Read the book: «Eruptionen: Soldnia, Band 1»

Font::

Konstantin Kornel

SOLDNIA I

ERUPTIONEN

Engelsdorfer Verlag

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dank für die große Unterstützung,

meinem

Vater Lutz Nitzsche-Kornel

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

© Einbandfoto Armin Krause, Leipzig

Aus dem Zyklus „Finnland – Am Nordmeer“

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Erster Teil

1.

2.

3.

4. Montag, 6. Januar

5.

6.

7. Freitag, der 3. Februar.

8. Ein abgelegenes Industriegebiet in einem Randbezirk von Netlar – in der Nacht vor dem 5. Februar.

9.

Es war 12 Uhr mittags, am 5. Februar.

10.

ZWEITER TEIL

1.

2.

3.

4. Mittwoch, 8.Februar

5.

6.

7.

9.

10.

11

Epilog

Zum Autor

Erster Teil

Die Welt Soldnia

mit ihren beiden Kontinenten Eloby und Nitsua.

Wir sind in Kanzer, einer ruhigen Stadt

im Südwesten Elobys.

1.

Die imposante Kathedrale, die sich unmittelbar im Zentrum von Kanzer wie ein Gebirge erhob, war gefüllt mit Menschen in grau und schwarz. Die Sitzreihen reichten nicht aus für den immensen Andrang. Viele waren gezwungen, sich auf die Balkone der oberen Ränge zu zwängen und bis hin zum großen Hauptportal standen sie im Mittelschiff eng gedrängt. Die Sonne fiel gedämpft durch die Farben der Bleiglasmosaike der hohen schmalen, gotisch anmutenden Fenster, die sich zu beiden Seiten der Kirchenschiffe bis zur spitzgratgewölbten Decke erhoben und tauchte diesen heiligen Ort in ein dunkel schimmerndes Licht, das als Ensemble eine seltsame Vertrautheit ausstrahlte, Herberge und Furchtort zugleich.

Das krachend-hallende Klacken von Schuhen mit harten Sohlen auf Steinboden durchzuckte in rhythmischen Stößen die feierliche Stille und ließ sämtliche Blicke zum Podium wandern, hinter das Joshua Melson gemächlich trat. Er räusperte sich vorsichtig, mit professionellem Abstand zum Mikrophon, worauf ein sekundenlanges erwartungsvolles Schweigen eintrat, das Joshua mit einem leisen „Vielen Dank, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Es ehrt mich, ehrt uns sehr“, beendete.

Er bemerkte, wie sehr er schwitzte, nahm seine Lesebrille ab, ohne die er seine vorbereitete Rede nicht hätte wiedergeben können und wischte die wenigen Tropfen auf den Gläsern mit einem Taschentuch vorsichtig ab. Er fühlte sich seit jeher unwohl in Anzügen – und besonders diesen hatte er nie gemocht, doch leider war es sein einziger schwarzer. Doch der gegebene Anlass ließ keine andere Farbwahl zu. Er trug darunter ein alabasterweißes Hemd mit einer schwarz-rot gestreiften Krawatte, die mit den kaum vergehenden Sekunden immer enger zu werden drohte. Joshua drückte sich eine Träne weg und versuchte erneut, die Ansprache zu beginnen: „Ich wünschte, der Anlass, zu dem wir alle hier erschienen sind, wäre ein glücklicherer.“

Seine Augen brannten mit jedem Wort mehr, er fühlte, wie die Tränen hervorzubrechen versuchten, doch gab er dem Reflex nicht nach. „Ich bedanke mich aus tiefstem Herzen bei den Vielen, die schon hier gesprochen haben. Jede einzelne Rede, Anekdote und Geschichte hat mich zutiefst berührt. Nun spreche ich, ihr Mann, als Letzter zu Ihnen, um ihr noch die Ehre und Liebe zukommen zu lassen, die sie verdient.“

Er ließ eine kurze Pause, um sich nochmals zu sammeln und blickte dabei, gemächlich die Augen schweifen lassend, eindringlich auf die Masse der schweigenden Gesichter. Er spürte die Unsicherheit in seiner Brust und beschloss, seine Rede auf das Minimalste zu verkürzen. Er war noch nicht wieder stark genug.

„Den Tod meiner Frau werde ich niemals verkraften. Mein Verstand, dieses scharfe Messer der Rationalität, versteht es, doch mein Gefühl, eine unerbittliche Fessel, will nicht glauben, dass es sie nicht mehr geben soll.“

Die bisher mit Mühe zurückgehaltenen Tränen brachen heraus, benetzten Joshuas Lippen mit einem salzigen Hauch. „Ich danke dir, Josephine, für alles, was du je für mich getan hast. Du warst immer für mich da. Du warst die liebevollste, größte und großartigste Frau und Mutter, die …“ – wobei sein Mund zitterte und er kraftvoll das Podium packen musste, um sich wieder fassen zu können. Er konnte nicht mehr. Es war zu viel für ihn: „Ich hoffe, du bist jetzt an einem besseren Ort, Josephine. Ich werde dich niemals vergessen. Ich werde dich immer lieben. Immer.“

Das letzte Wort flüsterte er in das Mikrophon und trat zurück. Er überließ die riesige Halle dem mächtigen Schweigen, das nur durchbrochen wurde von seinen erneut hallenden Schritten, bis er sich wieder auf einem Stuhl niedergelassen hatte. Er hockte allein am äußeren Ende der Stuhlreihe, die rechts neben dem Altar aufgestellt worden war. Ein kurzer Blick auf den leeren Platz rechts neben ihm, erinnerte ihn schmerzhaft an das Fehlen seines Sohnes Alexander, worauf er wie erstarrt, mit den Ellbogen auf den Knien und das Gesicht in seinen Händen verborgen, den Tränen freien Lauf lassen musste.

Es war sehr kühl, selbst für einen solchen Februarmorgen. Eine kräftige Böe von draußen trieb einen unangenehmen Schauer heran und er spürte plötzliche Gänsehaut. Die Luft war klamm und erfüllt vom stetigen Getöse der Stadt. Der Klangteppich aus ihren Verdauungsgeräuschen wurde abrupt durch die dumpf schallenden Glocken überlagert, die eben in diesem Moment in Bewegung gesetzt worden waren als der Sarg mit den vier Trägern an Alex vorbei durch das Portal zu dem parkenden Wagen zu schweben schien, der diesen zur Beisetzungsfeier in das Haus der Melsons bringen sollte. Das schwarze längliche Gefährt mit den verhangenen Scheiben stand direkt vor der Eingangspforte. Alex, der vermisste Sohn, lehnte an einer Säule, in einer der hintersten Reihen der Kathedrale, da er eben noch rechtzeitig zum Beisetzungsgottesdienst angekommen war. Er wollte sich nicht zu seinem Vater setzen, auch wenn er ahnte, wie schlecht der sich jetzt fühlen mochte. Die Wut in ihm war noch zu stark. Sie hatte sich mit der Trauer, dem Schmerz und dem nicht begreifen Wollen, was geschehen war, gepaart. Er kam nicht darum herum, seinen Vater für den Tod seiner Mutter verantwortlich machen zu müssen.

Die Orgel spielte ein Requiem. Dazu schallten die Glocken leise und schwebend aus dem Gebäude. Die Leute, die gestanden hatten, begaben sich nun langsam auf den Weg nach draußen. Alex folgte dem langsamen Strom. War das die Trauerfeier für seine Mutter? Warum spürte er davon nichts? Es war alles so weit weg, überhaupt nicht greifbar. Er schnappte nach dem Moment, nach der Realität und versuchte sich der Situation bewusst zu werden. Es gelang ihm nicht. Er war gefangen in einem mächtigen, ihm unbegreiflichen Ereignis. Hunderte Menschen, die gekommen waren, um seiner Mutter die letzte Ehre zu erweisen. Wie viele waren wohl nur Schaulustige? Einige wenige, die sich beruflich dazu verpflichtet gefühlt hatten. Und niemand der nachvollziehen konnte, was es ihm bedeutete. Kein Einziger war unter diesen Menschen, der wie er am liebsten aufgeschrien und sie alle verscheucht hätte. Er hatte während ihres Lebens so selten die Möglichkeit gehabt, ihr wirklich nahe zu sein. Wieso musste sich das nach dem Tod so unbarmherzig fortsetzen?

Er trat endlich mit der Menge durch das Tor und spürte die klare Luft, die seine Lungen füllte und sein Gesicht erröten ließ. Draußen zerstreuten sich die Besucher in alle Richtungen. Der Leichenwagen stand etwas abseits, damit er nicht den Ausgang versperrte. Mittlerweile war die Orgel verstummt und auch die Letzten hatten ihre Plätze verlassen und den Weg nach draußen angetreten. Er drehte sich um und blickte verstohlen durch das Mittelschiff zu dem einsamen Stuhl neben dem Altar, wo sein Vater saß. Zusammengeschrumpft auf einen Bruchteil seiner Größe, die dunkelbraunen kurzen Haare nicht wie sonst ordentlich zu einem Mittelscheitel gekämmt, sondern zerzaust, das Gesicht verdeckend. Mitleid wollte ihn packen, doch er wich dem aus. Einige Leute erkannten Alex, wollten ihr Beileid kundtun. Er hörte nichts mehr, sah nichts mehr, öffnete wie im Trance die Tür seines Wagens, setzte sich, drehte den Zündschlüssel und fuhr los.

Das Haus der Melsons lag mitten auf dem höchsten Hügel wenig östlich der Stadt, den man von jedem freien Platz im Ort erkennen konnte. Genauso war es möglich, von da aus wiederum die komplette Stadtfläche zu überschauen. Es war ein herrschaftliches, längliches Gebäude, das mit seinem leicht vorstehenden Mittelrisalit entfernt an ein kleines Schloss erinnerte. Vor allem die beiden dorischen Säulen die neben der Eingangstür standen, wirkten so sehr majestätisch wie bedrohlich. Hinter dem Hauptgebäude, das in einem warmen Aprikos gestrichen war, stand noch ein fensterloser, grauer Komplex, der Joshua und Josephine Melson als persönliches Laboratorium gedient hatte.

Jede Facette des Gebäudekomplexes verkündete dem kritischen Betrachter eine überhebliche Dekadenz.

Es war weit nach Mitternacht und der Himmel über der Stadt strahlte sternenklar. Alex saß auf seinem Bett. Der Raum war ihm vertraut, denn es war sein früheres Kinderzimmer. Hier fühlte er sich etwas wohler und geborgener als im restlichen Haus, das ihm schon immer, doch gerade jetzt noch mehr, fremd und kalt vorkam. Er hatte mit sich ringen müssen, um auf dem Weg nach Netlar, der Hauptstadt, in der er derzeit wohnte, umzukehren, um doch noch die Trauerfeier hier im Haus zu besuchen. Für seinen Vater hatte er das getan. Oder? Er wollte ihm noch eine Chance geben. Als er am frühen Nachmittag angekommen war, erfüllte das Haus bereits der schwellende Lärm flüsternder Leute. Das Gefühl von Befremden, das ihn in der Kathedrale so eingenommen hatte, schlich sich wieder an, doch er bemühte sich, es abzuschütteln und seinen Kopf freizubekommen. Seine Mutter war im kleineren der Wohnzimmer aufgebahrt, in einem sehr stimmigen, ruhigen Ambiente, was Alex ein wenig beruhigte, da er befürchtet hatte, dass sein Vater die Aufbahrung womöglich im großen Foyer angeordnet haben könnte. Die weinroten Gardinen waren zugezogen und zwei kleine Tischchen standen mit Blumen und Kerzen geschmückt neben dem schlichten Ebenholzsarg. Niemand sonst befand sich im Raum und er genoss die Minuten der Zweisamkeit mit seiner Mutter, die ihm seit dem Beginn seiner Erinnerung so viel bedeuteten. Er hatte mit ihr geredet, ihr von seinen Gefühlen und Ängsten erzählt und anfangs tat es ihm sehr gut. Doch schon nach ein paar Minuten entstand ein schmerzhaftes Gefühl der Leere in ihm. Nie in seinem Leben war die Einsamkeit so stark gewesen. Daraufhin war er in sein altes Zimmer gegangen, um sich hinzulegen. Nun saß er bereits einige Stunden auf der Bettkante und schaute ins Nichts. Die gesamte Zeit über hatte er die leisen Gespräche mitverfolgt und sie verflucht. Sein Zorn war während der Stunden gewachsen. Sein Zorn auf seinen Vater. Der hatte ihm nicht sehr Detailliertes über den Tod seiner Mutter gesagt. Sie hatten nie viel gesprochen, angemessen ihres niemals sonderlich guten Verhältnisses zueinander. Joshua war stets viel zu beschäftigt gewesen. Er und seine Mutter waren Wissenschaftler aus tiefstem Herzen. Er Chemiker, Neurobiologe und Physiker, sie Mathematikerin und Biologin. Die meiste Zeit forschten und arbeiteten sie. Sein Vater war dazu häufig unterwegs, um Vorlesungen zu halten oder um Sponsoren für ihr großes, geheim gehaltenes Projekt zu finden.

Der Name Melson wurde in den höchsten Kreisen des Staates mit anerkennendem Respekt genannt. Doch diese Ehre, die etliche Privilegien mit sich brachte, an denen er seit jeher partizipiert hatte, zog auch viele Pflichten nach sich. Seine Eltern waren dadurch sehr selten zu Hause gewesen, vor allem der Vater. Alex hatte seit seiner frühesten Kindheit gemerkt, dass seine Mutter die einzige Person im Haus bleiben würde, der er jemals sein Herz öffnen könne. Sie hatte sich immer darum bemüht, jede frei verfügbare Minute mit ihm zu verbringen, ihm Liebe und Geborgenheit zu geben, die ihm sonst so fehlten.

Vor vier Jahren zog Alex aus. Er hatte genug von diesem Haus, genug von seinem Vater und den ewigen Ausreden, weswegen Joshua wieder ein Wochenende oder gleich ganze Wochen fort bleiben müsse. In dieser Zeit nach Alex Auszug schrieb er sich regelmäßig Briefe mit seiner Mutter, die weiterhin der einzige Mensch war, der er sich anvertraute. Jedenfalls fast. Vor einem Monat kam jedoch der erwartete Brief nicht. Sie hatte versprochen zu schreiben. Zwei Wochen lang erhielt er kein Zeichen von ihr. Also geschah etwas, wovon er sich seit seiner Abreise geschworen hatte, es nie wieder zu tun. Er rief zu Hause an. Doch auch dieser Versuch, den Kontakt mit seiner Mutter wieder aufzunehmen, misslang. Es war niemand da. Nicht einmal die Haushälterin nahm ab. Nun erwachten in ihm ernstliche Sorgen und er fuhr noch am selben Nachmittag los, nachzusehen was möglicherweise geschehen war. Am späten Abend schließlich erreichte er Kanzer und eilte sofort die steile Serpentinenauffahrt zum Anwesen seiner Eltern hoch. Drinnen brannte kein Licht, niemand beantwortete sein Läuten. Als letzter Einfall ging er außen um das Haus herum, um im Labor nachzusehen, als zufällig seine Mutter aus diesem heraus trat, wohl um frische Luft aufnehmen zu können. Sie strahlte vor Freude über diese unerwartete Begegnung. Sie hatte ihm daraufhin euphorisch erzählt, dass sie derzeit in einer enorm wichtigen Phase eines bahnbrechenden und geheimen Projekts fest steckten. Sie entschuldigte sich für die versäumte Post und versprach, wieder regelmäßig zu schreiben. Erleichtert fuhr Alex wieder zurück nach Netlar und wartetet vergebens auf den Brief, der nie ankommen sollte. Anstatt dessen erreichte ihn eine Woche darauf ein Brief seines Vaters, in dem mit zittriger Handschrift geschrieben zu lesen war:

Komm nach Hause, Josephine ist tot!

Er wollte es zuerst nicht begreifen. So stand er vor seinem Briefkasten im Hausflur und zitterte. Er dachte an einen schlechten Scherz, doch alle seine inneren Stimmen hatten ihm die Sicherheit gegeben, dass es Ernst war. Wieder war er sofort den weiten Weg nach Kanzer gerast, dort ein Haus voller Chaos – und seine tote Mutter vorzufinden.

Ein lautes Geräusch weckte ihn aus seinen Erinnerungen. Die Haustür war zugefallen und die plötzliche Ruhe im Haus hatte ihn aufgeschreckt. Er schaute auf die Uhr: viertel vor Eins. Er hörte Schritte näher kommen. Es konnte nur sein Vater sein; dennoch und vielleicht gerade deshalb klangen sie bedrohlich. Er verspürte nur noch das zwingende Bedürfnis, endlich allein unter den Lebenden zu sein. Er wollte nur zu Josephine. Er brauchte Ruhe.

Die plötzliche Stille bedrückte Joshua. Die Tür war der letzte laute Knall der diesen anstrengenden Tag eigentlich zur Ruhe kommen lassen sollte. Nun kam er nicht umhin, zu seinem Sohn sich zu begeben. Die letzte Zeit war eine Zeit der Reue für ihn gewesen. Ihm war mit jeder Minute, die seine Frau tot war, mehr von seinem fehlerhaften Verhalten klar geworden und nun wollte er sich vor sich selbst verstecken, lief durch die großen, nur spärlich beleuchteten Flure des Erdgeschosses in die Richtung des alten Kinderzimmers. Er atmete tief durch, fasste sich einen Moment, um sich selbst klar zu machen, weshalb er hier war und stellte sich in den Türrahmen. Der Raum lag im Dunkeln. Nur spärlich vom Licht aus dem Flur und von dem der Sterne durch die Fenster erhellt. Sein Sohn saß zusammengekauert auf der Bettkante in Richtung Fenster gewandt. Joshua blickte verstohlen an ihm vorbei durch die Fenster, die einen wunderschönen Blick auf die Lichter der Stadt boten. Er fing sich, der Situation bewusst werdend.

„Mein Sohn … Alex. Ich weiß, dass es für dich genauso schwer ist“, stammelte er und kam sich fast lächerlich vor bei seinen Worten. Er wusste nicht, wie er sich angemessen ausdrücken sollte. „Können wir nicht darüber sprechen?“

Er schluckte tief und vermeinte, dass Alex seine Unsicherheit mitbekam. Er hatte keine Regung gezeigt, seit Joshua im Raum war, dennoch bemerkte Joshua seine Anspannung. Fast unhörbar flüsterte Alex plötzlich: „Jetzt willst du dich plötzlich dafür entschuldigen, dass sie wegen dir sterben musste. Ich weiß schon, wie es war.“

Joshua blieb der Atem weg nach dieser Anschuldigung. Er hatte nicht von sich gedacht, dass er die Gedanken seines Sohnes gut deuten konnte, doch in solche Abgründe zu blicken, hatte er nicht erwartet. Er fühlte sich unbeholfen. Mit lauterer, und bestimmterer Stimme fuhr Alex fort:

„Ich weiß, dass du es hättest verhindern können!“

„Du weißt selber, dass das nicht wahr ist!“, fuhr Joshua ihm ins Wort.

Alex erhob sich ruckartig zu seiner vollen Größe und schaute Joshua mit durchdringenden Augen an: „Was weiß ich?!“, schrie er seinen Vater an. „Nichts weiß ich, weil du dein Maul nicht aufbekommst. Weil du das nie konntest!“

Alex drehte sich wieder um, stellte sich ans Fenster und lehnte sich mit den Ellenbogen aufs Fensterbrett. Es fühlte sich kalt an und ihn überkam eine Gänsehaut. Joshua wollte noch nicht aufgeben.

„Ich will doch mit dir reden. Es fällt mir sehr schwer, Alex. Wieso können wir denn nicht noch mal von vorn beginnen? Wieder aufeinander zugehen. Ich will die vielen Jahre wieder gutmachen. Wieso können wir es nicht wenigstens versuchen?“

Joshua stand zitternd im Raum. Er hatte sich bewusst entblößt, um Reue zu zeigen. Die Pause des Schweigens wurde immer unerträglicher für ihn.

Mit einem Ruck drehte Alex sich um und schaute seinem Vater tief in die dunklen braunen, jetzt feuchten Augen: „Weil es dafür zu spät ist!“

Joshua konnte auf diesen plötzlichen Schlag nicht reagieren und stand regungslos im Raum, lange nachdem Alex an ihm vorbei hinaus geflüchtet war und das entfernte Knallen der Eingangstür durch das leere Haus hallte. Als er hörte, wie Alex den Wagen anließ, fasste er sich und trat an das Fenster. Er konnte noch flüchtig erkennen, wie das kleine blaue Auto am Fenster vorbei und um die Ecke in Richtung Stadt fuhr. Das Motorengeräusch war noch lange Zeit zu hören. Eine Welle der Kraftlosigkeit überkam ihn. Er fasste mit der flachen Hand an die Glasscheibe, ohne zu wissen, warum und fühlte die kalte glatte Oberfläche. Dahinter lag das kleine beleuchtete Stück Straße vor dem Haus mit der Silhouette der nächtlichen Stadt Kanzer, deren Lichter sich bis zum Horizont erstreckten.

Es war Sonntag, der 5. Februar.

2.

Sein Entschluss zu fliehen, war plötzlich über Alex gekommen. Es war, als könnte er nicht anders, als hätte ihn eine unsichtbare Hand davon weg getrieben, sich der Diskussion zu stellen. Jetzt saß er in seinem Auto und fragte sich, ob es Furcht gewesen war. Er hatte seine Gefühle nicht unter Kontrolle. Also beschloss er, alles von sich abzulegen und sich nur auf die Straße zu konzentrieren. Der Hügel, auf dem das Haus stand, lag am Rand eines elitären Villenviertels, kurz vor der Innenstadtgrenze von Kanzer. Nach ein paar Straßen kam er spürbar in eine dichter bewohnte Gegend. Es befanden sich kaum Menschen auf der Straße. Kanzer war eine Kleinstadt und selbst das als Zentrum Bezeichnete lag fast verlassen da. Er merkte, dass er zu schnell fuhr und verlangsamte seine Fahrt. Er hatte keine Eile. Er liebte diesen Ort sehr, so wie man wohl nur eine Heimat lieben konnte. Er hatte reichlich gute Erinnerungen an die vielen verwinkelten Plätze, die die Stadt bot. Aus der Hauptstraße bog er in eine kleinere ein, die ihn direkt zur Goise, dem Fluss führte, der sich quer durch den Ort wand. Auf der alten Steinbrücke hielt er am Straßenrand an. Von hier aus konnte er direkt auf die Kathedrale blicken, die direkt am Flussufer erbaut worden war. Sie stand mächtig und gelassen da, angestrahlt in einem warmen gelben Licht, umgeben von großen weiten Grünflächen, ruhig und verlassen. Er musste an den Beisetzungsgottesdienst am Morgen denken, dann an die anderen Ereignisse, die in dieser Nacht stattfinden würden, ein kurzer Moment der Sorge. Lieber nicht daran denken. Dadurch, dass seine Mutter nun fort war, verband ihn nichts mehr mit Kanzer. Nur Schatten. Er hatte sich soeben dazu entschieden, diese Verbindung zu kappen. Also genoss er den stillen Moment, um sich im Inneren dieses Ortes, der so viele Jahre seine Heimat gewesen war, zu verabschieden. Er kam sich ein wenig zu melancholisch und plötzlich auch lächerlich vor und ließ den Motor wieder an. Auf der Straße musste er wenden, um in die Richtung der Autobahn nach Netlar zu gelangen. Während des Wendens hatte er kurz den Blick auf das Haus seines Vaters werfen können, das hoch auf dem Hügel hinter der Stadt prahlte. Die Überheblichkeit, die dieses große Haus auf dem Hügel hinter der Stadt ausstrahlte, machte ihn plötzlich wieder einmal wütend. Er wollte nicht an solchem Lebensstil teilhaben, den er als dekadent verabscheute und wurde sich im selben Moment bewusst, dass er vor kurzem erst beschlossen hatte – weshalb nicht früher, fragte er sich –, dass er das nicht mehr tat. Er hatte einen besseren Weg gefunden, sein Leben zu beschreiten. Sogar so etwas wie ein Sinn lag darin. Das löste in ihm ein Gefühl der Zufriedenheit aus, wie er es seit Wochen nicht mehr gespürt hatte. Mit diesem Gefühl bog er in die Auffahrt ein, die ihn nach Netlar, nach Hause führte.

Joshua saß im kleinen Wohnzimmer und starrte die Wand an. Nervös knetete er ein Stück Wachs, das er von einer der Kerzen gekratzt hatte und dachte nach. Er zitterte und wippte mit dem linken Fuß, ohne es zu bemerken. Plötzlich schaute er geradeaus auf Josephine, die immer noch im Sarg aufgebahrt da lag. Er warf das Stück Wachs weg und verlor sich in seinen Erinnerungen:

Es war ein warmer Sommertag, vor nun fast fünfundzwanzig Jahren. Joshua war damals achtzehn geworden, befand sich auf dem Weg zum höchsten Schulabschluss und fühlte sich froh, sein Leben bald der Wissenschaft widmen zu dürfen. Er war ein sehr stiller Junge. Mit Vorliebe mied er die Konfrontationen mit zu vielen Menschen, war gern allein, ein typischer Außenseiter. Aber das war ihm egal. Anerkennung oder Beachtung maß er keinen Wert bei. An jenem Tag nun wurden sportliche Wettkämpfe ausgetragen, denen er stets fern geblieben war. Nur hatte Marc, ja er erinnerte sich an den blonden, großen, dummen Marc, mal wieder andere Pläne mit ihm. Es gab eine Schlägerei, wenn man es überhaupt eine solche nennen konnte. Marc hatte Joshua geschubst, woraufhin er ebenso konterte. Das nahm Marc als Anlass, Joshua mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen. Joshua ging zu Boden, wieder einmal gedemütigt vor der ganzen Klassenstufe, daran gewöhnt, wieder einmal resignierend. Unter dem bohrenden Gelächter und beißenden Gekicher der Mitschüler stand er lustlos auf und schlurfte zu einer Bank, um sich zu setzen und wollte den Vorfall schon vergessen, als plötzlich ein Mädchen aus der tuschelnden Menge sprang und lauthals anfing loszuschreien, was für ein kindisches Verhalten das denn wäre. Ob denn nun alle übergeschnappt seien. Er sah sofort, dass sie schön war. Sie hatte dunkles, schulterlanges Haar, zu einem Zopf zusammengebunden und große, braune, wilde Augen. Sie stellte sich mit verschränkten Armen vor ihn und verteidigte ihn vor den Übeln dieser Welt. Das war Joshuas erste Erinnerung an Josephine.

Er stand auf und beugte sich über den offenen Sarg. Ihr Gesicht hatte sich nicht sehr stark verändert. Einige erste Falten zeigten sich. Ihm war es so, als hätte sie aber niemals ihre Stärke verloren. Sie war seit jeher ein unbeirrbarer Mensch gewesen, wusste, was sie wollte und hatte sich nie davon abbringen lassen. Er berührte ihre Hand und erschrak, wie kalt diese war. Er konnte immer noch nicht akzeptieren, dass sie tot war. – Ex und Finis! Nun überkam es ihn mit einem plötzlichen Hauch von Hilflosigkeit.

Sie hatten sich allmählich kennen gelernt und waren sich näher gekommen. Sehr früh hatte Josephine ihre Eltern verloren und war abwechselnd bei verschiedenen Onkels und Tanten untergekommen, die weit verstreut über das Land gewohnt hatten. Irgendwann war sie aus einem ihr unbekannten Grund bei ihrer Tante mütterlicherseits verblieben, die in Kanzer lebte. Josephine war selbstbewusst und stark nach außen, das Leben hatte sie hart gemacht. Innen steckte aber ein sensibles Mädchen, das einfach nur ab und zu an die Hand genommen werden wollte. Sie verband Herz und Härte. Auf die erste Begegnung und Joshuas gehaspelter Bedankung hatte sich ein längeres Gespräch angeschlossen, in dem klar geworden war, dass Joshua und sie die Leidenschaft und Liebe zur Wissenschaft verband. Sie erzählte ihm heißblütig von den Möglichkeiten der Gentechnik, von denen sie auf ihren Reisen so viel gelesen und gehört hatte, während er ihr die unglaublichen Errungenschaften der Nano-Physik erklären wollte. Dabei führte er sie in seine kleine Welt und sie ihn in die große, weite.

Joshuas Eltern freuten sich, dass seine Einsamkeit und Zurückgezogenheit ein Ende hatte. Sie luden Josephine oft zum Essen oder dem traditionellen Nachmittagskaffee ein und nach einigen Monaten verbrachten die beiden fast jeden Nachmittag zusammen, hockten in Joshuas Zimmer, lernten oder erzählten sich gegenseitig heißblütig von ihren Fortschritten bei den höchsteigenen Untersuchungen.

Eines Tages saßen sie wie immer über ihre Bücher gebeugt auf seinem Bett als sie plötzlich aufschaute. Mit einigen dunklen Strähnen, die über ihrem Gesicht schwebten, blickte sie Joshua mit ihren mandelförmigen Augen an und nahm seine Hand. Mit einem Moment verschwand das Zimmer um sie herum und Blattgrün, eine frisch gemähte Wiese, Blumen und ein Sonnenaufgang im Sommer strömten durch Joshuas Nase, als Josephine ihm ganz nah kam und ihn küsste. Furchtlos entblößte sie ihm ihre Seele und gestand ihm ihre Liebe. Es war ein kurzer Moment, der alle seine Hoffnungen bestätigte und seine Ängste zerstreute. Fassungslos war er. Ungläubig und von so viel Glück durchdrungen, wie er es niemals für möglich gehalten hätte.

Er erinnerte sich noch wortwörtlich an das, was sie damals zu ihm gesagt hatte: „Ich liebe dich Joshua. Ich möchte mit dir zusammen sein. Solange wir leben. Und wenn es möglich ist, sogar noch darüber hinaus.“ Sie hatte damals kindisch gekichert und meinte doch jedes Wort todernst.

Sein Herz klopfte stark. Nun war es soweit. Es ist nicht so gekommen, wie wir es uns erhofft hatten. Es ist schief gelaufen. Du bist gestorben. Doch das werde ich wieder gutmachen. Dein Tod wird nicht sinnlos sein. Dein Tod wird endlich sein! Wir haben zusammen daran gearbeitet, wir haben so lange alles daran gesetzt und niemals aufgegeben

Nun wild entschlossen erhob er sich, griff vorsichtig unter sie und hob sie aus dem Sarg heraus. Er lief mit ihr durch den Korridor, stieß die Haustür mit dem Fuß auf und trat nach draußen. Die kalte Winterluft schnitt ihm scharf in das Gesicht – doch nichts sollte ihn nun aufhalten. Mit gezielten Schritten schritt er rechts um das Haus herum und ging auf die massive Stahltür des Laboratoriums zu. Kurz hielt er Josephine mit nur einem Arm, um die Sicherheitskombination einzugeben, woraufhin die Tür sich mit einem Klicken öffnete. Er schob sie mit dem Fuß auf und ließ sie hinter sich zufallen. Die langen kalten Lampen an der Decke erwachten automatisch mit einem knisternden Flackern zum Leben. Durch und durch kalt und steril lag die Halle da. Der Boden bestand aus unzähligen glatt polierten Metallplatten und spiegelte das kalte weiße Licht der Dioden von den Deckenlampen verschwommen wider. Überall standen, scheinbar chaotisch, doch eigentlich mit akribischer Ordnung aufgestellt, komplizierte Geräte herum, von denen einige beim Öffnen der Tür angesprungen und andere permanent aktiv waren. Trotz des unpersönlichen Klimas im Raum fühle Joshua sich wohlig behütet. Viel eher als in Gesellschaft, besonders denen, wo er um finanzielle Unterstützung für sein Projekt buhlen musste. Er hatte zusammen mit Josephine fast durchgängig die gesamten letzten zwei Jahre hier verbracht. Er legte sie vorsichtig auf eine Art Trage, die neben einem großen Gerät stand, das aussah wie ein großer sargförmiger Kühlschrank. Nachdem er an einer Konsole hantiert hatte, öffnete sich der Glasdeckel und das Gerät wurde zischend und quietschend in eine waagerechte Position gebracht. Innen war der Behälter mit weichem Stoff ausgekleidet. Joshua nahm Josephine vorsichtig von der Trage und bettete sie hinein. Er befestigte Lederriemen an ihren Hand- und Fußgelenken, fixierte ihren Kopf und schloss mit einem Knopfdruck den Glasdeckel wieder, worauf sich der Behälter quietschend in eine senkrechte Position bewegte. Joshua stellte sich hinter eine mattglänzende Konsole, die unmittelbar vor dem Gerät aufgebaut war, völlig geistesanwesend und konzentriert. Für Gefühle jeglicher Art war nun kein Raum mehr in ihm. Das Risiko eines Fehltritts war enorm. In Gedanken ging er jeden Schritt noch einmal gründlich durch, bevor er tief durchatmete und auf einen grünen Knopf neben einem Bildschirm drückte. Der Raum schien plötzlich zum Leben erweckt worden zu sein. Von überall drangen Zischgeräusche zu ihm und Behälter mit Flüssigkeiten aller Art begannen laut zu gluckern. Dampf quoll heftig aus einigen Geräten um ihn herum. Joshua ging einen Schritt zur Seite und stellte sich vor einen massiven, grünen Hebel.

„Du wirst wieder leben, Josephine!“, brüllte er sich Mut zu und legte mit Wucht den Hebel um, der laut knallend einrastete. Sein Herz klopfte wie wild und er dachte, er bekäme keine Luft, so groß war der Druck in ihm. Er hatte Angst. Sie kam plötzlich und ohne Vorwarnung über ihn und begann seine Sinne zu lähmen, wogegen er mit allen psychischen Kräften ankämpfte. Er zuckte, als der Bildschirm rot zu blinken begann. Nachdem er auf ein paar Tasten gedrückt hatte, hörte das Blinken auf. Noch lief alles nach Plan. Er überprüfte noch einmal nervös alle Anzeigen. Das Programm näherte sich dem kritischen Punkt. Der, an dem beim letzten, dem entscheidenden Versuch alles schief gelaufen war. Nochmals überprüfte er die Anzeigen. Alles schwankte im grünen Bereich. Nichts Beunruhigendes. Nun war der Moment gekommen. Er drehte an dem kleinen Rädchen, das die Menge der Mixtur regulierte, die Joshua nun intravenös in den toten Körper seiner Frau injizieren ließ. Seine Hände schwitzten. Nun musste er beweisen, dass er den Fehler behoben hatte. Der Generator durfte diesmal nicht überhitzen! Er kontrollierte wieder die Anzeigen, die nur ein kleines unbedeutendes Bisschen in den orangen Bereich gerutscht waren. Plötzlich knallte es laut hinter seinem Rücken und er dachte sofort, dass das nun das Ende des Experiments war. Als er sich umdrehte, sah er, dass nur ein Stück aus einem unter Druck stehendem Rohr abgesprungen war, wodurch die Kühlflüssigkeit, nun gasförmig geworden, aus der offenen Stelle zischte. Noch nichts war verloren. Er schnappte sich den schweren Industrietacker vom Regal an der Wand gegenüber, hob das Stück Metall vom Boden auf, hielt es schnell auf die defekte Stelle und befestigte es mit vier kräftigen Schüssen. Als er sich umdrehte, waren die Anzeigen immer noch in keinem Besorgnis erregenden Bereich. Er war erleichtert. Der Generator summte nun immer lauter und war in vollem Gange. Die Geräte zischten, gluckerten und piepten. Er hatte alles unter Kontrolle. Da kam das erste Signal. Die Anzeige, die für die Reaktionen des Behälters da waren, piepte und leuchtete. Es war das Herz. Es war sein Herzschlag. Die Spannung in ihm war zu groß. Mit den Mäusen und Kaninchen waren sie nie weiter als bis zu diesem Punkt gekommen. Er gab mehr Energie hinzu. Die hohe Spannung, die aufgewendet wurde, konnte der Generator nicht lange aushalten, geschweige denn die Geräte, Kabel und Lötstellen. Er musste schnell einen Gang höher schalten.

Quietschend kam er zum Stillstand. Sein Herz klopfte heftig. Nur ein Gefühl. Eine Ahnung. Es war, als wusste er, dass irgendetwas passiert war, aber er wusste nicht, wohin er dieses Gefühl einordnen sollte. Erst einmal atmete er tief durch und schaute sich um, ob er nicht die Fahrbahn blockierte, doch hinter ihm war die Straße völlig leer, der Wagen stand halb auf dem Seitenstreifen.

Was konnte dieses Gefühl bewirkt haben. Hatte der Wagen sich seltsam angefühlt? War es ein körperliches Gefühl? War es wegen der Fabrik? Er schloss diesen Gedanken aus. Dann musste er plötzlich an seine Mutter denken. Ihr Bild durchfuhr sein inneres Auge. Etwas war geschehen. Das spürte er, und es hatte mit ihr zu tun. Mit diesem Gefühl konnte er nicht weiter fahren. Er musste umkehren. Schwere Sorgen überkamen ihn, gepaart mit dem schlechten Gewissen, dass er nicht hätte wegfahren dürfen. Es verwirrte ihn und er verstand es nicht, doch er wendete sofort und fuhr zurück, diesmal schneller, bestimmter, konzentrierter. Ein Ahnen trieb ihn an, ohne dass er hätte Widerstand leisten können. Etwas war geschehen und er musste herausfinden, worin es bestand.

Ein Fehler! Diese Befürchtung war ihm als erster Gedanke durch den Kopf gefahren, nachdem er den Regler ein wenig höher gedreht hatte. Zwar nur ein Bruchteil einer Sekunde, doch er hörte, wie sich die Geräusche der Geräte veränderten. Die Anzeigen bestätigten sein Gefühl. Sie rutschten unsicher hin und her, den roten Bereich schneidend. Ein Schriftzug blinkte auf dem Bildschirm auf: System überlastet! System überlastet. Er ignorierte die Warnung und tippte konzentriert auf die Tastatur ein. Schweißperlen rannen ihm die Stirn herunter und tropften auf die Armatur. Das Blinken hörte nicht auf. Es wurde stärker. Gleichzeitig begannen etliche rote Lämpchen an den verschiedensten Geräten zu leuchten.

Das Herz schlug.

Funken sprühten plötzlich aus einem Gerät. Joshua hämmerte auf die Konsole ein, so dass die Funken plötzlich verschwanden. Es knallte. Und noch einmal. Und wieder. Aus allen Ecken des Raums kam Spannung. Überall lösten sich Metallteile und flogen durch die Luft.

Die Lunge atmete.

Qualm trat aus einer Öffnung am Boden aus; sofort darauf auch aus einem Gerät an der Wand, das sofort Funken versprühte und laut zischte. Eine Sirene ertönte. Joshua biss die Zähne zusammen. Er hatte es noch unter Kontrolle. Seine Sinne waren gespitzt, aufs schärfste konzentriert. Wie ein Orgelspieler in seiner musikalischen Ekstase wirkte er, wie er sich über die Armatur beugte und mit beiden Händen Tasten drückte, Hebel betätigte und an Rädchen drehte.

„System überlastet! System überlastet! Sofort Stromversorgung kappen!“, schallte es blechern befehlend aus einem Lautsprecher. Die Anzeigen blinkten wild im roten Bereich.

Die Neuronen im Hirn erwachten.

Wieder ein Knall. Diesmal lauter und mit einer starken Erschütterung verbunden. Etwas war explodiert. Joshua schaute sich um und sah Flammen, die aus einem Gerät stießen. Die Tasten reagierten nicht mehr. Plötzlich explodierte die Konsole. Er musste beide Hände schützend vor sein Gesicht nehmen, um sich vor den sprühenden Funken schützen zu können. Er hatte keine Kontrolle mehr. Wieder schallte die Stimme durch den Raum. Diesmal übertönt vom Fauchen und Zischen, vom Knallen und Kreischen der Explosionen:

„Generator sofort abschalten. Reaktorschmelze steht bevor. Generator sofo …“ Die Stimme verstummte. Joshua nahm nichts mehr wahr. Seine Gedanken wurden von seinem Überlebensinstinkt überlagert. Er rannte zur Tür, beinahe in eine Stichflamme geratend, die hinter ihm aufloderte. Die Tür kam näher. Er lief hindurch – - – und im selben Moment, in dem sein Körper plötzlich federleicht wurde, verstummte scheinbar jedes Geräusch in seiner Umgebung zu einem bedrohlichen Brummen. Sein Körper wurde von einer seltsamen Macht durch die Luft geworfen. Wie durch einen Katapult abgeschossen, schleuderte ihn die Druckwelle der Explosion einige Meter weit auf die feuchte Rasenfläche, auf der er schmerzhaft mit den Händen zuerst aufkam und noch ein Stück weiter rollte. Es war so laut, dass er nichts mehr hörte. Nur ein Fiepen. Er drehte sich um, konnte noch fast erleichtert denken, dass das Labor die verhältnismäßig kleine Explosion überstanden hatte, als das gesamte Gebäude in einem gigantischen heißen Feuerball aufloderte, ein gleißender Strahl sich daraus hoch in den dunklen Nachthimmel erhob und sich Geröll, Staub und Feuer zu einem gigantischen Getümmel durch die Luft verteilte. Wie ein konzentrierter Blitz fuhr der Lichtstrahl in einem Bruchteil einer Sekunde hoch und erlosch so schnell, wie er erschienen war. Die Luft beruhigte sich. Splitter verschiedenster Art rieselten noch auf den Boden um ihn herum. Ein Steinchen hatte ihn an der Wange getroffen. Er spürte keinen Schmerz. Das Fiepen in seinen Ohren verschwand langsam. Die Luft war warm und voller beißendem Qualm.

Es fröstelte ihn an seinem Rücken. Er sah den brennenden Haufen Schutt und Geröll, der einmal das Labor gewesen war. Tränen brannten in seinen Augen. Er konnte nicht ausreichend atmen, konnte nicht denken. Sein Gesicht war nass von Tränen und Blut, er verwischte beides wie im Trance, lief davon. Mit langsamen Schritten stolperte er über den lädierten Rasen. Keiner seiner Sinne war noch intakt. Nur eine unsichtbare Macht trug ihn weg, den Hang des Hügels hinunter. In die Stadt.

Kanzer lag kalt und verlassen da. Der Himmel hatte sich zugezogen und war jetzt von drohenden Wolken bedeckt. Es würde bald schneien, dachte Joshua, als er nach oben blickte. Er fühlte sich zerschmettert. Ein kurzer Moment hatte in ihm sein Seelengerüst einbrechen lassen. Er hatte förmlich gespürt, wie der Turm in sich zusammen gefallen war. Nun tauchte er ab in einen See. Während seines langen Marsches den Hügel hinab in Richtung Stadt, bemerkte er nicht einmal die beißende Kälte und hatte nur im Sinn, das Risiko des Erwachens aus dieser Trance so lange wie möglich fern zu halten, in dem er sich betrinken würde. Es war so, als ob er einen Punkt ansteuerte, der für ihn das Ankommen bedeutete. In ihm wuchsen keine kompletten Gedankenstränge mehr. Nur Wörter, halbe Sätze, Bilder und Erinnerungen flackerten vor seinem Inneren Auge auf. Joshua überließ seinem Körper die psychoautomative Kontrolle. Das trug ihn in das kleine Trinker- und Spielerviertel, das nahe am Fluss lag. Es war eine kleine Bar, die er bis zu diesem Tage beim zufälligen Vorbeigehen, während seiner regelmäßigen Spaziergänge immer mit Abscheu und herablassendem Blick angeschaut hatte. Der Schriftzug „Dean’s Bar“ flackerte über der Tür. Nun trat er ein.

Innen war es spärlich gefüllt. Die Luft hing muffig aber warm im Raum. Zigarettenqualm drang unbarmherzig in die Augen und Lungen. Aus einigen dunklen Ecken wehten Fetzen gemurmelter und gekrächzter Gespräche, dazwischen das Klirren von Gläsern und Poltergeräusche. Ein Televisor lief am Tresen. Er setzte sich auf irgendeinen Barhocker und fühlte dabei wie die Wärme in seinen Körper zurückfloss, bestellte den stärksten Schnaps und leerte ein Glas nach dem anderen.

Nach und nach verschwanden die Gedankenfetzen und wurden von einem gleichmäßigen Brummen in ihm abgelöst. Ein angenehmer Nebel kam auf, ließ ihn abtauchen, als hätte er in die Stille der Meerestiefen gelangen können. Der Bildschirm flimmerte immer noch, ohne Ton, als der Mann hinterm Tresen ihn lauter stellte, da eine Sonder-Nachrichtensendung begann.

„Eloby-TV jetzt mit den Top-Neuigkeiten: Der Konflikt zwischen der rebellierenden Untergrundgruppe um den ominösen Führer Snake und den Eloby’schen Streitkräften hat sich soeben mitten in der Netlaer Innenstadt zu nicht geahnten Ausmaßen zugespitzt. Wir haben erste Bilder und schalten live zu unseren Kollegen vor Ort.“

Es tauchte ein Mann im Bildschirm auf, der sich an seinem Mikrophon festklammerte. Er stand vor einer im Dunkeln liegenden Straße, die von einigen einzelnen Feuern flackernd erleuchtet wurde. Im Hintergrund konnte entfernt das Chaos und die panischen Menschen auf der Straße erkannt werden.

„Soeben haben sich die Kämpfe wieder beruhigt und das Militär konnte die Aufständischen in die Flucht schlagen. Bislang ist noch nicht viel über das Geschehen bekannt. Es gibt aber laut Aussagen des Polizeisprechers bereits sieben Tote und eine hohe Anzahl Verletzter. Die Krawalle begannen in einer nachts sehr belebten Straße direkt im Zentrum von Netlar. Zurzeit suchen die …“

Joshuas Nacken verkrampfte sich durch das Aufblicken zum Fernseher. Er massierte sich leicht die Schultern und blickte wieder zusammengesackt auf seine, auf dem Tresen liegenden Hände.

Er bestellte eine ganze Flasche vom stärksten Schnaps und verließ torkelnd die muffige Bar. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine überdachte Einfahrt, in der ein noch schwach brennendes Stahlfass stand. Joshua legte sich in eine Nische in der Einfahrt, in der er von der Straße aus nicht sichtbar war. Die Backsteinmauern umfingen ihn und schützen ihn vor dem kühlen Wind. Ein kleines, blaues Auto fuhr die Straße entlang und im letzten Moment bevor Joshua vor Erschöpfung einschlief, sah er dessen Lichtkegel über die beschädigte Wand huschen.

Alex machte sich ernstlich Sorgen. Sein Herz klopfte schnell, als er die Auffahrt endlich erklommen hatte. Etwas stimmte nicht. Er hielt vor der Eingangstür und sprang heraus. Die Klingel hallte durch das Haus. Es brannte noch Licht im Foyer und auch in einigen Zimmern. Als nach dem dritten Klingeln jedoch immer noch niemand öffnete, schaute er sich um und dachte nach: Wo kann er nur sein? Plötzlich fiel ihm auf, dass er schon die ganze Zeit einen merkwürdigen Geruch wahrgenommen hatte. Es stank penetrant nach Verbranntem. Er schrak auf, rannte um das Haus herum und traute seinen Augen nicht, als er den noch immer glimmenden Ruinenhaufen vor sich sah. Sein Mund stand offen und er brauchte einen Moment, um zu realisieren, was er da sah.

Papa, was hast du nur getan?

Verzweifelt durchkämmte er die Ruine nach den Resten einer Leiche. Aber er fand nichts. Alles, was einmal zum Labor gehört hatte, war zerstört. Nur ein seltsames Gerät, das wie ein Kühlschrank aussah, lag unversehrt, mit Ruß bedeckt, inmitten der Trümmer. Er ging näher heran und wunderte sich immer mehr darüber, was sein Vater in diesem ominösen Labor getrieben haben mochte. In diesem Moment hörte Alex ein Knacken aus dem dunklen Waldstück hinter sich. Er drehte sich ruckartig um, lauschte gespannt in die Dunkelheit. Sein Herz klopfte noch stärker.

Nur nicht die Nerven verlieren jetzt. Das war nur ein Fuchs oder irgendein anderes Tier, dachte er und versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Da vermeinte er plötzlich, die Silhouette eines Menschen zwischen den Bäumen zu sehen.

„Ist da wer?“, knurrte er halblaut, doch fordernd. Es blieb still. Sein Brustkorb schien zu schrumpfen. Die Figur bewegte sich nicht. „Papa?! Bist du das?!“, rief er, sich selbst zu beruhigen. Er tastete durch seine Taschen, auf der Suche nach etwas, womit er sich sicherer fühlen könnte. Da spürte er die kalte Oberfläche seiner Pistole in der Jackeninnentasche. Die hatte er vergessen, noch am letzten Abend geglaubt, sie zu benötigen. Doch das war ein gänzlich anderes Sorgenthema. Innerlich bestärkt zog er die Pistole aus dem Halfter und richtete sie zitternd auf die starre Person: „Jetzt kommen Sie heraus und zeigen Sie sich! Sonst schieße ich.“ Er dachte dabei kurz, dass er sich vielleicht zu rüpelhaft anhörte und dass derjenige ihm gegenüber mehr Angst hatte, als er vor ihm. Überhaupt kam er sich ziemlich aufschneiderisch vor mit dieser aufgesetzten Dominanz. Mit gezwungen sanfter Stimme versuchte er es noch einmal: „Ich will Ihnen nichts tun. Bitte zeigen Sie sich.“

Die Form im Dunkeln veränderte sich plötzlich unheimlich und Alex dachte, er würde ein violettes Schimmern erkennen. Er rieb sich die Augen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Hast du etwa Angst, Alex?“, drang es langsam und kalt, aber suggestiv gesprochen aus dem Dunkel des Waldes.

3.

Alex zuckte zusammen. Die Stimme, die zwischen den schwarzen Bäumen dahinwaberte klang ruhig und beängstigend, ihn an brüchiges Metall erinnernd. Sie war tief, hatte aber etwas seltsam Ungreifbares, als käme sie von weit weg oder verzerrt. Die kühle nach geschmolzener Plastik stinkende Luft war erfüllt von leisen Geräuschen, die aus der Ferne heranwehten.

„Ich habe keine Angst. Ich bin zu müde, verwirrt, ich habe Angst. Ich rede mit mir selbst“, flüsterte er vor sich hin.

„Das tust du nicht. Ich stehe hier direkt vor dir!“, krächzte es aus der Dunkelheit. Sein Bauch verkrampfte sich.

„Wieso kommst du nicht heraus? Ich will wissen wer du bist und was das hier soll.“ „Willst du das wirklich?“

Er gewöhnte sich allmählich an die merkwürdige Stimme, da veränderte sie sich plötzlich und wurde zart und vertraut. Es klang wie eine ihm schon lange bekannte Frauenstimme. Wieso konnte er sie so schwer zuordnen: „In Ordnung. Ich komme heraus. Aber du musst die Waffe herunter nehmen. Du könntest dich erschrecken und möglicherweise geschähe ein Missgeschick.“

Alex’ Körper spielte verrückt. Schweiß rann ihm aus den Poren, sein Herz raste, seine Arme und Beine zitterten und er versuchte sich zu erinnern, woher er diese, genau diese Stimme kannte. Sein Verstand bemühte sich angestrengt, einen logischen Schluss aus dem Geschehen ziehen zu können, doch scheiterte er damit kläglich. Sein Arm senkte sich, sowohl vor Erschöpfung als auch vor Resignation.

Seine Mutter Josephine trat mit drei wackeligen Schritten in das spärliche Licht.

Alex versteinerte. Für einen kurzen Moment wurde ihm schwarz vor Augen.

„Wieso starrst du mich so an Alex?“, hörte er seine Mutter fragen, die ihn unaufhörlich mit großen verwirrten Augen anstarrte. Sie hatte ihre Arme um sich geschlungen, als würde sie frieren. Okay, jetzt drehe ich völlig durch. Er schüttelte den Kopf, rieb sich die Augen und gab sich selber eine Backpfeife, da er gelernt hatte, sich dadurch aus einer Trance lösen zu können. Dann blickte er wieder auf die rätselhafte Figur vor sich. Er sah eine Frau mit dunkelbraunen langen Haaren, einem roten, an manchen Stellen zerrissenen Kleid und seltsam aufgerissenen Augen vor sich.

„Du bist nicht verrückt. Ich bin es wirklich! Deine Mutter! Ich verstehe es selbst nicht.“

„Das kann nicht sein! Du bist tot! Ich war heute bei deiner Beerdigung!“ Alex war sich in diesem Moment nicht mehr darüber im Klaren, ob sein Verstand noch funktionierte. Was, wenn er tatsächlich nur mit einer Wahnvorstellung hier in der Kälte stand und Selbstgespräche führte.

„Du siehst doch, dass ich lebe, Alex.“ Sie glitt ein wenig näher auf ihn zu. Schwebend bewegte sie sich fort, so schien es Alex, auch wenn er genau beobachtete, wie jeder Schritt den Grasboden berührte. Als sie ihren Arm hob, um ihn anzufassen, wich er zurück und richtete seine Pistole wieder auf sie. Diesmal hielt er sie mit beiden Händen fest. „Ich bin verrückt!“, schrie er plötzlich heraus. „Verschwinde! Lass mich in Ruhe. Verschwinde!“ Er fühlte wie Tränen der Verzweiflung seine Wangen hinunter liefen. Der Abend war zu lang. Zu viel Stress, zu viel Aufregung.

„Ich erkläre es dir, Schatz. Ich erkläre es dir. Beruhige dich. Ich war tot. Doch etwas ist passiert. Ich verstehe es selbst nicht genau. Dein Vater … Er …“

„Was … er?!“

„Die Maschine. Es hat etwas mit der Maschine zu tun. Glaube ich. Ich weiß es nicht. Mir ist kalt!“ Bei der letzten Bemerkung machte sie einen Schritt auf ihn zu, um seine Schulter zu fassen und rote Augen blickten ihn flehend an.

Er schreckte zurück und stolperte über ein Trümmerteil, fiel hart zu Boden und ein Schuss durchbrach brutal schallend die Stille. Er schlug hart mit dem Kopf auf ein Stück Metall und verlor für einen kurzen Moment das Bewusstsein.

Als er wieder aufwachte, wusste er zuerst nicht, wo er war. Er tastete seinen Körper ab, nach Verletzungen zu fühlen. Dann erinnerte er sich Stück um Stück und setzte sich auf. Er hockte auf der Wiese hinter dem Haus seines Vaters, inmitten von Trümmern des Labors. Es war still, niemand war irgendwo zu sehen. Hatte er tatsächlich geglaubt, seine Mutter lebend erblickt zu haben, auferstanden von den Toten. Er musste über sich selber staunen, über die Lächerlichkeit dieser Halluzination. Da entdeckte er die abgeschossene Pistole, die zwischen seinen Füßen lag, hob sie auf und steckte sie zurück in das Halfter. Er schwitzte, begann aber gleichzeitig zu frieren, da sich sein Inneres langsam wieder beruhigte. Nicht durchdrehen! Erst muss ich Papa suchen.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter.

Sofort verkrampften sich seine Innereien. Er hielt den Atmen an. Nicht umdrehen. Da fiel ihm eine glänzende Pistolenkugel in seinen Schoß. Eine Sekunde verging.

Schreiend sprang er taumelnd auf, versuchte, nicht über irgendetwas zu stolpern und rannte in Richtung Haus. Da erschien wie aus dem Nichts vor ihm ein nebliges Gebilde, schwarz und violett schimmernd, schwebend in der Luft. Rot leuchtende Augen durchdrangen ihn bis ins Mark.

„Du kannst jetzt nicht gehen! Noch lange nicht!“ Etwas, das wie ein Mund inmitten des Nebels anmutete, grinste ihn an. Mit gefletschten perlweißen Zähnen und einer blutroten Zunge. „Du hörst mir jetzt zu Alex“, sprachen die brennenden Augen zu ihm.

Er war völlig gelähmt vor Angst und Verwirrung. Das nebelige Wesen verwandelte sich plötzlich zuckend, wie unter Schmerzen, zu einer Menschengestalt. Wieder stand seine Mutter vor ihm. Schwitzend und kraftlos, als würde etwas ihre gesamte Anstrengung in Anspruch nehmen. Mit sanfter, schwacher Stimme presste sie jedes Wort hinaus: „Dein Vater und ich haben an einem Gerät experimentiert, das Totes wieder lebend machte. Bei den Versuchen ging etwas schief. Es geriet außer Kontrolle. Es gab einen Unfall, bei dem ich … hinabstürzte.“ Sie hielt kurz inne und atmete laut: „Ich weiß nicht mehr, wie es geschah. Es war alles voller Feuer und Licht. Ich …“ Sie hielt noch mal kurz inne und schien sich zu sammeln: „Anscheinend ist es deinem Vater gelungen. Er hat mich wieder zum Leben erweckt. Vorhin erwachte ich. Wie aus einem tiefen Schlaf. Licht blendete mich von überall. Ich sah die Flammen um mich herum, wie alles in einem gleißenden Blitz erschrak. Dann war es plötzlich still. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich plötzlich zwischen den Bäumen stand und dich sah.“ Sie hielt sich den Kopf, als ob ihr schwindelig wäre. Dann schaute sie ihn plötzlich direkt an. „Alex, Schatz. Ich spüre, wie ich mich … innerlich auflöse. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Ich verstehe selbst nichts mehr. Ich fühle Kälte, grässliche Kälte. Und Dunkelheit … Es frisst sich durch mein Inneres …“ Sie begann zu weinen und schien Alex gar nicht mehr wahrzunehmen. Wie nach Atem ringend krümmte sie sich, fiel auf die Knie und legte ihre Hand auf ihre Brust.

Alex hatte jegliches Gefühl von Wirklichkeit verloren und ließ die Worte trunken durch seinen Kopf taumeln.

„Da ist etwas in mir. Und es macht mir Angst. Ich verliere die Kontrolle. Als würde das Leben aus mir gesaugt. Es fühlt sich wie Sterben an!“ Sie zuckte zusammen, als hätte sie ein starken Schmerz durchfahren, packte zitternd Alex Kragen und schaute ihn mit verzweifelten Augen an: „Hilf mir! Hilf mir, Alex!“ Dann erlosch ihr Blick plötzlich und wurde trübe.

Die Hände an seinem Kragen lockerten sich und Alex wich einen Schritt zurück, wobei er hart an die Hauswand stieß.

Josephine starrte ihn leer an. Dann begann sie zu lächeln, mehr und mehr, bis es ein breites kaltes Grinsen wurde, das ihr Gesicht ausfüllte. Sie wandte sich fixierend zu Alex. „Du wirst es nicht verstehen. Das musst du aber auch nicht, da du ihr jetzt folgen wirst, in das dunkle Reich in dem wir seit jeher lebten und niemals entkommen konnten. Bis jetzt!“ Ihr Mund bewegte sich, doch die tiefe brüchige Stimme schien aus dem Abgrund der Hölle zu kommen.

Alex fand seine Stimme wieder: „Was ist das hier? Was zur Hölle ist hier los?! Was passiert hier?“, brach es plötzlich aus ihm heraus.

Josephines Grinsen erschlaffte. Sie hob den rechten Arm, richtete ihn mit der Handfläche auf Alex und schaute ihn konzentriert an. Ihr Körper wurde zu einer beweglichen, schwebenden Masse und leuchtete in violetten Farbtönen.

Das Gefühl, welches ihn durchfuhr, war wie Gift, das sich eiskalt und brennend von seiner Brust aus in seinem ganzen Körper verteilte. Es wandelte sich zu einem grellen, plötzlich auflodernden Schmerz. Ein Blitz durchfuhr Alex, er spürte eine plötzliche Leere, die durch seinen Körper fuhr und alles verschlang. Alles. Ihm wurde schwarz vor Augen. Dunkelheit umfing ihn. Füllte ihn aus. Ganz plötzlich, vom einen auf den anderen Moment, war er tot.

Wir sind Teil eines jeden Menschen. Man kann uns nicht sehen, nicht fühlen oder hören und trotzdem bestimmen wir das Leben eines Jeden. Wir sind das Pendant zu dem, was ihr Seele nennen würdet. Die wartenden Schatten, in den dunkelsten Ecken versteckt. Etwas geschah, das uns bannte. Wir können uns nicht mehr erinnern. Aber es war nicht immer so wie heute. Da war eine Zeit, als nicht überall wohin man sah, die Menschen gänzlich von Vorstellungen wie Gut und Böse gelenkt wurden. Die Ansicht, die immer auf das Gleichgewicht der Dinge zielt. Es gab eine Zeit, als wirdie Macht über diese schwache Materie innehatten und euch Menschen dadurch wiederum zu wirklicher Macht führten. Getrieben von diesen hehren Zielen: Mehr Macht zu erlangen, Kontrolle zu haben. Im ständigen Kampf um das Überleben als der Erfolgreichste zu bestehen. Das Natürlichste der Welt. Etwas geschah, das uns bannte. Die Seelen, früher nur wachend und beobachtend schlummernd, erwachten mit ungeahnter Entschlossenheit und Kraft und schlossen uns ein. Unterschätzt hatten wir sie damals. Wir verloren unsere Macht, hatten keine Kontrolle mehr und mussten seit daher gezwungenermaßen an ihre Stelle treten. Die wartenden Schatten, in den dunkelsten Ecken versteckt. Wir sahen es und versuchten alles, um sie zu vergiften, seit dem ersten Moment, als der Mensch sich aus seiner rohen Form erhob und zu dem vernunftbegründeten Wesen wurde, das er heute ist, von Gefühlen wie Liebe und Mitleid geleitet, blind und unachtsam, Schwach, dachten wir, wir alle nur noch an eine Sache: „Eines Tages wird es einen Weg geben, durch den wir uns wieder das nehmen, was uns vom Anbeginn der Zeit an zustand.“

Die Seele belebt den lebenden Körper, so lange, bis er stirbt. Danach verfliegt sie und hinterlässt die sterblichen Überreste, damit die Kerker, in denen wir mit der Materie seit damals dazu verdammt waren, verwesen zu müssen. Gleichzeitig die geschlossene Zugbrücke zu unserer Rückkehr.

Wir warteten.

Bis heute.

4.
Montag, 6. Januar

Es war ein recht stiller Montagmorgen, der sich über Kanzer gelegt hatte. Die Sonne ließ ihre kalten Strahlen zurückhaltend durch die graue Wolkendecke fallen, aus der es in der Nacht zu schneien begonnen hatte. Trotz der frühen Stunde und des ungemütlichen Wetters waren einige Menschen unterwegs, auf dem Weg zur Arbeit, der Schule oder dem Bahnhof, um zur nächstgelegenen Universität zu gelangen. Spaziergänger, die frische Morgenluft einatmen wollten, flanierten auf den verwobenen Straßen der Stadt. Am Flussufer schlenderten gedankenverlorene Träumer, mancher wohl ausgespien von der alkoholreichen Feier durch die Nacht, die den Sonnenaufgang noch mit ihren müden Augen funkeln gesehen hatten. Die kleine verwinkelte Gasse, die spät in der Nacht ein Treffpunkt des Lebens und der Bewegung gewesen war, lag nun verlassen und einsam im kalten Indigo des Morgens. Eine alte Gaslaterne mit einem gesprungenen Glas blakte über Joshua Melsons Schlafplatz in der vermodernden Gasse. Kleine Eiszapfen hingen von ihr herab und gaben dem Bild einen Hauch von schlummernder friedlicher Romantik.

Joshua Melson lag in Fötus-Stellung, zusammengekrümmt in derselben Nische, in der er am Abend zuvor weggetreten war. Ein kleines bräunliches Rinnsal schlängelte sich zwischen den Backsteinen am Boden, von der umgefallenen Flasche, die sich Joshua am Höhepunkt seines exzessiven Besäufnisses gekauft hatte, hin zu einem Gully am Rand der Straße.

Das erste was Marvin Celles auffiel, als er in die Gasse stapfte, war der beißende Geruch von Urin und Alkohol. Er konnte nicht genau erkennen, wie viele Teile der ekelerregenden Geruchskulisse von der erbärmlichen Gestalt ausgingen, die da vor seinen Füßen auf dem kalten, verdreckten Steinboden lag. Er ging in die Hocke, wobei seine Knie gefährlich knackten, und schaute sich Joshua Melson genauer an. Alles in allem hatte er ein Bild von einem Mann vor sich, der scheinbar ein Niemand war. Das Kinn war unrasiert und ein Teil der Wange mit getrocknetem Matsch bedeckt, genauso wie das verlotterte, ehemals weiße Hemd und die Krawatte. Die schwarze Hose an vielen Stellen aufgerissen und aufgeschürfte Knie lunzten vielsagend hervor. Trotz allem lächelte der Mann. Sein Brustkorb hob und senkte sich ruhig, sein Gesicht war mit einer Zufriedenheit besetzt, als läge er nicht auf kaltem Stein sondern einer wärmenden Matratze. Marvin erhob sich wieder, wobei diesmal auch sein Rücken stechend hörbar knackte. Er war keine Zwanzig mehr, das merkte er mit jedem Tag spürbarer, aber für sein Alter hatte er sich dennoch gut gehalten, konstatierte er selbstzufrieden. Ein Knacken hier und da machte ihm nichts aus. Vor allem nach der letzten Nacht konnte er froh sein, dass er sich noch so fit und lebendig fühlen konnte. Er hatte überhaupt nicht geschlafen diese Nacht und jene vielen zuvor … Er konnte von Glück reden, dass er überhaupt hier sein konnte. Lebendig. Den Gedanken verdrängte er eiligst, widmete sich wieder dem Hier und Jetzt. Zuerst musste er die Figur aufwecken, von der er annahm, dass sie der gesuchte Dr. Melson sei, dachte er sich und hustete sehr laut in seine Faust. Von Melson kam keine Reaktion. Also versuchte er es nochmals, diesmal etwas lauter und leicht über den Mann gebeugt. Er musste offensiver werden: „Ähäm, sind sie Dr. Joshua Melson?“, fragte er laut, wobei er jede Gesichtsregung von Joshua beobachtete. Nichts. Langsam verlor er die Geduld und versuchte es nochmals: „Dr. Melson? Sind sie Joshua Melson?“ Diesmal stupste er Joshua mit der Fußspitze leicht in die Seite, worauf dieser erschrocken zuckte und seine blutunterlaufenen Augen weit öffnete. Joshua sah aus wie ein verstörtes Tier, als er sich aufsetzte und sich ruckartig in alle Richtungen umblickte, bis sein Blick auf den Mann vor ihm fiel, der da wie ein Schrank das einströmende Sonnenlicht abblockte.

Bevor er realisierte, wo er überhaupt war, kam er nicht umher die mächtige Gestalt vor ihm genau zu mustern. Der Mann hatte eine Statur wie ein Stier, wirkte aber trotzdem nicht plump. Joshua versuchte zu begreifen, woher diese Assoziation kam und entschied sich dafür, dass es die beruhigenden, mintgrünen Augen waren. Er trug eine braune Lederjacke, an dessen Schulter buschiges Fell die Statur noch mehr unterstrich.

„Sind Sie Dr. Joshua Melson?“

Joshua war plötzlich völlig da und auf der Hut.

„Das kommt ganz darauf an“, sagte er und merkte, dass er mit seiner müden, halb lallenden Stimme nicht viel Eindruck erwecken konnte.

„Sie müssen sich keine Sorgen machen, wenigstens nicht um sich selbst. Ich muss mit Ihnen sprechen. Über Ihren Sohn Alexander.“

Joshua stützte sich an der Mauer ab, während er sich langsam aufrappelte und ein bisschen Dreck abklopfte. Ihm drehte sich alles, sein Kopf brummte und war so voller Gedanken, dass er den mysteriösen Mann sofort außen vor ließ und einfach weg torkelte. Die kalte Morgenluft nahm ihm fast den Atem. Er verschränkte die Arme und entfernte sich so schnell er konnte von den größeren Straßen, sich nur durch die verkommenen Gassen in Richtung seines Hauses fortzubewegen.

In der Aufregung und Kälte bemerkte er Marvin nicht, der ihm in jede Abzweigung mit schnellem Schritt folgte. An einer Straßenecke kürzte Marvin den Weg ab, um Joshua auf der anderen Seite den Ausgang aus der Gasse mit seinem ganzen Körper zu versperren: „Hören Sie mir zu, Dr. Melson, es ist unbedingt notwendig, dass Sie mir gut zuhören. Ich sage Ihnen, was ich Ihnen sagen muss und Sie sind mich dann sofort wieder los. Zumindest fürs Erste. Verstanden?“

Joshua gab seinen Widerstand auf. Er sah einen Weg, wie er den Störenfried loswerden konnte und ergriff sie: „Also erzählen Sie mir, was Sie so Wichtiges zu berichten haben. Aber machen Sie schnell! Ich möchte gern schleunigst nach Hause. Sie sehen ja …“

Marvin schaute sich kurz nach allen Seiten um und drückte Joshua dann vorsichtig zurück in die schattige Gasse, aus der er eben vergeblich treten wollte.

„Es geht um Ihren Sohn. Es tut mir Leid, wenn Sie es auf diese Art und Weise erfahren, aber ich weiß, dass er in -sagen wir – zwielichtige Aktivitäten verwickelt ist.“

Joshua schaute ihn misstrauisch an: „Ah ja. Und was sollen das für ‘zwielichtige Aktivitäten’ sein?“, wobei er seine Stimme leicht hob, ironisch wirken wollend.

„Alexander ist Mitglied in einer militärischen Organisation und leitet für diese seit kurzem eine Waffenfabrik.“

Joshua lachte schlecht gekünstelt auf: „Das meinen Sie doch nicht ernst. Bitte. Ersparen Sie mir weitere Geheimnisse. Ich kaufe nichts.“

Marvin Celles verlor die Geduld, packte Joshua hart an den Schultern: „Ich kann es Ihnen nicht erklären, nicht hier. Aber es ist wahr. Doch …, was viel wichtiger ist …“ Marcel ließ Ihn los und schaute zu Boden. Joshua wurde aufmerksam. Marcel blickte auf und direkt in Joshuas müde Augen. „Ihr Sohn ist höchstwahrscheinlich verstorben. Er wurde letzte Nacht in Netlar ermordet. Es tut mir Leid.“

Joshuas Blick wurde trüb und leer. Sein Inneres begann zu kochen. Er wusste nicht mehr, was er glauben sollte und was nicht. Das war jedenfalls zu viel für ihn. Es war das allgemeine Gefühl von Haltlosigkeit, das sein Leben bestimmte, seit Josephine gestorben war. Er war ein Mensch, der seine feste Struktur im Alltag brauchte. In seinem geordneten Tagesverlauf konnte er sich fallen lassen, wohl behütet darauf vertrauend, dass nichts unvorhersehbares sein inneres Gleichgewicht erschüttern konnte. Doch wenn er nun darüber nachdachte, musste er sich eingestehen, dass dieses Ausgewogen sein völlig verschwunden war. Er fühlte sich plötzlich allein und die Kälte um ihn herum bemächtigte sich seiner schleichend.

Marvin fühlte sich sehr unbehaglich. Er wusste wirklich nicht, wie er mit der kaputten Gestalt vor sich umgehen sollte. Dr. Melson schien weggetreten, die tränenunterlaufenen Augen zurückgerollt und Marvin hatte Angst, dass Melson jeden Moment zusammenbrechen könne. Also versuchte er, ihn durch das Gespräch wieder ins Hier und Jetzt zu holen: „Ich will Sie nicht noch mehr überfordern. Sie brauchen im Moment vor allem einen Ort, um wieder zur Ruhe kommen zu können. Ich habe leider jetzt noch keine Zeit, mit Ihnen zu kommen aber ich kann sie warnen. Es besteht das Risiko, dass Sie ebenfalls in Gefahr sind.“

Er reichte Joshua in einer flüchtigen Bewegung ein Gewehr, das über seiner linken Schulter gehangen hatte. Joshua griff geistesabwesend danach und lehnte es an sein Bein. Er erwiderte nichts. Marvin trat einen Schritt auf den Bürgersteig, schaute konzentriert die Straße entlang bis er entdeckte, wonach er Ausschau gehalten hatte und das heranrollende Taxi herbeirief. „Ich habe Ihnen ein Taxi gerufen. Das wird Sie erst einmal nach Hause bringen. Sie holen sich noch den Tod in der Kälte.“ Er öffnete die Hintertür und schob den benommenen Dr. Melson vorsichtig auf seinen Platz auf der Rückbank. Dem verwirrten Fahrer sagte Marvin, sein Freund habe einen über den Durst getrunken und er müsse sich keine Sorgen machen, auch nicht, dass er das Auto vollkotzen könne. „Später erkläre ich Ihnen alles!“, flüsterte er noch Dr. Melson zu. Dann nannte er dem Fahrer die Adresse und reichte Geld für die Fahrt und mögliche Verunreinigungen. Mit sich selbst zufrieden trat er vom Fahrzeug weg und blickte ihm nach, bis es hinter der nächsten Straßenecke verschwunden war. Er hoffte nur, dass die Situation nicht ernster war, als er es sie abschätzte. Denn würde dann das Gewehr genügen? Jetzt musste alles schnell gehen, damit Melson so bald wie möglich in Sicherheit gebracht werden könnte.

Am ganzen Körper zitternd stieg Joshua aus dem Taxi und öffnete die große Eingangspforte, die ihn in die Wärme seines Hauses geleitete. Drinnen roch es noch nach den letzten Überresten der Geschehnisse des Abends zuvor. Das große Foyer mit dem Kronleuchter in der Mitte des Raumes war hell erleuchtet und strahlte Geborgenheit aus, die in Joshua nicht einzudringen vermochte. Intuitiv ging er durch die linke Tür, die ihn durch das kleine Esszimmer zum großen Wohnzimmer führte. Völlig kraftlos sank er auf das große schwarze Sofa, das mit weicher Baumwolle überzogen war und auf dem kleine Kissen akribisch ordentlich angeordnet in den Ecken lagen. Die Wärme tat gut und löste seine Gedanken für diesen Moment. Sein Blick wanderte in dem gemütlich eingerichteten Raum umher. Nüchtern betrachtete er die dunklen Holzmöbel, in die hübsche Ornamente eingearbeitet waren. Die Formen und Farben und der Geruch des Raums beruhigten ihn. Schrittweise kam er im Hier und Jetzt an und durchlief nochmals alles, was geschehen war. Jedenfalls das, woran er sich erinnern konnte. Er dachte an Alex, und wie er am Abend zuvor wutentbrannt weggefahren war. Und wieder kamen die Zweifel in ihm hoch. Er wischte das alles weg und versuchte, sich zu konzentrieren. Was war dann passiert? Er hatte tatsächlich versucht, Josephine wieder zum Leben zu erwecken. Es war ein wahnwitziger Plan gewesen und mit einem sauren Gefühl im Magen dachte er plötzlich an die Explosion. Das Labor war weg und Josephine gleich mit. Er wollte nicht einmal nachsehen, wie es hinter dem Haus aussah. Diese Erinnerung, die Tatsache, dass die letzte Nacht real war, sollte ihn nicht einholen können. Also hielt er sie so weit wie möglich fern. In ihm breitete sich düstere Klarheit aus. Da zuckte er zusammen. Jetzt, da er wieder logischer denken konnte, wurde ihm bewusst, dass ihm etwas aufgefallen war, als er eben ins Haus getreten war. Er wusste aber nicht mehr, was es gewesen war. Aufgewühlt sprang er auf und lief mit kurzen, unbeholfenen Schritten zurück zum Foyer. Und tatsächlich. Da waren ganz dünne Fußspuren auf dem glänzenden Marmorboden. Spuren aus getrocknetem Schlamm, kaum noch eine staubige Kruste. Sie liefen als klare Linien durch das Haus. Quer durch das Foyer führten sie genau zu seinem Arbeitszimmer, dessen zwei schwere dunkle Flügeltüren nur angelehnt waren. Nun spannte sich Joshuas Aufmerksamkeit an. Vorsichtig schlich er zur Tür, schob sie vorsichtig in dem Bewusstsein auf, jeden Moment von einem Einbrecher überrumpelt zu werden. Langsam glitt einer der Flügel auf und offenbarte lediglich sein Arbeitszimmer, so wie er es hinterlassen hatte, seit Josephines Tod unbenutzt. Ein Anflug von Beruhigung durchströmte ihn. Sein Blick ruhte auf einem weißen Stück Papier, das mitten auf seinem großen Holzschreibtisch lag. Die Angst packte ihn urplötzlich. In seinem Kopf nahm das harmlose Stück Papier diabolische Ausmaße an und blickte ihn mit feurigen Augen entgegen. Er trat einen Schritt näher an den Schreibtisch und erkannte, dass nicht viel auf dem Papier geschrieben stand. Jede Faser von ihm wehrte sich dagegen, das Blatt nur anzuschauen, geschweige denn, es zu lesen. Ohne sein Zutun wanderten seine Augen über die vertraut krakelige Handschrift seines Sohnes und begriffen nicht, was dieser knappe Brief bedeutete:

Ich hatte nie Gelegenheit, dir das zu sagen.

Ein Geheimnis, das ich nicht mit in den Tod nehmen will.

Vater, ich habe ein -----------------------------------------------

Vom letzten Buchstaben zog sich eine Tintenlinie in einem langen Bogen über das Papier und endete bei einem größeren Tintenklecks, umringt von einigen blauen Spritzern. Joshuas Blick wanderte über den Holztisch und fand den Füller noch offen daliegen, einige Zentimeter vom Fleck entfernt. Alex musste sich beim Schreiben plötzlich heftig bewegt haben und den Füller dann fallen gelassen haben. Der Raum war unendlich still. Eine Wanduhr tickte entfernt aus dem Wohnzimmer unaufhörlich ihren walzenden Takt. Joshua stand über den Tisch gebückt und betrachtete gebannt die Buchstaben. Ihm fiel erst jetzt auf, dass die Handschrift seines Sohnes bei diesen kurzen Worten anders wirkte als sonst. Sie war noch unordentlicher als gewöhnlich, wie in großer Hast geschrieben und scheinbar mit enormem Druck. Er konnte die Anstrengung, die in jedem einzelnen Buchstaben steckte, förmlich spüren. Etwas war letzte Nacht hier geschehen. Das war nun klar und Säure brannte in seinem Bauch bei dem Gedanken an sein eigenes Fehlen. Wie er betrunken da lag, weit weg von hier. Ihm wurde schwarz vor Augen. Ungeschickt griff er mit der einen Hand nach dem Schreibtisch und fuhr sich mit der anderen durchs Gesicht. Sein Fehler nagte an ihm. Er war Schuld an seinem Unverständnis. Der Gedanke an das, was ihm der seltsame Mann in der Stadt am Morgen gesagt hatte, durchbohrte mittlerweile nicht mehr verdrängbar seine Sinne.

In einem brennenden Moment der Klarheit wurde ihm bewusst, dass der die Wahrheit gesagt hatte. Ihm wurde auf eine grausame Art und Weise bewusst, dass Alex, sein einziger Sohn, tot war. Mit nichts konnte er seine Gewissheit erklären. Sie war einfach da. Unumstößlich.

Nicht Wut und auch keine Trauer übermannten ihn. Es war schiere Fassungslosigkeit. Wie eine donnernde Lawine die ihn unverhofft unter sich begraben hatte und nun sofort wieder verstummt war, ihn aber zugeschüttet hatte in einer undurchdringbaren, zerdrückenden Masse.

Die Worte, eben noch als belanglos abgestempelt, pochten in seinem Kopf.

Ihr Sohn ist höchstwahrscheinlich verstorben. Er wurde letzte Nacht in Netlar ermordet.

Mit leisen, langsamen Schritten und mit dem Gewehr immer noch in seiner Hand, wie er erst jetzt realisierte, schritt er aus dem Zimmer hinaus in Richtung der mächtigen Stahltür am Ende des Flurs im Erdgeschoss, die in den geräumigen Keller führte. Er drückte lasch auf den kleinen, weißen Schalter neben der Tür und die weißen Leuchtröhren flackerten auf. Es war eine steile Holztreppe, die einige Meter hinab führte und an deren Fuße sich ein geräumiger Kellerraum öffnete. Der Raum war vollgestellt mit allem möglichen Kram, Kisten, ein paar verschiedenartigen Stühlen, einem Satz Sommerreifen. An einer Wand befand sich eine breite Werkbank an der chaotisch und ohne System Werkzeuge aller Art und sämtlich verrostet aufgehängt waren. Viele lagen auf dem Boden davor, in einer anderen Ecke haufenweise aufgerollte Kabel. Die breiteten sich vom Haufen weit in den Raum hinein aus. In dessen Mitte stand ein großer runder Tisch, um den acht einfache Holzstühle aufgestellt waren, darüber eine runde dunkelgrün-emaillierte Lampe, deren Kegel den gesamten Tisch einnahm. Joshua schritt langsam zur rechten Seite des Raumes, wo sich eine großzügig eingerichtete Minibar befand, vor der drei Barhocker mit roten Lederbezügen wie Gewohnheitstrinker herumlungerten. Er nahm sich willkürlich eine Flasche mit klarem Inhalt und schleifte sich mit ihr und dem Gewehr zu dem runden Tisch. Die Waffe legte er vorsichtig auf den nackten Steinboden neben dem Stuhl, auf den er sich behutsam niederließ. Mit einem hallenden PLOPP zog Joshua kräftig den Korken aus der Flasche und setzte sie wie in Trance an. Die Hitze durchfuhr seinen Rachen und durchbrach mit einem Rutsch alle Gedanken. Schon war der gesamte Inhalt der Flasche seinen Hals hinuntergelaufen als er benommen die geleerte Flasche bemerkte, sie kurz prüfend betrachtete und sie dann quer durch den Raum schmiss, worauf die mit einem lauten klirrenden Knall an der Wand zerschellte. Er hatte das erlösende Geräusch erwartet und eine selbstzerstörerische Befriedigung durchfuhr ihn, als er den vernehmen durfte.

5.

Ich, Jean Louis Denouis hatte in meiner langen Laufbahn als Polizist in Netlar niemals, gemessen an den strengen aber klaren Dienstvorschriften, etwas grundlegend falsch gemacht. Bis dieser eine, verheerenden Januarmorgen gekommen war. Es sollte ganz routiniert ablaufen. Mein langjähriger Kollege Franko und ich hatten den Auftrag, ein Haus zu überprüfen, in dem sich angeblich Hausbesetzer befanden, die gegenüber den Nachbarn gewalttätig geworden seien und routinemäßig als gefährlich eingestuft worden waren. Alles nur gewöhnliche Arbeitsverrichtungen, eben ein Routineauftrag. Franko war mein bester und eigentlich einziger wirklicher Freund gewesen. Ich hatte immer ein sehr zurückgezogenes Leben geführt, da der Job viele Risiken barg, was ich keiner Frau zuzumuten wagte. Das war zumindest meine liebste Ausrede für mein Junggesellendasein. Außerdem hatte ich mich seit jeher eher als ein einsamer Wolf gefühlt, eine Art Steppenwolf, wie ich irgendwann in einem uralten Roman gelesen hatte.

Ich lebte in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung mitten in der Innenstadt von Netlar. In meinem Zimmer stand mein Bett, ein Schreibtisch, eine kleine Küchennische und ein Bücherregal, in dem seit Jahren meine einzige Freizeitbeschäftigung vor sich hin staubte: Krimis aus allen Epochen der bisherigen Menschheit, da diese mir mehr über den jeweiligen Zustand der Welt berichten konnten als jedes Geschichts- oder Soziologielehrbuch. Die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte der Verbrechen, war eine der wenigen Wahrheiten, die ich begreifen musste. Ein Bücherregal hatte ich angefüllt mit ihnen und jeden Monat bereitete ich mir die Freude, einen neuen Band zu kaufen. Mehr brauchte ich nicht. Mehr wollte ich nicht. Hin und wieder trafen Franko und ich uns zu einem Feierabendbier, aber eigentlich teilten wir unser leidenschaftliches Bedürfnis nach Zurückgezogenheit. Wenn ich heute daran denke, wie viel ich über Franko nicht wusste, könnte mir schlecht werden. So sah mein Leben aus, bis zu jenem Morgen im Januar.

Ich erinnere mich noch genau, als wäre es erst gestern gewesen. Der Tag fing neblig an und die Luft war so nass und durchdringend eiskalt, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte. Da wir uns durch den Hinterhof unbemerkt heranschleichen wollten, hatte ich den Wagen in einer Seitenstraße geparkt. Alles klappte problemlos. Die Hintertür stand halb offen, sodass wir lautlos in das Treppenhaus schlüpfen konnten, das spärlich mit einer flackernden Glühbirne ausgeleuchtet war. Ein altes, verkommenes Mehrfamilienhaus, das schon wie länger unbewohnt wirkte. Die Tapete an den Wänden hing spröde und blätterte an vielen Stellen ab. Es gab ein kleines, rundes Fenster, das vor Dreck und Staub strotzte. Es ließ nur kleine, schimmernde Lichtstrahlen hindurch.

Auf leisen Sohlen schlichen wir in den ersten Stock und postierten uns neben der weißen, unscheinbaren Tür. Es war kein Geräusch zu hören außer unserem eigenen, zurückgehaltenen Atem. Entweder schliefen sie noch oder es war nur ein falscher Alarm gewesen. Oft verschwinden Hausbesetzer früh am Morgen und wechseln ihre Unterkunft, vielleicht war etwas durchgedrungen von unserer Durchsuchung. Dann geschah alles sehr schnell.

Ich zählte leise bis drei und rannte die Tür mit meiner Schulter ein. Sie brach mit einem lauten Knall viel zu leicht aus den Angeln und ich schleuderte mitsamt der Tür in den Raum hinein. Der letzte Eindruck den ich hatte, war, wie ich mich aufrappelte und mich hastig in diesem kleinen Raum umsah, in dem mindestens zwanzig Männer um mich herum standen, offenbar verblüfft über unser plötzliches Erscheinen. Ich blickte geschockt zuerst zu Franko, der wie angewurzelt im Türrahmen stand. Dann zu einem Mann, der mir am nächsten stand Er hauchte kaum hörbar das Wort „Snake“. Dann wurde ich bewusstlos.

Dies war der Moment, den ich seit Wochen verfluche, der mein Leben verändert hat. Als ich wieder erwachte, lag ich auf einem Bett im Netlaer Zentralkrankenhaus und konnte durch das Fenster die Sonne sehen, die hinter der dampfenden Skyline unterging. Völlig zerschlagen, mit dem Gefühl, als wäre mein ganzer Körper ein einziger blauer Fleck, versuchte ich aufzustehen. Ich wollte wissen, was geschehen war, was es mit dem Haus und den Besetzern auf sich gehabt hatte. Mein Körper gehorchte mir nicht. Und zudem bekam ich nicht einmal eine Nachricht oder Besuch vom Präsidium. Zu müde, um mich weiter damit zu beschäftigen, schlief ich eine mir unendlich vorkommende Zeit, während eine Krankenschwester jede Stunde einmal nach mir schaute und mich jedes Mal aus meinem flachen Schlaf riss. Als ich nach einer längeren durchgehenden Schlafstrecke endlich ein wenig ausgeruht erwachte, ging die Sonne das nächste Mal unter. Jetzt konnte ich aber denken und mich bewegen, wenn auch mit peinigenden Schmerzen. Ich versuchte, telefonisch den Chef meiner Einheit zu informieren, doch die Nummer stimmte nicht. Möglicherweise hatte ich sie vergessen. Auch von den Ärzten konnte mir niemand genau sagen, was geschehen war. Sie hatten mich am Mittag vor dem Eingang des Krankenhauses gefunden. Das machte mich stutzig, worauf ich beschloss, selbst zum Präsidium zu fahren, zumindest dieses Rätsel zu lösen. Nicht ahnend, dass meine Probleme noch nicht mal ernsthaft begonnen hatten.

Also zog ich die Sachen an, die auf einem Stuhl neben meinem Bett lagen und verließ einige Minuten später das Krankenhaus. Es lag direkt in der Innenstadt, wenige Gehminuten vom Präsidium entfernt. Schon da fühlte ich ein merkwürdiges befremdliches Gefühl, das ich damals noch nicht einordnen konnte.

Ich betrat das Polizeipräsidium, in dem ich seit mehr als vier Jahren gearbeitet hatte. Betty, unsere Frau an der Rezeption erkannte mich scheinbar nicht.

„Guten Tag! Was wünschen Sie?“, fragte sie mich, als ich der Rezeption näher kam. Ich muss zugeben, dass ich das zuerst für einen schlechten Witz hielt. Niemand schien mich zu erkennen. Als ich sie wie immer, kurz murmelnd grüßte und an der Rezeption vorbei in Richtung des Büros vom Chef ging, hielten mich Georg und Vincent auf. Ich kann das Gefühl, das ich in diesem Moment hatte, nur schwer beschreiben. Ein Anflug von Panik überkam mich. Alles was ich anfasste, verwandelte sich zu Staub, sobald ich es berührte. Ja, so in etwa fühlte es sich an. Ich riss mich von den beiden Männern los und rannte den mir vertrauten Gang bis zum Ende und stieß die Tür vom Chef mit einem Knall auf.

„Was zur Hölle ist hier los?“, schrie ich ihn an. Meine Stimme überschlug sich bei jedem Wort. Doch statt zu antworten schaute er mich nicht einmal an, drückte auf einen kleinen Knopf an seinem Schreibtisch und sagte mit ruhiger Stimme: „Sicherheitskräfte, bitte in mein Büro. Ich habe hier einen unbefugten Eindringling.“

Ich wurde von hinten gepackt und durch den Gang zurück in die Eingangshalle gezerrt.

„Das nächste Mal wird es Konsequenzen geben!“, rief Vincent mir zu, nachdem sie mich durch die Tür geschleppt und auf den Bürgersteig geworfen hatten.

Alles war anders, doch wie in jeder anderen befremdlichen Situation suchte mein Verstand nach einer rationalen Erklärung. War es doch nur ein interner Scherz? Weiter kamen meine Erklärungsversuche nicht. Es war ein schieres Chaos. Ich zweifelte ernsthaft an meinem Verstand. Die Verwirrung, die ich empfand, wandelte sich in Angst. Ich musste unbedingt mit Franko reden. Er war dabei gewesen. Ging es ihm genauso wie mir? Zunächst aber musste ich, der in solchen Situationen gern bildhaft dachte, um etwas Abstand zum Geschehen bekommen zu können, wieder ein wenig festen Boden unter den Füßen bekommen. Ich lief zu Fuß durch die von beschäftigten Menschen erfüllten Fußgängerstraßen der Netlaer Kernstadt. Die Leute waren dieselben anonymen Gesichter wie sonst, aber ich fühlte mich in meiner verlorenen Einsamkeit getrennt von ihnen. Wieder überkam mich das befremdliche Gefühl, das ich schon auf meinem Weg zum Präsidium gespürt hatte Als hinge ein Schleier zwischen ihrer und meiner Welt.

Zu Hause war alles wie sonst. Kein Brief, keine Veränderung. Kein Anzeichen für eine veränderte Situation. Ich schloss die Tür hinter mir und ließ mich rückwärts auf mein Bett fallen. Auf dem Hausflur unterhielten sich der Hausmeister und eine Frau in schrillem Ton, ich konnte kein Wort verstehen. Sie verschwanden und hinterließen nur die Geräusche der Stadt, die gedämpft durch das geschlossene Fenster zu mir drangen. Nach einer Weile stand ich auf und stellte mich an das Fenster. Während ich da gelegen und die mit Blutflecken von erschlagenen Mücken befleckte Decke betrachtete, hatte ich mir mein kommendes Vorgehen klar strukturiert. Zuerst würde ich zur Bank gehen und überprüfen, ob sich dieser Irrsinn auch in meinem Vermögen niedergeschlagen hatte. Dann konnte ich nur eines tun. Mich auf die Suche nach Franko begeben.

Auf meinem Schreibtisch griff ich nach meinem mobilen Telefon und wählte Frankos Nummer. Es klingelte etliche Male, dann legte ich auf. Nicht einmal der Anrufbeantworter war angesprungen. Das Telefon zwischen Kopf und Schulter geklemmt, kochte ich mir ein paar Nudeln mit Spiegelei und scharfer Meerrettichsauce. Fast zwanzig Minuten am Stück ließ ich das Telefon klingeln, doch niemand nahm den Hörer ab. Ich fühlte mich einsam, wie ich da alleine vor meinem trostlosen Essen saß und mir keine Menschenseele einfiel, der ich mich hätte mitteilen können. Franko war der einzige mir näher bekannte Mensch in meinem Leben gewesen. Alle anderen waren Fremde. Und meine Kollegen? Alle mit denen ich gut klar gekommen war, hatten mir heute Morgen eine Abfuhr erteilt.

Die Rastlosigkeit ließ mich aufbrechen, auch wenn es schon dunkel war. Ich war auf der Suche nach einem Weg in die Normalität. Mit meinem verbeulten Auto fuhr ich zu Franko nach Hause. Er wohnte ein wenig außerhalb in einem kleinen Bungalow mit ungepflegtem Vorgarten, in dessen Mitte eine Reihe Steinplatten zur Haustür führte. Die Lichter waren erloschen. Sein Auto stand auch nicht an seinem Platz direkt vor der Eingangstür. Es war niemand da und mit einem flüchtigen Blick auf die Tageszeitungen konnte ich festhalten, dass seit gestern niemand mehr die Post abgeholt hatte.

Mehrere Tage lang beschattete ich das Haus. Mit Kaffee aus meiner Thermoskanne und fettigem Essen saß ich in meinem Wagen und schaute auf das totenstille Haus. Letztendlich musste ich mir eingestehen, dass Franko nicht zurückkehren würde. Er war spurlos verschwunden. Egal wo ich nach ihm suchte. In jeder Kneipe, in der wir jemals gemeinsam gezecht hatten. In den Geschäften, die in seiner Nachbarschaft waren, kleine Supermärkte, besucht von Vorstädtern, deren einzige Beschäftigung es wohl ist, die Menschen in ihrer Umgebung zu beobachten, um später darüber tratschen zu können. Keiner wollte ihn in den letzten Tagen gesehen haben. Er war verschwunden, spurlos. Niemand hatte Franko angeblich seit diesem Januarmorgen gesehen oder etwas von ihm gehört. Und alle Nachbarn bestätigten, dass er an eben jenem Morgen wohl das letzte Mal das Haus verlassen hatte. Mehrere Male versuchte ich nochmals beim Präsidium anzurufen, auch um das Verschwinden von Franko offiziell zu melden, doch scheinbar war ich dort restlos ausgelöscht worden. Sie hörten mir nicht einmal mehr zu. Der Polizist Denouis existierte nicht mehr. Leider hatte ich niemanden, an den ich mich hätte wenden können. Franko war der einzige Mensch gewesen, dem sich anzuvertrauen, mir möglich gewesen wäre. Nun war er weg! Was also sollte ich tun?

Für das alles musste es eine Erklärung geben und diese suchte ich nun. Mein einziger Anhaltspunkt war ein Wort: „Snake“. Ich zog in Betracht, dass Frankos unnatürliche Art und Weise zu verschwunden mit diesem Wort in Verbindung stand und fing dort meine Suche an. Mir war es ein Rätsel, was es bedeuten sollte – Schlange, einfach nur dieser Tiergattungsbegriff? Eines Abends, an dem mein ehemaliger Kollege Forler Nachtschicht hatte, der als verschlafen bekannt war, schlich ich mich in das Gebäude des Präsidium und suchte in den Registern alles ab, doch fand ich keinen Anhaltspunkt, keinen Verbrecher und keine Organisation, die mit diesem Begriff hantierte. Ich wollte noch weiter in den Komplex eindringen und sogar so weit gehen, in das Büro des Chefs einzubrechen, um etwas über mein Verschwinden in Erfahrung bringen zu können, aber ich sah davon ab. Forler wollte zum Kaffeeautomaten und hätte mich vermutlich bemerkt, trotz seiner mir bekannten Gleichgültigkeit.

Ich trat auf der Stelle. Um meinen Geldbesitz stand es auch nicht gut. Ich musste aus meiner Wohnung in der Innenstadt ausziehen, da mein angesparten Mittel durch die anfallende Miete viel zu schnell zur Neige gehen würde und ich auf kein weiteres Gehalt hoffen durfte. Arbeitslos wollte ich mich noch nicht melden. Dies würde bedeuten, die Zwangsverwaltung meines Lebens hinzunehmen und das war mir zuwider. Ich kämpfte. Also mietete ich mir ein winziges Zimmer in einem heruntergekommenen Viertel, entlegen und abgeschieden. Während einer Ermittlung in einem Familienstreit war ich hierher geraten. Damals hatte mich die Verwahrlosung des Hauses und der Menschen angewidert. Jetzt waren mir solche Befindlichkeiten egal. Die Zeit der Eitelkeiten war vorüber. Ich suchte also, hörte mich um, doch ohne Erfolg. Niemand konnte irgendetwas mit dem Begriff Snake verbinden.

Zwei Wochen vergingen so.

Eines Morgens lief ich durch die Straßen und grübelte nach. Plötzlich durchfuhr mich ein seltsames Gefühl. Ich hielt plötzlich an und ein Mann stieß fluchend mit mir zusammen. Ich drehte mich nach allen Seiten um, zu verstehen woher das Gefühl kam. Dann sah ich einen kleinen Zeitungsstand am Straßenrand. In der Auslage hing eine Extraausgabe des Netlaer Tagesanzeigers. Die Schlagzeile durchfuhr mich mit ihren dicken, schwarzen Lettern:

Revolution ist ausgebrochen. Ein „Mr Snake“ als mutmaßlicher Anführer!

Die gesamte Titelseite war von den Blockbuchstaben ausgefüllt. Ich lief zu dem Stand, griff mir eine der Zeitungen und schlug sie auf. Der Leitartikel war mit einem Foto von einem brennenden Gebäude versehen. Darunter stand:

Netlar unter Beschuss!

Der Stadtteil Rillington wurde Ziel eines Anschlags einer terroristischen Gruppe. Die Attacke erfolgte am frühen Morgen des 17. Januars. Eine Kaserne der Eloby’schen Streitkräfte, die sich am Rande von Rillington befindet, wurde infiltriert und von Innen heraus ausgeräuchert. Auf den engen Straßen hatten sich stark gepanzerte Fahrzeuge einen Weg zum Tatort gebahnt und die Gebäude unter heftigen Artillerie-Beschuss genommen. Die Soldaten konnten nur bedingt Widerstand leisten, da das Waffenlager laut Aussagen des Sprechers bereits bei der ersten Angriffswelle zerstört worden war. Nach etwa einer halben Stunde zogen die feindlichen Truppen plötzlich ab und hinterließen einen erheblichen Sachschaden. Kein Gebäude der Kaserne blieb erhalten. Tote gibt es keine, jedoch etliche Verletzte. Die schwer Verletzten liegen derzeit im Ostkrankenhaus auf der Intensivstation. Die Terroristen verwendeten Betäubungsgeschosse.- so der Polizeisprecher.

Die Eloby’sche Kaserne in Rillington ist die größte militärische Einrichtung im Norden. Genau eine Stunde nachdem die Terroristen in die angrenzenden Wälder geflohen waren, erhielt die Polizei ein Bekenner-Video, in dem sich eine vermummte Gestalt mit verzerrter Stimme, die sich selbst Mr Snake nannte, zu dem Anschlag bekannte und deutlich sagte, dass weitere folgen würden, „sofern die Regierung nicht endlich die Wahrheit verkünde!“

Ich las den Artikel schnell zu Ende, doch fand ich sonst nichts Interessantes, nur Zeugenaussagen und eine klare Warnung der Regierung an die Bürger, sich vorsichtig zu verhalten und nicht in Panik auszubrechen. Es wurde außerdem verkündet, dass sich die Regierung nicht von Terroristen unter Druck setzen ließe und die ominöse ‚Wahrheit’, von der gesprochen wurde als Vorwand für Anarchie abgetan. Eine kleine Menschentraube hatte sich um den Zeitungsstand gebildet und die Leute murmelten aufgeregt durcheinander. An einen Zufall dachte ich keine Sekunde. Mir wurde in diesem Moment etwas klar: Ich musste meine Methoden verändern. War es paranoid gedacht, dass das Verschwinden von Franko und der Anschlag unmittelbar in Verbindung stehen könnten? Wenn ich auch noch keine Ahnung hatte, wie und in welchem Umfang, sagte mir mein Gespür, dass die Dinge miteinander in Bezug standen. Die Unterwelt ist wie eine schattige Spiegelung der Gesellschaft. Es gelten dieselben Hierarchien, dieselben Strukturen und Gesetze. Und eines davon war, dass man einen gewissen gesellschaftlichen Stand haben musste, um an die großen Fische herankommen zu können. Mr Snake wirkte wie ein ausgewachsener weißer Hai.

Ich „bewarb“ mich daraufhin bei einem Kleingangster, den ich aus meiner Zeit als Streifenpolizist noch vom Namen her kannte. Zu meiner Erleichterung war er unvorsichtig genug, mich ohne weitere Fragen anzuheuern. Er sagte, es seien gefährliche Tage zurzeit. Niemand wisse, was da so genau vor sich ginge und es wäre unklug, als Springer, wie sich die Kleinkriminellen nannten, alleine zu agieren. Das Zimmer hatte ich gekündigt, alle meine restlichen Sachen verkauft und nun nur noch meine wichtigsten Dinge in einer Umhängetasche permanent bei mir. Meine Verwandlung ging immer weiter vonstatten. Neue Routine entstand. Kriminelle eben.

Eines Abends sollte ich mit ein paar anderen Gangmitgliedern einige Schuldner einschüchtern, sie durch Gewaltandrohung und erste Schläge zur Zahlungsbereitschaft zwingen. Wir zogen durch die nächtlichen Straßen, währenddessen schnüffelte ich unauffällig umher. Zunächst wusste niemand, woher Snake gekommen war. Nicht einmal die übelsten Gangsterbosse, so erzählten es sich die Männer, hatten vorher jemals von ihm gehört. Bis zum siebzehnten Januar hatte dieser Mann einfach nicht existiert. Das verwirrte mich umso mehr, da diese Hausbesetzer seinen Namen genannt hatten, schon Wochen vor dem Anschlag. Ein plötzlicher, unbegründeter Zweifel tauchte in mir auf. War Franko korrupt gewesen? Ich kannte ihn so gut. Wir waren zusammen auf der Polizeischule gewesen. Wir hatten alles geteilt und wenn ich über etwas sicher sein konnte, dann war es Frankos aufrichtiger und tiefer Sinn für Gerechtigkeit. Davon ließ mich nichts abbringen.

Weiterhin erfuhr ich, dass Mitglieder der Snake-Gruppe, wie sie jetzt inoffiziell hießen, jede Nacht durch die Gossen schlichen und eifrig rekrutierten. Keiner wusste, was sie vorhatten. Neue Teile für das ominöse Puzzle.

Als ich eines Abends wieder durch die Straßen gezogen war, nahezu mit jedem gesprochen hatte, der etwas hätte wissen können, und doch nicht mehr weiterkam, ging ich nochmals hinaus aus der Bar, die sich als so etwas wie eine Stammkneipe etabliert hatte, um einen klareren Kopf zu bekommen und abzuschätzen, ob ich etwas Wichtiges übersehen haben könnte. Ich steckte mir eine Zigarette an und blickte wie zufällig und gelangweilt die Straße auf und ab. Die kalte Luft tat im ersten Moment gut auf meiner schwitzenden Haut. Es roch nach Benzin und verschimmeltem Müll und ich atmete nur noch mit dem Mund. In einiger Entfernung sah ich, wie eine vermummte Gestalt über einem an einer Hauswand sitzenden Mann gebeugt stand. Der Maskierte blickte zu mir, sehr konzentriert auf einmal. Etwas daran alarmierte mich und instinktiv griff ich nach meiner alten Dienstwaffe, die ich nicht ohne Grund ständig bei mir trug. Der Mann war aufgescheucht wie ein Wildtier und rannte weg. Ich lief einer Eingebung folgend die dunkle Straße hinunter und kam keuchend bei dem Mann an, der stark blutend an einer Hauswand kauerte. Zuerst dachte ich schon, dass er tot sei, da rührte er sich ein wenig. Ich kniete mich nervös neben ihn. Er trug einen feinen blauen Anzug, fast durchweg mit Blut und Dreck bespritzt. Der Anblick ließ mich erschaudern.

„Was ist passiert?! Was wollte der Mann von Ihnen?“, fragte ich ihn verzweifelt worauf der Verletzte offenbar orientierungslos zu mir aufblickte. Unterdessen versuchte ich auszumachen, wie schwer die Verletzungen waren.

„Er suchte jemanden … Er … Er wollte …“ Plötzlich schrak der Mann zusammen als er mir in die Augen blickte: „Das k-kann nicht sein!“

Ich blickte mich schnell auf der dunklen Straße um -niemand war zu sehen – und schleifte den Mann vorsichtig in eine Nische. Ich zog ihm sein Jackett aus und betrachtete mit Schrecken seine Brust. Das weiße Hemd war an mehreren Stellen zerfetzt und dunkles Blut quoll daraus. Ich hatte nichts zur Desinfizierung dabei, also riss ich ein langes Stück Stoff aus meinem Hemd und legte einen improvisierten Druckverband an. Mit geringem Erfolg, wie ich feststellen musste. Der Mann stöhnte dabei, doch weniger unter Schmerzen als um meine Aufmerksamkeit buhlend: „Hören Sie zu!“, blaffte er mich spuckend an und ich wunderte mich, dass er noch Kraft hatte, so laut sprechen zu können.

„Strengen Sie sich nicht so an. Alles wird gut! Sie kommen wieder auf die Beine!“, versuchte ich ihn zu beruhigen, doch er ließ nicht locker.

„Sie! Wie merkwürdig.“

„Was ist merkwürdig? Was wollte der Mann von Ihnen? Wer hat Sie so zugerichtet?“

„Ich kenne Sie! Sie sind Polizist. Kommissar Jean Louis Denouis!“, flüsterte er und dabei blickte er so tief und durchdringend in meine Augen, dass mein Magen gefror.

6.

Ruhe lag im kalten Kellerraum, seit scherbensplitternd eine Flasche an der harten Steinwand zerschellt war. Die Lampen an der Decke und die schmutzigen Heizungsrohre brummten kaum hörbar. Das einzige Geräusch das Umblättern von Seiten – dieses leise Rauschen, kaum zu verwechseln mit dem beruhigenden Geräusch von Wellen, die über den Strand in einem entfernten Land fließen. In der Mitte dieses unaufgeräumten Raums hockte ein Mann auf einem klapprigen Stuhl. Der zerschlissene Holztisch davor machte keinen stabileren Eindruck als der Mann selbst. Er trug einen schwarzen Anzug, doch war von der ursprünglichen Farbe kaum noch etwas zu erkennen, von oben bis unten war er mit verkrustetem Dreck bedeckt. Das Gesicht des Mannes strahlte etwas aus, das eine Steigerung von Trauer, Leid und Verzweiflung verkündete. Die Augenlider lagen schlaff über den blutunterlaufenen Augen. Er war schmutzig und hatte einen ungepflegten Drei-Tage-Bart. Auf dem Tisch vor ihm lag ein dickes breites Buch aufgeschlagen, über das die müden Augen wanderten. Auf den Seiten klebten alte Fotografien, manche schon angegilbt. Joshua Melson ließ eine weitere Welle durch den Raum rauschen, indem er die Seite langsam umblätterte und blickte auf das Buch hinab. Sein Blick blieb an einem Bild hängen. Darauf sah man eine junge Familie. Der Mann sah jung aus, mit braunen, kurzen Haaren und einem gepflegten Schnurrbart. Er trug ein edles weißes Hemd, dessen oberste Knöpfe offen standen, wodurch man seine von der Sonne gebräunte Brust sehen konnte. Zu seiner Seite stand eine Frau mit langem dunklem Haar und einem kleinen Jungen an der Hand, der mit glänzend-wachen Augen in die Kamera blickte. Sein blondes Haar war völlig verstrubbelt und stand nach allen Seiten ab. Die Familie lächelte. Joshua schlug sanft das Buch zu. Er verschränkte seine Arme darauf und legte seinen Kopf in die Mitte. Schlafen wollte er, für immer nur noch schlafen. In der befreienden Ruhe.

Ein Knall durchbrach die Stille und Staub rieselte von der Decke. Joshua schrecke auf und lauschte. Sein Herz raste. Für einen Moment dachte er, er wäre nur eingenickt und hätte schon träumerisch fantasiert, doch eben in diesem Moment erschütterte ein kleines Beben das Haus und ein weiterer Knall erfolgte. Es hörte sich an wie Stein, der zerfetzte und Staub, der leise auf einen Boden herabrieselte. Joshuas Herz klopfe schnell. Er stand leise auf, um jedes Geräusch genau zu hören, das von oben kam. Wenige Momente Sille. Bis plötzlich ferne Schritte zu hören waren. Über ihm. Mehrere Menschen, mindestens drei, nach dem lauten Getrippel der Schritte zu urteilen. Aber er konnte sich irren. Ohne darüber nachzudenken bückte er sich und griff nach dem kalten Metall des Gewehrs. Sein Blick taumelte, genau wie sein Körper und er musste sich konzentrieren, um nicht zu fallen. Sein erster Gedanke galt Alex, dass er wieder zurückgekommen war. Aber das ergab keinen Sinn. Was hatte der Knall zu bedeuten? Er stand still. Plötzlich hörte er Türen knallen und laute Schritte. Jemand suchte ihn! Wer auch immer es war. Joshua musste sich schützen. Hatte er die Kellertür offen gelassen? Wurde er paranoid? Wieder eine aufspringende Tür. Sie würden oben erst einmal genug zu tun haben, dachte er. Das Haus war schließlich weitläufig. Wieder hörte er laute Schritte und sein Atem stockte zunächst, als er glaubte, sie würden sich nähern und hätten die Kellertür gefunden. Er machte einen Schritt auf die Treppe zu und bemerkte das laute Geräusch seiner Schuhe auf dem harten Boden. Schnell zog er die aus und schlich auf Zehenspitzen weiter, das schwere, kalte Gewehr fest in seinen schwitzenden Händen. Als er einige Stufen erklommen hatte, hielt er inne. Ein Stimmengewirr wehte durch die angelehnte Tür zu ihm hinunter. Er konnte nichts verstehen und keine vertraute Stimme ausmachen. Sie klangen gereizt, wirkten ungeduldig. Dann erklang eine durchdringende Stimme, die ihn erzittern ließ: „JOSHUA MELSON! WIR WISSEN, DASS SIE HIER SIND. KOMMEN SIE SOFORT WIDERSTANDLOS HERAUS! IHNEN WIRD NICHTS GESCHEHEN!“

Unter normalen Umständen hätte er sofort klein beigegeben, doch die letzten beiden Tage waren zu voll mit verstörenden Geschehnissen, und sein Kopf zu benebelt vom Alkohol, als dass sein Misstrauen ihn nicht gewarnt hätte. Der Mann in der Gosse hatte ihm mit seinem allgegenwärtigen Misstrauen den Rest gegeben. Er hatte jetzt den Treppenabsatz erreicht, stieß die Kellertür leise auf und lugte um die Ecke. Der Flur war leer. Die Stimmen und Schritte waren nun leiser geworden. Anscheinend durchsuchten die Eindringlinge in diesem Moment das Obergeschoss. Die Wut kam in Schüben. Was war nur geschehen, dass sein Leben so völlig in Trümmern lag. Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Womit hatte er dieses Chaos verdient? Was hatte das alles zu bedeuten? Später. Leise schlich er über den Teppich durch den Flur zur nächsten Abzweigung. Der rechte Flur führte direkt in das Foyer, jedoch gefährlich nahe an den Treppen nach oben vorbei. Er musste den Umweg über die Esszimmer nehmen. Von dem Esszimmer zur Küche und dann –

Er blickte direkt in die Augen eines fremden Mannes, der lautlos um die Ecke vor ihm geschlichen kam. Er hatte einen dunklen Pferdeschwanz und sah jung aus, hielt eine große Pistole fest mit beiden Händen umschlossen. Die Sekunden schienen in Joshuas Kopf zu Stunden anzuschwellen, bis er, wie eine Marionette gesteuert, das Gewehr hob. Der Mann ihm gegenüber schrie etwas, wedelte mit den Händen in der Luft, doch die Angst benebelte Joshuas Sinne. Instinktiv zielte er mit dem schweren Gewehr in die Richtung des Mannes und drückte ab. Von dem unerwartet starken Rückstoß fiel er zurück auf den Boden. Er hatte gerade noch gesehen, wie der Mann in Deckung gegangen war. Joshua war noch nicht außer Gefahr und sein rationales Denken stieß ihn mit einem Mal den Gedanken in den Kopf, dass jetzt die anderen Einbrecher alarmiert waren. Er musste sich aufrappeln. Schon stand er. Seine Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Er hatte alle Vorsicht abgelegt und rannte durch die Flure. Um jede weitere Ecke, die ihn näher an den Ausgang brachte. Lautes Gepolter erschreckte ihn, doch er schaute sich nicht um. Zu schnell bog er um eine Ecke. Dabei prallte er mit der Schulter hart an die Wand. Er blieb nicht stehen sondern lief weiter. Um die nächste Ecke ging es zur Küche, zur Garage, nach draußen.

„HALT! BLEIBEN SIE STEHEN!“, schrie eine Stimme hinter ihm. Er konnte im Augenwinkel die schwache Silhouette eines Menschen sehen, der auf ihn zielte. Joshua zog beim Rennen den Kopf ein und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen, wobei er gefährlich taumelte und stürzte. Keinen Moment zu früh, denn gerade da wurde die Wand über ihm von Projektilen durchlöchert und der Putz und Staub rieselte auf Joshuas Rücken hinab. Vor Schreck ließ er das Gewehr fallen. Mit einer Hand am Boden stütze er sich, um wieder auf die Beine zu kommen. Das Gewehr streifte er noch mit den Fingern, bekam es nicht wieder zu fassen Er rannte weiter um die Ecke, deren Mauer, gerade als er darum gelaufen war, krachend aufplatzte. Joshua konnte die Küchentür jetzt vor sich sehen. Schon stieß er sie mit der Hand hart auf und stand in dem vollgestellten Raum. Einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, doch eine platzende Porzellanschüssel direkt vor ihm riss ihn zurück in die Gegenwart. In die Garage! Ein benebelndes Gefühl durchfuhr seine Schulter. Jetzt war es aus, dachte er. Ich bin getroffen. Ich muss sterben. Sie haben mich! Im Schock blickte Joshua auf seine Schulter und sah, dass es nur ein Streifschuss war. Blut troff aus der offenen Wunde auf seinen Hemdärmel und ein merkwürdiges pfeilartiges Projektil hing schlaff von dem Hemdfetzen hinunter.

Sein Kopf schaltete in Sekundenschnelle. Mit dem Fuß trat er die Küchentür zu und zog mit letzter Kraft den schweren klobigen Kühlschrank vor die Tür. Die Blockade gab ihm ein kurzes Gefühl von Sicherheit. Mit einem bebenden Knallen krachte die Tür einen Spalt breit auf, als der Angreifer gegen sie gerannt war. Joshua hörte ein lautes Fluchen von der anderen Seite und sah gerade noch, wie sich eine Hand mit einer unförmigen Pistole durch den Spalt zwängte und nach allen Richtungen zu schießen begann. Joshua duckte sich weg und stellte sich neben die Tür. Der Außenstehende schoss wie wild in alle Richtungen. Das war die Chance. Joshua sprang nach vorne und rammte mit der blutenden Schulter, so hart es ihm möglich war, gegen die Tür, die mit einem grässlichen Geräusch und unter dem lauten Schrei des Angreifer dessen Hand einklemmte, worauf die Pistole klappernd zu Boden fiel. Joshua hob sie schnell auf und steckte sie in seine Hose. Mit kurzen Schritten war er schnell quer durch die Küche an die stählerne Garagentür gelangt. Er presste die Klinke herunter und wollte sie aufschieben doch die rührte sich nicht. Der Zorn und die Angst kochten in ihm hoch, so dass er die Pistole mit beiden Händen vor sich ausstreckte und aus voller Brust schreiend auf das Schloss schoss. Die Projektile waren wirkungslos. Was war das für eine Waffe? Da erkannte er, dass es Betäubungspfeile waren, die nun in der Garagentür steckten. Der Zorn kochte brennend in ihm hoch und mit unnatürlicher Kraft trat er gegen die Tür, direkt neben die Klinke. Sie sprang zu seiner Überraschung auf. Ein heftiger Schmerz durchzuckte bei dem Auftreffen sein Bein. Alles in ihm schmerzte jämmerlich und seine Aufmerksamkeit nahm mit jeder Sekunde ab, doch er musste durchhalten. Humpelnd lief er in die Garage, knallte die Tür wieder zu und drückte verzweifelt auf den Garagentüröffner. Das Tor hob sich langsam, viel zu langsam. Das Auto stand da. Aber die Schlüssel? Er hatte sie nicht bei sich! Er würde zusammenbrechen. Seine Nerven hielten dem Druck nicht mehr stand. Da hörte er, wie der Kühlschrank in der Küche quietschend über den Boden kratzte. Er hatte keine Zeit zu warten. Mit so viel Elan, wie er noch aufbringen konnte, sprang er auf den Boden und quetschte sich durch die Öffnung, die nur schleichend größer wurde. Seine offene Wunde an der Schulter scheuerte über den Asphalt und brannte höllisch, aber er war draußen. Hastig stand er auf und blickte sich zu allen Seiten um. Der Hof war leer, doch er hörte laute Stimmen vom Vordereingang. Mit der Pistole in der Hand humpelte er auf den Abhang gegenüber des Hauses zu. Joshua musste sich über den Zaun ziehen und landete unsanft auf dem stak abfallenden schneebedeckten Rasen. Durch den vielen Schwung rollte er vorn über mehrere Meter den Hügel hinab, bis er sich endlich wieder fangen konnte. Er war draußen, dieser ihm unbegreiflichen Todesfalle entkommen. Doch in Sicherheit war er noch nicht, mahnte er sich selbst. So humpelte er den Abhang hinunter, immer schneller, auch wenn sein Bein unendlich schmerzte, die Wunde an seiner Schulter brannte und er völlig vom klirrend kalten Schneematsch durchnässt fast die Besinnung verlor. An einem Baum vorbei stolperte er durch den frischen Schnee auf der Wiese das letzte Stück hinunter und landete auf der Straße am Fuße des Hügels, wobei er sich auch noch den Kopf anschlug. Ein Versteck brauchte er jetzt und er wusste genau, wo er eines finden konnte. Es gab eine versteckte Nische unter einer kleinen Treppe für Wanderer, die an einer anderen Stelle den Hügel hinaufführte. Sie war weniger als hundert Meter entfernt. Von Baum zu Baum humpelte er, immer Deckung suchend und über seine Schulter spinksend, ob seine Verfolger schon aufgeschlossen hatten. Doch die Straße am Rand des Hügels war leer.

Dann, so plötzlich dass Joshua durch den Schrecken zu Boden fiel, schoss ein Auto mit quietschenden Reifen aus einer Seitenstraße, nur wenige Meter von ihm entfernt. Der Wagen hielt federnd direkt vor Joshuas ausgestreckten Füßen. Im Augenwinkel konnte Joshua sehen, wie Gestalten, nicht weit von ihm, den Grashügel hinunter stolperten. Die Autotür schlug auf und Joshua mit einem Schlag k. o.

„Haben wir den Richtigen?“

„Ja, er ist es.“

„Ist er tot?“

„Nein …, nur bewusstlos.“

„Rein in den Wagen mit ihm. Lass uns nicht lange auf der Straße stehen. Wir müssen hier weg!“

„Ruf den General an. Sag ihm, es ist alles glatt gelaufen.“

„Naja … Glatt? Wand aufsprengen? Und dann das? Es hätte wesentlich einfacher laufen können. Wir hätten draufgehen können.

„Und was ist mit deiner Hand?“

„Wird schon wieder! Fahr du vor. Wir treffen uns später.“

„In Ordnung, Mann. So ’ne Scheiße hier.“

…

Erst wurde es lange dunkel und still um Joshua. Dann konnte er die Augen öffnen. Über ihm erstreckten sich weite Äste eines mächtigen grünen Laubbaums. Er konnte durch die vielen Äste und Schichten von Grüntönen das klare Blau des Himmels scheinen sehen. Die Sonne funkelte. Ihm war warm. Er fühlte sich wohl. Um sich umzusehen, setzte er sich auf. Er befand sich auf einer Lichtung, die sich über viele hunderte Meter um ihn herum erstreckte. Darum herum stand ein Wall aus dicht aneinander wachsenden Laubbäumen. In der Mitte der Lichtung ragte ein mächtiger Baum, dessen Stamm bestimmt drei Meter Durchmesser betrug, mindestens fünfzig Meter hoch in den Himmel hinauf. Ein merkwürdig brummender Vogel schien in dessen Krone zu hocken. Dann bemerkte Joshua plötzlich ein Haus, das ihm gegenüber zwischen den Bäumen stand. Es war kahl und sehr einfach gehalten. Ein einfacher Klotz bakte in der Landschaft, an dessen Front an jeder Seite je ein quadratisches Fenster, in dem zu beiden Seiten schwere Jalousien hinuntergelassen waren. In der Mitte befand sich eine Tür, die offen stand. Er konnte von weitem sehen, dass es innen samtschwarz dunkel war und das machte Joshua Angst. Da hörte er eine leise Stimme, die aus dem Haus zu ihm herüber wehte. Er rappelte sich auf und folgte der Stimme. Sie wurde lauter und deutlicher, je näher er dem Haus kam. Sie war ihm vertraut, schien ihn mit warmem Timbre einzulullen. Die Stimme von Josephine! Wie konnte das sein. Er beschleunigte seine Schritte. So weit entfernt war ihm das Haus doch nicht vorgekommen. Am Ziel angekommen stieg er drei Stufen hoch, die zur Eingangstür führten. Das Gebäude war alt und vermodert und etwas hielt ihn innerlich davon ab, das Unbekannte in seinem Inneren zu erforschen. Doch die Stimme schallte nun klar und deutlich, so hell wie Glocken aus dem Eingang oder Ausgang – je nachdem, von wo betrachtet. Kaum eingetreten bemerkte Joshua erst wie viele Geräusche draußen noch an ihn gedrungen waren, denn nun war es so still, dass es auf ihn drückte. Es war kalt, klamm und dunkel. Unendlich dunkel. Der Raum war viel weitläufiger, als es von außen den Anschein hatte. Durch die Dunkelheit konnte er weder bis zu den Wänden noch bis zur Decke sehen. Doch im Zentrum brannte Licht. Mit den Augen holte Joshua es an sich heran. Es war Josephine. So schön wie eh und je stand sie mit geöffneten Armen da und lächelte ihm zu. Er hatte keine Angst mehr vor dem Dunkel, das er überqueren musste, um zum Licht zu gelangen. Doch nicht wie erwartet, wurde es mit jedem Schritt, den er auf das helle Leuchten tat, heller, sondern dunkler und dunkler. Er blickte sich um und sah sich umrundet von unendlicher Düsternis, die die Tür, durch die er gekommen war, längst verschluckt hatte. Vor ihm schwebte immer noch das Licht, auch wenn es jetzt weiter entfernt sich befand. Joshua wollte es unbedingt erreichen und rannte los. Mit aller Kraft lehnte er sich nach vorn.

Doch etwas bremste ihn. Seine Beine bewegten sich zäh und wackelig und mit jedem Schritt wurde ihm bewusster, dass er das Dunkel nicht überwinden konnte. Vor Joshuas Augen wurde es immer deutlicher, je näher er Josephine kam, dass es überhaupt nicht sie war, die auf ihn wartete sondern ein furchtbares Ungeheuer, von entsetzlicher Größe und Erscheinung. Es wuchs und wuchs und durchbohrte Joshua mit seinem stechenden Blick. Die brennenden Augen fest auf ihn gerichtet, näherte es sich ihm. Joshuas Beine waren erstarrt. Die mächtigen Krallen der Kreatur kamen näher und näher. Der Schlund des Ungetüms öffnete sich weit und barg unendliche Dunkelheit, so tief, dass kein Licht darin zu leuchten vermochte. Er konnte nicht weg. Der Schlund kam näher. Nichts anderes sah er mehr. Er spannte seinen ganzen Körper an, in der Hoffnung, dem entgehen zu können, zwecklos.

Ein Blitz. Er musste schreien.

Ein grelles Licht leuchtete ihm mitten in die Augen. Er atmete sehr schwer und zitterte am ganzen Körper, noch im Zustand, in dem er nicht klar erkennen konnte, was Traum war und was Realität. Zur Beruhigung schloss er die Augen wieder, sie offen zu halten, erforderte in Anbetracht der grell erleuchteten Welt um ihn herum zu viel Anstrengung. Der Schmerz in seinem Körper, der langsam wieder zu wüten begonnen hatte, war sehr wohl real. Zunächst bewegte er seine Hände. Das funktionierte, auch wenn plötzliche Schmerzen in beiden Schultern ihn erschreckten. An der linken spürte er noch immer die Schusswunde. Sie schmerzte jedoch nicht mehr so sehr. Er tastete voll Mühe mit seinem rechten Arm darüber und spürte einen Verband. Seine rechte Schulter fühlte sich geprellt an. Jetzt, da seine Gedanken wieder festere Konturen annahmen, erinnerte er sich wieder an das, was geschehen war. Er war geflohen, entkommen, hatte sich in Sicherheit gefühlt. Doch dann?! Was war dann passiert? Er versuchte sich krampfhaft zu erinnern --- doch nur ein Auto erschien ihm.

Gerade da vernahm er, dass die Tür zu dem Raum, in dem er sich befand, geöffnet wurde und jemand eintrat. Es war offensichtlich kein besonders großes Zimmer. Fürs Erste wollte er so tun, als wäre er noch ohnmächtig und abwarten. Ein Rascheln von Kleidung drang ganz aus der Nähe an sein Ohr. Offenbar hatte sich die Person über ihn gebeugt, den Geräuschen nach war es ganz offensichtlich ein Mann. Die Schritte waren schwer und polternd und er hörte dessen tiefen Atem. Dann erklangen wiederum Schritte – jedoch von weiter weg und schneller. Jemand lief in diese Richtung auf einem Flur. Abrupt stoppte die Person vor der Tür und öffnete sie ächzend. Er hörte jemand schwer atmen:

„Jack! Was machst du schon hier? Wir hatten klare Anweisungen, dass keiner zu ihm geht, bevor der General da ist. Das gilt auch für dich, Jack! Auch wenn du dir nicht so viel aus Anweisungen machst.“

Die Stimme klang jung und klar. Es war eine angenehme Männerstimme. Joshua ließ sich sogar dazu verleiten, sie ein wenig, und das intuitiv, sympathisch zu finden, selbst im Anbetracht seiner misslichen Lage.

„Ich hab nix angerührt, hörst du? Ich wollte ihn mir nur mal anschauen. Nur so.“

Die tiefe Stimme des Mannes, der zuerst in den Raum gekommen war, passte gut zu den Schritten, die Joshua gehört hatte. Sie klang rau, unsanft und grimmig.

„Komm jetzt, Jack! Wir wollen keinen Ärger. Du so wenig wie ich. Also lass uns hinüber gehen und warten!“ Jack brummte etwas und stapfte dann, offensichtlich sehr unerfreut, zurück zur Tür, die laut klickend ins Schloss fiel und den Raum in seine vorherige Stille tauchte. Joshua lauschte angestrengt, doch konnte er nichts anderes als die sich entfernenden Schritte auf dem Gang hören. Er wagte es jetzt, die Augen zu öffnen, die sich an das grelle Licht gewöhnt hatten. Es stammte von den vielen Leuchtdioden, die an der Decke in gleichmäßigen Abständen befestigt waren. Joshua setzte sich hastig auf und schaute an sich herab. Er hatte noch dieselbe Kleidung an und war nur an der Schulter verbunden worden. Nur seine Krawatte fand er nicht um seinen Hals gebunden wieder, jedoch auf dem Boden vor seinem Feldbett, das ihn sehr an ein provisorisches Lazarettlager erinnerte. Ein mulmiges Gefühl durchströmte seinen Bauch. Zögernd rutschte er auf die Füße und spürte den kalten Steinfußboden, hob die Krawatte auf und steckte sie in seine Hosentasche. Der Raum war sehr spärlich eingerichtet. Es gab zwei Schränke auf jeder Seite, einen kleinen Nachttisch neben dem Bett, das in der Mitte des kleinen Raumes stand. Die Wände waren vollkommen kahl und weiß. Jetzt verfluchte er es, dass er seine Schuhe ausgezogen hatte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein Mann trat ein. Joshua erschrak, mit einer Mischung aus der Freude, wenigstens ein bekanntes Gesicht zu sehen und der gleichzeitigen Sorge, aufgrund der Person, der das Gesicht gehörte.

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
331 p. 2 illustrations
ISBN:
9783957449887
Copyright Holder::
Автор
Download format:

Similar books