Read the book: «Mörder Quoten»

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Über das Buch

Was macht ein Auftragskiller, dem jemand die Arbeit abgenommen hat? Überstunden.

Er muss dringend herausfinden, wer ihm zuvorgekommen ist – und den Mord aufklären, den er selbst hätte begehen sollen. Schließlich hat er einen Ruf zu wahren. Äußerste Vorsicht ist geboten, um nicht ins Visier der ermittelnden Chefinspektorin zu geraten. Zusammen mit seinem unfreiwilligen, redegewaltigen Assistenten beginnt der Killer nachzuforschen. Die Spur führt in die Welt des kleinen Glücks, der Buchmacher, Sportwetten, legalen und illegalen Spielhöllen. Und zu Verstrickungen, die bis in höchste Kreise reichen …

Mit feinem Witz und viel schwarzem Humor erzählt Leo Lukas einen spannenden Krimi voller überraschender Wendungen.

Inhalt

Prolog

DONNERSTAG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

FREITAG

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

WOCHENENDE

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Zwischenspiel

MONTAG

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

DIENSTAG

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

MITTWOCH

Kapitel 25

Nachbemerkung

Leo Lukas über „Mörder Quoten“

Prolog

Sieben Minuten vor deinem Tod geht es dir so gut wie schon lange nicht mehr. Du spürst den Marillenschnaps. Das ist aber nicht der billige Fusel vom Diskonter. Sondern feinere Ware. Aus Ungarn. Der dings; der so heißt wie ein amerikanischer Präsident … Du denkst nach, schnalzt mit der Zunge, klatscht die flache Hand an die Schläfe. Aber es will dir nicht einfallen.

Macht nichts. Bald wird die Welt noch unschärfer werden. Du freust dich darauf.

Deine Wohltäter schenken nach. Sie prosten dir zu, rufen „Auf ex!“ Selber nippen sie nur. Sie glauben, du merkst es nicht. Dabei ist es dir bloß egal.

Fünf Minuten vor deinem Tod werden dir die Augenlider schwer. Du schwankst, hast Mühe, nicht im Sitzen umzukippen.

Wie unhöflich von dir! Du möchtest die netten Leute, die so unvermittelt so spät noch aufgetaucht sind, um Entschuldigung bitten. Mehr als unverständliches Gelalle bringst du jedoch nicht heraus.

Nachsichtig winken sie ab, klopfen dir auf die Schultern. Du stellst den Plastikbecher auf den Boden, weil er dir aus den Fingern zu fallen droht. Man hilft, indem man dir die Flasche direkt an die Lippen hält. Du trinkst, säufst wie ein Ross, bis du nach Luft schnappen musst.

Drei Minuten vor deinem Tod tropft dir ein Gemisch aus Schnaps und Speichel aus dem Mundwinkel. Dafür genierst du dich. Du hast ein schlechtes Gewissen, weil du dich derart gehen lässt.

Zugleich keimt Misstrauen gegenüber deinen edlen Spendern auf. Wer sind sie noch gleich? Was führt sie zu dir? Warum haben sie dich so vehement zum Trinken verleitet?

Okay, schwer zu überreden warst du nicht. Eigentlich mussten sie nur die Einladung aussprechen und die Flasche entkorken. Obama! So heißt er, der Schnaps, genau. Deine Freunde und du, ihr dürft ihn beim Vornamen nennen: Barack.

Der süßlich-scharfe Geruch war Argument genug … Dir wird übel. Was für eine bejammernswerte Kreatur du doch darstellst! Wie konntest du so tief fallen?

Dass die Reue ein wenig spät kommt, ist dir klar. Sie wirkt auch nicht ernüchternd. Vielmehr störend. Du wischt sie fort, mit dem Handrücken quer über den Mund, und dämmerst weg.

Zehn Sekunden vor deinem Tod schreckst du hoch. Mit einem Schrei, vor Schmerz. Warme, klebrige Flüssigkeit rinnt dir die Wange herunter, das Kinn entlang. Du greifst hin. Kneifst die Augen zusammen, glotzt deine roten Fingerspitzen an.

Kann das wahr sein? Hat man dir gerade tatsächlich …?

„He, der ist noch nicht voll hinüber!“, ruft jemand.

„Aber gleich“, sagt eine andere Stimme.

Etwas blitzt auf. Die Flasche, oder ein Messer. Vielleicht auch etwas ganz anderes, du siehst ja nur verschwommen. Es saust durch die Luft. An Ducken oder gar Ausweichen ist nicht zu denken. Du fuchtelst mit den Armen, vergeblich. Der Hieb trifft dich hart am Kopf.

Du fällst nach hinten und hinunter, immer tiefer, in die leere Dunkelheit.

DONNERSTAG

„Der Oane kränkt si z’Tod.

Dar Aundre schind’t si wund.

Wer amol herzkraunk is,

Wird neamma gsund.“

(Kern Buam, „Der Weltverdruss“)

Kürbisschaumsuppe

*

Gefülltes Brathendl mit Risipisi

o d e r

Käferbohnengulasch mit Polentaschnitte

*

Gebackene Holunderblüten Vanilleeis mit Kernöl

1

Es gibt schon Zufälle, da glaubt man nicht mehr an Zufall.

Ich meine, wie hoch ist die Chance, dass die Kundin, die einen Karibikurlaub gewinnt, justament das „Gspusi“ des Filialleiters ist? Oder dass der Verteidiger, der in der 89. Minute ein Eigentor schießt, niemanden kennt, der einen Haufen Geld auf Unentschieden gewettet hat?

Eben. Manchmal muss man halt ein bisserl nachhelfen.

Obwohl das Schicksal auch ganz allein Kapriolen schlagen kann, frage nicht. Nehmen Sie den Bravo und mich. Eine Paarung, sehr viel unwahrscheinlicher geht’s kaum. Zwei verschiedene Welten, fast ohne Berührungspunkte.

Unter uns: Wäre es dabei geblieben, würde ich mich auch nicht beschweren.

Da kann man schon ins Philosophieren kommen. War es irgendwie vorherbestimmt, dass ich den Bravo getroffen habe? Hat uns die Vorsehung zusammengespannt, oder gar ein höheres Wesen?

„Der Mensch denkt, und Gott lenkt“ … Angenommen, das stimmt; dann wäre ich vehement dafür, dem Herrn die Lenkerberechtigung zu entziehen. Weil ganz auf der Höhe kann er nicht gewesen sein, als er sich das ausgedacht hat.

Gut, eine gewisse Mitschuld streite ich nicht ab. Mein lockeres Mundwerk, wieder mal. Ich hätte mir einfach auf die Zunge beißen sollen, und nichts wäre passiert. Bis heute wüsste ich nicht, dass jemand wie der Bravo überhaupt existiert.

Aber der Reihe nach.

Ich war in Graz, wegen eines Sprecherjobs. Mein südsteirischer Akzent ist zwar nach mehr als 20 Jahren in Wien weitgehend abgeklungen, lässt sich aber relativ überzeugend wiederbeleben. Manche Werbeagenturen buchen mich, wenn sie verbalakustisches Lokalkolorit brauchen.

Außerdem fand am Abend die Geburtstagsfeier einer ehemaligen Geliebten statt. Unsere Affäre liegt einige Jahre zurück und dauerte nur wenige Wochen. Falls die Erinnerung mich nicht trügt, exakt, bis ich draufkam, dass die Dame mich hauptsächlich dazu benutzte, ihren Ehegatten eifersüchtig zu machen. Gleichwohl lädt sie mich alle Jahre wieder zur Party ein, obwohl wir sonst keinen Kontakt mehr haben. Jetzt werden Sie nicht ganz unberechtigt fragen, warum ich dann trotzdem hinfahre.

Ja, sehen Sie, mit der Zeit habe ich den Gatten schätzen gelernt. Wir teilten, stellten wir fest, weit mehr gemeinsame Interessen und Vorlieben als bloß seine Gemahlin. Deren Geburtstags-Gelage sind außerdem echt vom Feinsten, und zu später Stunde, wenn sich die übrigen Gäste getrollt haben, fachsimpeln Bernhard und ich genüsslich über diverse Ballsportarten. Öfter als einmal jährlich brauche ich das auch nicht, aber in dieser Frequenz passt’s.

Ich schlief im ehemaligen Kinder- und nunmehrigen Gästezimmer. Tags darauf brunchten wir zu dritt, wie eine sehr in die Jahre gekommene Römerquelle-Werbung. Dann nutzte ich die Gelegenheit, um einen anderen alten Bekannten zu besuchen.

Gustav Guthmann, genannt „Gugu“, war einer meiner besten Kumpels im Gymnasium gewesen. In der sechsten Klasse war er sitzengeblieben, wie übrigens fast alle Banknachbarn von mir, wegen meines ständigen Geblödels. Unserer Freundschaft tat das keinen Abbruch. Während des Studiums teilten wir für einige Jahre eine Wohnung und manche Freizeitaktivität, insbesondere amouröse Abendgestaltungen mit Vertreterinnen des anderen Geschlechts. Nachdem ich nach Wien gezogen war, verloren wir einander allmählich aus den Augen. Gugu legte eine beachtliche Karriere als Psychiater und Psychotherapeut hin, sich ein hübsches Häuschen am Stadtrand zu und den alten Spitznamen ab. Bald waren wir froh, wenn wir uns mehr als einmal im Jahr sahen. Schade eigentlich, aber so spielt das Leben.

Die Praxis lag im Geidorfviertel. Ich hatte mich für späten Vormittag angekündigt, ohne einen genauen Zeitpunkt zu vereinbaren; wollte ja nur kurz vorbeischauen und Gugu, pardon: Gustav, ein Buch übergeben, um das er mich gebeten hatte, einen Sammelband mit einem Beitrag von mir. Wenn irgend möglich, erledige ich so etwas persönlich. Außerdem steht man sich auf der Post die Füße in den Bauch, seit sie eine Filiale nach der anderen aufgelassen haben.

Jedenfalls, das schmucke Gründerzeit-Haus war eine typische Ärzteburg: im Erdgeschoß Orthopädie, erster Stock Uro- und Gynäkologie, zweiter Stock Interne und Augen; ab dem dritten Stock die Psycho-Abteilung, insgesamt vier Therapeuten und Therapeutinnen.

„Professor Guthmann kommt in wenigen Minuten“, sagte die Empfangsdame, sobald sie meinen Namen auf der Liste gefunden hatte. Das kurz geschnittene, weißblond gefärbte Haar kontrastierte reizvoll mit der dunklen Haut. Früher hätten Gugu und ich einer solchen Schönheit um die Wette den Hof gemacht. Was mittlerweile, aufgrund des Altersunterschieds, außer peinlich nur peinlich gewesen wäre. „Wenn Sie bitte so lange im Wartezimmer Platz nehmen.“

„Sein Zimmer ist …?“

„Nummer zwo.“

„Ah ja. Was hat die Koryphäe auf Nummer eins für einen Titel?“

„Dort ordiniert Primaria Orecchietti.“

Ich verkniff mir einen Scherz über ohrenförmige Nudeln. Die letzte Antwort hatte ohnehin schon etwas spitz geklungen. Wie so oft, sah ich mich dem Dilemma gegenüber, dass ich nicht wusste, ob sie wusste, wer beziehungsweise was ich war. Von uns professionellen Komikern wird nämlich erwartet, dass wir entweder jederzeit wahnsinnig originelle Witze reißen oder aber privat wortkarge, melancholische, schwer depressive Trantüten sind. Außerdem kennen mehr Leute meine Stimme als mein Gesicht. „Ich bin’s dein Geschirrspüler …“ und so weiter.

Während ich wartete, fiel mir ein, dass Gugu, als man noch Gugu zu ihm sagen durfte, bei meiner zweiten Hochzeit als Beistand fungiert hatte. Damals hatte ich die rituelle Frage „Wollen Sie, Herr Peter Szily, Frau Nora Irgolic-Milenkova zur Frau nehmen?“ verneint, zur nicht gelinden Überraschung sämtlicher Anwesender. Der Grund war gewesen, dass die Standesbeamtin zwei der drei Nachnamen falsch ausgesprochen hatte und ich einen Schreibfehler in den Dokumenten befürchtete. Mit derlei hatte ich reichlich leidvolle Erfahrungen gemacht. Wer ebenfalls ähnlich wie ein Würzkraut heißt, weiß, wovon ich rede. Gugu und die Beiständin meiner zukünftigen Ex brachen in haltloses Kichern aus. „Wir sind hier nicht im Comedyclub!“, fauchte die Standesbeamtin erbost. Das Missverständnis konnte rasch bereinigt werden. Gleichwohl stand die Ehe unter keinem guten Stern, aber das ist eine andere Geschichte.

Wo war ich? Richtig, im Wartezimmer. Es gab nur uralte, zerfledderte Ausgaben von Psychologie heute sowie das übliche Ecktischchen mit grindigem Kinderspielzeug, auf dem sich mehr Bakterienkulturen tummelten als in den Labors der Geschoße unter uns. Längst waren zehn Minuten verstrichen. Mir wurde langweilig. Zudem hatte ich geplant, den Zug um 12.26 Uhr zu nehmen, und Mittag war nicht mehr weit. Deshalb beschloss ich, das Buch mit einer flotten Widmung zu versehen und im Zimmer meines Freundes zu deponieren.

Ich malte also schwungvoll: „Für Professor Doktordoktor Gugu Guthmann, den alten Synapsenschlosser!“ – Spaß muss sein – und begab mich in Zimmer Nummer 2. Die Einrichtung entsprach haargenau den Vorstellungen, die man sich von Psychotherapeuten macht: Bücherwand voller dicker Wälzer, mächtiger Schreibtisch, zwei Polstersessel, Sigmund-Freud-Memorial-Couch, alles da. Wie ich ja überhaupt im Laufe meines Lebens festgestellt habe, dass die allermeisten Klischees zutreffen. Staatspolizisten zum Beispiel tragen so gut wie immer Trenchcoats und lächerliche Schlapphüte. Bevor Sie mir unterstellen, ich würde diese oder jene Berufsgruppe verunglimpfen wollen: Nichts läge mir ferner! Habe schließlich auch schon das eine oder andere Mal die Dienste eines Seelenklempners in Anspruch genommen und häufig davon profitiert. Obwohl ich es bei therapeutischen Sitzungen immer wieder komisch finde, wenn ausgerechnet ich jemand dafür bezahle, dass er oder sie mir dabei zuhört, wie ich mein Innenleben ausbreite …

Eben hatte ich das Buch mitten auf der edlen ledernen Schreibtischunterlage abgelegt und wandte mich zum Gehen, da öffnete sich, ganz leise quietschend, die Tür. Herein trat – nicht Gustav Guthmann. Sondern jemand, so durchschnittlich und unscheinbar, dass ich mehrfach blinzelte, um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht getäuscht hatte und wirklich nicht mehr allein im Zimmer war.

„Guten Tag“, sagte der Neuankömmling, mit einer Stimme, ebenso unauffällig wie seine gesamte Erscheinung. Sie klang keineswegs monoton, auch nicht flach oder zu leise, bloß … absolut eigenschaftslos. „Wir haben einen Termin. 11 Uhr 45, Raum zwei. Stimmt das?“

„Ja, sicher. Äh. Klar“, stotterte ich. Gefasster fügte ich hinzu, weil mir nichts Geistreicheres einfiel: „Pünktlichkeit ist eine Zier, man sagt auch, die Höflichkeit der Könige.“

Zu meiner Ehrenrettung sei vermerkt, dass mich die Begegnung auf dem falschen Fuß erwischte. Ich hatte mir Zutritt zu Gugus Zimmer verschafft, ohne die Empfangsdame zu informieren, und fühlte mich gewissermaßen ertappt.

Gleichzeitig war das Merkwürdige an dem Fremden, dass eben nichts an ihm merk-würdig war. Blickte ich kurz weg, hatte ich ihn schon fast wieder vergessen. Es handelte sich wohl um eine Art Gabe, ein spezielles Talent, eine angeborene oder anerzogene Fähigkeit, wie sie mir noch nie untergekommen war. Die Gesellschaftsschichten, in denen ich mich gewöhnlich bewege, strotzen vor offensiven Selbstdarstellern. Die „Szene“ heißt so, weil alle immerzu ein Theater aufführen, vor den anderen, aber auch vor sich selbst. Alle geben etwas vor, niemand gibt etwas zu, schon gar keine Zweifel an der eigenen Wichtigkeit.

Dieser Mann hingegen erweckte nicht im Mindesten den Eindruck, sich in den Vordergrund stellen zu wollen. Vielmehr hinterließ er gar keinen Eindruck. „Mir wurde versichert“, sagte er ruhig und sehr beherrscht, „dass Sie der Schweigepflicht unterliegen. Nichts, was hier geredet wird, verlässt diesen Raum. Richtig?“

„Richtig.“ Ich räusperte mich und setzte zu einer Erklärung an.

„Nichts wird aufgezeichnet?“ Er zog ein schlankes silbriges Kästchen aus der Hosentasche. Ein grünes Lämpchen leuchtete auf. „Keine Wanzen.“ Es war nicht als Frage formuliert.

„Die Praxisgemeinschaft beschäftigt einen sehr guten Kammerjäger“, sagte ich.

„Wieso?“

„Gegen Ungeziefer. Kammerjäger – Wanzen. Sie verstehen?“

„Ja. Sehr witzig.“ Als der Humor verteilt wurde, hatte der Typ sich definitiv nicht vorgedrängt. „Wir haben eine Dreiviertelstunde vereinbart. Keine Zeit für Floskeln. Darf ich gleich anfangen?“

Das war der Moment, in dem ich spätestens hätte sagen sollen: „Pardon, Sie verwechseln mich. Ich bin kein Psychiater, nur ein zufälliger Besucher.“

Stattdessen deutete ich schwungvoll auf den Stuhl links neben dem Schreibtisch. „Bitte, nehmen Sie Platz.“

Ich meine, streng genommen hatte ich nicht gelogen, oder? Alle von mir getätigten Aussagen waren wahr gewesen. Vor allem aber faszinierte mich der „Mann ohne Eigenschaften“ mindestens im selben Ausmaß, wie er mir unheimlich war. Schon rein berufsbedingt musste ich ihn näher studieren, solange ich die Möglichkeit dazu hatte. Falls es mir gelang, seine seltsame, so kontrolliert unpersönliche Stimmgebung zu kopieren, konnte ich damit vielleicht einen eigentümlichen Charakter für ein Hörspiel kreieren.

Kaum hatte er sich gesetzt, sagte er: „Mir ist etwas passiert, das ich kaum glauben kann. Ich möchte sichergehen, dass ich nicht unter Gedächtnisverlust oder Wahrnehmungsstörungen leide. Sie kennen sich doch damit aus?“

Die zweite Chance, seinen Irrtum aufzuklären, erschien vor meinem geistigen Auge wie ein hübscher, vernünftig karierter Schmetterling, der ohne Hast, fröhlich mit den Flügeln winkend, an mir vorbeiflatterte. „Sicher“, sagte ich.

„Gut. Sie müssen wissen“, sagte er, „ich bin ein Bravo. Das ist ein anderes, älteres Wort für Auftragskiller. Im Wiener Kunsthistorischen Museum gibt es sogar ein Gemälde von Tizian, das den Titel ‚Der Bravo‘ trägt. Es zeigt einen Meuchelmörder, der gerade den Dolch zückt.“

„Ah ja.“

Ich war erleichtert, fast schon wieder beruhigt. Offensichtlich handelte es sich bei meinem Gegenüber doch um einen harmlosen Verrückten. Schließlich befanden wir uns in einer psychiatrischen Ordination. Andere Patienten mochten sich für Jesus halten, für Napoleon oder Richard III. mitsamt seinem Pferd.

„Sie stehen im Dienst der Mafia?“, fragte ich, um das Gespräch weiter anzukurbeln. „Oder eines anderen Verbrechersyndikats?“

„Nein; beziehungsweise nicht dauerhaft. Ich bin selbstständig und arbeite strikt allein. Meine Auftraggeber kenne ich normalerweise gar nicht.“

„Ah ja. Erzählen Sie mir doch bitte mehr!“ Insgeheim rieb ich mir die Hände. Einen derartig vielversprechenden Fund machte unsereins nicht oft.

„Ich bin hier“, sagte er, „weil ich ausschließen möchte, dass mich meine Erinnerung trügt.“

„Sehr vernünftig. Sie wissen, dass allgemein auf das menschliche Gedächtnis wenig Verlass ist?“

Darüber hatte ich kürzlich gelesen. Die Details waren mir entfallen, aber ich fand, der Einwurf klang ungemein gescheit. Beinahe hätte ich zu einem Exkurs über den Rashomon-Effekt angesetzt, jenes nach Kurosawas Filmkunstwerk benannte Phänomen der selektiven Wahrnehmung; hielt mich dann aber doch im Zaum.

„Ja“, sagte er. „Ich bin unsicher, ob ich einen Mord, den ich hätte ausführen sollen, tatsächlich begangen habe.“

Ich spürte, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. Weidlich bemühte ich mich, das Gefühl zu ignorieren, ich würde in eine Sache hineingezogen, die mir alsbald über den Kopf wachsen könnte. „Unangenehm“, sagte ich, Verständnis vortäuschend. „Was bringt Sie zu dieser Vermutung?“

„Das Ganze war überhaupt nicht mein Stil. Vielmehr im Endergebnis ein Pfusch, wie er mir niemals unterlaufen würde.“

„Ah ja.“ Ich nickte, breitete aufmunternd die Arme aus. „Schildern Sie doch einfach, was Sie daran bedrückt.“

Und das tat er.

2

Ins Haus zu kommen, ist keine Hexerei. Der Bravo hat einen Generalschlüssel, wie ihn sämtliche Wiener Zeitungsausträger besitzen. Als solcher ist er auch verkleidet, passend zur frühen Morgenstunde. Jedes Detail stimmt, bis hin zu den Verhältnissen in der dicken Umhängetasche: fünfmal Krone, zweimal Kurier, je einmal Presse und Falter.

Seiner Recherche zufolge gibt es im Stiegenhaus keine Kameras. Trotzdem geht der Bravo auf Nummer sicher, prinzipiell. Er trägt eine hauchdünne Maske, die nur aus nächster Nähe als solche zu erkennen ist und die biometrische Aufzeichnung charakteristischer Gesichtsmerkmale verunmöglicht. Sein Bild findet sich in keiner polizeilichen oder sonstigen Datenbank. Er legt Wert darauf, dass das noch länger so bleibt.

Auch für die Hintertür des Wettbüros benötigt der Bravo keinen Dietrich. Der Schlüssel, hat er herausgefunden, hängt in der gegenüberliegenden Gangtoilette an einem rostigen Nagel.

Kann man deswegen der Zielperson sträflichen Leichtsinn vorwerfen? Nein. Pekarek, so heißt der Buchmacher, bewahrt zu keinem Zeitpunkt größere Bargeldbeträge in seinem Lokal auf. Falls er einmal, selten genug, höhere Gewinnsummen auszahlen muss, erledigt er das per Überweisung. Vermutlich wickelt er nebenbei auch illegale Wetten ab, wie viele seiner Branche. Aber wenn es dafür einen Safe gibt, dann in Hugo Pekareks Wohnung. Die wiederum liegt in einem stolzen Simmeringer Gemeindebau, wo ein Einbruch etwas schwieriger zu bewerkstelligen wäre.

Nur wenn an einem Dienstag oder Mittwoch Champions-League-Spiele mit populären Mannschaften stattfinden, hat das Lucky Star Casino bis weit nach Mitternacht geöffnet. Dann fährt Pekarek nicht mehr heim, sondern schläft auf einem Feldbett in der Abstellkammer zwischen dem Lokal und dem Stiegenhaus.

So geräuschlos, wie sich der Bravo auf weichen Kreppsohlen bewegt, öffnet er die Klotür und nimmt den Schlüssel vom Haken. Er muss seine Taschenlampe nicht bemühen. Das Streulicht, das von der Straßenbeleuchtung durchs Gangfenster fällt, reicht völlig aus.

Einige ruhige Atemzüge lang lauscht der Bravo. Nichts zu hören außer Schnarchen aus einem der darüber liegenden Stockwerke und, einen Häuserblock entfernt, die Fahrgeräusche der ersten Straßenbahn. Der Bravo sieht auf die Armbanduhr: 4:56:32, ganz nach Plan. Die Wiener Linien sind pünktlich wie meist.

Er zieht die Handschuhe an, greift in die Umhängetasche, unter das Zeitungsbündel, und holt die Spritze heraus. Sie enthält Beta-Antiarin. Die Dosis würde für drei Erwachsene reichen. Dennoch besteht eine gar nicht so geringe Chance, dass das Gift hinterher nicht bemerkt wird. Hugo Pekarek ist schwer übergewichtig und hat bereits zwei Stents in den Herzkranzgefäßen. Gut möglich, dass die Behörden davon absehen werden, eine Obduktion anzuordnen. Ein Infarkt zieht ungleich weniger Arbeit und Papierkram nach sich als ein Mordverdacht …

Der Bravo schließt die Tür auf und schlüpft in die Kammer. Noch bevor er die Mini-Taschenlampe einschaltet, riecht er, dass etwas furchtbar faul ist.

Die Leiche sieht nicht gut aus.

Wer meint, Leichen wären generell kein schöner Anblick, irrt. So manche Person hat nach der finalen Behandlung durch den Bravo erstmals entspannt, friedlich und sympathisch gewirkt.

Auf die sterblichen Überreste des Buchmachers Hugo Pekarek trifft dies nicht zu. Das Gesicht ist in Agonie zu einer Grimasse entstellt und blutverschmiert. Über Stirn, Nase und Wangen ziehen sich mehrere Schnittwunden, wie von einem Säbel oder einem großen, scharfen Messer. Blut verklebt auch den grau melierten Schnauzer und Kinnbart. Trotz alldem besteht kein Zweifel an der Identität des Opfers. Der Bravo hat Pekarek mehrmals beobachtet und so ausgiebig studiert, wie er es stets bei Zielpersonen tut.

Die Verletzungen deuten auf einen Kampf hin. Aber die Position der Leiche widerspricht diesem Eindruck. Pekareks Oberkörper liegt quer über dem Feldbett, die Beine sind gespreizt, die Absätze der Turnschuhe ruhen auf dem Boden. Keinerlei Wunden an den Armen und Fingern, nicht einmal Abschürfungen. Todesursache war ein tiefer, klaffender Schnitt durch die Kehle. Hugo Pekarek ist ausgeblutet. Das grün-weiß gestreifte T-Shirt mit dem Logo des Fußballklubs Rapid wird auf der ganzen Brust und großen Teilen des Bauchs von gestocktem, braunrotem Blut überdeckt.

Der Bravo steckt die Spritze wieder ein und beugt sich hinab. Er muss den Schädel nicht anfassen, um die fast hühnereigroße Beule am Hinterkopf zu ertasten. Seine Gedanken rasen. Pekarek wurde niedergeschlagen, kurzfristig betäubt, dann getötet und hernach im Gesicht verstümmelt.

Von wem?

In den meisten Branchen wäre man nicht unbedingt beleidigt, falls einem unverhofft die Arbeit abgenommen wird. Jeder Hausmeister freut sich, sollte ein Nachbar den Gehsteig bereits vom Schnee geräumt haben. Stubenmädchen in Hotels lieben die an die Türschnalle gehängte Mitteilung, dass der Gast nicht gestört werden will und sein Bett selber macht. Und so weiter.

Übt man allerdings den Beruf eines Auftragsmörders aus, besteht erheblicher Grund zur Besorgnis, wenn einem jemand zuvorgekommen ist. Der Bravo weiß, dass er nicht der Einzige seiner Zunft und seines Niveaus in Österreich ist. Er kennt die Konkurrenten nicht persönlich, natürlich nicht, jedoch die Spitznamen und den jeweils bevorzugten Modus Operandi. Nicht selten kann er aus knappen Zeitungsmeldungen herleiten, wann höchstwahrscheinlich jemand von den anderen zugeschlagen hat. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie nicht so kindisch sind, irgendwelche individuelle Signaturen zu hinterlassen. Sowieso ist der beste, weil sauberste Mord immer noch der, den die Kripo gar nicht als solchen registriert. Insofern sieht dies hier eher wie die Tat eines Amateurs aus.

Andererseits gehört Tarnen und Täuschen zum Geschäft, und gewisse Duftmarken …

Der Bravo richtet sich wieder auf und schnüffelt. Pekareks saure Alkoholfahne und der Gestank des im Todeskampf entleerten Darms erfüllen die enge Kammer. Dazu etwas Modriges, wohl von den grünlichen Schimmelflecken an der Seitenwand. Billiges Plastik: die Ordner im windschiefen IKEA-Regal. Vergammelte Reste von Tomatensoße und Mozzarella in einer halb unter die Pritsche geschobenen Pizzaschachtel.

Und … noch etwas. Ein Hauch von Schwefel. Plötzlich wird dem Bravo anders. Als wäre ihm diese Szene nicht neu, als hätte er sie schon einmal genau so durchlebt, wie ein Déjà-vu. Jetzt bemerkt er auch das nahezu unhörbare Zischeln aus dem nebenan gelegenen Hauptraum des Wettbüros.

Erdgas ist ein ziemlich sicherer Energieträger und ursprünglich geruchlos. Die Wiener Versorgungsnetze „odorieren“ es jedoch, soll heißen: sie mischen ihm einen Duftstoff bei, damit auf Gebrechen, wie etwa Lecks in den Leitungen, noch rechtzeitig reagiert werden kann. Schon in geringer Konzentration tritt intensiver Schwefelgeruch auf und signalisiert einen Notfall.

Dass Pekarek in seinem Wettbüro einen Gasherd betrieben hat, um die Kundschaft mit Würsteln und Gulaschsuppe zu versorgen, ist naheliegend. Für denjenigen, der ihm das Lebenslicht ausgeblasen hat, gäbe es kaum eine sicherere Methode, die Spuren zu beseitigen, als eine Gasexplosion. Welche beileibe nicht bloß durch Hantieren mit offenem Feuer, etwa Kerzen oder Zigaretten, ausgelöst werden kann. Wurde der Gashahn lange genug offen gelassen, genügt es, irgendein elektrisches Gerät zu betätigen, damit im wahrsten Wortsinn der Funke überspringt. Lichtschalter, Türklingel, Handy … oder ein elektronischer Wecker.

Der Bravo blickt auf die Armbanduhr.

4:59:47. 13 Sekunden bis fünf.

Mit einem Mal spürt er, dass es brenzlig wird. Sein Auftrag hat beinhaltet, dass er einen speziellen Gegenstand birgt, mit sich nimmt und später unauffindbar entsorgt. Hektisch schwenkt er den Strahl der Lampe über die Regalbretter. Im Vorbeifahren erfasst der Lichtkegel ein Einmachglas. Darin befindet sich das Gesuchte. Auf dem ausgebleichten Etikett steht „Feine Cornichons“. Aber das Gefäß enthält keine Gewürzgurken, sondern ein menschliches Ohr. Der Bravo schnappt sich das Glas, packt es in die Tasche und flieht durch das Stiegenhaus, so schnell ihn die Beine tragen.

Seine innere Uhr zählt den Countdown der Sekunden herunter. Als sie bei null angelangt ist, hat der Bravo gerade einmal ein paar Schritte Abstand zu dem Haus gewonnen, an dessen Fassade im Erdgeschoss die Neonschrift „Lucky Star Casino“ rot und blau blinkt. Hinter einer Litfaßsäule wirft er sich in Deckung.

Der Blitz ist grell, der Knall ohrenbetäubend. Die umliegenden Häuser am Dombrowski-Platz geben das Echo der Detonation mehrfach wieder.

Als der Nachhall verebbt ist, steht der Bravo auf und geht weg, ohne sich umzusehen, gemessenen Schrittes, als wäre nichts geschehen. Niemand begegnet ihm auf dem Weg zur Tramway-Haltestelle. Die Straßenbahn kommt, er steigt ein. Sirenen heulen auf. Wenig später hört er Folgetonhörner von Einsatzfahrzeugen der Polizei, der Rettung und der Feuerwehr. Sie nähern sich aus verschiedenen Richtungen. Aber da ist er schon in Sicherheit.

Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte sich der Bravo jetzt noch für zwei Stunden hingelegt. Nach vollbrachter Tat ist er gewöhnlich entspannt und schläft sehr gut.

Diesmal jedoch findet er keine Ruhe. Wie immer duscht er gründlich. Er stopft die einmalig verwendete Tasche und Kleidung in einen Müllsack, obwohl am Tatort mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht die kleinste Faser übrig ist. Dann starrt er lange das entwendete Gurkenglas an. Auftragsgemäß sollte er es ebenfalls so schnell wie möglich beseitigen, mitsamt dem bizarren Inhalt. Aber der Bravo zögert. Er weiß nicht, ob er das belastende Indiz nicht vielleicht doch noch benötigen wird, und er hasst nichts mehr als Ungewissheit.

Schließlich verstaut er das Glas mit dem Ohr sorgfältig im Geheimfach der Anrichte. Es ist vorläufig der einzige Hinweis darauf, was hinter dieser Sache stecken könnte. Der Bravo setzt sich auf das Kanapee, steht wieder auf, geht in der Küche hin und her. Statt geschützt in seinem Schlupfwinkel, den niemand außer ihm kennt, fühlt er sich eingesperrt. Alle paar Minuten sieht er auf die Uhr. Endlich, um Punkt 7.30, richtet er sich das Frühstück. Der Bravo frühstückt immer, wenn irgend möglich, um halb acht, und immer dasselbe: zwei Scheiben Roggenmischbrot der Sorte Gestaubter Wecken mit Kalbsleberstreichwurst sowie Sirius-Camembert. Dazu eine Tasse Nescafé. Dies dient ihm als Ausgleich dafür, dass er sich in der Öffentlichkeit keinerlei Regelmäßigkeiten gestattet. Eingeschliffene Gewohnheiten können so verräterisch sein wie Fingerabdrücke. Ein guter Bravo wechselt seine von Fremden nachvollziehbaren Verhaltensmuster so häufig wie die Unterwäsche.

Und er ist ein guter Bravo; einer der besten und gefragtesten hierzulande!, versucht er sich zu beruhigen, während er an dem Streichwurstbrot kaut. Aber der innere Frieden, den ihm dieses Ritual sonst verschafft, will nicht einkehren. Ungeheuerliches ist geschehen. Er hat einen Mordauftrag nicht ausgeführt.

Hat er das wirklich nicht?

Die Zielperson, der Buchmacher Hugo Pekarek, ist tot. Also wurde das gewünschte Endergebnis erreicht. Die erste Hälfte des Honorars ist bereits als Anzahlung überwiesen worden, auf ein nach allen Regeln der Kunst anonymisiertes, nicht bis zu ihm verfolgbares Bankkonto. Ob der zweite Teil wie vereinbart binnen zwei Tagen nachkommt oder auch nicht – der Bravo könnte die Episode ad acta legen und weiterleben wie bisher.

Kann er das?

Ihn stört, dass Pekareks Terminierung mit derart viel Tamtam vonstattenging. Eine Gasexplosion? Hallo! Es entspricht absolut nicht seinem Stil, Aufsehen zu erregen, und schon gar nicht, irgendwelche Unbeteiligte eventuell in Mitleidenschaft zu ziehen.

Freilich, wer wüsste davon, außer dem unbekannten Auftraggeber, der letztlich ja doch bekommen hat, was er wollte? Maximal zwei, drei Zwischenhändler; Relaisstationen, über die der Kontakt hergestellt wurde. Personen, deren Verschwiegenheit ihr wertvollstes Kapital darstellt.

Trotzdem. Der Bravo hat einen Ruf zu wahren. Nicht bloß aus Eitelkeit. Wer würde seine Dienste noch anfragen, wenn damit zu rechnen wäre, dass er nebenbei ein halbes Haus in die Luft sprengt?

Er selbst entkam nur mit knapper Not. Achtung: Könnte das Ganze nicht überhaupt eine Falle gewesen sein, zugeschnitten auf niemand anderen als ihn?

Wer sollte ihm eine solche Falle stellen? Und warum?

Der Bravo weiß von keinen persönlichen Widersachern. Jemand, den es als Person nicht gibt, hat keine Feinde. Geschweige denn, dass er jemals irgendeine Fehde angefangen oder sich auf etwas Vergleichbares eingelassen hätte.

Mitbewerber, die ihm die Erträge neiden? Mag sein. Aber wenn er in den vergangenen Jahren keinen groben Fehler gemacht hat – und das hat er ziemlich sicher nicht –, dann wissen die zirka zwei Handvoll anderen, richtig guten, in Mitteleuropa tätigen Profi-Killer nicht mehr über ihn als er über sie. Und es gibt nach wie vor mehr als genug Geschäft für alle, sodass man sich nicht in die Quere kommen muss.

Gleichwohl darf er diesen Aspekt nicht aus den Augen lassen. In Summe jedoch bleibt vorerst: Der Einzige, der ihm gefährlich werden könnte, ist – er selbst.

Dem Bravo wird mulmig. Ihm ist die Besonderheit seiner Existenzweise bewusst. Es macht etwas mit einem, wenn man von Berufs wegen immer wieder mal anderen die Lebenszeit drastisch verkürzt. Final. Aber da entsprechender Bedarf besteht, muss das irgendwer machen; und es hat niemand was davon, wenn man derlei Operationen einem Stümper überlässt … So hat der Bravo seine Tätigkeit bisher vor sich selbst gerechtfertigt. Er sieht weiterhin keinen Grund, von dieser Einstellung abzurücken. Indes hält er seit Langem für möglich, dass seine Irritationen zunehmen könnten.

Was er tut, basiert auf striktester Geheimhaltung. Deshalb agiert er tagaus, tagein auf eine Weise, die hart an Paranoia grenzt. Die Sicherheitsvorkehrungen, denen er sich nahezu pausenlos unterwirft, sind durchaus neurotisch zu nennen. Diesbezüglich hat er alles nachgelesen, was er finden konnte, und sich selbst peinlich genau überwacht. Bis jetzt konnte er keine bedenklichen Anzeichen feststellen. Bis vor Kurzem. Aber. Wenden sich seine Erkenntnisse und Maßnahmen nun doch gegen ihn? Hat sein Unterbewusstsein rebelliert, um den gesellschaftlich-moralischen Dauerdruck abzuschütteln?

Kurz gesagt: Könnte er selbst sich diese Falle gestellt haben? Hat er den heimlichen Wunsch, erwischt zu werden?

Die menschliche Wahrnehmung ist ungemein subjektiv, notgedrungen selektiv. Das Gehirn kann nicht die vollständige Fülle dessen verarbeiten, was an Außenreizen einströmt. Unaufhörlich. Über all diese verflixten, nicht willkürlich abschaltbaren Sinne. Der Verstand muss auswählen, reihen, Prioritäten zuweisen. Sinn stiften. Zusammenhänge postulieren, wo objektiv gar keine bestehen.

Überzeugt davon, dass er nicht wesentlich klüger ist als die Normalbürger, erkennt der Bravo, dass er, gerade er als Profi, professionellen Beistand in Anspruch nehmen sollte. Wie könnte er sich jemals wieder auf die Straße wagen, wenn er sich selbst nicht mehr völlig vertraute?

Seine verdeckten Suchanfragen werfen zwei Psychiater aus, denen im Schattennetz höchste Diskretion zugebilligt wird. Einer davon ordiniert in Linz. Er ist spezialisiert auf Aussteiger, die ihre rechtsradikale Vergangenheit hinter sich lassen wollen. Der andere, ein DDr. Gustav Guthmann, ist in Graz ansässig. Mehrere hymnische Einträge weisen ihn als einen Therapeuten aus, der nichts an die Behörden verrät, wie schlimm auch immer die Geständnisse seiner Klienten sein mögen.

Der Bravo telefoniert. Dann beendet er das Frühstück. Wieder etwas zuversichtlicher, räumt er die Küche zusammen, zieht angemessene Kleidung an, wirft den Müllsack in einen drei Häuserblocks weiter gelegenen Kübel und fährt nach Graz.

3

„Ah ja“, sagte ich. „Und da sind Sie nun.“

„Sie verstehen, was ich mir von Ihnen erhoffe?“

„Im Prinzip schon. Aber mir fehlen noch ein paar Details“, wich ich einer klaren Antwort aus. „Dieser Vorfall in Wien, wann war der genau?“

„Letzte Nacht“, sagte der Mann, der sich Bravo nannte, mit seiner gleichförmig unaufdringlichen Stimme. „Sie sind der Experte. Kennen Sie Erkrankungen, die auf meinen Fall zutreffen könnten?“

Quietschend ging die Tür auf. Professor Gustav Guthmann schlapfte herein, unter dem einen Arm eine Aktentasche eingeklemmt, in der anderen Hand das Endstück eines Salzstangerls, das er sich gerade in den Mund stecken wollte. Er hielt in der Bewegung inne, hüstelte und sagte „Oh. Servus, Pez. Beinahe hätte ich vergessen …“

Dann bemerkte er die andere Person im Raum und fragte, die Augen zusammenkneifend, „Und wer sind Sie?“

Peinlichen Konfrontationen wich ich prinzipiell aus, seit ich zu einigermaßen rationalem Denken fähig war. Deshalb rief ich Gugu nur aufgesetzt heiter zu: „Muss weg, zum Bahnhof! Buch liegt am Tisch“ und nahm rückwärts Reißaus.

Abgang Peter Szily, links hinten.

Kein Applaus, wie gewohnt.

Zum Glück war der Zug nach Wien recht schütter bevölkert. Keiner der Vierertische im ersten Waggon war gänzlich unbesetzt. Mit geübtem Blick erspähte ich jedoch eine allein reisende, üppig gebaute ältere Dame, deren buntes Dirndlkleid und kleines Gepäck – eine altrosa Kunstleder-Handtasche sowie ein praller Papiersack des Traditionskaufhauses Kastner & Öhler – zur Hoffnung Anlass gab, sie würde in Bruck an der Mur umsteigen, zwecks Anschluss in Richtung ihrer alpinen Heimat.

Mit meiner schmelzendsten Erbschleicherstimme fragte ich: „Ist hier bitte noch frei, gnädige Frau?“

Sie bejahte. Ich nahm Platz, packte mein iPad aus und atmete tief durch. Wenn ich ehrlich war, hatte mich die Unterhaltung mit dem Mann, der sich als Bravo ausgab, doch ziemlich aufgewühlt und verwirrt. Was er erzählt hatte, war teilweise zu realistisch geschildert gewesen, als dass ich es purer Fantasterei hätte zuschreiben können. Ergo googelte ich, sobald sich die wie immer zickige Internetverbindung der ÖBB etabliert hatte, die naheliegenden Stichwörter.

Ein Gasgebrechen am Dombrowski-Platz in Wien forderte in den frühen Morgenstunden ein Todesopfer und drei Leichtverletzte. Als Ursache nimmt die Polizei unsachgemäßes Hantieren am Gasherd eines Wettbüros im Erdgeschoß an, das durch die Explosion zur Gänze zerstört wurde. Dabei kam der Lokalbetreiber Hugo P. (52) ums Leben. In den darüber liegenden Stockwerken gingen aufgrund der Erschütterung Einrichtungsgegenstände und Fensterscheiben zu Bruch, wodurch drei Personen Schnittverletzungen erlitten. Der rechtzeitig eingetroffenen Wiener Berufsfeuerwehr gelang es, die Ausbreitung eines Brandes zu verhindern. Sicherheitshalber wurden die Hausbewohner evakuiert.

Beim Wort Schnittverletzungen musste ich an die vom Bravo beschriebene klaffende Halswunde des Buchmachers denken. Davon stand freilich nichts in dem einspaltigen Artikel, der übrigens mit 9.25 Uhr datiert war. Das hätte Gugus unheimlich unauffälliger Klient also schon deutlich vor mir gelesen haben können.

Ähnliches galt für das erwähnte Ölbild. Die Homepage des KHM bestätigte, dass es seit geraumer Zeit im Saal VIII ausgestellt wurde. Mit dem um zirka 1515 entstandenen Dreiviertelporträt hatte Ticiano Vecellio „das von seinem Lehrer Giorgione entwickelte halbfigurige Aktionsbild zu geballter Dramatik gesteigert.“ Na bitte, wieder was gelernt. In der Tat bezeichnete das italienische Wort Bravo einen „Schergen im Auftrag eines Herrn“. Man nahm an, dass die Szene die Attacke des Gaius Lusius auf Trebonius zeigte, oder aber die Gefangennahme des Bacchus.

Mit Mühe widerstand ich der Versuchung, die mir unbekannten Namen, also alle außer Bacchus, nachzuschlagen. Stattdessen blieb ich beim Suchbegriff „Bravo“.

Neben der wenig überraschenden Verwendung als Applaus-Bekundung poppten unzählige Verweise auf die bekannte Jugendzeitschrift auf. Eine Weile blieb ich doch bei einem Artikel hängen, in dem Martin Goldstein gewürdigt wurde, „der Mann, der Dr. Jochen Sommer war“. Als „jüdischer Mischling ersten Grades“ verbrachte er sein 17. Lebensjahr in einem Zwangsarbeitslager der Nazis und später in einem Waldversteck nahe seiner Geburtsstadt Bielefeld. 1969 engagierte ihn die Bravo, weil er ein Sexualaufklärungsbuch veröffentlicht hatte, und der Rest ist Literaturgeschichte.

Nebst einer Fruchtsaftmarke fand ich schließlich doch eine Korrelation von Bravo zu Mordfällen aus jüngerer Vergangenheit. Im Zusammenhang mit einer Kleinpartei, die für eine Periode im österreichischen Parlament vertreten war, stieß ich auf eine Aussage des Parteigründers. Der aus der Oststeiermark stammende, etwas exzentrische Milliardär hatte mit seiner Forderung nach der Todesstrafe aufhorchen lassen, und zwar für Berufskiller. Falls ein solcher „die Tochter eines Richters tötet, ist die Demokratie in Gefahr. Man muss das durchdenken.“

Nun war der gute Mann auch sonst für allerlei von sich gegebenen Mumpitz berüchtigt. Jedoch hatte damals ein Boulevardblatt eine Verbindung zu einem Bombenanschlag in Südtirol konstruiert, dem tatsächlich eine Frau, deren Vater das Richteramt bekleidete, zum Opfer gefallen war. Die Zeitung zitierte „gewöhnlich gut informierte Kreise“. Denen zufolge wäre die Wiener Kriminalkommissarin Karin Fux seit Längerem auf der Spur eines Auftragsmörders, der unter dem Decknamen Bravo sein Unwesen triebe. Ein anderes, etwas seriöseres Medium verwies auf ein zwei Tage später erfolgtes Dementi besagter Beamtin. Nicht ohne süffisant zu belehren, dass es in Österreich, entgegen einer durch TV-Serien verbreiteten Ansicht, gar keine Kommissare gab, im Unterschied zu jenem Dienstgrad der deutschen Polizei. Vielmehr bekleidete Frau Fux den Rang einer Chefinspektorin.

Selbstverständlich konnte der Mann, der mich in der Grazer Ordination für Gugu gehalten hatte, auch das alles, ebenso leicht wie ich, aus dem Internet erfahren haben.

Mittlerweile war die rustikale Matrone ausgestiegen, nicht in Bruck, aber gleich danach in Kapfenberg. Ich zückte mein Handy und wählte die Nummer der Gruppenpraxis. Wie erwartet, war Professor Guthmann gerade nicht zu sprechen, da in einer Sitzung. Ich bat um Rückruf. Die Empfangsdame, deren entzückender kubanischer Akzent mir zuvor gar nicht aufgefallen war, versprach, das so bald wie möglich auszurichten.

Mangels sinnvollerer Optionen checkte ich meine E-Mails. Viel Schrott, wie immer. Massenhaft Newsletter, die ich längst hätte abbestellen sollen. Ein gutes Dutzend Einladungen, sich an irgendwelchen Unterschriftenaktionen, Demonstrationen oder Solidaritätsauftritten zu beteiligen, alles unbezahlt, versteht sich. Seit dem Corona-Kahlschlag gab es bei Benefizveranstaltungen nicht einmal mehr Fahrtspesen und die früher obligaten Gutscheine für ein Essen und zwei Getränke. Wenigstens eine etwas erfreulichere Nachricht war darunter, nämlich von meiner Casting-Agentur: die kurzfristige Anfrage für eine Nebenrolle mit zwei Drehtagen. Zwar nur ein Kurzfilm als Diplomarbeit an der Filmakademie, aber immerhin gab es ein bisschen Gage. In Zeiten wie diesen musste man nehmen, was man angeboten kriegte. Da außerdem mein Terminkalender nicht eben überfüllt war, sagte ich zu.

Knapp vor dem Bahnhof Semmering läutete mein Telefon. „Abermals hallo, Pezi“, sagte Gugu. „Ich nehme an, es geht um das Geld für die Anthologie. Du bist so überhastet davongerannt …“

„Hab den Intercity gerade noch erwischt. Und nein, du schuldest mir nichts. Ich bekomme ja zehn Belegexemplare gratis. Aber ich wollte dich etwas über deinen Klienten fragen.“

„Über welchen? Ich darf dir von Berufs wegen nicht …“

„Der ebenfalls im Zimmer zwei war.“

„Ach so. Den habe ich nur kurz gesehen. Das personifizierte umgekehrte Riddoch-Syndrom.“

„Hä?“

„Kleiner Psychiaterwitz. Bei Riddoch kann der Patient keine unbewegten Objekte erkennen, auch bewegte nur schattenhaft. Umgekehrt, also dass jemand derlei bei anderen auslösen kann, gibt’s das natürlich nicht. Obwohl dein Kollege nahe dran ist, alle Ehre.“

„Kollege? Hat er das gesagt?“

„Sonst nicht viel. ‚Pardon, der Kollege hat etwas vergessen‘, oder so ähnlich. Dann ist er dir hinterher. Hat er dich denn nicht eingeholt?“

„Nein.“ Unwillkürlich blickte ich mich um. Im zu etwa einem Drittel gefüllten Waggon fiel mir auf die Schnelle kein bekanntes Gesicht auf. Andererseits hatte der Bravo kein Gesicht, das einem auffiel … „Hat er nach meinem Namen gefragt?“

„Nein. Er ist fast so schnell rausgeflitzt wie du.“

Davor schon hatte Gugu mich mit Pez angeredet, schoss es mir siedend heiß ein. Gleich darauf beschwichtigte ich mich wieder: Als Pez oder Pezi wurde ich praktisch nirgends offiziell geführt. Außerdem ging ich doch eigentlich immer noch davon aus, es mit einem relativ harmlosen Irren zu tun gehabt zu haben, nicht wahr?

„Apropos Wahrnehmungsstörungen“, sagte ich. „Wie weit kann so etwas gehen? Ich meine, ist es möglich, dass man eine Bluttat begangen hat, sagen wir einen Mord, und kurz darauf jegliche Erinnerung daran gänzlich verdrängt? Rein theoretisch, ich bereite mich gerade auf eine Rolle vor. Für einen Diplomfilm“, fügte ich unnötigerweise hinzu.

„Möglich ist auf meinem Gebiet fast alles. Blackouts nach traumatischen Ereignissen sind nicht selten. Wobei Amnesie auch nach Unfällen oder Vergiftungen auftritt. Die Wahrnehmung spielt ebenfalls hübsche Streiche. Beim Capgras-Syndrom glauben Patienten, ihnen nahestehende Personen wären gegen identisch aussehende Doppelgänger ausgetauscht worden. Wer vom ebenfalls recht seltenen, nach einem Hirninfarkt auftretenden Anton-Syndrom betroffen ist, weigert sich anzuerkennen, dass er blind ist.“

„Was! Die glauben, ganz normal sehen zu können?“

„Ja. Faszinierend, nicht wahr? Unter dem Walking-Corpse-Syndrom Leidende sind davon überzeugt, gestorben zu sein, zu verwesen oder das Blut sowie die inneren Organe verloren zu haben. – Pez, sei mir bitte nicht böse, mir fiele noch allerhand Bizarres ein, beispielsweise über die unglaublich charismatische Ausstrahlung von Manikern, aber mein nächster Klient steht vor der Tür. Kannst mir ja schreiben, wenn du konkrete Fragen hast. Mach’s gut, Alter!“

Halb erschüttert, halb erleichtert sank ich gegen die gepolsterte Rückenlehne des Sitzes. Verglichen mit den eben aufgezählten Macken wirkte es fast schon wieder unspektakulär, wenn sich jemand bloß für einen Auftragsmörder hielt.

Eines, fiel mir ein, hatte ich noch nicht nachgeprüft: den Namen Hugo Pekarek.

Google warf eine uralte Zeitschrift aus, die Mittheilungen des Ornithologischen Vereines „Die Schwalbe“ in Wien vom 16. März 1894. Darin berichtete ein Herr Oberförster Hugo Pekarek aus dem Sudetengebirge, dass er nahe seiner Wohnung in Gabel bei Würbenthal einen schlankschnäbligen Tannenhäher geschossen habe.

Wie hatte ich nur bisher ohne dieses Wissen durchs Leben gehen können?

Ansonsten gab es keinen Hugo Pekarek, jedoch einen Josef, der beim SC Wacker Wien und in der Nationalmannschaft Fußball gespielt hatte, bis er aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem Bein weniger heimkehrte. Weiters einen Karl, der 1967 an einer angeblich legendären Silvesterschießerei vor dem Café Domingo in Meidling teilgenommen hatte – und eine Mathilde Luggerbauer-Pekarek, auf deren Gastgewerbekonzession das Lucky Star Casino zugelassen war. Die Vermutung lag nahe, dass sie unlängst über ein bis zwei gravierende Verluste in Kenntnis gesetzt worden war.

Bedauernswert, aber was hatte ich damit zu tun? Nichts, beschloss ich, und so sollte es auch in Zukunft bleiben. Die kuriose Grazer Begebenheit kam zu meinen nicht existenten Akten. Ob sie es jemals in eine künftige Autobiografie schaffen würde, stand sehr zu bezweifeln.

Am Meidlinger Bahnhof stieg ich aus. Das Prunkstück der Wiener Linien, die U6, transportierte mich bis zu der Biedermeiergasse, in der ich wohnte. Als ich im Hausflur meinen Postkasten aufschloss, ertönte hinter meinem Rücken ein leises Räuspern. Erschrocken fuhr ich herum.

„Ah ja“, sagte der Bravo. „Und da bist du nun.“

4

Binnen weniger Stunden zweimal düpiert worden zu sein, ärgert den Bravo sehr. Was ist bloß los mit ihm? Seit wann ist er so vertrauensselig, dass er auf einen falschen Psychiater hereinfällt und diesem intimste Geheimnisse anvertraut?

Der Kerl heißt Peter Szily, hat der Bravo bei der Sprechstundenhilfe erfragt. Er ist ein Schulfreund des Professors und lebt in Wien. Mit diesen Basisinformationen lässt sich leicht weiterforschen. Szily tritt häufig und bei verschiedensten Anlässen in Erscheinung, wenn auch meist am Rande. Es dürfte sich um einen Lebenskünstler in mehrfacher Hinsicht handeln, der vieles kann, aber nichts wirklich gut, am ehesten noch Stimmen parodieren. Hauptsächlich arbeitet er als Effektsprecher für Werbungen und Radio-Comedy.

Während der Bravo seinen gemieteten Opel Corsa über die regennasse Südautobahn steuert, überlegt er, ob er diesen Szily wird töten müssen. Kann er sich einen Mitwisser leisten? Noch dazu einen Komödianten, dem die Geschwätzigkeit förmlich in die Wiege gelegt wurde?

Szilys alles andere als frisches Hemd und sein restliches Äußeres deuteten nicht gerade auf hohe Selbstdisziplin und Zuverlässigkeit hin. Mit viel gutem Willen konnte man ihm etwas wie legeren Chic attestieren. Schon beim ersten Eindruck hätte der Bravo stutzig werden müssen! Aber die sonore, wohlmodulierte Baritonstimme hat ihn eingelullt. Er hat schockierend viel von sich preisgegeben; jedoch nichts, wodurch er unmittelbar auszuforschen wäre.

Oder?

Den Termin beim Psychiater hat er unter falschem Namen ausgemacht. Die hundert Euro Einsatz, die er hinterlegen musste, weil er keine E-Card vorweisen wollte, sind leicht zu verschmerzen. Weder hat er Szily die Wohnung, in der das eingelegte Ohr deponiert ist, genauer beschrieben, noch deren Lage oder den Weg von dort zum Dombrowski-Platz. Und dass er privat am liebsten um 7.30 Uhr frühstückt, verrät etwaigen Feinden gar nichts – denn schließlich tut er dies ausschließlich, wenn er alleine ist.

Trotzdem kann er nicht zulassen, dass Peter Szily brühwarm überall herumerzählt, er habe einen Auftragskiller namens Bravo kennengelernt. Wenn das den falschen Leuten zu Ohren käme, wäre sein Ruf ruiniert!

Aber Moment. Vielleicht kann er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. So oder so – der Bravo muss den Mord aufklären, den eigentlich er hätte begehen sollen. Und ob es ihm schmeckt oder nicht, er wird dabei Unterstützung brauchen. Für manche Recherchen sind die Umgangsformen, die er über die Jahre kultiviert hat, ungeeignet bis kontraproduktiv. Hingegen besitzt dieser Szily, so scheint es, soziale Fertigkeiten im reichen Maß …

Der Kleinwagen ist kein Ferrari. Das macht nichts; der Bravo fährt sowieso maximal 137 km/h, obwohl es auf der niederösterreichischen Seite des Wechselgebirges nicht regnet und die lange Gerade zwischen Grimmenstein und Wiener Neustadt trocken ist. Zu schnell wäre unklug, zu langsam ebenso: Wer sich sklavisch genau an Geschwindigkeitsbegrenzungen hält, erweckt mittelfristig ähnlich viel Aufmerksamkeit wie ein Raser.

Da die Eisenbahn für die Strecke Graz–Wien zweieinhalb Stunden benötigt, kommt der Bravo mit genügend Vorsprung in der Bundeshauptstadt an, um einen Parkplatz zu finden und Peter Szilys Adresse auszukundschaften. Die Gasse ist verkehrsberuhigt, die zweistöckigen Häuser ähneln einander stark, sie wurden wohl zur selben Zeit errichtet. Das schmucklose Vorhaus von Nummer 19 war, nach dem Kopfsteinpflaster zu schließen, früher ein „Durchhaus“, eine Kutscheneinfahrt. Am hinteren Ende führt links eine Treppe nach oben, rechts ein kurzer Gang zu den drei Wohnungen im Parterre. Dort wartet der Bravo. Er hat einen Bleistift hinters Ohr geklemmt und ein Maßband in der Hand. Wenn jemand die Stiege herunterkommt, misst der Bravo die Oberlichte der Hoftür ab: 146 mal 57,3 Zentimeter. Niemand nimmt von ihm Notiz.

Heimlichkeit ist eine seiner großen Stärken. Die zweite ist das genaue Gegenteil: Un-heimlichkeit, also Überrumpelung und Entmutigung. Diese Mittel wendet der Bravo viel seltener an. Nach Möglichkeit vermeidet er die Konfrontation, schon gar jeglichen Dialog mit einem Opfer. Idealerweise ist der einzige Kontakt der finale, letale. Aber falls notwendig, kann er einem Gegenüber blitzartig solchen Schreck einjagen, dass es zu keiner Abwehrreaktion mehr fähig ist. Dazu muss er nicht laut werden und auch keine Schuss- oder Stichwaffe bemühen.

Bei Peter Szily funktioniert die Einschüchterungstaktik perfekt. Während er am Postkasten hantiert, tritt der Bravo lautlos an ihn heran, räuspert sich, und als Szily zusammengezuckt und herumgewirbelt ist, zitiert ihn der Bravo, ebenso leise wie eindringlich: „Ah ja. Und da bist du nun.“

Szilys Mund klappt auf. Er ringt um Atem und Fassung. Bevor er seine so betörende Stimme wiederfinden kann, sagt der Bravo: „Gehen wir, Pezi. Los, raus.“ Er stößt die angelehnte Tür zum Hinterhof mit der Schuhspitze auf. Mit dem ausgestreckten Arm treibt er Szily, ohne ihn zu berühren, vor sich her.

Im Hof stehen drei kümmerliche Bäume, fünf Mülltonnen und eine verwitterte Rattan-Sitzgarnitur. Ein windschiefer Holzschuppen schmiegt sich an die Begrenzungsmauer zum Nachbargarten. „Hinein da!“

Drinnen hängt allerlei Werkzeug an den Wänden. Es gibt keine Fenster, aber durch Ritzen zwischen den Brettern fallen Lichtstreifen. Der Effekt verleiht der Enge eine zusätzliche Dramatik, die einen Bühnenmenschen wie Szily gewiss nicht kaltlässt.

Der Bravo zeigt auf die schmale Bank. „Setz dich, Pezi. Hast du bis jetzt irgendwem von mir erzählt?“

„N-nein.“ Szily hüstelt, leckt sich über die Lippen. „Hören Sie, es besteht keinerlei Grund für eine Kurzschlusshandlung. Wie ich Ihnen schon in Graz sagte: Nichts, was in diesem Ordinationsraum gesprochen worden ist, wird darüber hinaus dringen. Mein Ehrenwort!“

Sagt er die Wahrheit? „Du hast mich verarscht. Tu das nie wieder. Ich mag es nicht, verarscht zu werden.“

„Bitte verzeihen Sie mir. Es lag keineswegs in meiner Absicht, Sie, ähem, respektlos zu behandeln.“ Seine Stimme gewinnt an Volumen und Selbstsicherheit hinzu.

Dem ist gegenzusteuern. „Wir müssen alle sterben“, sagt der Bravo leichthin. „Die Frage ist, wie bald. Manchmal liegt die Entscheidung bei einem selbst.“ Er kramt langsam, wie gedankenverloren, in seiner Umhängetasche, zieht raschelnd den Zipfel eines Plastiksacks heraus, stopft ihn zurück, schließt die Tasche wieder. Indirekte Drohungen, hat er die Erfahrung gemacht, wirken viel besser als direkte. Den schlimmsten Horror erzeugt immer noch die eigene Fantasie.

Peter Szily schluckt. Er ist ein paar Zentimeter größer als der Bravo und in den Schultern um einiges breiter. Trotzdem wirkt er unterlegen, wegen seiner schlechten Haltung und der mangelhaften Körperspannung. Das Gewand ist gefällig kombiniert, findet der Bravo, der sich mit Herrenmode auskennt: Unpassende Kleidung ergibt keine gute Ver-kleidung. Allerdings sind sowohl die Lederjacke als auch die Sneakers einige Jahre zu jung für Szily. Er dürfte das nahende Alter spüren, sich aber bemühen, es nicht an sich heranzulassen, wie auch andere unliebsame Dinge.

„Glauben Sie mir“, sagt er in nun wieder kleinlautem Tonfall, die Hände wie zum Beten gefaltet, „ich werde Ihnen garantiert keine Schwierigkeiten bereiten.“

„Was meinst du, Pezi? Schwierigkeiten welcher Art?“

„Keine. Gar keine! Wir tun einfach, als wären wir einander nie begegnet, okay? Ich lasse Sie in Frieden, und vice versa. Jeder geht seiner Wege, nichts ist passiert.“

„Niemand trägt Schaden davon.“

„Ja. Genau! Wir verstehen uns. Alles ist gut.“ Er fächert die Finger auf. „Kann ich jetzt gehen?“

„Nein. Ich vertraue dir nicht. Beweis mir, dass du es ehrlich meinst.“

„Wie, wie soll sich …“ Szily, der schon zum Aufstehen angesetzt hat, sackt zusammen. „Was verlangen Sie als Beweis?“

„Du assistierst mir dabei, die Hintergründe von Pekareks Ermordung aufzudecken.“

„Was?“

Szily gafft ihn so entgeistert an, dass der Bravo erkennt: Der andere fürchtet sich zwar vor ihm, keine Frage – aber er hält ihn nicht für einen Berufskiller, sondern schlicht für wahnsinnig. Verdammter Besuch beim Psychiater! Nie wieder, schwört der Bravo, wird er sich mit dieser Bagage einlassen. Egal. Momentan spielt es keine Rolle, warum ihm Szily gehorcht. Hauptsache, er spurt und hält dicht. „Du sollst deine große Klappe einsetzen, aber ausschließlich so, wie ich es dir anschaffe, klar?“

„Ehrlich gesagt …“

„Ein Wort, ein einziges Sterbenswörtchen nur, das dir über mich herausrutscht, und du siehst nie wieder die Sonne aufgehen. – Gib mir dein Handy.“

„W-W-Wieso?“

„Frag nicht lang. Her damit, Pezi.“ Er nimmt das Smartphone entgegen und öffnet es mithilfe eines Uhrmacher-Schraubenziehers. Dann steckt er eine Chipkarte in den Hybrid-Slot. „Das ist ein spezielles Modul“, erklärt er. „Über diese Karte kann ich dein Gerät in Fernsteuerung nehmen. Du kennst das Gerücht, dass Google bei den meisten Handy-Mikrofonen mithört?“

„Mhm“, nickt Szily. Er verzieht das Gesicht. Wie viele seiner Zeitgenossen identifiziert er sich dermaßen mit dem Mobiltelefon, dass er fast körperliche Schmerzen verspürt, wenn sich ein anderer daran zu schaffen macht.

„Dass ich bei dir mithören kann, ist definitiv kein Gerücht, verstehst du? Ab sofort weiß ich auch, wo du bist, welche Nachrichten du verschickst und so weiter.“ Der Bravo schließt die Abdeckung und gibt das Handy zurück. „Du hast jetzt einen unsichtbaren großen Bruder, Pezi. Vergiss das nie. Und komm gar nicht erst auf die Idee, diesen Chip entfernen zu wollen.“ Er klopft auf die Brusttasche, aus der sein eigenes Smartphone ragt. „Selbstverständlich würde ich das ebenfalls unverzüglich bemerken.“

Peter Szilys Teint war von Anfang an nicht der gesündeste. Nun changiert er zwischen nikotingrau und wachsbleich. „Was … Was soll ich als Erstes tun?“

„Bring in Erfahrung, ob Pekarek ausgewiesene Feinde hatte. Oder Rivalen, die ihm sein Wettbüro abluchsen wollten. Horch dich am Dombrowski-Platz um. Aber vorsichtig, kapiert? Außerdem bist du doch sicher mit einer Menge Medienleuten befreundet.“

„Naja, die meisten sind aus den Kulturredaktionen. Und befreundet ist vielleicht zu viel gesagt.“

„Der eine oder andere wird schon darunter sein, der auch in der Glücksspielmaterie bewandert ist. Sag ihnen, du brauchst die Infos, um dich auf deine Rolle in diesem Diplomfilm vorzubereiten.“

„Woher wissen Sie …?“ Szily verstummt, beißt sich auf die Unterlippe.

In Wahrheit kann der angebliche Zauberchip im Handy nicht einmal die Hälfte all dessen, was der Bravo behauptet hat. Von der kommenden Filmrolle hat er erfahren, weil Szily kürzlich etwas darüber auf Facebook gepostet hat. Aber das bindet er ihm nicht auf die blasse Nase.

„Ich werde mich bemühen und gleich morgen …“

„Heute, Pezi. Der Tag ist noch jung.“

„Eigentlich hatte ich vor, mit Freunden im Museumsquartier Boule zu spielen. Wie jeden Donnerstag ab fünf, wissen Sie, und es täte mir echt leid …“

„Dir ist der Ernst deiner Lage aber schon bewusst, oder?“ Der Bravo staunt über Szilys Oberflächlichkeit. „Du könntest bereits still, starr und stumm auf dieser Bank liegen. Ich lasse dich am Leben, solange du mir nützt. Falls du mir nützt. Sonst …“

„Ja. Okay. Sicherlich. Entschuldigung, ich war ein bisschen … unkonzentriert. – Wie kann ich Sie erreichen, wenn ich etwas herausgefunden habe?“

„Mach dir diesbezüglich keine Sorgen.“ Der Bravo zwinkert kumpelhaft mit dem rechten Auge. „Ich erreiche dich. Wann immer ich will.“

5

Erst nach mehreren Anläufen schaffte ich es, den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür einzufädeln und aufzusperren, so sehr zitterten meine Hände. Mit weichen Knien wankte ich zum Sofa und streckte mich der Länge nach aus, obwohl ich noch die Schuhe anhatte.

Ich versuchte, mich an die Atemübungen zu erinnern, die man uns in der Schauspielschule empfohlen, ja eingebläut hatte. Durch die Nase ein, als tränke man Nektar; durch den Mund aus, so langsam, dass eine Kerzenflamme flackerte, jedoch nicht erlosch … Schon vor 20 Jahren hatte dies keine beruhigende Wirkung auf mich ausgeübt, eher im Gegenteil. Was dann? Eine Weile hatte ich Autogenes Training betrieben. Vielleicht funktionierte das?

Also: „Ich bin ganz entspannt … Meine Arme und Beine sind warm und schwer … Mein Herz schlägt ruhig und regelmäßig …

Bis der Bravo kommt und mich umbringt.“

Fast hätte ich laut aufgeschrien. Ich setzte mich auf. So wurde das nichts. Eine Zigarette wäre fein gewesen. Aber ich rauchte seit fünf, nein sechs Jahren nicht mehr. Dies war einer der seltenen Momente, in denen ich das bereute.

Ich strich kreuz und quer durchs Wohnzimmer. Nach einer Weile gelang es mir ansatzweise, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Erstens, der Bravo war ein Freak, und zwar ein gefährlicher, zu so gut wie allem fähiger. So viel stand fest. Aber war er zweitens auch wirklich ein Berufskiller, oder bildete er sich das ein? Und machte das drittens in meiner konkreten Situation überhaupt einen Unterschied?

Mein Handy piepte, worüber ich dermaßen erschrak, dass mir ums Haar den Schädel an der Kante des Lampenschirms angestoßen hätte. Wenn das so weiterging, brauchte bald ich einen Nervenarzt. Ich tippte aufs Display: Ein SMS war eingegangen, von der Filmakademie. Die Drehs mit den Szenen, an denen ich beteiligt war, sollten bereits diesen Samstag und Sonntag stattfinden, und zwar außerhalb von Wien. Ob ich prinzipiell Zeit hätte. Details würden folgen.

Ich bejahte mit fliegenden Fingern.

Danach stierte ich minutenlang das Smartphone an. In der abgedunkelten Oberfläche spiegelte sich mein verkniffenes Gesicht. Laut Kurzbeschreibung war der Charakter, den ich zu verkörpern hatte, fast doppelt so alt wie ich. Derzeit hätte ich das auch ohne Maskenbildnerin glaubhaft rübergebracht.

Hatte, viertens, der Bravo soeben mitgelesen?, setzte ich die Aufzählung fort. Würde er mich fünftens dafür bestrafen, dass ich, ohne ihn zuvor um Erlaubnis zu fragen, den Wochenend-Termin bestätigt hatte?

Nein. Nein und nochmals nein – ich durfte mich, sechstens bis mindestens zwölftens, nicht komplett kirre machen lassen! Ich würde, beschloss ich, in Ruhe überlegen, an wen ich mich um Hilfe oder Rückendeckung wenden könnte. Gugu Guthmann? Die Polizeiinspektorin Karin Fux, die angeblich hinter einem Auftragsmörder her war? Die Telefonseelsorge? Haha, Scherzchen. Jedenfalls musste es so geschehen, dass der Bravo auf keinen Fall Wind davon bekam. Mit dem Erwerb eines zweiten Handys würde es sehr wahrscheinlich nicht getan sein. Sowieso war angeraten, nichts zu überstürzen. Denn sollte sich herausstellen, dass mein neuester und bedrohlichster Bekannter doch nur ein Spinner war, hätte ich mich unsterblich blamiert, wenn ich mit der Geschichte von Pontius zu Pilatus hausieren gegangen wäre.

Daher Zwischenfazit: Pomali, pomali, wie meine böhmische Großmutter zu sagen pflegte. „Immer schön langsam und gemütlich. Vom Hudeln kommen die Kinder.“

Vorläufig, bis ich einen vernünftigen Entschluss gefasst hatte, würde ich so tun, als hegte ich keinerlei Zweifel an den Aussagen des Bravos. Ich würde brav seine Anweisungen befolgen. Anders ausgedrückt, folgte ich der bewährten österreichischen Tradition, eine Entscheidung erst einmal so weit wie möglich hinauszuschieben und zu hoffen, dass sich derweil das Problem von selber löste.

Schon deutlich zuversichtlicher, brach ich zum Dombrowski-Platz auf.

Unterwegs durchforstete ich mein Gedächtnis nach potenziellen Auskunftspersonen. Wer könnte über das hiesige Wettgeschäft Bescheid wissen?

Eine Journalistin kam mir in den Sinn, besser gesagt das Kürzel, mit dem sie ihre Artikel zeichnete: ClaRa. Hm. Wovon war das noch mal die Abkürzung gewesen? Sie arbeitete als Reporterin für den Lokalteil eines Boulevardblatts, dessen Niveau im umgekehrten Verhältnis zur Auflagenhöhe stand. Vor einigen Jahren war ich bei einer Weihnachtsgala der Zeitung aufgetreten und hinterher, weit nach Mitternacht, zufällig Zeuge geworden, als ein betrunkener und entsprechend enthemmter Vorgesetzter der besagten Dame sehr ungalant auf die Pelle rückte. Geistesgegenwärtig hatte ich eingegriffen, den lallenden Romeo mit geheuchelter Bewunderung seiner Kolumnistenkünste abgelenkt, dadurch der von ihm Bedrängten den Abgang ermöglicht und zugleich einen Eklat vermieden, der sich wohl ungünstig auf ihre Karriere ausgewirkt hätte. Später hatte sie gesagt, zum Dank für die Rettung vor dem grindigen Grapscher sei sie mir einen Gefallen schuldig. Ich möge mich bei ihr melden, wenn ich einmal etwas bräuchte.

Bislang hatte ich noch nicht darauf zurückgegriffen. Ich war auch keineswegs sicher, ob ClaRa das Versprechen halten würde. Eine Frage, die sich gar nicht stellte, sofern mir nicht der volle Name einfiel.

Ich zermarterte mir den Kopf. Der erste Teil stand für … Claudia. Oder?

Nein.

Doch!

Claudia Rappold. Das war’s!

Ich rief bei der Zeitung an, verlangte nach Frau Rappold von der Lokalredaktion, es knackste zweimal in der Leitung, und dann war sie erstaunlicherweise auch schon dran. „Mein Ritter in schimmernder Rüstung!“, sagte sie, als ich mich zu erkennen gegeben hatte. „Lange nichts gehört von Ihnen. Womit kann ich dienen?“

Wie mir der Bravo geraten hatte, rechtfertigte ich mein plötzlich erwachtes Interesse an Glücksspiel und Sportwetten mit der unverhofft ergatterten Filmrolle. „Wenn ich mich nicht irre, haben Sie doch letztes Jahr eine Serie zu diesem Thema geschrieben?“

„Im weitesten Sinne. Das war aber schon vorvorigen Sommer, anlässlich der Neuauflage eines Buchs, das der Haupttäter in der Fußball-Betrugsaffäre von 2014 herausgebracht hat. Unter uns, der Ghostwriter, also der eigentliche Verfasser, war einer unserer Sportreporter.“

„Wie doch die Zeit vergeht … Könnten Sie vielleicht heute oder morgen ein halbes Stündchen für mich erübrigen? Mir geht es nicht so sehr um die Fakten, mehr um die Eigenheiten dieser Szene, sozusagen um den Stallgeruch.“

„Heute Abend bin ich bereits vergeben. Aber morgen Vormittag dürfen Sie mich gern auf einen Mokka einladen. Zirka halb elf, passt Ihnen das? Und wo wäre es Ihnen denn genehm?“

In diesem Augenblick trat ich aus der Gasse auf einen ungefähr quadratischen Platz, den ich länger nicht mehr besucht hatte. Ich war am Ziel. Einige Schritte weiter rechts begann die Fensterfront eines großen Kaffeehauses. Der Windfang des Eingangs ragte an der nächsten Ecke hervor. Seitlich davon hing ein Schild, das vor mindestens einem halben Jahrhundert gemalt worden war, mit dem Namen des Lokals.

„Das Café Winterholzner am Dombrowski-Platz“, sagte ich spontan. „Kennen Sie das?“

„Oh ja. Da waren wir früher manchmal kegeln. Nicht gerade ein Katzensprung für mich, aber Ihnen und der Nostalgie zuliebe … Das Winterholzner gibt’s also immer noch. Na passt. Wir sehen uns dort, morgen zwischen halb elf und elf. Freut mich, bis dann!“

„Bis dann“, echote ich, jedoch ins Leere. Sie hatte bereits aufgelegt.

Im Schanigarten wäre ein Tisch frei gewesen. Da ich mich ohnehin gerade für morgen hier verabredet hatte, ließ ich das Winterholzner trotzdem rechts liegen und ging weiter, um den Platz zu umrunden.

Der Springbrunnen in der Mitte, eine der skulpturalen Scheußlichkeiten, die Wien der Freundschaft eines mäßig begabten Bildhauers mit dem damaligen Bürgermeister verdankte, hatte den Blick auf den diagonal gegenüberliegenden Häuserblock verdeckt. Nachdem ich die Filiale einer Supermarktkette, einen Hanfshop und ein Spielwarengeschäft passiert hatte, in dessen Auslagen der diesmal absolut letzte Totalabverkauf angekündigt wurde, sah ich schräg hinüber zu dem, was von Hugo Pekareks Lucky Star Casino übriggeblieben war.

Viel war es nicht. Rot-weiß-rotes Absperrband hinderte am Zutritt zum klaffenden Loch im Erdgeschoß. Schwarzer Ruß bedeckte die Fassade darüber. Mehrere Fenster hatte man provisorisch mit Karton abgedichtet. Bis zu meinem Standort stank es nach einer Mischung aus Brandgeruch und Löschschaum.

Perverserweise bekam ich Hunger. Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Das Angebot des Bordbistros im Zug war nicht sonderlich verlockend gewesen. Nun aber knurrte mein Magen.

Wie schön, dass neben dem Brunnen, bei dem diverse marmorne Fabelgestalten um die Wette Wasser spien, ein Würstelstand Labung versprach! Ich ging hin und stellte mich an.

Vor mir war ein Pärchen, das haargenau so aussah, wie österreichische Karikaturisten deutsche Touristen zeichnen. Habe ich schon erwähnt, dass die meisten Klischees ihre Entsprechung in der Wirklichkeit finden? Diese beiden trugen locker schlabbernde Freizeitkleidung einer deutschen Wertmarke, sehr wahrscheinlich made in China. Die Frau las ihre Bestellung aus einem Reiseführer vor: „Wir hätten gern zwo-a Eitrige mit je o-an Buggel, o-an Geschissenen und o-an Krokodü-hül sowie zwo-a Sechzehner-Bleche.“

„Zwei Käsekrainer mit Brot, Kremser Senf, Essiggurke und zwei Dosen Ottakringer Bier“, übersetzte trocken der Mann hinter der Budel. Sein leicht gutturaler Akzent ließ auf türkischen Migrationshintergrund schließen. „Aufgeschnitten?“

„Was?“

„Ob ich die Würstel aufschneiden soll. Oder essen Sie sie lieber mit der Hand? Servietten sind im Preis inkludiert.“

„Wie gehört es sich denn?“, fragte der männliche Germane. „Sie müssen wissen, guter Mann, wir möchten es möglichst o-ri-gi-nal.“ Ein dritter Gast, der so aussah, als würde er das bisschen, das er aß, lieber trinken, lehnte sich herüber. „Des warat mit am Bauchstich, mindestens an Magenstrudel.“

„Strudel habe ich schon gelesen“, sagte die Frau eifrig, „müsste ich aber nachschlagen, Jens-Henning.“

„Ist das nicht eine Süßspeise, Carmen?“

Ups. Ich hatte auf Sieglinde oder Gerhild oder beides getippt. Da war die Globalisierung wieder mal schneller gewesen als meine Vorurteile.

„Danke nein“, sagte sie in Richtung sowohl des Standlers als auch des Tranklers. „Mein Mann und ich achten auf ausgewogene Ernährung mit niedrigem Zucker- und Fettanteil.“

„Da sind sie bei mir genau richtig.“ Ohne eine Miene zu verziehen, reichte der Türkischstämmige die Dosen sowie die Pappteller mit den filetierten Würsten und der überreichen Garnierung heraus. „Macht bitte 12,90.“

„Kann ich mit Bankomat zahlen?“

„Sicher.“

„Geben Sie ein, ähem … 14 Euro und 20 Cent.“

„Zu gütig, gnädige Frau.“

„Sagnse mal, kennense eigentlich Currywurst?“, fragte Jens-Henning, nachdem die Finanztransaktion erfolgreich vollzogen worden war. „Eine Delikatesse! Die solltet ihr in euer Angebot aufnehmen. Dann liefe der Laden noch mal so gut.“

„Würde ich gerne. Leider ist der Koberer dagegen.“

Die Deutschen schoben, ihre Beute balancierend, glücklich ab. Ich hörte noch, wie Carmen ihrem Gatten erläuterte, dass Koberer in der Rotwelsch genannten Wiener Gaunersprache Wirt, aber auch Türsteher, Animateur oder Geschäftsführer eines Bordells bedeutete.

„Der Nächste“, sagte Hassan oder Achmed oder wahrscheinlicher Kevin zu mir. „Was darf’s sein?“

„Dasselbe. Nur lieber ein Hubertus.“

Sein Blick verriet mir, dass ich soeben in seiner Achtung gestiegen war.

Die Käsekrainer schmeckte großartig. Auch das Märzenbier aus der Privatbrauerei in Laa an der Thaya mundete mir ganz vorzüglich.

„Was ist denn dort drüben passiert?“, wandte ich mich kauend an den Säufer, den ich als Stammgast einstufte. „War da nicht bis vor Kurzem ein Wettbüro?“

„Das vom Pekarek, ja. Ein feiner Kerl, der Hugo. Hat immer wieder mal nach seiner Sperrstunde eine Runde spendiert. Friede seiner Asche.“

„So ist das halt“, brachte sich der Würstelstandler ein. „Die Guten treten viel zu früh ab, die Arschlöcher bleiben übrig. Gell, Ferdl?“

Falls Herr Ferdinand den gegen ihn gerichteten Sarkasmus verstand, nahm er ihn widerspruchlos hin. „Alles geht den Bach runter“, sagte er, mehr zu sich als zu uns. „Ehrliches Handwerk bringt nichts ein, seriöses Bemühen zählt einen Scheißdreck. Gibst du mir noch eins, Machmut?“

„Du hast genug für heute, und kein Geld. Ich schreib’s an, okay? Obwohl mir der Koberer verboten hat, dich überhaupt noch zu bedienen. Schau, ich schenk dir ein Packerl Manner Schnitten, damit du auch was Festes in den Magen kriegst. Aber jetzt geh heim, Ferdl. Sei froh, dass du wenigstens noch ein Dach über dem Kopf hast, durch das es nicht hineinregnet.“

„Red nicht so mit mir!“ Der Betrunkene bäumte sich auf. „Ich war einmal wer, es ist noch gar nicht so lange her, da hättet ihr alle, ihr alle hier auf diesem gottverlassenen Flecken Erde, was heißt, Beton“, er schwenkte den Arm so heftig, dass er, vom Schwung übermannt, um die eigene Achse rotierte und beinahe das Gleichgewicht verlor, „darum gebettelt hättet ihr, jawoll, dass ich euch ein Sujet entwerfe, ein Logo, einen Claim oder eine ganze Corporate Identity. Weißt du, wer dem Kanzler seine schlauen Wahlkampfsprüche geliefert hat, mitsamt der beschissenen Leni-Riefenstahl-Ästhetik, weißt du, wer das war?“

„Du nicht, Ferdl. Du warst schon fünf Jahre vor Corona am Sand. Geh heim weinen, ich sag’s nicht noch einmal.“

Ferdinand, der sein Pulver verschossen hatte, zeigte Einsicht und schlurfte davon. Im Vorbeigehen trat er nach einer Pappschachtel am Boden, verfehlte aber.

„Traurig“, sagte ich.

„Wer hoch steigt, kann tief fallen. Der Ferdl war mal ziemlich weit oben, weißt du. Aber er hatte die falschen“, Machmut machte mit den Fingern Anführungszeichen, „Freunde.“

„Und du?“, fragte ich.

„Ich habe einen Bachelor in Soziologie. Aber immerhin diesen Job, und ich rede mir ein, ich kann nebenbei Sozialstudien betreiben.“

„Führst du Aufzeichnungen?“

Er feixte, tippte sich an die Schläfe. „Da. Zu mehr komme ich nicht.“

Ich unterdrückte ein Gähnen. Nach der kurzen Nacht und dem ereignisreichen Tag forderte die Müdigkeit ihren Tribut. „Der Pekarek, vom Wettbüro?“

„Hat sich ebenfalls mit den falschen Leuten eingelassen. Wahrscheinlich ist ihm alles zu viel geworden, ich kann’s ihm nicht verübeln. Dann hat er den Gashahn aufgedreht und sich eine Zigarette angezündet und es überstanden.“

„Warum so fatalistisch? Du heißt Machmut. Mach Mut!“

„Sehr lustig. Ich mache sauber, in ein paar Stunden, wenn ich den Würstelstand zusperre.“ Er wischte mit einem grauen Fetzen, der ebenfalls schon bessere Tage gesehen hatte, über die Budel. Was wohl anzeigen sollte, dass er das Gespräch als beendet betrachtete. „Willst du noch was?“

„Manner Schnitten. Die vom Ferdl zahle ich mit.“

„Sind schon auf Haus boniert. Aber eines seiner Biere könntest du übernehmen.“

So geschah es.

FREITAG

„Auf der Simmeringer Had’

Hat’s an Schneider verwaht,

Mit der Nadel samt dem Öhr,

Samt dem Zwirn und der Scher‘.

Auf der Simmeringer Had’

Hat’s an Schneider verwaht.

Es g’schieht ihm schon recht,

Warum sticht er so schlecht.“

(Wiener Spottlied, ca. 1854)

Minestrone

*

Gebackenes Kabeljaufilet mit Erdäpfel-Vogerl- bzw. -Mayonnaisesalat

o d e r

Sellerie-Cordon Bleu mit Kirschtomaten und Sauce Tartare

*

Creme Caramel (flambiert)

6

Es regnete. Im weitläufigen, L-förmigen Innenraum des Café Winterholzner waren dennoch mehrere Tische frei.

Da ich auf keinen Fall unpünktlich sein wollte, war ich zu früh dran. Ich setzte mich in eine Nische und überflog die Speisekarte. Alles hausgemacht, stand in appetitlich verschnörkelter Schrift auf jeder Seite, und frisch zubereitet aus regionalen, überwiegend gentechnikfreien, biologisch angebauten, fair geernteten Zutaten. Fehlten bloß noch Fotos von glücklichen Schweinderln. Die Preise rangierten im oberen Bereich. Als die Kellnerin kam, klappte ich die Karte zusammen und sagte: „Fürs Erste nur einen Verlängerten schwarz bitte, ohne alles.“

„Nicht einmal Zucker oder Süßstoff?“

„Nicht mal den uralten Keks, der immer dazugelegt wird“, scherzte ich.

„Bei uns gibt es ein Stück Cantuccini.“

„Was ist das?“

„Ein Mandelgebäck. Freilich würde ich für das Ablaufdatum auch nicht unbedingt die Hand ins Feuer legen.“

Sie sah jung und fit aus. Erst auf den zweiten Blick und aus der Nähe verrieten die Fältchen in den Augen- und Mundwinkeln, dass sie wohl schon auf die 40 zuging. Der Hüftschwung, mit dem sie zurück zur Theke schwebte, war sehr beachtenswert.

Nachdem sie wiedergekommen war und den Kaffee vor mir abgestellt hatte – „Ohne alles“, sagte sie dabei verschmitzt –, versuchte ich die Kellnerin in ein Gespräch zu verwickeln. „Sagen Sie, ist eigentlich die Kegelbahn noch in Betrieb?“

„Im Keller? Der gehört nicht zu meinem Rayon. Da müssen Sie den Chef fragen.“ Sie nickte in Richtung eines fülligen, gemütlich wirkenden Mannes Mitte 50. Er trug einen Trachtenanzug und plauderte, ein Proseccoglas in der Hand, angeregt an einem Stehtisch. „Oder doch besser gleich die Chefin.“

Der Unterton signalisierte, dass damit auch die wahren Machtverhältnisse umrissen waren. Die steinalte Dame, die hinter der antiken, also nicht viel jüngeren Registrierkassa thronte, überwachte das Geschehen zu beiden Seiten der Theke mit Argusaugen.

„Führt sie ein sehr strenges Regiment?“, raunte ich vertraulich der Kellnerin zu.

„Der Drache Smaug ist ein Kuscheltier dagegen“, gab sie ebenso leise zurück. Dabei beugte sie sich herab und kam mir so nahe, dass ich einen Hauch von Parfüm erhaschte. Unter anderen Umständen hätte ich sie nach ihrem Namen gefragt, rein aus Höflichkeit, und spätestens beim Zahlen, ob sie an diesem Abend schon etwas vorhatte. Aber mir hockte der Bravo im Nacken.

Außerdem wurden wir unterbrochen.

„Na sowas“, ertönte eine hohe Tenorstimme. „Wenn das mal nicht der Pezinator ist! So ein Glück aber auch, dass wir uns hier treffen, und zwar für dich.“

Die kugelrunde Gestalt, die an meinen Tisch getreten war, kannte ich nur zu gut. Der „Gelddruck-Kurtl“ war ein liebenswerter Wirrkopf. Zwei-, dreimal pro Woche entdeckte er eine andere „tausendprozentige“ Chance, schlagartig zu sagenhaftem Reichtum zu kommen. Beharrlich durchstreifte Kurtl die Lokale der Stadt auf der Suche nach Investoren. Noch jeder Geheimtipp hatte sich als Rohrkrepierer entpuppt, weshalb auch nie jemand einstieg. Höchstens borgte man ihm kleine Beträge – natürlich auf Nimmerwiedersehen –, weil er seine Hirngespinste so rührend euphorisch anpries; und zwar stets mit der Formulierung, sie stellten „praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken“ dar.

„Servus Kurtl. Du, ich habe heute leider weder Zeit noch Kohle“, versuchte ich ihn abzuwimmeln. „Und einen Besprechungstermin.“

„Richtig – mit mir. Gratuliere!“ Er breitete die Arme aus und strahlte dermaßen selig übers ganze rotwangige Gesicht, dass man ihm einfach nicht böse sein konnte. „Dein monetärer Engpass ist so gut wie behoben. Ich habe etwas aufgetan, eine neuartige Produktidee, deren Vermarktung eine Rendite abwirft, dass du mit den Ohren schlackerst. Praktisch eine Lizenz …“

„Zum Geldverbrennen“, unterbrach ich ihn. „Kurtl, im Ernst …“

„Sockenklemmen.“

„Was?“

„Jeder kennt das Problem, dass in der Waschmaschine Socken verloren gehen. Du legst sie als Paar hinein, aber danach findest du nur noch einen einzelnen wieder, während der andere verschollen ist. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Sie sind jedoch allesamt sekundär, denn ich habe die Lösung: formschöne Klemmen, die über die gesamte Dauer des Waschgangs die Socken beisammenhalten.“

„Kurtl, das gibt es bereits. Man nennt es Wäscheklammern oder Kluppen.“

„Ha! Warum verwendet die dann niemand zu diesem Zweck? Ich werde es dir sagen, Pezi. Weil sie entweder die Trommel der Maschine beschädigen, oder doch nicht fest genug halten, oder schlichtweg hässlich sind. Weil die Welt immer noch sehnsüchtig wartet auf …“, er setzte eine Kunstpause: „Ta-taa! Die Cheesis.“

Mit bombastischer Geste präsentierte Kurtl einen Ausdruck, der kleine gelbe Plastikfiguren zeigte; Käsemännchen, deren Mäuler die Spitzen zweier Socken einzwicken konnten. „Cheesi, von wegen Zehenkäse. Super, nicht wahr? Und der Clou ist, dass es einen ganzen Haufen verschiedene von ihnen gibt. Papa Cheesi, Mama Cheesi, die Kinder, die Onkel und Tanten und Omas und Opas … Die Sammler werden sich darauf stürzen. Hast du eine Ahnung, was bei Überraschungsei-Börsen abgeht? Manche Leute spekulieren hauptberuflich mit diesen Dingern.“

Insgesamt klang das halbwegs aussichtsreich, verglichen mit Kurtls früheren Unternehmungen der Marke Wolkenkuckucksheim. Trotzdem lehnte ich das Angebot, mich an seiner speziellen Art von Crowdfunding zu beteiligen, dankend ab und überzeugte ihn schließlich mit dem neuerlichen Verweis auf meine nicht vorhandenen Mittel. Nicht im Mindesten enttäuscht oder beleidigt, zog der Gelddruck-Kurtl einen Tisch weiter.

Das Winterholzner war einer jener selten gewordenen Orte, an denen die Wiener Kaffeehauskultur seit rund einem Jahrhundert weitgehend unverändert hochgehalten wurde. Auf drei Billardtischen spielte man Karambol, mit einer Ernsthaftigkeit, als handle es sich um das Finale der Staatsmeisterschaft in der Altersklasse Ü60. Etwas gemischter gestaltete sich das Teilnehmerfeld bei den Kartenrunden, wobei tendenziell die Herren zu Tarock, die Damen zu Bridge neigten.

Eine Gruppe junger Leute unterhielt sich mit einem Spiel, das ich in diesem Ambiente nicht erwartet hätte. „Fliegen-Roulette“ verband ich eher mit den Landgasthöfen meiner südsteirischen Heimat. Man benötigte dazu nur einen großen, runden, gläsernen Gastro-Aschenbecher mit mindestens vier Einkerbungen am Rand für die Zigaretten sowie eine lebend gefangene Fliege. Diese wurde unter dem umgedrehten Aschenbecher eingesperrt, und man setzte darauf, aus welcher der Öffnungen das Tier entkommen würde. In meiner Jugend hatte es sich um Groschen- oder niedrige Schillingbeträge gehandelt. Die heitere Gesellschaft im Winterholzner hingegen hielt sich nicht mit Münzen auf. Vielmehr lagen als Einsatz etliche blaue 20-Euro-Scheine auf dem Tisch.

Überhaupt erweckten die Mitglieder der recht homogen wirkenden Gruppe den Eindruck, samt und sonders aus gutbürgerlichem Haus zu stammen. Die Burschen, die in der Überzahl waren, hatten ausnahmslos hellblaue oder -graue Wollpullover um die Schultern ihrer Polohemden hängen, studierten also sehr wahrscheinlich Betriebswirtschaft oder Jus. Die jungen Frauen wirkten, als wären sie aus dem Sacré-Cœur-Gymnasium direkt an eine Model-Agentur gewechselt, wo sie primär für Modehäuser wie Brühl, Hämmerle oder Kleiderbauer posierten.

Einen scharfen Kontrast dazu bildeten die drei Maler in farbbefleckten Arbeitsmonturen am Nebentisch, die mit Weißen Spritzern den Anbruch der Mittagspause zelebrierten. Aber das machte eben den Charme eines solchen Traditionskaffeehauses aus: Wie draußen auf dem Dombrowski-Platz verschwamm auch im Winterholzner die Grenzlinie zwischen gentrifizierten Grätzeln und noch unberührter, naturbelassener Vorstadt. Und wenn Hackler und Schnösel auch sonst nicht viel gemeinsam hatten, einte sie doch, dass sie die Avancen des Gelddruck-Kurtls gleichermaßen belustigt ablehnten.

„Bitte vielmals um Vergebung“, keuchte Claudia Rappold, nachdem sie hereingestürmt war und sich abgebeutelt hatte wie ein nasser Pudel, ohne viel Rücksicht auf die nahe der Tür Sitzenden zu nehmen. Sie spannte den Regenschirm ab und steckte ihn in den bereits dicht gefüllten Ständer. „Die Redaktionskonferenz dauerte länger als üblich. Ach, bitte sind S’ so lieb, Herr Szily, und erinnern Sie mich beim Gehen, dass ich den Schirm nicht vergesse. Es wäre der dritte diesen Monat.“

„Ich werde es versuchen“, versprach ich, während ich aufsprang, um ihr den Stuhl zurechtzurücken. „Aber ich warne Sie – mitdenken zählt nicht zu meinen herausragenden Fähigkeiten, und mein Gedächtnis ist dem Nudelsieb verwandter als dem Elefanten.“

„Immer noch ein Meister der geschliffenen Formulierung“, sagte sie schmunzelnd. Wir setzten uns. Sie musterte mich unverhohlen. „Lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s Ihnen?“

„Schlecht, wie sonst? Obwohl, allzu sehr klagen darf ich auch nicht. Ehrlich gesagt, habe ich die Krise besser überstanden als viele andere Freischaffende, dank meiner zahlreichen verschiedenen Betätigungsfelder.“

„Ein breit gestreutes Portfolio zahlt sich aus.“

„Meine Mutter sagte immer, ich würde mit einem Hintern auf sieben Leintüchern tanzen. Ich bevorzuge die Bezeichnung ‚Hanswurst in allen Gassen‘.“

Die Lokalreporterin lachte. Sie hatte schulterlange, brünette, mit weißen Strähnen durchzogene Locken. Bei den meisten anderen Frauen hätte die Frisur langweilig und altmodisch gewirkt. Bei Rappold jedoch unterstrich sie, zusammen mit den blitzenden Augen, den pfiffigen Elan der Trägerin. „Also, auf welche Weise kann ich dem österreichischen Film auf die Sprünge und Ihnen zu einer Oscar-Nominierung verhelfen?“

„Sehr liebenswürdig, aber Ihre Chancen auf den Pulitzerpreis sind um ein Vielfaches höher.“ Ironisch Honig ums Mäulchen Schmieren konnte ich ebenfalls. „Es wird ein experimenteller Streifen, fürchte ich. Inhaltlich dreht er sich um Sport, Wetten und Betrug.“

„Das haben Sie gestern schon angedeutet. Ist es ein Zufall, dass schräg gegenüber von hier kürzlich ein Wettbüro in die Luft geflogen ist?“

Mit dieser Frage hatte ich gerechnet. „Nein. Der Regisseur, der auch Drehbuchautor und Produzent in Personalunion ist, hat das aufgeschnappt. Er giert nach aktuellen Bezügen, drum will er es einbauen und schreibt gerade alles um. Zur Stunde weiß ich nicht einmal, welche Rolle er mir letztendlich zuschanzen wird.“ Damit hoffte ich mein weitgespanntes Interesse zu rechtfertigen. „Da wir grade davon sprechen, was meinen eigentlich Ihre Kontaktleute bei der Polizei dazu? War es ein Unfall oder …?“

„Mord? Strictly off records: Möglich wär’s. Die Spurensicherung ist noch am Auswerten. Aber falls bereits ein begründeter Verdacht bestünde, säße ich jetzt nicht gemütlich hier bei Ihnen. Vor allem ist noch niemand in den Fokus geraten, der ein Motiv haben könnte.“

„Ah ja?“

„In der überwiegenden Mehrzahl der Mordfälle kommt der Täter aus dem unmittelbaren persönlichen Umfeld. Der Verunglückte war seit 15 Jahren geschieden und lebte allein, habe ich gehört. Die Konzession des Lokals lief dennoch weiter über die Ex-Frau, was auf eine friktionsfreie Trennung und ein entspanntes Verhältnis schließen lässt. Über eine neue Partnerin ist nichts bekannt. Das wird natürlich noch nachgeprüft, aber im Landeskriminalamt geht man derzeit nicht davon aus, dass eine Beziehungstat vorliegt.“

„Und die Konkurrenz? In vielen Branchen ist nach der Corona-Krise Flurbereinigung angesagt. Warum nicht auch im Wettgeschäft?“

Rappold schüttelte den Kopf. „Diese Fluren wurden schon vor Jahren zubetoniert. Durch eine Monokultur, um bei der Metapher zu bleiben. Da halten sich abseits der großen Ketten nur noch ein paar kleine, armselige Pflänzchen. Für eine Klitsche wie das Lucky Star von diesem Pekarek würde sich niemand die Finger schmutzig machen. Wozu? So etwas bekommt man heutzutage nachgeschmissen.“

„Hat nicht ein Karl Pekarek zur legendären Gürtel-Partie der 70er- und 80er-Jahre gehört?“

„Mag sein. Der Name sagt mir etwas. Aber selbst falls eine Verwandtschaft bestünde, ergäbe sich daraus kein Motiv. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Rotlichtszene vollkommen verändert. Von der alten Garde lebt fast niemand mehr, und die zwei, drei verbliebenen Fossilien sind schon lange inaktiv.“

„Verstehe. Schade. Wissen Sie, mein Regisseur hegt romantische Vorstellungen über die hiesige Unterwelt. Stichwort Gürtel-Mafia. Er träumt von wienerischen ‚Good Fellas‘. Offenbar sollte er sich besser an ‚Ghost Dog‘ orientieren … Könnten Sie mich vielleicht mit einem solchen Fossil bekannt machen, Claudia? Das würde mir bei meiner Rollengestaltung helfen. Mir geht es nur darum, ein Gespür für den Typus zu bekommen.“

Die Journalistin kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Steckt das dahinter? Wollen Sie, dass ich Ihnen eine Rutsche zu meinem Paten lege?“

„Pate? Ich dachte … Sie sagten doch eben, dass es so jemand in Wien nicht mehr gibt.“

„Ich meine meinen Taufpaten, Sie Scherzkeks. Den Schöneren.“

„Bedaure zutiefst.“ Ich breitete die Arme aus. „Muss gestehen, nicht die geringste Ahnung zu haben, wovon Sie sprechen.“

„Mein Großonkel und Taufpate ist eines der erwähnten Relikte. In den glorreicheren Jahren firmierte er unter dem Spitznamen ‚der Schönere‘. Das geht auf irgendein Kartenspiel zurück, glaube ich.“

„Hand aufs Herz“, mit Mühe unterdrückte ich den Impuls, die dazu passende Geste auszuführen, „das wusste ich nicht. Gleichwohl wäre es fantastisch, wenn Sie eine Audienz bei Ihrem Onkel einfädeln könnten.“

„Hm. Er ist über 80, dreimal so schwer wie Sie und sehr krank. Aber er redet gern über die alten Zeiten. Ich kann ihn ja mal fragen.“

„Öhm … Es müsste noch heute sein. Falls es das Wetter zulässt, wird nämlich morgen bereits gedreht. In der Obersteiermark.“

„Na, Sie sind gut, Pez! Sie lassen nicht oft was anbrennen, oder?“

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Release date on Litres:
22 December 2025
Volume:
240 p. 1 illustration
ISBN:
9783800099023
Copyright Holder::
Bookwire
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