Read the book: «Tiergeschichten vom Ponyhof»
Lise Gast
Tiergeschichten vom Ponyhof
Saga
Tiergeschichten vom Ponyhof
German
© 1988 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711510094
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Pferdehandel
Vor langer Zeit, als wir noch keine Pferde hatten, veröffentlichte ich einmal ein Buch, das hieß „Große Schwester Schimmel“ und erwies sich als richtungweisend für unser weiteres Leben. Denn „Schimmel“ deutet auf eine Pferdefarbe hin. Dieses Buch wurde in der Zeitung besprochen, und direkt darunter befand sich die Kritik eines anderen Buches, mit dem Titel „Dick und Dalli und die Ponys“ von Ursula Bruns. Die Autorin schilderte darin das Leben einer Großmutter mit zwei kleinen Enkelinnen, die Ponys züchteten.
Ponys! Seit eh und je mein Traum und mein größter Wunsch. Schon im allerältesten Adreßbuch, das ich noch heute besitze, steht eine Anschrift „Shetlandponys, Alpen, Niederrhein“. Ich kaufte Ursula Bruns Buch und las es den Kindern vor. Und dabei überlegte ich.
Wir wohnten damals auf einem Gutshof in Westfalen, und der Besitzer hielt seine schützende Hand über uns. Er selbst war kinderlos, aber sehr kinderfreundlich, hatte seinen Spaß an unserer Bande und verzieh immer wieder, wenn Dummheiten angestellt wurden. Auf dem Hof gab es eine alte Ölmühle aus dem Jahr 1879, die leerstand; ein Stall war auch dabei. Der Wunsch, den Kindern ein Pony zu halten und sie reiten zu lassen, war groß. Ich begann also, mich umzuhören. Woher bekam man ein Pony?
Erst versuchte ich es bei einer Autorin, die die Frau eines Zoodirektors war. Ihre Antwort war unmißverständlich: „Lassen Sie die Hände davon. Ponys sind kein Spielzeug.“ Sie ahnte nicht — wie konnte sie auch, ich wußte es selbst ja auch noch nicht —, daß wir im Begriff waren, den ersten Ponyhof der Bundesrepublik zu gründen.
Wir suchten weiter. In dem Ort, in den es uns verschlagen hatte, wohnte auch ein alter Offizier, den wir den „rostigen Baron“ nannten. Ihn fragte ich um Rat. Und er wußte tatsächlich jemanden, der Shetlandponys besaß. Er telefonierte sofort, und dieser Mann bot uns eine kleine Rappstute an, fünfjährig, und trächtig. Ob wir ...
Es war einer meiner Blitzentschlüsse. Ich stammelte „Jajaja!“ und hatte gehandelt, wie der Reiter vor dem Hindernis handeln soll — mein Herz vorangeworfen, um nachzuspringen. Die kleine Rappstute wurde unser erstes Pferd. Ich brachte sie, um die Kinder zum Heiligen Abend zu überraschen, erst einmal bei unserm Dorfkaufmann unter. Natürlich war in unserem kleinen Ort nichts zu verbergen. Die Kinder wußten zur Bescherung längst, daß da ein kleiner Vierbeiner stand, Heu fraß, wieherte und ein Fohlen erwartete. Ich holte sie am Heiligen Abend vor der Christmette ins Haus herüber, der „rostige Baron“ ging mit. Der Ladenbesitzer sah uns nach und rief: „Maria und Josef!“ Dabei sollte Blacky, die eigentlich Adele hieß, den Esel darstellen. Da wir später auch Esel besaßen und sehr liebten, betrachteten wir das nicht als Schimpfwort.
Im Mai fohlte sie. Es wurde ein Stutfohlen, und wir nannten es Appelschnut. Die Kleinen strahlten, wenn sie jetzt von „unseren Pferden“ sprachen, liebten Schnute und begannen nach einiger Zeit, Blacky zu reiten. Der „rostige Baron“ gab ihnen Unterricht. Nun aber fanden die großen Kinder und ich, daß auch wir reiten sollten, und ein größeres Pony mußte her. Diesmal nahmen wir unseren Gutsherrn mit, den wir sehr liebten. Er wußte von einem Schecken, der vielleicht in Frage kam. Der Handel ging schnell, wir hatten ja keine Ahnung, waren blutige Laien. Glücklich brachten wir Schekki heim. Und da der Gutsherr beim Kauf dabei war, nahmen wir das als seine Genehmigung, uns Ponys zu halten. Er gönnte uns den kleine Stall.
Es war wiederum Winter, und wir erwarteten unsere Großen, die in Internaten lebten, der Älteste in Wolfenbüttel, die Töchter in Harzburg. Sie kamen immer alle miteinander in den Weihnachtsferien heim, und wir holten sie ab, obwohl es weit war bis zur Bahnstation. Ackus war krank, hatte Grippe und Fieber, wollte aber das Fest über nicht allein in der Schule bleiben. Margot und Brigitte faßten sie beim Umsteigen unter, und wir warteten am Bahnhof, um Rucksäcke, Koffer, Taschen, Kartons, Skier und was sonst noch wichtig war, heimzuschleppen.
„Wir reiten hin“, hatten wir beschlossen, „da sehen sie die Schecki gleich. Das gibt eine Überraschung!“
Auf Schecki kam natürlich Steffi. Sie hatte ihrem Reitpferd zur Feier des Tages ein Glöckchen um den Hals gebunden, das aber machte Schecki rasend. Sie stieg, buckelte und warf Steffi nach kurzem Zweikampf in eine Pfütze. Es war Nacht und wildes Wetter. Von da an führten wir Schecki lieber und schoben unsere Fahrräder nebenher. So erreichten wir den Bahnhof noch rechtzeitig, denn der Zug hatte Verspätung.
Wir hatten Schecki in die Bahnhofshalle geführt, damit die Ankommenden sie gleich sehen konnten. Ackus, durch Grippe und Fieber leicht getrübt, sah sie nur einen Moment und stöhnte: „Mutter hat eine Kuh gekauft!“
Immer, wenn wir an dieses Pony denken, müssen wir uns an Ackus’ Aufschrei erinnern. Selbst wenn ich — wozu eigentlich? — eine Kuh gekauft hätte, warum wohl hätten wir sie durch Sturm und Schnee auf den Bahnhof zerren sollen?!
Auf dem Rückweg führte Ernst das Pony, und Steffi hatte nichts dagegen. Keiner hatte etwas gegen diesen Kauf einzuwenden, denn nun endlich begann das richtige, das Miteinander-Reiten. Nichts hält Familie und Freunde so zusammen wie ein gemeinsames Hobby. Hobby? Reiten ist mehr als das.
Nun also konnten auch die größeren Geschwister reiten. Wer so viele Kinder in die Welt setzte wie ich, hat keine Reitausbildung genossen, das ist klar. Also nahm ich nun endlich Reitstunden in unserer Kreisstadt, natürlich mit den Kindern zusammen. Daß sie mich binnen kurzem weit überflügelten, wird jeder einsehen. Aber einiges bekam ich doch noch mit, und ich reite ja auch keine Turniere, sondern nur im Gelände.
Kaum saß ich damals einigermaßen sicher im Sattel (oder auf dem blanken Pferderücken, ich reite heute noch gerne ohne Sattel), da lernte ich Ursula Bruns kennen, die damals an dem Film „Die Mädchen vom Immenhof“ mitarbeitete. Er wurde nach dem Buch „Dick und Dalli und die Ponys“ gedreht, und die eigentlichen Hauptdarsteller waren die Pferde, Islandpferde, wohlgemerkt, halbgroße, ausdauernde und gutmütige, für den Film eigens importierte Isländer. Ursula Bruns forderte mich, als ich sie besuchte, sofort zum Reiten auf.
„Ich kann aber gar nicht“, stammelte ich, als sie mir Blessi vorführte. „Rauf! Hier wird nicht die alte Frau markiert!“ kommandierte sie.
Ich gehorchte, was blieb mir anderes übrig. Aber siehe da, man muß nur wollen. Wir ritten an diesem Tag drei Stunden, und als ich dann schließlich absaß, war mein Plan gefaßt. Isländer for ever.
Ursula versprach mir einen Isländer aus dem nächsten Transport. „Wie soll er denn aussehen“, fragte sie.
„Ein Fuchs mit heller Mähne“, bat ich. Im Frühjahr sollten die Pferde kommen, bis dahin würden wir auf eigenem Boden wohnen, so lieb uns unser bisheriges Heim auf dem Klostergut auch war.
„Eigene Pferde, eigenes Land“, sagte unser Gutsherr, und ich gab ihm recht und kaufte einen Grund in Süddeutschland, auch deshalb, weil mein Hauptverlag damals in Stuttgart lag. Vierundvierzig Ar, billig, ein Grundstück am Bach, ringsum von Koppeln und Wald eingeschlossen. Auf dem Land stand noch eine alte Baracke, aus der dann der Ponyhof wurde. Als erstes rief Ursula Bruns an.
„Ihr Pferd ist da.“ Es sollte doch erst im Frühjahr kommen, wenn wir eingerichtet sein würden, es kam aber schon im Herbst.
„Die Pferde können ja solange am Kai weiden“, hatten die Isländer vorgeschlagen. In Hamburg, am Kai! Witzbolde! Dies wurde kein Pferdehandel, ich mußte nehmen, was Ursula mir aussuchte, Fuchs mit heller Mähne stimmte, trächtig war sie nicht. Sie hieß Gloa und war ein wunderbares Pferd, Alleingänger, autosicher, und dazu noch sehr gut gebaut, auch für das Auge eines Pferdekenners, der sich noch nicht auf Ponys eingestellt hat. Isländer sind einfach anders als Pferde, gedrungener, ohne Sattel stehen sie oft da wie alte Kühe, deshalb setzten sie sich hier auch nur langsam durch. Unterm Reiter geben sie ein ganz anderes Bild, anfangs aber wurden wir oft mitleidig belächelt. Gloa hingegen wurde sehr bald bewundert, sie war so etwas wie ein Reklamepferd.
Sie kam nachts an, und ich radelte, mit dem Halfter an der Lenkstange und einem Sattel auf dem Gepäckträger, zum Bahnhof, die Kinder ritten. Wir hatten gedacht, im Pulk würde die „Neue“ vielleicht leichter zu dirigieren sein. Sie stand unangebunden allein im Waggon, ließ sich gutwillig aufhalftern und satteln, und ich bestieg sie mit dem Mut der Dummheit.
Sie und ihre fünfzehn Genossen hatten nicht „am Kai geweidet“, sondern waren bei Pferdefreunden untergebracht worden, die sie voll besten Hafer gefüllt hatten. Das merkte ich. Sie ging los wie die Kugel aus dem Rohr, da half nur aufsitzen, komme was wolle.
„Seht zu, wo ihr bleibt, ich kann sie nicht halten!“ japste ich den Kindern gerade noch zu und war schon in der Dunkelheit verschwunden. Eins der Kinder hatte mein Fahrrad genommen, die anderen ritten Blacky und Schecki. Einmal trafen wir uns innerhalb einer Bahnschranke. Von da an ging es im Pulk weiter, im vollen Galopp, denn Gloas Tempo steckte an. Nun ist schnell reiten noch nicht gleichbedeutend mit gefährlich, im Gegenteil, die schönste Gangart ist und bleibt der Galopp. Ich fühlte mich mit den Kindern zusammen sehr viel sicherer und genoß den rasenden Ritt. Es wurde hell. Im Hof angelangt, trafen wir sofort auf unseren Gutsherrn, der uns entgegenkam.
„Wissen Sie, daß die Stute vorn rechts bügelt?“ fragte er mich als erstes. Das hatte ich vom Sattel aus gar nicht gemerkt. Später erfuhr ich, daß manche Isländer das tun, aber beim Reiten stört es nicht. Im Frühjahr darauf zogen wir um.
Bis dahin hatte sich unser Gutsherr mit Gloa abgefunden. Ja, er lobte sie sogar, was mir sehr guttat. Denn einmal hatte ich ein Pferd gekauft, das ein Fehlgriff gewesen war. Ich hatte es natürlich probegeritten, aber immer in Richtung Heimat, und da gehen alle Pferde gern. Umgekehrt streikte Lojo, und ich mußte ihn zurückgeben. Man hat immer vierzehn Tage Zeit, das neugekaufte Pferd zu prüfen. Hat es Mängel, so muß es der Verkäufer zurücknehmen.
In unserem neuen Zuhause konnten wir es uns endlich leisten, die Stuten decken zu lassen und Fohlen aufzuziehen. Ich habe, solange ich den Ponyhof bewirtschaftete — jetzt haben ihn meine Tochter und mein Schwiegersohn in Regie —, über vierzig Fohlen verkauft. Bei den Kindern gab es dann oft Tränen, wenn eins fortkam, mir ging es auch jedesmal ans Herz. Allmählich hatten wir durchschnittlich zwölf Pferde. Mehr sind nicht gut, wenn man allein für sie sorgt, man hat dann so viel zu tun, daß keine Zeit zum Reiten bleibt.
Wir erlebten viele Pferdekäufe. Die Dorfjugend, vor allem die Mädchen, nahmen sich an uns ein Beispiel und fingen an zu reiten. Beim Bauern ein Pferd zu kaufen geht folgendermaßen vor sich: Käufer und Besitzer stehen miteinander im Stall und begutachten das Pferd, um das es sich handelt. Von Zeit zu Zeit nimmt der eine oder andere seinen Hut und rennt schweigend hinaus. Ehe endgültig „Ja“ oder „Nein“ gesagt wird, spricht keiner ein Wort. Schließlich beginnt der Käufer, den Preis zu drücken. Das dauert manchmal stundenlang. Bei mir riß oft der Geduldsfaden, die Kinder aber lernten es schnell.
Einmal kam eine Mutter mit einem Zehnjährigen zu uns und wollte ein Pony kaufen. Der Junge ritt einen Esel, erzählte er uns. Wir fuhren mit zu ihm nach Hause, um Stall und Unterbringung anzusehen ... Da führte er uns den Esel vor, riß ihn aber derart im Maul, daß wir protestierten. Dem gaben wir keines unserer Pferde! Als man uns fragte, wo man denn sonst eins bekäme, nannten wir Bekannte in einem Nachbarstädtchen, die eins verkaufen wollten. Es handelte sich dabei um einen halbgroßen Schimmel. Wir fuhren hin, da wir nun sowieso einmal unterwegs waren, und ausgerechnet ich kaufte „Silber“ auf Anhieb, da er mir so gut gefiel! Wir nahmen ihn gleich mit, obwohl Sonntag war und ich nicht entsprechend viel Geld in der Hosentasche hatte. Aber diese Leute kannten wir gut. Silber ging auf viele Turniere, war bestechend hübsch und wurde später vom ältesten Sohn meiner Tochter geritten, manchmal mit zusätzlich zwei Handpferden rechts und links, ebenfalls Schimmeln. Dazu der kleine Reiter mit ernsthaftem Gesichtchen — da widerstand kein Preisrichter.
Ein Stück aus meinem Leben
Als ich ungefähr siebzehn war, wohnten wir in der Stadt, und ich bekam so gut wie kein Pferd zu sehen, geschweige denn zu reiten. Als Beruf wählte ich zwar Landwirtschaftslehrerin, mußte aber dem Direktor die Kasse führen und junge Mädchen im Kochen unterrichten. Ich blieb nicht lange dabei. Heute kann man in den Sattel gelangen, wenn man Taschengeld spart oder jobbt, insofern ist die heutige Jugend zu beneiden.
Nun aber gab es in unserer weitläufigen Verwandtschaft einen Onkel Hagemann, der ein Weingut am Rhein und zwei Kinder besaß, die etwa in meinem Alter waren: Markus und Brigitte. Seine Frau lebte nicht mehr, und unsere Großmutter führte ihm die Wirtschaft. Ich sage „unsere“, weil sie für viele Enkel zuständig war, an die dreißig Stück. Alles, was zwischen zehn und dreißig Jahren alt war, besuchte diesen Onkel in allen Ferien. Er hatte sich selbst viele Kinder gewünscht — „von jeder Sorte eins, das ist so gut wie keins“, pflegte er zu sagen und freute sich an dem bunten Gewimmel.
Wir durften den ganzen Tag über tun, was wir wollten, wenn wir nur pünktlich zu Tisch kamen. Nachgeliefert wurde nichts, wer nicht zur Zeit da war, mußte bis zur nächsten Mahlzeit warten. Unsere Betten und Zimmer machten wir selbst, sonst aber war alles erlaubt, was gefiel. Herrliche Ferien! Bei Tisch konnte es passieren, daß Onkel Hagemann plötzlich auf einen von uns deutete, egal ob Mädchen oder Junge, und ermunternd rief: „Heute haben zwei von euch Hochzeit! Nun halt mal die Damenrede!“ Dann mußte derjenige aufspringen und aus dem Stegreif loslegen. Was haben wir da oft gelacht! Aber frei sprechen lernten wir auch.
Ich verstand mich am besten mit Brigitte, die ein Jahr jünger war als ich, und schwärmte insgeheim für Markus, meinen schönen, etwas älteren Vetter mit den dunklen Augen und dem frechen Mundwerk. Er war, wie ich, ein großer Pferdeliebhaber, das gefiel mir doppelt. Ein Wunder war das nicht, denn Onkel Hagemann hatte, abgesehen von der Leidenschaft, junge Menschen um sich zu versammeln, noch eine: Er züchtete Shetlandponys und besaß eine ganze Anzahl jener kleinen, drolligen Pferdchen, die Kinder so lieben. Einen Meter hoch, im Winter zottig, im Sommer spiegelblank. Als wir klein waren, ritten wir auf ihnen, später durften wir sie einspannen und mit ihnen fahren. Nur den Hengst sollten wir nicht nehmen, er war stark und unberechenbar. Wir liebten ihn alle. Er war ein drahtiger Rappe und schöner als die andern, sehr edel, während Stuten und Fohlen drollig und lieb wirkten. Er hieß Tango.
Eines Tages schlug Onkel Hagemann selbst ans Glas. Alles horchte auf. Er wollte aber keine Rede halten, sondern fragte nur: „Wer von euch ißt denn leidenschaftlich gern Haferflocken?“
Wir waren verblüfft. Zu einem Gutsfrühstück gehörten damals keine, eher Schlackwurst, Schinken, Eier oder sogar Sahnequark. Er erklärte uns seine Frage. Seit einiger Zeit verminderte sich der Hafer in der auf dem Vorwerk stehenden Haferkiste auf eine merkwürdig schnelle Art. Er verdunstete geradezu. Dabei war die Haferkiste verschlossen, das wußten wir alle.
„Hat vielleicht jemand von euch den Schlüssel gefunden und ernährt sich jetzt von gequetschtem Hafer, weil er hier nicht satt wird?“ Er wies lachend auf die reichlichen Vorräte des Sonntagsfrühstücks.
Der Schlüssel zu dieser Kiste fehlte seit einiger Zeit, wir wußten es. Wenn gefüttert werden sollte, mußten wir den Ersatzschlüssel holen, den Onkel Hagemann dann herausgab und den wir ihm wiederzubringen hatten. Sonntags fütterten wir öfter, wenn wir Ponywagen fahren wollten, das war so ausgemacht.
Nein, keiner hatte sich von Hafer ernährt. Wir frühstückten fertig und verstreuten uns dann. Brigitte und ich schlenderten zum Vorwerk hinaus. Dort gab es eine schöne, windgeschützte Ecke, wo wir uns in die Sonne legten. Nach einer Weile erschien Markus, sah uns liegen, schubste Brigitte ein wenig an und sagte: „Na, ihr Flaschen?“ „Flasche“ war damals das gängige, halb verächtliche Schimpfwort wie etwa „trübe Tasse“ oder „Döskopp“.
„Selber Flasche“, knurrte Brigitte, machte aber nicht einmal die Augen auf. Ich schwieg.
„Ihr liegt hier rum ... Wollen wir ein Stück mit den Ponys fahren?“ schlug er vor. Und als wir nicht reagierten, fragte er: „Ihr habt wohl Angst?“
„Angst?“ fragte ich, so verächtlich wie möglich. „Wenn, dann fahr’ ich mit dem Tango.“
Markus lachte mit glitzernden Augen.
„Wollen wir? Ich hol’ ihn. Den Schlüssel hab’ ich.“ Tango ließ sich nur einspannen, wenn ihm jemand eine Schüssel mit Hafer vorhielt.
„Ihr seid verrückt“, sagte Brigitte und wälzte sich auf die andere Seite. „Aber von mir aus. Vater fährt ja auch mit ihm. Und Vater ist heute nicht da.“ Er war über Land gefahren, die Gelegenheit war also günstig. Wir waren schon manchmal heimlich gefahren, gerade, weil wir nicht sollten. Es war nie herausgekommen. Es verlockte uns, keine Frage. Wir standen auf. Während wir dem Stall zu gingen, gerieten wir beiden Mädchen schon mit Markus aneinander.
Der Ponystall auf dem Vorwerk lag etwas abseits und hatte zwei große Boxen, eine für Tango, eine für die andern Ponys. Im Stallgang stand die Haferkiste, weiter nichts. Wir hatten uns wegen einer Kleinigkeit so zerstritten, daß unser Plan zu scheitern drohte. Markus setzte sich auf die Haferkiste, und wir gingen zu den Stuten und Fohlen hinein und streichelten sie. Und dann, ohne noch etwas zu Markus zu sagen, spannten wir Tango ein.
Die Ponygeschirre waren uns so vertraut wie anderen Kindern ihre Schulranzen, auch die verschiedenen Kutschen kannten wir. Wir nahmen den Einspänner, den sogenannten Dogcart. Tango ließ sich gutwillig hinausführen und machte keine Schwierigkeiten, als ich ihn striegelte. Währenddessen kämmte Brigitte ihm die Mähne. Er war wirklich bemerkenswert schön, zierlich und dabei kräftig, kein Wunder, daß Onkel Hagemann ein wachsames Auge auf ihn hielt. Markus war im Stall geblieben. Als ich noch einmal hineinging, um den Hufkratzer zu holen, sah ich ihn nicht, plötzlich aber polterte es in der Haferkiste, der Deckel krachte hoch, und ich erschrak fast zu Tode. Natürlich war es Markus, der sich hineinverkrochen hatte, um mich zu erschrecken. Das war ihm gelungen.
Ich weiß nicht mehr, ob ich überlegte oder in Wut handelte. Jedenfalls griff ich zu, bums! schlug der Deckel der Kiste zu, ich fingerte am Schloß und schob es durch die Haspe. Er war gefangen.
„So, wenn du nun schön bittest, lass’ ich dich wieder raus, eher nicht“, sagte ich atemlos und schadenfroh. Ich wußte, daß Markus nicht bitten würde. Er tat es auch nicht. Er war so still, daß es bedenklich wurde. Hatte ich ihm den Deckel etwa so auf den Kopf gehauen, daß er betäubt war? Vorsichtig schlich ich heran, um durch den Spalt des Deckels zu schielen — und war beruhigt. Markus, der mich wohl gehört hatte, versuchte, mir durch eben diesen Spalt ins Auge zu spucken.
„Du bist ein Ferkel“, sagte ich entrüstet, während ich zurückfuhr, „nun sitz und tu Buße.“
Damit drückte ich das Schloß zu — es war ein Schnappschloß —, steckte den Schlüssel ein und stand noch einen Augenblick davor. „Möchtest du noch was?“ fragte ich.
Darauf ertönte ein höhnisches: „Danke der Nachfrage!“
Ich ging. Mochte er hocken, es würde ihm nichts schaden. „Iß nicht zu viel Hafer, sonst sticht er dich!“ rief ich noch zurück. Dann trat ich zu Tango hinaus.
„Kommt Markus nicht mit?“ fragte Brigitte. Sie stand an Tangos Kopf und hielt ihn. Bei ihm konnte man nämlich nicht einsteigen, ohne daß er sofort im Galopp losging.
„Nein“, sagte ich obenhin und stieg in den Wagen, „wir fahren ohne ihn.“
Während ich die Zügel nahm, ließ Brigitte den kleinen Hengst los und sprang im Anfahren auf. Der Tango ging los, daß uns Hören und Sehen verging. Er mußte lange gestanden haben, war stallmutig wie ein Rennpferd.
„Das kann ja heiter werden“, sagte Brigitte. Wir fegten durch den Hof und bogen in die Straße ein. Heute, am Sonntag, war alles still und menschenleer.
Wir lachten mit einem kleine Unterton der Angst, genossen die sausende Fahrt aber doch. Brigitte hielt jetzt die Zügel, sie fuhr nach dem alten Grundsatz: „Wenn das Pferd durchgeht, dann treib. Laß es laufen, schneller, als es selbst will. Einmal hört es auf.“
Natürlich würde Tango einmal aufhören und langsamer werden. Und dann nichts wie zurück! Ich mußte ja Markus herauslassen. Vorläufig aber konnte ich nichts anderes denken als: Halt dich fest, und hoffentlich kommt nichts, wovor er scheut. Tango war autosicher, aber Mähdrescher, Trecker oder Lastwagen konnten ihn in blinde Panik jagen. Zum Glück würde heute am Sonntag wohl kein solches Schreckgespenst auftauchen.
Schließlich gelang es Brigitte, den kleinen Vulkan einigermaßen zu bändigen. Er trabte jetzt, die Vorderbeine fast waagerecht aus der Schulter werfend, dahin, daß es eine Lust war, und wir konnten uns schon wieder unterhalten. Plötzlich hob Brigitte den Kopf.
„Hörst du nichts?“ fragte sie. Ich lauschte. Tatsächlich, das klang wie ein Jammern, halblaut und kläglich. Brigitte parierte Tango durch, und da hörten wir es deutlich. Wie ein weinendes Kind — aber wo sollte hier eins stecken? Die Felder waren eben und weit zu übersehen, der Wald noch entfernt.
„Dort!“ rief Brigitte, zeigte auf einen Steinhaufen etwas abseits der Straße und warf mir den Zügel zu, während sie absprang. Kurz darauf kam sie zurück, ein etwa vierjähriges Mädchen auf dem Arm tragend, dem sie beruhigend zuredete.
„Nun wein doch nicht mehr, wir sind ja da. Sag, was ist los? Bist du ausgerissen von zu Hause?“
„Nein, ich —“, Schniefen, Schluchzen, „ich — die Großen sind so gemein — sie wollten mich nicht —“, wieder schluchzte es herzzerreißend. „So ge-mei-hein ...“
„Was wollten sie denn nicht?“ fragte Brigitte freundlich und wischte am Gesicht der Kleinen herum.
„Mich — mitnehmen — und da bin ich — hinterher — rennt — und auf einmal warn sie weg.“
„Wer sind denn die Großen?“
„Na, Felix und Ingo —“
„Deine Brüder?“
„Mhm —“
„Aha, große Brüder.“ Ich dachte an Markus, aber nur flüchtig. Denn nun galt es erst, herauszubekommen, woher dieses kleine Bündel stammte und wohin wir es bringen konnten. Das war schwierig, denn auf unsere Frage, wie sie hieße und wo sie wohnte, antwortete die Kleine zwar geläufig: „Monika Bülz, Frankfurt, Lerchesbergring fünfzig —“, das half uns aber nicht viel. Die vielen Kilometer von Frankfurt bis hierher konnte sie nicht hinter den bösen Brüdern hergelaufen sein. Es war, wie wir scharfsinnig schlossen, ein Kind, dessen Familie hier irgendwo Ferien machte. In welchem Dorf aber?
Wir fragten. Wir schmeichelten. Schließlich hoben wir sie einfach auf den Ponywagen, Brigitte nahm die Zügel, ich den kleinen Ausreißer auf den Schoß.
„Erst mal versuchen wir es in der nächsten Ortschaft, und wenn wir dort nichts hören, in der übernächsten“, sagte Brigitte und ließ Tango ausgreifen. Ich schwieg.
Das war natürlich dumm. Jetzt hätte ich Brigitte erzählen müssen, daß — aber ich dachte, vielleicht geht es schnell, und wir kämen bald heim. Es ging aber nicht schnell. Und dann sagte ich erst recht nichts, denn ich schämte mich vor Brigitte, daß ich so lange geschwiegen hatte. Himmel, was mußte sie denken! Nun saß der Unglücksrabe schon zwei Stunden in seiner Dunkelhaft.
Endlich fanden wir einen Anhaltspunkt. Wir hatten beschlossen, die Polizei einzuschalten. Die Wirtin des Gasthofes, von wo aus wir telefonierten, sah das kleine Mädchen und hielt uns erst einmal zurück. Sie fragte, und wir antworteten. Natürlich, so mußte es sein. Sie war vorhin angerufen worden, ob man etwas von einem verlaufenen Kind wüßte. Die Anschrift hatte sie. Wir riefen sofort an. Eine vor Glück und Erleichterung schluchzende Mutter antwortete. Wir versprachen, ihr das Kind auf der Stelle zu bringen. Das heißt, Brigitte versprach es, ich konnte nichts ändern, denn ich stand draußen bei Tango. Und dann brausten wir los, noch einmal in der falschen Richtung. Es war ein schönes Gefühl, der Mutter das Kind wiederzugeben. Aber daß sie uns dann noch unbedingt zum Kaffee einladen wollte, damit wir ihrem Mann alles erzählen konnten, der nach einer anderen Himmelsrichtung losgefahren war, um Klein-Monika zu suchen, und ›sicher‹ bald wiederkommen würde, das war weniger schön, jedenfalls für mich. Ich briet sozusagen auf glühenden Kohlen und sah in immer kürzeren Abständen auf die Uhr, zuletzt in stummer Verzweiflung überhaupt nicht mehr.
Was würde Markus sagen, wenn ich ihn endlich befreite! Wie würde er toben! Das würde er mir nie, nie, nie wieder verzeihen, und ich würde nie wieder zu den Ferien kommen dürfen, und überhaupt ...
Endlich kamen wir los. Brigitte, die nun auch heim wollte, sagte, sie wüßte einen Weg durch den Wald, der die Strecke abkürzte. Wir fuhren ihn in unvermindertem, geradezu rasantem Tempo. Tango merkte, daß es in den Stall ging. Ich überlegte. Eines war sicher: Ich mußte durchsetzen, Tango allein in den Stall zu bringen, damit Brigitte nichts merkte. Brigitte sollte lieber gleich zu den andern gehen und sich den erstaunten anderen zeigen, das war unauffälliger, als wenn wir zusammen eintrafen. Sie ging darauf ein, völlig ahnungslos.
Während ich, Tango am Zügel, hinten herum um die Scheune schlich, dachte ich nach. Ich hatte den Schlüssel zur Haferkiste eingesteckt. Niemand konnte demnach geholfen haben, selbst wenn einer, was unwahrscheinlich war, in den abgelegenen Stall gekommen war. Mir war sehr bang zumute. Markus saß jetzt ungefähr vier Stunden in der Kiste. Er schäumte voraussichtlich vor Wut. Wie, um Himmels willen, würde ich ihn je versöhnen können? Da kam mir eine Idee. Wenn ich ganz, ganz leise aufschloß, das Schloß abnahm, die Haspe hob und mich davonschlich, vielleicht hörte er das nicht. Versuchte er dann wieder einmal den Deckel zu heben, so würde dieser aufgehen, und ich könnte hinterher frech behaupten, ich hätte ihn schon längst befreit. Getobt und gegen den Deckel gedrückt hatte der Gefangene wahrscheinlich nur in der ersten Viertelstunde.
Gedacht, getan. Ich brachte Tango zunächst in den Schafstall, der leer war, und ließ ihn dort frei laufen. Dann schlich ich leise, barfuß, die Schuhe in der Hand, zum Ponystall. Dort war es totenstill. Ich blieb mit angehaltenem Atem stehen. Sobald Markus mich hörte, würde er wahrscheinlich eine Wut- und Schimpfkanonade auf mich loslassen, vor der ich mich fürchtete. Ganz vorsichtig drehte ich den Schlüssel im Schloß. Offen. Noch immer kein Ton. Ob er schlief — oder erstickt war? Unsinn. In einer Kiste, durch deren Deckelspalt man spucken kann, erstickt man nicht. Wahrscheinlich schlief er.
Um so besser. Ich schlich rückwärts, so leise wie möglich davon, immer in der Angst, daß in jedem Moment der Deckel hochgehen und ein rotes, wutverzerrtes Gesicht auftauchen würde. Dann war eiligste Flucht angezeigt, zu den anderen, vor denen Markus, der Blamage wegen, nichts sagen würde. Jetzt war ich an der Tür, drehte mich um und rannte davon. Gerettet!
Ich riß, noch im Schwung, die Haustür auf und prallte auf — Markus, so nah und so plötzlich, daß er mich an den Oberarmen halten mußte, damit ich ihn nicht umrannte. Ich glaubte, ein Gespenst zu sehen. „Markus, Menschenskind, wo kommst du her?“
„Und du?“ stellte er drohend die Gegenfrage, wobei er aber lachte. Ein abscheuliches, überlegenes Lachen, während er meine Oberarme nicht losließ. Ich fühlte plötzlich, daß es eine Wonne gewesen war, ihn wütend, aber ohnmächtig in der Haferkiste zu wissen. Ich versuchte, mich loszureißen, und fauchte: „Laß mich los! Es geht dich gar nichts an, woher ich komme!“
„Wohl geht mich das was an“, sagte er frech, „wenn ich Vater nun erzähle —“
„Was erzähle“, fragte ich atemlos vor Wut, „etwa, daß wir mit Tango gefahren sind? Du wolltest es ja selbst, und jetzt petzen — pfui —“
Gepetzt wurde nicht, nie, das war klar. Markus sah mich an, seine Augen waren halb geschlossen.
„Was heißt hier petzen“, sagte er leise, aber wie er das sagte, das ging mir durch und durch. In diesem Augenblick gongte es: Abendessen. War es wirklich schon so spät? Ich hatte durch die Warterei ganz das Zeitgefühl verloren.
„Übrigens: Darf ich das gnädige Fräulein zu Tisch bitten?“
Markus bot mir feierlich den Arm. Ich erriet, warum.
Von allen Seiten strömte es jetzt heran, unsere Vetter und Kusinen, auch Großmutter, an Onkel Hagemanns Arm. Die beiden nickten uns zu.
„Das ist nett, daß ihr auch da seid“, sagte der Onkel freundlich. „Setzt euch zu uns, kommt, wir wollen euch erzählen. Es war reizend heute. Zu schade, daß ihr nicht mit wart.“
Eigentlich befanden sich unsere Plätze etwas unterhalb am Tisch, mit unseren Altersgenossen zusammen. An diesem Abend aber mußten wir uns zum Onkel setzen. Während ich nur mit halbem Ohr zuhörte, ging es mir unablässig durch den Kopf: Wie ist Markus aus der Kiste herausgekommen? Oder war er gar nicht darin? Bildete ich mir das Ganze nur ein? Dann war ich geistig gestört, das war sicher.
Ich würde es heute noch nicht wissen, wenn Markus es mir am Ende der Ferien auf inständiges Bitten hin nicht verraten hätte. Ich bat ungern, aber ich mußte doch wissen, ob ich mich von nun an zu den Verrückten rechnen müßte, die man nicht ernst nehmen kann.
Deshalb bat ich und bat immer wieder, und als er nicht wollte, sagte ich, dann käme ich nie wieder hierher zu den Ferien. Da gab er zu meiner Verblüffung plötzlich nach, dabei hatte ich das nur versuchsweise gesagt.
Er berichtete: „Ganz einfach, jemand hatte den ersten Schlüssel gefunden, ein Jemand, den ich längst im Verdacht hatte. Dieser Jemand wollte nun gern den ungefährlichen, menschenleeren Sonntag benutzen, um seine Kaninchen einmal wieder richtig mit unserm Hafer satt zu füttern. Sein Gesicht, das mich anstarrte, als der Deckel der Kiste aufging, war Gold wert. Ich hätte dir eigentlich noch danken müssen für die Einsperrerei.“
Ich sah Markus an, noch immer schuldbewußt. Merkte er es? Er lachte sein überlegenstes Lachen.
„Schlechtes Gewissen? Tut dir ganz gut. Aber sonst — ach, vorbei. Alles in Ordnung. Und nächste Ferien kommst du wieder?“
Daß er das fragte! Ich lachte, nun ganz erleichtert und froh: „Klar! Gern! Und dann fahren wir wieder mit Tango, diesmal du mit. Einverstanden?“
Unsere Michaels
Michael ist ein schöner Name. Nicht nur Erzengel heißen so, sondern seit Jahrzehnten auch Menschenkinder. Es ist ein sehr verbreiteter Name, der sich immer mehr durchsetzt. Fast in jeder Familie gibt es einen, so auch in unserer. Und trotz der Mode bereue ich es nicht, daß wir unsern zweiten Sohn so genannt haben. Mein Mann wünschte es sich, und mir gefiel er auch immer. Inzwischen haben wir in unserer weitläufigen Familie viele Michaels, ich habe eine Menge „Beinahe-Söhne“, das ist so, wenn man viele Kinder hat, weil jedes von ihnen Freunde oder Freundinnen mitbringt.
So viele Erzengel gleichen Namens um sich zu haben ist freilich etwas mühsam und gibt Anlaß zu vielerlei Mißverständnissen. So beschlossen wir irgendwann, jedem einen Spitznamen zu geben. Der eine nannte sich Pfaffenlümmel, was mir nicht gefiel. Er ist Pfarrerssohn, gewiß, aber da kann man sich etwas anderes ausdenken. Wir tauften ihn Dekan. Ein anderer, der im Gegensatz zu uns gern vornehm tut (wir sind keine sehr vornehme Familie), wurde dem Dekan entsprechend Baron genannt. Es paßt wirklich zu ihm. Ein weiterer, von mir angenommener Sohn, hieß schon, als er zu uns kam, seiner hellblonden Haare zufolge Schimmel. Mein eigener Michael, seit Jahren „auf der Insel“, also in England, Schottland oder Irland, wird von den Geschwistern Mike gerufen, ich selbst bleibe aber bei Michael.
Einer wieder heißt Misch, das kommt von Mischka, seiner bärenmäßigen Tolpatschigkeit wegen.
So weit, so gut. Jeder der großen Jungen, es sind eigentlich schon Männer, hat irgendeine oder mehrere Eigenschaften, die wir schätzen. Da wir ziemlich einsam in einem kleine Holzhaus zwischen Wiesen und Wald wohnen, sind wir oft direkt auf ihre Hilfe angewiesen, sei es zum Bauen oder Reparieren von Zäunen oder dem Durchstoßen einer verstopften Drainage. Seit einiger Zeit wohne ich ein paar Minuten vom Ponyhof entfernt, den inzwischen Tochter und Schwiegersohn bewirtschaften. Da heißt es „Deine Gäste — meine Gäste“, wir helfen einander mit vielem aus, auch mit der „Ausnützung“ der männlichen Arbeitskräfte.
So wollte ich einmal eine Gardinenschiene angebracht haben und bat den „Dekan“ um seine Hilfe. Er saß mit Freunden im Ponyhof und hatte anscheinend keine Lust, herüberzukommen. Ich hatte selbst Besuch und wartete sehnsüchtig auf ihn, um endlich einen wichtigen Vorhang anbringen zu können.
Da ging das Telefon. Erleichtert sprang ich auf, rannte zum Apparat und meldete mich ausnahmsweise nicht mit Namen, sondern rief glücklich und zärtlich hinein: „Dekan, Dekan, Dekanchen, kommste doch noch?“ Die Antwort ließ mich die Luft anhalten. Eine mir völlig fremde Stimme sagte gemessen:
„Ich bin noch nicht Dekan. Ich bin Ihr neuer Pfarrer und wollte fragen, wann ich bei Ihnen einen Besuch machen darf.“
Ich habe schon manche schwierige Situation durchgestanden, aber hier fuhr mir der Schreck doch in die Glieder. Was sagt man in so einem Fall? Erklärt man? Das macht alles noch schlimmer und komplizierter. Ich war im Augenblick ratlos, bereute meine spontane Art, die mir schon oft Schwierigkeiten eingetragen hat, und flüsterte schließlich betreten:
„Oh, Entschuldigung, ich erwartete — aber das ist nicht so wichtig. Das erzähle ich Ihnen später. Bitte kommen Sie doch gleich und bringen Sie Ihre Frau mit, und wir trinken auf den Schreck eine Flasche Wein zusammen. Ist Ihnen das recht? Nicht wahr, Sie kommen? Bitte!“
Er kam, und es wurde sehr gemütlich. Ich erklärte nun doch mein merkwürdiges Verhalten am Telefon, und wir lachten viel. Seitdem sind wir befreundet, und ich fühle mich in guter geistlicher Hut. Mitunter bringt auch eine spontane Dummheit positive Folgen.
Der Musenkuß
Ich bin — leider auf keinem Ponyhof geboren, sondern in einer Großstadt, in Leipzig, in einer Etagenwohnung, wo weit und breit keine Pferde oder Ponys zu sehen waren, geschweige denn zu reiten. Erst viel später verfiel ich den Pferden. Die Liebe zu Pferden ist wohl die einzige Sucht, die man nicht verteufeln soll, sie prägte mein ganzes Leben. Zunächst aber mußte ich mir einen Beruf suchen und meinte, als landwirtschaftliche Lehrerin käme ich den Pferden näher. Großer Irrtum. Um ein Pferd zu sehen, mußten wir, meine Kollegin und ich, ins Kino gehen, was wir oft nicht durften, da unsere Tätigkeit an der Schule mitunter von früh um sieben bis nachts um elf dauerte. So war ich froh, nach den Probejahren entlassen zu werden, heiratete dann, bekam jedes Jahr ein Kind und träumte nur noch von Pferden, das aber weiterhin.
Dann verlor ich meinen Mann und landete nach schlimmen Zwischenstationen mit den Kindern auf einem Gutshof in der Nähe von Paderborn, und genau diese Anschrift: „An Lise Gast, auf einem Gutshof in der Nähe von Paderborn“ stand auf einer Postkarte, die mich dort tatsächlich erreichte. Es lebe die Findigkeit der Post! Ein alter Freund aus Leipzig meldete sich, der „schlichte Dichter“, wie er sich nannte. Wir erneuerten unsere Freundschaft, trafen uns, machten gemeinsam Auslandsreisen, und wenn wir getrennt waren, schrieben wir uns, meist in Versen. Die „Fließband-Poetin“ nannte er mich meiner vielen Bücher wegen, und ich rief ihn „der schlichte Dichter“. Ich besitze noch viele lustige, geistreiche Gelegenheitsgedichte von ihm, sein Leben war leider kurz.
Damals, als er noch lebte, fing es bei mir mit den Lesungen an, zu denen ich aufgefordert wurde, von Schulen, Seniorenklubs, Volkshochschulen und Ähnlichem. Ich sagte, wenn es irgend ging, immer zu, auch wenn es mir schlecht in meine Arbeit paßte. Nicht des Geldes wegen, das mir, spärlich genug, dabei zufloß, sondern um der guten Sache willen. Wieviel Kinder gibt es noch heute, die kein einziges Buch besitzen, und wie viele Erwachsene, die lieber vor dem Bildschirm hocken, statt ein Buch aufzuschlagen. Die muß man heranlocken ans Buch und es ihnen schmackhaft machen, und dazu eignen sich Autorenlesungen ganz besonders. Wer die Autorin hat lesen hören — ich nehme dann auch Dias vom Ponyhof und unseren kleinen Pferden mit und einen Film —, der vergißt das nicht. Meine Ponybücher sind in den Schulbüchereien meist die zerlesensten. In Hannover, wo ich eine Zeitlang jedes Jahr las, behaupteten die Schüler und Schülerinnen in den Aufsätzen, die sie hinterher schrieben, ich wäre in Reithosen und Stiefeln gekommen. Sie erinnerten sich an die Dias.
Mitunter klappt es nicht, daß ein geeigneter Raum zur Verfügung steht, dann lade ich zu mir auf den Ponyhof ein, damit die nun einmal geplante Lesung nicht ins Wasser fällt. Unsere Räume sind nicht groß, aber abends kann man Dias auch im Freien zeigen, was wir manchmal bei Hochzeiten machen. Oft lade ich auch andere Autoren zum Lesen ein, das ist immer ein großes Fest.
So las bei mir einmal Eckardt von Naso, ein Schriftsteller, den ich von früher kannte und sehr schätze. Er war eine Zeitlang Intendant am Stuttgarter Theater, und von Stuttgart bis zu uns sind es nur fünfzig Minuten im Eilzug. Wir holten ihn vom Bahnhof mit dem Zweispänner ab, das waren wir uns als Ponyhöfler schuldig, und begrüßten ihn froh und dankbar, daß er mutig genug war, unsere Baracke zu betreten.
Wir waren alle glücklich, ihn da zu haben, und baten nicht umsonst um eine Lesung, die er uns auch sofort zusagte. Es wurde ein großes Fest auf dem Ponyhof! Wir hatten nur die engsten Freunde eingeladen, zu meinem Bedauern sagte der „schlichte Dichter“ ab, er hatte eine wichtige Verabredung. Aber sonst kamen alle, Petrus hatte ein Einsehen, und wir konnten draußen sitzen. Ein Lesepult wurde aufgebaut, eine Leselampe anmontiert, wozu haben wir so viele Söhne und Beinahsöhne, die technisch versiert sind, und er las. Er las nicht nur, er sprach dann auch, ließ uns fragen, erklärte und erzählte — es war ein Genuß. Als Thema hatte er den „Musenkuß“ gewählt. Es war sehr lustig: Er schilderte, wie viele seiner Leser sich das Leben eines Schriftstellers vorstellten. Man sitzt am Schreibtisch und wartet auf die Muse. Sie kommt und küßt einen, die eilige Feder läuft über das Papier, man schickt ab, was die Muse einem freundlich diktierte, und schon rauschen die goldenen Bäche der Honorare auf den Dichter zu. Beneidenswert. Oft hatte man auch mir so etwas erzählt, und ich wundere mich immer, warum all diese Leute nicht auch Schriftsteller geworden sind.
„Warum machen Sie es nicht auch so?“ fragte ich sie dann manchmal ironisch. Da wurde ich belehrt: „Wissen Sie, ich könnte das auch. Ich habe nur nicht so viel Zeit wie Sie. Sie haben es ja gut, im Grünen sitzen und dichten — herrlich! Aber ich habe einen Beruf und eine Familie!“
Als ob ich das nicht hätte, meine Familie ist dazu noch viel größer! Keiner, der mir das so sehnsüchtig sagt, würde nämlich auf Komfort und Auto verzichten, und schon gar nicht so wohnen wie wir, pionierhaft, bei Hochwasser und Schnee auf uns selbst angewiesen, ohne hilfreiche Nachbarn. Sie sahen alle nicht, was eigentlich dahintersteckt. „Du siehst die Weste, nicht das Herz“, sagt Busch. Und wie oft kommt die Muse eben nicht!
Darauf kam Eckardt von Naso zu sprechen, und wir verstanden uns großartig. Hinterher saßen wir noch lange am Lagerfeuer, das bei uns die gute Stube ersetzt, tranken Rotwein und fachsimpelten. Es war sicherlich schon neun, als ein Auto kam, wir sahen die Scheinwerfer. Es hielt am Ponyhof an, wollte also wohl zu uns. Eins meiner Kinder lief hinauf und kam mit einem Brief in der Hand zurück. Es war ein Eilbrief, der also auch nachts ausgetragen wird. Ich wunderte mich und schickte dem Boten einen Schnaps hinauf, um mich zu bedanken. Ich öffnete den Brief — er war vom ›schlichten Dichter‹:
Der schlichte Dichter kaut am Federhalter
und wartet auf die Muse, die ihn küßt.
In seinem tugendhaften Greisenalter
ist da ein Nichts als geistiges Gelüst.
Jedoch die Muse kommt nicht, Gottverdammt.
Ein Meisterwerk bleibt demnach ungeboren.
Man jage diese Dame aus dem Amt
und schlag ihr kräftig hinter beide Ohren.
Der schlichte Dichter greift zum Federhalter —
war da nicht eine Stimme, die ihn rief?
Zum Teufel mit der Tugend und dem Alter!
Er schreibt an Lise Gast ’nen Liebesbrief.
Solche Zufälle gibt es. Ich lachte. Und reichte den Brief Eckardt von Naso. Der lachte auch, und nun wollten alle anderen natürlich auch lachen und verlangten stürmisch, den Brief vorgelesen zu bekommen.
Dies ist die Geschichte vom Musenkuß. Sie ist nicht nur historisch, sondern auch wahr. So was kann man sich nicht ausdenken. Der ›schlichte Dichter‹ konnte unmöglich wissen, worüber Ekkardt von Naso gesprochen hatte. Das Leben denkt sich die hübschesten Pointen aus, auf die unsereins nie käme.
Besuch auf dem Ponyhof
Als wir vor Jahrzehnten den Ponyhof gründeten, waren Pferde etwas Seltenes. Die Bauern hatten sich auf Trecker umgestellt, und Reitvereine gab es nur für sehr Begüterte. „Das Pferd muß bleiben!“ hieß es zwar immer, aber wer hält sich schon Pferde als Luxus?
„Schlachten Sie die?“ wurden wir manchmal gefragt. Das wurde jedesmal entrüstet verneint. Ein wohl aus Ostpreußen stammender Mitbürger sagte uns mal im Vorübergehen: „Ich hatte zu Hause auch Pferde. Die waren aber größer, Ihre können ja nicht mal eine Nähmaschine ziehen!“
Worauf wir natürlich giftig antworteten, unsere Nähmaschine bräuchte keine Luftveränderung, die täte ihre Pflicht zu Hause.
Jetzt ist das anders geworden. Auch kleine Ortschaften haben Reitvereine, junge Mädchen halten sich Pferde, die sie beim Bauern unterstellen, und verzichten dafür auf vieles, und mancher Junge — ach, gäbe es das doch öfter! — besitzt statt eines Motorrades ein Pferd. Damals aber waren Pferde etwas ganz Ausgefallenes, noch dazu solch kleine. Der Ort, in dem wir die Baracke fanden, aus der der nun wirklich berühmte Ponyhof wurde, ist bei den Einwohnern inzwischen bekannt.
„Wir gehet jetzt immer ins Oimersbachtal spaziere“, versicherten mir die braven Schwaben, und zum letzten Fohlenbrennen sammelten sich siebzig Pferde, wo es, ehe wir kamen, ein einziges gegeben hatte.
Wie schön! Wir halten es für gut, daß Kinder mit Pferden aufwachsen, sie übernehmen Verantwortung, lernen, für ein Tier zu sorgen, und sind immer beschäftigt.
Daß wir an der neuen und nun schon fast eingebürgerten Pferdeliebe mitschuldig sind, merkten wir sehr bald. Wir bekamen Besuch in Scharen. Nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch Unbekannte, die unsere Bücher gelesen hatten, scheuten oft weite Fahrten nicht, um uns kennenzulernen. ›Lorch‹ gibt es in der Bundesrepublik zweimal, einmal an der Rems, dort wohnen wir, und einmal am Rhein. Das wissen manche Leute nicht. Auch mit Lorsch bei Worms werden wir oft verwechselt. Einmal kamen Leute aus Hannover, die erst das andere Lorch durchforstet hatten. Sie gaben aber nicht auf und fuhren den nicht geringen Umweg dann doch noch bis zu uns. Hausfrauenvereine, Kindergärten, Schulklassen kamen, sogar Berühmtheiten, begleitet von Journalistinnen, es war manchmal reizend und lustig und manchmal irre langweilig und kaum zu verkraften. Denn wer einmal da war, ging nicht wieder, es war, als hätten unsere Stühle Pech an den Sitzen, und die Beklebten fest. Die Kinder wurden schon wütend, wenn wieder auf der Straße ein Auto hielt, und Heidi holte einmal die Quarktorte vom gedeckten Kaffeetisch und schob sie mit Schwung unter die Couch, knirschend vor Wut: „Die bekommen sie nicht. Immer, immer dieser Besuch, und für uns bleibt nichts übrig.“
Wir hatten damals auch einen zahmen Waschbären. Der lief in Haus und Garten umher und naschte auch gern. Von einer Nußtorte hatte einmal der Besuch ein Stück übriggelassen. Der Bär kletterte auf die Bank, griff über den Tisch — Waschbären haben richtige kleine Hände — und holte es sich.
Ein andermal sagte ich aus Verzweiflung am Telefon, als sich wieder drei junge Mädchen ankündigten und fragten, wann es denn am besten passe: „Früh um fünf.“ Damit, dachte ich, hätte ich sie aus dem Felde geschlagen. Aber siehe da, sie kamen tatsächlich zu der nicht sehr üblichen Zeit. Ich hatte gerade die Sense auf den Zweispänner gelegt und wollte losfahren, um Futter zu schneiden. Sie erwiesen sich jedoch als patent und munter, eine bot sich an, Frühstück zu machen und auf die Babys aufzupassen — ich hatte damals zwei kleine Enkelkinder bei mir, die wir die „Folterknechte“ nannten —, die beiden anderen Mädchen fuhren mit mir in den Wald. Sie halfen nett und verständig, luden auf, was ich schnitt, die eigene Sense gibt man nicht gern aus der Hand, und fanden es herrlich, mit hochbeladenem Wagen nach Hause zu kommen. Dort hatte inzwischen die dritte auf der Veranda gedeckt, Kaffee gekocht, die beiden Babys angezogen und war gerade dabei, sie zu füttern. Das war ein Besuch, an den ich gern zurückdenke.
Manchmal wurden wir auch um ein Nachtlager gebeten. So zwei Mädchen, etwa zwanzig Jahre alt, die ihre ganze Schulzeit über gespart hatten, um nach dem Abitur einen großen Sommerritt zu machen. Sie wohnten bei Ulm, waren auf dem Rückweg, fragten, ob sie eine Nacht bei uns bleiben dürften — gern! —, und sattelten ab. Eins der Pferde banden sie auf der Weide an, das andere blieb von selbst dabei, und der Schäferhund legte sich wachsam daneben. Er hatte die ganze Tour ohne Leine mitgemacht, durch Frankreich und die halbe Bundesrepublik. Wir behielten die zwei dann zwei Tage und Nächte, es war sehr nett mit ihnen. Überhaupt kamen immer wieder junge Reiterinnen, die um Quartier baten. Meine Ponyhoftochter hat unter anderem ein Buch geschrieben, darin heißt die weibliche Hauptperson Inka und das Fohlen Frechdachs. Ohne dieses Buch zu kennen, kam ein Mädchen Inka mit einem Pferd Frechdachs und lachte sehr, als wir ihr das Buch zeigten.
Mit diesem Buch erlebten wir dann geraume Zeit später eine unglaubliche Geschichte. Tochter und Schwiegersohn hatten den Ponyhof übernommen, und als es hieß, man sollte sich am Schüleraustausch beteiligen, nahmen sie einen etwa sechzehnjährigen Jungen mit Namen Matthias aus Peru auf. Eines Tages war ich bei ihnen, um auf unseren gemeinsamen Verleger zu warten, der sich angesagt hatte. In der schön aufgeräumten Küche — wir nennen das Türken bauen, wenn wir vor Besuch sehr aufräumen — lag das Buch „Pony Frechdachs“ auf dem Tisch. Matthias sah es und sagte: „Dasselbe Buch hab’ ich zu Hause auch und hab’ es sehr oft und gern gelesen.“
„Weißt du, von wem das ist?“ fragte ich und erzählte ihm dann, daß meine Tochter es geschrieben, mir diktiert habe — sie war damals gerade mit Arbeit überhäuft, und so half ich ihr — und daß wir im Moment auf den Verleger warteten, der auch prompt in dieser Minute erschien. Matthias’ Buch, in Lima in Peru gelesen, fand hier Autorin, Tippse und Verleger bei dem „Pony Frechdachs“ vereint, ausgerechnet in dem kleinen Ponyhof, in den es ihn zufällig verschlagen hatte, als gäbe es auf der ganzen weiten Welt nur diese Stelle.
Wir hatten, wie man sieht, auch netten Besuch. Ein andermal, an einem Sonntagvormittag, schlenderte ich den schmalen Weg von uns zum Städtchen hinunter und fand, es war nicht das erste Mal, einen Wagen, der mit den beiden linken Rädern im Graben stand. Der Fahrer war gerade ausgestiegen und besah sich den Schaden. Ich sprach ihn an.
Es gehört zu meinen Leidenschaften, „gestrandete“ Autos wieder flottzumachen. Ob Schneewehe, Straßengraben oder Benzinmangel, ich kann nicht vorbei. In diesem Fall sah es nicht bedrohlich aus, niemand war verletzt.
„Warten Sie, ich hol’ Pferde, die ziehen Sie heraus“, versprach ich, kehrte um und kam nach ein paar Minuten mit den Shetties wieder, schon fertig angeschirrt. Für unsere größeren Ponys, die Isländer, hatten wir damals keine Geschirre, weil der passende Wagen noch fehlte. Aber die Kleinen sind stärker, als man denkt. Das sagte ich auch dem Pechvogel, als er ziemlich skeptisch meine kleinen vierbeinigen Helfer betrachtete, und setzte hinzu: „Der schlechteste Versuch ist der, den man nicht macht.“ Wir befestigten also die Zugstränge an der Vorderachse, und ich nahm die Zügel auf. „Winnetou, Schnute, nun zeigt mal, was ihr könnt“, spornte ich die beiden an. Einmal tief geatmet, und der Wagen stand auf der Straße. Diese kleinen stämmigen Pferdchen legten all ihren Ehrgeiz hinein, mich nicht zu enttäuschen, und der Autofahrer staunte. Ich lächelte stolz. Dann fragte ich ihn: „Wohin wollten Sie denn überhaupt? Hier ist die Welt doch bald zu Ende, jedenfalls ist es verboten, weiterzufahren.“
„Das ist ärgerlich“, antwortete er, „ich wollte nämlich zu Lise Gast und wurde im Städtchen hierher dirigiert.“ Ich mußte natürlich lachen.
„Also, bis dahin dürfen Sie“, sagte ich, nahm meine Pferdchen am Halfter und ging voran. Zu Hause war noch der Frühstückstisch gedeckt, und wir saßen lange auf der Veranda und unterhielten uns über meine Bücher, derentwegen er gekommen war. Nach ein paar Tagen bekamen wir ein großes, reichhaltiges Paket mit Kaffee, Keksen, Schokolade, zwei guten Flaschen Wein und prallen Mohrrüben für die Ponys. Das mußte unser Gast gewesen sein. Wir freuten uns, aber leider ging der Absender verloren, nun konnten wir uns nicht bedanken. Jahrelang ärgerte ich mich, ich wußte nur, daß er aus Münster stammte.
Viel später schrieb mir aus eben dieser Stadt eine Mutter, sie wolle gern ihre zwei Töchter und zwei von deren Freundinnen zu mir geben, sie würden mir auch helfen und sich nützlich machen. Ich bekomme oft solche Angebote. Münster — ich überlegte und sagte dann zu. Meine Haushaltshilfe hatte gerade Urlaub.
Die vier Mädchen wurden von einer sehr netten Mutter vorbeigebracht, und wir unterhielten uns gut. Schließlich, ich hatte schon viele merkwürdige Zufälle erlebt, fragte ich, ob sie vielleicht einen Herrn kennen würden, und ich beschrieb unseren damaligen Besucher. Siehe da, sie schalteten sofort. Das müsse er sein, der habe sogar mal von uns erzählt. Wir stürzten ans Telefon, und tatsächlich — er war es! Ich konnte mich endlich bedanken. Das war ein Besuch, der viele langweilige wieder wettmachte. Und die Mädchen erwiesen sich als nett und hilfsbereit. Zwei von ihnen waren in Japan aufgewachsen und konnten viel Interessantes über dieses Land berichten. Außerdem hatten sie immer neue Ideen. Einmal mußte ich kurz in die Stadt, da holten sie mich am Bahnhof mit dem Ponywagen ab, sechs Mann hoch, dabei ist er doch nur ein Viersitzer. Daß ich als siebte Person da auch noch hineinpassen mußte, hatten sie nicht bedacht, aber es war doch lieb gemeint. Ich hatte sie in dieser Zeit so liebgewonnen, daß mir beim Abschied beinahe die Tränen kamen. Inzwischen sind sie erwachsen und verheiratet, aber zwei von ihnen besuchten uns neulich. Das war eine Freude! Auch wenn er uns manchmal ärgert, es lebe der viele Besuch auf dem Ponyhof!
Hochzeit auf dem Ponyhof
Hochzeit auf dem Ponyhof, das ist ein herrliches Fest, das wieder einmal alle Kinder vereint! Seit die Taufen und Konfirmationen vorbei sind, sind es die Hochzeiten, die das bewirken. Hochzeitmachen, das ist wunderschön.
Eine Zeitlang hatten wir alle halbe Jahr eine Hochzeit. Dann war es plötzlich wie abgerissen, so daß ich verdutzt fragte, ob die anderen Töchter etwa ein diesbezügliches Gelübde abgelegt hätten.
Keineswegs. Jetzt geht es auch schon wieder los. Und die diesmalige Braut ist gewitzt genug, es so darzustellen, als heiratete sie nur, um mir wieder Gelegenheit zu geben, meine gastgeberischen Talente zu entfalten. Es würde diesmal eine große und vornehme Hochzeit, verkündet sie. Vornehm, auf dem Ponyhof!
Früher dachte ich immer, der schönste Tag einer Mutter sei der, an dem sich eine ihrer jungen Töchter verlobe. Das ist aber ein rosenroter Kitschtraum, und den habe ich seit Jahren ausgeträumt!
Freilich ist es eine unleugbare Erleichterung, wenn es soweit ist, denn vorher leidet die ganze Umgebung. Verliebte Töchter sind der Ruin der Nerven, entweder sie trällern oder sie seufzen, oder sie telefonieren. Das auf jeden Fall, täglich und stundenlang. Die auswärts studierenden Söhne, die einmal zu Hause anrufen wollen, kommen nicht durch. Höhnisch tönt das kurze „Tutt tutt tutt“ im Hörer, und sie legen resigniert auf. Dabei hätten sie nun wirklich wichtige Dinge mitzuteilen: Daß sie ein Teilexamen bestanden und kein Semestergeld mehr hätten, unbegreiflicherweise, daß schnellstens die und die Papiere dasein müßten, daß sie einer Band beigetreten seien und auf die Wäsche warteten. Die Töchter telefonieren.
Besonders störend ist die Tatsache, daß der Apparat im Zimmer der Mutter steht, zwischen Schreibtisch und Schlafcouch. Tagsüber verlasse ich die Schreibmaschine und verziehe mich taktvoll, wenn Fräulein Katrin, Fräulein Edith oder Fräulein Steffi verlangt werden. Meist reißt mir dann der rote Faden, und ich muß ihn nachher mühevoll und zeitraubend wieder knüpfen. Nachts ist es noch schlimmer. Manchmal stehe ich auf und warte bibbernd im Flur, bis aufgelegt ist. Mitunter bin ich aber auch zu müde und ziehe nur das Deckbett über den Kopf, um zu dokumentieren, daß ich nicht mithöre. Das lieben die Töchter gar nicht. Manchmal aber vergessen sie mich auch im Eifer des Gefechts und setzen sich auf mein verhülltes Haupt.
Wenn austelefoniert und verlobt ist — heute verlobt man sich wieder, man kriegt dann so schön viel geschenkt —, beginnt der Kampf um die Hochzeit zu toben. Alle Geschwister müssen natürlich kommen. Von der anderen Familie aber auch? Da gibt es schon die ersten langen Gesichter. Und so viele Schwestern hat der Bräutigam? Und die wollen alle einen Tischherrn? Und die Tante kommt auch? Und zwei Großmütter? Wir haben nur eine ...
Statt uns aufzuregen, sollten wir lieber den Balken im Auge sehen! Bisher haben wir nämlich den Rekord mit den meisten Geschwistern immer gehalten. Und jedesmal war logischerweise einer mehr dabei, mindestens ein Schwiegerkind, meist auch schon „neue“ Blumenstreu-Kinder, neue Familienfreunde, und, und, und ...
Früher träumte man davon, wie schön die Zeit sein würde, wenn die junge Braut eifrig an ihrer Ausstattung sticheln würde. Heute ist sie berufstätig und entsprechend abgehetzt.
Aussteuer, soweit sie überhaupt in Frage kommt, bestellt man nun bei Versandhäusern. Einiges hofft man als Geschenk von den Gästen zu bekommen.
Eine Hochzeit mitmachen, daß heißt auch Eingehen auf ein ungeschriebenes Gesetz, das eisern eingehalten wird: Wie du mir, so ich dir! Schenkst du mir scheußlich bunte Bowlengläser, die ich nie auf den Tisch stellen werde, das vergesse ich dir bis zu deiner Hochzeit nicht! Bekomme ich aber von dir den ach so ersehnten Holzteller für Brot samt Sägemesser, das wirklich schneidet, dann sei getrost, ich weiß schon etwas sehr Hübsches und Praktisches für dich.
Am besten gibt man eine Liste herum. Als einigermaßen vernünftige Mutter gelingt es einem vielleicht doch, dort einige nützliche Dinge einzuschmuggeln, so daß die Gäste nicht nur zwischen exotischen Ohrringen, Tischfeuerzeugen und schrägen Jazzplatten auszusuchen haben, sondern auch Töpfe oder Kaffeemaschinen drin vorkommen. Freilich besinne ich mich noch sehr gut, daß ich mir zu meiner eigenen Hochzeit ein Zelt wünschte (natürlich nicht bekam), ein Paar Reitstiefel und ein dickes Buch mit leeren Seiten, als Kindertagebuch. Denn Kinder wünschte ich mir am meisten, einen ganzen Stall voll, die aber konnte ich ja nicht auf die Liste setzen.
Als Mutter zahlreicher Kinder besitzt man auf der Bank einen Katastrophenfonds. Und auf den griff ich jetzt zurück. Schon Wilhelm Busch sagt: „Ohne die gehör’gen Mittel soll man keinen Krieg beginnen.“ Ich machte mich also auf dem Weg zum Friseur, um für erbitternd viel Geld „schön“ zu werden. Das Ergebnis riß meine ahnungslos heimkehrenden Söhne zu der verächtlichen Frage hin: „Seit wann läufst du denn herum wie Eulalia die Toupierte?“ Empört und verletzt wende ich mich daraufhin an die Tochter, die das Ganze veranlaßt hat, und die ja jetzt einschreiten müßte, wenigstens ein paar zurechtweisende oder erklärende Worte könnte sie von sich geben. Zum Beispiel, daß die andere Mutter immer so schick und gepflegt aussähe, und mit mir könnte man sich ja nicht sehen lassen ... Nichts von alledem.
„Laß mich in Frieden, Mutter, ach, ich bin ja so nervös —“ und sie bricht in Tränen aus. Überhaupt wird viel geweint, und dabei soll es doch ein Freudenfest werden und keine Beerdigung.
„Wenn du so eklig zu mir bist, fällt mir nichts für das Tafellied ein“, gifte ich. Das klingt nach Erpressung, ist aber leider Tatsache. Zum sogenannten Dichten verläßt sich die ganze Familie auf mich. Dazu brauche ich aber nun mal Frieden und Ruhe um mich.
„Das ist dein Handwerk! Los, Mutter!“
Kein Frieden, keine Ruhe. Dazwischen wird geschneidert, gebacken und geputzt.
„Du tust es ja nicht!“ raunzen die Töchter, als ich grade die erste Strophe der Hymne aus der grauen Gehirnrinde herausgekratzt hatte. „Steh mal auf, wir müssen mit dem Staubsauger ran, dein Zimmer ist immer das schlimmste.“
„So, und was entsteht bitte sehr hier?“ frage ich. „Nicht nur das Tafellied, nicht nur die Aufführungen für die andern Geschwister, zum Kuckuck, hier wird auch das Geld verdient, von dem wir ...“
„Ja ja“, heißt es ungeduldig, „deshalb müssen wir doch den Staub der Jahrhunderte beseitigen!“
Sie drängeln mich raus. Ich nehme mir rachsüchtig vor, mir von nun an nie, nie wieder etwas einfallen zu lassen, für diese dumme Hochzeit nun schon gar nicht, und überhaupt ...
Was sagt jeder, der je mit Schauspielern zu tun gehabt hat? Der Krach bei der Hauptprobe garantiert den Erfolg der Aufführung.
Der große Tag ist da, und die Tochter sieht bezaubernd aus. Das hast du in die Welt gesetzt? fragt man sich kopfschüttelnd. Die Kirche ist herrlich geschmückt, und so viele schöne junge Paare hinter den Brautleuten! Hat man je so einen Hochzeitszug gesehen? Und jetzt setzt die Orgel ein: „So nimm denn meine Hände ...“
Rings um mich schnieft es schon, und da laufen auch mir die Tränen vor lauter Glück und Ergriffenheit, und ich denke an damals, als er und ich so standen, und daß das der Anfang von dem allen hier war, nur daß die Tochter selbstverständlich viel hübscher ist, und prächtig sind sie doch alle, die hier stehen und singen — und alle drei Söhne werden eine Rede halten, hab’ ich läuten hören ...
Hochzeitmachen, das ist wunderschön.
O ja, hoffentlich feiern wir bald wieder eine!
Winnetou
Das Pferd meines Lebens war Winnetou. Ich habe ihn niemals geritten, dazu war er zu klein, aber geliebt habe ich ihn wie sonst kein Pony. Und das will etwas heißen, denn ich habe inzwischen viele Ponys gehabt, und an jedem von ihnen hing ein Stück meines Herzens. Aber Winnetou war von Anfang an eine Ausnahme.
Natürlich habe auch ich im entsprechenden Alter Karl May gelesen, obwohl ich „bloß“ ein Mädchen war, wie ich damals von meinem Bruder immer abschätzig zu hören bekam. Ein richtiger Karl-May-Fan war ich jedoch nicht. Trotzdem wußte ich sofort, als ich dieses Pony sah, daß es Winnetou heißen mußte. Eingetragen ist es als „Budo“, aber keiner hat es jemals so genannt.
Vor dem Kauf warnten uns viele.
„Einen Hengst wollt ihr euch halten?“ hieß es. „Na, da macht euch nur auf was gefaßt! Zertrümmerte Boxen, zerrissene Zäune, Fohlen, die ihr nicht gewollt habt — viel Vergnügen!“
„Andere Leute halten doch auch Hengste!“ sagte ich bockig. „Warum denn wir nicht!“
Freilich, was wir da in der Umgebung gesehen hatten, war nicht das, was wir wollten. Das waren keine Rassepferde, sondern einfach Hengste von Leuten, denen einmal ihre Stuten ein Hengstfohlen gebracht hatten, das so niedlich war, daß sich niemand davon trennen konnte. Von Hengstprämierung und dergleichen konnte in diesen Fällen natürlich keine Rede sein. Wir aber wollten ja richtig züchten!
In Marburg an der Lahn sollte ein guter Hengst stehen, erzählte uns ein Bekannter. Ein Schimmel. Ob wir jemanden kennen würden, der ihn einmal besichtigte?
Marburg an der Lahn? Natürlich, unser Ältester studierte doch in Marburg. Ich rief ihn an. Ob er —
Seine Antwort war unmißverständlich ablehnend.
„Ich finde, was uns am meisten fehlt, ist ein Hengst.“ Er meinte, natürlich ironisch, „am wenigsten“.
„Ich bin weder Roßtäuscher noch Pferdehändler, kann also überhaupt nicht beurteilen, welcher Gemahl für Blacky und Appelschnut paßt.“ Peng, aufgelegt!
Ich saß dumm da. Dann besann ich mich, daß er einmal einen Freund mitgebracht hatte, als er uns besuchte, Alladin hieß der, und „Alladin mit krummen Knien“ hatte ihn einer von uns respektlos getauft, obwohl er wirklich gerade Beine hatte. Ob der vielleicht ...
Ich rief ihn an. Er erklärte sich tatsächlich bereit, das Wundertier anzusehen, „aber ich kann keine Verantwortung übernehmen“, betonte er gleich angstvoll, „wenn dann der Kerl nicht tut, was er tun soll.“
Ich beteuerte, das brauchte er nicht, und bekam wenig später eine genaue Beschreibung. „Der Hengst ist hübsch, aber für Sie vielleicht etwas klein“, gab Alladin noch zu bedenken, und ich erklärte ihm, ich hätte bereits ein Reitpony, der Schimmel sei zur Zucht bestimmt. Und ich würde jetzt selbst kommen, ihn anzusehen.
Ich fuhr also nach Marburg. Wir fuhren damals alle per Anhalter, weil wir an allen Ecken sparen mußten. Wegen der Ponys und auch aus Sparsamkeit waren wir in ein kleines Holzhaus zwischen Weiden und Wald gezogen, was wir allerdings nie bereuten. Ich wollte meinen Kindern keine Schulden hinterlassen, wenn ich eines Tages unvermutet ›in den Himmel ritte‹. So jedenfalls nannten wir das, die Redensart entstand, als ich einmal mit meinem Jüngsten ausritt und sagte, das beste wäre doch, wenn man im Sattel einen Herzschlag bekäme und sofort tot wäre. Ben, damals vielleicht acht Jahre alt, war empört.
„Nein! Das wäre doch schlimm für das arme Pony!“
Ich gab das sofort zu.
„Weißt du, ich sterbe überhaupt nicht“, sagte ich rasch, „ich reite eines Tages in den Himmel.“ Sterben ist bei uns dasselbe wie „in den Himmel reiten“, und davor braucht sich niemand zu fürchten.
Ich reiste also nach Marburg, suchte Alladin auf und fuhr mit ihm zu der Familie, die den schönen Hengst besaß. Ich hatte auf einem Ritt durch den Schwarzwald erstmals einen Shetlandschimmel gesehen, rein weiß und so schön, daß ich damals beschloß, einmal so ein Pony zu besitzen. Und jetzt sollte mein Wunsch also in Erfüllung gehen!
Das Haus lag außerhalb der Stadt, und ich mußte zugeben, es sah von außen etwas verkommen aus. Gut, daß Arndt nicht mitgekommen war. Überall lungerten Katzen und Hunde herum, und als ich einen alten zottigen Köter streicheln wollte, sprang mir ein Affe ins Gesicht, der an einer langen Kette festgebunden auf dem Dach gesessen und gelauert hatte. Ich konnte mich mit ein paar Kratzwunden gerade noch in Sicherheit bringen.
„Väterchen ist da“, sagte eins der leicht zigeunerhaft anmutenden Kinder mit einem gewissen Stolz. Später verstand ich das. Väterchen pflegte manchmal abwesend zu sein, das heißt, er war im Gefängnis. Nach einer entsprechenden Zeit holte ihn dann die ganze Familie ab und brachte ihn im Triumphzug nach Hause. Heute also „saß“ er nicht.
Er führte mich auf die Koppel hinter dem Haus und zeigte mir Winnetou. Es war bei mir Liebe auf den ersten Blick. Ich schob sämtliche Bedenken beiseite und bat, ihn mir sofort mit der Bahn zu schicken, Auto und Pferdeanhänger hatten wir damals noch nicht.
Ich fuhr wieder heim, aber nicht ohne vorher Arndt besucht zu haben, er wohnte damals in einer Bude unterhalb des sehr hübschen Marktplatzes von Marburg. Als ich ihm gestand, daß ich den Hengst gekauft hatte, schalt er nicht, Gott sei Dank! Glücklich fuhr ich nach Hause.
Und bald war Winnetou da. Zwei Kinder und ich stürzten sofort auf den Bahnhof, und da stand er in einem hölzernen Verschlag und konnte sich nicht rühren, mitten im Hochsommer! Vorsorglich hatten wir einen Eimer mitgebracht, den uns der freundliche Beamte gleich füllte, und Winnetou trank und trank.
Damit müssen wir damals auf Anhieb seine Zuneigung errungen haben. Lebhaft und ohne irgendwelche Hengstmanieren trappelte er mit uns zum Ponyhof, wo er natürlich gleich seine zukünftigen Stuten witterte. Ein gegenseitiges Wiehern, und die Freundschaft war geschlossen. Winnetou beschnupperte Blacky und Schnute und benahm sich freundlich-wohlwollend. Wir blieben den ganzen Tag auf der Koppel, um die neu zusammengestellte Familie zu beobachten, aßen sogar auf der Heubodentreppe sitzend zu Mittag, aber es gab keine Auseinandersetzungen. Kein eingetretener Stall, kein eingedrückter Zaun. Vielleicht passierte nichts, weil unsere Ponys sommers und winters draußen auf der Hausweide stehen dürfen, die Stalltür ist immer offen, so daß die Ponys ein- und ausgehen können, wie sie wollen. Dadurch gibt es Ausweichmöglichkeiten, wenn sich einmal eine Schlägerei anbahnt.
Am nächsten Morgen erschienen wir neugierig, aber bereits ganz zuversichtlich. Gefüttert wurde damals im Stall.
Ich weiß noch, wie Ursula Bruns, die Ponyexpertin, uns einmal besuchte und sah, wie fünf Stuten — wir hatten inzwischen Isländer angeschafft — und ein Hengst gemeinsam im Stall fraßen, keins davon angebunden, keins abgetrennt von den andern. Sie hätte, wie sie sagte, erwartet, daß da die Hölle losbrechen müßte. Und wir waren offen gestanden auch erstaunt, denn wir hatten vorher schon einmal einen Hengst geborgt, und der hatte uns furchtbar zu schaffen gemacht!
Er hieß Harro, war erst zwei Jahre alt und kam mit seinem Besitzer, einem vierzehnjährigen Jungen, aus einem Nachbarort.
Dieser Hengst stürzte auf unser Koppeltor zu, sprang noch im Geschirr halb darüber, als er die Stuten sah, und riß uns um, als wir uns näherten. Unsere Stuten jagte er umher, daß sie vor ihm in wilder Panik flohen, und sein Wiehern klang wie Trompetenschall. Gut, daß wir keine Nachbarn haben. Eine Nacht behielten wir ihn im Stall, dann ließen wir ihn samt seinem Besitzer wieder ziehen.
Winnetou war ganz anders.
In der Größe paßte er gut zu Blacky und Schnute, er hatte kluge Augen, einen kräftigen Hals und ganz vorn an der Nase einen winzigen, silbernen Schnurrbart. Unzählige Male hab’ ich diesen Schnurrbart an meiner Wange entlangstreichen lassen, ich fühle dieses Streicheln noch heute. Ben hat Winnetou dann zugeritten, er war der einzige, der noch klein und leicht genug war für dieses Shettie. Erst flog er natürlich ein paarmal herunter, weil Winnetou sich offensichtlich nicht als Reitpferd fühlte, aber schließlich befreundeten sie sich. Als Ben nach fünf Jahren — gottlob wuchs er so langsam — auf Isländer umsteigen mußte, gab es einen schmerzlichen Abschied. Inzwischen haben sich zum Glück Enkel eingestellt, die Winnetou reiten können.
Mit Winnetou vor dem Ponywagen fuhren zwei meiner Kinder auch einmal in den großen Ferien an den Bodensee, Steffi war damals siebzehn und Ben erst zwölf Jahre alt.
Das war ihre schönste Ferienreise: Nachts wurden sie von Reitvereinen aufgenommen, und tagsüber folgten sie Wanderwegen, denn Autostraßen wollten sie vermeiden. Einmal waren sie nur zehn Tage unterwegs und einmal ganze drei Wochen, wurden überall lieb aufgenommen, durchgefüttert und bewundert. Sie schwammen sogar in der Donau und kamen schließlich vergnügt und braungebrannt wieder. Nicht einmal alles Geld hatten sie aufgebraucht. So eine Reise war allerdings nur möglich mit so einem gutmütigen und kindersicheren Shetlandpony wie unserem Winnetou.
Mit Winnetou zum Bodensee
Unsere Kinder machten keine teuren Sommerreisen. Wir hatten kein Auto, keine Zeit und kein Geld dazu. Dafür dachten sie sich andere schöne Dinge aus.
Der Jüngste, Ben, und seine etwas ältere Schwester Steffi planten eines Sommers eine Reise an den Bodensee. Als das übliche Aufsatzthema in der Schule kam — Mein schönstes Ferienerlebnis —, schrieb Ben, damals zwölf Jahre alt, folgendes, und mancher wird ihn vielleicht um sein Ferienerlebnis beneiden:
Ich gehöre in eine ponynärrische Familie und bin der Jüngste von achten. Seit ich denken kann, leben wir mit Ponys zusammen, erst in Westfalen auf einem Gutshof, jetzt in einem eigenen Holzhaus in Württemberg. Das kaufte meine Mutter, damit wir mit unsern Pferden zusammenleben können. Es hieß vom ersten Tag an „Der Ponyhof“. Dort wohnen wir in einem Wiesental, und um unser Häuschen herum grasen unsere liebsten Spielgefährten: die kleinen Rappen, Füchse und Braunen, der stolze Hengst Winnetou und die winzigen Fohlen.
Erst hatten wir nur Shetties, das sind die allerkleinsten Ponys; als aber unsere größeren Geschwister auch reiten wollten, kauften wir Isländer dazu. Auf denen reitet auch Mutter.
Daß es mit diesen Pferdchen viel Spaß gibt, kann man sich denken. Ponys werden sehr zahm. Und so ist es keine Seltenheit, daß Winnetou, unser kleiner Hengst, uns mitunter in der Wohnküche besucht oder daß Appelschnut, seine kleine kohlschwarze Frau, auf der Gartenterrasse erscheint, wo wir mit Besuch Kaffee trinken. Und erst die Fohlen! Anfangs sind sie so winzig wie Stadtköfferchen, und wir können sie auf den Armen herumtragen. Man bedenke, Pferde! Die Mutterstuten haben nichts dagegen, sie wissen, daß wir ihren Kindern nicht weh tun.
Wir reiten natürlich alle. Seit kurzem besitzen wir aber auch zwei kleine Ponywagen, mit denen wir ausfahren können. Mit dem Zweispänner geht es jeden Tag in die Stadt zum Einkaufen, und eine meiner Schwestern ist damit zur Hochzeit gefahren, sogar vierspännig. Das war wunderbar und aufregend.
Der Einspänner ist richtig geländegängig, mit dem kann man jeden Waldweg fahren. Wir haben ihn sogar schon über Baumstämme gehoben und durch Bäche geschleust. Wenn es steil bergauf geht, steigen wir natürlich aus, und wir achten auch darauf, daß unsern Ponys nichts passiert, wenn es bergab geht. In der Ebene aber saust der Wagen, daß die Haare fliegen. Unsere Ponys laufen gern schnell und haben den größten Spaß daran, das federleichte, gummibereifte Wägelchen zu ziehen.
Am liebsten fahre ich mit Winnetou, den ich auch allein reite. Meine Geschwister sind schon über ihn hinausgewachsen. Ich habe ihn selbst zugeritten, als er zu uns kam. Das war ein Theater! Mutter und eins meiner Geschwister hielten ihn rechts und links, bis ich mich auf seinen Rücken hinaufgemogelt hatte. Aber sobald sie ihn losließen, drehte er sich wie ein Kreisel, dreimal, fünfmal, zehnmal, und ging dabei vorn und hinten hoch, bis er mich los war und ich in weitem Bogen in die Wiese sauste. Was haben wir da gelacht!
Jetzt aber geht er wie ein Dressurpferd unter mir, auch ohne Zügel, wenn ich gerade mal keinen bei der Hand habe. Er springt über Bäche und Hindernisse und tritt in fast jedem Turnier der Umgebung auf, lachend begrüßt vom Publikum, das ihn schon kennt. Beim Jagdgalopp überholt er sogar die Isländer, obwohl sie längere Beine haben.
Die Fohlen, die Appelschnut von ihm bekommt, sind alle erst schwarz, wenn sie geboren werden, und es ist jedes Jahr spannend, ob es ein Rappe bleibt oder ein Schimmel wird. Einmal haben wir erlebt, daß ein Fohlen ganz bunt wurde: braun die Kruppe, weiß die Beine, schwarz die Mähne und der Schweif aus den drei Farben gemischt. Dieses Pony heißt Aki und ist so komisch, daß wir es nicht verkauft haben, obwohl wir schon genügend Pferde besitzen. Wir haben es heute noch, und es erheitert alle Besucher, wenn es „Bittebitte“ macht oder uns die Brotrinden aus der Tasche stiehlt.
In dem Sommer nun, von dem ich erzählen will, war bei uns der Teufel los. Die Ponys spielten uns einen Streich nach dem anderen. Immer erfanden sie neue Möglichkeiten auszureißen. Dauernd waren wir auf Ponyjagd. „Aki ist weg“, hieß es, „lauft und sucht sie, ehe sie Unheil anrichtet.“ Der häufigste Alarmschrei war: „Eben hab’ ich gesehen, wie der Winnetou wieder ...“ und die ganze Familie rannte.
Winnetou, mein kleiner Schimmel, ist sehr unternehmend und unbeschreiblich frech. Und immer heißt es dann: „Natürlich, dein Pony!“
Darum, und auch, weil meine Schwester Steffi und ich gern eine Reise machen wollten, entstand der Plan: „Dürfen wir mit Winnetou an den Bodensee fahren?“ Mutter, die gerade andere Dinge im Kopf hatte, sagte leichtsinnigerweise: „Ja, nur los. Dann hört wenigstens die ewige Ponysucherei auf. Es darf aber nichts kosten.“
Na, da haben wir nicht lange gewartet, sondern gleich alles, was wir unterwegs brauchten, auf den Einspänner gepackt. Die Strecke hatten wir uns auf einer Wanderkarte herausgesucht; wir wollten natürlich keine Autostraßen fahren, und zur Übernachtung hofften wir auf die Reitvereine am Wege. Etwas Geld hatten wir, und Mutter, die nun sah, daß es uns ernst war, stiftete auch noch einen Schein. Hafer für Winnetou nahmen wir aus der gemeinsamen Futterkiste.
„Hier hätte er ja auch welchen bekommen“, sagte Steffi und schaufelte feste in den Reisesack. Und ein paar Pfund Mohrrüben gegen den Durst waren „zufällig“ beim letzten Einkauf im Wagen liegengeblieben ...
Eines frühen Augustmorgens war es dann soweit. Steffi und ich allein mit Winnetou, herrlich! Erst ging es mächtig bergauf, über die Reiterleskapelle am Kalten Feld; du lieber Himmel, war das heiß! Und dann weiter zur Schwäbischen Alb empor, ungefähr dort, wo die Autos die Geislinger Steige erklettern. Da sind wir natürlich abgestiegen und zu Fuß neben Winnetou hermarschiert. Aber schon an einem der nächsten Tage wurden wir fürstlich belohnt: Wir kreuzten die Donau. Hier blieben wir so lange, daß wir unser Tagesziel beinahe nicht mehr erreicht hätten. Winnetou fand es, genau wie wir, gar zu herrlich, nach der heißen Tour ein kühles Bad zu nehmen. Abwechselnd betrieben wir mit ihm einen von uns erfundenen Sport, den sicher nur wenige Menschen kennen: neben dem Pony zu schwimmen, sich, an seine Mähne gehängt, stromab treiben zu lassen, so weit man Lust hat. Ein bißchen muß man aufpassen, daß man keinen Schlag von Winnetous Hufen abbekommt, denn er rudert eben doch, um die Richtung beizubehalten. Die Donau ist dort nämlich ganz schön reißend. Und dann, wenn das Ufer wieder erklettert ist, rauf auf das nasse Pferd und im Galopp zurück zur Lagerstätte. Wir konnten nicht genug davon bekommen.
Als wir auf die Uhr sahen, war es schon später Nachmittag. Schleunigst packten wir auf und takkelten los. Knapp vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir unser Ziel, einen Reitverein. Die Reitburschen dort lachten sich halb tot über unser kleines Pferd. Sie stellten Winnetou neben Herkes, ihr größtes Reitpferd, und lachten und lachten. „Freilich, auf so eins kämt ihr sowieso nicht rauf!“ sagten sie spöttisch.
Da hatten sie sich aber geschnitten. Steffi und ich reiten seit Jahren im Reitverein auf großen Pferden, und da ist erste Bedingung, daß man ohne Bügel hinaufkommt. So wetteten wir um fünf Mark, daß ich auf den Herkes käme. Steffi warnte die andern noch, aber einer der Pferdeburschen wollte durchaus wetten. Er führte Herkes in die Stallgasse und hielt ihn am Kopf. Wupp, war ich oben und hatte fünf Mark verdient. Davon gingen wir am Abend Eis essen. Dem Stallburschen brachten wir zum Trost eine Flasche Bier mit.
Fünf Tage brauchten wir bis zum Bodensee. Dort wollten wir Ali besuchen, einen kleinen Rapphengst, den wir dorthin verkauft hatten. Er war inzwischen gewachsen, größer als Winnetou, sehr rassig. Als er uns kommen sah, trompetete er ohrenzerreißend und wollte über den Zaun springen. Er und Winnetou begrüßten einander aufgeregt und laut schnaubend. Ein paarmal mußten wir sie auseinanderreißen, zwei Hengste, das ist immer so eine Sache.
Dann haben wir den Ali, der als unreitbar galt, doch geritten. Ein paarmal setzte er uns ab, aber das macht uns nichts aus, wir fliegen öfter von einem Pony und sind es gewöhnt, uns beim Sturz zusammengekugelt abzurollen. Wir durften auch die andern Pferde reiten, die dort standen. Der Reitlehrer war früher in unserm Verein gewesen und kannte uns. Wir halfen beim Stroheinräumen und Mistfahren und Putzen, ruderten auf dem Bodensee und verbrauchten fast alles Geld. Eines Tages rief Mutter an, wo wir denn blieben. Unsere Schwester Brigitte hätte doch in dieser Woche Hochzeit, ob wir nicht dabeisein wollten.
Himmel, das hatten wir völlig vergessen. Natürlich wollten wir! Also wurde in Eile gepackt, danke gesagt und Abschied genommen. Und jetzt begann ein Rennen gegen die Zeit. Gottlob war es kühl, und wir konnten Winnetou ohne Bedenken stundenlang traben lassen.
Einmal trafen wir Zigeuner. Sie wollten uns unsern kleinen Hengst abschwatzen. An diesem Tag fuhren wir noch zwanzig Kilometer weiter, weil wir Angst hatten, sie würden ihn uns in der Nacht stehlen. Sie hatten auch Ponys, aber wie sahen die aus! Mager und struppig und schlecht gepflegt!
Weil wir am späten Abend keine Unterkunft mehr fanden, krochen wir schließlich unter eine Getreidegarbe. Der Mond kam heraus. Winnetou stand am Feldrain und graste. Wir wachten abwechselnd und froren wie die Schneider, denn es taute mächtig. Schließlich müssen wir doch beide eingeschlafen sein.
Als wir aufwachten, war die Sonne gerade aufgegangen. Der erste Blick galt Winnetou: Gottlob, da stand er! Erleichtert sprangen wir auf, umhalsten ihn und sagten ihm guten Morgen. Während wir dann losfuhren, malten wir uns aus, was wir uns diesmal zum Frühstück leisten würden: Milch und so viele frische Brötchen, wie wir essen konnten, und dazu Wurst aus der Hand. Dafür würde unser Geld sicherlich noch reichen.
„Wieviel haben wir denn noch?“ fragte ich. Steffi griff in die Hosentasche. Da aber war kein Portemonnaie. Wir suchten in allen Taschen. Schließlich hielten wir an und nahmen das ganze Gepäck auseinander. Kein Geldbeutel!
„Die Zigeuner!“ sagte Steffi.
Ich glaubte das nicht. „Die wollten doch aber den Winnetou!“
Nun, alles Hin und Her half nichts. Wir nahmen die Karte heraus. Achtzig Kilometer, eigentlich zwei Tagestouren, waren es noch bis nach Hause. Ob Winnetou das an einem Tag schaffen konnte? Er schaffte es! Heimzu laufen alle Ponys schneller, und Winnetou merkte genau, daß es nach Hause zu seiner lieben kleinen Frau Appelschnut ging. Er lief wie ein aufgezogenes Spielzeugpferd.
Fast die ganze Fahrt haben wir gesungen. Da merkte man den Hunger nicht so. Dann und wann fuhren wir auch unter Apfelbäumen durch. Das half uns natürlich auch, den Magen zu füllen. Trotzdem malten wir uns die heimatlichen Genüsse, die, noch dazu bei einer Hochzeit, zweifellos auf uns warteten, in den schönsten Farben aus.
Allmählich wurden die Wege bekannter. Jetzt kam schon unser Reitverein in Sicht. Doch diesmal hielten wir nicht an, sondern winkten nur hinüber und fuhren weiter. Und dann endlich unser Heimatstädtchen Lorch. Wir hielten einen Einzug wie die Königin von England. Nicht, weil wir uns so fühlten, sondern weil die Heimatzeitung uns auf dem Hinweg heimlich geknipst und einen Artikel über uns geschrieben hatte.
„Wart ihr wirklich am Bodensee?“ hörten wir immer wieder fragen. Es hätte nicht viel gefehlt, und das ganze Städtchen hätte geflaggt.
Und dann die Ankunft auf dem Ponyhof! Winnetou raste die letzten fünfhundert Meter im Galopp, obwohl es bergauf geht. Er trompetete, und Appelschnut machte in ihrer Koppel einen fast meterhohen Luftsprung und sauste zum Tor. Dort gab es eine aufgeregte, glückselige Begrüßung — kaum daß wir Winnetou Geschirr und Zügel abnehmen konnten. Aufatmend schütteten wir den letzten Hafer in den Trog. Ja, und was rollte da aus dem Reisesack heraus? Unser Portemonnaie! Steffi hatte es in der letzten Nacht aus Angst vor den Zigeunern dort versteckt und dann total vergessen. So brachten wir sogar noch Geld wieder mit nach Hause. Wir kauften davon einen hölzernen Brotteller für unsere Schwester zur Hochzeit, damit ihr in ihrer Ehe nie das Brot ausgehen sollte.
So endete unsere erste große Reise mit Winnetou, unserem geliebten kleinen Schimmelhengst.
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