Read the book: «Jenseits der Freiheit»

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Der Autor


Dr. Ludger Tebartz van Elst ist Arzt, Neurowissenschaftler und Professor für Psychiatrie and Psychotherapie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau.

Er studierte Philosophie und Medizin an den Universitäten Freiburg im Breisgau, Manchester (UK), New York University (NY – USA) und Zürich (Schweiz).

Er ist Stellvertretender Ärztlicher Direktor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, Leiter der Sektion für Experimentelle Neuropsychiatrie, Leiter des Forschungsverbunds Freiburg Brain Imaging Center der Universitätsklinik Freiburg und Vorsitzender des Referats Neuropsychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN).

Seine speziellen klinischen Interessen- und Forschungsschwerpunkte beinhalten die Neurobiologie und Psychotherapie der Entwicklungsstörungen (Autismus, ADHS und Tic-Störungen) sowie der organischen und schizophreniformen psychotischen Störungen. Methodisch fokussiert er sich dabei auf die verschiedenen Methoden der bildgebenden Hirnforschung, der Neuroimmunologie sowie der visuellen Psychophysik und Elektrophysiologie.

Darüber hinaus setzt er sich seit Jahrzehnten intensiv mit Themen der theoretischen Medizin und Philosophie auseinander und geht dabei Fragen der Psychobiologie von Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Verhalten, Freiheit und Motivation nach.

Ludger Tebartz van Elst

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-034665-9

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pdf: ISBN 978-3-17-034666-6

epub: ISBN 978-3-17-034667-3

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Franz von Stuck (1863–1928), Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, Paris, Musée d’Orsay (Copyright © bpk/RMN – Grand Palais/Patrice Schmidt)

»… Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.«

Genesis 2,16–17

Die Vertreibung aus dem Paradies ist mehr als eine fromme Legende. Sie symbolisiert den Moment in der Evolution der Menschheit und der Biografie eines jeden Menschen, in dem die psychobiologische Entwicklung zu Bewusstsein, Erkenntnis und Selbstbewusstsein führt. Die Frucht des Baums der Erkenntnis weitet den kognitiven Raum. Freiheit entsteht. Der Mensch erkennt den eigenen Tod, verlässt zwangsläufig das Paradies der kindlichen Unmündigkeit und Unbekümmertheit. Das ist die Geburtsstunde des transzendenten Triebs. Für ein freies, erkennendes, transzendentes Subjekt ist der Weg zurück versperrt.

Für Aufklärung, Vernunft und Toleranz

»Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten ›ungebändigt immer vorwärts dringt‹ (Mephisto im Faust, I, Studierzimmer).«

Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips (1920, S. 51)

Inhalt

1  Vorwort

2  Einleitung

3  1 Leben, Verhalten und Motivation

4  1.1 Was ist Leben?

5  1.2 Die Bewegkräfte von Leben und Verhalten

6  1.2.1 Was das Leben bewegt – über die Seele

7  1.2.2 Der Triebbegriff der biologischen Psychologie

8  1.2.3 Die Triebtheorie nach Freud

9  1.2.4 Die Bedürfnishierarchie nach Maslow

10  1.3 Systematik der Bewegkräfte des Lebens

11  1.3.1 Kräfte sind Konstrukte

12  1.3.2 Vom Trieb zum Ziel – was meinen motivationale Begriffe?

13  1.3.3 Vom kosmischen zum transzendenten Trieb – die Dynamik und hierarchische Struktur triebhafter Kräfte

14  1.3.4 Warum Triebe nicht kausal denken?

15  1.3.5 Endogenität und Freiheit

16  1.3.6 Bewusstsein und Freiheit als psychobiologische Errungenschaften

17  2 Diesseits der Grenze – die Psychobiologie der Freiheit

18  2.1 Handlungsfreiheit zwischen Struktur, Problem und Zustand

19  2.1.1 Persönlichkeit: Strukturelle Besonderheiten handelnder Subjekte

20  2.1.2 Intelligenz als körperliche Struktur

21  2.1.3 Weltanschauungen als erworbene Strukturen

22  2.1.4 Die Situation: Problematisches Handeln im Alltag

23  2.1.5 Wahn und Wirklichkeit: Zustandshafte Verzerrungen des Handlungsraums

24  2.1.6 Grenzen und Fundamente des freien Raums

25  2.1.7 Das Orchester des Lebens

26  3 Jenseits der Grenze – die Ökologie der Freiheit

27  3.1 Gesellschaft und Kultur – die Ökologie der Freiheit

28  3.2 Der Diskurs – die problematische Situation der Gesellschaft

29  3.3 Krieg und Frieden – die Zustände der Gesellschaft

30  3.4 Grenzen und Fundamente des inkulturierten freien Raums

31  4 Das transzendente Verhalten

32  4.1 Der transzendente Trieb

33  4.2 Religiöses Verhalten und Transzendenz

34  4.3 Das Opfer: Kriterien transzendenten Verhaltens

35  4.4 Transzendenter Trieb oder Sublimierung

36  4.5 Phänomenologie der transzendenten Ethologie

37  4.6 Transzendente Motivationen im postmodernen Selbstverständnis

38  4.7 Transzendenz des Alltags

39  4.7.1 Pragmatik der Motivation

40  4.7.2 Transzendenz und Sinn

41  4.7.3 Transzendenz und Identität

42  4.7.4 Von postmoderner Transzendenz

43  4.7.5 Verzweiflung im Paradies

44  4.8 Zur Psychodynamik des transzendenten Triebs

45  5 Die Ökologie der Transzendenz

46  5.1 Das Diesseits und Jenseits transzendenten Verhaltens

47  5.2 Die Warnzeichen der transzendenten Übertreibung

48  5.3 Die transzendente Immunisierung

49  Literatur

50  Glossar

51  Sach- und Namensregister

Vorwort

Die Psychiatrie ist eine Wissenschaft an der Grenze. Wie keine andere Disziplin bewegt sie sich an der Grenze zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, zwischen strenger empirischer Forschung und populärwissenschaftlicher Deutung, zwischen den kausalen Gesetzmäßigkeiten der Biologie und der zielgerichteten Verursachung von Verhalten, die Kennzeichen des Lebens ist.

Gegenstand der psychiatrischen Medizin sind die komplexesten biologischen Phänomene, die es gibt: die Wahrnehmung, die Emotionen, das Denken, Wollen und Streben und schließlich das Verhalten von Menschen. Als klinische Wissenschaft hat die Psychiatrie das Privileg, auf ganz intime Art und Weise am Denken, Wollen, Leiden und Glück der behandelten Menschen teilhaben zu dürfen. Gleichzeitig müssen dieselben Phänomene aus der objektiven Außenperspektive der vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) betrachtet, analysiert und bewertet werden.

Mit unseren Patientinnen und Patienten fragen wir uns immer wieder gemeinsam: Warum denken, fühlen, wollen und handeln Menschen so, wie sie es de facto tun? Muss das eigene Erleben und Streben vor allem als Ausdruck neurophysiologischer und biochemischer Prozesse begriffen werden? Ist es angemessen, das eigene Wollen und Verhalten überhaupt als frei zu begreifen? Oder ist unser Leben vollständig determiniert durch physikalisch-biochemische Prozesse, deren Komplexität wir kaum fassen können?

Dass Freiheit nicht als Theorie oder Grundannahme begriffen werden sollte, sondern vielmehr als ein empirisch fassbares, körperliches, biologisches Phänomen, welches durch die Eroberung der Zeit und die Erkenntnisfähigkeit von Lebewesen entsteht, ist in zwei früheren Werken des Autors (BioLogik; Freiheit) thematisiert worden (Tebartz van Elst 20031; TvE 2015). Dabei wurde der psychobiologische Weg in der Entwicklungsgeschichte des Lebens und der Lebensgeschichte eines Menschen bis hin zur Grenze, zum Phänomen der Freiheit, analysiert und beschrieben.

Dieses Buch thematisiert nun Fragen diesseits und jenseits dieser Grenze, diesseits und jenseits der Freiheit. Denn wer sein eigenes Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Wollen und Handeln und das der Gruppen in einer Gesellschaft beobachtet (den Diskurs), wird schnell feststellen: es gibt erkennbare und benennbare Muster und Stereotypien in der kognitiven Welt. So gestaltlos die Welt des Mentalen auch sein mag, sie ist nicht ohne Struktur, sie funktioniert nicht ohne Gesetzmäßigkeiten.

Diese Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der psychobiologischen Räume, in denen Willensfreiheit stattfindet, sollen in diesem Buch bedacht werden.

Es zeigt sich: Willensfreiheit und die Freiheit des Verhaltens sind nichts Absolutes. Sie finden nicht außerhalb der Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaft statt, sondern sind als körperliches, psychobiologisches Phänomen in diese eingebettet. Und freies Verhalten bezieht sich notwendig auf unfreie, weil nicht unmittelbar-veränderbare Gegebenheiten: den eigenen Körper, die eigene Persönlichkeit, Krankheiten und Behinderungen (das Diesseits der Grenze). Aber auch die gesellschaftliche Umwelt, die Sprache und Kultur, mit denen alles Bedeutungsvolle im eigenen Leben überhaupt erst begriffen wird, treten dem wollenden Menschen als unfreie Gegebenheit gegenüber (das Jenseits der Freiheit).

In dieser Gemengelage von überwiegend unfreien Rahmenbedingungen bewegt sich das Wollen und Verhalten eines Menschen. Beide haben Gründe, zumindest teilweise erkennbare und benennbare Bewegkräfte, die Ursachen von Bewegungen und Verhalten sind. Als übergeordnete endogene, der Biologie des Lebens an sich erwachsene Bewegkräfte werden aus objektiver Perspektive die Triebe identifiziert. Ihnen entsprechen aus subjektiver Perspektive des Selbsterlebens die Bedürfnisse. Dem objektiven Sexualtrieb entspricht das subjektive Bedürfnis nach Sexualität. Der fundamentale Lebenstrieb führt bei Lebewesen, die die eigene Vergänglichkeit begreifen, aus objektiver Sichtweise zum transzendenten Trieb. Aus subjektiver Perspektive entsprechen dem die transzendenten Bedürfnisse oder – in einer anderen Sprechtradition – das Bedürfnis nach Sinn.

Auf transzendente Beweggründe wird im postmodernen Denken nur wenig reflektiert. Wahrscheinlich liegt das u. a. daran, dass es im allgemeinen Diskurs unserer Zeit eng mit religiösem Denken verknüpft vorgestellt wird, welches vielen als antiquiert gilt. Dabei stellen die religiösen transzendenten Systeme zwar die bekanntesten Beispiele transzendenter Kognition und Motivation dar – aber sicher nicht die einzigen.

Schon im Buch Freiheit (TvE 2015) wurden das Musterhafte, Stereotype, Immer-Wieder-Kehrende und Vorhersagbare im Wahrnehmen, Denken, Erleben und Verhalten von Menschen als die Stigmata des Unfreien beschrieben. Solche Stigmata der Unfreiheit können nach meiner Analyse auch im transzendenten Erleben und Verhalten von Menschen erkannt werden. Sie scheinen mir im säkularen wie im sakralen Denken und Verhalten eng mit transzendenter Übertreibung, Extremismus und Fanatismus verknüpft zu sein.

Freiheit als neurokognitiver Auftrag bedeutet für den Einzelnen wie für die Gesellschaft unter anderem auch die Aufgabe, solche potentiell sehr schädlichen Strukturen der Unfreiheit zu erkennen und an ihrer Überwindung zu arbeiten.

Wenn ich mit diesem Buch dazu einen kleinen Beitrag leisten kann, würde mich das sehr freuen.

Der Gedankengang dieses Buches baut systematisch auf den vorherigen Publikationen BioLogik (TvE 2003) und Freiheit (TvE 2015) auf und setzt das dort entwickelte Denken fort. Um unnötige Redundanzen zu vermeiden, wird im Text daher immer wieder verkürzt auf die Argumentation in diesen Werken verwiesen, ohne die entsprechenden Gedankengänge hier im Detail zu wiederholen.

Abschließend möchte ich an dieser Stelle all den Menschen danken, mit deren Hilfe ich im diskursiven Austausch, in kontroverser und affirmativer Diskussion die hier vorgestellten Überlegungen entwickeln konnte: meiner Frau an erster Stelle, meiner Familie, Großfamilie, meinen Kolleginnen und Kollegen an der Klinik (besonders am Mittagstisch), der Universität und Forschung. Danken möchte ich vor allem aber auch meinen Patientinnen und Patienten. Ich erlebe es als Privileg und Geschenk, in meinem beruflichen Alltag an den vielfachen Besonderheiten, Eigenheiten, Faszinosa und Alltäglichkeiten ihrer Wahrnehmungen, ihres Denkens, ihrer Ängste und Sorgen, ihrer Wünsche und Aspirationen und ihres Wollens, Hoffens und Glaubens auf intime Art und Weise teilhaben zu dürfen. All diese Erfahrungen sind die eigentliche empirische Grundlage dieses Buches. Danken möchte ich schließlich dem Kohlhammer Verlag, Frau Brutler, Frau Reutter und vor allem Herrn Dr. Poensgen, der dieses Buch von Beginn an wohlwollend unterstützt und durch seine Überarbeitung und Anregungen sehr bereichert hat.

Ludger Tebartz van Elst

Freiburg im Breisgau, November 2020

1 Der Autorenname »Tebartz van Elst« wird in den Literaturverweisen im Folgenden mit »TvE« abgekürzt.

Einleitung

Freiheit ist ein Phänomen der Grenze. Es gibt keine Freiheit im leblosen Raum, sondern nur an den äußersten Rändern der psychobiologisch erschlossenen Welt. Freiheit gebiert Transzendenz und braucht Struktur. Die konkrete Form der Struktur, die den leeren Raum erschließt und damit zur freien Welt macht, hat Bedeutung für die Ökologie dieser Welt. Wer die Gesetzmäßigkeiten und Wirkkräfte im Grenzraum diesseits und jenseits der Freiheit nicht kennt, ist ihrer Dynamik wehrlos ausgeliefert.

Dies sind die Kerngedanken, die in diesem Buch systematisch entwickelt werden.

Dazu wird zunächst der Frage nachgegangen, was das Leben bewegt. Warum verhalten Tiere und Menschen sich so, wie sie es de facto tun? Dies ist der klassische Forschungsgegenstand der vergleichenden Verhaltensforschung, der Ethologie. Und so können die in diesem Buch erarbeiteten Überlegungen auch als ethologische Reflexionen auf die Verhaltensmuster von Menschen verstanden werden. Zu diesen Fragen werden in Kapitel 1 Antworten aus der klassischen Philosophie, der biologischen Psychologie und der Motivationspsychologie gesammelt und analysiert ( Kap. 1). Die Kerngedanken der für das abendländische Denken so einflussreichen Freud’schen Triebtheorie werden ebenso dargestellt wie das ebenfalls sehr einflussreiche Modell der Maslow’schen Bedürfnispyramide. Schon an dieser Stelle taucht der auch in diesem Buch zentral entwickelte Gedanke der transzendenten Motivation auf. Im Weiteren werden die verschiedenen motivationalen Begrifflichkeiten, die in den verschiedenen Fachsprachen der Philosophie, Psychologie und Medizin nebeneinander bestehen, wie Trieb, Bedürfnis, Emotion, Motiv, Ziel etc., systematisch erfasst, analysiert und operationalisiert. Es wird darauf hingewiesen, dass der auch von Freud zentral verwendete Trieb-Begriff Verhalten aus der objektiven Beobachterperspektive beschreibt, während der Bedürfnis-Begriff in erster Linie auf das subjektive Erleben triebhaft organisierter Verhaltensweisen abhebt. Als grundsätzliches Axiom wird das Postulat eines Lebenstriebs festgehalten. Dieser liegt auch der allgemein anerkannten Darwin’schen Evolutionstheorie als fundamentale Bewegkraft zugrunde. Davon abgeleitet werden für die verschiedenen Organisationsformen des Lebens auf der Erde verschiedene Triebbereiche: die vegetativen Triebe, die vor allem pflanzliches Verhalten erklären, die animalischen Triebe, welche die weitaus komplexeren tierischen Verhaltensweisen verständlich machen, und die kognitiven Triebe, welche aus den wachsenden kognitiven Fähigkeiten der zunehmend intelligenten Tiere erwachsen. Als bisher komplexeste Variante dieser kognitiven Triebe, die aus der Erkenntnis des eigenen Todes unter der Bedingung des fortbestehenden fundamentalen Lebenstriebs zwangsläufig entstehen, werden die transzendenten Triebe identifiziert. Derart motivierte Verhaltensweisen zielen ab auf eine imaginierte Überwindung der eigenen Vergänglichkeit durch Einbettung des eigenen Verhaltens in größere, das eigene Leben übersteigende (transzendierende) Sinnzusammenhänge.

Im zweiten Kapitel dieses Buches wird das Diesseits freien Verhaltens in den Blick genommen ( Kap. 2). Aufbauend auf den im Buch Freiheit (TvE 2015) erarbeiteten Überlegungen werden die Bedingtheiten potentiell freier Verhaltensweisen in den alltäglichen Situationen konkreten Lebens analysiert und beschrieben. Ganz konkret und vor dem Hintergrund klinischer Beobachtungen und Analysen wird beschrieben, wie der Raum potentiell freien Verhaltens strukturiert ist. Denn Freiheit ist weder ein theoretisches Abstraktum noch ein idealistisches Postulat, sondern ein konkretes, empirisches, körperliches, psychobiologisches Phänomen. Freiheit braucht den Raum struktureller Rigidität, um sich davon abheben zu können. Die konkreten Strukturen, die ich dabei meine erkannt zu haben, und das daraus hervorgegangene heuristische SPZ-Modell fußen ganz wesentlich auf Theorie- und Modellbildungen im Zusammenhang mit meiner klinischen psychiatrischen Arbeit. Entsprechende Gedanken wurden ansatzweise auch bereits in einer Vielzahl von medizinischen Fachbüchern und -artikeln veröffentlicht.

Im dritten Kapitel dieses Buches wird die Umwelt in den Blick genommen, in die sich freies und damit potentiell transzendentes Verhalten zwangsläufig einbetten muss (Jenseits der Freiheit) ( Kap. 3). Der Raum der kognitiven Vorstellungswelt ist potentiell völlig grenzenlos. Faktisch ist er es aber nicht. Denn lange bevor sich die kognitiven Möglichkeiten eines Individuums in seiner Biographie und Entwicklungsgeschichte voll entwickeln, wurde dieser potentiell grenzenlose Raum intensiv bearbeitet, gestaltet, begrenzt, geordnet und strukturiert. Er ist überfüllt von Bildern, Wörtern, Begriffen, Theorien, Ge- und Verboten. Diese wurden über die Sprache und gesellschaftliche Kommunikation an den einzelnen Menschen herangetragen und ihm auch aufoktroyiert, ohne dass sich das Individuum zunächst dazu verhalten könnte. Als wirkmächtigstes Phänomen ist hier sicher die Muttersprache zu nennen. Als fundamentales »kognitives Betriebssystem« eröffnet diese dem Individuum nicht nur die grenzenlose Welt des Mentalen, sondern sie begrenzt und strukturiert diese auch sofort wieder. Dies geschieht in Form der vielen Begriffe, Theorien, Weltanschauungen, Erzählungen, Symbole und Sätze, die als Prägungen mit der Primärsprache wie Muttermilch aufgesogen werden. Die Kultur eines Menschen repräsentiert die ökologische Umwelt, in die potentiell freies Verhalten eingebettet ist. Und ganz ähnlich wie auf individueller Ebene die konkrete problematische Entscheidungssituation kritisch durch persönlichkeitsstrukturelle Rigiditäten eingeengt wird, kann dies auch für die kollektive gesellschaftliche Ebene erkannt werden. Denn auch dort wird der gesellschaftliche Diskurs (kollektive problematische Situation, in der sich gesellschaftliche Handlungsfreiheit in Form von Verhaltensalternativen entwickelt) bedingt und eingeengt durch die »Persönlichkeit der Gesellschaft«: Sitten, Bräuche, Traditionen, Identitäten, Wertvorstellungen, Gesetze usw. Und ähnlich wie auf individueller Ebene phasische und teilweise krankhafte Zustände des Körpers (Infektionen, Hormonstatus, Depressionen, Angstzustände, Psychosen) den Entscheidungsfreiraum auf ganz typische und musterhafte Art und Weise beeinflussen und einengen, kann dies auch auf gesellschaftlicher Ebene in Form von Zuständen wie Krieg, Bürgerkrieg, Revolution, Wirtschaftskrise, Pandemie, Boom, Blüte und Hype erkannt werden.

Nachdem die Bedingtheiten individuell freien Handelns vor dem Hintergrund persönlichkeitsstruktureller und krankhafter Einengungen (Diesseits der Freiheit) sowie gesellschaftlich ökologischer Faktizitäten (Jenseits der Freiheit) beschrieben und analysiert wurden, rückt in Kapitel 4 erneut der transzendente Trieb als die in diesem Buch im Fokus stehende Bewegkraft menschlichen Verhaltens ins Zentrum der Überlegungen ( Kap. 4). Es werden ausgehend von der Analyse klassisch religiöser Verhaltensweisen Kriterien transzendenten Verhaltens entwickelt. Ausführlich wird der Frage nachgegangen, in welcher Beziehung transzendente Motivation und Religion zueinander stehen. Auch die Suggestion des frühen Freuds, höhere Kulturleistungen könnten ausschließlich durch Sublimierung (Unterdrückung und Verschiebung) des Sexualtriebs plausibel erklärt werden, wird diskutiert. Es wird festgehalten, dass der transzendente Trieb seine Wirkkraft zwangsläufig bei den Lebewesen entfaltet, die die unausweichliche Realität des eigenen Tods erkennen und trotzdem dem Drang des fundamentaleren Lebenstriebs ausgesetzt sind. Aus subjektiver Perspektive korrespondieren dem die transzendenten Bedürfnisse bzw. das Streben nach Sinn.

Die Beobachtung menschlichen Verhaltens zeigt, dass der transzendente Trieb eine mächtige Wirkkraft ist. Er ist die Kraft, die auf kollektiver Ebene Kulturen und Religionen hervorbringt und auch wieder untergehen lässt. Auf individueller Ebene ermächtigt der transzendente Trieb zu Handlungen, die dem ihm zugrundeliegendem Lebenstrieb sogar widersprechen oder ihn übersteigen: das Opfer, den Märtyrertod und das Selbstmordattentat.

Abschließend wird erneut die gesellschaftliche Ökologie betrachtet, in die der transzendente Trieb eingebettet ist. Ein Kernanliegen des Textes besteht darin, auf den dynamischen Zusammenhang zwischen den psychobiologischen Phänomenen und Wirkkräften diesseits der Freiheit und ihrer transzendenten Gerichtetheit auf einen Raum jenseits ihrer freien Grenzwelt, ihrem Telos (Kultur, Sprache und Religion in ihren vielfältigen auch säkularen Manifestationen) hinzuweisen. Beide Pole dieser psychobiologischen Wirklichkeit sind einem permanenten geschichtlichen Wandel unterworfen, sowohl der psychobiologisch determinierte Pol diesseits als auch der sprachlich-kulturelle Pol jenseits der Freiheit. Im Entwicklungs- und Veränderungsprozess beider Bereiche stehen sich polar entgegengesetzte Organisationsprinzipien erkennbar gegenüber. Das konservativ-bewahrende Organisationsprinzip garantiert dabei die Stabilität und den Fortbestand des Erreichten und das progressiv-verändernde Prinzip die Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umweltbedingungen. Dies gilt sowohl für die psychobiologische Wirklichkeit der lebendigen Körper diesseits als auch für die kulturellen Räume jenseits der Grenze.

Die positiv gegebene, profane wie transzendente Kultur war und ist schon immer Ausgangspunkt, Referenzraum und Horizont für freies Verhalten zu allen Zeiten gewesen. Was bedeutet es vor dem Hintergrund dieser Feststellung, wenn die kollektiven, religiösen wie säkularen, transzendenten Systeme, wie es in den letzten Jahrhunderten und im neuen Jahrtausend mit erkennbar zunehmender Dynamik der Fall ist, zunehmend dekonstruiert werden und an Überzeugungs- und kollektiver Bindungskraft verlieren? Mit der Thematisierung dieser Frage schließt dieses Buch. Denn wenn die zentrale, hier vertretende These stimmt, dass der transzendente Trieb als kognitiver Trieb dem erkennenden Menschen körperlich innewohnt, wird er nicht verschwinden, nur weil sich die kollektive Kultur transzendenter Systeme auflöst. Ganz im Gegenteil können solche kollektiven transzendenten Systeme (Kulturen, Religionen) auch als Instrument begriffen werden, die ungeheure Wirkkraft transzendenter Motivation zu kanalisieren und zu domestizieren. Die totalitären gesellschaftlichen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts, die gut erkennbar auch auf profane, kollektive transzendente Motivationen aufbauten, zeigen dies eindrücklich.

Und so wie die sexuelle Aufklärung Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch sein Sexualverhalten möglichst frei, autonom und vernünftig verwirklichen kann, so ist nach meiner Analyse eine Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung über den transzendenten Trieb Voraussetzung dafür, dass transzendente triebhafte Bedürfnisse – werden sie nun individuell oder kollektiv, säkular oder sakral ausgelebt – nicht irrational befriedigt werden, was verheerende Konsequenzen für das Wohl von Mensch und Natur haben kann.

1 Leben, Verhalten und Motivation
1.1 Was ist Leben?

Was ist Leben? Leben ist das, was Menschen, Tiere und Pflanzen haben, nachdem sie gezeugt wurden und bevor sie sterben. Auch Bakterien und Viren würden die meisten Menschen Leben zusprechen, obwohl es da schon im Detail schwierig werden kann, wenn z. B. ein Wissenschaftler2 an die neueren Ideen der infektiösen Proteine denkt. Aber sophistische Grenzfragen sollen hier nicht erörtert werden. Mir geht es hier um die klaren Fälle.

Wie häufig entwickelte auch zu dieser Frage schon etwa 340 v. Chr. Aristoteles als einer der ersten eine klare Definition, wenn er sagt, dass ein Lebewesen eine zusammengesetzte Substanz sei, die entweder Geist hat, oder fühlen kann, oder sich bewegen kann, sich ernähren muss und wachsen oder sterben wird (Aristoteles 2011). Moderne Definitionen sehen ganz ähnlich aus, wenn z. B. folgende Kriterien aufgestellt werden (Toepfer 2017):

1. Energie- und Stoffwechsel und damit Wechselwirkung mit der Umwelt.

2. Organisiertheit und Selbstregulation (Homöostase).

3. Fähigkeit, auf Reize der Umwelt zu reagieren.

4. Fortpflanzungsfähigkeit und Vererbung.

5. Wachstum, Entwicklung und Tod.

Im Buch BioLogik habe ich als Kriterien des Lebens Körperlichkeit, Zeitlichkeit, Geschichtsfähigkeit und Erkenntnisfähigkeit entwickelt (TvE 2003, Kap. 1), wobei der Punkt Körperlichkeit die o. g. Aspekte 1, 2+4 beinhaltet, Zeitlichkeit den Aspekt 5, Geschichtsfähigkeit die Aspekte 2+3 und Erkenntnisfähigkeit als Sonderfall der Geschichtsfähigkeit ebenfalls die Punkte 2+3.

Das Leben an sich ist ein faszinierendes und wunderbares Phänomen. Es ist schön und hässlich, liebevoll und grausam, fantastisch und banal, nicht zu fassen. Und dennoch versuchen wir es immer wieder – und so auch ich in diesem Buch.

Das Leben bleibt rätselhaft, auch wenn wir Menschen Teilaspekte besser verstehen und sinnvolle Theorien über seine Werdensgeschichte entwickeln konnten. Rätselhaft bleibt der Anfang. Der Anfang des Lebens ist für mich genauso rätselhaft wie der Anfang des Universums. Mir sind zumindest keine überzeugenden Erklärungen oder Theorien bekannt.

Die Entwicklungsgeschichte des Lebens konnte dagegen durch die 1859 von Charles Darwin formulierte Evolutionstheorie überzeugend theoretisch erklärt werden. Viele Beobachtungen und Erkenntnisse fügen sich problemlos ein. Fundamentale Widersprüche sind nicht erkennbar. Eine erklärungsmächtigere und zugleich einfachere Theorie zur Entwicklungsgeschichte des Lebens ist nicht erkennbar, so dass sie nach den Prinzipien von William von Ockham als die mächtigste Theorie zur Entwicklungsgeschichte des Lebens anerkannt werden muss.

William von Ockham stellte fest, dass aus logischen Gründen die Theorie als die wirkmächtigste anerkannt werden müsse, die mit den wenigsten Annahmen den größten Umfang an empirischen Beobachtungen überzeugend und widerspruchsfrei erklären könne (»Ockhams Rasiermesser«; vgl. Ockham 1999).

Und dennoch gibt es neben der Frage nach dem Anfang des Lebens eine weitere zentrale Frage, die in der Evolutionstheorie unbeantwortet bleibt bzw. axiomatisch, d. h. durch eine Setzung beantwortet wird.

Wenn Darwin im Titel seines Buches vom »struggle for life«, also vom Kampf um das Leben oder das Überleben spricht, so hat dies Generationen von Menschen wie auch mich überzeugt. Denn sie wissen aus ihren eigenen Erfahrungen, dass der Mensch und alle anderen Lebewesen leben wollen, überleben wollen, das Leben weiter geben wollen an die nächste Generation. Natürlich kennt auch jeder Mensch Beispiele von Menschen, die nicht mehr leben wollen und sich suizidieren. Das stellt aber den grundsätzlichen Drang des einzelnen Menschen und erst recht der Tiere und Pflanzen nach Leben und Überleben nicht in Frage. Dieser Drang scheint den Lebewesen innezuwohnen. Es ist der Lebenstrieb, der Trieb, als Individuum zu leben und in seinen Nachkommen zu überleben – seien es nun die eigenen Kinder oder die Nachkommen einer als zugehörig erlebten Gruppe.

Ohne diesen Überlebensdrang der Individuen und der Arten macht die Evolutionstheorie gar keinen Sinn. Denn das Selektionsprinzip der Darwin’schen Evolutionstheorie braucht den Drang des Lebens und der lebendigen Wesen nach Überleben und Weitergabe des eigenen Lebens als bewegende Grundkraft. Gäbe es diese Kraft nicht, würde das Selektionsprinzip offensichtlich nicht funktionieren. Umso wichtiger ist es zu erkennen, dass dieses Grundprinzip, der Drang nach Leben und Überleben, als Phänomen an sich unerklärt, rätselhaft, sakral und verborgen bleibt.

Warum ist das so, dass das Leben leben will? Eine nicht-axiomatische Erklärung innerhalb des empirisch-naturwissenschaftlichen Denksystems gibt es nicht. Der denkende Mensch verhält sich an dieser Stelle pragmatisch. Er gibt dem unerklärten Phänomen einen Namen, einen Begriff: den Lebenstrieb. Der Begriff macht das Phänomen scheinbar begreifbar. Man kann es greifen, mit ihm umgehen. Der Begriff funktioniert und wird dadurch zur Erkenntnis (TvE 2003). Aber dennoch sollte sich niemand täuschen lassen, dass gerade dieser zentrale Begriff für die Erklärung der Werdensgeschichte des Lebens völlig unerklärt bleibt! Er ist eine Setzung, eine Grundannahme, ein Axiom.

An dieser Stelle ergänzen viele Menschen eine transzendente Erklärung. Sie wählen einen neuen Begriff, der den Lebenstrieb erklären soll. Sie nennen ihn Gott. Der Begriff funktioniert für sie und wird dadurch für sie zur transzendenten Erkenntnis (ebd.).

In diesem Buch geht es nicht darum, diese Denkentscheidung zu bewerten. Vielmehr soll es darum gehen zu verstehen, wieso Menschen so denken, wie sie denken und was sie dazu bewegt, so zu denken, wie sie denken. Es geht also um die Struktur des Raums der Freiheit.

Aus rein empirisch-naturwissenschaftlicher Perspektive kann hier zunächst einmal Folgendes festgehalten werden:

1. Eine umfassende Definition des Phänomens Leben steht nach wie vor aus.

2. Die Dynamik der Werdensgeschichte des Lebens ist durch die Evolutionstheorie überzeugend darstellbar.

3. Die Frage nach dem Anfang des Lebens ist unbeantwortet.

4. Der Lebens- und Überlebenstrieb bilden die entscheidende Wirkkraft der Evolutionstheorie. Dieser Trieb ist eine Setzung, ein Axiom, eine unbegründete – vielleicht auch innerhalb der Naturwissenschaft unbegründbare – Grundannahme.

Leben ist ein körperliches, zeitliches (objektives) und geschichtliches (subjektives) Phänomen. Der Anfang des Lebens und die fundamentale Bewegkraft des Lebens (Lebenstrieb, d. h. warum das Leben nach Weitergabe und Diversifizierung zu streben scheint) sind unverstanden.

1.2 Die Bewegkräfte von Leben und Verhalten

Was macht das Leben lebendig? Was unterscheidet Lebendiges von nicht Lebendigem? Und was bewegt das Leben? Sucht man nach Antworten auf diese Fragen in der Geistesgeschichte, kommt man wie so häufig an dem größten Theoretiker der Antike nicht vorbei, Aristoteles. Dieser entwickelte seine Sichtweise in dem Buch ›Περὶ ψυχῆς‹, lateinisch geschrieben »perí psychḗs«, übersetzt »de Anima« oder zu Deutsch »Über die Seele« (Aristoteles 2011).

1.2.1 Was das Leben bewegt – über die Seele

Aristoteles sieht als Grund für das Leben und das Lebendige die Seele. Diese denkt er sich in Abgrenzung zu früheren griechischen Philosophen nicht als eine Substanz außerhalb des Körpers, sondern als ein Lebensprinzip, welches dem lebendigen Körper innewohnt. Damit setzt er sich von der Sichtweise seines Lehrers Platon ab. Dieser vertrat eine dualistische Weltsicht und glaubte, die Seele würde als eigene Substanz dem Körper zukommen und ihn dadurch beleben. Diese dualistische Sichtweise war und ist in der Geschichte sehr wirkmächtig und findet ihren Ausdruck etwa in mittelalterlichen Gemälden, in denen die Seele wie ein weißes Gespinst den Körper durch den Mund im Augenblick seines Todes verlässt. Aristoteles dachte sich die Seele zwar auch als das belebende Prinzip des Körpers, jedoch nicht substantiell als von diesem getrennt. Vielmehr sah er sie als ein dem Körper innewohnendes Wirkprinzip, seine »Entelechie« oder Zielursache. Dem Körper ohne Seele kommt Leben in seinem Denken nur als Möglichkeit, als Potenz, zu. Der lebendige Körper ist dagegen beseelt. Anders als in Platons dualistischem Denken kommt der Seele also kein eigenes, unabhängiges Dasein zu. Damit ist sein Denken viel anschlussfähiger an postmoderne, atheistische und wissenschaftliche Weltanschauungen, die jede Form existentiellen Daseins jenseits der konkreten Körperlichkeit meist negieren.3 Platon dagegen mit seiner dualistischen Weltsicht scheint vordergründig leichter vereinbar zu sein mit dualistischen Weltanschauungen und Jenseitsvorstellungen, wie sie etwa in den großen monotheistischen Religionen des Judentums, Christentum und Islam zum Ausdruck kommen.

Aristoteles unterschied verschiedene Seelenvermögen in der Welt des Lebens: den Pflanzen schrieb er die vegetative Seele zu, die Wirkursachen für die Funktionen Stoffwechsel, Wachstum, Fortpflanzung und Vermehrung. Die animalische, tierische Seele stellte er sich als das bewegende Prinzip hinter den Funktionen der Wahrnehmung, des Fühlens und der Bewegung vor, während der Verstand (Nous, auch Vernunft) Ausdruck des spezifisch menschlichen Seelenvermögens ist.

Als durchschnittlich gebildeter Mensch des 21. Jahrhunderts kommen einem diese Begriffe der vegetativen, animalischen und humanen Seele naiv und veraltet vor, was sie aber nur auf den ersten Blick sind. Die entsprechenden Begriffe repräsentieren lediglich nicht weiter erklärbare Wirkprinzipien in der Sprache und Begrifflichkeit ihrer Zeit. Ganz Ähnliches meinen die moderneren Begriffe wie Triebkraft oder Triebenergie, wie sie etwa von Freud oder der biologischen Psychologie der vergangenen Jahrhunderte und Jahrzehnte formuliert wurden.

Aristoteles definiert die Seele als das belebende Wirkprinzip in der Biologie. Er unterscheidet eine vegetative Seele, die Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung bewirkt, eine animalische (tierische) Seele, die Funktionen wie Wahrnehmung und Bewegung begründet und eine humane Seele, die Wirkursache für den menschlichen Verstand ist. Anders als Platon, der als dualistisch denkender Mensch der Seele eine eigene, vom Körper des Lebewesens unabhängige Seinsweise zuschreibt, sieht Aristoteles die Seele als ein dem Körper des Lebewesens innewohnendes und davon nicht separat abgrenzbares Phänomen an.

1.2.2 Der Triebbegriff der biologischen Psychologie

Dieses Phänomen, d. h. die schwer zu erklärende Bewegkraft, die bewirkt, dass Lebewesen nach Leben, Überleben und Weitergabe des Lebens streben, wird im Denken der Menschen der letzten Jahrhunderte entweder metaphysisch-religiös interpretiert, ignoriert oder im wissenschaftlichen Denken der Neuzeit häufig mit dem Triebbegriff belegt. Was aber ist ein Trieb?

In der modernen Psychologie und Verhaltensforschung (Ethologie) wird zum Beispiel im Rahmen der Motivationspsychologie von Trieben (Englisch: »drive«) gesprochen. Sie werden definiert als jene psychologischen Prozesse, die zur bevorzugten Auswahl konkurrierender Verhaltensweisen führen (z. B. Nahrungsaufnahme versus Sexualität versus Ruhe versus Sport versus Lernen; Birbaumer & Schmidt 2010, S. 662). Da es hier um die Erklärung von konkreten Verhaltensweisen vor dem Hintergrund konkurrierender Verhaltensalternativen (ausruhen, essen, trinken, Sexualität, kämpfen, flirten, joggen etc.) geht, ist das Freiheitsthema offensichtlich schon berührt (TvE 2015; Kap. 7). Welche Bedeutung hat nun in diesem Zusammenhang die Annahme von Trieben wie etwa dem Sexualtrieb oder dem Trieb zu essen oder zu trinken?

Genau wie in der Evolutionstheorie kommen in der Motivationspsychologie die Triebe an der Stelle ins Spiel, an der die Bewegkräfte individueller Verhaltensweisen erklärt werden sollen. Die verschiedenen Einzeltriebe wie Sexualtrieb, Überlebenstrieb oder Ernährungstrieb werden in eine situationsabhängige Triebhierarchie gebracht, d. h. dass etwa bei einem verhungernden Tier der Ernährungstrieb wichtiger ist als der Sexualtrieb.

Dabei werden homöostatische und nicht-homöostatische Triebe unterschieden. Der Begriff Homöostase meint dabei die regulatorische Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts wie z. B. der Blutzuckerkonzentration, der Körpertemperatur oder des Schlaf-Wach-Gleichgewichts. Homöostatische Triebe liefern also die Triebenergie für entsprechende Verhaltensweisen. Das bedeutet konkret, dass bei Menschen, die lange nichts gegessen haben, die Triebenergie für Nahrungssucheverhalten oder Essverhalten steigt – und ganz analog für andere homöostatisch-triebregulierte Verhaltensweisen wie Trinken, Schlafen usw. Homöostatische Triebe sind also bezogen auf vergleichsweise klar benennbare Soll- oder Zielwerte. Nicht-homöostatische Triebe sind dagegen bezogen auf variable Soll- oder Zielwerte. Sie hängen stärker von situativen Bedingungen und Lernprozessen ab. Beispiele sind der Sexualtrieb, der Explorationstrieb, der Wissens- und Erkenntnistrieb, der Bindungs- und Beziehungstrieb (Birbaumer & Schmidt 2010, S. 662).

Aus philosophischer Sicht muss darauf hingewiesen werden, dass der Begriff der Triebenergie hier offensichtlich bildhaft-metaphorisch benutzt und aus der technisch-physikalischen Fachsprache entliehen wird. Er suggeriert, dass die entsprechenden Prozesse bei der Erklärung des Verhaltens von Lebewesen in einer der Technik vergleichbaren Art und Weise erklärbar wären, was sicher nicht der Fall ist. Was »Triebenergie« genau sein soll, bleibt auch bei genauem Nachdenken unklar.

An dieser Stelle geht es aber nicht darum, die Details der Motivationspsychologie und -physiologie zu erörtern. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass, ebenso wie in der Evolutionstheorie, auch auf der Ebene der Erklärung individuellen Verhaltens von Menschen der Triebbegriff nicht hergeleitet, sondern gesetzt wird. Bei den Trieben handelt es sich um Axiome. Es sind Begriffe, die gesetzt werden, um die Beobachtung offensichtlich zielgerichteter Verhaltensweisen von Lebewesen zu erklären.

Warum zeigen fast alle Menschen Sexualverhalten? Weil es einen Sexualtrieb gibt! Warum erkunden Menschen ihre Umgebung? Weil es einen Explorationstrieb gibt! Warum wollen Menschen alles Wissen und verstehen? Weil es einen Wissenstrieb gibt! Warum wollen Menschen Freundschaft und Beziehung? Weil es einen sozialen Trieb gibt!

Die argumentative Struktur ist dieselbe wie bei der Evolutionstheorie: Warum gibt es den Darwin’schen Lebenskampf (»struggle for life«)? Weil es einen Lebenstrieb gibt. Es ergeben sich ebenfalls weitgehende Parallelen zu Aristoteles’ Seelenbegriff: Warum haben Pflanzen einen Stoffwechsel? Warum streben sie nach Wachstum und Fortpflanzung? Weil die vegetative Seele dies bewirkt! Warum haben Tiere ein Empfinden, bewegen sich? Weil dies Folge der Wirkkraft der animalischen Seele ist!

Der Triebbegriff der biologischen Psychologie ist in all seinen Variationen ebenso wie Aristoteles’ Seelenbegriff eine axiomatische Setzung. D. h. er wird postuliert, um die Bewegkraft hinter musterhaft beobachtbaren Verhaltensphänomenen zu erklären. Weil fast alle Lebewesen zumindest in bestimmten Lebenssituationen musterhaft ähnliches Sexualverhalten zeigen, schließe ich auf die Existenz einer dies erklärenden Bewegkraft, dem Sexualtrieb. Der Triebbegriff an sich wird nicht logisch zwingend hergeleitet oder begründet. Der Trieb ist also eine Setzung!

Gut erkennbar gibt es auch eine theoretische Hierarchie zwischen den verschiedenen konkreten Triebbegriffen. Die übergeordnete Triebannahme ist die des Lebenstriebs des einzelnen Lebewesens und verbunden damit die Annahme eines Überlebenstriebs der Art. Aus diesem Grundaxiom der Evolutionstheorie speisen sich die Annahmen der untergeordneten Detailtriebe auf individueller Ebene, seien es nun die homöostatischen Triebe (Essen, Trinken, Schlaf) oder die nicht-homöostatischen Triebe (Sexualität, Exploration, Wissen, Bindung). Sie alle dienen mehr oder weniger unmittelbar dem übergeordneten Trieb des eigenen Überlebens oder des Überlebens der Art.

Triebe sind unbeweisbare Grundannahmen (axiomatische Konstrukte), die im überzeugenden Fall plausible Bewegkräfte (Triebenergie) als zielgerichtete Ursachen hinter beobachtbarem Verhalten von Lebewesen postulieren. In der Motivationspsychologie und Verhaltensforschung werden homöostatische Triebe (Essen, Trinken, Schlafen) und nicht homöostatische Triebe (Sexualität, Exploration, Wissen, Beziehung) unterschieden.

1.2.3 Die Triebtheorie nach Freud

Die Triebtheorie nach Freud (1856–1939) hat das Denken des letzten Jahrhunderts so stark geprägt, dass man sie nicht außer Acht lassen kann, wenn von Trieben und deren Bedeutung für die Erklärung von beobachtbarem Verhalten die Rede ist.

Auch Freud folgte der klassischen Auffassung, nach der Triebe entscheidende postulierte Wirkkräfte des menschlichen Verhaltens sind (Freud 1915). Gemäß psychoanalytischer Theorie kann der Triebbegriff folgendermaßen definiert werden:

»Unter einem Trieb versteht man einen dynamischen, innerseelischen Vorgang, der mit organismischen Vorgängen in Verbindung steht und der in seiner zielgerichteten Dranghaftigkeit die Grundlage von motivierten (emotionalen und motorischen) Aktionen einer Person abgibt.« (Butzer 2014)

Als Triebe werden also die Kräfte angesehen, die dem Handeln die Richtung geben (Dranghaftigkeit). Sie sind damit zentrale Faktoren der Motivation, von Emotionen und konkretem motorischem Verhalten.

Freud unterteilte die Triebe weiter nach ihrer Entstehung in Primär- und Sekundärtriebe und nach ihrer Funktion in Lebens- und Todestriebe. Die fundamentalen Triebe oder Primärtriebe dachte er sich als lebenslang bestehende Wirkkräfte, die der Erhaltung der Art und des Individuums dienen. Hier ist unschwer die völlig analoge Setzung (axiomatisches Konstrukt) des fundamentalen Lebenstriebs zu erkennen, die auch der Evolutionstheorie zugrunde liegt. Konkret zählte Freud zu diesen Trieben die Bedürfnisse nach Ernährung, Trinken, Sauerstoff, Schlaf und Ruhe, Sexualität usw. Dies sind die auch in der modernen Motivationspsychologie verwendeten Grundannahmen, die dort aber noch in die homöostatischen und nicht-homöostatischen Triebe (s. o.) unterteilt werden.

Darüber hinaus identifizierte Freud sog. Sekundärtriebe wie z. B. das Bedürfnis nach Leistung und Anerkennung, die sich Freuds Denken zufolge erst im Laufe der ersten Lebensjahre entwickeln, während die Primärtriebe ihm zufolge bereits bei einem Säugling vorhanden sind. Die Entwicklung der Sekundärtriebe ist im Freud’schen Denken also eng verwoben mit der Entwicklung des psychobiologischen Erkenntnisapparats. Diese fällt ebenfalls in diese Zeitspanne, ist aber sicher noch nicht mit zwei Jahren abgeschlossen. Nach Freuds Auffassung würde ein Mensch, der keine Sekundärtriebe entwickelt, auf dem Niveau eines Kleinstkindes stehen bleiben. Sekundärtriebe sind in seinem Denken also zwangsläufige (immanente) Folge der Entwicklung der emotionalen und kognitiven Möglichkeiten eines Menschen.

Weiter unterscheidet Freud nach der Funktion der Triebe den Lebenstrieb, den er Eros nennt, und den Todestrieb namens Thanatos. Beide sieht er als sich polar entgegengesetzte Wirkkräfte des Lebens, die aber im Detail vielfach und komplex miteinander interagieren (ebd.).

Was die neurobiologische Einbettung der Freud’schen Triebtheorie anbelangt, kann festgehalten werden, dass sie Triebe als psychosomatisches Phänomen zwischen Körper und Psyche stehend auffasste (ebd., Storck 2018). Freud ging davon aus, dass die Triebenergie und der Triebdrang ihren Ursprung in der körperlichen Verfasstheit der Lebewesen haben und sich stetig, auch nach Triebbefriedigung, wieder erneuern und neu aufbauen. Hier klingt das etablierte Denkmodell des homöostatischen Triebs an, welches auch in der modernen Motivationspsychologie seinen Widerhall findet. Freud nahm an, dass diese Triebkraft auf einer vorbewussten Ebene des Ich-Bewusstseins einwirkt, ohne dass es vom Individuum voll erfasst und begriffen werden kann. Die Triebenergie kann so Entscheidungen des Ich-Bewusstseins beeinflussen, ohne dass dies vom Subjekt zwingend und komplett bewusst erkannt werden muss.

Weitere wichtige Begriffe im psychoanalytischen Denken sind Libido und Lustprinzip (Hirschmüller 2014, Wiesse 2014). Der Begriff Libido meint dabei in Freuds Frühwerk die sexuelle Triebenergie im engeren Sinne, die z. B. gesellschaftlichen, normativen Verboten triebhaften Sexualverhaltens entgegensteht. In seinem Spätwerk beschreibt der Begriff auch Bewegkräfte außerhalb des engen Bereichs des Sexualverhaltens und wird gelegentlich mit dem Lebenstrieb oder Eros weitgehend gleichgesetzt (Mertens 2014).

Der Begriff Lustprinzip beschreibt die Gesetzmäßigkeiten, die Freud im Hinblick auf die Wirkung der Triebe glaubte erkannt zu haben. Das Lustprinzip bedeutet dabei, dass das Verhalten eines Lebewesens durch den Drang nach Lustgewinn gesteuert wird. Lustgewinn wird dabei als Spannungs- oder Energieabbau verstanden. Ein Beispiel aus dem Bereich des homöostatisch triebhaften Verhaltens wäre, dass etwa eine Spannung durch zunehmenden Hunger beim Fasten aufgebaut wird, die durch Essen im Sinne eines Lustgewinns einen Spannungsabbau erfährt. Ein weiteres Beispiel wäre der Spannungsabbau beim Orgasmus des Sexualverhaltens.

Bei höheren Lebewesen, insbesondere Menschen, wird das Lustprinzip im Freud’schen Denken durch das Realitätsprinzip überformt. Dieses folgt zwar grundsätzlich auch der Bewegkraft des Lustprinzips, beinhaltet aber, dass einsichtsfähige Menschen unlustverknüpfte Umwege in Kauf nehmen können, um später einen höheren Lustgewinn zu erzielen. Ein Beispiel wäre ein Verhalten, bei dem tagsüber gefastet wird, um abends für ein besonderes Essen mehr Hunger zu haben.

Schlussendlich muss an dieser Stelle noch der Begriff der Sublimierung erläutert werden. Dieser meint im psychoanalytischen Denken, dass libidinöse Energie (also sexuelle Triebenergie), weil sie in der kulturellen Wirklichkeit nicht nach Belieben ausgelebt werden kann, umgelenkt wird und zur motivationalen Kraft für kulturelles oder wissenschaftliches Schaffen wird (Hirschmüller 2014). Anders als die unbewussten Verdrängungsmechanismen denkt Freud sich dabei die Sublimierung als eine bewusste Leistung, die den Ich-Funktionen des Menschen entsprechen ( Exkurs 1.1).

Exkurs 1.1: Das Ich und sein Selbst: Was sollen die Begriffe bedeuten?4

An dieser Stelle sollten die Begriffe »Ich« und »Selbst« in der allgemeinen Psychopathologie geklärt werden. Was soll das überhaupt sein, das Selbst? Und in welchem Verhältnis steht dieser Begriff zu einem weiteren eng verwandten Konzept, dem Ich?

In der Tradition der deutschen Psychopathologie bedeutet »Ich« all das, was dem eigenen psychischen Raum als zugehörig zugeordnet wird (Peters 2011). Beispiele wären die Wahrnehmungen, die als eigene Wahrnehmungen erlebt werden, die Gedanken, die als eigene Gedanken erlebt werden, und die Gefühle, die als eigene Gefühle erlebt werden. Davon abgegrenzt gibt es natürlich auch Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken anderer. Diese werden aber von den meisten Menschen als fremd und nicht der eigenen Person zugehörig bewertet. Bei schizophrenieformen Denkstörungen kann es dagegen dazu kommen, dass Menschen das Gefühl haben, das eigene Wahrnehmen, Fühlen und Denken werde von außen manipuliert. Man spricht dann zumindest in der deutschen Psychopathologie von Ich-Störungen.

Im psychoanalytischen Strukturmodell der Psyche nach Freud steht das »Ich« für das Realitätsprinzip des Alltagsbewusstseins. Es wird abgegrenzt von dem »Es«, welches den Trieb- und Lustbereich repräsentiert, und dem »Über-Ich«, welches als verinnerlichte moralische Instanz gedacht wird, die Wert- und Normvorstellungen repräsentiert und damit oft in einen Konflikt zum Es gerät (Mertens 2014). Das Ich muss diese widerstrebenden Impulse in einem alltäglichen situativen Prozess an die Wirklichkeiten der Gegenwart anpassen, austarieren und der jeweiligen Umwelt angepasste Kognitionen, Emotionen und Verhalten generieren. Auch im psychoanalytischen Denken repräsentiert das Ich also einen komplexen psychobiologischen Apparat, der aus neurowissenschaftlicher Perspektive am ehesten mit dem alltäglichen Bewusstseinssystem gleichgesetzt werden kann. Hier müssen die situativen Wahrnehmungen und Emotionen, die triebnahen Impulse, die innere vegetative und animalische Homöostase und die internalisierten Wert- und Normvorstellungen zusammengebracht werden, situationsgerechte Verhaltensziele und -strategien entwickelt und schlussendlich konkretes motorisches Verhalten organisiert werden. Eine genauere Unterscheidung der verschiedenen psychobiologischen Teilleistungen dieses komplexen psychobiologischen Apparates »Ich« wurde dabei in der psychoanalytischen Tradition noch nicht entwickelt.

Der Begriff »Selbst« repräsentiert verschiedene zum Teil recht unterschiedliche Bedeutungen je nach Autor. So meint er bei C. G. Jung die Gesamtheit aller psychischen Eigenschaften eines Menschen (vgl. Peters 2011). Andere Autoren wie K. Horney verstehen darunter die Persönlichkeit eines Menschen. Autoren wie O. Kernberg betrachten das Selbst als eine intrapsychische Struktur, die einen Teil des Ichs darstellt (vgl. Peters 2011). In diesem Denken ist also das Selbst eine psychobiologische Struktur bzw. eine Erkenntnis, welche vom Ich hervorgebracht wird (TvE 2003, S. 56). Diese in meinen Augen überzeugende Konzeption passt auch gut zu der Art und Weise, wie in der Alltagssprache Begriffe wie Selbsterfahrung, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl etc. gebraucht werden. Denn all diese Begriffe verweisen auf eine Erkenntnisbildung einer Person im Hinblick auf den eigenen Körper.

Das Ich kann dann verstanden werden als der psychobiologische Apparat, mit dem Erkenntnisse überhaupt gebildet werden, insbesondere in Form der bewussten Informationsverarbeitung.5 Insofern, als dass sich diese Erkenntnisbildung nicht auf die Außenwelt, sondern auf das Funktionieren des eigenen Körpers bezieht, entstehen Selbsterfahrungen, die dann Grundlage für ein sich darauf aufbauendes Selbst-Bewusstsein, Selbst-Bild und eines Selbstwertgefühls sind.

In dieser Konzeption der Begriffe beschreibt das Ich also den weitgehend neurobiologisch determinierten Apparat der bewussten Erkenntnisbildung, während das Selbst das inhaltliche Ergebnis dieser Erkenntnisbildung im Hinblick auf Eigenschaften, Stärken, Schwächen und die Werthaftigkeit des eigenen Körpers repräsentiert.

In diesem Sinne werden auch Begriffe aus der Alltagssprache wie Selbsterkenntnis, Selbstbild oder Selbstwert gebraucht.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Freud eine differenzierte Triebtheorie vorlegt. Dabei folgt er der Tradition, Triebe als unbeweisbare Setzungen (axiomatische Konstrukte) zu beschreiben, die als Erklärung für die Bewegkräfte von beobachtbaren Verhaltensmustern von Lebewesen – insbesondere Menschen – dienen. Von herausragender Bedeutung insbesondere in seinem Frühwerk sind der Sexualtrieb und die zugehörige Sexualenergie (Libido). In diesem Trieb und seiner kulturellen Unterdrückung in der modernen Gesellschaft sieht er die Hauptenergie zur Motivation menschlichen Verhaltens. In Form der Umwandlung dieser sexuellen Triebenergie (Sublimierung) glaubt er auch eine Erklärung für fast alle Formen kulturellen Schaffens wie Kunst, Musik, Architektur, Religion und Wissenschaft erkannt zu haben.

In seinem Spätwerk – möglicherweise vor dem Hintergrund der Erfahrung des eigenen Alterns und des Nachlassens der eigenen sexuellen Triebenergie – weicht er erkennbar von dieser engen Deutung ab. Nun fasst er den Begriff der libidinösen Energie, der jetzt auch mit dem neuen Begriff des »Eros« oder »Lebenstriebs« umschrieben wird, deutlich weiter und engt ihn nicht mehr so sehr auf die Homöostase der sexuellen Anspannung ein. Dem Lebenstrieb oder Eros setzt er nun den Todestrieb oder Thanatos gegenüber. Dieser will das Vergehen, das Sterben, die Regression, die Heimkehr und ist die treibende Kraft hinter Phänomenen wie Aggression, Zerstörung, Krieg und Vernichtung.

Kommentieren möchte ich an dieser Stelle, dass ich es als zentralen Fortschritt in Freuds Denken erachte, dass er die Bewegkräfte des komplexen menschlichen Verhaltens überhaupt erst wissenschaftlich analysierend in den Blick nimmt. Die Betonung der zentralen Rolle der sexuellen Triebenergie und dessen kultureller Unterdrückung in der sozialen Wirklichkeit Wiens im frühen 20. Jahrhunderts finde ich nachvollziehbar und teilweise auch überzeugend. Inwieweit alle komplexen Phänomene der Motivation höheren menschlichen Verhaltens alleine auf die sexuelle Triebenergie im Sinne einer Umwandlung (Sublimierung) dieser Energie überzeugend zurückgeführt werden können, bleibt allerdings zweifelhaft. Diese Thematik wird weiter unten erneut aufgegriffen ( Kap. 4).

Insgesamt beschreibt Freud nach meiner Analyse über weite Strecken überzeugend Aspekte der Psychodynamik freien Verhaltens, um die es auch in diesem Buch weiter gehen soll. Er war der Erste, der darauf hinwies, dass sich die sekundären Triebe als Ausdifferenzierung des fundamentalen Lebenstriebs (Eros) erst in der psychobiologischen Entwicklung des Menschen in seiner Kindheit herausbilden. Der Raum der Freiheit menschlichen Denkens und Verhaltens entwickelt sich aber eben nicht nur in der ersten Dekade des Lebens. Die Abstraktionsfähigkeit und das Wissen eines Menschen nehmen in der zweiten Dekade stark zu und entwickeln sich dann kontinuierlich fort, werden seine geistigen Möglichkeiten nicht durch Krankheit oder Behinderung eingeengt. Wie sich dieser wachsende Raum der kognitiven Möglichkeiten menschlichen Denkens auf dessen innere Struktur auswirkt und auf die nach wie vor vorhandenen fundamentalen Wirkkräfte, wurde bislang noch kaum in den Blick genommen.

Und schließlich können die psychoanalytischen Erklärungen, die Freud für psychopathologische Phänomene wie Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen, Denkstörungen, Ich-Störungen, Wahn, Angst, Zwang und Depression entwickelt hat, heute nur noch wenige Psychologen und Psychiater überzeugen, was nicht verwundert, da das Ausmaß des Wissens über das Gehirn und dessen Physiologie seit Freuds Zeit dramatisch angewachsen ist.

Freud formulierte eine differenzierte Triebtheorie. Von zentraler Bedeutung waren dabei der Lebenstrieb (Libido, Eros) und der Todestrieb (Thanatos). Freud wies auch darauf hin, dass die aus dem primären Lebenstrieb erwachsenen sekundären Triebe wie der Trieb nach Leistung und Anerkennung sich parallel zur Entfaltung des psychobiologischen Erkenntnisapparates entwickeln.

1.2.4 Die Bedürfnishierarchie nach Maslow

Wenn man über die Theorie der Bewegkräfte des Lebens nachdenkt, kommt man an dem einflussreichen Denken von Abraham Maslow (1908–1970) nicht vorbei. Er setzte sich in der Mitte des letzten Jahrhunderts intensiv mit den Bewegkräften menschlichen Verhaltens auseinander und postulierte eine Hierarchie menschlicher Bedürfnisse, die im Weiteren zur Maslow’schen Bedürfnispyramide konkretisiert wurde. Während er zunächst fünf hierarchisch aufgebaute Bedürfnisse beschrieb (Maslow 1943; Abb. 1.1A), erweiterte er diese in seinem Spätwerk zu acht verschiedenen Bedürfnissen unter Ergänzung des transzendenten Bedürfnisses (1970; Maslow 1971; Abb. 1.1B).


Abb. 1.1: Die hierarchisch aufgebauten Bedürfnisse nach Maslow in ihrer frühen (A; 1943) und späten (B; 1970; Maslow 1971) Ausformulierung

In beiden Varianten geht Maslow von physiologischen Grundbedürfnissen als den fundamentalsten Elementen der Motivation menschlichen Verhaltens aus. Damit werden Phänomene angesprochen, die Freud unter dem Begriff der primären Triebe beschrieb und in der modernen Psychologie als homöostatische Triebe bezeichnet werden. Beispiele sind die Bedürfnisse nach Nahrung, Trinken, Sauerstoff, Schlaf und Ruhe, Sexualität usw. Aber schon bei der zweiten Bedürfnisstufe, nämlich dem Sicherheitsbedürfnis, werden Phänomene thematisiert, über die Freud noch kaum nachgedacht hatte.

Das Sicherheitsbedürfnis beschreibt das Streben des Menschen nach körperlicher Unversehrtheit und absehbarer Beständigkeit im zukünftigen Leben. Gemeint ist also das unmittelbare Streben nach Sicherheit vor Verletzung und körperlicher Gewalt im Hier und Jetzt, aber auch die zukünftige Absicherung der materiellen Lebensbedingungen im Hinblick auf die physiologischen Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Wohnen etc.) und alltäglichen und kulturellen Rahmenbedingungen, die sich in der absehbaren Zukunft nicht grundlegend ändern sollen (kulturelle Sicherheit).

Schon diese Beschreibung macht klar, dass das Sicherheitsbedürfnis ganz wesentlich vom Erkenntnisapparat des Menschen abhängt. Denn die erlebte Sicherheit hängt offensichtlich nicht nur von den objektiven Gegebenheiten einer Situation ab (Krieg, Verbrechen, Gewalt), sondern ganz entscheidend eben auch von den subjektiven Einschätzungen, inwieweit die körperliche, materielle und kulturelle Sicherheit als gegeben oder als bedroht erachtet wird.

Unter sozialen Bedürfnissen wird nach Maslow das Streben nach Beziehungen, Freundschaft, Kommunikation und sozialem Austausch verstanden, während der Begriff Individualbedürfnisse das Streben nach körperlicher oder mentaler Leistung, Ansehen, Prestige, Wertschätzung und Achtung meint.

Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung sieht Maslow erst dann wachsen, wenn die anderen Bedürfnisse erfüllt sind. Inhaltlich meint er damit das Streben einer Person, sein eigenes individuelles Potential auszuschöpfen, wobei der konkrete Inhalt dessen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein kann. Hier klingt nach meiner Deutung der alltagssprachliche Sinnbegriff deutlich durch.

In seinem Spätwerk ergänzte Maslow diese ursprünglichen fünf hierarchischen Bedürfnisstrukturen um drei weitere, nämlich die kognitiven, ästhetischen und transzendenten Bedürfnisse ( Abb. 1.1B). Kognitive Bedürfnisse sind demnach Bedürfnisse nach Erkennen, Verstehen und Begreifen, während ästhetische Bedürfnisse auf die Kunst und das Schöne abzielen. Schließlich zielen transzendente Bedürfnisse auf ein den Menschen überschreitendes Phänomen wie Gott oder andere Formen höherer nicht-materieller Existenz ab.

Eine Besonderheit der Maslow’schen Theorie besteht darin, dass er die Bedürfnisse hierarchisch organisiert denkt. Das bedeutet, dass er glaubt, dass Bedürfnisse höherer Ordnung erst zum Tragen kommen, wenn die basaleren Bedürfnisse befriedigt sind. Inwieweit diese starre Systematik der Motivation im alltäglichen Verhalten überzeugen kann, wird weiter unten diskutiert werden.

Maslow spricht nicht von Trieben, sondern Bedürfnissen und meint damit auch Phänomene wie Leistung, Anerkennung und Selbstverwirklichung, welche Freud mit dem Begriff der sekundären Triebe zu fassen versuchte. In seinem Spätwerk identifiziert Maslow auch kognitive, ästhetische und transzendente Bedürfnisse als die differenziertesten Varianten menschlicher Motivation.

1.3 Systematik der Bewegkräfte des Lebens
1.3.1 Kräfte sind Konstrukte

Bevor verstanden werden kann, was die Wirkkräfte des Lebens sind, muss begriffen werden, was überhaupt der Begriff »Kraft« meint. Wie oft ist es alltagssprachlich auf den ersten Blick scheinbar klar, wenn von der Muskelkraft die Rede ist. Bei genauerem Nachdenken wird es schwieriger: Was haben Muskelkraft und Schwerkraft gemein, dass man sie Kräfte nennt?

Die Muskelkraft erlaubt es, Pyramiden zu bauen und die Atomkraft, Städte und ganze Länder mit Energie zu versorgen oder in Schutt und Asche zu legen. In der Physik erklären die Kräfte die beobachtbaren Bewegungen von Objekten. Die Schwerkraft ist der Grund dafür, dass der Apfel auf den Boden fällt und Sterne und Planeten sich anziehen. Für den weiteren Gedankengang ist es wichtig und kritisch zu erkennen, dass der Begriff Kraft kein empirisches Ding verkörpert. Es gibt sie nicht, wie es einen Baum oder andere Dinge gibt. Und doch wohnt sie der physikalischen Wirklichkeit unserer Welt als Wirkprinzip inne. Erkenntnistheoretisch ergeben sich weitreichende Parallelen zum Konzept der Seele bei Aristoteles oder den Triebbegriffen der Moderne. Auch diese sind keine Dinge oder objektive Gegebenheiten. Und doch zeigen sie sich in ihren Wirkungen in der belebten Welt. Der Begriff der Kraft repräsentiert also nichts objektiv Gegebenes, sondern es handelt sich um eine Erkenntnis, ein Konzept (TvE 2003, S. 41 ff.).

Kräfte erzeugen Wirkungen! Sie sind aber nicht beobachtbar. Vielmehr wird die Annahme einer Wirkkraft postuliert, um systematische Beobachtungen zu erklären. So erklärt die Annahme der Gravitationskraft das Verhalten von Objekten auf der Erde und im Weltall, ohne dass die Gravitationskraft an sich direkt beobachtbar oder messbar ist. Beobachtbar und messbar sind nur physikalische Phänomene wie die Bewegungen von Körpern oder die Abweichung der Ausdehnungsrichtung von Licht im Weltall bei der Passage schwarzer Löcher. Die Gravitationskraft ist eine Grundannahme, ein theoretisches Konstrukt, welches diese Beobachtungen widerspruchsfrei erklären kann und auf deren Grundlage Voraussagen über das zukünftige Verhalten von Objekten gemacht werden können.

Ganz analog verhält es sich mit Begriffen wie Triebkräften. Auch wenn die Komplexität der beobachtbaren Wirklichkeit im Bereich des Lebens viel höher ist als etwa in der Astronomie oder der klassischen Physik, so ist das Grundprinzip der Erkenntnis identisch (TvE 2003). Die Annahme bzw. die axiomatische Setzung oder das Postulat eines Lebenstriebs erklärt die vielen Beobachtungen zum Verhalten von Lebewesen insgesamt. Die Annahme des Sexualtriebs erklärt das Sexualverhalten von Lebewesen. Und wie sich weiter unten zeigen wird, kann die Annahme eines transzendenten Triebs transzendente Verhaltensweisen von Lebewesen – insbesondere Menschen – erklären.

In der Evolutionstheorie ebenso wie in der Physik und in der Psychologie sind Kräfte also (psychobiologische) Konstrukte, konzeptionelle Erklärungshypothesen, die systematische Beobachtungen von Ereignissen grundlegend erklären können. Sie erlauben auch Aussagen über zukünftiges Verhalten von Objekten oder Lebewesen. Die Gravitationskraft erklärt die Bewegungen der Objekte im Weltall und auf der Erde. Der Lebenstrieb erklärt das Verhalten der Lebewesen in ihrem Drang nach Leben, Überleben und Fortpflanzung.

So wie das Konzept der Gravitationskraft ein theoretisches Konstrukt zur Erklärung von Bewegungen physikalischer Objekte ist, ist der Lebenstrieb ein Konstrukt zur Erklärung von Bewegungen (Verhalten) lebendiger Objekte.

1.3.2 Vom Trieb zum Ziel – was meinen motivationale Begriffe?

Weiter oben wurden verschiedene Theorien zur Erklärung des Verhaltens von Lebewesen von Aristoteles über Freud bis Maslow vorgestellt. In diesem Kapitel soll eine Systematik der verschiedenen in der Alltagssprache üblichen Begriffe zur Erklärung von Verhalten entwickelt werden. Was bedeuten und worin unterscheiden sich Begriffe wie Trieb, Bedürfnis, Motiv, Ziel? Offensichtlich thematisieren all diese alltagssprachlichen Begriffe Bewegkräfte und Erklärungsversuche für beobachtbares Verhalten. Aber was haben sie gemeinsam, was unterscheidet sie und wie sollen sie hier in diesem Text verstanden werden?

Triebe

Der Triebbegriff ist ein globales Konstrukt zur Erklärung von beobachtbaren Verhalten von Lebewesen aller Art.

Der globale Lebenstrieb beschreibt als Setzung bzw. Grundannahme (axiomatisches Konstrukt) die nicht weiter begründbare Bewegkraft hinter der empirisch beobachtbaren Tatsache, dass Lebewesen sich im Allgemeinen so verhalten, dass sie versuchen, zu überleben und das Leben geschlechtlich oder ungeschlechtlich an spätere Tochtergenerationen weiterzugeben.

Als enger gefasster Begriff wie z. B. beim Sexualtrieb beschreibt er eine eingegrenzte Gruppe von Verhaltensweisen verschiedener Spezies, nämlich die Sexualverhaltensweisen. Als triebgesteuerte Verhaltensweisen werden in der Alltagssprache solche Verhaltensmuster beschrieben, die in klar erkennbaren und für den jeweiligen Trieb typischen Zusammenhängen (Triggerreize oder -situationen) in typischer und musterhafter, stereotyper Art und Weise bei fast allen Individuen einer Art, aber auch über die Artgrenzen hinweg beobachtet werden können. Beispiele wären Verhaltensmuster der Nahrungsaufnahme, der Sexualität, des Territorialverhaltens (Reviere verteidigen) oder Formen aggressiver Verhaltensweisen (z. B. furchtinduzierte Aggression, mütterliche Aggression). Solche Verhaltensmuster können nicht nur innerhalb der Individuen einer Art, sondern auch über Artgrenzen hinweg als musterhaft sehr ähnlich beobachtet werden. Insofern ist es wahrscheinlich, dass sie der neurobiologischen Organisation der Körper der entsprechenden Lebewesen entspringen.

Der Triebbegriff nimmt dabei im Gegensatz zum Begriff der Bedürfnisse eine objektive Perspektive ein. D. h. er beschreibt die entsprechenden Verhaltensweisen von außen und unter Abstraktion von der subjektiven Erlebensperspektive. Triebe können, müssen aber nicht bewusst sein. Die Triebsteuerung von Verhalten ist nicht abhängig davon, dass sie dem sich verhaltenden Individuum zum Zeitpunkt des Verhaltens bewusst ist. Bei Menschen ist sie dem reflektierenden Bewusstsein aber häufig zugängig, d. h. der Einfluss, den z. B. der Sexualtrieb auf das eigene Blickverhalten oder Blickpräferenzen hat, kann erkannt, dadurch aber nicht abgestellt werden. Dennoch können Menschen diesem triebhaften Einfluss etwa des Ernährungs- oder Sexualtriebs entgegenwirken, indem sie die durch den Trieb verursachten Verhaltenspräferenzen unterdrücken. Der Wirkkraft des Triebes an sich gegenüber sind sie aber unfrei, d. h. sie können ihn nicht willentlich abstellen.

Weiter ist festzustellen, dass sich der Triebbegriff nicht auf Individuen, sondern auf Klassen oder Gruppen bezieht. Der Lebenstrieb bezieht sich auf alle Lebewesen bzw. das Leben an sich. Die fundamentalen Triebe (Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung), die Aristoteles der vegetativen Seele zuordnete, beziehen sich ebenfalls auf alle Lebewesen. Die höheren Triebe, die Aristoteles etwa der animalischen (Bewegung, Kampf) oder menschlichen Seele (Erkenntnis, Verstand) zugeordnet hat, kommen nur einer Untergruppe von Lebewesen zu.

Eine Sonderform der Triebe stellen die Instinkte dar. Bei diesen auch als Naturtrieb bezeichneten Verhaltensweisen lösen bestimmte Schlüsselreize, z. B. die Wahrnehmung der Silhouette eines Raubvogels bei Küken, stereotype Verhaltensmuster wie z. B. ein Fluchtverhalten aus. Das Besondere der instinktiv-triebhaften Verhaltensweisen ist darin zu sehen, dass vergleichsweise spezifische Verhaltensmuster, wie z. B. Greifverhalten bei einem vorgehaltenen Finger bei einem Säugling oder das Fluchtverhalten junger Küken, durch charakteristische Schlüsselreize ausgelöst werden können. Instinkthafte Verhaltensweisen gelten als Paradebeispiele für angeborenes Verhalten. Tabelle 1.1 fasst die Systematik der verschiedenen Begrifflichkeiten zusammen ( Tab. 1.1).

Der Triebbegriff erklärt Verhaltensmuster von ganzen Klassen von Lebewesen und nimmt dabei eine objektive Perspektive ein. Triebhafte Verhaltenskräfte sind primär nicht bewusst und das sich verhaltende Lebewesen ist der Wirkkraft des Triebes gegenüber grundsätzlich unfrei.

Emotionen (Gefühle)

Manch einen Leser mag es vielleicht verwundern, an dieser Stelle die Emotionen bei den Bewegkräften des Lebens erwähnt zu sehen. Bei genauer Analyse ist dies aber der Fall. Emotionen sind Phänomene, die aus der objektiven Perspektive bei anderen Lebewesen (Menschen wie höheren Tieren) beobachtet werden können,

Tab. 1.1: Eine Systematik der Bewegkräfte von Verhaltensweisen von Lebewesen


Begriff Konzept KonstruktZugehörige BegriffeUmfangKontext AuslöserPerspektiveBewusstseinsgradVerhaltensbeispielFreiheitsgrad

aber auch dem Selbsterleben jedes Menschen gut zugänglich sind. Der lateinische Begriff »emovere« (= in Bewegung setzen, aufwühlen) drückt die verhaltensrelevante Wirkkraft von Emotionen auch noch unmittelbar aus, obwohl dies vielen nicht bewusst ist. Beim deutschen zugehörigen Begriff der Gefühle muss unterschieden werden zwischen sensorischem Fühlen und der Stimmung. Das Fühlen bezeichnet eine sensorische Tätigkeit, etwa wenn über Rezeptoren in der Haut Kälte, Wärme, Vibration oder Berührung wahrgenommen wird. Der Begriff der Stimmung beschreibt übergeordnete, länger andauernde Zustände eines Lebewesens, die die Wahrscheinlichkeit bestimmter Gefühle erhöhen, selber aber noch keine Gefühle sind. Die Stimmung ist nicht situationsabhängig, sondern überdauernd. So kann eine Wahnstimmung oder eine depressive Verstimmung dazu führen, dass in bestimmten Situationen negative Gefühle wie Angst, Schuld oder Misstrauen mit höherer Wahrscheinlichkeit ausgelöst werden. Die Stimmung an sich ist aber nicht bezogen auf eine bestimmte Situation des Lebens, sondern überspannt einen längeren Zeitraum.

Das Gefühl ist dagegen ein situationsbezogenes Phänomen. In einer bestimmten Situation des Lebens eines Lebewesens wird von einer bestimmten situativen Reizkonstellation Angst, Furcht, Freude, Lust oder Ekel ausgelöst. Da die Grundemotionen des Menschen einen starken Ausdruckscharakter haben und etwa an den Gesichtsausdrücken ablesbar sind, können zumindest die Grundemotionen auch gut aus objektiver Perspektive von außen beobachtet und analysiert werden. Gleichzeitig haben Emotionen immer auch eine stark subjektive Komponente des Selbsterlebens. Schließlich sind Emotionen immer verhaltensrelevant. So führt Angst zu Rückzugsverhalten oder Aggression, Ekel zu Rückzug oder dem Ausspucken von einverleibten Dingen, Überraschung zu einer Orientierungsreaktion und Lust und Freude zu einem Annäherungsverhalten. Emotionen sind nicht zwingend bewusst, können bei Menschen aber bewusst werden.

Evolutionsbiologisch können Emotionen als frühe, nicht-analytische Formen der Erkenntnisbildung verstanden werden. Komplexe Reizkonstellationen, mit denen emotionsbegabte Tiere konfrontiert werden, werden implizit, d. h. nicht-analytisch bewertet und in Form nicht-analytischer Konzepte (eben den Emotionen; TvE 2003, Kap. 6.17) verhaltensrelevant. Die Emotion Angst etwa kann bei einer Antilope als Reaktion auf die Wahrnehmung eines angreifenden Löwen als einfache Form einer Erkenntnisbildung verstanden werden, die durch das emotionale Ausdrucksverhalten auch an andere Lebewesen insbesondere der eigenen Art kommuniziert werden kann. So kann eine Antilope, die den angreifenden Löwen nicht bemerkt hat, über die Kommunikation der Emotion die in der Situation richtigen Erkenntnisse generieren und ihr Verhalten so anpassen, dass es dem eigenen Überleben dient.

Das emotionale Erkenntnissystem ist evolutionsbiologisch viel älter als das analytische Erkenntnissystem höherer Säugetiere, insbesondere des Menschen. Neurobiologisch wird die emotionale Informationsverarbeitung mit dem sog. limbischen System, einer evolutionsbiologisch vergleichsweise alten Hirnstruktur in Zusammenhang gebracht (MacLean 1990). Dazu passend können auch schon bei evolutionsgeschichtlich vergleichsweise alten Wirbeltieren emotional anmutende Verhaltensweisen beobachtet werden. Die analytischere Form der Erkenntnisbildung, wie man sie beim Menschen findet, ist dagegen an die Entwicklung des Neokortex gebunden, die man vor allem bei den Primaten, Menschenaffen und insbesondere beim Menschen findet (Heimer et al. 2008).

Als nicht- oder präanalytische Formen der Erkenntnis sind Emotionen vor allem bei Tieren, bei denen das emotionale Gehirn nicht durch das analytische Gehirn (Neokortex) überformt wurde, vergleichsweise unmittelbar in die Verhaltenssteuerung eingeschaltet. D. h. Emotionen wie Angst rufen vergleichsweise direkt und ungehemmt typisches Flucht- oder Kampfverhalten hervor (Flight-Fight-Reaktion) oder Emotionen wie Ekel führen vergleichsweise unmittelbar zu einem Rückzugsverhalten oder ausspuckende Verhaltensweisen. Bei Lebewesen wie dem Menschen, bei dem das emotionale oder auch limbische Gehirn durch das analytische Gehirn (Neokortex) überformt wurde, können emotionale Verhaltensimpulse dagegen unterdrückt und moduliert werden. Gerade diese Fähigkeit, verschiedene Verhaltensimpulse gegeneinander abzuwägen, spontan präformierte, triebgesteuerte Verhaltensmuster zu unterdrücken oder gezielt nach analytisch benennbaren Kriterien und Gründen zu steuern, macht aus philosophischer Perspektive die Freiheit aus, die im Reich des Lebendigen mit zunehmender Komplexität der Lebewesen erwächst und den Menschen am weitgehendsten von anderen Tieren unterscheidet (TvE 2015).

Dabei ist es ist interessant zu beobachten, dass die natürliche biologische Form der Entwicklung des Lebens und der Arten in der Zeit (Phylogenese) nicht revolutionär, sondern evolutionär vonstattengeht. Damit meine ich die Beobachtung, dass ältere Formen der Organisation von Wahrnehmung, Erkenntnisbildung und Verhaltenssteuerung nicht umgewälzt oder negiert, sondern überformt werden. So hat die Entwicklung analytischer kognitiver Fähigkeiten im Zusammenhang mit der evolutionsgeschichtlichen Herausbildung des Neokortex nicht dazu geführt, dass die älteren Formen der emotionalen Erkenntnisbildung negiert wurden bzw. verschwanden. Vielmehr hat sich das analytische neokortikale Informationsverarbeitungssystem über dem älteren emotionalen Gehirn etabliert. Die neue, evolutionsgeschichtlich jüngere Form des analytischen Denkens operiert also gewissermaßen auf dem älteren emotionalen Betriebssystem, verarbeitet den Input der älteren emotionalen Mustererkennung, gleicht diese mit Elementen der jüngeren analytischen Informationsverarbeitung ab und generiert Erkenntnisse, die beide Aspekte der Informationsverarbeitung beinhalten (Heimer et al. 2008).

Zusammenfassend können Emotionen also als situative, archaische, präanalytische, nicht zwingend bewusste Erkenntnisse verstanden werden, die durch das emotionale Ausdrucksverhalten (Mimik, Gestik, Vokalisation) kommuniziert werden können und unmittelbar verhaltensrelevant sind. Insofern repräsentieren sie kritische Bewegkräfte für das Verhalten von Lebewesen. Im Aristotelischen Denken müssten diese Phänomene am ehesten der animalischen Seele zugeschrieben werden, da sie sich offensichtlich bereits im Tierreich entwickelten.

Die Triebe stellen in Relation zum Emotionsbegriff ein breiteres Konzept dar. Sie repräsentieren generell gültige Wirkkonzepte aus objektiver Perspektive, die situationsunabhängig wirken. Emotionen entwickeln sich dagegen in spezifischen Situationen.

Emotionen sind präanalytische, frühe Formen der situativen Erkenntnisbildung und Erkenntniskommunikation mit unmittelbarer Verhaltensrelevanz, die bei höheren Tieren durch die analytische Informationsverarbeitung überformt werden kann. Als solche müssen sie als Wirkkräfte von Verhalten begriffen werden.

Bedürfnisse

Sprach Freud noch von Lebens- und Todestrieb, Eros und Thanatos, als den beiden großen, übergeordneten (fast schon metaphysischen) Bewegkräften des Lebens, so führte Maslow mit seiner Bedürfnishierarchie eine breitere Theorie über die kritischen Bewegkräfte menschlichen Verhaltens ein. Der Blick war umfassender, genauer und differenzierter. Vor allem aber wählte er eine andere Perspektive. Mit dem Bedürfnisbegriff ging er vom bewussten Selbsterleben von Menschen als Ausgangspunkt seiner Analysen aus. Der Begriff Bedürfnis bezieht sich dabei zwingend auf das Erleben von Individuen. Zwar können die Phänomene des subjektiven Erlebens wiederum Gegenstand einer objektiven Betrachtung werden. Dennoch bleibt die Bedürfnisperspektive eine andere als die der Triebtheorie. Dazu passend entwickelte sich der Triebbegriff auch eher im Kontext der vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie), bei der es um die Erklärung von beobachtbaren Verhalten im Tierreich geht. Bei tierischen Verhalten ist die subjektive Erlebensperspektive aber natürlich zwingend kaum zugänglich wegen der eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten, weshalb der objektive Triebbegriff auch passender erscheint als der von Bedürfnissen als Bewegkraft zur Beschreibung z. B. des tierischen Sexualverhaltens.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Tiere keine Bedürfnisse haben. Ganz im Gegenteil halte ich es für durchaus wahrscheinlich, dass, könnte man das Erleben höherer Säugetiere in einer ähnlich differenzierten Kommunikation wie bei den Menschen erfragen, sich dort ähnliche Parallelen zwischen einer objektiv beschreibbaren Triebdynamik und einer subjektiv erlebten Bedürfnisstruktur ergeben würden. Nur ist eine solche hochdifferenzierte Kommunikation zwischen Mensch und Tier nun einmal (leider) nicht möglich.

Dennoch muss Maslow Recht gegeben werden, dass der Bedürfnisbegriff zur Charakterisierung der Beweggründe menschlichen Verhaltens weitgehend besser geeignet ist als der Triebbegriff. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass mit dem Triebbegriff eben nur objektive, von außen beobachtbare Größen der triebhaften Verhaltenssteuerung beschrieben werden können. Das Innenleben eines Menschen ist nun aber wegen der dramatisch größeren Möglichkeiten der eben nicht nur emotionalen, sondern auch analytischen Erkenntnisbildung so viel größer und differenzierter als das von Tieren, dass zur Beschreibung der entsprechend sich entfaltenden Wirkkräfte der Triebbegriff zu grob und undifferenziert erscheint. Auch ist zumindest beim Menschen die Dynamik dieser Innenwelt durch die Selbstreflexion und Kommunikation erschließbar. Dadurch ergeben sich Erkenntnismöglichkeiten, die mit der objektiven Begrifflichkeit einer Triebdynamik nicht mehr hinreichend erschlossen werden können. Gerade hier ist der Fortschritt in Maslows Denken zu sehen. Durch die Einführung und Beschreibung der menschlichen Bedürfnisse entwickelte er eine differenziertere Begrifflichkeit, die half, psychologische und psychodynamische Wirkprinzipien zu erschließen, welche der Begrifflichkeit einer reinen Triebdynamik im Freud’schen Sinne verschlossen bleiben mussten.

Die prinzipiell subjektiven Bedürfnisse stehen also in einer erkennbaren Beziehung zu den von Freud beschriebenen Trieben. So sind etwa die physiologischen Bedürfnisse direkt aus den homöostatischen Trieben abzuleiten, die im Aristotelischen Denken der vegetativen Seele zuzuschreiben wären. Das Bedürfnis nach Sicherheit entspräche im Aristotelischen Denken der Wirksamkeit der animalischen Seele und im Denken der Triebsystematik dem Überlebenstrieb.6 Denn eine Gefährdung der Sicherheit bedroht natürlich das Leben des Individuums und damit das Überleben der Art.

Soziale Bedürfnisse entwickeln sich dann offensichtlich vor allem bei sozial lebenden Tieren. Insofern, als dass sie vor allem bei Eltern-Kind-Bedürfnissen viel mit Sicherheit, Schutz und dem Überleben der Art zu tun haben, können sie in einem engen Zusammenhang mit dem Lebens- und Überlebenstrieb gesehen werden. Außerhalb der Eltern-Kind-Dynamik wären sie insbesondere bei sozial und in Gruppen lebenden Tieren zu erwarten wie z. B. Hunden, Affen und natürlich vor allem Menschen. Auch hier kann ein mittelbarer Zusammenhang mit Triebdynamiken wie der des Lebens- und Überlebenstriebs gesehen werden. Aber bereits an dieser Stelle zeigt sich, dass die Begrifflichkeit der Triebtheorie zu weit entfernt ist von den einer empirischen, psychologischen Forschung durch Befragung zugänglichen subjektiven Erlebensweisen, als dass sie ausreichen könnte, die sich hier entfaltenden Phänomene zu erklären. Noch viel mehr trifft dies auf die von Maslow formulierten kognitiven, ästhetischen und transzendenten Bedürfnisse zu. So kann etwa das Streben nach schönen Dingen, Ruhm unter Aufopferung des Lebens, oder einem Märtyrertod für ein religiöses Ziel unter Verweis auf die klassisch etablierten triebhaften Verhaltensweisen kaum noch schlüssig erklärt werden. Hier hat Maslow mit seiner Theorie und Begrifflichkeit Räume eröffnet, die der klassischen Triebtheorie bislang verschlossen blieben.

Der Bedürfnisbegriff greift ähnliche Themen wie der Triebbegriff auf, wählt aber die subjektive Erlebensperspektive. Auf Erlebens- und Verhaltensebene werden subjektive Phänomene und Verhaltensweisen erklärbar, die mit einer reinen Triebtheorie kaum schlüssig begründet werden können.

Motive

In der Alltagssprache wird der Begriff Motiv am ehesten als Beweggrund für eine bestimmte Handlung verstanden. So wird etwa bei Mord nach einem Tatmotiv gesucht, welches den Täter zu seiner Handlung bewegt haben könnte. Solche Motive könnten in ihrer klassischen Form Habgier, Eifersucht, Liebe oder Rache sein. Motive sind also bezogen auf ganz bestimmte Individuen und bestimmte Handlungen, etwa diesen Mord oder Einbruch. Als Beweggründe können Motive bewusst sein, etwa wenn eine Bank aus Habgier ausgeraubt wird oder aber auch unbewusst, etwa wenn ein Kreuzfahrer subjektiv moralische Gründe für seine Handlungen anführt, insgeheim aber von Abenteuerlust, Ehrgeiz oder dem Streben nach Ruhm motiviert ist. Motive sind also nicht immer zwingend vollständig bewusst. Sie sind dem reflektierenden Bewusstsein jedoch zugängig. Motive gehören als benennbare Gründe für die Auswahl von Handlungsalternativen etwa bei der Planung eines Attentats in den klassischen Bereich des freien Verhaltens. Dabei steht die Tatsache, dass Menschen sich selber im Hinblick auf ihre Motivlage etwas vormachen können oder ihnen ihre Motivlagen nur teilweise bewusst sind, der Einordnung als freie Handlung nicht im Wege (TvE 2015, Kap. 7).

Auch wenn die Motive als Beweggründe in den Bereich des freien Verhaltens gehören – insofern, als dass sie beim Abwägen des handelnden Menschen wichtige Orientierungspunkte darstellen –, ist der handelnde Mensch seinen Motiven gegenüber nicht unbedingt frei. So stellen zum Beispiel die emotionalen Beweggründe wie Liebe, Hass, Eifersucht oder Rache Phänomene dar, die die sie erlebenden und erleidenden Menschen nicht ohne weiteres willentlich manipulieren können. Von ihnen gehen auch klare Verhaltensimpulse aus. Das bedeutet in diesen Fällen aber natürlich dennoch nicht, dass das konkrete Verhalten, welches durch solche Emotionen mitbegründet wird, unfrei ist. Dies könnte nur angenommen werden, wenn die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit des Menschen aufgehoben werden. Dieser Punkt wird weiter unten erneut aufgegriffen werden.

In der Motivationspsychologie wird der Motivbegriff teilweise auch verwendet, um situationsübergreifende Persönlichkeitseigenschaften von Menschen zu beschreiben (Heckhausen & Heckhausen 2018). Dies ist insofern nachvollziehbar, als dass etwa die Eifersucht, die Motiv für einen bestimmten Mord sein kann, die Habsucht, die Motiv für einen Raubüberfall ist oder die Ängstlichkeit, die dazu führt, dass ein anderer Mensch sich bei Kritik immer wieder zurückzieht, meist nicht nur die einzelne Tat begründen, sondern immer wieder auch in anderen ähnlichen Situationen als wichtige Bewegkraft bei solchen Menschen beobachtet werden können. Menschen neigen mehr oder weniger zu Eifersucht, Habsucht, Rache usw. Insofern stellen entsprechend begründete Emotionen wie Wut oder Angst nicht nur situativ ausgelöste Gefühle dar, sondern eben auch überdauernde und ein Stück weit situationsunabhängige Persönlichkeitseigenschaften. In diesem Text soll aber die überdauernde Verhaltensdisposition von Menschen mit dem Begriff der Persönlichkeit und nicht mit dem Begriff des Motivs belegt werden, um den alltagssprachlichen Bedeutungsraum des Motiv-Begriffs besser abzubilden.

Ein Motiv ist ein Beweggrund eines bestimmten Menschen für eine bestimmte Handlung. Wichtige Motive (Beweggründe) können bewusst aber auch vorbewusst sein oder aus dem Bewusstsein verdrängt worden sein (unterbewusst), etwa wenn sie mit moralischen Vorstellungen und Normen in Konflikt geraten.

Ziele

Ziele sind konkrete benennbare Zustände oder Ereignisse, die mit dem Verhalten von Lebewesen erreicht werden können und sollen. So ist es das Ziel des Raubtiers, seine Beute zu erlegen, um diese zu fressen. Das Ziel des Bankräubers ist es, sich mit seinem Diebstahl zu bereichern und es kann das Ziel eines Paares sein, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen. Solche Ziele sind in der Regel individuell, situativ eingebunden, bewusst und mit zielgerichteten Verhaltenssequenzen verknüpft. Zielgerichtete Verhaltensweisen sind die klassischen Beispiele für freies Verhalten (TvE 2015, Kap. 7). Die Tatsache, dass sich beim menschlichen Verhalten bewusste und vorbewusste oder unterbewusste Ziele vermischen und dass es auf subjektiver Ebene zu Täuschungen im Hinblick auf die eigene Motivation ausgewählter Verhaltensweisen kommen kann, widerlegt nicht die Freiheitsannahme entsprechender Verhaltenssequenzen (ebd., Kap. 8.2).

Diese Definition von Zielen mag manch einem Leser trivial erscheinen. Dabei ist sie ein fundamentaler Punkt, der die Methodik von Wissenschaften wie der Biologie oder Psychologie von klassisch physikalisch orientierten Wissenschaften unterscheidet. Es ist eines der großen Ziele der modernen Wissenschaft gewesen, auf die Zielursache zur Erklärung von Phänomen der Welt zu verzichten (TvE 2003, Kap. 5.3). Dies ist nachvollziehbar angesichts der geschichtlichen Erfahrung, dass komplexe Gegebenheiten in der vorwissenschaftlichen Ära animistisch als durch göttlichen Willen verursacht erklärt wurden. So erfolgreich dieser Ansatz aber in der Wissenschaft der nicht-belebten Natur war, so wenig konnte er überzeugende Theorien und Konstrukte zur Erklärung der Phänomene des Lebens hervorbringen. Selbst die in diesem Zusammenhang herausragende Evolutionstheorie konnte zwar die Diversifizierung der Arten mithilfe des Konzepts der natürlichen Selektion und der Annahme eines diese mitbegründenden Überlebenskampfes überzeugend erklären und empirisch erhärten. Aber auch sie kann auf das unausgesprochene, implizite, zielgerichtete Grundaxiom, den Lebens- und Überlebenstrieb, nicht verzichten ( Kap. 3.1).

Viele alltägliche Verhaltensweisen von Tieren und Menschen, erfüllen nicht die Kriterien freier Verhaltensweisen (TvE 2015, Kap. 7). Ebenso wurde an anderer Stelle bereits herausgearbeitet, dass Verhaltensweisen nicht entweder frei oder unfrei sind, sondern vielmehr dimensional als mehr oder weniger frei verstanden werden müssen (ebd., Kap. 8.1).

Gleichzeitig sind es aber nicht die unfreien Verhaltensweisen, die die Menschen und die meisten Leser dieses Buches und eben auch mich hier interessieren, sondern jene, die zumindest dem Grenzbereich der Freiheit zuzuordnen sind. Warum treffen die Menschen ihre zentralen Lebensentscheidungen so und nicht anders? Welche Beweggründe leiten sie bei ihren Entscheidungen? Welche Motive beeinflussen die Überlegungen, wenn zwischen alternativen Verhaltensoptionen ausgewählt wird? Welchen Täuschungen sitzen sie bei ihren Abwägungsprozessen auf? Welche Rolle spielen Kultur, Weltanschauung, Religion und Moral in diesem Zusammenhang?

In diesem Diskurs spielen die Verhaltensziele eine entscheidende Rolle. Denn sie geben den teilweise hochkomplexen Verhaltenssequenzen der Menschen die entscheidende Richtung.

Zielgerichtetes Verhalten unterscheidet die belebte von der unbelebten Welt. Ziele werden hier verstanden als überwiegend bewusste, konkrete, benennbare, situative Zustände oder Sachverhalte, zu deren Erreichen bestimmte Verhaltensweisen von Lebewesen initiiert werden.

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0+
Release date on Litres:
03 September 2025
Volume:
283 p. 22 illustrations
ISBN:
9783170346673
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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