Read the book: «Die weiße Giraffe»


Mit Illustrationen von David Dean
Aus dem Englischen von
Christoph Renfer
Verlag Freies Geistesleben
Für die zehnjährige Sophie, die Pferde und Giraffen liebt, so wie ich.
• 1 •

Aller guten Dinge sind drei, heißt es oft. Martine hatte da ihre eigene Ansicht. Es kam ganz darauf an, was man mitzählte und wie schwer es wog. So konnte sie zum Beispiel sagen, drei gute Dinge hatten sich zusammen mit einem schlechten ereignet, und dabei war das schlechte das allerschlimmste, was sich denken ließ. Oder ein anderes Ereignis war so unscheinbar, dass sie ihm in dem Moment gar keine Beachtung schenkte, und wiederum ein anderes, das sie als Pech einschätzte, erwies sich später als das größte Glück. Doch wie sie es auch durchrechnen mochte, eines war klar: Die Nacht, in der Martine Allen elf Jahre alt wurde, war die Nacht, in der sich ihr Leben restlos, vollständig und gänzlich veränderte und nie mehr werden sollte, wie es einmal war.
Es war Silvester. Martine lag schlafend im Bett und träumte von einem Ort, den sie noch nie gesehen hatte. Sie war sich dessen so sicher, weil dieser Ort zu schön war, als dass sie ihn je hätte vergessen können. Nach allen Seiten erstreckten sich Rasenflächen, gesäumt von Bäumen und exotischen Blumen. Dahinter ragte ein Berg mit erhabenen Granitfelsen in den stahlblauen Himmel. Kinder lachten und liefen hinter Schmetterlingen durch Beetemit rosafarbenen Blumen, und aus der Ferne drangen Trommeln und Gesang an ihr Ohr. Doch irgendetwas war ihr nicht ganz geheuer. Gänsehaut überzog ihren Körper.
Plötzlich begann der Himmel, in einem fiebrigen, violetten Licht zu brodeln, und ein stahlgraues Wolkenband wälzte sich wie eine dicke Tischdecke über die Flanke des Berges hinab. Innerhalb weniger Sekunden wurde der sonnige Tag zur düsteren Nacht. Dann rief eines der Kinder: «Schaut mal, was ich gefunden habe.»
Es war eine Wildgans mit einem gebrochenem Flügel. Doch statt ihr zu helfen, begannen einige der Kinder, die Gans zu quälen. Martine, die den Anblick einer leidenden Kreatur nicht ertragen konnte, versuchte, sie davon abzuhalten, doch in ihrem Traum wandten sich die Kinder gegen sie. Als Nächstes lag sie weinend am Boden, das verletzte Tier in ihren Armen.
Dann geschah etwas ganz Seltsames. Ihre Hände, die die Wildgans umschlossen hielten, wurden erst warm, dann heiß, bis sie beinahe glühten und ein elektrischer Strom knisternd durch Martines Körper schoss. Durch Rauchschwaden sah sie schwarze Männer mit gehörnten Antilopenmasken und Feuer schnaubende Nashörner, dazwischen ertönten Stimmen aus den Urtiefen der Zeit. Sie wusste, dass sie zu ihr sprechen wollten, doch sie konnte sie nicht verstehen. Plötzlich rührte sich der Vogel. Martine öffnete ihre Arme, die Gans flatterte mit den Flügeln und flog in den violetten Himmel davon.
In ihrem Traum blickte sie lächelnd auf, doch die anderen Kinder lächelten nicht zurück. Sie starrten sie mit einer Mischung aus Schrecken und Fassungslosigkeit an. «Hexe!», riefen sie ihr entgegen, «Hexe! Hexe! Hexe!», kreischten sie und kamen auf sie zu. Schluchzend flüchtete Martine bergauf in einen dunklen Wald hinein. Doch ihre Beine waren schwer wie Blei, Dornen bohrten sich in ihre Knöchel, und schon bald hatte sie sich im Nebel verlaufen. Und die ganze Zeit wurde es ihr wärmer und wärmer. Dann griff eine Hand nach ihr, und sie konnte nur noch schreien.

Schließlich erwachte Martine von ihren eigenen Schreien. Sie schoss auf. Um sie herum war es stockdunkel, und es dauerte eine Weile, bis sie verstand, dass sie in ihrem Bett saß und geschlafen hatte. Nichts von alldem war geschehen. Es gab weder Berg noch Vogel. Sie war in Sicherheit, zu Hause im englischen Hampshire, und auf der anderen Seite des Flurs schliefen ihre Eltern seelenruhig in ihrem Zimmer. Mit pochendem Herzen ließ sie sich in ihr Bett zurückfallen. Sie fühlte sich ein bisschen schwindlig, und es war ihr immer noch heiß, sehr heiß.
Heiß? Wie konnte es ihr nur heiß sein? Mitten im Winter? Martine riss die Augen auf. Irgendetwas stimmte nicht. Fieberhaft tastete sie nach dem Schalter der Nachttischlampe, doch die funktionierte aus irgendeinem Grund nicht. Hinter der Schlafzimmertür flackerte ein orangefarbenes Licht, und durch die Türritzen drangen Rauchschwaden ins Zimmer.
«Feuer!», schrie Martine. «Feuer!»
Sie sprang aus dem Bett, blieb mit dem Fuß in den Laken hängen und stürzte zu Boden. Eine unbändige Angst trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie wischte sie mit einer raschen Handbewegung aus dem Gesicht. Wenn ich jetzt nicht klar denke, sagte sie bei sich, komme ich hier nie lebend raus. Nun verfärbte sich der Türrahmen in einer Ecke glühend rot und brach weg. Ein dichter Rauchschwaden drang in das Zimmer. Martine musste stark husten. Fieberhaft tastete sie auf dem Fußboden nach dem Sweatshirt, das sie am Vorabend beim Anziehen des Pyjamas dort liegen gelassen hatte. Sie jubelte fast vor Dankbarkeit, als sie es sofort fand, und schlang es sich um das Gesicht. Dann rappelte sie sich auf, stemmte das Fenster nach oben und lehnte sich in die sternlose Nacht hinaus. Was sollte sie bloß tun? Springen?
Martine stand vor Schrecken gelähmt da. Tief unten glitzerte der Schnee wie zum Spott in der Dunkelheit. Hinter ihr füllte sich das Zimmer immer mehr mit Rauch, und das Feuer dröhnte wie ein Hochofen. Es war glühend, es war mörderisch heiß – so heiß, als würde ihr der Pyjama demnächst vom Rücken schmelzen. Das Fenster war ihr einziger Fluchtweg. Sie schwang die Beine über das Fenstersims und griff nach einer Efeuranke. Doch diese war so nass wie frisch geernteter Salat, sodass sie ihr aus der Hand glitt und Martine beinahe vornüber vom Sims kippte. Sie wagte einen zweiten Versuch, diesmal wischte sie jedoch zuerst den Schnee vom Efeu und tastete hinter der Ranke nach einem Rohr oder irgendetwas anderem, das ihr Halt bieten könnte. Doch da war nichts.
Martines Augen tränten. Auch wenn sie wusste, dass sie nur noch Sekunden von einer Katastrophe trennten, schwang sie sich wieder in das Zimmer hinein, riss die Laken vom Bett, knüpfte sie aneinander und band ein Ende an den Bettpfosten, der dem Fenster am nächsten war. Es blieb ihr keine Zeit, die Vorrichtung zu testen. Sie konnte nur hoffen, dass sie halten würde. Wieder kletterte sie hastig über die Fensterbank und klammerte sich mit beiden Händen an die zusammengeknoteten Laken. Es war ihr klar, dass diese nicht bis ganz unten reichen würden, doch vielleicht konnte sie damit wenigstens bis in Bodennähe kommen.
Martine war noch weit oben, als ihre Finger, die sich im eiskalten Wind wie tiefgefrorene Fischstäbchen anfühlten, den Halt verloren, und sie in den Schnee stürzte.Mit Mühe und vor Kälte schlotternd, rappelte sie sich auf und schleppte sich die Wand entlang vor das Haus. Sie war pitschnass, und eine Hand schmerzte sie, doch als sie um die Hausecke hinkte, verschwendete sie keinen Gedanken mehr daran. Sie brauchte ihre ganze Energie, um das schreckliche Bild zu verarbeiten, das sich ihren Augen bot. Ihr Zuhause war ein einziges Flammenmeer. Aus allen Fenstern schoss das Feuer, und dichter Rauch stieg in den Nachthimmel empor. Auf dem Rasen stand eine Menschengruppe, und je mehr Haustüren sich in der Straße öffneten, desto mehr Menschen kamen zusammen. Sirenen kündigten die bevorstehende Ankunft der Feuerwehr an.
«Mama! Papa!», schrie Martine und lief auf den Hauseingang zu.
Schockierte Gesichter wandten sich ihr zu. Es war, als würden alle gemeinsam nach Atem ringen. Die ältere Dame von nebenan öffnete den Mund, als sie Martine über den Rasen rennen sah, doch sie brachte keinen Ton heraus. Mr. und Mrs. Robinson, die in derselben Straße etwas weiter oben wohnten, standen wie angewurzelt da, doch im letzten Moment fasste sich Mr. Robinson, ein stämmiger Mann, der früher einmal Rugby gespielt hatte, ein Herz und warf sich Martine in den Weg, als sie an ihm vorbeistürmte.
«Lassen Sie mich los», sagte Martine schluchzend, doch während sie diese Worte aussprach, wusste sie, dass es zu spät war. Die Hausmauern stürzten krachend in sich zusammen, und nach wenigen Minuten war nur noch ein lodernder Haufen zu sehen. Die Feuerwehr, die inzwischen eingetroffen war, konnte nur noch die Glut löschen.
Mrs. Morrison legte ihre Arme um Martine und drückte sie fest gegen sich. «Es tut mir ja so leid, mein Schatz», sagte sie, «so leid.» Dann kamen auch andere Nachbarn, um sie zu trösten, und Mrs. Robinson hüllte Martine, die immer noch in ihrem Pyjama dastand, in ihren Wintermantel.
Durch ihren Tränenschleier glitzerten die funkelnde Glut und die Blasen des Löschschaums wie Rubine und Diamanten im Morgengrauen. Noch vor wenigen Stundenhatte sie mit ihren Eltern ein Geburtstagessen genossen. Sie hatten Pfannkuchen gemacht, diese mit Mandeln, Bananenstückchen und heißer Schokolade belegt und gerollt, sodass sie sie mit den Händen essen konnten. Martine und ihre Mutter hatten über David, ihren Vater, gelacht, der unaufhörlich geredet hatte, ohne zu merken, dass Schokolade aus dem Pfannkuchen auf sein Hemd tropfte. Nur etwas war geschehen, das Martine im Nachhinein seltsam vorkam.
Es war beim Schlafengehen. Ihre Mutter hatte sie geküsst und war ihr auf der Treppe vorangegangen. Sie kam, gefolgt von ihrem Vater, hinterher. Vor ihrer Zimmertür umarmte er sie, wuschelte in ihren Haaren und sagte ihr, «ich hab dich lieb». So war es jeden Abend. Doch dann sagte er etwas Sonderbares.
«Du musst Vertrauen haben, Martine. Alles, was passiert, hat seinen Grund.»
Und sie hatte ihn angelächelt, sich darüber gefreut, wie süß ihre Eltern zu ihr waren, selbst wenn sie ihr manchmal etwas schrullig vorkamen, und war in ihr Zimmer gegangen. Sie ahnte nicht, dass dies die letzten Worte sein sollten, die er je zu ihr sagen würde. Und sie ahnte auch nicht, dass sie weder ihren Vater noch ihre Mutter je wiedersehen würde.

• 2 •

Es war Mr. Grice vom Sozialamt, der Martine mitteilte, dass sie nach Afrika ziehen würde, nach Kapstadt in Südafrika, um genau zu sein.
«Südafrika?», rief Martine aus. «Warum Südafrika?»
«Nun, wie es scheint, wohnt deine einzige noch lebende Verwandte in einem Wildreservat in Südafrika. Es handelt sich um eine Mrs. Gwyn Thomas, deine Großmutter, wie man mir sagt.»
Völlig baff stammelte Martine: «Aber … ich habe doch gar keine Großmutter.»
Mr. Grice legte die Stirn in Falten. Er fischte seine Brille aus der Westentasche und beugte sich nochmals über Martines Akte. «Doch, doch. Ich kann dir versichern, dass das stimmt. Hier steht es schwarz auf weiß.»
Er übergab Martine ein cremefarbenes Blatt Papier.
Sehr geehrter Mr. Grice
Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Beileidschreiben zum Tod meiner Tochter, Veronica Allen, und ihres Mannes David. Ich habe wohl wenige so gute Menschen gekannt wie die beiden Verstorbenen. Ich wusste nicht, dass meine Tochter mir die Vormundschaft über ihr Kind, Martine, übertragen hatte, für den Fall, dass ihr etwas zustoßen sollte. Selbstverständlich übernehme ich die mir zugewiesene Verantwortung. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Ich lege diesem Schreiben einen Flugschein nach Kapstadt und 150 Pfund für allfällige Spesen bei. Da ich selten in die Stadt fahre, wäre ich Ihnen dankbar, wenn sie Martine dem südafrikanischen Klima gemäß einkleiden könnten.
Mit freundlichen Grüßen
Gwyn Thomas
Irgendetwas am Ton des Briefes störte Martine. Ihre Großmutter zeigte keinerlei Begeisterung dafür, sie bei sich aufzunehmen. Ganz im Gegenteil. Zwischen den Zeilen las Martine deutlich heraus, dass sie Martines Kommen als Belastung empfand. Sie nahm es nicht einmal auf sich, ihr ein paar Sommerkleider zu kaufen. Offenbar hatte Gwyn Thomas große Stücke auf ihre Eltern gehalten, doch schien sie ganz und gar nicht erfreut darüber, sich nun mit deren Tochter herumschlagen zu müssen. Und was war mit Großvater? Von dem war gar keine Rede.
Martine gab Mr. Grice den Brief zurück. «Da fahr ich nicht hin», sagte sie. «Diese Frau will mich nicht haben, und es kommt nicht in Frage, dass ich bei jemandem wohnen, der nichts mit mir zu tun haben will. Eher hacke ich mir einen kleinen Finger ab.»
Mr. Grice blickte sie fassungslos an. Sein Vormittag war schon schwer genug gewesen, und jetzt drohte alles nur noch schlimmer zu werden. Was hatte seine Chefin wohl gegen ihn, dass sie ihm immer die unangenehmen Fälle zuschob?
«Aber Mrs. Thomas ist dein gesetzlicher Vormund», sagte er.
«Ich fahr da nicht hin», gab Martine widerspenstig zurück. «Und Sie können mich auch nicht dazu zwingen.»
Mr. Grice raffte seine Unterlagen hastig zusammen und stieß dabei ein Glas Wasser um. «Ich bin gleich zurück», sagte er zu Martine, ohne dem vergossenen Wasser, das die Akten zu Aquarellen werden ließ, Beachtung zu schenken. «Ich muss mal telefonieren.»
Martine saß da und starrte auf die von Zigarettenrauch vergilbten Tapeten des Büros von Mr. Grice und hatte viel mehr Angst, als sie sich anmerken ließ. Die vergangenen Wochen waren wie hinter einem Schleier an ihr vorbeigezogen. Die ersten fünf Tage des Albtraums nach dem Brand hatte sie bei den Morrisons verbracht, bis deren Söhne von einer Rugbytournee ihrer Schule nach Hause kamen. Danach hatte eine Freundin ihrer Mutter sie aufgenommen; doch diese wurde mit der Belastung, ein trauerndes Kind zu betreuen, nicht fertig. Schließlich wurde sie zu Miss Rose, ihrer Englischlehrerin, gebracht, die sich um sie kümmern sollte, bis man über ihre Zukunft entschieden hatte. Überall, wo sie hinging, trugen die Menschen ein aufgesetztes Lächeln im Gesicht und waren nie um hilfreiche Ratschläge verlegen. Doch sobald sie irgendwo einen Raum verließ, konnte sie ein Tuscheln hören, in dem häufig das Wort Waise und die Wendung ganz allein auf dieser Welt vorkamen.
Martine war zu benommen und verzweifelt, um sich weiter darüber Gedanken zu machen. Ihr Kopf war wie gelähmt – es kam ihr vor, als würde sie immer schneller in ein tiefes, bodenloses Loch stürzen. Sie konnte nicht essen; sie konnte nicht schlafen; sie konnte nicht weinen. Doch immer wieder stellte sie sich eine Frage: Warum? Warum hatte sie überlebt – und ihre Eltern nicht? Es kam ihr alles so ungerecht vor. Die Feuerwehrmänner hatten sie für ihre Tapferkeit gelobt und dafür, dass sie richtig gehandelt hatte. Selbst wenn sie die Tür zum Flur nur einen Spalt weit geöffnet hätte, um zu ihren Eltern zu gelangen, wäre sie vom Flammenmeer verschlungen worden. Aber sie wurde ihre Schuldgefühle nicht los. Und was sollte jetzt mir ihr geschehen? Würde man sie wirklich zu einer Fremden nach Südafrika schicken?
In diesem Augenblick fiel ihr Blick auf einen cremefarbenen Umschlag auf dem Schreibtisch von Mr. Grice. Er kam ihr irgendwie vertraut vor. Sie nahm ihn in die Hand und las die Absenderadresse auf der Rückseite des Umschlags. In klarer blauer Tinte stand geschrieben: Gwyn Thomas, Sawubona Game Reserve, Cape Province, South Africa. Martine versuchte, sich zu erinnern. Wo hatte sie diese Handschrift schon gesehen? Und plötzlich fiel es ihr ein. Sie hatte gesehen, wie ihre Mutter diese Umschläge geöffnet hatte, jeden Monat, seit sie sich erinnern konnte. Ihre Mutter hatte nie ein Wort darüber verloren, doch Martine hatte stets wahrgenommen, dass sich die Stimmung ihrer Mutter veränderte, nachdem sie diese Briefe gelesen hatte. Es ging häufiger ein Lächeln über ihre Lippen, und sie lachte auch gerne einmal herzhaft. Jetzt, da sie so ganz allein und verwirrt im Büro von Mr. Grice saß, war Martine vollends durcheinander, weil ihre Mutter ihr nie erzählt hatte, dass diese Briefe von ihrer Großmutter stammten oder dass sie überhaupt eine Großmutter hatte. Weshalb diese ganze Geheimniskrämerei?
Martine machte sich Gedanken zum Absender auf dem Umschlag: Gwyn Thomas. Das klang so hart und streng. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sich hinter diesem kalten Namen ihre Großmutter versteckte und schon gar nicht, dass sie diese Frau Großmutter oder – noch schlimmer – Oma würde nennen müssen. Nicht einmal mit dem Vornamen Gwyn konnte sie sich anfreunden. Aus irgendeinem Grund musste sie immer an den ganzen Namen Gwyn Thomas denken.
Als Mr. Grice in sein Büro zurückkehrte, schüttelte er den Kopf und sagte: «Es tut mir leid, aber deine Alternativen sind äußerst beschränkt. Ich hätte da einzig noch einen Platz im Kinderheim von Upper Blickley …»
«Es ist schon gut», unterbrach ihn Martine. «Ich habe mich entschieden, doch nach Südafrika zu gehen.»
Mr. Grice atmete erleichtert auf. «Gut, damit hätten wir schon ein Problem weniger.»

Von Anfang an löste Martines Zukunft bei allen anderen deutlich mehr Begeisterung und Aufregung aus als bei ihr selbst. «Ein Wildreservat in Afrika!», sagte Miss Rose voller Ehrfurcht. «Kannst du dir das vorstellen, Martine? Als würdest du dein ganzes Leben auf Safari verbringen.»
Mrs. Robinson hingegen war überzeugt, dass auf Martine die Gefahr lauerte, von einem Tiger aufgefressen zu werden. «Du musst stets auf der Hut sein», ermahnte sie Martine. «Was für ein Abenteuer!»
Martine verdrehte die Augen. Mrs. Morrison war der liebenswürdigste Mensch dieser Welt, aber von Tieren hatte sie keine Ahnung.» «Es gibt keine Tiger in Afrika, außer vielleicht im Zoo.»
Abgesehen davon hatte auch Martine wenig Ahnung von Afrika. In ihrer Vorstellung gab es nur weite, gelbe Hochebenen, Mangos, Schirmbäume, dunkle Gesichter und Glutofenhitze unter stechender Sonne. Sie fragte sich, ob auf der Straße wilde Tiere herumliefen. Könnte sie sich vielleicht sogar eines als Haustier nehmen? Da ihre Mutter allergisch gegen Tiere gewesen war, durfte sie nie ein Haustier haben, so sehr sie es sich auch gewünscht hatte. Vielleicht würde sie ja jetzt einen kleinen Affen bekommen.
Doch dann erinnerte sie sich wieder an den Ton im Brief ihrer Großmutter, und sogleich meldete sich das Gefühl zurück, in einen endlosen Schlund zu stürzen. Gwyn Thomas – das klang nicht gerade nach einem Menschen, der einen Primaten in seinem Wohnzimmer aufnehmen würde. Falls Gwyn Thomas überhaupt ein Wohnzimmer besaß. Denn nach allem, was Martine bisher erfahren hatte, war es durchaus möglich, dass ihre Großmutter in einer Steppengrashütte hauste.
In der Schule schienen die meisten ihrer Klassenkameraden vergessen zu haben, dass vor knapp drei Wochen ihr Elternhaus heruntergebrannt war und dass sie nicht aus freien Stücken nach Südafrika ging. «Mensch, hast du ein Glück», sagten sie ihr immer wieder. «Du wirst surfen lernen und so. Das ist ja so was von cool.»
Wenn sie diese Kommentare hörte, konnte sich Martine zumindest die Genugtuung abringen, dass sie nie mehr durch die furchtbare Pforte der Bodley Brook Junior School gehen musste. Sie hatte ohnehin nie dahin gepasst. Eigentlich passte sie nirgends hin, wo sich gleichaltrige Kinder aufhielten; doch das hatte irgendwie keine Rolle gespielt, als sie Mama und Papa noch hatte. Ihre Eltern waren ihre besten Freunde. Ihr Vater war Arzt gewesen, und er hatte lange Arbeitstage. Doch im Sommer gingen sie nach Cornwall zelten. Ihre Mutter hatte dann gemalt, während sie mit ihrem Vater schwimmen oder angeln ging oder er ihr Erste-Hilfe-Kurse gab. Und auch am Wochenende hatten sie immer Spaß zusammen, selbst wenn das Wetter nicht mitspielte und ihnen nichts anderes übrig blieb, als Pfannkuchen zu backen. Doch das war jetzt alles vorbei, und in Martines Herzen klaffte ein großes Loch.
Am Samstagvormittag, einen Tag vor ihrem Abflug nach Südafrika, nahm sie Miss Rose in die Oxford Street nach London mit, um ihr Sommerkleider zu kaufen. Ein grauer Eisregen fiel auf die Stadt, während sich kaufwütige Londoner und Touristen mit ihren Schirmen fast die Augen ausstachen. Doch all dies vermochte die Begeisterung von Miss Rose nicht zu schmälern.
«Sind das nicht süße Shorts?», rief sie im Getümmel bei Gap entzückt aus. «Diese Baseballmütze ist doch Klasse! Oder schau dir dieses rotgestreifte T-Shirt an. Es würde dir einfach prima stehen.»
Martine ließ sie gewähren. Aber eigentlich fühlte sie sich hundserbärmlich. Ihr Magen war ein brodelnder Nervenkessel, und in Erwartung des morgigen Tages war ihr Mund völlig ausgetrocknet. «Ja, das ist schon in Ordnung», sagte sie immer wieder, wenn ihr Miss Rose ein neues Kleiderstück präsentierte. «Doch, das ist nett. Das passt.»
Schließlich kauften sie zwei Paar khakifarbene Shorts ein Paar Jeans, vier T-Shirts, eine Baseballmütze und ein Paar robuste beige Wanderstiefel. Sie musste sich nur einmal wirklich wehren – als Miss Rose ihr ein Kleid mit Blumenmuster aufschwatzen wollte. Martine mit ihrem braunen Kurzhaarschnitt und den hellgrünen Augen hatte sich standhaft geweigert, ein Kleid zu tragen, seit sie fünf Jahre alt war. Und sie hatte keinerlei Absichten, jetzt von diesem Kurs abzuweichen.
«Wenn ich meine Beine nicht schütze, werde ich noch von einer Schlange gebissen», sagte sie zu Miss Rose.
«Dieser Gefahr setzt du dich aber auch aus, wenn du Shorts trägst», entgegnete ihre Lehrerin.
«Stimmt, aber das ist etwas anderes», gab Martine zurück. «Haben Sie je einen Forscher gesehen, der keine Shorts trug?»
Abends in Hampshire kochte Miss Rose ein Abschiedsessen für Martine: Gebratenes Hühnchen Bratkartoffeln, frische Erbsen, hausgemachter Yorkshire-Pudding an einer Zwiebelsauce. Mr. und Mrs. Morrison, die auch eingeladen waren, schenkten Martine ein Fernglas, das sie von einem Onkel geerbt hatten.
«Damit du Raubkatzen entdeckst», sagte sie.
Martine war gerührt, vor allem, als Mrs. Morrison ihr ein großes Stück selbst gebackenen Schokoladekuchen für die Reise überreichte, den sie sorgsam in eine Lunchbox eingepackt hatte.
«Ich wünsche dir das Allerbeste, meine Liebe» sagte Mrs. Morrison sichtlich bewegt. «Und vergiss nicht, dass du bei Mr. Morrison und mir immer ein Zuhause hast.»
Mr. Morrison brummelte zustimmend. Er war kein Mann der großen Worte. Doch als seine Frau sich abwandte, um der Lehrerin für das Essen zu danken, zog er eine geschnitzte Holzkassette aus seiner Manteltasche. «Für deine Sicherheit», sagte er leise, als er Martine das Geschenk zusteckte. Dann öffnete er die Tür des Wagens und startete den Motor.
«Bist du bereit, Liebling?», rief er seiner Frau zu. «Mach’s gut, Martine.»
Martine wartete lange, bis sie allein im Gästezimmer war, um endlich die Kassette zu öffnen. Darin waren eine rosa Maglite-Taschenlampe, ein Schweizer Armeemesser und ein Verbandskasten. Sie konnte ihren Augen kaum trauen. Sorgfältig legte sie alles auf dem Bett aus und las fasziniert die dazu gehörende Gebrauchsanleitung. Sie war tief bewegt, wie großzügig sie doch alle waren. Nach einer Weile verpackte sie die Geschenke wieder sorgsam, drehte das Licht aus und legte sich ins Bett. Durch das Fenster warf der Vollmond einen Silberstreifen in das Zimmer.
Nun wurde Martine auch gegen ihren eigenen Willen ganz aufgeregt. Schon morgen Abend würde sie in einem Flugzeug nach Afrika sitzen, unterwegs in ein Leben, von dem sie sich kein Bild machen konnte. Sie konnte nichts mehr daran ändern: Das Schicksal war dabei, die Tür zu ihrer Vergangenheit zu schließen.

• 3 •

D as Erste, was Martine wahrnahm, war die Hitze, die in einem trüben Dunstschleier von der Flughafenpiste aufstieg. Es war, als würde der Horizont unter der Last des blauen Himmels zusammenbrechen, und die Konturen der Flugzeuge flirrten wie in einem Traumbild. Sie hatte die Maschine in einer eiskalten englischen Winternacht bestiegen. Zu Hause war in den Wettervorhersagen von Stürmen und starkem Schneefall die Rede gewesen. Doch jetzt hatte Martine das Gefühl, in einem Glutofen gelandet zu sein. Bewegungslos stand sie auf dem Rollfeld, ein leichenblasses elfjähriges Mädchen, und sah zu, wie ihre Mitreisenden in den gelben Flughafenbus stiegen.
«Aufwachen, Kleine! Sonst lassen die dich noch hier stehen.» Ein großer Mann mit Glatze in einem Billabong-Shirt beugte sich zu ihr herunter. «Wo sind denn deine Mama und dein Papa. Erwarten sie dich?»
Am liebsten wäre Martine in Tränen ausgebrochen und hätte losgeheult, sodass man sie auf dem ganzen Flughafen gehört hätte: «Ja, ich will, dass man mich hier stehen lässt. Und nein, meine Mama und mein Papa erwarten mich nicht. Sie werden nie auf mich warten.»
Stattdessen nuschelte sie vor sich hin: «Ja, hm, äh … Nein, ich werde nicht … Doch, ich werde abgeholt.»
«Das klingt aber nicht gerade überzeugend.»
«Harry, was ist los mit dir? Jetzt reicht’s mir dann aber. Der Bus fährt gleich ab, ich zähle bis fünf, und wenn du bis dann nicht kommst, bin ich weg», rief eine Frau mit gellender Stimme.
«Es ist alles in Ordnung», sagte Martine dem Mann. «Danke, dass Sie gefragt haben.»
«Sicher?» Dann klopfte er ihr mit seiner enormen Hand, die rosa und feucht war, auf die Schulter. «Na dann, Kopf hoch, Kleine. Willkommen in Afrika!»

Die Frau am Informationsschalter im Flughafengebäude trommelte mit ihren lila lackierten Fingernägeln auf dem Tresen herum und äugte über Martines Kopf hinweg auf die Schlange, die sich hinter ihr zu bilden begann. Auf ihrem Namensschild las Martine: Noeleen Henshaw, Assistant Supervisor.
«Mein liebes Mädchen. Ich würde dir ja nur zu gerne helfen» näselte sie. «Doch dafür brauche ich noch ein paar zusätzliche Informationen. Also: Wie sieht deine Großmutter denn aus?»
Martine versuchte vor ihrem geistigen Auge ein Bild der Großmutter heraufzubeschwören, die sie noch nie gesehen hatte. «Sie hat graues Haar», sagte sie zögernd. «Und eine Brille. Ja, ich glaube, sie trägt eine Brille.»
Noeleen Henshaw seufzte. «Und wann hast du deine Großmutter zum letzten Mal gesehen?»
«Nun, äh …»
«Oder hast du ihre Telefonnummer?»
«Nur ihre Adresse», sagte Martine kleinlaut. Während des Fluges hatte sie Hayley, eine freundliche Stewardess, betreut, die sich um die allein reisenden Kinder zu kümmern hatte. Doch sobald die Maschine in Kapstadt gelandet war, hatte Hayley nur mit dem Finger auf den Flughafenbus gezeigt und ihr von der Flugzeugtreppe aus vergnügt hinterher gewinkt.
Noeleen schüttelte ungeduldig ihr hennarotes Haar und blickte wieder auf die Menschenschlange. «Jetzt hör mal gut zu, Sweetie. Am besten du setzt dich jetzt dort drüben hin, wo ich dich nicht aus den Augen verliere. Und wenn deine Großmutter nicht auftaucht, dann sorge ich dafür, dass sich sonst jemand um dich kümmert.»
«Okay. Besten Dank», sagte Martine mit unsicherer Stimme.
Sie ergriff ihren Koffer und den neuen olivgrünen Rucksack, den ihr Miss Rose geschenkt hatte, und ging in die Ankunftshalle zurück. Dort setzte sie sich unter die Schrift Welcome to South Africa. Nie in ihrem Leben hatte sie sich weniger willkommen gefühlt. Ihre Maschine war vor mehr als einer Stunde in Südafrika gelandet, und immer noch war niemand sie abholen gekommen. Martine war den Tränen nahe. Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet. Ihre Großmutter wollte nichts mit ihr zu tun haben. Wieso also hätte sie sie am Flughafen abholen sollen? Da saß Martine nun ohne Geld und Unterkunft und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Abgesehen davon fühlte sie sich vor lauter Hunger ganz schwach. Es war jetzt 10 Uhr vormittags, und seit gestern Abend hatte sie außer dem Schokoladenkuchen von Mrs. Morrison nichts gegessen. Das Essen im Flugzeug war ungenießbar gewesen. Die Rühreier waren wässrig, die Brötchen hart wie Tennisbälle gewesen, und die Hauptspeise hatte wie Tierfutter geschmeckt. Martine hatte beschlossen, nie mehr ein Flugzeug zu besteigen ohne eine große Ration Schokoladekuchen und ein paar Schinkenbrote obendrein. Ihr gegenüber trug gerade eine Frau lächelnd einen Mango-Fruchtshake und einen großen Muffin von einem Imbissstand. Martines Magen rumorte neidisch.
«Miss Martine, Sie haben bestimmt geglaubt, wir hätten Sie vergessen» dröhnte eine Stimme, die so tief war, dass sie wie eine Basstrommel in Martines Brustkorb vibrierte. Als Martine aufblickte, sah sie einen mahagonifarbenen Riesen, der sich mit ausgestreckten Armen zu ihr hinunterbeugte, mit dem breitesten Lächeln Afrikas auf dem Gesicht. Auf einer seiner glänzenden Wangen prangte eine Narbe in Form eines Fragezeichens. Um seinen Hals baumelte ein Zahn an einem Lederband. Er trug einen Buschhut mit einem Zebrafellband und khakifarbene Jägerkleidung, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.
«Miss Martine?», fragte er und brach in stürmisches Gelächter aus. Ohne ihre Reaktion abzuwarten, ergriff er ihre Hand und schüttelte sie heftig auf und ab. «Mein Name ist Tendai», sagte er. «Ich bin sehr, sehr erfreut, Sie kennen zu lernen. Ihre Großmutter hat mir alles über Sie erzählt. Es tut ihr wirklich sehr leid, dass sie Sie nicht selbst am Flughafen abholen konnte. Aber wir hatten einen fürchterlichen Vormittag. Alles begann mit einem Anruf spät gestern Abend, als man uns mitteilte, dass eine Lieferung Elefanten, die erst für das Wochenende vorgesehen war, wegen eines Fehlers in den Frachtpapieren schon heute Morgen eintreffen würde. Außer Ihrer Großmutter und mir selbst war niemand da, der den Eingang der Lieferung hätte überwachen können. Und sie musste bleiben, bis der Tierarzt alle Dickhäuter untersucht hatte. Ich habe ihr deshalb angeboten einzuspringen und Sie an ihrer Stelle abzuholen. Nur hatte ich vergessen, dass sich ein Buschmann auf einer Autobahn nicht zurechtfindet. Und so habe ich eine Rundfahrt durch Kapstadt gemacht. Ich hoffe, Sie verzeihen mir. Ich werde sie so rasch wie möglich nach Sawubona bringen.»
Martine wusste nicht, wie sie auf diesen Redeschwall reagieren sollte, doch sie fand den großen, freundlichen Mann, aus dem die Worte nur so heraussprudelten, sofort sympathisch. Aus ihm sprach – fast wie eine Aura – die pure Natur.
«Es freut mich, Sie kennenzulernen, Tendai», sagte sie, nicht ohne schüchtern hinzuzufügen: «Natürlich verzeihe ich Ihnen.»
Nach einem weiteren Gelächtersturm nahm Tendai Martines Koffer unter den Arm, als wöge dieser nicht mehr als ein Huhn, und führte Martine in den sonnendurchfluteten Tag hinaus.
Vor dem Terminal sagte Tendai zu Martine: «Und wenn du nichts dagegen hast, können wir uns duzen.»
«Ich weiß nicht, was ich dagegen haben sollte», antwortete Martine.

• 4 •

An diese erste Fahrt nach Sawubona sollte sich Martine später noch oft erinnern. Tendai, der selber Zulu war, erklärte ihr, dass «Sawubona» in der Sprache der Zulu einen Gruß bedeutete. Sie verließen Kapstadt in seinem verbeulten Jeep über die Küstenstraße und fuhren an wunderschönen kleineren und größeren Buchten vorbei. Das dunkelblaue Meer ging am Horizont in den wolkenlosen Himmel über. Einige Strände waren wild, von hoch aufschäumender Gischt überspült und fast bis zum Wasser mit Bäumen bestanden. An anderen Stränden reihten sich regenbogenfarbene Strandhütten aneinander, und Surfer durchpflügten die Brandung auf ihren grellbunten Brettern. An wieder anderen Stränden sahen sie Pinguine und Robben. Und über der ganzen Szenerie thronten die malvenfarbigen Felsen eines Berges, der oben wie abgeschnitten war und – wie könnte es anders sein – Tafelberg hieß.
Nach etwa einer Stunde verließen sie die Küste in Richtung Inland. Martine staunte, wie schnell sich die Heidelandschaft in das Afrika verwandelte, das sie von Fotos her kannte. Blasse, stachelige Dornbäume und zerzauste Büsche standen verstreut im hohen gelben Gras, das in der gleißenden Sommersonne glühte, als würde es von unten beleuchtet. Die leere Landstraße lag wie ein endloser Teerstreifen vor ihnen. Als Martine das Fenster hinunterkurbelte, drang der staubige, tierische Geruch des Busches in den Jeep.
Unterwegs sprach Tendai von Sawubona und über seine Arbeit als Fährtenleser im Reservat. Dabei stellte sich heraus, dass Sawubona mehr war als ein bloßes Reservat. Es war ein Schutzgebiet für Wildtiere, und Tendais Aufgabe bestand darin, für das Wohlergehen seiner Bewohner zu sorgen. Etwa ein Viertel der Tiere in Sawubona waren dort geboren. Die anderen waren in den Park gebracht worden – einige aus Dürregebieten, Wildreservaten oder Zoos, die schließen mussten. Andere hatte man nach Sawubona gebracht, weil sie sich verletzt hatten oder auf der Jagd von ihren Eltern getrennt oder von diesen verstoßen worden waren.
«In zwanzig Jahren», sagte Tendai, «habe ich nie erlebt, dass Henry Thomas, dein Großvater, auch nur ein einziges Tier abgewiesen hätte. Kein einziges!»
Zum ersten Mal erwähnte jemand ihren Großvater. Martine spitzte die Ohren. Doch schon Tendais nächster Satz traf sie völlig unvorbereitet.
«Es tut mir ja so leid, Martine, dass ich nicht an seiner Seite sein konnte in jener Nacht, als er gestorben ist.»
Es war ihr ohnehin schon schwindlig gewesen von der langen Flugreise und vor lauter Hunger, doch bei dieser Nachricht drehte sich alles wie wild um sie. Offensichtlich hatte Tendai keine Ahnung, dass sie nicht einmal davon wusste, einen Großvater zu haben, geschweige denn, dass dieser tot war.
Vorsichtig sagte sie. «Würde es dir etwas ausmachen, mir zu sagen, wie er ums Leben gekommen ist?»
Martine sah, wie Tendais Hände sich am Lenkrad verkrampften. Er sagte: «Ich kann’s versuchen.»
Obwohl seit dem Tod ihres Großvaters beinahe zwei Jahre vergangen waren, schienen die Umstände seines Todes nach wie vor ungeklärt. Die Polizei ging davon aus, dass Henry eine Bande Wilderer dabei überrascht hatte, wie sie Giraffen rauben oder vielleicht auch töten wollten, um sich dann mit Jagdtrophäen aus dem Staub zu machen. Es war an einem Wochenende passiert, das Tendai im Norden des Landes bei Verwandten verbracht hatte, einem Wochenende, an dem Sawubona besonders verletzlich gewesen war. Offenbar hatte es einen Kampf gegeben. Auf jeden Fall hatte man Henry tödlich verletzt neben einer erlegten Giraffe gefunden.
«In meinem Dorf gab es kein Telefon», sagte Tendai. «Ich erfuhr also erst bei meiner Rückkehr am Montag von diesem schrecklichen Ereignis. Doch da war es schon zu spät. Im Sommer bitten die Zulus ihre Regenkönigin um Regen für ihre Felder. In jenen Tagen schien sie ihre Wünsche zu ernst genommen haben. Während zwei Tagen hatten heftige Gewitterstürme die ganzen Spuren weggewaschen, abgesehen davon, dass die Polizei mit ihren Fahrzeugen am Tatort herumgefahren war. Als ich nach drei Tagen endlich vor Ort eintraf, waren alle Spuren verschwunden.»
Die Wilderer konnten nie festgenommen werden. Bis zum heutigen Tag wusste keiner, ob man Henry ermordet hatte oder ob er durch einen unglücklichen Zufall bei dem Streit ums Leben gekommen war. Und völlig unerklärlich blieb, weshalb die Wilderer ohne ihre Beute, die Giraffe, geflohen waren, auf die sie es doch offensichtlich abgesehen hatten.
«Und die Polizei hat überhaupt keine Spuren gefunden?», fragte Martine besorgt. Die Nachricht vom Tod ihres Großvaters stimmte sie traurig. Doch noch beunruhigender war die Tatsache, dass ausgerechnet in der Gegend, die zu ihrer neuen Heimat werden sollte, Mörder frei herumliefen.
«Ach die Bullen sind doch zu blöd! Aber mach dir mal keine Sorgen. Selbst eine Spinne hinterlässt eine Spur. Auch wenn es Jahre dauert, wir werden die Schuldigen schon finden. Und wenn wir geduldig genug sind, finden sie vielleicht sogar uns.»
Das Gesicht des Zulus hatte sich während des Gesprächs verfinstert. Nun ging ein leichter Ruck durch seinen Körper, als habe er sich vergegenwärtigt, dass Martine und er sich eben erst kennengelernt hatten und dass er vielleicht des Guten zu viel erzählt hatte. Mit seinem entwaffnenden Lächeln sagte er nun: «Dein Großvater hatte das Herz eines Kriegers. Er war der allerbeste Wildhüter. Einfach Spitzenklasse!»
Martine verspürte ein warmes Gefühl für den Großvater, den sie nie gekannt hatte. Er musste ein guter Mensch gewesen sein. Der neue Wildhüter war ein junger Mann namens Alex du Preez. Der Tonfall, in dem Tendai seinen Namen ausgesprochen hatte, gab Martine den Eindruck, dass Mr. du Preez nicht gerade ganz oben auf Tendais Beliebtheitsliste stand.

Nun fuhren sie durch ein Dorf mit Strohhütten und vereinzelten Häusern, in deren Vorgärten Sonnenblumen und Maispflanzen wuchsen. Auf einem Feld spielten ein paar Kinder Fußball. Der Jeep verlangsamte seine Fahrt und bog in eine kleine, mit Bananenstauden bestandene Nebenstraße ein, an deren Ende ein blassgrünes Haus mit Wellblechdach stand. An der Hausmauer lehnte ein ramponiertes Coca-Cola-Schild. Drei Hühner spazierten durch die Haustür ins Freie.
Martine kletterte aus dem Jeep. «Ist das das Haus meiner Großmutter?», fragte sie. Sie hatte Mühe, ihre Überraschung zu verbergen. Auch wenn sie nicht wusste, was sie erwartete, darauf war sie nicht gefasst gewesen.
«Nein, mein Kind, Tendai will nur dich zu Besuch bringen bei mir.»
Als Martine sich umdrehte, sah sie die wohl dickste Frau, der sie je begegnet war, über den kargen Rasen wackeln. Sie trug ein traditionelles grellbuntes Kleid mit einem dazu passenden, bananengelben, kalahariroten und limonengrünen Kopftuch. «Hab ihm gesagt, du bist sicher hungrig», sagte sie mit butterweicher Stimme. «Und ich hatte recht. Schau dich doch an, Kind, du bist nur Haut und Knochen.»
«Martine, darf ich dir meine Tante vorstellen: Miss Grace», sagte Tendai mit sichtlichem Stolz. «Die beste Köchin der Welt.»
Tendai und Martine folgten Grace in das grüne Haus. Martine fragte sich, ob ihre Großmutter wohl von diesem Zwischenstopp wusste, doch sie war zu hungrig, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Wohlgerüche, die von der Küche aus in ihre Nase drangen, waren einfach himmlisch.
Wie Tendai hatte sie sich auf einem selbst gezimmerten Stuhl im einfachen, aber makellos sauberen Wohnraum niedergelassen. Der Boden war mit Grasmatten bedeckt, und an der Wand hing ein altes Kalenderblatt, das eine tropische Insel zeigte.
Nach wenigen Minuten kam Grace mit zwei Riesentellern aus der Küche, auf denen sich Omeletts aus frischen Landeiern mit Waldpilzen, knusprigem Speck und in braunem Zucker gebratenen Tomaten türmten. Martine kam es vor, als habe sie seit Jahren nichts mehr gegessen, und sie genoss jeden Bissen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Als sie fertig war, konnte sie Tendai vorbehaltlos zustimmen: Grace war die beste Köchin der Welt.
Als sie sich Grace zuwenden wollte, um sich bei ihr zu bedanken, sah sie, dass diese sie aufmerksam musterte.
«Das Mädchen ist geschnitten aus dem Gesicht von Veronica.»
Martine schoss auf, als sei sie verbrüht worden. «Sie haben meine Mama gekannt?», rief sie aus.
«Tante!», schrie Tendai und sprang vom Tisch auf. «Ich habe dir doch gesagt, dass du nichts sagen sollst.»
«Schweig, Junge!», sagte Grace energisch. «Es gibt zu viele Geheimnisse in Sawubona. Das Mädchen hat das Recht zu kennen die Wahrheit.»
«Welche Wahrheit?», fragte Martine.
«Martine», sagte Tendai. «Es tut mir leid, aber wir müssen jetzt gehen.»
«Aber …»
«Bitte!»
Martine blickte zuerst Tendai an, dann Grace. In ihrem Kopf jagten sich Fragen, die sie nicht zu stellen wagte. Widerwillig folgte sie Tendai zum Jeep hinaus Plötzlich packte Grace sie am Arm. «Warte», zischte sie. Als sie ihre Hand auf Martines Stirn legte, schoss es wie ein Stromstoß durch ihren Körper. Grace blickte sie mit weit geöffneten Augen an.
«Du hast die Gabe, Kind», flüsterte sie. «Genau so, wie es gesagt haben die Älteren.»
«Welche Gabe?», fragte Martine im Flüsterton zurück.
Doch Grace schüttelte nur den Kopf und sagte: «Pass gut auf, Kind. Die Gabe kann sein ein Segen, aber auch ein Fluch. Du musst entscheiden weise.»

• 5 •

Draußen saß Tendai bei laufendem Motor im Jeep. Kaum hatte Martine ihren Sitz erklommen, trat er mit voller Kraft aufs Gaspedal und jagte über den holprigen Fahrweg auf die Hauptstraße zurück. Die Hitze legte flimmernde Trugbilder von Wasserpfützen auf den Asphalt.
Tendai war ganz aufgebracht. «Du musst entschuldigen, Martine. Ich hätte dich nicht da hinbringen sollen. Ich bitte dich, nichts davon deiner Großmutter zu erzählen.»
Martine konnte ihn kaum hören. Ihre Stirn war dort, wo Grace ihre Hand aufgelegt hatte, noch glühend heiß, und die Gedanken schossen wie ein Schnellzug durch ihre Vergangenheit. Sie versuchte krampfhaft, sich an etwas, an irgendetwas zu erinnern, das erklären konnte, was sich soeben ereignet hatte.
«Aber was meinte Grace, als sie über meine Mutter sprach? Hat sie denn je in Sawubona gelebt?»
«Bitte», flehte sie Tendai an. «Diese Dinge musst du wirklich deine Großmutter fragen.»
Während der nächsten Minuten fuhr Tendai schweigend weiter, bis er in eine kleine Sandstraße einbog, die auf beiden Seiten von einem hohen Drahtzaun eingefriedet war. Am Ende des Wegs fuhren sie zwischen zwei weißen Säulen unter einer gebogenen schwarzen Holztafel hindurch, auf der Sawubona Wildreservat geschrieben stand.
Der Jeep hielt an, und Tendai deutete aus dem Fenster. «Kannst du die Büffel sehen, Martine?»
Widerwillig kämpfte sich Martine in die Gegenwart zurück. Sie blinzelte in die Sonne, sah aber weit und breit nichts außer Bäumen, staubigem Buschwerk und Gras unter einem stahlblauen Himmel. Und am Horizont eine malvenfarbene Bergkette. Ein schwarzer Adler zog seine Kreise darüber.
«Nein», sagte sie seufzend.
«Du darfst nicht durch den Busch hindurch, sondern du musst in den Busch hinein blicken», sagte Tendai.
Martine befolgte Tendais Rat, und tatsächlich, nach und nach gingen die Konturen der Büsche in die muskelbepackten schwarzen Fellrücken von etwa dreißig Büffeln über. Jetzt konnte sie auch ihre gebogenen Hörner und ihre ausdrucksvollen Mienen sehen.
Und dann entdeckte sie den Elefantenbullen. Er stand unter einem Schirmbaum. Vor lauter Tarnung waren seine mächtigen Stoßzähne und sein grauer Rumpf kaum zu erkennen. Genau wie der Büffel wirkte der Elefant so archaisch wie die Landschaft, in der er stand. Doch selbst aus einer Distanz von rund dreihundert Metern war ihm seine tödliche Kraft anzusehen.
Martine blickte voller Ehrfurcht zu dem Tier hinüber. Sie war von allem, was sie gesehen und gehört hatte, seit sie vom Flughafen weggefahren waren, überwältigt. Schließlich sagte sie: «Wow! Er ist ja so groß … und auch so ruhig. Bisher habe ich wilde Tiere nur am Fernsehen gesehen. Welche anderen Tiere gibt es hier sonst noch?»
«Noch zwölf Elefanten», begann Tendai seine Aufzählung mit Stolz und fuhr fort: «Acht Strauße, einhundertundfünfzig Springböcke, zehn Gnus, achtzehn Kudus, zwanzig Zebras, sechs Löwen, vier Leoparden, sieben Warzenschweine, ein paar Trupps von Pavianen, einige Wasserböcke und eine …» Tendai hielt inne und schob dann rasch nach: «Das wär’s.»
«Und eine … Was wolltest du noch sagen.»
«Ach nichts», antwortete Tendai, um dann hinzuzufügen: «Die Stammesleute sagen, eine weiße Giraffe ist nach Sawubona gekommen. Und es geht die Legende, dass das auf einer weißen Giraffe reitende Kind über alle Tiere herrschen wird. Doch das ist alles nur Fantasie. Wir haben seit beinahe zwei Jahren keine Giraffen mehr in Sawubona, auch keine ganz normalen. Aber die Leute kommen immer wieder zu mir und sagen mir, sie haben diese weiße Giraffe gesehen. Die Stammesleute behaupten, es ist ein Giraffenbulle – ein Albino, so weiß wie ein Schneeleopard. Wenn es stimmt, so wäre diese Giraffe eines der seltensten Tiere der ganzen Welt. Aber es gibt keinen Beweis. Ich habe das Tier auf jeden Fall nie gesehen, und ich bin tagtäglich im Reservat.»
Martine hatte ein seltsames Déjà-vu-Gefühl, als hätte sie dieses Gespräch in einem früheren Leben schon einmal geführt. «Aber glaubst du, dass es die weiße Giraffe gibt?», fragte sie ungeduldig.
Tendai zuckte die Schultern. «Dann und wann habe ich Spuren gesehen, aber sie verschwinden immer wieder. Ich bin ihnen immer nachgegangen, doch nach ein paar hundert Metern lösen sie sich in Luft aus.»
«Also stimmt das alles vielleicht doch!»
Der Zulu lachte. «Die Spuren stammen nicht immer von dem, den man sucht. Früher haben sich manche Stämme Tierhufe an die Füße gebunden, um andere Jäger in die Irre zu führen, und deine Großmutter hat mir erzählt, dass Bergbewohner in Asien versucht haben, die Spuren des Yeti zu fälschen. Vielleicht ist es hier nicht anders.» Nun sah er Martine an und fügte grinsend hinzu: «Wenn es diese Giraffe gibt, so muss sie sehr schüchtern sein.»
Tendai setzte den Jeep mit rumpelndem Getriebe wieder in Bewegung und fuhr weiter bis zu einem eisernen Tor. Er sprang aus dem Fahrzeug und öffnete das Gatter. Auf der anderen Seite ging der Fahrweg weiter, nur war er hier auf beiden Seiten von großen roten und orangefarbenen Blumen gesäumt. Weiter vorne lag ein makelloser, sattgrüner Rasen vor einem weiß getünchten Haus mit Strohdach. Martine spürte ein Kribbeln im Magen. In wenigen Minuten würde sie ihre Großmutter kennenlernen. Würde sich Gwyn Thomas freuen, sie zu sehen? Würde sie freundlich sein? Würde sie Martine lieb gewinnen, auch wenn sie sie ursprünglich gar nicht wollte? Und wenn sie sie nicht mochte? Was dann?

• 6 •

Die Tür des Hauses mit dem Strohdach öffnete sich, und eine große, schlanke Frau, die Martine etwas älter als 60 Jahre schätzte, trat ins Freie. Sie trug Jeans und ein kurzärmliges Khakihemd mit einem Löwensymbol auf der Brusttasche. Ihr Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Martine konnte es kaum fassen, dass ihre Großmutter Blue Jeans trug, doch schon trat diese auf sie zu und nahm – ohne Ankündigung – Martines Gesicht in beide Hände. Aus der Nähe sah Martine, dass das blonde Haar ihrer Großmutter mit weißen Strähnen durchsetzt und ihre kastanienbraune Haut von einer Million Falten zerfurcht war. Sie blickte Martine mit einem völlig undurchschaubaren Gesichtsausdruck an.
«Du bist ja erwachsen», war alles, was sie sagte. Dann wandte sie sich an Tendai. «Und du hast dich verspätet, mein Freund. Du hast doch nicht etwa wieder die verrückte alte Hexe besucht?»
Mit Schrecken stellte Martine fest, dass Gwyn Thomas von Grace sprach. «Wir haben uns verfahren», warf sie schnell ein. «Wir sind kreuz und quer durch Kapstadt geirrt. So bin ich in den Genuss einer Stadtrundfahrt gekommen.»
Blitzschnell drehte sich Gwyn Thomas zu Martine und stieß hervor: «In diesem Haus spricht man nur, wenn man dazu aufgefordert wird.» Dann drehte sie sich forsch um und stolzierte wieder ins Haus hinein.
Tendai folgte ihr, Martines Koffer an einem Arm. Er blickte Martine nicht an, als er an ihr vorbeiging.
Martine ging den beiden mit pochendem Herzen hinterher. Im Eingang saß eine rostbraune Katze, die sich putzte und Martine neugierig musterte, als diese näher kam.
«Junge, Junge – das kann ja heiter werden», murmelte Martine vor sich hin. Doch die rostbraune Katze gähnte nur, schloss die Augen und legte sich zu einem Schläfchen in die Sonne.
Tendai trat aus der Tür wieder ins Freie und sagte: «Deine Großmutter erwartet dich.»
Ohne Tendai fühlte sich Martine noch einsamer als zuvor. Sie trat über die Schwelle ins Haus und blickte sich um. Im Inneren des Hauses war es kühl, es herrschte eine friedliche Stimmung, und auf dem glänzenden Steinboden standen bequeme abgewetzte Ledersessel. Eine andere Katze – diese war schwarz und weiß – lag zusammengerollt auf einem alten Klavier, an den Wänden hingen Ölgemälde mit Geparden und Elefanten. Die Sichtbalken und die Strohdecke ließen ein Gefühl von Weiträumigkeit und Ruhe entstehen.
Martines Großmutter kam mit einem Glas Milch und einem Teller mit Eierbroten aus der Küche. Sie machte Martine ein Zeichen, sich an den Esstisch zu setzen. Martine hasste Eierbrote und war vom Essen bei Grace noch mehr als gesättigt. Doch sie sagte nichts und begann im Brot herumzustochern.
«Bei mir gibt es keine Limo», sagte Martines Großmutter. «Limo ist schlecht.» Wie eine Löwin stand sie oben am Tisch, mit ihren blauen Augen fixierte sie Martine herausfordernd.
«Okay», sagte Martine überdrüssig.
«Als Erstes muss du die Regeln des Hauses lernen. Berühre nichts, was nicht dir gehört. Rennen, Schreien, Fluchen und Süßigkeiten sind verboten. Ich besitze keinen Fernseher. Ich fahre zweimal im Jahr nach Kapstadt. Also auch kein Shopping. Und auch kein Fast Food. Wir bauen unser eigenes Gemüse an. Du machst dein Bett selbst und hilfst in Haus und Garten. Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, ist es Faulheit. Hast du Fragen?»
«Darf ich atmen?», fragte Martine frech.
«Und kein Herummaulen!»
Martine erschlaffte in ihrem Stuhl. Die Eierbrote ließ sie unberührt.
«Her damit», sagte ihre Großmutter und nahm ihr den Teller mit den Broten weg. «Ich hätte wissen müssen, dass die Verrückte für dich kochen würde. Dann isst du sie eben zum Abendessen. Weggeworfen wird nichts.»

Für den Rest des Tages wurde alles nur noch schlimmer. Martine war nach dem langen Flug und den Abenteuern des Vormittags schwindelig und stets den Tränen nahe. Doch nachdem sie geduscht hatte, beharrte ihre Großmutter darauf, mit ihr in das nächste Dorf zu fahren, um sie einzukleiden. Das Kaff, in das sie fuhren, hieß Storm Crossing und bestand aus einer einzigen Straße mit ein paar Läden. Im Kleidergeschäft wurde sie mit einer Schuluniform und einem Paar Schnürstiefeln ausgestattet, außerdem kleidete sie ihre Großmutter mit zwei weißen Blusen, einer grauen Krawatte, zwei dunkelblauen Röcken, einer Windjacke und einem Blazer ein, auf dem ein Abzeichen mit einem pelzohrigen Luchs aufgenäht war. Zu ihrem Entsetzen stellte sie fest, dass sie schon am nächsten Tag zur Schule gehen musste. Man gönnte ihr also nicht einen einzigen Tag Pause, um sich an ihr neues Zuhause zu gewöhnen.
«Dafür bleibt dir noch genug Zeit», sagte ihre Großmutter. «Du hast schon genug von der Schule verpasst.»
Zu allem Überdruss rutschte Martine beim Abendessen – zu dem glücklicherweise nicht nochmals die Eierbrote aufgetischt wurden – auf dem frisch gebohnerten Fußboden aus, als sie Großmutters Lieblingsteekanne in die Küche zurücktrug. Sie zerbrach in tausend Stücke.
«Was hat sich Veronica nur gedacht?», wetterte die Großmutter. «Das musste ja so kommen. Wie soll ich mich nur um ein Kind kümmern?»
Sie ließ sich nicht dabei helfen, die Scherben zusammenzukehren. Martine schlich schweigend und weinend die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie war völlig verzweifelt. Sie steckte im tiefsten, dunkelsten Afrika ohne Eltern und Freunde und lebte bei einer Großmutter, die sie ganz offensichtlich nicht ausstehen konnte. Sie hätte kein schlechteres Los ziehen können.
Soweit sie es sehen konnte, hatte ihr neues Leben nur etwas Gutes, und das war Sawubona. Sie hatte sich schon halb in das Reservat verliebt. Die Sonne war am Untergehen, nachdem sie vom Einkaufen zurückgekommen waren. Eine Herde Springböcke bewegte sich in einer Staubwolke zum Wasserloch vor dem Haus. Martine hatte sich dem harten Griff ihrer Großmutter gerade lange genug entzogen, um in den unteren Teil des Gartens zu gehen und die Springböcke durch den hohen Zaun des Reservats hindurch zu beobachten.
Martine musste sich kneifen, um sich zu vergewissern, dass das kein Traum war. Gestern noch war sie schlotternd im grauen, düsteren England aufgewacht, und jetzt, nur einen Tag später, saß sie unter einem kupferroten Himmel mit lila Streifen und spürte die wärmende Abendsonne auf ihrer Haut. Die jungen Springböcke hüpften um die Wasserstellen, als hätten sie kleine Sprungfedern unter ihren Hufen, und die Perlhühner, die eben noch wie rundliche, blaugefleckte Könige die Landstraße entlang gewatschelt waren, riefen aus den Bäumen, wo sie sich zum Schlafen niedergelassen hatten. Martine legte sich ins Gras und atmete die berauschenden Gerüche des afrikanischen Abends ein: Sie kamen von Feuerstellen, von Wildtieren, vom herbem Gras, von der Natur in ihrer Überfülle. Nie zuvor hatte sie etwas Ähnliches erlebt.
Auch ihr Schlafzimmer war etwas Besonderes. Es befand sich ganz oben unter dem Dach und hatte eine aus dem Stroh geschnittene Dachluke. Auch wenn es sehr klein war, hatte es doch seinen eigenen Charakter und Charme. An einer Wand stand ein Bücherregal, vollgestopft mit Büchern über Tiere und Afrika. Das Bett war mit frischen, weißen Laken bezogen. Darüber lagen eine gesteppte Flickendecke und mehrere große, weiche Kissen. Das Allerbeste an ihrem Zimmer war jedoch, dass man von der Dachluke aus das Wasserloch überblicken konnte, ein braunes stehendes Gewässer, umgeben von dornigem Gestrüpp. Tendai hatte ihr erzählt, dass sich die meisten Wildtiere des Reservats bei Morgengrauen oder in der Abenddämmerung hier zum Trinken einfanden.
Doch jetzt war es dunkle Nacht. Die Matratze gab leicht nach, als sich Martine hinlegte. Sie trocknete ihre Tränen an einem Ärmel und fragte sich, ob ihre Mutter wohl wirklich hier in Sawubona gelebt hatte. Der Gedanke, dass dies hier einmal Veronicas Zimmer gewesen sein mochte, heiterte sie auf. Vielleicht hatte Veronica diese Bücher gelesen oder sich in diese Steppdecke eingekuschelt. Aber weshalb in aller Welt hatte sie Martine nie von Sawubona erzählt?
Martine war so müde, dass sie es kaum schaffte, ihren Pyjama anzuziehen. Als sie dann zwischen die Bettlaken schlüpfte, jagten sich in ihrem Kopf die Bilder eines langen Tages. Und bevor ihr schließlich die Augen zufielen, dachte sie an die weiße Giraffe.

• 7 •

Beim Aufwachen am nächsten Morgen fühlte sich Martine wie vor einem Zahnarzttermin. Lange blieb sie mit zusammengepressten Augen liegen, denn nur so konnte sie sich vorspielen, dass sich das alles nicht ereignet hatte. Ihr Elternhaus war nicht niedergebrannt, ihre Eltern waren nicht für immer weg, und sie war nicht in das tiefste Afrika geschickt worden, um bei einer wildfremden Frau zu leben. Als es nicht mehr anders ging, öffnete sie die Augen. Sie blickte in die Unendlichkeit eines unglaublich blauen Himmels hinauf. Der Wecker auf dem Nachttisch stand auf 6:05 Uhr. Wie gerufen flatterte ein orange gefiederter Vogel auf einen aus dem Stroh ragenden Dachbalken vor ihrem Fenster und begann ein fröhliches Liedchen zu pfeifen: Tiritititi, Tirititi.
Martine stütze sich auf einen Ellbogen, um durch das Fenster auf das Wasserloch blicken zu können, über dem ein Morgendunst lag, der von goldenen Streifen der Morgensonne durchsetzt war. Ein Dutzend Elefanten planschten im Wasser, wälzten sich im Schlamm und spritzten sich gegenseitig mit dem Rüssel ab. Nicht weit davon entfernt grasten ein paar Zebras. Staunend schüttelte Martine ihren Kopf. Die Szene konnte zwar die Angst nicht verscheuchen, die sich in ihrem Herzen breitgemacht hatte, doch sie beruhigte sie ein wenig.
Auf der Treppe nach unten waren ihre Füße schwer wie Blei. Ihre Großmutter saß am Küchentisch, die Hände um eine große Kaffeetasse gefaltet. Als Martine die Küche betrat, stand sie schnell auf und sagte: «Guten Morgen, Martine, ich hoffe, du hast gut geschlafen. Ihre Stimme hörte sich etwas brüchig an, als wäre sie nervös. Noch bevor Martine ihren Gruß erwidern konnte, sagte Gwyn Thomas hastig: «In der Pfanne ist ein hart gekochtes Ei, im Toaster ist Brot, und alles andere steht auf dem Küchentisch. Dort drüben auf der Anrichte steht eine Lunchbox mit Sonnencreme, Pfirsichen aus dem Garten, etwas Käse und Chutney-Sandwiches. Ich muss jetzt den jungen Elefanten füttern gehen. Aber ich bin um 7:30 Uhr zurück, um dich zur Schule zu bringen.»
Martine hatte es noch nicht geschafft, ein Danke hervorzustammeln, als die Stalltür hinter ihrer Großmutter ins Schloss fiel und ein Stoß frische und kühle Luft durch das Haus ging. Eine Entschuldigung war das nicht gewesen, aber Martine wusste, dass sie eine solche auch gar nicht erwarten durfte.

Das Zahnarztgefühl meldete sich während der fünfzehnminütigen Fahrt zur Schule zurück. Martine wand sich in ihrer neuen Uniform, sie hasste den Rock und hatte ihrer Großmutter nichts zu sagen. Und das Gefühl änderte sich nicht im Geringsten, als sie durch das Eingangsportal der Caracal Junior High School fuhren und Martine die Horden von gesunden, selbstsicheren Kindern – ihre Mitschüler – sah. Ihre Hautfarbe reichte von honigfarbenem Gelbbraun über Cappuccino zu Schokoladenbraun. Kein anderes Kind hatte solch eine ungesunde gräulich-weiße Hautfarbe wie Martine. Ihre Großmutter ließ sie mit einem kurzen, wenn auch nicht unfreundlichen «Mach’s gut. Tendai oder ich holen dich um 16 Uhr wieder ab» vor dem Büro der Rektorin stehen. Martine presste sich mit dem Rücken gegen die Wand und versuchte, so wenig wie möglich aufzufallen.
«Nur ein Augenblick», rief eine Stimme, nachdem Martine an die Bürotür geklopft hatte. Sie hörte, wie jemand am Telefon sprach. Während sie wartete, blickte sie sich auf dem Flur um. Ihre Schule in England hatte wie ein Gefängnis aus Beton ausgesehen, mit einem asphaltierten Schulhof und Gängen in abblätterndem Beige. Überall hatte es nach Desinfektionsmittel gerochen, und die Toilettenwände waren mit Graffiti verschmiert gewesen. Diese Schule hier sah gar nicht wie eine Schule aus. Sie glich eher einem einladenden Ferienlager. Blockhäuser aus glänzendem Kastanienholz lagen lose verteilt zwischen riesigen Bäumen auf smaragdgrünen Rasenflächen. Hinter einem Bretterzaun glitzerte das Wasser eines Schwimmbeckens.
«Du kannst deinen Mund wieder zumachen. Hier gibt’s die gleichen langweiligen Schulstunden wie bei dir zu Hause. Du kennst das: Dreisatzrechnungen, tote Könige, Satzzeichen.»
Martines Gesichtsausdruck musste Bände gesprochen haben, denn die im Türrahmen stehende Erscheinung mit der Kleopatra-Frisur, den hölzernen Papagei-Ohrhängern und dem langen lila Kleid lachte fröhlich, als sie Martine ins Büro zog, und sagte: «War bloß ein Spaß. Unser Unterricht ist natürlich höchst interessant. Mein Name ist Elaine Rathmore, ich bin die Rektorin hier, und du bist bestimmt Martine. Willkommen an der Caracal Junior High School.»
Martine fragte sich, ob wohl jede Frau in Afrika eine starke Persönlichkeit war und schreiend bunte Kleider trug, oder ob es reiner Zufall gewesen war, dass sie gleich mehrere hintereinander getroffen hatte.
Mrs. Rathmore deutete auf einen Stuhl und sagte, als wisse sie genau, was in Martines Kopf vorging: «Und jetzt kannst du deinen Mund wirklich zumachen.»
Nachdem Martine sich einmal an Mrs. Rathmores Humor gewöhnt hatte, wurde ihr die Frau immer sympathischer. Sie schien mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen. Die Rektorin erklärte ihr, die Caracal Junior High School sei eine Schule wie jede andere, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht den Anschein machte. Allerdings werde bei ihnen die Umwelt großgeschrieben. Alle Gebäude, sagte sie, würden mit Sonnenenergie beheizt, bei vielen Schulprojekten stehe der Umweltschutz im Vordergrund, und in der Schulkantine würde nur gesunde, biologische Kost serviert. Nachdem ihr Mrs. Rathmore die Schulordnung und den Stundenplan erklärt hatte, machten sie einen Rundgang durch das Gelände. Hier gab es eine Turnhalle mit Kletterwand und mehreren Hektar großen Sportfeldern. So war es denn auch kein Zufall, dass die «Caracal Junior High School» schon zahlreiche Meistertitel errungen hatte.
«Wenn du eine Begabung für Sport hast – oder für sonst irgendetwas –, dann kannst du sicher sein, dass wir sie entdecken werden», versprach ihr Mrs. Rathmore.
Martine wusste genau, dass sie nicht sportbegabt war. In jeder Sportart, in der sie sich versucht hatte, war sie kläglich gescheitert. Doch jetzt musste sie wieder an die Worte von Grace denken: Du hast die Gabe, Kind. Genau so, wie’s deine Ahnen gesagt haben. Aber welche Gabe war das? Hatte sie mit Naturwissenschaften, Mathematik, Kunst oder Musik zu tun? Oder mit etwas, von dem sie keinerlei Ahnung hatte? Doch sie erinnerte sich auch an die warnenden Worte der Frau: Pass gut auf, Kind. Die Gabe kann sein ein Segen, aber auch ein Fluch. Du musst entscheiden weise.
Welche Gabe war wohl mit einer Warnung verbunden?
«Lucy van Heerden … eine unserer begabten Präfektinnen», sagte Mrs. Rathmore. «Lucy besucht dieselbe Klasse wie du, Martine, bei Miss Volkner. Martine? Wir haben dich doch nicht etwa derart gelangweilt …»
Martine blinzelte.
Vor ihr stand ein elegantes, blondes Mädchen und streckte ihr die Hand entgegen. Martine ergriff sie und war erschrocken, dass diese eiskalt war. Nach ihrer makellos gebräunten Haut zu schließen, musste Lucy jede freie Minute auf dem Surfbrett oder beim Sonnenbaden am Strand verbringen.
Nachdem Mrs. Rathmore Lucy gebeten hatte, Martine unter ihre Fittiche zu nehmen, sie in das Leben der Schule einzuweihen und ihr einen ganz besonderen Empfang in der Caracal Junior High School zuteil werden zu lassen, schritt die Rektorin in ihrer lila Wolke von dannen und überließ Martine ihrer bezaubernden neuen Mitschülerin.
«Oh mein Gott, du bist ja schneeweiß», sagte Lucy, sobald Mrs. Rathmore außer Hörweite war. «Woher kommst denn du? Aus Island?»
«Aus England», sagte Martine leise. Nicht genug, dass sie sich vorher schon fehl am Platz und völlig verunsichert vorkam. Jetzt fühlte sie sich noch tausend Mal schlechter.
Lucy sagte kichernd: «War nur ein kleines Späßchen» und gab ihr einen freundschaftlichen Schubs, der Martine fast zu Boden gehen ließ. «Also komm. Wir sind schon fast zu spät für die Stunde von Miss Volkner. Aber in der Pause stelle ich dir dann den Rest der Clique vor.»
Während der Mittagspause stellte Martine fest, dass es sich bei der «Clique», von der Lucy gesprochen hatte, um die sogenannte Fünferbande handelte, eine Gruppe der fünf beliebtesten Schülerinnen und Schüler. Zur Fünferbande gehörten neben Lucy deren Zwillingsbruder Luke, der ebenso blond, gut aussehend und braungebrannt war wie seine Schwester, Scott Henderson, der jeden Morgen in einem roten Lamborghini zur Schule gefahren wurde, Pieter Booker, der Spielführer der Rugby-Mannschaft von Caracal Junior High, und schließlich ein schwarzer Junge namens Xhosa Washington, der Sohn des Bürgermeisters von Storm Crossing. Sein Name war beinahe unaussprechlich, wenn man den schnalzenden Laut der Afrikaner nicht beherrschte. Sie hatten alle einen ultramodernen Haarschnitt und trugen ihre Schuluniformen so, als wären sie Designerklamotten. Die meisten Kinder verehrten sie, und Martine merkte schon bald, dass sie immer bekamen, was sie wollten. Selbst die Lehrer schienen ihnen eine Sonderbehandlung zuteil werden zu lassen.
Lucy stellte Martine über Mittag die Fünferbande und einer Reihe anderer Kinder vor. Im Großen und Ganzen machten sie einen ganz netten Eindruck, und einige vermittelten Martine sogar das Gefühl, dass sie zu ihnen gehöre. Martine saß in der Sonne, aß ihre Käse- und Chutneybrote, lächelte und nickte ihren neuen Schulkameraden zu und fragte sich, wie es möglich war, an einem so wunderbaren Ort inmitten lachender Kinder zu sein und sich dennoch als einsamstes, traurigstes Mädchen der Welt zu fühlen. Alle Erinnerungen an ihre alte Schule in England meldeten sich wieder zurück. Sie fühlte sich nicht nur schüchtern und unbeholfen. Sie war einfach fehl am Platz. So einfach war das. Ganz egal, worüber die anderen sprachen – Surfen, Haargel, Pop-Musik – es interessierte sie nicht. Doch was interessierte sie eigentlich? Martine wusste es nicht. Lesen vielleicht? Und die weiße Giraffe? Ja, für die weiße Giraffe interessierte sie sich – sehr sogar.
Als sie darüber nachdachte, fiel ihr eine kleine Gestalt auf, die in der Ferne unter einem Baum saß.
«Oh der!», sagte Lucy voller Abscheu, als Martine sie fragte, was denn dieser Junge dort drüben mache. Sie rümpfte die Nase. «Der ist entweder taub, stumm oder ganz einfach ein Psycho. Wir steigen da nicht ganz durch.»
In den folgenden Tagen fand Martine heraus, dass der Junge Ben hieß und dass er ein Mischling war. Sein Vater war Zulu, seine Mutter Asiatin – eine indische Tänzerin anscheinend. Martine war für ihr Alter ausgesprochen klein, doch der Junge war ebenso dünn und kaum größerals sie.
Bei näherer Betrachtung wurde ihr jedoch klar, dass Ben alles andere als schwach war. Seine braunen Arme und Beine waren kräftig und drahtig. Doch die wenigsten Kinder interessierten sich genug für Ben, um das zu bemerken.
Er war ein Außenseiter. Nur äußerst selten sprach ihn jemand an Das hatte zum Teil damit zu tun, dass er in den drei Jahren, seit er auf dieser Schule war, nie ein Wort gesagt hatte. Die Lehrer gingen längst davon aus, dass er stumm war, vor allem weil er seine Fragen auf kleinen Papierfetzen beantwortete und seit jeher Klassenbester war. Für die Mitglieder der Fünferbande, die behaupteten, ihn einmal auf dem Parkplatz der Schule bei einem ganz normalen Gespräch mit seinem Vater beobachtet zu haben, war Ben Ärgernis und Amüsement zugleich. Über Mittag warf er sich immer den Rucksack über die Schulter und verkrümelte sich in den entlegensten Winkel des Schulareals. Dort setzte er sich unter einen Baum und las in einem Buch. Sein Spitzname war Buddha Ben, weil er gerne Räucherstäbchen abbrannte und sich nie wehrte, wenn andere Kinder ihm sein Buch wegnahmen oder ihn dazu zwangen, ihre Hausaufgaben zu machen.
Martine fand es nicht in Ordnung, dass alle so gemein zu ihm waren. Eigentlich wollte sie ihn kennenlernen, doch als sich erstmals die Gelegenheit dazu ergab, winkte Lucy sie herbei und fragte, was sie denn vorhabe. Sie habe doch nicht etwa mit Ballaballa-Ben (so nannte sie ihn) reden wollen. Als sich die nächste Gelegenheit bot, verschob sie es aus einem anderen Grund, und bald dachte sie gar nicht mehr an Ben.

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