Read the book: «Der Römer»


Lasse Holm
Der Römer
Kriminalroman
Aus dem Dänischen von
André Wilkening
Saga
Der Römer
Aus dem Dänischen von André Wilkening
Originaltitel: Romeren © 2014 Lasse Holm
Cover: Lasse Holm
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711461587
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com




Personenverzeichnis
Römische Familien – insbesondere die Adligen – konnten, wenn sie einem Jungen einen Namen geben wollten, nur zwischen ein paar Vornamen (Pränomen) wählen. Jede Familie hatte ihre Favoriten, jedoch waren Marcus, Quintus und Lucius äußerst beliebt. Obendrein wurde der erstgeborene Sohn traditionell nach seinem Vater benannt, der wiederum den Namen seines Vaters erhalten hatte usw.
Was Frauen anbelangte, waren die Möglichkeiten sogar noch eingeschränkter. Eine Tochter bekam – unabhängig von der Anzahl der Schwestern – die weibliche Form des Familiennamens (Nomen). Demnach hießen alle Töchter der Juliusfamilie Julia. Einen richtigen Nachnamen erhielt sie erst, wenn sie vermählt wurde. Bis dahin trug sie den Beinamen (Cognomen) des Vaters.
Die weitaus meisten Personen in diesem Buch sind historisch bezeugt. Namensgleichheiten ließen sich daher nicht völlig vermeiden. Das unten stehende Personenverzeichnis soll dabei helfen, Missverständnisse zu vermeiden. Die Namen sind alphabetisch aufgelistet, und es sind diejenigen Namen groß geschrieben, unter denen sie im Buch auftauchen. Personen mit nur einem Namen sind Sklaven, Ausländer oder gehören zu den Plebejern, dem niedrigsten Stand in der römischen Gesellschaft.
Aelia. Wäscherin. Alleinerziehende Mutter von Tiro.
Aemilia Lepida. (Geborene Cornelia) Römische Adlige ohne Talent für Heuchelei und weibliche Demut. Mutter von sowohl Drusus als auch Mamercus. Außerdem Großmutter von Servilia, Quintus, Porcia und Cato. Witwe von Aemilius Lepidus.
Brutus, Marcus Junius. Römischer Adliger und Senator. Nachkomme der Gründer der Republik.
Cato, Marcus Porcius. Widerspenstiger und altkluger Junge. Drusus’ Neffe und Servilias Halbbruder.
Cicero, Marcus Tullius. Sohn eines reichen Landbesitzers. Schreiber im Stab von Sulla. Möchte gern Advokat und Orator werden.
Cinna, Lucius Cornelius. Konsul im Jahr 87 v. Chr.
Claudia Aemilia. Als Zwölfjährige mit Mamercus vermählt, als ihre Eltern starben. Tochter von Appius Claudius.
Claudianus, Marcus Livius Drusus. Claudias Bruder. Von Drusus adoptiert. Eigentlich der Sohn von Appius Claudius.
Cornelia Graccha. Besorgte Mutter von Tiberius und Gaius Gracchus.
Cornelia Sulla. Unbekümmerte und angeblich sehr anmutige Tochter von Sulla.
Crassus Orator, Lucius Licinius. Skrupelloser römischer Senator. Freund von Scaurus.
Crixius. Ehemaliger Gladiator und Volumnias Handlanger.
Caecilia Metella. Junge und ausgesprochen attraktive Adlige. Mit Scaurus vermählt.
Caepio, Quintus Servilius. Römischer Adliger. War mit der Schwester von Drusus vermählt. Sohn von Quintus Servilius.
Demetrios. Medicus und Chirurg. Sohn und Lehrling des griechischen Leibarztes von Cornelia Graccha.
Decumius, Lucius. Legat (Offizier) im Stab von General Marius.
Diomache. Demetrios’ Kusine aus Massilia. Mit Mikon vermählt.
Domitius, Gaius. Römischer Senator mit Sinn für Kunst.
Drusus, Marcus Livius. Römischer Senator mit einer Mission und zahllosen Feinden. Sohn von Aemilia und Halbbruder von Mamercus.
Fabius, Quintus. Vorsitzender des Strafgerichts.
Julia Maria. Mit Marius verheiratet. Schwägerin von Sulla, dessen verstorbene Ehefrau ebenfalls Julia hieß.
Lucullus, Lucius Licinius. Zenturio (Unteroffizier) im Heer von Sulla.
Lupus, Publius Rutilius. Römischer Konsul und Heerführer im Jahre 90 v. Chr. Folterexperte, der sich dieses Wissen selbst aneignete.
Lydia. Haushälterin im Haus von Senator Domitius.
Mamercus, Aemilius Lepidus Livianus. Sechzehn Jahre jüngerer Halbbruder von Drusus. Sohn von Aemilia und ihrem zweiten Mann Aemilius.
Marcus Stercorius. Freigelassener Sklave und Koch bei Drusus.
Marius, Gaius. General und Kriegsheld.
Marius Junior, Gaius. Sohn des alten Generals.
Messala, Marcus Valerius. Legat im Heer von Lupus.
Metrobios. Sehr erfolgreicher griechischer Schauspieler.
Mucia Licinia. Ehefrau von Crassus Orator.
Mutilus, Gaius Papius. Ehemaliger Gladiator und jetziger Leibwächter.
Petronius. Pförtner im Haus von Drusus.
Philippus, Lucius Marcius. Konsul im Jahre 91 v. Chr.
Philomela. Verstorbene Schwester von Demetrios’ Vater.
Quintus Servilius. Konsul und Heerführer im Jahre 104 v. Chr. Verlor ein Heer von 80.000 Mann in der Schlacht von Arausio und wurde ins Exil geschickt. Vater von Caepio. Servilias Großvater.
Rachel. Sklavin im Haus von Senator Domitius.
Sarpedon. Lehrer und Erzieher aus Lykien.
Scaurus, Marcus Aemilius. Vorsitzender des Senats.
Sempronia Scipia. Verbitterte Tochter von Cornelia Graccha. Schwester von Tiberius und Gaius Gracchus.
Servilia Caepionis. Selbständig denkende Nichte von Drusus. Caepios Tochter. Enkelin von Quintus Servilius.
Silo, Quintus Poppaedius. Anführer der Marser.
Sulla, Lucius Cornelius. Trunksüchtiger Sohn eines armen Patriziers.
Tiro. Schüchterner, aber intelligenter Sohn von Aelia.
Valerius Flaccus, Lucius. Älterer Senator, an dessen Ehre nicht gezweifelt werden kann.
Varius, Quintus. Spanier und Handlanger von Philippus.
Volumnia, Claudia. Ehemalige Prostituierte, jetzige Bordellbesitzerin. Freigelassene Sklavin aus dem Haus von Appius Claudius.
Für Katharina
Erstes Buch
I
»Marcus Livius Drusus ist ermordet worden, aber er ist nicht tot.«
Das war das Erste, was Petronius zu mir sagte.
Mit der einfachen, grauen Tunika eines Pförtners bekleidet stand er auf der obersten Stufe der Leiter, die mitten in die viereckige Dachluke hineinragte.
»Wer ist Marcus Livius Drusus?«, fragte ich.
»Kennst du nicht meinen Dominus?«
Seine hervorstehenden Augen weiteten sich vor aufrichtiger Überraschung. Dann sah er ein, dass die Frage als Unverschämtheit aufgefasst werden könnte.
»Vergib mir. Ich habe kein Recht, den Herrn auszufragen.« Er lächelte unterwürfig. »Ich suche nach dem griechischen Wundarzt Demetrios, der unter den Armen von Subura wegen seines Könnens berühmt ist und dessen Güte man vom Aventin bis zum Esquilin preist.«
Ich war gerade nach Hause gekommen von einer Frau mit Blutvergiftung, die ich betreut hatte. Die Venen in ihrem Unterleib traten wie Tätowierungen hervor, sie hatte Fieber und stank nach Verwesung. Ich hatte sie zur Ader gelassen und auf das Beste gehofft. Ihre drei Kinder hatten mit mir gewacht, bis sie nach einem Tag des Leidens endlich entschlief.
Petronius’ Schmeichelei war wirkungslos.
»Wie hast du mich gefunden?«, erkundigte ich mich.
»Das war nicht leicht. Ich fragte im ganzen Viertel nach euch, mein Herr. Eine freundliche Seele führte mich zur Taverne an der Ecke. Der Wirt erzählte mir, wo der Herr wohnt.«
Meine Konsultationen im Hof des Grundstücks waren unter den Einheimischen wohlbekannt. Meine genaue Adresse war indes ein Geheimnis, das wenigen Eingeweihten vorbehalten blieb.
»Dann dürfte er dir auch erzählt haben, dass ich keine Patrizier behandle«, sagte ich. »Nur Sklaven und Plebejer.«
»Wieso?« Vor Überraschung vergaß der Sklave die korrekte Anrede. »Davon kannst du doch nicht leben.«
»Ich habe meine Gründe. Lass mich jetzt in Frieden.«
»Ich bitte dich.« Er kletterte das letzte Stück auf der Leiter hoch und fiel auf die Knie. »Erlöse meinen Dominus. Nur du kannst sein Leben retten.«
Ich lehnte meinen Kopf gegen die Wand. Sie schien im Takt meines Pulses zu vibrieren. Die Erschöpfung durchzog meinen ganzen Körper. Ich streckte mich und spürte das Knacken der Rückenwirbel.
»Wie heißt du?«, fragte ich.
»Wie ich heiße?«
»Du hast doch bestimmt einen Namen.«
»Mein Name ist ebenso unbedeutend wie ich selbst, Herr.«
»Dein Name, Sklave!«
Er beugte sich vor, legte das Gesicht auf den Boden und nannte ihn mir. Schweigend betrachte ich den kleinen, kahlköpfigen Mann, dessen Besuch mein Leben verändern sollte.
»Berichte mir von den Symptomen deines Dominus, Petronius.«
Als er aufsah, bemerkte ich Spuren von Staub auf seiner Stirn und Nasenspitze.
»Symptome, Herr?«
»Seit wann ist Marcus Livius Drusus krank?«
Petronius erzählte, dass seinem Dominus blass und schwindelig geworden sei und er sich übergeben habe, als er spät am Nachmittag in Begleitung seiner Freunde vom Forum heimgekommen sei. Sie hätten erzählt, dass es Drusus seit mittags so ergangen sei, als er einen wichtigen Gesetzesvorschlag in der Volksversammlung eingebracht habe.
Ich tröstete den besorgten Sklaven. Es klang nach einer gewöhnlichen Magenverstimmung. Sein Dominus würde sich bald erholen, wenn er ein paar Tage das Bett hüten und nur abgekochtes Wasser trinken würde.
»Du verstehst nicht, Herr. Es ist etwas anderes.«
Petronius biss sich auf den Handknöchel, als würde er bereuen, was er soeben gesagt hatte.
»Wie soll ich deinem Dominus helfen, wenn du nicht erzählen willst, was geschehen ist?«
»Es ist zu schrecklich! Ich kann es nicht laut sagen. Die Götter könnten mich hören. Wenn du darauf bestehst, es zu erfahren, bin ich gezwungen zu gehen.«
Er begann zu weinen. Am ganzen Körper zitternd stieg er zur Dachluke zurück.
»Warte«, sagte ich erstaunt, »kannst du mir wenigstens sagen, was nach dem Furchterregenden passierte, wovon du nicht erzählen willst?«
»Mein Dominus warf sich zu Boden. Er schrie wie ein Verrückter, oder besser gesagt, als wäre er vor lauter Schmerzen außer sich. Kurz danach verlor er das Bewusstsein.«
Das klang nicht länger nach Magenschmerzen. Ich seufzte und schnappte die Medizintasche.
Wagen und Karren kämpften miteinander um Platz in der schmalen Straße. Wir mussten uns an ihnen vorbeidrücken wie in einer überfüllten Lagerhalle. Die Rufe der Wagenführer und das Gebrüll der Ochsen hallten im Fackelschein zwischen den Hausmauern wider. Ich schaute Petronius an, der krumm und schief an meiner Seite vorwärts eilte.
»Ich werde deinen Dominus schon wieder auf die Beine bringen«, sagte ich und legte die Hand auf seine Schulter.
»Die Götter mögen dir Recht geben«, murmelte er. »Aber ich fürchte mich davor, dass der Schatten des Todes bereits über ihm ist. Denk doch nur, wenn er heute Nacht von uns gerissen wird. Was wird dann geschehen? Was soll aus uns werden?«
»Du bekommst einen neuen Dominus«, tröstete ich ihn. »In einem Jahr wirst du Marcus Livius Drusus vergessen haben.«
»Halt deinen Mund! Du weißt nicht, was du da redest!«
Einen Augenblick lang glaubte ich, dass er mir an die Kehle springen wollte. Die gewaltsame Reaktion erschreckte ihn selber, sodass er auf die Knie fiel und meine Hand küsste.
»Verzeih mir, Herr. Seit meiner Jugend bin ich der Pförtner von Marcus Livius Drusus, und ich bin nur ein halbes dutzend Mal ausgepeitscht worden. Niemals hört man ein böses Wort von ihm, sofern man seiner Pflicht nachkommt. Und die Sklavinnen werden in Ruhe gelassen. Er liegt nie mit ihnen, obwohl das sein Recht ist. Marcus Livius Drusus ist der beste Dominus in ganz Rom.«
»Dann sollten wir uns lieber beeilen.«
So lebhaft das Forum tagsüber war, so verlassen lag der Mittelpunkt der bedeutendsten Stadt der Welt bei Anbruch der Dunkelheit da. Unsere einzige Gesellschaft waren die Statuen auf ihren Podesten, während wir den Platz überquerten. Der Abendnebel hing zwischen den Gebäuden und verdeckte beinah den kleinen, runden Tempel der Vesta, der im Schatten des düsteren Steinmassivs der Domus Publica lag.
Wir stiegen die dreihundert Stufen der Vestatreppe vom Forum zum Clivus Victoriae empor. Oben schlängelte sich das glatte Pflaster der Straße in die Dunkelheit hinein, umgeben von hohen, ockergelben Mauern an beiden Seiten.
Die behäbige Stille des Reichenviertels wurde von einem Geräusch erschüttert, das wie eine aufgescheuchte Fledermaus über die Terrakottadächer flatterte: Mal war es ein schwaches Jammern, dann ein furchtbarer, angsterfüllter Schrei, der sich wie ein kalter, feuchter Mantel über unsere Schultern legte.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Das ist Marcus Livius Drusus«, antwortete Petronius.
II
Ungefähr fünfzig Menschen standen auf der Straße vor der Bronzetür und erörterten den bedenklichen Zustand des Volkstribuns. Petronius bog nach rechts ab in einen abfallenden Pfad zwischen der Seitenwand des Hauses und der überwucherten Brache des Nachbargrundstücks. Durch eine Kellertür traten wir in einen schmalen, von Fackeln erleuchteten Gang ein, der voll weinender Sklaven war.
Eine Schar Kinder wurde weggescheucht. Ein hübsches, junges Mädchen mit blauschwarzem Haar stieß mit ihrer Schulter gegen meinen Oberarm. Das Grüne in ihren Augen ging in der Mitte der Iris ins Gelbe über, sodass ihre Pupillen von einem Goldring umgeben zu sein schienen.
Petronius zog mich durch die Küche. Ein dickbäuchiger Koch hing über einem Topf, dessen Inhalt er mit seinen Tränen salzte. Wir stiegen eine Treppe zu einer Loggia hinauf.
Die Villa lag am äußersten Rand des Palatins, einige hundert Fuß oberhalb des Forums. Unter uns erstreckte sich Rom zu allen Seiten hin. Ganz links thronte der dunkle Koloss des Jupitertempels auf dem Hügel des Kapitols.
Rechts lagen die Villen von Carinae, bedrängt von den Mietshäusern in Esquilin. Vor uns, auf der anderen Seite des Tals vom Forum, schimmerten die Gassen von Subura zwischen den baufälligen Häusern wie Magma zwischen schwarzen Felsbrocken hervor. Am Horizont schickten Schornsteine Tausende von dünnen Rauchsäulen zu den blassen Sternen hinauf.
Wir setzten unseren Weg durch den Garten des Peristyls fort und gingen weiter ins Haus hinein. Die dunkle rechteckige Fassade wurde nur von einem einzigen erleuchteten Fenster durchbrochen.
Als wir in einen Gang traten, sah ich flüchtig einen großen, schlanken Mann, der sich umgehend in das Dunkel zurückzog, als er uns erblickte. Seine hervorgewölbten Lippen schienen in einem unergründlichen Lächeln erstarrt zu sein. Der Ausdruck in seinen schmalen Augen war ernst.
Die Öllampen blendeten mich. Ich bemerkte kaum die drei Gestalten, die in der unruhigen Stille des prächtig ausgestatteten Tablinums standen oder saßen. Petronius führte mich an einem vollgestopften Bücherregal vorbei zu einem Vorhang in der äußersten Ecke des Raums.
»Ist er tot?«, fragte ein mit einer Toga bekleideter Senator, der die Hälfte der schmalen Schlafkammer auszufüllen schien. Sein tiefer Bass klang, als käme er eher aus dem Inneren der Erde als aus einem Menschen. Ich trat einen Schritt zurück, als ich ihn wiedererkannte. Es war zu spät, um zu flüchten. Ich blieb mit dem Rücken am Türrahmen stehen.
»Er ruht«, sagte ein griechischer Arzt, der am Kopfende kniete. »Das Schlimmste ist überstanden. Ich verordne Rosenwasser zur Reinigung.«
»Das wird das Gleichgewicht zwischen den Körperflüssigkeiten nicht wiederherstellen«, entgegnete ein anderer Arzt am Fußende des Bettes. »Welche Körperflüssigkeiten?«, brummte der Senator.
»Wie schon Aristoteles geschrieben hat, so beruht jede Erkrankung des Körpers auf einem Ungleichgewicht der vier lebenswichtigen Körperflüssigkeiten: Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle. Es ist deutlich, dass der Patient zu viel Blut hat. Ich verordne einen Aderlass.«
»Unsinn!«, knurrte der erste Arzt, »er ist dehydriert. Eine Wasserkur wird ihn heilen.«
Petronius schlängelte sich zu dem hochgewachsenen Senator und flüsterte ihm etwas zu, woraufhin er sich umdrehte.
»Demetrios!«
»Salve, General Marius«, sagte ich. »Es ist eine Freude, dich wiederzusehen.«
Marius sah immer noch so aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte: Die sonnengebräunte Haut saß straff über der kräftigen Muskulatur des Gesichts. Die Nase wirkte wie ein uneleganter Klumpen über den breiten, aufgesprungenen Lippen. Über der hohen Stirn, die wie ein Acker gefurcht war, stand ein Büschel kurz geschorener, hellroter Haare. Er erinnerte an einen oft benutzten Gegenstand aus Leder, der draußen jedem Wetter ausgesetzt und erst kürzlich hereingeholt worden war.
»Was für eine Überraschung. Es müssen seitdem zehn Jahre vergangen sein.«
»Zwölf, General.«
»Das mag sein. Wo hast du dich aufgehalten?«
»In Subura. Ich bin meinem Ruf gefolgt.«
»Deinem Ruf? Du machst Witze?«
Die buschigen Augenbrauen zogen sich am Nasenrücken zusammen. Ich wich seiner Frage aus.
»Ist das der Mann, zu dessen Behandlung ich gerufen wurde?«
»Ach ja«, antwortete Marius, »mein Freund Drusus hat Magenschmerzen. Wir können die alten Erinnerungen auffrischen, wenn du ihn kuriert hast. Was sagst du zu all dem Geschwätz über Körperflüssigkeiten, Junge?«
Marius fiel unbeschwert in unsere alte, vertraute Ausdrucksweise.
»Aristoteles war Philosoph, kein Arzt. Ich kenne keine anderen lebenswichtigen Körperflüssigkeiten außer Blut.«
»Exakt meine Worte.«
Der General betrachtete mich, während er das Gewicht vom einen auf den anderen Fuß verlagerte. Dann siegte seine Neugier über die Verhaltensregeln.
»Sagtest du Subura? Wie hast du zwölf Jahre lang dort in diesem Loch leben können? Wusstest du nicht, dass ich nach dir gesucht habe? Beinahe hätte ich geglaubt, dass du dich vor mir versteckt hältst.«
»Selbstverständlich habe ich mich nicht versteckt, General«, log ich.
Der erste Arzt musterte mich und fragte auf Griechisch, wie alt ich sei. »Fünfundzwanzig Jahre«, antwortete ich.
»Dachte ich es mir doch. Lass lieber einen erfahrenen Medicus diese Sache erledigen. Wenn du einen Volkstribun falsch behandelst, kann deine Laufbahn vorbei sein, bevor sie begonnen hat.«
Solch einer Reaktion war ich schon früher begegnet, und ich hatte gelernt, ihr mit einschmeichelnden Worten zu begegnen.
»Ich bin nicht völlig unerfahren. Ich habe operiert, seit …«
»Ruhe!«, unterbrach der zweite Arzt. »Der Patient muss absolute Ruhe haben. Hör lieber auf meinen Kollegen. Das Leben eines Patienten ist eine ernste Sache.«
»Haltet alle beide den Mund«, wetterte Marius. »Glaubt ihr, ich verstehe euren Unsinn nicht, nur weil ihr Griechisch sprecht? Demetrios ist gut genug. Er ist der einzige Arzt, der mich jemals behandeln durfte.« »Tatsächlich?«, sagte der erste Arzt. »Was war das Problem?«
»Krampfadern«, entgegnete ich, als Marius zögerte.
»Ähm, ja.« Sein vernarbtes Gesicht verzog sich zu einem angestrengten Lächeln.
»Als du mit dem einen Bein fertig warst und in das andere schneiden wolltest, bin ich von deinem Tisch gehüpft.«
Marius’ Lachen hallte zwischen den kahlen Wänden wider.
»Bona Dea! Der Schmerz stand in keinem Verhältnis zu dem Nutzen. Doch wir dürfen Drusus nicht vergessen. Du sollst jetzt hören, was vorgefallen ist. Als wir gegen Abend vom Forum zurückkamen, wurde er auf der Straße aufgehalten. Er wollte mit einer Schar seiner Klienten sprechen. Sie waren uns auf unserem Weg gefolgt. Plötzlich fing er zu schreien an. Wir trugen ihn hier herein und riefen die Ärzte. Sie waren nicht von großem Nutzen, aber jetzt ist das Schlimmste sicherlich überstanden.«
Der Volkstribun Marcus Livius Drusus war Ende dreißig, schlank und mittelgroß. Er war bleich und das dunkle Haar war feucht vom Schweiß. Ich zählte seinen Puls, der wie ein Pferd galoppierte.
Vorsichtig wickelte ich die Toga von ihm ab. Unter ihren Falten entdeckte ich eine mögliche Ursache für seine Magenbeschwerden: In seinem Unterleib steckte bis zum Schaft ein Schuhmachermesser.
III
»Hol Wein«, rief ich zu Petronius, der schnellen Schrittes verschwand. »Hilf mir, ihn hochzuheben, Marius. Hier drinnen ist es zu eng.«
Mit einem Schrei erwachte Drusus. Die drei Männer, die im Arbeitszimmer gesessen hatten, stürzten herein und versperrten uns die Tür. Ich schob sie zur Seite wie lästige Kinder und fegte die Schriftrollen vom Arbeitstisch.
Petronius kehrte mit einer gefüllten Amphore zurück. Marius zwängte den Wein in Drusus hinein, der wie ein Fisch auf einem Schneidebrett zappelte. Stück für Stück zog ich das Messer heraus und roch an der Wunde. Sollte Darminhalt in die Bauchhöhle geflossen sein, wäre er nicht mehr zu retten.
»Wer versucht denn, jemanden mit solch einem Messer umzubringen?«, sagte Marius. »Die Klinge ist nicht länger als eine Hand.«
»Deine Hände sind größer als die der meisten anderen Menschen, General. Von euch anderen hat wohl auch keiner gesehen, wie das passiert ist?« Ich wandte mich an die drei Gäste im Tablinum, unterbrach mich aber selbst. »Ave Domini. Es war nicht meine Absicht, respektlos zu erscheinen.«
Der Senatsvorsitzende Scaurus, der erst kürzlich das hohe Alter von siebzig Jahren erreicht hatte, lächelte freundlich und brachte sein spärliches Haupthaar in Ordnung. Er war klein und hatte einen krummen Rücken. Sein Gesicht war verrunzelt wie ein alter Apfel. Er sah aus, als würde er beim kleinsten Windstoß umfallen. Dennoch steuerte er Gerüchten zufolge sowohl den Senat als auch seine blutjunge Ehefrau wie ein Kapitän sein Schiff.
Der andere war Licinius Crassus Orator. Wie sein Beiname andeutete, war er der beste Redner Roms. Der Klang seiner Stimme war den meisten vertraut, denn er brachte seine Redefähigkeit recht großzügig unter die Leute, was ihn aber auch anstrengend machte. Seine Augen, deren Pupillen so klein waren, dass sie kaum zu sehen waren, taxierten mich, als hätte er allergrößte Lust, mich anzuspucken.
Der Dritte kam mir auch bekannt vor, doch es wäre unhöflich gewesen, ihn nach seinem Namen zu fragen, und damit anzudeuten, dass er nicht so bedeutend war wie die anderen beiden Herren. Seine Toga war neu, der Purpursaum war noch fast schwarz. Er verneigte sich mit einem ironischen Lächeln auf den schmalen Lippen, eine Parodie meiner eigenen Reaktion. Sein helles, fülliges Haar umgab das bleiche, sommersprossige Gesicht.
»Es gibt keinen Grund, derart unterwürfig zu sein, Chirurg«, sagte der alte Senatsvorsitzende mit einer Stimme, die klang, als würde ein Messer geschliffen. »In Rom sind wir alle ebenbürtig. Ja, das sind wir. Wir saßen hier drinnen und genossen einen Becher Wein, als uns Drusus’ Schrei ins Atrium eilen ließ. Doch keinem von uns gelang es, den Täter zu sehen.«
»Wie ärgerlich.«
»Ärgerlich, ja«, pflichtete Crassus Orator widerwillig bei und rückte die Toga an seiner hochgewachsenen, schlanken Gestalt zurecht. »Allerdings vermuteten wir, dass es sich um eine Magenvergiftung handelte. Drusus hatte sich den Tag über mehrfach übergeben.«
»Ja, er hat den ganzen Tag lang gebrochen«, bestätigte Marius.
»Das macht mir mehr Sorgen als die Wunde.«
Bei Drusus setzte nun blutiger Durchfall ein. Die rotbraune Masse lief wie Ameisenstraßen an den vergoldeten Beinen des kostbaren Arbeitstisches hinab. Seine Pupillen weiteten sich, sodass sie schon Eingängen ins Totenreich ähnelten. Spucke klebte an seinen Lippen. Er krümmte sich krampfartig, und seine Arme mussten festgehalten werden, damit sie nicht wie Spatzenflügel durch die Luft flatterten.
Seine Wunde roch nun nach Kot.
Immer wieder spannte sich sein Körper vom Nacken bis zu den Fersen wie ein Bogen, während er auf der Tischplatte lag. Er schrie und schrie immerfort, bis seine Stimme nur noch ein heiseres Winseln war.
Drusus’ Leiden währte sechs Stunden. Als der Morgen graute, hatte er schließlich das Bewusstsein verloren. Kurz danach blieb sein Herz stehen.
Ich schloss seine Augen und trocknete den Schweiß von seiner Stirn. Marius legte eine Münze unter seine Zunge und hielt schweigend den Unterkiefer mit zwei Fingern fest. Ich band ihn nach oben, sodass der Rigor mortis den Mund des Volkstribuns für immer verschließen würde.
»Wie konnte das geschehen?«, murmelte der alte Senatsvorsitzende heiser und strich mit seiner Hand über seinen Scheitel. »Das ist eine schlimme Situation. Ja, eine furchtbare Misere.«
»Es ist ein Skandal!«, rief der Orator. »Wer wird sich trauen, Drusus’ Arbeit fortzuführen, wenn das der Lohn dafür ist, das Unrecht in Rom zu bekämpfen?«
Er richtete in einer demonstrativen Geste die geballten Fäuste zum Himmel, als würde er sich an eine größere Versammlung wenden. Was er auch tatsächlich machte.
Das Gerücht über das Attentat hatte im Laufe der Nacht die gesamte Stadt erreicht. Der Pförtner Petronius hatte nur die wichtigsten Mitglieder des Senats hereingelassen. Trotzdem war das Peristyl, von wo aus sie durch die Fenster des Tablinums den Begebenheiten folgten, voll. Das gedämpfte Murmeln der Senatoren hallte durch das Haus wie sanftes Regengeplätscher.
Der mir unbekannte blonde Mann wanderte unentschlossen in einer Ecke des Arbeitszimmers hin und her. Er fuhr sich mit seiner Hand über das sommersprossige Gesicht, als wäre er erst gerade erwacht. An der Tür blieb er stehen.
»Ich sollte mich lieber davonmachen«, sagte er.
»Du bleibst hier«, entgegnete der Orator, ihm den Rücken zugewandt. »Wie meinst du das? Es war ein Zufall, dass ich hier war. Es wäre verdammt ungeschickt, wenn ich bleiben würde.«
»Damit magst du Recht haben«, krächzte der Senatsvorsitzende, »aber hättest du darauf Rücksicht nehmen wollen, hättest du vor einer Stunde gehen müssen.«
»Wovon redest du, Scaurus?«
Der Senatsvorsitzende starrte schweigend auf den Boden. Crassus Orator übernahm es, dem Blonden die Lage zu erklären.
»Die Tradition schreibt vor, dass Familie und Freunde eines Verstorbenen mithelfen, die Leiche zu waschen.«
»Familie und Freunde? Zum Hades, ich gehöre weder zum einen noch zum anderen.«
Der Orator taxierte ihn mit seinen winzig kleinen, nadelspitzengroßen Pupillen.
»Du warst bei seinem Tod zugegen.«
»Das waren die da auch«, protestierte der Blonde und deutete aus dem Fenster hinaus.
»Die Senatoren hielten sich nicht in dem Zimmer auf, in dem der Tod eintrat. Aber wenn du gern den Mores maiorum trotzen möchtest, dann meinetwegen.«
Roms ungeschriebene Verhaltensregeln übertrat kein Patrizier ungestraft. Der Blonde griff nach einem Becher Wein und sank auf einen Stuhl.
Der Senatsvorsitzende und der Orator begannen, die Schriftrollen aufzusammeln und sie von Exkrementen und Blut zu säubern. Das führte jedoch nur dazu, dass sie sich selbst beschmutzten. Ein Sklave kam ihnen mit einem Leinentuch zu Hilfe. Sie arbeiteten schweigend weiter, während sie es sorgfältig vermieden, sich gegenseitig in die Augen zu schauen.
Die Stimmen der beiden Ärzte aus dem Garten unterbrachen die Stille. »Es gab keine Hoffnung«, verkündete der erste wie ein Schauspieler in einer griechischen Tragödie.
»Wir taten unser Bestes«, rief der andere, »aber vor Waffen und Gewalt muss die Wissenschaft weichen.«
Die Senatoren scharten sich um sie wie Spatzen um Brotkrumen auf der Straße.
»Das lange Schwert wurde mit gewaltiger Kraft geführt«, fuhr der Erste fort. »Der Mörder muss ein wahrer Riese gewesen sein.«
In dem Vorwort zu seiner Abhandlung De Medico schreibt Hippokrates, der Vater der ärztlichen Heilkunst, wie er, als er einen Patienten verloren hatte, von der erdrückenden Erkenntnis der engen Grenzen seiner Fähigkeiten übermannt wurde, und dass er sich nur in diesem Zustand erlaubte, irrational zu handeln. Ich berufe mich auf dieselbe Entschuldigung, als ich, mit der Mordwaffe in meiner Hand, zum offenen Fenster lief und rief: »Ist dies das lange Schwert, von dem ihr sprecht? Das so weit unten in Drusus’ Bauch steckte, dass es ein Kind hineingerammt haben könnte?«
»Trotzdem verursachte es seinen Tod«, schnaubten die Ärzte.
»Nein, das tat es nicht. Marcus Livius Drusus starb nicht durch den Messerstecher. Der Volkstribun hatte zwei Mörder.«
IV
Ein einziger Blick in die Hydra aus Gesichtern der Senatoren führte dazu, dass ich den entgegengesetzten Weg durch das Atrium einschlug. An der Tür zur Straße saß Petronius. Er sprang auf und musterte mein Gesicht.
»Sag mir die Wahrheit. Der Dominus ist tot, nicht wahr? Es ist meine Schuld. Ich hätte dich sofort herbeirufen sollen.«
»Zumindest hast du Augen im Kopf. Du warst der Einzige, der den Messerstecher sah. Aber du hast dich nicht getraut, es mir zu erzählen. Du wusstest, dass nur ein Wundarzt deinem Dominus helfen konnte.« Das Gesicht des Sklaven verzog sich vor Entsetzen.
»Beruhige dich«, fuhr ich fort. »Er starb nicht durch den Messerstich. Dein Herr wurde vergiftet.«
Die Senatoren näherten sich uns und begannen, Fragen zu stellen. Was ich damit gemeint habe, Drusus habe zwei Mörder? Hätten zwei Männer ein und dasselbe Messer führen können?
»Halt deinen Mund, wenn dir dein Leben lieb ist«, flüsterte ich Petronius zu.
Er sah mir in die Augen und schien zu verstehen. Wir wussten beide, dass die Zeugenaussage eines Sklaven vor Gericht nur gültig war, wenn sie unter Folter erzwungen worden war.
Die Menge der Neugierigen auf der Straße vor dem Haus verlor augenblicklich jegliches Interesse an mir, als die Senatoren hinter mir auftauchten.
Ich drängte mich hinaus ins Freie. Auf der Vestatreppe lief ich an einigen Schaulustigen vorbei, die den Weg hinaufkamen. Auf dem Forum standen die Menschen bereits in Gruppen zusammen und diskutierten über den Tod des Volkstribuns.
Vor meinem Hauseingang, einer steilen Backsteintreppe zwischen einer Bäckerei und einem Weinhandel, stritten die Inhaber lautstark miteinander, obwohl sie sich einig darin waren, dass die Ermordung schlimm sei und man gegen solche Zustände etwas tun müsse. Über die Leiter im sechsten Stockwerk gelangte ich das letzte Stück hinauf durch die Dachluke in mein Zimmer.
In der Wohnung unter mir war meine Nachbarin dabei, ihren Sohn die Hausaufgaben abzufragen, die er in der Schule des Lykiers Sarpedon weiter unten in der Straße aufbekommen hatte.
Ich hörte ihrem vertrauten Morgenritual zu, während ich langsam zur Ruhe kam.
»Also, Tiro, wer waren die Gründer Roms?«
Das Schweigen des Jungen ließ die Mutter schnauben.
»Denk nach. Unsere Stadt heißt Rom und ihre Gründer heißen …?« »Romulus«, erinnerte sich der Junge. »Und Remus. Sie waren Zwillinge. Sie wurden als Kinder von einer Wölfin gesäugt. Dann gründeten sie Rom, auf dem Palatinhügel.«
»Bravo, Tiro. Komm, zieh deine Tunika an.«
»Doch dann begannen sie, darum zu streiten, wer König werden sollte. Dann brachte Romulus seinen Bruder mit einem Schwert um.«
»Richtig. Möchtest du eingelegte Eier oder Brei zum Frühstück?«
Tiro entschied sich für eingelegte Eier. Sie waren seine Leibspeise. Der Geruch von Garum, einer kräftigen, vergorenen Fischsauce, die für alle möglichen Gerichte verwendet wurde, stieg zu mir nach oben.
»Darf ich auch zwei nehmen, Mutter?«
»Ach, was soll’s. Beeil dich aber, wir müssen jetzt gehen.«
Ihre Stimmen verschwanden die Treppe hinunter und vermischten sich mit Geräuschen der Straße. Erschöpft fiel ich in den Schlaf.
In meinen Träumen tauchte das gequälte Gesicht von Drusus auf. Immer wieder versuchte ich, ihn zu retten, obgleich ich schon längst eingesehen hatte, dass es nutzlos war. Jedes Mal entglitt sein Leben meinen Händen.
Ich wachte gegen Mittag auf, als ein großer Schatten auf mich fiel. Es war ein Mann mit kurzen Haaren, einem tonnenförmigen Oberkörper und einem verbissenen Gesichtsausdruck. Er hielt mir ein Messer an die Kehle.
V
Es ist nun Zeit, dir zu erklären, weshalb ich die Erzählung über den Mord an Marcus Livius Drusus niederschreibe, und wie es mir mithilfe einer Beharrlichkeit, die ich selbst weder verstehen noch erklären kann, gelang, das Verbrechen aufzuklären.
Du sollst wissen, dass ich nicht den Wunsch hege, meine Schilderungen könnten eines Tages bei Gelagen vorgelesen oder von Schriftstellern zitiert werden. Ich weiß, dass dieses Manuskript weder jemals von Schreibsklaven vervielfältigt noch haufenweise verkauft werden wird. Vielleicht wirst du es noch nicht einmal lesen.
Ich habe mit deiner Mutter besprochen, dass es am besten wäre, die Wahrheit vor dir zu verbergen. Obschon viele der Personen, die in diese Affäre verwickelt waren, schon lange tot sind, erfreuen sich andere immer noch bester Gesundheit, und sie würden sich vermutlich nicht so geschildert sehen wollen, wie ich es im Dienste der Wahrheit getan habe. Einige könnten neue Verbrechen aushecken, um die Erwähnung des Mordes und der daraus folgenden Geschehnisse zu verhindern.
Ich wünschte, wir säßen am Herdfeuer und könnten vertraut miteinander reden, während deine Mutter verdünnten Wein und Honigwasser in unsere Becher schüttet; dass ich selbst auf deine Fragen antworten könnte, anstatt durch das Medium der Schriftrolle zu dir zu sprechen.
Aber ich werde niemals dein helles Lachen hören oder dich in die Mysterien von Hippokrates einweihen können, so wie es damals mein Vater tat. Dieser warmherzige, gutmütige Mann war für mich meine Familie, mein Lehrmeister, mein Beschützer und mein Vorbild. So wie er werde ich niemals meinen Sohn heranwachsen sehen. Ich werde mich im Alter nie auf deine Schultern stützen können. Ich werde niemals meine Enkelkinder kennenlernen. Alles, was ich tun kann, ist, meine Erzählung aufzuschreiben und darauf zu hoffen, dass du deine eigenen, gescheiten Schlussfolgerungen daraus ziehen wirst.
Zu meinen Lebzeiten habe ich mehr Geld verdient, als ich zu träumen wagte. Es ist zerronnen wie Wasser zwischen meinen Fingern. Ich habe die mächtigsten Männer der Welt kennengelernt, habe aber auch gelernt, dass sie nur kostbare Stoffe und vornehmes Benehmen von den niedersten Sklaven unterscheiden. Ich habe der Welt den Rücken zugewandt, so wie sie sich von mir abgewandt hat. Ich bin die Menschen leid, ihre endlosen Intrigen und ihren eitlen Kampf, das Unbedeutende über das Wichtige und Gute zu erheben. Ich bin die launischen Götter leid, die in ihrer allwissenden Gleichgültigkeit unser Leben wie Würfel in den Staub werfen, oder die mit uns spielen wie Kinder mit ihren Terrakottasoldaten. Für mich gibt es keine andere Wahrheit mehr als jene Worte, die ich auf dieses Pergament schreibe.
Ich möchte dich nicht durch meine Klagen vom Lesen abhalten. Ich habe viel zu erzählen und mir bleibt nur noch wenig Zeit. Ich liebe dich, so wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe, und ich hoffe inständig, dass dir dein Leben mehr Glück bringen möge, als es mir gebracht hat.
Du bist mein einziger Sohn. Du bist alles, was ich hinterlasse. In deinen Adern fließt mein Blut. Das ist das Einzige, was mich freut.
Dieses Wissen ist mein Schatz.
VI
Der Hüne trat einen Schritt zurück, taxierte mich aber mit seinen dicht beieinander liegenden Augen. Hinter ihm kam eine junge Frau zum Vorschein. Ihr blauschwarzes Haar war zu einem Dutt zusammengebunden, wie es unverheiratete Frauen zu tun pflegen. Kurze Strähnen fielen ihr in die Stirn, seitlich trug sie das Haar offen und in kunstvollen Locken. Die Haut ihres ovalen Gesichts war wie aus reinem Marmor.
Sie betrachtete mich mit hocherhobener Nase und mit einer Miene, die derart demonstrativ erhaben war, dass es an Komik grenzte. Ich schätzte ihr Alter auf 16 oder 17 Jahre. Ihre dunkelgrünen Augen, die in der Mitte der Iris ins Gelbliche wechselten, sodass die Pupillen von einem goldenen Ring umgeben zu sein schienen, ließen sie älter wirken.
»Mutilus ist mein Leibwächter.« Ihre Aussprache war affektiert, ein sicheres Zeichen ihrer adligen Herkunft. »Er ist nervös, nach all dem, was heute Nacht geschehen ist. Ich bitte dich, sein Benehmen zu entschuldigen.«
Ich entgegnete, dass ein schlafender Mann eine geringe Bedrohung für einen sechs Fuß großen Gladiator sei. Die Seide ihrer roten Stola knisterte, als sie sich nach vorne beugte.
»Woher weißt du, dass Mutilus ein Gladiator gewesen ist?«
»Die Narbe unter seinem Kinn. Ihm selbst wurde ein Messer an die Kehle gehalten, doch sein Leben wurde verschont. Gewiss, weil er sich tapfer geschlagen hat.« Der Hüne strahlte eine provozierende Selbstgefälligkeit aus. »Außerdem riecht er nach Knoblauch. Die Gladiatorenschulen benutzen das als muskelaufbauendes Mittel.«
Ich hoffte, sie würde weiterfragen. Und sie enttäuschte mich nicht.
»Was kannst du mir über mich sagen?«
»Dein Name ist Servilia Caepionis. Du bist die Tochter des Senators Caepio und warst Marcus Livius Drusus’ Nichte. Du wohnst im Haus des Volkstribuns und warst zugegen, als er ermordet wurde.«
Ihr Gesichtsausdruck schien nicht länger der einer vornehmen Patrizierin zu sein, sondern der eines jungen, unsicheren Mädchens. Mir gefiel diese Verwandlung.
Sie ließ sich auf einen Schemel sinken und sperrte die Augen auf, als hätte ich ein Zauberkunststück vollbracht.
»Woher weißt du das alles?«
Wie einen halben Tag zuvor bei Petronius, ließ das Erstaunen sie alle Förmlichkeiten vergessen.
»Simple Logik, basierend auf Beobachtungen«, erklärte ich. »Man kann es mit dem Diagnostizieren eines Patienten vergleichen. Jede noch so kleine Auskunft, wie stark ein Schmerz ist, seit wann ein Symptom besteht, stellt einen kleinen Punkt in einem gesamten Krankheitsbild dar. Wenn man genügend Informationen hat, kann man die Punkte miteinander verbinden.«
In meinem Hinterkopf hallte die Stimme meines Vaters wider, wie er ruhig das Geheimnis der Diagnosestellung erklärte, bis sich diese Grundlage aller ärztlichen Heilkunst in meinem Bewusstsein festgesetzt hatte. Es war seine Theorie – und sie wurde nur selten widerlegt –, dass man diese Methode auf alle Lebensbereiche anwenden kann. Derjenige, der es versteht, seine Umwelt zu beobachten und zu analysieren, besitzt ein unschätzbares Wissen.
»Die Punkte miteinander verbinden?«, wiederholte sie.
»Die Herrin stieß mit ihrer Schulter gegen meinen Arm, als ich gestern Abend durch den Bereich der Sklaven im Keller von Drusus’ Haus ging. Aber die Herrin ist offensichtlich keine Sklavin. Auf dem Forum spricht man über die hübsche Tochter von Senator Caepio, die bei ihrem Onkel wohnt. Ich verband einfach die Punkte miteinander.« Sie senkte ihren Blick, da sie Komplimente von Fremden nicht gewohnt war. Um sie aus dieser Verlegenheit zu befreien, fragte ich sie, ob ihr Vater immer noch mit der Schwester des Volkstribuns verheiratet sei. Dies hatte jedoch den entgegengesetzten Effekt. Sie errötete von Kopf bis Fuß.
»Sie ließen sich scheiden, als ich sechs Jahre alt war. Meine Mutter ist tot.« Ein paar weiße Schneidezähne bohrten sich in die geschminkte Unterlippe. »Aber das ist nun alles unbedeutend. Ich wurde heute Nacht von Onkel Drusus’ Schreien geweckt. Meine Geschwister und ich wurden ins Untergeschoss zu den Sklaven gebracht, doch wir kamen nicht umhin zu hören, was oben gesagt wurde.« Sie schaute auf. »Was meintest du damit, dass Drusus zwei Mörder hatte?«
»Nichts. Vergiss es. Das war nur irgendein Unsinn.«
»Ich habe mich durch halb Rom begeben, um auf diese Frage eine Antwort zu bekommen«, sagte sie, als wäre diese Kraftanstrengung für sich genommen schon ausreichend genug, um mein Vertrauen einfordern zu können.
»Dein Onkel hatte im Laufe des Tages mehrfach erbrochen«, antwortete ich nach einer kurzen Pause. »Außerdem hatte er blutigen Durchfall, Krämpfe und erweiterte Pupillen. Das alles sind Symptome für eine Vergiftung, die ihn letztlich umbrachte. Das Messer gab ihm nur den Rest.«
Drusus’ Leiden wurden von einem Waldpilz namens Amanita Virosa, dem Knollenblätterpilz, verursacht, den man leicht mit einem gewöhnlichen Egerling verwechseln kann. Er hat einen süßlichen Geschmack und enthält ein Gift, das anfänglich gewaltiges Erbrechen auslöst. Danach Leber- und Nierenversagen. Schließlich perforiert das Gift den Darm, sodass sein Inhalt in die Bauchhöhle fließt und das Innere des Körpers in einen Morast verwandelt. Diese Details ersparte ich jedoch dem jungen Mädchen.
Sie merkte an, dass dieselbe Person, die ihren Onkel vergiftete, auch zugestochen haben könnte. Ich wandte ein, die Wirkung des Gifts hätte sich spätestens einen halben Tag, nachdem es das Opfer eingenommen hätte, eingestellt, und dass nur die wenigsten ein derart langsam wirkendes Gift verwenden würden, um anschließend ein riskantes Attentat auszuführen. Sie dachte darüber nach und nickte.
»Was brauchst du, um herauszufinden, wer meinen Onkel vergiftete?«, fragte sie dann und brachte den Einwand des Leibwächters mit einer Handbewegung zum Schweigen. Ich schaute beide nacheinander an.
»Ich kann keinen Mord aufklären.«
»Warum nicht? Du hast bereits mehr herausgefunden als sonst irgendjemand. Der Senat hat mitgeteilt, dass Drusus bei einem Messerattentat ermordet wurde, also wird keiner nach einem Giftmörder suchen. Es ist außerdem recht unwahrscheinlich, dass der Messerstecher gefunden werden wird. Im Gegensatz zu Athen hat Rom keine Miliz, wie du weißt.«
Das war nichts, was ein einzelner Mann bewerkstelligen könnte. Doch ich war bereits mehr in die Sache verwickelt, als ich mir eingestehen wollte. Ich driftete ab, sowohl im übertragenen wie im buchstäblichen Sinne. Nichts von alldem hatte etwas mit mir zu tun, redete ich mir ein.
Ihr sagte ich nur: »Es tut mir leid.«
Sie lehnte sich erschöpft an die Wand. Plötzlich lief sie zum Fenster und lehnte sich hinaus. Einen Augenblick lang hatte sie unser Gespräch vergessen.
»Dort sind das Kapitol und die Arx. Und der gesamte Palatinhügel. Deine Aussicht ist beinahe so schön wie unsere.«
Ich stellte mich neben sie. Unter uns breitete sich die Stadt aus in einem wirren, aber schmucken Gewimmel aus rotbraunen Terrakottadächern.
Sie streckte die Hand nach ein paar Spatzen aus, die auf der Dachrinne saßen.
»Diese kleinen Vögel sind überhaupt nicht ängstlich.«
»Ich übe mit ihnen, damit sie aus der Hand fressen. Hier, versuche, ihnen ein wenig Brot zu geben.«
Das Düstere in ihrem Blick war verschwunden. Im Licht der Nachmittagssonne glänzten ihre perlengleichen Zähne, die schmalen Nasenflügel schienen beinahe durchsichtig zu sein und ihre Lippen schimmerten. Ich betrachtete sie mit stockendem Atem.
»Du bist die Tochter eines der reichsten Männer Roms«, sagte ich. »Du hast gewiss spannendere Zerstreuungen als Spatzen auf einer Dachrinne.«
Zu spät fiel mir ein, was allgemein bekannt war: Das Vermögen der Caepiofamilie war konfisziert worden, als ihr Großvater wegen Betrugs ins Exil geschickt worden war.
Die grüngelben Augen musterten mich über den Nasenrücken hinweg. Nun kam es mir nicht mehr länger merkwürdig vor. Von den Fingerspitzen aus durchzog ein leichtes Zucken meine Handfläche, als sie mir die Brotkrumen zurückgab. Sie drehte sich um und machte eine Handbewegung zu Mutilus in Richtung der Leiter.
»Warte«, rief ich. »Versuch, Petronius zu fragen, was er in der Mordnacht gesehen hat.«
»Den Pförtner des Onkels?« Sie starrte mich an. »Er ist verschwunden. Er saß auf seinem Platz am Hauseingang, als die letzten Senatoren das Haus verließen. Als ich zu ihm gehen wollte, war er weg. Keiner der anderen Sklaven weiß, was aus ihm geworden ist.«
VII
Wir liefen schnellen Schrittes denselben Weg zurück, den ich in der Nacht zuvor mit Petronius gegangen war. Über uns türmten sich die Häuser in sechs oder sieben Geschossen auf, immer ausladender, je höher sie waren, sodass die Nachbarn unter den Dächern einander die Hand reichen konnten.
In den Straßen wimmelte es von Menschen, die ihren Besorgungen nachgingen, Ballen mit allerlei Waren trugen, Lebensmittel begutachteten und um Preise feilschten in einem Durcheinander von Stimmen, Geräuschen und Gerüchen. Der Duft von frischgebackenem Brot mischte sich mit dem schweren Dunst vom Blut der Eingeweide und der abgetrennten Gliedmaßen von Schweinen, Schafen und Hühnern, die in Baumwollfetzen eingewickelt waren und auf den Rücken schwitzender Sklaven getragen wurden.
Im Gedränge der Mittagszeit konnte ein Spaziergang, für den man normalerweise eine Viertelstunde benötigte, bis zu einer Stunde dauern. Auch wenn man einen Gladiator wie Mutilus dabei hatte, der einem den Weg freimachen konnte.
»Was hat deine Meinung geändert?«, fragte Servilia und duckte sich unter einer Schüssel mit Brot, die aus einem Laden gestreckt wurde. »Als ich heute Morgen das Haus verließ, fragte ich Petronius aus.« Ich wich ein paar ungewaschenen Jugendlichen aus, die vorbeiliefen. »Er gab zu, den Messerstecher gesehen zu haben.«
»Sagte er auch, wer es war?«
»Nein, aber vielleicht haben uns die Senatoren gehört. Der Mörder kann einer von ihnen gewesen sein. Fällt dir jemand ein, der deinen Onkel so sehr hasste, dass er ihn umbringen würde?«
Sie schüttelte den Kopf und behauptete, dass die Freigiebigkeit ihres Onkels verhindert habe, sich persönliche Feinde zu verschaffen. Doch dann berichtigte sie sich selbst.
»Mein Halbbruder Cato mochte Onkel Drusus nicht. Aber er ist erst fünf Jahre alt. Ich habe drei Geschwister, aber ich bin das einzig legitime Kind meines Vaters.« Sie unternahm keinen Versuch, ihren Stolz über diesen besonderen Status zu verbergen und erläuterte sogar dessen Ursache: »Mutter betrog meinen Vater mit einem Mann namens Cato Salonianus, einem rothaarigen Emporkömmling und Enkel einer Sklavin. Deshalb ließ sich Vater scheiden. Wäre es ein anderer Patrizier gewesen, hätte man zumindest noch mit dieser Scham leben können.«
Auf dem kleinen Marktplatz am Ende der Vestatreppe musste sie sich einen Augenblick im Schatten eines Pinienbaums ausruhen, während Mutilus ungeduldig herumlief.
»Es tut mir leid«, keuchte sie, »dass ich in so schlechter Verfassung bin. Ich komme nur selten nach draußen.«
»Deine Verfassung ist prächtig, soweit ich das beurteilen kann.«
»Hör auf, Grieche. Wenn mein Onkel dich hören könnte …«
Ihre Stimme überschlug sich, als sie über das Schicksal ihres Onkels nachdachte.
»Hilf mir auf«, sagte sie. »Es ist nicht mehr weit.«
Eine Sklavin mit großen, verängstigten Augen empfing uns an der Kellertür mit der Mitteilung, dass Drusus’ Bruder zu Besuch gekommen sei und mit Servilia sprechen wolle.
Das junge Mädchen lief eine Treppe nach oben, drehte sich aber auf der untersten Stufe um.
»Elena«, sagte sie zur Sklavin, »Demetrios hier untersucht den Mord an Onkel Drusus. Sorge dafür, dass alle im Haushalt ihm erzählen, was sie wissen.«
»Warte, Servilia«, rief ich. »Kommt der Bruder deines Onkels häufiger unangemeldet zu Besuch?«
»Ja, gewiss. Sie waren zwar nur Halbbrüder und zwischen ihnen liegen 16 Jahre. Aber in den vergangenen sechs Monaten haben sie sich die ganze Zeit gesehen. Vorgestern war er zum Abendessen hier. Zusammen mit einigen von Onkels Freunden.«
»Drusus kann das Gift bei diesem Abendessen zu sich genommen haben. Das würde mit der Inkubationszeit übereinstimmen«, flüsterte ich und deutete auf die Treppe hinauf. »Kann der Halbbruder von Drusus einen Grund gehabt haben, ihm den Tod zu wünschen?«
»Onkel Mamercus?« Sie starrte mich an. »Das ist absurd.«
»Wer wird Drusus’ Vermögen verwalten, nun, da er tot ist?«
Servilia musste sich an der Wand abstützen.
»Aber Onkel Mamercus ist selbst reich.«
»Mehr möchte mehr haben. Pass auf, was du ihm sagst.«
Die Sklaven des Hauses befanden sich in unterschiedlichen Stadien von Panik. »Was soll aus uns werden?«, klagten sie. »Der Haushalt wird in alle Winde verstreut werden. Wir werden uns nie mehr wiedersehen.« Keiner von ihnen hatte von dem Treiben des Pförtners Notiz genommen.
Nur der Koch des Hauses bildete eine Ausnahme.
Er stützte eine Hand auf einen stabilen Eichentisch. Mit der anderen Hand wischte er sich mit einem schmutzigen Lumpen immer wieder über das Gesicht, das mit einer dünnen Schweißschicht bedeckt war. Seine Fettleibigkeit machte es schwer, sein Alter zu bestimmen. Er hieß Marcus, so wie sein Herr.
»Ich bin hier im Haus, seitdem mich mein Dominus als Zehnjähriger gekauft hat«, schluchzte er, sodass sein Wanst vibrierte. »Der alte Koch sagte, ich sei ein Naturtalent. Als er starb, wurden mir die Küche und zehn Küchensklaven anvertraut. Viele von ihnen waren schon länger als ich hier, doch der Dominus vertraute mir. Ich habe ihn niemals enttäuscht.«
Es beruhigte ihn, über sich selbst sprechen zu dürfen. Ich ließ ihn fortfahren und wurde in die Zubereitung von Schlickfisch eingeweiht, einer Karpfenart, die am Auslauf der Cloaca Maxima lebt und deren Fleisch nur ein Meisterkoch herauslösen konnte, ohne dass es zu Brei wird oder den Geschmack der Kloake annimmt. Als Belohnung für sein Können wurde dem Koch vor zwölf Jahren die Freiheit geschenkt. Der Stolz über diese persönliche Ehrenbezeigung richtete ihn auf und er blickte mir in die Augen.
»Wenn du ein freier Mann bist«, sagte ich, »warum bist du noch immer hier im Haus?«
»Ich zog es vor, dort zu bleiben, wo man mich schätzt. Welche Freude sollte mir die Eröffnung einer Taverne oder Bäckerei bringen? Damit hat man nur Mühe.«
Wenn man sein Leben lang anderen gedient hat, verlangt es mehr als gewöhnliches Draufgängertum, um sich eine eigenständige Existenz aufzubauen.
Marcus putzte sich die Nase. Der Rotz, der auf seine Tunika gespritzt war, lief unbemerkt an seiner breiten Brust hinunter. Ich fragte, ob er Petronius gesehen habe. Seine rotfleckigen Wangen zitterten, als er den Kopf schüttelte.
»Nicht seit gestern Abend im Atrium.« Er hielt sich die Hand vor den Mund. »Nein, Moment mal. Es war nicht im Atrium.«
»Vielleicht hier in der Küche? Als er zusammen mit mir ankam, und wir dann die Treppe hinauf zur Loggia gingen? Du saßest hier und weintest über einen Topf gebeugt.«
Der Koch nickte eifrig und versicherte mir, dass es in der Küche gewesen sei, als er Petronius zuletzt gesehen habe. Viel später sollte ich über seine Erzählung nachdenken und mich darüber ärgern, dass ich sie so missverstanden hatte. Doch ich besaß noch nicht das Wissen, seine Bedeutung zu erkennen. Die Punkte lagen noch zu weit auseinander.
Servilia kam in die Küche herab und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Marcus, der seine junge Herrin besser kannte, konnte ihr Schweigen schneller deuten als ich.
»Es gibt hoffentlich nicht noch weitere schlechte Neuigkeiten, Servilia?«, fragte Marcus eindringlich.
Ich schaute sie nacheinander an und wunderte mich darüber, wie familiär der Freigelassene mit der Adligen sprach.
»Onkel Mamercus war hier, um meine Zukunft zu besprechen«, erzählte sie.
»Er kam direkt nach der Eröffnung des Testaments. Onkel Drusus gelang es offenbar, vor seinem Tod meine Ehe zu arrangieren.«
»Oh, wie wunderbar!« Der Koch schlug die Hände zusammen. »Wer ist der Glückliche?«
Servilia kniff die Augen zusammen und schüttelte sich. Wer der Glückliche auch war, sie konnte ihn offensichtlich nicht leiden.
Das freute mich mehr, als ich mir eingestehen mochte.
VIII
Das Geräusch des plätschernden Wassers aus dem kleinen Springbrunnen, der die Form einer Nymphe mit einer Amphore hatte, erfüllte das Atrium mit einer friedlichen, träumerischen Stimmung. An den rot getünchten Wänden hingen die Ahnenmasken der Vorväter der Liviusfamilie wie hoch geschätzte Jagdtrophäen.
Am Hintereingang des Hauses stand eine Leichenbahre aus dunklem Holz. Dort lag Drusus, in eine Senatorentoga mit einer purpurnen Borte gehüllt und mit Sandalen an den Füßen, die frisch mit Öl eingerieben waren.
»Die Freunde von Onkel Drusus waren den ganzen Vormittag hier«, sagte Servilia. »Sie haben ihn gewaschen und angekleidet. Jetzt sind sie nach Hause gegangen, um zu schlafen.«
Sie führte mich durch den kurzen Gang, der das Tablinum vom Triklinium trennte.
»Als ich gestern Abend ankam«, erwähnte ich und zeigte ins Speisezimmer, »bemerkte ich einen Mann, der sich dort drinnen versteckte. Er hatte schmale Augen und einen nach oben gezogenen Mund, obwohl er nicht lächelte.«
»Das klingt nach Silo. Er und Onkel Drusus kennen sich von Kindesbeinen an.«
»Hätte sich der Freund deines Onkels nicht zu erkennen gegeben, hätte er sich gestern im Haus aufgehalten?«
»Ja, du hast Recht. Dann kann er es nicht gewesen sein.«
Es sei denn, dachte ich, dass er nicht auf einen Höflichkeitsbesuch aus war.
Der viereckige Peristylgarten war in vier Kräuter- und Gemüsebeete aufgeteilt. In der Mitte, wo sich die beiden Wege kreuzten, plätscherte ein Brunnen. Ein Mädchen und zwei Jungen blickten von ihren Spielsachen auf. Der kleinere Junge betrachtete mich missbilligend wie eine verfaulte, ungenießbare Frucht.
»Wer ist das?«, fragte er.
Ich stellte mich vor.
»Ich habe meine Schwester gefragt«, unterbrach er mich, »nicht dich.« Servilia ignorierte ihn und deutete auf einen Jungen von ungefähr neun Jahren.
»Das ist Quintus, mein ältester Halbbruder. Das Mädchen heißt Porcia, und der Kleine ist Cato. Wie ich es dir erzählt habe, sind sie die Kinder des Liebhabers meiner Mutter, Cato Salonianus. Du weißt, jener Mann, der der Nachkomme einer Sklavin war und meine Mutter die Ehe mit meinem Vater kostete.«
Die Kinder überhörten diese offenkundige Verunglimpfung. Sie waren alle drei rothaarig und blauäugig. Ihre langen Nasen, die hässlich schief in ihren kleinen Gesichtern standen, bildeten einen starken Kontrast zu Servilias ebenmäßigen Gesichtszügen.
Ich fragte, ob sie ein paar Fragen zum Tod ihres Onkels beantworten könnten.
»Ich vermute, wir können leider nicht behilflich sein.« Quintus, der Älteste, glich seine niedere Herkunft damit aus, dass er noch geschwollener als Servilia redete. »Wir erwachten von Onkel Drusus’ Schreien. Elena brachte uns hinab in den Keller. Von dort unten hörten wir nichts anderes als undeutliche Stimmen.«
Cato, der kleinere Junge, hob ein Holzschwert vom Boden auf und fuchtelte damit erregt durch die Luft.
»Onkel Drusus kann mich am Arsch lecken!«, zischte er.
Quintus entschuldigte sich für die Reaktion seines kleinen Bruders: Cato sei schon seit Langem auf Drusus zornig aufgrund dessen Bekanntschaften.
»Welche Bekanntschaften?«, erkundigte ich mich.
Quintus zögerte, und so war es Servilia, die antwortete.
»Es waren Boten der Marser, Etrusker, Päligner und Samniten«, sagte sie. »Roms wichtigste Verbündete in Italien.«
»Keine Römer!«, stieß der kleine Cato hervor und schlug ein paar Blätter eines Buschs ab. »Das sind Dreckskerle.«
»Onkel Drusus arbeitete an einem Gesetzesvorschlag, der das römische Bürgerrecht auf ganz Italien ausdehnen sollte. Dies hätte alle Volksstämme der Halbinsel dazu gebracht, Rom wie einen liebevollen Vater zu betrachten, anstatt wie eine arrogante Besatzungsmacht.«
»Hör auf damit, Onkels Reden zu wiederholen«, rief Cato und drohte seiner Halbschwester mit dem Holzschwert. »Wir Römer sind nicht arrogant. Wir sind einfach nur viel besser als alle anderen. Das werden diese Hunde noch einsehen. Ansonsten müssen wir es ihnen beibringen.«
Dieses war keine ungewöhnliche Ansicht. Man hörte es auf dem Forum beinah täglich. Aber es war sonderbar, dass ein Kind so etwas nachplapperte.
»Wie sollten wir ihnen das denn beibringen?«, gab Servilia zurück. »Es gibt zehnmal so viele Italer wie Römer. Es wäre klüger, sie zu unseren Freunden zu machen.«
Cato setzte eine sture Miene auf. Rationale Argumente würden seine Einstellung nicht ändern. Ich betrachtete den Jungen, während die Diskussion weiterging. Er zeigte eine beinah lächerliche, doch aufrichtige Würde, die nur wenige Erwachsene besitzen und die ihn weitaus älter wirken ließen, als er mit seinen fünf, sechs Jahren war. Ein alter Querulant, gefangen im Körper eines kleinen Jungen.
»Man kann Barbaren nicht zu römischen Bürgern machen«, behauptete Cato.
»Italer sind keine Barbaren«, protestierte Servilia.
»Nein, das findest du natürlich nicht so. Du mit deinem samnitischen Geliebten.«
Servilia machte einen Schritt auf den Jungen zu, wurde aber von Quintus aufgehalten.
»Lass gefälligst meinen Bruder in Frieden«, sagte er.
»Dann soll er auch seine Klappe halten.«
Servilia war einen Kopf größer als Quintus, der nichts Bedrohliches an sich hatte. Dennoch wurde sie unsicher angesichts der vereinten Opposition der Brüder. Porcia hatte sich in eine entlegene Ecke des Gartens zurückgezogen. Zank war eine immer wiederkehrende Begebenheit, der sie gewohnheitsmäßig aus dem Weg ging.
»Wenn wir groß genug sind, erben wir das gesamte Haus«, sagte der kleine Cato. »Und dann schmeiße ich dich raus.«
»Bis dahin bin ich verheiratet«, schrie Servilia, »und habe meine Mitgift bekommen.«
»Nicht, wenn du weiterhin alle Freier ablehnst, mit denen Onkel Mamercus ankommt.«
»Du hast an der Tür gelauscht!« Der kleine, altkluge Junge hatte einen wunden Punkt getroffen. »Was bildest du dir ein? Das geht dich nichts an.«
»Vielleicht kümmert es ihn dort ja, wer unser Vater ist?« Klein Cato zeigte auf mich. »Wer ist das noch mal? Ein neuer Liebhaber?«
»Ruhe, Kinder«, unterbrach ich sie. »Ich bin nur gekommen, um zu fragen, ob ihr wisst, wann genau euer Pförtner Petronius verschwunden ist. Könnt ihr mir darauf antworten?«
Sie schauten sich an und schüttelten den Kopf.
»Seine Abwesenheit wurde erst mitten am Tag entdeckt«, führte Quintus in seinem formvollendeten Latein aus. »Wir wussten selbst nichts davon, bevor es uns Servilia erzählte.«
»Dann wünsche ich den jungen Herren einen guten Tag.«
Servilia holte mich an Drusus’ Leichenbahre ein.
»Warte«, sagte sie kurzatmig. Sie hielt meinen Arm einen Augenblick länger als notwendig fest. Die Berührung brannte auf meiner Haut wie Feuer.
»Ich habe keinen samnitischen Liebhaber«, flüsterte sie und strich sich die kleinen, schwarzen Locken aus der Stirn. Ihre grüngelben Augen strahlten mich an.
»Ich denke nicht«, murmelte ich, »dass die Herrin einem Griechen gegenüber ihr Privatleben rechtfertigen muss.«
»Ist es, weil du Grieche bist, dass du glaubst, ein Pförtner sei wichtiger als der Mord an meinem Onkel? Oder weshalb beschäftigst du dich so sehr mit Petronius’ Verschwinden? Ich habe auch gehört, wie du den Koch nach ihm ausgefragt hast.«
»Ich glaube nicht, dass du meine Beweggründe verstehst, Servilia. Du, die so privilegiert ist.«
»Es mag schon sein, dass du denkst, ich sei privilegiert«, brach es aus ihr heraus. »Du siehst den Schmuck und die feinen Kleider. Die vornehme Adresse. Aber ich würde auf das Ganze hier liebend gern verzichten, könnte ich nur selbst über mein Leben bestimmen.«
»Glaubst du vielleicht, ein Sklave kann selbst bestimmen?«
Sie stützte ihre Hände in die Seiten. Ihre aufkeimenden Brüste hoben und senkten sich unter der Seidenstola. Die Sonne, die sich hinter dem Dachfirst verzog, schimmerte in ihrem blauschwarzen Haar.
»Ich kenne jeden einzelnen Sklaven hier in diesem Haus«, sagte sie, »sie sind alle meine Freunde. Meine Familie, in Ermangelung von etwas Besserem. Dazu gehört auch Petronius.«
Vielleicht würde sie es sogar verstehen.
»Petronius ist wegen mir in Schwierigkeiten geraten. Deshalb möchte ich ihn finden. Das führt mich möglicherweise zu dem Mörder deines Onkels, aber das muss ich in Kauf nehmen.«
IX
Meine Konsultation hielt ich in einer Ecke des Hofs ab. Inmitten der aufgehängten Wäsche, freilaufender Hühner, eines alten Kochkessels, eines Handkarrens mit gebrochener Achse und einer Menge anderen Gerümpels hatte ich eine Tischplatte zwischen zwei Pfosten befestigt. Diese primitive Konstruktion war keineswegs ungewöhnlich. Jeder Sklave oder Freigelassene, der ein wenig Griechisch sprach, konnte sich Medicus nennen.
Vorsichtig fuhr ich mit den Fingerspitzen an dem Unterarm einer jungen Frau entlang, der zart wie Daunen war. Ihr Dominus, ein älterer, korpulenter Senator, folgte mir aufmerksam mit seinem Blick, als wäre es seine kostbarste Vase, die ich anfasste.
»Wird es teuer?«, fragte er.
»Der Arm ist gebrochen. Fünf Denare.«
»Ich habe gehört, du seist billig.«
»Der Herr hat richtig gehört.«
Schultern und Rücken des Mädchens waren deutlich von Stockschlägen gezeichnet. Und ihr verängstigter Blick deutete noch auf andere Übergriffe hin als auf Prügel. Ich schiente den Arm, obwohl er nur verstaucht war.
»Die Patientin muss einen Monat lang absolute Ruhe halten. Keine körperliche Anstrengung.«
Das würde der jungen Sklavin hoffentlich eine notwendige Verschnaufpause verschaffen. Ihre dunklen, mandelförmigen Augen lächelten mir zu, als mich das ungleiche Paar verließ. Der Senator, der vor lauter Verärgerung schnaubte, war beinahe mit dem letzten Patienten des Tages zusammengestoßen, einem hageren Mann mit einem feuchten, um das Gesicht gewickelten Handtuch. Eine Frau und ein Junge führten ihn. Es waren meine Nachbarn unter mir, denen ich an dem Morgen nach dem Tod von Marcus Livius Drusus unfreiwillig zugehört hatte.
Sie war Witwe und nur ein paar Jahre älter als ich. Früher hätte sie sicherlich den meisten Männern den Kopf verdrehen können, doch ihre Schönheit war verblasst wie ein Stück Stoff, das man den Sommer über auf der Wäscheleine vergessen hatte. Wenn wir uns auf der Treppe begegneten, grüßte sie immer mit gebremstem Eifer, wie ein unfreiwilliger Einsiedler, der sich nach menschlicher Gesellschaft sehnt. Sie verströmte einen Geruch, den ich zunächst schwer identifizieren konnte, und mich überraschte es dann umso mehr, als es mir gelang: Sie roch nach Urin.
Der Junge war das genaue Gegenteil seiner Mutter. Wo sie redselig war, war er schweigsam wie eine Statue. Wo sie mit ihrer Munterkeit beinah aufdringlich war, war er scheu und zurückhaltend. Er war zwölf Jahre alt, wirkte aber jünger.
Der Patient hieß Sarpedon, erklärte die Mutter, während ich ihn untersuchte. Er war Lehrer und hielt seinen Unterricht in einem Straßenladen direkt um die Ecke ab, dessen Besitzer seit Langem wünschte, ihn an jemand anderen vermieten zu können.
»Ich wollte den Raum nicht aufgeben.« Die nasale Stimme des Lehrers erinnerte an das Blöken eines Lamms. »Weshalb hätte ich das tun sollen? Er liegt an einer Kreuzung, und meine Schüler hatten sich an den Ort gewöhnt. Wäre ich umgezogen, wäre die Hälfte der Schüler nicht mehr gekommen. Also blieb ich. Und schau her, was der Schurke mit mir gemacht hat.«
»Der Vermieter schüttete einen Topf kochendes Wasser über ihn«, erläuterte die Frau. »Die anderen Kinder hauten ab. Keiner versuchte, zu helfen. Ist das nicht unglaublich?«
Ich fragte, wer denn ein feuchtes Handtuch auf die Verbrennung gelegt hatte.
»Tiro hat es in bester Absicht getan.« Die Frau schlang schützend die Arme um ihren Sohn. Sie waren so kräftig, als würde sie mehrmals am Tag ihr eigenes Gewicht stemmen.
»Das hast du gut gemacht, Tiro.«
Ich wollte dem Jungen über die Haare streichen, doch er wich meiner Hand aus.
»Auf der linken Wange wird eine ständige Hautverfärbung zurückbleiben«, sagte ich zu dem Lehrer. »Aber Tiro hat dich vor dem Schlimmsten bewahrt. Ich selbst hätte es nicht besser machen können.«
Ich versuchte, Tiro aufmunternd anzulächeln, doch er betrachtete geschäftig seine Füße.
Alles, was sich der Junge wünscht, ist, dachte ich, in Ruhe gelassen zu werden.
Sarpedon fuhr damit fort, sich zu beklagen. Sein Unglück sei, so ließ er uns wissen, dass er zwar kein Sklave sei, doch kein Patrizier wolle einen Freigelassenen bei sich aufnehmen. Daher müsse er sich, der aus einer der vornehmsten Familien Lykiens stamme, mit dem wenigen Geld begnügen, das ihm die Leute geben könnten, und obendrein sei er nun sein Leben lang verunstaltet.
»Ich glaubte, mein Glück in Rom finden zu können«, schluchzte er. »Stattdessen gehe ich in seinem Elendsviertel zugrunde.«
Die Witwe hatte ihre eigenen Absichten.
»Wir haben uns noch nicht ordentlich vorgestellt. Das ist doch eine Schande, wo wir doch so nah beieinander wohnen. Mein Name ist Aelia. Vielleicht möchtest du eines Abends mal zum Essen kommen?« Sie entdeckte den Widerwillen in meinem Gesicht und fügte hinzu: »Das ist das Mindeste, was ich für einen Kameraden meines Mannes tun kann. Du bist doch auch einer von General Marius’ Helden aus der Schlacht in der Po-Ebene.«
Wo sie diese Information aufgeschnappt hatte, konnte ich nur erraten, hatte ich doch jahrelang gewohnheitsmäßig jede andere Vertrautheit als eine streng berufliche vermieden. Ich war sehr geübt darin, Einladungen wie die von Aelia auszuschlagen.
»Ich bin nicht so heldenhaft wie dein Mann gewesen«, sagte ich. »Ich habe nichts zu dem Sieg von General Marius beigetragen.«
Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, betrat der Sieger der Schlacht in der Po-Ebene den Hof. Marius’ breiter Körper zeichnete sich einen Augenblick lang in dem hellen, viereckigen Hofeingang ab. Als er sich sicher war, dass ich sein grobes Narbengesicht wiedererkannt hatte, verschwand er hinter der aufgehängten Wäsche.
»Uns wäre besser mit einem Ernährer als einem Helden gedient gewesen«, fuhr Aelia fort. »Tiros Vater hinterließ uns noch nicht einmal seine Ausrüstung.«
Ich sah ein, dass ich meine neuen Bekannten nur loswerden konnte, wenn ich Aelia gab, was sie sich wünschte.
»Wenn du Sarpedon in deiner Wohnung pflegst, werde ich dort nach ihm schauen.«
»Das werde ich machen. Wie viel schulde ich dir?«
»Nichts. Tiro hat ja die meiste Arbeit getan. Pace.«
Ich winkte und lächelte gezwungen, während sie den Hof verließen. Unterhalb eines Saums von einem der aufgehängten Laken marschierten ein paar Soldatenstiefel ungeduldig auf und ab. Nun konnte ich nicht mehr länger dem Gespräch ausweichen, vor dem ich mich zwölf Jahre lang gefürchtet hatte.
Man kann nicht ewig fliehen.
X
Im Tageslicht sah General Marius älter aus als im Schein der Öllampen im Tablinum von Drusus’ Haus. Ich spürte einen Stich in meinem Herzen. In Rom wird jeder junge Tor grenzenlos bewundert, während ein alternder Ehrenmann lediglich ein nachsichtiges Lächeln erntet.
»Ave, General«, sagte ich.
»Salve, Junge. Überrascht?«
»Ganz im Gegenteil, General. Ich habe dich erwartet.«
»Es war nicht leicht, dich zu finden.« In seinen Mundwinkeln sammelte sich etwas Spucke, die er mit seinem Handrücken abwischte. »Du hast neulich die Gesellschaft ziemlich hastig verlassen.«
»Es tut mir leid.«
»Genau wie vor zehn Jahren, als du mich verlassen hast.«
»Vor zwölf Jahren. Entschuldige, General.«
»Zwölf Jahre? Tatsächlich? Nun ja, das wird schon stimmen.« Er schaute mich mit seinen wasserblauen Alte-Männer-Augen an und räusperte sich. »Ich habe nach dir gesucht. Ich hatte Leute in ganz Italien. Ja, selbstverständlich nicht nur deinetwegen. Als ich einen Trupp Männer in ihre Kolonien zurückschickte, bat ich sie sogar, nach dir Ausschau zu halten. Nicht ein Wort habe ich gehört. Zehn Jahre lang! Ich meine, zwölf Jahre. Und all die Zeit bist du hier in Rom gewesen. Hast du gar nichts dazu zu sagen?«
»Du hast doch schon alles gesagt, General.«
Er seufzte.
»Nun gut, du sollst deine Geheimnisse für dich behalten. Ich bin auch nur gekommen, um eine Antwort auf die Frage zu erhalten: Was hast du damit gemeint, als du sagtest, Drusus hätte zwei Mörder?«
Ich erzählte Marius, was ich bereits Servilia berichtet hatte. Aber auch nicht mehr.
»Gift, sagst du? Bona Dea! Ich dachte mir schon, dass es so etwas in der Art sein musste. Das war auch ein zu verdächtiger Zufall. Weißt du, dass Drusus genau an diesem Tag die wichtigste Rede seines Lebens gehalten hatte?«
»Römisches Bürgerrecht für alle Italer. Ja, ich weiß. Nun wird wohl nichts aus seinem Gesetzesvorschlag, oder?«
Der General schüttelte verärgert den Kopf.
»Politik ist ein dreckiges Spiel. Auf dem Schlachtfeld war das etwas ganz anderes. Dort stand man dem Feind von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Mit offener Stirn kämpfen. Ich kann dir sagen, es ist ein Fluch, in Friedenszeiten zu leben.«
»Die Gefallenen würden dir sicherlich zustimmen, wenn sie es könnten.«
Das Schlachtfeld hatte zu Marius gepasst wie ein gut sitzender Handschuh. Dort hatte man ihn respektiert. Und dort hatte man ihm bedingungslos gehorcht.
Seine zahllosen Siege hatten ihm den Beinamen ›Roms dritter Gründer‹ eingebracht. Diesen Namen trug er auch während seiner politischen Karriere, die jedoch weit weniger glorreich gewesen war.
»In jener Nacht, in der Drusus starb«, sagte ich, »erwähntest du, dass einige seiner Unterstützer und Klienten euch vom Forum aus gefolgt waren. Kanntest du sie und kannst du mir sagen, wer sie waren?«
»Ich kannte keinen von ihnen. Aber vielleicht kennen Scaurus und Crassus Orator sie. Du erinnerst dich doch noch an die beiden Senatoren, die in Drusus’ Todesnacht in seinem Tablinum saßen?«
»Natürlich erinnere ich mich an den Redner und den Senatsvorsitzenden. Aber bei dem Dritten war ich mir unsicher. Er hatte helles Haar, blasse Haut und Sommersprossen.«
»Ich weiß nicht, von wem du sprichst.« Marius presste demonstrativ die Kiefer zusammen als Zeichen, dass dem nichts mehr hinzuzufügen war. »Sollen wir gehen?«
»Wohin, General?«
»Zu Scaurus’ Haus, selbstverständlich. Der Vorsitzende des Senats erwartet dich. Erwähnte ich das nicht?«
XI
Viele glaubten, dass Sturmfluten und Missernten die Kimbern aus ihrer Heimat, der Halbinsel nördlich von Germanien, vertrieben hätten. Andere behaupteten, sie seien schon seit grauer Vorzeit auf Wanderschaft gewesen. Sicher war, dass sie mit ihrer gigantischen Wagenkolonne, die über eine halbe Millionen Menschen zählte, jahrelang die Länder nördlich der Alpen verwüstet hatten, bevor sie ihren Mut zusammennahmen und es auf Roms Reichtümer absahen.
Ich hatte mich freiwillig für das Heer gemeldet, und die für die Anwerbung zuständigen Offiziere hatten großzügig über das Alter der Anwärter hinweggesehen. Ich wurde nach Gallien geschickt, wo Marius am Einfallsweg nach Italien ein uneinnehmbares Lager errichtet hatte.
Ich wurde eingeteilt, um im Krankenlager zu helfen, denn zu meinem Ärger war die Bedrohung durch die Kimbern bereits verschwunden. Aufgrund der wenigen Verletzten begriff ich, dass der General das Schlachtfeld sorgsam ausgewählt hatte: Er hatte auf dem Gipfel eines Hügels seine Stellung eingenommen, und die Barbaren wurden bei ihrem Angriff von der Sonne geblendet und hatten keinerlei Kampfstrategie. Während der Schlacht fiel ihnen zudem noch Marius’ Reiterheer in den Rücken. Der Sieg war vollkommen gewesen und der Jubel grenzenlos. Alle glaubten, Rom sei befreit. Doch sie sollten eines Besseren belehrt werden.
Mir wurde zwar nicht erlaubt, chirurgische Eingriffe durchzuführen, doch meine Kenntnisse der Kräutermedizin waren den Patienten ebenfalls von großem Nutzen.
Keiner verstand, weshalb durch meine Pflege weitaus mehr Kranke überlebten als bei den anderen Ärzten, und im Lager breitete sich das Gerücht aus, dass ich ein Heiler sei. Deshalb stand ich eines Abends vor dem General, der sich damals mitten in seiner fünften Amtszeit als Konsul befand.
Das Zelt des Feldherrn war so groß wie ein Haus. An den Wänden standen Rahmen aus rohem Birkenholz, auf die Karten gespannt waren, auf dem Feldbett lag eine Decke aus Bärenfell, in einer Ecke staken Schwerter in einem Bronzegestell. Es roch nach Schweiß und Leder, Rauch aus einem Kohlenbecken erfüllte die Luft. Der große General erhob sich von seinem Stuhl hinter einem schlichten Tisch und sah mich mit einem grimmigen Ausdruck an.
»Was willst du, Junge?«
Ich war noch übermütig gewesen, als ich hinter dem Zenturio, der mich abholte, durch das Lager marschierte. Im Angesicht des Heerführers war das jedoch eine andere Sache.
»Der General hat nach mir schicken lassen«, murmelte ich.
»Unsinn! Ich bat darum, einen Arzt zu sehen, der meine Wunden heilt. Wer bist du? Ein Wasserträger? Ein Latrinenfuhrmann?«
»Ich bin derjenige, den sie den Heiler nennen, General.«
»Ich kann meine Zeit nicht mit Kindern vertrödeln. Weg mit dir!«
Von Scham benommen schnürte es mir den Hals zu, dann schlug ich mir gegen die Brust und streckte meinen Arm aus in einer unbeholfenen Nachahmung jenes Grußes, den die erwachsenen Legionäre für gewöhnlich machten. Als ich gerade nach dem Vorhang des Vorzeltes griff, hörte ich hinter mir seine schweren Schritte.
»Kannst du keinen Spaß vertragen, Junge?« Das Gewicht seiner Hand auf meiner Schulter hätte mich beinahe umgeworfen. »Man sagt, du hättest magische Fähigkeiten. Woher kommen sie? Wer ist dein Vater?«
»Ich habe keinen Vater, General.«
»Jeder hat einen Vater. Was hat er dazu gesagt, dass du dich hast anwerben lassen? In deinem Alter? Ich habe deine Papiere hier. Demetrios Macedonicus. Zumindest kannst du schreiben. Doch du kannst mir nicht vormachen, dass du 17 bist. Wie alt bist du, Junge? Und hör auf zu lügen.«
Ich gab zu, erst 13 Jahre alt zu sein. Er setzte sich auf die Tischkante und musterte mich.
»Das Schlachtfeld ist kein Ort für ein Kind. Was willst du in meinem Heer?«
»Kimbern töten, General.«
Er lief eine Runde im Zelt umher, während er über mich lachte.
»Wie hast du dir vorgestellt, dass das passieren sollte? Mit einem Skalpell? Woher kommt deine unbändige Lust, die Feinde Roms töten zu wollen?«
Ich erzählte, dass mein Vater in der Schlacht von Arausio vor zwei Jahren getötet worden war. Als hätte ich ihm den Tod eines nahen Angehörigen verkündet, sackte der General in sich zusammen und glich mit einem Mal einem sehr alten Mann.
»Arausio. Die Götter mögen diesen Ort verfluchen. Glücklicherweise war ich es, der damals das Kommando über das Heer hatte und nicht … nicht …«
Er stockte und schloss die Augen.
»Wer, General?«
»Dieser nichtsnutzige Trottel. Dieser Verräter. Er, der die Schuld an dem Tod von 80 000 bei Arausio trägt.«
Er schnippte mit den Fingern, als könnte dieses schwache Geräusch seine Erinnerung anregen.
Wenn General Marius einen Namen vergaß, blieb die Welt stehen, bis er sich wieder daran erinnern konnte. Oder bis ihm jemand anderes auf die Sprünge half.
»Quintus Servilius?«, fragte ich.
»Ja, wer denn sonst?« Die Eitelkeit des Generals ließ es nicht zu, sich für Hilfe zu bedanken. »Hör nun gut zu. Ich bin nicht unsterblich. Auch wenn es viele gibt, die das glauben. Deshalb habe ich beschlossen, mir einen Leibarzt zuzulegen.«
Angesichts seines Alters war das eine vernünftige Entscheidung. Ich wollte nicken, brachte aber nur ein Schulterzucken fertig.
»Schlägst du etwa mein Angebot aus?«
Ich trat einen Schritt zurück.
»Angebot, General?«
»Weigerst du dich, mein Leibarzt zu werden?«
»Ich? Nein, General.«
»Du hast eine Stunde Zeit, deine Sachen zusammenzusuchen und anzutreten. Du bekommst dein eigenes Zelt. Dahinten. Wegtreten!«
An die Beweggründe des Heerführers, eine solch ungewöhnliche Beförderung vorzunehmen, verschwendete ich damals keinen einzigen Gedanken.
Das tat ich allerdings jetzt, während ich an seiner Seite im Gleichschritt durch Subura marschierte. Es war spät am Nachmittag und das Gedränge war am Abflauen. Diejenigen, die sich immer noch in den Straßen bewegten, wichen vor dem Eroberer der Po-Ebene respektvoll zur Seite.
»Sagtest du etwas zu Drusus’ Pförtner, als du am Vormittag das Haus verließest?«, fragte ich.
»Eine merkwürdige Frage«, brummte Marius. »Sklaven sollte man weder sehen noch hören.«
»Vielleicht kannst du dich dann daran erinnern, wer am Abend vor dem Mord beim Essen von Drusus zugegen war?«
»Selbstverständlich kann ich das. Glaubst du etwa, ich bin altersschwach?« Er dachte nach. »Neben mir waren Scaurus und Crassus Orator da.«
»Sonst niemand anderes?«
»Keiner von Bedeutung.«
Das hätte im Großen und Ganzen genommen jeder sein können.
»Wurde das Essen in Portionen serviert?«
»Natürlich nicht. Die Schüsseln standen offen herum, sodass sich alle nehmen konnten, worauf sie Lust hatten.«
»Enthielten einige Gerichte Pilze?«
»Sicherlich. Drusus liebte Pilze.« Marius blieb stehen und kniff die Augen zusammen. »Was haben all diese Fragen zu bedeuten? Und woher weißt du etwas von dem Abendessen?«
Ich ignorierte die zweite Frage und beantwortete die erste.
»Die Wirkungszeit des Giftes deutet darauf hin, das Drusus an jenem Abend vergiftet wurde.«
»Bona Dea!« Marius hielt sich eine Hand vor den Mund.
»Beruhige dich. Das Gift war nicht im Essen. Sonst würden wir jetzt nicht miteinander sprechen.«
XII
»Drusus’ Tod versetzt uns in eine schwierige Lage. Ja, so viel ist sicher.«
Der Senatsvorsitzende Scaurus saß in einer Ecke seines großen, üppigen Gartens auf einer sonnenbeschienenen Bank unter ein paar Zypressen, deren kräftige Borken im goldenen Licht des Nachmittags aufzuplatzen schienen. Er ließ eine Hand über seinen Scheitel gleiten und lächelte angestrengt. Sein Gesicht war von einem dichten Geflecht aus Falten überzogen.
»Ich habe von meinem Spion bei den Marsern die Nachricht erhalten, dass die Stimmung unter den Italern, ja, man kann wohl sagen, feindlich gesinnt ist. Vor 20 Tagen zogen sie mit einem gut ausgerüsteten Heer von 10 000 Mann zehn Meilen von der Stadtmauer entfernt vorbei. Es gelang dem Senat, das zu verheimlichen. Hätte man in der Stadt gewusst, dass unser wichtigster Verbündeter solch ein großes Heer hat, hätte das Angst auslösen können. Ja, ich würde sogar sagen, Panik.«
»Es wird früher oder später sowieso zu einem bewaffneten Aufruhr kommen.« Crassus Orator saß dem Gastgeber gegenüber auf einem Stuhl und starrte mich mit seinen kleinen Pupillen gehässig an. »Es ist überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass die Italer Drusus ermordeten. Vielleicht glaubten sie nicht mehr daran, dass sie durch ihn die Bürgerrechte erhalten würden. Silo, der Anführer der Marser, wurde in der Mordnacht hier in Rom gesehen.«
An dieser Stelle hätte ich ihnen zurufen können, dass ich Silo in Drusus’ Haus gesehen hatte, so wie ich auch hätte erzählen können, dass es das Gift eines Pilzes war, das den Volkstribun umbrachte. Aber seitdem ich die Marmorwüste von einem Atrium bei dem Senatsvorsitzenden betreten hatte, spürte ich an seiner oberflächlichen Höflichkeit – und an der schlecht verborgenen Verachtung des Orators –, dass ich nicht hier war, weil man daran interessiert war, was ich zu sagen hatte. Sondern ich war hier, weil man mir mitteilen wollte, was man von mir erwartete.
»Marius hat dir doch die Situation erklärt, oder?«, sagte Scaurus. An der Eingangstür hatte er Marius mit einer Handbewegung fortgeschickt. Der große General hatte sich mit einem Nicken zurückgezogen, als wäre er ein gewöhnlicher Bote.
»Also nicht?« Der Senatsvorsitzende schüttelte mit dem Kopf. Es war nicht das erste Mal, dass ihn Marius enttäuschte. »Du sollst ins Land der Marser reiten und Silo einen Brief überbringen mit der Zusicherung, dass die Italer im kommenden Jahr die römischen Bürgerrechte erhalten werden.«
»Ich?« Ich starrte ihn an.
Scaurus machte eine Kunstpause, bevor er fortfuhr: »Du bist kein römischer Bürger. Ja, als Grieche kannst du sogar als neutral bezeichnet werden. Marius hat deine Tatkraft und Intelligenz gelobt. Du schienst uns allen der Geeignetste für diese Aufgabe zu sein. Ja, das bist du gewiss.«
Die Vorstellung, mich, der seit zwölf Jahren nicht die Mauern Roms verlassen hatte, hinauf in die Berge zu schicken, um einen Mann aufzusuchen, den ich nur ein einziges Mal gesehen hatte, und ihm ein Dokument mit einem leeren Versprechen zu überreichen, war absurd. Ein kurzer Blick auf die beiden Senatoren machte mir bewusst, dass ich selbst sie von ihrem Irrtum abbringen musste.
»Erwähnte der Senatsvorsitzende nicht vorhin, dass er einen Späher bei den Marsern hat? Wäre dieser Mann nicht weitaus besser in der Lage, die frohe Kunde zu überbringen?«
»Das hier ist das Letzte, was ich von meinem Späher gehört habe.«
Scaurus bückte sich und hob einen Topf hoch, der unter der Bank stand.
Er entglitt seinen krummen, altersschwachen Fingern, fiel zu Boden und brach mit einem Schlag entzwei. In den Scherben lag der abgeschlagene Kopf eines Mannes. Darunter breitete sich eine kleine Essiglache aus.
»Dein Späher wird gewusst haben, worauf er sich einließ«, sagte ich, nachdem ich mich gefasst hatte. »Wenn er enttarnt worden ist, besteht für mich keine Aussicht auf Erfolg.«
»Er war Spion. Du wirst Kurier sein. Ja, genau genommen der offizielle Bote des Senats. Du verstehst doch den Unterschied, oder?«
»Nicht ganz.«
»Für dich wird sich das Risiko lohnen, du unverschämter Grieche«, unterbrach mich Crassus Orator.
»Das glaube ich kaum.«
»Crassus sagt die Wahrheit. Auch wenn es dich vielleicht ein wenig kränkt, dass er es nicht so diplomatisch ausdrückt, wenn er mit einer Person weit unterhalb seines eigenen Standes spricht.«
Plötzlich waren in Rom doch nicht mehr alle so gleich, wie sie es noch in der Mordnacht gewesen waren. Die versteckte Drohung schwebte einen Augenblick lang in der Luft, bevor der Senatsvorsitzende fortfuhr.
»Wir haben deine Vergangenheit studiert. Dein Vater war Arzt und hieß ebenfalls Demetrios. Vor etwas mehr als 30 Jahren gab er ein Buch heraus – nicht etwa über ärztliche Heilkunst, wie man es erwartet hätte, sondern über den Versuch von Tiberius und Gaius Gracchus, die Republik zu stürzen.«
»Ich weiß nichts über ein solches Buch. Außerdem sind alle Exemplare seit Langem vernichtet.«
Der Orator schmunzelte über meinen Versprecher.
»Drusus hatte eine Abschrift davon in seiner Bibliothek. Darin konnten wir lesen, dass dein Vater Sklave war.«
Vater war der Leibarzt von Cornelia Graccha gewesen. Sein Geschick hielt die alte Dame am Leben, lange nach dem Tod ihrer Söhne. Aber ein Sklave – ja, das war er.
Scaurus sprach weiter:
»Als Quintus Servilius ein Heer nach Gallien führen sollte, nahm er deinen Vater als Feldarzt mit. Er beschlagnahmte ihn förmlich. Du hast ihn als Assistent begleitet. Zu jenem Zeitpunkt bist du kaum zehn Jahre alt gewesen. Dein Vater kam in der Schlacht von Arausio um. Es wäre interessant zu hören, wie du überleben konntest. Ja, das wäre es bestimmt.«
»Ich gelangte zu meinen Angehörigen in Massilia.«
Scaurus nickte, während er über meine Erklärung nachdachte.
»Als deine Herrin starb, erbte dich ihre Tochter«, führte Crassus Orator weiter aus. »Sie glaubte, du seist ein Opfer von Quintus Servilius’ Unfähigkeit geworden und gemeinsam mit deinem Vater und den 80 000 Mann gestorben. Du hättest in Gallien bleiben können, aber du warst dumm genug zurückzukehren. Du hast dich zwölf Jahre lang versteckt, doch du bist immer noch ein Sklave. Nun holt dich dein Schicksal ein. Du kennst die Strafe.«
Anhand eines einzigen Dokuments, das lange vor meiner Geburt geschrieben worden war, hatten sie den Verlauf meines Lebens rekonstruiert. Ich konnte dem nichts mehr hinzufügen. Nicht in dieser Gesellschaft.
»Beruhige dich nun wieder«, sagte Scaurus. »Wir haben keinen Grund, dich zu melden. Nein, ganz im Gegenteil, kann man sagen. Wenn du von den Marsern zurückkehrst, werden wir für dich Fürsprache einlegen. Deine Domina wird schwerlich Nein sagen können, wenn der vornehmste Mann des Senats sie bittet, ihren Sklaven, von dem sie noch nicht einmal wusste, dass er ihr gehört, freizulassen.«
Nachdem ich mit dem Tod bedroht worden war, wurde mir nun ein Köder hingeworfen, der mich gefügig machen sollte. Die beiden Senatoren betrachteten mich, als erwarteten sie, dass ich in einen Freudengesang ausbrechen würde.
»Du hast doch sicherlich nichts gegen eine kleine Mahlzeit einzuwenden?«
Der Senatsvorsitzende klatschte in die Hände, woraufhin ein Sklave angelaufen kam und den abgeschlagenen Kopf entfernte.
Die Tragödie war ein Teil der Vorstellung gewesen.
XIII
Die gebratenen Knoblauchwürste und Krabben in Garum schmeckten bitter wie Schierling und die mit Käse und Ei gefüllten Teigklöße blieben mir im Hals stecken. Die beiden Senatoren aßen mit großem Appetit drauflos, während sie über die Zukunft von Crassus Orator als Nachfolger von Drusus berieten. Ich begriff, dass seine wesentliche Aufgabe sein würde, den Gesetzesvorschlag für die Bürgerrechte der Italer durchzusetzen.
»Und wenn das getan ist, stelle ich mich als Konsul auf«, stellte er fest. Es klang nicht so dahingeworfen, wie es beabsichtigt war. Das Schweigen von Scaurus ermunterte den Orator, fortzufahren. Er setzte sich auf und breitete die Arme aus, als würde er zum ganzen Forum sprechen.
»Bin ich nicht Roms bester Redner? Habe ich nicht das passende Alter? Habe ich nicht schon alle anderen Ämter bekleidet? Du bist schon lange kein junger Mann mehr, Scaurus. Jemand muss bereit sein und übernehmen. Für Rom.«
Crassus Orator holte Luft, um seine Rede weiterzuführen, griff sich aber stattdessen in die Lendengegend und stöhnte vor Schmerzen. Der alte Senatsvorsitzende nutzte die Pause.
»Wie steht es denn nun um deine heimliche Absprache bezüglich Drusus’ ältester Nichte? Weiß denn Servilia überhaupt, dass sie mit dir vermählt werden soll? Du bist ohnehin noch verheiratet. Aber du wirst es dir leisten können, Mucias Mitgift zurückzuzahlen. Ja, reichlich sogar. Vorausgesetzt, sie erfährt nicht vorher davon und hetzt ihre Familie gegen dich auf. Denn dann kann es noch teurer werden.«
»Halt deinen Mund, alter Ziegenbock.«
Scaurus lächelte, als hätte er ein Kompliment erhalten. Die Sache war damit erledigt.
Crassus Orators Traum, eines der höchsten Ämter Roms zu bekommen, war bis auf Weiteres gebannt.
»Als mich Marius abholte«, sagte ich, »nahm ich an, wir würden über den Mord an Drusus sprechen.«
Beide starrten mich an, als wäre es das erste Mal, dass sie mich sahen. Patrizier sind es derart gewöhnt, Untergebene um sich zu haben, dass sie oftmals deren Anwesenheit vergessen.
»Es ist wichtiger, einen Krieg mit den Italern zu verhindern«, entgegnete Scaurus, »als einen Mörder zu überführen, der längst über alle Berge ist. Ja, das ist er bestimmt. Drusus war ein Ehrenmann, doch wir anderen leben in einer Welt der Realpolitik. Man nimmt seinen Standpunkt je nach Sachlage ein und löscht als Erstes den größten Brand. Der einzige Brand, der um Drusus entstehen wird, ist das Leichenfeuer auf dem Forum.«
Crassus Orator lachte laut auf, verzog aber plötzlich das Gesicht und griff sich wieder in die Lenden.
»Hat der Herr Schmerzen?«, erkundigte ich mich. »Soll ich eine Untersuchung vornehmen?«
»Halt dich zurück, Grieche. Ich überlasse meine Gesundheit keinem Sklaven.«
In den zwölf Jahren in Freiheit hatte ich mich daran gewöhnt, als Mensch angesprochen zu werden, woran auch die vergangene halbe Stunde nichts ändern konnte. Ich erhob mich und ging zurück in Richtung des Hauses. Der Senatsvorsitzende humpelte mir hinterher, hielt mich an der Treppe an und entschuldigte sich dafür, dass der Orator zu viel des guten Weins gehabt habe.
»Ich hoffe nicht, dass du es uns übel nimmst. Ich kann dir versichern, dass wir dich respektieren. Ja, außerordentlich sogar. Du darfst unser Angebot nicht als Ultimatum verstehen. Denk daran, was eine Freilassung für dich bedeuten kann. Du wirst dich mit einer Römerin vermählen und römischer Bürger werden können.«
Der Senatsvorsitzende legte seinen Arm um meine Schulter, als wäre ich ein bestechungswilliger Wahlmann.
»Versteh doch, ich weiß, wovon ich rede, mein Freund. Ja, genauso ist es. Einer meiner Sklaven haute einmal ab. Als er nach wenigen Monaten gefangen wurde, ließ ich ihn vor den restlichen Leuten meines Haushalts von seinem Leben auf der Flucht erzählen, bevor ich ihn danach hinrichten ließ. Die Einsamkeit, die ständige Angst, entdeckt zu werden. Die Angst vor Nähe. Ja, das Zusammensein mit anderen, all das war eine tägliche Bedrohung für ihn. Und schließlich die Erleichterung darüber, dass es vorbei war. Seitdem gab es bei mir keine Flucht eines Sklaven. Nein, nicht eine einzige.«
Er ließ seine Hand über seinen Scheitel gleiten und betrachtete mich. Die Welt und die Menschen, die sie bevölkerten, waren aus seiner Sicht so durchsichtig wie ein Kristall.
»Du könntest eine ehrbare Arztpraxis eröffnen«, fuhr er fort, »anstatt dich im Elendsviertel von Subura zu verstecken. Deine Kinder bekämen Stimmrecht, wären von Abgaben befreit und hätten das Recht, vor einem Gericht zu klagen. All das für eine Reise, die einen Monat dauert. Ja, vielleicht sogar nur vierzehn Tage. Ist diese Belohnung nicht reichlich den Einsatz wert? Denk darüber nach. Pace.«
Ich schaute dem Senatsvorsitzenden nach, während er durch den Garten dorthin zurücklief, wo Crassus Orator wartete. Für einen Mann, der täglich mit erfahrenen Politikern umgehen musste, war es ein Leichtes, mich zu verführen.
»Mein Mann könnte einen Barbarenstamm zur Aufgabe überreden, denkst du nicht auch?«
Die Stimme gehörte einer Frau in meinem Alter, die sich hinter einem Busch versteckt hatte. Sie hatte langes, rotbraunes Haar, breite Hüften und einen üppigen Busen.
»Mein Name ist Caecilia. Aber nenn mich einfach Cilla.«
Wenn man dem Gerede auf dem Forum Glauben schenken durfte, waren die Eltern von Caecilia Metella erleichtert gewesen, als der Senatsvorsitzende um ihre Hand angehalten hatte, obwohl sie noch keine 15 Jahre alt war. Denn sie hatten endlose Schwierigkeiten mit ihr vorausgesehen.
Man sagte, sie sei flatterhaft wie ein Schmetterling und einfältig wie ein Kind. Der kluge Ausdruck in ihren Augen ließ mich an dem Gerede zweifeln.
»Du bist der Medicus, der versuchte, das Leben von Drusus zu retten?« Sie beendete jeden ihrer Sätze mit einem Kichern, als wäre es ihre verbale Signatur.
»Es gelang mir leider nicht«, sagte ich und dachte an die Schwierigkeiten, die mir erspart geblieben wären.
»Ach was. Ich bin froh, dass ich diesen furchtbaren Mann losgeworden bin, der die ganze Zeit hier herumlief.«
»Alle anderen haben nur gut über ihn gesprochen.«
Eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen kam zum Vorschein und Caecilia Metella schaute sich um.
»Einmal bin ich nackt durchs Atrium gelaufen, als er dort stand«, flüsterte sie. »Er wirkte vollkommen gleichgültig. Mir war sehr unbehaglich zumute, auf solche Weise ignoriert zu werden, das kann ich dir sagen.«
Caecilia hatte schon früh in ihrem Leben gelernt, wie man zum eigenen Vorteil mit Männern umzugehen hatte. Sie schob ihre Brüste leicht nach vorne und machte einen Schmollmund.
»Habe ich dich verärgert? Ich sage häufig solche beschämenden Dinge. Das kommt daher, weil mein Mann mich nie seinen Gästen vorstellt.« »Das kann ich kaum glauben, Herrin.«
Ich konnte mir andere Gründe denken, weshalb der alternde Senatsvorsitzende seine hübsche junge Frau nicht anderen Männern vorstellte. Unter dem dünnen Stoff der Stola zeichneten sich deutlich ihre Brustwarzen ab. Sie folgte meinem Blick und lächelte.
»Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass ich bei diesem Greis von Mann bin, weil er neben seiner Zunge auch andere Glieder geschickt zu nutzen weiß?«
»Das würde mich ausgesprochen empören, Herrin«, antwortete ich. »Die Zunge ist kein Glied, sondern ein feuchtes, muskuläres Organ.« Einen Augenblick lang hatte ich sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Dann kicherte sie ein letztes Mal.
»Ich kann es kaum erwarten, was sie über dich erzählen werden, wenn du gegangen bist. Mach’s gut, Demetrios.« Sie zog sich zurück, und das scheinbar zufällige Gespräch war vorbei.
Ich war eingehend beurteilt worden. Hinter ihren offenkundigen Absichten ahnte ich noch andere, verborgene, die ich aber noch nicht durchschauen konnte.
XIV
Weniger als hundert Schritte von der Eingangstür des Senatsvorsitzenden entfernt wurde mir bewusst, dass man mich verfolgte. Obwohl sich der Mann im Schatten verbarg, streifte ihn mehrmals das Licht aus den Fenstern, der Mondschein oder der gelbliche Fackelschein der Wagenlenker, während er sich zwischen den Wagen hindurchschlängelte. Wenn er wusste, dass ich ihn bemerkt hatte, ließ er sich nichts anmerken. Ich hatte Mitleid mit ihm. Subura ist ein ziemlich schlechter Ort, um Leute zu beschatten.
Ich bog um eine Ecke und verbarg mich hinter einem Vorsprung. Er lief schnellen Schrittes an meinem Versteck vorbei und blieb stehen. Er bewegte sich flink wie ein Soldat, geschmeidig und selbstsicher, obwohl er nicht weiterwusste, wie es schien. Er schlug eine zufällige Richtung ein und setzte seinen schnellen Gang fort. Ich wartete, bis das Geräusch seiner Schritte verhallt war.
Könnte er von Scaurus ausgesandt worden sein? Doch das ergab keinen Sinn. Der Senatsvorsitzende ging davon aus, dass ich mich bereits in seinem Netz verfangen hatte.
Ich bog nach links ab und lief den Clivus Pullius hinunter, durch Suburas nie enden wollendes Fest der Trunksucht und Hurerei, doch ich war nur wenige Schritte gegangen, als ein paar Raufbolde aus dem bärenhöhlenartigen Gewölbe einer Taverne heraustorkelten und unbeholfen begannen, sich im Schmutz herumzuwälzen. Rasch entstand ein Menschenauflauf um sie.
Weiter unten auf der Straße, während ich an einer spärlich bekleideten Gruppe von Prostituierten vorbeilief, die sich von einem Fenster im ersten Stock aus feilboten, entdeckte ich, dass mein Schatten zurückgekehrt war. Wie zuvor vermochte er nicht, unentdeckt zu bleiben, zumindest nicht für einen entlaufenen Sklaven in hoher Alarmbereitschaft. Der Abstand zwischen uns war etwa gleich geblieben. Als ich stehen blieb und vorgab, mich den Verlockungen der Bordelle hinzugeben, wartete er geduldig, bis ich weiterging.
Vielleicht war mein Fehler gewesen, auf einer belebten Straße zu gehen. Ich korrigierte dies an einer Ecktaverne, vor der viele betrunkene Gäste standen.
Ich mischte mich unter die Menge und ging hinein, schlüpfte aber sofort wieder in eine Seitenstraße hinaus. Diesmal ließ er sich nicht täuschen. Seine Schritte hallten zwischen den Mauern hinter mir wider, als wäre es ihm egal, ob ich ihn bemerkte. Ich begann zu traben, schließlich zu rennen.
Plötzlich war er weg. Die einzigen Geräusche waren die entfernten Stimmen vom Clivus Pullius. Die Dunkelheit lag wie eine Lage schwarzer Samt auf den Fassaden, die nicht vom Mond beschienen wurden. Vorsichtig bewegte ich mich einige Schritte vorwärts in Richtung des beleuchteten Pflasters einer kreuzenden Straße. Und wieder zurück, ein unsicherer Tanz auf ein und derselben Stelle, begleitet vom Geräusch meiner eigenen Bewegungen, das von den Mauern widerhallte. Ich wartete, bis mein Körper zur Ruhe gekommen war und lauschte, bis ich anfing, an meinem Gehör zu zweifeln. Schließlich war ich mir sicher, dass er aufgegeben hatte.
Ein kräftiger Stoß schleuderte mich gegen eine Mauer. Während ich viel zu benommen war, um mich zu verteidigen, packte er mich an meiner Tunika und warf mich herum. Sein Knie rammte sich in meine Seite und presste die Luft aus mir heraus. Ein weiterer Stoß brachte mich im Lichterschein der Straße zu Fall. Ohne auf Widerstand zu stoßen, ließ er sich auf meinen Brustkorb sinken und beugte sich über mich. Sein weingeschwängerter Atem traf mein Gesicht wie ein muffiger Lappen.
»Bei Jupiters Arschloch. Dachte ich mir es doch. Du bist es, Demetrios!«
Es war der dritte Gast aus dem Tablinum in Drusus’ Haus.
XV
»Es überrascht mich überhaupt nicht, dass du dich nicht an mich erinnerst. Mein Name ist Lucius Cornelius Sulla. Wir trafen im Feldherrnzelt von Marius aufeinander, nachdem wir die bleichen, stinkenden Barbaren niedergemetzelt hatten.«
Er selbst war bleich wie Alabaster. Die Sommersprossen auf seinen Armen bildeten große, rötliche Flecken. Obwohl er fast die 50 erreicht haben musste, ähnelte er eher einem Mann von 35. Man sagt, dass Alkohol haltbar macht. In Höhe der Brust breiteten sich einige Tage alte Weinflecken in einem unregelmäßigen Muster auf seiner Tunika aus, die aus feingewebtem Flachs gefertigt war. In seinen Augenwinkeln lauerte ein Lächeln, als würde er die Welt um sich herum für einen abgeschmackten, aber gut erzählten Witz halten.
»Wir begegneten uns in der Po-Ebene vor zwölf Jahren«, fuhr er fort. »Marius nannte dich ›Leibarzt eines Feldherrn, der kerngesund ist und niemals verwundet wird‹. Er versteht es, sich zu präsentieren, der alte Mistkerl. Sogar, wenn er andere vorstellt.«
Gierig trank er von dem sauren Wein aus der kleinen Taverne, während wir einige Erinnerungen von dem Schlachtfeld austauschten. In regelmäßigen Abständen würgte ich selbst einen Schluck herunter.
»Weshalb hast du dich im Haus von Drusus aufgehalten, als er starb?«, fragte ich schließlich.
»Das war nur ein dummer Zufall. Ich war sicherlich ein wenig von der Rede gerührt, die Drusus auf dem Forum an jenem Nachmittag gehalten hatte, und das geschieht nicht so häufig. Deshalb hatte ich seine Hand geschüttelt, und dann bin ich mit ihm mitgegangen. Es wurde nämlich auch etwas von einem Becher Wein erwähnt, weißt du. Ansonsten interessiere ich mich nicht für Politik. Machst du das vielleicht?«
»Nur, wenn mich die Umstände dazu zwingen.«
Er klopfte mir auf die Schultern und prostete mir zu.
»Gute Antwort. Im Senat wird nur Mist geredet und das ödet auch mich mächtig an. Alles ist ein einziger endloser, törichter Redeschwall, und am Ende kommt trotzdem nichts Ordentliches dabei heraus.«
Ich fragte ihn nach Drusus’ Klienten, die den Volkstribun vom Forum nach Hause begleitet hatten.
»Ich glaube nicht, dass ich auch nur einen von ihnen wiedererkennen würde, selbst wenn sie vor mir auf der Straße auftauchen und mir in die Fresse spucken würden. Aber ich weiß, wer sie kennen könnte.«
Er stützte sein Kinn auf einer Hand ab, wobei der Ellbogen vom Tisch abrutschte. Er wackelte mit dem Kopf und sah überrascht den Wirt an, der gerade einen Krug mit Wein vor ihm abstellte.
»Wenn du mir den Krug hier ausgibst, werde ich dir’s sagen: Drusus’ Halbbruder Mamercus. Er war nämlich am Abend vor dem Mord zum Essen bei Drusus.«
»Woher weißt du das? Warst du auch eingeladen?«
»Nein, aber Mamercus selbst hat es mir erzählt. Im Anschluss zu Hause bei mir. Dort wurde nämlich an jenem Abend eine kleine Theatervorstellung gegeben, bei der ›Lukretias Tod‹ von Ennius aufgeführt wurde. Leider hatte Mamercus Claudianus daheim bei Drusus zurückgelassen, sodass er die Vorstellung verpasste.«
»Claudianus? Wer ist das?«
»Du bist vielleicht ein neugieriges Klatschweib«, ulkte er. »Ganz Rom kennt die Geschichte, dass Claudianus der Adoptivsohn von Drusus ist. Trotzdem wohnt er seit vielen Jahren bei Mamercus.«
»Warum?«
»Genau das ist es, worum es bei der Geschichte geht, nicht wahr? Einige sagen, dass Drusus zu beschäftigt gewesen sei, um sich um den Jungen zu kümmern. Aber weshalb hat er dann die Brut seiner Schwester bei sich behalten? Es gibt auch einige, die meinen, dass Mamercus verzweifelt einen Erben braucht, da er mit seiner Frau, dem dünnen Gerippe, keinen bekommen kann. Ich hatte selbst mal einen Jungen im Alter von Claudianus …«
Der Blick seiner graublauen Augen verhärtete sich und stand in einem scharfen Kontrast zu seiner Munterkeit.
»Hör mal her, du bist doch Arzt. Stimmt es, dass kalte Umschläge die beste Behandlung für eine Lungenentzündung sind?«
Ich sagte, dass ein Patient mit einer Lungenentzündung warm und trocken gehalten werden sollte. Kälte und Feuchtigkeit würden die Krankheit nur verschlimmern.
Sulla starrte mich an und begann zu kichern. Bald schon lachte er hysterisch, als hätte ich ihm einen ordinären Witz erzählt. Mir war unwohl zumute und ich betrachtete ihn eine Weile, bevor ich mich entschuldigte und die Taverne verließ.
Nach wenigen Schritten holte er mich ein.
»Wo willst du hin, Demetrios?« Er leerte seinen Becher und schmiss ihn gegen eine Hauswand, wo er mit einem lauten Knall zersprang. »Komm, wir können doch jetzt um Hades willen nicht aufhören.«
Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, ob er das Trinken oder das Gespräch meinte.
XVI
Wir liefen durch Roms namenlose Gassen, bis wir in einen muffigen Gang gerieten, der so schmal war, dass wir mit den Ellbogen gegen die schiefen Wände stießen. Die Fackeln, die hie und da in Bronzehaltern steckten, ließen das Dunkel außerhalb der Lichtkegel noch undurchdringlicher erscheinen. Ich wurde durch eine Tür in ein Haus gezogen, wo ein Dutzend Personen beiderlei Geschlechts in einem ansonsten unmöblierten Triklinium auf zerschlissenen Diwanen lag oder saß.
»Das hier sind meine Freunde«, sagte Sulla. »Schauspieler, Nutten und Hurenböcke.«
Eine Gruppe schwankender Männer hielt sich gegenseitig aufrecht und sang ein Trinklied, das ich nicht kannte. Ein kräftiger Glatzkopf bearbeitete unbeirrt die Brüste einer jungen Frau. Die Luft war alkoholgeschwängert, es roch nach Parfüm und Schweiß.
»Lucius Cornelius, ich muss leider …«
»Nenn mich einfach Sulla«, unterbrach er mich.
»Das ist eine zu große Ehre für mich, dich bei deinem Cognomen nennen zu dürfen.«
»Na, wirst du wohl die Klappe halten. Mit diesem Namen ist keine Ehre verbunden.«
Ein schmächtiger Mann in den Dreißigern riss sich los und kam zu uns herüber. Er lehnte sein spitzes Kinn auf Sullas Schulter und musterte mich.
Das dunkle, gelockte Haar reichte bis zu seinem Rücken herab. Der Blick seiner Kulleraugen fühlte sich an, als würde ich mit einer Feder gekitzelt werden.
Sulla ignorierte ihn, sagte aber schließlich: »Du weißt sicherlich, dass Metrobios der größte Schauspieler unserer Zeit ist. Auf jeden Fall in Frauenrollen. Und wenn du es nicht weißt, dann tu seinem Ego den Gefallen und halt deinen Mund.«
»Du bist auch Grieche?«, fragte ich den Schauspieler.
Er nahm meine Hand und ließ seinen Zeigefinger kreisförmig über meine Handfläche gleiten.
»Natürlich bin ich Grieche.« Seine Betonung war übertrieben deutlich, als wollte er sich über eine Gebirgsschlucht hinweg verständlich machen. »Hat Rom jemals einen Schauspieler hervorgebracht, der es wert war, über ihn zu sprechen?«
Der Schauspieler Metrobios begann einen langen Monolog über die feinen Charakterschilderungen bei Aristophanes und Menander, die den Banalitäten der Römer Plautus und Terentius weit überlegen seien und beklagte sich danach über Ennius und Accius, die von den großen griechischen Dramatikern abgeschrieben hätten. Sulla, der sich rasch zu langweilen begann, bückte sich nach einem Becher, den jemand auf den Boden geworfen hatte, und steuerte auf eine Amphore zu, die gegen eine Wand gelehnt war.
»Du brauchst dich nicht zu bemühen, Metrobios«, sagte er. »Demetrios steht auf Frauen. Er ist ein Soldatenkamerad aus der guten, alten Zeit in der Po-Ebene.«
Der Schauspieler mimte Enttäuschung, indem er seine Augen verdrehte, und machte Anstalten zu gehen.
»Sulla übertreibt«, erwiderte ich.
»Tatsächlich, mein Freund?«
Sein Interesse kehrte zurück.
»Ich war der Leibarzt von General Marius und wartete im Lager, bis die Schlacht vorbei war.«
»Aha. Wie alt warst du damals? Dreizehn?«
Ich nickte erstaunt. Wie konnte er das wissen?
»Ich war in demselben Alter, als ich nach Rom kam. Sulla sah sofort mein Talent und ließ mich in allem ein wenig unterrichten. Das waren Zeiten.« Metrobios lächelte wehmütig und schüttelte sein Haar. »Sulla ist das Licht, um das wir unglücklichen Existenzen herumschwirren. Er hat große Taten vollbracht. Damals hatten schon alle vergessen, dass er einst in den Bädern als Lustknabe angefangen hatte.«
»Das habe ich sehr wohl gehört!«
Mit fünf Schritten stand Sulla dem Schauspieler gegenüber. Der unbeholfene Ringkampf, den sie nun begannen, war eine willkommene Zerstreuung. Es wurde angefeuert und geklatscht. Nach einer Zeit gelang es Sulla, seinen Widersacher zu Boden zu bringen, und als Zeichen des Aufgebens klopfte dieser auf den Boden.
Metrobios setzte sich außer Atem auf und versuchte, seine Begeisterung zu verbergen, die der Ringkampf in ihm entfacht hatte. Sulla stolzierte indes ungeniert in dem Raum umher und nahm die Huldigungen seiner Freunde entgegen – mit einer über seinem Unterleib wie ein Zelt aufgerichteten Tunika.
»Hör auf, so herumzustehen und vor dich hin zu träumen«, sagte er zu mir. »Setz dich zu Claudia. Sie ist zwar eine hässliche alte Xanthippe, doch ihr kann keiner mehr etwas über ihr Handwerk beibringen.« Auf einem Diwan lag eine Frau mit einem entblößten Bein. Ein lebenslanger intensiver Gebrauch von Arsen hatte ihre Gesichtshaut ausgetrocknet, sodass sie einer glasierten Keramik mit Haarrissen ähnelte. Ich fragte höflich, ob sie ein Mitglied der glorreichen Claudiusfamilie sei.
»Claudia ist eine ehemalige Sklavin. Als sie freigelassen wurde, erhielt Claudia den Namen ihres Dominus. Claudia konnte ihn nicht leiden.« Sulla verzerrte jedes Mal sein Gesicht, wenn er den Namen aussprach. »Wie nannte man dich noch mal, Claudia?«
»Volumnia«, antwortete die Frau. »Das weißt du sehr gut, Schatz.«
Sulla beugte sich plötzlich vor und küsste sie. Ihre Zungen wanden sich in einem freudlosen Tanz umeinander, ein groteskes Nachspielen von Zärtlichkeiten, die schon eine Ewigkeit zurücklagen. Schließlich riss er sich los und warf sich auf den Diwan neben Metrobios, der anfing, unter dem Stoff der Tunika Sullas Erektion zu liebkosen. Sulla griff nach einer Schüssel und bot sie mir an.
»Isst du Austern, Demetrios?«
Ich betrachtete die dunklen Schalen, die in dem trüben Wasser herumschwammen.
»Nur, wenn sie frisch sind.«
»Gut geantwortet.«
Er schob die Schüssel zur Seite. »Isst du Würste?«
»Selbstverständlich.«
»Ich esse sowohl Austern als auch Würste. Es ist eine Frage des Geschmacks und nicht des Appetits. Und auch keine der Moral. Nicht wahr?«
Er schmunzelte und musterte mich eingehend, wie ein Wanderer eine Karte studiert. Seine graublauen Augen glühten wie kleine Kohlestücke in einer Feuerschale.
Jetzt verstand ich seinen Hinweis und stellte den Weinbecher auf den Tisch vor mir ab.
»Vielen Dank für deine Gastfreundschaft, Sulla.«
Eine Hand an meinem Lendenschurz verhinderte, dass ich gehen konnte. Volumnias faltiges Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
»Es kommt nur äußerst selten vor, dass Sulla solch einen jungen Leckerbissen wie dich mitbringt. Das Mindeste, was ich dann tun kann, ist dafür zu sorgen, dass sich die Mühe wenigstens gelohnt hat.«
Sie liebkoste mich mit professioneller Eleganz. Meine Erektion begann, gegen ihre Hand zu drücken.
»Ich muss leider gehen, Claudia.«
Ein heller Blitz schoss mir durchs Zwerchfell. Der Schmerz zwang mich in die Knie.
»Mein Name ist Volumnia, nicht Claudia. Merk dir das!«
Das Gelächter der Saufbrüder verfolgte mich bis auf die Straße hinaus. Einen Augenblick lang zeichnete sich an der gegenüberliegenden Mauer der Lichtschein des Eingangs ab. Dann warf jemand die Tür zu, und der helle Schein verschwand, als ob jemand eine Flamme ausgepustet hätte.
Mit der Hand über meinem Glied verließ ich Lucius Cornelius Sulla wie ein hilfloses Opferlamm, das man zum Altar führt.
XVII
Am Fuße des Aventinhügels befinden sich zahllose baufällige Mietshäuser. Weiter oben beginnen die Villen der Reichen wie Unkraut auf einem Misthaufen hervorzusprießen. Ganz oben auf dem Hügel stand Marius vor einer Villa und schlug mit mächtiger Faust hart gegen die Tür.
»Wir müssen mit deinem Herrn Mamercus reden«, sagte er zum Pförtner.
Wir wurden gebeten, in einem kreisförmigen Atrium mit einem Mosaikboden zu warten, auf dem ein tiefblauer Meeresgrund mit hellroten Korallen, allerlei lebendig wirkenden Meerestieren und kleinen, gelben Fischen abgebildet war. Auch der Brunnen in der Mitte war rund, was äußerst ungewöhnlich war. Römische Patrizier zogen meist eine rechtwinklige Gestaltung vor.
Außer der Tür, durch die der Sklave verschwunden war, gab es zwei weitere, die jeweils in einen dunklen Flur zu den Privatgemächern des Hauses führten. Marius setzte sich auf eine Bank. An diesem Morgen hatte er noch neben mir auf einem Schemel gesessen. Sein wettergegerbtes Gesicht war das Erste, was ich sah, als ich meine Augen aufschlug.
»Ich habe die ganze Nacht über nachgedacht«, fing er an.
»Schlechtes Gewissen?«
Er verstand meinen Hinweis.
»Es tut mir leid. Ich habe dich unter falschen Voraussetzungen ins Haus von Scaurus gelockt. Aber denk dran. Deine Domina hätte nicht im Traum daran gedacht, dich freizulassen, wenn ich sie gefragt hätte. Sempronia und ich haben, gelinde gesagt, kein gutes Verhältnis zueinander. Aber ein Ersuchen des Senatsvorsitzenden wird sie nicht ignorieren können. Ich habe dir faktisch geholfen, auch wenn du es nicht verdient hast. Aber es ist etwas anderes, was mich wach gehalten hat.« »Und was?«
»Mamercus. Er ist der Halbbruder von Drusus. Und der einzige männliche Verwandte. Er wird Drusus’ Vermögen nach dessen Tod verwalten. Und das ist riesig.«
»Daran habe ich auch schon gedacht.«
»Und das ist noch nicht alles. Du hast mich nach dem Abendessen bei Drusus gefragt. Du weißt, jener Abend, an dem du sagtest, dass er vergiftet wurde …«
»Mamercus saß auch am Tisch.«
»Bona Dea! Du weißt aber auch alles.«
Marius’ grobschlächtige Hände drehten rastlos eine rotbraune, zylindrische Lederhülle hin und her. Solche Köcher wurden im Botendienst des Heeres verwendet, dienten zur Aufnahme von Schriftrollen und hatten die Länge einer Elle.
»Das hier ist ein Brief mit dem feierlichen Versprechen des Senats, dass bis zum Frühjahr ein Gesetz verabschiedet wird, das den Italern das latinische Bürgerrecht zusichert. Versteck es gut, bis du fährst.«
Das latinische Bürgerrecht ist ein Bürgerrecht zweiten Ranges. Obwohl es viele der Privilegien mit sich bringt, die echte Römer genießen, beinhaltet es kein Stimmrecht.
»Glauben du und Scaurus, dass sich die Italer damit zufriedengeben werden?«
»Nicht alle. Aber die Marser, die vorzüglichsten Krieger unter ihnen, werden es tun. Und viele andere mit ihnen. Die Hälfte der Volkstämme, die die Forderung der Italer unterstützen, wird friedlich heimwärts ziehen. Teile und herrsche. Diese Politik hat Rom immer gut genutzt.«
Marius erhob sich und begann, hin und her zu laufen. Er musste sich jedoch bücken, um nicht gegen die Deckenbalken zu stoßen.
»Also, hör nun zu, was mich wachgehalten hat: Mamercus hat den Gesetzesvorschlag seines Bruders nicht unterstützt. Faktisch war er immer auf der Seite von Drusus’ Gegnern im Senat. Weshalb er dann trotzdem zu dem Abendessen eingeladen war, bei dem Drusus seine Pläne mit seinen besten Freunden erörterte? Du hast Talent, Leute zum Reden zu bringen. Deshalb solltest du ihn mit mir zusammen besuchen und ihm ein paar Fragen stellen.«
»Was sollte dabei herauskommen?«
»Jetzt hör schon auf, Junge. Ich weiß, wie schlau du bist.«
Wenige Tage nach meiner ersten Begegnung mit dem General hatte man die Leichen der getöteten Barbaren auf dem Gipfel des Hügels, der das Schlachtfeld ausgemacht hatte, aufgetürmt und mit Öl übergossen. Das Heer der Römer hatte Aufstellung genommen, um der Verbrennung beizuwohnen. Marius stand da mit einer über dem Kopf erhobenen Fackel, als ein Bote aus Rom zu ihm heraufgaloppierte, einen Gruß des Senats überbrachte und ihn darum bat, umgehend heimzukehren, da das Hauptheer der Kimbern bereitstehe, um von Westen her nach Italien einzudringen. Die Barbaren, die Marius geschlagen hatte, seien nur der Vortrupp gewesen.
Zwei Tage später umrundeten wir auf einem Küstenweg die Alpen in Richtung der fruchtbaren Po-Ebene, wo eine nervenaufreibende Wartezeit begann.
Der Schnee türmte sich allmählich an den Palisaden auf und die Wasserläufe froren zu, und bald zeichnete sich ab, dass das kostbare Getreide in den Vorratslagern des Militärlagers schneller schwand, als man es bei üblicher Verpflegung aufbrauchte. Es konnte sich nur um einen organisierten Betrug handeln.
Der Verdacht richtete sich auf den Proviantmeister, einen Mann von unbekannter, nichtrömischer Herkunft. Unter denjenigen, die ihn beschuldigten, war der Juniorkonsul Catullus, ein Aristokrat aus einer vornehmen Familie, hochgewachsen und sehnig, dunkelhaarig, schlank und aufrecht wie ein Zollstock. Während sich Marius in Rom aufhielt, befahl Catullus, den Proviantmeister zu foltern. Als der General zurückgekehrt war, erzählte ich ihm, was geschehen war. Vor Marius’ Tisch im Feldherrnzelt stehend behauptete Catullus, dass die Bestrafung in Hinblick auf die Moral des Heeres notwendig gewesen sei.
»Lass mich mit dem Proviantmeister reden!«
»Er starb während des Verhörs, doch mir gelang es, sein Geständnis zu bekommen. Hier ist eine Abschrift.«
Marius entfaltete die Schriftrolle, studierte sie und legte sie auf der Tischkante ab. Catullus schlug vor, eine Kommission einzusetzen, um den Umfang des Betrugs festzustellen.
»Je früher, desto besser«, brummte Marius.
»Der Juniorkonsul sollte sinnvollerweise damit beginnen, seinen eigenen Legaten zu befragen«, schlug ich vor.
»Und warum«, fragte Catullus lächelnd, »wünscht der Leibarzt des Generals, dass mein untergebener Befehlshaber verhört wird?«
»Gemäß dem Bericht hier fragte der Legat den Proviantmeister, wie viel die Gallier, die den gestohlenen Weizen kauften, pro Wagenladung bezahlt hätten.«
»Eine relevante Frage, würde ich meinen.«
»Auch wenn sie gestellt wurde, bevor der Verhörte seine Hehlerei zugegeben hat?«
Catullus musste sich anstrengen, sein selbstsicheres Lächeln aufrechtzuerhalten.
»Und übrigens, wie konnte es gelingen, so viele Wagenladungen Weizen aus den Vorratslagern zu entfernen?«, fuhr ich fort.
Catullus kam kaum um eine Antwort herum. Aber er zog es vor, unbeirrt fortzufahren.
»Der Mann hatte Komplizen.«
»Davon steht nichts in dem Geständnis.«
Der Juniorkonsul lächelte zu Marius hinüber.
»Muss ich mir das wirklich gefallen lassen, von einem Kind ausgefragt zu werden?«
»Ja, warum nicht?« Marius’ wasserblaue Augen musterten mich. »Tu einfach so, als wäre ich es, dein General, der die Fragen stellt.«
»Hier sind eine Reihe von Tagen aufgeführt«, sagte ich weiter, »an denen die Getreidediebe zugeschlagen haben. Dem Wachtplan zufolge hatte der Legat des Herrn das Kommando über die Nachtwache an den meisten dieser Tage.«
»Eine schwere Anschuldigung.« Catullus lächelte nicht mehr länger. »Ich werde die Sache untersuchen.«
»In den übrigen Nächten hielt der Herr selbst Wache. Ist das dann auch eine Anschuldigung?«
»Was soll das bedeuten? Ich werde es nicht hinnehmen …«
»Danke, Catullus.« Marius hatte sich erhoben. »Würdest du draußen warten?«
Als der Juniorkonsul gegangen war, zog mich der General zu sich heran. Er legte seine schweren Hände auf meine Schultern.
»Was ist hier los, Junge?«
Ich erklärte, dass Catullus und sein Legat hinter dem Betrug stünden, doch die Stimmung im Lager hätten sie dazu gezwungen, einen Schuldigen zu suchen. Das Geständnis hätten sie selbst angefertigt.
»Warum haben sie dann nicht den Wachtplan verändert?«
»Catullus ist nicht dein intelligentester Offizier.«
Marius räumte ein, dass sein untergebener Befehlshaber ebenso dumm wie halsstarrig sei. Rom befinde sich allerdings im Krieg und es mache einen schlechten Eindruck, wenn adlige Offiziere des Betrugs an der Staatskasse überführt würden. Der Proviantmeister müsse der Schuldige bleiben, zumal er nun schon tot sei und sich nicht mehr verteidigen könne.
Trotz dieser Enttäuschung erhielt ich einen kräftigen Schlag auf die Schultern und die Zusicherung, dass der General stolz auf mich sei.
Der Pförtner von Mamercus kehrte in das kreisrunde Atrium zurück. Er wurde von einem Mann seines Alters begleitet, der braunes Haar und ein rundes, jugendliches Gesicht hatte und seinem verstorbenen Halbbruder nicht im Geringsten ähnelte. Er hieß Marius willkommen, während er mich zu übersehen schien.
»Mein herzliches Beileid«, sagte der General. »Bona Dea, dein Bruder ist auf grauenvolle Weise gestorben.«
Mamercus schnitt eine Grimasse. Sein Verhalten wirkte einstudiert. Ihm versagte vor lauter Nervosität die Stimme.
»Du musst entschuldigen, dass ich mich aufdränge«, fuhr Marius fort. »Ich habe ein paar Fragen. Vielleicht können wir an einem abgeschiedenen Ort miteinander reden?«
»Natürlich«, entgegnete Mamercus unsicher. »Komm m-m-mit.«
Er geleitete uns hinaus in einen offenen Peristylgarten mit einer großartigen Aussicht auf den Circus Maximus und die Rückseite des Palatinhügels. Eine Frau saß an einem Tisch im Schatten. Ein Sklave hatte bereits weitere Stühle gebracht.
»Du kennst m-m-meine Mutter«, sagte Mamercus.
»Selbstverständlich.«
Marius nahm die Hand der Frau.
»Es freut mich, dich wiederzusehen, Aemilia. Ich habe oft daran gedacht, wie es dir wohl geht.«
Aemilias Alter, das gewiss höher war, als sie es zugeben würde, hatte sie ein wenig rundlicher werden lassen. Ihr kurz geschnittenes Haar hatte eine außergewöhnliche Farbe, die weder grau noch weiß war, sondern eher an alte Stücke von Trockenfisch erinnerte. Sie verbarg es zwar besser als ihr Sohn, doch auch sie war nervös.
Die Anspannung hing in der Luft wie ein lange nachklingender Glockenton.
»Früher lebte ich nur für meine Söhne«, sagte Aemilia getragen. »Nun wurde uns der Älteste von ihnen entrissen. Wenn du gekommen bist, um über Drusus zu reden, hoffe ich, dass ich zuhören darf. Ich sehne mich danach, die ganze Wahrheit zu erfahren.«
Aemilias brennender Wunsch überschattete schon bald das Gespräch, sodass ihr Sohn schließlich gar nicht über sich sprach.
Marius setzte sich schwerfällig hin. Seine Kaumuskeln arbeiteten unablässig, während er versuchte, einen Vorwand zu finden, damit Aemilia ging. Doch das gelang ihm nicht.
Er seufzte und lächelte.
»Hervorragend. Vielleicht kannst du uns noch helfen. Dies hier ist mein Leibarzt Demetrios. Er hat etwas Wichtiges zu berichten.«
XVIII
»Ich möchte zunächst fragen, ob der Herr während des Essens bei Drusus etwas Ungewöhnliches bemerkte, am Abend vor dem Mord«, begann ich.
»Das Ungewöhnlichste war, dass ich überhaupt eingeladen wurde«, antwortete Mamercus. »Drusus und ich redeten nicht m-m-miteinander. Auch nicht bei dieser Gelegenheit.«
Ich hatte geglaubt, Mamercus’ Stammeln im Atrium sei durch seine Nervosität verursacht worden. Mir dämmerte nun, dass es sich eher um ein ständiges Leiden handeln musste.
»Die Herren waren doch Brüder?«
»Halbbrüder. Unser Verhältnis ist nie innig gewesen. Ich habe m-m-mein Leben lang hier auf dem Aventin gewohnt und hatte m-m-mit ihm keinen Kontakt.«
Das passte kaum zu Servilias Angabe, dass Mamercus oft im Hause von Drusus zu Besuch gewesen war.
»Dennoch lud Drusus den Herrn zum Abendessen ein?«
Mamercus zuckte mit den Schultern.
»Ich sollte sicherlich nur einen leeren Platz am T-T-Tisch ausfüllen. M-Mein Bruder hatte sich m-m-mit seinen Gesetzesvorschlägen unbeliebt gemacht. Es gab nicht m-m-mehr viele, die er einladen konnte.« Ich fragte, ob es wahr sei, dass Drusus’ Adoptivsohn Claudianus bei Mamercus wohne. Das stimme, aber da die Mores maiorum verlangten, dass der Junge bei der Leiche seines Adoptivvaters wache, befinde er sich jetzt im Haus auf dem Palatin, wo Mamercus’ Frau ihn und die übrigen Kinder hüte.
»Ich dachte«, unterbrach uns Aemilia, »dass dein Leibarzt hier ist, um uns etwas Wichtiges zu sagen, Marius. Er scheint allerdings mehr damit beschäftigt zu sein, uns auszufragen.«
»Ja, ich sollte es euch wohl selbst sagen«, entgegnete Marius gereizt. »Drusus wurde nicht nur niedergestochen, wie es der Senat verkündet hat. Er wurde auch noch vergiftet.«
Dem begrenzten schauspielerischen Talent nach zu urteilen, das Mutter und Sohn bislang gezeigt hatten, war ihre Überraschung echt.
»Bekam Drusus etwas zu essen, das sonst kein anderer erhielt?«, fragte ich, während sie sich immer noch zu fassen versuchten.
»Nicht soweit ich m-m-mich erinnern kann.«
Mamercus Stirn glänzte vor Schweiß.
»Dann erinnert sich der Herr vielleicht daran«, fuhr ich fort, »was später am Abend bei Lucius Cornelius Sulla geschah?«
»Mamercus!«, stieß Aemilia hervor. »Du bist doch nicht etwa da hingegangen?«
Die Temperatur im Garten schien plötzlich eisig zu werden.
»Dort ist nichts passiert, M-M-Mutter.« Mamercus kämpfte einen Augenblick lang mit sich selbst, bevor er fortsetzen konnte. »Es war ein M-M-Maskenball. Ich kannte kaum einen der Gäste. Sulla und M-Metrobios gaben L-L-Lu…«
Mamercus konnte nicht mehr weitersprechen. Marius und Aemilia warteten schweigend ab.
»Lukretias Tod?«, schlug ich vor.
Er warf mir ein dankbares Nicken zu.
»Genau. Auf einer kleinen Bühne im Garten. Anschließend betrank sich Sulla so stark, dass er hinfiel und ins Bett getragen werden m-m-musste. Ich ging kurz danach, das schwöre ich.«
Das Schauspiel ›Lukretias Tod‹ des Dichters Ennius behandelt die vielleicht wichtigste Episode aus der Geschichte Roms, auch wenn die große Popularität vielmehr von seinem drastischen Inhalt herrührt: Der Königssohn Sextus Tarquinius provozierte mit seiner Vergewaltigung der ehrbaren Lukretia einen Aufruhr gegen das Königtum, das zur Errichtung der Republik führte.
Ich versuchte, den Gedanken zu verdrängen, was Sulla und Metrobios aus der langen Vergewaltigungsszene im zweiten Akt gemacht haben könnten.
»Woher kennt der Herr Sulla?«, erkundigte ich mich.
»Durch die Kinder«, antwortete Mamercus. »Claudianus spielte mit Sullas Sohn. Zumindest so lange, bis der arme L-Lucius eine L-Lungenentzündung bekam und im Frühjahr starb.«
Trauer nimmt die unterschiedlichsten Formen an, und keine von ihnen ist im Grunde genommen falsch. Bei Sulla führte der Kummer über den Tod des Sohnes zur Alkoholsucht. Er wird sich vermutlich zu Tode trinken, außer jemand würde seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten können.
»War Lucius sein einziges Kind?«
»Er hat auch eine Tochter«, brummte Marius.
»Ich bin ihr ein paar M-Mal begegnet.« Mamercus lächelte. »Sie ist siebzehn Jahre alt und ausgesprochen anmutig. Sie ist blond wie eine Gallierin, sie hat das bezauberndste L-Lächeln und Augen so blau wie der Himmel …«
»Wir wissen, wie Cornelia aussieht, Mamercus.«
Aemilias Tonfall war schneidend. Die Kiefermuskeln ihres Sohnes traten unter der Haut wie Tauwerk hervor. Ich war auf einen heiklen Punkt gestoßen, der wohl zum wiederholten Male Diskussionen auslösen würde. Es war am klügsten, das Thema zu wechseln.
»Wusste der Herr, dass sich der Anführer der Marser in der Mordnacht in Drusus’ Haus aufhielt?«
»Silo? Er war bei Drusus?«
»Ich sah ihn im Gang vor dem Tablinum. Könnte er etwas mit dem Mord zu tun haben?«
»Das würde der Sache der M-Marser nichts nutzen.«
Außer, schien der Blick von Marius zu sagen, die Marser würden lieber Krieg als die latinischen Bürgerrechte haben wollen.
»Wusste der Herr, dass Silo vor 20 Tagen mit einem Heer von 10 000 Mann dicht vor den Toren Roms stand?«
Mamercus zuckte mit den Schultern und sagte, dass die Marser ein wenig mit den Schwertern gerasselt hätten, um die Xenophoben im Senat einzuschüchtern.
»Diesen Zwischenfall hat der Senat allerdings geheim gehalten, um Panik zu vermeiden. Woher hat der Herr davon erfahren?«
Wie Trauer, so nimmt auch Angst die unterschiedlichsten Formen an. Mamercus saß wie angewachsen auf dem Stuhl, blass und mit halb geöffnetem Mund.
Eine feindselige Stille breitete sich zwischen uns aus.
Marius meinte anscheinend, dass es nun an der Zeit war, zu improvisieren. Oder vielleicht hatte er von Beginn an vorgehabt, seine Bekanntmachung erst bei passender Gelegenheit einfließen zu lassen.
»Lass mich erklären, was all die Fragen sollen, Mamercus. Ich habe Demetrios gebeten, eine private Untersuchung vorzunehmen. Das, was er herausfindet, wird einem Senatstribunal vorgetragen, das den Tod deines Bruders aufklären soll.«
Die Erklärung überraschte weniger Mamercus und Aemilia als vielmehr mich.
»Aus wem wird das T-Tribunal bestehen?«
»Aus den Vorsitzenden des Senats, natürlich. Außerdem aus Crassus Orator und mir selbst. Männer, die Drusus kannten. Männer, die die Sache um jeden Preis aufklären wollen.«
Mamercus dachte lange über eine Antwort nach.
»Drusus und ich haben uns heimlich getroffen«, sagte er schließlich. Marius stellte den Becher, den er gerade geleert hatte, mit einem Knall auf dem Tisch ab. Aemilia spitzte ihre Lippen und betrachtete ihren Sohn. Zum ersten Mal wirkte das Verhalten von Mamercus nicht einstudiert. Er schaute in meine Augen, als wartete er noch auf eine Frage. »Warum musstet ihr euch heimlich treffen?«
»Hätten Drusus’ Feinde im Senat gewusst, dass wir uns gut verstehen, hätten sie m-mir nichts m-mehr anvertraut.«
»Wer waren Drusus’ Feinde im Senat?«
Mamercus zählte eine Reihe Männer auf, darunter Konsul Philippus und Servilias Vater Caepio. Drusus hatte Mamercus darum gebeten, seinen politischen Gegnern Sympathie vorzutäuschen, und er war dann schnell in ihren Kreis aufgenommen worden.
»Ich hielt Drusus ständig unterrichtet. Sein Pförtner kam regelmäßig hierher und erkundigte sich nach Neuigkeiten.«
»Petronius?« Ich rückte auf dem Stuhl vor. »Er verschwand am Morgen nach dem Mord. Habt ihr seitdem etwas von ihm gehört?«
Mamercus öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, doch seine Mutter kam ihm zuvor.
»Weshalb um alles in der Welt sollten wir etwas von Petronius gehört haben? Drusus ist doch tot. Du musst entschuldigen, Marius, aber ich kann wirklich nicht sehen, wohin das hier führen soll.«
Sowohl die Mutter als auch der Sohn wichen meinem Blick aus. Das kurzzeitige Tauwetter war vorbei. Hier war nichts mehr zu holen.
»Nun denn«, sagte ich zu Marius. »Vielleicht sollten wir stattdessen mit Konsul Philippus und Caepio reden?«
»Mit denen kommst weder du noch ich ins Gespräch«, erwiderte Marius. »Sie glauben allen Ernstes, dass alle Fremden ausgewiesen werden sollten. Du würdest nicht die geringste Chance haben.«
»M-Mit einer prächtigen T-Tunika würde Demetrios nicht einem Griechen ähneln.«
Mamercus sprach langsam, als wollte er eine verborgene Bedeutung in dieser anscheinend unschuldigen Bemerkung hervorheben. Marius erteilte ihm eine Abfuhr.
»Hast du noch weitere Fragen, Demetrios?«
»Nein, das war in der Tat alles. Ich bedanke mich, dass der Herr und die Herrin sich Zeit genommen haben. Wenn dem Herrn noch etwas einfällt, was den Nachforschungen weiterhelfen kann, sollte er es mich unbedingt wissen lassen.«
Ein Sklave geleitete uns zurück zum Atrium mit dem Meeresboden-Mosaik. Am Rand des runden Springbrunnens konnte sich Marius nicht mehr länger zurückhalten.
»Weshalb hast du nicht die Fragen gestellt, um die ich dich gebeten hatte?«, fauchte er.
»Weil es uns nicht schlauer gemacht hätte. Würdest du einen Augenblick warten? Es tut mir leid, aber ich muss kurz die Latrine des Hauses aufsuchen.«
Mit dem Sklaven dicht auf den Fersen bog ich vom Atrium in einen der Seitengänge ab und gelangte in einen mit Fliesen ausgelegten Raum von sechs mal zehn Fuß. Eine Seite des Raumes wurde in der gesamten Breite von einer eingemauerten Marmorbank mit drei tropfenförmigen Löchern eingenommen. Darunter war das Plätschern von Wasser zu hören, das wie von einem kleinen Bach klang. Ich zog den ledernen Lendenschurz herunter und nahm unterhalb eines Lüftungsschachts Platz.
»Ich entdeckte die Latrine, als wir im Atrium warteten«, erklärte ich Marius danach, während wir uns den Weg durch das Gewirr der Straßen bahnten. »Der Lüftungsschacht führt in den Peristylgarten hinaus. Ich vertraute darauf, dass Mamercus und seine Mutter im Garten bleiben würden, um über unseren Besuch zu reden. Und ich sollte Recht behalten.«
»Und was hast du herausgefunden?«
»Viel mehr, als sie uns zu erzählen bereit waren. Sie haben Angst davor, was Drusus’ Gegner aushecken könnten, wenn das Doppelspiel von Mamercus herauskommt. Aber im Gegensatz zu seiner Mutter ist Mamercus bereit, das Risiko einzugehen.«
»Der Kerl spielt Komödie«, brummte Marius.
»Ich glaube nicht, dass Mamercus in der Lage ist, seine Mutter zu täuschen. Sie wirkt scharfsinnig.«
»Aemilia ist eine der großartigsten Frauen, die ich kenne. Wäre sie ein Mann, hätte es Scaurus im Senat nicht so leicht gehabt. Aber sie ist schwierig. Sie und Drusus’ Vater waren wie Hund und Katz.«
»Wurden sie deshalb voneinander geschieden?«
»Aemilia nahm sich einen Liebhaber. Als der Vater von Drusus entdeckte, dass sie schwanger war, warf er sie auf die Straße, der Idiot. Bona Dea, sie war damals so hübsch. Wie ein Sommermorgen. Oder wie ein Goldreif, oder was weiß ich.« Metaphern zählten nicht zu den Stärken von Marius. »Aemilius Lepidus, ihr Liebhaber, warb um sie. Sie wohnten zusammen in einem Haus auf dem Aventin, bis er vor fünf Jahren starb. Haben sie noch mehr gesagt?«
»Aemilia hielt Mamercus vor, dass er zu Sullas Fest ging. Sie meinte, er sei nur deshalb dorthin gegangen, um einen Blick auf Sullas Tochter zu erhaschen.«
»Cornelia ist es ja auch wert, angeschaut zu werden.«
»Mamercus ist verliebt. Und nicht in seine Frau. Leider wunderte sich der Sklave, warum ich so lange auf der Latrine war. Das Letzte, was ich hörte, war, dass sie über Drusus’ Pförtner sprachen. Zweifellos messen sie Petronius eine große Bedeutung zu. Die Frage ist nur, welche.«
XIX
Es wurde ein ungewöhnlich harter Winter in der Po-Ebene. Der Frost zwang Marius, das strategisch wichtige Lager am Fuße der Alpen zu räumen und ein neues im milderen Klima des Tieflands zu errichten. Kurz danach kamen die Kimbern von den Bergen herab. Zunächst langsam, wie Getreidekörner, die zuerst langsam durch eine Speicherluke rieseln, dann aber allmählich an Fahrt gewinnen, stürzten die Barbaren die Gipfel herab, sprangen gewandt zwischen den Felsvorsprüngen hervor und rutschten auf ihren Schilden die schneebedeckten Abhänge herab.
Catullus meldete sich im Zelt des Feldherrn und berichtete von dem Erfolg des Feindes.
»Denkst du nicht, dass ich das schon weiß«, sagte Marius.
»Warum gehen wir dann nicht zum Angriff über?«
Der General knurrte und rückte näher an das Kohlenbecken heran. Der Frost sollte nicht von seinen Knochen Besitz ergreifen.
»Sollen wir hier herumsitzen und darauf warten, dass unser Land überfallen wird«, rief Catullus, »weil unser General ein von Gicht gepeinigter alter Mann ist?«
»Gichtkrank? Alter Mann?« Wenn Catullus die Absicht hatte, den General aufzurütteln, war ihm das gelungen. »Was bildest du dir ein? Glaubst du, dass du diesen Krieg hier allein austragen kannst? Du, dessen größter Verdienst es ist, einen Sklavenaufstand auf Sizilien beendet zu haben? Die Kimbern sind keine Sklaven, du Schlappschwanz. Und du bist kein Heerführer. Mach, dass du fortkommst!«
Marius stapfte lange im Zelt herum, bevor er sich wieder vor dem Kohlenbecken niederließ.
»Kannst du mir nicht eine Amphore Wein holen, Junge?«
Der General trank selten und niemals eine ganze Amphore, doch ich stellte für gewöhnlich keine Fragen. Das Weinlager lag nur fünfhundert Schritte entfernt. Marius gab mir einen hastig niedergekritzelten Befehl für die Wache mit.
Auf dem Rückweg durch das dunkle Lager stieß ich mit einem Schatten zusammen, der so massiv wie eine Mauer war. Die Amphore fiel schwerfällig hin, ein Henkel traf mich an der Stirn. Ich registrierte kaum, wie ich hochgehoben wurde, mich durchfuhr aber deutlich ein Schauer von kaltem Metall an meinem Hals.
»Bist du wach?«
Ich erkannte die Stimme und nickte.
»Gut. Dann hättest du ruhig antworten können.«
»Auf was?«, flüsterte ich.
Catullus’ Lachen hatte einen zornigen Unterton.
»Der General hatte mir vertraut. Ich war sein Getreuer. Nun demütigt er mich. Was hast du ihm vorgemacht? Was hast du ihm gesagt, um ihn gegen mich aufzuhetzen?«
»Das weißt du selbst am besten.«
»Ich habe immer meine Pflicht getan. Ich verdiene etwas Besseres. Also, sag mir, was der General denkt, was ich getan haben soll.«
Mein Schweigen provozierte eine Entscheidung.
»Wir werden ja sehen, was er sagt, wenn sie dich mit durchgeschnittener Kehle finden.«
Ein weiterer Schatten sprang aus dem Dunkel hervor. Erde flog gegen mein Gesicht und in meinem Mund schmeckte ich Blut. Geräusche wie von kämpfenden Raubtieren drangen zu mir herüber. Ich stützte mich auf meinen Ellbogen und sah eine breitschultrige Kontur, die sich vor dem Sternenhimmel abzeichnete.
»Such dir lieber jemand von der eigenen Größe, Catullus«, donnerte der General. »Morgen ziehen du und dein Legat mit einer Kohorte hinauf in die Berge. Eure Aufgabe ist es, bei den Bergbauern Vorräte zu beschaffen. Kapiert?«
»Es ist Winter«, murmelte Catullus irgendwo im Dunkeln. »Ich werde erfrieren.«
»Man wird hoffen dürfen.«
Erst als mich die starken Arme nach oben zogen, fing ich an zu weinen. Obwohl ich ihm auf den Bauch pinkelte, hielt mich Marius fest. Ich klammerte mich an seinen breiten Brustkorb, der nach Schweiß und Leder roch und Geborgenheit ausstrahlte.
Damals dachte ich, dass Catullus und sein Legat das bekämen, was ihnen zustünde, aber die Erinnerungen bekommen später im Leben oftmals eine andere Bedeutung. Die Erfahrung führt zur Fähigkeit der Reflexion.
Während ich auf der Bank unterhalb des Fensters in Aelias gemütlichem Zimmer saß und Tiros und Sarpedons Schnarchen lauschte, erinnerte ich mich an die Frage von Catullus.
Hatte jemand anderes hinter seinem Rücken den Schwindel mit dem Getreide begangen? In diesem Fall hätte es der Mann sein müssen, den ich als seinen Komplizen angesehen hatte. Jener Mann, der sein untergeordneter Befehlshaber gewesen war. Sein Legat.
Aelia machte den letzten Teller sauber und stellte ihn ins Regal. Sie schüttete das gebrauchte Wasser aus dem Fenster hinaus. Sechs Stockwerke tiefer platschte es auf das Pflaster.
»Danke fürs Essen«, sagte ich.
Sie setzte sich neben mich. Ihr Ellbogen drückte sich an mich. Der Geruch von Urin war stechend und durchdringend. Ich beherrschte mich, um sitzen zu bleiben.
»Ich habe zu danken«, entgegnete sie und deutete auf den schlafenden Mann auf dem Boden vor dem Bett. »Sarpedon ist so dankbar, dass er Tiro unterrichten kann.«
»Er erhält ja auch Verpflegung und Unterkunft. Besonders über die Kost freut er sich, soweit ich das sehen kann.«
Sie lächelte und schaute den Lehrer an.
»Wir müssen ihn aufbauen. Der Arme hat nicht ordentlich gegessen, seit er vor einigen Jahren nach Rom gekommen ist. Das Essen an den Verkaufsständen ist teuer, und seine Einkünfte waren gering. Ich glaube, er hat lange Zeit gehungert, auch wenn er das nicht zugeben will.« In der Wohnung obendrüber zankte ein Paar miteinander. Ihre gegenseitigen Anschuldigungen hallten zwischen den Hauswänden wider. »Dann lieber allein leben«, murmelte Aelia.
Sie war dreimal verheiratet gewesen. Tiros Vater hatte sie erst ein paar Wochen gekannt, bevor er in den Krieg zog und sie mit einem immer dicker werdenden Bauch zurückließ. Ihr zweiter Mann war Schuhmacher gewesen, eine nützliche Tätigkeit, die eine Familie ausreichend versorgen konnte. Aber nach der Hochzeit hatte er seinen Laden verkauft und begann, den Tag über zu schlafen und nur noch zu den Mahlzeiten aufzustehen. Dafür beschäftigte er sich nachts damit, die nächstgelegene Taverne leer zu trinken, und morgens kam er nach Hause, um seine Rechte als Ehemann einzufordern. Anschließend schickte er Aelia los, um Geld zu verdienen.
»Ich fand Arbeit in einer Wäscherei am Salutaris-Tor. Du hast sicherlich den Geruch bemerkt.«
»Den Geruch?«, wiederholte ich unschuldig.
»Selbstverständlich hast du das. Ich wünschte, man könnte die Kleidung mit etwas anderem als Urin reinigen. Wenn man einen Monat lang die Hände in die Bottiche getaucht hat, kann selbst das intensivste Parfüm diesen Geruch nicht mehr übertünchen. Nach einem halben Jahr ist es einem dann egal. Oder vielleicht lag das an meinem nächsten Mann, dass ich mich so fühlte. Er warf den versoffenen Nichtsnutz auf die Straße und sagte mir, wie schön ich sei. Das stimmte ja auch damals noch.«
»Du bist noch immer hübsch, Aelia.«
Die Grübchen auf ihren sonnengebräunten Wangen vertieften sich und sie zwinkerte mich an.
»Jetzt lügst du noch geschickter als vorhin.«
Ihr neuer Mann hatte ihr versprochen, dass sie niemals mehr in die Wäscherei zurückkehren müsste. Mit ihrem Aussehen könne sie auf andere Weise Geld verdienen. Der Bedarf an frischem Fleisch in den Bordellen am Clivus Pullius war unstillbar.
»Tiro kann sich leider immer noch daran erinnern, mit welcher Ausdauer mein Mann versuchte, mich gefügig zu machen. Ich durfte mich nicht vom Boden erheben, bevor mein Mann den Stock zur Seite gelegt hatte. Ich schäme mich dafür, was mein Sohn mit ansehen musste, damals. Deshalb habe ich alles geopfert, um ihm zumindest eine gute Schulbildung ermöglichen zu können. Sarpedon gehört zu den seltenen Pädagogen, die verstehen, dass Prügel Kinder nicht schneller lernen lassen.«
Tiro drehte sich im Schlaf in seinem Bett um. Aelia schwieg, bis sein Atem wieder regelmäßig war.
»Ich bin dem Bordell bloß entgangen, weil mein Mann von einem anderen Schurken niedergestochen wurde, bevor er mich verkaufen konnte. Als er sich nach Hause schleppte, hinterließ er auf der Treppe eine Blutspur. Er starb hier in diesem Zimmer. Du kannst immer noch den Fleck auf dem Boden sehen. Seine letzten Worte waren: ›Du wirst nie einen anderen Mann finden, so wie du stinkst‹. Das ließ mich den Vorteil meiner Arbeit einsehen.«
In der Wohnung über uns war es still geworden. Die Ehefrau saß bestimmt inzwischen auf dem Schoß ihres Mannes und weinte an seiner Schulter.
Über dem Dachfirst war das letzte Stück dunkelblauer Himmel verschwunden, und die Sterne begannen zu funkeln.
»Ich muss bei Tagesanbruch aufstehen«, sagte ich und erhob mich. »Warum so früh?«
»Ich werde zu Marcus Livius Drusus’ Begräbnis gehen, gemeinsam mit seinem Halbbruder Mamercus.«
Sie schaute mich finster an.
»Was sagt General Marius dazu?«
»Woher kennst du General Marius?«
»Ich sah dich neulich mit ihm im Hof.«
Ich studierte ihr Gesicht, die zarten Falten, die sich von den Nasenflügeln bis zum Mund ausbreiteten, die sonnengebräunte Stirn, die Grübchen, die von einem Augenblick auf den anderen beinahe unsichtbar waren. Die dunklen, wachsamen Augen, die mich betrachteten, selbst wenn ich es nicht bemerkte. Wie viel konnte ich ihr anvertrauen? Wie viel hatte sie sich schon selbst gedacht?
»Hör mal, Demetrios«, sagte sie. »Wir kleinen Leute können schnell zerquetscht werden, wenn wir den Adligen zu nahe kommen.«
Sie legte ihre Arme um mich. So standen wir einen Augenblick lang da, bevor sie sich losriss und mich zur Tür schob.
»Hüte dich auf alle Fälle vor ihren Kindern«, ermahnte sie mich. »Bei ihnen muss man mit allem Möglichen rechnen.«
XX
Vier Sklaven bugsierten eine Sänfte durch die geöffnete Bronzetür von Drusus’ Haus und setzten sie auf einem unbebauten Nachbargrundstück ab. Ich kroch aus meinem Versteck hervor und stieg ein. Mamercus machte in der engen Kabine Platz, zog den Vorhang zu und ordnete seine Trauertoga. Er deutete unter den Sitz, wo eine Tunika aus kräftiger, ungebleichter Wolle für mich lag.
»Das kann ich nicht annehmen.«
»Drusus hat für sie keine Verwendung m-m-mehr. Er hätte gewünscht, dass sie jemandem von Nutzen ist. Er war sehr praktisch veranlagt.«
Ich zog mich um, während die Sänfte die gewundenen Straßen hinab zum Forum schaukelte.
»Hat dich m-meine Einladung überrascht?«, erkundigte er sich.
»Es war deutlich, dass der Herr und seine Mutter unterschiedliche Auffassungen davon hatten, was ich wissen sollte. Und ich selbst forderte den Herrn auf, sich zu melden, wenn ihm noch etwas einfiele, was die Nachforschungen weiterbringen könnte.«
»Ja, das hast du getan. M-Mutter und ich haben über die Sache gesprochen. Wir sind uns nun einig. Du hast doch nicht m-meine Einladung M-M-Marius gegenüber erwähnt? Ich kann dich Drusus’ Feinden vorstellen, aber m-mit M-M-M …«
Stotterer haben es oft schwer, bestimmte Konsonanten auszusprechen. Im Falle von Mamercus betraf es das L, T und M.
»Marius?«, schlug ich vor.
Er nickte. »M-Mit ihm in der Nähe wird es für dich unmöglich werden, m-mit ihnen zu sprechen. Caepio hasste m-meinen Bruder, weil er unsere Schwester während der Scheidung unterstützte.«
»Eine Scheidung kann eine hässliche Angelegenheit sein.«
»Du hast keine Ahnung. Ich war glücklicherweise zu jung, um damit etwas zu t-tun zu haben. Ich habe Caepio den Eindruck vermittelt, dass ich auf seiner Seite wäre. Ihn kann m-man mühelos beeindrucken. Er ist nicht gerade eine geistige L-Leuchte. Das Einzige, was er von der Welt verlangt, ist Demut. Je wirkungsvoller, desto besser.«
»Und Konsul Philippus?«
»Wir werden ihm aus dem Weg gehen, wenn sich das m-machen llässt. Das Gleiche gilt für Varius.«
»Wer?«
»Den Handlanger des Konsuls. Varius ist ein hinterhältiges kleines Wiesel. Ich bin m-mir sicher, dass er es war, der das M-Messerattentat ausführte.«
»Drusus wurde auf dem Nachhauseweg vom Forum von einigen seiner Klienten begleitet. Sie können möglicherweise deinen Verdacht bestätigen.«
»Du kannst sie gern heute Abend beim Begräbnisfest befragen.«
Mamercus lehnte sich in dem Sitz zurück. Ich müsse verstehen, sagte er, dass er sich grauenhaft fühle, da er nicht bei seinem Bruder sein konnte, als dieser starb. Alle hätten geglaubt, er sei Drusus’ Feind. Deshalb habe keiner daran gedacht, ihn herbeizurufen.
»Die Götter spielen m-mit uns. M-Meinen Bruder ließen sie t-töten, gerade als er dabei war, das wichtigste Gesetz durchzubringen, das seit 30 Jahren dem Senat vorgelegt wurde. Aber m-mich, der noch nie etwas Besonderes zustande gebracht hat, lassen sie l-leben.«
Er spuckte nach draußen durch einen Spalt des Vorhangs. Das fahle Tageslicht fiel auf sein Gesicht, das grau und zerfurcht war wie eine gekalkte Wand.
»Ist der Herr krank?«
»Das ist die Schminke. M-Man erwartet, dass die Familie Trauer zeigt.« Mamercus räusperte sich und hielt einen Moment lang inne, bevor er in einen einstudierten Monolog einfiel, bei dem er sorgsam die drei gefürchteten Konsonanten vermied. »Das gilt besonders, wenn der Verstorbene ein Volkstribun war, wie die Gracchusbrüder. Die kennst du doch noch, nicht wahr, Demetrios?«
Er reichte mir eine zylinderförmige Hülle aus rotem Leder. Ich öffnete den Verschluss und zog eine Schriftrolle heraus. Sie ließ sich nur mühsam entfalten, als hätte sie dort drinnen jahrelang zusammengerollt gelegen. Ich las die ersten Zeilen:
Dies ist die wahrhaftige Erzählung über Tiberius und Gaius Gracchus; über ihr Wirken zum Nutzen der Republik und des römischen Volkes; über den Widerstand, dem sie von Männern wie Marcus Livius Drusus und Konsul Opimius ausgesetzt waren, und über ihren viel zu frühen Tod. Geschrieben von dem Arzt Demetrios, der das Geschehene bezeugen kann.
»Das ist das Buch, das dein Vater geschrieben und herausgegeben hat.« Mamercus steckte die Schriftrolle in die Hülle zurück. »Ich fand es ganz oben in Drusus’ Bibliothek. Jemand hatte es erst kürzlich gelesen.«
»Ich weiß nichts über dieses Buch«, entgegnete ich.
War Mamercus ebenso aufgeweckt wie Scaurus?
»Du kennst es«, behauptete er. »Wir wissen beide, was das für dich bedeutet.«
Ich sah, wie der rote Lederköcher unter dem Sitz verschwand und fühlte mich, als hätte man mich in kaltes Wasser getaucht.
»Es war M-Mutter, die es herausfand. Ihre Verwandte Sempronia weiß allerdings nichts von dir. Ansonsten wärst du schon seit Langem gefasst worden. Wenn du Drusus’ M-Mörder findest, wird M-Mutter dafür sorgen, dass du deine Freiheit erhältst. Diskret, natürlich.«
Die Sänfte schaukelte ein letztes Mal und kam dann zur Ruhe. Durch einen Schlitz zwischen den Vorhängen konnte ich einen Blick auf das abgewetzte Pflaster des Forums und die erwartungsvolle Menge erhaschen, die sich auf dem Platz zusammendrängte.
Mamercus’ Sklaven hatten die Tragestangen auf ihre Schultern gehievt, sodass wir eine glänzende Aussicht über das Meer von Menschen hatten.
»Da kommt der L-L-Leichenzug«, sagte Mamercus.
XXI
Zehn Musiker führten den Zug mit einer ohrenbetäubenden Kakofonie aus Hörnern, Flöten und bronzenen Schlaginstrumenten an. Dem Orchester folgten Klageweiber, über deren Wangen Tränenströme liefen. Eine Lücke in der Prozession hielt den Lärm auf Abstand, bevor dann Schauspieler auftauchten. Der Vorderste von ihnen trug eine Wachsmaske, die man dem toten Drusus abgenommen und mit Farben lebensecht bemalt hatte.
»Ich?«, sagte der Mann mit der Maske und richtete sich auf, als würde er zu einer unsichtbaren Person sprechen. »Ob ich meine Insignien tragen sollte? Mein Herr, ich selbst bin eine Insignie!«
»Genauso war Drusus«, sagte Mamercus zu mir. »M-Metrobios ist ein Meister. M-Mutter und ich haben ihn instruiert.«
»Das ist der Schauspieler Metrobios?«, erkundigte ich mich.
»Kennst du ihn?«
»Ich wurde ihm neulich vorgestellt.«
»Es gibt sicherlich viele, die darauf neidisch wären. Er tritt m-meist in Frauenrollen auf, aber sein T-Talent ist weitaus größer. Er ist der beste Schauspieler unserer Zeit.«
Die maskierte Gestalt hielt an und wandte sich dem Palatinhügel zu. »Mein Haus.« Metrobios deutete mit der Hand auf die Anhöhe. »Mein Haus soll umgebaut werden. Alles, was ich tue, soll von ganz Rom bezeugt werden.«
Dies sei es, ließ mich Mamercus wissen, was Drusus zu einem Baumeister gesagt und später in seinem Wahlkampf immer wiederholt habe, um den untadeligen Charakter seiner Amtsführung zu unterstreichen. Die Leute um uns herum grinsten, denn die Loggia war zwar noch zum Forum hin offen, doch das Haus war von der Umgebung ebenso abgeschirmt wie die übrigen Patrizierhäuser.
Metrobios wiederholte seine Aufführung, während die übrigen Mimen, die Drusus’ Vorväter darstellten, langsam an uns vorbeizogen. Jeder von ihnen trug eine der naturgetreuen Ahnenmasken, die an der roten Wand des Atriums gehangen hatten.
Drusus’ Leichenbahre wurde von vier Sklaven getragen. Die Leiche war mit Ranken aus getrockneten Blumen geschmückt und mit einem kräftigen Parfüm getränkt, das jedoch den Verwesungsgeruch nicht vollständig zu übertünchen vermochte.
Hinter Drusus’ Leiche folgte seine Familie. Seine Mutter Aemilia ging voran.
Ich erkannte sie nicht sofort, da sie eine kastanienbraune Perücke aus echtem Haar trug, die ein Vermögen gekostet haben musste. Hinter ihr lief ein Junge mit dunkler Gesichtsfarbe.
»Claudianus«, erklärte Mamercus. »M-Mutter wollte dich nicht m-mit ihm sprechen lassen. Um ihn zu schonen, wie sie sagte. Vielleicht können wir ihn später abfangen.«
»Aemilia ist gewiss eine willensstarke Frau?«
»Das solltest du bereits wissen.«
Servilias ungekämmtes Haar fiel in unbändigen, schwarzen Wellen über ihre Schultern. Ich fühlte ein Zucken in meinem Zwerchfell, mit dessen Nachwirkungen ich zu kämpfen hatte, während die Kinder vorbeiliefen.
Unter den Sklaven des Hauses erkannte ich den Koch Marcus wieder, Elena und den Leibwächter Mutilus, dessen verbissenes Gesicht unter einem Gladiatorenhelm verborgen war.
Die Menschenmasse strömte vor dem Rostrum zusammen. Auf der zehn Fuß hohen Rednerbühne, die sich zwischen sechs bronzenen Steven von feindlichen Kriegsschiffen erhob, die während einer Seeschlacht vor mehr als 150 Jahren erbeutet worden waren, nahmen die Mitglieder aus Drusus’ Familie auf einer Stuhlreihe Platz. Die Bahre wurde auf massive Holzbalken gestellt, sodass alle den Verstorbenen sehen konnten.
Mamercus klopfte gegen die Rückwand der Sänfte, woraufhin die Sklaven sie absetzten.
»Denk dran, was ich dir über Caepio erzählt habe«, sagte er.
»Demut?«
»Bis zum Erbrechen.«
XXII
Auf der Treppe des Senatsgebäudes standen die Senatoren in ihren dunklen Togen dicht gedrängt wie Halme auf einem Weizenfeld. Am Fuß der Treppe entdeckte Mamercus einen untersetzten Mann mit einer großen Nase, Haarsträhnen, die quer über die blanke Schädeldecke gekämmt waren, und einem dünnen, gepflegten Bart, der offensichtlich sein Doppelkinn verdecken sollte. Es war Caepio, Servilias Vater. Ihr hübsches Äußeres musste sie von ihrer Mutter vererbt bekommen haben.
»Salve, Caepio«, sagte Mamercus. »Das hier ist der Chirurg Demetrios.«
Caepio betrachtete mich, als wäre ich ein Stück verwestes Fleisch, das ein Hund am Straßenrand liegengelassen hatte und an dem er vorbeigehen musste.
»Du sollst wissen«, erklärte er, »dass ich dich nur treffe, weil mich Mamercus darum gebeten hat. Ärzte sind alles Schmarotzer und Ausländer! Das ist meine Meinung. Ich vermute, dass du dabei warst, als Drusus starb? Du warst aber doch wohl keiner seiner Anhänger?«
»Bestimmt nicht, Herr. Mir würde nicht einfallen, mit den Feinden der Republik zu sympathisieren. Schon gar nicht mit einem Feind des mächtigen Geschlechts des Servilius.«
»Sieh mal einer an.« Caepio lächelte.
»Nun, was hast du zu berichten?«
»Erlaube mir zunächst, der großen Ehre Ausdruck zu verleihen, die der Herr mir gibt, indem er der Erzählung aus meinem Mund zuhört. Ich zittere bei dem Gedanken daran, die wertvolle Zeit eines so vornehmen Patriziers mit meinem unbedeutenden Geschwätz zu vergeuden, und ich küsse ergeben seine Hände in der Hoffnung, dass er mir verzeihen möge.«
Caepios teigige Gesichtszüge hingen schlaff herab.
Er überlegte, ob er verspottet wurde, was sicherlich häufiger geschah als ihm bewusst war. Gerade als ich davon überzeugt war, zu dick aufgetragen zu haben, beugte er sich zu Mamercus herüber und flüsterte ihm zu:
»Zumindest ist er wohlerzogen.«
Auf der Rednerbühne erhob sich Crassus Orator, zog die Toga um seine hohe, schlanke Gestalt zusammen und trat an die gewölbte Kante der Rednerplattform. Seine Stimme drang bis in die entferntesten Ecken des Forums.
»Aemilia, die hingebungsvolle Mutter meines engen Freundes Drusus. Verehrte Familienmitglieder, Erwachsene wie Kinder. Schatten der Vorväter, Freunde und Mitglieder des Haushalts. Volk von Rom. Wir sind heute hier zusammengekommen, um von Marcus Livius Drusus Abschied zu nehmen, einem Mann, wie es in der langen Geschichte unserer Stadt keinen Zweiten gab.«
»Nun, glücklicherweise«, sagte Caepio laut, zur Freude aller um ihn herum.
»Drusus war die Güte selbst, und er zauderte nicht, zu geben. Als Privatmann gab er den Kindern seiner Schwester ein Heim, nachdem sie von ihrem eigenen Vater vertrieben worden waren.«
»Vertrieben? Ha!«
Caepios Drang, sich der Umwelt mitzuteilen, war unersättlich. Im Stillen verband ich die Punkte miteinander.
»Drusus gab Claudianus eine Familie und einen Namen, als dessen Eltern starben. Er sorgte für 300 neue Mitglieder im Senat. Er verhalf Rom zu den großzügigsten Gesetzten für Anbau und Grundbesitz seit mehr als 30 Jahren. Und wäre er nicht daran gehindert worden, hätte er ganz Italien das römische Bürgerrecht gegeben. Seine letzten Worte galten der Republik. Bevor er seine Augen schloss, sagte er: ›Equandone similem mei civem habebit res republica? – Wird die Republik jemals wieder solch einen Bürger wie mich bekommen?‹ Lieber Marcus Livius Drusus, das wird sie wohl kaum.«
»Was für ein lächerlicher Unsinn!«
»Der Herr hat ja so Recht«, pflichtete ich ihm bei, »vor allem, weil Drusus starb, ohne nochmals sein Bewusstsein wiederzuerlangen.«
»Steht Crassus Orator etwa auf dem Rostrum und lügt?«
»Es liegt mir nicht im Entferntesten daran, über Roms besten Redner so etwas anzudeuten, obwohl er meiner eigenen Meinung nach hinter dem Vater des Herrn zurücksteht. Als Junge wurde mir die große Ehre zuteil, ihn kennenzulernen. Er hätte so etwas vermutlich als poetische Umschreibung bezeichnet.«
»Ha! Ja, damit hast du Recht. Vater verstand es, zu reden.«
Caepio blinzelte mir zu, als wäre ich ein alter Bekannter, mit dem er ein süßes Geheimnis teilte. Auf dem Rostrum atmete Crassus Orator tief ein. Es klang, als würde ein Windstoß über den Platz wehen.
»Ganz Rom beweint den Tod von Marcus Livius Drusus, den Verlust eines Staatsmannes, den wir schwerlich ersetzen können; eines edlen und großzügigen Freundes des Volkes. Wir sollten uns nicht für den Mörder schämen, denn solche Schufte fühlen keine Scham. Stattdessen soll dieser schändliche Verbrecher auf ewig ruhelos auf der Erde umherwandern. Ein feiger Schurke, der nichts außer unserer Verachtung verdient; ganz Rom wird solch einen niederträchtigen Hund hassen, der im Dunkel der Nacht einen ehrlichen Mann an seiner eigenen Türschwelle ermordet. Verflucht, verflucht und noch dreimal verflucht soll er sein. Mögen Hunde seine Gedärme fressen und Pferde seine Glieder zerreißen. Möge sein Kopf aufgespießt werden und die Raben seine Augen herauspicken. Möge sein Name vergessen und sein Schatten von dem Zorn all der unzähligen Götter von einem Ort zum nächsten gejagt werden. Ehre sei dem Andenken an Marcus Livius Drusus.«
Crassus Orator machte auf dem Absatz kehrt und setzte sich zwischen die Hinterbliebenen. Der Jubel der Menge war ohrenbetäubend. Drusus’ Leichnam wurde hochgehoben und zu einem viereckigen Scheiterhaufen mitten auf dem Platz herübergetragen.
Auf der untersten Stufe der Treppe zum Senat stand Caepio, bleich wie Wachs, und fuhr gedankenverloren über den Schultersaum seiner Toga.
XXIII
Eine Bewegung unter den Senatoren auf der Treppe ließ meine Aufmerksamkeit auf sie richten; ein dunkelhaariger Mann mit einem schmalen Gesicht bahnte sich seinen Weg herab zu uns.
»Hast du das gehört, Konsul?«, rief Caepio demonstrativ laut und schaute um sich herum. »Hast du Crassus Orators unverhohlene Anklage gehört? Das ist der größte Skandal in der Geschichte Roms!«
Der Konsul zog Caepio um eine Ecke des Senatsgebäudes herum in Richtung eines kleineren Nebengebäudes. Mamercus und ich folgten ihnen unbemerkt ins Innere, durch einen Gang, dessen eine Wand von einem Regal mit Tausenden von Schriftrollen verdeckt war. Vier Räume mit hochsitzenden Fenstern prägten die Aufteilung des Gebäudes. Caepio und Philippus steuerten auf den hintersten Raum zu, das Zimmer der Konsuln.
»Hättest du gedacht«, hörten wir Caepio schreien, »dass dieser arrogante Schuft den Mörder öffentlich verdammen würde?«
In einem kühlen Tonfall merkte der Konsul an, dass es keinen Grund gebe, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und dass Caepio klüger gehandelt hätte, wenn er seine Meinung für sich behalten hätte. Sein Respekt für ihre politischen Verbündeten sei zu leicht zu durchschauen. Jetzt müsse man vernünftig handeln.
»Wir sollten ins Exil gehen«, fuhr Caepio fort. »Diese Rede war ein Todesurteil für Drusus’ politische Gegner.«
»Die Erinnerung des Volkes währt nicht lange«, entgegnete der Konsul. »In einem Monat ist alles vergessen.«
Hinter uns räusperte sich jemand. Das Geräusch hallte durch den hohen Gang.
»Salve, Varius.« Mamercus versuchte nicht, seine Abscheu vor dem sehnigen, kleinen Mann zu verbergen, der uns von der Türöffnung des Gebäudes aus beobachtete. »Wie gefiel dir die Trauerrede? Gab es für deinen jämmerlichen Geschmack genug Blut und Verwünschungen?«
Ich begriff, weshalb Mamercus den Handlanger des Konsuls ein Wiesel genannt hatte. Sein spitzes Gesicht, die schmalen Augen und die großen Schneidezähne trugen zu dieser unheimlichen Ähnlichkeit des Mannes mit dem kleinen Raubtier bei. Unter seiner Tunika zeichneten sich die Umrisse eines Messerschafts ab.
»Sie ist kraftvoll wie alle prächtigen Reden.«
Varius’ Stimme war trocken wie Sand, und sein Akzent war mächtig wie ein iberischer Schinken.
»Es heißt, sie war«, berichtigte ihn Mamercus. »Die Rede war kraftvoll, Varius.«
Man musste Varius seine unsichere Verwendung der Grammatik verzeihen. Als gebürtiger Spanier war er schließlich mit einer Sprache aufgewachsen, die nicht zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterschied.
»Mamercus.« Konsul Philippus stand in der Türöffnung des Konsulariums. »Wer ist der Mann, den du da mitgebracht hast?«
Caepio zwängte sich an dem Konsul vorbei, um rasch Eindruck zu schinden.
»Das ist der Arzt, der Drusus’ Tod feststellte. Er weiß etwas, was wir gegen Crassus Orator verwenden können. Drusus sprach nämlich keine letzten Worte. Er starb, ohne sein Bewusstsein wiedererlangt zu haben.«
»Dann lügt Crassus Orator vom Rostrum herab?«, fragte Varius. Die schmalen Augen des Spaniers hefteten sich auf mich. »Das wundert mich nicht. Die Frage ist nur, ob man das verwenden kann.«
»Es würde mich außerordentlich freuen«, warf ich ein, »wenn meine Zeugenaussage solch vornehmen Herren von Nutzen wäre. Ich wiederhole sie gern vor jedem, der sich herablässt, einer unbedeutenden Person wie mir zuzuhören.«
Alle warteten auf eine Reaktion des Konsuls. Die blieb allerdings aus. »Es muss für die Herren eine große Erleichterung sein, dass Drusus tot ist«, fuhr ich fort, »dieser furchtbare Unruhestifter.«
»Crassus Orator wird im Januar Volkstribun«, erwähnte Caepio.
»Ja, dann haben wir wieder Scherereien«, unterbrach ihn Varius. »Der Orator wird Drusus’ Vorhaben für die Italer weiterführen. Gewiss mit noch größerer Überzeugung.«
Die Machtverhältnisse zwischen dem kleinen Fremdling und dem römischen Adligen hätten zu Caepios klarem Vorteil ausfallen müssen. Aber die Art und Weise, wie er vor dem Blick des Spaniers zurückwich, zeugten vom Gegenteil.
»Ich verstehe den Widerwillen der Herren, dass die Italer römische Bürger werden«, schmeichelte ich mich ein. »Es wäre schlimm, wenn irgendwelche Barbaren vornehmen Patriziern ebenbürtig wären.«
»Schlimm?« Endlich reagierte der Konsul. Dies war eine Angelegenheit, die er als zu bedeutsam erachtete. »Schlimm ist nicht das passende Wort. Rom hält jedes Jahr Wahlen für alle Ämter der Republik ab. Stell dir den Wirbel vor, wenn sich eine Völkerwanderung von Italern jeden Sommer in die Stadt begibt, um abzustimmen. Und wenn es ihnen einfällt, ihre eigenen Kandidaten aufzustellen?«
Ich lächelte unsicher. Caepio war ebenfalls verwirrt.
»Die Römer könnten vollkommen überstimmt werden«, flüsterte Varius ihm zu.
»Du hast das Problem auf den Punkt gebracht. Demokratie ist eine gefährliche Macht. Sie sollte denen vorbehalten sein, die in der Lage sind, sie mit Respekt zu verwalten.«
Plötzlich spürte ich eine schwere Hand auf meiner Schulter. Ich blickte in die wasserblauen Augen von General Marius. Die graue Trauerschminke betonte jede einzelne Falte seines zerfurchten Narbengesichts.
»Dachte ich es mir doch, dass du es warst, den ich hier hereingehen sah, Demetrios. Was ist hier los?«
Caepio schaute von mir zu Marius.
»Ihr beiden kennt euch?«
»Demetrios war mit mir in der Po-Ebene«, erwiderte der General. »Er war mir besser zu Diensten als sonst irgendein Arzt. Bona Dea, dieser Mann ist mein Leibarzt.«
Varius streichelte den Messerschaft unter seiner Tunika.
»Mamercus, weshalb kommst du hier mit einem Griechen angeschlichen, der der Leibarzt einer unserer Feinde ist?«
XXIV
Marius und ich standen zusammen auf dem überfüllten Forum und sahen, wie Crassus Orator eine Fackel auf Drusus’ Scheiterhaufen warf. Unser Rückzug aus dem Nebengebäude des Senats war unbeholfen gewesen, verlief aber ohne Zwischenfälle. Der Konsul, Caepio und Varius hatten uns schweigend nachgeschaut, während wir in der Menge verschwanden.
»Was hast du mit diesem Mann zu schaffen?«, flüsterte der General mir zu und zeigte auf Mamercus, der sein Gesicht dem Scheiterhaufen zugedreht hatte. Die Flammen loderten zu dem bleigrauen Himmel empor, der so tief hing, dass er die Hausdächer auf den umliegenden Hügeln zu berühren schien.
»Du selbst hast uns einander vorgestellt, General.«
»Aber nicht, damit du dich mit ihm herumdrücken sollst. Und was ist damit?« Er wedelte mit der Lederhülle, die Scaurus’ Angebot an die Marser enthielt. »Sie lag in deinem Zimmer herum. Frei zugänglich. Jeder hätte sie mitnehmen können.«
Ich packte den stabilen Lederköcher. Doch er hielt ihn am anderen Ende fest.
»Demetrios. Ich muss wissen, ob ich mich auf dich verlassen kann.«
Die trüben Augen, die mich hilflos anstarrten, schienen nicht mehr länger die eines machtvollen Heerführers zu sein. Sie gehörten einem alten Mann, dessen Freunde im besten Fall ihre eigenen Interessen verfolgten und unter dessen verbliebenen Verbündeten nun Zweifel aufgetaucht waren.
Den gleichen Ausdruck hatte ich in den Augen gesehen, die aus einem Loch in dem runden Zelt mitten in Marius’ Lager in der Po-Ebene zu mir hinaufstarrten. Um das Zelt herum befand sich ein 50 Fuß breites Niemandsland.
Dieser Bereich war immer schwer bewacht, und stets brannte eine Fackel neben dem Eingang des Zeltes.
Der General hatte mich dort hineingetragen. Als ich mich über die Metallgitter auf dem Boden mit der darunterliegenden engen Zelle beugte, entdeckte ich, wie wertvoll deren Inhalt war.
»Teutonengeisel«, sagte Marius. »Der Anführer der Teutonen.«
Der Mann in dem Loch war nackt, behaart und dreckig.
»Teutonen?«
»Der Vortrupp der Kimbern. Ich habe ihn verhört. Ich weiß jetzt mehr über die Barbaren. Sie haben auf ihrer Völkerwanderung Horden von anderen Stämmen aufgenommen. Deshalb sind sie so viele. Teutonen, Ambronen, Helvetier, Volsker. Das Einzige, was sie vereint, ist der Wunsch, Rom zu plündern.«
Der Mann in der Zelle stöhnte vor Schmerzen. Er hatte keinen Platz, um aufstehen oder sich hinlegen zu können, er konnte sich nur zusammenkauern.
»Seit wann ist er dort drin?«
»Er wurde verwundet und während der Schlacht gefangen genommen. Ich schleifte ihn von Gallien bis hierher mit. Er kann uns noch von Nutzen sein.«
Aus dem leeren Blick des Teutonen kam mir nur noch Hoffnungslosigkeit entgegen.
Ich hätte Freude empfinden sollen. Oder zumindest Schadenfreude. Vielleicht sogar eine gewisse Art von Triumph. Aber alles, was ich fühlte, war Mitleid.
Dasselbe Gefühl löste jetzt Marius’ Blick im Schein von Drusus’ Scheiterhaufen in mir aus.
»Selbstverständlich kannst du mir vertrauen«, sagte ich.
»In einem Stall vor dem Capena-Tor steht ein Pferd für dich bereit. Bei Morgengrauen.«
Er ließ die Hülle los, drehte sich um und verschwand.
Mamercus näherte sich: »Glaubt er immer noch, dass ich Drusus ermordet habe?«
»Der General ist von Natur aus misstrauisch.«
»Warte, bis du hörst, was Claudianus zu erzählen hat. Komm m-mit zurück zur Sänfte.«
Wir stiegen ein und zogen den Vorhang zu. Ich ließ Marius’ Lederhülle unter den Sitz gleiten.
»Du m-musst bei ihm vorsichtig sein. Claudianus’ Eltern starben, als er ganz klein war. Ich habe m-mich um ihn gekümmert, seitdem m-mein Bruder Volkstribun geworden war.«
»Das hättest du doch nicht tun müssen?«
»Das war der Einfall m-meiner Frau. Da kommt er.«
Drusus’ Sklaven trugen uns an den Kindern vorbei. Als Claudianus die Sänfte entdeckte, lief er zu ihr hin, kletterte zu uns hinein und setzte sich. Er hatte dunkles, gelocktes Haar und eine gesunde, olivfarbene Haut.
»Das hier ist Demetrios, von dem ich dir erzählt habe«, sagte Mamercus. »Er wird dir gewiss ein paar Fragen stellen. Antworte ihm so gut, wie du nur kannst.«
Mamercus klopfte gegen die Wand, woraufhin die Sänfte sich in Bewegung setzte. Der Junge musterte mich. In seinem jungen Leben hatte er bereits einige Enttäuschungen erlebt. Er hatte nicht im Sinn, jedem zu trauen.
»Ich weiß, dass du neulich bei deinem Vater zum Abendessen warst«, erwähnte ich.
»Mein Vater starb vor vielen Jahren.«
»Drusus adoptierte dich«, führte ich an. »Er war dein neuer Vater.« Seine dunklen Augen saugten sich an mir fest.
»Das war nur, um einen Erben zu bekommen«, erwiderte der Junge, »damit die Kinder seiner Schwester nicht alles erben würden. Er konnte die freche Brut nicht ausstehen. Sie hänselten mich immer …« Der Junge unterbrach sich selbst und schaute auf den Boden hinunter. »Warum?«
»Weil ich ein Claudius bin.«
Die Claudianer waren vor mehr als 500 Jahren aus Sabii nach Rom gekommen. Die Servilianer sind indes schon immer Römer gewesen. Unter den Claudianern hatte es Landesverräter gegeben, während die Servilianer immer auf dem Weg der Tugend gewandelt waren – bis zu Servilias Großvater.
»Also deshalb lebst du nun bei deinem Onkel Mamercus?«
»Er ist nicht mein richtiger Onkel. Er ist mit meiner Schwester verheiratet. Sie sind die Einzigen, die gut zu mir sind. Ich wünschte, sie hätten mich adoptiert.«
Der Junge drückte sich an Mamercus, als ob er versuchen würde, zwischen den Falten der Toga zu verschwinden.
Das war ein anderer Junge als derjenige, den ich kürzlich getroffen hatte.
Mamercus bat ihn, zu erzählen, was nach dem Essen bei Drusus am Abend vor dem Mord geschehen war. Seine Stimme hatte einen warmen Ton, den ich noch nie zuvor an ihm bemerkt hatte.
»Nachdem Onkel Mamercus gegangen war, wurde ich ins Bett geschickt. Aber ihre Stimmen ließen mich wachbleiben. Die des Senatsvorsitzenden, Crassus Orators und die von General Marius. Und selbstverständlich die von Onkel Drusus. Sie gingen in sein Tablinum. Dort gibt es einen Lüftungsschacht, der von unten her durch mein Schlafzimmer verläuft.«
»Worüber redeten sie?«
»Das hörte ich nicht. Ich hoffte nur, dass sie bald ruhig sein würden, damit ich einschlafen konnte. Irgendwann unterbrach sie unser Pförtner Petronius, weil noch ein Gast gekommen war. Ich hörte Drusus sagen: ›Lass den Betreffenden im Atrium warten‹. Kurz danach musste ich pinkeln, deshalb ging ich hinunter. Da sah ich, dass der Gast nicht im Atrium wartete, sondern an der Tür des Arbeitszimmers stand und lauschte. Sie redeten da drinnen immer noch laut miteinander. Sie muss sie gehört haben.«
»Sie?«
»Ja, es war eine Frau. Ich ging, wie gesagt, hinunter, um zu pinkeln, und während ich dort stand, gingen die anderen Gäste allmählich. Als ich zurückkam, waren die Frau und Drusus ins Tablinum gegangen.« »Was haben sie miteinander gesprochen?«
»Sie redeten nicht. Sie vögelten.«
XXV
»Die Frau beugte sich über den Tisch. Drusus stand hinter ihr. Er hatte ihre Stola ganz nach oben geschoben, damit er besser …«
Ich unterbrach den Jungen und bat ihn zu erzählen, was danach geschehen war.
»Die Frau reichte Drusus einen Becher Wein. Er trank ihn, während er seine Kleidung in Ordnung brachte. Ich ging dann nach oben, um zu schlafen.«
»Kanntest du sie?«
»Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Sie trug einen gelben Schleier und einen Umhang. Ihre Stola war auch gelb. Die Frau war gelb wie eine Butterblume.«
Ich lehnte mich gegen die Rückwand der Sänfte. Der Pförtner Petronius hatte natürlich die Geliebte von Drusus gekannt. Er dürfte sie schon bei anderen Gelegenheiten hereingelassen haben.
»Ich war ebenso verblüfft wie du, als ich das gehört habe«, sagte Mamercus. »Drusus hatte keine Zeit für Frauen. Politik war sein ganzes L-Leben.«
Im Halbdunkel der Sänfte schaukelten wir weiter, bis wir die Bronzetür von Drusus’ Haus in ihrer Verankerung quietschen hörten. Ich stieg aus und untersuchte die Räume um das Atrium herum. Es waren alles Vorrats- und Lagerräume. Die Sklaven schliefen im Untergeschoss, die Familie im ersten Stock. Offenbar hatte nur Claudianus die Frau in Gelb gesehen.
Kurze Zeit später kehrte Aemilia mit den Sklaven und den übrigen Kindern nach Hause zurück.
Das graugeschminkte Gesicht von Servilia leuchtete wie eine Sonne auf, als sie mich erblickte. Ich war gleichzeitig stolz und beunruhigt darüber, dass mein Erscheinen solch eine große Freude auslöste.
»Salve, Demetrios.«
Sie spielte mit einem Büschel ihres ungekämmten Haares. »Ich habe dich auf dem Forum gesehen. Du hast mit meinem Vater gesprochen. Ich hoffe, ihm geht es gut.«
»Er war ein wenig traurig wegen der Grabrede, aber ansonsten in guter Verfassung. Leider wurde unser Gespräch unterbrochen. Doch ich soll dich von ihm grüßen.«
»Danke. Ich hoffe, ich werde meinen Vater künftig häufiger sehen. Und dich, Demetrios.«
»Servilia, geh nach oben und entferne die Schminke.«
Aemilia riss sich die kastanienbraune Perücke herunter und fuhr mit ihrer Hand durch das weißgelbe, kurze Haar. Sie schaute zu mir und dann zu Servilia, die sich auf der Treppe umdrehte und winkte.
»Also du und Servilia kennt euch, Demetrios?«
»Wir begegneten uns vor einigen Tagen«, entgegnete ich. »Sie empfand eine gewisse Sympathie für mich. Servilia ist eine außergewöhnliche junge Frau.«
»Ach ja, ist sie das? Ich habe leider nicht so viel von ihr und ihren Geschwistern mitbekommen, so wie ich es mir gewünscht hätte. Dazu werde ich jetzt Gelegenheit erhalten. Ich ziehe hier auf den Palatin. Sobald das Begräbnisfest zu Ende ist, gehe ich nach Hause und packe meine Sachen. Ich werde hier wohnen bleiben, bis die Jungen alt genug sind, damit Scaurus ihnen das Erbe ausbezahlen kann. Und bis die Mädchen verheiratet sind.«
Ich überhörte die letzte Bemerkung und fragte nach, was der Senatsvorsitzende mit dem Erbe zu tun habe. Es zeigte sich, dass Drusus in seinem Testament Scaurus als Exekutor des Nachlasses bestimmt hatte.
»Ich dachte, der nächste männliche Verwandte von Drusus würde die Pflichten eines Exekutors übernehmen.«
Aemilia betrachtete ihren Sohn.
»Mamercus’ einzige Pflicht ist es, einen Hauslehrer für die Kinder zu suchen. Juristisch hat er nichts mit der Liviusfamilie zu tun. Das hast du streng genommen auch nicht. Nicht wahr, Demetrios?«
Sie hob ihr Kinn und betrachtete mich von oben bis unten. Doch es hinterließ einen anderen Eindruck bei mir als damals, als ihre Enkelkinder dasselbe versucht hatten.
»Du solltest M-Mutter nicht in die Quere kommen«, sagte Mamercus, als Aemilia verschwunden war.
»Da kommt m-man nicht gut bei weg. Auch ich möchte sie nicht hinsichtlich eines Hauslehrers enttäuschen. Du kennst wohl keinen tüchtigen Lehrer?«
»Doch, möglicherweise schon.«
»Aber er ist hoffentlich nicht zu schön, oder? Wir können hier keinen Adonis zusammen mit Servilia herumlaufen lassen. Ein Skandal könnte ihren Ehevertrag zunichtemachen.«
Ich verstand seinen Hinweis. Crassus Orator war eine durch und durch solide Verbindung, die man nicht aufs Spiel setzen wollte.
Mamercus stellte mich einer Handvoll Klienten vor, die Drusus in der Mordnacht nach Hause begleitet hatten. Sie bestätigten unabhängig voneinander, dass er schlecht ausgesehen hatte, als er sich beim Eingang von ihnen verabschiedete, aber dass nichts auf ein Messer in seinem Unterleib hingedeutet hatte.
»Und keiner hat etwas von Varius gesehen«, sagte Mamercus. »Drusus war offenbar allein mit Petronius. Was war mit der Liebhaberin in Gelb? Kann es sie gewesen sein, die ihn in der Nacht davor vergiftete?« »Dieses Gift kommt in einer bestimmten Pilzart vor«, entgegnete ich. »Man kann so viele Pilze nicht in einem einzigen Becher Wein verstecken.«
»Jedenfalls kannst du Marius berichten, dass ich dir geholfen habe. Das würde ich doch nicht tun, wenn ich schuldig wäre?«
»Ich werde die Nachricht weitergeben.«
Mamercus begab sich in den vom Fackelschein erleuchteten Peristylgarten, Hand in Hand mit Claudianus, als wären sie Vater und Sohn. Die Gäste stocherten in den Schalen mit Speisen gierig nach Brot und Würsten herum. Weiter drinnen im Haus fing eine Musikantentruppe zu spielen an. Ich hatte immer den Eindruck, dass es den römischen Musikern weder um Harmonie, Tonlage oder Melodie ging, sondern einzig um die Lautstärke. Es war Zeit zu gehen.
Servilias Leibwächter hielt mir die Eingangstür auf.
»Du kannst es wohl kaum erwarten, dass ich gehe, Mutilus?«
»Keineswegs, Herr«, antwortete der Gladiator, ohne einen Versuch zu unternehmen, aufrichtig zu klingen.
»Du hast heute eine Maske getragen. Wieso?«
Die dicht beieinander liegenden Augen glotzten mich ausdruckslos an, während ich den Boden der Sänfte nach dem Dokument von Marius absuchte.
»So wie die Ahnen ihre Insignien bei einem Begräbnis tragen«, sagte er schließlich, »können sich Sklaven entscheiden, die ihren zu tragen.« »Wer prahlt denn schon mit seiner Vergangenheit als Gladiator?«
Er verzog das Gesicht zu etwas, das einem Lächeln ähneln sollte.
»Ich wünsche dem Herrn noch einen guten Abend.«
Mit der röhrenförmigen Lederhülle in der Hand ging ich den Abhang des Clivus Victoriae hinunter. Am Tempel der Magna Mater bog ich in einen Durchgang ein in Richtung auf den Platz mit der Hütte von Romulus, in der der Überlieferung nach Roms Gründer einmal gelebt hatte. Jeder, der den Wunsch verspürt, kann sich bücken und durch die niedrige Tür in die kleine Holzhütte gehen, sich auf den Lehmboden setzen und sich vorstellen, was durch den Kopf von Roms ersten König ging, als er seinen Zwillingsbruder ermordet hatte. Ich setzte meinen Weg fort die Cacustreppe hinunter und überquerte Velabrum.
Auf dem Forum zeugten nur noch die schwarzen Überreste des Scheiterhaufens von der Zeremonie am Nachmittag.
Ich war immer noch in Gedanken versunken, als ich meine Treppe erreichte. Daher achtete ich nicht auf die beiden Männer, die sich im gegenüberliegenden Hauseingang verborgen hatten. Sie stürzten auf die Straße und schlugen mich mit einer kurzen, lederumwickelten Eisenstange nieder.
XXVI
Die Kimbern schickten Gesandte: Drei bärtige Barbaren, die ihr langes Haar zu einem Knoten hochgebunden hatten. Sie waren alle mindestens einen Kopf größer als der längste römische Offizier. Ihre Pferde waren Ungetüme mit breiten Hinterbacken.
Als die Gesandten dann höflich lächelnd im Zelt des Feldherrn standen, sagten sie auf Latein mit gallischem Akzent, dass sie auf dem Ackerland, das sie in der Po-Ebene entdeckt hätten, nur friedlich leben wollten.
Die römischen Offiziere fingen an, untereinander zu tuscheln. Sie hatten mit vielem seitens der Barbaren gerechnet, doch nicht mit einem Friedensangebot. Juniorkonsul Catullus, der aus den Bergen mit Erfrierungen an den Zehen und Fingern zurückgekehrt war, räusperte sich.
»Das klingt vernünftig«, begann er.
»Auf keinen Fall!«
Marius stand breitbeinig und mit verschränkten Armen da.
»Vielleicht eine andere Stelle als die Po-Ebene«, schlug der Anführer der Barbaren vor. »Wir möchten nur genug Land für uns und unsere Brüder haben.«
»Welche Brüder?«
»Die Teutonen, natürlich.« Eine Reihe kräftiger Zähne kam bei dem Mann zum Vorschein. »Sie können jederzeit aus dem Westen kommen. Sie sind ebenso zahlreich wie wir. Und genauso große Krieger. Und sie sind an gute Plätze gewöhnt.«
»Um die Teutonen braucht ihr euch nicht zu kümmern«, entgegnete Marius. »Sie haben bereits gute Erde gefunden.«
Die Gesandten schauten sich um. Sie verstanden zwar die Bedeutung der Worte nicht, ihre Absicht war allerdings unmissverständlich.
»Diese Beleidigung werdet ihr bereuen«, sagte der Anführer, »wenn die Teutonen kommen.«
»Sie sind bereits hier.« Marius schnipste.
Zwei Soldaten führten den Gefangenen aus dem runden Zelt herein. Die gebückte Gestalt konnte sich kaum aufrechthalten. Hinter sich schleifte er die Ketten her. Ein Schauder ergriff die Barbaren. Sie wechselten mit dem Gefangenen ein paar Worte, blickten scheel in den Kreis der Römer herum und verabschiedeten sich mit einem Nicken.
Nachdem sie gegangen waren, erfüllte ein Gefühl von Unabänderlichkeit das Zelt, wie der Rauch eines eben erloschenen Feuers. Marius wandte sich an seinen Stab. Er wusste, dass er sich erklären musste, wenn er eine Meuterei vermeiden wollte.
»Habt ihr wirklich geglaubt, das wäre eine Möglichkeit?«, rief er. »Den Barbaren die Po-Ebene zu überlassen? Dass alle zufrieden miteinander leben würden? Wie lange würde es dauern, bevor ihnen nach mehr dürstet? Bevor sie anfangen, ihren Blick nach Süden zu richten? Nach Rom? Italien wurde von einem Geschwür befallen. Bislang hat es nur die Ränder unseres Landes erreicht. Wenn wir es nicht entfernen, wird es das ganze Land infizieren. Es ist unsere Aufgabe, diese Operation auszuführen. Hier und jetzt. Habt ihr das kapiert?«
Marius stand mit dem Rücken zu dem Gefangenen. In den Augen des Teutonen schwelte der Hass, der den der Offiziere widerspiegelte. In diesem Moment schien es, als hätten sie eine stillschweigende Übereinkunft getroffen. Der Teutone machte einen Schritt nach vorne. Sein Körper richtete sich auf, seine Fäuste nahmen entschlossen die Ketten und hoben sie lautlos über den Kopf des Generals.
Einer der verwundbarsten Punkte des menschlichen Körpers liegt unterhalb des Brustbeins, jene Stelle zwischen Brustkorb und Magengrube. Ein Schwert kann, wenn es schräg von unten geführt wird, ohne großen Widerstand durch die Weichteile des Gedärms direkt ins Herz eindringen. Diese Bewegung ist die erste Lektion bei der Ausbildung der Rekruten, da sie die Grundlage für jeden Nahkampf ausmacht. Das zweischneidige Gladius eines römischen Legionärs hat genau die richtige Länge für einen solchen Stoß.
Ich hatte kein Schwert. Aber ein Schürhaken lag da und glühte am Rande des Kohlenbeckens.
Der Teutone hielt inne. Er starrte an seinem verschmutzten Körper herunter auf den Griff, der in seinem Bauch steckte. Seine Augen zuckten zu mir herüber, bevor ich meine Hände zurückzog. Seine gichtgeplagten Beine gaben nach, der schwere Körper fiel rücklings um. Marius drehte sich um und betrachtete ihn mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck, in dem sich erst allmählich Verstehen ausbreitete.
»Bona Dea«, murmelte er, »ich hätte nicht geglaubt, dass so etwas in dir steckt, Junge.«
Drei Tage später stand ich in der Po-Ebene und blickte zu dem gigantischen Barbarenheer hinüber, das dem weitaus kleineren römischen Heer gegenüber Aufstellung genommen hatte. Vom Fuße der Alpen, die durch den Staub fast verdeckt waren, breitete sich ein Menschenmeer auf der Ebene aus.
Die hellhäutigen Barbaren warteten ungeduldig darauf, dass der Kampf losging. Um die Spielzeugsoldaten, wie sie uns nannten, zu massakrieren und zu verstümmeln. Ihre Frontlinie verlief ungleichmäßig und schien sich dem Horizont entlang zu erstrecken. Ihre Gesichter waren mit kräftigen Farben bemalt. Einige von ihnen waren nackt. Ab und zu brach einer von ihnen aus der Linie hervor, lief nach vorne und spreizte die Hinterbacken oder pisste in unsere Richtung. Ihre Schilde bildeten in der Morgensonne eine endlose Ansammlung weißer Scheiben. Ihre Schwerter waren fast so groß wie sie selbst.
Dieser Anblick erfüllte mich mit Angst. Eine schwere Hand legte sich auf meine Schulter. Ich sah in das faltige, vernarbte Gesicht des Generals.
»Was machst du hier? Wer soll sich um all die Verwundeten kümmern, wenn du zu Schaden kommst?«
Widerstrebend ließ ich mich von Marius nach hinten schieben.
»Hör zu, Junge«, flüsterte er. »Ich verstehe dich. Du willst dich an den Mördern deines Vaters rächen. Du willst sie bluten sehen. Doch lass es mit dem getöteten Teutonen genug sein.«
Es lag außerhalb seiner Vorstellungskraft, dass der besiegte Barbarenhäuptling eine Bedrohung hätte darstellen können. Durch Marius’ Blick schien ich zu wachsen, seine Sorgen ließen mich vor Stolz erröten. Er verstand meine Rachegelüste. Was er indes nicht begriff, war meine Scham darüber, einem anderen Menschen sein Leben genommen zu haben, und dass ich den Eid gebrochen hatte, den ich vor vielen Jahren einem Mann gegeben hatte, der in jederlei Hinsicht das Gegenteil von ihm gewesen war.
Gefangen in der Leere zwischen diesen beiden entgegengesetzten Gefühlen, verharrte ich einen Augenblick lang, bevor ich zu laufen anfing.
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