Ohrfeige, Sie verstehen, keine Gelegenheit, ein vernünftiges Wort zu wechseln. Wie es der Zufall fügte, hatten sich mehrere Patrioten zu dieser harmlosen Unterhaltung auf dem Lande zusammengefunden, doch die Lage in unserer Heimat – unsere Gedanken, waren mitten unter diesen Zerstreuungen abwesend, jedes unserer Gespräche drehte sich um das Unglück unserer Nation.«

Jetzt streckte Pechlin seinen Kopf aus dem Pelzmantel hervor und bedeutete Horn zu schweigen. »Was Graf Horn sagen will – wir hätten uns auch gerne mit Ihnen unterhalten und wollen jetzt nur das Missverständnis ausräumen, wir hätten Sie von unseren Räsonnements ausgeschlossen. Sie genießen einen hervorragenden Ruf, auf Leute wie Sie müssen wir hören. Was in Frankreich passiert, ist Ihnen bekannt. Wie denken Sie darüber? Ist auf Ihr Regiment und auf die Artillerieeinheiten Verlass, wenn es zu einem Umsturz kommt? Gehorchen die Leute ihren Kommandanten bedingungslos?«

Das war er wieder, Pechlin, der nach der Machtübernahme durch Gustav geflohen und als einer der wenigen Aristokraten verhaftet worden war. Dann hörte man wenig von ihm, seine ausgedehnten Besitzungen in Alhult und sein Palais auf Blasieholmen durfte er aber behalten. Lilljehorn war auf einmal hellwach. Denn einer der Obersten, die ihre Einheiten dem König bei seinem Staatsstreich gegen den Reichstag zur Verfügung gestellt hatten, war der alte Graf Horn gewesen, jetzt Reisegefährte Pechlins. In welche Natternbrut war er da geraten: »Meine Herren, ich habe keinen Grund, an der Treue und der Loyalität meiner Garde dem König gegenüber zu zweifeln. Über Politik spreche ich mit Subalternen grundsätzlich nie.«

Pechlin zeigte kein Anzeichen von Missmut: »Nichts anderes haben wir von Ihnen erwartet. Aber ich bin mir sicher, wir werden noch des Öfteren miteinander reden.«

Horn ergänzte: »Ja, Herr Oberstleutnant, reden wir doch ganz privat. Sie sind in meiner Wohnung in der Kungsholmsgatan stets willkommen.«

Ferne Hufe auf gefrorenem Boden, dann Wiehern, Schnauben, Knarren von Lederzeug, am Ende gedämpfte Kommandorufe. Der Schlitten hielt. Lilljehorns geschultes Ohr schätzte die Stärke der wie aus dem nichts aufgetauchten Reiter auf eine halbe Schwadron. Er öffnete die Bedeckung und wurde von Major Hartmannsdorf begrüßt. »Herr Oberstleutnant, ich habe den Auftrag, Sie und die Herren Pechlin und Horn sicher nach Stockholm zu geleiten.« Der Major war gar nicht abgesessen und stob schon durch den pulvrigen Schnee davon. Den Rest der Fahrt schwieg Lilljehorn beharrlich. Wer hatte den Befehl gegeben, wieso wusste man, mit wem er fuhr? An seinen Werther wollte er denken, auch an Carlotta, aber es wollte ihm nicht gelingen.

Mamsell an Polizeiminister Sivers

Herr Minister, die Orakel verheißen nichts Gutes. Gestern waren zwar nur unbedeutende Gäste zu meiner Séance geladen, aber im Kaffeesud erkannte ich den Schrei aus einem offenen Mund. Man beginnt schon über unheilvolle Vorzeichen zu sprechen. Sie glauben, ich fantasiere, aber ich hätte Ihnen nicht geschrieben, wenn ich nicht auch Nachrichten erhalten hätte, wie sie beunruhigender nicht sein könnten.

Ohne Annoncen in den Stockholmer Zeitungen fand in der Schenke des Frederik Fagerberg im Solnaer Forst eine Art Ball statt, für den man sogar Monvel als Tanzmeister engagiert hatte. Mein Informant erklärt nun, alle Gäste seien am besagten Abend incognito erschienen, harmlose Bürger auf den ersten Blick, tatsächlich aber einflussreiche Mitglieder des Reichstags. Irgendwann geriet das Fest außer Kontrolle. Oberstleutnant Lilljehorn kam offensichtlich Madame de Geer zu nahe, vielleicht von ihrem Auftreten als deutsches Liebchen entflammt. Sie jedoch zeigte ihm die kalte Schulter und verbrachte die Nacht mit Graf Ribbing. Danach grölte ein betrunkener Schauspieler aus Monvels Truppe jakobinische Parolen, er wurde von Monvel geohrfeigt, der Tanz ging vorzeitig zu Ende.

Über die Gespräche selbst hat mein Informant nichts in Erfahrung gebracht. Nur so viel: General Pechlin, die beiden Grafen Horn, Ribbing und Baron Bjelke steckten andauernd ihre Köpfe zusammen. Mein Informant fürchtet, enttarnt zu werden, ich soll ihn abziehen. Mittlerweile hat er vom Schicksal des Wagenknechts erfahren, er ist in Sorge. Es wird immer schwieriger, verlässliche Leute einzuschleusen. Ich selbst fühle mich beobachtet, aber ich kenne Wege, die niemand geht. Meine inständige Bitte: Sorgen Sie dafür, dass der Unteroffizier bei meiner nächsten Séance tatsächlich erscheint. Durch gezielte Indiskretionen sollte es gelingen, die Neugier der feinen Gesellschaft zu wecken. Dort laufen die Fäden zusammen.

Polizeiminister Sivers an Graf Armfelt

Exzellenz, ich bitte Sie, darauf Bedacht zu nehmen, dass trotz der patriotischen Stimmung, die unser edler Landesherr im Theater zu entfachen vermochte, mir meine Fliegen etwas anderes ins Ohr summen. Der Tote im Friedhof von St. Jakobi war Opfer eines gezielten Mordes, der Schlag wurde direkt gegen die Polizei geführt. So viel kann ich Ihnen brieflich mitteilen. Es ist von höchster Bedeutung, auf Ew. Majestät einzuwirken, nur unter dem Schutz meiner Leute in Gesellschaft zu erscheinen. Meine Informanten berichteten von einem Ball im Solnaer Forst, in dem sich führende Mitglieder des Reichstags und jakobinisch gesinnte Schauspieler incognito getroffen haben. Ich kenne die Namen.

Am Hof können wir niemandem mehr wirklich trauen. Möge Exzellenz erwägen, dieses Billett unverzüglich zu vernichten.

Champagner bekommen Sie beim Moskowiten Semjonow. Die Qualität soll sein wie früher.

Mamsell an Seine königliche Hoheit Herzog Carl

Königliche Hoheit, da ich das Vergnügen habe, Sie als Mann von vorurteilsfreier Gesinnung zu kennen, ist es mir eine Ehre, Sie zu meiner nächsten Séance am 3. Januar in meine Wohnung in der Johannesgatan 23 einzuladen. Ihre Anwesenheit als Prinz unseres edlen Hauses wird meine Gäste inspirieren, sich ohne Argwohn den Mächten der Geisterwelt hinzugeben.

Ergebenst Ulrica Arfvidsson

8

Plötzlich liebte Oberstleutnant Lilljehorn Carlotta nicht mehr. In der Nacht nach dem Tanz hatte ein warmer Südwind das Eis unter den hölzernen Bogen der Skeppsholmbron gesprengt. Dieser Wind, sanfter Bruder eines fernen Sommers, ließ die Kinder reihum tanzen auf den Gassen und Plätzen der königlichen Stadt. Die Großen verließen ihre Kontore, hoben ihre Blicke von den Rechnungsbüchern, stellten sich breit vor ihre Geschäfte. Ihre Münder standen offen, ihre Gesichter wurden weich und unverstellt wie damals, als sie selbst reihum tanzten.

Am nächsten Morgen tobten Krähenschwärme über den hohen Himmel, da wurde es Lilljehorn ganz leicht ums Herz. Ja, er gehörte einer neuen Zeit. Monvel musste recht haben. Auf dem Himmelsrund zeichneten die schwarzen Vögel ihre Bilder, fuhren dann nach allen Seiten auseinander und trafen sich wieder zu immer neuen Figuren.

Es war Dienstag. Überraschenderweise hatte man das Kommando über die Leibgarde für die große Hofgesellschaft mit öffentlicher Tafel ihm übertragen. Tagsüber studierte er also das Reglement für den wöchentlichen Höhepunkt des königlichen Hoflebens. Er versuchte immer wieder sich einzuprägen, wann er wie viele Schritte von der königlichen Familie entfernt zu stehen hatte. Aber sein Kopf war schwer und leicht zugleich und wollte sich die Ordres nicht merken.

Noch immer johlten die Buben auf den Straßen. Ihn hielt es nicht mehr auf der Kommandantur. Die Kastanienröster aus den Weiten des Ostens, aus Polen, manche aus Odessa, legten ihre mit Wolfspelz besetzten Mäntel ab und drückten aus zahnlosen Mündern lächelnd Kindern heiße Maronen in die Hand. Ein Gruß aus dem Land der Pomeranzen. In der Mannschaftsunterkunft im Parterre fügte sich alles in beste Ordnung, die Epauletten glänzten wie die Gürtelschnallen, und selbst die Befehle der Unteroffiziere hatten einen milderen Klang.

Endlich neigte sich der Nachmittag dem Abend zu. Im Geviert des Schlosshofes lag die letzte Sonne auf den dorischen Kapitellen des Säulenganges. Lilljehorn marschierte mit seinem Detachement zur Prunkstiege, die zum Weißen Saal führte. Kammerherr Hans von Essen empfing ihn auf der obersten Stufe und führte ihn, so wie es auch im Reglement festgehalten war, an die Stirnseite des Saales, wo er direkt hinter der königlichen Tafel Aufstellung bezog. Seine Männer sicherten die Ausgänge. Schon drängten hohe Staatsbeamte, Kavaliere, Hofdamen, Offiziere des Generalstabs und ausländische Diplomaten in den Saal. Der Kammerherr blieb gelassen, wohl auch, weil Armfelts dröhnendes Lachen aus dem dumpfen Brausen des Saales aufstieg.

Dann war da auch Carlotta. Sie wollte sich gerade mit Ribbing an einen Platz an der Längsseite des Saales begeben, als Hans von Essen ihr seinen Arm bot und sie näher an die königliche Tafel führte. Sie saß jetzt zur Rechten des österreichischen Gesandten. Er grüßte sie, sie grüßte ihn und begann dann mit dem Gesandten ihre Konversation. Endlich öffneten sich die Flügeltüren, und es wurde still. Es erschien der König, kleiner als die Königin mit ihren hohen Absätzen. Er hinkte leicht. Wie bei jedem Empfang trug er den mit Brillanten besetzten Seraphimorden, goldene Knöpfe und Spangen und auch den Federhut, den er gewählt hatte, als er auf seiner Barke Amphion in die Schlacht gegen Russland gezogen war. Seine Gefährten würden versichert haben, dass nichts den Glanz seiner Augen übertraf. Nur wenige Schritte trennten Lilljehorn vom Monarchen, als dieser zu den Diplomaten schritt. Hätte Gustav jetzt einige Worte an ihn gerichtet, er wäre zu keiner Antwort fähig gewesen. Aber der König ging vorbei. Nun hielt er Hof und richtete das Wort an jeden Gesandten in dessen Muttersprache. Nur ein Gecke, es musste wohl ein deutscher Junker gewesen sein, den seine Cavalierstour nach Rom geführt hatte, erdreistete sich, dem König auf Italienisch zu antworten. Der setzte sich wie jeden Dienstag an den Spieltisch. Alles drängte sich dicht um ihn. Die Gesichter verschwammen vor Lilljehorn. Er hätte nicht sagen könne, ob auch die Agenten Sivers zur Bedeckung darunter waren.

Die Minuten krochen dahin. Immer wieder ging er das Reglement durch, bei welchen Vorkommnissen er seinen Platz verlassen durfte und musste. Wer war befugt, die Treppe abzuriegeln und Verdächtige zu arretieren? Endlich meldete der Hofmarschall, dass serviert sei. Um die nächsten Plätze beim König entbrannte ein verschwiegener Streit. Reichsrätinnen, Oberhofmeister, jüngere Hofdamen vergaßen ihre Toilette, schon saßen die ersten Perücken schief. Zwischen Spanischer Suppe und Pfau mit Trüffeln winkte der König den einen oder anderen Würdenträger zu einem Gespräch heran. Dabei öffnete sich dem Erwählten eine Gasse durch die Reihen der Gäste. Lilljehorn verstand bloß Wortfetzen. Einer der Erwählten war Hans von Essen. Als der König zwischen dem Gesandten Englands und dem Rektor der Universität Uppsala einige Worte an ihn richtete, fiel er vor Gustav auf die Knie und küsste dessen Hand. Dann blickten beide, der Erste Kammerherr und sein König, auf Carlotta.

Am Ende des Males servierte der Mohr des Königs kandierte Orangen und Kaffee aus silbernen Karaffen, sie waren ein Geschenk der Zarin aus den fernen Tagen ihrer Freundschaft. Man munkelte, der Mohr habe noch eine Schwester in Stockholm, die einer geheimnisvollen Dame diene. Die zwei Neger, so hieß es, seien ein Geschenk des Sultans, um dem König von Schweden zu danken, doch für welche Gefälligkeit? Der Schwarze hörte auf den Namen Mojo. Es hieß, er habe das Vertrauen des Königs, stehe im näher, als die Herren aus den guten Familien.

Nach der ersten Tasse erhellten sich beinahe gleichzeitig die Gesichter der beiden Prinzen: Die Herzöge Carl und Frederik durften sich jetzt erheben, ihnen folgten die Gattin Carls und die Königin selbst. Man empfahl sich: Die Königin, linkisch und verhärmt, wurde von ihrer Kammerfrau in ihre Gemächer geführt. Dort würde sie die Bibel lesen, wachend und klagend. Die beiden Herzöge konnte man sich in den Armen ihrer Geliebten vorstellen, besonders Carl war in diesen Tagen wie außer sich. Pagen wollten ihn vor dem Zimmer der Madame Rudenschöld gesehen haben, wie er vor ihrer Tür kniete und weinte.

Lilljehorn musste für einen Augenblick unachtsam gewesen sein. Etwas zupfte ihn am Ärmel. Ohne ein Wort wies der Mohr mit der Selbstsicherheit eines Kindes, das von seinem begriffsstutzigen Vater nicht verstanden wird, auf den König. Es bestand kein Zweifel, der Diener sollte Lilljehorn zum König führen. Hinter der hohen Rückenlehne mit den in Gold ziselierten drei Kronen bewegte sich der Arm des Königs, müde und doch gebieterisch. Lilljehorn folgte der Gebärde und nahm vis-à-vis von Gustav Platz. Sonst war niemand mehr an der Tafel, nur der König mit seinem Mohren. Lilljehorn schien es, als ob der Blick des Königs ihn durchdringe, erst hinter ihm in der Saalmitte sein Ziel finde. Weit waren die Augen und erloschen. Dann kam unversehens Leben in seine Züge, er beugte sich vor und schlug Lilljehorn kameradschaftlich auf die Schulter. »Lieber Oberstleutnant, Sie sind doch Poet, ein Mann der Vernunft. Ich stelle Ihnen ein Rätsel:

Wer ist es, der da verspricht, was er nicht gibt,

und gibt, was er nicht versprochen,

der im Anfang groß erscheint und am Ende klein,

der am meisten die Jugend begünstigt

und eine Plage für das Alter ist,

der voller Torheit ist, und dennoch manchen zwingt, weise zu werden,

dem alle schmeicheln und der allen schmeichelt?

Das ist …

Nun, Herr Oberstleutnant?«

Lilljehorns Zunge fühlte sich pelzig an. Wie hätte er das Rätsel nicht kennen sollen? An Hauswänden, auf Kneipentüren, ja sogar am Portal der Riddarholmskyrkan hatte man es angeklebt und wie zum Hohn die Lösung darunter geschmiert: Gustav, immer wieder Gustav stand da in verschieden großen Lettern. Der König selbst war die Lösung, die Lösung des Rätsels und aller Schwierigkeiten.

Die Hand Gustavs lag immer noch auf dem Arm seines Offiziers, zart und knochig. »Keine Bange, Lilljehorn, das Volk hat im Grunde ja recht. Ich kümmere mich um die Jungen. Sie sind jung, Sie übersetzen den Werther ins Schwedische. Mein Kompliment, jetzt, wo Frankreichs Stern erlischt, sollten wir uns neuen Grenzen zuwenden. Plus Ultra. Ich werde die Schwedische Akademie bitten, Ihr Unternehmen zu fördern, betrachten Sie die Drucklegung als gesichert. Ihr Werk wird bleiben.« Die dunklen Ringe unter den Augen Gustavs erschreckten Lilljehorn. »Mein tapferes Volk, es hat große Unternehmungen und Leute wie Sie verdient. Der ganze verlogene Plunder hier – oft habe ich mich gefragt, ob ich in die Schweiz ins Exil gehen sollte oder nach Amerika, die Geburt eines Staates zu beobachten. Aber ich bleibe, ich werde die Mächte des Chaos stürzen. Man hat mich seit Beginn meiner Regentschaft mit Verachtung gestraft, ich werde mir Achtung verschaffen.

Blicken Sie sich um, was das für Menschen hier sind. Ihr ganzes Denken geht dahin, ihren Stuhl möglichst nahe an meine Tafel zu rücken. So mühen sie sich ab, ihr ganzes kleines Leben lang, sie verstehen nicht, dass es auf den Platz gar nicht ankommt. Denn der Erste spielt oft nicht die erste Rolle. Meinen Vater hat der Reichstag zu einer Marionette gemacht. Ich hingegen habe mir die Hauptrolle erkämpft und werde sie spielen, solange ich die Kräfte und Leidenschaften meines Volkes für meine Pläne entfessle. Mein Name und der Name Schwedens sollen in Asien und Afrika bekannt sein.«

Der König sank in seinen Stuhl zurück. Nach einer Pause richtete er sich wieder auf. Lilljehorn hätte seine Stimme beinahe nicht wiedererkannt, als er gefragt wurde, ob man sich unter allen Umständen auf seine, Lilljehorns Truppen, verlassen könne. Der Ton war geschäftsmäßig. Lilljehorn bejahte und verstand in dem Augenblick, dass in dieser Szene nur das eine Wörtchen »ja« für ihn vorgesehen war. Eine lässige Handbewegung, und Lilljehorn konnte abtreten.

Tagebuch des Ersten Kammerherrn Hans von Essen

Ich bemühe mich, die Ereignisse dieses denkwürdigen Dienstags noch vor Mitternacht zu Papier zu bringen. Denn dieser Tag wird mir für alle Zeiten heilig sein. Diese Zeilen, geschrieben am Tag meines Glücks, sind Unterpfand meiner gegenwärtigen und künftigen Seligkeit. Wie immer hielt heute die königliche Familie Hof mit offener Tafel. Das Tauwetter stimmte uns alle heiter, ja nachsichtig. Im Weißen Saal herrschte eine gelöste Freude, zumindest beim Dessert lachte man wieder, was seit dem Russlandkrieg kaum mehr geschehen war. Ich hätte eine Vorahnung haben können, als Seine Majestät zu scherzen beliebte und Lilljehorn mit dem Kommando der Saalwache betraute – ausgerechnet Lilljehorn. XXX hat mir geflüstert, der Oberstleutnant sei mit Pechlin in einer abenteuerlichen Schenke gesehen worden. Dort sei er Carlotta de Geer zu nahegekommen und in Liebe entbrannt wie ein Studiosus in Uppsala. Meine Einwände schob Gustav beiseite: »Die ganze Welt ist Bühne«, sagte er, »wir werden sehen, ob unsere kleine Szene in einer Komödie endet.«

Ich war beauftragt, Lilljehorn zu empfangen und einzuweisen. Beinahe tat er mir leid, der arme Kerl. So stocksteif stand er da, das galante Abenteuer mit Carlotta muss ihm doch sehr zugesetzt haben. Dann kam mein Part, den man mir verschwiegen hatte. Gleich nach dem senilen Rektor der Universität von Uppsala, der verstohlen einige Törtchen in seinen fleckigen Talar gesteckt hatte und nicht wusste, wie er sich ohne großes Malheur verbeugen sollte, winkte mich der König zu sich. Ich dachte an einen Auftrag für die Tafelmusik, aber nun sprach er den Satz, der aus dem Stück und der Zeit herausfiel und mich in die Sphäre des himmlischen Elysium hob: »Lieber Essen, der ganze Hof wartet darauf, dass Sie Ihre Ehe mit Frau Carlotta de Geer bekanntgeben.«

Von Dankbarkeit übermannt, sank ich auf die Knie und küsste unserem Wohltäter die Hände. Ich versuchte mich zu sammeln, erhob mich, um mich herum tanzte der Widerschein der Kerzen und Diamanten. Ohne zu denken, durchschritt ich den Saal, ich weiß nicht, wie oft. Endlich stand ich vor Carlotta. Sie, die meinen zahlreichen Briefen nie die Hoffnung genommen, aber auch nie Hoffnungen gemacht hatte, streckte mir die Hand entgegen. Ich wusste, dass sie wusste: »Teure Freundin«, begann ich, aber sie unterbrach.

»Schweigen Sie, wir haben noch viel zu reden, ein ganzes gemeinsames Leben lang.«

Später hat man mir berichtet, Graf Ribbing habe wutentbrannt die Tafel verlassen – ohne sich vom König zu verabschieden. Die Regie Seiner Majestät stimmte wie immer, ein zorniger Liebhaber gehört einfach dazu, besonders einer aus dem alten Adel. Den weiteren Dienst tat ich, so gut ich konnte. Von Lilljehorn geht keine Gefahr aus. Der König bat ihn sogar an seinen Tisch. Dort saß er wie ein Rekrut, vermutlich glücklich über die Taler für sein bescheidenes Büchlein. Am Ende des Abends lobte ihn der König: »An der alten Treue des Lilljehorn uns gegenüber besteht kein Zweifel, ein Schwede und echter Patriot. Sorgen Sie dafür, dass er nichts Unbedachtes tut, es wäre sehr schade!« Doch meine Gedanken waren schon bei ihr. Mit ihrem Namen soll der Tag und dieser Bericht sein Ende finden – Carlotta.

9

Lilljehorns Schlaf war leicht gewesen. Das Schnarchen seines Burschen Fritz, dessen Bett von seinem nur durch einen Paravent abgetrennt war, ließ ihn immer wieder hochfahren. Wovon der wohl träumte, träumte er überhaupt? Er mochte Fritz, weil er mit ihm Deutsch sprechen konnte, bevor er sich an seinen Werther setzte. Ja, seit dem gestrigen Abend wusste er, er schrieb jetzt nicht mehr für sich, jedes seiner Worte war nun bedeutsam.

Eine Stunde früher als üblich ließ er sich von Fritz das Frühstück aus der Küche heraufbringen. Zwieback, Kaffee und Butter. Wie immer nahm Fritz Haltung an, wenn er von seinem Herrn einen Befehl erhielt, wenn er Stiefel putzte, Gewehre lud, beim Ankleiden half, Schnallen polierte, Pferde striegelte oder sich einfach unsichtbar machen sollte. Dabei erfüllte ihn eine tiefe Zufriedenheit, denn die Armee war ihm eine gütige und ernste Heimat. Selbst wenn es nicht die große und mächtige Armee des Preußenkönigs war. Die Armee achtete ihn, gab ihm Kost und Logis.

Nach dem Kaffee trat Lilljehorn auf die Straße. Der Winter war zurück. Ihm blieb noch ein halber Tag zum Dienstantritt. Für seine wirkliche Arbeit musste er rasch wach werden. So hoffte er auf die schneidende Kälte. Wohin ihn seine Schritte lenkten, kümmerte ihn nicht. Allmählich wurde es selbst in den schmalen Gassen der Stadt milchig weiß. Er dachte an die letzte Ossian-Szene im Werther: »Armar kam in seinem Grimm, drückt ab den grau befiederten Pfeil, er klang, er sank in dein Herz, o Arundal, mein Sohn! Statt Erath, des Verräters kamst du um, o Arundal, mein Sohn!«

Musste nicht jede empfindsame Seele gerührt werden? Als er aufblickte, stand er vor der Tyska Kirkan. Die Turmuhr schlug sechs, jetzt begann der Morgengottesdienst. Deutsche Handelsherren, Seeleute vor dem Auslaufen und Dienstboten drängten sich in den hölzernen Bänken. Lilljehorn freute sich über jedes deutsche Wort, und die Kantate »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Erde« stimmte ihn feierlich.

Nun erklomm ein neuer Pastor aus Stralsund die Kanzel aus Ebenholz und Alabaster. Er hatte den Mann noch nie gehört, der nun mit gepresster Stimme die Geschichte von der Heilung des Wassersüchtigen am Sabbat auslegte. Das Gleichnis sei so zu verstehen, dass die Erzählung vom Wunder, das nicht stattgefunden haben müsse, keineswegs gegen die Vernunft spreche. Denn Jesus als Rabbi und Gelehrter verfügte über Kenntnisse der Kräuter und Arzneistoffe, die er gegen das Vorurteil des Sabbats zur allgemeinen und größeren Glückseligkeit einsetzte. So wie man einen Ochsen, ein Nutztier, am Sabbat aus einem Brunnen ziehen dürfe, müsse man auch am Tag des Herrn das allgemeine Wohl befördern. Nur eine unaufgeklärte Epoche halte starr an der Arbeitsruhe von Sonnabend bis Sonntag fest.

Ungestüm erhob sich Lilljehorn aus seiner Bank und trat ins Vestibül. Dabei stieß er an das Regal mit den Gesangsbüchern, von denen mehrere zu Boden fielen. Als er das erste Buch zurücklegen wollte, fiel ein zusammengefaltetes Papier auf den Boden. Mit sicherem Strich waren da Mann und Frau dargestellt – sie nackt, nach hinten über ein Sofa gebeugt, mit entblößter Scham. In wilder Lust legte sie ihren Kopf in den Nacken, erwartete den Liebhaber. Vor ihr ein schmächtiges Männlein mit Hakennase und ungepflegtem Haar, ebenfalls halb nackt, sein erigiertes Glied knapp vor dem Eindringen. Hinter diesem Mann war eine zweite Figur deutlich zu erkennen, ein hochgewachsener Offizier, jedenfalls stärker und männlicher als die Gestalt vor ihm. Dieser zweite stützte den ersten und führte dessen Glied in die Scham der Frau. Jedes Kind hätte die drei Personen erkannt. Die Frau war die Königin, der schmächtige Mann der König und der Offizier sein Vertrauter aus Jugendtagen, Adolf Frederik Munck. Und um jeden Zweifel zu zerstreuen, war mit ungelenker Hand die Beschriftung hinzugefügt: S. Magdalena, G. III, Munck.

10

Auf der engen Straße vor dem Kirchhof drängte sich schon das Volk. Immer noch hielt er die Zeichnung aufgefaltet. Als sich ein fettes Mondgesicht grinsend über seine Schulter beugte, steckte er das Blatt zerknüllt in seine Brusttasche. Auf dem Rückweg zur Kommandantur brannte das Papier wie eine fiebrige Wunde direkt am Herzen. Wohin nur damit? Einem subalternen Polizeidiener wollte er sich nicht anvertrauen. Außerdem, der Dienstweg – bedeutete das nicht von Amtsstube zu Amtsstube ein ständig lauter werdendes Getuschel, zuerst ein böses Kichern hinter vorgehaltener Hand, dann: »Haben Sie das schon gesehen, Herr Kollege, degoutant, aber …«, schließlich: »Wer weiß, vielleicht hat Munck doch einen Kuckuck in das königliche Nest gelegt.« Türen fliegen auf, gehen zu, »der Zettel, unverschämt, aber die Ähnlichkeit des Thronfolgers mit Munck, man kann sagen, was man will, besonders der Nasenrücken.« So würde man wohl reden. Und Sivers selbst? Der kannte vermutlich schon jeden Federstrich, würde nicht einmal einen neuen Akt anlegen.

Seine Stube zog ihn nicht an. Mit der Fistelstimme des Pastors und der Schundzeichnung im Kopf wollte er Werthers Vorbereitungen zum Tod nicht entweihen. Als ihm vor dem Slottsbacken ein Wachsoldat mit vorschriftswidrig langer Säbelkordel entgegenkam, schnauzte er ihn an.

Die Kinder hatten sich verdrückt, die Maronenröster spähten nach spärlichen Kunden. Ein vom Unrat der Stadt fleckig gewordener Neuschnee machte die Straßen zum Riddarhuset gefährlich glatt. Die Menschen gingen vornübergebeugt die Häuserzeilen entlang, tasteten nach den Mauersimsen. Am Myntgatan gab es kein Weiterkommen. Eine Landwehrkompanie aus Finnland sperrte den Zugang zur Norrmalmbrücke. Lilljehorn fand sich unversehens zwischen Fußgängern, fluchenden Kutschern und nervösen Pferden eingekeilt. An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken. Und dann spürte er den Geruch des Hasses, der von all diesen auf ihr Weiterkommen bedachten Menschen aufstieg. Rotwangig waren sie, ein kräftiges, unversöhnliches Geschlecht.

Vor ihm kam Bewegung in die Gruppe. Arme flogen in die Luft, die Masse setzte zurück, von den Kolbenstößen der Soldaten verscheucht. Der Blick auf die Straße war nun frei. Von aufgepflanzten Bajonetten flankiert, stolperte ein Haufen zerlumpter Gestalten zur Schiffsanlegestelle am Strandsvägen. An den Füßen trugen sie zu grotesken Bündeln zusammengeflickte Stofffetzen. Was ihnen vom Leib hing, war einst Uniform gewesen. Graue Lappen. Die Menge um Lilljehorn war zum Stehen gekommen, ein großes Tier, das Atem holte, bevor es seinen Fang schlug, ein trotz Kälte und Hieben unbesiegbares Monstrum. Ein Schrei erhob sich, schwebte über den Augen und Mündern der Gaffer, bevor er sich auf ihnen niederließ, um hundertfach wiederholt und verstärkt zu einem einzigen tödlichen Vorwurf zu werden: Russen. Jemand hinter ihm spie in Richtung der Gefangenen, der Geifer streifte seine Wange. Russen, immer wieder Russen. Aus den Augenwinkeln heraus sah Lilljehorn, wie sich Burschen am Rand der eingepferchten Menge bemühten, das Pflaster der Straße aufzureißen. Einen Augenblick später prasselten Steine sirrend auf den Weg, den die Gefangenen zu nehmen hatten. Die Begleitmannschaft trieb die Russen zu einer schnelleren Gangart. Wenn die Menge in einstimmigem Jubel aufheulte, blieb einer von ihnen liegen. Kein Soldat wagte es, den Gestrauchelten die Ketten abzunehmen oder ihnen auf die Beine zu helfen.

Schon war der Zug außer Reichweite der Geschosse, als sich eine schmale Gasse auftat. Eine Gruppe schwedischer Offiziere umringte einen einzelnen Gefangenen, der sie um Haupteslänge überragte. Er trug Vollbart wie einer, der wochenlang seinen Kerker nicht verlassen hatte. Anders als die Fremden suchte er den Blick der Menge und fand ihn. Die Schreie verstummten, mancher Stein glitt ungeworfen zu Boden. Der Gefangene hob die geketteten Hände zum Gruß empor. Seine Lippen formten ein Wort, zuerst nur ein Krächzen nach den Tagen des Schweigens, dann schon lauter und immer wieder: Freiheit. Das Jagdfieber der Menge war erloschen. Eine dicke Fischhändlerin schluchzte als Erste. Fäuste ballten sich, Hüte flogen, in verzücktem Crescendo stimmten sie alle ein in den Ruf nach Freiheit. Der Bärtige rührte sich nicht von der Stelle, in der Haltung des Siegers nahm er die Ovationen der Empörung entgegen. Als die jüngeren unter den Offizieren ihre Gewehre schon senken und die ersten Schritte der Verbrüderung tun wollten, befahl der Kommandant eine Salve über die Köpfe der Menge. Unversehens löste sich das große Tier auf, zerfiel in Beamte, Mägde, Kanzleidiener, Kontoristen. Der Spuk war vorbei. Der Bärtige hatte sein Publikum verloren. Lilljehorn kannte ihn wohl. Es war Oberst Hästesko, der im russischen Krieg mit 112 anderen Offizieren Friedensverhandlungen mit der Zarin aufgenommen hatte. Für den Hof war das Hochverrat. Auf ihn wartete der Galgen im Hammarbysbacken. Alle anderen hatte Gustav begnadigt, nachdem sich der Hauptschuldige Jägerhorn rechtzeitig über den Kymmen nach Russland abgesetzt hatte. Hästesko blieben noch zwei Stunden.

In seinem Quartier wartete Fritz schon auf die Orders für das Mittagessen. Nein, allein speisen wollte er heute nicht. War er nicht bei Horn immer willkommen? Den Waffenrock und die Zeichnung legte er nicht ab, Fritz bekam nur die Stiefel zum Putzen. Wie gut kannte er seinen Burschen? Sicher, er liebte den Dienst in der Armee, aber hätte er nicht mit der gleichen Ergebenheit bei Russen, Preußen, Österreichern gedient? War er das Volk? Konnte er lieben? Empfand er überhaupt? »Fritz, du bist doch Deutscher. Warum sehe ich dich nie in eurer Kirche? Ich habe heute euren Pastor gehört.«

Fritz erhob sich schwerfällig: »Herr Oberst, gehorsamst, ein Mädchen, die Britta aus der Badstubenstraße, Sie wissen. Die Britta steht in Diensten des alten Horn, der mit seinem Gesinde vor ein paar Tagen auf seinen Landsitz abgereist ist.« Er schwieg. »Herr Oberst, das ist es doch nicht. Sie waren immer gut zu mir, aber ich gehe nun schon auf die fünfzig zu. Die Britta ist jünger und ein prächtiges Weib. Unsereiner kann sie nicht zur Frau nehmen, solange man dient. Da wird mir oft ganz eigen im Kopf, wie es in unserer Welt eingerichtet ist. Mit der Britta könnte ich zu Hause in Pommern einen Hof bewirtschaften. Die Erde ist dort schwarz und üppig. Und der gelbe Raps im Sommer, so was haben Sie noch nie gesehen, Herr Oberst.«

Noch nie hatte Fritz so lange zu ihm gesprochen. »Nun ja, der Pastor«, fuhr er fort, »sagt, an Wunder braucht man nicht zu glauben, der Herr Jesus bringt uns das Sittengesetz bei, das nur einmal in den Schädel müsste, das genügt dann schon. Mir und Britta hat’s nicht genügt, seitdem geh ich nicht mehr zu den Lutheranern.« Dann: »Was nutzt das Sittengesetz uns Habenichtsen? Was ist das für eine Kirch ohne Wunder?«

Am liebsten hätte Lilljehorn Fritz umarmt, aber er brachte nur heraus: »Fritz, guter Mann, kann jetzt abtreten. Ausgang bis morgen!«

11

Als Lilljehorn den Klara sjö über die Brücke nach Kungsholmen überquert hatte, ärgerte er sich über seinen Plan, Horn zu besuchen. Zugesagt hatte er ihm ja nie, und außerdem hatte Horn vergessen, ihm das Haus anzugeben. Also noch anderthalb Meilen die Kungshomsgatan auf und ab schlendern, um guten Willen zu zeigen und dann wieder zurück ins Quartier. Dienstmägde klapperten mit ihren Holzschuhen eilfertig über die Brücke und unterdrückten manchen Fluch, wenn sie sich an Lilljehorn stießen und schwarzes Bier aus ihren Krügen verschütteten. Er musste sich entscheiden: entweder das Mahl bei Horn oder sich mit den Happen zufriedengeben, die Fritz in der Offiziersmesse finden würde. Er blickte zurück zur Altstadt, der Insel zwischen den beiden Schleusen. Eine niedere Sonne warf ihr müdes Licht auf die Turmspitze der Riddarholmskirche. Schlaff hingen die Wimpel von der Burg auf Strömsborg. Während er missmutig nach einem Hinweis Ausschau hielt, bemerkte er, wenige Schritte von ihm entfernt, dort wo die Straße in einer sanften Kurve nach links bog, einen glänzend schwarz lackierten Schlitten. Vom Türschlag hob sich ein gelbes Wappen unter einer Grafenkrone ab. Im Wappenschild ein schwarzes Horn. Er war also angekommen.

Im Bürgerhaus führte eine saubere, helle Stiege in zwei Obergeschosse. Im ersten Stock stand die Tür zu einer Wohnung offen. Zwei Maler strichen die Wände und achteten nicht auf ihn. Es roch scharf nach Lack und poliertem Holz. Horns Appartement musste eine Etage darüberliegen. Dort saß ein Diener ohne Livree auf dem Korridor und öffnete ihm grußlos. Die Räume waren hier höher, die Fenster schlanker. Der Lakai schloss hinter ihm ab. Aus dem Speisezimmer, wo Besteck und Gläser klirrten, stürzte der junge Graf auf ihn zu: »Eine freudige Überraschung, lieber Lilljehorn, Sie erweisen mir tatsächlich die Ehre!« Horn sprach sehr schnell, die Wörter überschlugen sich. »Gerade heute sehen Sie mich fast ohne Dienerschaft. Mein Vater braucht Leute auf seinem Landsitz, dem alten Kasten. Hier wohnt es sich doch bequemer. Ich muss leben wie ein Bürger, einerlei, wen stört das heutzutage noch.«

Horn schob seinen Gast direkt ins Speisezimmer. Auf eng zusammengerückten Stühlen saßen die Gäste vor einem Tisch, der unter halbgeleerten Karaffen und regellos übereinandergeschobenen Tabletts verschwand. Möbel fehlten noch gänzlich. Vom verlorenen Sohn war da die Rede, der zurückgefunden habe. Reichlich übertrieben, fand Lilljehorn. Einige der Anwesenden kannte er vom Tanz im Solnaer Wirtshaus, aber niemand spielte darauf an. Carlotta war nicht hier. Die Diener servierten die Speisen sehr rasch, beiläufig verzehrte man sie, ohne Dankbarkeit oder Genuss. Lilljehorns Leute hätten sich um die marinierten Hähnchen oder den Malvasierwein geprügelt. Er war froh, dass die Gespräche an ihm vorbeiflossen. Wer sollte beim nächsten königlichen Karussell den Drachen spielen, den seine Majestät alias König Artus zu besiegen gedenke? Man erhitzte sich darüber, ob das Edelfräulein vor ihrer Rettung volle zwei Stunden untätig in den Kulissen ausharren müsse, denn so lange dauerte in der Inszenierung des Königs der Angriff des Artus. Dann ging es um Hästeskö, wie lange er hätte leiden müssen. »Schweigen Sie zu diesem Verbrechen!«, rief Horn. »Eine Schande, dieses Urteil in einer aufgeklärten Zeit.«

Für einen Augenblick verstummte das Klirren und Klappern der Gläser. Ein Beamter mit gekräuseltem Haar versuchte zu widersprechen, doch kaute er noch an seinem Hähnchen: »Aber lieber Freund, verzeihen Sie, also ich kann nicht beistimmen. Denken Sie, wie viele von uns …« Er nahm einen Schluck Malvasier, um den letzten Bissen hinunterzuspülen. »Nun, wie viele von uns zur sagenumwobenen Mamsell Ulrica Arfvidsson gehen, um sich die Zukunft aus dem Kaffeesatz lesen zu lassen, jawohl, aus dem Pulver von Kaffee.«

»Reichlich naiv, Herr Engeström«, meldete sich Lilljehorns Nachbarin zu Wort. »Sie vergessen die anderen Reize dieser – sagen wir – Dame.«

Die Gesellschaft spaltete sich in hitzige Verteidiger und Ankläger der schwedischen Pythia. Es hielt niemand mehr auf den Stühlen. Sie sei die schönste Frau Stockholms, hieß es. – Nein, das könne man so nicht sagen, sie zeige sich bei ihren Sitzungen nur hinter einem Vorhang aus Gaze, wohl um ihre Pockennarbe zu verbergen. – Wie töricht so eine Verleumdung sei, würde denn ein Baron von Essen, der doch nur an den süßesten Früchten nasche, eine entstellte Vettel als Geliebte halten? – Da wäre doch jemand mit dem Leben am Hofe nicht vertraut: Essen habe Carlotta de Geer im Auge, nicht so eine. – Dann eben Liebchen Graf Armfelts oder gar des Herzogs Carl.

Zum Kaffee konnte man sich endlich erheben. Horn zog den Oberstleutnant in den Musiksalon, wo sich noch niemand eingefunden hatte. »Wie schätze ich mich glücklich, Sie als Gast zu haben. Mit Ihrem Werther fühle ich mich verwandt, wissen Sie, ich dilettiere und versuche mich an Schiller. All die verlogenen Schwätzer ringsum, die elende Bühnensucht, dort dürfen sie sich noch produzieren wie die Affen.« Horn sprach abgehackt, schielte zur Türe, die Zeit bemessend, die noch für ein offenes Wort blieb. »Meine ganze Liebe gilt der Freiheit, aber politische Ansichten habe ich dabei gar nicht. In der Dichtung allein atmen wir frei. Sehen Sie in mir den Freund, auf den Sie immer zählen dürfen.«

Die Lakaien öffneten die Flügeltüren des Salons, und Horn verstummte. Man stellte die Stühle in vier Reihen um das Pianoforte. Zu Ehren des kürzlich verstorbenen Maestro Mozart war dessen letzte Klaviersonate ausgewählt worden. Kanzleirat Engeström schob sich zwischen den Grafen und Lilljehorn: »Meine Herren, nun ganz unter uns, noch ein Nachtrag: die Beine der Mamsell, superb, famos, unübertrefflich, zwei schlanke Säulen aus Marmor. Ich denke, sie macht sie gerne breit für …«

Horn wandte sich brüsk ab und kündigte als Solisten den Hofkompositeur Kraus persönlich an. Applaus, erwartungsvolle Blicke, und es trat ein – Ribbing. Gelächter. Ribbing tat überrascht, verbarg in gespielter Scham sein Gesicht und tänzelte im Ballettschritt die erste Reihe entlang. Abermals Gelächter. Als man sich beruhigt hatte, erklangen schon die ersten Akkorde der Sonate in D-Dur, ein Jagdmotiv. Aber der Kompositeur war um seinen Auftritt gebracht worden. Noch während des ersten Satzes, jedenfalls deutlich vor dem elegischen Parlando des zweiten, tauschten die Gäste bedeutungsvolle Blicke, versuchten, Ribbing nahe zu sein. Horn, in sich gekrümmt, bemühte sich, von der Musik ergriffen zu sein. Immer mehr starrten nun unverhohlen Lilljehorn an. Hatte Ribbing den Leuten was gesagt? Man steckte die Köpfe zusammen, tuschelte. Schließlich hatte Kraus ausgelitten. Ohne Verbeugung verließ er die Gesellschaft. Der Salon leerte sich. Horn war mit der Verabschiedung seiner Gäste beschäftigt, Lilljehorn blieb im Gedränge um die Garderobe zurück. Vor ihm in erheblichem Durcheinander die nach neuester Mode bespannten Stühle, manche umgestürzt – Zeugen einer plötzlichen Verstimmung.

Auf ihnen lagen Zettel, kleiner als die Notenblätter, die man kaum beachtet hatte. Auf einem fand Lilljehorn einige rasch hingekritzelte Zeilen: »Wer dient der Heimat eher mit der Feder als mit dem Schwert? In wessen Wappen müsste man wohl ein Tintenfass aufnehmen? Wer tafelt zusammen mit einem Puppenspieler und einem Mohren?« Er drehte das Blatt um und fand die Antwort, sein eigenes Porträt. Als Marionette hielt er mit zittriger Hand ein aufgeschlagenes Buch. Schmerzlich dünne Fäden gingen durch Fingerspitzen, Ellbogen und Nasenspitze und liefen zusammen in der Hand des großen Puppenspielers, des Königs, der als grotesk vergrößerter Popanz über der Bühnenwand des Marionettentheaters die Fäden in der Hand hielt. Lilljehorn kannte Stil und Strich der rasch hingeworfenen Skizze. Der Urheber des Pamphlets aus der Tyksa Kirkan war vor wenigen Minuten noch mit ihm im selben Salon gewesen.

Sivers an den Polizeiinspektor Lastbom

Schicken Sie den Idioten, der bei Horn zugesehen hat, wie unter seiner Nase eine hochverräterische Karikatur anonym verbreitet werden konnte, in den Arrest oder meinetwegen an die russische Grenze. Noch so ein Versagen, und Sie dürfen ihm Gesellschaft leisten. Wie bringen Sie das wohl Ihrer lebenslustigen Frau bei?

Sivers an Graf Armfelt

Die Schlange hat wieder ihr Haupt erhoben. Dank des Einsatzes meiner braven Polizeidiener wurden bei der Mittagstafel des jungen Grafen Horn beleidigende Karikaturen sichergestellt. Exzellenz ersparen mir sicherlich die Details dieses Machwerks. Die Reaktion der versammelten Gäste – ich darf sie nach ihrem ersten Geheimtreffen die Solnaer Gruppe nennen – war äußerst degoutant und unpatriotisch. Es handelt sich um Baron Bjelke, Graf Horn, Ehrenwärd, Major Hartmannsdorf. Aus Lilljehorn werde ich nicht schlau. Seine Anwesenheit macht ihn verdächtig, andererseits war er selbst Opfer des Spotts. Wir werden uns auch um ihn zu kümmern haben. Neben Hartmannsdorf ist er der Einzige der Solnaer Gruppe mit Soldaten unter Waffen. Ich empfehle dringend, ihn mit seiner Truppe nicht in der Nähe seiner Majestät einzusetzen.

Übrigens: Graf Anckarström verspätete sich und begehrte lautstark Einlass. Die Lakaien wollten ihn wegen seiner abgetragenen Kleidung und der Haarmähne, die er offen trug, nicht einlassen. Schließlich musste Horn eingreifen und die Situation retten. Als die Gesellschaft sich schon verabschiedet hatte, zog er sich mit Horn in ein Nebenzimmer zurück. Über den Inhalt des Gesprächs liegen keine Informationen vor.

Ich darf resümieren: Meine Behörde ist über alle Schritte der Verdächtigen informiert, ohne ihnen voraus zu sein. Aus Liebe zu unserem Landesherrn bitte ich Exzellenz, die Auftritte Seiner Majestät in der Öffentlichkeit abzusagen. Auch ein incognito schützt ihn nicht.

Mamsell an Sivers

Die Soiree findet in zwei Tagen bei mir in der Johannesgatan 23 statt. Ich habe zahlreiche Zusagen aus den höchsten Kreisen. Ist der Unteroffizier Rosenschütz schon aus dem Kerker freigekommen? Wie gesagt, er muss erscheinen. Sie werden staunen, wie treffsicher sich mir Fortuna enthüllt.

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