Read the book: «Heimkehr zu den Dakota»

Font::

Liselotte Welskopf-Henrich

Heimkehr zu den

Dakota

Die Söhne der Großen Bärin IV

Roman

Palisander

eBook-Ausgabe

© 2015 by Palisander Verlag, Chemnitz

Erstmals erschienen 1951/​1963 im Altberliner Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Covergestaltung: Anja Elstner unter Verwendung einer Zeichnung von Karl Fischer

Mit einer Illustration von Herbert Prüget

Lektorat: Palisander Verlag

Redaktion & Layout: Palisander Verlag

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

ISBN 978-3-957840-06-6 (e-pub)

ISBN 978-3-957840-07-3 (mobipocket)

www.palisander-verlag.de

Die Söhne der Großen Bärin

1. Band: Harka

2. Band: Der Weg in die Verbannung

3. Band: Die Höhle in den schwarzen Bergen

4. Band: Heimkehr zu den Dakota

5. Band: Der junge Häuptling

6. Band: Über den Missouri

Liselotte Welskopf-Henrich (1901 - 1979) war eine deutsche Schriftstellerin und Wissenschaftlerin. In den Jahren der Naziherrschaft war sie am antifaschistischen Widerstandskampf beteiligt. Ihre Erfahrungen aus der Weimarer Republik und dem »tausendjährigen Reich« verarbeitete sie in ihren Romanen »Zwei Freunde« und »Jan und Jutta«. 1951 erschien die Urfassung ihres Indianerromans »Die Söhne der Großen Bärin«, den sie später zu einem sechsteiligen Werk erweiterte. 1966 erschien »Nacht über der Prärie«, der weltweit erste Gesellschaftsroman über die Reservationsindianer im 20. Jahrhundert. In den folgenden Jahren, bis zu ihrem Tod, entwickelte sie diese Thematik in vier weiteren Bänden weiter. Darüber hinaus war sie seit 1960 Professorin für Alte Geschichte an der Berliner Humboldt- Universität und seit 1962 Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Sowohl als Wissenschaftlerin als auch als Schriftstellerin fand sie internationale Anerkennung. Die Stammesgruppe der Oglala verlieh ihr für ihre tatkräftige Unterstützung des Freiheitskampfes der nordamerikanischen Indianer den Ehren- Stammesnamen Lakota-Tashina, »Schutzdecke der Lakota«.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Die Söhne der Großen Bärin

Das Abschiedsfest

Union Pacific

Adlerjagd

Die Probe

Der Hengst im Moor

Sonnenopfer

Die Verstoßenen

Das Blockhaus

Ein Sohn der Großen Bärin

Fußnoten

Weitere Bücher

Das Abschiedsfest

Es war Morgen, und Joe Brown saß in seiner Barackenkammer. Diese Baracke war ein gutes Stück weiter westwärts aufgeschlagen als drei Jahre zuvor, und es führte schon ein Eisenbahngleis bis zu dem Baulager, zu dem die Baracke gehörte. Ein Materialzug wurde erwartet; er sollte in der bevorstehenden Nacht ankommen und am Tag darauf wieder zurückfahren.

Brown war allein in der Kammer, saß auf seinem Feldbett und rauchte schon die dritte Zigarre. Seine Arbeit hatte er abgeschlossen und alle Pläne und Berechnungen dem Nachfolger übergeben. Er hatte an diesem letzten Tag seines Aufenthaltes an der Präriestrecke der im Bau befindlichen Union Pacific nichts mehr zu tun. Am kommenden Tag wollte er mit dem Materialzug die bereits fertige Strecke nach Osten zurückfahren. Er hatte eine Berufung in die Zentrale der Bauleitung erhalten, um an maßgebender Stelle an dem Endspurt um die Fertigstellung der Bahn mitzuwirken. Es standen bis dahin sowohl technisch als auch organisatorisch noch sehr schwierige Aufgaben bevor. Die Bahnstrecke wurde gleichzeitig von Osten und von Westen her gebaut; in den Rocky Mountains sollten sich die Strecken treffen, und da sie an zwei verschiedene Baugesellschaften im Wettbewerb vergeben worden waren, nahmen das Tempo und die Rücksichtslosigkeit, mit denen gebaut wurde, zuweilen groteske Formen an. Joe Brown traute man die nötige Energie und auch die notwendige Erfahrung zu; man hatte sich seiner erinnert.

Joe studierte das Schreiben, mit dem er berufen wurde, noch einmal und steckte es weg. Er war nicht gewohnt, nichts zu tun zu haben; der eine einzige Tag der Untätigkeit wurde ihm bereits am Morgen zu viel. Seinen Nachfolger hatte er eingeführt, und wenn er auch gern gewusst hätte, ob dieser seine Obliegenheiten in Browns Sinne wahrnahm, so kam er sich bei dem Wunsch zu kontrollieren doch lächerlich vor. Er wusste nicht, was er mit den Stunden anfangen sollte, die für ihn nicht frei, sondern nur leer waren. Henry war nicht verfügbar. Er bereitete die Abschiedsfeier vor, die am Abend für Joe Brown stattfinden sollte. Der Leiter des Lagers, Taylor, war beschäftigt. Die Ingenieure hatten alle zu tun. Die Kundschafter waren auf der Strecke unterwegs, um den erwarteten Materialzug gegen etwaige Angriffe der Indianer zu sichern. Alle machten sich nützlich, nur Joe Brown saß in seiner Kammer und rauchte. Er kam sich vor wie ein Gefangener, der nicht arbeiten durfte. Durch die unablässige Anspannung der letzten Jahre waren seine Nerven überreizt. Er wäre imstande gewesen, sich schon am frühen Morgen zu betrinken, wenn ihm nur jemand Branntwein gebracht hätte. Aber Daisy, die Kellnerin, schien ihn auch schon vergessen zu haben. Er reiste morgen ab, und sie musste sich künftig die Trinkgelder anderer zahlungskräftiger Kunden sichern.

Joe Brown spuckte aus. Er spuckte ohne Bedenken auf den Boden, denn er brauchte ja nur noch eine Nacht in dieser Kammer zu schlafen! Falsch; er brauchte überhaupt nicht mehr in dieser Kammer zu schlafen, die kommende Nacht wurde durchgefeiert. Und dann stieg er mit Henry in den Zug, der ostwärts fuhr ... zu der Stadt, und in der Stadt war ein Büro mit Vorgesetzten, die noch nie den Wilden Westen gesehen hatten ... und in der Stadt wohnte die Familie, die Joe kaum mehr kannte ...

Brown spuckte noch einmal, machte dann das Fenster auf und schaute hinaus. Es war windig und staubig draußen, und er wusste, dass er in der Stadt diesen Wind und diesen Staub der Prärie vermissen würde.

Nun hatte Daisy ihn doch erspäht und seinen Wunsch erraten. Ihr Gesicht war am Fenster der Küche erschienen, und gleich darauf kam sie mit einer Flasche Whisky zu dem Fenster von Browns Kammer. Sie war sehr jung, hatte eine fettige Haut, und ihr Haar war lange nicht gewaschen, aber ihre Augen waren lustig und ihre Nase kurz und keck.

»Jetzt schon trinken?«, fragte sie, als sie dem Ingenieur die Flasche gab und das Geldstück dafür einkassierte, nicht ohne einen Blick darauf geworfen und festgestellt zu haben, dass Joe heute freigebig war.

»Abschiedsschmerz, Daisy.«

»Ich heiße nicht Daisy. Für dich schon gar nicht. Vicky heiße ich.«

»Vicky passt nicht zu dir. Daisy ... der Whisky tötet den Abschiedsschmerz. Hol dir auch einen Becher!«

»Das Trinken gewöhne ich mir noch nicht an, das ist was für die alten Herren. Ich kenne noch keinen Abschiedsschmerz und brauche keinen Brandy, um ihn wegzuspülen.«

»Als ich so jung war wie du, war ich auch so frech. Die Jahre gehen hin.«

»Wenn du heute Abend auch solche Trauerlieder singst, wird’s aber langweilig!«

Joe trank aus der Flasche. »Heut’ Abend kommt’s doch nicht auf mich an. Das ist nur eine Gelegenheit, damit sie alle saufen können!«

»Wenn’s dabei bleibt, ist es ja gut.«

»Wieso soll es nicht ... was willst du damit überhaupt sagen?«

»Ich habe die letzte Messerstecherei noch nicht vergessen. Blut, das mag ich nicht sehen. Es wird mir schlecht dabei. Wenn ich nur daran denke, wie der Mackie gebrüllt hat, als ihm die Klinge überm Ohr saß wie dem Schreiber der Bleistift ..., ich könnte gleich noch mal speien.«

»So zarte Saiten auf deiner Geige? Willst du morgen mitkommen in die Stadt?«

»Aber nie und nimmer. Der Mackie ...«

»Ach so. – Aber ich glaube auch nicht, dass es heute wieder so heiß hergehen wird. Wir fangen erst um Mitternacht zu trinken an, nachdem der Zug angekommen ist. Bis dahin müssen wir alle nüchtern bleiben. Von Mitternacht dann bis zum Morgen – hat sich ein richtiger Grenzer noch nicht mal warm gesoffen! Und die Sache mit der langen Lilly ist entschieden, Hahnenkampf-Bill hat allein ein Anrecht auf sie.«

»Hoffen wir’s, dass es dabei bleibt. Also bis Mitternacht!« Daisy-Vicky kicherte schnippisch und lief zur Küche zurück.

Joe Brown nahm noch ein paar Schlucke Whisky und erging sich dann im Freien. Er konnte nicht den ganzen Tag in der Bude sitzen.

Als er lange beim Gleis stand und über die Strecke, die schon gebaut war, ostwärts zurückschaute, hörte er Hufschläge, und bald darauf tauchten Reiter auf, allen voran Jim, hinter ihm noch drei Mann, unter denen Joe den Hahnenkampf-Bill und einen kleinen, auch von weitem schon in seiner Kleidung schmierig wirkenden Mann erkannte. Die Reiter hatten ihre Pferde abgetrieben. Sie kreuzten das Gleis und ritten zum Stationslager, wobei sie unmittelbar an Joe vorbeikommen mussten. Sie ließen die Tiere in Schritt fallen, und da Jim bei Joe Brown haltmachte, hielten alle an.

»Morgen«, grüßte Red Jim. »Schon aufgestanden, der künftige Herr Chefingenieur der Union Pacific?«

»Aufgestanden«, antwortete Joe. Er ging dabei auf Jims Ton ein. »Aber ganz überflüssigerweise! Die Schwellen unter dem Gleis, die Grashalme auf der Prärie oder die Bretter in der Bude zählen – kommt letzten Endes auf eins hinaus.«

»Möcht ich auch mal sagen können, dass ich nicht zu arbeiten brauche. Aber du wirst sehen, es gibt wieder eine große Schweinerei. Ein Haufen versteckter Fährten ...«

»Wollen die Dakota an meiner Abschiedsfeier teilnehmen?!«

Jim lachte kurz auf, gekünstelt, ohne Übergang; es war mehr wie ein Hohnschrei. »Könnte sein! Die Dakota denken vielleicht, sie gehören wirklich dazu, und es fehlt dir etwas, wenn sie nicht kommen. Hast du nicht wieder mal Lust auf ein Fischgericht im Dakotaland?«

»Bleib mir drei Schritt vom Leibe mit solchen Witzen.«

»Auf Wiedersehen um Mitternacht! Hoffentlich nicht früher. Ich habe Lust, gründlich und lange zu schlafen. Wenn der Zug nur erst da wäre! Dann wird mir leichter zumute sein.« Jim trieb sein Pferd wieder an, die anderen folgten ihm, und Joe blieb allein beim Gleis zurück.

Jeder Indianerüberfall bedeutete nicht nur Gefahr, sondern auch Verzögerung. Es durfte aber nicht eine Stunde verloren werden, sonst hatte die Konkurrenz ihre Strecke eines Tages früher fertig, und der ausgesetzte Preis ging der Gesellschaft, für die Joe arbeitete, verloren. Joe strengte Augen und Ohren unwillkürlich schärfer an, obgleich das zur gegenwärtigen Tageszeit völlig unnütz war.

Als Red Jim auf dem Hauptplatz des Zelt- und Barackendorfes angelangt war, sprang er ab und verabschiedete zwei Mann. Diesen beiden gab er sein Pferd sowie das des Hahnenkampf-Bill mit. Bill bedeutete er mit einem Blick, er möge ihn begleiten.

Red Jim bewohnte eine Kammer für sich allein. Niemand wusste, wie er zustande gebracht hatte, was nicht einmal die Ingenieure oder der Leiter des Stationslagers erreichen konnten, aber es gab auch niemanden, der sein Vorrecht antastete. Die Kammer war winzig klein, doch hatte Jim sich sogar Doppelwände eingebaut. Wozu diese dienen sollten, wusste auch niemand. Wenn ihn je einer danach fragte, behauptete Red Jim, des Nachts so heftig zu träumen, dass er eine einfache Wand leicht einmal einschlagen könne.

Die Tür zu Jims Kammer war verschließbar. Jim schloss auf. Das Fenster war mit einem Nesseltuch verhängt, das undurchsichtig war, aber für den Inhaber der Kammer Licht genug hereinließ. Der bartlose rothaarige Scout ließ Bloody Bill zuerst eintreten, während er selbst die Tür noch in der Hand behielt. »Setz dich schon hin«, sagte er, »ich bringe noch einen.«

Bill ließ sich auf das Bett nieder.

»Wen bringst du?«, wollte er wissen. »Einen Drink?«

»Nein, du Whiskyfass. Den Charlemagne.«

»Was? Wen?«

»Du hast schon recht gehört. Er ist gestern eingetroffen.«

»Und ich ...«

»Und du, sein bester Freund, musst das erst durch mich erfahren! So ist das Leben. Also, einen Moment!« Jim verschwand.

Bill knurrte und steckte sich eine Pfeife an. Er war eine Nacht und einen Tag auf Kundschafterdienst gewesen und müde wie ein Hund. Wenn er schon nicht schlafen sollte, wollte er wenigstens trinken. Hoffentlich hegte Charlemagne den gleichen Wunsch! Das Wiedersehen nach so langer Zeit musste begossen werden.

Jim kam bald mit dem Erwarteten zurück und hieß ihn, sich zu Bill zu setzen. Dann holte er Fleisch und Branntwein unter seinem Bett hervor und teilte aus.

Als die drei geschmaust und getrunken hatten, fragte Bill seinen ehemaligen Kundschafterkollegen Charlemagne: »Wo kommst du denn auf einmal wieder her? Verschwindest plötzlich und tauchst wieder auf, kein Mensch weiß, wieso und warum! Sonderbare Figur bist du.«

»Im Norden wurde mir’s doch zu langweilig. Ich hatte auch Sehnsucht nach dir.«

»Du denkst wohl, ich glaube dir alle Lügen. Meinst du, ich habe nicht gesehen, wie dich der zahnlose Ben, dieser Gauner, damals ausstaffiert hat? Das hat er doch nicht umsonst getan! Pferd, Büchse, Revolver, Kleider – und du konntest ihm nicht einen Cent dafür bezahlen!«

Red Jim grinste, überlegen, aber auch misstrauisch. »Charlie«, mischte er sich ein. »Was muss ich da hören? Ben hat dir mehr gegeben, als ich für dich bestellt hatte! Du hast versucht, Privatgeschäfte zu machen, mein Lieber. Dabei hast du die größte Dummheit deines Lebens begangen.«

Charlemagne war es ungemütlich zwischen seinen beiden Partnern. Als sie anfingen, alte Geschichten aufzuwärmen, wünschte er sie alle beide in das Land, wo der Pfeffer wächst. Aber nachdem er sich wieder in den Süden gewagt hatte, musste er auch die alten Freunde wieder in Kauf nehmen; es half nichts. »Ich weiß nicht, wovon du redest«, sagte er zu Jim.

»Dann will ich dir das erklären. Du bist’s, der uns den Harry auf den Hals gehetzt hat. Wie konntest du denn nur auf den Gedanken kommen, den verdammten rothäutigen Bengel wieder von den Blackfeet wegzuekeln?! Ich hatte Vater und Sohn fein säuberlich getrennt – Top hier, Harry dort –, du flickst sie wieder zusammen. Etwas noch Dümmeres konntest du wirklich nicht machen! Du hast dir wohl eingebildet, du könntest dir den Harry angeln, so wie ich mir den Top?«

»Was? Ich hab doch nie ...«

»Jetzt hör aber auf! Ich kenne die ganze Geschichte. Ich bin Tops Freund, vergiss das nicht! Und wenn du deines Lebens hier froh werden willst, Charlie mit dem Knebelbart, so versuche kein einziges Mal mehr, mir was vorzuflunkern. Mir nicht! Den Harry haben wir jedenfalls jetzt hier; wie ’ne Klette hängt er an seinem Alten und macht uns das Leben sauer. Irgend etwas muss geschehen, sonst kommen wir überhaupt nicht weiter. Fünf Jahre ...«

»Was, fünf Jahre?«

»Seit fünf Jahren wird an dieser Bahn hier herumgemessen und herumgebaut«, wich Jim aus. »Nächstes Jahr ist sie fertig. Dann kommt der große Strom ... Vorher müssen wir unser Schäfchen im Trockenen haben. Sonst können wir packen und gehen.«

»Was für’n Schäfchen denn?«

»Wenn ihr beide nicht so verdammt unzuverlässig wäret, könnte ich deutlicher werden. Ich sage euch nur so viel: Mit Top allein ließe sich jetzt was machen. Aber der Junge muss weg!«

Charlemagne und Bill, die rechts und links von Jim saßen, schauten den Mann in ihrer Mitte aus den linken beziehungsweise rechten Augenwinkeln an.

»Aha!«, sagte Bill.

»Aha!«, sagte Charles. »Also weiß der Top doch was. Aber warum hast du dir das Gold noch nicht allein geholt? Hattest doch fünf Jahre Zeit, und Top ist dein Freund!«

»Du redest, wie du’s verstehst. Ich hab mir das selber angesehen. Top muss die Spinnfäden seiner dummen indianischen Ehrbegriffe zerreißen und mitmachen, sonst wird es nichts, und der Junge muss vorher aus dem Weg, denn er hasst mich und wird nie eine Silbe verraten. So viel steht fest.«

»Dann mach den Jungen kalt! Sollte dir doch nicht schwerfallen.« Das war Bills Meinung.

»Hab dem Top versprechen müssen, dass ich seinen Jungen nicht anrühre.«

»Du hast in deinem Leben auch noch immer Wort gehalten, was? Red Jim, der Gentleman!«

»Strenge doch den Rest deines Gehirns an, der noch nicht von Brandy überschwemmt ist! Wenn ich den Jungen umbringe, hab ich bei dem Alten verspielt. So geht es nicht, wie du dir das in deinem Hahnenkämpfergemüt vorstellst. Wir brauchen den Top! Ihn allein! Und ihn als Freund.«

»Du musst es wissen. Was gibst du aus, wenn wir den Jungen ohne Aufsehen beiseite räumen?«

»Ihr zwei allein bringt das nicht zustande.«

»Oho! Den bezopften Bengel – siebzehn Jahre, das ganze Bürschchen ..., den wird’ ich mit der linken Hand erledigen!«

»Unterschätze diesen jungen Indsman nicht, Hahnenkämpfer. Aber davon ganz abgesehen, er ist nicht allein, und deshalb schaffst auch du es nicht allein.«

»Er ist ja nicht immer mit dem Vater zusammen.«

»Aber er ist ein ganz raffinierter Bandenchef geworden, der Harry. Sonst wäre die Sache schon längst erledigt, das kannst du mir glauben.«

»Der? Bandenchef? Davon müsst ich ja mindestens auch was gemerkt haben.«

»Was du da sagst, beweist nur, dass der Harry klüger ist als du. Er arbeitet wie ein echter Indsman. Wie man einen Bund aufzieht, ohne dass einer was davon merkt, das verstehen sie. So an ein Dutzend Männer, die dem Harry auf einen Pfiff beistehen, hab ich schon herausgefunden. Es müssen aber noch mehr sein. Und unter uns gibt es irgendein Klatschweib – denn was ich mir auch vornehme, ein paar Stunden später weiß es Harry unter Garantie. Also haltet ihr beide wenigstens den Mund! Denn mit dem Messer ist er verdammt schnell, und seine Augen hat er überall.«

»Hm!«, knurrte Bill.

»Hm!«, brummte Charles.

»Was soll also werden?«, fragte Bill. »Wozu erzählst du uns den ganzen Roman?«

»Heute Nacht, die Abschiedsfeier von Joe, das wäre so eine Gelegenheit. Ich kann noch nicht genau sagen wie, aber ...«

»Nein.« Bill war nicht einverstanden. »Doch nicht öffentlich!«

»Nur öffentlich. Bei einer Rauferei muss es passieren.«

»Er kommt aber nicht zum Trinken. Wie willst du ihn herschaffen?«

»Das ist Joes Sache. Zur Abschiedsfeier! So unhöflich kann selbst ein Harry nicht sein, ganz davon wegzubleiben.«

»Darf Joe etwas wissen?«

»Nein! Nie und nimmer!«

»Schon faul. Aber nehmen wir an, Harry kommt. Der Vater ist auch da!«

»Es muss um eine Sache gehen, bei der der Vater begreift, dass wir uns mit Harry auseinanderzusetzen haben.«

»Die finde mal!«

»Ganz einfach.«

»So?!«

»Ja. Du wirst nie lernen, Bill, einen Indsman zu beobachten. Top ist vernarrt in seinen Jungen, aber gerade darum gibt es einen Punkt ..., einen Punkt, wenn daran gerührt wird, fängt der Alte an zu rasen.«

»Und der ist?«

»Er misstraut Harry. ’ne alte dumme Geschichte ist das, Top hat mir davon erzählt. Als es gegen die Bärenbande ging, die das Wasser und damit eine ganze Expeditionsgruppe von uns vergiftet hatte, wurde der Junge unzuverlässig und wollte seine Schwester oder seine Mutter warnen. Top und Harry stammen doch aus den Zelten der ›Bärensöhne‹– Top kann niemals mehr zurück; er ist verbannt, weil er mein Freund wurde. Er hat aber Angst, dass Harry ihn verlässt und wieder heimfindet ...«

»Und uns verkauft und verrät? Genau das habe ich mir schon lange gedacht!«

»Sobald der Verdacht ausgesprochen wird, leuchtet er jedermann ein.«

»Aber wer spricht ihn aus?«, fragte Charlemagne.

»Keiner von uns!«, rief Bill.

»Nein, keiner von uns«, stimmte Jim zu. »Irgendein harmloses Gemüt.«

»Der Mackie?«, schlug Bill vor.

»Wenn er nicht ängstlich geworden ist«, bedachte Jim. »Dein Messer hinterm Ohr, Hahnenkämpfer, stand ihm nicht gut.«

»Aber darum hält er mich für stark. Dumm ist er auch.«

»Ja, dumm ist er. Man braucht ihn nicht viel wissen zu lassen. Nur eben so viel, dass er im Suff behauptet, der Harry habe heimliche Verbindung mit der Bärenbande ...«

»Hm! Nicht schlecht. Schätze, dass das sogar die Wahrheit ist. Eine Frage nebenbei: Warum hast du denn Joe solche Greuel von versteckten Spuren erzählt? Wir haben doch nichts gefunden, gar nichts! Nicht das geringste!«

»Die Spuren sind eben versteckt.«

»Quatsch nicht. Was hast du für einen Zweck verfolgt?«

»Begreifst du das noch nicht?«

»Ach so. Es dämmert.«

»Selbst bei dir!«

»Wie wird Harry reagieren, wenn Mackie ihm Verrat vorwirft?«

»Das trifft die Stelle, an der Harry empfindlich ist. Also reagiert er sofort mit der Kugel – oder mit dem Messer – je nach der Situation. Wir treten dann für den ermordeten Mackie ein.«

»Das heißt, wir müssen zu mehreren sein und Harry schon vorher isolieren.«

»Das ist das wichtigste. Sobald wir ihn erledigt haben, werden sich seine Freunde nicht weiter rühren. Denn sie halten nur zu ihm, weil sie ihre Vorteile dabei haben, denke ich. Ein Toter aber hat nichts mehr zu vergeben.«

»Du kennst nicht alle seine Freunde.«

»Nein, aber wir kennen uns untereinander. Acht oder zehn Mann unmittelbar zur Hand, das genügt.«

»Und wenn er doch lebend davonkommt?«

»Lassen wir ihn als Totschläger festnehmen und schicken ihn morgen mit dem Zug zurück, vor die Gerichte. Mit Indsmen wird da nicht viel Federlesens gemacht, und im Gefängnis wird ein Indianer keine zwei Jahre älter.«

Bill schüttete noch einen Brandy hinunter.

»Das ist aber der letzte«, sagte Jim. »Sonst erzählst du zu viel.«

»Der letzte vor Mitternacht, so wahr ich sechsundzwanzig Hahnenkämpfe bestanden habe! Vielleicht kommt heute noch der siebenundzwanzigste dazu!«

»Es wird Zeit! Du hast schon weidlich lange Pause gemacht. Aber jetzt ist genug geredet. Ihr wisst Bescheid.«

Jim warf seine beiden Gäste hinaus, zog die Stiefel aus, weil er die Füße auslüften wollte, und legte sich auf das Bett.

Während Red Jim einschlief, führte Bloody Bill seinen Komplizen Charlemagne in das riesige Proviantzelt, in dem Fässer und Kisten gestapelt waren. In einer freien Ecke hatte Bill hier mit zwei Mann sein Quartier aufgeschlagen. Die Ecke war mit Fässern und Kisten gegen Zudringliche abgegrenzt. Decken, Brandyflaschen, Bierkrüge, Fleischtöpfe, alles war hier zusammengetragen.

»Euer Hamsterloch!« Charles grinste.

»Unsere Fuchshöhle. Ich schlaf jetzt ein paar Stunden. Und du?«

»Bin noch nicht eingeteilt. Was kann man hierzulande mit ein paar Stunden anfangen?«

»Leiste doch dem Joe Gesellschaft. Hast du ihn schon begrüßt?«

»Nein. Er ist mir heute noch nicht über den Weg gelaufen.«

»Dann mach das. Er hat immer Zigarren.«

»Wär’n Gedanke. Guten Schlaf!«

Charlemagne besichtigte das Proviantzelt noch etwas genauer und bummelte quer durch das geschäftige Treiben des Lagers. Von weitem schon sah er Joe, der immer noch beim Gleis stand. Der Wind hatte um die Mittagszeit nachgelassen, der Staub hatte sich gelegt. Der Himmel war aber nicht klar. Diesige Luft hatte sich verbreitet, und die Kette des Felsengebirges am Horizont glich eher einem Nebelstreifen als festgefügtem Fels.

Der Lange mit dem Knebelbart stand schon fast eine Minute neben dem Ingenieur, als dieser ihn endlich bemerkte. Joe Brown hatte sich ganz in seine Gedanken verloren gehabt.

»Ach ... du bist das!«, sagte er nur und maß Charles, nicht eben freundlich, auch nicht ablehnend. Charlemagne war dem Ingenieur als Mensch völlig gleichgültig, aber er war eine der Figuren in einem gefährlichen Spiel gewesen, dessen Erfolg jetzt greifbar nahe bevorstand, und in dieser Erinnerung begrüßte Joe den Kundschafter, wie ein Stück Möbel etwa, das man einmal benutzt hat und das sich aus einer Rumpelkammer plötzlich wieder anfindet.

»Muss doch auch sehen, wie das hier zu Ende kommt, was wir zusammen angefangen haben.« Charlemagne tat vertraulich.

Joe Brown war das zuwider, aber er spendierte die erwartete Zigarre. »Ja, ja«, sagte er dabei zerstreut. »Hoffentlich sind wir im letzten Jahr noch schnell genug.«

»Ihr geht morgen schon wieder fort?«

»Mit dem Zug.«

»Heute Nacht wird doch Abschied gefeiert?«, erkundigte sich Charles, obgleich er Bescheid wusste.

»Du bist natürlich auch eingeladen, Charlemagne.«

»Wir vier müssten eigentlich beieinandersitzen: Ihr und Henry und Bill und ich – nicht gerade nackend wie damals, aber doch als die vier ... nun eben die vier ...«

»Die das Giftwasser nicht getrunken hatten, ja. Komm nur mit an unseren Tisch! Top, der uns vier dann gefunden hat, sollte auch dabei sein.«

»Habe sagen hören, Tops Junge ist wieder zu ihm gekommen?«

»Schon lange wieder bei ihm. Den holen wir uns auch. Noch einmal die alten Zeiten feiern!«

»Wenn sie auch nicht gut waren.«

Joe lächelte gezwungen.

Über die Prärie kamen wieder Reiter im Galopp herbei, eine zweite Kundschaftergruppe, die von einem jungen Indianer geführt wurde. Charlemagne musterte den Burschen. Er erkannte ihn erst kaum wieder. Harry war nicht nur größer geworden. Die letzten vier Jahre hatten ihn überhaupt verändert.

Joe rief den Indianer an, der daraufhin auf seinem Grauschimmel zu dem Ingenieur heranritt, während seine Begleiter sich von ihm trennten und gleich den Zelten und Bretterbuden zustrebten.

Wenn Charlemagne erwartet hatte, von Harry begrüßt zu werden, so sah er sich getäuscht. Der junge Indianer schaute nur Joe an, in Erwartung irgendeiner Bemerkung oder Frage des Chefs, und auch dem Ingenieur gegenüber verriet sich in seinen Zügen keine besondere Spannung oder Aufmerksamkeit.

»Ich gehe morgen, das weißt du, Harry«, sagte Joe. »Sobald heute Nacht der Zug da ist, feiern wir Abschied. Dein Vater und du, ihr seid auch meine Gäste.«

»Die Nacht über bin ich wieder auf Kundschaft.«

»Habt ihr die verdächtigen Spuren enträtselt?«

Der Indianer beantwortete die Frage nicht gleich, und durch dieses kurze Schweigen drückte er seine Überraschung aus. »Ich habe keine verdächtigen Spuren gesehen«, sagte er schließlich.

Es war nun an Joe, überrascht zu sein. Auch er wartete einen Augenblick, bis er antwortete: »Umso besser. Dann mache dich doch heute Nacht wenigstens für ein paar Stunden frei. Ich erwarte dich.«

»Ich komme, wenn es möglich ist.« Der junge indianische Scout ritt weiter.

Joe und Charlemagne schauten ihm nach. »Ihr müsst mit seinem Alten reden«, riet Charles. »Der bringt ihn mit.«

Joe Brown machte eine abwehrende Handbewegung gegen den aufdringlich erscheinenden Vorschlag. Er war selbst im Stationslager oberste Instanz für den Kundschafterdienst, da er Prärieerfahrung besaß, und er wollte die Kräfte so einteilen, dass er die alten Präriehasen für zwei oder drei Stunden um sich versammeln konnte.

»Komisch«, murmelte er nur noch. »Der eine phantasiert von ganz großer Schweinerei, die zu befürchten steht, und der andere will überhaupt nichts gesehen haben.«

»Sonderbar ist es wirklich«, bekräftigte Charles.

Joe wollte Charlemagne loswerden. Er verließ daher seinen Standplatz am Gleis und ging zunächst wieder zurück auf seine Kammer. Dort fand er Henry vor.

Der junge Ingenieur war voller Lebendigkeit und Erwartung. »Heute Nacht wird es großartig, Joe! Habe den Geiger abgesetzt, der sein Instrument immer wie mit einer Kratzbürste behandelte. Bei den Ballen und Säcken hab ich einen Zigeuner gefunden – Joe, das ist klasse! Der wird spielen! Gekocht wird jetzt schon. Der Leitende rechnet einen Teil der Unkosten auf Spesen. Und morgen geht es endlich weg aus dieser traurigen Grassteppe hier. Wie ich mich freue!«

Joe lächelte so freundlich, wie er es mit seinem ledernen Gesicht noch vermochte. »Hauptsache, es freut sich einer, und wir schaffen es dann mit unserer Strecke. Der Preis nächstes Jahr muss uns gehören!«

»Muss er, Joe. Und nun entschuldige mich! Ich hab eine Menge zu tun. Nur eins noch rasch: Wen willst du an unserem Tisch haben?«

»Von den Respektspersonen, was sich nicht vermeiden lässt. Auf alle Fälle auch die alten Prärieläufer, die noch wissen, wie es uns mal erging.«

»Das heißt ... Hm! Weißt du ..., der Hahnenkampf-Bill ist nicht gerade die Figur, die ich mir am Tisch wünsche. Tom ist nicht mehr da ...«

»Auch wahr. Rück zwei Tische nebeneinander. Wir und die Respektspersonen sitzen zusammen, am nächsten Tisch die alten Rowdies.«

»Top auch?«

»Top und Harry.«

»Harry wird wieder nein sagen. Er kann die Weißen nicht leiden.«

»Dieser Querkopf, der mir einmal das Leben gerettet hat ...«

»Der – dir ...?«

»Alte dumme Geschichte.« Joe wusste nicht, dass er die gleichen Worte gebrauchte wie kurz zuvor Red Jim. Er zögerte etwas und entschloss sich dann weiterzusprechen. »Damals bei der Strafexpedition gegen die Bärenbande ist’s geschehen. Harrys jüngerer Bruder, der noch in den Zelten lebte, ein halbes Kind, ging mit dem Messer auf mich los. Ich war darauf nicht gefasst, aber Harry stieß ihn im letzten Augenblick nieder. Vielleicht haben ihn die Augen des Vaters dazu gezwungen. – Lassen wir das!« Joe, der das Unverständnis und das Misstrauen im Gesichtsausdruck des jungen Henry bemerkt haben mochte, brach ab. »Harry soll heute Abend kommen«, bestimmte er nur noch. »Sag ihm einen schönen Gruß von mir, und die Feier gehört zum Dienst.«

»Gut, dann weiß ich Bescheid.« Henry zog mit verwirrten Empfindungen ab, und zur Beruhigung versah er sich dabei noch mit einer Zigarre aus Joes Vorrat.

Schnellen Schrittes ging Henry zunächst noch einmal in die Küchenbaracke. Ein selbstbewusster Koch regierte hier die Kessel und die Küchenfrauen, unter denen sich auch drei Negerinnen und eine alte Indianerin befanden. Henry begegnete Charlemagne, der eines der weißen Küchenmädchen angesprochen hatte und trotz der hinausweisenden Blicke des Kochs zähe die Unterhaltung fortzusetzen trachtete.

»Also gut!«, rief das Mädchen schließlich, »aber jetzt mache, dass du hinauskommst!«

Charlemagne zwirbelte befriedigt seinen Knebelbart, nickte Henry wie einem alten Bekannten zu und stolzierte ab.

Henry ließ sich vom Koch noch einmal bestätigen, dass dieser von der Lagerverwaltung alles Gewünschte erhielt, und verließ wieder die Küchenbaracke, um am Rande des Stationslagers das Indianerzelt aufzusuchen, das Top und Harry als Behausung diente.

Henry schlüpfte durch den Zelteingang hinein. Er traf Harka an, der sich offenbar auf seiner Büffelhautdecke ausgestreckt gehabt hatte, jetzt aber den Hereinkommenden schon wieder stehend begrüßte. Henry, fünfundzwanzig Jahre alt, war um einen Kopf kleiner als der lang gewachsene siebzehnjährige Indianer. Der junge Ingenieur hatte sich sonst nicht mehr viel um den Kundschafter gekümmert. Er hatte ihm hin und wieder ein Buch verschafft, wenn Harry sich im Lesen üben wollte, und er hatte ihm Landkarten besorgt im Austausch gegen Felle. Aber das waren äußerliche, versachlichte Beziehungen geblieben. Jetzt, am letzten Tag, den Henry in der Prärie verbrachte, schaute er den Indianer etwas aufmerksamer an. Das Gesicht dieses Burschen war nicht das eines jungen Menschen. Die gut ausgebildete Stirn, die gebogene Nase und die gesamte Knochenbildung traten überdeutlich hervor, da das Gesicht mager war. Die Augenlider blieben immer gesenkt bis auf einen schmalen Spalt, der dem Sehvermögen, aber keinem Ausdruck Raum gab. Henry fühlte sich diesem jungen Mann gegenüber fremd. Die ungeklärten Vorstellungen und Gerüchte, »bester Kundschafter« oder »Verräter«, »Lebensretter« und »Brudermörder«, konnte der Jungingenieur in seine mehr oberflächliche als tiefe Denkweise und in seine plätschernden Gefühle nicht einordnen; er fand keinen Kontakt zu Harry.

»Joe Brown lädt dich und deinen Vater zu der Abschiedsfeier heute Nacht ein. Diese Feier gilt als Dienst«, sagte er in etwas schnoddrigem Ton.

Der Indianer ging auf diesen Ton nicht ein. Er sprach kurz und gemessen: »Im Dienst trinke ich nicht. Ich trinke überhaupt nicht. Es wird also Ärger geben, wenn ich komme, aber wenn Joe Brown es so haben will, werde ich da sein – falls auch mein Vater es wünscht.«

»Wann kommt denn Top zurück?«

»Abends.«

»Gut! Wir erwarten euch, sobald der Zug glücklich eingelaufen ist.«

Henry ging lieber wieder hinaus, als er hereingekommen war. Er hatte nicht nur wenig Sympathie für Harry. Er hatte auch im Hintergrund des Zeltes ein Wesen sitzen sehen, vor dem ihm graute. Es schien eine Indianerin zu sein. Vielleicht war sie alt, vielleicht war sie noch jung. Ihr Gesicht wirkte weder menschlich noch unmenschlich; es wirkte außermenschlich. Ohren und Nase waren ihr abgeschnitten, die alten Wunden waren ungepflegt vernarbt. Ihre Wangen waren eingefallen, ihre Hände waren mager. Sie saß im Hintergrund wie eine Holzfigur, mit schwarzem Baumwolltuch verhängt. Der Ingenieur schüttelte sich unwillkürlich, als er das Zelt verlassen hatte.

Harry hatte ihn auch nicht ungern verschwinden sehen. Der junge Indianer legte sich nicht wieder hin, sondern hockte sich auf seine Büffelhautdecke und überlegte.

Als er mit sich ins Reine gekommen war, verließ er das Zelt und ging zum »Basar«. Der »Basar« war ein einfacher Verkaufsstand, der in einer Baracke mit einem Schiebefenster eingerichtet war. Die Waren wurden in Kommission und sehr teuer verkauft. Da es keinen anderen Laden gab, drängten sich trotzdem die Kunden. Harry wartete mit gleichgültiger Geduld, bis alle, auch solche, die nach ihm kamen, bedient waren, verlangte dann das Quantum Pfeifentabak, das er stets zu kaufen pflegte, und zahlte mit kleiner Münze, die er einem indianisch gestickten Lederbeutel entnahm. Der Geldbeutel war auf der Innenseite zur Hälfte grün, zur Hälfte rot gefärbt.

Der Indianer hielt den geöffneten Beutel so, dass die Verkäuferin die grüne Seite sehen musste. Das war eine stumme Frage, und die Verkäuferin, ein Indianermischling, jung, schwarzhaarig, braunhäutig, zeigte die Kette ihrer weißen Zähne, lachte und sagte im Dakotadialekt: »Die Großmutter hält die Ohren offen. Abends geht sie mit ihrem Enkel Wasser holen.«

»Eh, klappt das Stelldichein?«

Harry hörte diese Frage hinter sich und erkannte auch sofort die Stimme. Das war Mackie.

»Warum? Wolltest du das Mädchen haben?«, fragte er zurück.

»Nein, nein, habe mit Mestizen nichts im Sinn. Freut mich nur; dass du endlich irgendwo anbeißt.«

Der junge Indianer lächelte ironisch, aber so, dass der andere es nicht sah, und ging.

Er brachte den Tabak ins Zelt, gab ihn der verstümmelten Indianerin zum Aufbewahren, rauchte eine Pfeife und legte sich dann wieder schlafen. Bis zum Abend war noch lange Zeit.

Als er wieder erwachte und es schon dunkelte, kümmerte er sich um sein Pferd, das vor dem Zelt angepflockt war. Er machte es los und ritt weit vor das Lager bis zu einem Bach, der noch etwas Wasser führte. Er kam nicht ganz hinaus aus dem Bereich der Gerüche und Geräusche des Lagers, aber das Gewirr von Stimmen, das Klappern aus Küche und Vorratszelten, der Geruch aus großen Kesseln mit Einheitsessen, der Gestank von ungewaschenen Kleidern und Menschenkörpern kamen doch nur noch schwach, mit ihren Ausläufern, zu den Wiesen und dem Ufer des Baches, an dem Harry jetzt sein Pferd saufen ließ. Der Abendwind wehte; im Westen lag noch ein heller Streifen über den ins Violette dunkelnden Bergen. Die ersten Sterne flimmerten an dem Himmel auf, den die Sonne verlassen hatte.

Die Großmutter, von der das Mestizenmädchen gesprochen hatte, war gekommen.

Harry beobachtete unauffällig diese Indianerfrau, eine dick gewordene alte Frau, die tagsüber in der Küche arbeitete und auf diese Weise sich und ihr Enkelkind versorgte. Sie hatte das Kind mitgebracht, ein Mädchen von vier Jahren. Während das Kind sich im seichten Wasser puddelte, sprach die Alte in der Zeichensprache, aber nicht mit dem Kind, wie jeder nicht eingeweihte Beobachter geglaubt haben würde, sondern zu Harry, den sie mit seinem indianischen Namen Harka ansprach. Sie ließ ihn wissen, dass Charlemagne ein junges Küchenmädchen mit weißer Haut zur Abschiedsfeier eingeladen und dass er angedeutet hatte, es werde bei der Feier viel zu essen und zu trinken geben und auch sonst hoch hergehen, und aus einigen Wendungen hatte die Alte geschlossen, dass die Männer etwas Böses gegen irgend jemand planten. Der junge Indianer spähte umher, und als er sich überzeugt hatte, dass er nicht beobachtet wurde, antwortete er, auch in der Zeichensprache: »Der blonde Bart soll mit allen unseren Brüdern kommen.«

Die Alte verstand. Während Harka mit seinem Pferd noch am Bach blieb, rief sie das Kind, hieß es, sich wieder anzuziehen, und ging zum Lager zurück. Sie bewohnte mit den Negerinnen zusammen einen Gemeinschaftsraum neben der Küche. Dorthin brachte sie die Enkelin. Dann holte sie aus der alten Kiste, die sie sich als Aufbewahrungsort für ihre Habseligkeiten verschafft hatte, einen leinenen Mannskittel hervor, den sie geflickt hatte, und ging damit hinüber in die Schreibstube, in der die Lohnlisten geführt wurden. Ein blondbärtiger Mensch, der durch seinen Bart älter aussah, als er war, fegte die Schreibstube eben aus. Die Alte nahm ihm den Besen aus der Hand und stellte ihn an die Wand, sie legte den geflickten Kittel auf den Schreibtisch und sagte zu dem Blondbärtigen: »Bringe zur Abschiedsfeier alle Freunde mit. Harry kommt.«

Der junge Mann nahm seinen Kittel, dankte und verließ den Raum. Draußen zog er den Kittel über, schaute nach den Sternen, stellte fest, dass es noch sehr früh am Abend war und er genügend Zeit hatte, zwar nicht, um eine Stunde zu vergeuden, aber doch, um in Ruhe vorzugehen. Er schlenderte wie absichtslos zum Gleis, an den Abschnitt, an dem der erwartete Zug halten musste, und traf dort einen Trapper, der, die Büchse im Arm, eine Art Aufsicht führte.

»Wir setzen uns mit Harry zusammen, heute Nacht bei der Feier«, sagte er nebenhin und erkundigte sich dann, was der Zug voraussichtlich für Ladung führen würde. Als die beiden in größerer Entfernung Red Jim auftauchen sahen, ging der Blondbärtige weg. Jim hatte ihn bis jetzt noch nicht wiedererkannt, aber er wollte ihm auch keine Gelegenheit geben, ihn aufmerksam ins Auge zu fassen. MacLean war vor drei Jahren bei einem Streik der Eisenbahnbauarbeiter um ein Haar Red Jims Revolver zum Opfer gefallen. Er war entlassen worden, hatte sich aber unter falschem Namen und verändert durch den inzwischen gewachsenen Bart wieder anwerben lassen. Der Mann in der Schreibstube betrachtete ihn als seinen Burschen und Diener und nutzte ihn weidlich als Aushilfe beim Listenschreiben aus. So wusste MacLean mit vielem Bescheid, was ihn nach Meinung der Lagerleitung sicherlich nicht das geringste anging. Von ihm hatte Harka auch erfahren, was Jim als Manager einer Kundschaftergruppe von sechs Mann als Löhnung für diese erhielt, und Jim musste seitdem etwas mehr herausrücken. Die Auseinandersetzung war kurz und bündig verlaufen, und Jim hasste Harry dafür noch mehr.

Während der Blonde weiter im Lager umherstrich, war der junge Indianer zu seinem Zelt zurückgeritten.

Er pflockte den Mustang wieder an. Auch der Schecke des Vaters stand schon da und graste. Mattotaupa war also von seinem Kundschafterdienst zurück. Als Harka in das Zelt eintrat, fand er den Vater schlafend. Er setzte sich und wartete, bis Mattotaupa nach drei Stunden von selbst wieder wach wurde.

Die verstümmelte Indianerin kam aus dem Hintergrund, fachte das Feuer an und röstete für Mattotaupa ein Antilopenfilet.

Die Zweige knackten leise im Feuer, und das Fleisch am Spieß duftete gut. Mattotaupa saß Harka gegenüber an der Feuerstelle.

»Hast du etwas gefunden?« Mattotaupa sprach im Dakotadialekt. Er konnte annehmen, dass die Frau im Zelt ihn nicht verstand, denn sie stammte von den Seminolen.

»Nein, ich habe nichts gefunden«, gab Harka Auskunft.

»Ich auch nicht. Es scheint, dass sie von den Angriffen jetzt ablassen.«

Das Filet war gar; Mattotaupa fing an zu essen.

»Henry war hier«, berichtete Harka. »Wir sollen beide zu der Abschiedsfeier von Joe kommen, sobald der Zug glücklich eingelaufen ist.«

»Wir gehen hin.«

»Ich trinke nicht. Sie werden mich dafür verspotten wollen, und es wird Streit geben. Ist es nicht besser, wenn ich im Zelt bleibe?«

Mattotaupa aß weiter, aber das Antilopenfleisch schmeckte ihm nicht mehr so gut wie anfangs. Der Ton, in dem Harka die Worte »ich trinke nicht« ausgesprochen hatte, war ruhig, und dennoch war er für den Vater aufreizend gewesen. Denn Mattotaupa hörte darin die Frage mit: »Trinkst du?«, und ob sie nun gestellt war oder nicht, er stellte sie sich selbst und wurde nicht damit fertig.

»Die Sitten der Gastgeber zu verachten ist nicht Art eines Dakotakriegers«, sagte er schließlich. »Es ist auch nicht gut, dass du dich gar nicht geübt hast. Die ersten Becher würden genügen, und du liegst unter dem Tisch.«

Harka antwortete darauf nicht.

»Es waren vor drei Tagen Fremde hier, du weißt es«, fing Mattotaupa ein anderes Thema an. »Ich habe etwas eingetauscht, und ich werde heute bei der Feier unsere Freunde auch einmal einladen.«

Harka schwieg, aber sein Blick fragte: »Kannst du dich nicht anders auszeichnen?«

Mattotaupa erwiderte auf die nicht ausgesprochene Frage: »Unsere Väter waren Oglala, Leute, die ihre Habe freigebig austeilten. Ich bin kein Bettler, der immer nur nimmt, und ich denke, auch mein Sohn würde daran keinen Gefallen finden.«

Harka sagte auch dazu nichts.

Nachdem Mattotaupa gegessen hatte, legte er sich noch einmal schlafen. Sein Dienst als Kundschafter begann erst am nächsten Morgen wieder. Bei Harka stand es anders. Für ihn war es Zeit, sich mit der Gruppe, die er führte, schon bereitzumachen. Mit dem einlaufenden Zug wollte er um Mitternacht wiederum zum Lager zurückkommen, und dann mochte Joe weiter bestimmen. Vielleicht fiel es dem Ingenieur bis dahin selber ein, dass es doch besser sein würde, wenn Harka auch die zweite Hälfte der Nacht draußen blieb, um die Strecke sichern zu helfen.

Harka hatte sich mit den drei Männern, die zu seiner Gruppe gehörten, verabredet, dass sie nachts zu Fuß umherspähen wollten. Er ließ daher seinen Grauschimmel beim Zelt zurück. Am Halteplatz des Zuges traf er einen jungen Prärieläufer und die beiden Panikundschafter. Es gab nicht viel zu verabreden. Die vier waren aufeinander eingespielt. Sie kannten ihre Verständigungszeichen zu jeder Tages- und Nachtzeit, und sie wussten auch schon, welchen Abschnitt sie in dieser Nacht bewachen sollten. Dass Harka führte, obgleich er der Jüngste war, hatte sich von selbst ergeben. Die anderen drei verließen sich am liebsten auf ihn, und der junge Prärieläufer, dem die Verantwortung offiziell zukam, hatte sie inoffiziell dem Indianer zugeschoben.

Als die vier sich auf den Weg machen wollten, zeigten sich Charlemagne und Mackie und hielten sie noch auf.

»Da ist er ja«, sagte Mackie zu Charlemagne.

Charles wandte sich an Harry. »Junge, erkennst du mich gar nicht wieder?«

»Doch.«

»Wie geht es dir denn?«

»Gut.«

»Immer noch ein bisschen aufregende Gegend hier. Was macht denn die Bärenbande?«

»Keine Fährten.«

»Keine Fährten? Ach, sieh an. Ob sie sich jetzt wirklich zurückziehen oder ob das nur eine List ist?«

»Guten Abend!«, sagte Harry, ließ Charlemagne stehen und lief mit seinen drei Kundschaftergefährten nordostwärts in die Prärie hinaus.

Charlemagne und Mackie schauten den vier Spähern nach, bis diese im welligen Terrain verschwanden. Auch dann blieb Charlemagne noch stehen, und Mackie, der hatte kehrtmachen wollen, fragte: »Gibt’s noch was?«

»Hast du nichts bemerkt?«

»Was denn?«

»Wie der Rote plötzlich abbrach.«

»Komisch sind die Indsmen immer.«

»Er hätte doch antworten können. Aber nach der Bärenbande ist er nicht gern gefragt. Hast du das nicht bemerkt?«

»Kann ja sein. Was kümmert mich das!«

»Vielleicht wird es uns alle noch einmal kümmern, mehr als uns lieb ist.«

»Verstehe dich nicht.«

»Er stammt doch aus der Bärenbande. Weiß der Teufel, was er heute noch für Verbindungen dorthin hat.«

»So, meinst du?«

»Ich will nichts gesagt haben. Aber wenn ich dran denke, wie die uns alle vergiften wollten ..., dann wäre mir ein anderer als Kundschafter schon lieber als ausgerechnet einer von diesem Stamm!«

Mackie spuckte aus. »Mir gefallen die Indsmen überhaupt nicht! Hab gehört, die sollen heute Nacht bei der Feier auch dabei sein. Wozu das? Vielleicht lädt der Joe Brown auch noch einen Nigger ein!«

»So weit kommt’s. Wir müssen besser zusammenrücken.«

Die beiden gingen wieder in das Lager.

Die Zeit verlief. Gegen Mitternacht waren ungewöhnlich viele Männer, auch Frauen und Mädchen, auf den Beinen, um die Ankunft des Zuges zu erleben. Noch gingen auch die Materialzüge nicht regelmäßig. Manchmal hob der Sturm einen Zug aus dem Gleis, oder eine Büffelherde legte sich vor die Lokomotive, so dass kein Weiterkommen war. Die Indianer rissen, wenn es ihnen unbeobachtet gelang, die Gleise auf, denn sie hatten längst begriffen, dass die Lokomotive, dieses geheimnisvolle Tier, nur auf dem Gleispfad laufen konnte und auf Grasboden, ja selbst auf einem staubigen Büffelpfad völlig hilflos war.

Der Zug sollte nicht nur Material, sondern auch Löhnung und Proviant bringen. Alles spähte nach dem Zug aus.

Als in der Stille der nächtlichen Wildnis das Rollen der Räder, das Stampfen der Kolben zu hören war, schossen die freudigen Rufe in der Station auf, und als die Lokomotive, dampfend und pfeifend, die letzte Biegung nahm, schlugen sich die Männer gegenseitig auf die Schultern und sich selbst auf die Schenkel, denn nun stand nicht nur fest, dass der Zug wohlbehalten ankam, sondern auch, dass Joes Abschied gebührend gefeiert werden konnte.

Der Lokomotivführer bremste, der Zug hielt. Die Ausladekolonnen standen schon bereit und griffen sofort zu.

Joe Brown hatte sich mit Henry und mit dem Leiter des Stationslagers, Taylor, zusammengefunden.

»Also am letzten Tag doch noch einmal etwas genau nach der Richtschnur gegangen«, sagte der Ingenieur. »Dann können wir anfangen zu feiern! Kommt!«

In der Nähe der drei hatten noch zwei weitere Ingenieure gestanden, darunter Browns Nachfolger. Sie schlossen sich an, und die Gruppe ging langsam zu dem Hauptplatz und dem riesigen Zelt, das als Speiseraum und Wirtsstube diente. Einfache Tische und Bänke waren aufgestellt, in der Mitte des großen Raumes war ein Podium aufgebaut, und die Kapelle mit dem neuen Zigeunergeiger hatte sich bereits eingefunden. Als die Gruppe der angesehenen Personen eintrat, intonierten die Musiker einen Empfangstusch, und von verschiedenen Tischen dröhnten bereits Willkommensrufe. Das Zelt füllte sich rasch. Ein allgemeiner Lärm breitete sich aus, in dem jedes einzelne Geräusch nicht mehr nach seiner eigenen Natur, sondern nur noch als Lautverstärkung wirkte.

Die Tische und Bänke waren so gestellt, dass rings an den Zeltwänden entlang ein äußerer Kreis führte. Davon durch einen Zwischenraum, einen Gang, in dem sich drei bis vier Personen nebeneinander bewegen konnten, getrennt, waren die Tische dann in einem großen inneren Rechteck angeordnet. Durch dieses führten für die Bediener nur schmale Gänge, netzförmig, längs und quer. Der Tisch für die Ingenieure und den Stationsleiter befand sich in der äußersten Reihe dieses Rechtecks, unmittelbar an dem breiten Gang, an der oberen Schmalseite des Zeltes. An der unteren waren die Schanktische aufgestellt.

Für den Tisch, an dem Joe Brown sitzen sollte, hatte jemand eine Tischdecke und Blumen herbeigeschafft. Das wirkte im gewohnten Milieu erstaunlich, vielleicht auch töricht, und Henry hatte davon nichts gewusst, tat aber jetzt so, als ob dies unbedingt sein müsse. Joe Brown in der Mitte, sein Nachfolger links von ihm, der Stationsleiter rechts, präsidierten. Sie hatten den breiten Gang im Rücken und konnten ungehindert bedient werden. Die anderen Ingenieure, der Buchhalter, der Kassierer, der für den Bahnbetrieb Verantwortliche, fanden ihre Namenskarten an diesem Tisch, an den sich keiner setzen sollte, den Henry nicht dafür vorgesehen hatte. Daisy-Vicky kam und fragte nach den Wünschen der Herren. Joe bestellte für den ganzen Tisch.

Als sich der Ingenieur nach den Gefährten seiner Pionierzeit und nach der übrigen Prominenz der Kundschafter und Prärieläufer umsah, stellte er fest, dass für diese an den nächsten beiden Tischen, der Saalmitte zu, gedeckt war. Bloody Bill hatte sich schon eingefunden und seine lange Lilly mitgebracht. Auch Charlemagne tauchte auf, und Red Jim ließ sich sehen, groß, breitschultrig, neu in Leder eingekleidet, mit allen Waffen, ausgenommen die Büchse. Auch die beiden anderen Männer hatten Messer und Revolver bei sich. Dann kam Mattotaupa. Er hatte das Haar glatt gelegt und neu geflochten, und die Schlangenhaut, die um die Stirn lief, hielt am Hinterkopf zwei Adlerfedern, die der ehemalige Häuptling nur sehr selten anlegte. Er hatte einen schön gestickten Rock angezogen, der lose über den Gürtel hing. Die Stickerei zeigte nicht die bei den Dakota gebräuchlichen Muster und Farbzusammenstellungen. Der Rock war in einem Panidorf für Mattotaupa angefertigt worden. Das wussten die wenigsten, von den Weißen wusste es keiner. Mattotaupa war sehr groß und eine würdige und stolze Erscheinung, nicht nur durch seine Kleidung, sondern auch durch eine gestraffte Haltung, die er an diesem Abend annahm. Red Jim beobachtete den Indianer aus einiger Entfernung und fragte sich: Was ist plötzlich wieder in ihn gefahren? Er schaut um sich wie ein Häuptling, der Gäste empfängt; nicht wie ein Indsman, der als alter Kampfgefährte trotz einiger Bedenken wohl oder übel noch eingeladen wird. Auch Harka zeigte sich, ein paar Schritte hinter dem Vater zurück. Er war kaum mehr kleiner, aber noch jugendlich-schlanker als der Vater. Er hatte kein Gewand an, da er eine Sommerjacke überhaupt nicht besaß, sondern nur die im Winter unentbehrliche Pelzkleidung. Mattotaupa hatte wohl empfunden, dass aus Harkas Weigerung, sich einen Festrock für den Sommer arbeiten zu lassen, seine Verachtung für die weißen Männer sprach. Harka hatte in diesem Punkt eigensinnig auf seinem Standpunkt beharrt. Sein nackter Oberkörper war sehr gut eingefettet, nicht nur für den Kundschaftsgang, den er hinter sich hatte, sondern nochmals für die bevorstehende Feier. Er war glatt wie eine Schlange; keine Hand konnte ihn so leicht festhalten. Die Büffelhautdecke, die mit den Taten seines Vaters als Kriegshäuptling der Bärenbande bemalt war, hatte er über die Schulter um Brust und Rücken geschlagen. Niemand konnte ohne weiteres sehen, was für Waffen sich unter der Lederdecke verbargen. Seinen Platz wählte der junge Indianer so, dass er den Tisch mit Joe Brown und den Ingenieuren im Rücken hatte und die Grenzer alle vor sich. Er setzte sich noch nicht, da die meisten anderen sich auch noch nicht gesetzt hatten. Aber er stellte sich so an den Tisch, dass ihm der gewünschte Platz gesichert blieb.

Die Musik spielte; der Zigeunerprimas ging zu den Gästen in der Nähe des Podiums und sang zu seiner Geige. Die ersten fingen an zu lachen und zu trinken und mit ihren Bechern zu Joe hinüber zu grüßen. Dieser erhob sich und dankte. Eine Rede gedachte er nicht zu halten.

Mattotaupa ging zu Joe Brown und sagte ein paar leise Worte zu dem Ingenieur. Brown hob rasch den Kopf, erstaunt, erfreut, und winkte die Kellnerin her, deren fettige Haut schon Schweißtropfen absonderte, ehe der Betrieb richtig begonnen hatte. »Daisy«, sagte er, »für dich und deine Kollegen: An den beiden Tischen vor uns wird auf Tops Kosten getrunken. Verstanden?«

Das Mädchen schaute zweifelnd an dem Häuptling hinauf. »Wenn die das erst merken, an den zwei Tischen, Top, dann hast du morgen früh eine Rechnung, für die du dir eine Farm kaufen könntest! Kannst du so viel zahlen?«

Der Indianer lächelte wohlwollend, überlegen, öffnete den Lederbeutel ein wenig und ließ das Mädchen einen Blick hinein tun.

»Donnerwetter ... Top ... du ... wer hätte das geahnt!« Daisy-Vicky wurde über und über rot, und ihre Augen strahlten, als ob sie ein Wunder gesehen habe.

Mattotaupa gab ihr eine Münze im Voraus. »Das ist für deine Arbeit«, sagte er.

Das Mädchen war daraufhin sofort bei den beiden Tischen. Sie stellte sich neben Mackie, der Charlemagnes Nachbar geworden war. »Bestellen bitte«, sagte sie. »Top zahlt für alle!«

Die Mitteilung wurde mit Freudengeschrei und Hallo aufgenommen, und es hagelte Bestellungen, so dass Vicky zusammenrechnen und wiederholen musste, um nichts zu vergessen.

Charlemagne und Bill warfen Red Jim wieder vielsagende Blicke aus den Augenwinkeln zu, die Jim aber nicht bemerkte, da er selbst Top anstarrte. Harka jedoch fing die Blicke auf, während er Daisy-Vicky eben anwies, ihm eine Fleischmahlzeit zu bringen. »Sonst nichts«, fügte er auf ihre Rückfrage hinzu.

Bier, Brandy und Becher kamen schnell auf den Tisch. Das Mädchen hatte sich noch zwei Kollegen zur Unterstützung herbeigerufen.

Die Köpfe erhitzten sich bald. Es wurde viel Unsinn und viel Belangloses geredet, und die Männer tranken immer wieder Mattotaupa zu; er war auf einmal in viel stärkerem Maße der Mittelpunkt als Joe. Harka verzehrte sein Stück Braten. An der Unterhaltung, die ihn langweilte, beteiligte er sich überhaupt nicht. Mattotaupa hatte trotz allen Zutrinkens den ersten Becher Branntwein noch nicht geleert. Um sich einen zweiten eingießen zu lassen, kippte er den Rest aus dem ersten auf den Boden. Harka bemerkte das wohl; den meisten anderen entging es, da es schnell und geschickt geschah.

Nach einer Stunde waren die meisten im Saal angetrunken. An einigen Tischen sangen die Gäste im Chor. Der Stationsleiter Taylor begann aus seinem Leben zu erzählen. Browns Nachfolger erläuterte kühne Perspektiven von drei Bahnen quer durch die Union. Henry schwärmte von dem Leben in der Stadt. Joe Brown soff still vor sich hin, er fühlte sich auf einmal überflüssig. Da an dem Tisch von Top und Jim ein Platz frei wurde, setzte er sich zu diesen hinüber, und es dauerte nicht lange, da kam Taylor nach.

»Lassen wir die Greenhorns da hinten unter sich«, sagte er, »ich muss Prärie um mich haben und Männer! So bin ich’s gewohnt.«

Die Männer ließen ihn erzählen, und wenn er an diesem Tisch auch keine aufmerksamen Zuhörer für seine Geschichte fand, so doch sachverständige. Mattotaupa war höflich genug, hin und wieder eine Zwischenfrage zu stellen, die bewies, dass er gefolgt war.

Red Jim war noch vollkommen nüchtern, obwohl er mehr als jeder andere trank. Bloody Bill stritt sich mit der langen Lilly. Er war immer eifersüchtig. Mackie begann zu prahlen, und Charlemagne bestärkte ihn darin.

Mattotaupa hatte noch nicht mehr als einen halben Becher wirklich getrunken. Harka wusste nicht, dass seine Gegenwart es war, die den Vater hinderte, sich selbst und den anderen nachzugeben. Es war das erste Mal, dass Harka mit an einem Tisch saß, an dem gezecht wurde, und Mattotaupa war entschlossen, dem Sohn eben dieses erste Mal zu beweisen, dass ein ehemaliger Häuptling freigebig sein könne, ohne sich unwürdig zu benehmen. Die Rolle, die Mattotaupa spielte, gefiel ihm selbst mehr und mehr. Er hatte schon lange nicht mehr im Mittelpunkt gestanden, früher aber täglich, und das Wohlgefühl, bewundert zu werden, brach bei ihm durch. Die Tischgenossen sparten nicht an Schmeicheleien.

Es war in der dritten Stunde nach Mitternacht. Harka teilte Joe Brown kurz mit, dass er gehen und in den letzten Nachtstunden, die für unvorhergesehene Indianerangriffe die gefährlichsten waren, den Kundschafterdienst in seinem Abschnitt wieder selbst versehen wollte. Der Ingenieur sagte nicht nein, denn Harka trug zur Unterhaltung sowieso nichts bei. Nachdem Joe einverstanden war, konnte Mattotaupa nicht widersprechen, und Harka wollte stillschweigend den Tisch verlassen.

Da kam Mackie mit einem Becher auf ihn zu: »Einen Drink!«

»Trink selber aus«, antwortete der junge Indianer und war in dem breiten Rundgang schon drei Tische vorbei, als Mackie ihm, den Becher hochhebend, nachbrüllte: »Einen Drink, du verdammter Bursche! Willst du abschlagen?«

Harka dachte den Schreier auch weiterhin nicht zu beachten, aber da standen dem jungen Indianer bereits vier andere Kerle im Weg. Harka warf seinen Freunden an den Tischen einen raschen Blick zu. Sie hielten sich alle bereit, ihm beizuspringen. Der Indianer sah, dass die vier, die ihm in den Weg getreten waren, ihn nicht hindern konnten, aus dem Zelt hinaus zu gelangen, wenn er das wollte. Er brauchte nur seitlich über die Tische zu springen; keiner der Gäste, die an diesen Tischen saßen, würde schnell genug sein, um Harka zu halten. Eben weil er sich auf diese Möglichkeit verließ, zögerte er noch einen Augenblick.

»Ich schlage dir nichts ab. Ich trinke nichts. Trink du auf dein eigenes Wohl!« Als er dies zu Mackie zurückrief, stand er in ganz entspannter Haltung, als ob er für den nächsten Augenblick keineswegs etwas Besonderes vorhabe.

»Dann geh doch, du Esel! Wenn du nicht weißt, was gut schmeckt!«

Harka lächelte ein wenig. Diese Aufforderung war ein harmloser Abschluss, den er sich zunutze machen konnte. Es schien, dass Mackie, halb betrunken, noch nicht so funktioniert hatte, wie seine Hintermänner es erwarteten. Aber nun flüsterte dem Angetrunkenen jemand etwas zu.

»Ja, geh doch zu deinen Dakota, wo du hingehörst!«, brüllte Mackie plötzlich, ganz unvermittelt. »Es ist jetzt Zeit, dass sie die Brandpfeile abzuschießen beginnen!«

An den nächsten Tischen, an denen der Zuruf verstanden worden war, verstummten die Gespräche. Die Worte Dakota und Brandpfeile hatten im Bewusstsein aller, die sie vernahmen, wie ein Blitz eingeschlagen. Man befand sich in einem Zelt, und das Zelt stand in einer noch immer umkämpften Prärie. Gab es Verräter in den eigenen Reihen?

Harka sprang zurück, schneller fast als ein Gedanke. Er schlug Mackie schallend ins Gesicht, so dass dieser zur Seite taumelte, und stellte sich dann neben den Vater. Er hatte unter der büffelledernen Decke längst die Hand an der Waffe gehabt. Jetzt riss er den Revolver heraus, richtete ihn aber nicht auf Mackie, sondern auf Jim. »Pfeif sie zurück!«, sagte er leise. »Oder ich schieße.«

Red Jim wusste, dass er nichts mehr unternehmen konnte, was Harka entging, und er begriff, dass er erkannt war.

Er hob die Hände flach ein wenig hoch, zum Zeichen, dass er nicht zur Waffe greifen werde, und sagte laut: »Billy, bring doch den Mackie zur Vernunft! Jedes Mal fängt dieses Ross an, Krakeel zu machen! Damals um deine Lilly, jetzt mit Harry. Schaff das besoffene Schwein hinaus!«

Bill verstand, wenn er die Wendung, die eingetreten war, auch sehr bedauerte. Er packte mit Charlemagne zusammen Mackie an, dessen Nase blutete, und die beiden schleiften das unglückliche Opfer ihrer Pläne aus dem Zelt. Daisy-Vicky lief jammernd hinterher.

»Stecke den Revolver weg!«, befahl Mattotaupa seinem Sohn.

Harka gehorchte; seine rechte Hand verbarg sich wieder unter der büffelledernen Decke. »Ich gehe also«, sagte er gelassen.

Er ging ungehindert.

Seine Freunde lächelten ihm unauffällig zu.

Mattotaupa, Jim und Joe setzten sich wieder.

»Was war denn das?«, fragte Taylor, der Leiter des Stationslagers.

»Wildwest«, erläuterte Joe. »Eine Geschichte mehr für ihr Repertoire.«

»Begriffen habe ich die Sache nicht ganz.«

»Mackie war eben besoffen«, meinte der Ingenieur. »Er hat selbst nichts mehr begriffen. Wie sollen wir es begreifen?«

»Aber es besteht doch keine Gefahr?«

»I wo!«

»War das nicht dein Sohn?«, fragte Taylor Mattotaupa.

»Hau, mein Sohn.«

»Der Bursche hat mir gefallen. Er trinkt nicht, weiß sich zu helfen und nimmt seinen Dienst ernst. Solche Leute brauchen wir.«

»Also einen Drink ohne Harry, aber auf das Wohl von Harry!«, rief Jim und ließ die Augen blitzen.

Mattotaupa konnte nicht umhin, in diesem Falle mitzutun. »Du denkst sehr groß«, sagte er zu Jim in der Dakotasprache, so dass die anderen die Worte nicht verstanden. »Größer als mein Sohn.«

»Was heißt sehr groß?«, meinte Jim mit gut gespielter Generosität. »Der Junge ist nervös. Das kommt im Alter von siebzehn Jahren vor. Man muss dann nur die Ruhe bewahren.«

Joe und Taylor zogen sich wieder an den Tisch zurück, an dem die anderen Ingenieure saßen.

»Nur eine einzige blutige Nase«, meinte Henry. »Das ist ja diesmal glimpflich abgegangen.«

Es wurde weitergetrunken. Bill tanzte mit Lilly. Vicky bediente wieder mit Beflissenheit. Sie hatte sich überzeugt, dass Mackie bald wieder auf den Beinen sein würde.

Der Einzige, der auch nachträglich noch beeindruckt schien, ja nachträglich sogar noch stärker beeindruckt schien als im Augenblick des schnellen Ablaufs der Ereignisse, war Mattotaupa. Er mäßigte sich nicht mehr so beherrscht im Trinken, sondern goss einen Becher schnell hinunter und ließ ihn gleich wieder nachfüllen.

»Was hast du denn?«, fragte Jim.

»Nichts. Ich gehe auch noch einmal kundschaften.«

»Seid ihr alle verrückt?!«, protestierte Bill. »Abschied von Joe feiern wir nur einmal! Auf Kundschaft könnt ihr alle Tage gehen!« Aber Mattotaupa erhob sich. Er grüßte Joe höflich, zahlte bei Vicky die angelaufene Rechnung, sicherte ihr zu, dass er am Morgen die noch anfallende Zeche bezahlen werde, und ging langsam hinaus. Jim sah ihm nach, bis er aus dem Zelt verschwunden war. Dann sprang er auf und stürzte dem Indianer nach. Er traf ihn auf dem Weg zum Indianerzelt, wo Mattotaupa wohl seinen Festrock ablegen, vielleicht das Pferd holen wollte.

»Top, willst du mir nicht sagen, was du vorhast?«, fragte der Weiße, mit jenem tiefen Stimmklang, der um Vertrauen warb.

»Ich habe nichts vor, als auf Kundschaft zu gehen«, antwortete der Indianer abwehrend.

»Glaubst du, es besteht Gefahr?«

»Joe sagte mir, du habest versteckte Fährten gefunden. Sie sind mir entgangen. Sie sind auch Harka entgangen. Aber Mackie sprach von Brandpfeilen. Wir dürfen nichts versäumen. Wo hast du die Spuren gesehen?«

»Es war nur so eine Andeutung. Am Nordwestende meines Kundschafterreviers. Sie müssten eigentlich in Harrys Region hinübergelaufen sein. Du kannst nichts davon gesehen haben. Kommst du noch einmal zurück?«

»Sicher morgen Mittag, wenn Joe mit dem Zug abfährt.«

»Gut. Also beim Zug!«

Jim eilte in das große Zelt zurück.

Mattotaupa begab sich zu seinem Tipi. Er sah schon von weitem, dass beide Mustangs noch davor angepflockt waren. Als er eintrat, war nur die schweigsame Indianerin anwesend.

Die Glut in der Feuerstelle war gedeckt. Harrys Büffelhautdecke lag zusammengefaltet auf ihrem Platz. Er war da gewesen und war wieder gegangen. Die alte Flinte stand an ihrem Platz, aber den Bogen hatte Harka mitgenommen.

Mattotaupa legte den Festrock ab. Er zog die Adlerfedern aus der Schlangenhaut und verwahrte sie, die Büchse aber nahm er an sich. Er verließ das Zelt und ging zum Gleis. Dort fand er kaum einen Menschen mehr vor. Alle die vielen Männer und auch die Frauen, die bei der Ankunft des Zuges zusammengekommen waren, auch die Entladekolonnen, die ihre Arbeit inzwischen getan hatten, waren zur Feier oder zu ihrer Nachtarbeit gegangen, und vielleicht hatten sich auch einige zum Schlafen zurückgezogen. Das Gelände war leer und still, und nur aus dem großen Zelt, dem Mattotaupa den Rücken kehrte, drang der Lärm der Musik und das Singen und Johlen der Feiernden.

Der Indianer ging das Gleis entlang ostwärts, ein kleines Stück nur, dann schlug er einen Bogen nach dem Lager hin, als ob er zurückkehre. Sobald er Stapel von Fässern und Brettern erreicht hatte, die ein gutes Versteck boten, verschwand er für mögliche Beobachter dahinter und begann seinen Kundschaftsgang wie eine Schlange im Gras.

Auf diese Weise konnte er nur verhältnismäßig langsam vorankommen, aber er hatte auch nicht vor, eine große Strecke zurückzulegen. Er wollte in Harkas Revier, zu dem die andeutungsweisen Feindspuren geführt haben sollten, eine Anhöhe gewinnen, die er sehr genau kannte, da die Geländeabschnitte der Kundschaftergruppen wechselten. Von dieser Anhöhe wollte er Ausschau halten und Harkas Späharbeit unterstützen.

So sagte er im Stillen zu sich selbst.

Er sagte es sich immer wieder, aber er glaubte sich selbst nicht. Das Misstrauen wühlte in ihm. Harka hatte berichtet, er habe keine Spuren gesehen, aber Jim hatte von Fährten gesprochen, die in Harkas Abschnitt hinüberliefen. War Harka je eine Spur entgangen, die er finden wollte? Mattotaupa marterte sich selbst mit dem Gedanken, dass er mit seinem Verdacht nicht allein stehe. Mackie war betrunken gewesen, daran gab es keinen Zweifel. Aber Betrunkene sprachen aus, was sie nüchtern verschwiegen. Wie war Mackie zu seiner Beschuldigung gekommen? Was hatte er für Anhaltspunkte gehabt? Jim sagte darüber nichts. Er wollte den Vater schonen. Doch Mattotaupa wollte nicht geschont sein. Er wollte Gewissheit haben, volle, unzweifelhafte Gewissheit.

Er wollte wissen, was sein Sohn Harka in dieser Nacht tat.

Mattotaupa hielt Ausschau.

Nach einer Stunde des Wartens etwa konnte er wahrnehmen, wie Harka im Dunkeln zu der nächsten Bodenwelle schlich, hinaufkroch und oben, von Grasbüscheln gedeckt, liegen blieb, um nach derselben Richtung zu spähen wie der Vater.

Mattotaupas Herzschlag ging immer schneller. Hatte Harka irgendeine Verabredung, wollte er sich mit einem Feind treffen? War seine Eile, die Feier zu verlassen, nicht wirklich verdächtig gewesen? War es nicht sonderbar, dass die Krieger der Bärenbande schon so lange nichts mehr unternommen hatten? Planten sie einen großen Streich vor Einbruch des Winters? Hatten sie die Ankunft des Zuges abgewartet, um gefüllte Vorratsräume und wohlversehene Materiallager in Brand zu stecken und zu verwüsten?

Dem Vater wurde es heiß bis unter die Haut. Seine Augen glühten. Der Branntwein und das Misstrauen arbeiteten gleichzeitig in ihm. Er beobachtete, dass Harka sich bewegte. Der junge Kundschafter glitt den Hang der Anhöhe, auf deren Kamm er lag, an der für Mattotaupa nicht sichtbaren Seite hinab und blieb für lange Zeit verschwunden. Mattotaupa überlegte, ob er zu der Anhöhe, auf der Harka gelegen hatte, hinüberschleichen sollte. Aber der Platz, den Mattotaupa jetzt einnahm, bot im Ganzen den weitesten Ausblick. So wartete er, ob er entdecken könnte, wo Harka sich wieder zeigte. Aber er konnte ihn bis zum Morgen nirgends mehr beobachten.

Es war Herbst, und die Nächte waren lang.

Als es dämmerte, lief Mattotaupa gebückt zu der Bodenwelle hinüber, die er im Auge gehabt hatte. Er sah noch die Spuren, wo Harka im Gras gelegen hatte. Er sah auch die Fährten, die den Hang hinabführten. Dann aber fehlte jede weitere Spur. Harka war ein guter Schüler seines erfahrenen Vaters, ohne Zweifel, und er hatte als Kundschafter Tag für Tag nichts anderes zu tun, als andere zu entdecken und sich selbst zu verbergen. In dieser Kunst war er ein fast nicht mehr zu übertreffender Meister geworden, obgleich oder vielleicht gerade weil er noch so jung war.

Da in der Nacht kein Überfall stattgefunden hatte, begann Mattotaupa etwas ruhiger zu denken und zu empfinden. Mackies schwere Beschuldigung gegen Harka hatte sich nicht unmittelbar bestätigt.

Mattotaupa machte sich auf den Heimweg. Der Wind wehte stark, der Morgenhimmel war von Staubwolken verdüstert. Die Zeltwände blähten sich. Aus dem großen Speisezelt klangen noch immer die Geigen. Im Gras zwischen Zelten und Baracken lagen ein paar Betrunkene und schliefen ihren Rausch aus.

Als Mattotaupa sich seinem Zelt näherte, sah er, dass die Pferde nicht davor angepflockt waren. Harka war wohl schon zurück und brachte die Tiere eben zum Bach, um sie saufen zu lassen.

Mattotaupa ging in das Zelt. Die schweigsame Seminolin saß im Hintergrund. Über dem Feuer kochte Fleischbrühe im Kessel.

Mattotaupa stellte seine Büchse an ihren Platz. Dann wurde er steif wie ein Gelähmter.

Neben der Feuerstelle, auf der hellen Lederdecke, lag sein eigener Revolver.

Mattotaupa fasste nach dem Gürtel. Die Revolvertasche war leer.

Nun wusste der Vater, was Harka getan hatte, als er verschwand und seine Spuren so sorgsam verbarg. Er hatte dem Vater den Revolver aus der Tasche geholt. Es war ein Meisterstreich.

Mattotaupa hob den Revolver nicht auf.

Er ließ ihn vorläufig liegen. Wenn Vater und Sohn noch in jenem unverbrüchlichen, jede Offenheit und Heiterkeit erlaubenden Vertrauensverhältnis gestanden hätten wie einst, so würde Mattotaupa jetzt gelacht, sich gefreut und jedermann erzählt haben, was er für einen vorzüglichen Kundschafter und künftigen Krieger herangezogen habe, der mit siebzehn Jahren schon den eigenen Vater überlistete.

Vielleicht konnte er der Sache diese gute Seite abgewinnen. Wenn Harka glaubte, dass der Vater ihn hatte unterstützen und prüfen wollen – nur seine Kundschafterfähigkeiten hatte prüfen wollen –, dann konnte Mattotaupa dem Sohn jetzt das Lob frei ins Gesicht sagen. Wenn Harka aber nach dieser Nacht annahm, dass der Vater ihn verdächtigte, so wie der betrunkene weiße Mann Harka verdächtigt hatte, dann ... Mattotaupa scheute sich davor, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Es blieb ihm auch keine Zeit dazu.

Er hörte den Sohn mit den Pferden kommen. Er hörte, wie Harka mit ein paar Beilschlägen die Pflöcke an anderer Stelle in die Erde trieb, damit die Mustangs einen neuen Weidekreis fanden. Dann schlüpfte der junge Indianer ins Zelt.

Mattotaupa hatte den Revolver noch immer nicht aufgehoben. Jetzt erst, vor Harkas Augen, bückte er sich, griff nach der Waffe und steckte sie zu sich, mit dem Versuch eines Lächelns, mit einer verborgenen Frage, ob der Sohn ihm erlaube, die Sache von dieser Seite aufzufassen.

Harka holte sich seine alte Büffelhautdecke und legte sich wortlos schlafen. Der Vater hatte nur einen Augenblick in das Gesicht des Sohnes geschaut, aber er wusste jetzt, was alles verloren war.

Der alt gewordene Indianer zögerte, dann ging er aus dem Zelt hinaus in den Staubsturm. Er irrte im Lager umher und log sich vor, dass er kein Ziel habe. Doch lenkten seine Schritte immer näher zu dem großen Zelt, aus dem noch immer die Geige des Primas sang. Er gelangte zum Eingang, er ging hinein. Der Geruch von verschüttetem Bier, von kaltem Tabak, von erbrochenem Essen und Trinken schlug ihm entgegen. Die meisten Tische waren schon leer. Nur an einigen saßen noch die Unentwegten zusammen mit aufgedunsenen Gesichtern. Sie grölten heiser und unzusammenhängend und verlangten weiterzutrinken. Drei Kellner bedienten. Die Mädchen waren schon gegangen.

Mattotaupa schaute nach den Tischen, an denen die Ingenieure und die alten Prärieläufer gesessen hatten. Bloody Bill und seine lange Lilly hockten noch dort, außer ihm vier Mann. Red Jim, Joe, Henry, Taylor, Charlemagne, Mackie waren nicht mehr zu sehen. Als der Indianer langsam zwischen den Tischen hindurchging, begann der Zigeunerprimas einen wilden Tanz zu spielen. Mattotaupa kam nah an dem Podium der Kapelle vorüber, betrachtete den Geiger abwesend, wie über eine weite Entfernung hinweg, und warf ihm dann eine Goldmünze hin. Aus den Augen des Zigeuners schoss Feuer; die ganze Kapelle spielte Sturm, und die reißende Melodie wirkte gespenstisch in dem riesigen leeren stinkenden Raum.

Mattotaupa ließ sich auf die nächste Bank fallen. Es war ihm gleichgültig, dass der Tisch davor von verschüttetem Bier triefte.

»Brandy!«, rief er.

Die Kellner waren flink für diesen Gast. Während die Kapelle nur für ihn spielte, schüttete Top den Branntwein hinunter.

Es schwindelte ihm, und er trank weiter. Er wusste nicht mehr, dass er von der Bank auf den Boden sank. Er war schwer, und seine Augen schlossen sich.

Die drei Kellner warfen sich im Umherlaufen verstohlene Blicke zu. Allmählich zogen sie ihre Kreise enger um den vom Alkohol Eingeschläferten, endlich standen sie um ihn herum.

»Zahlen muss er noch«, sagte schließlich der eine.

Da merkten sie, dass sie nicht mehr drei waren, sondern schon fünf. Der Geiger und Bloody Bill hatten sich mit eingefunden.

Bill nahm den Lederbeutel, den Top am Gürtel trug, leerte ihn und legte die Münzen auf den Tisch. »Teilen wir ehrlich?«

»Erst die Zeche!«, sagten die Kellner und nahmen den größeren Teil an sich.

»Dann die Musik!«, sagte der Geiger und griff nach dem Rest.

»Ihr Raub- und Diebesgesindel!«, schrie Bill und wollte dem Zigeuner das Geld entreißen, aber da blitzte schon ein Stilett, und Bill zog die durchstoßene Hand fluchend zurück. Die lange Lilly kreischte im Hintergrund.

»Schaffen wir den Indsman heim«, meinte einer der Kellner. »Das ist mitbezahlt!«

Während der Zigeuner und Bill zu einem Hahnenkampf ansetzten, bei dem alle Mittel erlaubt waren, schleppten zwei der Kellner den Indianer auf ihren Schultern weg und trugen ihn hinaus bis zu seinem eigenen Zelt. Dort warfen sie ihn neben den beiden Pferden ins Gras.

Als sie weggegangen waren und das Indianerzelt schon nicht mehr sehen konnten, schlüpfte Harka aus dem Tipi. Er holte den Vater, der noch immer nicht zu sich gekommen war, in das Zelt herein und legte ihn auf eine Decke.

Dann setzte er sich an das Feuer und rauchte.

Die Seminolin saß im Hintergrund. Sie hatte sich so gesetzt, dass Harka ihr verstümmeltes Gesicht sah, wenn er vom Feuer aufblickte. Die Frau galt als stumm; vielleicht war auch ihre Zunge verstümmelt. Nie hörte jemand sie ein Wort sprechen. Auch Harka wusste nichts von ihr, als dass sie eine Seminolin war, die nach der Niederlage ihres Stammes in Florida in Sklaverei geraten und nach Beendigung des Bürgerkrieges frei geworden war. Sie hatte als Kesselschlepperin bei der Küche gearbeitet. Von dort hatte Harka sie mit Joes Erlaubnis und der Unterstützung des Blondbärtigen weggeholt, um für den Vater und sich jemanden zu haben, der das Zelt in der gewohnten Weise versorgte.

An diesem Morgen, an dem sich das Licht durch Staubwolken und Lederplanen nur trübe ins Zelt kämpfte, schienen aus dem verstümmelten Gesicht zum ersten Mal lebende Augen zu schauen. Allmählich fingen sie Harkas Blick und hielten ihn fest.

»Sprechen.« Mühsam, rauh kam die lange nicht gebrauchte Stimme aus der Kehle und zwang sich in die fremde, die englische Sprache. Harka war in ganz anderen Gedanken gefangen gewesen, und vielleicht hatte er nie so wenig an die Verstümmelte gedacht wie in diesem Augenblick. Aber als sie ihn lange genug fest angesehen hatte und nun zu sprechen begann, war es so, als ob ein Wunder geschehe und ein Baum Sprache bekommen habe, und er musste zuhören und antworten.

»Wer hat dich verstümmelt?«, fragte er.

»Weißer Mann. Seminolen haben gekämpft.«

»Ich weiß.« Auch Harka formte an seinen Worten. »Sieben Sommer und Winter habt ihr gekämpft. Für jeden eurer Krieger, der den Tod fand, starben hundert weiße Männer.«

»Nicht besiegt. Unser Häuptling verraten und gefangen.«

»Euer Häuptling Osceola. Er starb als Gefangener der weißen Männer.«

»Ja. Er ist tot, der Vater meines Vaters. Aber die tapfersten meiner Väter leben und kämpfen seit vierunddreißig Sommern und heute noch immer in den Sümpfen von Florida.« Die Frau, die vielleicht ein Mädchen war, stand auf. Eckig standen ihre Schultern unter der schwarzen Kattunbluse. Sie war groß und sehr mager, wie ein halb verhungertes herangewachsenes Kind oder eine verhärmte Mutter, wer wusste es? Ihr verstümmeltes Gesicht verzog sich in einem verzweifelten Hass. »Aber du, Harka Steinhart Wolfstöter, du kämpfst für die weißen Männer – für die Betrüger – die Mörder ... die blutgierigen Kojoten!«

Harka stand auf. »Geh und hole Wasser!«, sagte er.

Als die Seminolin in das Zelt zurückkam, fand sie Harka nicht mehr dort vor. Ihre Augen erloschen wieder, und ihre Lippen pressten sich von neuem fest zusammen. Sie wartete still und stumm. Stundenlang wartete sie. Dann stand sie plötzlich auf, zog die Decke unter dem Körper von Mattotaupa weg und goss ihm zwei Kübel kalten Brunnenwassers über den Kopf, in die Augen, in Mund und Nase.

Top schüttelte sich. Er hob die Augenlider, betrachtete die Seminolin erstaunt, sah sich einen Augenblick um, als ob er nicht wisse, wo er sich befinde, sprang aber auch schon auf und rannte an den Bach, um sich zu baden.

Während er den ganzen Körper in das kalte Wasser legte, versuchte er sich zu erinnern, was in der Nacht geschehen war. Sein Gedächtnis wiederholte ihm die Ereignisse, und als er endlich vor sich selbst nicht mehr glauben konnte, dass er geträumt habe, ging er zum Zelt zurück.

Er legte seinen Festrock an und begab sich zu dem Platz, an dem der Zug hielt. Es ging schon gegen Mittag. Lärm und Leben herrschten wieder im ganzen Lager. Alle, die sich über Mittag freimachen konnten, strömten zu dem Gleis, um die Abfahrt des Zuges und den Abschied Joe Browns und Henrys zu erleben.

Mattotaupa schaute nicht nach diesem oder jenem aus. Er wollte sich aber allen zeigen, einem jeden, wer es auch war. Er war sich bewusst, dass er zwei schwere Niederlagen erlitten hatte, eine gegenüber seinen eigenen Entschlüssen und Vorsätzen, sich nicht wieder zu betrinken, und die andere gegenüber dem Sohn. Er wollte aber den Kampf nicht aufgeben. Er wollte Achtung für sich verlangen und erzwingen, mit allen Mitteln, auf Biegen oder Brechen.

Seine hohe Gestalt blieb nicht unbemerkt. Joe, umgeben von einem Kreis Abschiednehmender, erspähte ihn und winkte ihn herbei. Mit gemessenen Schritten ging der Indianer auf den Ingenieur zu, der Kreis gab eine Gasse frei, und Top begrüßte Joe in der eigentümlich zurückhaltend-würdevollen Art, die ihm noch immer anhaftete, wenn er nüchtern war.

»Hab gehört, du bist auf elende Weise bestohlen worden, Top?« Joe musterte das graue Gesicht des Indianers mit der Teilnahme eines Mannes, der solche Erlebnisse kannte.

»Nein. Ich habe einige Münzen verschenkt«, log der Indianer in stolzer Haltung. »Den weißen Männern erschien es vielleicht etwas viel. Aber das hat nichts zu sagen.«

»Bill und der Zigeuner haben sich gegenseitig beinahe umgebracht. Bill liegt auf seinen Decken und stöhnt, gepflegt von der langen Lilly. Der Zigeuner arbeitet wieder bei den Ballen und Kisten. Er darf nicht mehr aufspielen. Alles in allem aber doch noch ein glimpfliches Ende!«

Der Lokomotivführer ließ seine Maschine ungeduldig pfeifen. Er erhielt das Abfahrtszeichen. Joe kletterte in den Güterwagen, in dem Henry sich schon eingerichtet hatte.

Die Räder begannen ostwärts zu rollen. In der staubigen Luft war der Zug bald nicht mehr zu sehen.

Abseits der Menge, die sich zu der Abfahrt eingefunden hatte, standen Red Jim und Charlemagne.

»Alles in allem«, zog Charles die Bilanz, »haben wir uns gründlich blamiert, und der Vogel, den wir fangen wollten, ist uns entronnen.«

»Er ist schnell, aber ich habe den längeren Atem.« Jim tat einen Lungenzug und fügte hinzu: »Siehst du nicht den alten Top dort allein? Sein Geld ist er los. Ich will wetten, dass er es sich für Nuggets eingetauscht hatte. Nun muss er sich wieder Gold holen, wenn er weiter den großen Herrn spielen will. Der Versuchung widersteht er nicht. Ich kann mich an seine Spur hängen.«

»Denke aber nicht, dass du mich dabei wieder abhängen kannst! Und was wird Harry machen? Die beiden haben wir nun doch nicht auseinandergebracht. Darauf kam es aber an!«

»Warte ab. Ich sagte dir ja, mein Atem ist länger. Top ist von neuem misstrauisch geworden. Er hat versucht, dem Harry nachzuschleichen.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe ja meine Augen! Was Mackie sagte, hat sicherer gewirkt als unsere Waffen.«

»Du bist ein junger Kerl, Jim. Nicht mehr ganz so jung wie damals, als wir uns kennenlernten. Doch auf ein paar Sommer kommt’s bei dir noch nicht an. Ich aber bin zehn Jahre älter, ich will nicht mehr zu lange warten.«

»Wer Beute machen will, muss geduldig lauern; das ist die erste Jagdregel. Wenn du das nicht vermagst, steh gleich von allem ab.«

»Du wirst mich nicht mehr los!«

»Scheint so. Aber ich warne dich. Harry hat beobachtet, dass du es warst, der dem Mackie zuletzt was eingeflüstert hat.«

»Du meinst ...?«

»Ja, ich meine, dass es anderwärts sicherer für dich wäre als gerade hier. Für Mackies Leben gebe ich auch keinen Cent mehr.«

»Und für deins?«

»Mich schützt Top, wenn ich nicht allzu große Dummheiten mache.«

»Schuft bist du.«

»Das kannst du nennen, wie du willst! Ich habe dich jedenfalls gewarnt. Schade, dass du den Zug verpasst hast.«

»Ich habe ein Pferd.«

Während dieses Gespräch stattfand, war Harka noch einmal in sein Zelt zurückgekehrt, aber nur, um sich seine Büffelhautdecke zu holen. Er schnallte sie dem Grauschimmel um, ritt in die Prärie hinaus und suchte an diesem Tag mit seinem Mustang zusammen einen Schlafplatz im Freien. Er konnte das verstümmelte Gesicht der Seminolenfrau, ihren wieder stumm gewordenen Hass und die Lippen mit den wieder verstummten Fragen nicht sehen, und er wollte seinem Vater an diesem Tag nicht mehr begegnen.

So schlief er mit seinem Mustang draußen in Staub und Gras, holte sich abends im Zelt ein Stück Fleisch zu essen und begab sich dann wieder zu dem Spähdienst, zu dem er sich verpflichtet hatte.

Union Pacific

Es war Frühling. Seit dem Tag, an dem Joe mit dem Materialzug ostwärts fuhr, war einundeinhalbes Jahr vergangen. Seit einem Jahr war die erste Überlandbahn vollendet, und die Züge fuhren von Chicago bis San Francisco.

Ein Zug befand sich auf der Strecke im einsamen grasbewachsenen Hochland des Westens. Die Lokomotive dampfte, die Räder rollten. Der Heizer, schwarz berußt, hockte neben dem Lokomotivführer, der die Strecke beobachtete und die Steuerhebel stellte. Das Geräusch der rollenden Räder wurde durch die Nahtstellen der Gleise rhythmisch eingeteilt.

An einem Fenster des Personenwaggons, mit dem Blick nach Norden, saß ein schweigsamer Fahrgast. Seine Haare waren weich, silbergrau, ziemlich lang gehalten. Ihr schöner Glanz fiel auf. Das Gesicht war schmal, die Stirn wohlgebildet. Obgleich die Haut leicht gebräunt war, hatte sie einen durchsichtigen Schimmer, wie körperliche Leiden ihn erzeugen. Die blauen Augen hatten sich seit Stunden keinem der Mitreisenden zugewandt, sondern blickten unverwandt hinaus in die weite Landschaft. Manchmal rührte sich die rechte Hand, als ob sie einen Umriss beschreiben wolle: Es war eine Hand mit schlanken Fingern, aber dies war nicht das bemerkenswerteste daran; es war eine Hand mit einer Ausdrucksfähigkeit, wie sie sonst nur das Gesicht eines nachdenkenden Menschen hat. Der Reisende war in Leder gekleidet, in ein sehr feines, weiches und teures Leder, aber der Anzug wirkte doch so, als ob sein Besitzer vorhabe, demnächst den Zug als Beförderungsmittel aufzugeben und ein Pferd zu besteigen. Zu der Zartheit, vielleicht sogar Kränklichkeit des Körpers bildeten eine solche Kleidung und die Möglichkeit eines solchen Vorhabens einen eigentümlichen Kontrast, der schon lange das Interesse der Mitreisenden erregte.

Die Plätze in der Nachbarschaft dieses schweigsamen Passagiers nahmen eine Familie von drei Personen und außerdem zwei Herren ein, von denen der eine vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre älter war als der andere. Trotz des tagelangen Beisammenseins war noch keine allgemeine Unterhaltung zustande gekommen, und das lag nach Auffassung der dreiköpfigen Familie an zwei Personen außerhalb ihres Kreises, eben an jenem grauhaarigen Fahrgast und zum zweiten an dem älteren der beiden Herren. Dieser Gegenüber war stämmig; seine Schultern waren breit, seine Hautfarbe gesund. Aber um seine Mundwinkel zogen sich, bei den Nasenflügeln ansetzend, tief eingekerbte Falten.

Es war Nachmittag geworden. Durch das Fenster war zu sehen, wie der Wind draußen das Gras in Wellen trieb, so dass die Prärie wie ein windbestrichenes Meer wirkte. Am Himmel segelten Wolken westwärts.

»Pa!«, rief der Junge, das Zentrum der dreiköpfigen Familie. »Antilopen!« Er sprang auf und stellte sich an das Fenster, aber als er recht in Augenschein nehmen wollte, was er entdeckt hatte, machte er schon eine neue Wahrnehmung. »Ma! Ein Indianer! Ein Indianer!«

»Ein Indianer, ein Indianer!«, äffte der Vater nach. »Setz dich bitte.«

Douglas setzte sich, denn auch der indianische Reiter, den er gesehen hatte, war seinen Augen inzwischen entschwunden.

Der stille Fahrgast am Fensterplatz rührte sich. Seine Mienen wurden lebhafter; es war, als ob er in Gedanken mit sich selbst spreche. Auch der stämmige Herr schien von einem Tauwind erfasst; er verzog die Mundwinkel, so dass die Falten sich noch tiefer legten.

Die Blicke des Grauhaarigen und des Stämmigen trafen sich in diesem Augenblick, und es stellte sich sofort ein Einverständnis her.

»Auch schon mal hier an dieser gefährlichen Ecke gewesen?«, fragte der Stämmige.

»Gelegentlich«, gab der Grauhaarige unbestimmte Auskunft.

»Noch mal hier in der Gegend aussteigen?«

»Ja.«

»Ich auch. Es ist ein Magnet, so ein Land.«

»Das ist’s.«

Damit schien das Interesse der beiden am Gespräch wieder erloschen.

Umso mehr fühlte sich der Vater des Jungen verpflichtet, auch ungefragt seine Ansichten laut auszusprechen. »Gefährliche Ecke, meinen Sie? Das ist nur noch ein kurzer Übergangszustand! In ein paar Monaten sind die Indsmen bereits zu Paaren getrieben und befinden sich auf der Reservation, wo sie hingehören. Es ist auch höchste Zeit, dass die verlausten versoffenen Banditen Zivilisation lernen.«

Douglas musterte den Stämmigen. Was sagst du jetzt?, fragten seine jungen Augen. Die Antwort kam jedoch von anderer Seite.

»Die freien Indianer sind weder verlaust noch Banditen«, erwiderte der grauhaarige Herr leise, aber bestimmt. »Ich habe sehr gute und sehr aufrichtige Freunde unter ihnen gefunden. Sie brauchten nichts als Zeit und Ruhe und Freiheit, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Ihr Schicksal ist eine Tragödie.«

»Gestatten Sie ... Tragödie? Wir sitzen nicht im Theater, sondern wir machen Amerika. Die Bahn hier zum Beispiel ist schon vor dem gesetzten Termin vollendet worden. Wir haben nirgends und an niemanden Zeit zu verschenken. Wer sich nicht schnell anpassen kann, geht eben unter.«

»Ein solcher Vorgang, mein Herr ...«

»Finley.«

»… Herr Finley, kann am Rande auch für nicht unmittelbar Beteiligte sehr unangenehm werden.«

»Bitte beunruhigen Sie meine Frau nicht!«

»Das liegt nicht in meiner Absicht.« Der Grauhaarige lehnte sich wieder in seine Ecke zurück. »Die Indianer würden Ihre Gattin auch nicht weiter belästigen.«

Die Lokomotive pfiff.

Das Land draußen lag einsam und leer. Die erste Dämmerung des Frühlingstages ermattete die Kraft der Farben; am Horizont schienen Prärie und Himmel ineinander zu verschwimmen.

Der grauhaarige Herr wollte sich aus dem Gespräch zurückziehen.

Douglas lehnte die Schokolade ab, die die Mutter ihm reichlich anbot. Herr Finley nahm sich jedoch ein Stück und wurde sehr lebhaft.

»Was mich betrifft«, bemerkte er wieder ungefragt, »so bin ich Republikaner. Ich war immer Republikaner, ein stählerner Republikaner, und bin stets für die Freiheit und sogar für das gleiche Recht der Farbigen eingetreten. Aber hier handelt es sich gar nicht um weiß, schwarz oder rot, sondern um Mörder oder Bürger beziehungsweise um Eisenbahn oder keine Eisenbahn. Die Entscheidung ist klar.«

»Das Land hier ist den Indianern als ihr Gebiet garantiert worden.«

»Was hat das mit der Eisenbahn zu tun?«

»Darüber hat normalerweise der Eigentümer des Landes zu befinden.«

»Wir fahren auf dem Territorium eines Staates der Union!«

Der grauhaarige Herr antwortete darauf nicht mehr, sondern schaute wieder zum Fenster hinaus.

Douglas benutzte die Pause, um sich von neuem einzuschalten. »Weißt du noch, Pa, in Minneapolis, im Zirkus? Damals wagte es der Häuptling in der Manege auch, eine solche Rede zu halten!«

»Jawohl, und die Vorstellung endete mit einem Mord an dem Inspizienten und der Aufklärung eines Kassenraubs.«

Der Grauhaarige fuhr zusammen. »Verzeihen Sie, wissen Sie noch den Namen des Zirkus und das Jahr, in dem das geschehen ist?«

Douglas übernahm die Antwort. »Frühjahr 1864. Der Zirkus hieß Myers.«

»Mein Name ist Morris. Ich habe in Omaha im Herbst 1863 miterlebt, dass der Griff in die Zirkuskasse entdeckt wurde. Können Sie mir sagen, wie er sich aufklärte?«

»Ein Cowboy mit Namen Jim wurde gefasst«, erklärte Herr Finley, »ist aber in derselben Nacht wieder entflohen und untergetaucht.«

»Was hatte es mit dem Mord an dem Inspizienten auf sich?«

»Ein indianischer Artist mit Namen Top hat den Inspizienten erschossen und wurde ebenfalls flüchtig. Die ganze Dakotatruppe ist damals ausgebrochen und in die Wildnis geflohen.«

»So ... ach ... so.«

»Bitte, Sie verzeihen ...«, Frau Finley beugte sich vor, um den Fremden anzusprechen. »Ich möchte nicht neugierig erscheinen. Aber ... Ihr Name ist Morris? Sind Sie vielleicht der berühmte Maler, der sich vornehmlich Indianer als Modelle gewählt hat?«

»Das letzte trifft zu.«

»Dann ... ist Ihre Sympathie verständlich! Von Angesicht zu Angesicht entdeckt man doch in jedem Menschen ... nun, noch etwas Menschliches. Ich erinnere mich sehr genau an diese großartige und entsetzliche Vorstellung in Minneapolis. Der Dakotahäuptling, der dann den Mord begangen hat, war eine imponierende Erscheinung.« Herr Finley, der keine imponierende Erscheinung war, warf seiner Gattin einen kritischen Seitenblick zu, den sie aber nicht wahrnahm. »Es trat damals auch ein Indianerjunge auf, sogar als Schulreiter ...«

»Ja!«, rief Douglas. »Er sah aus wie der Sohn eines Lords!«

Der grauhaarige Maler schien noch ernster und trauriger zu werden, als er die ganze Fahrt über gewesen war. »Was aus diesen Menschen geworden sein mag«, sagte er und machte dann eine Handbewegung, als müsse er die Worte wieder auslöschen, die zu viel von seinen Empfindungen verraten konnten.

Douglas starrte ihn an. »Ich weiß auch noch, wie die beiden Indianer hießen. Top und Harry.«

»Wie?!« Der Ausruf kam nicht aus dem Munde des Malers, sondern aus dem des stämmigen Herrn, der gleich dem Maler die bisherige Fahrt über schweigsam gewesen war. »Top und Harry?«

»Gewiss.« Douglas fühlte sich nicht nur beachtet, sondern schon als Mittelpunkt des Interesses.

»Kennen Sie diese Indianer auch?«, fragte der Maler den Stämmigen.

»Ja – Brown ist übrigens mein Name, Joe Brown.«

»Nun muss ich fragen: der berühmte Joe? Der Ingenieur, der hier auf dieser Strecke als Pionier gearbeitet hat?«

»Ein Ingenieur, das stimmt.«

Douglas war elektrisiert. »Von der vergifteten Expeditionsgruppe damals?«

Joe Brown lächelte mit einem undefinierbaren Ausdruck. »So ist’s. War nicht weit von hier – der Zug fährt jetzt etwa diese Strecke.«

»Und Sie kennen Top und Harry?«, nahm der Maler das Gespräch wieder an sich. »Wann haben Sie diese beiden zuletzt gesehen, wenn ich fragen darf?«

»Top zum letzten Mal vor eineinhalb Jahren – Harry vor einigen Minuten. Er war der Reiter, den Douglas über die Prärie jagen sah.«

Der Zug ratterte weiter.

Als die Behelfsstation in Sicht kam, war es Abend. Douglas stand am Fenster. Da der Zug einen Bogen fuhr, sah der Junge schon von weitem die riesigen Zelte, die Bretterbuden, die Stapel von Ballen und Fässern auftauchen. Es herrschte ein lebhaftes Treiben bei diesem provisorischen Lager, das noch aus der Bauzeit stammte und als Umschlagplatz mitten in der Wildnis diente.

Der Zug hielt auf der Station. Fenster und Türen öffneten sich, aber es stiegen nur drei Personen aus: Morris, Brown und dessen junger Begleiter, der von ihm mit »Henry« angesprochen wurde.

Es dauerte nicht lange, bis der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Für die Augen der Zurückbleibenden wurden Lokomotive und Wagen klein und kleiner; das Wunderwerk menschlichen Erfindungsgeistes erschien im Abenddämmer bald nur noch wie eine Schlange, dann wie eine Raupe, die sich durch die Grassteppe wand, und endlich war es ganz verschwunden.

Morris, Brown und Henry blieben unwillkürlich zusammen. Sie hatten alle nur sehr wenig Gepäck bei sich. Der Wind blies ihnen ins Gesicht.

Die großen Zelte bauschten sich. Staub wirbelte von dem graslosen Platz an der Station neben dem Gleis auf. Stimmen riefen, Pferdehufe trappelten, aber das alles war nichts als ein winziger Lärm in einem Meer von Stille ringsum.

Von Westen her grüßten die Schattenrisse des Felsengebirges. Die ersten Sterne leuchteten auf.

»Ich werde erwartet«, sagte Morris und schaute sich um. Er entdeckte den, den er suchte, nicht, aber dieser entdeckte ihn, und Morris’ Augen leuchteten auf.

»Langspeer! Da bist du!« Damit begrüßte der Maler einen Indianer, der sehr sorgfältig und sauber gekleidet war und eine kostbare Kette um den Hals trug.

»Mein weißer Bruder Weitfliegender Vogel, Geheimnisstab hat mich gebeten, heute am Abend mit zwei Pferden und zwei Maultieren hier auf ihn zu warten. Ich habe gewartet.«

»Du hast mich erwartet, du Getreuer! Hast du schon Quartier für uns?«

»Ja.«

»Kann ich meine beiden Bekannten hier, Brown ...«

»Joe bitte, nachdem wir aus dem Zug ausgestiegen sind.«

»Also meine Bekannten Joe und ... Henry war der Name? Joe und Henry mitnehmen?«

»Das wird möglich sein.«

Zu viert machte man sich auf den Weg. Der Indianer führte zu einer Bretterbude, die etwas komfortabler aussah als die anderen, deren Wände aber, wie sich im Innern rasch herausstellte, den Luftzug durch zahlreiche Ritzen durchließen. Morris fröstelte.

»Ich bin sonst nicht für das Trinken«, gestand er, »aber nach der langen Fahrt, nach dem Genuss der Reden des Herrn Finley und in dieser Zugluft hier, mit der die Prärie in die unzulängliche Zivilisation der Baracke pustet, wäre eine Flasche Whisky als Erwärmung und Vorbeugung doch nicht zu verachten.«

Joe lächelte. »Wir machen mit. Einverstanden, Henry?«

»Wie immer.«

Joe und Morris gingen schon zu dem Gastraum, während Langspeer, der Indianer, mit Henry zusammen das Gepäck fortbrachte. Die beiden verhandelten mit dem Wirt über eine zweite Schlafkammer, erhielten sie auch für einen Wucherpreis und verstauten die Sachen. Langspeer nahm beide Schlüssel an sich und erklärte, dass er selbst bei den Räumen bleiben und aufpassen wolle. Henry solle zu den anderen in den Gastraum gehen. Nach einigem Hin und Her setzte der Indianer seinen Willen durch.

Henry begab sich allein in den Wirtsraum zu Morris und Joe und entschuldigte das Fernbleiben Langspeers.

»Ich hatte es nicht anders erwartet«, erklärte der Maler. »Langspeer trinkt keinen Tropfen Alkohol und vermeidet jede Gastwirtschaft. Es ist bei ihm Prinzip. Zu viele seines unglücklichen Volkes sind am Branntwein zugrunde gegangen.«

»Er ist Sioux?«, fragte Brown.

»Cheyenne. Ich habe ihn persönlich durch meine Petition aus der Reservation befreit, und er ist mein ständiger Begleiter.«

Da es keinerlei andere Ablenkung in der Wildnis gab, fand sich abends alles zum Trinken in einer großen neuen Gastwirtschaftsbaracke zusammen. Der Wirt selbst, Kellner und Kellnerinnen eilten umher, um zu bedienen. Schon jetzt waren mehrere Gäste angetrunken. In der gegenüberliegenden Ecke wurde musiziert, und eine Tänzerin zeigte sich, um anzudeuten, dass sie später ihre Künste darbieten werde.

Der Maler schaute umher und suchte gewohnheitsmäßig nach Charakteren und Typen, die ihn interessieren könnten. Aber mochte es nun seine Müdigkeit, der Anblick der armseligen und klapprigen Bretterwand, die schlechte Musik, der Tabaksqualm oder der Biergeruch ausmachen, er fand kein Gesicht und keine Gestalt, die ihn fesselten.

Joe Brown schien anderer Stimmung zu sein. »Sie sind zu lange nicht hier gewesen«, sagte er zu Morris. »Darum sind Sie jetzt betrübt, dass sich alles verändert hat. Reißen Sie sich aus den Erinnerungen heraus!«

»Ich war Jahre hindurch magenkrank. Aber Sie haben recht, der Sprung ist zu groß. Früher wurde ich in diesen Gegenden von Top, der damals noch als Häuptling seinen Namen Mattotaupa trug, im Zelt mit Büffellende bewirtet und hörte am Abend die Flöten in den Wiesen. Jetzt sitze ich in einer schnapsstinkenden Bude, trinke selbst Branntwein und lasse meine Ohren von diesem unfähigen Geiger martern.«

»Man könnte auch anders akzentuieren, nach meinen persönlichen Erfahrungen.« So meinte Joe, wieder mit jenem Lächeln, durch das seine Falten sich noch tiefer und schärfer prägten. »Früher wurden meine Gefährten hier durch die lautlosen Pfeile von Tashunka-witkos Kriegern umgebracht, jetzt ruiniere ich mich nach eigenem Dafürhalten und Maße mit Bier und mit Branntwein, den ich mir noch bestellen werde. Übrigens sind die Zelte und die Büffel aus den Landstrichen hier keineswegs verschwunden. Es ist eine zu elende, rauhe, mehr staubige als fruchtbare Gegend, und es haben sich noch kaum Siedler gefunden, die den Indianern solche Jagdgründe ernsthaft streitig machen. Die Bahn bedeutet erst einen sehr dünnen Strich der Zivilisation quer durch ein unbeschriebenes Blatt der Wildnis.«

»Das eben habe auch ich gehört, und ich will versuchen, mit meinem Pinsel noch einiges von den alten Sitten und Gewohnheiten festzuhalten, ehe die eingeborenen Herren des Landes ganz verschwinden müssen.«

»Eine friedliche und löbliche Aufgabe. – Hallo!« Brown rief nach einem Kellner, aber da dieser im Augenblick beschäftigt war, kam stattdessen ein Mädchen zum Bedienen an den Tisch. »Auch wieder mal da, Joe? Brandy?«

»Ja, Brandy. Wie geht’s dir, Daisy?«

»Heiße immer noch Vicky; dass du dich daran nie gewöhnen kannst!«

»Vicky passt nicht zu dir. Habe ich dir immer gesagt. Also Daisy! Was macht das Geschäft?«

»Werde nicht reich dabei. Reich wird nur der Wirt.«

»Keinen guten Mann gefunden?«

»Mann schon, aber gut ..., gut und Mann, das passt nicht zusammen. Nur bei einem, da war’s anders.« Das Mädchen schluckte.

Brown bestellte daraufhin: »Bring Brandy für uns beide!«

Diese Bestellung wurde rasch ausgeführt. Henry hatte schon für einen Stuhl gesorgt, und das Mädchen setzte sich.

»Also, wie steht’s und geht’s?«, erkundigte sich Brown nochmals.

Morris, dem das Mädchen unappetitlich war, weil es eine fettige und geschminkte Haut hatte, begriff, dass Brown und Henry von ihr über alles unterrichtet werden wollten, was sich in den einundeinhalb Jahren, in denen sie nicht mehr am alten Platze gearbeitet hatten, zugetragen haben mochte. Die Kellnerin wusste sicher über die Vorgänge im Stationslager ebenso gut Bescheid wie ein Kundschafter über die Fährten in einem Landstrich. Vielleicht war sie auch eher unappetitlich als schlecht, und Joe, der den Bahnbau mitgemacht hatte, mochte an solche Gestalten viel mehr gewöhnt sein als Morris.

Das Mädchen nahm Joes wiederholte Frage auf und schüttete den zweiten Brandy hinunter. Sie war trinkfest geworden. »Taylor I, den du gekannt hast, ist weggegangen. Seit ein paar Monaten haben wir Taylor II, den Lockenhaarigen, als Stationsleiter.« Das Mädchen kicherte.

»Über den gibt’s manchmal was zu lachen?«, fragte Henry.

»Für uns hier gibt’s manches zu lachen, Junge! Dem Hahnenkampf-Bill seine müsst ihr euch nachher ansehen, die lange Lilly, was aus der geworden ist!«

»Was gibt’s sonst Neues?«

Das Mädchen war bereits beim dritten Becher.

»Seit wann säufst du denn, Daisy?«

»Seit die Bahn geht und man die Leute sieht, die leben können! Das ist doch ein Dreck hier, in dem man sich abschuftet. Gold hätte man finden müssen! Mit dem Sacramento ist nicht mehr viel los, aber in den Black Hills, heißt es, könnte noch was gefunden werden.«

»Was gibt’s sonst Neues?«

»Der Junge, der Harry, der sorgt schon für üble Neuigkeiten.«

»Wieso? Früher ging doch alles gut.«

»Lass mich bloß mit Harry zufrieden! Taylor II kriegt bald einen Schlag ...«

»Warum?«

»Einen Schlag kriegt der, wenn Harry es so weiter treibt. Mit dem Zigeuner zusammen soll er dem blonden Anarchisten zur Flucht verholfen haben, als sie den verhaften wollten. Das sagen alle, beweisen kann es keiner. Ein ganz Verfluchter ist der junge Rote.«

»Neunzehn Jahre ist er alt«, sprach Morris leise, mehr zu sich selbst.

»Mit dem kann einem das Lachen vergehen. Wie heißt Ihr? Morris?«

Der Maler nickte und schob unter der Hand noch ein Geldstück über die Tischplatte. Er hätte es nicht auf eine so diskrete Art zu machen brauchen, denn Daisy-Vicky betrachtete es als selbstverständlich, dass ihre Zeit von den Gästen bezahlt wurde. Sonst hätte sie dem Wirt und den Kollegen gegenüber nicht verantworten können, so lange an einem Tisch sitzen zu bleiben.

»Harry ist ein verdammter Bursche. Ein Killer ist der geworden. Skalphaare trägt er an den Nähten, aber nicht nur schwarze.«

Joe und Morris wechselten einen erstaunten Blick. »Was soll das heißen?«

»Das war so. Drei von uns haben sich mit ihm gestritten. Wie man sich so streitet. Verdammte Rothaut, räudiges Schwein oder was Ähnliches haben sie zu ihm gesagt. Sie sind alle drei verschwunden. Aber er hat Skalphaare an den Nähten, nicht nur schwarze. Das stumme Scheusal, das er in seinem Zelt hat, die Seminolendirne, näht sie ihm an und freut sich noch. Ich will Daisy heißen, wenn die braune Locke nicht eine Locke von meinem Mackie ist. Den hat er ermordet.« Das Mädchen schluckte, als ob es heulen wollte. »Und jetzt haben sie alle Angst vor ihm und seiner Bande, und er macht, was er will. Den Stationsleiter trifft der Schlag, wenn das so weitergeht!«

»Was hat denn der Stationsleiter mit euren internen Auseinandersetzungen zu tun?«

»Du bist mir ein Gemütsmensch! Auch noch aus der guten alten Grenzerzeit! Der Taylor II, der hat neulich mal den Harry einen Faulpelz und einen Heimtückischen geheißen, weil er nie auf die Anordnungen hört, sondern macht, was er will, wenn sich nicht gerade der Vater dazwischenmischt. Aber das kommt auch nur noch selten vor. Und jetzt hat er Angst, unser Lockenkopf, dass er als Nächster dran ist.«

Joe und Morris waren sehr ernst geworden. »Sind die beiden Indianer in der Nähe?«

»Was weiß denn ich! Die sind überall und nirgends.«

An den Nebentischen rührten sich die Gäste, die bedient sein wollten. Das Mädchen sah auch seine Aussicht auf weitere Trinkgelder schwinden und ging.

Joe trank einige Schluck Bier. »Harry hat sich also auf seine Weise durchgesetzt«, sagte er.

Der Maler schaute nach der Bretterwand, als ob dort irgendein Bild hinge, das nur er sehen könne. »Ich habe ihn als Knaben bei den Zelten seines Stammes gekannt. Harka wurde er damals gerufen. Er war ein ungewöhnliches Kind, kühn und selbständig denkend.«

»Ihr hattet überhaupt einen guten Eindruck von der Bärenbande?«

»Den besten.«

Das Gespräch wurde abgerissen, denn die Musik begann lauter zu spielen, und die ersten Paare tanzten.

Joe richtete seine Aufmerksamkeit auf diese. »Wenn mich nicht alles täuscht – wahrhaftig, der Hahnenkampf-Bill! Seine Lilly ist noch dürrer und kesser geworden. Dort, Henry, das Weibsstück!«

»Pfh ...« Henry begann zu lachen. »Für ein Witzblatt«, sagte er. »Schau dir nur den Bill an! Wie ein Auerhahn – ein wenig angeschossen!«

»He! Halt’s Maul! Klapp deine verzierte Schnauze zu!« Die Drohung kam vom Nebentisch, wo ein junger Kerl über den Durst getrunken hatte. »Bill ist mein Freund!«

»Schon recht«, erwiderte Henry friedlich und trank sein Bier aus.

Der andere aber befand sich in dem Zustand der Angetrunkenheit, in dem er Streit suchte. Er erhob sich und kam an den Tisch von Henry, Joe und Morris herüber. »Der Bill ist mein Freund! Verstanden?«

»Schon recht. Dein Freund. Setz dich wieder hin.«

»Mann! Mein Freund! Der Hahnenkampf-Bill.« Er hielt Henry die Faust unter die Nase.

Joe hatte schon die Hand am Revolver. Morris wollte zahlen und aufstehen, aber weder ein Kellner noch der Wirt zeigten sich. Der Geiger kratzte die Saiten seines unglücklichen Instruments. Hahnenkampf-Bill tanzte und stampfte verzückt mit seiner langen Lilly.

»Schön tanzt er! Verstanden!«

»Ich verstehe dich ganz gut, Freund. Bin nicht schwerhörig. Du brauchst nicht zu brüllen.«

»Was sagst du ... Ich brülle nicht! Bin ich ein Ochse?«

»Aber nein. Du bist kein Ochse.«

»Ich bin kein Ochse! Sage das nicht noch einmal!« Die Faust zuckte zum Schlag.

Joe riss den Revolver heraus, aber ehe er schoss, war ein Kellner da, drehte den Angetrunkenen mit einem gewandten Griff um und schob ihn mit einem Stoß, den er ihm mit dem Knie ins Kreuz gab, zu seinem eigenen Tisch zurück. Dort setzte er ihn auf den Stuhl.

Morris winkte, dass er zahlen wollte, und der Kellner kam jetzt, um das Geld entgegenzunehmen.

»Gehen wir?«, fragte der Maler den Ingenieur.

»Gehen wir!«

Die drei erhoben sich, um die Gaststube zu verlassen. Sie hatten alle von der Fahrt noch genügend Proviant bei sich, um in ihren Schlafkammern in Ruhe etwas zu essen.

Draußen stürmte es, hoch wirbelten die Staubwolken. Die Zeltwände blähten sich stärker. Es war kaum mehr jemand im Freien zu sehen außer einigen Wachen bei den Ballen, den Fässern, den Pferden. Aus den Buden schimmerte aber überall noch Licht. Die Gruppe der drei näherte sich der Baracke, in der sie untergebracht waren, und Morris begann sich zu verabschieden. Da hob Henry plötzlich den Kopf, als ob er auf etwas lausche. »Horcht!«

Alle drei strengten ihr Gehör an. Sie vernahmen auch deutlich, worauf Henry aufmerksam machen wollte. Ein Pferd näherte sich im Galopp, in gehetztem gestreckten Galopp. So trieb niemand sein Tier nur aus Mutwillen an.

Der Reiter tauchte in dem Stationslager auf. Es war ein Indianer. Er galoppierte zu einer etwas kleineren, stabileren Bretterbude, offenbar der Unterkunft des Stationsleiters, nahm sich nicht einmal die Zeit, das Pferd anzuhalten, sondern sprang vom galoppierenden Tier ab und eilte im Lauf in die Baracke des Stationsleiters.

»Da ist etwas los!«, sagte der Ingenieur. »Lasst uns einen Augenblick warten. Indianer pflegen sich mit ihren Berichten kurz zu fassen. Wir gehen dann zum Stationsleiter hinein. Mein Name dürfte genügen. Er wird Auskunft geben.«

Der Indianer blieb aber doch länger in der Baracke, als Joe vermutet hatte. Das Pferd, mit dem er gekommen war, stand mit bebenden Flanken in der Nähe. Joe, Morris und Henry gingen zu dem Tier. Es war indianisch aufgezäumt, mit dem Zügel, der um den Unterkiefer befestigt war, und der Haarschlinge am Rist. Es trug weder Sattel noch Decke.

»Ich bin verrückt, oder ich erkenne diesen Mustang wieder, obwohl es Nacht ist und ich ihn viele Jahre nicht gesehen habe«, meinte Morris.

»Ich kenne ihn auch«, bemerkte Henry.

»Ich auch«, sagte Joe. »Das ist Harrys Grauschimmel.«

Die drei ließen das Tier stehen und begaben sich wieder zu der Baracke, in der der Indianer verschwunden war. Vor der Tür hielten sie an. Eine Stimme drang durch die Bretterwand heraus, eine Stimme, die lästerlich schalt und fluchte. Sonst war nichts zu hören.

Joe überlegte. »Ich gehe hinein. Vielleicht verstehe ich von dem, was hier im Busch ist, etwas mehr als dieser unausgereifte Bretterbudenchef Taylor II, den nach zuverlässigen Zeugenaussagen sowieso bald der Schlag trifft.«

Joe öffnete die Tür. Mit seinem Eintreten fauchte auch der Wind in den kleinen Raum, der von einer Petroleumlampe erleuchtet wurde. Neben einem einfachen Tisch stand der Stationsleiter. Seine Schläfenadern waren angeschwollen, seine Stirn war rot angelaufen, die Schweißperlen standen ihm am Ansatz der lockigen Haare; die Finger der rechten Hand hatte er zur Faust geballt und hämmerte damit auf die Tischplatte. Ihm gegenüber stand der Indianer. Der junge Indsman war fast zwei Meter groß, schlank; seine braune Haut wirkte im schwachen Licht der Lampe dunkel. Er hatte die schwarzen Haare geteilt und in Zöpfe geflochten, die ihm von der Schulter fielen. Eine Schlangenhaut hielt die Haare aus der Stirn. Er trug keine Feder, keine Kette, überhaupt kein Zeichen eines Sieges, eines Ranges oder einer Jagdbeute außer den Skalphaaren an den Nähten seiner ledernen Gamaschenhosen. Der Oberkörper war nackt. Im Gürtel steckten der Revolver und der Dolch.

Der junge Indianer lehnte sich an die Wand und betrachtete den zornigen Mann vor sich, wie ein Naturforscher eine neue Spielart eines altbekannten Reptils betrachtet.

»Joe Brown, Ingenieur«, stellte sich der Eintretende dem Stationsleiter vor und kreuzte gleichzeitig seinen Blick mit dem des Indianers, damit ausdrückend, dass er ihn wiedererkenne.

Der Stationsleiter verstummte, aber der Mund blieb ihm noch halb offen stehen, da er mitten im Wort abgebrochen hatte.

»Brown, Ingenieur«, wiederholte Joe.

»Wie kommen Sie denn hier herein?«

»Durch die Tür, wenn Sie erlauben, und auch wenn Sie es mir nicht erlauben.«

»Gar nichts erlaube ich! Was soll hier noch werden, wenn jeder drauflosregiert! Wir sind nicht im Kongress, sondern auf der Union Pacific in der Prärie ... Den Zug anhalten! Mann! Seid ihr alle wahnsinnig geworden! Nimm dein Pferd, du verrückter Indsman, und reite im Galopp zurück. Der Zug fährt sofort weiter!«

»Ich reite nicht zurück.«

»So möge der Teufel dich reiten, und zwar in die Hölle! Ich schicke einen andern!« Der Stationsleiter wischte sich den Schweiß von der Stirn und wollte den Raum schnell verlassen.

Der Indianer trat ihm in den Weg. »Der weiße Mann mag ...«

»Der weiße Mann mag dich nicht, du eingebildeter Bursche! Wer kommandiert denn hier, du oder ich?«

»Heute Nacht wahrscheinlich ich.« Der Indianer sprach ungerührt und spöttisch, was den Stationsleiter noch mehr aufbrachte.

»Scher dich aus dem Weg! Mich hier mit Gewalt festhalten – und den Zug anhalten – du verfluchte Rothaut!«

Joe trat zwischen den Wütenden und den Indianer. »Immer ruhig, bitte!« Er wandte sich um. »Harry, du kennst mich. Sag, hast du den Zug angehalten? Und warum?«

»Mein Vater hat sich mit Fackeln auf das Gleis gestellt und den Zug angehalten, weil die Büffel und die Dakota unterwegs sind. Die Büffel würden den Zug fest einklemmen, wenn er zwischen sie gerät, mindestens für die Nacht bis zum Morgen. Es ist besser, der Zug bleibt unbeweglich.«

Der Stationsleiter stöhnte auf. »Das ist doch alles Unsinn! Büffel unseren Zug aufhalten! Unmöglich! Wann hat es denn das gegeben!«

Joe unterbrach den Stationsleiter mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Es war notwendig, den Zug unter diesen Umständen anzuhalten. Sie haben wohl noch nie eine Büffelherde gesehen! Harry, wo sind die Dakota unterwegs?«

»Sie kommen auf dieses Lager hier zu.«

»Aus welcher Richtung?«

»Rings.«

»Dein Vater ist beim Zug geblieben, um dort zu helfen?«

»Hau.«

Der Ingenieur fasste den Stationsleiter ins Auge. »Ich übernehme hier die Verantwortung, ich, Joe Brown! Der Name dürfte Euch bekannt sein. Gebt sofort allgemeinen Alarm!«

Harry winkte ab.

»Was ist?«, fragte der Ingenieur, nun auch gereizt.

»Es ist noch Zeit für eine List.«

Joe schwankte. Dann sagte er doch: »Sprich rasch!«

»Lasst die Musik weiterspielen und die Mädchen weitertanzen. Holt nur die besten Männer heraus. Wenn wir uns lange genug arglos verhalten, werden die Dakota die Bretterbude überfallen, in der die Männer sich berauschen, und wir können die Angreifer fassen. Das ist besser, als wenn sie uns rings aus dem Dunkel beschießen. Wenn die Dakota eingedrungen sind, können wir sie umzingeln, so wie sie uns jetzt zu umzingeln meinen. Wir werden auf diese Weise rascher mit ihnen fertig und können noch dem Zug Hilfe schicken, wenn es notwendig wird.«

»Gibt es hier Männer, auf die wir uns bei einem solchen Streich unbedingt verlassen können?«

»Hau. Wenige, aber einige gibt es.«

»Du holst sie?«

»Hau.«

»Dann gehe ich in die Trink- und Tanzbude, wo gekämpft werden wird. Einverstanden? Wir treffen uns dort wieder, wenn es die Zeit noch erlaubt.«

»Hau.«

»Und ich?« rief der Stationsleiter. »Und ich? Brown! Ihr habt Grenzerfahrung! Was soll ich tun?«

»Ihr pustet eure Ölfunzel aus und haltet euch in eurer Bude im Dunkeln bereit, mit ein paar handfesten Kerlen zusammen, die Harry schickt.«

»Wir müssen mit Brandpfeilen rechnen«, sagte der Indianer.

»Also die Brunnen besetzen und die Wasserfässer füllen. Schlimmstenfalls gießen wir auch das Bier aus ...«

Der Stationsleiter sank auf seinen Stuhl und untersuchte, ob sein Revolver geladen war.

Joe und der Indianer verließen den Raum. Vor der Tür trafen sie den Maler und Henry. Joe unterrichtete die beiden. Der Indianer wollte sich nach dem letzten Wort, auf das er schon in Ungeduld verratender Haltung gewartet hatte, sofort auf seinen Weg machen, als ihn die Erwiderung des Malers noch festhielt.

»Ich besitze das Totemzeichen eines großen Dakotahäuptlings«, sagte Morris, »unter dessen Schutz ich somit stehe. Ob es nicht möglich wäre, zu verhandeln, ehe das Blutvergießen beginnt?«

Der junge Kundschafter wollte auf diesen Vorschlag, so überraschend er für alle kam, eingehen. Joe aber schnitt ihm das Wort kurz ab: »Du bist nicht gefragt, Harry, und zum Verhandeln ist es in dem jetzigen Stadium überhaupt zu spät. Es ist eine große Büffelherde in der Nähe. Die Dakota rasen sicher in der Befürchtung, dass wir ihnen wieder einmal die Büffel wegschießen könnten. Vielleicht lässt sich mit den Leuten reden, sobald wir gesiegt haben. Damit sie endlich Vernunft annehmen und meine Bahn hier in Ruhe lassen!«

»Ich gehe mit Langspeer zu einem Brunnen«, erklärte der Maler. »Wir halten uns dort zum Wasserschöpfen bereit. Ich schieße nicht auf die Dakota; das verbietet mir mein Freundschaftsverhältnis.«

»Macht, was ihr wollt.« Joe war nervös. »Ich jedenfalls sorge dafür, dass alle unsere Männer ihre Waffen bereithalten, auch die in der Tanzbude, und dass alle erfahren, auf wen sie zu hören haben.«

Er gab Harry einen Wink, zu tun, was besprochen worden war, und der Indianer verschwand im Dunkel zwischen Zelt und Buden.

Die Nachricht von dem bevorstehenden Kampf verbreitete sich im Stationslager wie ein Lauffeuer. Unruhe, ungewöhnliches Umherlaufen war nicht zu vermeiden. Joe konnte den Geiger nicht überreden, unter solchen Umständen weiterzuspielen. Harry musste verständigt werden. Er griff ein und schickte den Zigeunerprimas, mit dem Bill seinen letzten Hahnenkampf ausgefochten hatte. Die beiden Hahnenkämpfer maßen sich feindselig, aber als die Geige zu singen begann, fand Bill sich doch bereit, mit der langgewachsenen Lilly zusammen weiterzutanzen und dadurch noch vier beherzte Paare bei Musik und Tanz festzuhalten. Totenbleich und schwitzend vor Angst, schenkte der Wirt einen Brandy nach dem anderen aus und kassierte mit den Kellnern und Kellnerinnen zusammen, so schnell es sich nur irgend machen ließ. Er war ungewiss, wo die Kasse am sichersten sein könnte, und schleppte sie dahin und dorthin, bis er sie endlich wieder an den alten Platz brachte. Der Alkohol flößte den schon halb betrunkenen Gästen größeren Mut ein, und sie erfüllten die Bretterbude mit Verwünschungen und mit wildesten Versicherungen, was sie den verdammten Rothäuten alles antun wollten.

Unterdessen waren die Brunnen mit zuverlässigen Grenzern besetzt worden, und es wurden so viele Fässer wie möglich gefüllt.

Joe und der junge Indianer trafen sich wieder bei der Tanzbude. Harry hatte sich seine zwanzig Männer zusammengesucht. Der kampfgewandte Kellner war darunter und ein alter Trapper, mit dem Harka sich vor Jahren nach einer großen Büffeljagd über die Beute verständigt und zusammengefunden hatte.

»Wenig«, sagte Joe. »Wie viele Dakota kommen?«

»Hundert bis Hundertzwanzig.« Harry sprach leise und sehr schnell. »Ich werde eine List anwenden müssen. Ich habe eine Kriegspfeife, wie die Dakotahäuptlinge sie benutzen, um im Kampf das Zeichen zum Angriff oder zum Rückzug zu geben. Ich schleiche mich jetzt hinaus. In der Nacht können mich die Dakota nicht von ihren eigenen Kriegern unterscheiden. Ich werde sie in Verwirrung bringen, indem ich zu früh zum Angriff pfeife und dann mitten im Kampf zum Rückzug.«

»Ob das gutgeht? Aber du trägst deine eigene Haut zu Markte, und uns kann kein Schaden entstehen. In Ordnung ...«

Der Indianer war den Augen der Weißen gleich wieder entschwunden.

An einem der größten Brunnen, in der Nähe der Schank- und Tanzbude, saßen Morris, Harry, Langspeer und drei weitere Männer. Sie hatten sich in den Schatten gehockt, so dass sie weder vom Mondlicht noch von einem Schimmer aus der im Innern beleuchteten Bude getroffen wurden. Sie versuchten, den Gesang der Zigeunergeige und die heiseren Schreie des Hahnenkampf-Bill und seiner Tänzerin aus ihrem Gehör auszuschalten. Sie versuchten zu horchen und zu spähen, aber es gelang ihnen schlecht. Langspeer, der Cheyenne, hatte von allen noch das feinste Gehör und das schärfste Auge.

»Sie sind nahe«, sagte er nach einiger Zeit zu Morris.»Ich spüre es.«

Alle Nerven waren angespannt, alle Muskeln und Sehnen bereit. Ein unheimliches Surren ging durch die Luft. Dann flammten die ersten Brandpfeile auf dem Dach der Baracke auf.

In demselben Augenblick schrillte eine Pfeife nördlich des Lagers, und eine kräftige, weittragende Stimme erhob gellend den Kriegsruf der Dakota: »Hi-jip-jip-jip-hi-jaah!«

Ringsumher, aber doch noch ziemlich entfernt, erschallte das Kriegsgeschrei, dem Häuptlingsruf antwortend. »Hi-jip ... jaah!«

Die Tanzmusik brach ab, die Schreie des Hahnenkampf-Bill und seiner Tänzerin verstummten. Henry und seine drei – ihm nicht näher bekannten – Gefährten am Brunnen hatten die Büchsen und Flinten im Anschlag. Von Norden her schien der erste und wütendste Angriff zu erfolgen. Eine Gruppe gespenstischer Gestalten sprang durch das Dunkel. Da waren sie schon im Lager und drangen in Richtung des Brunnens und der Schank- und Tanzbude vor. Ein einzelner Anführer war ihnen weit voran. Henry und die drei Grenzer am Brunnen feuerten. Der Anführer fiel mitten aus einem Sprung zu Boden und überschlug sich dabei. Zwei weitere Indianer stürzten.

»Der erste war Harry«, sagte Langspeer zu Morris.

»Sie haben ihn erschossen!« Morris hob den Arm vor die Augen. Der Cheyenne aber sah, dass Harry wieder aufsprang und den weiter heraneilenden Angreifern voran die Schankbude erreichte. Die Dakota liefen am Brunnen vorbei, ohne sich überhaupt um die Schützen dort zu kümmern. Sie drangen hinter dem jungen Kundschafter, ihrem vermeintlichen Anführer, sofort in die Schankbude ein. Dort erschallte noch einmal das schrille Signal der Kriegspfeife. Dann entstand ein fürchterlicher Tumult, so dass die Wände zusammenzubrechen drohten. Das Dach begann zu brennen.

»Löschen!«, schrie Henry.

Er wollte ein Fass in Bewegung setzen, aber ein neuer Feind tauchte am Brunnen auf, ein Indianer, das Schlachtbeil in der Hand; in seinem Haarschopf steckten Falkenfedern. Henry erhielt einen Schlag und stürzte.

Morris sah schon das Beil über seinem eigenen Schädel schweben. »Geheimnisstab!«, schrie er auf. »Ich bin Geheimnisstab! Schone deinen weißen Bruder, Tashunka-witko!«

Der Indianer warf das Beil einem der fliehenden Grenzer in den Nacken und stürmte weiter. Zwei Dakotakrieger, die ihm folgten, nahmen die Feuerwaffen der Brunnenverteidiger mit.

In der Bretterbude, in der der Kampf im Gange war, befand sich Joe. Er hatte gesehen, wie die ersten Feinde die Tür öffneten und hineinfluteten wie Wasser, das einen Staudamm durchbrochen hat. Er erkannte auch Harry, der diese Gruppe führte, und nun im hellen Licht von den Irregeführten als ihr Feind erkannt werden musste. Harry war der einzige der Indianer, der nicht mit den Kriegsfarben bemalt war. Er hatte sich umgewandt und stieß den Dakota, der sich unmittelbar hinter ihm befand, mit dem Messer nieder.

»Kojote und Verräter!«, brüllten die nächsten auf und versuchten, sich gemeinsam auf ihn zu stürzen.

Von rings her fielen aber jetzt die Weißen über die eingedrungenen Indianer her, von denen die meisten keine Feuerwaffen hatten und Pfeil und Bogen im Nahkampf nicht gebrauchen konnten. Sie besaßen nur Messer und Keule und waren auch taktisch im Nachteil. Sie wurden zurückgedrängt. Durch die Schüsse und das Kampfgedränge wurden die Lampen zertrümmert. Es wurde dunkel in der Baracke, was den Indianern wieder zugutekam. Dann fielen die ersten brennenden Schalbretter der Decke herunter, und die Verwirrung vermehrte sich noch.

Draußen, vor der Bude, blies eine Häuptlingspfeife zum Rückzug. Joe wusste jetzt selbst nicht mehr, ob dies ein echtes oder vorgetäuschtes Signal war. Konnte Harry aus dem Haus hinausgelangt sein? Vielleicht durch das Dach? Die Indianer, die das Rückzugssignal vernommen hatten, kämpften mit aller Macht, um der Umklammerung im Saal zu entkommen. Aber an der Tür trafen sie auf neue Gegner, die sie wieder in den Saal hineindrängten. Das waren die zwanzig entschlossenen Kerle, die Harry zusammengerufen hatte. Die Bretterwand hielt dem Getümmel nicht mehr stand. Sie brach ein, und das zum Teil brennende Dach stürzte auf die Kämpfenden herunter.

Morris betrachtete sich vom Brunnen aus die Lage und sah ein, dass ein Löschen der brennenden Bretter im Gedränge der schießenden, schreienden, sich packenden und wälzenden Männer völlig unmöglich war. Auch Langspeer war dieser Meinung, und die beiden bückten sich zu Henry, der beim Brunnen noch am Boden lag. Sie stellten fest, dass er noch am Leben war; das Beil musste ihn mit der Flachseite getroffen haben.

Da Gewehr- und Revolverkugeln durch die Luft pfiffen, warfen sich Morris und Langspeer zu Boden. Die beiden vernahmen Joes kräftige Stimme, die durch den Höllenlärm drang, und sie hörten eine zweite, befehlende Stimme, die eines Indianers.

»Tashunka-witko!«, rief Langspeer dem Maler ins Ohr. »Er will Harry haben, tot oder lebendig! Er fordert ihn heraus, sich ihm zum Kampf zu stellen, und er fordert seine Krieger auf, Harry zu töten oder gefangenzunehmen. Dann wollen sich die Dakota zurückziehen. Ihr Angriffsplan ist gescheitert.«

Niemand benutzte mehr die Kriegspfeife. Die Dakota hatten die List begriffen, der sie zum Opfer gefallen waren.

Die Kämpfenden hatten inzwischen die brennenden Bretter ergriffen, um sie als Waffe gegeneinander zu benutzen. Dabei erloschen die Flammen allmählich. Joe brüllte zum Angriff. Tashunka-witko befahl den Rückzug.

Die Kämpfenden kamen allmählich auseinander. Das allgemeine Gedränge zerteilte sich in kleinere Gruppen. Keuchend noch vor Anstrengung und Erregung hatten die Männer doch schon wieder den Atem, um zu fluchen und zu drohen. Immer noch knallten Schüsse, und Morris blieb vorsichtshalber am Boden liegen, zog auch Langspeer zu sich her, als dieser sich erheben wollte. »Lass!«, sagte er. »Wir haben uns herausgehalten, und wir wollen nicht jetzt noch Blut vergießen.«

Das Geschrei und der Kampf zogen sich aus dem Lager hinaus. Es schien den Dakota zu gelingen, sich von den Weißen abzulösen.

Endlich wurde es still. Morris atmete leichter. Er hasste das Morden.

Joe tauchte beim Brunnen auf. Er schien zu bluten und trank durstig und hastig. »Was ist mit Henry?«, fragte er.

»Schlag auf den Kopf, aber er lebt noch.«

Joe ließ sich erschöpft zur Erde fallen, aber nur für ein paar Sekunden. Schon war er wieder auf, um die Männer, die noch kampffähig waren, zu sammeln und auf Wache einzuteilen. Ein Trupp von Wagemutigen sollte sich zu Pferd aufmachen und dem Zug zu Hilfe eilen, der wahrscheinlich ebenfalls bedroht war. Für diese Aufgabe meldeten sich vor allem Teilnehmer aus dem Trupp der zwanzig, die Harry ausgesucht hatte.

Joe kam noch einmal zum Brunnen zurück. »Hat einer von euch Harry gesehen?«, fragte er in die Dunkelheit und dem noch nicht aufgelösten Durcheinander.

»Zu Anfang ...«

»Unsinn. Jetzt, meine ich.«

»Nein.«

»Wo kann er denn nur stecken! Unter den Toten ist er auch nicht!«

»Vielleicht gefangen?«

»Der ergibt sich nicht. Der weiß doch, was ihm dann blüht.«

Joe lief wieder weg. Morris und Langspeer hörten, wie der Reitertrupp davongaloppierte, um dem Zug zu Hilfe zu kommen.

Es war durchaus möglich, dass entflohene Feinde in der Finsternis der Prärie draußen noch mit Pfeil und Bogen lauerten; darum verhielten sich die meisten im Lager ruhig und blieben so gut wie möglich in Deckung. Morris und Langspeer machten sich aber auf, um den schreienden und stöhnenden Verwundeten, Männern und Frauen, zu helfen, soweit sie es vermochten. Viel konnten sie nicht tun, es mangelte an allem. Die Baracke des Stationsvorstehers, wo sich das Sanitätsmaterial befunden hatte, war aufgebrochen und durchwühlt. Taylor II saß erschöpft auf einer übrig gebliebenen Treppenstufe und strich sich über den lockigen Skalp, der ihm erhalten geblieben war.

Bei der ersten Hilfe für die Verwundeten ließ es sich nicht vermeiden, dass Morris und Langspeer sich zeitweise trennten, um möglichst rasch an mehreren Stellen zu helfen. Die Lampen in Zelten und Baracken waren alle zerstört oder gelöscht, das Feuer erlosch. Es wurde ringsum dunkel, die Augen mussten sich wieder daran gewöhnen, den spärlichen Schimmer der Sterne aufzunehmen und die Finsternis aufmerksam zu durchdringen. Morris und Langspeer verloren sich zeitweise und verständigten sich dann wieder durch Zurufe.

Bei einem Verwundeten, dem Morris helfen wollte, hatte er ein merkwürdiges Erlebnis. Er hatte zwischen den Trümmern der eingestürzten Bretterbude einige Tote gefunden, zwei Weiße – ein Mann und eine Frau –, und vier Indianer. In der Nähe der vier toten Dakota lag noch ein verletzter Indianer, der vergeblich aufzukommen versuchte. Morris wollte sich seiner annehmen, konnte sich aber mit dem Mann nicht verständigen und traf auf erbitterten Widerstand. Da er auf diese Weise dem anderen nicht zu helfen vermochte, selbst aber in Gefahr kam, ließ er ab und zog sich aus den schwelenden Trümmern zurück. Dabei kam ihm jemand entgegen, jemand oder ein Etwas; es lief wie ein Mensch, starrte den Maler aus dem Dunkel aber mit einer Fratze an, die ihn zurückschauern ließ. Als er ein paar Schritte weitergelangt war, schaute er sich noch einmal um, weil er seinen eigenen Sinnen nicht traute, und meinte, von einem Gespenst geträumt zu haben. Da beobachtete er, wie die Gestalt mit dem Fratzengesicht dem Verwundeten aufhalf. Es huschte noch ein Indianer herbei, der im vollen Besitz seiner Kräfte zu sein schien, und dann waren die beiden samt dem Schwerverletzten verschwunden. Morris wusste nicht genau, wie und wohin.

Er rief nach Langspeer, und als er mit diesem zusammen nochmals durch die Trümmer ging, war nicht nur der Verwundete, sondern es waren auch die vier gefallenen Dakota verschwunden.

»Vielleicht gibt es unter uns hier einige, die den Dakota helfen, ihre Verwundeten und Toten wegzuschaffen«, mutmaßte der Cheyenne. »Sonderbar. Aber schließlich, warum sollten sie nicht? Ich glaube, es ist besser, wir haben morgen keine Gefangenen hier. Der Mob würde sie zerreißen.«

Morris und Langspeer arbeiteten an ihrem Hilfswerk weiter und blieben jetzt immer eng zusammen. Es war noch nicht viel Zeit verflossen, als beide aufhorchten. Ein dumpfes, mächtiges, unheimliches Dröhnen erfüllte Luft und Boden. Es schien näher zu kommen.

»Die Büffel!«, schrie Langspeer. »Die Büffel!«

Eine Stimme kreischte, als ob einer den Verstand verloren habe.

Langspeer suchte nach den Pferden. Sein eigenes und das des Malers fand er zwar nicht mehr, aber er griff dafür zwei andere am Zügel und führte sie zu Morris herbei. »Wenn die Büffel hierherkommen«, sagte er, »müssen wir Pferde haben, sonst sind wir verloren.«

»Gott behüte, die Büffel werden doch nicht ... Wir können auch Henry nicht im Stich lassen!«

Das Dröhnen nahm nicht ab. Es schien, als bebte der Boden eine endlose Zeit. Doch nahm die Herde nicht Richtung auf die Station.

»Irgend jemand jagt die Büffel«, sagte Langspeer. »Sonst galoppieren sie nicht mitten in der Nacht.«

»Vielleicht entschädigen sich die Dakota durch Jagdbeute für ihre Verluste hier. Konkurrenz können wir ihnen bei dieser Herde nicht mehr machen. Das hat Tashunka-witko doch erreicht.«

Als es endlich zu tagen begann, hätten die Menschen auf der Station am liebsten vor Freude geschrien, denn jetzt erst fühlten sie sich vor feindlichen Pfeilen sicher.

Aber bei Tageslicht wurden auch die Schäden, die entstanden waren, erst in vollem Maße übersehbar. Die Toten wurden zusammengetragen. Die Verletzten stöhnten und bettelten um Wasser und Hilfe für ihre Wunden.

Bleich, übernächtigt war Morris unterwegs, um an Menschenleben zu retten, was noch zu retten war. Die lange Lilly hatte das Schicksal ereilt. Halb verkohlt lag sie auf den Resten des Tanzbodens. Bill hockte bei der Toten, murmelte Flüche und wickelte sein Halstuch, das er um die blutende Hand gebunden hatte, eben wieder auf. Morris erbot sich, die Hand zu verbinden.

»Wenn ich den Harry zu fassen kriege, den Verräter«, murmelte Bill, während er Morris die Hand hinhielt, »dann hat das Schwein nichts mehr zu lachen.«

»Harry war es, der uns rechtzeitig gewarnt hat«, sagte der Maler.

»Der? Die Indsmen hat er gegen uns angeführt! Und wie!«

»Nein, nein, Bill, er hat sie mit Gefahr seines Lebens in die Falle gelockt!«

»Schöne Falle! Da!« Bill wies auf die Tote. »Da! In der Falle umgekommen! Aber ich weiß, was ich tun werde!«

»Um Gottes willen, Bill! Sprich erst mit Joe!«

»Ach, der! Kommt hergelaufen, und schon will er das Kommando führen! Nichts als Unglück bringt der uns! Damals das Gift, jetzt den Überfall.«

Morris hielt es für das beste, sich nicht weiter mit Bill auseinanderzusetzen. Nach einer solchen Kampfnacht mochten wohl vielen die Nerven reißen, und verrückte Parolen mochten umgehen, bis das vernünftige Urteilsvermögen wieder einkehrte. Der Maler band das Halstuch kunstgerecht um Bills verletzte Hand und ging.

Der Wind wehte und beugte das Gras in langen Wellen. Sand und Asche stäubten immer noch auf. Taylor II stand mit ein paar Bahnbediensteten beim Gleis und schaute die Schienen entlang nach Westen. Er wartete auf Nachricht von dem Zug. Joe war nicht im Lager. Er hatte sich dem Trupp angeschlossen, der dem Zug nachgeritten war.

Morris und Langspeer suchten von ihren Habseligkeiten zusammen, was noch zu finden war. Die Pferde waren verloren, ausgebrochen oder von den Dakota erbeutet. Dagegen fanden sich die Maultiere wieder ein.

Während sich alle diese Vorgänge im Stationslager abspielten, durchlebten auch die Bediensteten und Fahrgäste des Zuges keine ruhigen Stunden.

Als Morris, Joe und Henry am Abend ausgestiegen waren, um im Stationslager Quartier zu nehmen, hatte es sich Familie Finley möglichst bequem gemacht. Douglas stand wieder am Fenster, futterte nebenbei die Schokolade, die er jetzt nicht mehr verschmähte, und dachte sich, angeregt durch die letzten Gespräche mit Joe und Morris, aufregende Abenteuer aus, die er natürlich siegreich und möglichst als Retter seiner Familie und des ganzen Zuges bestand.

Als es früh Nacht wurde und die Sterne über der Prärie aufleuchteten, schnarchte Herr Finley in der Ecke.

Plötzlich ging ein scharfer Ruck durch den Zug. Die Räder standen still. »Was ist denn?«, fragte Ann Finley den Jungen am Fenster. »Hier kann doch nicht schon wieder eine Station sein?«

»Ist auch keine.«

Douglas freute sich über die Abwechslung, die durch das unvorhergesehene Ereignis eintrat. »Ma, vor der Lokomotive winkt einer mit Brandfackeln.«

»Allmächtiger!«

Herr Finley hörte auf zu schnarchen, öffnete blinzelnd die Augen, klappte den Unterkiefer, der ihm heruntergesunken war, wieder mit dem Oberkiefer zusammen und knurrte: »Könnt ihr denn keine Minute Ruhe geben!«

»Aber um Gottes willen, George! Brandfackeln!« Frau Finley packte hastig alles zusammen, was sie auf der langen Reise ausgepackt hatte.

»Der Zug brennt? Aber Ann, du hast wohl schlecht geträumt.«

Die Pfeife war in Gang. Herr Finley tat zwei Züge. »Wo sind wir denn eigentlich?«

»Im Wilden Westen, Pa!«

»Dummer Junge! Ich sehe übrigens keine Brandfackeln.«

»Der Mann ist damit zur Lokomotive gegangen, und da hat er sie ausgelöscht.«

»Ach, der wollte unterwegs einsteigen! Auch ’ne Methode, das muss ich sagen! Wirklich ›Far

West‹. Aber dann wird es ja bald weitergehen.« Es ging jedoch nicht weiter.

»George, wir müssen uns doch erkundigen, was los ist!«

»Wieso denn? Das Bahnpersonal hat uns zu unterrichten.«

Viele Passagiere flüsterten unruhig.

Dann gingen zwei der Bahnangestellten durch den Waggon und gaben bekannt, dass nicht der geringste Grund zur Aufregung bestehe. Eine riesige Büffelherde passiere die Gleise. Der Zug müsse leider warten, bis die Tiere abgezogen seien. Die meisten Fahrgäste nahmen diese Mitteilung mit stoischer Ruhe hin und richteten sich wieder bequem ein, um die angesagten Wartestunden möglichst angenehm zu überdauern.

Herr Finley jedoch, der sich prominent und als sehr erfolgreicher Geschäftsmann fühlte, betrachtete das Verhalten der Büffel und das Zurückweichen der Union Pacific, an der er beteiligt war, als eine Art persönlicher Kränkung.

»Das ist ja ... das ist ja ... also ich habe überhaupt keine Ausdrücke mehr!«, schrie er den Vertreter des Bahnpersonals an. »Warum fahren wir nicht weiter? Wem müssen Sie Haftpflicht bezahlen, wenn Sie einen Büffel überfahren? Oder wollen Sie Büffel jagen? Ich habe keine Worte mehr! Ich habe keine Stunde zu verschwenden. Wer ist denn hier das Rindvieh, die Büffel oder wir?«

»Die Büffel, Sir.«

Die Zugangestellten hatten Herrn Finley auf der langen Fahrt kennengelernt. Erst war er ihr Alpdruck gewesen, dann hatten sie sich darauf eingestellt, durch Ruhe mit ihm fertig zu werden. »Wollen Sie gestatten, Sir, dass ich Ihnen die Herde zeige?«

»Ich steige nicht aus.«

»Wird nicht unbedingt nötig sein. Ich stelle Ihnen mein Fernglas zur Verfügung.«

»Solche Scherze können Sie mit meinem Jungen machen, aber nicht mit mir!«

Douglas ergriff die Gelegenheit. »Bitte!« Er ließ sich das Glas geben und die Richtung zeigen. Bald fand er die Herde. »Pa! Ma! Pa! Ma! Das ist toll! Alles ist schwarz, alles wimmelt von Büffeln, wie Ameisen in einem Ameisenhaufen. Können wir nicht etwas näher heranfahren?«

»Davor eben sind wir gewarnt worden. Wenn wir erst in den Büffeln drinstecken, dann gibt es kein Vor und kein Zurück!«

»Wollen Sie mir vielleicht noch verraten«, schalt Herr Finley, »wozu die Union Pacific gebaut worden ist? Als Aussichtspunkt in einem Naturschutzpark oder als Eisenbahn?«

»Im Sommer kommt Buffalo Bill auch hierher, Sir, dann wird mit den Büffeln aufgeräumt. Das ist das letzte Mal, dass wir stecken bleiben, wahrhaftig!«

»Schwacher Trost, mein Lieber. Ob wir nun die Letzten sind, die stecken bleiben, oder die Vorletzten, jedenfalls stecken wir fest! Aber die Maschine bleibt unter Dampf?«

»Selbstverständlich. Die Dakota ...«

»Wer?«

»Ich meine ...«

»Was meinen Sie?«

»Eigentlich nichts.«

»Dakota haben Sie gesagt!«, stellte Douglas fest.

»Ach so, ja. Dakota jagen gerne Büffel.«

»Haben wir auch schon mal gehört. Vielleicht jagen sie bei der Gelegenheit auch gleich unseren Zug?«

»Nicht unbedingt anzunehmen, Herr ...«

Ann Finley bekam einen Hustenanfall.

»Haben wir Verbindung mit der Station?«

»Noch nicht.«

»Wer war denn das, der uns angehalten hat?«

»Ein Beauftragter der Station.«

»So, so. Wenn wir in diesem Jahr noch weiterfahren sollten, setzen Sie es in die Zeitung!« Herr Finley räkelte sich in seiner Fensterecke in der Absicht, wieder einzuschlafen. »Noch eins!«, bemerkte er zuvor. »Finden sich nicht ein paar Leute, meinetwegen von der Station oder vom Zugpersonal oder unter den Fahrgästen, die mal in diese Büffelherde hineinknallen und sie zum Laufen bringen?«

Der Bahnbedienstete wurde verlegen. Sein Kollege hatte inzwischen alle anderen Passagiere mit seiner Auskunft befriedigt und kam eben zurück.

Auf einmal waren aber aufgeregte Rufe zu vernehmen, deren Sinn Herr Finley erst erfasste, als Douglas aufschrie: »Ein Feuerschein am östlichen Horizont! Das muss das Stationslager sein!«

Frau Finley stöhnte und hustete unbeachtet vor sich hin.

»Dann wird es Zeit, dass wir mit allen, die eine Waffe bei sich haben, die Verteidigung des Zuges organisieren!« Die beiden Bahnbediensteten schauten sich gegenseitig an und blickten dann gemeinsam auf Herrn Finley.

»Meine Herren, ich bin weder ein Fallensteller noch ein Pelzjäger! Ich bin auch über die Vierzig hinaus! Suchen Sie sich andere Schützen. Es ist ein Skandal, dass Sie hier nicht einmal die persönliche Sicherheit der Fahrgäste garantieren können! Ein Skandal ist es! Douglas, geh sofort vom Fenster weg! So! Ann und Douglas, ihr legt euch flach hin. Ich aber werde mein Leben teuer verkaufen! Wo bleibt denn dieser Beauftragte der Station, der uns angehalten hat, dieser Mann mit den Fackeln?! Er wird doch wahrscheinlich mehr wissen, als dass eine Büffelherde im Wege liegt!«

»Sofort, mein Herr. Der Zugleiter übernimmt die Verantwortung!«

Die beiden Bahnangestellten stiegen aus, um zur Lokomotive zu laufen. Herr Finley kramte. »Ann, wo hast du meinen Revolver hingepackt?«

»Ganz unten in der Tasche musst du suchen.«

»Typisch. Das nächste Mal packe ich wieder selbst. Ann, so weine doch nicht. Ich kann nicht sehen, wenn du weinst. Du bist die beste, du bist die einzigartige Frau, und ich verteidige dich wie mein eigenes Leben! Da ist er ja, ein Glück – auch die Munition.«

Douglas wurde ungeduldig.

»Pa, die anderen Männer haben schon ihre Flinten bereit!«

»Aber sicher, Junge. Amerikaner lassen sich nicht so leicht unterkriegen. Diesen Rothäuten werden wir es zeigen!«

Der eine Bahnangestellte kam wieder zu Herrn Finley, diesmal in Begleitung eines hochgewachsenen Indianers. Der Indianer hatte das Haar, durch das sich graue Strähnen zogen, in Zöpfe geflochten. Das Stirnband aus Schlangenhaut hielt am Hinterkopf zwei Adlerfedern. Das Gesicht war nicht bemalt und wirkte gealterter als die kräftige, braunhäutige Gestalt. Im Gürtel steckten Messer und Revolver. Die Büchse trug der Indianer in der Hand.

»Das ist Top, ein erfahrener Scout des Stationslagers«, sagte der Bahnangestellte. »Wir können uns auf ihn verlassen!«

Frau Finley saß erschöpft auf ihrem Platz und starrte auf den Bahnangestellten und den Indianer, um aus der Ruhe, die von den beiden ausstrahlte, und aus den Worten des Weißen wieder Mut zu schöpfen. Aber plötzlich riss sie die Augen auf, sprang in die Höhe, und halb ohnmächtig wieder zurücksinkend, flüsterte sie: »Das ist er! Das ist er! Der Mörder!«

Der Bahnangestellte betrachtete die aufgeregte Frau und dann den Indianer.

Herr Finley räusperte sich. »Meine Frau ist reichlich nervös«, sagte er, und dabei zuckten seine Mundwinkel. »Sie verwechselt zwei Personen. Gehen Sie nur. Es ist alles in Ordnung.«

Der Angestellte und der Indianer entfernten sich, nachdem sie noch einmal gemahnt hatten, alles im Dunkeln zu lassen und sich nicht beim Fenster aufzuhalten.

Als die Familie wieder unter sich war, hauchte Ann: »Wie entsetzlich! Er ist es doch! Er ist es bestimmt!«

»Nun sei bloß still, Ann. Wie kannst du den Indianer, der vor dir steht, einen Mörder schimpfen! Er ist sehr gut bewaffnet, und wir sind in der Prärie. Die Bahnangestellten, das siehst du ja, taugen überhaupt nichts. Nicht einmal ein paar Büffel wagen sie zu vertreiben.«

»Dann ist es ja noch viel schrecklicher! Er wird uns doch nicht aus Rache umbringen. Lass ihn noch einmal rufen! Ich stelle meine Äußerung richtig! Ich habe ja auch wirklich nicht gesehen, ob er den Inspizienten damals erschossen hat. Es war nur so ein Gerücht ...«

»Eben. Aber lass das jetzt bitte beiseite! Du machst sonst alles nur noch schlimmer.« Herr Finley war sehr gefasst. »Ich habe ja bereits richtiggestellt.«

»Er ist es aber«, sagte Douglas. »Ich habe ihn auch wiedererkannt. Ob er unseren Zug und die Station an die Dakota verraten hat? Er führte doch damals so aufrührerische Reden.«

»Jedenfalls bitte ich euch beide, dich, Douglas, und dich, Ann, eurerseits überhaupt keine Reden zu führen, ehe wir nicht in Sicherheit sind! Für ein verfolgtes Insekt ist es am besten, sich zu verstecken.«

»Es sind doch genug Männer mit Flinten im Zug!«, begehrte Douglas wieder auf. »Du siehst ja, sie haben sich schon alle zusammengefunden.«

»Aber nicht, um sich eure antiquierten Zirkusgeschichten anzuhören!«

Herr Finley vermochte in der gegebenen Situation zwar weder zu schlafen noch zu schnarchen, aber aus Protest gegen das Verhalten seiner Familie schloss er die Augen und lehnte den Kopf an.

»Setze dich lieber vom Fenster weg!«, bat seine Frau. »Die Außenwand kann von einer Kugel durchschlagen werden!«

Der Angeredete gab keine Antwort mehr.

Der Zug wartete und wartete. Die Maschine blieb unter Dampf. Müdigkeit überfiel die Fahrgäste; sie begannen abwechselnd zu wachen und zu schlafen. Der Feuerschein in Richtung der Station war erloschen.

Als Douglas sich wieder aus dem Schlaf aufraffte, hörte er in der nächtlichen Stille Hufgetrappel. Sein Vater saß nicht mehr an seinem Platz. Da keine Gefahr mehr zu bestehen schien, hatte er sich zu der Truppe der bewaffneten Verteidiger des Zuges begeben. Die freudigen Rufe, die von dieser Gruppe her ertönten, ließen auch Douglas und seine Mutter Ann wissen, dass die ankommenden Reiter Verbündete waren. Douglas spähte hinaus. Einen der Reiter erkannte er. »Herr Brown! Herr Brown!«

Der Ingenieur wandte den Kopf und winkte dem Jungen zu. »Schon ausgeschlafen? Ist doch noch dunkel!«

Douglas lauschte auf Gesprächsfetzen, die er auffangen konnte. Die Station war also überfallen worden!

Ein dumpfes, mächtiges Dröhnen ließ alle aufhorchen.

»Die Büffel!«, schrie Joe sofort. »Die Büffel kommen in Bewegung!«

Die Männer spähten mit Ferngläsern. Top, der sich bei ihnen eingefunden hatte, verschmähte das Hilfsmittel. Seine Augen genügten ihm auf solche Entfernung.

»Die Dakota jagen!«, sagte Mattotaupa zu Joe. »Wenn sie die Station nicht bedroht hätten, würden unsere Männer diese Büffel gejagt haben.«

»Allerdings. – Ist Harry übrigens hierhergekommen? Wir vermissen ihn.«

Die Wirkung dieser Mitteilung auf den Vater konnte Joe nicht beobachten. Der Zugleiter nahm den Ingenieur jetzt in Anspruch.

»Können wir weiterfahren?«

»Können wir – aber nicht sofort. Wenn der letzte Büffel entflohen ist, müssen wir noch die Gleise kontrollieren, denn was so eine Büffelherde anrichten kann, das ist unabsehbar.«

»Bald kommt Buffalo Bill mit seiner Repetierbüchse, und die Büffel verschwinden von der Prärie.«

»Die Büffel kurzerhand ausrotten, das ist auch nicht das Richtige. Dann können wir für den nächsten großen Indianeraufstand das Datum schon ansetzen.«

»Die Büffel wegschießen, damit die Wilden auch verschwinden müssen. Das ist das Richtige! In welchem Jahrhundert leben wir denn?!«

»Die Indianer in einem anderen als wir. Das ist es eben.«

»Lassen wir das. Steht ihr uns zur Verfügung, bis wir wieder flott sind?«

»So lange bleibe ich samt dem ganzen Trupp.«

»Gut.«

Der Zugleiter suchte aus dem Zugpersonal die Leute aus, die sich auf Gleiskontrolle und Gleisbau verstanden. Bei den Verhältnissen, mit denen man bei der Fahrt durch die Wildnis rechnen musste, war sowohl in Bezug auf Werkzeuge als auch auf Menschen Vorsorge für alle Fälle getroffen. Bewaffnet machten sich die Leute auf. Joe schloss sich als Ingenieur dieser Gruppe an und bat Mattotaupa, ebenfalls mitzukommen. Beim Zug mochten die Flintenmänner jetzt genügen. Die Gruppe, die auf der Büffeljagdstrecke die Gleise prüfen wollte, hatte noch eher mit Gefahren und möglichen letzten Angriffen der Dakota zu rechnen.

In der frühen Jahreszeit waren die Nächte lang; doch zeigten sich schon die Anzeichen der Morgendämmerung, als Joe und Mattotaupa sich mit der Gruppe zur Gleiskontrolle aufmachten. Beritten waren nur der Ingenieur und der Indianer. Sie schwärmten umher, während die anderen zu Fuß am Gleis entlanggingen. Die Strecke bis zu dem »Büffelweg« konnte schnell zurückgelegt werden, da hier keine Schäden zu vermuten waren. Erst als der Abschnitt erreicht wurde, in dem die Herde weithin alles zertrampelt hatte, begann die systematische Überprüfung, und bald stellte sich heraus, dass Reparaturen notwendig waren.

Mattotaupa ritt mit Joe zu einer Bodenwelle, die Überblick gewährte, und spähte mit dem Ingenieur zusammen rings über das Land. Der Wind wehte immer noch kräftig.

Es war nichts zu entdecken, was Verdacht erregen konnte. Vom Gleis her waren das Hämmern und die Rufe der Männer zu vernehmen, mit denen sie sich verständigten.

»Trennen wir uns und reiten die Runde je im Halbkreis«, sagte der Indianer zu Joe. »Ich traue den Dakota nicht. Es ist mir zu ruhig.«

»Einverstanden, obgleich ich deine Bedenken nicht teile. Sie haben große Verluste gehabt.«

»Ihr konntet sie fassen?«

»Harry hat im Finstern ihren Kriegshäuptling gespielt und sie uns in die Hände geliefert. Es war trotzdem nicht einfach, aber ich glaube, selbst Tashunka-witko hat von uns genug. Harry hat übrigens großartig gekämpft.«

»Tashunka-witko?« Das war der Name, der Top getroffen hatte.

»Ja, dein alter Feind. Jetzt möchtest du dich wohl am liebsten sofort an seine Fersen hängen?«

»Hau.«

»Geht aber nicht, Top, geht nicht. Heute jedenfalls nicht. Du siehst, wie es steht. Wir haben für einen solchen Fall doch nicht genug erfahrene Männer hier. Du bist unser Kundschafter und darfst nicht auf Privatjagd gehen.«

Mattotaupa tat einen hörbaren Atemzug, erwiderte aber nichts. Joe wusste nicht, wie empfindlich sich der Indianer von den Worten des Ingenieurs getroffen fühlte.

»Reiten wir also je im Halbkreis?«

»Hau.«

Die beiden trennten sich, um ringsum zu spähen. Als sie sich wiedertrafen, hatte keiner etwas gefunden oder bemerkt.

Die notwendigen Reparaturen schienen schnell voranzuschreiten. Es waren erst zwei Stunden vergangen, als Joe und Mattotaupa wieder gerufen wurden. Die Gruppe gab dem Zug die verabredeten Zeichen, dass die Fahrt fortgesetzt werden konnte.

Vorsichtig, nur mit halber Kraft, dampfte die Lokomotive heran und zog die Wagen hinter sich her. Es war ein sonniger Tag. Braungrüne Prärie, von Goldstrahlen erfüllter Himmel, fernes, noch verschneites Gebirge erfreuten das licht- und farbenhungrige Auge.

Der Lokomotivführer hielt den Zug an, so dass das Gleispersonal einsteigen konnte.

»Fahren Sie weiter mit?«, fragte der übernächtigte Zugleiter Joe Brown.

»Danke. Ich bleibe hier.«

Türen klappten zu, Fenster wurden geschlossen. Douglas winkte dem Ingenieur noch einmal. Dann wurde das Abfahrtssignal gegeben. Die Kolben arbeiteten, die Räder drehten sich, erst langsam, dann schneller. Der Zug fuhr.

Das rhythmische Geräusch seiner Fahrt klang in der Stille rings laut, dann wurde es in der Entfernung leiser. Der Zug erschien den Zurückbleibenden kleiner und kleiner, schließlich verschwand er am schimmernden Horizont.

»Nun aber hoffentlich auf Nimmerwiedersehen!«, sagte Joe. »Ich hätte gestern Abend nicht gedacht, dass ich dieser Maschine und Herrn Finley in der Nacht schon wieder begegne!«

»Reiten wir gleich zurück zur Station?«

Joe schaute sich bei den anderen Angehörigen des Trupps, den er von der Station mitgebracht hatte, fragend um.

Auf einigen Gesichtern stand ein Schmunzeln. »Erst ein kleines Frühstück. Der Zugleiter hat uns eine Belohnung zurückgelassen!«

Der Ingenieur sah das Fass Bier, den Branntwein und den Kasten mit Schinken und Brot.

»Also erst die Siegermahlzeit! Meinetwegen.«

Die Männer ließen sich gut gelaunt in der Runde nieder. Auch Joe und Top nahmen Platz. Einige hatten Becher bei sich, so dass es an Trinkgefäßen nicht ganz fehlte. Das Fass wurde angezapft.

»Auf das gemeinsame Wohl!« Joe hob den Becher, trank und gab ihn dann an seine Nachbarn rechts und links, die aus demselben Trinkgefäß mithalten mussten. Schinken und Brot wurden ebenfalls verteilt. Einige aßen, aber Bier und Brandy fanden den größeren Zuspruch. »Schade, dass Harry nicht dabei ist«, sagte Joe.

»Der? Der macht doch nie mit!«, bemerkte der Mann, der links neben Joe saß. Es war der Kellner, der den streitlustigen Freund des Hahnenkampf-Bill noch zur rechten Zeit beiseite gestellt hatte. Joe ging auf die Bemerkung nicht ein. Er trank nochmals. Das Bier war kalt und schmeckte gut. Die Mägen waren leer. Der Alkohol wirkte. Die Zungen lösten sich.

Mattotaupa sprach Joe an. »Du willst mich nicht gehen lassen, mein weißer Bruder?«

»Aber du willst auf Biegen und Brechen Tashunka-witko jagen?«

»Ist das nicht auch eine Aufgabe für einen Kundschafter, euren größten Feind ins Gras zu legen?«

»Du kannst es so auffassen. Was wird aber Taylor II dazu sagen?«

»Du wirst ihm erklären, dass ich das Richtige tue! Ich bleibe nicht wochenlang weg, nur einige Tage.«

»Vielleicht findet sich Harry noch ein, so dass wenigstens einer von euch beiden am Platz ist. – Wo treibt sich denn Jim umher? Ich denke, er ist der Manager der Kundschaftergruppe. Besteht die eigentlich nur noch aus euch beiden?«

»Ja. Die weißen Männer fühlen sich sicher, und Jim hat den Mann mit dem Lockenkopf beredet, dass dieser ihn für einige Wochen gehen ließ.«

»Komischer Kauz. Den Jim, meine ich. Taylor II ist ein Idiot.«

»Du willst uns verlassen, Top?«, rief der kampfgewandte Kellner. »Schade, schade! Du, unser gutes Stück! Einen Drink auf Top!«

Die Männer hoben die Becher und reichten sie rundum. Der Indianer wurde dadurch das Ziel der Aufmerksamkeit.

»Top, wenn du so lange von uns weggehen willst, musst du vorher einen ausgeben! Dann machen wir Taylor II fertig, und er wird einverstanden sein.«

Mattotaupa betrachtete sich die Runde. Es waren nicht die schlechtesten Männer der Station, die sich für den Ritt zum Zug bereitgefunden hatten. Sie alle schauten Top jetzt erwartend und freundlich an, und eine dunkle, unbewusste Erinnerung stieg wieder einmal in ihm auf, Erinnerung an jene vergangenen Tage, als er, Kriegshäuptling der Dakota, fast täglich Gäste in seinem Zelt gehabt und aus seiner großen Jagdbeute bewirtet hatte. Er war zur Freigebigkeit erzogen worden; sie hatte seinem Range und seinem Können angestanden; er fühlte sich wohl, wenn er andere bewirten konnte. Die Männer aber, bei denen er jetzt lebte, wollten nicht Bärentatzen oder Büffellende an seinem Zeltfeuer essen, sie wollten Bier, Branntwein und Geld. Das hatte Top seit dem Abschiedsfest von Joe begriffen. Er wusste, Geld, Branntwein und Bier waren bei solchen Männern der Weg, bewundert und beliebt zu werden – ein Weg, der noch sicherer zum Ansehen führte als selbst die kühnsten Leistungen im Spähdienst, von deren vollem Risiko viele auf der Station nichts mehr wussten. Es ekelte den Indianer im Grunde selbst vor dem Weg, den er beschritten hatte, aber er konnte das Wohlgefühl der persönlichen Geltung, in das er als kühner Knabe, als Anführer der Burschen, als Kriegshäuptling der Männer hineingewachsen war, nicht entbehren, und der einfachste Weg dazu war der verführerischste. Es gab nur einen, der ihn mit einem Blick aus dieser Zuflucht seines Selbstbewusstseins aufzustören vermochte, das war sein Sohn, und immer häufiger hasste er ihn dafür, obgleich er ihn verzweifelt liebte. Aber jetzt war Harka nicht in der Nähe.

»Hier können wir nichts ausgeben, weil es nichts zu kaufen gibt«, sagte Joe.

»Aber wenn wir auf die Station zurückkommen! Dann wird noch mal gefeiert! Ja, topp, Top?«

»Topp!«, versicherte der Indianer, der dieses Wortspiel schon gewöhnt war, lächelnd.

Das Fass wurde weiter angezapft und auch dem Branntwein zugesprochen. Manche begannen die Getränke zu mischen.

»Topp!«, wiederholte Mattotaupa, »aber erst, wenn Tashunka-witkos Skalp an meinem Gürtel hängt.«

Joe blickte den Indianer von der Seite an, prüfend, unzufrieden. »Die Prärie ist groß. Hat sie nicht Platz für euch beide?«

»Sie hat nicht Platz.« Top, dem bedrängende Erinnerungen aufstiegen, trank schneller.

»Was hat er dir angetan, Top?«, forschte der Kellner und soff das Doppelte.

»Er ...« Top schaute vor sich hin und schien seine Umgebung zu vergessen. »Er hat mich einen Verräter gescholten. Meinen Sohn wollte er mir rauben ... und als ich einmal in mein Zelt schlich, in mein eigenes Zelt, nach vielen Sommern und Wintern ... und als ich mit meiner Mutter sprach, da kam er und schlug mich nieder und fesselte mich ... und meine kleine Tochter musste mich befreien ...« Der Indianer war in seine eigene Sprache verfallen, und die Zuhörer verstanden seine Worte nicht mehr. »Aber Harka, mein Sohn, weiß davon nichts ...«, sprach der verbannte Häuptling noch zu sich selbst, als ob er eine geheime Furcht beruhigen wolle. »Nie wird Harka von der Schande erfahren.«

Top verstummte.

Joe zuckte die Achseln; er hörte aus dem Ton des Indianers das Gefühl heraus, aber er liebte keine Sentimentalitäten und wurde ganz trocken. »Wenn das hier so weitergeht, kommen wir erst morgen zu der Station zurück. Länger warte ich aber auf keinen Fall. Dann binden wir die Bierleichen einfach auf die Pferde.«

»Topp!«, stimmte der Indianer zu. Durch den Alkoholgenuss wurde er schon gleichgültig gegen das, was ihm eben noch wichtig erschienen war.

Während der Trupp in der Prärie am hellen Tage zechte, machte man sich im Stationslager an die Aufräumungsarbeiten. Morris und Langspeer beteiligten sich daran nicht mehr. Der Barackenraum, den der Wirt ihnen zur Verfügung gestellt hatte, war unversehrt geblieben, während der Nachbarraum, den Joe und Henry hatten beziehen wollen, aufgebrochen und zerstört war. Der Maler ließ Henry in seinen Raum bringen, und Langspeer betreute den Ohnmächtigen, der eine schwere Gehirnerschütterung erlitten zu haben schien, auf der eigenen Lagerstatt. Morris lag auf der seinen, immer noch sehr blass. Er wollte nichts zu sich nehmen als ein wenig Tee.

Draußen ging es lärmend zu. Ein Teil der Männer suchte die Umgebung nochmals nach Feinden und Fährten ab, konnte aber nur feststellen, dass alle Dakota aus dem Gesichtskreis verschwunden waren, und verkündete dieses Ergebnis mit derben Kommentaren. Für die Toten der Station wurden Gräber ausgeschaufelt. Die Verwundeten hatte man in das eine der großen Zelte gebracht, das noch stand, und hatte sie dort zwischen Ballen und Fässern gebettet. An einer neuen Baracke für den Stationsleiter Taylor II wurde gehämmert. Der Wirt hatte seine Kasse unter der Lagerstatt von Morris verstaut, da sie ihm dort jetzt am sichersten untergebracht schien.

Der Branntwein- und Bierausschank erfolgte provisorisch im Freien, hinter einer Barriere von Wasserfässern an einem schnell zusammengenagelten Brettertisch. Vicky half dem Wirt als erste. Allmählich fanden sich noch zwei weitere Hilfskräfte ein. Das Geschäft ging sehr gut. Hahnenkampf-Bill ersäufte seinen Kummer, sobald die einfache Bestattung der Toten beendet war, und der lockenhaarige Stationsleiter ließ sich eine abgefüllte Flasche bringen.

»Heute kann ich nicht trinken«, wehrte der Maler ab, als Langspeer ihn fragte.

Als es Abend geworden war, klopfte es schüchtern an die Tür des Zimmers, das der Maler bewohnte. Morris bat zunächst nur leise herein, und das Klopfen wiederholte sich.

»Bitte!«, rief Langspeer jetzt laut und deutlich.

Die Tür wurde behutsam geöffnet. Morris fuhr zusammen. Was er sah, war schwarz, darüber ein Gesicht ohne Nase, ein Kopf ohne Ohren. Morris dachte an die Erscheinung, die er des Nachts bei den verwundeten und toten Dakota erblickt hatte. Er nahm sich zusammen. »Komm nur herein.«

Eine Frauengestalt schob sich durch die Tür, die fremden Augen sahen sich um, wer alles im Zimmer sei. Dann blieb die Frau mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt stehen. Über dem Arm hatte sie eine Lederdecke, in der Hand ein Bündel mit Sachen. Sie selbst war in Leder gekleidet wie eine freie Prärieindianerin, aber das Leder war schwarz gefärbt. Schwarz war bei den Indianern die Farbe der Trauer, der Buße, des Opfers. Aber sie pflegten nicht, Leder im Ganzen schwarz zu färben, hierin hatte die merkwürdige Frau die Sitten der Weißen nachgeahmt. Das Schwarz war stumpf, und auf den Maler wirkte es wie der Anblick des Todes, und doch war dieses Lederkleid das einzige, was die Verstümmelte zur Person machte, denn sie hatte es selbst gewählt.

»Was ist?«, fragte Morris von seinem Lager her benommen. Er hatte die Hände unter dem Genick gekreuzt und den Kopf etwas vorgebeugt. Seine Augen waren aufgerissen.

»Wissen, was lynchen ist?«

Morris erschrak noch tiefer. »Bedroht dich jemand?«

»Das ist nicht wichtig. Aber sie wollen den Sioux lynchen.« Die Indianerin flüsterte.

»Welchen Sioux?« Auch Morris sprach leise. »Doch nicht etwa meinen roten Bruder Langspeer hier?«

Die Indianerin schüttelte mit dem Kopf. »Nicht Langspeer.«

»Wen denn?«

»Harka.«

»Harry?« Der Maler erinnerte sich mit hellem Erschrecken seines Gesprächs mit Hahnenkampf-Bill. »Wo ist Joe Brown?«

»Zum Zug geritten. Er ist noch nicht zurück.«

»Das ist übel. Wer hat denn diese Lynchparole ausgegeben?«

»Bloody Bill. Aber schon denken alle so. Massa Taylor II sagt, lynchen richtig, und Vicky sagt, lynchen gut. Alle trinken und sagen, Harry lynchen! Sie kochen eine Tonne Teer, wollen ihn mit heißem Teer beschmieren, dass ihm Haut und Fleisch verbrennen, und ihn mit Federn bekleben und jagen, bis er zusammenbricht und stirbt.«

»Was für ein grauenhafter Wahnsinn. Man muss Harka warnen! Bis jetzt hat ihn noch niemand wieder gesehen?«

»Nein. Aber Pferd ist da. Dakota kommt immer zu seinem Pferd.«

»Falls er noch am Leben ist. Langspeer, was machen wir? Du weißt, was Tashunka-witko gerufen hat! Das allein genügt, um zu beweisen, dass Harka uns nicht verraten hat!«

Die Seminolin schüttelte den Kopf. »Das wird kein Gericht sein, weißer Mann. Das ist Lynchen! Niemand fragt, niemand antwortet. Alle schreien, alle wollen morden. Kein gutes Wort wird angehört.«

»Langspeer, was machen wir?! Wir müssen Harry warnen, wenn er noch am Leben und wenn er nicht der Gefangene der Dakota ist. Wo ist Mattotaupa?«

»Vom Zug noch nicht zurückgekehrt.«

»Können wir nicht die Männer mobilisieren, die Harry sich zum Kampf zusammengeholt hatte? Sie kennen doch die Zusammenhänge und müssen mit Harry freund sein.«

»Sie sind beim Zug.«

»Alle brauchbaren Menschen sind beim Zug! Wir müssen handeln, ehe Harry den Mördern in die Hände gerät. Was können wir tun?«

Der Cheyenne starrte vor sich hin. Schließlich meinte er: »Ich schreibe einen Brief auf Leder, und mit diesem jage ich den Grauschimmel in die Prärie. Wenn Harka überhaupt zurückkommt, findet er das Pferd und den Brief.«

»Das wäre ein Weg.«

»Bill passt aber auf den Mustang auf«, sagte die Seminolin, »und der Mustang lahmt stark. Harka hat ihn zu scharf geritten, um die weißen Männer auf der Station noch zur rechten Zeit zu warnen.«

Morris spürte die Erbitterung und den Hass der Indianerin.

»Nun, ihr wisst alles«, sagte sie rauh. »Ich lasse euch diese büffellederne Decke hier; es ist Harkas Decke. Ich lasse euch diesen Bogen. Es ist Harkas Bogen. Ich lasse euch diese Adlerfedern. Es sind Harkas Adlerfedern. Ich lasse euch diesen Wampumgürtel für Harka; es ist ein Gürtel aus der Hütte des Häuptlings Osceola, den die weißen Männer verraten haben und sterben ließen. Harka kann die Botschaft verstehen. Ich lasse euch das alles hier.«

Die Frau bückte sich und schob die Sachen unter Henrys Bett. Als sie das geordnet hatte, richtete sie sich auf und stand den beiden Männern frei gegenüber. Morris vermied den Blick, der ihn aus dem entstellten Gesicht traf. Er sah die Hände der Seminolin, einfache, edle Hände.

Die Indianerin ging zur Tür, und schon hatte sie den Raum auch so leise wieder verlassen, wie sie gekommen war.

Langspeer erhob sich wenig später. »Ich sehe mich draußen um.«

In der Stunde, die er fortblieb, hörte der Maler draußen wüsten Lärm aufwallen und wieder abebben.

Als der Cheyenne zurückkam, setzte er sich an den Rand von Henrys Lager, legte die Hände auf die Knie und hielt den Kopf gesenkt.

»Was ist, Langspeer?«

»Es steht schlecht, mein weißer Bruder Weitfliegender Vogel Geschickte Hand Geheimnisstab! Harkas Pferd lahmt und ist auch so umstellt, dass niemand es wegtreiben kann, ohne dass geschossen wird. Alle laufen mit Waffen umher und wollen Harry lynchen. Im Lager hier wäre er verloren. Sein Zelt ist zerstört. Sie wollten die Seminolin lynchen, aber sie hatte Gift genommen. Einer der Männer goss den heißen Teer über die Tote. Ich gehe jetzt hinaus vor die Station, als ob ich Wache halten wollte. Vielleicht findet mich Harry, oder ich sehe ihn, falls er zurückkehrt, und kann ihn noch warnen.«

»Versuche das und überlege, wie wir Joe, Mattotaupa und den anderen Männern beim Zug Nachricht zukommen lassen können. Sie allein vermögen noch ein weiteres Unglück zu verhüten und diese betrunkenen Bestien hier umzustimmen oder wenigstens im Zaum zu halten.«

Langspeer nickte und ging, nicht leichten Herzens.

Morris hörte draußen das Grölen und die Rufe der Männer, die die Fortsetzung einer grausamen Lynchjustiz verlangten.

Es war Nacht.

Der Wirt erschien noch einmal und schloss eine größere Summe Geldes in die Kasse unter dem Bett ein. Er schwitzte nicht mehr vor Angst, sondern vor Geschäftseifer.

Vicky sah hin und wieder nach Morris und brachte ihm alles, was dieser für sich und Henry wünschen konnte. Sie hing ein Tuch vor das Fenster, so dass niemand hereinschauen konnte, und brachte eine kleine Öllampe zum Brennen. Das Licht war mild und wirkte als Gegensatz zu dem lauten und rüden Treiben draußen um den Schanktisch. Morris fühlte alle seine Nerven zittern, wenn er die viehischen Drohungen hörte, die die Männer gegen den jungen Indianer ausstießen, und wenn er an den Tod der verstümmelten Frau dachte.

Etwa um die elfte Stunde verabschiedete sich Vicky, und Morris dankte ihr und versicherte, dass er keinerlei Wünsche mehr habe. Henry war einmal zu Bewusstsein gekommen, hatte sich erstaunt umgesehen und war dann eingeschlafen.

Morris brütete vor sich hin und nahm hin und wieder einen Schluck Wasser.

Um Mitternacht klopfte es wieder an die Tür, und der Maler rief leise: »Bitte!«

Ein Türspalt tat sich auf. Ein Schlapphut, der Haar und Gesicht verdeckte, schob sich herein, dann die ganze Gestalt eines Cowboys im Lederanzug. Der Mann hatte eine Büchse bei sich.

Der Eintretende zog die Tür lautlos hinter sich zu und setzte sich wie selbstverständlich an den Rand des Lagers, auf das Henry gebettet war, genau wie vorher Langspeer. Die Büchse stellte er zu Boden. Er hielt den Kopf gesenkt. Aber nun hob er ihn rasch und sah Morris im Schein der Öllampe an.

»Ha ...« Morris sprach den Namen nicht ganz aus. »Du!«

»Ja. Wo ist mein Vater?«

»Noch beim Gleis draußen.«

»Joe?«

»Noch beim Gleis draußen, mit den zwanzig zusammen, die im Kampf dein Spezialtrupp gewesen sind.«

»Die weißen Männer hier haben die Leiche einer Frau geschändet und wollen mich lynchen.«

»Kannst du dich verbergen, bis dein Vater, Joe und die anderen zurückkehren?«

»Das könnte ich, aber ich will es nicht. Ich gehe. Hast du verstanden? Wenn du meinem Vater irgendwo und irgendwann etwas mitteilen kannst, so sage ihm, dass ich fortgegangen bin, um die Proben zu bestehen, die mich zum Krieger machen. Ich werde nicht zu den Dakota gehen, sondern zu ihren Feinden, den Siksikau, in deren Zelten mein Vater und ich schon zu Gast gewesen sind. Ich werde dann noch einmal zurückkehren und meinen Vater suchen. Ich will ihn als Krieger fragen, ob er bereit ist, sich von Red Jim zu trennen.«

»Wo ist Jim? Was macht er? Ich habe ihn hier noch nicht gesehen.«

»Den Winter über war er noch da, als Kundschafter wie wir, aber vor einigen Wochen ist er wieder einmal verschwunden. Wenn er sich nicht sehen lässt, pflegt er sich in den Black Hills umherzutreiben und nach Gold zu suchen.«

»Er hat aber noch nichts entdeckt?«

»Nein, noch immer nicht.« Der Indianer erhob sich.

»Harry, willst du nicht selbst deinen Vater unterrichten?«

»Ich werde es noch versuchen.«

»Und ... halt, Harka, einen Augenblick. Die Frau mit dem verstümmelten Gesicht hat eine büffellederne Decke, einen Bogen und sonst noch einiges für dich hierhergebracht. Wenn du selbst nachsehen willst – unter der Bettstatt, auf der du sitzt, liegt alles.«

Der Indianer bückte sich und hatte seine alte bemalte Decke, den Bogen, zwei Adlerfedern und den Wampumgürtel gleich gefunden. Den Letzten behielt er einen Augenblick in der Hand und betrachtete ihn sehr aufmerksam.

»Aus dem Zelt des Osceola«, erklärte Morris. »So sagte die Frau. Sie war eine Seminolin?«

»Ja. Das war sie, und sie hat es nie vergessen. Der Gürtel enthält eine Botschaft. Wo ist Langspeer?«

»Draußen, wo er dich zu treffen hoffte. Du bist ihm nicht begegnet? Ich dachte, er hat dir die Kleider verschafft.«

»Nein, die habe ich dem Mann ausgezogen, der eine tote Frau misshandelt hat. Er wagte sich ein wenig zu weit vor das Lager und zu nahe an mein Messer.«

Als der Indianer das sehr gleichgültig aussprach, blickte Morris ihn kummervoll an. »Harka, das Töten ist auch für dich ein Handwerk geworden.«

»Hau, es gehört zu meiner Arbeit. Die roten Männer und die weißen Männer haben es mich gelehrt. Ich töte rote Männer, und ich töte weiße Männer, so sicher wie ich Büffel abschieße. Wer wollte mich noch achten, wenn ich dieses Handwerk nicht gut verstehen würde?«

»Wer bist du?«, fragte der Maler entsetzt. Es war dieselbe Frage, die Mattotaupa seinem Sohn Jahre zuvor gestellt hatte.

Über die Züge des jungen Indianers flog jener aufbegehrende Zynismus, der die letzte Waffe eines jungen Menschen gegen die Selbstvernichtung ist. »Mein Name ist Harry. Kundschafter bin ich und Bandenchef und gefährlich für alle, die ich zu hassen oder zu verachten gelernt habe.«

Das blasse Gesicht des Malers erfüllte so viel Traurigkeit, dass der Indianer ihn forschend ansah. »Bist du traurig, Weitfliegender Vogel Gelbbart Geheimnisstab?«

»Du siehst, ich bin kein Gelbbart mehr, wie du mich als Knabe noch nanntest. Ich bin ein Graubart geworden. Und ich bin traurig.«

»Warum? Hast du jetzt Angst vor mir? Oder ist es noch immer nicht gleichgültig für dich, was aus einer Rothaut wird?«

»Nein, Harka Nachtauge Steinhart Wolfstöter Bärenjäger, ich habe keine Angst vor dir. Es ist mir aber nicht gleichgültig, wofür du deine großen Gaben verschwenden musst.«

Die Züge des Indianers verschlossen sich wieder ganz, und der Weiße auf seinem Lager erschrak von neuem, wie viel Bitterkeit und verzehrender Hochmut in dem Ausdruck dieses Neunzehnjährigen lag.

»Erschrick nicht, wenn du bald einen Schuss hörst«, sagte der junge Indianer zu dem Weißen. »Ich töte mein Pferd, das zu müde für mich geworden ist und das ich jetzt nicht aus den Händen der weißen Männer befreien kann. Ich treffe gut, und der Grauschimmel wird nicht wissen, dass er stirbt.«

Harka schlug den Hutrand noch etwas tiefer herunter und verließ das Zimmer ruhig und unauffällig, wie er gekommen war.

Nicht lange danach krachte ein Schuss.

Ein paar halb Betrunkene schrien und schienen den Schützen zu suchen, dann war es wieder still.

Als es nach dieser Nacht dem Morgen zuging, dem zweiten nach der Kampfnacht, wachten die zwanzig in der Prärie draußen neben dem Gleis aus ihrem Rausch auf. Sie hatten Durst, aber kein Wasser, und waren abgespannt.

Joe, der sein Maß zu kennen pflegte, war bei Sinnen geblieben und hatte Wache gehalten. Er hatte Top nicht gehindert zu trinken, aber er hatte ihn gehindert, sich sinnlos zu betrinken, und so standen diese beiden jetzt sicher auf den Füßen und hielten auch mit klaren Augen Ausschau. Als Dritter gesellte sich der Kellner zu ihnen, der von keiner Quantität Alkohol ganz umzuwerfen war. Alle aber rochen noch nach Branntwein und Bier, und Top war sein eigener Atem zuwider.

»Da kommt endlich einer, um uns zu berichten und uns zu holen!«, sagte der Kellner und wies nach Osten. »Die auf der Station haben sich wohl auch toll und voll gesoffen, dass sie sich so lange überhaupt nicht um uns kümmern. Was nun, wenn die Dakota uns heute Nacht kaltgemacht hätten?«

»Dann wäre ihnen ein großer Coup geglückt. Aber sie haben die Gelegenheit versäumt.«

»So was passiert auch dem besten Mann! Ich könnte euch erzählen ...«

»Still! Nachher!«, mahnte Joe. »Wer ist das, der da kommt? Ist das nicht Harry?«

»Es ist mein Sohn«, sagte Mattotaupa.

Der junge Indianer ritt einen Schecken. Die Lederdecke hatte er dem Tier umgeschnallt. Er galoppierte zu der Gruppe der drei heran. Knapp davor hielt er an und sprang ab. Er war wieder als Indianer gekleidet. Den Wampumgürtel hatte er angelegt.

Seine Züge hatten einen Ausdruck, der noch hochfahrender und feindseliger wirkte, als die Männer es sonst an ihm gewohnt waren, und wenn er auch keinen Atemzug mehr tat als gewöhnlich, so wusste Mattotaupa doch, dass der Angekommene den Alkohol roch.

»Tashunka-witko hat den Angriff auf die Station geführt?«, fragte Mattotaupa den Sohn, noch ehe dieser ein Wort gesagt hatte.

»Hau.«

»Und dann?«

»Hat er die Büffel gejagt.«

»Du hast ihn verfolgt?«

»Nein.«

»Du hast Tashunka-witko nicht verfolgt? Warum nicht?«

Auf dieses »Warum« hin ging der junge Indianer innerlich in Abwehrstellung gegen den Vater. Er hatte sein Pferd, das er liebte, zuschanden geritten, um die weißen Männer zu warnen; er hatte die Dakota überlistet; sie würden von ihm sagen, er habe sie heimtückisch in eine Falle gelockt. Er hatte gekämpft, er hatte Dakotakrieger getötet, und neue Blutrache stand zwischen ihm und seinem Stamm. Aber er hatte sich Tashunka-witko nicht zum Kampf gestellt, als dieser ihn dazu herausforderte, nicht weil er in der Wut des Kampfes und dem gefährlichen Rausch des Kampferfolges noch den Tod gefürchtet hätte, sondern weil er den großen Häuptling nicht für die weißen Männer töten wollte. Er wollte es nicht, obgleich Tashunka-witko Mattotaupa beleidigt hatte. Harka hatte Tashunka-witko nicht verfolgt, er hatte aber einigen schwer verletzten Dakota noch zur Flucht verholfen. Er hatte auch Tote weggeschafft. Er wollte nicht Sieger sein, damit die Weißen mit den Leichen der Dakota ihren Mutwillen treiben konnten.

Es gab Männer, die einen unzähmbaren Mustang dadurch zähmen wollten, dass sie ihm am Nacken eine eiternde Wunde zufügten und sie nicht zum Heilen kommen ließen; wenn daran gerührt wurde, durchzuckte der Schmerz den ganzen Körper; doch gab es Outlaws, die sich auch dem nicht fügten. Das »Warum« hatte an Harkas eiternde Wunde gerührt, an den ungelösten Zwiespalt und die Hoffnungslosigkeit seines Lebens. Er fürchtete, dass der Vater ihn jetzt als Schwächling und Verräter bloßstellen wollte, und das vor anderen Männern. Harka war nicht mehr vierzehn Jahre alt, er war neunzehn. Auch vom Vater, der nach Brandy roch, würde er sich nicht mehr schmähen lassen.

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
481 p. 3 illustrations
ISBN:
9783957840066
Publishers:
Copyright Holder::
Автор
Download format:

Similar books