Read the book: «Suzanne»
Levi Krongold
Suzanne
Eine Liebestragödie korsischen Ausmaßes
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Roman
Vita
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Roman
Levi Krongold
Suzanne
Es läuft nicht gut zwischen dem Schriftsteller Roy Ronfeld und seiner Frau. Gar nicht gut.So entwickelt sich der gemeinsame Familienurlaub zu einer Dauerkrise. Grund genug für Roy dem Alltag zu entfliehen, indem er sich in seine Fantasiewelt flüchtet, denn dort wartet Suzanne, seine Romanfigur auf ihn. Sie hat nicht nur seinen gegenwärtigen Roman inspiriert, sondern auch sein Herz erobert.Das macht die Situation jedoch nicht leichter, insbesondere wegen der Leiche im Wald mit der Roy unvermittelt konfrontiert wird… und der merkwürdigen Beziehung des Opfers zu seinem neuen Romanwerk
Vita
Levi Krongold wurde 1955 in Stuttgart geboren.
Er praktizierte lange Zeit als Arzt in Bonn und Berlin. Neben seinem Beruf ist er als Sachbuchautor und seit der Jahrtausendwende auch als Autor mehrerer futuristischer Romane in der Öffentlichkeit bekannt geworden.
Weitere Informationen gibt es unter: www.krongold.net
WIDMUNG
Meiner geliebten Suzanne
1
»….Ihre langen, dunkelbraunen Haare reflektierten den leichten Rotschimmer der untergehenden Sonne. Sie schaute, zusammen-gekauert, die Arme um die Knie gelegt, geistesabwesend hinunter auf den Strand und ließ es sich gefallen, dass er ihre hüftlangen Haare leicht mit den Lippen berührte, während er ihren Duft in sich aufsog. Mit einer Hand schob er ihr Haar, hinter ihr kauernd, sanft mit einer zögerlichen Bewegung aus dem Nacken, so dass es seitlich über die Schulter nach vorne fiel und ihren schlanken Hals freigab. »Was machst du da?«, lachte sie mit einer angedeuteten überraschten Drehung des Kopfes in seine Richtung. Er hielt ihre Schultern mit beiden Händen fest während sie, statt sich ihm zu entwinden, willig den Kopf ein wenig nach vorne beugte, so dass er seinen warmen Atem über ihren nackten Hals blasen konnte. »Das kitzelt«, lachte sie und drehte sich halb zu ihm um. Ihre warmen, dunkelbraunen Augen schauten ihn belustigt an. Die ausdrucksstarken Augenbrauen konnten nicht verbergen, dass sie nicht wirklich protestierte. Es war mehr eine gespielte Abwehr. Sie ließ sich zurückgleiten und machte es sich wohlig an seiner Brust bequem, während er die Wärme ihres jungen Körpers in sich aufnahm wie ein trockener Schwamm das Wasser. Er umfasste sie von hinten und strich ihr leicht über ihre festen Brüste, die unter ihrer seidenen weißen Bluse kleine feste Spitzen bildeten. »Nicht«, protestierte sie. »Suzanne«, flüsterte er. »Nicht Levi, nicht jetzt.« »Ich liebe dich Suzanne«…
*
»Roy!«
»Verdammt, nicht jetzt!«
»Roy, komm doch bitte mal und hilf mir!«
»Ich schreibe. Stör mich jetzt nicht!«
»Muss ich denn immer alles machen? Roy, ich muss die Maschine noch ausräumen! Trag doch mal das Geschirr auf den Tisch.«
»Ja, ja!«
Er versuchte den Faden wieder zu finden und überflog die letzten Zeilen.
»Ich liebe dich Suzanne!«, raunte er ihr ins Ohr, während ihn das Verlangen nach einer Wiederholung der wunderbaren Berührung...«
»Roy! Kannst du nicht mal mit dem dämlichen Schreiben aufhören? Ich hab mir unseren Urlaub anders vorgestellt!«
»Ich auch!«, bellte er zurück, sah aber die Vergeblichkeit ein, den Text weiter zu schreiben. Wieso war er nicht wie angekündigt allein verreist? Wieso musste er immer anderen zuliebe auf seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse verzichten?
Seine Frau, Iris, fluchte lautstark in der Küche und rief jetzt nach ihren beiden Töchtern, die wie immer mit anderen Dingen beschäftigt waren, als ihre Mutter freiwillig zu unterstützen. Die ältere, Sonja, pubertierte mit ihren 13 Jahren gerade heftig vor sich hin, während die anderthalb Jahre jüngere, jungenhaftere Marie draußen mit dem Fußball gegen das Ferienhaus ballerte.
Bum, bum, bum.
»Marie, hör endlich mit dem Gebumse draußen auf und hilf deiner Mutter!«, schrie er aus dem kleinen Holzfenster, welches sich zum Campingplatz heraus öffnete und den Blick auf eine Reihe ordentlich nebeneinander aufgereihter, gleichförmiger Holzhäuschen freigab, mit angedeuteten Vorgärtchen und Stühlchen und Tischchen und Grillecke und Wäscheleine und Abstellplatz für den PKW. Die Horroridylle vom Spießer-Valley am Woblitzsee.
»Sonja hilft ja auch nicht!«, kam es prompt retour.
Wütend schob er den kleinen Laptop, den er auf Reisen zum Schreiben benutzte, zur Seite.
»Sonja, verdammt noch mal, hörst du nicht, dass Mutti ruft?«
Seufzend erhob sich Roy Ronfeld von seinem improvisierten Arbeitsstuhl, einer hochkant gestellten Transportkiste für Schwimmzeug und ähnliches vor dem Fensterbrett des kleinen Schlafraumes für die Eltern, das als Ablage für den PC diente. Er wuchtete sich über einen sorglos abgestellten Koffer zur Tür, um in den Wohnraum zu blicken. Sonja lag auf dem Sofa, ließ ihre schlanken langen Beine über der Lehne im Takt der Musik wippen, die großen weißen Kopfhörer übergestülpt. Selbst von der Tür aus konnte man den eintönigen Rapp deutlich hören, der den Kopfhörern entströmte. Unter den Ohrmuscheln musste das Inferno herrschen. Konnte denn heute niemand mehr richtig singen? Mit einem Satz war er bei ihr und zog ihr die Kopfhörer von den Ohren.
»Hörst du nicht, dass Mama ruft?«
Sonja blickte erstaunt auf.
»Was is'n los?«, fragte sie mehr erstaunt als verärgert und schaute ihn mit ihren hellblauen Augen unschuldig an.
»Du machst dir nochmal die Ohren kaputt mit deinem Krach. Stell die Dinger mal leiser. Mama ruft, dass du die Spülmaschine ausräumen sollst.«
»Hat sie das?«
Hat sie eigentlich nicht.
»Ja!«, log er sauer über soviel Gleichgültigkeit.
»Du sollst die Geschirrspülmaschine ausräumen und den Tisch decken.«
»Und Marie?«
»Marie, Marie, Marie! Was spielt das für eine Rolle?«
Bum, bum, bum.
»Na typisch, Marie darf immer alles und ich muss helfen!«, gab sie eingeschnappt von sich.
»Nun hör aber auf.«
»Und du, warum hilfst du nicht?«, gab sie zickig zurück, denn nun war sie bereits wieder in ihrer gewohnten Rolle. Zickenkrieg.
»Ich schreibe!«
»Na klar, seh ich!«
»Roy, ist der Tisch gedeckt?«
Sonja grinste ihn breit an.
»Heiß ich Roy?«
»Scheiße!«, brüllte er los. »Reicht es nicht, dass ich Tag und Nacht arbeite und das Geld verdiene! Muss ich noch in den Ferien für euch den Hampelmann machen?«
»Du hast es gerade nötig!«, erschien nun Iris in der Tür.
»Wenn hier einer für alles zuständig ist, dann bin ich das. Dass ich neben der Arbeit noch den Haushalt mache, die Wäsche, die Kinder versorge.«
»Na klar, die 4 Stunden Arbeit, am Tag, bringen dich auch glatt um!« Iris hatte seit einiger Zeit wieder einen Halbtagsjob als Pflegehelferin.
»Und dass du keine Putzfrau ins Haus lässt, bist du selbst Schuld!«
»Wovon denn? Hast du Geld übrig?«
»Nö, nicht schon das wieder«, schaltete sich Sonja ein.
»Tu nicht so, als wenn es uns an etwas fehlte. Du tust immer so, als wenn wir am Verhungern wären«, brüllte er zurück.
Bum, bum, bum.
»Marie, hör endlich mit dem Ball auf!«, schrie er und rannte wutschnaubend zur Tür.
»Nicht so laut! Sollen denn alle mitkriegen, dass wir uns dauernd streiten?«
»Sollen sie doch! Marie, komm sofort rein. SOFORT!«
»Was riecht denn das hier so angebrannt?«, erkundigte sich Sonja naserümpfend.
»Oh, nein!«, schrie Iris und verschwand in der Küche.
»Das Omelett, total angebrannt!«, hörte er sie aus der Küche rufen, während er das Geräusch eines aufklappenden Fensters vernahm.
Sonja bewegte ihren Pariser Luxuskörper schwungvoll vom Sofa und schlenderte interessiert zur Küche.
»Pah, hier stinkt's«, meldete sich eine völlig verdreckte Marie zu Wort, während sie ihren matschigen Ball achtlos auf den Boden kullern ließ. Es hatte gerade wieder einmal wie aus Kübeln gegossen, wie schon in den letzten beiden Tagen seit ihrer Ankunft.
»Mama hat das Omelett verbrannt!«, gab Sonja schulterzuckend in ihre Richtung zurück.
»Iiiiih, was gibt es denn jetzt zu essen?«
»Ich geh Pizza essen!«, brummte er, setzte sich jedoch unentschlossen auf den einzigen freien Sessel, der nicht mit abgelegten Kleidungsstücken belegt war.
»Ich hab es satt!«, schrie Iris aus der Küche. »Ihr könnt euren Scheiß alleine machen!« Etwas Metallenes schepperte lautstark an die Wand und klapperte dann zu Boden.
Sonja zog den Kopf ein und machte eine wedelnde Bewegung mit der Hand. »Weia!«
Er seufzte, erhob sich langsam und schlurfte zur Küche. Iris hatte sich mit beiden Händen auf die Spüle gestützt und schluchzte. Der Inhalt der Pfanne klebte jetzt an der gegenüberliegenden Wand und dem Küchentisch, während die Pfanne irgendwo neben dem Mülleimer liegen geblieben war.
Die Kinder hatten sich hinter ihm in der Tür versammelt.
»Lass uns nach Hause fahren!«, schlug er vor.
»Och, nö, wir sind doch gerade angekommen!«, maulte Marie und drängelte sich durch, um die Pfanne aufzuheben, nicht ohne dabei Teile des über den Küchenboden verteilten Omeletts platt zu treten.
»Lass mal, ich mach das schon«, schob er sie zur Seite.
Sie gingen dann doch noch Pizza essen, wie an den Tagen davor.
Es war nicht zu leugnen, dass ihre Ehe nicht gut lief. Es war nicht einmal ein stummes Miteinander, sondern es war ein stummes sich aus dem Weg gehen. Er setzte sich am nächsten Morgen auf den Holzblock unter dem Vordach des Ferienhauses, der zum Holzspalten aufgestellt worden war, und schaute in den Regen.
Die Tasse kalten Kaffee vom Morgen zitterte leicht in seiner Hand, während er die Zelte und Wohnwagen unter den Kiefern betrachtete, die ebenfalls zum Campingplatz gehörten.
Iris und die Kinder hatten sich Regenstiefel und Regenjacken angezogen, um zum See hinunter zu gehen. Er hatte es vorgezogen, hier zu bleiben und das vorwurfsvolle »Kommst du mit!?« seiner Frau mit einem stummen Kopfschütteln verneint. Sie hatte sich mit hochgezogenen Augenbrauen abgewandt und die Kinder im barschen Ton aufgefordert, sich anzuziehen. »Papa will nicht!« Ausrufezeichen. Es war ihr anzusehen, dass sie beleidigt und frustriert seine Weigerung, dieses Elend gemeinsam zu ertragen, zur Kenntnis genommen hatte. Er seufzte, angesichts der Hoffnungslosigkeit, die jetzige Situation zum Besseren zu wenden. Es lief ja auch körperlich nichts mehr zwischen ihnen. Sie hatte ihre Bedürfnisse mit einer übergroßen, fast fanatischen Fürsorge für die Kinder kompensiert, achtete streng darauf, dass sie entweder wesentlich früher oder aber meistens wesentlich später ins Bett ging, so dass einer von beiden mit Sicherheit bereits schlief, wenn der Partner ihm folgte. Die wenigen Versuche seinerseits, mit ihr ins Gespräch zu kommen, endeten immer wieder in einem Ehestreit, bei dem er nie das letzte Wort hatte, da sie zu einer endlosen Wiederholungsschleife ihrer Vorwürfe neigte, in die sie sich immer weiter hineinsteigerte. So hatte er es inzwischen vorgezogen, nach einigen Sätzen zu schweigen, wenn sich eine Wiederholung des Dramas andeutete, wie er ebenso aufgegeben hatte, von ihr einen Schritt in Richtung eines Schlichtungsversuches zu erwarten. Sie verharrte in ihrer beleidigten Ablehnung ihm gegenüber und dem Bedauern über ihre selbst auferlegte Märtyrerrolle. Natürlich stand es finanziell nicht mehr so schlecht wie zu der Zeit, bevor sie ihre jetzige Stellung angenommen hatte. Doch im Geld schwammen sie auch nicht gerade, zumal die Ansprüche der beiden Kinder immer größer wurden, um im Vergleich mit den Schulfreunden nicht allzu weit zurückstehen zu müssen. Sein Job als Korrektor eines kleineren Verlages brachte gerade soviel, dass sie einigermaßen über die Runden kamen, sich auch einige Urlaube leisten konnten. Doch die Vorauszahlungen und Tantiemen seiner bisherigen Versuche als Buchautor deckten kaum die Kosten. Auch der gegenwärtige Roman, über eine schwierige Liebesbeziehung zwischen einem alternden Mann und einer jungen Frau, »Suzanne«, steckte irgendwie fest. Zwar hatte er eine kleine Vorauszahlung erhalten, erstmalig, dafür aber auch einen fixen Termin, an dem das Manuskript abzugeben sei war, und der rückte unaufhaltsam näher, ohne dass ein Ende der Schreibarbeiten abzusehen wäre. Umso drängender war sein Bedürfnis, seine Kreativität ungestört von häuslichen Querelen ausleben zu können. Eine Tatsache, die bei Iris keinerlei Verständnis hervorrief, abgesehen davon, dass sie nie auch nur einmal eines seiner Manuskripte zu lesen wünschte. Diese Seite seiner Persönlichkeit war bei ihr aus irgendeinem Grunde völlig ausgeblendet. Er schlürfte ein wenig an dem kalten Kaffee und goss dann den Rest angewidert in die Tannennadeln auf dem matschigen Waldboden, wo er der langsam versickernden braunen Pfütze sinnend nachschaute. Dann erhob er sich mühsam und schlurfte zu seinem PC zurück.
2
»Ich liebe dich Suzanne!«, raunte er ihr ins Ohr, während ihn das Verlangen nach einer Wiederholung der wunderbaren Berührung..., der wunderbaren....«. Nein. Er strich den letzten Einschub wieder.
»Ich liebe dich Suzanne!«, raunte er ihr ins Ohr. Sie hob ihre beiden Arme über ihren Kopf und umfasste seinen Hals, legte den Kopf zurück und spitzte ihre vollen Lippen. »Küss mich, Cherie!« Er beugte sich nach vorne und versuchte, ihre Lippen zu erreichen, was nur mit Mühe gelang, so dass sie sich lachend in seinen Armen umdrehte und ihn mit leuchtenden Augen anschaute. »Du bist so süß«, lächelte sie.Er zog sie an sich, was sie willig geschehen ließ. Ihr warmer Mund schmiegte sich verlangend auf seine Lippen, doch entzog sie sich ihm, als er ihre Zunge suchte. Sie legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. »No, no!«, wies sie ihn mit gespieltem Ernst zurecht. »Die Regel?«, bemühte er ein Grinsen.Sie lachte hell auf und erhob sich schnell. Mit etwas Mühe, seine steif gewordenen Glieder zu ordnen, raffte er sich auf, um ihr zu folgen. Ihre spielerische Art, ihn anzulocken, um ihn kurz darauf wieder abzuweisen, verwirrte und verunsicherte ihn. Er ergriff ihre ausgestreckte Hand, die sie ihm hilfreich entgegenstreckte, und lächelte gequält. »Lass uns gehen, mir wird kalt«, bat sie und zog ihn bereits mit sich, den ausgetretenen Fußweg zurück, den sie hierher gekommen waren. Er ließ sich von ihr führen bis sie wieder unten am Strand angekommen waren, der sich kilometerlang hinzog. Die gerade hinter dem Horizont verschwundene Sonne malte bizarre, rotviolette Formen in die wenigen zarten Wolken des Abendhimmels. »Kommst du noch zu mir?«, wagte er nochmals einen vorsichtigen Vorstoß. »Ich weiß nicht, heute vielleicht lieber nicht.«Enttäuscht wandte er sich ab und betrachtete das Meer, das in leisen, zarten Wellen an den Strand schlug. »Schade!« »Sei nicht traurig, Mon Amour, ich kann nicht heute, irgendwie.« »Ist schon okay, verzeih mir, ich will dich nicht bedrängen. Ich bin so froh, dass du bei mir bist.«Sie stellte sich dicht vor ihn und umklammerte seine Taille. »Küss mich, bitte.«Er beugte sich ein wenig zu ihr herunter, da sie gut einen Kopf kleiner war als er, und versank in einen warmen intensiven Kuss.
Nachdem er sie noch zur Tür ihrer Wohnung in der Altstadt von Algajola neben dem 'Place de L'Eglise' gebracht hatte und sie sich ihrer gegenseitigen Zuneigung versichert hatten, schlenderte er ziellos durch die natursteinmauernen Sträßchen, die durch antike Laternen spärlich beleuchtet waren, bis hinunter zu seinem Hotel.Sie hatten sich versprochen, einander nicht mehr von sich zu erzählen, als für ihr zwangloses Zusammensein unerlässlich wäre. Keine Fragen über ihre Herkunft, über die Umstände des Hierseins. Sie hieß Suzanne und er Levi, ohne Vergangenheit und damit basta.Dennoch hatte er heimlich nach einem Türschild des Hauses geschielt, in dem sie wohnte, freilich ohne eines finden zu können, da die wenigsten Häuser von Algajola Türschilder aufwiesen. Niemals hatte sie ihn gebeten, weiter als bis zur Türe zu kommen. Stets hatte sie sich eher hastig verabschiedet, ja, sie schien ihn leicht, aber entschieden zurückzustoßen, wenn sie sich trennten und sie die steinerne Außentreppe zum ersten Stockwerk hoch eilte.Niemals hatte sie Fragen zu seinem Ehering gestellt, den er am ersten Tag ihrer Begegnung nicht abgelegt hatte. Jetzt lag er freilich in einer Schublade in seinem Hotelzimmer und er fand, dass er ihn viel eher hätte ablegen sollen, da er bereits Monate wie Blei an seinem Finger hing.Fast sieben Tage waren seit ihrer ersten Begegnung vergangen. Sie war auf einmal da gewesen, wie ein Blatt, dass der Wind heranträgt. Sie war plötzlich in sein Leben getreten, ohne Aufsehen, ohne Umstände. Ein Blick in einem kleinen Souvenirladen, über eine Auslage überflüssiger Mitbringsel, bunter Ledertaschen, Badetücher und anderem Schnickschnack hinweg. Ein Blick und ein angedeutetes Nicken, als sie ihm fragend eine Strass besetzte Sonnenbrille präsentierte, da kein Spiegel in Sichtweite war. Er wollte ihr die Brille schenken, was sie entschieden ablehnte, doch schlug sie ihm vor, einen Espresso im angrenzenden Straßencafé zusammen zu trinken. Ihr schlankes ausdrucksvolles, fast noch ein wenig mädchenhaft wirkendes Gesicht, die langen dunklen Haare, die wie ein wallender Schleier ihren Rücken bedeckten, die markanten Augenbrauen und ihre zarte Gestalt entsprachen so sehr seinem Wunschbild einer Frau, dass er sein Glück gar nicht fassen konnte. Er schätzte sie auf irgendwas zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, also etwa nur halb so alt wie er selbst. Das Gespräch entwickelte sich ganz von selbst, Kleinigkeiten, ohne Belang, doch es floss ohne Hindernisse und peinliche Pausen. So verabredeten sie sich für den nächsten Tag zur selben Zeit. Die Stunden bis zu ihrem zweiten Zusammentreffen waren erfüllt von Zweifel und Erwartungsängsten. Schlaflos wälzte er sich Stunde um Stunde in seinem zu weichen Hotelbett, simulierte Gespräche, fantasierte erotische Szenen. Bald glaubte er, sie würde ihn ohnehin versetzen und habe nur einen Schabernack mit ihm getrieben. Was wollte eine attraktive Frau mit ihm, dem alternden Noch-Ehemann aus einer kaputten Beziehung anfangen? Was hatte er ihr zu bieten, außer traurigen Geschichten? Taugte die Begegnung zu einem unverfänglichen Urlaubs-Rendezvous?Waren nicht Enttäuschungen vorprogrammiert? Dann tadelte er sich selbst wegen seines fehlenden Draufgängertums. Mein Gott, was war aus ihm geworden? Wo war die alte jugendliche Unbekümmertheit geblieben, die unbegründete jugendliche Gewissheit, dass er nur mit dem Finger zu schnipsen brauchte, um das Objekt seiner Begierde flachzulegen? Der Drang, allen Widerständen zum Trotz bei ihr zu landen, auf Teufel komm raus, selbst wenn gebrochene Herzen die Folge sein konnten. Dies, gestand er sich ein, diese fehlende unverbrauchte jugendliche Arroganz war es, die das wahre Altern ausmachte. Nicht die paar Malaisen, die der Körper nach und nach aufwies, die Blessuren, die nur unzureichend regeneriert waren. Es waren die Schnitte in seiner Seele, die nicht heilen wollten, die Verletzungen durch unzählige Demütigungen und Enttäuschungen, die ihn zerbrochen hatten. So in Selbstmitleid gefangen überkam ihn schließlich ein unruhiger Schlaf, aus dem er mehr ermattet als erfrischt erwachte.Am nächsten Morgen jedoch strahlte ihm die mediterrane Sonne freundlich entgegen. Die Blumen versuchten, ihn mit ihrem betörenden Duft zu entschädigen und seine Stimmung schwang sich langsam mit den schwirrenden Mauerseglern in die Höhe. Sie hatten sich in demselben Café verabredet wie am Tage zuvor, das er schon eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt wie eine Raubkatze umschlich. Als er es überdrüssig wurde, von einem Souvenirladen zum nächsten zu ziehen, immer wieder zum Café zurückkehrend, setzte er sich schließlich doch, bestellte sich einen 'Café o lait' und rührte ihn nicht an. Stattdessen fixierte er die Passanten. Sonnengebräunte, ältere Touristen in Strandlatschen und Bermuda Shorts, die die ödematösen Fußknöchel oder fingerdicke Krampfadern freiließen, dahin watschelnde dickbäuchige Männer und Frauen, mondäne Damen, die teuren Autos entstiegen und gezierte Wangenküsse austauschten. Gelangweilt daher schlendernde Einheimische in der den Korsen eigenen Müßigkeit, Frauen, die ihre schreienden Kinder aus dem benachbarten Kindergarten abholten und ausschimpften. Zulieferer der angrenzenden Geschäfte, die mit ihren Lastwagen hemmungslos die parkenden Fahrzeuge blockierten und sich auch durch das wütende Hupen ihrer Besitzer nicht aus der Ruhe bringen ließen. Er liebte diese Szenarien und gleichzeitig konnte er den Blick nicht von seiner Uhr lassen, deren Zeiger nur im Schneckentempo auf die vereinbarte Stunde zukrochen. Die Kirchenglocke der kleinen benachbarten Kapelle erlöste ihn schließlich mit dem Mittagsgeläut von seiner Pflicht, seine Armbanduhr in Anspruch nehmen zu müssen und als er dann doch einen Schluck seines schon kalten Kaffees zu sich nahm und wieder aufblickte, stand sie plötzlich vor ihm. »Oh, ich habe Sie gar nicht kommen sehen!«, sprang er auf und warf dabei beinahe seinen Stuhl um. »Habe ich mich verspätet?« »Oh nein, ganz und gar nicht. Schön sehen Sie aus!« »Danke!«, lächelte sie verlegen und als sie ihm die traditionellen zwei angedeuteten Küsschen auf die Wangen gab, raubte ihm ihr betörender Duft fast den Atem. »Du, bleiben wir beim Du?« »Entschuldige, ja. Ich bin ganz verwirrt, dich zu sehen!« »Waren wir nicht verabredet?«, fragte sie mit großen Augen. »Nein, doch, nein, das meine ich nicht. Sie, du bist noch schöner als gestern.« »Ich bitte dich, du machst mich verlegen.« Sie errötete leicht und er bemerkte, dass sie das Kompliment ein wenig unsicher zu machen schien.Sie setzten sich beide wieder und sahen sich eine Weile lächelnd, aber schweigend an. Es schien nun schwierig, die gestrige Unbefangenheit wiederherzustellen. Dies hier war etwas anderes, etwas Größeres. »Wo stammt ihr her, von hier, aus Korsika?« »Oh, no, no. Unsere Familie stammt aus Dijon. Doch meine Tante und mein Onkel leben hier und besitzen ein kleines Hotel oben in Corbara. »Sie sprechen gut Deutsch, fast ohne Akzent. Ich glaubte, Sie seien aus Deutschland.« »Du!«,korrigierte sie ihn lächelnd. Erst schaute er verwirrt, bis ihm auffiel, dass er sie schon wieder gesiezt hatte. »Mein Vater stammt von hier, lebte aber seit meiner Kindheit in der Schweiz, wo ich lange gewohnt habe und auch zur Schule gegangen bin. Meine Mutter ist aus Dijon. Aber lass uns nicht zu viel von der Vergangenheit reden. Betrachten wir die Gegenwart.«Er nickte erleichtert, weil ihm damit erspart blieb, langwierige Erklärungen abgeben zu müssen, weshalb er ohne Familie allein nach Korsika gereist war. »Du hast recht, es ist wunderschön hier. Ich liebe diese Straßencafés.« »Ich bin ziemlich oft hier. Wenn du mich also treffen möchtest, hast du eine gute Chance, mich hier zu finden«, lächelte sie. »Du wohnst oben in Corbara?«Ihre Miene verfinsterte sich. »Manchmal ja, aber ich bin lieber hier unten. Eine Tante hat hier ein kleines Appartement. Wenn es nicht vermietet ist, kann ich es benutzen.« »Nun, es wäre auch ziemlich beschwerlich, nach oben auf den Berg zu gehen, das Dorf liegt ja fast oben auf der Spitze.« »Mit dem Auto ist es kein Problem, wenige Minuten, aber ich habe kein Auto und das ist auch besser so.« »Weshalb?«, wunderte er sich. Sie machte eine kleine nachdenkliche Pause. Dann änderte sich ihre Miene plötzlich zu einem schelmischen Grinsen. »Man wird zu fett, man bewegt sich zu wenig, wenn man immer nur mit dem Auto fährt.« »Da brauchst du dir, glaube ich, keine Sorgen zu machen«, lächelte er charmant. »Oh, sag das nicht. Ich esse nur Salat, sonst sähe ich bereits aus wie meine Tante. In unserer Familie sind alle über vierzig fette Matronen geworden.«Vor dem Café knatterte ein Motorroller heran, auf dem ein massiger Fahrer saß mit silbernem Helm und schmuddeligem blaugestreiften T-Shirt, dass seinen Schmerbauch nur knapp bedecken konnte. Er parkte das Gefährt unter einer Platane am Straßenrand. Suzanne schrak auf und drehte sich ein wenig zur Seite und damit dem Fahrer den Rücken zu. Levi blickte erstaunt auf. Der Fahrer nahm den Helm ab und verstaute ihn unter der Sitzfläche, die er dazu hochgeklappt hatte. Dann watschelte er gemächlich auf die andere Straßenseite. Sie atmete erleichtert auf. »Was war?«, fragte er irritiert. Sie neigte sich vor und flüsterte in verschwörerischem Ton: »Das ist ein Freund meines Onkels. Er sollte mich besser nicht hier sehen.« »Weshalb?«Sie lehnte sich zurück und betrachtete die wenigen Wolken am Himmel. »Lass uns besser woanders hingehen. Es ist nicht schicklich für eine unverheiratete Frau, sich hier mit einem fremden Mann zu treffen, fürchte ich.« Verwundert schaute er sie an. Sie lächelte verlegen und zuckte wie ein kleines Kind, das einen Regelverstoß begangen hatte, aber ihn nicht ungeschehen machen kann, entschuldigend mit den Schultern. »Wenn du möchtest!«, gab er etwas konsterniert zurück, legte einige Münzen auf den bereit gestellten Teller mit der Rechnung und half ihr galant beim Aufstehen. »Gehen wir zum Strand hinunter«, schlug er vor. »Ja, da kenne ich eine schöne ruhige Ecke«, freute sie sich und hakte sich ganz zwanglos bei ihm unter. Etwas verlegen über ihre ungewohnte Nähe verkrampfte er sich innerlich ein wenig, doch er spürte, wie sie sich mühelos seinem Rhythmus anpasste und in seinen Schritt einstimmte. Er fühlte sich an sein allererstes Rendezvous in seiner Jugendzeit erinnert, auch an die besseren Jahre seiner Ehe, wo ein derartiges zusammen Gehen bedeutete, dass man ein Paar war und dies auch zeigte, weil man jetzt »zusammen ging«. Er wartete den kurzen Weg zum Strand hinunter auf eine Erklärung ihres merkwürdigen Verhaltens, doch sie nahm den Faden nicht wieder auf, sondern machte kleine witzige Bemerkungen über die Menschen, denen sie begegneten, erklärte ihm die Besonderheit einer unscheinbaren Kapelle am Strand und einige Geschichten der Bewohner in den Häusern, die ihr bekannt waren. Kleine boshafte Geschichten von Menschen, die ihr Dorf, ihre Insel niemals verlassen hatten, wie von der Witwe eines kleinen Hauses nahe des Kastells aus der Genuesazeit, von deren Balkon der Kopf einer selbstgebastelten Puppe hinunter starrte, um das Haus vor Einbrechern und bösen Geistern zu schützen. Rührende Geschichten von einfachen und einfältigen, aber gutmütigen Menschen. Schließlich balancierten sie über den zu merkwürdigen Formen ausgewaschenen Granit am Fuße des Kastells, um auf einer massiven Felsplatte halt zu machen, die bis nahe ans Wasser reichte und von kleinen Wellen umspült wurde. Um die Mittagszeit brannte die Sonne unbarmherzig auf den Stein, so dass die Luft darüber zu flimmern begonnen hatte. Deshalb suchten sie im Schatten unter einem vom Wind gebeugten Feigenbaum Schutz und Deckung. Vom Dorf her war dieser Ort wirklich kaum einzusehen, wenn man nicht wie einige wenige sonnenhungrige Touristen auf den Steinen sonnenbaden wollte. Einheimische mieden ohnehin die Strände und Touristenecken, wie er festgestellt hatte. »Weshalb willst du nicht gesehen werden?«, brach es jetzt aus ihm heraus. Sie schaute ihn kurz und wie es schien unschlüssig an, beugte sich dann über ihre angewinkelten Knie und bedeckte ihre Füße, die in zierlichen Sandaletten steckten, mit den Händen. »Weißt du, man ist hier noch recht konservativ. Es gibt unausgesprochene Normen, alter Kram von vor 200 Jahren, die noch nicht überwunden sind. Die Zeit ist hier teilweise etwas stehen geblieben.« »Du meinst, wie sich eine Frau zu verhalten hat?« Sie nickte und lächelte ihn mit ihren vollen Lippen an. Er glaubte in ihren Augen einen schelmischen Trotz zu entdecken, der andeutete, was sie von dieser Art von Norm dachte. »Aber die Touristen?«, fragte er mit Blick auf eine barbusige Frau, die ungehemmt nahe eines Strandrestaurants auf dem Felsen schmorte. »Die Touristen sind das eine, für sie gilt vieles nicht. Im Gegenteil, sie sind eine Gelegenheit für die Männer, mal einen Blick zu riskieren, der ihnen zuhause verboten wäre.« Er nickte. Diese Einstellung kannte er auch aus dem katholischen Sizilien. War es ehrenrührig einer Einheimischen ohne Duldung der Eltern oder Verwandten zu nahe zu treten, so betrachteten sie andererseits die Touristinnen als sexuelles Freiwild. Während das eine zu Ehrenmorden und langjährigen Familienfeden führen konnte, war das andere zumindest für die Männer ein Sport, der von ihren Frauen zwar nicht gern gesehen wurde, aber auch nicht verhindert werden konnte.
Allerdings kam es nicht selten vor, dass eine besonders blonde und naive junge Touristin auf merkwürdige Weise und für immer verschwand. »Dein Onkel darf nicht wissen, dass du dich mit mir triffst?«Sie zog einen Schmollmund. »Meine Tante, mein Onkel lebt nicht mehr. Es wird wohl nicht zu verhindern sein, dass sie es früher oder später erfährt, hier kennt jeder jeden.« »Aber bist du nicht eine erwachsene Frau, die selbst entscheiden kann, was sie tut oder will?« »Natürlich, deshalb treffe ich mich auch mit dir. Doch es ist einfacher, wenn sie es eher später als früher erfährt.« »Soll ich offiziell um deine Hand anhalten?«, spottete er. Wieder erwarten erwiderte sie seinen Spott nicht, sondern ihre Augen glänzten plötzlich feucht und sie schluckte. «Würdest du das wollen?«Er rückte näher an sie heran und wagte es, seinen Arm um ihre Schultern zu legen. »Du bist die schönste Frau, die ich je gesehen habe und ich würde alles geben, deine Liebe zu gewinnen.«Sie neigte leicht ihren Kopf auf seinen Arm und er fühlte, wie eine warme Träne über seine Haut lief. »Der Preis könnte höher sein, als du glaubst, Levi!« »Entschuldige, ich wollte dich nicht traurig machen«, beschwichtigte er verunsichert. Was trug diese Frau für eine Last mit sich, die sie nicht offenbaren konnte? Unversehens bekam ihr Zusammensein eine Schwere, die ihn unruhig machte. »Magst du darüber reden?«, fragte er vorsichtig.Sie schüttelte nur stumm den Kopf. »Tut mir leid, Levi, ich wollte unser Treffen nicht belasten. Es ist so über mich gekommen. Reden wir nicht mehr davon. Halt mich einfach ein wenig fest.«So blieben sie einige Zeit reglos sitzen und blickten in die glitzernden kleinen Wellen, die sich am Stein brachen.Er spürte die Wärme ihres Körpers in den seinen strömen, badete in ihrem Geruch, spürte ihre kleinen schnellen Atemstöße, ihr williges Nachgeben auf jeden angedeuteten Druck seines Armes, die Berührung ihrer Schulter mit seiner Hand, mit der er diese leicht und vorsichtig streichelte.Doch gleichzeitig war es, als ob er etwas bekommen hätte, was nicht ihm gehörte, was er nicht besitzen konnte. Eine Glückseligkeit vermischt mit unendlicher Hoffnungslosigkeit. »Ich muss jetzt gehen!«, entschied sie und entzog sich sanft seiner Umarmung. »Darf ich dich heute Abend zum Essen einladen?«, schlug er vor. Sie drehte sich schnell zu ihm um, der Ausdruck ihres Gesichts hatte sich plötzlich gewandelt. Wo er eben noch tiefe Traurigkeit verspürte, trat nun das verführerische Lächeln eines jungen Mädchens hervor. »Das wäre schön, Levi. Aber heute Abend geht es leider nicht. Lass uns für morgen verabreden!« Ein wenig enttäuscht stimmte er schnell zu. So verabredeten sie sich in einer etwas abgelegenen korsischen Bar am anderen Ende des Strandes für den kommenden Abend. Den Rückweg zum Dorf plapperte sie wieder über allerlei Belanglosigkeiten, denen er jedoch kaum folgen konnte, obwohl er sich bemühte, zu den passenden Stellen kurze Einwürfe zu machen oder zu grinsen, wenn sie fröhlich über eine Geschichte lachte, die sie zum Besten gegeben hatte. Schließlich standen sie vor einem kleinen Haus mit einer heruntergekommenen gelblich verblichenen Fassade, das sich an andere Häuser in einer verwinkelten Gasse anschmiegte, als habe es zu wenig Platz. Die weiß umrandeten braunen Fensteröffnungen waren mit braunen Rollläden verschlossen. Vor dem Eingang zum Erdgeschoss führte eine Treppe zu der darüberliegenden Eingangstür in der ersten Etage, wo sie einen kleinen Balkon bildete. Das Haus sah verlassen aus. Alle weiteren Fenster der folgenden zwei Stockwerke waren verschlossen. Beim ersten Mal erinnerte er sich hinterher nur an die Hausnummer 11, nicht jedoch wie er dorthin gekommen war. Sie küsste ihn leicht und flüchtig auf den Mund, bevor sie sich umdrehte, um die steile Treppe hinaufzusteigen. Unentschlossen überlegte er, ob er ihr hinauf folgen sollte, doch ihre Geste, mit der sie ihn verabschiedete, war eindeutig. Sie wollte nicht, dass er ihr folgte. So winkte sie ihm oben angekommen noch einmal kurz zu, bevor sie im Inneren des Hauses verschwand.
3
Die Abende waren am unangenehmsten. Die Kinder und Iris hatten den Fernsehapparat in Beschlag genommen, weil sie irgendwie der Meinung waren, Kindersendungen gehörten zum Vorrecht urlaubsreifer Schulkinder. Seine misslaunig geäußerte Abneigung gegen die mediale Dauerberieselung war ungehört verklungen und angesichts der desaströsen Wettersituation, es hatte bereits vier Tage in Folge geregnet, der insgesamt angespannten, aggressiven Atmosphäre, hatte er es vorgezogen, nicht auf seine Wünsche bezüglich anderer, kreativerer Betätigungsmöglichkeiten zu bestehen. So blieben Kartenspiele, Malsachen und andere Gesellschaftspiele unberührt in den immer noch nicht völlig ausgepackten Koffern. Die Koffer, über die man ständig stolperte, sobald man einen geradlinigen Weg durch das Ferienhäuschen wagte und die ein Symbol für das nicht Angekommensein aller waren. Seine Frau weigerte sich auch strikt, ihn die Koffer einfach auspacken zu lassen, weil sie der Meinung war, Ein- und Auspacken seien ausschließlich ihre Angelegenheit, da er die Sachen eh nur »durch die Gegend werfe«. Außerdem sei es viel praktischer so, weil sie ja schließlich wisse, wo sie was eingepackt habe. Diese Dominanz, die sie in haushälterischen Dingen für sich beanspruchte, warf sie ihm andererseits als Untätigkeit seinerseits vor. So ordnete sie zum Beispiel grundsätzlich die Spülmaschine um, sobald er es wagte, diese eigenhändig einzuräumen, so dass er nach anfänglichem Protest schließlich aufgegeben hatte, ihr diese Eigenmächtigkeit vorzuwerfen, und räumte ihr das Feld. Er hatte irgendwie darauf verzichtet, seinen Platz in der Familie zu beanspruchen, fühlte sich nur geduldet und war es wohl auch, soweit er brav die Rolle übernahm, die ihm zugedacht war.
Dabei war ihre Beziehung früher eigentlich anders verlaufen. Zu Beginn rettete er sie aus den Fängen ihrer herrschsüchtigen Schwester, bei der sie nach dem Unfalltod ihres Freundes Unterschlupf gesucht hatte. Kaum zwei Wochen, nachdem sie sich kennengelernt hatten, zog sie bereits auf der Flucht vor ihrer Schwester bei ihm ein, was er willig geschehen ließ, da er selbst nach missglückter Ehe, aus der eine Tochter hervorgegangen war, mehrere Jahre ein unbefriedigendes Singledasein geführt hatte. Anfangs war ihre Beziehung voller ekstatischem Sex, als Folge lange unbefriedigt gebliebener Bedürfnisse, aus dem schließlich zwei Kinder hervorgingen. Mit jedem Kind wurde er jedoch weiter beiseite gedrängt, war nur noch Statist, wie man so schön sagt, die Checkkarte, die den Müll herunterträgt. Problematisch wurde die Situation, als die sieben Jahre ältere Tochter aus erster Ehe nach einem langen Auslandsaufenthalt mit ihrer Mutter nach Berlin zurückkehrte und wieder Kontakt zu ihm herstellen wollte. Es kam zu tumultösen Szenen zwischen ihr und Iris, die sie als Konkurrenz zu ihren eigenen Kindern betrachtete und jede Zuwendung finanzieller Art, über die monatlich fälligen Unterhaltszahlungen hinaus oder auch zeitlicher Art als Verlust und Diebstahl betrachtete. Schließlich kam sie gar auf die Idee, seine erste Frau, Ricarda, könne seine Vaterschaft sogar nur vorgetäuscht haben und er wäre gar nicht der leibliche Vater. Dies führte zu einem tiefgreifenden Zerwürfnis zwischen ihm und Iris, aber auch zu seiner Tochter, da er diesen Spagat nicht lange durchhalten konnte, zumal Iris mit der Trennung von ihm drohte. »Und was das finanziell für dich heißt, weißt du ja!« Ausrufezeichen. Seine damaligen Versuche, die angespannte Situation durch ein psychologisch begleitetes Dreiergespräch zu entschärfen, scheiterten an dem entschlossenen Veto von Iris. So blieb ihm nur übrig, sich zwischen seinen neuen Kindern und der älteren Tochter zu entscheiden, was diese ihm nicht verzieh, da dies zu ihren Ungunsten ausfiel. All das ging ihm durch den Kopf, als er missmutig aus dem Fenster des Schlafzimmers starrte, ohne den Impuls zu spüren, an seinem Manuskript zu arbeiten, weil er sich innerlich leer fühlte. Ich bin ein Loser, schalt er sich, konnte aber nichts gegen diese schicksalhafte Rolle unternehmen. Er beschloss, die dem Campingplatz angeschlossene Gaststätte aufzusuchen. Dort empfing ihn eine weitere Ödnis in Form eines Fernsehapparates über der Tür, der offenbar auf Dauerfußball eingestellt war. Davor knotennasige, rot-gesichtige Gäste, deren Gewohnheit es war, jede Finte auf dem Spielfeld fachmännisch zu kommentieren und mit Bier zu begießen. Er hasste Fußball, zog sich mit einem Bier in eine Ecke zurück, wo er auch nicht weiter beachtet wurde.
Da fiel ihm ein Satz aus seinem vorherigen Roman ein, den eine Nebenfigur dem Helden gesagt hatte. »Man hat immer die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Es gibt keine vorbestimmte Bahn. Du musst nur den Mut haben, die Konsequenzen deiner Entscheidung auf dich zu nehmen.«
Wer gab ihm solche Sätze ein? Wenn er schrieb, war es, als schreibe eine dritte Person durch ihn hindurch. Er formulierte Sätze, spann Ereignisse, die ihm unter normalen Umständen niemals eingefallen wären.
Das war eine der Großartigkeiten seiner schriftstellerischen Tätigkeiten. Er ging auf eine spannende Reise, sobald er das leere Formular der Eingabemaske vor sich sah, öffnete seinen Geist, wurde ganz passiv und ließ es einfach zu, dass sich Sätze bildeten. Es entstanden neue Sätze, neue Ideen, die auseinander hervorgingen, sich gegenseitig umwoben, bis schließlich ein Bild entstand, ein Gewebe aus Worten und Einfällen, die nicht von ihm, sondern durch ihn waren.
Ja, er liebte diese Tätigkeit, wenn sie auch nicht seine primäre Profession war. Und er liebte die Figuren, die er schuf und ganz besonders liebte er Suzanne. Sie tauchte in einem seiner vorherigen Romane als kleine unbedeutende Nebenfigur auf und mogelte sich langsam in sein Herz. Sein Herz, in dem ein Platz frei geworden war. Zuerst nur eine unbedeutende Stelle, angefüllt mit Selbstvorwürfen und Durchhalteparolen. Doch sie zwinkerte ihm freundlich zu, »Hallo, ich bin da! Siehst du mich nicht?«
4
»Hallo, hier bin ich!«, winkte er ihr zu, als sie, wenn auch verspätet, suchend im Eingang des Restaurants stand und um sich blickte. Es war gerammelt voll, Wochenende. Nur mit Mühe konnte er dem Wirt einen Tisch abschwatzen. Sie stand in der Tür, in einem roten, ärmellosen Kleid, eine kleine Handtasche wie schützend vor sich gehalten, mit ihren großen, dunklen Augen unsicher umherblickend, fast schüchtern und ängstlich. Als sie ihn sah, erstrahlte ihr Gesicht erleichtert und mit einer kleinen grazilen Bewegung änderte sie ihre Richtung und stolzierte auf ihren hochhackigen Schuhen auf ihn zu. Fast sah es aus, als sei sie diese Art der Fortbewegung nicht gewohnt. »Ich dachte schon, du kommst nicht!«, flüsterte er ihr erleichtert zu, als sie sich mit den üblichen Wangenküssen begrüßten!« »Es tut mir leid, aber fast wäre tatsächlich etwas dazwischengekommen und ich habe ja deine Handynummer nicht.« »Ich hoffe, es passt dir trotzdem heute«, fragte er besorgt. »Oh, ja, natürlich. Aber ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit meiner Tante.« »War es schlimm?«Sie zog die Mundwinkel nach unten und zuckte mit den Schultern. »Nein, nun bin ich ja hier.«Als sie ihm gegenüber Platz genommen hatte, ordnete sie ihre Haare kurz und lächelte ihn an. »Es ist schön, mal auszugehen. Ich sitze sonst abends fast immer zu Hause und schaue fern.« »Gibt es denn für eine so schöne Frau keine Verehrer?« »Du bist so lieb. Aber ich werde noch eingebildet, wenn du mir immer so schmeichelst.« »Ich sage nur die Wahrheit«, beruhigte er sie. Nachdenklich rümpfte sie die Nase. »Die Wahrheit ist nicht immer das, was man einer Frau sagen sollte.« Sie lachten herzlich. Er fühlte sich so leicht, so beschwingt mit ihr. Es war ihm, als kehrten alle seine Kräfte wieder zu ihm zurück, neuer Lebensmut, neue Energie. Während sie die Speisekarte studierte, beobachtete er sie unauffällig. Was war es eigentlich, das ihn am meisten an ihr faszinierte? War es das lebhafte, jugendlich wirkende Gesicht, war es dieser schnelle Wechsel völlig gegensätzlicher Gesichtsausdrücke? Das ungezogene kleine Mädchen, dann die souveräne, ihrer Schönheit bewusste reifere Frau, oder die plötzliche Trauer, die sie befallen konnte. War es die zarte, überflüssige Bewegung des Kopfes, wenn sie sprach, ihres schlanken Halses, die grazile Weiblichkeit ihrer Bewegungen? Waren es ihre kleinen festen Brüste, die sich dennoch deutlich unter der Kleidung abhoben. Ihre angenehme, fast ein bisschen tiefe, samtweiche Stimme? Er konnte sich nicht entscheiden. Sie war, so wie sie war, für ihn eine Göttin. Nichts weniger. Eine Göttin, die ihm mit ihrem Odem die Jugend zurückgab. Unvorstellbar, dass sie solo sein sollte. Doch er wollte dieses Thema lieber nicht anschneiden. Stattdessen beratschlagten sie wie ein altes Ehepaar, welches der Gerichte sie am besten wählen sollten, welches ihre Vorlieben und Abneigungen waren, entschieden sich für einen lieblichen heimischen Rotwein und ein Kalbsragout, das der Wirt hier besonders zart herrichte, sowie ein Gedeck korsischen Käses an Feigenmarmelade. Doch von allem probierte sie lediglich einen kleinen Happen und überließ es ihm, seinen Appetit zu stillen. Kein Wunder, dass sie so schlank ist, dachte er, als er sie umsonst zu ermutigen suchte, kräftig zuzugreifen. Ansonsten steuerten sie das Gespräch vorsichtig an allen problematischen Themen vorbei, wie ein Seemann sein Schiff an den tückischen Untiefen des Meeres. So erfuhr er von ihr weder Wesentliches über ihre Herkunft, außer dem wenigen, was sie ihm gestern schon offenbart hatte, noch über ihre Familie oder ihren Alltag. Stattdessen philosophierten sie über das Wetter, die Touristen, Korsika und seine Geschichte und die Mentalität der Einheimischen. Doch für einen kleinen Augenblick gab sie zu erkennen, dass sie gerne musizierte. Sie spiele leidlich Klavier. Es gebe in ihrer Wohnung keines, so dass sie stattdessen lieber Musik hören würde. Sie schwärmte für Rachmaninov, Chopin und Satie. Das waren Themen, zu denen er nicht viel beizusteuern hatte, obwohl er sich eine Zeitlang im Bratschenspiel geübt hatte, ohne nennenswerten Erfolg allerdings. Als er nach dem Dessert und unter dem lockernden Einfluss des Weines ihre Hände ergreifen wollte, entzog sie ihm diese jedoch sanft mit dem Hinweis, dass es sich hier in der Öffentlichkeit nicht schicke. Im Gegensatz zu ihm war sie wohl noch nüchtern, da sie auch das Weinglas nur halb geleert hatte. Verlegen versuchte er, den Fauxpas zu überspielen. Über das Essen war die Zeit unbemerkt dahin gerast. Als die ersten Gäste das Lokal verließen und sich einige Nachbartische leerten, schlug er vor, noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen. Die Luft war warm und lieblich, sein Kopf vom Wein etwas berauscht und seine Stimmung gut. Es wäre schade, diesen Abend jetzt schon zu beschließen. Sie willigte freudig ein. Nachdem er die nicht unerhebliche Rechnung mit einem überdimensionalen Trinkgeld aufgerundet hatte, hakte sie sich bei ihm unter und so verließen sie das Lokal. Draußen blinkten bereits die ersten Sterne. Der Jupiter strahlte hell am Himmel unweit des nun fast gerundeten Mondes, der überdimensional und rötlich über den Bergen hing. Zikaden zirpten in dem nahen Kiefernwäldchen und ein leichter Wind wehte angenehme kühle Abendluft heran. Vor dem Lokal verließen sie die Veranda, um über den Strand zu gehen. »Oh, meine Schuhe!«, beschwerte sie sich. Die spitzen Absätze bohrten sich tief in den Sand. Daher zog sie sie einfach aus und ging barfuß weiter. Auch er entledigte sich seiner Sandalen, wobei er beinahe kopfüber in den Sand gefallen wäre. »Oh, mein Gott, ich bin betrunken!«, lachte er. »Muss ich dich tragen?«, neckte sie ihn. »Wenn du willst!« »Oh, meine kleine Baby!«, säuselte sie in Babysprache und streichelte ihm theatralisch über den Kopf. Er griff sie um die Hüften und zog sie an sich. »Oh, mon dieu. Du bist wirklich ein wenig betrunken. Du wirst dich doch einer Dame gegenüber zu benehmen wissen?«Dennoch gab sie ihm einen kleinen Kuss auf den Mund, bevor sie sich ihm mit einer grazilen Bewegung entwand. Sie lief ihm lachend ein Stück davon in Richtung auf das Ufer. Er setzte ihr fröhlich nach und kurz bevor er sie erreicht hatte, ließ sie sich einfach in den Sand fallen. »Erlegt!« »Warte, dein Kleid, ich gebe dir etwas zum drauf Sitzen«, meinte er besorgt, zog sein Jackett aus und breitete es auf dem Boden aus. Sie ließ sich gnädig von ihm aufhelfen und setzte sich bereitwillig auf die Unterlage, ihre kleine Handtasche achtlos in den Sand werfend. »Weißt du, ich bin nicht so eine Frau!«, bemerkte sie. »So eine Frau?« »Naja, mit diesen lästigen Pumps und dem Handtäschchen. Das bin nicht ich.« »Warum hast du sie dann mitgenommen?« »Weil...«, sie stockte ein wenig und senkte beschämt den Blick. »Ich wollte dir gefallen.« »Du würdest mir auch gefallen, wenn du ganz nackt gekommen wärst«, foppte er sie. »Oh, du bist ein Schuft!«, rief sie in gespielter Empörung. »So eine Frau bin ich auch nicht!« »Was bist du denn für eine Frau?« »Sag du erst, was du für ein Mann bist!«, forderte sie mit Schmollmund.Er zögerte. Was wollte sie wohl hören? Was durfte er sagen, das sie nicht kompromittierte? Er hatte bemerkt, dass ihre Beziehungen zu Männern im Dunkel lagen und sie dieses Geheimnis nicht lüften wollte. »Ich denke, ich bin eher ein vorsichtiger Mann!«, antwortete er daher ausweichend.Sie sah ihn nachdenklich an, dann nickte sie. »Ja, und du bist ein freundlicher Mann. Keiner, der eine Frau schlagen würde!«Er erschrak. »Schlagen? Warum sollte ich das tun? Das ist barbarisch!« »Und keiner, der eine Frau gegen ihren Willen... du weißt schon!« »Ich bitte dich! Was redest du da?«Er rückte näher an sie heran. »Suzanne, bitte sag so etwas nicht. Ich würde dir niemals weh tun. Es ist für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen könnte.« Sie schaute ihn mit ihren großen Augen sinnend an. «Es gibt schlimmeres als Schmerz.« Das Gespräch nahm eine Wendung, die ihm nicht behagte. »Warum sagst du das? Gibt es etwas, bei dem ich dir helfen kann?« Sie ließ sich lachend zurückfallen. »War nur ein Scherz, ich wollte dich prüfen.« Er legte sich seitlich neben sie und streichelte ihre Augenbrauen. Sie schloss die Augen und streckte ihm wohlig ihren Hals entgegen. Vorsichtig drückte er ihr einen zarten Kuss auf den Hals, wogegen sie nicht protestierte. Mutiger geworden, küsste er ihre Schläfe, die Stelle, wo Ohr und Kiefer zusammentrafen. Als sie wohlig seufzte und den Mund leicht öffnete, wagte er es, diesen zart zu küssen. Sie erwiderte den Kuss mit warmen, weichen Lippen und schaute ihn an, als erwache sie gerade aus einem tiefen Schlaf. Dann legte sie ihre Hand sanft in seinen Nacken, küsste ihn nochmals ganz vorsichtig. »Nicht hier, nicht jetzt, mon ami!« Er zögerte, schaute ihr fragend in die Augen und nickte dann. Er sollte ihr Zeit lassen und er sollte ihnen Zeit lassen. Er kannte sie viel zu wenig und sie ihn, als dass sie ihre wunden Stellen meiden konnten. »Du bist so schön und so begehrenswert, dass ich schreien könnte!«, flüsterte er. »Oh, bitte nicht vor dem Restaurant, dann kommt die Polizei!«, grinste sie, womit der sinnliche Augenblick vorbei war. Er lachte, doch es war kein ehrliches Lachen. Sie richteten sich beide wieder auf, schauten Schulter an Schulter aufs Meer, fühlten die vitale Wärme ihrer Berührung und waren beide in Gedanken so weit voneinander entfernt, dass es fast schmerzte. Schließlich seufzte sie, schaute auf ihre nackten Füße und wackelte mit den Zehen. »Wie komme ich jetzt wieder nach Hause, ohne Schuhe?« »Soll ich dich tragen?« »Oh, ja bitte!«, lachte sie.Er streichelte ihr über die Haare und revanchierte sich mit dem Satz: »Oh, du meine kleine Baby!« »No, sei ein Kavalier und hilf mir auf, Cheri!«, forderte sie, da er sich schon erhoben hatte. Willig ergriff er ihre Hand und zog sie vorsichtig auf die Füße. Nachdem er sein Jackett notdürftig vom Sand befreit hatte, bot er an: »Na, bis zum Weg trage ich dich!« »Okay!«, lächelte sie.Tatsächlich schaffte er es, sie durch den Sand zu tragen, während sie sich an seinem Hals angeklammert hielt. Auf dem Rückweg zum Dorf gingen sie Hand in Hand, während sie munterbegann, Anekdoten über ihre Tante zu erzählen. Diese musste eine sehr gestrenge Frau sein. Auch wenn die Männer traditionell außer Haus das Sagen hatten, kamen sie doch um die Anweisungen der Frau nicht drumherum.Ja, es war eigentlich so, dass die Frau die zentrale Rolle im Haus spielte, was sich allerdings auch darin niederschlug, dass sie die ganze häusliche Arbeit erledigte. Dennoch, im Grunde herrschte die Frau und insbesondere ihre Tante. Er stellte sich diese als wahren Hausdrachen vor. Suzannes Schilderung war auch nichts Gegenteiliges zu entnehmen. Sogar ihr Onkel, der immerhin das Amt des Bürgermeisters in Corbara innehatte, ließ sich von ihr herumkommandieren. Unversehens standen sie so, lachend und fröhlich ins Gespräch vertieft, wieder vor dem merkwürdigen Haus mit der Nummer 11 und wiederum hätte er nicht sagen können, wie sie dorthin gelangt waren. Er beschloss, auf dem Rückweg genau Acht zu geben. Diesmal jedoch legte er Wert darauf, ihr seine Telefonnummer zu geben, damit sie sich für den nächsten Tag verabreden konnten. »Ich weiß noch nicht, wann ich kann!«, ließ sie eine konkrete Uhrzeit offen. »Ich ruf dich an!« »Ich freu mich drauf. Aber vergiss mich bitte nicht!«, ermahnte er sie.Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund, strich ihm mit einer zarten Geste ihrer Hand über die Wange und flüsterte. »Schlaf gut, und danke. Danke für alles!«Dann wandte sie sich schnell ab, eilte die Treppe nach oben und verschwand durch die Tür im ersten Stock, ohne sich noch einmal umzudrehen. Eine Weile blieb er noch unentschlossen vor dem Haus stehen. Er sah weder durch die Fensterläden, noch sonst irgendwo ein Licht aufleuchten. Sie musste ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses bewohnen. Kopfschüttelnd wandte er sich ab. Erst als er wieder auf der Hauptstraße war, wurde ihm bewusst, dass er wiederum vergessen hatte, sich den Rückweg einzuprägen.Er würde morgen versuchen, das Haus zu finden. Morgen.
5
Er hatte die halbe Nacht durchgeschrieben, nachdem er ein wenig angetrunken aus der Campingplatzgaststätte zurückgekehrt war. Das Ferienhaus lag schon im Dunklen und vorsichtig tastete er sich durch den Schlafraum, um seinen PC vom Fensterbrett zu nehmen. Er hörte den gleichmäßigen Atem seiner Frau, der anzeigte, dass sie bereits schlief. Vorsichtig hatte er die Tür zum Kinderzimmer geschlossen, damit diese nicht durch das Tastengeklapper aufwachten. Jetzt, nachdem der letzte Satz geschrieben war, gähnte er ermüdet und schleppte sich ins Bett. Dort, noch immer die letzten Sätze seines Romans im Kopf, fühlte er den warmen Körper seiner Frau, die wie immer nackt schlief. Sie lag quer im Bett, so dass ihm wenig Platz blieb, sich entspannt hinzulegen. Vorsichtig zog er seine Decke zurecht und versuchte, eine einigermaßen bequeme Position zu finden. Er spürte das Verlangen, sie anzufassen, ihr wieder nahe zu kommen und legte eine Hand auf ihre bloße Schulter. Sie schnaufte unwillig im Schlaf, reagierte jedoch nicht. Ärgerlich und enttäuscht nahm er die Hand zurück, machte sich etwas energischer Platz, indem er sie grob anschubste. Sie drehte zwar den Kopf in seine Richtung, rückte wohl auch ein Stück zur Seite, schlief jedoch weiter. Er starrte den Lichtfleck an der Decke an, den eine Laterne in der Nähe des Ferienhauses erzeugte. Suzanne. Wie würde es mit ihnen weitergehen? Wie würde es mit seiner Frau und ihm weitergehen? Hatte Iris, die recht selbstbewusst war, nur einmal in ihrer gesamten Ehe versucht, die Missstimmungen, die regelmäßig aufgekommen waren, von sich aus zu glätten? War sie auch nur einmal auf ihn zugekommen mit einer Geste oder den Worten, »Wollen wir es noch einmal im Guten versuchen?«. Er konnte sich nicht erinnern. Stets war er es, der den Anfang machte nach tagelangem, beleidigtem Schweigen ihrerseits. Weil er diese Atmosphäre der Ablehnung und Zurückweisung nicht mehr ertragen konnte. Weil er sich sagte, irgendwie waren die Anlässe für ihre Zwistigkeiten eigentlich zu banal, um in ein dauerhaftes Zerwürfnis führen zu müssen. Und eigentlich liebten sie beide ihre Kinder heiß und innig, ja, er konnte sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Und eigentlich sollten sie als Erwachsene langsam ein wenig über den Dingen stehen. Vielleicht war das der Grund, warum er nachgiebiger war als sie. Seine Lebenszeit war um fast zwanzig Jahre mehr verstrichen als die ihre. Er fühlte den langsamen Abbau seines Körpers, das Nachlassen der Intensität seines Erlebens, die Hoffnungslosigkeit, noch etwas Bedeutendes zu schaffen. Da, wo andere gut situiert die gesellschaftlich notwendigen Items abhaken konnten, ‚ein Haus gebaut, einen Baum gepflanzt und Kinder gezeugt, mein Auto, meine Karriere, meine Familie‘, konnte er nur mit Familie punkten und wenn er es recht betrachtete, nicht einmal das. Suzanne. Er seufzte, drehte sich auf die Seite, doch der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Nach einer gefühlten Stunde des unruhigen Grübelns stand er wieder auf und schlurfte zum Kühlschrank. Er öffnete die Tür und starrte minutenlang hinein, ohne recht zu wissen, was er eigentlich suchte. Beim Schließen des Kühlschranks stieß er gegen einen Küchenstuhl, der lärmend umfiel. Erschrocken hob er ihn wieder auf und schob ihn geräuschlos zurück. Das Wohnzimmer-licht ging an und Iris stand völlig nackt und verschlafen im Raum. »Was machst denn du für einen Krach mitten in der Nacht? Bist du verrückt geworden? Willst du die Kinder aufwecken?« Er unterdrückte die Erkenntnis, dass er sie immer noch begehrenswert fand und brummte in ihre Richtung zurück: »Du mich auch!« »Idiot!«, zischte sie und verschwand auf der Toilette. Den Rückweg erledigte sie schlaftrunken, ohne ihn noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Er beschloss, auf dem Sofa zu schlafen, fischte sich seine Decke aus dem gemeinsamen Bett und sortierte sich mühsam auf das seiner Körpergröße nicht recht angemessene Möbelstück. Wenig später musste er eingeschlafen sein. Als er morgens mit steifem Rücken und schmerzendem Nacken erwachte, erinnerte er sich noch daran, von ihr, von Suzanne, geträumt zu haben. Verzweifelt versuchte er, sich die Traumszenen in Erinnerung zu rufen, um sie später zu verwenden, doch je mehr er erwachte, umso undeutlicher wurde die Erinnerung. Nur ein Bild blieb. Suzanne winkte ihm auf einer Bergspitze stehend aus der Ferne zu, bevor der Nebel sie einhüllte. Verstimmt trottete er zum Küchenfenster, um einen Blick nach draußen zu werfen. Es war noch nicht einmal 6 Uhr, wie der Wecker auf dem Küchenregal anzeigte. Der Himmel war verhangen, wenigstens regnete es nicht mehr. Dann wäre heute vielleicht Gelegenheit für einen Ausflug, überlegte er. Andererseits würden die Kinder erfahrungsgemäß nicht vor 9 Uhr aufwachen. Seine Frau nicht vor 10 Uhr aus dem Bett kommen. Was verdammt hatte er nur zuletzt geträumt? Er erinnerte sich nur noch an das Gefühl eines verzweifelten Verlangens, sie festzuhalten, seine Traumfigur, Suzanne. Doch es gab keine Möglichkeit dazu, sie war zu weit entfernt. Mehr kam ihm nicht mehr in Erinnerung. Er beschloss, einen Spaziergang zu machen und die Morgenstimmung zu genießen, während er warten würde, bis alle erwacht wären. Vielleicht würde er auch Brötchen holen gehen im nahe gelegenen Dorf. Möglicherweise hatte der Dorfbäcker schon geöffnet. Also entschied er sich für die Stiefel und den Regenmantel, nahm einen kleinen Rucksack vom Haken und trat vor die Tür. Die feuchte, kühle Luft ließ ihn frösteln, doch vertrieb sie auch den Schlaf. Er streckte sich unentschlossen, wandte sich dann in Richtung See und stapfte durch den morastigen Untergrund. Der See lag als graue, trostlose Fläche vor ihm, umrandet von Schilf und dichter Uferböschung. Nur der alte hölzerne Bootssteg neben dem kleinen Bootshaus gewährte einen Zugang. Er betrat die knarzenden morschen Bretter des Steges, um bis ganz vorne an den Rand zu gehen. Dort ließ er sich nieder. Es erinnerte ihn an seine Kindheit, als derartige Stege immer ein unheimliches Gefühl in ihm hervorgerufen hatten. Das kribbelig, schaurigschöne Gefühl, das entsteht, wenn man nicht weiß, ob die Angst davor ins Wasser zu fallen daher kommt, weil man ausgleiten oder gar freiwillig in den See springen würde. Er ließ die Beine baumeln. Die Stiefelabsätze berührten knapp die Wasseroberfläche und erzeugten kleine Wellen. Im braungrünen Wasser spiegelten sich die regenschweren grauen Wolken. Auch sein eigenes Spiegelbild sah er, gebrochen durch kleine Wellen. Er beugte sich vor, beugte sich vor, immer weiter, bis er drohte, das Gleichgewicht zu verlieren. Doch er konnte seine Augen nicht erkennen! Das Spiegelbild seines Kopfes zeigte nur verschwommene Umrisse seines Gesichtes, doch seine Augen waren nicht zu erkennen! Erschrocken setzte er sich auf. War dies so etwas wie eine Prophezeiung? Er schalt sich einen Dummkopf. Er beugte sich nochmals vorsichtig vor. Da trat durch eine Wolkenlücke ein kleiner Sonnenstrahl hervor und erhellte unerwartet die Wasseroberfläche. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, dass er sich nun vollständig sehen konnte und akzeptierte damit stillschweigend auch, diese Art von Aberglauben zu tolerieren. Der Sonnenstrahl glitzerte einen Moment so hell, dass er geradezu geblendet wurde. Als er aufblickte und dem dunklen Nachbild in seinen Augen vor dem Hintergrund des Sees nachspürte, meinte er darin die Formen eines Gesichts erkennen zu können. Suzanne.
6
Der Tag begann wie fast alle vorherigen Tage seines Aufenthaltes hier, mit einem freundlichen Gruß der strahlend gelben Sonne vor dem azurblauen Himmel. Er trat vor die Hoteltür in freudiger Erwartung der kommenden Ereignisse. Er hatte ausgesprochen gut geschlafen und von ihr geträumt. Er hatte von ihr geträumt, wie sie sich ihm hingab in wilder erfüllender Ekstase. Das Traumerleben war so intensiv, so gegenwärtig, dass er beim Erwachen noch einen kleinen Moment innehielt, die Augen fest geschlossen, um dieses wohlige Gefühl in die Realität des Wachzustandes mitzunehmen, hinüberzuretten in die materielle Welt. Fröhlich singend war er aufgestanden, hatte sich ausgiebigst geduscht, sorgfältig rasiert und gekämmt, ja, sogar ein wenig Rasierwasser aufgetupft. Er verzichtete darauf, seine Krawatte anzulegen, das wäre wohl doch übertrieben gewesen und er wusste ja noch gar nicht, wann sie sich melden würde. Nachdem er sich versichert hatte, dass sein Mobiltelefon noch keine Nachricht von ihr anzeigte, genug Akkuladung zur Verfügung stand, um eine solche auch nicht zu verpassen, machte er sich in sein gewohntes Straßencafé am kleinen Platz am Ende der Avenue Marina auf, wo er zu frühstücken pflegte. Der Wirt, ein behäbiger Korse mittleren Alters, nickte ihm freundlich zu, als habe er in ihm schon einen Stammkunden wiedererkannt. Leider sprach dieser weder englisch noch deutsch und Levi verstand zwar etwas Französisch, konnte jedoch selbst nur mühsam einige Sätze formulieren, nicht genug, um eine lockere Unterhaltung beginnen zu können. Deshalb beschränkte sich ihre Konversation im Wesentlichen auf die Bestellung eines mediterranen Frühstücks und Milchkaffees sowie einiger radebrechender Bemerkungen über das wundervolle Wetter. Sinnend blickte er in Richtung der Innenstadt, als wenn er erwarten würde, dass sie zufällig daher kommt. Was sollte er nur heute unternehmen? Er wagte nicht, größere Ausflüge zu planen, denn sollte sie plötzlich anrufen, wäre er vielleicht nicht erreichbar oder unterwegs. Andererseits konnte er auch nicht den ganzen Tag warten. So beschloss er, nach einem kleinen Rundgang vielleicht ihr Haus auf eigene Faust zu suchen. Es musste sich irgendwo dort drinnen in der Altstadt befinden. Dann würde er weitersehen. Das Lokal füllte sich nach und nach mit weiteren Gästen. Üblicherweise saßen in Nähe der Theke im Eingangsbereich eher die Einheimischen, Handwerker oder Zulieferer, die ihren Espresso tranken, fröhlich miteinander schwatzten, um dann wieder ihren Aufgaben nachzugehen. Er blickte sich um. Eine Gruppe junger Männer betrat von der anderen Straßenseite kommend den Platz. Sie hatten das selbstbewusste, etwas unangenehm machohafte Auftreten, welches stolze junge Korsen auszeichnet, die sich im Vollbesitz ihrer Kraft und voller Selbstbewusstsein fühlen. Lachend strebten sie auf das Café zu, bahnten sich ihren Weg zwischen Tischen und Stühlen hindurch und riefen dem Wirt lautstark etwas zu. Einer der jungen Männer, ein unrasiert, grobschlächtig wirkender Flegel, stieß im Vorbeigehen heftig an Levis Stuhllehne, ging jedoch weiter, ohne sich auch nur mit einer Geste zu entschuldigen. Verärgert schaute Levi ihnen nach. Der Wirt, der den Vorfall offenbar beobachtet hatte, hob entschuldigend die Augenbrauen und zog die Schultern hoch, rief den Jungen etwas zu, was diese jedoch nicht besonders beeindruckte. Sie warfen sich auf die Stühle vor dem Eingangsbereich und setzten ihre lärmende Unterhaltung ungestört fort.Levi fühlte sich plötzlich unwohl in seiner Haut. Er beschloss, das Café nun lieber zu verlassen, um sich auf die Suche nach Suzannes Haus zu machen. Wie gewohnt, legte er das abgezählte Geld auf den kleinen Teller mit der Rechnung, winkte dem Wirt zum Abschied zu und machte sich auf in Richtung Innenstadt.Die Altstadt von Algajola ist eigentlich nicht besonders groß. Sie besteht im Wesentlichen aus dem Kastell und einigen davor gruppierten Häuschen in kleinen, verwinkelten Gassen. Teilweise gab es kleine, enge Zugänge, denen man nicht ansehen konnte, ob sie etwa in einen privaten Innenhof führten oder einen Zugang zu einer anderen Gasse darstellten. Es dauerte nicht lange und er wusste nicht mehr, wo er war. Immer wieder fand er sich auf einer größeren Gasse wieder, die er gerade erst verlassen hatte, oder bemerkte, dass er dieselbe Gasse nun zum zweiten Mal, nur aus anderer Richtung passiert hatte. Es war als spucke ihn die Innenstadt immer wieder auf die Hauptverkehrswege aus. Das Haus konnte er jedoch nirgends finden. Er kratzte sich am Kopf. Es musste doch möglich sein, die Zugangsgasse wiederzufinden. Er versuchte es vom Strand herkommend, wie gestern. Doch obwohl er in jede kleinere Gasse abbog, die von der Straße abzweigte, fand er sich doch wieder nur auf der Uferpromenade oder der A. Marina oder gar der Hauptstraße wieder. Es ging ihm nicht in den Kopf, dass er die Gasse nicht finden konnte. Frustriert wanderte er zum Kastell zurück, blickte zwischendurch auf das Display seines Handys, wo immer noch keine Nachricht von ihr eingetroffen war. Es war nun bereits fast an die Mittagszeit, und setzte sich auf eine Bank mit Blick auf das Meer. Etwas weiter weg, entdeckte er einen jungen Mann, der auf der Mauer saß, die das Kastell umgibt und ihn anstarrte. Ein Schreck fuhr Levi durch die Glieder, als er den rüpelhaften jungen Mann wiederzuerkennen glaubte, der ihn unsanft angerempelt hatte. Erfreulicherweise sprang dieser mit einem leichten Satz von der Mauer und entfernte sich in Richtung Innenstadt.
7
Langsam erhob er sich vom Steg, löste sich aus seinem Traumbild und begann in Richtung des Dorfes zu schlendern, wo er den Bäcker vermutete. Nachdem er den mit Panzerplatten betonierten Zufahrtsweg zum Campingplatz hinter sich gelassen hatte und der Wald sich lichtete, um einem großen Rübenacker Platz zu machen, konnte er aus der Ferne bereits einen Kirchturm entdecken. Er schätzte, dass dieser ungefähr zwei bis drei Kilometer entfernt sein müsste. Die Wolkendecke zeigte nun bereits einige hellere Stellen, durch die es vereinzelte Sonnenstrahlen herunter schafften, wie Vorboten auf besseres Wetter. Erleichtert beschleunigte er seine Schritte, da er sich ausrechnete, wohl gut eine halbe bis Dreiviertelstunde zum Dorf unterwegs zu sein und dieselbe Zeit nochmals zurück. Er würde ziemlich genau dann am Campingplatz wieder angekommen sein, wenn die Familie sich verschlafen aus den Betten erhob.
So schritt er pfeifend aus, immer der Straße entlang, während links und rechts eintöniges Ackerland das Landschaftsbild ausmachte, nur in der Ferne durch vereinzelte kleine Waldgruppen aufgelockert. Nach wenigen Minuten kreuzte eine Bahnlinie die Straße, an der ein kleines graues fensterloses Wartehäuschen die wenigen Fahrgäste, die zu erwarten gewesen wären, vor der Unbill des Wetters schützen konnte. Doch es war jetzt leer, nicht einmal ein Fahrplan wies auf die Verkehrszeiten eines Zuges hin, noch war ein Stationsschild zu erkennen. Ein Mast, an dem wohl eines gehangen haben musste, wies wenigstens noch die verrostete Halterung des Schildes auf. Auf dem Boden lagen Glasscherben zerschlagener Bierflaschen, einige leere Papiertüten und zerbeulte Getränkedosen. Gras wucherte zwischen den Schienen, so dass er sich fragte, ob in der letzten Zeit hier überhaupt ein Zug verkehrt haben mochte. Er stellte sich mit dem Rücken an das Wartehäuschen, um den morbiden Geist der Station in sich aufzunehmen.
Die Station passte irgendwie zu der öden Gegend und auch zu seiner Grundstimmung der letzten Tage. Er stellte sich vor, er stünde hier in dem Wartehäuschen, einen Zug erwartend, der niemals kommen würde. Wind und Regen wären ihm die einzige Begleitung und schließlich würde er über die Gleise davongehen. Endlose Gleise ins nirgendwo.
Nachdem er sich ausreichend umgesehen hatte, setzte er seinen Weg fort, nur um wenige hundert Meter später an die Hauptstraße zu kommen. Allerdings verlief diese weder in der einen noch der anderen Richtung auf das Dorf zu. Da die Straßenkreuzung in einer Talmulde lag und sich ihm der Kirchturm nun dem Blick entzog, konnte er sich nicht recht entscheiden, wohin er sich wenden sollte. Unschlüssig schaute er mal in die eine, dann die andere Richtung. Sollte er lieber wieder zurückgehen? Das wäre ihm wie eine Niederlage vorgekommen. Niederlagen hatte er in letzter Zeit genug erlitten. Er dachte an die Gleise. Er würde sich dem Nichts überlassen. Er würde jetzt eine Münze werfen und dem Zufall die Wahl der Richtung überlassen. Zahl für links, Kopf für rechts.
Die Münze sprang genau in dem Moment aus seiner Hand, als die Wolkendecke aufriss und einen kräftigen Sonnenstrahl hindurch ließ, der das gelbe Metall hell aufblitzen ließ. Dann kullerte sie auf die Straße, drehte sich mehrmals im Kreis, als könne sie sich nicht entscheiden, in welche Richtung sie fallen wolle und kippte dann schlingernd um, mit dem Kopf nach oben. Kopf stand für rechts. Er bückte sich, um die Münze wieder aufzuheben. Sie war direkt neben der ausgetrockneten Leiche eines vor längerer Zeit platt gefahrenen Frosches liegen geblieben. Angeekelt kickte er die Münze in den Chauseegraben und wandte sich in die andere Richtung, nach links.
Die Straße zog sich endlos hin, machte mehrere Biegungen, wand sich durch ein kleines Waldstück, passierte einige weitere Felder, doch von dem nahe gelegenen Dorf war nichts mehr zu sehen. Die Sonne hatte es geschafft, die restlichen Wolkenfelder mehr und mehr zur Seite zu drücken und begann bereits gnadenlose Hitze zu verströmen, die sich mit dem Dampf der regennassen Felder vermischte. Er begann heftig in seiner Regenkleidung zu schwitzen, die er schließlich aufknöpfte, ohne dass sich dadurch eine wesentliche Abkühlung einstellte. Langsam ärgerte er sich, dass er diesen Weg überhaupt auf sich genommen hatte.
Er war nun gut eine Stunde unterwegs, durstig und zunehmend übelster Laune. Bislang war ihm nicht ein Fahrzeug entgegengekommen, das er hätte vielleicht anhalten können. Ratlos blickte er zurück. Er beschloss, es noch bis zur nächsten Kurve zu versuchen. Ohne weitere Orientierung, wo er war, würde er dann eben doch zurückgehen.
Am Ende des kleinen Wäldchens führte ein Forstweg in das Waldstück hinein. Dort stand ein grauer Lieferwagen, dessen Motor vor sich hin knatterte. Erleichtert atmete er auf und beschleunigte seinen Schritt auf den Wagen zu. Der Wagen war leer, eine Kofferraumtür nur leicht angelehnt. Der Fahrer konnte also nicht weit sein. Er beschloss zu warten.
Wenige Sekunden später hörte er aus dem Waldstück das Rascheln herankommender Schritte. Ein mittelgroßer Mann in blauem Handwerkerdrillich kam aus dem Unterholz herangestapft.
»Guten Tag!«, begrüßte er den unrasiert und leicht ungepflegt wirkenden Mann. Der zuckte zusammen und blieb plötzlich stehen. Er stierte Roy feindselig an, ohne weiter zu gehen. Der Mann war Roy auf Anhieb unheimlich.
»Entschuldigen Sie, ich habe mich wohl verlaufen«, versuchte er die Situation zu entspannen. Der Mann machte einen kurzen Schritt auf Roy zu, blieb dann jedoch abrupt stehen, drehte den Kopf kurz in Richtung Wald, aus dem er gekommen war, als überlege er etwas, brummte etwas in sich hinein, das wie ein Fluch klang und spuckte auf den Boden, bevor er zum Wagen ging. Vielleicht war er betrunken, überlegte Roy alarmiert. Wer weiß, ob es noch zu einer Schlägerei kommen würde. Roy selbst war zwar nicht gerade schmächtig. Er war etwas größer als der Typ vor ihm. Doch Roy war eher der gemächliche Typ, der gutmütige Bär, der einer Auseinandersetzung gerne aus dem Weg ging. Er straffte sich, versuchte aber nochmals, irgendeine Information aus dem Mann heraus zu bekommen. »Können Sie mir vielleicht sagen, wie weit es bis zum nächsten Dorf ist?«
Es folgte jedoch keine Antwort. Stattdessen rammte der Fremde, der an Roy vorbeigehen musste, wenn er zu seinem Wagen wollte, ihn grob mit der Schulter an. Roy ging erschrocken einen Schritt zurück und bekam es mit der Angst zu tun. An einer Schlägerei war ihm absolut nicht gelegen. Der Fremde stieg jedoch mit einem »Verpiss dich« in seinen Wagen, setzte rückwärts aus dem Waldweg, wendete und fuhr in die Richtung los, aus der Roy gekommen war.
Da er jedoch offenbar vergessen hatte die Kofferraumtür des Kombis zu schließen, klappte diese auf, als er Gas gab. Etwas fiel aus dem Wagen und blieb auf der Straße liegen. Der Fahrer schien dies nicht zu bemerken, sondern fuhr mit quietschenden Reifen davon. Wie betäubt stand Roy noch immer dort, wohin er ausgewichen war und atmete erleichtert aus, froh, dass es noch einmal glimpflich ausgegangen war. Er schüttelte verärgert den Kopf. Langsam trottete er zur Straße zurück. Der Wagen war nicht mehr zu sehen, doch der Gegenstand, der hinausgefallen war, lag noch immer dort. Es war ein Schuh! Eine zierliche Sandale mit weißen Lederriemchen und Strassbesatz. Offenbar ein Frauenschuh. Das Fußbett wies Spuren auf, dass er getragen worden war, auch das Leder zeigte einige Falten, die auf vorherigen Gebrauch hinwiesen. Schon wollte er den Schuh einfach ins Gebüsch werfen, doch irgendetwas hielt ihn zurück, und er bremste die Bewegung, da er schon ausgeholt hatte und betrachtete den Schuh nochmals.
Wie passte der Schuh zu diesem merkwürdigen Fremden, aus dessen Wagen er gefallen war? Er beschloss, ihn mitzunehmen und steckte ihn kurzerhand in seinen Regenmantel, wo er knapp aus der Tasche ragte. Da der Fremde in die Richtung gefahren war, aus der er selbst gekommen war, überlegte Roy, konnte er wohl vorher nicht von dort gekommen sein, denn dann wäre er ihm auf der Straße begegnet. Also musste er aus der anderen Richtung gekommen sein. Deshalb würde dort wohl irgendeine Siedlung liegen. Er setzte also nachdenklich seinen Weg fort und richtig, kaum machte die Straße einen Bogen, sah er auch bereits den Kirchturm, den er in der Ferne vorher erblickt hatte und ein Ortsschild. »Klein Quentin«. Weit ausholend schritt er erleichtert darauf zu.
Als er über drei Stunden später mit einer großen Tüte voll duftender Brötchen im Ferienhaus wieder ankam, fand er es leer vor. Auf dem unabgeräumten Küchentisch, auf dem die Spuren eines Frühstücks noch überdeutlich zu sehen waren, lag ein Zettel, den seine Frau geschrieben hatte.
»Da du ja offensichtlich keinerlei Interesse hast, mit deiner Familie einen entspannten Urlaub zu verbringen, sind wir schon ohne dich losgefahren!!!!«
Seufzend legte er die Brötchentüte ab. Dann fiel es ihm wieder ein. Sie wollten ja bei guten Wetter eine Fahrradtour machen! Er ging nochmals aus dem Haus, um nach den Fahrrädern zu schauen. Tatsächlich stand nur noch seines dort. Warum hatten sie ihn nicht einfach auf dem Handy angerufen.
Er fasste in die Manteltasche, wo er jedoch lediglich auf den gefundenen Schuh stieß. Er nahm ihn heraus. Was sollte er jetzt nur damit machen? Er konnte ihn kaum in der Wohnung abstellen. Also steckte er ihn vorerst wieder zurück. Sein Handy hatte er offenbar gar nicht mitgenommen. Er entdeckte es neben seinem PC, wo er es abends abgelegt hatte.
Seufzend ließ er sich am Küchentisch nieder. Es war nun knapp zehn Uhr. Sollte er versuchen, seine Frau telefonisch zu erreichen? Er versprach sich nicht viel davon. Er starrte sein Mobiltelefon an, als könne es ihm die Antwort geben. Das Display zeigte keine neuen Nachrichten.
8
Immer wieder schaute er vergeblich auf das Display seines Handys. Es war bereits früher Nachmittag ohne einen Anruf von ihr. Keine neuen Nachrichten auf dem Display. Langsam begann er daran zu zweifeln, dass sie noch anrufen würde. Unentschlossen schaute er aufs Meer, das zunehmend kleine Schaumkronen aufwies, weil urplötzlich ein scharfer Wind begonnen hatte, vom Meer her zu wehen. Obwohl die Luft nicht kalt war, begann er doch zu frösteln. Er beschloss, nicht länger zu warten. Vielleicht würde er morgen einfach einen Ausflug machen. Er sollte sich nicht so abhängig machen von dieser Frau. Er kannte sie ja schließlich gar nicht. Doch der Gedanke, versetzt worden zu sein, erzeugte einen Stich in seinem Herzen. Er war traurig und auch ein bisschen wütend. Wütend auf sie, weil sie ihr Versprechen nicht einzuhalten schien und auf sich selbst, weil es ihm so viel ausmachte. Er seufzte, dann fasste er den Entschluss, nach Calvi zu fahren, um sich dort nach einem Mietwagen umzusehen.Calvi lag nicht weit von hier. Mit der altertümlichen Bahnlinie, auf die die Korsen aus einem unerfindlichen Grund offenbar sehr stolz sind, obwohl eigentlich nur Touristen damit transportiert werden, war es nur eine knappe halbe Stunde. Nachdem er im Hotel die nötigen Unterlagen und eine windfeste Jacke mitgenommen hatte, machte er sich zu dem kleinen Bahnhof in Algajola auf, der ein wenig außerhalb des Zentrums liegt. Ein rosafarbenes Bahnhofshäuschen mit einer kleinen Touristeninformation, die nie besetzt zu sein schien und ein Bouleplatz davor, der offenbar nie bespielt wurde. Die eingleisige Bahn ließ nur einen Zug alle zwei bis drei Stunden in eine Richtung zu. Wenn er Glück hatte, dann brauchte er nicht mehr als eine Stunde zu warten. Auf dem Bahnsteig hatten sich einige Touristen angesammelt, meistens Engländer, die sich fröhlich unterhielten. Ein Blick auf den Fahrplan zeigte ihm an, dass er mehr als Glück hatte. Der nächste Zug nach Calvi sollte in etwa zehn Minuten eintreffen. Dieser wurde auch wenig später durch die Glocke des Bahnübergangs angekündigt. Die mit Diesel betriebene antike Lock stampfte lautstark heran und hielt quietschend am Bahnhof. Wenige Menschen stiegen aus, doch ein Blick in die zwei Waggons zeigte, dass sich die Reisenden im Abteil bereits im Stehen zusammendrängten. Um diese Zeit fuhr alles von den Stränden zurück nach Calvi. Mit Mühe konnte er noch einen Stehplatz ganz vorne am Eingang bekommen, der mehr als unbequem war, abgesehen von der Hitze, die im Abteil herrschte. Einen Schaffner gab es auch, der sich noch zusätzlich durch die Menschenmassen quetschte, um seine vier Euro für die Fahrkarte zu kassieren. Der Dieselmotor heulte dumpf auf und der Zug ächzte langsam los. Levi schaute aus dem Fenster. Es war nur mehr ein Mann auf dem Bahnsteig zurückgeblieben, der nun dem abfahrenden Zug nachschaute. Ihm lief eine Gänsehaut über den Nacken, als er in ihm den Rüpel von heute Morgen zu erkennen glaubte, der sich nun umdrehte und den Bahnhof verließ. Ob er ihm gefolgt war? Es war nun das dritte Mal, dass er diesen Mann zu Gesicht bekam. Vielleicht wurde er von einer Bande ausgespäht, um in seiner Abwesenheit das Hotelzimmer auszurauben? Unmöglich schien dies nicht. Noch wahrscheinlicher wäre dies in Italien gewesen, aber in Korsika? Er konnte eh nichts dagegen unternehmen und so beschloss er, es bei der Hoffnung zu belassen, dass er sich irrte. An der Haltestelle kurz vor der Endstation leerte sich der Zug endlich, so dass er für die wenigen Minuten bis zum Bahnhof in Calvi sogar einen Sitzplatz ergattern konnte. Die Bucht von Calvi lag ruhig, trotz des frischen Windes, denn die trutzige Zitadelle, einst gegen Piratenüberfälle auf einem massiven Fels gebaut, bot ausreichend Schutz gegen das Wetter. Die Sonne hatte ihren Höchststand längst überschritten und die Schatten wurden länger. So traten die Mauern der Zitadelle plastischer hervor und zeigten, dass sie zu allen Zeiten von möglichen Ankömmlingen vom Meer nicht leicht zu überwinden gewesen waren. Soweit er wusste, war dies auch niemals gelungen. Die Innenstadt von Calvi wird von kleinen Geschäften und Cafés dominiert, die zum Bummeln und Kaufen einladen. Dennoch strahlen sie diese korsische gelassene Lebensart aus, die zumindest für die Meeranlieger typisch ist. Levi liebte es, durch die Straßen zu schlendern und die Auslagen zu studieren oder sich in dem einen oder anderen Café niederzulassen, seinen Espresso zu trinken und den Gesprächen der Einheimischen zu lauschen, auch wenn er meist kein Wort verstand. Die Bewohner Calvis hatten derbe Gesichter, die streng schauten, jedoch schnell zu einem schelmischen Lächeln wechseln konnten, wenn sie sich gegenseitig neckten. Heute strebte er der kleinen Autovermietung am Rande der Innenstadt zu, da er befürchtete, sie geschlossen vorzufinden. Auch hier hatte er Glück. Sie war noch geöffnet und so mietete er sich ohne große Umstände einen kleinen PKW, den er vorerst auf dem Parkplatz stehen ließ, da er auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen wollte, die Zitadelle noch zu besteigen. Der Weg führte den Berg hinan, am Ehrenopfer für die Kriegstoten des letzten Weltkrieges vorbei, einem monumentalen Säulendenkmal mit einer engelsgleichen Frauenstatue davor. Unwillkürlich musste er an Suzanne denken, die er jetzt einige Minuten aus seinem Bewusstsein verdrängt hatte. Ein Blick auf sein Mobiltelefon zeigte weiterhin keine Nachricht von ihr. Er schlenderte weiter, durch den mächtigen Eingangsbogen der Zitadelle aus sauber behauenen Granitsteinen und entlang der Wehrmauer bis zu einem Aussichtsplatz, von dem man einen guten Rundumblick sowohl auf die teilweise noch schneebedeckten Berge des Inlandes als auch die Bucht von Calvi hat. Der Wind wehte hier scharf über den Wehrhügel, so dass er es vorzog, sich dem Zentrum der Zitadelle zuzuwenden, einer Kathedrale mit gelblichem bröckelnden Putz und ihrem Vorplatz. Neben ihrer Ostseite ließ er sich in einem windgeschützten kleinen Café mit einigen wenigen gusseisernen Stühlen nieder. Kaum hatte er sich gesetzt, da meldete sich sein Handy. Er riss es förmlich aus seiner Tasche. »Hallo?« »Levi?« »Bist du das Suzanne?« »Ja, Levi, tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde, verzeih mir...« »Nein, nein, kein Problem, ich freu mich, dass du anrufst. Ich habe schon gedacht, du hättest mich vergessen!«, beeilte er sich zu sagen. »Oh, es tut mir so leid, aber ich konnte nicht früher! Bitte verzeih mir!«, flüsterte sie. »Ist etwas nicht in Ordnung?«, stutzte er, denn ihre Stimme klang ihm irgendwie weinerlich. Es entstand eine kleine Pause. Er hörte, dass sie schluckte. »Oh, nein, mach dir keine Sorgen, es ist … es ist nichts. Nichts von Bedeutung. Nur eine kleine Familienangelegenheit.«Sein Gefühl sagte ihm, dass sie irgendetwas verheimlichen wollte, das ihr unangenehm war, doch er hielt sich zurück, sie auszufragen. »Können wir uns sehen?« »Tut mir leid, heute geht es leider nicht mehr.« »Wie wäre es morgen?« »Das wäre schön!« »Magst du mit mir zum Strand fahren?« »Fahren?«, fragte sie nun neugierig. »Ja, ich bin gerade in Calvi und habe mir ein Auto gemietet. Wir könnten eine kleine Tour über die Insel machen!« »Oh, ja, das wäre superb, ganz ausgezeichnet. Lass uns weit wegfahren, Cheri. Ja?« »So groß ist Korsika nicht. Wie weit soll es denn sein?«, lachte er. »Na, ich meine nicht in der Nähe von Algajola. Ich komme hier so selten raus.« »Ja klar, gerne. Ich freue mich. Ich hole dich morgen früh ab«, schlug er vor. »Morgen hole ich dich bei deiner Wohnung ab.« »Nein, nein!«, rief sie erschrocken. »Bitte komm niemals allein zu meiner Wohnung. Das wäre unschicklich. Wir treffen uns...«, sie dachte offenbar nach,» am Kreisverkehr, der vor den Bahngleisen, gleich am Eingang der Stadt ist, weißt du?« Warum das?, fragte er sich, doch antwortete er, »Wie du willst. Wenn wir zum Strand gehen wollen, solltest du dir Badekleidung mitbringen.« »Ich brauch nicht viel!«, lachte sie. Das war ihm ganz recht, grinste Levi in sich hinein. »Sagen wir um 10 Uhr morgen?« »Ja, 10 Uhr ist gut. Ich werde da sein!«, versprach sie. »Suzanne«, flüsterte er ins Telefon. »ich freue mich so, ich bin so glücklich, dass du dich gemeldet hast.« »Was denkst du? Wenn ich etwas verspreche, dann tu ich das auch!«, protestierte sie. »Ich wollte dir nur sagen...« »Ja?« »Ich, ich glaube, ich habe mich total in dich verliebt!« Sie sagte eine Weile nichts. »Oh Levi, bitte sag das nicht. Bitte lass alles so zwischen uns, wie es jetzt ist. Hörst du Levi?«Ihre Stimme hatte etwas Flehendes angenommen. Er schluckte enttäuscht. Doch er wollte sie auch nicht überfordern. Er wollte nicht, dass sie noch einen Rückzieher machte. »Tut mir leid, aber...« »Du Guter, du Lieber..«, flüsterte sie leise und ihre Stimme hörte sich tränenerstickt an. »Okay, dann bis morgen?«, versuchte er die Situation zu retten. »Ja, bis morgen. Ich küsse dich!«, flüsterte sie heiser. Dann wurde die Leitung getrennt. Er saß noch eine ganze Weile wie vor den Kopf geschlagen da, unfähig sein Gefühlschaos zu ordnen. So merkte er auch erst nach einer geraumen Weile, dass eine Kellnerin ihn wohl bereits mehrfach nach seinen Wünschen gefragt haben musste. Sie wirkte jedenfalls ungeduldig, als ihre Stimme endlich zu ihm durchdrang. »Nichts, danke, ich möchte nichts!«, murmelte er und erhobt sich von seinem Stuhl unter dem verärgerten Kopfschütteln der jungen Dame. Auf dem Rückweg grübelte er weiter über das Telefonat nach. In was für eine merkwürdige Situation war er da hineingeraten? Wenn er an Suzanne dachte, ihre jugendliche, weibliche Ausstrahlung, ihr hübsches Gesicht mit den ausdruckvollen Augen, den vollen Lippen, ihre grazilen Bewegungen, dann war er sich sicher, dass er sie liebte. Er liebte sie so sehr, dass es ihn förmlich schmerzte. Noch nie war er auf Anhieb einer Frau so sehr verfallen wie ihr. Es bereitete ihm ein Gefühl, das in Kitschromanen als »Schmetterlinge im Bauch« bezeichnet wird, aber genauso fühlte es sich tatsächlich an. Er musste immerzu an sie denken, hatte immerzu ihr Bild vor Augen, hörte ihre angenehme warme Stimme. Es gab keinerlei Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle. Natürlich lauerte da im Hintergrund die Frage, wie es weitergehen sollte, wenn er..., wenn er wieder abreisen müsste? Denn sein Urlaub neigte sich dem Ende zu. Nicht mehr ganz 5 Tage und er würde wieder den Flieger in Bastia besteigen, um nach Hause zu fliegen. Nach Hause? Hatte er denn noch ein Zuhause? War denn seine Ehe noch eine Ehe? War sie nicht eher eine mumifizierte Hülle bestehend aus alten Gewohnheiten, Besitzstandsdenken und Verletzungen? Nicht umsonst war er hierher, nach Korsika geflohen, um Abstand zu gewinnen. Zu sich selbst zu finden. Und nun hatte sie ihn zu neuem Leben erweckt. Suzanne. Die schöne, die begehrenswerte. Doch mit ihr war auch ein Schmerz gekommen. Der Schmerz, den man fühlt, wenn das Leben wieder in einen einströmt, wie die Flut, die das ausgetrocknete Ufer überspült oder das Blut in eine abgeschnürte Extremität. Der Schmerz, den es bedeutet, wenn man wieder zu spüren beginnt. Und da war noch etwas. Suzanne brachte neben ihrer herrlichen Leichtigkeit einen Anflug von Traurigkeit in sein Leben. Traurigkeit, die nicht die seine war, doch die seine werden musste, wenn er sein Herz mit ihr verband. Das spürte er. Unbelastet war dieses Arrangement nicht, im Gegenteil. Irgendwo dort drinnen in dieser schönen Frau warteten das Grausen, die Angst und die Verzweiflung. Dies war es, dessen er sich nun bewusst wurde. Die Hüter des Tores, die bösen Geister, die ihre Pforte zum Herzen bewachten, waren wohl grausame Dämonen. Ihn fröstelte. Würde er es wagen, diesen Dämonen zu begegnen, ihnen die Stirn zu bieten, ihnen Stand zu halten? Er war kein mutiger Mensch, das wahrlich nicht. Er brauchte nie mutig zu sein in seinem geordneten Leben. Aber war er daher auch ein feiger Mensch? Er wusste es nicht. Aber er wollte sie und wenn er sie retten müsste, wie der Prinz die schöne Prinzessin im Märchen. Er lächelte in sich hinein, als ihm diese Allegorie bewusst wurde. Die tiefere Bedeutung der Märchensymbolik. Nie war sie ihm gegenwärtiger als im Moment.Erst als er wieder am Bahnhof stand, erinnerte er sich, dass er ja ein Auto gemietet hatte, mit dem er nun zurückfahren konnte. Kopfschüttelnd über seinen Geisteszustand machte er kehrt und ging zur Autovermietung zurück.Er konnte sich nicht genau erinnern, wie er zurückgekommen war, so sehr grübelte er auf der Rückfahrt weiter über Suzanne nach. Erst als er wieder in seinem Hotelzimmer stand und erleichtert feststellte, dass weder die Tür aufgebrochen noch er ausgeraubt worden war, kam er wieder in der Gegenwart an. Er stellte sich vor den Badezimmerspiegel und blickte seinem Spiegelbild sinnend in die Augen…
9
Roy stand wohl nun schon eine halbe Stunde vor dem Badezimmerspiegel, die Hand am Rasierapparat, mit dem er gerade einmal die Hälfte der linken Wange bearbeitet hatte, und blickte sich selbst in die Augen wie ein Fremder. Die letzten Sätze, die er eben geschrieben hatte, waren in der Tiefe seiner fremdartig wirkenden Pupillen abgetaucht. Wenn er nochmals so lieben könnte wie dieser Levi! Plötzlich hörte er vertraute Stimmen. Die laut streitenden Kinder waren zurückgekommen, übertönt noch von den Schimpfkanonaden ihrer Mutter. Er lächelte. Gut, dass er sich das hatte ersparen können. Die Stimmen seiner Kinder ließen ihn aus seiner Agonie erwachen. Er schaltete den Rasierapparat wieder ein und wollte seine Rasur vollenden, als die Badezimmertür von seiner älteren Tochter aufgerissen wurde.
»Hast du bist jetzt geschlafen?«, wunderte sie sich.
»Nein, natürlich...«
»Mami, Papi hat bis jetzt geschlafen!«, rief sie in den Wohnraum, ohne dass er seinen Satz vollenden konnte. Die Jüngere drängelte sich zur Tür herein, um das Wunder zu bestaunen. Mit großen Augen sah sie Roy an, als habe sie ihn jetzt erst zu ersten Mal gesehen! »Papi rasiert sich gerade!«, rief sie ins Wohnzimmer. »Mach mal hinne, ich muss mal!«, kommandierte sie dann.
»Ich zuerst«, kam ihr die Größere zuvor und schon hatten sie sich wieder lautstark in den Haaren. Er zog die Augenbrauen hoch und überließ das Bad den beiden Streithennen. Seine Frau, damit beschäftigt, die Jacken und Taschen, die die beiden Geschwister achtlos fallengelassen hatten, aufzuheben, würdigte ihn keines Blickes. Sie schaute so demonstrativ an ihm vorbei, dass es schwer fiel, dies nicht zu bemerken.
»Ich..«, begann er nach einer Weile unschlüssigen Herumstehens.
»Spar dir deine Worte!«, fauchte sie ihn an.
»Hör zu...«, versuchte er es aufs Neue. Sie wandte sich demonstrativ von ihm ab.
»Warum kannst du nicht einmal vernünftig mit mir reden?«, rief er.
»Schrei mich nicht an!«, schrie sie zurück.
»Ich schrei doch gar nicht, du schreist!«, gab er verärgert zurück.
»Das nennst du nicht schreien? Du kannst gar nicht anders als schreien!«, schrie sie noch lauter und knallte eine Tasche auf das Bett.
»Du hast angefangen zu schreien!«, verteidigte er sich. »Ich wollte...«
»Du wolltest, du wolltest... Wenn du gewollt hättest, dann wärst du wohl mitgefahren. Wir interessieren dich überhaupt nicht!«
»Stimmt doch gar nicht. Ich...«
»Das einzige, was dich interessiert, ist dein scheiß Buch!« »Nun hör aber auf«, gab er empört zurück.
»Du schreist schon wieder!«, zeterte sie weiter.
»Weil ich sonst überhaupt nicht zu Wort komme.« »Vor allem kommst du nicht zu Wort! Du hast schon viel zu viel Mist geredet! Ich hatte mich auf einen entspannten Urlaub gefreut, aber du legst offenbar keinen Wert darauf! Aber mach nur so weiter. Du wirst schon sehen, wohin das führt!« Ihm lag eine Erwiderung auf der Zunge, doch er schluckte sie herunter, da er wusste, dass mit ihr kein vernünftiges Wort zu reden wäre. Sie konnte niemals, niemals auf das letzte Wort verzichten, gleich wie stichhaltig seine Argumente auch waren. Das hätte ein Eingeständnis ihres Irrtums bedeutet und ein Wort, dass er nach einem unnötigen Streit noch nie von ihr gehört hatte, war das kleine Wort »Entschuldigung.« Es kam nicht über ihre Lippen.
»Brötchen liegen auf dem Tisch«, sagte er nur und ging aus dem Haus, um sich in den kleinen Vorgarten zu setzen.
Sonja kam heraus, ihr Touchpad in der Hand. »Seid ihr endlich fertig mit Streiten?«
»Ich schon«, murmelte er. »Wie wars denn?«
»Cool, aber auch ein bisschen langweilig. Wir haben uns total verfahren, einmal.« Das freute ihn irgendwie.
»Schlimm?«
»Nö, ging so. Mama hat geweint. Sie hatte das Navi vergessen. Aber jemand hat uns geholfen.«
»Jemand?«
»Ja, so'n Typ.«
»Was für 'nen Typ?«
Sie zuckte nur mit den Schultern und war schon so mit Scrollen und Antippen beschäftigt, dass sie es für unnötig hielt, nähere Ausführungen darüber zu machen.
Er seufzte. Wieso eigentlich glaubte er immer noch, Familienurlaube müssten erbaulich sein?
Marie kam an einem Brötchen kauend aus dem Haus.
»Warum bist du nicht mitgekommen?« »Wollte ich ja. Ich bin zum Bäcker gegangen und hab mich etwas verschätzt mit dem Weg.« »Brötchen sind echt lecker!«, mampfte Marie.
»Hier werden noch richtige Brötchen gebacken«, bestätigte er, obwohl er selber noch nichts gegessen hatte.
»Kriegen wir bald was zu essen?«, fragte Marie, die immer Hunger hatte. »Mama will was grillen heute!«
»Haben wir denn was im Haus zum Grillen?« Marie zuckte mit den Schultern und kickte gegen den Ball, den sie ins Gras geworfen hatte. Der bummerte gegen die Hauswand. Bum, bum, bum.
»Marie, hör sofort mit dem Krach auf«, kam Iris Stimme von drinnen.
Er beschloss die Taktik, »Es ist nichts gewesen«, anzuwenden. Sie bestand darin, dass man nach einem Streit wie diesem einfach zur Tagesordnung überging.
»Willst du heute grillen?«, rief er ins Haus.
Keine Antwort.
Er erhob sich, ging ins Haus und schaute in den Kühlschrank. Dort stapelte sich zwar allerlei Essbares, allerdings konnte er zum Grillen nichts Geeignetes finden.
»Haben wir denn was da zum Grillen?«, rief er einer unsichtbaren Iris zu.
»Siehst du etwa etwas?«, kam es schrill zurück.
Genau, das war eigentlich eines der Dinge, die ihn an seiner Frau noch mehr störten als die Tatsache, dass sie nicht konstruktiv miteinander streiten konnten, ihre schrille Stimme. Es fehlten ihrer Stimme die tieferen Untertöne. Nicht einmal in normaler Lautstärke konnte ihre Stimme sanft klingen. War sie angespannt, dann wurde ihre Stimme noch unangenehmer. Er hatte einmal eine Bluessängerin mit einer so angenehm vollen dunklen Stimme gehört, dass er ihr ewig hätte lauschen können. Damals fiel ihm erstmals auf, dass er die Stimme seiner Frau nicht mehr mochte. Er stellte sich Suzannes vor. Ihre Stimme wäre angenehm voll und weich. Suzanne. Er seufzte, während ihm das Bild seiner Romanfigur vor Augen trat. »Ich geh was kaufen. Ich hab ihm nächsten Dorf einen Supermarkt gesehen, heute Morgen.« Schweigen. Er erwartete nun die Frage, was er im nächsten Dorf gemacht habe, doch die vibrierte nur klanglos im Raum wie ein Negativbild der tonalen Stimmung, die sie verursacht hatte. Er hörte nur, dass Iris kurz mit ihrer Tätigkeit aufhörte, genauso lange, wie es dauert, diese Frage zu denken, jedoch nicht auszusprechen, um dann um so lauter mit ihrem Ordnen weiter zu machen. »Was wollt ihr denn?«, rief er in den Raum. »Keinen fettigen Schweinebauch!«, ließ sie sich nun etwas sachlicher vernehmen. Er nickte grinsend mit dem Kopf. Ging also noch, dachte er. Diese Frau ist wie ein Automat. Drück den richtigen Knopf und sie funktioniert vorhersehbar. Im Rausgehen fragte er die Kinder, ob sie mit zum Einkaufen kommen wollten. Marie war sofort einverstanden, da sie wegen des Fußballverbots schmollte und sich langweilte. Sonja hörte ihn nicht aufgrund ihrer Kopfhörer, die sie übergezogen hatte. Auf dem Weg zum Wagen, der auf dem Parkplatz am Eingang des Ferienparks stand, fragte ihn Marie aus. »Warum bist du denn nicht mitgekommen zum Fahrrad fahren?« »Na, sagte ich doch schon. Ich war zu Fuß Brötchen holen und hab mich ein wenig verlaufen.« »Du auch? Wir haben uns auch total verfahren.« »Sagte Sonja schon.« »Dann hat Mama einen Mann gefragt, der dort mit dem Auto vorbeikam. Das war vielleicht ein fieser Typ. Der hat Mama immer so angeglotzt. Aber Mama hat trotzdem lange mit ihm geredet. Aber er hat uns in die richtige Richtung geschickt.« »Mmmhm«, murmelte Roy, während er überlegte, was er nun einkaufen würde. »Der ist sogar noch ein bisschen hinter uns hergefahren«, fuhr Marie munter fort. »So?«, machte Roy geistesabwesend. Vielleicht würde er lieber Rinderhacksteaks kaufen. Die Kinder aßen nicht gerne richtige Steaks. »Als wir in den Waldweg eingebogen sind, ist er sogar mit seinem Auto noch stehen geblieben. Mama hat ihm noch zugewinkt, dann ist er endlich verschwunden. Gruselig.« Vielleicht doch lieber Hühnerschenkel, überlegte Roy. Das ging immer. Er beschloss Hühnerschenkel zu kaufen. »So, ja, ja, das kommt vor«, gab er unzusammenhängend zurück. Marie plapperte weiter, bis sie zum Auto kamen, und weiter, während sie fuhren, denselben Weg, den er heute Morgen zu Fuß genommen hatte. Erst als sie an der Stelle vorbeikamen, an der er heute Morgen den Fremden getroffen hatte, bremste er leicht ab und schaute unwillkürlich in den Waldweg hinein. »Was is'n?«, fragte Marie. »Ach, nichts«, antwortete er ausweichend und gab wieder Gas. Wenn er alleine gewesen wäre, hätte er wohl gehalten und sich ein wenig umgeschaut, was der Typ dort zu suchen gehabt hatte. Vielleicht musste er nur mal austreten? Ein merkwürdiges Gefühl überkam ihn beim Weiterfahren, als müsse er nochmals umdrehen und zurückfahren. Unmöglich. Er verbot sich diesen Gedanken. Sollte der Supermarkt geschlossen haben, wenn sie dort ankämen, wäre der Abend ebenfalls gelaufen. Es war schon kurz vor achtzehn Uhr. Der Markt hatte noch geöffnet, als sie endlich einparkten. Einkaufen mit Kindern ist regelmäßig eine schwere Erziehungsaufgabe, fand Roy. So auch jetzt wieder, wenn Marie nicht zu überzeugen war, Süßigkeiten, Schnickschnack oder andere Sachen, die ihrer Meinung nach dringend zu einem gelungenen Grillabend gehören, wieder aus dem Einkaufswagen zu entfernen. So war denn die Stimmung der beiden schon nach wenigen Minuten auf dem Tiefpunkt angelangt. Maries Versuche, Roy davon zu überzeugen, dass saure Gummibärchen unbedingt auf jeden Grill gehören, oder nichts besser schmeckt als angekohlte Klöße aus rot und blau gefärbtem Schaumzucker scheiterten ebenso wie Roys verzweifelte Versuche, ihr eben das gerade auszureden. Schließlich einigten sie sich darauf, dass Gummibärchen zwar nicht auf den Grill gehören, aber vielleicht dazu dienen könnten, die Stimmung zu heben, und Schaumzucker durch Chips ersetzt werden könnte, als geschmackliche Alternative zu fettigem Fleisch. Dass es dann unbedingt die Chips von dieser einen Marke sein mussten und nicht die wahrscheinlich von derselben Firma hergestellten, nur halb so teuer angebotenen Alternativ-No-name-Produkte, nahm Roy schließlich entnervt hin. Eine kleines Aufflackern seines Unmutes erlebte er noch an der Kasse, als der Einkaufswagen, neben reichlichen Mengen Grillgut dann doch plötzlich eine Tüte Marshmallows enthielt. Da hatte er es schon aufgegeben zu protestieren, auch weil Marie so schelmisch lachte, dass er ihr nicht wirklich böse sein konnte. Also machte er gute Miene zum bösen Spiel und formulierte den pädagogisch wenig wertvollen Satz: »Aber nur dieses eine Mal als große Ausnahme!« Sie nickte mit leuchtenden Augen, wohl weil sie insgeheim befürchtet hatte, er könne diese kleine Frechheit letztendlich doch noch ahnden, und in dem Wissen, ihn mal wieder um den Finger gewickelt zu haben, riss sie die Tüte, kaum dass sie die Kassiererin passiert hatte, auf und stopfte sich gleich zwei dieser merkwürdigen Auswüchse der Esskultur in den Mund. Er schaute demonstrativ weg. Der Rückweg verlief dann auch einigermaßen schweigend, wenn man vom demonstrativen Schmatzen Maries absah, die Mühe hatte, die zuckersüße klebrige Masse wieder aus dem Mund zu bekommen und in Richtung Magen zu befördern. Ihre Fahrt endete jedoch abrupt an einer Straßensperre, die mitten auf der Landstraße errichtet worden war. Ein Polizist mit Motorradhelm und Haltekelle verhinderte die Weiterfahrt. Quer über der Straße war ein rotweißes Absperrband gespannt. Dahinter versperrte ein quergestelltes Polizeimotorrad mit blauem Blinklicht die Straße. Auch in dem seitlichen Waldstück standen mehrere Polizeiwagen sowie ein Notfallwagen der Feuerwehr. »Schau mal!«, rief Marie interessiert. »Da ist bestimmt was passiert!« »Vielleicht ein Unfall!«, sinnierte er, wobei er auf den zweiten Blick erkannte, dass ein Polizeiwagen gerade an dem Waldweg geparkt war, auf dem er heute Morgen den unheimlichen Typen begegnet war. Ihn fröstelte. Er fuhr langsam bis zum Polizisten vor, der einem anderem Fahrzeug bereits anwies, zu wenden. »Hier geht es nicht weiter, sie müssen zurückfahren«, winkte dieser ungeduldig. »Entschuldigung, wir sind nicht von hier. Wie kommt man denn weiter?« »Sie müssen wieder zurückfahren bis kurz vor den Ort und dann die Umgehungsstraße benutzen. Es wird gerade ausgeschildert!«, erwiderte der Polizist nicht unfreundlich. »Was ist denn hier passiert?«, fragte Marie. »Nichts, was kleine Kinder wissen müssten!«, antwortete der Polizist bestimmt. »Fahren Sie bitte weiter«, forderte er, »Sie blockieren die Straße, mein Herr!« Auch wenn Roy eigentlich dasselbe wie Marie interessierte, so verkniff er sich eine Nachfrage und wendete umständlich, was ein unmutiges Hupen eines hinter ihm stehenden PKW zur Folge hatte. Auf dem Rückweg, kurz vor der Stelle, auf der ein Arbeitstrupp ein Umleitungsschild montierte, kam ihnen ein Leichenwagen entgegen. »Cool!«, kommentierte Marie, »da ist bestimmt jemand überfahren worden!« Roy verstand nicht, was daran cool sein könnte, wenn jemand überfahren wird, aber Marie hatte da wohl eine ganz andere Sichtweise. Ganz im Gegenteil ließ ihn das unbestimmte Gefühl nicht los, dass die polizeiliche Aktion irgendwie mit dem Vorfall am Morgen zu tun haben könnte. Da aber diesbezüglich keine Aufklärung zu erwarten war, gab er Gas, in der Hoffnung, sich nicht allzu sehr zu verfahren. Wieder erwarten verlief der weitere Heimweg reibungslos. Die Straßenwacht war wohl ziemlich auf Zack gewesen, so dass die Umleitungsschilder bereits aufgestellt waren und den richtigen Weg auswiesen. Sie kamen also, wenn auch etwas verspätet, so doch noch mit akzeptabler Toleranz an. Fand er. Fand jedoch nicht sie, Iris. Doch bevor sie ihren Unmut gänzlich an ihm auslassen konnte, berichtete Marie bereits von dem ungeheuren Erlebnis, wobei sie das Ganze ein wenig aufbauschte, wohl weil sie ihren Vater in Schutz nehmen wollte. »Du kannst froh sein, dass wir überhaupt heute noch zurückgekommen sind!«, berichtete sie aufgeregt. »Da war ein riesen Unfall genau vor uns auf der Straße mit hundert Polizeifahrzeugen, zwanzig Krankenwagen und einem Hubschrauber...«, log sie. »Naja, Hubschrauber nun gerade wieder nicht!«, versuchte er die ganze Angelegenheit etwas ins rechte Licht zu rücken. »Glaub mir«, setzte Marie im Brustton der Überzeugung fort, »bei so was kommt eigentlich immer ein Hubschrauber, um die Schwerverletzten abzutransportieren. Das hab ich im Fernsehen gesehen!« »Mensch, nie nehmt ihr mich mit, immer nur Marie«, maulte Sonja, die feststellte, dass sie wohl ein kolossal aufregendes Ereignis versäumt hatte. »Du wolltest doch nicht«, protestierte Roy. Marie freute sich, dass sie etwas ihrer großen Schwester voraus hatte und trug noch dicker auf. »Wir mussten durch eine Polizeikontrolle und wären beinahe verhaftet worden!«, schwärmte sie. »Aber ich habe den Polizisten überzeugt, dass Papa unschuldig ist und wir niemanden überfahren haben!« »Du spinnst«, rief Sonja außer sich, die es auf den Tod nicht leiden konnte, wenn ihrer jüngeren Schwester die Fantasie durchging. Schon hatten sich die Geschwister in einen handfesten Krach verwickelt, mit dem Ergebnis, dass Marie Sonja gegen das Bein trat, Sonja zurückschlug, unglücklicherweise Maries Nase traf, die sofort heftig blutete und Iris eine Schreiorgie vom Stapel ließ und beide ins Haus schickte. Er warf sich müde in einen Gartenstuhl und verfluchte, jemals dem Wunsch nach Frau und Kindern nachgegeben zu haben.
10
Er dachte an Suzanne, schaute durch das schmale Badezimmerfenster in den Himmel, den wenige weiße Abendwolken zierten, die bereits eine leicht rötliche Färbung angenommen hatten. Als er den Blick vom Fenster wieder zu seinem Spiegelbild zurückwandern ließ, beschloss er, dass der nächste Tag für beide ein Erlebnis werden sollte. Er würde eine schöne Rundtour vorschlagen, da er auch einmal das Inland und den Süden Korsikas erforschen wollte. Vielleicht würde ihm Suzanne einige interessante Orte nennen können, die es lohnte, anzusteuern. In freudiger Erwartung des morgigen Zusammentreffens ging er nochmals in die kleine Hotelvorhalle zurück, in der er einige Werbeflayer über touristische Attraktionen gesehen hatte und griff sich wahllos den einen oder anderen. Dann zog er sich auf sein Zimmer zurück, studierte die Korsikakarte, die er auf seinem Bett ausgebreitet hatte und ging daran, einen »Schlachtplan« für den morgigen Tag zu entwerfen. Am nächsten Morgen fand sich Levi in voller Bekleidung auf dem Bett liegend vor, die Landkarte war etwas zerknittert auf den Boden gerutscht, unter sich die verknautschten Werbeprospekte. Er erwachte aus einem erotischen Traum, bei dem jedoch nicht Suzanne, sondern irgendeine andere Frau in einem mehrstöckigen mit Menschen überfüllten Haus seine Gespielin war. Erschrocken blickte er sich um, er war offensichtlich gestern Abend ermüdet über der Karte eingeschlafen, ohne sich nochmals. Mit einem Satz war er aus dem Bett. Ein schneller Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er sich beeilen musste, wollte er pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt an besagter Kreuzung sein. Im Schnelldurchgang holte er nach, was er gestern versäumt hatte, warf in aller Eile einige Badesachen in eine große Strandtasche, packte Geldbörse, Ausweis und Führerschein zusammen, verzweifelte bei der Auswahl der Kleidung, die er mitnehmen wollte. Lieber Wandersachen oder etwas Feineres für das Restaurant? Da er sich nicht entscheiden konnte, warf er einfach von jedem etwas in die Tasche, nahm zwei Paar Schuhe in die Hände und stürmte die Treppe des Hotels hinunter zum Wagen, ohne gefrühstückt zu haben. Wenige Minuten später war er bereits am verabredeten Kreisverkehr, etwas zu früh, wie er feststellte. Also parkte er seinen Wagen im Schatten einiger Bäume am Straßenrand, stellte das Radio an und wartete auf sie, auf Suzanne. Der Tag versprach, heiß zu werden, die Sonne brannte von einem wolkenlosen, strahlend blauen Himmel herunter und die Luft über der dunklen Fahrbahn begann trotz der frühen Stunde schon zu flimmern. Weil es trotz des Schattens im Wagen zunehmend unerträglich heiß wurde, öffnete er die Fenster und atmete die meersalzgeschwängerte, würzige Luft ein. Er überlegte, dass es möglicherweise am besten sein könnte, einfach an irgendeinen Strand zu fahren, anstatt den Tag im Auto zu verbringen. Zwar hasste er das müßige Herumliegen in der Sonne inmitten bunter Sonnenschirme, schreiender Kinder, fluchender Eltern, bereitwillig dargebotener Fettleibigkeit, aber die Aussicht einen lüsternen Blick auf Suzannes wunderbaren Körper werfen zu können, erfüllte ihn mit erwartungsvoller Erregung. Wenn sie nur überhaupt käme! Wenn er sich nur ein etwas repräsentativeres Auto genommen hätte als bloß einen durchschnittlichen Kleinwagen! Vielleicht wäre sie enttäuscht, in so einer Nuckelpinne zu fahren? Er schalt sich selbst einen Dummkopf, auf der anderen Seite ermahnte er sich, nicht den jugendlichen Casanova zu spielen, der er einfach nicht war. Er war er und das musste sie letztlich genauso akzeptieren, wie er sich selbst zu akzeptieren gezwungen war. Nervös trommelte er auf das Lenkrad. Wieso wollte sie nicht vor ihrer Wohnung abgeholt werden? Er hätte sich gerne noch einmal den genauen Weg dorthin erklären lassen. Auch in einer Bar oder vor einem Restaurant wäre ein guter Treffpunkt gewesen, aber an einer Straßenkreuzung, an der weit und breit außer einem Campingplatz und einem Ferienressort nichts weiter zum Verweilen einlud? Frauen sind merkwürdige Wesen, dachte er. Die Zeiger seiner Uhr schritten unaufhaltsam auf 10 Uhr zu. Er blickte sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Ab und zu kam ein Wagen aus der Ferne angerollt, bremste vor dem Kreisverkehr ab und verschwand wieder in die ein oder andere Abfahrt. Vielleicht kam sie sogar mit dem Auto oder wurde gebracht? Schade, dass er nicht rauchte, dachte er. Mit einer Zigarette im Mundwinkel hinter dem Steuer zu hängen würde eine gute und lässige Pose abgeben und seine Nervosität überspielen. Er stellte das Radio an. Ein wehmütiger Tango erfüllte das Wageninnere. ‚Volver‘ hieß er, soweit er sich entsann. Er beschloss, sich die Zigarette vorzustellen, legte den Sitz ein wenig zurück, ließ den Ellenbogen aus dem Fenster hängen und schloss halb die Augen. Der rosafarbene Orleander auf der gegenüber liegenden Straßenseite erglühte im Licht der Sonne zu einer Farbexplosion. Er sog langsam den Duft der Macchie ein, den die etwas kühlere Meeresluft herantrug. Der Süden sollte eigentlich seine Heimat sein, dachte er. Nirgends waren die Farben lebhafter, die Gerüche intensiver als im mediterranen Süden Europas. »Bon jour!«Er fuhr herum. Neben der Fahrertür stand eine weiß gekleidete Frau mit großer Sonnenbrille, die fast das ganze Gesicht verdeckte, weißem großrandigen Sonnenhut und einer kleinen bunten Strandtasche. »Suzanne?«Sie nahm die Sonnenbrille ab und lächelte ihn fröhlich an. »Oui. Überrascht? Wir waren doch verabredet.« »Wo kommst...?«, im Aussteigen beendete er seinen Satz jedoch nicht, sondern nahm ihre Hände in die seinen, hob ihre Arme ein wenig hoch und betrachtete sie erfreut. »Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte sie neckisch. »Du bist wunderschön. Ich hatte dich gar nicht kommen hören«, und mit Blick auf die Sonnenbrille, »und dich beinahe gar nicht erkannt.«Er umarmte sie heftig und drückte sie herzlich an sich, was sie geschehen ließ. »Surprise!«, lachte sie. »Das ist dir gelungen!«, lächelte er erleichtert, sie nun leibhaftig vor sich zu sehen. »Doch nun, subitu, mein Lieber, ich möchte so schnell wie möglich hier weg!« Er führte sie zur Beifahrerseite, öffnete galant die Tür, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein. Sie warf die Strandtasche schwungvoll auf den Rücksitz, ließ sich auf den Beifahrersitz gleiten und schlug ihre schlanken, makellosen Beine übereinander. Dabei rutschte ihr eine ihrer zierlichen Sandaletten mit dünnen weißen Riemchen und funkelndem Strassbesatz vom Fuß und fiel vor dem Auto auf den Boden. Er beeilte sich, ihn ihr zu reichen. Aber anstatt ihn entgegenzunehmen, streckte sie ihm nur mit einer neckischen Geste ihren nun bloßen Fuß entgegen und spielte mit breitem Grinsen mit den Zehen. Er bückte sich zu ihr hinunter, um ihr die Sandalette wieder anzuziehen, strich dabei übertrieben lange über ihren Fußrücken, bevor er sich wiederaufrichtete. Sie quittierte es mit einem wohlwollenden angedeuteten Lächeln und leichtem Nicken ihres Kopfes und zog den Fuß balletös zurück. »Nun, können wir los?« »Bitte sofort, bitte gleich!«, verneigte er sich in der Geste eines Chauffeurs, eilte übertrieben manieriert um das Auto, ließ sich steif am Steuer nieder und fragte: »Wo darf ich die Dame hin chauffieren?« Dann brachen beide in prustendes Lachen aus. »Du kannst ja auch komisch sein!«, freute sie sich. »Na, schönen Dank!«, protestierte er gespielt. Sie schauten sich eine Weile abwartend in die Augen, bevor sie ihre Sonnenbrille wieder aufsetzte. »Möglichst schnell, möglichst weit von hier weg!«, schlug sie vor.Er ließ den Motor an, froh, dass sie über den Wagen, den er gemietet hatte, kein abfälliges Wort verloren hatte. »Wollen wir an einen Strand fahren?«Sie überlegte. »Lass uns nach Canella fahren. Da kenne ich einige nette Stellen.«Der Strand bei Canella war, soweit er wusste, genau am gegenüberliegenden südlicheren Teil Korsikas gelegen. Sie müssten also die Insel einmal durchqueren. Das würde eine längere Fahrt bedeuten. »Ehrlich gesagt, würde ich gerne vorher ein kleines Frühstück zu mir nehmen, ich habe mich sehr beeilt«, gestand er. »Oui, bien, lass uns in Corte halten, das liegt ziemlich in der Mitte.«, war sie einverstanden. Er gab also Gas, etwas zu heftig, so dass die Vorderräder auf dem sandigen Untergrund geräuschvoll durchdrehten und der Wagen beim Anfahren leicht schlingerte. »Muss mich noch dran gewöhnen!«, entschuldigte er sich mit einem vorsichtigen Seitenblick. Sie hielt nur ihren Sonnenhut fest, der ihr fast vom Kopf gerutscht wäre. »Du hast ein Rennauto gemietet!«, stellte sie mit gespieltem Erstaunen fest. Er räusperte sich. »Ja, scheint so!« Er fädelte sich auf der Hauptstraße in den spärlichen Verkehr ein, froh darüber, dass die Stimmung von Anfang an so gut war und sich ihre Verabredung so amüsant anließ. »Wie gut kennst du dich in Korsika aus?«, fragte er. »Oh, ein wenig. Ich bin einige Male zu Verwandten zu Besuch gefahren. Die leben allerdings überwiegend in der Gegend von Bastia oder aber in von Bonifaciu.« »Und wie lange lebst du denn schon hier in Korsika?«Sie legte ihm den Zeigefinger zart auf den Mund. »Keine Fragen zur Vergangenheit, Cheri, wie vereinbart. Das war versprochen.«Er zuckte mit den Schultern. »Fällt mir schwer, ich möchte alles über dich wissen.« »Das, was du wissen musst, ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart. Was nützt es dir, etwas über mich zu erfahren, was ich mal war, anstatt zu erleben, was ich jetzt bin?« »Da hast du recht.«, stimmte er etwas unwillig zu. »Der Weg ist das Ziel. Leben im Hier und Jetzt, oder so.« »Si!«, bestätigte sie bestimmt und wandte den Kopf zur Seite, um stumm die Landschaft an ihnen vorbeigleiten zu sehen, die sie nun passierten. Die Straße, N197, eine der Hauptverkehrsadern, führte einige Zeit am Steilhang, nahe dem Meeresufer, vorbei, um sich dann wie eine Schlange langsam ins Hochland zu winden. Als die Straße schließlich nahezu rechtwinklig die Richtung nach Bastia änderte, um das Inland zu durchqueren, ließen sie das Meer hinter sich.Sie seufzte, ließ sich auf ihrem Sitz zurückgleiten, nahm Sonnenbrille und Hut ab und dehnte zufrieden ihre Arme. »Erzähl von dir!«, brach sie das Schweigen.Er zuckte mit den Schultern. »Was soll ich erzählen?« »Irgendwas. Magst du Korsika?«Er zögerte. »Ja, im Moment mag ich Korsika sehr.« »Wie, sonst nicht?« »Doch, doch, ich finde Korsika sehr schön, sehr interessant.« »Ich nicht!«, gab sie zurück. »Nicht?« »Nein, nicht mehr.« »Weshalb? Du bist doch Korsin?« »Eben drum.« »Das verstehe ich nicht.« »Es gibt zu viele Mauern.« »Mauern? Wo?« »Überall. Du siehst sie nicht, weil sie dich wie unsichtbare Wände einschließen.«Er schaute sie verständnislos an. »Korsika ist ein riesiges Gefängnis, mehr nicht.« »Na, hör mal«, fragte er vorsichtig nach. »Wovon sprichst du? Von den Einheimischen?«Sie nickte. »Ich finde sie alle ganz nett. Sehr freundlich.« »Tja, solange du als Tourist dein Geld da lässt!«, erläuterte sie. »Und sonst?« »Mauern, überall Mauern, hinter denen Missgunst und Gewalt herrschen.« »Hat, glaube ich, Napoleon schon über die Korsen gesagt. Er soll in Paris gefragt haben, ob die Korsen immer noch damit beschäftigt seien, sich gegenseitig umzubringen«, dozierte er. Sie grunzte abfällig. »Napoleon. Alle verehren ihn, dabei hat er uns gehasst. Alle hassen sich gegenseitig.« »Inselkoller?«Sie nickte nachdenklich. »Vielleicht!« »Napoleon ist Geschichte!«, lenkte er ein, um das Thema zu wechseln. »Tanzt du gerne?« Sie schaute ihn mit großen strahlenden Augen an. »Oh, ja! Würdest du mit mir tanzen gehen?« Sie klatschte wie ein kleines Mädchen in die Hände, dass ihren Vater um einen Gefallen bittet. Er lachte zufrieden. »Natürlich! Vielleicht gibt es eine Möglichkeit dort unten am Strand.« »Ja, vielleicht!«, freute sie sich und legte ihm ihre Hand auf den Arm. Sie ist wie ein großes Kind, dachte er und schaute zu ihr hinüber, wie sie zufrieden in ihrem Sitz saß. Das wütende Hupen eines entgegenkommenden Autos ließ ihn zurückzucken. Gerade noch rechtzeitig konnte er den Wagen wieder zurück auf die Fahrbahn lenken, von der er ein wenig abgekommen war. »Puh, das war knapp...«Sie lachte nur. »Du fährst schon wie ein Korse.« »Fahren die auch so?« »Schlimmer!« »Jetzt weiß ich auch, weshalb die Versicherungen hier so teuer sind.« »Besonders schlimm ist es im Bergland.«, bestätigte sie. »Da musst du ständig auf der Hut sein.« Das hatte er schon gehört. Er hoffte, dass sie dieses Schicksal nicht heute ereilen würde. Er bemühte sich, nun etwas besser auf die Straße zu achten, obwohl er immer wieder einen Blick zu ihr hinüberwarf, um festzustellen, in welcher Stimmung sie war. Sie schien es nicht zu bemerken, sondern schien die Fahrt und die vorbeiziehende Landschaft zu genießen. So schwiegen sie eine Weile. Wenn es stimmte, wie er einmal gelesen hatte, dass zwei Menschen nicht länger als 31 Sekunden schweigend nebeneinander sitzen können, ohne dass es peinlich wird, dann kannte sie diese verhaltenspsychologische Studie nicht. Es schien ihr nichts auszumachen, nicht zu reden, ganz im Gegensatz zum letzten Treffen, als sie fröhlich über alle möglichen Belanglosigkeiten geschwatzt hatten. Und dann war da ja auch noch ihre Hand, die sie auf seinen Unterarm gelegt hatte, als sei dies ganz selbstverständlich. Um dieses Kontaktes willen wagte er nicht, die Kupplung öfters als notwendig zu treten und die Gangschaltung zu betätigen, denn diese kleine Geste war es, die ihm mehr als jedes Wort ihre Verbundenheit auszudrücken schien. Die Sonne war nun deutlich höher gestiegen und brannte unbarmherzig auf die Scheiben. Die Klimaanlage, im Preis inbegriffen, schien jedoch nichts mit ihrem Einschalter im Armaturenbrett zu tun haben zu wollen. Er drückte den Knopf versuchsweise mehrmals, ohne dass sich irgendeine Reaktion, geschweige denn Kühlung feststellen ließ.Sie schien es ebenfalls bemerkt zu haben. »Mach doch einfach die Fenster auf, die meisten Leihautos sind hier kaputt!«, bemerkte sie lakonisch. Der warme Fahrtwind, der durch die geöffneten Fenster hineinströmte, blies ihnen ins Gesicht. Ihre langen braunen Haare wehten heftig im Wind. Sie lachte und hielt den Kopf noch näher an die Fensteröffnung. Er lächelte ihr zu, froh, sie so glücklich zu sehen. Ich bin verliebt, stellte er ganz sachlich fest. Ich bin derartig verliebt, dass ich tanzen könnte.
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