Read the book: «Trible»
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1. Kapitel
„Und denkt daran, macht keinen Ärger.“ Die Frau drehte sich zu uns um und musterte uns mit zusammengekniffenen Augen. Ich mochte sie nicht. Schon in dem Moment als sie beim Jugendamt hereingeschneit kam, um unsere Vermittlung zu übernehmen wusste ich, dass wir keine Freunde werden würden. „Ganz bestimmt nicht Mrs. Smith.“, sagte meine Schwester sofort neben mir und schob sich eine rote Locke hinters Ohr. July war ein Jahr älter als ich und sah mir seit ihrem 17 Geburtstag gar nicht mehr ähnlich. Sie hatte sich nämlich kurzfristig dazu entschlossen ihre Haare rot zu färben und ihre Brille gegen grüne Kontaktlinsen einzutauschen, da die Farbe besser zu ihrer neuen Frisur passte. Früher hatten sie uns sogar manchmal verwechselt. Die gleichen schwarzen Locken und dunklen Augen, die meine Schwester nur immer hinter einer dicken Brille versteckt hatte. Heute wunderten sich sogar Manche, dass wir überhaupt Geschwister waren. Ich hörte den Fahrer schnauben. Er war der Mann von Mrs. Smith und ihn konnte ich genauso wenig leiden wie seine Frau. „Ich glaube das muss eher deine Schwester versprechen July, nicht du.“ Ich merkte wie July mir einen mahnenden Blick zuwarf. „Diebstahl, Schlägerei und nicht Beachtung der Speerstunde. Ich bin gespannt was du diesmal anstellst. Drogen oder Alkohol hatte wir zum Beispiel noch nicht.“ Ich verdrehte genervt die Augen. Warum musste er auch immer wieder darauf herum reiten? Gut, der Diebstahl war nicht ganz in Ordnung gewesen. Aber die goldene Kette war so schön gewesen, dass sich mein Hirn für eine kurze Zeit abgeschaltet hatte. Und diese Schlägerei wie er es betitelt hatte war nur, weil ich ein paar Mädchen helfen wollte, die von älteren Jungs angefasst und sogar einmal geschlagen wurden. Großer Fehler, denn wie es der Zufall so wollte, kam in diesem Moment die Polizei vorbei und lieferten mich persönlich Zuhause ab. Da war es schon vorhersehbar, dass unsere Pflegeeltern mich nicht mehr haben wollten. Ich seufzte. Und das mit dieser verdammten Speerstunde kam nur daher, das ich einmal die Zeit vergessen hatte und mein Handyakku auch noch leer war. Aber Hallo? Um acht Uhr sollten wir Zuhause sein und ich war ein oder zwei Stunden später da. Und was machen sie? Wollten uns sofort los haben als hätten wir sonst etwas schlimmes getan. „Mit unpünktlichen Menschen möchten wir nichts zu tun haben.“ Ich rümpfte angewidert die Nase als ich mir diese piepsige Stimme ins Gedächtnis rief. „Katy?“ Ich stöhnte erneut auf. „Ich probiere es.“
„Nicht probieren, tuen. Ihr könnt froh sein, dass das Ehepaar euch unbedingt wollte und sogar den weiten Flug in der ersten Klasse euch spendiert hatte.“ Ich merkte wie July sich bei dem Wort unbedingt wollte versteifte. „Wieso denn das?“ Mrs Smith drehte sich zu uns um und lächelte mich böse an. Das wenige Licht im Auto untermalte dies noch. Ja, sie mochte mich definitiv auch nicht. „Nun ja, eigentlich haben sie nach deiner Schwester verlangt, aber da es euch halt nur im Zweierpack gibt, mussten sie wohl oder übel auch die kleine Rebellin nehmen.“ Ich warf July einen verwirrten Blick zu. Warum wollten diese Menschen sie unbedingt? Doch sie erwiderte meinen Blick nicht und starrte aus dem Fenster. Doch ich kannte sie zu gut, um zu wissen, dass sie diese Frage ebenso beschäftigte wie mich. Wie sie so da saß. Die Zähne auf die Lippen gepresst, die Stirn gerunzelt. Und dann noch die steife Körperhaltung, die immer nur dann eintrat, wenn sie etwas beunruhigte oder Angst einjagte. Ich wandte mich von ihr ab und blickte ebenfalls aus dem Fenster. Nichts als Finsternis war zu sehen. Teilweise verdrängten Lichter sie ein wenig. Ach wie ich die Dunkelheit liebte. Den Meisten jagte sie Angst ein. Mit den Geräuschen, von denen man nie wusste woher sie kamen und natürlich der eingeschränkten Sehfähigkeit. Doch all das jagte mir keine Angst ein. Manchmal war ich sogar ganz gerne unsichtbar und in der Nacht war man das schließlich. Das Auto bog in ein Villenviertel ein. Die Häuser waren riesig und aus den teilweise ebenso großen Fenstern drang Licht nach draußen. In den Vorgärten umsäumt von einer perfekt gestutzten Hecke oder einem Zaun beleuchteten ebenfalls ein paar Lichter die Wege. Manchmal standen sogar noch teure Sportwagen darin. Vor einem dieser Villen blieben wir stehen und ich entdeckte ein Paar, das an der Tür stand und uns beobachtete. „So da wären wir und benehmt euch ja anständig.“ Dabei schaute sie mich ganz besonders an. Ich konnte mir gerade noch ein Stöhnen unterdrücken. Als Mr. Smith endlich die bescheuerte Kindersicherung raus gemacht hatte, schob ich mich hastig nach draußen um der stickigen Luft und dem Zigarettenrauch zu entkommen. Mr Smith hatte mindestens drei am Flughafen und dann noch zwei während der Fahrt geraucht. Doch die salzige, warme Prise, die mir entgegenstrich schien dies alles wegzuwischen. Ich hörte das sanfte Rauschen des Meeres und wäre am liebsten losgestürmt um mich in dessen Wellen zu werfen. Ich war noch nie am Meer gewesen, doch auf Bildern und in Filmen sah es immer wunderschön aus. Doch eine Hand, die sich in meinen Oberarm drückte ließ mich zusammenzucken. „Versau dies ja nicht wieder du kleine Ratte. Diese Leute sind stinkreich und noch dazu mit meiner Chefin befreundet. Also wenn du irgendwelchen Ärger machst kriegst du es mit mir zu tun. Hast du mich verstanden?“ Ich nickte nur unbeeindruckt von ihrer Drohung. Nein, vor ihr hatte ich wirklich keine Angst mehr. Nicht seitdem ich zufällig mitbekommen hatte wie sie vor ihrer Chefin fast gewinselt hatte. „Vielleicht hübschen sie dich währenddessen ein wenig auf. Nimm dir mal ein Beispiel an July, die sieht immer perfekt aus.“ Mit einem letzten hämischen Grinsen stöckelte sie zu dem Ehepaar hin. Ich hätte ihr am Liebsten irgendwelche Gemeinheiten hinterher gebrüllt, doch die sanfte Berührung meiner Schwester ließ mich innehalten. „Sie ist es nicht wert.“, wisperte sie mir zu, während sie Mr. und Mrs. Smith dabei beobachtete wie sie sich mit unseren neuen „Eltern“ unterhielten. „Falsche Schlange.“, murmelte ich als die Frau uns mit ausgestrecktem Arm präsentierte. Sie lächelte dabei so breit, dass mir bei ihrem Anblick beinah übel wurde. „Das merkst du erst jetzt?“ July kniff mir freundschaftlich in den Arm, worauf hin ich leise kicherte und sie ebenfalls an stupste. Doch als Mr. Smith uns mit ernster Miene entgegen stiefelte verstummte ich rasch. „Kommt.“ Etwas nervös stiefelten wir ihm hinterher. Ohne es jemals richtig zuzugeben zu würden hatte ich Angst. Ich traute ihnen nicht. Schon allein, weil sie unbedingt July wollten. Und außerdem welches reiche Paar mit Verstand, nimmt schon Mädchen auf, die schon einmal geklaut hatten? Niemand. „Mr. und Mrs. Jenkins. Darf ich Ihnen ihre neuen Töchter vorstellen? July Heine und ihre kleine Schwester Katy. Sie hatte einen schlechten Start wie sie sicher schon in den Akten gelesen haben. Aber seien Sie sich sicher, dass ihre Therapeutin erst vor ein paar Tagen zu mir gesagt hatte, dass sie auf dem Weg der Besserung sei. Nun ja, sie können sich sicher vorstellen, dass der Verlust beider Eltern psychische Schäden hervorrufen kann. Weshalb der kleine Diebstahl wohl eine Kurzschlussreaktion war und bei der Schlägerei, in die sie verwickelt war, hatte vermutlich ihre innere Wut gegen ihren Geist gesiegt. Besonders sicher sei sich die Therapeutin allerdings, dass sie nachts ein wenig verstreut ist. Schließlich hatte sich der tödliche Unfall in der Nacht abgespielt. Aber wie gesagt das kleine Katylein ist auf dem Weg der Besserung.“ Wie bitte? Hatte sie denn noch alle? Warum hatte sie mich denn nicht gleich in die Klapse einliefern lassen, wenn ich doch so verrückt war? Und dann noch Katylein. Mrs. Smith versuchte mir sogar die Wange zu tätscheln, doch ich wich ihrer Hand aus. Mir lag dazu noch eine passende Bemerkung auf der Zunge, doch July war schneller. „Es freut uns wirklich sehr hier zu sein. Wir waren noch nie in Australien noch dazu am Meer.“ „Oh, die Freude ist ganz auf unserer Seite junge Dame. Wir sind sehr glücklich das du…und deine Schwester.“, fügte er auf ein Seitenblick zu mir hinzu. „Euch entschlossen habt in Zukunft bei uns zu leben. Damit.“ Wieder dieser Seitenblick. „Wir euch auf den rechten Weg führen können und ihr ein sicheres und behütetes Zuhause habt.“ Oh mein Gott. Wie spricht denn der?! Fall Sie es noch nicht bemerkt haben wir sind hier bei einer Kinderübergabe und keiner Politikveranstaltung wobei der letzte Satz mich eher an einer Kirche erinnert hatte. „Oh natürlich, davon bin ich überzeugt, aber wenn sie nichts dagegen haben, den Kindern ihre Zimmer zu zeigen, damit sie endlich schlafen können. Es war schließlich ein sehr langer Tag.“ Sie konnte es wohl gar nicht erwarten uns endlich los zu werden. Doch meine neue „Mutter“ lächelte. „Natürlich. Kommt Kinder.“ Sie wandte sich noch einmal an Mrs. Smith während sie die Tür freigab. „Die Formalitäten sind alle geklärt. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Heimreise.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten schob sie uns rein und schloss die Tür hinter uns. „Wir möchten übrigens, das ihr uns steht’s Mr und Mrs Jenkins nennt. Außerdem möchte ich erst einmal alleine mit July reden. Mein Mann wir dir, Katy, dein Zimmer zeigen.“ Ich versteifte mich schlagartig und blieb stocksteif stehen. Auf keinen Fall werde ich July bei diesen Leuten lassen, die ich erst ein paar Minuten kannte. Normalerweise war July von uns beiden die Beschützerin, doch wir hatten uns nach dem Unfall versprochen aufeinander aufzupassen und ich werde damit nicht heute Nacht aufhören. „Wieso kann ich nicht dabei sein?“ „Weil ich es dir gesagt habe.“, sagte Mrs. Jenkins scharf und schaute mich mit ihren mausfellgrauen Augen an. Sie erschienen mir ungewöhnlich groß zu der strengen Hochsteckfrisur aus der nicht eine einzige braune Strähne lose war. Sie kniff diese ärgerlich zusammen. Doch das beeindruckte mich nicht im Geringsten. Solche Blicke machten mir keine Angst. Im Gegensatz zu July. „Ist schon okay.“, wisperte sie mir zu und entgegnete meinen erschrockenen Gesichtsausdruck ruhig. „Dann wäre das ja auch geklärt.“, brummte mein neuer „Vater“ und zog mich weiter. Ich folgte ihm widerstrebend durch den kahlen Flur zur Treppe. Das letzte was ich sah war wie sich der schlanke Körper von Mrs. Jenkins sich zu July hinunterbeugte und sie ihr etwas zuflüsterte.
Mit einem „Gute Nacht“ verschwand Mr. Jenkins wobei er sich ein wenig ducken musste um durch die Tür zu kommen. Er passte wirklich hervorragend zu Mrs Jenkins. Die gleiche steife Haltung, die Ausdrucksweise und das braune Haar. Ich schaute mich in meinem neuen Zimmer um als die Tür ins Schloss fiel. Der ganze Raum war in einem kalten Weiß gehalten. Die Möbel waren edel und ebenfalls Weiß sowie das riesige Bett auf dem bestickte, schneeweiße Kissen lagen. Selbst der Schreibtisch und der dazugehörige Stuhl waren in der gleichen Farbe. Der einzige Farbtupfer war meine weinrote Tasche und meine braune Truhe. Sie hatten unsere Sachen schon einige Tage vorher hierher geschickt und so wie es aussah sind sie auch angekommen. Neugierig öffnete ich den weißen Schrank und sah meine wenigen Klamotten sauber aufgestapelt. Doch der größte Teil war neue Sommerkleidung, die anscheinend meine mickrigen Pullover ersetzten sollten. Seufzend schloss ich ihn wieder, ließ mich aufs Bett fallen und fuhr mir müde über das Gesicht. Im Gegensatz zu July hatte ich nicht den ganzen Flug über geschlafen. Ich war einfach zu neugierig gewesen und misstrauisch zugleich wer denn diese neuen Pflegeeltern seien. Schon allein, das wir in der 1. Klasse geflogen waren und Mrs Smith Anmerkung über July hatte mir erst den Rest gegeben. Ich gähnte ausgiebig als ich mir ein dünnes Nachthemd überstreifte und in mein Bett schlüpfe. Ich lauschte. Ich wollte auf jeden Fall noch wach sein, wenn July die Treppe hochkam. Über was sie wohl gerade reden? Vielleicht über meinen Geburtstag. Schließlich werde ich morgen siebzehn und sie planten vielleicht eine Party. Doch gleich verdrängte ich wieder den Gedanken. Niemals würden sie eine Horde Jugendliche in ihre schicke Villa lassen und wer sollte außerdem außerdem kommen. Nein, er würde so ablaufen, dass July erst einmal mit einem selbstgemachten und meist verunglückten Kuchen in mein Zimmer kam und mir eine Kleinigkeit schenkte. Für große Geschenke hatten wir kein Geld. Der Rest des Tages würde wie jeder andere ablaufen, wobei ich mich glücklich schätzen konnte wenn meine derzeitigen Pflegeeltern mir gratulieren würden. Ich wälzte mich auf die andere Seite. Im Mondlicht sah ich meine noch unberührte Handtasche. Ein trauriger Gedanke schoss mir durch den Kopf und ich knipste hastig das Licht an um sie zu holen. Meine Finger glitten über den Bilderrahmen und zitterten leicht als ich es heraushob. Eine glückliche Familie blickte mir entgegen. Zwei braunhaarige Kinder mit ihren Eltern. Es gab mir immer wieder einen Stich ins Herz und ich musste schlucken um nicht gleich zu weinen. Bilder erschienen in meinem Kopf. Der Streit mit Mum und Dad, weil ich mit meinen Freunden einmal die Schule geschwänzt hatte. Meine Worte hallen in meinem Kopf wie ein Echo. „Ich hasse euch.“ Weitere Erinnerungen kamen in mir hoch. Die Polizei, die am gleichen Abend an der Tür geklingelt hatte. Wie July und ich uns festhielten als sie uns erzählten, dass unsere Eltern einen tödlichen Autounfall hatten und kurze Zeit später das Jugendamt da war um uns mitzunehmen. „Ich hasse euch.“ Ich konnte ihnen nicht mehr sagen wie lieb ich sie eigentlich hatte und meine wütenden Worte zurückzunehmen. July versicherte mir immer wieder, dass sie es gewusst hatten, doch das schreckliche Gefühl in mir ließ mich nicht mehr los. „Ich habe euch lieb.“, flüsterte ich ehe ich das Bild an meine Brust presste und an die kahle Decke starrte. Der Wecker zeigte zwölf Uhr an. Mitternacht. Ich war jetzt siebzehn. Ich machte erneut das Licht an und schlich zu meiner Truhe, die einst meinem Vater gehört hatte. July hatte die Gleiche. Sachen meiner Eltern fielen mir in die Hände, doch ich hob nur den Schal meiner Mutter hoch in dem die Briefe eingewickelt waren. Im spärlichen Licht fand ich ihn auf dem 17. Geburtstag stand. Meine Mutter hatte schon alles vorbereitet als hätte sie gewusst was geschehen würde. Sie meinte immer, dass man das Schicksal nicht ändern könne und wenn es sagt, dass sie sterben werden, dann wird dies geschehen. Für jeden Geburtstag einen Brief sowie für Hochzeit und Geburt eines Kindes. July und ich hatten eine extra Kiste gekauft wo die Geburtstagbriefe ab 25 drin waren. Doch dieser Brief war für heute. Hastig ging ich zurück ins Bett und streifte mir die Bettdecke über. Meine Hände zitterten erneut als ich ihn öffnete und den gefalteten Zettel herausholte. Mit einem Kloß im Hals begann ich zu lesen.
Liebe Katy,
wir wünschen dir alles Gute zu deinem 17 Geburtstag. Wir hatten so sehr gehofft dabei zu sein, wenn es geschieht, doch das Schicksal wählte für uns damals einen anderen Weg. July wird aber bei dir sein um dir zu helfen. Wir wissen, dass sie uns nicht ersetzten kann, aber sie ist die beste große Schwester, die du dir wünschen kannst und wird niemals zulassen, dass dir etwas passiert. Aber du musst uns auch etwas versprechen. Hör auf dein Herz und lass dich ja nicht von irgendjemandem beeinflussen, ganz besonders nicht von ihnen. Ich werde es wohl in jedem Brief schreiben, aber du bist etwas Besonderes, vergiss das nicht. Höre immer in dich hinein und sei mutig, denn es wird in der nächsten Zeit nicht einfach werden.
Wir haben dich lieb.
In Liebe,
Mum und Dad
P.S. Wie du vielleicht bemerkt hast ist ein Brief mit der Aufschrift „Geheim“ in deiner Truhe. Öffne ihn mit einem gewissen David. Du musst ihn auch nicht suchen. Er wird dich finden.
2. Kapitel
Blinzelnd öffnete ich die Augen und wischte mir eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Sonnenlicht sickerte durch das Fenster und hüllte das weiße Zimmer in einem warmes Licht. Ich streckte mich ausgiebig und fuhr mir durch das Haar wobei mir noch mehr blonde Strähnen ins Gesicht fielen. Momentmal. Blond? Geschockt betrachtete ich die glatten, blonden Haare in meiner Hand. Verschwunden waren meine schwarzen Locken. Ich hastete aus dem Bett wobei ich fast über meine Decke stolperte und lief zu dem wandhohen Spiegel. Ich schrie auf als ich das fremde Mädchen im Spiegel erblickte. Meine blonden Haare reichten mir jetzt bis zur Brust und glänzten im Licht sogar ein wenig golden. Meine dunklen Augen waren zu blau - grün erblasst, außerdem erschien es mir, als wäre ich über Nacht dünner geworden. Ich hörte Schritte auf dem Flur, gefolgt von einer bekannten Stimme, die erklang als die Tür aufging. „Happy Birthday liebe…“ Der Rest ihres Satzes ging durch das Klirren des Tellers, der auf dem Boden fiel unter. „Was zum…“July`s Gesicht hatte jegliche Farbe verloren und ihre grünen Augen waren kugelrund. „July ich…“ Ja was? Wenn ich ihr erzählen würde, dass ich mich über Nacht vollkommen verändert hatte, dann würde sie mich definitiv für verrückt halten. Aber was sollte ich sonst sagen? Hey, July. Ich habe dich mal nachgemacht und mir die Haare gefärbt plus passende farbige Kontaktlinsen dazu. Wie findest du es? Nein, das ginge auch nicht. „Nein, nicht du auch noch. Das, das kann nicht sein.“, flüsterte July leise, doch je mehr Schweigesekunden verstrichen, desto mehr sammelte sie sich wieder bis sie mich aus dem Zimmer zog. „Komm mit.“, sagte sie nur während sie mit mir die Treppe hinunter hastete bis wir im Keller vor einem Sicherungskasten stehen blieben. Doch statt unzähligen Schaltern, verbarg sich dahinter nur ein Zahlenfeld auf dem July hastig einen Code eingab. Es pieptse, leuchtete grün auf und das alte verstaubte Bücherregal an der Wand schwang geräuschlos auf. Erschrocken wollte ich einen Schritt zurücktreten, doch July schnappte sich mein Handgelenk und rannte mit mir durch den kahlen Flur. Ich hatte sichtlich Mühe mitzuhalten, so schnell war sie. Als wir um die nächste Ecke bogen, erstreckte sich ein riesiges Gitter, das bis zur Decke reichte und dahinter rekelte sich eine pechschwarze Gestalt. Ich schrie auf und machte keuchend einen Schritt zurück als ich erkannte was es war. Ein Drache. Vielleicht vier oder fünf Meter war er groß mit Schuppen so schwarz wie die Nacht, die vereinzelt im Licht glänzten. Seine echsenartigen dunklen Augen waren zusammengekniffen und als er menschliche Worte sprach, sprang ich noch einen Schritt zurück. „Was willst du July?“ Bei der Erwähnung von July´s Namen, versuchte ich sie mit mir zu ziehen. In den nächsten Gang, der uns durch seine Wände vor diesem Monster beschützen würde, doch July schüttelte mich ab. „Rily? Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass sie dich für so eine unwichtige Sache wie eine Gittertür zu bewachen, einsetzten würden.“ Klang da etwa Spott in ihrer Stimme mit? Von meiner Schwester, die sonst zu jedem freundlich und unterwürfig war? Spott passte zu mir, aber aus July´s Mund hörte ich es das erste Mal. Ich schüttelte den Kopf als mir noch ein weiterer Gedanke durch den Kopf schoss. Woher kannte sie dieses Ungeheuer? Wie konnte sie einfach so ungeschützt vor einem Monster stehen, dass sie jederzeit in Brand stecken konnte und auch noch mit ihm plaudern? „Jede Aufgabe ist wichtig, wie Sarah immer sagt und außerdem habe ich Scheiße gebaut.“ July lachte auf. „Was hast du denn getan? Dich in einen Drachen verwandelt und dich auf sie gestürzt?“ „Nicht ganz. Ich habe ihren Schreibtisch in Brand gesteckt, weil Paul mich wütend gemacht hatte.“ „Wow.“ Der Drache knurrte. „Was kann ich denn dafür, wenn dieser Arsch mich immer wieder provoziert und dann genau vor Sarahs Schreibtisch davonrennt.“ Sie lachte erneut auf. „Du musst unbedingt deine Aggressionen unter Kontrolle bekommen.“ Wieder dieses Knurren. „Du klingst schon wie Sarah und ich kann mich super kontrollieren, nur bei Paul setzt mein Gehirn aber immer irgendwie aus.“ Ich bemerkte wie July eine Augenbraue hob. „Und was war es denn diesmal?“ „Geht dich überhaupt nichts an.“, brummte er nur und ich konnte es einfach nicht glauben. Da unterhielten sich die Beiden wie ganz gewöhnliche Teenager, während der eine die Form eines Drachen besitzt. Nein, was zu viel ist, ist zu viel. Ich machte noch einen Schritt zurück doch seine Echsenaugen hatten sich schon auf mich gerichtet. „Was will die hier? Sie ist eine Ungezeichnete, eine Einzelgängerin. Ich kenne dich schon so lange July, hätte aber nie gedacht das du so etwas tust.“ Er fauchte wobei seine spitzen Zähne zum Vorschein kamen. „Hör auf damit.“, fuhr July ihn scharf an und er gehorchte tatsächlich. „Sie ist meine Schwester.“ Er verengte die Augen. „Deine Schwester?“ Ich stöhnte leicht auf. Ich hasste diesen Unterton. Die Verwunderung in der Stimme wenn sie überrascht waren, dass wir Schwestern sind. Früher hatten sie das nie getan, doch July hatte es mit ihrer Veränderung kaputt gemacht. Jedem anderen hätte ich sofort die Meinung gegeigt, doch nicht einem Drachen. Er trat einen Schritt näher ans Gitter heran um mich genauer betrachten zu können. Ich hastete zurück bis ich die kalte Mauer hinter mir spürte. Links von mir war immer noch der Gang aus dem wir gekommen waren. Ich konnte jederzeit fliehen, aber July würde es nicht schaffen und war dem Drachen daher restlos ausgeliefert. Gut, dicke Eisenstäbe trennten sie voneinander, aber trotzdem war Feuer meist schneller als Beine. „Sie sieht dir gar nicht ähnlich.“, stellte er fest und richtete seine Augen wieder auf July. „Natürlich nicht. Ich habe mich in „Rot“ verwandelt und sie anscheinend heute in „Gold“.“ „Schwesterdrachen und noch dazu einer golden, das kann nicht sein.“ Schwesterdrachen? Golden? „July, was ist hier los?“ Zum ersten Mal erhob ich meine Stimme und konnte dabei leider nicht verhindern, dass sie leicht zitterte und ein wenig hysterisch klang. July trat auf mich zu und schaute mich mit ihren grünen Augen ruhig an, die mir noch nie zuvor so fremd vorgekommen waren. „Alles wird gut Katy. Ich verspreche es.“ Sie wollte mich berühren, doch ich schlug ihre Hand weg. „Was wird gut? Und was ist hier eigentlich los? Warum bin ich heute Morgen aufgewacht und habe mich fast selbst nicht wieder erkannt? Warum plauderst du hier mit einem Drachen als wäre es das Normalste der Welt, der aber eigentlich nicht existieren dürfte? Und warum…“ Mein letzter Satz ging in einem Schluchzer unter und ich presste mir die Hand auf den Mund. Meine ganze Kraft war aufgebraucht und grenzenlose Verzweiflung machte sich in mir breit. Diesmal ließ ich es zu, dass July mich in den Arm nahm. Es kam mir fremd vor zu weinen so lange habe ich es nicht mehr getan. Das letzte Mal habe ich es beim Tod meiner Eltern getan. Diese Leere, die ich dort verspürt habe, war mit den Tränen nicht wieder zurückgekommen, dafür machten sich Angst und Verzweiflung darin breit. Erst als ich ein Brummen vernahm riss ich mich von July los und wischte mir hastig über die Wangen. Ich hatte noch nie vor anderen geweint mit Ausnahme von July und meinen Eltern. Bei ihrer Beerdigung hatte ich es auch nicht getan, dafür war ich in meinem Zimmer zusammengebrochen und habe mir die Seele aus dem Leib geweint. „Sie ist völlig fertig Rily. Bring uns endlich zu Sarah. Sofort.“ Ich zuckte zusammen bei der Härte in July´s Stimme. Sonst war sie immer die Sanfte und Vernünftige von uns Beiden gewesen, aber nun. „Und verwandele dich zurück. Du hast ihr schon genug Angst eingejagt.“ „Bitte, wenn du mich unbedingt nackte sehen willst.“, spottete er und drehte sich zu einem Schalter um. July lief sofort rot an. Trotz dieser komischen Situation stupste ich sie an und grinste sie schelmisch an, woraufhin sie mir einen verärgerten Blick zuwarf, wobei ihr noch mehr röte ins Gesicht lief. Die Gittertür glitt geräuschvoll auf und July zog mich weiter. Was war hier nur los? Wir liefen durch ein Labyrinth aus Gängen, in dem wir ab und zu auch Menschen begegneten. Sie alle warfen mir entweder ängstliche oder hasserfüllte Blicke zu. Rily beachtete keiner von ihnen und wenn dann nickte sie ihm nur kurz zu. Ein breitgebauter Mann mit stoppeligem Kinn und pechschwarzen, schulterlangem Haar trat uns in den Weg. „Was machst du hier kleine Verräterin?“ Ich starrte ihn verwirrt an. „Lass sie in Ruhe Eragon.“ Er lachte darauf nur höhnisch auf und trat noch näher an mich heran, so dass seine Brust fast die meine berührte. Perplex schaute ich zu ihm auf. Eine Verräterin? Ich? „Ich frage mich warum sie überhaupt noch hier ist.“ Er griff grob nach meinem Arm doch ich stieß ihn fort. „Fass mich nicht an.“, fauchte ich ihn an und rieb mir die Stelle an der er mich berührt hatte. Seine Augen weiteten sich erst, dann verengten sie sich zu schmalen Schlitzen. „Was hast du gerade zu mir gesagt?“ „Du hast mich schon verstanden.“ Er wollte wieder auf mich losgehen, doch July trat ihm in den Weg. „Eragon, ich sagte lass sie in Ruhe.“ Er lachte höhnisch auf. „Du kannst mir gar nichts befehlen, du falsche Schlange. Ich werde sie jetzt mitnehmen und zu Marc bringen, ob es dir nun passt oder nicht.“ „Das wagst du nicht.“, drohte July doch der Drache Rily schob sie in diesem Moment vor uns. „Verschwinde Eragon. Wir wollen zu Sarah gehen, da sich July´s Schwester heute verwandelt hat.“ „Genau, hau ab.“ Ich schob mich wieder vor dabei war es mir gerade total egal wie nahe ich ihm war. Niemand nannte July falsche Schlange. „Hör mir jetzt mal ganz genau zu Kleine. Wenn du wirklich zu uns gehören solltest, musst du dir eins merken. Ich lasse mich von keinem kleinen Drachen provozieren egal welche Farbe er hat, sonst kriegst du es mit mir zu tun und das willst du wirklich nicht. Hast du mich verstanden?“ Ich stolperte zurück als hätte er mich geschlagen und ein selbstzufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Aber es war nicht die Drohung, sondern das Wort Drache, das sich in meine Brust wie ein Messer bohrte. Ich war ein Drache. Plötzlich setzten sich alle Puzzleteile zusammen. Mein verändertes Äußeres passte sich womöglich meinem Drachen an. Ich habe mich rot verwandelt und sie anscheinend heute golden. July´s Worte ergaben plötzlich Sinn. Sie war ein roter und ich ein goldener Drache. Dann das Wort „Schwesterdrachen“, das in mir eigentlich alle Alarmglocken läuten lassen sollten. Der Grund warum sich July mit Rily unterhielt als wäre er ein Mensch, war, weil er auch einer war nur in Drachengestalt. Und ich auch. Ich war ein Drache. Mein Blick wanderte zu July und sie musste auch nichts mehr dazu sagen. Ihre liebevollen, grünen Augen hatten dies schon getan. Ich drehte mich um und rannte. Ich hörte noch wie July meinen Namen rief und auch Eragon mir irgendetwas hinterher brüllte, doch ich beachtete sie nicht. Ich wollte bloß hier weg. Ich wollte in dieses blöde Weiße Haus zurück um Mrs. Smith anzurufen und sie anflehen mich wieder mitzunehmen. Aber die Sache, dass man durch ein Bücherregal in eine Drachenhöhle kommt würde sie mir niemals glauben. Ich rannte immer noch weiter, während schon wieder Tränen in meinen Augen brannten. Was war nur los mit mir? Werde ich jetzt zur Heulsuse? Ich rempelte Menschen oder vielleicht auch in Wahrheit Drachen an, die mir unfreundliche Bemerkungen hinterherriefen, während ich weiter rannte und die Gänge schließlich leerer wurden. Wo war nur dieses verdammte Gitter? Ich merkte unwillkürlich wie ich langsamer wurde und schließlich hinter der nächsten Ecke vor Erschöpfung zusammenbrach, während immer noch Tränen über meine Wangen liefen.
3. Kapitel
Ich wusste nicht wie lange ich schon so da saß. Die Knie angewinkelt, während ich in sie hineinweinte wie ein Baby. Wirklich, diese australische Luft bekommt mir vermutlich nicht gut. Erschrocken fuhr ich hoch als ich Schritt hörte und ein dunkelhaariger Junge nur ein paar Jahre älter als ich um die Ecke bog. Er sah irgendwie gut aus mit seinem muskulösen Körper und den hohen Wangenknochen. Noch dazu die bräunliche Haut. Als hätte er meinen Blick bemerkt hob er die Hände als wollte er sich ergeben. „Keine Angst. Ich bin´s nur.“ Er trat einen Schritt auf mich zu und ich erkannte die Stimme wieder. Das war Rily. Der Drache Rily, der jetzt in einer menschlichen Gestalt vor mir stand. „Rily“, flüsterte ich und wischte mir die Tränen weg. Ich sah bestimmt schrecklich aus. Mein Gesicht war ganz fleckig und meine Augen gerötet. „Ja.“, sagte er und setzte sich neben mich, ich konnte nicht verhindern, dass ich ein wenig wegrückte. „Du bist ein Mensch.“ Er lächelte. „Es klingt so als wäre es etwas Schlechtes.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, es ist nur…“ Ich holte Luft ehe ich von neuem begann. „Wie ist das nur möglich? Damit jemand ein Mensch ist, sich jedoch in einen Drachen verwandeln kann?“ Ich holte noch einmal Luft. „Die es eigentlich nicht gibt.“ Er schnaubte. „Es gibt eben mehr zwischen Himmel und Erde als du dir vorstellen kannst.“ Er erhob sich wieder und streckte mir seine Hand entgegen. „Aber ich bin eigentlich hier um dich zu Sarah und den Anderen zu bringen.“ Ich starrte zuerst seine Hand und dann ihn an. Wer war Sarah? „Noch mehr Drachen?“ Er nickte und ich presste meine Knie enger an mich. Drachen. Vor ein paar Tagen hätte ich noch laut gelacht, wenn mir jemand erzählt hätte, dass es sie gibt. Und jetzt sollte ich noch in einen geschlossenen Raum mit ihnen. „Nein.“, sagte ich mit kühler Stimme und schaute ihn dabei direkt in die Augen. Er stöhnte auf. „Mein Gott, wovor hast du Angst? Ich meine du bist selbst einer also komm endlich mit.“ Das glaube ich erst, wenn ich es mit eigenen Augen sehe. Ich reckte das Kinn vor und sagte erneut: „Nein.“ Wieder dieses stöhnen. Er gehörte wahrlich nicht zu den Geduldigsten. „Erst musst du mir ein paar Fragen beantworten.“ Und das sind nicht gerade wenige, setzte ich noch in Gedanken hinzu. Stöhnend setzte er sich wieder neben mich. „Also was willst du wissen?“ Ich konnte richtig die Unzufriedenheit in seiner Stimme heraushören, doch ich ignorierte es. „Einfach alles. Wie kann es Drachen geben? Warum verwandeln sich ganz normale Menschen in Drachen? Weshalb sind meine Haare plötzlich blond? Und…“ Ich spürte seine Finger auf meinen Mund um meinen Redeschwall zu unterbrechen. „Also.“ Er holte Luft. „Um auf deine ersten Frage zurückzukommen. Ich habe keine Ahnung warum es Drachen gibt. Es gibt sie einfach.“ Tolle Hilfe. „Zweitens hat es etwas mit der Geschichte der Drachen zu tun.“ „Und die wäre?“ Mein Gott musste man ihm wirklich alles aus der Nase ziehen. „Stell dir vor, dass es damals ganz normale Drachen gab, die sich nicht in Menschen verwandeln konnten. Doch sie wurden gejagt.“ „Von Rittern?“, unterbrach ich ihn und biss mir daraufhin auf die Lippe als er freudlos auflachte. „Nein, ich frage mich eh wer auf diese schwachsinnige Idee gekommen ist, aus stinknormalen Rittern, Drachentöter zu machen.“ Er schwieg einen kurzen Augenblick ehe er wieder fortfuhr. „Aber du hast nicht ganz Unrecht, es waren Menschen. Wobei es wie die Drachen keine echten sind. Man nennt sie Schatten. Ich weiß aber nicht viel über sie. In den letzten Einheiten deiner Ausbildung wirst du mehr über sie erfahren. Ich weiß nur, dass sie gefühlslos sind und nicht vor dem töten zurückschrecken.“ Bei dem Gedanken daran musste ich schlucken. „Nun ja, sie hatten es auch schon fast geschafft uns vollständig auszurotten bis der Drache Liam herausfand, das man Menschen prägen konnte, die sich dann ab ihrem 17. Lebensjahr in Drachen verwandeln können. Und so war die Art gerettet, aber die Schatten haben immer noch nicht ihre Drachenjagd aufgegeben.“ Oh Gott. Das alles war ganz interessant gewesen, aber Rily´s letzte Worte hatten mich geschockt und mir gleichzeitig Angst gemacht. Aber was ist, wenn sie mich irgendwann in ihre Fänge bekommen? Würden sie mich dann wirklich abschlachten? Und was war mit July? Oder Rily? Selbst so einem Arschloch wie diesem Eragon wünschte ich es nicht. „Und warum ausgerechnet ich?“ Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, wir selbst kennen unsere auch Präger nicht. Dragon weiß sie, würde es uns aber niemals verraten.“ Ich runzelte die Stirn. „Dragon?“ Wir schwiegen daraufhin eine Weile, dann fragte er: „Wie heißt du eigentlich?“ Wie kam er denn jetzt bitteschön da drauf? „Katy.“ Er lächelte, doch ich wechselte wieder das Thema. „Also wer ist nun Dragon?“ „Nicht wer, sondern was.“ Ich runzelte die Stirn. „Dragon ist so etwas wie ein riesiges Rudel würde ich mal sagen.“ „Ein Rudel aus Drachen?“ Er nickte bestätigend. „Ja, wir sind auf der ganzen Welt verteilt. Kleine Rudel halt. Ein paar Drachen, unter anderem July und ich wurden hier her versetzt, weil die Schatten unser Geheimversteck gefunden hatten, in dem wir immer trainiert haben.“ Deshalb war July immer so oft weg gewesen. Aber anstatt sich mit Freunden zu treffen wie sie immer behauptet hatte, war sie bei einem Drachentraining. Er seufzte. „Und dieses vielleicht auch bald.“ „Hä? Wie meinst du das jetzt?“ „Ich bin schon seit ungefähr einer Woche hier und es sollen Schatten in der Nähe sein. Hier im Rudel an der Gold Coast haben sie nicht so ein großes Sicherheitssystem wie die Anderen.“ Er seufzte und starrte auf die gegenüberliegende Wand. „Sarah, hat gemeint, dass die kleinen Drachen vermutlich wieder nach Amerika zurückkehren müssen. In die Berge oder aufs Land.“ Er schaute mich wieder an und diesmal erschienen mir seine Augen trauriger. „Die kleinen Drachen sind die Zukunft für Dragon. Sie würden alles tun, damit ihnen nichts geschieht.“ „Was meinst du mit kleine Drachen?“ Er lachte auf und verstrubbelte mein Haar. „Du bist zum Beispiel eine, Kleine.“ Ich glätte mir meine Haare wieder und warf ihm einen bösen Blick zu. Er verzog das Gesicht. „Ich bin leider auch noch einer, genau wie July.“ Ich konnte nicht anders als ihn schelmisch anzugrinsen. „Du gehörst noch zu den Kleinen?“ Er stupste mich an. „Ja, bis zu deinem zwanzigsten Lebensjahr wirst du als kleiner Drache bezeichnet. Also in nicht einmal einem Jahr gehöre ich dann zu den Großen.“, sagte er stolz und konnte ein Lachen nicht verkneifen. Seine Miene verfinsterte sich schlagartig und rückte ein wenig von mir ab. „Sind nun all deine Fragen beantwortet?“ Seine Stimme klang etwas schroff im Gegensatz zu seinem Lachen und ich runzelte die Stirn. „Noch nicht ganz, aber ich glaube die Zukunft interessiert mich noch nicht so richtig.“ Plötzlich kam mir ein Gedanke. „Wissen es deine Eltern eigentlich? Ich meine, dass du ein Drache bist.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, sie sind tot. Genau wie deine.“ Auch meine Miene verfinsterte sich und es gab mir einen Stich an sie zu denken und an den Geburtstagbrief von heute. „Woher weißt du…“ „Jeder hier ist ein Waisenkind.“, unterbrach er mich. „So kann sich Dragon sicher sein, dass wir uns ganz und gar auf sie konzentrieren können.“ Ein schrecklicher Gedanke schoss durch meinen Kopf und ich riss die Augen auf. „Heißt das sie waren es? Dragon, hat die ganzen Eltern umgebracht.“ Er zuckte die Schulter. „Keine Ahnung, aber ausschließen würde ich es nicht.“ Ich schüttelte immer wieder den Kopf. Ich soll in einem Rudel leben, das meine Eltern umgebracht hatte? Niemals. „Was deine letzte Frage von vorhin angeht, du weißt schon wegen deiner Haarfarbe, kann ich nur dazu sagen, dass es etwas mit deinem inneren Drachen zu tun hat.“ „Mein innerer Drache?“ Er nickte bestätigend. „Ja, er war schon dein ganzes Leben in dir, kommt aber erst an deinem siebzehnten Geburtstag zum Vorschein.“ Er lächelte mich schief an. „Ich war zum Beispiel früher blond mit blauen Augen. Mein Drache war allerdings schwarz mit dunklen Augen und so wachte ich wie du eines Morgens ganz verändert auf. Deiner scheint so ein bisschen golden zu sein mit blau - grünen Augen.“ So war das also. „Und July ist ein roter mit grünen Augen.“ Er nickte bestätigend und sie schwiegen eine Weile ehe Rily wieder die Stimme erhob. „So, sind nun alle deine Fragen fürs Erste beantwortet?“ Noch lange nicht. „Nein.“, sagte ich direkt und betonte es noch einmal indem ich die Arme vor meiner Brust verschränkte. „Rily, wie wird es jetzt weitergehen? Was werden sie mit mir machen?“ „Du wirst ganz normal weiterleben und nebenbei machst du eine kleine Ausbildung, damit du deinen Drachen besser kontrollieren kannst.“ Eine Ausbildung zum Drachen also. „Aber wie…“ Doch ich konnte meinen Satz nicht vervollständigen, weil in dem Moment Rily aufgesprungen war und mich genervt anschaute. „Mein Gott, kannst du deine bescheuerten Fragen nicht jemand anderem stellen? Ich habe wirklich besseres zu tun.“ „Ach ja was denn? Schreibtische abfackeln und Gittertüren bewachen?“, fragte ich bissig zurück und zuckte zusammen als er mich zu sich hochzog. „Komm.“ Er wollte mich weiterziehen, doch ich bewegte mich nicht vom Fleck. Und sein nächster Schritt schockierte mich erst einmal. Er nahm mich wie einen Kartoffelsack über die Schulter und lief los. „Hey, was soll das du Blödmann?“ Ich hämmerte auf seinem Rücken herum. „Lass mich runter.“ Doch er ignorierte mich während er die Gänge entlanglief und manche Leute hinter mir lachten. Ich vernahm wie Rily durch eine große Tür trat und die Stimmen darin verstummten. „Hier ist eine Lieferung für euch glaube ich.“, brummte er während er mich wieder von seiner Schulter nahm und mich auf dem Boden absetzte.
4. Kapitel
„Hey.“, beschwerte ich mich und versuchte nach ihm zu treten, doch er war schon außer Reichweite. Ich glaubte es immer noch nicht, dass er mich tatsächlich die ganze Zeit wie ein Sack über seine Schulter getragen hatte. Am Anfang hatte ich Angst vor ihm gehabt, doch nach unserem Gespräch dachte ich wirklich, dass er eigentlich ganz okay sei, aber jetzt war er einfach nur ein Arschloch. „Rily.“, hörte ich July vorwurfsvoll sagen und als ich aufblickte, sah ich sie nur ein paar Meter neben mir stehen. Eilig sprang ich auf, rannte zu ihr hin und fiel ihr stürmisch um den Hals. Normalerweise umarmte ich sie so nicht vor großem Publikum, doch jetzt wollte ich nur mein Gesicht in ihre roten Locken vergraben und ihren vertrauten Geruch einsaugen. Auch wenn July ein Drache ist, war und bleibt sie doch meine Schwester. Die Einzige, die von meiner Familie übriggeblieben ist. „Das hat aber lange gedauert. Konntest du sie etwa nicht finden?“, fragte eine bekannte Stimme und als ich mich umdrehte sah ich Mr. und Mrs. Jenkins neben einer hochgewachsenen Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren stehen. „Doch, sie hatte sich nur geweigert mitzukommen und ich musste ihr erst ein paar Fragen beantworten.“ „Und trotzdem hast du sie wie ein Mehlsack hierherbringen.“, fauchte July aufgebracht und legte fürsorglich eine Hand auf meine Schulter. „Sie hat mich einfach genervt. Schließlich sollte ich sie nur hierher bringen und keine dämlichen Fragen beantworten.“, keifte er zurück. July hob die Arme. „Mein Gott, ein bisschen Einfühlungsvermögen müsstest selbst du haben.“
„Was soll denn das jetzt heißen?“
„Ich glaube du hast mich schon verstanden.“
„Das gibt’s doch nicht, du…“, begann Rily doch die fremde Frau unterbrach ihn. „Geduld musst du wahrlich noch lernen, Rily.“ Ihr Blick schweifte weiter zu July. „Wobei ich nicht denke, dass es ihm an Einfühlungsvermögen fehlt.“ Sie lächelte. „Oder hast du etwa vergessen was er vor kurzem für dich getan hat?“ July senkte den Kopf und es brannte mir auf den Lippen zu fragen was denn passiert war, doch ich schluckte diesen Drang hinunter. „Und nun zu dir, Katy Heine.“ Ich zuckte zusammen bei der plötzlichen Erwähnung meines Namens. „Ich habe gehört, dass du dich heute verwandelt hast.“ Ich brachte nur ein kurzes Nicken zustanden, da ich unter ihrem intensiven mausfellgrauen Blick nicht zu sprechen wagte. Was äußerst selten vorkam. Sie tippte sich mit ihren langen Fingern ans Kinn. „Das ist wirklich merkwürdig.“ Ein Klopfen ertönte und ohne eine Antwort abzuwarten, stolzierte ein junger Mann mit blonden Engelslocken in das Zimmer. In der Hand hatte er einen Laptop, den er aufklappte, noch bevor er bei uns war. „Sie wurde damals nicht registriert. In der Familie Heine wurde nur July als roter Drache gezeichnet. Ich konnte lediglich diese Information ausfindig machen.“ Er hielt der Frau, deren Namen ich immer noch nicht kannte, den Laptop hin, den sie begierig in Empfang nahm. „Geburtsdatum, Eltern und ihre Todesursache, ihre früheren Pflegeeltern.“ Er strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Ich habe jetzt nur noch die Veränderung ihres äußeren Erscheinungsbildes hinzugefügt.“ Sie tippte etwas herum so als müsste sie es noch einmal überprüfen, was sie soeben gehört hatte. „Das ist seltsam, dass der Präger uns diese Information verheimlicht hat. Warum sollte er Geschwisterdrachen auswählen und die Eine sogar Golden machen?“ „Ich habe da so eine Vermutung. Es gibt da jemanden, der uns ziemlich viel verschwiegen hat und du wirst seinen Namen nicht gerne hören.“ Sie kniff die Augen zusammen während er seinen Laptop wieder nahm und etwas eintippte. „Sag mir bloß nicht, dass…“ „Doch.“ Er hielt ihr den Laptop wieder hin. „David.“, fauchte sie und schlug den Computer so heftig zu, dass er zusammenzuckte. „David.“, hauchte ich den Namen und sofort kamen mir Mums Worte wieder in den Sinn. Öffne ihn mit einem gewissen David. Du musst ihn auch nicht suchen. Er wird dich finden. Konnte es wirklich der David sein? Der, der July und vielleicht auch mich geprägt hat. Derjenige, den diese Frau wohl zu hassen scheint. „Es ist doch nur eine Vermutung, Sarah.“ Der Mann versuchte ihr seine Hand auf die Schulter zu legen doch sie schlug sie grob weg. „Es wäre aber so typisch für ihn.“ „Wer ist David?“, fragte ich und zuckte zusammen als alle Augen auf mich gerichtet waren. „Jemanden, den du besser nicht begegnen solltest.“ Nicht begegnen? Dann konnte es nicht Mums David sein. Nein, sie würde mir nie jemanden schicken, der auch nur ein bisschen gefährlich wäre. Oder übertrieb Sarah etwa, weil sie ihn so hasste? Sarah kniff erneut die Augen zusammen und ihr Blick bohrte sich in mich. „Zeichnet sie sofort.“ Mich überkam Unbehagen und machte einen Schritt zurück. Nein, Sarah zählte definitiv nicht zu den Menschen, die ich jemals mögen würde. „Geh mit ihnen. Sie werden dir nichts tun, vertrau mir.“ „Darf ich mitkommen Sarah?“, fragte sie dann etwas lauter. Bei der Erwähnung des Namens erinnerte ich mich, das Rily sie vorhin schon erwähnt hatte. „Nein und jetzt komm.“, sagte sie bestimmt. „Die Sitzung ist hiermit beendet.“ Sie kam auf mich zu, nahm meine Hand und zog mich mit sich. Ich versteifte mich sofort, doch sie beachtete es nicht und zog mich unbeirrt weiter. „Wohin bringst du mich?“, fragte ich sobald wir den Raum verließen und es dauerte eine Weile bis ich eine Antwort bekam. „Wir bringen dich in den Raum wo du gezeichnet wirst.“ Sarah blieb vor einer Tür stehen und öffnete sie. Ein kahler Raum mit nur einem Stuhl war darin. Sie zog mich rein und ich entdeckte noch eine riesige Glasfront hinter der zwei Männer vor einem Computer saßen und uns keine Beachtung schenkten. Ich zuckte zusammen als ich hörte wie die Tür ins Schloss fiel und blieb stocksteif stehen. Ich wollte hier nicht sein. In einem fremden Raum mit einer fremden Person und keinerlei Möglichkeit zur Flucht. „Nein.“ Sarah drehte sich mit zusammengekniffenen Augen zu mir um. „Was?“ Ich reckte das Kinn vor und schaute sie geradewegs an. Sarah lächelte mich an. Mit einem Lächeln, das definitiv nicht zu der Kategorie lieb gehörte. „Hör mir mal gut zu Kleines. Du wirst das jetzt machen, sonst kann ich nicht für deine Sicherheit sorgen. Eins musst du nämlich wissen, dass die Leute hier nicht gerade gut auf Ungezeichnete zu sprechen sind. Und wenn du dich weiterhin weigerst, dann ist das auch nicht gut für deine Schwester.“ Mein Magen zog sich beim Gedanken an July zusammen. Sarah lächelte zufrieden, zog mich zu dem Stuhl und drückte mich unsanft darauf. Was war nur los mit dieser Frau? Am Anfang in dem Zimmer mit den Anderen wirkte sie eigentlich ganz nett, aber jetzt… Selbst dieser Blödmann von Rily hatte mich vorhin, als er sie erwähnt hatte nicht vor ihr gewarnt.. Ich wollte aufspringen als sich plötzlich Bänder um meine Hand- und Fußgelenke legten, doch es war schon zu spät. „Was zum…“ „Nur eine kleine Sicherheitsmaßnahme Schätzchen und nun trink das.“ Sie holte ein kleines Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit aus ihrer Hosentasche, riss meinen Mund auf und tröpfelte es hinein. Nur leider viel zu schnell. Ich begann zu Husten und japste hastig nach Luft. Ich hatte schon meinen Mund aufgemacht nachdem ich mich wieder beruhigt hatte um mich zu beschweren, doch eine heftige Müdigkeit überfiel mich und mir fielen ohne das ich es ändern konnte die Augenlider zu.
Als ich die Augen wieder aufschlug sah ich nichts. Eine schreckliche Dunkelheit umgab mich, die so dicht war, dass ich nicht einmal meine eigenen Hände sehen konnte. Normalerweise fürchtete ich die Dunkelheit nicht, aber diese hier war anders. Sie kam mir wie ein gefährliches Tier vor, das mich jeden Moment verschlingen würde. Panisch drehte ich mich um meine eigene Achse und wollte schreien, doch da hörte ich sie zum ersten Mal. Stimmen. Es war eher ein Wispern, das ich nicht verstand, aber nach und nach wurde es lauter. Tod. Leben. Gut. Böse. Es wurde immer lauter und ich presste mir die Hände an die Ohren um ihnen zu entkommen, doch es half nicht. Und mit einem Mal verschwanden sie. Dankbar atmete ich aus und zuckte erschrocken zusammen als ich ein Brüllen hörte begleitet von Hitze. Das Blut pulsierte in meinen Adern und es fühlte sich an als stände ich direkt vor einem Feuer. Als könnte ich die Flammen sogar fast berühren. Das Tier brüllte erneut auf. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gehört, doch eins wusste ich. Es war ein Todesschrei. Es wurde leiser und an seiner Stelle trat jetzt ein Fauchen, das an eine Katze erinnerte, nur viel lauter. Auch dieses wurde leiser bis es schließlich gänzlich verstummte. Diesmal war ich diejenige, die aufschrie als ein gleisender Schmerz durch meine linke Brust zuckte. Genau dort wo mein Herz war. Ich schrie erneut auf und ich spürte wie meine Beine unter mir nachgaben und ich hart auf dem Boden aufprallte. Mein Atem ging nur noch stoßweise während der Schmerz immer schwächer wurde und schließlich verschwand. Mit ihm die ganze Umgebung und ich ohnmächtig wurde.
„Jetzt tut doch gefälligst was. Sie stirbt.“ July´s verzweifelte weinerliche Stimme war das Erste, was ich wieder hörte doch ich behielt die Augen weiterhin geschlossen. „Sie atmet wieder und ihr Körper hat sich wieder abgekühlt auf die normale Körpertemperatur.“, sagte eine tiefe Männerstimme ruhig und ich spürte wie er meine Brust abtastete. Als er an die Stelle kam wo mein Herz war durchzuckte mich wieder dieser Schmerz. Ich riss die Augen auf und richtete mich abrupt auf. Sofort spürte ich die feste Umarmung von July, die an mein Gesicht weinte und fast mein gesamtes Gesicht mit ihren roten Locken bedeckte. „July, es ist alles okay. Mir geht es gut.“, hörte ich mich selbst sagen und sie löste sich tatsächlich von mir und umfasste mein Gesicht mit ihren weichen Händen. „Wirklich? Du…du hast gerade eben nicht mehr geatmet. Ich…ich dachte ich habe dich auch noch verloren. Wie…wie Mum und Dad.“ Noch mehr Tränen rannen aus ihren geröteten Augen und sie umarmte mich erneut nur noch viel fester. „Es geht ihr gut July. Beruhige dich.“, sagte Sarah hinter ihr und sie löste sich nickend von mir als hätten die Worte sie beruhigt. Sarah stand direkt am Ende der Liege auf der ich lag und schaute mich aufmerksam an. Nichts erinnerte mehr an die Person, die mich vorhin mit zusammengekniffenen Augen an einen Stuhl gefesselt hatte, aber der Äußere Schein trügt, das wusste ich schon immer. Ich wandte den Kopf ab und schaute mich aufmerksam um. Ich befand mich in einem Arztzimmer. Die Wände waren weiß und an ihnen waren Schränke, vermutlich mit Medikamenten befestigt. Ein Mann mittleren Alters mit einer Glatze und einem weißen Kittel stand neben mir und begutachtete mich sorgfältig. Der Arzt vermutlich. „Wie geht es dir?“ „Gut.“, sagte ich sofort und tatsächlich fühlte es sich so an als wäre nie etwas geschehen. Keine Schmerzen mehr, keine Müdigkeit von der Flüssigkeit. Nichts. „Sicher Katy? Du hattest nämlich sehr starkes Fieber, über 40 Grad. Ich denke…“ Er nahm einen Block mit Stift und kritzelte etwas darauf. „Es war vermutlich eine allergische Reaktion auf das Drackelium war. Was wirklich sehr ungewöhnlich ist, da wir so einen Fall noch nie hatten.“ „Er hat Recht.“ Der Typ mit den blonden Engelslocken stand plötzlich neben meiner Liege in der Hand wieder einen Laptop. Er schien nicht ohne ihn zu gehen. „Jeder hat die Zeichnung bisher erfolgreich bestanden. Sie hat es jedoch nicht und ist deshalb immer noch eine Ungezeichnete. Vielleicht sollten wir es mit einer geringeren Dosis noch einmal probieren.“ „Nein.“, riefen July und ich aus einem Mund und auch der Arzt schüttelte entschieden mit dem Kopf. „Nein, dieses Risiko dürfen wir nicht noch einmal eingehen. Es sei denn ihr wollt das Leben von Katy aufs Spiel setzten.“ Ich musste schlucken bei dem Gedanken es erneut zu durchleben und es vielleicht auch nicht zu überleben. „Natürlich nicht, Doktor Black. Wir werden eine andere Möglichkeit finden müssen.“ Sarahs Blick schweifte wieder zu mir. „Soll sie noch eine bisschen hierbleiben oder kann sie gehen?“ Ich spürte Doktor Blacks Blick auf mir. „Ich hätte Ja gesagt, aber ich finde Katy sollte es am besten wissen.“ Ich nickte und schwang meine Beine von der Liege. „Nein, ich will nach Hause.“ Oder das was man als Zuhause bezeichnen muss. Es war eher Mr. und Mrs. Jenkiens Haus. Ich war nur ein Gast. So hatte es sich bis jetzt immer angefühlt. „Katy bist du dir sicher?“ Doch da stand ich schon und lief um die Liege zu July hin. Jap, es fühlte sich an als wäre nichts geschehen. „Gehen wir?“ July schaute mich aus ihren verquollenen Augen überrascht an. Generell sah sie nicht gerade gut aus. Ihr Gesicht war ganz rot und fleckig durch das Weinen. Die Haare waren zu einem schnellen Zopf zusammengebunden, der jedoch schon fast aufgegangen war. Ihr T-Shirt trug sie falsch herum und auf ihrer Jeans mit den vielen Knöpfen war nur einer zu. Als hätte sie sich ganz schnell angezogen. Apropo Kleidung. Ich schaute an mir hinunter und lief sofort rot an. Ich trug noch immer das schneeweiße Nachthemd, das mir viel zu kurz war und noch nicht einmal bis zu den Knien reichte. Ich lief noch roter an als mir der Gedanke kam, dass mir jemand unter den Rock geschaut hatte. July schien inzwischen aus ihrer Erstarrung zu erwachen, denn sie nickte hastig. „Super.“ Ich nahm July am Arm und wollte mit ihr den Raum verlassen doch Sarah stellte sich uns in den Weg. Sie lächelte. Ein verständnisvolles Lächeln, das mich ganz und gar nicht beruhigte. Was führte sie nur im Schilde? „Ihr könnt euch wegen der ganzen Aufregung heute, den Tag über freinehmen. Morgen früh um sechs seid ihr allerdings wieder da. Katy mit dir möchte ich dann gerne über deine Zukunft reden.“ Ich zuckte zusammen bei dem Gedanken mit Sarah alleine zu sein. Ich mochte sie nicht, aber die Anderen taten es anscheinend. Ich musste July unbedingt über Sarah ausfragen. „Darf sie denn überhaupt bleiben, wenn sie eine Ungezeichnete ist?“ Sarahs Kopf fuhr herum zu dem Mann mit den Engelslocken und durchbohrte ihn mit einem so bösen Blick, dass er den Kopf senkte. Sarahs Miene entspannte sich wieder und hielt uns mit einem freundlichen Lächeln die Tür auf. „Bis morgen.“ Ich nickte nur während July ebenfalls freundlich „Bis morgen.“, sagte. „Bist du dir wirklich sicher, dass du nicht doch noch hierbleiben willst?“, fragte sie sofort als die Tür ins Schloss gefallen war. Ich schüttelte den Kopf und grinste sie schief an. „Du freust dich ja richtig den Tag mit mir zu verbringen.“ July schaute mich misstrauisch von der Seite an. „Du willst also nicht im Bett liegen?“ Mein Gott, July`s Sorgen um mich gehen mir manchmal wirklich auf die Nerven. Ich weiß, dass sie es nur gut meint, aber manchmal übertrieb sie es wirklich. „July, mir geht es blendend. Als wäre nichts passiert. Und außerdem brenne ich darauf den Strand und die Gegend zu erforschen. Aber du kannst auch meinetwegen die ganze Zeit in deinem Zimmer hocken und dich langweilen.“ July lachte und schupste mich spielerisch mit der Schulter an. „Natürlich will ich mit, das weiß du doch.“ Wir grinsten uns an und liefen die Gänge entlang. Mit etwas Hilfe fanden wir uns wieder im Keller wieder. Als ich, nachdem wir im Flur waren, sofort zur Haustür gehen wollte, hielt mich July zurück und zeigte auf mich. „Du willst wirklich so rausgehen.“ Ich schaute an mir hinunter. Mist, ich hatte ja immer noch das Nachthemd an. Ich zeigte ebenfalls auf sie. „Du auch?“ July lief rot an. „Als ich hörte wie schlecht es dir ging, habe ich irgendwas übergestreift was gerade da war.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Und wo warst du?“ Sie wurde noch roter. „Im Kleidungszimmer.“ Ich hob eine Augenbraue und sie seufzte. „Da unsere Kleidung, wenn wir uns verwandeln immer kaputt geht, ziehen wir sie vorher aus, aber manche Dummköpfe vergessen das manchmal und deswegen muss immer Ersatzkleidung parat sein.“ Mein Blick schweifte zu July´s Hose. Wenn ich mich recht erinnere war es die Selbe wie heute Morgen. Ich hob vielsagend die Augenbraue und grinste sie an. „Hört sich so an als wäre es dir noch nie passiert. Also wieso warst du in diesem Raum und besser gesagt mit wem?“ Wieder wurden July´s Wangen knallrot und ich grinste noch breiter. „Ein neuer Lover?“ July gehörte zu den Menschen, die nicht gerade wählerisch sind. Sie mag zwar nicht so frech wie ich sein, aber der Verschleiß was Typen bei ihr anging war definitiv größer als bei mir. Nun ja, das war jetzt nicht gerade eine Kunst, weil ich noch nie so richtig einen Freund hatte. Rumgeknutscht hatte ich zwar schon, aber was Liebe und so anging noch nie. Ich meine, das wird doch manchmal total überbewertet. Ich werde definitiv nicht zu den Leuten wie im Fernsehen gehören, die so verknallt sind dass sie alles für denjenigen machen würden. Nehmen wir zum Beispiel Titanic. Er ist so verliebt ihn diese Rose, das er ihr erlaubt sich auf diese Tür zu legen und ihr damit das Leben zu retten während er ein Eis am Stiel wird. Nein, so werde ich definitiv nicht. Und auch July´s „Liebe“ war nie langwierig und beschränkte sich fast ausschließlich auf körperlichen Kontakt. Gut, das mag jetzt schon klingen, als wäre meine Schwester eine Schlampe, die sich jedem an den Hals wirft. July, ist halt ein Mädchen, das sich schnell beeindrucken lässt und sich daher umso schneller verliebt um dann später vor Liebeskummer zu heulen. Nein, da bin ich wirklich froh, dass ich noch nie so etwas wie Liebeskummer hatte, bei dem man haufenweise Taschentücher vollschnieft und den Eisvorrat plündert. „Lover würde ich das jetzt nicht gerade bezeichnen. Es ist halt einfach so passiert, aber verliebt bin ich definitiv nicht. Ich habe die Schnauze voll immer abserviert zu werden und werde mich zukünftig auch nicht verlieben.“ Sie reckte das Kinn in die Höhe, woraufhin ich mir das Lachen verkneifen musste. Hatte sie das nicht nach jeder beendeten Beziehung gesagt? „Ach und er war es auch nicht, der dir das T-Shirt ausgezogen hat?“ Ich grinste sie vielsagend an. „Ist doch auch egal.“ Sie wollte sich abwenden doch ich hielt sie am Arm fest. „Name?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde dir keinen Namen aus einer einmaligen Sache nennen. Es wird schließlich nie wieder passieren.“ Ich hob wieder die Augenbraue. Ist klar. „Also wollen wir uns jetzt umziehen um endlich an den Strand zu können?“ Ein Lächeln huschte über ihre Lippen und sofort war das Thema vergessen. Vorerst zumindest. So kam mir July nämlich nicht so leicht davon. Wir rannten hoch und ich verschwand sogleich in meinem Zimmer. Hastig griff ich im Kleiderschrank nach einer Hot-Pen mit passendem Top, schlüpfte noch in zwei Riemchensandalen und machte mich eilig in July´s Zimmer. Diese hatte sich wieder ausgezogen und stand in Unterwäsche vor ihrem Schrank und beäugte ihre neuen Klamotten kritisch. July´s Kleiderschrank wurde ebenfalls mit neuen Oberteilen, Hosen, Röcke und Kleider und Schuhen ausgestattet. Und es passte auch noch alles und im Gegensatz zu der schrecklichen Möblierung im Haus scheinen die Sachen sogar ganz cool zu sein. „Was denkst du? Das dunkelblaue Kleid oder lieber die schwarze Hot-Pen mit dem weißen Oberteil?“ Sie hielt Beides in die Luft und ich verrollte die Augen. „Mein Gott July, du siehst in allem toll aus. Selbst in dem übergroßen T-Shirt und der verwaschenen Jeans haben dir alle nachgeschaut.“ July warf mir einen giftigen Blick zu und ich zuckte einfach mit den Schultern. Ich hatte sie immer ein bisschen beneidet darum. July war schon immer hübsch gewesen, aber seit der Verwandlung vor einem Jahr ist sie noch schöner geworden. Neben ihr kam ich mir immer wie ein Entlein neben einem Schwan vor. July beäugte immer noch ihre Klamotten und schien dabei ein bisschen verzweifelt. Jaja, July´s Kleiderordnung verlangte schon häufig meinen Rat, also zuckte ich nur mit den Schultern und sagte: „Ich würde das Kleid nehmen.“ Sie strahlte mich an. „Ich auch.“ Und Ruck - Zuck steckte sie in einem knielangen, dunkelblauem Sommerkleid mit Spaghettiträger und band ihre roten Locken zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen. Lächelnd begutachtete sie sich im Spiegel während ich ihr einen neidischen Blick zuwarf. Ich weiß es war gemein, neidisch auf sie zu sein, doch ich war es halt. Leider. July muss meinen Blick wohl bemerkt haben, denn sie zog mich zu ihr. Und was ich dort sah verschlug mir die Sprache. Da waren einerseits July mit den roten Locken und dem blauen Sommerkleid und ein Mädchen. Sie ähnelte sehr der von heute Morgen nur schien sie noch schöner geworden zu sein. Das war ich! Meine Gesichtszüge waren jetzt feiner und auch mein Gesicht war schmaler geworden. Meine neuen, blonden Haare reichten mir über die Brust und als die Sonne darauf schien glänzten sie leicht golden. Ich war dünner geworden wobei ich, was ich mit Stolz begutachtete, nicht mehr flach wie ein Brett war. Aus dem hässlichen Entlein war ein Schwan geworden. „Hat das etwas mit der Verwandlung zu tun?“, fragte ich und schaute July im Spiegel neugierig an. „Ja, die Verwandlung macht uns schöner und die Zeichnung sogar noch mehr.“ Sie hob die Augenbraue. „Obwohl du sie nicht geschafft hast, scheint sie doch ein wenig gewirkt zu haben.“ Sie zog mich vom Spiegel weg. „Und nun komm, wir wollten doch zum Strand.“ Ich lächelte und gemeinsam rannten wir die Treppe hinunter und verließen das Haus. Da das Haus direkt am Meer lag mussten wir nur den Garten mit Pool hinter uns lassen und schon spürte ich den Sand zwischen meinen Zehen als wir das Tor hinter uns geschlossen hatten. Ich zog hastig meine Sandalen aus und rannte durch den heißen Sand ans Meer wo ich July nassspritzte. Sie kreischte auf und so verbrachten wir die nächsten paar Minuten damit uns gegenseitig nass zu spritzten. Meine Kleidung klebte mir schon am Körper, doch das war mir egal, denn in diesem Moment war ich einfach nur ein siebzehnjähriges Mädchen ohne dieses ganze Drachenzeug. Ich wich July´s nächster Attacke aus um dabei rückwärts gegen etwas zu stoßen. Erschrocken drehte ich mich um und schaute auf einen perfekt trainierten Oberkörper. Als mein Blick weiter nach oben glitt, sah ich in die dunklen Augen eines Jungen, der nur ein paar Jahre älter war als ich. Dessen nassen, pechschwarzen Haare ihm leicht ins Gesicht fielen. July würde bestimmt sagen: „Er sieht heiß aus.“
5. Kapitel
Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden und so starrten wir uns an und ein Lächeln umspielte seine Lippen als er „Hi.“, sagte. Ich brachte kein Ton heraus, sondern konnte nur weiter in seine dunklen Augen schauen. „Katy, alles okay?“ Ertönte July´s Stimme neben mir und ich wandte den Blick zögerlich von ihm ab und schaute stattdessen July an, dessen blaues Kleid fast komplett nass war und sich einige Locken aus ihrem Zopf gelöst hatten und nun nass ihr Gesicht umrahmten. Ich nickte nur und July warf einen verstohlenen Blick zu dem Jungen rüber. „Na dann.“ July hatte schon meine Hand genommen um mich weiter zu ziehen als eine neue Stimme ertönte. Ein blonder Junge ebenfalls in dem gleichen Alter wie der Andere hatte seine Hand auf dessen Schulter gelegt und grinste uns an. Er sah eigentlich auch nicht gerade schlecht aus. „Hey Jungs, was ist denn los?“ Ein Mädchen mit schulterlangen braunen Haaren lehnte sich lässig an den Blonden. „Oh hi. Ich hoffe meine Brüder belästigen euch nicht oder so?“ Der schwarzhaarige Junge mit dem ich vorhin zusammengeprallt war löste sich von dem Blonden und schaute mich weiterhin an. Ich schaute zurück, doch wieder war July der Grund weshalb ich mich abwendete, weil sie mich leicht mit ihrem Fuß getreten hatte. Ich funkelte sie böse an. July beachtete mich nicht, sondern hob skeptisch die Augenbraue. „Ihr seid Geschwister?“ „Klar. Nur hatte unser Vater das Bedürfnis, das er gleich drei Frauen schwängern zu müssen und das fast zur gleichen Zeit, weshalb wir bis auf Lucy gleich alt sind.“ Wow, das nenn ich mal einen Vater. Der Blonde lachte auf. „Ja, bei uns zwei war es eh ein One-Night-Stand gewesen. Stimmt’s, Lucas?“ Dieser verzog das Gesicht nur zu einer Grimasse. Lucas also. irgendwie passt der Name und das Mädchen heißt also Lucy. „Und ihr? Freundinnen oder Geschwister?“, fragte sie auch sogleich und beäugte uns. „Geschwister.“, antwortete July und lächelte. Das Mädchen tippte sich mit dem Finger ans Kinn. „Ihr seht euch ja gar nicht ähnlich.“ Wut kochte in mir hoch. Natürlich sahen wir uns nicht mehr ähnlich seit July sich verwandelt hatte und ich jetzt auch. Ich habe es immer gehasst, wenn solche Sprüche wie von dieser Lucy immer geäußert wurden. Früher konnte man uns von weitem nicht mal unterscheiden, im Gegensatz zu jetzt. „Muss man das denn?“, fragte ich deshalb spitz zurück und ich bemerkte wie kurz ein Schatten von Verblüffung bei ihr erschien aber er verschwand so schnell er auch gekommen war. „Nein, natürlich nicht.“, sagte sie lächelnd und ihr Lächeln wurde sogar noch breiter. „Hey, aber wollte ihr mit uns mal hochgehen. Dort gibt es so einen Laden. Ich habe aber keine Ahnung wie man einen Laden nennt bei dem es Saft, Kaffee und Essen gibt.“ July lachte auf. „Ich habe auch keinen Plan, aber wir gehen gerne mit. Wir sind nämlich neu hier und mein Magen knurrt wie die Hölle und bin deshalb froh über eine anständige Mahlzeit.“ Der Blonde lachte ebenfalls auf. „Das kenn ich.“ Er machte eine kleine Pause ehe er fortfuhr. „Aber hey wir kennen eure Namen ja noch nicht einmal.“ „Ich bin Katy und das ist July.“, antwortete ich hastig und warf Lucas einen verstohlenen Blick zu. Warum auch immer fühlte ich mich von ihm angezogen. „Okay. Ich bin Lucy und das ist Maik und Lucas.“ Lucy zeigte zuerst auf den Blonden dann auf Lucas. „Na dann, kann`s ja losgehen. Wir holen nur noch schnell unsere Sachen.“ July neben mir schaute an sich hinunter. „Äh, vielleicht sollten wir uns vorher umziehen.“ Maik winkte ab und schenkte ihr ein Lächeln. „Kein Problem, wir können draußen sitzen. Ist sowieso schöner.“ Wir wollten uns schon in Bewegung setzten als mich ein heftiger Schmerz durchzuckte. Es war wieder die linke Seite, dort wo mein Herz war. Ich keuchte auf und presste meine Hand auf die Stelle. Ich kam gar nicht zum Schreien, weil im nächsten Moment der Schmerz schwächer wurde bis nur noch ein leises Pochen zu spüren war. Ich zuckte zusammen als ich spürte wie July meinen Arm umfasste. „Geht es dir gut?“ Ich nickte und hob den Blick wieder, die Hand legte ich aber nicht ab. July musterte mich forschend. „Vielleicht war es doch keine gute Idee schon zu gehen.“, wisperte sie mir zu und ich schüttelte den Kopf. „Alles okay?“ Ich lenkte den Blick von July auf Lucas, der nur ein paar Meter vor mir stand und mich besorgt musterte, doch das interessierte mich nicht. Es waren die dunklen Wolken über ihm. Pechschwarz waren sie, noch schwärzer als normale Gewitterwolken. Er machte einen Schritt auf mich zu und ich wich zurück als hätte er eine ansteckende Krankheit. Was hatte das zu bedeuten? Mein Blick wanderte zu Maik und Lucy. Sie hatten die gleichen Wolken, die ruhig über ihnen schwebten. „Katy?“ Ich machte noch einen Schritt zurück als ich Lucas Stimme hörte. „Was ist los?“ Ich wandte meinen Blick von ihnen ab und schaute stattdessen July an. Sie hatte keine schwarzen Wolken über sich, nur echte Besorgnis stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ich spürte wie das Pochen langsam schwächer wurde und ich wandte meinen Blick noch ein letztes Mal zu den drei Geschwistern zu. Ihre Wolken wurden immer schwächer, lösten sich langsam auf und verschwanden gänzlich. Genau in dem Moment als ich kein Pochen mehr spürte. Ich schüttelte verwirrt den Kopf und nahm meine Hand wieder runter. „Es war wirklich nett euch kennenzulernen, aber wir müssen leider wieder los.“ July wollte mich wegziehen doch ich blieb stehen. „Quatsch, ich habe riesen Hunger und ich glaube nicht das Mr. und Mrs. Jenkins etwas richtiges im Haus haben außer Sushi.“ July verzog eine Grimasse. „Stimmt, als ich gestern Nacht dort in der Küche war, habe ich nichts gefunden was in unseren Ernährungsplan passt.“ Lucy lachte neben uns und legte den Arm um July als wären sie beste Freunde. „Das kenn ich. Als meine Mutter so einen reichen Schnösel geheiratet hat, gab es auch nur so Sachen im Kühlschrank.“ Sie kam mit dem Kopf näher. „Sie hat immer so getan als würde sie das Zeug essen aber in Wahrheit hat sie sich heimlich Pizza bestellt.“ Wir mussten Lachen, doch es klang ein wenig künstlich bei mir. Ich tat das alles nur July wegen. Sie brauchte Freunde und Lucy schien ein guter Kandidat für eine Freundin zu sein. Und vielleicht ging ich auch wegen Lucas mit nach oben. Ich musste einfach herausfinden was hier los war. Was dieser Schmerz zu bedeuten hatte und die Wolken, die währenddessen über den Geschwistern erschienen waren. Und vielleicht wollte ich Lucas auch näher kennenlernen. „Geht es dir wieder besser?“, fragte mich Lucas, der langsamer geworden ist und jetzt neben mit mir am Ende läuft. „Ja klar.“ Ich spürte seinen Blick auf mir und ich konnte das Kribbeln in mir nicht unterdrücken. „Was war denn mit dir los? Es sah so aus als hättest du Schmerzen und als…“ Er brach ab. „Als hättest du Angst vor mir.“ Ich lachte auf um die angespannte Stimmung zu unterdrücken, doch es half nichts. Im Gegenteil, er schaute mich jetzt noch genauer an. Mist. „Ähm, ich habe manchmal schreckliche Migräne und da lasse ich halt außer July niemanden an mich heran. Klingt blöd ich weiß.“ Ich war wirklich gut im Lügen. Ob das jetzt gut oder schlecht war wusste ich nicht. Ich denke mal Beides. „Und warum hast du dir dann deine Hand ans Herz gelegt?“ Ich grinste ihn an. „Dir entgeht wirklich nichts.“ Ich seufzte als er mich immer noch musterte. Mein Gott war der Hartnäckig, aber irgendwie gefiel mir das. Es gab mir das Gefühl, das ich ihm nicht egal war, was aber totaler Unsinn war. Wir kannten uns schließlich erst seit ein paar Minuten. Aber vielleicht spürte er ja auch diese Anziehungskraft zwischen uns und ist deswegen besorgt, weil ich ihm nicht egal bin. Ich verscheuchte den Gedanken indem ich den Kopf schüttelte. „Das ist nur so ein Reflex. Keine Ahnung weshalb ich mir dorthin fasse anstatt an den Kopf.“ Er wandte den Blick ab und nickte als gäbe er sich mit dieser Antwort zufrieden. „Und seit wann wohnt ihr schon hier?“ Versuchte ich hastig das Thema zu wechseln und es klappte tatsächlich. „Seit ein paar Monaten erst. Wir wohnen hier mit unserem Vater, der eine neue Freundin hat, die so hohl wie eine Glühbirne ist, aber so lässt er uns viel Freiraum, weil er sich die meiste Zeit mit ihr beschäftigt.“ Er zog eine Grimasse. „Obwohl ich eher denke, dass sie hinter seinem Geld her ist, wenn sie überhaupt so weit denken kann.“ Ich lächelte. „Und was ist mit euren Müttern? Ich meine warum lebt ihr nicht bei ihnen?“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist gar nicht so einfach. Lucy´s Mutter zum Beispiel ist vor einem Jahr an Krebs gestorben, sie wohnt seitdem bei Dad.“ Er schaute kurz zu Lucy hinüber. „Ich glaube manchmal, dass sie mit ihrer fröhlichen Art ihren Schmerz verbergen will.“ Ich nickte. „Das kenne ich.“ Er warf mir einen verstohlenen Blick zu, fragte aber nicht nach, worum ich wirklich dankbar war. Bei mir war es genauso. Ich hatte auch meine Trauer hinter einem dicken Panzer versteckt. Ich wollte dieses ganze Mitgefühl nicht und habe alles versucht um dem zu entkommen. Indem ich fast immer ein Lächeln auf den Lippen hatte sprachen die meisten nur ihr Beileid aus, anstatt sie mich noch in den Arm zu nehmen und mir tröstende Worte zusprachen, die es nur noch schlimmer machten. July konnte es nicht und brach vor Kummer manchmal zusammen. Ich tat es auch, nur alleine in meinem Zimmer. „Maik´s Mutter ist vor zwei Jahren im Irrenhaus gelandet. Er redet nicht über sie oder besucht sie. Ich weiß nur, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter depressiv geworden ist. Maik hatte seine Großmutter zum Glück nie kennengelernt und so konnte sie ihn auch nicht in das gleiche schwarze Loch ziehen.“ „Das ist ja furchtbar.“ Lucas schüttelte den Kopf. „Er versucht es genauso wie Lucy zu verstecken aber manchmal sehe ich es ihm an wie er leidet, wenn unser Dad von ihr spricht. Er scheint das aber nie zu bemerken.“ „Und was ist mit…“ Ich schluckte. „Mit deiner Mum?“ Er blickte mich nicht an als er sprach. „Sie ist gestorben als ich nur ein paar Monate alt war. So ein Penner ist in sie hineingefahren. Sie war sofort tot. Ich habe keinerlei Erinnerung deshalb an sie. Dad hat mir zwar Bilder gezeigt und mir von ihr erzählt, aber das war nie das Gleiche.“ „Lucas, das tut mir so…“ „Leid?“, vervollständigte er meinen Satz und sah mich dabei an. „Ich weiß. Das sagen alle, die davon hören.“ Er stieß hörbar Luft aus. „Ich kann Mitgefühl nicht ausstehen.“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Ich auch und habe genau das Gerade bei ihm gemacht. Ich bin ja so eine Idiotin. „Aber das musst du doch mit am besten wissen oder?“ Ich blieb stocksteif stehen und starrte ihn an. „Was?!“ Er blieb ebenfalls stehen. „Mr. und Mrs. Jenkins sind eure Pflegeeltern. Sie sind dafür bekannt das sie Kinder bei sich aufzunehmen. Manche reden darüber, weil sie es komisch finden, dass die Meisten nach einem Monat oder so wieder verschwinden. Seitdem wir hier sind waren es schon drei Kinder wobei es wie bei euch auch ein Geschwisterpaar gab. Als ihr sie vorhin erwähnt habt, wusste ich das eure Eltern tot sein müssen.“ Ich starrte ihn weiterhin an. Seine Worte haben in mir Misstrauen ausgelöst. Nach einem Monat sind wir hier vermutlich schon wieder weg. Aber wohin sind die anderen Kinder alle verschwunden? Waren die etwa auch Drachen? „Wie alt waren die immer?“ Er zog die Stirn in Falten. „So in eurem Alter meistens. Wieso?“ Ich blieb einer Antwort erspart, weil plötzlich July gefolgt von Lucy und Maik neben uns auftauchten. „Wo bleibt ihr denn?“ July schaute misstrauisch zwischen uns hin und her. „Alles klar bei euch?“ „Klar, wollen wir jetzt endlich was essen gehen?“ Ich ließ die Anderen stehen und ging voraus wobei ich Lucas Blick in meinem Nacken spürte. Wieder dieses Kribbeln in mir und ich musste unwillkürlich lächeln. Wer weiß was die schwarzen Wolken über ihm zu bedeuten hatten, aber eins wusste ich. Lucas gehörte zu den Menschen, die nicht böse sind und an die ich bestimmt noch häufig denken werde.
6. Kapitel
Der restliche Tag mit den Halbgeschwistern war eigentlich gar nicht so schlecht gewesen. Nachdem wir uns eine riesige Pizza geteilt hatten, die July und ich fast alleine aufaßen, wenn die Anderen uns nicht gestoppt hätten, sind wir noch eine Weile geblieben, während Lucy uns mit großen Gesten die Gegend beschrieb. Ihre Brüder Maik und Lucas gaben nur manchmal Kommentare von sich aber versuchten nicht ansatzweise Lucy bei ihrem Redefluss zu stoppen. Und wenn es Maik es einmal probierte, wurde er sofort von ihr angefahren, das sie es schon gleich sagen wollte und so. Lucas schlichtete immer schnell den kleinen Streit. Vermutlich war er schon Weltmeister darin. Ja, an Lucy konnte man sich echt gewöhnen. Schließlich musste sie doch aufhören zu reden, weil Lucas sie daran erinnerte, dass ihr Vater noch mit ihr reden wollte. Sie verzog zwar das Gesicht, ging aber dann nicht bevor sie uns umarmt hatte. July erwiderte die Umarmung sofort, während ich nur etwas überrumpelt da saß und ihr nachsah wie sie durch die Tür ging. Nachdem wir bezahlt hatten gingen wir an den Strand, dabei bemerkte ich wie die Zwei flirteten. Bevor wir uns trennten flüsterte ich noch July schnell zu. „Aber denk an deinen neuen Lover.“ July warf mir einen bösen Blick zu und kniff mich in die Seite bevor sie zusammen mit Maik verschwand. Natürlich hätte ich auch verschwinden können und zwar nach Hause. Allein. Doch irgendwie lief ich dann doch mit Lucas am Strand entlang und redete über alles Mögliche. Er erzählte mir etwas über sein bisheriges Leben, die Schule, das erste Treffen mit Lucy und Maik. Und ich berichtete ausführlich über meine alten Pflegefamilien, meine Eltern ließ ich dabei aus. Und immer wenn sich unsere Blicke trafen, klopfte mein Herz wie wild und meine Haut kribbelte an der Stelle wo er mich zufällig berührte wie verrückte. Die Verabschiedung war dagegen etwas komisch gewesen. Wir tauschten unsere Handynummern aus und dann verabschiedete er sich mit einem „Bis bald.“. Jetzt wo ich im Bett lag, musste ich immer wieder bei dem Gedanken an Lucas lächeln und da fiel es mir wieder ein. Die dunklen Wolken oder Schatten wie ich sie heimlich getauft hatte. Ich wusste immer noch nicht was sie zu bedeuten hatten. Lucas, Maik und Lucy waren stinknormale Teenager genau wie July und ich wenn man mal die Drachengeschichte ausschloss. Aber trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Ein Klopfen lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Tür. Ich setzte mich auf, knipste das Licht an und rief: „Herein.“. July´s roter Lockenkopf erschien in der Tür. „Kann ich reinkommen?“ Ich nickte und lehnte mich gegen das Kopfende. July ließ sich auf das andere Ende nieder und wir schwiegen einen Augenblick lang. July war es, die das Schweigen unterbrach. „Was war da vorhin am Strand los?“ „Was meinst du?“ Ich zog meine Knie an mich und schaute sie unschuldig an. Sie schnaubte. „Was ich meine? Ich meine, dass du vorhin anscheinend Schmerzen hattest und zwar hier.“ Sie legte ihre Hand auf mein Herz. Ich zog meine Knie noch enger an mich heran und legte mein Kinn auf ihnen ab, sodass July gezwungen war ihre Hand wieder wegzunehmen. „Katy, rede mit mir. Bitte. Ich mache mir Sorgen um dich.“ Ich konnte ihre Sorge richtig heraushören. Ja, das konnte July schon immer gut. Sich um mich sorgen, aber manchmal hatte sie es schon übertrieben. Unwillkürlich zuckte ich zusammen als plötzlich ihre Hand auf meiner ruhte. „Du kannst mir vertrauen. Das weißt du doch oder?“ Es zerriss mir fast das Herz July so zu sehen. In ihren Augen schimmerten schon die ersten Tränen. July war leicht zu verletzten. Sie war wie ein rohes Ei, das ganz leicht zerbrechlich ist. Und am meisten verletzte es sie, wenn man sie ausschloss, ganz besonders von ihrer eigenen Schwester. Aber ich konnte es ihr einfach nicht erzählen. July würde sofort verlangen, dass ich es den Anderen sagen sollte, damit sie mir helfen konnten. Und ganz oben auf der Liste der „Helfer“ stand bestimmt Sarah. Nein, ich traute ihr nicht über den Weg und insgeheim wusste ich, dass ich selbst herausfinden musste, warum ich diese Schmerzen hatte und ich diese Zeichnung nicht geschafft hatte. Ich stand ganz allein vor diesem riesigen Berg aus Fragen. Auch wenn July meine Schwester war, sie war in der Lage selbstständig zu den Anderen zu gehen um mich zu verraten. Sie würde das alles nur aus Liebe machen, aber das könnte ich ihr nie im Leben verzeihen. „Katy?“ Sie lächelte mich aufmunternd an. „Doktor Black kann dir bestimmt helfen. Er ist zwar kein Drache, aber der beste Arzt den man sich nur wünschen kann in so einer Situation.“ Ich schüttelte entschieden den Kopf. „Tut mir Leid July, aber ich kann es dir nicht erzählen.“
„Aber du…“
„Weil ich es selbst noch nicht ganz verstehe.“, unterbrach ich sie und schaute sie liebevoll an. Ich konnte ihr die Enttäuschung deutlich ansehen. „Vielleicht irgendwann, aber nicht jetzt.“ July nickte mit gesenktem Kopf und stand auf. „Dann warte ich halt.“ Ich konnte ihren Worten nicht so recht glauben schenken. Sie hatte sich schon abgewandt als mir noch etwas einfiel. „Versprich mir, dass du niemandem davon erzählst. Auch nicht wenn es noch einmal passiert.“ Was bestimmt der Fall sein wird, setzte ich in Gedanken hinzu. Es dauerte einen Augenblick lang bis sie nickte. „Versprochen, obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass du es jemandem sagen solltest.“ Sie sah mich eindringlich an. „Irgendwann wird es vielleicht zu spät sein Katy und du wirst deine Entscheidung noch bereuen, aber dann kann dir niemand mehr helfen. Ich am allerwenigsten.“ Und mit diesen Worten ging sie und ließ mich allein. Mit der Erkenntnis, dass sie zum einen Recht als auch Unrecht hatte. Ich werde meine Entscheidung hier niemals bereuen. Niemals. Aber vielleicht hatte July mit dem einen Recht, das mir nacher niemand mehr helfen kann. Dann muss ich mir halt selbst helfen, redete ich mir immer wieder ein und dann schlief ich auch schon ein, aber ich träumte nicht wie erwartet von July´s Worten. Nein, in dieser Nacht träumte ich zum ersten Mal von Lucas.
Licht und eine fröhliche Stimme weckten mich an diesem Morgen. „Guten Morgen.“ Blinzelnd öffnete ich die Augen. July stand lächelnd vor meinem Bett. Nichts Verletztes oder Trauriges war mehr in ihrem Gesicht zu sehen. Sie trug eine schwarze Jeans und ein ebenso pechschwarzes T-Shirt. „Wie siehst du denn aus?“, murmelte ich und rieb mir verschlafen die Augen. July blickte an sich hinunter und fuhr über den Stoff. „Das ist meine Drachenkleidung. Die muss ich jedes Mal anziehen wenn ich zur Ausbildung gehe. Du bekommst heute sicher auch eine.“, setzte sie noch hinzu. Ich nickte und setzte mich auf. „Wie spät haben wir eigentlich?“ Mein Blick wanderte zum Wecker. „Mein Gott July bis du verrückt?!“, schrie ich. „Es ist halb fünf.“ Ich wollte mir die Bettdecke über den Kopf ziehen doch July war schneller und stärker und nahm sie mir weg. „Hey.“, protestierte ich und versuchte sie erneut zu greifen, doch July hielt sie fest umklammert. Wütend funkelte ich sie an. „Aufstehen. Du hast doch in einer halben Stunde das Gespräch mit Sarah.“ „Das habe ich doch um sechs. Müssen wir die Uhr noch bei dir üben?“ July schüttelte den Kopf. „Sarah hat mir gestern Abend noch eine SMS geschickt. Ihr ist etwas dazwischen gerutscht und du sollst schon um fünf kommen. Meine Ausbildung fängt leider auch schon zu der gleichen Zeit an.“ Oh Gott. Bei dem Gedanken zu Sarah zu gehen drehte sich mir der Magen um. „Blöde Kuh.“, brummte ich leise und schwang meine Beine aus dem Bett. July drehte sich hastig um und hielt mir eine schwarze Jeans mit passendem Top hin. „Hier zieh das an, sonst stichst du zu sehr aus der Menge hervor. Die Großen haben nämlich um die Zeit auch schon Training und tragen auch das Gleiche wie ich.“ „Sind wir hier etwa auf einer Beerdigung?“, murrte ich während ich die Klamotten entgegennahm. July hob nur die Augenbraue zu dem Kommentar. „Beeil dich mal bitte.“, sagte sie als sie sah wie ich immer noch mit dem Kleid in der Hand vor ihr stand. „Ich möchte zu meiner neuen Trainerin nicht zu spät kommen und du magst dich doch bestimmt auch nicht verspäten oder?“ „Natürlich nicht.“, gab ich gespielt fröhlich zurück und begann mich auszuziehen. „Muss du mich dabei so beobachten?“, fauchte ich July an als diese mich immer noch wie ein seltenes Wesen begutachtete. „Nein, ich habe nur das Gefühl das du heute noch schöner geworden bist.“ „Wirklich?“ Ich strich mir verwirrt das blonde Haar aus dem Gesicht. July zuckte nur mit den Schultern und drehte sich schließlich um. „Fertig.“ „Super.“ Sie lief eilig zur Tür. „Darf ich denn wenigsten noch Zähne putzen und so? Ich habe keine Lust da stinkend runter zu gehen.“ Das Mädchen legte den Zeigefinger an das Kinn und runzelte die Stirn als müsste sie ernsthaft über diese simple Frage so lange nachdenken. „Na gut. Aber beeile dich und das duschen kannst du später.“ Ich grinste. „Aj aj, Sir.“ Ich war schon halbe im Badezimmer verschwunden als mir noch etwas einfiel. „Und was ist mit Frühstück?“ July rollte mit den Augen. „Gibt´s immer später und jetzt los.“, sagte sie und machte eine huschende Bewegung in meine Richtung. Ich riss die Augen weit auf. „Kein Frühstück?“ Ich liebte essen, besonders das Frühstück. Was man an meiner Figur damals auch deutlich gesehen hatte. „Nein.“ Sie kam genervt auf mich zu, stupste mich leicht ins Bad und machte die Tür vor meiner Nase zu. Na großartig. Ich schaute mein Spiegelbild an. July´s Kommentar vorhin hat mich verunsichert. Meine Haare waren zwar verwuschelt, aber vielleicht waren auch meine Gesichtszüge feiner geworden und meine Augenfarbe intensiver. Ich zuckte mit den Achseln. Schönheitsverwandlung im Schlaf überraschte mich jetzt nicht mehr so sehr wie vielleicht vor ein paar Tagen. Nachdem ich mir die Zähne geputzt, die Haare gekämmt und ein bisschen Wimperntusche aufgetragen hatte, machte ich die Tür wieder auf und wie zu erwarten stand July davor. „Hast du mich etwa belauscht?“ Sie verdrehte die Augen. „Ja klar, ich stehe jeden Morgen während du Zähne putzt vor deiner Tür, wusstest du das nicht?“ Ich kicherte und kniff sie freundschaftlich in die Seite. „Da bin ich ja beruhigt.“ July kicherte ebenfalls wurde aber in der nächsten Sekunde schon wieder ernst. „Komm wir müssen los, wir haben gerade mal noch eine viertel Stunde.“ Sie zog mich eilig durch das Haus in den Keller. Sofort steuerte July zu dem Sicherheitskasten und tippte den Code ein. Sofort schwang das Bücherregal wieder zur Seite. „Verrätst du mir auch mal den Code?“ „Sarah wird dich in alles einweisen.“, sagte sie knapp und zog mich ungeduldig weiter. „Wenn sie dir vertraut.“, fügte sie noch leise hinzu. Ich runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“ Sie warf mir einen Seitenblick zu. „Nimm ihr das nicht böse, sie vertraut Leuten nicht so schnell. Die Sicherheit der Drachen steht bei ihr an erster Stelle und sie tut alles, damit es ihnen gut geht.“ Dann werde ich den Code wohl nie bekommen. July zerrte immer mehr an meiner Hand. Ihre Hektik verunsicherte mich Zunehmens. Sie war sonst nie so. Außer sie machte sich Sorgen oder hatte Angst. Ein bisschen zu spät kommen fand sie schon immer nicht gerade super aber so extrem. Ich schielte zu ihr hinüber. „Kann es sein, dass du Angst vor dem Training oder deiner Trainerin hast?“ „Was?!“ July blieb so ruckartig stehen, dass ich nach vorne stolperte. „Komm schon July.“, sagte ich als ich ihre weit aufgerissenen, grünen Augen sah. „So hektisch bist du doch sonst nur, wenn du Angst hast.“ „Nun ja.“ Sie holte tief Luft. „Ich habe von Einigen gehört, dass sie besonders streng sein soll und wie soll ich es sagen, knallhart ist.“ Jetzt war ich es, die die Augen weit aufriss. „Und so jemand wird deine Trainerin?“ July zuckte gleichgültig die Schultern, doch ich kannte sie zu gut um zu wissen, dass es ihr überhaupt nicht egal war. „Ich habe mitbekommen wie Sarah zu Carlo gesagt hat, dass ich irgendwie besonders gut wäre und ich deshalb gefördert werden müsste.“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Und kannst du dich nicht irgendwie wehren? Ihnen einfach sagen, dass du nicht willst, dass sie deine Trainerin wird.“ July schüttelte bedauerlich den Kopf. „Nein und jetzt komm.“ Sie nahm wieder meine Hand und zog mich weiter, da fiel mir etwas ein: „Magst du Sarah eigentlich?“ „Klar. Sie war damals im gleichen Rudel wie ich, die stellvertretende Leitung. Da hier der Leiter verschwunden war, wurde sie hierher versetzt.“ Verschwunden. Was wohl eine andere Bezeichnung für Tot bedeuten soll. „Wieso fragst du?“ Ich schwieg. Ich konnte July nichts über mein ungutes Gefühl bei Sarah erzählen. Sie würde nur wiedersagen, dass ich mir das alles nur einbilde und ich mir keine Sorgen machen müsse. Oder schlimmer noch. Sie ging sofort zu Sarah und erzählte ihr über meine Bedenken, damit sie weiß wie sie mit mir umgehen muss. Wenn es um mich oder Menschen, die ihr Nahe standen geht, hatte sie schon oft die Grenzen unbewusst überschritten. July schien jetzt dieses Schweigen falsch zu verstehen, denn sie sagte: „Du brauchst doch keine Angst vor ihr zu haben. Sarah tut dir nichts, vertrau mir.“ „Ich habe keine Angst.“, erwiderte ich stur. July betrachtete mich einen Augenblick lang als würde sie mir nicht so recht glauben, wandte den Blick aber zum Glück wieder ab ohne noch etwas zu sagen. „So.“ July blieb bei einer Weggablung stehen und drehte sich zu mir um. Ich gehe jetzt nach Links.“ Sie zeigte dorthin. „Du musst nach rechts, den Gang weiter, dann wieder nach rechts abbiegen und ganz hinten auf der linken Seite ist Sarahs Büro. Okay?“ Ich schaute sie verblüfft an. „Wow. Wie kannst du dir das alles nur merken? Wir sind doch erst seit vorgestern da.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Sarah hat mir in der Nacht unserer Ankunft einen Plan mit allen Wegen, den ich mir einprägen musste, gegeben.“ Sie wandte sich ab. „Momentmal. Du kennst all diese Gänge auswendig?“ July drehte sich nach ein paar Metern noch einmal um und tippte sich grinsend mit ihren Finger an den Schädel. „Tja, wir Drachen sind halt schlau und vergessen so etwas nicht so schnell.“ Sie zwinkerte mir zum Abschied schelmisch zu ehe sie den Gang entlang hastet und mich alleine ließ. Toll, war ich jetzt etwa dumm, nur, weil ich keinen blassen Schimmer hatte wie es jetzt wieder zurückgeht? Oder war ich generell kein echter Drache, was natürlich meinen schlechten Orientierungssinn erklären würde? Schließlich hatte ich Glückspilz als Einzige jemals die Zeichnung nicht geschafft und bin in kürzester Zeit ein Freak geworden. Mein Gott, wenn ich weiter so über mich rede werde ich noch depressiv. Ich fuhr mir missmutig durch mein blondes Haar und setzte meinen Weg fort. Hoffentlich ist dieses bescheuerte Gespräch bald vorbei. July hatte mir den Weg richtig erklärt und ehe ich mich versah stand ich schon vor Sarah´s Bürotür. Daneben war ein Schild mit dem Namen „Sarah Leitung“ befestigt. Entweder war das hier bei den Drachen üblich, dass man den Nachnamen einfach weglässt oder sie wollte ihn nicht erwähnen, weil sie Angst davor hatte, dass man sie etwa googelt und vielleicht auf schmutzige Geheimnisse stößt. Wie auch immer. Das Klopfen hallte unnatürlich laut in dem leeren Gang wieder und mir fiel ein, dass ich auf dem Weg hierher keine Menschenseele getroffen hatte. „Herein.“ Ich atmete noch einmal tief ein, ehe ich die Tür aufmachte. Sarah saß hinter einem übergroßen Schreibtisch aus altem Holz. Sie spielte mit ihrer Lesebrille herum und schaute mich aufmerksam an. Mir huschte unwillkürlich ein Lächeln über die Lippen als ich mich erinnerte, dass Rily erzählt hatte, beinahe Sarah´s Schreibtisch in Brand gesetzt zu haben. Nun ja, der Raum war jedenfalls groß genug, dass ein Drache wenn nicht sogar zwei Drachen mühelos hineinpassten. Wenn ich den Tisch auch recht betrachtete sah er sogar auf der einen Seite ein wenig angekohlt aus. „Katy, na endlich. Pünktlichkeit scheint wohl nicht gerade deine Stärke zu sein, nicht wahr?“ Sie lächelte mich wissend an und kam um ihren Schreibtisch herum dabei trommelte sie mit ihrer Brille auf ihre Hand. Ich bemühte mich sichtlich ihr keine patzige Antwort an den Kopf zu werfen so unter dem Motto „Und Freundlichkeit ist nicht ihre Stärke, wenn sie nicht einmal Hallo sagen können.“ Also schwieg ich. Schweigen war in manchen Situationen ohnehin besser als Reden so wie jetzt. „Aber kommen wir nun zum eigentlichen Thema heute.“ Sie lehnte sich an ihren Schreibtisch an. „Da du die Zeichnung gestern nicht geschafft hast, müssen wir herausfinden ob du überhaupt alle Eigenschaften eines echten Drachens besitzt. Wenn nicht…“ Sie brach ab und legte langsam die Brille wieder weg als wäre sie etwas ganz Kostbares. „Was ist dann?“ Sie ignorierte meine Frage und ging stattdessen zu einem Tisch mit zwei Stühlen. „Komm.“ Ich rührte mich nicht. „Ich möchte dich nicht zweimal darum bitten.“, zischte sie ohne den Blick von dem Tisch abzuwenden. Zögernd trat ich näher und sah, dass auf dem Tisch ein riesiges Tablet lag. Es verdeckte wirklich den kompletten Tisch. Ich betrachtete den Bildschirm genauer. Unzählige Gänge wurden angezeigt, die so verzweigt waren, das es einem Labyrinth ähnelte. „Das ist unsere komplette Anlage.“ Sie umkreiste den Plan. „Wir sind zurzeit ein recht kleines Rudel mit vierzig Drachen und dreißig Menschen.“ Sie schaute auf mich herab. „Mit dir wären wir ein und vierzig Drachen oder ein und dreißig Menschen je nachdem was du letztendlich bist.“ Ich würde definitiv die zweite Variante bevorzugen. Sie strich mit einer Handbewegung den Plan weg und ein kleiner Abschnitt vom Labyrinth war nun zu sehen. Ganz unten stand das Wort Jenkins da. Oh je, bitte keine Wegbeschreibung. Sarah zeigte auf die Schrift. „Von dort seid ihr gekommen und deine Aufgabe ist es mir nun den Weg zu meinem Büro zu zeigen.“ Scheiße. Ich starrte den Plan an. Sind wir rechts oder links? Oder weiter geradeaus und dann links? Ich hatte keine Ahnung, deshalb versuchte ich die Frage ein wenig zu umgehen. „Ist das denn so wichtig?“ Sarah kräuselte die Lippen. „Ja, weil es eine der Eigenschaften eines Drachen ist. Also?“ Sie überflog den Plan mit ihrer Hand. „Wo sind wir?“ „Unter der Erde?“, versuchte ich die Stimmung ein wenig zu lockern, doch Sarah funkelte mich darauf nur warnend an. „Ich…“ Ich betrachtete den Plan nochmal in der Hoffnung, dass mir noch irgendetwas einfallen würde doch mein Gehirn hatte keinen blassen Schimmer. „Irgendwo da?“ Ich umkreiste wage eine Fläche. „Nein. Da.“ Sarah zeigte direkt auf die andere Seite. Mist. Ich hörte Sarah seufzen und sah wie sie wieder zu ihrem Schreibtisch ging um ein Klemmbrett zu holen. Ich folgte ihr. „Deine Schönheit. Also deine körperliche Veränderung ist vorhanden.“ Sie schaute auf und legte den Kopf schief. „Mir kommt´s so vor als wärst du…“ Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf ihren Zettel, aber insgeheim wusste ich was sie sagen wollte. Das ich noch hübscher geworden bin wie July es schon heute Morgen gesagt hatte. „In der Orientierung bist du allerdingst eine komplette Niete.“ Sie kritzelte etwas auf ihrem Blatt. „Wie sieht es mit der Nacht aus. Magst du sie?“
„Ja.“
„Und glitzernde Gegenstände?“
„Ja.“ Sie nickte sichtlich zufrieden mit den Antworten. „Wie hat dir eurer Flug gefallen? Hast du den Anblick auf die Erde genossen und hattest ein unendliches Glücksgefühl und das Gefühl der Freiheit?“ Sie lachte auf. „Wobei man es mit unserem Fliegen nicht vergleichen kann.“ Ein träumerischer Ausdruck auf ihrem Gesicht erschien, doch sie schüttelte ihn sofort ab, kaum dass er da war. „Nun ja, eigentlich hat July die ganze Zeit lächelnd am Fenster gesessen. Zum Glück. Ich hatte während des schon den ganzen Flugs dieses bescheuerte Gefühl im Bauch, obwohl ich nicht einmal hinaus gesehen hatte. Zumindest ist mir nicht wie beim letzten Mal schlecht geworden.“ Sarah starrte mich an als wäre ich ein Alien. „Du hast Höhenangst?“ Mum hatte damals zu mir gesagt, dass ich zu meiner Höhenangst stehen soll, damit man selbst nicht allzu große Angst vor ihr hatte. Wobei das früher nicht gerade einfach war, weil ich als Kleinkind schon das Schwindelgefühl bei einem Haus, das mehr als zwei Stockwerke hatte spürte. Der Arzt hatte gemeint, dass ich wohl eine sehr starke Höhenangst hätte und dass sich das mit der Zeit legen würde. Hatte es auch. Jetzt wird mir nur noch schwindelig wenn ein Gebäude über fünf Stockwerke hat. Aber das war jetzt nicht so wichtig. Ich reckte das Kinn vor und sagte klar und deutlich „Ja.“. Ich zuckte zusammen als das Klemmbrett laut scheppernd auf den Boden fiel. Für einen Moment stand Sarah einfach nur da und schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an. Dann drehte sie sich hektisch um und schlug nur so in die Tasten des Telefons. Unruhig zwirbelte sie eine Strähne um ihren Finger. Dabei ließ sie mich nicht aus den Augen. „Carlo, da bist du ja endlich. Hast dich wohl wieder mit ein paar Drachenmädchen vergnügt was?“ Die Antwort schien ihr nicht zu gefallen, denn sie kniff wütend die Augenbrauen zusammen. „Lüg mich nicht an.“ Schweigen. „Ach halt doch die Klappe, es gibt wichtigeres als dein bescheuertes sexuelles Liebesleben.“ Oh, ein richtiger Frauenschwarm und Draufgänger auch noch. „Bring mir sofort den Ältesten in mein Büro. Es geht um Katy.“ Sarah stöhnte auf. „Ja, die Katy und jetzt beeil dich gefälligst.“ Laut stark warf sie das Telefon auf den Schreibtisch. Sarah sollte man wirklich nicht zu Nahe kommen, wenn sie wütend war. „Wer ist der Älteste?“ Sarah lächelte. „So wie der Name schon sagt. Er ist der älteste Drache hier und sitzt außerdem noch im Rat.“ Ich runzelte die Stirn. „Im Rat?“ Sie nickte. „Ja, der Rat besteht aus sieben Drachen, die sich um alles kümmern was in den Rudeln passiert.“ Wohl die Drachenregierung hier oder was. „Wie viele Rudel gibt es denn?“ Sie machte eine wegwerfende Gestik während sie sich auf ihren Stuhl niederließ. Ich musste weiterhin stehen. „Das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig ist nur, das wir immer weniger werden und das liegt allein an den Schatten.“ Rily hatte sie gestern schon mal erwähnt, aber viel konnte er mir nicht über sie erzählen. Vielleicht verrät mir Sarah mehr. „Die Schatten?“, fragte ich unschuldig doch Sarah nickte nur zustimmend den Kopf, kam aber nicht mehr dazu sich weiter zu äußern, weil in diesem Moment die Tür laut knallend aufgestoßen wurde und der blond gelockte Carlo eintrat. Im Schlepptau hatte er einen Drachen. Keuchend trat ich einen Schritt zurück. Und dafür beschimpfte ich mich ein paar Sekunden später selbst. Du hast doch schon Drachen gesehen. Rily zum Beispiel. Gut, Rily war der Einzige aber egal. Dieser hier war allerdings kleiner. Seine Bewegungen waren steif und alles andere als elegant. Die Schuppen waren ursprünglich bestimmt schwarz gewesen, aber jetzt waren fast alle vollständig grau. Jede einzelne Schuppe hatte Risse als wären sie kaputt gegangen und man hätte sie wieder zusammengeklebt. Seine dunklen Augen waren allerdings noch klar und strahlten wie die eines kleinen Kindes. „Ältester.“ Sarah neigte unterwürfig den Kopf. Ich musste zweimal blinzeln um es so richtig zu begreifen. Sarah verneigte sich? Vor einem Drachen, der jederzeit tot umfallen könnte. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. „Weshalb seid ihr in Drachengestalt gekommen?“ „Weil ich es so will.“, fauchte er und spreizte ein wenig die Flügel. „Natürlich, aber ich dachte mir, dass dies für Katy ein bisschen zu viel werden kann. Sie ist ja neu hier und muss sich erst in dieser neuen Situation zurechtfinden. Und schließlich hat sie die Zeichnung nicht geschafft was vieles nur noch komplizierter macht.“ Ihre Stimme klang so zuckersüß, dass ich mich beinahe übergeben musste. Falsche Schlange. „Das weiß ich alles, aber sie muss sich sowieso an den Anblick gewöhnen und damit kann sie gleich anfangen.“ Sie nickte einfältig. „Jaja, aber dennoch…“ Er entblößte seine messerscharfen Zähne und fauchte. Sarah zog wie ein geprügelter Hund den Kopf ein. Der Blick des Drachens wanderte zu mir weiter und blieb auch dort. Meine Gliedmaßen versteiften sich sofort und ich konnte nur zurück starren. Diese Augen. Wie glänzender Bernstein sahen sie aus. „Du hast mich wegen ihr gerufen, stimmt´s? Sie hat manche Eigenschaften eines Drachens nicht und doch hatte sie diese äußerliche Veränderung an ihrem 17 Geburtstag.“ „Ja, sie hat überhaupt keinen Orientierungssinn und sie hat…“ Sarah holte tief Luft. „Und sie hat Höhenangst.“ Ein tiefes Grollen kam aus seiner Kehle, was vermutlich ein Lachen sein sollte. „Ja, das ist in der Tat komisch, aber es braucht sie ja nicht zu stören, schließlich ist sie kein Drache.“ Mein Herz machte einen Luftsprung. Ich war kein Drache. „Aber ein Mensch bist du auch nicht.“ Schockiert schaute ich ihn an. Wenn ich kein Mensch und kein Drache war, was war ich dann? Gab es auch solche Wesen wie Vampire und so? Hoffentlich nicht. Schon beim Gedanken daran Blut zu trinken wurde mir schlecht. „Was…was ist sie dann?“ Sarah schien ebenso aus der Fassung zu sein wie ich. „Wir wissen nicht viel über sie. Wir im Rat nennen sie einfach nur das Rätsel. Weil sie am Anfang wie Drachen aussehen, es letztendlich aber nicht sind.“ Er verstummte einen Augenblick lang ehe er fortfuhr. „In manch anderen Rudel sind solche Fälle auch schon aufgetreten. Zwar extrem selten, aber es gab sie.“ Er legte den Kopf schief, dabei ließ er mich nicht aus den Augen. „Katy scheint nicht anders zu sein als sie.“ Er trat einen Schritt vor und beugte sich hinunter sodass er fast auf Augenhöhe mit mir war. Ich erstarrte und mein Herz hämmerte wie verrückt gegen meine Brust. „Pass aber auf dich auf, Katy. Keins dieser sogenannten Rätsel existiert noch im Rudel. Einige verschwanden einfach spurlos. Andere wurden aber auch von anderen Drachen oder Schatten getötet.“ Mein Herz setzte nun komplett aus. Getötet. Von diesen Schatten und Drachen wie die, die sich gerade im Raum befanden. „Sie haben Angst vor dem Unbekannten, Katy.“, sagte er zärtlich und schaute mich dabei warm an. Sarah´s aufgeregte Stimme holte mich aus meiner Schockstarre heraus und ich trat hastig ein paar Schritte zurück wobei ich nicht verhindern konnte, dass ich leicht zitterte. „Aber warum wurden wir über diese Art noch nicht informiert? Und was sollen wir jetzt mit ihr machen? Sie ist schließlich kein Drache.“ Ich werde vielleicht bald getötet oder verschwinden und Sarah´s einzige Sorge war, dass sie einmal von etwas keine Ahnung hatte? Getötet. Verschwinden. Diese zwei Worte jagten mir Angst ein und ein kalter Schauer lief mir unbewusst den Rücken hinunter. Ich schlang meine Arme um den Körper, doch ich hörte nicht auf zu zittern. Der Älteste hatte unterdessen seine Flügel angelegt und es sich auf dem Boden bequem gemacht. Als ich zu Sarah schaute bemerkte ich wie sie ungeduldig sich von einen Bein auf das andere Bein trat. Ich konnte ihre Ungeduld förmlich spüren. Es gefiel mir, dass er sie etwas zappeln ließ. „Nun Sarah, wir wollten verhindern, dass das Gleiche passiert wie bei dir. Panik. In der gesamten Laufbahn der Drachen waren bisher nur sieben Rudel von ihnen betroffen. Das hier ist der Achte. Du weißt wie viele Rudeln es gibt und wie lange es schon Drachen gibt. Wir haben natürlich noch einige andere gesehen außerhalb von ihnen aber das spielt hier jetzt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass wir euch nicht beunruhigen wollten. Wenn ein Fall wie dieser aufgetreten war, wurde es natürlich uns als erstes mitgeteilt und wir konnten die Betroffenen wie jetzt über alles informieren was sie wissen müssen.“ Sarah nickte verstehend. „Wie viele gibt es denn insgesamt von uns?“ Ich wunderte mich selbst über die Festigkeit in meiner Stimme und es fühlte sich ungewohnt und gut zugleich an von „uns“ zu reden. Ich wusste nun wohin ich gehörte. Aber war das jetzt gut oder schlecht? „Es gibt insgesamt…“, begann Sarah doch der Älteste brachte sie mit einem Knurren zum Schweigen. „Du bist die Zehnte Katy und leider bist du auch die Einzige die sozusagen noch existiert.“ Ich zuckte zusammen bei seinen Worten. „Vor ungefähr zwei Jahren gab es in einem Rudel in Nevada drei Leute, die so waren. Der eine Mann war fast dreißig und war vor über fünf Jahren verschwunden ehe er wie aus heiterem Himmel wieder zurückkehrte. Er half zwei Jungs, sie waren eineiige Zwillinge. Sie hatte gerade die Wandlung hinter sich und erklärte ihm vieles. Wir wissen aber leider nicht was.“ Er machte eine Pause. „Nun, nach ein paar Wochen waren die Jungs spurlos verschwunden und der Mann war tot.“ Mir stockte der Atem. „Was ist mit ihm passiert?“ Er kniff die Augen zusammen. „Das spielt keine Rolle.“ Er wandte sich an Sarah, die komischerweise ganz ruhig dastand. „Wir müssen Tests mit ihr durchführen. So viele wie möglich, bevor sie…“ Er schaute mich kurz an. „Bevor sie uns auch noch abhandenkommt.“ Abhanden. Ein anderes Wort für verschwinden und sterben. Keine sehr rosige Zukunft. „Bring sie wieder zu Doktor Black. Er soll sie gründlich untersuchen. Ich werde ihm sofort die Aufgaben zukommen lassen, wenn ich wieder ein Mensch bin.“ Er stand auf, wandte sich ab und war schon fast an der geöffneten Tür als er wieder sprach. Er drehte sich dabei nicht um. „Ach, und niemand erzählt irgendjemanden von diesem Gespräch und seinen Folgen. Das gilt auch für dich Katy. Kein Wort zu niemanden auch nicht zu July.“ Er drehte seinen Kopf zu mir um. Seine Augen waren fast nur Schlitze und als er sprach klang seine Stimme drohend und tief. „Sonst kriegst du es mit mir zu tun und glaube mir, niemand überlebt mich.“ Und damit verschwand er. Doch seine Drohung hatte sich wie ein Messerstich in meine Brust gebohrt. Die ganze Zeit dachte ich er wäre ganz okay. Wie er mir so ruhig von den Anderen erzählt hatte, doch es war das Gleiche wie bei Sarah. Er hatte eine freundliche und böse Seite. „Na dann.“ Sarah klatschte lautstark in die Hände als die Tür ins Schloss fiel. „Carlo, bring Katy doch bitte zum Doktor und geh dann noch einmal zum Ältesten und sag ihm, dass ich umgehend die Tests haben will, damit ich mich entsprechend darauf vorbereiten kann.“ Nach Carlo´s Blick zu urteilen war er nicht gerade begeistert über seine Aufgaben. Trotzdem nickte er gehorsam und fasste mich am Arm um mich aus dem Raum zu ziehen. Ich schüttelte ihn ab. „Ich kann alleine gehen.“, blaffte ich ihn an und ging zielstrebig vorneweg. Egal welche Tests es waren. Ich werde mich nicht unterkriegen lassen. Niemals. Sie haben kein Recht mit meinem Körper alles zu machen was sie wollen. Und das werden sie immer spüren.
Der Weg zur Krankenstation war länger als ich gedacht hätte. Damals als ich mit July von dort Nachhause gegangen war kam er mir so kurz vor. Vielleicht sind wir ja auch heute Morgen genau in die andere Richtung gegangen. Oh, ich war ja so eine Orientierungsniete. Schließlich gingen wir durch eine Glastür und der Geruch von Krankenhaus stieg mir sofort in die Nase. Komisch, hier sind wir gestern gar nicht langgegangen. Hier war genauso wie bei den Jenkiens alles in Weiß gehalten. Ein paar Jungs und Mädchen in meinem Alter saßen auf schneeweißen Stühlen und schauten mich an als ich mit Carlos an ihnen vorbeiging. Die Meisten hatten Verbände angelegt bekommen doch ein paar waren an Infusionen angeschlossen und sahen so schlimm aus, dass mir kurz der Atem stockte. Sie waren so dünn, dass man die Knochen förmlich sah. Sie waren bleich wie der Tod und die dunklen Augenringe stachen dadurch nur noch mehr heraus. „Was ist mit denen passiert?“, raunte ich Carlo leise zu, der die Patienten nur mit seinem Blick streifte. „Das soll dir Doktor Black erzählen.“ Ein Mädchen schüttelte kaum merklich den Kopf und ihre Augen waren dabei weit aufgerissen. Trotz des aus ausgemergelten Körpers und des stumpfen braunen Haars, sah man, das sie einmal sehr schön gewesen sein musste. Doch die Krankheit hatte sie zerstört. Ob sie Krebs hatte? Carlos ließ mir keine Zeit mehr mir Gedanken darum zu machen, denn er zog mich ungeduldig weiter und blieb an einer Tür stehen an der er klopfte. Ein gedämpftes „Herein.“ war zu hören und wir traten ein. Doktor Black drehte sich in seinem Drehstuhl um und lächelte uns an. „Ah, da seid ihr ja endlich.“ Auf dem Tresen hinter ihm erkannte ich einen Laptop. Anscheinend hatte er gerade seine Anweisung für die Untersuchung gelesen. Man war der Älteste schnell. „Katy, setze dich bitte auf die Liege und du Carlo kannst wieder gehen. Danke.“ Carlos nickte und war gleich darauf auch schon verschwunden als hätte er es nicht erwarten können, endlich weg zukommen. Doktor Black war inzwischen aufgestanden und zeigte mit seinem strahlenden Lächeln auf die Liege. Etwas unsicher setzte ich mich darauf. Er desinfizierte unterdessen seine Hände. „So Katy, ich werde dich jetzt mal untersuchen, aber keine Sorge, es ist eine ganz normale Untersuchung, die bei manchen Menschen sogar Routine ist.“ Er ging zurück und kam mit einer Spritze zurück. „Zuerst werde ich dir Blut abnehmen.“ Ich nickte. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich kein Problem damit Blut zu sehen. Nicht so wie Jeannine aus meiner alten Klasse. Bei der ist in der neunten Klasse beim Volleyball spielen, der Gel Nagel abgerissen und daraufhin hatte es ein wenig geblutet. Ich hatte immer noch das Bild vor Augen, wie sie auf dem Boden saß und nicht ihren Finger anschauen konnte aus Angst sich jeden Moment übergeben zu müssen. Unsere Sportlehrerin hatte nur gefragt, was sie macht wenn sie ihre Tage hatte. Jeannine hatte darauf keine Antwort parat gehabt. „Was ist mit den Kranken da draußen passiert?“ Er desinfizierte meine Haut. „Ach nur ein paar oberflächliche Verletzungen. Meist entstanden durchs Training oder einer Rauferei zwischen zwei Jungdrachen. Du musst nämlich wissen, dass besonders die männlichen Drachen leicht reizbar sind und manchmal spielen ihre Hormone auch noch verrückt.“ Ich musste an Rily denken. Schließlich hatte er mich wie ein nasser Sack über der Schulter getragen, weil er genervt war oder Sarah´s Schreibtisch fast in Brand gesetzt hatte. Wobei mich letzteres nicht gestört hatte. „Aber auch bei den Mädels gibt es manchmal Zicken Krieg.“ Er überprüfte die Spritze. „Pubertät ist bei Drachen ist noch schlimmer als bei Menschen.“ Ich zuckte kurz zusammen als sich die Spitze in meine Haut bohrte. „Das meinte ich nicht. Was ist mit den Kranken? Die so dünn und bleich sind.“ Er schwieg während er die Sachen sorgfältig wieder verstaute. „Haben sie Krebs?“ Er schüttelte den Kopf, drehte sich aber nicht um. „Nein, wir sind gegen alle menschlichen Krankheiten immun. Können also zum Glück niemals Schnupfen oder so bekommen.“ „Aber gegen diese hier nicht.“ Er ignorierte mich und kam mit einem Blutdruckmessgerät zurück. Als er Anstalten machte es mir umzulegen umfasste ich fest meinen Arm und hinderte ihn daran. „Was ist es dann?“ Er schwieg einen Augenblick, ehe er schließlich antwortete: „Wir nennen diese Krankheit Dragos. Es ist so ein bisschen wie der menschliche Krebs nur kann man ihn nicht mit einer Chemo-Therapie heilen.“ Ich starrte ihn an. „Und wie entsteht sie?“, flüsterte ich. „Ihr menschlicher Körper kommt mit dem Drachen nicht klar. Er ist zwar immer in ihnen gewesen, doch mit dem siebzehnten Geburtstag entfaltete er sich erst so richtig. Man weiß so etwas also nie vorher und selbst bei der Zeichnung ist noch alles gut, doch sobald sie sich danach verwandeln wollen tritt diese Krankheit urplötzlich auf. Sie bekommen Schmerzen am ganzen Körper und sehr hohes Fieber. Nach ein paar Stunden ist dies zwar vorbei, doch Dragos hat sich leider schon richtig festgefressen und man kann nichts mehr dagegen tun. Manche sterben schon nach ein paar Monaten. Andere wiederum quälen sich über Jahre damit ab.“ Er schüttelte traurig den Kopf während ich ihn nur anstarren konnte. Das war so schrecklich. Da denkt man, man kann kein Krebs und so bekommen und dann das. „Aber kann man wirklich nichts dagegen tun?“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Bis jetzt nicht. Wir geben natürlich so eine Art Sterbehilfe auf Wunsch des Patienten.“ Ich runzelte die Stirn. „Sterbehilfe?“ Er nickte zustimmend. „Es ist genauso wie bei Tieren. Die werden, um sie vom Leid zu erlösen, eingeschläfert und genau dasselbe tun wir hier auch. Natürlich nur mit ihrer Einverständniserklärung.“, fügte er noch hastig hinzu und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Und sei mal ehrlich Katy. Würdest du in diesem Zustand weiterleben wollen wenn du eh irgendwann sterben wirst?“ Ich runzelte die Stirn. Ja, was würde ich tun? „Ich denke schon. Schon allein wegen July.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie würde nur leiden.“ Er seufzte als er meinen verständnislosen Blick bemerkte. „Schau mal. Du warst schon geschockt als du diese fremden Leute da draußen nur gesehen hast. Stell dir mal vor July müsste so was jeden Tag sehen. Sie müsste hilflos zusehen wie du immer mehr abbaust und schließlich stirbst. Soll sie dich so wie du jetzt bist oder als krankes Etwas sterben sehen?“ Ich will überhaupt noch nicht sterben, aber seine Worte machten schon Sinn. Aber ich hatte keine Ahnung, ob ich trotzdem so handeln würde. Er lachte. „Du brauchst dir eh keine Sorgen darüber zu machen. Du wirst niemals Dragos bekommen und für die Anderen gibt es hoffentlich bald ein Gegenmittel.“ „Gegenmittel?“ Er nickte eifrig. „Ja, wir führen regelmäßig Tests durch. Das ist zum Beispiel einer der Gründe weshalb manche noch nicht sterben wollen. Sie hoffen, dass wir es bald geschafft haben, aber dafür brauchen wir leider noch viel mehr Test als wir bis jetzt haben.“ Ich verkrampfte mich. „Was für Tests?“ „Das geht dich nichts an Katy.“, sagte er barsch und nahm bestimmt meine Hand weg um endlich meinen Blutdruck zu messen. Was war denn jetzt mit ihm los? Gerade noch hatte er mir ganz geduldig alles erzählt, aber sobald ich weiter gebohrt hatte hat er dicht gemacht. Das Blutdurckmessgerät blies sich auf und zerdrückte halb meinen Arm, doch ich beachtete es nicht. Was waren das für Tests? Bestimmt keine guten sonst hätte Doktor Black nicht so empfindlich darauf reagiert. Hatte das Mädchen vorhin deshalb den Kopf geschüttelt und die Augen weit aufgerissen? Hatte sie deswegen Angst um mich gehabt? „Wunderbar, genau wie bei den anderen.“ Er nahm es mir lächelnd wieder ab und verstaute es wieder woraufhin er die Ergebnisse zufrieden in den Laptop tippte. „Jetzt messen wir noch deine Temperatur.“ Ich ließ ihn schweigsam machen doch als er stöhnte schaute ich zu ihm wieder hoch. „Was ist?“ „40,5 Grad. Solche Temperaturen gibt es normal nur wenn man in Drachengestalt ist.“ Ich fasste mir sofort an die Stirn. „Aber ich fühle mich doch ganz normal an.“ „Das muss nichts bedeuten.“, murmelte er und tippte das Ergebnis stirnrunzelnd ein. Er schaute mich kurz an. „Nach der Zeichnung war die Temperatur noch normal.“ Er sagte es eher zu sich selbst, doch auch mich beunruhigte es. Was war nur los mit mir? „So und zu guter Schluss kommt dein Herz und deine Lunge dran.“ Er nahm sein Stethoskop vom Hals. „Zieh bitte dein Top aus.“ Ich gehorchte ohne Widerworte und erschauderte als ich das kalte Metall auf meiner Haut spürte. Ich atmete wie er es sagte Ein und Aus. „Alles in Ordnung.“, sagte er zufrieden während er den Hörer weiter zu meinem Herzen wandern ließ. „Was zum Teufel…“ Er rollte mit seinem Stuhl so schnell zurück als hätte er sich verbrannt. „Was ist denn?“ Er sah mich nur an. Seine Augen waren kugelrund. „Du…du hast keinen…keinen Herzschlag.“, stotterte er und diesmal war ich diejenige, die die Augen weit aufriss. „Was?!“ Oh mein Gott. Was kam als nächstes? Das ich statt Mensch oder Drache in Wirklichkeit ein Außerirdischer bin? Sofort fasste ich mir an die Brust. Ich konnte das Herz deutlich unter meiner Hand schlagen hören. „Geben sie mal her.“ Entweder war dieses Gerät kaputt oder Doktor Black taub. Ohne eine Antwort abzuwarten riss ich ihm das Stethoskop aus der Hand und legte es mir selbst an die Brust. Gleichmäßig hörte ich mein Herz schlagen. Klar und deutlich. „Was haben sie denn genommen? Da ist er doch.“ Verwirrt schaute er mich an und nahm es mir wieder ab. „Aber ich höre immer noch nichts.“ Nun war ich diejenige, die ihn verwirrt anstarrte. „Was…aber…“, stotterte ich doch ich bekam keinen weiteren Ton heraus. Hatte ich nun ein Herz oder nicht? Es gab genau drei Möglichkeiten. Entweder war ich verrückt und bildete mir das nur ein. Zweitens, der Doktor war verrückt oder hatte etwas genommen. Und drittens war ich nun endgültig ein Freak, der ohne Herz leben konnte. Also was war besser? Doktor Black hatte ohne dass ich es bemerkt hatte plötzlich ein Handy in der Hand und telefonierte mit jemandem, vermutlich mit Sarah. „Okay, dann bis gleich.“, beendete er das Gespräch und legte auf. Er wandte sich wieder an mich. „Katy, wir sind hier nun fertig. Du kannst also gehen. Wir haben uns gedacht, dass du bestimmt mit July zusammen nach Hause gehen willst.“ Eifrig nickte ich. „Du musst eigentlich nur nach der Glastür rechts gehen und dem Gang bis zum Schluss folgen. July wird in ungefähr einer Viertelstunde dort sein.“ Ich nickte erneut. Ein Lächeln huschte noch über sein Gesicht ehe er sich seinen Laptop schnappte und aus dem Raum hastete. „Tschüss, Doktor Black.“, murmelte ich und zog mich wieder an. Schnell schob ich mich aus der Tür und ließ sie leise ins Schloss fallen. Im Flur sah es noch genauso aus vielleicht war es etwas leerer geworden. Mir tippte von hinten jemand auf die Schulter. Erschrocken fuhr ich herum. Das Mädchen von vorhin stand vor mir und schaute sich nervös um. „Komm.“ Ich rührte mich nicht von der Stelle. Warum auch? Dachte sie etwa, ich würde mit jedem einfach so mitgehen. „Bitte.“ Sie nahm meine Hand und zog mich zu einer Tür, die sie mit einem letzten Blick in beide Richtungen aufzog und mich hineinschubste. Ich musste mehrfach blinzeln als sie das Licht in dem finsteren Raum anmachte. Wir befanden uns in einer Abstellkammer. Unzählige Kisten, große und kleine, waren ordentlich an den Wänden aufgestapelt. Die Schrift darauf war so unordentlich, das ich sie nicht entziffern konnte. Das Mädchen setzte sich auf eine der Kisten und ich tat es ihr gleich. Wir saßen uns jetzt gegenüber und waren uns so nahe, dass sich unsere Knie berührten. Das Schweigen wurde langsam unerträglich. „Wer bist du?“, durchbrach ich schließlich diese Stille. Sie lächelte. „Ich heiße Amelia.“
„Du bist…“
„Krank.“, unterbrach sie mich. Ich nickte. „Es tut mir so leid.“ „Bitte erspar mir das.“, sagte sie mit schroffer Stimme und ihre Augen blitzten dabei wütend auf. Ich konnte sie gut verstehen. Ich hatte Mitleid auch immer gehasst und jetzt tat ich es nun selber. Genauso wie bei Lucas gestern. Ich biss mir auf die Unterlippe und holte tief Luft. „Was willst du von mir?“ Sie schaute mich eine Weile schweigend an. „Ich will dir helfen.“ Ich runzelte die Stirn. „Helfen? Wobei denn?“ Sie strich sich das braune Haar zurück. „Du kannst hier nicht mehr bleiben. Du musst in Sicherheit und das so schnell wie möglich bevor sie so richtig anfangen mit ihren bescheuerten Tests.“ Sie spuckte das Wort „Tests“ mit so viel Hass aus, dass ihre Augen vor Wut funkelten. „Tests?“ Was weiß Amelia darüber? „Ja, sie dürfen nichts über dich und die Anderen erfahren. Dein Arztbesuch heute mit deiner hohen Temperatur und dem fehlenden Herzschlag hat schon genug Fragen aufgeworfen. Jetzt werden sie nicht mehr locker lassen.“ Ich blinzelte. „Aber warum wäre das denn so schlimm? Vielleicht könnten sie mir irgendwie helfen.“ Amelia´s Augen weiteten sich schlagartig. „Nein, nein. Du musst hier verschwinden so schnell wie möglich. Wenn dir dein Leben lieb ist.“, setzte sie noch hinzu und mein Magen zog sich bei ihren Worten zusammen. „Du meinst sie würden mich umbringen?“ Sie zuckte die Schultern. „Möglich wäre es.“ Ihre Stimme klang so gleichgültig, das ich schlucken müsste. Als wäre es nichts mehr Besonderes. „Bei unseren Tests haben sie es schließlich auch gemacht.“, flüsterte sie und schlang die Arme um ihren dürren Körper als müsste sie sich schützen. „Was?“ Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme schrill klang. „Ein paar müssen nun einmal geopfert werden um hunderte zu retten.“ Ich konnte sie nur anstarren. Ihre Worte ergaben Sinn dennoch konnte ich es immer noch nicht so richtig fassen. Das Mädchen erhob sich schließlich und schaute auf mich herab. „Du solltest gehen. Wenn July früher als geplant kommt und du nicht da bist, dann hast du ein Problem.“ Ich starrte sie an. Das konnte nicht sein. „Woher weißt du…“ Sie lächelte mich traurig an. „Ich hoffe du nimmst dir meine Warnung zu Herzen, Katy.“ Und mit diesen Worten verschwand Amelia und ließ mich mit tausend Fragen allein zurück.
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