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Leo Deutsch

Leo Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien

Band 165e in der gelben Buchreihe

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des jetzigen Herausgebers

Der Autor Lev Grigorievich Deitsch (Leo Deutsch)

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien – Erinnerungen eines russischen Revolutionärs – Einleitung des damaligen Herausgebers

Illustrationen

Vorbemerkungen zum Buch – „Sechzehn Jahre in Sibirien“

Reise nach Deutschland

Verhaftung in Freiburg

Aus der revolutionären Vergangenheit

Die Ursache meiner Verhaftung

Professor Thun – Meine Verteidigung

Fluchtpläne

Der Rechtsanwalt

III. Ungewissheit

Gefängniszustände

Der Herr Staatsanwalt

Zellenwechsel

IV. Der Besuch „meiner Gattin“

Fluchtpläne und Vorbereitungen

Hoffnungen

Der Staatsanwalt deckt die Karten auf

Reisevorbereitungen

Gefängnis

Auf der Grenzstation

Über Warschau nach Petersburg

VI. Die Peter-Pauls-Feste

Der grausame Arzt

Eine flüchtige Bekanntschaft

VII. Veränderte Gefängnisordnung

Ein fehlgeschlagener Plan

Besuch des Ministers

Staatsgeheimnis

Der Schriftsteller als Zellennachbar

VIII. Neue Befürchtungen

Der Gendarmerie-Oberst

Verhör in Bezug auf die Ermordung des Generals Mensenzeff

Begegnung mit Herrn Bogdanowitsch

Abreise

IX. Ein Hoffnungsstrahl

Ein unerhörtes Regime

Hungerprotest

Unser „Klub“

Ein Gönner

X. Ein tapferer Offizier

Mein Militärdienst

Das Gericht

Abermaliges Verhör

XI. Der Besuch des Ministers

Wie man mich zum Sträfling machte

Das Gefängnis in Kiew

XII. Neue Bekanntschaften

Die Verschwörerinnen von Romny

Ankunft in Moskau

Schicksalsgenossen

Der offenherzige Kapitän

XIII. Der Prozess der Vierzehn

Erinnerungen an Wera Finger

Zahlreiche Verhaftungen

Ein provokatorisches Stückchen

XIV. Der käufliche Aufseher

Die gesprengten Fesseln

Widerstand gegen das Rasieren

Wiedersehen

XV. Die politische Lage in Russland und die revolutionären Parteien

Unsere Genossenschaft

Verbotene Besuche

Eine kleine Anstandslektion

XVI. Reisevorbereitungen

Flussfahrt auf der Wolga und Kama

In Jekaterinburg

Auf der Troika

„hie Europa – hie Asien“

XVII. Unsere Versammlungen

In Tjumen

Trennung

Auf den Strömen Sibiriens

Ein entsetzlicher Vorschlag

XVIII. Auf dem Etappenweg

Ein täppischer Offizier

Menschenjagd

XIX. Der Urwald

Gescheiterte Fluchtversuche

Die Bevölkerung längs der Landstraße

Die Verbrecherwelt

Die Konvoi-Offiziere

XX. Von Krasnojarsk nach Irkutsk

Missverständnisse und Konflikte

Die Märtyrerinnen im Kerker von Irkutsk

XXI. Eine Rüge an den Polizeimeister

Begegnung mit deportierten Genossen

Von Irkutsk nach Kara

Gestohlene Fesseln

Ein zweifelhafter Dekabrist

Noch ein Konflikt

Ankunft in Kara

XXII. Die ersten Tage im Gefängnis zu Kara – Alte und neue Bekannte

XXIII. Die Organisation unseres Gemeinwesens

Die „Siriusse“

Wetten

XXIV. Aus der Geschichte des Gefängnisses in Kara

„Der Kater“

Die „Sÿnedrion“-Kammer

Der erste Frühling

XXV. Stimmungen und Zeitvertreib im Kerker

Zwei neue Kommandanten

Das Hospital

Die Teilnehmer an bewaffneten Widerständen

XXVI. Die weibliche Abteilung – Der Beginn der Tragödie

XXVII. Die „Kolonisten“

Die weiteren Vorgänge im Frauenkerker

XXVIII. Die Säkularfeier der französischen Revolution

Sergius Bobochow

Das Ende der Tragödie

XXIX. Beunruhigende Gerüchte

Eine Visite des Generalgouverneurs

Entlassung aus dem Kerker

XXX. Nischnaja Kara

Neues Leben

‚Raubgold‘

XXXI. Die Reise des Thronfolgers in Sibirien

Unsere Lebensweise in der Strafkolonie

Der grimmige Pristaw

XXXII. Der Tod des Zaren

Neue Manifeste

Die Volkszählung

XXXIII. Ein rätselhaftes Denkmal

Meine Abreise

Das Leben in der Stretjensk

Meine Übersiedelung nach Blagoweschtschensk

Chinesenmord

XXXIV. Ende der Reise um die Welt

Die gelbe Buchreihe

Weitere Informationen

V. Nach Russland: im Viehwagen, im Frankfurter und im Berliner

Impressum neobooks

Vorwort des jetzigen Herausgebers

Vorwort des jetzigen Herausgebers


Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.


Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den See­leuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzu­tragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktio­nen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.

Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski


Ruhestands-Arbeitsplatz

Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers

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Der Autor Lev Grigorievich Deitsch (Leo Deutsch)

Der Autor Lev Grigorievich Deitsch (Leo Deutsch)


https://de.wikipedia.org/wiki/Lew_Grigorjewitsch_Deitsch

Lev Grigorievich Deitsch (Leo Deutsch), Лев Григорьевич (Лейба-Гирш) Дейч wurde am 25. September 1855 in Tulchyn, Russland, geboren und starb am 5. August 1941 in Moskau. Er war ein russischer Revolutionär, frühes Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands und dort Anhänger der Menschewiki-Fraktion.

Deutsch stammte aus einer jüdischen Familie des Handelsstandes. Er besuchte das Gymnasium in Kiew ohne Abschluss. 1874 trat er in I. F. Fesenkos Narodniki-Verein ein. 1875 meldete er sich als Freiwilliger für das Infanterieregiment in Kiew und wurde Mitglied des Vereins der Südlichen Rebellen. 1876 diente er als Einjährig-Freiwilliger in Kiew. Er beteiligte sich an der Befreiung des Studenten Lurie aus dem Gefängnis. Wegen eigenmächtigen Verlassens des Dienstes kam er vor Gericht, doch konnte er sich der Verhaftung entziehen. In diesem Jahr begingen Deitsch, W. A. Malinka und J. W. Stefanowitsch in Odessa einen Mordanschlag auf ihren Genossen N. J. Gorinowitsch, der als Verräter angesehen wurde. Sie stachen ihn nieder, und Deitsch goss ihm Schwefelsäure übers Gesicht, um die Identifizierung zu verhindern. Gorinowitsch überlebte jedoch und sagte im Krankenhaus gegenüber der Polizei aus. Malinka wurde gefunden und für mehrere Straftaten zum Tode durch Erhängen verurteilt.

Zusammen mit I. W. Bochanowski half Deitsch 1877 J. W. Stefanowitsch bei der Organisation eines Bauernaufstandes mit Landumverteilung im Bezirk Tschigirin auf der Grundlage einer gefälschten Zarenurkunde. Im September 1877 wurden Stefanowitsch und seine Genossen verhaftet. Ihre Flucht bewerkstelligte M. F. Frolenko, der sich als Inspektor ausgab. Deitsch flüchtete nach St. Petersburg.

Auf dem Woronnesch-Kongress 1879 wurde Deitsch in Abwesenheit in die Organisation Land und Freiheit aufgenommen. Nach deren Aufspaltung wurde er Mitglied der Schwarzen Umverteilung. 1880 emigrierte Deitsch. 1883 gründete er in Genf die russische Marxisten-Gruppe Befreiung (Oswoboschdenije truda) zusammen mit G. W. Plechanow, P. B. Axelrod und W. I. Sassulitsch. Deitsch organisierte den Druck revolutionärer Literatur und deren Schmuggel nach Russland.

1884 wurde Deitsch in Deutschland wegen des Gorinowitsch-Mordes festgenommen und an die russischen Behörden ausgeliefert. Das Militärgericht verurteilte ihn zu 13 Jahren und 4 Monaten Katorga-Zwangsarbeit und Niederlassung in Ost-Sibirien. 1885 kam er in ein Katorga-Lager am Kara-Fluss in Transbaikalien. Nach verkürzter Katorga heiratete er in der Ansiedlung Kara im April 1896 die politische Katorgantin Marija Alexandrowna Ananjna, Мария Александровна Ананьина; * 1849 † 1899. 1897 siedelten sie nach Sretensk über, wo er in der 1. Abteilung des Wasserstraßenamtes arbeitete. Nach dem Tode seiner Frau im Januar 1899 ging er nach Blagoweschtschensk, wo er der eigentliche Herausgeber der Zeitung Amur-Region war.

1901 flüchtete Deitsch über Wladiwostok nach München und arbeitete für die Zeitung Iskra (Der Funke). Er wurde als Mitglied der Geschäftsführung der Auslandsliga der russischen revolutionären Sozialdemokratie kooptiert. Er beteiligte sich an der Herausgabe der Iskra und der Sarja (Die Morgenröte). Er trat in das Büro des Organisationskomitees zur Vorbereitung des 2. Kongresses der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) 1903 ein. Auf dem Kongress schloss er sich den Menschewiki an. 1904 war er Delegierter des VI. Internationalen Sozialistenkongresses in Amsterdam. 1905 kehrte er nach Russland zurück. 1906 wurde er verhaftet und in die Turuchansk-Region verbannt. Auf dem Weg in die Verbannung flüchtete er und kehrte nach St. Petersburg zurück. 1907 ging er wieder ins Ausland und nahm am 5. SDAPR-Kongress und am Stuttgarter VII. Internationalen Sozialistenkongress teil. In den Jahren der Reaktion nach der Russischen Revolution 1905 gehörte er zu den Menschewiki-Liquidatoren, die innerhalb des Rechts handeln wollten.

1911 fuhr Deitsch mit seiner Frau Esfir Sinowjewa nach New York und beteiligte sich zusammen mit S. M. Ingerman an der Herausgabe der Zeitschrift Nowy Mir (Neue Welt). Nach einem Konflikt wegen organisatorischer Probleme gab er seine Beteiligung auf. 1915–1916 gab er die Monatszeitschrift Swobodnoje Slowo (Das freie Wort) heraus.[5]

Nach der Februarrevolution 1917 kehrte Deitsch nach Petrograd zurück, schloss sich der Gruppe der rechten Menschewiki-Verteidiger an und gab mit anderen die Menschewiki-Zeitung Jedinstwo (Einheit) heraus. Zusammen mit Plechanow und Sassulitsch rief er die Sozialdemokraten auf, eine Vereinbarung mit der provisorischen Regierung zu erreichen. Er vertrat die Meinung, dass das Land keinen Bürgerkrieg brauche, denn er würde die junge Freiheit zerstören. Er akzeptierte nicht die Oktoberrevolution, da die Produktionsbedingungen in Russland und anderen Ländern noch nicht für den Sturz des kapitalistischen Systems zugunsten eines sozialistischen Systems reif seien. Bis 1918 arbeitete er für die Wochenzeitschriften Natschalo (Der Anfang) und Delo (Die Sache), doch bald gab er die politische Tätigkeit auf. Nach dem Tode Plechanows 1918 gab er seine Arbeiten heraus und veröffentlichte Erinnerungen und Aufsätze über die Geschichte der russischen Befreiungsbewegung, wobei er auch auf die Rolle der Juden einging. 1928 ging er in den Ruhestand.

In „Sechzehn Jahre in Sibirien“ erzählt Deutsch, der wegen Beteiligung an terroristischen Bestrebungen in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts aus Russland flüchtete, wie er in Freiburg im Breisgau von der deutschen Polizei verhaftet, dort in Untersuchungshaft genommen und nach Russland ausgeliefert worden ist. Der Leser durchlebt mit dem Erzähler dessen Schicksale: die Untersuchungshaft in Deutschland, den Transport an die russische Grenze, die Auslieferung an Väterchens Gendarmen, das Schleppen von Gefängnis zu Gefängnis, die Anklage und die Verurteilung, den Transport nach Sibirien und endlich den vieljährigen Aufenthalt in Kara unter den politischen Gefangenen, der mit Entlassung in die Strafkolonie („freies Kommando“) und der Flucht aus Sibirien über Japan nach San Francisco endet.

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Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien – Erinnerungen eines russischen Revolutionärs – Einleitung des damaligen Herausgebers

Lev Grigorievich Deutsch: Sechzehn Jahre in Sibirien – Erinnerungen eines russischen Revolutionärs

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Einleitung des damaligen Herausgebers

Nach reiflicher Überlegung hat sich die Verlagsbuchhandlung entschlossen, die beiden von L. G. Deutsch verfassten Bücher Sechzehn Jahre in Sibirien und Viermal entflohen aufs Neue wieder herauszugeben. Die in den beiden Büchern geschilderten Tatsachen üben auch heute noch eine starke Wirkung auf den Leser aus und lassen vieles, was im heutigen Russland eine revolutionäre Gestalt angenommen hat, begreiflich erscheinen. Russland hat sich durch gewaltige Explosionen von dem fluchbeladenen Zarentum befreit. Die Wege, die das russische Volk eingeschlagen hat, sind noch wild und zu wenig geklärt, aber sie werden an der Vergangenheit gemessen verständlich. Hoffen wir, dass Russland sich zu einem Eckpfeiler entwickeln wird, der dem internationalen Proletariat in seinem Kampfe um den Sozialismus eine feste Stütze sein kann.

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Illustrationen

Illustrationen


Leo Deutsch


Maria Kowalewskaja, Sophie Löschern, Wera Figner, Sundelewitsch,

Jakob Stefanowitsch, Jakubowitsch.


Etappenstation


„Politische“ im Inneren einer Etappenstation


Appell vor dem Abmarsch von der Etappenstation


Zur Katorga (Zwangsarbeit) verurteilte Weiber beim Wasserholen. (Nischnaja Kara.)


Zur Katorga (Zwangsarbeit) verurteilte Männer bei der Arbeit. (Nischnaja Kara.)


Strafkolonie politischer Verbrecher in Nischnaja Kara

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Vorbemerkungen zum Buch – „Sechzehn Jahre in Sibirien“

Vorbemerkungen zum Buch – „Sechzehn Jahre in Sibirien“

Als im Jahre 1889 Kennan sein berühmt gewordenes Buch über Sibirien veröffentlichte, gellte ein Schrei der Entrüstung durch die ganze zivilisierte Welt über die Behandlung der politischen Gefangenen in den sibirischen Gefängnissen und Zwangsansiedlungen.


(Kennan, * 1845 † 1924, arbeitete sich aus dürftigen Verhältnissen zum höheren Telegraphenbeamten in Cincinnati empor und machte 1864 seine erste Forschungsreise nach Kamtschatka. Von 1865 bis 1868 nahm er an der amerikanischen Kabelexpedition nach Alaska und Sibirien teil und veröffentlichte nach seiner Rückkehr das ethnographisch interessante Buch: Tent life in Siberia (1870; deutsch: Zeltleben in Sibirien, Berlin 1890–1892).)

Zum ersten Mal drangen die Stimmen der Gequälten aus jenen gottvergessenen Winkeln der Erde an die europäische Öffentlichkeit, und das Maß des Entsetzens über die offizielle russische Grausamkeit, die selbst nicht vor dem Weibe Halt machte, wurde zum Überlaufen gebracht. Der Zarismus wurde auf die Anklagebank gesetzt und verurteilt; für das infame russische Strafsystem fand man kaum noch Worte, so groß war der Abscheu vor allem, was damit zusammenhing.

In Russland selbst änderte sich gar nichts, es blieb, wie es war, ja mit der Zeit sind wohl noch mancherlei Verschlimmerungen eingetreten.

Und dennoch gibt es in Europa Staaten, die sich nicht scheuen, dem russischen System Henkerdienste zu leisten, unbekümmert darum, dass sie dadurch mit einer wahren Selbstverachtung der modernen Kultur das Grab graben helfen.

Nun ist wiederum ein Buch über Sibirien erschienen, und zwar gleichzeitig in vier Sprachen, [Ist inzwischen noch ins Holländische, Italienische und Polnische übersetzt worden.] das die Beobachtungen Kennans nicht nur bestätigt, sondern – und darin liegt der Hauptwert der Darstellung – wesentlich erweitert und uns einen tiefen Blick in die Justiz- und Verwaltungsverhältnisse Russlands tun lässt; jeder Leser wird das Motto aus Dantes Hölle, das Kennan seinem „Sibirien“ vordruckte, das „Lasciate ogni speranza“, jetzt erst verständlich finden und sich überrascht fragen, ob ein Staat wie Russland, dessen Regierungsform und Praktiken einem asiatischen Barbarenstaat gleich zu achten sind, heute eine Bündnisfähigkeit im modernen westeuropäischen Sinne hat.

Auf den folgenden Bogen erzählt ein russischer Student, Leo Deutsch, der wegen Beteiligung an terroristischen Bestrebungen in den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts aus Russland flüchtete, wie er in Freiburg im Breisgau von der deutschen Polizei verhaftet, dort in Untersuchungshaft gezogen und endlich nach Russland ausgeliefert worden sei. Der Leser durchlebt mit dem Erzähler dessen Schicksale: die Untersuchungshaft in Deutschland, den Transport an die russische Grenze, die Auslieferung an Väterchens Gendarmen, das Schleppen von Gefängnis zu Gefängnis, die Anklage und die Verurteilung, den Transport nach Sibirien und endlich den vieljährigen Aufenthalt in Kara unter den politischen Gefangenen, der mit Entlassung in die Strafkolonie („freies Kommando“) und der Flucht aus Sibirien über Japan nach San Francisco endigt.

Wie Leo Deutsch, so befanden und befinden sich in Sibirien Tausende von intelligenten jungen Leuten, die in ihrem Wissen und Können von der Regierung zurückgewiesen und schließlich in ihrer bürgerlichen Existenz vom Zarismus zu Boden getreten worden sind, die „unter anderen Verhältnissen ihrem Vaterland unschätzbare Dienste hätten leisten können“.

Bis in die achtziger Jahre stellten das Kontingent zu den „Staatsverbrechern“ hauptsächlich die Studierenden der russischen Hochschulen und zum kleinen Teile auch die Offiziere der Armee: heute stellt auch der russische Arbeiter einen erheblichen Teil zu den „Staatsverbrechern“, wodurch die Physiognomie der Verbannten eine wesentlich andere, eine volkstümliche wird. Bei jedem Streik werden „Arbeiter-Führer“ aus der Menge herausgeholt und „nach Sibirien“ verurteilt, damit sie dort über die Weisheit Väterchens nachdenken können.

Solche sich immer stärker wiederholende Vorgänge zeitigen aber auch eine Wirkung im Inneren des europäischen Russland. Der Ruf nach Beseitigung des autokratischen Regiments ertönte früher nur aus den Reihen der Intelligenz, der Arbeiterstand verhielt sich dem gegenüber indifferent. Die Entwicklung der Industrie häuft große Arbeitermassen an einzelnen Orten zusammen. Die häufigen Bekanntschaften mit den Nagaiken der Kosaken und den Hinterladern der Soldaten haben den Arbeitern in überzeugender Weise demonstriert, dass ihr Feind nicht nur der Kapitalismus, sondern auch der despotische Zarismus ist; laut und deutlich ertönt auch aus den Arbeiterreihen der Ruf: Nieder mit dem Zarismus! Natürlich, jetzt wird den Polizeiseelen Russlands der Boden heiß unter den Füßen, und die immer stärkere Anwendung von Unterdrückungsmaßregeln gegen die Arbeiter zeigt die Ohnmacht der offiziellen Vertreter der Autokratie; denn kaum ist hier ein Aufstand zu Boden geknüppelt, so bricht er an einer anderen Stelle mit doppelter Heftigkeit wieder aus.

Mit der Beteiligung der Arbeiterklasse am politischen Kampfe in Russland ist der Autokratie ein Gegner erwachsen, den sie nicht bezwingen kann, vor dem sie kapitulieren muss.

* * *

Anlässlich eines in Königsberg anhängig gemachten Geheimbundprozesses gegen deutsche Staatsangehörige, die angeblich russische revolutionäre Schriften über die russische Grenze haben schmuggeln wollen, wurde eine Interpellation vom Abgeordneten Haase im Reichstag eingebracht, bei deren Besprechung der Reichskanzler auch den Fall Deutsch anführte, um darzutun, dass die preußische deutsche Politik von heute derjenigen Bismarcks der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in allem gleichwertig sei.

Graf v. Bülow führte folgendes aus:

„Unsere Akten bieten ein reichhaltiges Material für die Beurteilung der Methode, welche Fürst Bismarck in solchen Fragen für die dem deutschen Interesse entsprechende hielt. Ich will nur zwei Fälle herausgreifen. Der eine Fall betrifft die in den Jahren 1881 und 1882 spielende Angelegenheit der Ausweisung des russischen Staatsangehörigen Stanislaus Mendelssohn, der andere die Auslieferung des russischen Staatsangehörigen Leon Deutsch-Buligin vom Jahre 1884. „Mendelssohn sollte einer von uns der russischen Regierung erteilten Zusage gemäß nach der russischen Grenze hin ausgewiesen und den russischen Grenzbehörden überliefert werden. Die russischen Behörden wurden jedoch nicht rechtzeitig benachrichtigt, und so gelang es Mendelssohn, zu entkommen, ehe die Übergabe an die russischen Behörden erfolgen konnte. Darüber enthalten nun die Akten folgendes. In einem Schreiben an den Justizminister und an den Minister des Inneren sagt der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, also der Vertreter des Reichskanzlers Fürsten v. Bismarck:


(Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, ab 1865 Graf von Bismarck-Schönhausen, ab 1871 Fürst von Bismarck, ab 1890 auch Herzog zu Lauenburg (* 1. April 1815 in Schönhausen (Elbe); † 30. Juli 1898 in Friedrichsruh bei Aumühle), war ein deutscher Politiker und Staatsmann)

‚Die russische Regierung legt großen Wert darauf, des Mendelssohns habhaft zu werden, und ich halte es aus politischen Rücksichten für angezeigt, diesem Wunsche unsererseits tunlichst entgegenzukommen. Die Ausweisung würde rechtlich zulässig sein, selbst wenn sie nur aus Gefälligkeit gegen die russische Regierung geschähe.‘

„Sodann heißt es in einem Erlass nach St. Petersburg: Ew. pp. wollen sich darüber Gewissheit verschaffen, ob seitens der russischen Regierung ... betreffs dieser Ausweisung ( i. e. Mendelssohn und Genossen) noch besondere Wünsche bestehen. In einem damaligen Memorandum des Auswärtigen Amtes über den Fall Mendelssohn hieß es am Schluss: Russischerseits wird dieser Ausgang der Sache unseren inneren Behörden als ein Mangel an Willfährigkeit ausgelegt. Dazu bemerkt Fürst v. Bismarck in einem eigenhändigen Marginal: ‚Mit vollem Recht, und das Verhalten steht mit den Anstrengungen, die ich mache, um Vertrauen in Petersburg zu wecken, in einem für unsere russischen Beziehungen schädlichen Widerspruch.‘ „Endlich finden sich in einem vom Fürsten v. Bismarck selbst unterzeichneten Erlasse an unseren damaligen Geschäftsträger in Petersburg folgende Sätze: ‚Das eingeschlagene Verfahren steht mit meinen Intentionen in direktem Widerspruch, und ich bedaure lebhaft, dass ... der russischen Regierung begründeter Anlass gegeben worden ist, an der Aufrichtigkeit der ihr früher erteilten Zusage zu zweifeln.‘ Deutsch, der von der russischen Regierung als Nihilist bezeichnet wurde, war auf deren Antrag von der badischen Regierung ausgeliefert und später vom Militärbezirksgericht in Odessa zu Zwangsarbeit verurteilt worden. Zur Charakteristik des Standpunkts des ersten Reichskanzlers dienen folgende Stellen aus den Fall Deutsch betreffenden Akten des Auswärtigen Amtes. In einem Erlass an den preußischen Gesandten in Darmstadt sagt im Auftrag des Fürsten Bismarck der Staatssekretär Graf Hatzfeldt:


Melchior Hubert Paul Gustav Graf von Hatzfeldt zu Wildenburg – 1831 – 1901

‚Ich bemerke ergebenst, dass es für unsere politischen Beziehungen zu Russland nützlich sein würde, wenn in diesem Falle dem berechtigten Wunsche der russischen Regierung, eines von ihr als gefährlich und verwegen bezeichneten, aus russischen Gefängnissen flüchtig gewordenen russischen Revolutionärs habhaft zu werden, unsererseits entgegengekommen werden könnte.‘ Ein Schreiben desselben Staatssekretärs an das Großherzoglich badische Staatsministerium enthält folgenden Passus: ‚Da der Deutsch in Russland wegen gemeiner Verbrechen verfolgt wird und überdies aus politischen Gründen Wert darauf zu legen ist, in diesem Falle den Wünschen der russischen Regierung gerecht zu werden, glaube ich mich der Hoffnung hingeben zu dürfen, dass das Großherzogliche Staatsministerium bereit sein werde, seine Mitwirkung dazu eintreten zu lassen, um den Verhafteten in die Hände der russischen Behörden zu liefern.‘ In einem über diese Angelegenheit Seiner Majestät dem Kaiser erstatteten Immediatbericht sagt Fürst Bismarck: ‚Für den Fall jedoch, dass sich diese Beibringung

– nämlich der zur Auslieferung erforderlichen Beweisstücke – verzögern sollte, wünscht sie – nämlich die russische Regierung –, dass die Ausweisung des Genannten in einer Weise ausgeführt werde, welche es den russischen Behörden ermögliche, ihn auf russischem Gebiet zu ergreifen. Seine Majestät der Kaiser von Russland nimmt persönlich großes Interesse daran, dass der von seiner Regierung ausgesprochene Wunsch erfüllt werde. Für die Pflege unserer Beziehungen zu Russland ist es nach meinem ehrfurchtsvollen Dafürhalten von Wichtigkeit, dass unsererseits alles geschieht, um dem gedachten Wunsche zu entsprechen.‘ In einem ebenfalls von dem Fürsten selbst unterschriebenen Erlass an das Großherzoglich badische Staatsministerium heißt es: ‚Seine Majestät der Kaiser von Russland legt großen Wert darauf, dass dieser gefährliche und in anderen Verbrechen implizierte Nihilist in Russland zur Untersuchung gezogen werden könne. Die Erfüllung oder Versagung dieses Begehrens wird deshalb nicht ohne Rückwirkung auf die Empfindungen bleiben, welche der Kaiser Alexander der deutschen Politik gegenüber hegt, und welche durch unsere auswärtige Politik im Interesse des Friedens mit Sorgfalt und Erfolg gepflegt worden sind. Nach der Verfassung Russlands sind die persönlichen Überzeugungen und Eindrücke des Kaisers maßgebend für die Politik unseres großen Nachbarreiches. Unter diesen Umständen ist es aus politischen Rücksichten wichtig, dass den Wünschen der russischen Regierung entsprochen werde. Sollte die Auslieferung dennoch versagt werden, so würde das Auswärtige Amt und die Diplomatie die Verantwortlichkeit für die Rückwirkung der Versagung auf die Beziehungen des Reiches zu Russland ablehnen müssen.‘ So weit Fürst Bismarck. Ich füge hinzu, dass von uns während der letzten fünf Jahre nur drei russische Revolutionäre über die russische Grenze ausgewiesen worden sind, und zwar waren dies zweifellose Anarchisten, die wir selbst nicht behalten konnten, und deren Übernahme wir auch anderen Ländern nicht zumuten konnten.

Siehe Band 157e in dieser gelben Buchreihe


Außer diesen drei notorischen Anarchisten, die über die russische Grenze ausgewiesen worden sind, sind noch eine größere Anzahl politisch verdächtiger Personen der Ausweisung als lästige Ausländer verfallen. Aber kein einziger dieser politisch Verdächtigen ist über die russische Grenze abgeschoben worden. Ich erkläre also, dass alles, was hier vorgebracht worden ist über angebliche Liebedienerei der deutschen Behörden gegenüber russischen Behörden, über eine angebliche Schwäche der deutschen Regierung gegenüber der russischen Regierung, – dass das alles der Wahrheit nicht entspricht.“

* * *

„Nun ist heute auch gesagt worden, es sei sehr schwierig, zu definieren, wer eigentlich Anarchist sei, und welche Handlungen als anarchistische zu betrachten und zu behandeln wären. In der Theorie mag das schwierig sein, wenn es sich z. B. um die Redaktion eines Gesetzentwurfs handelt. In der Praxis liegt die Sache aber doch bedeutend einfacher. Ich glaube, dass niemand in diesem hohen Hause ist, der daran zweifelt, dass Schriften, wie sie neulich mein verehrter Nachbar, der hier neben mir sitzt, der Herr Justizminister, im preußischen Abgeordnetenhause verlesen hat, einen anarchistischen Charakter tragen. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass die Bestimmung, auf welche Russen sich die Beobachtungstätigkeit des russischen Agenten zu erstrecken hat, und über wen ihm Auskunft zu erteilen ist, in Deutschland lediglich den deutschen Behörden zusteht. Diese haben die Pflicht, darüber zu wachen, dass der russischen Polizei nicht weiter, aber so weit Hilfe geleistet wird, wie dies der Zweck der solidarischen Bekämpfung des Anarchismus erheischt. Kommen dabei Fehlgriffe vor, so werden sie korrigiert werden. Von Maßnahmen gegen russische Liberale oder gar gegen deutsche Staatsangehörige ist gar nicht die Rede. Es ist noch keinem russischen Studenten, der sich bei uns bilden, der in unseren Hörsälen, in unseren Universitäten der Wissenschaft leben will, irgendwelches Hindernis in den Weg gelegt worden. Die fremden Studenten werden bei uns mit derselben Liberalität behandelt wie die einheimischen. Aber die Entscheidung darüber, was Fremde bei uns tun und was sie nicht tun dürfen, steht der Regierung dieses Landes zu, nicht fremden Nihilisten und ihren Beratern und Helfern von der sozialdemokratischen Partei. Und wenn die fremden Herren sich bei uns so mausig machen, wie sie dies in der letzten Zeit getan haben, wenn sie so impertinente Erklärungen verfassen, wie sie Herr Bebel soeben verlesen hat, und wie sie in der Tat die hiesigen slawischen Studenten unter Führung des Herrn Mandelstamm und Silberfarb vor einiger Zeit vom Stapel gelassen haben, so werde ich dafür sorgen, dass solche Leute ausgewiesen werden. In keinem Lande der Welt würde ein solcher Unfug von Fremden geduldet werden. In keinem anderen Lande würden Fremde sich das herausnehmen. Mitleid und Nachsicht dort, wo sie am Platze sind, Duldung und Schutz für solche, die sich unter unsere Gesetze stellen und sie beobachten, und die sich anständig aufführen. Aber wir sind in Deutschland noch nicht so weit gekommen, dass wir uns von solchen Schnorrern und Verschwörern auf der Nase herumtanzen lassen. Für ein Laboratorium mit nihilistischen Sprengstoffen sind wir zu gut.“

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Den „Schnorrern und Verschwörern“ wurde die Quittung bald darauf überreicht: Mandelstamm und Silberfarb mit noch 12 russischen Studenten wurden ausgewiesen. Der Zar wird jetzt überzeugt sein, dass man in Berlin Wert darauf legt, dass die von der russischen Regierung ausgesprochenen Wünsche prompt erfüllt werden.

„Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!“

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Reise nach Deutschland

Reise nach Deutschland

Anfang März 1884 reiste ich aus Zürich über Basel nach Freiburg in Baden. Zweck meiner Reise war, eine Partie russischer sozialistischer Schriften, die in der Schweiz gedruckt waren, über die Grenze zu schmuggeln, um sie dann auf geheimen Wegen nach Russland, wo sie natürlich verboten waren, gelangen zu lassen. In Deutschland herrschte damals das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie; das Zentralorgan der deutschen Arbeiterpartei, der „Sozialdemokrat“, wurde in Zürich hergestellt und musste gleichfalls über die Grenze geschmuggelt werden.


Die Bewachung der Grenze war daher sehr scharf, und das erschwerte auch die Versendung der russischen, polnischen und anderen revolutionären Schriften, die in der Schweiz gedruckt wurden, nach Russland. Vor dem Erlass des Ausnahmegesetzes, das heißt bis zum Herbst 1878, war die Prozedur einfach: die Schriften wurden per Post nach einer Stadt in Deutschland nahe der russischen Grenze gesandt und von dort aus auf diesem oder jenem Wege nach Russland geschafft. Seit jener Zeit aber mussten diese Schriften im Reisegepäck über die deutsche Grenze geführt werden, um der Zollrevision zu entgehen, und wurden alsdann aus einer deutschen Stadt nach der russischen Grenze gesandt. Einen solchen Transport zu besorgen, war ich aufgebrochen.

Mein Reisegepäck bestand aus zwei großen Koffern, die zur Hälfte mit Büchern gefüllt waren, während obenauf Wäsche und Kleider lagen, um die Zollbeamten nicht argwöhnisch zu machen; in dem einen Koffer führte ich Wäsche und Herrenkleider, in dem anderen Damenkleider, die angeblich meiner – in Wirklichkeit nicht existierenden – Gattin gehören sollten. Deshalb war bei der Zollvisitation in Basel auch eine Dame zugegen, die Frau meines Freundes Axelrod aus Zürich. Sie hatte sich sogar erboten, die Koffer weiter zu transportieren, weil sie, im Falle die Polizei Verdacht schöpfen sollte, sich geringerer Gefahr aussetzte als ich. Da aber die Zollvisitation glatt abgelaufen war und ich nicht daran glauben wollte, dass weiterhin irgendwelche Schwierigkeiten entstehen könnten, lehnte ich dieses Anerbieten ab.

Außer Frau Axelrod hatte mich ein Baseler, der Sozialist G., zur Bahn begleitet, der mich auch mit Informationen versehen hatte, wie ich weiterhin mit meiner gefährlichen Sendung verfahren sollte, er war in diesen Sachen ziemlich beschlagen und hatte schon manchen Transport geleitet. Noch vor einigen Tagen war er auf meine Empfehlung hin mit einem mir bekannten Polen namens Jablonski nach Freiburg gereist, von wo aus sie gemeinsam einen Posten polnischer Schriften versendet hatten.

Beim Abschied empfahl mir G. einen billigen Gasthof in Freiburg, in nächster Nähe des Bahnhofs, und guter Dinge stieg ich in einen Wagen dritter Klasse.

Es war ein Sonntag, und der Wagen war von Ausflüglern in ausgelassener Sonntagsstimmung dicht besetzt. Lieder wurden angestimmt, und ungezwungenes Geplauder erfüllte den Raum. Der Schaffner war – wie damals sehr oft auf den deutschen Bahnen, ob es heute noch so ist, weiß ich nicht – ein recht grober und aufgeblasener Patron. Da er bemerkte, dass ich rauchte, schnauzte er mich sofort mit allem Diensteifer an, es sei ein Nichtraucherwagen. Ich entgegnete ihm höflich, ich hätte die Aufschrift nicht bemerkt, warf meine Zigarette fort und erklärte, ich werde nicht rauchen, da ich nicht weit reise. Der Mann bestand trotzdem in aufdringlicher Weise darauf, dass ich den Wagen wechsle. „Ein schlechtes Omen“, fuhr es mir, wie ich mich heute noch erinnere, bei dieser Geschichte durch den Sinn. Ich war schlecht gelaunt, fühlte mich unbehaglich, gereizt. Dabei war das Wetter schauderhaft, kalter Regen rieselte herab, und das wirkte mir auf die Nerven.

Der Zug setzte sich in Bewegung, und ehe ich mich dessen über meinen griesgrämigen Grübeleien versah, waren wir in Freiburg. Es war gegen 7 oder 8 Uhr abends. Auf dem Perron angelangt, suchte ich den Hausdiener des „Freiburger Hofes“ und übergab ihm mein Handgepäck und den Gepäckschein. Er bemerkte sofort das in dem Scheine verzeichnete bedeutende Gewicht der Koffer und drückte seine Verwunderung darüber aus. Um etwaigem Argwohn vorzubeugen, erklärte ich ihm in aller Ruhe, ich führte viele Lehrbücher mit, da ich Student sei und an der Universität in Freiburg studieren wolle.

Der Gasthof war bald erreicht und ein Zimmer gefunden, worauf ich mich in das Restaurant begab, um das Abendessen zu nehmen. Als ich am Büfett vorbeiging, sah ich den Hausdiener eifrig mit einem anderen Manne, augenscheinlich dem Hotelier, flüstern. Kaum hatte ich gegessen, als mir der Kellner das Meldebuch präsentierte. Da ich einen russischen Reisepass bei mir führte, den mir ein Freund zur Verfügung gestellt hatte, schrieb ich ohne weiteres den Namen „Alexander Buligin aus Moskau“ ein.

Ich bestellte darauf Schreibzeug und begab mich auf mein Zimmer. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, als angeklopft wurde. Auf mein „Herein!“ erschien an Stelle des Dieners mit dem Schreibzeug, den ich erwartet hatte, ein Schutzmann in Begleitung eines Herrn in Zivil.

„Ich bin Beamter der Geheimpolizei“, stellte sich der letztere vor. „Gestatten Sie, dass ich nachsehe, was Sie in Ihren Koffern haben.“

* * *

Verhaftung in Freiburg

Verhaftung in Freiburg


„Da Freiburg in der Nähe der Grenze liegt, so wittert die Polizei, der der Hoteldiener die Ankunft eines jungen Menschen mit auffallend schweren Koffern gemeldet hat, Konterbande, oder gar man hält mich für einen Anarchisten und glaubt, ich führe Dynamit mit mir, ,fuhr es mir durch den Sinn. Ich suchte also eine möglichst harmlose Miene aufzusetzen, obgleich ich fühlte, dass die Sache schief ging. Mit dem Öffnen der Koffer beschäftigt, ließ ich wie von ungefähr die Bemerkung fallen, dass der eine die Garderobe meiner Frau enthalte, die ebenfalls hier eintreffen werde.

Kaum hatten sich die Herren über den Koffer hergemacht, ich schon, dass meine Annahme in Bezug auf Konterbande falsch war: der Beamte fahndete offenbar weder auf Konterbande noch auf Dynamit, sondern gerade auf Bücher, denn er begann sofort diese zu mustern. Ich schloss daraus, dass man bei mir deutsche sozialdemokratische Schriften suche. Desto mehr war ich verblüfft, als der Polizist beim Anblick eines kleinen Buches in rotem Umschlage triumphierend rief: „Da haben wir's ja!“

Es war das der „Kalender der Narodnaja Wolja“, ein Buch, das vor Jahresfrist erschienen war und offen in den Buchhandlungen Deutschlands verkauft wurde. „Jetzt muss ich eine körperliche Visitation an Ihnen vornehmen“, erklärte mir der Geheimagent.

Außer einem Notizbuch, einem Brief und einer Brieftasche mit einigen Hundertmarkscheinen fand sich in meinen Taschen noch ein Dutzend Nummern des Züricher „Sozialdemokrat“, die ich mitgenommen hatte, um sie einem russischen Freunde in Deutschland zu senden.

„Na, das kann man wenigstens lesen!“ erklärte hocherfreut der „Geheime“, als er den Titel gesehen. „Jetzt verhafte ich Sie!“

„Wieso, warum?“ fragte ich betroffen.

„Das werden Sie schon erfahren; kommen Sie mit!“ war die Antwort.

Das Vorgehen der Beamten war in jeder Hinsicht sonderbar: von Erfüllung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der persönlichen Sicherheit war keine Rede; die Durchsuchung wurde vorgenommen, ohne dass ein richterlicher Befehl vorlag, Zeugen waren nicht zur Stelle, ein Protokoll über das Ergebnis der Durchsuchung wurde nicht aufgesetzt. Schließlich musste ich selber darauf dringen, dass die Beamten wenigstens in meiner Anwesenheit das Geld nachzählten, das sich in der beschlagnahmten Brieftasche befand, obgleich das natürlich eine recht ungenügende Garantie für die Sicherheit meines Eigentums war.

Als ich nun als Gefangener zwischen den beiden Schutzengeln die Treppe hinabstieg, kam uns eine junge Dame mit einer kleinen Reisetasche in der Hand entgegen. Der Beamte fragte mich, ob dies etwa meine Frau sei? Trotz meiner verneinenden Antwort, versuchte er die Dame anzuhalten. Sie mochte glauben, es mit einem Don Juan zu tun zu haben, und floh unter lautem Geschrei auf die Straße. Der Geheimagent gab nun dem Schutzmann den Befehl, mich weiterzuführen, und lief der Unbekannten nach.

Der Schutzmann versuchte nun, mich am Arm zu fassen und so über die Straßen zu führen, doch widersetzte ich mich schroff einer derartigen Behandlung, indem ich erklärte, ich hätte kein Verbrechen begangen, und es liege für ihn keine Berechtigung vor, in dieser Weise mit mir umzugehen.

So gelangten wir in das Freiburger Untersuchungsgefängnis. Hier wurde ich abermals einer körperlichen Visitation unterzogen, und ein Beamter richtete jetzt, zum ersten Mal seit meiner Verhaftung, an mich die Frage nach meinen Personalien. Bald erschien auch der Geheimagent und führte die Dame herein, die laut weinte, ihre absolute Unschuld beteuerte und in höchster Aufregung unter lautem Geschrei Aufklärung verlangte, weshalb man ihr diese Schmach antue. Nach all den vorangegangenen Erlebnissen seit meiner Ankunft in Freiburg setzte mich die Szene in die höchste Erregung.

„Was ist denn das?“ herrschte ich den Beamten an. „Wie können Sie sich unterstehen, die Dame zu belästigen? Ich wiederhole nochmals, ich kenne sie nicht, es ist nicht meine Frau, ich habe sie nie im Leben gesehen.“

„Nun, das wird sich zeigen, das ist meine Sache! Es geht Sie gar nichts an, wen wir verhaften!“

„Nette Zustände! Ganz wie bei uns in Russland“, dachte ich. Darauf wurde mir befohlen, einem Wächter zu folgen, der mich in das erste Stockwerk begleitete.

Kreischend flog das Schloss einer Zellentür auf: ich befand mich im großherzoglichen badischen Gefängnis! Die Zelle war, nachdem der Wärter mit der Laterne sich entfernt, vollkommen finster, und absolute Stille umgab mich. Mangel an Licht, sowohl in den Zellen als auf den Gängen, gehörte hier zur Hausordnung.

Ich orientierte mich, so gut es ging, indem ich tastend die Wände entlang schlich, fand ein Bett und warf mich angekleidet nieder. Meine Sinne tobten chaotisch durcheinander; ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, vermochte mir keine Rechenschaft über das Geschehene zu geben. Das Schicksal brach über mir zusammen, meine Kraft war gelähmt. Wüste Träume ließen mich die ganze Nacht nicht zur Ruhe kommen; fortwährend fuhr ich aus dem Schlummer auf, nicht imstande, mir klar zu machen, wo ich war und was mit mir vorgeht. Als ich endlich mit äußerster Willensanstrengung so weit war, meine Lage einigermaßen klar zu überlegen, erfasste mich Verzweiflung: Die Auslieferung nach Russland stand mir bevor, das war im ersten Augenblick die feste Sicherheit für mich! Zwar bestand damals kein Auslieferungsvertrag zwischen Russland und Deutschland in Bezug auf politische Flüchtlinge, [Ein solcher Vertrag wurde erst im Herbst 1885 geschlossen.] doch hatte ich Gründe, anzunehmen, dass man mich ausliefern würde. – Um dem Leser klar zu machen, was das für mich bedeutete, muss ich einiges aus meiner Vergangenheit mitteilen.

* * *

Aus der revolutionären Vergangenheit

Aus der revolutionären Vergangenheit

Genau zehn Jahre vor den geschilderten Vorgängen – im Jahre 1874 – hatte ich mich, damals ein Jüngling von neunzehn Jahren, der sogenannten „propagandistischen Bewegung“ angeschlossen, die zu jener Zeit einen bedeutenden Teil der studierenden Jugend in allen Gegenden Russlands erfasst hatte. Wie die meisten der jugendlichen „Propagandisten“ war ich hierbei geleitet von unendlichem Mitleid für die Leiden und Entbehrungen des Volkes. Nach unseren Anschauungen war es heilige Pflicht eines jeden ehrlichen und konsequenten Menschen, der sein Vaterland wirklich liebte, alle Kräfte in den Dienst der Befreiung des Volkes von dem wirtschaftlichen Drucke, der Versklavung, der Barbarei, in der es gehalten werde, zu stellen. Die Jugend, die stets des lebhaftesten Mitgefühls mit dem Unglück anderer fähig ist, konnte nicht gleichgültig bleiben angesichts der trostlosen Lage, in welcher sich der kurz vorher von der Leibeigenschaft befreite Bauer befand. Als einziges Mittel, die bestehende elende materielle Lage und den ganzen auf dem Volke lastenden Druck zu beseitigen, erschien den „Propagandisten“ die soziale Umwälzung in Russland; der Lehre der Sozialisten Westeuropas folgend, stellten sie sich als Ziel die Abschaffung des Privateigentums an Boden und den Produktionsmitteln und die Überführung derselben in Kollektivbesitz. Die „Propagandisten“ waren fest überzeugt, das Volk würde ohne weiteres ihre Ideen und Bestrebungen erfassen und auf den ersten Appell sich ihnen anschließen. Dieser Glaube erzeugte unendliche Begeisterung, spornte zu schrankenloser Aufopferung für die einmal erfasste Idee an. Die jungen Männer und Mädchen zögerten keinen Augenblick, ihrer bevorzugten sozialen Lage, der gesicherten Zukunft, die jedem von ihnen innerhalb der bestehenden Ordnung winkte, zu entsagen; ohne jedes Bedenken verließen sie die Lehranstalten, zerrissen rücksichtslos jegliche Familienbande, schlugen ihr persönliches Schicksal in die Schanze, um nur der Idee zu leben, um sich rückhaltlos dieser Idee zu opfern, um alle Kräfte und Mittel der heiligen Sache des Volkes dienstbar zu machen. Jedes persönliche Opfer schien diesen jugendlichen Kämpfern nicht einmal der Rede wert, wo es sich um die große Sache handelte. Die gemeinsamen Ideale, das gemeinsame Ziel und der allen eigene Enthusiasmus ließen die „Propagandisten“ zu einer einzigen, mit allen Herzensbanden zusammenhängenden Familie werden. Es bildete sich ein wahrhaft brüderliches, herzliches und intimes Verhältnis zwischen allen diesen Leuten heraus, vollendeter Altruismus beherrschte sie, und einer war für den anderen zu jedem Opfer bereit. – Nur in den großen geschichtlichen Momenten, zur Zeit des Martyriums der ersten Christen und der Verfolgung religiöser Sekten, mögen unter den Proselyten derartige persönliche Beziehungen und derartige gehobene Stimmungen geherrscht haben. [Der Leser, der sich für diese Periode der russischen revolutionären Bewegung eingehender interessiert, findet Näheres in dem Werke des Professors Peter Martin Alphons Thun (1853 – 1885): „Die Geschichte der revolutionären Bewegung in Russland“, und Stepnjak, „Das unterirdische Russland“.] Jedoch auch in dieser erlesenen Schar fanden sich, wie das ja überall bei solchen Bewegungen der Fall war, einzelne, die der Strömung nicht gewachsen waren; es fanden sich in ihrer Mitte einige Kleinmütige und selbst solche, die zu Verrätern wurden. Freilich waren es verschwindend wenige. Aber die Geschichte revolutionärer Bewegungen beweist zur Genüge, dass Hunderte der geschicktesten geheimen und öffentlichen Agenten der Regierungen einer im geheimen wirkenden Partei niemals so viel Schaden zufügen können, als ein einziger Verräter aus den eigenen Reihen. – So sollte auch den russischen „Propagandisten“ der Verrat verhängnisvoll werden. Ja das Auftauchen von Verrätern gab der Bewegung einen Charakter, den sie sonst wohl niemals erhalten hätte.

Kaum waren im Frühjahr 1874 die jungen Leute, ihrem Plane folgend, an die Arbeit gegangen, indem sie sich als Bauern verkleidet in die Dörfer begaben, um dort für die sozialistischen Ideen zu wirken, als auch schon die Verräter sich bemerkbar machten: zwei oder drei der Eingeweihten denunzierten den Plan und lieferten Hunderte von Leuten den Behörden aus. – Massenhaft fanden Haussuchungen und Verhaftungen statt; die Gendarmen stürzten sich auf Schuldige und Unschuldige; alle Kerker in Russland waren alsbald überfüllt. In dem einen Jahre wurden über tausend Personen verhaftet. Viele von ihnen erduldeten jahrelang dauernde Einkerkerung unter den furchtbarsten Umständen; manche nahmen sich das Leben, andere verloren den Verstand; viele wurden infolge der Verhaftungen krank und starben vorzeitig.

Man wird es verstehen, welcher grimme Hass unter diesen Verhältnissen in den Reihen der Sozialisten gegen die Verräter, denen so viele Menschenleben zum Opfer gefallen waren, entbrennen musste. Das namenlose Unglück der Freunde musste zur Rache reizen; es musste mit Notwendigkeit der Gedanke auftauchen, die Verräter zu strafen, durch Einschüchterung denselben das Handwerk zu legen. Zunächst jedoch blieb es bei der theoretischen Erwägung derartiger Pläne; es wurde den „Propagandisten“, die sonst äußerst friedliche Menschen waren, wahrhaftig nicht leicht, dem Gedanken die Tat folgen zu lassen. Erst im Sommer 1876 fand der erste Versuch statt, die Einschüchterungstheorie zu verwirklichen. Die näheren Umstände dabei waren folgende:

In Elisawetgrad hatten sich zeitweilig die Mitglieder der damals bekannten revolutionären Gruppe „Kiewer Buntari“ [„Bunt“ bedeutet gleichzeitig Aufstand, Revolte. „Buntari“ wäre also mit Verschwörer, in der Tat „Aufwiegler“ zu übersetzen. Die Organisation stellte sich die Aufgabe, Bauernrevolten zu organisieren.] versammelt; auch ich gehörte jener Organisation an. Viele der Mitglieder waren „illegal“ [Als „Illegale“ werden in der Sprache der russischen Revolutionäre diejenigen bezeichnet, die bereits auf irgendeine Weise den Behörden als Revolutionäre verdächtig sind, und die daher sich unter falschem Namen verbergen. Anmerkungen des Übersetzers.], und auf einige von diesen wurde seit langer Zeit von der Gendarmerie gefahndet, weil ein Verräter namens Gorinowitsch sie angezeigt hatte. Dieser Gorinowitsch war im Jahre 1874 verhaftet worden und schwebte damals in großer Gefahr; er suchte sich zu retten, indem er alles, was er über die Sozialisten wusste, aussagte, und es gelang ihm in der Tat, auf diese Weise sich zu befreien; seine Aussagen hatten sehr vielen geschadet. Es wäre wohl diesem Renegaten ebenso wenig ein Haar gekrümmt worden wie so vielen anderen, wenn er fortan die Kreise der Revolutionäre gemieden hätte. Aber ungefähr zwei Jahre nach seiner Entlassung aus der Haft suchte er von neuem sich in diese Kreise einzuschleichen. Er machte sich an einige unerfahrene junge Leute heran, die natürlich keine Ahnung hatten von der Rolle, die er gespielt, und von diesen erfuhr er, dass die Kiewer Organisation sich in Elisawetgrad befinde; er begab sich also dahin und suchte diejenigen Personen zu ermitteln, die er verraten hatte. Doch wurde er von uns erkannt, und wir mussten natürlich zu dem Schlusse kommen, dass er einen neuen Verrat plane. Da beschloss ich mit noch einem Genossen, ihn umzubringen.

In Elisawetgrad selbst durfte die Tat nicht vollbracht werden, weil die Polizei sonst leicht der Organisation auf die Spur kommen konnte. Wir überredeten daher Gorinowitsch, mit uns nach Odessa zu reisen, wo er die Gesuchten finden würde, und er willigte ein. Der Plan war, dass mein Freund auf einem abgelegenen Platze in Odessa den Verräter niedermachen sollte, worauf wir, um die Leiche unkenntlich zu machen, das Gesicht mit Schwefelsäure übergießen wollten. Es kam jedoch so, dass wir den Bewusstlosen für tot hielten. Furchtbar zugerichtet blieb er am Leben und gab der Polizei Auskunft über das gegen ihn verübte Attentat. Verhaftungen und Untersuchungen folgten auf dem Fuße. Mir gelang es damals, mich zu verbergen. Aber im Herbste des nächsten Jahres wurde ich mit anderen Genossen verhaftet; es handelte sich damals um den bekannten „Tschigirinschen Prozess“. Die Bauern des Kreises Tschigirin im Kiewer Gouvernement wollten bei der Befreiung das ihnen zugeteilte Land nicht in Privatbesitz übernehmen, sondern sie wollten das Gemeindeeigentum am Boden, wie es im Norden bestand. Die Regierung ergriff im Jahre 1875 drakonische Maßregeln: Exekutionen, Dragonaden, Verfolgungen aller Art; die Bauern blieben fest. Die Revolutionäre, unter anderen Stefanowitsch Bochanowski und ich, beschlossen daher, einen Aufstand unter den Tschigirinern zu organisieren. Unsere Pläne scheiterten, wir wurden verhaftet, und es wurde der Tschigirinsche Prozess angezettelt. Ich wurde in Kiew eingekerkert, doch gelang es mir, im Frühjahr 1876 gemeinsam mit Stefanowitsch und Bochanowski zu entfliehen.

Den wegen des Attentats gegen Gorinowitsch Angeklagten wurde der Prozess erst im Dezember 1879 gemacht, zu einer Zeit, wo bereits der rote wie der weiße Terrorismus aufgelodert war. Nach einer ganzen Reihe von Attentaten gegen verschiedene Repräsentanten der Staatsgewalt hatten die Revolutionäre zu jener Zeit ihre ganze Kraft darauf konzentriert, Alexander II. umzubringen.


Zar Alexander II.

Die terroristische Bewegung bekämpfte die Regierung durch Ausnahmegesetze, Kriegsgerichte und Todesurteile, wobei eine große Anzahl von Leuten hingerichtet wurde, die absolut keinen Anteil an jenen Taten hatten. – Einige Tage vor Beginn des Prozesses in Sachen des Attentats gegen Gorinowitsch, nachdem den Angeklagten bereits die Anklage bekannt gemacht worden war, die sie mit relativ gelinden Strafen bedrohte, hatten die Terroristen am 19. November auf der Moskauer Linie einen Zug in die Luft gesprengt, in dem man den Zaren vermutete. Die Regierung beschloss, hierfür an den des Anschlags gegen Gorinowitsch Angeklagten Rache zu nehmen. Von diesen Angeklagten war nur ein einziger direkt an der Tat beteiligt, und alle waren sie bereits zwei oder drei Jahre vor Beginn der terroristischen Bewegung verhaftet worden; sie konnten also unter keinen Umständen für diese Bewegung verantwortlich gemacht werden. Trotzdem wurde beschlossen, durch ein grausames Urteil ein „Exempel zu statuieren“. – Drei der Angeklagten, Drebjasgin, Malinka und Maidanski, wurden zum Tode durch den Strang verurteilt und am 3. Dezember hingerichtet; zwei, Kostjurin und Jankowski, zu Zwangsarbeit verurteilt und der Verräter Krajew freigesprochen.

Hätten mich diese Richter in ihre Gewalt bekommen, mein Schicksal wäre besiegelt gewesen. Ich war jedoch zu Beginn des Jahres 1880 nach dem Auslande geflüchtet und hatte mich bis zur Zeit des beschriebenen Vorgangs in Freiburg in der Schweiz aufgehalten.

Hiernach dürfte es klar sein, welche Stimmung mich bei dem Gedanken an die Auslieferung nach Russland befiel.

* * *

Die Ursache meiner Verhaftung

Die Ursache meiner Verhaftung

In Deutschland, als einem Rechtsstaate, besteht die gesetzliche Bestimmung, kraft deren niemand länger als vierundzwanzig Stunden ohne richterliche Verfügung inhaftiert werden darf. Mir, dem Ausländer gegenüber hielt man sich jedoch nicht so genau hieran gebunden, und es vergingen zwei Tage, bevor ich dem Richter zugeführt wurde. Nachdem der Richter die üblichen Fragen nach Namen, Herkunft und Stand gestellt, erklärte er mir, dass ich als Ausländer, dessen Personalien nicht sofort festgestellt werden können, in Haft bleiben müsse. Ich könnte zwar, fügte er hinzu, gegen diese seine Bestimmung Beschwerde erheben, aber nützen würde mir das nichts. In der Tat wurde meine diesbezügliche Beschwerde abgewiesen.

So war ich denn nach diesem Verhör ebenso klug in Bezug auf die Veranlassung zu meiner Verhaftung wie vorher. Nach wie vor stellte ich die verschiedensten Vermutungen hierüber an. – Die Ungewissheit ist stets ein qualvoller Zustand, aber am meisten haben darunter Gefangene zu leiden. In meiner Lage wurde diese Ungewissheit zur schlimmsten Seelenfolter. – Erst nach drei Tagen, die mir endlos erschienen, wurde ich wieder vor den Untersuchungsrichter geführt. Nachdem abermals die üblichen Personalienfragen erörtert waren, fragte er mich, ob mir die Ursache meiner Inhaftierung bekannt wäre? Als ich dies verneinte, gab er mir folgende Aufklärung:

Einige Tage vor meiner Ankunft aus Basel waren aus demselben Orte zwei Männer eingetroffen, der Schweizer Sozialist G. und der Pole Jablonski; sie waren ebenfalls im „Freiburger Hof“ abgestiegen und hatten ebenfalls in ihren Koffern Bücher mitgebracht. Diese Bücher hatten sie alsdann nach Breslau gesandt unter der Adresse eines Mannes, der einige Tage zuvor auf Grund des Sozialistengesetzes verhaftet worden war. Infolgedessen waren die Postpakete von der Polizei beschlagnahmt und darin sozialistische Broschüren in polnischer Sprache gefunden worden, die in Deutschland verboten waren. Da die Absender als Adresse den „Freiburger Hof“ angegeben hatten, waren die Broschüren nach Freiburg zurückgesandt worden, um gegen die Absender die Untersuchung einzuleiten. Es war daher dem Gasthofe Befehl erteilt worden, im Falle die Genannten oder andere verdächtige Personen aus der Schweiz dort eintreffen sollten, die Polizei zu benachrichtigen. Dies war also die Ursache, dass der Hoteldiener, als er erfuhr, dass ich Bücher im Koffer habe, nach Beratung mit dem Hotelier Anzeige erstattet hatte, worauf die Polizei erschien. Der Agent hatte unter den Büchern eines gefunden, das äußerlich einem von denen ähnlich sah, die sich in den Breslauer Paketen befanden, den „Kalender der Narodnaja Wolja“; zumal er dann bei mir einige Exemplare des „Sozialdemokrat“ fand, lag hinreichender Verdacht vor, der meine Verhaftung veranlasste. Es wurde daher die Anklage erhoben, dass ich im Verein mit anderen Personen mich der Verbreitung polnischer, in Deutschland verbotener Schriften schuldig gemacht habe.

Bei dieser Sachlage war es mir nicht schwer, die Anklage zu widerlegen. Unter meinen Büchern fand sich nicht ein einziges polnisches, überhaupt keines, gegen das ein Verbot in Deutschland ergangen war; der Besitz einiger Exemplare des „Sozialdemokrat“ involvierte noch kein Vergehen. Die Untersuchung reduzierte sich somit darauf, ob ich mit jenen Personen in Verbindung stand, und ob ich nicht dennoch in Deutschland verbotene Schriften verbreitet hätte.

Der Zufall allein hatte somit zu meiner Verhaftung geführt. – „Wären Sie nicht im

‚‚Freiburger Hof‘ abgestiegen, hätte niemand daran gedacht. Sie zu verhaften“, meinte der Untersuchungsrichter, Herr Leiblein.

Nachdem ich das erfahren, wurde mir leichter zumute. – „Es ist also vorläufig noch nicht alles verloren“, überlegte ich; „möglich, dass die Sache glatt abläuft und ich bald freigelassen werde; wenn nur die russische Regierung aus dem Spiele bleibt.“ – Das ungefähr waren die Gedanken, die mich beschäftigten, während der Untersuchungsrichter das Protokoll niederschrieb. Ganz unvermittelt sagte er dann, auf einen Herrn deutend, der etwas abseits an einem Tische saß: „Das ist der Übersetzer, der uns in Ihrer Sache unterstützt, ein Professor unserer Universität ...“

Ich hatte nicht genau hingehört. Während des Verhörs hatte ich mich bereits einige Mal nach jenem Herrn umgeschaut; er schien mir bekannt, und seine Anwesenheit beunruhigte mich unwillkürlich.

„Sie können mit dem Herrn Professor sich russisch unterhalten“, schloss Herr Leiblein, als er für kurze Zeit das Zimmer verließ, um ein Schriftstück zu holen.

„Erkennen Sie mich nicht wieder?“ wandte sich der Übersetzer an mich.

* * *

Professor Thun – Meine Verteidigung

Professor Thun – Meine Verteidigung

„Professor Thun?!“ rief ich, im höchsten Grade erstaunt.

„Freilich! Habe ich mich denn so verändert, dass Sie mich nicht gleich erkannten?“ Er erwartete jedoch kaum eine Antwort auf seine Frage und fügte unvermittelt hinzu: „Also, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Wissen Sie, wer ich eigentlich bin?“ fragte ich, statt zu antworten, und es überlief mich kalt.

„Allerdings, ich kenne Ihren wirklichen Namen ... Aber erschrecken brauchen Sie deshalb nicht! Sie sind ja ganz bleich geworden.“

In der Tat hatten mir seine Erklärungen einen nicht gelinden Schrecken eingejagt.

Ich hatte Professor Thun ungefähr anderthalb Jahre vor dem in Rede stehenden Vorgang kennen gelernt, und zwar in Basel, wohin ich mich begeben hatte, um etwas abseits von den Kolonien russischer Flüchtlinge zu sein. Ich war an der Universität immatrikuliert und hörte Nationalökonomie und Statistik bei Professor Thun. Einer der Baseler Arbeiterführer, Karl Moor, hatte mich persönlich mit dem Professor bekannt gemacht, der mich einfach für einen russischen Studenten hielt, meinen wirklichen Namen damals nicht kannte, sondern den angenommenen Namen Nikolaus Kridner. Er hatte mich aufgefordert, ihn zu besuchen, und mich in seinen Plan, eine Geschichte der revolutionären Bewegung in Russland zu schreiben, eingeweiht. Von diesem Plane hatte ich bereits vorher erfahren, und zum Teil hatte mich das nach Basel gelockt. – Professor Thun war ein geborener Rheinländer, hatte in Dorpat studiert und dann einige Jahre im Inneren Russlands zugebracht, sprach daher geläufig Russisch und wusste in russischen Verhältnissen ziemlich gut Bescheid. Als er aus unseren Gesprächen ersah, dass mir die Geschichte der russischen revolutionären Bewegung nicht unbekannt sei, schlug er mir vor, ihm bei der Arbeit zu helfen, was ich natürlich mit Freuden annahm. So kam es, dass wir ziemlich intim bekannt wurden.

Auf diese Weise lernte ich denn auch die Anschauungen kennen, die Professor Thun in Bezug auf die russischen Terroristen und ihre Taten hegte; er verdammte sie rückhaltlos. Seiner Überzeugung nach war es Pflicht der europäischen Regierungen, solchen Personen das Asylrecht zu verweigern und sie wie gewöhnliche Verbrecher der russischen Regierung auszuliefern. Besonders erinnerte ich mich lebhaft des folgenden Vorganges. Professor Thun hatte im Baseler „Freisinnigen Verein“ vor einem zahlreichen Publikum einen Vortrag gehalten über „zwei Episoden der russischen revolutionären Bewegung“. Diese Episoden waren: das Attentat gegen Alexander II. und der Tschigiriner Prozess. Als er auf den letzteren zu sprechen kam, beschrieb er eingehend, wie „Stefanowitsch, Bochanowski und Deutsch aus der Kiewer Feste ausgebrochen waren“, und schloss mit der Bemerkung, dass derartige Verbrecher im Auslande weilen und dass „es leider“ bisher nicht gelungen sei, ihrer habhaft zu werden.

Ich hatte dann Gelegenheit, nach dem Referat mit ihm über diese Dinge zu sprechen, und empfing den Eindruck, dass wenn Professor Thun meinen wirklichen Namen kennen würde, er zweifellos nicht nur den Verkehr mit mir abbrechen, sondern unter Umständen vielleicht bereit sein würde, mitzuwirken, dass man meiner „habhaft werde“. Das veranlasste mich denn auch, meine persönlichen Beziehungen zu ihm auf ein Minimum zu reduzieren, und bald darauf verließ ich Basel.

Jetzt stand ich diesem Manne plötzlich als Gefangener gegenüber, und er wusste, wer ich bin! Man male sich also meine Empfindungen aus.

„Woher wissen Sie meinen Namen?“ fragte ich, vor Erregung bebend.

„Ihr Freund Karl Moor hat ihn mir mitgeteilt, als Sie Basel verlassen hatten.“

„Und obwohl Sie wissen, wer ich bin, bieten Sie mir Ihre Hilfe an?“ fragte ich erstaunt.

„Ja; sagen Sie, womit Ihnen gedient ist, und ich will tun, was ich kann.“

Ich konnte es kaum fassen, aber ein Blick in seine Augen sagte mir, dass ich ihm vertrauen dürfe. Es war jenes intuitive Vertrauen, das man zu einem Menschen fasst und das dann auch grenzenlos ist.

„Ich danke Ihnen“, sagte ich. „Also, wenn es mir nicht gelingt, auf legalem Wege aus diesem Gefängnis zu kommen, werde ich versuchen zu fliehen. Würden Sie mir beistehen?“

„Einverstanden“, sagte er einfach und ernst.

Ich konnte es noch immer nicht fassen; derselbe deutsche Professor, der in meiner Gegenwart öffentlich sein Bedauern darüber geäußert hatte, dass die Schergen des Zarismus meiner noch nicht „habhaft“ geworden sind, mit anderen Worten, dass ich noch nicht am Galgen hing, derselbe Mann bietet mir seine Hilfe, um aus einem deutschen Kerker zu fliehen!

Er lieferte mir jedoch unverzüglich den Beweis, wie ernst es ihm war.

Als Übersetzer war er im Besitz aller Bücher, Briefe usw., die man mir abgenommen hatte. Er nahm mein Notizbuch, das man ihm ebenfalls eingehändigt hatte, bot es mir an und gab mir den Rat, einige Seiten, auf denen, wie er bemerkt hatte, Adressen eingetragen waren, welche mir schaden konnten, zu vernichten. Ich machte natürlich sofort Gebrauch davon.

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Fluchtpläne

Fluchtpläne

Dann schlug ich ihm vor, er möchte unverzüglich nach Zürich reisen, dort meinem Freunde Axelrod mitteilen, was vorgefallen, ihn instruieren, wie er bei meiner Befreiung auf legaler Weise mitwirken könne, schließlich mit ihm die Mittel zur Bewerkstelligung meiner eventuellen Flucht zu erwägen, im Falle die Gefahr entsteht, dass die deutsche Regierung mich an Russland ausliefere.

Diesen Auftrag erfüllte Professor Thun aufs Genaueste, und während meiner Haft in Freiburg erwies er mir unendlich viele Liebesdienste, wobei er ernstlich Gefahr lief, seine Stellung zu kompromittieren. So veranstaltete er geheime Zusammenkünfte in der Freiburger Kathedrale mit meinen Freunden, die herbeigeeilt waren, um im Notfalle mir behilflich zu sein; er vermittelte den brieflichen und mündlichen Verkehr zwischen mir und meinen Genossen usw. Da er beständig zu mir Zutritt hatte, infolge des Vertrauens, das ihm die Gerichtsbehörde als einem angesehenen Professor entgegenbrachte, ließ er mich öfters in das Übersetzerbüro rufen, wo wir ungestört verhandelten oder auch plauderten. Bei diesen Besuchen sah ich, wie er von ganzem Herzen bestrebt war, mir zu helfen. Das ging so weit, dass er mir seine Wohnung als Zufluchtsort anbot, wenn ich gezwungen wäre zu fliehen. Zuweilen machte er sich dabei über seine eigene Rolle lustig.

„Nun schau einer an“, sagte er lachend, „ich, ein deutscher Professor in Amt und Würden, bin zu einem russischen Verschwörer geworden, und die friedliche badische Stadt ist der Schauplatz einer Verschwörung.“

Aus dem Verkehr mit dem Untersuchungsrichter wusste er genau, wie meine Sache stand, und hielt mich natürlich darüber auf dem Laufenden.

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Bei dem ersten Verhör gab ich dem Untersuchungsrichter folgende Darstellung der Sachlage:

Ich bin als russischer Student studienhalber ins Ausland gegangen. Hier habe ich geheiratet und habe ein Kind. Bisher hielt ich mich in der Schweiz auf, jetzt wollte ich in Freiburg bleiben, wohin meine Frau, die in Zürich weilt, mir folgen sollte. Meinen Unterhalt erwarb ich zum Teil durch literarische Arbeiten, zum Teil bestritt ich ihn aus eigenen Mitteln. In der Schweiz besuchte ich die Universität als Hospitant. [Diese Angaben waren insofern notwendig, als Buligin, auf dessen Pass ich reiste, verheiratet war, mit Frau und Kind in Zürich weilte und dort die Universität besuchte.] Was meine politischen Anschauungen anbetrifft, so war ich in dieser Beziehung bisher nicht zur vollen Klarheit gelangt; während meines Aufenthalts in der Schweiz jedoch wurde ich unter dem Einfluss der deutschen Literatur Anhänger der Sozialdemokratie und beschloss, soweit meine Kräfte reichen zur Verbreitung dieser Anschauungen in meinem Vaterlande zu wirken. [Das entsprach so ziemlich der Wirklichkeit. Etwa ein Jahr vor den hier geschilderten Vorgängen, im Sommer 1883, hatten Plechanow, Wera Sassulitsch, Axelrod und ich die sozialdemokratische Organisation „Zur Befreiung der Arbeit“ begründet; Zweck dieser Organisation war die Verbreitung der Marxschen Lehre in Russland durch Übersetzungen und Originalabhandlungen. Die Schriften, die ich in meinem Koffer führte, waren eben dieser Art, die Erstlinge unserer schriftstellerischen Tätigkeit, die vor kurzem die Druckerpresse in der eigens hierfür errichteten Druckerei verlassen hatten.] Als ich aus verschiedenen Gründen beschloss, nach Deutschland zu übersiedeln, nahm ich die bei mir vorgefundenen sozialdemokratischen Schriften mit, um sie hier eventuell an Landsleute zu verkaufen. Diese Schriften sind in Deutschland nicht verboten, ihr Besitz involviert daher nicht im Entferntesten ein Vergehen, geschweige denn ein Verbrechen gegen deutsche Reichsgesetze.

„Und nun“, schloss ich, „werde ich in der freien deutschen Stadt, in Freiburg, ohne jede gesetzliche Grundlage verhaftet! Verhaftet ohne Einhaltung irgendwelcher gesetzlicher Formalitäten, allen möglichen Erniedrigungen unterworfen, in den Kerker gesperrt wie ein gemeiner Verbrecher. Dessen nicht genug: in meiner Gegenwart erdreistet sich die Polizei, eine freie Bürgerin des deutschen Staates ohne jeden Anlass wie eine Dirne, wie eine Verbrecherin anzugreifen und zu verhaften. Da möchte ich doch wirklich fragen: Welcher Unterschied besteht zwischen dem konstitutionellen Rechtsstaate Deutschland und dem absolutistisch-despotischen Russland? Schlimmer kann schließlich auch niemand in Russland behandelt werden!“

Diese Worte schienen einigen Eindruck auf den Richter gemacht zu haben. Er schritt aufgeregt auf und ab, indem er dem Schreiber meine Aussagen diktierte, gab mir wiederholt sein Mitgefühl kund und äußerte sein scharfes Missfallen über das Verhalten der Polizei bei meiner und der jungen Dame Verhaftungen. An einer Stelle meinte er: „Ganz wie bei Shakespeare: ‚Aber das Tuch, das Tuch!’“

Ich hatte den Eindruck, dass der Mann auf meiner Seite war. Später bestätigte mir auch Professor Thun, dass Herr Leiblein erklärt hatte, ihm komme die Sache durchaus harmlos vor, seiner Meinung nach werde hier ein „vollkommen Unschuldiger“ in Haft gehalten, und er hoffe, ich werde bald in Freiheit gesetzt werden.

So hatte ich denn begründete Hoffnung, auf vollständig legalem Wege das deutsche Gefängnis verlassen zu können. Trotzdem stiegen immer wieder Zweifel in mir auf, und der Gedanke an die Flucht kam immer von neuem. In der ersten Zeit meiner Haft wäre diese Flucht bei einiger Hilfe von auswärts auch durchaus nicht schwierig gewesen.

Als ich so zwischen Hoffnung und Fluchtplänen hin und her schwankte, wurde ich eines Tags in das Besuchszimmer geführt.

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Der Rechtsanwalt

Der Rechtsanwalt

Ich erwartete, dort Professor Thun zu finden, und war erstaunt, als ich einem mir gänzlich unbekannten Manne gegenüberstand. Er nannte mir seinen Namen, der mir leider jetzt entfallen ist, und teilte mir mit, er sei Rechtsanwalt, und meine Freunde hätten ihn aufgefordert, meine Verteidigung zu führen; er gerierte sich sofort als Mitglied der deutschen Sozialdemokratie, als Parteigenosse und forderte mich auf, ganz offen gegen ihn zu sein, da meine Freunde ihm bereits alles, was meine Vergangenheit anbetreffe, erzählt hätten.

„Sie wollen einen Fluchtversuch unternehmen?“ fragte er mich im Flüsterton, und als ich bejahte, erwiderte er eifrig: „Das wäre ein unverzeihlicher Schritt Ihrerseits! Ich habe soeben die Akten eingesehen. Ihre Sache steht sehr günstig, und ich zweifle nicht, dass man Sie bald freilässt. Warum wollen Sie sich der Gefahr einer Flucht aussetzen? Misslingt der Versuch, dann verschlimmern Sie Ihre Lage bedeutend. Ich habe auch mit dem Untersuchungsrichter gesprochen; er ist überzeugt, dass nichts von Bedeutung gegen Sie vorliegt. Sobald die Recherchen über Ihre Personalien in der Schweiz ein günstiges Resultat ergeben, wird man Sie freilassen.“

„Nun, und wenn man gleichzeitig Recherchen über meine Personalien in Russland anstellt?“ wendete ich ein.

„Es liegt nicht der geringste Grund für eine solche Annahme vor“, erwiderte der Jurist. „Ein solches Vorhaben müsste doch auf irgendeine Weise sich bemerkbar machen. Wir haben doch schließlich hier in Deutschland nicht russische Zustände, das Verfahren ist nicht geheim. Im Gegenteil, das Gesetz bestimmt, dass die Untersuchung nicht geheim gehalten werden darf, und mir, als Ihrem Rechtsbeistand, sind anstandslos alle Akten in Ihrer Angelegenheit ausgeliefert worden. Es müsste also in diesen Akten irgendwo erwähnt sein, dass man sich mit Russland verständigen wolle. Bei unserem Prozessverfahren ist es absolut ausgeschlossen, dass eine derart komplizierte Erhebung geheim bleiben sollte.“

„Ja“, warf ich ein, „woher haben Sie aber die Gewissheit, dass nicht die Gerichtsbehörde, wohl aber die administrativen oder politischen Behörden unterdessen mit den russischen sich ins Einvernehmen setzen?“

„Verwaltung und Polizei dürfen sich in Deutschland nicht unaufgefordert in Gerichtssachen mischen. Sie wurden verhaftet, weil Gründe für die Annahme vorlagen, dass Sie in Beziehung mit Personen stehen, die in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden; sind Sie jedoch einmal freigesprochen – und weder ich noch der Untersuchungsrichter haben den geringsten Zweifel, dass man Sie freispricht –, so werden Sie unbedingt entlassen; es handelt sich einzig um die Bestätigung Ihrer Personalien in der Schweiz. Sie können sich darauf verlassen: als deutscher Jurist kenne ich doch unser Gesetz und Gerichtsverfahren; Sie dagegen urteilen auf Grund der russischen Zustände, die aber absolut andere sind.“

Zwar sagte mir eine innere Stimme, dass der deutschen Gesetzmäßigkeit nicht so ganz zu trauen sei, aber Vernunftgründe hatte ich nicht zur Verfügung, da mir ja in der Tat die deutschen Verhältnisse gänzlich fremd waren, und ein Fluchtversuch, wenn auch in der ersten Zeit leicht zu bewerkstelligen, schloss doch immerhin ein bedeutendes Risiko ein; niemand konnte für den Ausgang garantieren. Diese Erwägungen führten mich dazu, die Fluchtpläne zwar nicht ganz aufzugeben, aber doch zu verschieben, bis Beweise vorlagen, dass die deutschen Behörden sich über meine Person mit der russischen Regierung ins Einvernehmen setzten. Es schien, dass derartige Schritte mir nicht verborgen bleiben würden, hatte ich doch den angesehenen und einflussreichen Professor Thun auf meiner Seite, zu dem die Freiburger und badischen Behörden in besten Beziehungen standen; es musste also gelingen, durch ihn Nachricht zu erhalten, ob und was gegen mich geplant war.

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III. Ungewissheit

III. Ungewissheit

Lange Zeit noch musste ich im Freiburger Gefängnis bleiben, fortwährend zwischen der Hoffnung auf baldige Befreiung und der Verzweiflung, dass man mich an Russland ausliefern würde, hin und her schwankend. Jeden Tag änderte sich daher meine Gemütsstimmung sehr oft. Dieser ewige Wechsel wirkte furchtbar deprimierend auf mich. Tödlich langsam schleppte sich die Zeit hin; endlos wurden die Tage, obgleich ich mich auf alle mögliche Weise zu beschäftigen suchte. Mit Büchern war ich versehen; dafür sorgten meine Kameraden und Professor Thun; Schreibzeug hatte man mir bewilligt. So las ich denn viel und suchte meine Gedanken, Eindrücke und selbst Erinnerungen zu Papier zu bringen.

Aber nicht nur die Ungewissheit des eigenen Schicksals und die quälende Befürchtung einer Auslieferung an Russland wirkten auf mich ein, auch der Gedanke an das Schicksal meiner Freunde und die weitere Entwicklung des „Bundes für Befreiung der Arbeit“ machte mir Sorgen. Unsere junge Organisation war noch im Stadium des Werdens. Wir waren ein an Zahl geringes Häuflein, und die Mittel waren gar karg. Als ich nach Deutschland ging, um unsere Erstlinge über die Grenze zu schaffen, hatte ich gleichzeitig den Plan, den Transport für die Zukunft zu organisieren. Nebenbei hatte ich noch verschiedene Angelegenheiten sowohl in Bezug auf die Geldbeschaffung als auf die Organisation zu erledigen. Bei meiner Abreise aus der Schweiz hatte ich gleichfalls eine Menge der verschiedensten Geschäfte zurückgelassen, die meine möglichst baldige Rückkehr erforderten. Alle meine Genossen hatten die Hände voll zu tun, jedem war die Zeit kostbar. Und nun saß ich nicht nur hier im Gefängnis, verdammt zur Untätigkeit, sondern auch alle übrigen Mitglieder unseres Bundes waren in ihrer Tätigkeit gelähmt, weil sie den Lauf meiner Affäre verfolgen mussten, um auf diese oder jene Weise für meine Befreiung zu wirken. Das Bewusstsein, an dieser Hemmung unserer Zukunftspläne, wenn auch unfreiwillig, schuld zu sein, wirkte niederschlagend auf mich. Schon diese Dinge allein steigerten meine Ungeduld aufs höchste.

Meine Lage kann man sich, glaube ich, vorstellen, wenn man sich einen Menschen denkt, der ein höchst wichtiges und dringendes Geschäft zu besorgen hat und plötzlich ein Bein bricht, so dass er, statt sein Ziel zu erreichen, ins Krankenhaus gerät. Aber dieser Bedauernswerte würde dann von seinem physischen Schmerz gänzlich beherrscht; ich dagegen war frei von solchem Schmerz, aber gerade deshalb steigerten sich meine seelischen Folterqualen ins unendliche.

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Gefängniszustände

Gefängniszustände

Die Zustände im Gefängnis ließen manches zu wünschen übrig. In der ersten Zeit war mir die Gefängnisordnung geradezu unausstehlich, bis ich mich dann allmählich an die deutschen Einrichtungen gewöhnte. – Wie bereits erwähnt, werden die Zellen bei Nacht niemals beleuchtet, und den Gefangenen bleibt dann nichts weiter übrig, als die ganze lange Zeit zu verschlafen. Wie ich später erfuhr, verweigerte man Licht aus Furcht vor Feuersgefahr, und aus demselben Grunde war das Rauchen verboten; was aber hier brennen sollte, war mir nicht recht klar, da außer den Türen, den Fensterrahmen und den Fußböden kein Holz vorhanden und das Gebäude ein massiver Steinbau war? [Später, während meines Aufenthalts in Sibirien, fiel mir oft diese übertriebene Vorsorge in dem deutschen Gefängnis ein. Dort werden Tausende von Gefangenen, die zu Zwangsarbeit oder Verbannung verurteilt sind, in alten hölzernen Baracken untergebracht, die als Gefängnis und Etappenstationen dienen; stets werden diese Bauten beleuchtet und wird den Gefangenen das Rauchen ruhig gestattet. An Feuersgefahr denkt kein Mensch in diesen Gefängnissen.] Dieser Zwang, die langen Abende ohne Licht zuzubringen, und das Rauchverbot müssen jedenfalls von vielen nicht nur als Entbehrung, sondern direkt als harte Strafe empfunden werden. Zu strafen hatte man aber in diesem Gefängnis überhaupt kein Recht, da es sich ja um Leute handelte, deren Schuld noch gar nicht erwiesen war.

Das Verhalten des Gefängnispersonals den Gefangenen gegenüber war jedenfalls von Milde recht weit entfernt. Mir passierte zum Beispiel gleich in den ersten Tagen folgendes: Der Spaziergang im Gefängnishofe war für alle Insassen eines Korridors gemeinsam; im Gänsemarsch mussten wir beständig herumtrotten, immer einige Schritte einer von dem anderen entfernt. Man kommt sich dabei vor wie ein Gaul, der am Seil in der Reitbahn herumgetrieben wird, und wie ich empfinden viele Gefangene diese Prozedur als eine beleidigende Erniedrigung und verzichten lieber ganz auf die Gelegenheit, frische Luft zu schöpfen. Bei einem solchen Spaziergang nun sah ich eines Tages, wie der militärische Wachtposten im Gefängnishofe abgelöst wurde. Das Schauspiel des deutschen Stechschrittes und der Gewehrgriffe war mir neu, und unwillkürlich blieb ich einen Moment stehen und störte damit die schöne Ordnung, indem ich den Abstand gegen meine Vorder- und Hintermänner nicht wahrte und vielleicht auch einen halben Schritt aus der Linie kam. Plötzlich fühlte ich, wie mich jemand an der Schulter packte und unter grobem Geschimpfe fortzerrte. Ich wusste nicht recht, was mir geschah, und kam erst zur Besinnung, als mich der Schließer in der Zelle, wohin er mich geschleppt hatte, anschnauzte. Der Mann gebärdete sich wie besessen und drohte, er würde mir den Spaziergang entziehen, wenn ich mich noch einmal unterstehe, mich derart zu betragen. Anfangs konnte ich absolut nicht begreifen, welches Verbrechen ich begangen haben sollte. Als ich dann dahinter kam, dass es sich einzig um den sekundenlangen unwillkürlichen Aufenthalt handelte, kam die Reihe wütend zu werden an mich, das war mir doch zu bunt! Jetzt fuhr ich den Wärter an, wie er sich unterstehen könne, mich derart zu behandeln; selbst ein Sträfling brauche es sich nicht gefallen zu lassen, dass man ihn puffe und zerre, wenn er zufällig aus der Reihe komme; und wenn ein so harmloser Vorgang derart als Verbrechen gegen die deutsche Gefängnisordnung betrachtet werde, so sei es verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, mir das vorher zu sagen, ich würde mir eine solche Behandlung noch lange nicht gefallen lassen usw. Das wirkte; der Mann zog alsbald sanftere Saiten auf, und seither standen wir auf friedlichem Fuße miteinander.

Die Kost im Gefängnis war quantitativ unbedingt ungenügend, reichte auf keinen Fall zur Sättigung eines erwachsenen Menschen. Wenn ich mich recht erinnere, bestand sie aus anderthalb Pfund Roggenbrot täglich, und zweimal am Tage wurde irgendeine Suppe oder ein Brei verabreicht. Fleisch bekamen die Gefangenen im ersten Monat nur zweimal wöchentlich und dabei in ganz mikroskopischen Portionen. Selbst die Wächter gaben zu, dass ein Gefangener, der nicht die Mittel besitzt, Extrakost zu bestreiten, sich nicht sattessen kann.

Die Zellen dagegen im ersten Stock, besonders soweit die Fenster nach der Straße lagen wie in der Zelle, die ich zu Anfang innehatte, waren geräumig, hell und sauber. An Möbeln war ein Tisch vorhanden, ein Schemel und ein Bett; dieses bestand aus einer Matratze, einem Strohkissen und einer dünnen wollenen Decke. In einem Winkel der Zelle stand der Ofen, der vom Korridor aus geheizt wurde und von unten bis oben mit einem starken Eisengitter umgeben war; dies um einen Fluchtversuch durch den Kamin zu verhindern. An einer der Wände hing die Hausordnung, in der den Inhaftierten die verschiedensten Disziplinarstrafen für die geringfügigsten Übertretungen der Vorschriften angedroht wurden. Alle diese Vorschriften hatten den Zweck, der Verwaltung Mühe zu sparen und den Unterhalt der Inhaftierten möglichst sparsam zu gestalten. Auf den Inhaftierten wurde nicht die geringste Rücksicht genommen. Das eigentümliche war eben, dass in diesem Untersuchungsgefängnis die Inhaftierten nicht behandelt wurden als Leute, deren Schuld erst noch festgestellt werden soll, sondern schlechthin als Verbrecher, die ohne weiteres einer Strafe unterworfen werden, mit denen die Gefängnisverwaltung nach eigenem Ermessen verfahren darf. Dies wurde mir besonders bei folgender Gelegenheit deutlich:

Eines Tags wurde ich aus der Zelle in den Korridor im Erdgeschoss geführt, wo bereits eine Anzahl Gefangener längs der Wand aufgestellt waren; sie schienen etwas zu erwarten; auch mir wurde ein Platz angewiesen. Ich wünschte nun zu erfahren, was denn eigentlich los sei. Nachdem ich meine Frage mehrmals vergeblich wiederholt hatte, erklärte mir schließlich der Oberaufseher, der katholische Geistliche sei da und wünsche alle Gefangenen zu sprechen, die einzeln, der Reihe nach zu ihm geführt würden. Ich erklärte darauf rundheraus, dass ich als Sozialist absolut nichts mit dem katholischen noch sonst einem Geistlichen zu tun habe, und daher bitte, mich unverzüglich in meine Zelle zu bringen. Das schien dem Manne furchtbar komisch, und er schlug ein ironisches Gelächter an.

„Was Sie wollen, ist uns ganz egal; er will Sie sehen, und deshalb werden Sie ihm vorgeführt.“

Die Schließer, die dabei standen, wollten sich vor Lachen ausschütten. Sie taten, als wäre etwas Unglaubliches geschehen, indem ich einen Willen äußerte, und amüsierten sich über den russischen Barbaren, der in einem deutschen Gefängnis, und wenn's auch nur ein Untersuchungsgefängnis war, sich einbildet, Überzeugungen und Meinungen äußern zu dürfen. Und wirklich blieb mir nichts anderes übrig, als mich dem Geistlichen vorführen zu lassen. Unsere Unterredung war allerdings sehr kurz; auf seine Frage nach meiner Religion, antwortete ich ihm, dass ich als Sozialdemokrat keiner Kirche angehöre, worauf er mich mitleidsvoll anblickte und sofort entließ.

Ungemein lästig war auch das sonderbare Spionagesystem in diesem Gefängnis, besonders in der ersten Zeit. Oft, wenn ich mich in ein Buch vertieft hatte oder schrieb, tauchte plötzlich ein Schließer vor mir auf; er hatte sich auf den Zehen herbeigeschlichen, lautlos die Tür geöffnet und spähte umher. Bei mir hatte er es darauf abgesehen, mich abzufassen, wenn ich aus dem Fenster zu schauen wagte, eine Zerstreuung, die in der Hausordnung streng verboten war.

Geradezu lächerlich war die übertriebene Sorgfalt, mit der nicht nur in diesem, sondern auch in anderen deutschen Gefängnissen, die ich zu sehen bekam, die Gefangenen und ihre Sachen visitiert wurden. So zum Beispiel hatte ein Dutzend Orangen, die mir meine Freunde zuschickten, das Misstrauen der Wächter erregt, und pflichtschuldigst hatte man jede einzelne Frucht in vier Teile zerschnitten, um zu untersuchen, ob nichts darin war. Das ging doch wirklich schon über Sinn und Verstand; kann man sich wohl vorstellen, dass man eine Attrappe herstellen kann, die einer Orange so ähnlich wäre, dass man sie nicht als solche erkennt, ohne sie aufschneiden zu müssen? Die russischen Gendarmen, die doch gewiss gerieben und mit allen Hunden gehetzt sind, bemühen sich meines Wissens niemals, das innerste Wesen einer Orange oder eines Apfels zu erforschen. Ihren Zweck erreichten die braven Leute trotz des ausgeklügelten Verfahrens doch nicht; auch in deutschen Gefängnissen ist der „Kassiber“, der Zettel mit Mitteilungen von und für Häftlinge, gang und gäbe, und keine Visitation war imstande, zu verhindern, dass ich streng verbotene Dinge durch alle deutschen Gefängnisse führte. All diese kleinlichen Schikanen und Formalitäten ärgern und verstimmen einen aber aufs äußerste. Besonders in der ersten Zeit waren sie mir wie gesagt unerträglich. Allmählich gewöhnte ich mich denn an die deutschen Gefängnissitten, auch das Personal gab seinen Übereifer mir gegenüber auf und wurde zutraulicher. Hierbei mochte der Umstand eine Rolle spielen, dass ich ein Fremder war, ein Russe; einen solchen hatten die Leute vielleicht noch nie im Leben gesehen, und deshalb interessierten sie sich für mich. Und dann: so pflichtgetreu immer der deutsche Beamte sein mag, er kann doch nicht umhin, dem materiellen Besitz desjenigen, mit dem er zu tun hat, einigen Einfluss auf sein Verhalten einzuräumen. Das Gefängnispersonal wusste, dass ich über einige Geldmittel verfügte – ich beköstigte mich zum Beispiel bei dem Oberaufseher, einem gewissen Roth –, sie sahen, dass ich alles hatte, was irgend im Gefängnis nötig und zulässig ist, und dass meine Freunde mich im Überfluss mit allen möglichen kleinen Bequemlichkeiten und Genüssen versorgten. Das schien den braven Leutchen zu imponieren. Dazu kam, dass ich ihnen bei jeder Gelegenheit versicherte, man würde mich bald freigeben; zum Teil war das ja wirklich meine Meinung, zum Teil kam es mir darauf an, ihre Wachsamkeit einzuschläfern; sie schienen denn auch der Ansicht zu sein, dass die Dinge sich so verhalten, wenigstens eine Zeitlang.

Das Personal bestand aus drei Mann, zwei Schließern und dem Oberaufseher, der zugleich Verwalter des Gefängnisses war. Alle drei suchten mich auf, um mit mir zu plaudern; sie fragten mich dann über die Zustände in Russland aus und erzählten ihrerseits über die deutschen Zustände, über Gefängnisse, Gerichtswesen und was sie sonst interessierte. – Sie machten alle den Eindruck, dass sie mit ihrer Stellung zufrieden seien. In der Tat war ihr Gehalt auch relativ hoch, bis zu 2.000 Mark und mehr jährlich, wenn ich nicht irre. – Besonders der Schließer, mit dem ich das erwähnte Rencontre hatte, besuchte mich später gern und oft. Er war, wie die beiden anderen auch, Soldat gewesen, hatte also die strenge deutsche militärische Disziplin in sich, die auch das Vorbild für das deutsche Gefängniswesen geworden ist; äußerlich schien er nicht nur hart, sondern direkt roh, in Wirklichkeit war er ein gutherziger Mensch. So zum Beispiel schlug er mir aus eigenen Stücken vor, er wolle die Speisen, von denen ich stets einen Teil übrig ließ, einem meiner Zellennachbarn bringen, weil der arme Mensch gar keine Mittel besäße und hungere; natürlich ging ich mit Freuden darauf ein. Ein kräftig gebauter, großer Mann, von ungefähr dreißig Jahren, hatte er die Stelle eines Schließers gefunden, als ihm nach der Dienstzeit sein eigentliches Metier, die Schreinerei, nicht mehr behagte. Wie die meisten deutschen Arbeiter hatte er nur eine Volksschule besucht, aber diese Schulbildung gibt unvergleichlich mehr als bei uns in Russland; im Vergleich mit Leuten in ähnlicher Stellung bei uns war dieser Mensch geradezu gebildet zu nennen. Wir plauderten oft über alles Mögliche, auch über Politik. Als Reichstagswähler stimmte er, wie er mir erzählte, für eine der damaligen Regierungsparteien, für die Nationalliberalen, wenn ich nicht irre. Meine Kenntnisse schienen ihm große Bewunderung einzuflößen, besonders die Kenntnis des Deutschen und Französischen, außer der russischen Muttersprache.

„Wie Sie das nur alles behalten können!“ staunte er, wenn er sah, dass ich von einem französischen zu einem russischen oder deutschen Buche überging.

Etwas sonderbar war es, wie man mit meinem Gelde umzugehen beliebte. Wie erwähnt, hatte man bei der Verhaftung das Geld aus meiner Brieftasche genommen. Einige Tage später präsentierte mir der Oberaufseher eine Rechnung über die Ausgaben, die man davon bestritten hatte. Da zeigte sich, dass die Polizisten, ohne mich nur zu fragen, recht freigebig waren: das Zimmer im Gasthofe, das ich kaum einige Minuten benutzt hatte, hatten sie für einen Tag bezahlt, und außerdem hatten sie dem Gastwirte eine „Entschädigung für die Ruhestörung“ ausbezahlt, drei oder fünf Mark waren es wohl. Dessen nicht genug; da die braven Leute den einen Koffer nicht hatten öffnen können, obwohl sie im Besitz des Schlüssels waren, so hatten sie mit meinem Gelds den Schlosser, und zwar sehr reichlich, für das Öffnen des Schlosses bezahlt. – Ich hieß die Rechnung ohne weiteres gut, weil ich nicht um Lappalien streiten wollte, aber amüsiert hat mich die Geschichte noch oft. Man ließ mich zahlen für meine Verhaftung, für „Ruhestörung“, die doch wahrhaftig nicht ich verursacht hatte, und für das Erbrechen meines Koffers, was doch wirklich nicht in meinem Interesse geschah! Das ist ungefähr so, als wenn man einem Delinquenten den Strick oder das Beil und die Mühewaltung des Henkers in Rechnung stellen wollte. Einem Einheimischen gegenüber hätte man sich jedenfalls derartiges nicht erlaubt, aber mit dem Ausländer machte man nicht viel Federlesens, – damals wenigstens.

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Der Herr Staatsanwalt

Der Herr Staatsanwalt

Kurz nach meiner Verhaftung wurde ich zu einem Photographen geführt, der eine Aufnahme machte. Mir war nicht ganz geheuer dabei, denn ich musste befürchten, dass mein Bild nach Russland geschickt werde, wo man mich erkennen könnte; aber ich konnte natürlich nichts dagegen tun, weil ich nicht zeigen durfte, dass ich nach dieser Richtung etwas zu befürchten habe. Außerdem war ja die Photographie auch notwendig für die Recherchen in der Schweiz; es kam darauf an, dass man dort auf Grund derselben mich als Buligin anerkannte.

In der Tat wurde denn auch von den schweizerischen Behörden bestätigt, dass diese Photographie Buligin darstelle, auf dessen Pass ich reiste. Dieser Teil der Untersuchung war also erledigt. Auch die Beweise, die ich beibrachte, dass ich an den „Missetaten“ des Jablonski und des Schweizers nicht beteiligt war und keine verbotenen Bücher in Deutschland verbreitet hatte, wurden anerkannt. Die russischen Bücher und Schriften, die in meinem Besitz waren, waren eben sozialdemokratischen Charakters und in Deutschland nicht verboten.

Immerhin vergingen Wochen, bis alle Formalitäten erledigt waren. Nach ungefähr anderthalb Monaten nach meiner Verhaftung erklärte mir endlich der Untersuchungsrichter, dass er in den nächsten Tagen die Sache abschließen werde, und zwar werde er berichten, dass keine Anhaltspunkte für eine Strafverfolgung gegen mich vorliegen. Die Entscheidung liege dann beim Staatsanwalt, dieser könne entweder zustimmen und mich unverzüglich in Freiheit setzen, oder aber er könne trotzdem die Sache an das Gericht übergeben. Im letzteren Falle aber würden die Richter zweifellos dem Antrage des Untersuchungsrichters zustimmen, und selbst wenn man wider alles Erwarten den Prozess eröffnen sollte, so könne nicht daran gezweifelt werden, dass entweder meine Freilassung erfolgen müsse oder im schlimmsten Falle eine Strafe festgesetzt werde, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt betrachtet werden würde. Auf diese Weise wäre meine Freilassung nur die Frage einiger Tage, und ich könnte ganz sicher sein, dass die Sache glatt ablaufe.

Ich glaubte ihm gern und wies den Gedanken von mir, dass hinter den Worten des Untersuchungsrichters noch etwas anderes verborgen sein könnte. Zwar kamen bald einige Umstände hinzu, die Argwohn erregen mussten, aber es ist ja so menschlich, das für wahr zu nehmen, was man heiß begehrt; wenn Hoffnung winkt, da findet sich stets ein Mittel, alles in rosigem Lichte zu sehen. So ging es mir damals auch.

Einige Tage nach dieser Erklärung des Untersuchungsrichters wurde ich in das Besuchszimmer gerufen. Hier fand ich die Frau meines Freundes Nadjeschda Axelrod und einen greisen Herrn, den Staatsanwalt. In strengem, drohendem Tone erklärte er uns beiden, er gestatte nur unter der Bedingung eine Unterredung, dass wir deutsch sprechen; bei dem ersten russischen Worte würde er uns trennen. Dieser Ton und das ganze Verhalten des grimmigen Greises stimmte durchaus nicht mit der Perspektive einer baldigen Befreiung, wie sie mir der Untersuchungsrichter eröffnet hatte. – „Welche Gründe hat dieser Herr für sein Verbot, russisch zu sprechen“, fuhr es mir durch den Sinn, „wenn ich ohnehin bald befreit werden soll?“ Er war bereits im Besitz der Akten, und er kannte das Ergebnis, zu dem der Untersuchungsrichter gekommen war. Aber ich hatte in jenem Moment kaum die Möglichkeit, den Gedanken nachzugehen, und zog den Schluss, er sei einfach ein eingefleischter Formalist. „Das Gesetz schreibt vor, dass die Unterhaltung eines in Untersuchung befindlichen Gefangenen zu überwachen ist“, dachte ich mir, „und so zwingt er mich und Frau Axelrod, deutsch zu sprechen, damit er uns verstehen kann; es liegt also nichts Verdächtiges vor, was auf die Vereitelung meiner Hoffnung hindeuten könnte.“

Das strenge Auftreten des grimmigen Staatsanwalts – v. Berg war sein Name – hatte jedenfalls einen niederschlagenden Eindruck auf mich und Frau Axelrod gemacht, und wir wussten kaum, was wir einander sagen sollten. Infolgedessen wechselten wir einige inhaltslose Phrasen und nahmen sehr bald Abschied.

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Zellenwechsel

Zellenwechsel

Die nächsten Tage sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Gleich am folgenden Tage kam der Verwalter Roth in meine Zelle und erklärte mir in liebenswürdigster Weise, mit der Miene eines vollendeten Biedermannes ohne Arg und List, dass ich in eine Zelle im Erdgeschoss übersiedeln müsse, weil das obere Stockwerk, wo ich bisher untergebracht war, renoviert würde. Er tat dabei, als entschuldige er sich vor mir ob der Störung und bedauere, dass die andere Zelle nicht so bequem sei.

Diese Änderung kam mir jedenfalls sehr ungelegen, denn vor allem basierte der Fluchtplan gerade auf der Lage der Zelle, in der ich mich befand. Einer meiner Freunde hatte ein Zimmer im Hause gegenüber dem Gefängnis gemietet, und da das Fenster meiner Zelle nach der Straße lag, so verständigten wir uns in außerordentlichen Fällen durch verabredete Zeichen. Die Lage im ersten Stockwerk bildete kein Hindernis für die Flucht. – Neben diesen sozusagen geschäftlichen Erwägungen wurde mir der Abschied aus der bisherigen Zelle aus anderen Gründen schwer. Es waren mit diesen vier Wänden bereits mancherlei Erinnerungen und nicht nur finstere und traurige, sondern auch freundlicher Art verbunden. Besonders unangenehm war mir der Gedanke, dass das Fenster im Erdgeschoss jedenfalls nicht nach der Straße liegen würde, und das Beobachten der Straße war meine liebste Zerstreuung. An den Markttagen spielten sich dort allerhand interessante Szenen zwischen den Käufern und Verkäufern, Bauersleuten aus der Umgebung, ab; an anderen Tagen fanden auf dem Platze militärische Übungen statt, und dieses mir fremde Getriebe interessierte mich. Besonders liebte ich es aber in der Dämmerstunde, auf das Fenster zu klettern und die Kinder zu beobachten, die zu dieser Stunde sich auf dem Platze herumtummelten und alle möglichen Spiele anstellten. Ihrem fröhlichen Gelächter und Geschrei lauschend, versetzte ich mich im Geiste nach der Heimat, nach dem Süden Russlands und gedachte der eigenen Kindheit...

Das alles sollte mit der Übersiedelung in die neue Zelle fortfallen. Diese erschien weniger geräumig, finster, und die Fenster führten nach dem Hofe. Dieser letzte Umstand machte die Flucht nahezu unmöglich. Zwar blieben mir noch zwei, drei andere Fluchtpläne, doch zeigte sich später, dass keiner von ihnen wirklich ausführbar war. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass schließlich ein solcher Versuch überhaupt nicht nötig sein würde, weil man mich doch auf legalem Wege freilassen werde. Ich berechnete schon, wie viel Tage mich noch von diesem Augenblick trennen. Die Überführung in die andere Zelle erschien mir als nebensächlicher Zufall, der sich aus der Erzählung des Verwalters ganz harmlos erklärte. Meine Freunde fassten die Sache allerdings anders auf. Als sie mich einige Tage nicht am Fenster sahen, glaubten sie, man habe mich bereits insgeheim nach Russland geschafft.

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IV. Der Besuch „meiner Gattin“

IV. Der Besuch „meiner Gattin“

An einem der nächsten Tage wurde ich abermals in das Besuchszimmer gerufen. Kaum hatte ich die Schwelle überschritten, als sich eine junge Dame unter Lachen und Weinen mir in die Arme warf – die Frau meines Freundes Buligin! Da ich angeblich als ihr Gatte verhaftet worden war, war sie herbeigeeilt, um hier die Rolle meiner Frau zu spielen. Und sie spielte sie so gut, dass selbst der strenge Staatsanwalt, der Zeuge dieser rührenden Szene des Wiedersehens zweier jungen, sich zärtlich liebenden Eheleute war, weich wurde. Er schritt nicht sofort ein und ließ uns gewähren. Erst als die stürmische Begrüßung stattgefunden, forderte er mich auf, mit „meiner Gattin“ deutsch zu sprechen, aber sein Ton war doch diesmal weniger streng und trocken, als während des Besuches der Frau Axelrod.

Frau Buligin hatte mir jedoch sofort zugeflüstert, ich solle unbedingt darauf bestehen, dass wir russisch sprechen dürfen, da sie mit mir über wichtige Dinge zu reden habe. Ich drang also in Herrn v. Berg, er möchte gestatten, uns des Russischen zu bedienen.

„Das darf ich nicht“, versetzte er kurz. „Sie sprechen beide genügend deutsch, um sich zu verständigen.

„Sie werden zugeben“, erwiderte ich, „dass wenn man noch so gut eine fremde Sprache beherrscht, man doch das Bedürfnis hat, mit seiner Gattin, die man wochenlang nicht gesehen, und die man unter solchen Umständen, wie im Kerker, wiedersieht, in der Muttersprache verkehren möchte. Von unseren Familienverhältnissen, von unserem Kinde in einer fremden Sprache zu erzählen, wird meiner Frau unmöglich sein. Ich begreife auch nicht“, fuhr ich fort, „wie die Gesetzlichkeit, deren Vertreter Sie sind, Schaden nehmen sollte, warum sie ein Hindernis sein soll, uns diese Freude zu gewähren. Wenn Sie Zweifel in dieser Beziehung haben, können Sie ja den Übersetzer, Herrn Professor Thun kommen lassen, damit er unserem Gespräch beiwohnt.“

„Ich bin gesetzlich nicht dazu verpflichtet, wenn Sie beide der deutschen Sprache hinlänglich mächtig erscheinen“, meinte der steife Greis.

„Nach dem Gesetze sind Sie freilich im Rechte, aber es gibt auch eine Pflicht der Humanität, die alle gebildeten Menschen trifft, und diese sollte Sie bewegen, uns den Gebrauch der Muttersprache nicht zu verweigern.“

Ich hatte das Wort „Humanität“ scharf betont, und es schien Eindruck gemacht zu haben – der Staatsanwalt kapitulierte. Er willigte ein, dass wir russisch sprechen, wenn Professor Thun sich bereit zeigt, zugegen zu sein. Aber er wollte ihn nicht holen lassen: wieder war er „gesetzlich dazu nicht verpflichtet“! Natürlich durfte ich meine Beziehung zu Professor Thun nicht verraten und fragte geflissentlich nach der Adresse, obwohl ich sie genau von dem Professor selbst erfahren hatte.

„Man wird es Ihrer Gemahlin in meiner Kanzlei sagen.“

Damit verließ er mit Frau Buligin das Zimmer, und ich wurde in meine Zelle zurückgeführt.

Nach einiger Zeit wurde ich abermals in das Besuchszimmer geführt und fand dort außer Frau Buligin und dem Staatsanwalt auch Professor Thun. Diesen hatte ich in der letzten Zeit lange nicht gesehen, da er zu den Osterferien verreist war. Auch war seine Aufgabe als Übersetzer beendet, und seit die Akten an den Staatsanwalt gegangen waren, konnte er nicht mehr so ungeniert mit mir verkehren.

Frau Buligin erklärte mir, sie sei herbeigeeilt, weil meine Freunde in großer Sorge um mich seien. In Genf drängen sich russische Spione um meine nächsten Bekannten und Freunde, zeigen meine Photographie vor, die genau der aus Freiburg geschickten gleicht, und forschen, wo ich sei. Daraus schließen meine Freunde, dass die russische Regierung bereits auf der Fährte sei, wer sich unter dem Namen Buligin verbirgt, und wenn meine Haft noch länger dauern sollte, so sei mit Sicherheit zu erwarten, dass mein wirklicher Name in Erfahrung gebracht werde.

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Fluchtpläne und Vorbereitungen

Fluchtpläne und Vorbereitungen

Es sei daher unerlässlich, für alle Fälle einen Fluchtplan auszuarbeiten. Wir erörterten daher alle in Betracht kommenden Chancen und suchten einen Plan festzustellen. Professor Thun nahm den lebhaftesten Anteil an unserem Gespräch und machte selbst Vorschläge. Aber, wie gesagt, keiner dieser Pläne war wirklich durchführbar. Sie hier darzustellen, hätte keinen Zweck, doch möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass in allen Kombinationen Professor Thun eine sehr gewichtige aktive Rolle zufallen sollte.

Wenn ich heute, nach neunzehn Jahren, alle jene Vorgänge überlege, dann bin ich oft versucht, selbst an dem zu zweifeln, was ich in Wirklichkeit erlebt, dass nämlich ein deutscher Professor, ein Mann, der seinen Anschauungen nach zu den sehr gemäßigten Kathedersozialisten gehörte, sich erbot, einem russischen Sozialisten zur Flucht zu verhelfen, mit ihm Pläne schmiedete und dabei sich persönlich der größten Gefahr aussetzte. Und dabei hatte doch dieser Mann, ehe er mich persönlich kennen lernte, den Wunsch geäußert, dass ich der russischen Regierung ausgeliefert werden sollte!

Der Herr Staatsanwalt v. Berg, der während des ganzen Gesprächs im Zimmer blieb, spielte dabei eine furchtbar komische Rolle. Er verstand natürlich nicht ein Wort, weil wir ja russisch sprachen; da er uns aber lachen sah, lächelte er auch und tat, als wenn er seine Freude an uns habe. Dass wir uns über ihn lustig machten und unser Lachen ihm galt, ahnte er freilich nicht. Wir berieten zum Beispiel mit Professor Thun, was dieser über unser Gespräch berichten sollte, und konnten nicht umhin, uns auszumalen, welche Wut wohl diesen streng gemessenen, korrekten und formalistischen alten Herrn erfassen würde, wenn er erfahren könnte, was wir in Gegenwart seiner würdevollen Person ausheckten.

Als wir unsere Beratungen, die ziemlich lange dauerten, beendet hatten, nahm Frau Buligin ebenso zärtlich Abschied von mir, wie sie mich begrüßt hatte. Sie bedankte sich bei Herrn v. Berg, dass er uns gestattet hatte, russisch zu sprechen, und fragte ihn, wann er mich freizugeben gedenke. Wie ich mich erinnere, meinte er, dass an einem der nächsten Tage, dessen Datum er bezeichnete, das Gericht Beschluss fassen würde; allerdings fügte er hinzu, dass wenn ich freigesprochen werden würde, man mich der Polizei übergeben werde, die mich als Ausländer nach einer beliebigen deutschen Grenze schaffen könne, doch sei anzunehmen, dass man die Schweizer Grenze, als die nächstliegende, wählen würde.

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Hoffnungen

Hoffnungen

Ich klammerte mich immer mehr an der Hoffnung fest, dass dem wirklich so sein werde, und wies alle Zweifel, die sich hartnäckig wieder und wieder einstellten, zurück. Freilich war es angenehmer, von der bevorstehenden Befreiung zu träumen, als sich die Konsequenzen einer Auslieferung nach Russland oder auch nur einer Abschiebung an die russische Grenze auszumalen. – Seit dem Besuch von Frau Buligin steigerte sich meine Sehnsucht nach Freiheit noch mehr. Die Phantasie gaukelte mir frohe Bilder vor; meine Gedanken weilten beständig bei meinen Freunden und meiner Arbeit. Ich durchlebte im Geiste fröhliche Begrüßungsszenen und sah dann unseren Kreis mit doppelter Energie sich an die Arbeit stürzen, zum Gedeihen des „Bundes für Befreiung der Arbeit“. Ich überlegte beinahe Schritt für Schritt, was ich alles tun werde, um die erzwungene Untätigkeit wettzumachen. Ich lebte nur noch in der Zukunft, die traurige Gegenwart erschien als längst überstandene Vergangenheit, als ein dumpfer Traum, als ein Geschehnis, das schon oft im Kreise der Meinigen erzählt und besprochen war, als etwas, was weit, weit hinter mir lag ... Ähnlich muss ein Krieger fühlen, der nach überstandenen Kriegsgefahren und harten Entbehrungen im Kampfe heil und ganz der Heimat zustrebt.

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Der Staatsanwalt deckt die Karten auf

Der Staatsanwalt deckt die Karten auf

„Heute also erfolgt der Beschluss über meine Befreiung.“ Mit diesem Gedanken erwachte ich an einem Maitage, wie ich mich dessen noch heute genau erinnere. Ich begann mir vorzustellen, auf welche Weise man mir den Beschluss kundtun würde.

„Sie sollen zum Staatsanwalt“, unterbrach der Schließer meine Phantasien.

„Das ist der Freispruch“, war mein erster Gedanke, „der Mann hält Wort; sonderbar, dass das Gericht schon fertig ist mit seiner Beratung; es ist noch so früh am Tage“, überlegte ich auf dem Wege durch die Gefängniskorridore.

In der Kanzlei saß Herr v. Berg am Tische und neben ihm ein junger Schreiber; der Tisch war mit Aktenfaszikeln bedeckt.

„Heute hat, wie Ihnen bekannt“, wandte sich der Staatsanwalt an mich, „der Beschluss des Gerichtshofes über Ihre Freisprechung zu erfolgen. Bevor ich Ihnen den Beschluss verkünde, müssen wir wissen, ob Ihr Name in der Tat Buligin und ob Ihr Heimatsort Moskau ist, wie Sie behaupten?“

„Jawohl, ich bin Buligin aus Moskau“, antwortete ich. „Lesen Sie den betreffenden Bescheid vor“, befahl der Staatsanwalt seinem Schriftführer.

Dieser las mit gleichgültig trockener, amtsmäßiger Stimme ein Schriftstück vor, das augenscheinlich aus Moskau von irgendeiner Verwaltungsbehörde stammte. Das Schriftstück besagte klipp und klar, dass in Moskau keine Person dieses Namens vorhanden sei, auf die die Personalien passen? [Das hatte schon seine Richtigkeit. Der Pass auf den Namen Buligin war gefälscht; mein Genosse, der auf diesen Pass reiste, trug einen anderen Namen.]

„Was haben Sie dazu zu sagen?“ fragte Herr v. Berg kalt und höhnisch.

Ich fühlte, dass mir das Blut aus dem Gesichte wich und meine Knie zitterten. Aber ich beherrschte mich sofort und begann meine Verteidigung. Ich sprach schnell, erregt und überzeugend.

Es war mir sofort klar, dass ich vor der Entscheidung stand, ich fühlte den Boden unter meinen Füßen weichen. Die Befürchtungen, dass man sich mit der russischen Regierung verständigt hatte, erfüllten sich, und es galt den Kampf ums Leben. – Da ich schon oft diese Eventualität erwogen hatte, so war ich vorbereitet und hatte mir einen Verteidigungsplan zurechtgelegt.

„Hören Sie“, wandte ich mich an den Staatsanwalt, „ich erkläre Ihnen, dass ich Buligin bin, aber ich gestehe zu, dass ich nicht aus Moskau stamme, dass alle meine Aussagen in Bezug auf meine Personalien falsch sind. Ich war hierzu gezwungen in Anbetracht der Behandlung, die mir hier in Freiburg zuteilwurde, und in Anbetracht vor allem der in Russland herrschenden Zustände. Diese Zustände, die Sie nicht kennen, muss ich Ihnen schildern: Es ist nichts Seltenes bei uns, dass irgend ein junger Mensch der Gendarmerie denunziert wird, weil er ein in Russland verbotenes Buch besitzt; er wird verhaftet; aber nicht nur er, sondern man sucht aller Personen habhaft zu werden, die mit ihm verkehrten, deren Adressen man zufällig bei ihm fand; seine Wohnung wird von Spionen überwacht, man ergreift jeden, der in diese Wohnung kommt. Ganze Familien werden auf diese Weise verfolgt und beunruhigt, und das geringste ist noch, wenn den derart Beteiligten nur unendliche Scherereien entstehen; sehr oft können die unschuldigsten Menschen monatelang aus derartigen Gründen eingekerkert werden.

„Als ich nun aus der demokratischen Schweiz nach dem konstitutionellen Deutschland kam, ohne irgendwelche Absichten, die nach deutschem Gesetz ein Vergehen involvieren, musste ich sofort erfahren, dass die Art und Weise, wie man hier zu verfahren beliebt, wenigstens Ausländern gegenüber, sich nicht sehr von der in Russland üblichen unterscheidet. Ich erfuhr es am eigenen Leibe, dass man hier, ohne irgendwelche gesetzliche Formen einzuhalten, unter gänzlicher Ignorierung der ‚Garantien der Unantastbarkeit der Persönlichkeit’, jeden beliebigen Menschen durch gewöhnliche Polizeidiener verhaftet; die Polizei nimmt ohne richterlichen Befehl eine Aussuchung in meinem Hotelzimmer vor und behandelt mich, der ich mir in Deutschland nicht das geringste habe zuschulden kommen lassen, wie einen Verbrecher. Man steckt mich ins Gefängnis und lässt mich zwei Tage lang darin, ohne mich vor den Richter zu führen. Ja, man verhaftet – genau wie in Russland – eine junge deutsche Staatsbürgerin und schleppt sie ohne alles weitere ins Gefängnis. Ich hatte also keinen Grund, den Versicherungen des Untersuchungsrichters zu trauen, dass es sich hier nur um ein gesetzliches Gerichtsverfahren handelt, sondern ich musste annehmen, dass neben dem Gerichte die Polizeigewalt tätig ist, und dass diese sich mit den russischen Behörden verständige. – Das eben verlesene Schriftstück beweist, dass ich recht hatte. Nun wohl: Hätte ich dem Richter meine wirklichen Personalien mitgeteilt, so würden diese, wie sich jetzt zeigt, den russischen Behörden mitgeteilt worden sein, und natürlich hätte man diese auch benachrichtigt, dass man mich hier verhaftet hat, weil ich zwei Koffer voll in Russland verbotener Schriften mit mir führte. Die Polizei hätte also unfehlbar in der Stadt, woher ich stamme, ihr Spiel in der geschilderten Weise getrieben; man hätte die Meinigen belästigt, bei meinen Brüdern und Schwestern, die meine Anschauungen teilen, hätte man vielleicht verbotene Schriften gefunden, man hätte sie und vielleicht noch zahlreiche andere Personen in den Kerker geschleppt. – Russland ist kein Rechtsstaat, und deshalb musste ich mich hier in Deutschland vorsehen, dass nicht dort Unheil entsteht, wenn ich hier vor dem Gericht die Wahrheit sage.“

„Sie behaupten also“, sagte der Staatsanwalt mit unverhohlener Wut, „Sie seien Buligin, aber Ihr Heimatsort sei nicht Moskau, und Sie verweigern die Angabe Ihres wirklichen Heimatsortes?“

„Jawohl, ich weigere mich aus den angeführten Gründen.“

„Lesen Sie den nächsten Bericht vor“, gebot Herr v. Berg abermals, und der Schriftführer las:

„Der sich in Freiburg, im Großherzogtum Baden, befindende Häftling, der sich Buligin nennt, ist in Wirklichkeit niemand anders als Leo Deutsch, der in Gemeinschaft mit Jakob Stefanowitsch, abgesehen von anderen schweren Verbrechen, im Mai 1870 einen Mordversuch gegen Nikolaus Gorinowitsch verübt hat. Daher ersucht die Regierung Seiner Majestät des Kaisers von Russland durch ihren Gesandten die Regierung Seiner Hoheit des Großherzogs von Baden um die Auslieferung der beiden namhaft gemachten Personen. Gleichzeitig sieht sie sich verpflichtet, die Aufmerksamkeit der deutschen Behörden darauf zu richten, dass benannter Leo Deutsch schon mehrfach aus der Haft ausgebrochen ist; es wird daher ersucht, bei der Inhaftierung sowohl als bei dem Transport Leo Deutsch besonders scharf überwachen zu lassen.“

Ich habe das Schriftstück nahezu wortgetreu angeführt, denn obwohl seither nahezu zwei Jahrzehnte vergangen sind, ist es mir noch heute gegenwärtig.

„Alles ist aus!“ fuhr es mir durch den Sinn, und die düstersten Bilder tauchten vor mir auf...

„Was haben Sie hierauf zu erwidern?“ vernahm ich die trockene Frage des Staatsanwalts und sah, wie er boshaft triumphierend lächelte.

Ich raffte mich gewaltsam auf.

„Was mir da verlesen wurde“, sagte ich so ruhig wie mir irgend möglich war, „wundert mich durchaus nicht. Es entspricht genau dem, was ich über das Verfahren der russischen Regierung gehört habe. Das Spiel ist klar: wenn die russische Regierung eines harmlosen russischen Sozialisten habhaft werden will, der in einem Rechtsstaate verhaftet wurde, so wird diese Regierung nicht zugeben, dass der Betreffende der ist, für den er sich ausgibt, sondern sie wird ihm den Namen eines Deutsch oder irgendeiner anderen Persönlichkeit geben, die mit einer Gewalttat in Verbindung gebracht werden kann. Das ist nicht neu; so wurde zum Beispiel auf diese Weise Rumänien veranlasst, einen gewissen Katz auszuliefern, den man alsdann ohne jedes Gerichtsverfahren auf „administrativem Wege“, wie es bei uns heißt, nach Sibirien verbannt hat. Man will es augenscheinlich mit mir ebenso machen. Den besten Beweis, dass sich die Dinge so verhalten, sehe ich darin, dass in dem Schriftstück die russische Regierung nicht nur mich unter dem Namen Deutsch ausgeliefert haben möchte, sondern auch die Auslieferung des Stefanowitsch wünscht, obgleich dieser schon längst in Russland selbst verhaftet und zu Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken verurteilt worden ist, und obgleich bei der Gerichtsverhandlung seine Beteiligung an dem Mordanschlag gegen Gorinowitsch überhaupt nicht in Frage kam. Es ist also klar: die russische Regierung verlangt die Auslieferung des Stefanowitsch, obwohl dieser bereits in ihrer Gewalt ist, weil sie bei der nächsten Gelegenheit wieder irgendeinen friedlichen Sozialisten als Stefanowitsch bezeichnen wird. Was ich gesagt habe, wird Ihnen Professor Thun bestätigen können, der nicht nur unsere Zustände im Allgemeinen, sondern auch unsere revolutionäre Bewegung genau kennt.“

Damit war das Verhör beendet. Als ich in meiner Zelle die Gedanken sammeln konnte, war ich vollständig niedergedrückt. Meine Auslieferung war sicher, es blieb mir noch die Hoffnung auf die Flucht. Aber auch diese Hoffnung war dahin, wie mir sofort klar wurde. Infolge des Hinweises der russischen Regierung auf mein „mehrmaliges“ Ausbrechen – in Wirklichkeit war ich nur zweimal ausgebrochen – hatte man sofort nach diesem Verhör einen besonderen Wächter an meine Tür postiert, der nicht von der Stelle wich und jede meiner Bewegungen beobachtete. Die übrigen Schließer waren natürlich gleichfalls instruiert, mich scharf zu überwachen, und, was früher niemals der Fall gewesen, der Oberaufseher Roth war bei dem beschriebenen Verhör und allen Gesprächen die ganze Zeit zugegen.

Sofort nach der Mittagspause wurde ich abermals dem Staatsanwalt vorgeführt. Er schien jetzt mir günstiger gestimmt zu sein, er behandelte mich, soweit es überhaupt bei diesem dürren Gesetzesmenschen möglich war, etwas milder. Professor Thun, erklärte er mir, habe meine Ausführungen bestätigt. Dann fuhr er fort: „Es ist möglich, dass man Sie zu Unrecht des Verbrechens beschuldigt, welches in dem Bescheid der russischen Regierung erwähnt wird, und ich bin bereit, Ihnen beizustehen, sich zu verteidigen. Sie müssen wissen, dass in Deutschland die Pflicht des Staatsanwalts nicht darin besteht, unter allen Umständen zu verdammen, sondern es ist seine Aufgabe, die Wahrheit zu erforschen und einen zu Unrecht Angeklagten zu befreien. Geben Sie mir also die Mittel an, die Sie zu Ihrer Verteidigung brauchen; ich werde, soweit es von mir abhängt, Ihnen beistehen.“

Diese Wandlung in dem Verhalten des Staatsanwalts war jedenfalls auf den Einfluss des Professors Thun zurückzuführen. Ich wusste wohl, dass eigentlich keine Hoffnung mehr vorhanden war, aber ich wollte die günstige Stimmung des Herrn v. Berg benutzen, um Zeit zu gewinnen. Verzögerte sich die Auslieferung, dann war vielleicht die Möglichkeit einer Flucht gegeben. Dankend nahm ich das Anerbieten des Staatsanwalts, mir die Verteidigung zu erleichtern, an und bat ihn, mir die Möglichkeit einer Verständigung mit meinem Rechtsanwalt und dem Übersetzer zu geben, da ich ohne Kenntnis des deutschen Rechtsverfahrens ihren Rat einzuholen wünsche. Vorderhand bot ich den Beweis an, dass ich der gesuchte Deutsch nicht sein konnte, da dieser meines Wissens in London weile und wohl bereit sein würde, dies zu bestätigen, wenn man ihn ausfindig mache. Ich hoffte durch Vermittlung des Professors Thun es so einzurichten, dass einer der russischen Flüchtlinge in London diese Rolle übernehme. Herr v. Berg erklärte mir, dass die Gewährung meines Gesuchs beim badischen Justizminister liege, an den er sich wenden werde. Damit war das zweite Verhör beendet.

Die Ereignisse nahmen jedoch jetzt ein reißendes Tempo an. Früher hatte ich oft wochenlang auf ein Verhör warten müssen und hatte einige Mal aus eigenen Stücken gefordert, vor den Untersuchungsrichter geführt zu werden, weil ich hoffte, auf diese Weise etwas über den Lauf der Dinge zu erfahren. Jetzt dagegen ging alles schneller, als ich wünschte. Am nächsten Tage wurde ich bereits wieder vor den Staatsanwalt beschieden. Diesmal befand sich in der Amtsstube außer Herrn v. Berg, dem Schriftführer, dem Aufseher Roth, der an der Tür Posto fasste, noch ein mir fremder Herr in der Uniform eines russischen Justizbeamten, mit einem glitzernden Orden im Knopfloch.

„Guten Tag, Deutsch! Kennen Sie mich nicht wieder?“ fragte dieser Unbekannte mich mit einschmeichelnder Stimme auf Russisch. „Ich bin Vertreter des Staatsanwalts am Petersburger Appellationsgerichtshof, Bogdanowitsch. [Es ist derselbe Bogdanowitsch, welcher nachher den Posten eines Gouverneurs in Ufa bekleidete und im Sommer dieses Jahres (1903) von den Revolutionären für seine grausame Unterdrückung der streikenden Arbeiter in Slatoust ermordet wurde.] Sie werden sich meiner wohl erinnern: als Sie in Kiew in Haft waren, war ich Vertreter des dortigen Staatsanwalts.

„Ich habe niemals in Kiew im Gefängnis gesessen“, antwortete ich, „und habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen, mein Herr,“ fügte ich gelassen hinzu. Ich hatte diesen Beamten in der Tat nie im Leben gesehen.

„Jawohl, es unterliegt keinem Zweifel, es ist Deutsch“, wandte sich Bogdanowitsch an seinen deutschen Kollegen. –

„Und ich behaupte, dass es nicht wahr ist“, erklärte ich.

„Wir werden jedoch jedenfalls Herrn v. Bogdanowitsch mehr Glauben schenken“, bemerkte Herr v. Berg, „und Sie werden an Russland ausgeliefert werden.“

„Es sei drum!“ sagte ich. „Sie werden damit der russischen Regierung Gelegenheit geben, noch einen Unschuldigen nach Sibirien zu verbannen.“

„Unschuldige werden bei uns niemals nach Sibirien geschickt!“ erklärte Bogdanowitsch mit Aplomb.

„O, nicht nur nach Sibirien verbannt man Unschuldige, sondern man schickt sie aufs Schafott!“ rief ich. „Sie, mein Herr, sagen, dass Sie der Staatsanwaltschaft in Kiew angehörten; es muss Ihnen also bekannt sein, oder vielleicht waren Sie selbst an dem Morde beteiligt, den man an einem unmündigen Knaben, dem Studenten Rosowski, vollbracht hat; er wurde gehängt, trotzdem das Standgericht selbst zugegeben hat, dass seine ganze Schuld darin bestand, eine Proklamation im Besitz gehabt und über deren Herkunft die Aussage verweigert zu haben.“ Rosowski wurde zu Beginn 1889 in Kiew hingerichtet.

„Rosowski wurde hingerichtet nicht nur, weil man eine Proklamation bei ihm gefunden, sondern weil er Mitglied der sozialistischen Partei war“, erklärte Bogdanowitsch lächelnd dem badischen Staatsanwalt.

„Nun sehen Sie!“ wandte ich mich an diesen, „bei Ihnen in Deutschland sitzen die Abgeordneten der sozialistischen Partei im Reichstag und nehmen somit an der Gesetzgebung des Staates teil; nach der Anschauung des russischen Staatsanwalts und unserer Regierung genügt es, wenn jemand der Angehörigkeit zur sozialistischen Partei verdächtig ist, ihn an den Galgen zu schicken, ohne dass dieser Verdacht erwiesen wäre.“

Die beiden Herren fanden nicht bald eine Erwiderung auf meine Worte. Auf den deutschen Juristen schien jedoch anfangs dieses wahrheitsgemäße Beispiel Eindruck gemacht zu haben. Andererseits aber sah ich, dass dem stolzen Herrn v. Berg die Anwesenheit des Staatsanwalts vom Petersburger Appellationsgerichtshof ungemein imponierte. Von Zeit zu Zeit vertiefte er sich in den Anblick des blitzenden Ordens an der Brust des Russen, und wenn er mit ihm sprach, lag in seiner Stimme eine mir bisher an ihm fremde Süßlichkeit, wobei er sich alle Mühe gab, den Namen Bogdanowitsch richtig herauszubringen, was ihm viel Schwierigkeiten zu bereiten schien und recht komisch wirkte. Wohl um sich dem Vertreter der russischen Justiz, der diesmal durchaus nicht in der Rolle des Wahrheit suchenden Gesetzesdieners erschien, im besten Lichte zu zeigen, bemerkte mir Herr v. Berg spitz:

„Ich sehe, dass Sie um Ausflüchte nicht verlegen sind und die Regierung Ihres Landes in recht düsteren Farben zu schildern versuchen. Aber was Sie auch gegen diese Regierung vorbringen mögen. Sie werden ihr ausgeliefert werden, und ich bin fest überzeugt, dass man Sie in Russland dem Gesetze gemäß behandeln wird.“

„O gewiss, gewiss!“ beeilte sich Herr Bogdanowitsch zu versichern.

Ich wurde in meinen Kerker abgeführt. Was ich während der nächsten Tage fühlte, brauche ich wohl nicht zu schildern, der Leser wird es sich ausmalen können, wenn er sich in meine Lage versetzt. Es war mir klar, dass jede Hoffnung auf Befreiung aussichtslos war; aber ich konnte mich noch immer nicht mit diesem Gedanken aussöhnen, und mein Hirn arbeitete immer wieder an neuen Fluchtplänen, obgleich ich mir sagen musste, dass es ganz vergebens war. Ich rechnete darauf, dass die Verhandlungen über meine Auslieferung noch einige Zeit in Anspruch nehmen würden, und machte mich daran, einen langen konspirativen Brief an meine Freunde zu verfassen, den ich durch Professor Thun abzusenden hoffte. Ehe ich damit fertig war, vergingen zwei oder drei Tage, und ich wurde abermals vor den Staatsanwalt zitiert, trotzdem es gerade Sonntag war. Man hatte es augenscheinlich sehr eilig.

„Unsere Regierung hat beschlossen, Sie auszuliefern“, eröffnete er mir, „doch unter der Bedingung, dass Sie in Russland vor ein ordentliches Gericht gestellt werden und nur wegen der Teilnahme an dem Mordversuch gegen Gorinowitsch zur Verantwortung gezogen werden. Ihr Gesuch um eine Unterredung mit dem Verteidiger und dem Übersetzer ist abschlägig beschieden.“

Nachdem er mir den Beschluss der badischen Regierung verlesen, erklärte mir Herr v. Berg, dass man mich noch am selbigen Tage nach Russland schaffen werde. Ehe ich ging, bemerkte ich, dass man mich in Russland jedenfalls vor ein Ausnahmegericht, ein „Kriegsgericht“, wie man es dort nennt, stellen würde und nicht vor ein ordentliches.

„Nun, das ist unmöglich, das wäre eine Verletzung des Vertrags, es widerspräche dem Völkerrecht“, erwiderte v. Berg.

* * *

Reisevorbereitungen

Reisevorbereitungen

In der Zelle angelangt, begann ich meine Reisevorbereitungen. Das war nicht ganz einfach. Trotz aller übertriebenen Maßnahmen bei der Überwachung der Sachen, die mir meine Freunde zuschickten, hatte ich mich in den Besitz einer englischen Feile zum Durchschneiden von Eisengittern gesetzt, einer Schere, um nötigenfalls Bart und Haar zu schneiden, und auch Geld in deutschen und russischen Banknoten hatte ich bei mir. Ich musste also diese Dinge irgendwie unterbringen. Die Feile beschloss ich wegzuwerfen, weil sie mir kaum noch nutzen konnte und schwer zu verbergen war; ich brach sie entzwei und warf sie in den Abtritt. Die übrigen Sachen beschloss ich zu verstecken, und zwar so, dass ich bei günstiger Gelegenheit davon Gebrauch machen könnte während des Transports in Deutschland oder in Russland. Der Wächter an meiner Tür ließ mich nicht aus den Augen, aber es gelang mir trotzdem, die genannten Dinge in meinem Anzuge derart zu verbergen, dass sie bei den bevorstehenden körperlichen Untersuchungen nicht gefunden werden konnten und sie leicht zu erreichen waren, wenn ich sie brauchen sollte. Alle diese Vorbereitungen waren die Hoffnung eines Ertrinkenden, der nach dem Strohhalm greift. Ich täuschte mich nicht darüber, dass man mich scharf bewachen werde, und dass jede Aussicht auf Rettung in der nächsten Zeit verloren war. Aber in solcher Lage haben selbst die nutzlosesten Beschäftigungen wenigstens den Vorteil, dass sie eine Ableitung für die Gedanken schaffen. Und meine Gedanken waren nicht die angenehmsten. Ich wusste, was mir bevorstand; ich malte mir die Zukunft aus: lange, lange Jahre im Kerker, begraben bei lebendigem Leibe, dem Leben entrückt, und das eben drückte mich nieder. Ich glaube, der Gedanke an den Tod wäre mir leichter gewesen als der Gedanke an dieses Los. „Was nützt mir jetzt noch das Leben?“ fragte ich mich, und die Antwort war trostlos genug...

* * *

Gefängnis

V. Nach Russland: im Viehwagen, im Frankfurter und im Berliner

Gefängnis

Der Abend kam, und ich wurde in einem geschlossenen Wagen in Begleitung von zwei Polizeimännern, die man in Zivilkleider gesteckt hatte, unter allen möglichen Vorsichtsmaßregeln fortgeschafft. Der Wagen hielt an einer Rampe der Eisenbahn irgendwo fern vom Bahnhofe; dort wurde ich mit samt meinen Begleitern in einen Waggon gebracht, einen gewöhnlichen Viehwagen. Als der Waggon an den Bahnhof gebracht wurde, wo man ihn an einen Personenzug hing, bemerkte ich auf dem Perron eine auffällige Bewegung, und meine Wächter, denen es gleichfalls nicht entgangen war, flüsterten eifrig miteinander. Aus den abgerissenen Worten, die ich auffangen konnte, ersah ich, dass jemand verhaftet worden war, und dachte gleich, dass der Vorgang wohl im Zusammenhang mit meiner Person stand. – Nach vielen Jahren erfuhr ich dann, dass in der Tat damals auf dem Freiburger Bahnhof zwei meiner Kameraden verhaftet wurden, die beabsichtigten, den Zug zu benützen, um unterwegs einen Fluchtversuch meinerseits zu unterstützen. Dieser Versuch war also auch fehlgeschlagen. Die beiden Freunde wurden einige Tage in Freiburg in Haft gehalten und dann nach der Schweiz ausgewiesen.

Gegen Morgen kamen wir in Frankfurt am Main an, wo man mich wieder in ein Gefängnis brachte.

Der Verwalter dieses Gefängnisses erwies sich als ein ungemein liebenswürdiger und dienstbereiter Herr, der aber seine sehr feinen Hintergedanken hatte. Als ich ihn fragte, ob ich an meine Verwandten in der Schweiz eine Postkarte schreiben dürfe, versicherte er mir hoch und teuer, er würde sie sofort befördern, und schaffte mir alsbald Schreibzeug herbei. [Es zeigte sich später, dass er die Karte meinen Wächtern übergeben hatte zur Auslieferung an die russischen Behörden. Natürlich enthielt die Karte nichts weiter als einen Gruß an meine Freunde.] Auch die Zelle, die er mir anwies, war sehr bequem und lag nach einer lebhaften Straße; aber er platzierte mir zwei Schutzleute herein, die mich unterhalten sollten. Dann erhielt ich ein sehr gutes Mittagessen, oder wenigstens schien es mir gut, weil ich in den letzten Tagen infolge der Aufregung nichts gegessen hatte. – Da ich voraussah, dass die Reise sehr lange dauern werde, wollte ich mir einige Bücher besorgen, und der dienstbereite Herr erbot sich sofort, sie bei einem Antiquar zu kaufen, damit es billiger wäre. Ich erinnere mich, dass ich ein paar deutsche und französische Klassiker wählte, und er verschaffte mir die Werke richtig zu einem, wie mir schien, recht billigen Preise. Schließlich schlug er mir vor, mit ihm einen Spaziergang im Hofe zu machen. Als wir allein waren, begann er weitschweifig über seine Verhältnisse zu plaudern und versuchte dann in recht plumper Weise mich auszufragen, ob ich nicht etwa der berühmte Degajeff sei? Ich musste herzlich lachen, und die eifrige Freundlichkeit und Dienstbarkeit dieses Biedermannes, der sein Interesse hübsch wahrzunehmen verstand, erschien mir jetzt in ganz anderem Lichte. Abgesehen davon, dass ihm, wie mir später die in meiner Zelle mich bewachenden Schutzleute erzählten, sowohl der Einkauf der Bücher als auch das gelieferte Essen einen netten Profit abgeworfen hatten, ging er darauf aus, eine Belohnung zu ergattern, wenn er mir das Geständnis entlockte, dass ich Degajeff sei. Es handelte sich nämlich darum, dass für die Ergreifung dieses Mannes die russische Regierung eine hohe Prämie – zehntausend Rubel – ausgesetzt hatte, und der Name war damals in allen europäischen Zeitungen zu finden [Degajeff, ein gewisser Artilleriekapitän, war ein hervorragendes Mitglied der „Narodnaja Wolja“. Anfangs der achtziger Jahre verhaftet, wurde er bald zum Verräter und lieferte viele seiner ehemaligen Genossen aus. Auf diese Weise erzielte er nicht nur seine Befreiung, sondern erwarb auch das Vertrauen des damals berühmten und berüchtigten Oberhäschers, des Kommandanten der Petersburger „Schutztruppe“, des Obersten Ssudjeikin. Gewissensbisse oder auch die Furcht vor der Rache der Revolutionäre veranlassten ihn jedoch, im Jahre 1883 diesen gegenüber ein vollständiges Geständnis abzulegen, und zur Sühne erbot er sich, ihnen beizustehen, um Ssudjeikin umzubringen. Diesem war schwer beizukommen, weil er ungemein geschickt und vorsichtig war; dabei hatte noch keiner der Häscher den Revolutionären so vielen Schaden zugefügt als er. Der Vorschlag Degajeffs wurde angenommen. Im Winter 1883 also lockte Degajeff den Ssudjeikin unter dem Vorwände wichtiger Mitteilungen in seine Wohnung, wo zwei Revolutionäre ihm auflauerten und ihn niederschossen. – Die beiden wurden später verhaftet, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt und in Schlüsselburg eingekerkert. Degajeff dagegen entkam ins Ausland und ist seither verschollen.] – Ich blieb bis zur Nacht im Frankfurter Gefängnis. Dann holten mich drei Schutzleute ab, die ebenfalls in Zivilkleidern steckten. Jedes Mal wenn die Wächter wechselten, wurde ich von neuem visitiert, aber man fand niemals etwas. Ehe mich die Frankfurter Polizisten abführten, legten sie mir Fesseln an, die nicht gerade dick und schwer waren und ganz unauffällig; sie wurden nämlich unter den Kleidern hindurchgezogen, waren also nicht sichtbar, hinderten aber an raschem Gehen und desto mehr am Laufen. Ich protestierte lebhaft gegen eine derartige Behandlung, doch die Leute erklärten mir, sie hätten gemessenen Befehl, mich zu fesseln, und meine Proteste würden zu keinem Ziele führen. Mir blieb nichts übrig, als mich zu fügen. Doch damit war die Fürsorge meiner Schutzengel nicht erschöpft: als wir den Bahnhof und den Perron passierten, nahm mich einer von ihnen, ein Hüne von Gestalt, freundschaftlich unter den Arm, einer ging einen Schritt vor mir und der dritte hinter mir; so machten wir auf Uneingeweihte den Eindruck einer Gruppe „guter Freunde“, die in „aller Gemütlichkeit“ daher schlendern. Wir platzierten uns in einem Wagen mitten unter das Publikum, wobei wir zwei Bänke besetzten, und wahrscheinlich dachte keiner von den Reisenden, dass in seiner nächsten Nähe ein schwerer, kettenbelasteter Staatsverbrecher transportiert werde. Mir fiel dabei die Redensart unserer russischen Bauern ein, wonach der Deutsche alles fertig bringt: „Selbst den Affen hat er erfunden!“

Ich will übrigens bemerken, dass meine Wächter im Allgemeinen durchaus korrekt, wenn auch strikte formalistisch, sich mir gegenüber verhielten; groben Übergriffen, wie in Freiburg, war ich kein einziges Mal mehr ausgesetzt. Soweit es ihre Instruktion zuließ, erwiesen mir die Leute gern kleine Gefälligkeiten, wenn ich etwas wünschte. In den „Begleitscheinen“, die ihnen mitgegeben waren, war ich als der „angebliche Buligin“ bezeichnet, und unter diesem Namen figurierte ich bis zur Übergabe an die russischen Behörden.

Von einem Fluchtversuch während der Reise konnte nicht die Rede sein. Meine Wächter ließen mich nicht eine Sekunde aus den Augen, wichen keinen Schritt von meiner Seite, beobachteten jede meiner Bewegungen. In Gespräche ließen sie sich mit mir nicht ein, und ich hatte auch nicht das geringste Bedürfnis, mit ihnen zu schwatzen. Ich fühlte mich niedergedrückt, abgespannt und erschöpft. Meine Gedanken schienen eingeschläfert, nichts fesselte meine Aufmerksamkeit während der ganzen Reise, ich sah und hörte nichts, was um mich vorging. Absolute Gleichgültigkeit und Apathie hatten mich erfasst. „Was wird, das wird“, sagte ich mir, wenn ein Gedanke an die Zukunft auftauchte. Auf die furchtbare Erregung der letzten Tage in Freiburg war die Reaktion eingetreten.

Als wir am folgenden Tage in Berlin eintrafen, wurde ich abermals in ein Gefängnis gesperrt. Welches es war, weiß ich nicht; doch erinnere ich mich genau, dass es einen unbeschreiblich deprimierenden Eindruck auf mich machte. Die finstere Zelle, in die eine davorstehende hohe Mauer keinen direkten Lichtstrahl dringen ließ, die finsteren Gesichter der Schließer, die mir niemals direkt ins Auge schauten, sondern immer zu schielen schienen, legten unwillkürlich den Gedanken nahe, dass Menschen, die längere Zeit hier zubringen mussten, sich bestimmt entsetzlich bedrückt fühlen. Ich habe seit jener Zeit noch so manches Gefängnis im europäischen Russland und in Sibirien kennen gelernt, aber niemals fühlte ich mich so niedergeschlagen, wie in diesem Berliner Gefängnis. Alles schien hier anzudeuten: du bist in Berlin, der Metropole des Militärstaates Preußen, wo Strenge und Disziplin – richtiger Drill und Härte – die Richtschnur für alles und jedes sind.

Die Polizisten, die mich aus Frankfurt gebracht hatten, ließen mich auch in der Kerkerzelle nicht aus den Augen; sie hielten abwechselnd Wache bei mir. Und ich muss gestehen, dass ich dessen sogar froh war. Ihre Gesellschaft war ja nicht gerade angenehm, aber in diesem Kerker milderte die Anwesenheit eines menschlichen Wesens, wer es auch sein mochte, den trostlosen Eindruck. Doch sollte ich nicht lange hier kampieren, und ich war ganz zufrieden, als ich noch am Abend dieses Tages unter Bewachung derselben Mannschaft weitergeführt wurde.

* * *

Auf der Grenzstation

Auf der Grenzstation

Am nächsten Morgen waren wir in Russland.

* * *

Die Grenzstation, an der ich ausgeliefert wurde, war Granitza, jener Ort, wo die Grenzen der drei Kaiserstaaten zusammenstoßen. Da man mich alsbald nach Petersburg transportierte, war es ein gewaltiger Umweg, und ist wohl anzunehmen, dass diese sonderbare Route gewählt wurde, weil man befürchtete, es könnte an der Grenze ein Befreiungsversuch gemacht werden.

Das mochte umso näherliegen, als kurz vorher der polnische Sozialist Stanislaus Mendelsohn auf einer Grenzstation, Alexandrowo, wenn ich nicht irre, mit Hilfe seiner Freunde geflohen war, als ihn die preußische Polizei dort an Russland ausliefern wollte; er entkam glücklich nach der Schweiz.

(Stanislaw Mendelssohn: Am 18. November 1857 – einige Quellen zitieren fälschlicherweise 1858 – wurde in Warschau (Polen; damals Russisches Reich) der Journalist und propagandistische Anarchist und Nihilist und spätere sozialistische Politiker Stanislaw Salomon Naftali Mendelssohn geboren, zitiert Stanislas Mendelsohn, und auch bekannt als Aleksander Messin. Der Sohn einer assimilierten wohlhabenden jüdischen Familie, seine Eltern waren Voff Mendelsohn, ein Bankier, und Salomé Marguliès, und er war der Enkel des Philosophen Moïse Mendelsohn, Übersetzer von Jean-Jacques Rousseau und Cousin des Komponisten Félix Mendelssohn Bartholdy. Nach dem Abitur begann er mit 16 ein Medizinstudium an der Universität Warschau. Als er in seinem dritten Medizinjahr war, führte er mit anderen Studenten (Ludwing Warynski, Kasimir Dluski, Simon Dickstein) die sogenannte Polnische Sozialistische Bewegung (MSP), die mit Arbeitern interagierte, kleine Kreise bildete und Widerstandskästen gründete, die wurde die Basis der ersten illegalen Gewerkschaften, organisierte die ersten Streiks und verbreitete die sozialistische Formation unter einigen motivierteren Arbeitern. Er war ein Befürworter der Unabhängigkeit Polens von der Das Russische Reich – galt als einer der Theoretiker des „Sozialpatriotismus“ - und kollidierte mit den Postulaten der sozialrevolutionären Partei „Proletariat“, die die polnische Unabhängigkeit als unmittelbares Ziel des sozialistischen Kampfes ablehnte. Im März 1878 wurde er infolge seiner Beteiligung an Unruhen in den Straßen Warschaus von den zaristischen Behörden verfolgt und ging nach Österreich ins Exil, aus dem er ausgewiesen wurde, und übersiedelte 1878 in die Schweiz, wo er im November im folgenden Jahr gründete und finanzierte er die revolutionäre Zeitung in Genf Równość (Gleichheit), das bis 1881 andauerte und von Przedświt (1881-1883, The Dawn) und Walka Klas . fortgesetzt wurde (1884-1887, Klassenkampf). 1879 kehrte er nach Polen zurück, wo er Ende März 1880 mit 34 anderen Nihilisten in Krakau verhaftet wurde; versuchte, wurde er freigesprochen. Später ging er unter Tage nach Österreich, wo er verhaftet, vor Gericht gestellt und wegen illegaler Einreise zu einem Monat Gefängnis verurteilt wurde.)


Ich weiß mich noch ganz genau der Eindrücke zu erinnern, die ich damals empfing. Es war ein wunderschöner Maitag, und die liebe Sonne schien mir neue Kraft spenden zu wollen. Kaum hatte ich mit meinen deutschen Wächtern den Eisenbahnwagen verlassen, als mich eine Anzahl russischer Gendarmen umringte.

„Guten Tag, Herr Deutsch! Da wären Sie ja endlich; wir haben Sie schon immer erwartet und erwartet!“ begrüßten sie mich. Ich erblickte ringsum jugendfrische, lächelnde Gesichter russischer Bauernburschen, die in den verhassten dunkelblauen Uniformen steckten; ihr sorgloses Gebaren veranlasste, dass ich selbst ihnen zulächelte, als wenn es gute Bekannte wären, die mich da begrüßten.

„Woher kennt ihr mich denn?“ fragte ich auf dem Wege nach der Gendarmerieabteilung.

„O, freilich kennen wir Sie; wir haben schon viel von Ihnen gehört!“ riefen einige Stimmen. „Wollen Sie gleich Tee nehmen, oder wollen Sie sich zuerst den Staub abwaschen?“ fragten sie liebenswürdig und überboten sich an Eifer, mir gefällig zu sein.

Es war ein sonderbarer Kontrast in dem Verhalten meiner deutschen und russischen Wächter. Die letzteren benahmen sich sorglos und einfach, wenn man will, lag sogar etwas freundschaftlich Zutrauliches darin. Für die deutschen Polizisten war ich ein gar gefährlicher Schwerverbrecher, der sich unter falschem Namen verbirgt; sie hatten ihre Instruktion, die sie strikte befolgten, und alles übrige kümmerte sie nicht; nebenbei erhofften sie für den angestrengten Dienst eine Belohnung zu erhalten, wie ich unterwegs ihrem Geflüster entnahm, als sie glaubten, ich sei eingeschlafen. Für die russischen Gendarmen, die mit gewöhnlichen Verbrechern nie zu tun haben, war ich der „politische Verbrecher“, wie es bei uns heißt, der Staatsgefangene, dessen Name sie schon so oft gehört, dass sie mich als einen alten Bekannten betrachteten.

Ich war seit vier Jahren nicht in Russland gewesen, und die ersten Menschen, die mir begegneten, von denen ich die Laute der Muttersprache vernahm, waren Gendarmen. Es ist begreiflich, dass ich mich, obwohl Revolutionär, in der Gesellschaft der Gendarmen wohl fühlte. Wer als Uneingeweihter in den Raum hätte blicken können, wo ich am Tische vor dem dampfenden Samowar saß, mir den Tee schmecken ließ und mit den ringsumher stehenden Gendarmen plauderte, der hätte sicher gedacht, dass hier eine gemütliche Unterhaltung zwischen guten Bekannten stattfindet.

„Na, wie ist's denn im Ausland? Sicher nicht so schön wie bei uns, was?“ fragten mich die Burschen. Und ich erzählte, wie es im „Ausland“ sei, dass es dort unvergleichlich besser sei als wie bei uns daheim. Das wollten sie aber nicht glauben; wir stritten hin und her, wobei alle Anwesenden, zehn oder zwölf Mann, eifrig durcheinander schwatzten. Als das Thema erschöpft war, fragte wiederum ich, was es bei uns Neues gebe? wie es gehe? Und nun schilderten sie mir begeistert, wie ganz Russland vor kurzem die Feier der Mündigkeitserklärung des Thronfolgers, des jetzigen Zaren, begangen habe.

Die deutschen Polizisten hatten gegen Bescheinigung mein Gepäck und mich selbst abgeliefert und waren wieder abgezogen, wohl etwas enttäuscht, denn eine Belohnung war ihnen, wenigstens in Granitza, nicht ausbezahlt worden. – Nach einigen Stunden erschien ein Gendarmerieoffizier und befahl einigen der Leute, sich bereitzuhalten, um mich zu eskortieren, da ich mit dem nächsten Zuge weiter sollte.

Ich sah, dass er einem von ihnen das von den deutschen Polizisten übergebene Geld einhändigte. Ich zog also unbemerkt das russische Geld, das ich versteckt hatte, hervor und übergab es dem Offizier, da ich fürchtete, man könnte es bei einer sorgfältigeren Visitation finden. – Er war hocherstaunt und fragte, ob ich denn in Deutschland nicht visitiert worden sei? Dann befahl er nochmals, meine Kleider zu durchsuchen, was denn auch mit aller Gründlichkeit geschah. Aber das übrige deutsche Geld und die Schere fand man trotzdem nicht.

* * *

Über Warschau nach Petersburg

Über Warschau nach Petersburg

Drei Gendarmen begleiteten mich auf der Reise nach Petersburg. In Warschau, wo wir in der Nacht ankamen, erwartete mich ein Oberst der Gendarmerie. Wie die meisten Gendarmerieoffiziere war er sehr höflich und gesprächig.

„Sie sind an dem Tschigiriner Prozesse beteiligt?“ fragte er, und als ich das bejahte, fügte er zum Troste hinzu:

„Nun, das ist ja schon so lange her. Das war doch zur Zeit des polnischen Aufstandes? – Da kommt Ihnen das Manifest zugute, man wird Ihnen nicht viel anhaben.“

Zur Zeit des polnischen Aufstandes war ich noch nicht einmal acht Jahre alt! Das illustriert, wie wenig manche der Gendarmerieoffiziere über die politischen Prozesse Bescheid wissen, die doch ihr eigentliches Metier sind.

Die freundliche Teilnahme hinderte ihn natürlich nicht, meinen Wächtern die strengsten Verhaltungsbefehle zu geben, was ich im Wagen sitzend belauschen konnte.

„Habt mir gut Acht auf ihn! – Das Fenster darf nicht geöffnet werden; er darf den Wagen nicht verlassen. – Dass ihr nicht unterwegs schläft!“ flüsterte er.

Die Gendarmen aber ließen sich dadurch nicht stören, behandelten mich nach wie vor mit aller Zuvorkommenheit und zeigten nicht die geringste Furcht, dass ich ihnen davonlaufen könnte.

Als wir in Petersburg ankamen, erwartete uns ein Gendarmeriekapitän und führte mich in einer geschlossenen Droschke direkt nach der Peter-Pauls-Feste.


Peter-Pauls-Feste – Foto: Andrew Shiva

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VI. Die Peter-Pauls-Feste

VI. Die Peter-Pauls-Feste

Ein sonderbares Gefühl beschlich mich, als ich sah, dass man mich nach diesem Kerker führte, den die Regierung der Zaren speziell für die Staatsverbrecher eingerichtet hat, den man von alters her in Russland nur mit Schaudern nennt. Düstere Gedanken waren es, mit denen ich ihm nahte, aber auch die Neugierde stellte sich ein. Ich wusste wohl, dass in dieser Feste ein grausiges Regime herrscht, aber ich war eigentlich neugierig, es persönlich kennen zu lernen. Die Wirklichkeit entsprach in der Tat meinen Vorstellungen.

Kaum hatte man mich in irgendeine Kammer gebracht, als der Verwalter des Kerkers, Gendarmerieoberst Lesnik, mir befahl, mich bis auf die Haut zu entkleiden. Ein paar Gendarmen untersuchten mich aufs sorgfältigste und reichten mir dann, statt meine Sachen, Gefängniswäsche und einen gestreiften baumwollenen Kittel, wie sie in den Krankenhäusern üblich sind, und ein Paar Pantoffeln. Meine eigenen Sachen dagegen wurden fortgeschafft. Dann wurde ich in eine Zelle im Erdgeschoss eingeschlossen.

Alles ging hier lautlos vor sich, ohne jedes Geräusch, ohne dass jemand ein Wort sprach. Es war, als ob hier nicht Menschen jahrelang lebten, sondern als ob man in einem Totenhause wäre. Einzig die Glockenschläge der Uhr unterbrachen die Stille, wobei jedes Mal die Nationalhymne erklang: „Ehre, Ehre sei dir, russischer Zar.“

Die Zelle war geräumig, aber finster, da das Fenster ganz oben an der Decke sich befand; es war kalt hier, trotzdem es im Mai war; die Sonne drang hier niemals herein, und die Wände waren feucht. Außer der eisernen Bettstelle mit Strohsack, Kissen und dünner Baumwolldecke war ein gleichfalls eiserner Tisch und ein Sitzbrett vorhanden, beides an die Wand geschmiedet, und der übliche, einen Gestank ausströmende „Kübel“. Schon gegen 3 Uhr nachmittags herrschte hier Dunkelheit, obgleich in diese Zeit in Petersburg die bekannten „Hellen Nächte“ fallen, wo es überhaupt nicht dunkel wird. Vor allem aber machte sich die Kälte entsetzlich fühlbar, die wohl der Lage der Zelle zuzuschreiben war, besonders aber der unzureichenden Kleidung. Um mich zu erwärmen, marschierte ich bis zur vollsten Erschöpfung hin und her von einem Winkel in den anderen; kaum aber setzte ich mich auf einige Minuten nieder, so fror ich am ganzen Körper. Auch im Bette fühlte ich dieselbe durchdringende Kälte, weil die Decke gar zu luftig war. – Die Kost bestand aus einem Laib Kommissbrot von ungefähr zwei Pfund und dem Mittagessen aus zwei Gerichten, die nicht schlecht waren, doch war es zu wenig, und dazu waren die Speisen immer kalt, weil sie weit hergebracht wurden. Als Untersuchungsgefangener hätte ich mir aus eigenen Mitteln eine bessere Verpflegung verschaffen können, aber lange Zeit war es nicht möglich, weil die Gendarmen, die mich hergebracht, mein Gepäck und das Geld dem Gendarmerieoffizier übergeben hatten, und dieser hatte es an das Polizeidepartement abgeliefert. Am schlimmsten jedoch war, dass auch meine Brille auf diese Weise fehlte und ich somit nicht lesen konnte, was ebenfalls den Untersuchungsgefangenen gestattet wird. Es wurden mir daher die Tage und auch die Nächte unendlich lang. Ich versuchte alles Mögliche, um mir Beschäftigung zu verschaffen; ich versuchte Rechenexempel zu lösen, natürlich „Kopfrechnen“, weil Schreibzeug nicht bewilligt wurde, ich erzählte mir selber Geschichten und frischte alle Erlebnisse aus. Schließlich verfiel ich darauf, eine Zeitung „herauszugeben“. Wenn ich morgens aufgestanden und mich gewaschen hatte, aß ich ein Stück Brot, und dann „las ich meine Zeitung“. Erst kam natürlich ein „Leitartikel“ über eine höchst aktuelle Frage, dann die „Rundschau“, „Stadtnachrichten“, das „Feuilleton“ usw. Aber nach einigen Tagen war natürlich der Stoff erschöpft, und die „Spalten meiner Zeitung“ wurden recht uninteressant, dabei konnte dieses „Lesen“ nicht den ganzen Tag ausfüllen; übrigens war ich auch bei Nacht oft wach, weil die Kälte mich nicht einschlafen ließ; so lief ich denn auf und ab, auf und ab wie ein Tier in seinem Käfig.

Die Spaziergänge brachten gleichfalls keine Abwechslung in das ewige Einerlei, weil sie nur jeden zweiten Tag stattfanden und sehr kurz dauerten: die Zeit zum Einkleiden und Auskleiden eingerechnet – es wurden die eigenen Kleider zu diesem Zwecke hereingebracht – nur eine Viertelstunde. Dabei fanden sie in einem von hohen Mauern eingeschlossenen Gefängnishofe statt, wo natürlich zu dieser Zeit außer Gendarmen und Schildwachen niemand zu sehen war. Mit den wachthabenden Gendarmen das geringste Gespräch anzuknüpfen, auch nur auf die einfachste Frage eine Antwort zu erhalten, war absolut unmöglich. Was man auch fragen mochte, sie starrten einem direkt ins Gesicht und schwiegen.

Nach einigen Tagen fand ich jedoch einige Beschäftigung; ich vernahm ein leises und schwaches Klopfen, das irgend weither an der Wand vernehmbar war. Als ich einige Jahre vorher im Gefängnis saß, hatte ich gelernt, mich dieses Verständigungsmittels zu bedienen, und das verabredete Alphabet fiel mir sofort ein. [Für den deutschen Leser sei bemerkt, dass es sich um ein altes, von allen Staatsgefangenen oft angewendetes Mittel handelt. Die Buchstaben des Alphabets werden in eine bestimmte Anzahl Reihen gruppiert, zum Beispiel:

a b c d e f

g h i k l m

n o p r s t

u v w x y z

Man bildet also Worte, indem man jeden einzelnen Buchstaben durch eine Anzahl Schläge an die Wand bezeichnet, und zwar bezeichnet man erst durch die Zahl der Schläge die horizontale Lage, in welcher der Buchstabe steht, dann seinen Platz in dieser Reihe. Um zum Beispiel das Wort „ich“ zu bezeichnen, klopft man zweimal, kurze Pause, dreimal, längere Pause; einmal, kurze Pause, dreimal, längere Pause, zweimal, kurze Pause, zweimal. Eine langwierige Prozedur, aber Eingekerkerte haben Zeit im Überfluss; ganze lange Erzählungen werden auf diese Weise mitgeteilt. Nicht nur die Zellennachbarn können sich derart verständigen, sondern der Schall ist oft in weitabgelegene Zellen, wenn sie eine gemeinsame Mauer haben, hörbar. Der Übersetzer.]

Es ist schwer, meine Freude zu beschreiben, als ich die wohlbekannten Laute vernahm und glaubte, dass sie mir galten. Aber ich sollte mich bitter täuschen. Als ich durch Klopfen antworten wollte, sah ich alsbald, dass es nicht mir galt, sondern dass zwei Freunde sich hier unterhielten und auf meine Versuche, mich ihnen „vorzustellen“, nicht antworteten. Dieses Klopfen war in der Feste streng verboten, und die beiden wollten einen dritten, ihnen Unbekannten nicht in ihre Gesellschaft aufnehmen, weil sie fürchteten, bloßgestellt und der Möglichkeit, miteinander zu verkehren, beraubt zu werden. Ich musste mich darauf beschränken, zuzuhören, was sich die beiden in ihren kurzen Gesprächen mitzuteilen hatten. Es waren stereotyp wiederkehrende Sätze: „Guten Tag!“ – „Wie hast du geschlafen?“ – „Was treibst du?“ – worauf die Antwort erfolgte: „Guten Tag!“ – „Gut.“ – „Trinke Tee.“ Aber selbst um den Austausch derart nichtiger Phrasen beneidete ich die beiden. Ich erfuhr nicht einmal, ob da ein Mann und eine Frau miteinander sprachen oder zwei Männer.

Ich weiß nicht genau, wie lange es dauerte, bis ich zum ersten Mal verhört wurde, aber es sind sicher acht bis zehn Tage gewesen. Bis zu diesem Tage hatte man mich, seit ich in Russland war, nicht nur nicht verhört, sondern man hatte nicht einmal nach meinem Namen gefragt. Wie eine Sache, wie ein Postpaket, das von auswärts kam, wurde ich mit den entsprechenden „Begleitscheinen“ von einer Hand in die andere gegeben, ohne dass man sich für meinen Namen interessierte. Die Gendarmen schienen zu wissen, dass ich den Namen Buligin angenommen hatte, während ich in Wirklichkeit Deutsch sei; aber was ich eigentlich verbrochen, wussten meine Schutzengel nicht und schienen sich auch nicht dafür interessiert zu haben. In der Peter-Pauls-Feste bedurfte es auch eigentlich keines Namens; man redete mich hier in unpersönlicher Form an, oder richtiger, man redete überhaupt nicht, man verständigte sich einfach durch Gebärden.

* * *

Der Staatsanwalt als Landsmann

Eines Morgens wurden mir meine Kleider gebracht. Ich glaubte, es handle sich um den üblichen Spaziergang, wurde aber in ein Zimmer geführt, wo an einem mit blauem Tuche bedeckten Tische drei Herren in der Kleidung der Justizbeamten saßen. Mir wurde ein Stuhl angeboten, und einer der Beamten erklärte mir, er sei der Untersuchungsrichter „für besonders schwere Fälle“ am Petersburger Gerichtshof, Olschaninoff, dann stellte er den einen seiner Genossen als den Staatsanwalt Murawjeff [Den jetzigen Justizminister.] vor; den Namen des dritten erfuhr ich nicht.

Es begann das Verhör. Auf die Frage nach meinem Namen usw. antwortete ich sofort wahrheitsgemäß. Ich war bereits vorher zu dem Schlusse gekommen, dass ich nichts mehr zu verlieren und nichts zu hoffen hatte. Dann erzählte ich den wirklichen Verlauf des Attentats gegen Gorinowitsch, wobei ich natürlich keinen Namen Unbeteiligter nannte und nicht im geringsten versuchte, mich zu entlasten; ich wusste, dass ich niemand mehr helfen und noch weniger schaden konnte, wenn ich die volle Wahrheit sagte, weil alle irgend verdächtigen Personen, wie bereits erwähnt, schon fünf Jahre vorher abgeurteilt waren; mich selbst konnte ich ebenso wenig belasten wie entlasten, meine Strafe war ja von vornherein durch die Bedingungen der Auslieferung, die zwischen Russland und Baden vereinbart waren, bestimmt. Es blieb mir also nur übrig, im Interesse der historischen Wahrheit diese Episode unserer Bewegung richtig darzustellen. Das glaube ich auch erreicht zu haben.

Während des Verhörs, das der Untersuchungsrichter leitete, stellte auch der mir unbekannt gebliebene Beamte Fragen an mich. Es ging mir mit diesem Manne ähnlich wie mit Professor Thun in Freiburg – ich erkannte ihn nicht sofort; später zeigte es sich, dass ich ihn von Kiew her kennen musste, wo er 1877 in meinem Prozesse eine Rolle spielte; sein Name war Kotljarewski. Damals war er Vertreter des Staatsanwalts, jetzt bekleidete er den gleichen Posten am Appellationsgerichtshof in Petersburg, wo er speziell die politischen Prozesse zu leiten hatte. Obwohl dieser Mann bei den Revolutionären im schlechtesten Rufe stand und auch mit einem Attentat von Osinski und Genossen (im Februar 1878) bedroht wurde, freute ich mich gewissermaßen, ihm hier in der finsteren Peter-Pauls-Feste zu begegnen, es war immerhin ein bekanntes Gesicht, ein Landsmann aus Kiew. Auch er verhielt sich freundlich gegen mich, und bald hatten wir ein Gespräch angeknüpft und erzählten uns unsere Erlebnisse in den letzten Jahren. Um den Untersuchungsrichter, der unterdessen das Protokoll aufsetzte, nicht zu stören, setzten wir uns abseits nieder und plauderten in aller Gemütlichkeit. Er bemerkte, dass ich mich stark verändert hätte, seit wir uns zuletzt gesehen. „Nicht nur äußerlich, meine ich, aber auch Ihr Charakter hat sich stark verändert“, sagte er.

Das mochte stimmen. Als sehr gescheiter und durchtriebener Mensch zeichnete sich Kotljarewski stets durch scharfe Beobachtung aus, und diese Eigenschaft wusste er vorzüglich bei den politischen Prozessen auszunützen.

„Erinnern Sie sich, was für ein Hitzkopf Sie damals waren? Wie Sie einmal mir beinahe ein Tintenfass an den Kopf geworfen hätten?“

Ich konnte mich dieses Vorfalls noch genau erinnern und merkte sofort, warum er darauf zurückkam. Es handelte sich darum, dass ich während meiner Haft in Kiew im höchsten Grade nervös erregt war, furchtbar heftig und reizbar, und zum Teil aus diesem Grunde, zum Teil als Mitglied der „Buntari“ speziell daran festhielt, dass bei jeder Gelegenheit die Kampfesstellung gegen alles, was Behörde heißt, kundzugeben sei; da kam es einmal zu einem Zusammenstoß zwischen mir und Kotljarewski: er bestand darauf, dass ich das Protokoll unterschreibe, was ich unbedingt verweigerte. In höchster Wut ergriff ich das Tintenfass und war bereit, es ihm an den Kopf zu werfen, wenn er mich nicht in Ruhe ließe. Er bemerkte meine Absicht, bewahrte aber seine Ruhe, rief den Schließer und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Als der Mann sich eiligst entfernte, glaubte ich, der Staatsanwalt lasse die Wache holen, um mich in den Karzer zu sperren. Wie groß aber war meine Verwunderung und Freude, als nach einigen Minuten die Tür sich öffnete und mein Freund Stefanowitsch auf der Schwelle stand, der im gleichen Gefängnis saß, ohne dass ich ihn bisher hätte sehen können. Es war eine ungemein freudige Überraschung für uns, als wir einander erblickten.

„Haben Sie die Güte, Ihren Kameraden zu beruhigen“, wandte sich Kotljarewski an Stefanowitsch, „seine Nerven scheinen überreizt zu sein.“

Schon damals lernte ich die Gewandtheit des Mannes schätzen und sagte ihm jetzt, er habe mich in Kiew gentlemanlike behandelt, was ihm sehr angenehm zu sein schien.

Im Verlaufe des Gesprächs drückte ich ihm meine Verwunderung darüber aus, dass, obgleich ich von Deutschland als gemeiner Verbrecher ausgeliefert sei, man mich nach der Peter-Pauls-Feste gebracht hatte, wo doch bekanntlich nur Staatsverbrecher gehalten werden.

„Auch begreife ich nicht“, fügte ich hinzu, „warum man mich nach Petersburg gebracht hat, während doch die Tat, deren ich angeklagt bin, in Odessa stattgefunden hat, und dem Gesetze nach hat der Prozess dort stattzufinden, wo die Tat begangen wurde.“

Darauf gab mir Kotljarewski keine Antwort. Dagegen versprach er, sich dafür zu verwenden, dass mir die Möglichkeit geboten werde, mich aus eigenen Mitteln zu beköstigen, er würde darüber mit dem Direktor des Polizeidepartements Plehwe sprechen.

Kurz darauf wies mir Oberst Lesnik eine bequemere Zelle im ersten Stockwerk an und behandelte mich auch sonst fortan etwas besser. Zwei Tage nach jenem Verhör teilte er mir mit, dass mein Geld und mein Gepäck aus dem Polizeidepartement eingetroffen seien und ich mir jetzt Lebensmittel und Tabak anschaffen könne. Ich freute mich besonders darauf, dass ich meine Brille erhalten würde.

* * *

Der grausame Arzt

Der grausame Arzt

Doch stellte sich heraus, dass es dazu einer Anordnung des Gefängnisarztes bedurfte. Dieser erschien denn auch bald. Es war ein Greis von 60 bis 70 Jahren und hatte den Rang eines Generals; er war bekannt als roher und geradezu grausamer Patron, wofür er mir alsbald den Beweis lieferte. Er tat mir die Augenlider in die Höhe, streifte mich mit einem drohenden Blick und erklärte kurzerhand, ich hätte durchaus normale Augen und brauche keine Brille. In Wirklichkeit aber leide ich nach Ansicht hervorragender Augenärzte an einer seltenen Anomalie der Augen und muss schon seit dem achtzehnten Lebensjahr eine Brille beim Lesen benutzen.

Die Weigerung des Gefängnisarztes erregte mich aufs äußerste, brachte mich der Verzweiflung nahe. Ich war bereit zu schreien, zu flehen und zu fluchen, nur mit Mühe konnte ich mich beherrschen.

„Ich bitte Sie, Sie irren unbedingt, ich kann wahrhaftig ohne Brille nicht eine Zeile lesen!“ rief ich. „Bedenken Sie doch, was Sie tun: Sie verurteilen mich zu der schlimmsten Folter, indem Sie mir die einzige Zerstreuung rauben, die hier zulässig ist!“ Es half alles nichts, der Mann blieb unerschütterlich und wiederholte stumpfsinnig die Phrase: „Nein, Sie brauchen keine Brille“; damit ging er. Ich ballte krampfhaft die Fäuste, ohnmächtige Wut erfüllte mich. Noch ein Augenblick, und ich hätte die Selbstbeherrschung verloren...

Doch was blieb mir übrig? Ich musste auch das ertragen. Was erträgt der Mensch nicht alles? Aber jedes Mal, wenn ich an diesen Arzt in der Rolle des Henkers dachte, wallte mein Blut auf. Es blieb mir als einziges Zerstreuungsmittel die Zigarette, sie wurde mein Freund und Genosse in der Einsamkeit. Für Gefangene ist überhaupt das Rauchen ein Hochgenuss, man fühlt sich dabei weniger verlassen, verstoßen.

* * *

Eine flüchtige Bekanntschaft

Eine flüchtige Bekanntschaft

Wieder schleppte ich meine Tage in qualvoller Untätigkeit hin ... Da drangen eines Morgens Laute an mein Ohr! Es wurde geklopft, und zwar in meiner nächsten Nähe. „Gilt es mir?“ Ich antwortete sofort mit den bekannten Zeichen durch einige Schläge an die Wand. Es galt mir. Welche Freude! Ich werde erfahren, wer von den Kameraden hier sitzt, werde mit einem Menschen Gedanken austauschen ... „Wer sind Sie? An welchem Prozess beteiligt?“ entziffere ich die Laute. Ich ergreife den Kamm, den einzigen beweglichen harten Gegenstand, der im Gefängnis zulässig ist, und klopfe meinen Namen. Mein Partner ist erstaunt: „Wie kommen Sie hierher?“ fragte er. „Und wer sind Sie?“ klopfe ich, „Kobiljanski“ war die Antwort.

Ich war nicht minder erstaunt, ihm hier, wenn man sich so ausdrücken darf, zu „begegnen“. Persönlich hatten wir uns nicht kennen gelernt, doch wusste ich, dass er wegen Teilnahme an verschiedenen terroristischen Unternehmungen im Jahre 1880 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wurde und vor längerer Zeit schon nach den sibirischen Bergwerken auf der Kara deportiert worden war. Wie kam er also nach der Peter-Pauls-Feste? Ich brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was geschehen war. Aber ebenso ungeduldig war er, zu erfahren, wie es kam, dass man mich eingefangen. Ich musste nachgeben. Jedoch kaum hatte ich ihm in möglichst kurzen Sätzen mitgeteilt, dass man mich in Deutschland abgefasst und ausgeliefert hatte, wurde ich durch den Ruf unterbrochen:

„Sie klopfen?!“

Ich sprang auf und blickte mich um: vor mir stand Oberst Lesnik in Begleitung einiger Gendarmen; man hatte mich beobachtet, in aller Stille die Tür geöffnet und mich überrascht. Ein Ausweichen gab es nicht, da ich ja auf frischer Tat ertappt wurde.

„Dass Sie es wissen: wenn Sie sich noch einmal unterstehen, Ähnliches zu treiben, so kommen Sie wieder in das Erdgeschoss, und ich entziehe Ihnen die Erlaubnis, zu rauchen und spazieren zu gehen.“ Damit ging er.

Ich fühlte mich in der Lage eines Schulbuben, den man wegen einer Unart abgekanzelt hat. Das Klopfen wird überall in den Gefängnissen verboten, aber es ist ein menschliches Bedürfnis, wie das Sprechen für jeden Menschen. Vorläufig musste ich jedoch die Hoffnung aufgeben, zu erfahren, warum Kobiljanski aus Sibirien zurückgebracht ward. [Später erfuhr ich darüber folgendes: Im Mai 1882 waren einige der politischen Verbrecher aus dem Kerker auf der Kara entsprungen; sie wurden bald wieder eingefangen. Darauf wurden die furchtbarsten Maßregeln in jenem Kerker eingeführt und beschlossen, die „besonders gefährlichen Elemente“ fortzuschaffen. Man wählte nach den blödesten Motiven dreizehn Mann, von denen nur vier an der Flucht teilgenommen, und schaffte sie nach der Peter-Pauls-Feste und später nach Schlüsselburg, wo ein besonderes Gefängnis für politische Verbrecher mit geradezu entsetzlichem Regime eingerichtet wurde. Unter diesen befand sich Kobiljanski, obwohl er nicht an der Flucht teilgenommen hatte. Fast alle diese Unglücklichen fanden in der Schlüsselburger Feste ihren Tod: Butsinski, Gelis, Ig. Iwanoff, Kobiljanski, Jurkowski und Tschedrin. Nur einer lebt noch – Michael Popoff.]

Kurze Zeit nach diesem Vorfall wurde mir zu ungewohnter Stunde mein Anzug gebracht. Ich nahm an, dass es einem Verhör gelte. Doch nein, man schien mich ganz fortschaffen zu wollen: es erschien der Gendarmeriekapitän, der mich von der Bahn hergebracht hatte, mein Gepäck wurde herbeigeschafft.

„Wohin geht es, nach Odessa?“ Der Offizier gab keine Antwort.

„Wahrscheinlich führt man mich zur Bahn“, dachte ich, als ich in Gesellschaft des Kapitäns in der Droschke saß.

Es war einer jener Übergangspunkte während der „weißen Nächte“ in Petersburg, wo man sich nicht klar wird, ob es dämmert oder tagt. Das Wetter war herrlich, und ich fühlte mich erleichtert bei dem Gedanken an die Reise nach Odessa. Doch nein, der Wagen schlägt einen anderen Weg ein, es geht nicht nach dem Bahnhof. Bald hielten wir im Hofe eines gewaltigen Steinbaues, es war das Untersuchungsgefängnis.

* * *

VII. Veränderte Gefängnisordnung

VII. Veränderte Gefängnisordnung

Als der Gendarmerieoffizier mich dem Gefängnisdirektor übergab, deutete er mit dem Finger auf eine Stelle in dem Begleitschein. Jener fixierte mich hierauf scharf: es war klar, dass es sich um die Warnung handelte, mich streng zu überwachen wegen meiner früheren Flucht.

Ich sah sofort, dass die Gefängnisordnung hier minder scharf war: meine Habseligkeiten wurden mir, nachdem sie noch einmal visitiert waren, in die Zelle gebracht. Als ich sie zu Gesichte bekam, sah ich vor allen Dingen nach, ob das verborgene Geld und die Schere noch vorhanden waren, und richtig, ich fand sie! Trotz der eifrigen Untersuchung in der Feste und hier hatte man sie ebenso wenig gefunden wie bei den früheren Visitationen. Die Schere versteckte ich auf alle Fälle wieder, die deutschen Banknoten wollte ich wechseln, um wenigstens einen Teil des Geldes zur Verfügung zu haben. Das war freilich nicht so einfach! Ich begann die Schließer zu beobachten; es waren ihrer drei auf dem Korridor, an dem meine Zelle lag. Am zugänglichsten schien mir der, welcher mein Gepäck untersucht hatte, und ich beschloss, ihn zu kapern. Ich holte das Geld aus dem Versteck und rief den Mann, als er Dienst hatte, in meine Zelle.

„Was wünschen Sie?“ fragte er eintretend und die Türe hinter sich schließend.

„Haben Sie mein Gepäck richtig durchsucht, als man mich hier einlieferte?“

„Ja freilich! Was ist los?“ Er tat ganz erschrocken.

„Ei, nichts Besonderes“, beruhigte ich ihn. „Nur muss ich Ihnen sagen, dass Sie nicht zu suchen verstehen. Da sehen Sie, das Geld war dabei, Sie haben es nicht gefunden.“ Damit hielt ich ihm die Banknoten unter die Nase.

„Das kann nicht sein, ist ganz unmöglich! Ich habe alles durchsucht. Wo hatten Sie es versteckt?“

„Nun, das ist mein Geheimnis. Aber jetzt passen Sie mal auf: es ist deutsches Geld; wenn man es wechselt, gibt es ungefähr 50 Rubel; nehmen Sie es, und wenn Sie abgelöst werden, gehen Sie damit nach einer Wechselstube – es hat deren viel auf dem „Prospekt“ – und lassen es wechseln. Die Hälfte gehört Ihnen, das übrige mir. Einverstanden?“

„Gut, ich besorge es.“ Er nahm das Geld und ging.

„Er beißt an!“ dachte ich bei mir und begann alsbald daraufhin Pläne zu schmieden. Ich wusste aus früherer Erfahrung, dass vor allem geheime Verbindungen mit der äußeren Welt herzustellen sind. Wir Revolutionäre hatten schon wiederholt solche Verbindungen hergestellt, indem die Schließer gegen hohe Belohnung es unternahmen, Briefe hin und her zu befördern? [Im Süden, in Kiew, nannten wir einen solchen Schließer „Brieftaube“.] – Als ich jetzt sah, wie leicht der Mann auf meinen Vorschlag einging, überlegte ich alsbald weitere Schritte. Nach einigen Tagen, sagte ich mir, versuchen wir es mit einem Brief, den er zur Post schafft, dann schicke ich ihn mit einem Auftrag an einen meiner Bekannten; ist erst die Verbindung hergestellt ... wer weiß, vielleicht wird etwas daraus ...

* * *

Ein fehlgeschlagener Plan

Ein fehlgeschlagener Plan

Am Vormittag hatte ich dem Schließer das Geld übergeben, und den ganzen Tag war ich ungemein erregt. Der Mann schaute mehrere Mal durch das Guckloch in der Türe, lächelte und nickte mir zu, was ich in der gleichen Weise erwiderte. Gegen Abend kam er jedoch wieder in meine Zelle und brachte das Geld zurück.

„Nehmen Sie, ich fürchte hereinzufallen ... Sehen Sie, da ist vor kurzem ein Kollege hereingefallen, der hatte zwei Uhren bei sich, die man fand, und er wurde entlassen ... Sehen Sie, der Dienst ist hier nicht schlecht, 25 Rubel bekommen wir monatlich; so etwas findet man nicht leicht wieder. Nein, ich fürchte mich, nehmen Sie es zurück ... ich habe Familie.“

Natürlich drang ich nicht weiter in ihn, weil ich wohl wusste, dass wenn der Mann keine Courage hat, er jedenfalls sich nicht zur „Brieftaube“ entwickeln wird. Da ich aber auf diese Weise keine Möglichkeit mehr hatte, das Geld insgeheim wechseln zu lassen, forderte ich ihn auf, die Scheine dem Verwalter zu übergeben, damit dieser sie zu dem übrigen Gelde lege.

„Sagen Sie ihm. Sie hätten es beim Durchsuchen meiner Sachen gefunden.“

„Nein, das geht nicht, es würde Skandal geben, weil ich nicht gleich ablieferte. Ich will lieber die Wahrheit sagen, dass Sie es mir erst jetzt übergeben haben.“

So waren meine Luftschlösser in Nebel zerronnen. Das Geld wurde dann richtig in Verwahrung genommen, ohne dass man weitere Nachforschungen unternommen hätte.

Meine Bücher wurden mir in einigen Tagen übergeben, und auch die Gefängnisbibliothek durfte ich benützen. Man kann sich denken, wie ich nach der langen Entsagung in der Feste mich in die Lektüre vertiefte. Auch Schreibzeug wurde mir bewilligt. In mancher Beziehung hatte ich es also besser in diesem Gefängnis als in der Peter-Pauls-Feste. Doch gab es auch manche Schattenseiten. Die kleinen Zellen mit den steinernen Fußböden wurden in der Sommerhitze zu wahren Backöfen; in der Zelle war es schwül zum Ersticken und staubig. Auch die Kost stand quantitativ und qualitativ der in der Feste nach. Am schlimmsten aber stand es mit den „Spaziergängen“; man stelle sich einen riesigen Kreis vor, der durch Zäune, die im Zentrum zusammenliefen, in eine Anzahl Sektoren geteilt ist; in diesen „Viehverschlägen“ ließ man uns herumlaufen; man sah dabei nur die Bretterzäune und ein winziges Stückchen Himmel. Allerdings durften wir alle Tage dreiviertel Stunden auf diese Weise Luft schöpfen, aber auf die Dauer wurde es recht fad, in dem „Verschlage“ sich zu „erholen“.

Im Gegensatz zu der unheimlichen Stille in der Peter-Pauls-Feste ging es hier ungemein lebhaft zu. Von allen Seiten hörte man Geschrei und Lärm. Die Fenster des Korridors führten nach der Straße hinaus, und so drang das Geräusch des Straßenlebens oft in die Zelle; man hörte die Wagen vorüberrasseln und das Schreien der Straßenverkäufer, oder ein Leierkastenmann gab seine Melodie zum Besten. Zuweilen träumte man sich in die Freiheit zurück und fühlte umso schwerer die Last des Kerkerlebens.

* * *

Besuch des Ministers

Besuch des Ministers

Eines Tages ging es besonders lebhaft auf den Korridoren zu; es wurde geputzt, gereinigt, ausgebessert; man schien sehr hohen Besuch zu erwarten. In der Tat erfuhr ich alsbald, dass der Justizminister Nabokoff das Gefängnis visitieren würde. Bald darauf erschien er denn auch in meiner Zelle, von einer zahlreichen Suite begleitet. Als ihm mein Name genannt wurde, begrüßte er mich und sagte:

„Ich habe Ihre Aussagen gelesen; – sie haben mir sehr gefallen, weil sie wahrhaftig zu sein scheinen. Ich würde wünschen, dass Sie vor Gericht auch so aussagen.“

Ich antwortete ihm das gleiche, was ich bereits oben über meine Aussagen bemerkt habe, nämlich, dass es mir dabei nur auf die Feststellung der historischen Wahrheit ankomme.

Er ging, kehrte jedoch noch einmal wieder und stellte ein paar gleichgültige Fragen, aber es sah aus, als wollte er eigentlich von ganz anderen Dingen reden. – Beim Sprechen beugte er sich etwas vor und hielt die Hand ans Ohr; sein ganzes Benehmen war schlicht und einfach.

* * *

Staatsgeheimnis

Staatsgeheimnis

In der Suite befand sich auch Kotljarewski; er blieb einen Augenblick zurück und sagte mir, dass er mit mir sprechen wolle, wenn der Minister fort sei; nach einiger Zeit wurde ich denn auch zu ihm in einen Raum geführt, der als Schulzimmer diente.

„Ich habe kein Verhör mit Ihnen anzustellen, sondern ich möchte einfach mit Ihnen plaudern, alte Erinnerungen auffrischen“, sagte Kotljarewski. Wir setzten uns auf eine der Schulbänke und waren bald in eifriges Gespräch vertieft.

An eine Bemerkung meinerseits anknüpfend, kam Kotljarewski auf die Frage zu sprechen, die ich bei unserer ersten Unterredung an ihn gerichtet hatte, warum man mich in die Peter-Pauls-Feste gesperrt hatte?

„Ja, sehen Sie, da kamen höchst wichtige Staatsinteressen in Erwägung“, meinte er. „Die Sache ist die: werden Sie vor ein gewöhnliches Gericht gestellt und nur wegen des Attentats gegen Gorinowitsch angeklagt, so werden Sie zu acht bis zehn Jahren nach Sibirien verdonnert. Das aber war nicht genehm in höheren Kreisen.“

Er betonte die letzten Worte scharf.

„Aber man kann doch gar nicht anders handeln!“ rief ich verwundert; „Deutschland hat doch an meine Auslieferung bestimmte Bedingungen geknüpft.“

„Na, das ließe sich schon machen! Wir sind jetzt mit Bismarck gut Freund; er würde uns schon den kleinen Gefallen erweisen. Man könnte ja zur Not die Sache so darstellen, dass Sie nach der Auslieferung ein Staatsverbrechen begangen haben. Da fällt mir übrigens ein: die Deutschen haben alle Notizen, die Sie sich im Freiburger Gefängnis gemacht haben, hergeschickt.“

Ich war im höchsten Grade erstaunt. Es fiel mir ein, dass ich in der Tat aus Langeweile in Freiburg dies und jenes niedergeschrieben hatte, Notizen, Pläne usw., aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie diese Blätter in die Hände der russischen Regierung gelangt sein konnten, da ich alle Manuskripte bei der Abreise vernichtet hatte. Wahrscheinlich verhielt sich die Sache so: während man mich spazieren gehen ließ, durchstöberte man meine Papiere und entwendete einzelne Blätter, die dann nach Russland geschickt wurden. Immerhin schien es mir unmöglich, dass man auf Grund solcher Aufzeichnungen eine neue Anklage konstruieren und den Auslieferungsvertrag mit Deutschland abändern könnte. Als ich dieses sagte, erwiderte mir Kotljarewski:

„Seien Sie unbesorgt, das bringt man schon fertig! Nichts wäre leichter, als eine Einwilligung Deutschlands zu erlangen, und dann würde man Sie nach Gebühr aburteilen. Leute, die weniger auf dem Kerbholz hatten als Sie, Malinka, Drebjasgin, Maidanski, sind längst hingerichtet. Und Sie? Aus dem Gefängnis sind Sie durchgebrannt, als man Sie wegen des Attentats gegen Gorinowitsch endlich erwischt hatte; dann haben Sie noch volle acht Jahre allerlei angestiftet, haben noch mit Stefanowitsch die Tschigiriner Verschwörung angezettelt usw. usw. Und diese vielen Geschichten sollen Ihnen jetzt nicht mehr als einige Jahre Zwangsarbeit einbringen? – das passte der Regierung nicht in den Kram! – Als man Sie also ausgeliefert hatte, wurde in den Höheren Kreisen eine besondere Beratung abgehalten. Ich war natürlich nicht dabei, ich zähle nicht zu den Auserwählten, aber man hat mir erzählt, was es dort gab. Anfangs waren alle einig, eine Änderung des Auslieferungsvertrages herbeizuführen, damit man Sie vor ein Ausnahmegericht stellen könne. Dann – Sie können es sich ungefähr denken – hätte man kurzen Prozess mit Ihnen gemacht! Aber einer von den Hauptpersonen kamen Bedenken, dieser Herr meinte: „Gut, Deutschland wird uns den Gefallen tun; ist das aber ein Vorteil für uns? Jetzt hat man den Deutsch abgefasst; morgen kann in irgendeinem anderen Lande ein noch viel besserer Fang gemacht werden. Dann dürfte es aber schwer werden, die Auslieferung des Betreffenden zu erlangen; die Presse wird Lärm schlagen, man wird behaupten, Russland respektiere die Verträge nicht, und wird sich auf das Beispiel mit Deutsch berufen? Diese Ansicht gewann die Majorität, und nur deshalb hat man beschlossen, die Anklage gegen Sie nur wegen des Attentats gegen Gorinowitsch zu erheben. Aus diesem Grunde nun hatte man Sie in der Peter-Pauls-Feste gelassen, bis der Beschluss feststand.“

Es ist möglich, dass Kotljarewski mir dieses „Staatsgeheimnis“ verriet, um mir die Zunge zu lösen: vielleicht aber hat er in der Tat dabei keine Hintergedanken gehabt, sondern aus freien Stücken aus der Schule geschwatzt. Im weiteren Verlaufe des Gesprächs berührte er die verschiedensten Dinge. Als unter anderem die Rede von den politischen Verfolgungen in Russland war, wies ich darauf hin, dass so oft absolut harmlose Menschen zu grausamen Strafen verurteilt werden.

„Was wollen Sie“, erwiderte er, „wo Bäume gefällt werden, gibt es Späne. Schon die alten Römer wussten: summa jus, summa injuria. Übrigens bin ich persönlich gegen die Todesstrafe. Ich sage mir: in einem großen Staate sind politische Verbrechen unvermeidlich; unter einer Bevölkerung von vielen Millionen muss es stets ein paar tausend Unzufriedene geben. Natürlich muss man gegen die Wühler vorgehen. Aber eine starke Regierung kann sie unschädlich machen, ohne zur Todesstrafe greifen zu müssen.“

Bei diesem Thema angelangt, fragte er dann scheinbar nebenbei, wie viel Terroristen nach meiner Meinung wohl noch in Russland vorhanden sein können? Ich antwortete, dass ich darüber nichts wisse, da ich selbst nicht der terroristischen, sondern der sozialdemokratischen Partei angehöre.

„Freilich, aber als ‚befreundete Macht’ werden Sie doch wohl annähernd über die Stärke der Terroristen orientiert sein. Ich glaube nämlich, dass es nur noch ganz wenige sein können“, meinte er.

In jener Zeit waren in der Tat nur noch sehr wenige aktive Terroristen in Russland übrig geblieben. Ich wollte aber Kotljarewski in seiner Meinung über die „befreundete Macht“ nicht bestärken und sagte ihm, dass meiner Schätzung nach „kaum einige tausend Terroristen vorhanden sein könnten, nicht mehr“.

„Wo denken Sie hin“, rief er, „das ist ganz unmöglich! Ich rechne höchstens ein paar hundert; in der letzten Zeit haben ja Massenverhaftungen stattgefunden.“

Ich widersprach ihm, was ihn zu ärgern schien.

Zu jener Zeit, das heißt im Sommer 1884, waren in dem Untersuchungsgefängnis eine Anzahl Personen inhaftiert, die verschiedener „Staatsverbrechen“ beschuldigt waren. Eines dieser „Verbrechen“, das die Verhaftung zahlreicher Personen in Petersburg, Moskau, vielen kleineren Städten und selbst in Sibirien veranlasst hatte, nannte Kotljarewski „die Affäre der alten Hosen“. Auf meine Frage erzählte er mir folgendes über diese Haupt- und Staatsaktion:

„Bei einer Haussuchung hatte man einen Zettel gefunden, auf dem die Namen jener Personen verzeichnet waren, die behilflich waren, die politischen Gefangenen mit Kleidern, Wäsche und ähnlichem zu versehen.

„Daraufhin hat man unzählige Personen verhaftet und versucht nun, einen großen Prozess anzuzetteln wegen des ‚Geheimbundes’ unter dem Namen ‚Das rote Kreuz der Narodnaja Wolja’“, fuhr Kotljarewski fort, wobei er offenbar auf die Gendarmerie anspielte. „Gendarmerie und Staatsanwaltschaft liegen sich nämlich oft in den Haaren und fechten manche Intrige gegeneinander aus. – Eine nette Verschwörung in der Tat, bei der es sich darum handelt. Gefangene mit gebrauchten Kleidern und Wäsche zu versehen! Ich nenne daher diesen Prozess ‚die Affäre der alten Hosen’. Ich habe mich jetzt damit zu befassen und versuche die Geschichte auf administrativem Wege zu erledigen.“ [Eine solche Erledigung könnte für die Beteiligten immerhin noch schlimm genug ausfallen. – „Auf administrativem Wege“ kann nämlich die Gendarmeriebehörde in Russland Leute einkerkern und für viele Jahre in die Verbannung nach Sibirien oder den „entlegenen Gouvernements“ schicken. Anmerkung des Übersetzers.]

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Der Schriftsteller als Zellennachbar

Der Schriftsteller als Zellennachbar

Außer vielen Gefangenen, die in diesen Hosenprozess verwickelt waren, saßen damals im Untersuchungsgefängnis eine Anzahl bekannter Schriftsteller: Protopopoff, Kriwenko, Stanjukiewitsch, Erthel. Der erstgenannte war mein Zellennachbar, und bald „klopften“ wir. Freilich war es nicht ohne Missverständnis abgelaufen. Nachdem ich ihm meinen Namen genannt hatte, hörte er plötzlich auf, mir zu antworten. Ich wusste mir keinen Vers darauf zu machen. Es vergingen dann mehrere Tage; ich hörte ihn auf und ab gehen in der Zelle, vernahm seine Stimme, wenn er mit dem Schließer sprach, aber meine Signale ließ er unbeantwortet. Ich schloss, dass er sich fürchte, abgefasst zu werden, obwohl das Gefängnispersonal hier nicht besonders gegen diesen Brauch einzuschreiten schien, und gab meine Versuche auf. Nach längerer Zeit aber meldete er sich wieder: „Warum verheimlichen Sie mir Ihren Namen?“ fragte er. Ich antwortete sofort, dass ich von Anfang an meinen Namen genannt hätte, und wiederholte ihn nun, worauf er sich eiligst entschuldigte: „Ich habe Sie für einen Spion gehalten, weil ich den Namen nicht entziffern konnte; es schien mir, als hätten Sie absichtlich so undeutlich geklopft, um Ihren Namen zu verbergen.“

Jetzt kamen wir bald ins Gespräch. Wir hatten gemeinsame Freunde und waren daher dem Namen nach einander bekannt. Naturgemäß hatten wir das Bedürfnis, einander auch von Angesicht kennen zu lernen, und griffen zu diesem Zwecke zu folgender List: Aus den Fenstern unserer Zellen, die im fünften Stockwerk lagen, konnte man die „Viehverschläge“ sehen; da wir aber zu gleicher Zeit den „Spaziergang“ machten, so mussten wir nach Übereinkunft jeder einen Tag den Spaziergang aussetzen, und damit der in der Zelle Verbliebene den anderen erkenne, wurde ein Zeichen verabredet. Auf diese Weise lernten wir einander auch äußerlich kennen. Nun sollten wir noch unsere Stimmen gegenseitig hören; auch das wurde erreicht. Wir wussten nämlich, dass in diesem Gefängnis die politischen Gefangenen nicht nur miteinander sprechen, sondern sogar einander kleine Gegenstände durch die Röhren der Wasserklosetts zustecken. Die Leitung war nämlich so eingerichtet, dass je zwei Zellen in allen sechs Stockwerken miteinander verbunden waren; auf diese Weise konnten sich also je zwölf Gefangene miteinander in Verbindung setzen und bildeten einen „Klub“. Wir hatten denn auch bald die Sache ausgetüftelt. Wir ließen gleichzeitig jeder in seiner Zelle das Spülwasser ablaufen; auf diese Weise entstand ein Hohlraum in der Leitung, der wie ein Sprachrohr wirkte; wenn wir in der Klosettöffnung sprachen, so konnte man die Stimme vorzüglich in der Nachbarzelle hören, und infolge der Spülung wurden wir durch den Geruch nicht im mindesten belästigt.

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VIII. Neue Befürchtungen

VIII. Neue Befürchtungen

Meine Stimmung während der Haft im Petersburger Untersuchungsgefängnis war zweifellos im Allgemeinen besser denn früher. Im Freiburger Kerker war ich in beständiger Aufregung gewesen, sehnte mich nach der Freiheit, die ich zu erreichen hoffte. In der Peter-Pauls-Feste war ich niedergedrückt und verzweifelt; jetzt war mir alles gleichgültig: „Also Zwangsarbeit im sibirischen Bergwerk! Ob es zehn Jahre werden oder fünfzehn, das bleibt sich schließlich gleich“, dachte ich. Die Zukunft war verloren, das Leben hin. Es ist recht schwer, sich mit diesem Gedanken auszusöhnen, besonders wenn man sich körperlich stark und gesund fühlt, aber man fügt sich auch darein.

Zuweilen allerdings regten sich plötzlich Hoffnung, Träume von unerwartetem Glück in ferner Zukunft; dann jagten wohl die Gedanken in wilder Hast lieblichen Gaukelbildern nach ... Aber ich hatte in Freiburg gar zu bittere Enttäuschungen erlebt und verscheuchte daher jetzt diese lockenden Träume, sobald sie auftauchten. Ich geriet in solchen Augenblicken geradezu in Wut und fluchte den trügerischen, verräterischen Gaukelbildern meiner Phantasie ... „Possen!“ rief ich mir selbst zu; „im Gegenteil, das Schicksal wird dir sicher noch unerwartet einen bösen Streich spielen!“ Ich suchte mich also auf das Schlimmste gefasst zu machen.

Wochen waren vergangen, seit man mich in das neue Gefängnis gebracht, und während der ganzen Zeit hatte man mich nicht ein einziges Mal verhört; ich wusste gar nicht, wie meine Sache eigentlich stand. „Vielleicht ist man in ‚höheren Kreisen’ abermals anderen Sinnes geworden und sucht nach einem neuen Mittel, um mich als ‚Staatsverbrecher’ zu behandeln“, dachte ich zuweilen, wenn mir das Gespräch mit Kotljarewski einfiel. – „Warum verhört man mich nicht? Warum stellt man mich nicht vor Gericht? Warum schafft man mich nicht nach Odessa? Sicher geht da wieder etwas vor.“

„Machen Sie sich bereit, man holt Sie!“ sagte mir an einem wunderschönen Julimorgen der Schließer, als ich gerade vom Spaziergange zurückgekehrt war und mich in besonders guter Stimmung befand.

Eine Lohndroschke erwartete mich an der Tür, und ich stieg mit den Gendarmen ein. Natürlich war von diesen Begleitern nicht zu erfahren, wohin die Fahrt ging. Diese Ungewissheit fiel mir, obgleich sie nicht sehr lang dauerte, schwer, machte mich nervös. Nach einer halben Stunde ungefähr hielt der Wagen in einem Hofe. Ich wurde in eine winzige Zelle, mit einem kleinen Fenster, dessen Scheiben weiß angestrichen waren, geführt.

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Der Gendarmerie-Oberst

Der Gendarmerie-Oberst

Als ich auf und ab wanderte, bemerkte ich an dem Guckloch an der Tür einen Offizier, der mich unablässig beobachtete.

„Darf man zu Ihnen?“ fragte er schließlich, zögernd das Guckfensterchen öffnend.

„Eine sonderbare Frage! Ich bin hier nicht bei mir, sondern bei Ihnen!“

Die Tür ging auf, und verbindlichst lächelnd trat ein junger Mann in der Uniform eines Gendarmerieobersten ein.

„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Oberst Iwanoff“; er machte eine Verbeugung und schlug klirrend die bespornten Hacken aneinander.

„Ich verstehe Sie wirklich nicht! Wollen Sie mir, bitte, sagen, wo ich mich eigentlich befinde? Wozu man mich hergeführt hat?“

„Hier ist das Büro der Gendarmerieverwaltung; man hat Sie hergebracht, um Sie zu verhören, und wird Sie wohl bald zum Staatsanwalt führen. Ich dagegen möchte nur mit Ihnen plaudern und alte Erinnerungen auffrischen; wir haben viele gemeinsame Bekannte.“

„Woher kennen Sie mich denn?“ fragte ich verwundert.

„Aber ich bitte Sie“, rief er lächelnd, „es gibt wohl in ganz Russland kaum einen intelligenten Menschen, der Sie dem Namen nach nicht kennen würde!“

Der Herr schien sich selbst also der „Intelligenz“ zuzuzählen, jener Schicht der russischen Gesellschaft, die gerade zu jener Zeit in den besten russischen Zeitschriften gegen die reaktionäre Strömung sich verteidigen musste. In Anbetracht der russischen Pressverhältnisse war es sogar üblich, wenn man von den Revolutionären sprach, sie harmlos als „die Intelligenz“ zu bezeichnen.

„O, wir haben viele gemeinsame Bekannte“, fuhr der Oberst fort. „Ich habe alle Ihre Genossen gekannt: Malinka, Drebjasgin, Maidanski. Ich war früher Gendarmerieadjutant in Odessa und habe sie dort alle kennen gelernt. Das waren wirklich prächtige Menschen!“

Jetzt begriff ich, warum dieser Herr trotz seiner Jugend bereits Oberst in dem Gendarmeriekorps der Hauptstadt war. Die großen politischen Prozesse gegen Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre boten vielen Gendarmerieoffizieren und Staatsanwälten Gelegenheit, schnell vorwärts zu kommen. Leben und Freiheit der „Staatsverbrecher“ waren der Preis, um die sie Karriere machten. Wahrscheinlich hatte auch dieser Herr keine geringe Rolle bei der Verurteilung meiner Genossen zum Tode und zu Zwangsarbeit gespielt, derselben Menschen, denen er jetzt Lob spendete! Vielleicht war er der Urheber des genialen Gedankens, mit Hilfe des Verräters Kurizin den Opfern Fallen zu stellen. [Kurizin war infolge des Attentates gegen Gorinowitsch verhaftet worden und wurde zum Verräter, was jedoch die übrigen Verhafteten nicht wussten. Man schloss ihn mit den Verhafteten in eine Zelle, damit er sie aushorche. Auf diese Weise hat er einige Leute den Henkern ausgeliefert, andere mussten seinen Verrat mit vielen Jahren Zwangsarbeit in Sibirien büßen. Soviel ich weiß ist er jetzt irgendwo als Tierarzt angestellt.]

Die Unterhaltung mit dem liebenswürdigen Obersten kam nicht recht in Fluss, und ich war froh, als man mich rief.

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Verhör in Bezug auf die Ermordung des Generals Mensenzeff

Verhör in Bezug auf die Ermordung des Generals Mensenzeff

Ich wurde in ein komfortabel eingerichtetes Zimmer geführt, wo Staatsanwalt Kotljarewski auf einem Fauteuil vor einem großen Tische saß und in Akten blätterte.

„Ich habe hier einige Schriftstücke, die sich auf Sie beziehen“, erklärte er mir und begann vorzulesen.

„Anfangs August 1878“, las er, „hat die Witwe des ermordeten Barons Heyking, Adjutant des Gendarmeriekorps, in der Nähe der Wohnung des Generals Mesenzeff zwei junge Leute bemerkt, die dem General auflauerten ...“ [Mesenzeff, General der Gendarmerie, ist am 17. August 1878 von den Revolutionären auf offener Straße in Petersburg getötet worden.] Einen dieser jungen Leute nun wollte die Baronin in mir wiedererkannt haben. Am nächsten Tage will sie die beiden abermals auf der Lauer gesehen haben, als sie mit ihrem Cousin, dem Baron Berg, spazieren ging. – Dann kam ein Schriftstück, in dem der Baron Berg die Aussagen der Dame bestätigte.

Es gab eine Zeit – im Jahre 1878 und 1879 –, wo meine Person die Phantasie zahlreicher Menschen aufs lebhafteste beschäftigt haben muss, und viele gaben sich dazu her, mir die Urheberschaft oder die Teilnahme an Vorgängen, die damals an allen Enden Russlands vorkamen, anzudichten. Diese Phantasien fanden den Weg auch in die Presse, und ich selbst war zuweilen erstaunt, wenn ich in den Zeitungen las, was ich alles zuwege gebracht haben sollte; ich kam mir vor wie der leibhaftige Rinaldo Rinaldini (Rinaldo Rinaldini ist eine literarische Figur aus Christian August Vulpius’ Roman Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann, der 1799 in Leipzig in drei Bänden erschien). So weiß ich mich zu erinnern, dass am 25. Mai 1878, als ich noch im Kerker saß, in Kiew eine reiche Gutsbesitzerin ermordet wurde; es handelte sich wohl um einen Raubmord. In der darauffolgenden Nacht wurde Baron Heyking erschossen, und in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai floh ich mit zwei Genossen aus dem Gefängnis. Bald konnte ich in den Zeitungen lesen, dass nach Ansicht besonders scharfsinniger Leute sowohl die Gutsbesitzerin als der Baron Heyking von keinem anderen umgebracht sein können als von mir selbst! Danach hätte ich also zweimal das Gefängnis verlassen müssen, um in den beiden Nächten zwei Menschen umzubringen, wäre jedes Mal wieder in den Kerker zurückgekehrt, um schließlich in Gesellschaft zweier Kameraden zu verduften.

Auf dem gleichen Niveau absoluten Unsinns befand sich die Aussage über meine Teilnahme an dem Attentat gegen General Mesenzeff. – Nachdem Kotljarewski mir die Schriftstücke verlesen, fragte er, was ich dazu zu sagen hätte.

„Es scheint, dass die Regierung den Plan nicht aufgibt, mich in Sachen zu verwickeln, die im Auslieferungsvertrag nicht erwähnt sind“, sagte ich. „Ich weigere mich also, irgendwelche Fragen zu beantworten, die sich auf andere Anklagen beziehen.“

„Nun, wenn Sie die Aussage verweigern, lassen wir das“, meinte in aller Seelenruhe Kotljarewski und klappte seine Akten zusammen. „Ich kann Ihnen übrigens sagen, dass ich den Aussagen dieser Herrschaften gar keine Bedeutung beimesse. Soviel ich weiß, waren Sie bereits im Auslande, als Mesenzeff ermordet wurde.“

Ich bejahte. Er schien große Lust zu haben, mich trotzdem noch zu Aussagen in dieser Angelegenheit zu bewegen, da ich aber darauf nicht einging, begann er bald über gleichgültige Dinge zu plaudern. Unter anderem wollte er auch unsere sozialistische Propaganda und unsere Anschauungen erörtern, als ich ihm aber einige Schnitzer nachwies, gestand er, dass ihm unsere Schriften unbekannt waren.

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Begegnung mit Herrn Bogdanowitsch

Begegnung mit Herrn Bogdanowitsch

Während wir sprachen, tauchte auf einmal Herr Bogdanowitsch, der mich in Freiburg rekognosziert hatte, aus einem Nebenzimmer auf. Er begrüßte mich und setzte sich an den Tisch. Wir begegneten uns jetzt ohne allen Groll, als ob wir niemals das scharfe Rencontre miteinander gehabt hätten.

„Sagen Sie, bitte“, wandte ich mich an ihn, „die Sache ist ja nun schon vorbei, wann haben Sie mich in Kiew gesehen? Ich kann mich dessen wirklich nicht erinnern.“

Lachend erklärte er mir, er habe mich einmal im Gefängnis gesehen. Aber an seinem Tone merkte ich, dass er flunkerte. Die Sache verhielt sich wahrscheinlich so, dass er mich in Freiburg einfach auf die Beschreibung Kotljarewskis hin erkannt hatte. Ich war neugierig zu wissen, wann eigentlich die badischen Behörden erfahren hatten, mit wem sie es zu tun haben. Als ich danach fragte, erklärte mir Bogdanowitsch:

„Dass Sie nicht Buligin heißen, erfuhren die Badenser einige Wochen vor der Auslieferung. Damals wurde die Überwachung verschärft, man stellte eine Schildwache vor das Gefängnis. Und dass Sie Deutsch sind, wurde etwa zehn Tage vor meiner Ankunft mitgeteilt.“

Jetzt war mir klar, warum man mir, wie ich erzählte, eine andere Zelle im Gefängnis anwies und warum der Staatsanwalt v. Berg mir die Erlaubnis, russisch zu sprechen, verweigerte, als ich Besuch erhielt.

Beim Abschied fragte ich Kotljarewski, ob man mich wohl bald vor das zuständige Gericht stellen würde. Er tat, als wenn er selbst erstaunt sei, dass man mich so lange in Petersburg behalte.

Das war meine letzte Begegnung mit diesem Herrn. Später erfuhr ich in Sibirien von den eintreffenden Genossen, dass er sich bei den politischen Prozessen geradezu niederträchtig benahm und den größten Hass der Verfolgten gegen sich wachgerufen habe. Man erzählte, dass selbst der vorgesetzten Behörde sein Treiben zu bunt wurde, weshalb man ihm die politischen Prozesse entzog. Vor einigen Jahren war er Vorsitzender des Gerichtshofs in Wilna, wo er jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen.

Nach dem geschilderten Verhör war ich umso mehr überzeugt, dass die Regierung sich noch nicht dazu bequemt hatte, mir keinen anderen Prozess als den wegen des Attentats gegen Gorinowitsch aufzuhalsen. Jeden Tag erwachte ich mit dem Gedanken, was wohl Neues noch angezettelt werde, ob man mich nicht wieder einem ähnlichen Verhör unterziehen werde. Aber es verging Tag auf Tag, ohne dass irgendetwas unternommen wurde. Es wurde Juli und August, und ich saß noch immer in meiner Zelle.

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Abreise

Abreise

Erst am Ende des Monats August erschienen abermals Gendarmen, und ich erhielt Befehl, mich reisefertig zu machen – man hatte sich endlich entschlossen, mich nach Odessa zu bringen. Als der Wagen durch die Straßen rollte, nahm ich mit Wehmut Abschied von meinem lieben Petersburg, das ich nie wieder zu sehen hoffte...

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IX. Ein Hoffnungsstrahl

IX. Ein Hoffnungsstrahl

Die Reise nach Odessa ging ohne besondere Ereignisse vonstatten. Die Ortsveränderung, die Eisenbahnfahrt, der Anblick von Menschen, ihre Gespräche, das Getriebe auf den Bahnhöfen, alles das wirkte natürlich belebend auf mich ein. Aber die Gegenwart dreier Gendarmen ließ mich nicht für einen Augenblick vergessen, dass ich ein Gefangener sei, der dem Gerichte zugeführt wird. Der Gedanke an die Flucht verließ mich daher nicht, und einmal schien es allerdings, dass die Umstände günstig seien. Es war Nacht; wir befanden uns bereits in der Nähe von Odessa. Ich war eingeschlummert, und als ich erwachte, sah ich, dass alle drei Gendarmen in tiefsten Schlaf verfallen waren. Mein Herz begann in tollen Schlägen zu hämmern. Mein erster Gedanke war, die Schere aus dem Versteck hervorzuziehen, den Bart abzuscheren, dann über die schlafenden Wächter hinwegzuschreiten, auf die Plattform zu gelangen und vom Zuge zu springen. Aber in demselben Augenblick erwachte einer der Gendarmen, er weckte die beiden anderen durch Rippenstöße, schimpfte sie aus, dass keiner wache. Ich stellte mich schlafend und hörte die Szene mit an.

In Odessa erwartete mich ein Gefängniswagen mit vergitterten Fenstern. Anfangs wurde ich in einem Gefängnis für politische Gefangene untergebracht, das von Gendarmen bewacht wurde. Als man meine Sachen visitierte, fiel plötzlich die Schere zu Boden. Das setzte den Verwalter, einen gewesenen Gendarmen, in nicht gelindes Erstaunen. „Schöne Ordnung scheinen sie in Petersburg zu haben!“ rief er. „Eine Schere selbst lassen sie dem Gefangenen!“

Er glaubte, ich hätte sie offen in meinem Gepäck geführt, und ich ließ ihm natürlich den Stolz, schlauer zu sein als seine Kameraden in der Hauptstadt.

Es ging in diesem Gefängnis ähnlich zu wie in der Peter-Pauls-Feste; ebenso groß, ziemlich düstere Zellen, ebenso erträgliche Kost, die gleiche streng formalistische Haltung der Gendarmen und die gleiche ununterbrochene Stille ringsum. Um auch hier sofort die Lage infolge der Auslieferungsbedingungen von Seiten Deutschlands zu pointieren, drückte ich bei der Ankunft mein Erstaunen darüber aus, dass man mich in ein Gefängnis für Staatsverbrecher bringe. Ob dieser Protest oder eine Instruktion aus Petersburg es bewirkte – man brachte mich nach einigen Tagen in das Kriminalgefängnis.

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Ein unerhörtes Regime

Ein unerhörtes Regime

Es war Abend. Ich werde diesen Abend wohl nie im Leben vergessen. Man führte mich in eine Zelle, und als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, konnte ich anfangs nichts sehen. Die Zelle war finster, und nur durch das kleine Fenster in der Tür fiel ein schwacher Lichtstrahl von einer Lampe, die sich außerhalb befand. Als sich das Auge so an die Dunkelheit gewöhnt hatte, begann ich mein neues Quartier zu mustern; die Zelle war kreisrund, weder Pritsche, Stuhl oder Tisch waren vorhanden, am Boden lag etwas Stroh, der „Kübel“ stand daneben und ein hölzerner Wassereimer – sonst nichts. Ich war höchst erstaunt und glaubte, es handle sich um ein Missverständnis. Ich ging zur Tür und bemerkte durch das Guckloch, dass zwei Soldaten mit dem Gewehr im Arme Wache standen, während auf einer Bank in der Nähe ein Gendarm und ein Polizeidiener saßen. Ich hatte schon manches Gefängnis gesehen, aber diese Einrichtung war mir neu.

„Hören Sie, was ist denn das? Wo ist die Bettstelle, die Matratze?“ fragte ich, den Kopf durch das Fensterchen steckend.

„Weiß nicht!“ gab der Gendarm roh zur Antwort.

„So rufen Sie den Verwalter!“

Er rührte sich nicht. – Nach einiger Zeit erschien der Vertreter des Verwalters.

„Sagen Sie mir, was das zu bedeuten hat?“ fragte ich, auf die Einrichtung der Zelle deutend.

„Ich weiß gar nichts“; antwortete er, „wir haben alles nach Befehl gemacht; wenden Sie sich an den Vertreter der Staatsanwaltschaft, der morgen hier sein wird.“

Ich fühlte mich furchtbar niedergedrückt. Selbst auf und ab gehen konnte ich anfangs in dieser tollen Zelle nicht. „Was fange ich an, wie soll ich mich verhalten, wenn man dieses Regime nicht ändert?“ überlegte ich, auf dem Boden sitzend, den Kopf in die Hände gestützt. Schließlich übermannte mich die Müdigkeit, ich streckte mich, ohne mich zu entkleiden, auf das Stroh hin. Kaum aber war ich eingeschlafen, als ich wieder aufsprang: Mäuse waren in das Stroh gekrochen und krabbelten darin herum. Ich begann auf und ab zu laufen. Jetzt fühle ich, dass die Luft zum Ersticken war, der „Kübel“ strömte Gestank aus; der Raum, wo die vier Wächter sich aufhielten, war winzig klein, und die verdorbene Luft drang in die Zelle. Ich wollte lüften, aber das war unmöglich, weil das Fenster hoch oben an der Decke war und nicht geöffnet werden konnte.

Ungeduldig erwartete ich den Tag, weil ich hoffte, man würde mich jetzt wenigstens Luft schöpfen lassen. Die Stunden schleppten sich endlos dahin. Wieder warf ich mich auf das Stroh, um bald wieder wegen der Mäuse aufzuspringen. Endlich dämmerte der Tag.

„Führen Sie mich an die Luft!“ wandte ich mich an den Gendarmen, der hier die Rolle des Schließers zu spielen schien.

„Habe keinen Befehl“, war die Antwort.

Gegen Mittag erschien der Vertreter des Staatsanwalts. Ich wies ihn auf die furchtbare Lage, in die man mich versetzt hatte, und forderte Remedur; er hörte mich an, versicherte aber, er könne nichts ändern.

„So erklären Sie mir gefälligst, was im Wege steht, mir eine Bettstelle zu gewähren?“

„Sie könnten sie an das Fenster stellen, um zu entfliehen.“

„Aber bitte, überlegen Sie doch nur, was Sie da sagen; vier bewaffnete Leute überwachen mich; wenn ich auf ein Bett steige, gelange ich noch immer nicht an das Fenster, ohne dass einer der Wächter mich bemerkt, dann bin ich doch erst am Fenster im fünften Stockwerk, unter welchem eine Schildwache auf und ab geht, des Weiteren hätte ich noch eine haushohe Mauer zu übersteigen, an deren Außenseite abermals eine Schildwache postiert ist. Sie müssen doch einsehen“, suchte ich den Mann zu überzeugen, „dass unter diesen Umständen ein Fluchtversuch absolut ausgeschlossen ist.“

„Wer kann das wissen!“ rief er; „Sie sind schon mehrmals entwischt.“

„Nur zweimal im ganzen“, korrigierte ich.

„Das reicht gerade. Nun, ich kann nicht.“

Damit ging er.

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