Read the book: «Artemis»
Lars Andersson
Zu dir soll kein Gott kommen
und kein Mann oder Geist
Kein Dämon
denn du bist heilig in dir selbst
Deine Brüste sollen wachsen
Viele
um uns Milch zu geben
Unergründlich sollst du stehen
in der Höhe
Deine Augen wie Sterne
sollen strahlen über unsere Herden.
Gunnar Ekelöf, aus Dïwãn
über den Fürsten von Emigón
Mein Bericht hat einen kurzen, einleitenden Moment. Wie eine dunkle Glasscheibe. Darin enthalten alles oder nichts, man weiß es nicht. Vielleicht ein Flußbett aus Kieselsteinen. Über die das Wasser fließt. Aber Finsternis, frei fließende Finsternis.
Dann kommt die Welt, sie durchbricht sie und tritt hervor, als wenn Licht aus einem Kristall hervorbricht, den du hochhältst und vor deinen Augen drehst.
Die Welt zwängt sich hervor, aus sich selbst?
Tohuwabohu. Öde und Leere. Bereits zu diesem Zeitpunkt, glaube ich, haben Zeit und Raum nach einander gegriffen, um ihre Fruchtblase um diese Finsternis zu ziehen.
Im kurzen Augenblick der Supergravitation und der Supergeometrie liegt alles bloß da, doch in Finsternis. Im Blick der Milliarden Lichtjahre entfernten Augen bricht dann die Welt hervor. Sie bricht hervor, erfriert oder erstarrt – wie hastig unter fließendes Wasser gehalten.
Nachmanides schreibt: »Zu Beginn brachte Gott aus dem vollkommenen Nichts eine äußerst dünne Substanz hervor, die unberührbar war. Diese Substanz, die die Griechen Hülle nannten, besaß die Fähigkeit, in verschiedene Formen umgewandelt zu werden: zu unserer Wirklichkeit geformt zu werden. Die Hülle wurde von Gott geschaffen. Seit der Hülle schuf ER nichts mehr, sondern formte sie zu allen Dingen in ihrem endgültigen Zustand.«
Die prägeometrischen Welten, tanzend in einer dunklen Glasscheibe. Schattenbilder, noch im Dunkel, am Grunde der Flut.
Ein zweites Mal schuf er: die großen Meeresungeheuer. Und ein drittes Mal: den denkenden Menschen.
»Gott schuf sie nach seinem Bilde, nach Gottes Abbild schuf ER sie, und ER erschuf Mann und Frau.«
Aber zuvor hatte er bereits 18000 Welten geschaffen, einige davon hatten ihm gefallen, die meisten hatte er verworfen.
Meine Erzählung hat nun begonnen.
Als Rabbi Akiva bei lebendigem Leib von den Römern gehäutet wurde, strömten die Engel herbei, weinten und warfen Gott vor, daß er so etwas zuließ. Aber eine Stimme vom Himmel sagte: »Wenn ich noch weitere Proteste höre, werde ich die Welt zwingen, wieder zu Wasser zu werden, ja, ich werde sie wieder zu einem Tohuwabohu werden lassen.«
Ich bin Erzähler und Realist, ich erzähle, wie es gewesen ist.
I
Meine Schwester heiratete. Es war im Juni. Die Sonne schien an diesem Tag, aber als ich am Vormittag rausfuhr, wehte ein kalter Wind. Es war knapp eine Stunde zu fahren. Die Zehn-Uhr-Nachrichten hörte ich, als die Straße von der nach Norden führenden Strecke abzweigte und in einer Kurve zu einer Brücke mit einem Kraftwerk daneben führte, dort, wo die Landschaft erst ihre wirkliche Form annimmt, ihre eigentliche Form, und weiter ging es durch den kleinen Ort F. an die Seen, die einer nach dem anderen aufgereiht daliegen.
Srebrenica. Gorazde. Ich hatte eigentlich geplant, den Kofferraum mit Sachen vollzupacken, die in die Hütte sollten, bevor mein Urlaub in einer Woche anfing, obwohl ich nicht dorthin wollte; hatte gedacht, alles in die Stube zu stellen, aber schließlich waren es nur vier Bilder geworden. Die wollte ich aufhängen, und in verschwommenen Gedanken überlegte ich Kurve um Kurve, wo sie hängen sollten. Ich wollte nicht, daß sie im Haus in der Stadt bleiben würden. Mit dem letzten See erblickt man gleichzeitig auch die Kirche, in der die Trauung stattfinden sollte, um ein Uhr, mit Madeleine, meiner einzigen Schwester, die wie eine Galionsfigur gravitätisch voranschreiten würde, mit den Brautmädchen und -jungen an der Schleppenreling.
Stig stand in kurzer Hose, mit Sonnenbrille, draußen und strich die Spitzen des Lattenzauns, als ich neben dem Haus parkte. Der Zaun hat rote, spitze Latten, und die Enden der Spitzen sind weiß gestrichen. Schon lange war die Rede davon, diese Tatsache deutlicher hervorzuheben. Neben ihrem eigenen Auto standen drei weitere auf dem Platz. Frühgekommene, die, während der Tag noch jung war, Kaffee trinken oder helfen wollten, das Fest vorzubereiten. Stig hatte wie immer eine Gelegenheit gefunden, aus der Planung auszuscheren. Über die Hand, die den Farbeimer hielt, hatte er einen Arbeitshandschuh gezogen, aber nicht über die andere, die Pinselführung war eine heikle Sache.
»Du kommst ja auch schon so früh«, sagte er.
»Mich hat nichts aufgehalten«, antwortete ich.
»Und Dina kommt also nicht.«
»Sie muß da was fertigkriegen.«
»Ach so.« Er konnte sich schon vorstellen, was es damit auf sich hatte. Er nahm neue Farbe auf den Pinsel.
»Das wird wirklich gut«, sagte ich. »Jedenfalls nicht schlecht.«
Auf der Seite des Hauses, die zur Straße und Gartentür zeigt, gibt es einige richtige Hängebirken. Ein leiser Luftzug fuhr durch das Birkenlaub, ein tiefes Flüstern, das anscheinend überhaupt nicht aufhören will. Mindestens zwei Rasenmäher knatterten in den Nachbargärten. Es näherte sich ein Zitronenfalter, den Stig mit der Pinselhand von den Latten zu verscheuchen suchte. Stig fährt eine Planierraupe und noch andere Maschinen im Straßenbauamt. Er ist hier im Ort geboren und aufgewachsen, dabei ist es ja nicht einmal ein Ort, nur eine Anhäufung von Häusern um eine Straßenkreuzung, weshalb es einen Bauplan und kommunale Abwasserkanäle gab. Madeleine war schon damals mit ihm zusammen, als wir noch mit unseren Eltern die Sommer in der Hütte verbrachten. Er hat das Haus seiner Eltern übernommen. Dazu gehören auch einige Meter Wald. Eine Weile hat er Verschiedenes gelernt und ein Jahr in Göteborg gelebt, aber mehr war dann nicht daraus geworden. Die Kinder sind acht, fünf und knapp ein Jahr alt. Madeleine ist Lehrerin in der Oberstufe. Jetzt haben sie beschlossen zu heiraten.
»Ich muß eben noch duschen«, sagte er. »Geh schon rein und trink eine Tasse Kaffee.«
Drinnen begrüßte ich die anderen. Madeleine war mit der Kleidung des ältesten Mädchens beschäftigt, Maja, die Fünfjährige. Ich kannte alle bis auf die Pfarrerin. Sie war eine frühere Freundin von Madeleine, noch aus dem Jahr in Göteborg, und arbeitete jetzt in Varberg. Stig und Madeleine wollten sich gern von ihr trauen lassen und hatten den Termin so gelegt, daß der hiesige Gemeindepfarrer Urlaub hatte, damit es kein böses Blut gab. Die Pfarrerin war rotblond, ziemlich groß und ziemlich hübsch, sie trug ihr Haar offen. Die Pfarrkleidung schien viel zu eng für sie zu sein. Ich erinnere mich an ihren Handschlag, ihren langen, sommersprossigen Handrücken. Sie hieß Elisabet, das wußte ich schon vorher, und Hallby, das hatte ich vergessen oder nie gehört.
Stigs Mutter und seine ältere Schwester mit Familie waren da. Das war das andere Auto. Die Mutter wohnte in einer betreuten Wohnung in der Stadt. Das dritte Auto gehörte Eino. Er ist schon seit langer Zeit ein Freund und wohnt in Växjö. Er war bereits am Abend zuvor gekommen und hatte hier übernachtet, genau wie die Pfarrerin. So wird sie ja wohl genannt.
Und dann kamen die übrigen Gäste, einer nach dem anderen. Einige fuhren natürlich auch direkt auf den Parkplatz vor der Kirche. Ich begrüßte sicher so um die zwanzig Personen. Lehrerkollegen. Jagdfreunde. Eltern von Kindern der Fußballmannschaft, die Stig trainierte. Und wie sonst die Verbindungen beschrieben werden können. Ich habe nie versucht, sie mir der Reihe nach vorzustellen. Sonnengebräunt, durchlüftet, Leute in leichten Sonntagskleidern, Kombiwagen, Kühler an Kühler. Die Kirchenwand blitzte weiß. Alle kannten mich mehr oder weniger. Wir füllten die vordere Hälfte der Kirche. Die Pfarrerin trat nun in einer viel zu großen Robe an den Altar und wartete auf das Glockenläuten. Dann kam der Kinderchor und stellte sich auf.
Es heißt, daß renovierte schwedische Kirchenräume aussehen wie Ausstellungshallen für Kunstgewerbe. Das stimmt. Auch an diesem Tag gab es Birkenlaub, Blumen und Tageslicht, das durch die hohen, blaugetönten Fenster hereinschien. Jetzt kamen sie mittelschiffs nach vorn. Madeleine, sich ganz des Ernstes dieser Stunde bewußt und gleichzeitig mit einem Auge auf das Einjährige, das Stigs Schwester trug. Ich erhob mich wie alle anderen und sah sie an. Sie hatte einen Gesichtsausdruck, der mir noch ganz vertraut war. So hatte sie schon in unserer Kindheit in bestimmten Situationen geguckt. Der Kantor, der auch aus der Gegend stammt und zumindest während der Pfingstferien, als Madeleine in die achte oder neunte Klasse ging, auf ihrer Hitliste einen der vordersten Plätze eingenommen hatte, gab dem Kinderchor das Zeichen zum Einsatz. Er fiel mit der sich vorne befindenden und ziemlich schwächlichen kleinen Orgel ein, nicht mit der großen auf der Empore, die nur bei besonderen Anlässen, Kirchenkonzerten, Weihnachtsmessen oder ähnlichem benutzt wird. (Ich bekam einmal den Schlüssel und spielte eine ganze Nacht, eine Frühlingsnacht, auf ihr: A Whiter Shade of Pale und, wie hieß es noch, Eleanor Rigby? Vanilla Fudge’s Version. The Sky Cried. Oh, no, must be the Season of the Witch ... That’s What Makes a Man ...)
Sie wurden nach einem Ritual getraut, das ich nicht kannte. Aber ich hatte schon lange nicht mehr geheiratet.
Alles wurde per Video gefilmt, von dem Mann von Stigs Schwester – was ist das? –, seinem Schwager. Ich habe mir den Film oft angesehen. Elisabet Hallby steht mit einem kleinen Blatt Papier in der Hand. Und sieht trotzdem majestätisch aus, wie eine Art Druidenpriesterin. Die Schatten sollten weich sein, erscheinen aber grell blau, fast lila. Wenn das Birkenlaub ins Bild kommt, scheint es zu brennen. Das Einjährige wehrt sich und will nach vorn. Ich, Erika Madeleine Gillberger. Ich, Stig Olof Torin. Schwenk über die Bankreihen. Da stehe auch ich. Die Blendenweite reicht von Weiß bis Dunkelgrau. Der Kinderchor, der Kantor. Die Gesichter der Kinder, der Brautkinder, eins nach dem anderen. Dann wieder Elisabet Hallby; wir bleiben eine Weile bei ihr, sie hebt das Kinn und schüttelt mit ruckartigen Bewegungen das Haar vom Kragen los, während wir Stig und Madeleine folgen, wie sie sich umdrehen und wieder hinuntergehen, jetzt jeder mit einem Kind auf dem Arm, Maja kommt hinterher und hält sich am Schleier fest.
Draußen stellten wir uns auf und warfen Reis, und auch das hat er gefilmt, sehr sorgfältig. Jetzt konnte er Regie führen, uns dirigieren, damit es ganz natürlich aussah. Es ist heller Sonnenschein. Zuletzt zieht er den Sucher und den Autofocus langsam auf den See, zoomt dorthin und verdunkelt, man hört ihn dreimal jemanden zum Schweigen mahnen, als es dunkel geworden ist. Das sind die einzigen Äußerungen, die er in diesem Drama von sich gegeben hat, die einzigen Worte von ihm, an die ich mich erinnern kann.
Ich bin vierzig Jahre alt und habe die acht letzten dieser Jahre im zivilen Katastrophenschutzamt gearbeitet. Meine Aufgaben sind immer mehr administrativer Art geworden. Früher bin ich viel herumgereist, auch im Ausland, in erster Linie zum Schutz von Chemikalientransporten. Ich kenne diese Leute, die zwischen echten und gedachten Katastrophen hin und her wandern. Mir gefielen sie, und die Schweden gehörten unter ihnen zu den besten. Unsere Art, eine Katastrophe einzukreisen, hatte oft etwas von einer Elchjagd an sich. Einer gut organisierten Elchjagd, Leute in der richtigen Bekleidung, die sich nicht aufregten, sondern kurz und knapp, aber zuverlässig ins Sprechfunkgerät sprachen. War Lärmen und Schreien angesagt, dann geschah das der Reihenfolge nach und meistens, um einander zu lokalisieren, damit alle wußten, daß jeder an seinem Platz war.
Wenn alles gutging, dann war die Sache klar, und die Katastrophen, die sich aus dem ganzen ergaben, wurden in angemessener Form von dem abkommandierten Schützen erledigt. War abzusehen, daß es schiefging, dann ähnelte die Stimmung einer Suche, nachdem jemand vorbeigeschossen hatte. Der beste Hund wurde geholt, und ein zuverlässiger Schütze machte sich an die Arbeit, die anderen saßen zusammen, während es dämmerte, sicher ein wenig durchnäßt, etwas müde, aber in solidarischer, guter Stimmung, traurig, aber zufrieden, bis man erfährt, ob die Maßnahmen gegen die Katastrophe so gut es ging ergriffen wurden oder ob die Katastrophe einfach ins Unbekannte verschwunden ist, in den an die Dunkelziffer angrenzenden, unerreichbaren Raum.
Mir gefiel diese Stimmung, auch wenn mir jegliche Form der Romantik in Zusammenhang mit Katastrophen fremd war. Uns, die wir nunmehr verstreut auf den Fluren des Katastrophenschutzamtes saßen und eher administrative Aufgaben hatten, fiel es schwerer, den Anblick der anderen zu ertragen. Die realen oder hypothetischen Situationen, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollten, schienen vom Anblick eines Computerbildschirms ersetzt worden zu sein. Wenn man ins Arbeitszimmer eines Kollegen schaute, sah man einen blau leuchtenden Schirm einer bestimmten Größe auf dem Tisch und einen Mann auf einem drehbaren Stuhl. Man konnte sehen, wie klein der Teil des Gesichtskreises und des Lebensfeldes eines Menschen eigentlich ist, der nach landläufiger Meinung von einem Schirm auf einem Tisch vor ihm aufgenommen wird. Ging man zurück in sein eigenes Zimmer, sah man dort dasselbe. Trotzdem gehe ich davon aus, daß das, womit ich arbeite, ehrenwert und von Bedeutung ist und getan werden muß.
Zwei meiner Kollegen, mit denen ich in der früheren Arbeitsgruppe im Amt am besten zusammengearbeitet hatte, befanden sich zu diesem Zeitpunkt, im Juni, in einem Lastwagenkonvoi mit Gütern nach Srebrenica. Das beeinflußte mich ziemlich stark in der Einschätzung meiner Arbeit.
Aber der Schatten fiel eben einfach nicht auf mich, auf meinen Tisch, nicht einmal auf mein Arbeitsgebiet.
Ich bin vierzig Jahre alt, mein ältestes Kind ist vierzehn, mein jüngstes zehn. Zwei Jungen. Der Zehnjährige war fünf, als ich mich von meiner Frau nach zehn, nein, nach neun Jahren Ehe scheiden ließ. Helena wohnt mit den beiden Jungen in der gleichen Stadt. Aber nicht in unserem alten Haus. Ich habe sie neu kennengelernt. Ich bin vielleicht auch aus ihrem alten Bild von mir herausgetreten, habe akzeptiert und selbst festgestellt, daß ich ein anderer bin, wenn ich an sie denke – dabei meine ich jetzt vor allem die Kinder –, als der, den ich mir sonst vorstelle, ein anderer, den man aber kennenlernen kann.
Der Charakter unserer Stadt läßt sich gut mit der Route des Flughafenbusses beschreiben. Der fährt vom Busterminal zunächst zum Bahnhof, dort steigen ab und zu welche ein. Danach fährt er in einigen eleganten Schleifen am Hotel der Stadt vorbei, hat dort jedoch selten Gelegenheit, anzuhalten, danach über eine Brücke über den Fluß und am Theater vorbei, und schließlich hält er vor dem großen Komplex »Der Musketier«. Hier steigen die Fahrgäste zu. Ich auch, wenn ich irgendwohin muß. Hier sind drei große staatliche Behörden untergebracht, alle mit Verbindung zur Landesverteidigung, außerdem ein Wehrbüro und der Militärstab. Wir warten dort zu mehreren, wenn der Bus um die Kurve biegt. Einige in Uniform, alle mit Aktentaschen. Wir kennen einander, und viele haben ihren festen Platz im Bus, der also bei der Ankunft größtenteils leer ist. Im letzten Jahr ist es jedoch dreimal vorgekommen, daß ich meine Exfrau weiter hinten im Bus entdeckt habe, zu ihr gegangen bin und mich zu ihr gesetzt habe, auf der anderen Seite des Mittelgangs. Sie war am Markt in der Nähe der Provinzversicherung zugestiegen, bei der sie arbeitet.
Das letzte Mal hatte ich sie in diesem Sommer im April oder Mai gesehen. Sie trug einen grünen, capeähnlichen Mantel und hatte die Haare kürzer geschnitten, so daß ihre bernsteingelben Ohrringe, von denen ich glaubte, sie wiederzuerkennen, mit einer eigenartigen Deutlichkeit hervortraten, und sie lachte ihr übliches leises Lachen und erzählte mir, daß sie eine Karte für ein Stück gekauft hatte, das im Theater gespielt wurde, aber ich weiß um alles in der Welt nicht mehr, welches.
Wenn ich sie wiedersehe, überkommt mich jedesmal nach der Verwirrung des ersten Augenblicks Freude und gleichzeitig Trauer, daß wir jetzt nur noch so geringe Rollen im Leben des anderen spielen.
Mit Dina lebte ich in diesem Sommer seit gut zwei Jahren zusammen. Was soll ich über sie sagen? Sie hat grüne Augen. Sie hat kurzes, blondes, sehr lockiges Haar. Wir sind im gleichen Alter. Das einfachste, oder für mich am einfachsten zu Begreifende, was ich über sie sagen kann – ich stelle mir ihren Rücken vor. Er ist mir zugewandt. Die scharf hervortretenden Schulterblätter und die sommersprossige, nicht mehr ganz junge, aber warme und überraschend duftende Haut sowie die Nackengrube, das Haar. Dieser Augenblick, der sich so oft wiederholt hat: Ich drehe sie sanft auf die Seite, so daß ihr Rücken sich mir zuwendet. Die erste Erinnerung muß von einem der ersten Male sein, als wir miteinander schliefen. Ich drehte sie plötzlich, aber sanft auf die Seite, sie hob ihr Knie, und ich drang in sie ein und sah ihren Rücken und Nacken und spürte eine Einsamkeit und einen Frieden unermeßlichen Ausmaßes. Ich fühlte, daß ich sie mein ganzes Leben lang für diese Einsamkeit und diesen Frieden lieben konnte.
Das erscheint vielleicht sehr merkwürdig und könnte als kompromittierend angesehen werden. Ihre grünen Augen waren schuld, daß ich versucht hatte, sie zu erobern, und mich in sie verliebte. Diese grünen Augen, die funkelten, und all das Ruhige und Intelligente, das sie mit diesem grünen Funkeln sagte. Es gibt so einen grünen Edelstein, aber ich erinnere mich nicht mehr, wie er heißt. Ihre Familie mütterlicherseits stammt aus Karelien. Sie war kurz vor unserem Kennenlernen in diese Stadt gekommen und war an der Hochschule frischausgebildete Assistentin für Geschichte und Philosophiegeschichte. Ihre eigene Geschichte war lang und machte viel Eindruck auf mich. Diese grünen Augen. Aber das andere war stärker als das Verlieben. Angesichts ihres Rückens, der sich mir zuwandte: Einsamkeit, Stärke und Frieden. Als sähe man in ein langes, einsames Leben, mit tiefer Freude. Später, wie ich zugeben muß, immer häufiger nur Einsamkeit. Das einfachste, was ich über Dina sagen kann: Ich habe mich fast drei Jahre lang in ihrem Rücken gespiegelt.
Worin sie sich bei mir gespiegelt hat, das weiß ich nicht. Vielleicht in dieser Trägheit, einer abwartenden Begriffsstutzigkeit dem Dasein gegenüber, die, wie ich glaube, als Festigkeit und Entschlossenheit mißverstanden werden kann. Vielleicht auch in der überraschenden, fast geheimnisvollen Tatsache, daß ein ungefähr gleichaltriger, geschiedener Mann, der Bürokrat beim Staatlichen Katastrophenschutzamt der Stadt in dem Landesteil ist, in dem sie Hochschulassistentin werden soll, Gedanken einer gewissen Tiefe und Schärfe haben kann (einer freilich nur langsam hervortretenden Schärfe) und von einem ungeahnten Frieden, von einer Stärke übermannt wird, wenn er in sie eindringt. Das geschieht hinter ihrem Rücken, und während der Wollust ihrer Vereinigung betrachtet er stumm, was auch sie betrachtet, sozusagen aus der gleichen Perspektive (und sie mit ihren funkelnden grünen, aber möglicherweise geschlossenen Augen): etwas, das die Form eines gemeinsamen Lebens annimmt, allein, eine lange, friedliche Einsamkeit zu zweit.
Ich lebte also mehr als zwei Jahre mit ihr zusammen, zuerst in ihrer Wohnung, danach in einem Haus, einem Häuschen, muß ich wohl sagen. Das ging sehr gut. Wir mußten feststellen, daß andere Dinge nicht so gut gingen. Jetzt war es Juni. Sie war nicht mit zu Madeleines Hochzeit gekommen, sie hatte ein Sommerseminar vorzubereiten. Das Thema hätte mich interessieren können, war aber nie Gegenstand unserer Gespräche gewesen.
Wir gingen in einer langen Reihe mit dem Teller in der Hand und nahmen uns etwas. Das Brautpaar war das Risiko eingegangen und hatte draußen gedeckt. Wir saßen an einem Tisch, der aus vielen verschiedenen Gartentischen zusammengesetzt war, schlimmstenfalls hätte man sich auch drinnen arrangieren können. Ich habe nicht aus der Erinnerung nachgezählt, aber wir müssen an die fünfzig gewesen sein, alle Kinder eingerechnet. Hoher Himmel, Sonnenfunkeln in Biergläsern, Karaffen und Besteck, vielfarbige Soßen zum Lachs und zu den Salaten, es wurde keine Rede gehalten, statt dessen wurde in langgezogenen Dialogen gesprochen, genau plazierte lange Pässe und sicheres Zuspiel, zwischendurch ein schnellerer, überraschender Einwurf aus dem toten Winkel, wahrscheinlich würde niemand auf dem Tisch tanzen. Ich will nicht näher darauf eingehen. Einige waren einmal meine Freunde gewesen. Ein Mann saß da mit spärlichem Haar und breiten Händen, den ich immer noch sehe, wie er bleich im Gesicht wird, als sich die Puch Dakota seines Bruders aufbäumt, die er sich ohne dessen Erlaubnis ausgeliehen hatte, und wie der Kies am Fußweg bei der Kiesgrube ihm um die Ohren spritzt und er geradewegs auf dem Rücken wegrutscht, das Moped zwischen den Beinen. Und ich erinnere mich daran, wie er mich einmal im Winter anrief, bei mir zu Hause in der Stadt, in der ich damals wohnte, weil die Top Ten von der nächsten Stadt aus gesendet wurden, was ich schon wußte, und er, weil er in der Jury war, auf den Abstimmungsknopf drücken durfte! Er hatte für Lady Madonna an erster Stelle gestimmt. Es klang, als wolle er dafür eine deutliche Bestätigung haben. Ich sagte, ich hätte für Hole in My Shoe mit Traffic gestimmt, und er verstummte sofort, und später sagte er, es sei ein verdammtes Glück, daß er mich im Sommer nicht mehr sehen müßte. Und ich merkte, daß daraufhin nichts weiter zwischen uns aufzubauen war, deshalb sagte ich, daß ich eigentlich für eine ganz andere Platte gestimmt hätte, wie hieß sie noch, was war das noch für eine: »This is the captain of your ship, your mind speaking ...«
Eino wollte noch nachts nach Växjö zurückfahren und trank nichts von dem, was mit der Zeit in kleinen Mengen auf den Tisch kam. Später am Abend saßen wir in einem der Zimmer im Obergeschoß, nachdem wir wegen der Mücken reingegangen waren, zusammen, er, ich und noch ein paar andere, am einfachsten bezeichnet als diejenigen Männer, die auf keine Kinder zu achten hatten, und ich erinnere mich, daß wir unter anderem über die Partei »Neue Demokratie« sprachen. Und einer, der da saß, sagte: »Rassisten können sie verflucht noch mal ja meinetwegen sein, aber zumindest sollen sie sich wie ordentliche Menschen benehmen.« Worauf wir zu etwas anderem übergingen. Aber es war der gleiche Mann, der später damit anfing, in allen Einzelheiten zu erzählen, wie das Geld in dem großen Wintersportprojekt zirkulierte, das vor ein paar Jahren mit Staatsbeteiligung und Bausparkassenkredit in Konkurs gegangen war – er war Bauarbeiter. Wie der kommunale Parlamentsrat mit Hubschraubern dorthin geflogen war, und wie die Scheinwerfer in den Sommernächten gestrahlt hätten.
Später folgten dann versöhnlichere und ruhigere Geschichten, da Menschen versöhnliche und ruhige Geschichten mögen, weniger ironisch, sondern eher versöhnlich aufgrund ihrer Ruhe. Ich erinnere mich, daß Eino, der sich ziemlich fremd gefühlt hatte, über einen Autohändler in der Stadt lachte – ich hatte schon früher davon gehört –, der, als er für acht Monate ins Gefängnis mußte, einen Zettel an die Scheibe klebte: »Bin gleich zurück.«
Und dann brach Eino auf, er verabschiedete sich, wir stellten fest, daß wir gar nicht miteinander geredet hatten, das sollte ein anderes Mal nachgeholt werden.
Ungefähr zu dem Zeitpunkt verabschiedete sich auch die Pfarrerin, Elisabet Hallby, in der Runde und brach auf.
Gleich danach ging ich in Begleitung von vier Männern zu meiner Hütte. Es waren Jan-Erik Krantz, der im Ort wohnt, ein Lehrer, Bertil Larsson, einer vom Bau, Espen Nilsson, und einer, der Sund heißt und in der Fischzucht arbeitet. Ich wollte gern dorthin und ihnen zeigen, wie es dort drinnen aussah. Ich hatte den letzten Sommer bis in den Herbst und Winter hinein dort viel getischlert, und da war etwas mit dem Fußboden, wozu ich mir einen sachkundigen Rat erhoffte. Als wir gingen, setzte die Dämmerung ein, der Weg liegt an einem Osthang. Ich wollte im Sommer nicht dort wohnen, wollte aber gern zeigen, wie es da aussah. Die Bilder nahmen wir auch mit. Ich ging hinein und sprach darüber, wo sie hängen sollten, und wir stellten sie hin und sprachen über dieses und jenes. Ich erzählte von der Archäologin, die die Hütte mieten wollte. Sie meinten, ich wäre zu billig. Sie lobten die Hütte. Sie meinten, ich solle lieber selbst darin wohnen. Ich würde das Doppelte bekommen, wenn ich sie über eine Vermittlung für einen Monat vermietete. Sie fragten, wonach man denn hier graben könnte, und ich erklärte, daß es um Fallgruben ginge, sie wollte vor allem die Landbesitzer befragen; Krantz und Espen Nilsson, die ein Teilstück besaßen, würden sicher Besuch bekommen. Aber sie wollte ein großes Gebiet bearbeiten, sagte ich.
Wir standen eine Weile auf der Verandatreppe und rauchten Zigarren, die der von der Fischzucht mitgenommen hatte.
Ein paarmal flogen Fledermäuse über den Dachgiebel. Irgendwo tief im Wald rief ein Reh. Unten auf der Straße glitt spärlich der Verkehr entlang, den man nicht mehr sehen konnte, wenn das Laub richtig ausgeschlagen war.
Als wir zurückkamen, sahen wir, daß das Auto der Pfarrerin immer noch am Haus stand, was etwas bedeuten mußte. Also war sie immer noch da. Aber das war sie nicht. Madeleine und die anderen waren verwundert, sie waren nicht draußen gewesen, sie mußte spazierengegangen sein, oder ihr war irgend etwas eingefallen, was sie noch tun wollte, allein, bevor sie losfuhr. Es verging eine Stunde. Man versuchte sich daran zu erinnern, was Elisabet Hallby gesagt hatte, als sie ging. Niemand konnte sich an etwas anderes erinnern als daran, daß sie nach Hause wollte, sich ins Auto setzen und heimfahren, nach Varberg. Konnte sie sich mit Eino, der ja gleichzeitig aufgebrochen war, irgend etwas gemeinsam ausgedacht haben? Oder hatte er sich gar nicht auf den Weg gemacht, als sie hinausging? Wir, die noch übrig waren, blieben bei unseren Spekulationen, zwar zögerlich, aber immer wieder aufs neue, wer wen wann gesehen hatte. Wer Einos Auto hatte abfahren sehen oder gehört. Hatte nicht auch jemand gehört, daß Elisabet Hallbys Auto startete? War danach niemand draußen gewesen in der Zeit, bis wir fünf von der Hütte zurückgekommen waren?
Niemand außer uns fünfen und keiner von uns konnte sich daran erinnern, ob er Elisabet Hallbys Auto nun am Haus gesehen hatte oder nicht. Konnte sie etwas in der Kirche vergessen haben? Jemanden besucht haben? Wen hatte sie getroffen, der nicht auf dem Fest war? Den Kantor? Den Kirchendiener? Jemanden von denen, die gegangen waren, nachdem wir fünf zurück waren und bevor dieses Gespräch begann. Es verlief übrigens ruhig. Ein Mensch war vielleicht für einen Augenblick verschwunden. Das Auto war unverschlossen, und ihre Sachen lagen im Kofferraum. Schließlich klingelte doch noch das Telefon. Ein paar Kinder, die draußen gespielt hatten, glaubten gesehen zu haben, wie sie in Richtung Kirche über den Hof ging. Stig und ich machten uns getrennt auf die Suche. Wir riefen sofort Gredenfors von der Kirche an, der sich auch umschauen sollte. Ich blieb lange auf. Kurz nach halb vier rief Jan-Erik Krantz an. Er war noch einmal hinausgegangen und hatte Elisabet Hallby unten am See ermordet aufgefunden. Sie lag am Strand in der Nähe des Bootsanlegers, war in ein Netz eingewickelt und hatte am ganzen Körper Messerstiche.
Ich klopfte an Madeleines und Stigs Schlafzimmertür. Sie traten hinaus in das schwache Licht des nach Süden zeigenden Fensters oben in ihrem Treppenhaus, da blieben sie verwirrt stehen und versuchten, sich zu einigen, wer zum See hinunterlaufen und wer bei den Kindern bleiben sollte. Jan-Erik hatte den Notruf angerufen. Stig ging mit mir. Der Anblick war schlimmer, als ich gedacht hatte. Jan-Erik sprach leise, als wolle er vermeiden, daß ihn die Leute des Nachts hörten, daraufhin herkamen und nachschauten. Er hatte seine Jacke über sie gelegt und wollte sie nicht so recht hochnehmen. Ich tat es und sah, wie sie zusammengekauert und dazu noch eigenartig aufgeschlitzt mit grotesk aufgesperrtem Mund und dunklen Blutgerinnseln an Rumpf, Armen und Beinen dalag. Sie war wirklich in ein Netz eingewickelt, ein grobmaschiges Fischernetz aus Nylon. Ihre Kleidung war zerschnitten und zum großen Teil weggerissen, wobei derjenige, der das getan hatte, nicht in die Maschen des Netzes geschnitten hatte, nur wenige waren kaputt. In mir stieg die mich langsam würgende Vorstellung hoch, wie sie getreten und sich gewunden hatte, während das vor sich ging, und daß dabei die Schnittwunden entstanden, einige waren tief, aber es waren keine Todesstöße, sie war durch Erwürgen gestorben.
II
Einmal erlebte ich mit einem Reh, genauer gesagt, mit einem Rehbock, eine merkwürdige Geschichte, sechs Jahre ist das mittlerweile her. Ich erzähle es jetzt nur, um es aus dem Kopf zu kriegen. Ich war von einer meiner Katastrophen heimgekehrt, wie wir zu sagen pflegten. Ich war ein paar Monate fort gewesen, und wir fuhren für ein verlängertes Wochenende zu Stig und Madeleine, es war im Winter. Die Sache ist mit der Reise, die ich vorher gemacht hatte, vor allem durch die Jacke verbunden, die ich, wenn ich rausging, mir immer überwarf, eine Jacke, die ich bei der Arbeit benutzt, mir einfach geschnappt und mitgenommen hatte, um sie in der Hütte hängen zu haben. Eine dieser schwarzen, fast undurchlässigen Jacken des Werks, die meiner Meinung nach nunmehr ihren Dienst für die Gesellschaft geleistet hatte und zur Ferienkleidung werden konnte. Draußen war es dunkel, eine dünne Schneeschicht und der Schein eines Halbmonds, und wir standen am geöffneten Fenster und lauschten, die Jungen und ich, Helena und Madeleine auch, weil so ein merkwürdiger Tierlaut zu hören war, der nicht verstummte. Schließlich nahm ich die Jacke und eine Taschenlampe und ging hinaus zum Bach, denn von dort mußte das Geräusch kommen. Es zeigte sich, daß es sich um einen Rehbock handelte, der versuchte, aus dem Eis, in das er eingebrochen war, herauszukommen. Der Bach war mehrmals eingefroren und wieder aufgetaut, so daß die Eisränder in mehreren Schichten übereinanderlagen. Der Rehbock lag nicht im Wasser, er schien einen festen Halt für die Hinterbeine zu haben und versuchte durch die Eisränder, die an seinem Körper zerbrachen, herauszukommen. Er röchelte und schrie in einem dumpfen, hitzigen Rhythmus, den er auch nicht unterbrach, als ich probierte, an ihn heranzurutschen. Im Taschenlampenlicht sah er ungemein groß aus, mit einem Gitter künstlich gebrochener Schatten um sich herum und auf seinem Fell. Man konnte auch aus der Nähe nicht unterscheiden, was Schatten und was Blut war.
Auf der anderen Uferseite bekam ich ihn hoch. Ich stellte ihn auf seine Beine, und er wollte sofort losspringen, fiel aber um und konnte nicht wieder aufstehen. Ich stellte ihn noch einmal hin, er nahm Anlauf und fiel hin. Die Jungen waren hinzugekommen und folgten dem Ganzen mit großer Anteilnahme. Johannes, der Ältere, war damals acht, und Evert war fünf geworden, während ich auf dieser Reise in Litauen war.
Nein, ich merke, daß ich erst zu einer anderen Sache zurückgehen muß, bevor ich das hier erzählen kann. Das war in einem Sommer, als ich wohl so zehn Jahre alt war und wir in der Hütte Urlaub machten. Wir waren in meiner Kindheit ja den größten Teil des Sommers dort, ich weiß nicht, ob ich deutlich genug gesagt habe, daß meine Hütte, meine jetzige, die auf jeden Fall mit in diese Geschichte gehört (zumindest für mich), die Sommerhütte meiner Kindheit ist und auch die Sommerhütte von Madeleines Kindheit, dort lernte sie Stig kennen usw. usw. Die Gegend, in der Madeleine seit zehn Jahren lebt und in der ich das Sommerhaus meiner Kindheit übernommen habe, ist mein solider, mein intakter Fleck in der Geographie, eine Art Heimat. (Und deshalb um so rätselhafter, daß ich, wenn überhaupt, ihn nur äußerlich kenne und nichts Genaues über ihn weiß.) Ich war vielleicht zehn Jahre alt und ging in der Dämmerung den üblichen Forstweg entlang mit der üblichen heimlichen Hoffnung, ein Tier zu sehen. Ich weiß nicht, warum es so schwierig war, ein Tier zu sehen, als man noch ein Kind war und es unbedingt wollte. Jedesmal war es ein großes Ereignis. Wenn man erwachsen geworden ist, gibt es andauernd irgendwelche blassen Nachahmungen. Ich ging davon aus, daß es ebenso schwierig sein würde, sie wieder zu entdecken, wenn ich anfinge zu jagen. Das stimmt teilweise, aber wenn es doch Tiere gibt, sind sie so pathetisch sichtbar, so vollkommen ausgeliefert, daß ich nie auf sie schießen kann, es sei denn, ich habe einen Jagdkameraden dabei, der es mir sehr übelnehmen würde, wenn ich nicht schösse.
Was geschah: Ich stand zum ersten Mal Aug in Aug mit einem Rehbock. Was dazu führte, daß Madeleine sich am nächsten Abend auf den gleichen Forstweg begab, allein und in der Hoffnung, das gleiche zu erleben, sich jedoch verlief und vier Tage fort war.
Drei, genauer gesagt. Früh am Morgen des vierten fanden wir sie. Aber darauf wollte ich nicht hinaus.
Ich hörte das Klappern eines laufenden Tiers, das sich auf dem Weg näherte. Wir hatten einen Hund, und ich ging davon aus, daß er es war, der entdeckt hatte, daß ich fort war, und mich jetzt suchte. Um ihn zu überraschen, zwängte ich mich ins Reisig und versteckte mich hinter einem Baum. Aber es war ein Rehbock, der angelaufen kam, und genau an der gleichen Stelle wie ich bog er in den Wald ab. Da blieb er lange stehen, direkt vor mir. Ich war einem wilden Tier noch nie so nahe gewesen. Nur ein paar Meter. Schließlich wandte er seinen Blick genau mir zu und betrachtete mich ruhig. Ich stand unbeweglich wie vor einer Offenbarung, und als er endlich fortging, blieb ich weiter still stehen, mit schnellem Puls im Körper.
Und bereits nach wenigen Augenblicken begann er plötzlich tief aus dem Wald zu schreien. Es schien, als käme der Schrei immer von der gleichen Stelle, beharrlich, herzzerreißend, stark und rauh wie ein Stein gegen das Schienbein. Außerdem war mir dieses Geräusch nicht besonders vertraut. Ich war sofort überzeugt davon, daß er sich in etwas verhakt hätte. Er war in etwas geraten, das ihn festhielt, und nun kam er nicht mehr los und schrie seinen Fluch über das Menschengeschlecht hinaus, in den ich aus vollem Herzen einstimmen mochte.
Ich ging direkt auf das Geräusch zu, um ihn zu befreien. Eine Sache machte ich mir auf dem Weg ganz deutlich klar: Der Rehbock würde sich in irgendeinem Augenblick der Befreiung, die ich in verschiedenen Varianten vor mir sah, frei fühlen und mich dann zu Tode stoßen. Er würde mir sein Geweih direkt in die Brust stoßen, und ich würde sterbend auf dem Boden liegen und ihn davoneilen hören. Und ich würde ihm Gedanken voller Größe nachschicken, bis es still würde und das Leben aus mir fließen und zu Wald und Busch werden würde. Ich brauche das Pathos eines Zehnjährigen nicht näher zu beschreiben, wie es im Wald, in der Finsternis anschwillt. Ich wurde von meinen Phantasien über das Geweih fast gezeichnet, während ich mich eilig vorwärtskämpfte, schließlich lief, über Steine und Morast, dem Geräusch entgegen, das bereits in längeren Intervallen zu hören war. Aber als ich mehrmals anhielt, um genauer zu lauschen, mußte ich voller Enttäuschung zugeben, daß es die Richtung veränderte, daß der Bock nicht festsaß, sondern sich von mir entfernte. Und so suchte ich meinen Weg durch den Wald nach Hause.
Nachdem ich dieses Erlebnis hier erwähnt habe, spüre ich genau, was geschieht: Der Bock entfernt sich von mir, und ich muß aufgeben, muß umkehren, nach Hause. Er war nie richtig verschwunden, solange ich nicht von ihm erzählt hatte. Jetzt werde ich ihn nie wieder sehen. Jetzt gibt es nur noch die Worte über ihn. Und immer noch weiß ich nicht, was sie mit dem Rest des Ganzen zu tun haben.
Jedenfalls: Der Rehbock im Bach hinter Madeleines Haus. Er hatte am Hals und am ganzen Körper Schnittwunden vom Eis, aber die konnten nicht tief sein. Meine Jacke war klebrig vom Blut, obwohl es nicht so schrecklich viel war. Auf den Beinen konnte er nicht stehen. Ich trug ihn hinauf zum Schuppen hinter der Hütte. Er war verhältnismäßig leicht und wehrte sich nicht sehr, wenn man ihn richtig festhielt. Ich legte ihn in das alte Heu der Heuraufe, die nicht mehr ausgeleert worden war, seit Stig und Madeleine vor ein paar Jahren hier oben Schafe gehalten hatten. Ich holte Wasser und versuchte ihm etwas zu geben, aber in der Zwischenzeit hatte er sich durch die Latten gezwängt und lag auf dem Boden neben der Raufe. Die Jungs, die nachgekommen und aufgepaßt hatten, wie sie es selbst nannten, hatten sich in den Schnee zurückgezogen. Wenn man den Bock aufrichtete, fiel er um. Ich legte ihn wieder ins Heu und deckte ihn mit ein paar alten Säcken zu, um die Körperwärme zu erhalten. Es wurde wie in einem Feldlazarett gesprochen. Ich weiß nicht, warum Madeleines Ältester nicht dabei war, vielleicht schlief er schon von Anfang an.
Am nächsten Morgen war der Bock noch da, er hatte sich wieder durch die Latten gezwängt. Ich legte ihn zurück. Er hielt seinen Hals auf eine merkwürdige Art gestreckt und verdreht. Man kann sich natürlich fragen, ob ich ihn nicht erschossen hätte, wenn es in der ganzen Geschichte keine Kinder gegeben hätte. Die Frage braucht nicht gestellt zu werden. Ich rief den Tierarzt an und fragte ihn, ob das nach einem Wirbelschaden aussah oder nur nach einem Muskelkrampf, der mit der Zeit nachlassen würde. Er sagte, daß Kälber im Schock sich gern in eine Art Fötusstellung legen. Wir gingen immer wieder mit Wasser zu ihm, was er aber nicht annahm. Am darauffolgenden Morgen war er weg. Wir hatten die Schuppentür offengelassen. In der Nacht hatte es wieder ein bißchen geschneit, so daß wir keine Spur entdecken konnten, aber erwiesenermaßen war der Bock auf die Beine gekommen und verschwunden. Um den Schuppen war ein Schafszaun gezogen, er mußte also in der Lage gewesen sein, darüber zu springen.
Das war eine schöne Geschichte. Sie gefiel uns gut. Wenn wir Rehböcke sahen, überlegten wir, ob es vielleicht er war. Erst viel später, mitten im Sommer, als ich in der Hütte war, wühlte ich aus irgendeinem Grund im Schuppen herum und entdeckte tief unten im Heu ein halbverrottetes Vorderbein. Das war in dem Sommer, von dem man sagen kann, daß in ihm die Scheidung von Helena festere Formen annahm, aber wir waren alle zusammen dort, was eigentlich selten vorkam (damals gehörte die Hütte mir noch gemeinsam mit Madeleine). Ich ließ die Jungen davon nichts wissen und beschäftigte sie mit etwas anderem, während ich das Tier mit einer Mistgabel und einer Schubkarre beseitigte. Der Bock hatte sich tief ins Heu gegraben.
Sonderbarerweise gab es keinen Gestank, als man zu graben anfing, wie man erwarten würde. Das Ganze war ein wenig traurig, aber die Geschichte von dem Rehbock, der über den Schafszaun sprang, blieb ja bestehen. Das einzige war die Jacke, die ich zu meinen Sachen hängte; ich wollte nicht, daß sie jemand anzog, wenn wir in den Wald gingen oder fischten oder etwas anderes taten. Das Blut war eingetrocknet, ohne daß ich mich darum bemüht hätte, sie vorher zu säubern, und ich war der Meinung, sie bewies etwas Falsches. Ich wollte die Jacke weiterhin behalten, aber es sollte sie niemand sonst anziehen. Das fiel mir jetzt ein. Die Jacke spielte ja in der Erzählung von dem Mord an Elisabet Hallby auch für kurze Zeit eine kleine Rolle. Ich habe sie behalten, stellt euch vor, was soll ich darüber sagen, nicht mit Stolz, sondern mit einem angemessenen Wissen darüber, was zu dieser Geschichte gehört und was meine eigene ist.
Gründe, warum ich seit der Woche vor Mittsommer und noch weit bis in den Herbst hinein in der Hütte gewohnt habe, gibt es mehr, als ich hier anführen muß. Zuerst also die Gründe, warum ich dort überhaupt landete. Es war ein unruhiger Junimonat.
Selbst im Werk machten viele bürokratische Verwicklungen um nichts alles zu einer langatmigen, kleinen Hölle. Die Leute hockten in ihren Räumen und warteten auf die Ferien. In der Kantine führte jedes Gespräch zu dem Bewußtsein, daß wir doch besser Wiederkäuer wären und dann jeder für sich in seinem Raum den Salat von gestern wiederkäuen würde. Es paßte zur Stimmung, daß die Sekretärin, die sich um die Verwaltung unseres Inventars kümmerte, eine reife Frau, sich eines Nachmittags mit einigen Datenlisten auf meine Türschwelle stellte und ihre Listen im nächsten Moment durch den Luftzug aus den hinten gelegenen Räumen ergriffen wurden und einen Augenblick lang wie Engelsflügel um sie herum schwebten, während sie die Hände sinken ließ und in einem Weinkrampf zurückwich, der in einem gehässig gehaltenen, aber glaubwürdigen Bericht über einen Arbeitskollegen im Rang des Kapitäns im Wehrdienstbereich mündete, einem Amt, dessen Räume sich rechtwinklig an unsere im Haus C, Ebene 2, anschlossen. Das Ganze sollte sich im Versammlungsraum auf Ebene 3 abgespielt haben, einem Raum, von dem niemand wußte, wozu er überhaupt da war. Kurz und gut. Sie hatte Angst, sagte sie. Nie zuvor war so etwas in ihrem Leben vorgekommen. Schließlich, nachdem sie sich müde geweint hatte, sagte ich, daß sie schön sei und einer Leiterin einer Rettungszentrale in Vitebsk ähnlich sehe, die ich während eines Rundgangs vor vier Jahren nur zehn Minuten lang gesehen hatte. Wir gingen gemeinsam den Kalender durch und überlegten, wie sie sich krank schreiben lassen und ihren Urlaub verschieben konnte. Aber sie wollte nicht nach Hause gehen, deshalb saß sie an diesem und am folgenden Tag wie in Quarantäne an ihrer Arbeit, wie eine verheulte, halb hyperaktive und halb apathische öffentliche Ratgeberin, wenn wir anderen unsere Bestellungen aufgaben. Später, als sie verschwand, fiel mir auf, ohne es aber jemandem gegenüber zu erwähnen, daß sie ihre Magnetkarte, die man für das Drehkreuz am Eingang braucht, nicht herausgezogen hatte, und bereits am folgenden Tag entdeckte ich sie im Häuserkomplex in einer sicher äußerst verwickelten kreisförmigen Wanderung zurück zu dem Ort ihrer mixed feelings. So war das. Das gesamte Amt war in einem Zustand äußerster Zerbrechlichkeit. In Belgrad saßen unsere Wagen schon die zweite Woche fest. Es kamen Leute, um alle mögliche Software aufzufrischen und neue Modems zu installieren. Sie zogen wie eine Heimsuchung von Raum zu Raum. Aus Trotz, der vor allem mit Dina zu tun hatte, beschloß ich, meinen Urlaub um eine Woche zum Mittsommer hin aufzuschieben und noch eine Anzahl Dinge erledigt zu bekommen. Dina teilte mir nach einem Tag offensichtlichen Nachdenkens per Fax mit (aus ihrem Zimmer an der Hochschule, wo sie immer noch dieses Symposium vorbereitete), daß sie in keiner Weise daran dachte, unsere Reisepläne zu ändern, sie würde mich einfach streichen, sie wollte reisen wie geplant, und das tat sie auch ganz richtig am folgenden Tag. Ich packte unmittelbar darauf alles, was ich meiner Meinung nach brauchen würde, ins Auto und zog hinaus in die Hütte. Eine Stunde hin und eine Stunde zurück konnte ich gut und gern für eine Woche pendeln. Vom ersten Juli an war sie vermietet, aber mir verblieben noch insgesamt zwölf Tage, genug, um ein durchdachtes Dasein aufzubauen. Es war notwendig, einen Fußboden neu zu legen. Die Musikanlage kam mit. Das Gewehr. (Damit es niemand in der Stadt stahl.) Nicht wenige Möbelstücke. Gibbons Römisches Reich, für das ich mir bisher nie Zeit genommen hatte. Ich war mir wohl bewußt, daß es klug gewesen wäre, nur den ersten Band mitzunehmen, aber ich mußte natürlich gleich das ganze Werk mitnehmen.
Ich will mich nicht bei Fakten aufhalten, die bereits in den Vernehmungsprotokollen und anderen Akten stehen. Über das rein Technische wußte ich nur, was wir alle, die wir von der Polizei vernommen worden waren, erfahren hatten, und darüber hinaus noch das, was Olof Häger, der Chefredakteur der großen Zeitung unserer Stadt und seit vielen Jahren ein naher Bekannter von mir, wußte. Letzteres betraf vor allem die Geschehnisse um Eino, die mich ganz zu Anfang auch am unangenehmsten berührten. Nach einer Weile wußte ich zumindest das meiste, was die Leute in der Fahndungsleitung selbst wußten, oder genauer gesagt Kjell Bodelsson, auch er soweit mit mir kollegial bekannt, daß ich ihn vorsichtig aushorchen konnte. In der Runde wurden ich selbst, meine Jacke und meine in Frage kommenden Fischernetze aus den aktuellen Teilen der Untersuchung aussortiert.
Elisabet Hallby war ermordet worden, nicht am Strand, wo man sie fand, sondern an einem anderen Ort, der nach und nach mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit als ein Seitenweg bestimmt werden konnte, nicht weit vom Fundort entfernt, in Richtung Kirche. Es handelt sich hier um einen kurzen Waldweg, der zu zwei großen Müllcontainern führt und dann weiter, um schließlich in den größeren Waldweg zu münden, der an der Hütte vorbeiführt. In den Containern war nichts Besonderes gefunden worden, obwohl die Liste der Gegenstände lang war. Das ist ein Weg, den eigentlich nie jemand benutzt, es sei denn, er will seinen Müll loswerden (oder zwischen diesem Müll botanisieren, was gar nicht so selten und nicht immer ein nutzloses Unterfangen ist). Spät am Abend fahren dort kaum irgendwelche Autos.
Andererseits kann ein Wagen dort stehen, ohne von dem großen Weg aus gesehen zu werden, also von dem zur Kirche hin. Man stellte fest, daß Elisabet Hallby erwürgt und anschließend in einem Auto an den Strand hinuntergebracht worden war, auf einem Traktorpfad, der im großen und ganzen zum Bootsanleger führt. Ob das Netz vor dem Erwürgen um sie gewickelt wurde oder unmittelbar danach, konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, aber nach der Körperhaltung zu urteilen wahrscheinlich vorher. Das gleich galt für die merkwürdigen, widerlichen Schnittwunden: nicht unzweifelhaft, aber wahrscheinlich vor dem Tod. Ansonsten unmittelbar danach, am Mordort, nicht am Strand.
Was unten am Strand stattfand, hätte mit Leichtigkeit von jemandem bemerkt werden können, der den Weg entlangging. Man konnte sowieso eine sonderbare Psychologie darin sehen (und Kjell Bodelsson war dabei ganz und gar meiner Meinung), den Körper seines Mordopfers an eine viel sichtbarere Stelle zu fahren und dazu noch einen engen Weg hinunter, auf dem man nicht einmal wenden konnte. (Ausgehend von den Wagenspuren, nahm man an, daß der Täter, von dem man wohl ohne zu zögern sagen konnte, daß es ein Mann war, fast bis zum Anleger gefahren war und dann zu dem großen Weg zurückgesetzt hatte. Letzteres eine nicht ganz leichte Sache, wenn er nicht ein sehr starkes Rücklicht hatte.)
Die Zeitungen wußten offensichtlich nicht so recht, ob sie es als einen Sexualmord bezeichnen oder lieber die Beschreibung vage genug lassen sollten, daß jeder sich seinen Teil denken konnte. Kjell Bodelsson sagte mir ehrlich, daß nichts danach aussah, solange es keine diesbezüglichen Auskünfte gab. Was deutlich war: der Mann hatte die Kleidung aufgeschnitten und sie zerrissen, ein Stück hier und das nächste woanders, wie um zu schauen, zu entblößen. Um auf diese Art etwas zu sehen, vielleicht die gleiche Sache immer und immer wieder, gerade durch dieses Schneiden und dieses Zerreißen von Stoff, und in einer Wut, die – wenn es sich denn um Wut handelte – so kontrolliert war von einer Art fast pedantisch fixierter Absicht, daß er es vermied, das Netz zu zerschneiden, in das er sein Opfer gewickelt hatte.
Er hatte nicht nur die Geschlechtsteile entblößt und diese auch nicht auffallend verletzt. Sondern irgendwie die ganze Frau. Diese Frau, die ich (wenn auch nur einmal) als Elisabet Hallby getroffen hatte. Wenn auch mit einer Art Tunnelblick, einem Sehen in Flecken.
Es war, sagte Kjell Bodelsson mit einer Formulierung, die sich unangenehm in all ihrer Ratlosigkeit und Idiotie im Kopf festsetzte, nachdem wir eine Weile darüber gesprochen hatten, es war, als ob dieses verdammte Arschloch die Türen eines Adventskalenders geöffnet hätte.
Was man noch sagen konnte: kein Sperma, kein Blut von dem Messerstecher, keine Haarsträhne, keine Kleidungsfaser, kein Schuhabdruck, nichts dergleichen stand zur Verfügung, soweit die Untersuchungen gekommen waren, und für die Stunden, die in Frage kamen, gab es keine Zeugenaussagen von Wert.
Und auch die unmittelbaren, selbstverständlichen Nachforschungen unter Sexualmördern und gerichtspsychiatrischen Schulbeispielen brachten nichts Handfestes.
Natürlich waren Spezialisten von außen hinzugekommen, um an den Untersuchungen teilzunehmen und sie zu unterstützen. Es ist möglich, daß diese sich ihren Teil dachten, es ist möglich, daß Kjell Bodelsson in festeren Bahnen dachte, als er mir zeigte. Aber ich habe das berichtet, was ich konnte. Was übrigblieb, lag vollkommen im Dunkel.
Das tat die Geschichte mit Eino anfangs auch. Die Polizei wartete schließlich mit begreiflicher Ungeduld, zuerst darauf, daß er sich telefonisch aus Växjö melden würde, und später, daß die Leute, die zu seiner Wohnung geschickt wurden, berichten würden, er sei nach Hause gekommen und könne vernommen werden. Soweit wir uns erinnerten, waren ja Elisabet Hallby und er ungefähr gleichzeitig aufgebrochen, hatten vielleicht vor dem Haus noch miteinander gesprochen. Er mußte zu Hause sein, sagten wir uns anfangs, später meinten wir, daß er nun bald nach Hause kommen mußte. Aber er kam nicht heim, die Stunden vergingen, und langsam wurde es unangenehm. Ich hatte der Polizei vorgeschlagen, sich in der Hütte aufzuhalten, damit Madeleine die Kinder in Ruhe ins Bett bringen konnte. Dort saßen wir bis zum Morgen. Stig war auch dabei.
Ich hatte dort kein Telefon, aber das war auch nicht notwendig. Die Küche füllte sich wie ein Resonanzkasten mit dem Knistern und den Wortfetzen auf verschiedenen Telefonfrequenzen und dazu mit dem Simmern der Kochplatte, auf der Kaffee gekocht wurde. Man hatte das Gefühl, in einer eingeschalteten Lampe zu sitzen, in deren Inneres sich Massen von Fliegen verirrt hatten. Das dachte ich, als ich eine Runde auf dem Hof machte und die Hütte von außen sah. Eine Lampe, deren Glühfaden darüber hinaus kurz vor dem Durchschmoren ist, so daß man hinter allem einen Ton hört. Dann wurde es immer heller, die Radiogespräche handelten von vielen Dingen, aber wir hatten uns auf die Sache mit Eino versteift, der immer noch nicht an seinem Wohnsitz angekommen war, und mit der Zeit hielten die drei Polizisten, die in der Küche saßen, uns mehr auf Abstand, während sie in den Äther gingen und Berichte entgegennahmen, aber dennoch bekamen wir einige Informationen über Eino und sein Auto, und uns wurde klar, daß eine zentrale Fahndung nach ihm ausgelöst worden war und er die Hauptrolle in dieser Scheißgeschichte bekommen hatte – als gesuchter Mordverdächtiger.
Später rief er mich selbst an, anderthalb Tage später, als ich wieder in der Stadt war, am Montagabend, und erzählte mir, daß er festgenommen und verhört worden war, aber jetzt keine Probleme mit der Sache mehr hätte. Er sagte, daß er bis zu seiner Festnahme keine Zeitung gelesen hätte, und was mit Elisabet Hallby passiert wäre, hätte ihn zutiefst schockiert. Er klang sehr erschüttert, und wir wußten nicht recht, was wir sagen sollten, aber er räumte das gesamte ungute Gefühl ihm gegenüber aus dem Weg, das mit der Fahndung und der Festnahme zusammenhing, die offensichtlich ihre Dramatik gehabt hatte.
»Ich fuhr an einen kleinen, schlecht gewählten Ort«, sagte er, »anstatt nach Hause. Aber das ist nicht das Problem.«
Und ich sollte nicht mehr daran denken, daß ich es der Polizei so ans Herz gelegt hatte, gerade mit ihm in Kontakt zu kommen, und daß ich so sicher gewesen wäre, wo er sich zu welcher Zeit befinden würde.
Wie gesagt, er klang tief erschüttert und entschlossen freundlich. Von Elisabet Hallby wußte er nur noch, daß sie gleichzeitig aufgebrochen waren, daß er gesehen hatte, wie sie sich von den Leuten verabschiedet hatte, aber als er abfuhr, hatte ihr Auto noch draußen gestanden, und er hatte sie nicht gesehen. Wenn er irgendwas gedacht hatte, dann sicher, daß sie noch drinnen war, als er abfuhr.
Auch darüber brauche ich eigentlich nicht mehr zu erzählen als das, was bereits in den Akten steht.
Was von dem Ganzen noch bleibt, ist eine gewisse Komik. Aber auch die will ich nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.
Ich glaube, ich muß ein paar Worte zu Eino sagen. Mir ist nicht ganz klar, worin seine Arbeit da unten eigentlich besteht. Es gibt einen Biologiezweig und ein gewisses Forschungsniveau, und er hat verschiedene Sekretariatsaufträge, anderer Leute Forschung zu planen oder deren äußere Präsentation, soweit ich verstanden habe. Schriftreihen redigieren und Seminare organisieren. Er studierte Biologie, als wir uns näher kannten, und widmete sich lange Zeit etwas, das mit einem asiatischen wilden Weingewächs namens Kudzu zu tun hatte, einer schnellwachsenden Angelegenheit mit violetten Blumen und dreigliedrigen Blättern – er schmierte den Quatsch immer auf Zettel, Zeitungen und Tischdecken –, die in jüngster Zeit große Teile der USA besiedelt hat, zusammenhängende Vegetationsmatten bildet und dreißig Zentimeter am Tag wächst. Man könne dieses Gewächs jedoch gegen die Erosion benutzen, und von einigen Tieren werde es gefressen. Er warf immer Steinchen ans Fenster, wenn er spät kam, die Tür bereits verschlossen war und wir schon schliefen und er betrunken war. Und wenn man dann fragte, wer da sei, rief er: »Kudzu!« Aus seiner Promotion wurde nichts. Er zog bald nach Göteborg und traf sich dort auch ab und zu mit Madeleine. Eine Zeitlang war er so intensiv mit der finnischen orthodoxen Kirche beschäftigt – Valamo, die Kirchenväter –, daß ich kaum glaube, daß er noch Zeit für Biologie oder anderes hatte. Wenn wir uns treffen wollten, kollidierten die Termine andauernd mit der Feier zur Übergabe der Reliquien des altruistischen Kyros und Johannes oder der heiligen 45 Märtyrer in Nikopolis in Armenien im dritten Jahrhundert.
Später wurde er (und ich nehme an, das war eine schwierige Sache) Atheist.
Ich glaube, er hat ziemlich starke depressive Züge. Ich mochte ihn immer sehr gern. Aber es war schon lange her, daß wir intensiveren Kontakt gehabt hatten. Seit er nach Växjö gezogen war, hatten wir nur noch selten voneinander gehört. Olof Häger wußte also nur das wenige über die Nachforschungen und die Festnahme, was er von seinen Pressekollegen gehört hatte. Es herrschte eine gewisse Schadenfreude über die Polizeimacht, was er mir erzählte, um unser Gespräch aufzulockern, nachdem Eino inzwischen aufgefunden und sozusagen aus dem Mahlstrom heraus war, aus den tieferen und dunkleren Strömungen. Es gab dort einen nahen Arbeitskollegen, einen Assistenten, den die Polizei aufgesucht und intensiv befragt hatte, wo Eino wohl sein könnte, wenn er nicht zu Hause war, und schnell merkten sie, daß es etwas gab, womit dieser nicht so recht herauswollte, aber zum Schluß erzählte er es dann doch. Es ging um eine Frau, bei der Eino sich laut dem zögernden Bericht seines Arbeitskollegen aufhielt. Wie dem Polizisten nach und nach klar wurde, wohnte in dem Haus außerdem einer der Polizeikommissare der Stadt, der Ehemann der Frau, der das Wochenende über Dienst hatte und in der Polizeidienststelle schlief. Die Festnahme wurde diskret, aber in aller Eile vollzogen. Die einzigen, die mitbekamen, was geschah, waren die lokalen Zeitungen. Und damit auch, wie man sich denken kann, alle besser informierten Kreise der Stadt. (Natürlich nicht die Leserschaft.) Ich glaubte nur zu gern, was ich über Eino hörte, denn dieser hatte die Fähigkeit, eigene aufrichtige und einfache Gefühle in phantastische Komplikationen münden zu lassen.
Mir war auch klar, was mir später bestätigt wurde, daß sein plötzlicher Aufbruch von der Hochzeitsfeier, der etwas merkwürdig wirken konnte – und daß er schon am Tag zuvor gekommen und dort geschlafen hatte –, seinen Grund in einem langersehnten Bereitschaftsdienst im Dienstplan des småländischen Kommissars hatte.
Für Eino selbst war das gar nicht lustig. Er hatte Elisabet Hallby sogar ein wenig gekannt.
Es gab auf der Hochzeit nur drei, die sie gekannt hatten. Eino, Stig und Madeleine. Madeleine viel mehr als die anderen, aber auch nicht wirklich intensiv, wie ich es verstand.
Ich konnte mir nicht denken, daß irgend jemand sonst aus der Hochzeitsgesellschaft sie vorher schon einmal gesehen hatte. Madeleine war meiner Meinung. Bis dahin hatte ihre Freundin aus Göteborg, nachdem sie Pfarrerin der Schwedischen Staatskirche geworden war, sie nie dort draußen besucht. Während des Essens hatte sie mir selbst gesagt, daß sie das erste Mal in der Gegend des Landes sei.
Olof Häger forderte per Fax ein paar Zeitungsausschnitte an, während ich bei ihm war. Elisabet Hallbys Ankunft in der Gemeinde Varberg. Ein Interview mit der Lokalzeitung. (Der Zeitungskonzern identisch mit dem in unserem Ort.) Ein unscharfes Bild, auf dem man schwach eine lachende Frau auf der Treppe eines Hauses sitzend erkennen konnte, das kaum das Pfarrhaus, aber vielleicht das Gemeindehaus war – mit einem Hund. Sie hatte einen Hund gehabt. Das war fünf Jahre her. Die Hirtin von Lund will, daß die Kirche dem Leben dient. Hatte sie immer noch einen Hund, einen hinterbliebenen Hund? Ein Leserbrief, unterzeichnet von Elisabet Hallby, der von El Salvador handelte.
Ich nahm die Papiere an mich, sie waren wie eine Erinnerung an irgend etwas. Nichts, was meine eigene Erinnerung betraf, aber eine Art möglicher Erinnerung, die eines anderen. Zwei unscharfe Kopien auf glattem, geschweiftem Papier, und schließlich mußte sie jemand an sich nehmen, sie konnten nicht einfach in einem Papierkorb landen, der so oft wie der von Olof Häger geleert wurde, oder wie der, den ich unter meinem eigenen Schreibtisch im Werk hatte. Als wären sie abgehakt und würden nun in dem unergründlichen Reich der Dunkelziffern verschwinden.
Die Nächte waren immer noch kalt. In einer meiner ersten Nächte in der Hütte machte ich einen langen Spaziergang durch den Wald. Dort führt ein Pfad an einer kleinen, zugewachsenen Kiesgrube vorbei, von wo aus man schließlich auf ein Gelände kommt, auf dem man das Gefühl bekommen kann, daß keine Himmelsrichtungen mehr existieren. Ich konnte von dem Pfad in die trockene, mit Blaubeerkraut bewachsene Kiefernheide abbiegen, so daß alles um mich herum zusammenwuchs und ich mir einbilden konnte, ich wüßte nicht mehr, wo ich war. Der Wald hatte sich ja seit meiner Kindheit überall verändert. Es gab ein Licht, das die dunklen Bäume und Laubkronen aussehen ließ, als versänken sie in sich selbst, in eine andere Richtung. Es gab auch keine Mücken. Das brachte die Kühle mit sich. Ich streckte mich der Länge nach auf der Erde aus, und nach einer Weile war ich eingeschlafen.
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